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Title: Aurelia oder der Traum und das Leben
Author: Nerval, Gérard de, 1808-1855
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Gérard de Nerval

Aurelia

oder

Der Traum und das Leben


Deutsch von
Hedwig Kubin


Mit siebenundfünfzig Zeichnungen von
Alfred Kubin



M·C·M·X

München und Leipzig / bei Georg Müller



»Seit seiner letzten Reise nach Deutschland vergaß Gérard,
der mehr wie je von einem rätselhaften Sehnen nach der Unendlichkeit
geplagt wurde, oft, daß er auf der Erde war. Er
fühlte, daß er den Boden verlor und ins Leere trat; er wand
sich der Vergangenheit zu, um das Leben wieder zu erfassen
und sich noch lebendig zu glauben. Seine letzten Seiten zeugen
von dieser Vorliebe für die Vergangenheit; er hatte alle Bücher
geschlossen, ausgenommen das Buch seiner Seele; er las keine
Gedichte mehr außer denen auf seine eigenen Liebeserlebnisse.
Er ahnte, daß derTod ihn holen würde; und wie ein Wanderer,
der die Nacht hereinbrechen sieht, kehrte er um und
warf noch einen Blick auf die zurückgelegten Strecken. Von
allen zertrümmerten Denkmälern seines Herzens pflückte er
ehrfurchtsvoll das Mauerkraut.«

Arsène Houssaye.



Vorwort


Gérard de Nerval wurde am 22. Mai 1809 als Sohn eines Militärarztes in
Paris geboren. Er wurde nicht ganz 46 Jahre alt, -- er starb am 25. Januar
1855. Sein eigentlicher Name war Gérard Labrunie.

Da seine Mutter ihrem Gatten zum Heere folgte und sehr früh starb, was der
Dichter in der hier übersetzten Novelle »Aurelia« auch erwähnt, wurde der
Knabe im Valois bei einem seiner Oheime erzogen. Er besuchte das Gymnasium
und obwohl er hie und da lieber in Wald und Feld herumstreifte, als auf der
Schulbank zu sitzen, war er doch der Stolz der Schule und der Gegenstand
der Bewunderung seiner Kameraden, denn er dichtete kaum achtzehn Jahre alt
seine »Elégies nationales«. Auch seine Faust-Übersetzung, die heute noch zu
den besten gezählt wird, erschien schon zu dieser Zeit, und Goethe hat dem
jungen Nerval in einem eigenhändigen Schreiben dafür gedankt. Nerval hat
diesen Brief aufbewahrt, und obwohl er sonst wegen seiner Bescheidenheit
bekannt war, zeigte er ihn gern seinen Freunden und versicherte, daß die
Anerkennung des großen deutschen Dichters ihn mit Stolz erfülle.

Zu diesen Freunden gehörten in erster Linie Théophile Gautier, Arsène
Houssaye und viele andere. Nerval hatte das Glück, schon von seinen
Zeitgenossen gewürdigt zu werden. Die Freunde ertrugen seine bizarren
Launen geduldig und bemühten sich, ihm alle Hindernisse aus dem Weg zu
räumen. Wie oft hielt er seine Verabredungen nicht! Wie häufig kam es vor,
daß sein Vater, bei dem er regelmäßig Donnerstags und Sonntags speiste, ihn
vergeblich erwartete! Erst nach längerer Zeit erfuhr man in solchen Fällen,
daß der Dichter eine seiner großen Reisen angetreten hatte!

Nerval hat viel von der Welt gesehen. Er bereiste Deutschland, Ägypten,
Syrien, die Türkei. Diese Reisen regten ihn zu seinen Hauptwerken an, vor
allem zu dem großen Drama: »Die Königin von Saba«, das schon wegen seiner
ungeheuren Dimensionen nicht auf das Theater gebracht werden konnte. Am
meisten Interesse zeigte der Dichter für die Sitten und Gebräuche der
Völkerschaften, die er auf seinen Reisen kennen lernte. Er neigte stark zur
Mystik und als von seinem dreißigsten Lebensjahr an sein Geist anfing,
gewissen krankhaften Anfällen zu unterliegen, verstärkte sich dieser Hang.

Das Werk, welches wir hier veröffentlichen, steht wohl in der Literatur
einzigartig da, denn in »Aurelia« erzählt und beschreibt der Kranke selbst
seine Zustände und Visionen. Er berichtet, daß er in der Irrenanstalt
angefangen habe, die Geschichte seiner Krankheit zu schreiben, die ihn bis
zu seinem Lebensende nur vorübergehend verließ. Die letzten, hier
veröffentlichten Seiten fanden die Freunde in der Tasche des Toten; er hat
sich noch bis in die letzten Tage, vielleicht Stunden, mit diesem
Manuskript beschäftigt. Viele glauben, daß sein Tod kein natürlicher
gewesen ist, sondern daß er seinem Leben gewaltsam ein Ende gemacht hat.
Bei seinem Geisteszustand ist es nicht unwahrscheinlich, aber Gewißheit hat
man darüber nicht.

Gérard de Nerval hat auch schon in seinen gesunden Tagen ein sonderbares
Leben geführt. Nirgends blieb er lange und vor allem war es ihm zuwider in
seiner Wohnung zu schlafen. Er streifte Tage und Nächte lang rastlos in den
Straßen von Paris umher, machte sich Notizen über seine Beobachtungen und
besuchte seine Freunde, wenn er gerade an ihren Haustüren vorüberkam. Er
konnte es nicht ertragen, durch ein Versprechen an einen Besuch zu
bestimmter Stunde gebunden zu sein.

Er war von Haus aus nicht unvermögend, auch fiel ihm einmal eine kleine
Erbschaft zu. Da außerdem die Zeitungen und Zeitschriften über jede Zeile
von seiner Hand froh waren, hätte er leicht ein behagliches Leben im
Wohlstand führen können. Aber das widerstrebte seiner Natur. Hatte er Geld,
so kaufte er oft auf Auktionen Kunstgegenstände, die er dann bisweilen bei
irgendeinem Freund einstellte, um sie nach kurzer Zeit zu vergessen. Nur
wenn er eine Auslandreise vorhatte, vermochte er zu sparen.

Gérard de Nerval war als Schriftsteller nicht gerade fleißig. Er hat sich
oft wiederholt und unter seinen dramatischen Versuchen ist nicht viel
Wertvolles zu finden. Die Gestalt des »Faust«, dessen Einführung in
Frankreich ihm so frühen Ruhm verschaffte, soll seinen Geist so ausgefüllt
haben, daß eigene Gestaltungsversuche stets Züge des großen Vorbildes
annahmen.

Lesenswert sind noch einige seiner Novellen, besonders aber die anschaulich
geschriebene, sehr eigenartige Erlebnisse schildernde »Orientreise«.

HEDWIG KUBIN.



Erster Teil



I.


DER Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die
Elfenbein- oder Horntore dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt
scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine
nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir können den genauen
Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit
des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt sich
allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in ernster
Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit
bewohnen. Dann nimmt das Bild Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet
diese Erscheinungen in wunderlichem Spiel: -- es öffnet sich uns die Welt
der Geister.

Swedenborg nannte diese Visionen »Memorabilia«; er verdankte sie öfter der
Träumerei als dem Schlaf; der »goldene Esel« des Apulejus, die »göttliche
Komödie« Dantes, sind die dichterischen Vorbilder dieser Studien über die
menschliche Seele. Ich will nach ihrem Beispiel versuchen, die Eindrücke
einer langen Krankheit niederzuschreiben, die sich ganz in den Mysterien
meines Geistes abgespielt hat; -- und ich weiß nicht, warum ich mich des
Ausdrucks »Krankheit« bediene, denn niemals habe ich mich, was mich selbst
betrifft, wohler gefühlt. Mitunter hielt ich meine Kraft und meine
Fähigkeit für verdoppelt. Es schien mir, als wüßte und verstände ich alles,
die Einbildungskraft brachte mir unendliche Wonnen. Soll man bedauern sie
verloren zu haben, wenn man das, was die Menschen Vernunft nennen,
wiedererlangt hat?

Jene »vita nuova« hat für mich zwei Phasen gehabt. Diese Aufzeichnungen
beziehen sich auf die erste. -- Eine Dame, die ich lange geliebt hatte, und
die ich Aurelia nennen werde, war für mich verloren. Die Umstände dieses
Ereignisses, das einen so großen Einfluß auf mein Leben haben sollte, sind
unwichtig. Jeder kann aus seinen Erinnerungen die herzzerreißendste
Gemütsbewegung, den fürchterlichsten Schicksalsschlag der Seele
hervorsuchen; man muß sich da entschließen zu sterben oder zu leben; -- ich
werde später sagen, warum ich nicht den Tod gewählt habe. Die ich liebte,
hatte mich verurteilt, ich war eines Vergehens schuldig, für das ich keine
Verzeihung mehr erhoffen konnte; so blieb mir nichts übrig, als mich den
niedrigen Betäubungen zu ergeben; ich heuchelte Freude und Sorglosigkeit,
ich durchkreuzte die Welt und jagte unsinnig hinter Wechsel und Laune her;
vor allem gefielen mir die Trachten und absonderlichen Sitten entfernter
Völkerschaften. Es war mir, als ob ich so die Vorbedingungen von Gut und
Böse verschob, die Ausdrücke sozusagen für das was wir Franzosen »Gefühl«
nennen.

»Welche Verrücktheit,« sagte ich mir, »eine Frau, die dich nicht mehr
liebt, so platonisch zu lieben! Daran ist meine Lektüre schuld; ich habe
die Erfindungen der Dichter ernst genommen, und ich habe mir aus einer
gewöhnlichen Persönlichkeit unseres Jahrhunderts eine Laura oder Beatrice
gemacht . . . . . . Auf zu andern Abenteuern und dieses wird bald vergessen
sein!« -- Der Taumel eines fröhlichen Karnevals in einer Stadt Italiens
verjagte all meine melancholischen Gedanken. Ich war so glücklich über die
Erleichterung, die ich empfand, daß ich all meinen Freunden meine Freude
mitteilte, und in meinen Briefen gab ich das als beständigen Geisteszustand
aus, was nur fieberhafte Überreizung war.

Eines Tages kam in die Stadt eine Frau von großem Ruf, die mit mir
Freundschaft schloß, und da sie gewohnt war zu gefallen und zu blenden, zog
sie mich mühelos in den Kreis ihrer Bewunderer. Nach einer
Abendgesellschaft, wo sie gleichzeitig natürlich und von einem Reiz erfüllt
gewesen war, dessen Einwirkung alle spürten, fühlte ich mich in einer Weise
in sie verliebt, daß ich keinen Augenblick zögern wollte an sie zu
schreiben. Ich war so glücklich, mein Herz einer neuen Liebe fähig zu
fühlen! . . . . . . Ich borgte in dieser künstlichen Begeisterung dieselben
Ausdrücke, die so kurze Zeit vorher mir gedient hatten, um eine wahrhafte
und lang empfundene Liebe zu schildern. Als der Brief abgesandt war, hätte
ich ihn zurückhalten mögen, und ich begann in der Einsamkeit von dem zu
träumen, was ich eine Entweihung meiner Erinnerungen nannte. --

Der Abend gab meiner neuen Liebe den ganzen Zauber des vorhergehenden Tages
wieder. Die Dame zeigte sich empfänglich für das, was ich ihr geschrieben
hatte, wobei sie einiges Erstaunen über meine plötzliche Glut erkennen
ließ. Ich hatte an einem Tage mehrere Grade der Gefühle übersprungen, die
man für eine Frau mit dem Schein der Aufrichtigkeit fassen kann. Sie
gestand mir, daß es sie erstaune und zugleich mit Stolz erfülle. Ich
versuchte sie zu überzeugen; aber was ich ihr auch immer sagen wollte, ich
konnte in der Folge in unsern Unterhaltungen den rechten Ton meines
Briefstils nicht mehr wiederfinden, so daß ich gezwungen war ihr mit Tränen
zu gestehen, daß ich mich geirrt hätte, indem ich sie täuschte. Meine
rührenden Geständnisse hatten immerhin einigen Reiz, und eine in ihrer
Milde viel stärkere Freundschaft folgte auf vergebliche
Zärtlichkeitsversicherungen.



II.


SPÄTER begegnete ich ihr in einer anderen Stadt, wo sich die Dame befand,
die ich immer noch ohne Hoffnung liebte. Ein Zufall machte sie miteinander
bekannt, und die erste hatte zweifellos Gelegenheit, die, welche mich aus
ihrem Herzen verbannt hatte, in Hinsicht auf mich zu rühren, so daß ich sie
eines Tages, als ich mich in einer Gesellschaft befand, an der auch sie
teilnahm, auf mich zukommen und mir die Hand entgegenstrecken sah. Wie soll
ich diesen Schritt und den tiefen traurigen Blick beschreiben, mit dem sie
ihren Gruß begleitete? Ich glaubte darin die Verzeihung für die
Vergangenheit zu lesen. Der göttliche Ausdruck des Mitleids gab den
einfachen Worten, die sie an mich richtete, einen unaussprechlichen Wert,
wie wenn sich etwas Religiöses in die Süßigkeiten einer bis dahin profanen
Liebe gemischt hätte und ihr den Stempel der Ewigkeit aufdrückte.

Eine gebieterische Pflicht zwang mich nach Paris zurückzukehren, aber ich
faßte sogleich den Entschluß, nur wenige Tage dort zu bleiben und zu meinen
beiden Freundinnen zurückzueilen. Die Freude und die Ungeduld versetzten
mich in eine Art Betäubung, die sich mit der Sorge für die Geschäfte
verwickelte, die ich zu beenden hatte. Eines Abends, gegen Mitternacht,
ging ich wieder die Vorstadtstraße entlang, wo sich meine Wohnung befand.
Als ich zufällig die Augen aufhob, erkannte ich die Nummer des Hauses, die
durch einen Gasarm erleuchtet war. Diese Zahl war die meines Alters. Gleich
darauf sah ich, als ich den Blick wieder senkte, vor mir eine Frau von
fahler Gesichtsfarbe mit hohlen Augen, die mir die Züge von Aurelia zu
haben schien. Ich sagte mir: »Ihr, oder mein Tod wird mir angekündigt!«
Aber ich weiß nicht, warum ich bei der letzten Annahme stehen blieb und ich
erschreckte mich mit der Idee, daß es am folgenden Tag um dieselbe Stunde
sein würde.

In dieser Nacht hatte ich einen Traum, der diesen Gedanken in mir
befestigte. Ich irrte in einem weitläufigen Gebäude, das aus mehreren Sälen
bestand, von denen die einen dem Studium gewidmet waren, während die andern
der Unterhaltung oder philosophischen Diskussionen dienten. Ich blieb voll
Interesse in einem der ersten stehen, wo ich meine alten Lehrer und
Mitschüler zu erkennen glaubte. Die Stunden über die lateinischen und
griechischen Schriftsteller nahmen ihren Fortgang mit diesem eintönigen
Gemurmel, das ein Gebet zur Göttin Mnemosyne zu sein scheint. -- Ich ging
in einen andern Saal, wo philosophische Vorträge stattfanden. Ich nahm
einige Zeit teil daran, dann ging ich hinaus, um mein Zimmer in einer Art
Gasthaus mit ungeheuren Treppen zu suchen, das voll war von geschäftigen
Reisenden.

Ich verirrte mich mehrere Male in den langen Gängen und als ich eine der
Mittelgalerien kreuzte, wurde ich von einem seltsamen Schauspiel
überrascht. Ein Wesen von unermeßlicher Größe -- ob Mann oder Frau weiß ich
nicht -- hielt sich mühsam über dem Raum in der Schwebe und schien sich
zwischen dem dichten Gewölk zu überschlagen. Da es ihm an Atem und Kraft
gebrach, fiel es endlich mitten in den dunkeln Hof, wobei es mit seinen
Flügeln am Dach und an den Balustraden bald hängen blieb und bald sich
stieß.

Ich konnte es einen Augenblick betrachten. Es war in hochroten Tönen
gefärbt und seine Flügel schillerten in tausendfach wechselndem
Widerschein. In seinem langen Kleid mit antikem Faltenwurf glich es dem
Engel der Melancholie von Albrecht Dürer. Ich konnte mich nicht enthalten,
Schreie des Entsetzens auszustoßen, die mich plötzlich aufweckten.

Am folgenden Tag beeilte ich mich, alle meine Freunde aufzusuchen. Ich
sagte ihnen in Gedanken Lebewohl und ohne ihnen etwas von dem zu verraten,
was meinen Geist beschäftigte, erörterte ich mit Wärme mystische
Gegenstände; ich erstaunte sie durch eine besondere Beredsamkeit; es kam
mir vor, als wüßte ich alles und als enthüllten sich mir die Geheimnisse
der Welt in diesen erhabenen Stunden.

Am Abend als die verhängnisvolle Stunde sich zu nähern schien, sprach ich
mit zwei Freunden am Tisch eines Klubs über Malerei und Musik und erklärte
von meinem Standpunkt aus die Entstehung der Farben und den Sinn der
Zahlen. Einer von ihnen, namens Paul ***, wollte mich nach Hause begleiten,
aber ich sagte ihm, daß ich nicht heim ginge. »Wo gehst du hin?« frug er
mich. »NACH DEM ORIENT.« Und während er mich begleitete, suchte ich am
Himmel nach einem Stern, den ich zu kennen glaubte, wie wenn er einigen
Einfluß auf mein Geschick hätte. Nachdem ich ihn gefunden, setzte ich
meinen Weg fort und folgte den Straßen, in deren Richtung er sichtbar war.
Ich ging sozusagen meinem Geschick entgegen und wollte den Stern beobachten
bis zu dem Augenblick, wo der Tod mich treffen würde. Als ich indessen an
eine Kreuzung von drei Straßen gelangt war, wollte ich nicht mehr weiter
gehen. Es schien mir, als wenn mein Freund eine übermenschliche Kraft
entfalte, um mich zu veranlassen, den Platz zu wechseln; er wuchs vor
meinen Augen und bekam die Züge eines Apostels. Ich glaubte zu sehen, wie
der Ort, wo wir uns befanden, sich erhob und die Form seines städtischen
Aussehens verlor. Die Szene verwandelte sich in einen Hügel, den ungeheure
Einsamkeit umgab; sie zeigte den Kampf zweier Geister wie eine biblische
Versuchung.

»Nein!« sagte ich, »ich gehöre nicht deinem Himmel an. Auf diesem Stern
sind die, welche mich erwarten. Sie waren schon vor der Offenbarung, die du
angekündigt hast. Laß mich zu ihnen, denn die ich liebe weilt an jenem Ort
und dort sollen wir uns wiederfinden.«



III.


HIER hat für mich das begonnen, was ich das Hineinwachsen des Traums in das
wirkliche Leben nennen will. Von diesem Moment gewann alles mitunter ein
doppeltes Aussehen -- und zwar ohne daß das Denken jeder Logik entbehrt und
das Gedächtnis die geringsten Einzelheiten dessen, was mir widerfuhr,
verloren hätte. Nur meine scheinbar sinnlosen Handlungen waren dem
unterworfen, was man nach der menschlichen Vernunft »Illusion« nennt.

Der Gedanke ist mir sehr häufig gekommen, daß sich in gewissen ernsten
Augenblicken des Lebens ein solcher Geist der äußern Welt plötzlich in der
Gestalt einer alltäglichen Person verkörperte und auf uns wirkte oder zu
wirken versuchte, ohne daß diese Person Kenntnis davon hatte oder eine
Erinnerung daran bewahrte.

Mein Freund hatte mich verlassen als er sah, daß seine Anstrengungen
nutzlos waren und hielt mich zweifellos für die Beute irgendeiner fixen
Idee, die das Gehen beruhigen würde. Als ich allein war, erhob ich mich mit
Anstrengung und machte mich wieder auf den Weg, wobei ich der Richtung des
Sternes folgte, auf den ich den Blick unaufhörlich heftete. Ich sang im
Gehen eine geheimnisvolle Hymne, deren ich mich aus einem früheren Leben zu
entsinnen glaubte und die mich mit unsäglicher Freude erfüllte.
Gleichzeitig legte ich meine irdischen Kleider ab und streute sie um mich
aus. Der Weg schien stets anzusteigen und der Stern größer zu werden. Dann
blieb ich mit ausgebreiteten Armen stehen und erwartete den Augenblick, wo
die magnetisch in den Strahl des Sterns gezogene Seele sich vom Körper
trennen würde. Da fühlte ich einen Schauer; die Sehnsucht nach der Erde und
denen, die ich dort liebte, griff mir ans Herz; ich beschwor innerlich den
GEIST, der mich anzog, so inbrünstig, daß es mir schien als sänke ich
wieder zu den Menschen zurück; -- ich geriet unter Soldaten, die die
Nachtrunde machten. Da hatte ich die Idee, daß ich sehr groß geworden sei,
und daß ich durch eine Flut von elektrischen Kräften alles niederwerfen
würde, was sich mir näherte. Es war etwas Komisches in der Sorgfalt, mit
der ich meine Kräfte im Zaum hielt und das Leben der Soldaten, die mich
aufgehoben hatten, verschonte.

Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es die Aufgabe eines Schriftstellers
ist, aufrichtig zu schildern, was er in den ernsten Lebensumständen
empfindet, und wenn ich mir nicht ein Ziel steckte, das ich für nützlich
halte, würde ich hier aufhören und nicht versuchen das zu beschreiben, was
ich dann in einer Reihe von vielleicht sinnlosen oder gewöhnlichen,
krankhaften Visionen empfand.

Ich lag ausgestreckt auf einem Feldbett und glaubte zu sehen, wie der
Himmel sich entschleierte und sich in tausend Ausblicken von unerhörten
Herrlichkeiten öffnete. Das Schicksal der befreiten Seele schien sich mir
zu enthüllen, wie um mir Bedauern darüber einzuflößen, daß ich wieder mit
allen Kräften meines Geistes auf der Erde Fuß fassen wollte, die ich zu
verlassen im Begriff war. Ungeheure Kreise zeichneten sich in die
Unendlichkeit ab wie die Ringe auf dem Wasser, das der Fall eines Körpers
beunruhigt; jede Region war von strahlenden Gestalten bevölkert und färbte,
bewegte und löste sich abwechselnd auf, und eine sich immer gleiche
Gottheit warf lächelnd die heimlichen Masken ihrer verschiedenen
Inkarnationen von sich ab und floh endlich unergreifbar in die mystische
Helle des Himmels Asiens.

Dieses himmlische Gesicht machte mich durch eines jener Phänomene, die
jedermann in gewissen Träumen gefühlt hat, nicht gleichgültig gegen das,
was um mich herum vorging. Ich lag auf einem Feldbett und hörte, wie die
Soldaten sich um mich herum von einem Unbekannten unterhielten, den man wie
mich aufgegriffen hatte, und dessen Stimme in dem gleichen Saal
widerhallte. Durch eine sonderbare Vibrationswirkung schien es mir, als ob
diese Stimme in meiner Brust mitklänge, und daß meine Seele sich sozusagen
verdoppelte, wobei sie sich deutlich zwischen der Vision und der
Wirklichkeit teilte. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken mich mit
Anstrengung nach dem herumzudrehen, von dem die Rede war; dann zitterte ich
bei der Erinnerung an eine in Deutschland wohlbekannte Überlieferung,
wonach jeder Mensch einen DOPPELGÄNGER hat, und daß, wenn er ihn sieht,
sein Tod nahe sei. -- Ich schloß die Augen und kam in einen verwirrten
Geisteszustand, wo die eingebildeten oder wirklichen Gestalten, die mich
umgaben, in tausend flüchtige Erscheinungen zerbarsten. Einen Augenblick
sah ich nahe bei mir zwei meiner Freunde, die nach mir fragten. Die
Soldaten wiesen auf mich; dann öffnete sich die Tür und jemand von meiner
Gestalt, dessen Gesicht ich nicht sah, ging mit meinen Freunden hinaus, die
ich vergeblich zurückrief: »Aber man irrt sich«! schrie ich, »sie sind
gekommen, um mich zu holen und ein anderer geht mit ihnen fort!« -- Ich
lärmte so, daß man mich in Arrest brachte. Dort blieb ich mehrere Stunden
in einer Art Stumpfheit; endlich kamen die beiden Freunde, die ich schon ZU
SEHEN GEGLAUBT HATTE und holten mich mit einem Wagen ab. Ich erzählte ihnen
alles, was sich ereignet hatte, aber sie leugneten, in der Nacht gekommen
zu sein. Ich aß ziemlich ruhig mit ihnen zu Abend, aber je näher die Nacht
herankam, desto deutlicher schien es mir, daß ich dieselbe Stunde zu
fürchten hätte, die mir am Abend vorher fast verhängnisvoll geworden wäre.
Ich verlangte von einem von ihnen einen orientalischen Ring, den er am
Finger trug und den ich für einen alten Talisman hielt. Ich knüpfte ihn mit
einem seidenen Tuch um den Hals und bemühte mich den Stein, einen Türkisen,
auf den Punkt meines Nackens zu drehen, wo ich Schmerzen fühlte. Meiner
Ansicht nach war es dieser Punkt, bei dem die Seele zu entfliehen in Gefahr
war und zwar in dem Augenblick, wo ein gewisser Strahl des Sterns, den ich
am Vorabend gesehen hatte, in Beziehung zu mir mit dem Zenith
zusammentreffen würde. Sei es Zufall, sei es die Wirkung meiner starken
Voreingenommenheit, ich stürzte zur selben Stunde wie am Vorabend wie vom
Blitz getroffen nieder. Man legte mich auf ein Bett und während langer Zeit
verlor ich den Sinn und den Zusammenhang der Bilder, die sich vor mir
abrollten. Dieser Zustand dauerte mehrere Tage. Ich wurde in eine
Heilanstalt verbracht. Viele Verwandte und Freunde besuchten mich, ohne daß
ich Kenntnis davon gehabt hätte. Der einzige Unterschied, der für mich
zwischen Wachen und Schlafen bestand, war, daß sich während des Wachens
alles vor meinen Augen umformte; jede Person, die sich mir näherte, schien
verändert, die materiellen Dinge hatten etwas wie einen Halbschatten, der
ihre Form umgestaltete, und die Spiele des Lichts, die Verbindungen der
Farben lösten sich auf, so daß sie mich in einer beharrlichen Folge von
miteinander verbundenen Eindrücken hielten. Dadurch, daß ich träumte, waren
sie mehr von den äußeren Elementen befreit und verloren nicht an
Wahrscheinlichkeit.



IV.


EINES Abends glaubte ich ganz bestimmt, an die Ufer des Rheins versetzt zu
sein. Gegenüber von mir befanden sich finstere Felsen, deren Perspektive
sich im Schatten andeutete. Ich trat in ein freundliches Haus, durch dessen
weinumwachsene grüne Läden ein Strahl der untergehenden Sonne fiel. Es
schien mir, als kehrte ich in eine bekannte Wohnung zurück, nämlich in die
eines Onkels mütterlicherseits, eines flämischen Malers, der seit mehr als
einem Jahrhundert tot war. Entwürfe zu Bildern waren hie und da aufgehängt,
einer davon stellte die berühmte Fee dieses Gestades dar. Eine alte Magd,
die ich Margarete nannte und die ich seit der Kindheit zu kennen wähnte,
sagte zu mir: »Wollen Sie sich nicht auf das Bett legen? Denn Sie kommen
von weit her, und Ihr Onkel wird spät zurückkommen; man wird Sie zum
Abendessen wecken.« Ich streckte mich auf einem Bett mit Säulen aus, das
mit blauem, groß und rotgeblumtem Tuch drapiert war. Gegenüber von mir hing
an der Wand eine bäurische Uhr und darauf saß ein Vogel, der mit mir wie
ein Mensch zu reden anhub. Und ich hatte den Gedanken, daß die Seele meines
Ahnen in diesem Vogel sei; aber ich war ebensowenig erstaunt über seine
Sprache und seine Gestalt als darüber, daß ich mich ein Jahrhundert
zurückversetzt sah. Der Vogel sprach zu mir von lebenden oder zu
verschiedenen Zeiten verstorbenen Familienmitgliedern, wie wenn sie
gleichzeitig existierten und sagte zu mir: »Sie sehen, Ihr Onkel hat Sorge
getragen, SEIN Bildnis im voraus zu machen . . . jetzt lebt SIE mit uns.«
Ich richtete die Augen auf eine Leinwand, die eine Frau in altdeutscher
Tracht darstellte, die sich über das Flußufer beugte und den Blick auf
einen Busch Vergißmeinnicht heftete.

-- Indessen wurde die Nacht immer dichter, und das Aussehen, die Laute und
die Stimmung der Orte verwischten sich in meinem schläfrigen Geist; ich
glaubte in einen Abgrund zu stürzen, der die Erdkugel durchschnitt. Ich
fühlte mich schmerzlos von einem Strom geschmolzenen Metalls fortgetrieben
und tausend ähnliche Flüsse, deren Färbungen die chemischen
Verschiedenheiten anzeigten, durchfurchten den Schoß der Erde wie die
Gefäße und Adern, die sich zwischen den Gehirnlappen schlängeln. Alle
strömten, kreisten und zitterten so, und ich hatte das Gefühl, daß diese
Flüsse aus lebenden Seelen im Molekularzustand beständen, und daß die
Geschwindigkeit dieser Reise allein mich verhinderte ihn zu erkennen. Eine
bleiche Helligkeit zog allmählich in diese Kanäle ein und ich sah endlich
einen neuen Horizont sich wie eine gewaltige Kuppel erweitern, wo sich
Inseln abzeichneten, die von leuchtenden Fluten umgeben waren. Ich befand
mich auf einer von diesem sonnelosen Tag erleuchteten Küste, und sah einen
Greis, der das Land bestellte. Ich erkannte in ihm denselben, der mit der
Stimme des Vogels zu mir geredet hatte, und sei es, daß er mit mir sprach,
sei es, daß ich ihn in meinem Innern verstand, es wurde mir klar, daß die
Vorfahren die Gestalt gewisser Tiere annehmen, um uns auf der Erde zu
besuchen, und daß sie so als stumme Beobachter den Phasen unserer Existenz
beiwohnen.

Der Greis verließ seine Arbeit und begleitete mich bis zu seinem Haus, das
sich in der Nähe erhob. Die Landschaft, die uns umgab, erinnerte mich an
einen Teil von Französisch-Flandern, wo meine Eltern gelebt haben und wo
sich ihre Gräber befinden; das von Gebüschen umgebene Feld am Waldrand, der
benachbarte See, der Fluß und der Waschplatz, das Dorf mit seiner
ansteigenden Straße, der Hügel aus dunkelm Sandstein und die Büschel aus
Ginster und Heidekraut, -- alles das war ein verjüngtes Bild der Orte, die
ich geliebt habe. Nur das Haus, in das ich trat, war mir unbekannt. Ich
begriff, daß es in ich weiß nicht welcher Zeit bestanden hat und daß in der
Welt, die ich eben besuchte, das Gespenst der Dinge das des Körpers
begleitete.

Ich trat in einen geräumigen Saal, wo viele Menschen versammelt waren.
Überall entdeckte ich bekannte Gesichter. Die Züge der toten Verwandten,
die ich beweint hatte, fanden sich in anderen wieder, die mir, in
altmodischen Kleidern, denselben väterlichen Empfang bereiteten. Sie
schienen zu einer Familientafel vereinigt zu sein. Einer dieser Verwandten
kam auf mich zu und umarmte mich zärtlich. Er trug ein altertümliches
Gewand, dessen Farben verblichen schienen, und sein lächelndes Antlitz
unter den gepuderten Haaren hatte einige Ähnlichkeit mit dem meinen. Er
schien mir ausgesprochener lebendig zu sein als die andern und sozusagen in
freiwilligerem Rapport mit meinem Geist. -- Es war mein Onkel. Er hieß mich
neben sich sitzen, und eine Art Verbindung stellte sich zwischen uns her;
denn ich kann nicht sagen, daß ich seine Stimme gehört hätte; nur in dem
Maße, als ich meine Gedanken auf einen Punkt richtete, wurde mir sogleich
seine Bedeutung klar, und die Bilder wurden vor meinen Augen so bestimmt
wie belebte Gemälde.

»Es ist also wahr,« sagte ich mit Entzücken, »wir sind unsterblich und
behalten hier die Bilder der Welt, die wir bewohnt haben. Welch ein Glück
zu denken, daß alles was wir geliebt haben, immer um uns herum bestehen
wird! Ich war des Lebens recht müde!« . . .

»Freue dich nicht zu früh,« sagte er, »denn du gehörst noch der oberen Welt
an, und du hast noch rauhe Prüfungsjahre zu bestehen. Der Aufenthalt, der
dich entzückt, hat selbst seine Schmerzen, Kämpfe und Gefahren! Die Erde,
die wir bewohnt haben, ist stets der Schauplatz, wo sich unsere Geschicke
knüpfen und lösen; wir sind die Strahlen des zentralen Feuers, das sie
belebt und das sich schon abgeschwächt hat« . . . . -- »Ach was!« sagte
ich, »die Erde könnte sterben und wir würden von dem Nichts verschlungen?«
-- »Das Nichts«, sagte er, »besteht nicht in dem Sinn wie man es meint;
aber die Erde ist selbst ein materieller Körper, dessen geistiger Extrakt
die Seele ist. Die Materie kann nicht mehr zugrund gehen als der Geist,
aber sie kann sich verändern nach dem Guten und nach dem Bösen. Unsre
Vergangenheit und unsre Zukunft sind eins. Wir leben in unsrer Rasse und
unsre Rasse lebt in uns.«

Dieser Gedanke leuchtete mir sogleich ein, und wie wenn sich die Mauern des
Saales auf unendliche Perspektiven geöffnet hätten, schien es mir als sähe
ich eine ununterbrochene Kette von Männern und Frauen, in denen ich
enthalten war und die ich selbst waren. Die Trachten aller Völker, die
Bilder aller Länder erschienen gleichzeitig deutlich, wie wenn sich meine
Beobachtungsfähigkeiten vervielfacht hätten, ohne sich zu verwirren; dies
geschah durch ein Wunder des Raums gleich dem der Zeit, das ein Jahrhundert
voll Taten in eine Traumminute zusammenpreßt. Mein Befremden wuchs als ich
sah, daß diese ungeheure Menge nur aus Personen bestand, die sich im Saal
befanden und deren Bilder sich vor meinen Augen in tausend flüchtigen
Erscheinungen getrennt und verbunden hatten.

»Wir sind sieben«, sagte ich zu meinem Onkel.

»Das ist tatsächlich«, sagte er, »die typische Zahl jeder menschlichen
Familie und im Falle der Ausdehnung sieben mal sieben oder mehr.«

Ich kann nicht hoffen, diese Antwort verständlich zu machen, die für mich
selbst sehr dunkel geblieben ist. Die Metaphysik versorgte mich nicht mit
Ausdrücken für die Beobachtung, die von den Beziehungen dieser Personenzahl
zur allgemeinen Harmonie herrührte. Man begreift wohl im Vater und der
Mutter die Analogie der elektrischen Naturkräfte, aber wie soll man die
individuellen Zentren feststellen, die sie ausströmen, wovon sie ausströmen
wie eine animische Gesamtfigur, deren Zusammensetzung gleichzeitig
mannigfaltig und begrenzt wäre? Geradesogut könnte man von der Blume
Rechenschaft fordern für die Zahl ihrer Blütenblätter oder für die
Einteilung ihrer Krone, . . . . von der Erde für die Formen, die sie
bildet, von der Sonne für die Farben, die sie schafft.



V.


ALLES um mich herum wechselte seine Gestalt. Der Geist, mit dem ich mich
unterhielt, hatte nicht mehr dasselbe Aussehen. Es war ein junger Mann, der
von nun an mehr von mir die Gedanken erhielt, als daß er sie mir mitteilte
. . . War ich zu weit in jene Höhen gestiegen, wo einen der Schwindel
erfaßt? Ich glaubte zu verstehen, daß solche Fragen dunkel oder gefährlich
seien selbst für die Geister der Welt, die ich damals wahrnahm. Vielleicht
untersagte mir auch eine höhere Macht die Nachforschungen. Ich sah mich in
den Straßen einer stark bevölkerten, unbekannten Stadt umherirren. Ich
bemerkte, daß sie von hügeligen Rücken durchzogen und von einem ganz mit
Wohnstätten bedeckten Berg beherrscht war. Zwischen dem Volk dieser
Hauptstadt unterschied ich gewisse Menschen, die einer besonderen Nation
anzugehören schienen; ihre lebhaften, entschlossenen Mienen, der energische
Ausdruck ihrer Züge veranlaßten mich, an die unabhängigen und kriegerischen
Gebirgs- oder Inselvölker zu denken, die wenig von Fremden besucht werden;
indessen war es mitten in einer großen Stadt, mit einer gemischten und
gewöhnlichen Bevölkerung, wo sie ihre wilde Eigenart aufrecht zu erhalten
wußten. Wer waren denn diese Menschen? Mein Führer ließ mich abschüssige
und lärmvolle Straßen erklimmen, die von den verschiedenartigen Geräuschen
der Tätigkeit widerhallten. Wir stiegen noch lange Reihen von Treppen
empor, hinter welchen sich die Aussicht erschloß.

Hie und da sah man mit Gitterwerk bekleidete Terrassen, kleine, in
geebneten Zwischenräumen angelegte Gärtchen, Dächer, leicht gebaute
Pavillons, die mit launiger Geduld bemalt und ausgehauen waren;
Fernsichten, die durch lange Streifen von kletterndem Grün miteinander
verbunden waren, verführten das Auge und erfreuten den Geist wie der
Anblick einer köstlichen Oase einer unbekannten Einsamkeit oberhalb der
Wirrnis jener von unten kommenden Geräusche, die hier nur mehr ein Gemurmel
waren. Man hat oft von geächteten Völkern gesprochen, die im Schatten der
Totenstädte und der Grüfte leben. Hier war zweifellos das Gegenteil der
Fall. Ein glückliches Geschlecht hatte sich diesen Zufluchtsort geschaffen,
den Vögel, Blumen, reine Luft und Helle liebten. »Das sind«, sagte mir mein
Führer, »die alten Bewohner dieser Berge, die die Stadt beherrschen, in der
wir eben weilen. Lange haben sie hier gelebt, hatten einfache Sitten,
liebten sich und waren gerecht und behielten die natürlichen Tugenden der
ersten Erdentage. Das benachbarte Volk ehrte sie und richtete sich nach
ihnen.«

Von dem Punkt, wo ich mich eben befand, stieg ich meinem Führer folgend
hinunter und gelangte in eine dieser hohen Behausungen, deren vereinte
Dächer einen so sonderbaren Anblick boten. Es schien mir, als ob meine Füße
sich in die aufeinanderfolgenden Schichten der Gebäude verschiedener
Zeitalter eingrüben. Diese Gespenster der Bauten deckten immer wieder
andere auf, wo sich der eigentümliche Geschmack jedes Jahrhunderts zeigte
und das war wie der Anblick von Nachgrabungen, die man in den antiken
Städten vornimmt, außer daß alles luftig, lebendig und von tausend Lichtern
durchspielt war.

Endlich befand ich mich in einem geräumigen Zimmer, wo ich einen Greis vor
einem Tisch mit ich weiß nicht was für einem Handwerk beschäftigt sah. Im
Augenblick, als ich die Tür durchschritt, bedrohte mich ein weißgekleideter
Mann, dessen Gesicht ich schlecht unterschied, mit einer Waffe, die er in
der Hand hielt; aber der, welcher mich geleitete, machte ihm ein Zeichen
sich zu entfernen. Es schien, als wolle man mich verhindern, das Geheimnis
dieser Abgeschiedenheit zu durchdringen. Ohne meinen Führer zu fragen,
begriff ich intuitiv, daß diese Höhen und gleichzeitig diese Tiefen der
Zufluchtsort der primitiven Bergbewohner waren. Sie trotzten stets der
überschwemmenden Flut der Rassenanhäufung und lebten hier einfach von
Sitten, liebend und gerecht, geschickt, stark und erfinderisch, -- und als
friedfertige Besieger der blinden Massen, die so oft ihr Erbteil überfallen
hatten.

Wie? weder verderbt, noch vernichtet, noch Sklaven, rein, obwohl sie die
Unwissenheit besiegt haben, im Wohlstand von den Tugenden der Armut
erfüllt! -- Ein Kind ergötzte sich am Boden mit Kristallen, Muscheln und
gravierten Steinen und machte zweifellos aus dem Studium ein Spiel. Eine
bejahrte aber noch schöne Frau beschäftigte sich mit den Sorgen des
Haushalts. In diesem Augenblick traten mehrere junge Leute lärmend ein, als
ob sie von ihren Arbeiten heimkehrten. Ich war erstaunt, sie alle in Weiß
gekleidet zu sehen; aber das war, wie es scheint, nur eine Täuschung meiner
Augen. Um mir das klar zu machen, begann mein Führer ihre Kleidung als
lebhaft farbig zu beschreiben, wobei er mir zu verstehen gab, daß sie in
Wirklichkeit so wäre. Das Weiß, das mich befremdete, kam vielleicht von
einem besonderen Glanz, von einem Lichterspiel, wobei sich die gewöhnlichen
Farben des Prismas vermischten.

