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Title: Jeremias - Eine dramatische Dichtung in neun Bildern
Author: Zweig, Stefan, 1881-1942
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Jeremias - Eine dramatische Dichtung in neun Bildern" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Im Original sind die Bühnedirektionen im Kleinschrift gesetzt.
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der
vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.

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[Illustration]



  STEFAN ZWEIG

  =JEREMIAS=

  EINE DRAMATISCHE DICHTUNG IN NEUN BILDERN

  [Illustration]

  INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG 1918



  FRIEDERIKE MARIA VON WINTERNITZ

  DANKBARST


  OSTERN 1915 -- OSTERN 1917



DIE BILDER DES GEDICHTS


     I. Die Erweckung des Profeten    11

    II. Die Warnung                   25

   III. Das Gerücht                   51

    IV. Die Wachen auf dem Walle      67

     V. Die Prüfung des Profeten      91

    VI. Stimmen um Mitternacht        113

   VII. Die letzte Not                147

  VIII. Die Umkehr                    163

    IX. Der ewige Weg                 193



DIE GESTALTEN DES GEDICHTS


ZEDEKIA, der König

PASHUR, der Hohepriester

NACHUM, der Verwalter

IMRE, der Älteste der Bürger

ABIMELECH, der Oberste der Kriegsknechte

HANANJA, der Profet des Volkes

Schwertträger, Krieger, Knechte

       *       *       *       *       *

JEREMIAS

SEINE MUTTER

JOCHEBED, eine Anverwandte

ACHAB, der Diener

BARUCH, ein Jüngling

SEBULON, sein Vater

       *       *       *       *       *

DAS VOLK VON JERUSALEM

DIE GESANDTEN NABUKADNEZARS

CHALDÄISCHE UND ÄGYPTISCHE KRIEGER

       *       *       *       *       *

Der Schauplatz des Gedichts ist Jerusalem zur Zeit seines Untergangs.



DAS ERSTE BILD

DIE ERWECKUNG DES PROFETEN

    »Rufe mir, so will ich dir antworten und dir anzeigen große und
    gewaltige Dinge, die du nicht weißt.«

  Jer. XXX, 3.


    Das flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weißgequadert und
    blinkend im matten Mond. In der Tiefe mit Türmen und Zinnen, mit
    Schlaf und Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind
    der ersten Frühe fährt manchmal tönend durch das Schweigen.

    Plötzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias
    im losen Kleid, die Brust offen, wie ein Gewürgter keuchend, stürmt
    herauf.

JEREMIAS:

Die Tore rammelt zu ... die Riegel vor ... zum Wall ... zum Walle!... Oh
Wächter, schlimme Wächter ... sie kommen ... sie sind da ... Brand über
uns ... im Tempel Brand ... Hilfe ... zu Hilfe!... Die Mauer fällt, die
Mauer ...

JEREMIAS (ist bis zum Rande des Daches vorgestürmt und hält plötzlich
inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weiße Stille. Er schrickt
zusammen, ein Erwachen kommt über ihn. Sein Blick tastet wie der eines
Trunkenen über die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten,
brechen langsam nieder, müde streift die Hand über die offenen Lider):

Wahn! Wieder Trug und Traum, der fürchterliche! Oh Träume, Träume,
Träume, wie voll ist ihrer das Haus!

    (Er beugt sich über den Rand der Mauer und blickt hinab:)

Friedlich die Stadt, friedlich das Land, in mir nur dieser Brand, nur
meine Brust ein Feuer! Oh, wie sie selig ruht in Gottes Arm, von Schlaf
bebrütet, überdacht von Frieden, ein Tau von Mond auf jedem Haus und
Schlummer, sachter Schlummer auf jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne
Nacht um Nacht, stürz hin mit allen Türmen, fliehe Flucht, vergeh in
Flammen, nur ich, nur ich, zerwühlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch
vom heißen Bett zum Mond, daß er mich kühle! Nur mir sprengt Traum den
Schlaf, nur mir frißt feurig Graun das Schwarze von den Lidern! Oh
Marter dieses Bilds, oh Irrwitz von Gesichten, die trügerisch im Blut
sich ballen und matt schmelzen dann im wachen Mond!

Und immer gleich der Traum, gleich dieser Wahn, Nacht, Nacht und Nacht,
der gleiche Schrecken sich im Fleische bäumend, der gleiche Traum zu
gleicher Qual entbrennend! Wer tat dies in mein Blut, dies Gift der
Träume, wer, wer jagt mich so mit Schrecknis? Wer hungert meines
Schlafs, daß er ihn wegfrißt mir vom Leibe, wer quält, wer quälet mich?
Mond, Nacht, Gestirn, ihr kalten Zeugen, wer, wer plaget mich, und wem,
wem wache ich? Oh Antwort, Antwort! Wer bist du, Unsichtbares, das vom
Dunkel zielt auf mich mit Pfeilen des Entsetzens, wer bist du,
Schrecknis, die mich nachts beschläft, daß ich dein schwanger ward und
mich hinkrümme in den Wehen? Warum dies Grauen mir, nur mir in dieser
Stadt voll Schlummer und Entsinkens!

    (Er horcht in die Stille hinein. Immer fiebriger.)

Oh Schweigen, Schweigen, immer Schweigen und innen Aufruhr noch und
aufgewühlte Nacht. Mit heißen Fängen krallt sichs ein in mich und kann
sie doch nicht fassen, mit Bildern geißelts mich und weiß nicht, wer
mich treibet, in leere Luft hinfallen meine Schreie! Wohin, wohin
entfliehn? Oh wirr Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und weiß
nicht, wessen Ziel und wem zur Beute! Tu auf dich, Netz und Wirrnis, den
Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder laß von mir, ich kann, ich
kann nicht mehr. Laß ab, du Jäger, oder fasse mich, in Wachen ruf mich,
nicht im Traum, in Worten sprich und nicht in Bildern brenne, -- tu auf
dich, der du mich verschließest, den Sinn sag dieser Qual, den Sinn, den
Sinn!

EINE STIMME (leise rufend vom Dunkel her. Sie scheint aus Tiefen oder
Höhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne):

Jeremias!

JEREMIAS (taumelnd, wie von Steinwurf getroffen):

Wer?... mein Name ... war dies mein Name nicht ... rief es von Sternen,
riefs aus meinem Traum?... (Er horcht hinaus. Alles ist wieder stumm.)

JEREMIAS:

Bist du es, Unsichtbarer, der mich jagt und plaget ... bin ich es selbst,
tönt mein hinstürmend Blut ... noch einmal sprich, daß ich dich kenne,
Stimme ... noch einmal ruf mich an ... noch einmal, einmal sprich ...

DIE STIMME (näher tastend):

Jeremias!

JEREMIAS (zerschmettert in die Knie stürzend):

Hier bin ich, Herr! Es hört dein Knecht! (Er lauscht atemlos. Nichts
regt sich ringsum.)

JEREMIAS (erbebend vor Leidenschaft):

Sprich, Herr, zu deinem Knecht! Du riefest meinen Namen, so gib die
Botschaft auch, auf daß mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort
und offen deiner Rede! (Er lauscht wieder angespannt. Tiefes
Schweigen.)

JEREMIAS:

Ist es vermessen, daß ich dein begehre? Ein Unbelehrter bin ich und
geringer Knecht, ein Staubkorn deiner Erde, doch dein ist alle Wahl! Der
du Könige kiesest aus den Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund,
daß er dann glühet deiner Rede, -- du wählst nach andern Zeichen. Wen du
berührest, Herr, der ist erwählet, wen du erwählest, Herr, der ist
berufen. War schon dein Ruf dies, der an mich ergangen, oh sieh, ich
habe ihn vernommen; bist du es, Herr, der mich gejagt, so sieh, ich
flieh dir nicht. Faß deine Beute, Herr, greife dein Wild oder jag weiter
mich zum Ziele! Nur mach mich wissend, daß ich dich nicht fehle, tu auf
die Himmel deines Wortes, daß ich dich erschau, dein Knecht!

DIE STIMME (näher, eindringlicher):

Jeremias!

JEREMIAS (entbrennend):

Ich höre, Herr, ich höre! Mit meiner ganzen Seele horche ich dir zu!
Aufgetan sind die Quellen meines Bluts und strömen, ausgereckt jede
Faser meines Leibs, dich zu fassen, offen bin ich, unwürdig Gefäß,
deiner Verkündung. Rede mir deine Rede, befiehl deine Befehle, dein bin
ich mit dem Fleisch und dem Inwendigen meiner Seele! Ich will werden in
deinem Willen und vergehen in deinem Geheiß. Ich will verlassen, die ich
liebte, um deinetwillen und abseits werden meinen Freuden, ich will
lassen die Süße des Weibes und die Hausung der Menschen, in dir allein
will ich wohnen und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hören, da
ich deinen erhörte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir allein
gelobe ich mich, Herr, dir allein, denn durstig ist meine Seele deines
Dienstes -- offen bin ich deinem Wort und gewärtig deiner Zeichen!

DIE STIMME DER MUTTER (nun schon ganz nahe und kenntlich):

Jeremias!

JEREMIAS (in Ekstase):

Brich ein in mich, Herr, mein Herz birst vom Schauer deiner Nähe schon!
Schütte dich aus, selig Gewitter; wühl mich auf, daß ich deinen Samen
trage, mache fruchtend meine Erde, mache trächtig meine Lippe -- einbrenn
mir das Brandmal deiner Hörigkeit! Wirf dein Joch über mich, siehe,
gebeuget schon ist mein Nacken, -- dein bin ich, dein für immerdar. Nur
erkenne mich, Herr, wie ich dich erkenne, nur laß mich deine
Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im Dunkel meine Niedrigkeit,
den Weg nur weise deines Willens, Herr, weise ihn, weise ihn deinem
ewigen Knecht!

DIE MUTTER (ist suchend die Treppe emporgestiegen. Ihr Blick ist
ängstliche Sorge, ihre Stimme voll Zärtlichkeit):

Oh hier ... hier bist du, mein Kind.

JEREMIAS (auffahrend von den Knien, voll Schreck und Ingrimm):

Weg ... fort ... oh, verloschen die Stimme ... zerschlagen der Weg ...
verborgen für immer ...

DIE MUTTER:

Weh ... wie du hier stehest im dünnen Gewand am Kalten der Mauer ... komm
hinab, mein Kind ... Fieber schwelt her von den Sümpfen des Morgens ...

JEREMIAS (voll Wildnis):

Was folgst du mir, was verfolgst du mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt
von Stirn und Rücken, in Wachen und Schlaf ...

DIE MUTTER:

Jeremias, wie faß ich dich? Ich lag unten im Schlafe, da war mir, als
hörte ich Zwiesprach vom Dache und Rede und Wort ...

JEREMIAS (auf sie zu):

Du hörtest ... Du auch ... um der ewigen Wahrheit willen ... Du hörtest
Ihn reden, vernahmest den Ruf ...

DIE MUTTER:

Wen meintest ... keinen seh ich mit dir ...

JEREMIAS (sie fassend):

Mutter ... ich beschwöre dich, sprich mir ... Tod oder Seligkeit trägt
mir dein Wort ... Du hörtest eine Stimme ... wachen Sinnes hörtest du
sie ...

DIE MUTTER:

Eine Stimme hört ich vom Dache und tastete, daß ich dich weckte. Doch
kalt war das Linnen, leer lag dein Bett. Da fiel Angst über mich, und
ich rief deinen Namen ...

JEREMIAS (erschwankend):

Du riefest ... Du riefest meinen Namen ...

DIE MUTTER:

Zu dreien Malen rief ich ihn ... Doch warum ...

JEREMIAS:

Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewiß ...

DIE MUTTER:

Dreimal rief ich dich an ...

JEREMIAS (mit brechender Stimme):

Zernichtung und Hohn! Oh, Trügnis überall, außen und innen. In Angst
schrie eine zu mir, und mein Grauen vermeinte den Gott ...

DIE MUTTER:

Wie bist du sonderlich! Kein Unrecht glaubt ich zu tun. Und stieg, da
keiner Antwort gab, selbstens empor, ob hier einer wäre. Doch keiner war
hier.

JEREMIAS:

Oh doch! Ein Rasender, ein Verblendeter ... oh Qual und Marter der
Träume ... Sinn und Widersinn im Betruge ... ich Narr, ich Narr meines
Wahns!...

DIE MUTTER:

Was redest du ... was ficht dich an ...

JEREMIAS:

Nichts, Mutter, nichts ... nicht achte meiner Worte ...

DIE MUTTER:

Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschließen sich mir.
Jeremias, ein fremder Geist ist über dich kommen, fremd ward und
feindlich dein Sinn. Was ist dir geschehen, mein Kind, was quälet, was
sorget dich?

JEREMIAS:

Nichts quält mich, Mutter ... mich schwülte das Bett ... Kühlung kam ich
zu trinken ...

DIE MUTTER:

Nein, du verschließt dich, du Harter, vor mir und bist doch offen meiner
Seele. Meinst du, ich wisse nicht, wie du umgehst seit Monden Nacht um
Nacht; meinest du, ich hörte nicht das Stöhnen deines Schlafs und den
Angstschrei deines Schlummers? Oh, offenen Auges hör ich dich im Dunkel,
wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt für Schritt hör ich dich
schreiten, und Schritt für Schritt mitwandert mein Herz. Was ists, das
dich quälet? Tu dich auf, du Verschlossener, nicht birg meiner Sorge die
Qual!

JEREMIAS:

Nicht sorge dich, Mutter! Nicht sorge dich!

DIE MUTTER:

Wie soll ich deiner nicht sorgen? Bist du denn meiner Tage Tag nicht und
meiner Nächte Gebet? Aus den Händen bist du mir gewachsen, darin ich
dich trug, doch meine Seele, noch hält sie dich inne, daß sie wache
deines Lebens. Oh, ich wußte es vordem, eh du es wußtest, ich sah es, eh
du es schautest, seit Monden schon: es ist ein Schatten auf dein Antlitz
gefallen und eine Sorge in deine Seele. Du bist fremd worden deinen
Freunden und abseits der Fröhlichen, den Markt meidest du und der
Menschen Haus. In Gedanken vergräbst du und des Lebens versäumest du
dich. Jeremias, besinne dich, zum Priester bist du gezogen, dein harret
des Vaters Gewand, daß du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang.
Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, daß du bauest
dein Leben, daß du beginnest dein Werk!

JEREMIAS:

Nicht ist Zeit jetzt des Beginnens! Zu nah ist das Ende!

DIE MUTTER:

Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mannbar bist du des langen, eines Weibes
verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters
Bild.

JEREMIAS (in grimmigem Schmerz):

Ein Weib heimführen in Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich,
nicht bräutlich nahet die Stunde!

DIE MUTTER:

Ich faß dich nicht.

JEREMIAS:

Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein Leben in den Tod? Soll
ich säen der Fäulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir,
Mutter, wohl dem, der sein Herz nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn
wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod.

DIE MUTTER:

Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller
im Frieden dies Land?

JEREMIAS:

Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob
kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die
Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe
wie keine gewesen je in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über
Erden gefahren! Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in
der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel.
Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es nicht offenbar den
Träumern, doch ich, ich hab es geschauet Nacht um Nacht. Immer höher
brennet der Brand, immer näher nahet der Feind, er ist da, der Tag des
Getümmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus
der Nacht.

DIE MUTTER:

Entsetzen ... wie wüßtest du's?...

JEREMIAS:

  Ein Wort, ein heimlich Wort ist über mich kommen,
  Da ich Gesichte beschaute des Nachts
  Und irrging in Träumen.
  Furcht und Bangnis fiel über mich,
  Meine Gebeine erbebten wie eine Klapper,
  Und gleich rissiger Mauer
  Einstürzte mein Herz. --
  Mutter,
  Ich habe Dinge gesehen,
  Wenn die stünden geschrieben,
  Würde starren der Menschen Haar
  Und der Schlaf fallen wie Asche
  Von ihrem Gesicht.

DIE MUTTER:

Jeremias ... was ist über dich ...

JEREMIAS:

  Das Ende nahet, das Ende,
  Es fahret aus
  Dräuend von Mitternacht,
  Feuer sein Wagen,
  Würgung sein Flug!
  Schon rauschen Schrecknis die heiligen Himmel,
  Schon bebt die Erde von Donner und Huf.

DIE MUTTER (im Entsetzen):

Jeremias!

JEREMIAS (sie anfassend, lauschend):

Hörst du ... hörest du nicht, es rauschet, es rauschet schon nah ...

DIE MUTTER:

Nichts höre ich! Es morgent. Hirtenflöten wachten im Tal, und ein klein
Wind umspielet das Dach.

JEREMIAS:

  Ein klein Wind?
  Wehe, wehe!
  Gewaltigen Rauschens
  Wächst er empor,
  Sturmwind von Gott.
  Aus dem Geklüfte
  Der Mitternacht
  Kommt er gefahren,
  Schrecknis schwingt er
  Über die Stadt.
  Mutter! Mutter! Hörst du es nicht:
  Schwert klirrt im Wind,
  Räder rollt die rauschende Welle,
  Lanze blinkt und Harnisch die Nacht,
  Krieger und Krieger, unendliche Scharen
  Schüttet der Sturmwind über das Land.

DIE MUTTER:

Wahnwitz von Träumen! Wirrnis und Trug!

JEREMIAS:

  Es nahet, es nahet,
  Fremd Volk,
  Mächtig und alt
  Aus dem Osten der Erde,
  Unendliche Fülle
  Rauschen sie an,
  Wie Blitz fliegen weit ihre windigen Pfeile,
  Ihre Rosse sind alle mit Eile behufet,
  Ihre Wagen starr wie die Felsen geschient.
  Und inmitten ausfähret
  Mit blutiger Krone
  Der Stürzer der Städte,
  Der Zünder der Brände,
  Der Zwingherr der Völker,
  Der König, der König von Mitternacht.

DIE MUTTER:

Der König von Mitternacht ... Du träumest ... der König von Mitternacht.

JEREMIAS:

  Den Er erweckte,
  Den Er erwählte,
  Als harten Vollstrecker
  Härtesten Spruchs,
  Daß er strieme das Volk um all seiner Fehle,
  Daß er mahle die Mauer und berste die Türme,
  Daß er lösche das Licht und das Lachen der Häuser,
  Daß er tilge die Stadt und den Tempel von Erden
  Und pflüge die Straßen Jerusalems.

DIE MUTTER:

Irrwitz und Frevel! Ewig währet Jerusalem!

JEREMIAS:

  Es fällt!
  Was Gott berennet,
  Hat nicht Bestand!
  Von untenher
  Werden dorren seine Wurzeln,
  Und von obenher
  Geschnitten seine Frucht!
  Mit der Axt und dem Brande
  Wird der Reisige roden
  Israels Forst und Zions Gefild.

DIE MUTTER (ausbrechend):

  Es ist nicht wahr!
  Du lügst! Du lügst!
  Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
  Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen!
  Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
  Ewig werden die ragenden Mauern,
  Ewig die Herzen Israels dauern,
  Ewig währet Jerusalem!

JEREMIAS:

Es stürzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet die Stunde! Das Ende
nahet, Israels Ende!

DIE MUTTER:

Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwählte sind wir und werden
dauern über die Zeiten! Nie vergehet Jerusalem!

JEREMIAS:

Ich habe es geschauet in meinen Träumen, offenbar ward es meinen
Gesichten!

DIE MUTTER:

Frevler, wer so träumet, und Frevler siebenfach, wer glaubt solchen
Träumen! Wehe, wehe, daß ichs erlebe, mein eigen Blut zaget an Zion und
zweifelt des Herrn! Jeremias, Jeremias, willst du, daß mir zum Abscheu
werde mein Schoß?

JEREMIAS:

Wider Willen kam mir das Grauen, nicht vermag ich zu wehren den
Gesichten.

DIE MUTTER:

Halte dich wach im Gebet wider sie, und an dem Namen des Herrn
zerschellet ihr Trug. Jeremias, besinne dich: eines Gesalbten Sohn bist
du und geweiht, daß deine Stimme lobsinge dem Herrn, daß sie erhebe die
Herzen der Zagenden und mit Mut fülle der Verstöreten Sinn!

JEREMIAS:

Wie kann ichs, wie kann ichs! Selbst bin ich der Verstörteste aller! Laß
ab von mir, Mutter, laß ab!

DIE MUTTER:

Ich lasse nicht dein und nicht deine Seele dem Zweifel. Jeremias, mein
einzig Kind, höre mich an! Geheimes künde ich dir zum erstenmal, daß
erwache dein Herz. Höre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch
ich war eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschloß der Herr meinen
Schoß. Spott ward ich den Gefährtinnen und der Kebsen Gelächter. Zehen
Jahre trug ich es duldend und zagete schon, aber im elften entbrannte
mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, daß Er Frucht schenke meinem
Schoß.

JEREMIAS:

Zum erstenmal kündest du dies ... zum erstenmal.

DIE MUTTER:

Und ich warf mich zur Erde und tränkte sie mit meinen Tränen und
gelobete: so ein Sohn mir geschenkt sei, ihn zu weihen dem Herrn. Ich
gelobete zu schweigen und kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren
Zeit, daß ihm dereinst der Rede Fülle sei, zu lobpreisen den Gott.

JEREMIAS:

Mich gelobet ... Mutter!... auch du ... auch du ...

DIE MUTTER:

Selbigen Tages erkannte dein Vater mich, und ich ward dein gesegnet.
Jeremias, höre, Jeremias, neun Monde begrub ich getreu die Stimme in
meinem Leibe, daß dir alle Fülle des Wortes sei, daß du Lobkünder
werdest des ewigen Gottes! So lösete ich mein Wort, und wir zogen dich
auf, daß du lerntest die Schrift, und lieblich klang deine Stimme zum
Psalter. Jeremias, nun weißt du: zum Priester bist du geweiht von
Anbeginn und zum Lobkünder des Herrn. Zerreiß deiner Träume Netz und
tritt in den Tag.

JEREMIAS:

Oh, zwiefach Gelöbnis, Mutter, oh, zwiefach Zeugnis dieser Nacht. Zum
andern Male hast du mich erwecket dem Leben, ein Wissender bin ich
worden an deinem Wort, denn wundersam: ich schrie auf meine Frage zu
Gott, und er entsandte dich mir zur Rede! Oh Geheimnis dieses Wegs, oh
Stachel der Träume, der mich aufstieß, oh Lockung der Bilder, die mich
weckten, oh trefflicher Jäger, der nicht fehlet! Nun weiß ich, wer
geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund von meines Lebens
Schlummer, nun weiß ich, wer drängete meine Säumnis, nun weiß ich, wer
mich gefordert ...

DIE MUTTER:

Was ward dir! Wie eines Trunkenen gehet deine Rede ...

JEREMIAS:

Ja, trunken bin ich nun der Gewißheit seines Willens und so voll der
Rede, daß mich der Odem in meinem Innern ängstet. Die Siegel sind
gebrochen meines Mundes, und mir brennet die Lippe der Verkündung ...

DIE MUTTER:

Wehe, wenn du sie kündest deine Träume, die verruchten! Mein Sohn bist
du nicht, schreist du aus solchen Wahn!

JEREMIAS:

Dein Sohn, Mutter? Oh, wie sehr bin ich dein Sohn, wie dir gleich im
Geschehen! Wisse, auch ich bin ein Unfruchtbarer gewesen, und Er hat mir
ein Wort gezeuget und ein Geheimnis. Erneut habe ich, Mutter, dein Wort,
auch ich habe mich ihm gelobet ...

DIE MUTTER:

So tritt hin in sein Haus, daß du ihm opferst, der dich erweckte, daß du
lobpreisest seinen Namen!

JEREMIAS:

Nein, Mutter, nicht Opferers Dienst hab ich genommen -- selbst will ich
das Opfer sein. Ihm bluten entgegen meine Adern, ihm brennet mein
Fleisch, ihm flammet meine Seele. Ich will ihm dienen, wie keiner
gedient, seine Wege sind meine Wege nunab. Oh, siehe, schon morgents im
Tale, und auch in mir war es Tag aus den Dunkelheiten! Sein Himmel
brennet in Feuer, und auch mir entbrannte das Herz. Oh, Wagen Elias,
auffahrend im Feuer, reiß mit meine Rede, daß sie niederstürze wie
Donner in der Menschen Tag! Wehe, mir brennet die Lippe schon, fort, ich
muß fort ...

DIE MUTTER:

Wohin willst du vor Tag?

JEREMIAS:

Ich weiß nicht, Gott weiß es.

DIE MUTTER:

Doch sage, was planest du?

JEREMIAS:

Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Sein ist mein Herz, sein ist die Tat!

DIE MUTTER:

Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwörest mir denn, daß du
verschweigst deine Träume ...

JEREMIAS:

Ich schwöre nicht! Ihm allein bin ich verschworen!

DIE MUTTER:

... daß du nicht kündest Schrecknis vor dem Volke.

JEREMIAS:

Sein ist die Verkündung, mein nur die Lippe!

DIE MUTTER:

Wehe, du fliehest mein Wort! So höre und wisse: wer ausgehet Zweifel zu
säen in Israel, geht nicht mehr ein in mein Haus.

JEREMIAS:

Sein ist mein Wort, sein meine Hausung.

DIE MUTTER:

Wer nicht glaubet an Zion, ist nicht mehr mein Sohn!

JEREMIAS:

Sein bin ich allein, der mich eintat deinem Leibe.

DIE MUTTER:

So weichest du? Aber höre vordem noch, Jeremias, höre, eh du auftust die
Lippe vor dem Volke: Ich fluche aus meiner Seele Kraft dem, der
Schrecknis wirft über Israel, ich fluche ...

JEREMIAS (schauernd):

Nicht fluche, Mutter, nicht fluche!

DIE MUTTER:

Ich fluche dem, der Sturz sagt den Mauern und Wüstung den Gassen, ich
fluche dem, der Tod schreit über Israel. Möge sein Leib in Feuer fallen
und seine Seele in des lebendigen Gottes Faust.

JEREMIAS:

Nicht Fluch sprich ... Mutter ... vielleicht stößt Er mich unter ihn ...

DIE MUTTER:

Ich fluche dem Zweifler, der mehr vertrauet den Träumen denn Gottes
Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich verfluche den Leugner Gottes und wäre
es mein Kind! Zum letztenmal, Jeremias ... wähle!

JEREMIAS:

Ich ... geh ... meinen Weg ... (Er beginnt mit schwerem Schritt zur
Treppe zu treten.)

DIE MUTTER:

Jeremias ... mein einzig Kind bist du und meines Alters Trost ...
entweiche meinem Fluch ... denn Gott wird ihn erhören, wie er erhörte
mein Gelöbnis.

JEREMIAS:

Auch ich bin ihm gelobet, Mutter, auch mich hat er erhöret. Lebe wohl!
(Er schreitet die erste Stufe hinab.)

DIE MUTTER (aufschreiend):

Jeremias! Über mich geht dein Schritt! Du zertrittst mir das Herz!

JEREMIAS:

Ich weiß die Straße nicht, die ich schreite ... ich fühl die Steine
nicht, die ich trete ... ich fühl einen Ruf nur ... einen Ruf, der mich
rufet ... und ich folge dem Ruf ...

    (Er steigt langsam die Stufen nieder, das Antlitz ernst und
    verhalten, die Augen starr in den Himmel.)

DIE MUTTER (zur Treppe hinstürzend, in Verzweiflung):

Jeremias!... Jeremias!... Jeremias!...

    (Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt
    allmählich ganz ins Schweigen zurück. Einsam steht die einstürzende
    Gestalt der Mutter vor dem hohen Himmel, über den sich tragische
    Morgenröte wie ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten
    beginnt.)



DAS ZWEITE BILD

DIE WARNUNG

    »Die Profeten, die vor mir gewesen sind von alters her, haben wider
    viel Länder geweissaget von Krieg, von Unglück und Pestilenz;

    wenn aber ein Profet von Frieden weissagt, den wird man kennen, ob
    ihn der Herr wahrhaftig gesandt hat, wenn sein Wort erfüllet wird.«

  Jer. XVIII, 8/9.


    Der große Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in
    den Säulenvorhof der Burg von Zion führt, rechts zum königlichen
    Palaste und mittseits zum anschließenden Tempel. Auf der andern
    Seite ist der geräumige Platz von Häusern und Gassen begrenzt, die
    nieder und gebückt scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingänge
    in den Palast sind umschmückt von Girlanden und prächtigem
    Zedergetäfel; in breite, kunstvolle Brunnenschalen des Vorhofs
    fließt Wasser nieder, rückwärts glänzt dunkel das erzgetriebene Tor
    des Tempels.

    Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stufen
    empor wirr durcheinandergedrängt das Volk von Jerusalem, eine
    farbige, erregte Masse von Männern, Frauen und Kindern, die von
    einhelliger Erwartung bewegt sind. Die Menge hat viele Stimmen, die
    in den Augenblicken des Geschehens oft in einen einzigen Schrei
    zusammenfließen, sonst sich aber erregt widerstreiten. Im
    gegenwärtigen Augenblicke sind alle in die Richtung der Gassen
    gewandt und drängen sich in erwartender Unruhe.

STIMMEN:

Der Wächter hat schon gerufen vom Turm ... nein, noch nicht ... doch,
ich habe das Horn gehört ... ich auch ... ich auch ... sie müssen nahe
sein ... von wo kommen sie ... werden wir sie sehen ...

ANDERE STIMMEN:

Vom Tore Moria kommen sie ... hier müssen sie vorbei ... sie gehen zum
Palast ... laßt die Gasse frei, ... ja ... ja ... wir wollen sie sehen ...
weicht zurück ... macht Raum ... Raum für die Ägypter ...

EINE STIMME:

Aber ist es gewiß auch, daß sie kommen?

EINE ANDERE STIMME:

Den Boten sprach ich, der ihnen vorausgeeilt.

STIMMEN:

Er hat den Boten gesprochen ... erzähle ... wie viele sind ihrer ...
bringen sie Geschenke ... wer ist ihr Führer ... was bringen sie ...
erzähle, Isaschar!

    (EINE GRUPPE bildet sich um den Mann Isaschar.)

ISASCHAR:

Ich vermag nur zu berichten, was der Bote, mein Schwäher, mir gesagt.
Die ersten Krieger Ägyptens sind es, die Pharao uns sandte, und Sklaven
sind viele mit ihnen, die Geschenke bringen auf Sänften und Tragen. Seit
Salomos Tagen ward nichts ihresgleichen gen Zion gebracht.

STIMMEN:

Es lebe Pharao ... Ruhm seiner Herrschaft ... Heil Ägypten!

EINE STIMME:

Sie sagen, auch eine Tochter Pharaos reise mit ihnen, daß sie Zedekia
vermählt werde. Ist es wahr, Isaschar?

ISASCHAR:

Es ist wahr. Eine Tochter Pharaos geleiten sie. Die Schönste ist sie
seiner Töchter, und er hat sie Zedekia gewählt.

STIMMEN:

Ruhm Pharao ... Heil Zedekia ... werden wir sie schauen ... Heil
Ägypten!...

EIN ALTER MANN:

Unheil kam von je über Israel von den fremden Weibern der Könige ...

STIMMEN:

Ja, sie wenden den Sinn der Gerechten ... fort mit ihnen ... was schmähst
du Ägypten ... ja, was wollen, sie ... was bedeutet die Sendung ...
seit wann ist Freundschaft zwischen Ägypten und Israel ... was wollen
sie?

EINE STIMME:

Ein Bündnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, ich weiß es von
Abimelech.

STIMMEN:

Heil Abimelech, unser Führer ... kein Bündnis ... kein Bündnis mit
Ägypten ... kein Bündnis mit Mizraim ... wider wen ist das Bündnis ...

ISASCHAR:

Warum kein Bündnis mit ihnen? Mächtig sind sie, und vereint wären wir
stark wider unsern Unterdrücker. Zehntausend Sichelwagen vermag Pharao
Necho ins Blachfeld zu stellen, und seine Bogenschützen und Reiter sind
ohne Zahl. Er will aufstehen wider Assur, unsern Peiniger, und sie
begehren unseres Beistands.

DER ALTE:

Kein Bündnis mit Ägypten! Unser Kampf ist nicht der ihre!

ISASCHAR:

Unsere Not ist die ihre, sie wollen nicht Knechte sein der Chaldäer!

STIMMEN:

Wir auch nicht ... wir auch nicht ... nieder mit Assur ... zerbrechen
wir das Joch ... hüten wir uns ...

BARUCH (ein Jüngling, ekstatisch):

In Ketten gehen unsere Tage und mit güldenen Schäkeln unsere Boten
allneumonds gen Babel. Wie lange wollen wir es dulden noch?

SEBULON (der Vater Baruchs):

Schweige ... nicht dein ist die Rede ... eine linde Knechtschaft ist
Chaldäas Joch ...

STIMMEN:

Aber wir wollen nicht länger Knechte sein ... die Stunde der Freiheit
ist gekommen ... nieder mit Assur ... verbinden wir uns Ägypten ...

SEBULON:

Nie kam Gutes von Mizraim. Man muß prüfen und erwägen, man muß mißtrauen
und gedulden.

STIMMEN:

Die Geräte des Tempels muß man schaffen ... nicht länger soll Baal sich
ihrer ergötzen ... nieder mit den Räubern des Tempels ... jetzt ist es
die Stunde ...

ANDERE STIMMEN (von der Tiefe der Gasse her):

Sie kommen! Sie kommen!

STIMMEN (von allen Seiten jauchzend):

Sie kommen ... Raum ... macht Raum ... sie kommen ... hier herauf ...
zurück hier ... ich sehe sie schon ... hier kannst du sie sehen ...

    (DAS VOLK stürmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die
    nun die Gesandtschaft der Ägypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht
    vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger über dem Gewoge der
    lärmenden Menge leuchten.)

STIMMEN:

Wie stolz sie gehen ... wer ist der Führer ... Araxes ist es ... die
Geschenke ... die Sänften ... seht diese, sie ist verhüllt ... die
Tochter Pharaos muß es sein ... heil Araxes ... heil Ägypten ... wie
schwer sie tragen an den Truhen, Gold muß darin sein ... wir werden es
zahlen müssen mit Blut ... die Schwerter, seht die kurzen ... die unsern
sind besser ... wie hochmütig sie gehen ... gewaltige Krieger müssen es
sein ... es lebe Pharao Necho ... es lebe Ägypten ... heil ... Gott
strafe Assur ... heil Ägypten ... heil Araxes ... es lebe Necho ...
Segen über Pharao ... geheiligt unser Bund ... heil euch ... heil euch ...

    (DIE MENGE umdrängt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der
    Ägypter.)

    (DIE ÄGYPTER, reichgeschmückt, schreiten stolz und ernst durch die
    Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken würdevoll.)

BARUCH (von den Stufen herab):

Der König erfülle eure Wünsche! Er schließe den Bund!

STIMMEN:

Ja ... ja ... auf gegen Assur ... zerbrechen wir das Joch ... es lebe
Necho ... Segen über eure Ankunft ... Rache für Zion ...

ANDERE STIMMEN:

Zum Palast ... geleitet sie zum Palast ... zum Könige ... er schließe
den Bund ... es lebe Araxes ... Segen über Zedekia, unsern König ...
ein König der Knechte ... nein ... nein ... Freiheit ... auf zum Palast ...

    (DIE ÄGYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in die
    Säulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strömt der Schwall des Volkes.
    Andere Schwärme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den
    Stufen nur einzelne kleine Gruppen älterer Leute zurück, während die
    Krieger und die Frauen schaulustig den Ägyptern nachstürmen, die
    Sänften umdrängen und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.)

BARUCH (der ihnen ekstatisch zugewinkt hat):

Ich muß mit ihnen.

SEBULON:

Du bleibst!

BARUCH:

Ich will es schauen, ich will es erleben, wie Israel aufsteht wider
seine Peiniger. Meine Seele verzehrt sich, das Gewaltige zu erschauen,
und nun ist die Stunde genaht.

SEBULON:

Du bleibst! Gott wägt seine Stunden, nicht wir. Des Königs ist die
Entscheidung.

BARUCH:

Wie sie jubeln! Laß mich mit ihnen sein, mein Vater, daß ichs erlebe.

SEBULON:

Oft und oft noch wirst du's erleben. Denn immer jubelt das Volk zu den
lauten Worten, immer läuft es hinter dem Gepränge.

EIN ANDERER:

Was verweigerst du ihm die Freude? Ist der Tag unseres Sehnens nicht
erschienen? Freunde sind Israel erstanden.

SEBULON:

Nie war Mizraim Israels Freund.

BARUCH:

Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die Ägyptens.

SEBULON:

Nichts gemein haben wir mit den Völkern der Erde. Einsamkeit ist unsere
Gewalt.

DER ANDERE:

Aber sie wollen für uns kämpfen.

SEBULON:

Für sich wollen sie kämpfen. Jedes Volk kämpft nur für sich allein.

BARUCH:

Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein König sein der Sklaven und
Zion ein Pflichtling Chaldäas? Oh, daß er ein König wäre, Zedekia ...

SEBULON:

Schweige, ich befehle es dir. Nicht ziemt es den Knaben, die Könige zu
richten.

BARUCH:

Jung bin ich, doch wer ist Jerusalem, wenn die Jugend nicht? Die
Bedächtigen nicht haben es gebaut. David, der Junge, hat sie getürmet
und groß gemacht unter den Völkern.

SEBULON:

Schweige, nicht dein ist das Wort auf dem Markte.

BARUCH:

Sollen nur die Bedächtigen reden, nur die Greise beraten, daß Israel
ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule in unsern Herzen? Unser
ist die Stunde, unser die Rache. Ihr habt euch gebeuget, wir wollen uns
erheben, ihr habt gezögert, und wir wollen vollbringen, ihr hattet den
Frieden, und wir wollen den Krieg.

SEBULON:

Was weißt du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, die Väter, haben ihn
gekannt. Er ist groß in den Büchern, aber ein Würger ist er in Wahrheit
und ein Schänder des Lebens.

BARUCH:

Ich fürchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft!

EINE STIMME:

Einen Eid des Friedens hat Zedekia geschworen.

STIMMEN:

Ungültig ist der Eid ... er zerbreche den Schwur ... kein Eid gilt den
Heiden ...

STIMMEN (von rückwärts aus der Gasse kommend, im Jubel):

Abimelech! Heil Abimelech ... Abimelech, unser Führer ... heil dir ...

    (DIE GRUPPEN sammeln sich um Abimelech, den Obersten der Krieger,
    und jubeln ihm zu.)

STIMMEN:

Abimelech ... ist es wahr, daß Ägypten ein Bündnis bietet ... raffe dein
Schwert ... auf, ziehe wider Assur ... raffe Israels Kraft ... wir sind
bereit ... wir sind bereit ...

ABIMELECH (auf der Höhe der Stufen zu der Menge):

Sei bereit, Volk von Jerusalem, denn nahe ist die Stunde deiner
Freiheit.

    (DIE MENGE, die ihn umringt, bricht in Jubelschreie aus.)

ABIMELECH:

Pharao Necho hat uns seine geharnischte Hand geboten. Er will sich uns
gesellen, daß wir selbzweit Assurs Macht brechen, und wir wollen es tun,
mein Volk von Jerusalem. Bereit sind deine Streiter, gerüstet deine
Kämpfer, geschirrt deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun stähle dein
Herz, Volk von Jerusalem.

DIE MENGE (jauchzend):

Auf gegen Assur ... Krieg mit Chaldäa ... heil Abimelech ...

EIN KRIEGER:

Wie die Schafe werden wir sie vor uns hertreiben. Sie haben sich matt
gemacht in den Frauenhäusern, und ihr König trug nie eines Kriegers
Gewand.

EINE STIMME:

Das ist nicht wahr!

DER KRIEGER:

Wer sagt, es sei nicht wahr?

EINE STIMME:

Ich sage es. In Babel bin ich gewesen und habe Nabukadnezarn gesehen. Er
ist gewaltig und sein Kriegsvolk ohne Makel.

STIMMEN:

Du Schurke, lobpreisest du unsere Feinde ... ein Gekaufter ist er ...
sein Weib ist eine Chaldäerin ... sie hat gehurt mit allen Knechten
Babels ... Verräter ...

DER KRIEGER (vortretend zu den Sprechenden):

Willst du sagen, wir könnten ihrer nicht obsiegen?

DIE STIMME:

Ich sage, daß sie mächtig sind, die Chaldäer.

DER KRIEGER (auf ihn eindringend):

Meine Faust sieh hier und sage noch einmal, sie seien besser denn
Israel.

STIMMEN:

Sag es noch einmal ... zerreißt ihn ... Verräter ... Verräter ...

DER SPRECHER (von allen gefaßt, eingeschüchtert):

Nicht das sagte ich ... ich meinte ... ich meinte, daß ihrer viele sind.

ABIMELECH:

Immer waren unserer Feinde viel, und immer haben wir sie geschlagen.

STIMMEN:

Wer kann an wider uns ... alle haben wir geschlagen ... Moab
zerschmettert und Ammon ... Sanherib und seine Tausendmaltausend ... die
Philister und Amalek ... Wer kann uns widerstehn ... Tod über den, der
uns schmäht ...

    (EINIGE BOTEN eilen aus dem Palast.)

DIE MENGE (sie umdrängend):

Wohin eilet ihr ... was bringt ihr ... wen suchet ihr ... was ist ...

EIN BOTE:

Der König hat den Rat berufen.

STIMMEN:

Krieg ... er beschließet den Krieg ... Krieg ...

ABIMELECH:

Wen hat er berufen?

DER BOTE:

Imre, den Ältesten, Nachum, den Verwalter; und auch an dich ergehet sein
Ruf.

ABIMELECH:

Zauderern bin ich gesellt und Klüglern, die das Wort wägen und schauern
vor der Tat. Aber ich bringe mein Schwert, und ich will es von mir
werfen, darf ich es nicht zücken wider Assur. Dein ist die Stunde, ich
kämpfe für sie, Volk von Jerusalem!

DIE MENGE:

Heil Abimelech ... Heil Abimelech ... heil dir, du Gottesstreiter ...
heil ...

    (ABIMELECH eilt in den Palast.)

BARUCH:

Ihm nach, ihm nach! Der König soll unsere Stimme hören, er höre unsern
Willen erdonnern vor seinem Palast.

SEBULON:

Ich verstoße dich, wenn du nicht schweigest. Der König will beraten, und
Ruhe muß sein um den Ratschluß.

BARUCH:

Er soll nicht beraten. Er beschließe! Er beschließe den Krieg! Wir alle
wollen den Krieg.

STIMMEN:

Ja, wir alle ... wir alle ... schreit auf zu ihm ...

EINE STIMME:

Nein, ich will keinen Krieg ... ich will keinen Krieg ...

STIMMEN:

Schweige ... Verräter ... noch ein Gekaufter ... wer bist du ... nieder
mit ihm ... wer bist du ...

DER SPRECHER:

Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blüht mein Feld. Aber der Krieg
stampft meine Äcker und zerstößt mir die Scholle. Ich will keinen Krieg,
ich will nicht!

BARUCH (wild):

Schmach über dich! Schmach über dich! Daß du doch faultest in deinem
Acker und ersticktest an deinen Früchten! Fluch denen, die am Gewinn
ihren Mut messen und an ihrem Leben des Landes Geschick! Israel ist
unser Acker, und wir wollen ihn düngen mit unserm Blute, denn, ihr
Brüder, es ist Seligkeit, zu sterben für den alleinigen Gott.

DER SPRECHER:

So stirb und lasse mich leben. Die Erde liebe ich, auch sie ist Gottes,
und er hat sie mir zu eigen gegeben.

BARUCH:

Nichts ist uns zu eigen gegeben, Lehen ist alles vom lebendigen Gotte,
daß wir es wiedergeben an ihn auf seinen Ruf. Und sein Ruf ist
erschollen, oh, daß wir ihn hörten! Erfüllet sind die Zeichen! Oh, wo
sind die Künder der Worte, wo sind sie, die seines Geistes sind, daß sie
die Trägen entflammen und hören machen die Tauben. Wo sind die Priester,
wo sind die Profeten? Was schweigt ihre Stimme in dieser Stunde zu
Jerusalem?

STIMMEN:

Ja ... die Profeten ... wo sind sie, die Priester ... wecket sie auf ...
sie versäumen die Stunde ... wo ist Hananja ...

BARUCH:

Zum Tempel empor! Nichts ohne Gottes Wort! Sie mögen entscheiden, die
Gottesmänner!

STIMMEN:

Ja ... wo sind unsere Hirten ... in ihnen ist die Wahrheit ... Hananja ...
Pashur ... wo sind sie ... tut auf den Tempel ... tut auf das Tor ...
Hananja ... Pashur ...

    (EINIGE sind die Stufen hinaufgeeilt und schlagen an die erzene Tür.
    Die Tür tut sich auf, und es erscheint im Ornat:)

PASHUR (der Hohepriester):

Was ist dein Begehr, Volk von Jerusalem?

BARUCH:

Erfüllt ist die Verheißung, aufstehet das Volk! So säume nicht. Sprich
den Fluch über unsere Widersacher, denn die Stunde der Freiheit winket
deinem Volke.

STIMMEN:

Tu den Tempel auf, daß Gott über uns sei ... den Profeten rufe, daß er
uns Wahrheit sage ... aus den Büchern lies die Weissagungen ... zum
Könige sprich und zum Volke ...

PASHUR:

Was ist geschehen? Was glühet ihr mit einem Male?

BARUCH:

Ein Bündnis ist geboten von Ägypten wider Assur, und der König zaudert.
Krämer und Knechte sind seine Vertrauten. Doch das Volk verlanget eurer
Stimme.

STIMMEN:

Die Profeten rufe, daß sie uns Weisheit lehren ... Hananja ... Hananja ...
wann waren sie vonnöten, die heiligen Worte, wenn nicht zu dieser
Stunde?... Ihrer sei die Entscheidung ... Hananja ...

PASHUR:

Was begehret ihr des Profeten?

BARUCH:

Sein Wort falle in unser Herz, er segne Israel, er verfluche
Nabukadnezar und seine Knechte ... Sein Wort soll wie Feuer über uns
fahren, daß wir entbrennen. Hananja rufe, Hananja, es fordert ihn die
Stunde, Gott fordert ihn.

DIE MENGE:

Hananja ... wo ist unser Profet ... Gott fordert ihn ... Er erscheine ...
wir dürsten nach seinem Worte ... Hananja ... Hananja ...

    (HANANJA tritt aus der Tür des Tempels.)

    (DIE MENGE bricht bei seinem Anblick in wilde Jubelrufe aus.)

BARUCH (zu ihm empor):

Hananja, Gottes Gesandter, siehe, dein Volk dürstet nach deiner Rede!
Gieß aus die Welle deines Wortes über sie, daß Kraft ihnen entbrande,
mache fruchtbar unsern Ingrimm und ziele unsern Zorn. In deinen Händen
liegt Jerusalems Schicksal!

DIE MENGE:

Gieß aus Gottes Wort über uns ... Die Verheißung verkünde ... Sage, sollen
wir ausziehen ... Gottes Wille laß uns wissen ... belehre dein Volk, du
Bote des Herrn, belehre den König ... oh, sprich die Verheißung ... sieh
unser Schwanken ... erwecke unser Herz.

HANANJA (vor die Schwelle des Tempels tretend, pathetisch):

Selig deine Frage, selig deine Stimme, selig du selber, Volk von
Jerusalem, daß du sie endlich aufhebst zum Schrei! Denn Schlaf war
gefallen über dich, ein Ohnmächtiger bist du gelegen in den Sielen der
Knechtschaft, Jerusalem, und die Völker sind geschritten über dich wie
über einen Trunkenen, sie haben gespien auf dein Gewand, und sie haben
gelacht deiner Blöße. Aber ein Ruf ist gegangen an die Schläfer, eine
Botschaft an die Verträumten, und ich will sie künden euch
Gotterweckten.

DIE MENGE (bricht in fanatische Jubelschreie aus):

Höret ihn!... Erweckte sind wir ... wahrlich, wie im Schlafe sind wir
gelegen ... sage, Meister, ist es Zeit ... sag an, ist es die Stunde ...

HANANJA:

Wie lange noch wollet ihr euch gedulden der Taten, da Gott euch erweckte
... wie lange stille sein, da der Herr euch gerufen? Gott dürstet, denn
leer sind seine Krüge, Gott hungert, denn gebrochen sind seine Altäre,
Gott friert, denn geraubt ward der Schmuck seiner Fliesen, Gott leidet,
denn es spotten sein die Priester Baals und die Knechte der Astaroth! Er
harret euer, daß ihr ihn erlöset, und wie im Schlafe habt ihr gelegen;
er winket zu sich euch, aber ihr rühret euch nicht im Joche. So werfet
ab das Joch, reißt euch los von den Ketten, die Posaune laßt schallen
und erklirren das tödliche Erz; Gott hat euch wach geschrien, so kämpfet
für ihn!

