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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. - Sechster Band: enthaltend Kapitel 11 und 12
Author: Macaulay, Thomas Babington Macaulay, Baron, 1800-1859
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. - Sechster Band: enthaltend Kapitel 11 und 12" ***

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[Zeichen _wie so_ bedeuten Gesperrt; +wie so+ bedeuten Antiqua
(nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.]



  Thomas Babington Macaulay's

  =Geschichte von England=


  seit der

  Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.


  Aus dem Englischen.


  Vollständige und wohlfeilste

  +Stereotyp-Ausgabe.+


  Sechster Band:

  enthaltend Kapitel 11 und 12.


  =Leipzig, 1856=
  _G. H. Friedlein._


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  =Elftes Kapitel.=

  _Wilhelm von Oranien._



  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Wilhelm und Marie                                                5
  Festlichkeiten durch ganz England                                6
  Festlichkeiten in Holland                                        6
  Unzufriedenheit der Geistlichkeit und der Armee                  6
  Reaction der öffentlichen Meinung                                7
  Stimmung der Tories                                              9
  Stimmung der Whigs                                              11
  Ministerielle Einrichtungen                                     12
  Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen                    13
  Danby                                                           14
  Halifax                                                         15
  Nottingham                                                      15
  Shrewsbury                                                      17
  Die Admiralität                                                 17
  Das Schatzamt                                                   17
  Das große Siegel                                                18
  Die Richter                                                     18
  Der Hofstaat                                                    19
  Untergeordnete Ernennungen                                      21
  Die Convention in ein Parlament verwandelt                      22
  Die Mitglieder der beiden Häuser werden aufgefordert
      die Eide zu leisten                                         25
  Fragen bezüglich des Einkommens                                 26
  Abschaffung der Herdsteuer                                      28
  Entschädigung der Vereinigten Provinzen                         29
  Meuterei in Ipswich                                             29
  Die erste Meutereibill                                          32
  Suspension der Habeas-Corpus-Acte                               35
  Unpopularität Wilhelm's                                         36
  Popularität Mariens                                             38
  Das Hoflager wird von Whitehall nach Hampton-Court verlegt      40
  Der Hof in Kensington                                           42
  Wilhelm's ausländische Günstlinge                               43
  Allgemeine schlechte Verwaltung                                 44
  Uneinigkeit unter den Staatsdienern                             46
  Das Departement der auswärtigen Angelegenheiten                 49
  Religionsstreitigkeiten                                         50
  Die Hochkirchenpartei                                           51
  Die Niederkirchenpartei                                         52
  Wilhelm's Pläne bezüglich der Kirchenverfassung                 53
  Burnet, Bischof von Salisbury                                   54
  Nottingham's Pläne in Bezug auf die kirchliche Verfassung       56
  Die Toleranzbill                                                58
  Die Comprehensionsbill                                          63
  Bill zur Festsetzung der Huldigungs- und Suprematseide          69
  Die Bill zur Festsetzung des Krönungseides                      79
  Die Krönung                                                     81
  Beförderungen                                                   83
  Die Coalition gegen Frankreich                                  84
  Die Verwüstung der Pfalz                                        84
  Kriegserklärung gegen Frankreich                                87


[_Wilhelm und Marie._] Die Revolution war vollendet und die Decrete der
Convention allenthalben mit Unterwerfung aufgenommen worden. London,
seit fünfzig ereignißvollen Jahren treu der Sache der bürgerlichen
Freiheit und des reformirten Glaubens, erklärte zuerst den neuen
Herrschern seine Ergebenheit. Nachdem der erste Wappenherold unter den
Fenstern von Whitehall den neuen Herrscher ausgerufen, ritt er mit
feierlichem Gepränge den Strand entlang bis Temple Bar. Ihm folgten die
Scepterträger der beiden Häuser, die beiden Sprecher Halifax und Powle
und ein langer Zug von Equipagen mit Cavalieren und Gentlemen. Die
Magistratsbeamten der City hielten ihre Thore geöffnet und schlossen
sich der Prozession an. Vier Regimenter Miliz bildeten durch Ludgate
Hill, um die St. Paulskirche herum und Cheapside entlang Spalier. Die
Straßen, die Fenster und selbst die Dächer waren mit Zuschauern gefüllt.
Alle Glocken von der Westminsterabtei bis zum Tower ließen ihr
fröhliches Geläute ertönen. Vor der Börse wurde die Proclamation unter
dem Jubel der versammelten Bürger bei Trompetenschall zum zweiten Male
verlesen.

Am Abend war jedes Fenster von Whitechapel bis Picadilly erleuchtet.
Die Prunkgemächer des Palastes waren geöffnet und mit einer glänzenden
Versammlung von Höflingen gefüllt, welche gekommen waren, dem Könige und
der Königin die Hand zu küssen. Es waren die Whigs, die sich, von Glück
und Siegesfreude strahlend, hier versammelt hatten. Einigen unter ihnen
konnte man es wohl verzeihen, wenn sich ein Gefühl befriedigter Rache in
ihre Freude mischte. Die am schwersten Gekränkte aber von Allen, welche
die schlimmen Zeiten überlebt hatten, fehlte. Lady Russel war, während
ihre Freunde sich in den Gallerien von Whitehall drängten, zu Haus
geblieben, um an Den zu denken, der, wenn er noch gelebt hätte, bei der
Feier dieses hochwichtigen Tages eine nicht unbedeutende Rolle gespielt
haben würde. Ihre Tochter jedoch, welche einige Monate zuvor die
Gemahlin des Lord Cavendish geworden, ließ sich durch dessen Mutter, die
Gräfin von Devonshire, dem Königspaare vorstellen. Es existirt noch ein
Brief, in welchem die junge Dame den Jubel der Bevölkerung, den
Lichterglanz in den Straßen, das Gedränge in dem Empfangszimmer, die
Schönheit Mariens und den Ausdruck, der die strengen Züge Wilhelm's
veredelte und milderte, mit großer Lebendigkeit schildert. Die
interessanteste Stelle darin ist die, wo die Verwaiste die wehmüthige
Freude gesteht, mit der sie die verspätete Bestrafung des Mörders ihres
Vaters mit ansah.[1]

    [Anmerkung 1: Brief von Lady Cavendish an Sylvia. Lady Cavendish
    hatte, wie die meisten jungen Damen jener Generation, beständig
    die Romane der Scudery im Kopfe. Sie selbst ist Dorinda, ihre
    Correspondentin, in der man ihre Cousine Johanna Allington
    vermuthete, ist Sylvia; Wilhelm ist Armanzor und Maria ist
    Phenixana. +London Gazette, Febr. 14. 1688/89; Narcissus
    Luttrell's Diary+. Luttrell's Tagebuch, das ich sehr oft citiren
    werde, befindet sich in der Bibliothek des Allerseelen-Collegiums,
    dessen Vorsteher ich zu großem Danke verpflichtet bin für die
    Bereitwilligkeit, mit der er mir die Benutzung dieses werthvollen
    Manuscripts gestattete.]


[_Festlichkeiten durch ganz England._] Dem Beispiele London's folgten
auch die Provinzialstädte. Drei Wochen lang waren die Spalten der
Journale mit Berichten über die Festlichkeiten gefüllt, durch die sich
die öffentliche Freude kund gab: Cavalcaden von Gentlemen und
Freisassen, Prozessionen von Sheriffs und Bailiffs im scharlachnen
Amtskleide, Umzüge eifriger Protestanten mit orangefarbenen Fahnen und
Bändern, Geschützsalven, Freudenfeuer, Illuminationen, Musikfeste,
Bälle, Gastmähler, Rinnen und Röhren in denen Ale und Claret flossen.[2]

    [Anmerkung 2: Siehe die +London Gazette+ vom Februar und März
    1688/89. und N. Luttrell's Tagebuch.]


[_Festlichkeiten in Holland._] Noch herzlicher war die Freude
unter den Holländern, als sie erfuhren, daß der erste Beamte ihrer
Republik auf einen Thron erhoben worden. Wilhelm hatte am Tage
seines Regierungsantritts an die Generalstaaten geschrieben, daß die
Veränderung in seiner Stellung die Liebe zu seinem Vaterlande nicht
geschmälert und daß seine neue Würde ihn hoffentlich in den Stand setzen
werde, seine älteren Pflichten wirksamer zu erfüllen als je. Die
olicharchische Partei, welche den Lehren Calvin's und dem Hause Oranien
stets feindlich gesinnt gewesen, murmelte zwar leise, Sr. Majestät müsse
das Statthalteramt niederlegen. Aber all' dieses Gemurmel wurde von dem
Zujauchzen eines Volks übertäubt, das stolz war auf das Genie und das
Glück seines großen Landsmannes. Es ward ein Tag zu Dankesbezeigungen
bestimmt, und in allen Städten der sieben Provinzen äußerte sich die
allgemeine Freude in Festlichkeiten, deren Kosten hauptsächlich durch
freiwillige Gaben bestritten wurden. Alle Klassen nahmen Theil daran;
der ärmste Tagelöhner konnte sich betheiligen, indem er einen
Triumphbogen errichten half oder Reisig zu einem Freudenfeuer trug.
Selbst die ruinirten Hugenotten konnten durch ihre Geschicklichkeit und
ihre Erfindungsgabe mitwirken. Eine Kunst, die sie mit sich in die
Verbannung genommen, war die Feuerwerkerei, und so erleuchteten sie
jetzt zu Ehren des siegreichen Vorkämpfers ihres Glaubens die Kanäle von
Amsterdam durch prachtvolle Feuerwerke.[3]

Dem flüchtigen Beobachter konnte es scheinen, als hätte Wilhelm damals
einer der beneidenswerthesten Menschen sein müssen; in der That aber war
er einer der sorgenvollsten und unglücklichsten. Er wußte wohl, daß die
Schwierigkeiten seiner Aufgabe erst begannen. Schon war die so glänzend
angebrochene Morgenröthe seines Glücks umwölkt und viele Anzeichen
verkündeten einen dunklen, stürmischen Tag.

    [Anmerkung 3: Wagenaar, 61. Er führt die Protokolle der
    Generalstaaten vom 2. März 1689 an. +London Gazette, April 11.
    1689+; +Monthly Mercury, April 1689+.]


[_Unzufriedenheit der Geistlichkeit und der Armee._] Man machte die
Bemerkung, daß zwei wichtige Stände wenig oder keinen Theil an den
Festlichkeiten nähmen, durch welche in ganz England die Einsetzung der
neuen Regierung gefeiert wurde. Nur sehr selten sah man einen Priester
oder einen Soldaten unter den Leuten, die sich um die Marktsäulen
versammelten, wo der König und die Königin ausgerufen wurden. Der
Berufsstolz der Geistlichkeit und des Heeres war tief verletzt worden.
Die Lehre vom Nichtwiderstande war den anglikanischen Geistlichen theuer
gewesen; sie war ihr unterscheidendes Kennzeichen, sie war ihr
Lieblingsthema. Wenn wir nach dem auf uns gekommenen Theile ihrer
öffentlichen Vorträge urtheilen dürfen, so hatten sie über die Pflicht
des passiven Gehorsams mindestens eben so oft und eifrig gepredigt, wie
über die Dreieinigkeit und die Sühne.[4] Ihre Anhänglichkeit an ihren
politischen Glauben war zwar hart geprüft und auf eine kurze Zeit
erschüttert worden; aber mit Jakob's Tyrannei waren auch die bittern
Gefühle verschwunden, welche diese Tyrannei in ihnen geweckt hatte. Der
Pfarrer eines Kirchspiels war natürlich nicht geneigt, sich einer Sache
anzuschließen, die ein thatsächlicher Triumph über die Grundsätze war,
die seine Gemeinde ihn an jedem Jahrestage des Märtyrertodes[5] und der
Restauration hatte verkündigen hören.

Auch die Soldaten waren mißvergnügt. Sie haßten zwar den Papismus und
hatten den verbannten König nicht geliebt; aber sie fühlten nur zu wohl,
daß sie in dem kurzen Feldzuge, der das Schicksal ihres Vaterlandes
entschieden, eine ruhmlose Rolle gespielt hatten. Vierzig schöne
Regimenter, eine reguläre Armee, wie noch nie zuvor eine unter dem
Banner England's gefochten, hatten sich über Hals und Kopf vor einem
Eindringling zurückgezogen und sich ihm dann ohne Schwertstreich
unterworfen. Diese große Streitmacht war bei der jüngsten Veränderung
von gar keinem Einflusse gewesen; sie hatte eben so wenig etwas gethan,
Wilhelm abzuwehren, als ihn ins Land zu bringen. Die Bauern, welche mit
Heugabeln bewaffnet und auf Karrengäulen reitend, im Gefolge Lovelace's
oder Delamere's umhergezogen waren, hatten einen größeren Theil an der
Revolution genommen als jene glänzenden Haustruppen, deren Federhüte,
geflickte Röcke und curbettirende Schlachtrosse die Londoner so oft in
Hyde Park bewundert. Die Verstimmung der Armee wurde noch vermehrt durch
die Spötteleien der Fremden, welche weder durch Befehle noch durch
Strafen völlig unterdrückt werden konnten.[6] An verschiedenen Orten
äußerte sich der Unmuth, den man bei einer tapferen und von Ehrgefühl
beseelten Gemeinschaft von Männern unter solchen Umständen wohl erwarten
darf, in beruhigender Weise. Ein in Cirencester liegendes Bataillon
löschte die Freudenfeuer aus, ließ den König Jakob hoch leben und trank
auf den Untergang seiner Tochter und seines Neffen. Die Garnison von
Plymouth störte die Festlichkeiten in der Grafschaft Cornwall, es kam zu
Schlägereien, und ein Mann wurde dabei getödtet.[7]

    [Anmerkung 4: »Ich kann mit Bestimmtheit behaupten,« sagt ein
    Schriftsteller, der in der Westminsterschule erzogen war, »daß auf
    eine Predigt über die Buße, den Glauben und die Erneuerung des
    heiligen Geistes, die ich hörte, drei von der andern Art kamen,
    und es ist schwer zu sagen, ob Jesus Christus oder König Karl I.
    öfter erwähnt und gepriesen wurde.« -- +Bisset's Modern Fanatick,
    1710+.]

    [Anmerkung 5: Karl's I. -- D. Übersetzer.]

    [Anmerkung 6: +Gazette de Paris+, 26. Jan. (5. Febr.) 1689;
    +Orange Gazette, Jan. 10. 1688/89+.]

    [Anmerkung 7: +Grey's Debates+, Howe's Rede vom 26. Febr. 1688/89;
    Boscawen's Rede vom 1. März; +Narcissus Luttrell's Diary+, 23--27.
    Febr.]


[_Reaction der öffentlichen Meinung._] Die Mißstimmung der Geistlichkeit
und der Armee konnte auch den Unaufmerksamsten nicht entgehen, denn
beide Stände zeichneten sich von den übrigen Klassen durch in die Augen
fallende Eigenthümlichkeiten in der Kleidung aus. »Die Schwarzröcke und
die Rothröcke,« sagte ein heftiger Whig im Hause der Gemeinen, »sind der
Fluch der Nation.«[8] Die Unzufriedenheit beschränkte sich jedoch nicht
auf die Schwarzröcke und Rothröcke. Die Begeisterung, mit welcher Leute
aller Stände Wilhelm zu Weihnachten in London bewillkommnet, hatte noch
vor Ende Februar bedeutend nachgelassen. Der neue König selbst hatte,
in dem Augenblicke als sein Ruhm und sein Glück den höchsten Punkt
erreicht, die kommende Reaction vorhergesagt. Diese Reaction hätte
allerdings auch ein minder scharfsichtiger Beobachter der menschlichen
Dinge voraussehen können, denn sie muß hauptsächlich einem Gesetz
zugeschrieben werden, das eben so feststeht wie die Gesetze, welche die
Aufeinanderfolge der Jahreszeiten und den Wechsel der Passatwinde
regeln. Es liegt in der Natur des Menschen, gegenwärtige Übel zu hoch,
und gegenwärtiges Gute zu niedrig anzuschlagen, sich nach dem was er
nicht hat zu sehnen, und mit dem was er hat unzufrieden zu sein. Dieser
Hang, wie er sich bei dem Individuum zeigt, ist oft von lachenden und
von weinenden Philosophen besprochen worden. Er war ein Lieblingsthema
Horaz' und Pascal's, Voltaire's und Johnson's. Seinem Einflusse auf das
Schicksal großer Gemeinschaften können die meisten Revolutionen und
Gegenrevolutionen, von denen die Geschichte erzählt, zugeschrieben
werden. Hundert Generationen sind seit der ersten großen nationalen
Emancipation, von welcher Nachricht auf uns gekommen ist,
vorübergegangen. In dem ältesten der Bücher lesen wir, daß ein Volk,
unter einem grausamen Joche in den Staub gebeugt, von strengen
Zuchtmeistern zur Arbeit gepeitscht, ohne nur Stroh zu einem Lager zu
erhalten, und doch gezwungen die tägliche Anzahl Bausteine zu liefern,
des Lebens müde ward und einen zum Himmel schreienden Jammerruf ertönen
ließ. Die Sklaven wurden wunderbar befreit, und im Augenblicke ihrer
Befreiung stimmten sie eine Dankes- und Siegeshymne an; doch schon nach
wenig Stunden begannen sie ihre Sklaverei zurückzuwünschen und gegen den
Anführer zu murren, der sie von dem leckeren Tische des Hauses der
Knechtschaft hinweggelockt in die öde Wüste, die sie noch von dem Lande
trennte, wo Milch und Honig fließen sollten. Seitdem ist die Geschichte
jedes großen Befreiers eine Wiederholung der Geschichte Moses gewesen.
Auf Freudenbezeigungen wie die am Ufer des rothen Meeres ist jederzeit,
bis auf den heutigen Tag, sehr bald ein Murren wie das an den Wassern
der Zwietracht gefolgt.[9] Die gerechteste und heilsamste Revolution muß
viele Leiden hervorbringen. Die gerechteste und heilsamste Revolution
kann nicht all' das Gute schaffen, das Leute von mangelhafter Bildung
und sanguinischem Temperament von ihr erwarteten. Selbst der Weiseste
vermag nicht, so lange sie noch neu ist, die Übel, die sie
hervorgerufen, gegen die Übel, die sie beseitigt, mit vollkommener
Genauigkeit abzuwägen. Denn die Übel, die sie hervorgerufen, werden
gefühlt, die Übel aber, die sie beseitigt, werden nicht mehr gefühlt.

So war es damals in England. Das Publikum war, wie immer während des
Zustandes von Abkühlung, der auf Fieberanfälle folgt, mißmuthig, schwer
zu befriedigen, unzufrieden mit sich selbst und unzufrieden mit denen,
welche noch kürzlich seine Lieblinge gewesen. Der Waffenstillstand
zwischen den beiden großen Parteien war zu Ende. Obwohl getrennt durch
die Erinnerung an Alles was während eines Kampfes von einem halben
Jahrhundert gethan und gelitten worden, hatte eine gemeinsame Gefahr sie
auf einige Monate mit einander verbunden. Jetzt war die Gefahr vorüber,
die Verbindung war aufgelöst und der alte Groll brach wieder in seiner
ganzen Stärke hervor.

    [Anmerkung 8: +Grey's Debates, Febr. 26. 1688/89.+]

    [Anmerkung 9: Dieser Vergleich findet sich in zahlreichen
    Predigten und Flugschriften aus der Zeit Wilhelm's III. Es
    existirt auch eine schwache Nachahmung von +Absalom and
    Ahitophel+, betitelt: +The Murmurers+. Wilhelm ist Moses; Cora,
    Dathan und Abiram Bischöfe, die den Eid verweigern; Balaam, glaube
    ich, Dryden, und Phineas Shrewsbury.]


[_Stimmung der Tories._] Jakob war während der letzten Jahre seiner
Regierung von den Tories noch mehr gehaßt worden als von den Whigs, und
zwar nicht ohne Grund, denn den Whigs war er nur ein Feind, den Tories
aber war er ein treuloser und undankbarer Freund gewesen. Doch die alten
royalistischen Gefühle, welche in der Zeit seiner gesetzlosen Herrschaft
erloschen zu sein schienen, waren durch sein Mißgeschick zum Theil
wieder geweckt worden. Viele Lords und Gentlemen, welche im December für
den Prinzen von Oranien und ein freies Parlament zu den Waffen
gegriffen, sagten zwei Monate später, sie hätten sich mit fortreißen
lassen, sie hätten zu großes Vertrauen in die Erklärung Sr. Hoheit
gesetzt und hätten in ihm eine Uneigennützigkeit vermuthet, die, wie es
sich jetzt zeige, nicht in seinem Charakter liege. Sie hätten dem König
Jakob zu seinem eigenen Besten einen leichten Zwang auflegen, die
Jesuiten und Renegaten, die ihn irre geleitet, bestrafen und von ihm
eine Garantie für die Aufrechthaltung der bürgerlichen und kirchlichen
Institutionen des Reichs erlangen, nicht aber ihn entthronen und
verbannen wollen. Für seine schlechte Verwaltung fand man
Entschuldigungsgründe. Sei es ein Wunder, daß er, durch Rebellen, welche
dem Namen Protestanten Schande machten, schon als Knabe seinem
Vaterlande entrissen, und gezwungen seine Jugend in Ländern zu verleben,
wo die römisch-katholische Religion herrschte, durch diesen
verführerischen Aberglauben angezogen worden? Sei es ein Wunder,
daß sein Charakter durch die Verfolgungen und Verleumdungen einer
unversöhnlichen Partei härter und strenger geworden als man anfangs
geglaubt, und daß er, als die, welche es versucht hatten, seine Ehre zu
vernichten und ihn seines Geburtsrechts zu berauben, endlich in seiner
Gewalt waren, die Gerechtigkeit nicht genügend durch Nachsicht gemildert
habe? Was endlich die schlimmste ihm zur Last gelegte Anschuldigung
betreffe: daß er durch Adoptirung eines untergeschobenen Kindes seinen
Töchtern ihr rechtmäßiges Erbe habe entziehen wollen, -- worauf gründe
sich diese Anklage? Bloß auf geringfügige Umstände, die man wohl auf
Rechnung des Zufalls oder der mit seinem Charakter nur zu sehr im
Einklang stehenden Unbesonnenheit schreiben könne. Habe wohl je der
einfältigste Dorfrichter einen Menschen ins Gefängniß geworfen, ohne
stärkere Beweise zu verlangen, als die, auf welche hin das englische
Volk seinen König des niedrigsten und abscheulichsten Betrugs schuldig
erklärt habe? Allerdings habe er einige große Fehler begangen, und es
sei nichts gerechter und verfassunggemäßer, als daß seine Rathgeber und
Creaturen wegen dieser Fehler zur strengen Rechenschaft gezogen würden;
auch verdiene von allen diesen Rathgebern und Creaturen Niemand mehr
bestraft zu werden als die Rundkopf-Sectirer, deren Schmeichelei ihn
ermuthigt habe, in der verderblichen Ausübung der Dispensationsgewalt zu
beharren. Es sei ein Grundgesetz des Landes, daß der König nicht Unrecht
thun könne und daß, wenn Kraft seiner Autorität Unrecht gethan werde,
seine Rathgeber und Werkzeuge dafür verantwortlich seien. Diese große
und wesentliche Regel unsrer Verfassung sei jetzt umgedreht worden.
Die Speichellecker, welche von Rechtswegen zu bestrafen gewesen seien,
erfreuten sich der Straflosigkeit, und der König, der von Rechtswegen
nicht zu bestrafen sei, werde mit schonungsloser Strenge bestraft.
Sei es anders möglich, als daß die Cavaliere England's, die Söhne der
Krieger, welche unter Ruprecht gekämpft, bitteren Schmerz und Unwillen
empfänden, wenn sie an das Schicksal ihres rechtmäßigen Lehnsherrn
dächten, des Erben einer langen Reihe von Fürsten, der erst unlängst mit
allem Glanze in Whitehall auf den Thron erhoben worden und jetzt ein
Verbannter, ein Bittender, ein Bettler sei? Sein Unglück sei größer als
selbst das des gefeierten Märtyrers, dessen Sprößling er sei. Der Vater
sei durch erklärte Todfeinde hingeschlachtet worden, der Untergang des
Sohnes sei das Werk seiner eigenen Kinder. Gewiß hätte die Strafe, wenn
sie auch verdient sei, durch andere Hände auferlegt werden sollen. Und
sei sie denn wirklich ganz verdient? Sei der unglückliche Mann nicht
eher schwach und unbesonnen als schlecht? Besitze er nicht einige von
den Eigenschaften eines vortrefflichen Fürsten? Man könne zwar nicht
sagen, daß er ausgezeichnete Fähigkeiten habe, aber er sei thätig, er
sei sparsam, er habe tapfer gefochten, er sei sein eigner Marineminister
gewesen und habe als solcher seine Sache recht gut gemacht; er habe
ferner, bevor seine geistlichen Leiter einen verhängnißvollen Einfluß
auf ihn gewonnen, für einen Mann von strenger Gerechtigkeit gegolten,
und endlich habe er, wenn er nicht von ihnen irre geführt worden sei,
fast immer die Wahrheit gesprochen und ehrlich gehandelt. Bei so vielen
Tugenden habe er, wenn er ein Protestant, ja selbst wenn er ein
gemäßigter Katholik gewesen wäre, glücklich und ruhmvoll regieren
können. Vielleicht sei es noch nicht zu spät für ihn, seine Fehler
wieder gut zu machen. Man könne ihn wohl schwerlich für so verblendet
und verderbt halten, daß er aus der empfangenen furchtbaren Lehre nicht
Nutzen ziehen sollte, und wenn diese Lehre die Wirkung gehabt habe,
die man vernünftigerweise davon erwarten dürfe, so werde England unter
seinem rechtmäßigen Herrscher noch immer ein größeres Maß von Glück und
Ruhe genießen können, als es von der Verwaltung des besten und
tüchtigsten Usurpators zu erwarten habe.

Wir würden denen, welche diese Sprache führten, sehr Unrecht thun, wenn
wir annähmen, daß sie, als Gesammtheit, aufgehört hätten, den Papismus
und Despotismus mit Abscheu zu betrachten. Wohl mag es einige Zeloten
darunter gegeben haben, welche den Gedanken, ihrem Könige Bedingungen
vorzuschreiben, nicht ertragen konnten und die bereit waren, ihn
zurückzurufen ohne die geringste Zusicherung von seiner Seite, daß nicht
augenblicklich die Indulgenzerklärung wieder publicirt, die hohe
Commission wieder eingesetzt, Petre wieder in den Staatsrath berufen und
die Fellows des Magdalenencollegiums wieder vertrieben werden sollten.
Allein die Zahl dieser Männer war klein. Um so größer war dagegen die
Zahl derjenigen Royalisten, welche bereit gewesen wären, sich aufs neue
um Jakob zu schaaren, wenn er seine Irrthümer eingesehen und versprochen
hätte, die Gesetze zu beobachten. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache,
daß zwei talentvolle und erfahrene Staatsmänner, welche eine Hauptrolle
in der Revolution gespielt hatten, wenige Tage nach derselben offen ihre
Besorgniß äußerten, daß eine Restauration nahe bevorstehe. »Wenn König
Jakob ein Protestant wäre,« sagte Halifax zu Reresby, »so könnten wir
ihn keine vier Monate außer Landes halten.« -- »Wenn König Jakob,« sagte
Danby um dieselbe Zeit zu dem nämlichen Manne, »dem Lande in Sachen der
Religion nur einige Genugthuung geben wollte, was er leicht thun könnte,
so würde es sehr schwer sein, ihm die Spitze zu bieten.«[10] Zum Glück
für England war Jakob, wie immer, sein eigener schlimmster Feind. Kein
Wort, aus dem man hätte abnehmen können, daß er sich wegen der
Vergangenheit tadele oder daß er in Zukunft verfassunggemäß zu regieren
gedenke, war aus ihm heraus zu bringen. Jeder Brief, jedes Gerücht, das
seinen Weg von Saint-Germains nach England fand, ließ einsichtsvolle
Männer fürchten, daß, wenn er in seiner gegenwärtigen Stimmung wieder
zur Macht gelangen sollte, die zweite Tyrannei schlimmer sein würde,
als die erste. So mußten denn die Tories in ihrer Gesammtheit, wenn auch
ungern, eingestehen, daß sie für den Augenblick nur die Wahl hatten
zwischen Wilhelm und dem öffentlichen Ruin. Daher ließen sie sich die
neue Regierung unmuthig gefallen, ohne jedoch die Hoffnung ganz
aufzugeben, daß der eigentlich rechtmäßige König früher oder später der
Stimme der Vernunft noch Gehör geben werde, und ohne für den factischen
König eine Spur von Loyalität zu empfinden.

    [Anmerkung 10: +Reresby's Memoirs.+]


[_Stimmung der Whigs._] Es ist die Frage, ob der neuen Regierung während
der ersten Monate ihres Bestehens die Zuneigung der Whigs nicht
gefährlicher war als die Abneigung der Tories. Offene Feindschaft kann
kaum nachtheiliger sein als mäkelnde, eifersüchtige, anspruchsvolle
Zuneigung, und solcher Art war die, welche die Whigs dem Herrscher ihrer
Wahl erwiesen. Sie lobten und priesen ihn laut, sie waren bereit, ihn
mit Gut und Blut gegen fremde und einheimische Feinde zu unterstützen.
Aber ihre Zuneigung zu ihm war eine ganz eigenthümliche. Eine Loyalität
wie die, welche die tapferen Edelleute beseelte, die für Karl I.
kämpften, oder wie die, welche Karl II. den durch eine zwanzigjährige
schlechte Verwaltung hervorgerufenen Gefahren und Schwierigkeiten
entrissen: einem solchen Gefühl waren die Lehren Milton's und Sidney's
nicht günstig, so wenig als ein durch einen Aufstand eben erst zur Macht
gelangter Fürst hoffen durfte, es einzuflößen. Die whiggistische
Regierungstheorie geht dahin, daß der König für das Volk, nicht das Volk
für den König da ist; daß das Recht eines Königs in keinem andren Sinne
göttlich ist als wie das Recht eines Parlamentsmitgliedes, eines
Richters, eines Geschwornen, eines Mayors und eines Constabels; daß,
so lange der erste Beamte im Staate den Gesetzen gemäß regiert, ihm
Gehorsam und Ehrerbietung bezeigt werden muß; daß aber, sobald er die
Gesetze verletzt, ihm Widerstand geleistet werden darf, und daß er, wenn
er die Gesetze gröblich, systematisch und beharrlich verletzt, abgesetzt
werden muß. Von der Richtigkeit dieser Principien hing die Gerechtigkeit
von Wilhelm's Anspruch auf den Thron ab. Es liegt auf der Hand, daß
zwischen Unterthanen, welche diesen Principien huldigten, und einem
Herrscher, dessen Thronbesteigung der Sieg dieser Principien gewesen
war, ein ganz andres Verhältniß stattfinden mußte als das, welches
zwischen den Stuarts und den Cavalieren bestand. Die Whigs liebten
Wilhelm zwar, aber sie liebten ihn nicht als König, sondern als
Parteiführer, und es war nicht schwer vorauszusehen, daß ihr
Enthusiasmus bald nachlassen würde, wenn er sich etwa weigerte, der
bloße Führer ihrer Partei zu sein, und versuchen sollte, den König der
ganzen Nation zu spielen. Zum Dank für die Hingebung, die sie seiner
Sache bewiesen, verlangten sie von ihm, daß er einer der Ihrigen, ein
zuverlässiger, eifriger Whig sei, daß er seine Gunst nur Whigs zu Theil
werden lasse, daß er allen alten Groll und Haß der Whigs zu seinem
eignen mache, und es stand mit nur zu gutem Grunde zu befürchten, daß,
wenn er diese Erwartung täuschte, der einzige Theil der Nation, der
seiner Sache eifrig zugethan war, ihm entfremdet werden würde.[11]

Dies waren die Schwierigkeiten, von denen er sich im Augenblicke seiner
Erhebung umringt sah. Wo es einen guten Ausweg gab, hatte er selten
verfehlt, denselben zu wählen, jetzt aber hatte er nur die Wahl zwischen
Wegen, die alle mit gleicher Wahrscheinlichkeit zum Verderben führten.
Von der einen Partei durfte er keine aufrichtige Unterstützung erwarten,
und die aufrichtige Unterstützung der andern konnte er sich nur dadurch
erhalten, daß er selbst der entschiedenste Parteimann in seinem
Königreiche, ein Shaftesbury auf dem Throne wurde. Verfolgte er die
Tories, so verwandelte sich ihre Verstimmung unfehlbar in Wuth; gewährte
er ihnen seine Gunst, so war es noch keineswegs gewiß, ob er dadurch
ihre Zuneigung gewann, während es nur zu wahrscheinlich war, daß er dann
seinen Halt im Herzen der Whigs verlieren werde. Etwas mußte er indeß
thun, etwas mußte er wagen: es mußte ein Geheimrath vereidigt und alle
wichtigen Staats- und Justizämter mußten besetzt werden. Es hierbei
_Allen_ recht zu machen, war unmöglich, es war schon schwer genug, es
_Jemandem_ recht zu machen; doch etwas mußte geschehen.

    [Anmerkung 11: Hier, wie in vielen anderen Fällen, unterlasse ich
    es, meine Quellen anzuführen, weil ihrer zu viele sind. Meine
    Angaben über die Stimmung und gegenseitige Stellung der
    politischen und religiösen Parteien unter der Regierung Wilhelm's
    III. sind nicht aus einem einzelnen Werke, sondern aus Tausenden
    vergessener Abhandlungen, Predigten und Satyren, kurz aus ganzen
    Literatur geschöpft, die in alten Bibliotheken modert.]


[_Ministerielle Einrichtungen._] Was man jetzt ein Ministerium nennt,
das gedachte er nicht zu bilden. Überhaupt lernte England ein solches
Ministerium erst kennen, als er einige Jahre auf dem Throne saß. Unter
den Plantagenets, den Tudors und den Stuarts hatte es wohl Minister,
aber kein Ministerium gegeben. Die Diener der Krone standen nicht, wie
jetzt, in einem solidarischen Verhältnisse zu einander, man erwartete
nicht von ihnen, daß sie, selbst in Fragen von höchster Bedeutung,
gleicher Meinung seien. Oft waren sie sogar politische und persönliche
Feinde und machten kein Geheimniß aus ihrer Feindschaft. Es galt noch
nicht für nachtheilig und unschicklich, daß sie einander schwerer
Verbrechen beschuldigten und daß Einer des Andren Kopf verlangte.
Niemand hatte den Lordkanzler Clarendon heftiger angeklagt als Coventry,
ein Mitglied der Schatzcommission. Niemand hatte den Lordschatzmeister
Danby heftiger angeklagt als Winnington, der Generalprokurator. Nur ein
Einigungspunkt war zwischen den Regierungsmitgliedern: ihr gemeinsames
Oberhaupt, der Souverain. Die Nation betrachtete ihn als das wirkliche
Oberhaupt der Verwaltung und tadelte ihn streng, wenn er seine hohen
Functionen auf einen Unterthan übertrug. Clarendon sagt uns, daß den
Engländern seiner Zeit nichts so verhaßt gewesen sei als ein
Premierminister. Sie würden, meint er, lieber unter einem Usurpator wie
Oliver stehen, der factisch wie nominell erster Beamter im Staate war,
als unter einem rechtmäßigen Könige, der sie an einen Großwessier
verwies. Eine der Hauptbeschuldigungen, welche die Vaterlandspartei
gegen Karl II. erhoben, bestand darin, daß er zu indolent und
vergnügungssüchtig sei, um die Rechnungsablagen des Staatshaushaltes und
die Inventuren der militärischen Vorrathsmagazine sorgfältig zu prüfen.
Als Jakob auf den Thron kam, beschloß er, keinen Lordgroßadmiral, kein
Admiralitätscollegium zu ernennen, sondern die ganze Leitung der
Marineangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, und diese
Einrichtung, welche heutzutage von Männern aller Parteien für im
höchsten Grade verfassungswidrig und nachtheilig erklärt werden würde,
fand damals allgemeinen Beifall selbst bei Solchen, die nicht geneigt
waren, seine Handlungsweise in einem günstigen Lichte zu betrachten. Wie
vollständig das Verhältniß, in welchem der König zu seinem Parlamente
und zu seinen Ministern stand, durch die Revolution verändert worden
war, erkannten anfangs selbst die erleuchtetsten Staatsmänner nicht. Man
glaubte allgemein, daß die Regierung, wie in früherer Zeit, wieder durch
von einander unabhängige Beamte geleitet werden und daß Wilhelm die
Oberaufsicht über dieselben führen werde. Auch erwartete man
zuversichtlich, daß ein Fürst von Wilhelm's Befähigung und Erfahrung
viele wichtige Geschäfte ohne allen fremden Rath und Beistand besorgen
werde.


[_Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen._] Man hatte daher nichts
zu erinnern, als man erfuhr, daß Wilhelm die Leitung der auswärtigen
Angelegenheiten sich selbst vorbehalten habe. Allerdings blieb auch kaum
etwas Andres übrig, denn mit der einzigen Ausnahme Sir Wilhelm Temple's,
den nichts bewogen haben würde, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ins
öffentliche Leben zu treten, gab es damals keinen Engländer, der sich
als fähig erwiesen hatte, eine wichtige Unterhandlung mit fremden
Mächten zu einem ersprießlichen und ehrenvollen Ende zu führen. Viele
Jahre waren verstrichen, seit England sich mit Gewicht und Würde in die
Angelegenheiten der großen Republik der Nationen eingemischt. Die
Aufmerksamkeit der geschicktesten englischen Staatsmänner war lange fast
ausschließlich durch Zerwürfnisse in Bezug auf die bürgerliche und
kirchliche Verfassung ihres eigenen Landes in Anspruch genommen worden.
Die Streitigkeiten wegen der papistischen Verschwörung und der
Ausschließungsbill, wegen der Habeas-Corpusacte und der Testacte hatten
einen Überfluß, man könnte fast sagen eine Fluth von solchen Talenten
erzeugt, welche in einer durch innere Spaltungen zerrissenen
Gesellschaft Männer zu Macht und Ansehen erheben. Das ganze Festland
hatte keine so geschickten und schlauen Parteiführer, keine so gewandten
parlamentarischen Taktiker, keine so schlagfertigen und beredten
Wortführer aufzuweisen als in Westminster versammelt waren. Aber es
bedurfte einer ganz andren Schule, um einen Minister des Auswärtigen zu
bilden, und die Revolution hatte England plötzlich in eine Lage
versetzt, in welcher die Dienste eines großen Ministers für die
auswärtigen Angelegenheiten unentbehrlich waren.

Wilhelm eignete sich ganz vorzüglich zur Ausfüllung dieses Postens, dem
die vollendetsten Staatsmänner seines Reiches nicht gewachsen waren. Er
hatte sich schon seit geraumer Zeit als Unterhändler ausgezeichnet. Er
war der Schöpfer und die Seele der europäischen Coalition gegen das
Übergewicht Frankreichs. Der leitende Faden, ohne den es gefährlich war,
das große und verwickelte Labyrinth der festländischen Politik zu
betreten, war in seinen Händen. Daher wagten es seine englischen Räthe,
so talentvoll und thätig sie sonst waren, während seiner Regierung nur
selten, sich in den Theil der Staatsgeschäfte einzumischen, die er zu
seinem speciellen Departement erwählt hatte.[12]

Die innere Verwaltung England's konnte dagegen nur unter dem Beirathe
und der Mitwirkung englischer Minister geleitet werden. Die Wahl, welche
Wilhelm bei Ernennung dieser Minister traf, bewies, daß er sich
vorgenommen hatte, keine Partei auszuschließen, die geneigt war, seinen
Thron zu stützen. Den Tag darauf, nachdem ihm im Bankethause die Krone
überreicht worden, wurde der Geheime Rath vereidigt. Die meisten Räthe
waren Whigs; doch standen auch die Namen mehrerer ausgezeichneter Tories
auf der Liste.[13] Die vier höchsten Staatsämter wurden vier Edelleuten
übertragen, welche die vier Hauptklassen der Politiker repräsentirten.

    [Anmerkung 12: Folgende Stelle aus einer damaligen Schrift drückt
    die allgemeine Ansicht über diesen Punkt aus: »Die auswärtigen
    Angelegenheiten kennt er besser als wir; in Bezug auf die
    einheimischen Staatsgeschäfte aber bringt es ihm keine Unehre,
    wenn wir ihm über sein Verhältniß zu uns, über die Natur desselben
    und über das was er am zweckmäßigsten zu thun hat, unsre Meinung
    sagen.« -- +An Honest Commoner's Speech+.]

    [Anmerkung 13: +London Gazette, Febr. 18. 1688/88.+]


[_Danby._] In praktischer Befähigung und geschäftlicher Erfahrung war
keiner seiner Zeitgenossen Danby überlegen. Er hatte ein starkes Anrecht
auf die Dankbarkeit des neuen Herrscherpaares, denn durch seine
Geschicklichkeit war ihre Vermählung trotz unbesiegbar scheinender
Schwierigkeiten zu Stande gebracht worden. Die Feindschaft, die er stets
gegen Frankreich gehegt, war eine kaum minder gewichtige Empfehlung. Er
hatte die Einladung vom 30. Juni unterzeichnet, hatte den Aufstand im
Norden veranstaltet und geleitet und hatte in der Convention seinen
ganzen Einfluß und seine ganze Beredtsamkeit wider den Regentschaftsplan
aufgeboten. Trotzdem betrachteten ihn die Whigs mit unüberwindlichem
Mißtrauen und Widerwillen. Sie konnten es nicht vergessen, daß er in
schlimmen Tagen der erste Minister des Staats, das Haupt der Cavaliere,
der Vorkämpfer der Prärogative, der Verfolger der Dissenters gewesen.
Selbst indem er ein Rebell wurde, hatte er nicht aufgehört ein Tory zu
sein. Wohl hatte er das Schwert gegen die Krone gezogen, aber nur zur
Vertheidigung der Kirche. Wohl hatte er in der Convention durch seinen
Widerstand gegen den Regentschaftsplan Gutes gewirkt, auf der andren
Seite aber hatte er geschadet durch beharrliche Aufrechthaltung des
Satzes, daß der Thron nicht erledigt und die Stände nicht berechtigt
seien, über die Besetzung desselben zu entscheiden. Die Whigs waren
daher der Meinung, er müsse sich für seine neuerlichen Verdienste
dadurch reichlich belohnt erachten, daß man ihm die Strafe für die ihm
zehn Jahre früher zur Last gelegten Vergehen erlasse. Er dagegen
schätzte seine unleugbar eminenten Talente und Dienste nach ihrem vollen
Werthe und hielt sich für berechtigt zu dem hohen Posten eines
Lordschatzmeisters, den er früher bekleidet. Seine Erwartung wurde
jedoch getäuscht. Wilhelm erachtete es grundsätzlich für wünschenswerth,
die Macht und das Patronat des Schatzamts unter mehrere Commissarien zu
theilen. Er war der erste König von England, der vom Beginn bis zum
Schlusse seiner Regierung den weißen Stab niemals den Händen eines
einzelnen Unterthanen anvertraute. Danby ward die Wahl freigestellt
zwischen der Präsidentschaft im Geheimen Rathe und einem
Staatssekretariat. Er entschied sich verdrüßlich für die Präsidentschaft
und während die Whigs murrten, als sie ihn so hoch gestellt sahen,
bemühte er sich kaum, seinen Aerger darüber zu verbergen, daß er nicht
noch höher gestellt worden war.[14]

    [Anmerkung 14: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Reresby's
    Memoirs.+]


[_Halifax._] Halifax, der Ausgezeichnetste unter der kleinen Partei die
sich rühmte, daß sie zwischen den Whigs und Tories das Gleichgewicht
erhielt, übernahm das Geheimsiegel und blieb nach wie vor Sprecher im
Hause der Lords.[15] Er hatte sich durch streng gesetzliche Opposition
gegen die letzte Regierung hervorgethan und mit großer Gewandtheit gegen
die Dispensationsgewalt gesprochen und geschrieben; aber er hatte von
dem Invasionsplane nichts wissen wollen, er hatte, selbst als die
Holländer schon auf dem vollen Marsche gegen London waren, noch darauf
hingearbeitet, eine Versöhnung zu Stande zu bringen, und er hatte Jakob
erst dann verlassen, als dieser den Thron verließ. Von dem Augenblicke
der schimpflichen Flucht aber hatte der scharfblickende Trimmer in der
Überzeugung, daß ein gütlicher Vergleich nicht mehr möglich sei, einen
entscheidenden Entschluß gefaßt. Er hatte sich in der Convention
glänzend hervorgethan, und es war ein besonders glücklicher Griff, daß
man ihn zu dem Ehrenamte ernannt, dem Prinzen und der Prinzessin von
Oranien im Namen aller Stände England's die Krone zu überreichen, denn
soweit man überhaupt sagen kann, daß unsre Revolution den Charakter
eines einzelnen Geistes trug, trug sie sicherlich den Charakter des
großen, aber besonnenen Geistes Halifax'. Doch die Whigs waren nicht in
der Stimmung, einen neueren Dienst als Ersatz für ein altes Vergehen
anzunehmen, und das Vergehen Halifax' war in der That ein arges gewesen.
Vor langer Zeit hatte er während eines harten Freiheitskampfes in ihren
vordersten Reihen gestritten, und als sie endlich siegten, als Whitehall
in ihrer Gewalt zu sein schien, als sich eine nahe Aussicht auf
Herrschaft und Rache eröffnete, da war er, und mit ihm das Glück,
ins feindliche Lager übergegangen. In der großen Debatte über die
Ausschließungsbill hatte seine Beredtsamkeit sie zu Boden geschmettert
und der verzagten Hofpartei neuen Lebensmuth eingeflößt. Allerdings war
er, obgleich er sie in den Tagen ihres übermüthigen Glücks verlassen,
zur Zeit der Noth in ihre Reihen zurückgekehrt; aber jetzt, da die Noth
vorüber war, vergaßen sie, daß er zu ihnen zurückgekehrt, und erinnerten
sich nur noch, daß er sie verlassen hatte.[16]

    [Anmerkung 15: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Lords'
    Journals.+]

    [Anmerkung 16: +Burnet II. 4.+]


[_Nottingham._] Der Ärger, mit dem sie Danby im Staatsrathe präsidiren
und Halifax das Geheimsiegel führen sahen, wurde nicht vermindert durch
die Nachricht, daß Nottingham zum Staatssekretär ernannt sei. Einige von
den eifrigen Kirchenmännern, welche nie aufgehört hatten, die Lehre vom
Nichtwiderstande zu predigen, in deren Augen die Revolution nicht zu
rechtfertigen war, die für eine Regentschaft gestimmt und bis zuletzt
bei der Behauptung geblieben waren, daß der englische Thron nicht einen
Augenblick erledigt sein könne, hielten es gleichwohl für ihre Pflicht,
sich der Entscheidung der Convention zu unterwerfen. Sie hatten, sagten
sie, sich nie gegen Jakob aufgelehnt und Wilhelm nicht gewählt; da sie
aber jetzt einen Fürsten auf dem Thron sahen, den sie allerdings nie
darauf gesetzt haben würden, waren sie der Meinung, daß kein göttliches
oder menschliches Gesetz es ihnen zur Pflicht machte, den Kampf weiter
fortzusetzen. Sie glaubten in der Bibel sowohl wie im Gesetzbuche
Vorschriften zu finden, die nicht mißverstanden werden könnten. Die
Bibel befiehlt Gehorsam gegen die bestehenden Gewalten an. Das
Gesetzbuch enthält einen Paragraphen, welcher besagt, daß kein Unterthan
deshalb als ein Übelthäter betrachtet werden solle, weil er sich dem im
factischen Besitz des Thrones befindlichen Könige anschließe. Aus diesen
Gründen glaubten Viele, die zur Einsetzung der neuen Regierung nicht
mitgewirkt hatten, daß sie derselben ihre Unterstützung gewähren
könnten, ohne weder Gott noch einen Menschen zu beleidigen. Einer der
ausgezeichnetsten Staatsmänner dieser Schule war Nottingham. Auf sein
Ansuchen hatte die Convention, bevor der Thron besetzt war, den
Unterthaneneid dergestalt umgeändert, daß er und seine Meinungsgenossen
diesen Eid unbedenklich leisten konnten. »Meine Grundsätze,« sagte er,
»gestatten mir nicht, mich bei der Wahl eines Königs zu betheiligen. Ist
aber ein König einmal gewählt, so gebieten mir meine Grundsätze, ihm
einen strengeren Gehorsam zu bezeigen, als er von Denen erwarten darf,
die ihn gewählt haben.« Zum Erstaunen einiger von Denen, die ihn am
meisten schätzten, willigte er jetzt ein, im Staatsrathe zu sitzen und
die Sekretariatssiegel anzunehmen. Wilhelm hoffte ohne Zweifel, diese
Ernennung werde von der Geistlichkeit und der toryistischen Landgentry
als eine genügende Bürgschaft dafür angesehen werden, daß er gegen die
Kirche nichts Böses im Sinne habe. Selbst Burnet, der späterhin eine
starke Abneigung gegen Nottingham fühlte, gestand in einigen bald nach
der Revolution geschriebenen Abhandlungen, daß der König richtig
geurtheilt und daß der zur Unterstützung der neuen Herrscher ehrlich
verwendete Einfluß des toryistischen Staatssekretärs England vor großen
Calamitäten bewahrt habe.[17]

    [Anmerkung 17: Diese Abhandlungen finden sich in einem
    Handschriftenbande, der zur Harley'schen Sammlung gehört und mit
    der Nummer 6584 bezeichnet ist. Sie bilden thatsächlich die ersten
    Entwürfe zu einem großen Theile von Burnet's +History of His Own
    Times+. Die Zeitpunkte, zu welchen die verschiedenen Theile dieses
    höchst merkwürdigen und interessanten Werkes abgefaßt wurden, sind
    angegeben. Fast das Ganze wurde vor Mariens Tode geschrieben. Erst
    zehn Jahre später begann Burnet seine Geschichte der Regierung
    Wilhelm's für den Druck vorzubereiten. Während dieses Zeitraums
    hatten sich seine Ansichten, über Menschen sowohl als Dinge, sehr
    geändert. Deshalb ist der erste Entwurf so außerordentlich
    werthvoll, denn er enthält manche Thatsachen, die er nachher
    auszulassen für räthlich hielt, und einige Urtheile, welche er
    später zu ändern Ursache fand. Ich muß jedoch gestehen, daß mir
    seine ersten Ansichten gewöhnlich besser gefallen. Wenn seine
    Geschichte einmal neu gedruckt würde, sollte sie mit diesem
    Manuscriptbande sorgfältig verglichen werden. Überall wo ich mich
    auf diese Handschrift beziehe, kann der Leser annehmen, daß sie
    etwas enthält, was sich in seiner gedruckten Geschichte nicht
    findet.

    Über Nottingham's Ernennung siehe +Burnet II. 8+, +London Gazette,
    March 7. 1688/89+ und +Clarendon's Diary, Febr. 15+.]


[_Shrewsbury._] Der andre Staatssekretär war Shrewsbury.[18] Seit
Menschengedenken hatte kein so junger Mann einen so hohen Posten bei der
Regierung bekleidet. Er hatte eben erst sein achtundzwanzigstes
Lebensjahr zurückgelegt. Gleichwohl erblickte Niemand, mit Ausnahme der
feierlichen Formalisten bei der spanischen Gesandtschaft, in seiner
Jugend ein Hinderniß für seine Ernennung.[19] Er hatte sich schon durch
die hervorragende Rolle, die er bei der Befreiung seines Vaterlandes
gespielt, einen Platz in der Geschichte gesichert. Seine Talente, seine
Kenntnisse, sein liebenswürdiges Benehmen und sein sanfter Charakter
machten ihn allgemein beliebt. Besonders die Whigs beteten ihn fast an.
Niemand ahnete, daß er mit vielen großen und gewinnenden Eigenschaften
solche Fehler des Geistes und Herzens verband, welche den Rest seines
unter so günstigen Auspicien begonnenen Lebens ihm selbst zur Last und
seinem Lande fast nutzlos machen sollten.

    [Anmerkung 18: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89.+]

    [Anmerkung 19: Don Pedro de Ronquillo macht diese Bemerkung.]


[_Die Admiralität._] Die Leitung der Marineangelegenheiten und der
Finanzen wurde Collegien übertragen. Herbert ward erster Commissar der
Admiralität. Er hatte unter der vorigen Regierung Reichthum und Würden
aufgegeben, als er sah, daß er sie mit Ehren und mit gutem Gewissen
nicht behalten konnte; er hatte die denkwürdige Einladung nach dem Haag
überbracht und die holländische Flotte auf der Fahrt von Helvoetsluys
nach Torbay befehligt. In Bezug auf Muth und Berufstüchtigkeit genoß er
eines hohen Rufes. Wohl wußte man, daß er auch seine Thorheiten und
Fehler begangen, aber sein neuerliches Benehmen in einer Zeit schwerer
Prüfung hatte Alles wieder gut gemacht und berechtigte zu der Hoffnung,
daß seine fernere Laufbahn eine ruhmvolle sein werde. Ihm zur Seite im
Admiralitätscollegium standen zwei ausgezeichnete Mitglieder des Hauses
der Gemeinen: Wilhelm Sacheverell, ein Whigveteran, der sich bei seiner
Partei eines großen Ansehens erfreute, und Sir Johann Lowther, ein
rechtschaffener und äußerst gemäßigter Tory, der in Bezug auf Vermögen
und parlamentarische Bedeutung unter der englischen Gentry eine der
ersten Stellen einnahm.[20]

    [Anmerkung 20: +London Gazette, March 11. 1688/89.+]


[_Das Schatzamt._] An die Spitze der Finanzen wurde Mordaunt, einer der
heftigsten Whigs, gestellt, warum, ist schwer zu sagen. Sein romanhafter
Muth, sein ruheloser Geist, seine excentrischen Einfälle, sein Hang zu
verzweifelten Wagnissen und staunenerregenden Effecten waren eben keine
Eigenschaften, die ihm bei finanziellen Operationen und Unterhandlungen
von besonderem Nutzen sein konnten. Der zweite Schatzcommissar und
zugleich Kanzler der Schatzkammer war Delamere, ein womöglich noch
heftigerer Whig als Mordaunt. Außerdem saßen zwei whiggistische
Mitglieder des Hauses der Gemeinen in dem Collegium: Sir Heinrich Capel,
Bruder jenes Earls von Essex, der sich im Tower entleibte, und Richard
Hampden, der Sohn des großen Führers des Langen Parlaments. Der
Commissar aber, auf dem die Hauptlast der Geschäfte ruhte, war
Godolphin. Dieser schweigsame, einsichtsvolle, fleißige und harmlose,
für keine Regierung schwärmende, aber jeder Regierung nützliche Mann war
nach und nach ein fast unentbehrlicher Theil der Staatsmaschiene
geworden. Obgleich ein Anhänger der Landeskirche, hatte er sich doch an
einem von Jesuiten geleiteten Hofe emporgeschwungen. Obwohl er für eine
Regentschaft gestimmt hatte, war er doch das wirkliche Oberhaupt eines
mit Whigs angefüllten Schatzamtes. Seine Fähigkeiten und Kenntnisse,
welche unter der vorigen Regierung die Mängel Bellasyse's und Dower's
ausgeglichen hatten, waren auch jetzt nöthig, um die Mängel Mordaunt's
und Delamere's zu übertragen.[21]

    [Anmerkung 21: +London Gazette, March 11. 1688/89.+]


[_Das große Siegel._] Die Verleihung des großen Siegels hatte einige
Schwierigkeiten. Der König wünschte es zuerst Nottingham anzuvertrauen,
dessen Vater es mehrere Jahre mit großer Auszeichnung geführt hatte.[22]
Nottingham aber lehnte es ab, und es wurde deshalb Halifax angetragen,
der es ebenfalls ablehnte. Beide Lords fühlten ohne Zweifel, daß dies
ein Amt sei, das sie nicht mit Ehren für sich selbst und mit Nutzen für
den Staat verwalten konnten. In alten Zeiten war das Staatssiegel zwar
größtentheils in den Händen von Nichtjuristen gewesen. Selbst noch im
siebzehnten Jahrhundert hatten es zwei ausgezeichnete Männer geführt,
welche in keinem Rechtscollegium studirt hatten. Dechant Williams war
Lordsiegelbewahrer Jakob's I., Shaftesbury Lordkanzler Karls II.
gewesen; aber solche Ernennungen konnten nicht länger ohne ernste
Nachtheile stattfinden. Die Billigkeit hatte sich allmälig zu einer
verwickelten Wissenschaft ausgebildet, welche kein menschlicher Verstand
ohne lange und angestrengte Studien ausüben konnte, selbst Shaftesbury
hatte bei all' seinem scharfen Verstande seinen Mangel an technischen
Kenntnissen schmerzlich gefühlt,[23] und während der fünfzehn Jahre,
welche verstrichen waren, seitdem er das Siegel niedergelegt, waren
diese technischen Kenntnisse seinen Nachfolgern immer nothwendiger
geworden. Daher wagte es weder Nottingham, obwohl er einen Schatz
juristischer Kenntnisse besaß, wie man ihn selten bei einem Manne
findet, der die Rechtswissenschaft nicht studirt hat, noch Halifax,
obgleich er bei den Gerichtssitzungen des Hauses der Lords oft die
Versammlung durch sein treffendes Urtheil und durch seine scharfe Logik
in Erstaunen gesetzt, das höchste Amt, das ein englischer Laie bekleiden
kann, anzunehmen. Nach langem Zaudern wurde das Siegel einer Commission
von ausgezeichneten Juristen, mit Maynard an der Spitze, übertragen.[24]

    [Anmerkung 22: Ich habe mich an die mir am wahrscheinlichsten
    dünkende Erzählung der Sache gehalten. Man ist aber in Zweifel
    gewesen, ob Nottingham aufgefordert wurde, Kanzler, oder nur
    erster Commissar des großen Siegels zu werden. Vergleiche Burnet,
    II. 3, und Boyer's +History of William, 1702+. Narcissus Luttrell
    spricht zu wiederholten Malen, sogar noch am Schlusse des Jahres
    1692, von Nottingham als muthmaßlichem Kanzler.]

    [Anmerkung 23: Roger North erzählt einen ergötzlichen Fall von
    Shaftesbury's Verlegenheit.]

    [Anmerkung 24: +London Gazette, March 4. 1688/89.+]


[_Die Richter._] Die Wahl der Richter machte der neuen Regierung Ehre.
Jedes Mitglied des Geheimraths wurde aufgefordert eine Liste
einzureichen. Diese Listen wurden miteinander verglichen und zwölf
Männer von hervorragendem Talent und Verdienst ausgewählt.[25] Pollexfen
hatte in Folge seiner juristischen Kenntnisse und seiner whiggistischen
Grundsätze Anspruch auf den höchsten Platz. Aber man erinnerte sich,
daß er in den westlichen Grafschaften bei den Assisen, welche auf die
Schlacht von Sedgemoor folgten, als Commissar der Krone fungirt hatte.
Es geht zwar aus den Berichten über die Untersuchungen hervor, daß er,
wenn er überhaupt von der Krone bevollmächtigt war, so wenig that als er
konnte und daß er es den Richtern überließ, Zeugen und Gefangene
einzuschüchtern. Dessenungeachtet aber war sein Name in der öffentlichen
Meinung mit den blutigen Assisen untrennbar verbunden. Er konnte daher
nicht füglich an die Spitze des höchsten Criminalgerichtshofes gestellt
werden.[26] Nachdem er einige Wochen als Generalfiskal fungirt, ward er
zum Oberrichter der Common Pleas ernannt. Sir John Holt, ein noch junger
Mann, aber ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit, Rechtschaffenheit und
Muth, wurde Oberrichter der King's Bench, Sir Robert Atkyns, ein
ausgezeichneter Jurist, der einige Jahre in ländlicher Zurückgezogenheit
zugebracht, der aber in Westminster Hall noch immer eines großen Rufes
genoß, wurde zum ersten Baron[27] ernannt. Powell, der wegen seiner
ehrenwerthen Erklärung zu Gunsten der Bischöfe abgesetzt worden war,
nahm seinen Sitz unter den Richtern wieder ein. Treby wurde Pollexfen's
Nachfolger als Generalfiskal, und Somers wurde zum Prokurator
ernannt.[28]

    [Anmerkung 25: +Burnet II. 5.+]

    [Anmerkung 26: +The Protestant Mask taken off from the Jesuited
    Englishman, 1692+.]

    [Anmerkung 27: Die Richter der Schatzkammer werden Barons genannt.
    Der Übersetzer.]

    [Anmerkung 28: Diese Ernennungen wurden erst am 6. Mai in der
    Gazette bekannt gemacht, einige derselben aber waren schon früher
    erfolgt.]


[_Der Hofstaat._] Zwei der höchsten Ämter im königlichen Hofstaate
wurden mit zwei englischen Cavalieren besetzt, welche ganz geeignet
waren, die Zierde eines Hofes zu werden. Der hochherzige und
kenntnißreiche Devonshire ward zum Obersthofmeister ernannt. Niemand
hatte in der entscheidenden Crisis für England mehr gethan und gewagt.
Indem er England's Freiheiten wiederhergestellt, hatte er auch das
Vermögen seines eigenen Hauses wiedererlangt. Seine Schuldverschreibung
über dreißigtausend Pfund wurde unter den Papieren gefunden, welche
Jakob in Whitehall zurückgelassen, und von Wilhelm vernichtet.[29]

Dorset wurde Lordkammerherr und verwendete den Einfluß und das Patronat
seiner Stellung, wie schon seit langer Zeit seine Privatmittel, zur
Aufmunterung des Genies und zur Linderung des Mißgeschicks. Eine der
ersten Maßregeln, die er zu ergreifen gezwungen war, muß einem Mann von
so edlem Charakter und so warmer Theilnahme für alles Ausgezeichnete in
Künsten und Wissenschaften, sehr schmerzlich gewesen sein. Dryden konnte
nicht länger Hofdichter bleiben. Das Publikum würde es nicht geduldet
haben, unter den Dienern Sr. Majestät einen Papisten zu sehen, und
Dryden war nicht nur ein Papist, sondern ein Apostat. Außerdem hatte er
die Schuld seines Glaubensabfalls noch dadurch erschwert, daß er die
Kirche, die er verlassen, verleumdet und verspottet hatte. Er hatte sie,
wie man scherzweise sagte, behandelt, wie die heidnischen Verfolger des
Alterthums ihre Kinder behandelten. Er hatte sie in die Haut eines
wilden Thieres gekleidet und sie dann zur öffentlichen Belustigung
gehetzt.[30] Er wurde entlassen, erhielt aber von der Privatgüte des
freigebigen Kammerherrn eine seinem zurückgezogenen Gehalt
gleichkommende Pension. Dessenungeachtet fuhr der abgesetzte +poeta
laureatus+, der eben so arm an Edelsinn wie reich an Geistesgaben war,
Jahr aus Jahr ein fort, den nicht erlittenen Verlust zu beklagen, bis
endlich sein Gejammer Äußerungen wohlverdienter Verachtung von Seiten
ehrenwerther Jakobiten hervorrief, welche ihren Grundsätzen Alles
aufgeopfert hatten, ohne deshalb ein bittendes oder klagendes Wort laut
werden zu lassen.[31]

Im königlichen Hofstaat wurden auch einige von den holländischen
Edelleuten angestellt, die sich der besonderen Gunst des Königs
erfreuten. Bentinck bekam das hohe Amt des ersten Kammerherrn mit einem
jährlichen Gehalt von fünftausend Pfund; Zulestein erhielt die
Oberaufsicht über die königliche Garderobe, und Oberstallmeister ward
Auverquerque, ein tapferer Soldat, der das Blut der Nassau und das Blut
der Horn in sich vereinigte und der mit gerechtem Stolze ein kostbares
Schwert trug, welches ihm die Generalstaaten in Anerkennung des Muthes
verliehen hatten, mit dem er an dem blutigen Tage von Saint-Denis
Wilhelm das Leben gerettet.

Das Amt des Vicekammerherrn der Königin wurde einem Manne zu Theil, der
sich eben erst im öffentlichen Leben bemerkbar gemacht hatte und dessen
Name in der Geschichte dieser Regierung häufig vorkommen wird. Johann
Howe, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde, Jack Howe, war von dem
Burgflecken Cirencester zur Convention gesandt worden. Seine äußere
Erscheinung war die eines Mannes, dessen Körper durch die unablässige
Thätigkeit eines ruhelosen und reizbaren Geistes aufgerieben worden. Er
war lang, hager und bleich, und sein unruhiges, stechendes Auge hatte
einen Ausdruck von Wildheit und Verschlagenheit. Er war seit mehreren
Jahren als kleiner Dichter bekannt, und einige der zügellosesten
Spottlieder, welche in den Kaffeehäusern circulirten, wurden ihm
zugeschrieben. Im Hause der Gemeinen aber entfalteten sich seine Talente
wie sein giftiges Wesen am auffallendsten. Er war noch keine drei Wochen
Mitglied desselben, als er sich schon durch seine Sprachgewandtheit,
seine beißende Schärfe und seine Hartnäckigkeit bemerkbar gemacht hatte.
Scharfsinn, Energie und Kühnheit erhoben ihn bald zu dem Range eines
bevorzugten Menschen. Seine Feinde -- und er hatte viele Feinde --
sagten jedoch, daß er seine persönliche Sicherheit selbst in der
heftigsten Aufregung nicht aus den Augen lasse und die Soldaten mit
einer Rücksicht behandle, die er gegen Damen oder Bischöfe niemals
zeige. Aber Niemand besaß in größerem Maße den gefährlichen Muth,
der dem Widerwillen und dem Hasse trotzt und sogar darum buhlt. Keine
Schicklichkeitsgründe vermochten ihn in Schranken zu halten, sein Haß
war unversöhnlich, und er besaß eine merkwürdige Geschicklichkeit darin,
die schwachen Seiten starker Geister herauszufinden. Alle seine großen
Zeitgenossen fühlten gelegentlich seinen Stachel. Einmal schlug dieser
Stachel eine Wunde, die sogar Wilhelm aus seiner ruhigen Fassung brachte
und ihm die Äußerung entlockte, daß er wohl wünschte ein Privatmann zu
sein, damit er Mr. Howe zu einer kurzen Unterredung hinter Montague
House einladen könne. Gegenwärtig jedoch gehörte Howe zu den eifrigsten
Stützen der neuen Regierung und richtete alle seine Sarkasmen und
Ausfälle gegen die Mißvergnügten.[32]

    [Anmerkung 29: Kennet's +Funeral Sermon on the first Duke of
    Devonshire+, und +Memoirs of the Family of Cavendish, 1708+.]

    [Anmerkung 30: Siehe ein Gedicht betitelt: +A Votive Tablet to the
    King and Queen+.]

    [Anmerkung 31: Siehe Prior's Widmung seiner Gedichte an Dorset's
    Sohn und Nachfolger, und Dryden's +Essay on Satire+ als Einleitung
    zu den Übersetzungen aus Juvenal. In Collier's +Short View of
    the Stage+ wird Dryden's weibische Klagsucht bitter verhöhnt.
    In Blackmore's +Prince Arthur+, ein Gedicht, das bei aller
    seiner Werthlosigkeit einige interessante Anspielungen auf
    zeitgenössische Personen und Dinge enthält, kommen folgende
    Strophen vor:

      Der Dichter Chor an seiner Thüre stand
      Und harrt' der milden Spende seiner Hand.
      Auch Laurus zeigt sich in dem magren Schwarm,
      Der alte Barde voller Groll und Harm;
      Verlangt Gehör und drängt und stößt mit Fuß und Arm.
      Das Haus Sakil's, der Musen Schloß, erklang
      Von endlosem Geschrei und lautem Sang.
      Dem guten Sakil selbst Laurus gern seinen Segen schenkt,
      Doch Sakil's Fürst und Gott er stets mit Flüchen nur bedenkt,
      Sakil ohn' Unterschied sein Brot vertheilt,
      Den Schmeichler hasset er, des Dichters Noth er heilt.

    Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß Sakil Sackville und daß
    Laurus eine Umschreibung des bekannten Spottnamens Bayes ist.]

    [Anmerkung 32: Kaum ein andrer Mann der damaligen Zeit wird in
    Flugschriften und Satiren häufiger erwähnt als Howe. In der
    berüchtigten +Petition of Legion+ wird er »das schamlose Ärgerniß
    der Parlamente« genannt. Merkwürdig ist auch was Mackay über ihn
    sagt. In einem 1690 geschriebenen Gedicht, daß ich nur als
    Manuscript gesehen habe, kommt folgende Stelle vor.

      »Zuerst Jack Howe mit seinem furchtbaren Talent;
      Glücklich das Weib, das seinem Spottlied entgeht;
      Gegen die Damen sein Muth keine Grenzen kennt;
      Vor dem Dragoner er mit gezogenem Hute steht.«]


[_Untergeordnete Ernennungen._] Die niederen Stellen bei allen
öffentlichen Ämtern wurden unter beide Parteien vertheilt; der größere
Antheil aber kam auf die Whigs. Einige Personen, die dem Namen Whig
wenig Ehre machten, wurden in der That glänzend für Dienste belohnt,
die kein braver Mann geleistet haben würde. Wildman wurde zum
Generalpostmeister ernannt, und Ferguson erhielt eine einträgliche
Sinekure bei der Steuererhebung. Das Amt des Schatz-Prokurators war eben
so wichtig als verhaßt. Dieser Beamte hatte politische Prozesse zu
führen, die Beweise zu sammeln, den Anwalt der Krone zu instruiren,
dafür zu sorgen, daß die Gefangenen nicht gegen ungenügende Bürgschaft
in Freiheit gesetzt wurden, und darauf zu sehen, daß die Juries nicht
aus regierungsfeindlichen Personen zusammengesetzt wurden. Zu den Zeiten
Karl's und Jakob's waren die Schatz-Prokuratoren mit nur zu gutem Grunde
beschuldigt worden, daß sie gegen dem Hofe mißliebige Personen die
empörendsten Chikanen anwendeten. Die neue Regierung hätte hier eine
Wahl treffen sollen, die über jeden Verdacht erhaben war. Leider
entschieden sich Mordaunt und Delamere für Aaron Smith, einen hämischen
und characterlosen Politiker, der in den Tagen der papistischen
Verschwörung der Rechtsbeistand des Titus Oates und in das
Ryehousecomplot tief verwickelt gewesen war. Richard Hampden, ein Mann
von entschiedenen Ansichten, aber von gemäßigter Gesinnung, erhob
Einwendungen gegen diese Ernennung. Aber seine Einwürfe wurden nicht
beachtet. Die Jakobiten, welche Smith haßten und auch Ursache dazu
hatten, behaupteten er habe seine Stelle dadurch erlangt, daß er den
Lords des Schatzes die Hölle heiß gemacht, und besonders ihnen gedroht
habe, es würde Hampden das Leben kosten, wenn sie seine (Smith's)
gerechten Ansprüche nicht befriedigten.[33]

    [Anmerkung 33: +Sprat's True Account+; +Letter to Chief Justice
    Holt, 1694+; +Letter to Secretary Trenchard, 1694.+]


[_Die Convention in ein Parlament verwandelt._] Es vergingen einige
Wochen, ehe die vorerwähnten Ernennungen öffentlich bekannt gemacht
wurden, und währenddem hatte sich viel Wichtiges ereignet. Sobald der
neue Geheimrath vereidigt war, mußte demselben eine ernste und
dringliche Frage vorgelegt werden. Konnte die gegenwärtig tagende
Convention in ein Parlament verwandelt werden? Die Whigs, welche eine
überwiegende Majorität im Unterhause hatten, waren sämmtlich für die
Bejahung dieser Frage. Die Tories dagegen, welche wußten, daß die
öffentliche Stimmung sich während des letzten Monats bedeutend verändert
hatte, und von einer allgemeinen Wahl eine ansehnliche Verstärkung
hofften, waren für die Verneinung. Sie behaupteten, daß zum Bestehen
eines Parlaments königliche Ausschreiben unerläßlich seien. Die
Convention sei nicht durch solche Ausschreiben einberufen worden und
dieser ursprüngliche Mangel könne jetzt nicht nachgeholt werden; daher
seien die beiden Häuser bloße Privatklubbs und müßten sofort
auseinandergehen.

Darauf wurde ihnen erwiedert, das königliche Ausschreiben sei eine bloße
Formalität und es würde der unvernünftigste Irrwahn sein, wenn man um
einer hohlen Form willen das Wesen unserer Gesetze und Freiheiten
bedenklichen Zufällen aussetzen wollte. Wo immer man den Souverain, die
geistlichen und weltlichen Peers und die von den Wahlkörpern des Reichs
frei gewählten Volksvertreter versammelt sähe, habe man das Wesen eines
Parlaments. Ein solches Parlament sei jetzt da, und könne es wohl etwas
Thörichteres geben, als es zu einem Zeitpunkte aufzulösen, wo jede
Stunde kostbar sei, wo zahlreiche wichtige Angelegenheiten sofortige
gesetzmäßige Erledigung verlangten, und wo dem Staate Gefahren drohten,
welche nur durch die vereinten Anstrengungen des Königs, der Lords und
der Gemeinen abgewendet werden könnten? Ein Jakobit könne sich
allerdings aus haltbaren Gründen weigern, diese Convention als ein
Parlament anzuerkennen, denn er sei der Ansicht, daß sie von vornherein
eine ungesetzliche Versammlung gewesen, daß alle ihre Beschlüsse
ungültig und die Souveraine, die sie eingesetzt, Usurpatoren seien.
Mit welcher Consequenz aber könne irgend einer von Denen, welche
behaupteten, es müsse unverweilt durch Ausschreiben unter dem großen
Siegel Wilhelm's und Marien's ein neues Parlament einberufen werden,
die Autorität in Frage stellen, welche Wilhelm und Marien auf den Thron
gesetzt habe? Wer Wilhelm als rechtmäßigen König ansähe, müsse
nothwendig auch die Körperschaft von der dieser König sein Recht habe,
als rechtmäßigen Großen Rath des Landes betrachten. Nach dem nämlichen
Grundsatze könnten Diejenigen, welche ihn zwar nicht als einen
rechtmäßigen König betrachteten, aber doch der Überzeugung seien,
daß sie ihm als factischen Könige den Huldigungseid leisten dürften,
sicherlich auch die Convention als ein factisch bestehendes Parlament
anerkennen. Es liege auf der Hand, daß die Convention die Urquelle sei,
aus der die Autorität aller zukünftigen Parlamente abgeleitet werden und
daß von der Rechtsgültigkeit der Beschlüsse der Convention die
Rechtsgültigkeit jedes zukünftigen Gesetzes abhängen müsse. Wie könne
der Strom höher steigen als die Quelle? Sei es nicht eine Absurdität,
wenn man behaupten wolle, die Convention sei die höchste Macht im
Staate, und doch eine Null, sie sei eine Legislatur für den höchsten
aller Zwecke, und doch keine Legislatur für die geringfügigsten Zwecke;
sie sei befugt, den Thron für erledigt zu erklären, die Thronfolge
abzuändern, die Grenzen der Verfassung zu bestimmen, und doch nicht
befugt, die unbedeutendste Verordnung zur Ausbesserung eines Hafendammes
oder zur Erbauung einer Pfarrkirche zu erlassen?

Diese Argumente würden selbst dann von großem Gewicht gewesen sein, wenn
alle Präcedenzfälle für die entgegengesetzte Meinung gesprochen hätten.
In der That aber bot unsre Geschichte nur einen Fall dar, welcher
überhaupt hier angezogen werden konnte, und dieser Fall sprach
entschieden zu Gunsten des Satzes, daß königliche Ausschreiben zum
Bestehen eines Parlaments nicht unbedingt nöthig seien. Kein königliches
Ausschreiben hatte die Convention einberufen, welche Karl II.
zurückrief. Gleichwohl war jene Convention noch nach seiner Restauration
beisammen geblieben, hatte Gesetze gegeben, das Budget aufgestellt, eine
Amnestieacte erlassen und die Lehnsdienstleistungen abgeschafft. Diese
Maßnahmen waren durch eine Autorität sanctionirt worden, von der keine
Partei im Staate ohne Ehrerbietung sprechen konnte. Hale hatte
wesentlichen Theil daran genommen und hatte stets behauptet, daß sie
streng gesetzlich seien. Auch Clarendon, so wenig er geneigt war, irgend
eine, die Rechte der Krone oder das Ansehen des Siegels, dessen Bewahrer
er war, beeinträchtigende Doctrin zu begünstigen, hatte erklärt, daß,
wenn Gott der Nation zu einem äußerst kritischen Zeitpunkte ein gutes
Parlament gegeben habe, es die größte Thorheit sein würde, technische
Mängel in dem Instrument zu suchen, durch welches ein solches Parlament
zusammenberufen sei. Konnte irgend ein Tory behaupten, daß die
Convention von 1660 ehrwürdigeren Ursprungs gewesen sei als die von
1689? War ein Schreiben, das der erste Prinz von Geblüt auf Ansuchen der
gesammten Pairie und Hunderter von Gentlemen, welche Grafschaften und
Städte vertraten, erlassen hatte, nicht eine mindestens eben so gute
Vollmacht als ein Beschluß des Rumpfparlaments?

Schwächere Gründe als diese würden den Whigs, welche die Majorität des
Geheimen Raths bildeten, genügt haben. Der König begab sich demnach am
fünften Tage nach seiner Proklamirung mit königlichem Gepränge in das
Haus der Lords und nahm seinen Sitz auf dem Throne ein. Die Gemeinen
wurden hereingerufen und er erinnerte nun seine Zuhörer mit vielen
huldvollen Ausdrücken an die gefährliche Lage des Landes, und ermahnte
sie, diejenigen Schritte zu thun, welche unnöthigen Verzögerungen im
Gange der Staatsgeschäfte vorbeugen könnten. Seine Rede wurde von den
zahlreich versammelten Gentlemen mit dem leisen Gemurmel aufgenommen,
durch welches unsere Vorfahren ihren Beifall zu erkennen zu geben
pflegten und das oft an geheiligteren Stätten als die Kammer der Peers
war, gehört wurde.[34] Sobald er sich wieder entfernt hatte, wurde eine
die Convention für ein Parlament erklärende Bill auf den Tisch der Lords
gelegt und ohne weiteres von ihnen angenommen. Bei den Gemeinen dagegen
gab es eine heiße Debatte. Das Haus erklärte sich zu einem Comité,
und die Aufregung war so groß daß, nachdem die Autorität des Sprechers
beseitigt war, die Ordnung kaum noch aufrecht erhalten werden konnte. Es
wurden scharfe persönliche Ausfälle gewechselt. Der Ausruf »Hört ihn!«
den man ursprünglich nur zur Dämpfung ordnungswidrigen Geräusches und um
die Mitglieder daran zu erinnern, daß es ihre Pflicht sei, der
Discussion aufmerksam zu folgen, gebraucht hatte, war nach und nach das
geworden was er jetzt ist, nämlich ein Ausruf, welcher je nach der
Betonung, die man ihm gab, Bewunderung, Zustimmung, Entrüstung oder Hohn
ausdrückte. Bei dieser Gelegenheit riefen die Whigs so geräuschvoll
Hört! Hört! daß die Tories sich über Unschicklichkeit beklagten.
Seymour, der Führer der Minorität, erklärte, daß von Freiheit der
Debatte nicht mehr die Rede sein könne, wenn solcher Lärm geduldet
werde. Einige alte whiggistische Mitglieder fühlten sich dadurch
veranlaßt, ihn zu erinnern, daß, wenn er den Vorsitz führte, zuweilen
ein gleiches Geschrei gehört und nicht verboten worden sei. So gereizt
und erbittert indeß beide Parteien auch waren, bekundeten doch die
beiderseitigen Reden die hohe Achtung vor Gesetz und verjährtem Recht,
welche seit langer Zeit ein characteristischer Zug der Engländer ist und
die, wenn sie auch zuweilen in Pedanterie und Aberglauben ausartet,
immerhin ihr Gutes hat. Selbst in dieser wichtigen Krisis, als die
Nation sich noch in der Gährung einer Revolution befand, erörterten
unsere Staatsmänner ausführlich und ernst alle Umstände, welche bei der
Absetzung Eduard's II. und Richard's II. obgewaltet, und untersuchten
mit ängstlicher Genauigkeit, ob die Versammlung, welche, mit dem
Erzbischof Lanfranc an der Spitze, Robert von der Normandie vom Throne
ausschloß und Wilhelm den Rothen darauf setzte, nachher noch fortfuhr,
als gesetzgebender Körper des Landes zu wirken oder nicht. Es wurde viel
über die Geschichte der Ausschreiben, viel über die Etymologie des
Wortes Parlament gesagt. Bemerkenswerth ist es, daß der alte Maynard
derjenige Redner war, der die Sache von dem staatsmännischsten
Gesichtspunkte auffaßte. Er hatte während der bürgerlichen Zwistigkeiten
von fünfzig ereignißvollen Jahren gelernt, daß Fragen, welche die
höchsten Interessen des Staats berührten, nicht durch Wortklaubereien
und durch Brocken von juristischem Französisch und juristischem
Latein entschieden werden konnten, und da er anerkanntermaßen der
scharfsinnigste und gelehrteste englische Jurist war, durfte er seine
Gedanken und Gesinnungen unumwunden aussprechen, ohne Gefahr zu laufen,
der Ignoranz oder Anmaßung beschuldigt zu werden. Er verwarf die ganze
Büchergelehrsamkeit, welche einige in solchen Dingen weit weniger
erfahrene Männer als er in die Discussion gezogen hatten, als kleinlich
und übel angebracht. »Wir stehen,« sagte er, »in diesem Augenblicke
nicht auf dem gebahnten Wege. Wenn wir daher entschlossen sind, nur auf
diesem Wege fortzugehen, so werden wir gar nicht vorwärts kommen. Wer in
einer Revolution sich vornimmt, nichts zu thun was nicht streng der
herkömmlichen Form gemäß ist, gleicht einem Menschen, der sich in der
Wildniß verirrt hat und beständig nur ruft: Wo ist die Landstraße?
ich will nur auf der Landstraße gehen! -- In einer Wildniß muß man
denjenigen Weg einschlagen, auf dem man nach Hause gelangt. In einer
Revolution müssen wir das höchste Gesetz, das Wohl des Staates, zur
Richtschnur nehmen.« Ein andrer Rundkopfveteran, der Oberst Birch,
sprach in gleichem Sinne und argumentirte mit großer Gewandtheit und
Schärfe aus dem Präcedenzfalle von 1660. Seymour und seine Anhänger
wurden im Comité geschlagen und wagten es nicht, das Haus über den
Bericht abstimmen zu lassen. Die Bill ging rasch durch und erhielt am
zehnten Tage nach Wilhelm's und Mariens Thronbesteigung die königliche
Zustimmung.[35]

    [Anmerkung 34: Van Citters, 19. Febr. (1. März) 1688/89.]

