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Title: Nationalismus
Author: Tagore, Rabindranath, 1861-1941
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Anmerkungen zur Transkription:

Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit ~Tilde~, kursiv
gedruckter Text mit _Unterstrich_ markiert. Folgende offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert:

S. 75 »erklärt es als eine Gefahr.« Der . (Punkt) wurde zu , (Komma)
geändert; S. 78 »sonderen Feinde allen Lebens« sonderen zu sondern; S.
100 »zur Herrschaft gekommen ist ,wird« Leerzeichen vor Komma entfernt
und nach Komma hinzugefügt; S. 150 »sozialen Ein-Dichtungen zu
verwirklichen« Ein-Dichtungen zu Einrichtungen.

Außerdem wurden die Fußnoten, der Lesbarkeit halber, ans Ende des
zugehörigen Absatzes verschoben.



      RABINDRANATH TAGORE

      NATIONALISMUS

      MÜNCHEN
      KURT WOLFF VERLAG



Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore
selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von
Helene Meyer-Franck

      16.-25. Tausend
      Copyright 1918 by Neuer Geist-Verlag in Leipzig



      NATIONALISMUS IM WESTEN


Die Geschichte der Menschheit gestaltet sich nach den Schwierigkeiten,
denen sie begegnet. Diese stellen uns Aufgaben, die wir lösen müssen,
wenn wir nicht herabsinken oder zugrunde gehen wollen.

Diese Schwierigkeiten sind verschieden bei den verschiedenen Völkern der
Erde, und die Art, wie sie sie überwinden, macht ihren besonderen
Charakter aus.

Die Skythen des alten Asiens hatten mit der Kargheit ihrer natürlichen
Hilfsquellen zu kämpfen. Als die bequemste Lösung erschien ihnen, daß
sie ihre ganze Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, zu Räuberbanden
organisierten. Und so wurden sie denen unwiderstehlich, deren
Hauptleistung die friedlich aufbauende Arbeit bürgerlicher Gemeinschaft
war.

Aber zum Glück für den Menschen ist der bequemste Weg nicht der ihm
gemäßeste Weg. Wenn er nur seinem Instinkt zu folgen hätte, wie eine
Schar hungriger Wölfe, wenn er nicht zugleich sittliches Wesen wäre, so
würden jene Räuberhorden schon inzwischen die ganze Erde verheert haben.
Aber der Mensch muß, wenn er Schwierigkeiten gegenübersteht, die Gesetze
seiner höheren Natur anerkennen, deren Nichtbeachtung ihm zwar
augenblicklichen Erfolg bringen kann, aber ihn sicher zum Untergang
führt. Denn das, was der niedern Natur nur Hindernis ist, ist der höhern
Lebensform eine Möglichkeit zu höherer Entwicklung.

Indien hat vom Anfang seiner Geschichte an seine Aufgabe gehabt: das
Rassenproblem. Ethnologisch verschiedene Rassen sind in diesem Lande in
nahe Berührung miteinander gekommen. Die Tatsache war zu allen Zeiten
und ist noch heute die wichtigste in unserer Geschichte. Es ist unsere
Aufgabe, ihr ins Gesicht zu sehen und unsern Menschenwert dadurch zu
erweisen, daß wir sie im tiefsten Sinne lösen. Solange wir nicht diese
Aufgabe erfüllt haben, wird uns Glück und Gedeihen versagt sein.

Es gibt andere Völker in der Welt, die in der sie umgebenden Natur
Hindernisse zu überwinden haben oder von mächtigen Nachbarn bedroht
sind. Sie haben ihre Kräfte organisiert, nicht nur so weit, daß ihnen
von der Natur und von menschlichen Nachbarn keine Gefahr mehr drohen
kann, sondern daß sie selbst durch ihre überschüssige Kraft zu einer
Gefahr für andere geworden sind. Aber die Geschichte unseres Landes, wo
die Schwierigkeiten innerer Art sind, ist eine Geschichte beständiger
sozialer Schlichtung und Anpassung, nicht eine Geschichte zu
Verteidigung und Angriff organisierter Macht.

Weder die farblose Unbestimmtheit des Kosmopolitismus noch die
leidenschaftliche Selbstvergötterung des Nationalitätskults ist das Ziel
der menschlichen Geschichte. Und Indien hat versucht, seine Aufgabe zu
erfüllen, indem es einerseits die Verschiedenheiten in eine soziale
Ordnung gebracht und andererseits das Bewußtsein der Einheit im Geist
entwickelt hat. Es hat schwere Fehler begangen, indem es zu starre
Schranken zwischen den Rassen aufrichtete und durch das Kastenwesen
gewisse Stände dauernd herabdrückte und zur Minderwertigkeit
verurteilte; es hat oft den Geist seiner Kinder verkrüppelt und ihr
Leben eingeengt, um sie den sozialen Formen anzupassen; aber
Jahrhunderte hindurch hat es immer wieder neue Versuche gemacht und
Ausgleichungen geschaffen.

Indiens Aufgabe war die einer Wirtin, die für zahlreiche Gäste zu sorgen
hat, deren Gewohnheiten und Bedürfnisse alle voneinander verschieden
sind. Dies bringt endlose Schwierigkeiten mit sich, deren Hebung nicht
nur Takt erfordert, sondern wahre Teilnahme und das Bewußtsein der
Einheit des Menschengeschlechts. Dieses Bewußtsein allgemein zu machen,
haben schon seit der frühen Zeit der Upanishads bis in unsere Zeit große
religiöse Lehrer geholfen, deren Ziel es war, alle menschlichen
Unterschiede auszulöschen im überströmenden Gottesbewußtsein. Unsere
Geschichte besteht fürwahr nicht in dem Aufblühen und Zerfallen von
Königreichen, in Kämpfen um politische Übermacht. Bei uns sind die
Berichte von solchen Ereignissen verachtet und vergessen, denn sie
machen keineswegs die wahre Geschichte unseres Volkes aus. Unsere
Geschichte berichtet von sozialem Leben und von der Verwirklichung
religiöser Ideale.

Aber wir fühlen, daß unsere Arbeit noch nicht getan ist. Die Flut der
Welt ist über unser Land hingefegt, neue Elemente sind uns zugeströmt,
und Anpassungen größeren Stils sind nötig.

Wir fühlen dies um so mehr, als die Lehre und das Beispiel des Westens
dem, was wir für unsere Aufgabe halten, gerade zuwiderläuft. Im Westen
wird durch den nationalen Mechanismus von Handel und Politik die
Menschheit schön ordentlich in Ballen zusammengepreßt, die ihren Nutzen
und hohen Marktwert haben; sie sind mit eisernen Reifen umspannt, mit
Aufschrift versehen und mit wissenschaftlicher Sorgfalt und Genauigkeit
sortiert. Gott schuf doch wahrlich den Menschen, daß er menschlich sei;
aber dieses moderne Produkt ist so wunderbar regelmäßig zugeschnitten
und poliert, hat so sehr den Charakter der Fabrikware, daß der Schöpfer
Mühe haben wird, es als ein geistiges Wesen zu erkennen, als das
Geschöpf, das er nach seinem göttlichen Bilde schuf.

Aber ich greife schon vor. Was ich sagen wollte, ist dies. Nehmt es, wie
ihr wollt: dieses Indien hat seit wenigstens fünf Jahrtausenden
versucht, in Frieden zu leben, und dies Indien war ohne Politik, ohne
Nationalismus; sein einziger Ehrgeiz war, diese Welt als beseelt zu
erkennen und jeden Augenblick seines Lebens zu leben in demutsvoller
Anbetung und im frohen Bewußtsein der ewigen und persönlichen
Verwandtschaft mit ihr. Über diesen abgelegenen Teil der Menschheit, der
die Harmlosigkeit des Kindes und die Weisheit des Alters hatte, brach
die Nation des Westens herein.

Bei allen Kämpfen und Ränken und Betrügereien seiner früheren Geschichte
war Indien selbst unbeteiligt geblieben. Denn seine Heimstätten, seine
Felder, seine Tempel, seine Schulen, in denen Lehrer und Schüler in
Einfachheit und Frömmigkeit und stiller Arbeit zusammenlebten, seine
Dörfer mit ihrer friedlichen Selbstverwaltung und ihren einfachen
Gesetzen -- alles dies gehörte wirklich zu Indien. Aber nicht seine
Throne. Sie berührten es so wenig wie die Wolken, die über sein Haupt
hingingen, bald mit purpurner Pracht gefärbt, bald schwarz,
gewitterdrohend. Oft hatten sie Verheerungen in ihrem Gefolge, aber sie
waren wie Naturkatastrophen, deren Spuren bald verschwinden.

Aber diesmal war es anders. Diesmal war es kein bloßes Dahinjagen über
die Oberfläche seines Lebens -- ein Dahinjagen von Reitern und
Fußsoldaten, von Elefanten mit reichen Schabracken, weißen Zelten und
Sonnendächern, von Reihen geduldiger Kamele, die die Lasten des
königlichen Hofes trugen, von Flötenbläsern und Paukenschlägern,
Marmordomen und Moscheen, Palästen und Gräbern. Dies alles kam und ging
sonst wie Perlen von schäumendem Wein, und mit ihm die Geschichten von
Verrat und Treue, von plötzlichem Aufstieg und jähem Fall. Diesmal aber
trieb die Nation des Westens die Fühlhörner ihres Mechanismus tief in
den Boden hinein. Deshalb, sage ich euch, müssen wir selbst Zeugnis
ablegen von dem, was unser Volk für die Menschheit bedeutete. Wir hatten
die Horden der Mongolen und Afghanen kennengelernt, die in Indien
einfielen, aber wir hatten sie kennengelernt als menschliche Rassen mit
ihren besonderen Religionen und Sitten, Neigungen und Abneigungen -- wir
hatten sie nicht als Nation kennengelernt. Wir liebten und haßten sie,
wie die Anlässe es ergaben, wir kämpften für oder gegen sie, sprachen
mit ihnen in einer Sprache, die sowohl ihre als unsere war, und halfen
so an unserm Teile mit, das Schicksal unseres Reiches zu lenken. Aber
diesmal hatten wir es nicht mit Königen, nicht mit menschlichen Rassen
zu tun, sondern mit einer Nation -- wir, die wir selbst keine Nation
sind.

Wir wollen jetzt einmal aus unserer eigenen Erfahrung heraus die Frage
beantworten: Was ist eine Nation?

Eine Nation im Sinne politischer und wirtschaftlicher Vereinigung eines
Volkes ist die Erscheinung, die eine ganze Bevölkerung bietet, wenn sie
zu einem mechanischen Zweck organisiert wird. Die menschliche
Gesellschaft als solche hat keinen über sie hinausreichenden Zweck. Sie
ist Selbstzweck. Sie ist die Form, in der der Mensch als soziales Wesen
sich von selbst ausdrückt. Sie ist die natürliche Ordnung menschlicher
Beziehungen, die den Menschen die Möglichkeit gibt, in gemeinsamem
Streben ihre Lebensideale zu entwickeln. Sie hat auch eine politische
Seite, aber diese dient nur einem besonderen Zweck, dem der
Selbsterhaltung. Es ist die Seite der Macht, nicht die des Lebensideals.
Und so war in früheren Zeiten die Politik nur ein besonderes Gebiet, das
Fachleuten vorbehalten war. Aber wenn mit Hilfe der Wissenschaft und der
immer vollkommener werdenden Organisation dies Gebiet zu erstarken
beginnt und reiche Ernten einbringt, dann wächst es mit erstaunlicher
Schnelle über seine Grenzen hinaus. Denn dann spornt es alle seine
Nachbargebiete zur Gier nach materiellem Gewinn und infolgedessen zu
gegenseitiger Eifersucht an. Und weil jeder den andern fürchten muß, muß
jeder nach Macht streben. Die Zeit kommt, wo es kein Halten mehr gibt,
denn der Wettbewerb wird hitziger, die Organisation nimmt immer größern
Umfang an, und die Selbstsucht wird übermächtig. Indem die Politik aus
der Gewinnsucht und Furcht des Menschen Vorteil zieht, nimmt sie in der
Gesellschaft einen immer größeren Raum ein und wird zuletzt ihre
beherrschende Macht.

Es ist wohl möglich, daß ihr, durch die Gewohnheit abgestumpft, das
Gefühl dafür verloren habt, daß heutzutage die natürlichen Bande der
menschlichen Gesellschaft zerreißen und rein mechanischer Organisation
Platz machen. Aber ihr könnt die Zeichen davon überall sehen. Ihr seht,
wie Mann und Weib sich gegenseitig den Krieg erklären, weil das
natürliche Band, das sie miteinander in Harmonie verbindet, gerissen
ist. Der Mann ist nur noch Berufsmensch, der für sich und andere
Reichtümer erzeugt, indem er beständig das große Rad der Macht
dreht -- sich selbst und der allgemeinen Bureaukratie zuliebe. Die Frau
mag hinwelken und sterben oder ihren Lebenskampf allein ausfechten. Und
so ist an die Stelle von natürlichem Zusammenwirken Wettbewerb getreten.
So wandelt sich sogar die seelische Beschaffenheit von Mann und Weib
hinsichtlich ihrer Beziehung zueinander, und ihr Verhältnis wird das
roher, kämpfender Elemente, nicht das von Menschen, die in einer auf
gegenseitige Hingabe gegründeten Vereinigung ihre Ergänzung suchen.
Denn die Elemente, die sich nicht mehr natürlich verbinden können, haben
den Sinn ihres Daseins verloren. Wie Gasmoleküle, die in einem zu engen
Raum zusammengepreßt sind, sind sie miteinander in beständigem Kampf,
bis sie das Gefäß selbst zersprengen, das sie einzwängt.

Und dann denkt an jene, die sich Anarchisten nennen, die den Druck der
Macht auf das Individuum in keiner Form dulden wollen. Der Grund ihrer
Auflehnung ist, daß die Macht etwas zu Abstraktes geworden ist; sie ist
ein wissenschaftliches Produkt, das in dem politischen Laboratorium der
Nation erzeugt wird durch Einschmelzung der menschlichen Persönlichkeit.

Und was bedeuten im wirtschaftlichen Leben diese Streiks, die wie
Dornsträucher auf unfruchtbarem Boden jedesmal, wenn sie
niedergeschlagen sind, mit erneuter Kraft wieder emporschießen? Was
anders, als daß der Reichtum erzeugende Mechanismus immer mehr ins
Ungeheure anwächst und in keinem Verhältnis mehr steht zu allen andern
Bedürfnissen der Gesellschaft -- und daß der wirkliche Mensch immer
mehr und mehr unter seinem Gewicht erdrückt wird? Solch ein Zustand
bringt unvermeidlich beständige Fehden mit sich zwischen den Elementen,
die nicht mehr von dem Ideal des vollen Menschentums beherrscht werden,
und Kapital und Arbeit sind in ewigem wirtschaftlichem Kampf
miteinander. Denn Gier nach Reichtum und Macht kennt keine Grenze, und
aus einem Vergleich aus Eigennutz kann nie endgültige Versöhnung werden.
Sie müssen bis ans Ende Eifersucht und Mißtrauen brüten, und dies Ende
kann nur ein plötzlich hereinbrechendes Verderben sein oder geistige
Wiedergeburt.

Wenn diese Organisation von Politik und Handel, die man Nation nennt,
allmächtig wird auf Kosten der Harmonie der höheren Lebensformen, dann
steht es schlimm um die Menschheit. Wenn ein Familienvater sich dem
Spiel ergibt und die Pflichten gegen die Seinen an zweite Stelle treten,
dann ist er nicht mehr ein Mensch, sondern eine von der Gewinnsucht
getriebene Maschine. Dann kann er Dinge tun, deren er sich im normalen
Zustande schämen würde. Wie beim einzelnen, so ist es auch bei der
menschlichen Gesellschaft. Wenn sie nichts mehr ist als organisierte
Kraft, so gibt es wenig Verbrechen, deren sie nicht fähig ist. Denn
Zweck einer Maschine und das, was ihr ihre Daseinsberechtigung gibt, ist
der materielle Erfolg, während Ziel und Zweck des Menschen allein das
Gute ist. Wenn diese Organisationsmaschine anfängt, großen Umfang
anzunehmen, und die Maschinenarbeiter zu Teilen der Maschine werden,
dann wird der persönliche Mensch zu einem Phantom verflüchtigt, alles
was Mensch war, wird Maschine und dreht das große Rad der Politik ohne
das leiseste Gefühl von Mitleid und sittlicher Verantwortung. Es mag
wohl vorkommen, daß selbst in diesem seelenlosen Getriebe die sittliche
Natur des Menschen noch versucht, sich zu behaupten, aber all die Seile
und Rollen knarren und kreischen, die Fäden des menschlichen Herzens
verstricken sich in dem Räderwerk der menschlichen Maschine, und nur mit
Mühe kann der sittliche Wille ein blasses, verkümmertes Abbild dessen,
was er erstrebte, zustande bringen.

Dies abstrakte Wesen, die Nation, regiert Indien. Es werden bei uns eine
Art Konserven angezeigt, die hergestellt und verpackt sein sollen, ohne
von Händen berührt zu sein. Diese Beschreibung paßt auf die Art, wie
Indien regiert wird; auch hier ist fast nichts von einer menschlichen
Hand zu spüren. Die Gouverneure brauchen unsere Sprache nicht zu kennen,
brauchen nicht in persönliche Berührung mit uns zu kommen, außer in
ihrer Eigenschaft als Beamte, sie können aus hochmütiger Entfernung
unsere Bestrebungen fördern oder hindern, sie können uns auf einen
bestimmten politischen Weg führen und dann am Draht ihrer
Amtsmaschinerie wieder zurückziehen; die englischen Zeitungen, deren
Spalten mit dem Pathos, das die Sache verlangt, ausführlich von Unfällen
auf den Londoner Straßen erzählen, brauchen nur eine knappe Notiz zu
bringen von dem Elend, das weite Strecken Indiens heimsucht, die
zuweilen mehr Raum einnehmen als die britischen Inseln.

Aber wir, die wir regiert werden, sind keine bloße Abstraktion. Wir sind
Individuen mit lebendigem Gefühl. Was in Form einer leblosen Politik zu
uns kommt, kann uns ins innerste Lebensmark dringen, kann unser Volk
vielleicht für immer schwächen und hilflos machen, ohne daß auf der
andern Seite ein menschliches Rühren sich fühlbar macht, oder jedenfalls
sich so fühlbar macht, daß es irgendwelche Wirkung hätte. So umfassende
und summarische Handlungen von so furchtbarer Verantwortung wird der
Mensch nie mit solchem Grad von systematischer Unbekümmertheit da
begehen, wo er individueller Mensch ist. Solche Handlungen werden nur
möglich, wo der Mensch ein Polyp von Abstraktionen ist, der seine sich
schlängelnden Arme mit ihren unzähligen Saugscheiben weit nach allen
Seiten ausstreckt, selbst in die ferne Zukunft hinein. Unter solcher
Regierung der Nation werden die Regierten von Mißtrauen verfolgt, und
dies Mißtrauen erfüllt eine gewaltige Masse von organisiertem Hirn und
Muskeln. Strafen werden zuerkannt, die in unzähligen Menschenherzen
blutige Spuren zurücklassen; aber diese Strafen werden von einer rein
abstrakten Gewalt ausgeteilt, in der die menschliche Persönlichkeit der
ganzen Bevölkerung eines fernen Landes untergegangen ist.

Ich will hier jedoch nicht die Frage erörtern, insofern sie mein
eigenes Land angeht, sondern ich will über ihre Bedeutung für die
Zukunft der ganzen Menschheit sprechen. Es handelt sich hier nicht um
die englische Regierung, sondern um die Regierung durch die
Nation -- die Nation, die die organisierte Selbstsucht eines ganzen
Volkes ist und alles das von ihm verkörpert, was am wenigsten menschlich
und am wenigsten geistig ist. Wir haben intime Erfahrung nur mit der
englischen Regierung gemacht, und man darf wohl annehmen, daß, soweit es
sich um Regierung durch eine Nation handelt, die englische noch eine der
besten ist. Wir müssen auch in Betracht ziehen, daß der Osten den Westen
notwendig braucht. Wir ergänzen einander wegen unserer verschiedenen Art
auf das Leben zu blicken, die uns zu verschiedenen Auffassungen von der
Wahrheit geführt hat. Wenn es daher wahr ist, daß der Geist des Westens
wie ein Sturmwind über unsere Felder hingefegt ist, so hat er doch auch
lebendigen Samen mit sich gebracht, der unsterblich ist. Und wenn wir in
Indien dahin kommen, das, was in der westlichen Kultur dauernd ist, in
unser Leben aufzunehmen, so werden wir einst in der Lage sein, eine
Versöhnung zwischen diesen beiden großen Welten zustande zu bringen.
Dann wird der drückende und verletzende Zustand der einseitigen
Herrschaft ein Ende haben. Und was mehr bedeutet, wir müssen bedenken,
daß die Geschichte Indiens nicht einer bestimmten Rasse angehört,
sondern daß in ihrem Verlauf verschiedene Rassen daran schöpferischen
Anteil genommen haben -- die Drawiden und Arier, die alten Griechen und
die Perser, die Muhammedaner des Westens und die von Zentralasien. Jetzt
ist die Reihe an den Engländern, dieser Geschichte ihr Recht zu geben
und sie mit dem Einschlag ihres Lebens zu bereichern, und wir haben
weder das Recht noch die Macht, dies Volk zu hindern, am Geschick
Indiens mitzubauen. Daher geht das, was ich über die Nation sage, mehr
die Geschichte der Menschheit an als die Indiens im besonderen.

Diese Geschichte ist in ein Stadium gekommen, wo der sittliche Mensch,
der ganze Mensch, fast ohne es zu wissen immer mehr und mehr dem
politischen Menschen und dem Geschäftsmenschen, dem Menschen des
begrenzten Ziels, Platz macht. Dieser Vorgang, der unterstützt wird
durch die erstaunlichen Fortschritte der Naturwissenschaft, wird immer
riesiger und gewaltiger und bringt den Menschen aus seinem sittlichen
Gleichgewicht, indem er die menschliche Seite seines Wesens durch
seelenlose Organisation überwiegen läßt. Wir haben seinen eisernen Griff
an der Wurzel unseres Lebens gespürt, und um der Menschheit willen
müssen wir aufstehen und unsern Warnungsruf erschallen lassen, daß
dieser Nationalismus eine furchtbare Epidemie ist, die die heutige
Menschheit erfaßt hat und an ihrer sittlichen Lebenskraft zehrt.

Ich schätze und liebe die Engländer als Menschen. Sie haben großherzige
Männer erzeugt, große Denker und große Männer der Tat. Sie haben eine
große Literatur hervorgebracht. Ich weiß, daß sie Gerechtigkeit und
Freiheit lieben und die Lüge hassen. Sie sind rein in ihrem Fühlen,
offen in ihrem Wesen, treu in ihrer Freundschaft; sie sind ehrlich und
zuverlässig in ihrer Handlungsweise. Die persönlichen Erfahrungen, die
ich mit ihren Gelehrten und Literaten gemacht habe, haben meine
Bewunderung erregt, nicht nur für ihre Gedankentiefe und Kraft des
Ausdrucks, sondern auch für ihre ritterliche Menschlichkeit. Wir haben
die Größe dieses Volkes gefühlt, wie wir die Sonne fühlen; aber was die
Nation betrifft, so ist sie für uns ein dichter, erstickender Nebel, der
die Sonne selbst verdeckt.

Diese Regierung durch die Nation ist weder englisch noch irgendeinem
andern Volk besonders eigentümlich; sie ist eine angewandte Wissenschaft
und daher, wo auch immer sie geübt wird, in ihren Grundsätzen mehr oder
weniger sich ähnlich. Sie ist wie eine hydraulische Presse, deren Druck
unpersönlich und deswegen von unfehlbarer Wirkung ist. Die Größe ihrer
Kraft kann bei den verschiedenen Maschinen verschieden sein. Es gibt
sogar solche, die mit der Hand getrieben werden und daher noch einen
gewissen Spielraum für loseren Druck lassen, aber in bezug auf Geist und
Methode sind die Unterschiede gering. Wenn unsere Regierung holländisch
oder französisch oder portugiesisch wäre, so würde sie im wesentlichen
doch dieselben Züge haben wie jetzt. Vielleicht nur, daß in einzelnen
Fällen die Organisation nicht so unerbittlich vollkommen wäre und noch
ein verlorener Rest von Menschlichkeit am Rad der Maschine hängenbleiben
würde, bei dem unser pochendes Herz Antwort finden könnte.

Bevor die Nation zur Herrschaft über uns gelangte, hatten wir andere
fremdländische Regierungen, und diese hatten, wie alle Regierungen, auch
etwas von der Maschine an sich. Aber der Unterschied zwischen ihnen und
der Regierung durch die Nation ist wie der zwischen Handweberei und
Maschinenweberei. In den Erzeugnissen des Handwebstuhls drückt sich der
Zauber der lebendigen, fühlenden Menschenhand aus, und sein friedliches
Summen ist in Harmonie mit der Musik des Lebens. Aber die Webemaschine
ist starr und unerbittlich genau und monoton in ihrer Arbeit.

