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Title: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen
Author: Kant, Immanuel, 1724-1804
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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  Beobachtungen
  über das Gefühl des Schönen
  und Erhabenen

  von
  Immanuel Kant


  11. bis 15. Tausend

  Im Insel-Verlag zu Leipzig



Erster Abschnitt

Von den unterschiedenen Gegenständen des Gefühls vom Erhabenen und
Schönen


Die verschiedenen Empfindungen des Vergnügens oder des Verdrusses
beruhen nicht so sehr auf der Beschaffenheit der äußeren Dinge, die
sie erregen, als auf dem jedem Menschen eigenen Gefühle, dadurch mit
Lust oder Unlust gerührt zu werden. Daher kommen die Freuden einiger
Menschen, woran andre einen Ekel haben, die verliebte Leidenschaft, die
öfters jedermann ein Rätsel ist, oder auch der lebhafte Widerwille,
den der eine woran empfindet, was dem andern völlig gleichgültig
ist. Das Feld der Beobachtungen dieser Besonderheiten der menschlichen
Natur erstreckt sich sehr weit und verbirgt annoch einen reichen Vorrat
zu Entdeckungen, die ebenso anmutig als lehrreich sind. Ich werfe für
jetzt meinen Blick nur auf einige Stellen, die sich in diesem Bezirke
besonders auszunehmen scheinen, und auch auf diese mehr das Auge eines
Beobachters als des Philosophen.

Weil ein Mensch sich nur insofern glücklich findet, als er eine
Neigung befriedigt, so ist das Gefühl, welches ihn fähig macht,
große Vergnügen zu genießen, ohne dazu ausnehmende Talente zu
bedürfen, gewiß nicht eine Kleinigkeit. Wohlbeleibte Personen, deren
geistreichster Autor ihr Koch ist und deren Werke von feinem Geschmack
sich in ihrem Keller befinden, werden bei gemeinen Zoten und einem
plumpen Scherz in ebenso lebhafte Freude geraten, als diejenige ist,
worauf Personen in edeler Empfindung so stolz tun. Ein bequemer Mann,
der die Vorlesung der Bücher liebt, weil es sich sehr wohl dabei
einschlafen läßt, der Kaufmann, dem alle Vergnügen läppisch
scheinen, dasjenige ausgenommen, was ein kluger Mann genießt, wenn
er seinen Handlungsvorteil überschlägt, derjenige, der das andre
Geschlecht nur insofern liebt, als er es zu den genießbaren Sachen
zählt, der Liebhaber der Jagd, er mag nun Fliegen jagen, wie Domitian,
oder wilde Tiere, wie A . ., alle diese haben ein Gefühl,
welches sie fähig macht, Vergnügen nach ihrer Art zu genießen,
ohne daß sie andere beneiden dürfen oder auch von andern sich einen
Begriff machen können; allein ich wende für jetzt darauf keine
Aufmerksamkeit. Es gibt noch ein Gefühl von feinerer Art, welches
entweder darum so genannt wird, weil man es länger ohne Sättigung und
Erschöpfung genießen kann, oder weil es sozusagen eine Reizbarkeit
der Seele voraussetzt, die diese zugleich zu tugendhaften Regungen
geschickt macht, oder weil es Talente und Verstandesvorzüge anzeigt,
da im Gegenteil jene bei völliger Gedankenlosigkeit stattfinden
können. Dieses Gefühl ist es, wovon ich eine Seite betrachten
will. Doch schließe ich hievon die Neigung aus, welche auf hohe
Verstandeseinsichten geheftet ist, und den Reiz, dessen ein _Kepler_
fähig war, wenn er, wie _Bayle_ berichtet, eine seiner Erfindungen
nicht um ein Fürstentum würde verkauft haben. Diese Empfindung ist
gar zu fein, als daß sie in gegenwärtigen Entwurf gehören sollte,
welcher nur das sinnliche Gefühl berühren wird, dessen auch gemeinere
Seelen fähig sind.

Das feinere Gefühl, was wir nun erwägen wollen, ist vornehmlich
zwiefacher Art: das Gefühl des _Erhabenen_ und des _Schönen_. Die
Rührung von beiden ist angenehm, aber auf sehr verschiedene
Weise. Der Anblick eines Gebirges, dessen beschneite Gipfel sich
über Wolken erheben, die Beschreibung eines rasenden Sturms oder die
Schilderung des höllischen Reichs von _Milton_ erregen Wohlgefallen,
aber mit Grausen; dagegen die Aussicht auf blumenreiche Wiesen,
Täler mit schlängelnden Bächen, bedeckt von weidenden Herden,
die Beschreibung des Elysium oder _Homers_ Schilderung von dem
Gürtel der Venus veranlassen auch eine angenehme Empfindung, die
aber fröhlich und lächlend ist. Damit jener Eindruck auf uns in
gehöriger Stärke geschehen könne, so müssen wir ein _Gefühl_
des _Erhabenen_ und, um die letztere recht zu genießen, ein _Gefühl_
für das _Schöne_ haben. Hohe Eichen und einsame Schatten im heiligen
Haine sind _erhaben_, Blumenbetten, niedrige Hecken und in Figuren
geschnittene Bäume sind schön. Die Nacht ist _erhaben_, der Tag ist
_schön_. Gemütsarten, die ein Gefühl für das Erhabene besitzen,
werden durch die ruhige Stille eines Sommerabendes, wenn das zitternde
Licht der Sterne durch die braunen Schatten der Nacht hindurchbricht
und der einsame Mond im Gesichtskreise steht, allmählich in hohe
Empfindungen gezogen, von Freundschaft, von Verachtung der Welt,
von Ewigkeit. Der glänzende Tag flößt geschäftigen Eifer und
ein Gefühl von Lustigkeit ein. Das Erhabene _rührt_, das Schöne
_reizt_. Die Miene des Menschen, der im vollen Gefühl des Erhabenen
sich befindet, ist ernsthaft, bisweilen starr und erstaunt. Dagegen
kündigt sich die lebhafte Empfindung des Schönen durch glänzende
Heiterkeit in den Augen, durch Züge des Lächelns und oft durch laute
Lustigkeit an. Das Erhabene ist wiederum verschiedener Art. Das Gefühl
desselben ist bisweilen mit einigem Grausen oder auch Schwermut, in
einigen Fällen bloß mit ruhiger Bewunderung und in noch andern mit
einer über einen erhabenen Plan verbreiteten Schönheit begleitet. Das
erstere will ich das _Schreckhaft-Erhabene_, das zweite das _Edle_ und
das dritte das _Prächtige_ nennen. Tiefe Einsamkeit ist erhaben, aber
auf eine schreckhafte Art.(1) Daher große, weitgestreckte Einöden,
wie die ungeheure Wüste Schamo in der Tartarei, jederzeit Anlaß
gegeben haben, fürchterliche Schatten, Kobolde und Gespensterlarven
dahin zu versetzen.

Das Erhabene muß jederzeit groß, das Schöne kann auch klein
sein. Das Erhabene muß einfältig, das Schöne kann geputzt und
geziert sein. Eine große Höhe ist ebensowohl erhaben als eine große
Tiefe; allein diese ist mit der Empfindung des Schauderns begleitet,
jene mit der Bewunderung; daher diese Empfindung schreckhaft erhaben
und jene edel sein kann. Der Anblick einer ägyptischen Pyramide
rührt, wie _Hasselquist_ berichtet, weit mehr, als man sich aus
aller Beschreibung es vorstellen kann, aber ihr Bau ist einfältig und
edel. Die Peterskirche in Rom ist prächtig. Weil auf diesen Entwurf,
der groß und einfältig ist, Schönheit, z. E. Gold, mosaische
Arbeit usw. usw. so verbreitet ist, daß die Empfindung des Erhabenen
doch am meisten hindurch wirkt, so heißt der Gegenstand prächtig. Ein
Arsenal muß edel und einfältig, ein Residenzschloß prächtig und ein
Lustpalast schön und geziert sein.

  (1) Ich will nur ein Beispiel von dem edlen Grausen geben,
  welches die Beschreibung einer gänzlichen Einsamkeit einflößen
  kann, und ziehe um deswillen einige Stellen aus _Carazans_ Traum
  im Brem. Magazin, Band IV, Seite 539 aus. Dieser karge Reiche
  hatte nach dem Maße, als seine Reichtümer zunahmen, sein Herz dem
  Mitleiden und der Liebe gegen jeden andern verschlossen. Indessen,
  so wie die Menschenliebe in ihm erkaltete, nahm die Emsigkeit seiner
  Gebete und der Religionshandlungen zu. Nach diesem Geständnisse
  fährt er also fort zu reden. An einem Abende, da ich bei meiner
  Lampe meine Rechnungen zog und den Handlungsvorteil überschlug,
  überwältigte mich der Schlaf. In diesem Zustande sah ich den Engel
  des Todes wie einen Wirbelwind über mich kommen, er schlug mich,
  ehe ich den schrecklichen Streich abbitten konnte. Ich erstarrte,
  als ich gewahr ward, daß mein Los für die Ewigkeit geworfen sei
  und daß zu allem Guten, das ich verübt, nichts konnte hinzugetan,
  und von allem Bösen, das ich getan, nichts konnte hinweggenommen
  werden. Ich ward vor den Thron dessen, der in dem dritten Himmel
  wohnt, geführt. Der Glanz, der vor mir flammte, redete mich also
  an: »Carazan, dein Gottesdienst ist verworfen. Du hast dein Herz
  der Menschenliebe verschlossen und deine Schätze mit einer eisernen
  Hand gehalten. Du hast nur für dich selbst gelebt, und darum sollst
  du auch künftig in Ewigkeit allein und von aller Gemeinschaft mit
  der ganzen Schöpfung ausgestoßen leben.« In diesem Augenblicke
  ward ich durch eine unsichtbare Gewalt fortgerissen und durch
  das glänzende Gebäude der Schöpfung getrieben. Ich ließ bald
  unzählige Welten hinter mir. Als ich mich dem äußersten Ende
  der Natur näherte, merkte ich, daß die Schatten des grenzenlosen
  Leeren sich in die Tiefe vor mich herabsenkten. Ein fürchterliches
  Reich von ewiger Stille, Einsamkeit und Finsternis. Unaussprechliches
  Grausen überfiel mich bei diesem Anblick. Ich verlor allgemach die
  letzten Sterne aus dem Gesichte, und endlich erlosch der letzte
  glimmernde Schein des Lichts in der äußersten Finsternis. Die
  Todesängste der Verzweiflung nahmen mit jedem Augenblicke zu,
  so wie jeder Augenblick meine Entfernung von der letzten bewohnten
  Welt vermehrte. Ich bedachte mit unleidlicher Herzensangst, daß,
  wenn zehntausendmal tausend Jahre mich jenseit den Grenzen alles
  Erschaffenen würden weitergebracht haben, ich doch noch immerhin in
  den unermeßlichen Abgrund der Finsternis vorwärts schauen würde
  ohne Hülfe oder Hoffnung einiger Rückkehr. -- -- In dieser
  Betäubung streckte ich meine Hände mit solcher Heftigkeit nach
  Gegenständen der Wirklichkeit aus, daß ich darüber erwachte. Und
  nun bin ich belehrt worden, Menschen hochzuschätzen; denn auch der
  Geringste von denjenigen, die ich im Stolze meines Glücks von meiner
  Türe gewiesen hatte, würde in jener erschrecklichen Einöde von mir
  allen Schätzen von Golconda weit sein vorgezogen worden. -- --

Eine lange Dauer ist erhaben. Ist sie von vergangener Zeit, so ist sie
edel; wird sie in einer unabsehlichen Zukunft vorausgesehen, so hat sie
etwas vom Schreckhaften an sich. Ein Gebäude aus dem entferntesten
Altertum ist ehrwürdig. _Hallers_ Beschreibung von der künftigen
Ewigkeit stößt ein sanftes Grausen und von der vergangenen starre
Bewunderung ein.