    [Anmerkung 35: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 1+. Siehe die
    Protokolle der beiden Häuser und +Grey's Debates+. Die
    Beweisführung zu Gunsten der Bill ist in der Pariser Gazette vom
    5. und 12. März 1689 gut zusammengefaßt.]


[_Die Mitglieder der beiden Häuser werden aufgefordert die Eide zu
leisten._] Das Gesetz, welches die Convention in ein Parlament
verwandelte, enthielt einen Paragraphen, welcher bestimmte, daß nach dem
1. März in keinem der beiden Häuser Jemand Sitz und Stimme haben solle,
der nicht dem neuen Königspaare den Huldigungseid geleistet habe. Diese
Verordnung brachte die ganze Gesellschaft in große Aufregung. Die
Anhänger der verbannten Dynastie hofften und sagten mit Bestimmtheit
voraus, daß die Eidverweigerer zahlreich sein würden. Die Minorität in
beiden Häusern, meinten sie, werde der Sache der erblichen Monarchie
treu bleiben. Es werde vielleicht hier und da einen Verräther geben, die
große Masse Derer aber, welche für eine Regentschaft gestimmt hatten,
werde fest bleiben. Zwei Bischöfe höchstens würden die Usurpatoren
anerkennen. Seymour werde sich eher aus dem öffentlichen Leben
zurückziehen, als seinen Grundsätzen untreu werden, Grafton habe sich
schon vorgenommen, nach Frankreich zu entfliehen und seinem Oheim zu
Füßen zu fallen. Solche Gerüchte machten während der letzten Hälfte des
Februar durch alle Kaffeehäuser die Runde. Die Aufregung im Publikum war
so groß, daß, wenn ein angesehener Mann zwei Tage hintereinander an
seinen gewohnten Aufenthaltsorten vermißt wurde, man sich gleich
zuraunte, er sei nach Saint-Germains entwichen.[36]

Der zweite März kam heran und das Resultat schlug die Befürchtungen der
einen Partei nieder und zerstörte die Hoffnungen der andren. Der Primas
hielt sich zwar mit einigen seiner Suffraganen beharrlich fern, aber
drei Bischöfe und dreiundsiebzig weltliche Peers leisteten die Eide.
Bei der nächsten Sitzung des Oberhauses fanden sich noch einige Prälaten
mehr ein; kurz, binnen einer Woche hatten ungefähr hundert Lords die
Bedingungen zur Einnahme ihrer Plätze erfüllt. Andere, welche durch
Krankheit verhindert waren zu erscheinen, sandten Entschuldigungen und
Versicherungen ihrer Anhänglichkeit an Ihre Majestäten. Grafton
widerlegte alle über ihn in Umlauf gebrachten Märchen, indem er gleich
am ersten Tage zur Eidesleistung erschien. Zwei Mitglieder der
kirchlichen Commission, Mulgrave und Sprat, beeilten sich ihren Fehler
dadurch gut zu machen, daß sie Wilhelm Treue und Gehorsam schworen.
Beaufort, der lange als Typus eines Royalisten der alten Schule gegolten
hatte, unterwarf sich nach kurzem Schwanken. Aylesbury und Dartmouth,
obwohl zwei heftige Jakobiten, trugen eben so wenig Bedenken, den
Huldigungseid zu leisten, als sie nachher Bedenken trugen, ihn zu
brechen.[37] Die Hyde schlugen verschiedene Richtungen ein. Rochester
fügte sich dem Gesetz; Clarendon aber zeigte sich widerspenstig. Viele
fanden es sonderbar, daß der Bruder, der so lange zu Jakob gehalten, bis
dieser flüchtete, sich weniger hartnäckig erwies, als der Bruder, der im
holländischen Lager gewesen war. Die Erklärung ist vielleicht darin zu
suchen, daß Rochester durch Verweigerung der Eide viel mehr verloren
haben würde als Clarendon. Clarendon's Einkünfte hingen nicht vom
Belieben der Regierung ab; Rochester aber hatte einen Jahrgehalt von
viertausend Pfund, den er fortzubeziehen nicht hoffen durfte, wenn er
sich weigerte, das neue Herrscherpaar anzuerkennen. Er hatte in der That
so viele Feinde, daß es sogar einige Monate zweifelhaft schien, ob man
ihm unter irgend welchen Bedingungen die glänzende Belohnung lassen
werde, die er sich durch Verfolgung der Whigs und durch einen Sitz in
der Hohen Commission erworben hatte. Vor diesem harten Schlage für seine
Vermögensumstände wurde er durch die Verwendung Burnet's bewahrt, den er
schwer beleidigt und der sich jetzt rächte wie es einem christlichen
Priester ziemte.[38]

Im Unterhause wurden am zweiten März vierhundert Mitglieder vereidigt,
darunter auch Seymour. Durch seinen Abfall ward der Muth der Jakobiten
gebrochen, und die Minorität folgte mit sehr wenigen Ausnahmen seinem
Beispiele.[39]

    [Anmerkung 36: Van Citters sowohl als Ronquillo erwähnen die
    ängstliche Spannung, welche bis zum Bekanntwerden des Resultats in
    London herrschte.]

    [Anmerkung 37: +Lords' Journals, March 1688/89+.]

    [Anmerkung 38: Siehe die Briefe, welche Rochester und Lady
    Ranelagh bei dieser Gelegenheit an Burnet schrieben.]

    [Anmerkung 39: +Commons' Journals, March 2. 1688, 89+. Ronquillo
    schrieb: +»Es de gran consideracion que Seimor haya tomado el
    juramento; porque es el arrengador y el director principal, en la
    casa de los Comunes, de los Anglicanos.«+ 8.(18.) März 1688/89.]


[_Fragen bezüglich des Einkommens._] Schon vor dem zur Eidesabnahme
bestimmten Tage hatten die Gemeinen eine wichtige Frage zu berathen
begonnen, welche keinen Aufschub gestattete. Während des Interregnums
hatte Wilhelm als provisorisches Haupt der Verwaltung die Steuern
erhoben und sie für den Staatsdienst verwendet, ein Verfahren, dessen
Angemessenheit von Niemandem, der die Revolution billigte, bestritten
werden konnte. Jetzt aber war die Revolution vorüber, der Thron war
wieder besetzt, die Häuser waren versammelt, das Gesetz war in voller
Kraft, und es wurde nöthig, ohne Verzug zu entscheiden, zu welchem
Einkommen die Regierung berechtigt war.

Niemand leugnete, daß alle Ländereien und erblichen Besitzungen der
Krone mit dieser auf die neuen Herrscher übergegangen waren. Eben so
wenig leugnete Jemand, daß alle Einkünfte, welche der Krone auf eine
bestimmte Anzahl Jahre bewilligt worden, verfassunggemäß bis zum Ablauf
des Termins beansprucht werden durften. Allein das Parlament hatte Jakob
große Revenüen auf Lebenszeit verwilligt und ob diese von Wilhelm und
Marien in Anspruch genommen werden konnten, so lange Jakob noch lebte,
das war eine Frage, über welche die Ansichten getheilt waren.

Holt, Treby, Pollexfen und überhaupt alle angesehenen Whigjuristen, mit
Ausnahme Somers', meinten, diese Einkünfte seien dem vorigen Könige in
seiner politischen Eigenschaft, aber auf seine natürliche Lebenszeit,
bewilligt worden, und sie seien daher, so lange er in einem fremden
Lande zubringe, an Wilhelm und Marien zu bezahlen. Aus einem sehr
gedrängten und unzusammenhängenden Berichte über die Debatte geht
hervor, daß Somers von dieser Ansicht abwich. Er war der Meinung, daß,
wenn die Parlamentsacte, welche die in Rede stehenden Abgaben
aufgebürdet, ihrem Geiste nach ausgelegt würde, das Wort Leben als
gleichbedeutend mit dem Worte Regierung betrachtet werden müsse, und daß
sonach die Frist, auf welche diese Abgaben der Krone bewilligt worden,
erloschen sei. Dies war unzweifelhaft die richtige Meinung, denn es war
geradezu widersinnig, Jakob's Interesse bei dieser Verwilligung als zu
gleicher Zeit mit seiner Person und auch mit seinem Amte verknüpft zu
betrachten, in einem Athem zu sagen, die Kaufleute von London und
Bristol müßten Geld hergeben, weil er physisch noch lebe, und seine
Nachfolger müßten dieses Geld bekommen, weil er politisch todt sei. Das
Haus theilte entschieden die Ansicht Somers'. Die Mitglieder waren im
Allgemeinen für die Vornahme einer großen Reform, denn man sah ein, daß
ohne eine solche die Rechtserklärung nur eine unvollkommene Garantie für
die öffentliche Freiheit sein würde. Während des Kampfes, den fünfzehn
aufeinanderfolgende Parlamente gegen vier aufeinanderfolgende Könige
geführt, war die Macht des Geldes die Hauptwaffe der Gemeinen gewesen,
und wenn sich die Vertreter des Volks einmal verleiten ließen, diese
Waffe aufzugeben, hatten sie jedesmal sehr bald Ursache gehabt, ihre
allzu leichtgläubige Loyalität zu bereuen. In der Zeit der stürmischen
Freude, welche auf die Restauration folgte, war Karl II. fast durch
Acclamation ein großes Einkommen auf Lebenszeit bewilligt worden. Doch
schon nach einigen Monaten gab es kaum einen ehrenwerthen Cavalier im
Lande, der sich nicht gesagt hätte, daß die Zahlmeister der Nation
weiser gehandelt haben würden, wenn sie die Mittel zur Abstellung der
Mißbräuche, welche alle Zweige der Verwaltung schändeten, in ihrer Hand
behalten hätten. Jakob II. hatte von seinem unterwürfigen Parlamente
ohne eine opponirende Stimme ein Einkommen erlangt, welches hingereicht
haben würde, die gewöhnlichen Staatsausgaben für seine ganze Lebenszeit
zu bestreiten, und noch ehe er dieses Einkommen ein halbes Jahr
genossen, machte sich die Mehrzahl Derer, welche so freigebig gegen ihn
gewesen, bittere Vorwürfe wegen ihrer Liberalität. Wenn man der
Erfahrung, einer langen und schmerzlichen Erfahrung, trauen durfte, so
gab es keine wirksame Sicherheit gegen schlechte Verwaltung, sobald der
Souverain nicht genöthigt war, sich öfters an seinen Großen Rath um
Geldunterstützung zu wenden. Fast alle rechtschaffenen und
einsichtsvollen Männer stimmten daher darin überein, daß wenigstens ein
Theil der Zuschüsse nur auf kurze Termine verwilligt werden dürften. Und
welcher Zeitpunkt war wohl geeigneter zur Einführung dieses neuen Modus
als das Jahr 1689, der Anfang einer neuen Regierung, einer neuen
Dynastie, einer neuen Ära in der constitutionellen Verwaltung? Die
Meinung über diesen Gegenstand war so mächtig und allgemein, daß die
abweichende Minorität nachgab. Es wurde zwar kein formeller Beschluß
gefaßt, aber das Haus verfuhr nach der Annahme, daß die Jakob auf
Lebenszeit bewilligten Einkünfte durch seine Abdankung aufgehoben
seien.[40]

Es war unmöglich, ohne Untersuchung und Berathung eine neue Feststellung
des Einkommens vorzunehmen. Die Schatzkammer wurde daher angewiesen, die
nöthigen Vorlagen zu beschaffen, welche das Haus in den Stand setzten,
die öffentlichen Ausgaben und Einnahmen abzuschätzen. Inzwischen wurde
den augenblicklichen Bedürfnissen des Staats mit geziemender Liberalität
genügt. Eine durch directe monatliche Besteurung zu erhebende
außerordentliche Unterstützung wurde dem Könige gewährt. Es wurde eine
Verordnung erlassen, welche alle Diejenigen, die seit seiner Landung in
seinem Namen die Jakob zugesprochenen Abgaben erhoben, für schuldlos
erklärte, und die erloschenen Abgaben wurden noch auf einige Monate
verlängert.

    [Anmerkung 40: +Grey's Debates, Febr. 25, 26, 27. 1688/89.+]


[_Abschaffung der Herdsteuer._] Auf seinem ganzen Marsche von Torbay bis
London war Wilhelm von dem niederen Volke mit Bitten bestürmt worden,
daß er es von der unerträglichen Last des Herdgeldes befreien möchte.
Diese Abgabe scheint in der That alle die schlimmsten Übelstände in sich
vereinigt zu haben, die man irgend einer Steuer zur Last legen kann. Sie
war unverhältnißmäßig, und zwar in der verderblichsten Weise, denn sie
lastete schwer auf dem Armen, und leicht auf dem Reichen. Ein Landmann,
dessen ganzes Besitzthum keine zwanzig Pfund werth war, mußte zehn
Schilling bezahlen, während der Herzog von Ormond oder der Herzog von
Newcastle, deren Güter eine halbe Million werth waren, nur vier bis fünf
Pfund bezahlten. Die Einsammler waren ermächtigt, das Innere jedes
Hauses im Lande zu untersuchen, die Familien bei ihrer Mahlzeit zu
stören, die Thüren der Schlafzimmer zu erbrechen, und, wenn die
verlangte Summe nicht pünktlich bezahlt wurde, den Tisch, auf dem den
armen Kindern ihr Gerstenbrot zugeschnitten wurde, oder das Kissen unter
dem Haupte der Wöchnerin wegzunehmen und zu verkaufen. Eben so wenig
vermochte das Schatzamt den Herdgeldmann wirksam daran zu hindern, daß
er seine Vollmacht mit Härte ausübte, denn die Steuer war verpachtet und
die Regierung war in Folge dessen genöthigt, die Gewaltthätigkeiten und
Erpressungen, welche zu allen Zeiten den Namen Zöllner sprüchwörtlich zu
dem verhaßtesten von der Welt gemacht haben, stillschweigend hingehen zu
lassen.

Auf Wilhelm hatten die vernommenen Klagen und Beschwerden einen so
erschütternden Eindruck gemacht, daß er den Gegenstand bei einer der
ersten Sitzungen des Geheimen Raths zur Sprache brachte. Er forderte das
Haus der Gemeinen durch eine Botschaft auf, zu erwägen, ob zweckmäßigere
Einrichtungen den Mißbräuchen, welche so große Unzufriedenheit erregt
hätten, wirksam abhelfen könnten, und setzte hinzu, daß er gern in die
gänzliche Abschaffung der Steuer willigen würde, wenn es sich
herausstellen sollte, daß die Mißbräuche von der Steuer unzertrennlich
seien.[41] Diese Mittheilung ward mit lautem Beifall aufgenommen.
Allerdings gab es einige Finanzmänner der alten Schule, welche
murmelten, daß Mitleid mit den Armen wohl etwas Schönes sei, daß aber
kein Theil der Staatseinkünfte so pünktlich auf den Tag einginge als das
Herdgeld, daß die Goldschmiede nicht immer bewogen werden könnten,
auf die Sicherheit des nächsten Quartals der Zölle oder der Accise zu
leihen, daß es aber nicht schwer sei, auf eine Herdgeldverschreibung
Vorschüsse zu erhalten. Im Hause der Gemeinen wagten die so Denkenden es
nicht, ihre Stimmen gegen die allgemeine Ansicht zu erheben; im Hause
der Lords aber entspann sich ein Kampf, dessen Ausgang eine Zeitlang
zweifelhaft schien. Endlich aber erwirkte der kräftig angewendete
Einfluß des Hofes eine Acte, kraft welcher die Kaminsteuer als ein
Zeichen von Sklaverei erklärt und unter vielen Dankesversicherungen
gegen den König für alle Seiten abgeschafft wurde.[42]

    [Anmerkung 41: +Commons' Journals+ und +Grey's Debates, March 1.
    1688/89+.]

    [Anmerkung 42: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 10.+; +Burnet II.
    13.+]


[_Entschädigung der Vereinigten Provinzen._] Die Gemeinen bewilligten
nach kurzer Debatte und ohne Abstimmung sechsmalhunderttausend Pfund zu
dem Zwecke, die Kosten der Expedition, welche England befreit hatte, den
Vereinigten Provinzen zurückzuerstatten. Die Leichtigkeit, mit der diese
bedeutende Summe einem schlauen, thätigen und sparsamen Volke bewilligt
ward, das in politischer Beziehung unser Bundesgenosse, in commercieller
Hinsicht aber unser gefährlichster Nebenbuhler war, erregte außerhalb
der Kammern einiges Murren und war mehrere Jahre lang ein Lieblingsthema
für die Sarkasmen der toryistischen Tagesschriftsteller.[43] Die
Freigebigkeit des Hauses war jedoch leicht zu erklären. An dem nämlichen
Tage, an welchem dieser Gegenstand berathen wurde, trafen in Westminster
beunruhigende Nachrichten ein und überzeugten Viele, die zu einer andren
Zeit geneigt gewesen wären, jede von den Holländern eingeschickte
Rechnung einer strengen Prüfung zu unterwerfen, daß unser Land die
Dienste fremder Truppen noch nicht entbehren konnte.

    [Anmerkung 43: +Commons' Journals, March 15. 1688/89.+ Noch im
    Jahre 1713 spielte Arbuthnot im fünften Theile des +John Bull+ mit
    viel Witz auf diesen Gegenstand an. »Was Euren +Venire Facias+
    betrifft,« sagt John zu Nick Frog, »so habe ich Euch für einen
    schon bezahlt.«]


[_Meuterei in Ipswich._] Frankreich hatte den Generalstaaten den Krieg
erklärt und die Generalstaaten hatten in Folge dessen vom Könige von
England die Unterstützung verlangt, die er durch den Vertrag von
Nimwegen zu leisten verpflichtet war.[44] Er hatte einige Bataillone
nach Harwich verordert, um sich dort zur Überfahrt nach dem Festlande
bereit zu halten. Die alten Soldaten Jakob's waren meist in einer sehr
schlechten Stimmung, und dieser Befehl übte keine besänftigende Wirkung
aus. Am größten war die Unzufriedenheit in dem Regimente, das
gegenwärtig als das erste der Linie bezeichnet wird. Obgleich dieses
Regiment der englischen Armee angehörte, hatte es doch seit der Zeit,
da es zuerst unter dem großen Gustav kämpfte, fast ausschließlich aus
Schotten bestanden, und die Schotten haben nie verfehlt, in jedem Lande,
wohin ihr abenteuerlicher und ehrgeiziger Sinn sie führte, die geringste
ihrem Heimathlande bewiesene Geringschätzung zu fühlen und zu ahnden.
Offiziere wie Gemeine murmelten, daß der Beschluß einer ausländischen
Versammlung in ihren Augen nichts gelte. Wenn sie überhaupt ihres
Treuschwurs für König Jakob VII. entbunden werden könnten, so müsse dies
durch die Stände von Edinburg, nicht durch die Convention von
Westminster geschehen. Ihr Unmuth wuchs, als sie erfuhren, daß Schomberg
zu ihrem Obersten ernannt war. Vielleicht hätten sie es sich zur Ehre
schätzen sollen, den Namen des größten Soldaten Europa's zu führen, aber
bei aller seiner Tapferkeit und militärischen Tüchtigkeit war er doch
nicht ihr Landsmann, und während der sechsundfunfzig Jahre, welche
verstrichen waren, seitdem sich ihr Regiment in Deutschland seine ersten
Lorbeern verdiente, war es nie von einem Andren als einem Hopburn oder
einem Douglas commandirt worden. In dieser gereizten Stimmung erhielten
sie Befehl, zu den Streitkräften zu stoßen, die sich in Harwich
sammelten. Es wurde viel gemurrt, doch kam es zu keinem Ausbruch, bis
das Regiment in Ipswich anlangte. Hier gaben zwei Hauptleute, welche
eifrige Anhänger des verbannten Königs waren, das Zeichen zur Empörung.
Der Marktplatz füllte sich bald mit hin und her rennenden Pikenmännern
und Musketiren. Schüsse wurden aufs Gerathewohl nach allen Richtungen
hin abgefeuert. Diejenigen Offiziere, welche die Meuterer im Zaume zu
halten versuchten, wurden überwältigt und entwaffnet. Endlich gelang es
den Leitern des Aufstandes, einige Ordnung herzustellen und sie
marschirten nun an der Spitze ihrer Anhänger aus Ipswich ab. Die kleine
Armee bestand aus etwa achthundert Mann. Sie hatten vier Kanonen
mitgenommen und sich der Kriegskasse bemächtigt, die eine bedeutende
Summe Geldes enthielt. Eine halbe Meile von der Stadt wurde Halt
gemacht, eine allgemeine Berathung gepflogen und beschlossen, daß die
Meuterer in ihr Heimathsland zurückeilen und mit ihrem rechtmäßigen
Könige leben und sterben wollten. Demgemäß brachen sie in Eilmärschen
nach dem Norden auf.[45]

Als die Nachricht in London eintraf, war die Bestürzung groß. Es hieß,
daß auch bei anderen Regimentern sich beunruhigende Symptome gezeigt
hätten und besonders daß ein in Harwich liegendes Füsilircorps große
Lust zu haben scheine, dem in Ipswich gegebenen Beispiele zu folgen.
»Wenn diese Schotten,« sagte Halifax zu Reresby, »nicht auf
Unterstützung rechnen können, so sind sie verloren; haben sie aber im
Einverständniß mit Anderen gehandelt, dann ist die Gefahr in der That
sehr ernst.«[46] Das Wahre scheint zu sein, daß eine Verschwörung
bestand, die in vielen Heerestheilen Verzweigungen hatte, daß aber die
Verschwörer durch die Festigkeit der Regierung und des Parlaments im
Schach gehalten wurden. Es ward eben eine Ausschußsitzung des Geheimen
Raths gehalten, als die Nachricht von dem Aufstande in London eintraf.
Wilhelm Harbord, der Vertreter des Burgfleckens Launceston, welcher
Mitglied des Ausschusses war, wurde von seinen Collegen ersucht, sich
sogleich in das Haus der Gemeinen zu begeben und dort das Vorgefallene
mitzutheilen. Er ging, erhob sich auf seinem Platze und erzählte seine
Geschichte. Der Geist der Versammlung trug der Lage der Dinge gebührende
Rechnung. Howe war der Erste, der kräftiges Einschreiten verlangte.
»Ersuchet den König,« sagte er, »seine holländischen Truppen gegen diese
Leute zu entsenden. Ich wüßte nicht, wem man sonst trauen könnte.« --
»Die Sache ist kein Spaß,« sagte der alte Birch, welcher Oberst im
Dienste des Parlaments gewesen war und das mächtigste und berühmteste
Haus der Gemeinen, das es je gegeben, durch dessen eigene Soldaten
zweimal hatte säubern und zweimal hatte auseinandersprengen sehen; »wenn
Ihr das Übel um sich greifen laßt, werdet Ihr binnen wenigen Tagen eine
Armee auf dem Halse haben. Ersuchet den König, auf der Stelle Reiter und
Fußvolk abzusenden, und zwar seine eigenen Leute, auf die er sich
verlassen kann, damit dieses Volk mit einem Schlage niedergeworfen
wird.« Jetzt fingen auch die Männer der langen Robe Feuer. »Das Wissen
meines Berufs ist hier unnütz,« sagte Treby. »Es kommt hier darauf an,
der Gewalt mit Gewalt entgegenzutreten und im Felde das zu behaupten,
was wir im Senate gethan haben.« -- »Schreibt an die Sheriffs,« sprach
Oberst Mildmay, Mitglied für Essex, »und laßt die Miliz aufbieten. Es
sind ihrer Hundertfunfzigtausend Mann und lauter gute Engländer; sie
werden Euch nicht im Stiche lassen.« Es wurde beschlossen, daß alle in
der Armee angestellten Mitglieder des Hauses vom Besuche des Parlaments
dispensirt werden sollten, damit sie sich unverzüglich auf ihre
militärischen Posten begeben könnten. Sodann wurde einstimmig eine
Adresse votirt, welche den König ersuchte, energische Maßregeln zur
Unterdrückung des Aufstandes zu ergreifen und eine Proklamation zu
erlassen, welche die öffentliche Rache auf die Rebellen herabrief.
Ein Mitglied deutete darauf hin, daß es vielleicht gut sei, wenn Sr.
Majestät Denen, die sich im Guten unterwürfen, Verzeihung zusichere;
allein das Haus verwarf wohlweislich diesen Vorschlag. »Es ist jetzt
nicht der Augenblick,« wurde sehr richtig bemerkt, »zu einer Nachsicht,
die wie Furcht aussehen würde.« Die Adresse wurde sogleich ins
Haus der Lords gesandt und von diesen genehmigt. Zwei Peers, zwei
Grafschaftsvertreter und zwei Abgeordnete von Burgflecken wurden damit
an den Hof geschickt. Wilhelm empfing sie sehr gnädig und sagte ihnen,
daß er bereits die nöthigen Befehle gegeben habe. In der That waren auch
schon mehrere Regimenter Reiterei und Dragoner unter dem Commando
Ginkell's, eines der tapfersten und geschicktesten Offiziere der
holländischen Armee, nach dem Norden entsendet worden.[47]

Mittlerweile eilten die Aufständischen durch die Gegend zwischen
Cambridge und dem Wash. Ihr Weg führte über eine weite, öde Moorstrecke,
die mit der ganzen Feuchtigkeit von dreizehn Grafschaften gesättigt war
und auf welcher den größten Theil des Jahres ein grauer Nebel lagerte,
über den sich der viele Meilen im Umkreise sichtbare prächtige Thurm von
Ely erhob. In dieser traurigen, mit großen Schwärmen wilder Vögel
bedeckten Gegend führte damals ein halbwildes Volk, bekannt unter dem
Namen der Breedlings, ein amphibienartiges Leben, von einem Eiland
festen Grund und Bodens zum andren theils watend theils rudernd.[48] Die
Straße gehörte zu den schlechtesten der ganzen Insel und als sich das
Gerücht von der Annäherung der Rebellen verbreitete, wurden sie von dem
Landvolke absichtlich noch mehr verschlechtert. Brücken wurden
abgebrochen und Baumstämme quer über die Straßen gelegt, um das
Fortschaffen der Kanonen zu erschweren. Dessenungeachtet drangen die
schottischen Veteranen nicht nur mit großer Eil vor, sondern es gelang
ihnen auch, ihre Artillerie mit fort zu bringen. So erreichten sie die
Grafschaft Lincoln, und als sie nicht mehr weit voll Sleafort entfernt
waren, erfuhren sie, daß Ginkell mit einer unüberwindlichen Truppenmacht
ihnen hart auf den Fersen sei. Von Sieg konnte so wenig die Rede sein
wie von Entkommen. Die tapfersten Krieger konnten gegen eine vierfache
Übermacht nichts ausrichten, das vortrefflichste Fußvolk konnte einer
Reiterschaar nicht entrinnen. Da indessen die Anführer wohl wußten, daß
sie keinen Pardon zu erwarten hatten, drangen sie in ihre Mannschaften,
das Glück einer Schlacht zu versuchen. Eine fast von allen Seiten von
Sümpfen und Teichen eingeschlossene Stelle war in dieser Gegend leicht
gefunden. Hier wurden die Insurgenten aufgestellt und die Kanonen
an der einzigen Seite aufgefahren, die man durch natürliche
Vertheidigungsmittel nicht hinreichend gedeckt glaubte. Ginkell befahl
den Angriff an einer Stelle zu unternehmen, die sich außer dem Bereiche
der Geschütze befand, und seine Dragoner sprangen muthig ins Wasser,
obwohl es so tief war, daß ihre Pferde schwimmen mußten. Jetzt sank den
Rebellen der Muth. Sie versuchten zu parlamentiren, ergaben sich aber
schließlich auf Gnade und Ungnade und wurden unter starker Bedeckung
nach London gebracht. Ihr Leben war verwirkt, denn sie hatten sich nicht
blos der Meuterei, welche damals kein legales Verbrechen war, sondern
des bewaffneten Widerstandes gegen den König schuldig gemacht. Wilhelm
unterließ jedoch mit weiser Nachsicht, das Blut selbst der Strafbarsten
zu vergießen. Einige von den Haupträdelsführern wurden vor die nächsten
Assisen von Bury gestellt und des Hochverraths überwiesen; aber ihr
Leben ward geschont. Die Übrigen erhielten einfach den Befehl, zu ihrer
Pflicht zurückzukehren. Das vor Kurzem so aussätzige Regiment ging
gehorsam nach dem Continent und zeichnete sich dort in vielen
beschwerlichen Feldzügen durch Treue, Disciplin und Tapferkeit aus.[49]

    [Anmerkung 44: Wagenaar LXI.]

    [Anmerkung 45: +Commons' Journals, March 15. 1688/89.+]

    [Anmerkung 46: +Reresby's Memoirs.+]

    [Anmerkung 47: +Commons' Journals+ und +Grey's Debates, March 15.
    1688/89, London Gazette, March 18+.]

    [Anmerkung 48: Über den Zustand dieser Gegend zu Ende des 17. und
    zu Anfang des 18. Jahrhunderts siehe +Pepys' Diary+ vom 18. Sept.
    1663 und +Tour through the whole Island of Great Britain+, 1724.]

    [Anmerkung 49: +London Gazette, March 25. 1689+; Van Citters an
    die Generalstaaten vom 22. März (1. April); Briefe von Nottingham
    im Staatsarchive vom 23. Juli und 9. Aug. 1689; +Historical Record
    of the First Regiment of Foot+, auf Befehl der Regierung gedruckt.
    Siehe auch eine interessante Abschweifung in der +Compleat History
    of the Life and Military Actions of Richard, Earl of Tyrconnel+,
    1689.]


[_Die erste Meutereibill._] Dieser Vorfall erleichterte eine wichtige
Veränderung in unsrer Politik, eine Veränderung, welche zwar über kurz
oder lang hätte vorgenommen werden müssen, die aber doch so leicht nicht
hätte durchgeführt werden können, außer in einem Augenblicke der
höchsten Gefahr. Die Zeit war endlich gekommen, wo es nöthig wurde,
einen gesetzlichen Unterschied zwischen dem Soldaten und dem Bürger zu
machen. Unter den Plantagenets und den Tudors hatte es kein stehendes
Heer gegeben, und das stehende Heer, das England unter den letzten
Königen des Hauses Stuart besessen, war von allen Parteien im Staate mit
einem starken und nicht unbegründeten Widerwillen betrachtet worden.
Das gemeine Recht gewährte dem Souverain nicht die Mittel, seine Truppen
gebührend im Zaume zu halten, denn das Parlament, das sie als bloße
Werkzeuge der Tyrannei betrachtete, hatte keine Lust gehabt, diese
Mittel durch Gesetze zu bewilligen. Jakob hatte zwar seine bestochenen
und servilen Richter dahin gebracht, daß sie einigen veralteten Gesetzen
eine Auslegung gaben, die ihn in den Stand setzte, die Desertion mit
einer Kapitalstrafe zu belegen. Allein diese Auslegung wurde von alten
angesehenen Juristen als irrig betrachtet, und wäre sie auch richtig
gewesen, so würde sie doch bei weitem nicht alles das geboten haben, was
zur Aufrechthaltung der militärischen Disciplin nöthig war. Selbst Jakob
wagte es nicht, auf das Erkenntniß eines Kriegsgerichts hin die
Todesstrafe zu verhängen. Der Deserteur wurde wie ein gewöhnlicher
Verbrecher behandelt, vor die Assisen gestellt, auf die von einer großen
Jury herausgefundenen Klagegründe hin von einer kleinen Jury
abgeurtheilt, und es stand ihm frei, jeden in der Anklageacte zu
entdeckenden Formfehler zu seinem Gunsten zu benutzen.

Indem die Revolution die Stellung des Fürsten und des Parlaments zu
einander veränderte, hatte sie auch die gegenseitige Stellung der Armee
und der Nation verändert. Der König und die Gemeinen waren jetzt einig
und beide wurden durch die größte Militärmacht bedroht, die es seit dem
Untergange des römischen Reichs in Europa gegeben hatte. Binnen wenigen
Wochen konnten dreißigtausend sieggewohnte, von geschickten und
erfahrenen Feldherren angeführte Veteranen aus den Häfen der Normandie
und der Bretagne an unsere Küsten übersetzen. Daß eine solche
Truppenmacht eine dreifache Anzahl von Milizen ohne große Schwierigkeit
auseinandersprengen würde, konnte Niemand bezweifeln, der vom Kriege
etwas verstand. Man mußte also reguläre Soldaten haben, und wenn man
solche haben mußte, so war es im Interesse ihres eigenen wirksamen
Bestehens, wie zur Sicherheit jeder andren Klasse durchaus nothwendig,
daß sie unter einer strengen Disciplin gehalten wurden. Eine schlecht
disciplinirte Armee ist zu allen Zeiten nichts weiter als eine
kostspieligere und zügellosere Miliz gewesen, ohnmächtig gegen einen
auswärtigen Feind und nur dem Lande selbst gefährlich, zu dessen
Vertheidigung sie unterhalten wird. Es muß demnach eine strenge
Grenzlinie zwischen den Soldaten und der übrigen Gesellschaft gezogen
werden. Im Interesse der öffentlichen Freiheit müssen sie, inmitten der
Freiheit, unter eine despotische Zucht gestellt werden. Sie müssen einem
schärferen Strafcodex und einer nachdrücklicheren Prozeßordnung
unterworfen sein, als nach denen die ordentlichen Gerichtshöfe
verfahren. Gewisse Handlungen, welche bei dem Bürger unschuldig sind,
müssen bei dem Soldaten Verbrechen sein. Gewisse Handlungen, welche bei
dem Bürger mit Geldbuße oder Gefängniß geahndet werden, müssen bei dem
Soldaten mit dem Tode bestraft werden. Die Maschinerie, vermittelst
welcher die Gerichtshöfe die Schuld oder Unschuld eines angeklagten
Bürgers feststellen, ist zu langsam und zu verwickelt, um auf einen
angeklagten Soldaten Anwendung finden zu können, denn die militärische
Insubordination ist von allen vorkommenden Krankheiten des Staatskörpers
diejenige, welche die promptesten und eingreifendsten Gegenmittel
erheischt. Wird das Übel nicht gleich im Keime erstickt, so breitet es
sich aus, und weit kann es sich nicht ausbreiten ohne Gefahr für die
eigentlichen Lebensnerven der Gesellschaft. Im Interesse des Gemeinwohls
muß daher in Feldlagern eine summarische Gerichtsbarkeit von furchtbarer
Ausdehnung strengen Tribunalen, aus Männern des Schwerts bestehend,
übertragen werden.

Obgleich es aber gewiß war, daß das Land zu jenem Zeitpunkte ohne
berufsmäßige Soldaten nicht sicher sein konnte, und eben so gewiß, daß
berufsmäßige Soldaten schlimmer als nutzlos sein mußten, wenn sie nicht
unter ein willkürlicheres und strengeres Regiment gestellt wurden als
andere Leute, so konnte doch ein Haus der Gemeinen es nicht ohne große
Besorgniß wagen, die Existenz eines stehenden Heeres anzuerkennen und
die Mittel zur Unterhaltung desselben zu bewilligen. Es gab kaum einen
bedeutenden Staatsmann, der nicht oft die Überzeugung ausgesprochen
hätte, daß unsre Verfassung und ein stehendes Heer nicht nebeneinander
bestehen könnten. Die Whigs hatten es bei jeder Gelegenheit wiederholt,
daß stehende Heere die freien Institutionen der Nachbarvölker vernichtet
hätten. Eben so oft hatten die Tories es wiederholt, daß auf unsrer
Insel ein stehendes Heer die Kirche umgestürzt, die Gentry tyrannisirt
und den König gemordet habe. Kein Führer der einen wie der andren Partei
konnte darauf antragen, daß ein solches Heer fortan eine bleibende
Staatseinrichtung sein sollte, ohne sich der Beschuldigung grober
Inconsequenz auszusetzen. Die Meuterei von Ipswich und der panische
Schrecken, den dieselbe hervorgerufen, erleichterten die Durchführung
eines Schrittes, der außerdem höchst schwierig gewesen sein würde. Es
ward eine kurze Bill eingebracht, welche mit der bündigen Erklärung
begann, daß das englische Recht von stehenden Heeren und Kriegsgerichten
nichts wisse. Hierauf wurde verordnet, daß in Anbetracht der großen
Gefahren, welche in diesem Augenblicke dem Staate drohten, kein Mann,
der im besoldeten Dienst der Krone stehe, bei Todesstrafe oder
derjenigen milderen Strafe, die ein Kriegsgericht für genügend halten
würde, seine Fahnen verlassen oder sich gegen seine vorgesetzten
Offiziere auflehnen dürfe. Dieses Gesetz sollte nur sechs Monate in
Kraft bleiben, und viele von Denen, welche dafür stimmten, glaubten
wahrscheinlich, daß es nach Ablauf dieser Frist als erloschen betrachtet
werden würde. Die Bill ging rasch und leicht durch. Im Hause der
Gemeinen wurde nicht eine einzige Abstimmung darüber vorgenommen. Eine
mildernde Clausel, welche ein eigenthümliches Licht auf die damaligen
Sitten wirft, wurde nach der dritten Lesung als Zusatz angefügt. Diese
Clausel bestimmte, daß ein Kriegsgericht zu keiner andren Zeit als in
den Stunden zwischen sechs Uhr Morgens und ein Uhr Nachmittags ein
Todesurtheil fällen sollte. Man speiste damals zeitiger als jetzt, und
es war nur zu wahrscheinlich, daß ein Gentleman unmittelbar nach Tisch
in einem Zustande sein werde, in welchem ihm das Leben seiner
Mitmenschen nicht füglich anvertraut werden konnte. Mit diesem
Amendement wurde die erste und conciseste von unseren zahlreichen
Meutereibills den Lords zugeschickt, durchlief dort binnen wenigen
Stunden alle parlamentarischen Stadien und ward vom Könige
genehmigt.[50]

So geschah ohne eine einzige abweichende Stimme im Parlamente, und ohne
das leiseste Murren unter dem Volke, der erste Schritt zu einer
Veränderung, welche zum Wohle des Staates nothwendig geworden war, die
aber zur Zeit jede Partei im Staate mit der größten Besorgniß und dem
entschiedensten Widerwillen betrachtete. Die sechs Monate vergingen und
die öffentliche Gefahr war noch immer dieselbe. Die zur Aufrechthaltung
der militärischen Disciplin nöthige Gewalt wurde der Krone nochmals auf
kurze Zeit zugestanden. Die Vollmacht erlosch wieder, und wieder wurde
sie erneuert. So versöhnte die Gewohnheit ganz allmälig die öffentliche
Meinung mit den einst so verhaßten Namen: stehendes Heer und
Kriegsgericht. Die Erfahrung bewies, daß in einem wohleingerichteten
Staate berufsmäßige Soldaten einem auswärtigen Feinde Respect einflößen
und doch der bürgerlichen Gewalt gehorsam sein könnten. Was zuerst als
Ausnahme geduldet worden, begann nun als Regel betrachtet zu werden.
Keine Session verging mehr ohne eine Meutereibill. Als es endlich klar
wurde, daß eine politische Umgestaltung von höchster Wichtigkeit in
einer Weise stattfand, daß man es kaum bemerkte, da erhoben einige
Aufwiegler, welche die Hand der Regierung schwächen wollten, und auch
einige ehrenwerthe Männer, die eine aufrichtige, obwohl unverständige
Achtung vor jeder alten constitutionellen Tradition hegten und nicht
begreifen konnten, daß eine Einrichtung, die auf der einen Stufe des
gesellschaftlichen Fortschritts schädlich ist, auf einer andren Stufe
unerläßlich sein kann, ein lautes Geschrei. Dieses Geschrei wurde jedoch
mit den Jahren immer schwächer und schwächer. Die mit jedem Frühjahr
wiederkehrende Debatte über die Meutereibill wurde bald nur noch als
eine Gelegenheit betrachtet, bei welcher hoffnungsvolle junge Redner,
die eben aus dem Christchurch-Collegium kamen, debutiren und erzählen
konnten, wie die Garden des Pisistratus sich der Citadelle von Athen
bemächtigten und wie die prätorianischen Cohorten das Römische Reich an
Didius verkauften. Endlich wurden diese Declamationen zu lächerlich,
um immer aufs neue wiederholt zu werden. Der altfränkischste,
überspannteste Politiker konnte unter der Regierung Georg's III.
schwerlich noch behaupten, daß man keine regulären Truppen brauche, oder
daß das gewöhnliche Recht, von den ordentlichen Gerichtshöfen
gehandhabt, unter solchen Truppen die Disciplin mit Erfolg aufrecht
erhalten könne. Da alle Parteien über das allgemeine Prinzip einig
waren, so ging eine lange Reihe von Meutereibills ohne Discussion durch,
ausgenommen wenn ein einzelner Artikel des Militärstrafgesetzbuches
einer Abänderung bedurfte. Dem Umstande, daß die Armee so allmälig und
fast unmerklich eine der Institutionen England's geworden, ist es
vielleicht zuzuschreiben, daß sie in so vollkommenem Einklange mit allen
anderen Institutionen gehandelt hat, in hundertsechzig Jahren nicht ein
einziges Mal dem Throne untreu oder dem Gesetze ungehorsam geworden ist,
nicht ein einziges Mal sich gegen die Gerichtshöfe aufgelehnt oder die
Wahlkörper durch Drohungen eingeschüchtert hat. Bis auf den heutigen Tag
jedoch fahren die Stände des Reichs mit lobenswerthem Mißtrauen fort,
der in den Tagen der Revolution gezogenen Grenze von Zeit zu Zeit einen
Markstein beizufügen. Jedes Jahr wiederholen sie feierlich den in der
Rechtserklärung ausgesprochenen Grundsatz und bewilligen dann dem
Souveraine die außerordentliche Befugniß, eine gewisse Anzahl Soldaten
auf die Dauer weiterer zwölf Monate nach bestimmten Regeln zu
unterhalten.

    [Anmerkung 50: +Stat. 1. W. & M. sess. I. c. 5.+; +Commons'
    Journals+; +March 28. 1689.+]


[_Suspension der Habeas-Corpus-Acte._] In der nämlichen Woche, in
welcher die erste Meutereibill auf den Tisch der Gemeinen niedergelegt
wurde, ging ein andres durch den noch unbefestigten Zustand des
Königreichs nöthig gewordenes temporäres Gesetz durch. Seit Jakob's
Flucht waren viele Personen, welche muthmaßlich an seinen ungesetzlichen
Handlungen starken Antheil gehabt oder in Complots zu seiner
Restauration verwickelt gewesen, verhaftet und eingekerkert worden.
Während der Vacanz des Thrones konnten diese Leute aus der
Habeas-Corpus-Acte keinen Nutzen ziehen, denn die Maschinerie, durch
welche allein diese Acte in Ausführung gebracht werden konnte, existirte
nicht mehr, und während des ganzen Hilariustermins waren alle
Gerichtshöfe in Westminster-Hall geschlossen geblieben. Jetzt, wo die
ordentlichen Gerichte ihre Thätigkeit wieder beginnen sollten, fürchtete
man, daß alle diejenigen Gefangenen, deren Prozesse nicht sogleich
erledigt werden konnten, ihre Freiheit verlangen und erhalten würden.
Es wurde deshalb eine Bill eingebracht, welche den König ermächtigte,
solche Leute, bei denen er schlimme Absichten gegen seine Regierung
vermuthete, einige Wochen lang in Haft zu halten. Diese Bill ward in
beiden Häusern mit wenig oder keiner Opposition angenommen.[51] Allein
die Mißvergnügten außerhalb der Kammern unterließen nicht zu bemerken,
daß die Habeas-Corpus-Acte unter der vorigen Regierung nicht einen Tag
suspendirt worden sei. Es sei Mode, Jakob einen Tyrannen und Wilhelm
einen Befreier zu nennen. Dennoch habe der Befreier, noch ehe er einen
Monat auf dem Throne gesessen, die Engländer eines kostbaren Rechtes
beraubt, das der Tyrann respectirt habe.[52] Es ist dies ein Vorwurf,
der jede aus einer Volksrevolution hervorgegangene Regierung fast
unvermeidlich trifft. Die Menschen halten sich natürlich für berechtigt,
von einer solchen Regierung eine mildere und freisinnigere Verwaltung zu
verlangen, als man sie von einer alten und tief eingewurzelten Macht
erwartet. Gleichwohl kann eine solche Regierung, da sie stets viele
thätige Feinde, aber nicht die aus der Rechtmäßigkeit und Verjährung
hervorgehende Stärke hat, sich anfangs nur durch eine Wachsamkeit und
Strenge halten, deren eine alte und tief eingewurzelte Macht nicht
bedarf. Außerordentliche und unregelmäßige Vertheidigungen der
öffentlichen Freiheit sind zuweilen nothwendig; aber, obgleich
nothwendig, ziehen sie doch fast immer einige zeitweilige Verkürzungen
eben dieser Freiheit nach sich, und jede solche Verkürzung ist ein
fruchtbares und plausibles Thema für Spott und Schmähung.

    [Anmerkung 51: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 2.+]

    [Anmerkung 52: Ronquillo vom 8.(18.) März 1689.]


[_Unpopularität Wilhelm's._] Leider war es nur zu wahrscheinlich, daß
die gegen Wilhelm gerichteten Sarkasmen und Schmähungen ein geneigtes
Ohr finden würden. Jede der beiden großen Parteien hatte ihre Gründe,
unzufrieden mit ihm zu sein, und in einigen Beschwerden stimmten beide
Parteien mit einander überein. Sein Benehmen gab fast allgemeinen
Anstoß. In der That eignete er sich viel besser dazu, eine Nation zu
retten, als einen Hof zu zieren. In den höchsten staatsmännischen
Talenten kam ihm unter seinen Zeitgenossen Keiner gleich. Er hatte Pläne
entworfen, die an Großartigkeit und Kühnheit denen eines Richelieu nicht
nachstanden, und er hatte sie mit einem Takt und einer Besonnenheit
durchgeführt, die eines Mazarin würdig waren. Zwei Länder, die Sitze der
bürgerlichen Freiheit und des reformirten Glaubens, waren durch seine
Weisheit und durch seinen Muth vor den schlimmsten Gefahren behütet
worden. Holland hatte er von fremden, England von einheimischen Feinden
befreit. Anscheinend unübersteigliche Hindernisse hatten sich zwischen
ihm und seinen Plänen aufgethürmt, und sein Genie hatte diese
Hindernisse in Schrittsteine verwandelt. Seine Geschicklichkeit hatte es
dahin zu bringen gewußt, daß die Erbfeinde seines Hauses ihm halfen
einen Thron besteigen und daß die Verfolger seines Glaubens ihm
behülflich waren, seinen Glauben gegen Verfolgung zu schützen. Flotten
und Heere, welche aufgeboten worden waren ihm Widerstand zu leisten,
hatten sich ohne einen Kampf seinen Befehlen unterworfen. Politische und
kirchliche Parteien, durch tödtlichen Haß getrennt, hatten ihn als ihr
gemeinsames Oberhaupt anerkannt. Ohne Blutvergießen, ohne Verheerungen
hatte er einen Sieg errungen, im Vergleich mit dem alle Siege Gustav's
und Turenne's unbedeutend waren. Binnen wenigen Wochen hatte er die
gegenseitige Stellung sämmtlicher Staaten Europa's verändert und das
Gleichgewicht wiederhergestellt, welches durch das Übergewicht einer
Macht gestört worden war. Fremde Völker ließen seinen eminenten
Eigenschaften volle Gerechtigkeit widerfahren. In jedem festländischen
Staate, wo es protestantische Gemeinden gab, sandte man heiße Dankgebete
zu Gott, der aus dem Stamme seiner Diener, Moritz' des Befreiers von
Deutschland, und Wilhelm's des Befreiers von Holland, einen dritten
Befreier, den weisesten und mächtigsten von allen, hatte hervorgehen
lassen. In Wien, in Madrid, ja selbst in Rom ward der tapfere und
scharfsinnige Ketzer als das Haupt des großen Bundes gegen das Haus
Bourbon geehrt, und sogar in Versailles war der Haß, den man gegen ihn
empfand, stark mit Bewunderung gemischt.

Bei uns wurde er minder günstig beurtheilt. In der That, unsere
Vorfahren betrachteten ihn in dem allerschlechtesten Lichte. Die
Franzosen, die Deutschen und die Italiener sahen ihn aus einer solchen
Entfernung, daß sie nur das Große erkannten und daß seine kleinen Fehler
ihnen entgingen. Den Holländern stand er nahe, denn er war selbst
ein Holländer. In seinem Verkehr mit ihnen wurde er von der
vortheilhaftesten Seite betrachtet; bei ihnen fühlte er sich vollkommen
heimisch, und unter ihnen hatte er sich seine ersten und theuersten
Freunde gewählt. Den Engländern aber erschien er unter einem höchst
ungünstigen Gesichtspunkte. Er stand ihnen zu gleicher Zeit zu nahe und
zu fern. Er lebte mitten unter ihnen, so daß die geringsten Eigenheiten
seines Charakters und seiner Sitten ihnen nicht entgehen konnten;
dennoch aber lebte er abgesondert von ihnen und war in ihren Augen in
Sprache, Neigungen und Gewohnheiten entschieden ein Fremdling.

Es war seit langer Zeit eine der Hauptfunctionen unserer Regenten, an
der Spitze der Londoner Gesellschaft zu stehen. Diese Function hatte
Karl II. mit ungeheurem Glück ausgeübt. Seine Leutseligkeit, seine
hübschen Anekdoten, die Art und Weise, wie er tanzte und Ball spielte,
der Ton seines herzlichen Lachens, waren jedem Londoner bekannt. Einmal
sah man ihn unter den Ulmen von St. James Park mit Dryden über Poesie
plaudern;[53] ein andermal lag sein rechter Arm auf Durfey's Schulter
und der linke ruhte auf einem andren, während sein Begleiter +»Phillida,
Phillida«+ oder +»To horse, brave boys, to Newmarket, to horse«+
sang.[54] Auch Jakob war, obwohl viel weniger lebhaft und leutselig,
doch ebenfalls zugänglich und gegen Leute, die ihm nicht in den Weg
traten, sogar artig. Diese Geselligkeit aber ging Wilhelm gänzlich ab.
Er verließ nur selten sein Arbeitskabinet, und wenn er einmal in den
Empfangszimmern erschien, so stand er ernst und sinnend unter dem
Schwarme der Cavaliere und Hofdamen, ohne daß ein Scherz, oder nur ein
Lächeln seinen Lippen entschlüpfte. Sein unfreundliches Aussehen, sein
Stillschweigen und die kurzen, trocknen Antworten, die er gab, wenn er
nicht länger schweigen konnte, entfremdeten ihm Adel und Gentry, welche
gewohnt waren, von ihren königlichen Gebietern auf die Schulter
geklopft, Jack oder Harry gerufen, wegen gewonnener Wetten
beglückwünscht und mit bekannten Schauspielerinnen aufgezogen zu werden.
Die Frauen vermißten die ihrem Geschlecht gebührenden Huldigungen. Sie
bemerkten, daß der König selbst mit der Frau, der er so viel verdankte
und die er aufrichtig liebte und achtete, in einem etwas gebieterischen
Tone sprach.[55] Es amüsirte und verdroß sie zugleich, wie er, als die
Prinzessin Anna einmal bei ihm speiste und die ersten grünen Erbsen auf
die Tafel kamen, den ganzen Inhalt der Schüssel verzehrte, ohne Ihrer
Königlichen Hoheit einen Löffelvoll davon anzubieten, und sie erklärten,
dieser große Feldherr und Staatsmann sei nicht viel besser als ein
niederländischer Bär.[56]

Ein Mangel, der ihm als ein Verbrechen angerechnet wurde, war sein
schlechtes Englisch. Er sprach unsre Sprache, aber nicht gut. Sein
Accent war ausländisch, seine Aussprache entbehrte der Eleganz und sein
Vokabularium schien nicht umfänglicher zu sein, als es zur Erledigung
von Geschäften nöthig war. Dem Umstande, daß es ihm schwer wurde sich
auszudrücken und daß er sich seiner schlechten Aussprache bewußt war,
müssen seine Schweigsamkeit und seine kurzen Antworten, die so großes
Ärgerniß gaben, theilweis zugeschrieben werden. Unsre Literatur zu
goutiren oder zu verstehen war er unfähig. Nicht ein einziges Mal
während seiner ganzen Regierung erschien er im Theater.[57] Die Dichter,
welche pindarische Verse zu seinem Lobe schrieben, beklagten sich, daß
ihre sublimen Poesien über seinen Horizont gingen,[58] Wer indessen die
panegyrischen Oden jener Zeit kennt, wird vielleicht der Meinung sein,
daß er durch seine Unbekanntschaft damit nicht viel verlor.

    [Anmerkung 53: Man vergleiche was Spence darüber in seinen
    +Anecdotes of the Origin of Dryden's Medals+ sagt.]

    [Anmerkung 54: +Guardian, No. 67+.]

    [Anmerkung 55: Man hat zahlreiche Beweise, daß Wilhelm zwar ein
    sehr liebevoller aber nicht immer galanter Gemahl war. Doch keinen
    Glauben verdient die Anekdote, welche in dem Briefe erzählt wird,
    den Dalrymple 1773 thörichterweise als von Nottingham herrührend
    veröffentlichte, in der Ausgabe von 1790 aber wohlweislich
    wegließ. Wie Jemand, der die geringste Kenntniß von der Geschichte
    der damaligen Zeit hatte, sich so gröblich irren konnte, ist
    schwer zu begreifen, besonders da die Handschrift durchaus keine
    Ähnlichkeit mit der Nottingham's hat, welche Dalrymple genau
    kannte. Der Brief ist offenbar ein gewöhnlicher Neuigkeitsbrief,
    von einem Scribenten verfaßt, der den König und die Königin
    nur bei einer öffentlichen Gelegenheit gesehen und dessen
    Anekdoten sich auf keine bessere Autorität gründen als auf
    Kaffeehausgeschwätz.]

    [Anmerkung 56: Ronquillo; Burnet, II, 2.; +The Duchess of
    Marlborough's Vindication+. In einem Hirtendialog zwischen
    Philander und Palämon, der 1691 erschien, wird das Mißfallen
    erwähnt, mit welchem die vornehmen Damen Wilhelm betrachteten.
    Philander sagt:

      Der Mann sollt' haben doch etwas mehr Verstand
      Sonst fällt er noch ein zweites Mal durch schwache Frauenhand.]

    [Anmerkung 57: Tutchin's +Observator+ vom 16. November 1706.]

    [Anmerkung 58: Prior, dem Wilhelm viel Gutes erwies und der sich
    sehr dankbar dafür zeigte, sagt uns, daß der König poetische
    Lobreden nicht verstand. Die Stelle findet sich in einer höchst
    interessanten Handschrift, welche Lord Lansdowne besitzt.]


[_Popularität Mariens._] Seine Gemahlin that allerdings ihr Möglichstes,
um das Fehlende zu ergänzen, und sie war in der That vortrefflich
geeignet, an der Spitze eines Hofes zu stehen. Sie war nicht nur von
Geburt, sondern auch in ihren Neigungen und Gesinnungen eine
Engländerin. Sie besaß ein hübsches Gesicht, eine majestätische Haltung,
ein sanftes, heiteres Gemüth und leutselige, gewinnende Manieren. Ihr
Geist war, obwohl sehr unvollkommen ausgebildet, ungemein lebhaft; ihrer
Unterhaltung fehlte es nicht an weiblichem Witz und Muthwillen und ihre
Briefe waren so gut abgefaßt, daß sie wohl verdient hätten,
orthographisch richtig geschrieben zu sein. Sie fand viel Geschmack an
den leichteren Zweigen der Literatur und trug nicht wenig dazu bei,
unter den vornehmen Damen Bücher in Aufnahme zu bringen. Die makellose
Reinheit ihres Privatlebens und die strenge Gewissenhaftigkeit, mit der
sie ihre religiösen Pflichten erfüllte, waren um so achtungswerther, als
sie durchaus frei war von Tadelsucht und den bösen Leumund eben so wenig
unterstützte wie das Laster. In dem Mißfallen an üblen Nachreden stimmte
sie zwar mit ihrem Gemahl vollkommen überein; aber Beide äußerten ihr
Mißfallen auf verschiedene und sehr charakteristische Weise. Wilhelm
beobachtete das tiefste Stillschweigen, warf aber dem Verleumder einen
Blick zu, daß ihm, wie Jemand sagte, der einem solchen Blick einmal
begegnet war, sich aber wohl hütete, ihm zum zweiten Male zu begegnen,
die Geschichte im Halse stecken blieb.[59] Marie suchte dem Geschwätz
über Entführungen, Zweikämpfe und Spielschulden dadurch ein Ende zu
machen, daß sie die Schwätzer sehr ruhig aber doch nachdrücklich fragte,
ob sie ihre Lieblingspredigt, die des Doctors Tillotson über den bösen
Leumund, gelesen hätten. Ihre Wohlthaten spendete sie mit freigebiger
Hand und richtigem Takt, und obgleich sie nie damit prahlte, wußte man
doch, daß sie ihre eigenen Bedürfnisse einschränkte, um Protestanten zu
unterstützen, welche die Verfolgung aus Frankreich und Irland vertrieben
hatte und die in den Mansarden London's darbten. Ihr Benehmen war so
liebenswürdig, daß die Ehrenwertheren unter Denen, welche die Art und
Weise ihrer Erhebung auf den Thron mißbilligten, und selbst unter Denen,
die sie als Königin gar nicht anerkennen wollten, allgemein mit Achtung
und Liebe von ihr sprachen. In den jakobitischen Libellen der damaligen
Zeit, die an Gift und Galle Alles was die neuere Zeit derartiges
hervorgebracht, weit hinter sich zurücklassen, wird ihrer nicht oft mit
Strenge gedacht. Sie äußerte sogar selbst zuweilen ihre Verwunderung
darüber, daß Pasquillanten, die sonst nichts achteten, doch ihren Namen
respectirten. Gott, sagte sie, kenne ihre schwachen Seiten. Sie sei zu
empfindlich gegen Schmähungen und Verleumdungen, er habe ihr gnädig eine
Prüfung erspart, die über ihre Kräfte gehe, und der beste Dank, den sie
ihm dafür bezeigen könne, bestehe darin, daß sie keine boshaften
Ausfälle über den Charakter Anderer dulde. Überzeugt, daß sie das volle
Vertrauen und die ganze Zuneigung ihres Gemahls besaß, brach sie seinen
scharfen Reden bald durch sanfte, bald durch scherzhafte Antworten die
Spitze ab und verwendete die ganze Macht ihrer vielen liebenswürdigen
Eigenschaften dazu, ihm die Herzen des Volks zu gewinnen.[60]

    [Anmerkung 59: +Mémoires originaux sur le règne et la cour de
    Frédéric I., Roi de Prusse, écrits par Christophe, Comte de Dohna.
    Berlin 1833.+ Es ist auffällig, daß dieses interessante Werk in
    England fast unbekannt ist. Das einzige Exemplar, das mir zu
    Gesicht gekommen, erhielt ich durch die Gefälligkeit des Sir
    Robert Adair. +»Le Roi,«+ sagt Dohna, +»avoit une autre qualité
    très estimable, qui est celle de n'aimer point qu'on rendit de
    mauvais offices à personne par des railleries.«+ Der Marquis de la
    Forêt versuchte es einst, Se. Majestät auf Kosten eines englischen
    Cavaliers zu unterhalten. +»Ce prince,«+ schreibt Dohna, +»prit
    son air sévère, et, le regardant sans mot dire lui fit rentrer les
    paroles dans le ventre. Le Marquis m'en fit ses plaintes quelques
    heures après. J'ai mal pris ma bisque', dit-il; j'ai cru faire
    l'agréable sur le chapitre de Milord . . . ., mais j'ai trouvé à
    qui parler, et j'ai attrapé un regard du roi qui m'a fait passer
    l'envie de rire.«+ Dohna glaubte Wilhelm werde es mit dem Rufe
    eines Franzosen weniger genau nehmen, und versuchte ebenfalls das
    Experiment. Aber, sagt er, +»j'eus à peu près le même sort que M.
    de la Forêt.«+]

    [Anmerkung 60: Vergleiche den Bericht des Whigs Burnet über Marien
    mit dem was der Tory Evelyn in seinem Tagebuche unterm 8. März
    1694/95, und mit dem, was der Eidverweigerer über sie sagt, der
    1695 den Brief an Erzbischof Tennison in Bezug auf ihren Tod
    schrieb. Der Eindruck, den Wilhelm's Schroffheit und Zurückhaltung
    und Mariens Anmuth und Liebenswürdigkeit auf das Volk machten,
    spricht sich in den Überresten der Straßenpoesie jener Zeit aus.
    Folgendes eheliche Gespräch kann man noch auf dem Originalblatte
    lesen:

      Dann sprach Marie, unsre gnäd'ge Königin:
      Mein hoher König und Gemahl, wo wollt Ihr hin?
      Drauf sagt er rasch: Den nenn' ich keinen Mann,
      Der sein Geheimniß einem Weib vertrauet an.
      Die Kön'gin hierauf spricht bescheiden:
      Der güt'ge Himmel woll' Euch denn geleiten,
      Euch schützen vor Gefahr, mein fürstlicher Gemahl,
      Das wird mein bester Trost sein allzumal.

    Diese Strophen befinden sich in einer werthvollen Sammlung, welche
    Mr. Richard Holer anlegte und die jetzt Eigenthum des Mr. Broderip
    ist, der so gefällig war, sie mir zu leihen. In einem der
    zügellosesten jakobitischen Pasquille vom Jahre 1689 wird Wilhelm,
    seiner Gemahlin gegenüber, als ein »Bauerlümmel« bezeichnet, über
    den sie sich nur lustig mache.]


[_Das Hoflager wird von Whitehall nach Hampton Court verlegt._] Hätte
sie noch lange die beste Gesellschaft London's um sich versammelt, so
würde ihre Freundlichkeit und Leutseligkeit wahrscheinlich noch viel
dazu beigetragen haben, den ungünstigen Eindruck, den sein finstres und
abstoßendes Wesen machte, zu verwischen. Leider war es ihm jedoch seiner
Gesundheit wegen unmöglich, in Whitehall zu residiren. Die Luft von
Westminster, vermischt mit den feuchten Ausdünstungen des Flusses,
der bei Springfluthen die Höfe des Palastes überschwemmte, mit dem
Steinkohlenrauche von zweimalhunderttausend Schornsteinen und mit den
mephitischen Dünsten des Kothes, den man damals ungehindert in den
Straßen sich anhäufen ließ, war ihm unerträglich, denn er hatte eine
schwache Brust und außerordentlich feine Geruchsnerven. Sein unheilbares
Asthma machte reißende Fortschritte, und seine Ärzte erklärten es für
unmöglich, daß er das Ende des Jahres erleben könne. Sein Gesicht war so
leichenhaft, daß er kaum noch zu erkennen war. Diejenigen, welche mit
ihm zu verkehren hatten, hörten ihn mit Entsetzen nach Athem ringen und
husten, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen.[61] Und sein Geist,
so stark er übrigens war, litt mit dem Körper. Wohl war sein Urtheil
noch so klar und scharf als je; aber seit einigen Monaten war eine
merkliche Erschlaffung der Energie eingetreten, durch die er sich früher
ausgezeichnet hatte; selbst seine holländischen Freunde flüsterten
einander zu, daß er nicht mehr der Nämliche sei, der er im Haag
gewesen.[62] Es war schlechterdings nothwendig, daß er London verließ,
und er verlegte daher seine Residenz in die reinere Luft von Hampton
Court. Dieses von dem prachtliebenden Wolsey begonnene Schloß war ein
schönes Muster der Architectur, welche unter den ersten Tutors in
England blühte; die Gemächer desselben aber waren nach den Begriffen des
17. Jahrhunderts nicht ganz geeignet für eine königliche Wohnung. Unsere
Souveraine hatten daher seit der Restauration diese Residenz nur selten
und nur dann benutzt, wenn sie einige Zeit recht eingezogen leben
wollten. Da aber Wilhelm gesonnen war, das verlassene Gebäude zu seinem
Hauptwohnsitze zu erwählen, mußte er Bauten und Anpflanzungen vornehmen,
was ihm im Grunde gar nicht unlieb war. Denn, wie die Mehrzahl seiner
Landsleute, fand er Vergnügen daran, ein Landhaus auszuschmücken,
und nächst der Jagd waren Baukunst und Gärtnerei seine
Lieblingszerstreuungen. Er hatte bereits in einer sandigen Haide von
Geldern ein Paradies geschaffen, das viele Neugierige aus Holland und
Westphalen herbeizog. Marie hatte den Grundstein zu dem Schlosse gelegt,
und Bentinck hatte die Anlage der Fischteiche geleitet. Es gab dort
Wasserfälle und Grotten, eine große Orangerie und ein Vogelhaus, das
Hondekoeter zahlreiche Exemplare buntgefiederter Vögel lieferte.[63] Der
König sehnte sich in seiner glänzenden Verbannung nach dieser
Lieblingsresidenz und fand einigen Trost darin, daß er sich an den Ufern
der Themse ein zweites Loo schaffen konnte. Bald war eine große
Bodenfläche mit regelmäßigen Alleen und Gartenanlagen bedeckt. Viel
müßiger Scharfsinn wurde aufgeboten, um das verwickelte grüne Labyrinth
anzulegen, das fünf Generationen von Londoner Sonntagsbesuchern mit
Staunen und Freude erfüllt hat. Dreißigjährige Linden wurden aus den
benachbarten Wäldern dahin verpflanzt, um die Alleen zu beschatten.
Künstliche Springbrunnen warfen ihren Wasserstrahl zwischen den
Blumenbeeten empor. Ein neues Residenzschloß, zwar nicht vom reinsten
Styl, aber stattlich, geräumig und bequem, erstand unter Wren's Leitung.
Das Wandgetäfel war mit dem reichen und zarten Schnitzwerk eines Gibbons
verziert. Die Treppenhäuser entzückten das Auge durch Verrio's herrliche
Fresken. In jedem Winkel des Gebäudes zeigte sich ein Überfluß von
reizenden Tändeleien, welche englischen Augen noch ungewohnt waren.
Marie hatte aus dem Haag eine Liebhaberei für chinesisches Porzellan
mitgebracht, und sie legte jetzt in Hampton Court eine große Sammlung
häßlicher Figuren und Gefäße an, auf denen Häuser, Bäume, Brücken und
Mandarine in haarsträubendstem Widerspruch mit allen Regeln der
Perspective abgemalt waren. Diese Mode, welche so von der
liebenswürdigen Königin eingeführt wurde, verbreitete sich rasch und
weit. Nach wenigen Jahren enthielt fast jedes vornehme Haus im
Königreiche ein Museum solcher grotesker Spielereien. Selbst
Staatsmänner und Generäle schämten sich nicht des Rufes, den Werth von
Theekannen und Drachen richtig schätzen zu können, und die Satyriker
wiederholten lange Zeit hindurch, daß eine schöne Dame ihr buntbemaltes
Porzellangeschirr eben so hoch halte als ihren Affen und viel höher als
ihren Gatten.[64] Doch der neue Palast wurde auch mit Kunstwerken andrer
Art ausgeschmückt. Es ward eine Gallerie für die Cartons von Raphael
gegründet. Diese herrlichen Bilder, damals und noch heute die schönsten
diesseits der Alpen, waren durch Cromwell vor dem Schicksale bewahrt
worden, das die meisten anderen Meisterwerke der Sammlung Karl's I.
getroffen; aber man hatte sie viele Jahre in ihren hölzernen Kisten
ruhen lassen. Jetzt wurden sie aus dem Dunkel hervorgezogen, um von den
Künstlern mit Bewunderung und Verzweiflung betrachtet zu werden. Die
Kosten der Bauten und Einrichtungen von Hampton Court waren ein
Gegenstand bitterer Beschwerde für viele Tories, welche die grenzenlose
Verschwendung, mit der Karl II. die Wohnung der Herzogin von Portsmouth
gebaut und umgebaut, möblirt und anders möblirt, nur sehr mild getadelt
hatten.[65] Die Kosten waren jedoch nicht der Hauptgrund der
Unzufriedenheit, welche Wilhelm's Residenzwechsel erregte. Es gab keinen
Hof mehr in Westminster; Whitehall, einst der tägliche Sammelplatz der
Vornehmen und Mächtigen, der Schönen und Heiteren, der Ort, wohin
Dandies kamen, um ihre neuen Perrücken zu zeigen, Ritter der Galanterie,
um mit schönen Damen zu liebäugeln, Politiker, um ihr Glück zu
verfolgen, Müßiggänger, um Neuigkeiten zu hören, Landedelleute, um die
königliche Familie zu sehen, war jetzt, zur lebhaftesten Zeit des
Jahres, während London mit Fremden und Einheimischen gefüllt und das
Parlament versammelt war, gänzlich verödet. Eine einsame Schildwache
schritt auf dem von Gras überwucherten Pflaster vor dem Eingange auf und
ab, der einst zu eng gewesen war für die sich begegnenden Ströme der
kommenden und gehenden Höflinge. Die Dienste, welche die Hauptstadt dem
Könige geleistet, waren groß und noch neu, und man meinte, er habe diese
Dienste wohl besser vergelten können, als damit, daß er London
behandelte, wie Ludwig Paris behandelt habe. Halifax hatte den Muth,
dies anzudeuten; aber wenige Worte, die keine Erwiederung zuließen,
brachten ihn zum Schweigen. »Wollen Sie, daß ich sterbe?« sagte Wilhelm
in gereiztem Tone.[66]

    [Anmerkung 61: +Burnet II. 2.+; +Burnet M.S. Harl. 6584.+
    Ronquillo spricht sich noch viel umständlicher aus: +»Nada se ha
    visto desfigurado+; +y, quantas veces he estado con el, le he
    visto toser tanto que se le saltaban las lagrimas, y se ponia
    moxado y arrancando; y confiesan los medicos que es una asma
    incurable.«+ 8.(18.) März 1689. Avaux schrieb in demselben Sinne
    aus Irland: +»La santé de l'usurpateur est fort mauvaise. L'on ne
    croit pas qu'il vive un an.«+ 8.(18.) April.]

    [Anmerkung 62: +»Hasta decir los mismos Hollandeses que lo
    desconozean«+, sagt Ronquillo. +»Il est absolument mal propre pour
    le rôle qu'il a à jouer à l'heure qu'il est,«+ sagt Avaux.
    +»Slothful and sickly,«+ sagt Evelyn, 29. März 1689.]

    [Anmerkung 63: Siehe Harris' Beschreibung von Loo, 1699.]

    [Anmerkung 64: Wer die Werke Pope's und Addison's kennt, wird sich
    ihrer Sarkasmen über diese Mode erinnern. Lady Marie Wortley
    Montague schlug sich auf die andre Seite. »Alte Chinoiserien,«
    sagt sie, »machen Niemandes Geschmack Unehre, da der Herzog von
    Argyle Gefallen daran fand, dessen Einsicht niemals, weder von
    seinen Freunden noch von seinen Feinden, in Zweifel gezogen worden
    ist.«]

    [Anmerkung 65: Über die Bauten in Hampton Court siehe +Evelyn's
    Diary, Juli 16. 1689+; +The Tour through Great Britain, 1724+;
    +the British Apelles+; +Horace Walpole on Modern Gardening+;
    +Burnet II. 2, 3.+

    Als Evelyn 1662 in Hampton Court war, waren die Cartons noch nicht
    zu sehen. Die Triumphe von Andrea Montegna galten damals für die
    schönsten Gemälde des Palastes.]

    [Anmerkung 66: +Burnet, II. 2+; +Reresby's Memoirs.+ Ronquillo
    schreibt wiederholt in diesem Sinne. Zum Beispiel: +»Bien quisiera
    que el Rey fuese mas comunicable, y se acomodase un poco mas al
    humor sociable de los Ingleses, y que estubiera en Londres: pero
    es cierto que sus achaques no se lo permiten.«+ 8.(18.) Juli 1689.
    Avaux schreibt um dieselbe Zeit aus Irland an Croissy: +»Le Prince
    d'Orange est toujours à Hampton Court, et jamais à la ville: et le
    peuple est fort mal satisfait de cette manière bizarre et
    retirée.«+]


[_Der Hof in Kensington._] Es zeigte sich bald, daß Hampton Court zu
weit vom Hause der Lords und der Gemeinen wie von den öffentlichen
Ämtern entfernt war, um der gewöhnliche Wohnsitz des Souverains werden
zu können. Anstatt jedoch nach Whitehall zurückzukehren, beschloß
Wilhelm, eine andre Residenz zu beziehen, welche zur Leitung der
Regierungsgeschäfte nahe genug bei der Hauptstadt lag, doch aber nicht
so nahe, um im Bereiche der Atmosphäre zu sein, in der er keine Nacht
zubringen konnte ohne Gefahr, zu ersticken. Einmal dachte er an Holland
House, die Villa der vornehmen Familie Rich, und er residirte wirklich
einige Wochen daselbst.[67] Endlich aber entschied er sich für
Kensington House, den Landsitz des Earl von Nottingham. Es wurde für
achtzehntausend Guineen angekauft, und dem Ankaufe folgten neue Bauten,
neue Anpflanzungen, neue Geldausgaben und neue Unzufriedenheit.[68]
Gegenwärtig wird Kensington House als zu London gehörend betrachtet;
damals aber war es ein Landsitz und konnte zu jenen Zeiten der
Straßenräuber und nächtlichen Ruhestörer, der kothigen Straßen und
schlechten Beleuchtung, nicht füglich der Sammelplatz der vornehmen
Gesellschaft sein.

    [Anmerkung 67: Mehrere von seinen Briefen an Heinsius sind von
    Holland House datirt.]

    [Anmerkung 68: +Narcissus Luttrell's Diary+; +Evelyn's Diary,
    Feb. 25. 1689/90.+]


[_Wilhelm's ausländische Günstlinge._] Es war wohl bekannt, daß der
König, der die englische Noblesse und Gentry so unfreundlich behandelte,
in einem kleinen Kreise seiner Landsleute herablassend, vertraulich und
selbst heiter sein, seine Gedanken in fröhlicher Unterhaltung
aussprechen und sein Glas oft, vielleicht zu oft, füllen konnte, und
dies erschwerte in den Augen unserer Vorfahren seine Schuld. Unsere
Vorfahren hätten jedoch so viel gesunden Sinn und Gerechtigkeitsliebe
haben sollen, um zuzugestehen, daß der Patriotismus, den sie an sich
selbst als eine Tugend betrachteten, bei ihm kein Fehler sein konnte. Es
war ungerecht ihn deshalb zu tadeln, daß er die Liebe, die er zu seinem
Geburtslande hegte, nicht mit einem Male auf unsre Insel übertrug. Wenn
er in den Hauptsachen seine Pflicht gegen England erfüllte, konnte man
es ihm wohl nachsehen, daß er für Holland eine zärtliche Vorliebe
bewahrte. Eben so wenig verdient es einen Vorwurf, daß er in den Tagen
seiner Größe Gefährten nicht entfernte, die in seiner Kindheit mit ihm
gespielt, ihm durch alle Wechselfälle des Jünglings- und des
Mannesalters treu zur Seite gestanden, welche den ekelhaftesten und
gefährlichen Ansteckungen trotzend, an seinem Krankenlager gewacht,
im heißesten Schlachtgewühl sich zwischen ihn und die französischen
Schwerter geworfen, und deren Anhänglichkeit nicht dem Statthalter oder
dem Könige, sondern einfach Wilhelm von Nassau galt. Auch darf man
hinzusetzen, daß seine alten Freunde, wenn er sie mit seinen neuen
Höflingen verglich, in seiner Achtung steigen mußten. Alle seine
holländischen Kameraden verdienten, ohne Ausnahme, sein Vertrauen bis
ans Ende seines Lebens. Wohl konnten sie mit ihm schmollen, und, wenn
sie schmollten, hart und mürrisch sein; niemals aber, mochten sie auch
noch so erzürnt und unwillig sein, hörten sie auf seine Geheimnisse zu
bewahren, und mit der Treue wahrer Edelleute und Soldaten über seine
Interessen zu wachen. Unter seinen englischen Rathgebern war solche
Treue selten.[69] Es ist traurig, aber nicht mehr als gerecht
anzuerkennen, daß er nur zu guten Grund hatte, von unsrem
Nationalcharacter eine schlechte Meinung zu hegen. Dieser Character war
zwar im Wesentlichen so wie er immer gewesen ist. Wahrheitsliebe,
Biederkeit und männliche Unerschrockenheit waren damals wie noch jetzt
den Engländern vorzugsweise eigen. Aber so allgemein verbreitet diese
Eigenschaften unter der Masse des Volks sein mochten, in der Klasse,
welche Wilhelm am besten kannte, waren sie nur selten zu finden. Der
Maßstab der Ehre und Tugend war während seiner Regierung unter unseren
Staatsmännern sehr tief gesunken. Seine Vorfahren hatten ihm einen mit
allen Lastern der Restauration befleckten Hof hinterlassen, einen Hof,
der von Schmarotzern wimmelte, welche bereit waren, beim ersten Umschlag
des Glücks ihn zu verlassen, wie sie seinen Oheim verlassen hatten. Wohl
fand sich hier und da unter dem schamlosen Haufen ein Mann von wahrer
Rechtschaffenheit und echtem Gemeinsinn. Aber selbst ein solcher Mann
konnte nicht lange in solcher Umgebung leben, ohne daß seine strengen
Grundsätze und sein Gefühl für Recht und Unrecht in die größte Gefahr
geriethen. Es war ungerecht, einen von Schmeichlern und Verräthern
umgebenen Fürsten deshalb zu tadeln, daß er einige Diener in seiner Nähe
behalten wollte, die er hinreichend erprobt hatte, um überzeugt zu sein,
daß sie ihm bis zum Tode treu bleiben würden.

    [Anmerkung 69: De Foe entschuldigt Wilhelm im zweiten Theile
    seines +True Born Englishman+ folgendermaßen:

      Wir tadeln Wilhelm, daß er hat zu viel Gefallen
      An Deutschland's, Frankreich's, Holland's Söhnen allen
      Und selten mittheilt Großes von dem Staat
      Den Männern, welche sitzen in seinem brit'schen Rath.
      Der Grund davon ist nicht schwer beizubringen:
      Weil wir nur gar zu oft ihn hintergingen.
      Und in der That, das Narrenhaus ihm würd' gebühren,
      Wenn er getraut hätt' England's Cavalieren.
      Die Fremden stets gehorsam mit ihm zogen,
      Und nur von Engländern er immer ward betrogen.]