Ich ging aus dem Zimmer und befand mich auf einer in einen Ziergarten
verwandelten Terrasse. Hier gingen junge Mädchen und Kinder spazieren und
spielten. Ihre Kleider erschienen mir weiß wie die andern, aber sie waren
mit rosa Stickereien verziert. Diese Geschöpfe waren so schön, ihre Züge so
lieblich und der Glanz ihrer Seele leuchtete so lebhaft durch ihre zarten
Formen, daß sie alle eine Art Liebe ohne Bevorzugung und ohne Begierde
einflößten, die den ganzen Taumel der grenzenlosen Jugendleidenschaften
zusammenfaßte.

Ich kann das Gefühl nicht wiedergeben, das ich inmitten dieser entzückenden
Wesen empfand, die mir teuer waren, ohne daß ich sie kannte. Es war wie
eine primitive und himmlische Familie, deren lächelnde Augen die meinen mit
sanfter Teilnahme suchten; ich fing an heiße Tränen zu weinen, wie in
Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Da fühlte ich bitter, daß ich nur
Reisender in dieser zugleich fremden und geliebten Welt war, und ich
zitterte bei dem Gedanken, daß ich ins Leben zurückkehren müsse. Umsonst
drängten sich die Frauen und Kinder um mich wie um mich zurückzuhalten.
Schon verschmolzen ihre hinreißenden Formen in wirren Nebeln; diese schönen
Gesichter erbleichten, diese bestimmten Züge, diese schimmernden Augen
verloren sich in einem Schatten, wo noch der letzte Strahl des Lächelns
leuchtete . . . . . .

So war diese Vision oder so waren wenigstens die Haupteinzelheiten, die ich
in Erinnerung behalten habe. Der kataleptische Zustand, in dem ich mich
mehrere Tage lang befunden hatte, wurde mir wissenschaftlich erklärt und
die Berichte derer, die mich so gesehen hatten, versetzten mich in eine Art
Gereiztheit als ich sah, daß man der Geistesverirrung die Bewegungen und
Worte zuschrieb, die für mich mit den verschiedenen Phasen einer logischen
Kette von Ereignissen zusammenfielen. Ich liebte mehr die meiner Freunde,
die aus geduldiger Gefälligkeit oder in Folge ähnlicher Gedanken mich zu
langen Erzählungen der Dinge veranlaßten, die ich im Geist gesehen hatte.
Einer von ihnen sagte weinend zu mir: »Nicht wahr, es gibt einen Gott?« --
»Ja«, sagte ich voll Begeisterung zu ihm. Und wir umarmten uns wie zwei
Brüder dieses mystischen Vaterlandes, das ich geschaut hatte. -- Welches
Glück fand ich zuerst in dieser Überzeugung! So war der ewige Zweifel an
der Unsterblichkeit der Seele, der die besten Geister angreift, für mich
entschieden. Kein Tod mehr, keine Traurigkeit, keine Unruhe! Die, welche
ich liebte, Eltern, Freunde gaben mir sichere Zeichen ihres ewigen Lebens,
und ich war von ihnen nur noch durch die Stunden des Tages getrennt. Die
der Nacht erwartete ich in einer sanften Schwermut.



VI.


EIN Traum, den ich außerdem hatte, bestärkte mich in diesem Gedanken. Ich
befand mich plötzlich in einem Saal, der zu der Wohnung meines Ahnen
gehörte. Der Raum schien sich nur vergrößert zu haben. Die alten Möbel
strahlten in wunderbarem Glanz, die Teppiche und die Vorhänge waren wie neu
hergestellt, ein Tageslicht, dreimal leuchtender als der natürliche Tag,
drang durch Fenster und Tür und in der Luft lag eine Frische und ein Duft
wie an einem ersten lauen Frühlingsmorgen. Drei Frauen arbeiteten in diesem
Zimmer und stellten ohne ihnen genau zu gleichen Verwandte und Freundinnen
meiner Jugend vor. Es schien mir, als wenn jede von ihnen die Züge von
mehreren dieser Personen in sich vereinte. Die Umrisse ihrer Gestalten
wechselten wie die Flamme einer Lampe und jeden Augenblick ging etwas von
der einen in die andere über; das Lächeln, die Stimme, die Farbe der Augen,
des Haars, die Gestalt, die vertrauten Bewegungen vertauschten sich wie
wenn sie dasselbe Leben gelebt hätten, und jede war so eine Zusammensetzung
von allen, gleich jenen Typen, die die Maler nach mehreren Modellen bilden,
um eine vollendete Schönheit darzustellen.

Die älteste sprach zu mir mit zitternder, melodischer Stimme, die mir aus
meiner Jugend bekannt vorkam, und ich weiß nicht, was sie zu mir sagte, was
mich durch seine tiefe Richtigkeit verblüffte. Aber sie lenkte meine
Gedanken auf mich selbst, und ich sah mich in einen kleinen, braunen Anzug
von altertümlichem Schnitt gekleidet, der ganz mit der Nadel gewirkt war
und dessen Fäden so fein waren wie Spinneweben. Er war gefällig, zierlich
und mit süßen Düften getränkt. Ich fühlte mich ganz verjüngt und ganz
geputzt in diesem Kleidungsstück, das aus ihren Feenhänden hervorging und
ich dankte ihnen errötend, wie wenn ich noch ein kleines Kind gewesen wäre,
das vor großen, schönen Damen steht. Da stand eine von ihnen auf und wand
sich nach dem Garten.

Jeder weiß, daß man in Träumen nie die Sonne sieht, obwohl man oft die
Überzeugung einer viel intensiveren Helligkeit hat. Die Gegenstände und die
Körper leuchten aus sich selbst. Ich sah mich in einem kleinen Park, wo
sich die Spaliere zu Bogenlauben formten, die mit schweren schwarzen und
weißen Weintrauben behängt waren; in dem Maße, als die Dame, welche mich
führte, unter diesem Laubengang vorwärts ging, veränderte der Schatten der
gekreuzten Gitter für meine Augen seine Formen und seine Umhüllung. Sie kam
endlich darunter hervor und wir befanden uns in einem offenen Raum. Darin
bemerkte man kaum noch die Spur alter Wandelgänge, die ihn früher
kreuzweise durchschnitten hatten. Die Pflege war seit langen Jahren
vernachlässigt und verstreute Setzlinge von Klematis, Hopfen, Geißblatt,
Jasmin, Efeu und Osterluzei verbreiteten zwischen den kräftig gewachsenen
Bäumen ihre langen lianenartigen Schlingen. Zweige neigten sich mit
Früchten beladen bis zur Erde und zwischen schmarotzerhaft wuchernden
Grasbündeln waren einige Gartenblumen aufgeblüht, die in den Zustand der
Verwilderung zurückgefallen waren. Hie und da erhoben sich dichte Gruppen
von Pappeln, Akazien und Fichten, aus deren Innern man altersgeschwärzte
Statuen hervorschauen sah. Ich bemerkte vor mir eine Anhäufung von Felsen,
die mit Efeu bewachsen waren, aus denen ein lebhafter Quell entsprang,
dessen harmonisches Geplätscher in einem Bassin von stehendem Wasser
widerhallte, das mit breiten Seerosenblättern halb verschleiert war.

Die Dame, der ich folgte, enthüllte ihre schlanke Gestalt mit einer
Bewegung, welche die Falten ihres schillernden Taftkleides schimmern ließ,
und umfaßte graziös mit ihrem nackten Arm den langen Stengel einer
Stockrose; dann fing sie unter einem klaren Lichtschein zu wachsen an, so
daß nach und nach der Garten ihre Gestalt annahm, und die Blumenbeete und
Bäume, die Rosetten und Girlanden ihre Kleider wurden, während ihre Gestalt
und ihre Arme ihre Umrisse den purpurnen Himmelswolken ausprägten. So
verlor ich sie in dem Maß, wie sie sich verwandelte, aus den Augen, denn
sie schien sich in ihrer eigenen Größe zu verflüchtigen. »O, fliehe nicht,«
rief ich aus, »denn die Natur stirbt mit dir!«

Als ich diese Worte sprach, schritt ich mühselig zwischen den Dornen, wie
um den vergrößerten Schatten, der mir entschlüpft war, zu ergreifen; aber
ich stieß an eine beschädigte Mauerecke, an deren Fuß die Büste einer Frau
lag; als ich sie aufhob, hatte ich die Überzeugung, daß es die ihre sei
. . . Ich erkannte die geliebten Züge wieder und als ich die Augen
herumschweifen ließ, merkte ich, daß der Garten jetzt wie ein Friedhof
aussah. Stimmen sagten: »Das Weltall ist in der Nacht!«



VII.


NACH diesem Traum, der anfangs so glücklich war, bemächtigte sich meiner
eine große Bestürzung. Was bedeutete er? Ich wußte es erst später, Aurelia
war tot.

Zuerst bekam ich nur die Nachricht von ihrer Krankheit. Als Folge meines
Geisteszustands empfand ich nur einen unbestimmten, mit Hoffnung gemischten
Kummer. Ich glaubte, daß ich selbst nur noch kurze Zeit zu leben hätte und
war von nun an des Vorhandenseins einer Welt sicher, wo die liebenden
Herzen sich wiederfinden. Übrigens gehörte sie mir im Tode viel mehr als im
Leben . . . ein selbstsüchtiger Gedanke, den mein Verstand später mit
bitterer Reue bezahlen mußte.

Ich möchte nicht zu sehr auf Ahnungen bauen; der Zufall macht sonderbare
Sachen; aber ich war damals stark von einer Erinnerung an unsre so rasche
Vereinigung beschäftigt. Ich hatte ihr einen Ring von alter Arbeit gegeben,
dessen Stein ein herzförmig geschnittener Opal bildete. Da dieser Ring für
ihren Finger zu groß war, hatte ich die verhängnisvolle Idee gehabt, ihn
durchschneiden zu lassen, um den Reif zu verkleinern. Ich verstand meinen
Fehler erst, als ich das Geräusch der Säge hörte. Es schien mir, als sähe
ich Blut fließen . . . . .

Sorgfalt und Kunst hatten mir die Gesundheit wiedergegeben, ohne noch in
meinen Geist den regelmäßigen Gang der menschlichen Vernunft zurückgeführt
zu haben. Das Haus, in dem ich mich befand, lag auf einer Anhöhe und hatte
einen weitläufigen mit kostbaren Bäumen bepflanzten Garten. Die reine Luft
des Hügels, auf dem es lag, der erste Hauch des Frühlings, die
Annehmlichkeit einer durchaus sympathischen Gesellschaft verschafften mir
lange Tage der Ruhe.

Die ersten Blätter der Sykomoren entzückten mich durch die Lebhaftigkeit
ihrer Farben, die dem Federbusch eines Pharaohahns glichen. Die Aussicht,
die sich über die Ebene erstreckte, zeigte vom Morgen bis zum Abend
entzückende Horizonte, deren abgestufte Farbentöne meine Einbildungskraft
erfreuten. Ich bevölkerte die Abhänge und die Wolken mit göttlichen
Gestalten, deren Umrisse ich deutlich zu sehen meinte. -- Ich wollte meine
Lieblingsgedanken besser festhalten und bedeckte bald mit Hilfe von Kohle-
und Ziegelstückchen, die ich auflas, die Mauern mit einer Serie von
Fresken, wo sich meine Eindrücke verwirklichten. Eine Gestalt herrschte
immer vor: die Aurelias, die mit den Zügen einer Göttlichkeit gemalt war,
so wie sie mir im Traum erschienen war. Unter ihren Füßen drehte sich ein
Rad und die Götter bildeten ihren Zug. Es gelang mir, diese Gruppe zu
kolorieren, indem ich den Saft der Gräser und Blumen auspreßte. -- Wie oft
habe ich vor diesem geliebten Idol geträumt. Ich tat noch mehr; ich
versuchte den Körper derer, die ich liebte, aus Erde nachzubilden; jeden
Morgen mußte ich meine Arbeit wieder machen, denn die Verrückten, die
eifersüchtig auf mein Glück waren, gefielen sich darin, sein Bild zu
zerstören.

Man gab mir Papier und lange Zeit hindurch befleißigte ich mich durch
tausend Figuren, die von Erzählungen, von Versen und Inschriften in allen
bekannten Sprachen begleitet waren, eine Art Weltgeschichte darzustellen,
die mit Erinnerungen an Studien und mit Bruchstücken von Träumen vermischt
war, die durch meinen Geisteszustand intensiver oder verlängert erschienen.
Ich blieb nicht bei den modernen Überlieferungen der Schöpfung stehen. Mein
Gedanke stieg darüber hinaus. Ich sah wie in einer Erinnerung den ersten
Bund, der von Genien mit Hilfe von Talismanen geschlossen wurde. Ich hatte
versucht, die Steine der heiligen Tafelrunde zusammenzustellen, und um sie
herum die sieben ersten Elohim darzustellen, die sich in die Welt geteilt
haben.

Dieses System der Geschichte, die ich den orientalischen Überlieferungen
entnahm, fing mit der glücklichen Einigung der »Naturmächte« an, die das
Weltall gestalteten und organisierten. -- Während der Nacht, die meiner
Arbeit voranging, glaubte ich mich auf einen dunkeln Planeten versetzt, wo
die ersten Keime der Schöpfung umherschwirrten. Aus dem Schoß des noch
weichen Tons erhoben sich riesenhafte Palmbäume, giftige Euphorbien und um
Kakteen gewundene Akanthusstauden; die ausgetrockneten Formen der Felsen
stürzten hervor wie Skelette dieses Schöpfungsentwurfs und scheußliche
Reptilien schlängelten sich, machten sich breit oder rundeten sich mitten
in diesem unentwirrbaren Netz einer wilden Vegetation. Das bleiche
Sternenlicht erhellte allein die bläulichen Perspektiven dieses seltsamen
Horizonts; in dem Maß jedoch, als diese Schöpfungen Form gewannen, zog ein
hellerer Stern aus ihnen die Keime des Lichts.



VIII.


DANN veränderten die Ungeheuer ihre Gestalt, streiften ihre erste Haut ab
und richteten sich mit ihren riesenhaften Tatzen mächtiger auf; die
ungeheure Masse ihrer Körper zerbrach die Zweige und zerstörte das Gras und
in der Unordnung der Natur lieferten sie Schlachten, an denen ich selbst
teilnahm, denn ich hatte einen ebenso sonderbaren Körper wie sie selbst.
Plötzlich tönte eine seltsame Harmonie in unsere Einsamkeit und es schien
als ob das verwirrte Schreien, Heulen und Pfeifen der primitiven Wesen
hinfort in diese göttliche Weise überginge. Die Variationen folgten
einander ins Unendliche, der Planet erhellte sich allmählich, göttliche
Formen zeichneten sich auf dem Grün und in den Tiefen der Gebüsche ab, und
die nun zahmen Ungeheuer, die ich gesehen hatte, warfen ihre sonderbaren
Formen von sich und wurden Männer und Frauen; andere bekleideten sich in
ihren Verwandlungen wieder mit den Gestalten von wilden Tieren, Fischen und
Vögeln.

Wer hatte wohl dieses Wunder vollbracht? Eine strahlende Göttin führte in
diese neuen »Avatars« die rasche Entwicklung der Menschheit. Es wurde jetzt
eine Unterscheidung der Rassen eingeführt, die von der Ordnung der Vögel
ausging und auch die Vierfüßler, die Fische und die Reptilien mitinbegriff:
das waren die Devas, die Peris, die Undinen und die Salamander; jedesmal
wenn eines dieser Wesen starb erstand es sogleich wieder unter schönerer
Form und sang den Ruhm der Götter. -- Indessen hatte einer der Elohim den
Gedanken, ein fünftes Geschlecht zu gründen, das sich aus den Elementen der
Erde zusammensetzen sollte, das man Afriten nannte. -- Das war das Zeichen
zu einer vollständigen Umwälzung unter den Geistern, die die neuen
Weltbesitzer nicht anerkennen wollten. Ich weiß nicht, wieviel tausend
Jahre diese Kämpfe dauerten, die den Erdball mit Blut überschwemmten. Drei
der Elohim wurden schließlich mit den Geistern ihrer Geschlechter nach dem
Süden der Erde verbannt, wo sie ungeheure Reiche gründeten. Sie hatten die
Geheimnisse der göttlichen Kabbala, die die Welten verbindet, mit sich
genommen und nahmen ihre Kraft aus der Anbetung gewisser Gestirne, mit
denen sie stets in Verbindung stehen. Diese Nekromanten, die an die
äußersten Grenzen der Erde verbannt wurden, hatten sich verständigt, um
einander die Macht zu übertragen. Jeder ihrer Herrscher war von Frauen und
Sklaven umgeben und hatte sich der Macht versichert, unter der Gestalt
seiner Kinder wiedergeboren zu werden. Ihr Leben währte tausend Jahre.
Mächtige Kabbalisten schlossen sie beim Herannahen ihres Todes in
wohlbewachte Grabstätten ein, wo sie mit Elixieren und lebenerhaltenden
Stoffen ernährt wurden. Lange noch behielten sie den Anschein des Lebens,
dann schliefen sie vierzig Tage wie die Schmetterlingspuppe, die ihren
Kokon spinnt, und dann erstanden sie wieder unter der Gestalt eines kleinen
Kindes, das später in das Reich berufen wurde. Indessen erschöpften sich
die lebenspendenden Kräfte der Erde beim Ernähren dieser Familien, deren
immer gleiches Blut neue Nachkommen gebar. In weiten unterirdischen
Gewölben, die unter Totengrüften und Pyramiden ausgehöhlt waren, hatten sie
alle Schätze der vergangenen Geschlechter aufgehäuft und gewisse Talismane,
die sie gegen den Zorn der Götter schützten, versteckt.

Im Innern Afrikas, jenseits des Mondgebirges und des alten Äthiopien fanden
diese seltsamen Mysterien statt. Lange hatte ich mit einem Teil des
Menschengeschlechts in der Gefangenschaft geseufzt. Die Gesträuche, die ich
so grün gesehen, trugen nur mehr bleiche Blüten und welke Blätter. Eine
unerbittliche Sonne fraß diese Gegenden, und die schwächlichen Kinder
dieser ewigen Dynastien schienen von der Bürde des Lebens niedergedrückt zu
sein. Diese erhabene und einförmige Größe, die durch die Etikette und
hieratische Gebräuche geregelt war, drückte alle, ohne daß jemand gewagt
hätte, sich ihr zu entziehen. Die Greise schmachteten unter dem Gewicht
ihrer Kronen und ihrer kaiserlichen Schmuckstücke zwischen Ärzten und
Priestern, deren Willen ihnen die Unsterblichkeit sicherte. Was das Volk
betrifft, das für immer in Kasten eingezwängt war, so konnte es weder auf
das Leben noch auf die Freiheit zählen. Am Fuße der vom Tod getroffenen,
unfruchtbaren Bäume, an den versiegten Quellen, sah man auf dem verbrannten
Gras Kinder und junge, entnervte und farblose Frauen dahinsiechen. Die
Pracht der königlichen Gemächer, die Majestät der Säulenhallen, der Glanz
der Kleider und des Schmucks waren nur ein schwacher Trost für die ewige
Langweile dieser Einsamkeit. Bald wurden die Völker durch Krankheiten
dezimiert, die Tiere und Pflanzen starben, und die Unsterblichen selbst
verfielen unter ihren prächtigen Gewändern. Eine Geißel, die größer war als
alle andern, kam plötzlich und verjüngte und rettete die Welt. Das
Sternbild des Orion eröffnete am Himmel die Katarakte der Gewässer; die
Erde, die vom Eise des entgegengesetzten Pols zu stark belastet war, machte
eine halbe Drehung um sich selbst, und die Meere, die die Gestade
überstiegen, überfluteten die Hochebenen Afrikas und Asiens; die
Überschwemmung durchdrang den Sand, erfüllte die Gräber und die Pyramiden
und vierzig Tage lang schwamm eine geheimnisvolle Arche auf den Meeren und
trug die Hoffnung einer neuen Schöpfung.

Drei der Elohim hatten sich auf den höchsten Gipfel der afrikanischen Berge
geflüchtet. Unter ihnen wurde ein Kampf ausgefochten. Hier verwirrt sich
mein Gedächtnis und ich weiß nicht, was das Ergebnis dieses erhabenen
Streites war. Nur sehe ich noch aufrecht auf einem von Wasser umspülten
Gipfel ein von ihnen verlassenes Weib, das mit aufgelöstem Haar schreit und
sich gegen den Tod wehrt. Ihre Klagerufe übertönten den Lärm der Wasser
. . . . Wurde sie gerettet? Ich weiß es nicht. Die Götter, ihre Brüder,
hatten sie verdammt, aber über ihrem Haupt glänzte der Abendstern, der
seine Flammenstrahlen über ihre Stirn ergoß.