Zweiter Abschnitt

Von den Eigenschaften des Erhabenen und Schönen am Menschen überhaupt


Verstand ist erhaben, Witz ist schön. Kühnheit ist erhaben und groß,
List ist klein, aber schön. Die Behutsamkeit, sagte _Cromwell_,
ist eine Bürgermeistertugend. Wahrhaftigkeit und Redlichkeit ist
einfältig und edel, Scherz und gefällige Schmeichelei ist fein
und schön. Artigkeit ist die Schönheit der Tugend. Uneigennütziger
Diensteifer ist edel, Geschliffenheit (Politesse) und Höflichkeit sind
schön. Erhabene Eigenschaften flößen Hochachtung, schöne aber Liebe
ein. Leute, deren Gefühl vornehmlich auf das Schöne geht, suchen ihre
redlichen, beständigen und ernsthaften Freunde nur in der Not auf; den
scherzhaften, artigen und höflichen Gesellschafter aber erwählen sie
sich zum Umgange. Man schätzt manchen viel zu hoch, als daß man ihn
lieben könnte. Er flößt Bewunderung ein, aber er ist zu weit über
uns, als daß wir mit der Vertraulichkeit der Liebe uns ihm zu nähern
getrauten.

Diejenige, welche beiderlei Gefühl in sich vereinbaren, werden
finden: daß die Rührung von dem Erhabenen mächtiger ist wie die
vom Schönen, nur daß sie ohne Abwechselung oder Begleitung der
letzteren ermüdet und nicht so lange genossen werden kann.(2) Die
hohen Empfindungen, zu denen die Unterredung in einer Gesellschaft von
guter Wahl sich bisweilen erhebt, müssen sich dazwischen in heiteren
Scherz auflösen, und die lachenden Freuden sollen mit der gerührten,
ernsthaften Miene den schönen Kontrast machen, welcher beide Arten
von Empfindung ungezwungen abwechseln läßt. _Freundschaft_ hat
hauptsächlich den Zug des Erhabenen, _Geschlechterliebe_ aber des
Schönen an sich. Doch geben Zärtlichkeit und tiefe Hochachtung der
letzteren eine gewisse Würde und Erhabenheit, dagegen gaukelhafter
Scherz und Vertraulichkeit das Kolorit des Schönen in dieser
Empfindung erhöhen. Das _Trauerspiel_ unterscheidet sich meiner
Meinung nach vom _Lustspiele_ vornehmlich darin: daß in dem ersteren
das Gefühl fürs _Erhabene_, im zweiten für das _Schöne_ gerührt
wird. In dem ersteren zeigen sich großmütige Aufopferung für
fremdes Wohl, kühne Entschlossenheit in Gefahren und geprüfte
Treue. Die Liebe ist daselbst schwermütig, zärtlich und voll
Hochachtung; das Unglück anderer bewegt in dem Busen des Zuschauers
teilnehmende Empfindungen und läßt sein großmütig Herz für fremde
Not klopfen. Er wird sanft gerührt und fühlt die Würde seiner
eigenen Natur. Dagegen stellt das Lustspiel feine Ränke, wunderliche
Verwirrungen und Witzige, die sich herauszuziehen wissen, Narren, die
sich betrügen lassen, Späße und lächerliche Charaktere vor. Die
Liebe ist hier nicht so grämisch, sie ist lustig und vertraulich. Doch
kann so wie in andern Fällen, also auch in diesen das Edle mit dem
Schönen in gewissem Grade vereinbart werden.

  (2) Die Empfindungen des Erhabenen spannen die Kräfte der Seele
  stärker an und ermüden daher eher. Man wird ein Schäfergedicht
  länger in einer Folge lesen können als Miltons Verlorenes Paradies
  und den de la Bruyere länger wie den Young. Es scheint mir sogar
  ein Fehler des letzteren als eines moralischen Dichters zu sein, daß
  er gar zu einförmig im erhabenen Tone anhält; denn die Stärke des
  Eindrucks kann nur durch Abstechungen mit sanfteren Stellen erneuert
  werden. Bei dem Schönen ermüdet nichts mehr als mühsame Kunst,
  die sich dabei verrät. Die Bemühung zu reizen wird peinlich und mit
  Beschwerlichkeit empfunden.

Selbst die Laster und moralischen Gebrechen führen öfters gleichwohl
einige Züge des Erhabenen oder Schönen bei sich; wenigstens so
wie sie unserem sinnlichen Gefühl erscheinen, ohne durch Vernunft
geprüft zu sein. Der Zorn eines Furchtbaren ist erhaben, wie
Achilles' Zorn in der Iliade. Überhaupt ist der Held des _Homers
schrecklich erhaben_, des _Virgils_ seiner dagegen _edel_. Offenbare
dreiste Rache nach großer Beleidigung hat etwas Großes an sich,
und so unerlaubt sie auch sein mag, so rührt sie in der Erzählung
gleichwohl mit Grausen und Wohlgefallen. Als Schach Nadir zur Nachtzeit
von einigen Verschwornen in seinem Zelte überfallen ward, so rief
er, wie Hanway erzählt, nachdem er schon einige Wunden bekommen
und sich voll Verzweiflung wehrte: »_Erbarmung! ich will euch allen
vergeben._« Einer unter ihnen antwortete, indem er den Säbel in die
Höhe hob: »_Du hast keine Erbarmung bewiesen und verdienst auch
keine._« Entschlossene Verwegenheit an einem Schelmen ist höchst
gefährlich, aber sie rührt doch in der Erzählung, und selbst wenn
er zu einem schändlichen Tode geschleppt wird, so veredelt er ihn
noch gewissermaßen dadurch, daß er ihm trotzig und mit Verachtung
entgegengeht. Von der andern Seite hat ein listig ausgedachter Entwurf,
wenn er gleich auf ein Bubenstück ausgeht, etwas an sich, was fein ist
und belacht wird. Buhlerische Neigung (Koketterie) im feinen Verstande,
nämlich eine Geflissenheit einzunehmen und zu reizen, an einer sonst
artigen Person ist vielleicht tadelhaft, aber doch schön und wird
gemeiniglich dem ehrbaren, ernsthaften Anstande vorgezogen.

Die Gestalt der Personen, die durch ihr äußeres Ansehen gefallen,
schlägt bald in eine, bald in die andere Art des Gefühls ein. Eine
große Statur erwirbt sich Ansehen und Achtung, eine kleine mehr
Vertraulichkeit. Selbst die bräunliche Farbe und schwarze Augen
sind dem Erhabenen, blaue Augen und blonde Farbe dem Schönen näher
verwandt. Ein etwas größeres Alter vereinbart sich mehr mit den
Eigenschaften des Erhabenen, Jugend aber mit denen des Schönen. So ist
es auch mit dem Unterschiede der Stände bewandt, und in allen diesen
nur erwähnten Beziehungen müssen sogar die Kleidungen auf diesen
Unterschied des Gefühls eintreffen. Große, ansehnliche Personen
müssen Einfalt, höchstens Pracht in ihrer Kleidung beobachten, kleine
können geputzt und geschmückt sein. Dem Alter geziemen dunklere
Farben und Einförmigkeit im Anzuge, die Jugend schimmert durch hellere
und lebhaft abstechende Kleidungsstücke. Unter den Ständen muß bei
gleichem Vermögen und Range der Geistliche die größte Einfalt, der
Staatsmann die meiste Pracht zeigen. Der Cicisbeo kann sich ausputzen,
wie es ihm beliebt.

Auch in äußerlichen Glücksumständen ist etwas, das wenigstens nach
dem Wahne der Menschen in diese Empfindungen einschlägt. Geburt und
Titel finden die Menschen gemeiniglich zur Achtung geneigt. Reichtum
auch ohne Verdienste wird selbst von Uneigennützigen geehrt,
vermutlich weil sich mit seiner Vorstellung Entwürfe von großen
Handlungen vereinbaren, die dadurch könnten ausgeführt werden. Diese
Achtung trifft gelegentlich auch manchen reichen Schurken, der solche
Handlungen niemals ausüben wird und von dem edlen Gefühl keinen
Begriff hat, welches Reichtümer einzig und allein schätzbar machen
kann. Was das Übel der Armut vergrößert, ist die Geringschätzung,
welche auch nicht durch Verdienste gänzlich kann überwogen
werden, wenigstens nicht vor gemeinen Augen, wo nicht Rang und Titel
dieses plumpe Gefühl täuschen und einigermaßen zu dessen Vorteil
hintergehen.

In der menschlichen Natur finden sich niemals rühmliche Eigenschaften,
ohne daß zugleich Abartungen derselben durch unendliche
Schattierungen bis zur äußersten Unvollkommenheit übergehen
sollten. Die Eigenschaft des _Schrecklich-Erhabenen_, wenn sie ganz
unnatürlich wird, ist _abenteuerlich_.(3) Unnatürliche Dinge,
insofern das Erhabene darin gemeint ist, ob es gleich wenig oder
gar nicht angetroffen wird, sind _Fratzen_. Wer das Abenteuerliche
liebt und glaubt, ist ein _Phantast_, die Neigung zu Fratzen macht den
_Grillenfänger_. Andererseits artet das Gefühl des Schönen aus, wenn
das Edle dabei gänzlich mangelt, und man nennt es _läppisch_. Eine
Mannsperson von dieser Eigenschaft, wenn sie jung ist, heißt ein
_Laffe_; ist sie im mittleren Alter, so ist es ein _Geck_. Weil dem
höheren Alter das Erhabene am notwendigsten ist, so ist ein _alter
Geck_ das verächtlichste Geschöpf in der Natur, so wie ein junger
Grillenfänger das widrigste und unleidlichste ist. Scherze und
Munterkeit schlagen in das Gefühl des Schönen ein. Gleichwohl kann
noch ziemlich viel Verstand hindurchscheinen, und insofern können
sie mehr oder weniger dem Erhabenen verwandt sein. Der, in dessen
Munterkeit diese Dazumischung unmerklich ist, _faselt_. Der beständig
faselt, ist _albern_. Man merkt leicht, daß auch kluge Leute bisweilen
faseln und daß nicht wenig Geist dazu gehöre, den Verstand eine
kurze Zeit von seinem Posten abzurufen, ohne daß dabei etwas versehen
wird. Derjenige, dessen Reden oder Handlungen weder belustigen noch
rühren, ist _langweilig_. Der Langweilige, insofern er gleichwohl
beides zu tun geschäftig ist, ist _abgeschmackt_. Der Abgeschmackte,
wenn er aufgeblasen ist, ist ein _Narr_.(4)

  (3) Insofern die Erhabenheit oder Schönheit das bekannte
  Mittelmaß überschreitet, so pflegt man sie _romantisch_ zu nennen.