Wir müssen zugeben, daß in den früheren Zeiten der persönlichen
Regierung Fälle von Tyrannei, Ungerechtigkeit und Erpressung vorkamen.
Sie brachten Leiden und Unruhe, und wir sind dankbar, davon befreit zu
sein. Der Schutz des Gesetzes ist nicht nur ein Geschenk, das uns
zuteil wurde, sondern auch eine wertvolle Lehre. Er lehrt uns, welche
Zucht nötig ist, wenn die Kultur Bestand haben und der Fortschritt
dauern soll. Durch ihn wird uns klar, daß es eine allgemeine Norm der
Gerechtigkeit gibt, auf die alle Menschen, ohne Rücksicht auf ihre Kaste
und Farbe, gleiches Anrecht haben.

Diese Herrschaft des Gesetzes in der gegenwärtigen Regierung Indiens hat
Ordnung hergestellt in diesem weit ausgedehnten Lande, das von Völkern
verschiedener Rassen und verschiedener Sitten bewohnt wird. Sie hat es
diesen Völkern möglich gemacht, näher miteinander in Berührung zu kommen
und sich zu höherem Streben zu verbinden.

Aber es ist der ~Geist~ des Westens, nicht die ~Nation~ des Westens, die
in den verschiedenen Rassen Indiens die Sehnsucht nach brüderlicher
Vereinigung geweckt hat. Wo auch immer ein Volk Asiens eine höhere
Weisheit vom Westen gelernt hat, da geschah es gegen den Willen der
westlichen Nation. Nur weil Japan der Herrschaft der westlichen Nation
hatte trotzen können, konnte es sich die Gaben der westlichen Kultur in
vollstem Maße zu eigen machen. Und China, das von dieser Nation an der
Quelle seines moralischen und physischen Lebens vergiftet worden ist,
kann es vielleicht noch gelingen, dem Westen seine besten Lehren
abzulauschen, wenn die Nation es nicht daran hindert. Erst jüngst
geschah es, daß Persien, durch den Ruf des Westens aus seinem
jahrhundertelangen Schlummer aufgeweckt, sich erhob, um sofort wieder
von der Nation niedergetreten und zum Schweigen gebracht zu werden.
Dieselbe Erscheinung zeigt sich auch hier bei euch in Amerika, wo das
~Volk~ gastfrei ist, aber nicht die ~Nation~, die einem Gast aus dem
Orient so begegnet, daß er sich als Vertreter seines Vaterlandes vor
euch gedemütigt fühlt.

Wir in Indien leiden unter dem Konflikt zwischen dem ~Geist~ des Westens
und der ~Nation~ des Westens. Die Wohltaten der westlichen Kultur werden
uns von der Nation mit dem knappsten Maße zugeteilt. Sie versucht,
unsere Ernährung dem Nullpunkt der Lebensfähigkeit so nah wie möglich zu
halten. Was unserm Volk an Erziehung gewährt wird, ist so kärglich und
armselig, daß es das Anstandsgefühl eines europäischen Menschen empören
müßte. Wir haben gesehen, wie in den westlichen Ländern das Volk auf
jede Weise ermutigt wird, sich zu bilden, und wie ihm jede Gelegenheit
gegeben wird, sich tüchtig zu machen für den großen Wettkampf auf dem
Weltmarkt, während in Indien das einzige, was die Nation für uns tut,
ist, daß sie uns verhöhnt, weil wir zurückgeblieben sind. Während sie
uns alle Möglichkeiten verschließt und unsere Erziehung auf das Minimum
beschränkt, das eine fremde Regierung für ihre Durchführung braucht,
beruhigt diese Nation ihr Gewissen damit, daß sie uns herabzusetzen
sucht, indem sie geschäftig die zynische Weisheit verbreitet, daß Osten
Osten und Westen Westen bleibt und die beiden nie eins werden können.
Wenn wir glauben müssen, was unser westlicher Lehrer uns höhnend
vorwirft, daß nach fast zwei Jahrhunderten seiner Vormundschaft Indien
nicht nur unfähig geblieben ist, sich selbst zu regieren, sondern auch
auf geistigem Gebiete keine Originalität hat aufweisen können -- müssen
wir dies der Art der westlichen Kultur und unserer angeborenen
Unfähigkeit, sie aufzunehmen, zuschreiben, oder dem berechnenden Geiz
der Nation, die die Aufgabe der Europäer, den Osten zu zivilisieren, auf
sich genommen hat? Daß das japanische Volk Gaben hat, die uns fehlen,
geben wir gern zu, aber daß unser Geist von Natur unschöpferisch ist im
Vergleich zu ihrem, dies können wir selbst denen nicht zugeben, denen zu
widersprechen für uns gefährlich ist.

In Wahrheit ist nämlich der westliche Nationalismus nicht auf soziales
Zusammenwirken gegründet, sondern von Anfang an und bis in seinen
innersten Kern vom Geist des Kampfes und der Eroberungssucht beherrscht.
Er hat die Organisation der Macht bis zur Vollkommenheit entwickelt,
aber keinen geistigen Idealismus. Er hat den Geist des Raubtiers, das
seine Beute haben muß. Um keinen Preis will er dulden, daß seine
Jagdgründe in Kulturland umgeschaffen werden. Ja, im Grunde kämpfen
diese Nationen miteinander nur um größere Ausdehnung ihres Jagdgebietes.
Daher stellt sich die westliche Nation wie ein Damm auf, um den freien
Strom der westlichen Kultur in das nationslose Land aufzuhalten. Weil
diese Kultur eine Kultur der Macht ist, sucht sie sich abzuschließen und
will ihre Quellen nicht öffnen, die sie sich zur Ausbeutung erwählt hat.

Aber trotz alledem ist doch das sittliche Gesetz das Gesetz der
menschlichen Natur, und der sich abschließenden Kultur, die sich von
denen nährt, denen sie ihre Wohltaten versagt, wird ihre sittliche
Halbheit zum Verderben. Die Sklaverei, die sie züchtet, trocknet
allmählich die Brunnen ihrer Freiheitsliebe aus. Die Hilflosigkeit, zu
der sie ihre Opfer verdammt, hängt sich mit ihrer ganzen Schwere an sie,
und es wird ein Tag kommen, wo all die Länder der Welt, die die Nation
am Eigenleben und an der Selbsterhaltung hindert, die furchtbarste aller
Lasten für sie werden und sie in den Abgrund ziehen. Wenn die Macht so
weit geht, daß sie, um ungehindert ihren Weg fortzusetzen, alle
Hindernisse beiseite schiebt, dann endet ihre triumphierende Siegesfahrt
mit jähem Sturz. Ihr sittlicher Hemmschuh gibt mit jedem Tage, ohne daß
sie es merkt, immer mehr nach, und der Pfad, auf dem sie so leicht
dahinglitt, wird ihr zum Verhängnis.

Von allen Gaben der europäischen Kultur sind es nur Gesetz und Ordnung,
die uns die westliche Nation mit freigebigem Maß zugeteilt hat. Während
die kleine Saugflasche, in der sie uns Erziehung verabfolgt, fast leer
ist und die Gesundheitspflege am Hungertuch nagt, sind Einrichtungen wie
die Heeresorganisation, das Verwaltungs- und Polizeiwesen, die
Geheimpolizei, das geheime Spionagesystem zu abnormer Körperfülle
gediehen und machen sich in jedem Winkel unseres Landes breit. Sie sind
nötig, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber ist nicht diese Ordnung
ein rein negatives Gut? Sollte Ordnung nicht dazu da sein, dem Volke
mehr Möglichkeiten zu schaffen, sich ungehindert zu entwickeln? Hat sie
nicht die Aufgabe der Eierschale, deren Wert darin besteht, daß sie dem
Küchlein und seiner Nahrung Schutz gibt, nicht darin, daß sie dem
Menschen in bequemer Form eine Frühstücksspeise bietet? Bloße Verwaltung
ist unfruchtbar, ist nicht schöpferisch, da sie etwas Lebloses ist. Sie
ist eine Dampfwalze, die furchtbar an Gewicht und Kraft ist, auch ihren
Nutzen hat, aber nichts dazu tun kann, den Boden fruchtbar zu machen.
Wenn sie, nachdem sie ihr ungeheures Werk getan hat, uns die Gabe des
Friedens bietet, so können wir nur leise murmeln: »Friede ist gut, aber
Leben ist besser, und das ist die Gabe, die Gott uns verliehen hat.«

Andererseits fehlte es unsern früheren Regierungen an vielen Vorteilen
der heutigen Regierung. Aber weil sie nicht Regierungen der Nation
waren, war ihr Gewebe so lose gewoben und ließ Raum genug, daß unser
eigenes Leben seine Fäden hindurchschießen und seine Muster heimlich
hineinweben konnte. Sicher hatten wir in jener Zeit Dinge zu ertragen,
die uns äußerst unangenehm waren. Aber wir wissen, daß, wenn wir barfuß
auf Kieswegen gehen, unsere Füße sich allmählich den Launen der
ungastlichen Erde anbequemen, während der kleinste Kiesel uns plagt und
nicht zur Ruhe kommen läßt, sobald er in unsern Schuh dringt. Und die
Regierung durch die Nation ist solch ein Schuh -- er schließt knapp an,
er regelt unsere Schritte nach einem festen System und läßt unsern
Füßen so gut wie keine Freiheit, sich darin einzurichten. Wenn ihr daher
eure Statistiken aufweist, die die Anzahl von Kieseln, an die unsere
Füße früher stießen, mit der geringen Zahl unter dem gegenwärtigen
System vergleichen, so treffen diese kaum das Wesentliche. Es handelt
sich nicht um die Zahl der äußeren Hindernisse, sondern um die Ohnmacht
des einzelnen, sie aus dem Wege zu räumen. Diese Beschränkung der
Freiheit ist ein Übel, das nicht sowohl durch seinen Umfang als durch
seine Art unerträglich wird. Und wir können nicht umhin, den Widerspruch
zu sehen, daß, während der ~Geist~ des Westens unter dem Banner der
Freiheit dahinschreitet, die ~Nation~ des Westens ihre eisernen Ketten
der Organisation schmiedet, die härtesten und unzerbrechlichsten, die je
in der Menschheitsgeschichte geschmiedet wurden.

Als Indien noch nicht unter der Herrschaft der Organisation stand, waren
die Möglichkeiten, daß die Zustände sich verändern könnten, groß genug,
um kraftvollen und mutigen Männern das Gefühl zu geben, daß sie ihr
Schicksal in ihre eigene Hand nehmen konnten. Die Hoffnung auf das
Unerwartete war immer da, und ein freieres Spiel der Einbildungskraft,
sowohl auf Seiten der Regierenden als der Regierten, beeinflußte den
Werdegang der Geschichte. Wir standen nicht vor einer Zukunft, die wie
eine kalte weiße Mauer von Granitblöcken der Auswirkung und Ausbreitung
unserer Kräfte sich entgegenstellte, wobei das Hoffnungslose darin
liegt, daß diese Kräfte infolge des künstlichen Lähmungsverfahrens an
der Wurzel absterben. Denn jeder einzelne Mensch in dem nationslosen
Lande ist vollständig in der Gewalt einer ganzen Nation, deren nie
ermüdender Wachsamkeit -- da es die Wachsamkeit einer Maschine
ist -- die Möglichkeit menschlicher Nachsicht und Unterscheidung fehlt.
Bei dem geringsten Druck auf ihren Knopf wird das Ungeheuer ganz Auge,
und kein einziger in der unendlichen Menge der von ihr Beherrschten kann
ihrem scheußlich starrenden Aufpasserblick ausweichen. Und sobald nur
ein klein wenig an der Schraube gedreht wird, fühlt die ganze große
Bevölkerung, Männer, Frauen, Kinder, wie ihr Griff sie fester umklammert
und ihnen den Atem raubt, und kein Entweichen ist möglich, weder im
eigenen Lande noch selbst in irgendein fremdes Land.

Dieser beständige ungeheure mechanische Druck des Leblosen auf das
Lebendige ist es, worunter die heutige Welt stöhnt. Nicht nur die
unterworfenen Rassen, sondern ihr selbst, die ihr glaubt frei zu sein,
opfert täglich eure Freiheit und Menschheit dem Götzen Nationalismus und
lebt in der dumpfen, vergifteten Atmosphäre von Mißtrauen, Gier und
Angst, die sich über die ganze Welt erstreckt.

Ich habe in Japan gesehen, wie das ganze Volk sich freiwillig geistig
zurechtstutzen und seine Freiheit beschneiden läßt von einer Regierung,
die durch allerlei erziehliche Maßnahmen ihre Gedanken regelt, ihre
Gefühle künstlich erzeugt, argwöhnisch aufpaßt, wenn sie Miene machen,
sich geistigen Dingen zuzuwenden, und sie auf engem Pfade nicht zu ihrem
wahren Ziele führt, sondern dahin, wo sie sie nach ihrem Rezept zu einer
gleichförmigen Masse zusammenschweißen kann. Und das Volk fügt sich
freudig und stolz in diese allgemeine geistige Sklaverei, weil es den
krankhaften Wunsch hat, auch so eine Kraftmaschine, die man Nation
nennt, zu werden und es andern Maschinen an Kollektiveigennutz
gleichzutun.

Wenn man so einen neu bekehrten Fanatiker des Nationalismus nach der
Weisheit seines Strebens fragt, so antwortet er: »Solange Nationen in
dieser Welt so um sich greifen, haben wir nicht mehr das Recht, unser
höheres Menschentum frei zu entwickeln. Wir brauchen alle unsere Kräfte,
um dem Übel zu widerstehen, und das tun wir am besten, wenn wir es uns
selbst im höchsten Grade zu eigen machen. Denn die einzige Verbrüderung,
die in der modernen Welt möglich ist, ist die Spießgesellenschaft des
Banditentums.« Die Stiftung des Bruderbundes zwischen Japan und Rußland,
die jüngst mit so viel Jubel in Japan gefeiert wurde, hatte ihren Grund
nicht in dem plötzlichen Wiederaufleben des christlichen oder
buddhistischen Geistes, sondern sie gründete sich auf etwas, was nach
den modernen Glaubenssätzen sicherer und zuverlässiger ist, auf
gegenseitige Bedrohung.

Man muß zugeben, daß dies das wahre Bild der Welt der Nation ist, und
die einzige Lehre, die die Völker der Erde daraus ziehen können, ist,
daß sie alle physischen, geistigen und sittlichen Kräfte anstrengen
sollten, einander in dem großen Ringkampf um die Macht zu Boden zu
werfen. In den alten Zeiten richtete Sparta sein ganzes Augenmerk
darauf, wie es mächtig werden könnte; es gelang ihm dadurch, daß es
seine Menschheit verstümmelte, und es starb an der Amputation.

Aber es ist für uns kein Trost, zu wissen, daß das Verkümmern der
menschlichen Natur, unter dem die heutige Zeit leidet, sich nicht auf
die unterworfenen Völker beschränkt, daß das Übel bei den Völkern, die
sich frei glauben, noch schlimmer ist, weil es nicht als solches erkannt
und ihm freiwillig Raum gegeben wird. Wenn ihr eure höheren Lebensgüter
um Gewinn und Macht verschachert, so ist es eure freie Wahl, und
meinetwegen steht da und freut euch über euer wachsendes Gedeihen,
während eure Seele Schiffbruch leidet. Aber werdet ihr nie Rechenschaft
ablegen müssen dafür, daß ihr die selbstsüchtigen Triebe in ganzen
Völkern auf den höchsten Grad entwickelt und organisiert und dies gut
nennt? Ich frage euch, gibt es in der ganzen Menschheitsgeschichte,
selbst in ihren dunkelsten Perioden, etwas so Ungeheuerliches wie diese
Untat der Nation, die ihre Pranken tief in das nackte Fleisch der Welt
schlägt, und deren einzige Sorge ist, daß sie nur keinen Augenblick den
Griff lockert?

Ihr Völker des Westens, die ihr dieses Ungeheuer ausgebrütet habt, könnt
ihr euch die trostlose Verzweiflung derer vorstellen, die diesem
abstrakten Gespenst des organisierenden Menschen zum Opfer gefallen
sind? Könnt ihr euch an die Stelle der Völker versetzen, die zum ewigen
Verlust ihrer Menschheit verdammt scheinen, die nicht nur beständig in
ihrer Menschheit gekränkt werden, sondern Loblieder anstimmen müssen auf
die Güte eines mechanischen Apparats, der die Rolle ihrer Vorsehung
spielt?

Habt ihr nicht gesehen, daß, seit es eine Nation gibt, die ganze Welt
vor ihr wie vor einer Spukgestalt zittert? Wo es nur eine dunkle Ecke
gibt, da hat man Angst vor ihrer heimlichen Bosheit, und wo sie ihre
Augen nicht zu fürchten brauchen, da haben die Menschen beständig Angst
vor ihrem Rücken. Jedes Geräusch eines Trittes, jeder Laut in der
Nachbarschaft läßt alle vor Schrecken zusammenfahren. Und diese Angst
ruft alles Böse in der Menschennatur wach. Sie bewirkt es, daß er sich
seiner Unmenschlichkeit fast nicht mehr schämt. Auf kluge Lügen tut er
sich etwas zugute. Feierliche Gelübde werden ihm gerade durch ihre
Feierlichkeit zur lächerlichen Farce. Die Nation mit all ihrer
Ausstaffierung von Macht und Erfolg, mit ihren Fahnen und frommen
Hymnen, ihren gotteslästerlichen Gebeten in den Kirchen und den
prahlerischen Donnerworten ihrer patriotischen Großsprecherei, kann doch
die Tatsache nicht verbergen, daß die Nation selbst das größte Übel für
die Nation ist, daß alle ihre Vorsichtsmaßregeln gegen sie gerichtet
sind und daß die Geburt jeder neuen Nation in der Welt in ihr die Furcht
vor einer neuen Gefahr erweckt. Ihr einziger Wunsch ist, sich die
Schwäche der übrigen Welt zunutze zu machen, wie einige Insektenarten,
die den Opfern, in deren wehrlosem Fleisch sie ihre Brut großziehen,
nur gerade so viel Leben lassen, daß sie genießbar und nahrhaft sind.
Daher ist sie immer bereit, ihre giftige Flüssigkeit in die Lebensorgane
der andern Völker zu flößen, die nicht Nationen und daher wehrlos sind.
Aus diesem Grunde hat die Nation von jeher ihre reichste Weide in Asien
gehabt. Das große China, mit seinem Reichtum an alter Weisheit und
sozialer Ethik, mit seiner Erziehung zu Fleiß und Selbstbeherrschung,
ist wie ein Walfisch, der die Beutegier im Herzen der Nation erweckt.
Schon sitzen in seinem bebenden Fleisch die Harpunen, die die nie ihr
Ziel verfehlende Nation, die Tochter der modernen Wissenschaft und des
Egoismus, nach ihm schleuderte. Sein kläglicher Versuch, seine alten
Traditionen von Menschlichkeit und seine sozialen Ideale abzuschütteln
und den letzten Rest seiner erschöpften Kräfte darauf zu verwenden, sich
für die moderne Welt tüchtig zu machen, wird bei jedem Schritt von der
Nation vereitelt. Diese zieht die Schlinge seiner finanziellen
Verpflichtungen immer fester um seinen Leib und versucht, ihn aufs
Trockene zu ziehen und in Stücke zu zerlegen, um dann hinzugehen und
öffentlich Dankgottesdienst zu halten, weil Gott verhindert hat, daß
neben dem einen großen Übel ein zweites aufkomme und es gefährde. Und
für alles dies erhebt die Nation Anspruch auf den Dank der Geschichte
und auf das Recht, die Welt in alle Ewigkeit auszubeuten, und läßt von
einem Ende der Welt bis zum andern Loblieder auf sich singen als auf das
Salz der Erde, die Zierde der Menschheit, den Segen Gottes, den er mit
aller Gewalt den Nationslosen auf die nackten Schädel schleudert.

Ich weiß, welchen Rat ihr uns gebt. Ihr werdet sagen: Schließt euch
selbst zu einer Nation zusammen und widersetzt euch den Übergriffen der
»Nation«. Aber ist das der rechte Rat? Der Rat, den der Mensch dem
Menschen gibt? Warum sollte dies notwendig sein? Ich würde euch gern
glauben, wenn ihr sagtet: »Werdet besser, gerechter, wahrer in eurem
Verhältnis zu den Menschen, zügelt eure Gier, macht euer Leben gesund
durch größere Einfachheit und zeigt mehr, daß ihr an das Göttliche im
Menschen glaubt.« Aber dürft ihr sagen, daß nicht die Seele, sondern die
Maschine das Wertvollste für uns ist und daß das Heil des Menschen
davon abhängt, daß er es in der Kunst, sich dem Rhythmus des toten
Räderwerks anzupassen, zur Vollkommenheit bringt? Daß Maschine gegen
Maschine, Nation gegen Nation kämpfen muß in einem endlosen
Stiergefecht?

Ihr sagt, daß diese Maschinen ein Übereinkommen treffen werden zu
gegenseitigem Schutz, das sich auf ihre Furcht voreinander gründet. Aber
wo bleibt bei diesem Bündnis von Dampfkesseln die Seele, die Seele, die
ihr Gewissen und ihren Gott hat? Und was soll aus dem großen Teil der
Welt werden, den anzugreifen keine Furcht euch zurückhalten kann? Die
einzige Sicherheit, die jene nationslosen Länder jetzt haben gegen die
Zügellosigkeit von Schmiede, Hammer und Schraubenzieher, ergibt sich aus
der gegenseitigen Eifersucht der Mächte. Aber wenn sie aus zahlreichen
Einzelmaschinen sich zu einer organisierten Herdeneinheit verbinden, um
gemeinsam auf den Gebieten des Handels und der Politik ihre Gier noch
besser stillen zu können, welche leiseste Hoffnung, sich zu retten,
bleibt dann jenen andern, die gelebt und gelitten, geliebt und
angebetet, in tiefem Sinnen und friedlicher Arbeit ihre Tage verbracht
haben, und deren einziges Verbrechen es war, daß sie sich nicht
organisierten?

»Aber«, sagt ihr, »das macht nichts, was nicht widerstandsfähig ist, muß
zugrunde gehen, das ist Naturgesetz. Dann müssen sie eben sterben.«

»Nein,« sage ich, »um eurer selbst willen sollen sie leben und werden
sie leben.« Es ist sehr kühn von mir, dies in unserer Zeit zu sagen,
aber ich behaupte, daß die Welt des Menschen eine sittliche Welt ist,
nicht weil wir übereingekommen sind, es blindlings zu glauben, sondern
weil es wirklich so ist und weil es gefährlich für uns ist, diese
Wahrheit nicht zu sehen. Und das sittliche Gesetz im Menschen kann nicht
auf verschiedenen Gebieten verschiedene Geltung haben. Ihr könnt nicht
daheim strenge Strafen auf seine Übertretung setzen und es draußen für
euch so dehnen, daß es sich euren ungezügelten Begierden anpaßt.

Habt ihr diese Wahrheit nicht schon jetzt erkannt, wo dieser grausame
Krieg seine Klauen in die Eingeweide Europas geschlagen hat? Wo seine
angehäuften Schätze in Rauch aufgehen und seine Menschheit auf den
Schlachtfeldern in Stücke zerrissen wird? Ihr fragt erstaunt: Was hat
Europa getan, daß es dies verdient hätte? Die Antwort ist, daß der
Westen systematisch seine sittliche Natur versteinert hat, um eine
solide Grundlage zu haben, auf der diese abstrakten Ungetüme die größte
Wirksamkeit entfalten können. Er hat die ganze Zeit den persönlichen
Menschen darben lassen, damit der Berufsmensch gedeihe.

Der einfache und natürliche Mensch des mittelalterlichen Europas mit all
seinen heftigen Leidenschaften und Begierden versuchte, eine Versöhnung
zu finden in dem Kampf zwischen Fleisch und Geist. In der ganzen
stürmischen Zeit seiner kraftvollen Jugend haben die weltlichen und
geistlichen Mächte gleichzeitig auf den europäischen Menschen eingewirkt
und ihn zu einer vollen sittlichen Persönlichkeit gebildet. Europa
verdankt alle seine menschliche Größe jener Zeit der Zucht, der Zucht
des noch unverkümmerten Menschen.

Dann kam das Zeitalter des Intellekts, der Wissenschaft. Wir wissen
alle, daß der Intellekt etwas Unpersönliches ist. Unser Leben und unser
Herz sind eins mit uns, aber unser Geist kann vom persönlichen Menschen
losgelöst werden, und nur dann kann er frei schweifen in der Welt der
Gedanken. Unser Intellekt ist wie ein Asket, der keine Kleider trägt,
keine Nahrung zu sich nimmt, keinen Schlaf kennt, keine Wünsche hat,
nicht Liebe noch Haß noch Mitleid mit menschlichen Unzulänglichkeiten
fühlt, der, unberührt durch alle Wechselfälle des Lebens, nur seinen
Gedanken nachhängt. Er gräbt bis an die Wurzeln der Dinge, weil er kein
persönliches Gefühl für die Dinge selbst hat. Der Grammatiker geht durch
alle Poesie ungehindert zu den Wurzeln der Wörter, denn er sucht nicht
lebendige Wirklichkeit, sondern Gesetz. Wenn er das Gesetz gefunden hat,
kann er die Leute lehren die Worte zu meistern. Dies ist eine Kraft,
eine Kraft, die ihren besondern Nutzen hat und einem besondern Bedürfnis
des Menschen entspricht.