[_Allgemeine schlechte Verwaltung._] Und dies war nicht der einzige
Punkt, in welchem unsere Vorfahren sich ungerecht gegen ihn zeigten.
Sie hatten erwartet, daß ein so ausgezeichneter Feldherr und Staatsmann,
sobald er an der Spitze der Regierung stände, einen glänzenden Beweis --
was für einen wußten sie selbst nicht recht -- von Genie und Thatkraft
geben werde. Unglücklicherweise ging während der ersten Monate seiner
Regierung fast Alles schlecht. Seine bitter getäuschten Unterthanen
maßen ihm die Schuld bei und begannen zu zweifeln, ob er den Ruf
verdiene, den er sich beim ersten Eintritt ins öffentliche Leben
geschaffen und den der glänzende Erfolg seiner letzten großen
Unternehmung auf den höchsten Punkt gesteigert hatte. Wären sie in einer
Stimmung gewesen, um unbefangen urtheilen zu können, so würden sie
eingesehen haben, daß er für die schlechte Verwaltung, über die sie sich
mit gutem Grunde beschwerten, nicht verantwortlich war. Er konnte für
jetzt nur mit der Maschinerie arbeiten, die er vorgefunden hatte,
und diese Maschinerie war eitel Rost und Verfall. Von der Zeit der
Restauration bis zur Zeit der Revolution war die erfolgreiche Thätigkeit
jedes Zweiges der Verwaltung fast beständig durch Nachlässigkeit und
Betrug gehemmt worden. Ehrenstellen und öffentliche Ämter, Peers- und
Baronetstitel, Regimenter, Fregatten, Gesandtschaftsposten,
Gouverneursstellen, Commissariate, Pachtungen von Krongütern,
Lieferungscontracte auf Bekleidungsstücke, Lebensmittel und Munition,
Begnadigungen für begangene Mordthaten, Diebstähle und Brandstiftungen
wurden in Whitehall fast eben so offen verkauft wie Spargel in
Coventgarden oder Heringe in Billingsgate. Kupplerisches Volk hatte
beständig in den Umgebungen des Hofes nach Kundschaft umhergespäht, und
unter ihnen hatten zu Karl's Zeiten die Courtisanen, zu Jakob's Zeiten
die Priester das meiste Glück gehabt. Von dem Palaste aus, welcher der
Hauptsitz dieser Pestilenz gewesen war, hatte sich die Ansteckung über
alle Ämter und über alle Klassen der Beamten verbreitet und überall
Schwäche und Desorganisation hervorgerufen. Die Verderbtheit machte so
reißende Fortschritte, daß acht Jahre nach der Zeit, da Oliver Cromwell
der Schiedsrichter Europa's gewesen, der Donner der Kanonen de Ruyters
im Tower von London gehört wurde. Die Krebsschäden, die jene große
Demüthigung über das Land gebracht, hatten seitdem immer tiefer und
immer weiter um sich gegriffen. Man muß Jakob die Gerechtigkeit
widerfahren lassen, daß er einige von den gröbsten Mißbräuchen, welche
die Marineverwaltung schändeten, abgeschafft hatte. Doch trotz seiner
Reformbestrebungen entlockte die Marineverwaltung Männern, welche das
Seewesen Frankreich's und Holland's kannten, nur ein mitleidiges
Achselzucken. Noch schlechter war die Militärverwaltung. Die Höflinge
ließen sich von den Obersten bestechen, die Obersten betrogen die
Soldaten, die Kriegscommissare schickten lange Rechnungen über Dinge
ein, welche nie geliefert worden waren, die Arsenalinspectoren
verkauften die öffentlichen Vorräthe und steckten den Erlös in ihre
Tasche. Obgleich aber diese Krebsschäden unter der Regierung Karl's und
Jakob's entstanden und zur Reife gediehen waren, machten sie sich doch
erst unter Wilhelm's Regierung ernstlich fühlbar. Denn Karl und Jakob
hatten sich damit begnügt, die Vasallen und Pensionäre eines mächtigen
und ehrgeizigen Nachbars zu sein; sie unterwarfen sich seinem
Übergewicht, sie vermieden mit kleinmüthiger Ängstlichkeit Alles,
was ihn hätte beleidigen können, und so beugten sie auf Kosten der
Unabhängigkeit und Würde der alten, ruhmvollen Krone, welche zu tragen
sie nicht werth waren, einem Kampfe vor, der sofort gezeigt haben würde,
wie ohnmächtig unter ihrer verkehrten Regierung das einst mächtige Reich
geworden war. Es lag weder in Wilhelm's Macht noch in seinem Character,
in die Fußtapfen ihrer schimpflichen Politik zu treten. Nur durch
Waffengewalt konnte die Freiheit und die Religion England's gegen den
furchtbarsten Feind geschützt werden, der unsre Insel bedroht hatte,
seitdem die Hebriden mit den Trümmern der Armada bedeckt worden. Der
Staatskörper, der im Zustande der Ruhe einen oberflächlichen Anschein
von Gesundheit und Kraft gezeigt hatte, war jetzt in die Nothwendigkeit
versetzt, jeden Nerv zu einem Kampfe auf Leben und Tod anzuspannen,
und es zeigte sich sofort, daß er der Anstrengung nicht gewachsen war.
Gleich nach den ersten Versuchen stellte sich eine völlige
Muskelerschlaffung, ein gänzlicher Mangel an Übung und Erfahrung heraus.
Diese Versuche schlugen, mit kaum einer Ausnahme, fehl, und jeden
Fehlschlag legte das Volk nicht _den_ Regenten, deren schlechte
Verwaltung die Gebrechen des Staats hervorgerufen, sondern _dem_
Regenten zur Last, unter welchem die Gebrechen des Staats sichtbar
wurden.

Wäre Wilhelm ein so unumschränkter Herrscher gewesen als Ludwig, so
hätte er allerdings diejenigen energischen Heilmittel anwenden können,
welche der englischen Staatsverwaltung sehr bald die Elasticität
wiedergegeben haben würde, die ihr seit Oliver's Tode fehlte. Aber die
augenblickliche Beseitigung tief eingewurzelter Mißbräuche war eine
Aufgabe, welche weit über die Kraft eines schon durch das Gesetz, und
noch mehr durch die Schwierigkeiten seiner Stellung sehr eingeengten
Fürsten ging.[70]

    [Anmerkung 70: Ronquillo war so einsichtsvoll und gerecht,
    Einräumungen zu machen, welche die Engländer nicht machten.
    Nachdem er in einem Schreiben vom 1.(11.) März 1689 den traurigen
    Zustand des Heer- und Seewesens geschildert, sagt er: +»De esto no
    tiene culpa el Principe de Oranges; per que pensar que se han de
    poder volver en dos meses tres Reynes de abaxo arriba es una
    extravagancia.«+ Der Lordpräsident Stair sagt in einem ungefähr
    vier Wochen später aus London datirten Briefe, daß die
    Verzögerungen in der englischen Verwaltung den Ruhm des Königs
    geschmälert hätten, »doch ohne seine Schuld.«]


[_Uneinigkeit unter den Staatsdienern._] Einige der größten
Schwierigkeiten seiner Lage entsprangen aus dem Benehmen der Minister,
auf die er sich als Neuling in den Details der englischen
Staatsangelegenheiten hinsichtlich der ihm nöthigen Aufschlüsse über
Menschen und Dinge verlassen mußte. Es fehlte seinen vornehmsten
Rathgebern zwar nicht an Befähigung; aber die eine Hälfte ihrer
Befähigung wurde dazu angewendet, der andren Hälfte entgegenzuwirken.
Zwischen dem Lord-Präsidenten und dem Geheimsiegelbewahrer bestand eine
tief eingewurzelte Feindschaft.[71] Diese Feindschaft hatte zwölf Jahre
vor der Zeit begonnen, als Danby Lord Schatzmeister, ein Verfolger der
Nonconformisten und hartnäckiger Vertheidiger der Kronrechte wurde, und
als Halifax als einer der beredtesten Führer der Vaterlandspartei zur
Auszeichnung gelangte. Unter der Regierung Jakob's hatten beide
Staatsmänner der Opposition angehört, und ihre gemeinsame Feindschaft
gegen Frankreich und gegen Rom, gegen die Hohe Commission und gegen das
Dispensationsrecht hatte eine anscheinende Aussöhnung herbeigeführt;
sobald sie aber wieder zusammen im Amte waren, erwachte die alte
Abneigung von neuem. Man hätte meinen sollen, daß der Haß der Whigpartei
gegen Beide ein festeres Zusammenhalten zwischen ihnen bewirken müßte;
in Wahrheit aber sah Jeder von ihnen mit Wohlgefallen die dem Andren
drohende Gefahr. Danby bemühte sich, eine starke Phalanx von Tories um
sich zu schaaren. Unter dem Vorwande geschwächter Gesundheit zog er sich
vom Hofe zurück, kam selten in den Staatsrath, dem zu präsidiren seine
Pflicht war, brachte viel Zeit auf dem Lande zu, und nahm kaum einen
andren Antheil an den Staatsgeschäften, als daß er über alle Maßregeln
der Regierung mäkelte und spottete, auf seinen Privatvortheil spekulirte
und seinen persönlichen Günstlingen Stellen verschaffte.[72] In Folge
dieses Abfalls wurde Halifax Premierminister, insoweit man unter dieser
Regierung einen Minister überhaupt Premierminister nennen konnte. Eine
ungeheure Geschäftslast fiel auf ihn, und er war nicht im Stande, diese
Last zu tragen. An Geist und Beredtsamkeit, an umfassendem Verständniß
und scharfer Unterscheidungsgabe hatte er unter den Staatsmännern seiner
Zeit nicht seines Gleichen. Aber eben diese Fruchtbarkeit, eben dieser
Scharfsinn, die seiner Unterhaltung, seinen Reden und seinen Schriften
einen besondern Reiz verliehen, machten ihn zur schnellen Entscheidung
praktischer Fragen untauglich. Gerade sein ungewöhnlicher Scharfsinn
machte ihn langsam, denn er sah so viele Gründe für und wider jedes
mögliche Verfahren, daß er mehr Zeit brauchte, um zu einem Entschlusse
zu kommen, als ein beschränkter Kopf gebraucht haben würde. Anstatt mit
seinem ersten Gedanken zufrieden zu sein, replicirte er sich selbst
immer und immer wieder. Wer ihn sprechen hörte, mußte zugeben, daß er
wie ein Engel sprach; aber wenn er Alles was sich sagen ließ erschöpft
hatte und zum Handeln kam, war nur zu oft der rechte Augenblick zum
Handeln vorüber.

Inzwischen bemühten sich die beiden Staatssekretäre fortwährend, ihren
Gebieter nach direct einander entgegengesetzten Richtungen zu ziehen.
Jeder Plan, jede Person, welche der Eine empfahl, ward von dem Andren
verworfen. Nottingham wurde nicht müde zu wiederholen, daß die alte
Rundkopfpartei, die Partei, welche Karl I. um's Leben gebracht und gegen
das Leben Karl's II. conspirirt hatte, im Prinzip republikanisch und daß
die Tories die einzig wahren Freunde der Monarchie seien. Shrewsbury
entgegnete, daß die Tories wohl Freunde der Monarchie sein könnten, daß
sie aber Jakob als ihren Monarchen betrachteten. Nottingham erzählte
beständig im königlichen Kabinet von tollen Hirngespinnsten, mit denen
sich einige alte Kalbskopfesser, die Überreste der einst mächtigen
Partei Bradshaw's und Ireton's, in den Wirthshäusern der City noch immer
beschäftigten. Shrewsbury zeigte wüthende Pasquille vor, welche die
Jakobiten tagtäglich in den Kaffeehäusern vertheilten. »Jeder Whig,«
sagte der Torysekretär, »ist ein Feind der Prärogative Eurer Majestät.«
-- »Jeder Tory,« sagte der Whigsekretär, »ist ein Feind des Rechtstitels
Eurer Majestät.«[73]

Auch im Schatzamte gab es nichts als Eifersüchteleien und
Zänkereien.[74] Der erste Commissar, Mordaunt, und der Kanzler der
Schatzkammer, Delamere, waren zwar Beide eifrige Whigs; aber obgleich
sie dem nämlichen politischen Glauben anhingen, waren sie doch von ganz
verschiedenem Character. Mordaunt war flatterhaft, verschwendrisch und
großmüthig. Die Schöngeister der damaligen Zeit witzelten über die Art
und Weise, wie er von Hampton-Court nach der Börse und von der Börse
zurück nach Hampton-Court flog; man konnte nicht begreifen wie er Zeit
fand zu seinem Anzuge, zu den Staatsgeschäften, zu Liebschaften und zum
Balladendichten.[75] Delamere war finster und empfindlich, streng in
seinen Privatsitten und pünktlich in seinen Andachtsübungen, aber gierig
nach unedlem Gewinn. Die beiden ersten Finanzbeamten wurden daher Feinde
und harmonirten nur in dem Hasse gegen ihren Collegen Godolphin. Wie kam
er in dieser Zeit des protestantischen Übergewichts nach Whitehall, er,
der mit Papisten im Amte gesessen, der sich kein Gewissen daraus gemacht
hatte, Maria von Modena in den Götzendienst der Messe zu begleiten? Der
kränkendste Umstand aber war, daß Godolphin, obgleich sein Name in der
Commission die dritte Stelle einnahm, thatsächlich der erste Lord des
Schatzes war. Denn in financiellem Wissen und in Geschäftserfahrung
waren Mordaunt und Delamere im Vergleich zu ihm wahre Schulknaben, und
dies erkannte Wilhelm sehr bald.[76]

Ähnliche Fehden wütheten auch in den übrigen großen Amtscollegien wie in
allen untergeordneten Schichten der Staatsdiener. In jedem Zollhause,
in jedem Arsenale gab es einen Shrewsbury und einen Nottingham, einen
Delamere und einen Godolphin. Die Whigs beklagten sich, daß es keinen
Verwaltungszweig gäbe, in welchem nicht Creaturen der gestürzten Partei
zu finden wären. Umsonst führe man zur Rechtfertigung an, daß diese
Männer in den Geschäftsdetails erfahren, daß sie im Besitz amtlicher
Traditionen seien und daß die Freunde der Freiheit, nachdem sie
Jahrelang von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen gewesen, unmöglich
befähigt sein könnten, mit einem Male die ganze Leitung der Geschäfte
auf sich zu nehmen. Die Erfahrung habe allerdings ihren Werth,
sicherlich aber sei die erste aller Qualificationen eines Dieners die
Treue, und kein Tory könne ein wahrhaft treuer Diener der neuen
Regierung sein. Wenn König Wilhelm klug wäre, so würde er sich lieber
auf Neulinge, die von Eifer für sein Interesse und für seine Ehre
beseelt wären, als auf Veteranen verlassen, welche zwar Geschick und
Kenntnisse besitzen könnten, dieses Geschick und diese Kenntnisse aber
zur Herbeiführung seines Untergangs anwenden würden.

Die Tories dagegen beklagten sich, daß ihr Antheil an der Regierung in
keinem Verhältniß zu ihrer Anzahl und zu ihrem Gewicht im Lande stehe,
daß überall alte und nützliche Staatsdiener um keines andren Verbrechens
willen, als weil sie Freunde der Monarchie und der Kirche wären, von
ihren Posten vertrieben worden seien, um Ryehouseverschwörern und
Conventikelbesuchern Platz zu machen. Diese Emporkömmlinge, wohlerfahren
in der Kunst der Parteibewegungen, aber unwissend in Allem was zu ihrem
neuen Beruf gehöre, würden erst anfangen etwas zu lernen, wenn sie durch
ihre Fehler die Nation ruinirt hätten. Von einem hochgestellten Beamten
müsse man doch sicherlich mehr verlangen, als daß er nur ein Rebell und
Schismatiker sei. Was solle aus den Finanzen, was aus der Marine werden,
wenn Whigs, die nicht den einfachsten Rechnungsabschluß verständen,
das Staatseinkommen verwalten, wenn Whigs, die in ihrem Leben kein
Seemagazin betreten, die Flotte ausrüsten sollten?[77]

Das Wahre ist, daß die Beschuldigungen, welche die beiden Parteien gegen
einander erhoben, in beträchtlicher Ausdehnung wohl begründet, der Tadel
aber, den Beide auf Wilhelm warfen, ungerecht war. Geschäftliche
Erfahrung war fast ausschließlich nur unter den Tories, aufrichtige
Anhänglichkeit an die neue Ordnung der Dinge fast nur unter den Whigs zu
finden. Der König konnte nichts dafür, daß Kenntniß und Eifer, welche
vereinigt einen schätzbaren Diener des Staats bilden, damals nur
getrennt oder gar nicht vorhanden waren. Stellte er Leute der einen
Partei an, so lief er große Gefahr, Fehlgriffe zu thun. Stellte er Leute
der andren Partei an, so lief er große Gefahr, verrathen zu werden.
Stellte er Leute beider Parteien an, so war immer noch einige Gefahr,
daß er Fehlgriffe that oder Verräther wählte, und zu diesen Gefahren kam
dann noch die Gewißheit der Uneinigkeit. Er konnte Whigs und Tories
nebeneinanderstellen, sie zu verschmelzen lag nicht in seiner Macht.
Mochten sie auch in dem nämlichen Amte, an dem nämlichen Pulte arbeiten,
sie waren und blieben Feinde und stimmten nur darin überein, daß sie
gegen den Fürsten murrten, der es versuchen wollte, den Vermittler
zwischen ihnen zu spielen. Unter solchen Umständen mußte die Verwaltung,
die fiscalische, wie die militärische und maritime, unvermeidlich
schwach und schwankend sein; nichts konnte ganz auf die richtige Art und
ganz zur rechten Zeit geschehen; die Uneinigkeiten, von denen kaum eine
Staatsbehörde frei war, mußten Calamitäten erzeugen und jede Calamität
mußte die Spaltung verschlimmern, aus der sie entstanden war.

    [Anmerkung 71: +Burnet II. 4.+; +Reresby's Memoirs.+]

    [Anmerkung 72: +Reresby's Memoirs+; +Burnet MS. Harl. 6584.+]

    [Anmerkung 73: +Burnet II. 3, 4, 15.+]

    [Anmerkung 74: +Burnet II. 5.+]

    [Anmerkung 75:

      Woher nimmt er die Stunden, sagt,
      Die er dem Hofe widmet und der Stadt,
      Den Staatsgeschäften und der Liebe Macht,
      Der Eitelkeit und auch der Geistes Saat?

    +The Modern Lampooners. Ein Gedicht von 1690.+]

    [Anmerkung 76: +Burnet II. 4.+]

    [Anmerkung 77: Ronquillo nennt die Whigbeamten +»Gente que no
    tienen practica ni experiencia.«+ Er setzt hinzu: +»Y de esto
    proce de el pasarse un mes y un otro, sin executarse nada.«+ 24.
    Juni 1689. In einem der unzähligen »Gespräche«, welche damals
    erschienen, wirft der toryistische Interlocutor die Frage auf:
    »Meint Ihr, die Regierung würde mit Geschäftsunkundigen besser
    daran sein?« Der Whig antwortet: »Besser unwissende Freunde als
    vielwissende Feinde.«]


[_Das Departement der auswärtigen Angelegenheiten._] Ein Departement gab
es jedoch, das gut verwaltet wurde: das Departement der auswärtigen
Angelegenheiten. Hier leitete Wilhelm Alles, ohne weder den Rath noch
den Beistand irgend eines englischen Staatsmannes in Anspruch zu nehmen.
Nur einen unschätzbaren Gehülfen hatte er zur Seite: Anton Heinsius,
welcher einige Wochen nach Beendigung der Revolution Großpensionär
von Holland wurde. Heinsius war als Mitglied der Partei, welche
auf die Macht des Hauses Oranien eifersüchtig war und gern auf
freundschaftlichem Fuße mit Frankreich stehen wollte, ins öffentliche
Leben eingetreten. Im Jahre 1681 aber war er mit einer diplomatischen
Mission nach Versailles geschickt worden, und ein kurzer Aufenthalt
daselbst hatte eine vollständige Änderung in seinen Ansichten
herbeigeführt. Bei näherer Bekanntschaft wurde er beunruhigt durch die
Macht und gereizt durch die Anmaßung dieses Hofes, von dem er, so lange
er ihn aus der Entfernung gesehen, eine vortheilhafte Meinung gehegt
hatte. Er fand, daß sein Vaterland verachtet wurde, er sah seine
Religion verfolgt, und sein officieller Character schützte ihn nicht
vor einigen persönlichen Kränkungen, die er bis zum letzten Tage seiner
langen Laufbahn nicht vergaß. Als treuer Anhänger Wilhelm's und
unversöhnlicher Feind Ludwig's kehrte er nach Hause zurück.[78]

Das Amt des Großpensionärs war immer ein wichtiges Amt, ganz besonders
aber dann, wenn der Statthalter vom Haag abwesend war. Wären Heinsius'
politische Ansichten noch dieselben gewesen wie früher, so hätten alle
großen Pläne Wilhelm's scheitern können. Zum Glück aber bestand zwischen
diesen beiden ausgezeichneten Männern eine vollkommene Freundschaft,
die bis zu dem Tage, wo der Tod sie löste, nicht einen Augenblick durch
Argwohn oder Mißhelligkeiten getrübt wurde. Über alle großen Fragen der
europäischen Politik waren sie gleicher Meinung, und sie correspondirten
lebhaft und rückhaltlos mit einander, denn es hielt zwar schwer, ehe
Wilhelm Jemandem Vertrauen schenkte, wem er es aber schenkte, dem
schenkte er es ganz. Die Correspondenz ist noch vorhanden und gereicht
Beiden zur größten Ehre. Die Briefe des Königs würden allein schon zur
Genüge beweisen, daß er einer der größten Staatsmänner war, welche
Europa hervorgebracht hat. So lange er lebte, begnügte sich der
Großpensionär damit, der gehorsamste, zuverlässigste und verschwiegenste
Diener zu sein; nach dem Ableben des Gebieters aber erwies sich der
Diener als befähigt, die Stelle des Gebieters mit seltenem Geschick zu
vertreten, und er war in ganz Europa als ein Mitglied des großen
Triumvirats berühmt, das den Stolz Ludwig's XIV. demüthigte.[79]

    [Anmerkung 78: +Négociations de M. le Comte d'Avaux, 4. Mars
    1683+; +Torcy's Memoirs.+]

    [Anmerkung 79: Die Originalcorrespondenz zwischen Wilhelm
    und Heinsius ist holländisch. Eine französische Übersetzung
    sämmtlicher Briefe Wilhelm's, und eine englische
    Übersetzung einiger Briefe Heinsius' befinden sich unter den
    Mackintosh-Manuscripten. Der Baron Sirtema de Grovestins, dem die
    Originale zu Gebote standen, führt in seiner +»Histoire des luttes
    et rivalités entre les puissances maritimes et la France«+ häufig
    Stellen daraus an. Zwischen seiner Version und der meinigen ist
    zwar im Style ein bedeutender Unterschied, im Wesentlichen aber
    ein sehr geringer.]


[_Religionsstreitigkeiten._] Die auswärtige Politik England's, von
Wilhelm persönlich, in innigem Einverständniß mit Heinsius, geleitet,
war damals außerordentlich geschickt und erfolgreich. In jedem andren
Verwaltungszweige aber waren die aus der gegenseitigen Erbitterung der
Parteien entspringenden Nachtheile nur zu sichtbar. Und dies war noch
nicht Alles. Zu den aus der gegenseitigen Erbitterung der politischen
Parteien entspringenden Übeln gesellten sich andere Übel, welche aus dem
gegenseitigen Hasse der Religionssecten entsprangen.

Das Jahr 1689 bildet in der kirchlichen Geschichte England's eine nicht
minder wichtige Epoche als in der bürgerlichen. In diesem Jahre wurde
die erste gesetzliche Indulgenz gegen die Dissenters bewilligt. In
diesem Jahre wurde der letzte ernstliche Versuch gemacht, die
Presbyterianer in den Schooß der englischen Landeskirche zu bringen. Von
diesem Jahre datirt ein neues Schisma, trotz früherer ähnlicher Vorgänge
von Männern hervorgerufen, welche stets erklärt hatten, daß sie
Kirchenspaltungen mit besonderem Abscheu und Präcedenzfälle mit
besonderer Verehrung betrachteten. In diesem Jahre begann der lange
Kampf zwischen zwei großen Parteien von Conformisten. Diese beiden
Parteien hatten zwar seit der Reformation von jeher unter verschiedenen
Formen in der anglikanischen Kirche existirt, aber bis nach der
Reformation standen sie einander nicht in regelmäßiger und permanenter
Schlachtordnung gegenüber und waren daher nicht unter bestimmten Namen
bekannt. Kurz nach Wilhelm's Thronbesteigung begannen sie die
Hochkirchenpartei und die Niederkirchenpartei genannt zu werden und
lange vor dem Ende seiner Regierung waren diese Bezeichnungen allgemein
gebräuchlich.[80]

Im Sommer des Jahres 1688 hatte es den Anschein gehabt, als ob die
Spaltungen, welche so lange den großen Körper der englischen
Protestanten zerrissen, fast ihre Endschaft erreicht hätten. Die
Streitigkeiten über Bischöfe und Synoden, über geschriebene Gebete und
extemporirte Gebete, über weiße Röcke und schwarze Röcke, über
Besprengen und Eintauchen, über Knien und Sitzen, waren auf kurze Zeit
eingestellt. Die dichtgedrängte Phalanx, welche damals gegen die
Papisterei im Felde stand, füllte den ganzen Zwischenraum aus, welcher
Sancroft von Bunyan trennte. Prälaten, die sich noch vor Kurzem als
Verfolger der religiösen Freiheit ausgezeichnet hatten, erklärten sich
jetzt zu Freunden derselben und ermahnten ihren Klerus, stets in
gastfreundlichem und dienstbereiten Verkehr mit den Separatisten zu
leben. Separatisten auf der andren Seite, welche noch vor kurzem Mitren
und Batistärmel für die Livree des Antichrist erklärt hatten,
erleuchteten zu Ehren der Prälaten ihre Fenster und warfen Holz in die
Freudenfeuer.

Diese Gesinnungen steigerten sich fortdauernd, bis sie ihren Höhepunkt
an dem denkwürdigen Tage erreichten, an welchem der gemeinsame
Unterdrücker endlich Whitehall verließ und eine mit orangefarbenen
Bändern geschmückte zahllose Menge zu St. James den gemeinsamen Befreier
begrüßte. Als die Londoner Geistlichkeit, mit Compton an der Spitze,
herbeikam, um dem Manne, dessen Gott sich als Werkzeug zur Rettung der
Kirche und des Staats bedient, ihren Dank auszusprechen, schlossen sich
dem Zuge auch einige hervorragende nonconformistische Geistliche an.
Viele gute Menschen freuten sich zu hören, daß fromme und gelehrte
presbyterianische Geistliche im Gefolge eines Bischofs gegangen, mit
brüderlicher Freundlichkeit von ihm begrüßt und im Empfangszimmer von
ihm seine lieben und geachteten Freunde genannt worden waren, die zwar
durch einige Meinungsverschiedenheiten in unwichtigen Punkten von ihm
getrennt, durch christliche Liebe und gemeinsamen Eifer für das
Wesentliche des reformirten Glaubens aber mit ihm verbunden seien. Nie
hatte es zuvor und nie hat es seitdem in England einen zweiten solchen
Tag gegeben. Der Strom der Gefühle war schon im Umschlagen begriffen,
und die Ebbe trat noch rascher ein als die Fluth eingetreten war.

    [Anmerkung 80: Obwohl diese ganz angemessenen Benennungen meines
    Wissens in keinem während der ersten Regierungsjahre Wilhelm's
    gedruckten Buche vorkommen, nehme ich doch keinen Anstand, mich
    derselben bei Darstellung der Ereignisse jener Jahre zu bedienen,
    wie es auch von Anderen geschehen ist.]


[_Die Hochkirchenpartei._] In Zeit von wenigen Stunden begann der
Hochkirchliche, von zärtlicher Liebe für den Feind, dessen Tyrannei
jetzt nicht mehr gefürchtet ward, und von Abneigung gegen die
Bundesgenossen, deren Dienste entbehrlich geworden waren, erfüllt zu
werden. Es war leicht, beide Gefühle zu befriedigen, indem man die
schlechte Verwaltung des verbannten Königs den Dissenters zur Last legt.
Sr. Majestät -- so lautete jetzt die Sprache nur zu vieler
anglikanischer Geistlichen -- würde ein vortrefflicher Regent gewesen
sein, wäre er nicht zu vertrauensvoll, und zu nachsichtig gewesen. Er
habe sein Vertrauen einer Klasse von Leuten geschenkt gehabt, die seine
Stellung, seine Familie und seine Person mit unversöhnlicher Erbitterung
haßten. Durch den vergeblichen Versuch, ihre Zuneigung zu gewinnen, habe
er sich zu Grunde gerichtet. Er habe sie, in Widerspruch mit dem Gesetz
und dem einmüthigen Sinne der alten royalistischen Partei, von dem
Drucke des Strafcodex befreit, habe ihnen gestattet, Gott auf ihre
eigene armselige und geschmacklose Weise öffentlich zu verehren, habe
sie zur Richterbank und in den Geheimrath zugelassen, ihnen Pelzroben,
goldene Ketten, Gehalte und Pensionen gewährt. Zum Dank für seine
Liberalität seien diese Leute, welche einst so trotzig in ihrem Gebahren
und so unbändig in ihrer Opposition selbst gegen die rechtmäßige
Autorität gewesen, die niedrigsten Schmeichler geworden. Sie hätten ihm
noch Beifall zugejauchzt und ihn ermuthigt, als schon die ergebensten
Freunde seines Hauses sich voll Scham und Kummer aus seinem Palaste
entfernt gehabt. Wer habe die Religion und die Freiheit seines
Vaterlandes schändlicher verkauft als Titus? Wer habe eifriger für die
Dispensationsgewalt gestritten als Alsop? Wer habe ungestümer auf die
Verfolgung der sieben Bischöfe gedrungen als Lobb? Welcher nach einer
Dechanei lüsterne Kaplan habe, selbst wenn er am 30. Januar oder am 29.
Mai in Anwesenheit des Königs gepredigt, jemals plumpere Schmeicheleien
zu Tage gebracht, als man sie leicht in den Adressen auffinden könne,
durch welche dissentirende Glaubensgesellschaften ihren Dank für die
ungesetzliche Indulgenzerklärung ausgedrückt hätten? Sei es zu
verwundern, wenn ein Fürst, der nie juristische Werke studirt, nur seine
rechtmäßige Prärogative auszuüben geglaubt habe, als er so durch eine
Partei ermuthigt worden sei, welche jederzeit mit ihrem Hasse gegen
willkürliche Gewalt geprahlt habe? Durch solche Leitung irregeführt,
sei er immer weiter auf dem falschen Wege fortgeschritten, habe er sich
endlich Herzen entfremdet, welche früher ihr bestes Blut zu seiner
Vertheidigung vergossen haben würden, habe er keine anderen Stützen
behalten als seine alten Feinde, und, als der Tag der Gefahr gekommen,
habe er gefunden, daß die Gesinnungen seiner alten Feinde gegen ihn noch
die nämlichen waren wie zu der Zeit, da sie ihn seines Erbes zu berauben
versucht und gegen sein Leben conspirirt hatten. Jeder Verständige habe
längst gewußt, daß die Sectirer keine Liebe zur Monarchie hegten; jetzt
habe es sich gezeigt, daß sie eben so wenig Liebe zur Freiheit hegten.
Ihren Händen Gewalt anzuvertrauen, werde ein Mißgriff sein, der der
Nation nicht minder verderblich werden müsse als dem Throne. Wenn es, um
etwas übereilt gegebene Zusicherungen zu erfüllen, für nöthig erachtet
werden sollte, ihnen Erleichterung zu gewähren, so müsse jedes
Zugeständniß von Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln begleitet sein.
Vor Allem dürfe Niemandem, der ein Feind der kirchlichen Verfassung des
Landes sei, irgend eine Betheiligung an der Civilverwaltung gestattet
werden.


[_Die Niederkirchenpartei._] Zwischen den Nonconformisten und den
strengen Conformisten stand die Niederkirchenpartei. Diese Partei
enthielt und enthält noch jetzt zwei ganz verschiedene Elemente: ein
puritanisches und ein latitudinarisches Element. Über fast jede Frage,
die sich auf die kirchliche Verfassung wie auf das Ceremoniell des
öffentlichen Gottesdienstes bezog, waren jedoch der puritanische
Niederkirchliche und der latitudinarische Niederkirchliche vollkommen
einig. Sie sahen in der bestehenden Kirchenverfassung und in dem
bestehenden Ceremoniell keinen Mangel, keinen Übelstand, der es
ihnen hätte zur Pflicht machen können, Dissenters zu werden.
Nichtsdestoweniger waren sie der Meinung, daß die Verfassung sowohl wie
das Ceremoniell Mittel und nicht Zwecke seien und daß der wesentliche
Geist des Christenthums ohne Bischöfe und ohne ein allgemeines Gebetbuch
bestehen könne. Als Jakob auf dem Throne saß, waren sie die
Hauptwerkzeuge zur Bildung der großen Coalition gegen Papisterei und
Tyrannei gewesen und sie führten 1689 noch dieselbe versöhnliche
Sprache, die sie 1688 geführt hatten. Die Gewissensscrupel der
Nonconformisten tadelten sie mild. Es sei unzweifelhaft eine große
Schwäche zu glauben, daß es etwas Sündhaftes sein könne, einen weißen
Chorrock zu tragen, ein Kreuz zu schlagen, oder an dem Geländer eines
Altars zu knieen. Die höchste Autorität aber habe die unzweideutigsten
Vorschriften darüber erlassen, wie solche Schwäche zu behandeln sei. Der
schwache Bruder sei nicht zu verdammen, nicht zu verachten; Gläubige von
stärkerem Geiste seien gehalten, ihn durch große Nachgiebigkeit zu
beschwichtigen und sorgfältig jeden Stein des Anstoßes, der ihn
Veranlassung geben könne, Andersdenkende zu verletzen, aus seinem Wege
zu entfernen. Ein Apostel habe erklärt, daß er, obwohl er selbst gegen
den Genuß von thierischer Nahrung und Wein kein Bedenken hege, doch
lieber Pflanzen essen und Wasser trinken wolle, als daß er dem
Geringsten seiner Heerde ein Ärgerniß gäbe. Was würde er wohl von
Kirchenfürsten gedacht haben, welche um eines Gewandes, einer Geberde
oder einer Stellung willen nicht nur die Kirche gespalten, sondern alle
Gefängnisse England's mit Männern von orthodoxem Glauben und frommem
Lebenswandel gefüllt hätten? Die tadelnden Bemerkungen, welche die
Hochkirchlichen über das neuerliche Benehmen der Dissenters gemacht,
wurden von den Niederkirchlichen für höchst ungerecht erklärt. Das
Wunder liege nicht darin, daß einige wenige Nonconformisten dankbar eine
Indulgenz angenommen hätten, die, so gesetzwidrig sie auch gewesen, doch
ihnen die Thüren ihrer Kerker geöffnet und ihre häusliche Ruhe gesichert
habe, sondern darin, daß die Nonconformisten im allgemeinen der Sache
einer Verfassung treu geblieben seien, von deren Wohlthaten sie lange
ausgeschlossen gewesen. Es sei höchst unbillig, die Fehler einiger
weniger Individuen einer ganzen großen Partei zur Last zu legen. Selbst
unter den Bischöfen der Landeskirche habe Jakob Werkzeuge und
Schmeichler gefunden. Das Benehmen Cartwright's und Parker's sei viel
weniger zu entschuldigen gewesen, als das Alsop's und Lobb's. Gleichwohl
würden Diejenigen, welche die Dissenters für die Fehler Alsop's und
Lobb's verantwortlich hielten, es ohne Zweifel für sehr unvernünftig
erklären, wenn man die Landeskirche für die weit größere Schuld
Cartwright's und Parker's verantwortlich machen wolle.

Die Geistlichen der Niederkirche waren eine Minorität, und zwar keine
große Minorität ihres Standes; ihr Gewicht aber stand weit über dem
Verhältniß ihrer Anzahl, denn sie waren in der Hauptstadt stark
vertreten, sie hatten daselbst großen Einfluß und das Durchschnittsmaß
ihrer Intelligenz und wissenschaftlichen Bildung war bei ihnen höher als
bei ihrem Stande im allgemeinen. Wir wurden ihre numerische Stärke
wahrscheinlich noch zu hoch anschlagen, wenn wir sie auf ein Zehntel der
gesammten Geistlichkeit schätzten. Es wird jedoch schwerlich bestritten
werden können, daß sie in ihrer Mitte eben so viele Männer von
ausgezeichneter Beredtsamkeit und Gelehrsamkeit zählten, als sich unter
den übrigen neun Zehnteln zusammengenommen fanden. Unter den Laien, die
sich der herrschenden Landeskirche angeschlossen, war das Verhältniß der
Parteien ziemlich gleich. Die Linie, welche sie trennte, war in der That
sehr wenig unterschieden von der Linie, welche die Whigs und Tories
trennte. Im Hause der Gemeinen, welches gewählt worden war, als die
Whigs die Oberhand hatten, war die Niederkirchenpartei entschieden
überwiegend; bei den Lords aber herrschte ein fast genaues Gleichgewicht
und es bedurfte nur sehr geringfügiger Umstände, um die Wagschale
emporzuschnellen.


[_Wilhelm's Pläne bezüglich der Kirchenverfassung._] Das Oberhaupt der
Niederkirchenpartei war der König. Er war als Presbyterianer erzogen
worden, seiner rationalen Überzeugung nach war er ein Latitudinarier,
und persönlicher Ehrgeiz sowohl als auch höhere Beweggründe vermochten
ihn, zwischen den protestantischen Secten als Vermittler aufzutreten.
Sein Bestreben war auf die Einführung dreier großer Reformen in den die
kirchlichen Angelegenheiten betreffenden Gesetzen gerichtet. Sein erster
Zweck war, den Dissenters die Erlaubniß zur freien und ungestörten
Abhaltung ihres Gottesdienstes zu erwirken. Sein zweiter Zweck war,
in dem anglikanischen Ritual und Kirchenregiment solche Abänderungen
vorzunehmen, welche die gemäßigten Nonconformisten gewinnen konnten,
ohne Diejenigen zu verletzen, denen jenes Ritual und Kirchenregiment
theuer war. Sein dritter Zweck war, den Protestanten ohne Unterschied
der Secten bürgerliche Ämter zugänglich zu machen. Alle drei Zwecke
waren gut, aber nur der erste war zur Zeit erreichbar. Für den zweiten
kam er zu spät, für den dritten zu früh.


[_Burnet, Bischof von Salisbury._] Wenige Tage nach seiner
Thronbesteigung that er einen Schritt, welcher seine Gesinnungen in
Bezug auf Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienst unverkennbar
andeutete. Er fand nur einen Bischofsstuhl unbesetzt. Seth Ward, der
viele Jahre hindurch das Kirchspiel von Salisbury verwaltet und sich als
einer von den Begründern der Königlichen Societät ehrenvoll
ausgezeichnet hatte, starb, nachdem er seine Fähigkeiten längst
überlebt, während das Land durch die Wahlen für die Convention bewegt
wurde, ohne zu wissen, daß große Ereignisse, von denen nicht das
unwichtigste unter seinem eignen Dache stattgefunden, seine Kirche und
sein Vaterland vom Untergange gerettet hatten. Die Wahl eines
Nachfolgers war nicht leicht. Diese Wahl mußte unvermeidlich von der
Nation als ein Prognostikon von höchster Bedeutung betrachtet werden.
Außerdem mußte die Anzahl der Geistlichen, die sich während der
Streitigkeiten der letzten drei Jahre durch Gelehrsamkeit,
Beredtsamkeit, Muth und Rechtschaffenheit ausgezeichnet hatten, den
König in Verlegenheit setzen. Burnet erhielt den Vorzug. Sein Anrecht
war unzweifelhaft groß; aber Wilhelm würde gewiß eine ruhigere Regierung
gehabt haben, wenn er mit der wohlverdienten Beförderung seines Kaplans
noch einige Zeit gewartet und die erste hohe geistliche Würde, welche
nach der Revolution durch die Krone zu vergeben war, einem der neuen
Regierung ergebenen, aber dem Klerus nicht allgemein verhaßten berühmten
Theologen verliehen hätte. Unglücklicherweise war Burnet's Name der
großen Mehrzahl der anglikanischen Geistlichen verhaßt. Obwohl er, dem
Prinzip nach, keineswegs zur extremen Fraction der latitudinarischen
Partei gehörte, so wurde er doch vom Volke als die Personifikation des
Latitudinarismus betrachtet. Diese Auszeichnung verdankte er der
hervorragenden Stellung, die er in der Literatur und der Politik
einnahm, der Gewandtheit seiner Zunge und seiner Feder und vor Allem der
Offenheit und Unerschrockenheit seines Characters, einer Offenheit,
welche kein Geheimniß bewahren konnte, und einer Unerschrockenheit, die
vor keiner Gefahr zurückbebte. Er hegte nur eine geringe Meinung von der
Gesammtheit seiner geistlichen Brüder und mit seiner gewohnten
Indiscretion ließ er sich oft verleiten, diese Meinung auszusprechen.
Dafür haßten sie ihn aber auch mit einer Erbitterung, die auf ihre
Nachfolger überging und noch jetzt, nach anderthalbem Jahrhundert, nicht
nachzulassen scheint.

Sobald der Beschluß des Königs bekannt wurde, fragte man sich überall:
Was wird der Erzbischof thun? Sancroft hatte sich von der Convention
fern gehalten, er hatte sich geweigert, einen Sitz im Geheimen Rathe
einzunehmen, er hatte aufgehört zu confirmiren, zu ordiniren und
einzusetzen, und nur selten sah man ihn außerhalb der Mauern seines
Palastes zu Lambeth. Bei jeder Gelegenheit erklärte er, daß er sich noch
immer durch seinen alten Unterthaneneid gebunden erachte. Burnet
betrachtete er als ein Ärgerniß für den Priesterstand, als einen
Presbyterianer im Chorrock. Der Prälat, der seine Hände auf dieses
unwürdige Haupt legte, würde mehr als eine große Sünde begehen. Er würde
an geheiligter Stätte und vor einer großen Versammlung von Gläubigen zu
gleicher Zeit einen Usurpator als König anerkennen und einem
Schismatiker den Rang eines Bischofs verleihen. Eine Zeit lang erklärte
Sancroft mit Bestimmtheit, er werde der Anordnung Wilhelm's nicht Folge
leisten. Lloyd von St. Asaph, der gemeinschaftliche Freund des
Erzbischofs und des neuerwählten Bischofs, drang umsonst mit Bitten und
Vorstellungen in ihn. Nottingham, der von allen der neuen Regierung
anhängenden Laien am besten mit dem Klerus stand, bot seinen Einfluß
ebenfalls auf, doch mit keinem besseren Erfolge. Die Jakobiten sagten
überall, daß sie des guten alten Primas gewiß seien, daß er den Muth
eines Märtyrers habe und daß er entschlossen sei, in der Sache der
Monarchie und der Kirche der äußersten Strenge der Gesetze zu trotzen,
mit denen die willfährigen Parlamente des 16. Jahrhunderts das
königliche Supremat geschützt hatten. Er hielt sich in der That lange;
im letzten Augenblicke aber sank ihm der Muth, und er sah sich nach
einem Auswege um. Zum Glück ließ sich sein Gewissen eben so oft durch
kindische Auskunftsmittel beruhigen, wie es durch kindische Bedenken
beunruhigt wurde. Ein kindischerer Ausweg als der, zu welchem er bei
dieser Gelegenheit griff, ist in allen Werken der Casuisten nicht zu
finden. Er wollte nicht persönlich Theil an der Feierlichkeit nehmen; er
wollte nicht öffentlich für den Prinzen und die Prinzessin als König und
Königin beten; er wollte nicht ihr Mandat verlangen, die Verlesung
desselben anbefehlen und dann für die Befolgung sorgen. Aber er stellte
eine Vollmacht aus, welche drei seiner Suffraganen, gleichviel welche,
ermächtigte, in seinem Namen und als seine Delegaten die Sünden zu
begehen, die er selbst nicht begehen mochte. Die Vorwürfe aller Parteien
brachten ihn bald dahin, daß er sich seiner selbst schämte. Nun
versuchte er es, die Augenscheinlichkeit seines Fehlers durch Mittel zu
verdecken, welche noch schimpflicher waren als der Fehler selbst. Er
entfernte aus den öffentlichen Acten, die er in seiner Verwahrung hatte,
das Dokument, durch welches er seine Amtsbrüder ermächtigt, anstatt
seiner zu handeln, und wurde nur mit Mühe bewogen, es wieder
herauszugeben.[81]

Burnet war indessen kraft dieses Dokuments zum Bischofe geweiht worden.
Als er das nächste Mal Marien besuchte, erinnerte sie ihn an die
Unterredungen, welche sie im Haag über die wichtigen Pflichten und die
große Verantwortlichkeit der Bischöfe mit einander gepflogen hatten.
»Ich hoffe,« sagte sie, »daß Sie Ihre Ansichten praktisch ausüben
werden.« Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht. Was man auch von Burnet's
Meinungen in Bezug auf Civil- und Kirchenverfassung, oder von der
Gesinnung und dem Urtheil denken mag, welche er bei Verfechtung dieser
Meinungen an den Tag legte, auch der böswilligste Parteigeist konnte
nicht zu leugnen wagen, daß er seine Heerde mit einem Eifer, einer
Sorgfalt und einer Uneigennützigkeit hütete, die den reinsten Zeiten der
Kirche würdig waren. Seine geistliche Oberherrschaft erstreckte sich
über Wiltshire und Berkshire. Diese Grafschaften theilte er in
Distrikte, die er fleißig besuchte. Jeden Sommer verwendete er etwa zwei
Monate darauf, täglich von Kirche zu Kirche zu predigen, zu katechisiren
und zu confirmiren. Als er starb, gab es in seinem Kirchspiele keinen
Winkel, wo das Volk nicht sieben bis acht Mal Gelegenheit gehabt hatte,
seine Belehrungen zu empfangen und seinen Rath zu erbitten. Das
schlechteste Wetter, die grundlosesten Wege hielten ihn nicht ab, diese
Pflichten zu erfüllen. Einmal als die Flüsse ausgetreten waren, setzte
er sich lieber der größten Lebensgefahr aus, als daß er die Erwartung
einer Landgemeinde, welche eine Predigt von dem Bischof zu hören hoffte,
getäuscht hätte. Die Armuth der niederen Geistlichkeit war fortwährend
ein Gegenstand der Besorgniß für sein menschenfreundliches und edles
Herz. Er war unermüdlich und zuletzt glücklich in seinen Bemühungen,
ihnen von Seiten der Krone die unter dem Namen »Königin Anna's
Schenkung« bekannte Unterstützung zu verschaffen.[82] Wenn er durch
seine Diöcese reiste, war er ganz besonders darauf bedacht, ihnen nicht
zur Last zu fallen. Anstatt sich von ihnen bewirthen zu lassen,
bewirthete er sie. Er nahm sein Hauptquartier stets in einem
Marktflecken, hielt daselbst offene Tafel und bemühte sich, durch seine
schlichte Gastfreundschaft und liebevolle Freigebigkeit die Herzen Derer
zu gewinnen, welche gegen seine Lehren eingenommen waren. Wenn er eine
dürftig besoldete Pfarrstelle vergab, und er hatte deren viele zu
vergeben, pflegte er dem Einkommen aus seiner eigenen Tasche zwanzig
Pfund jährlich zuzulegen. Zehn vielversprechende junge Leute, deren
jedem er dreißig Pfund jährlich aussetzte, studirten unter seinen Augen
in Salisbury Theologie. Obwohl er mehrere Kinder hatte, hielt er sich
doch nicht für berechtigt, Schätze für sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte
ihm ein anständiges Vermögen zugebracht; mit diesem Vermögen, sagte er
immer, müßten sie sich begnügen. Er könne sich nicht um ihretwillen der
Sünde schuldig machen, aus Einkünften, welche der Christenliebe und
Wohlthätigkeit geweiht seien, ein Vermögen zu sammeln. Solche Tugenden
werden in den Augen vernünftiger und vorurtheilsfreier Menschen gewiß
vollkommenen Ersatz für jeden Fehler bieten, der ihm mit Grund zur Last
gelegt werden kann.[83]

    [Anmerkung 81: +Burnet II. 8.+; +Birch's Life of Tillotson+; +Life
    of Kettlewell, part III. section 62.+]

    [Anmerkung 82: Swift, der unter dem Namen Gregor Misosarum
    schrieb, sagt boshafter und ehrloser Weise von Burnet, er habe der
    Kirche diese Schenkung nicht gegönnt. Es kann Swift nicht
    unbekannt gewesen sein, daß die Kirche diese Schenkung
    hauptsächlich Burnet's beharrlicher Fürsprache verdankte.]

    [Anmerkung 83: Siehe die Biographie Burnet's am Schlusse des
    zweiten Bandes seiner Geschichte, seine handschriftlichen
    Memoiren, Harl. 6584., seine Denkschriften über die Erstlinge und
    Zehnten, und Somers' Briefe an ihn über diesen Gegenstand. Auch
    vergleiche man was Dr. King, obwohl Jakobit, so gerecht war in
    seinen +Anecdotes+ zu sagen. Ein höchst ehrenvolles Zeugniß für
    Burnet's Tugenden, von einem andren Jakobiten, der ihn heftig
    angegriffen, und gegen den er sich äußerst großmüthig gezeigt
    hatte, von dem gelehrten und freimüthigen Thomas Baker, findet man
    im +Gentleman's Magazine+ für August und September 1791.]


[_Nottingham's Pläne in Bezug auf die kirchliche Verfassung._] Als er
seinen Sitz im Hause der Lords einnahm, fand er diese Versammlung mit
der Berathung kirchlicher Gesetze beschäftigt. Ein Staatsmann, der als
treuer Anhänger der Landeskirche bekannt war, hatte es unternommen, die
Sache der Dissenters zu vertheidigen. Kein Unterthan im ganzen Reiche
nahm mit Bezug auf die religiösen Parteien eine so wichtige und
gebietende Stellung ein als Nottingham. Mit dem Einflusse, welchen Rang,
Reichthum und amtliche Würde verleihen, verband er den noch höheren
Einfluß der wissenschaftlichen Bildung, der Beredtsamkeit und der
Rechtschaffenheit. Sein orthodoxer Glaube, die Regelmäßigkeit seiner
Andachtsübungen und die Reinheit seiner Sitten gaben seinen Ansichten
über Fragen, welche die Interessen des Christenthums berührten, ein
besonderes Gewicht. Von allen Ministern des neuen Herrscherpaares genoß
er am meisten das Vertrauen der Geistlichkeit. Shrewsbury war sicherlich
ein Whig und wahrscheinlich ein Freidenker, denn er hatte eine Religion
verloren, und es war nicht deutlich zu erkennen, ob er eine andre
gefunden. Halifax war seit vielen Jahren des Skepticismus, Deismus und
Atheismus beschuldigt worden. Danby's Anhänglichkeit an das Episkopat
und die Liturgie war mehr politischer als religiöser Natur. Nottingham
aber war ein Sohn, den die Landeskirche mit Stolz den Ihrigen nannte.
In Folge dessen konnten Vorschläge, die, wenn sie von seinen Collegen
ausgegangen wären, unfehlbar einen panischen Schrecken unter der
Geistlichkeit hervorgerufen haben würden, wenn er sie machte, eine
günstige Aufnahme selbst bei den Universitäten und Kapiteln finden.
Die Freunde der religiösen Freiheit sehnten sich mit gutem Grunde nach
seiner Mitwirkung, und er war auch, bis zu einem gewissen Punkte, nicht
abgeneigt, Hand in Hand mit ihnen zu gehen. Er war entschieden für eine
Toleranz; er war sogar für eine Comprehension, wie man es damals nannte,
das heißt er wünschte einige Abänderungen in dem anglikanischen
Kirchenregiment und Ritual vorzunehmen, um dadurch die Bedenken der
gemäßigten Presbyterianer zu heben. Aber die Testacte wollte er nicht
aufgeben. Der einzige Fehler, den er an dieser Acte fand, war, daß sie
nicht nachdrücklich genug sei und Schlupfwege offen lasse, durch die
sich Schismatiker zuweilen in bürgerliche Ämter einschlichen. In der
That war er gerade deshalb geneigt, in einige Abänderungen in der
Liturgie zu willigen, weil er keine Lust hatte, sich von der Testacte zu
trennen. Er meinte, wenn der Eingang in die Staatskirche nur ein klein
wenig erweitert werde, würden sehr viele Leute, welche bis dahin
zaudernd auf der Schwelle gestanden, sich hereindrängen. Diejenigen,
welche dann noch draußen blieben, würden nicht zahlreich oder mächtig
genug sein, um ein weiteres Zugeständniß erzwingen zu können, und würden
sich gern mit einer bloßen Toleranz abfinden lassen.[84]

Die Ansicht der Niederkirchlichen bezüglich der Testacte war von der
seinigen durchaus verschieden. Vielen von ihnen aber schien es von
höchster Wichtigkeit, seine Unterstützung bei den großen Fragen der
Toleranz und der Comprehension zu erlangen. Aus den zerstreuten
fragmentarischen Mittheilungen, welche auf uns gekommen sind, geht
hervor, daß ein Vergleich zu Stande kam. Es ist gewiß, daß Nottingham es
auf sich nahm, eine Toleranzbill und eine Comprehensionsbill
einzubringen und sich nach besten Kräften zu bemühen, daß beide Bills im
Hause der Lords angenommen würden. Und sehr wahrscheinlich ist es, daß
einige von den leitenden Whigs in Anerkennung dieses großen Dienstes
einwilligten, die Testacte vor der Hand unverändert fortbestehen zu
lassen.

Die Abfassung der Toleranzbill sowohl als der Comprehensionsbill hatte
keine Schwierigkeiten. Vor neun oder zehn Jahren, als das Königreich von
Angst vor einem papistischen Complot erfüllt und die Protestanten
allgemein geneigt waren, sich gegen den gemeinsamen Feind zu verbinden,
war die Lage der Dissenters vielfach discutirt worden. Die Regierung war
damals bereit gewesen, der Whigpartei umfassende Zugeständnisse zu
machen, unter der Bedingung, daß die Krone nach dem regelmäßigen Gange
forterben dürfe. Zwei Gesetzentwürfe, von denen der eine den
öffentlichen Gottesdienst der Nonconformisten gestattete, der andre
einige Abänderungen in dem öffentlichen Gottesdienste der Staatskirche
traf, waren vorbereitet worden und würden wahrscheinlich von beiden
Häusern ohne Schwierigkeit angenommen worden sein, hätten nicht
Shaftesbury und seine Coadjutoren sich geweigert, auf irgendwelche
Bedingungen zu hören, und sich, indem sie nach Unerreichbarem die Hand
ausstreckten, Vortheile entgehen lassen, welche leicht zu erlangen
gewesen wären. An der Abfassung dieser Gesetzentwürfe hatte Nottingham,
damals ein thätiges Mitglied des Hauses der Gemeinen, einen starken
Antheil gehabt. Jetzt zog er sie aus dem Dunkel hervor, in welchem sie
seit der Auflösung des Oxforder Parlaments geblieben waren, und legte
sie mit einigen unbedeutenden Abänderungen auf den Tisch der Lords.[85]

    [Anmerkung 84: Oldmixon möchte uns glauben machen, daß Nottingham
    damals nicht abgeneigt gewesen sei, die Testacte aufzugeben. Aber
    Oldmixon's Behauptung, welche durch keine Beweise unterstützt
    wird, ist von gar keinem Gewicht, und alle Zeugnisse, die er
    anführt, sprechen gegen seine Behauptung.]

    [Anmerkung 85: +Burnet II. 6+; Van Citters an die Generalstaaten,
    1.(11.) März 1689; +King William's Toleration being an explanation
    of that liberty of conscience which may be expected from His
    Majesty's Declaration, with a Bill for Comprehensions and
    Indulgence, drawn up in order to an Act of Parliament, licensed
    March 25. 1689.+]


[_Die Toleranzbill._] Die Toleranzbill ging in beiden Häusern nach
kurzer Debatte durch. Dieses berühmte Gesetz, das lange Zeit als die
große Charte der Religionsfreiheit betrachtet wurde, ist seitdem
umfassend modificirt worden und der jetzigen Generation fast nur dem
Namen nach bekannt. Der Name wird jedoch von Vielen, welche vielleicht
mit Verwunderung und Enttäuschung den wahren Character des Gesetzes
kennen lernen werden, das sie in Ehren zu halten gewohnt waren, noch
immer mit Achtung genannt.

Mehrere Gesetze, welche zwischen der Thronbesteigung der Königin
Elisabeth und der Revolution erlassen worden waren, schrieben Jedermann
bei strengen Strafen vor, dem Gottesdienste der Kirche England's
beizuwohnen und sich des Besuchs von Conventikeln zu enthalten. Die
Toleranzacte widerrief keines dieser Gesetze, sondern bestimmte nur, daß
sie auf Niemanden Anwendung finden sollten, der seine Loyalität durch
Ablegung der Unterthanen- und Suprematseide und seinen protestantischen
Glauben durch Unterzeichnung der Erklärung gegen die Transsubstantiation
bezeuge.

Die so gewährte Erleichterung kam sowohl den dissentirenden Laien
als den dissentirenden Geistlichen zu Gute. Der dissentirende Klerus
aber hatte noch einige besondere Ursachen zu Beschwerden. Die
Conformitätsacte hatte Jedem eine Geldbuße von hundert Pfund auferlegt,
der sich, ohne die bischöfliche Ordination empfangen zu haben, anmaßen
sollte, das Abendmahl zu reichen. Die Fünfmeilenacte hatte viele fromme
und gelehrte Geistliche von ihren Wohnplätzen und ihren Freunden
vertrieben, um in unbekannten Dörfern, welche auf keiner Landkarte zu
finden waren, unter Bauern zu leben. Die Conventikelacte hatte
denjenigen Geistlichen, welche vor Separatistenversammlungen predigen
sollten, schwere Geldbuße auferlegt, und in directem Widerspruche mit
dem humanen Geiste unsres gemeinen Rechts waren die Gerichtshöfe
angewiesen, diese Acte in umfassender Ausdehnung und zur wirksamen
Unterdrückung des Dissents wie zur Aufmunterung der Angeber zu
handhaben. Diese strengen Gesetze waren nicht aufgehoben, sondern nur,
mit vielen Bedingungen und Vorbehalten, gemildert. Es war
vorgeschrieben, daß jeder dissentirende Geistliche, ehe er seine
Amtsverrichtungen ausüben durfte, mit eigenhändiger Namensunterschrift
seinen Glauben an die Artikel der englischen Staatskirche, mit wenigen
Ausnahmen, feierlich erklären müsse. Die Punkte, zu denen seine
Zustimmung nicht verlangt wurde, waren: daß die Kirche die Befugniß
habe, das Ceremoniell zu reguliren, daß die in dem Homilienbuche
aufgestellten Lehren richtig seien, und daß die Ceremonie der Ordination
nichts Abergläubisches und Abgöttisches an sich habe. Erklärte er sich
für einen Baptisten, so brauchte er außerdem nicht zu versichern, daß
die Taufe der Kinder ein lobenswerther Gebrauch sei. Wenn ihm aber seine
Überzeugung nicht gestattete, vierunddreißig von den neununddreißig
Artikeln und den größten Theil von noch zwei anderen Artikeln zu
unterschreiben, so durfte er nicht predigen, ohne sich allen den Strafen
auszusetzen, welche die Cavaliere zur Zeit ihrer Macht und ihrer Rache
ersonnen hatten, um die schismatischen Prediger zu quälen und zu Grunde
zu richten.

Die Lage der Quäker war von der der übrigen Dissenters verschieden, und
zwar zu ihrem Nachtheile. Der Presbyterianer, der Independent und der
Baptist hatten keine Bedenken wegen des Suprematseides. Der Quäker aber
weigerte sich, denselben zu leisten, nicht weil er gegen den Satz, daß
fremde Fürsten und Prälaten in England keine Rechtsgewalt haben, etwas
einzuwenden gehabt hätte, sondern weil sein Gewissen ihm nicht
gestattete, auf irgend etwas zu schwören. Daher war er der Strenge eines
Theiles des Strafcodex ausgesetzt, welcher schon lange bevor das
Quäkerthum existirte von den Parlamenten Elisabeth's gegen die
Römisch-Katholischen ausgearbeitet worden war. Die Toleranzacte erlaubte
den Mitgliedern dieser harmlosen Secte, ihre Zusammenkünfte in Frieden
abzuhalten, unter der Bedingung, daß sie drei Urkunden unterzeichneten:
eine Erklärung gegen die Transsubstantiation, ein Versprechen der Treue
gegen die Regierung, und ein christliches Glaubensbekenntniß. Die
Einwendungen, welche der Quäker gegen die athanasianische Phraseologie
machte, hatten ihm die Beschuldigung des Socinianismus zugezogen, und
die starke Sprache, in der er zuweilen behauptete, daß er seine Kenntniß
von überirdischen Dingen unmittelbarer Eingebung von Oben verdanke,
hatte den Verdacht erweckt, daß er von der Autorität der heiligen
Schrift nicht viel halte. Es wurde daher von ihm verlangt, daß er seinen
Glauben an die Göttlichkeit des Sohnes und des heiligen Geistes, wie
auch an die Inspiration des Alten und Neuen Testaments erklären solle.

Dies waren die Bedingungen, unter denen die protestantischen Dissenters
in England zum ersten Male Gott nach ihrer Überzeugung verehren durften.
Es war ihnen ganz zweckmäßigerweise untersagt, ihre Versammlungen bei
verschlossenen Thüren zu halten; eine Klausel aber, welche es für
strafbar erklärte, ein Bethaus zu betreten, in der Absicht die
Versammlung zu belästigen, schützte sie gegen feindliches Eindringen.

Als ob die erwähnten Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln noch nicht
ausreichend gewesen wären, wurde nachdrücklich erklärt, daß die
Legislatur gegen keinen Papisten oder irgend Jemanden, der die Lehre von
der Dreieinigkeit, wie sie in den Formularen der englischen Landeskirche
aufgestellt ist, verwerfe, die geringste Nachsicht zu üben gedenke.

Von allen Acten, die jemals von einem Parlamente erlassen wurden, ist
die Toleranzacte vielleicht diejenige, welche auf die eigenthümlichen
Mängel und auf die eigenthümlichen Vorzüge der englischen Gesetzgebung
das grellste Licht wirft. Die Staatswissenschaft ist in einer Hinsicht
der Mathematik vollkommen analog. Der Mathematiker kann leicht darthun,
daß eine gewisse Kraft, welche vermittelst eines Hebels oder eines
Flaschenzugs angewendet wird, zum Heben einer gewissen Last ausreicht.
Seine Demonstration gründet sich auf die Voraussetzung, daß die
Maschinerie von der Art ist, daß keine Last sie biegen oder zerbrechen
kann. Wenn aber der Mechaniker, der vermittelst wirklicher Balken und
Seile eine große Masse wirklicher Steine zu heben hat, sich auf den
Lehrsatz, den er in Werken über Dynamik findet, unbedingt verlassen und
die Unvollkommenheit seines Materials nicht mit in Anschlag bringen
wollte, so würde sein ganzer Apparat von Balken, Rädern und Seilen bald
zusammenstürzen, und er würde mit all' seinen mathematischen Kenntnissen
als ein viel schlechterer Baumeister erfunden werden wie die bemalten
Barbaren, welche Stonehenge erbauten, obgleich sie von dem
Parallelogramm der Kräfte in ihrem Leben nichts gehört hatten. Wie sich
der Mechaniker zu dem Mathematiker verhält, so verhält sich der
praktische Staatsmann zu dem theoretischen Staatsmann. Es ist allerdings
höchst wichtig, daß Gesetzgeber und Regierende die Theorie des Regierens
genau kennen, wie es höchst wichtig ist, daß der Baumeister, der einen
Obelisk auf sein Piedestal stellen oder eine Röhrenbrücke über einen
Meeresarm legen soll, in der Theorie des Gleichgewichts und der Bewegung
bewandert sei. Wie aber der, welcher wirklich zu bauen hat, an Vieles
denken muß, wovon d'Alembert und Euler nie etwas erwähnt haben, so muß
auch Der, welcher wirklich regieren soll, sich beständig durch
Erwägungen leiten lassen, von denen in den Schriften Adam Smith's oder
Jeremias Bentham's keine Rede ist. Der vollkommene Gesetzgeber hält die
rechte Mitte zwischen dem Theoretiker, der nichts sieht als allgemeine
Grundsätze, und dem bloßen Praktiker, der nur specielle Umstände ins
Auge faßt. An Gesetzgebern, bei denen das spekulative Element bis zur
völligen Ausschließung des praktischen vorherrschte, ist die Welt
während der letzten achtzig Jahre auffallend fruchtbar gewesen. Ihrer
Weisheit verdanken Europa und Amerika Dutzende von abortiven
Verfassungen, welche gerade lange genug gelebt haben, um ein trauriges
Aufsehen zu machen, und die dann unter krampfhaften Zuckungen
verschieden sind. In der englischen Gesetzgebung aber hat das praktische
Element vor dem spekulativen stets, und nicht selten ungebührlich
vorgeherrscht. Nichts auf die Symmetrie, und viel auf die Zweckmäßigkeit
zu geben; niemals eine Anomalie blos deshalb zu beseitigen, weil sie
eine Anomalie ist; niemals eine Neuerung einzuführen, außer wenn sich
ein Nachtheil fühlbar macht, und Neuerungen nur in so weit einzuführen
als zur Hebung des Nachtheils nothwendig ist; niemals einen Vorschlag zu
machen, der sich weiter erstreckte, als auf den speciellen Fall, für
welchen Abhülfe zu schaffen ist: dies sind die Regeln, welche vom
Zeitalter Johann's bis zum Zeitalter Victoria's die Verhandlungen
unserer zweihundertfunfzig Parlamente geleitet haben. Unser nationaler
Widerwille gegen alles Abstracte in der Staatswissenschaft ist
allerdings so groß, daß er ein Fehler wird. Doch ist es vielleicht ein
Fehler zum Guten. Daß wir bei der Verbesserung unserer Gesetze viel zu
langsam gegangen sind, muß zugegeben werden. Obwohl aber in anderen
Ländern gelegentlich ein rascherer Fortschritt stattgefunden haben mag,
so würde es doch nicht leicht sein, ein andres Land zu nennen, in
welchem so wenig Rückschritt stattgefunden hätte.

Die Toleranzacte kommt dem Typus eines großen englischen Gesetzes sehr
nahe. Einen Juristen, der in der Theorie der Gesetzgebung wohl
bewandert, mit der Stimmung der Secten und Parteien aber, in welche die
Nation zur Zeit der Revolution gespalten war, nicht genau bekannt wäre,
würde jene Acte als ein wahres Chaos von Absurditäten und Widersprüchen
erscheinen. Sie wird eine Prüfung nach richtigen allgemeinen Prinzipien
nicht vertragen. Noch mehr, sie wird gar keine Prüfung nach irgend
welchem, gleichviel ob richtigen oder falschen Prinzip vertragen. Das
richtige Prinzip ist unzweifelhaft, daß ein rein theologischer Irrthum
von der Civilobrigkeit nicht bestraft werden darf. Dieses Prinzip
erkennt die Toleranzacte nicht nur nicht an, sondern sie leugnet es
sogar positiv. Kein einziges von den harten Gesetzen, welche die Tudors
oder die Stuarts gegen die Nonconformisten erlassen, ist aufgehoben.
Verfolgung ist nach wie vor die allgemeine Regel; Toleranz ist die
Ausnahme. Und dies ist noch nicht Alles. Die der Überzeugung gewählte
Freiheit wird in der launenhaftesten Weise gewährt. Ein Quäker erlangt
dadurch, daß er ein Glaubensbekenntniß in allgemeinen Ausdrücken ablegt,
den vollen Genuß der Acte, ohne einen der neununddreißig Artikel zu
unterschreiben. Ein Independentengeistlicher, der vollkommen bereit ist,
die von dem Quäker verlangte Erklärung abzugeben, der aber wegen sechs
oder sieben Artikeln Zweifel hegt, bleibt dem Strafgesetz unterworfen.
Howe ist straffällig, wenn er predigt, ohne zuvor seine Zustimmung zu
der anglikanischen Lehre vom Abendmahl feierlich erklärt zu haben. Penn,
der das Abendmahl ganz verwirft, kann völlig ungehindert predigen, ohne
irgend eine Erklärung über den Gegenstand abzugeben.

Dies sind einige von den unleugbaren Fehlern, welche Jedem auffallen
müssen, der die Toleranzacte nach dem Maßstabe der gesunden Vernunft
betrachtet, welcher in allen Ländern und zu allen Zeiten der nämliche
ist. Aber gerade diese Fehler können sich vielleicht als Vorzüge
herausstellen, wenn wir die Leidenschaften und Vorurtheile Derer in
Betracht ziehen, für welche die Toleranzacte erlassen wurde. Dieses an
Widersprüchen, die jeder Stümper in der Politik entdecken kann,
überreiche Gesetz leistete, was ein von den größten Meistern in der
Staatswissenschaft auf das Geschicktste ausgearbeitetes Gesetz
vielleicht nicht geleistet haben würde. Daß die obenangeführten
Bestimmungen lästig, kindisch, einander widersprechend und mit der
wahren Theorie der Religionsfreiheit nicht im Einklange sind, läßt sich
nicht leugnen. Alles was zu ihrer Vertheidigung angeführt werden kann,
ist, daß sie eine große Menge Hebel beseitigte, ohne eine große Menge
Vorurtheile zu verletzen; daß sie mit einem Male und für immer, ohne
eine einzige Abstimmung in einem der beiden Parlamentshäuser, ohne einen
einzigen Straßenaufstand und fast ohne hörbares Murren selbst von Seiten
der bigotteren Klassen, einer Verfolgung ein Ende machte, welche vier
Generationen hindurch gewüthet, zahllose Herzen gebrochen, zahllose
Herde verödet, die Gefängnisse mit Menschen gefüllt, welche für diese
Welt zu gut waren, und Tausende von rechtschaffenen, fleißigen und
gottesfürchtigen Landleuten und Handwerkern, welche den eigentlichen
Kern einer Nation bilden, über den Ocean getrieben hatte, um unter den
Wigwams rothhäutiger Indianer und den Lagerplätzen der Panther eine
Zufluchtsstätte zu suchen. Solche Vertheidigungsgründe mögen einigen
oberflächlichen Theoretikern vielleicht schwach vorkommen, Staatsmänner
aber werden sie ohne Zweifel für vollkommen ausreichend erklären.

Die Engländer von 1689 waren keineswegs geneigt, das Prinzip gelten zu
lassen, daß religiöser Irrthum ungestraft bleiben dürfe. Dieses Prinzip
war gerade damals unpopulärer als je, denn es war erst vor wenigen
Monaten arglistiger Weise als Vorwand benutzt worden, um die
Landeskirche zu verfolgen, die Grundgesetze des Reichs mit Füßen zu
treten, Freigüter einzuziehen und die bescheidene Ausübung des
Petitionsrechts als ein Verbrechen zu behandeln. Wenn damals eine
Bill entworfen worden wäre, welche allen Protestanten völlige
Gewissensfreiheit gewahrt hätte, so kann man mit Gewißheit behaupten,
daß Nottingham eine solche Bill niemals eingebracht, daß alle Bischöfe,
Burnet nicht ausgenommen, dagegen gestimmt haben würden, daß sie jeden
Sonntag von zehntausend Kanzeln herab als eine Beleidigung gegen Gott
und gegen alle Christen und als ein Freibrief für die ärgsten Ketzer und
Gottesleugner bezeichnet worden wäre, daß Bates und Baxter sie eben so
heftig verdammt haben würden als Ken und Sherlock, daß sie in der Hälfte
der englischen Städte vom Pöbel verbrannt worden, daß sie nie ein
Landesgesetz geworden wäre und daß sie schon das Wort Toleranz der
Mehrheit des Volks auf viele Jahre hinaus verhaßt gemacht haben würde.
Und dennoch, wenn eine solche Bill durchgegangen wäre, was würde sie
mehr bewirkt haben als die Toleranzacte bewirkte?

Es ist wahr, die Toleranzacte erkannte die Verfolgung als Regel an und
gewährte die Gewissensfreiheit nur als Ausnahme. Aber eben so wahr ist
es, daß die Regel nur gegen einige Hundert protestantischer Dissenters
in Kraft blieb und daß die Wohlthat der Ausnahme sich auf
Hunderttausende erstreckte.

Es ist wahr, daß es theoretisch widersinnig war, von Howe die
Unterzeichnung von vierunddreißig oder fünfunddreißig der anglikanischen
Artikel zu verlangen, bevor er predigen durfte, und Penn predigen zu
lassen, ohne daß er einen einzigen dieser Artikel unterzeichnete. Aber
eben so wahr ist es, daß Beide, Penn wie Howe, unter jenem Gesetz nicht
minder volle Freiheit zu predigen erlangten, als sie sie unter dem
weisesten Codex genossen haben würden, den ein Beccaria oder Jefferson
hätte ausarbeiten können.

Die Berathung der Bill ging leicht von Statten. Nur ein Amendement von
Wichtigkeit wurde vorgeschlagen. Einige eifrige Kirchenmänner im Hause
der Gemeinen sagten, daß es wohl wünschenswerth sein dürfte, die
Toleranz nur auf einen Zeitraum von sieben Jahren zu bewilligen und so
eine Garantie für das gute Verhalten der Nonconformisten zu erlangen.
Dieser Antrag aber wurde so ungünstig aufgenommen, daß Die, welche ihn
gestellt hatten, es nicht wagten, das Haus darüber abstimmen zu
lassen.[86]

Der König gab mit voller Befriedigung seine Zustimmung, die Bill wurde
Gesetz und die puritanischen Geistlichen drängten sich in allen
Grafschaften zu den Quartalsitzungen, um zu schwören und zu
unterzeichnen. Viele von ihnen mochten ihre Zustimmung zu den Artikeln
allerdings wohl mit einigen stillschweigenden Vorbehalten erklären.
Baxter aber wollte sein ängstliches Gewissen nicht gestatten den Schritt
zu thun, bevor er eine Erklärung über den Sinn, in welchem er jeden
Punkt verstand, zu Protokoll gegeben hatte. Das Schriftstück, welches
er dem Gerichtshofe, vor dem er die Eide leistete, überreichte,
ist noch vorhanden und enthält zwei Stellen von besonderem
Interesse. Er erklärte, daß seine Billigung des athanasianischen
Glaubensbekenntnisses sich auf denjenigen Theil beschränke, der ein
wirkliches Glaubensbekenntniß sei, und daß er den Verdammungssätzen
nicht beistimme. Ebenso erklärte er, daß er durch Unterschreibung des
Artikels, der über Alle, welche behaupten, man könne auch ohne Christi
Vermittlung selig werden, ein Anathema verhängt, Diejenigen nicht
verdammt haben wolle, welche die Hoffnung hegen, daß aufrichtige und
tugendhafte Ungläubige an den Wohlthaten der Erlösung Theil haben
können. Viele von den dissentirenden Geistlichen London's erklärten ihre
Verpflichtung zu diesen mildherzigen Gesinnungen.[87]

    [Anmerkung 86: +Commons' Journals, May 17. 1689+]

    [Anmerkung 87: Sense of the subscribed articles by the Ministers
    of London, 1690; Calamy's Historical Additions to Baxter's Life.]


[_Die Comprehensionsbill._] Die Geschichte der Comprehensionsbill bildet
einen auffallenden Contrast zur Geschichte der Toleranzbill. Beide Bills
hatten einen gemeinsamen Ursprung und, in bedeutender Ausdehnung, auch
einen gemeinsamen Zweck. Sie wurden zu gleicher Zeit entworfen und zu
gleicher Zeit bei Seite gelegt; sie geriethen zusammen in Vergessenheit
und wurden nach Verlauf mehrerer Jahre zusammen wieder vor die Augen der
Welt gebracht. Beide wurden von dem nämlichen Peer auf den Tisch des
Oberhauses niedergelegt und beide wurden dem nämlichen Ausschusse
überwiesen. Bald aber begann es sich zu zeigen, daß sie ein ganz
verschiedenes Schicksal haben würden. Die Comprehensionsbill war zwar
ein besseres Probestück legislativer Geschicklichkeit, als die
Toleranzbill, war aber nicht, wie diese, den Bedürfnissen, Gefühlen und
Vorurtheilen der lebenden Generation angepaßt. In Folge dessen wurde die
Comprehensionsbill, während die Toleranzbill von allen Seiten
Unterstützung fand, von allen Seiten angegriffen und zuletzt selbst von
Denen, die sie eingebracht hatten, lau und schwach vertheidigt. Um die
nämliche Zeit, wo die Toleranzbill unter allgemeiner Zustimmung der
Staatsmänner Gesetz wurde, ward die Comprehensionsbill unter nicht
minder allgemeiner Zustimmung fallen gelassen. Die Toleranzbill nimmt
heute noch unter den wichtigen Gesetzen, welche in unsrer
Verfassungsgeschichte Epochen bezeichnen, eine Stelle ein. Die
Comprehensionsbill ist vergessen. Kein Sammler von Alterthümern hat sie
der Aufbewahrung werth gehalten. Ein einziges Exemplar, das nämliche,
welches Nottingham den Peers vorlegte, befindet sich noch unter unseren
Parlamentsacten, ist aber nur einigen wenigen jetzt lebenden Personen zu
Gesicht gekommen. Es ist ein glücklicher Umstand, daß aus diesem
Exemplare fast die ganze Geschichte der Bill zu ersehen ist. Trotz der
Durchstreichungen und hineincorrigirten Änderungen sind die
ursprünglichen Worte leicht von denen zu unterscheiden, welche im
Ausschuß oder bei der Berichterstattung hineingeschrieben wurden.[88]

Die erste Klausel, wie sie bei Einbringung der Bill lautete, entband
alle Geistlichen der Landeskirche der Nothwendigkeit, die neununddreißig
Artikel zu unterschreiben. An die Stelle der Artikel war folgende
Erklärung gesetzt: »Ich billige die Lehre und den Gottesdienst und das
Regiment der Staatskirche England's, wie sie gesetzlich bestehen,
als alles zur Seligkeit Nothwendige enthaltend, und verspreche in der
Ausübung meines geistlichen Amtes demgemäß zu predigen und zu handeln.«
Eine andre Klausel gewährte den Mitgliedern der beiden Universitäten
gleiche Begünstigung.

Ferner war bestimmt, daß jeder Geistliche, der nach presbyterianischer
Weise ordinirt worden, ohne nochmalige Ordination alle Rechte eines
Priesters der Landeskirche erlangen konnte. Er mußte jedoch in seine
neuen Functionen durch Händeauflegen seitens eines Bischofs eingeführt
werden, welcher dabei folgende Formel auszusprechen hatte: »Empfange die
Ermächtigung, das Wort Gottes zu predigen, die Sakramente darzureichen
und alle anderen geistlichen Amtsverrichtungen in der Kirche von England
auszuüben.« Der so Aufgenommene war zur Bekleidung jedes Rectorats oder
Vikariats im Königreiche befähigt.

Dann folgten Klauseln, welche bestimmten, daß ein Geistlicher, außer in
einigen wenigen Kirchen von besonderem Ansehen, den Chorrock tragen
könne oder nicht, wie er es für gut fände, daß das Zeichen des Kreuzes
bei der Taufe weggelassen werden dürfe, daß die Kinder ohne Pathen oder
Pathinnen getauft werden dürften, wenn die Eltern es wünschten, und daß
Leute, denen es Gewissensscrupel machte, das Abendmahl knieend zu
empfangen, es sitzend empfangen dürften.

Der Schlußsatz war in Form einer Petition gefaßt. Es war darin
vorgeschlagen, daß die beiden Häuser den König und die Königin ersuchen
sollten, eine Ordre zu erlassen, welche dreißig Theologen der
Landeskirche ermächtigte, die Liturgie, die Kirchengesetze und die
Einrichtung der geistlichen Gerichtshöfe zu untersuchen und die sich bei
der Untersuchung als wünschenswerth herausstellenden Änderungen
anzuempfehlen.

Die Bill durchlief ruhig die ersten Stadien. Compton, welcher
thatsächlich Primas war, seit Sancroft sich in Lambeth eingeschlossen
hatte, unterstützte Nottingham aufs Kräftigste.[89] Im Ausschusse aber
zeigte es sich, daß es eine starke Partei von Hochkirchlichen gab,
welche entschlossen waren, kein einziges Wort, keine einzige Formalität
aufzugeben, denen es schien, daß Gebete ohne den Chorrock keine Gebete,
der Täufling ohne das Zeichen des Kreuzes kein Christ, und Brod und Wein
keine Denkzeichen der Erlösung und keine Gnadenvehikel seien, wenn sie
nicht knieend empfangen würden. Warum, fragten diese Männer, sollte der
gehorsame und treue Sohn der Landeskirche den Verdruß haben, in ihre
majestätischen Chöre die unehrerbietigen Gebräuche eines Conventikels
eingeführt zu sehen? Warum sollten seine Gefühle, seine Vorurtheile,
wenn es wirklich Vorurtheile wären, weniger berücksichtigt werden als
die Launen der Schismatiker? Wenn, wie Burnet und Leute wie Burnet nicht
müde wurden zu wiederholen, einem schwachen Bruder Nachsicht gebühre,
gebühre sie demjenigen Bruder, dessen Schwäche in seiner übergroßen
Liebe zu einem alten, einfachen und schönen Ritual bestehe, das von
Kindheit an in seiner Phantasie mit dem Erhabensten und Theuersten eng
verbunden sei, weniger als dem Bruder, dessen grämlicher und
streitsüchtiger Geist beständig auf läppische Einwendungen gegen
harmlose und heilsame Gebräuche sinne? Aber die Bedenklichkeit des
Puritaners sei wahrlich nicht die Art der Bedenklichkeit, welche der
Apostel den Gläubigen zu respectiren befohlen habe. Sie entspringe nicht
aus einer krankhaften Zartheit des Gewissens, sondern aus Tadelsucht und
geistlichem Hochmuth, und wer das Neue Testament studirt habe, dem könne
es unmöglich entgangen sein, daß, während es unsre Pflicht sei Alles zu
vermeiden was dem Schwachen ein Ärgerniß geben könne, göttliche
Vorschrift und göttliches Beispiel uns lehrten, dem anmaßenden und
lieblosen Pharisäer kein Zugeständniß zu machen. Sollte Alles was nicht
zum Wesen der Religion gehöre, aufgegeben werden, sobald es einem Haufen
Zeloten, denen Eigendünkel und Neuerungssucht die Köpfe verdreht hätte,
nicht mehr gefalle? Bemaltes Glas, Musik, Feiertage und Festtage
gehörten nicht zum Wesen der Religion. Sollten auf Verlangen der einen
Schaar Fanatiker die Fenster der Kapelle von King's College zerbrochen
werden? Sollte einer andren zu Gefallen die Orgel von Exeter verstummen?
Sollten alle Dorfglocken schweigen, weil Tribulation Wholesome oder
Diakonus Ananias sie für profan hielten? Sollte das Christfest kein
Freudentag mehr sein? Sollte die Passionswoche nicht länger eine Zeit
der Demüthigung bleiben? Diese Änderungen waren allerdings noch nicht
vorgeschlagen worden. Wenn wir aber, argumentirten die Hochkirchlichen,
einmal zugeben, daß etwas Harmloses und Erbauliches abgeschafft werde,
weil es einigen beschränkten Köpfen und Grämlingen Anstoß giebt, wo
sollen wir dann einhalten? Und ist es nicht wahrscheinlich, daß wir,
indem wir so versuchen, ein Schisma zu heilen, ein andres hervorrufen
können? Alle die Dinge, welche die Puritaner als Flecken der Kirche
betrachten, werden von einem großen Theile der Bevölkerung zu den
Schönheiten derselben gerechnet. Kann sie nicht, indem sie aufhört
einigen mürrischen Rigoristen Ärgerniß zu geben, zu gleicher Zeit ihren
Einfluß auf die Herzen Vieler verlieren, die sich jetzt an ihren
Gebräuchen erfreuen? Steht nicht zu befürchten, daß für jeden
Proselyten, den sie aus dem Bethause an sich zieht, zehn ihrer alten
Söhne ihren verstümmelten Riten und des Schmuckes beraubten Tempeln den
Rücken kehren und daß diese neuen Separatisten sich entweder zu einer
viel mächtigeren Secte als die, welche wir jetzt zu versöhnen suchen,
zusammenschaaren oder in der Heftigkeit ihres Abscheues vor einer kalten
und unwürdigen Gottesverehrung sich verleiten lassen, zu dem feierlichen
und glänzenden Götzendienst Rom's überzugehen?