  (4) Man bemerkt bald, daß diese ehrwürdige Gesellschaft sich in
  zwei Logen teile, in die der Grillenfänger und die der Gecken. Ein
  gelehrter Grillenfänger wird bescheidentlich ein _Pedant_
  genannt. Wenn er die trotzige Weisheitsmiene annimmt, wie die _Dunse_
  alter und neuer Zeiten, so steht ihm die Kappe mit Schellen gut
  zum Gesichte. Die Klasse der Gecken wird mehr in der großen Welt
  angetroffen. Sie ist vielleicht noch besser als die erstere. Man hat
  an ihnen viel zu verdienen und viel zu lachen. In dieser Karikatur
  macht gleichwohl einer dem andern ein schief Maul und stößt mit
  seinem leeren Kopf an den Kopf seines Bruders.

Ich will diesen wunderlichen Abriß der menschlichen Schwachheiten
durch Beispiele etwas verständlicher machen; denn der, welchem
_Hogarths_ Grabstichel fehlt, muß, was der Zeichnung am Ausdrucke
mangelt, durch Beschreibung ersetzen. Kühne Übernehmung der
Gefahren für unsere, des Vaterlandes oder unserer Freunde
Rechte ist erhaben. Die Kreuzzüge, die alte Ritterschaft waren
_abenteuerlich_: die Duelle, ein elender Rest der letztern aus einem
verkehrten Begriff des Ehrenrufs, sind _Fratzen_. Schwermütige
Entfernung von dem Geräusche der Welt aus einem rechtmäßigen
Überdrusse ist _edel_. Der alten Eremiten einsiedlerische Andacht
war _abenteuerlich_. Klöster und dergleichen Gräber, um lebendige
Heilige einzusperren, sind _Fratzen_. Bezwingung seiner Leidenschaften
durch Grundsätze ist _erhaben_. Kasteiungen, Gelübde und andere
Mönchstugenden mehr sind _Fratzen_. Heilige Knochen, heiliges Holz und
aller dergleichen Plunder, den heiligen Stuhlgang des großen Lama von
Tibet nicht ausgeschlossen, sind _Fratzen_. Von den Werken des Witzes
und des feinen Gefühls fallen die epischen Gedichte des Virgils und
Klopstocks ins _Edle_, Homers und Miltons ins _Abenteuerliche_. Die
Verwandelungen des Ovids sind _Fratzen_, die Feenmärchen des
französischen Aberwitzes sind die elendesten Fratzen, die jemals
ausgeheckt worden. Anakreontische Gedichte sind gemeiniglich sehr nahe
beim _Läppischen_.

Die Werke des Verstandes und der Scharfsinnigkeit, insofern ihre
Gegenstände auch etwas für das Gefühl enthalten, nehmen gleichfalls
einigen Anteil an den gedachten Verschiedenheiten. Die mathematische
Vorstellung von der unermeßlichen Größe des Weltbaues, die
Betrachtungen der Metaphysik von der Ewigkeit, der Vorsehung, der
Unsterblichkeit unserer Seele enthalten eine gewisse Erhabenheit
und Würde. Hingegen wird die Weltweisheit auch durch viel leere
Spitzfindigkeiten entstellt, und der Anschein der Gründlichkeit
hindert nicht, daß die vier syllogistischen Figuren nicht zu
Schulfratzen gezählt zu werden verdienten.

In moralischen Eigenschaften ist wahre Tugend allein erhaben. Es gibt
gleichwohl gute sittliche Qualitäten, die liebenswürdig und schön
sind und, insofern sie mit der Tugend harmonieren, auch als edel
angesehen werden, ob sie gleich eigentlich nicht zur tugendhaften
Gesinnung gezählt werden können. Das Urteil hierüber ist fein und
verwickelt. Man kann gewiß die Gemütsverfassung nicht tugendhaft
nennen, die ein Quell solcher Handlungen ist, auf welche zwar auch
die Tugend hinauslaufen würde, allein aus einem Grunde, der nur
zufälligerweise damit übereinstimmt, seiner Natur nach aber den
allgemeinen Regeln der Tugend auch öfters widerstreiten kann. Eine
gewisse Weichmütigkeit, die leichtlich in ein warmes Gefühl des
_Mitleidens_ gesetzt wird, ist schön und liebenswürdig; denn es
zeigt eine gütige Teilnehmung an dem Schicksale anderer Menschen an,
worauf Grundsätze der Tugend gleichfalls hinausführen. Allein diese
gutartige Leidenschaft ist gleichwohl schwach und jederzeit blind. Denn
setzet, diese Empfindung bewege euch, mit eurem Aufwande einem
Notleidenden aufzuhelfen, allein ihr seid einem andern schuldig und
setzt euch dadurch außerstand, die strenge Pflicht der Gerechtigkeit
zu erfüllen, so kann offenbar die Handlung aus keinem tugendhaften
Vorsatze entspringen, denn ein solcher könnte euch unmöglich
anreizen, eine höhere Verbindlichkeit dieser blinden Bezauberung
aufzuopfern. Wenn dagegen die allgemeine Wohlgewogenheit gegen das
menschliche Geschlecht in euch zum Grundsatze geworden ist, welchem
ihr jederzeit eure Handlungen unterordnet, alsdann bleibt die Liebe
gegen den Notleidenden noch, allein sie ist jetzt aus einem höhern
Standpunkte in das wahre Verhältnis gegen eure gesamte Pflicht
versetzt worden. Die allgemeine Wohlgewogenheit ist ein Grund der
Teilnehmung an seinem Übel, aber auch zugleich der Gerechtigkeit, nach
deren Vorschrift ihr jetzt diese Handlung unterlassen müsset. Sobald
nun dieses Gefühl zu seiner gehörigen Allgemeinheit gestiegen ist,
so ist es erhaben, aber auch kälter. Denn es ist nicht möglich,
daß unser Busen für jedes Menschen Anteil von Zärtlichkeit
aufschwelle und bei jeder fremden Not in Wehmut schwimme, sonst würde
der Tugendhafte, unaufhörlich in mitleidigen Tränen wie Heraklit
schmelzend, bei aller dieser Gutherzigkeit gleichwohl nichts weiter als
ein weichmütiger Müßiggänger werden.(5)

  (5) Bei näherer Erwägung findet man, daß, so liebenswürdig
  auch die mitleidige Eigenschaft sein mag, sie doch die Würde der
  Tugend nicht an sich habe. Ein leidendes Kind, ein unglückliches
  und artiges Frauenzimmer wird unser Herz mit dieser Wehmut anfüllen,
  indem wir zu gleicher Zeit die Nachricht von einer großen Schlacht
  mit Kaltsinn vernehmen, in welcher, wie leicht zu erachten, ein
  ansehnlicher Teil des menschlichen Geschlechts unter grausamen
  Übeln unverschuldet erliegen muß. Mancher Prinz, der sein Gesicht
  vor Wehmut für eine einzige unglückliche Person wegwandte, gab
  gleichwohl aus einem öfters eitlen Bewegungsgrunde zu gleicher
  Zeit den Befehl zum Kriege. Es ist hier gar keine Proportion in der
  Wirkung, wie kann man denn sagen, daß die allgemeine Menschenliebe
  die Ursache sei?

Die zweite Art des gütigen Gefühls, welches zwar schön und
liebenswürdig, aber noch nicht die Grundlage einer wahren Tugend ist,
ist die _Gefälligkeit_, eine Neigung, andern durch Freundlichkeit,
durch Einwilligung in ihr Verlangen und durch Gleichförmigkeit
unseres Betragens mit ihren Gesinnungen angenehm zu werden. Dieser
Grund einer reizenden Geselligkeit ist schön und die Biegsamkeit
eines solchen Herzens gutartig. Allein sie ist so gar keine Tugend,
daß, wo nicht höhere Grundsätze ihr Schranken setzen und sie
schwächen, alle Laster daraus entspringen können. Denn nicht
zu gedenken, daß diese Gefälligkeit gegen die, mit welchen wir
umgehen, sehr oft eine Ungerechtigkeit gegen andre ist, die sich
außer diesem kleinen Zirkel befinden, so wird ein solcher Mann,
wenn man diesen Antrieb allein nimmt, alle Laster haben können, nicht
aus unmittelbarer Neigung, sondern weil er gerne zu gefallen lebt. Er
wird aus liebreicher Gefälligkeit ein Lügner, ein Müßiggänger,
ein Säufer usw. usw. sein, denn er handelt nicht nach den Regeln, die
auf das Wohlverhalten überhaupt gehen, sondern nach einer Neigung, die
an sich schön, aber, indem sie ohne Haltung und ohne Grundsätze ist,
läppisch wird.

Demnach kann wahre Tugend nur auf Grundsätze gepfropft werden,
und je allgemeiner sie sind, desto erhabener und edler wird
sie. Diese Grundsätze sind nicht spekulativische Regeln, sondern das
Bewußtsein eines Gefühls, das in jedem menschlichen Busen lebt und
sich viel weiter als auf die besonderen Gründe des Mitleidens und
der Gefälligkeit erstreckt. Ich glaube, ich fasse alles zusammen,
wenn ich sage, es sei das _Gefühl von der Schönheit und der Würde
der menschlichen Natur_. Das erstere ist ein Grund der allgemeinen
Wohlgewogenheit, das zweite der allgemeinen Achtung, und wenn dieses
Gefühl die größte Vollkommenheit in irgendeinem menschlichen
Herzen hätte, so würde dieser Mensch sich zwar auch selbst lieben
und schätzen, aber nur insofern er einer von allen ist, auf die sein
ausgebreitetes und edles Gefühl sich ausdehnt. Nur indem man einer
so erweiterten Neigung seine besondere unterordnet, können unsere
gütigen Triebe proportioniert angewandt werden und den edlen Anstand
zuwege bringen, der die Schönheit der Tugend ist.

In Ansehung der Schwäche der menschlichen Natur und der geringen
Macht, welche das allgemeine moralische Gefühl über die mehrsten
Herzen ausüben würde, hat die Vorsehung dergleichen hülfeleistende
Triebe als Supplemente der Tugend in uns gelegt, die, indem sie
einige auch ohne Grundsätze zu schönen Handlungen bewegen, zugleich
andern, die durch diese letzteren regiert werden, einen größeren
Stoß und einen stärkern Antrieb dazu geben können. Mitleiden und
Gefälligkeit sind Gründe von schönen Handlungen, die vielleicht
durch das Übergewicht eines gröberen Eigennutzes insgesamt würden
erstickt werden, allein nicht unmittelbare Gründe der Tugend, wie
wir gesehen haben, obgleich, da sie durch die Verwandtschaft mit ihr
geadelt werden, sie auch ihren Namen erwerben. Ich kann sie daher
_adoptierte Tugenden_ nennen, diejenige aber, die auf Grundsätzen
beruht, die _echte Tugend_. Jene sind schön und reizend, diese
allein ist erhaben und ehrwürdig. Man nennt ein Gemüt, in welchem
die ersteren Empfindungen regieren, ein _gutes Herz_ und den Menschen
von solcher Art _gutherzig_; dagegen man mit Recht dem Tugendhaften
aus Grundsätzen ein _edles Herz_ beilegt, ihn selber aber einen
_rechtschaffenen_ nennt. Diese adoptierten Tugenden haben gleichwohl
mit den wahren Tugenden große Ähnlichkeit, indem sie das Gefühl
einer unmittelbaren Lust an gütigen und wohlwollenden Handlungen
enthalten. Der Gutherzige wird ohne weitere Absicht aus unmittelbarer
Gefälligkeit friedsam und höflich mit euch umgehen und aufrichtiges
Beileid bei der Not eines andern empfinden.