Die lebendige Wirklichkeit aber ist die Harmonie, die die einzelnen
Teile eines Dinges zu einem Ganzen verbindet. Löst ihr dies Band, so
fliegen alle Teile auseinander, bekämpfen einander und haben den Sinn
ihres Daseins verloren. Die nach Macht begierig sind, suchen sich die
sich bekämpfenden Urelemente zu unterwerfen und sie gewaltsam durch enge
Kanäle so zu leiten, daß sie den besonderen Bedürfnissen der Menschheit
dienstbar werden.

Es ist etwas Großes um diese Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse.
Sie gibt ihm Freiheit innerhalb der physischen Welt. Sie gibt ihm
Herrschaft über Raum und Zeit. Er kann in kürzerer Zeit etwas ausrichten
und mit mehr Vorteil einen großem Raum einnehmen. Daher kann er leicht
die überholen, die in einer Welt von langsamerem Tempo und weniger
ausgenutztem Raum leben.

Dies Anwachsen der Macht geschieht in immer schnellerem Tempo. Und weil
sie etwas vom Menschen Losgelöstes ist, wird sie bald die ganze
Menschheit überholen. Der sittliche Mensch bleibt hinter ihr zurück,
weil er seinen Blick auf die Dinge selbst und nicht nur auf das
unpersönliche und abstrakte Gesetz der Dinge richtet.

So ist der Mensch, wenn seine geistige und körperliche Kraft sich
weit über seine sittliche Kraft hinaus entwickelt, wie eine
Giraffenkarikatur, deren Kopf plötzlich meilenweit über ihren übrigen
Körper hinaus emporgeschossen und kaum noch in Verbindung mit ihm ist.
Dieser gierige Kopf mit seinem gewaltigen Gebiß hat alle Gipfel der
Bäume abgefressen, aber die Nahrung gelangt zu spät in die
Verdauungsorgane, so daß das Herz an Blutmangel leidet. Aber der Westen
selbst scheint in glücklicher Unwissenheit über diese Disharmonie in
seiner Natur zu leben. Die erstaunliche Größe seines materiellen Erfolgs
nimmt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und er wünscht sich Glück
zu seinem Wachstum. Der Optimismus seiner Logik berechnet sein
zunehmendes Gedeihen nach der Ausbreitung seines Eisenbahnnetzes und
sieht noch unendliche Möglichkeiten. Er ist oberflächlich genug zu
denken, daß alle Morgen dem Heute gleichen und ihm nur vierundzwanzig
Stunden hinzufügen. Er fürchtet die Kluft nicht, die sich mit jedem Tag
weiter öffnet zwischen seinen sich füllenden Vorratshäusern und der
hungernden Menschheit. Seine Logik weiß nicht, daß tief unter den
endlosen Schichten von Reichtum und Behagen Erdbeben sich vorbereiten,
die das Gleichgewicht in der sittlichen Welt wiederherstellen sollen,
und daß eines Tages der gähnende Abgrund geistiger Leere den ganzen
aufgehäuften Reichtum dieser staubgeborenen Dinge verschlingen wird.

Der Mensch in seiner Ganzheit ist nicht mächtig, sondern vollkommen.
Wenn ihr ihn daher zu einer bloßen Kraft machen wollt, so müßt ihr seine
Seele soviel wie möglich beschneiden. Wenn wir ganze Menschen sind, so
können wir nicht einander an die Kehle fahren; unsere sozialen
Instinkte, die Traditionen unserer sittlichen Ideale hindern uns daran.
Wenn man mich dazu bringen will, daß ich menschliche Wesen hinschlachte,
so muß man die Ganzheit meines Menschentums durch etwas zerstören, das
meinen Willen tötet, mein Denken lähmt, meine Bewegungen mechanisiert,
und dann wird aus der Auflösung der vollen menschlichen Persönlichkeit
jene Abstraktion hervorgehn, jene zerstörende Kraft, die nichts mehr
mit wahrer Menschlichkeit zu tun hat, und die daher leicht brutal wird.
Nehmt den Menschen heraus aus seiner natürlichen Umgebung, aus seinem
reichen Gemeinschaftsleben mit seinen sozialen Pflichten und all seiner
Fülle von Liebe und Schönheit, und nichts ist mehr da, was seine
Ganzheit zusammenhält, ihr könnt ihn stückweise in das Räderwerk eurer
großen Maschine einfügen, die dazu dient, in riesigem Maßstabe
Reichtümer zu erzeugen. Macht einen Baum zu einem Holzblock, und er wird
euch Feuer geben, aber nicht lebendige Blüten und Früchte.

Diese systematische Entmenschlichung ist auf dem Gebiete des Handels und
der Politik vor sich gegangen. Und aus den langen Geburtswehen der
mechanischen Energie ist dieses vollentwickelte Ungeheuer von
erstaunlicher Kraft und überraschendem Appetit hervorgegangen, das der
Westen auf den Namen Nation getauft hat. Wie ich schon sagte, ist sie,
weil sie eine Abstraktion ist, mit der größten Leichtigkeit dem
Vollmenschen als sittlichem Wesen weit vorausgeeilt. Und da sie das
Gewissen eines seelenlosen Gespenstes und die fühllose Vollkommenheit
eines Automaten hat, führt sie zu Katastrophen, die die vulkanischen
Ausbrüche des jungen Mondes durch ihre zerstörende Wildheit beschämen.
Die Folge ist, daß das Mißtrauen von Mensch zu Mensch beständig wie
Nesseln diese Kultur an allen Gliedern reizt. Jedes Land wirft sein
Spionagenetz in die trüben Wasser des andern und fischt nach dessen
Geheimnissen, die in den schlammigen Tiefen der Diplomatie ausgebrütet
werden. Und was ist ihr geheimes Wirken anders als das lichtscheue
Gewerbe der Nation: Raub, Mord, Verrat und all die scheußlichen
Verbrechen, die in den tiefsten Abgründen der Verderbtheit gezeugt
werden? Da jede Nation ihre eigene Geschichte von Raub und Lüge und
Treulosigkeit hat, so kann im Verkehr zwischen ihnen nur Mißtrauen und
Eifersucht gedeihen, und internationale sittliche Scham wird in einem
Grade blutarm, daß sie ganz jämmerlich anzusehen ist. Die Nation hat auf
ihrem Dudelsack frommer Entrüstung so oft die Melodie gewechselt, je
nachdem der Wechsel der Zeiten und der diplomatischen Bündnisse es
forderten, daß man es als amüsante Varietévorstellung im politischen
Tingeltangel genießen kann.

Ich komme eben von einer Reise nach Japan zurück, wo ich diese junge
Nation ermahnte, an ihren höheren Idealen der Menschlichkeit
festzuhalten und nie vom Westen die organisierte Selbstsucht des
Nationalismus als Religion zu übernehmen, sich nie an der Schwäche
seiner Nachbarn zu weiden, nie gewissenlos den Schwachen gegenüber zu
handeln, an denen man ungestraft und mit billigem Ruhm Gemeinheiten
begehen kann, während man seine rechte, von Menschlichkeit strahlende
Wange zum Kuß der Bewunderung denen reicht, die die Macht dazu haben,
ihr einen Streich zu versetzen. Einige Zeitungen lobten meine Rede wegen
ihrer poetischen Eigenschaften, während sie mit bezeichnendem
Seitenblick hinzufügten, daß es die Poesie eines unterworfenen Volkes
sei. Ich fühlte, daß sie recht hatten. Japan hat in einer modernen
Schule gelernt, wie man mächtig wird. Es hat seine Lehrzeit beendet und
will nun die Früchte seiner Ausbildung genießen. Der Westen hatte mit
der Stimme seiner donnernden Kanonen vor den Toren Japans gerufen: Es
werde eine Nation! Und siehe da, es ward eine Nation. Und nun, da sie da
ist, warum habt ihr nicht im innersten Herzen ein reines Gefühl der
Freude und sagt, daß sie gut ist? Wie kommt es, daß ich in einer
englischen Zeitung eine Äußerung der Bitterkeit las, als Japan sich
seiner Überlegenheit in der Kultur rühmte -- etwas, was die Engländer
sowie die andern Nationen jahrhundertelang ohne zu erröten getan haben?
Weil der Idealismus der Selbstsucht sich beständig mit einer Dosis von
Eigenlob berauschen muß. Aber dieselben Laster, die ihnen bei sich
selbst so natürlich und harmlos erscheinen, fallen ihnen unangenehm auf
und empören sie, sobald sie sie an andern Nationen gewahren. Wenn ihr
daher die japanische Nation, nach eurem eigenen Bilde geschaffen, auf
dem Fahrwasser nationaler Prahlerei vom Stapel laufen seht, so schüttelt
ihr den Kopf und sagt: »Es ist nicht gut.« Ist Japan nicht auch eine
Ursache, daß man hier bei euch die Losung ausgegeben hat, sich
angesichts des neuen drohenden Übels mit noch größerer Schadenskraft zu
rüsten? Japan versichert, daß es sein _bushido_[1] hat, daß es Amerika
gegenüber, dem es Dank schuldet, nie treulos handeln kann. Aber es wird
euch schwer, ihm zu glauben, denn die Weisheit der Nation besteht nicht
im Glauben an die Menschheit, sondern im absoluten Mißtrauen. Ihr sagt
euch, daß ihr es nicht mit dem Japan des _bushido_, mit dem Japan der
sittlichen Ideale zu tun habt, sondern mit der Abstraktion der
Selbstsucht des Volkes, mit der Nation; und eine Nation kann nur der
andern trauen, soweit ihre Interessen zusammengehen, oder wenigstens
sich nicht entgegenstehen. Euer Instinkt sagt euch, daß das Eintreten
eines neuen Volkes in die Arena der Nationalität das Übel vergrößert,
das alledem widerspricht, was das Höchste im Menschen ist, und das durch
seinen Erfolg beweist, daß Gewissenlosigkeit der Weg zum Gedeihen
ist -- und Gutsein gut für die Schwachen, und Gott der einzig bleibende
Trost der Unterworfenen.

  [1] bushido, gewöhnlich mit »Ritterlichkeit« übersetzt, das
  ungeschriebene Gesetzbuch des japanischen Rittertums (der Samurai),
  überhaupt der Inbegriff der moralischen Grundsätze des japanischen
  Volkes.

Ja, dies ist die Logik der Nation. Und sie wird nie auf die Stimme von
Recht und Wahrheit hören. Sie wird diesen Reigen sittlicher Verderbtheit
fortsetzen und Stahl an Stahl, Maschine an Maschine fügen und all die
holden Blumen des frommen Glaubens und der lebendigen Ideale des
Menschen niedertreten.

Aber wir lassen uns zu dem Glauben verleiten, daß in unserer Zeit mehr
Menschlichkeit herrsche als jemals früher. Der Grund dieser
Selbsttäuschung ist, daß unsere Lebensbedürfnisse reichlicher befriedigt
und unsere physischen Leiden wirksamer gelindert werden als früher. Doch
dies geschieht in der Hauptsache nicht durch sittliche Opferfreudigkeit,
sondern durch intellektuelle Kraft. An Umfang ist dieses Gute groß, aber
es kommt nicht aus der Tiefe und geht nicht in die Tiefe. Kenntnisse und
Leistungsfähigkeit sind mächtig gemessen an ihrer Wirkung nach außen,
aber sie sind die Diener des Menschen, nicht der Mensch selbst. Ihr
Dienst ist wie die Bedienung in einem Hotel, wo alles tadellos
eingerichtet ist, aber der Wirt fehlt; es ist mehr bequem als gastlich.

Daher dürfen wir nicht vergessen, daß die systematischen
Organisationen, die sich nach allen Seiten weithin ausbreiten, zwar
unsere Macht stärken, aber nicht unsere Menschlichkeit. Mit der
zunehmenden Macht der Nation wächst ihre Selbstanbetung und erhält das
Übergewicht. Der einzelne läßt die Nation bereitwillig auf seinem Rücken
reiten, und so geschieht das Naturwidrige, das so großes Unglück im
Gefolge hat, daß der Mensch mit allen Opfern einen Gott verehrt, der
sittlich viel tiefer steht als er selbst. Dies hätte nie geschehen
können, wenn der Gott so wirklich wäre, wie der Mensch selbst.

Laßt mich hierzu eine treffende Erläuterung geben. In einigen Teilen
Indiens wird es der Witwe als besonderer Akt der Frömmigkeit auferlegt,
sich alle vierzehn Tage einen ganzen Tag lang des Essens und Trinkens
gänzlich zu enthalten. Dies führt oft zu sinnloser und unmenschlicher
Grausamkeit. Und doch sind die Menschen von Natur nicht in dem Maße
grausam. Aber da diese Frömmigkeit nichts als ein toter Begriff ist, so
tötet sie das sittliche Gefühl des Menschen vollständig, ebenso wie ein
Mensch, der sonst kein Tier unnötig quälen würde, doch einer großen
Menge unschuldiger Geschöpfe furchtbare Leiden verursacht, wenn er sein
Gefühl mit der Idee »Sport« betäubt hat. Weil diese Ideen Erzeugnisse
des Intellekts, logische Klassifikationen sind, können sie den
persönlichen Menschen so leicht in ihren Nebel einhüllen.

Und die Idee der Nation ist eins der wirksamsten Betäubungsmittel, die
der Mensch erfunden hat. Unter dem Einfluß seiner Dünste kann ein ganzes
Volk sein systematisches Programm krassester Selbstsucht ausführen, ohne
sich im geringsten seiner sittlichen Verderbtheit bewußt zu
werden -- ja, es wird gefährlich gereizt, wenn man es darauf hinweist.

Aber kann dies in alle Ewigkeit so fortgehen, daß das sittliche Gefühl
des Menschen immer mehr abstumpft? Wird es sich nicht irgendeinmal
rächen? Wird diese riesige Organisationsmaschine in dieser Welt nicht
eines Tages auf eine Schranke stoßen, die ihre rasende Fahrt aufhält und
sie zertrümmert? Glaubt ihr denn wirklich, daß man das Böse auf die
Dauer dadurch in Schach halten kann, daß man es zu überbieten sucht, und
daß kluge Beratung den Teufel in dem Käfig der »gegenseitigen
Vereinbarungen« festhalten kann, in dem man ihn provisorisch
untergebracht hat?

Dieser Krieg der europäischen Nationen ist ein Vergeltungskrieg. Der
Mensch als solcher muß sich mit allen Kräften dagegen wehren, daß tote
Dinge an Stelle des Herzens treten und Systeme und Staatskunst an Stelle
lebendiger Beziehung von Mensch zu Mensch. Die Zeit ist gekommen, wo um
der ganzen schmählich mißhandelten Menschheit willen Europa am eigenen
Leibe die furchtbare Sinnwidrigkeit dessen, was man Nation nennt, in
ihrem ganzen Umfange spüren muß.

Die Nation ist lange auf Kosten der verstümmelten Menschlichkeit
gediehen. Die Menschen, die vollkommensten Geschöpfe Gottes, gingen aus
dieser nationalen Fabrik zu großen Scharen als Krieg und Geld machende
Drahtpuppen hervor, lächerlich eitel auf die erbärmliche Vollkommenheit
ihres Mechanismus. Die menschliche Gesellschaft wurde immer mehr zu
einem Marionettentheater von Politikern, Soldaten, Fabrikanten und
Bureaukraten, die durch großartig funktionierende Drahteinrichtungen
hin- und herbewegt werden.

Aber die ganze Brut der Selbstsucht: Haß und Gier, Furcht und Heuchelei,
Argwohn und Tyrannei, ist auf die Dauer nicht lebensfähig. Diese
Ungeheuer wachsen zu einer Riesengröße an, aber das Ebenmaß fehlt ihnen.
Und der Leib dieser Nation, der nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus
Stahl und Dampf und Amtsgebäuden besteht, kann zu einer immer
phantastischeren Ungeheuerlichkeit anschwellen, bis endlich die
Mißgestalt ihren ganzen Umfang nicht mehr zusammenhalten kann -- sie
wird anfangen zu krachen und zu bersten, keuchend giftige Dämpfe und
Feuer auszuspeien, und wir hören im Donner der Kanonen ihr Todesröcheln.
In diesem Kriege hat der Todeskampf der Nation angefangen. Ihr ganzer
Mechanismus ist plötzlich toll geworden und hat einen Furientanz
begonnen, indem er seine eigenen Glieder zerschmettert und in den Staub
wirft. Es ist der fünfte Akt der Tragödie des falschen Scheins.

Die irgendwelchen Glauben an die Menschheit haben, können nur sehnlichst
hoffen, daß die Tyrannei der Nation nicht ihre frühere Gestalt
unversehrt zurückerhält: ihre Zähne und Klauen, ihre weitreichenden
Eisenarme und ihre ungeheure innere Hohlheit, wo alles Magen ist und
kein Herz; sie müssen hoffen, daß der Mensch aus dem Nebelmeer von
Abstraktionen, das ihn einhüllte, zur Freiheit der Persönlichkeit neu
geboren wird.

Dieser furchtbare Krieg hat den Schleier gehoben, und der Westen steht
Antlitz in Antlitz seiner Schöpfung gegenüber, der er seine Seele
geopfert hat. Jetzt muß er wissen, was das für eine Schöpfung ist.

Er hat nie geahnt, wie in seiner sittlichen Natur ein Prozeß von
langsamem und unmerklichem Absterben und Verwesen vor sich ging, der
sich bald in skeptizistischen Lehren kund gab, bald und noch öfter und
anscheinend harmloser, aber darum gefährlicher, in der Ahnungslosigkeit
von all der Verstümmelung und Schmach, die er einem großen Teil der
Menschheit zugefügt hat. Jetzt muß er die Wahrheit durch eigene
Erfahrung lernen.

Und dann werden unter seinen eigenen Kindern solche aufstehen, die sich
aus der Knechtschaft der gegenwärtigen Illusion befreien, aus dieser
Verderbtheit einer Verbrüderung, die auf Selbstsucht gegründet ist. Sie
werden erkennen, daß sie Gottes Kinder sind und nicht Sklaven einer
Maschinerie, die Seelen in Ware verwandelt und das Leben in Fächer
einteilt, die mit ihren eisernen Klauen der Welt das Herz ausreißt und
nicht weiß, was sie getan hat.

Und wir Nationslosen, deren Haupt bis in den Staub gebeugt ist, wir
wollen uns sagen, daß dieser Staub heiliger ist als die Ziegelsteine,
aus denen die Macht ihr stolzes Schloß aufrichtet. Denn dieser Staub ist
fruchtbar an Leben und Schönheit und Erhabenheit. Wir wollen Gott
danken, daß es unser Los war, in Schweigen die Nacht der Trübsal und
Verzweiflung hindurch zu wachen, den Hohn der Stolzen und die Last des
Gewaltigen zu tragen, daß wir in all dem Leiden, obgleich unser Herz von
Zweifeln und Furcht bebte, dem blinden Glauben an das Heil durch die
Maschine widerstanden und festhielten an unserem Vertrauen auf Gott und
die menschliche Seele. Und wir hegen doch noch die Hoffnung, daß, wenn
die Macht beschämt von ihrem Thron herabsteigt und der Liebe Platz
macht, wenn der Morgen kommt, wo die blutigen Spuren, die die Nation
zurückließ, als sie durch die Menschheit hinschritt, hinweggewaschen
werden, man uns ruft, auf daß wir unser heiliges Gefäß mit Weihwasser
bringen, um die menschliche Geschichte wieder zu reinigen und den
zertretenen Staub der Jahrhunderte wieder mit Fruchtbarkeit zu segnen.



      NATIONALISMUS IN JAPAN


Die schlimmste Form der Knechtschaft ist es, wenn wir der Verzagtheit
anheimfallen, denn sie raubt uns den Glauben an uns selbst und damit
jede Hoffnung auf Befreiung. Man hat uns wiederholt und mit einem
gewissen Recht gesagt, daß Asien in der Vergangenheit lebt -- es ist wie
ein reiches Mausoleum, das alle seine Pracht entfaltet, um die Toten
unsterblich zu machen. Man hat von Asien gesagt, daß es niemals den Pfad
des Fortschritts beschreiten könne, weil es nicht anders könne als den
Blick nach rückwärts richten. Wir nahmen diesen Vorwurf hin und hielten
ihn schließlich für berechtigt. Ich weiß, daß in Indien eine große
Anzahl unserer Gebildeten die Demütigung, die in diesem Vorwurf liegt,
nicht ertragen kann und nun ihre ganze Fähigkeit zum Selbstbetrug
aufbietet, um ihn in ein Lob zu verwandeln und damit zu prahlen. Aber
Prahlerei ist nur Schamgefühl unter falscher Maske, sie glaubt nicht
wirklich an sich.

Als die Dinge so standen und wir Bewohner Asiens uns in den Glauben
hinein hypnotisierten, daß es immer so bleiben müsse und auf keine Weise
anders werden könne, erwachte plötzlich Japan aus seinem Schlummer,
holte mit Riesenschritten die müßig verträumten Jahrhunderte nach und
stand bald mit seinen Leistungen in der vordersten Reihe seiner modernen
Zeitgenossen. Dies hat den Zauber gebrochen, in dem wir jahrhundertelang
gebannt lagen, als wir glaubten, unser Los sei nun einmal das Los
bestimmter Völker unter bestimmten Himmelsstrichen. Wir hatten
vergessen, daß in Asien einst große Königreiche gegründet wurden, daß
Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Literatur bei uns blühten und alle
großen Religionen hier ihre Wiege hatten. Man kann daher nicht sagen,
daß in dem Boden und Klima Asiens irgend etwas ist, was geistige
Untätigkeit erzeugt oder im Menschen den Trieb zum Fortschritt
verkümmern läßt. Jahrhundertelang haben wir in Asien die Fackel der
Kultur hochgehalten, als der Westen noch im Dunkel schlummerte und dies
kann doch nicht das Zeichen von geistiger Schwerfälligkeit und engem
Horizont sein.

Dann kam eine Zeit, wo das Dunkel der Nacht sich auf alle Länder des
Ostens legte. Der Strom der Zeit schien plötzlich stillzustehen, und
Asien hörte auf, neue Nahrung zu sich zu nehmen; es fing an, sich von
seiner Vergangenheit, das heißt in Wahrheit, von sich selbst zu nähren.
Es lag in Totenstille da, und die Stimme, die einst ewige Wahrheiten mit
lautem Ruf verkündet und viele Menschenalter hindurch das Menschenleben
rein gehalten hatte, wie der Ozean von Luft die Erde umspült und
reinigt, -- diese Stimme war verstummt.

Aber das Leben braucht auch seinen Schlaf, seine Perioden der
Untätigkeit, wo seine Bewegungen aufhören, wo es keine neue Nahrung zu
sich nimmt und von den Vorräten seiner Vergangenheit lebt. Dann wird es
hilflos, seine Muskeln erschlaffen, und es ist leicht, es wegen seiner
Stumpfheit zu verhöhnen. Im Rhythmus des Lebens sind diese Pausen nötig,
damit das Leben sich erneuern kann. Ein tatenvolles Leben verausgabt
sich beständig, verbrennt all sein Öl. Diese Verschwendung kann nicht
unbegrenzt weitergehen, sondern immer muß ihr eine Zeit der Passivität
folgen, wo keine Kräfte mehr verbraucht und keine Abenteuer mehr
unternommen werden dürfen, wo Ruhe erste Pflicht ist, damit die
Lebenskraft allmählich wieder wachsen kann.

Unser Geist neigt von Natur zur Sparsamkeit, er liebt es, Gewohnheiten
anzunehmen und sich auf ausgefahrenen Gleisen zu bewegen, die ihm die
Mühe sparen, bei jedem Schritt nachzudenken. Fertig übernommene Ideale
machen den Geist träge. Er fürchtet, seinen Besitz zu verlieren, im
Ringen nach neuem Erwerb. Er versucht, ihn sich zu sichern, indem er ihn
in einer Festung von Gewohnheiten verschließt. Aber dies heißt in
Wahrheit, sich den vollen Genuß seines Besitzes unmöglich machen. Es ist
Geiz. Die lebendigen Ideale dürfen nicht die Berührung mit dem
wachsenden, wechselnden Leben verlieren. Nicht innerhalb sie sorglich
hütender Schranken sind sie wahrhaft frei, sondern draußen auf der
Landstraße des Lebens mit all ihren Abenteuern und Möglichkeiten neuer
Erfahrungen.