Es ist bemerkenswerth, daß Die, welche diese Sprache führten, keineswegs
geneigt waren, für die doctrinellen Artikel der Staatskirche zu
streiten. In Wahrheit hat seit den Zeiten Jakob's I. die große Partei,
welche besonders für die anglikanische Kirchenverfassung und das
anglikanische Ritual eingenommen war, sich immer stark zum Arminianismus
hingeneigt und daher nie sehr fest an einem Glaubensbekenntniß gehangen,
das von Reformatoren entworfen war, welche in Fragen der metaphysischen
Theologie im Allgemeinen mit Calvin übereinstimmten. Eines von den
characteristischen Kennzeichen dieser Partei ist die Geneigtheit, welche
sie stets an den Tag gelegt hat, sich bei Punkten der dogmatischen
Theologie lieber auf die aus Rom stammende Liturgie als auf die aus Genf
stammenden Artikel und Homilien zu berufen. Die calvinistischen
Mitglieder der Kirche haben dagegen stets behauptet, daß die
wohlerwogene Meinung derselben über solche Punkte vielmehr in einer
Homilie oder in einer Dankeshymne zu finden sei. Es scheint nicht,
daß bei den Debatten über die Comprehensionsbill ein einziger
Hochkirchlicher seine Stimme gegen die Klausel erhob, welche den Klerus
der Nothwendigkeit entband, die Artikel zu unterschreiben und die in den
Homilien enthaltene Doctrin für richtig zu erklären. Die Erklärung,
welche in dem ursprünglichen Entwurf an die Stelle der Artikel gesetzt
war, wurde sogar in der Berichterstattung sehr gemildert. Nach dem
schließlichen Wortlaute der Klausel war den Dienern der Landeskirche
vorgeschrieben zu erklären, nicht daß sie ihre Verfassung _billigten_,
sondern bloß daß sie sich derselben unterwürfen. Wäre die Bill Gesetz
geworden, so würden die dissentirenden Prediger die Einzigen im ganzen
Königreiche geworden sein, welche die Artikel zu unterschreiben gehabt
hätten.[90]

Die Leichtigkeit mit der die eifrigen Freunde der Landeskirche das
Glaubensbekenntniß derselben aufgaben, contrastirt auffallend mit der
Begeisterung, mit der sie für die Verfassung und das Ritual derselben
stritten. Die Klausel, welche presbyterianischen Geistlichen gestattete,
ohne bischöfliche Ordination Pfründen zu besitzen, wurde verworfen.
Die Klausel, welche skrupulösen Personen gestattete, sitzend zu
communiciren, entging mit genauer Noth dem nämlichen Schicksale. Im
Ausschusse wurde sie weggestrichen und bei der Berichterstattung nur mit
großer Mühe wieder aufgenommen. Die Majorität der anwesenden Peers war
gegen die vorgeschlagene Begünstigung und nur die Stellvertreter gaben
gerade noch den entgegengesetzten Ausschlag.

Inzwischen begann es sich jedoch zu zeigen, daß der Bill, welche die
Anhänger der Hochkirche so heftig angriffen, von ganz andrer Seite
Gefahren drohten. Die nämlichen Gründe, welche Nottingham bewogen hatten
eine Comprehension zu unterstützen, machten dieselbe für eine große
Anzahl von Dissenters zu einem Gegenstande der Besorgniß und Abneigung.
Das Wahre ist, daß die Zeit für einen solchen Plan vorüber war. Wäre
Elisabeth hundert Jahre früher, als die Spaltung unter den Protestanten
noch neu war, so weise gewesen, von dem Verlangen der Beobachtung
einiger weniger Formen abzustehen, welche ein großer Theil ihrer
Unterthanen als papistisch betrachtete, so hatte sie vielleicht die
entsetzlichen Calamitäten verhüten können, welche vierzig Jahre nach
ihrem Tode die Kirche heimsuchten. Aber eine Kirchenspaltung hat in der
Regel die Tendenz, sich zu vergrößern. Hätte Leo X., als die
Erpressungen und Betrügereien der Ablaßkrämer zuerst den Unwillen
Sachsen's erregten, diesem Unwesen mit kräftiger Hand gesteuert, so ist
es nicht unwahrscheinlich, daß Luther im Schooße der römischen Kirche
gestorben sein würde. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt
vorübergehen, und als wenige Jahre später der Vatikan durch
Nachgiebigkeit in dem ursprünglichen Streitpunkte gern den Frieden
erkauft haben würde, war der ursprüngliche Gegenstand des Streits fast
vergessen. Der durch einen einzelnen Mißbrauch geweckte Prüfungsgeist
hatte tausende entdeckt oder zu entdecken geglaubt; Controversen
erzeugten Controversen, jeder Versuch, den einen Streit beizulegen,
endigte damit, daß er einen andren hervorrief, und schließlich machte
ein allgemeines Concil, das man während der ersten Stadien des Übels für
ein untrügliches Heilmittel gehalten hatte, die Sache völlig
hoffnungslos. In dieser Beziehung wie in vielen anderen gleicht die
Geschichte des Puritanismus in England genau der Geschichte des
Protestantismus in Europa. Das Parlament von 1689 konnte durch Duldung
eines Gewandes oder einer Stellung der Nonconformität eben so wenig ein
Ende machen, wie die Doctoren von Trient durch Regulirung des Ablasses
die teutonischen Völker mit dem Papstthum versöhnen konnten. Im 16.
Jahrhundert war das Quäkerthum noch unbekannt und es gab im ganzen
Reiche nicht eine einzige Independenten- oder Baptistengemeinde. Zur
Zeit der Revolution bildeten die Independenten, Baptisten und Quäker die
Majorität der Dissenters und diese Secten konnten nicht durch
Bedingungen gewonnen werden, welche der entschiedenste Niederkirchliche
zu bieten geneigt gewesen wäre. Der Independent war der Ansicht, daß
eine Landeskirche, welche durch was immer für eine Centralgewalt, ob
Papst, Patriarch, König, Bischof oder Synode, regiert wurde, eine nicht
schriftgemäße Institution und daß jede Gemeinschaft von Gläubigen unter
Christi Autorität eine souveraine Gesellschaft sei. Der Baptist war noch
unnachgiebiger als der Independent, und der Quäker noch unnachgiebiger
als der Baptist. Daher würden Concessionen, welche vor Zeiten der
Nonconformität ein Ende gemacht hätten, jetzt noch nicht die Hälfte der
Nonconformisten befriedigt haben, und jedem Nonconformisten, den kein
Zugeständniß befriedigen konnte, mußte nothwendig darum zu thun sein,
daß auch keiner seiner Glaubensbrüder zu befriedigen war. Je liberaler
die Bedingungen der Comprehension waren um so größer war die Besorgniß
jedes Separatisten, welcher wußte, daß er in keinem Falle comprehensirt
werden konnte. Es war also nur wenig Hoffnung, daß die Dissenters, auch
wenn sie ungetheilt und wie Ein Mann handelten, von der Legislatur volle
Zulassung zu bürgerlichen Rechten erlangen würden, und jede Hoffnung,
diese Zulassung zu erlangen, mußte aufgegeben werden, wenn es Nottingham
mit Hülfe einiger wohlmeinender aber kurzsichtiger Freunde der
Religionsfreiheit möglich werden sollte, seinen Plan durchzuführen. Wenn
seine Bill durchging, so erfolgte unzweifelhaft ein erheblicher Abfall
von der Dissenterschaft, und jeder Abfall mußte von einer ohnehin schon
in der Minderzahl befindlichen, unterdrückten und gegen mächtige Feinde
kämpfenden Klasse schwer empfunden werden. Überdies mußte jeder Proselyt
doppelt gezählt werden, einmal als Verlust für die Partei, welche gerade
jetzt nur zu schwach war, und einmal als Gewinn für die schon zu starke
Gegenpartei. Die Kirche war nur zu gut im Stande, allen Secten im
Königreiche die Spitze zu bieten, und wenn diese Secten durch einen
bedeutenden Abfall gelichtet und die Kirche durch einen bedeutenden
Zugang verstärkt werden sollte, so war es offenbar mit aller Aussicht
auf eine Milderung der Testacte vorbei und nur zu wahrscheinlich,
daß die Toleranzacte bald wieder zurückgenommen werden würde.

Selbst diejenigen presbyterianischen Geistlichen, deren Gewissensscrupel
zu heben die Comprehensionsbill insbesondere bestimmt war, hegten
keineswegs einhellig den Wunsch, sie angenommen zu sehen. Die
talentvollsten und beredtsamsten Prediger waren seit dem Erscheinen der
Indulgenzerklärung sehr angenehm in der Hauptstadt und anderen großen
Städten placirt und sollten jetzt unter der sicheren Garantie einer
Parlamentsacte die Duldung genießen, welche unter der Indulgenzerklärung
gesetzwidrig und unsicher gewesen war. Die Lage dieser Männer war von
der Art, daß die große Mehrzahl der Geistlichen der Landeskirche sie mit
Recht beneiden konnten. In der That, nur wenige Parochialgeistliche
waren so reichlich mit Bequemlichkeiten und Genüssen bedacht, als der
Lieblingsprediger einer großen Nonconformistengemeinde in der City.
Die freiwilligen Beiträge seiner wohlhabenden Zuhörer, bestehend aus
Aldermen und Rathsherren, Kaufleuten, welche nach Westindien und
der Levante Handel trieben, Ältesten der Fischhändler- und
Goldschmiedgilden, setzten ihn in den Stand, Grundeigenthümer zu werden
oder auf Hypotheken auszuleihen. Das feinste Tuch aus Blackwell Hall und
das beste Geflügel von Leadenhall Market wurden ihm häufig ins Haus
gebracht, sein Einfluß auf seine Gemeinde war ungeheuer. Kein Mitglied
einer Separatistengesellschaft ging so leicht ein Compagniegeschäft ein,
oder verheirathete seine Tochter, oder brachte seinen Sohn in die Lehre,
oder gab seine Stimme bei einer Wahl ab, ohne seinen Seelsorger zu Rathe
zu ziehen. In allen politischen und religiösen Fragen war der Geistliche
das Orakel seiner Gemeinde. Seit vielen Jahren pflegte man im Volke zu
sagen, daß ein ausgezeichneter Dissentergeistlicher nur seinen Sohn
Advokat oder Arzt werden zu lassen brauche, um gewiß zu sein, daß er als
Advokat Klienten und als Arzt Patienten haben werde. Während ein
gewöhnliches Dienstmädchen in der Regel als die für einen Kaplan der
Landeskirche passende Lebensgefährtin betrachtet wurde, galt es für
ausgemacht, daß die Wittwen und Töchter reicher Bürger vorzugsweise den
nonconformistischen Pastoren zukamen. Ein angesehener presbyterianischer
Rabbi konnte somit wohl daran zweifeln, ob er in weltlicher Beziehung
durch eine Comprehension etwas gewinnen werde. Er konnte allerdings eine
Pfarre oder eine Vikarstelle bekleiden, wenn er eine bekam; inzwischen
aber wurde er dem Mangel preisgegeben, sein Versammlungshaus wurde
geschlossen, seine Gemeinde zerstreute sich unter die Pfarrkirchen, und
wenn ihm eine Pfründe verliehen wurde, so bot sie ihm wahrscheinlich nur
einen kärglichen Ersatz für das verlorne Einkommen. Eben so wenig durfte
er hoffen, als Diener der anglikanischen Kirche die Autorität und das
Ansehen zu erlangen, die er bisher genossen hatte. Von einem großen
Theile dieser Kirche würde er stets als ein Überläufer betrachtet
werden. Es war daher im Ganzen genommen sehr natürlich, wenn er da
gelassen zu werden wünschte wo er war.[91]

In Folge dessen entstand eine Spaltung in der Whigpartei. Der eine Theil
war für die Entbindung der Dissenters von der Testacte und für Aufgeben
der Comprehensionsbill, der andre Theil war für Unterstützung der
Comprehensionsbill und für Verschiebung der Angelegenheit wegen der
Testacte bis zu einer passenderen Zeit. Die Wirkung dieser Spaltung
unter den Freunden der religiösen Freiheit war, daß die Anhänger der
Hochkirche, obgleich sie im Hause der Gemeinen eine Minorität und im
Hause der Lords keine Majorität bildeten, beiden gefürchteten Reformen
mit Erfolg zu opponiren vermochten. Die Comprehensionsbill wurde nicht
angenommen und die Testacte wurde nicht widerrufen.

Gerade in dem Augenblicke als die beiden Fragen des Testes und der
Comprehension sich in eine Weise mit einander zu verwickeln begannen,
welche einen aufgeklärten und rechtschaffenen Staatsmann wohl in
Verlegenheit setzen konnte, gesellte sich dazu noch eine dritte Frage
von hoher Wichtigkeit.

    [Anmerkung 88: Die Bill befindet sich in den Archiven des Hauses
    der Lords. Es ist befremdend, daß diese große Sammlung wichtiger
    Dokumente selbst von unseren gewissenhaftesten und fleißigsten
    Geschichtsforschern ganz unbeachtet gelassen worden ist. Sie wurde
    mir durch einen meiner werthesten Freunde, Mr. John Lefevre,
    geöffnet und die Güte des Mr. Thoms unterstützte mich wesentlich
    bei meinen Nachforschungen.]

    [Anmerkung 89: Unter den Tanner'schen Manuscripten in der
    Bodlejanischen Bibliothek befindet sich ein höchst interessanter
    Brief von Compton an Sancroft über die Toleranzbill und die
    Comprehensionsbill. »Dies,« sagt Compton, »sind zwei wichtige
    Werke, bei denen die Existenz unsrer Kirche interessirt ist, und
    ich hoffe, Sie werden sich aus dem Parlamente Exemplare davon
    holen lassen. Denn obgleich wir unter einer Eroberung stehen,
    hat Gott uns doch Gnade geschenkt vor den Augen unserer Herrscher,
    und wir können unsre Kirche aufrecht halten, wenn wir wollen.«
    Sancroft scheint nicht darauf geantwortet zu haben.]

    [Anmerkung 90: Die Abneigung der Hochkirchlichen gegen die Artikel
    ist Gegenstand einer interessanten Flugschrift, welche 1689 unter
    dem Titel erschien: +A Dialogue between Timothy and Titus+.]

    [Anmerkung 91: Tom Brown sagt in seiner derb komischen Manier von
    den damaligen presbyterianischen Geistlichen, ihr Predigen »bringe
    Geld ein, mit Geld kaufe man Grundbesitz und Grundbesitz sei
    ein Genuß, nach dem jedem von ihnen gelüste, trotz ihres
    scheinheiligen Gewinsels. Wären die Quartalbeiträge nicht, so
    würde es kein Schisma und keine Separation mehr geben.« Er fragt,
    wie es denkbar sei, daß sie, »wenn sie sich während der Spaltung
    wie Gentlemen ständen, jemals Lehren predigen würden, welche den
    Bruch heilen könnten?« -- +Brown's Amusements, Serious and
    Comical.+ -- Einige interessante Beispiele von dem Einflusse, den
    die vornehmsten Dissentergeistlichen ausübten, finden sich in
    Hawkins' +Life of Johnson+. In dem »Tagebuche eines Bürgers, der
    sich zur Ruhe gesetzt hat« (+Spectator 317+.) erlaubt sich Addison
    einige sehr gute Witze über den Gegenstand. Der Mr. Nisby, dessen
    Ansichten über den Frieden, den Großvezier und den gezuckerten
    Kaffee mit so großem Respect angeführt werden, und der so
    freigebig mit Marksknochen, Ochsenfleisch und einer Flasche von
    Brooks & Hellier regalirt wird, ist John Nesbit, ein sehr
    beliebter Prediger, der zur Zeit der Revolution Pastor einer
    Dissentergemeinde in Hare Court, Aldergate Street, wurde. In
    Wilson's +History and Antiquities of Dissenting Churches and
    Meeting Houses in London, Westminster and Southwark+ findet man
    mehrere Beispiele von nonconformistischen Predigern angeführt,
    welche um diese Zeit zu hübschem Vermögen gelangten, meist durch
    Heirathen, wie es scheint.]


[_Bill zur Festsetzung der Huldigungs- und Suprematseide._] Die
seitherigen Huldigungs- und Suprematseide enthielten einige Ausdrücke,
welche den Whigs stets mißfallen hatten, und wieder andere, welche
Tories, die der neuen Ordnung der Dinge aufrichtig zugethan waren,
für unanwendbar auf Fürsten hielten, welche das erbliche Recht nicht
besaßen. Die Convention hatte daher, als der Thron noch erledigt war,
die Huldigungs- und Suprematseide entworfen, durch die wir noch heute
unsrem Souverain unsre Loyalität bezeugen. Durch die Acte, welche die
Convention in ein Parlament verwandelte, wurde den Mitgliedern beider
Häuser vorgeschrieben, die neuen Eide zu leisten. Bezüglich der anderen
öffentlichen Beamten war es schwer zu sagen, wie das Gesetz stand.
Die eine Wortformel war durch ordnungmäßig angenommene und noch nicht
ordnungmäßig aufgehobene Gesetze vorgeschrieben. Eine andre Formel war
durch die Rechtserklärung vorgeschrieben, ein Instrument, das zwar
revolutionär und regelwidrig war, das aber wohl als jedem andren Gesetze
an Autorität gleichstehend angesehen werden konnte. Die Praxis war in
eben so großer Verwirrung als das Gesetz. Es wurde daher als nothwendig
erkannt, daß die Legislatur unverzüglich eine Acte erließe, welche die
alten Eide abschaffte und zugleich bestimmte, wann und von wem die neuen
Eide geleistet werden sollten.

Die Bill, welche diese wichtige Frage erledigte, ging vom Oberhause aus.
Die meisten Bestimmungen boten der Meinungsverschiedenheit wenig
Spielraum. Man war allgemein darüber einverstanden, daß in Zukunft
Niemand ein bürgerliches, militärisches, geistliches oder akademisches
Amt erhalten solle, der nicht Wilhelm und Marien die Eide geleistet
habe. Eben so allgemein war man damit einverstanden, daß Jeder, der
bereits ein bürgerliches oder militärisches Amt bekleidete, aus
demselben entfernt werden sollte, wenn er nicht an oder vor dem 1.
August 1689 die Eide leistete. Die heftigsten Leidenschaften beider
Parteien aber wurden durch die Frage erregt, ob Personen, welche bereits
kirchliche oder akademische Ämter inne hatten, gehalten sein sollten,
dem Könige und der Königin, bei Strafe der Absetzung, Treue zu schwören.
Niemand konnte sagen, welchen Eindruck ein Gesetz machen würde, das
allen Mitgliedern eines großen, mächtigen und geheiligten Standes
vorschrieb, unter der feierlichsten religiösen Bekräftigung eine
Erklärung abzugeben, welche als ein förmlicher Widerruf alles dessen was
sie seit vielen Jahren geschrieben und gepredigt hatten, angesehen
werden konnte. Der Primas und einige der angesehensten Bischöfe waren
schon aus dem Parlamente weggeblieben und ließen ohne Zweifel eher ihre
Paläste und Einkünfte im Stiche, als daß sie die neuen Souveraine
anerkannten. Dem Beispiele dieser hohen Prälaten folgten vielleicht eine
Menge Geistlicher niederen Ranges, Hunderte von Canonici, Präbendarien
und Collegiaten und Tausende von Pfarrern. Einem solchen Ereignisse
konnte kein Tory, mochte er auch mit sich selbst völlig im Klaren
darüber sein, daß er dem factischen Könige rechtmäßigerweise den
Huldigungseid leisten könne, ohne die schmerzlichsten Regungen von
Theilnahme für die Dulder und von Besorgniß für die Kirche
entgegensehen.

Einige Personen gingen so weit zu leugnen, daß ein Parlament überhaupt
befugt sei, ein Gesetz zu erlassen, welches einem Bischofe bei Strafe
der Absetzung vorschreibe, den Eid zu leisten. Keine irdische Macht,
sagten sie, könne das Band zerreißen, das den Nachfolger der Apostel an
seine Diöcese knüpfe. Was Gott zusammengefügt habe, könne der Mensch
nicht trennen. Könige und Senate könnten Worte auf Pergament kritzeln
und Figuren in Wachs drücken; aber diese Worte und Figuren könnten den
Lauf der geistlichen Welt so wenig ändern wie den Lauf der physischen
Welt. Wie der Schöpfer des Weltalls eine gewisse Ordnung festgesetzt
habe, nach welcher es ihm gefalle, Winter und Sommer, Saat- und
Erntezeit zu senden, eben so habe er eine gewisse Ordnung festgesetzt,
nach der er seiner katholischen Kirche seine Gnade zu Theil werden
lasse, und die letztere Ordnung sei, wie die erstere, unabhängig von den
Gewalthabern und Fürsten der Welt. Eine Legislatur könne die Namen der
Monate ändern, könne den Juni December und den December Juni nennen,
aber trotz aller Legislatur werde Schnee fallen, wenn die Sonne im
Steinbock, und Blumen blühen, wenn sie im Krebs stände. Eben so könne
die Legislatur befehlen, daß Ferguson oder Muggleton im Palaste zu
Lambeth wohnen, auf dem Throne Augustin's sitzen, Euer Gnaden genannt
werden und bei Prozessionen vor dem ersten Herzoge gehen solle, trotz
der Legislatur aber werde Sancroft, so lange er lebe, der einzig wahre
Erzbischof von Canterbury, und Derjenige, der sich die erzbischöflichen
Functionen anzumaßen wage, ein Schismatiker sein. Diese Doctrin wurde
mit Gründen bewiesen, welche dem Knospen des Machtkrauts und einer
gewissen Platte entlehnt waren, die Jakob der Kleine nach einer Legende
des 4. Jahrhunderts auf der Stirn zu tragen pflegte. Ein von der
Absetzung der Bischöfe handelndes Manuscript wurde um diese Zeit in der
Bodlejanischen Bibliothek entdeckt und Gegenstand einer heftigen
Polemik. Die eine Partei meinte, Gott habe dieses kostbare Werk
wunderbarerweise an's Licht gezogen, um seine Kirche in einem äußerst
kritischen Augenblicke zu leiten. Die andre Partei wunderte sich, wie
man dem Unsinne eines namenlosen Scribenten des 13. Jahrhunderts die
geringste Wichtigkeit beilegen könne. Es wurde viel geschrieben über die
Absetzungen des Chrisostomus und des Photius, des Nikolaus Mysticus und
des Cosmas Atticus. Mit besonderem Eifer aber wurde der Fall des
Abjathar discutirt, den Salomo wegen Verraths aus dem Priesteramte
entfernte. Keine geringe Quantität Gelehrsamkeit und Scharfsinn wurde
auf den Versuch verwendet, zu beweisen, daß Abjathar, obgleich er den
Leibrock trug und nach dem Urim antwortete, nicht wirklich Hoherpriester
gewesen sei, daß er nur dann fungirt habe, wenn sein Vorgesetzter Zadoc
durch Krankheit oder durch eine ceremonielle Entweihung abgehalten
worden sei und daß daher die Handlung Salomo's kein Präcedenzfall sei,
der dem Könige Wilhelm das Recht gebe, einen wirklichen Bischof
abzusetzen.[92]

Doch eine solche Argumentation, obwohl durch zahlreiche Citate aus der
Mischna und aus Maimonides unterstützt, war im allgemeinen selbst
eifrigen Kirchenmännern nicht genügend. Denn sie ließ eine kurze, aber
einem einfachen Manne, der von griechischen Vätern und levitischen
Genealogien nichts wußte, vollkommen verständliche Antwort zu. Ob König
Salomo einen Hohenpriester abgesetzt habe, darüber konnte noch ein
Zweifel obwalten; aber es unterlag nicht dem geringsten Zweifel, daß die
Königin Elisabeth mehr als die Hälfte der Bischöfe England's ihrer
Bisthümer beraubt hatte. Es war notorisch, daß vierzehn Prälaten ohne
irgend welche Procedur bei einem geistlichen Gerichtshofe durch eine
Parlamentsacte abgesetzt worden waren, weil sie das Supremat der Königin
nicht hatten anerkennen wollen. Waren diese Absetzungen null und nichtig
gewesen? War Bonner bis an sein Lebensende der einzig wahre Bischof von
London geblieben? War sein Nachfolger ein Usurpator gewesen? Waren
Parker und Jewel Schismatiker gewesen? Hatte sich die Convocation von
1562, welche die Doctrin der englischen Staatskirche endgültig
festgestellt, selbst außer dem Schooße der Kirche Christi befunden? Es
konnte nichts Lächerlicheres geben als die Verlegenheit der Polemiker,
welche eine Vertheidigung Elisabeth's auffinden sollten, die nicht auch
eine Vertheidigung Wilhelm's war. Einige Zeloten gaben allerdings den
eitlen Versuch auf, zwischen zwei Fällen einen Unterschied zu machen,
zwischen denen, wie der einfachste Verstand einsah, kein Unterschied
war, und gestanden offen zu, daß die Absetzungen von 1559 nicht zu
rechtfertigen seien. Doch, sagte man, solle sich darüber Niemand
beunruhigen, denn wenn auch die englische Kirche einmal schismatisch
gewesen sei, so sei sie doch wieder katholisch geworden, als die von
Elisabeth abgesetzten Bischöfe aufgehört hätten zu leben.[93] Die Tories
waren indessen nicht allgemein geneigt zuzugeben, daß die
Religionsgesellschaft, an der sie mit Liebe hingen, aus einem
ungesetzlichen Bruche der Einheit entstanden sei. Sie faßten daher
tieferen und haltbareren Grund. Sie behandelten die Frage als eine Frage
der Humanität und Zeitgemäßheit. Sie sprachen viel von dem Danke, den
die Nation dem Priesterstande schuldig sei, von dem Muthe und der Treue,
womit dieser Stand, vom Primas bis herab zum jüngsten Diakonus,
neuerdings die bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs
vertheidigt habe, von dem denkwürdigen Sonntage, an welchem in allen
hundert Kirchen der Hauptstadt kaum ein Sklave zu finden gewesen war,
der die Indulgenzerklärung verlesen hätte; von dem schwarzen Freitage,
an welchem die Barke der sieben Prälaten unter den Segenswünschen und
dem lauten Schluchzen einer zahlreichen Volksmenge durch das Wasserthor
des Tower einfuhr. Die Festigkeit, mit der die Geistlichkeit, trotz
aller Drohungen und Versuchungen, unlängst gethan habe, was sie ihrer
Überzeugung nach für Recht gehalten, habe die Freiheit und die Religion
England's gerettet. Müsse man nicht Nachsicht gegen sie üben, wenn sie
sich jetzt weigerten etwas zu thun, wovon sie ihrer festen Überzeugung
nach fürchteten, daß es Unrecht sei? Und was ist für Gefahr dabei, sagte
man, wenn sie nachsichtig behandelt werden? Kein Mensch wird so albern
sein vorzuschlagen, daß man ihnen gestatten solle, gegen die Regierung
zu complottiren oder das Volk aufzuwiegeln. Sie stehen unter dem Gesetze
wie andere Leute. Machen sie sich des Verraths schuldig, so hänge man
sie auf. Machen sie sich der Empörung schuldig, so lege man ihnen
Geldbußen und Gefängnißstrafe auf. Unterlassen sie bei ihrem
öffentlichen Gottesdienste für den König Wilhelm, für die Königin Marie
und für das unter diesen allerreligiösesten Souverainen versammelte
Parlament zu beten, so bringe man die Strafbestimmungen der
Uniformitätsacte in Anwendung. Genügt das noch nicht, so ermächtige man
Se. Majestät, von irgend einem Geistlichen die Eide zu verlangen, und
werden die Eide verweigert, so möge Absetzung erfolgen. Auf diese Weise
kann jeder eidverweigernde Bischof oder Pfarrer, der zwar gesetzlich
nicht zu überführen ist, doch aber in dem Verdachte steht, gegen die
bestehende Ordnung der Dinge zu intriguiren, zu schreiben und zu
sprechen, sofort seines Amtes entsetzt werden. Warum aber darauf
bestehen, einen frommen und fleißigen Diener der Religion zu vertreiben,
der gegen die Regierung nie einen Finger erhebt oder ein Wort ausspricht
und der bei jedem Morgen- und Abendgottesdienste aus vollem Herzen um
einen Segen für die von der Vorsehung über ihn gesetzten Regenten fleht,
der aber einen Eid nicht leisten will, durch welchen er dem Volke das
Recht zuzugestehen glaubt, einen Souverain abzusetzen? Wir thun gewiß
Alles was nothwendig ist, wenn wir Leute dieser Art der Gnade des
Fürsten preisgeben, dem sie Treue zu schwören sich weigern. Ist er
geneigt, sich ihre Scrupel gefallen zu lassen, will er sie, trotz ihrer
Vorurtheile, als unschuldige und nützliche Mitglieder der Gesellschaft
betrachten, wer hat ein Recht, sich darüber zu beklagen?

Die Whigs stritten heftig für die entgegengesetzte Ansicht. Sie
analysierten mit einem durch Haß noch erhöhten Scharfsinn die Ansprüche
der Geistlichkeit auf die öffentliche Dankbarkeit und gingen mitunter so
weit, es gänzlich in Abrede zu stellen, daß der Stand sich im
vorhergehenden Jahre um die Nation verdient gemacht habe. Es sei wohl
wahr, daß Bischöfe und Priester gegen die Tyrannei des vorigen Königs
aufgestanden seien, aber eben so wahr sei es, daß er, hätten sie sich
nicht so hartnäckig der Ausschließungsbill widersetzt, niemals König
geworden wäre und daß er, ohne ihre Schmeichelei und ihre Lehre
vom passiven Gehorsam, es nie gewagt haben würde, sich solcher
Tyrannei schuldig zu machen. Ihre Hauptthätigkeit habe seit einem
Vierteljahrhundert darin bestanden, das Volk kriechen und den Fürsten
dominiren zu lehren. Sie hätten das Blut Russel's, Sidney's und jedes
muthigen, rechtschaffenen Engländers auf ihrem Gewissen, der
hingeschlachtet worden sei, weil er das Land vom Papismus und
Despotismus zu befreien versucht habe. Nie hätten sie einen Laut gegen
Willkürherrschaft vernehmen lassen, bis die Willkürherrschaft sie selbst
in ihrem Eigenthum und ihrer amtlichen Stellung zu bedrohen angefangen
habe. Dann hätten sie freilich ihre alten Gemeinplätze von Unterwerfung
unter Nero vergessen und nicht gesäumt, sich zu retten. Zugegeben,
sagten diese eifrigen Disputanten, daß sie, indem sich selbst retteten,
auch die Verfassung retteten. Sollen wir deshalb vergessen, daß sie sie
vorher gefährdet hatten? und sollen wir sie dafür belohnen, indem wir
ihnen jetzt gestatten, sie zu vernichten? Wir haben hier eine Klasse von
Leuten vor uns, die mit dem Staate eng verwachsen ist. Ein großer Theil
der Bodenerzeugnisse ist ihnen zu ihrem Unterhalte angewiesen. Ihre
Oberhäupter haben Sitze in der gesetzgebenden Versammlung, große
Landgüter und prächtige Paläste. Durch diesen privilegirten Stand wird
die große Masse des Volks allwöchentlich vom Sitze der Autorität herab
belehrt. Diesem privilegirten Stande ist die oberste Leitung der
liberalen Erziehung übertragen. Oxford und Cambridge, Westminster,
Winchester und Eton stehen unter priesterlicher Direction. Die
Priesterschaft wird in bedeutendem Umfange den Character des hohen Adels
und der Gentry der nächsten Generation bilden. Einige Mitglieder der
höheren Geistlichkeit haben zahlreiche und einträgliche Pfründen zu
vergeben. Andere haben das Privilegium, Richter zu ernennen, welche
hochwichtige, die Freiheit, das Eigenthum und den Ruf der Unterthanen
Ihrer Majestäten berührende Fragen entscheiden. Und ein vom Staate so
begünstigter Stand soll dem Staate keine Bürgschaft geben? Nach welchem
Prinzipe kann behauptet werden, daß es unnöthig sei, von einem
Erzbischof von Canterbury oder einem Bischof von Durham das Gelöbniß der
Treue gegen die Regierung zu verlangen, das nach Aller Überzeugung von
jedem Laien verlangt werden muß, der der Krone in der bescheidensten
amtlichen Stellung dient? Jeder Acciseinnehmer, jeder Zollbeamte,
der den Eid verweigert, soll seines Brodes beraubt werden. Für diese
geringen Märtyrer des passiven Gehorsams und des erblichen Rechts hat
Niemand ein Wort. Ein geistlicher Magnat aber, der sich weigert zu
schwören, soll Einkünfte, Patronat und Macht behalten dürfen, welche
denen eines hohen Staatsbeamten gleichkommen. Man sagt es sei
überflüssig, von einem Geistlichen die Eide zu verlangen, weil er
bestraft werden könne, wenn er die Gesetze übertrete. Warum wendet man
das nämliche Argument nicht auch zu Gunsten der Laien an? Und warum
trägt der Geistliche Bedenken, die Eide zu leisten, wenn es sein ernster
Wille ist, die Gesetze zu beobachten? Das Gesetz schreibt ihm vor,
Wilhelm und Marien als König und Königin zu bezeichnen, dies an der
heiligsten Stätte und bei Ausübung des feierlichsten aller religiösen
Gebräuche zu thun. Das Gesetz verlangt von ihm zu beten, daß eine
besondere Vorsehung über dem erlauchten Paare walte, daß es jeden Feind
besiegen und daß sein Parlament durch Gottes Hand dahin geleitet werden
möge, diejenigen Maßregeln anzuordnen, welche seine Sicherheit, seine
Ehre und sein Wohlergehen fördern können. Können wir glauben, daß sein
Gewissen ihm gestatte, dies Alles zu thun, nicht aber zu versprechen,
daß er ein treuer Unterthan des Herrscherpaares sein wolle?

Auf den Vorschlag, daß die eidverweigernden Geistlichen der Gnade des
Königs preisgegeben werden sollten, erwiederten die Whigs mit einigem
Rechte, daß kein gegen Se. Majestät ungerechterer Plan ersonnen werden
könne. Die Angelegenheit, sagten sie, ist von nationaler Bedeutung, es
ist eine Angelegenheit, an der jeder Engländer, der nicht der Sklave
Frankreich's und Rom's sein will, das größte Interesse hat. In einem
solchen Falle ist es der Stände des Reichs unwürdig, vor der
Verantwortlichkeit, für das Gemeinwohl zu sorgen, zurückzuschrecken,
sich selbst womöglich das Lob der Nachsicht und Liberalität zu
verschaffen und dem Souverain das gehässige Werk der Proscription zu
überlassen. Ein Gesetz, das von allen öffentlichen Beamten,
bürgerlichen, wie militärischen und kirchlichen, ohne Unterschied der
Person, die Eide verlangt, ist wenigstens unparteiisch. Es schließt
jeden Verdacht der Parteilichkeit, des persönlichen Hasses, der geheimen
Espionage und Ohrenbläserei aus. Wenn aber der Regierung ein
willkürliches Schalten zugestanden wird, wenn der eine eidverweigernde
Priester eine einträgliche Pfründe behalten darf, während man einen
andren mit Weib und Kindern auf die Straße setzt, so wird jede Absetzung
als ein Act der Grausamkeit betrachtet und dem Souverain und dessen
Ministern als ein Verbrechen angerechnet werden.[94]

So hatte das Parlament in einem und dem nämlichen Augenblicke zu
entscheiden, welche Quantität von Erleichterung dem Gewissen der
Dissenters gewährt und welche Quantität von Zwang dem Gewissen des
Klerus der Landeskirche auferlegt werden sollte. Der König hoffte,
daß es in seiner Macht stehen werde, einen allen Parteien angenehmen
Vergleich zu Stande zu bringen. Er schmeichelte sich, daß die Tories
bewogen werden könnten, den Dissenters ein Zugeständniß zu machen, unter
der Bedingung, daß die Whigs mild gegen die Jakobiten verführen. Er
beschloß, die Wirkung seiner persönlichen Intervention zu versuchen.
Der Zufall wollte, daß er wenige Stunden, nachdem die Lords die
Comprehensionsbill zum zweiten Male und die Bill wegen der Eide zum
ersten Male verlesen hatten, Gelegenheit hatte, sich ins Parlament zu
verfügen, um zu einem Gesetze seine Zustimmung zu geben. Er sprach vom
Throne herab zu beiden Häusern und äußerte den ernstlichen Wunsch,
daß sie einwilligen möchten, die bestehenden Gesetze dergestalt zu
modificiren, daß die öffentlichen Ämter allen Protestanten zugänglich
würden.[95] Man wußte wohl, daß er, wenn die Legislatur seinem Verlangen
willfahrte, Geistliche, welche bereits Pfründen besaßen, im Genusse
derselben zu lassen gedachte, ohne daß sie ihm den Huldigungseid
leisteten. Sein Verfahren bei dieser Gelegenheit verdient unzweifelhaft
das Lob der Uneigennützigkeit. Es gereicht ihm zur Ehre, daß er seinen
Unterthanen Gewissensfreiheit zu erkaufen suchte, indem er ein Bollwerk
seiner eignen Krone aufgab. Aber man muß gestehen, daß er weniger
Klugheit als Tugendhaftigkeit bewies. Wenn Burnet gut unterrichtet war,
so war Richard Hampden der einzige Engländer seines Geheimraths,[96] den
er befragte, und Richard Hampden war, obgleich ein höchst ehrenwerther
Mann, doch so weit davon entfernt, für die Whigpartei stehen zu können,
daß er nicht einmal für seinen eignen Sohn Johann bürgen konnte, dessen
von Haus aus rachsüchtiger Character durch den Stachel der Reue und
Scham bis zum Ingrimm aufgereizt worden war. Der König überzeugte sich
bald, daß die beiden Parteien einander mit einer Energie haßten, die
ihrer Liebe fehlte. Die Whigs waren zwar fast einhellig der Meinung, daß
der Sakramentstest abgeschafft werden müsse, sie waren aber keineswegs
darin einig, daß der Augenblick dazu gut gewählt sei, und selbst
diejenigen Whigs, welche am sehnlichsten wünschten, die Nonconformisten
unverzüglich von der Nichtbefähigung zu bürgerlichen Ämtern entbunden zu
sehen, waren fest entschlossen, sich die Gelegenheit zur Demüthigung und
Bestrafung der Klasse nicht entgehen zu lassen, deren Mitwirkung
hauptsächlich der furchtbare Umschwung der öffentlichen Stimmung
zuzuschreiben war, der auf die Auflösung des Oxforder Parlaments folgte.
Die Jane, die South, die Sherlock in die Lage zu versetzen, daß sie
entweder verhungern oder öffentlich und mit dem Evangelium auf den
Lippen alle prahlerischen Erklärungen vieler Jahre widerrufen mußten:
das war eine zu köstliche Rache, als daß man sie sich hätte entgehen
lassen können. Der Tory dagegen achtete und bemitleidete aufrichtig
diejenigen Geistlichen, die sich wegen der Eide Gewissensscrupel
machten. Der Test aber war seiner Ansicht nach für die Sicherheit der
herrschenden Religion wesentlich nothwendig und durfte nicht aufgegeben
werden zu dem Zwecke, einen wenn auch noch so ausgezeichneten Mann von
einem wenn auch noch so schweren Ungemach zu befreien. Es würde
allerdings ein schmerzlicher Tag für die Kirche sein, wenn die
Bischofsbank, die Kapitelhäuser der Kathedralen und die Hallen der
Collegien einige durch ihre Frömmigkeit und Gelehrsamkeit berühmte
Männer vermißten. Aber ein noch viel schmerzlicherer Tag würde es für
die Kirche sein, wenn ein Independent den weißen Stab trüge, oder ein
Baptist auf dem Wollsack säße. Jede Partei suchte Denen zu dienen, für
die sie sich interessirte, aber keine von beiden wollte ihren Feinden
günstige Bedingungen zugestehen. Die Folge davon war daß die
Nonconformisten vom Staatsdienste ausgeschlossen blieben und die
Eidverweigerer von den kirchlichen Ämtern vertrieben wurden.

Im Hause der Gemeinen hielt kein Mitglied es für zweckmäßig, die
Aufhebung der Testacte zu beantragen. Aber es wurde Erlaubniß gegeben,
eine Bill zur Aufhebung der Corporationsacte einzubringen, die kurz nach
der Restauration vom Cavalierparlamente erlassen worden war und eine
Bestimmung enthielt, welche allen Municipalbeamten vorschrieb, das
heilige Abendmahl nach den Formen der englischen Kirche zu empfangen.
Als diese Bill in Begriff war dem Ausschusse überwiesen zu werden,
beantragten die Tories, daß der Ausschuß bedeutet werden sollte, in dem
Gesetz über das Sacrament keine Änderung vorzunehmen. Diejenigen Whigs,
welche eifrig für die Comprehension waren, müssen durch diesen Antrag in
große Verlegenheit gesetzt worden sein. Für denselben zu stimmen wäre
eine prinzipielle Inconsequenz gewesen; dagegen zu stimmen hätte so viel
geheißen als mit Nottingham brechen. Es wurde ein Mittelweg gefunden.
Die Vertagung der Debatte wurde beantragt, mit 116 gegen 114 Stimmen
angenommen und der Gegenstand nicht wieder in Anregung gebracht.[97] Im
Hause der Lords wurde ein Antrag auf Abschaffung des Sacramentstestes
gestellt, aber mit großer Majorität verworfen. Viele von Denen, welche
die Bill im Prinzip für richtig hielten, erachteten sie für nicht
zeitgemäß. Es wurde ein Protest aufgesetzt, aber nur von einigen wenigen
minder angesehenen Peers unterzeichnet. Es ist ein auffallender Umstand,
daß zwei bedeutende Häupter der Whigpartei, welche in der Regel ihre
parlamentarischen Pflichten sehr gewissenhaft erfüllten, bei dieser
Gelegenheit abwesend waren.[98]

Auf die Debatte über den Test folgte im Oberhause bald eine Debatte über
die letzte Klausel der Comprehensionsbill. Diese Klausel bestimmte, daß
dreißig Bischöfe und Priester beauftragt werden sollten, die Liturgie
und die Kirchengesetze zu revidiren und Abänderungen vorzuschlagen. Über
diesen Punkt waren die whiggistischen Peers fast Alle eines Sinnes. Sie
waren in großer Zahl anwesend und sprachen warm. Warum, fragten sie,
sollten nur Mitglieder des Priesterstandes mit dieser Revision
beauftragt werden? Gehöre der Laienstand nicht auch zur englischen
Kirche? Wenn die Commission ihren Bericht erstattet habe, würden Laien
über die darin enthaltenen Änderungsvorschläge zu entscheiden haben.
Keine Zeile im allgemeinen Gebetbuche könne anders als durch die
Autorität des Königs, der Lords und der Gemeinen abgeändert werden.
Der König sei ein Laie, fünf Sechstel der Lords seien Laien, und die
Mitglieder des Hauses der Gemeinen seien sämmtlich Laien. Sei es nicht
widersinnig zu behaupten, daß Laien nicht befugt seien, in einer
Angelegenheit zu prüfen, über welche anerkanntermaßen Laien in letzter
Instanz entscheiden müßten? Und könne etwas dem ganzen Geiste des
Protestantismus mehr zuwider sein als die Ansicht, daß einer besonderen
Kaste, und dieser Kaste allein, eine außergewöhnliche Urtheilsfähigkeit
in geistlichen Dingen verliehen sei, daß Männer wie Selden, wie Hale,
wie Boyle, weniger competent seien, über eine Collecte oder einen
Glaubensartikel ein Urtheil abzugeben, als der jüngste und einfältigste
Kaplan, der in einem abgelegenen Schlosse sein Leben mit Aletrinken und
Beilkespielen hinbringe? Was Gott festgesetzt habe, könne keine irdische
Macht, sei es eine weltliche oder eine geistliche, abändern, und in
Dingen, welche menschliche Wesen festgesetzt hätten, habe ein Laie
sicherlich ein eben so competentes Urtheil als ein Geistlicher. Daß die
anglikanische Liturgie und das anglikanische Kirchengesetz rein
menschlichen Ursprungs seien, erkenne das Parlament an, indem es die
Revision und Verbesserung derselben einer Commission übertrage. Wie
könne man da behaupten, daß in einer solchen Commission der Laienstand,
der eine so große Mehrheit der Bevölkerung bilde, dessen Erbauung der
Hauptzweck aller kirchlichen Einrichtungen sei und dessen unschuldige
Neigungen bei Feststellung der öffentlichen Religionshandlungen
sorgfältig zu Rathe gezogen werden müßten, nicht einen einzigen
Vertreter zu haben brauche? Die Präcedenzfälle sprächen direct gegen
diese gehässige Unterscheidung. Zu wiederholten Malen, seit das Licht
der Reformation über England aufgegangen, seien durch ein Gesetz
Commissionen ermächtigt worden, die Kirchengesetze zu revidiren, und bei
jeder solchen Gelegenheit seien einige von den Commissaren Laien
gewesen. Im gegenwärtigen Falle könne man gegen den vorgeschlagenen
Modus noch besondere Einwendungen machen, denn der Zweck der Maßregel
sei die Verhöhnung der Dissenters, und es sei daher äußerst
wünschenswerth, daß die Commissare Männer wären, auf deren
Unparteilichkeit und Mäßigung die Dissenters bauen könnten. Würden
dreißig solcher Männer in den höheren Rangstufen des geistlichen Standes
leicht zu finden sein? Es sei die Pflicht der Legislatur, zwischen zwei
einander feindlich gegenüberstehenden Parteien, den nonconformistischen
Theologen und den anglikanischen Theologen, zu entscheiden, und es würde
demnach die gröbste Unbilligkeit sein, einer der beiden Parteien das
Schiedsrichteramt zu übertragen.

Aus diesen Gründen schlugen die Whigs ein Amendement des Inhalts vor,
daß die Commission aus Geistlichen und Laien bestehen sollte. Der Kampf
war heiß. Burnet, der eben seinen Sitz unter den Peers eingenommen hatte
und dem darum zu thun gewesen zu sein scheint, fast um jeden Preis die
Zuneigung seiner Amtsbrüder zu gewinnen, stritt mit dem ganzen ihm
eignen Feuer für die gegenwärtige Fassung der Klausel. Bei der
Abstimmung ergab sich eine völlig gleiche Stimmenzahl für und wider, und
somit war, den Regeln des Hauses gemäß, das Amendement abgeworfen.[99]

Endlich wurde die Comprehensionsbill ins Haus der Gemeinen gesandt. Hier
würde sie leicht mit zwei Stimmen gegen eine durchgebracht worden sein,
wenn sie von allen Freunden der Religionsfreiheit unterstützt worden
wäre. Aber in dieser Angelegenheit konnten die Hochkirchlichen auf den
Beistand eines großen Theils der Niederkirchlichen rechnen. Diejenigen
Mitglieder, welche Nottingham's Plane wohlwollten, sahen, daß sie in der
Minorität waren, und begannen daher, am Siege verzweifelnd, auf den
Rückzug zu denken. Gerade in diesem Augenblicke wurde ein Antrag
gestellt, der alle Stimmen für sich hatte. Nach dem herkömmlichen
Gebrauche mußte gleichzeitig mit einem Parlamente eine Convocation
einberufen werden, und man durfte wohl behaupten, daß der Rath einer
Convocation dann am nöthigsten sein müßte, wenn es sich um Abänderungen
in dem Ritual und der Disciplin der Kirche handelte. In Folge des
unregelmäßigen Modus aber, nach welchem die Stände des Reichs während
der Erledigung des Thrones zusammenberufen worden waren, gab es diesmal
keine Convocation. Es wurde daher beantragt, daß das Haus dem Könige
rathen solle, Maßregeln zur Abhülfe dieses Mangels zu ergreifen, und daß
das Schicksal der Comprehensionsbill nicht entschieden werden solle, bis
der Klerus Gelegenheit gehabt habe, durch das alte und rechtmäßige Organ
seine Meinung auszusprechen.

Dieser Antrag wurde mit allgemeiner Acclamation angenommen. Die Tories
freuten sich, daß dem Priesterstande eine solche Ehre erzeugt wurde;
diejenigen Whigs, welche gegen die Comprehensionsbill waren, freuten
sich, sie zuverlässig für ein Jahr, wahrscheinlich aber für immer bei
Seite gelegt zu sehen; und diejenigen Whigs, welche für die
Comprehensionsbill waren, freuten sich, ohne Niederlage davon zu kommen.
Viele unter ihnen hofften in der That, daß milde und freisinnige
Rathschläge im geistlichen Senate vorherrschen würden. Eine Adresse,
welche den König ersuchte die Convocation einzuberufen, wurde ohne
Abstimmung angenommen, die Lords wurden zum Beitritt aufgefordert, sie
traten bei, die Adresse wurde durch beide Häuser dem Könige überreicht,
der König versprach, zur geeigneten Zeit den Wunsch seines Parlaments zu
erfüllen, und Nottingham's Bill ward nicht wieder erwähnt.

Viele mit der Geschichte der damaligen Zeit unvollkommen bekannte
Schriftsteller haben aus diesem Verfahren gefolgert, daß das Haus der
Gemeinen eine Versammlung von Hochkirchlichen gewesen sei; aber nichts
ist gewisser, als daß zwei Drittel der Mitglieder entweder
Niederkirchliche oder Nichtanhänger der Landeskirche waren. Wenige Tage
vor dieser Zeit hatte ein an sich unbedeutender, als Kennzeichen der
Gesinnung der Majorität aber höchst wichtiger Vorgang stattgefunden.
Es war beantragt worden, daß das Haus dem alten Herkommen gemäß seine
Sitzungen bis nach den Osterfeiertagen suspendiren solle. Die Puritaner
und Latitudinarier machten Einwendungen dagegen, es entspann sich eine
heftige Debatte, die Hochkirchlichen wagten es nicht, abstimmen zu
lassen, und zum großen Ärgerniß vieler angesehenen Personen nahm der
Sprecher am Ostermontag um neun Uhr seinen Stuhl ein und es wurde eine
lange und lebhafte Sitzung gehalten.[100]

Dies war indessen keineswegs der stärkste Beweis, den die Gemeinen dafür
gaben, daß sie in der That weit entfernt waren eine besondere
Ehrerbietung oder Liebe zur anglikanischen Hierarchie zu hegen. Die Bill
zur Festsetzung der Eide war aber in einer dem Klerus günstigeren
Fassung von den Lords ins Unterhaus gekommen. Allen weltlichen Beamten
war bei Strafe der Absetzung vorgeschrieben, dem Könige und der Königin
Treue zu schwören. Jeder Geistliche aber, der bereits eine Pfründe
besaß, sollte dieselbe auch ohne zu schwören, behalten dürfen, wenn die
Regierung keinen Grund sah, von ihm speciell eine Versicherung seiner
Loyalität zu verlangen. Burnet hatte, theils ohne Zweifel aus der seinem
Character eignen Gutherzigkeit und Großmuth, theils um seine Amtsbrüder
zu gewinnen, diese Anordnung im Oberhause mit großer Energie
unterstützt. Im Unterhause aber war die Stimmung gegen die jakobitischen
Priester unbesiegbar. An dem nämlichen Tage, an welchem dieses Haus ohne
Abstimmung die Adresse votirte, welche den König ersuchte, die
Convocation einzuberufen, wurde eine Klausel vorgeschlagen und
angenommen, welche von Jedem, der ein kirchliches oder akademisches Amt
bekleidete, bei Strafe der Suspension verlangte, am 1. August 1689 die
Eide zu leisten. Sechs Monate von diesem Tage an gerechnet, wurden dem
sich Weigernden zur nochmaligen Überlegung bewilligt. Beharrte er auch
dann noch auf seiner Weigerung, so sollte er am 1. Februar 1690
definitiv abgesetzt werden.

So abgeändert wurde die Bill den Lords zurückgeschickt. Diese aber
blieben bei ihrem ursprünglichen Beschlusse. Conferenz auf Conferenz
wurde gehalten, Vergleich auf Vergleich wurde vorgeschlagen. Aus den
unvollkommenen Berichten, welche auf uns gekommen sind, geht hervor, daß
jedes Argument zu Gunsten der Milde von Burnet energisch hervorgehoben
wurde. Doch die Gemeinen blieben fest, die Zeit drängte, der ungewisse
Zustand des Rechts machte sich in allen Zweigen des Staatsdienstes in
nachtheiliger Weise fühlbar, und so gaben die Peers mit Widerstreben
endlich nach. Zu gleicher Zeit fügten sie eine Klausel hinzu, durch
welche der König ermächtigt wurde, von den verwirkten Pfründen einigen
wenigen nicht schwörenden Geistlichen Geldunterstützungen zu gewähren.
Die Anzahl der so begünstigten Geistlichen sollte zwölf nicht
übersteigen und die bewilligte Unterstützung durfte höchstens ein
Drittheil des verwirkten Einkommens betragen. Einige eifrige Whigs
wollten selbst diese Vergünstigung nicht gelten lassen; doch die
Gemeinen waren mit dem errungenen Siege zufrieden und dachten mit Recht,
daß es ungefällig sein würde, wenn sie ein so geringfügiges Zugeständiß
verweigerten.[101]

    [Anmerkung 92: Siehe unter vielen anderen Schriften Dodwell's
    +Cautionary Discourse+, seine +Vindication of the Deprived
    Bishops+, seine +Defence of the Vindication+ und seine
    +Paraenesis+, sowie Bisby's +Unity of Priesthood+, gedruckt 1692.
    Ferner vergleiche man Hody's Gegenschriften, das Baroccianische
    Manuscript und +Salomon and Abiathar, a Dialogue between Eucheres
    and Dyscheres+.]

    [Anmerkung 93: +Burnet II.+ 135. Der albernste von allen
    Versuchen, zwischen den Absetzungen von 1559 und denen von 1689
    einen Unterschied nachzuweisen, wurde von Dodwell gemacht. Siehe
    seine +Doctrine of the Church of England concerning the
    Independency of the Clergy on the lay Power, 1697+.]

    [Anmerkung 94: Über diese Polemik sehe man +Burnet II. 7, 8, 9+;
    +Grey's Debates, April 19, 22. 1689+; +Commons' Journals, April
    20, 22.+; +Lords' Journals, April 21.+]

    [Anmerkung 95: +Lords' Journals, March 16. 1689.+]

    [Anmerkung 96: +Burnet II. 7. 8.+]

    [Anmerkung 97: Burnet sagt (II. 8.), daß der Antrag, den
    Sacramentstest abzuschaffen, in beiden Häusern mit großer
    Majorität verworfen worden sei. Hierin täuschte ihn jedoch sein
    Gedächtniß, denn im Hause der Gemeinen fand keine andre Abstimmung
    über den Gegenstand statt als die oben erwähnte. Bemerkenswerth
    ist es, daß Gwyn und Rowe, welche die Stimmen der Majorität
    zählten, zwei der entschiedensten Whigs im ganzen Hause waren.]

    [Anmerkung 98: +Lords' Journals March 21. 1689.+]

    [Anmerkung 99: +Lords' Journals, April 5. 1689+; +Burnet II. 10.+]

    [Anmerkung 100: +Commons' Journals, March 28., April 1. 1689.+;
    Pariser Gazette vom 23. April. Ein Theil der Stelle in der Pariser
    Gazette verdient angeführt zu werden. +»Il y eut ce jour là+
    (am 28. März) +une grande contestation dans la Chambre Basse, sur
    la proposition qui fut faite de remettre les séances après les
    fêtes de Pasques observées toujours par l'Eglise Anglicane.
    Les Protestans conformistes furent de cet avis; et les
    Presbytériens emportèrent à la pluralité des voix que les séances
    recommenceroient le Lundy, seconde feste de Pasques.«+ Die
    Niederkirchlichen werden von den damaligen französischen und
    holländischen Schriftstellern häufig Presbyterianer genannt. Es
    waren nicht zwanzig eigentliche Presbyterianer im Hause der
    Gemeinen. Siehe +A. Smith and Cutler's plain Dialogue ahout Whig
    and Tory, 1690.+]

    [Anmerkung 101: Berichte über das was in den Conferenzen vorging,
    findet man in den Protokollen der beiden Häuser, und sie sind
    lesenswerth.]


[_Die Bill zur Festsetzung des Krönungseides._] Diese Debatten wurden
auf kurze Zeit durch die Feste und Feierlichkeiten der Krönung
unterbrochen. Als der zu dieser wichtigen Ceremonie bestimmte Tag
heranrückte, verwandelte sich das Haus der Gemeinen in einen Ausschuß
behufs Festsetzung der Wortformel, durch welche unsere Landesherren
hinfüro ihren Vertrag mit der Nation schließen sollten. Darüber waren
alle Parteien einig, daß es angemessen sei, vom Könige den Eid zu
verlangen, daß er in weltlichen Angelegenheiten dem Gesetz gemäß
regieren und die Gerechtigkeit mit Milde üben wolle. Über die Ausdrücke
des Eides aber, die sich auf die kirchlichen Institutionen des Landes
bezogen, wurde viel debattirt. Sollte der höchste Beamte im Staate bloß
einfach versprechen, die protestantische Religion aufrecht zu erhalten,
wie sie durch das Gesetz aufgestellt war, oder sollte er versprechen,
diese Religion aufrecht zu erhalten, wie sie später durch das Gesetz
festgestellt werden würde? Die Majorität war für die erstere Phrase.
Die andre wurde von denjenigen Whigs vorgezogen, welche für eine
Comprehension waren. Es wurde jedoch allgemein zugestanden, daß beide
Phrasen eigentlich gleichbedeutend seien und daß der Eid, mochte er
lauten wie er wollte, den Souverain nur in seiner executiven Gewalt
binden werde. Dies ging in der That aus der ganzen Natur des Actes klar
hervor. Jeder Vertrag kann durch die freiwillige Zustimmung der Partei,
welche allein die Erfüllung zu verlangen berechtigt ist, annullirt
werden. Die strengsten Casuisten hatten es nie in Zweifel gestellt, daß
ein Schuldner, der sich unter den feierlichsten Schwüren verpflichtet
hat zu zahlen, rechtmäßigerweise die Zahlung unterlassen kann, wenn der
Gläubiger ihn seiner Verbindlichkeit entheben will. Eben so klar ist es,
daß keine von einem Könige durch die Stände seines Reichs verlangte
Zusicherung ihm die Verpflichtung auferlegen kann, seine Zustimmung zu
etwas zu verweigern, was diese Stände später einmal wünschen mögen.

Es wurde eine mit den Beschlüssen des Ausschusses übereinstimmende Bill
entworfen, welche rasch durch alle parlamentarischen Stadien ging. Nach
der dritten Lesung erhob sich ein thörichtes Mitglied, um einen Zusatz
zu beantragen, in welchem erklärt werde, daß der Eid den Souverain,
nicht hindern solle, in eine etwaige Änderung im Ceremoniell der Kirche
zu willigen, immer vorausgesetzt, daß das Episkopat und eine
geschriebene Gebetsform beibehalten würden. Die plumpe Absurdität dieses
Antrags wurde von mehreren ausgezeichneten Mitgliedern dargelegt. Eine
solche Klausel, bemerkten sie ganz richtig, würde den König binden,
während sie ihm freieren Spielraum geben sollte. Der Krönungseid, sagten
sie, hat nicht den Zweck, ihn in seiner gesetzgebenden Gewalt zu
behindern. Man lasse diesen Eid in seiner jetzigen Fassung, und kein
Fürst kann ihn mißverstehen. Kein Fürst kann ernstlich glauben, die
beiden Häuser wollten das Versprechen von ihm verlangen, daß er sein
Veto gegen Gesetze einlegen werde, die sie späterhin für das Wohl des
Landes nöthig erachten könnten. Sollte aber einmal ein Fürst den
zwischen ihm und seinen Unterthanen abgeschlossenen Vertrag so
wunderlich mißverstehen, dann wird jeder Theolog, jeder Jurist, den er
um Rath fragt, ihn sogleich beruhigen. Würde dieser Antrag angenommen,
so könnte man unmöglich leugnen, daß der Krönungseid bestimmt sei, den
König zu verhindern, seine Zustimmung zu Bills zu geben, die ihm von den
Lords und Gemeinen vorgelegt würden, und daraus würden sehr ernste
Nachtheile hervorgehen. Diese Argumente wurden als unwiderleglich
erkannt und der Zusatz ohne Abstimmung verworfen.[102]

Jeder, der diese Debatten gelesen hat, muß vollständig überzeugt sein,
daß die Staatsmänner, welche den Krönungseid entwarfen, den König in
seiner gesetzgebenden Gewalt nicht zu binden gemeint waren.[103] Leider
erwachte hundert Jahre später in einem zwar wackeren und gewissenhaften,
aber von Natur beschränkten und starrsinnigen und durch Krankheit zu
gleicher Seit geschwächten und aufgeregten Geiste ein Scrupel, den jene
Staatsmänner für zu widersinnig hielten, als daß irgend ein menschliches
Geschöpf ihn im Ernste hegen könne. Der Ehrgeiz und die Perfidie eines
Tyrannen hat in der That selten größere Übel erzeugt als die waren,
welche jene unselige Gewissenhaftigkeit über unser Land gebracht hat.
Einen außerordentlichen günstigen Augenblick, einen Augenblick, in
welchem Weisheit und Gerechtigkeit Völkerschaften und Secten, die
einander lange feindlich gegenübergestanden, hätten versöhnen und die
britischen Inseln zu einem wahrhaft Vereinigten Königreiche machen
können, ließ man unbenutzt vorübergehen. Die einmal verlorne Gelegenheit
kehrte nicht wieder. Zwei Generationen von Staatsmännern haben sich
seitdem mit unvollkommenem Erfolge bemüht, den damals begangenen Fehler
wieder gut zu machen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß einige von
den schlimmen Folgen dieses Fehlers sich bis auf die spätere Nachwelt
fortwährend fühlbar machen werden.

    [Anmerkung 102: +Journals, March 28. 1689+; +Grey's Debates.+]

    [Anmerkung 103: Ich will einige Äußerungen anführen, welche in den
    gedrängten Berichten über diese Debatten der Nachwelt aufbewahrt
    worden. Diese Neuerungen sind bezüglich des Sinnes, in welchem der
    Eid von den Gesetzgebern, die ihn entworfen, verstanden wurde,
    ganz entscheidend. Musgrave sagte: »Es ist kein Grund zur Aufnahme
    dieses Vorbehalts. Es ist undenkbar, daß irgend eine von hier
    ausgehende Bill jemals die gesetzgebende Gewalt vernichten werde.«
    Finch sagte: »Die Worte: 'durch das Gesetz festgestellt' hindern
    den König nicht, eine Bill zur Erleichterung der Dissenters
    anzunehmen. Der Vorbehalt ruft den Scrupel erst hervor und giebt
    Veranlassung dazu.« Sawyer sagte: »Dies ist der erste Vorbehalt
    dieser Art, der je in einer Bill enthalten war. Er scheint die
    gesetzgebende Gewalt anzugreifen.« Sir Robert Cotton sagte:
    »Obgleich der Vorbehalt zweckmäßig und heilsam aussieht, scheint
    er doch einen Fehler zu haben. Unfähig die Gesetze den Umständen
    gemäß abzuändern! Dies ruft nicht einen, sondern mehrere Scrupel
    hervor; als ob Ihr so an das kirchliche Regiment gebunden wäret,
    daß Ihr keine neuen Gesetze ohne einen solchen Vorbehalt ins Leben
    rufen könntet!« Sir Thomas Lee sagte: »Ich fürchte es wird dahin
    kommen, daß auch andere Gesetze nicht ohne einen solchen Vorbehalt
    geschaffen werden können, und deshalb möchte ich denselben
    beseitigt wissen.«]


[_Die Krönung._] Die Bill, durch welche die Eidformel festgestellt
wurde, passirte das Oberhaus ohne Amendement. Alle Vorbereitungen waren
getroffen, und am 11. April fand die Krönung statt. In einigen Punkten
unterschied sie sich von gewöhnlichen Krönungen. Die Vertreter des Volks
nahmen in Masse an der Ceremonie Theil und wurden im Schatzkammergebäude
glänzend bewirthet. Marie, die jetzt nicht bloß Königin-Gemahlin,
sondern auch regierende Königin war, wurde in allen Punkten gleich einem
Könige inaugurirt, mit dem Schwerte gegürtet, auf den Thron gesetzt und
ihr die Bibel, die Sporen und der Reichsapfel überreicht. Die weltlichen
Großen des Reichs waren mit ihren Frauen und Töchtern zahlreich und
glänzend vertreten. Es konnte nicht Wunder nehmen, daß die
Whigaristokratie sich bemühte, den Triumph der Whigprinzipien zu
erhöhen. Aber die Jakobiten sahen zu ihrem großen Leidwesen, daß viele
Lords, die für eine Regentschaft gestimmt hatten, eine bedeutende Rolle
bei der Feierlichkeit spielten. Die Krone des Königs wurde von Grafton,
die der Königin von Somerset getragen. Das scharfe Schwert, das Emblem
der weltlichen Justiz, trug Pembroke. Ormond war Großconstabel für den
Tag und ritt durch den Saal zur Rechten des erblichen Kämpen, der
dreimal seinen Handschuh auf den Boden warf und dreimal zum Kampfe auf
Leben und Tod den Verräther herausforderte, der Wilhelm's und Mariens
Recht bestreiten sollte. Unter den Edelfräuleins, welche die prachtvolle
Schleppe der Königin trugen, befand sich ihre schöne und liebenswürdige
Cousine, Lady Henriette Hyde, deren Vater, Rochester, bis zuletzt gegen
den Beschluß gestritten hatte, der den Thron für erledigt erklärte.[104]
Die Bischöfe waren allerdings nur spärlich zu sehen. Der Primas war
nicht erschienen; er war durch Campton vertreten. Zur einen Seite
Campton's trug Lloyd, Bischof von St. Asaph, der sich unter den sieben
Bekennern des vorhergehenden Jahres ausgezeichnet hatte, den
Hostienteller. Zur andren Seite ging Sprat, Bischof von Rochester,
unlängst noch Mitglied der Hohen Commission, mit dem Kelche. Burnet, der
jüngste Prälat, predigte mit seinem ganzen gewohnten Talent und mit mehr
als gewohntem Takt und Urtheil. Sein würdevoller und beredter Vortrag
war weder durch Schmeichelei noch durch boshafte Ausfälle verunziert.
Es soll lebhaft applaudirt worden sein, und es ist in der That wohl zu
glauben, daß der begeisterte Schluß seiner Rede, wo er den Himmel
anflehte, das königliche Paar mit langem Leben und gegenseitiger Liebe,
mit gehorsamen Unterthanen, weisen Räthen und treuen Bundesgenossen, mit
tapferen Flotten und Armeen, mit Sieg, mit Frieden und schließlich mit
ruhmvolleren und unvergänglicheren Kronen als welche zur Zeit auf dem
Altare der Abtei glänzten, zu beglücken, das lauteste Beifallsgemurmel
der Gemeinen erweckte.[105]

Die Ceremonie nahm im Ganzen einen guten Verlauf und bewirkte ein wenn
auch schwaches und vorübergehendes Wiederauflodern der Begeisterung vom
vergangenen December. Der Tag war in London und an vielen anderen Orten
ein allgemeiner Freudentag. Am Vormittag waren die Kirchen gefüllt. Der
Nachmittag wurde mit allerhand Vergnügungen und Gelagen hingebracht und
am Abend wurden Freudenfeuer angezündet, Raketen losgelassen und die
Fenster illuminirt. Dessenungeachtet wußten die Jakobiten reichen Stoff
zu Spötteleien und Sarkasmen zu entdecken oder zu erfinden. Sie
beschwerten sich bitter darüber, daß der Weg von der Halle bis zum
westlichen Thore der Abtei mit holländischen Soldaten besetzt gewesen
sei. Sei es schicklich, daß ein englischer König den feierlichsten
Vertrag mit der englischen Nation hinter einer dreifachen Hecke fremder
Schwerter und Bajonette schließe? Kleine Händel, wie sie bei jeder
öffentlichen Feierlichkeit zwischen den Schaulustigen und den zur
Freihaltung der Communication Angestellten fast unvermeidlich vorkommen,
wurden mit allen Kunstgriffen der Rhetorik übertrieben. Einer der
fremden Söldlinge hatte mit seinem Pferde einen achtbaren Bürger
zurückgetrieben, der sich vorgedrängt, um den königlichen Baldachin
einen Augenblick zu sehen. Ein Andrer hatte mit dem Flintenkolben eine
Frau in roher Weise zurückgestoßen. Auf solche Gründe hin wurden die
Fremden mit den Lord Dänen verglichen, welche vor Zeiten durch ihren
Übermuth die angelsächsische Bevölkerung zu Aufstand und Blutvergießen
angereizt hatten. Das fruchtbarste Thema für den Tadel war jedoch die
Krönungsmedaille, die allerdings eben so abgeschmackt entworfen als
schlecht ausgeführt war. Der Hauptgegenstand des Reverses war ein Wagen,
und der gemeine Mann konnte sich nicht erklären, was dieses Emblem mit
Wilhelm und Marien zu thun hatte. Die mißvergnügten Witzlinge lösten die
Schwierigkeit, indem sie sagten, der Künstler habe auf den Wagen
anspielen wollen, den eine aller Kindesliebe bare und den Interessen
eines ehrgeizigen Gemahls blindlings ergebene römische Prinzessin über
die noch warmen Überreste ihres Vaters hatte fahren lassen.[106]

    [Anmerkung 104: Lady Henriette, die ihr Oheim Clarendon in seinem
    Tagebuche (Januar 1687/88) die »hübsche kleine Henriette« und »das
    beste Kind von der Welt« nennt, verheirathete sich bald nachher
    mit dem Earl von Dalkeith, dem ältesten Sohne des unglücklichen
    Herzogs v. Monmouth.]

    [Anmerkung 105: Die Predigt verdient gelesen zu werden. Siehe die
    +London Gazette+ vom 14. April 1689; +Evelyn's Diary+; +Narcissus
    Luttrell's Diary+, und die Depesche der holländischen Gesandten an
    die Generalstaaten.]

    [Anmerkung 106: Eine Probe von der Prosa, welche die Jakobiten
    über diesen Gegenstand schrieben, findet man in den Somers'schen
    Schriften. Die jakobitischen Verse waren meist zu unanständig,
    als daß man sie anführen konnte. Ich wähle einige von den
    glimpflichsten Zeilen aus einem sehr seltenen Spottgedicht:

      Der elfte des Monats April erschien,
      Da wälzt sich der Pöbel nach Westminster hin
      Zu sehn wie ein Lumpenbündel man krönt:
                Ein schöner König, fürwahr.
      Dem Orangenbaum er entsprossen ist,
      Doch wenn man im Buche des Schicksals liest
      Wird einst ihm noch werden ein andrer Baum:
                Ein schöner König, fürwahr.
      Von Gestalt ist er nur zur Hälfte ein Mann,
      Desto mehr ein Affe, das leugne wer kann;
      Hat den Kopf einer Gans und des Kranich's Bein',
                Ein schöner König, fürwahr.

    Ein Franzos, Namens Le Noble, der seiner Schandthaten wegen aus
    seinem Vaterlande verwiesen worden war, sich aber, von der
    Polizei geduldet, in Paris versteckt hielt und im Dienste eines
    Buchhändlers nothdürftig sein Leben fristete, veröffentlichte bei
    dieser Gelegenheit zwei jetzt sehr seltene Pasquille: +»Le
    Couronnement de Guillemot et de Guillemette, avec le Sermon du
    grand Docteur Burnet«+ und +»Le Festin de Guillemot.«+ An Witz,
    Geschmack und Verstand stehen Le Noble's Schriften dem angeführten
    englischen Gedicht nicht nach. Er erzählt uns, daß der Erzbischof
    von York und der Bischof von London einen Boxerkampf in der Abtei
    aufführen, daß der Kämpe auf einem Esel durch die Halle ritt,
    welcher stätig wurde und die königliche Tafel mit dem ganzen
    Geschirr umstieß, und daß das Banket mit einer Schlägerei zwischen
    den mit Stühlen und Bänken bewaffneten Peers und den mit
    Bratspießen bewaffneten Köchen endete. Merkwürdigerweise fand
    diese Art Witz Leser, und das Portrait des Autors wurde splendid
    gestochen mit dem Motto: +»Latrantes ride: te tua fama manet.«+]


[_Beförderungen._] Ehren wurden, wie gewöhnlich, auch bei dieser
festlichen Gelegenheit freigebig gespendet. Drei Hosenbandorden, über
welche die Krone zur Zeit verfügen konnte, wurden Devonshire, Ormond und
Schomberg verliehen. Der Prinz Georg wurde zum Herzog von Cumberland
ernannt. Mehrere hochstehende Männer erhielten neue Titel, mit denen wir
sie von jetzt an bezeichnen müssen. Danby wurde Earl von Caermarthen,
Churchill Earl von Marlborough und Bentinck Earl von Portland. Mordaunt
ward zum Earl von Monmouth ernannt, nicht ohne einiges Murren von Seiten
alter Exclusionisten, die sich noch immer mit Liebe ihres
protestantischen Herzogs erinnerten und welche hofften, sein Urtel werde
umgestoßen und seinen Nachkommen die Führung seines Titels gestattet
werden. Man wunderte sich, daß der Name Halifax nicht auch auf der Liste
der Beförderungen stand. Niemand konnte zweifeln, daß er sehr leicht ein
blaues Band oder eine Herzogskrone hätte erlangen können, und obgleich
er sich von den meisten seiner Zeitgenossen durch seine Verschmähung
unrechtmäßigen Gewinns vortheilhaft auszeichnete, wußte man doch sehr
wohl, daß er auf Ehrentitel mit einer Begierde brannte, der er sich
selbst schämte und die seines glänzenden Geistes unwürdig war.
Allerdings wurde sein Ehrgeiz damals durch Besorgnisse niedergeschlagen.
Leuten, die sein Vertrauen besaßen, theilte er seine Befürchtung mit,
daß schlimme Zeiten bevorständen. Für des Königs Leben könne man kein
Jahr mehr stehen, die Regierung sei unter sich uneinig, die
Geistlichkeit und das Heer unzufrieden, das Parlament von Factionen
zerrissen; der Bürgerkrieg wüthe bereits in einem Theile des Landes und
auswärtiger Krieg sei vor der Thür. In einem solchen Augenblick habe
wohl jeder Minister, ob Whig oder Tory, Grund sich zu beunruhigen, aber
weder ein Whig noch ein Tory habe so viel zu fürchten als der Trimmer,
der nicht unwahrscheinlich die gemeinschaftliche Zielscheibe des Hasses
beider Parteien werden würde. Aus diesen Gründen beschloß Halifax, sich
jeder Ostentation von Macht und Einfluß zu enthalten, durch ein
geflissentliches Zurschautragen von Mäßigung den Neid zu entwaffnen und
durch Artigkeiten und Wohlthaten Personen an sich zu ziehen, deren
Dankbarkeit ihm im Fall einer Contrerevolution von Nutzen sein konnten.
Die nächsten drei Monate, sagte er, würden die Probezeit sein. Halte
sich die Regierung den Sommer über, so werde sie wahrscheinlich fest
stehen.[107]

    [Anmerkung 107: +Reresby's Memoirs.+]


[_Die Coalition gegen Frankreich._] Inzwischen gewannen Fragen der
auswärtigen Politik eine immer größere Bedeutung. Das Werk, an welchem
Wilhelm viele trübe und angstvolle Jahre hindurch unermüdlich gearbeitet
hatte, war endlich vollbracht. Die große Coalition war zu Stande. Es war
klar, daß ein verzweifelter Kampf bevorstand. Der Bedrücker Europa's
sollte sich gegen das mit Karl II. von Spanien, mit dem Kaiser Leopold
und mit dem deutschen und dem batavischen Bunde alliirten England
vertheidigen, ohne wahrscheinlich einen andren Bundesgenossen zu haben
als den Sultan, der an der Donau gegen das Haus Österreich Krieg führte.