Allein da diese moralische Sympathie gleichwohl noch nicht genug ist,
die träge menschliche Natur zu gemeinnützigen Handlungen anzutreiben,
so hat die Vorsehung in uns noch ein gewisses Gefühl gelegt, welches
fein ist und uns in Bewegung setzen oder auch dem gröberen Eigennutze
und der gemeinen Wollust das Gleichgewicht leisten kann. Dieses ist
das _Gefühl für Ehre_ und dessen Folge die _Scham_. Die Meinung,
die andere von unserm Werte haben mögen, und ihr Urteil von unsern
Handlungen ist ein Bewegungsgrund von großem Gewichte, der uns
manche Aufopferungen ablockt, und was ein guter Teil der Menschen
weder aus einer unmittelbar aufsteigenden Regung der Gutherzigkeit
noch aus Grundsätzen würde getan haben, geschieht oft genug bloß
um des äußeren Scheines willen aus einem Wahne, der sehr nützlich,
obzwar an sich selbst sehr seicht ist, als wenn das Urteil anderer den
Wert von uns und unsern Handlungen bestimmte. Was aus diesem Antriebe
geschieht, ist nicht im mindesten tugendhaft, weswegen auch ein jeder,
der für einen solchen gehalten werden will, den Bewegungsgrund der
Ehrbegierde wohlbedächtig verhehlt. Es ist auch diese Neigung nicht
einmal so nahe wie die Gutherzigkeit der echten Tugend verwandt, weil
sie nicht unmittelbar durch die Schönheit der Handlungen, sondern
durch den in fremde Augen fallenden Anstand derselben bewegt werden
kann. Ich kann demnach, da gleichwohl das Gefühl für Ehre fein ist,
das Tugendähnliche, was dadurch veranlaßt wird, den _Tugendschimmer_
nennen.

Vergleichen wir die Gemütsarten der Menschen, insofern eine von diesen
drei Gattungen des Gefühls in ihnen herrscht und den moralischen
Charakter bestimmt, so finden wir, daß eine jede derselben mit
einem der gewöhnlichermaßen eingeteilten Temperamente in näherer
Verwandtschaft stehe, doch so, daß über dieses ein größerer
Mangel des moralischen Gefühls dem phlegmatischen zum Anteil
werden würde. Nicht als wenn das Hauptmerkmal in dem Charakter
dieser verschiedenen Gemütsarten auf die gedachten Züge ankäme;
denn das gröbere Gefühl, z. E. des Eigennutzes, der gemeinen
Wollust usw. usw., erwägen wir in dieser Abhandlung gar nicht,
und auf dergleichen Neigungen wird bei der gewöhnlichen Einteilung
gleichwohl vorzüglich gesehen; sondern weil die erwähnten feineren
moralischen Empfindungen sich leichter mit einem oder dem andern
dieser Temperamente vereinbaren lassen und wirklich meistenteils damit
vereinigt sind.

Ein innigliches Gefühl für die Schönheit und Würde der menschlichen
Natur, und eine Fassung und Stärke des Gemüts, hierauf als auf
einen allgemeinen Grund seine gesamten Handlungen zu beziehen,
ist ernsthaft und gesellt sich nicht wohl mit einer flatterhaften
Lustigkeit, noch mit dem Unbestand eines Leichtsinnigen. Es nähert
sich sogar der Schwermut, einer sanften und edlen Empfindung, insofern
sie sich auf dasjenige Grausen gründet, das eine eingeschränkte
Seele fühlt, wenn sie, von einem großen Vorsatze voll, die
Gefahren sieht, die sie zu überstehen hat, und den schweren,
aber großen Sieg der Selbstüberwindung vor Augen hat. Die echte
Tugend also aus Grundsätzen hat etwas an sich, was am meisten mit
der _melancholischen_ Gemütsverfassung im gemilderten Verstande
zusammenzustimmen scheint.

Die Gutherzigkeit, eine Schönheit und feine Reizbarkeit des Herzens,
nach dem Anlaß, der sich vorfindet, in einzelnen Fällen mit Mitleiden
oder Wohlwollen gerührt zu werden, ist dem Wechsel der Umstände
sehr unterworfen, und indem die Bewegung der Seele nicht auf einem
allgemeinen Grundsatze beruht, so nimmt sie leichtlich veränderte
Gestalten an, nachdem die Gegenstände eine oder die andere Seite
darbieten. Und da diese Neigung auf das Schöne hinausläuft, so
scheint sie sich mit derjenigen Gemütsart, die man _sanguinisch_
nennt, welche flatterhaft und den Belustigungen ergeben ist, am
natürlichsten zu vereinbaren. In diesem Temperamente werden wir die
beliebten Eigenschaften, die wir adoptierte Tugenden nannten, zu suchen
haben.

Das Gefühl für die Ehre ist sonst schon gewöhnlich als ein Merkmal
der _cholerischen_ Komplexion angenommen worden, und wir können
dadurch Anlaß nehmen, die moralischen Folgen dieses feinen Gefühls,
welche mehrenteils nur aufs Schimmern abgezielt sind, zu Schilderung
eines solchen Charakters aufzusuchen.

Niemals ist ein Mensch ohne alle Spuren der feineren Empfindung,
allein ein größerer Mangel derselben, der vergleichungsweise auch
Fühllosigkeit heißt, kommt in den Charakter des _phlegmatischen_, den
man sonst auch sogar der gröbern Triebfedern, als der Geldbegierde
usw. usw., beraubt, die wir aber zusamt andern, verschwisterten
Neigungen ihm allenfalls lassen können, weil sie gar nicht in diesen
Plan gehören.

Laßt uns anjetzt die Empfindungen des Erhabenen und Schönen,
vornehmlich sofern sie moralisch sind, unter der angenommenen
Einteilung der Temperamente näher betrachten.

Der, dessen Gefühl ins _Melancholische_ einschlägt, wird nicht darum
so genannt, weil er, der Freuden des Lebens beraubt, sich in finsterer
Schwermut härmt, sondern weil seine Empfindungen, wenn sie über
einen gewissen Grad vergrößert würden oder durch einige Ursachen
eine falsche Richtung bekämen, auf dieselbe leichter als einen andern
Zustand auslaufen würden. Er hat vorzüglich ein _Gefühl für das
Erhabene_. Selbst die Schönheit, für welche er ebensowohl Empfindung
hat, muß ihn nicht allein reizen, sondern, indem sie ihm zugleich
Bewunderung einflößt, rühren. Der Genuß der Vergnügen ist bei
ihm ernsthafter, aber um deswillen nicht geringer. Alle Rührungen des
Erhabenen haben mehr Bezauberndes an sich als die gaukelnden Reize des
Schönen. Sein Wohlbefinden wird eher Zufriedenheit als Lustigkeit
sein. Er ist standhaft. Um deswillen ordnet er seine Empfindungen
unter Grundsätze. Sie sind desto weniger dem Unbestande und der
Veränderung unterworfen, je allgemeiner dieser Grundsatz ist, welchem
sie untergeordnet werden, und je erweiterter also das hohe Gefühl ist,
welches die niederen unter sich befaßt. Alle besonderen Gründe der
Neigungen sind vielen Ausnahmen und Änderungen unterworfen, wofern
sie nicht aus einem solchen oberen Grunde abgeleitet sind. Der muntere
und freundliche Alcest sagt: »Ich liebe und schätze meine Frau,
denn sie ist schön, schmeichelhaft und klug.« Wie aber, wenn sie
nun durch Krankheit entstellt, durch Alter mürrisch und, nachdem die
erste Bezauberung verschwunden, euch nicht klüger scheinen würde
wie jede andere? Wenn der Grund nicht mehr da ist, was kann aus der
Neigung werden? Nehmet dagegen den wohlwollenden und gesetzten Adrast,
welcher bei sich denkt: »Ich werde dieser Person liebreich und mit
Achtung begegnen, denn sie ist meine Frau.« Diese Gesinnung ist edel
und großmütig. Nunmehr mögen die zufälligen Reize sich ändern,
sie ist gleichwohl noch immer seine Frau. Der edle Grund bleibt und
ist nicht dem Unbestande äußerer Dinge so sehr unterworfen. Von
solcher Beschaffenheit sind Grundsätze in Vergleichung der Regungen,
die bloß bei einzelnen Veranlassungen aufwallen, und so ist der Mann
von Grundsätzen in Gegenhalt mit demjenigen, welchem gelegentlich
eine gutherzige und liebreiche Bewegung anwandelt. Wie aber, wenn
sogar die geheime Sprache seines Herzens also lautete: »Ich muß
jenem Menschen da zu Hülfe kommen, denn er leidet; nicht daß er
etwa mein Freund oder Gesellschafter wäre oder daß ich ihn fähig
hielte, dereinst Wohltat mit Dankbarkeit zu erwidern. Es ist jetzt
keine Zeit zu vernünfteln und sich bei Fragen aufzuhalten: er ist ein
Mensch, und was Menschen widerfährt, das trifft auch mich.« Alsdann
stützt sich sein Verfahren auf den höchsten Grad des Wohlwollens
in der menschlichen Natur und ist äußerst erhaben, sowohl seiner
Unveränderlichkeit nach, als um der Allgemeinheit seiner Anwendung
willen.

Ich fahre in meinen Anmerkungen fort. Der Mensch von melancholischer
Gemütsverfassung bekümmert sich wenig darum, was andere urteilen,
was sie für gut oder für wahr halten, er stützt sich desfalls
bloß auf seine eigene Einsicht. Weil die Bewegungsgründe in
ihm die Natur der Grundsätze annehmen, so ist er nicht leicht
auf andere Gedanken zu bringen; seine Standhaftigkeit artet auch
bisweilen in Eigensinn aus. Er sieht den Wechsel der Moden mit
Gleichgültigkeit und ihren Schimmer mit Verachtung an. Freundschaft
ist erhaben und daher für sein Gefühl. Er kann vielleicht einen
veränderlichen Freund verlieren, allein dieser verliert ihn nicht
ebensobald. Selbst das Andenken der erloschenen Freundschaft ist
ihm noch ehrwürdig. Gesprächigkeit ist schön, gedankenvolle
Verschwiegenheit erhaben. Er ist ein guter Verwahrer seiner und anderer
Geheimnisse. Wahrhaftigkeit ist erhaben, und er haßt Lügen oder
Verstellung. Er hat ein hohes Gefühl von der Würde der menschlichen
Natur. Er schätzt sich selbst und hält einen Menschen für ein
Geschöpf, das da Achtung verdient. Er erduldet keine verworfene
Untertänigkeit und atmet Freiheit in einem edlen Busen. Alle Ketten
von den vergoldeten an, die man am Hofe trägt, bis zu dem schweren
Eisen des Galeerensklaven sind ihm abscheulich. Er ist ein strenger
Richter seiner selbst und anderer, und nicht selten seiner sowohl als
der Welt überdrüssig.

