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Title: Macchiavellis Buch vom Fürsten
Author: Machiavelli, Niccolò, 1469-1527
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Macchiavellis Buch vom Fürsten" ***

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                              Macchiavellis

                           Buch vom Fürsten.

                     Nach A. W. Rehbergs Übersetzung
                                   mit
                       Einleitung und Erläuterung
                            neu herausgegeben
                                   von
                           Dr. Max Oberbreyer.



Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.



                                 INHALT.


                                                           Seite
      Einleitung                                               3
 1.   Verschiedene Arten der Herrschaft                       33
 2.   Von erblichen Fürstenthümern                            33
 3.   Von vermischten Herrschaften                            34
 4.   Warum das Reich des Darius nach Alexanders Tode         43
      gegen seine Nachfolger nicht aufstand
 5.   Wie Städte und Fürstenthümer zu behandeln sind,         45
      die vor der Eroberung ihre eigne Verfassung hatten
 6.   Von neuen Herrschaften, die durch eigne Waffen          47
      oder Tapferkeit errungen werden
 7.   Von neuen Fürstenthümern, die durch fremde              50
      Unterstützung und durch Glücksfälle erworben
      werden
 8.   Von Denjenigen, welche durch Verbrechen zur             58
      Herrschaft gelangen
 9.   Vom Volke übertragene Herrschaft                        63
10.   Wie die Kräfte der Fürstenthümer zu schätzen sind       67
11.   Von geistlichen Fürstenthümern                          69
12.   Von den verschiedenen Arten der Truppen                 72
13.   Von Hilfstruppen                                        77
14.   Was der Fürst im Kriegswesen zu beobachten hat          81
15.   Wodurch die Fürsten Lob und Tadel erwerben              83
16.   Von der Freigebigkeit und dem Geize                     85
17.   Von der Grausamkeit und Milde                           87
18.   In wie fern ein Fürst sein Wort halten muß              90
19.   Verachtung und Haß sind zu vermeiden                    93
20.   Ob Festungen und andere Sicherheitsanstalten der       104
      Fürsten nützlich oder schädlich sind
21.   Wie ein Fürst sich zu betragen hat, um großen Ruhm     108
      zu erwerben
22.   Von den Ministern                                      112
23.   Schmeichler sind zu fliehen                            113
24.   Wie die Fürsten Italiens ihre Herrschaft verloren      115
      haben
25.   Welchen Einfluß das Glück auf die Angelegenheiten      117
      der Menschen hat
26.   Aufruf, Italien von der Fremdherrschaft zu             120
      befreien
      Erläuterungen                                          125



                               EINLEITUNG.


Niemals hat eine politische Schrift so gewaltiges Aufsehen erregt, und so
viel gewirkt, als _Macchiavelli’s_ hochberühmtes _Buch vom Fürsten_. Der
Name des Verfassers ist durch die sogar in Staatsschriften als
Kunstausdruck übliche Benennung des _Macchiavellismus_ auch der großen
Menge bekannt geworden, die das Buch selbst nicht gelesen hat. Aber unter
den Großen und ihren Ministern haben sich Viele danach gebildet. Hier
glaubten sie das, was sie in einzelnen schlimmen Augenblicken gethan, oder
noch zu thun Lust hatten, durch zusammenhängende Grundsätze gerechtfertigt
zu finden. Die es so benutzten, mögen oft ungehalten darüber geworden
sein, daß Alles, was sie sich, aber auch nur sich selbst, und als Ausnahme
von der Regel erlauben wollten, in allgemeinen Maximen öffentlich
aufgestellt, und dadurch Verdacht gegen ihre Absichten erregt ward. Daher
ist es am lautesten von denen angeklagt, die am meisten daraus gelernt
hatten. Andere Leser sind durch den Widerspruch, in welchem dieser
Inbegriff fürstlicher Weisheit mit der gewöhnlichen Moral steht, zu dem
Zweifel veranlaßt worden, ob das Buch wol im Ernste geschrieben sei? Da
sie die Bewunderung, welche der durchdringende Beobachtungsgeist und das
treffende Urtheil des Verfassers Jedem abnöthigt, der politische
Verhältnisse zu beurtheilen vermag, mit ihrem Widerwillen gegen die freche
Immoralität, zu welcher seine Grundsätze führen, nicht zu vereinigen
wußten, so haben sie geglaubt, Macchiavelli möge wol das vollständige
Gemälde der Tyrannei und der Mittel zu ihr zu gelangen, in der Absicht
entworfen haben, um den Tyrannen in der verabscheuungswürdigsten Gestalt
darzustellen.

Mehrere italienische Schriftsteller haben diese Auslegung sehr früh
gemacht, um dem Geschrei zu begegnen, das sich bald nach der öffentlichen
Bekanntmachung des Werkes erhob. Die Vermuthung erhält einigen Anschein
durch den Widerspruch, in welchem die Gesinnungen, welche in diesem Buche
herrschen, mit andern Schriften des Verfassers zu stehen scheinen, und der
um so auffallender ist, da das Buch vom Fürsten und die Betrachtungen über
den Livius offenbar nicht in ganz verschiedenen Perioden seines Lebens
geschrieben sind. Er bezieht sich in jeder derselben auf die andere, und
hat sie also, wenigstens späterhin, zugleich wieder überarbeitet. Aber man
kann dieser Erklärung durchaus keinen Beifall geben, sobald man das Buch
selbst unbefangen liest. Es ist mit solchem Ernste geschrieben, mit
solchem Nachdruck, und was noch mehr ist, es enthält auf jeder Seite so
viel Wahrheit, daß man das Ganze unmöglich für Ironie halten kann. So
treffende Lehren können nicht aus republikanischem Hasse gegen die
Tyrannei gegeben sein, damit der Tyrann ins Verderben renne: diesen Zweck
hätten sie sicherlich verfehlt! Wer den Verfasser aus der Geschichte
kennen gelernt hat, wird auch nicht durch die Erklärung befriedigt, daß er
hier die Naturgeschichte der Tyrannei gezeichnet habe, so wie er die
Theorie der Republik in den Discursen über den Livius abhandelt.
Macchiavelli war kein gleichgültiger Zuschauer und bloßer Beobachter der
politischen Welt. In allen seinen Schriften herrscht ein praktischer
Geist. Seine Discurse beweisen das lebhafteste Interesse an der Erhaltung
und der Größe einer Republik. Sie sind ganz im Tone eines Mannes
geschrieben, der selbst dazu mitwirken möchte, sie zu errichten oder zu
befestigen. Eben so kräftige Rathschläge für den, der sich auf der
errungenen Stelle eines Regenten erhalten will, eben so nachdrückliche
Empfehlungen der wirksamsten Mittel, eben so lebhafte Verachtung des
Zweckwidrigen, findet man in dem Buche vom Fürsten.

Die Auflösung dieses räthselhaften Widerspruchs ist in dem Zustande
Italiens und in der Lebensgeschichte des Verfassers zu suchen.(1) Man
versteht ja überhaupt keinen ausgezeichneten Schriftsteller vollkommen,
wenn man nicht eine lebendige Kenntniß von seiner Nation und seinem
Zeitalter, und ein feineres Gefühl für ihre Art zu empfinden, aus den
einheimischen Geschichtschreibern erlangt hat, welche selbst die
Gesinnungen ihrer Nation theilen, und nicht blos die Handlungen der
Menschen, sondern ihre Quelle, die eigenthümliche Gemüthsart, darstellen.
Aus solchen erhält man eine ganz andere Einsicht in den Zusammenhang der
Begebenheiten, als aus der genauesten und sorgfältigsten Erzählung eines
Fremden.

Die italienische Nation zeichnet sich durch eine ungemeine Lebhaftigkeit
aller Empfindungen und Leidenschaften aus, die ihren Gegenstand mit dem
Feuer unauslöschlicher Begierde ergreift, und nie abläßt. So wie man von
den Franzosen nicht ohne Grund sagt, daß sie aus allem Ernste Scherz
machen, und dadurch so oft selbst ein Spiel ihrer eignen witzigen Laune
werden, so machen die Italiener aus allem Scherze Ernst. In allen
Handlungen der Franzosen erscheint ein feines und unaufhörlich reges
Ehrgefühl als die herrschende Triebfeder. Dieses zeigt sich in den
schlechtesten, wie in den vorzüglichsten Individuen der Nation, auf
verschiedene Art, aber immer gleich stark. Alle französischen
Raisonnements über sittliche Gegenstände erhalten dadurch eine ganz eigne
Farbe, und in der Geschichte des Volks spielt es die Hauptrolle. Aus der
Verbindung dieses äußerst reizbaren Ehrgefühls, und der feinen Beobachtung
aller Convenienzen des Augenblicks, worin die Franzosen allen Andern so
sehr überlegen sind, mit ihrer launigen Gemüthsstimmung, entspringt eine
Versatilität, von der man in der Geschichte der Italiener keine Spur
findet. Diesen kommt es immer auf die Sache an, die sie wollen. Die
bürgerlichen Unruhen, die ganz Italien so viele Jahrhunderte lang
zerrissen haben, wären durch bloße Begebenheiten und Zufälle nicht so
lange unterhalten. Ihr Charakter ist wesentlich verschieden von dem
Factionsgeiste in der französischen Geschichte. Mit der Tenacität der
Italiener ist eine tiefe Verschmitztheit nahe verwandt, die mit der
Falschheit eines versatilen Menschen, der sein Vergnügen daran findet, mit
andern zu spielen, und schon dadurch befriedigt wird, wenn er sie äfft,
durchaus keine Aehnlichkeit hat. Es ist bekannt, daß nichts in der Welt
mit der Politik des römischen Hofes verglichen werden kann, und daß die
geistliche Intrigue, als ein zusammenhängendes System die Zwecke der
Herrschsucht zu erreichen, für das vollkommenste Erzeugniß des
menschlichen Geistes in seiner Art angesehen werden muß. Dies Meisterstück
eines feinen und dauerhaften Gewebes konnte nur in Italien zu Stande
gebracht werden, und hat wieder einen großen Einfluß auf die Denkungsart
der italienischen Staatsmänner gehabt, die ihre Aufmerksamkeit
unaufhörlich auf den päpstlichen Stuhl richten mußten, welcher durch seine
Bemühungen, die christliche Kirche zu beherrschen, zugleich mit in alle
weltlichen Händel von Italien verwickelt ward.

In diesem ganzen Lande ist von Alters her ein republikanischer Geist
verbreitet gewesen, und hat viele Jahrhunderte lang einen unaufhörlichen
Kampf mit der Herrschsucht einzelner Häupter geführt, die in den innern
Bewegungen übel geordneter Gemeinden die Mittel fanden, sich zu erheben.

Unter der großen Zahl italienischer Republiken war allein Venedig schon
früh zu einer festen Verfassung und innern Ruhe gelangt. In allen übrigen
verfolgten und vertrieben einander Parteien: eben so wie vormals in den
griechischen Freistaaten einzelne Geschlechter mit ihrem Anhange, und
Factionen, von Optimaten, von Bürgern, und von kleinem Volke, Alles unter
einander kämpfte, und sich wechselweise austrieb. Solchem innern Zwiste
war ganz vorzüglich das Vaterland des Macchiavelli unterworfen; eine der
stürmischsten Republiken, die jemals existirt haben.

Die Geschichte der letzten hundert Jahre, wo Florenz als Freistaat
bestand, von 1432 an, da Cosmus der Große von Medici zurückberufen ward
und die Leitung aller öffentlichen Angelegenheiten ergriff, bis zu der
endlichen Ernennung eines seiner Seitenverwandten, Cosmus des Ersten, zum
Herzog, im Jahre 1536, gehört zu den interessantesten Partien der ganzen
Weltgeschichte. Vorzüglich ist die letzte Hälfte dieses Zeitraums äußerst
lehrreich, wegen der mannichfaltigen Abwechselungen der Verfassung, die
beinahe zu allen Lehrsätzen der Politik Beispiele wirklicher Erfahrung
bieten.(2)

Florenz war während des fünfzehnten Jahrhunderts durch das überwiegende
Ansehen zweier Männer aus dem _Hause Medici_ beruhigt, und in die Zeiten
des letztern von ihnen fiel Macchiavelli’s Jugend. Cosmus der Große und
Lorenzo, sein Großsohn, hatten als einfache Bürger die Angelegenheiten
ihres Vaterlandes geleitet, und großen Einfluß auf das Schicksal von ganz
Italien gehabt. Macchiavelli kannte den ganzen Umfang ihrer Talente und
Verdienste: er redet von ihnen mit Wärme und mit dem Wohlgefallen, welches
Niemand, ungeachtet aller Verschiedenheit der Grundsätze und Gesinnungen,
Demjenigen versagen kann, durch welchen das Vaterland zu Ehre, Macht und
Reichthum gelangt ist. Die Größe des letzten von jenen beiden
ausgezeichneten Männern hatte Macchiavelli selbst noch gesehen. Er war
etwas über zwanzig Jahre alt, als Lorenzo von Medici starb, dessen Tod
allgemein als die Epoche angegeben wird, mit welcher die Zeit des Genusses
und des Ruhms aufhörte, und eine endlose Reihe von Unglück und Elend
begann, das der Ehrgeiz fremder Monarchen, die unverständige und
leidenschaftliche Herrschsucht einheimischer Großen, der unbändige Geist
kühner Abenteurer und schamloser Emporkömmlinge über Italien gebracht
hatten. _„Mit dem Tode Lorenzo’s von Medici fing der Same des Uebels an
aufzugehen, wodurch, da Niemand mehr lebte, der ihn auszurotten verstand,
Italien zu Grunde gerichtet ist, und noch immerfort zu Grunde gerichtet
wird.“_ Mit diesen Worten schließt Macchiavelli seine florentinische
Geschichte. Guicciardini beginnt seine Geschichte von Italien mit
derselben Bemerkung. Die Schriftsteller aller Parteien stimmen darin
überein.

Nach des großen Mannes Tode ward sein unfähiger Sohn Piero mit seinen
vornehmsten Anhängern vertrieben. Achtzehn Jahre lang war Florenz ein
Spiel republikanischer Unruhen. Die Republik, die unter der Leitung des
Lorenzo auf die Verhältnisse der großen Mächte von Europa so großen, oft
entscheidenden Einfluß gehabt hatte, ward mit allen übrigen italienischen
Staaten in den allgemeinen Strudel hineingezogen, den der Ehrgeiz der
französischen Könige erregte. Von den Heereszügen Karl des Achten und
Ludwig des Zwölften ward ganz Italien wie von Meereswellen verschlungen.
Während dieser Periode war Macchiavelli Staatssecretair der
florentinischen Republik, und mehr als zwanzig Mal Gesandter an großen und
kleinen Höfen, in den wichtigsten Angelegenheiten. Diese Aufträge führten
ihn zu intimen Verhältnissen mit den mächtigsten Männern der Zeit: unter
Andern mit dem Pandolfo Petrucci, der sich in Siena vom Führer einer
Partei bis zum Oberhaupte des Staats emporgeschwungen hatte, und denselben
von 1487 bis an seinen Tod, 1512, ungefähr durch Künste, wie sie
Macchiavelli lehrt, fast unumschränkt beherrschte. Dieser Petrucci hatte
den Anfang seiner Größe damit gemacht, zwei der wichtigsten Personen der
Gegenpartei aus dem Wege zu räumen, und ließ darauf seinen eignen
Schwiegervater, den Giovanni Borghese, einen sehr angesehenen und wegen
seiner Gelehrsamkeit berühmten Mann, dessen Einfluß er fürchtete,
ebenfalls ermorden. Er hielt es seinem Interesse angemessen, sich mit den
Florentinern zu verbinden, und überließ ihnen Monte Pulciano, über dessen
Besitz sie mit den Sienesern in einen alten Streit verwickelt waren. Bei
der politischen Freundschaft zwischen dem Pandolfo und dem damaligen
Gonfaloniere Piero Soderini, war Macchiavelli nicht allein der
Mittelsmann, sondern er unterhielt auch selbst eine genaue Verbindung und
freundlichen Briefwechsel mit dem Tyrannen von Siena, wie der
Geschichtschreiber desselben(3) ausdrücklich bemerkt. Die Medici wurden
1512 in Florenz wieder eingeführt. Gleich im ersten Jahre entspann sich
eine Verschwörung gegen sie, deren Häupter Nicolo Valori und Giovanni
Folchi, mit dem Leben büßten. Macchiavelli gerieth als Theilnehmer in
Untersuchung, ward gefoltert und verbannt, bald darauf aber von der
Familie, welche die Oberhand behalten hatte, wegen seiner großen Talente
gesucht. Nicht volle zwei Jahre darauf zog ihn Papst Leo X. durch seinen
Freund, den gemeinschaftlichen Landsmann und florentinischen Gesandten zu
Rom, Veltori, über die verwickelten Angelegenheiten Italiens, und über die
Verhältnisse zu den fremden Mächten, welche er als Staatssecretair der
Republik und als Gesandter so genau kennen gelernt hatte, zu Rathe, wie
aus den Briefen des Vettori erhellt. Aber noch näher als Alles dieses lag
dem Macchiavelli die Frage, wie die Medici das wieder erlangte
Uebergewicht in ihrem Vaterlande benutzen würden?

Die Ahnherrn ihres Geschlechts hatten, wie gesagt, als einfache Bürger die
öffentlichen Angelegenheiten desselben aus ihrem Cabinet geleitet, ohne
die äußere Decoration einer höhern Würde zu verlangen. Aber die Zeiten
hatten sich geändert. In Frankreich, in Spanien, in Deutschland hatten
sich seit Kurzem kräftige Monarchien erhoben. Italien hingegen ward von
innern Zwistigkeiten zerrissen. Insbesondere war Mittelitalien voll
kleiner Herren, die sich Alles erlaubten, um zu der höchsten Gewalt in
ihrer Vaterstadt, und zu der Herrschaft über kleine Districte umher, zu
gelangen. Mehrere Päpste hatten mit einigem Erfolge gesucht, in ihren
Familien Herrschaften zu gründen, die dahin führen konnten, die
italienischen Freistaaten und Fürsten zu einem Bunde unter Leitung eines
angesehenen Oberhauptes zu vereinigen. So hatte sich das Haus della Rovere
durch zwei Päpste, Sixtus den Vierten und Julius den Zweiten, aus dem
Staube zu der herzoglichen Würde von Urbino emporgeschwungen. Mit größerem
Nachdrucke hatte Alexander der Sechste seinen Sohn Cäsar Borgia zu einem
gefürchteten Herrn in Romagna gemacht. Leo der Zehnte konnte seinen
Verwandten noch mit ganz anderer Kraft unterstützen, als Alexander den
seinigen. Denn was der Spanier Borgia blos durch sein päpstliches Ansehn
zu Stande bringen mußte, das unternahm Leo mit dem ganzen Gewichte des
Hauses Medici, welches im mächtigen und reichen Florenz so tiefe Wurzeln
geschlagen hatte. Ein Kind seiner Zeit war er nicht damit zufrieden,
seinem Geschlechte die Lage im Vaterlande zu sichern, in der sich seine
Vorfahren befunden hatten. Der große Lorenzo war schon von der Lebensart
derselben etwas abgewichen: er hatte sich mit einer Prinzessin Orsini
vermählt, und seinen Reichthum angewandt, Landgüter zu kaufen, die mehr
der Grundlage eines Fürstenthums, als Privatbesitzungen eines Bürgers
glichen. Leo X. machte seinen Neffen Lorenzo zum Herzoge von Urbino, und
legte es darauf an, diesem und nach ihm immer dem Haupte der Familie einen
Antheil an der Regierung von Florenz zuzuwenden, der in seinem Umfange und
in der Art der Ausübung einige Aehnlichkeit mit der Herrschaft hatte, die
Augustus in Rom nach der Auflösung der Triumvirate führte.

Lorenzo ward Oberhaupt der Kriegsmacht, und führte den Titel: _Il
Magnifico_ (der Prächtige). In den öffentlichen Angelegenheiten durfte
nichts ohne seine Genehmigung geschehen. Dennoch bestanden alle
republikanischen Formen, und er überließ die gesammten Stellen in der
Verwaltung Bürgern, die jedoch nur unter seinem Einflusse gewählt wurden.
Im Wesentlichen war es eben so schon damals zugegangen, als seine großen
Vorfahren regierten. Seit undenklichen Zeiten war aus republikanischer
Eifersucht die obrigkeitliche Gewalt nur auf wenige Monate verliehen.
Jahrhunderte lang bildeten bald acht, bald zehn, bald zwölf Personen,
unter dem Titel: „_Priori dell’ arti_“, „_Priori della Libertà_“, „_Otto
della pratica_“, oder andern Namen, den obersten Rath der Republik, der
unter dem Vorsitz des Gonfaloniere meist alle zwei Monate wechselte. Die
Personen, welche bestimmt waren, nach und nach einzutreten, wurden von
einem Ausschusse von Bürgern auf eine Reihe von Jahren im Voraus gewählt.
Diesen Ausschuß aber setzte die mächtigste Partei des Augenblicks, die
sich unter dem Namen „balia“ eine außerordentliche Gewalt anmaßte,
willkürlich zusammen. Bei diesem beständigen Wechsel der Staatsbeamten
ward eine geheime Direction der öffentlichen Angelegenheiten nothwendig.
Diese ging lange von dem Cabinette der Medici aus, und eben in jenen
unaufhörlichen äußern Veränderungen, wodurch die Verfassung den Anschein
einer Demokratie erhielt, lag ein Mittel, das Ansehn der Familie zu
befestigen, welche sich durch ihren Reichthum, ihre Verwandtschaften, den
Verstand und die Regierungsweisheit einiger ausgezeichneten Häupter, einen
so großen Anhang gemacht hatte. So oft die Medici nach einem kurzen Exil
in ihr Vaterland zurückgekehrt waren, hatten sie die republikanischen
Formen, die sie für sich selbst so vortheilhaft fanden, beschützt. Es
scheint, Leo X. wollte ungefähr auf gleiche Art sein Vaterland
beherrschen. Aber der ehrgeizige eitle Neffe, der mehr auf seinen Vater,
den Piero, der wegen seines unverständigen Leichtsinns vertrieben war, als
auf seinen weisen Großvater Lorenzo artete, verlangte mehr. Macchiavelli,
der ihn daran nicht hindern konnte, der weder in Florenz eine Partei
hatte, die mächtig genug gewesen wäre, die Republik herzustellen, noch
Einfluß genug auf den Papst, um die Angelegenheiten seines Vaterlandes auf
diesem Wege zu leiten, wandte sich an den neuen Herzog von Urbino und gab
ihm in dem Buche, welches er ausdrücklich für diesen Zweck schrieb,
Rathschläge, wie er sich zum Herrn machen und wie er die Herrschaft
behaupten könne. Von seiner persönlichen Verbindung mit diesem Fürsten ist
übrigens nichts Näheres bekannt. Sein ganzes Leben in dieser Zeit ist
beinahe noch völlig im Dunkeln.

Der frühe Tod des Herzogs von Urbino unterbrach 1519 die Pläne, die
Macchiavelli auf den unternehmenden Geist desselben gebaut haben mochte;
nun benutzte er seine Verbindung mit dem Papst Leo, diesem einen Entwurf
vorzulegen, wie Florenz durch eine neue Verfassung beruhigt werden könne,
indem die Liebe der Einwohner zur Republik befriedigt, und zugleich dem
Papst Leo ein dauernder Einfluß auf dieselbe für die Zeit seines Lebens
gesichert würde. Diesen Entwurf wird Jeder, der die Geschichte von Florenz
seit dem Tode des großen Lorenzo, die Parteien, die das Gemeinwesen
zerrissen, ihre Wünsche und die Bedürfnisse des Staats aus den Quellen
kennen gelernt hat, für ein Meisterstück erkennen. Der Verfasser desselben
hatte nicht die Befriedigung, seine Ideen ausgeführt zu sehen, die
vermuthlich dem Ehrgeize der Medici noch nicht genug einräumten.

Lorenzo war so jung gestorben! Papst Leo folgte ihm bald darauf in seinen
besten Jahren. Dennoch entstand keine Veränderung in der Lage des
florentinischen Staates. Das Schicksal rief viele Generationen hindurch
die einzelnen Häupter der Medici frühzeitig ab: der Familie hatte es die
Herrschaft von Florenz bestimmt. Seit dem großen Cosmus war kein
bedeutender Medici fünfzig Jahre alt geworden; aber so oft einer aus
diesem Hause den Schauplatz verließ, trat allemal ein anderer wieder auf,
freilich mit sehr verschiedenem Maße von Talenten ausgerüstet, und mit
abwechselndem Glücke. Jetzt traf die Reihe den Julius, der zuerst als
Cardinal und bald darauf als Papst Clemens der Siebente Haupt der Familie
ward. Von ihm hing nunmehr das Schicksal der Republik ab. Eine Partei, die
aus den vorzüglichsten jungen Männern von Florenz bestand, mit denen
Macchiavelli in der intimsten Verbindung lebte, und zu deren Belehrung er
seine Betrachtungen über den Livius geschrieben, die zweien derselben, dem
Zanobi Buondelmonti und Cosimo Ruccellai, zugeeignet sind, – dieser Club,
der von den Gärten Ruccellai, wo er sich versammelte, benannt ward, machte
Pläne zu einer Herstellung der Republik, die dem Cardinale Giulio
vorgelegt wurden. Die Hoffnung, die man auf seine anscheinende Mäßigung
gebaut hatte, ward vereitelt. Er bewies auch hier die furchtsame
verschlossene Falschheit, die sein ganzes Leben charakterisirt. Er hatte
nie die Absicht gehegt, zu willfahren, oder er änderte seine
Entschließung, als er sah, wohin die Pläne, die man ihm angab, führen
würden. Aber der Patriotismus jener Freunde der Freiheit war ernstlich
gemeint. Sie machten (1523) Anstalt, ihren Entwurf mit Gewalt auszuführen,
und den Cardinal, der im Wege stand, wegzuräumen. Die Verschwörung ward
entdeckt. Luigi Alamanni und Jacopo da Diaceto verloren das Leben auf dem
Blutgerüste. Zanobi Buondelmonti, ein andrer Ludovico Alamanni, (dem
Macchiavelli sein Leben des Castruccio Castracani zugeeignet hat), Batista
della Palla, Anton Bruccioli und einige ihrer Anhänger geringeren Standes
wurden verbannt. Macchiavelli war ebenfalls in diese Unternehmung
verwickelt: er entfloh.(4) Die Medici fühlten sich noch nicht stark genug,
den republikanischen Geist der Florentiner zu unterdrücken: sie versuchten
es, ihn einzuschläfern, indem sie die letzten Vorfälle möglichst geschwind
vergessen ließen. Der Cardinal fürchtete Erbitterung zu erregen, die
seinen Absichten auf den päpstlichen Stuhl hinderlich gewesen wäre. Als er
diesen ein Jahr darauf wirklich bestieg, suchte Macchiavelli sich wieder
an ihn anzuschließen, und erhielt Aufträge von Wichtigkeit, von ihm und
von der florentinischen Regierung. Wenige Jahre darauf erlaubten die
Umstände noch einen Versuch zur Wiederherstellung der Republik zu machen.
1527 wurden die Medici aufs Neue vertrieben und die Freiheit proclamirt.
Macchiavelli erschien sogleich in seiner Vaterstadt. Allein die Bemühungen
seiner Freunde Zanobi Buondelmonti und Luigi Alamanni, ihn in den Rath von
zehn Männern wählen zu lassen, dem die Leitung der öffentlichen
Angelegenheiten übergeben werden sollte, wurden durch die allgemeine
Abneigung vereitelt, die das Volk gegen den Rathgeber der Medici und den
Verfasser des Buchs vom Fürsten gefaßt hatte. Vergeblich suchte er die
Schrift zu unterdrücken, welche seine Gesinnungen so verdächtig machte.(5)
Der Verdruß über die fehlgeschlagenen Versuche, sich wieder zu heben,
hatte vermuthlich Antheil an seinem Tode, der bald darauf erfolgte.

Die Republik, die der Enthusiasmus des Volks unter günstigen Umständen
errichtet hatte, unterlag nach zwei Jahren der vereinten Macht des Papstes
und des Kaisers. Nachdem Clemens der Siebente sie durch Unterstützung Karl
des Fünften bezwungen hatte und mit ihr nach Gefallen walten konnte,
erneuerten die Freunde des Macchiavelli zum letzten Male ihre Bemühungen.
Sie baten den Papst, neben der ersten Stelle in der Republik, die er
seinem angeblichen Neffen Alessandro zuwenden wollte, die Hauptzüge einer
republikanischen Verfassung bestehen zu lassen, welche schon Macchiavelli
dem Papste Leo X. empfohlen hatte. Das Wesentliche dieses Entwurfs,
wodurch die Bürger einen wirklichen Antheil an der Verwaltung des Staats
erhalten hätten, verwarf Clemens: den Anschein behielt er anfangs bei,
nahm bald aber auch dieses Schattenbild eines Gemeinwesens weg. Alessandro
ward 1531 unumschränkter Herr, und genoß seine Größe als ein ächtes Kind
des Glücks, das weder durch Talente, noch durch eigne, seien es rühmliche,
seien es ruchlose Unternehmungen, sondern blos durch die Macht eines
Andern erhoben war. Mit Dirnen und Buhlknaben, wie Tacitus vom Domitian
sagt, spielte er den Fürsten, zog Schmausereien und Maskenbälle
fürstlichen Beschäftigungen vor, zu denen es ihm mehr an Lust als an
Geschicklichkeit fehlte, und erhielt nach fünf Jahren von einem Vetter
Lorenzino von Medici den Lohn seiner Nichtswürdigkeit, ohne daß dieser
Mord den florentinischen Republikanern zu Gute gekommen wäre. Ein andrer
Medici, Cosmus, ward 1536 zum Herzoge ausgerufen, und nach einem Siege
über die republikanische Partei, die sich zum letzten Male unter Anführung
des Filippo Strozzi erhob, wirklicher Beherrscher von Florenz. Dieser
beruhigte endlich das Volk: er bezähmte die Widerspenstigen, besänftigte
die Gemüther, lähmte jede gefährliche Kraft, schmeichelte dem Talente,
beschenkte, versorgte, ehrte Alle, die berechtigte oder unberechtigte
Ansprüche machten;(6) und erstickte damit das ganze Geschlecht
vorzüglicher Männer aller Art, wodurch Florenz bis auf seine Zeiten als
der hellste Stern in der neuern Geschichte der Cultur des menschlichen
Geistes geglänzt hatte.

In die Mitte dieser Periode fällt das Leben des _Macchiavelli_ (von 1469
bis 1527). In der an Talenten, Künsten und Wissenschaften aller Art
reichen Stadt, in einem Volke, das sich durch den lebhaftesten Verstand
und die heftigsten Leidenschaften auszeichnete, unter den Stürmen einer
unsichern Verfassung und den häufigen Katastrophen derselben war er selbst
unaufhörlich thätig. Die Geschäftswelt hatte ihn gebildet. Der eignen
Erfahrung verdankte er es, daß er aus den großen Schriftstellern des
Alterthums mehr lernte, als Andere darin finden. Sie gab seinem Urtheile
über die frühere Geschichte und über die Ereignisse seiner Zeit die
treffende Schärfe, die man immer mehr bewundert, je mehr man seine
Bemerkungen mit dem vergleicht, was seinem Vaterlande nach seinem Tode
widerfuhr. Die Verhältnisse, in die er verwickelt war, hatten ihm das
Innere der Republiken und die Geheimnisse der Fürsten aufgedeckt. Er
verstand sich auf die Politik jeder Partei. Man findet ihn aber auch in
den entgegengesetztesten Factionen.

Er liebte die Verfassung, in der er geboren und so lange Zeit auf die
glänzendste Art thätig gewesen war. Aber er mochte wol in gewissen
Augenblicken daran verzweifeln, eine dauernde Republik in Florenz
hergestellt zu sehen. Er zeigt selbst im siebzehnten Kapitel des dritten
Buchs seiner „_Discorsi_“, daß ein verdorbenes Volk sich schwerlich bei
der Freiheit erhalten könne; und im folgenden Kapitel, daß es eben so
schwer sei, die verlorne Freiheit wieder herzustellen. Er sagt es gerade
heraus, einem solchen Volke sei es besser, daß sich seine Staatsverfassung
der Alleinherrschaft eines Einzigen nähere: und die Anwendung auf sein
Vaterland liegt nahe genug!

Im Anfange des siebenten Buchs seiner Geschichte bemerkt er, daß die
innern Uneinigkeiten das Leben der Republiken ausmachen, und ihre Stärke
vermehren, so lange sie nicht in Anhang einzelner Häupter oder Familien
ausarten; sobald aber dieses eintritt, den Staat schwächen und das Wesen
der Republik vernichten. In Florenz, sagt er selbst, waren alle innern
Zwistigkeiten von dieser verderblichen Art. _„Daher wissen die Florentiner
die Freiheit nicht zu behaupten, und können die Knechtschaft nicht
ertragen.“_

In der That, wenn man die innere Geschichte von Florenz überdenkt, deren
letzte Katastrophen oben angegeben sind, so findet man, daß die Republik
in den schlechten Zeiten nur elende Anarchie, in den besseren maskirte
Monarchie gewesen war.

Von der frühern Zeit sagt Macchiavelli im Anfange des dritten Buchs seiner
Geschichte: „Die innern Uneinigkeiten, welche in Rom Wetteifer und Streit
erregten, sind in Florenz sehr frühe in Factionen und innern Krieg
ausgeartet. In Rom veranlaßten sie neue Gesetze, um abzuhelfen: in Florenz
endigten sie stets mit Mord und Verbannung angesehener Bürger. In Rom
dienten sie dazu, daß einzelne große Häupter sich erhoben. In Florenz
haben sie Alles gleich gemacht. In Rom wollte das Volk der größten Ehren
gleich dem Adel theilhaft werden. In Florenz wollte es ausschließlich
herrschen. Die neuen erzwungenen Gesetze waren daher ungerecht gegen den
Adel. In Rom wurden die Niedriggebornen immer edler und fähiger, die
Stellen zu bekleiden, nach denen sie strebten. Durch ihre zunehmende Kraft
und Talente ward der Staat groß. In Florenz wurden die Edlen aus den
öffentlichen Aemtern vertrieben, und mußten dem niedrigen Volke gleich
werden, um zu jenen zu gelangen. Die edeln Eigenschaften, wodurch die
Männer aus dem Volke in Rom den Edelgebornen gleich zu werden trachteten,
wurden in Florenz auch im Adel ausgelöscht. So ward der Staat immer
niedriger und verächtlicher. So wie Rom durch den Uebermuth der Bürger
dahin gerieth, daß es nicht mehr ohne einen Herrn bestehen konnte, so kam
es mit Florenz dahin, daß jede Verfassung durch eine geschickte Hand
aufgedrungen werden konnte.“

Die alten Zwistigkeiten des Adels mit dem Volke, von denen Macchiavelli
hier redet, endigten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts mit der
Tyrannei des Herzogs von Athen,(7) der den Florentinern durch
neapolitanische Waffen aufgedrungen ward. Aber nach der Vertreibung
desselben theilte sich das Volk aufs Neue in Factionen der Bürger und des
gemeinen Pöbels, welche abermals den Staat zerrissen, bis die Familie
Medici im fünfzehnten Jahrhunderte mächtig genug ward, ihm Festigkeit und
innere Ruhe zu geben, die jedoch von Zeit zu Zeit durch gewaltsame
Katastrophen unterbrochen ward. Als dieser Zustand 1492 mit dem Tode des
Lorenzo von Medici endigte, und das ganze Geschlecht desselben vertrieben
ward, lebte der demokratische Geist wieder auf. Aber in einem Staate, in
dem man so wenig Bürgergeist, dafür desto mehr Parteiwuth kannte, war es
nicht möglich, einen dauerhaften Zustand zu begründen. Die Familie der
Medici, welche sechzig Jahre lang (von 1432 bis 1492) mit so großem eignen
Ruhme ihr Vaterland zu Größe, Ehre und Ruhm geführt, und innerlich
einigermaßen ruhig gehalten hatte, konnte dies nur dadurch bewirken, daß
sie den Staat durch eine Partei regierte, die sich hinter republikanische
Formen versteckte, ohne dem Volke wahren Antheil an der Verwaltung zu
verstatten. Sie hatte beständig, wie man sich in unsern Tagen ausdrücken
würde, eine Art von revolutionärer Regierung geführt. Sie behaupteten
nämlich, wie Macchiavelli ihnen vorwirft, daß Florenz nicht anders regiert
werden könne, als durch eine von fünf zu fünf Jahren zu wiederholende
außerordentliche Maßregel, („_Ripigliar lo Stato_“ genannt), wodurch die
gefährlichen Bürger willkürlich aus der Stadt oder von öffentlichen
Aemtern entfernt, diese aber eben so willkürlich mit Hintansetzung aller
vorgeschriebenen Formen besetzt wurden: das heißt, sagt Macchiavelli, alle
fünf Jahre den Schrecken und die Furcht erneuern, wodurch das erste Mal
diejenigen Menschen in die Flucht geschlagen waren, welche, mit den Medici
zu reden, _schlecht_ gehandelt hatten.

Wahrlich, eine schöne Republik, in welcher die Formen, Gleichheit und
Theilnehmung so vieler Bürger an den öffentlichen Angelegenheiten
vorspiegeln, in der That aber Eine Familie unumschränkter herrscht, als
ein Fürst nur immer könnte; wo diese Familie um desto eifersüchtiger Alle
entfernt, deren Ansprüche sie fürchtet, weil sie das öffentlich anerkannte
Recht allezeit gegen sich hat! Cosmus ist ein großer Mann, Lorenzo ein
noch größerer Mann gewesen. Aber ist der Staat frei zu nennen, wo solche
Männer ausschließlich regieren, und die andern alten Geschlechter
angesehener reicher Bürger, in der Verzweiflung ihr Recht nicht
durchsetzen zu können, zu verräterischen Anschlägen ihre Zuflucht
nehmen?(8) Wo die Soderini sich herablassen müssen, Clienten zu werden,
und den Pazzi, unterdrückten Nebenbuhlern, nur Meuchelmord übrig bleibt,
um sich Luft zu machen: wo daher selbst ein Mann wie Lorenzo von Medici
seines Lebens nicht sicher ist!

So dachte Macchiavelli über die Verfassung seines Vaterlandes vor dem
Exile der Medici: das beweist der ganze Ton aller seiner Schriften, in
denen er von den großen Männern aus jenem Hause stets mit Lobe redet, ihre
Nebenbuhler und die Verschwörungen gegen sie nie tadelt.

Nach der Vertreibung dieser herrschenden Partei, 1494, war zwar eine
republikanische Verfassung hergestellt, allein es hatte weder der
demokratische Fanatiker Savonarola, den das Volk eine Zeit lang als einen
Propheten verehrte, und als er einige Prophezeiungen vorbrachte, die nicht
gefielen, mit Jubel verbrennen sah; noch der redliche Freund
republikanischer Gleichheit und allgemeiner Gerechtigkeit, Piero Soderini,
der einige Jahre als Gonfaloniere vergebliche Bemühungen anwandte, die
Verfassung zu befestigen, etwas Dauerndes zu Stande bringen können. Dem
Letzten wirft Macchiavelli vor, daß er sich die eitle Hoffnung gemacht,
allen gährenden Stoff im Staate durch Geduld und Güte zu beruhigen, die
Feindschaften mit Wohlthaten auszulöschen, und die Republik dadurch zu
befestigen, daß er selbst das Beispiel gab, die Gesetze nie zu übertreten.
Ein solcher Charakter kann nicht verfehlen, die allgemeinste Hochachtung
zu erregen: er wird sogar von den Feinden der öffentlichen Ruhe gepriesen,
– von diesen aber eigentlich, weil seine Tugenden ihnen selbst ihr Spiel
erleichtern. Etwas kräftiger noch drückte Macchiavelli sein Urtheil in
einem Sinngedichte aus, das er in einer launigen Stunde auf seinen
demokratischen Freund und Gönner machte.


    „In der Nacht, da Piero Soderini starb, fuhr die arme Seele zur
    Hölle hinab. Thörichter Geist, rief Pluto ihr entgegen, was willst
    du in der Hölle? Geh du zum unschuldigen Kinderteich!“


Macchiavelli behauptet, und das wol nicht mit Unrecht, daß Soderini eine
außerordentliche Gewalt hätte anwenden müssen, um sich in den Stand zu
setzen, für die Zukunft eine Herrschaft der Gesetze zu gründen. „Wenn in
einem verdorbenen Zustande der Dinge noch etwas zu hoffen ist,“ sagt er,
„so ist es von einem mächtigen Manne, der sich vorläufig zum Herrn
aufwirft, um eine freie Verfassung vorzuschreiben. Auf andere Art ist es
unmöglich.“

Wer die Eigenschaften besitzt, wodurch man sich zur Herrschaft
emporschwingt, der wird sich freilich nicht dazu verstehen, einen solchen
Gebrauch von ihr zu machen: und das wußte Macchiavelli selbst sehr gut.
Indessen könnte er dennoch wol einen Plan entworfen haben, durch einen
Andern und auf andere Art auszuführen, was damals fehlgeschlagen war. Den,
der geboren ist zu handeln, kann sein eignes treffendes Urtheil, die
vollkommenste Kenntniß der Welt, die lebendigste Ueberzeugung, daß nichts
mehr auszurichten stehe, nicht abhalten, Versuche zu machen, die ihm
selbst vergeblich scheinen. Er sieht ein, daß es besser wäre, alle Pläne
aufzugeben, wenn die Werkzeuge zu ihrer Ausführung nichts taugen. Er
verspottet vielleicht die eitle Hoffnung derer, die es unternehmen, mit
schwachen thörichten Menschen Dinge auszurichten, wozu Kraft, Verstand,
Beharrlichkeit nöthig sind. Und in demselben Augenblicke entwirft er
selbst wieder Pläne, die Verstand, Muth, Beharrlichkeit erfordern: weil
der Mann von kräftigem Verstande immerfort unwillkürlich solche Entwürfe
gebiert, wie ein tüchtiger Baum gute Früchte trägt.

Das ist nicht poetische Schwärmerei. Es gibt solche Menschen, und die
größten Dinge geschehen durch solche, die sich nicht lange besinnen, ob
ein edler Entwurf ausführbar sei; die nicht warten zu beginnen, bis der
Zufall und andre Menschen das Beste gethan haben; sondern die im Vertrauen
auf die gute Sache wagen, und hoffen, die Umstände werden ihnen zu Hilfe
kommen. Diese finden denn auch oft unerwartete Unterstützung: denn sie
selbst beleben Andere, und wecken Kräfte, deren Dasein man nicht ahnte,
weil sie ohne solchen Antrieb nie erwacht wären.

Auf Macchiavelli möchte dies Alles freilich nicht recht anwendbar sein.
Der dachte immer zunächst daran, was ausgeführt werden könnte.

Wenn es nun aber durchaus unmöglich war, die Verfassung aufrecht zu
halten, auf die sich alle Entwürfe in glücklichen Zeiten bezogen, und die
Nothwendigkeit einleuchtete, sich neuen Verhältnissen zu unterwerfen, so
konnte auch wol ein redlicher Freund der bürgerlichen Gleichheit dahin
gebracht werden, ihr nicht blos zu entsagen, sondern selbst Hand
anzulegen, etwas Erträgliches zu schaffen, um nicht das Unerträgliche
unthätig zu leiden. So haben auch in Florenz späterhin, als das Schicksal
durch den Untergang des Filippo Strozzi die letzten Auswege zur
Herstellung der Republik versperrt hatte; als Alles, was sich auf das Alte
bezog, Entwürfe des Staatsmannes und Verpflichtungen des Bürgers, gleich
Träumen verschwanden; als nichts mehr existirte, worauf eine Hoffnung
gegründet werden konnte, und die neuen Verhältnisse unter der schnell
entwickelten Uebermacht Karls des Fünften es durchaus erforderten, daß
Florenz einen Herrn erhalte, der sich des mächtigen kaiserlichen Schutzes
sicher halten konnte, die geistvollsten und angesehensten Männer der
Republik den Herzögen gehuldigt.

Unter allen diesen Umständen, aber auch nur unter solchen, konnten Männer
von Ehre zu der neuen herrschenden Partei übertreten. Macchiavelli that
diesen Schritt sehr früh, und wie es sich bald zeigte, voreilig.

Es war zwar schon zu seiner Zeit Manches geschehen, das eine innere große
Veränderung in Italien nothwendig nach sich ziehen mußte. Franzosen,
Spanier, Deutsche kämpften um den Besitz dieses schönen Landes. Durch
innere Uneinigkeit war es dahin gekommen, daß es schien, die Frage könne
nur sein, welche auswärtige Macht Herr werden solle. Das Volk haßte alle
diese Fremden in dem Grade, wie die südlichen Völker hassen, und wie der
Unwille unterdrückter und mißhandelter Völker haßt. Aber wie konnten die
Italiener die Unabhängigkeit wieder erlangen, die für jedes Volk, das
eigenthümliche Denkart, Sitten, Sprache, Gesetze und Verfassung hat, das
höchste Gut, und die Bedingung aller Glückseligkeit ausmacht? Dazu mußten
die gesammten Kräfte der Nation in Verbindung gebracht werden, und eine
einzige Richtung erhalten. Dies konnte im damaligen Augenblicke schwerlich
durch einen Andern geschehen, als durch einen Medici. Wenn denn Italien
der Herrschaft der Barbaren auf keine andere Art entrissen werden kann,
und er das Vaterland nicht anders erlösen will, als wenn Florenz sich
unterwirft, – nun so herrsche Lorenzo über Florenz und über Italien. Wenn
er das Land befreit haben wird, so mögen sich die Florentiner selbst
wieder von ihren Tyrannen befreien und die Republik herstellen, – wenn sie
können. So mag Macchiavelli gedacht haben, als er dem Lorenzo den Weg
zeigte, zur Herrschaft zu gelangen: damit mag mancher Italiener
einverstanden gewesen sein.

Eine solche Entsagung konnte ihm lange nicht so viel kosten, als andern
Anhängern der Republik. Seine Liebe zu ihr war ernstlich: aber sie beruhte
nicht auf dem tiefen Gefühle des Bürgers, dem Gleichheit das erste Gut
ist, und der Alles lieber duldet, als Jemanden über sich zu sehen. Sie
entsprang nicht aus unerschütterlicher Anhänglichkeit an väterliche Sitte
und ererbte Verhältnisse. Das Nachdenken über vergangene Zeiten und
Beobachtung der neuen hatte ihn gelehrt, daß in republikanischen Staaten
die Leidenschaften geistvoller Männer den größten Spielraum erhalten. Aus
diesem Gesichtspunkte beurtheilt er in seinen „Discursen über den Livius“
die römische Republik. An der Erhaltung des Bestehenden lag ihm wenig. Ihm
kam es nur darauf an, seinen Trieb zu unruhiger Thätigkeit zu befriedigen.
Fand in seinem Vaterlande die Verfassung nicht mehr statt, die er selbst
vorgezogen hätte, so ergriff der von Catonischem Eigensinne weit entfernte
praktische Geist, dem auf ächt Italienisch „virtù“ nur Thatkraft und
Verstand sie zu leiten bedeutete, mit eben der Lebhaftigkeit die Idee, die
den neuen Umständen und den Gesinnungen der Mächtigen angemessen war, und
ließ sie eben so geschwind wieder fahren. Macchiavelli hat nicht etwa in
einer großen Katastrophe seine Grundsätze verändert und ist zu einer
Gegenpartei _einmal_ übergetreten: sondern er hat sich bald der einen,
bald der andern ergeben, und nur darauf gedacht, für den Augenblick den
Entschluß zu fassen, der ihm der klügste dünkte, weil er in den
Verhältnissen des Tages der ausführbarste schien. Er hielt es damals für
unvermeidlich, daß Florenz sich unterwerfe: so gab er dem Lorenzo
Rathschläge, um ihm die Herrschaft zuzuwenden, damit Er es sei, dem der
neue Fürst sie, wenigstens zum Theil, verdanke.

Wer das wollte, durfte nicht vielen Bedenklichkeiten über die Wahl der
Mittel Gehör geben: und Alles, was in der Zeit vorging, hätte auch wol
einen Mann von strengerer Sittlichkeit, als Macchiavelli, verleiten
können, sich über das Gefühl der Menschlichkeit, die gewissenhafte
Redlichkeit und die Scheu vor moralischen Geboten wegzusetzen, um einen
großen Plan zum Besten des Volks auszuführen. Auch ein solcher hätte wol
sagen können: es muß einmal regiert werden, damit das Volk der Erfüllung
seiner eignen Wünsche theilhaft und glücklich werden könne; welches
Letztere wieder in Macchiavelli’s und seiner Zeitgenossen Sinne nichts
Anderes heißt, als politische Leidenschaften befriedigen. Da sich aber die
Völker nicht demjenigen unterwerfen, der durch sittliche Vorzüge über sie
hervorragt, und durch diese verdiente zu regieren, so möge denn derjenige,
der zu herrschen versteht und die Herrschaft zu ergreifen vermag, sich
derselben auf jedem Wege bemächtigen, auf dem man zu ihr gelangt.