Die unterbrochene Hymne der Erde und der Himmel hallte harmonisch wieder,
um die Eintracht der neuen Geschlechter zu weihen. Und während die Söhne
Noahs mühsam unter den Strahlen einer neuen Sonne arbeiteten, bewachten die
in ihren unterirdischen Gewölben kauernden Nekromanten immer noch ihre
Schätze und gefielen sich in dem Schweigen der Nacht. Hie und da kamen sie
schüchtern aus ihren Zufluchtsstätten und erschreckten die Lebenden oder
verbreiteten unter den Bösen die verderblichen Lehren ihres Wissens.

Das sind die Erinnerungen, die ich in einer Art unklarer Intuition der
Vergangenheit schilderte: ich schauderte, indem ich die scheußlichen Züge
dieser verfluchten Geschlechter darstellte. Überall starb, weinte oder
seufzte das Leidensbild der »Ewigen Mutter«. Quer durch die wirren
Zivilisationen Asiens und Afrikas sah man eine blutige Szene von Orgien und
Gemetzel sich stets wiederholen, die von denselben Geistern in immer neuen
Formen hervorgebracht wurden.

Die letzte fand in Granada statt, wo der geheiligte Talisman unter den
feindlichen Körpern der Christen und der Mauren zertrümmert wurde. Wieviel
Jahre wird die Welt noch zu leiden haben, denn die Rache dieser ewigen
Feinde muß sich unter andern Himmeln erneuern! Das sind die abgeteilten
Stücke der Schlange, die den Erdkreis umgibt . . . . . Das Eisen hat sie
getrennt und sie vereinigen sich in einem scheußlichen, mit Menschenblut
verklebten Kuß. --



IX.


SO waren die Bilder, die sich der Reihe nach vor meinen Augen zeigten. Nach
und nach war wieder Ruhe über meinen Geist gekommen und ich verließ diese
Wohnstätte, die für mich ein Paradies war; verhängnisvolle Umstände
bereiteten lange nachher einen Rückfall vor, der an die unterbrochene
Reihenfolge dieser seltsamen Träume wieder anknüpfte. --

Ich ging auf dem Land spazieren mit einer Arbeit beschäftigt, die sich auf
religiöse Gedanken bezog. Als ich an einem Haus vorüberging, hörte ich
einen Vogel, der einige Worte nachsprach, die man ihn gelehrt hatte, aber
sein verwirrtes Geschwätz schien mir einen Sinn zu haben; er erinnerte mich
an den Vogel der Vision, die ich weiter oben erzählt habe, und ich fühlte
einen Schauder von übler Vorbedeutung. Einige Schritte weiter begegnete ich
einem Freund, den ich lange nicht gesehen hatte, und der in einem
Nachbarhause wohnte. Er wollte mich sein Besitztum sehen lassen und bei
diesem Besuch führte er mich auf eine erhöhte Terrasse, von wo aus sich ein
weiter Ausblick eröffnete. Es war bei Sonnenuntergang. Als ich eine
ländliche Treppe hinunterstieg, machte ich einen Fehltritt und stieß mit
der Brust an die Kante eines Möbels. Ich hatte Kraft genug aufzustehen und
bis in die Mitte des Gartens zu stürzen; ich glaubte ich sei zu Tode
getroffen und wollte vor dem Sterben einen letzten Blick auf die
untergehende Sonne werfen. Mitten in dem Bedauern, das ein solcher
Augenblick mit sich bringt, fühlte ich mich glücklich so zu sterben, zu
dieser Stunde, inmitten der Bäume, der Traubengeländer und der
Herbstblumen. Es war indessen nur eine Ohnmacht, nach welcher ich noch die
Kraft fand meine Wohnung zu erreichen und zu Bett zu gehen. Fieber ergriff
mich; als ich mich besonnen hatte, von welcher Stelle ich gefallen war,
erinnerte ich mich, daß die Aussicht, die ich bewundert hatte, auf einen
Friedhof ging und zwar auf denselben, auf dem sich das Grab Aurelias
befand. Ich dachte wirklich erst jetzt daran, sonst könnte ich meinen Fall
dem Eindruck zuschreiben, den dieser Anblick in mir hätte hervorrufen
können. Gerade das brachte mich auf den Gedanken an ein bestimmteres
Verhängnis. Um so mehr bedauerte ich, daß der Tod mich nicht mit ihr
vereint hatte. Dann, als ich darüber nachdachte, sagte ich mir, daß ich
dessen nicht würdig sei. Ich stellte mir verbittert das Leben vor, das ich
seit ihrem Tod geführt hatte, und warf mir vor, nicht etwa sie vergessen zu
haben, was nicht geschehen war, sondern daß ich durch leichte Liebschaften
ihr Andenken geschändet hatte. Mir kam der Gedanke, den Schlaf zu befragen.
Aber IHR Bild, das mir oft erschienen war, kehrte in meinen Träumen nicht
wieder. Ich hatte zuerst nur verwirrte, mit blutigen Szenen vermischte
Träume. Es schien als ob ein ganzes unglückseliges Geschlecht inmitten der
idealen Welt entfesselt wäre, die ich früher erblickt hatte und deren
Königin sie war.

Derselbe Geist, der mich bedroht hatte, als ich in die Wohnung dieser
reinen Familie trat, die die Höhen der »geheimnisvollen Stadt« bewohnten,
-- glitt vor mir her und zwar nicht mehr in dem weißen Gewand, das er
ehemals so wie die andern seiner Rasse trug, sondern gekleidet wie ein
orientalischer Prinz. Ich stürzte auf ihn zu und bedrohte ihn, aber er wand
sich ruhig zu mir. Welches Entsetzen! Welche Wut! es war MEIN Gesicht, es
war meine ganze idealisierte und vergrößerte Gestalt . . . Da erinnerte ich
mich des Menschen, der in derselben Nacht wie ich arretiert worden war und
den man wie ich dachte unter meinem Namen von der Wache fortgeführt hatte,
als meine zwei Freunde gekommen waren, um mich zu holen. Er trug in der
Hand eine Waffe, deren Form ich schlecht unterschied, und einer von denen,
die ihn begleiteten, sagte: »Damit hat er ihn getroffen!«

Ich weiß nicht, wie ich auseinandersetzen soll, daß in meinen Gedanken die
irdischen Ereignisse mit denen der übernatürlichen Welt zusammenfallen
konnten; das ist leichter zu fühlen als klar auszudrücken.[*] Aber wer war
wohl dieser Geist, der ICH war und der auch AUSSER MIR war? War er der
Doppelgänger der Legenden oder der mystische Bruder, den die Orientalen
»Ferwer« nennen?

War ich nicht überrascht gewesen von der Geschichte jenes Ritters, der eine
ganze Nacht in einem Wald gegen einen Unbekannten kämpfte, der er selbst
war? Wie dem auch sei, ich glaube, daß die menschliche Einbildungskraft
nichts erfunden hat, was nicht in dieser oder einer andern Welt wahr ist,
und ich konnte nicht an dem zweifeln, was ich deutlich GESEHEN hatte.

Ein schrecklicher Gedanke überkam mich: »der Mensch ist doppelt«, sagte ich
mir. »Ich fühle zwei Menschen in mir«, hat ein Kirchenvater geschrieben.
Das Zusammentreffen zweier Seelen hat diesen gemischten Keim in einen
Körper gelegt, der selbst dem Blick zwei ähnliche Teile darbietet, die in
allen Organen seines Aufbaues wiederkehren. In jedem Menschen steckt ein
Beobachter und ein Handelnder, der, welcher spricht und der, welcher
antwortet. Die Orientalen haben darin zwei Feinde gesehen: den guten und
den bösen Geist. »Bin ich der gute, bin ich der böse?« sagte ich mir. Auf
jeden Fall ist der »ANDERE« mir feindlich . . . Wer weiß, ob es nicht
Umstände oder irgendein Alter gibt, wo diese beiden Geister sich trennen.
Beide sind durch eine mütterliche Verwandtschaft an denselben Körper
gefesselt, vielleicht ist einer zu Ruhm und Glück, der andere zu
Vernichtung und ewigem Leiden bestimmt?« -- Ein verhängnisvoller Blitz
durchschnitt plötzlich diese Dunkelheit . . . Aurelia gehörte mir nicht
mehr! . . . Ich glaubte von einer Zeremonie, die sich irgendwo anders
vollzog, sprechen zu hören und von den Zurüstungen zu einer mystischen
Hochzeit, welche die MEINE war, und wo der ANDERE im Begriff war, den
Irrtum meiner Freunde und Aurelias selbst zu benutzen. Die teuersten
Personen, die mich besuchten und trösteten, schienen mir eine Beute der
Ungewißheit, das heißt, die beiden Teile ihrer Seele trennten sich auch in
bezug auf mich; die eine war liebevoll und vertrauend, die andere wie zu
Tod erschrocken über mich. In dem, was diese Leute zu mir sagten, lebte ein
doppelter Sinn, wenn sie sich auch oft davon keine Rechenschaft ablegten,
da sie ja nicht so »im Geist« waren wie ich. Einen Augenblick kam mir
dieser Gedanke sogar komisch vor, wenn ich an Amphitrion und an Sofias
dachte. Wenn aber dieses groteske Symbol auch etwas anderes war, -- wenn es
wie in andern Sagen des Altertums die unglückselige Wahrheit unter der
Maske der Tollheit war? »Wohlan«, sagte ich mir, »kämpfen wir gegen den
verhängnisvollen Geist, kämpfen wir gegen den Gott selbst mit den Waffen
der Überlieferung und der Wissenschaft. Was er auch im Schatten der Nacht
tun mag, ich existiere -- und ich habe um ihn zu besiegen die ganze Zeit,
die mir zum Leben auf der Erde noch gegeben ist.

[Fußnote *: Für mich war das eine Anspielung auf den Stoß, den ich beim
Fallen erhalten habe.]



X.


WIE soll ich die seltsame Verzweiflung ausmalen, in die solche Ideen mich
nach und nach brachten? Ein böser Geist hatte meinen Platz in der Welt der
Seelen eingenommen, -- für Aurelia war ich es selbst, und der trostlose
Geist, der meinen Körper belebte, und der geschwächt, verkannt und von ihr
verachtet war, sah sich für immer der Verzweiflung oder dem Nichts
verfallen. Ich entfaltete meine ganze Willenskraft, um das Rätsel, von dem
ich einige Schleier gehoben hatte, besser zu durchdringen. Der Traum machte
sich manchmal lustig über meine Anstrengungen und führte mir nur verzerrte
und flüchtige Gestalten zu. Ich kann hier nur eine ziemlich bizarre Idee
wiedergeben von dem, was sich aus dieser Anspannung des Geistes ergab. Ich
fühlte mich gleiten wie auf einem ausgespannten Faden, dessen Länge
unendlich war. Die Erde, die von farbigen Adern geschmolzenen Metalls
durchzogen war, wie ich es schon gesehen hatte, erhellte sich nach und nach
durch das Aufglühen des zentralen Feuers, dessen Weiße mit den kirschroten
Tönen verschmolz, die die Seiten des innern Kreises färbten. Ich wunderte
mich, zeitweilig großen Wasserpfützen zu begegnen, die wie Wolken in der
Luft hingen und die dennoch eine solche Dichtigkeit aufwiesen, daß man
Flocken davon loslösen konnte; aber es ist klar, daß es sich da um eine von
dem irdischen Wasser verschiedene Flüssigkeit handelte, die ohne Zweifel
die Verdunstung dessen war, was für die Welt der Geister das Meer und die
Flüsse darstellte.

Mein Auge entdeckte eine weite, bergige Küste; sie war ganz mit einer Art
grünlichen Schilfrohres bedeckt, das an der Spitze gelblich war, wie wenn
der Brand der Sonne es teilweise ausgetrocknet hätte; aber ich habe nicht
mehr von der Sonne gesehen als die andern Male. -- Ein Schloß beherrschte
den Abhang, den ich zu erklimmen begann. Auf der andern Abdachung sah ich
eine ungeheure Stadt sich ausbreiten. Während ich das Gebirg überschritten
hatte, war die Nacht gekommen und ich beobachtete die Lichter der
Behausungen und der Straßen. Als ich hinunterstieg, befand ich mich auf
einem Markt, wo man Früchte und Gemüse verkaufte, ähnlich denen im Süden.

Ich stieg auf einer dunkeln Treppe hinunter und befand mich in den Straßen.
Man verkündete durch Zettelanschlag die Eröffnung eines Kasinos und die
Einzelheiten seiner Einteilung wurden in Artikeln beschrieben. Die
typographische Umrahmung war aus Blumenkränzen gebildet, die so gut
dargestellt und gefärbt waren, daß sie natürlich zu sein schienen. -- Ein
Teil des Gebäudes war noch im Entstehen. Ich trat in eine Werkstatt, wo ich
Arbeiter sah, die aus Ton ein ungeheures Tier in der Gestalt eines Lamas
modellierten, das aber offenbar mit großen Flügeln versehen werden sollte.
Dieses Ungetüm war wie durchzogen von einem Feuerstrahl, der es allmählich
belebte, so daß es sich wand; es war von tausend purpurnen Fasern
durchzogen. Diese bildeten Venen und Arterien und befruchteten sozusagen
die träge Materie, die sich mit einer augenblicklichen Vegetation von
faserigen Anhängseln, Flügelchen und wolligen Büscheln bedeckte. Ich blieb
stehen, um dieses Meisterwerk zu betrachten, wo man der göttlichen
Schöpfung ihre Geheimnisse abgesehen zu haben schien. »Das kommt daher, daß
wir hier das Urfeuer haben, das die ersten Wesen belebte«, -- sagte man
mir. -- »Ehemals ist es bis zur Erdoberfläche gedrungen, aber die Quellen
sind versiegt.« Ich sah auch die Goldschmiedearbeiten, bei denen man zwei
auf der Erde unbekannte Metalle benutzte: ein rotes, das dem Zinnober zu
entsprechen schien und ein anderes azurblaues. Die Ornamente waren weder
getrieben noch ziseliert, aber sie formten, färbten und erschlossen sich
wie metallische Pflanzen, die man aus gewissen chemischen Mischungen
entstehen läßt. »Könnte man nicht auch Menschen schaffen?« sagte ich zu
einem der Arbeiter, aber er versetzte: »Die Menschen kommen aus der Höhe
und nicht aus der Tiefe. Können wir uns selbst schaffen? Hier formt man nur
mit Hilfe der allmählichen Fortschritte unsrer Fähigkeit eine Materie, die
feiner ist als die, aus welcher die Erdrinde besteht. Diese Blumen, die
euch natürlich vorkommen, dieses Tier, das scheinbar leben wird, werden nur
Produkte unsrer bis zum höchsten Punkt unsrer Kenntnisse entwickelten Kunst
sein und jeder wird sie so beurteilen.«

Dies sind ungefähr die Worte, die mir entweder gesagt wurden oder deren
Bedeutung ich zu erfassen glaubte. Ich begann die Säle des Kasinos zu
durcheilen, und ich sah eine große Menge, in welcher ich einige mir
bekannte Personen unterschied: die einen lebten, die andern waren zu
verschiedenen Zeiten gestorben. Die ersten schienen mich nicht zu sehen,
während die andern mir antworteten, ohne mich anscheinend zu erkennen. Ich
war im größten Saal angekommen, der ganz mit mohnrotem Samt bespannt war,
in den goldene Bänder eingewebt waren, die reiche Muster bildeten. In der
Mitte befand sich ein Ruhebett in der Form eines Throns. Einige
Vorübergehende setzten sich nieder um seine Elastizität zu prüfen; aber da
die Vorbereitungen noch nicht beendet waren, wandten sie sich andern Sälen
zu. Man sprach von einer Hochzeit und von dem Gatten, der, wie man sagte,
kommen müsse um den Augenblick des Festes zu verkünden. Sogleich
bemächtigte sich meiner eine unsinnige Wahnvorstellung. Ich bildete mir
ein, daß der, welchen man erwartete, mein Doppelgänger sei, der Aurelia
heiraten müsse und ich machte einen Lärm, der die Versammlung zu verblüffen
schien. Ich fing mit Heftigkeit zu sprechen an, schilderte meinen Kummer
und rief die Hilfe derer an, die mich kannten. Ein Greis sagte zu mir:
»Aber so führt man sich nicht auf, Sie erschrecken ja jedermann!« Da rief
ich aus: »Ich weiß wohl, daß er mich schon mit seinen Waffen getroffen hat,
aber ich erwarte ihn furchtlos und ich kenne das Zeichen, das ihn besiegen
muß.«

In diesem Augenblick erschien ein Arbeiter aus der Werkstatt, die ich beim
Hereinkommen besucht hatte; er trug eine lange Stange, deren Ende aus einer
im Feuer geröteten Kugel bestand. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber die
Kugel, die er in die Höhe hielt, bedrohte stets meinen Kopf. Man schien
sich um mich herum über meine Ohnmacht lustig zu machen . . . Da zog ich
mich bis zum Thron zurück, die Seele voll namenlosen Stolzes, und ich hob
den Arm auf, um ein Zeichen zu machen, das mir eine Zauberkraft zu haben
schien. Der deutliche und zitternde Schrei einer Frau, der nach
herzzerreißendem Schmerz klang, weckte mich plötzlich auf! Die Silben eines
unbekannten Wortes, das ich im Begriff stand auszusprechen, erstarben auf
meinen Lippen . . . Ich stürzte mich zur Erde und fing inbrünstig und unter
heißen Tränen zu beten an. -- Aber was war das nur für eine Stimme, die
soeben so schmerzlich durch die Nacht gehallt war?!

Sie gehörte nicht dem Traum an; es war die Stimme einer lebendigen Person,
und doch war es für mich die Stimme und der Tonfall Aurelias . . . .

Ich öffnete mein Fenster; alles war ruhig und der Schrei wiederholte sich
nicht. -- Ich erkundigte mich draußen -- niemand hatte etwas gehört. -- Und
trotzdem bin ich noch sicher, daß der Schrei wirklich war und daß der Ton
Lebender darin erklungen war. Ohne Zweifel wird man mir sagen, daß der
Zufall veranlassen konnte, daß eine leidende Frau in der Umgebung meiner
Wohnung geschrieen habe. -- Aber meinem Gedanken nach waren die irdischen
Ereignisse mit denen der unsichtbaren Welt verbunden. Das ist eine jener
seltsamen Beziehungen, über die ich mir selbst keine Rechenschaft ablege,
und die man leichter andeuten als erklären kann . . . .

Was hatte ich getan? Ich hatte die Harmonie des magischen Weltalls gestört,
aus der meine Seele die Sicherheit einer unsterblichen Existenz schöpfte.
Ich war vielleicht verflucht, weil ich in ein schauerliches Mysterium
dringen wollte, indem ich das göttliche Gesetz beleidigte; ich hatte nur
noch Zorn und Verachtung zu erwarten! Die aufgebrachten Schatten entflohen
schreiend und zogen in der Luft verhängnisvolle Kreise wie die Vögel beim
Herannahen eines Gewitters.



Zweiter Teil


Eurydice! Eurydice!



I.


ZUM zweitenmal verloren! Alles ist zu Ende, alles ist vorbei! Jetzt bin ich
es, der sterben, ohne Hoffnung sterben muß! -- Was ist denn der Tod? --
Wenn er das Nichts wäre! -- Wollte es Gott! Aber Gott selbst kann es nicht
machen, daß der Tod das Nichts sei.

Warum ist es denn seit so langer Zeit das erstemal, daß ich an »ihn« denke?
Das unglückliche System, das in meinem Geist entstanden war, ließ dieses
einsame Königtum nicht zu . . . . oder vielmehr es verlor sich in die Fülle
der Wesen; das war der Gott des Lucretius, machtlos und in seine
Unendlichkeit verloren.

Sie indessen glaubte an Gott und ich habe eines Tages den Namen Jesus auf
ihren Lippen gefunden. Er floß so sanft dahin, daß ich darüber geweint
habe. O mein Gott, diese Träne, diese Träne . . . . sie ist schon lange
getrocknet! Diese Träne, o mein Gott, gib sie mir wieder!