[_Die Verwüstung der Pfalz._] Ludwig hatte gegen das Ende des
vergangenen Jahres die ungünstige Lage seiner Feinde zu seinem Vortheile
benutzt und den ersten Schlag geführt, ehe sie darauf vorbereitet waren,
ihn zu pariren. Doch dieser wenn auch schwere Schlag hatte nicht da
getroffen, wo er hätte tödtlich werden können. Wären an der batavischen
Grenze Feindseligkeiten ausgebrochen, so würde Wilhelm mit seiner Armee
wahrscheinlich auf dem Continent zurückgehalten worden sein, und Jakob
hätte ungestört in England fortregieren können. Glücklicherweise hatte
Ludwig in einer Verblendung, welche viele fromme Protestanten aus voller
Überzeugung dem gerechten Urtheile Gottes zuschrieben, den Punkt aus den
Augen gelassen, von dem das Geschick der ganzen civilisirten Welt
abhing, und hatte auf einer Seite, wo die glänzendsten Erfolge ihm
nichts als eine Illumination und ein Tedeum eintragen konnten, einen
großen Aufwand von Streitkräften, Schnelligkeit und Energie entfaltet.
Eine französische Armee unter den Befehlen des Marschalls Duras war in
die Pfalz und einige benachbarte Fürstenthümer eingefallen. Dieser
Feldzug aber, konnte, obwohl er vollkommen glücklich ausgefallen war und
obwohl die Geschicklichkeit und Energie, mit der er geleitet worden,
allgemeine Bewunderung erregt hatten, keinen erheblichen Einfluß auf den
Ausgang des herannahenden furchtbaren Kampfes ausüben. Frankreich sollte
bald von allen Seiten angegriffen werden, und dann konnte Duras die
Provinzen, welche er überfallen und überwältigt, unmöglich lange
behaupten. Ein entsetzlicher Gedanke erwachte im Geiste Louvois', der in
militärischen Angelegenheiten zu Versailles die erste Stimme hatte. Er
war ein Mann, der sich durch Eifer für das was ihm im öffentlichen
Interesse nöthig erschien, sowie durch Talent und durch Kenntniß alles
dessen was sich auf die militärische Verwaltung bezog, auszeichnete,
aber er besaß einen harten und grausamen Character. Wenn die Städte der
Pfalz nicht zu behaupten waren, so konnten sie zerstört werden. Wenn der
Boden der Pfalz den Franzosen keine Hülfsmittel lieferte, so konnte er
so verwüstet werden, daß er wenigstens auch den Deutschen keine
Hülfsmittel lieferte. Der hartherzige Staatsmann unterbreitete Ludwig
seinen Plan, wahrscheinlich mit großer Behutsamkeit und einigen
Auslassungen, und Ludwig genehmigte denselben in einer für seinen Ruhm
verderblichen Stunde. Duras erhielt Befehl, eine der schönsten Gegenden
Deutschland's in eine Wüste zu verwandeln. Funfzehn Jahre früher hatte
Turenne einen Theil dieses herrlichen Landes verwüstet. Aber Turenne's
Verheerungen waren, obgleich sie einen tiefen Schatten auf seinen Ruhm
geworfen hatten, ein bloßes Kinderspiel im Vergleich mit den Greueln
dieser zweiten Verwüstung. Der französische Oberbefehlshaber kündigte
einer halben Million Menschen an, daß er ihnen eine dreitägige
Gnadenfrist bewillige und daß sie bis dahin auf ihre Sicherheit bedacht
sein müßten. Bald bedeckten sich die Landstraßen und Felder, welche
damals tief in Schnee vergraben lagen, mit zahllosen Massen von Männern,
Frauen und Kindern, die von ihrem heimathlichen Herde flohen. Viele
kamen vor Hunger und Kälte um; aber es blieben genug am Leben, um alle
Städte Europa's mit abgezehrten, schmutzigen Bettlern zu füllen, die
einst wohlhabende Pächter und Handelsleute gewesen waren. Inzwischen
begann das Zerstörungswerk. Von jedem Marktplatze, jedem Weiler, jeder
Pfarrkirche und jedem Landsitze in den dem Untergange geweihten
Provinzen loderten die Flammen empor. Die Felder, auf denen Getreide
gesäet war, wurden umgepflügt. Die Obstbäume wurden umgehauen. Jede
Hoffnung auf eine Ernte wurde auf der fruchtbaren Ebene in der Nähe der
Stelle wo einst Frankenthal gestanden, von Grund aus zerstört. Kein
Weinstock, kein Mandelbaum war an den Abhängen der sonnigen Hügel mehr
zu sehen, welche das nicht mehr vorhandene Heidelberg umgaben. Kein
Palast, kein Tempel, kein Kloster, kein Krankenhaus, kein Kunstwerk,
kein Grabmal berühmter Verstorbener ward geschont. Das weit und breit
berühmte Schloß des Kurfürsten von der Pfalz wurde in einen Schutthaufen
verwandelt. Das anstoßende Hospital wurde geplündert. Die Vorräthe,
die Medicamente und die Betten, auf denen die Kranken lagen, wurden
vernichtet. In Mannheim wurden, selbst die Steine, aus denen die Stadt
erbaut war, in den Rhein geworfen. Der prächtige Dom von Speier ging zu
Grunde, mit ihm die marmornen Grabmäler von acht Cäsaren. Die Särge
wurden aufgebrochen und die Asche in alle Winde verstreut.[108] Trier
mit seiner herrlichen Brücke, seinem Amphitheater, seinen ehrwürdigen
Kirchen, Klöstern und Collegien war zu demselben Schicksale ausersehen.
Bevor aber dieses letzte Verbrechen verübt werden konnte, wurde Ludwig
durch die Verwünschungen alter Nachbarvölker, durch das Stillschweigen
und die Bestürzung seiner Schmeichler und durch die Vorstellungen seine
Gemahlin auf bessere Gedanken gebracht. Er war seit mehr als zwei Jahren
mit Franziska von Maintenon, der Gouvernante seiner natürlichen Kinder,
heimlich vermählt. Es wird schwerlich eine zweite Frau gegeben haben,
die bei einem so wenig romanhaften Character eine so romanhafte Laufbahn
aufzuweisen hatte. Sie hatte ihre Jugendjahre in Armuth; und Dunkel
hingebracht. Ihr erster Gatte hatte sich durch Verfassung burlesker
Possen und Gedichte ernährt. Als sie die Aufmerksamkeit ihres Souverains
auf sich zog, konnte sie sich nicht mehr der Jugend oder Schönheit
rühmen, aber sie besaß in ungewöhnlichem Grade jene dauernderen Reize,
welche gesetzte Männer, deren Leidenschaften das Alter gezähmt hat und
deren Leben ein Leben voll Mühen und Sorgen ist, an einer
Lebensgefährtin am höchsten schätzen. Ihr Character war einer von denen,
die man sehr richtig mit dem sanften Grün verglichen hat, auf welchem
das durch grelle, Farben und blendende Lichter ermüdete Auge mit
Wohlgefallen ruht. Ein treffendes Urtheil, ein unerschöpflicher, doch
nie überfluthender Strom verständiger, liebenswürdiger und geistvoller
Rede, ein Temperament, dessen heitere Ruhe nicht einen Augenblick
getrübt wurde, ein Takt, der den Takt ihres Geschlechts in eben dem Maße
übertraf, wie der Takt ihres Geschlechts den des unsrigen übertrifft:
dies waren die Eigenschaften, welche die Wittwe eines Possenreißers
zuerst zur vertrauten Freundin, dann zur Gattin des mächtigsten aller
Könige Europa's machten. Man sagte damals Ludwig sei nur mit Mühe durch
Louvois' dringende Vorstellungen und Bitten abgehalten worden, sie zur
Königin von Frankreich zu erklären. Es ist ausgemacht, daß sie Louvois
als ihren Feind betrachtete, und ihr Haß gegen ihn, mit dem sich
vielleicht auch bessere Gefühle verbanden, bestimmte sie, sich der
unglücklichen Rheinbewohner anzunehmen. Sie appellirte an das Mitgefühl,
das, obwohl durch manche verderbliche Einflüsse geschwächt, im Herzen
ihres Gemahls noch nicht völlig erloschen war, und an die religiösen
Gefühle, welche ihn nur zu oft zur Grausamkeit getrieben hatten, die
aber im gegenwärtigen Falle auf Seiten der Humanität waren. Er ließ sich
erweichen und Trier ward verschont.[109] Er mußte in der That wohl
einsehen, daß er einen Fehler begangen hatte. Die Verwüstung der Pfalz
hatte, während sie die Macht seiner Feinde nicht erheblich vermindert,
ihre Erbitterung noch mehr angefacht und ihnen unerschöpflichen Stoff zu
Schmähungen geliefert. Von allen Seiten erscholl das Geschrei nach
Rache. Jedes Bedenken, das die eine oder die andre Linie des Hauses
Österreich gehegt haben mochte, sich mit Protestanten zu verbünden, war
völlig beseitigt. Ludwig beschuldigte den Kaiser und den katholischen
König, die Sache der Kirche verrathen, sich mit einem Usurpator, der der
erklärte Vorkämpfer des großen Schisma's war, verbündet und an dem
abscheulichen Unrecht Theil genommen zu haben, das einem legitimen
Souverain zugefügt worden, der sich keines andren Verbrechens als des
Eifers für den wahren Glauben schuldig gemacht habe. Jakob schrieb
herzbrechende Briefe nach Wien und Madrid, in denen er sein Unglück
schilderte und den Beistand seiner königlichen Brüder, die auch im
Glauben seine Brüder seien, gegen die unnatürlichen Kinder und die
rebellischen Unterthanen erflehte, die ihn in's Exil getrieben hätten.
Es war jedoch nicht schwer, auf Ludwig's Vorwürfe wie auf Jakob's Bitten
eine plausible Antwort zu geben. Leopold und Karl erklärten, daß sie
sich, selbst zum Zwecke der gerechten Selbstvertheidigung, nicht eher
mit Ketzern verbündet hätten, als bis ihr Feind sich zum Zwecke eines
ungerechten Angriffs mit Mohamedanern verbündet habe. Und dies sei noch
nicht das Schlimmste. Nicht genug, daß der französische König den
Moslems gegen die Christen beistehe, behandle er selbst die Christen mit
einer Grausamkeit, welche sogar die Moslems empört haben würde. Man
müsse seinen ungläubigen Verbündeten die Gerechtigkeit widerfahren
lassen, daß sie an der Donau keine solchen Gewaltthätigkeiten gegen die
Gebäude und die Mitglieder der heiligen katholischen Kirche verübt
hätten, wie er, der sich den ältesten Sohn dieser Kirche nenne, sie am
Rhein verübe. Aus diesen Gründen antworteten die Fürsten, an welche
Jakob appellirt hatte, ihm damit, daß sie unter vielen Versicherungen
der Bereitwilligkeit und des Mitleids an ihn selbst appellirten. Er sei
gewiß zu gerecht, als daß er sie tadeln könnte, daß sie es für ihre
erste Pflicht hielten, ihr eignes Volk gegen solche Gewaltthätigkeiten
zu schützen, wie sie die Pfalz in eine Wüste verwandelt hätten, oder daß
sie den Beistand der Protestanten gegen einen Feind anriefen, der kein
Bedenken getragen habe, die Hülfe von Türken anzurufen.[110]

    [Anmerkung 108: Über die Geschichte der Verwüstung der Pfalz sehe
    man die Memoiren von La Fare, Dangeau, Frau von Lafayette, Villars
    und Saint-Simon, sowie den +Monthly Mercury+ vom März und April
    1689. Der Pamphlet und Flugblätter sind zu viele, als daß ich sie
    hier aufzählen könnte. Ein Blatt, betitelt: +»A true Account
    of the barbarous Cruelties committed by the French in the
    Palatinate in January and February last,«+ ist vielleicht das
    interessanteste.]

    [Anmerkung 109: Memoiren Saint-Simon's.]

    [Anmerkung 110: Ich will einige Zeilen aus Leopold's Brief an
    Jakob anführen: +»Nunc autem quo loco res nostrae sint, ut
    Serenitati vestrae auxilium praestari possit a nobis, qui non
    Turcico tantum bello impliciti, sed insuper etiam crudelissimo et
    iniquissimo a Gallis, rerum suarum, ut putabant, in Anglia
    securis, contra datam fidem impediti sumus, ipsimet Serenitati
    vestrae judicandum relinquimus... Galli non tantum in nostrum et
    totius Christianae orbis perniciem foedifraga arma cum juratis
    Sanctae Crucis hostibus sociare fas sibi ducunt; sed etiam in
    imperio, perfidiam perfidia cumulando, urbes deditione occupatas
    contra datam fidem immensis tributis exhaurire, exhaustas
    diripere, direptas funditus exscindere aut flammis delere, Palatia
    Principum ab omni antiquitate inter saevissima bellorum incendia
    intacta servata exurere, templa spoliare, dedititios in servitutem
    more apud barbaros usitato abducere, denique passim, imprimis vero
    etiam in Catholicorum dictionibus, alia horrenda, et ipsam
    Turcorum tyrannidem superantia immanitatis et saevitiae exempla
    edere pro ludo habent.«+]


[_Kriegserklärung gegen Frankreich._] Während des Winters und der ersten
Hälfte des Frühjahrs zogen die Frankreich feindlich gesinnten Mächte
ihre Streitkräfte zu einer energischen Anstrengung zusammen und standen
in fortdauernder Communication mit einander. Als die zu militärischen
Operationen geeignete Zeit heranrückte, erschienen in rascher
Aufeinanderfolge die feierlichen Berufungen beleidigter Nationen an den
Gott der Schlachten. Das Manifest der Deutschen erschien im Februar, das
der Generalstaaten im März, das des Hauses Brandenburg im April und das
Spanien's im Mai.[111]

Bei uns beschloß, sobald die Krönungsfeier vorüber war, das Haus der
Gemeinen die Inbetrachtnahme der neuesten Schritte des Königs von
Frankreich.[112] In der Debatte brach der Haß gegen den mächtigen,
rücksichtslosen und herrschsüchtigen Ludwig, der seit zwanzig Jahren der
Vasallenschaft in den Herzen der Engländer gohr, mit Heftigkeit hervor.
Er wurde der allerchristlichste Türke, der allerchristlichste Verwüster
der Christenheit, der allerchristlichste Barbar genannt, der gegen
Christen Gewaltthätigkeiten verübt habe, deren seine ungläubigen
Verbündeten sich geschämt haben würden.[113] Ein vornehmlich aus
heftigen Whigs bestehender Ausschuß wurde mit der Abfassung eines
Adreßentwurfs beauftragt. Johann Hampden, der glühendste Whig unter
ihnen, erhielt den Vorsitz und arbeitete einen Entwurf aus, der zu lang,
zu rhetorisch und zu vorwurfsvoll war, als daß er sich für den Mund des
Sprechers wie für das Ohr des Königs hätte eignen können. Schmähungen
gegen Ludwig würden bei der damaligen Stimmung des Hauses ungerügt
hingegangen sein, wären sie nicht von harten Äußerungen über den
Character und der Verwaltung Karl's II. begleitet gewesen, dessen die
Tories, trotz aller seiner Fehler, mit liebevoller Zuneigung gedachten.
Es fanden sich darin einige sehr deutliche Anspielungen auf Karl's
Verkehr mit dem Hofe von Versailles und auf das fremde Weib, das dieser
Hof ihm gesendet habe, um wie eine Schlange an seinem Busen zu liegen.
Das Haus war mit gutem Grunde unzufrieden damit. Die Adresse wurde dem
Ausschusse zurückgegeben, und nachdem sie kürzer und weniger wortreich
und hämisch gefaßt worden, angenommen und überreicht.[114] Wilhelm's
Aufmerksamkeit war auf die Nachtheile gelenkt, welche Frankreich ihm und
seinem Königreiche zugefügt, und ihm die Versicherung gegeben, daß,
sobald er zur Abstellung dieser Nachtheile die Waffen ergriffe, er von
seinem Volke kräftig unterstützt werden würde. Er dankte den Gemeinen
herzlich. Ehrgeiz, sagte er, werde ihn nie bestimmen, das Schwert zu
ziehen; allein er habe keine Wahl, denn Frankreich habe bereits England
angegriffen, und es sei nothwendig, das Recht der Selbstvertheidigung
auszuüben. Wenige Tage darauf wurde der Krieg erklärt.[115]

Unter den Gründen zu diesem Schritte, welche die Gemeinen in ihrer
Adresse und der König in seinem Manifeste anführten, war der
gewichtigste die Einmischung Ludwig's in die Angelegenheiten Irland's.
In diesem Lande waren seit mehreren Monaten wichtige Ereignisse in
rascher Aufeinanderfolge eingetreten. Der Augenblick ist jetzt gekommen,
die Geschichte dieser Ereignisse mitzutheilen, eine Geschichte eben so
reich an Verbrechen und erschütternden Begebenheiten, wie an Interesse
und Belehrung.

    [Anmerkung 111: Siehe die London Gazette vom 25. Febr.,
    11. März, 22. April, 2. Mai und die +Monthly Mercuries+. Einige
    von den Erklärungen findet man in Dumont's +Corps Universel
    Diplomatique+.]

    [Anmerkung 112: +Commons' Journals, April 15. 16. 1689+.]

    [Anmerkung 113: Oldmixon.]

    [Anmerkung 114: +Commons' Journals, April 19. 24. 26. 1689+.]

    [Anmerkung 115: Die Kriegserklärung ist vom 7. Mai datirt,
    erschien aber erst am 13. in der London Gazette.]


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  =Zwölftes Kapitel.=

  _Wilhelm von Oranien._



  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Zustand Irland's zur Zeit der Revolution                         5
  Die Civilgewalt in den Händen der Katholiken                     5
  Die Militärgewalt in den Händen der Katholiken                   7
  Gegenseitige Feindschaft zwischen den Engländern und Iren        7
  Panischer Schrecken unter den Engländern                         8
  Geschichte der Stadt Kenmare                                     9
  Enniskillen                                                     12
  Londonderry                                                     13
  Schließung der Thore von Londonderry                            14
  Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu pacificiren               16
  Wilhelm tritt in Unterhandlung mit Tyrconnel                    17
  Die Temple werden zu Rathe gezogen                              19
  Richard Hamilton wird auf Temple's Wort nach Irland gesandt     19
  Tyrconnel schickt Mountjoy und Rice nach Frankreich             20
  Tyrconnel ruft das irische Volk zu den Waffen                   21
  Verwüstung des Landes                                           22
  Die Protestanten im Süden unfähig Widerstand zu leisten         26
  Enniskillen und Londonderry halten sich                         27
  Richard Hamilton marschirt mit einer Armee nach Ulster          27
  Jakob entschließt sich nach Irland zu gehen                     28
  Unterstützung, welche Jakob von Ludwig gewährt wird             29
  Wahl eines französischen Gesandten zum Begleiter Jakob's        30
  Der Graf von Avaux                                              31
  Jakob landet in Kinsale                                         32
  Jakob's Einzug in Cork                                          33
  Reise Jakob's von Cork nach Dublin                              34
  Unzufriedenheit in England                                      36
  Parteispaltungen im Dubliner Schlosse                           36
  Jakob beschließt nach Ulster zu gehen                           40
  Jakob's Reise nach Ulster                                       41
  Der Fall Londonderry's erwartet                                 43
  Es kommt Succurs aus England                                    44
  Verrätherei Lundy's                                             45
  Die Bewohner von Londonderry beschließen sich
      zu vertheidigen                                             45
  Ihr Character                                                   46
  Londonderry belagert                                            50
  Die Belagerung in eine Blokade verwandelt                       52
  Seegefecht in der Bantry-Bai                                    52
  Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin             53
  Es wird eine Toleranzacte erlassen                              57
  Acte zur Confiscation des Eigenthums der Protestanten           57
  Prägung schlechten Geldes                                       61
  Die große Verurtheilungsacte                                    62
  Jakob prorogirt sein Parlament                                  65
  Verfolgung der Protestanten in Irland                           65
  Wirkung der aus Irland kommenden Nachrichten in England         67
  Thaten der Enniskillener                                        69
  Noth in Londonderry                                             70
  Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee            70
  Grausamkeit Rosen's                                             71
  Die Hungersnoth in Londonderry steigt aufs Höchste              73
  Angriff auf den Sperrbaum                                       74
  Die Belagerung von Londonderry aufgehoben                       76
  Operationen gegen die Enniskillener                             79
  Schlacht bei Newton-Butler                                      80
  Bestürzung der Irländer                                         81


[_Zustand Irland's zur Zeit der Revolution._] Wilhelm hatte zu gleicher
Zeit mit dem Titel eines Königs von England auch den eines Königs von
Irland angenommen. Denn alle unsere Juristen betrachteten damals Irland
als eine bloße Colonie, zwar wichtiger als Massachusetts, Virginien oder
Jamaika, aber, wie diese, abhängig vom Mutterlande und verpflichtet,
den Souverain anzuerkennen, den das Mutterland auf den Thron berufen
hatte.[1]

    [Anmerkung 1: Die allgemeine Ansicht der Engländer über diesen
    Gegenstand spricht sich deutlich in einer kleinen Schrift aus,
    betitelt: +»Aphorisms relating to the Kingdom of Ireland«+, welche
    während der Erledigung des Thrones erschien.]


[_Die Civilgewalt in den Händen der Katholiken._] Thatsächlich aber
hatte die Revolution Irland von der Oberherrschaft der englischen
Colonie emancipirt gefunden. Schon im Jahre 1686 hatte Jakob
beschlossen, diese Insel zu einem Waffenplatze, der Großbritannien
Respect einflößen könnte, und zu einem Asyle zu machen, wo die
Mitglieder seiner Kirche eine Zuflucht finden könnten, wenn in
Großbritannien sich ein Unglück ereignete. Zu dem Ende hatte er Alles
aufgeboten, um das Verhältniß zwischen den Eroberern und der eingebornen
Bevölkerung umzukehren. Die Ausführung seines Planes hatte er, trotz der
Gegenvorstellungen seiner englischen Rathgeber, dem Vicekönig Tyrconnel
übertragen. Im Herbst des Jahres 1688 war der Prozeß vollendet. Die
höchsten Ämter bei der Staatsverwaltung, der Armee und den Gerichtshöfen
waren fast ohne Ausnahme mit Papisten besetzt. Ein Rabulist, Namens
Alexander Fitton, der einer Fälschung überführt, wegen schlechter
Aufführung vom Hause der Lords zu Westminster mit einer Geldstrafe
belegt worden war und viele Jahre im Gefängniß zugebracht hatte, dem es
eben so sehr an juristischen Kenntnissen fehlte wie an gesundem
Verstande und Scharfsinn, welche den Mangel an juristischen Kenntnissen
zuweilen ersetzt haben, war Lordkanzler. Sein einziges Verdienst bestand
darin, daß er vom protestantischen Glauben abgefallen war, und dieses
Verdienst wurde für hinreichend erachtet, um selbst den Flecken seiner
sächsischen Abstammung zu verwischen. Er zeigte sich bald des Vertrauens
seiner Gönner würdig. Er erklärte auf der Richterbank, daß es unter
vierzigtausend Ketzern nicht einen gebe, der nicht ein Schurke sei.
Oftmals, nachdem er einen Rechtsfall angehört, bei dem die Interessen
seiner Kirche im Spiele waren, verschob er seinen Ausspruch, um, wie er
selbst eingestand, seinen Seelsorger, einen spanischen Priester, der
wahrscheinlich im Escobar wohl belesen war, zu Rathe zu ziehen.[2]
Thomas Nugent, ein Katholik, der sich im Gerichtssaale durch nichts als
durch seinen irischen Accent und durch seine Schnitzer ausgezeichnet
hatte, war Oberrichter der King's Bench.[3] Stephan Rice, ein Katholik,
dessen Talente und Gelehrsamkeit selbst von den Feinden seiner Nation
und Religion nicht bestritten wurden, dessen wohlbekannte Hostilität
gegen die Ansiedlungsacte aber im Herzen aller Derjenigen, welche kraft
dieser Acte Grundeigenthum besaßen, die ernstesten Besorgnisse erweckte,
war erster Baron der Schatzkammer.[4] Richard Nagle, ein scharfsinniger
und wohlbelesener Jurist, der in einem Jesuitencollegium erzogen war und
der die Vorurtheile besaß, die man von seiner Erziehung erwarten konnte,
war Generalfiskal.[5]

Keating, ein höchst ehrenwerther Protestant war noch Oberrichter der
Common Pleas; aber zwei römisch-katholische Richter standen ihm zur
Seite. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß der eine von diesen
Richtern, Daly, ein verständiger, gemäßigter und rechtschaffner Mann
war. Aber die Klagsachen, welche vor die Schranken der Common Pleas
kamen, waren nicht von großem Belang. Selbst die King's Bench war damals
fast verödet. Dagegen war das Schatzkammergericht mit Geschäften
überhäuft, denn es war der einzige Gerichtshof in Dublin, von dem nicht
nach England appellirt werden konnte, und folglich der einzige
Gerichtshof, an welchem die Engländer ohne Hoffnung auf Abhülfe
unterdrückt und ausgeplündert werden konnten. Rice sollte erklärt haben,
daß sie von ihm genau das haben sollten, was das Gesetz nach strictester
Auslegung ihnen gewähre, aber auch nicht mehr. Was aber seiner Ansicht
nach das Gesetz nach strictester Auslegung ihnen gewährte, das konnten
sie leicht aus einer Äußerung schließen, die er, bevor er Richter wurde,
häufig im Munde führte. »Ich werde,« pflegte er zu sagen, »mit Sechsen
durch die Ansiedlungsacte fahren.« Jetzt brachte er seine Drohung
tagtäglich zur Ausführung. Alle Protestanten klagten, daß es
gleichgültig sei, was für Beweise sie ihm vorlegten, daß die
schamlosesten Lügen, die ehrlosesten Zeugenaussagen seines Schutzes
gewiß sein könnten, wenn er sonst ihren Ansprüchen nicht gerecht werden
wolle. Zu seinem Gerichtshofe drängten sich seine Landsleute in Masse
mit Gesuchen um Vertreibung und Eigenthumsverletzung. Vor seinem
Gerichtshofe griff die Regierung mit einem Male die Freibriefe alter
irischen Städte und Landgemeinden an, und er fand ohne Mühe
Vorwände, um alle diese Freibriefe für verwirkt zu erklären. Die
Municipalcorporationen, etwa hundert an Zahl, waren als Bollwerke des
reformirten Glaubens und des englischen Interesses eingeführt worden,
und sie wurden daher von den irischen Katholiken mit einem Widerwillen
betrachtet, den man nicht für unnatürlich oder unvernünftig halten kann.
Wären diese Corporationen auf eine verständige und unparteiische Weise
umgestaltet worden, so hätte die Unregelmäßigkeit des Verfahrens, durch
welches ein so wünschenwerthes Resultat erzielt worden war, verziehen
werden können. Aber es zeigte sich bald, daß ein exclusives System nur
beseitigt worden war, um einem andren Platz zu machen. Die Burgflecken
wurden der unumschränkten Autorität der Krone unterstellt. Städte, in
denen fast jeder Hausvater ein englischer Protestant war, erhielten
katholische Obrigkeiten. Viele von den neuen Aldermen hatten die Städte,
zu deren Behörden sie ernannt werden, noch nie gesehen. Zu gleicher Zeit
wurden die Sheriffs, denen die Vollziehung der richterlichen Befehle und
die Ernennung der Juries zukam, fast immer aus der Kaste gewählt, welche
bis vor ganz Kurzem von jedem öffentlichen Amte ausgeschlossen gewesen
war. Man versicherte, daß einige von diesen wichtigen Beamten wegen
Diebstahls in der Hand gebrandmarkt gewesen seien. Andere hatten im
Dienste von Protestanten gestanden, und die Protestanten setzten mit
bitterer Geringschätzung hinzu, daß die Grafschaft, der solche Beamte zu
Theil würden, von Glück sagen könne, denn ein Diener, der das Geschirr
eines englischen Gentleman gereinigt und sein Pferd geputzt habe, könne
im Vergleich zu Vielen von der eingebornen Aristokratie, die ihr Leben
mit Aufliegen und Marodiren hingebracht, für ein civilisirtes Geschöpf
gelten. Solchen Sheriffs würde kein Colonist, selbst wenn er das
unerhörte Glück gehabt hätte, einen ihm günstigen Ausspruch zu erlangen,
eine Execution anzuvertrauen gewagt haben.[6]

    [Anmerkung 2: +King's State of the Protestants of Ireland, II. 6+,
    und +III. 3+.]

    [Anmerkung 3: +King III. 3+. Clarendon nennt Nugent in einem
    Briefe an Rochester (vom 1. Juni 1686) »einen höchst lästigen,
    impertinenten Menschen.«]

    [Anmerkung 4: +King, III. 3+.]

    [Anmerkung 5: +King, II. 6+, und +III. 3+. Clarendon spricht in
    einem Briefe an Ormond (vom 28. Sept. 1686) mit rühmender
    Anerkennung von Nagle's Kenntnissen und Fähigkeiten; in seinem
    Tagebuche aber (31. Jan. 1686/87) nennt er ihn »einen
    habsüchtigen, ehrgeizigen Mann.«]

    [Anmerkung 6: +King II. 5. 1.+; +III. 3. 5+. +A Short View of the
    Methods made use of in Ireland for the Subversion and Destruction
    of the Protestant Religion and Interests, by a Clergyman lately
    escaped from thence, licensed Oct. 17, 1689+.]


[_Die Militärgewalt in den Händen der Katholiken._] So war die
Civilgewalt in Zeit von wenigen Monaten von der sächsischen auf die
celtische Bevölkerung übertragen worden. Die Übertragung der
Militärgewalt war nicht minder vollständig gewesen. Die Armee, welche
unter Ormond's Befehlen das Hauptbollwerk des englischen Übergewichts
gewesen war, existirte nicht mehr. Ganze Regimenter waren aufgelöst und
neu organisirt worden. Sechstausend ihres Brodes beraubte
protestantische Veteranen brüteten in ihrer Zurückgezogenheit über das
ihnen zugefügte Unrecht, oder waren über den Kanal gegangen und hatten
sich dem Banner Wilhelm's angeschlossen. Ihre Stellen wurden durch
Männer besetzt, welche, nachdem sie lange unterdrückt worden, sich
plötzlich aus Sklaven in Herren verwandelt sahen und es nun nicht
erwarten konnten, die schwere Schuld der Unbilden und Kränkungen mit
Wucherzinsen zurückzuzahlen. Man sagte, die neuen Soldaten seien nie an
einem Engländer vorübergegangen, ohne ihn zu verwünschen und ihm ein
Schimpfwort anzuhängen. Sie waren der Schrecken jedes protestantischen
Gastwirths, denn von dem Augenblicke an wo sie unter sein Dach kamen,
aßen und tranken sie Alles weg, ohne zu bezahlen, und verscheuchten
durch ihr rohes Bramarbasiren anständigere Gäste von seiner Thür.[7]

    [Anmerkung 7: +King, III. 2+. Ich kann nicht finden, daß Karl
    Leslie, ein eifriger Vertheidiger der andren Partei, in seiner
    Antwort an King, einer dieser Thatsachen widersprochen hätte. Er
    verwirft sogar selbst Tyrconnel's Verwaltung. »Ich wünsche einem
    Einwurfe zu begegnen, der sicherlich erhoben werden wird, daß ich
    nämlich Alles was Lord Tyrconnel und andere Minister Jakob's,
    besonders vor dieser Revolution, gethan haben und was mehr als
    irgend etwas Andres dieselbe hervorgerufen hat, völlig
    rechtfertigen wolle. Nein, davon bin ich weit entfernt. Ich bin
    überzeugt, daß ihr Verfahren in vielen Punkten den Feinden König
    Jakob's gegründetere Ursache zu klagen gab als alle anderen seiner
    Regierung zur Last gelegten Verwaltungsfehler.« +Leslie's Answer
    to King, 1692+.]


[_Gegenseitige Feindschaft zwischen den Engländern und Iren._] So war
der Zustand Irland's, als der Prinz von Oranien bei Torbay landete. Von
diesem Augenblicke an, brachte jedes in Dublin anlangende Packetboot
Nachrichten mit, welche die gegenseitige Furcht und Abneigung der
feindlichen Stämme nur vermehren konnten. Sowohl der Colonist, der,
nachdem er lange die Macht besessen und gemißbraucht, jetzt für einen
Augenblick die Bitterkeit der Knechtschaft gekostet hatte, als auch der
Eingeborne, der, nachdem er den bitteren Kelch der Knechtschaft bis zur
Hefe geleert, endlich auf einen Augenblick die Macht besessen und
gemißbraucht hatte, erkannten Beide, daß eine wichtige Krisis, eine
Krisis wie die von 1641, bevorstehe. Die Mehrheit erwartete mit
Ungeduld, in Tyrconnel einen Phelim O'Neil wieder erstehen zu sehen;
die Minderheit erblickte in Wilhelm einen zweiten Oliver.

Auf welcher Seite der erste Schlag erfolgte, dies war eine Frage, über
welche Wilhelmiten und Jakobiten nachher mit viel Schärfe debattirten.
Doch keine Frage konnte gleichgültiger sein. Die Geschichte muß beiden
Parteien die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die keine von beiden der
andren jemals zugestanden, und muß zugeben, daß beide triftige
Beschwerden und heftige Provocationen zu ihrer Rechtfertigung anführen
konnten. Beide waren durch ein Geschick, für welches keine von beiden
verantwortlich war, in eine Lage versetzt worden, daß sie einander, da
die menschliche Natur nun einmal so und nicht anders geschaffen ist,
nothwendig als Feinde betrachten mußten. Drei Jahre lang hatte die
Regierung, die sie hätte versöhnen können, systematisch Alles
aufgeboten, ihre Feindschaft zu einer rasenden Wuth zu entflammen. Es
war jetzt unmöglich, in Irland eine gerechte und wohlthätige Regierung
herzustellen, eine Regierung, die keinen Racen- oder Sectenunterschied
kannte, eine Regierung, welche die den neuen Grundeigenthümern durch das
Gesetz gewährleisteten Rechte streng respectirte, zu gleicher Zeit aber
durch eine vernünftige Liberalität das Mißgeschick der vorigen Gentry
linderte. Eine solche Regierung hätte Jakob zur Zeit seiner Macht
einsetzen können. Aber die günstige Gelegenheit war vorbei, ein
gütlicher Vergleich war nicht mehr möglich, die beiden erbitterten
Kasten waren gleichermaßen von der Nothwendigkeit überzeugt, daß sie
entweder unterdrücken, oder unterdrückt werden müßten, und daß nur in
Sieg, Rache und Herrschaft ihr Heil zu finden sei. Nur darin stimmten
sie überein, daß sie jeden Vermittler, der es versuchen wollte, sie mit
einander zu versöhnen, zurückwiesen.


[_Panischer Schrecken unter den Engländern._] Seit einigen Wochen waren
Excesse, Insulten, schlimme Gerüchte und panische Schrecken, die
natürlichen Vorläufer des herannahenden furchtbaren Zusammenstoßes, an
der Tagesordnung. Durch die ganze Insel verbreitete sich das Gerücht,
daß am 9. December eine allgemeine Niedermetzelung der Engländer
stattfinden solle. Tyrconnel ließ die vornehmsten Protestanten Dublin's
in's Schloß kommen und rief in seiner gewohnten kräftigen Redeweise die
ganze Rache des Himmels auf sich herab, wenn jenes Gerücht nicht eine
verfluchte, niederträchtige Lüge wäre. Aus Wuth darüber, daß seine
Flüche nicht die erwartete Wirkung hervorriefen, soll er seinen Hut und
seine Perrücke vom Kopfe gerissen und ins Feuer geworfen haben.[8] Aber
man kannte den lügenhaften Dick Talbot so genau, daß seine
Verwünschungen und Gestikulationen die Besorgniß, die sie vermindern
wollten, nur noch vermehrten. Seit Clarendon's Zurückberufung hatte
fortwährend eine starke Auswanderung ängstlicher und friedliebender
Leute aus den irischen Häfen nach England stattgefunden. Diese
Auswanderung nahm jetzt zu. Es war nicht leicht, auf einem gutgebauten
und bequemen Schiffe einen Platz zu erlangen. Aber viele Leute, deren
Muth das Übermaß der Furcht bis zur Kühnheit steigerte, wollten sich
lieber Wind und Wellen als den erbitterten Iren anvertrauen und setzten
sich daher allen Gefahren einer Seereise über den St. Georgskanal und
die Küste von Wales entlang in offenen Fahrzeugen und mitten im Winter
aus. Die zurückbleibenden Engländer begannen sich in fast jeder
Grafschaft eng aneinander anzuschließen. Jedes große Landhaus wurde eine
Festung. Jeder, der nach Einbruch der Dunkelheit Einlaß begehrte, wurde
durch ein Schießloch oder durch ein verrammeltes Fenster angerufen und
wenn er ohne Parole und Erklärungen einzudringen versuchte, ward ihm
eine Blunderbüchse vorgehalten. In der gefürchteten Nacht des 9.
Decembers gab es von der Riesen-Chaussee bis zur Bantry-Bay kaum ein
protestantisches Landhaus, in welchem vom frühen Untergang bis zum
späten Aufgang der Sonne nicht bewaffnete Männer gewacht und Lichter
gebrannt hätten.[9]

    [Anmerkung 8: +A True and Impartial Account of the most material
    Passages in Ireland since December 1688, by a Gentleman who was an
    Eyewitness; licensed July 22, 1689.+]

    [Anmerkung 9: +A True and Impartial Account etc. 1689+; +Leslie's
    Answer to King, 1692.+]


[_Geschichte der Stadt Kenmare._] Über die damaligen Vorgänge in einem
Districte ist ein ausführlicher Bericht auf uns gekommen, nach dem man
sich ein Bild von dem allgemeinen Zustande des Königreichs machen kann.
Der südwestliche Theil von Kerry ist jetzt als die schönste Gegend der
britischen Inseln bekannt. Die Berge, die Schluchten, die sich weit ins
Meer hinaus erstreckenden Vorgebirge, die Felsen, auf denen Adler
horsten, die Bäche, welche von den Gebirgspässen herniederrauschen, die
Seen, von dichten Wäldern umsäumt, in denen das Hochwild Schutz findet,
ziehen jeden Sommer Schaaren von Touristen herbei, welche des Treibens
und der Vergnügungen der großen Städte überdrüssig sind. Die Schönheiten
dieses Landes werden zwar nur zu häufig durch Nebel und Regen
verschleiert, welche der Westwind von dem unermeßlichen Ocean
herbeiführt. An den seltenen Tagen aber wo die Sonne in ihrem vollen
Glanze strahlt, zeigt die Landschaft eine Frische und eine Wärme des
Colorits, die man in unseren Breitengraden selten findet. Die Myrthe
liebt den Boden, der Erdbeerbaum gedeiht hier besser als selbst an den
sonnigen Gestaden Calabrien's.[10] Die Wiesen haben eine saftigere
Färbung als anderwärts, die Hügel erglühen in prächtigerem Purpur, die
Blätter der Stechpalme und des Epheus zeigen einen höheren Glanz, und
Beeren von feurigerem Roth schimmern durch Laub von schönerem Grün. Aber
während der größeren Hälfte des 17. Jahrhunderts war dieses Paradies der
civilisirten Welt noch so wenig bekannt wie Spitzbergen oder Grönland.
Wenn es ja einmal erwähnt wurde, sprach man davon als von einer
traurigen Wüste, einem Chaos von Sümpfen, Dickichten und Abgründen, wo
die Wölfe noch hausten und wo einige halbnackte Wilde, die kein Wort
Englisch sprachen, sich unterirdische Baue in den Schlamm gruben und von
Wurzeln und saurer Milch lebten.[11]

Im Jahre 1670 endlich beschloß der menschenfreundliche und erleuchtete
Sir Wilhelm Petty, in diesem wüsten Districte eine Niederlassung zu
gründen. Er besaß dort eine große Herrschaft, die auf eine ihres
Ahnherrn würdige Nachkommenschaft fortgeerbt ist. Man sagte damals, daß
er auf die Verbesserung dieses Gutes nicht weniger als zehntausend Pfund
Sterling verwendet habe. Die kleine Stadt, welche er gründete und die
nach der Bucht von Kenmare benannt wurde, lag an der Spitze dieser Bucht
am Fuße eines Bergrückens, auf dessen Gipfel der Reisende jetzt
verweilt, um den lieblichsten der drei Seen von Killarney zu betrachten.
Ein von einer Gesellschaft unternehmender Neuengländer, weit entfernt
von den Wohnungen ihrer Landsleute in den Jagdgründen der rothen
Indianer erbautes Dorf konnte kaum vollständiger außer dem Bereiche der
Civilisation liegen als Kenmare. Von Petty's Ansiedelung bis nach dem
nächsten englischen Wohnplatze hatte man zu Lande zwei Tage durch eine
wilde und gefahrvolle Gegend zu reisen. Doch der Ort gedieh. Es wurden
zweiundvierzig Häuser gebaut und die Bevölkerung belief sich auf
hundertachtzig Seelen. Das Land um die Stadt herum war gut angebaut, der
Viehstand war zahlreich und zwei kleine Bote vermittelten den Fischfang
und Handel längs der Küste. Der Ertrag an Heringen, Pilchards, Makrelen
und Lachsen war bedeutend und würde noch bedeutender gewesen sein, wäre
nicht der Strand in der schönsten Jahreszeit mit Massen von Robben
bedeckt gewesen, welche den Fischen der Bucht nachstellten. Die Robbe
war jedoch kein unwillkommener Gast, denn ihre Haut war werthvoll und
ihr Thran lieferte das Beleuchtungsmaterial für die langen Winterabende.
Mit dem glücklichsten Erfolge wurde der Versuch gemacht, Eisenhütten
anzulegen. Man bediente sich damals noch nicht der Steinkohlen zum
Schmelzen und es wurde den Fabrikbesitzern von Kent und Sussex sehr
schwer, sich Brennholz zu mäßigem Preise zu verschaffen. Die Umgebung
von Kenmare war damals reich bewaldet, und Petty erkannte es als eine
gewinnbringende Spekulation, Erz dahin zu transportiren. Die Freunde von
Naturschönheiten bedauern noch heute den Verlust der Wälder von Eichen
und Erdbeerbäumen, welche geschlagen wurden, um seine Hohöfen zu
speisen. Außerdem war noch ein andrer Plan in seinem thätigen und
intelligenten Kopfe entstanden. Einige von den benachbarten Inseln waren
reich an buntem Marmor, roth und weißem und roth und grünem. Petty wußte
wohl, mit welchen großen Kosten die alten Römer ihre Bäder und Tempel
mit buntfarbigen Säulen schmückten, welche in den Marmorbrüchen
Lakonien's und Afrika's gebrochen wurden, und er scheint die Hoffnung
genährt zu haben, daß die Felsen seiner wilden Herrschaft in Kerry
vielleicht Verzierungen für die Paläste von St. James-Square und für das
Chor der St Paulskirche liefern könnten.[12]

Die Ansiedler hatten von Anfang an erkannt, daß sie darauf vorbereitet
sein müßten, das Recht der Selbstvertheidigung in einer Ausdehnung zu
üben, die in einem wohleingerichteten Staate unnöthig und
unverantwortlich gewesen sein würde. In den Hochlanden südlich vom Thale
von Tralee war das Gesetz völlig machtlos. Kein Justizbeamter wagte sich
gern in diese Gegenden. Ein Staatsbote, der im Jahre 1680 dort einen
gerichtlichen Befehl zu vollziehen versuchte, wurde ermordet. Es scheint
jedoch, daß bis zu Ende des Jahres 1688 die Bewohner von Kenmare durch
ihre Einigkeit, ihre Intelligenz und ihren Muth hinreichend geschützt
waren. Um diese Zeit aber begannen sich die Wirkungen der Politik
Tyrconnel's selbst in diesem entlegenen Winkel Irland's fühlbar zu
machen. In den Augen des Landvolks von Munster waren die Colonisten
Fremdlinge und Ketzer. Die Gebäude, die Böte, die Maschinen, die
Kornspeicher, die Meiereien und Hohöfen wurden von der eingebornen
Bevölkerung ohne Zweifel mit dem Gemisch von Neid und Geringschätzung
betrachtet, mit dem der Unwissende ganz natürlich auf die Triumphe der
Wissenschaft herabsieht. Auch ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß die
Einwanderer sich der Fehler schuldig gemacht hatten, von denen
civilisirte Menschen, die sich unter einem uncivilisirtem Volke
niederlassen, selten frei bleiben. Es läßt sich wohl annehmen, daß die
aus höherer Intelligenz entspringende Macht bald rücksichtslos zur Schau
getragen, bald ungerecht ausgeübt wurde. Als sich daher jetzt von Altar
zu Altar und von Hütte zu Hütte die Nachricht verbreitete, daß die
Fremden vertrieben und ihre Häuser und Grundstücke den Söhnen des Landes
als Beute preisgegeben werden sollten, begann ein förmlicher Raubkrieg.
Schaaren von Plünderern zu dreißig, vierzig, ja siebzig Köpfen, theils
mit Schießgewehren, theils mit Piken bewaffnet, durchstreiften die
Umgegend der Stadt. Die Scheunen wurden geplündert, und Pferde wurden
gestohlen. Bei einem einzigen Raubzuge wurden hundertvierzig Stück Vieh
weggenommen und durch die Schluchten von Glengariff fortgeführt. In
einer Nacht wurden sechs Wohnungen erbrochen und ausgeplündert. Endlich
beschlossen die auf's Äußerste getriebenen Colonisten, lieber wie Männer
zu sterben, als sich in ihren Betten ermorden zu lassen. Das Haus,
welches Petty für seinen Agenten erbaut hatte, war das größte im Orte.
Es stand auf einer felsigen Landzunge, an deren Ufern die Wogen der
Bucht sich brachen. Hier versammelte sich die ganze Einwohnerschaft,
bestehend aus fünfundsiebzig streitbaren Männern mit etwa hundert Frauen
und Kindern. Sie besaßen sechzig Feuergewehre und eine gleiche Anzahl
Piken und Schwerter. In aller Eile wurde rings um das Haus des Agenten
ein funfzehn Fuß hoher und zwölf Fuß dicker Erdwall aufgeworfen.
Die so eingefriedigte Bodenfläche war etwa einen halben Acker groß.
Innerhalb dieses Walles wurden sämmtliche Waffen, Munitions- und
Lebensmittelvorräthe zusammengebracht und mehrere schwache Breterhütten
errichtet. Als diese Vorbereitungen getroffen waren, begannen die Männer
von Kenmare kräftige Repressalien gegen ihre irischen Nachbarn zu üben;
sie ergriffen Räuber, nahmen gestohlenes Eigenthum wieder und verfuhren
einige Wochen lang in allen Stücken wie eine unabhängige Gemeinschaft.
Die obrigkeitlichen Functionen wurden durch erwählte Beamte verrichtet,
denen jedes Mitglied der Commun auf das Evangelium Treue gelobte.[13]

Während die Bewohner des Städtchens Kenmare sich dergestalt regten,
wurden von größeren Gemeinschaften ähnliche Vertheidigungsmaßregeln in
größerem Maßstabe getroffen. Eine beträchtliche Anzahl Gentlemen und
Freisassen verließ das platte Land und zog sich in die Städte, welche zu
dem Zwecke gegründet und incorporirt worden waren, um die eingeborne
Bevölkerung im Zaume zu halten, und die, obwohl unlängst unter das
Regiment katholischer Behörden gestellt, doch noch hauptsächlich von
Protestanten bewohnt waren. Eine ansehnliche Schaar bewaffneter
Colonisten sammelte sich in Sligo, eine andre in Charleville, eine
dritte in Mallow, eine vierte noch stärkere in Bandon.[14] Die
wichtigsten Bollwerke der englischen Bevölkerung in dieser schlimmen
Zeit waren jedoch Enniskillen und Londonderry.

    [Anmerkung 10: In der Gegend von Killarney hat es Erdbeerbäume von
    dreißig Fuß Höhe und fünfthalb Fuß Umfang gegeben. Siehe die
    +Philosophical Transactions, 227.+]

    [Anmerkung 11: In einer sehr ausführlichen Beschreibung der
    britischen Inseln, welche 1690 in Nürnberg erschien, ist Kerry als
    »an vielen Orten unwegsam und voller Wälder und Gebirge«
    geschildert. Wölfe hausten noch in Irland. »Kein schädlich Thier
    ist da außerhalb Wölff und Füchse.« Noch im Jahre 1710 wurde auf
    Antrag der großen Jury von Kerry eine Abgabe zum Behufe der
    Ausrottung der Wölfe in dieser Grafschaft erhoben. Siehe Smith's
    +Ancient and Modern State of the County of Kerry, 1750+. Es ist
    mir nie ein besseres Buch dieser Art und dieses Umfangs
    vorgekommen. In einem 1719 erschienenen Gedicht, betitelt:
    +Macdermot, or the Irish Fortune Hunter+, in sechs Gesängen, wird
    die Wolfsjagd als ein sehr gewöhnliches Sportvergnügen
    dargestellt. Unter Wilhelm's Regierung gab man Irland zuweilen den
    Spottnamen Wolfsland. So wird in einem Gedicht über die Schlacht
    von la Hogue, betitelt: +Advice to a Painter+, der Schrecken der
    irischen Armee wie folgt geschildert:

      Ein Nebel, der das Blut erstarren macht
      Und Wolfland's Heulen dringt durch's ganze Lager.]

    [Anmerkung 12: +Smith's Ancient and Modern State of Kerry.+]

    [Anmerkung 13: +Exact Relation of the Persecution, Robberies, and
    Losses sustained by the Protestants of Killmare in Ireland, 1689+;
    +Smith's Ancient and Modern State of Kerry, 1756.+]

    [Anmerkung 14: +Ireland's Lamentation, licensed May 18. 1689.+]


[_Enniskillen._] Enniskillen, obwohl die Hauptstadt der Grafschaft
Fermanagh, war damals ein bloßes Dorf. Es war auf einer Insel des
Flusses erbaut, welcher die unter dem gemeinschaftlichen Namen des
Ernesees bekannten zwei schönen Wasserbecken mit einander verbindet.
Der Strom und beide Seen waren auf allen Seiten von natürlichen Wäldern
umgeben. Enniskillen bestand aus etwa achtzig Wohnhäusern, in deren
Mitte sich ein altes Schloß erhob. Die Einwohner waren fast ohne
Ausnahme Protestanten und stolz darauf, daß ihre Stadt während der
furchtbaren Revolution, welche 1641 ausbrach, der protestantischen Sache
treu geblieben. Anfangs December erhielten sie von Dublin die Anzeige,
daß zwei Compagnien papistischer Infanterie demnächst bei ihnen ins
Quartier gelegt werden würden. Die kleine Gemeinde war in der größten
Bestürzung, um so mehr als man erfuhr, daß ein Predigermönch sich bemüht
hatte, die irische Bevölkerung der Umgegend wider die Ketzer
aufzureizen. Man faßte den kühnen Entschluß, die Truppen nicht
einzulassen, mochte es kommen wie es wollte. Die Vertheidigungsmittel
waren indessen sehr spärlich. Nicht zehn Pfund Pulver, nicht zwanzig
brauchbare Schießgewehre konnten innerhalb der Festung aufgetrieben
werden. Es wurden deshalb Boten mit dringenden Schreiben ausgesandt,
welche die protestantische Gentry der Nachbarschaft aufforderten, zur
Unterstützung herbeizueilen, und dem Aufrufe ward mit hochherziger
Bereitwilligkeit Folge geleistet. Binnen wenigen Stunden hatten sich
zweihundert Bewaffnete zu Fuß und hundertfunfzig Reiter versammelt.
Tyrconnel's Soldaten waren schon im Anzuge. Sie führten einen
beträchtlichen Vorrath von Waffen mit sich, welche unter das Landvolk
vertheilt wurden. Die Bauern begrüßten das königliche Banner mit Jubel
und schlossen sich in großer Anzahl dem Zuge an. Anstatt den Angriff zu
erwarten, kamen die Bürger mit ihren Verbündeten muthig heraus und
stellten sich den Eindringenden entgegen. Die Offiziere Jakob's hatten
keinen Widerstand erwartet, und sie waren daher nicht wenig erstaunt,
als sie eine Colonne Fußvolk, von einem starken Corps berittener
Gentlemen und Freisassen flankirt, auf sich anrücken sahen. Die Bauern
liefen entsetzt davon und die Soldaten traten den Rückzug so eilig an,
daß er eine Flucht genannt werden konnte. Erst in Cavan, dreißig Meilen
davon, machten sie wieder Halt.[15]

Durch diesen leichten Sieg kühn gemacht, trafen die Protestanten
Anordnungen zur Regierung und Vertheidigung von Enniskillen und der
umliegenden Ortschaften. Gustav Hamilton, ein Gentleman, der in der
Armee gedient, dem aber Tyrconnel unlängst sein Offizierspatent entzogen
hatte, und der seitdem auf einem Gute in Fermanagh lebte, wurde zum
Gouverneur ernannt und nahm seine Residenz im Schlosse. Zuverlässige
Männer wurden in aller Eil angeworben und bewaffnet. Da es an Schwertern
und Piken fehlte, mußten die Schmiede improvisirte Waffen anfertigen,
bestehend aus Sensenklingen, welche an Stangen befestigt wurden.
Sämmtliche Landhäuser rings um den Ernesee erhielten Besatzungen. Kein
Papist durfte frei in der Stadt umhergehen, und der Mönch, den man
beschuldigte, seine Beredtsamkeit gegen die Engländer aufgeboten zu
haben, wurde ins Gefängniß geworfen.[16]

    [Anmerkung 15: +A True Relation of the Actions of the Inniskilling
    men, by Andrew Hamilton, Rector of Kilskerrie, and one of the
    Prebends of the Diocese of Clogher, an Eyewitness thereof and
    Actor therein, licensed Jan. 15. 1689/90. -- A Further Impartial
    Account of die Actions of the Inniskilling men, by Captain William
    Mac Cormick, one of the first that took up Arms, 1691.+]

    [Anmerkung 16: +Hamilton's True Relation+; +Mac Cormick's Further
    Impartial Account.+]


[_Londonderry._] Die andre Hauptfeste des Protestantismus war eine Stadt
von größerer Bedeutung. Achtzig Jahre früher, während der durch den
letzten Kampf der Häuser O'Neil und O'Donnel gegen die Autorität Jakob's
I. verursachten Unruhen war die ehemalige Stadt Derry von einem der
eingebornen Häuptlinge überfallen, die Bewohner niedergemetzelt und die
Häuser in Asche gelegt worden. Die Insurgenten wurden bald überwältigt
und bestraft, die Regierung beschloß, die zerstörte Stadt wieder
aufzubauen, der Lordmayor, die Aldermen und der Gemeinderath von London
wurden zur Betheiligung an dem Werke aufgefordert und König Jakob I.
überwies ihnen in ihrer corporativen Eigenschaft den von den Trümmern
des alten Derry bedeckten Grund und Boden nebst ungefähr sechstausend
englischen Ackern umliegenden Landes.[17]

Dieser damals unangebaute und unbewohnte District ist jetzt ein
blühender Sitz des Gewerbfleißes und des guten Geschmacks und macht
selbst auf Augen, welche an den Anblick der üppigen Fluren und
stattlichen Schlösser England's gewöhnt sind, einen wohlthuenden
Eindruck. Bald erhob sich eine neue Stadt, die wegen ihrer Connection
mit der Hauptstadt des Reichs Londonderry genannt wurde. Die Gebäude
bedeckten den Gipfel und den Abhang einer Anhöhe, welche den breiten
Strom des Foyle beherrschte, der zu jener Zeit von Schaaren wilder
Schwäne besucht wurde.[18] Auf dem höchsten Punkte stand die Kathedrale,
eine Kirche, die, obwohl zu einer Zeit erbaut, wo das Geheimniß der
gothischen Architectur verloren gegangen war, und wenn auch nicht
geeignet, einen Vergleich mit den ehrwürdigen Tempeln des Mittelalters
auszuhalten, doch nicht ohne Anmuth und stattliches Ansehen ist. Unweit
der Kathedrale erhob sich der Palast des Bischofs, dessen Sitz einer der
bedeutendsten in Irland war. Die Stadt hatte eine fast elliptische Form
und die Hauptstraßen bildeten ein Kreuz, dessen Arme auf einem Platze
zusammentrafen, welcher der Diamant hieß. Die ursprünglichen Häuser sind
theils umgebaut, theils so verändert, daß ihr anfänglicher Character
nicht mehr zu erkennen ist; mancher derselben aber können sich jetzt
Lebende noch erinnern. Sie waren meist zwei Stock hoch und mehrere
hatten steinerne Treppen an der Außenseite. Die Stadt war von einer
Mauer umgeben, deren Umfang nicht viel weniger als eine Meile betrug.
Auf den Bastionen waren Feldschlangen und Falkonetts aufgepflanzt,
welche die reichen Gilden London's der Colonie zum Geschenk gemacht
hatten. Auf einigen dieser alten Geschütze, welche einer großen Sache
denkwürdige Dienste geleistet haben, kann man noch heute die Devisen der
Fischhändlergilde, der Weinhändlergilde und der Kleiderhändlergilde
erkennen.[19]

Die Einwohner waren Protestanten von angelsächsischem Geblüt. Zwar
gehörten sie nicht alle einem Lande und einer Kirche an, aber Engländer
und Schotten, Episkopalen und Presbyterianer scheinen im Allgemeinen in
Freundschaft miteinander gelebt zu haben, eine Freundschaft, welche
durch ihre gemeinsame Abneigung gegen die irische Race und gegen die
papistische Religion genügend erklärt wird. Während des Aufstandes von
1641 hatte Londonderry muthig gegen die eingebornen Häuptlinge Stand
gehalten und war zu wiederholten Malen vergebens belagert worden.[20]
Seit der Restauration entwickelte sich die Stadt mehr und mehr. Zur Zeit
der Fluth konnten schwer beladene Schiffe bis an den Quai fahren.
Die Fischereien nahmen einen großartigen Aufschwung. Die Netze sollen
zuweilen so voll gewesen sein, daß man Massen von Fischen wieder ins
Wasser werfen mußte. Das Gewicht der alljährlich gefangenen Lachse wurde
auf elfmalhunderttausend Pfund geschätzt.[21]

    [Anmerkung 17: +Concise View of the Irish Society, 1822+; Mr.
    Heath's interessanter +Account of the Worshipful Company of
    Grocers, Appendix 17.+]

    [Anmerkung 18: +The Interest of England in the Preservation of
    Ireland, licensed July 17. 1689.+]

    [Anmerkung 19: Diese Dinge beobachtete oder erfuhr ich an Ort und
    Stelle.]

    [Anmerkung 20: Die besten Mittheilungen über die Ereignisse in
    Londonderry während des 1641 begonnenen Kriegs habe ich in Dr.
    Reid's +History of the Presbyterian Church in Ireland+ gefunden.]

    [Anmerkung 21: +The Interest of England in the Preservation of
    Ireland, 1689.+]


[_Schließung der Thore von Londonderry._] Die Bevölkerung von
Londonderry theilte die Besorgniß, welche gegen das Ende des Jahres 1688
unter den in Irland ansässigen Protestanten allgemein verbreitet war. Es
war bekannt, daß das eingeborne Landvolk der Umgegend sich mit Piken und
Messern versah. Die Priester hatten in einem Tone, über den, wie sich
nicht leugnen läßt, der puritanische Theil der angelsächsischen
Bevölkerung wenig Recht hatte sich zu beklagen, über die Niedermetzelung
der Amalekiter und über die Verdammungsurtheile, welche Saul sich
dadurch zugezogen, daß er Einen von dem geachteten Stamme schonte, das
Volk haranguirt. Gerüchte von verschiedenen Seiten und anonyme Briefe
von verschiedener Hand bezeichneten den 9. December als den zur
Vertilgung der Fremden festgesetzten Tag. Während die Gemüther der
Bürger durch diese Gerüchte beunruhigt wurden, traf die Nachricht ein,
daß ein Regiment von zwölfhundert Papisten unter dem Commando eines
Papisten, Alexander Macdonnell, Earl von Antrim, von dem Vicekönig
Befehl erhalten habe, Londonderry zu besetzen, und bereits von Coleraine
abmarschirt sei. Die Bestürzung war groß. Einige waren für Schließung
der Thore und Widerstand, Andere für Unterwerfung, noch Andere für
Temporisiren. Der Gemeindekörper war, wie die anderen Corporationen
Irland's, reorganisirt worden. Die Magistratsbeamten waren Männer von
niederer Herkunft und unedlem Character. Nur ein einziges Mitglied von
angelsächsischem Geblüt befand sich unter ihnen, und dieser Eine war
Papist geworden. Zu einer solchen Behörde konnten die Einwohner kein
Vertrauen haben.[22] Der Bischof, Hesekiel Hopkins, hielt fest an der
Lehre vom Nichtwiderstande, die er viele Jahre gepredigt hatte, und
ermahnte seine Herde, lieber geduldig zur Schlachtbank zu gehen, als die
Schuld des Ungehorsams gegen den Gesalbten des Herrn auf sich zu
laden.[23] Inzwischen rückte Antrim immer näher heran. Endlich sahen die
Bürger von den Wällen herab seine Truppen auf dem jenseitigen Ufer des
Foyle aufgestellt. Es existirte damals noch keine Brücke, nur eine Fähre
unterhielt die regelmäßige Verbindung zwischen beiden Ufern, und
vermittelst dieser Fähre setzte ein Detaschement von Antrim's Regiment
über. Die Offiziere erschienen am Thore, zeigten einen an den Mayor und
die Sheriffs gerichteten Befehl vor und begehrten Einlaß und Quartier
für die Soldaten Seiner Majestät.

Gerade in diesem Augenblicke eilten dreizehn junge Handwerker, ihren
Namen nach meist schottischer Geburt oder Abstammung, in die Wachtstube,
bewaffneten sich, ergriffen die Schlüssel der Stadt, stürzten nach dem
Fährthore, verschlossen es angesichts der königlichen Offiziere und
ließen das Fallgatter nieder. Jakob Morison, ein Bürger in reiferen
Jahren, redete nun die unwillkommenen Gäste von der Höhe des Walles an
und rieth ihnen wieder abzuziehen. Sie blieben, unter einander
berathschlagend, draußen am Thore stehen, bis sie ihn oben rufen hörten:
»Bringt eine große Kanone hierher!« Da endlich hielten sie es für
gerathen, sich aus der Schußweite zu entfernen. Sie zogen ab, schifften
sich wieder ein und kehrten zu ihren Kameraden ans jenseitige Flußufer
zurück. Inzwischen hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer
verbreitet, und die ganze Stadt war auf den Beinen. Die anderen Thore
wurden ebenfalls verschlossen, überall auf den Wällen wurden
Schildwachen ausgestellt, die Magazine wurden geöffnet, Gewehre und
Schießpulver vertheilt und unter dem Schutze der einbrechenden
Dunkelheit Boten an die protestantischen Gentlemen der benachbarten
Grafschaften ausgesandt. Der Bischof machte vergeblich Vorstellungen.
Die heftigen und waghalsigen jungen Schotten, welche bei dieser
Gelegenheit mit kühnem Beispiele vorangegangen waren, scheinen in der
That wenig Respect vor seinem Amte gehabt zu haben. Einer von ihnen
unterbrach die Rede, durch welche er den militärischen Vorkehrungen
Einhalt thun wollte, mit dem Ausrufe: »Eine gute Predigt, Mylord, eine
sehr gute Predigt, wir haben nur jetzt gerade nicht Zeit sie
anzuhören.«[24]

Die Protestanten der Umgegend leisteten der Aufforderung Londonderry's
bereitwillig Folge. Innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden kamen
Hunderte zu Roß und zu Fuß auf verschiedenen Wegen zur Stadt, und
Antrim, der sich entweder nicht für stark genug hielt, um einen Angriff
zu wagen, oder nicht Lust hatte, ohne weiteres die Verantwortlichkeit
für den Anfang eines Bürgerkriegs auf sich zu nehmen, zog sich mit
seinen Truppen nach Coleraine zurück.

    [Anmerkung 22: Meine Autorität für diesen ungünstigen Bericht über
    die Corporation ist ein episches Gedicht, betitelt: +The
    Londeriad+. Dieses merkwürdige Gedicht muß bald nach den
    Ereignissen, auf die es Bezug hat, geschrieben sein, denn es ist
    Robert Rochfort, dem Sprecher des Hauses der Gemeinen, gewidmet,
    und Rochfort bekleidete dieses Amt von 1695 bis 1699. Der Dichter
    hatte kein Erfindungstalent und besaß augenscheinlich eine genaue
    Kenntniß der Stadt, die er besang; daher sind seine Knittelverse
    nicht ohne geschichtlichen Werth. Er sagt:

      Sie wählten für des Parlamentes Pforten
      Nur Schuster, Fleischer und Consorten,
      Die ganze Körperschaft enthielt nicht einen Mann
      von brit'scher Abkunft, außer Buchanan.

    Dieser Buchanan wird weiterhin geschildert als

      Ein Schurke durch und durch,
      Der längst zuvor schon seinen Rosenkranz gebetet.]

    [Anmerkung 23: Siehe eine von ihm am 31. Januar 1689 zu Dublin
    gehaltene Predigt. Der Text derselben ist: »Seid unterthan aller
    menschlichen Ordnung um des Herrn willen.«]

    [Anmerkung 24: +Walker's Account of the Siege of Derry, 1689+;
    +Mackenzie's Narrative of the Siege of Londonderry, 1689+; +An
    Apology for the Failures charged on the Reverend Mr. Walker's
    Account of the late Siege of Derry, 1689+; +A Light to the Blind.+
    Die letztgenannte Schrift, ein Manuscript im Besitze Lord
    Fingal's, ist das Werk eines eifrigen Katholiken und eines
    Todfeindes England's. Umfängliche Auszüge daraus finden sich unter
    den Mackintosh-Manuscripten. Auf dem Titelblatte steht die
    Jahrzahl 1711.]


[_Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu pacificieren._] Man hätte
glauben können, daß der Widerstand Enniskillen's und Londonderry's
Tyrconnel zu einem verzweifelten Schritte treiben werde. Und in der That
wurde sein wildes und herrschsüchtiges Temperament auch anfangs durch
die Nachricht in eine an Wahnsinn grenzende Wuth versetzt. Nachdem er
aber seine Wuth, wie gewöhnlich, an seiner Perrücke ausgelassen, wurde
er etwas ruhiger. Es waren ihm eben Nachrichten von sehr abkühlender
Natur zugekommen. Der Prinz von Oranien marschirte unaufgehalten gegen
London; fast jede Grafschaft und jede große Stadt hatte sich für ihn
erklärt. Jakob, von seinen geschicktesten Heerführern und seinen
nächsten Verwandten verlassen, hatte Commissarien abgeschickt, die mit
den Eingedrungenen unterhandeln sollten, und hatte Ausschreiben zur
Einberufung eines Parlaments erlassen. So lange das Ergebniß der in
England schwebenden Unterhandlungen ungewiß war, durfte der Vicekönig es
nicht wagen, an den widerspenstigen Protestanten Irland's blutige Rache
zu nehmen. Er hielt es daher für gerathen, vorläufig eine Nachsicht und
Mäßigung zu heucheln, die seinem Character durchaus fremd waren. William
Stewart, Viscount von Mountjoy, wurde beauftragt, die englische
Bevölkerung von Ulster zu beschwichtigen. Mountjoy, ein tapferer Soldat,
ein ausgezeichneter Gelehrter, ein eifriger Protestant und dabei doch
ein eifriger Tory, war eines von den wenigen Mitgliedern der
Staatskirche, die in Irland noch ein Amt bekleideten. Er war
Feldzeugmeister dieses Königreichs und Oberst eines Regiments, in
welchem das englische Element noch ungewöhnlich stark vertreten war. In
Dublin war er die Seele eines kleinen Kreises gelehrter und geistreicher
Männer, die sich unter seinem Vorsitz zu einer Königlichen Societät
vereinigt hatten, einer Nachbildung im Kleinen der Londoner Königlichen
Societät. In Ulster, mit dem er in besonders enger Verbindung stand,
genoß sein Name bei den Colonisten eines hohen Ansehens.[25] Er eilte
mit seinem Regiment nach Londonderry und wurde mit offenen Armen
empfangen, denn man wußte, daß er zwar ein entschiedener Anhänger der
erblichen Monarchie, aber nicht minder ein treuer Freund des reformirten
Glaubens war. Die Bürger gestatteten ihm bereitwillig, eine
ausschließlich aus Protestanten bestehende kleine Garnison, unter dem
Commando seines Oberstleutnants Robert Lundy, der den Titel eines
Gouverneurs annahm, in der Stadt zurückzulassen.[26]

Die Nachricht von Mountjoy's Besuch in Ulster war den Vertheidigern von
Enniskillen höchst angenehm. Einige von dieser Stadt abgeordnete
Gentlemen machten ihm ihre Aufwartung, um seine Unterstützung zu
erbitten, wurden aber durch den Empfang, der ihnen zu Theil ward,
enttäuscht. »Ich kann Euch nur den Rath geben,« sagte er, »daß Ihr Euch
der Autorität des Königs unterwerfet.« -- »Wie, Mylord?« versetzte einer
der Abgeordneten, »sollen wir uns geduldig abschlachten lassen?« -- »Der
König,« sagte Mountjoy, »wird Euch beschützen.« -- »Wenn Alles was uns
zu Ohren kommt wahr ist, wird es Sr. Majestät schwer genug werden, sich
selbst zu schützen.« So endete die Conferenz ohne befriedigendes
Resultat. Enniskillen behielt seine trotzige Haltung bei und Mountjoy
kehrte nach Dublin zurück.[27]

Unterdessen hatte es sich in der That klar herausgestellt, daß Jakob
nicht einmal sich selbst schützen konnte. Man erfuhr in Irland, daß er
geflohen, daß er angehalten worden, daß er wieder geflohen und daß der
Prinz von Oranien im Triumph zu Westminster angelangt war, die
Verwaltung des Reichs übernommen und eine Convention einberufen hatte.

    [Anmerkung 25: Über Mountjoys Character und Stellung siehe
    Clarendon's Briefe aus Irland, besonders den an Lord Dartmouth vom
    8. Febr. und den an Evelyn vom 24. Februar 1685/86. +»Bon officier
    et homme d'esprit,«+ sagt Avaux.]

    [Anmerkung 26: +Walker's Account+; +Light to the Blind.+]

    [Anmerkung 27: +Mac Cormick's Further Impartial Account.+]


[_Wilhelm tritt in Unterhandlung mit Tyrconnel._] Die Lords und
Gentlemen, auf deren Ansuchen der Prinz die Regierung übernommen hatte,
waren ernstlich in ihn gedrungen, den Zustand Irland's sofort in
Erwägung zu ziehen, und er hatte ihnen darauf die Versicherung gegeben,
daß er sein Möglichstes thun werde, um die protestantische Religion und
das englische Interesse in diesem Lande aufrecht zu erhalten. Seine
Feinde beschuldigten ihn nachmals der völligen Nichtbeachtung dieses
Versprechens, ja sie behaupteten sogar, er habe Irland absichtlich immer
tiefer und tiefer in den Abgrund des Verderbens versinken lassen.
Halifax, sagten sie, habe mit grausamem und perfidem Scharfsinn das
Mittel ausgedacht, der Convention eine Art von Zwangsjacke anzulegen,
und der Streich sei nur zu gut gelungen. Der Beschluß, welcher Wilhelm
auf den Thron berief, würde nicht so leicht durchgegangen sein, wäre der
Staat nicht von so großen Gefahren bedroht gewesen, und nur in Folge
seiner eignen schmachvollen Unthätigkeit hätten diese Gefahren einen
solchen Grad erreicht.[28] Da diese Anschuldigung durch keine Beweise
unterstützt wird, sind Diejenigen, die sie wiederholen, wenigstens
verpflichtet nachzuweisen, daß Wilhelm ein offenbar besserer Weg zu
Gebote stand als der, welchen er einschlug, und das dürfte ihnen schwer
werden. Ja, hätte er wenige Wochen nach seiner Ankunft in London eine
große Armee nach Irland schicken können, so würde sich dieses Königreich
vielleicht nach einem kurzen Kampfe, oder selbst ohne allen Kampf seiner
Autorität unterworfen haben, und eine lange Reihe von Verbrechen und
Drangsalen hätte abgewendet werden können. Aber die factiösen Redner und
Pamphletisten, die ihn so unüberlegt tadelten, daß er keine solche Armee
absendete, würden in nicht geringe Verlegenheit gekommen sein, wenn sie
die nöthigen Truppen, Schiffe und Gelder hätten beschaffen sollen. Die
englische Armee hatte ihm vor kurzem noch feindlich gegenübergestanden,
ein Theil derselben war ihm noch immer abgeneigt, und das Ganze war im
höchsten Grade desorganisirt. Von der Armee, die er aus Holland
mitgebracht, war nicht ein Regiment entbehrlich. Er hatte den Schatz
leer und den Gold der Flotte in Rückstand gefunden. Es stand nicht in
seiner Macht, irgend einen Theil der Staatseinkünfte zu verpfänden.
Wer ihm Geld lieh, lieh es ihm auf keine andre Sicherheit als auf sein
bloßes Wort. Nur die patriotische Freigebigkeit der londoner Kaufleute
hatte ihn in den Stand gesetzt, bis zum Zusammentritt der Convention die
laufenden Regierungsausgaben zu bestreiten. Es ist also gewiß ungerecht,
ihn zu tadeln, daß er unter solchen Umständen nicht auf der Stelle eine
Flotte ausrüstete, welche hinreichte, ein Königreich zu erobern.

Da er einsah, daß es, so lange die englische Regierung nicht befestigt
war, nicht in seiner Macht stehen würde, mit bewaffneter Hand wirksam in
die Angelegenheiten Irlands einzugreifen, beschloß er einen Versuch mit
Unterhandlungen zu machen. Diejenigen, welche nach dem Ausgange
urtheilten, behaupteten er habe bei dieser Gelegenheit nicht seinen
gewohnten Scharfblick gezeigt. Sie sagten er hätte wissen sollen, daß es
ungereimt sei, von Tyrconnel Unterwerfung zu erwarten. Dies war jedoch
damals nicht die Ansicht gutunterrichteter Männer, deren Interesse
hinreichende Gewähr für ihre Aufrichtigkeit bot. Eine zahlreiche
Versammlung von Cavalieren und Gentlemen, welche in Irland Güter
besaßen, wurde während des Interregnums im Hause des Herzogs von Ormond
am St. James Square gehalten. Sie riethen dem Prinzen zu versuchen, ob
der Vicekönig nicht zu einer ehrenvollen und vortheilhaften Kapitulation
bewogen werden könnte.[29] Man hat in der That starken Grund zu glauben,
daß Tyrconnel wirklich schwankte. Denn so heftig auch seine
Leidenschaften waren, vergaß er darüber doch nie sein Interesse und er
konnte wohl in Zweifel sein, ob es nicht in seinem Interesse liege, sich
bei vorgerücktem Alter und abnehmender Gesundheit mit völliger
Straflosigkeit für alle früheren Vergehen und mit hohem Range und großem
Vermögen lieber von den Geschäften zurückzuziehen, als Leben und
Eigenthum den Zufällen eines Kriegs gegen die ganze Macht England's
preiszugeben. Es ist notorisch, daß er sich bereit zeigte nachzugeben.
Er setzte sich in Communication mit dem Prinzen von Oranien und zog zum
Schein Mountjoy und Andere zu Rathe, die sich zwar von ihrer
Unterthanenpflicht gegen Jakob noch nicht losgesagt hatten, aber
entschiedene Anhänger der Landeskirche und des Staatsverbandes mit
England waren.

    [Anmerkung 28: Burnet I. 897 und Swift's und Dartmouth's Noten.
    Tutchin wiederholt im »Observator« diese grundlose Verleumdung.]

    [Anmerkung 29: +Orange Gazette, Jan. 10. 1688/89.+]


[_Die Temple werden zu Rathe gezogen._] Auf einer Seite, von welcher
Wilhelm den einsichtsvollsten Rath zu erwarten berechtigt war, glaubte
man fest an die Aufrichtigkeit der Versicherungen Tyrconnel's. Kein
andrer britischer Staatsmann genoß damals in ganz Europa eines so hohen
Rufes wie Sir Wilhelm Temple. Seine diplomatische Gewandtheit hatte
zwanzig Jahre früher den Fortschritt der französischen Macht gehemmt. Er
war ein treuer und nützlicher Freund der Vereinigten Provinzen und des
Hauses Nassau gewesen, stand seit langer Zeit auf dem vertrautesten
Freundschaftsfuße mit dem Prinzen von Oranien und hatte die Vermählung
zu Stande gebracht, der England seine kürzliche Befreiung verdankte. Mit
den Angelegenheiten Irland's galt Temple für besonders vertraut. Seine
Familie hatte dort ansehnliche Besitzungen, und er selbst hatte mehrere
Jahre daselbst zugebracht; er hatte die Grafschaft Carlow im Parlament
vertreten und ein großer Theil seiner Einkünfte floß ihm aus einem
einträglichen irischen Amte zu. Die höchste Stufe der Macht, des Ranges
und des Reichthums würden ihm erreichbar gewesen sein, wenn er
eingewilligt hätte, seine Zurückgezogenheit aufzugeben und der neuen
Regierung seine Unterstützung und das Gewicht seines Namens zu leihen.
Aber Macht, Rang und Reichthum hatten für seinen epikuräischen Character
bei weitem weniger Reiz als Behaglichkeit und Ruhe. Er wies die
lockendsten Anträge zurück und beschäftigte sich nach wie vor in
ländlicher Abgeschiedenheit mit seinen Büchern, Tulpen und Ananas. Nach
einigem Zaudern willigte er indessen ein, seinen ältesten Sohn Johann in
Wilhelm's Dienste treten zu lassen. Während der Erledigung des Thrones
war Johann Temple in wichtigen Geschäften verwendet worden und in
Angelegenheiten, welche Irland betrafen, hatte seine Meinung, von der
man füglich annehmen konnte, daß sie mit der seines Vaters
übereinstimmte, großes Gewicht. Dieser junge Staatsmann schmeichelte
sich, einen Agenten gefunden zu haben, der vortrefflich geeignet schien,
die Unterhandlung mit Tyrconnel zu einem guten Ende zu führen.


[_Richard Hamilton wird auf Temple's Wort nach Irland gesandt._] Dieser
Agent gehörte einer angesehenen Familie an, die von einem schottischen
Adelsgeschlecht abstammte, aber schon seit langer Zeit in Irland
ansässig war und sich zum römischkatholischen Glauben bekannte. Unter
der heiteren Schaar, die sich während der unmittelbar auf die
Restauration folgenden Jahre des zügellosen Jubilirens in Whitehall
tummelte, hatten die Hamilton eine hervorragende Rolle gespielt. Die
schönen langen Locken, die strahlende Jugendfrische und die
schmachtenden blauen Augen der liebenswürdigen Elisabeth entzücken uns
noch heute auf dem Bilde Lely's. Sie hatte den Ruhm, keine geringe
Eroberung zu machen. Ihrer üppigen Schönheit und ihrem schelmischen
Geiste war es vorbehalten, den Widerwillen des kaltherzigen und
spottsüchtigen Grammont gegen das unauflösliche Band zu besiegen. Einer
ihrer Brüder, Anton, schrieb die Chronik jener glänzenden und
leichtfertigen Gesellschaft, zu deren glänzendsten und leichtfertigsten
Mitgliedern er gehört hatte. Er verdient das seltene Lob, als
Nichtfranzos ein Werk geschrieben zu haben, das dem Geiste wie dem Style
nach eines der vorzüglichsten französischen Bücher genannt werden muß.
Ein andrer Bruder, Namens Richard, hatte sich in fremden Diensten einige
militärische Erfahrung erworben. Sein Geist und seine Artigkeit hatten
ihn selbst in dem glänzenden Cirkel von Versailles ausgezeichnet. Man
munkelte, daß er es gewagt habe, den Blick zu einer hochgestellten Dame,
der natürlichen Tochter des großen Königs, der Gemahlin eines legitimen
Prinzen des Hauses Bourbon zu erheben und daß es geschienen, als ob die
Aufmerksamkeiten ihres vermessenen Anbeters ihr nicht mißfallen
hätten.[30] Der Verwegene war nachher in sein Vaterland zurückgekehrt,
war zum Brigadegeneral in der irischen Armee ernannt und in dem irischen
Geheimrath vereidigt worden. Als man die holländische Invasion
erwartete, kam er mit den Truppen, welche Tyrconnel zur Verstärkung der
königlichen Armee schickte, über den St. Georgskanal. Nach Jakob's
Flucht unterwarfen sich diese Truppen dem Prinzen von Oranien. Jetzt
schloß Richard Hamilton nicht nur ebenfalls Frieden mit der herrschenden
Gewalt, sondern sprach auch die zuversichtliche Überzeugung aus, daß,
wenn man ihn nach Dublin senden wolle, er die daselbst angeknüpften
Unterhandlungen glücklich würde zu Ende führen können. Sollte ihm dies
nicht gelingen, so versprach er auf sein Ehrenwort, in drei Wochen nach
London zurückzukehren. Man wußte, daß er in Irland großen Einfluß hatte,
seine Ehrenhaftigkeit war nie angezweifelt worden und er genoß die hohe
Achtung der Familie Temple. Johann Temple erklärte, daß er für Richard
Hamilton stehen könne wie für sich selbst. Diese Bürgschaft wurde für
genügend erachtet und Hamilton ging nach Irland ab, nachdem er seine
englischen Freunde versichert hatte, daß er Tyrconnel bald zur Vernunft
bringen werde. Die Anerbietungen, die er den Katholiken und dem
Vicekönig persönlich zu machen autorisirt war, waren höchst liberal.[31]

    [Anmerkung 30: +Mémoires de Madame de la Fayette.+]

    [Anmerkung 31: +Burnet I. 808+; +Life of James, II. 320+;
    +Commons' Journals, July 29. 1689.+]


[_Tyrconnel schickt Mountjoy und Rice nach Frankreich._] Es ist nicht
unmöglich, daß Hamilton sich wirklich vorgenommen hatte, sein
Versprechen zu erfüllen. Bei seiner Ankunft in Dublin aber sah er wohl,
daß er eine Aufgabe übernommen hatte, der er nicht gewachsen war.
Tyrconnel's Unschlüssigkeit, mochte sie nun wahr oder erheuchelt gewesen
sein, war zu Ende. Er war zu der Überzeugung gelangt, daß ihm keine Wahl
mehr blieb. Mit leichter Mühe hatte er die unwissenden und empfänglichen
Irländer zur Wuth aufgestachelt. Zu beruhigen vermochte er sie nicht
wieder. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, der Vicekönig
correspondire mit den Engländern, und dieses Gerücht hatte die Nation in
Flammen gesetzt. Das gemeine Volk sagte: wenn er es wagen sollte, sie
für Geld und Ehrenstellen zu verkaufen, würden sie das Schloß verbrennen
und ihn darin, und würden sich unter Frankreichs Schutz stellen.[32] Er
sah sich genöthigt, die gleichviel ob wahre oder falsche Erklärung
abzugeben, daß er nie daran gedacht, sich zu unterwerfen, und nur um
Zeit zu gewinnen zum Schein Unterhandlungen angeknüpft habe. Ehe er sich
jedoch offen gegen die englischen Ansiedler und gegen England selbst
erklärte, was einen Krieg auf Tod und Leben zur Folge haben mußte,
wünschte er sich Mountjoy's zu entledigen, der bislang der Sache Jakob's
treu gewesen war, der aber, wie man sehr gut wußte, niemals eingewilligt
haben würde, an der Beraubung und Unterdrückung der Colonisten Theil zu
nehmen. Heuchlerische Versicherungen von Freundschaft und friedlichen
Absichten wurden nicht gespart. Es sei eine heilige Pflicht, sagte
Tyrconnel, das drohende Unheil abzuwenden. König Jakob selbst würde,
wenn er den ganzen Sachverhalt kannte, nicht wünschen, daß seine
irischen Freunde sich in diesem Augenblicke in ein Unternehmen
einließen, das für sie verderblich werden müsse und ihm nichts nützen
könne. Er würde ihnen daher erlauben, ja ihnen sogar befehlen, sich der
Nothwendigkeit zu unterwerfen und ihre Kräfte für bessere Zeiten
aufzusparen. Wenn sich ein loyaler, geschickter und wohl unterrichteter
Mann von Gewicht nach Saint-Germains begebe und Sr. Majestät den Stand
der Dinge auseinandersetze, so würde der König leicht zu überzeugen
sein. Wolle nicht Mountjoy diese so ehrenvolle und wichtige Mission
übernehmen? Mountjoy zauderte und gab zu verstehen, daß man Jemanden
schicken sollte, von dem sich mit größerer Wahrscheinlichkeit erwarten
lasse, daß er dem Könige angenehm sein werde. Tyrconnel aber erklärte
fluchend und tobend, daß Irland in den Abgrund der Hölle versinken
würde, wenn man König Jakob nicht wohl beriethe, und er bestand darauf,
daß Mountjoy als Repräsentant der loyalen Mitglieder der Staatskirche
nach Saint-Germains gehen und daß der erste Baron der Schatzkammer,
Rice, ein in der königlichen Gunst sehr hoch stehender Katholik, ihn
begleiten solle. Mountjoy gab nach und die beiden Gesandten reisten
zusammen, aber mit ganz verschiedenen Instructionen versehen, ab. Rice
war beauftragt, Jakob zu sagen, daß Mountjoy im Herzen ein Verräther und
nur deshalb nach Frankreich geschickt worden sei, damit den Protestanten
Irland's ein Lieblingsführer entzogen würde. Ferner sollte Rice den
König versichern, daß er mit Ungeduld in Irland erwartet werde und daß
er, wenn er sich daselbst mit einer französischen Heeresmacht zeigen
wolle, seine gesunkene Größe bald wiederherstellen könne.[33] Außerdem
war der erste Baron noch mit anderen Instructionen versehen, die
wahrscheinlich selbst vor dem Hofe von Saint-Germains geheimgehalten
wurden. Für den Fall, daß Jakob nicht geneigt sein sollte, sich an die
Spitze der eingebornen Bevölkerung Irland's zu stellen, war Rice
angewiesen, um eine Privataudienz bei Ludwig nachzusuchen und ihm den
Vorschlag zu machen, Irland in eine französische Provinz zu
verwandeln.[34]

    [Anmerkung 32: Avaux an Ludwig, 25. März (4. April) 1689.]