Die Geschichte der Zeit enthält nichts als Mord, Treulosigkeit,
Verrätherei, Gewaltthätigkeit durch gedungene Streiter. Was zur Herrschaft
führt, ist gut: so der allgemeine Wahlspruch. Jeder erlaubte sich Alles,
was den Weg dazu bahnen konnte: Alle aber verfehlten ihren Zweck, weil sie
nicht Einsicht genug hatten, die rechten Mittel zu wählen, und weil es
ihnen in der gefährlichen Unternehmung an der Selbstbeherrschung fehlte,
die dem Mächtigen so schwer wird, und doch so nöthig ist, zu verfolgen. So
ging jeder Gewalthaber zu Grunde, die ganze Nation ward eine Beute fremder
Eroberer. Macchiavelli sah, daß der neue Herzog von Urbino denselben Weg
betreten würde, auf dem so Viele vor ihm verunglückt waren. Wenn denn
Niemand Anstand nimmt, Verbrechen zu begehen, wodurch er zur Herrschaft zu
gelangen hofft, so begeht, ruft Macchiavelli dem zu, der danach strebt, so
begeht Eure Unthaten doch nur so, daß sie auch wirklich zum Zwecke führen.

Die Lehren, welche Macchiavelli hierzu ertheilt, haben den eigenthümlichen
Charakter, der Alles auszeichnet, was aus dem wirklichen Leben geschöpft
ist. Sie sind nicht bloße Erzeugnisse des Nachdenkens, Resultate
allgemeiner Beobachtungen. Sie haben die ergreifende Wahrheit der Gemälde,
dergleichen das überlegenste Talent nicht hervorbringt, ohne durch
wirkliche Anschauung belebt zu sein. Man hatte in Italien oft genug
gewaltige Menschen auftreten sehen, die sich in dem leidenschaftlichen
Streben nach der Herrschaft über jede Beschränkung durch Gesetz,
sittliches Gefühl und menschliche Empfindung gänzlich wegsetzten. Aber
keiner von ihnen hatte das Maß des Verstandes besessen, ohne den die
Immoralität sich selbst zu Grunde richtet. In Cäsar Borgia, mit dem
Macchiavelli durch Verhandlungen über die Angelegenheiten seines
Vaterlandes in genaue Verbindung gerathen war, glaubte er das vollendete
Ideal eines Mannes zu erkennen, der das wirklich leisten könnte, wonach so
Viele vergeblich gestrebt hatten. Von dieser Vorstellung war er ergriffen.
Alles, was er über die Gesinnungen und Talente geschrieben hat, die zur
Befriedigung der Herrschsucht führen können, ist durch das Bild von jenem
Unholde, der durch die Schärfe des Verstandes und Entschlossenheit des
Geistes andern eben so schlechten Menschen so sehr überlegen war, beseelt.

Lorenzo von Medici war nicht der Mann, etwas Aehnliches zu leisten. Er
konnte wol durch den Einfluß seines Oheims, des Papstes Leo, Herzog von
Urbino werden, aber nicht Herr von Florenz, noch weniger Haupt eines
italienischen Bundes. Hat Macchiavelli ihn nicht genug gekannt? Oder hat
er ihm den Rath, sich zur Herrschaft emporzuschwingen, vielleicht so
gegeben, wie er selbst im dritten Buche seiner Discurse im
fünfunddreißigsten Kapitel sagt, daß man den Großen rathen müsse?
„Diejenigen,“ heißt es hier, „welche einer Republik oder auch einem
Fürsten rathen, kommen in ein Gedränge, indem sie ihre Pflicht verletzen,
wenn sie nicht ohne alle andere Rücksicht den Rath ertheilen, der ihnen
für den Staat oder den Fürsten der nützlichste scheint; so oft sie aber
wirklich solche Rathschläge angeben, Gefahr laufen, das Leben oder doch
ihre Stelle zu verlieren: weil alle Menschen doch darin blind sind, daß
sie jeden guten oder schlechten Anschlag nur nach dem Ausgange beurteilen.
Ich sehe keinen andern Ausweg, als seine Meinung ohne Leidenschaft und mit
Mäßigung vorzutragen, so daß der Fürst, wenn er sie befolgt, seinen eignen
Willen zu thun glaube, und daß er nicht vom Rathgeber mit Ungestüm
verleitet zu werden scheine. Wenn du auf diese Art deinen Rath ertheilt
hast, so ist es nicht wahrscheinlich, daß Volk oder Fürst dir übel wollen
werden, da dein Rath nicht gegen den Willen Andrer durchgesetzt worden.
Die Gefahr entsteht, wenn Viele widersprechen, die, wenn die Sache übel
ausfällt, sich vereinigen, den Rathgeber zu stürzen. Bei jenem Verfahren
geht freilich der Ruhm verloren, der einzuernten ist, wenn man Rathschläge
gegen den Willen Vieler durchsetzt, und die Sache gut ausfällt: aber
dagegen entstehen zwei Vortheile. Erstens wird die Gefahr vermieden, und
zweitens kannst du große Ehre einlegen, wenn du einen Rath mit Mäßigung
ertheilst, derselbe nicht befolgt wird wegen des erhobenen Widerspruchs
und der Rathschläge Andrer, und alsdann großes Ungemach entsteht.“

Hat Macchiavelli vielleicht seine Anschläge, zur Herrschaft zu gelangen,
dem Lorenzo von Medici in diesem Sinne gegeben? Hatte derselbe Verstand
genug, sie ganz zu fassen, Urtheil genug, sie richtig anzuwenden,
Dreistigkeit und Beharrlichkeit, sie auszuüben – gelang Alles: gut, so
verdankte er seine Größe dem Unterrichte, und der Rathgeber konnte auf
alle Belohnungen Anspruch machen, die einen solchen Dienst bekrönen.
Fehlte es in irgend einem Stücke, so fiel Lorenzo durch seine eigne
Schuld. Er hatte nicht recht begriffen, nicht recht angewandt, oder die
Ausführung war unvollkommen gewesen. Warum unternahm er ein so schweres
Werk, dem er nicht gewachsen war, und dessen ganze Schwierigkeit
Macchiavelli ihm selbst so lebendig vor Augen gestellt hatte? Diesem blieb
alsdann immer noch übrig es zu machen, wie der Graf von Shaftesbury, der
dem Könige Karl dem Zweiten Rathschläge gab, die die Freiheit der
englischen Nation untergruben, und darauf selbst diesen übermüthigen,
leichtsinnigen und dennoch hinterlistigen Fürsten, da er seine Sache
verdorben hatte, im Parlamente wegen jener Verräthereien gegen die Nation
anklagte.

Warum hätte Macchiavelli Bedenken tragen sollen, selbst mit einem Fürsten
eben so umzugehen, wie er diesen lehrt, andre Menschen zu behandeln, die
ihm zu Werkzeugen dienen? Wir haben keinen Timoleon vor uns, keinen Junius
Brutus, keinen Hampden, keinen Wilhelm Tell: sondern den verschmitzten
Unterhändler am französischen Hofe, Freund des Tyrannen von Siena,
Verehrer des Königs aller Teufel seiner Zeit, des Cäsar Borgia. Der
Staatsmann muß auch mit solchen Menschen umzugehen wissen. Er muß sich
darauf verstehen, sie zu behandeln; er muß seine Gefühle in sich
verschließen können, um unvermeidliche Verhältnisse mit ihnen zu benutzen,
oder doch unschädlich zu machen. Aber das unaufhörliche Treiben in solchen
Verbindungen ist stets gefährlich. Es ist sehr schwer, dabei sein eignes
Gemüth unbefleckt zu erhalten. Die Gewohnheit, seine Empfindungen zu
verläugnen, stumpft sie ab. Man vergißt am Ende die natürlichsten
Gesichtspunkte, die einfachsten Wahrheiten, und wird durch die Kunstgriffe
seines eignen Verstandes aus seinem wahren Charakter herausgeworfen: man
weiß selbst nicht, wie.

Ein Werk, wie das Buch vom Fürsten, einem großen Herrn vorzulegen, und es
von sich bekannt werden zu lassen, daß man solche Rathschläge gebe, war
ein gewagtes Stück. Aber Macchiavelli überließ sich der politischen
Intrigue mit vollkommner Zuversicht zu sich selbst. Er glaubte damit
spielen zu können, weil er sich auf seine Kraft des Verstandes, die
Sicherheit seines Urtheils und seine dreiste Entschlossenheit verließ. Wie
manche Menschen, denen Niemand diese Vorzüge zugestehen wird, möchten ihm
dennoch gern nachahmen! Alle, die sich ihn zum Muster nehmen und mit einer
Geschmeidigkeit des Verstandes, die sie macchiavellisch nennen, die
Schwäche ihres Charakters, ihre Eitelkeit, ihren Leichtsinn zu beschönigen
suchen, mögen sich zur Warnung dienen lassen, was ihrem angeblichen
Vorbilde begegnete, als der Tod des Herzogs von Urbino Gelegenheit zu
neuen Versuchen für die Herstellung der Republik gab, und einer derselben
endlich gelang. Welchen häßlichen Contrast damit bildete das Buch vom
Fürsten! Der Verfasser hätte das Meisterstück seiner Feder gern
unterdrückt: aber es hatte sogleich, nachdem er es aus den Händen gegeben,
zu viele Bewundrer gefunden: so verlor er den endlichen Lohn so vieler
gefahrvoller und mit schwerem Leiden verbitterter Unternehmungen, weil er
nicht, einer Partei standhaft ergeben, mit Beharrlichkeit hatte erwarten
mögen, ob das Schicksal ihr vergönnen würde, das Haupt wieder zu erheben.

Wer unter allen Umständen etwas bedeuten will, jedem Herrn und zu jedem
Zwecke dient, nur damit Er etwas gelte, verfehlt das Ziel, nach dem er mit
allzu großer Begierde sich übereilt. Aller Aufwand von Verstand und
Talenten ist unzureichend, um eine wirklich große Rolle zu spielen: dazu
gehört ein großer Charakter. Durch die allzu rege unruhige Eitelkeit wird
das schärfste Urtheil irre gemacht, und die Dreistigkeit im Denken ist oft
nur eine Versuchung mehr, sich verderblichen Anschlägen zu überlassen.
Ueberhaupt hat derjenige, der mit besonnener Mäßigung nach dem Besitze
äußerer Güter strebt, weit mehr Wahrscheinlichkeit sie zu erhalten, als
der, dem sie um keinen Preis zu theuer sind, und der sie unter jeder
Bedingung besitzen will. Der Eigensinn der rastlosen Begierde erregt
gemeiniglich selbst unüberwindliche Schwierigkeiten. Sogar die öffentliche
Achtung, welche den Gegenstand des edelsten Triebes ausmacht, darf nicht
allzu begierig gesucht werden. Sie ist von der freien Gesinnung der
Menschen, mithin auch von ihrer Laune abhängig. Sie läßt sich nicht
abbringen, folgt aber freiwillig dem, der sie verdient, ohne sie zu
begehren. Bemerken die Menschen, daß man sich ängstlich um ihren Beifall
bemüht, so widerstrebt ihre Selbstsucht. Der Neid versteckt sich hinter
dem Vorwand, es sei nur auf die Befriedigung des Ehrgeizes und der
Herrschsucht abgesehen. Wer sich aber nicht in seinen Bemühungen für
Zwecke, die den Beifall der Menschen verdienen, durch die Begierde nach
dem Genusse dieses äußern Lohns irre machen läßt, und niemals seinem
eignen Bewußtsein die fremde Bewunderung vorzieht, dem wird auch diese
letzte nicht entgehen.

Wenn man das Buch vom Fürsten richtig schätzen will, so muß man nicht
vergessen, daß der Verfasser nirgends in der Geschichte als Hauptperson
erscheint, sondern immer nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es rührt
von einem trefflichen Beobachter her, der in die handelnde Welt mit
eingegriffen hatte, sich aber nicht berufen fühlte, seine Lehren selbst in
Ausübung zu bringen. Die Schriften solcher Männer, welche die Grundsätze,
die sie aufstellen, aus ihren eignen Handlungen nehmen, haben einen ganz
andern Charakter. Vielleicht ist mehr Wahrheit in den Erzählungen
einfacher Beobachter; denn es hat doch schwerlich jemals ein Mann, der
große Dinge geleistet hatte, von sich selbst geschrieben, ohne daß sein
Wunsch, der Welt etwas anders zu erscheinen als in seinem eignen
Bewußtsein, einigen Einfluß auf seine Darstellung gehabt hätte. Aber
dagegen sprechen die Empfindungen mit mehr Lebendigkeit in den Werken
derer, die von eignen Handlungen reden. Es ist doch etwas Andres, zu
sagen, was man selbst gethan, oder in allem Ernste bereit ist zu thun;
oder Pläne anzugeben, die Andre ausführen sollen. Bei diesen Spielen des
Verstandes setzt man sich über Alles weg: sobald man aber selbst handeln
soll, erscheinen die Dinge ganz anders, und alsdann lassen die
Einwendungen des Gewissens sich nicht so abweisen. Es ist noch immer die
Frage: ob Macchiavelli, wenngleich er nach den Aussagen von
Schriftstellern, die ihm nicht aus politischen Gründen abgeneigt waren, im
Privatleben ein „schlechter Mensch“ gewesen sein soll, das Alles hätte
thun mögen, was er, der wohl wußte, daß er nicht Fürst werden würde,
demjenigen rieth, der danach strebte.

Es gibt Menschen, bei denen alle Kräfte in den Kopf treiben; die mit der
durchdringendsten Schärfe des Verstandes Alles durchschauen und zu jedem
möglichen Zwecke die Mittel auf das Treffendste anzugeben wissen: die aber
in der Beurtheilung der Zwecke von ihrer eignen Einbildungskraft oder von
Vorspiegelungen Anderer leicht irre geführt werden. Solche Männer sind
recht gemacht, als Rathgeber zu glänzen. Man hört sie gern, weil sie
nichts gegen die Absichten einwenden, die die Neigung einflößt und sich so
gut darauf verstehen, diese Zwecke zu erreichen. Aber sie sind gefährliche
Rathgeber. Denn weil die Zweckmäßigkeit aller Mittel sie weit mehr
interessirt, als die Beschaffenheit der Zwecke selbst, so überlassen sie
sich dreist allen Combinationen des Witzes; und das um so viel mehr, wenn
sie nicht selbst ausführen sollen, was sie ausgedacht haben. Man findet
daher auch bei ihnen mit dem bewunderungswürdigsten Verstande eine
Versatilität in den Grundsätzen und Absichten, die unbegreiflich scheint,
bis man bemerkt, daß es nicht die Sachen selbst sind, an denen sie Freude
finden; daß es in einem wie im andern Falle nur das Spiel des Verstandes
ist, das sie interessirte. Ist vollends das Talent des Redners oder
Schriftstellers mit jenen Vorzügen verbunden, so werden leicht die
edelsten Gesinnungen und größten Ideen nur als Mittel angesehen, Pläne des
Augenblicks auszuführen, und nach der Wirkung, die der Ausdruck derselben
auf den Zuhörer oder Leser macht, geschätzt.

Der Umstand, daß Macchiavelli einen großen Theil der Achtung seiner
Zeitgenossen seinen schriftstellerischen Talenten verdankte, ist sehr
wichtig. Wenn aus dem Bisherigen klar wird, wie er ein solches Buch hat
schreiben können, so ist noch etwas Unbegreifliches darin, daß er es
bekannt gemacht hat. Derjenige, dem der Rath gegeben wird, sein Wort zu
brechen, und der es eingesteht, daß er diesen Rath befolgen wird, kann
sich schwerlich versprechen, Glauben zu finden. Das Buch vom Fürsten ist
voll solcher Anschläge, die vereitelt sind, sobald sie bekannt werden.
Aber Macchiavelli konnte sich nicht enthalten, das Lieblingskind seines
Geistes, das Meisterstück seines Scharfsinns und seiner unvergleichlichen
Feder, zur Bewunderung aufzustellen; und es war der allgemeinen Denkart
der Großen so angemessen, daß selbst diejenigen, für die es zunächst
bestimmt war, kein Arg daraus hatten, es könne ihnen schaden. Es ging also
aus einer Hand in die andere.

Gedruckt ward es indessen erst nach des Verfassers Tode.(9) Papst Clemens
der Siebente, ein Medici, naher Verwandter des Lorenzo, dem es zugeeignet
ist, verstattete unbedenklich die öffentliche Bekanntmachung durch den
Druck; und eben dies beweist sehr deutlich, wie sehr die darin herrschende
Gesinnung mit der allgemeinen Denkart der Nation übereinstimmte. Eben so
hat Gregor der Dreizehnte kein Arg daraus gehabt, was seine Billigung der
Pariser Bluthochzeit für eine Wirkung in der christlichen Welt thun würde.
In beiden Fällen sah der päpstliche Hof, der nie zurückgeht, sich durch
die allgemeine Stimme genöthigt, einen öffentlichen Schritt zu thun, um
das Aergerniß zu heben. Als das Geschrei über Macchiavelli’s Fürsten laut
wurde, verdammte Paul der Vierte das Buch 1559. Der Scandal dauerte fort,
und ward so arg, daß 1592 einem Enkel des Verfassers, dem Niccolo
Macchiavelli, in Gemeinschaft mit einem Neffen desselben, Giuliano de’
Ricci, der Auftrag gegeben ward, das Tadelnswürdige aus dem Werke
wegzuschaffen. Da aber Niemand Interesse daran hatte, sie zu einer Arbeit
anzutreiben, deren Absicht durch die Ankündigung schon erreicht war, so
unterblieb sie, und das Buch ward bis heute unzählige Male unverändert so
aufgelegt, wie es hier folgt.



                          DAS BUCH VOM FÜRSTEN.



                               *Zueignung*
    an den Großmächtigen _Lorenzo_, Sohn des Piero, _von Medici_.(10)


Diejenigen, welche die Gunst eines Fürsten zu erwerben trachten, pflegen
sich ihm mit dem zu nähern, was ihnen unter Allem, das sie besitzen, das
Liebste ist, oder ihm am meisten zu gefallen scheint: daher ihm so oft
Pferde, Waffen, Teppiche, Edelsteine und andre Zierrathen überreicht
werden, die seiner Größe würdig scheinen. Indem ich mich Euch,
großmächtiger Herr, mit einem Beweise meiner unterthänigen Ergebenheit zu
nahen wünsche, finde ich nichts in meinem Vorrathe, was mir werther wäre,
oder ich höher schätzte, als die Kenntniß der Handlungen großer Männer,
die ich durch lange Erfahrung der neuern Zeit und unablässiges Lesen der
Alten erworben. Diese habe ich mit großem Fleiße lange durchdacht und
geprüft, und jetzt in ein kleines Buch zusammengefaßt, welches ich Euch
überreiche, großmächtiger Herr. Und obgleich ich einsehe, daß es nicht
werth sei, vor Euch gebracht zu werden, so hoffe ich doch von Eurer
freundlichen Gemüthsart, es werde gut aufgenommen werden, in Anbetracht,
daß ich kein größeres Geschenk zu geben vermag, als dieses, welches in den
Stand setzt, in so kurzer Zeit Alles einzusehen, was ich in vielen Jahren,
mit so vielen Gefahren und Mühseligkeiten erlernt und begriffen habe.
Dieses Werk ist von mir nicht geschmückt, noch mit vielem Wortgepränge
oder anderer Schminke und äußerer Zierde aufgeputzt, wie viele Andre ihre
Werke zu schreiben und zu schmücken pflegen: weil ich wollte, daß die
Sache selbst sich ehre und die Wahrheit des Inhalts und der Ernst der
Ausführung allein das Buch empfehle. Es werde mir aber nicht als eine
Anmaßung ausgelegt, daß ich, ein Mann von geringem Stande, es wage, über
die Handlungen der Großen zu urtheilen, und mich erdreiste sie zurecht zu
weisen. Denn so wie diejenigen, welche Landschaften aufnehmen, in die
Ebene herabsteigen, um die Gestalt der Berge und Höhen zu betrachten, und
auf die Berge steigen, um die Thäler zu beobachten, so erkennen zwar die
Großen am besten die Natur des Volkes; um aber die Fürsten zu kennen, muß
man aus dem Volke sein. Nehmt daher, großmächtiger Herr, dieses kleine
Geschenk, in der Gesinnung, mit welcher ich es überreiche. Ihr werdet
darin einen brennenden Wunsch sehen, daß Ihr zu der Größe gelangt, zu
welcher Euch die Glücksumstände und andre Eigenschaften bestimmt haben.
Wenn Eure Hoheit aber von Eurem erhabnen Standpunkte auf die niedern Orte
herabsieht, in denen ich mich befinde, so werdet Ihr erkennen, mit welchem
Unrechte ich ein anhaltendes widriges Schicksal ertragen muß.



   1. Verschiedene Arten der Herrschaft, und Wege, zu ihr zu gelangen.


Alle Staaten und Gewalten, welche Herrschaft über die Menschen gehabt
haben und noch haben, sind Republiken oder Fürstenthümer. Diese sind
entweder ererbt, indem sie von dem Geschlechte des Herrschers schon lange
regiert worden sind; oder sie sind neu errichtet. Die neuen sind entweder
von Grund aus neu, so wie die Herrschaft des Franz Sforza zu Mailand; oder
sie sind nur als Theile dem erblichen Staate dessen, der das Land erwirbt,
hinzugefügt, wie z. B. das Königreich Neapel dem Könige von Spanien
gehört. Solche neu erworbene Staaten sind entweder schon früher an die
Herrschaft gewöhnt gewesen, oder die Freiheit ist in ihnen hergebracht.
Sie werden erworben: durch fremde Gewalt, oder durch eigne Kräfte; durch
Glück, oder durch Tapferkeit.



                   2. Von den erblichen Fürstenthümern.


Von Republiken will ich nicht reden, weil dies von mir bereits in einem
andern Werke ausführlich geschehen ist. Ich wende mich zur
Alleinherrschaft, und werde nach der oben angegebenen Ordnung erörtern,
wie solche erworben und behauptet werden kann. Ich sage also, daß in den
erblichen Fürstenthümern, die an die Dynastie ihrer Herren gewöhnt sind,
viel weniger Schwierigkeiten entstehen, sie zu erhalten und zu behaupten,
als bei neuen: weil es nur darauf ankommt, die Verhältnisse, so wie sie
unter den Vorfahren waren, nicht zu verändern, und bei allen Vorfällen in
die Gelegenheit zu sehen. Ein solcher Fürst wird sich also stets auf dem
Throne erhalten, es sei denn, daß ganz ungewöhnliche und außerordentliche
äußere Gewalt ihn desselben beraube; und wird er der Herrschaft beraubt,
so vermag er sie wieder zu erlangen, sobald dem, der sie ergriffen hat,
etwas Widriges begegnet. Wir haben in Italien ein Beispiel an dem Herzoge
von Ferrara, der den Venezianern im Jahre 1484 und darauf dem Papst Julius
dem Zweiten durch nichts Anderes Widerstand geleistet hat, als durch seine
in langer Zeit fest begründete Herrschaft. Denn der angeborne Fürst hat
weniger Veranlassung, und ist selten in der Nothwendigkeit, zu beleidigen.
Er ist daher mehr beliebt, und es ist natürlich, daß die Seinigen ihm
wohlwollen, wenn er sich nicht durch außerordentliche Last verhaßt macht.
In der Länge der Zeit einer fortgesetzten Herrschaft wird die Veranlassung
und die Erinnerung der Neuerungen vergessen, wohingegen Eine Neuerung
immer durch sich selbst die Veranlassung zu andern nachfolgenden
zurückläßt.



                     3. Von vermischten Herrschaften.


Aber die neuen Herrschaften sind ganz andern Schwierigkeiten unterworfen.
Und zwar erstens, wenn nicht das ganze Reich neu ist, sondern nur ein
Theil davon, und es also ein vermischtes Reich genannt werden könnte, so
entstehen gewaltsame Veränderungen aus natürlicher Schwierigkeit, welche
allen neuen Herrschaften gemein ist, und daher rührt, daß die Menschen
gern ihren Herrn verändern, in Hoffnung, daß es besser werden könne, und
die Waffen hierauf ergreifen: darin aber irren sie, indem sie bald
erfahren, daß es schlimmer wird. Und das liegt wieder in der Natur der
Dinge: weil der neue Herr seine Unterthanen mit Soldaten und auf manche
andre Art zu bedrücken genöthigt ist, blos weil die Herrschaft neu ist. Du
wirst also alle diejenigen zu Feinden haben, die du durch die Eroberung
selbst beleidigt hast, ohne diejenigen, durch deren Hilfe du Herr geworden
bist, zu Freunden zu behalten, weil du sie nicht nach ihren Wünschen
befriedigen kannst, und auch keine kräftigen Heilmittel anwenden darfst,
wegen der Dankbarkeit, die du ihnen schuldig bist. Denn auch der
Mächtigste bedarf der Begünstigung von Einheimischen, um in das Land
einzudringen. Aus dieser Ursache hat Ludwig der Zwölfte von Frankreich
Mailand so geschwind erobert, und so geschwind wieder verloren. Das erste
Mal war die eigne Kraft des vertriebenen Herzogs Ludwig Sforza
hinreichend, weil das Volk, das jenen eingeführt hatte und sich in seiner
Hoffnung getäuscht fand, den Widerwillen gegen die neue Herrschaft nicht
ertragen mochte. Es ist wahr, daß so zum zweiten Male eroberte Länder
nicht wieder so leicht verloren gehen, weil der Herr von der Rebellion
Veranlassung nimmt, sich durch strenge Maßregeln zu sichern, Verbrecher zu
strafen, Verdacht aufzuklären, und an den schwachen Stellen Vorkehrungen
zu treffen. Wenn es, um Mailand den Franzosen zu entreißen, das erste Mal
hinreichend war, daß ein Herzog Ludwig an der Grenze Rumor anfing, so
mußte sich zum zweiten Male die ganze Welt dagegen vereinigen, um die
französischen Heere zu vernichten oder zu vertreiben. Die Ursachen sind
oben angegeben. Dennoch verlor Frankreich das mailändische Gebiet zum
zweiten Male. Die allgemeinen Veranlassungen der ersten Begebenheit sind
erzählt; es bleibt also noch übrig, die Ursachen der zweiten zu
betrachten, und die Mittel anzugeben, wie man sich in solcher Lage besser
behaupten kann, als der König von Frankreich gethan hat. Ich sage also,
daß solche Provinzen, welche erobert und mit den alten Staaten des
Eroberers verbunden werden, entweder zu demselben Lande gehören und
dieselbe Sprache reden, oder nicht. In dem ersten Falle ist es sehr
leicht, sie festzuhalten, vorzüglich, wenn sie nicht an Unabhängigkeit
gewöhnt gewesen sind. Um sie mit Sicherheit zu beherrschen, ist es
hinreichend, die Familie ihrer vorigen Beherrscher auszurotten; denn weil
die Einwohner ihre alten Gewohnheiten und Verhältnisse beibehalten, auch
übrigens gleiche Sitten mit ihren neuen Mitunterthanen haben, so leben sie
ruhig; wie man es in der Bretagne, Gascogne, Normandie gesehen hat, welche
schon lange mit Frankreich verbunden sind. Wenngleich zwischen diesen
Provinzen und dem übrigen Frankreich in der Sprache geringer Unterschied
ist, so kommen doch die Sitten überein, und daher vertragen sie sich
leicht mit einander. Wer solche Provinzen erobert hat und sie behalten
will, muß auf zwei Dinge Rücksicht nehmen. Erstens: die Familie der
vorigen Regenten zu verlöschen; zweitens: die alten Gesetze und
Verfassungen nicht abzuändern: so werden alte und neue Staaten
baldmöglichst zu einem Ganzen zusammenschmelzen. Aber wenn Provinzen eines
Landes erobert werden, das an Sprache, Sitten, Verfassung verschieden ist,
so entstehen Schwierigkeiten, und es gehört viel Glück und große Bemühung
dazu, sie zu behalten.(11) Eines der kräftigsten Mittel ist, daß der
Eroberer selbst sich hinbegebe, um daselbst seinen Wohnsitz aufzuschlagen.
Dadurch wird der Besitz gesichert und dauerhaft. So haben es die Türken
mit dem griechischen Reiche gemacht, welches sie trotz aller andern
angewandten Bemühungen nicht hätten behaupten können, wenn sie nicht die
Residenz in Konstantinopel genommen hätten. Denn wenn der Regent sich
selbst da befindet, so sieht er alle Unordnungen in ihrer Entstehung und
kann geschwind abhelfen. Ist er nicht gegenwärtig, so vernimmt er sie
erst, wenn sie schon sehr angewachsen sind, und keine Hilfe mehr ist.
Außerdem wird das Land nicht von den Beamten des Regenten ausgeplündert:
es beruhigt die Einwohner, zu ihm selbst seine Zuflucht nehmen zu können.
Ist er gut, so wird er geliebt; wo nicht, so wird er doch gefürchtet.
Fremde, die den Staat angreifen möchten, haben mehr Rücksicht zu nehmen.
So lange der Regent da wohnt, ist es schwer, ihn dessen zu berauben.

Das zweite vorzügliche Mittel ist, Colonien an einen oder zwei Orte zu
senden, die Schlüssel des Landes sind. Dies ist nothwendig. Wer es
unterläßt, muß wenigstens hinreichende Kriegsmacht daselbst halten. Die
Colonien kosten dem Fürsten nicht viel. Er besetzt sie ohne vielen Aufwand
und beleidigt nur diejenigen, die von Haus und Hof vertrieben werden, um
neuen Bewohnern Platz zu machen. Dies ist immer nur der kleinere Theil.
Diese Beleidigten leben zerstreut und sind arm: sie können wenig schaden,
und alle übrigen werden leicht beruhigt, oder sie fürchten sich, daß es
ihnen so ergehen möchte wie Jenen, wenn sie sich rührten. Wohl zu merken
ist, daß die Menschen entweder zur Ruhe geschmeichelt, oder vernichtet
werden müssen. Denn wegen geringer Beleidigungen rächen sie sich; wegen
großer vermögen sie das nicht. Jede Verletzung muß also so zugefügt
werden, daß keine Rache zu besorgen ist. Wird statt der Colonien Besatzung
gehalten, so kostet das so viel, daß die Einkünfte des neuen Staats
daraufgehen. Die Eroberung schlägt also zum Schaden aus und verletzt weit
mehr, weil sie den ganzen neuen Staat trifft. Jeder fühlt die Last der
Einquartierung, und Jeder wird Feind; diese Feinde aber bleiben, wenn sie
geschlagen sind, in ihren eignen Wohnungen. Nach allen Seiten also ist
diese Besatzung schädlich: die Colonien hingegen sind nützlich. Ferner muß
der Herr einer solchen für sich bestehenden abgesonderten Provinz sich zum
Oberhaupte und Beschützer der schwächern Nachbarn machen, und die
Mächtigen unter ihnen zu schwächen suchen: vor allen Dingen aber
verhindern, daß kein andrer Fremder, der so mächtig wäre als er selbst,
hereindringt. Solche werden immer von Unzufriedenen, aus Ehrgeiz oder aus
Furcht hereingelassen. Man hat einst gesehen, daß die Römer durch die
Aetolier nach Griechenland gelassen wurden. Eben so sind sie in alle
Länder, in die sie gedrungen, durch die Einwohner hereingerufen. Es geht
damit also zu. Sobald ein Fremder in einem Lande Fuß faßt, so hängen sich
alle Mindermächtigen in demselben an ihn, aus Neid gegen denjenigen, der
im Lande selbst der Mächtigste war. Gegen jene Mindermächtigen ist also
nur wenig zu thun. Sie sind leicht gewonnen, und machen gemeinschaftliche
Sache mit dem neu eingedrungenen. Dieser hat nur zu sorgen, daß jene nicht
mächtiger werden; und er kann leicht diejenigen, welche das Haupt
emporheben, niederdrücken, und also selbst die Oberhand behalten. Wer
diese Verhältnisse nicht gut zu regieren weiß, verliert seine Eroberung,
und hat unendliche Mühe und Verdruß, so lange er sie behält. Die Römer
führten ihre Sache in den eroberten Provinzen sehr gut, sandten Colonien
hin, unterstützten die Schwachen, ohne sie zu stark werden zu lassen,
demüthigten die Mächtigen, und ließen das Ansehen mächtiger Fremden nicht
aufkommen. Griechenland dient hinlänglich zum Beispiele. Sie hielten die
Achäer und Aetolier aufrecht, sie erniedrigten die Könige von Macedonien,
vertrieben den Antiochus. Achäer und Aetolier konnten durch alle ihre
Verdienste um sie doch nicht die Erlaubniß auswirken, irgend einen Staat
mit sich zu verbinden; durch alle Schmeicheleien des Philipp ließen sie
sich nicht verleiten, seine Freunde zu sein, ohne ihn niederzuhalten;
Antiochus konnte mit aller seiner Macht nicht bewirken, daß sie ihm
zugestanden hätten, in Griechenland festen Fuß zu fassen. Die Römer thaten
in diesen Fällen, was alle vorsichtigen Regenten thun müssen, welche nicht
allein auf die gegenwärtigen, sondern auch auf die künftigen Unruhen
achten und diesen begegnen. Was man von ferne kommen sieht, dem ist leicht
abzuhelfen; wenn man aber wartet, bis das Uebel da ist, so kommt die
Arznei zu spät,(12) und es geht, wie die Aerzte von der Lungensucht sagen:
daß sie zu Anfang leicht zu heilen, aber schwer zu erkennen; wenn sie aber
im Anfange verkannt worden, in der Folge leicht zu erkennen und schwer zu
heilen sei. Eben so geht es dem Staate. Auch in ihm sind die Uebel, die
man von fern erkennt, (das vermag aber nur der, welcher Verstand hat)
leicht und geschwind geheilt; hat man sie aber so weit anwachsen lassen,
daß Jeder sie erkennt, so ist kein Mittel mehr dagegen zu finden. Die
Römer also sahen die Verlegenheiten, ehe sie entstanden, von ferne, und
ließen sie nicht näher kommen, um einen Krieg für den Augenblick zu
vermeiden. Denn sie wußten, daß man einem Kriege nicht so entgeht, wol
aber nur zum Vortheile des Gegners aufschiebt. Sie beschlossen also mit
Philipp und Antiochus in Griechenland Krieg zu führen, um ihn nicht in
Italien selbst bestehen zu müssen. Sie konnten ihn zu der Zeit wohl
vermeiden; aber es gefiel ihnen nicht, was die Weisen unsrer Zeit im Munde
führen: Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Sie verließen sich vielmehr auf
ihre Tapferkeit und Klugheit. Denn die Zeit treibt Alles vor sich her,
Gutes wie Schlimmes; Schlimmes führt sie aber auch eben so leicht herbei
als Gutes.

Jetzt wende ich mich zu Frankreich und will untersuchen, ob es eine
ähnliche Politik beobachtet habe, und zwar rede ich von Ludwig dem
Zwölften, und nicht von Karl dem Achten, weil jener sich länger in Italien
gehalten hat, und der Gang seiner Unternehmungen daher klarer vor Augen
liegt. Wir werden also sehen, wie er das Gegentheil von Allem gethan hat,
was geschehen muß, um in einem fremden Lande Provinzen zu behaupten.
Ludwig der Zwölfte ward in Italien durch den Ehrgeiz der Venezianer
eingeführt, welche die Hälfte von Mailand dadurch zu erwerben hofften. Ich
will diese seine Unternehmung nicht tadeln; denn da er einmal in Italien
Fuß fassen wollte, und wegen des Betragens seines Vorfahren, Karl des
Achten, keine Freunde in diesem Lande hatte, so mußte er wol die
Verbindungen knüpfen, die sich anboten: und die Sache wäre auch gelungen,
wenn er keinen anderweiten Fehler gemacht hätte. So wie der König die
Lombardei eroberte, ward der Ruf, den Karl verloren hatte, bald wieder
gewonnen; Genua fiel, und die Florentiner traten auf seine Seite. Alles
kam ihm entgegen, der Marchese von Mantua, der Herzog von Ferrara,
Bentivoglio (welcher Bologna inne hatte), die Dame von Forli, die Herren
von Faenza, von Pesaro, von Rimini, von Camerino, von Piombino, die
Republiken Lucca, Pisa, Siena, Alles bewarb sich um seine Freundschaft.
Und nun konnten die Venezianer schon einsehen, wie unüberlegt sie
gehandelt hatten, als sie, um selbst zwei Städte zu erlangen, ihn zum
Herrn von zwei Dritttheilen von ganz Italien gemacht hatten. Jeder kann
sehen, wie leicht es dem Könige gewesen wäre, sein Ansehen in Italien zu
behaupten, wenn er die erwähnten Grundsätze befolgt, und dem großen Haufen
seiner Freunde durch seinen Schutz Sicherheit gewährt hätte. Die große
Zahl derselben mußte ihm wol anhängen, denn sie waren insgesammt schwach
und fürchteten, einige den heiligen Stuhl, andere die Venezianer; durch
sie aber konnte er wieder Alles, was noch groß und mächtig im Lande war,
im Zaume halten. Kaum aber war er Herr von Mailand, so that er das
Gegentheil, indem er dem Papst Alexander dem Sechsten zur Herrschaft in
der Provinz Romagna verhalf. Er bemerkte nicht, daß er durch diese
Entschließung sich selbst Freunde und Anhänger nahm, und den Papst erhob,
da er diesem zu seinem so kräftigen geistlichen Ansehen noch so viel
weltliche Macht gab. Dieser erste Fehler zog andere nach sich, so daß er
am Ende selbst nach Italien kommen mußte, um der Macht Alexanders Grenzen
zu setzen, und zu verhüten, daß dieser nicht Herr von Toscana werde. Nicht
genug, daß er den Papst auf seine eignen Unkosten groß gemacht; aus
Begierde, das Königreich Neapel zu erlangen, theilte er es mit dem Könige
von Spanien. Das Schicksal von Italien war bis dahin ausschließlich in
seinen Händen. Hiermit aber gab er sich selbst einen Genossen, an den
Alle, die mit ihm unzufrieden waren, sich wenden konnten. Statt in jenem
Reiche einen König zu lassen, der von ihm abhängig gewesen wäre, zog er
einen hinein, der ihn selbst daraus vertreiben konnte. Sie ist in der That
eine natürliche und gewöhnliche Sache, die Begierde zu Eroberungen: und
die Menschen werden immer gelobt und nicht getadelt, die so etwas
unternehmen, wenn sie es ausführen; wenn sie das aber nicht vermögen und
doch unternehmen, es koste was es wolle: da liegt der Fehler, und darüber
werden sie getadelt. Konnte Frankreich Neapel mit eignen Kräften
angreifen, so mochte es dies thun: konnte es das nicht, so mußte es das
Land nicht theilen. Und wenn die Theilung der Lombardei mit den
Venezianern zu billigen war, weil man dieser Maßregel den Eingang in
Italien verdankte, so verdient jene zweite Theilung Tadel, weil sie nicht
nothwendig war. Ludwig beging also fünf Fehler. Er vernichtete die
Mindermächtigen; vermehrte die Macht eines Mächtigen; rief einen sehr
mächtigen Fremden herein; schlug selbst seinen Wohnsitz nicht im Lande auf
und führte keine Colonien ein. Bei seinem eignen Leben hätten trotzdem
diese fünf Fehler nicht geschadet, wenn nicht der sechste hinzugekommen
wäre, die Venezianer herunterzubringen. Hätte er nicht den päpstlichen
Stuhl so mächtig gemacht, und die Spanier nicht hereingerufen, so war es
vernünftig und nothwendig, die Venezianer zu erniedrigen. Aber nachdem in
jenes Erstere eingewilligt worden, durfte das Letztere nicht geschehen;
denn so lange die Venezianer mächtig waren, hätten sie immer die Andern
abgehalten, die Lombardei anzufallen. Sie hätten darin nie unter andrer
Bedingung eingewilligt, als daß das Land ihnen selbst überliefert würde;
die Andern hätten es aber nie den Franzosen nehmen mögen, um es den
Venezianern zu geben, und beide zugleich zu bekriegen, hätte man nicht
gewagt. Wendet man ein, König Ludwig habe dem Papst Alexander die Romagna,
und Neapel den Spaniern zugestanden, um einen Krieg zu vermeiden, so
antwortete ich: man muß aus den Gründen, die oben bereits angegeben
wurden, niemals ein übles Verhältniß einreißen lassen, um einen Krieg zu
vermeiden; denn er wird gar nicht vermieden, sondern nur zu deinem
Nachtheile aufgeschoben. Sollte man mir aber etwa das Wort entgegensetzen,
das der König dem Papste gegeben hatte, daß er ihm die Unternehmung auf
die Romagna verstatten wolle, zum Lohne für die Einwilligung in Ludwigs
Ehescheidung und für den erbetenen Cardinalshut des Erzbischofs von Rouen,
so berufe ich mich auf das, was ich hiernächst über Treu und Glauben der
Fürsten sagen werde, und über die Art, wie sie Wort halten müssen. König
Ludwig hat also die Lombardei verloren, weil er nichts vom Allem
beobachtet hat, wodurch Andere Länder erobert und behalten haben. Und so
ist es gar nicht zu verwundern, sondern vielmehr sehr begreiflich und
natürlich. Ich sprach darüber zu Nantes mit dem Cardinal d’Amboise,
Erzbischof von Rouen, als der Herzog von Valentinois (wie der Cäsar
Borgia, Sohn des Papstes Alexanders des Sechsten, gewöhnlich genannt zu
werden pflegte), sich zum Herrn von der Romagna machte. Der Cardinal warf
mir vor, die Italiener verständen sich nicht auf den Krieg. Ich erwiderte
ihm aber, die Franzosen verständen sich nicht auf die Politik: sonst
würden sie den heiligen Stuhl nicht so mächtig werden lassen. Die
Erfahrung hat es bewiesen. Frankreich hat den Papst und die Spanier in
Italien groß gemacht, und hat es selbst darüber verloren. Hieraus ist eine
allgemeine Regel zu ziehen, die niemals oder doch selten trügt: Derjenige,
der einen Andern groß macht, geht selbst zu Grunde. Denn es kann von ihm
nur durch zwei Dinge bewerkstelligt werden: durch kluge Bemühung, oder
durch Gewalt, und beides ist dem, der mächtig geworden ist, verdächtig.



4. Warum das Reich des Darius nach Alexanders Tode gegen seine Nachfolger
                             nicht aufstand?


Wenn man die Schwierigkeiten erwägt, welche es hat, eine neu errungene
Herrschaft zu behaupten, so könnte man sich wundern, wie es zugegangen,
daß das ganze von Alexander dem Großen innerhalb weniger Jahre eroberte
asiatische Reich, welches er kaum in Besitz genommen, als er starb, und
wovon man deswegen hätte glauben sollen, daß es gegen seine Nachfolger
aufstehen werde, von diesen dennoch behauptet wurde, ohne alle andern
Schwierigkeiten, als die, welche ihre eignen Uneinigkeiten erzeugten. Ich
antworte darauf, daß alle Herrschaften, von denen man Kunde hat, auf
zweierlei Weise regiert worden sind. Entweder durch einen Herrn, der sich
nur solcher Diener bediente, die vermöge der ihnen aus Gnaden verliehenen
Gewalt, blos als Werkzeuge, zu der Verwaltung mitwirkten; oder durch einen
Herrn und kleinen Fürsten, die ihre Stellen nicht der Gnade des Herrn,
sondern ihrer eignen Abkunft verdankten. Solche hohe Beamten haben eigne
Länder und Untertanen, von denen sie als Herrn anerkannt werden, und die
ihnen anhängen. Die Regenten, welche blos mittelst ihrer bestellten
Beamten regieren, haben weit größeres Ansehn, weil Niemand im ganzen Lande
ist, der nicht dieses Ansehn anerkennt: und wenn er einem Andern gehorcht,
so ist es nur als dem Stellvertreter und Diener des Oberherrn. Solchen
Personen sind aber die Unterthanen nicht sonderlich zugethan. Beispiele
von beiden Arten von Regierungsform geben die Türken und die Franzosen.
Das ganze türkische Reich wird von einem Monarchen regiert: die andern
sind seine Diener. Es ist in Bezirke getheilt, die von einzelnen Personen
verwaltet werden, welche der Sultan nach Willkür ein- und absetzt. Der
König von Frankreich hingegen ist von einer großen Zahl von alten
Fürstenhäusern umgeben, deren Herrschaft von ihren Unterthanen anerkannt
und geliebt wird. Diese Fürsten haben Vorrechte, die der König nicht ohne
Gefahr antasten kann. Wer diese beiden Regierungsformen betrachtet, wird
finden, daß es schwer ist, das türkische Reich zu erobern: sobald es aber
erobert wäre, würde es leicht sein, es zu behaupten. Die Schwierigkeiten
der Eroberung sind folgende. Der Eroberer kann nicht durch inländische
Fürsten hereingerufen werden, und darf nicht auf Unterstützung von
Rebellen hoffen, aus oben angeführten Gründen. Da sie alle Knechte sind,
so ist es schwer, sie zu bestechen, und wenn sie bestochen wären, so würde
es wenig helfen, weil sie aus den angegebnen Ursachen nicht im Stande
sind, das Volk mit in ihr Interesse zu ziehen. Wer also die Türken
angreift, muß erwarten, sie einig zu finden, und darf nur auf seine eignen
Kräfte rechnen, wenig auf die Uneinigkeit des Gegners. Wenn der Feind aber
überwunden ist, so daß er keine Armee wieder aufzustellen vermag, so ist
nichts mehr zu fürchten, als die regierende Familie, nach deren Untergange
kein Mensch mehr Ansehn genug im Volke hat, mit Erfolg aufstehen zu
können. So wie der Sieger vor dem Siege auf Niemand hoffen konnte, so hat
er nach demselben Niemand mehr zu fürchten. Das Gegentheil findet statt
bei Reichen, die so regiert werden, wie Frankreich, in die es leicht ist
einzudringen, sobald man einen von den hohen Reichsbeamten gewonnen hat,
unter denen sich immer Unzufriedne und Neuerungssüchtige finden. Diese
vermögen es, aus oben angeführten Ursachen, den Weg ins Land zu öffnen,
und den Sieg zu erleichtern. Nachdem aber hat es unendliche
Schwierigkeiten, sich darin fest zu setzen: sowol mit denen, die Beistand
geleistet haben, als mit den Ueberwundenen. Es ist alsdann nicht genug,
das regierende Haus zu vertilgen: denn die Reichsherren bleiben übrig, die
sich zu Häuptern aufwerfen, und das Land dem Eroberer bei erster
Gelegenheit entreißen, wenn er sie weder zu vertilgen, noch zufrieden zu
stellen weiß. Wenn man nun erwägt, von welcher Beschaffenheit das
persische Reich war, so wird man viele Aehnlichkeit mit dem heutigen
türkischen finden. Alexander brauchte also nur Schlachten zu gewinnen, und
sobald Darius todt war, behielt der Sieger das Reich mit vollkommner
Sicherheit. Auch seine Nachfolger hätten es in völliger Ruhe behalten
können, und es entstanden in dem weiten Lande keine andern Unruhen, als
die sie selbst durch ihre Uneinigkeiten erregten. Aber Länder, die solche
Verfassung haben, wie Frankreich, kann man nicht so ruhig besitzen. In
Spanien, in Frankreich, in Griechenland entstanden unaufhörliche
Empörungen gegen die Römer, wegen der vielen einheimischen Fürsten. So
lange das Angedenken an diese währte, blieb der Besitz ungewiß. Nachdem
dieses aber erloschen war, erhielten sich die Römer durch ihre Macht und
die Länge der Zeit in ruhigem Besitze. In der Folge, als die Römer unter
sich selbst zerfielen, vermochte sogar jeder von ihnen einen Theil der
Provinzen, nach Maßgabe des darin erlangten Ansehns, in sein Interesse zu
ziehen, weil sie ihre eignen Fürsten ganz verloren hatten und keine andre
Oberherrschaft anerkannten, als römische. Erwägt man dies Alles, so wird
sich Niemand wundern, daß es Alexander so leicht wurde, Asien in
Unterwürfigkeit zu halten, dagegen Andre, wie z. B. Pyrrhus, so viele
Schwierigkeiten fanden, ihre Eroberungen zu behaupten. Der Grund liegt
nicht sowol in der Heldenkraft des Eroberers, als in der verschiedenen
Beschaffenheit der Eroberungen.



5. Wie Städte oder Fürstenthümer zu behandeln sind, die vor der Eroberung
                      ihre eigne Verfassung hatten.