In der Ausartung dieses Charakters neigt sich die Ernsthaftigkeit
zur Schwermut, die Andacht zur Schwärmerei, der Freiheitseifer
zum Enthusiasmus. Beleidigung und Ungerechtigkeit zünden in ihm
Rachbegierde an. Er ist alsdann sehr zu fürchten. Er trotzt der
Gefahr und verachtet den Tod. Bei der Verkehrtheit seines Gefühls
und dem Mangel einer aufgeheiterten Vernunft verfällt er aufs
_Abenteuerliche_. Eingebungen, Erscheinungen, Anfechtungen. Ist
der Verstand noch schwächer, so gerät er auf _Fratzen_. Bedeutende
Träume, Ahndungen und Wunderzeichen. Er ist in Gefahr, ein _Phantast_
oder ein _Grillenfänger_ zu werden.

Der von _sanguinischer_ Gemütsverfassung hat ein herrschendes
_Gefühl für das Schöne_. Seine Freuden sind daher lachend und
lebhaft. Wenn er nicht lustig ist, so ist er mißvergnügt und
kennt wenig die zufriedne Stille. Mannigfaltigkeit ist schön,
und er liebt die Veränderung. Er sucht die Freude in sich und um
sich, belustigt andere und ist ein guter Gesellschafter. Er hat viel
moralische Sympathie. Anderer Fröhlichkeit macht ihn vergnügt und
ihr Leid weichherzig. Sein sittliches Gefühl ist schön, allein ohne
Grundsätze, und hängt jederzeit unmittelbar von dem gegenwärtigen
Eindrucke ab, den die Gegenstände auf ihn machen. Er ist ein Freund
von allen Menschen oder, welches einerlei sagen will, eigentlich
niemals ein Freund, ob er zwar gutherzig und wohlwollend ist. Er
verstellt sich nicht. Er wird euch heute mit seiner Freundlichkeit
und guten Art unterhalten, morgen, wenn ihr krank oder im Unglücke
seid, wahres und ungeheucheltes Beileid empfinden, aber sich sachte
davonschleichen, bis sich die Umstände geändert haben. Er muß
niemals Richter sein. Die Gesetze sind ihm gemeiniglich zu strenge, und
er läßt sich durch Tränen bestechen. Er ist ein schlimmer Heiliger,
niemals recht gut und niemals recht böse. Er schweift öfters aus
und ist lasterhaft, mehr aus Gefälligkeit als aus Neigung. Er ist
freigebig und wohltätig, aber ein schlechter Zahler dessen, was er
schuldig ist, weil er wohl viel Empfindung für Güte, aber wenig für
Gerechtigkeit hat. Niemand hat eine so gute Meinung von seinem eigenen
Herzen als er. Wenn ihr ihn gleich nicht hochachtet, so werdet ihr
ihn doch lieben müssen. In dem größeren Verfall seines Charakters
gerät er ins _Läppische_, er ist tändelnd und kindisch. Wenn nicht
das Alter noch etwa die Lebhaftigkeit mindert oder mehr Verstand
herbeibringt, so ist er in Gefahr, ein alter _Geck_ zu werden.

Der, welchen man unter der _cholerischen_ Gemütsbeschaffenheit
meint, hat ein herrschendes Gefühl für diejenige Art des Erhabenen,
welche man das _Prächtige_ nennen kann. Sie ist eigentlich nur der
Schimmer der Erhabenheit und eine stark abstechende Farbe, welche den
inneren Gehalt der Sache oder Person, der vielleicht nur schlecht und
gemein ist, verbirgt und durch den Schein täuscht und rührt. So
wie ein Gebäude durch eine Übertünchung, welche gehauene Steine
vorstellt, einen ebenso edlen Eindruck macht, als wenn es wirklich
daraus bestände, und geklebtem Gesimse und Pilastern die Meinung
von Festigkeit geben, ob sie gleich wenig Haltung haben und nichts
unterstützen: also glänzen auch tombakene Tugenden, Flittergold von
Weisheit und gemaltes Verdienst.

Der Cholerische betrachtet seinen eigenen Wert und den Wert seiner
Sachen und Handlungen aus dem Anstande oder dem Scheine, womit
er in die Augen fällt. In Ansehung der inneren Beschaffenheit
und der Bewegungsgründe, die der Gegenstand selber enthält,
ist er kalt, weder erwärmt durch wahres Wohlwollen, noch gerührt
durch Achtung.(6) Sein Betragen ist künstlich. Er muß allerlei
Standpunkte zu nehmen wissen, um seinen Anstand aus der verschiedenen
Stellung der Zuschauer zu beurteilen; denn er frägt wenig darnach,
was er sei, sondern nur, was er scheine. Um deswillen muß er die
Wirkung auf den allgemeinen Geschmack und die mancherlei Eindrücke
wohl kennen, die sein Verhalten außer ihm haben wird. Da er in dieser
schlauen Aufmerksamkeit durchaus kalt Blut bedarf und nicht durch
Liebe, Mitleiden und Teilnehmung seines Herzens sich muß blenden
lassen, so wird er auch vielen Torheiten und Verdrießlichkeiten
entgehen, in welche ein Sanguinischer gerät, der durch seine
unmittelbare Empfindung bezaubert wird. Um deswillen scheint er
gemeiniglich verständiger, als er wirklich ist. Sein Wohlwollen
ist Höflichkeit, seine Achtung Zeremonie, seine Liebe ausgesonnene
Schmeichelei. Er ist jederzeit voll von sich selbst, wenn er den
Anstand eines Liebhabers oder eines Freundes annimmt, und ist niemals
weder das eine noch das andere. Er sucht, durch Moden zu schimmern;
aber weil alles an ihm künstlich und gemacht ist, so ist er darin
steif und ungewandt. Er handelt weit mehr nach Grundsätzen als der
Sanguinische, der bloß durch gelegentliche Eindrücke bewegt wird;
aber diese sind nicht Grundsätze der Tugend, sondern der Ehre, und
er hat kein Gefühl für die Schönheit oder den Wert der Handlungen,
sondern für das Urteil der Welt, das sie davon fällen möchte. Weil
sein Verfahren, insofern man nicht auf die Quelle sieht, daraus es
entspringt, übrigens fast ebenso gemeinnützig als die Tugend selbst
ist, so erwirbt er vor gemeinen Augen eben die Hochschätzung als der
Tugendhafte, aber vor feineren Augen verbirgt er sich sorgfältig,
weil er wohl weiß, daß die Entdeckung der geheimen Triebfeder
der Ehrbegierde ihn um die Achtung bringen würde. Er ist daher der
Verstellung sehr ergeben, in der Religion heuchlerisch, im Umgange ein
Schmeichler, in Staatsparteien wetterwendisch nach den Umständen. Er
ist gerne ein Sklave der Großen, um dadurch ein Tyrann über Geringere
zu werden. Die _Naivetät_, diese edle oder schöne Einfalt, welche
das Siegel der Natur und nicht der Kunst auf sich trägt, ist ihm
gänzlich fremde. Daher wenn sein Geschmack ausartet, so wird sein
Schimmer _schreiend_, d. i. auf eine widrige Art prahlend. Er gerät
alsdann sowohl seinem Stil als dem Ausputze nach in den Gallimathias
(das Übertriebene), eine Art Fratzen, die in Ansehung des Prächtigen
dasjenige ist, was das Abenteuerliche oder Grillenhafte in Ansehung
des Ernsthaft-Erhabenen. In Beleidigungen fällt er alsdann auf
Zweikämpfe oder Prozesse und in dem bürgerlichen Verhältnisse auf
Ahnen, Vortritt und Titel. Solange er nur noch eitel ist, d. i. Ehre
sucht und bemüht ist, in die Augen zu fallen, so kann er noch wohl
geduldet werden, allein wenn bei gänzlichem Mangel wirklicher Vorzüge
und Talente er aufgeblasen wird, so ist er das, wofür er am mindesten
gerne möchte gehalten werden, nämlich ein _Narr_.

  (6) Er hält sich auch sogar nur insofern für glücklich, als er
  vermutet, daß er dafür von andern gehalten wird.

Da in der _phlegmatischen_ Mischung keine Ingredienzien vom Erhabenen
oder Schönen in sonderlich merklichem Grade hineinzukommen pflegen,
so gehört diese Gemütseigenschaft nicht in den Zusammenhang unserer
Erwägungen.

Von welcher Art auch diese feineren Empfindungen sein mögen,
von denen wir bis daher gehandelt haben, es mögen erhabene oder
schöne sein, so haben sie doch das Schicksal gemein, daß sie in dem
Urteil desjenigen, der kein darauf gestimmtes Gefühl hat, jederzeit
verkehrt und ungereimt scheinen. Ein Mensch von einer ruhigen und
eigennützigen Emsigkeit hat sozureden gar nicht die Organen, um den
edlen Zug in einem Gedichte oder in einer Heldentugend zu empfinden,
er liest lieber einen Robinson als einen Grandison und hält den
Cato für einen eigensinnigen Narren. Ebenso scheint Personen von
etwas ernsthafter Gemütsart dasjenige läppisch, was andern reizend
ist, und die gaukelnde Naivetät einer Schäferhandlung ist ihnen
abgeschmackt und kindisch. Auch selbst wenn das Gemüt nicht gänzlich
ohne ein einstimmiges feineres Gefühl ist, sind doch die Grade der
Reizbarkeit desselben sehr verschieden, und man sieht, daß der eine
etwas edel und anständig findet, was dem andern zwar groß, aber
abenteuerlich vorkommt. Die Gelegenheiten, die sich darbieten, bei
unmoralischen Dingen etwas von dem Gefühl des andern auszuspähen,
können uns Anlaß geben, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch
auf seine Empfindung in Ansehung der höheren Gemütseigenschaften
und selbst derer des Herzens zu schließen. Wer bei einer schönen
Musik Langeweile hat, gibt starke Vermutung, daß die Schönheiten der
Schreibart und die feinen Bezauberungen der Liebe wenig Gewalt über
ihn haben werden.

Es ist ein gewisser Geist der Kleinigkeiten (~esprit des bagatelles~),
welcher eine Art von feinem Gefühl anzeigt, welches aber gerade auf
das Gegenteil von dem Erhabenen abzielt. Ein Geschmack für etwas,
weil es sehr _künstlich_ und mühsam ist, Verse, die sich vor-
und rückwärts lesen lassen, Rätsel, Uhren in Ringen, Flohketten
usw. usw. Ein Geschmack für alles, was abgezirkelt und auf peinliche
Weise _ordentlich_, obzwar ohne Nutzen ist, z. E. Bücher, die fein
zierlich in langen Reihen im Bücherschranke stehen, und ein leerer
Kopf, der sie ansieht und sich erfreuet; Zimmer, die wie optische
Kasten geziert und überaus sauber gewaschen sind, zusamt einem
ungastfreien und mürrischen Wirte, der sie bewohnt. Ein Geschmack
an allem demjenigen, was _selten_ ist, so wenig wie es auch sonst
innern Wert haben mag. Epiktets Lampe, ein Handschuh von König
Karl dem Zwölften; in gewisser Art schlägt die Münzensucht mit
hierauf ein. Solche Personen stehen sehr im Verdacht, daß sie in den
Wissenschaften Grübler und Grillenfänger, in den Sitten aber für
alles das, was auf freie Art schön oder edel ist, ohne Gefühl sein
werden.