Wenn die Seele unsicher zwischen Traum und Leben schwebt, zwischen
Geistesverwirrung und der Rückkehr zur kalten Überlegung, so muß man seine
Hilfe im religiösen Gedanken suchen, -- niemals habe ich Trost finden
können in dieser Philosophie, die nur Lebensregeln des Egoismus oder
bestenfalls der Gegenseitigkeit, eitle Erfahrung, bittere Zweifel bietet;
-- sie bekämpft die moralischen Schmerzen, indem sie die Empfindlichkeit
vernichtet; wie die Chirurgie kann sie nur das schmerzende Organ
wegschneiden. Aber für uns, die wir in den Tagen der Umwälzungen und der
Gewitter geboren sind, wo alle Bekenntnisse zerbrochen sind; -- die wir
bestenfalls in diesem unbestimmten Glauben erzogen sind, der sich mit
einigen äußerlichen Übungen begnügt und die gleichgültige Zugehörigkeit
zudem vielleicht schuldiger ist als die Gottlosigkeit und die Ketzerei; für
uns ist es sehr schwierig, sobald wie wir das Bedürfnis dazu fühlen das
mystische Gebäude wieder aufzubauen, dessen wohl vorgezeichnete Form die
Unschuldigen und die Einfältigen in ihren Herzen anerkennen.

»Der Baum der Erkenntnis ist nicht der Baum des Lebens.« Können wir
indessen aus unserm Geist verbannen, was so viele intelligente Generationen
Gutes oder Unheilvolles hineingegossen haben? Die Unwissenheit ist nicht
erlernbar. Ich habe bessere Hoffnung auf Gottes Güte: vielleicht rühren wir
schon an die prophezeite Epoche, wo die Wissenschaft, nachdem sie ihren
ganzen Kreislauf von Synthese und Analyse, von Glaube und Verneinung
erfüllt hat, sich selbst läutern kann und aus der Unordnung und den
Trümmern die wunderbare Stadt der Zukunft hervorsteigen wird . . . Man darf
die menschliche Vernunft nicht so billig einschätzen um zu glauben, daß sie
etwas gewinnt, indem sie sich ganz erniedrigte, denn das hieße ihren
himmlischen Ursprung anklagen . . . Gott wird ohne Zweifel die Reinheit der
Absicht würdigen; und wo ist der Vater, der Wohlgefallen daran fände zu
sehen, wie sein Sohn vor ihm alle Urteilskraft und allen Stolz aufgibt? Der
Apostel, der selbst fühlen wollte um zu glauben, ist um des willen nicht
verdammt worden.

Was habe ich da geschrieben? Das sind Gotteslästerungen. Die christliche
Demut kann so nicht sprechen. Solche Gedanken sind weit davon entfernt die
Seele zu rühren. Sie tragen auf der Stirn die Hochmutsblitze der Krone
Satans . . . Ein Vertrag mit Gott selbst? . . . O Wissenschaft! O
Eitelkeit!

Ich hatte einige Bücher der Kabbala gesammelt. Ich vertiefte mich in dieses
Studium und gelangte dahin mich zu überzeugen, daß alles wahr sei, was der
menschliche Geist während Jahrhunderten darüber angehäuft hatte. Die
Überzeugung, die ich mir vom Sein geformt hatte, stimmte zu gut mit meiner
Lektüre überein, als daß ich fürder noch an den Offenbarungen der
Vergangenheit hätte zweifeln können. Die Dogmen und die Riten der
verschiedenen Religionen schienen mir sich darauf zu beziehen in der Weise,
daß jede einen gewissen Teil jener Geheimnisse besaß, die ihre Mittel zur
Ausdehnung und zur Verteidigung ausmachten. Diese Kräfte konnten sich
abschwächen, sich verringern und verschwinden, was die Eroberung gewisser
Rassen über andere mit sich brachte, die alle nur durch den »Geist«
siegreich sein oder erobert werden konnten.

»Immerhin«, sagte ich mir, »ist es sicher, daß diese Erkenntnisse mit
menschlichen Irrtümern vermischt sind. Das magische Alphabet, der
rätselhafte Hieroglyph überkommen uns nur unvollständig und gefälscht, sei
es durch die Zeit, sei es durch diejenigen selbst, die ein Interesse haben
an unserer Unwissenheit. Laßt uns den verlorenen Buchstaben, das
ausgelöschte Zeichen wiederfinden und die mißklingende Tonleiter wieder
abstimmen, dann werden wir Kraft in der Welt der Geister gewinnen.«

So glaubte ich in die Beziehungen der wirklichen Welt zur Welt der Geister
zu dringen. Die Erde, ihre Bewohner und ihre Geschichte waren der
Schauplatz, wo die physischen Handlungen sich vollziehen sollten, welche
die Existenz und die Lage der Unsterblichen, die an ihr Geschick geknüpft
sind, vorbereiteten. Ohne das undurchdringliche Mysterium von der Ewigkeit
der Welten zu berühren, stieg mein Gedanke zu der Epoche hinauf, wo die
Sonne auf die Erde die fruchtbaren Keime der Pflanzen und Tiere säte,
ähnlich der Pflanze, die sie darstellt, die mit ihrem hängenden Kopf die
Umdrehung ihres himmlischen Wandels verfolgt. Es war nichts anderes als das
Feuer selbst, das, da es aus Seelen bestand, instinktiv die gemeinsame
Wohnung formte. Der Geist des »Gott-Wesens«, das sich auf der Erde wieder
erzeugt und sozusagen zurückgeworfen wird, ward der gewöhnliche Typus der
menschlichen Seelen, deren jede demzufolge gleichzeitig Mensch und Gott
war. So waren die Elohim!

Wenn man sich unglücklich fühlt denkt man über das Unglück der andern nach.
Ich war etwas nachlässig gewesen im besuchen eines meiner liebsten Freunde,
von dem man mir gesagt hatte, daß er krank sei: Als ich mich zu dem Haus
begab, wo er behandelt wurde, warf ich mir diesen Fehler lebhaft vor. Ich
war noch trostloser, als mir mein Freund erzählte, daß es ihm am Vorabend
recht schlecht gegangen sei. Ich trat in ein Hospitalzimmer mit
kalkgetünchten Wänden. Die Sonne zeichnete lustige Winkel auf die Mauern
und spielte auf einem Gefäß mit Blumen, das eine Nonne eben auf den Tisch
des Kranken gestellt hatte. Es war fast wie die Zelle eines italienischen
Anachoreten. Sein abgemagertes Gesicht, sein Teint, der vergilbtem
Elfenbein glich, was durch seine schwarze Haar- und Bartfarbe noch mehr
hervorgehoben wurde, seine Augen, die in einem Rest von Fieber glänzten;
vielleicht auch das Arrangement eines Kapuzenmantels, den er über die
Schultern geworfen hatte, machten für mich aus ihm ein Wesen, das halb
verschieden war von dem, was ich gekannt hatte.

Das war nicht mehr der fröhliche Gefährte meiner Arbeiten und meines
Vergnügens; es war ein Apostel in ihm. Er erzählte mir, wie er sich in den
schlimmsten Leiden seiner Krankheit als Beute eines letzten Anfalles
gesehen hatte, der ihm der letzte Augenblick zu sein schien. Wie durch ein
Wunder hatte der Schmerz in demselben Augenblick aufgehört. -- Was er mir
dann erzählte ist unmöglich wiederzugeben: Ein erhabener Traum in den
weitesten Räumen der Unendlichkeit, ein Gespräch mit einem Wesen, das
gleichzeitig von ihm verschieden war und einen Teil von ihm selbst bildete,
das er, da er sich tot glaubte, frug, wo Gott sei. -- »Aber Gott ist
überall« antwortete ihm sein Geist; »er ist in dir selbst und in allen. Er
richtet dich, er hört dich an, er rät dir; du und ich wir denken und
träumen zusammen -- und wir haben uns nie verlassen und sind ewig.«

Ich kann sonst nichts aus diesem Gespräch anführen, das ich vielleicht
schlecht gehört oder schlecht verstanden habe. Ich weiß nur, daß sein
Eindruck ein sehr lebhafter war. Ich wage nicht meinem Freund die Folgerung
zuzuschreiben, die ich selbst vielleicht fälschlich aus seinen Worten
gezogen habe. Ich weiß nicht einmal, ob das Gefühl, das daraus entsteht
nicht mit der christlichen Idee übereinstimmend ist.

»Gott ist mit ihm,« rief ich aus, . . . . »aber er ist nicht mehr mit mir!
O Unglück! Ich habe ihn von mir gejagt, ich habe ihn bedroht, ich habe ihm
geflucht! Er war es gewiß, dieser mystische Bruder, der sich immer mehr und
mehr von meiner Seele entfernte und der mich vergeblich benachrichtigte!
Dieser bevorzugte Gemahl, dieser König des Ruhms, er richtet und verdammt
mich und nimmt auf ewig die mit in seinen Himmel, die er mir gegeben hätte
und deren ich hinfort unwürdig bin!«



II.


ICH vermag die Niedergeschlagenheit nicht zu schildern, in welche diese
Ideen mich versetzten. »Ich verstehe,« sagte ich mir, »ich habe das
Geschöpf dem Schöpfer vorgezogen; ich habe meine Liebe vergöttert und habe
nach heidnischen Gebräuchen die angebetet, deren letzter Seufzer Christus
geweiht war. Aber wenn diese Religion die Wahrheit sagt, so kann mir Gott
noch verzeihen. Er kann sie mir zurückgeben, wenn ich mich vor ihm
demütige. Vielleicht kommt ihr Geist wieder in mich zurück!«

-- Ich irrte erfüllt von diesem Gedanken aufs Geratewohl in den Gassen
umher. Ein Leichenzug kreuzte meinen Weg; er richtete sich nach dem
Friedhof, wo sie bestattet worden war; ich hatte die Idee, mich dahin zu
begeben, indem ich mich dem Zug anschloß. »Ich weiß nicht,« sagte ich zu
mir, »wer der Tote ist, den man hier zur Grube geleitet, aber ich weiß
jetzt, daß die Toten uns sehen und hören, -- vielleicht wird er zufrieden
sein wenn er sieht, daß ein Leidensbruder ihm folgt, der trauriger ist als
irgendeiner von denen, die ihn geleiten.« Dieser Gedanke ließ mich Tränen
vergießen und ohne Zweifel glaubte man, daß ich einer der besten Freunde
des Verstorbenen sei. O ihr gesegneten Tränen! Lange Zeit war mir eure
Süßigkeit versagt!

Mein Kopf richtete sich auf und ein Hoffnungsstrahl leitete mich noch
immer. Ich fühlte in mir die Kraft zu beten und genoß sie mit Entzücken.

Ich erkundigte mich nicht einmal nach dem Namen des Toten, dessen Sarg ich
gefolgt war. Der Friedhof den ich betreten hatte, war mir in vieler
Hinsicht heilig. Drei Verwandte meiner mütterlichen Familie waren hier
begraben; aber ich konnte nicht zum Beten auf ihre Gräber gehen, denn sie
waren vor mehreren Jahren in ein entferntes Land an den Ort ihrer Herkunft
geschafft worden. -- Lange suchte ich das Grab Aurelias und konnte es nicht
wiederfinden. Die Einteilung des Friedhofs hatte sich verändert, --
vielleicht hatte sich auch mein Gedächtnis verirrt . . . . Es kam mir vor,
als ob dieser Zufall, dieses Vergessen, meine Verdammnis noch vergrößerten.
-- Ich wagte nicht, den Wächtern den Namen einer Toten zu nennen, auf die
ich religiös kein Recht hatte . . . . Aber ich erinnerte mich, daß ich zu
Hause die genaue Angabe des Grabes aufbewahrte und ich lief mit klopfendem
Herzen hin; ich hatte den Kopf verloren; ich sagte es schon; ich hatte
meine Liebe mit wunderlichem Aberglauben umgeben. -- In einer kleinen
Schatulle, die IHR gehört hatte, bewahrte ich ihren letzten Brief auf. Soll
ich noch gestehen, daß ich aus dieser Schatulle eine Art Reliquienschrein
gemacht hatte, der mich an lange Reisen erinnerte, wo der Gedanke an SIE
mich begleitet hatte: eine in den Gärten von Schubrah gepflückte Rose, ein
aus Ägypten mitgebrachtes Stückchen Band, im Fluß von Beirut gepflückte
Lorbeerblätter, zwei kleine, vergoldete Kristalle, Mosaiken aus der Hagia
Sophia, eine Perle aus einem Rosenkranz und was weiß ich noch? . . .
endlich das Papier, welches man mir am Tag wo man ihr Grab ausschaufelte,
gegeben hatte, damit ich es wiederfinden könne. Ich errötete, ich zitterte,
als ich diese tolle Ansammlung zerstreute. Ich steckte die zwei Papiere
ein, und im Augenblick, wo ich mich aufs neue nach dem Friedhof begeben
wollte, änderte ich meinen Entschluß. -- »Nein,« sagte ich mir, »ich bin
nicht wert, auf dem Grab einer Christin zu knien; fügen wir nicht eine
Entweihung zu so vielen andern.« Und um den Sturm, der in meinem Kopf
tobte, zu besänftigen, begab ich mich einige Meilen außerhalb von Paris in
eine kleine Stadt, wo ich in meiner Jugendzeit einige glückliche Tage bei
alten Verwandten, die inzwischen verstorben waren, verbracht hatte. Ich
wäre oft gern dahin zurückgekommen, um die Sonne bei ihrem Hause untergehen
zu sehen. Es war dort eine von Linden beschattete Terrasse, die in mir auch
die Erinnerung an verwandte junge Mädchen wachrief, zwischen denen ich
aufgewachsen war. Eine von ihnen . . .

Aber wie hatte ich nur daran denken können, diese unbestimmte
Kindheitsliebe der gegenüber zu stellen, die meine Jugend verschlungen hat?
Ich sah die Sonne sich über das Tal neigen, das sich mit Nebeln und
Schatten erfüllte; sie verschwand und badete die Gipfel der Wälder, die die
hohen Hügel krönten, in rötlichen Feuern.

Die düsterste Traurigkeit zog in mein Herz. Ich ging zum Schlafen in eine
Herberge, wo ich bekannt war. Der Wirt sprach mir von einem meiner alten
Freunde, der in der Stadt wohnte und der sich infolge von unglücklichen
Spekulationen mit einem Pistolenschuß getötet hatte . . . . Der Schlaf
brachte mir furchtbare Träume. Ich habe mir ein verworrenes Andenken daran
bewahrt. -- Ich befand mich in einem unbekannten Saal und sprach mit jemand
aus der Außenwelt, -- vielleicht mit dem Freund, von dem ich eben
gesprochen habe. Ein sehr hoher Spiegel befand sich hinter uns. Als ich
ganz zufällig einen Blick hineinwarf, glaubte ich A*** zu erkennen. Sie
schien traurig und nachdenklich zu sein und plötzlich, sei es, daß sie aus
dem Spiegel heraustrat, sei es, daß sie, als sie einen Augenblick vorher
durch den Saal ging, reflektiert wurde, diese sanfte und geliebte Gestalt
befand sich neben mir. Sie reichte mir die Hand, ließ einen schmerzlichen
Blick über mich gleiten und sagte: »Wir sehen uns später wieder . . . . .
im Hause deines Freundes.«

Und einen Augenblick lang stellte ich mir ihre Heirat vor, die
Verwünschung, die uns trennte, und ich sagte mir: Ist es möglich? Käme sie
zu mir zurück? »Hast du mir vergeben?« frug ich mit Tränen. Aber alles war
verschwunden. Ich befand mich an einem öden Ort, auf einer rauhen, von
Felsen besäten Anhöhe mitten im Wald. Ein Haus, das ich zu erkennen meinte,
beherrschte dieses trostlose Land. Ich ging und kam auf unentwirrbaren
Umwegen zurück. Vom Gehen zwischen Steinen und Dornengebüschen ermüdet,
suchte ich mitunter einen sanfteren Weg auf den Fußsteigen des Waldes. --
Man erwartet mich da unten! dachte ich; eine bestimmte Stunde schlug. Ich
sagte mir: ES IST ZU SPÄT und Stimmen antworteten: SIE IST VERLOREN!
Vollkommene Nacht umgab mich, das entfernte Haus glänzte, wie wenn es für
ein Fest beleuchtet und voll rechtzeitig angekommener Gäste wäre. -- Sie
ist verloren! rief ich aus, und warum? . . . . . Ich verstehe, sie hat eine
letzte Anstrengung gemacht um mich zu retten -- ich habe den äußersten
Augenblick verpaßt, wo die Vergebung noch möglich war. Aus Himmelshöhen
konnte sie den göttlichen Gatten für mich erbitten . . . . . Doch was liegt
an meinem Heil? Der Abgrund hat seine Beute empfangen! Sie ist für mich und
für alle verloren! Ich glaubte sie wie unter einem Blitzschein zu sehen,
bleich und sterbend von finstern Reitern fortgezogen . . . . Der Schrei
schmerzlicher Wut, den ich in diesem Augenblick ausstieß, ließ mich ganz
atemlos erwachen.

-- Mein Gott, mein Gott! Um ihretwillen, um ihretwillen allein! Mein Gott!
Vergib! schrie ich und warf mich auf die Knie.

Es war Tag. Durch eine Bewegung, von der ich schwer Rechenschaft ablegen
kann, beschloß ich die beiden Papiere sogleich zu vernichten, die ich am
Vorabend der Schatulle entnommen hatte. Der Brief, den ich beim Durchlesen
wieder mit Tränen benetzte und der Begräbnisschein, der das Siegel des
Friedhofes trug. -- Jetzt ihr Grab wiederfinden, sagte ich mir; aber ich
hätte gestern umkehren sollen; -- und mein unglücklicher Traum ist nur der
Widerschein meines unglücklichen Tages!



III.


DIE Flamme hat diese Reliquien der Liebe und des Todes verschlungen, die
mit den schmerzhaftesten Fibern meines Herzens verknüpft waren. Ich habe
meine Schmerzen und verspäteten Gewissensbisse mit hinaus auf das Land
genommen und suchte durch die Ermüdung des Gehens die Betäubung der
Gedanken, vielleicht auch die Gewißheit eines weniger unheilvollen
Schlummers für die kommende Nacht.

Mit diesem Gedanken, den ich mir vom Traume gebildet hatte, der dem
Menschen eine Verbindung mit der Geisterwelt öffnet, hoffte ich, hoffte ich
immer noch! Vielleicht würde Gott sich mit diesem Opfer begnügen. -- Hier
halte ich ein; es ist zu hochmütig zu behaupten, daß der geistige Zustand,
in dem ich mich befand, nur durch eine Liebeserinnerung verursacht worden
sei. Sagen wir lieber, daß ich mich damit unwillkürlich gegen die ernstere
Reue eines toll vergeudeten Lebens schützte, in dem das Böse recht oft
triumphiert hatte und dessen Fehler ich nur erkannte, wenn ich die Schläge
des Unglücks spürte. Ich fühlte mich nicht mehr würdig an die auch nur zu
denken, die ich im Tode quälte, nachdem ich sie im Leben betrübt hatte, und
deren sanftem, heiligem Mitleid ich allein einen letzten Blick der
Verzeihung verdankt habe.

In der folgenden Nacht konnte ich nur wenige Augenblicke schlafen. Eine
Frau, die sich meiner Jugend angenommen hatte, erschien mir im Traum und
warf mir einen sehr ernsten Fehler vor, den ich früher begangen hatte. Ich
erkannte sie wieder, obgleich sie mir viel älter erschien als in den
letzten Zeiten, wo ich sie gesehen hatte. Gerade das erinnerte mich bitter
daran, daß ich versäumt hatte, sie in ihren letzten Augenblicken zu
besuchen. Es schien mir, als ob sie zu mir sagte: »Du hast deine alten
Verwandten nicht so lebhaft beweint, wie du diese Frau beweint hast. Wie
kannst du dann auf Verzeihung hoffen?« Der Traum wurde verwirrt. Gestalten
von Personen, die ich zu verschiedenen Zeiten gekannt hatte, gingen
geschwind vor meinen Augen vorüber. Sie gingen vorbei, erstrahlten,
verblichen und fielen in die Nacht zurück wie die Perlen eines
Rosenkranzes, dessen Band zerrissen ist. Ich sah dann wie sich unbestimmt
plastische Bilder aus dem Altertum formten, die -- erst flüchtig
hingeworfen -- deutlich wurden und Symbole darzustellen schienen, deren
Gedanken ich nur schwer erfaßte. Nur glaubte ich, daß es bedeuten solle:
Alles das war geschaffen, um dich das Geheimnis des Lebens zu lehren und du
hast es nicht verstanden. Die Religionen und die Sagen, die Heiligen und
die Dichter vereinigten sich, um das verhängnisvolle Rätsel zu erklären,
und du hast schlecht begriffen . . . Jetzt ist es zu spät!