Wenn Staaten, welche erobert worden, wie wir angenommen haben, gewohnt
gewesen sind, nach eignen Gesetzen und in Unabhängigkeit zu leben, so gibt
es drei Wege, sie zu behandeln. Der erste ist, sie zu Grunde zu richten;
der zweite, daß der Fürst seinen Wohnsitz daselbst aufschlage; der dritte,
sie unter ihren eignen Gesetzen fortleben zu lassen, sich mit einer
jährlichen Steuer zu begnügen, und die Regierung einer Oligarchie zu
übergeben, vermittelst deren das Land in Unterwürfigkeit erhalten werde.
Denn eine solche Regierung weiß wohl, daß sie sich nicht ohne
Unterstützung ihres Schöpfers halten kann, und muß Alles thun, um ihm die
Herrschaft zu sichern. Eine Stadt, die gewohnt gewesen ist, frei zu leben,
wird am leichtesten durch ihre eignen Bürger im Gehorsam erhalten. Als
Beispiele können hier die Spartaner und die Römer dienen. Die Spartaner
hatten Athen und Theben inne, übergaben die Herrschaft derselben einigen
Wenigen, und verloren ihre Eroberung trotzdem. Die Römer zerstörten Capua,
Carthago, Numantia, und behaupteten sich daselbst. Sie versuchten es,
Griechenland so zu beherrschen, wie die Spartaner es gemacht hatten, indem
sie die Freiheit proclamirten und die einheimischen Gesetze bestehen
ließen – und es mißlang; so daß sie gezwungen wurden, viele Städte im
Lande zu zerstören, um die Herrschaft in demselben zu behaupten. Denn es
gibt in der That kein sicheres Mittel dazu, als zu zerstören. Und wer sich
zum Herrn einer Stadt macht, die gewohnt gewesen ist, in Freiheit zu
leben, und sie nicht ganz auflöst, mag nur erwarten, selbst von ihr zu
Grunde gerichtet zu werden. Denn der Name der Freiheit dient immer zum
Vorwande des Aufstandes, und die alte Staatsverfassung wird weder über der
Länge der Zeit noch über Wohlthaten vergessen. Was man aber auch immer für
Vorkehrungen treffen mag, so kommen, wenn die Einwohner nicht getrennt und
zerstreut werden, immer der alte Name und die alte Verfassung wieder zum
Vorschein, so wie in Pisa nach so langen Jahren, die es unter der
Herrschaft von Florenz gestanden hatte. Sind aber Städte oder Länder
gewohnt gewesen, unter einem Fürsten zu leben, und dieser ist ihnen
genommen und sein Geschlecht verlöscht; sind sie also gewohnt einen
Fürsten zu haben, und haben doch keinen alten, so vertragen sie sich nicht
darin, Einen aus ihrer Mitte zu erheben; frei leben aber können sie gar
nicht. Sie ergreifen also die Waffen nicht so leicht, und ein Fürst
bemächtigt sich ihrer ohne Mühe, und behält sie auch leicht im Gehorsam.
Aber die Republiken bergen mehr Haß und das Andenken an die verlorne
Freiheit. Man zerstört sie also am sichersten oder man wählt sie zur
Residenz.



6. Von neuen Herrschaften, die durch eigne Waffen und Tapferkeit errungen
                                 werden.


Niemand wundre sich, wenn ich bei Allem, was ich von ganz neuen
Herrschaften und von Regenten und Staaten überhaupt sagen werde, große
Beispiele anführe. Denn da die Menschen fast immer in gebahnten Wegen
gehen, und in ihren Handlungen Andre nachahmen, so muß bei allem
Unvermögen, denen gleich zu kommen, die man nachahmt, ein Mann von Geist
doch immer sich die edelsten Muster vorsetzen, damit er wenigstens, wenn
seine Tugenden gleich das Ziel nicht erreichen, doch einigen Wohlgeruch
von sich gebe; er muß es machen, wie kluge Schützen, die erkennen, daß das
Ziel zu weit entfernt und der Bogen zu schwach sei, und deswegen die
Richtung höher nehmen: nicht um durch Anstrengung bis dahin zu gelangen,
sondern um dadurch das Ziel wenigstens zu erreichen. Ich sage also, daß
ein neuer Fürst mehr oder weniger Schwierigkeit findet, sich in der
Herrschaft zu behaupten, je nachdem er mehr oder weniger Geisteskräfte
besitzt. Und da sowol Tapferkeit als Glück einen Privatmann auf den
Fürstenstuhl erhebt, so können auch die Schwierigkeiten in der Behauptung
der neuen Würde auf beiderlei Art vermieden oder vermindert werden. Oft
hat der sich am längsten erhalten, der doch das wenigste Glück hatte. Es
wird das Geschäft auch oft dadurch erleichtert, wenn der gänzliche Mangel
andrer Staaten den Fürsten nöthigt, in seinem neuen Gebiete zu wohnen.
Aber um auf die zu kommen, welche durch eigne Tapferkeit mehr als durch
Glück auf einen Thron erhoben sind, so sage ich, daß Moses, Cyrus,
Romulus, Theseus und ähnliche die vorzüglichsten gewesen sind. Von Moses
ist hier nicht viel zu sagen, weil er nur ausführte, was ihm von Gott
aufgetragen war, und er also nur deswegen bewundert zu werden verdient,
weil Gott ihn seiner Aufträge würdigte. Wenn wir aber den Cyrus und
Andere, die neue Herrschaften gegründet haben, betrachten, so finden wir
sie selbst wirklich bewunderungswerth: auch sind sie wenig in ihrer
Handlungsweise von Moses verschieden, dem göttliche Belehrung zu Statten
kam. Wenn man ihr Leben und ihre Handlungen untersucht, so finden wir, daß
sie dem Glücke wenig mehr als die Gelegenheit verdankten, das auszuführen,
was sie ausgedacht hatten. Wenn die Gelegenheit gefehlt hätte, so wäre die
Kraft ihres Geistes verhaucht: hätte es aber an dieser gefehlt, so wäre
die Gelegenheit vergeblich dagewesen. So mußte Moses das israelitische
Volk in egyptischer Sklaverei finden, damit es bereit sei, ihm zu folgen.
Romulus mußte ausgesetzt werden, um den Gedanken zu fassen, Rom zu gründen
und König zu werden. Cyrus mußte die Perser mit der medischen Herrschaft
unzufrieden, und die Meder durch den langen Frieden weichlich und weibisch
finden. Theseus konnte seinen Geist nicht beweisen, wenn er die
Athenienser nicht zerstreut vorfand. Diese Gelegenheiten haben jene großen
Männer glücklich gemacht: durch die Größe ihres Geistes aber erkannten sie
die Gelegenheit, und dadurch ward ihr Vaterland glücklich und berühmt.
Diejenigen, welche durch ähnliche Kraft Fürsten werden, haben
Schwierigkeiten zu überwinden, um die Herrschaft zu erlangen: behaupten
sie aber sehr leicht. Die Schwierigkeiten, die sie zu überwinden haben,
entstehen zum Theil von den neuen Einrichtungen, die sie genöthigt sind
einzuführen, um die neue Verfassung und ihre eigne Sicherheit zu
begründen. Dabei muß man erwägen, daß es gar keine Sache von größerer
Schwierigkeit und von zweifelhafterem Erfolge gibt, als sich zum Haupte
einer neuen Staatsverfassung aufzuwerfen. Denn Alle die, welche sich in
der alten Ordnung der Dinge wohl befanden, sind der neuen feindlich; und
diese hat nur laue Verteidiger an denen, welche dabei zu gewinnen hoffen:
theils, wegen der Furcht vor den Gegnern, welche die Gesetze für sich
haben; theils, weil die Menschen von Natur mißtrauisch sind, und an eine
neue Sache nicht glauben, bis sie sie wirklich klar vor sich sehen. Daher
kommt es, daß diejenigen, die der neuen Ordnung feindlich sind, sie bei
jeder Gelegenheit theilweise angreifen, die Freunde derselben sie aber mit
solcher Lauheit vertheidigen, daß das Oberhaupt sammt ihnen in Gefahr
gerathen kann. Um hier ein richtiges Urtheil zu fällen, muß man wohl
untersuchen, ob die Neuerer auf eignen Füßen stehen, oder von Andern
abhängen; ob sie mithin ihr Unternehmen mittelst guter Worte oder durch
Gewalt durchsetzen können. Im ersten Falle geht es ihnen stets schlecht,
und sie gelangen zu nichts. Wenn sie aber auf eignen Füßen stehen und
durch eigne Kräfte mit Gewalt durchsetzen können, so mißlingt es selten.
Daher haben alle bewaffneten Propheten den Sieg davongetragen; die
unbewaffneten aber sind zu Grunde gegangen; denn zu jenen Ursachen kommt
noch der Wankelmuth des Volks hinzu, welches sich leicht etwas einreden
läßt, aber sehr schwer dabei festzuhalten ist. Und der Plan muß so
angelegt sein, daß, wenn sie aufhören zu glauben, man sie mit Gewalt dazu
anhalten kann. Moses, Cyrus, Theseus, Romulus hätten ihre Anordnungen
nicht lange aufrecht erhalten können, wenn sie nicht Gewalt der Waffen
hätten gebrauchen können; so wie es zu unsern Zeiten dem Fra Girolamo
Savonarola gegangen ist, der mit sammt seiner neuen Staatsverfassung zu
Grunde ging, als das Volk aufhörte ihm zu glauben, und er keine Mittel
hatte, seine Jünger beim Glauben festzuhalten, und die Ungläubigen zu
überführen. Solche haben daher große Schwierigkeiten zu überwinden, und
müssen dies Abenteuer durch ihre eigne Tapferkeit bestehen. Sobald sie
aber gesiegt haben und anfangen hohes Ansehn zu erlangen, ihre Neider
daneben aus dem Wege geschafft sind, so bleiben sie mächtig, sicher,
geehrt und glücklich. So großen Beispielen will ich noch eins hinzufügen,
das zwar geringer ist, aber doch damit verglichen werden kann, und statt
aller andern ähnlichen dienen soll. Dies sei Hiero von Syracus. Er ward
aus einem Privatmann Fürst von Syracus, und das Glück hatte keinen weitern
Antheil daran, als daß es die Gelegenheit herbeiführte: denn die
Syracusaner, welche unterdrückt waren, wählten ihn zu ihrem Anführer, und
in dieser Stelle erwarb er sich durch Verdienste die fürstliche Würde.
Seine Eigenschaften waren so edel, daß von ihm erzählt wird, es habe schon
als Privatmann ihm nichts zum Herrschen gefehlt, als die wirkliche
Herrschaft selbst. Er löste die alte Armee auf und schuf eine neue;
verließ seine alten Verbindungen und knüpfte neue an. Zahlreiche Freunde
und Krieger hingen ihm an, mit deren Hilfe er jede Verfassung einrichten
konnte: also, daß er zwar viele Mühe hatte aufwenden müssen, um zu
erwerben, aber nur wenig, um das Erworbene zu behaupten.



  7. Von neuen Fürstenthümern, die durch fremde Unterstützung und durch
                       Glücksfälle erworben werden.


Diejenigen, welche durch bloßes Glück Fürsten werden, gelangen dazu ohne
sonderliche Mühe; aber sich auf dem Throne zu erhalten, wird ihnen schwer.
Auf dem Wege fanden sie keine Schwierigkeiten; denn sie wurden
hinaufgehoben: aber wenn sie oben sind, so beginnen jene. Dieses trifft
diejenigen, welche für Geld oder durch die Gnade eines Andern Fürsten
geworden sind: zum Beispiel manche Griechen sind vom Darius zu Fürsten in
Ionien und am Hellespont gemacht, damit sie seine Sicherheit und sein
Ansehn beförderten. So auch sind viele Kaiser durch Bestechung der
Soldaten zu ihrer Würde gelangt. Diese hängen lediglich vom guten Willen
und dem Schicksale derer ab, welchen sie ihre Erhebung verdanken; Beides
aber gehört zu den wandelbarsten Dingen auf Erden. Sie verstehen sich
nicht darauf, und sie vermögen es auch nicht, sich auf einer solchen
Stelle zu erhalten; denn wenn es nicht etwa ein Mann von großem Geiste und
Kraft ist, so kann man nicht voraussetzen, daß derjenige, der immer im
Privatstande gelebt hat, zu befehlen wisse: sie vermögen es auch nicht,
weil sie keine Mannschaft haben, die ihnen ergeben und treu wäre. Ferner
können plötzlich entstandene Herrschaften, gleichwie Alles, was geschwind
entsteht und wächst, keine tiefen Wurzeln schlagen; mithin reißt der erste
Sturm sie aus: es sei denn, daß derjenige, den das Glück erhoben hat, so
viel Verstand und Talent habe, das, was ihm der Zufall in den Schooß
geworfen hat, zu bewahren, und die Unterlage nachzuholen, die Andre sich
angeschafft haben, ehe sie Fürsten wurden. Von jeder der beiden
angegebenen Arten dazu zu gelangen, will ich je ein Beispiel aus der
Geschichte unsrer Tage anführen. Diese sind _Francesco Sforza_ und _Cäsar
Borgia_. Der Erste ward durch große Tapferkeit und überlegte Anwendung der
gehörigen Mittel Herzog von Mailand. Was er mit vieler Mühe erworben
hatte, ward ihm durch die Umstände leicht zu bewahren. Der Andre, Cäsar
Borgia, (insgemein Herzog von Valentinois genannt), gelangte zu seiner
hohen Stelle durch den Glücksstern seines Vaters, und verlor sie zugleich
mit diesem, trotzdem er alle mögliche Bemühung anwandte und Alles that,
was ein kluger und muthiger Mann zu thun hat, um in dem Staate, den er
durch die Waffen und das Glück eines Andern erhalten hatte, feste Wurzeln
zu treiben. Denn wie schon gesagt ist, wer nicht damit angefangen hat,
Grund zu legen, kann es allenfalls durch große Anstrengung nachholen,
allemal aber doch mit Gefahr des Baumeisters und des Gebäudes. Bei der
Betrachtung aller Fortschritte des Herzogs wird man finden, wie viel er
gethan, um zu seiner künftigen Größe festen Grund zu legen. Ich halte es
nicht überflüssig, dieses ausführlich darzuthun, weil ich einem neuen
Fürsten keinen bessern Rath zu geben weiß, als seinem Beispiele zu folgen:
und wenn seine Anstalten den Zweck dennoch verfehlten, so lag die Schuld
nicht an ihm, sondern an einem ganz außerordentlichen und höchst
widerwärtigen Schicksale.

Alexander der Sechste fand große Schwierigkeiten in dem Plane, seinen Sohn
zu erheben: und das sowol in der Gegenwart als in der Zukunft. Vor Allem
sah er gar keinen Weg, ihm zu andern Besitzungen zu verhelfen, als zu
solchen, die im Kirchenstaate lagen. Er wußte aber wohl, daß der Herzog
von Mailand und die Venezianer das nicht verstatten würden, weil Faenza
und Rimino schon unter venezianischem Schutze waren. Außerdem sah er, daß
die italienischen Waffen, besonders diejenigen, deren er sich bedienen
konnte, denen anhingen, welche die Größe des päpstlichen Stuhls
fürchteten. Sie waren sämmtlich den Orsini und den Colonna ergeben, und
mithin war ihnen nicht zu trauen. Es war also nothwendig, diese
Verhältnisse zu stören, und in den Staaten von Italien Alles aufzurühren,
um sich eines Theils derselben zu bemächtigen. Dies ward ihm leicht, weil
die Venezianer aus andern Ursachen damit beschäftigt waren, die Franzosen
wieder in Italien hereinzuziehen. Alexander widersetzte sich diesem also
nicht, sondern begünstigte es vielmehr durch die Einwilligung, welche er
zu der Ehescheidung des Königs Ludwig des Zwölften ertheilte. Dieser brach
hierauf in Italien ein mit Zustimmung der Venezianer und des Papstes: und
kaum war er in Mailand, so hatte Alexander auch schon wegen des großen
Rufs der französischen Macht hinreichende Mannschaft, um seine
Unternehmung auf Romagna zu beginnen. Als er diese Provinz erobert und die
Partei der Colonna geschlagen hatte, und nunmehro diese Eroberung sichern
und weiter gehen wollte, standen ihm zwei Dinge im Wege. Erstens die
unzuverlässige Treue seiner Soldaten; zweitens die Gesinnungen des Königs
von Frankreich. Er fürchtete, daß die Truppen der Orsini, deren er sich
bedient hatte, von ihm abfallen, und nicht allein an weitern Eroberungen
verhindern, sondern auch die gemachten wieder entreißen möchten. Vom
Könige fürchtete er das Nämliche. Mit den Orsini hatte er es ganz recht
errathen: wie sich bewies, als er nach der Eroberung von Faenza Anstalt
machte, Bologna zu belagern, und sie dabei so schlaff zu Werke gingen. In
Ansehung des Königs ward die Sache klar, als er nach der Besetzung des
Herzogthums Urbino Toscana angriff, und der König ihn nöthigte, von dieser
Unternehmung abzustehen. Hierauf beschloß der Herzog, sich nicht weiter in
Abhängigkeit von fremdem Glücke und fremden Waffen zu setzen. Er fing also
damit an, die Parteien der Orsini und Colonna in Rom zu schwächen, indem
er alle Edelleute, die ihnen anhingen, zu sich überzog, durch Stellen,
Geld und Ehre, welches Alles er ihnen gab. In wenig Monaten war die
Zuneigung zu ihren vorigen Anführern verlöscht und hatte sich ganz zu dem
Herzoge gewandt. Hierauf sah er die Gelegenheit ab, die Orsini zu
vernichten, so wie er schon die Colonna auseinander gesprengt hatte: und
das ging ihm noch besser von statten. Die Orsini hatten sehr spät gemerkt,
daß die Größe des Herzogs und des päpstlichen Stuhls ihnen den Untergang
bereite, und sie kamen darüber zu Magione im Perusinischen zusammen.
Hieraus entstanden die Rebellion von Urbino, die Aufstände in Romagna und
unzählige Gefahren des Herzogs, die er mit Hilfe der Franzosen überstand.
Als er aber dadurch wieder zu Ehren gelangt war und den Franzosen nicht
traute, andern fremden Truppen eben so wenig, sie auch nicht auf die Probe
stellen konnte, so legte er sich darauf, sie zu hintergehen, und wußte
sich wirklich so zu verstellen, daß die Orsini sich mit ihm durch
Vermittlung des Herrn Pagolo Orsini versöhnten. Er versäumte hierauf
nichts, um sie zu gewinnen, beschenkte sie mit Kleidern, Geld und Pferden,
bis sie sich einfältigerweise nach Sinigaglia in seine Hände locken
ließen. Als er hier die Oberhäupter aus dem Wege geschafft und ihre
Anhänger unterwürfig gemacht hatte, so war ein guter Grund zur Herrschaft
gelegt, indem er ganz Romagna und das Herzogthum Urbino in seine
Botmäßigkeit gebracht, und die Völker anfingen, sich darunter wohl zu
befinden. Dieser Theil seines Betragens ist vorzüglich würdig, beachtet
und nachgeahmt zu werden: daher ich mich darüber etwas verbreiten muß.
Nachdem der Herzog die Romagna unter sich gebracht hatte, so fand er, daß
dies Land ohnmächtigen Herren angehört hatte, die ihre Unterthanen mehr
ausgeplündert als regiert, und mehr Unordnung veranlaßt, als öffentliche
Ordnung gehandhabt hatten, so daß diese Provinzen voll von Straßenraub,
Parteigängerei und aller Art von Gewalttätigkeit waren. Er fand also
nöthig, sie zu beruhigen und der Obrigkeit unterthan zu machen. Zu diesem
Ende gab er ihr den Remiro d’Orco zum Vorgesetzten, einen entschlossenen
und grausamen Mann. Ihm ertheilte er volle Gewalt. Derselbe erwarb sich
großen Ruhm, indem er das Land in kurzer Zeit zur Ruhe und Sicherheit
brachte. Hierauf aber schien es dem Herzoge, daß eine so ausnehmende
Gewalt nicht mehr gut angebracht sei, weil sie verhaßt werden möchte. Er
ordnete also unter dem Vorsitze eines ganz vorzüglichen Mannes mitten im
Lande einen Gerichtshof an, bei welchem jede Stadt ihren Vertreter hatte.
Weil die vorige Strenge aber einigen Haß erzeugt hatte, so suchte er
diesen auszulöschen und das Volk vollends dadurch zu gewinnen, daß er ihm
bewiese, alle begangenen Grausamkeiten rührten nicht von ihm her, sondern
von der rauhen Gemüthsart seines Stellvertreters. Er ergriff die erste
Veranlassung, ihn eines Tages zu Cesena auf dem öffentlichen Markte in
zwei Stücke zerrissen auszustellen, mit einem Stücke Holz und einem
blutigen Messer zur Seite. Durch diesen gräßlichen Anblick erhielt das
Volk einige Befriedigung und ward eine Zeit lang in dumpfer Ruhe gehalten.
Aber um wieder auf die Unternehmung des Herzogs zurückzukommen, so fand
sich derselbe mächtig genug und für den Augenblick gegen alle Gefahren
gesichert, da er nach seiner Weise hinreichende Mannschaft angeworben, und
die Truppen derer, die ihm in der Nähe gefährlich werden konnten,
vernichtet hatte. Um weitere Eroberungen versuchen zu können, blieb nur
die Rücksicht auf Frankreich übrig, von woher es schwerlich zugegeben
werden konnte, nachdem der König den Fehler, den er begangen, obwol spät,
eingesehen. Er fing also an, sich um neue Freundschaften zu bewerben, und
mit Frankreich ein zweideutiges Betragen anzunehmen, als ein französisches
Heer sich nach dem Königreiche Neapel zu gegen die Spanier zu bewegen
anfing, die Gaeta belagerten. Seine Absicht war, sich dieser letztern zu
versichern, und das wäre gelungen, wenn nur Alexander VI. leben blieb. So
viel that er in Rücksicht auf die Gegenwart. In der Zukunft hatte er
vornehmlich zu fürchten, daß ein nachfolgender Papst ihm weniger gewogen
sein, und das nehmen möchte, was Alexander ihm gegeben hatte. Hiegegen
hatte er vor, sich durch vier Mittel sicher zu stellen. _Erstens_, durch
Vertilgung aller Geschlechter der ihrer Herrschaften beraubten Großen, um
den Päpsten die Veranlassung zu entziehen, etwas gegen ihn vorzunehmen;
_zweitens_ dadurch, daß er alle Edelleute von Rom zu gewinnen trachtete,
um mittelst derselben den Papst selbst im Zaume zu halten; _drittens_,
indem er sich im Cardinals-Collegium so viele Freunde als möglich machte;
und endlich _viertens_, indem er sich vor dem Tode des Papstes eine so
große Herrschaft zu erwerben suchte, daß er einem ersten Anfalle mit
eignen Kräften hinlänglich widerstehen könne. Von diesen vier Dingen hatte
er beim Tode Alexanders drei ganz und das letzte beinahe vollführt. Von
den beraubten Herren hatte er, so viel er erreichen konnte, tödten lassen,
und sehr wenige waren entkommen, die römischen Edelleute hatte er
gewonnen, im Cardinals-Collegium hatte er die meisten auf seiner Seite.
Was aber die Eroberungen betrifft, so hatte er es darauf angelegt, Toscana
unter sich zu bringen: Perugia und Piombino aber besaß er wirklich, und
Pisa hatte er unter seinen Schutz genommen. Gleich als wenn er auf
Frankreich gar keine Rücksicht mehr zu nehmen hätte, (und wirklich konnte
er dessen überhoben sein, nachdem die Spanier den Franzosen das Königreich
Neapel abgenommen hatten, und nunmehro beide Theile sich um seine
Freundschaft bewerben mußten) erklärte er sich zum Herrn von Pisa, worauf
Lucca und Siena fallen mußten, theils wegen der Eifersucht gegen Florenz,
theils aus Furcht; Florenz selbst hatte keinen Ausweg. Wenn dies gelungen
wäre (und es mußte in dem nämlichen Jahre gelingen, in welchem Alexander
starb), so erwarb er solchen Namen und solche Kräfte, daß er für sich
selbst bestehen konnte, ohne von dem Schicksale oder der Macht eines
Andern abhängig zu sein, sondern ganz allein von eigner Macht und
Tapferkeit. Aber Papst Alexander starb fünf Jahre nachdem er das Schwert
gezogen hatte. Er hinterließ seinen Sohn in folgender Lage. In Romagna
allein festgegründete Herrschaft; mit allen übrigen noch in der Luft, und
zwischen zwei sehr mächtigen feindlichen Heeren; dazu tödtlich krank. Der
Herzog hatte solchen frechen Muth und solche Ueberlegenheit des Gemüths,
er wußte so gut, wie man Menschen für sich gewinnt, und die Fundamente
seiner Herrschaft, die er in so kurzer Zeit gelegt hatte, waren so fest
gegründet, daß er alle Schwierigkeiten überwunden hätte, wenn er nicht nur
jene beiden feindlichen Heere auf dem Halse gehabt, oder gesund gewesen
wäre. Daß sein Ansehn gut begründet war, dafür dient zum Beweise, daß man
ihn in Romagna über einen Monat lang ruhig erwartete; daß er in Rom selbst
halb todt sicher war, und daß die Baglioni Vitelli und Orsini, die nach
Rom kamen, sich keinen Anhang gegen ihn machen konnten. Er konnte, wo
nicht den neuen Papst machen, doch verhindern, daß Keiner Papst werde, den
er nicht wollte. Wäre er vollends beim Tode Alexanders gesund gewesen, so
war ihm Alles leicht. Am Tage selbst, da Julius der Zweite auf den
päpstlichen Stuhl erhoben ward, sagte er mir, er hätte an Alles gedacht,
was beim Tode seines Vaters vorgehen könne, und Mittel gegen Alles
ausgefunden; nur daran habe er nicht gedacht, daß er zu gleicher Zeit nahe
am Tode sein könne. Wenn ich nun alle Handlungen des Herzogs
zusammennehme, so kann ich ihn nicht tadeln. Vielmehr muß ich ihn allen
denen als Muster aufstellen, die durch Glück und fremde Macht zu einer
Herrschaft gelangen. Bei seinem hohen Geiste und dem Ziele, das er sich
vorgesetzt hatte, konnte er nicht anders handeln. Der frühe Tod seines
Vaters und seine eigene tödtliche Krankheit waren es allein, die seine
Pläne störten. Wer also in seiner neuen Fürstenwürde nöthig findet, sich
gegen Feinde sicher zu stellen, Freunde zu erwerben, zu siegen, sei es
durch Gewalt oder durch List, sich beim Volke beliebt und gefürchtet zu
machen, Anhang und Ansehn unter Soldaten zu verschaffen, vertilgen die
beleidigen könnten, oder es nach ihrer Lage müssen, die alte Ordnung der
Dinge auf eigne Weise erneuern, streng und gnädig sein, großmüthig und
freigebig, untreue Kriegsheere auflösen, neue anwerben, die Freundschaft
von Königen und Fürsten erlangen, so daß sie sich gern gefällig beweisen,
und hüten zu beleidigen, der wird kein lebendigeres Beispiel finden, als
die Handlungen dieses Mannes. Der einzige Vorwurf, den man ihm machen
kann, ist der Theil, den er an der Wahl Papst Julius des Zweiten nahm.
Denn, wenn er gleich, wie oben gesagt ist, keinen Papst nach seinem eignen
Sinne machen konnte, so vermochte er doch zu verhindern, und durfte nie
einwilligen, daß einer von den Cardinälen erhoben würde, die ihn beleidigt
hatten, oder die ihn, sobald sie den päpstlichen Stuhl bestiegen hatten,
fürchten mußten. Denn die Menschen befeinden, entweder aus Haß oder aus
Furcht. Diejenigen, die ihn beleidigt hatten, waren unter Andern der
Cardinal von San Pietro ad Vincula, Colonna, San Giorgia, Ascania. Alle
andern aber mußten ihn fürchten, sobald sie Papst wurden: nur allein den
von Rouen und die spanischen ausgenommen. Diese wegen Verwandtschaft und
Verbindlichkeiten; Jener, weil er dazu durch seine Verbindung mit dem
Könige von Frankreich zu mächtig war. Der Herzog mußte also vor allen
Dingen darauf dringen, daß einer von den spanischen Cardinälen zum Papst
gewählt würde. Konnte er das nicht durchsetzen, so mußte er seine
Zustimmung dem Cardinal von Rouen geben, und nicht dem von San Pietro ad
Vincula.(13) Denn wer da glaubt, daß neue Wohlthaten bei den Großen alte
Beleidigungen vergessen machen, der irrt sich. Der Herzog beging mithin
bei dieser Wahl einen Fehler, welcher Ursache seines eignen Untergangs
geworden ist.



   8. Von Denjenigen, welche durch Verbrechen zur Herrschaft gelangen.


Es gibt noch zwei Wege, aus dem Privatstande zur fürstlichen Würde zu
gelangen, ohne sie weder ganz dem Glücke, noch der eignen Kraft und Tugend
zu verdanken. Ich will sie also hier erwähnen, obgleich von dem einen
ausführlicher da gehandelt werden mag, wo von Republiken die Rede ist. Sie
sind folgende. Wenn Jemand auf verbrecherischen und verruchten Wegen zur
Herrschaft gelangt; und wenn der Bürger eines Freistaates durch die Gunst
seiner Mitbürger auf den Fürstenstuhl erhoben wird. Hier also zuerst von
jenem ersten Wege, von dem ich zwei Beispiele anführen will; ein altes und
ein neues: ohne jedoch weiter in die Untersuchung darüber einzugehen, weil
sie nach meinem Urtheile für denjenigen hinlänglich klar sind, der sich im
Falle befindet, sie nachahmen zu müssen. Agathokles, der Sicilianer, ward
nicht allein aus dem Stande eines Privatmannes, sondern sogar aus der
niedrigsten und verworfenen Lage König von Syracus. Er war der Sohn eines
Goldschmieds, und führte durch alle Stufen seines Glücks ein verruchtes
Leben. Daneben besaß er aber solche Vorzüge des Geistes und des Körpers,
daß er vom Soldaten bis zum Prätor von Syracus aufstieg. Hierauf beschloß
er, Fürst zu werden und die Macht, die ihm eingeräumt war, mit Gewalt an
sich zu halten, ohne dem guten Willen weiter etwas zu verdanken. Er
verabredete sich darüber mit dem Amilcar, der mit einem carthagischen
Heere in Sicilien stand; berief eines Morgens den Senat und das Volk von
Syracus zusammen, unter dem Vorwande, daß er über Angelegenheiten des
gemeinen Wesens zu rathschlagen hätte; ließ aber auf ein gegebenes Zeichen
durch seine Soldaten alle Rathsherrn und die Reichsten vom Volke ermorden.
Nachdem dieses vollbracht war, ergriff er die Herrschaft und hielt sie an
sich, ohne daß irgend welche innere Bewegungen im Staate erfolgt wären. Er
ward zwar zweimal von den Carthaginiensern geschlagen und zuletzt
belagert, blieb aber doch nicht allein im Stande, die Stadt zu
vertheidigen, sondern mit einem Theile seiner Macht, wovon er den andern
zurückließ, Afrika selbst anzugreifen, dadurch Syracus in kurzer Zeit zu
befreien und die Carthaginienser in das äußerste Gedränge zu bringen.
Diese wurden genöthigt, sich mit ihm zu vergleichen, sich mit Afrika zu
begnügen und ihm Sicilien zu lassen. Wer seine Handlungen und seine
Tapferkeit erwägt, wird finden, daß hier in der That wenig dem Glücke
beigemessen werden kann: da er, so wie oben gesagt worden, nicht durch
Gunst eines Andern, sondern vielmehr durch ein mit vielem Ungemache und
Gefahren errungenes Aufsteigen im Heere zur fürstlichen Würde gelangte,
und diese mit so großer Entschlossenheit und Dreistigkeit in Gefahren
behauptete. Man kann es nicht Tugend nennen, seine Mitbürger ermorden,
Freunde verrathen, ohne Treu und Glauben sein, ohne menschliches Gefühl,
ohne Religion. So kann man wol zur Herrschaft gelangen, aber keinen Ruhm
erwerben. Wenn man nur die kriegerischen Tugenden erwägt, die Agathokles
bewies, indem er sich in Gefahr begab und sie bestand: den großen Sinn,
womit er das Unglück ertrug und bestand: so ist nicht abzusehen, worin er
eben von den größten Feldherrn so sehr übertroffen werde. Aber seine wilde
Grausamkeit, sein Mangel an menschlichem Gefühle und zahllose Unthaten
erlauben nicht, ihn unter die vorzüglichsten Menschen zu zählen. Man kann
also weder dem Glücke noch seiner Tugend zuschreiben, was er ohne das Eine
und ohne das Andre erlangt hat.(14) Zu unsern Zeiten ist unter der
Regierung Papst Alexander des Sechsten der Oliverotto von Fermo, der vor
gar wenigen Jahren noch ganz klein gewesen war, von einem Oheime
mütterlicher Seite, Namens Giovanni Fogliano, erzogen, und in seinen
ersten Jugendjahren zum Kriegsdienste unter Paul Vitelli angehalten, damit
er durch diese Zucht zu einer angesehenen Kriegsstelle gelangen möchte.
Nach Pauls Tode diente er unter dessen Bruder Vitellozzo, und als ein
Mensch von lebhaftem Verstande, von körperlichen und geistigen Vorzügen,
ward er in kurzer Zeit einer der Ersten in dem Heere. Da es ihm aber zu
niedrig war, unter Andern zu dienen, so versuchte er durch Hilfe einiger
Bürger von Fermo, die lieber Knechte sein, als ihr Vaterland frei sehen
mochten, und durch Unterstützung des Vitellozzo die Stadt Fermo unter sich
zu bringen, und schrieb an Giovanni Fogliani, daß er nach so vielen Jahren
einmal nach Hause kommen und nach seinem Erbtheile sehen wolle; weil er
aber bis dahin nur nach Ehre gestrebt habe, so wolle er, damit seine
Mitbürger sähen, wie er seine Zeit nicht vergeblich verwandt habe, auf
eine anständige Art und in Begleitung von hundert Reitern, Freunden und
Anhängern, erscheinen. Er bäte also, die Einwohner von Fermo möchten
bewogen werden, ihn recht anständig zu empfangen; was ja ihm, seinem
Oheime selbst, der ihn erzogen, zur Ehre gereichen würde. Giovanni
versäumte nichts gegen seinen Neffen, bereitete ihm einen ehrenvollen
Empfang von den Einwohnern von Fermo und nahm ihn in seinem Hause auf, wo
der Oliverotto nach einigen Tagen, die mit Zubereitungen zu seiner
Schandthat zugebracht wurden, ein Gastmahl gab, zu welchem er den Giovanni
selbst und Alles, was in Fermo angesehen war, einlud. Nachdem die Mahlzeit
und was sonst bei solchen Festen vorzugehen pflegt, beendigt war, fing
Oliverotto absichtlich ernsthafte Gespräche an, redete vom Papst Alexander
und seinem Sohne Cäsar und deren Unternehmungen. Da Giovanni und Andre
sich hierauf einließen, stand er plötzlich auf, sagte, dies seien Sachen,
die in einem geheimern Orte abgehandelt werden müßten, und zog sich in
eine Kammer zurück, wohin ihm Giovanni und andre Bürger folgten. Kaum aber
hatten sie sich gesetzt, so brachen aus verborgenen Orten Soldaten hervor,
die den Giovanni und alle Andern umbrachten. Nach dieser Mordthat stieg
Oliverotto zu Pferde, eilte durch die Stadt und schloß die
Magistratspersonen im Rathhause ein. Diese wurden durch Furcht bewogen
sich ihm zu unterwerfen, und ihn an die Spitze des Staates zu stellen. Da
nun Alle, deren übler Wille ihm schaden konnte, getödtet waren, so
befestigte er seine Herrschaft durch neue Anordnungen, bürgerliche und
militärische: so daß er während des Jahres, da er die Herrschaft behielt,
nicht allein in Fermo sicher, sondern auch allen Nachbarn furchtbar war.
Es wäre schwer gewesen, ihn zu überwältigen, eben wie den Agathokles; wenn
er sich nicht mit den Orsini und Vitelli von dem Cäsar Borgia zu
Sinigaglia (wie oben bereits erwähnt ist) ins Garn hätte locken lassen, wo
er zusammt dem Vitellozzo, seinem Lehrmeister in Heldentugenden und
Schandthaten, erdrosselt ward. Man könnte die Frage aufwerfen, wie es
zugehe, daß Agathokles und mancher Andre nach so vielen Verräthereien und
Grausamkeiten lange in ihrer Vaterstadt sicher leben und sich gegen
auswärtige Feinde wehren können, auch keinen Verschwörungen ihrer
Mitbürger ausgesetzt gewesen: wohingegen Andre wegen ihrer Grausamkeit
sich nicht einmal im Frieden, geschweige denn in den so gefährlichen
Zeiten des Krieges, auf ihrer Stelle behaupten konnten? Ich glaube, daß
dieses von der rechten oder schlechten Anwendung der Grausamkeit herrührt.
Eine wohl angebrachte Grausamkeit (wenn es anders erlaubt ist, diesen
Ausdruck zu gebrauchen) ist diejenige, welche ein einziges Mal zu eigner
Sicherheit ausgeübt, und nächstdem, so viel möglich, zum Vortheile der
Unterthanen benutzt wird. Schlecht angebrachte Grausamkeit ist diejenige,
die klein anfängt und mit der Zeit eher ab- als zunimmt. Diejenigen,
welche den ersten Weg einschlagen, können, wenn Gott will, mit Hilfe
andrer Menschen, so wie Agathokles, ihre üble Lage verbessern. Die Andern
können sich gar nicht halten. Es ist also wohl zu merken, daß derjenige,
welcher sich der Herrschaft in einem Staate bemächtigen will, alle
Grausamkeiten mit Einem Male vollführen müsse, um nicht alle Tage wieder
anzufangen, und daß er wohl thue, die Freundschaft der Menschen zu
erwerben, indem er von seiner Macht, ihnen wehe zu thun, keinen Gebrauch
macht. Wer anders handelt, sei es aus Furcht oder aus Mangel an gutem
Rathe, muß das Schwert beständig in der Hand halten, und kann sich nie auf
seine Unterthanen verlassen, weil diese wegen der unaufhörlich erneuerten
Beleidigungen kein Zutrauen zu ihm fassen können. Alle Verletzungen Andrer
müssen auf Einmal geschehen, damit sie weniger überdacht und besprochen,
und weniger tief gefühlt werden. Wohlthaten aber müssen nach und nach
erzeigt werden, damit man sich unaufhörlich damit beschäftige. Vor allen
Dingen aber muß ein Fürst sich einen Plan vorzeichnen, der gut genug
überdacht ist, damit er sich weder durch günstige noch schlimme Zufälle
bewegen zu lassen brauche, davon abzugehen: denn wenn schlimme Zeiten
eintreten, so ist es nicht der Augenblick zu harten Verfügungen, und von
wohlthätigen hat man keinen Dank, weil sie erzwungen scheinen.



                   9. Vom Volke übertragene Herrschaft.


Ich komme zu dem zweiten Falle: wenn nämlich Einer aus dem Volke nicht
durch Verbrechen und Schandthaten, sondern durch die Gunst seiner
Mitbürger Fürst in seinem Vaterlande wird. Dieses Fürstentum von ganz
eigner Art könnte man allenfalls ein bürgerliches nennen. Es wird nicht
blos durch Talente oder Glück, sondern vielmehr nur durch eine glückliche
und schlaue Geschicklichkeit erworben. Man gelangt dazu mittelst einer
Begünstigung, entweder des Volks, oder der Großen in ihm. Denn in jedem
Staate gibt es zwei verschiedene Gemüthsbewegungen, die daher rühren, daß
das Volk die Herrschaft und Unterdrückung des Großen nicht ertragen mag,
die Großen aber das Volk zu beherrschen und zu unterdrücken trachten. Aus
dem Streite dieser verschiedenen Bestrebungen entsteht entweder eine
Alleinherrschaft, oder die Freiheit, oder unbändige Gesetzlosigkeit. Die
Herrschaft wird entweder vom Volke oder von den Großen herbeigeführt,
nachdem der eine oder andre Theil dazu Veranlassung erhält. Denn wenn die
Großen sehen, daß sie dem Volke nicht widerstehen können, so suchen sie
Einem unter sich einen großen Namen zu machen und erheben ihn zum Fürsten,
um unter dem Schutze seines Ansehns ihre eignen Begierden zu befriedigen.
Ebenfalls das Volk macht, wenn es sieht, daß es den Großen nicht
widerstehen kann, einen vorzüglich Angesehenen zum Fürsten, um von ihm
geschützt zu werden. Wer durch Hilfe der Großen Fürst wird, erhält sich
schwerer als der, den das Volk dazu gemacht hat. Denn er findet sich
umgeben von Vielen, die sich ihm gleich dünken, und die er nicht nach
seinem Sinne zu behandeln und ihnen zu befehlen vermag. Aber derjenige,
welcher durch die Gunst des Volks Fürst wird, steht ganz allein so hoch,
und ist mit wenigen Ausnahmen von lauter Leuten umgeben, die ihm zu
gehorchen bereit sind. Außerdem kann er auch die Großen nicht befriedigen,
ohne Andre zu beleidigen; wohl aber das Volk: denn die Wünsche desselben
sind viel billiger, als die Wünsche der Großen. Diese wollen unterdrücken:
jenes aber ist zufrieden, wenn es nur nicht unterdrückt wird. Hierzu kommt
noch, daß der Fürst sich eines feindselig gesinnten Volkes gar nicht
versichern kann, weil dessen zu viele sind: wohl aber deren, die nur
wenige sind. Das Schlimmste, was derjenige zu fürchten hat, dem das Volk
abgeneigt ist, besteht darin, von ihm verlassen zu werden: aber wem die
Großen feind sind, der läuft Gefahr, daß sie ihn nicht allein verlassen,
sondern selbst gegen ihn aufstehen: weil sie mehr Einsicht und mehr
Schlauheit haben, zum Voraus auf ihre Sicherheit denken, und sich bei
demjenigen beliebt zu machen suchen, von dem sie glauben, er werde den
Sieg davontragen. Der Fürst ist außerdem genöthigt, beständig mit dem
nämlichen Volke verbunden zu bleiben; er kann hingegen ohne die Großen
fertig werden, weil er darunter nach Gefallen erheben und erniedrigen,
Ansehn geben und nehmen mag. Um dieses noch in helleres Licht zu setzen,
sage ich, daß es zwei Arten gibt, die Großen zu behandeln. Sie betragen
sich nämlich also, daß sie sich entweder ganz an dich hängen oder nicht.
Diejenigen, welche sich dir verpflichten und nicht habsüchtig sind, müssen
in Ehren gehalten werden und verdienen große Zuneigung. Diejenigen
hingegen, welche sich dir nicht verpflichten wollen, müssen wieder auf
zwei verschiedene Arten betrachtet werden. Entweder sie thun dies aus
Feigheit und natürlichem Mangel des Muthes. Solcher muß man sich bedienen:
absonderlich wenn sie Verstand haben; denn so lange es gut geht, wird man
von ihnen geehrt, und im Unglücke hat man sie nicht zu fürchten. Wenn sie
sich aber aus ehrgeizigen Absichten nicht verpflichten wollen, beweisen
sie damit, daß sie mehr an sich selbst, als an dich denken. Vor diesen muß
sich der Fürst hüten, und sie als heimliche Feinde behandeln, denn sie
sind wirklich immer bereit, im Unglücke zuzutreten und ihn mit zu stürzen.
Wer durch das Volk Fürst wird, muß das Volk zum Freunde zu behalten
suchen. Dies ist leicht, da es zufrieden ist, wenn es nur nicht gedrückt
wird. Wer aber gegen den Willen des Volks durch den Beistand der Großen
Fürst wird, muß vor allen Dingen suchen das Volk zu gewinnen, was ja sehr
leicht ist, wenn er es nur in Schutz nimmt. Und da die Menschen einem
Wohlthäter, von dem sie Uebles erwarteten, desto dankbarer werden, so wird
das Volk ihm noch mehr unterthan, als wenn es ihn selbst erhoben hätte.
Die Mittel und Wege, wodurch der Fürst das Volk gewinnen kann, sind
mannichfaltig, und richten sich ganz nach den Umständen, weshalb ich sie
ganz übergehe. Ich ziehe indessen den allgemeinen Schluß, daß man suchen
müsse, das Volk auf seine Seite zu ziehen, weil sonst im Unglück kein
Rettungsmittel ist. Nabis, der Fürst der Spartaner, hielt eine Belagerung
von allen Griechen aus und von einem siegreichen römischen Heere; er
vertheidigte sich und seinen Staat dagegen, und dazu war es hinreichend,
sich einiger weniger Personen zu versichern. Wäre das Volk ihm feind
gewesen, so hätte jenes nicht hingereicht. Man setze mir auch nicht das
bekannte Sprichwort entgegen, daß, wer sich auf das Volk verläßt, auf den
Sand bauet. Denn dieses ist nur alsdann wahr, wenn ein Bürger etwa die
Hilfe des Volks gegen die angebliche Unterdrückung seiner Feinde oder der
Obrigkeit anruft. In diesem Falle kann er sich gar leicht mit falscher
Hoffnung täuschen, so wie es dem Gracchus zu Rom und zu Florenz dem Georg
Scali(15) ging. Ein Fürst aber, der zu befehlen versteht und Herz hat,
darf nur im Unglücke nicht weichen, sondern fahre fort Veranstaltungen zu
treffen, halte dreist auf seine Anordnungen und suche das Volk zu beleben.
Er wird sich in seiner Erwartung von ihm nicht betrogen finden. Solche
Herrschaften gerathen in Gefahr, wenn sie aus einer eingeschränkten
Verfassung zur freien Alleinherrschaft aufzusteigen suchen. Denn diese
Fürsten führen ihre Sache selbst oder durch Magistratspersonen. Im
letztern Falle ist ihre Macht unsicher und schwach, weil sie von denen,
welche die obrigkeitlichen Stellen verwalten, gar sehr abhängen. Diese
können, absonderlich im Unglücke, leicht das Oberhaupt umwerfen, indem sie
sich ihm widersetzen, oder auch nur den Gehorsam verweigern: der Fürst
aber darf in den gefährlichen Augenblicken nicht daran denken, die
unbeschränkte Herrschaft an sich zu reißen, weil die Bürger und
Unterthanen, welche gewohnt sind, den obrigkeitlichen Personen zu
gehorchen, ihm keine Folge leisten, und es ihm schwer wird, Personen zu
finden, denen er trauen kann. Diese Fürsten kennen sich gar nicht auf das
verlassen, was sie in ruhigen Zeiten sehen, da die Bürger der öffentlichen
Ordnung bedürfen. Alsdann läuft Jeder, verspricht Alles und will für ihn
das Leben lassen, so lange der Tod entfernt ist. In unglücklichen Zeiten
aber, wo der Staat Bürger nöthig hat, finden sich wenige. Ein solches
Experiment ist desto gefährlicher, da man es nur ein einziges Mal machen
kann. Ein kluger Fürst muß daher auf Mittel denken, zu bewirken, daß seine
Unterthanen seine Herrschaft beständig und zu allen Zeiten und unter allen
Umständen bedürfen – dann werden sie ihm treu bleiben.



          10. Wie die Kräfte der Fürstentümer zu schätzen sind.


Bei der Betrachtung der Beschaffenheiten aller dieser Herrschaften kommt
es noch darauf an, ob ein Fürst so viel vermag, daß er sich selbst im
Falle der Noth vertheidigen kann, oder ob er dazu fremder Hilfe bedarf. Um
dieses deutlicher zu machen, sage ich, daß diejenigen ihre Herrschaften
selbst zu behaupten vermögen, welche Menschen oder Geld genug besitzen, um
eine zureichende Armee aufzustellen, und demjenigen, der sie angreift,
eine Schlacht zu liefern. Dahingegen bedürfen diejenigen allezeit fremder
Hilfe, welche nicht gegen den Feind in das Feld rücken können, sondern
genöthigt sind, sich hinter ihre Mauern zurück zu ziehen, um nur diese zu
vertheidigen. Vom ersten dieser Fälle ist bereits oben geredet, und wird
in der Folge noch Mehreres vorkommen. Im zweiten Falle kann man dem
Fürsten nichts Anderes rathen, als seine Stadt zu befestigen, und das Land
preiszugeben. Wer seine Stadt wohl befestigt und sich gegen Nachbarn und
eigne Unterthanen so betragen hat, wie hier oben angerathen ist, und ich
ferner anrathen werde, der wird auch nicht leichtsinnig angegriffen
werden, weil Niemand gern Dinge unternimmt, die Schwierigkeiten haben; und
es so leicht nicht ist, den anzugreifen, der wohl befestigt ist, und seine
eignen Unterthanen zu Freunden hat. Die deutschen Städte haben große
Freiheiten, wenig Territorium, gehorchen dem Kaiser so viel sie Lust
haben, und fürchten weder dieses noch irgend eines andern Benachbarten
Macht, weil sie auf solche Art befestigt sind, daß jeder wohl fühlen muß,
wie schwierig und langweilig es ist, sie zu erobern: sie haben nämlich
Wall und Graben, Geschütz in zureichender Menge, Lebensmittel und Holz zur
Feuerung, auf ein Jahr in Vorrath. Außerdem haben sie die Veranstaltung,
das Volk, ohne Nachtheil des Gemeinwesens, auf ein Jahr in dem Gewerbe,
wovon die kleinen Bürger leben, beschäftigen zu können, um ihm seinen
Unterhalt zu verschaffen. Auch halten sie die Kriegs-Uebungen in Ehren,
und haben dazu mancherlei Anordnungen. Der Fürst, der eine Festung
besitzt, und bei seinem Volke nicht verhaßt ist, kann nicht angegriffen
werden: und würde er es, so müßte der Feind mit Schanden abziehen; denn
die Zufälle sind in dieser Welt so mannichfaltig, daß es beinahe unmöglich
ist, ein ganzes Jahr das Feld zu halten, um ihn zu belagern. Und wenn man
etwa antwortete, daß das Volk, welches seine Besitzungen draußen hat und
selbige verheeren sieht, es überdrüssig werden und seinen Fürsten
verläugnen wird, so antworte ich, daß ein mächtiger und entschlossener
Fürst diese Schwierigkeiten stets überwinden wird; indem er bei seinen
Unterthanen bald die Hoffnung erregt, es werde nicht lange mehr währen,
bald Furcht vor der Grausamkeit des Feindes einflößt, endlich auch sich
auf eine geschickte Art derer versichert, welche ihm zu dreist scheinen.
Außerdem ist der Feind genöthigt, damit anzufangen, das Land mit Feuer und
Schwert zu verheeren, während die Bürger noch guten Muth und Lust zur
Verteidigung haben. Der Fürst darf daher um so weniger Anstand nehmen:
denn wenn die Gemüther sich abkühlen, so ist der Schade schon geschehen;
es ist vergeblich, darüber zu klagen und die Menschen werden sich desto
enger mit dem Fürsten vereinigen, für den sie ihre Habe und Gut
preisgegeben haben, wofür er ihnen Dank schuldig ist. Der menschlichen
Natur ist es gemäß, sich durch das Gute, was man Andern erzeigt, eben
sowol zu verbinden, als durch das, was man empfängt. Wenn man dieses Alles
erwägt, so wird man finden, daß es einem Fürsten nicht schwer ist, die
Gemüther seiner Unterthanen bei einer Belagerung festzuhalten, wenn er nur
Lebens- und Vertheidigungsmittel genug hat.