Eines Morgens blickte die ganze Welt in Staunen auf: Japan hatte in der
Nacht die Mauern seiner alten Gewohnheiten durchbrochen und trat
triumphierend daraus hervor. Es war in einer so unglaublich kurzen Zeit
geschehen, wie das Wechseln eines Gewandes, nicht wie das langsame
Errichten eines neuen Baues. Das neue Japan zeigte zugleich das
zuversichtliche Kraftbewußtsein des reifen Alters und die Frische und
unendliche Möglichkeitsfülle neu erwachten Lebens. Man fürchtete damals,
daß es sich nur um eine plötzliche Laune der Geschichte handelte, um ein
kindisches Spiel der Zeit, eine Seifenblase, zwar vollkommen in ihrer
Rundung und Farbenschönheit, doch innen hohl und ohne Gehalt. Aber Japan
hat endgültig gezeigt, daß die plötzliche Offenbarung seiner Macht nicht
ein kurzlebiges Wunder war, eine zufällige und vorübergehende
Erscheinung im Zeitenstrom, aus der dunklen Tiefe heraufgeschleudert, um
im nächsten Augenblick mit den Fluten hinweggerissen zu werden ins Meer
der Vergessenheit.

Denn Japan ist alt und modern zugleich. Es hat sein Erbe alter östlicher
Kultur, jener Kultur, die dem Menschen zur Pflicht macht, wahren
Reichtum und wahre Kraft in sich selbst, in seiner Seele zu suchen,
jener Kultur, die ihm inneren Halt gibt gegenüber Verlust und Gefahr,
die ihn opferwillig macht, ohne daß er an das denkt, was es ihn kostet,
oder auf Lohn hofft, die ihn lehrt, dem Tod zu trotzen und sich den
unzähligen Verpflichtungen zu unterwerfen, die er als Glied der
Gesellschaft seinen Mitmenschen gegenüber hat. Es besitzt das Erbe jener
Kultur, die uns in allen endlichen Dingen die Vision des Unendlichen
gegeben hat, durch die wir erkannt haben, daß das Weltall von Leben und
Seele durchtränkt ist, daß es nicht eine ungeheure Maschine ist, die
einst vom Teufel Zufall zum Vorschein gebracht oder von einem
teleologischen Gott geschaffen wurde, der in einem fernen Himmel lebt.
Mit einem Wort, das moderne Japan ist aus dem uralten Osten entsprossen
wie die Lotusblume, die sich leicht und anmutig in der Luft wiegt und
doch fest und tief in dem Boden wurzelt, dem sie entsprungen.

Und Japan, dies Kind des alten Ostens, hat doch keck nach allen Gaben
des modernen Zeitalters gegriffen. Es hat seinen kühnen Geist gezeigt,
indem es die Schranken der Gewohnheit durchbrach, welche Trägheit nach
und nach aufgerichtet hatte; seine eigene Tüchtigkeit und Wachsamkeit
sollten hinfort seine Sicherheit und sein Schutz sein. So ist es in
Berührung gekommen mit dem Leben der Zeit und hat mit bewundernswertem
Eifer und erstaunlicher Begabung die Verpflichtungen der modernen
Zivilisation auf sich genommen.

Dies ist es, was dem übrigen Osten Mut gemacht hat. Wir haben erkannt,
daß Leben und Kraft in uns ist, es gilt nur, die trockene Rinde
abzuwerfen und nackt hineinzutauchen in den verjüngenden Strom der Zeit.
Wir haben erkannt, daß seine Zuflucht zu toten Dingen nehmen Tod
bedeutet, und daß nur der lebt, der das ganze volle Wagnis des Lebens
auf sich nimmt.

Ich meinesteils kann nicht glauben, daß Japan das geworden ist, was es
ist, dadurch, daß es dem Westen nachahmte. Wir können Leben nicht
nachahmen, Kraft nicht lange heucheln, ja, bloßes Nachahmen tötet die
Kraft, die da ist. Denn es fesselt unsere wahre Natur und hemmt uns
überall. Es ist, als ob wir über unsere Knochen die Haut eines andern
Menschen zögen und so zwischen beiden einen ewigen Kampf schüfen.

Die Wahrheit ist, daß die Wissenschaft nicht zur Natur des Menschen
gehört; sie ist nur etwas Erlerntes und durch Schulung Erworbenes. Wenn
ihr die Gesetze der äußeren Natur kennt, so ändert das noch nichts an
eurer menschlichen Natur. Wissen könnt ihr von andern borgen, aber nicht
Gaben des Gemüts.

Aber in der ersten Zeit unserer Ausbildung, wo wir noch nichts weiter
tun als nachmachen, können wir noch nicht zwischen Wesentlichem und
Unwesentlichem, zwischen Übertragbarem und Nichtübertragbarem
unterscheiden. Es ist wie mit dem Glauben des primitiven Geistes an die
Zauberkraft zufälliger äußerer Formen, in denen sich ihm eine Wahrheit
kundgibt. Wir fürchten, etwas Wertvolles und Wirksames zurückzulassen,
wenn wir nicht die Schale mit dem Kern verschlucken. Aber während unsere
Gier immer das Ganze sich aneignen will, verleiben unsere Leben
schaffenden Organe die nährenden Stoffe dem Körper ein, und dies ist die
rechte Art, wie ein lebendiger Organismus von den Dingen Besitz nimmt.
Wo Leben ist, da behauptet es sich sicher dadurch, daß es das auswählt,
was es zu seiner Erhaltung braucht, und das Schädliche zurückweist. Der
lebendige Organismus wächst nicht in seine Nahrung hinein, sondern seine
Nahrung wächst in ihn hinein. Und nur so kann er stark werden, nicht
indem er sie nur in sich anhäuft oder indem er sich selbst aufgibt.

Japan hat seine Nahrung vom Westen eingeführt, aber nicht seine
Lebensorgane. Japan kann nicht ganz in der wissenschaftlichen
Ausstaffierung, die es vom Westen bekommen hat, untertauchen und zu
einer bloßen übernommenen Maschine werden. Es hat seine eigene Seele,
die sich vor allen andern Bedürfnissen geltend machen muß. Daß sie dies
kann und daß Japan es versteht, die neuen Errungenschaften sich in
rechter Weise zu eigen zu machen, das beweisen reichlich die Zeichen
kräftiger Gesundheit, die wir an ihm wahrnehmen. Und ich hoffe
aufrichtig, daß Japan über dem Stolz auf seine modernen Errungenschaften
nie den Glauben an seine Seele verlieren wird, denn schon jener Stolz
ist eine Demütigung und führt am Ende zu Armut und Schwäche. Es ist der
Stolz des Gecken, der größeren Wert auf seine Kopfbedeckung legt als auf
den Kopf selbst.

Die ganze Welt wartet, um zu sehen, was dieses große Volk des Ostens nun
anfangen wird mit den Möglichkeiten und Verpflichtungen, die es aus den
Händen der modernen Zeit empfangen hat. Ist es nur eine Nachbildung des
Westens, so werden die großen Erwartungen, die es erweckt hat, unerfüllt
bleiben. Denn es sind ernste Fragen, die die westliche Zivilisation
aufgeworfen und noch nicht ganz gelöst hat. Der Konflikt zwischen Staat
und Individuum, Arbeit und Kapital, Mann und Frau; der Konflikt zwischen
materieller Gewinnsucht und Bedürfnis nach geistigem Leben, zwischen der
organisierten Selbstsucht der Völker und den höheren Idealen der
Menschlichkeit, und all die schlimmen Konflikte, die sich ergeben aus
dem Gegensatz zwischen den riesigen Organisationen des Handels und des
Staates und den natürlichen Instinkten des Menschen, die nach
Einfachheit, Schönheit und Muße rufen -- dies alles soll in Harmonie
gebracht werden auf einem Wege, den noch niemand ahnt.

Wir haben gesehen, wie dieser große Strom der Zivilisation sich staute
und gehemmt wurde durch die Trümmer, die seine unzähligen Kanäle ihm
zutrugen. Wir haben gesehen, daß bei all ihrer vielgepriesenen
Menschenliebe die Zivilisation sich selbst als die größte Bedrohung für
den Menschen erwies, eine weit schlimmere als die plötzlichen Überfälle
nomadischer Barbaren, durch die die Menschen in früheren Zeitaltern
litten. Wir haben gesehen, daß sie, trotzdem sie mit ihrer
Freiheitsliebe prahlte, schlimmere Formen der Sklaverei schuf, als je in
einer menschlichen Gesellschaft üblich waren -- eine Sklaverei, deren
Ketten unzerbrechlich sind, entweder weil sie unsichtbar sind oder weil
sie Namen und äußeren Schein der Freiheit haben. Wir haben gesehen, wie
der Mensch im Bann ihrer ungeheuren Gemeinheit den Glauben verliert an
all die hohen Ideale des Lebens, die ihn groß gemacht haben.

Daher könnt ihr Japaner nicht leichten Herzens die moderne Zivilisation
annehmen mit all ihren Tendenzen, Methoden und Einrichtungen, in der
Meinung, daß das alles dazu gehört. Ihr müßt euren östlichen Sinn, eure
geistige Kraft, eure Liebe zur Einfachheit, eure Gefühle für soziale
Verpflichtungen einsetzen, um einen neuen Weg zu bahnen für diesen
großen, ungelenken, mißtönig rollenden Triumphwagen des Fortschritts.
Ihr müßt die ungeheuren Opfer an Menschenleben und Freiheit, die er bei
jedem Schritt auf seinem Wege fordert, auf das kleinste Maß bringen.
Viele Menschenalter hindurch habt ihr auf eure eigene Art gefühlt,
gedacht und gearbeitet, euch gefreut und eure Götter verehrt. Diese eure
Art könnt ihr nicht wie ein altes Gewand ablegen. Denn sie ist in eurem
Blut, in dem Mark eurer Knochen, in dem Gewebe eures Fleisches, in den
Windungen eures Gehirns, und sie muß allem, was ihr berührt, ihren
Stempel geben, ohne euer Wissen, selbst gegen euren Willen. Einst fandet
ihr doch eine Lösung für die menschlichen Probleme, die euch
befriedigte, und ihr hattet eure eigene Lebensphilosophie und eure
eigene Lebenskunst. Dies alles müßt ihr jetzt auf die gegenwärtige Lage
anwenden, und daraus wird eine neue Schöpfung entstehen, keine bloße
Wiederholung -- eine Schöpfung, welche ganz der Seele eures Volkes
gehört und welche sie stolz der Welt darbietet als ihren Beitrag zum
Wohl der Menschheit. Von allen Ländern in Asien habt ihr in Japan die
Freiheit, das, was ihr vom Westen bekommen habt, nach eurem Sinn und
eurem Bedürfnis zu nutzen. Ihr habt das Glück, nicht eingeengt zu sein
von außen; daher ist eure Verantwortlichkeit um so größer, denn ihr
antwortet im Namen ganz Asiens auf die Fragen, die Europa der Menschheit
vorgelegt hat. In eurem Lande werden die Versuche fortgeführt, wodurch
der Osten das Bild der modernen Zivilisation ändern wird, indem er da
Leben einhaucht, wo sie Maschine ist, an Stelle kalter Berechnung
menschliches Gefühl setzt, nicht so sehr nach Macht und Erfolg fragt,
als nach harmonischem und lebendigem Wachstum, nach Wahrheit und
Schönheit.

Ich muß euch an jene Zeiten erinnern, als der ganze Osten Asiens von
Birma bis Japan mit Indien verbunden war durch das Band engster
Freundschaft, das einzig natürliche Band, das zwischen Völkern bestehen
kann. Damals bestand eine unmittelbare Verbindung von Herz zu Herz; wir
bildeten alle zusammen ein lebendiges Nervensystem, wir spürten
gleichzeitig die tiefsten Bedürfnisse der Menschheit. Wir lebten nicht
in Furcht voreinander, wir brauchten uns nicht zu bewaffnen, um einander
in Schach zu halten. Nicht Eigennutz und Habgier trieb uns zueinander,
Ideen und Ideale wurden ausgetauscht, Gaben der höchsten Liebe
dargeboten und empfangen. Verschiedenheit der Sprachen und Sitten
hinderten nicht die innigste Seelengemeinschaft; kein Rassenstolz, keine
freche Überhebung im Bewußtsein körperlicher oder geistiger
Überlegenheit störte unsere Beziehung; neue Blätter und Blüten
entsprossen dem Boden unserer Kunst und Literatur unter dem Sonnenlicht
der Menschenliebe, und Völker von verschiedenen Ländern, Sprachen und
Vergangenheiten bekannten sich zu dem, was die höchste Einheit der
Menschen bildet und das stärkste Liebesband. Wollen wir nicht auch daran
denken, daß damals, in jenem goldenen Zeitalter, als die Menschen
gemeinsam nach den höchsten Lebenszielen strebten, eure Natur den Balsam
der Unsterblichkeit für sich aufspeicherte, der eurem Volk zur
Wiedergeburt in einem neuen Zeitalter verholfen hat und ihm die Kraft
gegeben, seinen alten verbrauchten Leib abzutun und einen neuen Leib
anzulegen und unversehrt hervorzugehen aus der Erschütterung der
wunderbarsten Umwälzung, die die Welt je gesehen hat?

Die politische Kultur, die auf dem Boden Europas gewachsen ist und sich
wie üppig wucherndes Unkraut über die ganze Erde ausgebreitet hat,
gründet sich auf Ausschließlichkeit. Sie ist immer darauf bedacht,
Fremde in Schach zu halten oder zu vernichten. Sie ist kannibalisch in
ihren Neigungen, nährt sich von dem, was andere Völker notwendig zu
ihrem Leben brauchen, und versucht, deren ganze Zukunft zu verschlingen.
Sie fürchtet immer, daß andere Rassen auch zu Bedeutung gelangen, und
erklärt es als eine Gefahr, und sie versucht, alle Keime von Größe
außerhalb ihrer Grenzen zu ersticken, indem sie die Rassen, die
schwächer sind als sie, zu Boden wirft, damit sie auf ewig in ihrer
Schwäche verharren. Bevor diese politische Kultur zur Herrschaft kam und
ihren hungrigen Rachen weit genug öffnete, um ganze Erdteile zu
verschlingen, hatten wir wohl Kriege, Plünderungen, gewaltsame
Thronwechsel, die Elend im Gefolge hatten, aber nie sahen wir solche
furchtbare und hoffnungslose Raubgier, solch ein gegenseitiges
Sichauffressen von Nationen, solche riesigen Maschinen zum Zerhacken
ganzer Erdteile, nie sahen wir solche entsetzlichen Ausgeburten von
Eifersucht, die immer ihre scheußlichen Zähne und Klauen bereit haben,
sich gegenseitig die Eingeweide zu zerfleischen. Diese politische Kultur
ist wissenschaftlich, nicht menschlich. Sie ist mächtig, weil sie alle
ihre Kräfte auf ~ein~ Ziel richtet, wie der Millionär, der Geld erwirbt
auf Kosten seiner Seele. Sie verrät das Vertrauen, schamlos spinnt sie
Lügennetze, stellt riesige Götzenbilder der Gier in ihren Tempeln auf
und ist sehr stolz auf die kostspieligen Zeremonien ihres
Gottesdienstes, den sie Patriotismus nennt. Und man kann mit Gewißheit
prophezeien, daß solch Treiben ein Ende finden muß, denn es gibt in
dieser Welt ein sittliches Gesetz, dem nicht nur der einzelne, sondern
auch die organisierten Gemeinschaften unterworfen sind. Ihr könnt nicht
diese Gesetze im Namen eurer Nation beständig verletzen und als
Individuen ihren Segen genießen. Dies öffentliche Untergraben der
menschlichen Ideale wirkt auf jedes Mitglied der Gesellschaft, es macht
allmählich und unmerklich die Menschen schwach und erzeugt jenes
zynische Mißtrauen gegen alles, was in der menschlichen Natur heilig und
ehrwürdig ist, das sichere Anzeichen von Greisenhaftigkeit. Ihr müßt
bedenken, daß diese politische Kultur, diese Religion des nationalen
Patriotismus, noch nicht lange auf die Probe gestellt ist. Die Fackel
des alten Griechenlands ist in dem Lande, wo sie zuerst entzündet wurde,
erloschen. Roms Macht liegt tot und begraben unter den Trümmern seines
großen Reiches. Aber die Kultur, die sich auf die natürliche
Gesellschaft und auf die geistigen Ideale der Menschen gründet, lebt
noch in China und Indien. Wenn sie, an dem Maßstab der mechanischen
Kraft unserer heutigen Zeit gemessen, auch schwach und klein aussieht,
so gleicht sie doch den kleinen Samenkörnern, die Leben enthalten; sie
wird emporsprießen und wachsen, ihre wohltätigen Zweige ausbreiten und
Blüten und Früchte hervorbringen, wenn ihre Zeit kommt und der
befruchtende Segen des Himmels auf sie herabströmt. Aber die Trümmer von
Wolkenkratzern und zerbrochenen Maschinen, die traurigen Reste von Macht
und Gier, kann selbst Gottes Segen nicht wieder aufrichten, denn sie
waren nicht Kinder des Lebens, sondern Feinde allen Lebens -- sie sind
Spuren des Aufruhrs, der im Kampf gegen das Ewige zerschellte.

Aber man macht uns den Vorwurf, daß unsere Ideale unbeweglich sind, daß
sie nicht die Triebkraft haben, uns zu neuen Ausblicken zu führen und
neue Gebiete von Wissen und Macht zu erschließen, daß die
philosophischen Systeme, die Hauptstützen der morschen östlichen Kultur,
alle äußeren Beweise verschmähen und in ihrer subjektiven Gewißheit
sich töricht zufriedengeben. Dies beweist nur, daß wir, wenn unser
Wissen unklar ist, geneigt sind, dem Gegenstand unseres Wissens
Unklarheit vorzuwerfen. Für einen europäischen Beobachter ist unsere
Kultur nichts als Metaphysik, wie für einen Tauben das Klavierspiel nur
Fingerbewegung, aber nicht Musik ist. Er kann es nicht glauben, daß
diese Kultur eine tiefe, lebendige Wirklichkeit als Grundlage hat, auf
der sich unser Leben aufbaut.

Unglücklicherweise ist der Beweis für die Wirklichkeit eines Dinges nur
seine sichtbare Vergegenwärtigung. An die Wirklichkeit eurer Umgebung
glaubt ihr, weil ihr sie seht, aber es ist schwer, einem Ungläubigen zu
beweisen, daß unsere Kultur nicht ein nebelhaftes System von abstrakten
Spekulationen ist, daß sie uns etwas gegeben hat, was positive Wahrheit
ist -- eine Wahrheit, die dem Menschenherzen Schutz und Nahrung gibt.
Sie hat einen innern Sinn in uns entwickelt, die Gabe, in allen
endlichen Dingen das Unendliche zu schauen.

»Aber«, sagt der Europäer weiter, »ihr macht gar keine Fortschritte, in
euch ist keine Bewegung.« Ich frage ihn: Woher wißt ihr das?
Fortschritte wollen nach ihrem Ziel beurteilt werden. Der Eisenbahnzug
macht seine Fortschritte auf die Endstation zu -- das ist Bewegung. Aber
ein ausgewachsener Baum hat keine Bewegung dieser Art, sein Fortschritt
ist der Fortschritt des Lebens in ihm. Er lebt, und sein Streben zum
Licht tönt in seinen Blättern und rinnt in seinem Saft.

Auch wir haben jahrhundertelang gelebt, leben noch und streben nach
einer Wirklichkeit, deren Erfüllung kein Ende hat -- nach einer
Wirklichkeit, die über den Tod hinausgeht und ihm erst einen Sinn gibt,
die sich über alles Elend und alle Trübsal dieser Welt erhebt und in
freudiger Entsagung Frieden und Reinheit bringt. Die Frucht dieses
inneren Lebens ist lebendige Frucht. Nach ihr verlangt der Jüngling,
wenn er müde und staubbedeckt heimkehrt, der Soldat, wenn er verwundet
ist; nach ihr verlangt man, wenn der Reichtum verpraßt und der Stolz
gedemütigt ist, wenn das Menschenherz in dem verwirrenden Durcheinander
der Tatsachen nach Wahrheit und im Widerstreit seiner Neigungen nach
Harmonie ruft. Ihr Wert liegt nicht in ihrer äußeren Fülle, sondern in
ihrer Vollkommenheit.

Es gibt Dinge, die nicht warten können. Wollt ihr kämpfen oder den
besten Platz auf dem Markt haben, so müßt ihr euch in Marsch setzen und
laufen und stürzen. Ihr spannt eure Nerven aufs äußerste an und seid
immer auf dem Posten, wenn ihr Gelegenheiten ergreifen wollt, die sich
nur im Fluge erhaschen lassen. Aber es gibt Ideale, die nicht ein
Versteckspiel treiben mit unserm Leben; sie wachsen langsam vom
Samenkorn zur Blüte und von der Blüte zur Frucht; sie brauchen unendlich
viel Raum und Himmelslicht, um zu reifen, und die Früchte, die sie
tragen, können jahrelang verschmäht und vergessen liegen, ohne daß sie
faulen. Der Osten mit seinen Idealen, der in seinem Busen das Licht der
Sonne und das Schweigen der Sterne von Jahrhunderten bewahrt, kann
geduldig warten, bis dem Westen, der dem Nutzen nacheilt, der Atem
ausgeht und er stillsteht. Europa wirft, während es eiligst zu seinen
Geschäften fährt, einen verächtlichen Blick aus dem Wagenfenster des
Zuges auf den Schnitter, der auf dem Felde sein Getreide mäht, und in
der rasenden Geschwindigkeit der Fahrt muß es ihm vorkommen, als ob der
da draußen sehr langsam wäre und immer weiter zurückginge. Aber die
Geschwindigkeit nimmt einmal ein Ende, die Geschäfte verlieren ihren
Sinn, und das hungernde Herz Europas jammert nach Nahrung, bis es
endlich zu dem bescheidenen Schnitter kommt, der im Sonnenschein seine
Ernte einbringt. Denn wenn auch das Geschäft und das Kaufen und
Verkaufen oder die Vergnügungssucht nicht warten können, die Liebe
wartet und mit ihr die Schönheit und die Weisheit im Leiden und all die
Früchte frommer Demut und gläubiger Hingebung. Und so wird der Osten
warten, bis seine Zeit kommt.

Ich will jedoch nicht zögern, das Große in Europa anzuerkennen, denn
Großes hat es ohne Zweifel. Wir können nicht anders als es von Herzen
lieben und bewundern -- dies Europa, von dem sich in Kunst und Literatur
ein unerschöpflicher Strom von Schönheit und Wahrheit ergießt, alle
Länder und Zeiten befruchtend; dies Europa, das mit titanischem Geiste
in nie ermüdender Kraft die Höhen und Tiefen des Weltalls durchmißt,
das unendlich Große und unendlich Kleine mit seinem Wissen umfaßt und
alle Kräfte von Herz und Verstand dazu verwendet, die Kranken zu heilen
und all das Elend zu mildern, das wir bis jetzt in hoffnungsloser
Resignation hinnahmen, dies Europa, das die Erde dahin bringt, uns mehr
Frucht zu spenden, als möglich schien, indem es mit Güte und Gewalt alle
großen Kräfte der Natur in den Dienst des Menschen zwingt. Wahre Größe
wie diese kann nur auf Geistesstärke beruhen. Denn nur der Geist des
Menschen kann seines endlichen Erfolges gewiß, allen Schranken trotzen,
seinen Scheinwerfer hinter das unmittelbar vor Augen Liegende richten,
freudig zum Märtyrer werden für ferne Ziele, die er selbst nie erreichen
kann und von denen er durch keinen Fehlschlag sich abbringen läßt. Im
Herzen Europas fließt der reinste Strom von Menschenliebe,
Gerechtigkeitsliebe und Opferwillen für höhere Ideale. Jahrhundertelange
christliche Kultur hat es tief bis ins Lebensmark durchdrungen. Wir
haben gesehen, wie zu allen Zeiten in Europa edle Geister für die
Rechte des Menschen ohne Rücksicht auf Farbe und Bekenntnis eintraten,
wie sie, Verleumdungen und Schmähungen von Seiten ihres eigenen Volkes
trotzend, für die Sache der Menschheit kämpften und ihre Stimmen erhoben
gegen die wilden Orgien des Militarismus, gegen die Raserei brutaler
Rachgier und Raubsucht, die bisweilen ein ganzes Volk ergreift. Wir
sehen, wie sie immer bereit sind, das Unrecht wieder gutzumachen, das
ihre eigenen Nationen früher andern zugefügt, und wie sie vergebens
versuchten, die Flut feigherziger Ungerechtigkeit aufzuhalten, die
ungehindert weiter strömt, weil der Widerstand von Seiten der
Geschädigten schwach und ohne Wirkung ist. Sie sind da, diese fahrenden
Ritter des modernen Europas, die den Glauben nicht verloren haben an
selbstlose Liebe zur Freiheit, an die Ideale, die keine nationale
Selbstsucht und keine geographischen Schranken kennen. Sie sind da, und
beweisen uns, daß die Quellen ewigen Lebens in Europa nicht vertrocknet
sind, und von dorther wird immer wieder seine Wiedergeburt kommen. Da
jedoch, wo Europa zu bewußt am Werk ist, das Gebäude seiner Macht
aufzurichten und seine bessere Natur verleugnet und verspottet, da
häuft es seine Missetaten zum Himmel auf und fordert Gottes Rache
heraus, indem es die giftige Saat physischer und moralischer Häßlichkeit
über die ganze Erde sät und durch sein herzloses Treiben des Menschen
Gefühl für das Schöne und Gute freventlich verletzt. Europa ist äußerst
gut in seinem Wohltun, solange es seinen Blick auf die ganze Menschheit
richtet, und es ist äußerst böse in seinem Übeltun, sobald es seinen
Blick nur auf sein eigenes Interesse richtet und alle Kraft zur Größe
nur auf Zwecke verwendet, die dem Unsterblichen und Ewigen im Menschen
entgegen sind.