BARUCH:

Töne, oh töne, du Gottesposaune! Auf, Israel, auf, Jerusalem, brecht
Gottes Joch!

DIE MENGE:

Zerbrechen wir das Joch ... auf wider Assur ... streiten wir gegen
Nabukadnezar ... zu den Waffen ... werft auf das Panier ... Sage, ist es
Zeit, daß wir ausziehen ... Krieg wider Assur ... Sag, werden wir ihrer
obsiegen?

HANANJA:

Die Stimme des Herrn erbrauset mir innen, wie ein Meer schäumt sie mir
stürmend zum Munde, und also tönet sie euch zu: »Erhebe dich, Israel,
wappne deine Lenden, fasse froh den Schild und die Speere, auf, tummle
deine Rosse, denn Assur ist dein Wild und Babel deine Beute. Gehe an, du
Gewaltiger, deine Bedränger zu jagen, ich habe dir Pfeile in den Köcher
getan, die nicht fehlen, und Lanzen gerüstet, die nicht splittern. In
deine Hand habe ich Assur gegeben, so balle sie zur Faust, Israel, und
knicke seine Knochen! Tritt unter die Fersen, die dich bedrückten, hole
heim meine Habe, erlöse mich, wie ich dich erlöse. Wirf weg, die dir
widerraten, tilge aus, die dich zäumen, nicht höre die Schwachmütigen,
nur meinen Boten erhöre! Höre, Israel, höre auf ihn!...«

JEREMIAS (aus der Menge wild aufschreiend):

Nicht höret auf ihn! Nicht höret auf ihn --! Nicht höret auf ihn!

    (DIE MENGE weicht im Tumult auseinander. Jeremias wird mitten in der
    erregten Masse sichtbar. Er arbeitet sich gegen die Stufen zu der
    Stelle empor, wo Hananja spricht.)

STIMMEN:

Wer redet ... wer ist dieser ... was für Rede ... was sagt er ... wer
ist er ...

JEREMIAS:

Nicht höret ihn, nicht höret denen zu, die euch nach dem Munde reden,
tut ab die Schlingen seiner Worte! Nicht höret die Gleisner, die euch
ins Schlüpfrige stoßen, nicht tappet in die Netze der Vogelsteller,
nicht lausche, Jerusalem, den Lockpfeifern des Krieges!

PASHUR (sich aufrichtend):

Wer redet in der Menge?

HANANJA:

Wer redet wider den Herren? Hervor aus dem Dunkel!

JEREMIAS (sich vorstoßend):

Es redet die Angst, und es schreit das Bangen um Jerusalem, die
Schrecknis tut auf ihren Mund. Für Israel spreche ich und um Israels
Leben!

STIMMEN:

Wer ist er ... ich kenne ihn nicht ... es ist keiner von den Profeten ...
ich kenne ihn nicht ... wer ist es ...

EINE STIMME:

Jeremias ist es von den Priestern zu Anathoth.

STIMMEN:

Wer ist Jeremias ... wer ist er ... was wollen die zu Anathoth in
Jerusalem ... der Sohn Hilkias ist es ... wer ist er ... was will er ...

PASHUR (zu Jeremias, der die Stufen emporgestiegen ist):

Fort von des Tempels Stufen! Den Gesandten Jahves, den Gottesmännern
und Profeten ist allein verstattet die heilige Schwelle! Uns allein ist
es, Gottes Wille zu künden!

JEREMIAS:

Wer ist so vermessen, daß er sich unterfange, ihm allein habe der Herr
die Weisheit zugeteilt und das Geheimnis seines Willens! Nur in Träumen
spricht Gott zu den Menschen, und auch mir hat er Träume gesandt. Mit
Entsetzen hat er gefüllt meine Nächte und mich wach gemacht in die Zeit,
er hat mir einen Mund gegeben, daß ich rede, und eine Stimme, daß ich
schreie. Er hat die Angst in mich eingetan, daß ich sie über euch werfe
wie ein brennend Tuch, und ich will sagen meine Angst um Jerusalem, ich
will schreien meinen Schrei vor dem Volke, ich will künden meine Träume ...

BARUCH:

Fort mit den Träumern und Traumdeutern! Wache will die Stunde!

HANANJA:

Wem sind nicht Träume gegeben! Das Tier wälzt sich im Schlafe, und der
Sklaven Traum ist mit Bildern voll. Wer hat dich gesalbet, daß du redest
vor dem Tempel?

STIMMEN:

Nein ... er soll reden ... wir wollen ihn hören ... ein Wahnwitziger ist
er ... seine Träume soll er künden ... erzähle ... offen ist der Markt ...
frei ist Gottes Haus ... sprich, Jeremias ...

PASHUR:

Nicht von des Tempels Schwelle! Nicht vor des Tempels Gelaß!

HANANJA:

Ich bin Gottes Profet und keiner sonst in Israel. Auf mich sollet ihr
hören und nicht die Schwätzer der Gasse. Weg die Träumer vom Markte!

BARUCH:

Ein Feigling ist er, entlaufen seinen Ängsten.

STIMMEN:

Er soll reden ... wir wollen ihn hören ... nein, Hananja rede ...
Hananja ... er ist vielleicht gesandt vom Herrn ... sprich, Jeremias ...
warum ihn nicht hören ... was hat er geträumt ... in Träumen ist oftmals
Verkündung ... laß ihn reden, Hananja ... man wäge ihre Worte ...
sprich, Jeremias ...

JEREMIAS (hat sich emporgeschwungen):

Brüder in Israel, Brüder in Jerusalem, einen Sturm hört ich fahren im
Traume wider Zion, und Kriegsvolk wider unsere Mauern, und sie warfen
nieder das Gebälk und stürzten die Zinnen, Flamme saß auf den Dächern
wie ein rot Tier und fraß leer unsere Hausung. Es war kein Stein mehr,
der stund auf dem andern, und eine Wüstung in den Gassen; so viel Tote
sah ich liegen wie Kehricht, daß das Herz sich mir wandte im Leibe und
die Siegel meines Mundes aufbrachen im Schlaf ...

PASHUR:

Wahnwitz schreit von den Stufen des Tempels.

HANANJA:

Fallsucht plaget ihn, und er plaget uns.

BARUCH:

Hinunter mit ihm!

STIMMEN:

Nein, die Träume wollen wir hören ... was deuten sie ... ein Irrwitziger
ist er ... ein Narr ... fort mit ihm ...

JEREMIAS:

Doch da ich wach auffuhr im Schweiße meines Leibes, ihr Brüder, da
spottete ich mein, wie diese meiner spotten! Denn war nicht Friede im
Lande, ihr Brüder, saß die Stille nicht auf den Mauern und kein Wind
rührete sie an? Und ich ging fort vom Hause und schämete mich meines
Ängstens und ging her zum Markte, daß ich mich freute des Friedens. Da
scholl Jauchzen her, und das Herz brach mir ein inwendig, denn ein
Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brüder, da ward bitter wie Galle meine
Seele, und das Wort sprang mir zum Munde wider meinen Willen, denn saget
wahrhaft, ihr Brüder: ist Krieg ein so kostbar Ding, daß ihr ihn
lobpreiset? Ist er so gütig, daß ihr ihn ersehnet, ist er so wohltätig,
daß ihr ihn grüßet mit der Brunst eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk
von Jerusalem, ein bös und bissig Tier ist der Krieg, er frißt das
Fleisch von den Starken und saugt das Mark von den Mächtigen, die Städte
zermalmt er in seinen Kinnladen, und mit den Hufen zerstampft er das
Land. Nicht schläfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert
zücket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum über den Fürwitz, der
Streit anhebt ohne Not, denn auf einem Wege wird er ausziehn, und auf
sieben wird er rückfliehen, weh denen, die Mord tun am Frieden mit dem
Wort! Hüte dich vor ihnen, hüte dich, Volk von Jerusalem!

BARUCH:

Vor den Feiglingen hüte dich, Volk von Jerusalem, vor den Gekauften und
Verrätern!

HANANJA:

Wo ist seine Verheißung? Wo Gottes Wort? Für Babel spricht er und Bel.

STIMMEN:

Nein ... er redet recht ... viel Wahres ist an seinem Wort ... lasset
ihn ausreden ... die Träume ... was für Verheißung ... lasset ihn ...
auch ihn wollen wir hören ...

JEREMIAS:

Was wecket ihr auf das reißende Tier mit eurem Gejauchze, was locket ihr
in die Stadt den König von Mitternacht, was rufet ihr zum Kriege, Männer
Jerusalems? Habet ihr dem Mord eure Söhne gezeuget, und der Schande eure
Töchter? Ward dem Feuer eure Hausung gebaut und dem Prellbock die Mauer?
Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Ist
denn so hart deine Knechtschaft, ist so brennend dein Leiden? Siehe,
siehe um dich: es ist Gottes Sonne über dem Lande, und eure Weinstöcke
blühen in Frieden, es schreiten beseligt die Bräute mit ihren Erwählten,
es spielen einfältig die Kinder, und sanft glänzet der Mond in
Jerusalems Schlaf. Das Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Stätte,
die Speicher ihre Fülle und Gott sein geräumiges Haus. Sage, Israel,
sage, ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons
Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefäll? Oh, laß es dir genug
sein, friedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick, und halte den
Frieden, halte ihn fest in deinen Mauern, Volk von Jerusalem, halte den
Frieden!

SEBULON:

Recht redet er! Heil ihm! Wie Gold ist seine Rede!

PASHUR:

Wie chaldäisch Gold!

STIMMEN:

Ja ... er ist verkauft ... nein, recht redet er ... Friede ... wir
wollen den Frieden ... ein Verräter ist er ... ein Söldling von Assur ...
lasset ihn reden ... nein, Hananja redet wahr ... nur Hananja ...

HANANJA:

Fort mit dir, fort! In Samaria rede, wo Knechte sitzen; zu Moab sprich
also oder zu den Unbeschnittenen, doch zu Israel nicht, das Gottes
Erstling ist unter den Völkern.

BARUCH (auf Jeremias eindringend):

Sprich, stehe Rede, hier vor dem Volke sprich es aus, daß sie es hören:
soll dauern unsere Knechtschaft, sollen wir länger Gold zahlen an
Chaldäa? Sprich Antwort, du Verräter!

STIMMEN:

Ja ... ja ... antworte ... rede ... sollen wir weiter zahlen ...
antworte.

JEREMIAS:

Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem
Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn
der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr!

HANANJA:

Oh, du Gehorcher und Diener, du Knecht Chaldäas, willst du leugnen
Gottes Wort, das heischet den Krieg wider die Bedrücker, willst du
leugnen die Schrift?

JEREMIAS:

Doch es stehet auch geschrieben daselbst: »Wenn ihr stille bleibet,
würde euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.«

STIMMEN:

Ja, so ist es geschrieben ... er redet wahr ... ja, so ist es
geschrieben ... weise ist sein Wort ... nein, er drehet es zu seinem
Sinne.

HANANJA:

Unheiligem Krieg ist es gesagt, Zwist der Geschlechter Israels! Doch
dies ist ein heiliger Krieg, ein Gotteskrieg ist es, Jerusalem, um
deines ewigen Namens willen, ein Gotteskrieg, ein Gotteskrieg!

JEREMIAS:

Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die
Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das
Leben.

BARUCH:

Du lügst! Du lügst! Das Leben ist uns einzig gegeben, daß wir es
hinopfern für Gott und seinen Geist. Ich will mich opfern auf seinem
Altare, ich will sinken vor seinen Feinden, ich will sterben für Israel
und seine Herrschaft auf Erden. Nie wird Israel besiegt sein, wenn alle
meines Sinnes sind!

HANANJA:

Nie wird es besiegt sein, solang die Sterne vor Gott leuchten, doch in
dreien Monden wird Babel in unsere Hand gegeben sein, so wir ausziehen
mit Ägypten.

STIMMEN (jauchzend):

In drei Monden ... Heil Hananja ... höret ihn ... in drei Monden ...

HANANJA:

Israel wird siegen, gegen tausend und tausend.

BARUCH:

Angst streut er aus, wie sie ihm Gold streuten.

STIMMEN:

Israel über den Völkern ... auf wider Assur ... Krieg ... Krieg ...
nein, Friede ... Friede über Israel ... Krieg ... Krieg ... für Assur
spricht er ... ein Verräter ... sind die nur wahrhaft, die Krieg
schreien?... gekauft ist er ... übereilet nicht ...

BARUCH:

Ins Weiberhaus mit dem Feigling! Ins Weiberhaus!

EIN WEIB (Jeremias anspeiend):

Schmach wär er für uns! Da dem Manne, der sich verkriecht und uns
schändet! Krieg ... Krieg wider Assur!

JEREMIAS (in Zorn ausbrechend):

Wer bist du, die du so brünstig bist nach dem Blute? Hast du deine
Lenden aufgetan für das Grab und deine Kinder gesäugt für die Grube?
Fluch über den Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch über
die Frauen, die brünstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres
Leibes wird er fressen, und die Knechte Assurs werden worfeln um sie und
um ihr Gewand. Klageweiber werdet ihr sein und mit den Nägeln zerren an
euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren Zähnen brechen, die gespien
wider mich und wider den Frieden ...

STIMMEN (Weiber):

Wehe ... wehe ... höret den Fluch ... unsere Söhne ... wehe ... wehe ...
der Furchtbare ... wehe ...

BARUCH:

Die Frauen schreckst du, du Zagherziger, doch die Männer nicht. Hinunter
mit dir!

EINIGE KRIEGER:

Hinunter! Jagt ihn in die Gasse!

HANANJA:

Sperrt ihm den Mund!

STIMMEN:

Fort ... er verstört die Frauen ... fort ... genug Unheil gekündet ...
kalt ward mein Gebein, da er sprach ... er schweige ... schweige ...

JEREMIAS:

Ich schweige nicht, ich schweige nicht, denn in mir schreit Jerusalem!
Jerusalems Mauern stehen in meinem Herzen, und sie wollen nicht sinken,
Israels Lande blühen in meiner Seele, und ich will sie behüten! Dein
eigen Blut schreiet aus mir, Jerusalem, daß es nicht vergossen werde,
dein Same, daß er nicht versprengt werde, deine Steine, daß sie nicht
stürzen, und dein Name, daß er nicht vergehe! Halte dich fest, du
Schwankende, und birg deine Kinder an dich, höre, Jerusalem, des
Warnenden Stimme höre, meine liebende Angst, meine ängstende Liebe höre!
Höre sie, Zion, du Gottesburg, und wahre den Frieden, wahre den Frieden ...

STIMMEN (jetzt im vollen Widerstreit):

Ja ... Gottes Friede über Israel ... Verräter ... Gekaufter ... Gottes
Friede über uns ... meine Söhne will ich bewahren ... Krieg ... Krieg
wider Assur ... dem König die Entscheidung ... ein Verräter ... wir
wollen in Frieden leben ... feige ist er ... gekauft ... Krieg ...
Friede ... Hananja sagt die Wahrheit ... nein Jeremias ... wir glauben
ihm ... recht redet er ... Krieg ... nein ... zerbrechet das Joch ...
Krieg ... Friede ...

    (EIN GETÜMMEL erhebt sich in der Richtung des königlichen Palastes,
    eine Gruppe Menschen kommt mit Abimelech in der Mitte, der
    schwertlos aus der Säulenhalle stürzt.)

DIE STIMMEN DER NAHENDEN:

Verrat ... Verrat ... Verrat in Israel.

    (DIE MENGE läßt ab von dem Streite um Jeremias.)

STIMMEN:

Was ist geschehen ... Abimelech ... was ist ihm widerfahren ... vom
Könige kommt er ... Abimelech ... Zorn schattet seine Brauen ... was ist
geschehen.

ABIMELECH (vorne auf den Stufen, neben Jeremias):

Verkauft ist Israel von den Weichlingen, verschachert von den Krämern.
Obgesiegt haben Imri und Nachum im Rate, sie sprachen wider Ägypten, und
der König gab ihnen Gehör.

STIMMEN:

Nieder mit Nachum ... Verrat ... Imri der Greis ... Verräter ... Was
ward beschlossen ... was sagte der König ... Friede, heil dem Frieden ...
Gottes Gericht.

ABIMELECH:

Sein Herz schwanket, denn er scheuet den Krieg. Er will besinnen und
bereden, eh er entscheidet.

JEREMIAS:

Ruhm Zedekia, mit Weisheit ist er gegürtet!

ABIMELECH:

Mit Schwachheit ist er umstellt, das Alter und die Angst sind seine
Berater. Ich aber warf hin das Schwert, denn kein Schwert will ich mehr
um meine Lenden tragen, solange Zion pflichtig bleibet an Assur. Ich
diene seinem Rufe, aber ich diene nicht der Knechtschaft.

BARUCH (ekstatisch):

Oh, du Herrlicher, du Gotteskämpfer, heilig dein Schwert, das für Israel
flammt!

PASHUR:

Segen über dich, der du dich nicht verbrüdert den Käuflingen und
Krämern.

HANANJA:

Sollen wir zögern noch? Wes ist die Stunde? Ist sie Nachums, des
Krämers, und Imres, des Greises, oder deiner, Volk von Jerusalem! Gottes
Stunde ist gekommen, nimm sie hin! Auf zum Könige, auf zum Palast, daß
er uns höre, daß er uns sehe. Auf, Jerusalem, hebe deine Stimme, stoß
aus den Atem deines Zorns, tritt hin das Gewürm des Palastes, auf,
Israel, auf, in den Palast.

STIMMEN:

Auf! Zum Palast ... Zum Könige ... nieder mit den Greisen ... zum
Palast ... zieh mit uns, Abimelech ... auf.

PASHUR:

Zum Könige, daß er dich schaue, Volk von Jerusalem. Zum Könige und zum
Siege! Gott will es! Gott will es!

STIMMEN:

Auf ... zum Könige ... zum Palast ... zum Sieg ...

JEREMIAS (vor den Eingang der Säulenhalle springend):

Haltet ein, haltet Friede, ihr mordet Jerusalem!

STIMMEN:

Fort ... Raum ... Zum Palast ... Was ruft er ...

BARUCH (das Schwert ziehend):

Mein Schwert über den, der jetzt noch Friede spricht!

HANANJA:

Schlag ihn nieder! Schlag ihn nieder!

PASHUR:

Nieder mit dem Verräter!

JEREMIAS:

Um mich, Freunde Gottes, rettet, rettet Jerusalem!

PASHUR:

Stoß ihn nieder! Er will Aufruhr schaffen!

JEREMIAS:

Um mich, Freunde des Friedens, nicht weichet der Gewalt, rettet, rettet
Jerusalem!

PASHUR:

Stopft ihm das Maul. Die Zähne in den Schlund!

BARUCH:

Bei meinem Zorn, weiche vom Markte!

JEREMIAS:

Hier bleibe ich, ich weiche nicht; um den Frieden kämpfe ich, um
Jerusalems Leben! Wahnwitz zurück! Höret, höret ...

DIE MENGE (die Stufen hinaufschäumend):

Auf ... was zögert ihr ... wer wehrt den Eingang ... fort ... zum
Palast ...

BARUCH:

Fort! Zum letztenmal! Frei gib den Weg!

JEREMIAS:

Mit meinem Leibe wider den Krieg, mit meinem Leben für den Frieden!

HANANJA:

Schlag ihn hin! Schlag ihn hin! Es ist Gottestat!

BARUCH:

Zum letztenmal! Den Weg frei zum König! (Er sucht ihn zur Seite zu
stoßen.)

JEREMIAS (sich losreißend mit gewaltiger Stimme):

Keinen Schritt für die Torheit! Friede! Gottes Friede über Israel!

    (BARUCH hat das Schwert gezückt und schlägt ihn nieder.)

    (JEREMIAS stürzt blutend die Stufen hinab.)

DIE MENGE (in Entsetzen auseinanderstiebend):

Mord ... sie haben einen erschlagen ... Mord ... wer ist es ...
Jeremias ... sie haben ihn erschlagen ... wehe ... warum Gewalt ...
warum schlägt man den Profeten ... recht getan an den Lügnern ...
zum König ... zum König!

    (BARUCH bleibt betroffen stehen, das Schwert schwer in der sinkenden
    Hand.)

HANANJA (ekstatisch über alle rufend):

Mögen alle Feiglinge so enden, alle Söldlinge Assurs, alle Knechte
Chaldäas! Auf zum Palast, auf zum Könige. Erlöset Israel, erlöset
Jerusalem!

ABIMELECH:

Tod den Verrätern! Rache an Assur!

PASHUR:

Gott hat ihn gefällt!

HANANJA:

Gott hat ihn gefällt! Sein Blitz ist über den Leugner gefahren!

DIE MENGE (nach dem kurzen Erschrecken wieder emporschäumend und in die
Säulenhalle des Palastes flutend):

Zum Könige ... Israel über alle Völker ... Krieg ... Krieg mit Assur ...
nieder mit den Verrätern ... zum Könige ... Gott mit uns ... Gott mit
uns ... nieder mit Assur ... Freiheit ... Freiheit ...

    (DIE MENGE strömt jauchzend in die Halle.)

    (JEREMIAS ist am Stufenrande ohnmächtig liegen geblieben, ohne daß
    einer seiner achtete. Der Sturm der andern flutet über ihn hinweg.
    Wie die Woge des Volkes verbrandet, bleibt er zurück wie ein
    ausgeworfenes Stück Leben in den Steinen.)

    (BARUCH, der für einen Augenblick aus seinem Erschrecken von der
    Menge mitgerissen war, arbeitet sich wieder aus der Flut heraus. Er
    tritt langsam, wie von innerer Macht gezwungen, an den Ohnmächtigen
    heran, beugt sich über ihn, betastet seine Stirne und horcht nach
    seinem Atem.)

BARUCH:

Jeremias ... sprich, Jeremias ... wenn noch Leben in dir ist!

    (BARUCH richtet den Betäubten halb auf von den Stufen.)

JEREMIAS (mit geschlossenen Augen, aus der Dumpfheit der Sinne):

Die feurige Wolke ist gefallen ... es brennt ... es brennt ... Feuer
über der Stadt ... es brennet uns an ... wehe ... wehe ...

BARUCH:

Halte still, daß ich dir das Blut von den Augen wische ... still ...

JEREMIAS (die Augen aufschlagend):

Wo ... wo bin ich ... wer ... wer bist du ...

BARUCH:

Halte dich still und laß deiner warten ...

JEREMIAS:

Wer ... wer bist du ...

BARUCH:

Nicht krampfe dich auf, laß das Blut dir stillen ...

JEREMIAS:

Lasse mich ... lasse mich ... ich kenne dein Antlitz ... aus deiner
Stimme fuhr Haß wider mich ... deine Augen brannten mich an ... ich
kenne dich ... warst du es nicht ...

BARUCH:

Ich war es, der im Zorne wider dich schlug, doch flach fiel mein
Schwert, und lieb ist mir dies, denn wider einen Waffenlosen hab ich
geschlagen. Sühngeld will ich bieten für dein Blut ... laß es mich
stillen ...

JEREMIAS:

Laß es fließen, laß es fließen ... oh, daß einzig das meine strömte in
Jerusalem ... (sich aufrichtend): Wo ... wo sind die andern ... das
Volk, wo ... leer die Straße ... der Markt ... ah ... im Palaste schon ...
bei dem König, daß sie ihn zwingen ... wo ... wo sind sie ...

BARUCH:

Beruhige dich ...

JEREMIAS:

Fort sind sie ... zu spät ... Fluch über dich, Fluch über dich, daß du
mich fälltest ... daß du brachst meine Knie ... Oh Mörder mehr, als wenn
du mich schlugest ... nicht mein Blut hast du gemordet, aller in Israels
Blut ... nicht mich hast du gemordet, aber Zion hast du gebrochen ...
Zion zerstört ... den Wächter hast du getötet, und sie wüten im
Heiligtum des Herrn ... auf ... auf ... laß mich ... weg, du Mörder
Israels ...

BARUCH:

Was willst du?

JEREMIAS (fiebrig):

Auf ... hilf mir auf ... Du hast mich gefällt, so hilf mir empor ...
auf ... raffe mich hoch ... vielleicht ist es noch Zeit ...

    (JAUCHZEN von fern aus dem Palast.)

JEREMIAS (aufschreiend):

Ah ... ah ... ihr Jubel ist Tod, ihre Freude Vernichtung ... zu spät
wird es ... ich muß ... ich muß ... warnen ... auf, um Jerusalems
willen willen ... stütze mich ... ich muß zu ihm ... es ruft mich ... es
ruft ...

BARUCH (verwirrt):

Was willst du? Noch beben deine Knie ...

JEREMIAS:

Wider Hananja, wider Pashur, wider die Lockvögel des Krieges, wider das
Volk ... hilf mir auf ... ich muß schreien das Friedenswort, ich muß es
gellen in die Ohren der Vertaubten ... auf ... auf ...

BARUCH (erstaunt):

Noch einmal willst du ... noch einmal allein wider das Volk ... in
deinen Tod stürzest du dich ...

JEREMIAS:

Und hätte ich sieben Leben, siebenmal will ich geben für Jerusalem und
Gottes Frieden ... so hilf mir ... hilf mir für mein vergossen Blut ...
noch dunkeln mir die Sinne ... hilf ... es gilt Jerusalem ...

BARUCH (schaudernd):

Noch einmal willst du ... noch einmal allein gegen alle ... mächtig ist
die Gewalt, die dich treibt, Jeremias ... ich habe dich gesehen unter
meinem Schwert, und dein Auge war klar ... Jeremias ... einen Feigen
habe ich dich geschmäht und einen Weichling vor dem Volke ... Doch ich
sehe, daß du stark bist in deinem Willen wider den Tod ... Jeremias ...
ein Gewaltiges kündest du mir ...

JEREMIAS:

Wenn du mich ehrest, so hilf mir ... auf, stütze mich, daß ich wider sie
schreite ... daß ich rette Zion vor dem Verderben ...

BARUCH (ihn stützend):

Ich ... helfe dir ... Jeremias ... wider meinen Willen und meinen
Glauben ... denn Macht ist in dir, die mich zwingt ... wie heiß dein
Auge brennt im Willen ... Einen Schwachen und Scheuen vermeinte ich
dich, darum stand ich wider dich, der du schmähtest die Tat und den
sanften Frieden gefordert.

JEREMIAS:

Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um
Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule der Lügner und aus dem Herzen der
Menschen; als einer mußt du stehen gegen sie alle, denn immer ist das
Lärmen bei den vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die
Sanftmütigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen Streit.
Oh, ich weiß, daß ich in Fluch gehe und sie Tod wider mich werfen, aber
ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muß ich tun, und wer Gottestat
will, darf nicht ängstig sein vor der Menschen Haß.

BARUCH:

Nicht gehe ... nicht gehe allein ... nichts vermagst du wider sie ...

JEREMIAS:

Ich gehe, ich gehe, daß nicht Wind seien meine Worte. Denn wer nicht
einstehet mit dem Leben für sein Wort, des Rede ist Rauch und verwehet.
Auf ... daß ich ausgieße meine Gesichte und schreie mein Warnen wider
den König ... fort ... hilf mir weiter ...

BARUCH:

Laß mich ... laß mich mit dir gehen ... daß ich tue, wie du tuest ...
denn ich fühle, ein Großes muß es sein, das du beginnest.

JEREMIAS:

Mit mir willst du gehen ... war denn dein Wille nicht wider mich und
dein Schwert?

BARUCH:

Zu stark warst du, da ich wider dich war ... so will ich mit dir sein.
Gebannt hast du mein Herz mit deinem Blute, ich tue, was du tuest, denn
ich ... ich glaube dir, Jeremias!

JEREMIAS (innehaltend, wie erschreckt):

Du glaubst meinen Worten?

BARUCH:

Ich ... glaube an dich ... denn klar sah ich dein Auge unter meinem
Schwert.

JEREMIAS:

Du ... glaubst an mich ... wider die Priester und Profeten, die mich
verleugnen, wider Volk und Stadt?

BARUCH:

Ich glaube an dich ... denn ich sah dein Blut für dein Wort.

JEREMIAS:

Du glaubest an mich ... eh ich selber kaum glaube meinen Träumen ...
redest du wahr, du Knabe?

BARUCH:

Ich glaube an dich, denn ich sehe dich aufrecht wider den Tod. Meinen
Willen tu ich in deinen Willen.

JEREMIAS (erschüttert):

Du glaubst an mich ... Knabe ... wer bist du? Mein Blut hast du
gesprengt aus mir und deinen Willen geworfen in den meinen ... der erste
bist du, der mir glaubet ... und noch weiß ich deinen Namen nicht.

BARUCH:

Baruch bin ich, der Sohn Sebulons von Gilead.

JEREMIAS:

Du wirst keines Sohn mehr sein, so du mir glaubest, der Verstoßene
wirst du sein, so du mir folgest, der Gehaßte und Verbannte, denn in
Flammen muß verbrennen, wer leuchten will im Wort. Hüte dich, Baruch, du
Knabe! Mein Blut hast du genommen von mir, soll ich darum das deine
schon nehmen? (Ihn ergriffen fassend): Laß sehn deine Augen! Morgendlich
noch leuchtet ihr Stern, soll ich ihn umwölken mit meinen Träumen? Rein
glänzet deine Stirn, soll ich sie furchen mit meinen Sorgen? Klar runden
dir die Lippen sich, soll ich sie bitter machen mit meiner Rede? Nein,
Knabe, geh, geh von mir, den Schrecknis umgürtet, nicht wirf in Lauge
dein Herz, weiche von mir um deines Lebens willen.

BARUCH:

Ich will mein Leben nicht ... Dein Weg soll mein Weg sein, denn ich
glaube dir, Jeremias, und dieser Glaube ist nunab mein Leben.

JEREMIAS (bewegt):

Der erste bist du, der mir glaubet, wahrlich meines Glaubens Erstling
bist du und meiner Angst erstgeboren Kind ... mit meinem Blute habe ich
dich gezeuget und aus meiner Qual dich gewunden ... soll ich dich
wahrhaft nehmen in meiner Bitternis ...

BARUCH:

Nimm mich mit dir ... nimm mich mit dir ... um Jerusalems willen ...

JEREMIAS (sich aufraffend):

Um Jerusalems willen! Oh, es bedarf der Helfer in dieser Stunde, das
verwirrte ... So komm, Baruch, du Gezeugter meines Worts, auf, stütze
mich, daß wir schreiten wider sie. Meine Angst, ich will sie werfen
wider den König, meine Sorge, ich will sie schleudern in ihrer Herzen
Schoß, auf, stütze mich, hilf mir wider sie!

BARUCH:

Ich gehe mit dir ... ich gehe mit dir ...

    (JUBELGESCHREI von nahe.)

JEREMIAS:

Wehe ... wehe ... wenn das Volk jubelt, ist Unheil im Werke.

BARUCH:

Sie kommen ... sieh ... aus dem Palast kommen sie ...

JEREMIAS:

Ihnen entgegen ... raffe mich auf ... noch dunkeln mir die Sinne ...

BARUCH:

Der König ... der König ist unter ihnen ... er hält das Schwert nackt
in den Händen ... zum Tempel ziehen sie ...

JEREMIAS:

So raffe mich weiter ... es ist Zeit ...

BARUCH:

Die Hallen dröhnen von ihrem Gelärme ... Hananja tanzt ihnen voraus wie
David vor der Lade ... sie haben obgesiegt ... es ist zu spät ... Weiche
von ihnen, birg dich ... es ist zu spät.

JEREMIAS:

Es ist nie zu spät ... laß mich ihnen entgegen.

BARUCH:

Was willst du tun ... mich laß es tun ... ich bin jung und stark.

JEREMIAS:

Das Wort wider sie zücken wie ein Schwert ... ich will wenden des Königs
Herz ... zu ihm muß ich durch ... zu ihm ...

    (DIE MENGE ist inzwischen unter wilden Rufen und Geschrei, Gesang
    und Lärmen aus dem Palaste hervorgeströmt, schäumt die Stufen nieder
    und strömt wieder zum Tempel empor. Das ganze Volk flammt in einer
    einzigen Ekstase. Alle Schreie von früher sammeln sich.)

STIMMEN:

Heil Zedekia ... Israel über alle Völker ... Krieg wider Assur ... das
Joch ist zerbrochen ... es lebe Ägypten ... Krieg mit Chaldäa ...
Vernichtung Nabukadnezar ... zum Siege ... zum Siege ... heil dem Bund
mit Ägypten ... heil Zedekia ... heil Abimelech ... Sieg ... Sieg ...

HANANJA (wie ein Trunkener voraneilend zum Tempel, laut):

Auftut des Tempels Tore! Auftut die Tore! Vor dem Altar beschwört der
König den Bund wider Assur!

STIMMEN:

Heil dem Bunde!... Oh Tag der Verheißung ... oh Ende der Knechtschaft ...
Nieder mit Assur ... heil Zedekia ... heil ... Sieg ... Sieg ... Israel
über alles ... Gott ist mit Israel ...

    (DER KÖNIG ZEDEKIA ist, gefolgt von den ägyptischen Gesandten, aus
    dem Palaste geschritten. Er trägt das Schwert bloß in den Händen.
    Sein Antlitz ist strenge und ernst, er geht inmitten des Jubels wie
    gedrückt von Gedanken, neigt sich kaum dem allgemeinen Schrei und
    Zuruf und steigt jetzt mit langsamen Schritten den Tempel hinan.)

    (DIE MENGE drängt ihm nach, lärmend und jubelnd, plötzlich gellt
    mitten aus ihr der Schrei):

JEREMIAS:

Zedekia! Zedekia! Tu ab das Schwert!

    (DIE MENGE bricht in Tumult aus, die Schreie fallen plötzlich
    nieder.)

    (DER KÖNIG bleibt stehen auf der Stufe und wendet sich um.)

JEREMIAS (Stimme sich gewaltig erhebend):

Tu ab das Schwert, Zedekia! Du rettest Jerusalem! Friede gib Israel!
Gottes Friede!

DIE MENGE (wild aufschäumend durcheinander):

Krieg ... Krieg ... Krieg mit Assur ... wer redet ... ein Gekaufter ...
nieder mit den Verrätern ... Krieg ... Krieg ... Schlagt ihn nieder ...
Israel über alles ... Krieg ... Krieg ...

    (JEREMIAS Schrei ist schnell im aufspringenden Getöse untergegangen,
    er selbst fortgedrängt und nur mühsam von Baruch geschützt; die
    Menge schäumt und tost fort mit verdoppelter Wucht ihrer
    ekstatischen Stimmen zum Könige.)

    (DER KÖNIG ist horchend stehen geblieben und sucht nach dem
    untergegangenen Schrei. Er hat das Schwert für einen Augenblick
    sinken lassen und wendet sich wie nach Hilfe rings um. Um ihn
    brandet jetzt donnernd der fanatische Ruf des Volkes, die Tore des
    Tempels werden breit aufgetan. Er zögert noch einen Augenblick, dann
    hebt er wieder das Schwert und schreitet fest und ernst die letzten
    Stufen empor.)



DAS DRITTE BILD

DAS GERÜCHT

    »Weil ihr solche Rede treibet, siehe, so will ich meine Worte in
    deinem Munde zu Feuer machen und dieses Volk zu Holz und sollen sie
    verbrennen.«

  Jer. IV, 14.


    Der gleiche Platz vor dem Tempel und dem Königspalast. Auf den
    Stufen sitzen und lagern lässige Bündel von Männern und Frauen. In
    den Straßen und in der Halle das gewohnt beständige Auf- und
    Niedergehen von Menschen in Geschäften und Gespräch.

EINER (in der großen Gruppe auf den Stufen):

Und ich sage es euch, es ist gewiß: eine gewaltige Schlacht hat
angehoben zwischen Nabukadnezar und Pharao.

EIN ANDERER:

Ja ... auch ich habe es gehört ... ein Bote ist gekommen ...

EINE STIMME:

Unablässig kommen Boten in den Palast ... das hat nichts zu bedeuten.

DER ZWEITE:

Aber ich habe ihn gesprochen, ich weiß es gewiß.

DIE STIMME:

Den Boten hast du gesprochen?

DER ZWEITE:

Nein ... Aphitor, den Schreiber des Königs ... auch er sagte, eine
Schlacht habe begonnen ... eine große Schlacht ...

DER ERSTE:

Eine gewaltige Schlacht, wie nie eine war seit Menschengedenken, Ägypten
gegen Nabukadnezar ...

STIMMEN:

Möge der Himmel ihn zermalmen, den Verfluchten ... Ägypten ist mächtig ...
auch von den Unsern sind Streiter zur Stelle ... sie werden ihn strafen,
den Hochmütigen ...

EINER:

Er wird ihn zerbrechen, denn Gott ist mit uns.

EIN ANDERER:

Stark ist Ägypten, er wird ihm nicht obkommen.

EIN ANDERER:

Auch Nabukadnezar ist stark. Sie sagen ...

EIN ANDERER:

Laß sie sagen, die Schwachmütigen! Laß sie sagen!

DER ERSTE:

Sie sagen, wie ein Heuschreckenschwarm seien seine Krieger!

EINER:

Krieger! Es sind keine Krieger! Klein sind sie von Wuchs wie die Knaben
und unkund des Schwerts. Mein Schwestermann hat ihrer viel gesehen, in
den Weiberhäusern sind sie Männer und nicht auf dem Feld.

EIN ANDERER:

Bei den Knaben liegen sie des Nachts und machen sie zu Weibern.

    (EINIGE lachen.)

EINER:

Pharao wird sie vernichten.

STIMMEN:

Wie Spreu wird er sie fegen von der Tenne ... lang lebe Pharao, unser
Freund ... es lebe Pharao, der Besieger ... lang lebe Pharao ... er kann
nicht an wider ihn ... es lebe Pharao ...

ANDERE (von den Rufen hergelockt, die Gruppe vergrößernd):

Was sagt ihr vom Pharao ... was ists mit Pharao Necho ...

EINER:

Eine große Schlacht schlägt er wider Nabukadnezar ...

STIMMEN:

Er wird sie besiegen ... wie die Hunde mit geklemmten Schwänzen werden
sie vor ihm laufen ... ja, ich habe es gehört, ein gewaltig Ringen hat
angehoben ... er wird sie besiegen ... er wird uns befreien ... es lebe
Pharao ... ewigen Ruhm über Pharao ... eine Tafel des Gedenkens möge man
ihm graben aus Gold ... es lebe Pharao, der Besieger Assurs.

NEUE NEUGIERIGE (herbeieilend):

Was ists ... was ist geschehen ...

EINER DER JÜNGSTGEKOMMENEN:

Pharao hat Nabukadnezar besiegt.

STIMMEN:

Heil Pharao Necho ... ist es wahr ... ich muß heim, meinem Weibe es
künden ... heil Pharao Necho ...

EINER:

Aber noch ists nicht gewiß!

ANDERE:

Wieso ist es nicht gewiß ... willst du zweifeln ... wie kann Baal wider
unsern Gott ... Gott ist mit uns ...

EINER:

Ich habe es immer gewußt, Gott wird mit unsern Waffen sein. Wo er
streitet, ist Sieg ... Keiner kann wider uns ... keiner ...

EIN ANDERER (wegeilend, andern entgegenrufend):

Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ...

    (DIE MÜSSIGEN des Platzes auf diesen Ruf zur Gruppe hineilend.)

STIMMEN:

Sie erzählen von Sieg ... ist es wahr, daß Pharao Nabukadnezar
geschlagen ...

STIMMEN:

Ja, es ist wahr ... noch nichts ist gewiß ... ja, es ist gewiß ... wer
sagt es ... alle sagen sie es ... er hat es gehört ... der Schreiber des
Königs hat es gesagt ... der König hat es gesagt ... er hat es selbst
gehört vom Könige ... Pharao möge leben ... es lebe unser Freund ... ein
Ende der Knechtschaft ... es lebe Zedekia, der Erlöser des Tempels ...

EINER:

Habe ich es nicht gesagt, eine Schmach war es, daß wir Tribut zahlten
diesen Übermütigen!

STIMMEN:

Eine Schmach ... nun sollen sie uns bezahlen ... das Haus Jahves muß
erneut werden ... ein neues müssen wir ihm bauen ... ja, ein neues ...
sie müssen es bezahlen zur Sühne ... Salomos Palast muß erstehen ...
Salomos Haus ...

EIN MANN:

Was ists? Was ist geschehen?

STIMMEN:

Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ... Sieg ...
Sieg ... wir haben gesiegt ...

DER MANN:

Sieg, endlich Sieg, heil Pharao ... ich muß es verkünden daheim ... sie
harren der Kunde ... (wegeilend) Sieg ... Sieg über Assur.

DIE MENGE (strömt jetzt rauschend zu, sich immer mehr begeisternd die
Rufe werden lauter und lauter):

Gottes Gebot war es, daß wir diesen Krieg begannen ... heil Zedekia ...
nun müssen wir sie alle besiegen ... Israel muß über allen Völkern sein ...
ein Brandopfer auf dem Altar ... danket dem Herrn, daß er unsere Feinde
geworfen ... ja ... ja ... danket dem Herrn, Halleluja ... Sieg über
Assur ... zum Tempel ... zum Könige ... daß wir mehr doch wüßten, mein
Herz verzehrt sich in Ungeduld ... von Gott war diese Erleuchtung über
Zedekia ... Hananja hat es geweissagt ... Ja, Hananja ... Hananja ...
sein war der Ruf ... nun müssen wir wider Babel ... ja, zerbrechen wir
seine Mauern ... die goldenen Geräte muß man holen ... Sklaven müssen
sie werden, unsere Sklaven ... mein Herz hat gedürstet nach dieser
Stunde ...

EINER:

Ein Bote kommt vom Tore ...

ALLE (wild in die Richtung stürzend):

Ein Bote ... ein Bote ... wer hat es gesagt ... vom Blachfeld kommt
er ... was ist es ... was bringt er ... er wird uns berichten ... wo ist
er ... wo ...

    (EIN BOTE, schweißbedeckt, keuchend vom Lauf, ringt sich durch die
    Menge.)

STIMMEN:

Erzähle ... er hat gesiegt ... was ists mit Nabukadnezar ... wieviel
sind der Toten ...

DER BOTE:

Los ... laßt mich los ... Raum ... an den König geht meine Botschaft ...

STIMMEN:

Sei nicht so grob ... ein Wort nur ... ein Wort ... ist er geflohen ...
erzähle ... laßt ihn frei ... er muß zum Könige ... ein Wort nur ...

DER BOTE (sich ihnen entwindend):

Laßt mich frei!... laßt mich frei ... ihr werdets bald erfahren ... zum
König ... ich muß zum König ... meine Botschaft ist eilig ...

STIMMEN:

Was hat er gesagt ... was ists ... Die Botschaft sei eilig ... was hat
er gesagt ...

EINER:

Er sagte, wir würden es bald erfahren, er eilte zum König.

EIN ANDERER:

Das ist gut.

EIN DRITTER:

Warum gut?

DER ZWEITE:

Hätte er nicht gute Botschaft, würde er so hastig sein?

STIMMEN:

Ja ... das ist wahr ... ja ... ja ... mit einem silbernen Schäkel zahlt
ihm der König jedes Wort ... ja ... er eilt um den Botenlohn ... er
verkündet den Sieg ... Sieg ... Sieg ... gute Nachricht ... Sieg ...

STIMMEN (von rückwärts, die den Boten nicht sehen konnten):

Sieg ... er verkündet den Sieg ... Der Bote hat den Sieg verkündet ...
zerschmettert ist Assur ... Sieg ... Sieg ...

EINIGE LEUTE (neu herbeiströmend):

Was ist ... was ists ... was jauchzet ihr ...

STIMMEN:

Sieg ... Sieg ... ein Bote ist gekommen ... er hat Botschaft vom Siege
gebracht ... Nabukadnezar ist geschlagen ... ein Sieg ist errungen ...
ein gewaltiger Sieg ... danket Gott ... Halleluja ... nun ist es gewiß ...
Sieg ... Sieg ...

EINER:

Ein gewaltiger Sieg muß es sein.

EIN ZWEITER:

Sonst hätte er nicht so verborgen getan.

EIN DRITTER:

Man spart uns die Kunde.

STIMMEN:

Ja ... ein gewaltiger Sieg ... bald werden wir es hören ... Tausende
müssen gefallen sein ... vielleicht Nabukadnezar selbst ... Tausende ...
Zehntausende müssen es sein ... ich habe es immer gesagt ... heil
Zedekia ... ein weiser König ist er ... Salomo ...

EINER (sich durchdrängend):

Ist es wahr ... Nabukadnezar ist gefallen ... sie sagen es in allen
Gassen ...

STIMMEN:

Ja ... tot ist der Bedrücker ... nein ... es ist noch nicht gewiß ...
ja ... er hat es gesagt ... der Bote ... inmitten seines Zeltes haben sie
ihn geschlagen ... Zehntausende mit ihm ... lobpreiset Gott ... ja ...
ja ... lobpreiset Gott ... danket dem Herrn ... der Bedrücker ist
gefallen ... Halleluja ...

EIN ÄLTERER MANN:

Aber er sagte doch nur, der Bote ...

STIMMEN:

Sieg hat er gekündet, was zweifelst du noch ... ausrotten soll man diese
Kleinmütigen ... ich hab es gehört ... ich auch ... ich auch ... er
sagte, daß sie Nabukadnezar schlugen ... inmitten seines Zeltes, sagte
er ... nein, das hat er nicht gesagt ... ja ... nein... aber Sieg hat er
gekündet ... frei ist Israel ... frei ...

DER ÄLTERE MANN:

Aber ich stand doch neben ihm und hörte ...

STIMMEN:

Taub ist dein Herz und deine Ohren, totschlagen soll man diese Würger der
Freude ... kommt, legt Festkleider an ... fort mit dir, du Schwätzer ...

    (EINE NEUE GRUPPE strömt aus der Gasse.)

STIMMEN:

Sieg ... Sieg, Nabukadnezar ist gefallen ... habt ihr es auch gehört ...
durch die ganze Stadt ... ein Bote ist gekommen und hat es berichtet ...
ja, hier ... hier hat er es erzählt ... längst wissen wir es schon ...
länger als ihr ... uns hat er es zuerst berichtet ... nein ... uns ...
uns ... wir wußten es als erste!...

EINER:

Hananja hat es verkündet als erster, der Seher, der Profet. Oh, wie
weise waren wir, daß wir auf ihn hörten und nicht die Verzagten, die
flennten und greinten, der Tempel werde stürzen ...

EIN ANDERER:

Assur würde Zion besiegen ...

EIN DRITTER:

Unsere Jungfrauen geschwächt werden von den Chaldäern.

DER ERSTE:

Zum Tempel! Zum Tempel! Wir müssen Gott danken und Hananja, seinem
Profeten!

STIMMEN:

Ja ... ja ... nein, wir wollen warten ... Freude und Ungeduld zehrt
unser Herz ... der König wird erscheinen ... ja ... ja ... wer hat es
gesagt ... immer erscheinen die Könige nach dem Siege ... er wird in
den Tempel gehen ... er zuerst muß Dankopfer spenden, nicht uns ziemt
es ... ja ... ja ... bleiben wir ... aber Zimbeln und Pauken laßt uns
rüsten zum Siege ... wie David hinter der Lade wollen wir tanzen ... oh,
Gott ward wieder gütig Jerusalem ... den Reigen rüstet ... den Reigen ...
die Frauen holt alle ... die Bläser und die Lautenschläger ...
ja ... ja ... tuen wir also ... allen erzählet vom Siege ... ein Fest
lasset uns rüsten, ein Fest dem König der Könige .. ja, wir gehen ...
ich bleibe ...

    (DIE MENGE wogt freudig wie ein aufgeregter Strom hin und wider,
    Gruppen bilden und lösen sich in Erwartung und Ungeduld.)

    (JEREMIAS und BARUCH kommen aus einer Nebenstraße gegangen, um ihren
    Weg weiter durch die Menge zu verfolgen.)

EINER (lachend):

Da ... da kommt er ... da seht hin ... Jeremias ...

ANDERE (übermütig):

Gegrüßt, du Verkünder!... der Profet kommt, lasset uns grüßen den
Zerstörer Jerusalems ... da ist er, der Schwätzer der Gasse ... kommt ...
kommt mit ...