    [Anmerkung 33: +Clarke's Life of James, II. 321.+ Mountjoy's
    Circulardepesche vom 10. Jan. 1688/89; +King IV. 8.+ In +»Light to
    the Blind«+ wird Tyrconnel's »kluge Verstellung« gerühmt.]

    [Anmerkung 34: Avaux an Ludwig, 13.(23.) April 1689.]


[_Tyrconnel ruft das irische Volk zu den Waffen._] Sobald die beiden
Gesandten abgereist waren, begann Tyrconnel sich auf den unvermeidlich
gewordenen Kampf vorzubereiten, und der treulose Hamilton unterstützte
ihn dabei auf das Kräftigste. Die irische Nation wurde zu den Waffen
gerufen und sie leistete dem Aufrufe mit merkwürdiger Bereitwilligkeit
und Begeisterung Folge. In die Flagge, welche auf dem Schlosse von
Dublin wehte, waren die Worte gestickt: +»Now or never: now and for
ever,«+ (jetzt oder nimmer: jetzt und für immer) und diese Worte fanden
durch das ganze Land ein Echo.[35] Nie hat Europa in der neueren Zeit
eine solche Erhebung eines ganzen Volks gesehen. Die Gewohnheiten des
celtischen Bauern waren von der Art, daß er kein Opfer brachte, wenn er
sein Kartoffelfeld mit dem Lager vertauschte. Er liebte Aufregung und
Abenteuer, und scheute die Arbeit viel mehr als Gefahren. Seine
nationalen und religiösen Gefühle waren seit drei Jahren durch die
beständige Anwendung von Reizmitteln aufgestachelt worden. Auf jeder
Messe und jedem Jahrmarkte hatte er gehört, daß bald eine gute Zeit
kommen werde, daß die Tyrannen, welche sächsisch sprächen und in Häusern
mit Schieferdächern wohnten, vertrieben werden und daß das Land dann
wieder seinen eigenen Kindern gehören würde. Um die Torffeuer von
hunderttausend Hütten waren allnächtlich rohe Balladen gesungen worden,
welche die Befreiung des unterdrückten Volks verkündeten. Die Priester,
welche größtentheils den alten Familien angehörten, die die
Ansiedelungsacte zu Grunde gerichtet hatte, welche aber von der
eingebornen Bevölkerung noch immer verehrt wurden, hatten von tausend
Altären herab jedem Katholiken ans Herz gelegt, seine Anhänglichkeit an
die wahre Religion durch Anschaffung von Waffen für den Tag zu beweisen,
an welchem es nöthig werden dürfte, zum Heile ihrer Sache das Glück der
Schlachten zu versuchen. Die Armee, welche unter Ormond nur aus acht
Regimentern bestanden hatte, wurde jetzt auf achtundvierzig Regimenter
gebracht, und die Reihen waren bald übervoll. Es war unmöglich, in
kurzer Zeit nur ein Zehntel der benöthigten Anzahl guter Offiziere zu
finden. Patente wurden mit verschwenderischer Freigebigkeit müßigen
Aufliegern verliehen, welche Anspruch darauf machten, von guten irischen
Familien abzustammen. Doch selbst auf diese Weise konnte der Bedarf an
Hauptleuten und Leutnants nicht beschafft werden und viele Compagnien
wurden von Schuhflickern, Schneidern und Lakaien befehligt.[36]

    [Anmerkung 35: Gedruckter Brief aus Dublin vom 25. Febr. 1689:
    +Mephibosheth and Ziba, 1689.+]

    [Anmerkung 36: Die Verwandschaft der Priester mit den alten
    irischen Familien ist in Petty's +Political Anatomy of Ireland+
    erwähnt. Siehe auch: +Short View by a Clergyman lately escaped,
    1689+; +Ireland's Lamentation, by an English Protestant that
    lately narrowly escaped with life from thence, 1689+; +A True
    Account of the State of Ireland, by a person who with great
    difficulty left Dublin, 1689+; +King II. 7.+ Avaux bestätigt Alles
    was diese Schriftsteller über die irischen Offiziere sagen.]


[_Verwüstung des Landes._] Die Löhnung der Soldaten war sehr gering. Der
Gemeine hatte nur drei Pence den Tag. Davon bekam er nie mehr als die
Hälfte baar ausgezahlt, und selbst diese Hälfte war oft in Rückstand.
Aber ein viel verlockenderer Köter als dieser karge Lohn war die
Aussicht auf unbegrenzte Zügellosigkeit. Wenn die Regierung ihm weniger
gab als für seine Lebensbedürfnisse ausreichte, so nahm sie es dagegen
nicht zu genau mit den Mitteln, durch welche er dem Mangel abzuhelfen
suchte. Obwohl vier Fünftel der Bevölkerung Irland's Celten und
Katholiken waren, so kamen doch vier Fünftel des irischen Eigenthums auf
die protestantischen Engländer. Die Kornspeicher, die Keller, und vor
Allem die Viehheerden der Minderheit wurden der Mehrheit preisgegeben.
Denn die Bewaffnung war jetzt allgemein. Niemand wagte es mehr, ohne
eine Waffe, sei es eine Pike, ein langes Messer, +skean+ genannt, oder
wenigstens einen zugespitzten und im Feuer gehärteten Eschenholzstock,
in der Messe zu erscheinen. Selbst die Frauen wurden von ihren
Seelsorgern ermahnt, Skeans bei sich zu führen. Alle Schmiede,
Zimmerleute und Schwertfeger waren fortwährend mit der Anfertigung von
Gewehren und Klingen beschäftigt. Es war kaum möglich ein Pferd
beschlagen zu lassen. Weigerte sich ein protestantischer Handwerker,
an der Verfertigung von Kriegsgeräth Theil zu nehmen, das gegen seine
Nation und Religion gebraucht werden sollte, so wurde er ins Gefängniß
geworfen. Es läßt sich mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß Ende Februar
mindestens hunderttausend Irländer unter den Waffen standen. Nahe an
funfzigtausend davon waren Soldaten; die übrigen waren Banditen; deren
Gewaltthätigkeit und Zügellosigkeit die Regierung zum Schein
mißbilligte, sich aber nicht bemühte, denselben Einhalt zu thun. Die
Protestanten wurden nicht allein nicht beschützt, sondern sie durften
sich nicht einmal selbst schützen. Es war beschlossen, daß sie inmitten
einer bewaffneten und feindseligen Bevölkerung unbewaffnet bleiben
sollten. Ein Tag wurde festgesetzt, an welchem sie alle ihre Schwerter
und Feuergewehre in die Pfarrkirchen bringen sollten, und zu gleicher
Zeit angekündigt, daß jedes protestantische Haus, in welchem nach diesem
Tage eine Waffe gefunden würde, der Plünderung durch die Soldaten
preisgegeben werden sollte. Man beklagte sich bitter über diese
Maßregel, da der erste beste Schurke, der eine Lanzenspitze oder ein
altes Pulverfaß in einem Winkel eines Hauses verberge, vollständigen
Ruin über den Eigenthümer desselben bringen könne.[37]

Der Oberrichter Keating, selbst Protestant und fast der einzige
Protestant, der noch ein hohes Amt in Irland bekleidete, stritt muthig
für die Sache der Gerechtigkeit und Ordnung wider die vereinte Macht der
Regierung und des Pöbels. Bei den Frühjahrsassisen zu Wicklow schilderte
er vom Richterstuhle herab in energischen Ausdrücken die traurige Lage
des Landes. Ganze Grafschaften, sagte er, würden durch ein Gesindel
verwüstet, das den Geiern und Raben gleiche, welche dem Marsche einer
Armee folgen. Die meisten dieser Elenden seien gar keine Soldaten und
handelten unter keiner dem Gesetze bekannten Autorität. Dennoch sei es
nur zu offenbar, daß sie durch einige hohe Befehlshaber ermuthigt und
protegirt würden. Wie könne sonst in geringer Entfernung von der
Hauptstadt ein offner Markt für geraubtes Gut gehalten werden? Die
Geschichten, welche Reisende von den Hottentotten am Kap der guten
Hoffnung erzählten, sehe man in Leinster verwirklicht. Nichts sei
gewöhnlicher, als daß ein rechtlicher Mann sich des Abends reich an
Schaf- und Rinderheerden, die er durch den Fleiß und die Thätigkeit
eines langen Lebens erworben, niederlege und am andren Morgen als
Bettler erwache. Keating bemühte sich indessen mit nur geringem Erfolge,
inmitten jener entsetzlichen Anarchie das Ansehen des Gesetzes aufrecht
zu erhalten. Priester und Heerführer traten auf, um den Oberrichter
einzuschüchtern und die Räuber in Schutz zu nehmen. Ein solcher Schurke
kam straflos davon, weil kein Kläger gegen ihn aufzutreten wagte. Ein
Andrer erklärte, daß er sich auf den Befehl seines Seelsorgers und nach
dem Beispiele vieler höher stehender Leute, die er hier im Gerichtssaal
sehe, bewaffnet habe. Nur zwei von den +Merry Boys+ (lustigen Burschen),
wie man sie nannte, wurden überführt; die schlimmsten Verbrecher kamen
ohne Strafe davon, und der Oberrichter sagte entrüstet zu den
Geschwornen, daß die Schuld an dem Ruin des Landes vor ihrer Thür
liege.[38]

Wenn solche Gesetzlosigkeit in Wicklow herrschte, so kann man sich
leicht vorstellen, wie es in uncultivirteren und vom Sitze der Regierung
weiter entfernten Districten zugegangen sein muß. Keating war der
einzige richterliche Beamte, der sich kräftig bemühte, dem Gesetze
Ansehen zu verschaffen. In der That, der Oberrichter des höchsten
Criminalgerichtshofes im Königreiche, Nugent, erklärte auf der
Richterbank zu Cork, daß ohne Gewaltthätigkeit und Beraubung die
Absichten der Regierung nicht durchgeführt werden könnten, und daß unter
solchen Umständen Räubereien als ein nothwendiges Übel geduldet werden
müßten.[39]

Die Zerstörung von Eigenthum, welche binnen wenigen Wochen stattfand,
wäre unglaublich, würde sie nicht durch einander fern stehende und ganz
verschiedenen Interessen ergebene Zeugen bestätigt. Die Schilderungen
von Protestanten, welche während jener Schreckensherrschaft mit
Lebensgefahr nach England entkamen, und die von Gesandten, Commissarien
und Heerführern Ludwig's stimmen genau, mitunter sogar wörtlich überein.
Alle erklärten einstimmig, daß es vieler Jahre bedürfen werde, um die
Verwüstungen wieder gut zu machen, welche das bewaffnete Landvolk in
einigen Wochen angerichtet habe.[40] Mehrere von der sächsischen
Aristokratie besaßen glänzend möblirte Schlösser mit Schränken, die von
Silbergeschirr strotzten. All' dieser Reichthum verschwand. In einem
Hause, welches für dreitausend Pfund Sterling Silberzeug enthalten
hatte, blieb nicht ein einziger Löffel.[41] Der Hauptreichthum Irland's
aber bestand in Vieh. Zahllose Schaf- und Rinderheerden bedeckten diesen
ungeheuren, durch die Feuchtigkeit des Atlantischen Oceans befruchteten
Wiesenteppich. Mehr als ein Gentleman besaß zwanzigtausend Stück Schafe
und viertausend Rinder. Die Freibeuter, welche jetzt das Land überzogen,
gehörten einer Klasse an, welche gewohnt war, von Kartoffeln und saurer
Milch zu leben, und die das Fleisch jederzeit als einen nur den Reichen
zu Gebote stehenden Luxus betrachtet hatten. Diese Leute schwelgten
anfangs im Genusse von Rind- und Hammelfleisch, wie die rohen Horden,
die sich vor Alters aus den Wäldern des Nordens über Italien ergossen,
im Genusse der kostbarsten Weine schwelgten. Die Protestanten
schilderten mit Abscheu und Ekel die unglaubliche Gefräßigkeit ihrer
befreiten Sklaven. Die geschlachteten Thiere wurden halb roh und halb zu
Kohle verbrannt, bald noch blutend, bald schon im Zustande der
Verwesung, in Stücke zerrissen und ohne Salz, Brot oder Gemüse
verschlungen. Diejenigen, welche gekochtes Fleisch vorzogen, machten,
da es ihnen oft an Kesseln fehlte, mit gutem Erfolge den Versuch, einen
ganzen Ochsen in seiner eignen Haut zu kochen. Es existirt noch eine
alberne Tragikomödie, welche in diesem und dem darauffolgenden Jahre auf
einem kleinen Theater zum Ergötzen des englischen Pöbels aufgeführt
wurde. Ein Haufen halbnackter Wilder erschien, ein celtisches Lied
brüllend und um einen Ochsen herumtanzend, auf der Bühne. Hierauf
begannen sie von dem lebenden Thiere Stücke loszuschneiden und das
blutende Fleisch auf die Kohlen zu werfen. Die Barbarei und
Scheußlichkeit der Freßgelage der »Rapparees« war in der That so arg,
daß die Dramatiker in Grub Street sie kaum zu karrikiren vermochten. Mit
dem Eintritt der Fastenzeit hörten die Plünderer im Allgemeinen auf zu
schwelgen, aber sie fuhren fort zu zerstören. Ein Bauer war im Stande
eine Kuh zu tödten, bloß um ein Paar Schuhe zu bekommen. Oft wurde eine
ganze Heerde Schafe oder fünfzig bis sechzig Stück Rinder geschlachtet,
die Thiere abgezogen, die Vließe und Häute mitgenommen und die Cadaver
liegen gelassen, um die Luft zu verpesten. Der französische Gesandte
berichtete seinem Gebieter, daß in Zeit von sechs Wochen funfzigtausend
Stück Hornvieh auf diese Art getödtet worden seien und nun im
ganzen Lande unter freiem Himmel verfaulten. Die Zahl der in dem
nämlichen Zeitraum geschlachteten Schafe soll sich auf drei- bis
viermalhunderttausend Stück belaufen haben.[42]

Jede Schätzung, die man jetzt von dem Werthe des Eigenthums machen kann,
das während jenes furchtbaren Racenkampfes zerstört wurde, muß
nothwendig sehr ungenau sein. Indessen fehlt es uns nicht gänzlich an
Material zu einer solchen Schätzung. Die Quäker waren weder eine sehr
zahlreiche noch eine sehr wohlhabende Klasse. Wir dürfen schwerlich
annehmen, daß sie mehr als ein Fünfzigstel der protestantischen
Bevölkerung Irland's bildeten oder daß sie mehr als ein Fünfzigstel des
protestantischen Vermögens in Irland besaßen. Überdies wurden sie
unzweifelhaft schonender behandelt als irgend eine andre protestantische
Secte. Jakob war stets für sie eingenommen gewesen, sie gestehen selbst,
daß Tyrconnel sein Möglichstes that, um sie zu schützen, und sie
scheinen selbst vor den Augen der Rapparees Gnade gefunden zu haben.[43]
Und doch schlugen die Quäker ihre pekuniären Verluste auf hunderttausend
Pfund Sterling an.[44]

    [Anmerkung 37: Im französischen Kriegsministerium befindet sich
    ein Bericht über den Zustand Irland's im Februar 1689. In diesem
    Bericht heißt es, daß die Zahl der als Soldaten eingereihten
    Irländer fünfundvierzigtausend betrage, daß sie aber auf
    hunderttausend gestiegen sein würde, wenn Alle die sich freiwillig
    stellten, angenommen worden wären. Siehe auch: +The Sad and
    Lamentable Condition of the Protestants in Ireland, 1689+;
    +Hamilton's True Relation, 1690+; +The State of Papist and
    Protestant Properties in the Kingdom of Ireland, 1689+; +A true
    Representation to the King and People of England how Matters were
    carried on all along in Ireland, licensed Aug. 16. 1689+; +Letter
    from Dublin, 1689+; +Ireland's Lamentation, 1689+; +Compleat
    History of the Life and Military Actions of Richard, Earl of
    Tyrconnel, Generalissimo of all the Irish forces now in arms,
    1689.+]

    [Anmerkung 38: Siehe die Verhandlungen in den +State Trials+.]

    [Anmerkung 39: +King, III. 10.+]

    [Anmerkung 40: Zehn Jahre, sagt der französische Gesandte; zwanzig
    Jahre, sagt ein protestantischer Flüchtling.]

    [Anmerkung 41: +Animadversions an the proposal for sending back
    the nobility and gentry of Ireland, 1689/90.+]

    [Anmerkung 42: +King, III. 10+; +The Sad Estate and Condition of
    Ireland, as represented in a Letter from a Worthy Person who was
    in Dublin on Friday last, March 4. 1689+; +Short View by a
    Clergyman, 1689+; +Lamentation of Ireland, 1689+; +Compleat
    History of the Life and Actions of Richard, Earl of Tyrconnel,
    1689+; +The Royal Voyage+, aufgeführt 1689 und 1690. Dieses Stück,
    das, wenn ich nicht irre, in der Bartholomäusmesse gegeben wurde,
    ist eines der interessantesten von einer interessanten Gattung von
    Compositionen, welche zwar jedes literarischen Werthes ermangeln,
    aber deshalb von Bedeutung sind, weil sie zeigen, was damals die
    erfolgreichste Lockspeise für ein aus gemeinem Volke bestehendes
    Publikum war. »Der Zweck dieses Schauspiels,« sagt der Verfasser
    in seiner Vorrede, »ist namentlich der, den perfiden, gemeinen,
    feigen und blutdürstigen Character der Irländer vor Augen zu
    führen.« Was die flüchtigen Protestanten von der muthwilligen
    Vernichtung des Viehes erzählen, wird von Avaux in einem vom
    13.(23.) April 1689 datirten Briefe an Ludwig, und von Desgrigny
    in einem vom 17.(27.) Mai 1690 datirten Schreiben an Louvois
    bestätigt. Die meisten Depeschen, welche Avaux während seines
    Aufenthalts in Irland schrieb, sind in einem Werke enthalten,
    das vor einigen Jahren im englischen auswärtigen Amte in wenigen
    Exemplaren gedruckt wurde. Viele habe ich auch im französischen
    Ministerium des Auswärtigen abgeschrieben. Die Briefe von
    Desgrigny, der im Commissariat angestellt war, fand ich in der
    Bibliothek des französischen Kriegsministeriums. Ich kann die
    Bereitwilligkeit und Zuvorkommenheit, mit der mir die reichen und
    vortrefflich geordneten Schätze interessanter Belehrung in Paris
    geöffnet wurden, nicht genug rühmen.]

    [Anmerkung 43: »Eine eigenthümliche Erscheinung, welche nie
    vergessen werden darf, war, daß Diejenigen, welche damals (zu Ende
    des Jahres 1688) an der Spitze der Regierung standen, uns zu
    begünstigen und sich unsre Freundschaft bewahren zu wollen
    schienen.« +History of the Rise and Progress of the People called
    Quakers in Ireland, by Wight and Rutty, Dublin 1751.+ King wirft
    in der That (III. 17.) den Quäkern vor, daß sie Verbündete und
    Werkzeuge der Papisten gewesen seien.]

    [Anmerkung 44: Wight and Rutty.]


[_Die Protestanten in Süden unfähig Widerstand zu leisten._] In
Leinster, Munster und Connaught war es den englischen Ansiedlern ihrer
geringen und zersplitterten Anzahl wegen rein unmöglich, dem furchtbaren
Andrange der eingebornen Bevölkerung einen erfolgreichen Widerstand
entgegenzusetzen. Charleville, Mallow und Sligo fielen in die Gewalt der
Eingebornen. Bandon, wo die Protestanten eine ansehnlichere Streitmacht
zusammengezogen hatten, wurde durch den Generalleutnant Macarthy, einen
Officier, der aus einer der vornehmsten celtischen Familien abstammte
und unter einem angenommenen Namen lange in der französischen Armee
gedient hatte, zur Übergabe gezwungen.[45] Die Bewohner von Kenmare
hielten sich in ihrer kleinen Festung, bis sie von dreitausend regulären
Soldaten angegriffen wurden und bis sie erfuhren, daß mehrere Kanonen
herbeigeschafft würden, um den Erdwall zu zerstören, der das Haus des
Agenten umgab. Da endlich wurde eine Capitulation abgeschlossen, und den
Colonisten gestattet, sich auf einem mit Lebensmitteln und Wasser
spärlich versehenen kleinen Fahrzeuge einzuschiffen. Sie hatten keinen
erfahrenen Schiffer an Bord; doch nach einer vierzehntägigen Seereise,
während der sie wie die Neger auf einem Sklavenschiffe zusammengepfercht
waren und vor Hunger und Durst fast umkamen, erreichten sie wohlbehalten
den Hafen von Bristol.[46] Wenn solcher Art das Schicksal der Städte
war, so lag es auf der Hand, daß die Landsitze, welche die
protestantischen Gutsbesitzer unlängst in den drei südlichen Provinzen
befestigt hatten, sich nicht länger zu halten vermochten. Viele Familien
unterwarfen sich, lieferten ihre Waffen ab und schätzten sich glücklich,
daß sie mit dem Leben davon kamen. Viele beherzte und tapfere Gentlemen
und Freisassen aber waren entschlossen lieber umzukommen, als sich zu
ergeben. Sie packten das leicht transportable werthvolle Eigenthum
zusammen, verbrannten das was sie nicht mitnehmen konnten und brachen
wohl bewaffnet und beritten nach den Orten in Ulster auf, welche die
Besten ihres Stammes und ihres Glaubens waren. Die Elite der
protestantischen Bevölkerung von Munster und Connaught fand in
Enniskillen ein Asyl. Die Tapferen und Entschlossenen von Leinster
schlugen den Weg nach Londonderry ein.[47]

    [Anmerkung 45: +Life of James, II. 327. Orig. Mem.+ Macarthy und
    sein fingirter Name werden mehrere Male von Dongeau erwähnt.]

    [Anmerkung 46: +Exact Relation of the Persecutions, Robberies and
    Losses sustained by the Protestants of Killmare in Ireland,
    1689+.]

    [Anmerkung 47: +A true Representation to the King and People of
    England how Matters were carried on all along in Ireland by the
    late King James, licensed Aug. 16. 1689+; +A True Account of the
    Present State of Ireland by a Person that with Great Difficulty
    left Dublin, licensed June 8. 1689.+]


[_Enniskillen und Londonderry halten sich._] Der Muth Enniskillen's und
Londonderry's stieg angesichts der Gefahr immer höher und höher. An
beiden Orten wurden die Nachrichten von dem was die Convention zu
Westminster gethan, mit unbeschreiblicher Freude aufgenommen. Wilhelm
und Marie wurden in Enniskillen mit einmüthigem Enthusiasmus und mit
demjenigen Pomp proklamirt, den die kleine Stadt erschwingen konnte.[48]
Lundy, der in Londonderry commandirte, durfte es nicht wagen, der
allgemeinen Gesinnung der Bürger und seiner eigenen Soldaten
entgegenzutreten. Er kündigte daher seinen Beitritt zu der neuen
Regierung an und unterschrieb eine Erklärung, durch die er sich
verpflichtete, treu zu dieser Regierung zu stehen, widrigenfalls er als
ein Feigling und Verräther betrachtet sein wollte. Ein Schiff aus
England brachte bald ein Patent von Wilhelm und Marien, das ihn in
seinem Posten bestätigte.[49]

    [Anmerkung 48: +Hamilton's Actions of the Inniskilling Men,
    1689.+]

    [Anmerkung 49: +Walker's Account, 1689.+]


[_Richard Hamilton marschirt mit einer Armee nach Ulster._] Die
Protestanten von Ulster zur Unterwerfung zu zwingen, bevor Unterstützung
aus England eintreffen konnte, war jetzt Tyrconnel's Hauptzweck. Eine
starke Truppenmacht wurde unter dem Commando Richard Hamilton's nach dem
Norden dirigirt. Dieser Mann hatte alle Verpflichtungen, welche einem
Gentleman und Soldaten am heiligsten sind, mit Füßen getreten, war gegen
seine Freunde, die Temple, meineidig geworden, hatte sein militärisches
Ehrenwort gebrochen, und schämte sich jetzt nicht als General gegen eine
Regierung ins Feld zu ziehen, der er sich als Gefangener zu stellen
verpflichtet war. Sein Marsch hinterließ in dem Aussehen des Landes
Spuren, welche auch dem sorglosesten Auge viele Jahre hindurch nicht
unbemerkt bleiben konnten. Seine Armee war von einem Gesindel begleitet,
das Keating sehr richtig mit den unsauberen Raubvögeln verglichen hatte,
die sich jederzeit da sammeln, wo es stark nach Aas riecht. Der General
erklärte, daß es sein aufrichtiger Wille sei, alle Protestanten, welche
ruhig zu Hause blieben, vor Verderben und Gewaltthätigkeiten zu behüten,
und gewährte ihnen mit größter Bereitwilligkeit von ihm eigenhändig
unterschriebene Schutzbriefe. Aber diese Schutzbriefe erwiesen sich als
nutzlos und er mußte eingestehen, daß er zwar seine Soldaten im Zaume
halten könne, aber unter dem Pöbeltroß, der seiner Armee folgte, keine
Ordnung zu halten vermöge. Das Land hinter ihm war eine Wüste, und bald
war auch das Land vor ihm in gleichem Maße verödet. Denn bei der
Nachricht von seiner Annäherung verbrannten die Colonisten ihre
bewegliche Habe, rissen ihre Häuser nieder und zogen sich nach dem
Norden zurück. Einige von ihnen versuchten es, bei Dromore Stand zu
halten, aber sie wurden durchbrochen und auseinandergesprengt. Nun wurde
die Flucht wild und tumultuarisch. Die Fliehenden brachen die Brücken ab
und verbrannten die Fähren. Ganze Städte, die Sitze der protestantischen
Bevölkerung, wurden zerstört, und kein einziger Bewohner blieb darin.
Die Einwohner von Omagh zerstörten ihre Häuser so vollständig, daß kein
Dach übrig blieb, das den Feind gegen Wind und Regen hätte schützen
können. Die Bewohner von Cavan zogen sämmtlich nach Enniskillen. Es war
ein regnerischer, stürmischer Tag und die Wege waren grundlos. Einen
herzerschütternden Anblick gewährten die weinenden und ausgehungerten
Frauen und Kinder, welche mitten unter den bewaffneten Männern bis an
die Knie im Kothe waten mußten. Ganz Lisburn floh nach Antrim, und als
der Feind heranrückte, strömte ganz Lisburn und Antrim zusammen nach
Londonderry. Dreißigtausend Protestanten beider Geschlechter und jeden
Alters waren hinter den Bollwerken der Zufluchtsstadt zusammengedrängt.
Hier endlich, am Rande des Oceans, bis in das letzte Asyl gehetzt und zu
einer Verzweiflung aufgestachelt, in der der Mensch sich umbringen läßt,
sich aber so leicht nicht unterwirft, machte die herrschende Race Front,
um dem andringenden Feinde die Spitze zu bieten.[50]

    [Anmerkung 50: +Mackenzie's Narrative+; +Mac Cormick's Further
    Impartial Account+; +Story's Impartial History of the Affairs of
    Ireland, 1691+; +Apology for the Protestants of Ireland+; Brief
    von Dublin vom 25. Febr. 1689; Avaux an Ludwig von 15.(25.) April
    1689.]


[_Jakob entschließt sich nach Irland zu gehen._] Inzwischen waren
Mountjoy und Rice in Frankreich angelangt. Mountjoy wurde sogleich
festgenommen und in die Bastille geworfen. Jakob beschloß, der von Rice
überbrachten Einladung nachzukommen, und bat Ludwig um ein französisches
Hülfsheer. Dieser aber, obwohl er in allen Dingen, welche die
persönliche Würde und Bequemlichkeit seiner königlichen Gäste betrafen,
eine fast romantische Aufmerksamkeit und eine an Verschwendung grenzende
Freigebigkeit bewies, hatte keine Lust, ein starkes Truppencorps nach
Irland zu schicken. Er sah, daß Frankreich auf dem Continent einen
langwierigen Krieg gegen eine mächtige Coalition zu bestehen haben
werde, der ungeheure Ausgaben verursachen mußte, und so groß auch die
Hülfsquellen des Landes waren, sah er doch ein, wie wichtig es war,
nichts zu vergeuden. Er betrachtete die unglücklichen Verbannten, denen
er eine so fürstliche Aufnahme hatte zu Theil werden lassen, mit
aufrichtigem Mitleid und gutem Willen; doch bei allem Mitleid und gutem
Willen konnte es seinem Scharfblicke nicht lange verborgen bleiben, daß
sein Bruder von England der einfältigste und verderbteste Mensch von der
Welt war. Jakob's Thorheit, seine Unfähigkeit, die Charactere der
Menschen und die Zeichen der Zeit zu erkennen, sein Starrsinn, der sich
gerade in solchen Fällen, wo die Klugheit zum Nachgeben rieth, am
unbeugsamsten zeigte, und sein Schwanken, das immer am kläglichsten bei
solchen Gelegenheiten hervortrat, welche Festigkeit erheischten, hatten
seine Vertreibung aus England zur Folge gehabt und konnten auch über
Frankreich großes Unheil bringen, wenn man seine Rathschläge blindlings
befolgte. Als ein von Rebellen vertriebener legitimer Souverain, als ein
von Ketzern verfolgter Bekenner des wahren Glaubens und als ein naher
Verwandter des Hauses Bourbon, der um einen Platz am Herde dieses Hauses
gebeten, hatte er Anspruch auf Gastfreundschaft, liebevolle Behandlung
und Achtung. Es gehörte sich, daß ihm ein stattlicher Palast und ein
großer Forst angewiesen wurde, daß die Haustruppen ihm die höchsten
militärischen Ehren bezeigten und daß alle Hunde des Großjägermeisters
und alle Falken des Großfalconiers zu seiner Verfügung standen. Wenn
aber ein Fürst, der, an der Spitze einer großen Flotte und eines großen
Landheeres, ein Reich verloren hatte, ohne einen Schlag zu thun, Pläne
zu See- und Landfeldzügen vorschlug, wenn ein Fürst, der durch seine
völlige Unkenntniß des Characters seiner eigenen Landsleute, seiner
eigenen Soldaten, seiner eigenen Diener und seiner eigenen Kinder zu
Grunde gegangen war, sich beikommen ließ, für den Eifer und die Treue
des irischen Volks stehen zu wollen, dessen Sprache er nicht verstand
und dessen Land er noch nie betreten, so mußten seine Vorschläge
nothwendig mit Vorsicht aufgenommen werden. Dies waren die Ansichten
Ludwig's und er wurde darin durch seinen Kriegsminister Louvois
bestärkt, der aus privaten wie aus öffentlichen Gründen nicht wünschte,
daß Jakob von einer starken Truppenmacht begleitet werde. Louvois haßte
Lauzun und Lauzun war ein Günstling in Saint-Germain. Er trug den
Hosenbandorden, ein Ehrenzeichen, das sehr selten Fremden, welche nicht
souveraine Fürsten waren, verliehen worden ist. Man glaubte sogar am
französischen Hofe, daß er, um ihn vor den anderen Rittern des höchsten
aller europäischen Orden auszuzeichnen, mit dem nämlichen Georg decorirt
worden sei, den Karl I. auf dem Schaffot den Händen Juxon's übergeben
hatte.[51] Es war ihm außerdem Hoffnung gemacht worden, daß er, wenn
französische Truppen nach Irland geschickt wurden, dieselben commandiren
solle, und diese ehrgeizige Hoffnung wollte Louvois vereiteln.[52]

    [Anmerkung 51: +Mémoires de Madame de la Fayette+; Frau von
    Sévigné an Frau von Grignan vom 28. Febr. 1689.]

    [Anmerkung 52: +Burnet II. 17+; +Clarke's Life of James, II.
    320--322.+]


[_Unterstützung, welche Jakob von Ludwig gewährt wird._] Eine Armee
wurde daher vor der Hand verweigert, sonst aber Alles bewilligt. Die in
Brest liegende Flotte erhielt Befehl sich zum Absegeln bereit zu machen,
Waffen für zehntausend Mann und große Massen von Munition wurden an Bord
geschafft. Etwa vierhundert Kapitäns, Leutnants, Cadetten und Kanoniere
wurden für den wichtigen Dienst, die neuauszuhebenden irischen Truppen
zu organisiren und einzuüben, ausgewählt. Den Oberbefehl erhielt ein
alter Kriegsveteran, der Graf von Rosen. Unter ihm standen Maumont mit
dem Range eines Generalleutnants, und ein Brigadier Namens Pusignan.
Eine halbe Million Kronen in Gold, eine Summe die ungefähr
hundertzwölftausend Pfund Sterling entsprach, wurde nach Brest
gesandt.[53] Für Jakob's persönliche Bequemlichkeit war mit einer
Ängstlichkeit gesorgt, welche der einer liebenden Mutter glich, die
ihren Sohn zu seinem ersten Feldzuge ausstattet. Das Ameublement für die
Kajüte, das Lagergeräth, die Zelte, die Betten und das Tafelgeschirr,
Alles war luxuriös und kostbar. Nichts was dem Verbannten angenehm oder
nützlich sein konnte, war zu kostspielig für die Freigebigkeit oder zu
geringfügig für die Aufmerksamkeit seines artigen und splendiden
Wirthes. Am 15. Februar machte Jakob seinen Abschiedsbesuch in
Versailles. Er wurde mit allen Beweisen von Achtung und Zuvorkommenheit
in den Gebäuden und Anlagen herumgeführt. Die Wasserwerke waren ihm zu
Ehren im Gange. Es war gerade die Carnevalszeit, und nie hatten der
große Palast und die prächtigen Gärten einen heiterern Anblick gewährt.
Am Abend erschienen die beiden Könige nach einer langen und ernsten
Privatconferenz in einem glänzenden Cirkel von Herren und Damen. »Ich
hoffe,« sagte Ludwig in seiner edelsten und liebenswürdigsten Weise,
»daß wir scheiden, um uns in diesem Leben nie wieder zu begegnen. Dies
ist der beste Wunsch, den ich für Sie hegen kann. Sollte jedoch ein
böses Geschick Sie zur Rückkehr zwingen, so sein Sie versichert, daß Sie
mich bis zum letzten Augenblicke so finden werden, wie Sie mich bisher
gefunden haben.« Am 17. stattete Ludwig in Saint-Germains seinen
Gegenbesuch ab. Im Augenblicke der letzten Umarmung sagte er mit seinem
freundlichsten Lächeln: »Wir haben noch etwas vergessen: einen
Brustharnisch für Sie. Sie sollen den meinigen haben.« Der Brustharnisch
wurde herbeigebracht und gab den Schöngeistern des Hofes Gelegenheit zu
geistreichen Anspielungen auf die von Vulcan verfertigte Rüstung, welche
einst Achilles seinem schwächeren Freunde lieh. Jakob reiste nach Brest
ab und seine durch Krankheit und Kummer niedergedrückte Gemahlin schloß
sich mit ihrem Kinde ein um zu weinen und zu beten.[54]

Mehrere von Jakob's eigenen Unterthanen begleiteten ihn oder folgten ihm
schleunigst nach; die Vornehmsten darunter waren sein Sohn Berwick,
Cartwright, Bischof von Chester, Powis, Dower und Melfort. Keiner von
dem ganzen Gefolge war dem großbritannischen Volke so verhaßt als
Melfort. Er war ein Apostat, Viele hielten ihn für einen nicht
aufrichtigen Apostaten, und die anmaßende, willkürliche und drohende
Sprache seiner Staatsschriften war selbst den Jakobiten zuwider. Daher
war er ein Liebling seines Gebieters, denn in Jakob's Augen waren
Unpopularität, Starrsinn und Unversöhnlichkeit die gewichtigsten
Empfehlungen für einen Staatsmann.

    [Anmerkung 53: Maumont's Instructionen.]

    [Anmerkung 54: Dangeau vom 15.(25.) und 17.(27.) Febr. 1689; Frau
    von Sévigné vom 18.(28.) Febr. und 10. Febr. (2. März); +Mémoires
    de Madame de la Fayette.+]


[_Wahl eines französischen Gesandten zum Begleiter Jakob's._] Welcher
Franzos den König von England in der Eigenschaft eines Gesandten
begleiten sollte, war ein Gegenstand ernster Berathung zu Versailles
gewesen. Barillon konnte ohne auffallende Geringschätzung nicht
übergangen werden. Aber seine Lässigkeit, sein Mangel an Energie und vor
Allem die Leichtgläubigkeit, mit der er auf Sunderland's Versicherungen
gehört, hatten auf Ludwig einen ungünstigen Eindruck gemacht. Was in
Irland zu thun war, war keine Arbeit für einen Tändler oder Gimpel.
Der Geschäftsträger Frankreich's in diesem Lande mußte mehr als den
gewöhnlichen Functionen eines Gesandten gewachsen sein. Er war
berechtigt und verpflichtet, in allen Zweigen der politischen und
militärischen Verwaltung des Reichs, in welchem er den mächtigsten und
freigebigsten Bundesgenossen vertreten sollte, gute Rathschläge zu
geben. Barillon wurde daher übergangen. Er stellte sich als ob er seine
Ungnade mit Fassung ertrüge. Wenn auch seine politische Laufbahn große
Calamitäten über das Haus Stuart wie über das Haus Bourbon gebracht
hatte, so war sie doch keineswegs ohne Gewinn für ihn selbst gewesen. Er
sagte er sei alt und korpulent, er beneide jüngere Männer nicht um die
Ehre, in den irischen Sümpfen von Kartoffeln und Whiskey zu leben, er
wolle es versuchen, sich mit Rebhühnern, mit Champagner und mit der
Gesellschaft der geistreichsten Männer und hübschesten Frauen von Paris
zu trösten. Man sprach jedoch davon, daß er von sehr peinlichen Gefühlen
gequält werde, die er zu verbergen sich bestrebte; seine Gesundheit und
sein Frohsinn nahmen mehr und mehr ab und er versuchte es nun, in
religiösen Übungen Trost zu finden. Manche Leute waren sehr erbaut durch
die Frömmigkeit des alten Wüstlings; Andere aber schrieben seinen Tod,
der bald nach seinem Rücktritt aus dem öffentlichen Leben erfolgte,
der Scham und dem Ärger zu.[55]

    [Anmerkung 55: Memoiren La Fare's und Saint-Simon's; Note von
    Renaudot über die englischen Angelegenheiten, 1697, in den
    französischen Archiven, Frau von Sévigné vom 20. Febr. (2. März)
    und vom 11.(21.) März 1689; Brief von Frau von Coulanges an Herrn
    von Coulanges vom 23. Juli 1691.]


[_Der Graf von Avaux._] Der Graf von Avaux, dessen Scharfblick alle
Pläne Wilhelm's durchschaut und der vergebens zu einer Politik gerathen
hatte, die jene Pläne wahrscheinlich vereitelt haben würde, war der
Mann, auf den Ludwig's Wahl fiel. In Bezug auf Talent und Befähigung
wurde Avaux von keinem der vielen geschickten Diplomaten, welche sein
Vaterland damals besaß, übertroffen. Sein Benehmen war ungemein
anziehend, seine persönliche Erscheinung angenehm und sein Gemüth sanft
und liebreich. Seine Manieren und seine Conversation waren die eines
Cavaliers, der an dem elegantesten und prächtigsten aller Höfe erzogen
worden, der diesen Hof sowohl in katholischen wie in protestantischen
Ländern vertreten und der auf seinen Wanderungen die Kunst erlernt
hatte, den Ton jeder Gesellschaft zu treffen, in welche der Zufall ihn
führen mochte. Dabei war er höchst umsichtig und gewandt, fruchtbar an
Auskunftsmitteln und geschickt in Entdeckung der schwachen Seiten eines
Characters. Indessen war sein eigner Character nicht frei von Schwächen.
Der Gedanke von plebejischer Herkunft zu sein, war die Qual seines
Lebens. Er schmachtete nach dem Adel mit einer eben so bedauernswerthen
als lächerlichen Sehnsucht. Bei aller seiner Geschicklichkeit, Erfahrung
und ausgezeichneten Bildung stieg er doch zuweilen unter dem Einflusse
seines geheimen Grames auf das Niveau von Molière's Jourdain herab und
ergötzte boshafte Beobachter durch Scenen, welche eben so komisch waren
wie die, in der der ehrliche Tuchhändler zum Mamamuschi gemacht
wird.[56] Es möchte noch sein, wenn dies das Schlimmste gewesen wäre.
Aber es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß Avaux von dem
Unterschiede zwischen Recht und Unrecht so wenig einen Begriff hatte wie
ein unvernünftiges Thier. Ein Gefühl vertrat bei ihm die Stelle der
Religion und Moral: eine abergläubische und unduldsame Ergebenheit für
die Krone, der er diente. Dieses Gefühl durchdringt alle seine Depeschen
und leuchtet aus allen seinen Gedanken und Worten hervor. Nichts was dem
Interesse der französischen Monarchie förderlich sein konnte, schien ihm
ein Verbrechen. Er hielt es in der That für ausgemacht, daß nicht nur
die Franzosen, sondern alle Menschen dem Hause Bourbon eine natürliche
Unterthanentreue schuldeten und daß Jeder, der Anstand nehme, das Glück
und die Freiheit seines Vaterlandes dem Ruhme dieses Hauses aufzuopfern,
ein Verräther sei. Während seines Aufenthalts im Haag bezeichnete er
stets diejenigen Holländer, die sich Frankreich verkauft hatten, als den
gutgesinnten Theil. In den Briefen, die er aus Irland schrieb, tritt das
nämliche Gefühl noch stärker hervor. Er würde ein noch scharfsichtigerer
Staatsmann gewesen sein, wenn er mehr mit den unter dem Volke
herrschenden Gefühlen von moralischer Billigung und Mißbilligung
sympathisirt hätte. Denn seine Gleichgültigkeit gegen alle Rücksichten
der Gerechtigkeit und Nachsicht war so groß, daß er in seinen Plänen das
Gewissen und das Zartgefühl seiner Mitmenschen gänzlich außer Acht
ließ. Mehr als einmal empfahl er wissentlich so haarsträubende
Abscheulichkeiten, daß selbst schlechte Menschen darüber empört waren.
Es gelang ihnen aber nie, ihm ihre Bedenken nur begreiflich zu machen.
Alle derartigen Vorstellungen hörte er mit einem cynischen Lächeln an
und war selbst in Zweifel darüber, ob Die welche ihm den Text lasen
wirklich solche Thoren waren, für die sie sich ausgaben, oder ob sie
sich nur so stellten.

Dies war der Mann, den Ludwig zum Begleiter und Aufseher Jakob's
erwählte. Avaux war beauftragt, sich womöglich mit den Mißvergnügten im
englischen Parlament in Verbindung zu setzen, und war ermächtigt,
nöthigenfalls etwa hunderttausend Kronen unter sie zu vertheilen.

    [Anmerkung 56: Siehe Saint-Simon's Erzählung der List,
    durch welche Avaux sich in Stockholm für einen Ritter des
    Heiligen-Geistordens auszugeben versuchte.]


[_Jakob landet in Kinsale._] Jakob traf am 5. März in Brest ein, ging
hier an Bord eines Kriegsschiffs, der St. Michael genannt, und segelte
binnen achtundvierzig Stunden ab. Er hatte indessen bis zu seiner
Abreise vollauf Zeit einige von den Fehlern zu zeigen, durch die er
England und Schottland verloren hatte und durch die er auch Irland zu
verlieren im Begriff stand. Avaux schrieb aus dem Hafen von Brest, daß
es wohl nicht leicht sein werde, irgend eine wichtige Angelegenheit in
Gemeinschaft mit dem König von England durchzuführen. Se. Majestät sei
nicht im Stande ein Geheimniß zu bewahren, denn selbst die Matrosen des
St. Michael hätten ihn bereits Dinge sagen hören, welche nur für die
Ohren seiner vertrautesten Freunde hätten aufgespart werden sollen.[57]

Die Reise ging glücklich und ohne Störung von statten und am Nachmittag
des 12. März landete Jakob im Hafen von Kinsale. Die katholische
Bevölkerung empfing ihn mit Äußerungen ungeheuchelter Freude, und die
wenigen Protestanten, welche in diesem Theile des Landes geblieben
waren, schlossen sich ihnen, vielleicht ebenfalls nicht unaufrichtig, zu
seiner Begrüßung an. Denn obgleich ein Feind ihrer Religion, war er doch
kein Feind ihrer Nation, und sie durften vernünftigerweise hoffen,
daß auch der schlechteste König etwas mehr Achtung vor Gesetz und
Eigenthumsrechten zeigen werde als die Merry Boys und Rapparees gezeigt
hatten. Der Vikar von Kinsale befand sich auch unter Denen, die ihm ihre
Aufwartung machten; er wurde vom Bischof von Chester vorgestellt und
nicht unfreundlich aufgenommen.[58]

Jakob erfuhr, daß seine Sache gut stehe. In den drei südlichen Provinzen
des Landes waren die Protestanten entwaffnet und durch den Schrecken so
wirksam niedergehalten, daß er von ihrer Seite nichts zu fürchten hatte.
Im Norden zeigte sich ein Schein von Widerstand; aber Hamilton war im
Anrücken gegen die Mißvergnügten, und es unterlag kaum einem Zweifel,
daß sie leicht überwältigt werden würden. Ein Tag ward in Kinsale darauf
verwendet, die Waffen und Munitionsvorräthe in Sicherheit zu bringen;
nicht ohne Schwierigkeit verschaffte man sich die zur Beförderung
einiger Reisenden nöthige Anzahl Pferde, und am 14. März brach Jakob
nach Cork auf.[59]

    [Anmerkung 57: Dieser Brief befindet sich in den Archiven des
    französischen Ministeriums des Auswärtigen, fehlt aber in dem sehr
    seltenen Bande, der in Downing Street gedruckt wurde.]

    [Anmerkung 58: +A full and true Account of the Landing and
    Reception of the late King James at Kinsale, in a Letter from
    Bristol, licensed April 4. 1689+; +Leslie's Answer to King+;
    +Ireland's Lamentation+; Avaux vom 13.(23.) März.]

    [Anmerkung 59: Avaux vom 13.(23.) März 1689; +Life of James, II.
    327. Orig. Mem.+]


[_Jakob's Einzug in Cork._] Wir würden sehr irren, wenn wir glaubten,
daß die Straße, durch welche er in diese Stadt einzog, die geringste
Ähnlichkeit gehabt habe mit dem stattlichen Zugange, der den Reisenden
des 19. Jahrhunderts mit Bewunderung erfüllt. Gegenwärtig nimmt Cork,
obwohl noch durch manche häßliche Überbleibsel aus früherer Zeit
verunziert, unter den Hafenplätzen des Reichs keine geringe Stelle ein.
Der Schiffsverkehr ist mehr als halb so stark als der Schiffsverkehr
London's zur Zeit der Revolution war. Der Ertrag der Zölle übersteigt
das ganze Einkommen, welches das gesammte Königreich Irland in den
ruhigsten und blühendsten Zeiten den Stuarts lieferte. Die Stadt besitzt
breite und schön gebaute Straßen, reizende Gärten, einen korinthischen
Porticus, der einem Palladio Ehre machen würde, und ein gothisches
Collegium, das würdig wäre in High Street zu Oxford zu stehen. Im Jahre
1689 nahm die Stadt etwa den zehnten Theil der Bodenfläche ein, den sie
jetzt bedeckt und war von schlammigen Wassergräben durchschnitten,
welche längst überwölbt und bebaut sind. Ein öder Sumpf, in welchem der
Jäger, der den Wasservögeln nachstellte, bei jedem Schritte tief in
Wasser und Schlamm einsank, bedeckte das Areal, auf dem jetzt stattliche
Gebäude und die Paläste großer Handelsgesellschaften stehen. Damals gab
es nur eine einzige Straße, in der zwei Wagen einander ausweichen
konnten. Von dieser Straße gingen zu beiden Seiten enge Gäßchen aus,
schmutziger und übelriechender als selbst Diejenigen sich vorstellen
können, die sich ihre Begriffe von Elend nach den ärmlichsten Theilen
der Stadtviertel St. Giles und Whitechapel gebildet haben. Eines dieser
Gäßchen, das vergleichsweise nicht mit Unrecht Broad Lane genannt wird,
ist zehn Fuß breit. Aus diesen Straßen, gegenwärtig Sitzen von Hunger
und Krankheit, die man der Hefe der Gesellschaft überlassen hat,
strömten die Bürger herbei, um Jakob zu bewillkommnen. Er wurde von
Macarthy, der in Munster das Obercommando führte, mit militärischen
Ehren empfangen.

Es war dem Könige unmöglich, sofort nach Dublin weiter zu reisen, denn
die südlichen Grafschaften waren durch das Gesindel, welches die
Priester zu den Waffen gerufen hatten, so vollständig verwüstet, daß die
Transportmittel nicht leicht zu beschaffen waren. Pferde waren eine
Seltenheit geworden; in einem großen Districte gab es nur zwei Wagen und
diese erklärte Avaux für unbrauchbar. Es dauerte mehrere Tage, bis das
von Frankreich mitgebrachte Geld, obwohl eben keine so ungeheure Masse,
die paar Meilen Wegs, welche Cork von Kinsale trennten, mühsam
transportirt werden konnte.[60]

Während der König und sein Kriegsrath sich bemühten, Wagen und Pferde
aufzutreiben, kam Tyrconnel von Dublin an. Seine Berichte lauteten
ermuthigend. Den Widerstand Enniskillen's scheint er für kaum der
Beachtung werth gehalten zu haben. Londonderry, sagte er, sei der
einzige wichtige Punkt, den die Protestanten im Besitz hätten, und
selbst Londonderry werde sich seiner Ansicht nach nur wenige Tage halten
können.

    [Anmerkung 60: Avaux vom 15.(25.) März 1689.]


[_Reise Jakob's von Cork nach Dublin._] Endlich war Jakob im Stande sich
von Cork nach der Hauptstadt zu begeben. Unterwegs machte der kluge und
wachsame Avaux mancherlei Bemerkungen. Zuerst ging die Reise durch
wildes Hochland, wo man sich nicht wundern durfte, nur wenige Spuren von
Kunst und Industrie zu finden. Von Kilkenny aber bis vor die Thore von
Dublin führte der Weg durch eine wellenförmige Ebene mit reicher
natürlicher Vegetation. Dieser fruchtbare Distrikt hätte mit
Viehheerden, mit Gemüsegärten und mit Kornfeldern bedeckt sein sollen,
war aber eine unbebaute und unbevölkerte Wüste. Selbst in den Städten
gab es nur wenig Handwerker. Manufacte waren kaum zu sehen, und wo sich
solche fanden, waren sie nur zu enormen Preisen zu erlangen.[61] Dies
Alles kam daher, weil die meisten englischen Einwohner geflüchtet und
Kunst, Industrie und Kapital mit ihnen gegangen waren.

Jakob erhielt auf seiner Reise vielfache Beweise von der
Bereitwilligkeit des Landvolks, aber es waren Beweise, welche Männern,
die an den Höfen Frankreich's und England's erzogen waren, sonderbar
und unheilverkündend vorkommen mußten. Auf den Feldern sah man wenig
Arbeiter; auf der Landstraße aber wimmelte es von mit Skeans, Knütteln
und Halbpiken bewaffneten Rapparees, welche herbeiströmten, um den
Befreier ihres Stammes zu sehen. Die Straße hatte ungefähr das Aussehen,
als ob ein Jahrmarkt auf derselben gehalten würde. Spielleute kamen
herbei und musicirten vor ihm in einer Weise, die sich stark von der der
französischen Oper unterschied, und die Dorfbewohner führten nach dieser
Musik wilde Tänze auf. Lange Friesmäntel, ähnlich denen, welche Spenser
hundert Jahre früher als zu Lagerdecken für Rebellen und zu Mänteln für
Diebe geeignet beschrieben hatte, waren auf den Weg gebreitet, den die
Cavalcade ziehen mußte, und Kränze, in denen Krautstrünke die Stelle der
Lorbeern vertraten, wurden der königlichen Hand dargereicht. Die Weiber
wollten durchaus Se. Majestät küssen; aber sie müssen wenig Ähnlichkeit
mit ihren heutigen Nachkommen gehabt haben, denn diese Aufmerksamkeit
war ihm so widerlich, daß er seinem Gefolge befahl, sie in gemessener
Entfernung zu halten.[62]

Am 24. März zog er in Dublin ein. Diese Stadt war damals nach Umfang und
Einwohnerzahl die zweite auf den britischen Inseln. Sie bestand aus
sechs- bis siebentausend Häusern und hatte wahrscheinlich über
dreißigtausend Einwohner.[63] An Wohlstand und Schönheit stand jedoch
Dublin vielen englischen Städten nach. Von den eleganten und prächtigen
Gebäuden, welche gegenwärtig beide Seiten des Liffey zieren, war damals
noch kaum eines nur projectirt. Die Universität, ein Gebäude, das ganz
anders aussah als das, welches sich jetzt auf der nämlichen Stelle
erhebt, lag völlig außerhalb der Stadt.[64] Der Flächenraum, den jetzt
Leinster House und Charlemont House, Sackville Street und Merrion Square
einnehmen, war eine unbebaute Wiese. Die meisten Wohnhäuser waren von
Holz und haben längst massiveren Gebäuden Platz gemacht. Das Schloß war
1686 fast unbewohnbar gewesen. Clarendon hatte sich bitter beklagt, daß
er keinen Gentleman in Pall Mall kenne, der nicht eine bequemere und
freundlichere Wohnung habe, als der Vicekönig von Irland. Keine
öffentliche Ceremonie könne unter dem viceköniglichen Dache auf
anständige Weise abgehalten werden. Obgleich fortwährend neue
Glasscheiben und Ziegel eingesetzt würden, dringe der Regen doch
beständig in die Zimmer.[65] Tyrconnel hatte, seit er Vicekönig war,
ein etwas bequemeres neues Gebäude aufführen lassen. Nach diesem Gebäude
wurde der König mit festlichem Gepränge durch den südlichen Theil der
Stadt geführt. Man hatte Alles aufgeboten, um dem Stadttheile, durch den
er kommen mußte, einen festlichen und glänzenden Anstrich zu geben.
Die gewöhnlich mit tiefem Koth bedeckten Straßen waren mit Sand und mit
Zweigen und Blumen bestreut. Draperien und Teppiche hingen aus den
Fenstern Derer, welche die Mittel zu solchem Luxus besaßen. Die Ärmeren
ersetzten die kostbaren Stoffe durch Betttücher und Überzüge. Hier stand
ein Trupp Mönche mit einem Kruzifix, dort eine Schaar von vierzig
weißgekleideten Mädchen mit Blumensträußern, Stadtpfeifer und Harfner
spielten die Melodie des Liedes: +»The King shall enjoy his own again.«+
Der Vicekönig trug das Staatsschwert vor seinem Gebieter her. Die
Richter, die Herolde, der Lord Mayor und die Aldermen erschienen in dem
ganzen Pomp ihrer Amtswürde. Zu beiden Seiten waren Soldaten
aufgestellt, um die Passage frei zu halten. Eine Reihe von zwanzig
Karossen, welche öffentlichen Beamten gehörten, folgte dem Zuge. Vor dem
Eingange ins Schloß kam dem Könige die Hostie unter einem von vier
Bischöfen seiner Kirche getragenen Baldachin entgegen. Als er derselben
ansichtig wurde, kniete er nieder und betete eine Weile. Dann erhob er
sich wieder und ward in die Kapelle seines Palastes geführt, einst -- so
sonderbar ist der Wechsel alles Irdischen -- die Reitbahn Heinrich
Cromwell's. Hier wurde zur Feier der Ankunft Sr. Majestät ein Te Deum
abgehalten. Am folgenden Morgen hielt er eine Geheimrathssitzung,
entband den Oberrichter Keating von jedem ferneren Besuche des
Staatsraths, ließ Avaux und den Bischof Cartwright vereidigen und erließ
eine Proklamation, welche auf den 7. Mai ein Parlament nach Dublin
berief.[66]

    [Anmerkung 61: Avaux, 25. März (4. April) 1689.]

    [Anmerkung 62: +A full and true Account of the Landing and
    Reception of the late King James+; +Ireland's Lamentation+; +Light
    to the Blind.+]

    [Anmerkung 63: Siehe die Berechnungen Petty's, King's und
    Davenant's. Wenn die durchschnittliche Zahl der Bewohner eines
    Hauses in Dublin die nämliche war wie in London, so würde die
    Bevölkerung von Dublin sich auf etwa vierunddreißigtausend Seelen
    belaufen haben.]

    [Anmerkung 64: Johann Dunton spricht von College Green bei Dublin.
    Ich habe Briefe aus jener Zeit gesehen, die nach dem Collegium
    _bei_ Dublin adressirt waren. Im Britischen Museum befinden sich
    einige interessante alte Pläne von Dublin.]

    [Anmerkung 65: Clarendon an Rochester, 8. Febr. 1685/86, 20.
    April, 12. August und 30. November 1686.]

    [Anmerkung 66: +Clarke's Life of James, II. 330.+; +Full and True
    Account of the Landing and Reception etc.+; +Ireland's
    Lamentation.+]


[_Unzufriedenheit in England._] Als die Nachricht von Jakob's Ankunft in
Irland in London eintraf, war die Angst und Bestürzung groß und mit
ernster Unzufriedenheit gemischt. Der große Haufe, der den
Schwierigkeiten, welche Wilhelm von allen Seiten umgaben, nicht
hinreichend Rechnung trug, tadelte laut seine Sorglosigkeit. Allen
Schmähungen der Unwissenden und Böswilligen setzte er, seiner Gewohnheit
nach, nur eine unerschütterlich ernste Ruhe und das Stillschweigen der
tiefsten Verachtung entgegen. Aber Wenige waren von der Natur mit einem
so festen Character begabt wie der seinige und noch Wenigere hatten eine
so lange und so harte Schule durchgemacht. Die Vorwürfe, welche seine
von Jugend auf durch beide Extreme des Geschicks geprüfte Seelenstärke
nicht zu erschüttern vermochten, schlugen einem weniger entschlossenen
Herzen eine tiefe Wunde.

Während alle Kaffeehausclubs einstimmig erklärten, daß schon längst eine
Flotte und eine Armee hätten nach Dublin geschickt werden sollen, und
sich wunderten, wie ein so berühmter Staatsmann wie Se. Majestät sich
von einem Hamilton und Tyrconnel habe täuschen lassen können, ging ein
Gentleman zur Wassertreppe des Temple, rief ein Boot herbei und befahl,
ihn nach Greenwich zu fahren. Er nahm ein Briefcouvert aus der Tasche,
schrieb mit Bleistift einige Zeilen darauf und legte das Papier nebst
einem Silberstück als Fahrlohn auf die Bank. Als das Boot durch den
dunklen Mittelbogen der London-Brücke fuhr, sprang er in's Wasser und
verschwand. Er hatte auf das Couvert die Worte geschrieben: »Meine
Thorheit, etwas zu unternehmen, was ich nicht durchführen konnte, hat
dem Könige großen Schaden gebracht, der nicht mehr gut zu machen ist. --
Es giebt keinen bequemeren Weg für mich als diesen. -- Möge er in seinen
Unternehmungen glücklich sein. -- Möge der Himmel ihm seinen Segen
geben.« Die Zeilen hatten keine Unterschrift, aber der Leichnam wurde
bald gefunden und als der Johann Temple's erkannt. Er war jung und
hochgebildet, war der Erbe eines angesehenen Namens, besaß eine
liebenswürdige Gattin und ein großes Vermögen und die höchsten
Staatsämter standen ihm offen. Das Publikum scheint überhaupt gar nicht
gewußt zu haben, in welchem Umfange er für die Politik verantwortlich
war, die der Regierung so viel Tadel zugezogen hatte. So streng der
König auch war, besaß er doch ein viel zu edles Herz, als daß er einen
Irrthum als ein Verbrechen hätte behandeln können. Er hatte den
unglücklichen jungen Mann eben zum Kriegssekretär ernannt und seine
Bestallung war in der Ausfertigung begriffen. Es ist nicht
unwahrscheinlich, daß gerade die kalte Großmuth des Gebieters die Reue
des Dieners unerträglich machte.[67]

    [Anmerkung 67: +Clarendon's Diary+; +Reresby's Memoirs+;
    +Narcissus Luttrell's Diary.+ Ich habe mich in Bezug auf Temple's
    letzte Worte an die Angabe Luttrell's gehalten. Sie stimmt im
    Wesentlichen mit der Clarendon's überein, hat aber mehr von der
    bei einer solchen Gelegenheit sehr natürlichen Hast. Wenn irgend
    etwas ein so tragisches Ereigniß lächerlich machen konnte, so
    waren es die Wehklagen des Verfassers der »Londeriade«:

      Dem Freunde sendet einen Brief der arme Knab'
      und springt verzweifelnd in der Themse feuchtes Grab.]


[_Parteispaltungen im Dubliner Schlosse._] Doch so groß auch die
Unannehmlichkeiten waren, mit denen Wilhelm zu kämpfen hatte, diejenigen
durch welche der Gleichmuth seines Schwiegervaters damals geprüft wurde,
waren noch größer. Kein Hof in Europa war von mehr Hader und Intriguen
zerrissen als solche innerhalb der Mauern des Dubliner Schlosses zu
finden waren. Die zahlreichen kleinen Cabalen, welche ihren Ursprung in
der Habgier, der Eifersucht und der Böswilligkeit Einzelner hatten, sind
kaum der Erwähnung werth. Aber es bestand eine Ursache zu Zwiespalt,
welche zu wenig beachtet worden ist und durch die sich Vieles erklären
läßt, was in der Geschichte der damaligen Zeiten für räthselhaft
gehalten wurde.

Der englische Jakobitismus und der irische Jakobitismus hatten nichts
mit einander gemein; der englische Jakobit war von hoher Begeisterung
für das Haus Stuart beseelt, und in seinem Eifer für die Interessen
dieses Hauses vergaß er nur zu oft die Interessen des Staats. Sieg,
Frieden und Wohlstand erschienen dem unerschütterlichen Eidverweigerer
als Übel, wenn sie darauf hinzielten, die Usurpation populär und
permanent zu machen. Niederlage, Staatsbankerott, Hungersnoth und
Invasion waren in seinen Augen öffentliche Wohlthaten, wenn sie die
Aussicht auf eine Restauration vermehrten. Er würde lieber sein
Vaterland als die letzte der Nationen unter Jakob II. oder Jakob III.
gesehen haben, denn als den Beherrscher der Meere, den Schiedsrichter
zwischen verfeindeten Potentaten, den Sitz der Künste und den
Bienenstock der Industrie unter einem Prinzen des Hauses Nassau oder
Braunschweig.

Die Gesinnungen des irischen Jakobiten waren ganz andrer, und man muß es
offen gestehen, edlerer Art. Die gestürzte Dynastie galt ihm nichts. Es
war ihm nicht, wie dem Cavalier von Cheshire oder Shropshire, von der
Wiege an gelehrt worden, treue Anhänglichkeit an jene Dynastie als die
erste Pflicht eines Christen und eines Edelmannes zu betrachten. Alle
seine Familientraditionen, alle Lehren, die er von seiner Amme und von
seinen Priestern empfangen, hatten eine ganz andre Tendenz gehabt. Er
war dazu angehalten worden, die fremden Beherrscher seines Vaterlandes
mit dem Gefühle zu betrachten, mit dem der Jude Caesar, der Schotte
Eduard I., der Castilianer Joseph Bonaparte, der Pole den russischen
Autokraten betrachtet. Der hochadelige Milesier bildete sich etwas
darauf ein, daß vom 12. bis zum 17. Jahrhundert jede Generation seiner
Familie gegen die englische Krone unter Waffen gestanden hatte. Seine
ältesten Ahnen hatten gegen Fitzstephen und De Burgh gekämpft, sein
Urgroßvater hatte die Soldaten Elisabeth's in der Schlacht am Blackwater
geschlagen. Sein Großvater hatte mit O'Donnel gegen Jakob I. conspirirt.
Sein Vater hatte unter Phelim O'Neil gegen Karl I. gefochten. Die
Confiscation des Familiengutes war durch eine Acte Karl's II. bestätigt
worden. Kein Puritaner, der von Laud vor die Hohe Commission citirt
worden war, der unter Cromwell bei Naseby gekämpft, der kraft der
Conventikelacte verfolgt worden war und der sich wegen seiner
Betheiligung an dem Ryehousecomplot hatte verbergen müssen, war dem
Hause Stuart weniger zugethan als die O'Hara und die Macmahon, von deren
Unterstützung das Schicksal dieses Hauses jetzt abzuhängen schien.

Der feststehende Vorsatz dieser Männer war, das fremde Joch
abzuschütteln, die sächsische Ansiedelung zu vertilgen, die
protestantische Kirche zu zerstören und den Boden seinen früheren
Eigenthümern zurückzugeben. Um diese Zwecke zu erreichen, würden sie
sich ohne das mindeste Bedenken gegen Jakob erhoben haben, und um diese
Zwecke zu erreichen, erhoben sie sich für ihn. Die irischen Jakobiten
wünschten daher keineswegs, daß er wieder in Whitehall regieren möchte,
denn sie mußten nothwendig einsehen, daß ein Beherrscher von Irland, der
zugleich Beherrscher von England war, die Verwaltung des kleinen und
ärmeren Königreichs nicht lange würde in directem Widerspruch mit der
Gesinnung des größeren und reicheren leiten wollen, und, wenn er auch
gewollt hätte, nicht würde leiten können. Ihr eigentlicher Wunsch war,
daß beide Kronen völlig getrennt werden und daß ihre Insel, ob unter
Jakob oder ohne Jakob kümmerte sie wenig, einen abgesonderten Staat
unter dem mächtigen Schutze Frankreich's bilden möchte.

Während eine Partei im Staatsrathe zu Dublin Jakob als ein bloßes
Werkzeug zur Durchführung der Befreiung Irland's betrachtete,
betrachtete eine andre Partei Irland als ein bloßes Werkzeug zur
Herbeiführung der Restauration Jakob's. In den Augen der englischen und
schottischen Lords und Gentlemen, die ihn von Brest aus begleitet
hatten, war die Insel, auf der sie gegenwärtig weilten, nichts als eine
Brücke, auf der sie nach Großbritannien zu gelangen hofften. Sie waren
noch ebensosehr Verbannte, als sie es in Saint-Germains gewesen, und sie
hielten sogar Saint-Germains für einen viel angenehmeren Verbannungsort
als das Dubliner Schloß. Sie sympathisirten nicht mit der eingebornen
Bevölkerung der entlegenen und halb barbarischen Region, in die ein
sonderbarer Zufall sie geführt. Ja sie waren sogar durch gemeinsame
Abkunft wie durch gemeinsame Sprache mit der Colonie verbunden, deren
Ausrottung der Hauptzweck der eingebornen Bevölkerung war. Sie hatten in
der That, wie die große Masse ihrer Landsleute, die eingebornen Irländer
mit höchst ungerechter Verachtung angesehen, weil sie sie als den
anderen europäischen Nationen nicht nur an erworbenen Kenntnissen,
sondern auch an natürlicher Intelligenz und natürlichem Muth
nachstehend, kurz als geborne Gibeoniten betrachteten, gegen die man
sich sehr liberal gezeigt, indem man ihnen erlaubt hatte, für ein
klügeres und mächtigeres Volk Holz zu hauen und Wasser zu tragen. Diese
Politiker meinten auch -- und darin hatten sie unzweifelhaft Recht --
daß, wenn es der Endzweck ihres Gebieters sei, den englischen Thron
wieder zu erlangen, es Wahnsinn von ihm sein würde, sich der Führung der
O und der Mac zu überlassen, welche England mit tödtlicher Feindschaft
betrachteten. Ein Gesetz, das die irische Krone für unabhängig
erklärte, ein Gesetz, das Mitren, Kirchengüter und Zehnten von der
protestantischen auf die katholische Kirche übertrug, ein Gesetz, das
zehn Millionen Acker Land von den Sachsen auf die Celten übertrug,
würde, in Clare und Tipperary ohne Zweifel mit lautem Beifall
aufgenommen werden. Aber welchen Eindruck würden diese Gesetze in
Westminster, welchen in Oxford gemacht haben? Es wäre eine traurige
Politik gewesen, sich Männer wie Clarendon und Beaufort, Ken und
Sherlock zu entfremden, um den Beifall der Rapparees vom Allen-Moor zu
erlangen.[68]

So lagen die englischen und irischen Factionen im Rathe zu Dublin in
einem Streite, der keine gütliche Beilegung zuließ. Avaux betrachtete
inzwischen diesen Streit aus einem ihm ganz eigenthümlichen
Gesichtspunkte. Sein Ziel war weder die Emancipation Irland's, noch die
Wiedereinsetzung Jakob's, sondern die Größe der französischen Monarchie.
Auf welchem Wege dieses Ziel am besten erreicht werden konnte, war
allerdings ein sehr schwieriges Problem. Ein französischer Staatsmann
mußte unzweifelhaft eine Contrerevolution in England wünschen. Eine
solche Contrerevolution mußte nothwendig zur Folge haben, daß die Macht,
welche Frankreich's furchtbarster Feind war, sein treuester
Bundesgenosse wurde, daß Wilhelm zur Bedeutungslosigkeit herabsank und
daß die europäische Coalition, deren Haupt er war, sich auflöste. Aber
welche Aussicht war auf eine solche Contrerevolution? Die englischen
Verbannten hofften allerdings, wie alle Verbannten, zuversichtlich auf
eine baldige Rückkehr in ihr Vaterland. Jakob rühmte sich laut, daß
seine Unterthanen jenseit des Kanals, obgleich durch die verführerischen
Worte Religion, Freiheit und Eigenthum auf einen Augenblick irre
geleitet, ihm im Grunde aufrichtig zugethan seien und sich um ihn
schaaren würden, sobald er in ihrer Mitte erschiene. Aber der kluge
Gesandte bemühte sich vergebens, einen haltbaren Grund für diese
Hoffnungen zu entdecken. Er wußte gewiß, daß sie sich nicht auf eine aus
irgend welchem Theile Großbritanniens angelangte Nachricht stützten und
er betrachtete sie lediglich als Träume eines schwachen Geistes. Er
hielt es für unwahrscheinlich, daß der Usurpator, dessen Talent und
Entschlossenheit er während eines zehnjährigen ununterbrochenen Kampfes
würdigen gelernt hatte, sich den durch so gewaltige Anstrengungen und
durch so gelehrte Combinationen errungenen großen Preis leicht wieder
werde entreißen lassen. Es mußte daher erwogen werden, welches
Arrangement für Frankreich am vortheilhaftesten sein würde, im Fall es
sich als unmöglich herausstellte, Wilhelm aus England zu vertreiben.
Und es lag auf der Hand, daß, wenn Wilhelm nicht aus England vertrieben
werden konnte, das für Frankreich vortheilhafteste Arrangement das sein
mußte, welches man anderthalb Jahre früher, als Jakob keine Aussicht auf
einen männlichen Erben hatte, im Sinne gehabt. Irland mußte von der
englischen Krone losgetrennt, von den englischen Colonisten gesäubert,
wieder mit der römischen Kirche vereinigt, unter den Schutz des Hauses
Bourbon gestellt und in allen Beziehungen, den Namen ausgenommen, zu
einer französischen Provinz gemacht werden. Im Kriege standen dann seine
Hülfsquellen seinem Schutzherrn zur unumschränkten Verfügung; es
lieferte seinem Heere Rekruten, bot seiner Flotte schöne Häfen dar,
welche alle großen westlichen Kanäle des englischen Handels
beherrschten, und die starke nationale und religiöse Antipathie, mit der
seine eingeborne Bevölkerung die Bewohner der Nachbarinsel betrachtete,
war eine hinreichende Garantie für ihre Treue gegen die Regierung,
welche allein sie gegen die Sachsen schützen konnte.

Im Ganzen genommen schien es daher Avaux, daß von den beiden Parteien,
in welche der Dubliner Geheimrath gespalten war, die irische Partei
diejenige sei, welche zu unterstützen im Interesse Frankreich's lag.
In Folge dessen verband er sich innig mit den Häuptern dieser Partei,
erlangte von ihnen die vollständigsten Aufschlüsse über Alles was sie
beabsichtigten, und war bald im Stande seiner Regierung zu berichten,
daß die Gentry sowohl als das gemeine Volk durchaus nicht abgeneigt
seien, französisch zu werden.[69]

Die Ansichten Louvois', unstreitig des größten Staatsmannes, den
Frankreich seit Richelieu hervorgebracht hatte, scheinen mit denen
Avaux' völlig übereingestimmt zu haben. Das Beste, schrieb Louvois,
was König Jakob thun könne, sei, zu vergessen, daß er in Großbritannien
regiert habe, und nur daran zu denken, Irland in eine gute Verfassung zu
bringen und sich darin festzusetzen. Ob dies das wirkliche Interesse des
Hauses Stuart war, darf wohl bezweifelt werden; jedenfalls aber war es
das wirkliche Interesse des Hauses Bourbon.[70]

Über die schottischen und englischen Verbannten, und besonders über
Melfort, ließ sich Avaux beständig mit einer Schärfe aus, die man von
einem so einsichtsvollen und erfahrenen Manne kaum hätte erwarten
sollen. Melfort befand sich in einer eigenthümlich unglücklichen Lage.
Er war ein Renegat, er war ein Todfeind der Freiheiten seines
Vaterlandes, er besaß einen schlechten und tyrannischen Character, und
doch war er in gewissem Sinne ein Patriot. Die Folge davon war, daß er
allgemeiner verabscheut wurde als irgend einer seiner Zeitgenossen. Denn
während sein Abfall und seine Willkürherrschaftsmaximen ihn zum
Gegenstande des Abscheus für England und Schottland machten, wurde er
wegen seiner ängstlichen Sorge für das Ansehen und die Integrität des
Reichs auch von den Irländern und Franzosen verabscheut.

Die erste zu entscheidende Frage war, ob Jakob in Dublin bleiben, oder
ob er sich an die Spitze seiner Armee in Ulster stellen sollte. Über
diese Frage geriethen die irischen und die britischen Factionen hart
aneinander. Auf beiden Seiten wurden Gründe von keinem besonderen
Gewicht geltend gemacht, denn keine der beiden Parteien wagte es, sich
unumwunden darüber auszusprechen. Der eigentliche streitige Punkt war,
ob der König in irischen oder in britischen Händen sein sollte. Blieb er
in Dublin, so war es ihm kaum möglich, irgend einer Bill, die ihm von
dem Parlament, welches er dahin berufen, vorgelegt wurde, seine
Zustimmung zu verweigern. Er war dann gezwungen, unschuldige
protestantische Gentlemen und Geistliche zu Hunderten zu berauben,
vielleicht gar zu verurtheilen, und dadurch mußte er seiner Sache
jenseit des St. Georgkanals nicht wieder gut zu machenden Schaden thun.
Begab er sich hingegen nach Ulster, so war er nur wenige Segelstunden
von Großbritannien entfernt. Sobald Londonderry gefallen war, und man
war allgemein der Ansicht, daß es sich nicht lange werde halten können,
konnte er sich mit einem Theile seiner Truppen einschiffen und in
Schottland landen, wo seine Freunde für zahlreich gehalten wurden. War
er aber einmal auf britischem Boden und unter britischen Anhängern, so
lag es nicht mehr in der Macht der Engländer, seine Zustimmung zu ihren
Beraubungs- und Racheplänen zu erzwingen.

    [Anmerkung 68: Ein interessanter Brief vom Bischof Maloney an den
    Bischof Tyrrel, den man im Anhange zu King's +State of the
    Protestants+ findet, bringt viel Licht in den Streit zwischen
    englischen und irischen Parteien in Jakob's Geheimen Rathe.]

    [Anmerkung 69: Avaux, 25. März (4. April), 13.(23.) April 1689.
    Ich habe mir jedoch weniger aus einem einzelnen Briefe als aus der
    ganzen Tendenz und dem ganzen Geiste der Correspondenz Avaux'
    meine Ansicht über seine Pläne gebildet.]

    [Anmerkung 70: +»Il faut donc, oubliant qu'il a esté Roy
    d'Angleterre et d'Ecosse, ne penser qu'à ce qui peut bonifier
    l'Irlande, et luy faciliter les moyens d'y subsister.«+ Louvois an
    Avaux. 3.(13.) Juni 1689.]


[_Jakob beschließt nach Ulster zu gehen._] Die Debatten im Staatsrathe
waren lang und heiß. Tyrconnel, der eben zum Herzog erhoben worden war,
rieth seinem Gebieter in Dublin zu bleiben. Melfort drang in Se.
Majestät, daß er nach Ulster gehen solle. Avaux bot seinen ganzen
Einfluß zur Unterstützung Tyrconnel's auf; aber Jakob, dessen
persönliche Neigung natürlich für die britische Seite der Frage war,
beschloß dem Rathe Melfort's zu folgen.[71] Avaux fühlte sich tief
gekränkt. In seinen officiellen Schreiben drückte er mit großer
Bitterkeit seine Verachtung des Characters und des Verstandes des Königs
aus. Über Tyrconnel, welcher gesagt hatte, er verzweifle an dem
Glückssterne Jakob's und die eigentliche Frage schwebe zwischen dem
Könige von Frankreich und dem Prinzen von Oranien, sprach sich der
Gesandte in Worten aus, die ein warmes Lob sein sollten, aber vielleicht
mit mehr Recht ein Tadel genannt werden dürften. »Wenn er ein Franzose
wäre, könnte er keinen größeren Eifer für die Interessen Frankreich's an
den Tag legen.«[72] Dagegen wurde Melfort's Benehmen mit einem Tadel
bedacht, der einem Lobspruche sehr ähnlich steht: »Er ist weder ein
guter Irländer, noch ein guter Franzos. Alle seine Neigungen
concentriren sich auf sein Vaterland.«[73]

    [Anmerkung 71: Siehe die Depeschen Avaux' vom April 1689; +Light
    to the Blind.+]

    [Anmerkung 72: Avaux, 6.(16.) April 1689.]

    [Anmerkung 73: Avaux, 8.(18.) Mai 1689.]