Man tut einander zwar unrecht, wenn man denjenigen, der den Wert oder
die Schönheit dessen, was uns rührt oder reizt, nicht einsieht,
damit abfertigt, daß _er es nicht verstehe_. Es kommt hiebei nicht
so sehr darauf an, was der _Verstand_ einsehe, sondern was das
Gefühl empfinde. Gleichwohl haben die Fähigkeiten der Seele einen
so großen Zusammenhang, daß man mehrenteils von der Erscheinung
der Empfindung auf die Talente der Einsicht schließen kann. Denn es
würden demjenigen, der viele Verstandesvorzüge hat, diese Talente
vergeblich erteilt sein, wenn er nicht zugleich starke Empfindung für
das wahrhaftig Edle oder Schöne hätte, welche die Triebfeder sein
muß, jene Gemütsgaben wohl und regelmäßig anzuwenden.(7)

  (7) Man sieht auch, daß eine gewisse Feinigkeit des Gefühls
  einem Menschen zum Verdienste angerechnet wird. Daß jemand
  in Fleisch oder Kuchen eine gute Mahlzeit tun kann, imgleichen
  daß er unvergleichlich wohl schläft, das wird man ihm wohl
  als ein Zeichen eines guten Magens, aber nicht als ein Verdienst
  auslegen. Dagegen wer einen Teil seiner Mahlzeit dem Anhören einer
  Musik aufopfert oder bei einer Schilderei sich in eine angenehme
  Zerstreuung vertiefen kann, oder einige witzige Sachen, wenn es auch
  nur poetische Kleinigkeiten wären, gerne liest, hat doch fast in
  jedermanns Augen den Anstand eines feineren Menschen, von dem man
  eine vorteilhaftere und für ihn rühmlichere Meinung hat.

Es ist einmal gebräuchlich, nur dasjenige _nützlich_ zu nennen,
was unserer gröberen Empfindung ein Gnüge leisten kann, was
uns Überfluß im Essen und Trinken, Aufwand in Kleidung und in
Hausgeräte, imgleichen Verschwendung in Gastereien verschaffen kann,
ob ich gleich nicht sehe, warum nicht alles, was nur immer meinem
lebhaftesten Gefühl erwünscht ist, ebensowohl den nützlichen
Dingen sollte beigezählt werden. Allein alles gleichwohl auf diesen
Fuß genommen, so ist derjenige, welchen der _Eigennutz_ beherrscht,
ein Mensch, mit welchem man über den feineren Geschmack niemals
vernünfteln muß. Ein Huhn ist freilich in solchem Betracht besser
als ein Papagei, ein Kochtopf nützlicher als ein Porzellängeschirr,
alle witzigen Köpfe in der Welt gelten nicht den Wert eines Bauren,
und die Bemühung, die Weite der Fixsterne zu entdecken, kann so lange
ausgesetzt bleiben, bis man übereingekommen sein wird, wie der Pflug
auf das vorteilhafteste könne geführt werden. Allein welche Torheit
ist es, sich in einen solchen Streit einzulassen, wo es unmöglich
ist, sich einander auf einstimmige Empfindungen zu führen, weil das
Gefühl gar nicht einstimmig ist! Gleichwohl wird doch ein Mensch von
der gröbsten und gemeinsten Empfindung wahrnehmen können: daß die
Reize und Annehmlichkeiten des Lebens, welche die entbehrlichsten zu
sein scheinen, unsere meiste Sorgfalt auf sich ziehen, und daß wir
wenig Triebfedern zu so vielfältigen Bemühungen übrig haben würden,
wenn wir jene ausschließen wollten. Imgleichen ist wohl niemand so
grob, daß er nicht empfinde, daß eine sittliche Handlung wenigstens
an einem andern um desto mehr rühre, je weiter sie vom Eigennutze ist
und je mehr jene edleren Antriebe in ihr hervorstechen.

Wenn ich die edele und schwache Seite der Menschen wechselsweise
bemerke, so verweise ich es mir selbst, daß ich nicht denjenigen
Standpunkt zu nehmen vermag, von wo diese Abstechungen das große
Gemälde der ganzen menschlichen Natur gleichwohl in einer rührenden
Gestalt darstellen. Denn ich bescheide mich gerne: daß, sofern es zu
dem Entwurfe der großen Natur gehört, diese grotesken Stellungen
nicht anders als einen edelen Ausdruck geben können, ob man schon
viel zu kurzsichtig ist, sie in diesem Verhältnisse zu übersehen. Um
indessen doch einen schwachen Blick hierauf zu werfen: so glaube ich
folgendes anmerken zu können. Derjenigen unter den Menschen, die
nach _Grundsätzen_ verfahren, sind nur sehr _wenige_, welches auch
überaus gut ist, da es so leicht geschehen kann, daß man in diesen
Grundsätzen irre und alsdann der Nachteil, der daraus erwächst,
sich um desto weiter erstreckt, je allgemeiner der Grundsatz und
je standhafter die Person ist, die ihn sich vorgesetzt hat. Derer,
so aus _gutherzigen Trieben_ handeln, sind weit _mehrere_, welches
äußerst vortrefflich ist, ob es gleich einzeln nicht als ein
sonderliches Verdienst der Person kann angerechnet werden; denn diese
tugendhaften Instinkte fehlen wohl bisweilen, allein im Durchschnitte
leisten sie ebensowohl die große Absicht der Natur, wie die übrigen
Instinkte, die so regelmäßig die tierische Welt bewegen. Derer,
die ihr allerliebstes Selbst als den einzigen Beziehungspunkt ihrer
Bemühungen starr vor Augen haben und die um den _Eigennutz_ als um die
große Achse alles zu drehen suchen, gibt es die _meisten_, worüber
auch nichts Vorteilhafteres sein kann, denn diese sind die emsigsten,
ordentlichsten und behutsamsten; sie geben dem Ganzen Haltung und
Festigkeit, indem sie auch ohne ihre Absicht gemeinnützig werden,
die notwendigen Bedürfnisse herbeischaffen und die Grundlage liefern,
über welche feinere Seelen Schönheit und Wohlgereimtheit verbreiten
können. Endlich ist die _Ehrliebe in aller_ Menschen Herzen, obzwar
in ungleichem Maße, verbreitet worden, welches dem Ganzen eine
bis zur Bewunderung reizende Schönheit geben muß. Denn wiewohl
die Ehrbegierde ein törichter Wahn ist, sofern er zur Regel wird,
der man die übrigen Neigungen unterordnet, so ist sie doch als ein
begleitender Trieb äußerst vortrefflich. Denn indem ein jeder auf
der großen Bühne seinen herrschenden Neigungen gemäß die Handlungen
verfolgt, so wird er zugleich durch einen geheimen Antrieb bewogen, in
Gedanken außer sich selbst einen Standpunkt zu nehmen, um den Anstand
zu beurteilen, den sein Betragen hat, wie es aussehe und dem Zuschauer
in die Augen falle. Dadurch vereinbaren sich die verschiedenen Gruppen
in ein Gemälde von prächtigem Ausdruck, wo mitten unter großer
Mannigfaltigkeit Einheit hervorleuchtet und das Ganze der moralischen
Natur Schönheit und Würde an sich zeigt.



Dritter Abschnitt

Von dem Unterschiede des Erhabenen und Schönen in dem Gegenverhältnis
beider Geschlechter


Derjenige, so zuerst das Frauenzimmer unter dem Namen des _schönen
Geschlechts_ begriffen hat, kann vielleicht etwas Schmeichelhaftes
haben sagen wollen, aber er hat es besser getroffen, als er wohl
selbst geglaubt haben mag. Denn ohne in Erwägung zu ziehen, daß
ihre Gestalt überhaupt feiner, ihre Züge zarter und sanfter,
ihre Miene im Ausdrucke der Freundlichkeit, des Scherzes und
der Leutseligkeit bedeutender und einnehmender ist als bei dem
männlichen Geschlecht, ohne auch dasjenige zu vergessen, was man
für die geheime Zauberkraft abrechnen muß, wodurch sie unsere
Leidenschaft zum vorteilhaften Urteile für sie geneigt machen,
so liegen vornehmlich in dem Gemütscharakter dieses Geschlechts
eigentümliche Züge, die es von dem unseren deutlich unterscheiden
und die darauf hauptsächlich hinauslaufen, sie durch das Merkmal
des _Schönen_ kenntlich zu machen. Andererseits könnten wir auf die
Benennung des _edlen Geschlechts_ Anspruch machen, wenn es nicht auch
von einer edlen Gemütsart erfordert würde, Ehrennamen abzulehnen
und sie lieber zu erteilen als zu empfangen. Hiedurch wird nun nicht
verstanden: daß das Frauenzimmer edeler Eigenschaften ermangelte oder
das männliche Geschlecht der Schönheiten gänzlich entbehren müßte,
vielmehr erwartet man, daß ein jedes Geschlecht beide vereinbare, doch
so, daß von einem Frauenzimmer alle anderen Vorzüge sich nur dazu
vereinigen sollen, um den Charakter des _Schönen_ zu erhöhen, welcher
der eigentliche Beziehungspunkt ist, und dagegen unter den männlichen
Eigenschaften das _Erhabene_ als das Kennzeichen seiner Art deutlich
hervorsteche. Hierauf müssen alle Urteile von diesen zwei Gattungen,
sowohl die rühmliche als die des Tadels, sich beziehen, alle Erziehung
und Unterweisung muß dieses vor Augen haben und alle Bemühung, die
sittliche Vollkommenheit des einen oder des andern zu befördern, wo
man nicht den reizenden Unterschied unkenntlich machen will, den die
Natur zwischen zwei Menschengattungen hat treffen wollen. Denn es ist
hier nicht genug, sich vorzustellen, daß man Menschen vor sich habe,
man muß zugleich nicht aus der Acht lassen, daß diese Menschen nicht
von einerlei Art sind.

Das Frauenzimmer hat ein angebornes stärkeres Gefühl für alles,
was schön, zierlich und geschmückt ist. Schon in der Kindheit
sind sie gerne geputzt und gefallen sich, wenn sie geziert sind. Sie
sind reinlich und sehr zärtlich in Ansehung alles dessen, was Ekel
verursacht. Sie lieben den Scherz und können durch Kleinigkeiten, wenn
sie nur munter und lachend sind, unterhalten werden. Sie haben sehr
früh ein sittsames Wesen an sich, wissen sich einen feinen Anstand
zu geben und besitzen sich selbst; und dieses in einem Alter, wenn
unsere wohlerzogene männliche Jugend noch unbändig, tölpisch und
verlegen ist. Sie haben viel teilnehmende Empfindungen, Gutherzigkeit
und Mitleiden, ziehen das Schöne dem Nützlichen vor und werden den
Überfluß des Unterhalts gerne in Sparsamkeit verwandeln, um den
Aufwand auf das Schimmernde und den Putz zu unterstützen. Sie sind
von sehr zärtlicher Empfindung in Ansehung der mindesten Beleidigung,
und überaus fein, den geringsten Mangel der Aufmerksamkeit und Achtung
gegen sie zu bemerken. Kurz, sie enthalten in der menschlichen Natur
den Hauptgrund der Abstechung der schönen Eigenschaften mit den
edelen, und verfeinern selbst das männliche Geschlecht.