                   11. Von geistlichen Fürstenthümern.


Es bleibt nur noch übrig, von geistlichen Herrschaften zu reden, bei
welchen alle Schwierigkeiten nur vorhanden sind, bis man zum Besitze
gelangt ist: denn sie werden durch ausgezeichnete Kraft oder durch Glück
erworben; aber erhalten, ohne das eine und ohne das andre; denn sie
beruhen auf den alten heiligen Einrichtungen der Religion, welche mächtig
genug sind, ihre Häupter in ihren Stellen zu erhalten, sie mögen sich
aufführen wie sie wollen. Diese allein haben eine hohe Stelle, und
brauchen sie nicht zu vertheidigen; sie haben Unterthanen und regieren sie
nicht; ihre Staaten werden nicht vertheidigt und ihnen doch nicht
genommen. Ihre Unterthanen bekümmern sich nicht darum, daß sie nicht
regiert werden, und denken nicht daran, sich ihnen zu entziehen, können es
auch nicht. Diese Fürsten also sind allein sicher und glücklich. Aber da
dieses von höhern Ursachen abhängt, an die der menschliche Verstand nicht
reicht, so will ich nicht davon reden. Gott schützt sie: es wäre vorwitzig
und dreist, wenn der Mensch darüber urtheilen wollte. Wenn mich aber
Jemand befragte, wie es zugegangen, daß die Kirche zu solchem weltlichen
Staate gelangt, und daß, nachdem bis auf Alexander den Sechsten jeder, ich
sage nicht mächtige italienische Fürst, sondern jeder Baron und Freiherr,
sich im Weltlichen nichts daraus machte; gegenwärtig der König von
Frankreich davor zittert, und von ihr aus Italien vertrieben ist; Venedig
daneben zu Grunde gerichtet: so will ich darüber folgendes obwol schon
genugsam Bekannte, in das Gedächtniß zurückrufen. Bevor Karl der Achte
nach Italien kam, war dieses Land unter den Papst, Venedig, den König von
Napoli, den Herzog von Mailand und die Florentiner vertheilt. Diese Mächte
hatten ihr Augenmerk auf zwei Dinge zu richten: erstens darauf, daß keine
fremde Macht mit den Waffen eindringe; zweitens, daß keine unter ihnen
selbst die Oberhand gewönne. Diejenigen, welchen dieses am meisten anlag,
waren der Papst und Venedig. Um den letztern Staat klein zu halten, mußten
sich alle übrigen vereinigen, so wie sie es auch wirklich thaten, um
Ferrara zu verteidigen. Den Papst zurückzuhalten, bediente man sich der
römischen Barone, welche in zwei Factionen getheilt waren, die Orsini und
die Colonna. Unaufhörliche Uneinigkeiten unter diesen veranlaßten sie
stets, unter den Augen des Papstes in den Waffen zu sein, und dieses hielt
den heiligen Stuhl klein und schwach. Und wenn gleich dann und wann ein
Mann von Geist den päpstlichen Stuhl bestieg, so wie Sixtus (der Vierte),
so konnte doch weder Glück noch Verstand von diesen Verhältnissen
befreien. Die Kürze ihrer Regierung war eine Ursache. Denn in zehn Jahren
(so lange dauerte eine päpstliche Regierung im Durchschnitte) konnte kaum
eine der beiden Parteien herunter gebracht werden: und wenn zum Beispiel
der Eine die Colonna und ihre Anhänger gedemüthigt hatte, so folgte Einer,
der den Orsini feind war, und hob jene, die in der kurzen Zeit nicht ganz
vertilgt sein konnten, wieder empor. Daher kam es, daß die weltliche Macht
des Papstes in Italien so wenig geachtet ward. Es stand inzwischen
Alexander der Sechste auf und bewies besser, als irgend ein Andrer jemals
gethan hat, wie viel ein Papst mit Geld und mit seinen Kräften ausrichten
kann. Er bewerkstelligte mittelst seines Sohnes, des Herzogs von
Valentinois, und bei Gelegenheit des Einmarsches französischer Heere,
alles das, was ich oben, als ich von der Handlungsweise des Herzogs
sprach, auseinandergesetzt habe. Seine Absicht ging nicht dahin, den
heiligen Stuhl groß zu machen, sondern nur sich selbst. Durch die Wendung,
die die Sache nahm, gewann aber der Stuhl, welcher nach seinem Tode die
Früchte aller Arbeiten des Herzogs erbte. Auf ihn folgte Julius der
Zweite, welcher den Stuhl schon groß und mächtig fand, da er die Romagna
besaß, und daneben alle römischen Barone durch Alexanders Bemühungen
zerschlagen waren. Daneben besaß er Mittel, Geld zusammen zu bringen, die
man vor Alexander nicht gekannt hatte. Julius trat in dessen Fußtapfen,
suchte Bologna zu erwerben, Venedig herunter zu bringen und die Franzosen
aus Italien zu vertreiben. Dieses gelang ihm Alles zusammen, und gereicht
ihm zu so viel größerer Ehre, da er es nicht zu eignem Privatvortheile,
sondern zu Gunsten des Stuhles unternahm. Die Parteien Colonna und Orsini
erhielt er in dem Zustande, worin er sie fand. Obwol einige Ursache zu
Uneinigkeiten zwischen ihnen vorhanden war, mußten sie doch ruhig bleiben:
erstens, weil ihnen die Größe des päpstlichen Stuhls imponirte, und
zweitens, weil sie beide keine Cardinäle unter sich hatten, von denen
immer alle Unruhen herrühren. So oft Cardinäle aus diesen Häusern sind, so
können diese nicht ruhig sein, weil jene in und außer Rom die Parteiungen
unterhalten, und die Barone genöthigt sind, sie zu vertheidigen. Aus dem
Ehrgeize solcher Prälaten entstehen mithin die Zwistigkeiten und Aufruhr
unter den Baronen. Es hat also Papst Leo den heiligen Stuhl schon groß und
mächtig gefunden, und so wie seine obgedachten Vorfahren ihn durch die
Waffen gehoben haben, so ist zu hoffen, daß er ihm durch seine großen
persönlichen Eigenschaften und seine Milde Ansehen verschaffen werde.



               12. Von den verschiedenen Arten der Truppen.


Nachdem ich die verschiedenen Beschaffenheiten der Herrschaften erwogen,
von denen ich mir vornahm zu reden, und die Ursachen angezeigt, aus denen
es ihnen wohl oder übel ergeht, nebst den Mitteln, womit man versucht hat,
sie zu erwerben und zu erhalten, so bleibt mir noch übrig, im Allgemeinen
die Arten des Angriffs und der Vertheidigung durchzugehen, welche dabei
vorkommen können. Wir haben bereits erwähnt, daß eine Herrschaft auf guten
Gründen beruhen müsse, wenn sie nicht zusammenstürzen soll. Die
hauptsächlichste Stütze aller Staaten, der neuen wie der alten und der
vermischten, sind gute Gesetze und tüchtige Kriegsmacht. Gute Gesetze
können nicht bestehen ohne eine gute Kriegsmacht. Diese aber setzt gute
Gesetze voraus. Ich lasse also die Gesetzgebung liegen und rede von der
Bewaffnung; ich sage, daß die Kriegsmacht, womit ein Fürst seinen Staat
vertheidigt, entweder aus eigner oder gemieteter Mannschaft oder aus
Hilfstruppen besteht, oder aus diesen allen zusammen. Gemiethete
Mannschaft und Hilfstruppen sind unnütz und gefährlich. Wer seine
Herrschaft durch Miethlinge zu schützen denkt, steht nicht fest, und kann
nie sicher sein, weil diese unter sich uneins, unbändig, ohne Disciplin,
untreu, übermüthig gegen ihre Freunde, feig gegen die Feinde sind, Gott
nicht fürchten und treulos gegen die Menschen handeln. Der Untergang ist
also nur bis dahin verschoben, wo der Angriff erfolgt. Im Frieden wird man
von ihnen selbst beraubt; im Kriege vom Feinde. Die Ursache hiervon ist,
daß sie nicht aus Zuneigung und aus keiner andern Ursache im Felde
erhalten werden, als um eines geringen Soldes willen, deswegen sie ihr
Leben nicht preisgeben werden. So lange kein Krieg zu führen ist, wollen
sie wol Soldaten sein: so wie aber der Feldzug eröffnet wird, laufen sie
davon oder gehen nach Hause. Es sollte wol ohne viele Mühe einleuchten,
daß dies sich also verhält; da Italien aus keiner andern Ursache zu Grunde
gegangen ist, als weil man sich so viele Jahre lang auf Miethstruppen
verlassen hat, welche dann und wann einige Vortheile übereinander
erhielten und ganz tapfer schienen; sobald aber fremde Heere kamen, zeigte
es sich, wie sie beschaffen waren. Daher konnte Karl der Achte Italien so
geschwind überziehen. Wer behauptete, dies geschehe um unsrer Sünden
willen, hatte ganz Recht: aber nicht um derjenigen willen, die darunter
verstanden wurden, sondern wegen derer, die ich angegeben habe. Die
Fürsten hatten die Fehler begangen und mußten dafür leiden. Ich will die
unglücklichen Folgen solcher Vertheidigungsanstalten noch besser beweisen.
Die gedungenen Feldherren sind entweder vorzügliche Kriegshelden oder
nicht. Im ersten Falle kann man sich auf sie nicht verlassen, weil sie
nach eigner Größe streben, und deshalb darauf denken, entweder denjenigen
selbst, der sie gedungen hat, oder Andre gegen den Willen desselben zu
unterdrücken. Ist der Feldhauptmann kein rechter Krieger, so geht
derjenige gemeiniglich zu Grunde, der ihn gedungen hat. Will man hierauf
antworten, daß es einerlei sei, ob derjenige, der die Kriegsmacht anführt,
gedungen ist oder nicht, daß er in einem Falle handeln werde, wie im
andern, so erwidre ich, daß ein jeder Fürst selbst ins Feld gehen und sein
eigner General sein müsse; Republiken aber Einen ihrer Mitbürger an die
Spitze des Heeres stellen müssen, denselben zurückrufen, wenn er sich
nicht hinlänglich geschickt beweiset, und wenn er der Sache gewachsen ist,
ihn im Zaume der Gesetze halten. Die Erfahrung beweist es, daß Fürsten und
Republiken durch eigne Truppen allein Fortschritte machen, und daß
Söldnerheere nur Unglück anrichten. Eine Republik, welche sich mit eignen
Waffen vertheidigt, wird nicht so leicht von einem ihrer Mitbürger
unterjocht, als wenn sie ein gedungenes Heer hält. Rom und Sparta sind
viele Jahrhunderte lang bewaffnet und frei gewesen. Die Schweizer sind
höchst kriegerisch und frei. Von Miethstruppen aber gibt Carthago ein
Beispiel, welches nach dem ersten Kriege mit den Römern von ihnen
unterdrückt ward, obgleich die Carthaginienser eigne Bürger zu Generalen
bestellt hatten. Philipp von Macedonien ward von den Thebanern nach dem
Tode des Epaminondas zum Feldherrn erwählt und nahm ihnen dafür die
Freiheit, sobald er einen Sieg erfochten hatte. Die Mailänder besoldeten
nach dem Tode des Herzogs Filippo (Visconti) den Franz Sforza, um gegen
die Venezianer Krieg zu führen. Sobald derselbe sie aber bei Caravaggio
überwunden hatte, verband er sich mit ihnen gegen seine Dienstherren, die
Mailänder. Sein Vater Sforza war im Dienste der Königin Johanna von
Neapel, und ließ diese mit einem Male ganz ohne Vertheidigungsmittel, so
daß sie sich dem Könige von Arragonien in die Arme werfen mußte, um ihr
Reich nicht zu verlieren. Wenn Venedig und Florenz sich durch solche
Waffen vergrößert haben, und die Anführer derselben sich nicht zu Herren
haben aufwerfen können, so antworte ich auf diesen Einwurf, daß Florenz
viel Glück gehabt hat, indem von den tapfern Generalen, die ihm furchtbar
wurden, einige im Kriege nicht glücklich gewesen sind, andre Widerstand
von andrer Seite her gefunden, endlich noch andre ihre ehrgeizigen
Absichten auf andre Orte gerichtet haben; z. B. hat Giovanni Acuto(16)
nicht gesiegt; daher nicht offenbar geworden, wie weit ihm zu trauen
gewesen wäre, wenn er gesiegt hätte. Jeder aber muß eingestehen, daß er in
diesem Falle mit Florenz machen konnte, was er wollte. Franz Sforza hatte
beständig den Braccio und seine Leute sich gegenüber: einer hielt den
andern zurück. Francesco richtete seine Absichten auf die Lombardei,
Braccio auf den Kirchenstaat und Neapel. Wir wollen die neusten Zeiten
betrachten. Die Florentiner haben den Paolo Vitelli zu ihrem Feldherrn
erwählt: einen tapfern Mann, der im Privatstande den größten Ruhm
erworben. Wenn derselbe Pisa erobert hätte, so ist gar nicht zu läugnen,
daß er mit Florenz schalten konnte, wie er wollte; denn wenn er zu ihren
Feinden überging, konnten sie nichts machen: und wenn er es mit ihnen
ferner hielt, so mußten sie ihm gehorchen. Betrachtet man die Fortschritte
der Venezianer, so wird man finden, daß diese sicher und glücklich waren,
so lange sie sich dazu ihrer eignen Kräfte bedienten: das ist, bis sie
ihre Unternehmungen auf dem festen Lande anfingen; denn bis dahin hatten
sie tapfer mittelst ihres eignen Adels und Volkes Krieg geführt. So wie
sie aber anfingen auf dem festen Lande Krieg zu führen, machten sie es wie
die übrigen Italiener. Im Anfange ihrer Eroberungen brauchten sie ihre
Generale nicht sonderlich zu fürchten, weil ihr Staat noch nicht sehr groß
war, und sie dafür desto größeres Ansehen genossen. Als sie aber
ansehnliche Fortschritte zu machen anfingen, welches unter dem Carmignuola
geschah, merkten sie, daß sie auf falschem Wege waren. Sie sahen, wie
gefährlich seine Tapferkeit ihnen zu werden drohte, und sobald sie unter
seiner Anführung den Herzog von Mailand geschlagen hatten und sahen, daß
er nunmehr erkaltete, sie also keine weiteren Vortheile durch ihn zu
hoffen hätten, ihn aber nicht entlassen konnten noch wollten, um das
Erlangte nicht zu verlieren, so sahen sie sich genöthigt, ihn zu ihrer
eignen Sicherheit ums Leben bringen zu lassen. Sie haben hierauf den
Bartolomeo von Bergamo, Ruberto von San Severino, den Grafen von
Pitigliano und andre Generale gedungen, bei denen sie nur zu fürchten
hatten, daß sie geschlagen würden, aber nichts von ihren Fortschritten
besorgen durften: so wie es denn auch zu Vaila ging, wo sie in einer
Schlacht Alles verloren, was sie in achthundert Jahren mit so vieler Mühe
errungen hatten. Denn solches Kriegssystem bringt langsame und geringe
Fortschritte, und plötzlichen erstaunlichen Verlust mit sich. Da ich auf
diese italienischen Beispiele gekommen bin, in welchem Lande Alles seit
vielen Jahren mittelst gedungener Krieger ausgerichtet wird, so will ich
darin noch etwas höher hinauf gehen, um den Ursprung und die Fortschritte
des Uebels zu zeigen, damit man ihm desto besser begegnen möge. Da in den
neuern Zeiten das kaiserliche Ansehn in Italien fiel, und das weltliche
Ansehn des Papstes dagegen zunahm, war dieses Land in verschiedene Staaten
zertheilt. Mehrere der großen Städte ergriffen die Waffen gegen die
Herren, welche sie unter Begünstigung des Kaisers in der Unterdrückung
hielten; der päpstliche Stuhl aber unterstützte jene, um sich weltliches
Ansehn zu verschaffen. In manchen andern erhoben sich Bürger zur
fürstlichen Würde. Italien gerieth mithin gewissermaßen in die Hände des
heiligen Stuhls und einiger Republiken: Beide aber, Priester und Bürger,
waren nicht an die Waffen gewöhnt, und fingen an Truppen zu miethen. Der
Erste, der eine solche Miliz zu Ehren brachte, war Alberigo da Como
Romagnuolo. Aus seiner Schule gingen unter Andern Braccio und Sforza
hervor, die zu ihrer Zeit über Italien walteten. Auf sie folgten alle
Andern, die bis zu unsern Zeiten die italienischen Heere befehligt haben.
Das Ende ihrer Heldenthaten aber ist gewesen, daß Italien von Karl dem
Achten überrannt, von Ludwig dem Zwölften ausgeplündert, von Ferdinand von
Arragonien bezwungen und von den Schweizern geschändet worden. Jene
Anführer von Miethstruppen fingen damit an, das Fußvolk um seine Ehre zu
bringen, um selbst zu größerem Ansehn zu gelangen. Dieses thaten sie, weil
sie selbst ohne Länder und auf persönliche Mittel beschränkt, mittelst
weniger Fußvölker kein großes Ansehn erhalten, zahlreiche aber nicht
ernähren konnten. Sie beschränkten sich also auf Reiterei, wo sie denn
mittelst einer geringern Zahl Unterhalt und Ehre zu gewinnen vermochten.
Die Sache war dahin gekommen, daß in einem Heere von 20,000 Mann kaum 2000
Mann zu Fuß waren. Außerdem wandten sie Alles an, um sich und ihren Leuten
Mühseligkeiten und Gefahr zu ersparen, indem sie in den Schlachten
einander nicht tödteten, sondern ohne Verwundung gefangen nahmen. Sie
machten des Nachts keine Angriffe auf die Festungen, keine Ausfälle aus
denselben, sie befestigten ihre Lager nicht und hielten das Feld nicht im
Winter. Alles das war ihrer Kriegsordnung gemäß, und wie ich schon gesagt
habe, ausgedacht, um Mühseligkeit und Gefahr abzuwenden. Italien ist
darüber aber völlig in Sklaverei und Schande gerathen.



                          13. Von Hilfstruppen.


Die zweite Art unnützer Kriegsmacht sind die Hilfstruppen: nämlich, wenn
ein Mächtigerer angerufen wird, dich mit seinen Waffen zu unterstützen und
zu vertheidigen, so wie neuerlich Papst Julius, nach der traurigen
Erfahrung mit gedungener Mannschaft, die er bei Ferrara gemacht hatte, den
König Ferdinand von Arragonien anrief, daß er ihm mit seiner Armee zu
Hilfe kommen möchte. Ein solches Heer kann wol für denjenigen, dem es
angehört, etwas Nützliches ausrichten; aber dem, der es herbeiruft, ist es
allemal nachtheilig: denn wird es geschlagen, so bist du überwunden; und
siegt es, so bist du selbst ihr Gefangener. Die alte Geschichte ist auch
von solchen Beispielen voll: ich will aber bei dem vom Papst Julius stehen
bleiben, welches noch ganz neu ist. Dieser hätte keinen schlechtern
Entschluß fassen können, als sich einem Fremden in die Arme zu werfen, um
Ferrara zu erlangen. Zu seinem Glücke kam ein Drittes dazwischen, so daß
ihn die Folgen dieses Fehlers nicht trafen. Da nämlich seine Verbündeten
bei Ravenna geschlagen wurden, und die Schweizer aufstanden, welche gegen
alle Erwartung die Sieger vertrieben, so fiel er weder in die Hände seiner
Feinde, die eben geschlagen waren, noch seiner Freunde, weil Andere als
sie den Sieg davongetragen hatten. Die Florentiner hatten selbst gar keine
Armee, und führten zehntausend Franzosen vor Pisa, um es zu erobern:
woraus für sie selbst größere Gefahr entstand, als worin sie sich jemals
befunden hatten. Der Kaiser von Konstantinopel sandte zehntausend Türken
nach Griechenland, um es gegen seine Nachbarn zu schützen. Nach beendigtem
Kriege weigerten sie sich aber, es zu verlassen, und dies war der Anfang
der Unterjochung von Griechenland durch die Ungläubigen. Wer sich selbst
in die Lage setzen will, auf keine Weise den Sieg davontragen zu können,
der bediene sich solcher Hilfstruppen. Mit ihnen ist der Untergang zum
Voraus ganz zubereitet, denn sie sind unter einander einig, und im
Gehorsame eines Andern. Gedungene Mannschaft hat doch, wenn sie schon
gesiegt hat, noch etwas Zeit nöthig, und es müssen besondere Gelegenheiten
entstehen: weil sie nicht ein eignes Corps ausmacht, von dir
zusammengebracht und bezahlt ist, ein Dritter aber, den du ihnen zum
Oberhaupte gibst, nicht augenblicklich so viel Ansehn erhält, dir schaden
zu können. Kurz, das Gefährlichste ist bei Miethstruppen ihre Feigheit;
bei Hilfstruppen ihre Tapferkeit. Jeder nur etwas kluge Fürst hat immer
vermieden, sich solcher Mannschaft zu bedienen, und hat lieber mit eigner
überwunden werden, als mit fremder siegen wollen; da er den Sieg, den er
durch fremde errungen, nicht für wahren Gewinn halten konnte. Ich trage
kein Bedenken, den Cäsar Borgia und seine Handlungen zum Beispiele
anzuführen. Dieser Heerführer fiel mit französischen Soldaten in Romagna
ein und eroberte mit ihnen Imola und Furli. Weil er diese Armee aber nicht
sicher achtete, so wandte er sich zu Miethstruppen, die er für weniger
gefährlich hielt, und nahm die Orsini und Vitelli in Sold. Da er auch
diese bei der weitern Verhandlung unsicher, untreu und gefährlich fand, so
löste er sie ebenfalls auf und wandte sich zu eignen Leuten. Den
Unterschied zwischen beiden Arten der Kriegsmacht kann man leicht
einsehen, wenn man nur mit einander vergleicht, wie der Herzog angesehen
ward, so lange er die Orsini und Vitelli hatte, und wie viel er gewann,
sobald er mit eigner Mannschaft dastand. Zu großer Achtung gelangte er
erst, als Jedermann sah, daß er völlig Herr über sein ganzes Heer war. Ich
verlasse die neue italienische Geschichte ungern: doch kann ich nicht
umhin, den Hiero von Syracus zu nennen, dessen ich schon oben gedacht
habe. Die Syracusaner hatten ihn, wie ich bereits erwähnt, zu ihrem
Heerführer erwählt. Er sah sogleich ein, daß ihm die Miethstruppen nichts
nützen konnten, weil sie gleich wie unsre italienischen von eignen
Anführern gedungen waren; da er sie nun weder behalten noch gehen lassen
durfte, so ließ er sie insgesammt in Stücke hauen und führte darauf den
Krieg blos mit eigner Mannschaft, ohne fremde Hilfe. Noch will ich an eine
Begebenheit aus dem alten Testamente erinnern, die hier recht passend ist.
Da sich David dem Saul anbot, den Philister Goliath auf seine Ausforderung
zu bekämpfen, so gab ihm Saul seine Waffen, um ihm Muth zu machen. So wie
David sie aber angethan hatte, so weigerte er sich und sagte, damit könne
er sich auf sich selbst nicht verlassen, er wolle mit seinen eigenen
Waffen kämpfen, und griff zu Schleuder und Messer. Kurz, fremde Waffen
fallen ab, oder erdrücken durch ihre Last, oder erdrosseln dich selbst.
Karl der Siebente, Vater Ludwig des Elften, erkannte, nachdem er
Frankreich von den Engländern befreit hatte, die Nothwendigkeit eigner
Waffen, und errichtete in seinem Lande die Gensd’armes und das Fußvolk.
Sein Sohn Ludwig fing darauf an, das Fußvolk zu entlassen und statt dessen
Schweizer zu besolden. Dieser Fehler nebst einigen andern, die bald
nachfolgten, ward Ursache der großen Gefahr, in welche sein Reich gerieth.
Denn er verschaffte dadurch den Schweizern großen Ruf, und machte seine
eigne Macht verächtlich, da er das Fußvolk auflöste und die Gensd’armes
daran gewöhnte, gemeinschaftlich mit Schweizern zu fechten, so daß sie
ohne diese nichts mehr auszurichten vermochten. Daher kommt es, daß
Franzosen gegen Schweizer nichts vermögen, und ohne Schweizer gegen Andre
ebenfalls nichts ausrichten können. Die französischen Heere sind also
vermischt, halb gedungene, halb eigne Mannschaft. Das Alles zusammen ist
viel besser, als blos gedungene, oder bloße Hilfstruppen: aber doch viel
schlechter, als blos eigne. Das angeführte Beispiel ist hinreichend, denn
das französische Reich würde unüberwindlich sein, wenn Karls Ordnung
aufrecht erhalten und weiter ausgedehnt wäre: aber so machen es die
Menschen. Sie fangen ohne viele Ueberlegung eine Sache an, die einigen
guten Anschein hat, und achten nicht auf das verborgene Gift, so wie ich
oben von der Schwindsucht gesagt habe. Der Fürst, der das Uebel erst
alsdann erkennt, wenn es schon da ist, kann nicht für weise gehalten
werden, was ja Wenigen gegeben ist. Wenn man dem Untergange des römischen
Reiches nachspürt, so findet man den Anfang in der Maßregel, die Gothen zu
besolden; denn damit ließ die Stärke des römischen Reiches nach, und alle
Kräfte, die dieses verlor, gingen auf jene über. Ich schließe also, daß
keine Herrschaft fest steht ohne eigne Waffen; denn wer keine Kraft hat,
die ihn bei widrigen Schicksalen schützt, hängt blos vom Glücke ab. Es ist
immer die Meinung weiser Männer gewesen, daß nichts so schwach und
unbeständig sei, als der Ruf großer Macht, der nicht auf eignen Kräften
beruht. Eigne Waffen aber sind solche, die von Unterthanen oder Bürgern
geführt werden, auch selbstgeschaffene Heere. Alles Andere sind gedungene
oder Hilfstruppen. Die beste Art, eigne Mannschaft anzuordnen, ist leicht
auszufinden, wenn die oben von mir angegebenen Anordnungen erwogen werden,
und wenn man erwägt, wie Philipp, Alexanders des Großen Vater, und viele
andere Fürsten und Republiken es gemacht haben.



           14. Was der Fürst im Kriegswesen zu beobachten hat.


Ein Fürst soll also nichts Anderes zu seinem Augenmerk nehmen, auf nichts
Anderes denken, und zu seiner eignen Beschäftigung erwählen, als das
Kriegswesen und die Einrichtung desselben; denn dies ist die einzige eigne
Sache dessen, der befehlen will, und vermag so viel, daß sie nicht allein
geborne Fürsten erhält, sondern auch manche Privatpersonen zur Herrschaft
erhebt. Und im Gegentheil haben manche Fürsten die Herrschaft verloren,
sobald sie die Wollüste dem Kriegshandwerke vorzogen. Die erste Ursache,
die Herrschaft zu verlieren, ist es, wenn man den Krieg verachtet: das
Mittel, sie zu erwerben, ist die Erfahrenheit in der Kriegskunst.
Francesco Sforza ward durch seine Geschicklichkeit in derselben Herzog von
Mailand; seine Söhne fielen durch ihre Abneigung gegen die Mühseligkeiten
des Kriegs von der herzoglichen Würde wieder zurück in den Privatstand.
Unter andern Uebeln, die die Abneigung gegen den Krieg mit sich führt, ist
dies, daß sie Verachtung erregt: und dieses ist etwas, wofür sich der
Fürst am allermeisten hüten muß, wie weiter unten mit Mehrerem gezeigt
werden wird. Denn zwischen einem Bewaffneten und einem Unbewaffneten ist
gar kein Verhältniß. Es ist unvernünftig zu erwarten, daß der Bewaffnete
dem Unbewaffneten gehorchen werde, und daß der Unbewaffnete unter seinen
bewaffneten Dienern sicher sein solle. Auf einer Seite Verachtung, auf der
andern Argwohn: das kann zusammen unmöglich gut gehen. Ein Fürst, der den
Krieg nicht versteht, ist außer andern Uebeln, wie gesagt, auch noch
diesem unterworfen, daß er auf die Achtung seiner Leute keinen Anspruch
machen und ihnen nicht trauen kann. Er darf daher dieses Kriegshandwerk
niemals vernachlässigen, und muß es im Frieden noch mehr üben, als im
Kriege selbst; welches auf zweierlei Art geschehen kann: durch Thätigkeit
und durch Nachdenken. Was das Erste betrifft, so muß er seine Mannschaft
immer in guter Ordnung und in Uebung halten; selbst aber seinen Körper
durch die Jagd abhärten, welche ihm außerdem Gelegenheit gibt, die
verschiedene Beschaffenheit der Gegenden zu beobachten: zu lernen, wie die
Berge sich erheben und die Ebenen laufen, wie Flüsse und Seen beschaffen
sind, und dies Alles auf das Genaueste zu bemerken. Diese Kenntniß hat
zweierlei Nutzen. Erstens lernt er sein eignes Land besser kennen, und die
Mittel es zu vertheidigen. Zweitens erlangt er durch diese praktische
Kenntniß die Fertigkeit, unbekannte Gegenden zu erforschen, an denen ihm
gelegen ist; denn die Hügel, Berge, Thäler, Flüsse und Seen, z. B. in
Toscana, haben einige Aehnlichkeiten mit denen in andern Ländern, so daß
man durch die Bekanntschaft mit jenen auch diese leichter kennen lernt.
Der Fürst, dem diese Geschicklichkeit fehlt, ermangelt eines
Haupterfordernisses des Feldherrn; denn hierdurch lernt man den Feind
aufsuchen, Lager auswählen, Armeen führen, Schlachten anordnen und mit
Vortheil Belagerungen anfangen. Unter andern Lobsprüchen, welche die
Schriftsteller dem achäischen Feldherrn Philopömen ertheilen, ist auch
dieser begriffen, daß er im Frieden immer an den Krieg dachte, und wenn er
sich mit seinen Freunden im freien Felde befand, oft mit ihnen
Betrachtungen darüber anstellte, wer im Vortheile sein würde, wenn der
Feind auf jenem Hügel stände, und wir hier mit unserm Heere wären? Wie er
alsdann mit Beibehaltung der Schlachtordnung sicher anzugreifen sei? Was
müßte geschehen, wenn wir uns zurückziehen wollten? Was hätten wir zu
thun, um ihn zu verfolgen, wenn er sich zurückzöge? Auf Spaziergängen
legte er ihnen alle Fälle vor, die bei einem Heereszuge vorkommen können,
hörte ihre Meinung, sagte ihnen die seinige und unterstützte diese mit
Gründen: so daß nach so vielen Betrachtungen fast kein Zufall im Felde
sich ereignen konnte, der nicht zum Voraus erwogen wäre. Was die Bildung
des Geistes anlangt, so muß der Fürst die Geschichte lesen und die
Handlungen ausgezeichneter Männer betrachten; erwägen, wie sie sich im
Kriege benommen haben, die Ursachen ihrer Siege und Niederlagen
erforschen, um diese zu vermeiden, jene nachzuahmen; und vor allen Dingen
es so zu machen suchen, wie irgend ein großer Mann, den er sich zum Muster
vorgestellt hat, vor ihm gehandelt; so wie man sagt, daß Alexander der
Große den Achilles, Cäsar den Alexander, Scipio den Cyrus zum Vorbilde
gewählt habe. Wer Xenophons Leben des Cyrus gelesen hat, wird im Leben des
Scipio erkennen, wie viel Ruhm diesem die Nachahmung gebracht, und wie
sehr Scipio sich bemüht hat, in der Enthaltsamkeit, Leutseligkeit,
Menschlichkeit und Freigebigkeit das zu erreichen, was Xenophon vom Cyrus
meldet. Auf solche Art muß ein weiser Fürst die Muße benutzen; nicht aber
im Frieden müßig gehen, sondern sich durch Anstrengung einen Schatz
sammeln, den er im Unglücke gebrauchen könne, damit das Glück, wenn es
sich wendet, ihn vorbereitet finde, seinen Schlägen zu widerstehen.



             15. Wodurch die Fürsten Lob und Tadel erwerben.


Es erübrigt noch die Untersuchung, wie der Fürst sich gegen seine
Untergebenen und gegen seine Freunde benehmen müsse. Und da dieses schon
von Manchen abgehandelt worden, so besorge ich, es werde mir zum
Uebermuthe angerechnet werden, daß ich ebenfalls von der Sache rede,
insbesondere da ich von meinen Vorgängern abweiche. Da aber meine Absicht
darauf gerichtet ist, etwas für den, der es versteht, Nützliches zu
schreiben, so scheint es mir schicklicher, die Wahrheit so darzustellen,
wie sich dieselbe in der Wirklichkeit findet, als den Einbildungen jener
zu folgen: (denn manche Schriftsteller haben Republiken und Fürstenthümer
erdacht, dergleichen niemals gesehen worden, oder in der Wahrheit
gegründet gewesen sind) weil ein so großer Unterschied vorhanden ist unter
dem, was da geschieht, und dem, was geschehen sollte; daß derjenige, der
das Erste vernachlässigt und sich nur nach dem Letzten richtet, seinen
Untergang eher als seine Erhaltung bereitet. Jemand, der es darauf anlegt,
in allen Dingen moralisch gut zu handeln, muß unter einem Haufen, der sich
daran nicht kehrt, zu Grunde gehen. Daher muß ein Fürst, der sich
behaupten will, sich auch darauf verstehen, nach Gelegenheit schlecht zu
handeln, und dies thun oder lassen, so wie es die Nothwendigkeit
erfordert. Mit Hintansetzung alles dessen, was über erdichtete Fürsten
vorgebracht worden, und um bei der Wahrheit zu bleiben, sage ich, daß
allen Menschen, von denen geredet wird, und vorzüglich den Fürsten, die so
viel höher stehen als andre, gewisse Eigenschaften beigelegt werden, die
mit Lob oder Tadel verbunden sind. Einer gilt für freigebig, der andere
für filzig,(17) einer liebt zu geben, der andre zu rauben; einer ist
grausam, der andre mitleidig; einer treulos, der andre zuverlässig; einer
weibisch und feig, der andre muthig und wild; einer menschenfreundlich,
der andre übermüthig; einer wollüstig, der andre keusch und züchtig; einer
aufrichtig, der andre listig; einer hartherzig, der andre nachgibig; einer
ernsthaft, der andre leichtsinnig; einer religiös, der andre ungläubig und
so weiter. Ich weiß wohl, daß Jedermann eingestehen wird, es sei
wünschenswerth die Fürsten möchten von allen obbenannten Eigenschaften die
lobenswerten besitzen: da aber die Beschaffenheit der menschlichen Natur
nicht verstattet, dies zu erwarten, und alle jene Vorschriften zu
befolgen, so ist es nothwendig, klug genug zu sein, um den übeln Ruf
solcher Laster zu vermeiden, über welche die Herrschaft verloren gehen
könnte; vor den Fehlern aber, welche solche Folgen nicht haben, muß man
sich zwar hüten, wenn es möglich ist; allenfalls aber kann man sich sogar
ohne viele Vorsicht darin gehen lassen. Endlich muß man sich nicht so
ängstlich vor dem bösen Rufe solcher Untugenden hüten, ohne welche man
schwerlich die Herrschaft behauptet; denn wenn man die Sachen genau
betrachtet, so gibt es anscheinende Tugenden, bei denen man zu Grunde
geht; und anscheinende Fehler, auf denen die Sicherheit und Fortdauer des
Wohlbefindens beruht.



                 16. Von der Freigebigkeit und dem Geize.


Ich fange mit der ersten unter den obgedachten Eigenschaften an, und
behaupte, daß es gut ist, für freigebig zu gelten. Hingegen wird die
Freigebigkeit, die du so ausübst, daß du nicht dafür giltst, schädlich
sein. Denn wird sie nur recht tüchtig ausgeübt, und wie es recht ist, aber
nicht recht bekannt, so vermeidet man damit nicht einmal den üblen Ruf des
Gegentheils. Um den Namen eines Freigebigen unter den Menschen zu
behaupten, muß man alle Art von Aufwand machen. Damit verzehrt ein Fürst
Alles, was er hat, und wird zuletzt genöthigt, um den Namen des
Freigebigen aufrecht zu halten, seine Unterthanen mit Auslagen zu
beschweren, und alle Wege einzuschlagen, um Geld zu bekommen. Das macht
ihn bei seinen Unterthanen verhaßt, und sobald er in Geldnoth geräth, wird
er verächtlich. Seine Freigebigkeit hat Wenige bereichert, seine
Verschwendung aber drückt Viele, und er kommt darüber bei der ersten
Verlegenheit in Gefahr. Sieht er dies ein und will zurückziehen, so kommt
er in den bösen Ruf der Filzigkeit. Da der Fürst also nicht auf solche Art
freigebig sein darf, daß es in die Augen falle und bekannt werde, so muß
er den Ruf des Geizes nicht fürchten. Mit der Zeit wird er schon wieder
für freigebig gelten, wenn man sieht, daß bei seiner Sparsamkeit die
gewöhnlichen Einkünfte zureichen; daß er die Kosten eines Krieges, womit
er etwa überzogen wird, bestreiten kann, ohne die Unterthanen zu
beschweren, so daß er am Ende freigebig gegen den großen Haufen ist, dem
er das Seinige läßt, und geizig nur gegen die Wenigen, die nichts von ihm
erhalten. Wir haben zu unsern Zeiten gesehen, daß nur diejenigen große
Dinge andichteten, die für geizig galten; die Andern aber zu Grunde
gingen. Papst Julius der Zweite hatte den Namen der Freigebigkeit durch
das Betragen erworben, wodurch er sich auf den päpstlichen Stuhl schwang:
nachdem er ihn bestiegen hatte, dachte er nicht mehr daran, um sich
vielmehr nur zum Kriege gegen Frankreich vorzubereiten. Er hat auch
wirklich so viele Kriege geführt, ohne außerordentliche Auflagen zu
machen. Seine lange Sparsamkeit schaffte Rath zu allen ungewöhnlichen
Ausgaben. Wenn der jetzige König von Spanien (Ferdinand der Katholische)
für freigebig hätte gelten wollen, so hätte er nicht so viele
Unternehmungen ausführen können. Ein Fürst, der solche Wirthschaft führt,
daß er nicht nöthig hat seine Unterthanen auszuplündern, um sich zu
vertheidigen, daß er nicht zu besorgen hat, arm und verachtet zu werden,
daß er nicht in Gefahr geräth, aus Noth habsüchtig zu werden, darf nicht
fürchten für geizig zu gelten: denn das ist eine Untugend, auf der die
Sicherheit seiner Herrschaft beruht. Und wenn Jemand sagen sollte, daß
Cäsar durch seine Freigebigkeit zur Herrschaft gelangt sei, und daß viele
Andre durch diesen Ruf sich sehr hoch geschwungen haben, so antworte ich
Folgendes: entweder du bist schon gemachter Fürst, oder auf dem Wege es zu
werden. Im ersten Falle ist die Freigebigkeit nachtheilig, im zweiten ist
es zwar nöthig, für freigebig zu gelten, und von der Art war Cäsar, der
die Herrschaft von Rom zu erlangen strebte: hätte er aber länger gelebt,
ohne diese Weise zu handeln abzulegen, so hätte er seine Herrschaft selbst
zerstört. Auf die Antwort, daß viele freigebige Fürsten mittelst ihrer
Kriegsheere große Dinge ausgerichtet haben, erwidere ich: der Fürst
vergeudet entweder das Seinige und das Gut seiner Unterthanen, oder
fremdes. Im ersten Falle sollte er sparsam sein; im zweiten muß er auf
alle Weise den Namen der Freigebigkeit suchen; denn der Fürst, der mit
einem Heere auszieht, welches vom Raube, Plünderung, Brandschatzung lebt,
und fremdes Gut an sich bringt, muß wol freigebig sein: sonst fände er
keine Soldaten, die mit ihm ausziehen. Wenn du nicht dein eignes oder
deiner Unterthanen Gut vergeudest, so magst du wol freigebig sein, wie
Cyrus, Cäsar und Alexander: fremdes Gut durchbringen, macht keinen
schlechten Namen, sondern das Gegentheil. Nur die Verschwendung des eignen
schadet. Keine Sache verzehrt sich selbst, so wie die Freigebigkeit. Indem
du sie übst, verlierst du die Kraft dazu, und wirst entweder arm oder
niederträchtig, oder um der Armuth zu entgehen, räuberisch und dadurch
verhaßt. Unter allen Dingen, die ein Fürst vermeiden muß, steht oben an,
verachtet und verhaßt zu sein, und die Freigebigkeit führt zu Beidem. Es
ist daher weiser, sich als geizig verschreien zu lassen, was freilich
einen schlechten Namen macht, jedoch ohne Haß zu erzeugen, als um des
Rufes der Freigebigkeit willen als räuberisch berüchtigt und dabei verhaßt
zu werden.



                    17. Von der Grausamkeit und Milde.


Ich gehe weiter zu den übrigen oben benannten Tugenden und sage, daß jeder
Fürst suchen müsse, für mitleidig gehalten zu werden, jedoch aber so, daß
er diese Tugend nicht übel anwende. Cäsar Borgia galt für grausam. Diese
Grausamkeit hatte die Provinz Romagna zusammen gehalten, in Einigkeit, in
Frieden und in treuer Unterwürfigkeit. Erwägt man es genau, so wird man
finden, daß dies viel menschlicher war, als das Betragen der Florentiner,
die zugaben, daß Pistoja zerstört ward, um nicht für grausam zu gelten.
Ein Fürst muß daher den Ruf der Grausamkeit nicht scheuen, um seine
Unterthanen in Gehorsam und Einigkeit zu erhalten. Es ist mehr
Gelindigkeit darin, wenige Strafen zu verfügen, als durch unzeitige
Nachsicht Unordnungen zu veranlassen, welche Mord und Raub erzeugen, die
ganze Gemeinwesen treffen, wohingegen die Straferkenntnisse der Fürsten
nur Einzelne drücken. Unter allen Fürsten kann der neue am wenigsten den
Namen der Grausamkeit vermeiden, weil seine Lage voll Gefahren ist, und
daher Virgil der Dido zur Entschuldigung ihrer strengen Regierung
Folgendes in den Mund legt:

  _„Res dura et regni novitas me talia cogunt_
  _Moliri, et late fines custode tueri.“_

Dennoch muß er nicht leicht glauben und sich in Bewegung setzen; sich auch
nicht von selbst fürchten, sondern mit Klugheit und Menschenfreundlichkeit
mäßig verfahren, so daß ihn weder zu vieles Zutrauen unvorsichtig, noch zu
vieles Mißtrauen unerträglich mache. Hieraus entsteht eine Streitfrage, ob
es besser sei, geliebt oder gefürchtet zu werden. Ich antworte, daß beides
gut ist; da aber schwer ist, beides mit einander zu verbinden, so ist es
viel sichrer, gefürchtet zu werden, als geliebt, wenn ja eines von beiden
fehlen soll. Denn man kann im Allgemeinen von den Menschen sagen, daß sie
undankbar, wankelmüthig, verstellt, feig in der Gefahr, begierig auf
Gewinn sind: so lange du ihnen wohlthust, sind sie dir ganz ergeben,
wollen Gut und Blut für dich lassen, ihr eignes Leben aufopfern, das Leben
ihrer Kinder (wie ich schon gesagt habe), so lange die Gefahr entfernt
ist; kommt sie aber näher, so empören sie sich. Der Fürst, der sich auf
ihre Worte verlassen und keine andren Zurüstungen gemacht hat, geht zu
Grunde: denn die erkauften Freundschaften, so da nicht durch Größe des
Geistes und Edelmuth erworben sind, haben zwar guten Grund, halten aber
doch nicht vor, wenn es Noth thut. Die Menschen machen sich weniger
daraus, den zu beleidigen, der sich beliebt macht, als den, der gefürchtet
wird; denn die Zuneigung der Menschen beruhet auf einem Bande der
Dankbarkeit, das wegen der schlechten Beschaffenheit der menschlichen
Natur abreißt, sobald der Eigennutz damit in Streit geräth: die Furcht
aber vor Züchtigung läßt niemals nach. Doch muß der Fürst sich auf solche
Art fürchten machen, daß er nicht verhaßt werde; denn es kann recht gut
mit einander bestehen, gefürchtet zu sein und nicht gehaßt. Hierzu ist
vornehmlich erforderlich, daß er sich der Eingriffe in das Vermögen seiner
Bürger und Unterthanen, und ihrer Weiber enthalte. Ist es ja nothwendig,
einem das Leben zu nehmen, so geschehe es so, daß die gerechte Ursache am
Tage liege. Vor allen Dingen aber enthalte er sich, das Vermögen der
Unterthanen anzutasten, denn die Menschen verschmerzen allenfalls noch
eher den Tod des Vaters, als den Verlust des Vermögens. Auch fehlt es
niemals an Veranlassungen, das Vermögen zu nehmen. Wer einmal anfängt so
zu plündern, findet immer Ursachen, den Nächsten ebenfalls anzugreifen:
die Veranlassungen zum Blutvergießen sind seltner, und es fehlt leichter
daran. Hat der Fürst aber ein großes Heer beisammen, so darf er den Ruf
der Grausamkeit nicht fürchten; denn ein Kriegsheer kann ohne das nicht
wohl beisammen und in Gehorsam erhalten werden. Unter die
bewunderungswürdigen Thaten des Hannibal wird vorzüglich gezählt, daß er
ein großes, aus unendlicher Mannichfaltigkeit von Menschengeschlechtern
zusammengesetztes Heer in fremde Länder geführt, ohne daß jemals ein
Aufstand oder Zwistigkeit unter ihnen entstanden wäre, und zwar so wenig
im Unglücke als im Glücke. Dies kann nur von seiner unmenschlichen
Grausamkeit herrühren, die ihn in Verbindung mit seinen unendlichen großen
Eigenschaften ehrwürdig und furchtbar machte, was ja durch die übrigen
allein nicht geschehen wäre. Unüberlegte Schriftsteller bewundern seine
Handlungen und tadeln auf der andern Seite die Ursachen derselben. Daß dem
wirklich also gewesen, beweist das Beispiel des Scipio, der ein in seinen
und in allen Zeiten so seltnes Beispiel aller Tugenden gab, und dessen
Kriegsheer in Spanien dennoch rebellirte; was keine andre Ursache gehabt
hat, als seine Milde, die den Soldaten mehr Freiheit zugestand, als mit
der militärischen Zucht vereinbar ist. Fabius Maximus warf ihm dies im
Senate vor und nannte ihn deswegen den Verderber der römischen
Kriegszucht. Als einer seiner Unterbefehlshaber die Locrenser vernichtete,
machte er diesem keinen Vorwurf darüber, und strafte ihn nicht: auch
dieses rührte von seiner allzunachsichtigen Gemüthsart her. So daß Jemand
im Senate ihn damit entschuldigte, es gebe Menschen, die besser wüßten,
selbst nie zu fehlen, als die Fehler Andrer zu bestrafen. Diese
Gemüthsbeschaffenheit würde am Ende den Ruhm des Scipio befleckt haben,
wenn er hätte fortfahren sollen, den Befehlshaber zu machen. Da er aber
unter der Regierung eines Senates lebte, so verschwand der Fehler nicht
nur, sondern gereichte ihm noch zum Ruhme. Ich komme zum Beschlusse auf
meine Behauptung zurück und fasse sie also: da die Liebe der Menschen von
ihrer Neigung, ihre Furcht aber vom Betragen des Fürsten abhängt, so muß
der weise Fürst es nicht auf die Neigungen Andrer ankommen lassen, sondern
auf das achten, was von ihm abhängt; nur muß er vermeiden, sich verhaßt zu
machen.