    (EINIGE DER LEUTE umringen Jeremias und Baruch, hindern sie, ihren
    Weg fortzusetzen, indem sie sich spöttisch vor ihnen verneigen.)

EINER (sich tief verneigend):

Gegrüßt du, Gesalbter des Herrn!

DIE ANDERN:

Gegrüßt du, Elia ... heil dir, du Verkünder ... Gruß dir, du
Starkmutiger ... heil Jeremias, dem Profeten!

JEREMIAS (stehen bleibend, finster):

Was heischt ihr von mir?

BARUCH (an ihm drängend):

Nicht sprich mit ihnen, nicht rede mit ihnen. Spott ist auf ihren Lippen
und Verhöhnung in ihrem Blick.

EINER:

Weisheit wollen wir von dir und Verkündigung!

DER ZWEITE:

Wir wollen dich fragen, ob unsere Jungfrauen Jungfrauen bleiben dürfen.

DER DRITTE:

Wir wollen dich bitten, daß du dich geduldest und lassest weiter ragen
die Mauern Jerusalems.

JEREMIAS (hart):

Was wollt ihr von mir! Nicht ists zu Scherzen Zeit, da Blut fließt und
Krieg hängt über Israel.

DER ERSTE:

Vorbei ist der Krieg, nun dürfen wir wieder scherzen!

DER ZWEITE:

Und am Bart fassen die Weisen und an ihrer Torheit die Schwätzer.

DER DRITTE:

Wo ist er, dein König von Mitternacht, wo ist er, du Verkünder?

DER VIERTE:

Wo sind ihre Sklaven, wo sind ihre Rosse?

JEREMIAS:

Was wirrt euch die Sinne? Seid ihr rasend geworden? Wie sagt ihr? Vorbei
schon der Krieg, kaum daß er begonnen?

BARUCH:

Nicht rede mit ihnen, nicht rede mit ihnen! Zum Spott wird, wer mit
Rasenden spricht!

DER ERSTE:

Er weiß es noch nicht! Er weiß es noch nicht, der Profet!

DER ZWEITE:

Ei, seht! Er weiß nicht, was gestern war, und will künden, was morgen
geschieht.

JEREMIAS:

Was weiß ich noch nicht? Was ists, das euch so froh macht, ihr
Witzlinge! Ein Arges wohl muß es sein.

DER ERSTE:

Ein Arges nennt ers. Ein Arges fürwahr deinen Wünschen!

DER ZWEITE:

Dein König ist gefallen, erstickt ist er in seinem Blut!

JEREMIAS:

Nabukadnezar ist gefallen? Assur geschlagen?

DER ERSTE:

Ja, du Allweiser. Hananjas Wort hat sich bewährt.

DER ZWEITE:

Zerreiß dein Gewand und scher dir den Bart. Israel hat gesiegt.

DER DRITTE:

Grab dich ein, du Profet, und verschneide deine Zunge. Tot ist
Nabukadnezar, ewig währet Jerusalem.

JEREMIAS (erschüttert):

Tot wäre Nabukadnezar? Ist es wahr, ist es gewiß auch? Sprecht ...
treibt nicht Scherz mit so Gewaltigem!

DER ERSTE:

Er zweifelt noch! Weine, weine, Profet!

DER ZWEITE:

Ja, ich gell dirs in deine Ohren, tot ist Nabukadnezar, zerschlagen
seine Wagen, zerjagt seine Krieger. Gerettet, gerettet ist Israel!

JEREMIAS (ist einen Augenblick starr geblieben. Dann spreitet er die
Arme wie in höchster Freude von seiner aufatmenden Brust. Plötzlich läßt
er sie sinken, und es quillt ihm fast jubelnd von den Lippen):

Gebenedeit sei Gott! Oh, Dank, du Allgütiger, daß du zuschanden
machtest meine Träume, daß du bewahrtest Jerusalem! Besser ich ein Narr
meines Wahns, als die Stadt die Beute der Feinde! Gesegnet seiest du,
Gott, gesegnet!

DER ERSTE:

Ja, du Allweiser, Gott ist milder als du, er liebt uns und erquickt
unser Herz.

DER ZWEITE:

Was wirst du nun uns verkünden? In welchen Winkel wirst du kriechen, du
Maulwurf? Wen wirst du jetzt noch verwirren, du Verwirrter?

DER DRITTE:

Wen nunab betrügen, du Betrüger?

DER VIERTE (mit gespielter Entrüstung):

Oh, wie sprecht ihr arg mit dem Boten des Herrn? Oh, lasset uns küssen
sein Gewand, lasset uns ehren sein Geträume!

STIMMEN (durcheinander lachend):

Ja, erzähle uns, Elia ... belehre uns wieder, du Allweiser ... beglückt,
der dir vertrauet ... auch dein Knabe ... beschläfst du ihn mit
Weisheit ... wo hast du dies Hühnchen gefunden, das gackert hinter
dir ... oh, erzähle uns, Jeremias ... Unheil verkünde uns, viel Unheil,
Jeremia ... Berge von Unheil ...

JEREMIAS (plötzlich ausbrechend):

Ein Wunder ist über dich gekommen, du feiles Volk von Jerusalem, ein
Wunder, das dich erlöst vom Tode, und statt fürchtig zu werden daran,
spottest du im Überwitz! Eine Stunde kaum ist es, und ihr waret im
Rachen der Angst; noch wanken die Knie eurer Seelen, noch beben die
Herzen eurer Herzen, und schon belfert wieder euer Mund. Weh euch, daß
euer erster Schrei, seit der Strick riß eurer Kehle, Hohn war und
Überheben!

BARUCH (sich an ihn drängend):

Nicht sprich zu ihnen. Töricht, wer zu Toren spricht!

EINER:

Ja, Spott werfe ich wie Kot auf dich, denn auf das Herz warfst du uns
Angst, da wir uns aufrafften zum Kampfe.

DER ZWEITE:

Jetzt möchtest du, daß wir schwiegen, aber unser ist jetzt das Reden, an
dir jetzt das Schweigen.

DER DRITTE:

Nicht hören willst du's, aber mach dir taub wie die Eule dein Ohr, ich
schrei dirs hinein aus meiner Freude: »Wir haben gesiegt, wir haben
gesiegt!«

JEREMIAS (einen anfassend):

Wo hast du gesiegt, erzähle hier! Wen hast du geschlagen, du, der du
dich brüstest? Ich seh kein Blut an deinem Schwert, und du, deine Narbe
zeig her, die du empfingest im Streit! Auf dem Markte seid ihr gesessen
allesamt und bei euren Weibern gelegen. Was hurt ihr mit der Ägypter
Sieg, was buhlt ihr mit fremder Tat? Beugt die Knie und bläht eure Hälse
nicht: denn nicht ihr habt gesiegt.

STIMMEN:

Ägyptens Sieg ist Israels Sieg ... wir sind Israel ... auch der Unsern
waren dabei ... wir haben gesiegt, weil Israel befreit ist ... es ist
das gleiche ... er will uns nur höhnen ... seine Wut seht, daß wir
siegten ...

JEREMIAS:

Aber nicht du und nicht du und nicht du, der jetzt die Backen bläht,
nicht ihr, die ihr euch mästet mit fremder Tat! Sie haben gesiegt, die
Krieger, nicht ihr! Demütig sind sie hingegangen, Tod zu senden und Tod
zu leiden, mit krummen Rücken unter der Waffen Wucht sind sie gekeucht,
und der Tod warf sich über sie und drückte ins Knie die Geschwächten. Wo
sie ackerten mit ihrem nackten Gebein, wollt ihr Stolz ernten, aus ihrem
Blute tränken euren Frechsinn, ihr verlassen Volk! Weh, daß sie siegten
für euch und euren stinkenden Stolz!

STIMMEN:

Weh, daß sie siegten -- habt ihr gehört?... er ist toll ... Ihn lüstet
nach Nabukadnezar ... er trauert um Assur ... weh, daß sie siegten ...
er heulet um Jerusalems Fall ... Ohrenschmaus ist sein Zorn ...

JEREMIAS:

Weh, daß sie siegten, sage ich, weh, daß sie siegten, denn zum Narren
gemacht hat euch der Sieg, und den Narren ist böses Ende. Da Josuas
Schwert die Feinde zerschlug, schwieg sein Mund, er brach hin vor dem
Altar und dankete Gott. Hin beugte er sich in Stille, von Schweigen und
Demut glänzte sein Herz, seine Seele tönte an Gott, und war doch ein
Kriegsherr wie keiner der euren. Ihr aber, denen Sieg auf den Scheitel
fiel wie Regen vom Himmel, wem habt ihr gedanket, wem geopfert aus des
Herzens Stille? Mit Hochmut habt ihr euren Wanst gefüllt, mit Stolz habt
ihr euch trunken gemacht, bis ihr taumelig wart; freche Worte rülpst ihr
heraus und speit Unreines vor wie die Schlange ihr Gift. Wahrlich, wert
seid ihr, gezüchtigt zu werden, und so groß Gottes Langmut ist, an
eurer Hurenstirn muß sie zerbrechen!

STIMMEN:

Kommt ... kommt her ... hört den Profeten ... zerreißt die Kleider, denn
wir haben gesiegt ... streut die Asche aufs Haupt, denn Nabukadnezar ist
gefallen ... heulet, heulet, ihr Kinder Israels, denn Zion ward erlöset ...
trauert, ihr Gerechten, denn Gott schenkte uns den Sieg ... Oh, Weisheit,
oh, Jeremias!

JEREMIAS (immer mehr entbrennend):

Wahrlich, du Volk, unter euch sein, ist unter Skorpionen sein; aber ich
sage euch, ihr Frechen, euer Lachen wird kürzer dauern denn die Blüte
des Weinstocks! Gott hat euch begnadet, er hat noch einmal errettet
Jerusalem, aber nicht um eures Lachens, sondern um der Demut willen!
Nicht wollet ihr seiner gewahr werden in der Güte, wohlan, ihr
Verworfenen, bald werdet ihr ihn erkennen in seinem Zorne! Wie einen
Vorhang wird er das Lachen zerreißen in eurem Gesicht, und wie Stein
werden eure Augen dann starren im Schrecken! Rücklings wird fallen eure
Freude, denn nahe ist die Stunde der Sühne dir, Jerusalem, Furchtbares
ist dir bereitet ...

STIMMEN:

Es werden stürzen die Mauern ... es werden weinen die Jungfrauen ... wir
kennen es schon ... Zion wird sinken ... oh, Jeremias, du Weisheit des
Narren ... wie unsere Freude ihn brennet ... hört ihr wanken die
Mauern?...

JEREMIAS:

Höhnt ihr den Warner? So hat Sodom gelachet, wie ihr lachet, und Gomorra
gespottet, denn auch Sodom hat Gott verschonet zu zweien Malen! Aber
schon ist der Rächer gerüstet, der euren stinkenden Stolz wegfeget,
schon das Schwert gezückt, das eure Frechheit zerhauet; der Bote, schon
eilt er heran, euch Jammer zu bringen, er eilt, er eilt, schon hasten
seine Schritte gen Jerusalem, daß sie euch verstören! Schon naht er, der
Bote der Schrecknis, schon naht er, der Bote des Entsetzens, daß seine
Worte wie Hämmer auf euch fallen, schon naht der Bote ...

STIMMEN:

Geh heim, Jeremias ... friß dich satt an deiner Galle und spei nicht auf
unsere Freude ... nein, hört ihn, er erheitert das Herz ... sprich
weiter ... spei dich aus, du Verkünder ...

EINE STIMME (von rückwärts):

Ein Bote ... von Moria kommt er ...

DIE MENGE (sich verlaufend, in die Richtung stürzend):

Ein Bote ... wo ist er ... er bringt Nachricht vom Siege ... führt ihn
her ... vom Siege bringt er Kunde ...

JEREMIAS (erbebend im Schrecken):

Der Bote ... der Bote ...

EINE STIMME:

Vom Tore kommt er gelaufen ... wie ein Trunkener wankt er von seiner
Schnelle ...

STIMMEN:

Wo ist er ... hieher ... hieher ... was ist ... erzähle ... wann fiel
er ... hieher ... hieher ...

    (DIE MENGE umstürmt den Boten, der eilig vorwärts will und vor
    Erschöpfung keucht.)

STIMMEN:

Heil dir, Siegbringer ... gegrüßt ... gegrüßt ... erzähle ...

DER BOTE (mit letzter Stimme, sich fortkämpfend):

Den Weg frei ... ich ... zum König ... ich ... ich muß ...

STIMMEN:

Ein Wort nur ... wie fiel Nabukadnezar ...

DER BOTE:

Ist Irrwitz unter euch gefahren ... was ist so viel Jubel in Jerusalem ...
rüstet euch, rüstet euch ... laßt mich ... zum König ...

STIMMEN:

Was ist geschehen ... ist Nabukadnezar denn nicht tot ... Pharao hat ihn
zerschlagen ... was sollen wir rüsten ...

DER BOTE:

Mit seiner ganzen Macht zieht er heran ... Nabukadnezar ... kaum entkam
ich seinen Reitern ... rüstet ... rüstet ... Wächter an die Mauern ...
ich ... ich muß ...

STIMMEN:

Wie ... was sagt er ... wer ist geschlagen ... wo ist Pharao ... Du bist
verwirrt ... gebt ihm Wasser ... er lebt ... es ist nicht möglich ... wo
ist Ägypten ...

DER BOTE:

Wasser ... ich kann nicht mehr ... Ägypten ist geschlagen ... Necho hat
Friede gemacht ... Tribut ... Tribut ... nun zieht er heran ...
Nabukadnezar ... führt mich ... ich kann nicht mehr ... hinter mir seine
Reiter ... zum Könige ...

    (EINIGE führen den Boten, der kaum vor Erregung gehen kann, zum
    Palast.)

STIMMEN (von rückwärts):

Was hat er gesagt ... sind die Chaldäer geschlagen ... was ist ... warum
schweigt ihr ... was ist geschehen ...?

DIE MENGE (wird allmählich von einer grauenhaften Angst befallen, der
große, rauschende Tumult ist in ihr erloschen. Ein ungeheures Schweigen
der Bestürzung geht allmählich über in die Stimmen, die zaghaft und
erschreckt aus der Stille aufzucken):

Es ist nicht möglich ... es darf nicht wahr sein ... was ... was hat er
gesagt ... ein Betrüger ... er ist trunken ... nein, er war erschöpft ...
die Reiter hinter ihm, hat er gesagt ... es kann nicht sein ... sie
haben doch gesagt ... er lügt ... nein, nicht eines Lügners war sein
Gebaren ... was ist ... was ist geschehen ... was hat er gesagt ... es
kann nicht sein ... Gott kann das nicht wollen ...

EINE STIMME (laut):

Pharao hat uns verraten!

STIMMEN (plötzlich aufspringend im Zorn und raschen Anlaufs wachsend):

Ja ... Pharao hat uns verraten ... ja ... ja ... Fluch über Pharao ...
ein Bündnis geschlossen ... Fluch Mizraim ... Betrüger die Ägypter ...
sie haben uns verraten ... Fluch Pharao ...

EINE STIMME:

Immer habe ich gesagt: kein Bündnis mit Ägypten.

STIMMEN:

Ich auch ... ich auch ... ja ... ich auch ... ich auch ... wir alle ...
ich auch ... ein Rohrstab ist Ägypten ... weh, daß der König ihnen
traute ... ich habe widerraten ... ich auch ... ich auch ... wir alle ...
Fluch über Pharao ... was wird nun aus uns ... wehe über Israel ... mein
Weib, meine Kinder ... ich habe gewarnt ... ich auch ...

EIN MANN (hereinstürzend):

Zu den Waffen! Zu den Waffen! Verschließet die Tore, Nabukadnezar zieht
heran und seine Scharen. Schon bei Hebron sind seine Reiter ...

STIMMEN:

Wehe ... bei Hebron ... in zwei Tagen umgürtet er die Stadt ... wir sind
verloren ... nein ... an die Mauern ... wo ist der König ... man
schließe Friede ... nein ... es ist zu spät ... sind wir besiegt denn ...
die Priester, wo sind sie ... bei Hebron hat er gesagt ... zu den
Waffen ... nein, Friede ... Friede ... zieht ihm entgegen ... verloren
sind wir ... von je hab ich gewarnt ...

EINER (plötzlich auf Jeremias hindeutend, der sich wie ein Trunkener an
eine Säule stützt und sein Antlitz verhüllt):

Da ... da seht hin ...

STIMMEN:

Was ist ... wer ist es ... was habt ihr ... was meinet er ...

DER EINE:

Dort ... dort sehet hin ... von ihm geht es aus ... er hat sie
gerufen ... er hat den Boten gekündet ... er hat uns verflucht ...

STIMMEN:

Wer ... Jeremias ... wer ist es ... Jeremias, er hat uns verflucht ...
ja, er hat ihn gerufen ... er hat gebetet um Nabukadnezars Sieg ... ein
Gekaufter ist er ... zerreißet ihn ... nein, nicht rührt ihn an ... er
hat es gekündet ... ein Profet ist er ... ein Gekaufter ... seht, wie er
brütet ...

DER EINE:

Sein Lachen verbirgt er hinter dem Tuche. Aber zu frühe freuet er sich.
Noch steht Jerusalem, ewig wird es bestehen.

STIMMEN:

Ja ... ja ... ewig währet Jerusalem ... tretet ihn tot ... nein, weichet
von ihm ... Macht ist in ihm ... weh, daß er uns fluchte ... er ist
alles Unheils schuld ... ausreißt ihm die Zunge ... nein, laßt ab von
ihm ...

    (EIN HEROLD tritt hastig aus des Königs Palast.)

STIMMEN:

Ein Herold ... ein Bote des Königs ... Botschaft des Königs ...
schweigt ... schweiget ... höret ihn an ... ein Bote ...

    (DIE MENGE wird ganz still und sammelt sich um die Stufen.)

DER HEROLD:

Botschaft des Königs! Feind ziehet wider Jerusalem, Chaldäa ist auf
wider uns. Jeder Mannbare greife zum Schwert, und die Weiber mögen
Pfeile rüsten und Schleuder. Es schaffe aus der Stadt ein jeder seine
Siechen und Unkräftigen, es tue jeglicher Zehrung in sein Haus, daß
nicht Hunger uns zwinge. Denn wider Waffen stehen unsere Mauern, nichts
vermag Baal wider Jahve, nichts Assur wider Jerusalem!

DIE MENGE:

Ja ... Gott ist mit Israel ... Wir werden uns rüsten ... ja ... Gott ist
mit uns ... auf ... zu den Waffen ...

DER HEROLD:

Keiner bleibe zurück, und keiner entbehre des Mutes. Wer in Zagen
spricht, den sollt ihr schlagen mit dem Schwert, wer von Flucht redet,
den sollt ihr jagen aus den Mauern. Ihr sollt euch nicht rotten auf den
Gassen, jeder hüte sein Haus und rüste sich dem Feinde. Auf, Volk
Israels, recke deine Kraft und zage nicht, denn ewig währet Jerusalem!

DIE MENGE (wieder ganz im Taumel):

Ewig währet Jerusalem ... zu den Waffen ... ich hole mein Schwert ...
auf wider Assur ... lasset uns ermannen ... auf ... zu den Waffen ...
eilt, eilt ... an die Wälle ... in die Häuser ... wir werden
zerschellen ihre Macht ... ewig währet Jerusalem!...

    (DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so daß
    der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lärmende Erregung
    einer grauenhaften Stille weicht.)

    (JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhülltem
    Antlitz die Stufen zum Tempel empor.)

BARUCH (ihm nach):

Wohin gehst du, Meister? Nicht lasse mich, den Getreuen!

JEREMIAS:

Allein muß ich ... allein ... zu ihm, daß er mich erleuchte ... ein
Zeichen ließ er mich tun vor dem Volke, und doch, ich glaube ihm nicht,
denn, Baruch ... ich will es nicht glauben, daß Gottes seien in mir die
Gesichte, daß Gottes sei dieser schreckhafte Wahn ... oh, daß es Gebrest
nur wäre meines Hirns und nicht Botschaft seines Geistes ... Denn wehe,
wär ich erwählet als Künder und wahr meine Träume ... wehe ...

BARUCH:

Du bist erwählet, Meister, ich hab es erschauet in dieser Stunde. Ein
Zeichen hat dich bezeugt, ein Zeichen von Gott! Der Geist der Profeten
ist über dir und ihre Gewalt!

JEREMIAS (die Stufen empor, gleichsam fliehend vor ihm, mit abwehrenden
Händen):

Nicht sage, daß ich erwählet sei, nicht versuche mein Herz! Es darf
nicht wahr werden mein Wort, es darf nicht wahr werden um Israels, um
Jerusalems willen. Oh, lieber der Verlachte und Verhöhnte sein des
Volkes, denn der Erfüller solcher Schrecknis! Lieber Lügner und Narr,
denn dieser Wahrheit Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer,
Herr! Möge ich stürzen ins Dunkel der Vergängnis, wenn nur leuchten
deine Zinnen, Jerusalem! Mögen vergehen meine Worte wie Rauch, wenn du
nur dauerst, du ewige Stadt, möge Gott meiner vergessen, wenn er nur
deiner gedenket! Oh, ich will knien vor seinem Altare, daß er zerschlage
das Wort in meinem Munde, ich will beten auf meines Herzens Knien, daß
er verstoße meine Verkündung und, Baruch -- bete, bete mit mir, daß ich
als Lügner erfunden werde an Jerusalem!

    (JEREMIAS steigt demütig die letzten Stufen empor und tritt mit
    gebeugtem Haupte in die Vorhalle des Tempels. Baruch verharrt
    regungslos und sieht ihm nach, bis er verschwindet.)



DAS VIERTE BILD

DIE WACHEN AUF DEM WALLE

    »Und des Herren Wort geschah zu mir und sprach: 'Wenn ich ein
    Schwert über das Land führen würde und das Volk im Lande nähme
    einen Mann unter sich und machete ihn zum Wächter, und er sähe das
    Schwert kommen und warnete nicht das Volk, und das Schwert käme und
    nähme etliche weg, deren Blut will ich von des Wächters Hand
    fordern.'«

  Hesekiel XXXIII, 1.


    Auf der Umwallung Jerusalems. Die Mauern, breite, behauene Quadern,
    laufen als Straße rings um die Stadt. Rückwärts der sternenbesäete
    Himmel und dämmerig fern das Tal mit Lichtern und ungewissen
    Flächen. Strahlendes Mondlicht kleidet die Wälle wie blinkendes Erz.

    Auf den Mauern schreiten zwei Krieger die Wache auf und ab. Ihre
    Gesichter sind verschattet von den Helmen, auf ihren Lanzen
    schimmert das Mondlicht.

    Einige wenige Neugierige haben sich trotz der nahen
    Mitternachtsstunde auf die Mauer gewagt und spähen in die ungewisse
    Ferne.

EINE FRAU:

Es ist Schlafenszeit. Füll dir nicht das Herz mit Bangnis. Frühe genug
siehst du sie morgen, die Verfluchten. Komm schlafen, es ist vielleicht
das letzte Schlafen in Stille.

EIN MANN:

Wie schlafen können, wie schlafen, da sie wach sind, unsere Feinde,
wider uns! Schwerer denn Blei ward mir das Herz, seit ich hier stehe,
und kann doch nicht fort -- wie in einen Abgrund muß ich starren in die
Flut, die aufsteigt, uns zu schlingen! Von Mitternacht kamen die Reiter
und dann von Abend her, immer meinte man, es müsse zu Ende sein, und
immer zogen ihrer noch mehr, als wären Länder ausgeschüttet wie Korn und
die Lanzen wie Halme gesäet.

EIN ANDERER:

Schon haben sie Zelte gespannt, ein weißer Wald ist aufgestanden im Tal.

EIN ANDERER:

Wehe, sie wollen verweilen.

EIN ANDERER:

Wie der Wind müssen sie gekommen sein. Gestern waren ihre Reiter noch in
Bethul, und heute gürten sie Zion schon ein.

DER ERSTE:

Furchtbar ist Assur. Gott möge uns schützen.

DAS WEIB:

Das Lichte sieh drüben, wie eine Säule ist es, die zum Himmel fährt.

EINER:

Samaria ist dort!

EIN ANDERER:

Eine Feuersäule ist es, die gen Himmel fährt. Sie haben Samaria
genommen!

STIMMEN:

Wehe!... es ist nicht möglich ... eine Feste ist Samaria, dreifach
gegürtet!... ein Rasender bist du ... Samaria ist es ... ich sehe es ...
wehe ... es ist nicht möglich ...

EINER:

Sie haben Widder, gewaltige Böcke von Holz, mit denen sie die Mauern
berennen. Ich habe gehört von ihren Schleudern, die Türme zerschmeißen ...

EIN ANDERER:

Wehe ... Unsere Türme ... Jerusalem ... Jerusalem ...

EIN ANDERER:

Dort drüben sieh ... dort drüben ... eine neue Säule, rot greift sie den
Himmel hinan ... Gilgal ist das ...

EIN ANDERER:

Meine Heimat ... meiner Kinder Haus ...

EIN ANDERER:

Mordbrenner sind sie ... Fluch über Assur ...

DER ERSTE:

Mizpah haben sie vertilgt und Saron ... wie ein Sturm sind sie über das
Land gefahren ... furchtbar ist Assur in seinem Zorne.

EIN ANDERER:

Nie hätten wir Streit beginnen sollen mit ihnen.

STIMMEN:

Wer hat ihn begonnen ... nicht wir ... ich nicht ... der König ... die
Priester ... wir wollten in Frieden leben mit ihnen ...

EINER:

Ägypten hat uns verlockt und verraten.

STIMMEN:

Ja, Ägypten ... der Pharao ... Fluch Pharao ... sie haben uns verkauft ...
verlassen haben sie unser Elend ... wo sind sie, die fünfzigtausend
Bogenschützen ... allein sind wir nun ... verloren ...

EINER:

Wehe ... Jerusalem, Jerusalem ... Deinen Feinden bist du gegeben, und
deine Neider blecken die Zähne ...

DER ERSTE KRIEGER (zornig dreinfahrend):

Fort da! Was wärmt ihr die Mauer! Geht heim zu euern Weibern und
schlaft. Wir wachen für euch!

EINER:

Wir wollen schauen, wie ...

DER ERSTE KRIEGER:

Nichts zu schauen! Ihr habt geschrien um sie mit vollen Backen und Assur
gefordert, nun ist Assur gekommen. Lasset den Kriegern, sie heimzujagen,
ihr aber geht und schlaft oder betet, so ihr nicht schlafen könnt.

EINER:

Aber sage uns ...

DER ERSTE KRIEGER:

Nichts zu sagen. Der Worte sind schon zu viel, jetzt haben die Fäuste
ihr Maul. Fort ... Herunter mit euch ...

    (DIE BEIDEN KRIEGER stoßen mit ziemlicher Gewalt die Neugierigen von
    der Mauer zurück. Die Fortgedrängten verschwinden im Dunkel der
    Stufen, die zum Walle emporsteigen und tief verschattet sind. Es ist
    jetzt ganz still oben. Die beiden Krieger stehen wie Erzgestalten im
    weißen Mondlicht.)

DER ERSTE KRIEGER:

Wie verzagt das Volk schon ist, kaum daß sie die ersten Lanzen
erblickten. Man darf es nicht dulden, daß sie so reden.

DER ZWEITE KRIEGER:

Wenn man Angst hat und ihrer nicht Herr wird, muß man reden. Es hilft
nicht und hilft doch.

DER ERSTE KRIEGER:

Sie sollen schlafen und nicht schwätzen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Der Schlaf ist nicht der Menschen Knecht. Er läßt sich nicht befehlen an
der Sorgen Bett. Viel offene Lider schauen heute den Mond.

DER ERSTE KRIEGER:

So sollen sie schweigen, die kein Schwert führen. Wir wachen für alle.

    (DIE BEIDEN KRIEGER schweigen und gehen auf und ab. Ihre Schritte
    hallen dumpf, ihre Speere funkeln im Mondlicht.)

DER ZWEITE KRIEGER (bleibt stehen):

Hörst du?

DER ERSTE KRIEGER:

Was soll ich hören?

DER ZWEITE KRIEGER:

Es ist ganz still, und doch tönt es, wenn der Wind sich wider uns hebt.
Als ich in Joppe war, hört ich zum erstenmal das Meer von fern in der
Nacht. Solch Tönen ist nun im Tal von Tausender Gegenwart, leise sind
alle, und doch rollet von Rädern und Waffen die Luft. Ein ganzes Volk
muß es sein, das plötzlich über Israel fiel, wie ein Meer rauscht es
dumpf an die Mauern.

DER ERSTE KRIEGER (hart):

Ich will nichts hören als den Wachtruf. Laß rollen, laß rauschen!

DER ZWEITE KRIEGER:

Warum wirft Gott die Völker gegeneinander? Es ist doch so viel Raum
unter dem Himmel, daß einer nicht störte den andern. Viel Land noch
harrt der Pflugschar, viele Wälder des Beiles, und doch schärfen sie
Schwerter aus den Pflügen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den
Äxten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!

DER ERSTE KRIEGER:

Von jeher war es so.

DER ZWEITE KRIEGER:

Aber muß es so sein? Warum will Gott den Krieg zwischen den Völkern?

DER ERSTE KRIEGER:

Die Völker begehren seiner um seinetwillen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Wer sind die Völker? Bist du nicht unsres Volkes einer, bin ich es
nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes
Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte
einen Speer, nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im
Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn
nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich mit Tod
ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am
Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den Vater stößt, und hat mich
nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Leben. Fremd sind wir
einander wie die Bäume des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus
sich, wir aber wüten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das
Harz unseres Blutes aus den Leibern quillt. Was ist dies, das Tod unter
die Menschen stellt und den Haß säet zwischen sie, da dem Leben so viel
Raum ist und der Liebe so lange Frist? Ich verstehe es nicht, ich
verstehe es nicht!

DER ERSTE KRIEGER:

Von Gott muß es kommen; denn von jeher war es so! Ich frage nicht
weiter.

DER ZWEITE KRIEGER:

Gott kann diesen Frevel nicht wollen. Er hat das Leben gegeben um des
Lebens willen. Auf seinen Namen häufen die Menschen alles, was sie nicht
verstehen. Nicht von Gott kommt der Krieg, woher mag er nun stammen?

DER ERSTE KRIEGER:

Was weiß ich, woher er stammt! Ich weiß, er ist da und will nicht
beschwatzt sein. Ich tu mein Geheiß, ich schärf mir den Speer und nicht
meine Zunge.

    (EIN SCHWEIGEN entsteht zwischen beiden. Sie stehen lautlos in der
    weißen Stille und spähen hinaus. Von ferne tönt der Wachtruf »Simson
    über sie« ganz undeutlich zuerst, dann näher gesprochen von den
    unsichtbaren Wachen »Simson über sie« und nun ganz deutlich heran
    von den nächsten Posten. Auch die Krieger wiederholen laut den Ruf
    »Simson über sie«, und man hört ihn die unsichtbare Runde der Mauer
    weiterlaufen und vertönen. Es wird wieder ganz still, ehern stehen
    die Gestalten mit verschattetem Gesicht im blanken Mondglanz.
    Schweigen.)

DER ZWEITE KRIEGER:

Weißt du etwas von den Chaldäern?

DER ERSTE KRIEGER:

Unsere Feinde sind sie, das weiß ich, und wollen wider unsere Heimat.

DER ZWEITE KRIEGER:

Nicht dies meine ich. Ich frage dich, hast du ihrer je einen gesehn,
kennst du ihre Sitten und Lande?

DER ERSTE KRIEGER:

Grausam sind sie wie wilde Katzen und heimtückisch wie die Schlangen,
hat man mir gesagt, und sie werfen ihre Kinder in Götzensteine von
Kupfer und Blei. Doch nie habe ich ihrer einen gesehen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Ich auch nicht. Es türmen sich viel Hügel zwischen Babel und Jerusalem,
Flüsse fahren dazwischen und mehr des Lands, als einer in Wochen
durchschritte. Selbst die Sterne stehen anders über ihren Häupten und
unsern, und doch sind sie wider uns und wir wider sie. Was begehren sie
von uns? Wenn ich einen fragete von ihnen, er wüßte wohl nur zu sagen,
daß ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder auf der Streu wie in
meinem. Ich glaube, wenn ich redete mit einem, wir verstünden uns. Weißt
du, manchmal lockt es mich, die Hand zu heben und einen zu rufen, daß
wir redeten Herz zu Herz.

DER ERSTE KRIEGER:

Das darfst du nicht.

DER ZWEITE KRIEGER:

Warum darf ich das nicht?

DER ERSTE KRIEGER:

Sie sind unsere Feinde, wir müssen sie hassen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Warum muß ich sie hassen, wenn mein Herz nicht weiß um diesen Haß?

DER ERSTE KRIEGER:

Sie haben den Krieg begonnen, in unsern Frieden sind sie gefahren.

DER ZWEITE KRIEGER:

Die in Jerusalem sagen das so. Doch vielleicht auch sagen sie das
gleiche in Babel. Wenn man redete miteinander, man würde vielleicht
klar.

DER ERSTE KRIEGER:

Du darfst nicht reden mit ihnen. Wir müssen sie schlagen, so ist uns
befohlen, wir müssen gehorchen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Ich weiß es mit meinen Sinnen, daß ich nicht darf, und fasse es doch
nicht mit meiner Seele. Wem dienen wir mit ihrem Tod?

DER ERSTE KRIEGER:

Was fragst du, Einfältiger? Dem Könige dienen wir und unserm Gott.

DER ZWEITE KRIEGER:

Aber Gott hat gesagt und es stehet geschrieben: »Du sollst nicht töten.«
Wer weiß, wenn ich mein Schwert nähme und würfe es fort, ich diente ihm
wahrhafter denn mit der Feinde Blut.

DER ERSTE KRIEGER:

Aber es stehet auch in den Büchern: »Aug um Auge, Zahn um Zahn.«

DER ZWEITE KRIEGER (seufzend):

Viel steht in der Schrift. Wer mag alles verstehen?!

DER ERSTE KRIEGER:

Ein Grübler bist du. Um unsere Stadt drängen sie und wollen ihre Häuser
brennen, und hier stehe ich mit Schwert und Speer, ihnen zu wehren. Mehr
des Wissens ist ungut. Ich will nicht mehr wissen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Aber ich frage ...

DER ERSTE KRIEGER (hart):

Du sollst nicht so viel fragen. Krieger sind wir und müssen kämpfen,
nicht fragen. Was grübelst du, statt dich zu härten?

DER ZWEITE KRIEGER:

Wie soll ich nicht fragen, wie soll mein Herz ohne Unruh sein in dieser
Stunde? Weiß ich denn, wo ich stehe und wie lang ich noch wache? Dies
Dunkle hier unter der Mauer, wo der Stein hinbröckelt und fällt,
vielleicht ist es morgen mein Grab, und der Wind, der mir jetzt um die
Wange fährt, vielleicht findet er mich morgen nicht mehr. Wie soll ich
nicht fragen, da ich lebendig bin, um mein Leben? Die Flamme zuckt auf
und windet sich, ehe der Docht lischt ins Dunkel, wie sollte das Leben
sich nicht heben zur Frage, ehe es lischt in den Tod? Vielleicht ist es
schon der Tod in mir, der so fraget und nicht das Leben mehr.

DER ERSTE KRIEGER:

Du grübelst zu viel. Nichts nützt es und quält nur.

DER ZWEITE KRIEGER:

Gott hat uns das Herz aufgetan, daß es sich quäle.

DER ERSTE KRIEGER:

Was hilft es dann zu reden? Wir haben Wache, mehr mag ich nicht wissen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Das Reden hält wach, und es hörens nur die Sterne.

    (EIN SCHWEIGEN wieder zwischen beiden.)

DER ZWEITE KRIEGER:

Was kommt da? Vom Dunkel schleicht es heran.

DER ERSTE KRIEGER:

Wieder Müßiggänger! Sie sollen schlafen des Nachts. Jag sie heim!

DER ZWEITE KRIEGER:

Nein! Laß sie reden und tritt ins Dunkel. Laß uns hören, was sie reden.
Es scheucht den Schlaf von den Lidern, die Stimme der Menschen zu hören.
Tritt zurück in den Schatten!

DER ERSTE KRIEGER:

Ein Sonderbarer bist du! Ich schreite die Runde!

    (DIE BEIDEN KRIEGER treten zurück in den Schatten des Mauerturmes.
    Ihre Gestalten verschwinden in dem tiefen Dunkel, das mit scharfer
    Schattenschneide gegen die vom Mondlicht überflutete Mauer grenzt.
    Nur ihre Lanzen funkeln manchmal leise hervor.)

    (JEREMIAS UND BARUCH steigen aus dem Dunkel der Tiefe zur Mauer
    empor, Jeremias hastig voran, Baruch mühsam seiner Erregung folgend.
    Der Krieger steht -- von ihnen ungesehen -- im Schatten wie aus Erz
    gegossen.)

BARUCH:

Wohin führst du mich, Meister? Wohin führst du mich?

JEREMIAS:

Empor, empor! Ich muß es schauen, das Fürchterliche, Blick in Blick.

    (JEREMIAS ist auf der Höhe angelangt. Er starrt in das mondbeglänzte
    Tal hinab und verharrt regungslos, ohne zu sprechen.)

BARUCH (ängstlich):

Was starrst du so, was sprichst du nicht?

JEREMIAS (schauernd):

Der König ... er ist gekommen ... der König von Mitternacht (erregt nach
Baruch fassend), Baruch, Baruch, tritt zu mir, tritt zu mir her! Rühr
meine Hand, daß ich weiß, ob ich wach bin oder getaucht in Traum.
Baruch, Baruch, sprich, meine Augen, sind sie aufgetan, ist eine Mauer
dies aus Stein oder aus Tränen, ist Jerusalem dies Dunkle, das
ahnungslos liegt, und wahrhaft Assur dies andere Dunkle dort und der
Mond dies, fahl und fühllos wie Wasser zwischen beiden? Sag es mir,
Baruch, sag es mir, und so ich nur träume, rüttle mich auf, daß ich des
Irrwitzes lache, Zion sei umgürtet von Assur; denn nicht wahr ist dies
vor Gott, es darf nicht wahr sein. Weck mich auf, Baruch, weck mich
wach!

BARUCH:

Wie meinest du, Meister? Ich fasse dich nicht.

JEREMIAS:

Bin ich wach, Baruch, bin ich wach, sind meine Augen offen und wahr dies
Unheil vor ihnen, ich flehe dich an.

BARUCH:

Ich fasse dich nicht ... wie zweifeltest du ...

JEREMIAS:

Oh, Fluch, so ist es wahr, wahr und wahrhaftig, ich träume nicht mehr!
Meine Träume, sie sind wach geworden, sie haben Rosse geschirrt und
Wagen gegürtet, Assur zieht an gegen Zion, es erfüllt sich, es erfüllt
sich! Und all dies Unselige, aus mir quillt es vor, aus meiner Träume
Schoß drängt sichs fort; in mir war es zuerst, ehe es war in der Welt,
und ich, ich warf es im Wort über sie. Ich hab es gewußt, ich allein, eh
Gott es getan! In mir hat es Anfang und mündet mir zu, und ich kanns
doch nicht halten im Laufe, nicht fassen im Fluge, kein Schild ist mir
dawider und kein Schwert -- oh, Ohnmacht, Ohnmacht der Worte!

BARUCH:

Meister, was redest du ... nicht fasse ich den Sinn ... sprich zu mir,
daß ichs glaube und begreife, was dich erfüllet.

JEREMIAS:

Daß du es glaubest ... Baruch, Baruch ... wirst du wahrhaft glauben
meinem Worte, das ich dir sage zu dieser Stunde unter den Sternen ...
wirst du es nicht leugnen und verlachen, so ichs beschwöre mit meiner
Seele Siegel ... denn wider allen Sinn ists, was ich dir künden will ...

BARUCH:

Meister ... der Glaube an dich ist mein Leben ...

JEREMIAS:

So höre es, höre, was ich dir sage ... (geheimnisvoll, leise) Dies
alles, dies alles, was heute ist zum erstenmal, ich habe es geträumt vor
Monden schon, ich habe es geträumet in meinen Nächten, ganz so
geträumet. Nicht ein Stern steht da, den ich nicht sah, hier oben den
Wall und Gottes weißragendes Haus und unten der Feinde Scharen, Zelt an
Zelt, und meines eigenen Herzens eigenen Schauer und Blick, all, all
dies hab ich geträumt.... Hörst du mich, Baruch, hörst du mir zu ...

BARUCH (schauernd):

Ich höre dich ... ich höre dich ...

JEREMIAS:

Warum mir, warum ward mir dies alles offenbar vor der Zeit? Es kann
nicht sein wider Gottes Willen, daß er mir aufschließt seine Pläne und
mir sichtig macht Bilder des Zukünftigen. Und es darf nicht sein, es
darf nicht sein, daß ich dawider mich wehre, daß ich schweige, denn
Baruch, Baruch: lang verbarg ich mein Herz der Berufung und verschlug
mein Ohr seinem Rufe. Doch nun, da ich schaue lebendig, was in mir
längst schauten die Träume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt außen zum
Innen, nun fühle ichs zum ersten Male, daß Gott in mir ist, und Baruch,
ich sage dir: er hat mich gewählet. Weh mir, wenn ich verschwiege meine
Angst vor dem Volke und meine Ahnung vor den Königen. Denn nur ein
Anfang ist dies, und ich kenne, ich kenne das Ende ...

BARUCH:

Künde es, du Geweihter ... ausrufe dein Wort ...

JEREMIAS:

Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende
Meer wogen von Mitternacht her ...

BARUCH (schauernd):

Ich sehe den Feind ... ich sehe die Zelte ...

JEREMIAS:

Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber
in meinem Ohr gellen die Trompeten schon und klirren die Waffen, wenn
sie aufstehen und stürmen wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes
noch wuchten, schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich
höre ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt ihre
erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund auf über Israel, ich
höre den Tod, wie er fährt über die Stadt und die Mauern, sie fallen und
mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein
Auge mir aufgerissen im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und
einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus mir wie
ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie noch! Oh, es ist Zeit,
daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie schlafen in ihren Tod hinein
und brüten in ihr Verderben. Es ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem,
es ist Zeit, es ist Zeit!...

BARUCH (hingerissen):

Ja, erwecke sie, erwecke sie, Jeremias!

JEREMIAS (immer fanatischer):

  Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,
  Wie kann sie vom Schlaf sich umfrieden lassen,
  Da Tod ihnen unter die Lagerstatt
  Sein eiskalt Linnen gebreitet hat.
  Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,
  Wie können sie ruhen, den Donner zu Häupten!
  Oh, wie können, wie können
  Sie so hindämmern, in Träumen verloren,
  Da donnernd wider die Tempel und Tore
  Schon Assurs Widder hämmern und rennen;
  Oh, wer weckt die Toren, wer weckt die Betäubten?
  Wer schreckt sie auf, wer weckt sie empor,
  Wer wirft einen Ruf in ihr ohnmächtig Ohr,
  Oh, wer wird in den Tod dieser Stille hinein
  Gottes Gebot und Wille hinschrein?

BARUCH (ekstatisch):

Du wecke sie auf! Erwecke sie! Meister, vom Tode reiß sie auf!

JEREMIAS:

  Wacht auf! Wacht auf! Empor! Empor!
  Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!
  Flüchtet, eh er euch ganz zernichtet,
  Entflüchtet dem Schwert, entflüchtet den Flammen,
  Laßt eure Habe, laßt euer Haus,
  Die Frauen rafft, die Kinder zusammen,
  Eh er euch faßt, flüchtet hinaus!
  Auf! Empor!
  Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!
  Empor! Empor!

DER ZWEITE KRIEGER (aus dem Dunkel tretend):

Wer lärmt? Er wird die Schlafenden erwecken.

JEREMIAS:

Daß ichs vermöchte, oh, daß ichs vermöchte! Auf! erwache, Jerusalem ...
Gottesstadt, errette dich ...

DER ZWEITE KRIEGER:

Trunken bist du ... fort mit dir ... geh schlafen ...

BARUCH (sich dazwischen werfend):

Ablasse von ihm!

JEREMIAS:

Ich darf nicht schlafen! Keiner darf schlafen mehr. Der Wächter bin ich,
der Wächter! Weh, wer mirs wehrt!

DER ZWEITE KRIEGER (ihn anfassend):

Ein Mondkranker bist du, daß du dich Wächter nennst ... ich selbst bin
die Wache ... fort mit dir ...

BARUCH:

Nicht rühr ihn an ... den Erwählten des Herrn ... den Profeten ...

DER ZWEITE KRIEGER (ablassend):

Bist du Hananja, der Gotteskünder?

BARUCH:

Jeremias ist es, der Profet!

DER ZWEITE KRIEGER:

Jeremias, der das Volk verwirrt, der hinschrie in den Gassen, Assur
werde obsiegen? Bist du gekommen, dich deiner Verheißung zu weiden? Zu
früh bist du gekommen, du Zagherz, und doch zurecht meinem Zorn!
Gesegnet meine Faust, daß ich dich fasse, du Krämer des Unglücks ... ich
will dir Verkündigung geben ...

BARUCH (mit ihm ringend):

Laß ab von ihm ... laß ab ...

DER ERSTE KRIEGER (herbeistürzend):

Der König kommt ... der König macht die Runde ... schaff weg das Volk ...

JEREMIAS:

Der König!... Segnung des Herrn ... oh, sichtliche Deutung ... Gott
stößt ihn mir in die Hände ...

DER ERSTE KRIEGER:

Fort mit euch ... fort, ihr Schwätzer ...

DER ZWEITE KRIEGER:

Hinab mit dir ... da ... fort ... Da krieche unter und rühr dich nicht,
sonst mach ich dich kalt ...

DER ERSTE KRIEGER:

Weg ... fort ... der König kommt ...

    (JEREMIAS UND BARUCH werden hastig die Mauer hinabgedrängt; sie
    verschwinden im dunklen Schatten, aus dem sie aufgestiegen. Die
    beiden Krieger treten an den Rand der Mauer, um dem König und seinem
    Gefolge Raum zu geben. Da Zedekia erscheint, klirren sie zum Gruße
    mit den Speeren an die Schilde und stehen dann wieder regungslos.)

    (DER KÖNIG ZEDEKIA erscheint, begleitet von Abimelech und einigen
    seines Gefolges, auf seinem Rundweg um die Mauern. Er ist ungerüstet
    und barhäuptig, im weißen Mondlicht sieht sein Antlitz bleich und
    ernst aus. Er bleibt stehen und blickt lange auf das fahldämmernde
    Blachfeld hinaus.)

DER KÖNIG ZEDEKIA (zu Abimelech):

Auf wieviel schätzest du ihre Scharen, Abimelech?

ABIMELECH:

Zelt reiht sich an Zelt, schwer wie die Sterne sind sie zu zählen. Die
Boten nannten ihrer hunderttausend, doch man soll den Worten nicht
trauen.

ZEDEKIA:

Wahr sprichst du, Abimelech, allzu wahr. Man soll den Worten nicht
trauen. Wo sind die Wahrsager, die mir rieten, wo Pharaos Heer und die
Hilfe Mizraims! Nun sind wir allein wider die Heere Chaldäas.

ABIMELECH:

Zwiefach wird unsere Ehre darum sein, sie zu besiegen. Ewig währet
Jerusalem!

ZEDEKIA:

Oh, daß dein Wort sich erfüllte! Doch mein Herz mißtraut schon den
Worten ...

ABIMELECH:

Ich schwöre auf Israels Sieg, mein König, und Tat bekräfte meinen Eid.

ZEDEKIA:

Auch ich habe einen Eid geschworen Nabukadnezarn, und man entwand mir
das Wort. Das Schicksal zerbricht die Eide und Gott die Worte der
Menschen. Dort unten im Dunkel ruht er, dem ich Friede zusprach, und nun
ist Krieg und seine Lanzen gerüstet zur Rache. Fluch über sie alle, die
an mir zerrten, daß ich diesen Weg ging wider ihn, und weh über mich,
daß ich nicht stark ward, ihnen zu wehren! Nicht kannst du dies fassen
vielleicht, Abimelech, denn ein Krieger bist du und spottest deines
Lebens, doch auf mir lasten die Mauern und eines Volkes Geschick,
tausend und abertausend Leben pochen laut durch mein Blut. Ich will
beten zu Gott, daß er diese Zeit von uns nehme, denn mein Herz vermag
nicht sie zu tragen und dürstet nach Frieden!