Man wird mir hoffentlich die Herzählung der männlichen Eigenschaften,
insofern sie jenen parallel sind, schenken und sich befriedigen, beide
nur in der Gegeneinanderhaltung zu betrachten. Das schöne Geschlecht
hat ebensowohl Verstand als das männliche, nur es ist ein _schöner
Verstand_, der unsrige soll ein _tiefer Verstand_ sein, welches ein
Ausdruck ist, der einerlei mit dem Erhabenen bedeutet.

Zur Schönheit aller Handlungen gehört vornehmlich, daß sie
Leichtigkeit an sich zeigen und ohne peinliche Bemühung
scheinen vollzogen zu werden; dagegen Bestrebungen und überwundene
Schwierigkeiten Bewunderung erregen und zum Erhabenen gehören. Tiefes
Nachsinnen und eine lange fortgesetzte Betrachtung sind edel, aber
schwer, und schicken sich nicht wohl für eine Person, bei der die
ungezwungenen Reize nichts anders als eine schöne Natur zeigen
sollen. Mühsames Lernen oder peinliches Grübeln, wenn es gleich
ein Frauenzimmer darin hoch bringen sollte, vertilgen die Vorzüge,
die ihrem Geschlechte eigentümlich sind, und können dieselbe wohl
um der Seltenheit willen zum Gegenstande einer kalten Bewunderung
machen, aber sie werden zugleich die Reize schwächen, wodurch sie ihre
große Gewalt über das andere Geschlecht ausüben. Ein Frauenzimmer,
das den Kopf voll Griechisch hat, wie die Frau _Dacier_, oder über
die Mechanik gründliche Streitigkeiten führt, wie die Marquisin von
_Chastelet_, mag nur immerhin noch einen Bart dazu haben; denn dieser
würde vielleicht die Miene des Tiefsinns noch kenntlicher ausdrücken,
um welchen sie sich bewerben. Der schöne Verstand wählt zu seinen
Gegenständen alles, was mit dem feineren Gefühl nahe verwandt ist,
und überläßt abstrakte Spekulationen oder Kenntnisse, die nützlich,
aber trocken sind, dem emsigen, gründlichen und tiefen Verstande. Das
Frauenzimmer wird demnach keine Geometrie lernen; es wird vom Satze
des zureichenden Grundes oder den Monaden nur so viel wissen, als da
nötig ist, um das Salz in den Spottgedichten zu vernehmen, welche
die seichten Grübler unseres Geschlechts durchzogen haben. Die
Schönen können den Cartesius seine Wirbel immer drehen lassen,
ohne sich darum zu bekümmern, wenn auch der artige _Fontenelle_
ihnen unter den Wandelsternen Gesellschaft leisten wollte, und die
Anziehung ihrer Reize verliert nichts von ihrer Gewalt, wenn sie gleich
nichts von allem dem wissen, was _Algarotti_ zu ihrem Besten von den
Anziehungskräften der groben Materien nach dem Newton aufzuzeichnen
bemüht gewesen. Sie werden in der Geschichte sich nicht den Kopf mit
Schlachten und in der Erdbeschreibung nicht mit Festungen anfüllen;
denn es schickt sich für sie ebensowenig, daß sie nach Schießpulver,
als für die Mannspersonen, daß sie nach Bisam riechen sollen.

Es scheint eine boshafte List der Mannspersonen zu sein, daß sie das
schöne Geschlecht zu diesem verkehrten Geschmacke haben verleiten
wollen. Denn wohl bewußt ihrer Schwäche in Ansehung der natürlichen
Reize desselben, und daß ein einziger schalkhafter Blick sie mehr
in Verwirrung setze als die schwerste Schulfrage, sehen sie sich,
sobald das Frauenzimmer in diesen Geschmack einschlägt, in einer
entschiedenen Überlegenheit und sind in dem Vorteile, den sie
sonst schwerlich haben würden, mit einer großmütigen Nachsicht
den Schwächen ihrer Eitelkeit aufzuhelfen. Der Inhalt der großen
Wissenschaft des Frauenzimmers ist vielmehr der Mensch und unter
den Menschen der Mann. Ihre Weltweisheit ist nicht Vernünfteln,
sondern Empfinden. Bei der Gelegenheit, die man ihnen geben will,
ihre schöne Natur auszubilden, muß man dieses Verhältnis jederzeit
vor Augen haben. Man wird ihr gesamtes moralisches Gefühl und nicht
ihr Gedächtnis zu erweitern suchen, und zwar nicht durch allgemeine
Regeln, sondern durch einiges Urteil über das Betragen, welches sie um
sich sehen. Die Beispiele, die man aus andern Zeiten entlehnt, um den
Einfluß einzusehen, den das schöne Geschlecht in die Weltgeschäfte
gehabt hat, die mancherlei Verhältnisse, darin es in andern
Zeitaltern oder in fremden Landen gegen das männliche gestanden,
der Charakter beider, sofern er sich hiedurch erläutern läßt,
und der veränderliche Geschmack der Vergnügungen machen ihre ganze
Geschichte und Geographie aus. Es ist schön, daß einem Frauenzimmer
der Anblick einer Karte, die entweder den ganzen Erdkreis oder die
vornehmsten Teile der Welt vorstellt, angenehm gemacht werde. Dieses
geschieht dadurch, daß man sie nur in der Absicht vorlegt, um
die unterschiedlichen Charaktere der Völker, die sie bewohnen, die
Verschiedenheiten ihres Geschmacks und sittlichen Gefühls, vornehmlich
in Ansehung der Wirkung, die diese auf die Geschlechterverhältnisse
haben, dabei zu schildern, mit einigen leichten Erläuterungen aus der
Verschiedenheit der Himmelsstriche, ihrer Freiheit oder Sklaverei. Es
ist wenig daran gelegen, ob sie die besonderen Abteilungen dieser
Länder, ihr Gewerbe, Macht und Beherrscher wissen oder nicht. Ebenso
werden sie von dem Weltgebäude nichts mehr zu kennen nötig haben,
als nötig ist, den Anblick des Himmels an einem schönen Abende
ihnen rührend zu machen, wenn sie einigermaßen begriffen haben,
daß noch mehr Welten und daselbst noch mehr schöne Geschöpfe
anzutreffen sind. Gefühl für Schildereien von Ausdruck und für die
Tonkunst, nicht insofern sie Kunst, sondern Empfindung äußert, alles
dieses verfeinert oder erhebt den Geschmack dieses Geschlechts und
hat jederzeit einige Verknüpfung mit sittlichen Regungen. Niemals
ein kalter und spekulativer Unterricht, jederzeit Empfindungen,
und zwar die so nahe wie möglich bei ihrem Geschlechtverhältnisse
bleiben. Diese Unterweisung ist darum so selten, weil sie Talente,
Erfahrenheit und ein Herz voll Gefühl erfordert, und jeder andern kann
das Frauenzimmer sehr wohl entbehren, wie es denn auch ohne diese sich
von selbst gemeiniglich sehr wohl ausbildet.

Die Tugend des Frauenzimmers ist eine _schöne Tugend_.(8) Die
des männlichen Geschlechts soll eine _edele Tugend_ sein. Sie
werden das Böse vermeiden, nicht weil es unrecht, sondern weil es
häßlich ist, und tugendhafte Handlungen bedeuten bei ihnen solche,
die sittlich schön sind. Nichts von Sollen, nichts von Müssen,
nichts von Schuldigkeit. Das Frauenzimmer ist aller Befehle und
alles mürrischen Zwanges unleidlich. Sie tun etwas nur darum,
weil es ihnen so beliebt, und die Kunst besteht darin, zu machen,
daß ihnen nur dasjenige beliebe, was gut ist. Ich glaube schwerlich,
daß das schöne Geschlecht der Grundsätze fähig sei, und ich hoffe
dadurch nicht zu beleidigen, denn diese sind auch äußerst selten
beim männlichen. Dafür aber hat die Vorsehung in ihren Busen gütige
und wohlwollende Empfindungen, ein feines Gefühl für Anständigkeit
und eine gefällige Seele gegeben. Man fordere ja nicht Aufopferungen
und großmütigen Selbstzwang. Ein Mann muß es seiner Frauen niemals
sagen, wenn er einen Teil seines Vermögens um einen Freund in Gefahr
setzt. Warum will er ihre muntere Gesprächigkeit fesseln, dadurch,
daß er ihr Gemüt mit einem wichtigen Geheimnisse belästigt, dessen
Aufbewahrung ihm allein obliegt? Selbst viele von ihren Schwachheiten
sind sozureden _schöne Fehler_. Beleidigung oder Unglück bewegen ihre
zarte Seele zur Wehmut. Der Mann muß niemals andre als großmütige
Tränen weinen. Die, so er in Schmerzen oder über Glücksumstände
vergießt, machen ihn verächtlich. Die _Eitelkeit_, die man dem
schönen Geschlechte so vielfältig vorrückt, wofern sie ja an
demselben ein Fehler ist, so ist sie nur ein schöner Fehler. Denn zu
geschweigen, daß die Mannspersonen, die dem Frauenzimmer so gerne
schmeicheln, übel daran sein würden, wenn dieses nicht geneigt
wäre, es wohl aufzunehmen, so beleben sie dadurch wirklich ihre
Reize. Diese Neigung ist ein Antrieb, Annehmlichkeiten und den guten
Anstand zu zeigen, ihren munteren Witz spielen zu lassen, imgleichen
durch die veränderlichen Erfindungen des Putzes zu schimmern und ihre
Schönheit zu erhöhen. Hierin ist nun so gar nichts Beleidigendes für
andere, sondern vielmehr, wenn es mit gutem Geschmacke gemacht wird,
so viel Artiges, daß es sehr ungezogen ist, dagegen mit mürrischem
Tadel loszuziehen. Ein Frauenzimmer, das hierin gar zu flatterhaft
und gaukelnd ist, heißt eine _Närrin_; welcher Ausdruck gleichwohl
keine so harte Bedeutung hat als mit veränderter Endsilbe beim Manne,
sogar daß, wenn man sich untereinander versteht, es wohl bisweilen
eine vertrauliche Schmeichelei anzeigen kann. Wenn die Eitelkeit
ein Fehler ist, der an einem Frauenzimmer sehr wohl Entschuldigung
verdient, so ist das _aufgeblasene Wesen_ an ihnen nicht allein, so
wie an Menschen überhaupt, tadelhaft, sondern verunstaltet gänzlich
ihren Geschlechtscharakter. Denn diese Eigenschaft ist überaus
dumm und häßlich und dem einnehmenden bescheidenen Reize gänzlich
entgegengesetzt. Alsdann ist eine solche Person in einer schlüpfrigen
Stellung. Sie wird sich gefallen lassen müssen, ohne alle Nachsicht
und scharf beurteilt zu werden; denn wer auf Hochachtung pocht, fordert
alles um sich zum Tadel auf. Eine jede Entdeckung, auch des mindesten
Fehlers, macht jedermann eine wahre Freude, und das Wort _Närrin_
verliert hier seine gemilderte Bedeutung. Man muß Eitelkeit und
Aufgeblasenheit jederzeit unterscheiden. Die erstere sucht Beifall und
ehrt gewissermaßen diejenige, um deren willen sie sich diese Bemühung
gibt, die zweite glaubt sich schon in dem völligen Besitze desselben,
und indem sie keinen zu erwerben bestrebt, so gewinnt sie auch keinen.