             18. In wie fern ein Fürst sein Wort halten muß.


Jedermann weiß, wie lobenswürdig es ist, wenn ein Fürst sein Wort hält und
rechtschaffen lebt, nicht mit List. Dennoch sieht man aus der Erfahrung
unsrer Tage, daß diejenigen Fürsten, welche sich aus Treu und Glauben
wenig gemacht haben, und mit List die Gemüther der Menschen zu bethören
verstanden, große Dinge ausgerichtet, und am Ende diejenigen, welche
redlich handelten, überwunden haben. Wisset also, daß es zwei Arten gibt,
zu kämpfen: eine durch die Gesetze, die andre durch Gewalt – das Erste ist
die Sitte der Menschen; das Zweite die Weise der Thiere. Oft aber reicht
das Erste nicht zu, und so muß zu der zweiten Manier gegriffen werden.
Einem Fürsten ist daher nöthig, den Menschen und das reißende Thier
spielen zu können. Diese Lehre wird von den Alten dadurch angedeutet, daß
sie berichten, wie Achilles und viele andre Helden vom Centauren Chiron
aufgezogen und unterwiesen worden. Einen solchen Lehrer haben, halb
Mensch, halb Thier, heißt nichts Anderes, als daß ein Fürst beide Naturen,
die menschliche und die thierische, gut zu gebrauchen wissen soll, weil
eine ohne die andre nicht lange besteht.(18) Weil es denn nothwendig ist,
daß der Fürst sich darauf verstehe, die Bestie zu spielen, so muß er
Beides davon nehmen, den Fuchs und den Löwen; denn der Löwe entgeht den
Schlingen nicht, und der Fuchs kann sich gegen den Wolf nicht wehren. Die
Fuchsgestalt ist also nöthig, um die Schlingen kennen zu lernen, und die
Löwenmaske, um die Wölfe zu verjagen. Diejenigen, welche sich allein
darauf legen, den Löwen zu spielen, verstehen es nicht. Ein kluger Fürst
kann und darf daher sein Wort nicht halten, wenn die Beobachtung desselben
sich gegen ihn selbst kehren würde, und die Ursachen, die ihn bewogen
haben es zu geben, aufhören. Wenn die Menschen insgesammt gut wären, so
würde dieser Rath nichts werth sein. Da sie aber nicht viel taugen und ihr
Wort gegen dich nicht halten, so hast du es ihnen auch nicht zu halten:
und einem Fürsten kann es nie an Vorwand fehlen, es zu beschönigen, wenn
er es bricht. Hiervon könnte man viele neue Beispiele anführen und zeigen,
wie viele Friedensschlüsse, wie viele Versprechungen durch die Untreue der
Fürsten vereitelt sind, und daß derjenige, der den Fuchs am besten zu
spielen gewußt hat, auch am weitesten kommt. Aber es ist nothwendig, sich
darauf zu verstehen, wie diese Eigenschaft beschönigt wird, stark in der
Kunst zu sein, sich zu verstecken und zu verlarven. Die Menschen sind so
einfältig und hängen so sehr von dem Drucke des Augenblicks ab, daß
derjenige, der sie hintergehen will, allemal Jemand findet, der sich
betrügen läßt. Ein einziges neues Beispiel will ich anführen. Papst
Alexander der Sechste that gar nichts Anderes als betrügen, dachte an
nichts Anderes und fand immer Leute, die sich anführen ließen. Niemals hat
Jemand eine größere Fertigkeit gehabt, zu versichern und mit großen
Schwüren zu betheuern, und weniger zu halten. Dennoch gelangen ihm seine
Anschläge, Hinterlisten nach Wunsch, weil er die Welt von dieser Seite gut
kannte. Ein Fürst muß also nicht die vorhin beschriebenen Tugenden haben,
wol aber das Ansehn davon. Ich wage es zu behaupten, daß es sehr
nachtheilig ist, stets redlich zu sein: aber fromm, treu, menschlich,
gottesfürchtig, redlich zu scheinen ist sehr nützlich. Man muß sein Gemüth
so bilden, daß man, wenn es nothwendig ist, auch das Gegentheil davon
vorbringen könne. Ein Fürst, und absonderlich ein neuer Fürst, kann nicht
immer alles das beobachten, was bei andern Menschen für gut gilt; er muß
oft, um seinen Platz zu behaupten, Treue, Menschenliebe, Menschlichkeit
und Religion verletzen. Er muß also ein Gemüth besitzen, das geschickt
ist, sich so, wie es die Winde und abwechselnden Glücksfälle fordern, zu
wenden, und zwar nicht eben den geraden Weg allemal verlassen, so oft es
Gelegenheit dazu gibt; wol aber den krummen Weg betreten, wenn es sein
muß. Ein Fürst muß sich daher wohl hüten, daß nie ein Wort aus seinem
Munde gehe, das nicht von obgedachten fünf Tugenden zeugt. Alles, was von
ihm herkommt, muß Mitleid, Treue, Menschlichkeit, Redlichkeit, Frömmigkeit
athmen. Nichts aber ist nothwendiger, als der Schein der letztgenannten
Tugend. Denn die Menschen urtheilen im Ganzen mehr nach den Augen, als
nach dem Gefühle. Die Augen hat Jeder offen; Wenige haben richtiges
Gefühl. Jeder sieht, was du zu sein scheinst; Wenige merken, wie du
beschaffen bist, und diese Wenigen wagen es nicht, der Stimme des großen
Haufens zu widersprechen, dem der Glanz großer Würde immer für einen Grund
der Bewunderung gilt. Bei den Handlungen der Menschen, absonderlich der
Fürsten, welche keinen Gerichtshof über sich anerkennen, wird immer auf
den Endzweck gesehen. Der Fürst suche also nur sein Leben und seine Gewalt
zu sichern: die Mittel werden immer für ehrenvoll gelten und von Jedermann
gelobt werden, denn der große Haufe hält es stets mit dem Scheine und mit
dem Ausgange. Die ganze Welt ist voll von Pöbel, und die wenigen Klügern
kommen nur zu Worte, wenn es dem großen Haufen, der in sich selbst keine
Kraft hat, an einer Stütze fehlt. Ein Fürst unsrer Zeit, den ich besser
nicht nenne,(19) predigt nichts als Frieden und Treue, und wäre doch um
seine Herrschaft gekommen, wenn er sie selbst beobachtet hätte.



                19. Verachtung und Haß sind zu vermeiden.


Nachdem ich von den wichtigsten der aufgezählten Eigenschaften ausführlich
gehandelt, so will ich die übrigen hier in die allgemeine Lehre
zusammenfassen, daß der Fürst (so wie zum Theil im Einzelnen schon gesagt
ist) Alles vermeiden muß, was ihn gehässig oder verächtlich machen kann;
und so oft er dies vermeidet, wird er das Seinige gethan haben, und alle
übrige üble Nachrede kann ihm keine Gefahr bringen. Verhaßt macht ihn vor
allem Andern (wie bereits erwähnt worden), wenn er räuberisch ist, und das
Vermögen und die Weiber seiner Unterthanen angreift, deren er sich
enthalten sollte. So lange der Menschen Vermögen und Ehre nicht angetastet
wird, so lange leben sie zufrieden, und es ist nur der Ehrgeiz einiger
Wenigen zu bekämpfen, welche auf mancherlei Art leicht im Zaume zu halten
sind. Verächtlich wird derjenige, der für wankelmüthig, leichtsinnig,
weibisch, kleinmüthig, unentschlossen gilt: dieses muß ein Fürst
vermeiden, wie eine Klippe; und sich bemühen, in seinen Handlungen eine
gewisse Größe, Muth, Ernst und Stärke zu zeigen. In allen Verhandlungen
mit den Unterthanen muß er von sich die Meinung zu erregen suchen, daß
seine Entschlüsse unwiderruflich seien: und sich in solcher Achtung
erhalten, daß Niemand es wage, ihn zu hintergehen oder zu bestricken. Der
Fürst, der in diesem Ansehn steht, hat Ruf genug, und gegen ihn wird
schwerlich eine Verschwörung angezettelt. Es greift ihn nicht leicht
Jemand an, sobald man weiß, daß er große Eigenschaften hat und von den
Seinigen geachtet wird. Ein Fürst hat nur zwei Dinge zu fürchten: eines im
Innern von den Unterthanen; das andre von Außen von fremden Mächten. Gegen
diese wehrt man sich mit guter Kriegsmacht, und wer die hat, dem kann es
nie an Freunden fehlen: im Innern wird er stets Ruhe erhalten, so lange
von Außen Alles sicher ist, es wäre denn, daß eine Verschwörung entstände;
und wird er von Außen angegriffen, hat aber Alles angeordnet und so
gehandelt, wie ich gesagt habe, so wird er, bleibt er sich selbst nur
getreu, alle Anfälle abwehren, so wie Nabis der Spartaner. Aber von den
Unterthanen ist auch bei äußerer Ruhe eine Verschwörung zu fürchten, gegen
welche der Fürst sich sichert, wenn er Haß und Verachtung vermeidet und
das Volk zufrieden stellt. Dies ist aber nothwendig, wie gezeigt worden.
Eines der kräftigsten Mittel gegen Verschwörungen ist es, allgemeinen Haß
und Verachtung des Volks zu vermeiden; denn wer Verschwörungen anzettelt,
glaubt immer, durch den Tod des Fürsten das Volk zufrieden zu stellen. Wer
hingegen weiß, daß er dieses dadurch beleidigen wird, wagt es nicht,
solche Dinge zu unternehmen: denn die Schwierigkeiten sind unendlich auf
Seiten der Verschwornen. Die Erfahrung zeigt, daß viele Verschwörungen
gemacht, wenige aber gelungen sind; denn wer sie unternimmt, kann allein
nichts ausrichten; Hilfe kann er nur bei denen suchen, die er für
unzufrieden hält. Sobald du aber einem Mißvergnügten deine Absichten
entdeckt hast, so gibst du ihm das Mittel, seine eignen Wünsche zu
befriedigen, denn er mag von der Verrätherei des Anschlags allen Vortheil
hoffen. Wenn er sichern Gewinn von dieser Seite sieht, und von der andern
Ungewißheit und Gefahr, so muß er eine seltne Treue der Freundschaft gegen
seinen Mitgenossen, oder eingewurzelten Haß gegen den Fürsten haben, wenn
er dir Wort halten soll. Kurz, auf Seiten der Verschwornen ist nichts als
Furcht, Eifersucht, Argwohn, welche Alles lähmen; auf Seiten des Fürsten
ist das Ansehn der fürstlichen Würde, die Gesetze, Schutz der Freunde und
der öffentlichen Gewalt, so daß, wenn hier noch die Zuneigung des Volks
hinzukommt, es unmöglich ist, daß Jemand so tollkühn sei, eine
Verschwörung anzufangen. Gewöhnlich haben die Verschwornen vor der
Ausführung ihres Anschlags Uebles zu fürchten: nach derselben müssen sie
auch noch alsdann, wenn Alles gelingt, das Volk fürchten, und es bleibt
ihnen daher keine Zuflucht. Ich könnte unzählige Beispiele davon anführen;
es ist aber mit Einem genug, welches sich zur Gedenkzeit unsrer Väter
ereignet hat. Annibal Bentivoglio, Fürst von Bologna und Großvater des
jetztlebenden Herrn Annibal, ward von der Partei der Canni in einer
Verschwörung ums Leben gebracht. Er hinterließ ein einziges Kind in den
Windeln, den Giovanni. Gleich nach dem Morde stand das Volk auf und
brachte die ganze Partei der Verschwornen um. Das war die Wirkung der
Zuneigung des Volks von Bologna gegen die Familie Bentivoglio, welche
damals so groß war, daß die Bologneser, in Ermangelung eines Andern von
der Familie, der nach Annibals Tode den Staat hätte regieren können, nach
Florenz kamen, wo ein Sprößling des Hauses Bentivoglio sich aufhielt, der
aber für den Sohn eines Schmieds galt, um diesem die Regierung zu
übertragen, die er auch wirklich geführt hat, bis Herr Giovanni das
hinreichende Alter erreicht hatte.(20) Ich schließe also, daß ein Fürst
Verschwörungen wenig zu fürchten hat, so lange ihm das Volk gewogen ist.
Wenn er demselben aber verhaßt ist, so muß er Alles und jeden Menschen
fürchten. Wohlgeordnete Staaten und weise Fürsten haben daher immer mit
der größten Sorgfalt zu vermeiden gesucht, daß die Großen nicht in
Verzweigung fallen, das Volk aber zufrieden bleibe; denn dieses ist eine
der wichtigsten Sorgen des Regenten. Unter den wohlgeordneten und
regierten Reichen unsrer Zeit ist Frankreich zu nennen, wo sich unzählige
gute Anstalten finden, von denen die Sicherheit und Freiheit des Königs
abhängt. Unter diesen ist die erste das Parlament und sein Ansehn. Wer
dieses gegründet hat, kannte den Uebermuth der Großen und ihre
Dreistigkeit: er sah die Nothwendigkeit, ihnen einen Zaum anzulegen. Auf
der andern Seite kannte er den Haß des Volks gegen die Großen, der von der
Furcht herrührt. Um dasselbe sicher zu stellen, dem Könige aber die üblen
Folgen abzunehmen, die von den Großen zu besorgen waren, wenn er das Volk
begünstigte, und von dem Volke, sobald er die Großen begünstigte, so
ordnete er einen dritten Richter an, der ohne Beschwerde des Königs die
Großen niederhalten und das Volk schützen konnte. Es ließ sich keine
bessere Ordnung für die Sicherheit des Reichs und des Königs ausdenken.
Hieraus ist noch eine Lehre zu ziehen: daß die Fürsten alle harten
Maßregeln durch Andre ausführen lassen, Gnadensachen aber für sich selbst
behalten müssen. Ferner schließe ich, daß ein Fürst den Großen mit Achtung
begegnen solle, jedoch ohne das Volk zum Hasse zu reizen. Es mag
vielleicht Manchem scheinen, daß das Beispiel der römischen Kaiser diesem
widerspreche, da doch mehrere, die vortrefflich regiert und vorzügliche
Kraft des Geistes gezeigt hatten, durch Verschwörungen den Thron oder gar
das Leben verloren haben. Diesem Einwurfe zu begegnen, will ich den
Charakter einiger Imperatoren durchgehen, und die Ursachen ihres Falles
anzeigen, welche demjenigen nicht widersprechen, was ich oben gesagt habe.
Dabei werde ich zum Theil erinnern, was dem, der die Geschichte jener Zeit
liest, bemerkenswerth sein muß. Es ist für mich hinreichend, die
Imperatoren, welche vom Marcus Antoninus an bis auf Maximinus regiert
haben, durchzugehen. Marcus, sein Sohn Commodus, Pertinax, Julianus,
Severus, Antoninus Caracalla, Sohn des Vorigen, Macrinus, Heliogabalus,
Alexander und Maximinus. Zuerst ist zu bemerken, daß, wenn in andern
Reichen nur der Ehrgeiz der Großen und die Zügellosigkeit des Volks zu
bekämpfen ist, die römischen Imperatoren noch eine dritte Schwierigkeit
vor sich fanden, welche in der Habsucht und der Wildheit der Kriegsmacht
bestand. Diese Sache hat solche Schwierigkeit, daß sie Ursache des
Unterganges einiger Kaiser wurde; weil es schwer ist, die Soldaten
zufrieden zu stellen und das Volk zugleich mit: denn das Volk wünscht Ruhe
und liebt deswegen die Fürsten von gemäßigter Denkungsart: die Soldaten
aber lieben kriegerische, übermüthige, grausame, raubsüchtige Fürsten. Sie
verlangten Personen von solcher Gemüthsart zu Imperatoren, um doppelten
Sold zu erhalten und ihren Geiz und grausame Gemüthsart zu befriedigen.
Daher mußten alle Imperatoren, die nicht von Natur oder durch ihre
Bestrebungen sich ein Ansehn zu verschaffen wußten, welches Alles Jene im
Zaume zu halten vermochte, zu Grunde gehen. Die meisten von ihnen,
insbesondere die aus dem Privatstande waren, bemühten sich, wenn sie diese
Schwierigkeiten fühlten, nur die Soldaten zufrieden zu stellen, und
achteten wenig auf die Bedrückung des Volks. Dies war nothwendig. Denn
wenn Fürsten es nicht vermeiden können, den Haß des einen oder andern
Theils auf sich zu laden, so müssen sie doch alle Sorgfalt anwenden, daß
es nicht von beiden zugleich geschehe. Ist es einmal unvermeidlich, von
einer Partei gehaßt zu werden, so sei es doch wenigstens nicht von der
mächtigsten. Die Imperatoren, welche zur neuen Herrschaft aufstiegen, und
desfalls außerordentlicher Gunst bedurften, machten sich daher lieber
einen Anhang unter den Soldaten als im Volke, welches ihnen aber doch nur
in so fern etwas nützte, als sie ihr Ansehn bei den Letztern zu erhalten
vermochten. Aus diesen Ursachen nahmen diejenigen, welche von milder
Gemüthsart, Gerechtigkeit liebend, der Grausamkeit abgeneigt,
menschenfreundlich und leutselig waren, nämlich Marcus, Pertinax und
Alexander, den einzigen Marcus ausgenommen, ein gewaltsames Ende. Marcus
allein lebte und starb geehrt, weil er durch Erbrecht den Thron bestiegen
hatte, und ihn weder den Soldaten noch dem Volke verdankte. Außerdem war
er durch so viele Tugenden ehrwürdig, wußte beide Stände während seiner
ganzen Regierung in ihren Grenzen zu halten und machte sich nie verhaßt
oder verächtlich. Pertinax aber ward gegen den Willen der Soldaten
gewählt, welche unter dem Commodus an Zügellosigkeit gewöhnt, das
ordentliche Leben, welches Pertinax einführen wollte, unerträglich fanden.
Dies erzeugte Haß. Dazu kam Geringschätzung wegen seines Alters, und so
ging er, gleich nachdem er die Regierung angetreten, zu Grunde. Es ist
bemerkenswerth daß Haß durch gute Handlungen sowol als durch schlechte
erregt werden kann. Ein Fürst, der sich auf dem Throne erhalten will, darf
daher oft, wie ich bereits gesagt habe, nicht gut handeln, denn wenn die
Masse seines Volks oder Kriegsheers, oder die Großen seines Reiches, deren
er bedarf, um sich zu halten, verdorben sind, so muß er wol ihrem Sinne
folgen und sie zufrieden stellen, wozu die rechtschaffenste Handlungen oft
schädlich sind. Auf den Alexander zu kommen: dieser war so gütig gesinnt,
daß man unter anderm Lobe, das ihm ertheilt wird, bemerkt, er habe in
einer vierzehnjährigen Regierung keinen Menschen, ohne daß er verurtheilt
worden, tödten lassen. Dennoch fiel er in Geringschätzung, weil er für
weibisch galt, und es hieß, er ließe sich von seiner Mutter regieren. Es
entstand eine Verschwörung der Soldaten gegen ihn, durch welche er um das
Leben kam. Nunmehr wollen wir die entgegengesetzten Charaktere des
Commodus, Severus, Antoninus Caracalla und Maximinus betrachten. Wir
finden sie höchst raubsüchtig und grausam. Um die Soldaten zu befriedigen,
enthielten sie sich keiner Art von Mißhandlung des Volks. Dennoch kamen
sie, mit alleiniger Ausnahme des Severus, gewaltsamer Weise ums Leben.
Severus hatte ein so tapferes Gemüth, daß er die Herrschaft dadurch
glücklich zu behaupten vermochte, daß er die Soldaten zu Freunden behielt,
obwol er das Volk sehr drückte: denn seine großen Eigenschaften machten
ihn den Soldaten und dem Volke so ehrwürdig, daß dieses erstaunt und
demüthig, jene aber voll Verehrung und befriedigt waren. Da die Handlungen
dieses zur Herrschaft emporgestiegenen Regenten ganz ausgezeichnet gewesen
sind, so will ich kurz zeigen, wie er den Fuchs und den Löwen zu spielen
verstand, was ich vom Fürsten verlangt habe. Da Severus die Feigheit des
Kaisers Julianus erkannte, überredete er das Heer, welchem er in Slavonien
vorgesetzt war, nach Rom zu gehen, um den Tod des Pertinax zu rächen, den
die Leibwache getödtet hatte. Unter diesem Vorwande setzte er sich in
Bewegung, ohne seine Absichten auf den Thron merken zu lassen, und langte
in Italien an, ehe man seine Abreise wußte. Gleich nach seiner Ankunft in
Rom erwählte ihn der Senat aus Furcht, und Julianus ward getödtet. Noch
blieben dem Severus zwei Schwierigkeiten: die eine in Asien, wo Niger sich
hatte ausrufen lassen, die andre im Occidente, wo Albinus nach der Würde
des Imperators strebte. Er hielt es für gefährlich, sich zugleich gegen
Beide zu erklären, und beschloß daher, den Niger anzugreifen, den Albinus
aber zu hintergehen. Diesem schrieb er, er sei vom Senate erwählt, wolle
die Würde mit ihm theilen, gab ihm den Titel Cäsar und ließ ihn durch den
Senat zu seinem Collegen erwählen. Albinus nahm dieses für Ernst. Als
Severus aber den Niger besiegt und den Orient beruhigt hatte, kehrte er
nach Rom zurück und beschwerte sich im Senate über den Undank des Albinus,
der ihn verrätherischer Weise nach dem Leben getrachtet habe, und den er
wegen seiner Undankbarkeit züchtigen müsse. Er suchte ihn hierauf in
Frankreich auf und nahm ihm Würde und Leben. Wer diese Geschichte
aufmerksam erwägt, wird den muthigsten Löwen und den schlauesten Fuchs
erkennen: wird sehen, wie er von Allen gefürchtet und geehrt ward und beim
Kriegsheere nicht verhaßt war. Man darf sich nicht wundern, daß dieser
neue Fürst die Herrschaft zu behaupten gewußt, da er sich durch seinen
großen Ruf beständig gegen den Haß zu wehren wußte, den seine Neuerungen
beim Volke hätten erzeugen können. Sein Sohn Antoninus hatte ebenfalls
ausgezeichnete Eigenschaften, und ward deswegen vom Volke bewundert, bei
den Soldaten aber beliebt, weil er kriegerisch war, alle Strapazen nicht
achtete und köstliche Speisen so wie alle andern Wollüste verachtete,
welches ihm die Zuneigung aller Armeen erwarb. Aber seine Wildheit und
Grausamkeit war so unerhört, daß er bei verschiednen Gelegenheiten einen
großen Theil des Volks von Rom und alle Bewohner von Alexandrien tödtete.
Dadurch ward er der ganzen Welt verhaßt, und flößte auch denen, die um ihn
waren, Furcht ein, so daß ein Centurio ihn mitten in seiner Armee
umbrachte. Hierbei ist zu bemerken, daß die Fürsten solchen gewaltsamen
Tod durch die Hand eines entschlossenen Mannes gar nicht vermeiden können.
Denn es kann Jeder die That vollbringen, der nur sein eignes Leben nicht
achtet. Doch hat der Fürst sie eben nicht zu fürchten, weil solche
Handlungen äußerst selten sind. Er muß sich nur hüten, diejenigen, die um
ihn sind, und deren er sich in Regierungsgeschäften bedient, nicht
gröblich zu beleidigen, wie Antoninus that, der einen Bruder des Centurio
hatte tödten lassen, und ihm selbst täglich drohte, trotzdem aber die
Leibwache anvertraute. Das war tollkühn und mußte ein schlechtes Ende
nehmen, wie es auch in Wahrheit geschehen ist. Wir kommen zum Commodus,
der die Herrschaft gar leicht hätte behalten können, die er als Sohn des
Marcus geerbt hatte. Er durfte nur in die Fußtapfen seines Vaters treten,
so hätte er Volk und Soldaten Genüge gethan. Da er aber ein grausames und
thierisches Gemüth hatte, veranlaßte er selbst in der Armee allerlei
Complotte, und ließ sie zügellos werden, um seine Raubgier zu befriedigen
und das Volk auszuplündern. Auf der andern Seite behauptete er seine Würde
schlecht, indem er oft ins Theater herabstieg, um mit Gladiatoren zu
kämpfen, und andre Dinge vornahm, die der kaiserlichen Würde schlecht
anstanden; er ward also bei den Soldaten verächtlich. Auf einer Seite
gehaßt, auf der andern verachtet, fiel er als Opfer einer Verschwörung.
Endlich vom Maximinus. Dieser war höchst kriegerisch, und da die Armee
einen Widerwillen gegen das weibische Wesen des Alexander bekommen, von
dem ich oben geredet habe, tödteten sie diesen und wählten jenen zum
Kaiser, welcher er jedoch nicht lange blieb. Zwei Dinge machten ihn
verhaßt und verachtet. Das eine seine niedrige Herkunft, da er in Thracien
das Vieh gehütet hatte (welches allgemein bekannt war, und ihn in allen
Augen herabsetzte); das andre, daß er im Anfange seiner Herrschaft
verschob, nach Rom zu gehen und Besitz von der kaiserlichen Würde zu
nehmen; daneben in üblen Ruf gerieth, weil er durch seine Statthalter in
Rom und anderen Orten viele Grausamkeiten verüben lassen. Da mithin die
ganze Welt voll Unwillen über seine niedrige Herkunft, und andrerseits
voll Haß und Furcht wegen seines wilden Gemüths war, so verschwor sich der
Senat, ganz Rom und endlich ganz Italien gegen ihn. Hierzu kam sein eignes
Heer, welches im Lager vor Aquileja Schwierigkeiten bei der Belagerung
fand, seiner Grausamkeit überdrüssig ward, und da es sah, daß ihn die
ganze Welt haßte, ihn umbrachte. Ich will weder vom Heliogabalus, noch vom
Macrinus, noch Julianus reden, welche so niedrige Geschöpfe waren, daß sie
sofort zu Grunde gingen: sondern ich komme zum Schlusse und sage, daß die
Fürsten unsrer Zeit sich weniger in jener Verlegenheit befänden, auf
außerordentliche Mittel denken zu müssen, um die Soldaten zu befriedigen.
Wenngleich auf diese Rücksicht genommen werden muß, so hat es doch damit
so viel nicht zu bedeuten; denn die heutigen Fürsten haben keine Heere
beisammen, die mit der Regierung und Verwaltung der Provinzen so verwebt
wären, als die römischen. War es damals nöthiger, das Kriegsheer zu
befriedigen, als das Volk, weil jenes mächtiger war, als dieses; so ist es
gegenwärtig für alle Fürsten (mit Ausnahme der Sultane von Konstantinopel
und Egypten) notwendiger, das Volk zufrieden zu stellen, weil selbiges
heutigen Tages mehr vermag, als die Soldaten. Ich nehme den türkischen
Kaiser aus, der ungefähr zwölftausend Mann zu Fuß und fünfzehntausend zu
Pferde hält, von denen die Sicherheit und Stärke seines Reiches abhängt,
und die er daher nothwendig ohne alle Rücksicht auf die andern Unterthanen
zu Freunden behalten muß. Eben so ist es mit dem Sultan von Egypten, der
ganz in den Händen seiner Soldaten ist, und diese daher zu Freunden
behalten muß, es koste was es wolle. Es ist dabei zu bemerken, daß dieser
Sultan von allen andern Fürsten verschieden ist, und Aehnlichkeit mit dem
Papste hat, der weder Erbfürst ist, noch für einen neuen Fürsten gelten
kann; denn es werden jedesmal nicht die Söhne des verstorbenen Regenten
Erben und Nachfolger, sondern der Fürst wird von denen gewählt, die dazu
befugt sind. Da diese Ordnung der Dinge alt ist, so kann es nicht für eine
neue Herrschaft gelten, indem keine von den Schwierigkeiten vorhanden
sind, die ein neuerrichtetes Fürstentum drücken. Wenngleich der Fürst aus
dem Privatstande zu der Würde erhoben wird, so sind doch die Anordnungen
alt, und Alles ist darauf eingerichtet, ihn als einen Erbfürsten zu
empfangen. Auf meine Behauptung zurückzukommen, so wird Jeder, der die
obige Erzählung erwägt, einsehen, daß Haß und Verachtung die Ursachen des
Unterganges jener Imperatoren gewesen. Es wird dadurch begreiflich, wie es
zugegangen ist, daß, da einige auf diese, andre auf entgegengesetzte Weise
handelten, dennoch einige von jenen und einige von diesen ein glückliches,
andre ein unglückliches Ende genommen. Dem Pertinax und Alexander half es
nichts, dem Marcus nachzuahmen, weil sie sich auf den Thron geschwungen
hatten, dieser aber ein Erbfürst war; dem Caracalla, Commodus und
Maximinus war es sehr nachtheilig, es so zu machen wie Severus, weil es
ihnen an den erforderlichen Tugenden fehlte, in seine Fußtapfen zu treten.
Ein neuer Fürst kann dem Marcus nicht nachahmen und braucht nicht dem
Severus zu folgen: sondern er muß vom Severus annehmen, was nöthig ist,
seine Herrschaft zu gründen; vom Marcus aber das, was ruhmwürdig und
nützlich ist, einen bereits festgegründeten Staat zu erhalten.



20. Ob Festungen und andere Sicherheitsanstalten den Fürsten nützlich oder
                             schädlich sind?


Einige Fürsten haben ihre Unterthanen entwaffnet, um ihre Herrschaft
sicher zu stellen, andre haben es darauf angelegt, daß die Parteien in den
ihnen unterworfenen Städten fortdauern sollten, andre haben Feindschaften
gegen sich selbst unterhalten, andre haben sich bemüht, diejenigen, welche
ihnen zu Anfang verdächtig waren, zu gewinnen; einige haben Festungen
erbaut, andre haben sie niedergerissen und zerstört. Obgleich über alle
diese Dinge kein allgemeines Urtheil stattfindet, sondern es auf die
besondern Umstände des Staates ankommt, in welchem eine Entschließung zu
fassen ist, so will ich doch im Allgemeinen so viel davon reden, als die
Natur der Sache verstattet. Es ist einem neuen Fürsten niemals zuträglich
gewesen, seine Unterthanen zu entwaffnen. Vielmehr hat ein solcher sie
allemal mit Nutzen bewaffnet, wenn er sie unbewaffnet fand: denn wenn er
sie bewaffnet, so werden diese Waffen Sein, Verdächtige werden treu, die
Getreuen können sich erhalten, und die Unterthanen werden Anhänger ihres
Herrn. Da es aber unmöglich ist, alle Unterthanen zu bewaffnen, so sind
diejenigen, welche dazu ausersehen werden, mit gewissen Vorzügen
auszuzeichnen: mit den andern aber kann man ganz sicher nach Belieben
verfahren. Diese Verschiedenheit in der Behandlung sichert die Ergebenheit
derer, die hervorgezogen werden; die andern aber entschuldigen das
Verfahren, weil sie die Nothwendigkeit einsehen, diejenigen, welche mehr
Verpflichtung und Gefahr übernehmen, zu belohnen. Wer hingegen damit
anfängt, das Volk zu entwaffnen, beleidigt es, und zeigt Mißtrauen in
ihren Muth oder ihre Treue: solche Gesinnungen erregen beide Haß. Weil der
Fürst nicht ganz ohne Kriegsmannschaft sein kann, so muß er zu
Miethstruppen greifen, von deren Beschaffenheit oben gehandelt worden.
Wären diese aber auch tadellos, so kann man doch ihrer nicht genug
unterhalten, um sich gegen mächtige Feinde und verdächtige Unterthanen
zugleich zu vertheidigen. Neue Fürsten haben daher allemal, wie ich
bereits gesagt habe, in ihren neuerworbenen Ländern Kriegsmannschaft
eingeführt. Die Geschichte ist voll solcher Beispiele. Wenn aber ein Fürst
ein Land erwirbt, welches als ein neues Glied mit seinen Besitzungen im
alten Staatskörper vereinigt wird, so ist es nothwendig, diese Provinz zu
entwaffnen, mit alleiniger Ausnahme derjenigen, die sich bei der Eroberung
für ihn erklärt haben. Und auch diese ist es rathsam, mit der Zeit und bei
guter Gelegenheit schlaff und weichlich zu machen, und die Sachen so
einzurichten, daß alle Soldaten aus dem alten Lande seien. Unter unsern
Vorfahren pflegten die Weisesten zu sagen, die Herrschaft müsse über
Pistoja durch innere Uneinigkeit, über Pisa durch Festungswerke behauptet
werden. Sie unterhielten daher in jener untergebenen Stadt die innern
Zwistigkeiten, um sie sichrer zu beherrschen. Dieses mochte zu der Zeit
gut sein, als ein gewisses Gleichgewicht in Italien vorhanden war:
gegenwärtig aber scheint mir der Rathschlag nicht mehr tauglich. Ich
glaube vielmehr, daß aus angestifteten Uneinigkeiten niemals Gutes kommt:
vielmehr müssen Städte, die innerlich entzweit sind, bei Annäherung eines
Feindes bald fallen; denn der schwächste Theil wird sich immer an den
auswärtigen Feind hängen, der andre aber nicht im Stande sein, sich zu
behaupten. Diese Ursachen haben, wie es mir scheint, die Venezianer
bewogen, die Parteien der Guelfen und Ghibellinen in den ihnen
unterworfenen Städten zu unterhalten. Wenn sie es gleich nicht bis zum
Blutvergießen kommen ließen, so unterhielten sie doch diese Zwistigkeiten,
damit die Bürger beschäftigt und abgehalten würden, sich gegen sie
aufzulehnen. Dieses schlug aber nicht so aus, als beabsichtigt war; denn
sie waren nicht sobald bei Vaila geschlagen, so faßte eine der Parteien
Muth und stürzte die venezianische Herrschaft. Aehnliches Verfahren deutet
allemal die Schwäche des Fürsten an. Unter einer kräftigen Herrschaft
werden solche Uneinigkeiten nicht gestattet, weil sie nur im Frieden zu
etwas nützen können, indem sie dienen, die Unterthanen nach Gefallen zu
behandeln; entsteht aber Krieg, so tritt doch zu Tage, wie trüglich eine
solche Art zu regieren ist. Ohne Zweifel dient es zur Größe eines Fürsten,
Schwierigkeiten und Widerstand zu überwinden. Wenn das Schicksal einen
neuen Fürsten, der unstreitig eines guten Rufes mehr bedarf, als ein
Erbfürst, groß machen will, so erweckt es ihm Feinde und reizt dieselben
zu Unternehmungen gegen ihn, damit er sie zu Schanden mache, und auf der
Leiter, die ihm seine Feinde solchergestalt zutragen, noch höher steige.
Es haben daher Einige geurtheilt, daß ein weiser Fürst, wofern die
Gelegenheit sich darbietet, einige Feinde schlauer Weise anfeuern müsse,
um durch ihre Besiegung größer zu werden. Die Fürsten, und insbesondere
neue, haben mehr Treue bei denen gefunden, und mehr Nutzen von denen
gezogen, die ihnen im Anfang verdächtig waren, als bei denen, die sich
gleich anfangs zu ihnen schlugen. Pandolfo Petrucci, Fürst von Siena,
regierte seinen Staat mehr durch Jene, als durch die Andern. Aber es ist
nicht viel davon zu sagen, weil es allein auf die Umstände ankommt. Ich
will nur noch dieses Einzige anführen, daß diejenigen, welche einer
Herrschaft anfangs feind waren, wofern sie so beschaffen sind, daß sie
sich nicht ohne Unterstützung halten können, vom Fürsten leicht gewonnen
werden, und genöthigt sind, ihm treuere Dienste zu leisten; da sie
einsehen, daß sie etwas thun müssen, um die nachtheiligen ersten Eindrücke
auszulöschen. Der Fürst zieht also von ihnen größern Nutzen, als von
denen, welche sich in seinem Dienste ganz sicher halten und daher seine
Sache vernachlässigen. Da der Gegenstand es erfordert, darf ich nicht
verabsäumen, die Fürsten, die ein Land durch Hilfe ihrer Anhänger unter
den Einwohnern erobern, zu erinnern, daß sie wohl erwägen, welche Ursachen
jene bewogen haben, es mit ihnen zu halten. Ist dies nicht aus einer
natürlichen Zuneigung, sondern blos aus Mißvergnügen mit dem vorigen
Zustande der Dinge geschehen, so wird man sie mit aller Mühe schwerlich zu
Freunden behalten, weil es beinahe unmöglich ist, sie zufrieden zu
stellen. Wenn man alte und neue Geschichten erwägt, so wird man finden,
daß es leichter ist, diejenigen zu gewinnen, welche bei dem vorigen
Zustande der Dinge zufrieden, und deswegen dem neuen Herrn feind waren,
als diejenigen, welche unzufrieden waren und diesen deswegen begünstigten.

Die Fürsten pflegen wol zu ihrer Sicherheit Festungen anzulegen, welche
ihnen als Zaum und Gebiß ihrer Gegner dienen, und bei einem Ueberfalle
eine Zuflucht für den ersten Anlauf anbieten. Ich kann diese Weise nicht
mißbilligen, da es von Alters her so geschehen. Doch hat Herr Nicolo
Vitelli zu unsrer Zeit zu Città di Castello zwei Burgen niedergerissen, um
diesen Ort zu behaupten. Guid’Ubaldo, Herzog von Urbino, zerstörte nach
seiner Rückkunft in sein Land, aus welchem ihn Cäsar Borgia vertrieben
hatte, alle festen Plätze in demselben, weil er es auf diese Art leichter
zu behaupten dachte. Eben so machten es die Bentivogli nach ihrer Rückkehr
in Bologna. Festungen sind daher nach Umständen nützlich oder schädlich,
und wenn sie auf einer Seite helfen, so schaden sie auf der andern. Dies
beruht auf Folgendem: der Fürst, der mehr sein eignes Volk als Fremde zu
fürchten hat, muß Festungen anlegen; wer sich aber mehr vor fremden, als
vor seinen eignen Leuten fürchtet, unterlasse es. Dem Hause Sforza hat das
Castell von Mailand, welches Francesco Sforza erbaut hat, mehr Schaden
gethan, als irgend ein andrer Umstand. Die beste Festung ist, seinem Volke
nicht verhaßt zu sein; denn wen das Volk haßt, dem helfen Festungen nicht,
weil es nie an Fremden fehlt, die dem Volke zu Hilfe kommen, sobald es die
Waffen ergriffen hat. Zu unsern Zeiten hat man kein Beispiel gesehen, wo
sie einem Fürsten Nutzen gebracht hätten, außer der Gräfin von Forli;(21)
welche sich bei einem Volksaufstande nach dem Tode ihres Gemahls, des
Grafen Girolamo, dahinein rettete, bis Hilfe von Mailand kommen konnte und
sie wieder einsetzte: dabei verstatteten die damaligen Umstände den
Fremden nicht, dem aufrührerischen Volke zu Hilfe zu kommen. Nächstdem
aber, da Cäsar Borgia sie angriff, und das Volk sich mit Fremden gegen sie
verband, diente die Festung zu nichts. Allemal wäre es ihr mehr werth
gewesen, von ihrem Volke nicht gehaßt zu werden, als Festungen zu haben.
In Erwägung alles dessen will ich gern denjenigen loben, der Festungen
anlegt, und den, der keine anlegt; tadle aber denjenigen, der sich darauf
verläßt, und deswegen den Haß des Volkes nicht achtet.(22)



   21. Wie ein Fürst sich zu betragen hat, um großen Ruhm zu erwerben.


Nichts erwirbt einem Fürsten so viel Achtung, als große Unternehmungen und
glänzende Handlungen. Zu unsrer Zeit haben wir den Fernando, König von
Arragonien, gegenwärtigen König von Spanien. Derselbe kann gewissermaßen
für einen neuen Souverain gelten, weil er aus einem schwachen Fürsten,
durch den Ruhm seiner Thaten, zu dem ersten Monarchen der Christenheit
geworden. Wenn man seine Handlungen betrachtet, so findet man in allen
Größe: einige sind aber ganz außerordentlich. Zu Anfang seiner Regierung
griff er Granada an; diese Unternehmung ward der Grund seiner Größe.
Anfangs vollführte er sie ganz gemächlich und brauchte nicht zu besorgen,
darin gehindert zu werden; beschäftigte damit die castilischen Barone,
welche dadurch abgehalten wurden, auf Neuerungen zu Hause zu denken, und
erwarb selbst dadurch unvermerkt großes Ansehn über sie und Ruf. Er war
vermögend, seine Armee mit dem Gelde der Kirche und seines Volks zu
unterhalten, und legte durch diese langen Feldzüge einen guten Grund zu
der Kriegsmacht, welche ihm in der Folge zu so großer Ehre verhalf.
Außerdem aber übte er, um zu größeren Unternehmungen schreiten zu können,
unter beständigem Vorwande der Religion eine fromme Härte aus, durch
Vertreibung der Mauren. Ein schrecklicheres und seltneres Ereigniß gibt es
nicht. Unter gleichem Vorwande fiel er in Afrika ein, versuchte einen
Feldzug in Italien, griff endlich Frankreich an. So beschäftigte er sich
beständig mit großen Entwürfen, welche unaufhörlich seine Unterthanen in
der Erwartung ihres Ausganges und in Bewunderung erhielten. Diese seine
Handlungen entsprangen eine aus der andern, also, daß gar nicht dazwischen
zu kommen, und keine Zeit war, dagegen zu wirken. Ferner ist es einem
Fürsten sehr ersprießlich, in der innern Verwaltung auffallende Dinge zu
thun, so wie vom Herrn Bernhard von Mailand erzählt wird, als wenn
Gelegenheit entsteht, irgend Jemanden wegen außerordentlicher Dinge im
Guten oder im Bösen auf solche Art zu belohnen oder zu bestrafen, daß
davon viel geredet werde. Vor allen Dingen muß ein Fürst in jeder seiner
Handlungen den Ruf des Großen und Hervorstechenden suchen. Noch erweckt es
große Hochachtung gegen einen Fürsten, wenn er sich als einen ernstlichen
Freund oder Feind beweist: das ist, wenn er ohne alle Bedenklichkeit
entschiedene Partei nimmt; dies bringt stets mehr Ruhm, als neutral zu
bleiben. Denn wenn zwei mächtige Nachbarn in Streit gerathen, so hast du
von dem Sieger etwas zu befürchten, oder nicht. In beiden Fällen ist es
besser, hervorzutreten und ernstlich Theil zu nehmen: denn im ersten Falle
wird derjenige, der sich nicht bloßgeben wollte, allemal eine Beute des
Siegers, zur größten Zufriedenheit des Ueberwundenen, und es bleibt keine
andre Zuflucht mehr offen. Denn der Ueberwinder verlangt keine
verdächtigen Freunde, die in der Gefahr nicht beistehen. Der Besiegte
bietet demjenigen keine Zuflucht an, der in den Zeiten des Kampfes sich
geweigert hat, Theil zu nehmen. Antiochus hatte sich von den Aetoliern
bewegen lassen, nach Griechenland zu kommen, um die Römer zu bekämpfen. Er
schickte Gesandte an die Achäer, welche Freunde der Römer waren, um sie zu
bewegen, Zuschauer zu bleiben. Auf der andern Seite redeten ihnen die
Römer zu, die Waffen für sie zu ergreifen. Als dies in der Versammlung der
Achäer zur Berathung kam, so antwortete der römische Gesandte dem
Botschafter des Antiochus, der zur Neutralität mahnte, Folgendes: „Wenn es
Euch als der beste und nützlichste Ausweg empfohlen wird, neutral zu
bleiben, so bedenket, daß Euch nichts Nachtheiligeres angegeben werden
könnte; denn wenn Ihr am Kriege keinen Theil nehmet, so werdet Ihr ohne
Dank und ohne Ehre eine Beute des Siegers werden.“ Es wird immer so
kommen, daß derjenige, der mit dir nicht gut steht, dich ersuchen wird,
neutral zu bleiben; der Andre aber wird dich bitten, ihn zu schützen.
Unentschlossene Fürsten schlagen meistentheils diesen Weg der Neutralität
ein und gehen auch meistentheils darüber zu Grunde. Macht aber ein Fürst
ernstlich gemeine Sache mit einem Theile, und dieser trägt den Sieg davon,
so bleibt er freilich abhängig von demselben, jedoch sind die Fäden der
Dankbarkeit angeknüpft, und die Menschen sind nicht so verrätherisch, daß
sie die Undankbarkeit bis dahin treiben sollten, ihren Anhänger sogleich
zu unterdrücken. Auch ist der Sieg selten so vollständig, daß der Sieger
nicht allerlei Rücksichten nehmen müßte und vorzüglich auf die
Gerechtigkeit. Wenn aber der Theil, zu dem du dich geschlagen hast,
unterliegt, so steht er dir doch bei, und du hast einen Freund, mit dessen
Beihilfe du vielleicht wieder emporkommen kannst. Im zweiten Falle, da die
streitenden Parteien einander so gleich sind, daß vom Sieger nichts zu
fürchten ist, so ist es so viel klüger, Partei zu nehmen, weil sonst Einer
zu Grunde gerichtet wird, dem ein kluger Zuschauer vielmehr beistehen
würde; siegt er, so behältst du ihn in Händen, und es ist fast unmöglich,
daß derjenige, dem du beistehst, nicht den Sieg davontrage. Hier ist noch
bemerkenswerth, daß ein Fürst sich niemals mit einem Mächtigern verbinden
muß, um über einen Dritten herzufallen, außer im Falle der Noth. Denn wenn
er siegt, so bist du in seiner Gewalt: dies ist aber vor allen Dingen zu
vermeiden. Die Venezianer verbanden sich mit Frankreich gegen den Herzog
von Mailand; dies geschah unnöthiger Weise, und sie gingen darüber zu
Grunde. Wenn es aber unvermeidlich ist, so wie mit den Florentinern der
Fall war, als der Papst und die Spanier die Lombardei überzogen, alsdann
muß man freilich wol diesen Entschluß nehmen. Kein Staat glaube jemals mit
Sicherheit auf etwas zählen zu können, sondern rechne beständig auf die
Ungewißheit aller Dinge: denn die Welt ist so beschaffen, daß man allemal
einer Unbequemlichkeit entgeht, in eine andre aber hineingeräth. Die
Klugheit besteht darin, unter ihnen auszuwählen, und die geringste
auszusuchen. Ferner noch muß ein Fürst Liebe zu ausgezeichneten
Eigenschaften beweisen und vorzügliche Männer in jedem Fache ehren. Er muß
seine Bürger anfeuern, daß sie sich ernstlich in ihrem Gewerbe anstrengen,
sei es im Handel oder dem Ackerbau, oder anderm Gewerbe; daß sie nicht
fürchten, das, was sie erworben, zu genießen; ihre Besitzungen, aus Furcht
sie zu verlieren, vernachlässigen; aus Furcht vor neuen Steuern den Handel
liegen lassen. Vielmehr muß er Jeden dazu aufmuntern, und denjenigen, der
der Stadt oder dem Staate auf irgend eine Art förderlich ist, belohnen.
Sein Volk muß er zu den gehörigen Zeiten im Jahre mit Festlichkeiten und
Schauspielen beschäftigen, und da jede Stadt aus Zünften besteht, diese
ehren, ihren Zusammenkünften zu schicklichen Zeiten beiwohnen, sich
menschenfreundlich und freigebig beweisen, dabei aber seine Würde in allen
Dingen behaupten, welche niemals vernachlässigt werden darf.