Ostasien hat seinen alten Pfad verfolgt und eine Kultur entwickelt, die
nicht politisch, sondern sozial ist, nicht räuberisch und mechanisch
wirksam, sondern geistig und auf all die mannigfachen tieferen
menschlichen Beziehungen gegründet. Es hat in stiller Zurückgezogenheit
für die Lebensprobleme der Völker Lösungen ersonnen und hat sie im
Schutz seiner Abgeschlossenheit, kaum berührt von dynastischen Wechseln
und Einfällen fremder Völker, ausgeführt. Aber jetzt, da die Welt von
außen über uns hereingebrochen ist, ist unsere Abgeschlossenheit für
immer dahin. Und doch dürfen wir dies nicht beklagen, wie eine Pflanze
es nicht beklagen darf, wenn sie aus dunkler Erde zum Licht emporgezogen
wird. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir die Aufgabe der ganzen Welt zu
unserer Aufgabe machen müssen; wir müssen den Geist unserer Kultur mit
der Geschichte aller Nationen der Erde in Einklang zu bringen suchen,
wir dürfen uns nicht in törichtem Stolz in der Samenhülle und in der
Erdrinde, die unsere Ideale schützen und nährten, festhalten, denn
beide, Hülle und Rinde, müssen durchbrochen werden, wenn das Leben in
all seiner Kraft und Schönheit emporschießen soll, um der Welt im Licht
des Tages seine Gaben zu bieten.

Diese Aufgabe, die Schranke zu durchbrechen und in die Welt
hinauszutreten, hat von den Völkern des Ostens Japan zuerst auf sich
genommen. Es hat das Herz ganz Asiens mit Hoffnung belebt. Diese
Hoffnung gibt uns die heimliche Flamme, die jedes Schöpfungswerk
braucht. Asien fühlt jetzt, daß es sein Leben beweisen muß, dadurch, daß
es lebendige Werke schafft; daß es nicht müßig schlafend daliegen oder,
durch Furcht oder Schmeichelei betört, in schwächlicher Nachahmung dem
Westen huldigen darf. Dafür sagen wir dem Land der aufgehenden Sonne
Dank und bitten es feierlich, immer dessen eingedenk zu sein, daß es die
Mission des Ostens zu erfüllen hat. Es muß dem Herzen der modernen
Kultur den Lebenssaft tieferer Menschlichkeit einflößen. Es darf sie
nicht vom Unterholz ersticken lassen, sondern muß sie hinaufführen zu
Licht und Freiheit, zu reiner Luft und weitem Raum, wo sie im Licht des
Tages und im Dunkel der Nacht die Stimme des Himmels vernehmen kann. Auf
daß die Erhabenheit seiner Ideale allen Menschen sichtbar werde wie sein
schneegekrönter Futschijama, der aus dem Herzen seines Landes aufsteigt
in die Region des Unendlichen und sich stolz von seiner Umgebung abhebt,
schön wie ein Mädchen in dem wundervollen Schwung seiner Linien, und
doch fest und stark und von ruhiger Majestät.


      II.

Ich bin in vielen Ländern gereist und Menschen von allen Klassen
begegnet, aber nirgends auf meinen Reisen fühlte ich die Gegenwart des
Menschlichen so stark wie in diesem Lande. In andern großen Ländern
waren die Zeichen der Macht des Menschen weithin sichtbar, und ich sah
ungeheure Organisationen, die sich nach allen Seiten wirksam zeigten.
Die Pracht und Üppigkeit, die dort herrscht in Kleidung, Einrichtung und
kostspieliger Unterhaltung, ist erschreckend. Man fühlt sich bei ihnen
in die Ecke gedrückt wie ein ungebetener Gast beim Festmahl; halb ist
man von Neid erfüllt, halb atemlos vor Staunen. Bei ihnen hat man nicht
das Gefühl, daß der Mensch das Höchste ist, sondern man wird immer gegen
einen Haufen erstaunlicher Dinge geschleudert, die uns von den Menschen
trennen. Aber in Japan ist nicht die Entfaltung von Macht und Reichtum
das herrschende Lebenselement. Man sieht überall Zeichen von Liebe und
Bewunderung und nicht überwiegend von Ehrgeiz und Habsucht. Man sieht
ein Volk, dessen Herz sich erschlossen hat und sich verschwenderisch
ausgibt in den einfachsten Geräten des täglichen Lebens, in seinen
sozialen Einrichtungen, in seinen sorgsam gepflegten und zur
Vollkommenheit ausgebildeten Lebensformen und in seiner Art mit den
Dingen umzugehen, die nicht nur geschickt, sondern zugleich in jeder
Bewegung anmutig ist.

Was in diesem Lande den größten Eindruck auf mich gemacht hat, ist die
Erkenntnis, daß ihr die Geheimnisse der Natur nicht durch methodisches
Zergliedern, sondern unmittelbar durch Anempfinden erfaßt habt. Ihr habt
die Sprache ihrer Linien und die Musik ihrer Farben erkannt, das Ebenmaß
in ihren Ungleichmäßigkeiten und den Rhythmus in der Freiheit ihrer
Bewegungen; ihr habt gesehen, wie sie die ungeheuren Scharen ihrer Wesen
führt und doch alle Reibungen vermeidet, wie selbst die Widerstreite in
ihren Schöpfungen in Tanz und Musik sich lösen, wie ihr Überfluß die
Fülle der selbstlosen Hingabe ist, nicht prahlerische Verschwendung. Ihr
habt erkannt, daß die Natur ihre Kraft in Formen der Schönheit
aufbewahrt, und diese Schönheit ist es, welche wie eine Mutter alle
Riesenkräfte an ihrer Brust nährt, indem sie sie in tätiger
Wirksamkeit, und doch in Ruhe hält. Ihr habt erkannt, daß die
Lebenskräfte der Natur sich vor Erschöpfung bewahren durch den Rhythmus
vollkommener Anmut, und daß sie durch die Zartheit ihrer geschwungenen
Linien die Müdigkeit von den Muskeln der Welt nimmt. Ich habe gefühlt,
daß ihr es vermocht habt, diesen Geheimnissen euer Leben anzugleichen,
und daß ihr die Wahrheit, die in der Schönheit aller Dinge liegt, in
eure Seele aufgenommen habt. Ein bloßes Wissen von Dingen kann man in
kurzer Zeit erwerben, aber ihr Geist kann nur erworben werden durch
jahrhundertelange Erziehung und Selbstbeherrschung. Die Natur von außen
beherrschen ist viel einfacher als sie in Liebe sich zu eigen machen,
denn dies kann nur ein wahrhaft schöpferischer Geist. Euer Volk hat
diese schöpferische Kraft gezeigt; es erwarb nicht, sondern es schuf; es
stellte nicht Dinge zur Schau, sondern offenbarte sein eigenes inneres
Wesen. Dieser schöpferische Geist ist allen Völkern eigen; er bemächtigt
sich der Menschennaturen und formt sie nach seinen Idealen. Aber hier
in Japan scheint er seine Aufgabe vollendet zu haben, indem er in den
Geist des ganzen Volkes einging und seine Muskeln und Nerven durchdrang.
Eure Instinkte sind zuverlässig geworden, eure Sinne scharf, und eure
Hände haben natürliche Geschicklichkeit erlangt. Der Schöpfergeist
Europas hat seinen Völkern die Kraft zur Organisation gegeben, die sich
besonders in der Politik, im Handel und in den wissenschaftlichen
Betrieben gezeigt hat. Der Schöpfergeist Japans hat euch die Schönheit
in der Natur gezeigt und euch die Kraft gegeben, sie im Leben zu
verwirklichen.

In jeder besonderen Zivilisation drückt sich eine besondere menschliche
Erfahrung aus. Europa scheint am tiefsten den Widerstreit der Dinge im
Weltall empfunden zu haben, dessen man nur Herr wird, indem man sie
erobert. Daher ist es immer zum Kampf gerüstet und richtet seine ganze
Aufmerksamkeit darauf, Kräfte zu organisieren. Japan dagegen hat in
seiner Welt die Berührung mit einem Wesen gespürt, vor dem seine Seele
sich in Ehrfurcht beugt. Daher rühmt es sich nicht, die Natur zu
beherrschen, sondern bringt ihr mit unendlichem und freudigem Bemühen
die Opfer seiner Liebe dar. Seine Verwandtschaft mit der Welt ist die
tiefere Verwandschaft der Seele. Dieses geistige Liebesband verknüpft es
mit den Hügeln seines Landes, mit dem Meer und den Strömen, mit den
Wäldern und ihrem ganzen Reichtum an Schönheit und Stimmung; es hat das
Rauschen und Flüstern und Seufzen der Wälder und das Schluchzen der
Wellen in seine Seele aufgenommen; es hat in stillem, staunendem Schauen
die Sonne des Tags auf ihrem Pfad begleitet und den Mond des Nachts, und
es ist froh, wenn es seine Werkstätten und Läden schließen darf, um
draußen in den Obstgärten und Kornfeldern die Jahreszeiten zu
begrüßen. -- Und so sein Herz der Seele der Welt öffnen, ist nicht das
Vorrecht eines Teils eurer bevorzugten Klassen, es ist nicht künstlich
erworbenes exotisches Kulturprodukt, sondern es ist allen eigen, allen
Männern und Frauen aller Stände. Diese Erfahrung eurer Seele, daß ihr
ein persönliches Wesen im Innersten der Welt gespürt habt, ist in eurer
Kultur verkörpert. Es ist die Kultur der Brüderlichkeit. So hat eure
Pflicht gegen den Staat den Charakter der Kindespflicht angenommen, und
euer Volk ist eine Familie geworden, deren Haupt der Kaiser ist. Eure
nationale Einheit gründet sich nicht auf Waffenbrüderschaft zu
Verteidigung und Angriff, oder auf Spießgesellenschaft zu räuberischen
Abenteuern, wobei jedes Mitglied gleichen Anteil an Gefahr und Beute
hat. Sie ergibt sich nicht aus der Notwendigkeit, sich zu irgendeinem
über diesen Kreis hinausgreifenden Zweck zu organisieren, sondern sie
ist nur die Ausdehnung des Familiengefühls und der Verpflichtungen des
Herzens auf ein nach Raum und Zeit viel weiteres Feld. Eure Kultur
gründet sich auf das Ideal der »maitri«[2], -- maitri gegenüber den
Menschen und maitri gegenüber der Natur. Und der wahre Ausdruck dieser
Liebe ist die Sprache der Schönheit, die die allgemeine Sprache dieses
Landes ist. Sie macht es, daß ein Fremder wie ich nicht mit einem Gefühl
des Neides oder der Demütigung all diesen Offenbarungen von Schönheit
und Liebe gegenübersteht, sondern mit Freude und Frohlocken die
Herrlichkeit und Größe des Menschenherzens preist, die sich in ihnen
kundgibt.

  [2] Sanskrit maitrī »Freundschaft«, im Buddhismus Ausdruck für
  Wohlwollen (eines der vier Gefühle -- Wohlwollen, Mitleid, Heiterkeit,
  Gleichmut -- die als Vorbereitung auf das höhere geistige Streben
  gepflegt werden sollen).

Und aus diesem Grunde fürchte ich die Veränderung, die die japanische
Kultur bedroht, wie eine Gefahr für mich selbst. Denn die ungeheure
Andersartigkeit des modernen Zeitalters, wo der Nutzen das einzige Band
ist, das die Menschen verbindet, sticht nirgends so kläglich ab von der
Würde und verborgenen Kraft stiller Schönheit wie in Japan.

Aber die Gefahr liegt darin, daß die organisierte Häßlichkeit den Geist
bestürmt und den Sieg davonträgt durch die Wucht ihrer Masse, durch die
Hartnäckigkeit ihres Angriffs, durch die Macht des Spottes, den sie
gegen die tieferen Gefühle des Herzens richtet. Ihre grobe
Aufdringlichkeit zieht gewaltsam unseren Blick auf sich und übermannt
unsere Sinne, -- und wir opfern auf ihrem Altar wie der Wilde dem
Fetisch opfert, der ihm wegen seiner grauenhaften Häßlichkeit mächtig
erscheint. Daher ist ihre Nebenbuhlerschaft den Dingen, die still und
tief und zart sind, so gefährlich.

Ich bin sicher, daß es bei euch Menschen gibt, die kein Gefühl für eure
Ideale haben; die nur gewinnen wollen, nicht wachsen. Sie prahlen laut,
daß sie Japan modernisiert haben. Wenn ich ihnen auch zugebe, daß der
Geist eines Volkes mit dem Geist seiner Zeit übereinstimmen muß, so muß
ich ihnen doch zu bedenken geben, daß das Modernisierte ebensowenig das
wahrhaft Moderne ist, wie Versmacherei wahre Dichtkunst. Es ist nichts
als Nachahmung, nur ist die Nachahmung lauter als das Original und folgt
ihm zu sklavisch. Wir müssen bedenken, daß die wahrhaft vom modernen
Geist Beseelten es nicht nötig haben, zu modernisieren, ebensowenig wie
die wahrhaft Tapfern Prahler sind. Das Moderne besteht nicht in
europäischer Kleidung oder in den häßlichen Gebäuden, worin man die
Kinder beim Unterricht einsperrt, oder in den viereckigen, von
parallelen Fensterreihen durchlöcherten Häuserkästen, worin die Menschen
zeitlebens eingekerkert sind. Und sicher zeigt sich der moderne Geist
nicht in den mit allen möglichen Widersinnigkeiten beladenen
Damenhüten. Diese Dinge sind nicht modern, sondern nur europäisch. Das
wahrhaft Moderne ist Freiheit des Geistes, nicht Sklaverei des
Geschmacks. Es ist Unabhängigkeit des Denkens und Handelns, nicht
Unmündigkeit unter der Vormundschaft europäischer Schulmeister. Es ist
Wissenschaft, aber nicht ihre verkehrte Anwendung im Leben, eine bloße
Nachahmung unserer Lehrmeister in der Naturwissenschaft, die sie zum
törichten Aberglauben herabwürdigen, indem sie ihre Hilfe zu allen
möglichen und unmöglichen Zwecken anrufen.

Das Leben, das sich auf bloße Wissenschaft gründet, hat für manche einen
Reiz, weil es das Wesen des Sports hat: es gibt sich als Ernst und ist
im Grunde nur eine Unterhaltung. Wer auf die Jagd geht, muß möglichst
wenig von Mitleid wissen, denn sein einziges Ziel ist, das Wild zu jagen
und zu töten, zu fühlen, daß er das stärkere Tier ist, daß seine
Vernichtungsmethode gründlich und wissenschaftlich ist. Und ein Leben,
das in der Wissenschaft aufgeht, ist solch ein oberflächliches
Sportsleben. Es strebt mit Geschick und Gründlichkeit nach Erfolg und
kümmert sich nicht um die höhere Natur des Menschen. Aber die, die roh
genug sind, wirklich glauben zu können, daß der Mensch nichts weiter als
ein Jäger und sein Paradies ein Paradies für Sportsleute ist, und die
danach ihr Leben einrichten, werden eines Tages mitten unter ihren
Jagdtrophäen von Schädeln und Skeletten mit rauher Hand aus ihrem Wahn
herausgerissen.

Ich will damit durchaus nicht sagen, daß Japan nicht darauf bedacht sein
sollte, sich moderne Waffen zu seiner Verteidigung zu verschaffen. Aber
dies sollte nie über das, was der Selbsterhaltungstrieb verlangt,
hinausgehen. Japan muß bedenken, daß die wahre Macht nicht in den Waffen
selbst liegt, sondern in dem Mann, der diese Waffen schwingt; und wenn
er in seinem eifrigen Streben nach Macht seine Waffen auf Kosten seiner
Seele vervielfältigt, so ist er selbst in größerer Gefahr als seine
Feinde.

Lebendiges ist so leicht zu verletzen, daher bedarf es des Schutzes. In
der Natur schützt das Leben sich durch Hüllen, die selbst aus lebendigem
Stoff gebaut sind. Daher halten sie mit dem Wachstum des Lebens
Schritt, oder sie lösen sich leicht ab, wenn die Zeit kommt, und werden
vergessen. Der wahre Schutz des Menschen sind seine Ideale, die in
lebendigem Zusammenhang mit seinem Leben stehen und mit ihm wachsen.
Aber zu seinem Unglück sind nicht alle seine Schutzhüllen lebendig,
einige sind aus trägem und totem Stahl gemacht. Daher muß der Mensch,
während er sie gebraucht, achtgeben, daß sie ihm nicht zu Tyrannen
werden. Wenn er so schwach ist, daß er sich kleiner macht, um sich
seiner Schutzhülle anzupassen, dann wird es ein langsamer Selbstmord,
indem die Seele nach und nach zusammenschrumpft. Wenn Japan diese Gefahr
vermeiden will, muß es den festen Glauben an das sittliche Lebensgesetz
haben und überzeugt sein, daß die Völker des Westens diesen Pfad zum
Selbstmord gehen, indem sie ihr Menschentum ersticken unter dem
ungeheuren Gewicht ihrer Organisationen, um sich selbst in der Macht und
andere in Sklaverei zu halten.

Das Gefährliche für Japan ist nicht die Nachahmung der äußeren
Erscheinungen der westlichen Kultur, sondern die Übernahme ihrer
inneren Triebkräfte. Seine sozialen Ideale fangen schon an
zurückzuweichen im Kampf gegen die Politik, und es zeigt schon Neigung
zum politischen Hazardspiel, bei dem die Beteiligten ihre Seele
einsetzen, um das Spiel zu gewinnen. Ich sehe ihr Motto, das sie von
der Naturwissenschaft übernommen haben: »Das Überleben des
Passendsten« -- ich sehe es in großen Buchstaben über dem Eingang ihrer
gegenwärtigen Geschichte, das Motto, dessen Sinn ist: »Hilf dir, und
kümmere dich nicht darum, was es andere kostet« -- das Motto des
Blinden, der nur an das glaubt, was er berührt, weil er nicht sehen
kann. Aber die, die sehen können, wissen sich so eng mit den Menschen
verbunden, daß, wenn sie andere schlagen, der Schlag auf sie
zurückfällt. Die größte Entdeckung, die der Mensch je gemacht hat, ist
die Entdeckung des sittlichen Gesetzes, daß der Mensch der Wahrheit um
so näher kommt, je mehr er sich in andern erkennt und empfindet. Diese
Wahrheit hat nicht nur subjektiven Wert, sondern sie offenbart sich in
jeder Lebenssphäre. Und Völker, die eifrig sittliche Blindheit als
Vaterlandsliebe kultivieren, werden jäh und gewaltsam zugrunde gehen. In
früheren Zeiten hatten wir die Einfälle fremder Eroberer zu erdulden, es
gab Grausamkeit und Blutvergießen, Eifersuchtsintrigen und Habgier. Aber
die Seele des Volkes wurde von alledem nicht in ihrer Tiefe berührt,
denn das Volk als Ganzes war an diesem Treiben nicht aktiv beteiligt.
Diese Dinge gingen nur aus dem Ehrgeiz einzelner hervor. Das Volk
selbst, da es frei war von der Verantwortlichkeit für die niedrige und
verbrecherische Seite jener Abenteuer, hatte davon nur den sittlichen
Gewinn, daß seine Anlagen zum Heldentum und zur Menschlichkeit dadurch
entwickelt wurden: seine nicht wankende Untertanentreue, seine
unbedingte Hingabe an die Pflichten der Ehre, seine Fähigkeit, sich ganz
aufzuopfern, und seine Furchtlosigkeit gegenüber Tod und Gefahr. Daher
wurden die Ideale, die im Herzen des Volkes ihren Sitz hatten, nicht
ernstlich gefährdet durch die wechselnde Politik der Könige und
Heerführer. Aber jetzt, wo der Geist der westlichen Zivilisation zur
Herrschaft gekommen ist, wird in dem ganzen Volk von Kindheit an Haß
und Ehrgeiz genährt durch alle möglichen Mittel: dadurch, daß man die
Geschichte halb wahr oder unwahr darstellt, daß man falsche
Vorstellungen von andern Völkern erweckt und unfreundliche Gefühle gegen
sie großzieht, daß man Ereignisse, die um der Menschlichkeit willen
möglichst schnell vergessen werden sollten, in Denkschriften festhält,
häufig auf Kosten der Wahrheit, und so beständig schlimme Bedrohungen
gegen Nachbarn und fremde Völker schafft. Dies heißt die Menschlichkeit
an ihrer Quelle vergiften. Es heißt die Ideale entwerten, die aus dem
Leben unserer Größten und Besten geboren sind. Es heißt die Selbstsucht
als riesiges Götzenbild aufstellen für alle Völker der Erde. Wir können
alles andere aus den Händen der Naturwissenschaft annehmen, nur nicht
dieses Elixir sittlichen Todes. Glaubt doch keinen Augenblick, daß das
Übel, das ihr andern Völkern zufügt, euch nicht anstecken wird, und daß
die Feindschaft, die ihr rings um euch sät, für alle Zukunft eine
Schutzmauer für euch werden könnte! Wenn man den Geist eines ganzen
Volkes mit maßloser Eitelkeit auf seine Überlegenheit erfüllt, wenn man
es lehrt, stolz zu sein auf sittliche Stumpfheit und auf seinen durch
Unrecht erworbenen Reichtum, wenn man die Demütigung besiegter Völker
dauernd macht, indem man Siegestrophäen zur Schau stellt und sie in den
Schulen benutzt, um im Herzen der Kinder Verachtung für andere
großzuziehen, so ahmt man dem Westen da nach, wo er ein eiterndes
Geschwür hat, das immer weiter um sich frißt, bis in seinen Lebenskern.

Unsere Nährpflanzen, die zu unserem Lebensunterhalt nötig sind, sind
Produkte jahrhundertelanger sorgfältiger Auslese und Pflege. Aber die
Pflanzen, die wir nicht zu Lebenssaft in uns umschaffen, bedürfen nicht
der geduldigen Pflege ganzer Menschenalter. Es ist nicht leicht, Unkraut
loszuwerden, aber es ist leicht, durch dauernde Vernachlässigung die
Nährpflanzen wieder verwildern zu lassen. So verlangte auch die Kultur,
die sich so gütig eurem Boden angepaßt hat und so mit eurem Leben und
eurer Menschlichkeit verwachsen ist, nicht nur in früheren Zeiten
fleißiges Umgraben und Jäten, sondern sie bedarf noch jetzt
sorgfältiger Arbeit und Wachsamkeit. Das, was nur modern ist, wie die
Naturwissenschaft und die Organisation, läßt sich verpflanzen; aber das,
was zum Wesen des Menschen gehört, hat so zarte Fasern und so zahlreiche
und weitgreifende Wurzeln, daß es stirbt, wenn es aus seinem Boden
gerissen wird. Daher macht es mich besorgt, wenn ihr mit rauher Hand die
politischen Ideale des Westens euren eigenen aufdrückt. In der
westlichen Politik ist der Staat ein abstrakter Begriff und eine
Verbindung der Menschen auf Grund des Nützlichkeitsprinzips. Weil solche
Zivilisation nicht im Gefühl wurzelt, ist sie so gefährlich leicht zu
handhaben. Ein halbes Jahrhundert hat für euch genügt, um diese Maschine
zu meistern, und es gibt Menschen unter euch, die sie lieber haben als
die lebendigen Ideale, die mit eurem Volk geboren und jahrhundertelang
von euch gepflegt wurden. Sie sind wie Kinder, die in der Begeisterung
des Spiels glauben, ihre Spielsachen mehr zu lieben als ihre Mutter.

Wo der Mensch am größten ist, ist er unbewußt. Eure Kultur, die aus
eurem Gemeinschaftsgefühl entsprungen ist, wurzelt in der Tiefe eines
gesunden Lebens, wohin der Späherblick der Selbstbeobachtung nicht
reicht. Aber eine rein politische Zusammengehörigkeit ist durchaus
bewußt, sie äußert sich als ein plötzlich ausbrechendes Fieber der
Angriffslust, wie es sich jetzt gewaltsam eurer Seele bemächtigt hat.
Und die Zeit ist gekommen, wo ihr zu vollem Bewußtsein aufgerüttelt
werden müßt, damit ihr eure wahre Lebensquelle noch rechtzeitig erkennt,
ehe es zu spät ist. Die Vergangenheit wurde euch von Gott geschenkt, für
die Gegenwart müßt ihr selbst die Wahl treffen.