ABIMELECH:

Den Sieg erst, mein König, und dann den Frieden. Laß Nabukadnezarn die
Stirn seines Zorns sich zerstoßen an diesen Mauern und die Widderböcke
seines Ingrimms zerschellen an unsern Herzen. Ihr Blut erst, und dann
den Frieden!

ZEDEKIA (sieht lange hinaus in die Ferne):

Wieweit hinein ins Land die Lagerfeuer dort brennen, es ist, als sei ein
Himmel schwarz hingesunken auf die Erde und leuchtete nun Stern an
Stern. Unendlich Volk fühl ich lagern um Israel, und jedes Speer ist
gezückt, jede Hand gehoben, und im Schlafe noch träumen sie wider uns.
Und morgen wird all dies aufstehen wie die Halme nach dem Regen und die
Stille gellen von Schrei und Tod. Es ist die letzte Nacht des Friedens
und des Schlafes vielleicht für immerdar.

ABIMELECH:

Laß dein Herz nicht verdüstern, mein König. Auf diesem steinernen
Gelände, da du stehest in Sorge, stand Hosea, dein Oheim, einst, und
auch seine Seele war Sorgen voll, denn unten wogten Salmanassars Scharen
unendlich wie diese. Schon einmal umspülte Assurs Woge die heilige
Stadt. Doch der Herr reckte aus seinen Arm wider sie, und die Pest fraß
ihre Völker. Nie bricht diese Mauer! Ewig währet Jerusalem!

DIE ANDERN:

Ewig währet Jerusalem!

DIE STIMME JEREMIAS (aus dem Dunkel):

Wache auf, verlorene Stadt, daß du dich rettest! Wachet auf aus eurem
harten Schlaf, ihr Arglosen, daß ihr nicht geschlachtet werdet im
Schlummer, wachet auf, denn schon bröckelt die Mauer und will euch
erschlagen, wachet auf, denn Assurs Schwert ist gezückt über euch ...

ZEDEKIA (zusammenfahrend):

Wer spricht? Wer spricht?

STIMMEN:

Wer redet ... wer spricht ...

DIE STIMME JEREMIAS:

Der Zorn des Herrn ist gefallen über des Friedens Verstörer, und von
Mitternacht den König hat er gen Israel gesandt, daß er ihm breche Türme
und Trotz. Wachet auf, um zu fliehen, wachet auf, euch zu retten, denn
er ist gekommen, der Würger eurer Söhne, der Schänder eurer Töchter, der
Verwüster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf!

ZEDEKIA (zusammenschreckend und sich schließlich stark aufraffend):

Wer spricht da? Wer redet da?

DER ERSTE KRIEGER:

Ein Wahnwitziger ist es, Herr, der Mond hat ihn verwirrt.

STIMMEN:

Sperr ihm das Maul ... fort mit ihm ... fort ... ein Toller ...

ZEDEKIA:

Nein ... bring ihn vor ... ich will ihn sehen ... ich will sehen, daß
ein Lebendiger solches sprach ... denn zu furchtbar klang diese
Stimme ... mir war, als schrien Klage die Steine Jerusalems, als entbebte
der Mauer das Wort ...

    (DIE BEIDEN KRIEGER eilen hinab.)

ABIMELECH:

Nicht laß dich verwirren, Herr ... viele sind gekauft in der Stadt von
chaldäischem Gold ...

ANDERE:

Nicht höre ihn an ... laß von der Mauer ihn werfen ... Nicht mit den
Verängstigten sprich ...

    (JEREMIAS UND BARUCH werden von den beiden Kriegern heraufgeholt,
    Jeremias vor den König gestoßen.)

DER ZWEITE KRIEGER:

Dieser ist es, der so lästerlich redete. Schon vordem habe ich ihn
belauscht.

ZEDEKIA:

Sie sagen von einem, der umginge in der Stadt und Unheil kündete vor den
Leuten. Ist es dieser?

STIMMEN:

Er ist es ... Jeremias ... Fluch über ihn ... Unheil sprengt er aus ...
er vergiftet die Herzen ... ein Lügner ist er ...

BARUCH:

Gottes Bote ist er, und Wahrheit kündet er, ich zeuge für ihn.

STIMMEN:

Wer bist du, daß du zeugest?... Du Knabe ... nicht höre ihn ...
niederschlagen soll man solch Otterngezücht.

ZEDEKIA:

Schweiget ... Weg mit diesem vorerst, ich bedarf eines Zeugen nicht ...

    (BARUCH wird zurückgestoßen in das Dunkel.)

ZEDEKIA:

Tritt heran zu mir, Jeremias ... Bist du es, der Israel verwirrt?

JEREMIAS:

Von Israel geht Wirrnis aus und nicht von mir.

ZEDEKIA:

Ich kenne deine Stimme ... ich muß sie gehört haben ... aus meinem
Herzen klingt etwas zurück, da du mir zusprichst, und doch blickte ich
dich nie. Oder ... Warst du es nicht, der damals um Friede schrie vor
dem Palast ...

JEREMIAS:

Ich war es, Herr!

ZEDEKIA:

Du warst es, Jeremias? Viele schrien um mich zu jener Stunde, doch als
ich heimging des Nachts und ruhte ohne Schlaf auf meinem Lager, da war
dein Ruf noch wach in meinem Herzen.

JEREMIAS:

Gott wollte, daß du ihn hörtest, und weh dir, daß du ihn wegwarfst, denn
es wäre Schlaf jetzt auf deinen Lidern und ein Friede in Israel.

DIE ANDERN:

Nicht höre auf ihn, König ... ein Gaukler ist er und frevelt mit Gottes
Wort ... sprich nicht mit ihm ...

ABIMELECH:

Was schaffst du hier auf der Mauer des Nachts? Zu den Chaldäern willst
du fallen? Nimm ihn fest, mein König, sein Wandel ist Gefahr!

EINER:

Seine Mutter ringt mit dem Tode, vergiftet hat sie sein Wort. Aber er
meidet das Haus, sieh, des Nachts schweift er hier um und späht zu den
Feinden ...

JEREMIAS (erschreckt):

Meine Mutter, sagst du ...

ANDERE:

Ein Verräter ist er ... nicht höre ihn, mein König ... nicht höre ihn ...
nimm ihn fest ...

ZEDEKIA:

Ruhe um mich! Meine Seele ist so schwach nicht gemauert, daß ein
Schwätzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu mir und sei ohne Scheu. Ich
habe das Wort vernommen, das du riefest am Tage des Ausgangs, und dies
Wort klang mir zu, denn ein Gotteswort ist das Friedenswort. Doch
vergangen ist das Vergangene. Nun brennt Krieg zwischen Assur und
Israel. Nicht bändigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten
mit dem Willen ...

JEREMIAS:

Du kannst es, Herr!

ZEDEKIA (zornig):

Wie kann ich es noch? Siehst du den Feind nicht um die Mauern, hörst du
seine Speere nicht klirren im Wind? Wie kann ich das wenden?

JEREMIAS:

Du kannst es, Herr, denn du bist der König.

ZEDEKIA:

Kann ich sie fortblasen mit meinem Hauch, kann ich austilgen das
Vergangene? Zu spät ist es für den Frieden.

JEREMIAS:

Es ist nie zu spät.

ZEDEKIA (noch zorniger):

Wie ein Einfältiger redest du. Noch ward Assur nicht geschlagen von
Israel und nicht Israel von Assur, noch ist Blut nicht geflossen. Wie
kann ich enden, was nicht begonnen?

JEREMIAS:

Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So tiefer du ihn ziehest,
so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum laß sprechen die Worte vor dem
Schwert, geh hin zum König oder sende ihm Botschaft!

ZEDEKIA:

Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde?

JEREMIAS:

Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest Jerusalem!

ABIMELECH:

Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach für Israel ... fort mit dem
Zagherzigen ...

ZEDEKIA:

Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein
Knecht denn, bin ich der Besiegte schon?

JEREMIAS:

Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg.

ZEDEKIA:

Warum soll ich es sein, der als der erste spricht, warum ich und nicht
er? Soll er meinen, daß ich verzagte? Möge er senden zu mir, so will ich
Zwiesprache halten und erwägen sein Wort. Doch warum ich als der erste?

JEREMIAS:

Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, selig der König,
der das Blut spart seines Volkes.

ZEDEKIA:

Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz bezwänge, Jeremias, wenn
ich so täte, wie du heischest, und er stößt sie zurück, meine Hand?

JEREMIAS:

Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie
auf an sein Herz.

ZEDEKIA:

Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber
lachen meiner Schmach.

JEREMIAS:

Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht
deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, dem du gesetzt bist von
heiliger Hand. Laß dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit
willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia,
bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so
beuge dich vor ihm!

ZEDEKIA:

Ich mich beugen?

JEREMIAS:

Beuge dich, beuge dich, Gesalbter des Herrn, um Jerusalems willen! Tu
auf die Tore, tu auf ihm dein Herz! Du rettest, du rettest Jerusalem!

ZEDEKIA:

Mit dem Schwert will ich es retten und meines Lebens Preis, doch mit
meiner Ehre nicht. Du weißt nicht, was du heischest von mir.

JEREMIAS:

Das Schwerste heische ich von dir, denn wem ziemt das Gewaltige denn den
Gesalbten? Deines Herzens Kleinod, deinen Stolz opfre hin für die Stadt!
Wirf dich hin vor jenen, wie ich mich hinwerfe vor dir, tu auf die Tore,
tu auf dein Herz! Beuge dich, König Zedekia, denn besser, du beugest
dich, denn daß Israel gebeuget werde.

ZEDEKIA:

In Spott willst du mich stoßen und dich weiden an meiner Schmach, du
Rasender! Aber ich steh aufrecht und halte mein Erbe! Lieber sterben,
als Gnade erbitten, lieber Vernichtung, denn diese Demut! Weg von mir,
weg! Ich beuge mich nicht, keinem auf Erden beuge ich mich!

JEREMIAS (von den Knien sich gewaltig aufhebend):

Dann Fluch dem Öl, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die
dir die Stirne gürtet; Fluch dir, Davids Sohn, daß du nur deinen Hochmut
schützest, dein irdisch Teil, statt daß du wahrest Jerusalem, dein
Gottesteil. Aber höre mich ...

ZEDEKIA:

Nichts will ich mehr hören, du Narr, du böser Narr Gottes ...

JEREMIAS:

Stoße es nur fort mein Wort mit dem Fuße, du Taumelnder, nicht kannst du
zertreten ein Gotteswort. Spei es aus, du Trunkener, aber wisse es bis
in deine Eingeweide: nahe ist die Stunde, Zedekia, da du schreien wirst
nach meinem Troste, wie die Gebärerin schreit! Doch dann wird kein Rat
mehr sein, denn wer weiß Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes
Gericht. Gedenke der Mauer hier, gedenke der Stunde! Rechtzeit habe ich
dich gewarnt, aber ein Prellbock starret dein Herz und von Eisen deine
Stirne, und wie ich dir darob fluche aus dieser Stunde, werden fluchen
Geschlechter und Geschlechter deinem Namen. In deine Hände war Zion
gegeben, und du ließest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es
verschleudert! Mögest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du
vergaßest Jerusalem! Fluch über dich, du Vollstrecker Babels, du Würger
Zions, du Mörder, du Mörder von Israel!

ABIMELECH:

Die Mauer hinab! Zerbrecht ihm den Nacken!

DIE ANDERN:

Er hat den König gelästert ... sperrt ihm das Schandmaul ... die Mauer
hinab ... nicht fürchte des Rasenden Wort ... Schaum steht um seine
Lippe ... ein Kranker ist er ... hinab mit ihm.

    (DIE BEGLEITER des Königs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.)

ZEDEKIA (der wie vor unsichtbarem Anprall zurückgefahren ist, die Hand
am Herzen, sich wieder ermannend):

Ablaßt von ihm! Meint ihr, eines Narren Fluch machte mich blassen, ein
frech Wort knickte schon meine Kraft? (Nach einer Pause): Aber dies sehe
ich: wahr ist, was sie sagten im Volke: gefährlich ist dieses Menschen
Wort. Wie ein Sturmbock stößt er wider die Herzen. Es geht nicht an,
daß solch ein Gottesleugner länger frei rede im Volke und seine Angst
auf die Krieger falle.

ABIMELECH:

Töten muß man ihn. Wer nicht Gott vertraut, ist unwert des Lebens.

STIMMEN:

Man steinige ihn ... ein Söldling ist er ... er will die Stadt den
Chaldäern preisgeben ... laß ihn töten ... er betet um unser Verderben ...

ZEDEKIA:

Soll ich töten den, der mich schmähte, daß man meine, ich fürchte sein
Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! Wind ist mir dein Wort, doch noch
einmal frage ich dich um deinetwillen: Sagt dir untrüglich dein Herz,
daß Tod sei über Zion und allen in Zions Mauern? Ich frage dich!
Antworte mir frei!

JEREMIAS:

Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. Nur Ergebung kann uns
erretten.

ZEDEKIA:

Dann geh und ergib dich! Als einziger aller rette dein Leben!

    (JEREMIAS starrt ihn an, ohne ihn zu verstehen.)

ZEDEKIA:

Wer zehrt an unserem Brote, soll nicht auch zehren an unserer Kraft.
Fürchtest du für Zion, so fliehe von Zion! Ich schenk dir dein Leben!
Die Mauer hier, klimm sie hinab, zu Nabukadnezar geh und birg deinen
Leib. Und so dein Wort sich erfüllet, bläh auf deine Backen und lache
der Brüder, die starben für Jerusalem.

ABIMELECH:

Zu milde bist du, König, mit dem Lästerer.

    (JEREMIAS unbeweglich, ringt um ein Wort.)

ZEDEKIA:

So geh doch, flieh fort, Abtrünniger des Glaubens, geh zu Nabukadnezar,
des Sieg du gekündet, und küsse seinen Fuß! Ich aber bleibe in meines
Volkes Mitte und in meiner Väter Heimat, denn ich glaube bis zum letzten
Atem meines Leibes: Lüge ist dieses Mannes Rede und ewig währet
Jerusalem!

DIE ANDERN (jauchzend):

Ewig währet Jerusalem! Nie vergehet Gottes Haus!

ZEDEKIA:

So eile! Lauf über zu Assur, ich hab dirs gewährt! Laß uns unsern Tod
und kriech in dein Leben!

JEREMIAS (sich fassend):

Ich lasse nicht Jerusalem!

ZEDEKIA:

Hast du nicht eben gekündet uns allen, Tod stünde über Jerusalem? So
flieh, daß du ihm entweichest!

JEREMIAS:

Nicht meines Lebens trage ich Bangen, sondern für die Tausendmaltausend
schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! Mögen fallen seine Mauern, ich
stürze mit dem letzten seiner Steine.

STIMMEN:

Nicht dulde ihn bei den Kriegern ... ein Verräter ist er ... Verwirrung
sprengt er unter die Krieger ... jage ihn fort ... nicht habe er länger
Gemeinschaft mit uns ...

ZEDEKIA:

Zum letztenmal, Jeremias! Aufgetan ist dir der Weg!

JEREMIAS:

Ich bleibe in Gottes Stadt, bis daß sie vergehet, bis daß ich vergehe!

ZEDEKIA:

Dann aber wisse dieses zur Warnung: Schwert liegt fortab auf deinem
Wort! So du noch einmal hebst die Stimme zu harter Verkündung, so du
noch einmal ausschreiest Untergang in diesen Mauern, ist dein Leben
verfallen.

JEREMIAS:

Nicht ich hebe die Stimme, Gott wirft sie aus mir. Wie die Luft fährt
durch die Posaune, daß sie erklinge, so tönet sein Wille durch mich. In
seine Hände habe ich mich gegeben.

ZEDEKIA:

Ich habe dich gewarnet, Jeremias, wie du mich gewarnet. Selbst schützest
du fortan dein Leben. (Zu den andern): Keiner rühre ihn feindlich an,
solange er sich zähmet. Doch schreit er noch einmal Schrecknis über die
andern, so fasset ihn, und er büße nach euerm Spruch. (Zu Jeremias):
Hüte dich, hüte deine Lippe, daß dein Blut nicht springe über sie! Uns
aber möge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet.

JEREMIAS (reglos, mit unsicherer Stimme):

Nicht mich hüte ich ... ich hüte Jerusalem ...

ZEDEKIA (wieder an den Rand der Mauer tretend):

Noch immer ziehen sie her, und wie von Wettern rollts von ihren Wagen
und Rossen, es ist kein Ende abzusehen, kein Ende. Wahrlich, furchtbar
ist er, der König von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm zu
begegnen! Gott schütze Jerusalem! (Tief atmend): Gott schütze Jerusalem!

    (ZEDEKIA wendet sich langsam zum Gehen und schreitet die Runde
    weiter; Abimelech, die anderen sowie die beiden Krieger folgen dem
    sinnend Hinschreitenden langsam nach.)

BARUCH (aus dem Dunkel vorstürzend):

Rasch ... eile ihm nach, noch einmal fasse deine Kraft ... Gottes
Sendung ist über dir ... eile, daß du ihn zwingest.

JEREMIAS (erwachend aus seiner Dumpfheit):

Wen ... wen soll ich zwingen?

BARUCH:

Den König ... eile ihm nach ... entbrenne dein Wort, rette, rette
Jerusalem!

JEREMIAS:

Den König! (In heißem Erschrecken um sich auf die leere Mauer starrend):
Oh, fort ... fort ... versäumt ... verloren die heilige Stunde ... von
Gott war er mir gesandt, in meine Hände geworfen, daß ich knetete seinen
Willen, und ich ließ ihn entgleiten ... Blick in Blick war mir der
Schwanke gegeben, und doch: wie Asche zerstäubte an seiner Stirne mein
Wort ... Oh, Schmach über mich, daß so dürr war meine Rede, so laulich
mein Atem ... Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Güte hat er mich
geschlagen ... wer bin ich, daß man mir diente, wenn ich nicht diene dem
Wort ... Oh, Fluch der Nessel meiner Rede ... Fluch der Distel meines
Munds ...

BARUCH:

Noch einmal versuch es, und du zwingest ihn. Schon erschwankte sein
Wille!

JEREMIAS:

Zu spät, zu spät, verloren ist die Stunde, die Gott mir erkor! Doch was
wählete er auch mich, den Schwächling, was rief er Unkraft zu so
gewaltig Beginnen! Warum tat er nur Galle des Fluches in meinen Mund und
des Wortes bittern Wermut, warum die läutrige Flamme nicht, die
entbrennet die Herzen der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, daß ich
mich erfreche, seines Wortes Profeten mich zu nennen, Bruder der
Erlauchten, wenn ich nicht Erbe bin ihrer Stärke? Königen umtaten sie
den Zaum ihres Willens und beugeten der Völker Stirn, Feuer des Herrn
fuhr voran ihrer Rede, doch ich, ich Dorn im Fleisch ihrer Qual, nicht
ein Blatt vermag ich zu wenden mit meiner Seele Odem ... ein
Speichelspeier nur bin ich, ein Tönen von Wirrsal und Wind ...

BARUCH:

Nicht quäle dich, Meister ... der Schmerz verwirret dich.

JEREMIAS:

So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr sei ... was hab ich
vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und ihre Not verzehret mich ... von
Träumen bin ich allnächtens umtan und schmerzhaft trächtig des Worts ...
so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde ... meine Warnung,
wen warnete sie ... nicht daß er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt ...
nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als Bote des Friedens ...
Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das Gelächter der Menschen
schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage
geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten
und meiner Mutter Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und
kein Lebendiger glaubet meiner Rede!

BARUCH:

Ich glaube dir, ich laß dich nicht.

JEREMIAS:

Du glaubest mir ... noch immer ... dann hör mein Wort ... So du mir
glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die
Süße predigen und triefen von Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt,
und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre
Lüge, sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines
Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine
Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn der Friede schreit
zwischen den Schwertern, wer törichter als der Weisheit Verkünder in der
Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die
Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer tröstet, verflucht, wer nur
fluchet ... daß ihm darre die Zunge ... daß auslösche, der Anstoß ist
und Ärgernis ...

BARUCH:

Nein, ich weiche nicht von dir ... Du bist der Große ... Dich hab ich
erwählt um deines Leidens willen.

JEREMIAS:

Nicht lobe mich, nicht lobe mich ... mich verbrennet die Scham ... was
hab ich denn Jerusalem zum Heile getan ... hab ich gebeugt des Königs
Starrnis, hab ich zum Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt
den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich
und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt,
und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet ... wo ist meine Tat ... wem
brachte ich Segen ... wo schuf ich den Frieden ... wo weckte ich den
Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt ...

BARUCH:

Wie sagtest du ... einen Boten müßtest du schaffen, daß er gehe von
Nabukadnezar zum Könige?

JEREMIAS:

Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie die Knaben warten die
Könige, daß einer anhübe mit dem Wort.

BARUCH (heiß):

Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du einen Boten erschaffen ... aus
deinem Atem ... siehe, Jeremias, wisse ... du heilig Verzagter ... nicht
dürr und fruchtlos ist dein Wort ... fruchtend ist es mir in die Seele
gefallen ... in mir nun keimet Gottes Geheiß ... ich danke dir, Meister,
Erwecker ... aus dem Dunkel hast du mich gehoben ... meine Tat mir
gewiesen ... oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze ...
ich danke dir ... ich danke dir.

JEREMIAS:

Was erglühest du so ... Ich fasse dich nicht ...

BARUCH:

Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglüht ... Du hast mich befeuert ...
ich weiß den Weg, nachbarlich geht er dem Tode wie der deine ... doch
ich will ihn gehen für Jerusalem ... lebe wohl, Meister ... ich will
würdig sein deines Rufes, lebe wohl.

JEREMIAS:

Wohin willst du?

BARUCH:

Lebe wohl, Meister ... lebe wohl und segne mich, wenn ichs vollbringe,
und fluche mir nicht, so ichs versäume ... lebe wohl ... lebe wohl ...
es gilt Jerusalem ...

    (BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.)

JEREMIAS:

Was willst du an der Mauer ... Baruch ... wohin ...

BARUCH:

Deinen Weg ... lebe wohl ... lebe wohl ...

    (BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.)

JEREMIAS (sich über die Mauer beugend):

Baruch, wohin gehest du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die
Späher Chaldäas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch ...
Was fliehst du von mir ... Was lässest du mich allein ... Baruch ...
Baruch ... bleib bei mir in dieser Stunde ...

DER ERSTE KRIEGER (ist herbeigeeilt):

Was rufst du da ... was schreist du in die Nacht ...

JEREMIAS (sich aufrichtend):

Ich rufe ... ich rufe, und doch hört keiner auf mich ...

DER ERSTE KRIEGER:

Was geht hier vor? Was treibst du noch da? Mir war, als glitte ein
Schatten die Mauer hinab. Ist einer mit dir?

JEREMIAS:

Keiner ist mit mir ... keiner ist mehr mit mir ...

    (JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer
    stadtwärts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im
    Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und
    schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz
    still, nur sein schwerer Schritt hallt über die mondblanken Quadern,
    und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren heranklingend wieder der
    Wachtruf: »Simson über sie« ... »Simson über sie« durch die weiße
    Nacht ...)



DAS FÜNFTE BILD

DIE PRÜFUNG DES PROFETEN

    »Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.«

  Jes. LIII.


    Das enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen
    des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die
    Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die
    Düsterheit der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der
    Gestalten und Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß
    aus der Dunkelheit das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte
    Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte
    Diener.

JOCHEBED (eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges):

Achab ... hör, Achab ...

ACHAB:

Leise!... Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der Schlummer über ihr,
eines Wortes Windhauch schon bläst ihn fort. Nicht störe ihre Ruhe!

JOCHEBED:

Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore schüttern und die Festen
beben der Stadt!

ACHAB:

Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So du sie liebst, schone
der Kranken.

JOCHEBED:

Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen?

ACHAB:

Nicht nenn unsere Not! Fremd ist ihr Jerusalems Schicksal.

JOCHEBED:

Nicht fasse ich dich. Sie weiß nicht, daß Krieg unsere Stadt umfährt?

ACHAB:

Wozu ihrs verraten, woran sie verginge? Ein Ahnen schon wäre ihr Tod.

JOCHEBED (in höchstem Erstaunen):

Sie weiß nicht, daß Assur über uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger
in den Mauern, der unwissend blieb unseres Elends? Wie konnte solch
Wunder geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, daß sie die
Posaunen nicht hört, meint sie noch Frieden, da schon Widder die Mauern
anrennen?

ACHAB:

Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hört, vermeinet sie Traum. Die
Türen hab ich vertan und die Spalten verschlossen, daß nichts Eingang
finde von Lärmen und Licht!

JOCHEBED:

Sie weiß es nicht? Sie weiß es nicht? Wunder ist dies und grausam
zugleich. Nichts, sagst du, Achab, weiß sie, auch kein Ahnen rührt ihren
Sinn?

ACHAB:

Manchmal flog Ahnen sie an, doch traumhaft nur, und mit Worten scheucht
ich es fort. Nur gestern, als das Volk schrie bei des ersten Widders
Prall, da schreckte sie auf. Die Decken warf sie im Fieber von sich und
reckte die Hände, sie müsse hinaus, sie müsse zu Walle, Krieg sei im
Land, Feind in der Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei
erfüllt, ihr Sohn, er habe es wahrgesagt, der König sei gekommen, der
König von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in die Knie,
doch ehe sie noch stürzte, faßte ich sie und trug sie zum Bett und
begütete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, dies Dröhnen
draußen von Volk und Posaunen. Sie schien es zu glauben und lag dann
offenen Auges und horchte dem dunklen Gedröhne der Gasse nach.

JOCHEBED:

Wie sonderlich! Doch sag: was ists, das sie so verwirrt?

ACHAB:

Ihre kranken Sinne suchen den Sohn.

JOCHEBED:

Jeremias ... den Rasenden ... den Geiferer der Gasse ... sie selbst doch
stieß ihn aus dem Haus.

ACHAB:

Doch ward keine Stunde ihr seitdem froh. Stumm saß sie nur mehr in den
Gemächern, und oft fand ich sie gebeugt über das Tor wie einer, der
eines Gastes wartet. Und als er nicht kam und nicht kam, ward es mählich
düster in ihren Sinnen.

JOCHEBED:

Doch was kommt er nicht, der Verworfene, daß sie genese an ihm? Die
Gassen streift er alltags und speit Fluch in das Volk, indes die Mutter
seiner sehnend ist. Warum kommt er nicht, der Schwätzer des Markts, der
Würger der Freude?

ACHAB:

Unwissend ist er, daß sie seiner begehrt. Stolz ist er wie sie selbst,
nicht die Steine der Schwelle tritt er, auf die sie ihn gestoßen.

JOCHEBED:

So laß es ihn wissen.

ACHAB:

Wie darf ichs ohne ihr Geheiß? Ein Sklave bin ich, ein Diener nur. Darf
ich mich unterfangen denn, zu hören, was sie unwissend spricht?

JOCHEBED:

Du darfst es, du mußt es, so es ihr Leben gilt.

ACHAB:

Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich täte recht, voraus zu
sein ihrem Wort und ihm Botschaft zu senden?

JOCHEBED:

Bei Gottes Güte, so mein' ichs. Ihr Leben rettest du damit.

ACHAB:

So sei Gott gedankt, denn höre, Jochebed! Was du forderst, ich hab es
getan in meines Herzens Bedrängnis.

JOCHEBED:

Gesegnet, gesegnet dafür!

ACHAB:

Schon gingen meine Knaben aus, ihn zu suchen. Durch die Stadt sandte ich
sie, noch fanden sie ihn nicht, doch hart sind ihre Schritte hinter den
seinen!

JOCHEBED: Ach, fänden sie ihn nur! Es würde ihr Genesung bringen, der
Armen, denn wirr ist zwischen Stolz und Sehnen ihr Sinn.

ACHAB:

Ja, wirr ist ihr Gefühl und verdüstert ihr Blut. Seit er ging, ist sie
wie mit sich selber entzweit.

JOCHEBED:

Ach, wer fühlt denn noch klar in der Wirrnis der Zeit!

    (DIE MUTTER regt sich seufzend auf dem Bette.)

JOCHEBED (ihr Erwachen bemerkend, leise zu Achab):

Achab ... sie regt sich ... der Schlaf fällt von ihr ab ... noch sind
ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen füllt schon das Wort ...

    (ACHAB eilt hin und beugt sich über die Kranke.)

DIE MUTTER (mit geschlossenen Augen, ihre Stimme ist leise wie ferner
Gesang):

Sag, ist er gekommen, sag, kam er schon? Oh, wo ist er, wo ist er, mein
Sorgensohn?

JOCHEBED (flüsternd):

Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt sie seiner im Wort!

ACHAB:

Noch ist Traum über ihr, noch sind ihre Augen verhangen.

DIE MUTTER (regt sich und schlägt ihre Lider auf):

Wo ... Achab ... Du bist es ... Jochebed ... oh, das Dunkel über mir ...
Traum, Traum, der mich verwirrte ... wo ...

ACHAB (zärtlich sich hinbeugend):

Wie fühlst du, du Liebe? Wie hast du geruht?

DIE MUTTER:

Wie kann ich ruhen ... wie ruhen in solcher Träume Schrecknis ... wo ist
er ... war er nicht hier ... wo ist er ... ich hab ihn gesehen ... was
ging er fort ...

JOCHEBED:

Sieh den Glanz in ihren Augen! Wie aus Fieber blickt sie, noch wirrt sie
der Traum.

ACHAB:

Wen meinst du, Liebe?

DIE MUTTER:

Fort ... was ging er fort ... was ließest du ihn von mir ... hier war
er, hier ...

ACHAB:

Keiner war im Gelaß, denn Jochebed und ich ...

DIE MUTTER:

Nicht er ... nicht er ... oh, Träume, wie voll ist von ihnen das Haus ...
(plötzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks): Was rufst du ihn
nicht ... er soll kommen ... soll kommen ...

ACHAB:

Wen soll ich rufen?

DIE MUTTER:

Was fragst du, was fragst du? Siehst du nicht, Tod kniet auf mir, und du
rufst ihn nicht!

ACHAB:

Wie wagte ich ...

DIE MUTTER:

Oh, daß meine Füße vermauert sind, daß ich sieche, gehütet von blinden
Knechten, von steinernen Herzen. Fort ... fort von mir!

ACHAB:

Aber Liebe ...

DIE MUTTER:

Verraten hast du mich ... gesperrt ihm das Haus ... gewiß war er hier,
und du hast ihn fortgestoßen ... er war hier ... mein Blut spürt ihn an
der Schwelle ... er harrt nur des Rufes, und du schweigst ... Du hast
ihn weggestoßen.

ACHAB:

So höre doch, Liebe ...

DIE MUTTER:

Weh über mich ... fort ... fort von mir ... mögest du sterben wie ich,
verlassen von deinen Kindern, sterben am Streu wie das Räudige ...

ACHAB:

Ein Wort nur laß mich sagen.

DIE MUTTER:

Ein Wort nur will ich hören, nur eines: Er kommt, er ist da ...

ACHAB:

Dies eben vermeld ich ... er kommt ... schon nahen dem Haus seine
Schritte ...

DIE MUTTER (sich aufrichtend, ganz verzückt):

Er kommt ... er kommt ... mein Jeremias ... oh, Achab ... nicht belüge
mich ... nicht trüge den Tod ...

JOCHEBED:

Schon hat er die Söhne gesandt, daß sie ihn suchen ... bald ist er hier ...

DIE MUTTER:

Er kommt ... Ist es wahr ... er kommt ... ja, schon höre ich ihn ... in
mir gehen seine Schritte ... ich hör ihn im Haus ... er will herein ...
im Herzen pocht er ... hinab, so geh doch, ans Tor, eile, flieg hinab ...
was steht ihr noch ...

ACHAB (beruhigend):

Du Liebe, gleich ist er bei dir ... frühmorgens schon sandte ich die
Söhne ... er kommt gewiß ...

DIE MUTTER (wieder erregt):

Nein ... er kommt nicht ... träge sind sie, die Knaben, nicht suchen sie
ihn ... sie streichen die Gassen ... oh, eilten sie doch ... das
Dunkel ... das Dunkel ... im Blute steigt mirs auf ... ich ... ich will
ihn noch sehen, eh mirs blendet den Blick ... geh, Achab ... sieh
doch ... er ist da ...

ACHAB:

Gedulde dich, Liebe, nicht reg dich so wild.

DIE MUTTER:

Laß ihn ein ... was läßt du ihn warten ... hörst du nicht, wie er
hämmert am Tor ... an den Schläfen fühle ichs schon ... auf ... tu ihm
auf ... wie er hämmert ... weh ... wie er hämmert mit den Fäusten ...
auf, tu ihm auf ...

ACHAB:

Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zögert nicht lang ...

JOCHEBED:

Gleich wird er kommen ... gedulde dich ...

DIE MUTTER:

Nein, nein, er ist da ... was haltet ihr ihn von mir ... ich habe nicht
Zeit ... kalt rinnts mir die Glieder herauf ... oh, kalt ... wie Stein
meine Beine ... es will ... es will ...

    (JEREMIAS ist leise zur Türe eingetreten und bleibt zögernd dort
    stehen, seine Hände sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer
    Last gebeugt.)

ACHAB:

Nicht raff dich so auf ... bette dich hin ... er wird ...

    (ACHAB bemerkt Jeremias, er hält erschrocken inne; auch Jochebed
    schweigt voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht
    plötzlich im dunklen Raum.)

DIE MUTTER (sich mühsam aufrichtend):

Was schweigt ihr plötzlich mit einemmal ... was schweigt ihr so?
(Plötzlich mit einem Jubellaut): Ist er gekommen ... ist er da, mein
Kind, mein Sohn ... mein Jeremia ... oh, daß meine Sinne so dunkel
sind ... wo ... wo bist du, Jeremia ...

    (JEREMIAS tritt zögernd einige Schritte näher, bleibt dann stehen,
    gleichsam vom eigenen Gefühle bezwungen.)

DIE MUTTER (sich gegen ihn wendend):

Du bist da, ich fühl es ... meine Sinne eratmen dich ... weh, daß es so
dunkelt vor meinem Gesicht ... was trittst du nicht nah, daß meine Hände
dich fassen ... Was kommst du nicht, mein Jeremia?

JEREMIAS (unbeweglich verharrend, die Hände an sich gekrampft):

Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hängt mir an, Fluch fährt
mir voraus. Laß mich ferne stehn, daß mein Hauch dich nicht rühre, nicht
Schauer anstreife dein heilig Herz!

DIE MUTTER (fiebrig):

Mein Kind, meine Arme, sie sehnen sich aus, was kommst du nicht, Lieber,
was kommst du nicht nah? Ward dir so widrig die Lippe, so fremd meine
Hand?

JEREMIAS:

Fremd bin ich mir selbst, fremd steh ich im Haus!

DIE MUTTER:

Oh, er verstößt mich, er läßt mich zum andermal! Was läßt du mich
sehnen, was bist du so hart?

JEREMIAS:

Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ein Wort brennt zwischen mir und dir wie
des Engels Schwert.

DIE MUTTER:

Oh, der Fluch, den ich tausendmal selber verfluchte. Wind hat ihn
zerblasen, mit dem Atem ist er verweht.

JEREMIAS:

Nein, Mutter, wach ist dein Fluch und alle Gassen rege deines Worts. Von
den Häusern ist er gefahren wider mich, aus aller Menschen Mund sprang
er mich an. Nicht dein Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur
Gelächter einer Welt, der Ausgestoßene bin ich worden meines Volks und
der Zorn der Gerechten, der Vergessene Gottes und Ekel mir selbst.
Allein, laß mich allein, abseits laß mich stehen im Dunkel, den
Verfluchtesten aller!

DIE MUTTER:

Oh, mein Kind, und wärest du der Verstoßene einer Welt, in der Priester
Bann und des Volkes Acht, und hätte selbst Gott dich verstoßen von
seinem Antlitz, mein Kind bist du und mein selig Blut für immerdar! Für
ihren Haß will ich dich lieben und segnen für ihren Fluch! Haben sie
gespien auf dich, oh, komm, daß ich dich küsse; haben sie dich
verstoßen, oh, komm, daß ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz,
da du ausgegangen. Süß ist mir deine Lippe, die bittere, und süß das
Salz deiner Tränen, gesegnet mir dein Wandel für allezeit, kehrst du nur
heim an mein mütterlich Herz ...

JEREMIAS (mit einem Aufschrei hinstürzend und in die Knie sinkend):

Oh, Mutter, du ewige Güte du! Oh, Mutter, du meine verlorene Welt!

DIE MUTTER (ihn in den Armen einwiegend, hält ihn lautlos umfangen. Ihre
Hände streichen immer aufs neue zitternd über sein Haupt, seinen Leib.
Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glänzt ein fremdes,
glückseliges Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm
spricht):

  Mein Kind, du mein weltverlorenes Kind,
  Ach, wärst du doch niemals von mir gegangen
  Zu den Menschen, die starr wie die Steine sind!
  Oh, du Lieber, du Guter, du spät Belehrter,
  Mein Herzgewiegter, mein Heimgekehrter
  Ruh aus nun, du Lieber, am Herzen ruh aus,
  Ich habe dich ja wieder, spür Blut dich im Blut,
  Väterlich hält dich mit Stille das Haus,
  Mütterlich warm mein Arm dich gefangen.
  Laß dir streicheln die Stirn, laß dir schmeicheln das Haar
  Wie einstens, wenn in dir ein Wehes war,
  Und das Wort, das harte, das törige Wort,
  Sieh, schon streichts die Hand von den Schläfen dir fort.

JEREMIAS (mit leisem Erschrecken):

  Oh, Mutter, wie deine Hände doch schmal sind,
  Oh, Mutter, wie deine Wangen doch fahl sind,
  Dein Herz ward so still, deine Lippen so blaß.
  Bist du krank denn, Mutter, sag, fehlt dir etwas?

DIE MUTTER:

  Was mir fehlte, warst du allein,
  All, was mich quälte, dein Fernesein.
  Als hier vom Haus
  Dein letzter Schritt im Gang verklang,
  Da ward herzinnen mir so schwach,
  Wie jenes Tags vor Jahr und Jahr,
  Als ich dich in die Welt gebar
  Und vieler Monde volle Frucht
  Aus meinem süß beschwerten Schoß
  Mit einmal schmerzhaft von mir fiel
  Und fast das Herz mir stille stand,
  Da es nicht mehr dies andre fand,
  Das mit ihm schwang im Wechselspiel. --
  Oh, jene Stunde banger Qual,
  Da du zuerst dich mir entrafft,
  Als neue Not und Mutterschaft
  Durchlebt ich sie nun abermal,
  Oh, Tag um Tag und Nacht für Nacht,
  Und du weißt nicht, wie Sehnsucht uns müde macht.

JEREMIAS:

  Oh, Mutter, so hast du um mich gelitten,
  Und ich stieß durch die Straßen, starrfühlend wie Stein!
  Oh, Mutter, wie kann ich dir dies abbitten,
  Oh, Mutter, wie kannst du mir dies verzeihn!

DIE MUTTER:

  Und wenn ich so mit mir allein
  Im leeren Haus verlassen lag,
  Träumt ich dir all deine Träume nach.
  Bei Tag
  Da duckten sie sich, da hockten sie stumm
  Im grauen Gespind und Gebälk herum.
  Doch kaum, daß am Dach die Sonne verblich,
  Da regten sie sich,
  Wie Eule, Unke und Fledermaus
  Flatterten sie schwarz aus den Schatten aus.
  Sie schlichen
  Und strichen
  Um meine Schläfen mit Graun und Geraun.
  Sie hockten
  Sich schwer auf die Brust, daß der Atem mir stockte.
  Sie hackten
  Und nagten
  Kaltgleitende Schatten mir schwarz auf der Stirn
  Und fraßen den Schlaf vom Herzen und Hirn.
  Oh, wie sie mich quälten, die widrigen Tiere,
  Die wirrichten Träume, die geilen Vampire,
  Bald kühlten und bald durchschwülten sie mich,
  Bis tiefst zu innen aufwühlten sie mich,
  Daß ich, wenn endlich der Morgen anbrach,
  Entkräftet im Schweiß meines Leibes lag,
  Von Schauer und Traum
  Ganz ausgehöhlt wie ein uralter Baum.

JEREMIAS:

  Oh, Mutter, oh, Mutter, was tat ich dir an!
  Und ich strich die Straßen, fremd, unbedacht!
  Mit Jahren laß jede Nacht mich entsühnen,
  Die du um meinetwillen verwacht!
  Jetzt, jetzt erst hebt ja mein Leben an,
  Seit ich heim in deine Vergebung mich fand,
  Nun weiß ich erst, daß die wirrichte Welt
  Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthält,
  Als das milde Kreuz deiner Arme umspannt.

DIE MUTTER:

  Oh, mein Sohn, mein Kind, mein Jeremia,
  Oh, ahntest du, was du an Tröstung gibst,
  Wenn ich wieder erfühle, daß du mich liebst,
  Oh, daß du doch immer mir nahe bliebst,
  Du mein brennender Trost, mein seliges Licht,
  Du mein Erdenbrot, du mein Gottesdank,
  Genesen entglüht mir schon deinem Gesicht!
  Oh, höre, ich beschwöre dich,
  Jeremias, verlaß mich nicht,
  Bleib mir jetzt nah, es währt nicht lang,
  Bleib da bei mir, Jeremia!

JEREMIAS:

Was fürchtest du ... ich faß dich nicht ...

DIE MUTTER:

  Nicht lüge, nicht betrüge mich.
  Glaubst du, daß ichs nicht innen spür,
  Wie sichs mit mir zu Ende neigt.
  Ich fühls: der Tod ist wach in mir!
  Und wie in einer Schattenuhr
  Ganz unmerklich
  Der schwarze Zeiger Strich um Strich
  Wandaufwärts schiebt und ründet sich,
  So steigt
  Mit jedem wachen Atemzug
  Das Dunkel tiefer mir ins Blut.
  Weh, daß ichs selbst so wissend spür,
  Wie ich im wachen Blut einfrier.

JEREMIAS:

  Mutter, wie soll ich den Wahn verstehn,
  Du willst mich verlassen? Willst von mir gehn?
  Bedenke, nun sind
  Wir doch einander kaum wiedergewonnen,
  Zu neuer Gemeinschaft, Mutter und Kind,
  Nun erst hat mein wahrhaft Leben begonnen,
  Gott hat nicht vergebens mich heimgesendet
  Aus meiner Wirrnis und meinem Wahn:
  Ein Anbeginn ist dies von Gott und kein Ende,
  Oh, Mutter, heb neu mir zu leben an!

DIE MUTTER:

  Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind,
  Wie verführungsvoll deine Worte doch sind!
  Ach, daß ichs vermöchte,
  Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden,
  Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde!
  Im stillen Haus, einträchtig zu zwein,
  Wie friedsam sollte dies Leben sein!
  Mit lindem Gang
  Schritt ich des Tags deine Stunden entlang,
  Und zur Nacht
  Säß ich ob deinem Schlummer wach
  Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht
  In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht,
  Ich horchte in deines Atems Getön,
  Ob still er weht
  Oder heiß von Fiebern und Träumen geht.
  Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich,
  So weckte ich dich,
  Und dein erster, dunkelenttauchender Blick
  Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück.

JEREMIAS:

  Mutter, Geliebte, sorge dich nicht,
  Meine Nächte sind dunkel und träumeleer.
  Es ist vorüber: ich träume nicht mehr.

DIE MUTTER:

Du träumst nicht mehr?

JEREMIAS:

  Ich träume nicht mehr.
  Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm,
  Nicht mehr wallen
  In meinem Blut die Gesichte um,
  Meine Träume sind tief in den Tag gefallen,
  Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt:
  Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt.

DIE MUTTER (ekstatisch):

  Jeremia! Du träumst nicht mehr?
  Oh, wie gut! Oh, wie gut!
  Siehst du Verzagter, ich wußte es ja,
  Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten
  Von seiner Wirrnis und seinem Wahn!
  Oh, so selig sicher glühts mir im Blut,
  Was ich dich lehrte von Anfang an:
  Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
  Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen,
  Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
  Ewig werden die ragenden Mauern,
  Ewig die Herzen Israels dauern,
  Ewig währet Jerusalem!

JEREMIAS (ist von den Knien aufgefahren. Er starrt sie wie ein Sinnloser
an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach):

Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt ... umwallen?...

DIE MUTTER (aufzitternd vor Angst):

  Was schrickst so jäh,
  Was blickst du so blaß?

JEREMIAS (noch ganz benommen im Schauer):

Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt umwallen ...

DIE MUTTER:

  Jeremia, sprich,
  Was ist dir geschehn,
  Was krampfst du die Hand,
  Was birgst du den Blick?
  Was schrickst du und blickst du so unbewußt?
  Und ihr,
  Achab, Jochebed,
  Was winkt ihr ihm ab,
  Was blinkt ihr ihm zu,
  Jeremia, Jeremia,
  Sage mir, sage, was ist geschehn?

JEREMIAS (sich fassend):

  Nichts, Mutter ... nichts ... nicht errege dich.
  Mir war
  Nur dein Wort so fremd ... so sonderbar.

DIE MUTTER:

  Nein!
  Euer Blick
  Ward mit einmal schwarz und sorgenumdüstert;
  Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flüstert.
  Fürchterlich, fürchterlich
  Ist dies Geheimnis, das ihr verschließt.
  Ich spür
  Es wie Tod und Gottes Zorn über mir.

JEREMIAS (stammelnd):

Nichts, Mutter ... nichts ... verbergen wir dir.

DIE MUTTER:

  Was belügt ihr mich,
  Was betrügt ihr mich?
  Noch bin ich nicht tot und nicht eingesargt,
  Noch geht der warme Atem von mir,
  Noch schlägt mir das Blut aus dem Herzen heraus,
  Noch kann ich hören, noch bin ich nicht stumm,
  Noch bin ich lebendig im eigenen Haus.

JEREMIAS:

  Mutter ... du fieberst ... Wahn hält dich umkrallt,
  Deine Schläfen sind Feuer ... deine Hände so kalt ...

DIE MUTTER:

  Was biegt ihr mir aus,
  Was schließt ihr mich ab?
  Und wär es die Schrecknis, ich will um sie wissen!
  Warum, oh warum
  Sind hier die Fenster und Türen verhängt,
  Warum ist alles so dunkel und stumm?
  Wie in einen Sarg
  Habt ihr mich wach in mein Bett versenkt,
  Mich schwarz vergraben in Matten und Kissen.
  Warum, warum
  Stoßt ihr gewaltsam in Grauen und Grab
  Mich, die Lebendige, jetzt schon hinab?

JEREMIAS:

  Mutter ... Mutter ... bette dich hin ...
  Nicht wirf dich hoch ... beruhige dich ...
  Meine Hände fühle ... ich bin doch bei dir ...

DIE MUTTER:

  Ich lebe ... ich lebe ... ich lebe noch,
  Ich lasse mich nicht belügen und trügen.
  Fürchterlich Wachen kommt über mich.
  Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar,
  Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.
  Oft
  Hörte ich Dröhnen
  Von Rossen und Wagen,
  Ein Tönen,
  Klirren und Klagen und Waffenschlagen,
  Posaunen schollen dumpf in den Raum her,
  Und ich lag
  Von Grauen umdrängt
  Und meinte,
  Daß all dies nur mein eigener Traum wär.
  Doch jetzt
  Bin ich wach,
  Grauenhaft wach,
  Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt.
  Ich weiß,
  Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt:
  Unheil ist um in der Stadt, in den Toren,
  Wir sind geschlagen, wir sind verloren.
  Wehe, Krieg ist in Israel!

JEREMIAS:

Mutter! Mutter!

DIE MUTTER:

  Jeremia,
  Jeremia, sprich,
  Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an.
  Sag,
  Ist er gekommen,
  Den du verkündet,
  Der König, der König von Mitternacht?

JEREMIAS:

Du träumst, Mutter, du träumst.

JOCHEBED (flüsternd):

Leugne es ihr ... um ihres Lebens willen leugne es ihr ...

DIE MUTTER (im Fieber):

  Weh, die Fanfaren,
  Wie sie dröhnen und schallen!
  Er ist da, er ist da,
  Der reisige König von Mitternacht!
  Krieg ist in unsere Länder gefallen,
  Feind kommt gefahren
  Unendliche Scharen.
  Weh, wie sie stürmen!
  Es knicken die Mauern,
  Es brechen die Tore
  Gewaltig entzwei.
  Verloren ... verloren
  Israels Stadt und heiliges Haus.
  Die Mauer begräbt mich,
  Die Mauer erschlägt mich.
  Weh! Ich will nicht verbrennen im Bette!
  Rette mich, rette!
  Wohin
  Soll ich entfliehn?
  Jeremia ... wo bist du ... Jeremia,
  Hebe mich fort ... trag mich hinaus!