                          22. Von den Ministern.


Die Wahl der Räthe ist keine der geringsten Angelegenheiten eines Fürsten
und fällt gut oder schlecht aus, nachdem er wohl überlegt oder nicht. Man
urtheilt zunächst über ihn und über seinen Verstand, nachdem die Personen
beschaffen sind, die ihn umgeben. Sind sie der Sache gewachsen und getreu,
so wird er immer für einen weisen Mann gelten, weil er sie für das
erkannte, was sie waren, und sie treu zu erhalten wußte. Ist das nicht, so
kann man über ihn kein günstiges Urtheil fällen, wenn er in dieser ersten
Angelegenheit Fehler begeht. Wer nur den Antonio von Venafro, den Minister
des Pandolfo Petrucci, Fürsten von Siena kannte, mußte diesen für einen
Mann von Verstand halten, weil er jenen zu seinem Minister erwählte. Es
gibt drei Arten von Köpfen. Die erste sieht Alles von selbst ein; die
zweite begreift es, wenn Andre die Sache darlegen; die dritte sieht nichts
ein, weder von selbst, noch durch die Bemühungen Andrer. Die ersten sind
die vorzüglichsten, die zweiten sind noch immer vortrefflich, die letzte
Art ist aber zu nichts nütze. Pandolfo gehörte nicht zu der ersten, wol
aber zu der zweiten Classe; denn wer nur den Verstand hat, Gutes und
Schlechtes, was Andre sagen und thun, zu unterscheiden, kann, wenn er
schon selbst keinen erfinderischen Geist besitzt, die Handlungsweise
seiner Minister beurtheilen, tüchtige erheben und andre züchtigen; kein
Minister kann ihn hintergehen, und er erhält sich. Minister zu
beurtheilen, dazu ist Folgendes ein untrügliches Mittel. Sieht man, daß
einer mehr an sich als an seinen Herrn denkt, und in allen seinen
Handlungen seinen persönlichen Vortheil vor Augen hat, der wird nie ein
guter Rathgeber sein, noch kann man ihm trauen. Denn wer einmal die
Angelegenheiten einer Regierung in Händen hat, muß nicht mehr an sich
denken, sondern an seinen Fürsten, und Alles in Beziehung auf diesen
betrachten. Auf der andern Seite muß der Fürst wieder an ihn denken, ihm
Ehre und Reichthum zuwenden, ihn sich verbinden, an der Ehre und der
Führung der Geschäfte Theil nehmen lassen, so daß er sehe, er könne ohne
den Fürsten nicht bestehen, und so viel Auszeichnung habe, daß er nicht
nach höherer strebe; des Reichthums so viel, daß er nicht noch mehr
begehre; und in so hohen Aemtern stehe, daß er jede Staatsveränderung
fürchten muß. Wenn Minister so beschaffen sind und von den Fürsten so
behandelt werden, dann können beide einander trauen; sonst aber wird es
sicher mit dem Einen oder Andern ein schlechtes Ende nehmen.



                     23. Schmeichler sind zu fliehen.


Ein Kapitel von größter Wichtigkeit kann ich nicht übergehen, da es einen
Fehler betrifft, den die Fürsten selten vermeiden, wenn sie nicht sehr
viel Verstand haben und nicht gut zu wählen wissen. Dies behandelt nämlich
die Schmeichler. Es gibt gar kein anderes Mittel, um sich gegen die
Schmeichelei zu sichern, als wenn man zeigt, daß man die Wahrheit hören
kann, ohne dadurch beleidigt zu werden: darf aber Jeder dir die Wahrheit
sagen, so verletzt er die Ehrfurcht. Ein kluger Fürst muß daher einen
dritten Weg einschlagen, gescheidte Leute auswählen, diesen allein
erlauben, ihm die Wahrheit zu sagen, aber doch nur über die Gegenstände,
darüber er sie befragt; er muß sie aber über Alles befragen, ihre Meinung
hören und dann selbst seine Entschließung fassen. Mit diesen Rathgebern
muß er sich so benehmen, daß Jeder sieht, er werde desto mehr Gehör
finden, je freimüthiger er spricht. Außer diesen aber muß er Niemand
hören, beschlossene Sachen nicht wieder besprechen und von gefaßten
Beschlüssen nicht zurückgehen. Wer es anders macht, wird entweder durch
die Schmeichler ins Verderben gestürzt, oder wird über der
Mannichfaltigkeit der Ansichten, über das öftere Wanken in seinen
Entschlüssen verächtlich. Ich will hiervon ein Beispiel aus der neuesten
Geschichte anführen. Pater Luca, ein Vertrauter Kaiser Maximilians, sagte
von diesem, er ziehe Niemanden zu Rathe und handle doch niemals nach
seinem eignen Sinne: welches daher rühre, daß er das Gegentheil von dem zu
thun pflege, was hier oben angegeben ist; der Kaiser sei nämlich ein
verschlossener Mann, eröffne Niemandem seine Gedanken und frage Niemanden
um seine Meinung. Aber wenn er anfängt, seine Entwürfe ins Werk zu
richten, und sie sich entwickeln, so finden sie auch Widerspruch bei
seinen Umgebungen; und da er selbst von nachgibigem Charakter sei, lasse
er sich leicht davon abbringen. Was er an einem Tage angefangen, vernichte
er am folgenden wieder. Man könne daher nie daraus klug werden, was er
vorhabe, und könne auf seine Beschlüsse nicht bauen. Ein Fürst muß sich
also beständig berathen: aber das, wenn Er es will, nicht wenn Andre
wollen; er muß Jedem den Muth nehmen, ihm ungefragt Rath zu ertheilen; er
muß aber häufig fragen und alsdann den freimüthigen Vortrag der Wahrheit
gern hören, und vielmehr noch zürnen, wenn Jemand sie ihm aus
Nebenursachen vorenthält. Es glauben wol Einige, daß manche Fürsten,
welche den Ruf großer Klugheit erworben haben, denselben nicht ihrem
eignen Verstande, sondern den guten Rathschlägen Andrer verdanken; aber
diese irren unstreitig: denn es ist eine ganz allgemeine Regel ohne
Ausnahme, daß ein Fürst, der selbst keinen Verstand hat, auch nicht guten
Rath annehmen kann, es sei denn, daß er zufälligerweise ganz und gar von
einem einzigen, und zwar von einem sehr gescheidten Manne regiert würde.
In diesem letzten Falle kann er wol gut geleitet werden; es dauert aber
nicht lange: denn ein solcher Rathgeber wird ihn bald selbst stürzen. Ein
Fürst, dem es an Weisheit fehlt und der Mehrere befragt, wird nie
übereinstimmende Rathschläge erhalten, und sie eben so wenig selbst in
Uebereinstimmung bringen. Jeder seiner Rathgeber wird immer auf seine
eigne Sache denken, und der Fürst wird sie weder kennen, noch in Ordnung
halten. Rathgeber, die es anders machen, sind nicht zu finden, denn die
Menschen sind ihrer Natur nach schlecht, wenn sie nicht durch Noth
gezwungen werden, gut zu handeln. Mit Einem Worte: Gute Rathschläge, sie
mögen herrühren von wem sie wollen, müssen von der Klugheit des Fürsten
veranlaßt werden. Durch gute Rathschläge wird kein Fürst klug gemacht.



      24. Wie die Fürsten Italiens ihre Herrschaften verloren haben.


Wenn alles bisher Ausgeführte gut beobachtet wird, so wird ein neuer Fürst
einem alten gleich und wird geschwind so sicher und fest in seiner
Herrschaft, als wenn er darin aufgewachsen wäre. Denn die Handlungen eines
neuen Fürsten werden weit mehr beachtet, als eines Erbfürsten. Erkennt man
darin große Vorzüge, so gewinnt dieses die Menschen, und er erwirbt sich
eine größere Anhänglichkeit, als ein altes Geschlecht; denn die Menschen
sind viel mehr mit dem Gegenwärtigen, als mit vergangenen Dingen
beschäftigt; befinden sie sich wohl, so sind sie damit zufrieden und
verlangen nichts Anderes, nehmen auch ernstlich die Partei des Fürsten,
wenn er nur sich selbst nicht im Stiche läßt. Auf diese Art erwirbt er
doppelten Ruhm, indem er eine neue Herrschaft gegründet, zu Ehren
gebracht, mit guten Gesetzen, tüchtiger Kriegsmacht, Freunden und gutem
Beispiel für Andre versehen hat. Dagegen trifft doppelte Schande den
Fürsten, der eine alte Herrschaft durch Unverstand verliert. Wenn man aber
die Geschichte derjenigen italienischen Fürsten betrachtet, welche zu
unsrer Zeit ihre Staaten verloren haben, wie den König von Neapel, den
Herzog von Mailand und Andre; so wird man zuerst einen gemeinsamen Fehler
finden, in den sie hinsichtlich der Kriegsmacht gefallen sind: aus den
oben aus einander gesetzten Ursachen. Ferner wird man finden, daß einer
oder der andere von ihnen das Volk zum Feinde gehabt, oder wenn er das
Volk zum Freunde hatte, sich der Großen nicht versichern konnte. Ohne
solche Fehler geht keine Herrschaft verloren, welche mächtig genug ist,
ein Heer ins Feld stellen zu können. Philipp von Macedonien, nicht der
Vater Alexanders des Großen, sondern derjenige, welchen Titus Quintius
überwand, hatte keinen großen Staat im Vergleich mit den Römern und
Griechen, die ihn angriffen; dennoch hielt er es manches Jahr mit ihnen
aus, weil er kriegerischen Geist hatte, das Volk zu behandeln verstand und
sich der Großen zu versichern wußte. Wenn er auch eine und die andre Stadt
verlor, so behauptete er sich doch in seinem Königreiche. Unsre Fürsten,
welche eine lange Jahre hindurch besessene Herrschaft verloren haben,
mögen also nur nicht das Schicksal anklagen, sondern ihre eigne Feigheit;
denn wenn sie in ruhigen Zeiten nie darauf gedacht haben, daß diese sich
ändern können – der gewöhnliche Fehler der Menschen, bei gutem Wetter
nicht an den Sturm zu denken – und alsdann, wenn schlimme Umstände
eintreten, nicht darauf denken, sich zu vertheidigen, sondern entfliehen
und hoffen, daß die Völker sie aus Ueberdruß der Sieger wieder zurückrufen
sollen; so ist das ganz gut, wenn gar kein andrer Weg eingeschlagen werden
kann: aber es ist sehr übel, andre Wege zu vernachlässigen und diesen
vorzuziehen. Kein Mensch wird je muthwillig fallen, in Hoffnung, daß ein
Andrer ihm wieder aufhelfen werde. Mag das nun wirklich geschehen oder
nicht, so ist es immer höchst unsicher. Es hängt nicht von uns ab und ist
ein niedriges Mittel. Nur diejenige Vertheidigung ist gut, sicher,
dauerhaft, welche von uns selbst und unsrer eignen Tapferkeit abhängt.



 25. Welchen Einfluß das Glück auf die Angelegenheiten der Menschen hat.


Ich weiß wohl, daß Viele ehedem die Meinung gehegt haben und noch jetzt
hegen, die Begebenheiten der Welt würden solchergestalt vom Glücke und von
Gott regiert, daß die Menschen mit aller Klugheit sie nicht verbessern und
nichts dagegen ausrichten könnten. Daraus könne man abnehmen, daß es nicht
der Mühe werth sei, viel einzufädeln, sondern daß man sich nur dem
Schicksale hingeben möge. Diese Meinung hat in unsern Tagen durch die
großen Veränderungen, die Alles erlitten hat, die man noch täglich sieht,
und welche alle menschlichen Vermuthungen zu Schanden machen, viel
gewonnen. Indem ich hierüber nachgedacht, bin ich zu Zeiten geneigt
gewesen, mich zu derselben Meinung zu bekennen. Weil aber doch der
menschliche freie Wille damit in Widerspruch steht, so urtheile ich, daß
das Glück wol die Hälfte aller menschlichen Angelegenheiten beherrschen
mag; aber die andre Hälfte, oder doch beinahe so viel, uns selbst
überlassen müsse. Ich vergleiche das Glück mit einem gefährlichen Flusse,
der, wenn er anschwillt, die Ebene überschwemmt, Bäume und Gebäude
umstürzt, Erdreich hier fortreißt, dort ansetzt. Jedermann flieht davor
und gibt nach; Niemand kann widerstehen. Dennoch können die Menschen in
ruhigen Zeiten Vorkehrungen treffen, mit Deichen und Wällen bewirken, daß
der Fluß bei hohem Wasser in einem Canale abfließen muß, oder doch nicht
so unbändig überströmt und nicht so viel Schaden thut. In gleicher Art
geht es mit dem Glücke, welches seine Macht zeigt, wo keine ordentlichen
Gegenanstalten gemacht sind, und sich mit Ungestüm dahin kehrt, wo keine
Wälle und Dämme vorhanden sind, es im Zaume zu halten. Wenn man Italien
betrachtet, welches der Sitz dieser großen Umwälzungen gewesen ist, so
wird man ein ebenes Feld finden, ohne Wälle und Dämme. Wäre dieses Land
durch hinlängliche Kriegstugend vertheidigt, so wie Deutschland,
Frankreich und Spanien, so hätten jene Ueberschwemmungen keine solchen
Umwälzungen hervorgebracht, oder wären gar nicht eingetreten. So viel im
Allgemeinen vom Widerstande gegen das Schicksal. Nunmehr der Sache näher
zu treten, sage ich, daß man einen Fürsten heute im Wohlstande, morgen zu
Grunde gehen sieht, ohne daß er seine Natur im Geringsten verändert habe.
Dies scheint mir zuerst von den Ursachen herzurühren, die ich oben
ausführlich erörtert habe: nämlich, daß ein Fürst, der sich ganz auf das
Glück verläßt, zu Grunde gehen muß, sobald dieses sich dreht. Ferner
glaube ich, daß es dem gut gehe, der in seiner Handlungsweise mit dem
Geiste der Zeit zusammentrifft, und daß derjenige verunglücken müsse, der
mit den Zeiten in Widerspruch geräth. Denn man sieht die Menschen ihre
Zwecke, die sich ein jeder vorgesetzt hat, es sei nun solches Ehre und
Ruhm oder Reichthum, auf verschiedene Art verfolgen. Einer mit Vorsicht,
der andre mit Ungestüm; einer mit Gewalt, der andre mit List; einer mit
Geduld, der andre auf entgegengesetzte Art, und jeder kann auf seine Weise
dazu gelangen. Man sieht zwei gleich vorsichtige: einem gelingt es, dem
andern nicht. Ebenfalls gelingt es zwei verschiedenen gleich gut, von
denen der eine vorsichtig, der andre ungestüm zu Werke geht. Dies rührt
lediglich von der Verschiedenheit der Umstände her, welche mit der Art zu
verfahren übereinstimmen oder nicht. Daher kommt, was ich gesagt habe, daß
zwei entgegengesetzte Verfahrungsarten zu dem gleichen Zwecke führen; und
daß von zweien, die auf gleiche Art verfahren, doch einer das Ziel
erreicht, der andre es verfehlt. Eben daher kommen die Abwechselungen des
Glücks; denn wenn Jemand sich mit Vorsicht und Besonnenheit und Geduld
benimmt, dazu die Umstände wohl übereinstimmen, so geht Alles gut von
Statten. Aendern sich Zeiten und Umstände, so geht er zu Grunde, wenn er
sein Betragen nicht ebenfalls ändert. Es findet sich aber nicht leicht ein
so verständiger Mann, nach dem er sich zu richten vermöchte; theils weil
er nicht gegen seine natürliche Neigung handeln kann; theils weil
derjenige, dem es auf einem gewissen Wege bis dahin gelungen ist, sich
nicht überzeugen kann, daß es gut sei, denselben nunmehr zu verlassen. So
geht es dem vorsichtigen Manne. Wenn es Zeit ist, dreist darauf los zu
gehen, so vermag er dies nicht, und muß also zu Grunde gehen. Hätte er
seine Gemüthsart mit den Zeiten und Umständen geändert, so hätte das
Schicksal sich nicht geändert. Papst Julius der Zweite ging in allen
Dingen mit Ungestüm zu Werke, und die Zeitumstände stimmten dazu so gut,
daß er immerfort glücklich war. Man erwäge nur seine erste Unternehmung
gegen Bologna, als Giovanni Bentivoglio noch lebte. Die Venezianer waren
damit nicht zufrieden: der König von Spanien sowol als der von Frankreich
dachten selbst auf eine solche Unternehmung. Dennoch griff er mit seinem
gewöhnlichen Ungestüme die Sache an, und zwar persönlich. Dieser kühne
Schritt hielt Venedig und Spanien zurück; jenes aus Furcht, dieses durch
die Begierde, das ganze Königreich Neapel zu erobern. Auf der andern Seite
zog der Papst den König von Frankreich in sein Interesse, indem der König
sah, daß der Papst einmal zugeschlagen hatte; und da er selbst die
Venezianer zu demüthigen wünschte, so glaubte er jenen nicht durch
Verweigerung der Hilfstruppen offenbar beleidigen zu dürfen. Julius
brachte also durch seine ungestümen Bewegungen zu Stande, was niemals ein
andrer Papst durch alle menschliche Klugheit ausgerichtet hätte. Hätte er
gezaudert, von Rom aufzubrechen, bis Alles gehörig bestellt und alle
Anstalten vorläufig getroffen wären, so wie andre Päpste es gemacht
hatten, so wäre es ihm nicht gelungen. Denn der König von Frankreich hätte
tausend Entschuldigungen gefunden, und die Andern hätten ihm tausend
Besorgnisse erregt. Ich übergehe alle seine andern Handlungen, welche
insgesammt dieser ähnlich sind und alle gelangen. Die Kürze seines Lebens
hat nicht verstattet, daß er ein feindliches Schicksal erfuhr. Wären aber
Umstände eingetreten, die ein vorsichtiges Betragen erheischten, so wäre
auch Er zu Grunde gegangen, weil er seinen natürlichen Charakter in seiner
Handlungsweise nicht würde haben verläugnen können. Ich schließe also,
daß, da die Glücksumstände veränderlich sind, die Menschen aber bei ihrer
Weise eigensinnig beharren, es diesen nur so lange gut geht, als Beides
mit einander übereinstimmt; sobald aber Disharmonie darin eintritt, Alles
mißglücken muß. So viel ist indessen wahr, daß allemal besser ist, muthig
darauf los zu gehen, als bedächtig; denn _das Glück ist ein Weib, und wer
dasselbe unter sich bringen will, muß es schlagen und stoßen_. Es läßt
sich eher von dem, der es so behandelt, unterjochen, als von dem, der
ruhig und kalt zu Werke geht. Deswegen ist es auch als ein ächtes Weib den
jungen Leuten gewogen, weil sie weniger bedächtig sind, muthiger und
dreister ihm befehlen.(23)



         26. Aufruf, Italien von der Fremdherrschaft zu befreien.


Erwägt man nun alles bisher Vorgetragene und überlegt mit mir, ob
augenblicklich wol in Italien die Zeitverhältnisse so sind, daß man einen
neuen Fürsten zu Ehren bringen und daß ein tapferer und besonnener Mann
eine neue Verfassung schaffen könnte, die ihm selbst zum Ruhme gereichte
und der Nation Vortheil brächte, so scheinen mir jetzt so viele Umstände
zusammenzukommen, daß nie ein günstigerer Zeitpunkt dazu vorhanden war.
Wie gesagt, die Künste des Moses konnten sich nicht entwickeln, wenn die
Juden nicht in der Dienstbarkeit Egyptens gewesen wären; die Größe des
Cyrus wäre nicht erkannt, wenn die Perser nicht von den Medern vorher
unterdrückt wären; den Theseus berühmt zu machen, mußten die Athenienser
zu seiner Zeit zerstreut leben; und so mußte auch, damit ein italienischer
hoher Geist sich zeigen könne, Italien so tief sinken, sklavischer werden,
als die Juden je gewesen sind, unterdrückter als die Perser, zerstreuter
als die Athenienser, ohne Kopf, ohne Ordnung, geschlagen, ausgeplündert,
zerrissen, überrannt, – das italienische Volk mußte auf alle Weise zu
Grunde gerichtet sein. Und wenn sich gleich bis daher in Einem oder Anderm
einiger Schein gezeigt hat, als ob er von Gott dazu berufen sei, Italien
zu erlösen, so sind solche doch im Verfolge der Begebenheiten durch das
Schicksal so zurückgeworfen, daß Italien noch immer wie todt daliegt und
auf den harrt, der es von den erlittenen Schlägen herstellen, den
Plünderungen und Verheerungen der Lombardei, dem Aussaugen und
Erpressungen des römischen Gebietes und Königreichs Neapel ein Ende
machen, und die durch die Länge der Zeit so tief hinein brandig gewordenen
Wunden heilen wird. Seht, wie das Volk zu Gott ruft, er möge Jemand
senden, der es von der Grausamkeit und dem Uebermuthe der Barbaren erlöse!
Seht, wie geneigt es ist, der Fahne zu folgen, wenn nur Jemand da wäre,
der sie aufpflanzte. Es ist aber jetzt Niemand zu finden, auf den man
hoffen dürfte, außer in eurem erlauchten Hause, welches durch seine hohen
Eigenschaften und durch seinen Glücksstern(24) (unter Begünstigung Gottes
und der Kirche, an deren Spitze euer Geschlecht gegenwärtig steht)
Anführer der Befreiung werden könnte. Dies wird euch nicht schwer werden,
wofern ihr nur die von mir vorgehaltenen Beispiele vor Augen behaltet. Und
obwol diese von seltnen und bewunderungswürdigen Männern herrühren, so
waren sie doch auch Menschen: die Gelegenheit aber nie so günstig als
gegenwärtig; denn ihre Unternehmungen waren weder gerechter noch leichter,
noch auch hat sich Gott ihnen günstiger bewiesen als euch. Hier ist
gerechte Sache: denn dieser Krieg ist gerecht, nothwendig. Hier sind
fromme Waffen: deswegen hoffet auf nichts Anderes, als auf sie. Alles ist
dazu vorbereitet, und mithin kann es keine großen Schwierigkeiten haben,
wenn man nur die von mir aufgestellten Beispiele zum Muster nimmt.
Außerdem sind Zeichen und Wunder geschehen ohne Beispiel, und die von Gott
kommen; das Meer hat sich aufgethan, eine Wolke hat euch den Weg gezeigt,
ein Fels hat Wasser ergossen, Manna ist geregnet: Alles hat sich vereinigt
zu eurer Größe; das Uebrige müßt ihr selbst thun. Gott thut nicht Alles,
um der Freiheit des menschlichen Willens keinen Eintrag zu thun, und uns
den Theil des Ruhmes zu lassen, der unsre Handlungen angeht. Auch ist es
nicht zu verwundern, wenn keiner von oben gedachten Italienern das hat
leisten können, was man von eurem erlauchten Hause hoffen darf, und wenn
es in so vielen Umwälzungen von Italien und so vielen kriegerischen
Unternehmungen den Anschein gehabt hat, als sei alle kriegerische Tugend
erloschen. Dies beweist nur, daß die alten Anordnungen nichts taugten, und
bisher Niemand neue zu erdenken gewußt hat. Nichts bringt einem neu
aufsteigenden Helden mehr Ehre, als die Erfindung neuer Gesetze und neuer
Anordnungen. Sind diese gut begründet und ist darin eine gewisse Größe, so
erwerben sie ihm Verehrung und Bewunderung, und es fehlt in Italien nicht
an Materie zu jeder neuen Gestalt. Kraft genug ist in den Gliedern, wenn
sie nur nicht in den Köpfen gefehlt hätte. Die Zweikämpfe und einzelnen
Gefechte unter wenigen Personen beweisen, wie viel Ueberlegenheit die
Italiener in Kraft, Geschicklichkeit und Verstand besitzen. So wie sie
aber in ganzen Heeren zusammen erscheinen, so sieht man nichts mehr davon;
Alles liegt nur an der Schwäche der Häupter, denn die es besser wissen,
gehorchen nicht; Jedermann aber will es so gut wissen als der Andre, da
bis jetzt noch Niemand aufgestanden ist, der Ueberlegenheit genug in
Tugend und Glück gezeigt hätte, daß die Andern ihm hätten weichen müssen.
Daher kommt es denn, daß seit zwanzig Jahren kein einziges Heer etwas
ausgerichtet hat, welches aus bloßen Italienern bestand. Das beweisen die
Schlachten am Taro, Alexandrien, Capua, Genua, Vaila, Bologna, Mestri.
Wenn also euer erlauchtes Haus das Beispiel derer nachahmen will, die ihr
Vaterland befreit haben, so ist vor allen Dingen nöthig (worauf ja jede
Unternehmung beruht), eigne Mannschaft anzuwerben, weil es keine treueren,
ächteren und besseren Soldaten gibt. Wenn gleich jeder Einzelne für sich
gut ist, so werden sie zusammengebracht noch besser, sobald sie von ihrem
eigenen Fürsten angeführt sind und sich von demselben geehrt und gut
behandelt sehen. Es ist also nöthig, sich auf diese Art zu rüsten, um sich
mit italienischer Tapferkeit gegen die Fremden zu vertheidigen. Und
obgleich die schweizerischen und spanischen Fußvölker für furchtbar
gelten, so haben doch beide ihre Fehler, die einem Dritten Gelegenheit zum
Widerstande und Hoffnung geben, sie zu besiegen. Denn die Spanier können
den Angriff der Reiterei nicht aushalten, und die Schweizer geben dem
Fußvolke nach, wenn sie auf solches stoßen, das eben so hartnäckig im
Gefechte ist, als sie selbst. Die Erfahrung hat dieses bewiesen; die
Spanier können eine französische Reiterei nicht abhalten; die Schweizer
unterliegen spanischem Fußvolke. Von dem letzten haben wir noch keine
vollständige Erfahrung: jedoch hat sich ein Probestückchen davon in der
Schlacht bei Ravenna gezeigt, als die Spanier mit deutschen Truppen
zusammentrafen, welche dieselbe Art zu fechten haben wie die Schweizer.
Die Spanier drangen nämlich durch die Gewandtheit des Körpers und durch
Hilfe ihrer kleinen Schilder tief auf sie ein, unter ihre Piken, und waren
dabei im Angriffe gedeckt, ohne daß die Deutschen sich gegen sie wehren
konnten. Wäre die Reiterei nicht dazu gekommen, so waren sie Alle
verloren. Da man also die Mängel jener Mannschaft zu Fuß erkannt hat, so
kann gegenwärtig eine neue Einrichtung derselben eingeführt werden, welche
der Reiterei zu widerstehen vermag und andres Fußvolk nicht zu fürchten
braucht. Dieses wird nicht durch die Beschaffenheit der Waffen, sondern
durch Stellung und Anordnung der Mannschaft bewirkt werden. Dieses sind
die Erfindungen, welche einen neuen Fürsten groß machen und seinen Ruhm
gründen. Die gegenwärtige Gelegenheit möge also nicht vorübergehen, damit
Italien endlich nach so langer Zeit seinen Erretter sehe. Ich vermag es
nicht auszudrücken, mit welcher Begierde ihn alle Länder aufnehmen würden,
die so viel von den fremden Ueberschwemmungen gelitten haben; mit welchem
Durste nach Rache, welcher unüberwindlichen Treue, welcher frommen Liebe;
wie viel Thränen für ihn fließen würden! Welche Thore würden wol ihm
verschlossen werden? Welches Volk könnte es versagen, ihm zu gehorchen?
Wie dürfte der Neid sich gegen ihn regen? Welcher Italiener könnte sich
weigern, ihm zu folgen? Einen Jeden ekelt diese fremde Herrschaft an! So
ergreife denn euer erlauchtes Haus den Entschluß, mit dem guten Muthe und
der Hoffnung, womit gerechte Unternehmungen angefangen werden, damit das
Vaterland unter seinen Fahnen wieder geadelt werde, und die Prophezeiung
des Petrarca eintreffe:

„Die Tugend wird gegen die wilde Wuth in Waffen treten und das Gefecht
bald entschieden sein; denn die alte Tapferkeit ist in der Brust der
Italiener auch heute noch nicht erstorben!“



                              ERLÄUTERUNGEN.



                                    1.


Charakteristisch für den Standpunkt des Verfassers sind sogleich die
ersten Worte. Ein heutiges politisches Handbuch würde etwa beginnen: „Die
Verfassungen der Völker im staatsbürgerlichen Vereine“. Dagegen heißt es
hier: „Die Gewalten, welche Herrschaft über die Menschen ausüben“. Dieser
Herrschaft setzt Macchiavelli die Freiheit entgegen, wie die Griechen und
Römer Tyrannei und Republik einander entgegensetzten. Aber in seinen
Betrachtungen über die Republik (_Discorsi sul Livio_) ist eben sowol als
im Buche vom Fürsten nur von der Befriedigung des Ehrgeizes und der
Herrschsucht, hier des Einzelnen, dort der Partei, die im Staate regiert,
und den äußern Verhältnissen die Rede. Nach einer von Simonde Sismondi am
Schlusse seiner Geschichte der italienischen Republiken vortrefflich
ausgeführten Bemerkung sind in diesem Gemeinwesen des Mittelalters, wie in
den griechischen und römischen, die Ideen von Freiheit und Unabhängigkeit
nur auf diese äußern Verhältnisse und nicht auf den einzelnen Bürger
angewandt, auch nur der herrschenden Mehrzahl zu Gute gekommen; während
dagegen der Genuß der Freiheit und des Vermögens jedes Einzelnen, so weit
dies Alles mit der Ordnung des Ganzen vereinbar ist, den Hauptgegenstand
der politischen Speculation unserer Zeit ausmacht. An dieser für das
menschliche Geschlecht sehr wohlthätigen Veränderung hat die Neigung zu
metaphysischen Spekulationen unverkennbar großen Antheil, und das darf bei
der Beurtheilung des Zeitgeistes im achtzehnten Jahrhunderte nicht
übersehen werden. Die Entwickelung abstracter Begriffe über die Rechte der
Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft erregt meistentheils bei denen,
die die wirkliche Welt im Auge haben, nur ein mitleidiges Lächeln.
Allerdings gehen aus dem Spiele mit abstracten Begriffen oft Theorien
hervor, die auf Nichts anwendbar sind, und diese haben unsinnige und
verderbliche Unternehmungen erzeugt. Aber die Versuche wesentlicher
Verbesserungen der rechtlichen Verhältnisse im Staate, mit denen sich
unser Zeitalter so ernstlich beschäftigt, erhalten durch die sorgfältige
Prüfung und Sonderung allgemeiner Begriffe eine bestimmte Richtung. Wir
verdanken daher der Metaphysik wirklich weit mehr, als diejenigen glauben,
welche sich mit der Verbesserung der Gesetze beschäftigen und sich des
Einflusses der ihnen verhaßten oder von ihnen verachteten Systeme
abstracter Begriffe auf ihre eignen Arbeiten nicht bewußt sind.



                                    2.


Dies Kapitel zeigt kurz die Vortheile, die es dem gebornen Fürsten so
leicht machen, sich zu erhalten, so lange nicht ein Sturm von außen sich
erhebt, der alle Berechnungen der Politik zu Schanden macht. Betrachten
wir kurz die Ursachen, welche solche Katastrophen herbeizuführen im Stande
sind.

Wenn es den erblichen Regenten so leicht ist, sich gegen innere Gefahren
zu sichern, warum werden sie so oft ein Raub äußerer Feinde, denen zu
widerstehen die Kräfte des Staates doch noch wol zureichten? – Weil sie
diese Kräfte so wenig gebrauchen. Eben weil es so leicht scheint, und
wirklich so leicht ist, eine angeerbte Herrschaft zu behaupten, so
schläfert das Bewußtsein dieser Sicherheit ein. Die Fürsten werden
sorglos, indem sie sehen, wie das Volk ihnen anhängt, und daß es ihnen
anhängen muß. Ihre Rathgeber wissen es nur zu gut, daß Alles, was den
Menschen werth ist, die Sicherheit des Eigenthums und die Erhaltung aller
gewohnten Verhältnisse, mit demjenigen steht und fällt, der das oberste
Glied der Kette in der Hand hält. Hierauf verlassen sie sich. Aber alle
moralischen Bande unter den Menschen sind gegenseitig. Das Volk erkennt
mit seinem geraden Sinne und unverdorbener Empfindung, daß es seiner
Obrigkeit unterthan sein müsse, um frei zu leben und das Seinige sicher zu
genießen. Die Religion heiligt dieses Verhältniß durch die Lehre, daß alle
Ordnung von Gott kommt, der diejenigen eingesetzt hat, die sie handhaben.
Aber die Großen und ihre Rathgeber, welche nichts empfinden, was der
rechtlichen Denkungsart des Volks entspricht, verkennen ihren Gehalt. Sie
halten die Anhänglichkeit desselben, worin ihre eigne größte Stärke liegt,
für Eigennutz, und verachten sie als Beweise einer knechtischen
Gemüthsart. Daher dürfen sie es denn auch nicht wagen, ihre Unterthanen in
der Gefahr mit Bewegungsgründen aufzufordern, die ihr eignes Betragen für
leere Worte erklärt hat.

Die Anhänglichkeit eines Volkes an das Haus seiner Fürsten beruht auf
Ueberlieferungen der Ahnen: sie ist mit der Liebe zu alten ererbten
Einrichtungen zu der Verfassung und den Maximen der Verwaltung, die dem
ganzen Stamme des Volkes und seiner Häupter eigen sind, innigst verwebt.
Wer mit diesen tief gegründeten Verhältnissen willkürlich spielt, zerstört
den Grund, auf dem die Sicherheit des Staates und der regierenden Familie
beruht. Es kann der Eitelkeit schmeicheln, Einrichtungen des Staates nach
Gefallen abzuändern und seinen eignen Willen an die Stelle alles dessen zu
setzen, was auf die Einsichten und die Autorität einer Reihe von
Geschlechtern gegründet war. Wenn aber der Sinn des ganzen Volkes
widerstrebt, so entstehen Schwierigkeiten, die der Kraft des mächtigsten
Herrschers unüberwindlich sind. Bricht der allgemeine Unwille in
offenbaren Widerstand aus, so ist die größte Kriegsmacht nicht immer
vermögend, ihn zu überwältigen. So verlor Joseph der Zweite Belgien, als
er die alten politischen und religiösen Ordnungen mit einem Schlage
vernichten und einen neuen Staat nach seinen Ideen an die Stelle setzen
wollte. Kommt es nicht so weit, so ist der bloße unthätige Widerstand der
Untergebenen, die alle Mitwirkung verweigern, und das, was ihr guter Wille
leisten sollte und könnte, den Dienern höhere Befehle überlassen, schon
hinreichend, die Anschläge der Allgewalt zu vereiteln, die sich ohnmächtig
fühlt, wenn sie von den eignen Dienern verlassen wird, welche nichts mehr
ausrichten können. Eben so wenig vermag der Eigensinn des mächtigsten
Regenten, der an ererbten Gewohnheiten festhält, welche mit dem
Bedürfnisse der Zeiten und der veränderten Denkart des lebenden
Geschlechts in Widerspruch gerathen. Man hat gesehen, daß Regierungen, die
Recht und Macht auf ihrer Seite zu haben schienen, in solchen
Unternehmungen bei der ersten Erschütterung gefallen sind; und wenn sie
bestehen bleiben, so vergeht dennoch das, was sie festzuhalten vermeinten,
ohne daß sie es merken, unter ihren eignen Augen und Händen.

Das persönliche Betragen, wodurch ein Erbfürst sich bei seiner Würde
behauptet, ist z. B. von Haller in seinem „Handbuch der Staatenkunde“
vortrefflich dargestellt. Wenn dieser Autor aber hinzufügt, daß
Macchiavelli sich viel vergebliche Mühe damit gemacht habe, Mittel
auszudenken, wie die Herrschaft aufrecht erhalten werden könne, da dieses
doch aus ihren natürlichen Gründen ganz von selbst erfolgen müsse, so
vergißt er, daß Macchiavelli nur von den Mitteln redet, eine neue
Herrschaft zu gründen und zu erhalten, die nicht, wie sein Tadler von
aller Regierung voraussetzt, aus natürlichen Verhältnissen erwachsen,
sondern von Einem Manne willkürlich geschaffen ist. Und damit hat er sich
so wenig eine vergebliche oder überflüssige Mühe gegeben, daß vielmehr oft
ein Zweifel entsteht, ob der Schriftsteller, der doch Alles geleistet hat,
was die Kräfte des menschlichen Verstandes in dieser Absicht vermögen,
genug gethan habe. Denn es liegt, wie die Folge dieser Betrachtungen
zeigen wird, in der Sache selbst, daß aller Aufwand von Verstand, und
sogar die Ueberspannung aller Mittel, die sich aus demselben ziehen
lassen, oftmals nicht zureicht, eine aus bloßer Selbstsucht errungene
Herrschaft zu befestigen.



                                    3.


Dies Kapitel behandelt also die Mittel, ein fremdes Land zu unterjochen,
nicht den Zweck selbst. Davon sagt der Autor nur vorsichtig: „Solche
Unternehmungen werden immer bewundert“ – nicht: „Sie verdienen bewundert
zu werden“.

Ein ewiger Friede ist unmöglich. Das Bestreben der Völker, ihren Zustand
zu verbessern, führt natürlich Gelegenheiten herbei, kriegerische Talente
und Tugenden zu zeigen, und die _Helden_ solcher Kriege sind es, die von
ihrem Volke als Wohlthäter verehrt, von der ganzen Welt bewundert werden.
Dagegen täuschen sich die _Eroberer_, die nur eine wilde Herrschsucht zu
befriedigen suchen, wenn sie die abgedrungene Schmeichelei der in Furcht
gesetzten Völker für Beweise der Verehrung nehmen. Ihre Zeitgenossen
verfluchen sie. Das folgende Geschlecht, das sie nicht mehr zu fürchten
hat, schätzt sie gering.

Wenn Macchiavelli auch an alles dies gedacht hat, so hielt er vermuthlich
dafür, es sei vergeblich, es den Großen zu sagen, die Lust haben, auf
Eroberungen auszugehen. Aus dem Glücke der Menschen, das sie aufopfern,
machen sie sich nichts, und an dem Erfolge ihrer Unternehmungen pflegen
sie nicht zu zweifeln. Auch von _der_ Seite ist ihnen schwer beizukommen.
Wenn denn also erobert werden soll, so müssen die Mittel erwogen werden,
wie eine eroberte Provinz behauptet werden kann. Hierüber sagt
Macchiavelli sehr viel Treffendes. Dennoch übersieht er das sicherste
Mittel, wodurch Eroberungen dauerhaft werden können. Dasselbe liegt außer
seinem Gesichtskreise, da er nur die Neigungen und das persönliche
Interesse des Machthabers beachtet, ohne die Völker an sich selbst für
etwas gelten zu lassen. Durch diese engherzige Denkart wird das System des
scharfsinnigsten politischen Schriftstellers mangelhaft: durch sie ist
auch Napoleon I., der es vielleicht besser als je Einer im wirklichen
Leben dargestellt hat, zu Grunde gegangen.

Welches andere Mittel gibt es denn, die neuerworbene Herrschaft über ein
fremdes Volk zu sichern, welches man beim Macchiavelli vermißt? Es ist
dies: eine Behandlung, welche Achtung und Zutrauen gegen das ganze Volk
beweist, und indem sie die eigne Zufriedenheit desselben zu ihrem nächsten
Zwecke macht, dadurch zugleich das kräftigste Mittel für die Zwecke des
Herrschers erzeugt. Wenn man dem Volke die Verfassung läßt, die ihm lieb
ist, und es von seinem vorigen Regentenhause nichts mehr zurückwünscht,
als die Personen, so hat man die Erinnerung daran nicht so sehr zu
fürchten. Wer Menschen für sich gewinnen will, muß ihnen die Ueberzeugung
beibringen, daß Er es ist, durch den sie erhalten können, was sie
verlangen. Wer sie nur fühlen läßt, daß er ihnen nehmen kann, was ihm
gefällt, und daß sie Alles als Gnade annehmen müssen, was er ihnen wol
lassen will; wer hiermit freiwillig auf alle feineren Beweggründe Verzicht
leistet, und blos auf Gewalt trotzt, spielt ein gefährliches Spiel; denn
Gewalt ist stets, und wäre sie auch noch so groß und schiene sie noch so
fest begründet, feindlichen Zufällen unterworfen.



                                    4.


Schon von Hume (_Essays_ 1, 3) ist, wie ich sehe, bemerkt, daß das von
Alexander eroberte Persien nicht so beschaffen war, wie Macchiavelli es
darstellt, und daß die Fortdauer der von Jenem gegründeten griechischen
Herrschaft auf andern Ursachen beruht habe. An sich selbst aber ist das
Raisonnement des Macchiavelli zutreffend und vollkommen auf die Geschichte
des Mittelalters anwendbar, in welchem die Verfassungen sich gebildet
hatten, die Macchiavelli vor Augen lagen. In den Verhältnissen, die er
darstellt, war die Ursache des abwechselnden Erfolges der langen Kriege zu
suchen, die Frankreich und Spanien mit einander führten. Unruhige Große,
die fremde Feinde hereinriefen und von ihnen abfielen, sobald die
Verblendung aufhörte, mit der sie erwarteten, diese würden nicht für sich
selbst, sondern für _sie_ kämpfen und erobern. Ludwig der Vierzehnte
dämpfte diese Unruhen, indem er den Uebermuth der Vasallen, woraus der
Factionsgeist Nahrung zog, demüthigte. Seit jener Zeit hat sich auch der
türkische Staat verändert. Die Verhältnisse der Statthalter in den
Provinzen zum Sultan sind nicht mehr ganz dieselben, und daher findet das
Raisonnement des Macchiavelli keine genau zutreffende Anwendung in der
neueren Geschichte von Europa.



                                    5.


Macchiavelli hat Völker vor Augen gehabt, die heftigeren Leidenschaften
unterworfen und größerer Aufopferungen fähig waren, als die meisten
Nationen der spätern Zeit. Er redet von Zerstörung ganzer Städte, von
völliger Auflösung von Staaten, wie von ganz gewöhnlichen und nothwendigen
Dingen. Dies ist bei einem Schriftsteller natürlich, der die Zeiten der
Guelfen und Ghibellinen im Sinne hatte: Zeiten, da Städte wie Mailand vom
Kaiser Friedrich dem Ersten zur Vernichtung verurtheilt wurden, mit nicht
mehr Bedenklichkeit, als womit heut zu Tage ein Edelmann etwa in Ländern,
wo noch Leibeigenschaft herrscht, seine Bauern verpflanzt, um ihre Höfe
einzuziehen. Nimmt man hierzu die unversöhnliche Rachsucht, die ewige
Mordlust, die verblendete Wuth des italienischen Volkes, so wird es
begreiflich, wie er Grundsätze aufstellen konnte, die nachmals bis zum
Ende des achtzehnten Jahrhunderts der allgemeinen Denkungsart und den
Empfindungen der Gewalthaber selbst widerstritten. Die neuere
Regierungsweisheit, ihre Finanz- und Kriegskunst, lehrt aus der
Unterjochung der Völker Vortheile ziehen, die mit so gewaltsamen Maßregeln
unvereinbar sind. Damals erforderte die geringere Macht der Fürsten und
die Unvollkommenheit ihrer Veranstaltungen ein ganz anderes Verfahren.
Wenn man erwägt, wie klein das Heer war, das Karl der Fünfte als Herr von
Spanien und Indien, von Belgien und einem Theile von Deutschland und
Italien mit aller Anstrengung dieses unermeßlichen Reiches auf Einen Punkt
zusammenzubringen vermochte, wie schwer es ihm ward, das erforderliche
Geld anzuschaffen, und wie unsicher dadurch alle Eroberungen wurden: so
sieht man wohl, daß damals andere Maßregeln ergriffen werden mußten, als
in den Zeiten, in denen die Herrscher über Armeen von Hunderttausenden und
vermittelst eines grenzenlosen Credits über alles Geld der Völker
disponiren.



                                    6.


_Savonarola_ war ein halb religiöser, halb politischer Schwärmer. Während
des Exils der Medici in den ersten Jahren des sechzehnten Jahrhunderts
machte ihn ein großer Theil des florentinischen Volkes zum Abgotte. Der
religiöse Fanatismus war der Grund, auf dem sein politischer Einfluß
beruhte, und er hätte die Florentiner dadurch so unumschränkt beherrschen
und seine Pläne durchsetzen können, etwa wie Mahomed, wenn er nicht in der
Quelle seiner Gewalt selbst angegriffen wäre. Die Zwistigkeiten seines
Ordens mit andern Mönchen erregten ihm Neider und Nebenbuhler, die eben so
ausschweifende Wunderthaten des Glaubens ankündigten, als er selbst. So
ward das Volk irre und sah ruhig zu, wie ein Mann verbrannt ward, der
wenige Monate vorher dreist hätte wagen dürfen, seine Gegner zum Feuertode
zu verdammen. – So unsicher ist Alles, was auf der Combination heterogener
Dinge beruht! Wenn der ehrliche Fanatiker zu Grunde geht, sobald er seine
Schwärmerei gebrauchen will, sich politischen Einfluß zu verschaffen; wie
muß es dann erst dem ergehen, der nur die Maske davon annimmt, und sich
dessen, was bei Jenem in allem Ernste Beweggrund war, nur als eines
armseligen Kunstgriffs bedient.

Es bedarf übrigens kaum einer Erinnerung, daß Alles, was Macchiavelli von
der geringen Kraft der Neuerungen und von der Unzuverlässigkeit ihrer
Anhänger sagt, nur auf die Unternehmungen bezogen werden darf, die von
einzelnen unruhigen Köpfen herrühren. Wenn diese Neuerer auch anfangs
schwach und an Zahl unbedeutend sind, so können sie es durch ihren
lebendigen Feuereifer und ihre hartnäckigen Anstrengungen doch bald dahin
bringen, die Majorität, die unter sich nicht einig ist und nur schlaffen
Widerstand leistet, zu beherrschen und sie zu zwingen, ihre Ansichten
anzunehmen und sich ihrer Führung zu unterwerfen.



                                    7.


Wahrscheinlich geht es dem Leser bei der ersten Lectüre dieses Kapitels
wie den Bewohnern von Cesena, als sie den ermordeten Remiro d’Orco
ausgesetzt fanden: staunend verstummten sie bei dem Anblick. Man sollte
fast glauben, Macchiavelli habe diese Geschichte idealisirt, um Etwas
aufzustellen, das in seiner Art nicht zu übertreffen war. Vielleicht war
der Richter nicht blos ein harter aber gerechter Mann von etwas grausamer
Gemüthsart, sondern er befriedigte seine eigenen schlechten
Leidenschaften, unter dem Vorwande der Gerechtigkeit, die er handhaben
sollte. Cäsar Borgia hat ihm vielleicht eine Zeit lang nachgesehen, weil
er ihn sonst brauchbar fand, und am Ende der Gerechtigkeit selbst ein
Opfer gebracht, indem er ihn hinrichten ließ. War er aber wirklich das,
wofür Macchiavelli ihn ausgibt, so war auch dieser einzige falsche Streich
des Fürsten hinreichend, zu verhindern, daß sich nie wieder ein Mann von
Ehre und zuverlässiger Gesinnung zu seinem Dienste hergab. Und eines
Mannes von Ehre und zuverlässiger Gesinnung bedurfte doch der Herzog von
Valentinois zur Ausführung seiner Pläne.

Dieser Held des Macchiavelli, dessen Betragen er so oft allen denen zum
Muster aufstellt, die nach der Herrschaft streben, war klüger,
entschlossener, und ging zusammenhängender zu Werke, als die große Zahl
derer, welche sich damals, so wie Er, Alles erlaubten, um sich zu erheben.
Die Herren, die er zu Sinigaglia ermorden ließ, wie Macchiavelli in einer
besondern Erzählung ausführlich berichtet, waren um nichts besser als er,
und in Rücksicht auf ihre Unterthanen viel schlechter. Insbesondere liest
man von dem Oliverotto, Herrn von Fermo, eine solche Reihe von
Schandthaten, daß es eine Art von Beruhigung gewährt, zu erfahren, daß er
am Ende durch einen mächtigern bösen Geist bestraft und von der Erde
hinweg geschafft worden. Wo der ganze Haufe der Mächtigen sich den
wildesten Leidenschaften ergibt und die Menschheit auszieht, da ist es ein
großer Gewinn, wenn Einer durch die Ueberlegenheit seines Verstandes die
Oberhand behält. Dieser wird, um seines eignen Vortheils willen, manches
Gute thun, manches Ueble hindern. Der Cäsar Borgia war unstreitig listiger
und hatte dabei etwas Größeres in der Gesinnung, als seine Mitwerber. Ob
er aber wirklich ein solches Ideal von Verstand war, wozu ihn Macchiavelli
machen will, könnte noch bezweifelt werden. Das Gespräch mit dem, dessen
Macchiavelli gedenkt, kann den Verdacht erregen, daß es einigen Einfluß
auf sein Urtheil gehabt habe. Es war allzu schmeichelhaft, von dem
furchtbaren Manne, der Geißel seiner Zeit, einer vertraulichen Mittheilung
gewürdigt zu sein, als daß derselbe nicht dadurch ein größeres und
bewunderungswürdiges Ansehen erhalten haben sollte. Er mag inzwischen den
Ruhm, den Macchiavelli ihm beilegt, verdient oder nur erschlichen haben:
von größerem Interesse ist die Frage, ob es denn wirklich, so wie
Macchiavelli behauptet, für eine Vollkommenheit des Regenten gelten kann,
wenn er die Menschen insgesammt nur als Werkzeuge seiner Absichten
ansieht, und sich aller Empfindungen für sie entäußert, um große Zwecke zu
erreichen.

Daß Große der Erde so denken, ist ja etwas sehr Gewöhnliches. Man braucht
dazu auch nicht Regent zu sein. Vielmehr ist es noch eine Frage, ob es
nicht den Geringern öfter gelingt, Höhere und Mächtige, die sich das nicht
träumen lassen, so zu mißbrauchen, als den Großen, welche die Geringern
bei Weitem nicht so gut kennen, als sie von ihnen gekannt werden. Ist es
aber die rechte Denkungsart für die Ausführung großer Entwürfe, wenn man
die Menschen um sich her nur als eine eigne Art von Maschinen ansieht,
deren Kräfte und Wirkungen der Berechnung unterworfen werden können, und
das ganze verwickelte Gewebe ihrer Verhältnisse als ein Spiel betrachtet,
in welchem man, eben so wie in andern Glücksspielen, nur so lange
glücklich sein kann, als man sich der eignen Empfindung entschlägt und
alle Handlungen von dem eiskalten Verstande bestimmen läßt?