Ich erhob mich voll Entsetzen und sagte mir: das ist mein letzter Tag! Mit
zehnjährigem Zwischenraum kam mir dieselbe Idee, die ich im ersten Teil
dieser Erzählung geschildert habe, positiver und noch drohender wieder.
Gott hatte mir zur Reue Zeit gelassen und ich hatte sie nicht ausgenutzt.
Nach dem Besuch des »steinernen Gastes« hatte ich mich wieder zum Festmahl
hingesetzt!



IV.


MEIN Gefühl aus diesen Visionen und Grübeleien, das während meiner einsamen
Stunden aus ihnen entsprang, war so traurig, daß ich mir wie verloren
vorkam. Alle Handlungen meines Lebens erschienen mir von ihrer
ungünstigsten Seite und in der Art von Gewissensprüfung, der ich mich
hingab, führte mir das Gedächtnis die ältesten Tatsachen mit einer
seltsamen Klarheit vor; ich weiß nicht was für eine falsche Scham mich
verhinderte, den Beichtstuhl zu betreten; vielleicht die Angst mich in
Dogmen und in die Gebräuche einer furchteinflößenden Religion einzulassen,
da ich gegen gewisse Punkte darin philosophische Vorurteile bewahrt hatte.
Meine ersten Jahre sind zu sehr mit den Ideen der Revolution durchsetzt
gewesen, meine Erziehung war zu frei, mein Leben zu rastlos, als daß ich
leicht ein Joch auf mich nehmen könnte, das in vielen Punkten immer noch
meine Vernunft beleidigen würde. Ich bebte, wenn ich bedachte, was für
einen Christen ich abgeben würde, wenn gewisse Prinzipien, die der freien
Forschung der zwei letzten Jahrhunderte entlehnt sind, wenn endlich das
Studium der verschiedenen Religionen mich nicht auf diesem Abhang aufhalten
würde. Ich habe meine Mutter nie gekannt, die meinem Vater zum Heere folgen
wollte wie die Frauen der alten Germanen. Sie starb am Fieber und vor
Müdigkeit in einer kalten Gegend Deutschlands, und mein Vater selbst konnte
meine ersten Gedanken nicht darauf lenken. Das Land, in dem ich erzogen
wurde, war voll von seltsamen Legenden und fremdartigem Aberglauben. Einer
meiner Oheime, der den größten Einfluß auf meine erste Erziehung hatte,
beschäftigte sich zum Zeitvertreib mit römischen und keltischen
Altertümern. Es fanden sich manchmal in seinem Feld oder in der Umgebung
Bilder von Göttern oder Kaisern, die seine Gelehrtenbewunderung mich
verehren hieß, und deren Geschichte mich seine Bücher lehrten. Ein gewisser
Mars aus vergoldeter Bronze, eine bewaffnete Pallas oder Venus, ein Neptun
oder eine Amphytrite, die ausgehauen über dem Brunnen des Dorfes standen
und vor allem das gute, dicke, bärtige Antlitz eines Pan, der am Eingang
einer Grotte zwischen Girlanden von Osterluzei und Efeu lächelte, waren die
Haus- und Schutzgötter dieses Ruhesitzes. Ich gestehe, daß sie mir damals
mehr Ehrfurcht einflößten als die ärmlichen christlichen Kirchenbilder und
die beiden unförmigen Heiligen des Portals, von denen manche Gelehrten
behaupten, sie seien der Esus und der Cernunnas der Gallier. Ich war
verlegen zwischen diesen verschiedenen Symbolen und fragte eines Tages
meinen Onkel, was »Gott« sei? »Gott ist die Sonne!« sagte er mir. Das war
der innerste Gedanke eines Ehrenmannes, der sein ganzes Leben als Christ
gelebt, aber die Revolution durchgemacht hatte und aus einer Gegend war, wo
viele dieselbe Vorstellung von der Gottheit besaßen. Das hinderte nicht,
daß die Frauen und die Kinder in die Kirche gingen und ich verdankte einer
meiner Tanten einige Belehrungen, die mich die Schönheit und die Größe des
Christentums verstehen ließen. Nach 1815 ließ mich ein Engländer, der sich
in unserm Lande aufhielt, die Bergpredigt lernen und gab mir ein Neues
Testament . . . . Ich führe diese Einzelheiten nur an, um die Ursachen
einer gewissen Unentschlossenheit anzugeben, die sich in meinem Geist oft
mit der ausgesprochensten Religiosität verbunden hat.

Ich will erklären, wie ich, nachdem ich lange Zeit vom rechten Weg entfernt
war, mich zu ihm durch die geliebte Erinnerung an ein totes Wesen
zurückgeführt fühlte, und wie das Bedürfnis zu glauben, daß es fortlebe,
das bestimmte Gefühl für die verschiedenen Wahrheiten, die ich nicht fest
genug in meiner Seele aufgenommen hatte, in meinem Geist aufleben ließ. Die
Verzweiflung und der Selbstmord sind das Resultat gewisser unglücklicher
Situationen für den, der nicht an die Unsterblichkeit mit ihren Leiden und
Freuden glaubt: ich werde glauben, etwas Gutes und Nützliches getan zu
haben, wenn ich ganz naiv die Folgen der Ideen aufzeichne, durch die ich
Ruhe und neue Kraft wiedergefunden habe, die ich den zukünftigen
Unglücksfällen des Lebens gegenüberstellen werde.

Die Visionen, die einander während meines Schlummers gefolgt waren, hatten
mich einer solchen Verzweiflung preisgegeben, daß ich kaum reden konnte;
die Gesellschaft meiner Freunde verhalf mir nur zu einer ungewissen
Zerstreuung; mein Geist, der vollauf mit seinen Einbildungen beschäftigt
war, versagte bei der geringsten abweichenden Vorstellung; ich konnte keine
zehn Zeilen hintereinander lesen und verstehen. Ich sagte mir die schönsten
Dinge: was liegt daran, das gibt es nicht für mich. Einer meiner Freunde
namens Georg unternahm es, diese Entmutigung zu besiegen. Er führte mich in
verschiedene Gegenden der Umgebung von Paris und nahm es auf sich, allein
zu sprechen, während ich mit einigen unzusammenhängenden Phrasen
antwortete. Sein ausdrucksvolles und fast mönchisches Gesicht machte eines
Tages seine sehr beredten Einwände besonders wirkungsvoll, die er gegen
jene Jahre des Zweifels und der politischen und sozialen Entmutigung fand,
die der Juli-Revolution folgten. Ich war einer der Jungen dieser Epoche
gewesen und ich hatte ihre Glut und ihre Bitterkeiten geschmeckt. Eine
Bewegung vollzog sich in mir: ich sagte mir, daß solche Lehren von der
Vorsehung nicht ohne Absicht gegeben werden konnten, und daß ein Geist ohne
Zweifel aus ihm sprach. Eines Tages aßen wir unter einer Laube in einem
kleinen Dorf in der Umgebung von Paris zu Abend; eine Frau kam und sang an
unserm Tisch und ich weiß nicht was in ihrer abgenutzten aber sympathischen
Stimme mich an die Aureliens erinnerte. Ich betrachtete sie: selbst ihre
Züge waren nicht ohne Ähnlichkeit mit denen, die ich geliebt hatte; man
schickte sie weg und ich wagte nicht sie zurückzuhalten, aber ich sagte
mir: Wer weiß ob ihr »Geist« nicht in dieser Frau ist! Und ich fühlte mich
glücklich, daß ich ihr ein Almosen gegeben hatte.

Ich sagte mir: Ich habe das Leben recht schlecht ausgenutzt, aber wenn die
Toten vergeben, so geschieht es sicher unter der Bedingung, daß man für
immer dem Bösen entsagt, und daß man alles, was man getan hat, wieder gut
macht. Ist das möglich? . . . . Von diesem Augenblick an wollen wir
versuchen, nichts Böses mehr zu tun und Ersatz zu geben für alles, was wir
schuldig sein könnten. -- Ich hatte ein frisches Unrecht gegen eine Person;
es war nur eine Nachlässigkeit, aber ich fing damit an, daß ich mich
entschuldigen ging. Die Freude, die ich empfand, als ich dies wieder gut
gemacht hatte, tat mir ungemein wohl. Ich hatte von jetzt an einen Grund
zum Leben und zum Handeln und gewann wieder Interesse an der Welt.

Schwierigkeiten tauchten auf; für mich unaussprechliche Ereignisse schienen
sich zu vereinigen, um meinen guten Entschluß zu durchkreuzen. Der Zustand
meines Geistes machte mir die Ausführung ausgemachter Arbeiten unmöglich.
Da man mich seither gesund glaubte, verlangte man mehr, und da ich auf die
Lüge verzichtet hatte, wurde ich von Leuten eines Vergehens geziehen, die
sich nicht scheuten, es auszunutzen. Die Masse von Entschuldigungen, die
ich zu machen hatte, erdrückte mich im Hinblick auf meine Ohnmacht.
Politische Ereignisse wirkten indirekt, sowohl um mich zu betrüben wie um
mich zu hindern, Ordnung in meine Angelegenheit zu bringen. Der Tod eines
meiner Freunde vervollständigte diese Gründe zur Mutlosigkeit. Ich sah mit
Schmerzen seine Wohnung, seine Bilder wieder, die er mir einen Monat vorher
mit Freuden gezeigt hatte; ich ging an seinem Sarg vorüber im Augenblick,
wo man ihn vernagelte. Da er von meinem Alter und aus meiner Zeit war,
sagte ich mir: Was würde geschehen, wenn ICH so plötzlich stürbe?

Am folgenden Sonntag erhob ich mich mit einem dumpfen Schmerz. Ich ging
meinen Vater besuchen, dessen Magd krank war, und der Launen zu haben
schien. Er wollte allein Holz von seinem Speicher holen und ich konnte ihm
nur den Dienst leisten, ihm ein Holzscheit, das er brauchte, zu reichen.
Ich ging niedergeschlagen weg. Auf der Straße begegnete ich einem Freund,
der mich zum Essen mit sich nach Hause nehmen wollte, um mich ein bißchen
zu zerstreuen. Ich lehnte ab und richtete meine Schritte ohne gegessen zu
haben nach Montmartre. Der Friedhof war geschlossen, was ich als üble
Vorbedeutung auffaßte. Ein deutscher Dichter hatte mir einige Seiten zu
übersetzen gegeben und mir auf diese Arbeit eine Summe vorgestreckt. Ich
nahm den Weg zu seinem Haus, um ihm das Geld zurückzugeben.

Als ich um das Clichytor bog, war ich Zeuge eines Streites. Ich versuchte
die Streitenden zu trennen, aber es wollte mir nicht gelingen. In diesem
Augenblick ging ein Arbeiter von großem Wuchs über denselben Platz, wo der
Kampf sich abgespielt hatte. Er trug auf der linken Schulter ein Kind in
hyazinthfarbenem Kleid. Ich stellte mir vor, es wäre der heilige
Christophorus, der den Heiland trägt, und ich wäre verdammt, weil es mir
bei der eben stattgehabten Szene an Kraft gefehlt hatte. Von diesem
Augenblicke an irrte ich als Beute der Verzweiflung in dem unbegrenzten
Gelände umher, das die Vorstadt von dem Tor trennt. Es war zu spät, um den
Besuch zu machen, den ich vorgehabt hatte. Ich ging also kreuz und quer
durch die Straßen nach dem Zentrum von Paris zurück. In der Nähe der Rue de
la Victoire begegnete ich einem Priester und wollte ihm in der Verwirrung,
in der ich mich befand, beichten. Er sagte mir, daß er nicht zu der Pfarre
gehöre, und daß er zu irgendjemand in eine Abendgesellschaft ginge, aber
daß ich, wenn ich ihn am folgenden Tage in Notre-Dame um Rat fragen wolle,
nur nach dem Abbé Dubois fragen solle.

Verzweifelt und weinend lenkte ich meine Schritte nach der Kirche
Notre-Dame de Lorette, wo ich mich zu Füßen des Altars der heiligen
Jungfrau niederwarf und um Vergebung für meine Fehler bat. Etwas in mir
sagte sich: Die Jungfrau ist tot und deine Gebete sind unnütz. Ich ging
nach den hintersten Plätzen des Chors, um mich dort auf die Knie zu werfen,
und streifte einen silbernen Ring vom Finger, in dessen Stein die drei
arabischen Worte graviert waren: Allah! Mohammed! Ali! Sofort entzündeten
sich mehrere Kerzen im Chor, und es begann ein Gottesdienst, mit dem ich
mich im Geist zu vereinigen versuchte. Als man beim Ave Maria angelangt
war, unterbrach sich der Priester mitten beim Gebet und fing siebenmal von
vorne an, ohne daß ich in meinem Gedächtnis die folgenden Worte hätte
wiederfinden können. Dann beschloß man das Gebet und der Priester hielt
eine Rede, die auf mich allein anzuspielen schien. Als alles ausgelöscht
war, erhob ich mich und ging hinaus, wobei ich die Richtung nach den
Champs-Elysées einschlug.

Als ich bei der Place de la Concorde angelangt war, hatte ich den Gedanken
mich zu vernichten. Verschiedene Male ging ich zur Seine, aber etwas
hinderte mich meinen Entschluß auszuführen. Die Sterne leuchteten am
Firmament. Plötzlich schien es mir, wie wenn sie mit einemmal verlöschten
wie die Kerzen, die ich in der Kirche gesehen hatte. Ich glaubte, daß die
Zeiten erfüllt seien und daß wir dem Ende der Welt nahe seien, die der
heilige Johannes in der Apokalypse verkündigt hat. Ich glaubte, eine
schwarze Sonne an dem verödeten Himmel und eine blutrote Kugel über den
Tuilerien zu erblicken. Ich sagte mir: Die ewige Nacht beginnt und sie wird
fürchterlich sein. Was wird geschehen, wenn die Menschen gewahren werden,
daß es keine Sonne mehr gibt? Ich ging durch die Rue St. Honoré zurück und
beklagte die verspäteten Bauern, denen ich begegnete. Am Louvre angekommen
ging ich bis zum Platz und da wartete meiner ein seltsames Schauspiel.
Zwischen den rasch vom Wind gejagten Wolken sah ich mehrere Monde, die mit
großer Schnelligkeit vorüberglitten. Ich dachte, die Erde sei aus ihrer
Bahn getreten und irre am Firmament wie ein entmastetes Schiff umher, wobei
sie sich den Sternen, die abwechselnd wuchsen und wieder abnahmen, näherte
und wieder von ihnen entfernte. Zwei oder drei Stunden lang betrachtete ich
diese Unordnung und ging schließlich nach der Gegend der Hallen. Die Bauern
brachten ihre Waren und ich sagte mir: Wie werden sie erstaunt sein, wenn
sie merken, daß die Nacht sich verlängert? Indessen bellten hie und da
Hunde und die Hähne krähten. Von Müdigkeit zerschlagen ging ich nach Hause
und warf mich auf mein Bett. Als ich aufwachte war ich erstaunt das Licht
wiederzusehen. Eine Art geheimnisvollen Chors drang an mein Ohr: »CHRISTUS,
CHRISTUS! CHRISTUS!« Ich dachte, daß man in einer benachbarten Kirche,
Notre-Dame-des-Victories, eine große Zahl Kinder vereint habe, um den
Heiland anzurufen. -- Aber Christus ist nicht mehr! sagte ich mir, sie
wissen es noch nicht! Die Anrufung dauerte ungefähr eine Stunde. Ich stand
endlich auf und ging unter die Galerien des Palais Royal. Ich sagte mir,
daß die Sonne wahrscheinlich noch genügend Licht aufgespeichert hätte, aber
daß sie dazu ihre eigene Substanz abnützen müsse, und ich fand sie wirklich
kalt und farblos. Ich beschwichtigte meinen Hunger mit einem kleinen
Kuchen, um die Kraft zu gewinnen, das Haus des deutschen Dichters zu
erreichen. Als ich eintrat sagte ich zu ihm, daß alles aus sei, und daß wir
uns zum Sterben vorbereiten müßten. Er rief seiner Frau, die zu mir sagte:
»Was fehlt Ihnen!« -- »Ich weiß es nicht,« sagte ich zu ihr, »ich bin
verloren!« Sie schickte nach einer Droschke und ein junges Mädchen führte
mich nach der Maison Dubois.



V.


MEIN Übel begann wieder mit wechselnden Anfällen. Nach einem Monat war ich
wieder hergestellt. Während der zwei Monate, die nun folgten, nahm ich
meine Pilgerfahrten rund um Paris wieder auf. Die längste Reise, die ich
gemacht habe, war der Besuch des Doms von Reims. Nach und nach fing ich
wieder an zu schreiben und verfaßte eine meiner besten Novellen. Ich
schrieb sie allerdings mühsam fast immer mit Bleistift auf lose Blätter,
geleitet von dem Zufall meiner Träumereien und Spaziergänge. Die
Korrekturen regten mich sehr auf. Wenige Tage nach Veröffentlichung der
Novelle fühlte ich mich von hartnäckiger Schlaflosigkeit befallen. Die
ganze Nacht ging ich auf dem Hügel von Montmartre spazieren und sah von
dort den Sonnenaufgang. Ich plauderte lange mit Bauern und Arbeitern. In
andern Augenblicken wand ich mich den Hallen zu. Eine Nacht ging ich zum
Essen in ein Café am Boulevard und vergnügte mich damit, Gold- und
Silberstücke in die Luft zu werfen. Dann ging ich zu den Hallen und stritt
mit einem Unbekannten, dem ich eine grobe Ohrfeige gab. Ich weiß nicht,
wieso das gar keine Folgen hatte. Zu einer gewissen Stunde, als ich die
Turmuhr von St. Eustache schlagen hörte, begann ich an die Kämpfe der
Herzöge von Burgund und der Armagnacs zu denken, und ich glaubte, daß sich
die Schatten der Kämpfenden jener Epoche um mich herum erhoben. Ich kam in
Streit mit einem Dienstmann, der auf seiner Brust ein silbernes Täfelchen
trug und zu dem ich sagte, daß er der Herzog Johann von Burgund sei. Ich
wollte ihn verhindern, in eine Schenke zu treten. Durch eine
Eigentümlichkeit, die ich mir nicht erkläre, bedeckte sich sein Gesicht mit
Tränen als er sah, daß ich ihm mit Tod drohte. Das rührte mich, und ich
hieß ihn vorbeigehen.

Ich wendete mich gegen die Tuilerien, die geschlossen waren, und ging den
Quais entlang; dann begab ich mich zum Luxembourg und ging dann mit einem
Freund frühstücken. Dann betrat ich St. Eustache, wo ich fromm am Altar der
heiligen Jungfrau niederkniete und an meine Mutter dachte. Die Tränen, die
ich vergoß, erleichterten meine Seele und als ich aus der Kirche kam,
kaufte ich einen silbernen Ring. Darauf stattete ich meinem Vater einen
Besuch ab, bei dem ich einen Strauß Margueriten zurückließ, da er abwesend
war. Von da ging ich zum Jardin des Plantes. Es waren viele Menschen dort
und ich verweilte einige Zeit und sah mir das Nilpferd an, das gerade in
einem Bassin badete. -- Darauf begab ich mich in die osteologischen
Sammlungen. Der Anblick der Ungetüme, die sie enthalten, ließ mich an die
Sintflut denken und als ich hinausging, fiel ein schrecklicher Platzregen
im Garten nieder. Ich sagte mir: Was für ein Unglück! All diese Frauen, all
diese Kinder werden durchnäßt! . . . Dann sagte ich mir: Aber es ist noch
mehr! Die wirkliche Sintflut beginnt! Das Wasser stieg in den
Nachbarstraßen an; ich lief die Straße Saint-Victor hinunter und im
Gedanken das aufzuhalten, was ich für die Weltüberschwemmung hielt, warf
ich an der tiefsten Stelle den Ring, den ich bei Saint-Eustache gekauft
hatte, ins Wasser. Ungefähr in demselben Augenblick beruhigte sich das
Gewitter und ein Sonnenstrahl begann zu glitzern.