JEREMIAS (bei ihr kniend):

  Mutter, Mutter, unseliger Wahn
  Hält dich umkettet,
  Mutter, Mutter, höre mich an!

DIE MUTTER:

  Ich halt deine Hand, ich halt deine Hände,
  So schwöre mir, schwöre,
  Daß es nicht wahr ist.
  Schwöre mir, schwöre,
  Daß Israel nicht in Not und Gefahr ist.
  Schwör mirs, beschwöre,
  Daß kein Feind mir die letzte Ruhe verstört,
  Daß mein Leib in Zion zur Erde fährt!

JEREMIAS (erschreckt):

  Es wird ... es wird ... Gott wird gnädig sein
  Unserm Tode, wie ers dem Leben ist.

DIE MUTTER:

  Jeremia,
  Sage mir, sage,
  Bin ich wach oder wirr,
  Ist Feind vor den Toren
  Oder seligen Friedens voll unsere Welt?

    (JEREMIAS mit sich ringend, sucht vergeblich ein Wort.)

ACHAB (gleichzeitig auf ihn eindringend):

  Täusche sie ... sprich
  doch ... eh sie vergeht.
  Siehst du denn nicht,
  Wie dunkel schon auf ihrem Gesicht
  Schatten des Todesengels hinweht?
  Die Angst ... die Schrecknis ... scheuch ihr sie fort ...

JOCHEBED:

  Sprich ihr zu ... sonst wird es zu spät ...
  Ein Wort nur ... ein Wort,
  Daß sie in Frieden zu Gott eingeht.

JEREMIAS (mit sich ringend):

  Ich ... kann nicht ... ich kann nicht.
  Es hält mir einer die Kehle umpreßt,
  Es hält mir einer die Seele umschnürt ...

DIE MUTTER:

  Wehe,
  Er schweigt,
  Oh, wahr, es ist wahr!
  Gott hat sein eigenes Volk geschlagen ...
  Jerusalem ... Fluchtag, der mich gebar ...
  Das Dunkel ... wehe ... das Dunkel steigt ...
  Brand überm Land ... die rasende Glut ...
  Weh, ich verbrenne ... rettet mich fort ...

ACHAB (gleichzeitig):

Ein Wort ... ein Wort nur sprich ... nur ein Wort.

JOCHEBED:

Tröste sie ... tröste sie ... eh sie vergeht ... Ein Wort nur ... ein
Wort ... sieh, wie sie verschmachtet.

JEREMIAS (wie ein Gewürgter röchelnd):

  Ich ... kann es nicht sagen ... das Wort ...
  Er läßt nicht ... Er ... Mir die Kehle verdorrt ...
  Die Hand ... die grausame Gotteshand ...
  Mir ... die Seele geschnürt ... die Kehle umspannt ...
  Gott ... Gott, gib mich frei ... gib mich frei ...

DIE MUTTER (aufzuckend in wildem Schrei):

  Verloren ... weh ... wehe ... ich brenne ... Mord im Gezelt ...
  Hilfe ... die Stadt ... der Tempel ... Gott fällt ...
  Gott ist gefallen ... verloren ... die Flammen Gehennas ...
  Ins Herz ... bis ins Herz ... oh, Jerusalem ...

    (Die Mutter stürzt plötzlich in sich zurück. Ein tiefes Schweigen.)

    (ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich über die
    Tote.)

JEREMIAS (Stimme plötzlich grell wie ein Springquell aufschießend):

  Es ist nicht wahr:
  Ich log, ich log,
  Ewig währet Jerusalem,
  Nie wird ein Feind unsere Stadt umwallen,
  Nie Zion sinken, nie Davids Burg fallen.
  Höre mich, Mutter, noch einmal aufhöre,
  Ich schwöre, siehe, ich schwöre, ich schwöre:
  Ewig währet Jerusalem!

ACHAB (im Zorn):

  Weg,
  Du schreist sie nicht wach!
  Laß ihr den Frieden!

JEREMIAS:

  Sie muß mich hören, sie muß mich hören,
  Eh es zu spät ist!

ACHAB:

  Es ist zu spät!
  Weg
  Von ihrer Stille,
  Fort aus dem Gemach,
  Du schreist sie nicht auf, du lügst sie nicht wach!
  Was sprachst du nicht, da sie vor Angst sich verzehrte
  Und ihr Leben an deinem Schweigen verging?
  Fort,
  Du Mitleidsloser, du Gottesnarr,
  Du wüster Träumer, du Ausgestoßner!
  Da,
  Sieh nur, wie starr
  Ihre Blicke nach Güte und Hoffnung fragen,
  Und du hast
  Ihr den Schrecken des Todes hineingeschlagen.
  Du Gottverfluchter ... weg ... laß ihr den Frieden ...
  Der du sie selber gemordet hast.

JEREMIAS (stammelnd):

Laß mich ... ich will ...

JOCHEBED:

  Fort, du Aussatz
  Von den Gerechten,
  Fort aus dem Haus!
  Wehe, warum
  Ließ sie dich ein?
  Weg, du Verfluchter,
  Rühr nicht die heilige Stille an
  Und den Tod, den du ihr angetan.

JEREMIAS (zusammenbrechend):

  Ewig verflucht,
  Ewig verstoßen,
  Aus dem Mutterschoß in die Welt hinein,
  Gott ... Gott ... es ist hart, dein Bote zu sein!

    (ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drücken ihr
    die Augen zu und schlagen die Laken um ihren Leib. ACHAB geht zu den
    Krügen und schüttet das Wasser auf die Erde. Man hört nur ihr
    ernstes Schreiten. Jeremias stumpfer Blick ist starr zu Boden
    gerichtet. Ein langes, tiefes Schweigen voll der Geheimnisse des
    Todes.)

    (LÄRMEN von außen, heftige Stimmen in Erregung.)

ACHAB:

Wer dringt heran?

JOCHEBED:

Außen stehen sie, ein lärmender Hauf. Sie wollen ins Haus.

ACHAB:

Wie die Feinde pochen sie hart. Tu ihnen auf!

JOCHEBED:

Wehe, die Wilden! Sie sprengen das Tor!

    (Gepolter nah außen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das
    Dröhnen schwerer hastiger Schritte und herein stürmen SEBULON,
    PASHUR, HANANJA, DER ERSTE KRIEGER und ein Schwarm mit ihnen.)

SEBULON:

Hier muß er sein.

EIN KNABE:

Ich sah ihn eingehn ins Haus.

STIMMEN:

Ich auch! Vor einer Stunde schlich er hier ein. Ich hielt Wache, wie du
befahlst ... ich auch ... ich hab ihn gesehn.

ACHAB:

Wen sucht ihr?

PASHUR:

Gib ihn heraus, den du birgst!

SEBULON:

Wir wollen ihn fassen! Blut um Blut!

ACHAB:

Was lärmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte ...

PASHUR (die Tote sehend, hebt die Hände von sich und spricht ernst):

Gelobt sei der ewige Richter. Gnädig möge er sein der Gerechten! (Dann
wendet er sich und tritt schweigend zurück.)

DIE ANDERN (plötzlich still werdend, murmeln):

Gelobt sei der ewige Richter ...

EINER (leise):

Wer starb?

ACHAB:

Eine, von der Gott sein Antlitz kehrte. Eine Kummervolle, eine
Leidbeschwerte. Eine, deren Schmerz und bitterste Sorge war, daß sie
einen Feind ihrem Volke gebar.

EINER:

Jeremias!

SEBULON:

Ihn suche ich! Ihn suche ich! Jeremias!

JEREMIAS (auffahrend, seine Stimme ist gewaltig von schmerzlichem
Zorne):

Wer sucht mich noch? Wer will noch Fluch schreien über mich? Er komme,
daß er es tue, der Aufgetane bin ich allen Flüchen dieser Erde!

SEBULON:

Ich komme, dir zu fluchen, du Verfluchter, ich, Sebulon, der Vater
Baruchs, den du verführtest. Wo ist mein Sohn?

JEREMIAS (abwesend):

Ich weiß es nicht. Nicht bin ich der Hüter deines Sohnes.

SEBULON:

Der Verführer doch bist du und der Verderber. Schande hast du geworfen
auf mein Haupt und Schmach auf seinen Namen. Brüder um mich, höret,
diesen klage ich an! Er hat meinen Sohn verlockt, daß er untreu ward
seinem Gotte und feige an seinem Volke. Er hat ihn beredet, mit Worten
des Unheils und verleitet zur Schande.

HANANJA:

Antworte! Klage erhebt dieser Mann wider dich!

JEREMIAS:

Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhübe zu klagen, mein Wort
müßte fahren zu Gott!

STIMMEN:

Er schweigt ... er redet wirr, daß man ihn nicht fasse ... Haltet
Gericht ... nicht gebet ihn frei ... Pashur, Hananja ... Ein Ende machet
mit ihm ... haltet Gericht ...

HANANJA:

Hast du Zeugen deines Wortes, Sebulon?

SEBULON:

Verschwunden ist mein Sohn aus der Stadt, und mit ihm nur ward er
gesehn! Und dieser hat gehört, wie er ihn verlockte des Mitternachts an
der Mauer, daß er überliefe zum Feind!

HANANJA (zu dem ersten Krieger):

Bist du des zu zeugen erbötig?

DER ERSTE KRIEGER:

Ich bin es, Profet! Da ich stund auf dem Walle, kamen selbander die
beiden, dieser, Jeremias, den ich kannte, und ein Jüngerer, wie ein
Knabe anzuschaun, schwarz von Haar und feurigen Blickes ...

SEBULON:

Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verführte!

DER ERSTE KRIEGER:

Und viel Redens war zwischen ihnen, und dieser, Jeremias, kündete laut
Untergang, daß mir das Herz ergrimmte ...

HANANJA (zu den andern):

Habt ihr vernommen? Laut kündete er Zions Fall!

DER ERSTE KRIEGER:

... und da der König gegangen war und beide allein, klomm jener, den ihr
Baruch nennet, die Mauer hinab und lief zum Feinde, indes dieser zagte
und blieb.

SEBULON:

Hört ihr? Habt ihrs vernommen, Männer Israels? Der Verführung klage ich
ihn und der Schmach über mein Haus.

PASHUR:

Was ist dein Einspruch, Jeremias? Klage stehet wider dich.

JEREMIAS (schweigt).

PASHUR:

So nennest du keinen Zeugen?

JEREMIAS (dumpf):

Der für mich zeugen wird, nennet sich nicht.

PASHUR:

Wird er sich erweisen zur Zeit?

JEREMIAS:

Oh, Schweigen, Schweigen! Qual eurer Worte!

HANANJA:

Hört ihr? Eitel Ausflucht und Ränke!

STIMMEN:

Er leugnet nicht ... überwiesen ist er! Ein Ende, macht ein Ende.

PASHUR:

Stille! Gerecht Gericht will ich halten! Jeremias, ich rufe dich zu
Einspruch und Widerrede!

JEREMIAS (schweigt).

PASHUR:

Klage ist wider dich, daß du gekündet Untergang wider des Königs Geheiß.

JEREMIAS (schweigt).

STIMMEN:

Er verbirgt sich ... brich seinen Trotz ... ein Ende, mach ein Ende ...

HANANJA:

So leugnest du deine Verheißung?

JEREMIAS (schweigt wie abwesend).

HANANJA:

Sehet, vor des Todes Angst bricht seines Lebens Angst. Er schweiget, zum
ersten Male schweiget er!

JEREMIAS:

Willst du mich versuchen, du Versucher Israels, daß ich sage nein für
Gottes Ja und ja für sein Nein! Stärker hat er mich versuchet, daß ich
weiche von seinem Wege, und ich bin nicht gewichen. Er hat eine wider
mich gestellt, deren Atem mir teurer war, als meines Lebens Hauch, und
ich wankte ihr nicht, denn wen der Herr zur Geißel erlesen, den reißt er
los vom Baume des Lebens. Steinern bin ich worden in dieser Stunde, oh,
daß ich wäre der Stein des Anstoßes, an dem ihr euch zerstoßet. Weichet
von mir und verstört nicht meinen Frieden!

SEBULON:

Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstört. Gericht fordere ich,
gerecht Gericht.

HANANJA:

Das Volk hat er verwirrt! Tod über sein Haupt!

STIMMEN:

Tod über ihn ... befreie uns von seiner Nähe ... tilg ihn aus ... Sprich
deinen Spruch ...

PASHUR:

Zweimal habe ich dich gerufen zum Wort. Da du schweigen solltest, hast
du geredet, und nun du reden solltest, schweigest du. Zum drittenmal
rufe ich dich.

JEREMIAS (schweigt).

PASHUR:

So sprech ich deinen Spruch! Nicht mehr sollst du schrecken die Mutigen,
nicht mehr verwirren die Knaben. Jeremias, Sohn Hilkias in Israel ...

JEREMIAS:

Ein Ende! Macht ein Ende! Brennt mich nicht an mit den Blicken! Euer
Atem ekelt mich! Ein Ende, ein Ende!

PASHUR:

In die Düngergrube stoßt ihn hinab, Unrat zu Unrat, Kot zum Kote, daß
Gottes Licht er nicht länger schände und ledig sei seiner Stimme die
Stadt. Möge er faulen wie seine Worte im Dunkel der Erde.

JEREMIAS:

Oh Qual alles Lebens! Oh Qual aller Worte! Gesegnet das Dunkel, gesegnet
das Grab!

PASHUR:

Faßt ihn an, vollzieht den Spruch!

STIMMEN:

Gerechter Spruch ... gesegnet deine Weisheit ... fort ... hinab ...
schleifen wir ihn fort ... die Seile holt ... die Seile ... daran wir
ihn niederlassen.

JEREMIAS (zurückzuckend vor ihrer Berührung):

Nicht rühret mich an, nichts hab ich gemein mehr mit euch! Oh, besser
jetzt im Dunkel zu weilen, denn die Stunde ist nahe, da die Lebendigen
neiden werden die Toten und die Wachen die Schweigenden in Israel. Oh,
wie michs schon lüstet des Schweigens, wie michs brennet, der Toten
Bruder zu sein -- fort -- weichet, selbst scharr ich mich ein, daß ich
erlöst sei der Welt und Israel meiner erlöset sei!

    (JEREMIAS geht mit eingezogenen Armen wie ein Frierender gegen die
    Türe, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen,
    ihm vorsichtig nachzufolgen.)

HANANJA (mit gellem Ton die Stille zerschneidend):

Jauchze, Zion, geborsten ist die Posaune deines Untergangs, zerrissen
die Lippe deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blüte!
Ewig währet Jerusalem!

    (JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme
    zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von
    seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren
    schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias
    bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte
    Furchtbarkeit seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick
    das Bett der Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz
    und schreitet einsam voran, wie gebückt von großer Last.)

DIE ANDERN (sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit):

Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der Stadt ... ein
Verhängnis war er ... man verbrannte an seinem Blut ... oh, daß nun doch
Frieden würde ... Friede in Israel ... hinab mit ihm, daß versiegelt sei
dieser Mund des Schreckens, oh, Erlösung ... daß doch nun Friede würde
in Israel ...

    (ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt
    ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind
    zurückgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab
    ein Linnen und breitet es ehrfürchtig über die Tote.)



DAS SECHSTE BILD

STIMMEN UM MITTERNACHT

    »Es will Abend werden, und die Schatten werden groß.«

  Jer. VI, 4.


    Das Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum,
    dessen Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett
    leuchtet eine Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das
    weitaufgetan über die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne
    ein breitgefügter Tisch mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter
    Vorhängen, steht rückwärts in der Mitte des Raumes.

    (ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglänzte
    Stadt. Es ist ganz still und er selbst ein Teil dieser Stille.)

    (DER KNABE SPEERTRÄGER von der Türe auf ihn zu. Er wartet
    ehrfurchtsvoll, ob der König ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich
    nicht, sondern sieht regungslos in die Nacht hinaus.)

DER KNABE SPEERTRÄGER (nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, behutsam):

Mein König!

    (ZEDEKIA wendet sich wie erschreckt.)

DER KNABE:

Mitternacht, mein König. Die Stunde ist es, da du mich hießest, den Rat
vor dich zu rufen.

ZEDEKIA:

Sind alle versammelt?

DER KNABE:

Alle, so du entboten.

ZEDEKIA:

Hat keiner des Volks oder der Knechte sie gesehen?

DER KNABE:

Keiner, mein König. Auf dem geheimen Wege habe ich sie geleitet.

ZEDEKIA:

Und der Späher, ist er gesondert von ihnen?

DER KNABE:

Er harrt in der Halle der Türhüter.

ZEDEKIA:

Er möge warten. Erst rufe den Rat.

    (DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Türe und
    entschwindet.)

ZEDEKIA (allein, durchmißt mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt
er wieder am Fenster stehen und blickt hinaus):

Wie die Sterne heute abends glühen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen
sie, wirr und weiß wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des
Himmels, und doch vermag keiner sie zu lesen. In Babel, so sagen sie,
sind Deuter und Priester, die den Gestirnen dienen und Zwiesprache
pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Königen sprechen ihre Götter, auf
Türmen sind Stätten gebaut, das Wort der Himmel zu fassen, wenn innen im
Herzen das Dunkel waltet wie am Tage des Anbeginns. Warum sind mir nicht
Diener gegeben, die Zukünftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar,
Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner
gesehen! (Er blickt lang auf die Stadt): Schlaf liegt auf ihnen, denen
ich gesetzt bin als König, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei ihren
Waffen, und all ihr Wachsein ist in mir und ihre Not. Rat muß ich geben,
doch wer ist, der mich beratet? Führer muß ich sein, doch wer ist, der
mich führte? Über sie bin ich gesetzt, doch einer ist gesetzt über mich,
und ich sehe ihn nicht. Schlaf hängt unter mir, Schweigen hängt über
mir. Furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des
Auge keiner gesehn!

    (DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fünf Räte des
    Königs ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der
    Älteste, ABIMELECH, der Heerführer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia
    wendet sich und schreitet auf sie zu. Alle verneigen sich.)

ZEDEKIA:

Ich habe euch des Nachts entboten, auf daß geheim bleibe unsere Rede.
Des Großen Rates habe ich entraten, denn ich bin seiner nicht sicher
mehr. Zu viele sind sie, als daß ein Geheimnis nicht schlüpfte von
hundert Zungen. Doch euch vertraue ich des Herzens Geheimstes. Redet
frei, wie ich frei zu euch rede, keiner möge zagen, daß ich ihm zürne,
wenn sein Wort gegen das meine sich wendet. Doch was an Rede und
Ratschluß hier fällt, muß tot sein für Stadt und Volk, begraben in
unserer Brust. Das fordere ich von euch und daß ihr es bekräftigt mit
einem Gelöbnis. Legt eure Hände zum Zeugnis in des Priesters Hand, er
bewahre an des Höchsten Statt euren Eid!

    (ALLE heben die Hände schweigend zum Eid und legen sie dann in
    Pashurs Hand.)

ZEDEKIA:

Und ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich mein Herz
verschließen will dem Zorne gegen jeden, der wider mich redet. (Er legt
seine Hände in die Pashurs.) Und nun laßt uns Rates pflegen! (Er weist
mit der Hand gegen den Tisch. Alle lassen sich nieder. Schweigen.) Der
elfte Monat ist es, daß Nabukadnezar uns belagert. Die Reben sind grün
geworden zum andern Male. Nichts hat Nabukadnezar vermocht wider
Jerusalem, aber desgleichen auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser
schlägt sein Schwert wider uns, wie in Wasser das unsere wider ihn.
Nichts haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen könnte. Ich habe
Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Fürsten des Morgenlands,
daß sie uns beikämen wider Assur. Sie sind heimgekehrt leerer Hände.
Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. Wir sind allein.

HANANJA (heftig):

Gott ist mit uns!

    (DIE ANDERN schweigen.)

ZEDEKIA (sehr ruhig):

Gott ist mit uns, er hat sein Zelt geschlagen auf diesem Hügel, und sein
Haus schattet mein eigen Dach. Aber Gott sendet auch Prüfungen über sein
Volk. Nochmals sei es gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns
verraten, Ägypten hat uns verlassen, wir sind allein. Lasset uns nun
bereden, Wort wider Wort, Meinung wider Meinung, wie wir den Streit
ausfechten möchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wüßte, ihn zu
enden.

HANANJA:

Wir müssen beten zu Gott, daß er das Wunder sende. Wir müssen unsere
Herzen füllen mit Gebet und seine Altäre mit Opfern. Wir müssen ein
Doppeltes tun als bisher ...

NACHUM:

Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Böcke.

HANANJA:

Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blöken der Rinder gehört, die
du birgst vor den Altären.

NACHUM:

Die letzten sind es, Milchkühe, gespart den Frauen, ihre Kinder zu
säugen, und als Zehrung den Kranken.

HANANJA:

Man darf nicht sparen für Gott. Mögen darben die Kranken und verdorren
die Brüste der Frauen. Gott darf nicht entbehren des Opfers.

PASHUR (ernst):

Sein Herz weiß unsere Not auch ohne Gabe.

HANANJA:

Aber nichts ist ihm süßer, denn die Gabe der Not. Man gebe ihm das
Letzte und reiße es selbst sich vom Munde.

PASHUR:

Ich kenne die Bräuche, nicht mußt du meines Dienstes mich belehren,
Hananja, besser ist er vielleicht mir bewußt, als dir Gottes Wort und
Wille.

HANANJA:

Wer nicht opfert heißen Herzens, wer da zaudert und zählt, ist nur ein
Schlächter des Tieres und nicht Diener des Herrn. Ich aber sage euch, so
ihr nicht das Letzte hingebet von eurer Notdurft, seid ihr nicht würdig,
vor sein Antlitz zu treten ...

ZEDEKIA (heftig):

Schweigt stille! Ich mag eure Worte nicht. Noch sind der Sandkörner
kaum zehn niedergeronnen in der Uhr, und schon erhebt ihr Rede
widereinander. Was Gottes ist, will nicht beredet sein. Ich habe euch
zum Rate gerufen über unsere Not und wie wir sie vermöchten zu wenden.
Kriegszeit ist unsere Zeit, und so frage ich dich als ersten, Abimelech,
den Obersten meiner Krieger.

ABIMELECH:

Fest sind die Mauern Jerusalems, mein König, aber noch fester ist mein
Herz.

ZEDEKIA:

Aber deine Knechte, du Getreuer, wie ist ihr Sinn? Selten höre ich sie
jubeln, und schreite ich an ihnen vorüber, so schlagen sie nicht mehr
die Schilde und wahren den Blick.

ABIMELECH:

Schweigsam macht der Krieg, aber er härtet die Herzen. Vorbei ist die
Stunde, da sie jauchzten vor Lust, daß das Schwert ihnen frei aus den
Händen fuhr, denn die Gewöhnung mordet alles Große, und jede Lust wird
schal an der Dauer. Aber sie wachen und warten, ehern hüten sie die
Mauern Jerusalems.

ZEDEKIA:

Und wenn die Monde wachsen und sich mindern, wenn abermals das Jahr sich
neut? Wir haben keine Hilfe zu erharren.

ABIMELECH:

Mag es dauern, solang es Gott gefällt! Wir werden dauern wie die Zeit.

ZEDEKIA:

Der Herr erfülle dein Wort! (Zu den andern:) Ist eure Meinung gleicher
Art?

PASHUR:

Wir müssen harren und gedulden, bis das Los des Sieges gefallen.

ZEDEKIA:

Und was ist dein Wort, Hananja?

HANANJA:

Nie wird Nabukadnezar uns obkommen! Weh denen, die kleinmütig sind und
denen das Herz schmilzt im Leibe, es wäre besser, man schlüge sie mit
der Schärfe des Schwerts.

IMRE:

Mein Auge ist trübe geworden, doch es hat dereinstens noch Salmanassar
gesehen, der aufstund wider Israel, und es sah seiner Toten Schar vor
den Mauern. Nie waren so fett die Schakale, denn das Jahr, da Jerusalem
gegürtet war von den Feinden des Herrn. Und so wird er wiederum treffen,
die wider uns aufstunden. Möge mein Auge nicht welken, ehe es diesen
Tag erschaut. Ewig währet Jerusalem!

ABIMELECH, HANANJA, PASHUR:

Ewig währet Jerusalem!

ZEDEKIA (nach einer Pause):

Ich misse dein Wort, Nachum! Warum verharrst du in Schweigen?

NACHUM:

Düster sind meine Gedanken, mein König, und bitter meine Rede. Nicht
drängt sich vor, dessen Sinn ohne Freude ist.

ZEDEKIA:

Ich rief euch, Rates zu halten. Willkommen, des Botschaft Labsal bringt,
willkommen auch der, des Wort Warnung ist. Sprich frei vor uns allen!

NACHUM:

Ehe du mich entbotest zum Rate, bin ich in die Kammern des Korns
gegangen und habe die Scheffel gezählt. Die Räume, die voll gewesen bis
zum Speicher, sind licht und leer. Es geht nicht mehr an, daß jeder ein
ganzes Brot erhalte des Tages.

    (ALLE schweigen betroffen.)

ZEDEKIA:

Wurde nicht Korn aus den Dörfern geschafft? Ließ ich nicht Milchkühe und
Vieh in die Mauern treiben?

NACHUM:

Elf Monde währet der Krieg, und viel fressende Mäuler flohen zur Stadt.

ZEDEKIA (nach einer Pause):

Es ist nicht vonnöten, daß jeder die volle Zehrung habe. Wir werden
sparen.

NACHUM:

Auch bislang ward kein Körnchen verschwendet, mein König, und doch
gähnen die Speicher. Gewaltigen Schlund hat die Zeit.

ZEDEKIA:

Und wie lange ... meinest du ... könnten wir ausharren ... mit unserer
Zehrung ...

NACHUM (leise):

Drei Wochen, Herr, -- zum längsten.

    (ALLE schweigen wieder betroffen.)

ZEDEKIA:

Drei Wochen ... und dann?

NACHUM:

Ich weiß nicht Antwort, Herr, Gott weiß sie allein.

    (ALLE schweigen wieder.)

HANANJA (erregt):

Man teile die Brote. Man gebe jedem nur das Halbe oder ein Drittel.
Genug lang haben sie gepraßt für sich und ihre Kebsen, nun mögen sie
darben für den Herrn.

ABIMELECH:

Meine Krieger dürfen nicht geschmälert werden. Wer kämpfen soll, darf
nicht darben.

HANANJA:

Alle müssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es gilt Jerusalem.

ABIMELECH:

Meine Krieger müssen Kraft haben. Lieber mögen die Unnützen verhungern,
die Luftbläser und Wortemacher.

NACHUM:

Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wäre gewonnen, schnürten wir die
Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern Mauern sind? Drei Wochen reicht
die Zehrung, und schlachten wir die Tiere des Tempels, so währet es zwei
Sabbate mehr.

PASHUR:

Es muß mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde sprecht ihr
gegeneinander. Wir müssen verbündet sein gegen Nabukadnezar und
verbündet gegen das Volk. Nicht er und nicht sie dürfen wissen von
unserer Not.

ZEDEKIA:

Und wenn er es wüßte bereits?

NACHUM:

Keiner kann es wissen. Ein Siegel drücke ich allmorgendlich an die Tür
der Kammern und löse es mit eigener Hand. Nicht das Volk ahnt die Not,
nicht Nabukadnezar.

ABIMELECH:

Gott sei gepriesen. Er würde unser nicht schonen.

ZEDEKIA:

Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr Ältesten des Volkes. Nicht war mir
bewußt, wie karg unsere Speise sei, und doch, meine Gedanken standen auf
wider die Zeit. Nicht das Schwert allein endet die Kriege, oft sänftigt
sie das Wort. Und ich rief euch, zu fragen, was ihr dächtet, wenn ich
Botschaft sendete zu Nabukadnezar, daß wir fragten um den Frieden
zwischen unsern Völkern.

HANANJA:

Keinen Frieden mit den Lästerern des Allmächtigen!

ABIMELECH:

Möge er senden zu dir, mein König! Nicht wir zu ihm!

PASHUR:

Gefährlich dünkt mich dies Beginnen. Er wird uns zu knechten suchen,
sobald er unsere Botschaft gehört.

ZEDEKIA:

Anders denn eure sind meine Gedanken. Noch ist unsere Not ihm verborgen,
doch in wenig Tagen wird er sie wissen. Wir müssen die Zeit des
Geheimnisses nutzen.

NACHUM:

Wie wahr ist deine Rede, mein König! Wir müssen Gnade suchen bei
Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mächtig wird über uns.

ABIMELECH (erbittert):

Keine Gnade! Lieber den Tod!

PASHUR:

Gottes Gnade bedürfen wir, keiner andern!

HANANJA:

Feiger Verräter du, Krämer des Glaubens ...

IMRE (mühsam):

Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! Wahr redet der König.
Nicht zur letzten Stunde dürfen wir warten. Lasset uns ihm
entgegengehen, solange wir noch aufrecht sind.

ABIMELECH:

Es ist zu spät schon. Die Toten vor den Mauern reden wider uns.

PASHUR:

Es ist zu spät. Zuviel Grimm hat der Krieg gehäuft.

ZEDEKIA:

Es ist nicht zu spät. (Er schweigt einen Augenblick.) Denn schon ist ein
Bote gegangen zwischen Nabukadnezar und mir!

    (ALLE aufspringend, wirr durcheinander.)

NACHUM:

Du hast Botschaft von ihm! Gesegnet sei die Stunde!

HANANJA:

Verrat! Du verhandelst mit den Feinden!

ABIMELECH:

Keinen Vertrag ohne unsere Stimme! Du hast unser vergessen!

PASHUR:

Was handelst du, König, ohne unsere Meinung? Wozu sind wir berufen?

ZEDEKIA:

Ruhe vor mir! Könnt ihr nicht warten auf einer Rede Ende! Wie die
hungrigen Hunde zerfleischt ihr das erste Wort! (Pause. Er spricht
ruhiger:) Ein Sendling ist gekommen von Nabukadnezar in mein Haus,
Botschaft zu bringen. Nicht habe ich ihr gewehrt, nicht habe ich sie
empfangen. Versiegelt noch harrt sie in seinem Munde. Ist dies
Verhandeln, was ich tat, ist dies Betrug? Redet!

    (ALLE schweigen.)

PASHUR:

Verzeihe, mein König. Schwer ist es, sein Herz zu halten, wenn es heilig
Schicksal trägt.

ZEDEKIA:

An euch ist es, ihn zu hören oder ihn abzuweisen.

NACHUM:

Wir sind in Not. Wir müssen ihn hören.

IMRE:

Man höre ihn und mißtraue doch seinen Worten.

ABIMELECH:

Man höre ihn, doch erwäge, ob man ihn heimsende hernach, denn er mag
ein Späher sein und gesandt, uns auszuschleichen.

ZEDEKIA:

Und ihr, Pashur und Hananja?

PASHUR:

Man höre ihn!

    (HANANJA schweigt, wendet sich ab.)

ZEDEKIA:

Da keiner dawider spricht, sei er berufen. (Er tritt zur Tür und ruft:)
Joab, hole den Boten! (Dann zurück zu den andern:) Fraget ihn aus, jeder
nach seinem Dünken. Vielfach sei unser Fragen, doch einig unsere
Antwort. Meidet, vor ihm uneins zu sein.

    (BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang über ihn hebt und
    dann verschwindet. Er verneigt sich vor dem Könige.)

ZEDEKIA:

Bist du es, der Botschaft bringt vom Könige Nabukadnezar an Israel?

BARUCH:

An dich hat er mich mit Botschaft gesandt.

ZEDEKIA:

Meine Räte sind dies. Wer zu mir redet, muß ihnen Antwort stehen, denn
sie und ich, Israel und sein König, sind eines Gottes Wille. (Zu den
andern:) Fraget ihn aus.

HANANJA (höhnisch):

Was geruhet die Gnade des heidnischen Königs ...

ABIMELECH (hart unterbrechend):

Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name?

BARUCH:

Baruch bin ich, der Sohn Sebulons, aus dem Stamme Naphtali.

ABIMELECH:

Unseres Blutes nennst du dich?

BARUCH:

Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem steht meiner
Väter Haus.

ABIMELECH:

Ist einem Kenntnis dieses Mannes?

PASHUR:

Seinen Vater kenne ich, rechtlich ist er, ein treuer Diener des Herrn.

ABIMELECH:

Wie fielest du in des Feindes Hand?

BARUCH:

Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen Moria. Da faßten sie mich
von den Schultern her und griffen mich.

ABIMELECH:

Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir
gegeben, gesiegelte Schrift?

BARUCH:

Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich kenntlich sei seinen
Kriegern für Eingang und Widergang. (Er hebt die Hand mit dem Ringe.)

ABIMELECH:

Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft.

BARUCH:

Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten sie mich in des
Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht und frugen, ein Ebräer
sei gefangen und ob sie mich vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch
der König wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage,
da er mich frug: »Willst du Botschaft bringen an den König Zedekia?« Ich
stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich willens sei. Da sprach
Nabukadnezar: »Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe
geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis
diese Tore sich auftun vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger.
Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir:
fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge er eilen.
Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder
sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.«

ABIMELECH:

Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu
haben elf Monde lang.

BARUCH:

Und er sagte ferner -- die Krone trug er zu Häupten, wie ich nie eine
gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: »So ihr die Tore noch auftut
und euch beugt, ehe der volle Mond sich neut, will ich euch das Leben
lassen. Jeder möge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem
Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut
vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß die Völker
von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen gewahr werden, daß kein
Trotz ist wider mein Schwert, der nicht zerbräche, und kein König, der
mir sich nicht beugete, dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen,
und dauern möge eure Stadt und eure Tage.«

NACHUM:

Milde dünkt mich die Botschaft.

PASHUR:

Zu milde, als daß ich ihr traute.

ZEDEKIA:

Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar?

BARUCH:

Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: »Ich habe die Krone gelassen
auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner
Gnade. Doch du hast aufgereckt dein Haupt wider mich, so mußt du wieder
es beugen; du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es
wiederum werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du zuvor Buße
tun und deiner Hoffart.«

ZEDEKIA (ruhig, sehr langsam):

Was fordert König Nabukadnezar von mir, daß ich tue?

BARUCH:

Er sprach: »Der aufstand wider mich, muß sich beugen, und der die Stirne
reckte wider mich, dessen Rücken will ich sehen. Wenn ich einschreite
durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis
zum Walle, die Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken ...«

ZEDEKIA (auffahrend):

Ein Joch?

BARUCH:

»Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein Starrsinn gebrochen sei
und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch
nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.«

ZEDEKIA:

Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken ein Joch gefühlt.
Niemals! (Er steht auf.)

ABIMELECH:

Nie werde ich es dulden. (Er steht gleichfalls auf.)

    (DIE ANDERN bleiben schweigend sitzen.)

NACHUM (endlich nach einer langen Pause nachdenklich):

Vom Tor des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt?

PASHUR:

Hundert Schritte kaum sind es ... nicht mehr ...

IMRE:

Nicht siebenzig sind es ... nicht siebenzig ...

ZEDEKIA (sich umwendend in Zorn):

Die Schritte zählet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das
Joch gespannt wie der Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch
gefahren, daß ihr meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit
mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der
Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid
ihr ...

PASHUR:

Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß jeder frei vor dir sage,
was sein Herz ihm gebietet.

ZEDEKIA:

Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem Blute. Sprecht frei nach
eurem Herzen.

NACHUM:

Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die Not. Man möge ihm
willfahren. Nicht aber meine, daß wider deine Ehre ich rede, mein König.
Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch
tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken
genommen, der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn
wahrlich, Königstat ist es, zu leiden für sein Volk.

PASHUR:

Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. Denn selig ist es, zu
leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu
gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten.

ZEDEKIA:

Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du,
Hananja?

HANANJA:

Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat!

ZEDEKIA:

Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren mir voll deiner
Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen?

ABIMELECH:

Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein
Wille!

ZEDEKIA:

Frei! Schicksal habt ihr geladen auf mein Leben, und nun ich stöhne und
stürze, tretet ihr abseits und laßt mich ihm allein. (Er geht auf und
ab, dann tritt er wieder zum Fenster.) Mauern und Türme, Häuser und
Lager, alles, alles auf mein stöhnend Herz, Schicksal von Tausend auf
Tausend gehäuft auf mein Leben! Wie das tragen, ohne hinzusinken, wie es
ertragen! (Er geht wieder auf und ab. Plötzlich:) Noch einmal wägt euern
Beschluß, prüfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Geheiß, daß
ich unter das Joch trete für Israel?

    (ALLE schweigen. Dann sagt:)

NACHUM (als erster):

Ich flehe dich an, daß du es tuest für uns und unsere Kinder.

IMRE:

Für die Stadt und das Land.

PASHUR:

Für den heiligen Tempel und den Altar.

HANANJA:

Für Gott, der es heischt von dir.

    (ABIMELECH schweigt und birgt sein Gesicht.)

ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. In ihm wogt ein innerer Kampf. Endlich
tritt er vor. Seine Stimme ist ernst und feierlich):

Ich will tun, wie ihr gebietet. Ich will meinen Stolz nehmen und ihn
zerbrechen wie ein Rohr, ich will das Joch nehmen auf mein Haupt.

    (ALLE wollen erregt sprechen. Er winkt ihnen, zu schweigen.)

ZEDEKIA:

Ich will die Krone nehmen von meiner Stirne und sie darbieten mit den
Händen, wie jener es gebot. Aber heilig ist die Krone Israels, und kein
Haupt soll sie tragen, dessen Nacken ein Joch geschleppt. So ich abgetan
von mir das Holz der Schmach, tue ich auch ab Zepter und Ring von mir in
meines Sohnes Hand. Jung ist er, doch ihr werdet ihn beraten. Schwöret
ihr, daß ihr Treue bietet, daß ihr das Volk ihm zuscharen werdet und ihn
kleiden mit Krone und Ring an meiner Statt?

PASHUR (ergriffen):

Ich schwöre es, mein König.

IMRE, HANANJA, NACHUM:

Wir schwören es.

ABIMELECH:

Wie ein König hast du getan, Ruhm deinem Namen!

NACHUM:

Ewiges Gedenken dem König Zedekia.

ZEDEKIA:

So mögen stehen die Mauern und die heilige Burg, wenn ich hinsinke in
Staub; besser ich, denn die Stadt. Ewig währe Jerusalem!

ALLE (begeistert):

Ewig währet Jerusalem!

ZEDEKIA (zu Baruch):

Du hast gehört, Knabe! So gehe hin zum Könige und sage ihm an: Zedekia,
der Herrscher war und aufstund wider ihn, beuget sich vor ihm, auftun
sich die Tore seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drängt mich, bald
vor die Tür meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das
köstliche Wort: Friede.

BARUCH (unruhig, leise):

Ich höre, mein König. Doch eines noch hieß der König mich melden, eines
noch heischt er von uns.

ABIMELECH (auffahrend):

Noch mehr? Genügt ihm noch nicht diese Schmach?

BARUCH:

Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dünkt es groß.

ZEDEKIA:

Was fordert sein Stolz noch mehr?

BARUCH:

Er sprach: »Ich will nehmen das Joch vom Nacken des Königs und die Krone
wieder legen auf sein Haupt. Und er möge zu meiner Linken gehn, damit
man erkenne, daß ich ihn ehre als meiner Krone Geschwister und Kind.
Aber noch einer ist in euern Mauern, von dem die Völker sagen, daß er
mächtiger sei denn alle, und diesen verlangt es mich, zu sehn. Sie
sagen, ein Gott sei in euern Mauern, dessen Blick ihr berget vor den
Menschen hinter zeltenen Wänden und den keiner ertrüge zu schauen. Aber
fremd ist mir Furcht, und ich will vor ihn treten, daß ich ihn kenne.
Ich werde nicht rühren an seinen Altar, nicht fassen nach seinem Brote,
nicht gieren nach seinen Schätzen. Einlaß nur heische ich von euch, denn
es lüstet mich, den zu kennen, der gewaltiger wäre als ich.« So sagte
Nabukadnezar.

PASHUR:

Niemals! Niemals!

HANANJA:

Die Flamme des Herrn möge ihn fressen, den Frevler!

PASHUR:

Lieber in Staub den Tempel als entweiht!

IMRE (bestürzt):

Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar ist das Verlangen!

PASHUR:

Frevel ist es und heidnischer Hochmut! Sende heim den Boten, mein König,
sende ihn heim!

HANANJA:

Sende ihn heim! Nie darf dieses geschehen!

NACHUM:

Übereile nichts, mein König. Wir sind entboten, eines Volkes Wohl zu
erwägen.

ABIMELECH:

Tausend Tode lieber als diese Schmach.

PASHUR:

Und ich sterbe mit euch! In eurer Mitte, ihr Krieger!

HANANJA (wild):

Sende ihn heim, König. Lieber Tod als diese Schmach!

IMRE:

Wie ihr doch redet vom Sterben! Wie leicht werft ihr das Wort!
Siebenzigtausend tötet euer Trotz, bedenket es, ihr Eilfertigen!

PASHUR:

Willst du es preisgeben, Gottes Heiligtum?

IMRE:

Auch das Leben ist ein Heiligtum von Gott, Gott selbst ist das Leben.
Warum überhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein?

HANANJA:

Es wäre Schmach ohne Ende und Triumph vor den Heiden, ginge er hin und
sagete: Ich habe Jahwes Antlitz gesehn.

NACHUM:

Mögen sie jauchzen, unsere Feinde, möge vergehen unser Stolz. Doch die
Stadt möge überdauern unsern Stolz und unser Leben. König, mein König,
errette Jerusalem!

HANANJA:

Nein! Sende ihn heim! Sprich das Wort! Sprich das Wort!

ZEDEKIA:

Ich bin die Hand nur, die wägt. Mein eigen Herz halte ich nieder. Eilet,
entscheidet, zählet die Stimmen! Zählet und eilet, daß ein Ende sei im
Bösen oder im Guten.

IMRE:

Der Älteste bin ich und sage: man erfülle Nabukadnezars Gebot.

HANANJA:

Man erfülle es nicht. Gott wird uns helfen.

PASHUR:

Ich schachere nicht um Gottes Antlitz. Niemalens diesen Frevel!

NACHUM:

Gottes Stadt für ewig. Man sende den Boten.

ZEDEKIA:

Und du, Abimelech?

ABIMELECH:

Nicht dein Berater bin ich, mein König, dein Diener bin ich und dein
Schwert. Bei ja und nein, in Leben und Tod steh ich zu dir.

ZEDEKIA:

Zwei Stimmen gegen zwei und in mir selbst sind zwei Stimmen! Widerstreit
um mich und Widerstreit in mir! Wie soll ich entscheiden? Weggestoßen
habe ich meinen Willen und euch zugeworfen, doch wie das Meer schleudert
ihr ihn mir zurück und schauernd halte ich ihn in Händen. Muß ich selbst
sie werfen, die Würfel, die fürchterlichen?

PASHUR:

Gott wird dich erleuchten!

ZEDEKIA:

Daß er doch spräche zu mir! Oh, selig die Ahnen, denen er sich noch
auftat im Gewölk! Ich habe ausgereckt meine Hände nach ihm und mein
Herz, doch verschlossen sind mir seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und
meine Hände greifen nur Ungewisses. Betet für mich, daß ich das Rechte
finde!

NACHUM:

Unsere Liebe ist mit dir, mein König!

ZEDEKIA:

Die Sterne werden blaß, und ehe die Nacht sich wendet, muß ich ja sagen
oder nein, und vielleicht ist nein ja und ja ist nein. Möge Gott mich
erleuchten. (Er steht auf, alle erheben sich.) Lasset mich allein! Euer
Zwiespalt mehrt nur den meinen. Ich werde entscheiden, wie mein Herz mir
sagt, und vielleicht, ehe ihr heimkehret, ist der Spruch gefallen; wie
in Kindesnot die Gebärerin, krümmt sich mein Herz, daß es das Rechte
gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, daß ich das Rechte erwäge für
Israel! Betet für mich, betet für Jerusalem!

PASHUR:

Gott möge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht den Schlummer sehen, ehe
du entschieden. Ich harre vor dem Altare!

HANANJA (im Abgehen):

Gedenke Gottes!

NACHUM (gleichfalls):

Gedenke der Stadt!

IMRE:

Gedenke der Kinder, gedenke der Frauen!

ABIMELECH:

Du findest mich bei dir in Leben oder Tod.

    (ALLE gehen ab. BARUCH allein ist wartend stehen geblieben.)

BARUCH (leise):

Soll ich mit ihnen, mein König?

ZEDEKIA (aus seinen Gedanken auffahrend):

Wie sagst du? (Sich erinnernd): Nein, du bleibst!

    (BARUCH bleibt wartend in der Nähe der Türe stehen. ZEDEKIA beginnt
    unruhig auf und ab zu gehen. Er blickt auf die Stadt, starrt lange
    hinaus, wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich plötzlich
    scharf um.)

ZEDEKIA:

Noch heute fordert Nabukadnezar mein Wort?

BARUCH:

Noch heute! Denn morgen neut sich der volle Mond.

ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. Dann plötzlich):

Du bist vor seinem Antlitz gestanden! Sprach er vor vielen mit dir oder
im geheimen?

BARUCH:

Er ließ mich in sein Gemach entbieten. Nur sein Schreiber war
gegenwärtig und sein Vertrauter.

ZEDEKIA:

Und wie war seine Weise, da er zu dir sprach?

BARUCH:

Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er sprach gütig zu mir und
schien sich zu freuen, daß er so gütig zu sein vermochte; und da die
andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort.

ZEDEKIA:

Und da er drohete, wie war er?

BARUCH:

In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit dem Fuße. Aber ich
merkte, daß auch dies nur getan sei, daß man vor seiner Größe schaudere
und ich Botschaft brächte seines Zorns.

ZEDEKIA:

Und frug er dich nach mir?

BARUCH:

Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es
nicht.

ZEDEKIA:

Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über unsern Häupten. Aber
ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn nicht. (Er geht auf und ab.)
Keine Frage hat er getan nach mir?

BARUCH:

Nein, mein König.

ZEDEKIA:

Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere Mauern. Aber er möge
Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde stößt seine Stirne gegen unsere
Wälle, und kein Lächeln sind wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu
gering und für einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht
geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. (Er geht heftiger auf
und ab.) Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute?

BARUCH:

Morgen neut sich der volle Mond.

ZEDEKIA:

Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt.
Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, nicht seiner Launen Ball.
Will er nicht warten länger als einen Tag, so soll er warten lernen
Wochen und Monde. (Sich aufrichtend.) Noch heute bringst du Botschaft an
Nabukadnezar! Melde ihm ...

BARUCH (erschreckt):

Mein König! Nicht im Zorne entschließe dich!

ZEDEKIA (ganz starr vor Erstaunen):

Was erkühnst du dich?

BARUCH (flehend):

Mein König, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der
Botschaft.

ZEDEKIA:

Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern
Worte zu bringen. Und ich befehle dir ... Warum zitterst du?

BARUCH:

Furchtbar ist es, Bote zu sein harter Botschaft.

ZEDEKIA:

Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen?

BARUCH:

Nicht ihn fürchte ich -- ich fürchte die Botschaft.

ZEDEKIA (erstaunt):

Was fürchtest du?

BARUCH:

Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! (Plötzlich in die
Knie stürzend:) König, mein König, nicht im Zorne entschließe dich,
rette, rette die Stadt!

    (ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.)

BARUCH:

Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, rette Jerusalem! Recke
aus deine Hand, daß sie den Frieden fasse, sonst stürzen die Mauern und
sinkt der Tempel in Staub. König, mein König, tu auf die Tore, tu auf
dein Herz!

ZEDEKIA (grimmig):

Tu auf die Tore, tu auf dein Herz -- ich kenne dieses Wort. Nicht du
sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider
mich ...

BARUCH:

Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will
ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich Nabukadnezar zu sich, ich sah,
daß zögerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu
ihm freien Herzens, daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich
an und flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich.

ZEDEKIA:

Das hast du getan? Ein Knabe, ein Kind, bist du gegangen, während wir
sprachen und rieten, bist du gegangen zum König der Könige, um Frieden
zu holen?

BARUCH:

So habe ich getan in meines Herzens Not, mein König.

ZEDEKIA (ihn lange ansehend; plötzlich scharf):

Nicht du hast diese Tat ersonnen, nicht du!

BARUCH:

Niemand hat mich sie geheißen.

ZEDEKIA:

Das ist nicht wahr. Kein Knabe sinnt solche Taten aus.

BARUCH:

Ich schwöre, mein König, ich tat es allein. Unwissend war er ihrer,
nicht hat er sie befohlen noch gebilligt.