Daher müßt ihr diese Fragen an euch stellen: Haben wir die Welt falsch
verstanden und unsere Beziehung zu ihr auf Unkenntnis der menschlichen
Natur gegründet? Hat der Instinkt des Westens recht, der sein nationales
Wohl aufbauen will hinter einer Mauer von Mißtrauen gegen die ganze
Menschheit?

Ihr müßt immer einen starken Unterton von Furcht gespürt haben, wenn der
Westen von der Möglichkeit sprach, daß ein östliches Volk emporkommen
könnte. Der Grund dafür ist, daß die Macht, wodurch der Westen
herrscht, eine böse Macht ist. Solange er sie allein auf seiner Seite
hat, ist er sicher, während die übrige Welt zittert. Die gegenwärtige
Zivilisation Europas muß, wenn sie leben soll, trachten, den Satan und
seine Mächte ausschließlich in ihrem Dienst zu haben. Ihre ganze
Kriegsausrüstung und Diplomatie richten sich auf dies eine Ziel. Aber
all diese kostspieligen Riten zur Beschwörung des bösen Geistes führen
auf einem Weg äußeren Gedeihens zum Rand eines Abgrunds. Die
Schreckensfurien, die der Westen auf Gottes Welt losgelassen hat, werden
zu ihm zurückkommen und ihn selbst bedrohen und ihn zu immer
furchtbareren Rüstungen treiben, und er wird keine Ruhe finden und alles
vergessen und an nichts anderes denken können als an die Gefahren, die
er für andere bewirkt und die er selbst auf sich lädt. Dieser Politik
des Teufels opfert er andere Länder. Er nährt sich von den Erschlagenen
und wird fett davon, solange die Leichname frisch sind; aber sie werden
zuletzt faulen und ihr Rachewerk beginnen, indem sie weithin ihre
unreinen Stoffe verbreiten und die Lebenskraft derer vergiften, die
sich von ihnen nähren. Japan hatte all seinen Reichtum an
Menschlichkeit, seine Begeisterung für Heldentum und Schönheit, seine
bewundernswerte Kraft, sich zu beherrschen und sein Wesen in der Kunst
zum Ausdruck zu bringen; doch die westlichen Völker hatten keine
Ehrfurcht vor ihm, bis es ihnen zeigte, daß die Bluthunde des Satans
nicht nur in den Hundehütten Europas gezüchtet werden, sondern daß man
sie auch in Japan zähmen und mit dem Elend der Menschen füttern kann.
Sie geben Japans Gleichberechtigung nur zu, wenn sie wissen, daß Japan
auch den Schlüssel besitzt, um die Schleusen der Hölle zu öffnen und
diese schöne Erde mit ihrer Flut zu überschwemmen, sobald es will, und
daß es nach ihrer eigenen Melodie den Höllentanz von Plünderung, Mord
und Frauenschändung tanzen kann, während die Welt zugrunde geht. Wir
wissen, daß der sittlich noch unreife Mensch nur vor dem Gott Ehrfurcht
hat, dessen Tücke er fürchtet. Aber ist dies das Ideal des Menschen, zu
dem wir mit Stolz aufsehen können? Wenn nach Jahrhunderten der
Zivilisation die Völker einander fürchten wie in der Nacht nach Beute
herumstreifende Raubtiere, wenn sie ihre Türen ungastlich verschließen
und sich nur zum Angriff oder zur Verteidigung zusammentun, wenn sie
ihre Handelsgeheimnisse, Staatsgeheimnisse, Rüstungsgeheimnisse in ihren
Höhlen verbergen, wenn sie den bellenden Hunden der andern Fleisch zur
Beschwichtigung bieten, das ihnen nicht gehört, wenn sie gesunkene
Völker, die versuchen sich aufzurichten, mit Gewalt niederhalten, wenn
sie ihre Sicherheit nur in der Schwäche der übrigen Menschheit sehen,
wenn sie schwächeren Völkern mit der Rechten Religion reichen und sie
mit der Linken berauben, -- ist darin irgend etwas, das uns zur
Nacheiferung anspornen könnte? Sollen wir unsere Knie vor dem Geiste
dieser Zivilisation beugen, der Samen von Furcht, Gier und Mißtrauen und
salbungsvolle Lügen von seiner Friedensliebe und seinem guten Willen und
von der allgemeinen Brüderlichkeit mit breitem Wurf über die ganze Welt
sät? Können wir ohne Mißtrauen im Herzen auf den Markt des Westens
eilen, um für unser Erbe jenes ausländische Erzeugnis einzutauschen? Ich
weiß, wie schwer es ist, sich selbst zu kennen, und daß der Mann, der
betrunken ist, wütend seine Trunksucht ableugnet; doch der Westen selbst
denkt mit Sorge über seine Schäden nach und sucht nach Heilmitteln. Aber
er ist wie der Schlemmer, der nicht das Herz hat, seine Unmäßigkeit im
Essen aufzugeben, und der sich töricht an die Hoffnung klammert, er
könnte seine Verdauungsbeschwerden durch Arznei heilen. Europa ist nicht
gewillt, seine unmenschliche Politik und all die niederen
Leidenschaften, die dazu gehören, aufzugeben; es glaubt nur an eine
Änderung des Systems, aber nicht an eine Umwandlung des Herzens.

Wir wollen uns wohl ihre Maschinen aneignen, doch nicht mit dem Herzen,
sondern nur mit dem Hirn. Wir werden sie ausprobieren und Schuppen für
sie bauen, doch in unser Heim und unsere Tempel lassen wir sie nicht
ein. Es gibt Völker, welchen die Tiere, die sie töten, heilig sind; wir
können wohl Fleisch von ihnen kaufen, wenn wir hungrig sind, aber den
Kult übernehmen wir nicht mit. Wir dürfen nicht die Herzen unserer
Kinder vergiften mit dem Aberglauben: Geschäft ist Geschäft, Krieg ist
Krieg, Politik ist Politik. Wir müssen wissen, daß das Geschäft dem
Menschen mehr sein muß als bloßes Geschäft, und ebenso Krieg und
Politik. Ihr hattet eure eigene Industrie in Japan; wie peinlich ehrlich
und gediegen sie war, sieht man an den Erzeugnissen, an ihrer Feinheit
und Haltbarkeit, an der gewissenhaften Ausführung der kleinen
Einzelheiten, die man beim Einkauf kaum bemerkt. Aber die Flutwoge des
Betrugs ist über euer Land gefegt von dem Teil der Welt her, wo Geschäft
Geschäft ist und Ehrlichkeit dabei nur als die beste Politik befolgt
wird. Habt ihr euch nie geschämt, wenn ihr saht, wie die Reklamezettel
nicht nur die ganze Stadt mit Lügen und Übertreibungen bekleben, sondern
auch in die grünen Felder dringen, wo der Landmann seine ehrliche Arbeit
tut, und auf die Spitzen der Hügel, die das erste reine Licht des
Morgens begrüßt? Es ist leicht, unseren Sinn für Ehrlichkeit und unser
Zartgefühl durch beständiges Reiben abzustumpfen, während die Lüge im
Namen von Handel, Politik und Patriotismus mit stolzem Schritt
einherstelzt, so daß jeder Protest gegen ihr fortwährendes Eindringen
in unser Leben als Sentimentalität gilt, die eines rechten Mannes
unwürdig ist.

Und so weit ist es gekommen, daß die Nachkommen jener Helden, die um ihr
Leben nicht wortbrüchig geworden wären, die es verwerflich gefunden
hätten, Menschen um gemeinen Vorteils willen zu betrügen, die selbst im
Kampf die Niederlage einem unehrenhaften Sieg vorgezogen hätten, -- daß
diese Nachkommen sich eifrig der Lügen bedienen und sich nicht schämen,
dadurch Vorteile zu gewinnen. Und dies ist bewirkt durch den Zauber des
Wortes »modern«. Aber wenn reine Nützlichkeit modern ist, so ist die
Schönheit ewig; wenn niedere Selbstsucht modern ist, so sind die
menschlichen Ideale keine neuen Erfindungen. Und wir müssen überzeugt
sein, wie modern auch die technische Fertigkeit ist, die den Menschen um
Methoden und Maschinen willen stutzt und verkrüppelt, alt werden wird
sie nicht.

Aber während wir versuchen, uns von den Anmaßungen Europas und von
unserer eigenen Verblendung zu befreien, können wir leicht in den
gegenteiligen Fehler verfallen und durch ein allgemeines Mißtrauen gegen
den Westen unsere Augen der Wahrheit verschließen. Wenn wir aus einer
Täuschung gerissen werden, so treibt uns der Rückschlag der Enttäuschung
immer genau so weit von der Wirklichkeit ab wie der erste Schwung des
Wahns. Wir müssen versuchen, zu der normalen Gemütsverfassung zu kommen,
wo wir deutlich die Gefahr für uns sehen und vermeiden können, ohne
gegen die Ursache der Gefahr ungerecht zu sein. Wir sind immer von Natur
versucht, Europa in seiner eigenen Münze heimzuzahlen und Verachtung mit
Verachtung, Böses mit Bösem zu vergelten. Aber das hieße wieder einen
der schlimmsten Charakterzüge Europas nachahmen, der sich in seinem
Betragen gegen die Völker zeigt, die es als gelbe oder rote, braune oder
schwarze Rassen bezeichnet. (Hier ist übrigens ein Punkt, wo wir
östlichen Völker uns ebenso schuldig bekennen müssen, da wir die
Menschheit beleidigten, indem wir Menschen, die zu einem besonderen
Glauben, einer besonderen Farbe oder Kaste gehörten, mit äußerster
Verachtung und Grausamkeit behandelten.) Nur weil wir uns vor unserer
eigenen Schwäche fürchten, die sich durch den Anblick der Macht
überwältigen läßt, versuchen wir, eine andere Schwäche an ihre Stelle zu
setzen, die uns blind macht gegen das, was den wahren Ruhm des Westens
ausmacht. Erst wenn wir das Europa wahrhaft kennen, das groß und gut
ist, können wir uns wirksam vor dem Europa bewahren, das niedrig und
habgierig ist. Man wird leicht unbillig in seinem Urteil, wenn man dem
menschlichen Elend gegenübersteht, -- und man wird pessimistisch in
seinen Theorien, wenn das Herz leidet. Aber nur der kann an der
Menschheit verzweifeln, der den Glauben an die höhere Macht verliert,
die ihr wieder Kraft gibt, wenn sie am kläglichsten darniederliegt, und
die aus ihren Ruinen neues Leben weckt. Wir müssen nicht verkennen, daß
im Westen eine lebendige Seele ist, die einen stillen Kampf kämpft gegen
die ungeheuren Organisationen, unter denen Männer, Frauen und Kinder
zermalmt werden, weil ihr Mechanismus keine geistigen und menschlichen
Gesetze kennt -- eine lebendige Seele, deren Gefühl sich nicht ganz
abstumpfen läßt durch die gefährliche Gewohnheit, rücksichtslos gegen
die Völker zu verfahren, für die ihr die natürliche Sympathie fehlt. Der
Westen hätte sich nie zu der Höhe erheben können, die er erreicht hat,
wenn seine Stärke nur die Stärke des wilden Tieres oder der Maschine
wäre. Das Göttliche in seinem Herzen leidet bei den Wunden, die seine
Hand der Welt schlägt, -- aus diesem Schmerz seiner besseren Natur
fließt der geheime Balsam, der all jene Wunden heilen wird. Immer wieder
hat er gegen sich selbst gekämpft und die Fesseln gelöst, die seine
eigenen Hände um hilflose Glieder gelegt hatten; und wenn er ein großes
Volk mit dem Schwerte zwang, das Gift, das er ihm bot, zu trinken, nur
um schnöden Geldgewinn, so rüttelte er sich doch selbst auf zur
Erkenntnis seiner Tat und suchte sie wieder gutzumachen. Dies zeigt, daß
an scheinbar öden, unfruchtbaren Stellen verborgene Quellen von
Menschlichkeit fließen. Es zeigt, daß der wahre Kern seiner Natur, der
all diese Feigheit und Grausamkeit überleben kann, nicht Selbstsucht
ist, sondern Ehrfurcht vor selbstlosen Idealen. Wir würden sowohl
Europa als auch uns selbst unrecht tun, wenn wir sagten, es hätte den
modernen Osten nur durch die bloße Schaustellung seiner Macht bestrickt.
Durch den Rauch der Kanonen und durch den Staub der Märkte hat das Licht
seiner sittlichen Natur hell geleuchtet und uns das Ideal sittlicher
Freiheit gebracht, das tiefere Grundlagen hat als gesellschaftliche
Konventionen, und dessen Wirkungsbereich die ganze Welt ist.

Der Osten hat durch seine Abneigung hindurch instinktiv gefühlt, daß er
viel von Europa zu lernen hat, nicht nur in bezug auf die materiellen
Mittel seiner Macht, sondern auch auf ihre inneren Quellen, die dem
Geist und der sittlichen Natur des Menschen angehören. Europa hat uns
gelehrt, daß wir neben den Pflichten gegen die Familie und den Stamm
höhere haben gegen die Allgemeinheit; es hat uns die Heiligkeit des
Gesetzes gelehrt, das die Gesellschaft unabhängig macht von der Laune
des einzelnen, ihr dauernder Fortschritt und allen Menschen in allen
Lebenslagen gleiches Recht sichert. Vor allem hat Europa in
jahrhundertelangem Leiden und Kämpfen das Banner der Freiheit
hochgehalten, der Freiheit des Gewissens, der Freiheit des Denkens und
Handelns, der Freiheit für seine Ideale in der Kunst und Literatur. Und
weil sich Europa unsere tiefe Achtung erworben hat, ist es so gefährlich
für uns geworden da, wo es schwach und falsch ist, -- gefährlich wie
Gift, das man uns in unsere beste Speise mischt. Es gibt eine Rettung
für uns, auf die wir hoffen können: wir können Europa selbst als
Bundesgenossen anrufen im Kampf gegen seine Verführungen und gewaltsamen
Übergriffe; denn da es immer sein sittliches Ideal hochgehalten hat, an
dem wir es messen und seinen Abfall ihm nachweisen können, so können wir
es vor sein eigenes Gericht fordern und es beschämen, und solche Scham
ist das Zeichen wahren Adelsstolzes.

Doch wir fürchten, daß das Gift wirksamer ist als die Speise, und daß
das, was sich heute als Kraft äußert, nicht Zeichen von Gesundheit,
sondern vom Gegenteil ist. Wir fürchten, daß das Böse, wenn es so
ungeheure Formen annimmt, einen verhängnisvollen Zauber ausübt, und
wenn es auch sicher durch sein abnormes Mißverhältnis das Gleichgewicht
verliert, so ist doch das Unheil, das es vor seinem Sturz anrichtet,
vielleicht nicht wieder gutzumachen.

Daher bitte ich euch, habt die Kraft des Glaubens und die Klarheit des
Geistes einzusehen, daß der schwerfällige Bau des modernen Fortschritts,
der durch die eisernen Klammern der Nützlichkeit zusammengehalten wird
und auf den Rädern des Ehrgeizes rollt, nicht lange halten kann. Es
werden sicher Zusammenstöße kommen, denn er muß auf den Schienen der
Organisation laufen, er kann seinen Weg nicht frei wählen, und wenn er
einmal entgleist, entgleist mit ihm der ganze Wagenzug. Es wird ein Tag
kommen, wo er in Trümmer fallen und zu einer ernstlichen Verkehrshemmung
in der Welt werden wird. Sehen wir nicht schon jetzt Anzeichen davon?
Hören wir nicht eine Stimme durch den Lärm des Krieges, durch das
Haßgeschrei, das Jammern der Verzweiflung, durch das Aufrühren des
unsagbaren Schmutzes, der sich jahrhundertelang auf dem Boden der
modernen Zivilisation angesammelt hat, eine Stimme, die unserer Seele
zuruft, daß der Turm der nationalen Selbstsucht, der sich Patriotismus
nennt und sein Banner des Verrats frech zum Himmel wehen läßt, ins
Schwanken geraten und mit gewaltigem Krach zusammenstürzen wird, durch
seine eigene Masse herabgezogen, so daß seine Fahne den Staub küßt und
sein Licht erlischt? Meine Brüder, wenn die roten Flammen dieses
gewaltigen Brandes prasselnd ihr Gelächter zu den Sternen schicken,
setzt ihr euer Vertrauen auf die Sterne und nicht auf das vernichtende
Feuer. Denn wenn dieser Brand sich verzehrt hat und erlischt und einen
Aschenhaufen als Denkzeichen zurückläßt, wird das ewige Licht wieder im
Osten leuchten -- im Osten, wo das Morgenlicht der Menschheitsgeschichte
geboren ist. Und wer weiß, ob nicht dieser Tag schon dämmert, ob nicht
am östlichen Horizont Asiens die Sonne schon aufgegangen ist? Dann
begrüße ich wie die Sänger meiner Vorfahren das Morgenrot dieser
östlichen Sonne, die bestimmt ist, noch einmal die ganze Welt zu
erleuchten.

Ich weiß, meine Stimme ist zu schwach, sich über den Lärm dieser
hastenden Zeit zu erheben, und es ist leicht für jeden Gassenbuben, mir
das Wort »unpraktisch« nachzuwerfen. Es bleibt an mir kleben und läßt
sich nicht abwischen und bewirkt, daß alle achtbaren Menschen über mich
hinwegsehen. Ich weiß, welche Gefahr man bei der robusten Menge läuft,
wenn man Idealist genannt wird, heutzutage, wo Throne ihre Würde
verloren haben und Propheten ein Anachronismus geworden sind, wo das
Geschrei des Marktes alle anderen Stimmen übertönt. Doch als ich eines
Tages an der äußeren Häusergrenze der Stadt Jokohama stand, die von
modernen Dingen strotzte, und die Sonne langsam hinabtauchen sah in euer
südliches Meer, als ich es in seiner stillen Majestät daliegen sah
zwischen euren mit Fichten bedeckten Hügeln, -- als ich den großen
Fudschijama am goldenen Horizont verblassen sah wie einen Gott, der von
seinem eigenen Glanz überwältigt wird -- da quoll die Musik der Ewigkeit
herauf zu mir durch das Abendschweigen, und ich wußte, daß Himmel und
Erde mit all ihrer Schönheit auf seiten der Dichter und Idealisten sind,
und nicht auf seiten der Marktleute mit ihrer derben Verachtung für
alles Gefühlswesen; ich wußte, daß der Mensch, nachdem er eine Zeitlang
seinen göttlichen Ursprung vergessen hat, sich wieder daran erinnern
wird, daß der Himmel stets in Berührung mit seiner Erde ist und sie
nicht für immer den raubgierigen Wölfen unserer heutigen Zeit
preisgibt.



      NATIONALISMUS IN INDIEN


Indiens wahre Aufgabe liegt nicht auf dem Gebiete der Politik; sie ist
sozialer Art. Und dies ist nicht nur in Indien, sondern in überwiegendem
Maße bei allen Völkern der Fall. Ich glaube nicht an ein ausschließlich
politisches Interesse. Im Westen hat die Politik auf die Ideale
beherrschenden Einfluß gehabt, und wir Inder versuchen, eurem Beispiel
zu folgen. Wir müssen bedenken, daß in Europa, wo die Völker von Anfang
an ihre Rasseneinheit hatten und wo die Natur den Bewohnern nicht genug
bot, um ihr Bedürfnis zu befriedigen, die Kultur ganz von selbst den
Charakter politischer und kommerzieller Aggressivität annehmen mußte.
Denn einerseits hatten sie keine innern Schwierigkeiten, und
andererseits hatten sie es mit Nachbarn zu tun, die stark und raublustig
waren. So schien ihre einzige Aufgabe zu sein, nach innen fest
zusammenzuhalten und nach außen eine wachsame und feindselige Haltung zu
wahren. In früheren Zeiten organisierten sie sich, um zu plündern, heute
ist der Geist, der bei ihnen herrscht, derselbe -- sie organisieren, um
die ganze Welt auszubeuten.

Aber seit den ersten Anfängen unserer Geschichte hat Indien beständig
sein Problem vor Augen gehabt -- das Rassenproblem. Jedes Volk muß sich
seiner Mission bewußt sein, und wir Inder müssen uns klarmachen, daß wir
eine armselige Rolle spielen, wenn wir versuchen, Politik zu treiben,
nur weil wir es noch nicht fertig gebracht haben, das zu leisten, was
die Vorsehung uns aufgegeben hat.

Vor dies Problem der Rasseneinheit, das wir so viele Jahre lang zu lösen
versucht haben, seid auch ihr hier in Amerika gestellt. Viele Leute in
diesem Lande fragen mich, wie es mit den Kastenunterschieden in Indien
sei. Aber wenn sie diese Frage an mich richten, so tun sie es gewöhnlich
mit überlegener Miene. Und ich fühle mich versucht, unseren
amerikanischen Kritikern dieselbe Frage zu stellen, nur mit einer
kleinen Abänderung: »Was habt ihr eigentlich mit dem Indianer und dem
Neger gemacht?« Denn ihnen gegenüber seid ihr über euren Kastengeist
noch nicht hinausgekommen. Ihr habt gewaltsame Methoden angewandt, um
andere Rassen von euch fernzuhalten, aber solange ihr hier in Amerika
nicht die Frage gelöst habt, habt ihr kein Recht, Indien zu fragen.

Jedoch trotz der großen Schwierigkeit hat Indien etwas getan. Es hat
versucht, die Rassen einander anzupassen, die wirklichen Unterschiede,
da wo sie existieren, bestehen zu lassen und doch eine gemeinsame Basis
zu finden. Diese Basis haben unsere heiligen Männer wie Nanak, Kabir,
Tschaitanja und andere gefunden, die allen Rassen Indiens den einen Gott
predigten.

Wenn wir die Lösung unseres Problems gefunden haben, so haben wir damit
zugleich geholfen, das Weltproblem zu lösen. Denn was Indien gewesen
ist, das ist die ganze Welt jetzt. Die Welt ist im Begriff, durch die
technischen Erleichterungen zu einem einzigen Lande zu werden. Und der
Augenblick kommt, wo ihr auch nach einer Basis für eure Einheit suchen
müßt, die nicht politischer Art ist. Wenn Indien seine Aufgabe gelöst
hat, so hat es dies für die ganze Menschheit getan. Es gibt überhaupt
nur eine Geschichte -- die Geschichte des Menschen. Die Geschichten der
Völker sind nur einzelne Kapitel dieser großen Geschichte. Und wir Inder
wollen gern für eine so große Sache leiden.

Jedes Individuum hat seine Selbstliebe. Daher wird es von seinem
tierischen Instinkt getrieben, nur um seines eigenen Interesses willen
mit andern zu kämpfen. Aber der Mensch hat auch seine höheren Instinkte:
Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Die Menschen, denen es an dieser
höheren sittlichen Kraft fehlt, und die sich daher nicht mit andern zu
einer Gemeinschaft verbinden können, müssen umkommen oder in einem
Zustande der Erniedrigung leben. Nur die Völker haben fortgelebt und es
zur Kultur gebracht, in denen dieser Gemeinschaftsgeist stark lebendig
ist. So finden wir, daß vom Anfang der Geschichte an die Menschen zu
wählen hatten zwischen Kampf und Gemeinschaft, Eigeninteresse und
Allgemeininteresse.

In den Zeiten unserer frühen Geschichte, als die geographischen Grenzen
des einzelnen Landes nur klein und die Verkehrsmöglichkeiten gering
waren, hatte auch dies Problem nur verhältnismäßig geringen Umfang. Es
genügte, wenn die Menschen ihr Gemeinschaftsgefühl nur innerhalb der
Grenzen ihres abgesonderten Gebiets entwickelten. Zu jenen Zeiten
schlossen sie sich zusammen und kämpften gegen andere. Aber es war dies
sittliche Gefühl der Gemeinschaft, das die wahre Grundlage ihrer Größe
wurde, auf der sich Kunst, Wissenschaft und Religion entwickeln konnten.
In jenen frühen Zeiten war die wichtigste Tatsache, deren der Mensch
sich bewußt sein mußte, daß er in einer engeren Rassengemeinschaft
lebte. Wem diese Tatsache wahrhaft in sein sittliches Bewußtsein
eingegangen war, der machte sich um die Geschichte verdient.

Die wichtigste Tatsache der heutigen Zeit ist, daß die verschiedenen
Menschenrassen in nahe Berührung miteinander gekommen sind. Und wieder
haben wir zwischen zwei Wegen die Wahl: die Frage ist, ob die
verschiedenen Völkergruppen fortfahren sollen einander zu bekämpfen,
oder ob sie versuchen sollen, eine Grundlage für Versöhnung und
gegenseitige Hilfe zu finden; ob ewiger Wettstreit oder Zusammenarbeiten
die Losung sein soll.