Hoffnung kehrte in meine Seele zurück. Um vier Uhr hatte ich eine
Verabredung bei meinem Freunde Georg; ich ging nach seiner Wohnung. Als ich
bei einem Kuriositätenhändler vorüberging, kaufte ich zwei Ofenschirme aus
Samt, die mit hieroglyphischen Figuren bedeckt waren. Das schien mir die
Weihe für die himmlische Verzeihung zu sein. Ich kam zur bestimmten Zeit zu
Georg und vertraute ihm meine Hoffnung an. Ich war durchnäßt und müde. Ich
wechselte meine Kleider und legte mich auf sein Bett. Während meines
Schlummers hatte ich eine wunderbare Vision. Es kam mir vor, als ob die
Göttin mir erschiene und zu mir sagte: »Ich bin dieselbe wie Maria,
dieselbe wie deine Mutter, dieselbe auch, die du stets unter allen Formen
geliebt hast. Bei jeder deiner Prüfungen habe ich eine meiner Masken
aufgegeben, mit denen ich meine Züge verschleiere und bald wirst du mich
sehen so wie ich bin . . .« Ein köstlicher Weinberg wuchs aus dem Gewölk
hinter ihr hervor, ein sanftes und durchdringendes Licht erhellte dieses
Paradies; indessen hörte ich nur ihre Stimme, aber ich fühlte mich in eine
entzückende Trunkenheit getaucht. -- Kurze Zeit darauf erwachte ich und
sagte zu Georg: »Laß uns ausgehen!« Während wir den Pont des Arts
überschritten, erklärte ich ihm die Seelenwanderung und sagte zu ihm: »Es
kommt mir vor, als hätte ich heute abend die Seele Napoleons in mir, die
mich begeistert und mir große Dinge befiehlt.« --In der Rue du Coq kaufte
ich einen Hut und während Georg das Kleingeld erhielt auf das Goldstück,
das ich auf den Ladentisch geworfen hatte, setzte ich meinen Weg fort und
gelangte nach den Galerien des Palais Royal.

Da schien es mir, als ob jedermann mich ansähe. Eine beharrliche Idee hatte
sich in meinem Geiste festgesetzt, nämlich, daß es keine Toten mehr gebe;
ich durchlief die Galerie de Foy und sagte: »Ich habe einen Fehler
begangen«; und als ich mein Gedächtnis, welches ich für das Napoleons
hielt, frug, konnte ich nicht dahinter kommen, was für einen. »Irgend etwas
habe ich hier nicht bezahlt!« in diesem Gedanken betrat ich das Café de Foy
und glaubte in einem der Stammgäste den Vater Bertin von den »Débats« zu
erkennen. Dann durchschritt ich den Garten, wobei ich den Rundtänzen der
kleinen Mädchen einiges Interesse schenkte. Von da verließ ich die Galerien
und richtete meine Schritte nach der Rue St. Honoré. Ich trat in einen
Laden, um eine Zigarre zu kaufen, und als ich hinaustrat, war die Menge so
dicht, daß ich fast erdrückt worden wäre. Zwei meiner Freunde befreiten
mich, indem sie für mich bürgten, und ließen mich in ein Kaffeehaus
eintreten, während einer von ihnen eine Droschke holte. Man brachte mich
zum Charitéhospital.

Während der Nacht nahm das Delirium zu, besonders am Morgen, als ich
bemerkte, daß ich angebunden war. Es gelang mir, mich von der Zwangsjacke
zu befreien, und gegen Morgen ging ich in den Sälen herum. Der Gedanke, daß
ich einem Gott gleich geworden sei, und die Kraft zu heilen besäße, ließ
mich einigen Kranken die Hände auflegen; dann trat ich auf ein Standbild
der heiligen Jungfrau zu, der ich den Kranz von künstlichen Blumen abnahm,
um die Macht, die ich zu besitzen glaubte, noch zu unterstützen. Ich ging
mit großen Schritten, wobei ich mit Lebhaftigkeit über die Unwissenheit der
Menschen sprach, die glaubten, mit der Wissenschaft allein heilen zu
können, und als ich auf dem Tische ein Fläschchen mit Äther sah, verschlang
ich seinen Inhalt mit einem Schluck. Ein Assistenzarzt, dessen Gesicht ich
mit dem der Engel verglich, wollte mich aufhalten, aber die nervöse Kraft
unterstützte mich und bereit ihn niederzuwerfen blieb ich stehen und sagte
ihm, er verstehe nicht was meine Mission sei. Dann kamen Ärzte und ich
setzte meine Rede über die Ohnmacht ihrer Kunst fort. Hierauf ging ich die
Treppe hinunter, obwohl ich keine Fußbekleidung hatte. Als ich an einem
Blumengarten angelangt war, ging ich hinein und pflückte Blumen, wobei ich
auf dem Rasen herumging.

Einer meiner Freunde war zurückgekommen, um mich zu holen. Da verließ ich
den Blumengarten und während ich mit ihm sprach, warf man mir eine
Zwangsjacke über die Schultern, dann ließ man mich in eine Droschke steigen
und brachte mich in eine Irrenanstalt außerhalb von Paris. Ich verstand als
ich mich unter den Irrsinnigen sah, daß alles bisher für mich nur
Einbildung gewesen war. Übrigens schien es mir, daß die Versprechungen, die
ich der Göttin Isis zuschrieb, sich durch eine Reihe von Prüfungen
verwirklichten, die ich zu ertragen bestimmt war. Ich nahm sie also mit
Ergebung hin.

Der Teil des Gebäudes, in dem ich mich befand, ging auf eine weite, von
Nußbäumen beschattete Wandelbahn. In einer Ecke befand sich ein kleiner
Erdhügel, wo einer der Gefangenen den ganzen Tag im Kreis herumging. Andere
beschränkten sich wie ich, auf dem Erdwall oder der Terrasse auf und ab zu
gehen, die von einer Rasenböschung begrenzt wurde. Auf einer Mauer, die
nach Sonnenuntergang lag, waren Figuren gezeichnet, deren eine die Form des
Mondes mit geometrisch gezeichneten Augen und Mund darstellte; über dieses
Gesicht hatte man eine Art Maske gemalt; die Mauer zur Linken stellte
verschiedene Profilzeichnungen vor, worunter eine einer Art japanischer
Gottheit glich. Etwas weiter war ein Totenkopf in den Gips modelliert. An
der gegenüberliegenden Seite waren zwei Quadersteine von einem der Gäste
des Gartens behauen worden und stellten kleine, ganz gut getroffene Fratzen
dar. Zwei Türen führten in die Keller und ich bildete mir ein, daß das
unterirdische Gänge seien, die denen gleichen, die ich am Eingang der
Pyramiden gesehen hatte.



VI.


ZUERST stellte ich mir vor, daß die in diesem Garten versammelten Personen
alle irgend einen Einfluß auf die Gestirne hätten, und daß der, welcher
sich unaufhörlich in demselben Kreise drehte, dadurch den Gang der Sonne
regulierte. Ein Greis, den man zu gewissen Tageszeiten herführte und der
Knoten machte, wenn er seine Taschenuhr konsultierte, schien mir damit
betraut zu sein, den Gang der Stunden festzustellen. Mir selbst schrieb ich
einen Einfluß auf den Lauf des Mondes zu und ich glaubte, dieses Gestirn
habe einen Blitzstrahl des Allmächtigen empfangen, der auf sein Antlitz die
Maske geprägt habe, die ich bemerkt hatte.

Ich legte den Unterhaltungen der Wärter und denen meiner Genossen einen
mystischen Sinn unter. Sie schienen mir die Repräsentanten aller Rassen der
Erde zu sein und ich glaubte, daß wir dazu da seien, die Bahnen der
Gestirne aufs neue festzusetzen und dem System eine größere Entwicklung zu
geben. Meiner Meinung nach hatte sich ein Irrtum bei der
Hauptzusammenstellung der Zahlen eingeschlichen, und davon leitete ich alle
Übel der Menschheit ab. Ich glaubte noch, daß die himmlischen Geister
menschliche Formen angenommen hätten und dieser Generalversammlung
beiwohnten, obwohl sie von gemeinen Sorgen eingenommen schienen. Meine
Rolle schien mir zu sein, die Harmonie des Weltalls durch kabbalistische
Kunst wiederherzustellen und eine Lösung zu suchen, indem ich die okkulten
Kräfte der verschiedenen Religionen heraufbeschwor. Außer der Wandelbahn
hatten wir noch einen Saal, dessen senkrecht vergitterte Fenster ins Grüne
hinausgingen. Wenn ich hinter diesen Scheiben die Linie der äußern
Baulichkeiten ansah, gewahrte ich, wie sich die Fassade und die Fenster in
tausend mit Arabesken geschmückte Pavillons zerteilten; darüber erhoben
sich Ausschnitte und Spitzen, die mir die kaiserlichen Kioske, die den
Bosporus umgeben, ins Gedächtnis riefen. Das führte natürlich meinen Geist
zur Beschäftigung mit dem Orient. Gegen zwei Uhr brachte man mich ins Bad
und ich glaubte mich von den Walküren, den Töchtern Odins bedient, die mich
zur Unsterblichkeit erheben wollten, indem sie nach und nach meinen Körper
von allem Unreinen befreiten.

Abends ging ich heiter im Mondschein spazieren, und wenn ich meine Augen zu
den Bäumen erhob, schienen sich die Blätter eigenartig zu rollen, so daß
sie Bilder von Kavalieren und Damen bildeten, die von aufgeputzten Pferden
getragen wurden. Das waren für mich die triumphierenden Gestalten der
Ahnen. Dieser Gedanke leitete mich zu dem andern, daß eine ausgedehnte
Verschwörung unter allen Lebewesen bestand, um die Welt in ihrer ersten
Harmonie wieder herzustellen, daß die Verbindungen durch den Magnetismus
der Gestirne stattfanden, daß eine ununterbrochene Kette die mit jener
allgemeinen Verbindung beschäftigten Intelligenzen rings um die Erde
verband und daß die magnetisierten Gesänge, Tänze und Blicke nach und nach
dasselbe Streben übertrugen. Der Mond war für mich der Zufluchtsort der
verbrüderten Seelen, die von ihren sterblichen Körpern befreit freier an
der Wieederherstellung des Weltalls arbeiteten.

Für mich schien die Zeit eines jeden Tages schon um zwei Stunden zugenommen
zu haben, so daß ich, wenn ich zu den durch die Uhren des Hauses
festgesetzten Stunden aufstand, mich nur im Reich der Schatten bewegte. Die
Genossen, die mich umgaben, schienen mir eingeschlafen und dem Anblick des
Tartarus zu gleichen bis zur Stunde, wo für mich die Sonne aufging. Dann
begrüßte ich dieses Gestirn durch ein Gebet und mein wirkliches Leben
begann.

Von dem Augenblick an, wo ich mich soweit vergewissert hatte, daß ich den
Prüfungen der heiligen Einweihung unterworfen war, empfing mein Geist eine
unbezwingliche Kraft. Ich hielt mich für einen Helden, der unter dem Blick
der Götter lebt; alles in der Natur gewann ein neues Ansehen und geheime
Stimmen kamen aus der Pflanze, dem Baum, den Tieren, den geringsten
Insekten, um mich zu benachrichtigen und zu ermutigen. Die Sprache meiner
Gefährten hatte geheimnisvolle Wendungen, deren Sinn ich verstand,
Gegenstände ohne Form und ohne Leben fügten sich von selbst den
Berechnungen meines Geistes ein; -- aus der Zusammenstellung von
Kieselsteinen, den Figuren von Winkeln, Spalten und Öffnungen, den
Schnittlinien von Blättern, aus Farben, Düften und Tönen sah ich bis dahin
unbekannte Harmonien hervorgehen. »Wie«, sagte ich mir, »habe ich nur so
lange außerhalb der Natur bestehen können und ohne mich mit ihr zu
identifizieren? Alles lebt, alles handelt, alles steht in Beziehung; die
magnetischen Strahlen, die von mir oder von andern ausgehen, überschreiten
ohne Hindernis die unendliche Kette der geschaffenen Dinge; ein
durchsichtiges Netz bedeckt die Welt, dessen gelockerte Fäden sich von Ort
zu Ort den Planeten und den Sternen mitteilen. Ich bin für den Augenblick
an die Erde gefesselt und unterhalte mich mit dem Chor der Gestirne, die an
meinen Freuden und Schmerzen teilnehmen!«

Sofort zitterte ich, wenn ich bedachte, daß selbst dieses Mysterium
belauert werden könnte. -- »Wenn die Elektrizität,« sagte ich mir, »die der
Magnetismus der physischen Körper ist, einer Leitung unterworfen sein kann,
die ihr Gesetze auferlegt, so können noch viel mehr die feindlichen und
tyrannischen Geister die Intelligenzen unterjochen und sich ihrer geteilten
Kräfte zum Zweck der Herrschaft bedienen. So sind die alten Götter besiegt
und durch die neuen Götter geknechtet worden. So«, sagte ich mir weiter
indem ich meine Erinnerungen an die alte Welt zu Rate zog, »haben die
Nekromanten ganze Völker beherrscht, deren unter ihrem ewigen Zepter
gefesselte Geschlechter einander folgten. O Unglück! Selbst der Tod kann
sie nicht befreien, denn wir leben wieder in unsern Söhnen, wie wir in
unsern Vätern gelebt haben, -- und die unerbittliche Wissenschaft unsrer
Feinde weiß uns überall zu erkennen. Die Stunde unsrer Geburt, der Punkt
der Erde an dem wir erscheinen, die erste Bewegung, der Name, das Zimmer,
-- und all jene Weihen und all jene Gebräuche, die man uns auferlegt, alles
das stellt eine glückliche oder verhängnisvolle Reihenfolge dar, von der
die ganze Zukunft abhängt. Aber wenn das schon nach menschlicher Berechnung
fürchterlich ist, verstehe man was das sein muß, wenn es an die
geheimnisvollen Formeln anknüpft, auf denen die Ordnung der Welten beruht!
Man hat richtig gesagt: Nichts ist gleichgültig, nichts ist ohnmächtig im
Weltall; ein Atom kann alles auflösen, ein Atom kann alles retten!

O Entsetzen! Das ist der ewige Unterschied zwischen Gut und Böse! Ist meine
Seele das unzerstörbare Molekül, die Blase, die ein bißchen Luft aufbläht,
aber die ihren Platz in der Natur wiederfindet, oder die Leere selbst, ein
Bild des Nichts, das in der Unendlichkeit verschwindet? Wäre sie ferner das
unglückselige Teilchen, das bestimmt ist unter all seinen Verwandlungen der
Rache der mächtigen Wesen zu unterliegen? So sah ich mich dahin gebracht,
von mir Rechenschaft für mein Leben und selbst für meine früheren
Existenzen zu fordern. Indem ich mir bewies, daß ich gut sei, bewies ich
mir, daß ich es stets gewesen sein müsse. Und wenn ich schlecht gewesen
bin, sollte da nicht mein gegenwärtiges Leben eine genügende Sühne sein?
Dieser Gedanke beruhigte mich, aber nahm mir nicht die Angst, für immer
unter die Unglücklichen eingereiht zu werden. Ich fühlte mich in kaltes
Wasser getaucht, und ein noch kälteres Wasser rieselte über meine Stirn.
Ich lenkte meinen Gedanken wieder zur ewigen Isis, zur Mutter und heiligen
Gattin. All mein Streben, all meine Gebete vereinigten sich in diesem
zauberhaften Namen, ich fühlte mich in ihr wieder aufleben und bisweilen
erschien sie mir unter der Gestalt der antiken Venus, bald auch unter den
Zügen der christlichen Jungfrau. Die Nacht brachte mir diese geliebte
Erscheinung deutlicher und trotzdem sagte ich mir: Was kann sie, die
besiegt und vielleicht unterdrückt ist, für ihre armen Kinder tun? Die
bleiche und zerrissene Mondsichel wurde jeden Abend schmäler und würde bald
verschwinden; vielleicht sollten wir sie nicht am Himmel wiedersehen!
Indessen schien es mir, als sei dieses Gestirn die Zuflucht aller meiner
Schwesterseelen und ich sah es von klagenden Schatten bewohnt, die bestimmt
waren, dereinst auf der Erde wiedergeboren zu werden . . . . Mein Zimmer
ist am äußersten Ende eines Ganges, der auf der einen Seite von den
Verrückten bewohnt ist, auf der andern von den Bediensteten des Hauses. Es
hat allein den Vorteil eines Fensters, das auf der Hofseite durchgebrochen
ist; der Hof ist mit Bäumen bepflanzt und dient tagsüber als Spazierplatz.
Meine Blicke heften sich mit Vergnügen auf einen buschigen Nußbaum und auf
zwei chinesische Maulbeerbäume. Darüber gewahrt man undeutlich zwischen den
grün bemalten Gittern eine ziemlich belebte Straße. Gegen Sonnenuntergang
erweitert sich der Horizont; es ist wie ein Dorf mit Fenstern, die mit Grün
bekleidet oder mit Vogelkäfigen oder Lumpen zum Trocknen behängt sind, und
wo man von Zeit zu Zeit das Profil einer jungen oder alten Hausfrau oder
irgendeinen rosigen Kinderkopf hervorlugen sieht. Man schreit, singt,
bricht in Lachen aus; es ist froh oder traurig zum Anhören, je nach den
Stunden und den Eindrücken.

Ich habe hier alle Trümmer meiner verschiedenen Vermögen gefunden, die
verworrenen Reste mehrerer verstreuten oder seit zwanzig Jahren
wiederverkauften Mobiliare. Es ist eine Trödlerstube wie die des Doktor
Faust. Ein antiker dreifüßiger Tisch mit Adlerköpfen, eine von einer
geflügelten Sphynx gehaltene Konsole, eine Kommode aus dem siebzehnten
Jahrhundert, eine Bibliothek des achtzehnten, ein Bett aus derselben Zeit,
dessen ovaler Himmel, den man aber nicht aufrichten kann, mit blauen und
roten Stoffen bekleidet ist; ein bäurisches Gestell, auf dem meist ziemlich
stark beschädigte Fayencen und Gegenstände aus Sèvresporzellan stehen; eine
aus Konstantinopel mitgebrachte Wasserpfeife, einen großen Becher aus
Alabaster, ein Kristallgefäß; Wandfüllungen aus Holz, die vom Abbruch eines
alten Hauses herrührten, das ich auf dem Louvreplatz bewohnt hatte und die
mit mythologischen Malereien von der Hand heute berühmter Freunde bedeckt
waren; zwei große Gemälde im Geschmacke Prudhons, die die Musen der
Geschichte und der Schauspielkunst darstellten. Mehrere Tage lang hat es
mir Spaß gemacht, all das zu ordnen und in der engen Mansarde eine bizarre
Zusammenstellung zu schaffen, die etwas vom Palast und etwas von der Hütte
hat und einen ziemlich guten Auszug meines unsteten Lebens gibt. Über
meinem Bett habe ich meine arabischen Kleider aufgehängt, meine zwei
sorgsam ausgebesserten Kaschmirschals, eine Pilgerflasche, einen ungeheuren
Plan von Kairo; eine Konsole aus Bambus steht zu Kopfende meines Bettes und
trägt eine indische Lackplatte, auf der ich meine Toilettegegenstände
ordnen kann. Ich habe mit Freude diese bescheidenen Reste meiner
abwechselnd im Wohlleben und im Elend verbrachten Jahre wiedergefunden, an
die sich alle Erinnerungen meines Lebens knüpften. Man hatte nur ein
kleines Gemälde auf Kupfer im Geschmack Correggios auf die Seite gelegt,
das Venus und Amor darstellte, Wandspiegel mit Jägerinnen und Satyrn und
einen Pfeil, den ich zum Andenken an die Gesellschaften beim Valoisbogen
aufbewahrt hatte; die Waffen waren nach den neuen Gesetzen verkauft worden.
Im ganzen fand ich alles wieder, was ich zuletzt besessen hatte. Meine
Bücher bildeten eine bizarre Anhäufung der Wissenschaft aller Zeiten,
Geschichte, Reisen, Religion, Kabbala, Astrologie; sie hätten den Schatten
Picos de la Mirandola, des weisen Meursius und Nikolas' de Cusa Freude
gemacht, -- der Turm zu Babel in zweihundert Bänden; -- alles das hatte man
mir gelassen! Es war genug, um einen Weisen närrisch zu machen; hoffentlich
auch genug, um einen Narren weise zu machen!

Mit welchem Entzücken habe ich in meinen Schubladen den Haufen meiner
Aufzeichnungen und intimen und öffentlichen, alltäglichen und glänzenden
Briefwechsel ordnen können; sie waren gewöhnlich oder bedeutend, wie es der
Zufall der Begegnungen oder der entfernten Länder, die ich bereist habe,
mit sich brachte. In Rollen, die besser verwahrt sind als die andern, finde
ich arabische Briefe, Reliquien aus Kairo und Stambul wieder.

O Glück! O tödliche Traurigkeit! Diese vergilbten Buchstaben, diese
verwischten Entwürfe, diese halbzerknitterten Briefe, das ist der Schatz
meiner einzigen Liebe. Lesen wir sie wieder! Viele Briefe fehlen, viele
andere sind zerrissen oder unleserlich gemacht! -- -- --



VII.