ZEDEKIA:

Wer ist dieser, der dir gebietet?

BARUCH (ausflüchtend):

Mein Lehrer, mein Meister.

ZEDEKIA:

Wer ist dein Meister, frage ich, wer gebietet den Knaben in dieser
Stadt?

BARUCH:

Gottes Diener und Profet ist mein Meister -- Jeremias.

ZEDEKIA (ausbrechend):

Jeremias! Er, immer er! Immer der Schatten hinter meiner Tat, immer in
Aufruhr wider mich! In den Kerker habe ich ihn verschlossen, aber noch
immer schreit er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drängt
er sich vor? Was will er mich verwirren, was quert er meinen Weg? Wo ich
mich wende, ist auch er, im Palast, in der Stadt, und durch seine Boten
wirft er sich auf wider mich. Was verfolgt er mich?

BARUCH:

Du irrst, mein König! Jeremias liebt dich mehr, denn einen andern dieser
Stadt.

ZEDEKIA:

Ich brauche seine Liebe nicht, ich speie sie an und zerblase seinen
Zorn! Wer ist er, daß er wagt, mich zu lieben? Darf einer aufstehn in
der Gasse und künden, er liebet mich oder liebet mich nicht? Was stößt
er sich zwischen mich und meinen Entschluß? Will er mehr sein als ich?
Ich bin der König, ich allein! Möge er schreien: Friede, Friede! nicht
seine Hand hält Jerusalems Geschick. Ich bin der König, und nicht rühmen
soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Träumen. Eher sinke die
Stadt, als daß sie gerettet sei durch Jeremias! (Zu Baruch): Du gehst zu
Nabukadnezar und sagest ihm an: Nie wird Zedekia ein Joch tragen, nie
hebt er den Vorhang des Heiligsten. Möge er kommen mit seinen Völkern,
Zedekia ist ihm bereit.

    (BARUCH, im Schrecken beide Hände hebend, will sprechen.)

ZEDEKIA:

Kein Wort! Und bringst du die Botschaft nicht, so fällt Jeremias Haupt.
Zweimal habe ich seines Lebens geschont, doch zu Ende ist meine Milde.
Nicht will ich Richter hinter mir und Schatten hinter meiner Tat, ich
will sterben als König zu Jerusalem.

    (BARUCH hebt noch einmal die Hände.)

ZEDEKIA:

Ein Wort dawider, und sein Haupt sinkt hin. In deinen Händen ist meine
Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! Ich befehle dir: geh!

    (BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhüllt er sein
    Antlitz und wendet sich ab.)

ZEDEKIA (hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zögernden. Wie Baruch
abgeht, fällt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz
verdüstert sich wieder von neuem. Plötzlich sich aufreckend):

Vorbei! Ein Ende, ein Ende! Nur nicht mehr die Qual! (Er geht wieder auf
und ab, hebt den Vorhang und sieht lange stumm sinnend auf die Stadt.
Endlich stampft er zweimal mit dem Fuße.)

DER KNABE SCHWERTTRÄGER (erscheint):

Mein König?

ZEDEKIA:

Wein! Bring mir Wein! Ich will schlafen, schwarz und tief, schlafen ohne
Träume!

    (DER SCHWERTTRÄGER bringt hastig einen Krug und füllt den silbernen
    Becher. Zedekia stürzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder
    unruhig.)

ZEDEKIA:

Wer ist draußen im Gange? Ich höre einen Schritt. Ist der Späher nicht
gegangen, zögert er noch?

SCHWERTTRÄGER:

Er ist gegangen, Herr! Der draußen wacht, ist mein Bruder Nehemia.

ZEDEKIA:

Er soll nicht so laut schreiten des Nachts vor meinem Schlafgemach. Ich
will nichts hören um mich. Ich will schlafen. Auch ich will schlafen wie
die andern.

SCHWERTTRÄGER:

Es soll geschehen, Herr! (Er schlägt die Vorhänge des Pfühles
auseinander und verhüllt die Ampel. Nur ein trüber Schein von Mondlicht
glänzt in den Raum.)

SCHWERTTRÄGER:

Soll ich dir noch lesen aus den heiligen Büchern, mein König, wie
gestern und ehetags?

ZEDEKIA:

Aus den Büchern?... Nein, laß die Bücher, auch sie wissen nicht Rat. Ich
will schlafen, schlafen einmal wie die andern. Meine Lider brennen, und
mein Herz brennt mit.

SCHWERTTRÄGER (hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft sich auf das
Ruhelager):

Gott schütze deinen Schlummer, mein König.

    (ZEDEKIA breitet sich hin.)

    (SCHWERTTRÄGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel
    zu Häupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gestützt. Die Lampe
    ist ganz verhüllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich
    zu Füßen des Pfühles. Riesengroß stehen die Schatten der Wachenden
    an der Wand. Es ist ganz still. Man hört aus dem Hofe jetzt das
    leise plätschernde Rauschen eines Springbrunnens. Sonst ist alles
    wie erstorben. Die beiden rühren sich nicht. Die Zeit fließt stumm
    weiter.)

ZEDEKIA (plötzlich wild aufspringend und sie anfahrend):

Was flüstert ihr miteinander? Habe ich nicht Stille befohlen?

SCHWERTTRÄGER (erschrocken):

Wir sprachen nichts, mein König.

ZEDEKIA:

Aber es spricht jemand! Wer dringt in meinen Schlaf, wer frißt an meinem
Schlummer? Sie sollen schlafen jetzt alle, alle, damit ich schlafen
kann! Ist jemand noch wach in den Nebengemächern?

SCHWERTTRÄGER:

Niemand, mein König. Niemand ist wach mehr im Hause.

ZEDEKIA:

Niemand ist wach mehr, nur ich, nur ich! Warum auf mich alle Last, die
Mauern der Stadt und die Türme der Sorgen? Wein, gib mir Wein!

    (SCHWERTTRÄGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia stürzt ihn hastig
    hinab und schleudert ihn weg. Er stöhnt und legt sich wieder auf das
    Ruhebett. Wieder wird es ganz still. Wieder hört man durch die
    Stille das Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises
    Tönen davon in der Luft, einlullend und geisterhaft. Reglos stehen
    die Schatten der beiden Wächter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit
    vorbei.)

ZEDEKIA (der reglos gelegen, richtet sich im Dunkel ganz leise auf. Wie
ein Tier im Ansprang, krümmt sich sein Körper in der Anstrengung des
Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und plötzlich schreit er
heftig):

Es spricht! Es spricht! Es spricht hier von irgendwo. Ich höre eine
Stimme, ich höre, ich höre sie. Und es soll niemand jetzt reden in
meinem Haus. Wie Gesang tönt es her, es soll niemand jetzt singen in
meinem Haus. Hört ihr es, hört ihr es nicht?

SCHWERTTRÄGER:

Ich höre nichts, mein König!

NEHEMIA:

Nichts habe ich vernommen ...

ZEDEKIA (sieht beide starr an, dann krümmt er sich wieder auf seinem
Lager zusammen, horcht und plötzlich wieder losbrechend):

Und doch! Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher,
Schwertträger, hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf wühlt es im
Schwarzen meines Schlafes und frißt meine Ruhe. Hörst du, hörst du es
nicht?

SCHWERTTRÄGER (lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. Dann
schaudernd):

Ich höre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt sie empor!

ZEDEKIA:

Ah, du hörst sie auch!

SCHWERTTRÄGER (schaudernd):

Es tönt wie Gesang. Die Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es
klagt und stöhnt wie ein gefesseltes Tier.

NEHEMIA:

Vielleicht ist es Wind, in eine Spalte verfangen?

ZEDEKIA:

Nein, Worte sind es, ich fühle sie, ohne sie zu fassen. Wer singt hier
nachts in meinem Haus? Ist den Sklaven so wohl, daß sie singen, indes
ich, der König, hier liege mit brennenden Lidern? Geh, Joab, und mache
ihn stumm.

    (SCHWERTTRÄGER eilends ab.)

ZEDEKIA (bleibt gekrümmt horchend. Er scheint etwas zu hören, denn er
hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Plötzlich hört
man drei dumpfe Schläge. Der König horcht gierig. Dann aufatmend):

Gott sei gedankt. Es schweigt! Es ist stumm! Er hat es stumm gemacht!

    (SCHWERTTRÄGER erscheint wieder an der Tür. Er blickt verstört.)

ZEDEKIA:

Wer war es, der da sprach?

SCHWERTTRÄGER (zitternd):

Ich weiß es nicht, Herr. Ich bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg
zur Halle, hörte ich stärker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien
es zu kommen, und grauenhaft tönten die Worte. Ich ging nach, wo sie
tönten, und fand doch keinen, der sang in der Halle, immer war es tiefer
als ich, immer tiefer, wie aus einem Brunnen klang es empor oder einer
Grube. Und ich hörte seine Worte, die waren fürchterlich. Dreimal stieß
ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg die Gehenna.

ZEDEKIA:

Was tönte die Stimme?

SCHWERTTRÄGER (schaudernd):

Ich ... ich kann es nicht sagen!

ZEDEKIA:

Ich befehle dir: sage die Worte!

SCHWERTTRÄGER:

Lästerung war es, mein König, die aufströmte vom Brunnen.

ZEDEKIA:

Was waren die Worte? Bei meinem Zorn!

SCHWERTTRÄGER (schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend im Gesang):

  So sang es von der Tiefe:
  Ich habe mein Haus verlassen müssen
  Und mein Erbe meiden,
  Und was meine Seele liebet, in der Feinde Hand geben.
  Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht
  Und hören nicht auf,
  Denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks,
  Ist greulich zerplagt.

ZEDEKIA (aufschreiend):

Jeremias! Er, immer er!

SCHWERTTRÄGER (wie begeistert weitersingend):

  Wehe, wie hat der Herr die Tochter Zion
  Mit seinem Zorn überschüttet!
  Er hat die Herrlichkeit Israels
  Vom Himmel auf die Erde geworfen,
  Er hat die Mauer seiner Paläste
  In des Feindes Hände gegeben,
  Daß sie im Hause des Herrn geschrien haben
  Wie an einem Fest.
  Er hat ...

ZEDEKIA (ausbrechend):

Schweig still! Schweig still! Ich will es nicht hören. Ich will nicht!
Immer er, immer er! Auf jeden Kreuzweg ist er gestellt, da ich schreite,
hinter meinen Taten rennen seine Rufe, in meine Träume drängt er sich
ein und füttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, dem
fürchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie ihm
entfliehen, der mich verfolgt, wie ihm entgehen, der allerorts ist? Wer
befreit mich von ihm ...

SCHWERTTRÄGER:

Herr, ist es dein Feind, so ... (Er macht eine Bewegung.)

ZEDEKIA (aufgeschreckt aus seinem Zorn, starrt ihn fassungslos an. Dann
in erwachendem Stolz):

Du meinst ... Nein, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte niemanden. Und
ich weiß nicht, ob er mein Feind ist. Vielleicht war es töricht, vor ihm
zu flüchten ... Vielleicht ... (Er geht unruhig auf und ab):
Schwertträger!

SCHWERTTRÄGER:

Mein König?

ZEDEKIA:

Geh hinab und schließe auf die Düngergrube. Nimm mit deinen Bruder
Nehemia, und bringet den Mann aus der Tiefe vor mich her. Geheim muß er
gebracht werden und im geheimen wieder hinab.

    (DER SCHWERTTRÄGER und sein Bruder eilig ab.)

ZEDEKIA (allein. Er spricht halblaut vor sich hin):

An jedem Kreuzweg hinter meinem Rücken und immer zu spät, und immer muß
ich ihn hören. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und nicht
alle, die sagen, daß er rede durch sie? Aber warum reden sie einer gegen
den andern und widersprechen sich, wie ja dem nein? Wie sie erkennen,
wie scheiden das Falsche vom Wahren? Furchtbar, furchtbar dieser Gott,
der immer nur schweigt und dessen Boten keiner erfaßt!

    (JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwertträger, der auf eine
    Gebärde Zedekias sofort den Raum verläßt. Sein Antlitz ist fahl und
    abgemagert, schwarz wie aus einem Totenschädel schauen die Augen aus
    einem weißen, knöchernen Gesicht. Er blickt den König ruhig
    forschend an.)

ZEDEKIA (nach einer kurzen Betretenheit):

Ich habe dich rufen lassen, Jeremia. Warum störst du meine Ruhe? Was
singst du des Nachts, da alle schlafen, und schläfst nicht auch?

JEREMIAS:

Dem, der da wachen soll über das Volk, ist kein Schlafen verstattet, und
zum Wächter bin ich gesetzt und zum Warner.

ZEDEKIA:

Wahr sprichst du, Jeremias, nicht ist jetzt Zeit zu ruhen in Jerusalem,
und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschluß habe ich gehalten mit den
Dienern meiner Krone, aber nicht ward still meine Seele daran. Die
Freunde habe ich vernommen, die meines Sinnes sind, doch noch verlangt
es mich, den zu vernehmen, der wider mich ist in Jerusalem.

JEREMIAS:

Nie ward mein Herz wider dich, mein König, nur meine Rede wider dein
Tun.

ZEDEKIA:

Und nie war ich dir feind, sei des eingedenk in dieser Stunde! Wenn ich
dich verschloß, so war es, dich zu retten vor deinen Widersachern.
Heilig war mir dein Haupt um deiner Kühnheit willen. Doch nun sprich zu
mir nicht, wie du am Markte sprichst, sondern in deiner Seele und vor
Gottes Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bücher sagen,
daß Worte wahr sind im Antlitz des Todes.

JEREMIAS:

Nicht näher bin ich dem Tode, Zedekia, als du selbst. Auf einem Blatte
des dunklen Buches ist unsere Stunde gezeichnet.

ZEDEKIA:

Ich bin nicht dein Feind: möge sie dir ferne sein!

JEREMIAS:

Zweimal habe ich gesprochen zu dir, Zedekia, König von Israel, doch nur
deinen Rücken traf meine Rede, und vor dir lief schon die Tat. Nun
spreche ich in dein Antlitz und frage dich, was begehrst du von mir?

ZEDEKIA:

Viel ist von den Dingen wahr geworden, Jeremias, die du geweissagt, und
deine Stimme ward stärker in meiner Seele. Nabukadnezar ist gekommen von
Mitternacht mit Rossen und Wagen, wie du gesehen im Traum, und gürtet
die Stadt. Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mächtig hilft ihm die
Zeit. Ein Geheimnis will ich dir künden. Karg wird in den Mauern das
Brot.

JEREMIAS:

Ich weiß es, Herr.

ZEDEKIA:

Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Säcke gezählt, als Nachum, der
Hüter. Wie gibst du vor, es zu wissen, der du beim Dünger liegst unter
der Erde?

JEREMIAS:

Das Brot ist kleiner geworden und kleiner, das sie mir in die Grube
reichen, kaum deckt mirs die Spanne der Hand. Und ich höre die Hunde
winseln des Nachts und scharren in den Knochen, denn keiner wirft ihnen
mehr Weiches zu. So ward mir die Not bewußt.

ZEDEKIA (noch gereizter):

Die Hunde wissen es in den Gassen, die Versenkten in ihrer Grube, und
mich, den König, hat man heut es gelehrt. Auf den Gassen geht die
Wahrheit um und weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Königen.

JEREMIAS:

Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? Ist ihr denn Willkomm
bei den Königen? Hart ist das Ohr der Könige und nur aufgetan der
Honigrede, ihre Hüften umgürtet mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit
Schmeichlern. Sie meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne
sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. Wer
aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und wer Wind in
die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele.

ZEDEKIA:

Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur Schmähung! Aus deiner
Tiefe habe ich dich geholt, und keiner weiß es von ihnen, daß aus dem
Brunnen, darein sie dich versenkten, Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu
mir wahrhaft und rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen
sein?

JEREMIAS:

Gott einzig bin ich zu Willen.

ZEDEKIA:

So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein Bote kam von
Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von unseren Völkern.

JEREMIAS (jauchzend):

Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!

ZEDEKIA:

Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart
ohne Maß.

JEREMIAS:

Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein
Herz, doch rette die Stadt!

ZEDEKIA:

Meine Ehre hat er gefordert.

JEREMIAS:

Gib sie hin für die Stadt!

ZEDEKIA:

Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone?

JEREMIAS:

Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn
Sterben.

ZEDEKIA:

In ein Joch will er mich beugen!

JEREMIAS:

Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das lebendige Leben. Beuge
den Nacken, errette die Stadt!

ZEDEKIA:

Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid
meiner Ahnen.

JEREMIAS:

Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie und Wurmfraß. Denke
der Stadt, gedenke der Lebendigen!

ZEDEKIA:

Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott.

JEREMIAS:

Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut
dein Herz!

ZEDEKIA:

Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht!

JEREMIAS:

Gott wird es wehren, so es sein Wille ist, nicht du. Tu auf die Tore, tu
auf der Demut dein Herz!

ZEDEKIA (ergrimmt):

Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz dein Ratschluß. Mit tauben Ohren
hörst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort.

JEREMIAS:

Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem
Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher
dorre meine Zunge und zerfalle mein Gebein, als daß ich deine Torheit
lobe und nicht schreie wider deine Verblendung.

ZEDEKIA:

Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du meinen Willen nicht.

JEREMIAS:

Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille
bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort?
Nicht riefst du mich, daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst
ist die Botschaft gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung.
Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel.

ZEDEKIA:

Jeremias!

JEREMIAS:

Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr handelst du an mir, und
Ausflucht sind deine Worte. Denn nicht frei ist dein Wille mehr, und du
willst nicht, daß ich ihn wende.

ZEDEKIA (unsicher):

Wie kannst du es wissen?

JEREMIAS:

Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger schreckst du vor meinem Zorn.
Versuchen wolltest du mich, daß ich dir zuspräche und ablüde die Schuld
deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott
versucht er in ihnen.

ZEDEKIA (zögert betroffen. Dann leise):

Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein
Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem
Boten.

JEREMIAS:

Nimm sie ihm ab! Errette die Stadt!

ZEDEKIA:

Schon ist er gegangen.

JEREMIAS:

Zurück! Ruf ihn zurück!

ZEDEKIA:

Zu spät! Zu spät bist du gekommen.

JEREMIAS:

Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen und Läufern.

ZEDEKIA:

Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand!

JEREMIAS (bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen
Schrei die Hände reckend):

Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe!

ZEDEKIA (erschreckt ihm nahe tretend):

Was ist dir, Jeremias?

JEREMIAS (hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper.
Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne
mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von
mächtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände
aufhebend, überwältigt von innern Gesichten):

  Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen,
  Jerusalem, prächtiger Morgenstern,
  Und gedachtest doch über die Welten zu steigen!
  Über die Wolken wolltest du fahren,
  Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner,
  Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht.

ZEDEKIA (ihn erwecken wollend):

Jeremias!

JEREMIAS:

  Was war heller, als deine Stirne,
  Du Burg Jakobs,
  Du Kronstadt Davids,
  Du Zelt Salomos,
  Gottes Kleinod und heiliges Haus?
  Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen?
  Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise,
  Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen.
  Völker pilgerten her, dich zu schauen,
  Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz!

ZEDEKIA:

Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf!

JEREMIAS:

  Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden,
  Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel?
  Nicht mehr flüstern
  Die Stimmen des Bräutigams und der Braut,
  Weithin verscholl das Wogen des Marktes,
  Das Tönen der Freude,
  Flötenklang und der Jungfraun Gesang!
  Weh! Ein Würger ist über dich kommen,
  Ein arger Vollstrecker von Mitternacht.
  Eitel Wüstung sind deine Straßen,
  Dornen wachsen in Marmelgemächern
  Und Nesseln in deines Königs Palast.
  Weh! Gesunken sind all deine Mauern,
  Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen
  Das ewige Herz deines Heiligtums.

ZEDEKIA:

Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern!

JEREMIAS (immer frenetischer):

  Alles Haupt ist geschoren,
  Aller Bart ist geschnitten,
  In Säcken gehen die Mütter und reißen
  Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen:
  Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter?
  Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen
  Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten,
  Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare,
  Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht.
  Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle,
  Und die Schakale der Wüste sind satt.

ZEDEKIA:

Schweig still! Schweig still! Du lügst!

JEREMIAS:

  Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte,
  In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp?
  Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten,
  Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden,
  Sie fassen dich an und fassen dich doch!
  Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers,
  Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise,
  Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde
  Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann.

ZEDEKIA:

Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn!

JEREMIAS (aufklagend):

  Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind,
  Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden,
  Oh wehe, daß ich dich so schauen muß!
  Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens,
  Sie blecken die Zähne und lachen betulich:
  »Ei, wie haben wir diese erniedrigt,
  Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne!
  Das ist der Tag, des wir haben begehret,
  Wir habens erlanget,
  Wir habens erlebt!«

ZEDEKIA (zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten):

Schweige, du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst!

JEREMIAS:

  Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt,
  Wiege der Völker und Kleinod der Welt.
  Wer wird dich rühmen, wer findet dich?
  Eine Sage der Zeiten bist du geworden,
  Fabel und Sprichwort unter den Völkern,
  Oh, ich sehe ...

ZEDEKIA:

Nichts wirst du sehen, du Rasender du!

JEREMIAS:

  Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod,
  Ich sehe ...

ZEDEKIA (ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn):

Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden!

JEREMIAS (wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann
plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase):

  Mich?!
  Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein!
  Anders hat Gottes Entschluß bestimmt!
  Wohl wird einer geblendet sein,
  Ehe der Tag noch sein Ende nimmt,
  Doch jener, der längst schon verblendet war,
  Als sein Auge noch blickte und sah: --
  Höre mich, König Zedekia!

    (ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.)

JEREMIAS (mit beiden Fäusten auf ihn zu):

  Dich
  Werden sie fassen, des Königs Knechte
  Im Hause Gottes, das du verstört,
  Sie reißen die Rechte
  Dir los vom Altar,
  Daran sie zur Hilfe verklammert war!
  Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert,
  Umtun deine Arme mit eisernen Flechten
  Und schleppen
  Und schleifen dich über die Treppen,
  Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen
  Jenem entgegen,
  Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen
  Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen!

    (ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.)

JEREMIAS:

  In die Knie
  Knicken sie dich und stoßen dich sie,
  Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein,
  Vier Hände halten den Blendstahl hinein.
  Heiß
  Frißt die Hitze
  Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze.
  Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß!
  Und dann
  Fassen dich rauh ihre Fäuste an,
  Zischend und rauchend
  Tauchen
  Sie die Nacht dir in dein Auge hinein.

ZEDEKIA (aufschreiend und sich an die Augen greifend, wie ein
Geblendeter):

Weh!

JEREMIAS:

  Doch eh
  Dir noch in einer brennenden Gischt
  Von Blut und Tränen dein Blick verlischt,
  Mußt du noch sehn
  Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn!
  Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten,
  Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten,
  Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert
  In den ersten! den zweiten! den letzten fährt!
  Du siehst,
  Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt,
  Und siehst,
  Eh der rote Stahl dich für immer blendet,
  Wie Israels Stamm und Königtum endet.

ZEDEKIA (der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist,
die Hände flehend aufhebend):

Erbarmen! Erbarmen!

JEREMIAS:

  So wirst du ins ewige Dunkel schrein,
  Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein,
  Denn Gott erhört
  Nie den, der frevelnden Übermutes
  Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört.
  Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen,
  Die blind am Bauche der Erde hinlangen,
  Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten,
  Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten,
  Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind,
  Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind.
  Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen,
  Durchstreifst du fremd dein eigenes Land,
  Und tritt einer nah
  Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar
  Das, was einstens König zu Zion war,
  Dann hebt er die Hand
  Und flucht dir, König Zedekia!

ZEDEKIA (ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem Lager
liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias
mit einem wirren Blicke schauernd an):

Was für eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du
gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe.
Furchtbar sind deine Worte, Jeremias!

JEREMIAS (die Ekstase ist von ihm gefallen, der Glanz in seinen Augen
erloschen):

Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich
und nicht wenden!

ZEDEKIA (erschüttert):

Warum bist du nicht früher vor mich getreten?

JEREMIAS:

Ich war immer zur Stelle. Doch du fandest mich nicht.

ZEDEKIA:

Es muß so Gottes Wille gewesen sein! (Schweigen. Dann steht Zedekia
langsam auf und geht auf Jeremias zu): Jeremias, höre mich an -- ich ...
glaube dir! Furchtbareres hast du gekündet, denn je gekündet ward einem
König in Israel, und doch -- ich glaube dir. Mit Schauer hast du mein
Herz geschlagen, und doch, ich ward dir nicht gram. Es möge kein Streit
mehr sein zwischen uns im Schatten des Todes. Geh hinab, woher du
gekommen, nicht soll es dir fehlen an Zehrung, das letzte Brot meines
Tisches will ich teilen mit dir. Und niemand wisse um unsere Zwiesprache
denn Gott allein.

    (JEREMIAS wendet sich zum Gehen.)

ZEDEKIA (gequält):

Jeremias! Muß es denn sein? Oh, Jerusalem, mein Jerusalem! Kannst du es
nicht wenden?

JEREMIAS (düster):

Es muß sein! Nichts vermag ich zu wenden. Verkünden ist mein Amt. Wehe
den Ohnmächtigen!

ZEDEKIA (schweigt, dann von innen):

Jeremias, ich habe es nicht gewollt! Ich mußte Krieg künden, aber ich
liebte den Frieden. Und ich liebte dich, weil du ihn gekündet hast.
Nicht leichten Herzens hab ich den Harnisch genommen, es war Krieg vor
mir unter Gottes Angesicht und wird auch nachdem sein. Viel habe ich
gelitten, sei dessen Zeuge zu seiner Zeit. Und sei bei mir, wenn dein
Wort sich erfüllt.

JEREMIAS (ergriffen):

Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia!

(JEREMIAS wendet sich langsam, abgekehrten Gesichtes von ihm. Er ist
schon bei der Türe, da ruft noch einmal:)

ZEDEKIA: Jeremias!

    (JEREMIAS wendet sich.)

ZEDEKIA:

Tod ist über mir, und ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir
geflucht, Jeremias -- nun segne mich auch, ehe wir scheiden.

JEREMIAS (zögert, dann schreitet er feierlich zurück und hebt die Hände
über des Königs Stirn):

Der Herr segne dich und behüte dich auf allen deinen Wegen. Er lasse dir
leuchten sein Angesicht und gebe dir den Frieden.

ZEDEKIA (träumerisch verworren nachsprechend):

Und ... gebe ... uns ... den Frieden ...



DAS SIEBENTE BILD

DIE LETZTE NOT

    »Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine
    Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht
    vor Spott und Speichel.«

  Jer. L, 6.


    Auf dem großen Tempelplatze am Morgen des nächsten Tages. Eine
    gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drängt sich wild vor dem
    Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lärmende Flut,
    überschäumt von einzelnen gellen Rufen und Schreien. Die Vordersten
    sind bis zu der Tür gelangt und hämmern an das Tor.

DER TÜRHÜTER (erscheint):

Was wollt ihr noch? Ich habe euch schon gesagt, es wird heute kein Brot
mehr gegeben!

EIN WEIB:

Aber ich habe Hunger! Ich habe Hunger!

EINE ANDERE:

Ein Brot haben sie mir gegeben für meine drei Kinder, klein wie die
Spanne meiner Hand! Sieh her: ganz dürr ist das Mädchen, wie Bast ihre
Finger. (Sie hebt ein Kind empor.)

EINE ANDERE:

Das meine sieh! Das meine! (Sie hebt ihr Kind empor.)

STIMMEN (wild durcheinander):

Ich habe Hunger ... Gib Brot ... Brot ... Brot ... Wir verhungern ...
Brot ... Brot ...

EINER (ist bis zur letzten Stufe emporgeklettert):

Her mit den Schlüsseln, sage ich.

STIMMEN (durcheinander):

Ja ... her mit den Schlüsseln ... Sperrt auf ... Die Schlüssel ...
Ja ... ja ...

DER TÜRHÜTER (den Emporgeklommenen vor die Brust stoßend):

Zurück! Befehl des Königs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, und
dann die Speicher zu schließen.

EINE STIMME:

Mir hat man keines gegeben!

ANDERE STIMMEN:

Mir auch nicht ... mir auch nicht ... Man hat mich vergessen ... mich
auch ... warum mir keines?

EINE FRAU:

Wie ein Goldstück war meines, und ich habe ein Kind an der Brust.
Gerechtigkeit!

EINE ANDERE:

Sand war in meinem, Kies und Sand!

EINE ANDERE:

Es sind nicht die gleichen Brote wie vordem! Falsch teilt man uns zu!
Gerechtigkeit!

DER TÜRHÜTER:

Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist gerecht.

EINE STIMME:

Wo ist er?

ANDERE STIMMEN:

Ja, wo ist er? Wir wollen ihn sehen!... Wo ist er ... er soll uns Rede
stehn ... Heraus mit ihm ... Er bestiehlt uns ... wo ist er ...

EINE STIMME (aufreizend, grell):

Zu Hause sitzt er und mästet die Seinen. Kringel und Kuchen backen sie.

EIN ANDERER:

Ja, sie haben alles beiseite geschafft, die Reichen!

ANDERE:

Und wir sollen hungern ... nein! nein!... Sie bestehlen uns ... Brot für
die Armen ... Brot ... Brot ...

DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME:

Beim Könige sind die goldenen Schüsseln voll mit Wildbret und Leckerei.
Den Hunden werfen sie im Palast lieber die Reste vor als unseren
Kindern.

EINE STIMME:

Das ist nicht wahr.

ANDERE STIMMEN:

Ja ... ja ... ich habe es selbst gesehen ... meine Schwester sagt es
auch ... Wo ist Nachum ... Vorwärts ... Hinauf ... Brot ... Brot ...
Verschwunden sind sie jetzt alle ... Brot ... Brot ...

    (DIE STIMMEN schwellen allmählich zu einem einzigen gewaltigen
    Schrei »Brot! Brot!« an. Die Menge flutet die Treppen in steigender
    Erregung hinauf, die Vordersten wollen schon den Türhüter greifen
    und hämmern mit ihren Fäusten an die verschlossene Tür.)

    (DER TÜRHÜTER hat in ein Horn gestoßen. Aus dem Palast eilt sofort
    ABIMELECH mit einigen Kriegsknechten herbei.)

ABIMELECH:

Fort!... Stoßt sie zurück ... Hinunter die Treppen ... hinunter ... Raum
vor dem Palast.

    (DIE MENGE flüchtet, gestoßen von den umgekehrten Lanzen, hinab in
    panischem Tumult.)

DIE STIMMEN (durcheinander):

Wehe ... Er hat mich geschlagen ... Sie töten uns ... Wehe ... Wo ist
mein Kind ... Weh ... Gewalt ... Zu Hilfe!

    (DIE MENGE hinabgedrängt, wogt unten in zorniger Erregung.)

ABIMELECH:

Seid ihr rasend! Der Feind wirft sich wider uns. Vor dem Walle stehe ich
seit morgens gegen seinen Ansturm, und derweil brecht ihr hier vor? Was
wollt ihr, Rotte?

DIE STIMMEN:

Brot ... Wir haben Hunger ... Brot ... Unsere Kinder verhungern.

ABIMELECH:

Jedem ist Brot zugeteilt.

DIE STIMMEN:

Mir nicht ... Man hat mich vergessen ... Nicht genug ...

ABIMELECH:

Der Feind berennt die Stadt! Spannt den Riemen enger. Kriegszeit ist
jetzt.

DIE STIMMEN:

Nicht genug ... Wir haben Hunger ...

ABIMELECH:

So hungert! Ihr könnt hungern, wenn wir bluten! Erst die Stadt, dann
ihr! (Aufmunternd): Es lebe Jerusalem!

EINE EINZIGE STIMME (aus der Menge, schwach):

Es lebe Jerusalem!

DIE AUFREIZENDE STIMME (grell):

Wer ist Jerusalem? Hat es Magen und Blut? Steine und Mauern sind nicht
Jerusalem. Wir sind Jerusalem!

DIE MENGE:

Ja! Wir sind Jerusalem ... wir wollen leben ... wir wollen nicht
verhungern ... Meine Kinder sollen leben ... Was ist mir Jerusalem?
Brot ... Brot ...

ABIMELECH (aufstampfend):

Ruhig, Volk! In die Häuser mit euch! Was steht ihr müßig auf dem Markt
statt an der Mauer! Es ist Krieg jetzt.

EIN WEIB:

Warum ist Krieg?

VIELE STIMMEN:

Ja, warum? Warum ist Krieg? Machen wir Friede ... Friede ... Friede ...
Brot ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

War uns nicht wohl unter Nabukadnezar, war sein Joch nicht sanft, und
linde unsere Tage?

VIELE STIMMEN:

Ja ... ja ... Friede mit ihm ... Friede ... Ja ... ja ... Endet den
Krieg ... Nieder mit dem Krieg ... Fluch dem, der ihn begann ...

EIN WEIB:

Zedekia hat ihn gewollt um der Ägypter willen ...

STIMMEN:

Ja ... Er hat uns verkauft ... Unsere Räte haben uns verraten ...
Zedekia hat uns verraten ... er hat sich verkrochen bei seinen Weibern.

ABIMELECH:

Wer wagt, den Gesalbten des Herrn zu schmälen? Der Erste ist er im
Kampfe ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Das ist nicht wahr!

ABIMELECH:

Wer sagt, es ist nicht wahr? Er trete vor, der Verleumder, ich will ihn
vor mein Schwert. Wer hat es gesagt?

    (DIE MENGE schweigt.)

ABIMELECH:

Hütet euch vor den Verleumdern! Und jetzt in die Häuser, und wer Kraft
hat, an die Wälle.

STIMMEN (von rückwärts):

Nachum ... Nachum ... da ist er.

DIE MENGE (verteilt sich, flutet gegen Nachum, den sie umringt):

Nachum, guter Nachum ... Gib uns Brot ... Brot ... Brot ... Du bist der
Gerechte ... Nachum ... Hilf uns ... Guter Nachum ...

NACHUM (sich losringend):

Laßt mich los! Gebt mich frei!

DIE MENGE (hinter ihm die Treppen emporwogend):

Nachum, Nachum ...

ABIMELECH:

Zurück mit euch!

    (DIE KNECHTE heben die Speere, die Menge bleibt schreiend unten.)

NACHUM:

Was wollt ihr von mir?

EINE STIMME:

Die Speicher schließ auf!

NACHUM:

Sie sind leer. Jedem ein Brot des Tages, das muß reichen.

DIE STIMMEN VON FRÜHER:

Ich habe keines bekommen ... ich auch nicht ... tu auf die Speicher ...
tu auf die Speicher ...

NACHUM:

Die Speicher sind leer.

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Wir wollen sie sehen.

VIELE STIMMEN:

Ja, wir wollen sie sehen ... ich glaube es nicht ... es ist nicht
wahr ... mit unseren Augen wollen wir es sehen ... schließe sie auf ...
wir wollen selbst sehen ... ja ... ja ... schließe auf ... ich glaube es
nicht ...

NACHUM:

Ich schwöre euch ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Wir glauben nur, was wir sehen. Zuviel hat man uns gelogen.

VIELE STIMMEN:

Ja ... alle haben uns belogen ... die Priester ... Ja, alle ... der
König ... Her mit den Schlüsseln ... Alle haben sie Lügen gesagt ...
Sieg haben sie verkündet.

ANDERE STIMMEN (immer stärker ausbrechend):

Wo sind die Ägypter ... Wir wollen sie sehen ... Zedekia hat sie
verheißen ... Wo sind die Wunder ... Wo sind sie ... wo ... Brot ...
Brot ... Her mit den Schlüsseln ... Brot ... Her mit den Schlüsseln ...

    (DIE MENGE ist wieder mächtig aufgewogt gegen die Treppen. Sie
    bedrängen Nachum und suchen ihm die Schlüssel zu entreißen.)

NACHUM:

Zu Hilfe! Zu Hilfe!

ABIMELECH (dreinschlagend mit seinen Knechten):

Hinunter, ihr Rotte! Hinunter! Hinunter!

EINE STIMME:

Wehe, ich bin getroffen!

VIELE STIMMEN:

Wehe ... mein Kind ... er hat mich geschlagen ... Mörder ... Mörder ...
Wehrlose schlagt ihr ... Sie morden uns ... Mein Kind ... Wehe ...
Gewalt ...

EIN WEIB (sich das Gewand aufreißend):

Hier hat er mich getroffen! Ich blute! Ich blute! Seht her!

DIE MENGE (die zurückgeworfen ist, stößt Wutschreie aus):

Rache ... Nieder mit ihnen ... nieder!

ABIMELECH:

Zum letztenmal! In die Häuser mit euch! Räumt den Platz, oder ich fasse
das Schwert!

DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME:

Unser ist der Markt, unser die Stadt!

VIELE STIMMEN:

Ja, wir bleiben.

EIN WEIB:

Ich bleibe, bis der König kommt.

STIMMEN:

Ja ... ja ...

DAS WEIB:

Mein Kind werfe ich ihm vor die Füße. Er soll es nähren. Ich weiche
nicht, ehe ich nicht Brot habe.

ANDERE:

Ich bleibe ... wir warten ... ich weiche nicht ... ich bleibe.

EINE STIMME (von rückwärts durch das Gedränge):

Abimelech, wo ist Abimelech?

ABIMELECH:

Hier bin ich!

DIE MENGE:

Dort ist er, der Verruchte ... der Mörder ...

DER BOTE:

Zu Hilfe, Abimelech ... Am Tore Moria sind sie eingedrungen.

    (DIE MENGE stößt einen Schreckensschrei aus.)

ABIMELECH (mit dem Schwert sich durchschlagend):

Platz, Gesindel! Fort! Raum! (Er schlägt sich durch eine Gasse von
Entsetzen und Schreien mit dem Schwerte durch.)

    (DIE MENGE wird jetzt im Entsetzen zu einem einzigen, gewaltig
    tönenden Chaos. Während sie früher in einer Richtung, einem Willen
    drängte, wirren die einzelnen jetzt durcheinander, strömen zu,
    flüchten und kommen. Es ist ein brodelndes Geschwirr von Worten,
    Schreien und Bewegungen in ihnen, das in seinen hundertfachen Formen
    ein einziges ausdrückt: grenzenlose, sinnlose, ziellose Angst,
    ratloses Entsetzen.)

STIMMEN AUS DER MENGE:

Bei Moria sind sie ... Wir sind verloren ... jetzt ist es zu Ende ...
wohin ... Meine Frau ... meine Kinder ... Wehe ... wehe ... Wo bist
du ... Gottes Tod über uns ... In den Tempel ... Elia ... Elia ...
Gott errette uns ... Wo sich bergen ... Wehe ... wehe ... Was sollen wir
tun ...

EINE STIMME:

An die Mauern ... Alles an die Mauern ...

STIMMEN:

Ja ... nein ... An die Mauern ... Elia ... Wohin ...

    EINE GRUPPE löst sich ab und eilt fort, andere Gruppen strömen
    wieder her, eine flutet heran und ruft mit einzelnen

STIMMEN:

In den Tempel ... In den Tempel ... Gott muß uns helfen ... Die
Bundeslade ... Die Bundeslade ... Traget sie vor ...

ANDERE STIMMEN:

In den Tempel ... Wo sind die Priester? Wehe, wo sind sie? Wo sind sie?
Verschlossen die Türen!

EINER (hereinstürmend):

Verrat! Der König ist geflohen! Wir sind verloren!

    (DIE MENGE bricht in einen Schrei wütenden Entsetzens aus.)

STIMMEN:

Verraten sind wir ... verloren ... Wo ist der König ... wo sind die
Priester ... wo Hananja ... verraten ... Verschlossen die Türen ... wir
sind verloren ... wohin ... sie haben uns belogen ... Rache ... Rache ...
sie lassen uns ermorden ... Wehe, wer rettet uns ... Wer rettet uns ...
Tod über uns ... Die Chaldäer ...

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Fluch dem Könige!

STIMMEN (im Wutgeschrei):

Fluch! Fluch!

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Fluch den Priestern! Fluch den Profeten! Alle haben sie uns belogen!

DIE MENGE:

Fluch! Fluch!

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Sie haben geschlagen, die warnten und rieten ...

EINE STIMME:

Geschlagen Jeremias!

ANDERE STIMME:

Ja! Er hat es gesagt! Jeremias ... Jeremias ...

ANDERE STIMMEN:

Er hat gewarnt ... Friede hat er gefordert ... gedenket ihrs noch ...
ja ... Ich habe es gehört ... Ja ... ja ... Hier hat er es gesagt ...
ja ... ja ... Er ist der Profet ... immer wurde sein Wort Wahrheit ...
Ja ... ja ... ja ... Er hat alles gekündet.

ANDERE STIMMEN:

Wo ist er ... Jeremias ... rufet ihn her ... Jeremias ... wo ist er ...
er soll uns raten ... ja ... ja ... er hat stets das Rechte gewußt ...
er wird uns helfen ... Wo ist er ... wo ist er ...

EINE STIMME:

In den Düngerhaufen haben sie ihn versenkt, hier im Palast.

    (DIE MENGE bricht in ein Wutgebrüll aus.)

STIMMEN:

Wir müssen ihn befreien ... ja ... ja ... er wird uns erretten ...
sprengt seine Gruft ... ja ... heraus mit ihm.

ANDERE STIMMEN:

Die Tore auf ... Jeremias ... Jeremias ... Oh, er ist der Befreier. Gott
hat ihn gesandt ... Wo ist er ... Jeremias, du Gottesknecht ...
Erlösung ... Erlösung ...

ANDERE:

Schlagt die Lügner und Profeten ... Er ist der Wahre, er hat es
verkündet ... ja ... ja ... jedes Wort ist Wahrheit geworden ... Gottes
Gnade war über ihm ... Gib das Beil ... die Latte gib her ... wir müssen
ihn befreien ... hinauf ... Jeremia!... Jeremia!... Er soll König
sein ... Wo ist er ... oh Helfer, Erretter, oh Trost, oh Tröster ...

    (DIE MENGE hat ihre Stimmen zu dem einzigen glühenden Schrei
    »Jeremias, Jeremias« zusammengefaßt, in dem sich ihre Wut, ihre
    Hoffnung und Angst vereint. Ihre Flut ist die Treppe wieder
    hinaufgeschäumt, mit Brettern und Hämmern und den Fäusten schlagen
    sie gegen das verschlossene Tor. Endlich wird zögernd aufgetan.)

DER TÜRSTEHER:

Was wollt ihr?

DIE MENGE:

Fort! Jeremia! Jeremia! (Sie stoßen ihn zur Seite.)

DER TÜRSTEHER:

Hilfe! Hilfe! (Sein Schrei wird mit ihm selbst fortgerissen, ein Teil
der Masse flutet schwarz durch die Tür, man hört dumpf das Sprengen von
Türen, das Schlagen von Äxten.)

    (DIE MENGE unten beobachtet in wilder Ekstase und Ungeduld das
    Geschehen.)

STIMMEN:

Hinein!... Hinein!... Ganz unten haben sie ihn verscharrt ... sie hatten
Furcht vor ihm ... die Hunde ...

STIMMEN:

Oh, ein Heiliger ist er ... ein Gesandter des Herrn ... Oh, Jeremia ...
er wird uns erretten ...

EIN WEIB (in Ekstase):

Er hat die Hände gebreitet und gerufen: Friede! Gottes Flamme war auf
seinen Lippen und seine Stirne hell wie von Engelsgeleucht. Oh, er wird
uns erlösen!

EINE ANDERE:

Er wird seine Hand ausrecken wider die Feinde, und Aussatz wird über sie
fallen. Oh, seine Füße zu küssen, des Heiligen, der für uns gelitten!

EINE ANDERE:

Gegeißelt haben sie ihn ... wie Balsam sind für uns seine Wunden ... ich
will knien vor ihm in den Staub ...

DIE ERSTE:

Heilig ... heilig ... heilig ist er, Jeremia!

STIMME (von oben):

Seile ... Bringt ein Seil ... daß wir ihn heben!

DAS WEIB:

Oh, er naht! Rettung naht, wir werden leben, mein Kind! Der Heilige
naht.

DIE ANDERE:

Daß ich doch schon schauen könnte sein seliges Antlitz. Leuchten wird
davon Jerusalem.

    (JUBELGESCHREI von oben aus der Tiefe.)

DIE MENGE UNTEN:

Sie haben ihn gefunden!... Rettung ... Rettung ... Gottes Gnade ...
Jeremia ... Jeremia ...

DAS WEIB:

Oh, ihn schauen, ist schon genesen, mein Herz brennt loh, ihn zu sehen!
Oh, du Heiliger, du Erlöser, nahe deinem Volke, nahe deinen Mägden,
rette, rette Jerusalem! Gehe auf, du Sonne unserer Nacht, erglühe, du
Stern unseres Dunkels! Rette! Rette Jerusalem!

DIE MENGE (wild ekstatisch):

Jerusalem!... Rette die Stadt ... Jeremia ... Jeremia ...

DAS WEIB:

Er naht! Oh, ich sehe ihn, ich sehe, ich sehe sein seliges Antlitz. Wie
die Sonne ist es zu schauen, da sie über den Libanon steigt. Oh, sieh
nieder, du Gebenedeiter! Sieh nieder auf unser Elend! Hebe uns auf!

    (DIE MENGE hat unter wildem Getöse Jeremias im Triumph aus dem Tore
    geschleppt. Er steht an der obersten Stufe, die Augen verhüllend vor
    dem Licht, das so plötzlich auf ihn eindringt. Um ihn tost die
    Ekstase der Menge.)

STIMMEN:

Heiliger! Meister!... Samuel ... Elia ... Elia ... Oh, Verkünder ...
Jeremia ... errette ... errette uns ... Jeremia ... König ... Gesalbter
du ... Jeremia ... Höre ihn, Israel ... Jeremia ...

DAS WEIB (zu seinen Füßen sich werfend):

Was verhüllst du dein Antlitz? Labsal ist dein Blick! Oh, sieh,
Gesegneter, auf das Kind, damit es genese, sieh auf uns, daß wir
auferstehen vom Tode!

JEREMIAS (langsam die Hände von den Augen nehmend. Er ist sehr ernst und
düster, wie er in die wilde Erwartung blickt):

Fremd ist das Licht meinen Augen, es brennet mich, und ungewohnt diese
Liebe meiner Seele: auch sie brennet mich! Was heischt ihr von mir?

DIE MENGE:

Heiliger ... Jeremias ... rette uns ... Gesalbter ... rette die Stadt ...
Unser König sei ... tue ein Wunder ...

JEREMIAS:

Ich verstehe eure Worte nicht. Was wollt ihr von mir?

DIE MENGE (chaotisch durcheinander):

Moria ... die Burg ... rette Jerusalem ... ein Wunder ... wir sind
verloren ... Unser Hort bist du ... errette uns ... rette Jerusalem ...

JEREMIAS:

Einer rede, nicht alle!

DAS WEIB (hinstürzend zu seinen Füßen):

Heiliger! Gesalbter Gottes, Stern unserer Hoffnung, tu auf deine Hände,
die gebenedeiten! Rette uns, rette uns, rette Jerusalem! Was du
geschaut, hat sich erfüllet, die Chaldäer sind über uns!

EINE STIMME:

Sie stürmen die Mauer von Moria!

EINE ANDERE STIMME:

Unsere Männer sind geschlagen ...

EINE ANDERE STIMME:

Vor dem Tempel schon kämpfen sie.

EINE DRITTE STIMME (verzweifelt):

Rette, rette Jerusalem!

DIE MENGE (frenetisch):

Rette, rette Jerusalem!

    (JEREMIAS bleibt unbeweglich und birgt sein Gesicht in den Händen.)

DAS WEIB:

Wir wollen dich rächen an deinen Feinden, mit den Nägeln zerreißen das
Antlitz deiner Widersacher. Aber erbarme dich unser, erbarme dich! Unser
Hort bist du und unsere Hoffnung.

EINE STIMME:

Wer errettet uns, wenn nicht du?

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Die Priester haben uns verraten, der König uns verkauft.

JEREMIAS (auffahrend):

Das ist nicht wahr! Was schmäht ihr den König?

STIMMEN:

Er hat uns verlassen ... Wo ist er ... warum hilft er nicht ... er ist
geflüchtet ... er ist geflohen ...

JEREMIAS (stark):

Das ist nicht wahr.

STIMMEN:

Es ist wahr ... Sie haben uns in diesen Krieg geführt ... sie haben uns
geopfert ... Wir haben diesen Krieg nicht gewollt ... Friede wollten
wir ... Friede ... Mache Friede mit ihnen ... Friede ... Friede ...