[_Jakob's Reise nach Ulster._] Da der König nun einmal beschlossen
hatte, nach dem Norden zu gehen, so hielt Avaux es nicht für gerathen
zurückzubleiben. Die königliche Reisegesellschaft brach auf, Tyrconnel
in Dublin zurücklassend, und kam am 13. April in Charlemont an. Es war
eine sonderbare Reise. Längs des ganzen Weges war das Land von der
betriebsamen Bevölkerung verlassen und durch Räuberbanden verwüstet.
»Es ist als wenn man durch die Wüsten Arabiens reiste,« sagte einer der
französischen Offiziere.[74] Was die Colonisten nur irgend hatten
fortbringen können, befand sich in Londonderry oder Enniskillen. Das
Übrige war gestohlen oder vernichtet. Avaux schrieb seinem Hofe, daß er
mehrere Meilen weit nach Heu für seine Pferde habe schicken müssen. Kein
Landmann wagte es, etwas zum Verkauf zu bringen, aus Furcht daß es ihm
unterwegs von einem Herumstreicher abgenommen werden möchte. Einmal
mußte der Gesandte die Nacht in einer elenden Schenkstube voll
rauchender Soldaten, ein andermal in einem demolirten Hause ohne Fenster
oder Läden zum Schutze gegen den Regen zubringen. In Charlemont erlangte
man mit großer Mühe und nur durch besondere Gunst einen Sack Hafermehl
für die französische Gesandtschaft. Weizenbrot gab es nur auf der Tafel
des Königs, der ein wenig Mehl von Dublin mitgenommen und dem Avaux
einen Diener geliehen hatte, welcher das Backen verstand. Wer die Ehre
hatte, zur königlichen Tafel geladen zu werden, bekam Brot und Wein
zugemessen. Jeder Andre, so vornehm er immer sein mochte, aß Haferbrot
und trank Wasser oder ein abscheuliches Bier, das aus Hafer, anstatt aus
Gerste gebraut und mit einem namenlosen Kraute an Stelle des Hopfens
gewürzt war.[75] Und die Fama sagte, daß die Gegend zwischen Charlemont
und Strabane noch verödeter sein sollte als die Gegend zwischen Dublin
und Charlemont. Es war unmöglich, einen großen Vorrath von Proviant mit
sich zu führen. Die Wege waren so schlecht und die Pferde so schwach,
daß die Baggagewagen alle weit zurückgeblieben waren. Es fehlte daher
den Oberoffizieren der Armee an dem Nothwendigsten, und die Mißstimmung,
eine natürliche Folge dieser Entbehrungen, wurde noch vermehrt durch die
Theilnahmlosigkeit Jakob's, der es gar nicht zu bemerken schien, daß es
seinen Begleitern an dem nöthigen Comfort gebrach.[76]

Am 14. April reiste der König mit seinem Gefolge weiter nach Omagh. Es
war regnerisch und windig, die Pferde vermochten kaum sich dem Sturme
entgegen durch den Schmutz zu arbeiten, und der Weg war häufig von
Gießbächen durchschnitten, welche fast Flüsse genannt werden konnten.
Die Reisenden mußten mehrere Furthen passiren, wo das Wasser den Pferden
bis an die Brust ging. Einige von der Gesellschaft waren ganz erschöpft
von Hunger und Anstrengung. Das ganze Land ringsumher war eine
grauenvolle Wildniß. Auf einer Strecke von vierzig Meilen zählte Avaux
nur drei elende Hütten. Sonst war Alles Felsen, Sumpf und Moor. Als die
Reisenden endlich Omagh erreichten, fanden sie es in Trümmern. Die
Protestanten, welche die Mehrheit der Einwohner bildeten, waren geflohen
und hatten kein Bund Stroh, kein Faß Branntwein zurückgelassen. Die
Fenster waren zerbrochen, die Kamine zertrümmert, sogar die Schlösser
und Riegel waren von den Thüren losgerissen.[77]

Avaux hatte nicht aufgehört, den König zur Rückkehr nach Dublin
aufzufordern; aber seine Vorstellungen waren bisher erfolglos geblieben.
Jakob's Starrsinn war jedoch ein solcher, der mit männlicher
Entschlossenheit nichts gemein hatte und über den zwar Vernunftgründe
nichts vermochten, der aber durch Launen leicht zu erschüttern war. In
Omagh erhielt er am Morgen des 16. April Briefe, die ihn sehr besorgt
machten. Er erfuhr, daß ein starkes Corps Protestanten in Strabane unter
Waffen stand und daß unweit der Mündung des Foylesees englische
Kriegsschiffe gesehen worden waren. Drei Boten wurden in einer Minute an
Avaux abgeschickt, um ihn in das verfallene Gemach zu bescheiden, in
welchem das königliche Bett aufgeschlagen worden. Hier kündigte Jakob,
halb angekleidet und mit der Miene eines Mannes, den ein vernichtender
Schlag getroffen, ihm seinen Entschluß an, auf der Stelle nach Dublin
zurückzueilen. Avaux vernahm diese Mittheilung mit Erstaunen und
billigte den Entschluß des Königs. Melfort schien in völliger
Verzweiflung zu sein. Die Reisenden kehrten also um und kamen spät am
Abend wieder in Charlemont an. Hier empfing der König Depeschen ganz
andren Inhalts wie die, welche ihn vor einigen Stunden erschreckt
hatten. Die Protestanten, die sich bei Strabane gesammelt hatten, waren
von Hamilton angegriffen worden. Unter einem rechtschaffenen Anführer
würden sie wahrscheinlich Stand gehalten haben. Aber Lundy, der sie
befehligte, hatte ihnen gesagt, daß Alles verloren sei, hatte ihnen
geheißen, auf ihre Rettung bedacht zu sein, und hatte ihnen selbst das
Beispiel zur Flucht gegeben.[78] In Folge dessen hatten sie sich in
Unordnung nach Londonderry zurückgezogen. Die Correspondenten des Königs
erklärten es für eine Unmöglichkeit, daß Londonderry sich halten könne.
Se. Majestät brauche nur vor den Thoren zu erscheinen und sie würden
augenblicklich geöffnet werden. Dies brachte Jakob wieder auf andere
Gedanken, er machte sich Vorwürfe, daß er sich zur Rückkehr nach dem
Süden hatte überreden lassen, und er bestellte seine Pferde, obgleich es
schon spät Abends war. Die Pferde waren fast gänzlich erschöpft und
ausgehungert; trotzdem aber wurden sie gesattelt. Melfort geleitete
seinen Gebieter triumphirend ins Lager. Avaux erklärte nach erfolglosen
Gegenvorstellungen, daß er entschlossen sei, nach Dublin zurückzukehren.
Man darf annehmen, daß die großen Unbequemlichkeiten, die er bisher zu
ertragen gehabt, einigen Antheil an diesem Entschlusse hatten, denn
Klagen über diese Unbequemlichkeiten füllen einen großen Theil seiner
Briefe, und in der That war auch der langjährige Aufenthalt in den
Palästen Italiens, in den sauberen Zimmern und Gärten Holland's und in
den prächtigen Pavillons der pariser Vorstädte eine schlechte
Vorbereitung auf die verfallenen Hütten von Ulster. Seinem Gebieter aber
führte er für seine Weigerung, mit nach dem Norden zu gehen, einen
gewichtigeren Grund an. Jakob's Reise war im Widerspruch mit der
einstimmigen Meinung der Irländer unternommen worden und hatte ernste
Besorgnisse unter ihnen erweckt, sie fürchteten, daß er sie verlassen
wolle, um eine Landung in Schottland zu versuchen, und sie wußten, daß
er, war er einmal in Großbritannien gelandet, weder den Willen noch die
Macht haben würde das zu thun, was sie am meisten wünschten. Indem sich
nun Avaux weigerte, Jakob weiter zu begleiten, gab er ihnen einen
Beweis, daß, wer sie auch sonst verrathen möchte, Frankreich ihr steter
Freund bleiben werde.[79]

Während Avaux sich auf dem Rückwege nach Dublin befand, eilte Jakob nach
Londonderry. Er fand seine Armee einige Meilen südlich von der Stadt
concentrirt. In seinem Gefolge befanden sich die französischen Generäle,
welche mit ihm von Brest abgesegelt waren, und zwei von ihnen, Rosen und
Maumont, wurden über Richard Hamilton gestellt.[80] Rosen war ein
geborner Liefländer, der in früher Jugend ein Glückssoldat geworden, der
sich zur Auszeichnung emporgekämpft hatte und der, obgleich ihm die den
Hof von Versailles characterisirenden körperlichen und geistigen Vorzüge
gänzlich abgingen, dennoch daselbst in hoher Gunst stand. Er besaß ein
heftiges Temperament und rohe Manieren, und seine Sprache war ein
seltsames Gemisch verschiedenartiger französischer und deutscher
Dialecte. Selbst Diejenigen, welche die beste Meinung von ihm hegten und
behaupteten, seine rauhe Außenseite berge einige gute Eigenschaften,
mußten zugestehen, daß sein Äußeres gegen ihn sprach und daß es ihnen
nicht angenehm sein würde, wenn sie im Dunklen an einem Waldsaume einer
solchen Gestalt begegneten.[81] Das Wenige, was man von Maumont weiß,
gereicht ihm zur Ehre.

    [Anmerkung 74: Pusignan an Avaux, 30. März (9. April) 1689.]

    [Anmerkung 75: Dieser traurige Bericht über das irische Bier ist
    einer Depesche entlehnt, welche Desgrigny von Cork aus an Louvois
    schrieb und die sich in den Archiven des französischen
    Kriegsministeriums befindet.]

    [Anmerkung 76: Avaux, 13.(23.), 20.(30.) April 1689.]

    [Anmerkung 77: Avaux an Ludwig vom 15.(25.) April 1689, und an
    Louvois von dem nämlichen Datum.]

    [Anmerkung 78: +Commons' Journals, Aug. 12. 1689+; +MacKenzie's
    Narrative.+]

    [Anmerkung 79: Avaux, 17.(27.) April 1689. Die Geschichte dieses
    sonderbaren Planwechsels ist in +Life of James, II. 330--332. Orig
    Mem.+ ganz unrichtig erzählt.]

    [Anmerkung 80: +Life of James, II. 334, 335. Orig. Mem.+]

    [Anmerkung 81: Memoiren Saint-Simon's. Einige englische
    Schriftsteller sind der irrigen Meinung, Rosen sei damals schon
    Marschall von Frankreich gewesen. Dies wurde er erst 1703. Er war
    lange Maréchal de Camp gewesen, was etwas ganz Andres ist, und war
    kürzlich zum Generalleutnant befördert worden.]


[_Der Fall Londonderry's erwartet._] Man erwartete im Lager allgemein,
daß Londonderry ohne Schwertstreich fallen werde. Rosen prophezeite mit
großer Zuversicht, der bloße Anblick der irischen Armee werde die
Besatzung zur Übergabe bestimmen. Richard Hamilton aber, der den
Character der Colonisten besser kannte, hatte schlimme Ahnungen. _Eines_
wichtigen Bundesgenossen innerhalb der Mauern der Stadt waren die
Belagerer gewiß. Der Gouverneur Lundy bekannte sich zwar zum
protestantischen Glauben und hatte an der Proklamirung Wilhelm's und
Mariens Theil genommen, aber er stand in geheimer Communication mit den
Feinden seiner Kirche und der Souveraine, denen er Treue geschworen.
Einige haben vermuthet, daß er ein verkappter Jakobit gewesen sei, und
sich die Revolution nur deshalb zum Schein habe gefallen lassen, um
desto leichter eine Restauration herbeiführen zu helfen, doch ist es
wahrscheinlich, daß sein Verhalten eher der Zaghaftigkeit und
Geistesarmuth als dem Eifer für irgend eine öffentliche Sache
zuzuschreiben ist. Er scheint den Widerstand für hoffnungslos gehalten
zu haben, und in der That mußten die Vertheidigungsmittel Londonderry's
einem militärischen Auge kläglich vorkommen. Die Festungswerke bestanden
aus einem mit Gras und Unkraut bewachsenen einfachen Walle; selbst vor
den Thoren war kein Graben; die Zugbrücken waren seit langer Zeit
vernachlässigt, die Ketten waren verrostet und kaum noch zu gebrauchen;
die Brustwehren und Thürme waren nach einem Systeme erbaut, das Schülern
Vauban's wohl ein Lächeln abzwingen konnte, und diese schwachen
Vertheidigungswerke waren fast auf jeder Seite von Anhöhen beherrscht.
Die Erbauer der Stadt hatten allerdings nie daran gedacht, daß sie eine
regelmäßige Belagerung auszuhalten haben würde, und hatten sich damit
begnügt, Werke anzulegen, welche hinreichten, die Einwohner gegen einen
tumultuarischen Angriff der celtischen Bauern zu schützen. Avaux
versicherte Louvois, daß ein einziges französisches Bataillon solche
Vertheidigungswerke leicht erstürmen werde. Und selbst wenn der Platz
trotz aller dieser Nachtheile im Stande sein sollte, eine Armee
zurückzuschlagen, welche von der Kenntniß und Erfahrung von Generälen,
die unter Condé und Turenne gedient hatten, geführt würde, so müsse doch
der Hunger den Kampf bald beendigen. Die Lebensmittelvorräthe seien
gering und die Bevölkerung sei durch eine Menge von Colonisten, welche
vor der Wuth der Eingebornen geflohen, um das Sieben- bis Achtfache der
gewöhnlichen Zahl vermehrt worden.[82]

Lundy scheint daher von dem Augenblicke an, wo die irische Armee in
Ulster einrückte, jeden Gedanken an einen ernsthaften Widerstand
aufgegeben zu haben. Er sprach in einem so verzagten Tone, daß die
Bürger und seine eignen Soldaten gegen ihn murrten. Er scheine es,
sagten sie, darauf abgesehen zu haben, sie zu entmuthigen. Inzwischen
rückte der Feind mit jedem Tage näher heran, und man erfuhr, daß Jakob
selbst das Commando seiner Truppen zu übernehmen gedenke.

    [Anmerkung 82: Avaux, 4.(14.) April 1689. Unter den Manuscripten
    im britischen Museum befindet sich ein interessanter Bericht über
    die Vertheidigungsmittel Londonderry's, der 1705 von einem
    französischen Ingenieur, Namens Thomas, für den Herzog von Ormond
    abgefaßt wurde.]


[_Es kommt Succurs aus England._] Gerade in diesem Augenblicke zeigte
sich ein Schimmer von Hoffnung. Am 14. April gingen englische Schiffe in
der Bai vor Anker. Sie hatten zwei Regimenter an Bord, welche unter den
Befehlen eines Obersten, Namens Cunningham, zur Verstärkung der Garnison
abgesandt worden waren. Cunningham und mehrere von seinen Offizieren
kamen ans Land, um sich mit Lundy zu besprechen. Dieser rieth ihnen
davon ab, ihre Mannschaften landen zu lassen, indem die Stadt sich nicht
halten könne. Noch mehr Truppen hineinzuwerfen, würde daher schlimmer
als nutzlos sein, denn je zahlreicher die Besatzung sei, um so mehr
Gefangene würden dem Feinde in die Hände fallen. Die beiden Regimenter
könnten nichts besseres thun als nach England zurückzukehren. Er
gedenke, sagte er, heimlich auf und davon zu gehen, und die Einwohner
müßten dann zusehen, wie sie unter möglichst vortheilhaften Bedingungen
kapituliren könnten.


[_Verrätherei Lundy's._] Er ließ sich die Formalität eines Kriegsraths
gefallen, von dem er aber alle diejenigen Offiziere ausschloß, deren
Gesinnungen er als von den seinigen abweichend kannte. Einige, die sonst
immer zu solchen Berathungen gezogen worden waren und die deshalb jetzt
unaufgefordert kamen, wurden aus dem Zimmer gewiesen. Was der Gouverneur
sagte, wurde von seinen Creaturen bestätigt. Cunningham und seine
Kameraden durften es kaum wagen, ihre Ansicht der eines Mannes
entgegenzusetzen, der natürlich viel bessere Lokalkenntniß hatte als sie
und dem sie überdies zu gehorchen angewiesen waren. Einer der wackeren
Soldaten erhob jedoch Einwürfe. »Bedenken Sie,« sagte er, »Londonderry
aufgeben heißt Irland aufgeben.« Aber seine Einwendungen wurden mit
Verachtung zurückgewiesen.[83] Der Kriegsrath ging auseinander,
Cunningham kehrte mit seinen Offizieren auf die Schiffe zurück und traf
Anstalten zur Abreise. Unterdessen schickte Lundy heimlich einen Boten
ins Hauptquartier des Feindes, mit der Versicherung, daß die Stadt auf
die erste Aufforderung ohne Kampf übergeben werden würde.

    [Anmerkung 83: +Commons' Journals, Aug. 12. 1689.+]


[_Die Bewohner von Londonderry beschließen sich zu vertheidigen._]
Sobald aber das was im Kriegsrathe vorgegangen, in der Stadt ruchbar
wurde, empörte sich der Geist der Soldaten und Bürger gegen den feigen
und treulosen Anführer, der sie verrathen hatte. Viele von seinen
eigenen Offizieren erklärten, daß sie sich nicht länger für verpflichtet
hielten, ihm zu gehorchen. Drohende Stimmen ließen sich vernehmen, bald
daß ihm der Hirnschädel eingeschlagen, bald daß er auf den Wällen der
Stadt aufgehängt werden solle. Es wurde eine Deputation an Cunningham
abgesandt, um ihn flehentlich zu bitten, das Commando der Stadt zu
übernehmen. Er entschuldigte sich jedoch mit dem plausiblen Grunde, daß
er Ordre habe, in allen Stücken den Befehlen des Gouverneurs Folge zu
leisten.[84] Inzwischen ging das Gerücht, daß Einer nach dem Andren von
Lundy's Vertrauten sich aus der Stadt stehle. Am Abend des 17. fand man,
daß lange nach Einbruch der Dämmerung die Thore noch offen und die
Schlüssel verschwunden waren. Die Offiziere, welche diese Entdeckung
machten, nahmen es auf sich, die Parole zu ändern und die Wachen zu
verstärken. Die Nacht ging jedoch ohne einen Angriff vorüber.[85]

Nach einigen angstvollen Stunden brach der Morgen an. Die Irländer mit
Jakob an ihrer Spitze, waren jetzt nur noch vier Meilen von der Stadt
entfernt. Es wurde nun ein tumultuarischer Kriegsrath der angesehensten
Einwohner zusammenberufen. Einige von ihnen sagten dem Gouverneur mit
Heftigkeit gerade ins Gesicht, daß er sie verrathen habe. Er habe sie,
riefen sie aus, ihrem erbittertsten Feinde verkauft und habe die Truppen
nicht eingelassen, die der gute König Wilhelm zu ihrer Vertheidigung
gesandt habe. Während der Wortwechsel seinen Höhepunkt erreicht hatte,
meldeten die auf den Wällen ausgestellten Schildwachen, daß die Vorhut
der feindlichen Armee in Sicht sei. Lundy hatte Befehl gegeben, daß
nicht gefeuert werden sollte, aber seine Autorität war zu Ende. Zwei
tapfere Soldaten, Major Heinrich Baker und Kapitain Adam Murray, riefen
das Volk zu den Waffen. Sie wurden unterstützt durch die Beredtsamkeit
eines bejahrten Geistlichen, Georg Walker, Rectors der Gemeinde
Donaghmore, der mit vielen seiner Amtsbrüder in Londonderry ein Asyl
gesucht hatte. Die ganze Bevölkerung der überfüllten Stadt war von einem
Gefühle beseelt. Soldaten, Gentlemen, Freisassen und Handwerker eilten
auf die Wälle und bemannten die Geschütze. Jakob, der sich, des Sieges
gewiß, dem südlichen Thore bis auf hundert Schritt genähert hatte, wurde
mit dem Geschrei: »Keine Übergabe!« und mit einer Kanonensalve von der
nächsten Bastion empfangen. Ein Offizier von seinem Stabe fiel neben ihm
todt nieder. Der König und seine Begleiter beeilten sich, aus dem
Bereiche der Kanonenkugeln zu kommen. Lundy, der jetzt in der größten
Gefahr schwebte, von denen die er verrathen hatte, in Stücken zerrissen
zu werden, verbarg sich in einem entlegenen Gemache. Hier blieb er den
Tag über, und während der Nacht entkam er unter dem großmüthigen und
weisen Beistande Murray's und Walker's, als Lastträger verkleidet.[86]
Noch jetzt wird der Theil des Walles gezeigt, wo er sich herunterließ,
und noch lebende Leute rühmen sich die Früchte eines Birnbaumes gekostet
zu haben, der ihm das Herabsteigen erleichtert hatte. Sein Name ist noch
heutigen Tages den Protestanten im Norden Irland's ein Greuel und sein
Bild wurde lange und wird vielleicht jetzt noch alljährlich mit
ähnlichen Zeichen des Abscheus, wie sie in England dem Guy Faux zu Theil
werden, aufgehängt und verbrannt.

    [Anmerkung 84: Den besten Bericht über diese Vorgänge findet man
    in den Verhandlungen des Hauses der Gemeinen vom 12. August 1689.
    Siehe auch die Erzählungen von Walker und Mackenzie.]

    [Anmerkung 85: +Mackenzie's Narrative.+]

    [Anmerkung 86: Walker und Mackenzie.]


[_Ihr Character._] Jetzt war Londonderry ohne alle militärische wie
bürgerliche Obrigkeit. Niemand in der Stadt hatte das Recht einem Andern
zu befehlen, die Vertheidigungsmittel waren schwach, die Vorräthe
gering, und ein wüthender Tyrann stand mit einer zahlreichen Armee vor
den Thoren. Drinnen aber herrschte ein Geist, der oft in Augenblicken
verzweifelter Bedrängniß das gesunkene Glück von Nationen wieder
aufgerichtet hat. Obwohl verrathen und verlassen, desorganisirt, von
Hülfsmitteln entblößt und von Feinden umringt, war die edle Stadt doch
noch immer keine leichte Eroberung. Was auch ein Ingenieur von der
Stärke ihrer Mauern halten mochte: hinter diesen Mauern war der
intelligenteste, muthigste und hochsinnigste Theil der englischen
Bevölkerung von Leinster und Nordulster versammelt. Die Anzahl der
waffenfähigen Männer betrug siebentausend Mann, und die ganze Welt hätte
nicht siebentausend Männer liefern können, welche besser geeignet
gewesen wären, einer furchtbaren Nothwendigkeit mit klarem Urtheil,
unerschütterlichem Muthe und trotziger Geduld die Stirn zu bieten. Sie
waren sämmtlich Protestanten und der Protestantismus der Mehrzahl hatte
eine puritanische Färbung. Sie hatten viel Ähnliches von der nüchternen,
entschlossenen und gottesfürchtigen Klasse, aus welcher Cromwell sein
unbesiegbares Heer gebildet. Die eigenthümliche Lage aber, in die sie
versetzt waren, hatte einige Eigenschaften in ihnen entwickelt, die im
Mutterlande vielleicht nicht zur Geltung gekommen sein würden. Die
englischen Bewohner Irland's waren eine aristokratische Kaste, die durch
höhere Bildung, durch festes Zusammenhalten, durch rastlose Wachsamkeit
und durch kaltblütige Unerschrockenheit in den Stand gesetzt worden war,
eine zahlreiche und feindliche Bevölkerung in Unterwürfigkeit zu
erhalten. Fast Jeder von ihnen war mehr oder weniger zu militärischen
wie zu politischen Functionen herangebildet worden. Fast Jeder war mit
dem Gebrauche der Waffen vertraut und gewohnt, an der Justizverwaltung
Theil zu nehmen. Zeitgenössische Schriftsteller sagten, daß die
Colonisten etwas von dem castilischen Stolze, aber nichts von der
castilischen Indolenz hätten, daß sie ein ausgezeichnet reines und
correctes Englisch sprächen und daß sie sowohl als Milizen wie als
Geschworne hoch über ihres Gleichen im Mutterlande ständen.[87] Leute in
der Lage der Angelsachsen in Irland haben zu allen Zeiten eigenthümliche
Fehler und eigenthümliche Tugenden gehabt, die Fehler und Tugenden von
Herren im Gegensatz zu den Fehlern und Tugenden von Sklaven. Das
Mitglied eines dominirenden Stammes ist in seinem Verkehr mit dem
unterworfenen Stamme zwar selten falsch -- denn Falschheit ist das
Hülfsmittel des Schwachen -- aber gebieterisch, anmaßend und grausam.
Gegen seine Brüder aber zeigt er sich im allgemeinen gerecht, gütig und
selbst edel. Seine Selbstachtung bestimmt ihn alle seinem Stamme
Angehörenden zu achten. Sein Interesse treibt ihn an, ein gutes
Einvernehmen mit Denen zu unterhalten, deren prompten, kräftigen und
muthigen Beistand er vielleicht einmal zur Erhaltung seines Eigenthums
und seines Lebens bedürfen kann. Er ist stets der Wahrheit eingedenk,
daß sein persönliches Wohl von dem Übergewicht der Klasse abhängt,
der er angehört. Dadurch wird selbst sein Egoismus zum Gemeinsinn, und
dieser Gemeinsinn wird durch Sympathie, durch das Verlangen nach Beifall
und durch die Furcht vor Entehrung zu wilder Begeisterung aufgestachelt.
Denn die einzige Meinung, auf die er Werth legt, ist die Meinung seiner
Standesgenossen, und ihrer Ansicht nach ist treue Hingebung für die
gemeinsame Sache die heiligste aller Pflichten. Der so constituirte
Character hat zwei Seiten. Von der einen Seite angesehen, muß er von
jedem Rechtschaffenen und Unbefangenen mit Mißbilligung betrachtet
werden. Von der andren Seite gesehen, erzwingt er sich unwiderstehlich
Beifall. Der Spartaner erregt unsren Abscheu, wenn er den unglücklichen
Heloten schlägt und mit Füßen tritt. Den nämlichen Spartaner können wir
nicht ohne Bewunderung betrachten, wenn wir ihn an dem Tage, von dem er
wohl weiß, daß es sein letzter sein wird, im Engpaß von Thermopylä ruhig
sein Haar ordnen sehen und seine lakonischen Scherze aussprechen hören.
Dem oberflächlichen Beobachter mag es sonderbar vorkommen, daß soviel
Böses und soviel Gutes beisammen gefunden werden können. In der That
aber stehen dieses Gute und dieses Böse, die auf den ersten Anblick fast
unvereinbar scheinen, in innigem Zusammenhange und haben einen
gemeinsamen Ursprung. Weil der Spartaner gelernt hatte, sich als einem
Herrschergeschlechte angehörend zu betrachten und auf jeden
Nichtspartaner als auf einen tief unter ihm Stehenden herabzusehen,
deshalb hatte er kein Mitgefühl für die elenden Sklaven, welche vor ihm
im Staube krochen, und deshalb kam ihm nie, selbst nicht in der höchsten
Noth, der Gedanke, sich einem fremden Herrn zu unterwerfen oder vor
einem Feinde zu fliehen. Etwas von diesem nämlichen, aus Tyrannei und
Heroismus zusammengesetzten Character hat man bei allen den Nationen
gefunden, welche über zahlreichere Nationen dominirten. Nirgend aber hat
sich im modernen Europa dieser Character so augenfällig gezeigt wie in
Irland. Mit welcher Verachtung, mit welcher Abneigung die herrschende
Minderzahl in diesem Lande lange Zeit die unterworfene Mehrzahl
betrachtete, kann man am besten aus den gehässigen Gesetzen ersehen,
welche noch zu einer Zeit, deren sich gegenwärtig Lebende erinnern, das
irische Gesetzbuch schändeten. Diese Gesetze wurden endlich abgeschafft,
aber der Geist, der sie zu Tage gefördert hatte, überlebte sie und macht
sich noch jetzt zuweilen in Excessen Luft, welche dem Gemeinwohl zum
größten Nachtheil und der protestantischen Religion zur Unehre
gereichen. Dessenungeachtet kann man unmöglich leugnen, daß die
englischen Colonisten mit leider zu vielen Fehlern einer herrschenden
Kaste alle edelsten Tugenden einer solchen verbanden. Die Fehler haben
sich ganz natürlich im schlimmsten Grade zu Zeiten des Gedeihens und der
Ruhe gezeigt, wie die Tugenden sich am glänzendsten in Zeiten der Noth
und Gefahr bewährt haben, und nie traten diese Tugenden sichtbarer in
den Vordergrund als bei den Vertheidigern von Londonderry in dem
Augenblicke da ihr Commandant sie im Stich gelassen und das Lager ihres
Todfeindes vor den Mauern ihrer Stadt aufgeschlagen war.

Sobald der erste Ausbruch der durch Lundy's Treulosigkeit erregten Wuth
sich gelegt hatte, ergriffen Die, welche er verrathen, mit einer der
berühmtesten Senate würdigen Kaltblütigkeit und Umsicht Maßregeln zur
Aufrechthaltung der Ordnung und zur Vertheidigung der Stadt. Es wurden
zwei Gouverneurs, Baker und Walker, erwählt. Baker übernahm das
militärische Kommando, und Walker's specielles Geschäft bestand in der
Erhaltung der inneren Ruhe und in der Vertheilung der Bedürfnisse aus
den Magazinen.[88] Die kampffähigen Einwohner wurden in acht Regimenter
eingetheilt und Obersten, Hauptleute und Subalternoffiziere ernannt. In
wenigen Stunden kannte Jedermann seinen Posten und war bereit, sich beim
ersten Trommelschlage auf denselben zu begeben. Das Verfahren, durch
welches Cromwell in der vorhergehenden Generation unter seinen Soldaten
eine so glühende und beharrliche Begeisterung erhalten hatte, wurde auch
hier wieder mit nicht minder vollständigem Erfolge angewendet. Ein
großer Theil des Tages ward mit Predigen und Beten hingebracht. Achtzehn
Geistliche der Landeskirche und sieben bis acht nonconformistische
Priester befanden sich in der Stadt. Sie alle strengten sich mit
unermüdlichem Eifer an, den Muth des Volks zu heben und zu erhalten.
Unter ihnen selbst herrschte für diese Zeit vollkommene Einigkeit. Aller
Streit über Kirchenregiment, Stellungen und Ceremonien war vergessen.
Der Bischof hatte sich, als er gesehen, daß seine Sermone über den
passiven Gehorsam selbst von den Episkopalen bespöttelt wurden, zuerst
nach Raphoe und dann nach England begeben, wo er jetzt in einer londoner
Kapelle predigte.[89] Auf der andren Seite war ein schottischer
Fanatiker, Namens Hewson, der die Presbyterianer ermahnt hatte, nicht
mit Leuten, die sich weigerten den Covenant zu unterschreiben,
gemeinschaftliche Sache zu machen, dem wohlverdienten Abscheu und Hohn
der gesammten Protestanten verfallen.[90] Die Kathedrale gewährte einen
eigenthümlichen Anblick. Auf der Höhe des breiten Thurmes, der jetzt
durch einen von andrer Bauart ersetzt ist, waren Kanonen aufgefahren,
unter den Bogengängen war Munition aufgehäuft und im Chore wurde jeden
Morgen die Liturgie der anglikanischen Kirche verlesen. Am Nachmittag
versammelten sich die Dissenters zu einem einfacheren Gottesdienst.[91]

Jakob hatte vierundzwanzig Stunden gewartet, wahrscheinlich in der
Hoffnung, daß Lundy seine Versprechungen erfüllen werde, und diese
vierundzwanzig Stunden hatten hingereicht, um die Anstalten zur
Vertheidigung Londonderry's zu vollenden. Am Abend des 19. April
erschien ein Trompeter am südlichen Thore und fragte, ob die vom
Gouverneur eingegangenen Verpflichtungen erfüllt werden würden. Die
Antwort lautete, daß die Männer, welche diese Mauern bewachten, mit den
Verpflichtungen des Gouverneurs nichts zu thun hätten und entschlossen
wären, sich bis aufs Äußerste zu vertheidigen.

Am folgenden Tage wurde ein Bote höheren Ranges gesandt: Claudius
Hamilton, Lord Strabane, einer der wenigen römisch-katholischen Peers
von Irland. Murray, der zum Obersten eines der acht Regimenter ernannt
war, in welche die Besatzung eingetheilt worden, ging hinaus vor das
Thor und es fand eine kurze Besprechung mit dem Parlamentair statt.
Strabane war ermächtigt, große Versprechungen zu machen. Die Bürger
sollten volle Verzeihung für alles Geschehene haben, wenn sie sich ihrem
rechtmäßigen Landesherrn unterwürfen. Murray selbst sollte ein
Oberstenpatent und tausend Pfund Sterling an Gelde bekommen. »Die Männer
von Londonderry,« antwortete Murray, »haben nichts gethan, was der
Verzeihung bedürfte, und erkennen keinen andren Souverain als König
Wilhelm und Königin Marie an. Es dürfte nicht rathsam für Eure
Lordschaft sein, noch lange hier zu verweilen oder in gleicher Absicht
wiederzukommen. Gestatten Sie mir die Ehre, Sie bis über die Linien
hinaus zu geleiten.«[92]

Jakob war versichert worden und hatte mit Bestimmtheit erwartet, daß die
Stadt sich ergeben würde, sobald sein Erscheinen vor den Mauern
derselben zur Kenntniß der Einwohner gelangte. Als er sich jedoch in
dieser Erwartung getäuscht sah, wollte er von Melfort's Rath nichts mehr
wissen und er beschloß, sofort nach Dublin zurückzukehren. Rosen
begleitete den König und die Leitung der Belagerung wurde Maumont
übertragen. Unter ihm standen Richard Hamilton als Zweiter, und Pusignan
als Dritter im Commando.

    [Anmerkung 87: Siehe +The Character of the Protestants of Ireland,
    1689+, und +The Interest of England in the Preservation of
    Ireland, 1689.+ Erstere Flugschrift ist das Werk eines Feindes,
    letztere das eines warmen Freundes.]

    [Anmerkung 88: Es entspann sich nachher ein müßiger Streit über
    die Frage, ob Walker wirklich Gouverneur gewesen sei oder nicht.
    Mir scheint es vollkommen unzweifelhaft, daß er es war.]

    [Anmerkung 89: +Mackenzie's Narrative+; +Funeral Sermon on Bishop
    Hopkins, 1690.+]

    [Anmerkung 90: +Walker's True Account, 1689.+ Siehe auch +The
    Apology for the True Account+ und +The Vindication of the True
    Account+, beide in dem nämlichen Jahre erschienen. Ich habe diesen
    Mann mit dem Namen bezeichnet, unter welchem er in Irland bekannt
    war. Sein wirkliche Name aber war Houstoun. Er wird häufig in dem
    wunderlichen Buche, betitelt: +Faithful Contendings Displayed+,
    erwähnt.]

    [Anmerkung 91: +A View of the Danger and Folly of being
    publicspirited, by William Hamill, 1721.+]

    [Anmerkung 92: Siehe +Walker's True Account+ und +Mackenzie's
    Narrative.+]


[_Londonderry belagert._] Die Operationen begannen nun ernstlich.
Die Belagerer fingen damit an, daß sie die Stadt beschossen, und bald
brannte sie an mehreren Stellen. Dächer und obere Stockwerke stürzten
ein und erschlugen die Hausbewohner. Eine kurze Zeit lang schien die
Besatzung, von der Viele noch niemals die Wirkung eines Bombardements
gesehen, durch das Gekrach der einstürzenden Schornsteine und durch den
Anblick der mit entstellten Leichnamen vermischten Trümmerhaufen
entmuthigt zu werden. Aber das Vertrautwerden mit Gefahr und Greueln
brachte binnen wenigen Stunden die natürliche Wirkung hervor. Der Muth
des Volks steigerte sich bis zu einem solchen Grade, daß seine Anführer
es für zweckmäßig hielten, die Offensive zu ergreifen. Am 21. April
wurde unter Murray's Commando ein Ausfall gemacht. Die Irländer hielten
ihrerseits entschlossen Stand und es kam zu einem heftigen und blutigen
Kampfe. Maumont eilte an der Spitze eines Reitertrupps nach der Stelle,
wo das Gefecht wüthete. Eine Flintenkugel traf ihn am Kopfe und streckte
ihn todt nieder. Die Belagerer verloren außerdem noch mehrere andere
Offiziere und ungefähr zweihundert Mann, bevor es gelang, die Colonisten
in die Stadt zurückzuwerfen. Murray entkam mit knapper Noth. Sein Pferd
war ihm unter dem Leibe getödtet worden und er war von Feinden umringt,
aber er vertheidigte sich noch so lange gegen dieselben, bis einige von
seinen Freunden, mit dem greisen Walker an der Spitze, aus dem Thore
heraus stürzten und ihn befreiten.[93]

Da Maumont gefallen war, übernahm Hamilton wieder das Commando der
irischen Armee. Seine Thaten als Befehlshaber trugen keineswegs zur
Erhöhung seines Ruhmes bei. Er war ein eleganter Cavalier und ein
tapferer Soldat, aber auf den Titel eines großen Feldherrn konnte er
keinen Anspruch machen; auch hatte er noch nie in seinem Leben eine
Belagerung gesehen.[94] Pusignan besaß mehr Kenntniß und Energie, aber
er überlebte Maumont um wenig mehr als vierzehn Tage. Am 6. Mai um vier
Uhr Morgens unternahm die Besatzung einen zweiten Ausfall, eroberte
mehrere Fahnen und tödtete viele von den Belagerern. Pusignan, welcher
tapfer focht, wurde durch den Leib geschossen; die Wunde war von der
Art, daß ein geschickter Chirurg sie wohl hätte heilen können; aber
einen solchen gab es im irischen Lager nicht und die Verbindung mit
Dublin war langwierig und unregelmäßig. So starb der Unglückliche unter
bitteren Klagen über die rohe Unwissenheit und Nachlässigkeit, die seine
Tage abgekürzt hatten. Ein Arzt, der expreß aus der Hauptstadt abgesandt
worden, traf erst nach der Beerdigung ein. Wahrscheinlich in Folge
dieses beklagenswerthen Unglücks richtete Jakob eine tägliche
Postverbindung zwischen dem Schlosse von Dublin und Hamilton's
Hauptquartier ein. Doch selbst auf diese Art wurden die Briefe nicht
rasch befördert, denn die Couriere gingen zu Fuß und machten,
wahrscheinlich aus Furcht vor den Enniskillenern, einen Umweg von einem
Militärposten zum andren.[95]

Der Mai verging, der Juni kam heran, und Londonderry hielt sich noch
immer. Es hatten viele Ausfälle und Scharmützel mit verschiedenem
Erfolge stattgehabt; im Ganzen aber war der Vortheil auf Seiten der
Garnison gewesen. Mehrere hohe Offiziere waren als Gefangene in die
Stadt gebracht worden, und zwei französische Fahnen, welche den
Belagerern nach hartem Kampfe entrissen worden, waren als Trophäen in
der Altarstätte der Kathedrale aufgehängt. Es schien nothwendig, die
Belagerung in eine Blockade zu verwandeln. Ehe man aber die Hoffnung
aufgab, die Stadt durch Waffengewalt zu nehmen, beschloß man noch einen
energischen Versuch zu machen. Der zum Sturm ausersehene Punkt war ein
Außenwerk, nicht weit vom südlichen Thore, welches der Windmühlenhügel
hieß. Religiöse Anfeuerungsmittel wurden angewendet, um den gesunkenen
Muth zu beleben. Viele Freiwillige verpflichteten sich eidlich in die
Festungswerke einzudringen oder bei dem Versuche umzukommen. Kapitain
Buttler, ein Sohn Lord Mountgarret's, übernahm es, die Eidgenossen zum
Angriff zu führen. Die Colonisten waren in drei Reihen auf den Wällen
aufgestellt. Die Hinteren hatten nur die Musketen der Vorderen zu laden.
Die Irländer rückten kühn und mit einem entsetzlichen Geschrei heran,
wurden aber nach einem langen und heißen Kampfe zurückgeschlagen. Im
dichtesten Kugelregen sah man die Frauen von Londonderry, ihren Gatten
und Brüdern Wasser und Munition reichend. An einer Stelle, wo der Wall
nur sieben Fuß hoch war, gelang es Buttler und einigen seiner
Eidgenossen, das Plateau zu erreichen; aber sie wurden sämmtlich
getödtet oder gefangen genommen. Endlich, nachdem vierhundert Irländer
gefallen waren, ließen ihre Anführer zum Rückzug blasen.[96]

    [Anmerkung 93: Walker; Mackenzie; Avaux, 26. April (6. Mai) 1689.
    Unter den Protestanten von Ulster herrscht die traditionelle
    Meinung, Maumont sei von Murray's Hand gefallen; allein über
    diesen Punkt ist der Bericht des französischen Gesandten an seinen
    Gebieter entscheidend. In der That existiren über die Belagerung
    von Londonderry fast eben so viele märchenhafte Geschichten wie
    über die Belagerung von Troja. Die Sage von Murray und Maumont
    datirt von 1689. In +The Royal Voyage+, welches Stück in jenem
    Jahre aufgeführt wurde, wird der Kampf zwischen den beiden Helden
    in folgenden wohlklingenden Strophen geschildert:

      »Sie trafen sich, und auf den ersten Streich
      Fiel Monsieur fluchend auf den staub'gen Grund
      Und sterbend biß er noch in's Gras.«]

    [Anmerkung 94: +Si c'est celuy qui est sorti de France le dernier,
    qui s'appelloit Richard, il n'a jamais veu de siège, ayant
    toujour's servi en Roussillon.+ -- Louvois an Avaux, 3.(13.) Juni
    1689.]

    [Anmerkung 95: Walker; Mackenzie; Avaux an Louvois, 2.(12.),
    4.(14.) Mai 1689; Jakob an Hamilton vom 28. Mai (8. Juni) in der
    Bibliothek der Royal Irish Academy. Louvois schrieb sehr entrüstet
    an Avaux: +»La mauvaise conduite que l'on a tenue devant
    Londonderry a cousté la vie à M. de Maumont et à M. de Pusignan.
    Il ne faut pas que sa Majesté Britannique croye qu'en faisant tuer
    des officiers generaux comme des soldats, on puisse ne l'en point
    laisser manquer. Ces sortes de gens sont rares en tout pays et
    doivent estre menagez.«+]

    [Anmerkung 96: Walker; Mackenzie; Avaux, 16.(26.) Juni 1689.]


[_Die Belagerung in eine Blokade verwandelt._] Es blieb nun nichts
weiter übrig als die Wirkung des Hungers zu versuchen. Man wußte, daß
die Lebensmittelvorräthe der Stadt nur gering waren, ja man wunderte
sich sogar, daß sie so lange ausgereicht hatten. Jetzt wurden alle
Maßregeln getroffen, um die fernere Zufuhr von Lebensmitteln
abzuschneiden. Alle zur Stadt führenden Landwege wurden auf das
Sorgfältigste bewacht. Auf der Südseite am linken Ufer des Foyle
lagerten die Reiter, welche Lord Galmoy aus dem Barrowthale begleitet
hatten. Ihr Anführer war von allen irischen Offizieren derjenige, den
die Protestanten am meisten fürchteten und verabscheuten. Denn er hatte
seine Mannschaft mit seltener Geschicklichkeit und Sorgfalt
disciplinirt, und man erzählte sich haarsträubende Geschichten von
seiner Grausamkeit und Perfidie. Lange Reihen Zelte, bedeckt mit der
Infanterie Buttler's und O'Neils, Lord Slane's und Lord Gormanstown's,
den Leuten aus Westmeath unter Nugent, den Leuten aus Kildare unter
Eustace und den Leuten aus Kerry unter Cavanagh.[97] Der Fluß war mit
Forts und Batterien besäumt, welche kein Schiff ohne große Gefahr
passiren konnte. Nach einiger Zeit beschloß man, zur noch größeren
Sicherheit ungefähr anderthalbe Meile unterhalb der Stadt eine Barrikade
quer durch den Strom aufzuwerfen. Zu dem Ende wurden mehrere mit Steinen
beladene Böte versenkt und eine Reihe Pfähle in den Grund des Flusses
eingerammt. Starke Fichtenstämme, fest an einander gebunden, bildeten
einen über eine Viertelmeile langen Sperrbaum, der mit fußdicken Tauen
an beiden Ufern wohl befestigt war.[98] Ein großer Steinblock, an
welchem das Tau am linken Ufer befestigt war, wurde viele Jahre später
fortgeschafft, um behauen und zu einer Säule verarbeitet zu werden. Die
Idee wurde jedoch wieder aufgegeben und die rohe Steinmasse liegt noch
jetzt nicht weit von ihrem ursprünglichen Platze unter den Bäumen,
welche ein reizendes Landhaus, Boom Hall genannt, beschatten. Dicht
daneben befindet sich der Brunnen, aus dem die Belagerer tranken, und
ein Stück weiter hin ist der Begräbnißplatz, wo sie ihre Gefallenen
beerdigten und wo noch in unseren Tagen der Spaten des Gärtners in
geringer Tiefe unter dem Rasen und den Blumen auf zahlreiche Schädel und
Gebeine gestoßen ist.

    [Anmerkung 97: Über die Disciplin der Galmoy'schen Reiter siehe
    Avaux' Brief an Louvois vom 10.(20.) September. Entsetzliche
    Geschichten von der Grausamkeit des Obersten sowohl wie seiner
    Leute werden in der +Short View, by a Clergyman, 1689+, und in
    mehreren anderen Flugschriften aus diesem Jahre erzählt. In Bezug
    auf die Vertheilung der irischen Truppen sehe man die damals
    erschienenen Pläne der Belagerung. Eine Liste der Regimenter, die
    vermuthlich ein Seitenstück zu der im zweiten Buche der Iliade
    vorkommenden Liste bilden sollte, findet man in der Londeriade.]

    [Anmerkung 98: +Life of Admiral Sir John Leake, by Stephen M.
    Leake, Clarencieux King at Arms, 1750.+ Von diesem Buche wurden
    nur funfzig Exemplare gedruckt.]


[_Seegefecht in der Bantry-Bai._] Während diese Ereignisse im Norden
stattfanden, hielt Jakob seinen Hof in Dublin. Bei seiner Wiederankunft
daselbst von Londonderry erhielt er die Nachricht, daß die französische
Flotte unter dem Commando des Grafen von Chateau Renaud in der
Bantry-Bai vor Anker gegangen sei und eine große Masse von
Kriegsvorräthen sowie eine Geldsendung ans Land geschafft habe. Herbert,
der eben mit einem englischen Geschwader nach jenen Gewässern abgegangen
war, um die Verbindung zwischen der Bretagne und Irland abzuschneiden,
erfuhr wo der Feind lag und segelte in die Bucht mit der Absicht, eine
Schlacht zu liefern. Doch der Wind war ihm ungünstig, die feindliche
Flotte war der seinigen weit überlegen, und nach einem kurzen Feuer,
das auf keiner Seite erhebliche Verluste herbeiführte, hielt er es für
rathsam, die hohe See wieder zu gewinnen, während die Franzosen sich
tiefer in den Hafen zurückzogen. Er steuerte nach Scilly, wo er
Verstärkungen zu finden hoffte, und Chateau Renaud, zufrieden mit dem
Ruhme, den er sich erworben, und besorgt, daß er denselben durch
längeres Verweilen wieder verlieren möchte, eilte trotz der dringenden
Aufforderung Jakob's, nach Dublin zu kommen, nach Brest zurück.

Beide Theile machten Anspruch auf den Sieg. Die Gemeinen zu Westminster
beschlossen albernerweise ein Dankvotum für Herbert, Jakob ließ, nicht
minder albernerweise, Freudenfeuer anzünden und ein Te Deum singen. Aber
diese Freudenbezeigungen befriedigten Avaux keineswegs, denn seine
Nationaleitelkeit war selbst noch stärker als die Klugheit und
Courtoisie, durch die er sich auszeichnete. Er beschwerte sich, daß
Jakob so ungerecht und undankbar sei, den Ausgang des kürzlichen
Gefechts dem Widerstreben zuzuschreiben, mit dem die englischen Seeleute
gegen ihren rechtmäßigen König und ihren alten Commandeur gefochten
hätten, und daß Se. Majestät eben nicht sehr erfreut gewesen zu sein
scheine, als er gehört habe, daß sie, von den siegreichen Franzosen
verfolgt, über den Ocean flüchteten. Auch Dover sei ein schlechter
Franzos. Er scheine sich eben so wenig über die Niederlage seiner
Landsleute gefreut zu haben, und man habe ihn äußern hören, daß das
Gefecht in der Bantry-Bai den Namen einer Schlacht nicht verdiene.[99]

    [Anmerkung 99: Avaux, 8.(18.) Mai, 26. Mai (5. Juni) 1689; London
    Gazette vom 9. Mai; +Life of James, II. 370+; +Burchet's Naval
    Transactions+; +Commons' Journals May 18, 21.+ Aus den Memoiren
    der Frau von la Fayette ersieht man, daß dieses unbedeutende
    Treffen in Versailles nach Gebühr gewürdigt wurde.]


[_Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin._] Den Tag darauf,
nachdem in Dublin zu Ehren dieses unentschiedenen Gefechts ein Te Deum
gesungen worden war, eröffnete das von Jakob zusammenberufene Parlament
seine Sitzungen. Die Zahl der weltlichen Peers von Irland betrug bei
seiner Ankunft in diesem Königreiche ungefähr hundert. Davon kamen nicht
mehr als vierzehn seiner Aufforderung nach, und von diesen vierzehn
waren zehn Katholiken. Durch Umstoßen früherer Verurtheilungen und durch
neue Creirungen wurden noch siebzehn Lords, sämmtlich Katholiken, ins
Oberhaus gebracht. Die protestantischen Bischöfe von Meath, Ossory, Cork
und Limerick erschienen, ob aus der aufrichtigen Überzeugung, daß sie
rechtmäßigerweise selbst einem Tyrannen den Gehorsam nicht verweigern
könnten, oder in der eitlen Hoffnung, daß selbst das Herz eines Tyrannen
durch ihre Geduld erweicht werden möchte, in der Mitte ihrer Todfeinde.

Das Haus der Gemeinen bestand fast ausschließlich aus Irländern und
Papisten. Zugleich mit den königlichen Ausschreiben hatten die
Wahlbeamten von Tyrconnel Briefe erhalten, in denen die Personen namhaft
gemacht waren, die er gewählt zu sehen wünschte. Die größten Wahlkörper
des Königreichs waren damals sehr klein, denn außer den Katholiken wagte
kaum Jemand sein Gesicht zu zeigen, und katholische Freisassen gab es
damals sehr wenige, in manchen Grafschaften nicht mehr als zehn bis
zwölf. Selbst in so bedeutenden Städten wie Cork, Limerick und Galway
überstieg die Zahl Derer, welche nach den neuen Städteordnungen
stimmberechtigt waren, nicht vierundzwanzig. Ungefähr zweihundertfunfzig
Mitglieder nahmen ihre Sitze ein, und davon waren nur sechs
Protestanten.[100] Die Namenliste giebt hinreichenden Aufschluß über die
politische und religiöse Gesinnung der Versammlung. Es war das einzige
irische Parlament jener Zeit, das mit Dermots und Grohagans, mit O'Neils
und O'Donovans, mit Macmahons, Macnamaras und Macgillicuddies angefüllt
war. Die Führung übernahmen einige Männer, deren Fähigkeiten durch
juristische Studien oder durch in fremden Ländern erworbene Erfahrung
entwickelt worden waren. Dem Generalfiskal, Sir Richard Nagle, der die
Grafschaft Cork vertrat, gaben selbst die Protestanten das Zeugniß eines
scharfsinnigen und gelehrten Juristen. Franz Plowden, der Commissar für
die Staatsrevenüen, der für Bannow im Parlamente saß und als erster
Finanzbeamter fungirte, war ein Engländer, und da er ein Hauptagent des
Jesuitenordens in Geldangelegenheiten gewesen, läßt sich wohl annehmen,
daß er ein ausgezeichneter Geschäftsmann war.[101] Oberst Heinrich
Luttrell, Mitglied für die Grafschaft Carlow, hatte lange in Frankreich
gedient und von dort in sein Heimathland einen geschärften Verstand und
verfeinerte Sitten, eine glatte Zunge, einige Geschicklichkeit im Kriege
und sehr viel Geschicklichkeit im Intriguiren mitgebracht. Sein älterer
Bruder, Oberst Simon Luttrell, Vertreter der Grafschaft Dublin und
Militärgouverneur der Hauptstadt, hatte ebenfalls in Frankreich gelebt
und spielte, obwohl er seinem Bruder Heinrich an Talent und Thätigkeit
nachstand, doch eine sehr hervorragende Figur unter den Anhängern
Jakob's. Das andre Mitglied für die Grafschaft Dublin war Oberst Patrick
Sarsfield. Diesen tapferen Offizier betrachteten die Eingebornen als
einen der Ihrigen, denn seine Vorfahren von Vaters Seite waren zwar
ursprünglich Engländer, gehörten aber zu den ersten Colonisten, von
denen man sprüchwörtlich sagte, daß sie irischer geworden seien als
Irländer. Seine Mutter war von edlem celtischen Geblüt und er war ein
treuer Anhänger des alten Glaubens. Als der Erbe eines Vermögens, das
ihm etwa zweitausend Pfund jährlicher Einkünfte gewährte, war er einer
der reichsten Katholiken des Landes. Von den Höfen und Feldlagern besaß
er eine Kenntniß wie nur wenige seiner Landsleute. Er war lange Offizier
bei der englischen Leibgarde gewesen, hatte viel mit Whitehall verkehrt
und hatte unter Monmouth auf dem Continente und gegen Monmouth bei
Sedgemoor tapfer gefochten. Er hatte, wie Avaux schrieb, mehr
persönlichen Einfluß als irgend Jemand in Irland und war wirklich ein
Gentleman von ausgezeichneten Verdiensten, tapfer, bieder, ehrenwerth,
auf das Wohlbefinden seiner Leute im Quartier bedacht und am Tage der
Schlacht stets an ihrer Spitze. Seine Unerschrockenheit, seine
Freimüthigkeit, seine grenzenlose Gutherzigkeit, seine Statur, welche
die gewöhnlicher Menschen hoch überragte, und die Körperkraft, welche er
im Einzelkampfe entwickelte, hatten ihm die Zuneigung und Bewunderung
der Massen erworben. Es ist bemerkenswerth, daß die Engländer ihn
allgemein als einen tapferen, geschickten und hochherzigen Feind
achteten und daß er selbst in den rohesten Possen, welche von gemeinen
Comödianten in Smithfield aufgeführt wurden, stets von den entehrenden
Beschuldigungen ausgenommen ward, welche man damals auf die irische
Nation zu schleudern gewohnt war.[102]

Doch solcher Männer waren nicht viele in dem Hause der Gemeinen, das
sich zu Dublin versammelt hatte. Es ist kein Vorwurf für die irische
Nation, eine Nation, welche seitdem ihr volles Contingent von beredten
und gebildeten Senatoren gestellt hat, wenn man sagt, daß von allen
Parlamenten, welche je auf den britischen Inseln zusammengetreten sind,
Barebone's Parlament nicht ausgenommen, es dem von Jakob einberufenen am
meisten an den Eigenschaften gebrach, die eine Legislatur besitzen muß.
Die strenge Herrschaft einer feindlichen Kaste hatte die Geisteskräfte
des irischen Gentleman gelähmt. War er so glücklich Grundeigenthum zu
besitzen, so hatte er sein Leben in der Regel unter Jagd, Fischfang,
Trinkgelagen und Liebeshändeln mit seinen Unterthanen zugebracht. War
sein Vermögen confiscirt worden, so war er von Schloß zu Schloß und von
Hütte zu Hütte gewandert, um kleine Geldbeiträge zu erheben und auf
Kosten Anderer zu leben. Er hatte nie im Hause der Gemeinen gesessen,
hatte niemals thätigen Antheil an einer Wahl genommen, und war nie
Magistratsbeamter gewesen; kaum daß er einmal Mitglied einer großen Jury
gewesen war. Daher fehlte es ihm an aller und jeder Erfahrung in
öffentlichen Angelegenheiten. Der englische Squire war zwar auch kein
besonders gelehrter und erleuchteter Politiker, aber im Vergleich mit
dem katholischen Squire von Munster oder Connaught war er ein Staatsmann
und Philosoph.

Die Parlamente Irland's hatten damals kein bestimmtes Versammlungslocal.
Sie kamen in der That so selten zusammen und gingen so bald wieder
auseinander, daß es kaum der Mühe werth gewesen wäre, einen Palast zu
ihrem ausschließlichen Gebrauche zu erbauen und einzurichten. Erst als
die hannöversche Dynastie schon lange auf dem Throne saß, erstand in
College Green ein Senatshaus, das mit den schönsten Bauwerken von Inigo
Jones einen Vergleich aushält. An der Stelle wo jetzt der Porticus und
die Kuppel der Four Courts auf den Liffey herniedersehen, stand
im siebzehnten Jahrhundert ein altes Gebäude, das einst ein
Dominikanerkloster gewesen, seit der Reformation aber den Männern des
Gesetzes zur Benutzung angewiesen worden war und den Namen King's Inns
führte. Dieses Gebäude war zur Aufnahme des Parlaments eingerichtet
worden. Am 7. Mai nahm Jakob, in königliche Gewänder gekleidet und eine
Krone tragend, seinen Sitz auf dem Throne im Hause der Lords ein und
ließ die Gemeinen vor die Schranken entbieten.[103]

Er sprach hierauf den Eingebornen Irland's seinen Dank dafür aus, daß
sie treu zu ihm gehalten, als das Volk seiner anderen Königreiche ihn
verlassen habe. Seinen Entschluß, alle religiösen Disabilitäten in allen
seinen Landen abzuschaffen, erklärte er für unerschütterlich
feststehend. Er forderte das Haus auf, die Ansiedelungsacte in Erwägung
zu ziehen und die Beeinträchtigungen zu redressiren, über welche die
alten Eigenthümer des Bodens sich zu beschweren Ursache hätten. Zum
Schluß erkannte er in warmen Ausdrücken an, wie sehr er dem Könige von
Frankreich verpflichtet sei.[104]

Nach beendeter Thronrede ersuchte der Kanzler die Gemeinen, sich in ihre
Kammer zurück zu begeben und einen Sprecher zu wählen. Sie wählten den
Generalfiscal Nagle, und die Wahl wurde vom Könige bestätigt.[105]

Die Gemeinen votirten nun zunächst Resolutionen, welche sowohl Jakob als
Ludwig innigen Dank darbrachten. Es wurde sogar vorgeschlagen, durch
eine Deputation Avaux eine Adresse überreichen zu lassen; der Sprecher
aber setzte die grobe Unziemlichkeit eines solchen Schrittes
auseinander, und sein Dazwischentreten hatte bei dieser Gelegenheit den
gewünschten Erfolg.[106] Sonst war jedoch das Haus selten geneigt, auf
Vernunftgründe zu hören. Die Debatten waren eitel Geschrei und Tumult.
Der Richter Daly, ein Katholik, aber ein rechtschaffener und begabter
Mann, konnte nicht umhin, die Unschicklichkeit und Thorheit zu beklagen,
mit der die Mitglieder seiner Kirche das Werk der Gesetzgebung
betrieben. Diese Herren, sagte er, seien kein Parlament, sondern ein
bloßer Pöbelhaufen; sie glichen auf ein Haar den Fischern und
Gemüsehändlern, welche in Neapel zu Ehren Masaniello's brüllten und die
Mützen emporwarfen. Es sei schmerzlich, ein Mitglied nach dem andren
tollen Unsinn über seine Verluste schwatzen und nach dem geraubten
Vermögen schreien zu hören, während das Leben Aller und die
Unabhängigkeit des gemeinsamen Vaterlandes in Gefahr seien. Diese Worte
wurden privatim gesprochen, aber einige Ohrenbläser hinterbrachten sie
den Gemeinen. Es brach ein heftiger Sturm los. Daly wurde vor die
Schranken gefordert, und es unterlag kaum einem Zweifel, daß man mit
Strenge gegen ihn verfahren würde. In dem Augenblicke aber als er die
Schwelle überschritt, stürzte ein Mitglied mit dem Ausrufe herein: »Gute
Nachrichten! Londonderry ist genommen!« Das ganze Haus erhob sich, alle
Hüte flogen in die Luft, und drei laute Hurrahs ertönten. Jedes Herz
wurde durch die frohe Botschaft zur Milde gestimmt. Niemand wollte in
einem solchen Augenblick etwas von Bestrafung hören. Der Befehl zu
Daly's Erscheinen wurde unter dem Rufe: »Keine Unterwürfigkeit! keine
Unterwürfigkeit! wir verzeihen ihm!« wieder aufgehoben. Wenige Stunden
später erfuhr man, daß Londonderry sich noch so hartnäckig hielt wie je
zuvor. Dieser an sich unbedeutende Vorfall verdient erwähnt zu werden,
weil er beweist, wie sehr es dem Hause der Gemeinen an den Eigenschaften
fehlte, die in dem großen Rathe eines Landes gefunden werden müssen.
Und diese Versammlung, die weder Erfahrung noch würdevollen Ernst, noch
Mäßigung besaß, sollte jetzt über Fragen entscheiden, welche dem
Scharfsinne der größten Staatsmänner viel zu schaffen gemacht haben
würden.[107]

    [Anmerkung 100: +King, III. 12+; +Memoirs of Ireland from the
    Restoration, 1716.+ Listen beider Häuser findet man im Anhang zu
    King.]

    [Anmerkung 101: Beweise für Plowden's Connection mit den Jesuiten
    fand ich in einem Briefbuche des Schatzamts unterm 12. Juni 1689.]

    [Anmerkung 102: +»Sarsfield«+, schrieb Avaux unterm 11.(21.)
    October 1689 an Louvois, +»n'est pas un homme de la naissance de
    mylord Galloway«+ (vermuthlich Galmoy) +»ny de Makarty; mais c'est
    un gentilhomme distingué par son mérite, qui a plus de crédit dans
    ce royaume qu'aucun homme que je connaisse. Il a de la valeur,
    mais surtout de l'honneur et de la probité à toute épreuve ...
    homme qui sera toujours à la tête de ses troupes, et qui en aura
    grand soin.«+ -- Leslie sagt in seiner +Answer to King+, daß die
    irischen Protestanten Sarsfield's Rechtschaffenheit und Ehre
    Gerechtigkeit widerfahren ließen. In der That wird Sarsfield
    selbst in rohen Possen, wie die +Royal Flight+, gebührende
    Anerkennung zu Theil.]

    [Anmerkung 103: +Journal of the Parliament in Ireland, 1689.+ Der
    Leser darf nicht glauben, daß dieses Tagebuch einen officiellen
    Character habe. Es ist eine bloße Compilation von einem
    protestantischen Pamphletisten und in London gedruckt.]

    [Anmerkung 104: +Life of James, II. 335.+]

    [Anmerkung 105: +Journal of the Parliament in Ireland.+]

    [Anmerkung 106: Avaux, 20. Mai (5. Juni) 1689.]

    [Anmerkung 107: +A True Account of the Present State of Ireland,
    by a Person that with Great Difficulty left Dublin, 1689+; Brief
    aus Dublin vom 12. Juni 1689; +Journal of the Parliament in
    Ireland.+]


[_Es wird eine Toleranzacte erlassen._] Jakob bestimmte sie zur
Beschließung einer Acte, welche ihm und ihnen zur größten Ehre gereicht
haben würde, hätte man nicht zahlreiche Beweise dafür, daß sie nur ein
todter Buchstabe sein sollte. Es war dies eine Acte, welche allen
christlichen Secten volle Gewissensfreiheit gewährte. Bei dieser
Gelegenheit wurde eine Proklamation erlassen, welche in hochtrabenden
Worten dem englischen Volke ankündigte, daß sein rechtmäßiger König
jetzt augenfällig die Verleumder widerlegt habe, welche ihn beschuldigt
hätten, nur um eines einzelnen Zweckes willen Eifer für die
Glaubensfreiheit erheuchelt zu haben. Wenn er im Herzen zur Verfolgung
geneigt wäre, würde er dann nicht die irischen Protestanten verfolgt
haben? Es fehle ihm weder an Macht noch an Herausforderungen dazu.
Dennoch habe er sowohl in Dublin, wo die Mitglieder seiner Kirche in der
Majorität seien, wie auch in Westminster, wo sie in der Minorität
gewesen, fest an den Grundsätzen gehalten, die er in seiner viel
geschmähten Indulgenzerklärung ausgesprochen habe.[108] Zu seinem
Unglück brachte der nämliche Wind, der seine schönen Reden nach England
trug, zu gleicher Zeit auch den Beweis hinüber, daß seine Erklärungen
nicht aufrichtig waren. Ein einzelnes, eines Turgot oder Franklin
würdiges Gesetz nahm sich gar zu lächerlich aus inmitten einer Menge von
Gesetzen, die einem Gardiner oder Alva Schande gemacht haben würden.

    [Anmerkung 108: +Life of James, II. 361--363.+ Es wird dort
    gesagt, die Proklamation sei ohne Vorwissen Jakob's erlassen
    worden, er habe sie aber nachher gebilligt. Siehe Melwood's
    +Answer to the Declaration, 1689.+]


[_Acte zur Confiscation des Eigenthums der Protestanten._] Ein
nothwendiger Vorläufer zu dem großen Beraubungs- und Mordwerke, das
die Gesetzgeber von Dublin beabsichtigten, war eine Acte, welche die
Autorität annullirte, die das englische Parlament als höchste Legislatur
wie als höchster Appellhof bisher über Irland ausgeübt hatte.[109]
Diese Acte wurde rasch angenommen und ihr folgten in schneller
Aufeinanderfolge Confiscationen und Proscriptionen in gigantischem
Maßstabe. Das persönliche Vermögen der Abwesenden,[110] welche über
siebzehn Jahr alt waren, wurde dem Könige zugeschrieben. Wenn man sich
in solcher Weise an Laieneigenthum vergriff, so stand nicht zu erwarten,
daß die Dotationen, welche im Widerspruch mit jedem gesunden Prinzip an
die Kirche der Minorität verschwendet worden waren, geschont werden
würden. Diese Dotationen ohne Nachtheil für bestehende Interessen zu
verringern, würde eine Reform gewesen sein, die eines guten Fürsten und
eines guten Parlaments würdig gewesen wäre. Aber eine solche Reform
genügte den rachsüchtigen Bigotten nicht, welche in King's Inns saßen.
Durch eine summarische Acte wurde der größte Theil der Zehnten von der
protestantischen auf die katholische Geistlichkeit übertragen, und die
bisherigen Inhaber ohne einen Farthing Entschädigung dem Hungertode
preis gegeben.[111] Ferner wurde eine Bill, welche die Ansiedlungsacte
aufhob und viele tausend Quadratmeilen Landes von sächsischen auf
celtische Grundeigenthümer übertrug, eingebracht und durch Acclamation
angenommen.[112]

Über eine solche Gesetzgebung kann man nicht streng genug urtheilen;
aber für die Gesetzgeber lassen sich Entschuldigungen anführen, welche
der Geschichtschreiber zu erwähnen verpflichtet ist. Sie handelten
unbarmherzig, ungerecht und unklug; aber es wäre ungereimt, wollte man
Erbarmen, Gerechtigkeit oder Weisheit von einer Klasse von Menschen
erwarten, welche erst durch jahrelange Unterdrückung erniedrigt und dann
durch die Freude über ihre plötzliche Erlösung der Besinnung beraubt und
mit unwiderstehlicher Macht bewaffnet worden war. Die Vertreter der
irischen Nation waren, mit wenigen Ausnahmen, roh und unwissend. Sie
hatten in einem Zustande beständiger Gereiztheit gelebt, mit
aristokratischen Gefühlen hatten sie eine knechtische Stellung
eingenommen, mit dem höchsten Geburtsstolze waren sie tagtäglich
Beleidigungen ausgesetzt gewesen, die den Zorn des geringsten Plebejers
gereizt haben würden. Angesichts der Felder und Schlösser, die sie als
ihr Eigenthum betrachteten, hatten sie froh sein müssen, wenn ein Bauer
sie einlud, seine Milch- und Kartoffelmahlzeit zu theilen. Die heftigen
Regungen von Haß und Habsucht, welche die Lage des eingebornen Gentleman
fast nothwendig hervorrufen mußte, erschienen ihm in dem glänzenden
Gewande des Patriotismus und der Frömmigkeit. Denn seine Feinde waren
die Feinde seiner Nation, und die nämliche Tyrannei, welche ihn seines
Erbes beraubt, hatte auch seine Kirche des großen Reichthums beraubt,
den die Frömmigkeit einer früheren Zeit ihr gespendet. Welchen Gebrauch
der Gewalt konnte man von einem ungebildeten und unerfahrenen Manne
erwarten, der von heftigen Wünschen und Rachegelüsten erfüllt war,
welche er irrig für heilige Pflichten ansah? Und was konnte man von
einer Versammlung von einigen Hundert solcher Leute anders erwarten,
als daß die Leidenschaften, welche jeder Einzelne so lange im Stillen
genährt hatte, durch den Einfluß der Sympathie plötzlich zu einer
furchtbaren Kraftäußerung heranreifen würden?

Jakob hatte mit seinem Parlamente wenig mehr gemein als den Haß gegen
die protestantische Religion. Er war ein Engländer. Der Aberglaube hatte
nicht alles Nationalgefühl in seinem Herzen völlig erstickt und das
Übelwollen, womit seine celtischen Anhänger den Volksstamm betrachteten,
dem er entsprossen war, mußte ihm nothwendig mißfallen. Der
Gesichtskreis seines Verstandes war klein. Da er jedoch in England
regiert hatte und fortwährend dem Tage entgegensah, wo er wieder in
England regieren würde, war es unmöglich, daß er den Horizont seiner
Politik nicht mehr erweiterte als Diejenigen, welche nichts Andres als
nur Irland im Auge hatten. Die wenigen irischen Protestanten, die ihm
noch anhingen, und die britischen Edelleute, protestantische sowohl als
katholische, die ihn ins Exil begleitet hatten, baten ihn dringend, die
Heftigkeit des raubgierigen und rachsüchtigen Parlaments zu zügeln, das
er zusammenberufen hatte. Ganz besonders drangen sie in ihn, daß er die
Aufhebung der Ansiedlungsacte nicht zugeben solle. Mit welcher
Sicherheit, fragten sie, könne Jemand sein Geld anlegen oder seinen
Kindern einen Vermögensantheil zuschreiben, wenn er sich nicht auf
bestimmte Gesetze und auf einen jahrelangen ununterbrochenen Besitz
verlassen könne? Die militärischen Abenteurer, unter welche Cromwell den
Grund und Boden vertheilt, könnten vielleicht als Unrechthandelnde
betrachtet werden. Aber ein wie großer Theil ihrer Güter sei durch
rechtsgültigen Kauf in andere Hände übergegangen! Wieviel Geld hätten
die Grundbesitzer auf Hypothek, auf gesetzmäßige, gerichtlich vidimirte
Verschreibung geliehen! Wie viele Kapitalisten seien im Vertrauen auf
gesetzliche Bestimmungen und königliche Versprechungen von England
herübergekommen und hätten ohne die mindeste Besorgniß wegen des
Rechtstitels in Ulster und Leinster Land gekauft! Welche Summen hätten
diese Kapitalisten während eines Vierteljahrhunderts auf Bauten,
Drainirungen, Einhegungen und Anpflanzungen verwendet! Die Bedingungen
des von Karl II. sanctionirten Compromisses möchten allerdings wohl
nicht in jeder Beziehung gerecht sein; aber sollte eine Ungerechtigkeit
durch eine noch monströsere Ungerechtigkeit wieder gut gemacht werden?
Und welchen Eindruck würde voraussichtlich in England der Wehschrei von
Tausenden unschuldiger englischer Familien hervorrufen, die ein
englischer König zu Grunde gerichtet? Die Klagen einer solchen Masse von
Duldern könnten die Restauration, der jeder loyale Unterthan mit
Sehnsucht entgegensehe, verzögern, ja ganz verhindern, und selbst wenn
Se. Majestät trotz dieser Klagen glücklich wieder eingesetzt werden
sollte, würde er doch bis ans Ende seines Lebens die nachtheiligen
Folgen der Ungerechtigkeit verspüren, zu deren Ausübung ihn schlimme
Rathgeber jetzt drängten. Er würde finden, daß er durch den Versuch eine
Klasse von Unzufriedenen zu beschwichtigen, eine andre geschaffen habe.
Wenn er in Dublin dem Geschrei nach Aufhebung der Ansiedlungsacte
nachgäbe, würde er sicherlich von dem Augenblicke an, wo er nach
Westminster zurückkehre, mit einem eben so lauten und beharrlichen
Geschrei nach Widerrufung dieser Aufhebung bestürmt werden. Er müsse
doch wohl einsehen, daß kein auch noch so loyales englisches Parlament
solche Gesetze fortbestehen lassen könne, wie sie jetzt vom irischen
Parlament erlassen würden. Sei er entschlossen, die Partei Irland's
gegen die allgemeine Stimme England's zu ergreifen? Wenn dies wäre, so
könnte er sich nur auf eine abermalige Verbannung und Entsetzung gefaßt
machen. Oder wolle er, wenn er das größere Königreich wieder habe, die
Geschenke zurücknehmen, durch die er sich in seiner Noth die Hilfe des
kleineren erkauft habe? Die bloße Vermuthung, daß er den Gedanken an
eine solche unfürstliche und unmännliche Perfidie hegen könne, müsse
schon als eine Beleidigung gegen ihn erscheinen. Allein was würde ihm
Andres übrig bleiben? Und sei es nicht besser für ihn, er verweigere
jetzt unbillige Zugeständnisse, als daß er diese Zugeständnisse nachher
in einer Weise widerrufe, die ihm Vorwürfe zuziehen würden, welche einem
edlen Character unerträglich sein müßten? Seine Lage sei allerdings
kritisch; aber in diesem, wie in anderen Fällen, werde es sich zeigen,
daß der Pfad der Gerechtigkeit auch der Pfad der Weisheit sei.[113]

Obgleich sich Jakob in seiner Rede bei Eröffnung der Session gegen die
Ansiedlungsacte erklärt hatte, sah er doch ein, daß diese Argumente
unwiderleglich waren. Er hatte mehrere Conferenzen mit den leitenden
Mitgliedern des Hauses der Gemeinen und empfahl dringend Mäßigung. Aber
seine Vorstellungen stachelten die Leidenschaften, die er beschwichtigen
wollte, nur noch mehr auf. Viele Mitglieder der eingebornen Gentry
führten eine laute und heftige Sprache. Es sei unverschämt, sagten sie,
von Rechten der Käufer zu sprechen. Wie könne Recht aus Unrecht
hervorgehen? Leute, welche unrechtmäßig erworbenes Eigenthum kaufen
könnten, müßten auch die Folgen ihrer Thorheit und Habsucht tragen. Es
lag klar am Tage, daß das Unterhaus völlig unlenksam war. Vier Jahre
früher hatte Jakob sich geweigert, dem dienstwilligsten Parlamente, das
jemals in England getagt, das geringste Zugeständniß zu machen, und man
hätte erwarten sollen, daß die Hartnäckigkeit, an der es ihm nie
gefehlt, wenn sie ein Laster war, ihm auch jetzt nicht fehlen würde, wo
sie eine Tugend gewesen wäre. Eine kurze Zeit lang schien er wirklich
entschlossen, gerecht zu handeln. Er sprach sogar davon, das Parlament
aufzulösen. Auf der andren Seite erklärten die Häupter der alten
celtischen Familien ganz öffentlich, daß sie, wenn er ihnen ihr Erbe
nicht zurückgebe, nicht für das seinige fechten würden. Seine eigenen
Soldaten schmähten ihn in den Straßen von Dublin. Endlich beschloß er,
sich, nicht mit Königsmantel und Krone, sondern in der Kleidung, in
welcher er früher den Berathungen zu Westminster beizuwohnen pflegte,
selbst ins Haus der Peers zu begeben und persönlich die Lords zu
ersuchen, die Heftigkeit der Gemeinen zu zügeln. Aber als er eben zu
diesem Zwecke in seinen Wagen steigen wollte, wurde er von Avaux
zurückgehalten. Avaux nahm sich so eifrig wie nur irgend ein Irländer
der Bills an, deren Einbringung die Gemeinen betrieben. Es war ihm
genug, daß diese Bills Aussicht darauf eröffneten, die Feindschaft
zwischen England und Irland unversöhnlich zu machen. Seine Vorstellungen
bewogen Jakob, sich der offenen Opposition gegen die Aufhebung der
Ansiedlungsacte zu enthalten. Indessen nährte der unglückliche Fürst
doch noch immer eine schwache Hoffnung, daß das Gesetz, dessen Annahme
die Gemeinen so eifrig wünschten, von den Peers verworfen oder
wenigstens modificirt werden würde. Lord Granard, einer von den wenigen
protestantischen Edelleuten, welche in diesem Parlamente saßen,
verwendete sich energisch zu Gunsten des öffentlichen Vertrauens und der
vernünftigen Politik. Der König ließ ihm seinen Dank dafür aussprechen.
»Wir Protestanten,« sagte Granard zu Powis, der im Auftrage des Königs
zu ihm kam, »sind gering an Zahl. Wir können wenig thun. Se. Majestät
sollte seinen Einfluß bei den Katholiken aufbieten.« -- »Se. Majestät«,
entgegnete Powis mit einem Schwure, »wagt nicht zu sagen was er denkt.«
Wenige Tage darauf begegnete Jakob Lord Granard, als dieser eben nach
dem Parlamentshause ritt. »Wohin wollen Sie, Mylord?« fragte der König.
»Sire«, antwortete Granard, »ich will meinen Protest gegen die Aufhebung
der Ansiedlungsacte einreichen.« -- »Sie haben Recht,« versetzte der
König, »aber ich bin in die Hände von Leuten gefallen, die mir das und
noch vieles Andre aufzwingen werden.«[114]

Jakob fügte sich dem Willen der Gemeinen; aber der ungünstige Eindruck,
den sein kurzer und schwacher Widerstand auf sie gemacht, war durch
seine Unterwerfung nicht zu verwischen. Sie betrachteten ihn mit großem
Mißtrauen, sie waren überzeugt, daß er im Herzen ein Engländer sei und
es verging kein Tag ohne ein Anzeichen von dieser Gesinnung. Sie
beeilten sich nicht, ihm eine Geldunterstützung zu bewilligen. Eine
Partei unter ihnen beabsichtigte eine Adresse, die ihn dringend
auffordern sollte, Melfort als einen Feind ihrer Nation zu entlassen.
Eine andre Partei entwarf eine Bill zur Absetzung aller protestantischen
Bischöfe, selbst der vier, welche damals gerade im Parlamente saßen.
Nicht ohne Mühe gelang es Avaux und Tyrconnel, deren Einfluß im
Unterhause den des Königs bei weitem überwog, den Eifer der Majorität zu
dämpfen.[115]

    [Anmerkung 109: +Light to the Blind+; +An Act declaring that the
    Parliament of England cannot bind Ireland against Writs of Error
    and Appeals+, gedruckt in London, 1690.]

    [Anmerkung 110: Das heißt derjenigen Irländer, welche nicht in
    ihrem Vaterlande wohnten. -- Der Übersetzer.]

    [Anmerkung 111: +An Act concerning Appropriate Tythes and other
    Duties payable to Eclesiastical Dignitaries. London 1690.+]

    [Anmerkung 112: +An Act for repealing the Acts of Settlement and
    Explanation, and all Grants, and Certificates pursuant to them or
    any of them. London 1690.+]

    [Anmerkung 113: Siehe die Schrift, welche der Oberrichter Keating
    dem König Jakob überreichte, und die Rede des Bischofs von Meath.
    Beide befinden sich im Anhange zu King. +Life of James, II.
    357--361.+]

    [Anmerkung 114: +Leslie's Answer to King+; Avaux, 26. Mai
    (3. Juni) 1689; +Life of James, II. 358.+]

    [Anmerkung 115: Avaux, 28. Mai (7. Juni) und 30. Juni (10. Juli).
    Der Verfasser von +Light to the Blind+ verwirft entschieden die
    den protestantischen Bischöfen, welche Jakob anhingen, bewiesene
    Nachsicht.]

[_Prägung schlechten Geldes._] Es ist bemerkenswerth, daß der König,
während er das Vertrauen und die Zuneigung der irischen Gemeinen dadurch
verlor, daß er auf der einen Seite die Institution des Eigenthums
schwach gegen sie vertheidigte, auf einer andren Seite diese Institution
mit einer Rücksichtslosigkeit angriff, welche womöglich noch stärker war
als die ihrige. Er sah bald, daß kein Geld in seinen Schatz floß.
Die Ursache war augenfällig genug. Mit dem Handel war es vorbei. Das
bewegliche Kapital war in großen Massen aus der Insel weggezogen worden;
von dem festen Kapital war viel zerstört, und das übrige lag todt da.
Tausende von den Protestanten, welche den betriebsamsten und
intelligentesten Theil der Bevölkerung bildeten, waren nach England
ausgewandert. Tausend Andere hatten sich in die Städte geflüchtet, die
sich noch für Wilhelm und Marien tapfer hielten. Von den in der Blüthe
des Lebens stehenden katholischen Landleuten war die Mehrzahl in die
Armee eingetreten oder hatte sich Plündererhorden angeschlossen. Die
Armuth des Schatzes war die nothwendige Folge der Armuth des Landes;
dem öffentlichen Wohlstande konnte nur durch Wiederherstellung des
Privatwohlstandes aufgeholfen werden, und der Privatwohlstand konnte nur
durch Jahre der Ruhe und Sicherheit wiederhergestellt werden. Jakob war
einfältig genug zu glauben, daß es ein rascheres und wirksameres Mittel
gebe. Er glaubte sich ganz einfach dadurch mit einem Male aus seinen
finanziellen Verlegenheiten reißen zu können, daß er einen Farthing
einen Schilling nannte. Das Recht, Geld zu schlagen, war unstreitig eine
Perle der Prärogative, und seiner Ansicht nach schloß das Recht, Geld zu
schlagen, auch das Recht in sich, die Münzen zu verschlechtern. Töpfe,
Pfannen, Thürhämmer, Kanonen, welche seit langer Zeit unbrauchbar waren,
wurden in die Münze geschickt, und in Kurzem waren Massen geringhaltigen
Geldes im Nominalwerthe von einer Million Pfund Sterling, die aber in
Wirklichkeit nicht den sechsten Theil dieser Summe werth waren, in
Circulation gesetzt. Ein königliches Edict erklärte diese Münzen als
gesetzliches Zahlungsmittel bei allen Vorkommnissen. Eine Hypothek von
tausend Pfund wurde durch einen Sack voll Rechenpfennige, die aus alten
Kesseln verfertigt waren, abgelöst. Den Gläubigern, die sich beim
Kanzleigerichtshofe beschwerten, sagte Fitton, sie sollten ihr Geld
nehmen und stillschweigen. Von allen Klassen aber hatten die
Kleinhändler von Dublin, welche größtentheils Protestanten waren, die
schwersten Verluste. Zuerst erhöhten sie natürlich ihre Preise; aber die
Magistratsbehörde der Stadt begegnete dieser ketzerischen Machination
durch Ausgabe eines die Preise regulirenden Tarifs. Jeder, der der jetzt
dominirenden Kaste angehörte, konnte in einen Laden gehen, ein drei
Pence werthes Geldstück auf den Ladentisch legen und dafür Waaren im
Werthe von einer halben Guinee mitnehmen. Von gesetzlicher Abhilfe war
keine Rede. Die Leidenden schätzten sich sogar glücklich, wenn sie durch
Aufopferung ihres Geschäftsvermögens Sicherheit für ihre Glieder und ihr
Leben erkaufen konnten. Es gab keinen Bäckerladen in der Stadt, der
nicht beständig von zwanzig bis dreißig Soldaten belagert gewesen wäre.
Einige Personen, die das schlechte Geld nicht nehmen wollten, wurden von
Soldaten festgenommen und vor den Generalprofoß geführt, der sie mit
Flüchen und Verwünschungen überhäufte, sie in dunkle Zellen einsperren
ließ und durch die Drohung, sie an ihren eigenen Thüren aufhängen zu
wollen, ihren Widerstand bald besiegte. Von allen Plagen der damaligen
Zeit machte keine einen tieferen und nachhaltigeren Eindruck auf die
Gemüther der Protestanten Dublin's als die Plage des Kupfergeldes.[116]
Den Erinnerungen an die Bestürzung und Noth, welche Jakob's Münzen
verursacht hatten, muß zum Theil der beharrliche Widerstand
zugeschrieben werden, den fünfunddreißig Jahre später zahlreiche, dem
Hause Hannover treuergebene Klassen in der Angelegenheit des Wood'schen
Patents der Regierung Georg's I. entgegensetzten.