Ich bin gewiß, daß die, die mit der sittlichen Kraft der Liebe und dem
Ideal einer geistigen Einheit unter den Völkern begnadet sind, die am
wenigsten von Feindseligkeit den fremden Nationen gegenüber wissen und
Verständnis und Mitgefühl genug haben, um sich in die Lage der andern zu
versetzen, ich glaube, daß diese die Geeignetsten sein werden, ihren
Platz in dem kommenden Zeitalter zu behaupten, während die, die
beständig ihren angeborenen Trieb zu Kampf und Unduldsamkeit pflegen,
untergehen werden. Denn dies ist das Problem, das jetzt vor uns liegt,
und wir müssen unser höheres Menschentum dadurch beweisen, daß wir es
auf sittlichem Wege lösen. Die riesigen Organisationen, die dazu dienen,
andere anzugreifen und ihre Angriffe abzuwehren, Geld zu erringen, indem
man andere beiseite stößt, diese werden uns nicht helfen. Im Gegenteil,
durch ihr zermalmendes Gewicht, ihre ungeheuren Kosten und ihre
ertötende Wirkung auf das lebendige Menschentum werden sie unsere Kraft
in dem großzügigeren Leben einer höheren Kultur ernstlich gefährden.

Als die Nation noch in der Entwicklung begriffen war, da war die
sittliche Kultur der Brüderlichkeit in geographische Grenzen
eingeschlossen, weil damals jene Grenzen auch wirkliche Grenzen waren.
Jetzt sind sie zu traditionellen Linien geworden, die nur in der
Einbildung bestehen und den Charakter wirklicher Schranken verloren
haben. So ist die Zeit gekommen, wo die sittliche Natur des Menschen in
allem Ernst mit dieser wichtigen Tatsache rechnen oder sich verloren
geben muß. Die erste Folge von diesem Wechsel der Umstände war, daß die
niederen Leidenschaften des Menschen, Gier und wilder Haß, jäh
emporschäumten. Wenn dies unbegrenzt weitergeht, wenn die
Kriegsrüstungen immer weiter bis ins Phantastische und Sinnlose
gesteigert werden, wenn Maschinen und Lagerhäuser mit ihrem Rauch und
Schmutz und mit all ihrer Scheußlichkeit diese schöne Erde einhüllen, so
wird sie in einem Weltbrand ein selbstmörderisches Ende nehmen. Daher
muß der Mensch die ganze Kraft seiner Liebe und seines schauenden
Geistes anstrengen, um eine neue sittliche Ordnung aufzurichten, die die
ganze Menschheit umfaßt und nicht nur einzelne Nationen, die immer nur
einen Bruchteil ausmachen. Der Ruf ergeht heute an jeden einzelnen, sich
und seine Umgebung vorzubereiten für die Morgendämmerung einer neuen
Weltperiode, wo der Mensch in der geistigen Einheit aller menschlichen
Wesen seine Seele entdecken wird.

Wenn es überhaupt dem Westen beschieden ist, aus diesem Gestrüpp der
tieferen Abhänge sich zu dem geistigen Gipfel der Menschheit
emporzuarbeiten, so ist es, glaube ich, die besondere Mission Amerikas,
diese Hoffnung Gottes und der Menschheit zu erfüllen. Ihr seid das Land
der Erwartung, das über das Gegebene hinausstrebt. Europa hat seine
geistigen Gewohnheiten und Konventionen. Aber Amerika hat sich bis jetzt
noch nirgends festgelegt. Mir ist klar geworden, wie frei Amerika von
allen Traditionen der Vergangenheit ist, und ich weiß die Neigung zum
Experimentieren als ein Zeichen seiner Jugend zu schätzen. Amerikas Ruhm
und Größe gründet sich mehr auf die Zukunft als auf die Vergangenheit,
und wer die Gabe des Hellsehens hat, wird das Amerika der Zukunft lieben
müssen.

Amerika hat die Aufgabe, dem Osten gegenüber die westliche Kultur zu
rechtfertigen. Europa hat den Glauben an die Menschheit verloren und ist
mißtrauisch und kränklich geworden. Amerika dagegen ist weder
pessimistisch noch blasiert. Ihr wißt als Volk, daß, wenn man das Gute
hat, man das Bessere und Beste suchen kann, und daß man um so mehr zu
wissen strebt, je mehr man weiß. Traditionen aber und Gewohnheiten
bewirken das Gegenteil. Und es gibt Gewohnheiten, die nicht nur durch
träges Beharren hemmen, sondern anmaßend und aggressiv sind. Sie sind
nicht bloße Mauern, sondern stachlige Distelhecken. Europa hat jahrelang
diese Hecken von Gewohnheiten großgezogen, bis sie es dicht und stark
und hoch eingeschlossen haben. Der Stolz auf seine Traditionen hat tief
in seinem Herzen Wurzel geschlagen. Ich will nicht behaupten, daß dieser
Stolz unberechtigt ist. Aber jede Art von Stolz macht schließlich blind.
Wie bei allen künstlichen Reizmitteln ist seine erste Wirkung eine
Erhöhung des Lebensgefühls, aber bei vermehrter Dosis wird das
Bewußtsein getrübt und ein Rausch erzeugt, der es irreführt. Europas
Herz hat sich allmählich verhärtet in dem Stolz auf seine Traditionen.
Es kann nicht nur nicht vergessen, daß es der kultivierte Westen ist,
sondern ergreift auch jede Gelegenheit, andern die Tatsache ins Gesicht
zu schleudern, um sie zu demütigen. Dadurch macht es sich unfähig,
sowohl dem Osten sein Bestes zu geben als auch im rechten Geiste die
Weisheit aufzunehmen, die der Osten seit Jahrhunderten aufgespeichert
hat.

In Amerika haben nationale Gewohnheiten und Traditionen noch nicht Zeit
gehabt, ihre klammernden Wurzeln um euer Herz zu schlagen. Ihr habt
beständig die Nachteile auf eurer Seite empfunden und beklagt, wenn ihr
eure nomadische Ruhelosigkeit mit den festen Traditionen Europas
vergleicht, jenes Europas, das das Bild seiner Größe so wirkungsvoll vom
Hintergrund seiner Vergangenheit sich abheben lassen kann. Aber in
dieser gegenwärtigen Übergangszeit, wo ein neues Zeitalter der Kultur
seinen Trompetenruf erschallen läßt an alle Völker der Welt in eine
unbegrenzte Zukunft hinein, da wird gerade diese Ungebundenheit euch
befähigen, seinem Ruf zu folgen und das Ziel zu erreichen, das Europa
erstrebte, aber zu dem es auf halbem Wege steckenblieb. Denn es ließ
sich durch den Stolz auf seine Macht und durch die Gier nach Besitz von
seiner Bahn ablenken.

Nicht nur die Freiheit der einzelnen von festen Denkgewohnheiten,
sondern auch die Freiheit eurer Geschichte von allen Verwicklungen, die
sie hätten beflecken können, macht euch fähig, die Bannerträger der
künftigen Kultur zu sein. Alle großen Nationen Europas haben irgendwo in
der Welt ihre Opfer. Dies ertötet nicht nur ihre seelische, sondern auch
ihre intellektuelle Sympathie, die zum Verständnis fremder Rassen so
nötig ist. Die Engländer können Indien nie wahrhaft verstehen, weil ihr
Geist in bezug auf dies Land nicht frei von eigennützigem Interesse ist.
Wenn man England mit Deutschland oder Frankreich vergleicht, so findet
man, daß es die kleinste Anzahl von Gelehrten aufzuweisen hat, die
indische Literatur und Philosophie mit einem gewissen Grad von
Verständnis und Gründlichkeit studiert haben. Diese Haltung von
Gleichgültigkeit und Verachtung ist natürlich, wo das Verhältnis
unnormal und auf nationalen Stolz und Egoismus gegründet ist. Aber eure
Geschichte ist selbstlos gewesen, und daher habt ihr Japan helfen
können, als es nach westlicher Kultur verlangte; daher kann auch China
in seiner gegenwärtigen so schwer wie noch nie bedrohten Lage auf euch
seine beste Hoffnung setzen. Ja, ihr tragt die ganze Verantwortung für
eine große Zukunft, weil ihr nicht in den Klauen einer engherzigen
Vergangenheit zurückgehalten werdet. Daher muß von allen Völkern der
Erde Amerika am festesten diese Zukunft ins Auge fassen; es darf seinen
Blick nicht trüben lassen, und sein Glaube an die Menschheit muß
jugendlich stark bleiben.

Eine Ähnlichkeit besteht zwischen Amerika und Indien: beide müssen
verschiedene Rassen zu einer Einheit verschmelzen.

In meinem Lande haben wir versucht, etwas zu finden, was allen Rassen
gemeinsam ist und worauf sich ihre wirkliche Einheit gründen läßt. Eine
Nation, die diese Einheit auf eine rein politische oder wirtschaftliche
Basis zu gründen sucht, wird finden, daß diese Basis nicht genügt.
Denkende und einflußreiche Männer werden entdecken, worin diese geistige
Einheit besteht, sie werden sich ihr Bild im Geiste ausmalen und es
ihrem Volk verkünden.

Indien hat nie den wirklichen Sinn für Nationalismus gehabt. Obgleich
man mich von klein auf gelehrt hat, daß der Götzendienst der Nation fast
noch besser ist als die Ehrfurcht vor Gott und der Menschheit, so bin
ich, glaube ich, doch dieser Lehre entwachsen, und ich bin überzeugt,
daß meine Landsleute ihr Indien in Wahrheit dadurch gewinnen werden, daß
sie gegen eine Lehre kämpfen, die ihnen sagt, ein Land stände höher als
die Ideale der Menschheit.

Der gebildete Inder versucht heutzutage Lehren aus der Geschichte zu
entnehmen, die den Lehren unserer Vorfahren widersprechen. Ja, der Osten
versucht, sich eine Geschichte anzueignen, die gar nicht das Ergebnis
seines eigenen Lebens ist. Japan zum Beispiel glaubt, dadurch mächtig
zu werden, daß es europäische Methoden übernimmt, aber nachdem es sein
eigenes Erbe vergeudet hat, wird es nur die geborgten Waffen der äußeren
Kultur in der Hand behalten. Denn es hat sich nicht aus sich heraus
entwickelt.

Europa hat seine Vergangenheit. Europas Stärke liegt daher in seiner
Geschichte. Wir in Indien müssen uns klarmachen, daß wir nicht die
Geschichte eines andern Volkes übernehmen können und daß wir Selbstmord
begehen, wenn wir unsere eigene ersticken. Wer seinem Leben künstlich
etwas Fremdes aufsetzt, der erdrückt es.

Und daher glaube ich, daß es nicht gut für Indien ist, wenn es sich mit
der westlichen Kultur auf ihrem Felde zu messen sucht. Wenn wir dagegen
der uns vom Schicksal gewiesenen Bahn treu bleiben, so werden uns alle
Schmähungen, mit denen man uns überhäufen mag, reichlich vergütet
werden.

Es gibt Lehren, die uns unterweisen und uns zu geistiger Arbeit tüchtig
machen. Diese sind einfach und können mit Nutzen erworben und angewandt
werden. Aber es gibt andere, die uns tiefer berühren und unsere
Lebensrichtung ändern. Bevor wir sie annehmen und ihren Wert mit unserem
eigenen Erbe bezahlen, müssen wir haltmachen und ernsthaft nachdenken.
Es kommen in der menschlichen Geschichte zuweilen Perioden, wo gewaltige
Ereignisse wie Feuerwerke uns blenden durch ihre Stärke und
Schnelligkeit. Sie verlachen nicht nur die bescheidenen Lampen unseres
Heims, sondern auch die ewigen Sterne. Aber laßt uns durch ihre
Herausforderung nicht zu dem Wunsch gereizt werden, unsere Lampen
wegzuwerfen. Laßt uns geduldig den gegenwärtigen Schimpf ertragen und
bedenken, daß diese Feuerwerke wohl hellen Glanz, aber keine Dauer haben
wegen ihrer großen Explosionskraft, die die Ursache ihrer Stärke, aber
auch zugleich die ihres schnellen Erlöschens ist. Sie verbrauchen ein
verhängnisvolles Quantum von Energie und Substanz im Verhältnis zu dem,
was sie leisten und einbringen.

Jedenfalls sind unsere Ideale durch unsere eigene Geschichte entwickelt
worden, und wenn wir ein Feuerwerk aus ihnen machen wollten, so würde
es doch nur kläglich ausfallen, da sie aus anderem Stoff sind als eure,
wie auch ihr sittliches Ziel ein anderes ist. Wenn wir den Wunsch hegen,
unsere ganze Habe gegen politischen Nationalismus einzutauschen, so ist
dies ebenso unsinnig, als wenn die Schweiz ihr Leben an die Erfüllung
des ehrgeizigen Wunsches setzte, eine Flotte zu bauen, die es mit der
englischen aufnehmen könnte. Der Fehler, den wir machen, ist der, daß
wir glauben, es gäbe nur einen Weg zu menschlicher Größe -- den, den wir
heute zu unserem Schmerz als breite Straße über die Welt des Westens
laufen sehen und auf dem freche Anmaßung die Führerin ist.

Wir müssen die Gewißheit haben, daß eine Zukunft vor uns liegt und daß
diese Zukunft die erwartet, welche reich an sittlichen Idealen sind und
nicht an bloßen Dingen. Und es ist das Vorrecht des Menschen, für
Früchte zu arbeiten, die er noch nicht sogleich sammeln kann, und sein
Leben nicht durch den Erfolg des Augenblicks bestimmen zu lassen oder
auch durch eine vorsichtige, in ihren Zielen begrenzte Vergangenheit,
sondern durch eine unendliche Zukunft, die unsere höchsten Ideale in
sich birgt.

Wir müssen erkennen, daß die göttliche Vorsehung selbst den Westen nach
Indien führte. Und doch muß jemand kommen, der dem Westen den Osten
deutet und ihm klarmacht, daß der Osten sein Teil beizusteuern hat zur
Geschichte der Kultur. Indien kommt nicht als Bettler zum Westen. Und
mag auch der Westen dies glauben, so rate ich doch nicht, daß wir die
westliche Kultur verschmähen und uns in stolzer Unabhängigkeit
absondern. Nein, laßt uns uns innerlich mit ihm tief verbinden. Wenn die
Vorsehung England dazu ausersehen hat, daß es diesen Bund, diesen
inneren Bund, stifte und leite, so will ich mich dem in aller Demut
beugen. Ich habe einen großen Glauben an die menschliche Natur, und so
glaube ich auch, daß der Westen seine wahre Mission erkennen wird. Ich
spreche mit Bitterkeit von der westlichen Kultur, wenn ich sehe, wie sie
das ihr Anvertraute verrät und ihrem eigenen Ziel entgegenarbeitet. Der
Westen darf sich nicht zu einem Fluch für die Welt machen, indem er
seine Macht zu selbstischen Zwecken braucht, sondern dadurch, daß er
die Unwissenden belehrt und den Schwachen hilft, sollte er sich vor der
Gefahr schützen, die dem Starken drohen kann, wenn er den Schwachen
stark genug werden läßt, seinem Eindringen zu widerstehen. Auch muß er
seinen Materialismus nicht als das Höchste und Letzte predigen, sondern
er muß erkennen, daß er sich um die Menschheit verdient macht, wenn er
den Geist von der Tyrannei der Materie befreit.

Ich wende mich nicht gegen eine Nation im besonderen, sondern gegen
Nationen im allgemeinen. Was ist eine Nation?

Es ist die Erscheinung eines ganzen Volkes als organisierte Macht. Diese
Organisation zielt beständig dahin, daß die Bevölkerung stark und
leistungsfähig werde. Aber dies rastlose Streben nach Stärke und
Leistungsfähigkeit entzieht der höheren Natur des Menschen, die ihn
aufopfernd und schöpferisch machte, ihre Kraft. Seine Opferfähigkeit
wird von ihrem eigentlichen, sittlichen und lebendigen Ziel abgelenkt
auf ein mechanisches und lebloses, die Erhaltung dieser Organisation.
Und doch fühlt er in der Erreichung dieses Zieles die ganze Genugtuung
sittlicher Erhebung und wird daher der Menschheit äußerst gefährlich. Er
fühlt sich in seinem Gewissen beruhigt, wenn er seine Verantwortlichkeit
auf diese Maschine schieben kann, die eine Schöpfung seines Intellekts
und nicht seiner ganzen sittlichen Persönlichkeit ist. So kommt es, daß
das Volk, welches die Freiheit liebt, in einem großen Teil der Welt die
Sklaverei fortbestehen läßt mit dem wohltuenden Gefühl des Stolzes,
seine Pflicht getan zu haben. Menschen, die von Natur gerecht sind,
können sowohl im Handeln wie im Denken grausam ungerecht sein und dabei
das Gefühl haben, daß sie den Menschen nur zu dem verhelfen, was sie
verdienen. Menschen, die sonst ehrlich sind, können, ohne zu wissen, was
sie tun, andern dauernd ihr Menschenrecht auf höhere Entwicklung rauben
und dabei die Beraubten schmähen, daß sie keine bessere Behandlung
verdient hätten. Wir haben im täglichen Leben gesehen, wie sogar kleine
Geschäfts- und Berufsorganisationen Menschen, die von Natur nicht
schlecht sind, gefühllos machen, und wir können uns wohl vorstellen,
welch eine Zerstörung in der sittlichen Welt angerichtet wird, wenn
ganze Völker sich mit rasendem Eifer organisieren, um Macht und Reichtum
zu gewinnen.

Der Nationalismus ist eine sehr schwere Gefahr. Er ist seit Jahren die
Ursache von allen Leiden Indiens. Und da wir von einer Nation regiert
und beherrscht werden, die in ihrer Haltung ausschließlich politisch
ist, haben wir trotz des Erbes unserer Vergangenheit versucht, den
Glauben in uns zu entwickeln, daß wir auch vielleicht eine politische
Aufgabe haben.

Es gibt in Indien verschiedene Parteien, die ihre verschiedenen Ideale
haben. Einige streben nach politischer Unabhängigkeit. Andere glauben,
daß die Zeit dazu noch nicht gekommen ist, aber sie meinen, Indien
sollte die Rechte der englischen Kolonien haben. Sie wollen soweit wie
möglich Selbstregierung.

Als die politische Bewegung in Indien anfing, da gab es noch keinen
Parteistreit wie heute. Damals gab es eine Partei, die sich Indischer
Kongreß nannte. Sie hatte kein wirkliches Programm; sie wies auf einige
Mißstände hin und forderte ihre Abstellung von seiten der Behörden. Sie
wünschte eine größere Vertretung im Regierungsrat und mehr Freiheit in
der Gemeindeverwaltung. Sie verlangte lauter Kleinigkeiten, aber sie
hatte kein aufbauendes Ideal. Daher konnte ich mich für ihr Vorgehen
nicht begeistern. Es war meine Überzeugung, daß das, was Indien am
meisten braucht, schöpferische, aus seinem eigenen Geist geborene Arbeit
ist. Und bei dieser Arbeit müssen wir alle Gefahren auf uns nehmen und
selbst noch in des Verfolgers Rachen nicht aufhören, unsere uns vom
Schicksal auferlegte Pflicht zu tun, und so durch Leiden und Mißerfolg
bei jedem Schritt moralische Siege gewinnen. Wir müssen denen über uns
zeigen, daß wir sittliche Kraft und Stärke haben, für die Wahrheit zu
leiden. Haben wir aber selber nichts aufzuweisen, so können wir nur
betteln. Es würde verderblich für uns sein, wenn uns die Gaben, um die
wir bitten, sogleich gewährt würden, und ich habe meinen Landsleuten
immer wieder gesagt, daß sie sich zusammenschließen sollen, nicht um zu
betteln, sondern um Möglichkeiten zu schaffen, daß unser Geist der
Selbstaufopferung sich wirksam erweisen kann.

Der Indische Kongreß verlor jedoch an Einfluß, da das Volk bald sah, wie
nutzlos die Halbheit seiner politischen Bestrebungen war. Die Partei
spaltete sich, und es bildeten sich die Radikalen, die die bisherige
Methode des Bittens -- die leichteste Methode, sich der
Verantwortlichkeit gegen sein Land zu entschlagen -- verwarfen und für
absolute Freiheit des Handelns eintraten. Ihre Ideale gründeten sich auf
die Geschichte des Westens. Sie hatten kein Gefühl für die besonderen
Probleme Indiens. Sie erkannten die offenbare Tatsache nicht an, daß
unsere Gesellschaftsordnung uns unfähig macht, es mit den fremden
Völkern aufzunehmen. Denn was würde aus uns werden, wenn England
irgendwie aus Indien vertrieben würde? Wir würden nur andern Nationen
zum Opfer fallen. Dieselben sozialen Übel würden bestehen bleiben. Was
wir in Indien erstreben müssen, ist dies: wir müssen suchen, mit den
sozialen Sitten und Idealen aufzuräumen, die uns unsere Selbstachtung
genommen und uns von denen, die uns beherrschen, ganz abhängig gemacht
haben -- mit dem Kastensystem und mit der blinden und trägen
Gewohnheit, uns auf die Autorität von Traditionen zu verlassen, die
heutzutage vernunftwidrige Anachronismen geworden sind.

Ich lenke noch einmal eure Aufmerksamkeit auf die Schwierigkeiten hin,
mit denen Indien zu kämpfen gehabt hat. Sein Problem war das Weltproblem
im kleinen. Indien hat eine zu große Ausdehnung und beherbergt zu
verschiedene Rassen. Es sind in ihm viele Länder in einen geographischen
Behälter zusammengepackt. Es ist gerade das Gegenteil von dem, was
Europa in Wahrheit ist: ein einziges Land, das in viele Länder zerteilt
ist. So hat Europa bei seinem Wachstum und Fortschritt den doppelten
Vorteil gehabt: es hatte die Stärke der Vielheit und die Stärke der
Einheit. Indien dagegen, das von Natur eine Vielheit und nur durch
Zufall eine Einheit ist, hat immer unter dem losen Zusammenhang der
ersteren und unter der Schwäche der letzteren gelitten. Wahre Einheit
ist wie eine runde Kugel, sie rollt von selbst und trägt ihr Gewicht mit
Leichtigkeit; aber Vielheit ist ein Ding mit vielen Ecken und Kanten,
das man mit aller Kraft ziehen und vorwärtsstoßen muß. Es muß zu
Indiens Rechtfertigung gesagt werden, daß es diese Vielheit nicht selbst
geschaffen hat, es hat sie von Anfang seiner Geschichte an als eine
Tatsache hinnehmen müssen. In Amerika und Australien hat Europa sich
sein Problem dadurch vereinfacht, daß es die Urbevölkerung fast ganz
ausrottete. Und noch heute macht sich dieser Ausrottungsgeist bei den
Europäern bemerkbar, indem sie Fremde ungastlich ausschließen, sie, die
selbst als Fremde kamen in die Länder, die sie nun beherrschen. Aber
Indien duldete von Anfang an die Verschiedenheit der Rassen, und diesen
Geist der Duldsamkeit hat es in seiner ganzen Geschichte gezeigt.

In ihm hat auch sein Kastensystem seinen letzten Grund. Denn Indien hat
immer versucht, eine soziale Einheit zu entwickeln, die alle die
verschiedenen Völker zusammenhielt und ihnen doch die Freiheit ließ, die
bei ihnen bestehenden Unterschiede zu wahren. Das Band war so lose wie
möglich, und doch so fest, wie die Umstände es gestatteten. So ist etwas
wie ein sozialer Bund von Vereinigten Staaten entstanden, dessen
gemeinsamer Name Hinduismus ist.

Indien hat gefühlt, daß Rassenunterschiede sein müssen und sollen, was
auch ihre Nachteile sein mögen, und daß wir nie die Natur in enge, uns
bequeme Grenzen zwingen können, ohne es eines Tages teuer bezahlen zu
müssen. Soweit war Indien im Recht; aber es bedachte nicht, daß die
Unterschiede, die die Menschen trennen, nicht wie Gebirgsgrenzen sind,
die für immer bestehen, sondern fließend mit des Lebens Fluß und Lauf,
Gestalt und Größe wechseln.

Indien erkannte durch seine Kasteneinteilung die Unterschiede an, aber
nicht die Wandelbarkeit, die das Gesetz des Lebens ist. Indem es
versuchte, Zusammenstöße zu vermeiden, stellte es unbewegliche Mauern
als Schranken auf und gab so seinen zahlreichen Rassen die negative
Wohltat der Ordnung und Ruhe, aber nicht die positive Möglichkeit der
freien Bewegung und Ausbreitung. Es ließ die Natur gelten, wo sie
Verschiedenheiten geschaffen hatte, aber hinderte sie, diese
Verschiedenheiten im ewigen Spiel ihrer schöpferischen Tätigkeit neu zu
wandeln. Es wurde der Buntheit des Lebens gerecht, aber es versündigte
sich an seiner ewigen Bewegung. Und so entfloh ihm das Leben aus seiner
Gesellschaftsordnung, und Indien betet nun statt seiner den prächtigen
Käfig mit den vielen Abteilen an, wohinein es das Leben sperren wollte.