Die Triebfedern der Menschen liegen doch nicht so deutlich vor Augen, daß
ihre Wirkungen nach klaren Gesetzen mit Sicherheit vorher bestimmt werden
könnten. Der größte Kenner wird unzählige Male durch unerwartete Anomalien
überrascht. Wie selten findet man einen nur mäßig consequenten Menschen!
Wer vermag die übrigen mit einiger Zuverlässigkeit zu errathen?

Eben so wenig kann man sich selbst zu einem bloßen Werkzeuge seines eignen
Verstandes machen. Wenn der Macchiavellische Politiker auch von sich
selbst ganz sicher sein könnte und sich nie verriethe, so thut doch sein
erkünsteltes Betragen nicht die rechte Wirkung. Wer von lebhafter
Empfindung ergriffen ist, reißt Andere mit sich fort. Diese Kraft des
wahren Gefühls ist nicht durch eine, wenngleich noch so gut ausgedachte
und gespielte Rolle zu ersetzen. Die Menschen lassen sich auf die Länge
nicht so anführen. Gerade die Einfältigsten sind darin oft zum Bewundern
scharfsichtig. Sie sind nicht im Stande, sich selbst klar zu machen, warum
ihnen so übel zu Muthe ist: aber ihre eigne ehrliche Gesinnung verräth
ihnen, daß sie nur zum Spiele des überlegenen Verstandes dienen sollen. So
glücklich auch einzelne schlau ausgesonnene Streiche ausfallen, so
verfehlt das ganze Gewebe der Kunst doch seinen Zweck.

Endlich verzeiht das allgemeine Urtheil dem, der sich Alles erlaubt, die
Schlechtigkeit seiner Mittel, doch nur dann, wenn er das Ziel wirklich
erreicht hat. Wer es wagen will, sich über die Moralität ganz
hinwegzusetzen, muß also wenigstens des Ausganges gewiß sein. Er muß zum
Voraus Alles übersehen, auf jeden Fall gefaßt sein und nie einen falschen
Schritt thun. Cäsar Borgia, den Macchiavelli als das vollkommenste Muster
eines politischen Betragens aufstellt, hat doch Einen Fehler gemacht. Und
gerade durch diesen Fehler ist er zu Grunde gegangen. Denn eben die
Papstwahl, wobei er den Schritt verfehlte, den er thun mußte, um sich
sicher zu stellen, stürzte ihn in die Gefangenschaft, worin er sein Leben
beschloß.

Wenn aber auch in einem ganzen langen Leben, unter den schwierigsten
Umständen, durchaus kein Fehler gemacht würde, – eine Sache, die leichter
zu denken, als auszuführen ist – so bleiben noch immer die zufälligen
Begebenheiten übrig, die sich gar nicht voraussehen lassen. Wer nicht sich
selbst aufs Spiel setzen und seine ganze Zufriedenheit daran wagen will,
wie die Karte fällt, wird bei jedem unerwarteten Vorfalle darauf
zurückgeführt, daß die reine Absicht mehr werth ist, als alle Kunst; die
ächte Güte des Willens mehr, als aller Verstand, der seiner Natur nach dem
guten Willen dienen sollte, statt daß er verkehrter Weise zum Herrn
eingesetzt wird.

Bisher ist von der klugen Benutzung günstiger Umstände die Rede gewesen.
Wie aber, wenn das Glück, dem so Viele, die groß geworden sind, die
Gelegenheit dazu verdanken, seinen Beistand versagt? Alsdann muß
derjenige, der herrschen will, auch diesen Mangel ersetzen und sich selbst
den Weg eröffnen. In einem vollständigen Lehrbuche des Ehrgeizes darf die
Anweisung hierzu nicht fehlen, und davon handelt Macchiavelli im achten
Kapitel.



                                    8.


Die angeführte Ueberschrift schon gibt zu erkennen, welche Gesinnungen man
zu erwarten hat.

Es gibt mehrere Wege zum Throne. Große Verdienste: dreiste Verbrechen.
Beide kommen in der Geschichte vor. Von beiden muß hier erklärt werden,
wie man glücklich durchkommt oder untergeht.

So viel ist wahr: allgemeine Gesetzlosigkeit ist der schlimmste Zustand,
in den ein Volk gerathen kann. Das erste Bedürfniß jeder menschlichen
Gesellschaft ist bürgerliche Ordnung; Gesetze und Gewalt sie
einzuschärfen. Man muß aber erst Herr sein, ehe man regieren kann. Die
Zügel müssen also mit starker Hand ergriffen werden, und es möchte
immerhin Einer für sich selbst Ausnahme von allen moralischen Gesetzen
machen, wenn er dadurch in den Stand gesetzt würde, alle Andern zu ihrer
Befolgung anzuhalten. Ein einziges Verbrechen, das dahin führt, könnte als
nothwendige Abweichung von der Regel entschuldigt werden, wenn es das
einzige bliebe. Das ließe sich aber nur von dem erwarten, bei dem es nicht
aus dem Herzen entsprungen, sondern vernunftmäßig beschlossen wäre, weil
es mit ruhiger Ueberlegung als das einzige Mittel zu großen und guten
Zwecken erkannt worden. Hat aber die Geschichte wol Männer aufzuzeigen,
die ein großes Verbrechen begangen hätten, blos um wohlwollenden Neigungen
einen freieren Wirkungskreis zu eröffnen? So meint es auch Macchiavelli
selbst nicht. Er sieht die Sache nur aus dem Gesichtspunkte des Ehrgeizes
an. Für diesen gibt er Lehren: die dadurch errungene Herrschaft mag dann
gebraucht werden, wie es dem Mächtigen gefällt.

Besondere Beachtung verdient noch die letzte Bemerkung dieses Kapitels, da
sie nicht nur für den hier behandelten Fall gilt, sondern auf jeden
Regenten Anwendung findet. Bei allen harten Verfügungen, zu denen man
durch außerordentliche Umstände veranlaßt wird, ist es immer sehr
wohlgethan, Macchiavelli’s Rath befolgend, mit einem einzigen Schlage zu
vollführen, was man vorhat. Vorzüglich trifft diese Erinnerung die
Behandlung großer Staatsverbrecher. „Schlage den Hirten und die Schafe
werden sich zerstreuen.“ So lange aber diese in Ungewißheit bleiben und
Strafe für das Vergangene besorgen, werden sie gereizt, sich durch
Erneuerung der fehlgeschlagenen Entwürfe zu retten. Haben sie nichts mehr
zu fürchten, so verlieren sie allmählich das Interesse an der Sache und an
den Führern, die dafür gelitten haben, und bemühen sich es Andere
vergessen zu machen, daß sie an der verunglückten Unternehmung Theil
gehabt. Große politische Verbrecher nehmen ferner außer ihren
entschiedenen Anhängern leicht eine Menge ihrer Mitbürger durch blendende
Vorwände ihrer verräterischen Anschläge für sich ein. Diese, welche, ohne
selbst für die Sache thätig gewesen zu sein, günstig von ihr dachten und
den Unternehmern wohlwollten, sind nicht leicht eines Bessern zu belehren.
Aber sobald sie die Hoffnung aufgeben müssen, daß die Sache gelingen
könne, so werden sie gern glauben, sie sei vergessen. Darüber vergessen
sie sie wirklich am Ende selbst. Dazu aber ist nothwendig, daß sie sobald
als möglich für beendigt erklärt werde. Alsdann wird die Aufmerksamkeit
des großen Haufens bald durch die neuen Angelegenheiten des Tages
abgelenkt.



                                   10.


Ueber dies treffliche Kapitel ist nichts weiter zu sagen, als daß es einen
Zustand der Welt voraussetzt, der nicht mehr existirt. Sobald Heere von
Hunderttausenden auf dem Kriegstheater erscheinen und die Uebermacht
entscheidet, kann nicht mehr von der Vertheidigung kleiner Herrschaften
die Rede sein. Damals bedeutete jeder einzelne Fürst, der eine Stadt
besaß, und jede kleine Republik etwas, sobald Verstand da war, die
geringen Kräfte zu gebrauchen und unter der großen Menge der Nachbarn
durch geschickte Unterhandlungen Hilfe zu suchen. In solchen Zeiten haben
alle Kräfte des Verstandes und des Gemüthes Gelegenheit zu freier
Entwicklung. In Perioden aber, wo eine übermächtige Gewalt Alles besiegt
und unterjocht, kommt nichts auf, was Interesse zu erregen verdiente. Die
Nachwelt aber übt Gerechtigkeit aus: sie mag nichts von den Thaten dessen
hören, der doch wähnte, sie werde sich ganz allein mit ihm beschäftigen!



                                   11.


Dieses Kapitel ist das dürftigste oder vielmehr das einzige schwache im
ganzen Werke. Macchiavelli hat im Eingange versprochen, von den
verschiedenen Arten der Herrschaft zu reden. Man erwartet hier also
Bemerkungen über die eigenthümlichen Verhältnisse, in denen sich die
geistlichen Fürsten befinden, über die starken und die schwachen Seiten
ihres weltlichen Ansehns und über die in der That höchst merkwürdige
Rolle, die sie in der Geschichte spielen. Wenngleich Macchiavelli
überhaupt die Unternehmungen, die Grundsätze, das Betragen der Fürsten, in
Beziehung nicht auf die regierten Völker, sondern nur auf die Befestigung
der Herrschaft selbst betrachten wollte, so war noch immer genug über die
geistlichen Fürstenthümer zu sagen. Diese, sagt er, bestehen unter dem
Schutze des religiösen Vorurtheils, und wenn einer nur durch glückliche
Intrigue oder Zufall auf den heiligen Stuhl erhoben worden, so wird von
ihm nichts weiter gefordert, um sich zu behaupten. Hat er Geist genug,
sein Glück zu benutzen, und Sinn für den einzigen Genuß, der eines Fürsten
würdig ist, für die Befriedigung der Herrschsucht, so wird er es machen,
wie Sixtus der Vierte, Alexander der Sechste, Julius der Zweite, Leo der
Zehnte. Hat er das nicht, so mag er sein Leben mit Beten zubringen, oder
mit Schlemmen, wie es ihm gefällt. Abgesetzt wird er dafür nicht werden.
Mit diesem bösen Spotte fertigt Macchiavelli den heiligen Stuhl ab. Jene
Päpste, von denen er hin und wieder redet, waren Männer von heftigen
Leidenschaften und Meister in der Politik, die in Italien zu ihrer Zeit
die höchste Ausbildung erhalten hatte und deren Geheimnisse Macchiavelli
aufdeckt. Sie waren insgesammt seine Zeitgenossen, und er hatte keinen
Andern auf dem päpstlichen Stuhle gesehen.

Aber es hat auch Perioden in der Geschichte gegeben, in welcher die
Häupter der Kirche in ganz anderm Geiste auf die Angelegenheiten der
Völker einwirkten; wo sie Schiedsrichter der Könige waren und durch ihr
friedliches Ansehn größere Kriege beilegten, als der feurige Ehrgeiz
Julius des Zweiten erregt hat. Auch dies hing von dem persönlichen
Charakter und den Talenten einzelner Päpste ab. Aber die Mittel, wodurch
sie so große Dinge ausgeführt haben, lagen in der Natur ihrer Würde. Die
veränderte Denkart verschiedener Zeiten erforderte jedesmal besondere
Modificationen. Im sechzehnten Jahrhunderte konnte die Sache nicht durch
einen hingeschleuderten Bannstrahl ausgemacht werden, wie zu der Zeit
Gregor des Siebenten; aber das Verhältniß des heiligen Stuhls zu den
weltlichen Monarchen war doch im Grunde immer dasselbe, wenn es gleich
nicht mit so hoher Hand geltend gemacht werden durfte.

Die Päpste genossen als Oberhäupter der christlichen Kirche ein Ansehn,
das allemal um so viel größer und unverletzlicher war, jemehr sie sich
bemühten, im Geiste ihrer Würde zu handeln und das Interesse ihrer
weltlichen Besitzungen und ihrer Familien so weit zu verläugnen, daß es
wenigstens nicht als nächste und vorzüglichste Triebfeder hervorleuchtete.
Alle Verhandlungen, die mit dem päpstlichen Hofe geführt sind, oder in
welche dieser auch nur verwickelt gewesen ist, haben einen eignen
Charakter. Der überlegnen Macht darf der Schwächere nicht wagen entgegen
zu setzen: „_Ich will nicht_“ (_non volumus_). Aber wenn sein demüthiges:
„_Ich kann nicht_“ (_non possumus_) durch den Zusatz „_wegen meines
Gewissens_“ geschützt wird, so erhält er vielleicht Gerechtigkeit für
Andre, wenigstens Schonung für sich selbst. Die Verhandlungen unter den
erbittertsten Gegnern nehmen einen ganz andern und sanftern Charakter an,
wenn eine Person dazwischen tritt, die sich gegen Beleidigungen nicht
wehren kann, die man aber nicht beleidigt, ohne sich selbst mehr zu
beschimpfen, als seinen Gegner. Wie oft hat die Dazwischenkunft eines als
Fürsten ohnmächtigen, aber wegen der allgemeinen Verehrung der Völker
gegen seine geheiligte Person gefürchteten Papstes die entschlossensten,
ehrgeizigsten, ungestümsten Kriegshelden aufgehalten, und ganzen Ländern
einige Jahre Ruhe verschafft! Wenige Fürsten haben es gewagt, _gegen sie_
die Härte, den Ungestüm, den Eigensinn zu äußern, wodurch ihre
Uneinigkeiten unter sich so fürchterlich werden. Die Politik des römischen
Hofes besteht in geschicktem Zaudern. Durch unendlichen Aufschub,
Wiederholung derselben Aeußerungen in andrer Gestalt und mit veränderten
Wendungen ist dort unzählige Male einbrechendes Ungewitter abgeleitet. Von
wem anders hätte man sich das gefallen lassen, als von dem, der in seinen
Verhandlungen mit weltlichen Mächten die Sprache des alten Mannes zu der
feurigen Jugend redete, und den diese Sprache wohl kleidete. Wenn man in
der Geschichte findet, wie die Gesandten der größten Mächte ihrer Zeiten,
französische und spanische Abgeordnete, unter dem Vorsitze eines
päpstlichen Legaten, der nur ermahnen soll und gar nicht drohen kann,
wenigstens den Anschein friedlicher Gesinnungen annehmen und durch den
Anstand gegen den gemeinsamen Vater der christlichen Völker zu einem
nachgibigen Betragen verleitet werden, so kann man sich nicht enthalten zu
wünschen, daß noch jetzt eine Autorität vorhanden sein möchte, der diese
Mittel zu Gebote ständen.

Die Religion bezieht sich auf die Bedürfnisse, die Rechte und Würde der
menschlichen Natur, auf welche der Geringste wie der Höchste und
Mächtigste Anspruch machen darf. Wie die bürgerlichen Verhältnisse auch
beschaffen sein mögen, in der Kirche sind die Menschen an sich selbst
etwas: da dürfen sie nicht als bloße Werkzeuge und Untergebene ihrer
Herren betrachtet werden. Dem Oberhaupte einer solchen geistlichen
Gemeinheit steht es daher sehr wohl an, Bewegungsgründe vorzubringen und
an Grundsätze zu erinnern, die in dem Munde des weltlichen Staatsmannes
vielleicht verlacht würden.

Der Einfluß der geistlichen Gewalt auf die Angelegenheiten der Welt ist
zwar eben sowol dem Mißbrauche unterworfen, als die Herrschaft des
Schwertes; und es ist doppelt empörend, wenn das angebliche Seelenheil der
Menschen nur zum Vorwande der nämlichen Leidenschaften dient, die der
Kriegsheld auf andern Wegen zu befriedigen sucht. Ein Lehrbuch der
geistlichen Regierungskünste, von einer Feder wie Macchiavelli’s, müßte
noch unangenehmere Empfindungen erregen, als die Stellen im Buche vom
Fürsten, die das Gefühl am meisten beleidigen. Dieser Mißbrauch der
geistlichen Herrschaft hat den Bemühungen der weltlichen Regenten, ihr
Ansehn zu vernichten, allgemeinen Beifall verschafft. Die Philosophie des
achtzehnten Jahrhunderts hat entschieden für diese Partei genommen, und
nach den Grundsätzen eines spekulativen Naturrechts die geistliche
Autorität aus der bürgerlichen Verfassung verwiesen. Aber die Staaten der
wirklichen Welt sind nicht nach reinen Abstractionen angeordnet, und ihre
Verhältnisse können nicht nach einfachen Principien beurtheilt werden. Der
ursprüngliche Beruf des christlichen Priesterthums, der die Gelehrsamkeit
als seine vorzüglichste Beschäftigung voraussetzt, hat auf die ganze
innere Verwaltung und auf die äußern Verhandlungen der geistlichen
Fürstenthümer einen großen Einfluß. Selbst die Hofhaltung des Oberhauptes
der katholischen Kirche ist danach eingerichtet, und die ganze Politik
desselben sucht die weltlichen Angelegenheiten einem höhern, zwar nicht
immer wohl verstandenen, aber an sich selbst ehrwürdigen Interesse
unterzuordnen.

Zu den Zeiten Macchiavelli’s war die Hierarchie von demselben
verderblichen Geiste ergriffen, der ganz Italien verwirrte. Aber der Sinn
für literarische Cultur und Liebe zu den Wissenschaften, die sich mit der
größten Schnellkraft entwickelten, erzeugte einen neuen Charakter, den
auch die hohe Kirche annahm. Bald nach dem Zeitalter Macchiavelli’s
bestieg ein Mann den heiligen Stuhl, der die Satyre, die wir gelesen
haben, mit der That widerlegte, und bewies, was Regententugenden auf jener
Stelle vermögen. In einer kaum fünfjährigen Regierung hat Sixtus der
Fünfte nicht allein sein Ansehn bei fremden Mächten eben so gut und noch
weit mehr behauptet, als Alexander, Julius und Leo. Er vollbrachte daneben
in dieser kurzen Zeit Alles, Alles, was die thätigste fürstlichste
Verwaltung zu leisten vermag. Ruhe und Ordnung wurden hergestellt,
öffentliche Sicherheit geschafft, die vorher im Kirchenstaate Niemand
kannte; Gerechtigkeit gehandhabt, der Wohlstand befördert, und dabei eine
unglaubliche Menge der glänzendsten Unternehmungen vollendet, die der
Stadt Rom die Bewunderung der hinströmenden Welt verschafften.

Dieser Sixtus gehörte zu den seltenen Männern, denen Alles zu gering ist,
was allein persönlichen Ehrgeiz oder Familieninteresse befriedigt, die
nichts ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Bemühungen werth achten, als
öffentliche Ordnung und Wohlfahrt; für die nichts so großen Reiz hat, als
was das Interesse des menschlichen Geistes angeht. Solche Menschen können
auch auf Thronen geboren werden. Aber in der Beurtheilung der Bedürfnisse
des Privatlebens wird ihnen der immer überlegen sein, der durch diese
selbst hindurchgegangen ist. Hierin könnte ein Vorzug der Verfassung
liegen, worin die Regenten nicht durch das Recht der Geburt bestimmt
werden. Aber in welchem Wahlreiche wird man durch jene Eigenschaften auf
den Thron erhoben, außer im geistlichen? Wenn in einem andern der
Privatmann hoffen darf, die Intriguen der Familien und Parteien durch
persönliches Verdienst zu überwinden, so ist es nur der Kriegsheld. Die
Geschichte des Dejoces, den die Meder wegen seiner Gerechtigkeitsliebe zum
Könige gewählt haben, gehört in die alten Zeiten, von denen man gar viel
erzählen kann. Auf den päpstlichen Stuhl aber sind in allen Perioden von
Zeit zu Zeit Männer erhoben, von deren Herkunft Niemand etwas wußte, und
die sich blos durch persönliche Vorzüge den Weg gebahnt haben.

Familienintrigue hat zwar oft auf die Wahl von Päpsten und auf die Politik
derselben einen entscheidenden Einfluß gehabt, und die Nepoten haben nicht
blos in der innern Staatsverwaltung, in welcher ihnen keine ständischen
Rechte Widerstand leisteten, großen Schaden gethan; sie haben auch oft die
Staatshändel aller Mächte von Europa verwirrt, die das Ansehn des heiligen
Stuhls vielmehr hätte besänftigen sollen. Die Farnese, die Caraffa, die
Barberini spielen keine schöne Rolle in der Geschichte. Aber das ganze
Gebäude der hohen Kirche beruht so wesentlich auf der Bildung des Geistes,
ihre weltliche Macht, Reichthum und Einfluß ist so sehr mit den Anstalten
für wissenschaftliche Cultur verwebt, daß Verdienste um diese letztere
immer in guten Zeiten einen überwiegenden Einfluß haben, und selbst in den
schlechtesten nicht ganz zurückgesetzt werden können. Wenn man zum
Beispiel die Schilderung liest, die der Cardinal Bentivoglio, selbst ein
ausgezeichneter Staatsmann und Schriftsteller, von dem Cardinals-Collegium
und dem päpstlichen Hofe macht, so wie er es unter Clemens dem Achten bei
seinem ersten Eintritte in die Welt fand, so erstaunt man über die Menge
von Cardinälen und andern hohen Dignitaren, die sich durch Gelehrsamkeit
oder durch große Geschicklichkeit in Staatshandlungen zu ihrer Würde
emporgeschwungen hatten, ohne durch irgend etwas Anderes empfohlen zu
sein. Rom hat nicht zu allen Zeiten eine so ehrwürdige Prälatur besessen;
aber Talenten, Einsichten und Kenntnissen ist der Weg zu hohen Würden
niemals ganz verschlossen gewesen, selbst nicht unter den Päpsten, die
ihre Erhebung keinen persönlichen Vorzügen verdankten.

Die deutsche hohe Geistlichkeit, welcher man das in mancher Rücksicht
verdiente Lob durch einseitige Schilderung aller Nachtheile der ehemaligen
deutschen Reichsverfassung mit Unrecht zu entziehen sucht, ist jedoch
hinsichtlich des persönlichen hervorstechenden Glanzes einzelner Prälaten
weit hinter der italienischen zurückgeblieben. Man hat es schon in sehr
frühen Zeiten darauf angelegt, den Weg zu hohen Stellen allen denen zu
verschließen, die sich nur auf Verdienste berufen konnten; und diese
Bemühungen des deutschen Adels, alle Stellen in hohen Stiftern in dem
Kreise gewisser Geschlechter festzuhalten, in welchem sie nach einer
gewissen Billigkeitsrolle vertheilt werden müßten, ist nicht ohne Wirkung
geblieben.

In Rom hat man nie lernen können, so zu denken. Der Besitzstand, bei dem
die deutschen Prälaten sich so wohl befanden, war gar nicht hinreichend,
die Absichten und Bedürfnisse der ganzen Hierarchie zu befriedigen. Der
Einfluß, den sie immer zu erweitern strebte und nur mit ausnehmender und
ununterbrochener Aufmerksamkeit aufrecht erhalten konnte, erforderte
vielmehr eine große Thätigkeit und Bekanntschaft mit der ganzen Welt, mit
der vergangenen und mit der lebenden. Es ist daher ganz falsch, was
Macchiavelli von der Geistlichkeit sagt: daß ihre Häupter auf ihren hohen
Stellen durch die Kraft der Trägheit, die in alten Einrichtungen liegt,
erhalten werden, sie mögen sich aufführen wie sie wollen. Vielmehr hat
sich in der Geschichte keines einzigen Staates deutlicher gezeigt, wie
viel wahrer Verstand und gute Gesinnung in der Welt vermögen, als gerade
in der Geschichte der Päpste.

Die Philosophen und Geschichtschreiber der neuern Zeiten haben sich mit
großem Erfolge bemüht, die geistliche Gewalt verhaßt zu machen, indem sie
ihr Alles zur Last legen, was Geistliche gethan haben, ohne zu beachten,
ob sie die Kraft dazu durch ihren geistlichen Stand erhielten, und ob man
der Herrschsucht ihr Gift genommen hätte, wenn ihr das geistliche Kleid
ausgezogen wäre. Die französischen Schriftsteller insbesondere machen sehr
bittere Bemerkungen darüber, wie viel Unheil die Cardinäle in der
Staatsverwaltung gestiftet. Richelieu und Mazarin fanden es zwar sehr
vortheilhaft, ihrer Person durch den römischen Purpur Schutz zu
verschaffen. Würden sie aber anders regiert haben, wenn sie als weltliche
Minister die Macht besessen hätten, die sie nicht ihrer geistlichen Würde,
sondern persönlichem Einflusse auf die Gemüther ihrer Regenten verdankten?
Der geistliche Beruf hat freilich einem Alberoni Gelegenheit gegeben, sich
dem Regenten von Spanien zu nähern und das Schicksal mehr als Einer
Monarchie zum Spiele seines Ehrgeizes zu machen; aber auch dem Ximenes,
d’Ossat und andern großen Männern den Weg zu Stellen eröffnet, die den
vorzüglichsten Menschen so schwer zu Theil werden, wenn sie nicht durch
die Geburt begünstigt sind.

Die Philosophie hätte sich also begnügen sollen, die Anmaßungen der Kirche
in billige Schranken zurückzuweisen, ohne sie zu vernichten, um dagegen
ein für die Würde der menschlichen Natur eben so gefährliches System der
bürgerlichen Ordnung nach den Gesetzen des äußern Rechts zu erheben.

Das leichtsinnige und fehlerhafte Urtheil des Macchiavelli über die
geistlichen Fürsten erforderte diese Betrachtungen über die Vortheile,
welche das System der katholischen Hierarchie gewährt. Es ist hier nicht
der Ort, von den wesentlichen Fehlern derselben zu reden, welche die
Veranlassung zu der Trennung der Protestanten von ihr gegeben, und die
Wiedervereinigung kaum möglich machen. Diese Fehler werden nicht durch die
Veränderungen gehoben, welche vermöge der neuern Denkart in der
katholischen Kirche entstanden sind, und die ihr zugethanen Völker laufen
daher Gefahr, die Vortheile zu verlieren, welche sie besaßen, ohne durch
diejenigen entschädigt zu werden, die die protestantischen errungen haben.

In dem kirchlichen Systeme dieser Letztern findet die Einwirkung einer
geistlichen Gewalt auf Staatsverhandlungen mit andern Mächten gar nicht
statt. Was aber ihren Einfluß auf innere Landesangelegenheiten betrifft,
so kann hier nur der Gesichtspunkt im Allgemeinen angegeben werden, von
dem die Untersuchung darüber ausgehen muß.

Es ist überhaupt das größte Problem des natürlichen Staatsrechts und der
Politik, wem man in der bürgerlichen Gesellschaft die Befugniß ertheilen
solle, sich der willkürlichen Gewaltthätigkeit zu widersetzen. Das Gesetz
Gottes geht über das Gesetz der Menschen. Seit den rasenden Tyrannen Roms,
die sich zu lebenden Göttern erklärten, hat selten ein Regent gewagt,
seinen Völkern ins Gesicht zu sagen, er wolle, daß ihm mehr gehorcht
werde, als Gott. Aber wie soll die Stimme des unsichtbaren Gottes
durchdringen? Wer soll sie erklären? Soll derjenige, den das Volk für
ihren Ausleger hält, gar keine weltliche Macht in Bewegung setzen können,
so wird er zu einer leeren Stimme in der Wüste, sobald es dem Regenten
gefällt. Soll er Mittel besitzen, sich Gehorsam zu verschaffen, so
entsteht ein innerer Krieg, sobald seine Vorschriften mit dem Willen des
weltlichen Regenten disharmoniren. Diese letzten schrecklichen Folgen hat
die katholische Kirche oft erfahren. Jenem Nachtheile ist die
protestantische ausgesetzt, sobald die Geistlichkeit, wie es nach den
eingeschränkten Ideen derer sein sollte, die einem dürren Systeme zu
Gefallen alle Verhältnisse möglichst vereinfachen, als besoldete Diener
des Regenten betrachtet werden, welche bestellt sind, Moral zu predigen
und die bürgerlichen Gesetze einzuschärfen. Wo sollte wol ein solcher
bestellter Officialis der Sittlichkeit den Muth hernehmen, seinem Herrn,
den alle Welt fürchtet, ins Gewissen zu reden? Friedrich Wilhelm dem
Ersten von Preußen hat doch ein Landprediger den Vers aus der Bibel
vorgehalten: „Wer einen Menschen stiehlt“, um damit seine gottlose
Menschenräuberei für die Potsdamer Garde zu strafen. Wer wird dergleichen
unternehmen dürfen, wenn es weder Vorsteher der Nation gibt, die von ihr,
und nicht vom Regenten abhängen; noch auch Lehrer göttlicher Weisheit, die
einen höhern Beruf anerkennen, als ein Bestallungspatent!

Die Reformatoren der Kirche haben dies Alles wohl gefühlt. Sie verkannten
ihren Beruf nicht. Sie haben den geistlichen Stand, dem die Sorge
anvertraut ist, eine höhere Bildung des Menschengeschlechts zu erhalten,
nicht zu Dienern des irdischen Gemeinwesens, zu Staatsdienern
herabgewürdigt. Die Fürsten der Zeit haben sich nicht vermöge ihrer
fürstlichen Würde zu Häuptern der Hierarchie erklärt. Das hätte das
damalige Volk nicht gelitten. Die deutschen Fürsten haben als natürliche
Beschützer der Kirche, deren mächtigste Glieder sie waren, die
bischöflichen Rechte und Pflichten auf sich genommen, nachdem die
Gemeinden sich von der katholischen Hierarchie losgemacht hatten. Dieser
wesentliche Unterschied wird kaum mehr beachtet, seitdem die Speculationen
über das Staatsrecht und über die Staatsklugheit eine angeblich
metaphysische Wendung genommen haben, vermöge deren ein strenges äußeres
Recht das Wesentliche aller sittlichen Verhältnisse der bürgerlichen
Gesellschaft ausmachen soll: da doch die Menschen, aus denen der Staat
besteht, die Gesetze über äußeres Recht nicht eher begreifen, und die
Verpflichtung sie zu besolden nicht anerkennen, bis sie durch viele
religiöse Bemühungen und moralischen Unterricht dazu fähig gemacht sind.



                                   12.


Der Hauptgedanke, auf welchen diese lehrreiche Darstellung der vergangenen
italienischen Zeiten führt, ist ganz allgemein wahr und zu allen Zeiten
nützlich. Selbst ist der Mann. Jeder muß sich selbst zu schützen suchen,
so viel er kann. Man darf nie Andere für sich tapfer, vorsichtig, klug
sein lassen und sie dafür bezahlen; denn wer Schätze hat, fremden Schutz
zu erkaufen, dem werden sie gerade von demjenigen genommen, den er zum
Wächter zu bestellen dachte. Der Genuß des Reichthums erschlafft und nimmt
selbst dem, welchem es nicht an Einsicht fehlt, die Kraft zu handeln.
Daher hat großer Reichthum der Völker von jeher schlimme Perioden
herbeigeführt: entweder Unterjochung von Außen oder Revolutionen im
Innern, wodurch die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten und das
Eigenthum der Nation in die Hände derjenigen Classen gerieth, die bis
dahin noch keinen Antheil am Ueberflusse gehabt hatten. Hieraus ergibt
sich auch die Ursache, warum Seemächte, trotz des größten Reichthums und
selbst des übertriebensten Luxus, den er veranlaßt, groß und mächtig
bleiben können. Die Quelle ihrer Schätze führt das Heilmittel selbst bei
sich. Die Schifffahrt gelingt nur durch die äußerste Anstrengung aller
Kräfte des Geistes und des Körpers. Daher nöthigt der Seehandel, der den
größten Gewinn bringt, zugleich zu dem emsigsten Bestreben nach einer
Ausbildung, die auch im Kriege Ueberlegenheit gibt. Wenn eine Seemacht
jemals andere Nationen in Sold nähme, um für sich die Gefahren und
Mühseligkeiten der Schifffahrt zu übernehmen, so wäre sie verloren. Aber
auch nur dann. Die große Seefahrt und die Gesetze, die sie veranlaßt,
werden gewöhnlich nur aus dem eingeschränkten Gesichtspunkte des
Handelsgewinns angesehen. Die Veranstaltungen, die sich darauf beziehen,
sind aber noch weit wichtiger in moralischer Rücksicht. Sie befördern die
ernsthafte Beschäftigung und Abhärtung, sie erhalten einen männlichen
Charakter in der Nation. Und da das Seewesen einer großen Menge von
wissenschaftlichen Kenntnissen bedarf, so entsteht daraus das Phänomen
einer kriegerischen Macht, die zugleich alle Künste des Friedens zu
vervollkommnen sucht; wohingegen eine sehr kriegerische Nation auf dem
festen Lande immer Gefahr läuft, in Rohheit der Sitten zurückzusinken.



                                   15.


Macchiavelli kannte die Begriffe von Recht und Sittlichkeit und ihren
Einfluß auf die Menschen sehr wohl. Aber sie galten ihm nur als
Erscheinungen im menschlichen Gemüthe, die gleich andern Neigungen und
Vorteilen in die Berechnungen über die Triebfedern der menschlichen
Handlungen mit aufgenommen werden mußten, ohne ihnen einen Werth an sich
selbst zuzugestehen. Eben so kannte einer von seinen Schülern, die ihn am
besten begriffen hatten, die sittlichen Triebfedern der Menschen gut
genug, um sie für seine Zwecke und zu dem Verderben derer zu mißbrauchen,
die er dadurch zu seinen Werkzeugen machte. Aber dieser Mann, Napoleon der
Erste, verkannte die Natur der Dinge, wenn er die ganze lebende Welt um
ihn her nur im Verhältnisse zu seiner Person beurteilte, und in Beziehung
auf sich ordnen wollte. Er wähnte, sich für ein personificirtes Schicksal
erklären zu dürfen. Der mächtigste Mensch bleibt doch immer nur ein
Triebrad des Schicksals unter vielen. Er ist und bleibt abhängig, so wie
Andre, nur auf andre Art. Es ist daher etwas Verkehrtes in der Sinnesart,
die alles Allgemeine, Höhere, Edlere der Persönlichkeit unterordnet, und
deshalb kann sie schon vor dem Richterstuhle des bloßen Verstandes nicht
bestehen; wohingegen derjenige, der sein persönliches Interesse höheren
Zwecken unterordnet, auch alsdann mit sich einig bleibt, wenn er diese
verfehlt, und sogar, wenn er selbst darüber untergeht.



                                   16.


Diese Bemerkungen sind von der größten Wichtigkeit für jeden Regenten. Die
Freigebigkeit ist eine natürliche Eigenschaft des hohen Sinnes. Man fühlt
sich über andre Menschen erhaben, indem man ihnen wohl thut. Sie ist also
ganz eigentlich eine fürstliche Tugend. Der Geiz hat etwas Kleinliches und
ist daher in einer hohen Stelle unanständig. Bei dem, der nach der
Herrschaft strebt, kommt noch hinzu, daß er des Beistandes so Mancher
bedarf, und denselben durch alle Mittel suchen, ihn also auch oft erkaufen
muß.

Betrachtet man aber die Folgen, so sieht man auf der Seite der
Freigebigkeit undankbare Günstlinge, die immer mehr fordern, je mehr sie
erhalten haben; ganze Classen, die als ein Recht ansehen, was Einem unter
ihnen zugestanden worden; die, wenn sie das gesammte fürstliche Gut unter
sich getheilt haben, denjenigen gering schätzen, der nichts mehr zu geben
hat und sich gegen ihn auflehnen; mißlungene Unternehmungen, weil es an
Mitteln fehlt; unbelohntes Verdienst, ungerechte Vorenthaltung
rechtmäßiger Forderungen, allgemeine Unzufriedenheit, zuletzt Verachtung.

Der Geiz hingegen, nicht aber die Habsucht, die vielmehr mit
leichtsinniger Verschwendung nahe verwandt ist, kann wol mit
Gerechtigkeitsliebe bestehen. Strenge Wirthschaftlichkeit macht den Grund
aller guten Regierung aus. Ist aber der Geiz nicht die Folge ernstester
Ueberlegung und Vorsicht, entspringt er vielmehr aus Neigung, so fällt er
auf die Gegenstände, welche nicht die wichtigsten sind, sondern nur die
nächsten; er läßt große Dinge fahren, um Kleinigkeiten zu ergreifen, freut
sich nicht über den Zweck der guten Haushaltung, sondern nur über das
Ersparen selbst, mißgönnt daher Jedem die wohlverdiente Belohnung
geleisteter Dienste und erzeugt allmählich die tiefe Abneigung, welche
derjenige stets einflößt, dessen Macht man fürchtet, ohne seinen Charakter
zu achten.



                                   17.


Die Lehren dieses Kapitels sind einleuchtend. Dennoch wird es Männern von
menschenfreundlicher Gemüthsart sehr schwer, sie anzunehmen. Sie hoffen
immer, die Menschen werden zu ihren Gunsten eine Ausnahme machen. Ihre
eignen Gesinnungen verleiten sie auch in Andern entsprechende zu wünschen
– vergeblich zu erwarten. Aber es wird im Gegentheil demjenigen, der
einmal im Rufe der Menschenliebe steht, von allen Seiten angesonnen, sich
gefallen zu lassen, was keinem Andern widerfährt, und das ist der wahre
Grund, warum die angebliche Tugend der Gutmütigkeit – sehr verschieden von
der Liebe zum Guten – so allgemein erhoben wird. Sie ist in Wahrheit nur
Schwäche eines harmlosen Gemüths und schon im Privatleben verächtlich. Wer
den Menschen im Ernste wohl will und für sie thätig sein möchte, muß
kämpfen und überwinden, den widerstrebenden Eigennutz der
Schlechtgesinnten in Furcht setzen, die Schwachen zwingen mitzuwirken und
oft diejenigen selbst, denen er wohlthun will, nöthigen, ihr eigenes
Bestes zu besorgen. Im öffentlichen Leben gibt es gar keinen größeren
Fehler, als jene Gutmüthigkeit, die immer nachgibt: Schlechte schont und
Gute preisgibt; bescheidene Selbstverleugnung vorschützt, um
zurückzubleiben, wo es die Pflicht erfordert, hervorzutreten, und die
verächtlichste Feigheit mit dem nichtswürdigen Ruhme der Sündhaftigkeit im
Leiden, da wo man sich wehren sollte, beschönigt. Vorzüglich ist
Nachgibigkeit und unzeitige Schonung im Verhältnisse zu Untergebenen
verderblich. Die Liebe zu Vorgesetzten erfordert einen überwiegenden
Zusatz von Achtung. Diese ist mit der Furcht näher verwandt, als mit der
Zuneigung. Ein anderer Bestandtheil der Liebe zu Vorgesetzten ist
Vertrauen auf ihren Schutz. Dazu gehört wieder die Ueberzeugung, daß Andre
sich vor ihnen fürchten. In einem andern Sinne als Macchiavelli es
behauptet, ist es in der That wahr: die Furcht ist das Band der
bürgerlichen Gesellschaft.



                                   18.


Unter allen Lehren, die Macchiavelli den Großen gibt, haben diese den
allgemeinsten Beifall gefunden. Auf ihn berufen sich alle Staatsmänner,
die Verträge und Zusagen brechen und den Betrug mit dem Namen der Politik
rechtfertigen möchten. Doch hat ein so erfahrener Mann unmöglich sagen
wollen, daß ohne Gefahr immer und immer nur betrogen werden könne. Das hat
er auch nicht gesagt, denn er verlangt ja von seinem Fürsten, daß er gegen
Tugend und Laster nur gleichgiltig sein, Eines wie das Andere üben und
beides nur als Mittel gebrauchen solle, Absichten zu erreichen. Die Großen
und Mächtigen begehren gewöhnlich von den Fesseln moralischer Gesetze
befreit zu werden, um ihre Leidenschaften zu befriedigen. Das aber gewährt
ihnen Macchiavelli nicht. Es fordert vielmehr keine noch so strenge Moral,
so große Aufopferungen, als diejenige Staatskunst, welche von keiner Moral
etwas wissen will, und Alles, was der Mensch thut, den kalten Berechnungen
des Verstandes unterwirft, um einen einzigen Zweck zu erreichen. Wer
danach strebt, Herrschaft zu erringen, und wenn er sie hat, zu erweitern,
darf nichts Anderes wünschen. Macchiavelli sagt gar nicht, der Fürst darf
sich über die Moralität ganz wegsetzen, sobald es ihm beliebt, weil er
mächtig genug ist, es ungestraft zu thun. Dazu kannte er das Volk zu gut
und beurtheilte zu richtig, was auf dasselbe wirkt. Er verlangt aber
vollkommene Gleichgiltigkeit gegen die Tugenden im Herzen selbst. Der
Fürst soll den Redlichen und Unredlichen spielen, so wie es die Umstände
verlangen. Es ist also auch nicht damit gethan, sich gegen Gefühl und
Gewissen abzuhärten und bei keinem Verbrechen anzustoßen, das in den Plan
des Ehrgeizes gehört. Wer dies leistet, hat nur die Hälfte der Forderung
erfüllt. Er muß sich daneben das Ansehn aller Tugenden geben. Hier aber
erkennt man den scharfsinnigen Beobachter der Menschen gar nicht.
Aristoteles, der in seiner Politik (im fünften Buche, elften Kapitel) dem
Tyrannen Lebensregeln gibt, die überhaupt mit dem Macchiavelli ziemlich
übereinstimmen, verlangt ebenfalls, daß er den Schein aller Tugenden
annehme, die ihm fehlen. So nöthig sind die wahrhaft königlichen Tugenden
jedem Herrscher, daß er den Ruf, sie zu besitzen, nie ganz entbehren kann.
Aber Aristoteles räth ihm, sich ihnen möglichst zu nähern, davon
anzunehmen, was er nur vermag, und wenigstens den Schein der andern zu
suchen. Macchiavelli hingegen verbietet ihm die Tugenden selbst, weil sie
ihm hinderlich sein würden; verlangt aber dabei, daß er ihren Schein
annehme, so oft er ihrer Wirkung nicht entbehren kann. Kann nun wol der
bloße Schein diese hervorbringen? Wir sehen schon im gewöhnlichen Leben,
wie wenig Zutrauen und welche tiefe Abneigung diejenigen Menschen erregen,
denen es nur auf den Effect ankommt, die sich daher selbst immer im Auge
haben und einen Spiegel mit sich umhertragen. Sie mögen sich noch so gut
darauf verstehen, andre Menschen anzuführen, sie werden dennoch bald für
das erkannt, was sie sind. In den kleinsten Zügen ihres Betragens liegt
ein „Hüte dich!“ das seine Wirkung nicht verfehlt. Die Großen sind
vielleicht mächtig genug, das vorwitzige Urtheil ihrer Unterthanen zu
unterdrücken. Aber auch der Nachwelt? Und doch hat schwerlich jemals ein
Fürst existirt, der Geist genug hatte, die schwere Rolle zu spielen, die
Macchiavelli vorzeichnet, ohne den Wunsch zu hegen, daß er auch nach
seinem Tode so beurtheilt werden möchte, als er sich bemüht, vor seinen
Zeitgenossen zu erscheinen.

Wer mächtig genug ist, ehrlich handeln zu können, thut daher immer noch
besser, der Heuchelei zu entsagen. So lange Verstand gegen Verstand kämpft
und der Macchiavellische Fürst sich auf seinem wohlbekannten Fechterboden
befindet, wo Verrath und Treulosigkeit von beiden Seiten angewendet
werden, die Absichten durchzusetzen, wird stets der Schlaueste den Sieg
davontragen. Wenn es aber darauf ankommt, nicht den Listigen zu
überlisten, sondern die Ehrlichkeit zu berücken und die gerade Einfalt des
Herzens sich nicht mehr anführen lassen will, so vermag alle Kunst nichts
mehr, und Satan selbst hat nicht Verstand genug, um die Tugenden des
Gemüths zu ersetzen, die fortan allein etwas auszurichten vermögen.

Was insbesondere die Wortbrüchigkeit betrifft, von der Macchiavelli als
von einer notwendigen und gewöhnlichen Sache redet, so bedarf es einer
genauen Bestimmung, wann sie dem Fürsten erlaubt sein kann. Es ist ein
alter und mit religiöser Ehrfurcht bewährter Ausspruch, daß das Wort der
Fürsten heilig sein solle. Die Wahrhaftigkeit ist überhaupt das Band, das
die menschliche Gesellschaft zusammenhält. Selbst die einzelne Lüge kann
nur da etwas wirken, wo Wahrheit allgemeine Regel ist. Von Andern verlangt
sie daher auch ein Jeder, und der ärgste Lügner schreit immer am lautesten
gegen den Betrug, der gegen ihn gespielt wird. Die ganze Welt aber
vereinigt ihre Stimme, denjenigen, der sich nicht etwa einmal eine
Unwahrheit oder einen Wortbruch zu Schulden kommen läßt, sondern in dessen
Charakter es liegt, durchaus unwahr zu sein, wie eine Pest der
Gesellschaft zu fliehen.

Die Natur hat aber dem Menschen die List nicht umsonst gegeben. Sie ist
die Schutzwehr des Schwachen gegen Stärkere; sein Vertheidigungsmittel
gegen übermächtige Gewalttätigkeit. Mit Recht sagt daher Macchiavelli, daß
der Fürst sich darauf verstehen müsse, den Fuchs und den Löwen zu spielen.
Weil er unter Menschen wandelt, die mehr von der thierischen Natur an sich
haben, als vom Geistigen, so muß er gleichfalls die Bestie herauskehren,
wenn es Noth thut. Beides soll er können, den Fuchs spielen und den Löwen.
Der Löwe ist stark, wirft Alles nieder und verzehrt, was ihm gefällt. Wenn
er theilt, so nimmt er das beste Stück, weil er Löwe heißt. Der Fuchs
hilft sich mit List, um zu erlangen, was er zu seiner Erhaltung bedarf.
Aber den Wolf, den Feind aller Geselligkeit, der selbst mit seines
Gleichen nur Verbindungen des Augenblickes eingeht, um über den Dritten
herzufallen und nie in einer friedlichen Gemeinschaft angetroffen wird,
dieses ganz ungesellige Thier soll kein Mensch jemals nachahmen. Vielmehr
soll ja der Fürst, wie Macchiavelli selbst sagt, den Löwen machen, um die
Wölfe zu vertreiben. Noch in andern Stellen seiner Werke spricht er
nachdrücklich gegen diejenigen, die wie die Wölfe unter Menschen leben.
Wenn denn also dem Menschen die Schlauheit des Fuchses gegeben ist, damit
er die Wölfe ins Verderben ziehe, gegen die er sich nicht wehren kann,
wohlan, so gebrauche die List, so oft sie nothwendig ist. Lüge, brich dein
Wort, verschwöre dich, verleite deinen Gegner durch die hinterlistigsten
Vorspiegelungen und stich ihm den Dolch ins Herz, indem du ihn umarmst.
Aber beweise, daß dies Alles nothwendig war, um dich von der Noth zu
befreien, die die Bosheit über dich brachte: und du bist gerechtfertigt.
Zeige, daß es nothwendig war, um das dir anvertraute Volk vom Untergange
zu retten – und du wirst als ein wohlthätiger Schutzgeist verehrt werden.
Wer kann sich der lebhaftesten Theilnahme erwehren, wenn die
Unternehmungen des selbstsüchtigen, unersättlichen, gegen Wohl und Wehe
der Menschen gefühllosen Ehrgeizes und der Habsucht durch die
Verschlagenheit des Unterdrückten auf den Urheber der Mißhandlung
zurückfallen?

Es ist um so viel notwendiger, die Künste der List und Verstellung richtig
zu würdigen, da sie einen ganz eigenthümlichen Reiz für die Großen haben,
der aus den besondern Verhältnissen ihrer Lage entspringt. Wer so viel
vermag, sollte man denken, wird sich die Mühe nicht geben wollen, sich zu
verbergen. So Vieles kommt ihren geringsten Wünschen entgegen. Sie
brauchen kaum zu wollen, so geschieht schon, was ihnen angenehm ist. Wie
selten hat Einer von denen, die sich ihnen nahen, die Dreistigkeit, etwas
zu tadeln, das sie thun. Aber das Alles trifft doch nur die Kleinigkeiten,
die ihre eignen persönlichen Neigungen angehen. In Allem, was zu ihrem
politischen Leben gehört, ist es ganz anders. Sie finden in den
verwickelten Anstalten der bürgerlichen Ordnung, in der Organisation der
Gewalt selbst, mit der sie ihren Willen vollziehen, Schwierigkeiten und
Widerstand. Sie verachten die Menschen und mißbrauchen sie ohne Scheu.
Dennoch können sie dieselben nicht zu Maschinen machen. Der
unumschränkteste Monarch muß sich herablassen, ihre eignen Gesinnungen und
Empfindungen zu schonen. Außerdem ist Alles, was ihn umgibt, unaufhörlich
beschäftigt, von jeder seiner Aeußerungen Vortheil zu ziehen. Er lernt
bald, daß Alles, was von ihm herkommt, von der größten Wichtigkeit ist und
oft Wirkungen thut, die ihn selbst überraschen. Wenn er nicht etwa von dem
Feuer eines ungestümen Temperaments beherrscht wird, das keinen Zwang
erträgt, so wird er in sich selbst mißtrauisch und geneigt zur
Verstellung.