EINES Nachts sprach und sang ich in einer Art Ekstase. Einer der
Bediensteten des Hauses holte mich in meiner Zelle und ließ mich in ein
Parterrezimmer hinuntergehen, wo er mich einschloß. Ich setzte meinen Traum
fort und obwohl ich aufrecht stand, glaubte ich mich in einer Art
orientalischen Kiosks eingeschlossen. Ich untersuchte alle Winkel und
erkannte, daß er achteckig war. Ein Diwan beherrschte die ganzen Wände;
diese schienen mir aus dickem Spiegelglas geformt, jenseits deren ich
Schätze, Schals und Stickereien glänzen sah. Eine vom Mond erhellte
Landschaft erschien mir durch das Türgitter und ich glaubte die Formen von
Baumstümpfen und Felsen zu erkennen. Ich hatte dort schon in irgendeiner
andern Existenz geweilt und glaubte die tiefen Grotten von Ellorah zu
erkennen. Nach und nach drang bläuliches Tageslicht in den Kiosk und ließ
bizarre Bilder zutage treten. Ich glaubte mich nun mitten in einem
ungeheuren Fleischhaufen zu befinden, wo die Weltgeschichte in blutigen
Zügen niedergeschrieben war. Der Körper einer riesenhaften Frau war mir
gegenüber gemalt, nur waren ihre verschiedenen Teile wie von einem Säbel
zerschnitten. Andre Frauen verschiedener Rassen, deren Körper nacheinander
vorherrschten, stellten auf den andern Mauern eine blutigen Wirrwarr von
Gliedern und Köpfen dar, von den Kaiserinnen und Königinnen bis herab zur
bescheidenen Bäuerin. Das war die Geschichte aller Verbrechen und es
genügte, die Augen auf diesen oder jenen Punkt zu heften, um dort einen
tragischen Vorgang sich abspielen zu sehen. -- Das ist es nun, sagte ich
mir, was die den Menschen verliehene Gewalt hervorgebracht hat. Sie haben
den ewigen Typus der Schönheit nach und nach so gut zerstört und in tausend
Stücke geschnitten, daß die Rassen immer mehr an Kraft und Vollkommenheit
verlieren. Und ich sah wirklich auf einer Schattenlinie, die sich durch
eine der Spalten der Tür einschlich, die absteigenden Generationen der
Zukunftsrassen.


Endlich wurde ich dieser düstern Betrachtung entrissen. Das gute und
mitfühlende Gesicht meines vortrefflichen Arztes gab mich der Welt des
Lebendigen zurück. Er ließ mich einem Schauspiel beiwohnen, das mich
lebhaft interessierte. Unter den Kranken befand sich ein junger Mann, ein
alter Soldat aus Afrika, der sich seit sechs Wochen weigerte Nahrung
aufzunehmen. Vermittels eines langen Kautschukschlauchs, den man in ein
Nasenloch einführte, ließ man ihm eine genügende Menge Gries und Schokolade
in den Magen rinnen.

Dieses Schauspiel machte mir lebhaften Eindruck. Bis dahin war ich dem
einförmigen Kreislauf meiner Erregungen und meiner moralischen Leiden
überlassen gewesen, da begegnete mir ein unbeschreibliches, schweigsames
und geduldiges Wesen, das wie eine Sphynx an den äußersten Toren des Lebens
saß. Ich fing an, es wegen seines Unglücks und seiner Verlassenheit zu
lieben, und ich fühlte mich durch diese Zuneigung und dieses Mitleid
gehoben. Es schien mir so zwischen das Leben und den Tod gestellt wie ein
erhabener Dolmetscher, wie ein Beichtvater, der dazu bestimmt ist jene
Geheimnisse der Seele zu hören, die das Wort nicht zu übermitteln wagte
noch vermöchte. Es war das Ohr Gottes ohne die Beimischung des Gedankens
eines andern. Ich verbrachte ganze Stunden damit, mich im Geist zu prüfen,
wobei ich mein Haupt auf das seine neigte und ihn bei der Hand hielt. Es
kam mir vor als vereinte ein gewisser Magnetismus unsre beiden Geister und
ich war entzückt, als zum erstenmal ein Wort aus seinem Mund kam. Man
wollte nichts davon glauben und ich schrieb meinem glühenden Wunsch diesen
Beginn der Heilung zu. In dieser Nacht hatte ich einen köstlichen Traum,
den ersten seit recht langer Zeit.

Ich war in einem Turm, der so tief in der Erde steckte und so hoch in den
Himmel ragte, daß mein ganzes Leben mit Hinauf- und Hinabsteigen ausgefüllt
schien. Schon waren meine Kräfte erschöpft und der Mut begann mich zu
verlassen, als sich eine Seitentür öffnet. Ein Geist tritt hervor und sagt
zu mir: »Komm, Bruder! . . . .« Ich weiß nicht, wie es mir in den Sinn kam,
daß er Saturnin hieß. Er hatte die Züge des armen Kranken, aber verklärt
und wissend. Wir waren auf einem sternerhellten Felde; wir blieben stehen
und betrachteten das himmlische Schauspiel und der Geist legte seine Hand
auf meine Stirn, wie ich es am Abend vorher gemacht hatte, als ich meinen
Gefährten zu magnetisieren versuchte; sogleich fing einer der Sterne des
Himmels zu wachsen an, und die Gottheit meiner Träume erschien mir lächelnd
in einem fast indischen Gewand, so wie ich sie früher gesehen hatte. Sie
schritt zwischen uns beiden und die Wiesen ergrünten, die Blüten und
Blätter erhoben sich von der Erde auf der Spur ihrer Schritte . . . . Sie
sprach zu mir: »Die Prüfung, der du unterworfen warst, ist zu Ende; diese
zahllosen Stufen, bei deren Erklimmen und Hinabsteigen du dich ermüdetest,
waren die Bande der alten Einbildungen selbst, die deine Gedanken
verwirrten und jetzt erinnere dich des Tags, wo du die heilige Jungfrau
angefleht hast und da du sie tot glaubtest, sich das Delirium deines
Geistes bemächtigt hat. Es war nötig, daß ihr dein Wunsch von einer
einfachen von der Erde losgelösten Seele überbracht wurde. Diese hat sich
in deiner Nähe gefunden und darum ist es mir selbst erlaubt zu kommen und
dir Mut zuzusprechen.« Die Freude, die dieser Traum in meinem Geist
verbreitete, verschaffte mir ein köstliches Erwachen. Der Tag begann
anzubrechen. Ich wollte ein greifbares Zeichen der Erscheinung haben, die
mich getröstet hatte und ich schrieb diese Worte auf die Mauer: »Du hast
mich in dieser Nacht besucht.« Ich verzeichne hier unter dem Titel

DENKWÜRDIGKEITEN

die Eindrücke mehrerer Träume, die dem folgten, den ich eben mitgeteilt
habe. -- -- --

Auf einer schlanken Bergspitze der Auvergne ist der Hirtengesang
verklungen: ARME MARIA! Königin der Himmel! An dich wendet sich ihre
Frömmigkeit. Diese ländliche Melodie ist zum Ohr der Korybanten gedrungen.
Sie treten selbst singend aus den geheimen Grotten, wo die Liebe ihnen
Obdach gewährte. -- Hosianna! Friede auf Erden und Ruhm in den Himmeln! --
Auf den Bergen des Hymalaia ist eine kleine Blume erblüht. -- Vergiß mein
nicht! -- Der kosende Blick eines Sternes hat einen Augenblick auf ihr
geruht und eine Stimme ließ sich in einer süßen, fremden Sprache vernehmen:
MYOSOTIS! --

Eine silberne Perle leuchtete im Sand; eine goldene Perle strahlte am
Himmel . . . . Die Welt war geschaffen. Keusche Liebe, göttliche Seufzer!
Entflammt den heiligen Berg! . . . Denn ihr habt Brüder in den Tälern und
schüchterne Schwestern, die sich im Schoß der Wälder verbergen!

Duftende Gebüsche von Paphos! Was seid ihr gegen diese Zufluchtsorte, wo
man mit vollen Lungen die belebende Luft des Vaterlandes atmet? -- Da oben
auf den Bergen lebt die Welt zufrieden; die wilde Nachtigall verbreitet
Zufriedenheit.

O wie schön ist doch meine große Freundin! Sie ist so groß, daß sie der
Welt verzeiht und so gut, daß sie mir verziehen hat. Neulich nachts schlief
sie in irgendeinem Palast und ich konnte sie nicht erreichen. Mein
Schweißfuchs entwand sich meinem Befehl. Die zerrissenen Zügel hingen über
der in Schweiß gebadeten Kruppe und es bedurfte großer Anstrengungen, um
ihn zu verhindern, daß er sich zu Boden legte.

Heute nacht ist mir der gute Saturnin zu Hilfe gekommen und meine große
Freundin hat an meiner Seite auf ihrer weißen, silbern aufgezäumten Stute
Platz genommen. Sie sagte zu mir: »Mut, Bruder, denn das ist die letzte
Stufe!« Und ihre großen Augen verschlangen den Raum und sie ließ in der
Luft ihr langes Haar wehen, das mit den Düften Jemens getränkt war.

Ich erkannte die göttlichen Züge von ***. Wir flogen im Triumph und die
Feinde waren zu unsern Füßen. Der Wiedehopf geleitete uns als Bote bis in
den höchsten Himmel und der Bogen des Lichts barst in den göttlichen Händen
Apolls. Adonis Zauberhorn klang durch die Wälder.

O Tod, wo ist dein Sieg? Da doch der triumphierende Messias zwischen uns
beiden ritt? Ihr Kleid war aus schwefligem Hyazinth und ihre Handgelenke
sowie die Knöchel ihrer Füße blitzten von Diamanten und Rubinen. Wenn ihre
leichte Reitgerte das Perlmuttertor des Neuen Jerusalem berührte, waren wir
alle drei in Licht getaucht. Dann bin ich unter die Menschen gegangen, um
ihnen die frohe Botschaft zu verkünden.

Ich erwache aus einem süßen Traum. Ich habe die gesehen, die ich verklärt
und strahlend geliebt habe. Der Himmel hat sich in all seiner Pracht
geöffnet und ich habe darin das Wort VERGEBUNG gelesen, das mit dem Blute
Jesu Christi geschrieben war.

Ein Stern erglänzte plötzlich und enthüllte mir das Geheimnis der Welt der
Welten. Hosianna! Friede auf Erden und Ehre den Himmeln!

Aus dem Schoß der stummen Finsternis sind zwei Töne erklungen, ein
getragener und ein schriller, und sogleich begann der ewige Kreislauf. Sei
gesegnet, o erste Oktave, mit der die göttliche Hymne anhub. Von Sonntag zu
Sonntag flichst du alle Tage in dein Zaubernetz! Die Berge lobpreisen dich
den Tälern, die Quellen den Bächen, die Bäche den Strömen; die Ströme dem
Ozean. Die Luft zittert und das Licht küßt wohlklingend die sprießenden
Blumen.

Ein Seufzer, ein Liebesschauer steigt aus dem geschwellten Schoß der Erde
und der Chor der Gestirne entfaltet sich in die Unendlichkeit; er entfernt
sich und kommt wiederum zurück, verdichtet sich und entfaltet sich wieder
und sät die Keime zu neuen Schöpfungen ins Weite.

Auf dem Gipfel eines bläulichen Berges ist eine kleine Blume erblüht. --
Vergiß mein nicht! -- Der kosende Blick eines Sternes hat sich einen
Augenblick darauf geheftet und eine Antwort ließ sich in einer süßen,
fremden Sprache vernehmen: MYOSOTIS!

Unheil über dich, Gott des Nordens! Der du mit einem Hammerschlag die aus
den sieben köstlichsten Metallen gefügte heilige Tafel zertrümmertest! Denn
du hast die »ROSENFARBENE PERLE«, die in ihrer Mitte ruhte, nicht
zerbrechen können. Sie ist unter dem Eisen wieder aufgesprungen, -- und wir
haben uns für sie bewaffnet . . . . Hosianna!

Der Makrokosmos, oder die große Welt, ist durch kabbalistische Kunst erbaut
worden; der Mikrokosmos, oder die kleine Welt, ist sein in aller Welt
zurückgestrahltes Bild. Die »ROSENFARBENE PERLE« ist mit dem königlichen
Blut der Walküren gefärbt worden. Unheil über dich, schmiedender Gott, der
eine Welt zertrümmern wollte! Indessen ist die Vergebung Christi auch für
dich verkündet worden!

Sei also selbst du gesegnet, o Thor, du Riese -- du mächtigster unter Odins
Söhnen! Sei gesegnet in Hela, deiner Mutter, denn oft ist der Tod süß, --
und in deinem Bruder Loki und in deinem Hund Garnur.

Selbst die Schlange, welche die Welt umgibt, ist gesegnet, denn ihre Ringe
erschlaffen und ihr gähnender Rachen atmet die Blume Anxoka, die
Schwefelblume, die strahlende Blume der Sonne!

Gott schütze den göttlichen Baldur, den Sohn Odins und Freya, die schöne!



VIII.


ICH befand mich IM GEIST in Saardam, das ich im vergangenen Jahr besucht
habe. Schnee bedeckt die Erde. Ein ganz kleines Mädchen ging schleifend
über die harte Erde und richtete seine Schritte glaube ich nach dem Haus
Peters des Großen. Ihr majestätisches Profil hatte etwas Bourbonisches. Ihr
Hals von strahlender Weiße ragte zur Hälfte aus einem Schwanenpelzkragen.
Mit ihrer kleinen rosigen Hand schützte sie eine angezündete Lampe vor dem
Wind und wollte an der grünen Haustür klopfen, als eine magere Katze daraus
hervorkam, sich in ihre Beine verwickelte und sie zum Fallen brachte. --
»Schau, es ist nur eine Katze!« sagte das kleine Mädchen und stand wieder
auf. -- »Eine Katze, das ist auch etwas!« antwortete eine sanfte Stimme.
Ich wohnte dieser Szene bei und trug auf meinem Arm eine kleine graue
Katze, die zu miauen anfing. »Sie ist das Kind dieser alten Fee!« sagte das
kleine Mädchen. Und sie trat in das Haus.

In dieser Nacht flog mein Traum zuerst nach Wien. Bekanntlich erheben sich
auf jedem Platz dieser Stadt große Säulen, die man Gnadensäulen nennt.
Wolken aus Marmor sammeln sich, die die salomonische Ordnung darstellen und
tragen Erdkugeln, auf denen sitzende Gottheiten thronen. Plötzlich mußte
ich, o Wunder, an diese berühmte Schwester des Kaisers von Rußland denken,
deren kaiserliches Palais ich in Weimar gesehen habe. -- Eine von Süßigkeit
erfüllte Melancholie ließ mich die farbigen Nebel einer norwegischen
Landschaft in grauem, sanftem Licht sehen. Die Wolken wurden durchsichtig
und ich sah, wie sich vor mir ein tiefer Abgrund auftat, in den sich tobend
die Fluten der eisigen Ostsee stürzten. Es schien, daß sich die ganze Newa
mit ihren blauen Wassern in diese Erdspalte ergießen müsse. Die Schiffe von
Kronstadt und St. Petersburg zerrten an ihren Ankern und schienen bereit zu
sein, sich loszureißen und in diesem Schlund zu verschwinden, als ein
göttliches Licht von oben diesen trostlosen Vorgang erhellte.

Unter dem lebhaften Strahl, der durch den Nebel drang, sah ich sogleich den
Felsen erscheinen, der das Standbild Peters des Großen trägt. Über diesem
festen Sockel gruppierten sich die bis zum Zenith reichenden Wolken. Sie
waren beladen mit strahlenden und göttlichen Gestalten, unter denen man die
beiden Katharinen und die heilige Kaiserin Helene unterschied, die von den
schönsten Fürstinnen Rußlands und Polens begleitet waren. Ihre sanften
Blicke waren nach Frankreich gerichtet und überwanden den Raum mit Hilfe
von langen Ferngläsern aus Kristall. Ich sah dadurch, daß unser Vaterland
der Schiedsrichter im orientalischen Streit sein würde, und daß sie seine
Lösung erwarteten. Mein Traum schloß mit der süßen Hoffnung, daß uns
endlich Friede gegeben würde.

So ermutigte ich mich zu einem kühnen Versuch; ich beschloß, den Traum
festzuhalten und sein Geheimnis zu erfahren. Warum, so sagte ich mir, soll
ich nicht mit meinem ganzen Willen gewappnet endlich diese mystischen Tore
bezwingen und meine Sensationen beherrschen, anstatt ihnen zu unterliegen?
Ist es nicht möglich, diese anziehende und furchtbare Chimäre zu bändigen,
diesen Geistern der Nächte, die mit unsrer Vernunft spielen, eine Regel
aufzuerlegen? Der Schlaf nimmt ein Drittel unseres Lebens ein. Er ist der
Trost für die Mühen unsrer Tage oder die Buße für ihr Vergnügen; aber ich
habe nie empfunden, daß der Schlaf Ruhe sei. Nach einer Betäubung von
einigen Minuten beginnt ein neues Leben, losgelöst von Zeit und Raum und
zweifellos dem ähnlich, das uns nach dem Tod erwartet. Wer weiß, ob
zwischen diesen beiden Existenzen nicht ein Band besteht, und ob es für die
Seele nicht möglich ist, es schon hier unten zu knüpfen?

Von diesem Augenblick an bemühte ich mich, den Sinn meiner Träume zu
suchen, und diese Unruhe beeinflußte meine Gedanken im wachen Zustand. Ich
glaubte zu verstehen, daß zwischen der innern und der äußern Welt ein Band
besteht; daß die Unaufmerksamkeit oder die Unordnung des Geistes allein die
augenscheinlichen Beziehungen fälschen -- und daß sich so die Bizarrerie
gewisser Gemälde erklärt, die dem fratzenhaften Widerschein wirklicher
Gegenstände auf bewegter Wasserfläche gleichen. --

So waren die Eingebungen meiner Nächte. Meine Tage vergingen ruhig in
Gesellschaft der armen Kranken, die ich mir zu Freunden gewonnen hatte. Das
Gewissen, das ich nun von den Fehlern meines vergangenen Lebens gereinigt
hatte, gab mir unendliche moralische Freuden. Die Sicherheit der
Unsterblichkeit und der gleichzeitigen Existenz aller Personen, die ich
geliebt hatte, war mir sozusagen zur greifbaren Klarheit geworden, und ich
segnete die Bruderseele, die mich aus dem Schoß der Verzweiflung in die
leuchtenden Bahnen der Religion zurückgeführt hatte.

Der arme Junge, den sein geistiges Leben auf so sonderbare Art verlassen
hatte, empfing eine Pflege, die nach und nach seine Empfindungslosigkeit
besiegte. Als ich erfuhr, daß er auf dem Land geboren sei, verbrachte ich
ganze Stunden damit, ihm alte Dorflieder vorzusingen, denen ich den
rührendsten Ausdruck zu geben versuchte. Ich hatte das Glück zu sehen, daß
er sie hörte und daß er einzelne Teile dieser Lieder wiederholte. Eines
Tages endlich öffnete er eine einzige Sekunde die Augen und ich sah, daß
sie blau waren wie die des Geistes, der mir im Traum erschienen war. Eines
Morgens -- einige Tage danach -- hielt er seine Augen offen und schloß sie
nicht mehr. Er fing gleich zu sprechen an, aber nur mit Zwischenpausen,
erkannte mich, duzte mich und nannte mich Bruder. Indessen wollte er sich
noch immer nicht entschließen zu essen. Als er eines Tages aus dem Garten
hereinkam, sagte er zu mir: »Ich habe Durst!«

Ich holte ihm zu trinken; das Glas berührte seine Lippen, ohne daß er
schlucken konnte.

»Warum«, fragte ich ihn, »willst du nicht essen und trinken wie die
andern?«

»Weil ich tot bin,« sagte er, »ich bin auf jenem Friedhof begraben, an
jenem Platz . . . . .«

»Und wo glaubst du jetzt zu sein?«

»Im Fegefeuer, ich erfülle meine Reinigung.«

Das sind die wunderlichen Ideen, die aus dieser Art Krankheiten
entspringen; ich erkannte in mir selbst, daß ich nicht weit von einer so
absonderlichen Überzeugung entfernt gewesen war. Die Pflege, die ich
empfangen, hatte mich schon der Liebe meiner Familie und meiner Freunde
zurückgegeben, und ich konnte gesünder über die Welt der Einbildungen
urteilen, in der ich einige Zeit gelebt hatte. Jedenfalls fühle ich mich
glücklich durch die Überzeugungen, die ich erlangt habe und ich vergleiche
diese Reihe von Prüfungen, die ich durchgemacht habe, dem, was für die
Alten der Gedanke eines Hinuntersteigens zur Hölle vorstellte.[*]

[Fußnote *: Dieses sind die letzten Worte, die Gérard de Nerval geschrieben
hat.]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Aurelia oder der Traum und das Leben" ***

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