JEREMIAS:

Spät wollt ihr den Frieden! Was werft ihr Blutes Schuld von euch fort
auf den König? Auch ihr habt diesen Krieg gewollt.

STIMMEN:

Ich nicht ... nein ... ich nicht ... ich nicht ... Der König hat ihn
gewollt ... ich nicht ... keiner von uns ...

JEREMIAS:

Alle habt ihr ihn gewollt, alle, alle! Wankelmütig sind eure Herzen und
schwanker denn Rohr. Die jetzt Friede schreien, hörte ich toben nach dem
Kriege, und die jetzt den König schmähen, jauchzeten ihm zu. Wehe, du
Volk! Doppelzüngig ist deine Seele, und jeder Wind wendet deine Meinung!
Ihr habt gehurt mit dem Kriege, nun traget seine Frucht! Ihr habt
gespielt mit dem Schwerte, nun fühlet seine Schärfe. Wider euch schlaget
mit den Fäusten, wider euch mit den Worten!

STIMMEN:

Wehe ... er zürnt uns ... Jeremias ... sieh unsere Not ... hilf uns ...
was sollen wir tun ...

JEREMIAS:

Es tue jeder nach seinen Kräften. Wer ein Schwert fassen kann, fasse das
Schwert und diene mit seinem Blute, und wem der Arm lahmt, der gehe ein
in sein Haus und diene mit seinen Tränen. Aber rottet euch nicht und
murret nicht!

DIE MENGE:

Nein ... Rettung ... Hilf uns ... Sieg, gib uns Sieg ... Laß uns nicht
ohne Hoffnung ... Siehe, wir vergehen ... Jerusalem ... rette uns ...
rette Jerusalem ... Heiliger ... Gütiger ... hilf uns ... ein Wunder tu,
laß es nicht geschehen ... ein Wunder ... recke aus deinen Arm, wie
Jesaja tat ... wie Elia ... wie Aaron ... hilf uns ...

JEREMIAS:

Niemand kann helfen, so Gott euch nicht hilft.

DIE AUFREIZENDE STIMME:

Gott hat uns verlassen!

DIE MENGE:

Ja ... Gott hat uns verlassen ... wo ist er ... wo ist der Bund, den er
geschlossen mit uns ... Gott hilft nicht ...

JEREMIAS (zornig):

Was zischt ihr wider Gott aus eurem Elend, ihr Gewürm der Erde, wollt
ihr, daß er euch zertrete mit seiner Ferse? Da er euch gnädig war,
brüstetet ihr euch mit seiner Liebe und prangertet mit seiner Güte, und
meinet ihn nun wegspeien zu dürfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein
Volk seid ihr. Stein ist eure Stirne und eine eiserne Ader euer Nacken,
aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Stärke, beuget
euch, beuget euch, ehe ihr zertreten werdet!

STIMMEN:

Wehe ... wie unbarmherzig ... er verläßt uns ... nur Worte gibt er ...
Wir sind verloren ... wer hilft uns ... Nicht harte Worte gib uns ...
ein Wunder tu ... ein Wunder ... ein Wunder ... ein Wunder ...

JEREMIAS:

Wahrlich, ein Wunder wäre vonnöten, euren Starrsinn zu beugen! Noch aus
dem Tod hebt ihr die Stirne, noch aus dem Untergang eure Lästerung!
Wehe, welch ein Volk seid ihr! Ich aber sage euch, beuget euch, beuget
euch! Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlöse -- den Gott erlöset
in euch! Beuget euch, ihr Starren, demütiget euch, ihr Hochmütigen, ehe
ihr zerbrochen werdet!

STIMMEN HERBEISTÜRMENDER:

Sie haben ein Tor gesprengt bei Moria ... Abimelech ist gefallen!

DIE MENGE (wild aufschreiend):

Wehe ... wehe ... (Dann plötzlich mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias
aufschäumend): Höre ... höre ... wir sind verloren ... jetzt hilf ...
tue ein Wunder ... ein Wunder, Profet ... ein Wunder ...

JEREMIAS (verzweifelt):

Was wollt ihr, daß ich tue? Soll ich die nackten Arme recken wider den
Feind ...

DIE MENGE (ekstatisch):

Ja ... ja ... tue also ...

JEREMIAS:

Glaubt ihr denn, daß ich jagen kann, den Gott wider euch sandte?

DIE MENGE:

Ja ... ja ... Du kannst es ... Du kannst es ... Du mußt es können ...
ja ... ja ... alles kannst du ...

JEREMIAS:

Ich kann es nicht, Wahnwitzige! Nichts vermag ich wider Gott!

DIE MENGE:

Du kannst es ... rette Jerusalem ... Du kannst es!... Das Wunder tu ...

JEREMIAS (ausbrechend):

Und wenn ich es könnte wider Gottes Wille, ich täte es nicht. Weichet
von mir, die ihr mich verlockt wider ihn. Zu ihm halte ich und nicht zu
euch, ich streite nicht wider sein Schwert, ich rede nicht wider seine
Rede, ich will nicht wider seinen Willen! Möget ihr euch ihm wehren, ich
beuge mich! Was immer er verhänge, ich beuge mich seinem Willen, ich
beuge mich.

STIMMEN:

Wehe ... nein ... nein ...

JEREMIAS:

Es geschehe, wie er bestimmt. Es erfülle sich sein Wille: wer durch das
Schwert fallen solle, falle durch das Schwert, wen der Hunger schlägt,
durch den Hunger, wen Pest würget, würge die Pest -- sein Wille geschehe,
sein Wille geschehe, ich beuge mich, ich beuge mich! Seine Bitternis
will ich trinken und seine Fäuste fühlen, so es sein Wille ist -- ich
beuge mich.

STIMMEN:

Wehe ... er verleugnet uns ... er verläßt uns ...

JEREMIAS (immer mehr in Ekstase):

Zu ihm halte ich, dem Getreuen, und nicht zu euch, die ihr schwanket. Sein
Wille geschehe und nicht der eure! Herr, tue, wie es dein Wille ist --
ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen möge Jerusalem, so es dein
Wille ist -- ich beuge mich!

    (DIE MENGE bricht in einen Entsetzensschrei aus.)

JEREMIAS:

Fallen möge dein heiliges Haus, so es dein Wille ist -- ich beuge mich!

    (AUS DER MENGE zucken wilde Wutschreie.)

JEREMIAS:

Fallen mögen die Türme, zerstieben das Volk und sinken sein Name,
Schmach möge stürzen auf meinen Leib und Marter auf meine Seele, so es
dein Wille ist -- ich beuge mich, Herr, ich beuge mich!

DIE MENGE:

Er ist rasend ... Nieder mit ihm ... Er ist toll ... Wehe ... Er
verflucht uns ... Schweige ... Verräter ... Wehe ...

JEREMIAS (ganz in Ekstase):

  Was immer du tust, ich beuge mich.
  Ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
  Ström nieder auf mich mit all deinen Schauern,
  Ich tu mich dir auf, ich sperr mich nicht ab,
  Brich ein in mein Herz, brich ein in die Mauern,
  Wirf nieder die Tore, die tödlich umstürmten,
  Verbrenn deinen Altar, den blutig beschirmten,
  Verstoße dein Volk und verstoße auch mich --
  Ich bleib dir doch treu in Tiefe und Trauer,
  Denn mein Herz beherbergt dich ewiglich!

DIE MENGE (ihn wild umstürmend):

Verräter ... Er betet um unsern Tod ... Er verflucht uns ... Steiniget
ihn ... steiniget ihn ...

JEREMIAS (noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme über der
dunkel schwelenden Masse):

  Herr, tue an mir, wie dir es gefällt.
  Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit,
  Herr, ich bin allem Leiden bereit!
  Gieß aus deines Zornes fressende Lauge
  In meine Seele -- sie wird dich nicht lassen,
  Zerbrich meine Hände, verschließ meine Augen --
  Ich werde dich schauen, ich werde dich fassen.
  Sinn aus das trächtigste Maß deiner Leiden,
  Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit!
  Und je mehr du mir Leiden und Martern gibst,
  Um so mehr will ich künden, daß du mich liebst!
  Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt,
  Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt,
  Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte,
  Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte,
  Ich will segnen den Tod, den dein Wille entsandte,
  Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte,
  Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach,
  Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach,
  Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
  Was immer du sendest, ich lobe dich,
  Herr, höre mein Wort und erprobe mich!

DIE MENGE (in Wutschreien ihn unterbrechend):

Verräter ... steiniget ihn ... er segnet unsere Feinde ... er betet für
unsere Feinde ... Steiniget ihn ... Fluch wirft er über uns ...
Lästerer ... Steiniget ihn ...

DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME (alle überkreischend):

Kreuziget ihn! Kreuziget ihn ...

DIE MENGE (die Stufen emporschäumend in wildem Schrei):

Ja ... ans Kreuz ... kreuziget ihn ... Gotteslästerer ... Verräter ...
steiniget ihn ... kreuziget ihn ...

JEREMIAS (die Arme auftuend zur Kreuzgebärde, in äußerster Ekstase):

  Dein Wille geschehe! Kommt her! Kommt her!
  Die Lanze rammt mir ein und den Speer,
  Oh, geißelt nur, speit und beschmähet mich,
  Zum Kreuze schleppt und erhöhet mich,
  Zerreißt meine Hände, zerbrecht mein Gebein, --
  Ich will ja nur für euch alle und alle
  Vor Gott das selige Sühnopfer sein.
  Oh, faßt mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm,
  Vielleicht sieht sein Auge mit Wohlgefallen
  Mein brennendes Herz und erbarmet sich
  Und rettet und rettet Jerusalem!

    (DIE MENGE schäumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere
    werfen sich ihnen entgegen und versuchen, ihn zu befreien.)

STIMMEN:

Ans Kreuz ... steiniget ihn ... Er lästert Gott ... Kreuziget ihn ...
Fluch Jeremias ... Kreuziget ihn ...

ANDERE STIMMEN:

Laßt ... Der Geist Gottes ist über ihm ... Er rast ... laßt ab ...

ANDERE STIMMEN:

Ans Kreuz ... Ans Kreuz ... Er hat uns verflucht.

JEREMIAS (im Tumult, die Hände kreuzgebreitet):

  Was zögert ihr noch? Den seligen Preis
  Des Martertods, ich will ihn bezahlen!
  Oh, wie dürstig bin ich der Martern und Qualen,
  Denn ich weiß,
  Der am Kreuze hinstirbt in irdischer Pein,
  Wird der selige Mittler und Fürbitter sein.
  Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen,
  Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen,
  Seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen,
  Das erlösende Wort des Friedens aussprechen,
  Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden,
  Seine Qual die ewige Liebe auf Erden.
  Oh, sein Tod ist Leben, sein Leiden Vergeben,
  Nur sein Fleisch kann sinken, sein Leib kann zerfallen,
  Doch seine Seele wird flügelnd mit allen
  Sünden der Menschen zu Gott aufschweben
  Und dort der Bitter und Bote sein!
  Oh, daß ich es wäre, oh, daß ich es würde,
  Meine Seele verzehrt und verlodert sich!
  Auflegt mir das Kreuz! Aufhäuft mir die Bürde!
  Kreuziget mich! Oh, kreuziget mich!

    (DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefaßt und schleift ihn mit
    sich. Sie schlagen auf ihn ein.)

STIMMEN:

Kreuziget ihn ... Ans Kreuz ... Er hat sie gerufen ... er ist der
Feind ... Kreuziget ihn!... steiniget ihn ...

    (Flüchtige kommen in diesem Augenblick von rückwärts gestürmt in
    wahnsinniger Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und
    gebärden sich wie Tolle.)

WILDE STIMMEN:

Die Mauer ist gefallen ... Die Feinde sind in der Stadt ... Die Chaldäer
über uns ... Verloren ... Israel ist verloren ...

NEUE FLÜCHTIGE:

Abimelech ist tot ... Alles ist verloren ... Jerusalem ist gefallen ...
Rettet euch ... Die Chaldäer ...

NEUE FLÜCHTIGE (in vollem Lauf):

Sie sind hinter uns ... Zum Tempel ... Alles ist verloren ... Wehe ...
Israel ... Israel ... Wehe! Israels Ende ... verloren Jerusalem!

    (DIE MENGE stiebt in furchtbarem Entsetzensschrei auseinander. Sie
    lassen Jeremias und stürzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze
    Stadt dröhnt von Geschrei und Getöse wirrer Verzweiflung und
    Flucht.)



DAS ACHTE BILD

DIE UMKEHR

    »Oh, daß Hiob versuchet würde bis ans Ende.«

  Hiob XXXIV, 36.


    Ein weitläufiges kellerartiges Gewölbe, dessen Läden verschlossen
    und dessen Türen verrammelt sind. Feuchtes Grau füllt die Tiefe des
    unterirdischen Raumes. Wie Gewürm, dunkel und verstrickt, kauern und
    liegen Flüchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis
    zusammengetan, der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut
    liest; rückwärts liegt, von einer Frau behütet, ein Verwundeter.

    Abgesondert von ihnen, auf einem Stein und selbst reglos wie er in
    Fels erstarrt, sitzt gebückt JEREMIAS, das Antlitz in den Händen
    vergraben. Er ist ganz teilnahmslos. Sein Schweigen liegt wie ein
    Block in dem wogenden Murmeln und Widerstreiten der andern.

    Es ist der Tag nach Jerusalems Fall, die Stunde nach
    Sonnenuntergang.

DER ÄLTESTE (liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend zu
den Worten, die er leise und monoton spricht, nur manche Rufe der
Verzweiflung und der Begeisterung ruft er vor, und die andern sprechen
sie im murmelnden Chore mit):

  Höre, oh höre, du Hirte Israels,
  Der du Josefs hütest wie der Schafe,
  Erscheine, der du sitzest über Cherubim,
  Erscheine, erwecke deine Gewalt!

DIE ANDERN UM IHN (mitmurmelnd):

Erscheine, erscheine, Erwecke deine Gewalt!

DER ÄLTESTE:

  Erscheine, du Hirte! Gott, tröste uns,
  Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
  Wie lang willst du zürnen dem betenden Volke,
  Mit Tränen sie speisen, mit Tränen sie tränken?
  Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
  Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!

DIE ANDERN:

Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!

DER ÄLTESTE:

  Du hast aus Mizraim den Weinstock geholet
  Und eingepflanzt in der Heiden Land,
  Du ließest die Wurzeln ihn mächtig ausgreifen,
  Gehügel und Berge deckte sein Schatten
  Und sprossende Reben die Zedern des Tals,
  Doch wehe,
  Die Fremden haben die Reben zerrissen,
  Die wilden Tiere sein Wachsen verderbet,
  Festiglich war er, und wüst ist er nun!

DIE ANDERN:

  Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
  Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!

DER ÄLTESTE:

  Nicht denke der Sünden, so wir begingen,
  Erbarme dich unser, eh wir vergehn,
  Denn dünn und schwank schon sind wir geworden,
  Und der Sturm deines Ingrimms wirft uns zu Tod,
  Nicht denke der Sünden, so wir begingen,
  Gedenke des Bundes, gedenk deines Namens,
  Erscheine, du Hirte! Führ heim deine Herde!
  Erscheine! Erwecke deine Gewalt!

DIE ANDERN:

Erscheine! Erwecke deine Gewalt!

ANDERE (flehentlich):

Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!

DER VERWUNDETE (von rückwärts, der leise gestöhnt hat, jetzt laut
aufschreiend):

Ah! Ah! Ah!... Ich verbrenne ... Legt mir Wasser auf ... ich
verbrenne ... ah ... ah ... ah ... Wasser!

DIE FRAU (neben ihm):

Schweige, Guter, schweige um Gottes Gnade willen! Sie hören uns sonst.

DER ÄLTESTE:

Schweige! Sei stille! Verschließ dich! Du stürzt uns alle ins Verderben.

EIN ANDERER:

Sie töten uns, wenn sie uns entdecken!

DER VERWUNDETE:

Sie sollen mich töten ... ah ... ah ... ich ertrage es nicht ... es
frißt mich das Feuer ... ah ... ah ... Wasser ... Wasser ... gebt mir
Wasser ... ich verbrenne ... Hilfe ... Hilfe!...

EIN MANN:

Wir müssen ihn schweigen machen, er verrät uns.

DIE FRAU:

Nein ... fort von ihm ... mein Bruder ist er ... von der Mauer habe ich
ihn auf meinen Schultern getragen. (Sie kniet bei ihm nieder.) Lieber ...
Lieber ... ich flehe dich an ... versuche zu schweigen ... ich hole
dir Wasser ... da, mein Tuch nimm und klemm es in die Zähne ... so ...
so ...

    (DER VERWUNDETE hat das Tuch sich in den Mund geknebelt. Sein
    Schreien geht in ein dumpfes Wimmern über.)

    (DIE ANDERN, die erregt aufgestanden waren, haben sich wieder
    niedergelassen.)

EINER:

Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Tröstung im Wort.

EIN ANDERER:

Lies weiter! Von der Verheißung lies, von der Verheißung!

ANDERE:

Ja ... vom Gottesknecht ... vom Reis aus Isais Stamm ... die
Verkündigung ... Oh, lies ... sänftige mein Herz ... vom Erlöser lies ...
unsere Herzen dürsten nach dem Tau des Worts ...

    (DER ÄLTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen
    beginnen. Es pocht von außen an eine Türe. Alle fahren zusammen.)

EINE FRAU (ängstlich):

Es hat gepocht!

EINE ANDERE (erregt):

Sie sind da! Sie haben uns ausgespürt!

EIN MANN:

Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern muß es sein. Nur sie kennen
den Gang. Tut ihm auf!

DIE FRAU:

Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schächer sind unter dem Volke. Laßt zu!

DER ÄLTESTE:

Stille! (Er nähert sich vorsichtig der hinter Steinen verborgenen Türe).
Wer ist es?

    (EINE STIMME von außen antwortet.)

DER ÄLTESTE:

Zefanja ist es, der Sohn meines Schwähers, den wir auf Kundschaft
gesandt. (Er schiebt den Riegel auf, ein Mann tritt ein, behelmt und wie
ein Chaldäer gekleidet. Alle stürzen sich um ihn. Nur Jeremias bleibt,
wie der Stein, auf dem er mit gestütztem Arm starrt, reglos und
unbeteiligt.)

ALLE (wild durcheinander):

Was ist geschehen ... Hast du Neter gesehen, meinen Sohn ... Tebia, mein
Weib ... mein Haus, haben sie es verbrannt ... Erzähle ... sprich ... Wo
ist der König ... Der Tempel ... Erzähle, Zefanja ... Mein Gatte,
Ismael ... wo ist er ... Sprich ... Wo ist der Priester ... was geschieht
mit uns ... Erzähle ...

DER ÄLTESTE:

Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen haben den Tag gesehen und
die Stadt!

ZEFANJA:

Besser im Dunkel zu sitzen, anstatt solches zu schauen, besser als
dieses noch, blind sich zu weinen, und am besten tief unten im Schwarzen
zu schlafen zwischen den Wurzeln der Bäume und den Eingeweiden der Erde.
Ein Acker der Toten ist Davids Stadt geworden, Schutt und Kehricht
Salomos Burg.

ALLE:

Wehe ... Jerusalem ... wehe ... wehe ...

ZEFANJA:

Wie Kot liegen unserer Brüder Leichen auf den Gassen, und selbst den
Toten noch rauben sie das Kleid. Aus den Gräbern haben sie das Gebein
des Königs Judas gerissen und geworfelt um den Purpur Salomos aus
seinem Sarge. Sie haben die Brote gegriffen vom heiligen Tisch und die
Leuchter geraubt von den Wänden.

DER ÄLTESTE (sein Kleid zerreißend):

Ich will nicht mehr leben! Oh, könnt ich mein Innres zerreißen wie dies
mein Gewand!

STIMMEN:

Wehe ... wo ist Gottes Kraft ... der Bund ... die Verheißung ... wo sind
unsere Führer ... Nachum ... wo ist Jochan ... verloren, verloren ...
Jerusalem ... mein Gatte ... wen sahest du ...

ZEFANJA:

Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich für alle. Es sieht keiner
Gottes Morgen mehr von den Edlen der Stadt.

ALLE:

Wehe ... Sie alle ... es ist nicht möglich ... Was ist mit Abodassar ...
Jojakim, auch er ... Hedassar ... Imre ... mir sage, mir ... Nachum ...

ZEFANJA:

Nicht fraget mich ... ihr Leiden ist gewesen und ihre Seelen bei Gott.

ALLE (durcheinander):

Und sage, auch Nachum ... antworte ... die Kinder des Königs ...
Absalon, mein Schwäher ...

ZEFANJA:

Es ist keiner am Leben. Wer nicht fiel an der Mauer, den erwürgten
Nabukadnezars Schlächter. Keiner lebet mehr, denn Zedekia.

STIMMEN:

Zedekia lebet ... Warum ihn geschont ... warum gerade ihn ... Ein
Verräter ist er ... Warum Gnade ihm, wenn den andern Tod ... warum ihm
Schonung?

ZEFANJA:

Ehrfurcht vor dem Könige! Ehrfurcht vor seinem Leide.

STIMMEN:

Was ist mit ihm ... ist er gefangen?...

ZEFANJA:

Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, daß sie sich sammelten
im Gebirge und den Kampf erneuerten wider Assur. Aber jene jagten ihnen
mit Wagen nach und faßten ihn und schleppten ihn vor Nabukadnezar.

STIMMEN:

Und er ... was tat er?

ZEFANJA:

Ich kreuzte den Weg seines Leidens und stand auf dem Platze, da sie ihn
in Ketten hielten. Und sie schlugen vor seinen Augen seine Kinder eines
nach dem andern mit dem Schwert. Dann aber ... als seine Augen voll
waren mit Grauen und Tränen ... dann ward der Gesalbte des Herrn, dann
ward Zedekia geblendet ...

JEREMIAS (plötzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in
furchtbarstem Entsetzen):

Geblendet, sagst du ... geblendet ...

ZEFANJA:

Wer ist dieser?

STIMMEN:

Sprich nicht mit ihm ... sieh ihn nicht an ... Schweiget ... nicht
nennet den Namen des Verruchten ... Fluch ist auf ihm ... fort ...
Sprich nicht zu ihm ...

ZEFANJA:

Wer ist, der da fragte? Ich kenne diese Stimme.

STIMMEN:

Nicht frage ... Fluch über ihn ... er gehört nicht zu uns ... ein
Ausgestoßener ist es des Herrn...

EINE FRAU:

Gottes Fluch ist er, über uns gesandt zu brennender Qual, Gottes Geißel
und Galle -- Jeremias, Jeremias!

ZEFANJA (mit einem gellen Aufschrei, beide Hände vor sich hinhaltend):

Jeremias!

JEREMIAS:

Was schrickst du so vor mir? Was fürchtest du dich? Ich bin nicht zu
fürchten mehr. Wind ward mein Wort, und Kot ist meine Kraft. Spei mich
an und geh deines Wegs!

ZEFANJA (schauernd):

Nicht fluche mir, du Furchtbarer, nicht fluche mir! Nein, nein, nein,
ich tat dir nichts! Nicht fluche mir!

JEREMIAS:

Und wenn ich dir fluchte, was schädigte es dich, und wenn ich dich
segnete, was förderte es dich? Was bin ich denn? Ein Hauch ohne Wort,
ein Fluch ohne Kraft, ein Verkünder ohne Gott. Spei mich an, denn
Aussatz war mein Wort und Lahmheit mein Wandel.

ZEFANJA (noch mehr schauernd):

Nicht fluche mir! Nicht fluche mir! Nie war ich dir feind! Oh, schützet
mich! Verbergt mich vor ihm! Flehet ihn an, daß er mir nicht fluche! Ich
kann sein Auge nicht schauen, ohne zu zittern, ich kann seinen Namen
nicht hören, ohne zu schauern.

DER ÄLTESTE:

Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? Wind sind seine Worte und die
Schmach seine Heimstatt.

ZEFANJA:

Nein ... nein ... furchtbar ist er ... furchtbar ... er hat es gewußt ...
er hat es gewußt voraus ... er ... er allein ... und er hat ihn
gerufen ... der König ... er ... er ...

DER ÄLTESTE:

Wer hat ihn gerufen?

ZEFANJA (ganz entgeistert):

Er ... er hat ihn gerufen ... der König. Gefaßt hatten sie ihn in seinen
Ketten und wandten sein Antlitz, daß er schaue, wie man seine Kinder
schlüge ... er wehrte sich ... aber sie zwangen ihn... Seine Lippen
waren zwischen den Zähnen, er wollte schweigen ... und er schwieg, wie
sie den ersten faßten seiner Söhne ... aber wie sie den zweiten griffen,
da bebten sie ... und da sie den dritten durchstießen, da sprangen sie
auf, die Lippen, die verzerrten ... aber nicht um Gnade schrie er ... er
schrie: »Jeremias!« »Jeremias!«

    (ALLE schauern zurück.)

ZEFANJA:

Seinen Namen schrie er in der Qual. Und da der Brandstahl seine Augen
zerstieß, da schrie er nochmals ... Jeremias ... Jeremias... Wo bist du,
Verkünder ... wo bist du ... mein Bruder Jeremias ... ihn ... ihn hat er
gerufen ... Er hat es gewußt ...

    (ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefährlichen Tier.)

JEREMIAS (in wirrer Qual mit sich ringend):

Es ist nicht wahr ... Ich habe es nicht gewollt ... nichts, habe ich
gewollt von dem allen ... er darf mich nicht anklagen ... er darf
nicht ... Das Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fährt ...
er darf mich nicht anklagen ... ich ... ich wollte zu ihm ... nicht ich ...
Gott hat mich zum Lügner gemacht ... ich habe mich seiner erwehret ...
es ist nicht wahr ... nicht ich habe es getan ...

ZEFANJA:

Was redet er?

EIN WEIB:

Wahnsinn hat ihn befallen.

EIN ANDERER:

Ein Rasender ist er.

EIN MANN:

Nein ... er hat es gesagt ... er hat alles gewußt ... ein Weiser ist
er ... ein Profet ...

JEREMIAS:

Er darf nicht ... er darf nicht ... er darf mich nicht anklagen ... mein
Wort ist mein Wille nicht ... Macht ist über mir ... Er ... Er ... Der
Furchtbare ... Der Mitleidslose ... Sein Werkzeug bin ich nur ... sein
Hauch ... seiner Bosheit Knecht ... Er hat mich beredet, und ich ließ
mich bereden ... denn übermächtig war er, und sein Knecht bin ich
geworden ... Fluch hat er in meinen Atem getan ... Er ... Er ... der
Furchtbare ... die Galle in meine Rede ... und das Bittere in meinen
Speichel ... Oh, wehe über die Gottesfaust ... wen er faßt, der
Furchtbare, den läßt er nicht wieder ... oh, daß er mich freigäbe, den
Verfluchten seines Worts ... ich ... ich ... ich will nicht mehr reden
seine Rede ... schweigen will ich ... schweigen ... ich ... ich ... ich
will nicht mehr, Gott ... ich will nicht mehr ... ich fluch deinem
Fluche ... laß deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund ...
ich ... ich ... ich kann nicht mehr ... ich will nicht mehr ...

DIE STIMMEN:

Tobsucht hat ihn überkommen ... die Krämpfe ... die Krämpfe ... wie eine
Gebärerin windet er sich ... weichet von ihm ... hört ihn nicht an ...
Gott hat ihn gestraft ...

    (JEREMIAS bricht wie zerschmettert in sich zusammen.)

DIE STIMMEN:

Sehet ... seht ... Die Hand des Herrn hat ihn getroffen ... Wahnsinn hat
ihn geschlagen ... weichet von ihm ... weichet von ihm ...

    (ALLE haben sich zusammengeschart und drängen sich von Jeremias
    fort, der auf der Erde liegt, wie ein gefällter Baum. Einige
    Augenblicke herrscht bestürztes, ratloses Schweigen. Dann plötzlich
    von außen ein Hörnerschall aus großer Ferne.)

ZEFANJA:

Wehe, sie nahen schon, die Verkünder, die Herolde des Unheils!

ALLE (um ihn):

Was ist ... was ist geschehen ... was bedeutet der Ruf ... Lasset den
Narren ... Sprich, Zefanja ... welche Botschaft ...

ZEFANJA:

Botschaft Nabukadnezars an die Restlinge des Volkes.

STIMMEN:

Wehe ... was haben sie vor ... sollen wir gehen, sie zu hören ... dürfen
wirs wagen ... sprich, Zefanja ...

ZEFANJA:

Nicht eilet euch, böse Botschaft ist immer zu früh noch vernommen.

STIMMEN:

Nein ... sprich ... erzähle ... sprich ... was ist uns verhängt ...

ZEFANJA:

Es ist Nabukadnezars Wille, daß die Stadt nicht mehr lebe auf Erden.

    (STIMMEN in Schreckensschreien.)

ZEFANJA:

Zum Denkmal der Schrecknis hat der Verruchte Gottes Stadt bestimmt! Von
der Erde reißt er uns weg, wandern müssen wir, Brüder, wie einst in die
Knechtschaft. Eine Nacht nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, daß
wir die Toten begraben, dann muß ein jeder, Greis und Kind, fort von
hier in der Chaldäer Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde Reben
aufpflanzen und fremd uns selber werden und unserm Gott. Zum letzten
Male halten wir Jerusalems Erde an unserm Fuß, zum letzten glänzt
heimatlich Gestirn ob unsern Häupten. Das ist jener Botschaft. Weh, wen
es lüstet, sie zu vernehmen!

    (DER POSAUNENSCHALL tönt wieder von näher.)

STIMMEN:

Wir sollen hinaus ... fort von Zion ... fort von Jerusalem ...

DER ÄLTESTE:

Ich gehe nicht ... ich bleibe ... ich bleibe ...

ZEFANJA:

Wer sich weigert der Wandrung, den fällt das Schwert. Jeder soll sich
rüsten zur Reise und sich sammeln auf dem Markte. Dreimal wird die
Posaune tönen vor dem Morgenrot. Wer dann noch betroffen wird in der
Mauern Geviert, der verfällt ihrem Schwert.

DER ÄLTESTE:

Möge es mich fällen, ich bleibe, ich bleibe! Ich will nicht leben ohne
Jerusalem. Im Sarge lieber, denn in fremdem Geviert!

EIN WEIB:

Mein Bruder ist gefallen, meines Bruders Sohn und mein Gemahl. Gräber
sind mein Erbe, ich will es behüten.

EIN MANN:

Ich bleibe! Ich bleibe! Hier ist meine Wurzel und meine Kraft. Lahm
würde mein Arm, sollte ich den Pflug stoßen in fremde Erde, und blind
meine Lider in fremder Welt.

STIMMEN (begeistert):

Wir bleiben ... wir wollen sterben ... lieber den Tod, als das
Diensthaus ... nicht in die Verbannung ... sterben für Gott ...
sterben ... lieber sterben ...

DER KRANKE (von seinem Lager rückwärts sich fiebernd aufrichtend):

Nein ... nein ... ich will nicht sterben ... nicht sterben ... leben
will ich, leben ... ich will fort ... fort ... nur nicht sterben ... wer
wird mich tragen ... verlaßt mich nicht ... nicht ... nicht sterben ...
leben, leben, leben!...

DIE FRAU (zu ihm hinstürzend):

Beruhige dich ... ich trage dich.

DER KRANKE (fiebernd):

Ja ... fort ... fort von den Wahnwitzigen ... nur nicht sterben ... nur
nicht sterben ...

DER ÄLTESTE:

Er spricht wirr ... sein Leib ist verbrannt, sein Arm zerschmettert ...
er weiß nicht, was er redet ...

DER KRANKE (in fiebriger Wut):

Ich weiß ... ich weiß ... ich habe den Tod gespürt ... nur nicht
sterben ... Lieber verbrennen, lieber leiden ... aber doch Leben noch
fühlen, Leben ist Hoffnung, und Totsein ist nichts ... nur nicht
sterben ... leben ... leben ...

EINE JUNGE FRAU:

Ja, auch ich will leben ... ich habe noch nichts geschaut, nichts
gefühlt ... meine Glieder blühn noch ... ich spüre mich ... ich will
nicht ins Kalte ... ich will nicht ... ich gehe mit dir ...
überallhin ... überallhin ...

EIN ANDERES WEIB:

Metze du ... Buhlerin ... willst du Kebse werden der Fremden?

DIE JUNGE FRAU:

Alles ... alles ... nur leben, nur leben ...

DER KRANKE:

Leben ... alles leiden, alle Qualen ... aber leben ...

EIN MANN (wild):

Kein Leben ohne Gott ... kein Leben ohne Jerusalem ...

ANDERE STIMMEN (durcheinander):

Lieber sterben ... lieber sterben ... nur nicht zurück ins Diensthaus ...
nicht Sklave sein ... nicht sterben, nur nicht sterben ...

    (DER POSAUNENRUF der Herolde tönt nun von ganz nahe.)

EINER:

Laßt sie rufen, ich höre sie nicht. Die Stimme des Todes tönt in mir
stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben wir, lassen wir uns nicht
locken! Sterben wir mit Jerusalem!

DER ÄLTESTE:

Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit meinen welken Händen
klammre ich mich dir an, mein Leben warst du, so sei auch mein Tod! Wie
könnte ich atmen ohne dich, wie auftun das Auge des Morgens, ohne zu
schauen Salomos Haus und Gottes irdische Rast? Lieber in deine Erde
versargt sein, als hingehen über andere Scholle, lieber ein Toter mit
meinen Vätern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, Jerusalem,
Jerusalem, nimm mich in deine Erde, mein Leben warst du, sei auch mein
Tod!

ZEFANJA:

Ich scheide mich von dir. Ich will nicht sterben! Zu viel der Toten habe
ich gesehn in den Straßen, ihre Augen standen starr in den Himmel der
Stadt, ihre Fäuste waren gekrampft in Israels Erde, aber es war kein
Friede in ihrem Gesicht. Ich will leiden ohne Maß, aber ich will leben.
Mögen sie mich hämmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft,
daß der Bart fault und die Augen blinden, mögen sie mich schmieden mit
krummem Rücken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mögen sie mich
verschneiden ihren Göttern und verstümmeln, jedes Glied in mir schreit
noch um Leben zu Gott. Jeden Tag will ich segnen aus Ketten und Qual,
oh, nur nicht tot sein, nicht tot sein!

DER KRANKE (sich aufrichtend):

Ja, nur leben, nur ein Sandkorn Zeit noch zwischen den Fingern fühlen!
Nur noch sehn die kleinen Blüten der Mandeln, die sich weiß auftun über
Nacht, und den Mond, wie er schmilzt und sich rundet unter den Sternen.
Oh, nichts genießen mehr, verkrümmt sein und vertaubt, aber noch schauen
die seligen Dinge der Welt und die Luft einziehen im Munde. Nur sein
eigen Herz spüren, wie es schlägt und die Ader warm läuft an den Händen!
Leben, oh, leben, nur leben!

DER ÄLTESTE:

Schmach über euch, Weichlinge! Wollt ihr leben ohne Gott? Wollt ihr ihn
rücklings lassen in Schutt und Schande?

EIN MANN:

Er geht mit uns, wie er ging durch die Wüste.

EINE FRAU:

Wir wollen seiner gedenken im Gebet.

DER ÄLTESTE:

Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem Altar? Abtrünnige seid ihr und
Verräter. Wollt ihr knien vor Bel und opfern vor Astaroth? Lebe, wer
leben will ohne ihn. Ich bleibe ihm getreu.

EIN MANN:

Ein neues Haus wollen wir ihm bauen.

DER ÄLTESTE:

Dieses hat er gewählt. Hier ist er allein.

STIMMEN:

Er wandert mit uns ... überall spricht er zu uns ... auch aus dem Golus
wird er uns hören ... auch dort werden wir gläubig sein ... unter allen
Himmeln ist sein Wort, sein Antlitz überschattet alle Wege ...

DER ÄLTESTE:

Nein, wer Jerusalem lässet, verläßt auch Gott. Hier ist Jahwes Haus,
hier ist er allein. Götzendienst ist jedes Opfer als an seinem Altar.

STIMMEN (widerstreitend):

Nein ... überall ist er ... hier ist er allein ... überall ... allerorts
ist er ... er wird sich uns weisen an jeder Stätte ... nur im Tempel ist
sein Haus ... überall ist er ... überall ... nur hier ist sein
Antlitz ...

JEREMIAS (plötzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch):

Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, wer
gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins Leere starren, die
ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner geworden vor der
Menschheit Gesicht. Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der
Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er!

DER ÄLTESTE (ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den Händen
aufzuckend zum Himmel fahrend):

Lästerung! Lästerung! Fahre nieder auf ihn mit deinen Blitzen!

JEREMIAS (immer heißer):

Wer hat ihn gelästert, wenn nicht er selbst? Zerbrochen hat er seinen
Bund, verleugnet seine Schwüre, zerschmissen seine Mauern und verbrannt
sein eigen Haus. Er selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes
Lästerer, er, nur er!

DER ÄLTESTE:

Hört nicht auf ihn! Hört nicht auf ihn! Ein Abgefallener ist er, ein
Ausgestoßener, hört nicht auf ihn, ihr Diener des Allmächtigen!

JEREMIAS (immer mehr sich entzündend):

Wer hat ihm gedient wie ich in Israel, wer war sein Knecht so treuselig
wie ich in Jerusalems Mauern? Ich habe mein Haus gelassen um
seinetwillen im Hasse und meine Mutter im Tode, Freunde habe ich
geopfert seiner Liebe und der Frauen Süße seiner Eifersucht! Seinem
Willen habe ich mich aufgetan wie ein Weib dem Manne. Das Wort zwischen
meinen Zähnen war sein, und das Blut in meinem Leibe, jeder Gedanke war
seines Willens Kind und die Träume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen
Rücken geboten, die mich schlugen, mein Angesicht verbarg ich nicht vor
Hohn und Speichel. Und ich habe gedient, ich habe gedient, weil ich
meinte, daß er wenden werde das Unheil durch mich; ich habe geflucht,
weil ich meinte, er werde es zum Segen kehren; ich habe gekündet, weil
ich meinte, er werde mich zum Lügner machen und werde retten Jerusalem!
Aber Wahrheit habe ich gekündet, und nur er ward Lügner an seinem Wort.
Wehe, wehe, daß ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brüder
lachten, hat er mich entsendet, daß ich speie auf ihre Freude, und nun,
da sie sich ängstigen und sich winden im Krampf ihres Elends, will er,
daß ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! Ich lache nicht an
meiner Brüder Qual, ich lache nicht! Nicht vermag ich mich zu freuen wie
du an dem Jammer der Verschreckten, und der Erschlagenen Geruch duftet
mir nicht! Deine Härte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich
diene nicht mehr deiner rasenden Rache, ich dien dir nicht mehr. Ich
zerreiße den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreiße ihn! Ich zerreiße
ihn!

STIMMEN (durcheinander):

Er ist rasend ... er lästert Gott ... fort von ihm ... Gott wütet in
ihm ... Irrwitz hat ihn befallen.

JEREMIAS (über sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend):

  So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich!
  Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich!
  Sag an,
  Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte,
  Ob je ich gemüdet und aufbegehrte?
  So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich,
  Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich!
  Du hast mich gesucht und hast mich gefunden,
  Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden,
  Und da meine Seele in Flammen stand,
  Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt;
  Was wars, als dein rasender Wille nur,
  Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr?
  Ich war die Drossel, die sie umkrampfte,
  Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte,
  Ich war die Säge, die sie zerkreischte,
  Der Stachel, der sie lebendig entfleischte,
  Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte,
  Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte,
  Der Brand, der an ihren Knochen fraß,
  Der Dorn, der in ihrem Fleische saß,
  Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte,
  Der Henker, der sie zerpfählte und quälte,
  Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte --
  Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte,
  Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier,
  So diente ich dir! So diente ich dir!
  Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte,
  Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte,
  Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie,
  Ich zäumte es nieder und züchtigte sie.

STIMMEN:

Im Fieber redet er ... zu wem spricht er ... er ist rasend ... sein Hirn
verbrennt ... Irrwitz redet er ...

JEREMIAS:

  Aber ich sage mich los!
  Ich tu nicht länger nach deinem Begehr,
  Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr!
  Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus,
  Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus!
  Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen,
  Den harten Hasser, den Mitleidslosen,
  Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt,
  Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt!
  Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein,
  Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein!
  Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet,
  Dessen Hand die ewige Liebe aussäet,
  Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen,
  Dessen Seele Glut ist von allem warmen
  Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist,
  Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist!
  Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein,
  Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein,
  Sie schlagen wie Flammen in mich hinein!
  Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast,
  Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast,
  Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast,
  Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast,
  Mich ruft der König, den du geblendet,
  Dein Altar, den du dir selber geschändet:
  Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten
  Urmächtigen Leidens mir zugesendet,
  Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten,
  Und mein Herz erhört sie -- es hat sich gewendet:
  Gewendet von dir, der du hassend und hart bist
  Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist,
  Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern,
  Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern!
  Nur ihnen, nur ihnen
  Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme,
  Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie --
  Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie!

DER ÄLTESTE:

Er hat Gott verflucht ... Schlagt ihn nieder ...

STIMMEN:

Er rast ... er ist toll ... Irrwitz ist seine Rede ... Wachen Auges
träumt er ... es ist Gefahr, ihn zu hören ... bringt ihn zum Schweigen ...

JEREMIAS (plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt):

  Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
  Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit!
  Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet,
  Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht,
  Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht,
  Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet.
  Ich meinte, daß ich der Große bin,
  Wenn seinen Namen ich wider euch reckte
  Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, --
  Doch ich reiße mich los und verstoße ihn!
  Und ob ich hoffärtig an euch getan,
  Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an!
  Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht,
  Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht,
  Zu euren Füßen werf ich mich hin,
  Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin!

    (DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.)

JEREMIAS (ihnen nachkriechend auf den Knien):

  Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
  Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid
  Und ich der jüngste, geringste von allen!
  Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen
  Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen,
  Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen,
  Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre,
  Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre,
  Sich frech und mahnend wider euch kehren.
  Das Letzte, das Niederste will ich euch tun,
  Das ihr mir auflegt als Buße und Pein,
  Den Staub will ich küssen von euren Schuhn
  Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein.
  Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid,
  Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit,
  Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht!

DER ÄLTESTE:

Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn gerichtet.

STIMMEN:

Gottverfluchter ... fort mit dir ... fort ... weg von uns ... weg aus
unserer Mitte ... verpeste uns nicht ... Gottesleugner ... fort ...
fort ...

JEREMIAS (zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei):

Aussatz über mich! Aussatz über mich und Tod! (Er bricht in sich
zusammen.)

STIMMEN:

Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas ... er verpestet mit seiner Nähe
den Atem ... Wahnsinn ist über ihm ... hinaus mit ihm ... tötet ihn ...
schlagt ihn nieder ...

DER ÄLTESTE:

Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über ihm, und sie ist stärker, denn
die unsere.

    (EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.)

ALLE (durcheinander):

Die Herolde ... die Chaldäer ... es pocht wie die Hand eines
Gebieters ... es ist keiner der unsern ...

    (DAS POCHEN, heftiger und eiliger.)

ALLE (durcheinander):

Wie er drängt ... er ist ungeduldig ... man darf ihn nicht erzürnen ...
laßt verschlossen, Räuber sind es, Chaldäer ... man muß auftun ... er
erzürnt sonst.

DER ÄLTESTE:

Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde?

    (DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird
    hastig aufgestoßen und herein stürzt)

BARUCH (verstörten Gesichts):

Brüder, ist Jeremias hier?

DER ÄLTESTE:

Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus!

BARUCH:

Ist er hier? Man hat mirs gesagt.

DER ÄLTESTE:

Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen
Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes
Hand.

BARUCH (hinstürzend):

Jeremias! Jeremias!

JEREMIAS (sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd
ihn anstarrend):

Wer sucht mich noch, wer versucht mich noch?

BARUCH:

Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd
meine Stimme?

JEREMIAS:

Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. Weg du, der du noch Atem
im Maule hast! Laß mich liegen und faulen!

BARUCH:

Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, raffe dich auf, sie
fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen!

JEREMIAS:

Wer sucht mich noch auf dieser Welt?

BARUCH:

Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen
nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus.

JEREMIAS:

Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der Tod!

BARUCH:

Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt;
alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur um dich fahnden sie noch,
daß alles ausgerottet sei, was edel war in Israel.

JEREMIAS:

Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der Tod!

BARUCH (in Verzweiflung ihn aufrüttelnd):

Jeremias! Jeremias! Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist
Nabukadnezars Zorn und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod
schärft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner.

JEREMIAS:

Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, den Fürchterlichen, der
Qualen hat und Martern, die kein Irdischer weiß. Wes lebendige Seele in
Gottes Marter gefallen, der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die
Schrecknis der Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich
versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte
ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die
Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust der Menschen
Qual wider die Gottesqual.

BARUCH:

Jeremias, Jeremias! Wenn du mich liebst, so entfliehe, ich lasse dein
Leben nicht, ich lasse es nicht!

JEREMIAS:

Ich liebe nicht mehr! Keinen mehr liebe ich, keinen!

BARUCH (ihn umschlingend):

Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir.

    (HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.)

ALLE (stürzen in die Winkel):

Wehe ... wehe ... die Chaldäer ... unsere Stunde ist gekommen ... er hat
das Unheil über uns gebracht ... Wehe ... er ... er ... liefern wir ihn
aus ...

BARUCH (entsetzt):

Es ist zu spät ... sie sind da ...

JEREMIAS:

Tu ihnen auf, Baruch!

    (BARUCH zögert.)

JEREMIAS (aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender
Stimme):

Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn dürstig ward meine
Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines Wortes, sei gegrüßet,
gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu ihm auf, dem Erlöser!

    (BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.)

    (NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.)

JEREMIAS (mächtig):

Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf!

    (BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.)

    (DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein
    Schimmer vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte
    Gemach herein. Die drei Abgesandten des Königs treten reich
    geschmückt herein, hinter ihnen steht feurige Helle des sinkenden
    Tages. Die Flüchtigen scheuen vor ihnen in die dämmerigen Winkel
    zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen gegenüber.)

DER GESANDTE (den beiden andern voraustretend):

Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von
Anathoth?

JEREMIAS:

Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem Geheiß.

    (DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias
    nieder und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden
    anderen tun desgleichen.)

    (JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.)

DER GESANDTE (sich aufrichtend):

Gruß und Ehrfurcht dem Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder
des Geschehens, dem Erschauer des Verhüllten! (Er neigt sich wieder
dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem
Gehaben.)

    (JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.)

DER GESANDTE:

Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von
Nabukadnezar, meinem Herrn, dem König der Könige, dem Umpflüger des
Lands. Also ergeht an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward
Nabukadnezarn, daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang
kündete den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind
geschmolzen die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen,
aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar hat
deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen Namen getrunken, und nun
dürstet sein Auge, dich zu schauen.

JEREMIAS:

Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich fluche meinem Wort!

DER GESANDTE:

Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: »Ich habe geblendet, die
verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken gebrochen den Empörern und die
Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht
ehrten, die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten
gewußt.« Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas tragen,
und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch.

JEREMIAS:

Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden, seit ich Gott gedient und
müde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst.

DER GESANDTE:

Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem Dienste bist du begehrt,
sondern über alle gestellt, die dem Könige dienen. Der Oberste sollst du
seiner Magier werden, Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne
zählen, die seine Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein
Ausgang und Eingang in seinem Palast.

JEREMIAS:

Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus deinen Worten und wäge
es flach in den Händen. Groß ist der Ruf, den Nabukadnezar mir sendet,
doch größer des Volkes Not, dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag
nicht eingehen in den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren
scheuern als Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener
Gesell, deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion.
Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem
Gnadelosen, ich mag sie nicht.

DER GESANDTE:

Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie vernommen, und eines Königs
Botschaft will Gehorsam.

JEREMIAS:

Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du
gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: »Also spricht Jeremias zu
Nabukadnezar. Meine Bitternis hat keine Süße für dich und meine Lippen
keine Verheißung für deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel
Stimme, mein Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine
Jerusalems mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. Ob du
mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich
will dich nicht finden.«

DER GESANDTE:

Besinne dich, der Könige König ist es, der dich vor sein Antlitz
fordert!

JEREMIAS:

Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich!

DER GESANDTE:

Noch nie ward Weigerung ihm geboten.

JEREMIAS:

Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist er, daß ich ihn
fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein
Zorn.

DER GESANDTE:

Verwegener, wen lästerst du? Des Herren geheiligten Namen sprichst du
liederlich aus. Hüte deine Zunge, hüte dein Leben!

JEREMIAS (entbrennend):

Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Viele waren, die einst solch
Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner
mehr, der ihnen nachfragte und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu
schreiben in die Bücher der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die
Geschlechter der Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie
gepflanzt. Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten
soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter seinem
Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und
dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er halte schon, was er habe, und
mag sich des Ausgangs berühmen inmitten des Wegs?