Kommt hierzu noch eine verkehrte Bildung des Geistes, entschuldigt er bei
sich selbst den Mangel an Entschlossenheit und Muth mit dem Grundsatze, es
sei besser, Alles, was auf geradem Wege zweifelhaft sein könnte, mit
versteckter Kunst zu Stande zu bringen; findet er ein Vergnügen darin,
Schwierigkeiten aufzusuchen, und bewundert seinen eignen Verstand, wenn er
mit seinen Mittelchen die Kraft des Willens zu ersetzen sucht, – so
entsteht zuletzt ein Gewebe, darin sich der Künstler, der es angelegt hat,
selbst verstrickt und verliert.

Die Wirkungen der Politik, die Macchiavelli lehrt, haben sich niemals
deutlicher gezeigt, als in der Geschichte der Familie, für die sein Buch
zunächst bestimmt war.

Lorenzo von Medici, dem er es zugeeignet hat, ist nicht Herr von Florenz
geworden. Aber er scheint doch von den Rathschlägen, die ihm hier ertheilt
werden, Gebrauch gemacht zu haben. Er hatte, wie es scheint, Anlage zu
einem Schüler des Macchiavelli im praktischen Leben. Ein früher Tod
unterbrach seine Ausbildung. Aber er vererbte diesen Schatz von
Grundsätzen auf seine Tochter. Catharina von Medici nahm sie mit sich nach
Frankreich. Dort ward das florentinische Gewächs von den Landsleuten, die
sie dahin begleiteten, sorgfältig gepflegt. Die Geschichte der
französischen Nation hat dadurch eine ganz eigne und ihrem ursprünglichen
Charakter fremde Wendung genommen. Der Herzog von Retz, den Catharina aus
Florenz kommen ließ, hatte einen entscheidenden Einfluß auf die
Entschließungen Karl des Neunten und Heinrich des Dritten, und brachte
Pläne zur Reife, die in französischen Gemüthern schwerlich gediehen wären.
Mehrere Italiener umgaben Heinrich den Dritten. Unter diesen der Abbate
del Bene, von dem sich jener Monarch, dessen Charakter und dessen Leben
ein sonderbares Gemisch von Wollust, Trägheit, Leichtsinn und tiefer
Verstellung, dreister Thätigkeit und Grausamkeit war, in den Stunden, wo
es ihn anwandelte, Politik zu studiren, den Tacitus, Polybius und mehr als
diese den Fürsten von Macchiavelli vorlesen ließ.(25) Die Lehren, die er
hier vernahm, übte er auch dann und wann einzeln, nach Laune aus. Und
damit bekräftigte er selbst recht nachdrücklich die Bemerkung seines
Lehrers, daß die Menschen selten den Muth und die Beharrlichkeit haben,
etwas recht und ganz zu sein, und daß sie eben dadurch zu Grunde gehen.

Die Mutter aber war anders. Beides, natürliche Anlage und Bildung durch
die Lehren des Meisters in der italienischen Politik, vereinigten sich in
ihr, und in ihrer Lage fanden sich Veranlassungen, die ganze Rolle zu
spielen, die er vorgezeichnet hatte. Ihre Ansprüche auf die Regentschaft
während der Minderjährigkeit ihrer Söhne waren zweifelhaft. So weit befand
sie sich mit dem Fürsten des Macchiavelli in gleichen Verhältnissen, und
die Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden, wurden noch durch ihre
fremde Abkunft vermehrt. Große persönliche Vorzüge waren erforderlich, sie
zu überwinden, und solche hat sie unstreitig besessen.

Catharina von Medici hatte so viel Verstand und Talent, als irgend eines
der Weiber, die in der Geschichte berühmt geworden sind. Der begeisterte
Verehrer ihrer Vorzüge, der Geschichtschreiber Davila, hält ihr bei der
Erzählung ihres Todes folgende Standrede:

„Die großen Eigenschaften dieser Frau, welche dreißig Jahre lang die Augen
von ganz Europa auf sich gezogen hat, erhellen besser aus ihrer
Geschichte, als ich sie in wenigen Worten darstellen könnte. Ihr Verstand
war unerschöpflich an Mitteln, um die unerwarteten Zufälle zu verbessern,
und die Wirkungen des üblen Willens der Menschen zu vereiteln. Hierdurch
ertrug sie während der Minderjährigkeit ihrer Söhne die Last der
bürgerlichen Kriege, während welcher sie zu gleicher Zeit den
Religionseifer, die Widerspenstigkeit der Unterthanen, die Bedrängnisse
des Schatzes, die Verstellung der Großen und die ungeheuern Unternehmungen
des Ehrgeizes bekämpfte. Ihre Beständigkeit, ihr hoher Sinn, womit sie,
eine Fremde, es unternahm, das Ruder der Regierung den einheimischen
Großen zum Trotze zu ergreifen, womit sie sich desselben bemächtigte und
es festhielt gegen alle Künste der Widersacher und den Schlägen des
Schicksals zum Trotze, hatte mehr Aehnlichkeit mit dem Geiste eines in den
großen Welthändeln gebildeten Mannes, als mit der Gesinnung eines an die
Weichlichkeit des Hofes gewöhnten und von ihrem Eheherrn unterdrückten
Weibes. Aber die Geduld, die Gewandtheit, die Mäßigung, womit sie sich zu
behaupten wußte, und ungeachtet des in ihrem Sohne selbst gegen sie
allmählich entstandenen Argwohns die Regierung so festhielt, daß er es
nicht wagte, ohne ihren Rath und ohne ihre Einwilligung zu handeln, selbst
da, wo er ihr nicht traute: dieses ist der größte Beweis und das
kräftigste Kunststück ihrer vorzüglichen Gaben. Daneben wußte sie sich
stets über die natürlichen weiblichen Schwächen zu erheben und unterlag
nie den kleinlichen Neigungen, welche vom rechten Wege abführen. Sie hatte
einen hellen Verstand, wahrhaft königliche Anmuth in ihrem Benehmen gegen
die Menschen, mächtiges Talent zu reden, lebendige Neigung sich freigebig
und geneigt gegen die Guten zu beweisen, den bittersten und
unversöhnlichen Haß gegen die Andern. Sie ließ nicht ab, ihre Anhänger zu
begünstigen und zu erhöhen, und dennoch konnte sie es nicht dahin bringen,
daß der französische Stolz ihre italienische Geburt vergessen hätte. Die
unruhigen Köpfe hörten nie auf, sie als die Feindin ihrer Absichten zu
hassen, und insbesondere ist sie von den Hugenotten verleumdet worden, als
wenn sie nur aus unbegrenzter Begierde zu herrschen Rathschläge gegeben,
wodurch Frankreich doch aus den größten Gefahren gerettet worden ist. Mit
allen diesen Tugenden war sie der allgemeinen Unvollkommenheit der
menschlichen Natur unterworfen und hatte ihre Fehler. Man hielt dafür, ihr
sei durchaus nicht zu trauen: etwas zu allen Zeiten, vorzüglich aber und
ganz besonders zu den unsrigen Gewöhnliches. Sie dürstete mehr nach Blut
oder verachtete das Menschenblut wenigstens mehr, als ihrem Geschlechte
wohl ansteht, und es ward bei vielen Gelegenheiten offenbar, daß sie alle
und jede Mittel, auch die ungerechtesten und verrätherischsten gut fand,
um nur zu ihrem Zwecke zu gelangen. Aber bei billigen Beurtheilern werden
diese Fehler, welche die Noth der Zeiten veranlaßte, durch die erwähnten
großen Eigenschaften bedeckt.“

Wenn man nun diese große Königin, dieses Ideal italienischer Politik,
deren Bild Davila hier beinahe mit denselben Ausdrücken entwirft, womit
Macchiavelli seinen Fürsten zeichnet; wenn man sie näher betrachtet und
ihre Geschichte erwägt, so wie sie von ihrem Lobredner selbst erzählt
wird, was findet man denn für große Wirkungen ihrer hochberühmten
Eigenschaften? Die schlaue Frau wußte durch ein verstecktes Spiel, durch
die Künste der verführerischen List, die sie in der That im vollkommensten
Maße auszuüben verstand, alle Parteien in gewissem Gleichgewicht und sich
über sie erhaben zu erhalten. Jede dieser Parteien ward zwar bald inne,
daß mit ihr gespielt werde, mußte sich aber diesem Spiele hingeben, so oft
es ihr gefiel, es wieder anzuknüpfen, weil sie anfangs als Regentin die
rechtmäßige Gewalt und nachmals als geliebte und gefürchtete Mutter einen
entscheidenden Einfluß hatte. Der heimliche Widerwille und das Mißtrauen,
mit welchen diese Nachgibigkeit beständig verbunden war, vereitelte aber
auch auf jener Seite alle ernstlichen Unterhandlungen, und so ward es
unmöglich, so lange sie lebte, die bürgerlichen Unruhen beizulegen, welche
Frankreich solche Uebel zugefügt haben, daß man wirklich nicht einsieht,
wovon Catharina das Reich errettet haben soll.

Die innern Kriege, die Frankreich vierzig Jahre lang zerrissen haben,
wurden beendigt, indem der rechtmäßige Erbe der Krone zu der Kirche
übertrat, welcher bei weitem der größte Theil des Volkes leidenschaftlich
anhing. Heinrich dem Vierten war es lange vorher gesagt, er werde den
Thron von Frankreich nie besteigen, wenn er das Volk nicht durch diesen
Schritt versöhnte. Er war selbst davon überzeugt und ging Jahre lang damit
um, durfte es aber nicht wagen, aus Besorgniß, die Partei, die ihm schon
anhing, zu verlieren, ohne der andern gewiß zu sein. Catharina hatte schon
Unterhandlungen mit ihm angefangen, die dahin führen sollten, und durch
deren glücklichen Ausgang das, was einmal geschehen mußte, zum Besten der
französischen Nation viel früher geschehen wäre. Was vereitelte denn diese
Bemühungen der klügsten Frau ihrer Zeiten? Der geringe Umstand allein: der
kleine Naturfehler, über den Davila so leicht weggeht: – „Ihr war nicht zu
trauen.“ – Nachdem sie unzählige Male gelogen und betrogen hatte, da
konnte sich auch der treuherzigste Mensch auf der Erde nicht mehr von ihr
anführen lassen. Solche Politik ist gut, um Kriege anzuzetteln. Wenn man
aber das Feuer auslöschen möchte, das durch so schlaue Künste angefacht
ist, so findet man _selbst_ mit Erstaunen, daß alle die Werkzeuge, wodurch
der feine Verstand so bewunderungswürdiges Machwerk zu Stande gebracht
hat, nichts mehr vermögen; daß das einzige Wort eines zuverlässigen
redlichen Mannes eine sicherere Grundlage abgibt, als die künstlichsten
Veranstaltungen der List, und daß Achtung und Zutrauen der Menschen
kräftigere Mittel sind, etwas Großes zu vollbringen, als die
Ueberlegenheit des Verstandes, wenn sie gemißbraucht wird, Andere zu
bethören, die sich für die erlittene Demüthigung mit unversöhnlicher
Erbitterung rächen, sobald sie können.

Lange vor dem Macchiavelli und Davila hatte schon der jüngere Philipp von
Macedonien ein Beispiel davon gegeben, was die Geschichte des Betrugs und
der List für einen Ausgang nimmt. Er versuchte sich zum Oberhaupte der
Griechen zu machen, um den Römern die Spitze zu bieten. Ungefähr so wie
Cäsar Borgia sich eine überwiegende Macht in Italien zu erwerben
trachtete, um den Fremden zu widerstehen. Und mit denselben Mitteln. Was
war das Ende? Er hatte in allen griechischen Staaten so viel Mißtrauen, so
viel heimliche und öffentliche Feindschaft erregt, daß es ihm unmöglich
ward, die Nation mit sich zu vereinigen. Er unterlag im Kampfe, ohne nur
einmal von seinem eignen Volke bedauert zu werden.

Die Menschen hören indessen nicht auf, den Verstand ohne alle Beziehung
auf die Eigenschaften des Gemüths, die ihm zur Unterlage dienen müssen,
wenn er wahren Werth haben soll, ausschließlich zu bewundern. Der
scheinbare Erfolg seiner Kunststücke im Einzelnen verleitet sie nicht
allein zu dem Vorurtheile, daß es in der Welt nur auf Verstand ankomme;
sie verkennen auch seine Natur. Das sichere treffende Urtheil, welches in
verwickelten Verhältnissen das Geringfügige übersieht und den Punkt
festhält, auf den Alles ankommt, ist ihnen zu einfach. Ein Gewebe von
kleinen Künsteleien, von Auswegen des Augenblicks, die immer tiefer in die
Verwicklung führen, von verschmitzten Ränken, gefällt ihnen besser.
Doppelzüngigkeit, Falschheit und List, über deren zweckmäßigen Gebrauch
Macchiavelli selbst Lehren gibt, die wol einiges Bedenken erregen könnten,
ob man sich auch zutrauen dürfe, sie so anzuwenden; diese Untugenden
gelten am Ende für Beweise von Verstand und Talent, oder sollen den Mangel
daran ersetzen. Wer gar keine Lust hat, die Maske des Löwen vorzunehmen,
die ihn auch schlecht kleiden würde, glaubt genug gelernt zu haben, wenn
er zu lügen, zu betrügen, sein Wort zu brechen weiß. So ist es zu gewissen
Zeiten in der Geschichte dahin gekommen, daß man überall, wo sich Jemand
in vollendeter Nichtswürdigkeit nur recht schamlos beweist, den Geist von
Macchiavelli’s Fürsten zu erkennen geglaubt hat. Zu diesem aber gehört die
Tapferkeit des entschlossenen Gemüths eben sowol, als die Gewandtheit des
listigen. Nur in dieser Beziehung verträgt die Welt die Unredlichkeit. Der
Abscheu, den diese einflößt, nimmt dabei den Charakter einer grauenvollen
Bewunderung an; geht aber in Verachtung über, sobald diese nachläßt: „_Du
sublime au ridicule il n’y a qu’un pas!_“



                                   19.


Interessant ist der Rath Macchiavelli’s an den neuen Fürsten, sich nicht
an den Weibern seiner Unterthanen zu vergreifen.

Einem gebornen Prinzen wird es ja nicht schwer, solche Neigungen zu
befriedigen. Die Weiber kommen ihm natürlich stets entgegen. Er ist immer
allein schön, klug, liebenswürdig. Er hat also wenig Versuchung, die
Schranken zu übertreten, die ihm der Anstand vorschreibt, und in der
fürstlichen Erziehung wird auf die Erhaltung des Anstandes so viel Werth
gelegt, daß er ihn wol einmal verletzen, aber sich schwerlich ganz darüber
wegsetzen wird. Anders der Privatmann, der zur Unabhängigkeit von den
Gesetzen, die Andre binden, gelangt ist und keine Scheu vor dem
öffentlichen Urtheile hat, er ergibt sich den Ausschweifungen der Wollust
nicht allein aus Sinnlichkeit oder Eitelkeit, sondern oft aus bloßem
Uebermuthe. Manche neue Fürsten haben einen Genuß darin gesucht, ihre
Unterthanen auf diese Art zu beschimpfen, und die hierdurch gereizte Rache
hat mehr Fürsten das Leben gekostet, als der Patriotismus von
Republikanern.

Der neue Fürst selbst beschäftigt sich größtentheils mit herrschsüchtigen
Plänen und wird durch die Rücksicht auf diese einigermaßen zurückgehalten.
Aber Söhne und Brüder, die ihre Erhebung nicht eignen Bemühungen
verdanken, verlieren alle Besinnung im Rausche der neuen Größe. Unzählige
Beispiele finden sich in der Geschichte der römischen Imperatoren und des
neuen Italiens. Eines lag dem Macchiavelli vermuthlich zunächst vor Augen.

Der alte Pandolfo Petrucci von Siena ließ morden, zwang reiche Erbinnen,
seine Anhänger zu heirathen, und verfuhr überhaupt gewaltthätig mit den
Bürgern, wo es in seinen Plan gehörte. Dabei behauptete er sich bis an das
Ende seiner Tage. Aber sein Sohn, Borghese Petrucci, der die Früchte der
väterlichen Bemühungen von früher Jugend an einerntete, wußte nicht was
Alles beginnen, um sie zu genießen. Er beraubte Diesen und Jenen,
verführte und mißbrauchte mit Gewalt Weiber und Töchter. Dafür ward er
verjagt. Nicht besser machte es in Florenz selbst Alessandro von Medici,
der nach Macchiavelli’s Tode nicht durch eigne Talente und Bemühungen,
sondern durch Protection Herzog geworden war: auch er ward deshalb
ermordet. Die Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts enthält noch mehrere
Beweise, bis zu welchem Unsinne der Uebermuth der Emporkömmlinge die
unnatürlichsten Ausschweifungen der Wollust treiben kann. Was zum Beispiel
ein Pietro Luigi Farnese, Sohn des Papstes Paul des Dritten, mit dem
Erzbischofe von Bologna vorgenommen, als dieser ihn bei einem feierlichen
Einzuge bewillkommte, grenzt beinahe an das Unglaubliche ....



                                   22.


Es ist bereits einige Male Pandolfo Petrucci erwähnt, der sich zum
Oberhaupte des Staats von Siena aufgeworfen hatte, ohne jedoch den Namen
eines Herrn zu führen. Er verdankte den ruhigen Besitz seiner hohen Stelle
vorzüglich dem Antonio Giordani von Venafro, der die Aemter eines Richters
und öffentlichen Lehrers zu Siena bekleidet hatte, und dem Pandolfo als
Staatssecretair und in Gesandtschaften diente. Den Ratschlägen dieses
Mannes werden die feine Politik und das feste Benehmen, seiner grausamen
Gemüthsart aber auch die Mordthaten zugeschrieben, wodurch sein Gönner
sich emporschwang und erhielt. Von der Sinnesart des Giordani und zugleich
vom Geiste der damaligen Zeit kann die Antwort als Probe dienen, die er
als Gesandter dem Papst Alexander dem Sechsten gab. Dieser fragte ihn, wie
er es anfange, die Sieneser zu regieren? – „Mit Lügen, heiligster
Vater.“ –

Der alte Petrucci brachte es dahin, daß sein Sohn Borghese Petrucci (seine
Mutter war eine Borghese) nach seinem Tode in seine Stelle einrückte. Aber
der leichtsinnige und ausschweifende junge Mensch hatte nicht so viel
gesunden Verstand, dem alten Rathgeber seines Vaters zu folgen. Er hatte
einen Günstling, Pochintesta, der sich die ausschweifendsten Mißhandlungen
seiner Mitbürger erlaubte. Antonio rieth ihm, sich durch die Hinrichtung
desselben die Liebe des Volkes zu erwerben. Er aber ergab sich ihm, dem
geliebten Genossen aller eigenen Bubenstücke, immer mehr, anstatt ihn zu
züchtigen. Die Partei, welche den Borghese Petrucci zu verdrängen suchte,
bemerkte bald, wo seine Stärke lag, und fing damit an, ihm den Antonio
verdächtig zu machen. Der gedankenlose Borghese ging in diese Falle und
ertheilte dem beschwerlichen Mentor den Abschied mit angeblichem Bedauern
und in der Einkleidung eines Rathes, er möge der allgemeinen Abneigung
ausweichen und sich entfernen. Recht wohl, erwiderte Jener, ich werde
Ihnen das Quartier bestellen. Der junge Fürst mußte wirklich bald
nachfolgen. Die Petrucci hatten es mit den republikanisch gesinnten
Florentinern gehalten. Die Revolution zu Florenz, wodurch die Medici in
demselben Jahre wieder eingesetzt wurden, als Pandolfo starb (1512), zog
also natürlich auch in Siena eine Katastrophe nach sich, wodurch unter dem
Schutze Papst Leo X. Rafael Petrucci, Bischof von Grosseto und Castellan
des Castel Sant’ Angelo zu Rom, ein Vetter und geschworener Feind des
Borghese Petrucci und Anhänger der Medici, statt des vertriebenen Borghese
auf kurze Zeit Oberhaupt von Siena geworden war. Antonio von Venafro war
glücklich nach seiner Vaterstadt entkommen und beschloß daselbst sein
Leben in Ruhe. Borghese aber ward wahnsinnig und starb bald darauf in
Neapel.

Der Fürst von Siena und sein Minister mögen in Einem verdienten Schicksale
untergegangen sein und mit so vielen Andern vergessen werden. Was gehen
sie uns weiter an? Aber das Mittel, wodurch der alte Rathgeber entfernt
und der Fürst seiner Stütze beraubt worden, verdient Aufmerksamkeit.
Dieser ließ sich überreden, sein Freund sei allgemein verhaßt; durch die
Entfernung desselben werde ihm die Liebe des Volkes erhalten und seine
Herrschaft gesichert werden. Eben so erregten die Günstlinge Königs Karl
des Zweiten von England, denen der unbestechliche Clarendon im Wege war,
zuerst ein leises Gemurmel: der Kanzler fange an verhaßt zu werden, er sei
auch gar zu wenig nachgibig, sein Benehmen allzu rauh. Es fanden sich
ihrer bald genug, die mit einstimmten, weil er sich geweigert hatte, ihre
unziemlichen Begehren zu erfüllen, und so gelangte eine angeblich
allgemeine Stimme vor den Thron, der König müsse seinen Minister
entfernen, um selbst bei dem Volke beliebt zu bleiben. Clarendon mußte
weichen, und nur sein Andenken hat eine verspätete Genugthuung von der
unparteiischen Nachwelt erhalten.

Noch viele andere Fürsten sind in ähnliche Schlingen gefallen. Auch
bessere, und diese eben durch den Mißbrauch, den man von ihren
vorzüglichsten Eigenschaften gemacht hat; ihrer Achtung gegen das
öffentliche Urtheil und gegen die Gesinnungen des Volkes. Dazu gehört
wahrlich nicht einmal die Schlauheit eines Arlington oder Buckingham.



                                   23.


Nie ist das alte, wenn man so sagen will, abgedroschene Kapitel der Moral
die uralte Lehre, die schon jener griechische Philosoph beim Stobäus
seinem jungen Prinzen ertheilt: „Hüte dich vor Schmeichlern!“ so lebendig
und eindringend vorgetragen als hier. Nur ist der Satz: „Die Menschen sind
ihrer Natur nach schlecht“ hier nicht recht passend, wenigstens zu
allgemein gefaßt. Die Menschen sind nicht _alle_ schlecht – wenn auch
unläugbar die überwiegende Mehrzahl. Sie sind nicht _alle_ eigennützig,
von sträflichen Leidenschaften getrieben, wahrer Zuneigung und Vertrauens
unwerth. Durfte wol Heinrich der Vierte den Sully für schlecht halten? Und
hätte dieser eine solche Meinung ertragen? Aber nur ein Fürst, der wie
dieser die Schmeichelei verschmäht, kann einen Sully finden. Macchiavelli
hat vorhin in Kapitel 22 selbst einen Minister aufgestellt, dem der Fürst
unbedingt vertrauen und den er in sein eignes Schicksal verflechten soll.
Der Autor durfte doch kaum gemeint haben, daß der Fürst dies mit einem
„schlechten“, wenn auch noch so klugen Menschen wagen solle.



                                   25.


Die Geschichte der großen Weltereignisse sowol als die einfache
Lebenserfahrung bestätigt ohne Zweifel die in diesem Kapitel vorgetragenen
Lehren. – Jedes Zeitalter hat seinen eignen Charakter. Es hat nicht allein
eine jede Generation ihren besondern Geschmack, ihre eigenthümlichen
Grundsätze und Empfindungsweisen, sondern auch viele Begebenheiten, welche
zufällig scheinen, weil ihr Zusammenhang mit den Gesinnungen und Neigungen
der Menschen nicht klar vor Augen liegt, nehmen etwas von jenem
eigenthümlichen Geiste der Zeit an. Nur derjenige kann hoffen, eine große
Wirkung hervorzubringen, dessen Talente in gewissem Verhältnisse zu seinen
Zeitgenossen stehen, und der in das, was sie treiben, auf die rechte Art
eingreift. Dies Verhältniß des einzelnen handelnden Mannes zu dem, was ihn
umgibt, läßt sich nicht immer in bestimmten Ausdrücken angeben und auf
Grundsätze zurückführen. Der Beobachter der Welt stößt in der Geschichte
und im täglichen Leben häufig auf ein unerklärliches Etwas, welches
vollkommen gut ausgesonnene Pläne vereitelt. Es war nicht die rechte Zeit.
Ein altes Sprüchwort sagt: „Der Mensch, der des Morgens mit dem linken
Fuße zuerst aus dem Bette tritt, stößt den ganzen Tag über allenthalben an
und läuft Gefahr, ein Bein zu brechen.“ Wer das Unglück hat, in seine
Laufbahn mit einem ersten falschen Schritte einzutreten, kommt den ganzen
Tag seines Lebens über nicht in den rechten Tact, und findet stets
Widerstand.

Die größten Talente, ja auch Vorzüge des Gemüths, haben nur eine gewisse
Zeit, während welcher sie vollgiltig sind. Glücklich, wenn ein günstiges
Geschick den Mann von vorzüglichem Geiste abfordert, ehe die Periode
abgelaufen ist, in welcher er etwas zu leisten vermag; oder wenn er den
rechten Augenblick trifft, sich aus der thätigen Welt herauszuziehen, um
dem herben Schicksale zu entgehen, ungeachtet der größten Anstrengung,
geringeren, aber gerade jetzt besser angebrachten Kräften weichen zu
müssen.

Macchiavelli sah selbst wohl ein, daß es unmöglich ist, dem Menschen
vorzuschreiben, wie er handeln soll, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob
er, nach seiner individuellen Gemüthsart, gerade er so handeln kann. In
einem Briefe an Piero Soderini, worin er nicht mit der feierlichen Miene
des Lehrers der Fürsten auftritt, sondern vertraulich seine Meinung
mittheilt, drückt er es ganz vortrefflich aus. „So wie die Natur,“ sagt
er, „den Menschen verschiedene Gesichter gegeben hat, so haben sie auch
verschiedene Gemüthskräfte und verschiedene Launen. Auf der andern Seite
sind auch die Zeiten gar sehr von einander verschieden. Demjenigen gelingt
Alles _ad votum_, der es mit dem Zeitalter in seinem Verfahren recht
trifft, und derjenige ist unglücklich, der mit demselben in Widerspruch
geräth. Die Zeiten und die Umstände ändern sich aber gar oft, ohne daß die
Menschen ihre Einfälle und Handlungsweise danach abändern. Wer so
gescheidt wäre, Zeit und Umstände allemal zu kennen und sich danach zu
richten, würde immer glücklich sein oder sich doch vor Unglück hüten. So
würde der Weise wirklich den Sternen und dem Schicksale zu gebieten
scheinen. Aber solche gibt es nicht: _die Menschen können ihre Natur nicht
so ändern_.“

Können das die Menschen nicht? Hängt ihr Betragen also auch nicht blos von
der richtigen Beurtheilung der Umstände allein ab? Bestimmt wirklich die
eigenthümliche Gemüthsart, der Charakter des Menschen, auf welche Art er
in das Gewebe der Begebenheiten, das ihn umgibt, eingreifen, und ob er
etwas ausrichten werde? So ist es ja falsch, worauf doch das ganze System
des Macchiavelli beruht: daß der Fürst sich ohne Vorliebe für irgend Etwas
ganz allein von der kalten Beurtheilung leiten lassen müsse, um in seinen
Unternehmungen glücklich zu sein. Am Schlusse des Kapitels, wo er Alles
übersieht, was der Fürst gethan haben mag, und das Schicksal aller seiner
Unternehmungen so treffend weissagt, gesteht der Lobredner des Verstandes
selbst ein, daß zu einem großen Manne etwas ganz Anderes erfordert wird
als Verstand, und daß es die Kräfte des Gemüths sind, welche die Rolle
bestimmen, die er spielen wird.



                                   26.


Das Schlußkapitel, der Aufruf zur Abschüttelung der fremdherrlichen
Ketten, hat jetzt für uns nur als ein Meisterstück der Beredtsamkeit
Interesse.

Es fand sich thatsächlich damals in Italien kein Fürst, der der
Unternehmung gewachsen gewesen wäre, durch neue Anordnungen der Nation
Einheit und Unabhängigkeit zu verschaffen. Die Intrigue fuhr daher fort,
das Land zu zerreißen, und die Völker blieben ein Spiel fremder Mächte. –
Der Historiker _Sismonde de Sismondi_ sucht (in seiner _Histoire des
republiques de l’Italie_) die Ursachen des tiefen Verfalls des
italienischen Volkes seit dem fünfzehnten Jahrhundert in dem Untergange
der großen Republiken in der Lombardei, wodurch zuletzt auch das Ende der
Freistaaten in Mittelitalien und die Unterwerfung der ganzen Nation unter
fremde Herrschaft herbeigeführt worden ist. Es ist begreiflich, daß die
rohe Gewaltthätigkeit, wodurch die Herrschaft in allen Landschaften und
Städten von Italien unzählige Male genommen und verloren worden, in
Unbändigkeit des schwelgerischen Genusses überging, und daß allgemeine
Erschlaffung erfolgen mußte, sobald Nachfolger und Enkel jener
Emporkömmlinge zum ruhigen Besitze der Gewalt gelangten. Aber dagegen
schützt auch die republikanische Verfassung nicht. In der Geschichte von
Venedig entwickelt sich zufolge der Darstellung, welche _Daru_ (_Histoire
de la republique de Venise_) aus urkundlichen Quellen entworfen hat, in
ihrem Entstehen, Fortschreiten und Verfallen der Verfassung derselbe
Charakter, der den gleichzeitigen italienischen Einzelherrschern eigen
ist.

In den Bewegungen eines von Parteien zerrissenen Volkes werden alle
Anlagen des Geistes und des Gemüthes gereizt, sich zu entwickeln, aber
nicht blos die schlechten, auch die besten und edelsten. Man sieht daher
in Republiken, auch in Zeiten der größten Verdorbenheit, einzelne große
Bürgerseelen aufstehen; dahingegen unter der Tyrannei nichts von Allem
aufkommt, was bei Macchiavelli _virtù_ heißt. Sie verschwand sehr bald in
Florenz unter den Großherzogen, und von dieser Seite hat die frühere
Erhebung der Visconti und Sforza zu Herren von Mailand der Nation viel
geschadet. Aber die Unabhängigkeit von Italien würde schwerlich durch die
Herstellung der mailändischen Republik bewirkt sein. Diese würde gleich
den toscanischen Freistaaten nur dahin gestrebt haben, schwächere Nachbarn
zu unterdrücken, statt mit ihnen einen großen Verein zu bilden, um sich
gegen fremde Uebermacht zu schützen. Schon vormals hatte die Geschichte
des alten Griechenlands ein Gleiches gezeigt.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Wenn man nun den ganzen mit Macchiavelli zurückgelegten Weg hier nochmals
mit einem Blicke übersieht, so wird man von einer sonderbaren Empfindung
ergriffen. Jedes einzelne Urtheil, jeder Rath, jeder Anschlag ist so
zutreffend, daß man der überredenden Kraft nirgends widerstehen kann,
sobald man sich einmal von dem Rade hat ergreifen lassen, welches
unaufhaltsam mit sich fortreißt. Vorausgesetzt, daß der erste Schritt
einmal geschehen sei, so kann er nicht besser verfolgt werden. Es muß
Alles so kommen, wie Macchiavelli sagt. Man muß also auch so handeln, wie
er angibt, um die Abgründe zu vermeiden, zwischen denen sich der Weg
hinzieht. Dennoch bleibt immer in der Tiefe des Gemüths etwas, das
widerstrebt und die Ueberzeugung zu Schanden macht. Macchiavelli kann
dreist seine Leser auffordern, etwas gegen seine einzelnen Urtheile
einzuwenden. Aber wer könnte wol das Ganze für mehr als für ein Spiel des
Verstandes halten? Das ist es eben: _das ganze Buch ist nur die Frucht des
Verstandes_. Von Theilnahme am Schicksale der Menschen, von Rücksichten
auf ihre Empfindungen, von ihrer Zufriedenheit als einem Zwecke an sich
selbst ist gar nicht die Rede. Man vermißt durchaus Alles, was vom Gemüthe
abhängt und aus der Empfindung für Andere entspringt, oder was der Sinn
für einen erhabenen schönen Zweck eingeben könnte. Daher bleibt der Leser
immer unbefriedigt, so viel er auch zu bewundern findet. Moralisches
Gefühl hat Macchiavelli entweder gar nicht gehabt, oder es ist in ihm von
politischen Leidenschaften ganz unterdrückt. _Was aber bloßer Verstand zu
leisten vermag, das hat er erreicht._ Und deswegen ist im Einzelnen so
viel von ihm zu lernen; auch für den, der die ganze Denkungsart und die
Grundsätze, die im Buche herrschen, verabscheut. Niemals hat ein
politischer Schriftsteller die Handlungen der Menschen und ihre Folgen mit
mehr Scharfsinn entwickelt, und gerade vom gewöhnlichen Fehler der
Scharfsinnigen findet sich bei ihm keine Spur: von der Ueberfeinheit.
Keiner hat jemals besser gewußt, jedesmal den Punkt, auf den Alles
ankommt, zu treffen. So wie man von seinem großen Landsmanne Michel Angelo
erzählt, daß er immer mit dem Meißel in den Marmor geradezu hinein gehauen
und auf ein Haar getroffen habe, wie weit er gehen müsse, eben so gibt
Macchiavelli immer mit Einem Worte das Rechte an, verwirft alle
Künsteleien, die nur verwirren, und sagt den Mächtigen auf den Kopf zu,
was in ihrem Sinne tief verborgen liegt. Hiermit stimmt auch sein Vortrag
überein. Es ist bekannt, daß die Italiener ihn für ihren besten
_Prosaisten_ halten. Von der Weitschweifigkeit, dem verwickelten und weit
ausgesponnenen Periodenbau der meisten italienischen Schriftsteller, von
diesem allgemeinen Fehler, der fast der Sprache selbst eigen zu sein
scheint, ist er ganz frei. Die Vollkommenheiten seines Vortrages, der
gedrängte Inhalt und der kräftige Ausdruck sind aber am auffallendsten im
Buche vom Fürsten. Dieses thut denn auch eine Wirkung, welche der größten
Erwartung entspricht, die der Verfasser davon gehabt haben mag. Man fühlt,
daß es unmöglich ist, besser anzugeben, wie man die Herrschaft erwerben
und behaupten könne, sobald es nur um dieses zu thun ist, und alles Andere
nicht beachtet werden soll.

Aber das Bild dieser Herrschaft steht auch in Begleitung aller furchtbaren
Genien, die sie herbeigeführt haben, der Gewalt, der List, der
Treulosigkeit, Heuchelei und Schamlosigkeit, mit ihrem Gefolge, dem
dumpfen Mißtrauen der Unterworfenen, und der tiefen Verschlossenheit ihres
gedemüthigten Herzens, dies Alles steht in der schrecklichsten Verbindung
zu einem Ganzen vor den Augen des Lesers, und läßt nicht ab, ihn zu
verfolgen. Wer die Geschichte selbst durchgedacht hat, wird unablässig
aufgefordert, immer wieder aufs Neue zu prüfen, wie denn diese Resultate
der Beobachtung dessen, was geschieht und was geschehen kann, mit den
Grundsätzen über das, was geschehen sollte, die Niemand verläugnen kann,
in Uebereinstimmung gebracht werden mögen.

Diese Untersuchung, deren Hauptmomente in den Bemerkungen über das Buch
angegeben sind, ist um so viel interessanter, da es nicht nothwendig ist,
eine gänzliche Unempfindlichkeit gegen das Wohl andrer Menschen, und einen
selbstsüchtigen Ehrgeiz bei dem Schüler Macchiavelli’s vorauszusetzen. Ein
Kopf, der von schwärmerischen Plänen zur Verbesserung des
Menschengeschlechts und seiner Verhältnisse im Großen eingenommen ist,
kann sich auch wol verleiten lassen, alle einzelnen Menschen als Werkzeuge
seiner gutgemeinten großen Absichten anzusehen und alle Verpflichtungen,
die sich auf die gewöhnlichen Vorschriften der Sittlichkeit gründen, einem
erdichteten höhern moralischen Zwecke aufzuopfern.

So ist der Geist der Politik, die Macchiavelli lehrt, auch in
philosophischer Gestalt und mit einer moralischen Larve, in dem
Grundsatze, daß der Zweck die Mittel heilige, zum Vorschein gekommen. So
sehr aber dieser Lehrsatz auch von den Leidenschaften begünstigt wird, die
sich vortrefflich darauf verstehen, ihre Wünsche dem angeblichen höhern
Zwecke unterzuschieben, so ist doch die gewöhnliche Moral zu tief in den
Empfindungen gegründet, als daß man häufig Menschen finden sollte, die
sich in einem ganz consequenten Betragen darüber weggesetzt hätten.

Dieses geheime Gefühl der moralischen Bande wird oft unterdrückt, erwacht
aber immer wieder. Daher kommt es denn, daß die Menschen in ihrem Benehmen
(so lautet eine der berühmtesten und treffendsten Bemerkungen
Macchiavelli’s in seinen „Discursen“ 1, 27) nie ganz gut oder ganz böse
sind, und eben deswegen in so vielen großen Unternehmungen verunglücken.

Sie möchten wohl: aber da sie doch nicht dürfen, so wollen sie auch nicht
recht. Sie fangen an, in Hoffnung, der Zufall werde das Uebrige thun.
Verweigert dieser seinen Beistand, so bedenken sie sich, Schritte zu thun,
von denen sie doch voraussehen konnten, daß sie unvermeidlich sein würden.
Einige Treulosigkeit, einige Verrätherei, einige Verletzung der
allgemeinen Gesetze der Sittlichkeit hält Jeder im Gedränge der Umstände
für erlaubt, und verzeiht man einander allenfalls. Wenn es aber dadurch so
weit gekommen ist, daß ein letzter dreister Streich zum Ziele führen
würde, so versagt das Herz. Wären die Menschen etwas besser, so blieben
sie von Unternehmungen zurück, die sie in solche Verwicklungen führen;
wären sie etwas schlechter, so verfolgten sie ihre Zwecke ohne
Bedenklichkeit bis ans Ende, opferten alles Andre auf und verlören
vielleicht Manches, erhielten aber doch das Eine, worauf es abgesehen war.
Sie erhielten es vielleicht in einzelnen Fällen. Aber wohin führt ein ganz
consequentes unsittliches Betragen? Lassen sich dadurch Zwecke erreichen,
die eines wirklich großen Geistes würdig wären? Macchiavelli selbst
gesteht ein, daß es dazu nicht hinreicht, indem er von seinem Idealfürsten
verlangt, er solle trotz seiner innern Gleichgiltigkeit gegen die
Moralität den Anschein und den Ruf aller Tugenden erwerben, die er ihn im
Herzen zu verachten befiehlt. Was aber davon zu halten ist, das haben wir
vorher gesehen.


                                  Ende.



                               ANMERKUNGEN


    1 Man vergleiche zu dem Folgenden Macaulay’s geistvolle Abhandlung
      „Macchiavelli“ in Möllenhoffs gewandter Uebersetzung (Univ.-Bibl.
      Nr. 1183).

    2 Wir besitzen darüber hinreichend befriedigende Quellen.
      _Macchiavelli’s florentinische Geschichte_ schließt zwar schon mit
      1492, aber seine übrigen Werke enthalten auch einzelne Züge zur
      Beurtheilung der folgenden Begebenheiten. Neben _Guicciardini’s
      italienischer Geschichte_ haben wir eine Menge florentinischer
      Geschichtsbücher. Außer dem fleißigen Benedetto _Varchi_, der eine
      vollständige und ausführliche Erzählung aller Begebenheiten, an
      denen er Anfangs selbst Antheil genommen, aus den besten Quellen,
      welche ihm von allen Seiten eröffnet wurden, zusammengetragen hat,
      und der Geschichte des ehrlichen _Nardi_, die vorzüglich wegen der
      Nachrichten von dem schwärmerischen Demagogen Savonarola merkwürdig
      ist, sind noch ein paar Werke vorhanden, in deren Verfassern man den
      Geist wahrer Staatsmänner nicht verkennen kann. Bernardo _Segni_,
      ein Schwestersohn des Niccolo Capponi, welcher während der Jahre
      1527 und 1528, bei dem letzten Versuche, die Republik herzustellen,
      Haupt des Staats und Anführer derer war, die eine auf Gerechtigkeit
      und Billigkeit gegründete Verfassung einzuführen wünschten, und
      Filippo _de Nerli_, ein verständiger Freund republikanischer
      Freiheit, und genauer Bekannter der Männer welche früher im Jahre
      1522 einen vergeblichen Versuch machten, eine Republik herzustellen,
      und deren vornehmster Rathgeber Macchiavelli war. Nerli schloß sich
      nachmals im Gedränge des demokratischen Fanatismus an die Medici an,
      die allein Schutz gegen die Wuth des erhitzten Pöbels geben konnten,
      und ward zuletzt unter den Herzögen Senator. Sein Werk enthält die
      besten Anzeigen und treffendsten Beurteilungen der so oft
      veränderten Verfassung. Die Erzählung geht bis 1555.

_    3 Memorie Storico-Critiche della Città di Siena, che servono alla
      vita civile di Pandolfo Petrucci dal 1480 al 1512. da Gio. Ant.
      Pecci, Patrizio Sienese. Siena 1755._

    4 Diese wenigen Nachrichten finden sich in der Geschichte Filippo de’
      Nerli’s, welcher alle genannten Personen und besonders den
      Macchiavelli genau gekannt hatte, und der Partei selbst wohlwollte.

    5 Varchi, Geschichte von Florenz. Sie war also bekannt. Schon dieser
      Umstand spricht gegen die Vermuthung, daß das Buch nur ein geheimer
      Rathgeber des Fürsten habe sein sollen, dem es zugeeignet ist.
      Außerdem aber ist der Ton des Buchs vom Fürsten mit dieser Ansicht
      nicht zu vereinigen. Zu einem solchen Zwecke hätte der Verfasser
      doch bestimmte Anwendungen auf die Verhältnisse des Augenblicks
      machen, und Maßregeln gegen die Mitwerber um die Herrschaft von
      Italien und gegen einzelne Staaten angeben müssen: und dazu wäre
      Macchiavelli sehr geschickt gewesen, wie seine Berichte an die
      florentinische Regierung während seiner häufigen Gesandtschaften
      beweisen Aber das Buch vom Fürsten hat ganz den Charakter eines
      literarischen Kunstwerks. Als ein solches übertrifft es nicht allein
      Alles, was damit verglichen werden könnte, sondern auch die übrigen
      Schriften des Verfassers selbst. Und ein solches Meisterstück sollte
      er nicht für die Welt bestimmt haben?! – – – –

    6 Fünfzig solcher Männer machte er zu Staatsräthen mit hohem Range und
      hoher Besoldung, wofür sie sich um Nichts bekümmern durften –
      angenehme Sinecuren, wie sie ähnlich noch heute im gelobten Preußen
      einige evangelische Domherren haben, die für einen Jahresgehalt von
      ca. 36,000 Mark einmal jährlich eine Quittung unterschreiben und ein
      opulentes Frühstück verzehren müssen! –

_    7 Gaultier de Brienne_, der als Erbe eines Kreuzfahrers den Titel
      Herzog von Athen führte.

    8 Die erste Veranlassung zu der berühmten Verschwörung der Pazzi gegen
      die Medici lag in der Heirath eines Pazzi mit einer reichen Erbin,
      welcher man ihr Erbrecht unter dem Vorwande zweifelhafter Gesetze,
      in der That aber dem Lorenzo von Medici zu Gefallen entzog, um die
      Familie seines Gegners zu entkräften.

    9 Man behauptet zwar, das Buch sei 1515 gedruckt, also nicht allein
      bei Lebzeiten des Verfassers, sondern sogar auch des Lorenzo, dem es
      dedicirt ist. Allein der Herausgeber einer vollständigen Sammlung
      aller Werke des Macchiavelli (Florenz, 1782, in 6 Quartbänden),
      behauptet, Niemand habe den angeblichen Druck gesehen; der erste sei
      vom Jahre 1532, wo Giunti es mit Privileg des Papstes edirte.

   10 Ueber die Widmung vgl. Möllenhoff, Macaulay’s kritische Aufsätze,
      Bd. 2, Macchiavelli, (Univ.-Bibl. No. 1183) S. 49.

   11 Man denkt jetzt (1879) an Lothringen oder Bosnien!

   12 Erinnerung an Ovids (_Remed. Am._ 91) Vers: _Principiis obsta, sero
      medicina paratur_.

   13 Della Rovere, der den Namen Julius der Zweite geführt hat.

   14 Wer in einer ausführlichen Erzählung der Thaten dieses Menschen ein
      Beispiel aus der alten Geschichte lesen will, wie weit kriegerische
      Eigenschaften in Verbindung mit gänzlicher Immoralität es darin
      bringen können, große Dinge auszuführen, die nichts bleibendes Gutes
      erzeugen der lese Diodor, Buch 19 und 20.

   15 Ein großer Liebling des florentinischen Pöbels, den im Jahre 1381
      die Obrigkeit wegen einer Gewaltthätigkeit, die er beging, um ihr
      einen verhafteten unruhigen Kopf zu entreißen (eine Unternehmung, an
      der der Pöbel Wohlgefallen zu finden pflegt), hinrichten ließ, ohne
      daß der Aufstand, auf den er hoffte, erfolgt wäre. Ja, es fand im
      Gegentheil auch diese Hinrichtung Beifall.

   16 Ein Krieger von englischer Abkunft, der am Ende des vierzehnten
      Jahrhunderts das Handwerk trieb, wodurch so viele in der Folge als
      Condottieri berühmt wurden.

   17 Die italienischen Worte _misero_ und _avaro_ sind von den deutschen,
      durch welche sie übersetzt werden können, in der feinern Bestimmung
      des Sinnes etwas verschieden. Uebrigens ist _filzig_ von _geizig_ zu
      unterscheiden: geizig ist, wer noch daneben zu erwerben trachtet;
      _filzig_, wer sich enthält zu benutzen, was er besitzt.

   18 Das ist nun freilich eine überaus kühne Interpretation der
      griechischen Sage!

   19 Ferdinand von Arragonien scheint gemeint zu sein.

   20 Er besann sich, ob er den Antrag annehmen solle. Da ihm zugeredet
      ward, wenn er ein ächter Bentivoglio sei, so würde er den Antrag
      nicht ablehnen, und das Volk von Bologna ihn auch nicht verlassen,
      wagte er den Schritt: und nun kam es auch so. Er bewies sich des
      Blutes würdig, das man in ihm voraussetzte, und machte sein Recht
      dadurch geltend. So viel vermag die Geburt, wenn sie nicht allein
      Alles thun soll.

   21 Catharina, Tochter des Francesco Sforza und Schwester des Ludwig.
      Ihr Gemahl war Hieronymus Riario, Neffe Papst Sixtus des Vierten.

   22 Eine weitere Ausführung der in diesem Kapitel enthaltenen Gedanken
      findet man in den Discorsi über den Livius im 2. Buche, 24. Kapitel.

   23 Vorzüglich wahre Sentenz!

   24 Nardi erzählt im 6. Buche seiner Geschichte von Florenz, daß die
      Astrologen dem Papste Leo X. in den ersten Monaten seiner Regierung
      vorhergesagt haben, sein Bruder Giuliano (der als Herzog von Nemours
      starb) werde König von Neapel, und sein Neffe Lorenzo Herzog von
      Mailand werden.

   25 Das erzählt _Davila_, der durch seinen Bruder, einen Kammerherrn der
      Catharina, mit Heinrich dem Dritten und seinem Hofe genau bekannt
      war. Davila, selbst ein Italiener, spricht von der Catharina und
      ihren Söhnen mit der sympathetischen Empfindung des Landmanns. Daher
      ist seine Geschichte dieses mehr italienischen als französischen
      Hofes so natürlich, so lebendig, so anziehend. Er fühlte ganz
      anders, wie die florentinischen Gemüther gesinnt waren, als
      französische Schriftsteller. In den Erzählungen solcher
      Geschichtschreiber sieht man die Menschen selbst vor sich; in den
      Bemerkungen andrer über die ihnen fremden Gestalten entgeht das
      Eigenthümlichste und Feinste. Ueber ächt französische Charaktere muß
      man hingegen französische Schriftsteller lesen: über Heinrich den
      Vierten den Voltaire. Den Helden der Galanterie und des Point
      d’honneur stellt dieser mit eben so vielem Talente dar, als Davila
      die Catharina, die er wegen ihres verschmitzten Herrschertalents
      vergöttert.



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