Es kann nicht bestritten werden, daß Jakob, indem er so aus eigner
Machtvollkommenheit die Bedingungen aller Contracte im ganzen
Königreiche umstürzte, sich eine Befugniß anmaßte, welche nur der
gesammten Legislatur zukam. Dennoch remonstrirten die Gemeinen
nicht dagegen. Es gab keine Befugniß, mochte sie auch noch so
verfassungswidrig sein, die sie ihm nicht zuzugestehen bereit waren,
so lange er sie zur Mißhandlung und Ausplünderung der englischen
Bevölkerung anwendete. Dagegen respectirten sie keine auch noch so
alte, noch so gesetzliche und noch so heilsame Prärogative, wenn sie
besorgten, daß er sich derselben bedienen könnte, um die verabscheute
Race zu beschützen. Sie ruhten nicht eher, als bis sie ihm die mit
Widerstreben ertheilte Genehmigung eines empörenden Gesetzes, eines
Gesetzes, das in der Geschichte der civilisirten Länder seines Gleichen
nicht hat, der großen Verurtheilungsacte (+Bill of attainder+) erpreßt
hatten.

    [Anmerkung 116: +King, III. 11+; +Brief Memoirs by Haynes, Assay
    Master of the Mint+, unter den Lansdownmanuscripten im britischen
    Museum, Nr. 801. Ich habe mehrere solche Münzen gesehen. Die
    Ausführung ist, in Berücksichtigung aller Umstände, überraschend
    gut.]


[_Die große Verurtheilungsacte._] Es wurde eine Liste zusammengestellt,
welche zwischen zwei- und dreitausend Namen enthielt. An der Spitze
standen die Hälfte der Peers von Irland. Dann kamen Baronets, Ritter,
Geistliche, Squires, Kaufleute, Landwirthe, Handwerker, Frauen und
Kinder. Eine Untersuchung fand nicht statt. Jedes Mitglied, das sich
eines Gläubigers, eines Nebenbuhlers, eines Privatfeindes entledigen
wollte, gab dem Sekretär den Namen an, und er wurde in der Regel ohne
Discussion in die Liste eingetragen. Die einzige Debatte, von der eine
Nachricht auf uns gekommen ist, bezog sich auf den Earl von Strafford.
Er hatte Freunde im Hause, die es wagten, etwas zu seinen Gunsten
anzuführen. Doch wenige Worte aus dem Munde Simon Luttrell's entschieden
die Sache. »Ich habe,« sagte er, »den König einige harte Äußerungen über
diesen Lord thun hören.« Dies wurde für genügend erachtet, und der Name
Strafford nimmt in der langen Liste der Proscribirten die fünfte Stelle
ein.[117]

Es wurden bestimmte Tage festgesetzt, bis zu welchen Diejenigen, deren
Namen auf der Liste standen, sich einer Justiz stellen mußten, wie sie
damals gegen die englischen Protestanten in Dublin ausgeübt wurde.
Befand sich die proscribirte Person in Irland, so mußte sie sich am 10.
August stellen. War sie seit dem 5. November 1688 von Irland abwesend,
so mußte sie sich am 1. September stellen. Hatte sie Irland vor dem 5.
November 1688 verlassen, so mußte sie sich am 1. October stellen.
Erschien sie an dem festgesetzten Tage nicht, so sollte sie ohne Prozeß
aufgehängt, geschleift und geviertheilt und ihr Vermögen confiscirt
werden. Es konnte einem Proscribirten physisch unmöglich sein, sich bis
zu der durch die Acte festgesetzten Zeit zu stellen. Er konnte
bettlägerig sein, er konnte sich in Westindien aufhalten oder er konnte
im Gefängniß sitzen. Solche Fälle waren in der That notorisch vorhanden.
Unter den verurtheilten Lords befand sich auch Mountjoy. Er war durch
Tyrconnel's Niederträchtigkeit bewogen worden, vertrauensvoll nach
Saint-Germains zu gehen, war in die Bastille geworfen worden, wo er noch
saß, und das irische Parlament schämte sich nicht zu verfügen, daß, wenn
er nicht binnen wenigen Wochen aus seiner Zelle entkommen und sich in
Dublin stellen könne, er hingerichtet werden solle.[118]

Da man nicht einmal vorgab, daß die Schuld der so Geächteten untersucht
worden sei, da nicht ein Einziger unter ihnen zu seiner Vertheidigung
angehört worden war, und da es ausgemacht war, daß es Vielen physisch
unmöglich sein würde, rechtzeitig zu erscheinen, so lag es auf der Hand,
daß nur eine umfassende Ausübung des königlichen Begnadigungsrechts die
Verübung von so haarsträubenden Ungerechtigkeiten verhüten konnte, die
selbst in der traurigen Geschichte der irländischen Wirren ohne Beispiel
dastehen. Daher beschlossen die Gemeinen, daß das königliche
Begnadigungsrecht beschränkt werden solle. Es wurden verschiedene
Formalitäten ersonnen, welche die Erlangung von Begnadigungen erschweren
und kostspielig machen sollten, und schließlich wurde verordnet, daß
jede Begnadigung, die Se. Majestät nach dem letzten November 1689 irgend
einer der vielen Hundert ohne Prozeß zum Tode verurtheilten Personen zu
Theil werden ließe, durchaus ungültig und wirkungslos sein sollte. Sir
Richard Nagle erschien im Ornate vor den Lords und überreichte die Bill
mit einer der Gelegenheit würdigen Rede. »Viele von den hier
Proscribirten,« sagte er, »sind durch uns genügende Beweise als
Verräther überführt. In Betreff der Anderen haben wir den allgemeinen
Ruf, in dem sie stehen, für maßgebend erachtet.«[119] Die Liste war mit
so rücksichtsloser Barbarei zusammengestellt, daß selbst fanatische
Royalisten, die zu der nämlichen Zeit ihr Vermögen, ihre Freiheit und
ihr Leben für Jakob auf's Spiel setzten, nicht sicher vor der
Proscription waren. Der gelehrteste Mann, dessen die jakobitische Partei
sich rühmen konnte, war Heinrich Dodwell, Camdenianischer Professor an
der Universität Oxford. In der Vertheidigung der erblichen Monarchie
scheute er kein Opfer und keine Gefahr. Mit Bezug auf ihn sprach Wilhelm
die denkwürdigen Worte aus: »Er hat sich vorgenommen ein Märtyrer zu
werden, und ich habe mir vorgenommen, sein Vorhaben zu vereiteln.« Aber
Jakob war gegen Freunde grausamer als Wilhelm gegen Feinde. Dodwell war
Protestant und besaß etwas Grundeigenthum in Connaught; diese Verbrechen
waren hinreichend, um ihn in die lange Liste Derer aufzunehmen, welche
zum Galgen und zum Viertheilen verurtheilt waren.[120]

Daß Jakob seine Zustimmung zu einer Bill geben werde, die ihm das
Begnadigungsrecht entzog, hielten viele Leute für unmöglich. Er war vier
Jahre früher lieber mit dem loyalsten Parlamente zerfallen, als daß er
eine Prärogative aufgegeben hätte, die ihm nicht einmal gehörte. Es ließ
sich daher wohl erwarten, daß er jetzt Alles daran setzen würde, um eine
Prärogative zu behalten, die seine Vorgänger seit dem Bestehen der
Monarchie zu allen Zeiten besessen hatten und die von den Whigs niemals
bestritten worden war. Die strenge Miene und die erhobene Stimme, womit
er die Torygentlemen zurechtgewiesen, die ihn in der Sprache der
tiefsten Ehrerbietung und der innigsten Zuneigung beschworen, sich der
Beobachtung der Gesetze nicht zu entziehen, würden jetzt an ihrem Platze
gewesen sein. Er hätte wohl sehen können, daß der rechte Weg der
weiseste war. Hätte er bei dieser hochwichtigen Gelegenheit den Muth
gehabt, zu erklären, daß er unschuldiges Blut nicht vergießen und selbst
bezüglich der Schuldigen sich des Rechts nicht entäußern wolle, die
Verurtheilungen durch Gnade zu mildern, so würde er in England mehr
Herzen gewonnen haben, als er in Irland verloren hätte. Aber sein
Unstern wollte jederzeit, daß er widerstand, wo er hätte nachgeben
sollen, und daß er nachgab, wo er hätte widerstehen sollen. Das
abscheulichste aller Gesetze erhielt seine Sanction, und seine Schuld
wird nur sehr wenig dadurch gemildert, daß er diese Sanction mit einigem
Widerstreben gab.

Damit nichts fehlen möchte, um dieses große Verbrechen vollkommen zu
machen, war man sorgfältig darauf bedacht zu verhüten, daß die
verurtheilten Personen ihre Verurtheilung früher als nach Ablauf der in
der Acte festgesetzten Gnadenfrist erfuhren. Die Liste der Namen wurde
nicht veröffentlicht, sondern in Fitton's Cabinet sorgfältig
verschlossen gehalten. Einige Protestanten, die es noch mit Jakob
hielten, aber gern wissen wollten, ob einer ihrer Freunde oder
Verwandten proscribirt war, gaben sich alle mögliche Mühe, um Einsicht
in die Liste zu erlangen; aber Bitten, Vorstellungen und selbst
Bestechungen waren erfolglos. Nicht ein einziges Exemplar kam ins
Publikum, bis es für die Tausende, welche ohne Prozeß verurtheilt waren,
zu spät war, Begnadigung zu erlangen.[121]

    [Anmerkung 117: +King III. 12.+]

    [Anmerkung 118: +An Act for the Attainder of divers Rebels and for
    preserving the Interest of loyal Subjects, London 1690.+]

    [Anmerkung 119: +King III. 13.+]

    [Anmerkung 120: Sein Name steht in der ersten Columne auf Seite 30
    derjenigen Ausgabe der Liste, welche am 26. März 1690 die
    Druckerlaubniß erhielt. Ich hatte geglaubt, der Proscribirte müsse
    ein andrer Heinrich Dodwell gewesen sein. Aber Bischof Kennet's
    zweiter Brief an den Bischof von Carlisle vom Jahre 1716 hebt
    jeden Zweifel über diesen Gegenstand.]

    [Anmerkung 121: +A list of most of the Names of the Nobility,
    Gentry and Commonalty of England and Ireland (amongst whom are
    several Women and Children) who are all, by an Act of a Pretended
    Parliament assembled in Dublin, attainted of High Treason, 1699+;
    +An Account of the Transactions of the late King James in Ireland,
    1690+; +King, III. 13+; +Memoirs of Ireland 1716+.]


[_Jakob prorogirt sein Parlament._] Gegen Ende des Monats Juli
prorogirte Jakob die beiden Häuser. Sie waren aber zehn Wochen
versammelt gewesen, und während dieses Zeitraums hatten sie auf das
Vollständigste bewiesen, daß, so groß auch die Übel gewesen sind, welche
das Übergewicht der Protestanten in Irland hervorgerufen, die durch das
Übergewicht der Papisten erzeugten Übel noch größer gewesen sein würden.
Daß die Colonisten, als sie den Sieg errungen hatten, ihn gröblich
mißbrauchten und daß ihre Gesetzgebung viele Jahre lang ungerecht und
tyrannisch war, ist sehr wahr. Aber nicht minder wahr ist es, daß sie
das entsetzliche Beispiel, das ihr besiegter Feind während des kurzen
Zeitraums gab, wo er im Besitz der Macht war, nie ganz erreichten.


[_Verfolgung der Protestanten in Irland._] In der That, während Jakob
sich laut rühmte, ein Gesetz erlassen zu haben, das allen
Religionsgesellschaften völlige Gewissensfreiheit gewährte, wüthete in
allen Provinzen, die seine Autorität anerkannten, eine eben so grausame
Verfolgung wie die im Languedoc. Diejenigen, welche eine Entschuldigung
für ihn zu finden wünschten, sagten, daß fast alle Protestanten, die
sich noch in Munster, Connaught und Leinster aufhielten, seine Feinde
seien und daß er sie nicht als Schismatiker, sondern als Rebellen von
Gesinnung, denen es nur an einer Gelegenheit fehlte, Rebellen der That
zu werden, der Unterdrückung und Beraubung preis gebe, und dieser
Entschuldigung hätte man einiges Gewicht zugestehen können, wenn er sich
ernstlich bemüht hätte, die wenigen Colonisten zu beschützen, welche
zwar dem reformirten Glauben treu anhingen, aber doch noch immer an den
Lehren vom Nichtwiderstande und von dem unveräußerlichen Erbrechte
festhielten. Aber selbst diese ergebenen Royalisten sollten erfahren,
daß ihre Ketzerei in seinen Augen ein Verbrechen war, das durch keine
Dienste und durch keine Opfer gesühnt werden konnte. Einige Cavaliere,
Mitglieder der anglikanischen Kirche, die ihn in Irland willkommen
geheißen und in seinem Parlamente gesessen hatten, stellten ihm vor,
daß, wenn die Verordnung, welche jedem Protestanten den Besitz irgend
einer Waffe verbot, streng durchgeführt werden sollte, ihre Landhäuser
den Rapparees preisgegeben sein würden, und erlangten von ihm die
Erlaubniß, soviel Waffen behalten zu dürften, als sie für einige Diener
brauchten. Allein Avaux machte Gegenvorstellungen. Die Erlaubniß, sagte
er, werde gröblich gemißbraucht, man dürfe diesen protestantischen Lords
nicht trauen, sie verwandelten ihre Häuser in Festungen, und Se.
Majestät werde bald Ursache haben, seine Güte zu bereuen. Diese
Vorstellungen gewannen die Oberhand und es wurden katholische Truppen in
den verdächtigen Wohnungen einquartiert.[122]

Noch härter war das Loos derjenigen protestantischen Geistlichen, welche
mit verzweifelter Treue der Sache des Gesalbten des Herrn anhingen. Von
allen anglikanischen Geistlichen scheint Cartwright derjenige gewesen zu
sein, der sich der Gewogenheit Jakob's im bedeutendsten Maße erfreute.
Ob Cartwright lange hätte ein Günstling bleiben können, ohne Apostat zu
werden, steht zu bezweifeln. Er starb wenige Wochen nach seiner Ankunft
in Irland, und von diesem Augenblicke an besaß seine Kirche keinen
Verfechter ihrer Sache mehr. Indessen fuhren einige von ihren Prälaten
und Priestern noch fort diejenigen Lehren zu predigen, die sie in den
Tagen der Ausschließungsbill gepredigt hatten. Aber sie verrichteten
ihre Functionen mit Gefahr ihres Lebens oder ihrer Glieder. Jeder, der
einen Priesterrock trug, war eine Zielscheibe für die Beleidigungen und
Gewaltthätigkeiten der Soldaten und Rapparees. In der Provinz wurde sein
Haus geplündert, und er konnte von Glück sagen, wenn es ihm nicht über
dem Kopfe angezündet wurde. In den Straßen von Dublin wurde er mit dem
Rufe verfolgt: »Da geht so ein Teufel von Ketzer!« Bald wurde er zu
Boden geschlagen, bald mit Stockprügeln regalirt.[123] Die Vorsteher der
Universität zu Dublin, welche in der anglikanischen Lehre vom passiven
Gehorsam erzogen waren, hatten Jakob bei seiner ersten Ankunft im
Schlosse begrüßt und von ihm die Zusicherung erhalten, daß er sie im
Genusse ihres Eigenthums und ihrer Vorrechte schützen werde. Sie wurden
jetzt, ohne Prozeß, ohne Anklage, aus ihrem Hause geworfen. Die
Communiongeräthe der Kapelle, die Bücher der Bibliothek, ja selbst die
Stühle und Betten der Collegiaten wurden weggenommen. Ein Theil des
Gebäudes wurde in ein Magazin, ein andrer in eine Kaserne, ein dritter
in ein Gefängniß verwandelt. Simon Luttrell, welcher Gouverneur der
Hauptstadt war, wurde mit großer Mühe und nur durch mächtige Fürsprache
bewogen, die vertriebenen Fellows und Studenten ungehindert abziehen
zu lassen. Er gestattete ihnen endlich in Freiheit zu bleiben unter
der Bedingung, daß bei Todesstrafe nicht drei von ihnen sich
versammelten.[124] Kein protestantischer Geistlicher wurde härter
betroffen als Doctor Wilhelm King, Dechant zu St. Patrick. Er hatte sich
seit langer Zeit durch die glühende Begeisterung ausgezeichnet, mit der
er die Pflicht des passiven Gehorsams selbst gegen die schlechtesten
Regenten eingeschärft. Zu einer späteren Zeit, als er eine Vertheidigung
der Revolution geschrieben und von der neuen Regierung eine Mitra
angenommen hatte, erinnerte man ihn daran, daß er die göttliche Rache
auf die Usurpatoren herabgerufen und erklärt hatte, lieber hundert Mal
den Tod erleiden zu wollen, ehe er der Sache des erblichen Rechts untreu
würde. Er hatte gesagt, daß die wahre Religion wohl oft durch Verfolgung
gekräftigt worden sei, aber nie durch Rebellion gekräftigt werden könne,
daß der Tag, an welchem ein ganzer Karren voll von Geistlichen der
Kirche von England für die Lehre vom Nichtwiderstande zum Galgen ginge,
ein glorreicher Tag für diese Kirche sein würde, und daß es sein
höchster Ehrgeiz sei, zu einer solchen Gesellschaft zu gehören.[125] Es
ist nicht unwahrscheinlich, daß er, als er dies sagte, auch dachte wie
er sprach. Aber wenn auch seine Grundsätze vielleicht gegen die Strenge
und die Versprechungen Wilhelm's Stand gehalten haben würden, gegen
Jakob's Undankbarkeit waren sie nicht probefest. Die menschliche Natur
machte endlich ihre Rechte geltend. Nachdem King von der Regierung,
deren fester Anhänger er war, zu wiederholten Malen ins Gefängniß
geworfen, nachdem er in seiner eignen Kirche von den Soldaten insultirt
und bedroht, nachdem ihm untersagt worden, auf seinem Kirchhofe zu
begraben und auf seiner Kanzel zu predigen, nachdem er einem auf der
Straße gegen ihn abgefeuerten Flintenschusse kaum mit dem Leben
entronnen war, fing er an, die whiggistische Regierungstheorie für
weniger unvernünftig und unchristlich zu halten, als sie ihm früher
vorgekommen war, und er überredete sich, daß die unterdrückte Kirche mit
Fug und Recht die Befreiung annehmen dürfe, wenn es Gott gefiele, ihr
solche, gleichviel durch welche Mittel, zu senden.

    [Anmerkung 122: Avaux, 27. Juli (6. August) 1689.]

    [Anmerkung 123: +King's State of the Protestants in Ireland, III.
    19.+]

    [Anmerkung 124: +King's State of the Protestants in Ireland, III.
    15.+]

    [Anmerkung 125: +Leslie's Answer to King.+]


[_Wirkung der aus Irland kommenden Nachrichten in England._] Es zeigte
sich bald, daß Jakob wohlgethan haben würde, wenn er auf diejenigen
Rathgeber gehört hätte, die ihm gesagt hatten, die Maßregeln, durch
welche er sich in einem seiner drei Königreiche beliebt zu machen
versuchte, würden ihn in den anderen verhaßt machen. Es war in mancher
Hinsicht ein Glück für England, daß er, nachdem er aufgehört hatte,
daselbst zu regieren, noch über ein Jahr in Irland regierte. Auf die
Revolution war ein Umschwung der öffentlichen Meinung zu seinen Gunsten
gefolgt. Hätte diese Reaction ihren ungestörten Fortgang genommen, so
würde sie vielleicht angehalten haben, bis er wieder König war; aber sie
wurde durch ihn selbst gewaltsam unterbrochen. Er wollte sein Volk
nichts vergessen und nichts hoffen lassen; während es sich bemühte,
Entschuldigungen für seine vergangenen Fehler aufzufinden, und sich
einzureden suchte, daß er nicht wieder in diese Fehler verfallen werde,
zwang er den Leuten gegen ihren Willen die Überzeugung auf, daß er
unverbesserlich sei, daß die härtesten Strafen des Mißgeschicks ihn
nichts gelehrt, und daß, wenn sie schwach genug sein sollten, ihn
zurückzurufen, sie ihn bald wieder würden absetzen müssen. Umsonst
schrieben die Jakobiten Pamphlets über die Grausamkeit, mit der er von
seinen nächsten Blutsverwandten behandelt worden sei, über den
herrschsüchtigen Character und die schroffen Manieren Wilhelm's, über
die den Holländern zu Theil gewordenen Begünstigungen, über die
drückenden Abgaben, über die Suspension der Habeas-Corpusacte und über
die Gefahren, welche der Kirche von Seiten der Feindschaft der Puritaner
und der Latitudinarier drohten. Jakob widerlegte diese Pamphlete viel
wirksamer als die gewandtesten und beredtesten whiggistischen
Schriftsteller zusammengenommen es vermocht haben würden. Jede Woche kam
die Nachricht, daß er eine neue Acte zur Beraubung oder Ermordung der
Protestanten erlassen hatte. Jeder Colonist, dem es gelang, von Leinster
über das Meer nach Holyhead oder Bristol zu entkommen, brachte
entsetzliche Berichte mit von der Tyrannei, unter der seine
Glaubensbrüder seufzten. Welchen Eindruck diese Berichte auf die
Protestanten unsrer Insel machten, kann man leicht aus der Thatsache
schließen, daß sie den Unwillen Ronquillo's, eines Spaniers und bigotten
Mitgliedes der römischen Kirche, erregten. Er schrieb seinem Hofe, daß,
obwohl die englischen Gesetze gegen den Papismus streng erscheinen
möchten, sie doch durch die Besonnenheit und Humanität der Regierung so
sehr gemildert würden, daß sie ruhigen Leuten nicht lästig fielen, und
er versicherte dem heiligen Stuhle, daß die Leiden eines Katholiken in
London nichts seien im Vergleich zu den Leiden eines Protestanten in
Irland.[126]

Die englischen Flüchtlinge fanden in England herzliche Theilnahme und
freigebige Unterstützung. Viele wurden in den Häusern von Freunden oder
Verwandten aufgenommen; viele Andere aber verdankten die Mittel zu ihrem
Unterhalt der Freigebigkeit von Fremden. Unter Denen, die sich an diesem
Werke der Barmherzigkeit betheiligten, trug Niemand in reicherem Maße
und mit weniger Ostentation dazu bei als die Königin. Das Haus der
Gemeinen stellte dem Könige funfzehntausend Pfund zur Unterstützung
derjenigen Flüchtlinge zur Verfügung, die derselben am dringendsten
bedurften, und ersuchte ihn, den zum Militärdienste Befähigten
Offizierspatente in der Armee zu geben.[127] Auch wurde eine Acte
erlassen, welche bepfründete Geistliche, die aus Irland entflohen waren,
zur Anstellung in England befähigt erklärte.[128] Doch die Theilnahme,
welche die Nation diesen unglücklichen Gästen schenkte, war lau im
Vergleich zu der Theilnahme, welche derjenige Theil der sächsischen
Colonie erweckte, der in Ulster noch immer einen verzweifelten Kampf
gegen eine erdrückende Übermacht unterhielt. Über diesen Gegenstand ließ
sich auf unsrer Insel kaum eine einzige abweichende Stimme vernehmen.
Whigs und Tories, ja selbst diejenigen Jakobiten, in denen der
Jakobitismus noch nicht alles patriotische Gefühl erstickt hatte,
priesen den Ruhm von Enniskillen und Londonderry. Das ganze Haus der
Gemeinen war eines Sinnes. »Es ist jetzt nicht Zeit, die Kosten zu
berechnen,« sagte der wackere Birch, der sich noch sehr wohl der Art der
Kriegführung Olivers gegen die Irländer erinnerte. »Sollen wir diese
braven Leute in Londonderry im Stich lassen? Wird nicht die ganze Welt
Schimpf und Schande über uns rufen, wenn wir sie dem Untergange preis
geben? Man hat die Einfahrt in den Fluß versperrt! Warum haben wir den
Sperrbaum nicht längst zertrümmert? Sollen unsere Brüder fast angesichts
England's, wenige Stunden Wegs von unseren Küsten umkommen?«[129] Howe,
der Heftigste der einen Partei, erklärte, daß die Herzen des Volks für
Irland schlügen. Seymour, das Haupt der andren Partei, erklärte, daß,
obwohl er an der Einsetzung der neuen Regierung nicht Theil genommen,
er sie von Herzen gern in Allem, was zur Erhaltung Irland's für nöthig
erachtet werden möchte, unterstützen werde.[130] Die Gemeinen ernannten
einen Ausschuß, der die Ursache der Verzögerungen und Fehlgriffe
untersuchen sollte, welche den englischen Bewohnern von Ulster fast zum
Verderben gereicht hätten. Die Offiziere, deren Verrätherei oder
Feigheit das Publikum die Calamitäten Londonderry's zuschrieb, wurden
gefänglich eingezogen. Lundy wurde in den Tower, Cunningham in das Gate
House geschickt. Die öffentliche Aufregung wurde einigermaßen
beschwichtigt durch die Ankündigung, daß noch vor Ablauf des Sommers
eine Armee von hinreichender Stärke, um das englische Übergewicht
wiederherzustellen, über den St. Georgskanal geschickt und daß Schomberg
das Commando erhalten sollte. Vor der Hand wurde ein Armeecorps, das man
zum Entsatz von Londonderry für genügend hielt, unter Kirke's Commando
von Liverpool abgesandt. Die finstre Hartnäckigkeit, mit der dieser
Mann, trotz königlicher Bitten, an seinem Glauben festgehalten, und der
Antheil, den er an der Revolution genommen, hatten ihm vielleicht
Anspruch auf eine Amnestie für frühere Verbrechen verschafft. Aber es
ist schwer zu begreifen, warum die Regierung zu einem Posten von
höchster Wichtigkeit einen Offizier wählte, der allgemein und mit Recht
verhaßt war, der nie ein eminentes Feldherrntalent gezeigt und der, in
Afrika sowohl wie in England, unter seinen Soldaten erwiesenermaßen eine
nicht nur die Humanität empörende, sondern auch mit der Disciplin
unverträgliche Zügellosigkeit geduldet hatte.

    [Anmerkung 126: +»En comparazion de lo que se hace in Irlanda con
    los Protestantes, es nada.«+ 29. April (9. Mai) 1689. -- +»Para
    que vea Su Santitad que aqui estan los Catolicos mas benignamente
    tratados que les Protestantes in Irlanda.«+ 19.(29.) Juni.]

    [Anmerkung 127: +Commons' Journals, June 15. 1689.+]

    [Anmerkung 128: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 29.+]

    [Anmerkung 129: +Grey's Debates, June 19. 1689.+]

    [Anmerkung 130: +Ibid. June 22. 1689.+]


[_Thaten der Enniskillener._] Am 16. Mai wurden Kirke's Truppen
eingeschifft, und am 20. gingen sie unter Segel; aber widrige Winde
verzögerten die Überfahrt und zwangen das Geschwader, lange vor der
Insel Man liegen zu bleiben. Unterdessen vertheidigten sich die
Protestanten von Ulster mit unerschütterlichem Muthe gegen eine große
Übermacht. Die Enniskillener hatten nicht aufgehört, einen energischen
Parteikrieg gegen die eingeborne Bevölkerung zu führen. Anfangs Mai
marschirten sie einem starken Truppencorps aus Connaught entgegen, das
in Donegal eingefallen war. Die Irländer wurden bald geschlagen und
flohen mit einem Verlust von hundertzwanzig Todten und sechzig
Gefangenen nach Sligo. Zwei kleine Geschütze und mehrere Pferde fielen
den Siegern in die Hände. Durch diesen Sieg ermuthigt, fielen die
Enniskillener bald darauf in die Grafschaft Cavan ein, trieben
funfzehnhundert Mann von Jakob's Truppen vor sich her, nahmen und
zerstörten das Schloß Ballincarrig, das für das festeste in diesem
Theile des Königreichs galt, und nahmen die Piken und Gewehre der
Besatzung mit sich. Der nächste Einfall erfolgte in Meath. Hier wurden
dreitausend Rinder und zweitausend Schafe mit fortgeführt und auf der
kleinen Insel des Ernesees in Sicherheit gebracht. Diese kühnen Thaten
verbreiteten Schrecken bis vor die Thore Dublin's. Der Oberst Hugo
Sutherland erhielt Befehl, mit einem Regiment Dragonern und zwei
Regimentern Infanterie gegen Enniskillen zu marschiren. Er nahm Waffen
für das eingeborne Landvolk mit und Viele schlossen sich seiner Fahne
an. Die Enniskillener marschirten ihm entgegen. Er nahm jedoch keine
Schlacht an, sondern zog sich zurück und ließ seine Vorräthe unter der
Obhut eines Detachements von dreihundert Soldaten in Belturbet. Die
Protestanten griffen Belturbet kräftig an, besetzten ein hochgelegenes
Haus, das die Stadt beherrschte, und eröffneten von hier aus ein so
wirksames Feuer, daß nach Verlauf von zwei Stunden die Besatzung sich
ergab. Siebenhundert Flinten, eine bedeutende Quantität Schießpulver,
eine Menge Pferde, viele Säcke Zwieback und viele Fässer Mehl wurden
erbeutet und nach Enniskillen geschickt. Die Böte, welche diese
werthvolle Beute brachten, wurden freudig bewillkommnet. Die Besorgniß
vor einer Hungersnoth war dadurch beseitigt. Während die eingeborne
Bevölkerung in vielen Grafschaften, wahrscheinlich in der Erwartung, daß
sich das Maraudiren als eine unerschöpfliche Hilfsquelle erweisen werde,
die Bodencultur völlig vernachlässigte, hatten die Colonisten, treu dem
vorsorgenden und betriebsamen Character ihres Stammes, mitten im Kriege
nicht versäumt, den Boden in der Umgebung ihrer Besten sorgfältig zu
bebauen. Die Ernte war jetzt nicht mehr fern und bis zur Ernte reichten
die dem Feinde abgenommenen Lebensmittel vollkommen aus.[131]

    [Anmerkung 131: +Hamilton's True Relation+; +Mac Cormick's Further
    Account+. Von der Insel im Allgemeinen sagt Avaux: +»On n'attend
    rien de cette recolte cy, les paysans ayant presque tous pris les
    armes.«+ -- Brief an Louvois vom 19.(29.) März 1689.]


[_Noth in Londonderry._] Doch inmitten des Sieges und des Überflusses
wurden die Enniskillener von ängstlicher Besorgniß um Londonderry
gequält. Sie waren mit den Vertheidigern dieser Stadt nicht allein durch
religiöse und nationale Sympathie, sondern auch durch ein gemeinsames
Interesse verbunden. Denn es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß,
wenn Londonderry fiel, die ganze irische Armee augenblicklich mit
unwiderstehlicher Macht gegen den Ernesee vorrücken würde. Doch was
konnte man thun? Einige tapfere Männer waren dafür, einen verzweifelten
Versuch zum Entsatz der belagerten Stadt zu machen; aber die Übermacht
war zu groß. Es wurden indessen Detachements abgesandt, welche die
Nachhut des Belagerungsheeres beunruhigten, die Zufuhren abschnitten und
einmal die Pferde von drei ganzen Reitertrupps wegnahmen.[132] Die
Postenkette aber, welche Londonderry auf der Landseite einschloß, war
noch nicht durchbrochen, und auch der Fluß war noch immer versperrt und
sorgfältig bewacht. In der Stadt war die Noth auf's höchste gestiegen.
Schon am 8. Juni war fast kein andres Fleisch mehr zu haben als
Pferdefleisch und selbst davon war der Vorrath nur gering. Dem Mangel
mußte mit Talg abgeholfen werden, und auch dieser wurde mit karger Hand
vertheilt.

    [Anmerkung 132: +Hamilton's True Account.+]


[_Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee._] Am 15. Juni
zeigte sich ein Schimmer von Hoffnung. Die Schildwachen auf dem Thurme
der Kathedrale erblickten in einer Entfernung von neun Meilen Segel in
der Bucht des Foylesees. Man zählte dreißig Fahrzeuge verschiedener
Größe. Man gab auf den Thürmen Signale, welche von den Mastspitzen
erwiedert, aber auf beiden Seiten nur unvollkommen verstanden wurden.
Endlich umging ein Bote von der Flotte die irischen Schildwachen,
schwamm unter dem Sperrbaum hindurch, und benachrichtigte die Besatzung,
daß Kirke mit Truppen, Waffen, Munition und Lebensmitteln zum Entsatz
der Stadt aus England angelangt sei.[133]

Mit der ängstlichsten Spannung harrte man in Londonderry der kommenden
Dinge; aber auf wenige Stunden fieberhafter Freude folgten Wochen des
größten Elends. Kirke hielt es nicht für gerathen, weder zu Lande noch
zu Wasser einen Angriff auf die feindlichen Linien zu unternehmen und
zog sich an die Einfahrt des Foylesees zurück, wo er mehrere Wochen
unthätig vor Anker lag.

Jetzt steigerte sich die Hungersnoth mit jedem Tage. Alle Häuser der
Stadt wurden auf das Genaueste durchsucht, und einige Lebensmittel,
welche von Leuten, die seitdem gestorben oder geflüchtet, in den Kellern
verborgen worden waren, wurden entdeckt und in die Magazine geschafft.
Der Vorrath von Kanonenkugeln war fast erschöpft, und man bediente sich
anstatt derselben schon mit Blei überzogener Backsteine. Krankheiten
stellten sich, wie immer, im Gefolge des Hungers ein. An einem Tage
starben funfzehn Offiziere am Fieber und der Gouverneur Baker selbst
gehörte zu Denen, die der Krankheit erlagen. Seine Stelle wurde durch
den Obersten Johann Mitchelburne ersetzt.[134]

Inzwischen wurde es in Dublin bekannt, daß Kirke mit seinem Geschwader
an der Küste von Ulster lag. Die Bestürzung war groß im Schlosse. Schon
vor dem Eintreffen dieser Nachricht hatte Avaux sich dahin
ausgesprochen, daß Richard Hamilton den Schwierigkeiten der Situation
nicht gewachsen sei. Es war daher beschlossen worden, daß Rosen den
Oberbefehl übernehmen sollte, und er war unverzüglich nach dem
Kriegsschauplatze abgegangen.[135]

    [Anmerkung 133: Walker.]

    [Anmerkung 134: Walker und Mackenzie.]

    [Anmerkung 135: Avaux, 16.(26.) Juni 1689.]


[_Grausamkeit Rosen's._] Am 19. Juni kam er im Hauptquartier des
Belagerungsheeres an. Zuerst versuchte er die Wälle zu unterminiren;
aber sein Vorhaben wurde entdeckt und er gezwungen, es nach einem
hitzigen Gefecht, in welchem über hundert seiner Leute fielen, wieder
aufzugeben. Jetzt stieg seine Wuth auf eine unglaubliche Höhe. Er, ein
alter Soldat, ein zukünftiger Marschall von Frankreich, in der Schule
der größten Generäle erzogen und seit vielen Jahren an eine
kunstgerechte Kriegführung gewöhnt, sollte sich von einem Hausen von
Landjunkern, Pächtern und Krämern beschämen lassen, welche nur durch
einen Wall geschützt waren, den jeder gute Ingenieur auf den ersten
Blick für unhaltbar erklären mußte! Er tobte und fluchte in einer nur
ihm eigenen Sprache, zusammengesetzt aus allen Dialecten, welche vom
baltischen bis zum atlantischen Meere gesprochen wurden. Er wollte die
Stadt der Erde gleich machen, kein lebendes Wesen sollte geschont
werden, nichts, selbst die Mädchen und Säuglinge nicht. Für die Anführer
sei der Tod eine zu milde Strafe, die sollten gefoltert und lebendig
gebraten werden. In seiner Wuth ließ er eine Bombe mit einem Schreiben,
das eine furchtbare Drohung enthielt, in die Stadt werfen. Er sagte
darin, er werde alle Protestanten, welche zwischen Charlemont und dem
Meere auf ihren Wohnsitzen geblieben wären, Greise, Frauen und Kinder,
von denen viele durch Bande des Blutes und der Freundschaft den
Vertheidigern von Londonderry nahe standen, zu einem Haufen
zusammentreiben. Kein Schutz, von welcher Autorität er auch ausgehen
möge, solle respectirt werden. Die so zusammengeholte Menge solle unter
die Mauern von Londonderry getrieben und hier angesichts ihrer
Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Verwandten, dem Hungertode preis
gegeben werden. Dies war keine leere Drohung. Es wurden sofort nach
allen Richtungen hin Truppenabtheilungen entsendet, um Schlachtopfer
herbeizuholen. Am Morgen des 2. Juli bei Tagesanbruch wurden Hunderte
von Protestanten, welche keines Vergehens beschuldigt, welche unfähig
waren Waffen zu tragen und von denen viele Schutzbriefe besaßen, welche
Jakob selbst ihnen gewährt hatte, vor die Thore der Stadt geschleppt.
Man hoffte, der jammervolle Anblick werde den Muth der Colonisten
brechen; aber er brachte keine andre Wirkung hervor, als daß er ihren
Muth zu noch größerer Energie aufstachelte. Es wurde auf der Stelle ein
Tagesbefehl erlassen, daß Niemand, bei Todesstrafe, das Wort Übergabe
aussprechen solle, und Keiner sprach dieses Wort aus. Es befanden sich
mehrere Gefangene hohen Ranges in der Stadt. Sie waren bis dahin gut
behandelt worden und hatten die nämlichen Rationen erhalten, wie die
Besatzung. Jetzt wurden sie in strenge Haft gebracht. Auf einer der
Bastionen wurde ein Galgen errichtet und an Rosen ein Schreiben gesandt,
das ihn aufforderte, sogleich einen Beichtvater in die Stadt zu
schicken, der seine Freunde zum Tode vorbereiten sollte. Die Gefangenen
schrieben ihrerseits in großer Angst an den wilden Liefländer, erhielten
aber keine Antwort. Hierauf wendeten sie sich an ihren Landsmann,
Richard Hamilton. Sie seien bereit, sagten sie, für ihren König ihr Blut
zu vergießen, aber es scheine ihnen hart, in Folge der Barbarei ihrer
eigenen Waffengefährten den schimpflichen Tod der Diebe zu sterben.
Hamilton war, obwohl ein Mann von laxen Grundsätzen, nicht grausam.
Rosen's Unmenschlichkeit hatte seinen tiefen Abscheu erregt, da er aber
nur der Zweite im Commando war, so durfte er es nicht wagen, Alles offen
auszusprechen was er dachte. Er machte jedoch energische Vorstellungen.
Einige irische Offiziere fühlten bei dieser Gelegenheit wie es braven
Männern ziemte, und erklärten unter Thränen des Mitleids und Unwillens,
daß sie zeitlebens das Geschrei der unglücklichen Frauen und Kinder
hören würden, welche mit der Lanzenspitze herbeigetrieben worden waren,
um zwischen dem Lager und der Stadt Hungers zu sterben. Rosen beharrte
zweimalvierundzwanzig Stunden in seinem Plane, viele unglückliche
Geschöpfe kamen in dieser Zeit um; aber Londonderry hielt sich so tapfer
als je, und er sah ein, daß sein Verbrechen nur Haß und Schmähungen
erzeugen werde. So gab er endlich nach und ließ die noch Lebenden wieder
abziehen. Die Besatzung entfernte in Folge dessen alsbald den Galgen,
der auf der Bastion errichtet worden war.[136]

Als die Nachricht von diesen Vorgängen nach Dublin gelangte, entsetzte
sich Jakob, obwohl durchaus nicht zum Mitleid geneigt, über eine
Grausamkeit, von der die Bürgerkriege England's noch kein Beispiel
aufzuweisen hatten, und vernahm mit großem Mißfallen, daß von ihm
gewährte und mit seinem Ehrenwort verbürgte Schutzbriefe öffentlich für
null und nichtig erklärt worden waren. Er beklagte sich darüber gegen
den französischen Gesandten und äußerte mit einer durch die Gelegenheit
vollkommen gerechtfertigten Entrüstung, daß Rosen ein barbarischer
Moskowiter sei. Melfort konnte sich nicht enthalten hinzuzusetzen, daß,
wenn Rosen ein Engländer gewesen wäre, er gehängt worden sein würde.
Avaux begriff diese weibische Sentimentalität nicht. Seiner Ansicht nach
war durchaus nichts Verwerfliches geschehen, und es wurde ihm schwer
sich zu beherrschen, als er den König und den Sekretär einen Act
heilsamer Strenge in starken Ausdrücken tadeln hörte.[137] Der
französische Gesandte und der französische General waren einander in der
That würdig. In der äußeren Erscheinung und den Manieren war allerdings
ein großer Unterschied zwischen dem hübschen, eleganten und
feingebildeten Diplomaten, dessen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit an
den elegantesten Höfen Europa's in hohem Rufe gestanden, und dem
militärischen Abenteurer, dessen Aussehen und Stimme Alle, die mit ihm
in Berührung kamen, daran erinnerte, daß er in einem halbwilden Lande
geboren war, daß er sich vom gemeinen Soldaten emporgeschwungen hatte
und daß er einmal wegen Marodirens zum Tode verurtheilt worden war.

Rosen wurde nach Dublin zurückberufen, und Richard Hamilton erhielt
wieder den Oberbefehl. Er versuchte mildere Mittel als die, welche
seinem Vorgänger so harten Tadel zugezogen. Keine List, keine Lüge, von
der sich erwarten ließ, daß sie die ausgehungerte Garnison entmuthigen
würde, ward gespart. Eines Tages erscholl durch das ganze irische Lager
ein allgemeines Freudengeschrei. Die Vertheidiger von Londonderry
erfuhren bald, daß die Armee Jakob's wegen des Falles von Enniskillen in
so freudiger Aufregung sei. Man sagte ihnen, daß sie nun keine Aussicht
auf Entsatz mehr hätten, und ermahnte sie durch Kapituliren ihr Leben zu
retten. Sie willigten ein zu unterhandeln. Allein sie verlangten freien
Abzug unter Waffen und in militärischer Ordnung zu Wasser oder zu Lande
nach ihrer Wahl. Für die Einhaltung dieser Bedingungen verlangten sie
Geiseln und bestanden darauf, daß diese Geiseln auf die im Foylesee
liegende Flotte gebracht werden sollten. Auf solche Bedingungen durfte
Hamilton nicht eingehen; die Gouverneurs aber wollten davon nichts
nachlassen; die Unterhandlung wurde abgebrochen und der Kampf begann von
neuem.[138]

    [Anmerkung 136: +Walker+; +Mackenzie+; +Light to die Blind, King,
    III. 13+; +Leslie's Answer to King+; +Life of James, II. 366.+ Ich
    muß sagen, daß King bei dieser Gelegenheit ungerecht gegen Jakob
    ist.]

    [Anmerkung 137: +Leslie's Answer to King+; Avaux, 5.(15.) Juli
    1689. +»Je trouvay l'expression bien forte: mais je ne voulois
    rien répondre, car le Roy s'estoit desja fort emporté.«+]

    [Anmerkung 138: Mackenzie.]


[_Die Hungersnoth in Londonderry steigt auf's Höchste._] So war
inzwischen der Juli weit vorgerückt und die Lage der Stadt wurde von
Stunde zu Stunde fürchterlicher. Die Einwohner waren mehr durch Hunger
und Krankheit, als durch das feindliche Feuer gelichtet worden. Doch war
dieses Feuer jetzt heftiger und anhaltender als je. Eines der Thore und
eine der Bastionen waren in Trümmer geschossen, aber die am Tage
gemachten Breschen wurden des Nachts mit rastloser Thätigkeit wieder
ausgebessert und jeder Angriff noch immer zurückgeschlagen. Aber die
kämpfende Mannschaft der Besatzung war so erschöpft, daß sie sich kaum
noch auf den Füßen halten konnte. Einige fielen im Gefecht gegen den
Feind aus bloßer Schwäche zu Boden. Es war nur noch ein ganz kleines
Quantum Getreide vorhanden, das mundvollweise vertheilt wurde. Dagegen
hatte man einen beträchtlichen Vorrath gesalzener Häute, und durch Nagen
an denselben beschwichtigte die Garnison die Qualen des Hungers. Hunde,
mit dem Blute der Gefallenen gemästet, welche unbeerdigt rings um die
Stadt lagen, waren ein Luxus, den nur Wenige bezahlen konnten. Der Preis
einer einzigen Pfote war fünf Schilling sechs Pence. Neun Pferde waren
noch am Leben, aber eben nur noch am Leben. Sie waren so abgemagert, daß
man nur wenig Fleisch von ihnen zu erhalten hoffen durfte. Man beschloß
jedoch sie zu schlachten, um sie zu verzehren. Die Leute starben so
massenhaft, daß es den Überlebenden unmöglich war, sie ordentlich zu
begraben. Es gab kaum einen Keller, in dem nicht ein Leichnam verweste.
Die Noth war so gräßlich, daß man auf die Ratten, welche in diese
grauenvollen Höhlen kamen, um zu schmausen, eifrig Jagd machte und sie
gierig verschlang. Ein im Flusse gefangener kleiner Fisch war nicht mit
Geld zu erkaufen; der einzige Preis, für den ein solcher Schatz zu
erlangen war, waren einige Händevoll Hafermehl. Der Aussatz, wie er
durch ungewohnte und ungesunde Kost erzeugt wird, machte das Leben zu
einer fortwährenden Qual. Die ganze Stadt wurde durch den Gestank
verpestet, den die Körper der Todten und Halbtodten verbreiteten.
Daß unter Leuten, welche solches Elend erduldeten, Beispiele von
Unzufriedenheit und Insubordination vorkamen, war unvermeidlich. Einmal
hatte man Walker in dem Verdachte, daß er irgendwo Lebensmittel
versteckt halte und im Geheimen schwelge, während er Andere ermahnte,
für die gute Sache muthig zu leiden. Eine genaue Durchsuchung seines
Hauses erwies seine vollkommene Unschuld; er erlangte seine Popularität
wieder, und die Garnison, mit dem Tode vor Augen, drängte sich nach der
Kathedrale, um ihn predigen zu hören, sog mit Wonne seine eindringlichen
Worte ein und verließ das Gotteshaus mit leichenhaften Gesichtern und
schwankenden Schritten, aber mit noch ungebrochenem Muthe. Es wurden
allerdings einige geheime Complotte geschmiedet; einige obscure
Verräther setzten sich mit dem Feinde in Verbindung. Aber solches
Treiben mußte sorgfältig verborgen gehalten werden, und Niemand wagte
öffentlich andere Worte als Worte des Trotzes und der hartnäckigen
Entschlossenheit auszusprechen. Selbst in dieser entsetzlichen Noth war
der allgemeine Ruf: »Keine Übergabe!« Und es fehlte nicht an Stimmen,
welche leise hinzusetzten: »Zuerst die Pferde und die Häute, dann die
Gefangenen, dann Einer den Andren!« Es wurde später halb scherzweise,
aber nicht ohne eine fürchterliche Beimischung von Ernst erzählt, daß
ein wohlbeleibter Bürger, dessen Körperumfang mit den ihn umgebenden
Skeletten seltsam contrastirte, es für rathsam hielt, sich vor den
zahlreichen Augen zu verbergen, die ihn mit cannibalischen Blicken
verfolgten, sobald er sich auf der Straße zeigte.[139]

Die Leiden der Garnison wurden nicht wenig dadurch vermehrt, daß die
englischen Schiffe während dieser ganzen Zeit weit draußen im Foylesee
zu sehen waren. Jede Communication zwischen der Flotte und der Stadt war
fast unmöglich. Ein Taucher, der den Sperrbaum zu passiren versucht
hatte, war ertrunken. Ein Andrer wurde ergriffen und aufgehängt. Die
Signalsprache war kaum verständlich. Am 13. Juli jedoch kam ein in einen
Rockknopf genähtes Stück Papier in Walker's Hände. Es war ein Brief von
Kirke und enthielt die Zusicherung baldiger Erlösung. Aber mehr als
vierzehn Tage des größten Elends waren seitdem verstrichen, und die
Herzen auch der Sanguinischsten begannen zu verzweifeln. Keine Kunst
vermochte es einzurichten, daß die Lebensmittel noch zwei Tage
ausreichten.[140]

    [Anmerkung 139: +Walker's Account.+ »Der fette Mann in
    Londonderry« wurde eine sprüchwörtliche Bezeichnung für eine
    Person, deren Wohlstand den Neid und die Habgier seiner minder
    glücklichen Nebenmenschen erweckte.]

    [Anmerkung 140: So lautete, nach Narcissus Luttrell, der Bericht
    des Kapitains Withers, eines Offiziers, der sich später sehr
    auszeichnete und auf den Pope eine Grabschrift machte.]


[_Angriff auf den Sperrbaum._] Gerade in diesem Augenblicke erhielt
Kirke eine Depesche aus England mit dem bestimmten Befehl, Londonderry
zu entsetzen. In Folge dessen entschloß er sich endlich einen Versuch zu
machen, den er, soweit es sich beurtheilen läßt, schon sechs Wochen
früher mit mindestens gleicher Aussicht auf Erfolg hätte unternehmen
können.[141]

Unter den Kauffahrteischiffen, welche unter seinem Geleite in den
Foylesee gekommen waren, befand sich eines, welches der Mountjoy hieß.
Der Patron desselben, Micajah Browning, gebürtig aus Londonderry, hatte
eine bedeutende Ladung Lebensmittel aus England mitgebracht. Er hatte
sich zu wiederholten Malen sehr nachdrücklich über die Unthätigkeit des
Geschwaders ausgesprochen; endlich erbot er sich, den gefährlichen
Versuch, seinen Mitbürgern Unterstützung zu bringen, zuerst zu
unternehmen, und sein Anerbieten wurde angenommen. Andreas Douglas,
Kapitain des Phönix, der eine große Quantität Mehl aus Schottland an
Bord hatte, erklärte sich bereit, die Gefahr und die Ehre zu theilen.
Die Fregatte Dartmouth von sechsunddreißig Kanonen, unter den Befehlen
des Kapitains Johann Leake, der später ein berühmter Admiral wurde,
sollte die beiden Kauffahrer begleiten.

Es war der 30. Juli. Die Sonne war eben untergegangen, die Abendpredigt
in der Kathedrale war vorüber und die muthlose Versammlung war
auseinandergegangen, als die Schildwachen auf dem Thurme die Segel der
drei Schiffe den Foyle heraufkommen sahen. Das irische Lager gerieth
bald in Alarm. Mehrere Meilen weit auf beiden Ufern des Flusses waren
die Belagerer auf den Beinen. Die Schiffe waren in der größten Gefahr,
denn der Wasserstand war niedrig und das einzige schiffbare Fahrwasser
zog sich sehr nahe am linken Ufer hin, wo sich das Hauptquartier des
Feindes befand und wo die Batterien am zahlreichsten waren. Leake
erfüllte seine Pflicht mit einer Geschicklichkeit und einem Muthe, die
seines edlen Berufes würdig waren, setzte seine Fregatte dem feindlichen
Feuer aus, um die Kauffahrer zu decken und ließ seine Geschütze sehr
wirksam spielen. Endlich erreichte das kleine Geschwader die
gefährlichste Stelle. Hier segelte der Mountjoy voran und fuhr gerade
auf den Sperrbaum los. Die mächtige Barrikade krachte und brach; aber
der Stoß war so heftig gewesen, daß der Mountjoy zurückprallte und im
Schlamme festsaß. Ein Triumphgeschrei erscholl auf beiden Ufern und die
Irländer eilten zu ihren Böten, um das gestrandete Schiff zu entern;
aber der Dartmouth schickte ihnen eine wohlgezielte Breitseite zu, die
sie in Unordnung brachte. In diesem Augenblicke fuhr der Phönix gegen
die Bresche an, welche der Mountjoy gemacht hatte, und war im Nu auf der
andren Seite der Sperrung. Mittlerweile stieg die Fluth rasch, der
Mountjoy wurde wieder flott und bald hatte auch er die zerbrochenen
Balken und schwimmenden Sparren wohlbehalten passirt. Aber sein wackerer
Kapitain war nicht mehr. Eine Kugel von einer der Batterien hatte ihn
getroffen, und er starb den beneidenswerthesten Tod, angesichts der
Stadt, die sein Geburts- und Wohnort war und die er so eben durch seinen
Muth und seine Selbstverleugnung von der fürchterlichsten Art des
Unterganges gerettet hatte. Die Dunkelheit war schon vor dem Beginn des
Kampfes am Sperrbaum hereingebrochen; aber die abgemagerte,
geisterbleiche Menge, welche die Wälle der Stadt bedeckte, sah den Blitz
und hörte den Donner der Geschütze. Als der Mountjoy auf den Grund lief
und das Triumphgeschrei der Irländer auf beiden Ufern ertönte, brach den
armen Belagerten das Herz. Einer, der die namenlose Angst jenes
Augenblicks ertragen hatte, erzählt uns, daß sie einander leichenblaß
vor Entsetzen anstarrten. Und selbst nachdem die Barrikade passirt war,
durchlebten sie noch eine fürchterliche halbe Stunde angstvoller
Ungewißheit. Es war zehn Uhr, als die Schiffe am Quai anlangten. Die
ganze Bevölkerung hatte sich hier versammelt, um sie zu bewillkommnen.
Eine Verschanzung von mit Erde gefüllten Fässern wurde eiligst
errichtet, um den Landungsplatz vor den Batterien des andren Flußufers
zu schützen, und dann ging es an's Ausladen. Zuerst wurden Fässer,
welche sechstausend Bushels Mehl enthielten, an's Ufer gerollt. Dann
kamen große Käse, Tonnen voll Rindfleisch, Speckseiten, Kübel mit
Butter, Säcke mit Erbsen, und Zwieback und Branntweingebinde. Einige
Stunden vorher war jedem der Kämpfer ein halbes Pfund Talg und
dreiviertel Pfund gesalzene Haut mit karger Genauigkeit zugewogen
worden. Die Ration, welche nun Jeder erhielt, bestand aus drei Pfund
Mehl, zwei Pfund Fleisch und einer Pinte Erbsen. Man kann leicht denken,
mit welchen Thränen der Freude bei den Mahlzeiten dieses Abends das
Tischgebet gesprochen wurde. Von Schlaf war auf beiden Seiten des Walles
wenig die Rede. Die Freudenfeuer flackerten lustig den ganzen Wallgürtel
entlang. Die irischen Geschütze brüllten die ganze Nacht durch, und die
ganze Nacht hindurch antworteten die Glocken der geretteten Stadt den
irischen Geschützen mit herausforderndem Geläute. Auch noch den ganzen
31. Juli spielten die feindlichen Batterien. Aber bald nach
Sonnenuntergang sah man im Lager Flammen auflodern und als der Morgen
des 1. Augusts zu grauen begann, bezeichnete nur noch eine Reihe
rauchender Trümmer die Stätte, welche die Zelte der Belagerer kürzlich
eingenommen, und die Bürger sahen in weiter Ferne die lange Colonne von
Piken und Standarten, die sich das linke Ufer des Foyle entlang auf
Strabane zurückzog.[142]

    [Anmerkung 141: Die Depesche, welche Kirke den bestimmten Befehl
    brachte, den Sperrbaum anzugreifen, war von Schomberg
    unterzeichnet, der bereits zum Oberbefehlshaber sämmtlicher
    englischen Streitkräfte in Irland ernannt war. Eine Abschrift
    davon befindet sich unter den Nairne'schen Manuscripten in der
    Bodlejanischen Bibliothek. Wodrow schreibt auf keine andre
    Autorität hin als das Gerede einer Landgemeinde in Dumbartonshire,
    den Entsatz Londonderry's den Ermahnungen eines heldenmüthigen
    schottischen Predigers, Namens Gordon zu. Ich möchte glauben,
    daß ein peremtorischer Befehl von Schomberg weit mehr Einfluß auf
    Kirke hatte, als die vereinte Beredtsamkeit einer ganzen Synode
    von presbyterianischen Geistlichen.]

    [Anmerkung 142: +Walker+; +Mackenzie+; +Histoire de la Revolution
    d'Irlande, Amsterdam 1691+; +London Gazette, Aug. 5.(15.) 1689+;
    Brief von Buchan unter den Nairne'schen Manuscripten; +Life of Sir
    John Leake+; +The Londeriad+; +Observations on Mr. Walker's
    Account of the Siege of Londonderry, licensed Oct. 4. 1689.+]


[_Die Belagerung von Londonderry aufgehoben._] So endete diese große
Belagerung, die denkwürdigste in den Annalen der britischen Inseln.
Sie hatte hundertfünf Tage gedauert und die Garnison war von einem
Effectivbestande von ungefähr siebentausend Mann auf etwa dreitausend
reducirt worden. Der Verlust der Belagerer kann nicht genau angegeben
werden. Walker schätzte ihn auf achttausend Mann. Aus den Depeschen
Avaux' geht mit Gewißheit hervor, daß die Regimenter, welche von der
Blokade zurückkehrten, dergestalt zusammengeschmolzen waren, daß viele
von ihnen nicht mehr als zweihundert Mann zählten. Von sechsunddreißig
französischen Artilleristen, welche die Kanonade geleitet hatten, waren
einunddreißig getödtet oder dienstunfähig gemacht.[143] Die Angriffs-
wie die Vertheidigungsmittel waren unzweifelhaft von der Art, daß sie
die großen Heerführer des Continents zum Lachen gereizt haben würden;
aber eben dieser Umstand verleiht der Geschichte des ganzen Kampfes ein
so eigenthümliches Interesse. Es war ein Kampf nicht zwischen
Ingenieuren, sondern zwischen zwei Nationen, und der Sieg blieb der
Nation, welche zwar an Zahl der andren nachstand, ihr aber in
Civilisation, in Fähigkeit zur Selbstherrschaft und in Beharrlichkeit
überlegen war.[144]

Sobald es bekannt wurde, daß die irische Armee abgezogen war, eilte eine
Deputation aus der Stadt in den Foylesee und lud Kirke ein, das Commando
zu übernehmen. Er kam in Begleitung eines zahlreichen Gefolges von
Offizieren und wurde mit militärischem Gepränge von den beiden
Gouverneurs empfangen, welche ihm die Autorität abtraten, die sie im
Drange der Nothwendigkeit auf sich genommen hatten. Er verweilte nur
wenige Tage, zeigte aber in dieser kurzen Zeit genug von den
unverbesserlichen Fehlern seines Characters, um sich die Achtung einer
durch strenge Moralität und glühenden Gemeinsinn ausgezeichneten
Bevölkerung zu verscherzen. Es erfolgte jedoch kein offener Ausbruch,
denn die Stadt war in der heitersten Stimmung. Von der Flotte waren
solche Massen Lebensmittel gelandet worden, daß in allen Häusern ein nie
gekannter Überschuß herrschte. Wenige Tage vorher wäre man froh gewesen,
wenn man für zwanzig Pence einen Bissen halbverfaultes, von den Knochen
eines verhungerten Pferdes losgekratztes Fleisch bekommen hätte. Jetzt
wurde ein Pfund Rindfleisch für anderthalb Pence verkauft. Unterdessen
waren alle Hände damit beschäftigt, die nur leicht mit Erde bedeckten
Leichname zu entfernen, die Löcher auszufüllen, welche die Bomben in den
Erdboden gerissen hatten, und die zerschossenen Dächer der Häuser
auszubessern. Die Erinnerung an die überstandenen Gefahren und
Entbehrungen und das Bewußtsein, sich um die englische Nation und um
alle protestantischen Kirchen verdient gemacht zu haben, erfüllte die
Herzen der Bewohner mit einem ehrenwerthen Stolze. Dieser Stolz ward
noch erhöht, als sie von Wilhelm ein Schreiben erhielten, welches in den
wohlwollendsten Ausdrücken die Verpflichtung anerkannte, die er den
wackeren und getreuen Bürgern seiner guten Stadt schulde. Die ganze
Einwohnerschaft strömte nach dem Diamantplatze, um die königliche
Zuschrift verlesen zu hören. Am Schlusse gaben sämmtliche Kanonen auf
den Wällen eine Freudensalve, welche von allen auf dem Flusse liegenden
Schiffen erwiedert wurde, dann wurden Alefässer aufgeschlagen und unter
lautem Jubel und Gewehrsalven auf die Gesundheit Ihrer Majestäten
getrunken.

Fünf Generationen sind seitdem vorübergegangen und noch immer ist den
Protestanten von Ulster der Wall von Londonderry das was die Trophäe von
Marathon den Athenern war. Auf weite Entfernung den Foyle hinauf und
hinunter sieht man eine hohe Säule auf einer Bastion, welche viele
Wochen lang das heftigste Feuer des Feindes auszuhalten hatte. Auf der
Spitze dieser Säule steht die Statue Walker's, wie er zur Zeit der
letzten und furchtbarsten Noth durch seine Beredtsamkeit den sinkenden
Muth seiner Brüder wieder belebte. In der einen Hand hält er eine Bibel,
die andre zeigt hinaus auf den Fluß und scheint die Blicke seiner
ausgehungerten Zuhörer auf die englischen Mastspitzen in der fernen
Bucht hinlenken zu wollen. Ein solches Denkmal war wohlverdient, doch
kaum nöthig, denn die ganze Stadt ist bis auf diesen Tag ein Denkmal der
großen Befreiung. Der Wall ist sorgfältig erhalten und keine Rücksicht
der Gesundheit oder Zweckmäßigkeit würde von den Einwohnern für
ausreichend gehalten werden, um die Zerstörung dieser geheiligten Mauern
zu rechtfertigen, die in schlimmer Zeit ihrem Stamme und ihrer Religion
Schutz gewährten.[145] Der Kamm der Festungswerke bildet einen
angenehmen Spaziergang. Die Bastionen sind in kleine Gärten verwandelt,
und hier und da blicken unter den Blumen und Sträuchern die alten
Feldschlangen hervor, welche mit Blei überzogene Backsteinkugeln in die
irischen Reihen sendeten. Ein alterthümliches Geschütz, ein Geschenk der
londoner Fischhändlergilde, zeichnete sich während der hundertfünf
denkwürdigen Tage durch seinen lauten Knall aus und führt noch jetzt den
Namen +Roaring Meg+ (brüllende Margarethe). Die Kathedrale ist mit
Reliquien und Trophäen angefüllt. In der Vorhalle befindet sich eine
riesige Bombe, eine von den vielen hunderten, welche in die Stadt
geworfen wurden. Über dem Altare sieht man noch die französischen
Fahnenstöcke, welche bei einem verzweifelten Ausfalle von der Garnison
erobert wurden. Die weißen Feldzeichen des Hauses Bourbon sind längst in
Staub zerfallen; aber sie sind durch neue Banner, das Werk der schönsten
Hände von Ulster, ersetzt. Der Tag, an welchem die Thore geschlossen und
der Tag, an welchem die Belagerung aufgehoben wurde, sind bis auf unsre
Zeit alljährlich durch Geschützsalven, Umzüge, Festmahle und Predigten
gefeiert worden. Lundy ist +in effigie+ hingerichtet und das Schwert,
das der Sage nach das Schwert Maumont's sein soll, bei feierlichen
Gelegenheiten im Triumphe umhergetragen worden. Noch heute giebt es
einen Walkerclub und einen Murrayclub. Die einfachen Gräber der
protestantischen Anführer sind sorgfältig ausgesucht, wiederhergestellt
und verschönert worden. Es ist unmöglich, die Gesinnung nicht zu achten,
welche aus diesen Zeichen von Pietät spricht. Es ist eine Gesinnung,
welche dem edleren und reineren Theile der menschlichen Natur angehört
und welche die Stärke der Staaten nicht wenig vermehrt. Ein Volk, das
nicht stolz ist auf die großen Thaten ferner Vorfahren, wird nie etwas
vollbringen, was würdig wäre, von fernen Nachkommen mit Stolz in
Andenken gehalten zu werden. Doch kann der Moralist oder der Staatsmann
unmöglich mit ungetrübtem Wohlgefallen die Festlichkeiten, durch welche
Londonderry das Gedächtniß seiner Befreiung feiert, sowie die Ehren
betrachten, die es seinen Befreiern erzeigt. Leider haben sich zugleich
mit dem Ruhme seiner tapferen Kämpfer auch deren Animositäten
fortgeerbt. Die Fehler, welche man gewöhnlich bei herrschenden Kasten
und Secten findet, haben sich bei seinen Festlichkeiten nicht selten
unverhohlen gezeigt, und selbst in die Ausdrücke frommer Dankbarkeit,
welche von seinen Kanzeln herab erschollen, haben sich nur zu oft Worte
des Zornes und des herausfordernden Trotzes gemischt.

Die irische Armee, die sich nach Strabane zurückgezogen hatte, blieb
dort nur sehr kurze Zeit. Der Muth der Truppen war durch den ungünstigen
Ausgang der Belagerung von Londonderry schon niedergedrückt und wurde
bald völlig gebrochen durch die Nachricht von einem anderweitigen harten
Schlage.

    [Anmerkung 143: Avaux an Seignelay, 18.(28.) Juli; an Ludwig,
    9.(19.) August.]

    [Anmerkung 144: »Man sieht hieraus, wie man es die ganze Zeit her
    hat sehen können, daß die Kaufleute von Londonderry zu ihrer
    Vertheidigung mehr Geschick hatten, als die berühmten Offiziere
    der irischen Armee zu ihren Angriffen.« +Light to the Blind.+ Der
    Verfasser dieses Werkes ist wüthend auf die irischen Kanoniere. Er
    ist der Meinung, daß der Sperrbaum nie durchbrochen worden wäre,
    wenn sie ihre Pflicht gethan hätten. Waren sie betrunken? oder
    waren sie Verräther? Er kommt zu keiner Entscheidung über seinen
    Punkt. »Herr,« ruft er aus, »der Du in den Herzen der Menschen
    liesest, wir überlassen es Deiner Barmherzigkeit, in dieser
    Angelegenheit zu richten.« Inzwischen stürzten jene Kanoniere
    Irland ins Verderben.]

    [Anmerkung 145: In einer vor mehr als sechzig Jahren unter dem
    Titel +»Derriana«+ erschienenen Sammlung findet sich ein
    interessanter Brief über diesen Gegenstand.]


[_Operationen gegen die Enniskillener._] Drei Wochen vor dieser Zeit
hatte der Herzog von Berwick über eine Abtheilung der Enniskillener
einen Vortheil errungen und, nach ihrem eignen Eingeständniß, mehr als
funfzig von ihnen getödtet oder gefangen genommen. Sie hofften auf
einige Unterstützung von Kirke, an den sie eine Deputation abgesandt
hatten, und beharrten noch immer auf der Zurückweisung aller vom Feinde
angebotenen Bedingungen. Es wurde daher in Dublin beschlossen, sie von
mehreren Seiten zu gleicher Zeit anzugreifen, Macarthy, der für seine in
Munster geleisteten Dienste mit dem Titel eines Viscount von Mountcashel
belohnt worden war, marschirte von Osten her mit drei Regimentern
Infanterie, zwei Regimentern Dragoner und einigen Reitertrupps gegen den
Ernesee. Ein andres starkes Truppencorps, das unweit der Mündung des
Flusses Drowes lagerte, sollte gleichzeitig vom Westen her vorrücken,
und der Herzog von Berwick sollte mit soviel Reitern und Dragonern, als
das Belagerungsheer von Londonderry entbehren konnte, von der Nordseite
kommen. Die Enniskillener waren über den ganzen Plan, der zu ihrem
Verderben angelegt worden, nicht vollständig unterrichtet; aber sie
wußten, daß Macarthy mit einer größeren Streitmacht, als sie je in's
Feld stellen konnten, unterwegs war. Ihre Angst wurde einigermaßen
gemildert durch die Zurückkunft der Deputation, die sie an Kirke
abgeschickt hatten. Kirke konnte keine Soldaten entbehren, aber er
sandte ihnen etwas Waffen und Munition nebst einigen erfahrenen
Offizieren, unter denen der Oberst Wolseley und der Oberstleutnant Berry
die vornehmsten waren. Diese Offiziere sollten zur See um die Küste von
Donegal herum und den Ernesee heraufkommen. Am Sonntag, den 29. Juli
erfuhr man, daß ihr Boot sich der Insel Enniskillen nähere. Die ganze
männliche und weibliche Bevölkerung kam an's Ufer, um sie zu
bewillkommnen. Nur mit Mühe erreichten sie das Schloß durch die sich um
sie drängenden Menschenmassen, welche Gott dafür dankten, daß das theure
alte England die Engländer nicht ganz vergessen hatte, die im Herzen von
Irland seine Sache gegen eine große Übermacht aufrecht erhielten.

Wolseley scheint für seinen Posten in jeder Hinsicht wohlbefähigt
gewesen zu sein. Er war ein unerschütterlicher Protestant, hatte sich
unter den Leuten von Yorkshire ausgezeichnet, welche für den Prinzen von
Oranien und ein freies Parlament aufgestanden waren, und hatte, wenn
anders dies auf Wahrheit beruht, seinen Eifer für die Freiheit und den
reinen Glauben dadurch bethätigt, daß er den Mayor von Scarborough,
der eine Rede zu Gunsten des Königs Jakob gehalten, auf den Marktplatz
führen und hier in einem Betttuche tüchtig prellen ließ.[146] Dieser
heftige Haß gegen den Papismus war in den Augen der Enniskillener die
erste aller Qualificationen für das Commando, und Wolseley hatte deren
noch andere und gewichtigere. Obgleich er eine regelmäßige militärische
Ausbildung genossen hatte, scheint er doch vorzugsweise zur Führung
irregulärer Truppen befähigt gewesen zu sein. Kaum hatte er das
Obercommando übernommen, so erhielt er die Nachricht, daß Mountcashel
das Schloß Crum belagert habe. Crum war die Grenzfeste der Protestanten
von Fermanagh. Die Trümmer der alten Festungswerke gehören jetzt zu den
Zierden eines schönen Parks, der auf einem den Ernesee beherrschenden
waldigen Vorgebirge angelegt ist. Wolseley beschloß, den belagerten
Platz zu entsetzen. Er schickte Berry mit soviel Truppen als
augenblicklich aufbrechen konnten, voraus und versprach, baldigst mit
einem stärkeren Corps nachzufolgen.

    [Anmerkung 146: +Bernardi's Life of Himself, 1787.+]


[_Schlacht bei Newton Butler._] Nachdem Berry einige Meilen weit
marschirt war, stieß er auf dreizehn Compagnieen von Macarthy's
Dragonern unter dem Commando Anton Hamilton's, des Glänzendsten und
Gebildetsten von allen seines Namens, aber als Soldat viel weniger
glücklich denn als Hofmann, als Liebesheld und als Schriftsteller.
Hamilton's Dragoner ergriffen beim ersten Feuer die Flucht; er wurde
schwer verwundet, und sein Nachfolger im Commando wurde todtgeschossen.
Macarthy eilte Hamilton sofort zu Hülfe und zu gleicher Zeit kam
Wolseley zur Unterstützung Berry's an. Die beiden feindlichen Armeen
standen einander nun gegenüber. Macarthy hatte ungefähr fünftausend Mann
und mehrere Geschütze. Die Enniskillener zählten nicht dreitausend Mann,
und sie waren so eilig ausgerückt, daß sie nur auf einen Tag
Lebensmittel mitgenommen hatten. Es war daher durchaus nothwendig,
daß sie entweder sofort losschlugen oder sich zurückzogen. Wolseley
beschloß, die Meinung seiner Leute darüber zu hören, und dieser
Entschluß, der unter gewöhnlichen Verhältnissen eines Generals höchst
unwürdig gewesen wäre, war vollkommen gerechtfertigt durch die
eigenthümliche Zusammensetzung und Stimmung der kleinen Armee, welche
aus Gentlemen und Freisassen bestand, die nicht um Sold, sondern für ihr
Grundeigenthum, ihre Frauen, ihre Kinder und ihren Gott kämpften.
Die Mannschaften wurden unter's Gewehr gerufen und ihnen die Frage
vorgelegt: »Vorrücken oder Zurückgehen?« Die Antwort war der einstimmige
Ruf: »Vorrücken!« Hierauf gab Wolseley das Feldgeschrei: »Kein
Papismus«, das mit lautem Beifall begrüßt wurde, und traf dann sofort
seine Anstalten zum Angriff. Als er vorrückte, begann der Feind zu
seinem großen Erstaunen sich zurückzuziehen. Die Enniskillener wollten
ihn mit aller Hast verfolgen, aber ihr Anführer, der eine Schlinge
vermuthete, zügelte ihren Eifer und verbot ihnen auf das Bestimmteste,
ihre Reihen aufzulösen. So zog sich die eine Armee in guter Ordnung
durch das Städtchen Newton Butler zurück und die andre folgte in eben so
guter Ordnung. Ungefähr eine Meile jenseit dieser Stadt machten die
Irländer Front und Halt. Ihre Stellung war gut gewählt. Sie waren auf
einer Anhöhe aufgestellt, an deren Fuße sich ein tiefer Sumpf befand.
Eine schmale gepflasterte Hochstraße war der einzige Weg, auf dem die
Reiterei der Enniskillener vorgehen konnte, denn zur Rechten und Linken
waren Sumpflachen und Torfgruben, welche den Pferden keinen festen Grund
darboten. Macarthy postirte seine Kanonen so, daß ihr Feuer diesen Weg
bestrich.

Wolseley commandirte seine Infanterie zum Angriff. Sie arbeitete sich
durch den Sumpf, gewann wieder festen Boden und warf sich auf die
Geschütze. Hier entspann sich nun ein kurzer und verzweifelter Kampf.
Die irischen Kanoniere hielten tapfer bei ihren Feldstücken aus, bis sie
sämmtlich niedergehauen waren. Jetzt kamen die Enniskillener Reiter,
welche nicht mehr Gefahr liefen, durch das Feuer der Artillerie
niedergemäht zu werden, rasch den Dammweg herauf. Die irischen Dragoner,
welche schon am Morgen Reißaus genommen hatten, wurden abermals von
einem panischen Schrecken ergriffen und galoppirten, ohne einen Schlag
gethan zu haben, vom Schlachtfelde. Die schwere Reiterei folgte ihrem
Beispiele. Das Entsetzen der Fliehenden war so groß, daß viele von ihnen
ihre Pferde so lange spornten, bis sie stürzten und dann die Flucht zu
Fuß fortsetzten, nachdem sie Carabiner, Säbel und selbst Waffenröcke als
beim Laufen hinderlich weggeworfen hatten. Als die Infanterie sich so
verlassen sah, warf sie ebenfalls Piken und Gewehre fort und suchte ihr
Heil in der Flucht. Die Sieger gaben sich nun der blutdürstigen Wildheit
hin, welche gewöhnlich die Bürgerkriege Irland's befleckt hat. Das
Gemetzel war fürchterlich. Nahe an funfzehnhundert der Besiegten wurden
niedergemacht. Etwa fünfhundert Andere schlugen, da sie die Gegend nicht
kannten, einen Weg ein, der nach dem Ernesee führte. Der See war vor
ihnen, der Feind im Rücken; sie sprangen in's Wasser und ertranken.
Macarthy, von seinen Truppen verlassen, stürzte sich mitten unter die
Verfolger und war nahe daran, den Tod zu finden, den er suchte. Er war
an mehreren Stellen verwundet und zu Boden geschlagen; noch einen
Augenblick, und ein Flintenkolben würde ihm das Lebenslicht ausgeblasen
haben, wäre er nicht erkannt und gerettet worden. Die Colonisten hatten
nur zwanzig Todte und fünfzig Verwundete. Sie machten vierhundert
Gefangene und erbeuteten sieben Kanonen, vierzehn Fässer Schießpulver,
sowie sämmtliche Trommeln und Fahnen des besiegten Feindes.[147]

    [Anmerkung 147: +Hamilton's True Account+; +Mac Cormick's Further
    Account+; +London Gazette, Aug. 22. 1689+; +Life of James+; Avaux
    an Ludwig vom 4.(14.) August, und an Lourois von dem nämlichen
    Datum. Story erwähnt eines Gerüchts, daß der panische Schrecken
    unter den Irländern durch das Versehen eines Offiziers verursacht
    worden sei, welcher »Rechts um kehrt Euch!« (+Right about face+)
    anstatt »Augen rechts!« (+Right face+) commandirte. Weder Avaux
    noch Jakob hatten etwas von diesem Versehen erfahren. In der That,
    die Dragoner, welche das Beispiel der Flucht gegeben hatten, waren
    nicht gewohnt, erst das Commando zu erwarten, ehe sie einem Feinde
    den Rücken kehrten. Sie waren schon einmal an dem nämlichen Tage
    davon gelaufen. Avaux giebt eine sehr einfache Erzählung der
    Niederlage. +»Ces mesmes dragons qui avoient fuy le matin
    laschèrent le pied avec lout le reste de la cavalerie, sans tirer
    un coup de pistolet; et ils s'enfuirent tous avec une telle
    épouvante qu'ils jettèrent mousquetons, pistolets, et espées; et
    la plupart d'eux, ayant erevé leurs chevaux, se deshabillèrent
    pour aller plus viste à pied.«+]


[_Bestürzung der Irländer._] Die Schlacht bei Newton Butler wurde an
demselben Nachmittage gewonnen, an welchem die durch den Foyle geworfene
Barrikade durchbrochen wurde. In Strabane traf die Nachricht die auf dem
Rückzuge von Londonderry begriffene celtische Armee. Der Schrecken und
die Verwirrung waren groß; die Zelte wurden abgebrochen, ganze
Wagenladungen Kriegsvorräthe wurden in den Mourne geworfen, und die
entsetzten Irländer flohen unter Zurücklassung vieler Kranker und
Verwundeter, die sie der Gnade der siegreichen Protestanten preisgaben,
nach Omagh und von da weiter nach Charlemont. Sarsfield, welcher in
Sligo commandirte, sah sich gezwungen, diese Stadt aufzugeben, welche
alsbald von einer Abtheilung Kirke'scher Truppen besetzt wurde.[148]
Dublin war in großer Bestürzung. Jakob ließ Äußerungen fallen, welche
seine Absicht verriethen, nach dem Continent zu fliehen. Schlimme
Nachrichten stürmten in der That rasch hintereinander auf ihn ein. Fast
zu der nämlichen Zeit, als er erfuhr, daß eine seiner Armeen die
Belagerung von Londonderry aufgehoben hatte und daß eine andre bei
Newton Butler geschlagen worden war, empfing er kaum minder
entmuthigende Botschaften aus Schottland.

Es wird jetzt nöthig, den Gang der Ereignisse zu erzählen, denen
Schottland seine politische und religiöse Freiheit, seinen Aufschwung
und seine Civilisation verdankt.

    [Anmerkung 148: +Hamilton's True Account.+]



Stereotypie und Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.


       *       *       *       *       *
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Druckfehler und Unregelmässigkeiten

Rechtschreibungsformen wie »funfzig« : »fünfzig« oder »Urtel« :
»Urtheil« sind ungeändert. Die Namen »Dover« und »Dower« sind ebenso
ungeändert (auch wenn es um die selbe Person handelt). Weitere:

  Geschicht(s)schreiber
  angesehen(d)ste
  Heimath(s)land
  Betttuch  [immer mit drei »t«]


XI. Kapitel

  Petre wieder in den Staatsrath berufen  [Peter]
  Interessen des Staats berührten  [beührten]
  die nöthigen Vorlagen zu beschaffen  [nöthgen]
  sich ... aus seinem Palaste entfernt gehabt  [entfert]
  die Nation zur Zeit der Revolution gespalten war  [Revolultion]
  sie ungetheilt und wie Ein Mann handelten  [_ungeändert_]
  des Hauses der Gemeinen seien sämmtlich Laien  [sämmtich]
  [Anm. 94] Burnet II. 7, 8, 9  [7, 8, 9,]
  [Anm. 104] dem Earl von Dalkeith  [Dalekith]
  das Ende des vergangenen Jahres die  [vergangenenen]


  XII. Kapitel

  Rice sollte erklärt haben  [erkärt]
  die Bevölkerung belief sich auf hundertachtzig Seelen  [Bevölkrung]
  [_Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu pacificieren._]
    [pacifiren; _Inhalt hat »pacificieren«_]
  William Stewart, Viscount von Mountjoy, wurde beauftragt  [Montjoy]
  und vortheilhaften Kapitulation bewogen werden könnte.[29]
    [_Anmerkungszeichen ***) fehlt: aus Englische Ausgabe erschafft_]
  von dem lebenden Thiere Stücke loszuschneiden  [loszuscheiden]
  [Anm. 50] Mac Cormick's Further Impartial Account  [Mac Cormack's]
  Cunningham und mehrere von seinen Offizieren  [Cunnigham]
  [Anm. 94] ayant toujour's servi  [_ungeändert_]
  [Anm. 102] in rohen Possen, wie die +Royal Flight+  [Fligth]
  [Anm. 109] +Light to the Blind+ ... against Writs of Error
    [Ligth ... Wits of Error]
  »Ich habe,« sagte er  [_« fehlt_]
  der Protestanten in Irland hervorgerufen  [herorgerufen]
  in Munster, Connaught und Leinster  [Connaugth]
  und dem militärischen Abenteurer  [miltärischen]
  begann der Feind zu seinem großen Erstaunen  [Erstauen]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. - Sechster Band: enthaltend Kapitel 11 und 12" ***

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