DER GESANDTE:

Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig hält er den Sieg.

JEREMIAS:

Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben die Magier ihm die
Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker es bedeutet? Weiß er
seinen Ausgang schon, daß ihr ein Prahlen um ihn anhebt, und kennet er
sein Los, daß er sich erfrechet? Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen
ist der Stab über Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht.
Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet
werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, sie ist
da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden der Rächer für
Jerusalem!

    (DER GESANDTE schrickt zurück.)

DER ÄLTESTE (aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit
begeistert):

Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es!

JEREMIAS (ganz in Glut):

Geh hin zum Könige, geh hin! Hat er doch gesendet um Botschaft und
gefordert das Verhüllte, geh hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß
die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich
es ihm sage: »Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh
dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken in
Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom Fleische der
Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! Ein scharfer Wind
wacht auf wider Babel und ein Sturmwind gen Ninive! Gezählt sind die
Tage Assurs und gezückt das Schwert -- Schwert wider Babel, Schwert
wider dich, Schwert über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild!
Gezückt, gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt,
es ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger,
reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten
und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.«

    (DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und
    halten die Hände abwehrend vor sich.)

DER ÄLTESTE (in Ekstase):

Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine
Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort!

EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER (haben sich aus dem Dunkel gewagt und um
ihn gesammelt. Flehentlich):

Erhöre ihn, erhöre ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn!

JEREMIAS:

Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn der Herr des Tempels
hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! Und er kommt, er naht, er ist
da, gewaltig sind seine Fäuste, sie werden Babel zerdrücken wie ein
Vogelnest und sein Volk jagen wie Spreu! Setze nur Wächter auf die
Türme, daß sie warnen, rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren,
schärfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am
Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als ein
Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen
Schwert.

DER ÄLTESTE (ekstatisch):

So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen!

DIE ANDERN (um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die
Begeisterung):

Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen ... erfülle, erfülle sein
Wort ... oh, Verheißung ... sende den Rächer ... sende den Rächer ...
fälle Babel, wie er gekündet ... erhöre ihn, Gott ... erhöre ihn ...

    (DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.)

JEREMIAS (in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase):

Oh, du Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu
knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße Jerusalem?
Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens Vermächtnis, seine
Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf uns und sein Segen auf
Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt in unsern Sünden, doch er wird
unser sich erbarmen, er hat zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er
hat uns zerstreut, doch seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären
wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird
die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr Brüder, eher
mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die Flüsse und verdunkeln des
Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße seines Bundes, daß er vergäße
Israel, daß er versäumte Jerusalem!

    (DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.)

DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN (umdrängen Jeremias von nah und begleiten
seine Rede mit hymnischem Zuruf):

Segen auf dein Wort ... Segen über dein Haupt ... Gott vergißt nicht
Jerusalem ... Oh, Verkündigung, selige Botschaft ... Segen auf dein
Wort ... Segen über dich!

JEREMIAS (immer jauchzender, ohne ihrer zu achten):

Oh, wie dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen
Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern! In
Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben in den
Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms Ende war seiner
Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren über unsern Häupten
und hat uns zerschlagen, wie Rohr brach er die Kraft unseres Leibes,
aber neu glänzt bald die Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den
Händen, er heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt
seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen über Länder
und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer
Stunde:

    Stehe auf, Jerusalem,
    Stehe auf, du Gekränkte,
    Und fürchte dich nicht,
    Denn ich erbarmte mich dein.
    Ich habe dir gezürnet
    Und dich einen kleinen Augenblick verlassen,
    Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern,
    Und ich zürne nicht ewiglich.
    Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist
    Und die Verstoßene einen Tag,
    Sollst du die Prächtige sein für und für
    Und die Erhobene in aller Ewigkeit.
    Ich will dich schmücken mit meiner Liebe
    Und gürten mit meinem Frieden,
    Mein Antlitz hat sich dir zugewendet,
    Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt.
    So stehe auf, Jerusalem,
    Stehe auf,
    Denn ich hab dich erlöset!

DER ÄLTESTE:

Segen über dein Wort und Erfüllung!

DIE ANDERN:

Erhöre ihn, Gott ... tue nach seinen Worten ... erhöre uns ... erlöse
Jerusalem ... erlöse Jerusalem ...

JEREMIAS:

Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da sie hörte den
wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln ihres Halses und das
Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte von den Knien, er wischt
ihr die Tränen von den Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut.
Und es lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar
die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten sie schauen
in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels
Kinder vernommen den Ruf des Herrn, und so weit sie verstoßen von den
Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen
Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger
kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, über Basan
und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt unserer Liebe, die
Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und es glänzet Jerusalem, es
jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus
den Kerkern der Verbannung, es blühet die Verdorrte, es glänzt die
Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte,
sie ist auferstanden! Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es
schatten sie die Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der
Friede über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede
Jerusalems!

DIE ANDERN:

Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr ... tue also, wie er
gesagt ... Friede über Israel ... lasse auferstehen Jerusalem ... laß
uns auferstehen ... laß uns auferstehen ...

JEREMIAS:

  Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen,
  Die wir so lange die klagenden Knechte
  Im düsteren Zinshaus der Fremde waren,
  Da werden wir gläubig zusammentreten,
  Da werden wir sprechen, da werden wir beten:
  »Gesegnet seist du, Herr Zebaoth,
  Der du groß und gnädig an uns hast getan!
  An den Wassern von Babel saßen wir bangend
  Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot,
  Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen,
  Denn unsere Seele war heimverlangend
  Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod.
  Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen
  Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an,
  Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens,
  Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt,
  Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens
  Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt,
  Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte,
  Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt,
  Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte
  Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt.
  Oh, seht
  Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande,
  Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden!
  Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel,
  Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet,
  Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten,
  Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten!
  Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton,
  Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male,
  Umschatte uns, Karmel und Libanon,
  Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt!
  Und du,
  Du selige Stadt, geliebt und verloren,
  Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen,
  Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen,
  Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön,
  Wach auf und laß deinen Jubel erschallen,
  Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!«

DIE ANDERN (ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend,
seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit):

Heimgekehrt ... auferstanden ... oh, Verheißung ... Jerusalem ...
Jerusalem ...

BARUCH (zu seinen Knien):

Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie ist deine Lehre süß meinem Herzen,
wie selig deine Erleuchtung!

DER ÄLTESTE:

Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in den Stunden der Not. Segen
über deine Tröstung! Erfüllung, oh, Erfüllung!

EINE FRAU:

Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne glühn die Augen ihm
auf und hellen den Raum.

EINE ANDERE:

Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt!

DER KRANKE:

Aufgerichtet hat mich sein Wort ... aufrecht bin ich ... ich lebe, ich
lebe wieder ... oh, daß ich heimkehrte mit euch.

ZEFANJA:

Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias.

JEREMIAS (ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase
erwachend und erschreckt um sich blickend):

Wo sind sie hin, zu denen ich sprach? Wo sind sie hin?... Waren nicht
Boten da des Königs Nabukadnezar? Habe ich geträumet ... mir dünkte,
drei Männer kamen und redeten ... prächtig waren sie gewandet ... wo
sind sie hin ...

DER ÄLTESTE:

Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht.

ANDERE:

Deine Worte haben sie gejagt ... wie ein Schwert fuhr dein Zorn über
sie.

JEREMIAS (immer verwirrter):

Was habe ich gesagt? Ein Dunkles liegt um mich, und doch glänzt michs
von innen an ... Was habe ich gesagt ... Oh, und warum, warum blickt ihr
mit einmal auf zu mir wie die Durstigen ... was seid ihr geschart um
mich ... es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich
an mit den Blicken ... Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit
euch?

DER ÄLTESTE:

Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von
dir strahlt dieses Licht! Oh, welche Verheißung hast du uns gekündet,
welche Verheißung!

EIN MANN:

Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter!

EIN WEIB:

Mein Herz mir mit Manna gespeist.

STIMMEN:

Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber ... genesen sind wir an deiner
Verheißung ... nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis ... heimkehren
werden wir, oh, seliges Wort ...

JEREMIAS (ergriffen):

Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll
zwischen uns und Fluch auf meinen Lippen, da ich redete zu euch? Ein
Sturmwind hat mich gefaßt und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun
ich stürze, sehen eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand
spüre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu!
Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen?

DER ÄLTESTE:

Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer Freude, wie süß ist deine Rede
nun unserm Leiden! Du hast uns getröstet, du hast uns erlöset wie keiner
vordem!

EINER:

Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt hast du mich,
Gebenedeiter!

EIN ANDERER:

Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt
bereitet.

EIN ANDERER:

Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid auf mich fallen, meine Seele
wird ihm nicht mehr erliegen.

EINE FRAU:

Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich.

JEREMIAS:

Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr? Von meiner Lippe,
der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, aus meiner Seele, der
nächtigsten aller, ein liebendes Wort!

EIN WEIB:

Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie Früchte sich heben!
Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts!

DER KRANKE:

Seht her ... seht her ... ich schreite, ich gehe ... ich spüre die
Qualen nicht mehr ... aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt ... wie
Elia ... ein Wunder hast du an mir getan.

DAS WEIB:

Seht ihn an ... er lag, vom Fieber zerfressen ... ich bezeuge es, ich
bezeuge es ... ein Wunder hat er an ihm getan ...

STIMMEN (ekstatisch):

Ein Wunder ... ein Wunder wie Elia ... ein Wunder hat er getan ...
Erweckung ... beugt euch dem Gottgesandten ... ein Wunder ... ein
Wunder ... beugt euch vor ihm, dem Wundertäter!...

JEREMIAS (hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise):

Schweiget, ihr Brüder ... nicht rühmet mich ... beschämet mich nicht ...
ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht
ich habe es vollbracht -- an mir, ihr Brüder, ist es geschehen. Ihr
Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde
an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn getötet in meiner
Seele. Doch, meine Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in
meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem
Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, aber ein
steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein fleischernes hat er
mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh,
ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich
habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen,
und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich
erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein
Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und
nichts ist süßer, als von ihm besiegt zu sein.

DER ÄLTESTE (ekstatisch):

Jeremias ... oh, Jeremias ... uns allen möge er tuen wie dir!

JEREMIAS:

Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch fand, meine Brüder! Doch
ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht
fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt,
dunkel unser Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn
wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich
umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem
Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du geschmähte,
gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gnädig mein
gläubiges Wort!

    (Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:)

    Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet,
    Als ich mich wehrte und von dir gekehrt,
    Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet,
    So segn ich, solang mir mein Leben währt.
    Ich segne dich, daß du das würzige Brot
    Des Wortes in meine Lippen getan,
    Damit ich dich preise in Leben und Tod,
    Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist,
    Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist.
    Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt
    Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast,
    Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid,
    Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst
    Und flammend mit deiner Allfältigkeit
    Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst,
    Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet,
    Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest,
    Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet,
    Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet,
    Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt
    Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt,
    Selig, der sich an dich verloren,
    Selig, den du dir auserkoren,
    Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt,
    Selig dein lauschender Spiegel, die Welt,
    Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben,
    Selig der Tod und selig das Leben!

BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden stürzend):

Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein
Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre
Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um
Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen
Gott zurück! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen tränke mit den
Wassern des Lebens!

DER ÄLTESTE:

Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe die zagenden Herzen! Gieß aus
dein Wort über die Schmachtenden, gieß es aus!

STIMME:

Auf ... zu den Brüdern ... zu unsern Brüdern ... erwecke sie ... gib
ihnen Trost, wie du uns gegeben ... gib Verkündigung ... gib
Verheißung ...

JEREMIAS (sich aufrichtend):

Wohlan, meine Brüder, führet mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin
ich gewesen, nunab will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine
Brüder, vielleicht ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den
Brüdern, den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten,
daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem!

    (JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.)

DIE ANDERN (umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen
klingen ekstatisch durcheinander):

Jerusalem ... oh, das ewige Jerusalem ... Verkündigung ... Auf, Bauherr
Gottes ... Ewig währet Jerusalem ...



DAS NEUNTE BILD

DER EWIGE WEG

    »Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht
    der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch
    gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und
    ich werde euch erhören. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen
    werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und
    will euer Gefängnis wenden.«

  Jer. XIX, 11--14.


    Der gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun
    mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung.

    Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat
    beladen, aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der
    strömende Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch
    rüsten. Immer neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter
    wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos
    Greise und Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische
    Krieger in voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das
    Getümmel, sich Platz mit den Speeren stoßend, und wachen über die
    Vertriebenen.

    Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer
    mondverwölkten Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden
    Dämmerung übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich
    aus den Wolken los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von
    Osten schon als rötlicher Rauch der Frühschein des Morgens sich
    kündet.

STIMMEN:

Hier ist der Platz ... wie viele ihrer schon sind ... haltet euch
zusammen, Söhne Rubens ... wie es doch dunkel ist ... hier voran, daß
ihr die ersten seid ...

ANDERE STIMMEN:

Was drängt ihr ... unser ist die Stelle ... seit Abend stehen unsere
Mäuler hier gegürtet ... Unser ist die Stelle ... immer will Ruben voran
sein ...

EIN ALTER:

Nicht streitet ... lasset Ruben voran, so will es das Gesetz ...

DIE ANDERN STIMMEN:

Es gibt kein Gesetz mehr ... verbrannt ist die Schrift ... wer bist du,
daß du uns gebieten willst ... die Priester ruft, die Priester ... Es
gibt keine Priester mehr ... alle raffte sie das Schwert ... Hananja ist
entkommen ... nein, am Pfahle verdarb er ... führerlos sind wir ...
verlassen von allen ... wer wird uns gebieten ... oh, Qual der
Knechtschaft ... wer wird die Opfer empfangen zu Babel ... wer uns
deuten das Wort ... ausgerottet ist Aarons Geschlecht ... weh uns
Verwaisten ... daß wir die Lade doch hätten und die Rolle des
Gesetzes ... sie ist verbrannt ... nein, Gottes Wort verbrennt nicht ...
selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch ...
wehe, sie ist verbrannt ... verbrannt das Gesetz ... nein, es kann nicht
wahr sein, Gottes Wort verbrennet nicht ... ist sein Haus nicht
verbrannt, sein Altar nicht gestürzt ... ließ er nicht sinken seine
heilige Stadt ... Ja ... ja ... hat er nicht uns in Knechtschaft
gegeben ... ja ... ja ... gebrochen hat er den Bund, vernichtet die
Verheißung ... lästert nicht ... lästert nicht ... ich fürchte ihn nicht
mehr ... lästert nicht ... wer gebietet mir ... führerlos sind wir ...
daß doch Mose uns erstünde ... daß ein Richter unter uns wäre ... der
König, wo ist er ... der Geblendete ... blind ist er immer gewesen ...
er hat uns hinabgestoßen ... oh, Ende Israels, Ende Jerusalems ... was
ziehen wir aus ohne Gott und Gesetz, ohne Führer, der uns weise ... oh,
Simson, Simson ... warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker
Hand ... nie war größer die Not ... ach, er kommt nicht, verloren sind
wir ... Gott ist gesunken mit seinem Tempel ... lästere nicht ...
lästere nicht ... daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier ...

EINE NEUE GRUPPE (aus dem Dunkel):

Hier ist des Marktes Mitte ... wer seid ihr ... Benjamin sind wir ...
die Letzten, reihet euch an ... nein ... nein ... wir wollen nicht
fressen von eurem Staube ... und wir nicht den euren ... fort mit den
Tieren, führt sie am Zaume ... ihr tretet die Frauen ... weichet aus ...
wehe, was stoßet ihr ... es ist so dunkel ... ach, daß es schon Morgen
würde, daß ausginge diese Nacht ... wehe, wie Arges wünschest du, bete,
daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge ... ja ...
ja ... segne die Nacht, sie birgt unsere Tränen, sie hüllt unsere
Schmach ... die Sonne von morgen wird uns entblößen und unsere Scham den
Heiden zeigen ... wehe ... betet, daß der Morgen nie komme über unser
beladen Haupt ... ich kann nicht beten mehr ... meine Seele ist starr
geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen ... selig die
unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, selig die Toten Israels,
sie dürfen weilen im Schatten der Heimat ... ins Diensthaus müssen wir
ziehen ... ach, bräche doch nie dieser Tag über uns ... wehe uns, weh
unsern Kindern, den Knechten der Fremde ...

    (GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet von
    Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In
    ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern,
    daß er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.)

DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER (durcheinander):

So geh doch wider Nabukadnezar ... Auf, Erstürmer Babels ... nicht
falle, du Säule Israels ... geh ... stoßt ihn weg ... er ödet uns ...
nicht kann er tanzen, wie David, der König ... nicht schlägt er die
Psalter ... lasset ihn ... kommt zurück zum Weine ... an seinen Weibern
erletz ich mich lieber ... lasset ihn Dunkel trinken, und trinken wir
Wein ... kommt ... kehret ... laßt ihn ...

    (DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der
    Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein
    matter Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz
    hinter ihm aufstehen, daß er groß und gespenstig scheint.)

    (DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.)

STIMMEN:

Wer ist es ... warum haben sie ihn fortgestoßen vom Mahle ... wer ist
er ... wie ein Felsen steht er schwarz ... warum spricht er nicht ...
seine Blicke sind verschnürt ... wie er die Hände hebt ... wer ist er ...
nicht nahet ihm ... wer mag es sein ... ich will sehen ...

    (EINIGE der Beherzten sind die Stufen emporgeklommen.)

EINER (plötzlich aufschreiend):

Zedekia!

DIE MENGE (durcheinander):

Der König ... der Geblendete ... Gottes Gericht ... Zedekia ...

ZEDEKIA (unsicher):

Wer ruft mich?...

STIMMEN:

Keiner ruft dich ... Fluch ruft dich und Gottes Gericht ... Wo sind die
Ägypter ... wo ist Zion ...

ANDERE STIMMEN:

Schweiget!... Der Gesalbte ist er des Herrn ... geblendet haben ihn
unsere Feinde ... Ehrfurcht dem Könige ... ehret den Dulder ...

ANDERE STIMMEN:

Nein, er soll nicht sitzen unter uns ... wo sind meine Kinder ... gib
sie mir wieder ... Fluch über den Mörder Israels ... sein ist die
Schuld ... fort mit ihm ... warum lebt er, da Bessere starben?

ZEDEKIA (zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet):

Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist?

DER FÜHRENDE:

Herr, Unglückliche sind es!

STIMMEN:

Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von dem seinen!... abseits
möge er sitzen ... Gott hat ihn gestraft ... Fluch liegt auf ihm ...

ZEDEKIA:

Fort ... führe mich fort ... in den Tempel, daß er mich berge vor ihrem
Hasse ... ich will ihre Stimmen nicht hören ... ihr Haß brennt auf meine
Wunden ... in den Tempel.

DER FÜHRENDE:

Herr, der Tempel ist nicht mehr.

ZEDEKIA:

Ist der Tempel gefallen ... dann falle auch ich ... wehe, wer tötet
mich, den Blinden ... geh ... sage ihnen, rufe sie, die mich schmähen,
daß sie ein Ende machen.

DER ÄLTESTE:

Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet
ihr einander, da der Feind uns würget?

STIMMEN:

Ein Fluchbringer ist er ... er hat Gottes Haus stürzen lassen ... er
brach den Eid ... nein, lasset ihn ... man hat seine Söhne geschlagen ...
ein Blinder ist er ... aber er soll nicht mehr König sein ... nein ...
nein ... was soll uns ein Blinder ... eine Last ist er ... nein, er
soll nicht König sein ... nein ...

ZEDEKIA (fast weinend in seiner Hilflosigkeit):

Führ mich fort ... meine Augen sind mir genommen ... die Krone noch
reißen sie mir ab ... birg mich ... verbirg mich vor ihnen.

EINE FRAU:

Hier ruhe aus ... mein König, bette dich hin.

    (ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.)

DER ÄLTESTE:

Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Unser Führer ist
er von Gott.

STIMMEN:

Nein ... ein Blinder ist kein Führer ... wie kann er König sein in
Jerusalem, da Zion fiel ... Knechte sind wir alle, wir brauchen keine
Führer ... oh, wir bedürfen eines Erretters ... oh, daß Mose uns
erstünde ... ein Tröster wäre vonnöten, kein Bedrückter ... ein
Erleuchteter und kein Blinder ... niemand kann uns helfen ... rüstet zur
Reise ... sehet das Dämmern ... wehe der Tag ... oh, Auszug ins
Fremde ... wehe wir Vertriebenen ... wehe uns Führerlosen ...

    (EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.)

STIMMEN:

Wehe, die Posaune ... die Posaune ... hört ihr sie tönen ... nein, es
ist die Posaune nicht ... wie von Zimbeln klingt es und Pauken ...
Gesang, hört ihr Gesang ... es jauchzen unsere Feinde ... oh, Schmach ...
oh, Qual ...

    (DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.)

STIMMEN:

Pauken und Zimbeln ... sie rufen ... sie jauchzen ... sie kommen, uns
fortzutreiben ... Gesang schwillt her ... wehe, wehe, wenn unsere Feinde
jauchzen ... ihren Sieg jubeln sie ... verschließet die Ohren ... weh,
ihrer ist das Frohlocken und unser die Trauer ... Schmach, es hören zu
müssen ... wohin flüchten vor ihrem Hohn ... sie danken ihrem Gotte ...
wem sollen wir klagen?

    (DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge.
    Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich
    jubelnd um eine hohe Gestalt drängen.)

EINER (aus der Menge):

Sehet ... sehet ... der Unseren welche sind es, die nahen ...

STIMMEN:

Es ist nicht wahr ... wie könnten sie jauchzen ... Fluch dem Sohn
Israels, der frohlockte an diesem Tag ... Trunkene müssen es sein ...
die Unsern sind es ... ich erkenne sie ... Wer ist es, den sie
umschreiten ... was geschieht hier ... was jauchzen sie ... was schlägt
die Zimbel das rasende Weib ...

    (DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der
    Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die
    Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst
    und feierlich.)

STIMMEN DER NAHENDEN:

Hosianna ... Verkündigung ... ewig währet Jerusalem ... oh, selige
Heimkehr, oh, ewige Wiederkehr!... Gesegnet der Tröster, gesegnet die
Tröstung ... Hosianna ... ewig währet Jerusalem ...

STIMMEN DER MENGE (in wilder Erregung):

Sie sind rasend ... was ist geschehen ... höret ... höret! Hosianna
rufen sie ... was bringet er ... was ist seine Botschaft ... er rede
auch zu uns ... wer ist es ... auch zu uns sprich, Verkünder ... Oh,
Tröstung, wer gibt uns Tröstung ...

EINER:

Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten?

STIMMEN:

Ja ... nein ... dunkel war jenes Gesicht ... ein Leuchten ist aber um
diesen ... doch, sehet, er ist es ... er ist es ... wie ist er
gewandelt ... wehe der Flucher ... wie kann Süßes kommen von dem
Bittern ... was folget er uns, der uns verfolgte ...

BARUCH:

Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit dem Worte Gottes,
mit dem Brote des Lebens!

STIMMEN:

Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten ... wie die Geißel schlägt
er zu ... er wird uns würgen mit dem Wort ... genug der Profeten, sie
haben uns verredet mit ihren Worten ... nein, dieser hat gewarnet ...
hart ist sein Mund wie ein Schwert ... Salz streut er in unsere
Wunden ... hebe dich fort, Unbarmherziger!

BARUCH:

Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, lasset euch trösten,
ihr Gottesbrüder!

DER KRANKE:

Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein
Siecher, und er hat mich erhoben. Ich zeuge für ihn, ich zeuge ...

STIMMEN:

Wer ist dieser ... höret ihn an ... Wunder verheißet er, und wir
bedürfen der Wunder ... Tröstung will mein Herz ... mich trösten einzig
Zions Tale ... wie kann er trösten ... kann er wecken die Toten, kann er
aufbaun die zederne Burg ... nein, höret ihn ... wehe uns ...

DAS WEIB:

Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und
dreimal hast du uns gesegnet.

BARUCH:

Meister, sieh ihren Widerstreit! Mache einig ihr Herz, mache fruchtbar
ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer!

JEREMIAS (aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen):

Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels voll eure
Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr?

STIMMEN:

Hört ihr den Lästerer ... ich habe gewarnt vor ihm ... er höhnt uns ...
er fragt, warum wir klagen ... Salz streut er in unsere Wunden ...
sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs ... sollen wir vergessen
der Toten ... er spottet unserer Tränen ... schweige ... nein, höret
ihn ... lasset ihn reden ...

JEREMIAS:

Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist denn alles verloren, daß
ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch
geschenkt ...

EINE STIMME:

Wehe, welch ein Leben!

JEREMIAS:

Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist auch Gott. Nur der
Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren,
doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. Oh, meine Brüder, nicht klaget
und verzaget, solange euch Atem vom Munde fließt, nicht tut auf euren
Mund der Empörung und nicht schließet euer Ohr der Tröstung!

STIMMEN:

Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht ... willst du uns aufrichten, so
richte auf die Mauern Jerusalems ... baue Zions Burg ... wehe, er sieht
unsere Not nicht ... er erkennet unsere Leiden nicht ...

JEREMIAS:

Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in ein geöffnet Buch, und
eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; doch, meine Brüder, auch
unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe den Gott darin. Seine Prüfung
nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen!

STIMMEN:

Warum prüfet uns Gott ... Warum gerade uns, seine Auserwählten ... warum
ist so hart diese Prüfung ...

JEREMIAS:

Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. Andern Völkern ist
klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, in Hölzern und Steinen meinen
sie des Ewigen Gesicht zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter
Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens
werden wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen
Erwählten. Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter den
Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den stößt er
hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, ihr Brüder,
immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es hinabgestoßen.

STIMMEN:

Ja, er redet recht ... nein, gütig ist Gott ... verstehet ihn recht ...
ja, es steht geschrieben: »Selig der Mensch, den Gott strafet, darum
weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht« ... Ja, ja ... so
steht es geschrieben ... nur die Sünder strafet er ... was haben wir
getan ... Vergessen haben wir seiner in Hoffart ... nie rief ich ihn an
wie jetzt in der Not ... wahr redet er ... Tröstung ist in seinen
Worten ...

JEREMIAS:

Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den Leidenden gilt seine
Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und lieben sein Leid, ihr
Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in unseres
Herzens Scholle und wir fruchtend würden seines Samens, er hat uns
geschwächet am Leibe, daß er uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset
uns eingehen in die Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen.
Tut, wie eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des
Allmächtigen nicht!

STIMMEN:

Geben wir uns hin seinem Willen ... gepriesen die Prüfung ... ich will
die Klage zerschlagen in meinem Munde ... ja ... auch sie waren in
Knechtschaft, und er hat sie erlöset ... auch uns wird er hören ...
ja ... ja ... oh, daß er unser sich erbarmte ... sage, du Verkünder, wird
er uns wieder aufnehmen ... gibt er uns Erhebung ... erlöst er uns von
Babel ... laß es uns glauben ...

JEREMIAS:

Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid schon erstanden. Denn
wer sind wir, wenn wir nicht gläubig sind? Nicht ward uns wie andern
Völkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren,
nicht die Rast, darin unser Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir
erwählet unter den Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal
unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie
darob, nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset
ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, du
Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein heilig
Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit willen.

STIMMEN:

Oh, Wahrheit des Wortes ... unser Erbe ist das Leid ... ich will es auf
mich nehmen ... ich glaube an seine Barmherzigkeit ... er wird uns
ausführen, wie er uns führte aus Mizraim ... Segen auf dein Wort ...
Gott wird uns erlösen, wie er erlöste unsere Väter ...

JEREMIAS:

So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen
Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten, wie du geschritten
tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um
seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, daß wir alles
verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere
Plage und Prüfung! Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid und
zur Ewigkeit durch die Erneuung! Könige, die uns Herren waren, sind
vergangen wie Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten
ihr Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale
Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das
Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die
Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen
Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der
einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket
Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr
Geplagten, rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns
ihr erwählte in alle Ewigkeit!

    (DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen
    heben sich rhythmisch die Chöre.)

STIMMEN:

  Knechte Mizraims
  Waren die Väter,
  Eiserne Zäume
  Preßten und banden
  Israels Stirn.
  Knechte und Vögte
  Schlugen die Klage
  Auf dienendem Rücken
  Mit Peitschen entzwei,
  Schlugen die Kinder
  Mit tödlichem Erz.

HELLERE STIMMEN:

  Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte,
  Fand uns Gottes erbarmender Blick,
  Einen Befreier in niederem Schoße
  Weckt' er dem Volke, eh es zerbrach.
  In seine Zunge ergoß er die Rede
  Und in seine Hände der Zeichen Gewalt.
  Aufhub Mose das Volk, das bedrückte,
  Aus seiner Rede glänzte uns Heimat,
  Und wir ließen das bittere Land.

JUBELNDE STIMMEN:

  Und die Siebzig dereinstens gekommen,
  Tausend und Tausend kehrten darwider,
  Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren,
  Ein starkes Geschlechte zogen wir aus.
  Säule des Rauchs und Säule des Feuers
  Zogen voran den seligen Blicken,
  Engel des Herrn flogen hell vor uns her.
  Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes!
  Oh, erste Einkehr und Wiederkehr!

JEREMIAS:

  Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um Prüfung!
  Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet
  sie!

STIMMEN:

  Hinter uns jagten,
  Schäumender Nüster,
  Rosse und Wagen
  Pharaos Heer.
  Über uns schollen
  Schon Schreie der Rache,
  Vor uns war Meerflut
  Und hinter uns Tod.

HELLERE STIMMEN:

  Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe,
  Weit voneinander riß er die Fluten,
  Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang,
  Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade,
  Und wir wandelten trockenen Fußes
  Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht.

JAUCHZENDE STIMMEN:

  Klirrend folgten die gierigen Feinde,
  Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse
  Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei,
  Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder,
  Brandend zerschäumten die wassernen Mauern,
  Über sie stürmte das blaue Verhängnis,
  Rosse und Wagen erwürgte das Meer!

ERNSTE STIMMEN:

  So zerbrach der Herr die Gefahren,
  Heil entriß er das Volk seiner Haft.
  Oh, großer Anhub der wunderbaren,
  Selig unseligen Wanderschaft!

JEREMIAS:

Doch nochmals und nochmals goß er des Todes Bitternis über uns und der
Prüfung Kelch, damit wir geneseten auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet
sie, die heißen Tage der Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem
Gottesland!

STIMMEN:

  Brach die Kehle,
  Leer die Lippen,
  Ausgedürstet
  Und verschmachtet
  Wankten wir
  Im leeren Land.

JAUCHZENDE STIMMEN:

  Da reckte Mose, der Gottesgesandte,
  Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein.
  Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken,
  Wasser netzte die lechzende Lippe,
  Kühlung umspülte den staubigen Fuß.

HELLERE STIMMEN:

  Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung,
  Wunder durchrauschten den brennenden Tag,
  Bittere Bronnen wurden zu süßen,
  Würzige Wachteln herblies der Wind,
  Und als Hunger feurigen Eisens
  Unsere Eingeweide zerriß,
  Brach aus dem Morgen blendende Weiße:
  Manna fiel nieder, das himmlische Brot!

JEREMIAS:

Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig warf er uns nieder mit
seiner heiligen Hand! Immer erneute er die Gefahren seinem Volke!
Besinnet sie! Besinnet sie!

STIMMEN:

  Völker standen
  Auf in Waffen,
  Neid und Habsucht
  Sperrten Wege
  Unsrer Fahrt,
  Städte schlossen
  Turm und Tore,
  Speere starrten
  Trotz und Tod.

HELLERE STIMMEN:

  Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen
  Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts,
  Wider Tausend gab er uns Stärke,
  Wider Zehntausend gab er uns Sieg.

JAUCHZENDE STIMMEN:

  Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern,
  Moab zerknickte, Amalek verging.
  Mit dem Schwerte schlugen wir Wege
  Durch den Zorn der Völker und Zeiten,
  Bis unser Herz die Prüfung bestand,
  Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe,
  Kanaan, unser verheißenes Land.
  Heimat durften die Schweifenden haben,
  Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe,
  Rebe entgrünte dem Wanderstabe,
  Israel blühte, und Zion erstand.

ALLE STIMMEN:

  Immer waren wir Pflüger im Joche,
  Immer gebeugt und in Dienstbarkeit,
  Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen,
  Aus allen Kerkern uns heimbefreit,
  Wo immer sie Not und Drängung uns schufen,
  Immer hat er uns heimgerufen,
  Und unsern Samen zur Blüte erneut!

JEREMIAS:

  Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt.
  Bedenket, bedenket,
  Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket,
  Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist.
  So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung,
  Segnet die Schickung, so uns geschah,
  Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung,
  Erniedrigung macht uns nur gottesnah,
  Jeder Sturz führt höher in seine Reiche,
  Denn nur die Besiegten wissen um ihn:
  Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen!
  Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn!

STIMMEN (ekstatisch):

Ja, auf, zur Wanderschaft ... führe uns an ... wie die Väter wollen wir
leiden ... oh, Auszug und ewige Wiederkehr ... auf ... auf ... hebet
an ... es ist nahe gen Tag ... ziehen wir aus ... ziehen wir aus in die
Knechtschaft ... Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset ...
Alle wollen wir gehen ... alle ... ja, wir alle ...

DIE STIMME ZEDEKIAS:

Wehe, wehe! Wer wird mich führen? Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe,
wer hebet mich auf?

JEREMIAS:

Wes Ruf ist dies?

STIMMEN:

Laß ihn ... er bleibe ... Spreu ist er und verworfen ... Du führe uns
an, du, Gesegneter ... Du sei uns Herr ... Laß den Verworfenen ...

JEREMIAS:

Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden um unserer aller
willen!

STIMMEN:

Nicht er ... nicht er ... Aussatz ist er unseres Volkes ... alles
Unheils Quelle ... Laß den Verstoßenen Gottes ... Laß den Verfluchten!

JEREMIAS:

Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat mich erhört; auch ich
war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! Wo ist er, der aufschrie
aus seiner Not, daß ich ihn tröste, wie ich selber getröstet ward?

STIMMEN:

Im Dunkel ist er ... auf den Stufen ... dort, sieh den Gebückten ...
Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen.

JEREMIAS:

Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits?

STIMMEN:

Sieh doch ... seine Sterne sind erloschen ... seine Schritte sind
irr ... er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete ...

JEREMIAS (näher tretend, in heißem Erschrecken):

Zedekia! Mein König!

ZEDEKIA:

Bist du es, Jeremias, der mir nahet?

JEREMIAS:

Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener Jeremias! (Er beugt sich
in die Knie vor dem Könige.)

ZEDEKIA:

Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie ich dich von mir
stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt, du Gewaltiger, nun schone
mein; nicht wirf mich fort, nicht laß mich allein in der Stunde des
Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der
Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden.

JEREMIAS (zu seinen Füßen):

Ich bin bei dir ... mein König Zedekia.

ZEDEKIA (nach ihm ins Leere tastend):

Wo bist du? Ich fühle dich nicht!

JEREMIAS:

Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein Knecht.

ZEDEKIA (zitternd):

Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht beuge dich dem Gebeugten! Das
Salböl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube.

JEREMIAS:

Doch des Leidens König bist du geworden, und nie warst du mehr
königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr stand ich vor dir, da die
Macht in dir war und die Stärke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich
mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den
Kelch unserer Bitternis, der Erste wärest du des Duldens, so mögest du
der Erste sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung
Anbeginn. Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels Herr,
erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott nur schauest
und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk!

JEREMIAS (aufstehend, zum Volke):

  Sehet, sehet,
  Leidensvolk, Gottesvolk,
  Gott erhörte euer Begehr,
  Er hat euch einen Führer gesandt!
  Der Schmerzengekrönte,
  Der Menschenverhöhnte,
  Wer mag wie er,
  König der selig Besiegten sein?
  Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen,
  Daß er besser schaue sein ewiges Reich,
  Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen
  Diesem als König der Duldenden gleich?

ZEDEKIA:

Wohin führest du mich? Was geschieht mir?

JEREMIAS:

  Hebet ihn auf,
  Den Hingesenkten,
  Ehrt den Gekränkten
  Mit sorgender Liebe!
  Hüllet um ihn
  Königsgewande
  Und erneuet
  Der Zeichen Gewalt,
  Ehret, oh ehret
  In ihm euer Leiden,
  Als der Erste schreite er aus.
  Zäumet die Rosse,
  Rüstet die Sänfte,
  Fürchtigen Armes
  Hebet ihn hoch,
  Denn er ist
  Heiligste Bürde,
  Israels Hort und königlich Haus.

    (EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und
    betten den Blinden in eine Sänfte.)

    (EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf,
    der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist
    inzwischen angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die
    geschwärzten Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd,
    vom morgendlichen Himmel aus.)

    (DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände
    gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.)

STIMMEN:

Die Posaune ... die Posaune ... Gott ruft uns ... der Tag ist
angebrochen ... der Tag unserer Prüfung ... die Sonne nahet Jerusalem ...
rüstet die Tiere ... rüstet die Herzen ... Gott ruft uns ... wir kommen,
wir kommen ... Auszug ... Auszug ... oh Einkehr und Wiederkehr ...
Jerusalem ... Jerusalem!

JEREMIAS (gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn
sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger
scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung):

  Auf, ihr Verstoßenen,
  Auf, ihr Besiegten,
  Rüstet zur Reise!
  Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes,
  Hebe dein Herz!

    (DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.)

JEREMIAS (zur Stadt hingewandt):

  Zum letztenmal glänzen
  Jerusalems Zinnen
  In eure Tränen,
  Leuchtet euch Höhe
  Des heiligen Bergs!
  Einmal noch hebet
  Brennende Blicke,
  Trinket der Heimat
  Verlorenes Bild!
  Trinket die Zinnen,
  Trinket die Mauern,
  Trinket die Türme
  Der ewigen Stadt,
  Trinket das Dürsten,
  Sie wieder zu schauen,
  Trinket, oh trinket Jerusalem!

STIMMEN:

Glüh ein in uns, daß wir entbrennen ... wie könnt ich dich vergessen,
Bild der Bilder ... möge darren meine Rechte, wenn ich dein vergäße,
Jerusalem ... oh, Heimat unserer Herzen ... Zion, Zion, du heilige
Stadt!

JEREMIAS:

  Einmal noch beuget
  Fromm euch der Erde,
  Einmal noch rühret
  Die Grube der Väter
  Fürchtiger Hand!
  Erde, oh Erde, die ich verlasse,
  Du blutgetränkte,
  Du tränenversengte,
  Sehet, ich fasse
  Sie fromm mit liebenden Händen an.
  Erde, Erde, ich schlinge dich,
  Erde, Erde, durchdringe mich!
  Bitteren Kloß
  Würg ich die schluchzende Kehle hinab,
  Doch deine Bitternis innen im Leibe
  Entbrenne mir Seele und Eingeweide,
  Daß ich ewig deiner gedenke,
  Ewig deiner teilhaftig werde!
  Erde, du heilige Vätererde,
  Schenke
  Mir ewig Begehren und ewigen Brand,
  Ewigen Hunger und Heimverlangen
  Nach Zion, unserm verlorenen Land!

DIE MENGE (sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen Kloß
schlingend):

Oh, teure Erde, Scholle der Väter ... dring ein in mich ... würg meine
Seele, wie ich dich würge ... oh, verloren Land ... Sarg meiner Väter ...
oh, dich lassen ... Erde, Erde, du heilige Erde ...

JEREMIAS (sich erhebend):

  Doch nun du gespeiset
  Bittere Sehnsucht,
  Doch nun du getrunken
  Brennendes Bild,
  Wandervolk, Gottesvolk, hebe dich auf!
  Lasset die Toten,
  Sie haben den Frieden,
  Lasset die Mauern,
  Sie stehen nicht auf,
  Du doch erstehest
  Ewig und ewig
  Aus deinen Tiefen
  In deinem Gott.
  Auf,
  Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise,
  Blick in die Ferne,
  Blick nicht zurück!
  Die verweilen,
  Haben die Heimat,
  Doch die wandern,
  Haben die Welt!
  Auf, ihr Gebeugten,
  Auf, ihr Besiegten,
  Hebet die Stirnen
  Über die Nöte
  Wider die ewigen Morgenröten
  Und der Gestirne
  Wanderndes Zelt.
  Gott hat die Straßen,
  Die ihr beschreitet,
  Wissend bereitet,
  Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt!

    (DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und
    Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.)

EINER (vortretend):

  Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage,
  Werden die Tale uns wieder gehören,
  Wird einstens Israel wiederkehren,
  Sag, schauen wir wieder Jerusalem?

STIMMEN:

Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir wieder Jerusalem?

JEREMIAS:

  Ewig wird inwendig es schauen,
  Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist,
  Und mit dem Maß seines Gottvertrauens
  Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt.
  Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde
  Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde,
  Schöner als wir es vordem gekannt,
  Jede Fremde wird ihm das Gottesland!
  Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet,
  Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!

STIMMEN:

Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der
Glaube ist unser Jerusalem!

EIN ANDERER (vortretend):

Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen?

JEREMIAS:

  Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker,
  Und das Leiden, das euch gelehrigt hat,
  Ihr selber werdet die heiligen Werker,
  Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt.
  Aus euern Trauern erhebet die Mauern,
  Und je tiefer die Völker euch niederbeugen,
  Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen,
  Um so schöner erstehet Jerusalem!

STIMMEN:

Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden ...
laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die
Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem.

EIN ANDERER:

Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?

JEREMIAS:

  Steine bröckeln, es stürzen die Mauern
  Irdischer Werke, die Reiche veralten,
  Städte verschwemmen im Strome der Zeit,
  Doch was die Seelen in Leiden gestalten,
  Dauert in Gottes Allewigkeit.
  Wer kann sie zerstören,
  Die unsichtbaren,
  Innen geschauten,
  Tränenerbauten
  Zinnen der heiligen Zuversicht,
  Wer kann ihn uns rauben
  Den seligen Glauben,
  Wer stürzet des Herzens Jerusalem?

STIMMEN:

Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... heilig, heilig
unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer Not ... oh, Tröstung ...
oh, Zuversicht ...

EIN ANDERER:

Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden, Wo schauet die Seele
Jerusalem?

JEREMIAS:

  Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet
  Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt,
  Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet,
  Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt,
  An jeglichem Orte,
  Wo euch Glaube inwohnet,
  Überwölbt euch hell seine mauerne Krone:
  Wer glüht, sieht ewig Jerusalem!

STIMMEN:

Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft ... zerstört
hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe ... überall
wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig
ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ...

    (DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell
    geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der
    wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld
    und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.)

JEREMIAS (hoch über ihnen):

  Wandervolk, Leidvolk -- im heiligen Namen
  Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang --
  Hebe dich auf, in die Welt zu fahren,
  Rüste und schreite unendlichen Gang!
  Wirf deinen Samen
  Willig ins Dunkel der Völker und Jahre,
  Wandre dein Wandern und leide dein Leid!
  Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare
  Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit!

    (DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein
    ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann
    schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die
    geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts
    gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste
    Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner
    bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und
    schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist,
    als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)

STIMME DER SCHREITENDEN:

  In fremden Häusern werden wir wohnen
  Und brechen ein tränensalzenes Brot.
  Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen
  Und ängstend schlafen an feindlichem Herd.
  Dunkel der Jahre wird über uns fallen,
  Der Könige Fron und der Herrschenden Haft,
  Doch unsere Seelen entwandern der Fremde
  Und ruhen allzeit in Jerusalem.

ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:

  Aus weiten Wassern werden wir trinken,
  Die bitter brennen dem sehnenden Mund,
  Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten
  Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind,
  Doch keine Fremde wird uns zur Ferne,
  Denn von den Sternen wehet uns Tröstung;
  Träume der Heimat enttauchen den Nächten,
  Und unsere Seele erstehet gekräftigt
  Von der heiligen Zehrung Jerusalem!

ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:

  Auf fremden Straßen werden wir fahren,
  Durch Land und Länder stößt uns der Wind,
  Heimat um Heimat reißen die Völker
  Uns von den brennenden Sohlen fort,
  Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme,
  Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt,
  Doch selig, selig wir Weltbesiegten,
  Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen,
  Nirgends verschwistert und keinem genehm,
  Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten
  Zu unserer Seelen Jerusalem!

    (EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus
    dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über
    das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)

DER HAUPTMANN DER CHALDÄER:

Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag
unter sie, wenn sie trotzig sind!

EIN CHALDÄER:

Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht!

DER HAUPTMANN:

Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.

DER CHALDÄER:

Herr, sie klagen nicht.

EIN ANDERER CHALDÄER:

Siehe ... wie sie schreiten ... wie die Sieger gehen sie einher ... es
leuchtet in ihren Blicken.

DIE CHALDÄER:

Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie
einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung ... hört, was sagen
sie ... was singen sie ... seltsam ist dies Volk ... unverständlich in
seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in
dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies
eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein
Volk wie dieses ...

STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden
Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist):

  Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten
  Unendliche Straßen des Leidens entlang,
  Ewig sind wir die ewig Besiegten,
  Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten,
  Niedrige Knechte niedrigen Frons,
  Doch die Städte, sie sinken, es gleiten
  Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne,
  Und die hart unsere Rücken zerschlugen,
  Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht.
  Wir aber schreiten und schreiten und schreiten
  Tiefer hinein in die eigene Kraft,
  Die sich aus Erden die Ewigkeiten
  Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.

DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:

Sieh ... sieh ... wie die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist
über sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie
nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ...

EIN CHALDÄER:

Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares,
das sie verzückt ...

EIN ANDERER CHALDÄER:

Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ...

DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:

Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht
sieht ... ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ...
man müßte es lernen von ihnen ...

DER CHALDÄER:

Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei
ihr Gott.

DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten
unter ihnen auszuschreiten beginnen):

  Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden,
  Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung,
  Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte,
  Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite,
  Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute,
  Wir aller Völker Spielball und Spott,
  Wir einzig Heimatlosen der Erde,
  Wir wandern in alle Ewigkeiten,
  Die Letztgebliebnen
  Unendlicher Schar
  Heimwärts zu Gott,
  Der aller Anfang und Ausgang war,
  Bis daß er uns selber die Heimstatt werde,
  Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren
  Die Welt umwandert und leuchtend umkreist,
  Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren:
  Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.

DER CHALDÄER:

Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf
diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott
sein.

DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:

Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht
gesiegt über ihn?

DER CHALDÄER:

Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber
nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie
seinen Geist.

    (DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen
    über Jerusalem und strahlt üb er dem Auszug des Volkes, das aus der
    Stadt in die Zeiten schreitet.)



Alle Rechte vorbehalten. Das Recht der Aufführung ist durch Felix Bloch
Erben, Berlin-Wilmersdorf, zu erwerben.

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.



INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG


Dichtungen von Stefan Zweig

DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Zweite Auflage. In Pappband M. 3.50.

ERSTES ERLEBNIS. Vier Geschichten aus Kinderland. Drittes und viertes
Tausend. In Pappband M. 5.--.

DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen. In Leinen M. 4.50.

TERSITES. Ein Trauerspiel. In Halbpergament M. 5.--.

DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. In
Halbpergament M. 3.50.

BRENNENDES GEHEIMNIS. Novelle. (Inselbücherei Nr. 122.) 21. bis 25.
Tausend. In Pappband M. --.90.


_Von Stefan Zweig wurden übertragen:_

Emile Verhaeren: Ausgewählte Werke in drei Bänden. 2. Auflage.

     Band I. Stefan Zweig: Emile Verhaeren. Geheftet M. 3.50; gebunden
     M. 5.50.

     Band II. Emile Verhaeren: Ausgewählte Gedichte. Geheftet M. 3.50;
     gebunden M. 5.50.

     Band III. Emile Verhaeren: Drei Dramen. Geheftet M. 3.50; gebunden
     M. 5.50.

Emile Verhaeren: Rubens. Mit 95 Vollbildern, 11. bis 15. Tausend. In
Halbleinen M. 5.--.

Emile Verhaeren: Rembrandt. Mit 80 Vollbildern. 21. bis 25. Tausend. In
Halbleinen M. 5.--.

Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bücherei Nr. 5.) 36. bis
40. Tausend. In Pappband M. --.90.


_Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:_

Charles Dickens: Ausgewählte Romane. -- Arthur Rimbaud: Leben und
Dichtung. -- Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben.



Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils
zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.

  Seite 79: »jedes Hand gehoben«
            »jede Hand gehoben«

  Seite 139: »wie ein Schuldiger schrakst du«
             »wie ein Schuldiger schreckst du«

  Seite 175: »weil ich meinete«
             »weil ich meinte«

  Seite 185: »sein Antlitz sich hüllte seinem Kinde!«
             »sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern!«

  Seite 196: »EINIGE der Beherzteren«
             »EINIGE der Beherzten«





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