Dasselbe geschah, als Indien es versuchte, die Zusammenstöße der
verschiedenen Handelsinteressen zu vermeiden. Es wies bestimmte Gewerbe
und Berufe bestimmten Kasten zu. Dies hatte die Wirkung, daß der endlose
Neid und Haß des Wettstreits für immer beseitigt war -- dieses
Wettstreits, der soviel Grausamkeiten im Gefolge hat und die ganze
Atmosphäre mit Lügen und Betrug vergiftet. Aber auch hierbei legte
Indien, das Gesetz der Wandlung außer acht lassend, den ganzen Nachdruck
auf das Gesetz der Vererbung und setzte so allmählich Kunst auf
Kunstfertigkeit, und schöpferische Kraft auf Geschicklichkeit herab.

Was jedoch dem westlichen Beobachter entgeht, ist die Tatsache, daß
Indien, als es das Kastensystem schuf, mit ganzem Ernst und im vollen
Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit daran ging, das Rassenproblem so zu
lösen, daß alle Reibung vermieden, und doch jeder Rasse innerhalb ihrer
Grenzen Freiheit gewährt wurde. Wir wollen zugeben, daß Indien dies
nicht in vollem Maße gelungen ist. Aber eines müßt ihr auch einräumen:
daß der Westen, da er in bezug auf Gleichartigkeit der Rasse in einer
viel günstigeren Lage ist, dem Rassenproblem nie seine Aufmerksamkeit
zugewandt hat, und daß er, wenn er vor dies Problem gestellt wurde, sich
leicht damit abfand, ohne eine ernsthafte Lösung zu suchen. So macht er
es auch jetzt, wo er die Asiaten systematisch von den Küsten dieses
Landes fernzuhalten sucht und sie ihres Rechtes beraubt, ihren
Lebensunterhalt hier ehrlich zu erwerben. In den meisten eurer Kolonien
laßt ihr sie nur unter der Bedingung zu, daß sie die niedern Dienste von
Holzhauern und Wasserträgern auf sich nehmen. Entweder verschließt ihr
den Fremden eure Türen, oder ihr würdigt sie zu Sklaven herab. Dies ist
eure Art, das Problem des Rassenstreites zu lösen. Welche Vorzüge diese
Art auch haben mag, ihr werdet zugeben müssen, daß sie nicht höheren
sittlichen Motiven entspringt, sondern den niederen Leidenschaften der
Gier und des Hasses. Ihr sagt: So ist die menschliche Natur. Indien
glaubte auch, die menschliche Natur zu kennen, als es seine
verschiedenen Rassen durch feste soziale Ranggrenzen voneinander
absperrte. Aber wir haben durch teure Erfahrung gelernt, daß die
menschliche Natur nicht das ist, was sie scheint, sondern daß ihre
Wahrheit in ihren unendlichen Möglichkeiten liegt. Und wenn wir in
unserer Blindheit die Menschheit wegen ihres zerlumpten Gewandes
schmähen, so läßt sie diese Verkleidung fallen, und wir sehen, daß wir
die Gottheit geschmäht haben. Die Erniedrigung, die wir in unserem Stolz
oder Eigennutz andern antun, fällt auf unsere eigene Menschheit -- und
dies ist die furchtbarste Strafe, denn wir spüren sie erst, wenn es zu
spät ist.

Nicht nur in eurer Beziehung zu fremden Völkern, sondern auch in der
Beziehung eurer verschiedenen Gesellschaftsklassen zueinander habt ihr
keine versöhnende Harmonie zustande gebracht. Der Geist des Kampfes und
Wettstreits darf ungezügelt seinen Lauf nehmen. Und da er der Sprößling
von Habsucht und Machtgier ist, kann er nicht anders enden als mit
gewaltsamem Tode. In Indien wurde die Herstellung von Waren unter das
Gesetz sozialer Ordnung gebracht. Ihre Grundlage war Zusammenwirken, ihr
Ziel vollkommene Befriedigung der sozialen Bedürfnisse. Im Westen ist
Wettstreit ihre Triebkraft und Erwerb von Reichtum für die Einzelnen ihr
Ziel. Aber der Einzelne ist wie die geometrische Linie, die nur eine
Ausdehnung hat. Sie hat keine Breite und keine Tiefe und kann nicht
irgend etwas umfassen und dauernd halten. Und daher läuft sie ewig
suchend und unbefriedigt fort. Sie kann in ihrer endlosen Verlängerung
andere Linien kreuzen und Verwicklungen verursachen, aber sie wird immer
dünn und isoliert bleiben und das Ideal der Vollständigkeit nicht
erreichen.

Bei allen unseren physischen Begierden erkennen wir eine Grenze. Wir
wissen, daß, wenn wir darüber hinausgehen, es auf Kosten unserer
Gesundheit geschieht. Aber hat denn diese Gier nach Reichtum und Macht
nicht auch Grenzen, jenseits welcher das Reich des Todes ist?
Verbrauchen die westlichen Völker bei diesen nationalen Karnevalfesten
des Materialismus nicht den größten Teil ihrer Lebenskraft dabei, daß
sie tote Dinge schaffen statt lebendiger Ideale? Und kann das eine
wirkliche Kultur sein, die das Gesetz der sittlichen Gesundheit außer
acht läßt und dadurch, daß sie unaufhaltsam materielle Stoffe in sich
hineinschlingt, zu scheußlicher Aufgedunsenheit anschwillt? Im sozialen
Leben sucht der Mensch seine Begierden zu zügeln und den höheren Zwecken
seiner Natur zu unterwerfen. Aber im wirtschaftlichen Leben kennen
unsere Begierden keine anderen Schranken als die von »Angebot und
Nachfrage«, und diese können künstlich verrückt werden, so daß der
Einzelne seinen ausschweifenden Gelüsten, soviel er will, sich hingeben
kann. In Indien legten unsere sozialen Ideale unseren Begierden Zügel
an -- vielleicht unterdrückten sie sie gänzlich --, im Westen jedoch
treibt der Geist der wirtschaftlichen Organisation, der kein sittliches
Ziel kennt, die Menschen zum fortwährenden Jagen nach Reichtum; aber ist
dem keine heilsame Grenze gesetzt?

Die Ideale, die sich in den sozialen Einrichtungen zu verwirklichen
suchen, haben ein doppeltes Ziel. Einmal sollen sie unsere
Leidenschaften und Begierden zügeln und dadurch unsere harmonische
Entwicklung möglich machen, und dann sollen sie uns helfen, in
selbstloser Liebe für unsere Mitmenschen zu wirken. Daher ist die
Gesellschaft der Ausdruck jenes sittlichen und geistigen Strebens, das
zur höheren Natur des Menschen gehört.

Unsere Nahrung ist schöpferisch, sie baut unseren Körper auf; aber der
Wein, der nur aufregt, ist es nicht. Unsere sozialen Ideale schaffen die
menschliche Welt, aber wenn unser Geist von ihnen abgelenkt wird auf
Gier nach Macht, dann leben wir in einem Zustande des Rausches und
infolgedessen in einer naturwidrigen Welt, wo unsere Kraft nicht
Gesundheit und unsere Freiheit nur Ungebundenheit ist. Daher kann uns
die politische Freiheit keine wahre Freiheit geben, solange der Geist
nicht frei ist. Ein Automobil kann mir nicht Freiheit der Bewegung
geben, weil es eine bloße Maschine ist. Wenn ich selbst frei bin, so
kann ich das Automobil im Dienst meiner Freiheit brauchen.

Wir dürfen in der gegenwärtigen Zeit nicht vergessen, daß die Menschen,
die politische Freiheit erlangt haben, darum noch nicht frei zu sein
brauchen, sie sind nur mächtig. Die Leidenschaften, die ungezügelt in
ihnen wirken können, schaffen riesige Organisationen einer Sklaverei,
die sich für Freiheit ausgibt. Die sich Gelderwerb als höchstes Ziel
gesetzt haben, verkaufen, ohne daß sie sich dessen bewußt sind, ihre
Seele dem Reichtum, entweder einzelnen oder Gemeinschaften. Jene, die in
ihre politische Macht verliebt sind und sich an der Ausdehnung ihrer
Herrschaft über fremde Rassen weiden, liefern allmählich ihre eigene
Freiheit und Menschlichkeit den Organisationen aus, die nötig sind, um
andere Völker in Sklaverei zu halten. In den sogenannten freien Ländern
ist die Mehrzahl des Volkes nicht frei; sie wird von der Minderheit nach
einem Ziel hingetrieben, das sie nicht einmal kennt. Dies wird nur
dadurch möglich, daß die Menschen die sittliche und geistige Freiheit
nicht als ihr Ziel anerkennen. Sie schaffen mit ihren Leidenschaften
riesige Strudel, und wenn sie von der bloßen Geschwindigkeit ihrer
wirbelnden Bewegung ganz berauscht und schwindlig sind, so halten sie
dies für Freiheit. Aber das Verhängnis, das ihrer wartet, ist so gewiß
wie der Tod, -- denn die Wahrheit des Menschen ist sittliche Wahrheit,
und seine wahre Befreiung geschieht nur im Geiste.

Die große Mehrzahl der heutigen Nationalisten in Indien ist der Meinung,
daß wir mit der Entwicklung unserer sozialen und geistigen Ideale
endgültig fertig sind, daß diese Arbeit des Aufbaus der Gesellschaft
schon seit Jahrtausenden bei uns getan ist, und daß wir jetzt unsere
ganze Schaffenskraft in politischer Richtung betätigen können. Wir
denken nicht im entferntesten daran, unsere gegenwärtige Hilflosigkeit
auf soziale Unzulänglichkeit zurückzuführen, denn unser Nationalismus
hat den Glauben, daß dies System schon für alle Zukunft zur Vollendung
gebracht wurde von unseren Vorfahren, die die übermenschliche Gabe
prophetischen Schauens und die übernatürliche Kraft der Fürsorge für
unendliche Zukunft hatten. Daher machen wir für alles Elend und für
alle Unzulänglichkeiten die geschichtlichen Ereignisse verantwortlich,
die plötzlich von außen über uns hereinbrachen. Und aus diesem Grunde
glauben wir, daß es unsere einzige Aufgabe ist, ein politisches Wunder
von Freiheit auf dem Flugsand sozialer Sklaverei aufzubauen. Ja, wir
wollen den Strom unserer eigenen Geschichte abdämmen und aus den Quellen
der Geschichte anderer Völker Macht borgen.

Die unter uns, die dem Wahn erlegen sind, daß politische Freiheit uns
frei machen würde, haben die Lehre des Westens als Evangelium angenommen
und ihren Glauben an die Menschheit verloren. Wir müssen bedenken, daß
jede soziale Schwäche, an der wir festhalten, in der Politik zu einer
Quelle von Gefahren wird. Dieselbe Passivität, die uns bei unseren
sozialen Einrichtungen an toten Formen hängen läßt, wird in der Politik
starre Kerkermauern um uns aufrichten. Die Engherzigkeit, die es möglich
macht, daß wir einem großen Teil der Menschheit das drückende Joch der
Minderwertigkeit auflegen, wird sich in der Politik als Tyrannei und
Ungerechtigkeit behaupten.

Wenn unsere Nationalisten von ihren Idealen sprechen, so vergessen sie,
daß bei uns dem Nationalismus die Grundlage fehlt. Dieselben Leute, die
diese Ideale hochhalten, sind in ihrer sozialen Haltung die
Konservativsten. Die Nationalisten sagen z. B.: »Seht die Schweiz, wo
sich trotz der Rassenunterschiede die Völker zu einer Nation
zusammengeschlossen haben.« Aber ihr müßt bedenken, daß sich in der
Schweiz die Rassen vermischen und untereinander heiraten können, weil
sie eines Stammes sind. In Indien ist dies nicht der Fall. Und wenn wir
von den verschiedenen Nationalitäten Europas sprechen, so denken wir
nicht daran, daß dort die Nationen nicht den physischen Widerwillen
gegeneinander haben wie unsere verschiedenen Kasten. Gibt es irgendwo in
der Welt ein Beispiel dafür, daß Glieder eines Volkes, die ihr Blut
nicht mischen dürfen, doch ihr Blut für einander vergießen, es sei denn
gezwungen oder um Sold? Und können wir jemals hoffen, daß diese
moralischen Schranken, die der Vermischung unserer Rassen im Wege
stehen, nicht auch ein Hindernis für unsere politische Einheit sein
werden?

Auch dürfen wir uns nicht verhehlen, daß unsere sozialen Beschränkungen
noch immer so tyrannisch sind, daß sie die Menschen zu Feiglingen
machen. Wenn mir jemand sagt, er habe ketzerische Ansichten, wage aber
nicht, ihnen zu folgen, weil er sonst gesellschaftlich geächtet würde,
so verzeihe ich es ihm, daß er ein unwahres Leben führt, um überhaupt
leben zu können. Dieser bei uns herrschende soziale Geist, der uns dazu
treibt, unseren Mitmenschen das Leben zur Last zu machen, wenn sie auch
nur in der Wahl ihrer Nahrung von uns abweichen, wird sich sicher in
unserer politischen Organisation behaupten und schließlich
Zwangsmaschinen erzeugen, die jeden vernunftgemäßen Unterschied und
damit jedes wirkliche Leben zermalmen werden. Und die Tyrannei wird die
unvermeidliche Lüge und Heuchelei im politischen Leben nur noch
schlimmer machen. Ist denn der bloße Name Freiheit so wertvoll, daß wir
um seinetwillen unsere sittliche Freiheit opfern sollen?

Die Wirkung unserer ausschweifenden Gewohnheiten zeigt sich noch nicht
gleich, wenn wir noch in der vollen Kraft unserer Jugend sind. Aber sie
zehrt allmählich diese Kraft auf, und wenn die Zeit des Abstiegs
beginnt, da haben wir unsere Rechnungen zu begleichen und unsere
Schulden zu bezahlen und stehen bald vor dem Bankrott. Noch könnt ihr im
Westen den Kopf hoch tragen, obgleich eure Menschlichkeit aus dem Rausch
organisierender Macht nicht mehr herauskommt. Auch Indien konnte auf der
Höhe seiner Jugend die Last seiner sozialen Organisationen, die auf
seine Lebensorgane drückten, tragen und hielt sich tadellos gerade
dabei, aber es ist ihm zum Verhängnis geworden und hat seine lebendige
Natur allmählich gelähmt. Und so ist es gekommen, daß die gebildeten
Schichten Indiens kein Gefühl haben für seine sozialen Nöte. Sie sind
gerade stolz auf die Steifheit unseres sozialen Rückgrats, -- und weil
das gesunde Schmerzgefühl in den Gliedern unseres sozialen Organismus
abgestorben ist, so lassen sie sich zu dem Glauben verleiten, daß alles
in Ordnung sei. Daher glauben sie, daß das politische Feld jetzt der
einzige Spielraum für alle ihre Kräfte ist. Sie machen es wie jemand,
dessen Beine eingeschrumpft und unbrauchbar geworden sind und der sich
einzureden versucht, er fühle diese Glieder nicht, weil sie ganz
wiederhergestellt seien, nur die Krücken seien nicht in Ordnung.

Dies ist es, was ich über die soziale und politische Wiedergeburt
Indiens sagen wollte. Nun ein Wort über seine Industrie. Man hat mich
oft gefragt, ob seit dem Beginn der britischen Herrschaft die Industrie
in Indien sich gehoben habe. Ich muß daran erinnern, daß die britische
Regierung gleich am Anfang unsere Industrie unterdrückt hat und daß wir
seit der Zeit keinerlei wirkliche Hilfe oder Ermutigung gefunden haben,
uns den ungeheuren Handelsorganisationen der modernen Welt gegenüber zu
behaupten. Die Nationen haben entschieden, daß wir ein lediglich
ackerbautreibendes Volk bleiben und sogar den Gebrauch der Waffen für
alle Zeiten verlernen sollen. So wird Indien in eine Reihe leicht
verdaulicher Bissen verwandelt, die jede Nation, auch wenn sie ein noch
so unentwickeltes Gebiß hat, zu jeder Zeit verschlucken kann.

Indien hat daher wenig Gelegenheit, seine Originalität auf dem Gebiete
der Industrie zu zeigen. Ich meinesteils glaube nicht an die plumpen
Riesenorganisationen unserer heutigen Zeit. Schon die Tatsache ihrer
Häßlichkeit zeigt, daß sie in Disharmonie mit der ganzen Schöpfung sind.
Die großen Kräfte der Natur offenbaren ihre Wahrheit nicht in
Häßlichkeit, sondern in Schönheit. Schönheit ist das Siegel, das der
Schöpfer unter seine Werke setzt, wenn er mit ihnen zufrieden ist. Alle
unsere Erzeugnisse, die die Gesetze der Vollkommenheit frech verletzen
und sich schamlos in ihrer häßlichen Plumpheit zeigen, sind beständig
unter dem Gewicht von Gottes Zorn. Wenn euer Handel nicht die Würde der
Schönheit hat, ist er unwahr. Die Schönheit und ihre Zwillingsschwester,
die Wahrheit, brauchen zu ihrer Entfaltung Muße und Selbstbeherrschung.
Aber die Gewinnsucht kennt keine Schranken, wenn sie sich nur ausdehnen
kann. Ihr einziges Ziel ist Hervorbringen und Verschlingen. Sie hat
weder Mitleid mit der schönen Natur noch mit lebendigen menschlichen
Wesen. Sie ist unbarmherzig bereit, ohne auch nur einen Augenblick zu
zögern, Schönheit und Leben zu zermalmen und sie zu Geld zu machen.
Diese häßliche Roheit im Handel stand in Verachtung bei unseren
Vorfahren, die noch Muße hatten, das Idealbild der Menschheit ruhigen,
ungetrübten Blickes zu schauen. Die Menschen jener Zeiten schämten sich
mit Recht des niederen Triebes, der nur auf Gewinn geht. Aber in unserem
Zeitalter der Naturwissenschaften hat das Geld durch das Gewicht seiner
Masse sich den Thron erworben. Und wenn es nun vom Gipfel seiner
aufgehäuften Schätze aus die höheren Instinkte des Menschen verhöhnt und
die Schönheit und alle edlen Gefühle aus seiner Nähe verbannt, so
unterwerfen wir uns ihm. Denn wir haben uns in unserer Armseligkeit von
ihm bestechen lassen, und unsere Einbildungskraft, von seinem
Riesenumfang überwältigt, kriecht vor ihm im Staube.

Aber gerade dieser Riesenumfang und seine endlose Kompliziertheit sind
sichere Zeichen seines Versagens und seiner inneren Schwäche. Ein
geübter Schwimmer zeigt seine Muskelkraft nicht durch heftige
Bewegungen; seine Kraft ist unsichtbar und äußert sich in vollkommener
Anmut und Ruhe. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist seine
innere Kraft und sein innerer Wert, die beide nicht von außen sichtbar
sind. Aber die heutige Handelskultur braucht nicht nur zuviel Zeit und
Raum, sondern tötet Zeit und Raum. Ihre Bewegungen sind heftig, ihre
Stimme laut und mißtönend. Sie trägt ihren Fluch in sich, weil sie die
Menschheit, auf der sie steht, zu einer unförmlichen Masse zertrampelt.
Sie ist rastlos bemüht, Glück in Geld umzuwandeln. Der Mensch sucht
seine Menschlichkeit in die kleinste Ecke zusammenzudrücken, um für ihre
Organisation ausgiebigen Raum zu schaffen. Er spottet seine menschlichen
Gefühle zuschanden, weil sie seinen Maschinen im Wege sein könnten.

In unserer Mythologie haben wir die Sage, daß der, der sich Kasteiungen
auferlegt, um die Unsterblichkeit zu gewinnen, Versuchungen zu bestehen
hat, die ihm von Indra, dem Herrn der Unsterblichen, geschickt werden.
Wenn er sich von ihnen verlocken läßt, ist er verloren. Der Westen hat
seit Jahrhunderten nach Unsterblichkeit gestrebt. Indra hat ihm die
Versuchung geschickt, um ihn zu prüfen. Diese ungeheure Versuchung heißt
Reichtum. Der Westen hat nicht widerstanden, und seine menschliche
Kultur hat sich in der Wüste des Maschinenwesens verirrt.

Dieser Handelsgeist mit seinem barbarisch häßlichen Schmuck ist eine
furchtbare Gefahr für die ganze Menschheit, weil er das Ideal der Macht
über das der Vollkommenheit stellt. Er läßt den Kultus der Selbstsucht
in schamloser Nacktheit triumphieren. Unsere Nerven sind zarter als
unsere Muskeln. Das Feinste und Wertvollste in uns wird hilflos und
schwach, wenn wir ihm den Schutz nehmen, den es gerade wegen seiner
Feinheit braucht. Wenn daher die gefühllose, rohe Macht in blinder Wut
über die Straße der Menschheit hinstürmt, so verscheucht sie durch ihre
Roheit die Ideale, die wir in jahrhundertelangem Martyrium gehegt haben.

Die Versuchung, die schon dem Starken verhängnisvoll ist, wird es dem
Schwachen noch mehr. Und daher kann ich sie bei uns in Indien nicht
willkommen heißen, wenn auch der Herr der Unsterblichen sie gesandt
hat. Laßt unser Leben einfach in seiner äußeren Erscheinung und reich an
innerem Gewinn sein. Laßt unsere Kultur sich auf die feste Basis
sozialen Zusammenwirkens gründen, und nicht auf Kampf und
wirtschaftliche Ausbeutung. Wie wir dies heute können, wo wir in den
Zähnen des wirtschaftlichen Drachen sind, der unser Lebensblut aussaugt,
dies zu finden, ist die Aufgabe der Denker aller östlichen Völker, die
an die menschliche Seele glauben. Es ist ein Zeichen von Ohnmacht und
Trägheit, wenn wir Lebensbedingungen annehmen, die andere mit andern
Idealen uns auferlegen. Wir sollten uns aufraffen und die Kräfte der
Welt uns dazu dienstbar machen, unsere Geschichte zu ihrem eigenen Ziel,
der Vollkommenheit, zu führen.

Aus dem Gesagten wird man sehen, daß ich kein Volkswirtschaftler bin.
Ich will zugeben, daß es ein Gesetz von Angebot und Nachfrage gibt und
daß der Trieb des Menschen immer dahin geht, mehr haben zu wollen, als
gut für ihn ist. Und doch halte ich an meinem Glauben fest, daß es so
etwas gibt wie die Harmonie vollen Menschentums. Wer sie hat, der ist
reich bei aller Armut, er ist Sieger, wenn er auch besiegt wird, ihn
führt der Tod zur Unsterblichkeit, wo die ewige Gerechtigkeit seine
Schmach in strahlenden Triumph wandelt.



      DER SONNENUNTERGANG
      DES JAHRHUNDERTS

    Geschrieben in bengalischer Sprache am letzten Tage des letzten
    Jahrhunderts


      1.

Die letzte Sonne des Jahrhunderts versinkt in den blutigroten Wolken des
Westens und im Wirbelsturm des Hasses.

Die nackte Selbstsucht der Völker tanzt in wahnsinniger, trunkener Gier
zu den Klängen der klirrenden Schwerter und der heulenden Rachegesänge.


      2.

Doch der hungrige Leib der Nation wird im Augenblick der höchsten
Raserei zerplatzen von ihrem schamlosen Fressen.

Denn sie hat die Welt zu ihrem Fraß gemacht.

Und während sie sie gierig beleckt und zermalmt und in großen Bissen
hinabschlingt,

Schwillt sie mehr und mehr,

Bis mitten in diesem unheiligen Festmahl der Strahl des Himmels
plötzlich herabfährt und ihr brutales Herz durchbohrt.


      3.

Das purpurne Leuchten am Horizont ist nicht die Morgenröte deines
Friedens, mein Mutterland,

Es ist der Widerschein des Scheiterhaufens, auf dem ein ungeheurer
Leichnam zu Asche verbrennt; die Selbstsucht der Nation, die sich den
Tod gefressen.

Dein Morgen wartet hinter dem stillen Dunkel des Ostens,

Er wartet geduldig und schweigend.


      4.

Sei wach, Indien!

Halt' dein Opfer bereit für den heiligen Sonnenaufgang!

Laß deine Stimme die erste sein, die ihn begrüßt, und singe:

»Komm Friede, du aus Gottes großem Schmerz geborene Tochter,

Komm mit deinem Schatz von stillem Glück,

Komm mit dem Schwert der Tapferkeit,

Komm mit dem Kranz der Sanftmut auf der Stirn!«


      5.

Oh, meine Brüder, schämt euch nicht, vor den Stolzen und Mächtigen zu
stehen

In dem weißen Gewande eurer Einfalt!

Eure Krone sei die Demut, und eure Freiheit die Freiheit der Seele.

Auf der kahlen Stätte eurer Armut errichtet täglich von neuem Gottes
Thron,

Und wisset: das Ungeheure ist nicht das Große, und Stolz währt nicht
ewig.



      INHALT


      Nationalismus im Westen                5

      Nationalismus in Japan                61

      Nationalismus in Indien              120

      Der Sonnenuntergang des Jahrhunderts 164



      [Illustration]

      Gedruckt
      im Sommer 1921
      bei Poeschel & Trepte
      in Leipzig
      ★





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Nationalismus" ***

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