  (8) Diese wurde oben, Seite 19, in einem strengen Urteil
  adoptierte Tugend genannt; hier, da sie um des Geschlechtscharakters
  willen eine günstige Rechtfertigung verdient, heißt sie überhaupt
  eine schöne Tugend.

Wenn einige Ingredienzien von Eitelkeit ein Frauenzimmer in den Augen
des männlichen Geschlechts gar nicht verunzieren, so dienen sie
doch, je sichtbarer sie sind, um desto mehr, das schöne Geschlecht
untereinander zu veruneinigen. Sie beurteilen einander alsdann sehr
scharf, weil eine der anderen Reize zu verdunkeln scheint, und es sind
auch wirklich diejenigen, die noch starke Anmaßungen auf Eroberung
machen, selten Freundinnen voneinander im wahren Verstande.

Dem Schönen ist nichts so sehr entgegengesetzt als der Ekel, so wie
nichts tiefer unter das Erhabene sinkt als das Lächerliche. Daher
kann einem Manne kein Schimpf empfindlicher sein, als daß er ein
_Narr_, und einem Frauenzimmer, daß sie _ekelhaft_ genannt werde. Der
englische Zuschauer hält dafür: daß einem Manne kein Vorwurf könne
gemacht werden, der kränkender sei, als wenn er für einen Lügner,
und einem Frauenzimmer kein bitterer, als wenn sie für unkeusch
gehalten wird. Ich will dieses, insofern es nach der Strenge der Moral
beurteilt wird, in seinem Werte lassen. Allein hier ist die Frage
nicht, was an sich selbst den größten Tadel verdiene, sondern was
wirklich am allerhärtesten empfunden werde. Und da frage ich einen
jeden Leser, ob, wenn er sich in Gedanken auf diesen Fall setzt,
er nicht meiner Meinung beistimmen müsse. Die Jungfer Ninon Lenclos
machte nicht die mindesten Ansprüche auf die Ehre der Keuschheit,
und gleichwohl würde sie unerbittlich beleidigt worden sein, wenn
einer ihrer Liebhaber sich in seinem Urteile so weit sollte vergangen
haben; und man weiß das grausame Schicksal des Monaldeschi um eines
beleidigenden Ausdrucks willen von solcher Art bei einer Fürstin, die
eben keine Lukretia hat vorstellen wollen. Es ist unausstehlich, daß
man nicht einmal sollte Böses tun können, wenn man gleich wollte,
weil auch die Unterlassung desselben alsdann jederzeit nur eine sehr
zweideutige Tugend ist.

Um von diesem Ekelhaften sich so weit als möglich zu entfernen,
gehört die _Reinlichkeit_, die zwar einem jeden Menschen wohl ansteht,
bei dem schönen Geschlechte unter die Tugenden vom ersten Range
und kann schwerlich von demselben zu hoch getrieben werden, da sie
gleichwohl an einem Manne bisweilen zum Übermaße steigt und alsdann
läppisch wird.

Die _Schamhaftigkeit_ ist ein Geheimnis der Natur, sowohl einer Neigung
Schranken zu setzen, die sehr unbändig ist und, indem sie den Ruf der
Natur für sich hat, sich immer mit guten, sittlichen Eigenschaften zu
vertragen scheint, wenn sie gleich ausschweift. Sie ist demnach als ein
Supplement der Grundsätze höchst nötig; denn es gibt keinen Fall,
da die Neigung so leicht zum Sophisten wird, gefällige Grundsätze
zu erklügeln, als hier. Sie dient aber auch zugleich, um einen
geheimnisvollen Vorhang selbst vor die geziemendsten und nötigsten
Zwecke der Natur zu ziehen, damit die gar zu gemeine Bekanntschaft mit
denselben nicht Ekel oder zum mindesten Gleichgültigkeit veranlasse
in Ansehung der Endabsichten eines Triebes, worauf die feinsten und
lebhaftesten Neigungen der menschlichen Natur gepfropft sind. Diese
Eigenschaft ist dem schönen Geschlecht vorzüglich eigen und ihm sehr
anständig. Es ist auch eine plumpe und verächtliche Ungezogenheit,
durch die Art pöbelhafter Scherze, welche man _Zoten_ nennt, die
zärtliche Sittsamkeit desselben in Verlegenheit oder Unwillen zu
setzen. Weil indessen, man mag nun um das Geheimnis so weit herumgehen,
als man immer will, die Geschlechterneigung doch allen den übrigen
Reizen endlich zum Grunde liegt, und ein Frauenzimmer immer als ein
Frauenzimmer der angenehme Gegenstand einer wohlgesitteten Unterhaltung
ist, so möchte daraus vielleicht zu erklären sein, warum sonst artige
Mannspersonen sich bisweilen die Freiheit nehmen, durch den kleinen
Mutwillen ihrer Scherze einige feine Anspielungen durchscheinen zu
lassen, welche machen, daß man sie _lose_ oder _schalkhaft_ nennt,
und wo, indem sie weder durch ausspähende Blicke beleidigen, noch
die Achtung zu verletzen gedenken, sie glauben berechtigt zu sein,
die Person, die es mit unwilliger oder spröder Miene aufnimmt, eine
_Ehrbarkeitspedantin_ zu nennen. Ich führe dieses nur an, weil es
gemeiniglich als ein etwas kühner Zug vom schönen Umgange angesehen
wird, auch in der Tat von jeher viel Witz darauf ist verschwendet
worden; was aber das Urteil nach moralischer Strenge anlangt, so
gehört das nicht hieher, da ich in der Empfindung des Schönen nur die
Erscheinungen zu beobachten und zu erläutern habe.

Die edlen Eigenschaften dieses Geschlechts, welche jedoch, wie wir
schon angemerkt haben, niemals das Gefühl des Schönen unkenntlich
machen müssen, kündigen sich durch nichts deutlicher und sicherer
an als durch die _Bescheidenheit_ einer Art von edler Einfalt
und Naivetät bei großen Vorzügen. Aus derselben leuchtet eine
ruhige Wohlgewogenheit und Achtung gegen andere hervor, zugleich mit
einem gewissen _edlen Zutrauen_ auf sich selbst und einer billigen
Selbstschätzung verbunden, welche bei einer erhabenen Gemütsart
jederzeit anzutreffen ist. Indem diese feine Mischung zugleich durch
Reize einnimmt und durch Achtung rührt, so stellt sie alle übrigen
schimmernden Eigenschaften wider den Mutwillen des Tadels und der
Spottsucht in Sicherheit. Personen von dieser Gemütsart haben auch
ein Herz zur Freundschaft, welches an einem Frauenzimmer niemals kann
hoch genug geschätzt werden, weil es so gar selten ist und zugleich so
überaus reizend sein muß.

Da unsere Absicht ist, über Empfindungen zu urteilen, so kann es nicht
unangenehm sein, die Verschiedenheit des Eindrucks, den die Gestalt
und Gesichtszüge des schönen Geschlechts auf das männliche machen,
womöglich unter Begriffe zu bringen. Diese ganze Bezauberung ist
im Grunde über den Geschlechtertrieb verbreitet. Die Natur verfolgt
ihre große Absicht; und alle Feinigkeiten, die sich hinzugesellen,
sie mögen nun so weit davon abzustehen scheinen, wie sie wollen, sind
nur Verbrämungen und entlehnen ihren Reiz doch am Ende aus derselben
Quelle. Ein gesunder und _derber Geschmack_, der sich jederzeit sehr
nahe bei diesem Triebe hält, wird durch die Reize des Anstandes,
der Gesichtszüge, der Augen usw. usw. an einem Frauenzimmer wenig
angefochten, und indem er eigentlich nur aufs Geschlecht geht, so sieht
er mehrenteils die Delikatesse anderer als leere Tändelei an.

Wenn dieser Geschmack gleich nicht fein ist, so ist er deswegen doch
nicht zu verachten. Denn der größte Teil der Menschen befolgt
vermittelst desselben die große Ordnung der Natur auf eine sehr
einfältige und sichere Art.(9) Dadurch werden die meisten
Ehen bewirkt, und zwar von dem emsigsten Teile des menschlichen
Geschlechts; und indem der Mann den Kopf nicht von bezaubernden
Mienen, schmachtenden Augen, edlem Anstande usw. usw. voll hat, auch
nichts von allem diesem versteht, so wird er desto aufmerksamer
auf haushälterische Tugenden, Sparsamkeit usw. usw. und auf
das Eingebrachte. Was den etwas feineren Geschmack anlangt, um
dessentwillen es nötig sein möchte, einen Unterschied unter den
äußerlichen Reizen des Frauenzimmers zu machen, so ist derselbe
entweder auf das, was in der Gestalt und dem Ausdrucke des Gesichts
_moralisch_ ist, oder auf das _Unmoralische_ geheftet. Ein Frauenzimmer
wird in Ansehung der Annehmlichkeiten von der letzteren Art _hübsch_
genannt. Ein proportionierlicher Bau, regelmäßige Züge, Farben
von Auge und Gesicht, die zierlich abstechen, lauter Schönheiten,
die auch an einem Blumenstrauße gefallen und einen kalten Beifall
erwerben. Das Gesicht selber sagt nichts, ob es gleich hübsch ist,
und redet nicht zum Herzen. Was den Ausdruck der Züge, der Augen
und der Mienen anlangt, der moralisch ist, so geht er entweder auf
das Gefühl des Erhabenen oder des Schönen. Ein Frauenzimmer,
an welchem die Annehmlichkeiten, die ihrem Geschlecht geziemen,
vornehmlich den moralischen Ausdruck des Erhabenen hervorstechen
lassen, heißt _schön_ im eigentlichen Verstande, diejenige, deren
moralische Zeichnung, sofern sie in den Mienen oder Gesichtszügen
sich kennbar macht, die Eigenschaften des Schönen ankündigt,
ist _annehmlich_ und, wenn sie es in einem höheren Grade ist,
_reizend_. Die erstere läßt unter einer Miene von Gelassenheit
und einem edlen Anstande den Schimmer eines schönen Verstandes aus
bescheidenen Blicken hervorspielen, und indem sich in ihrem Gesicht
ein zärtlich Gefühl und wohlwollend Herz abmalt, so bemächtigt
sie sich sowohl der Neigung als der Hochachtung eines männlichen
Herzens. Die zweite zeigt Munterkeit und Witz in lachenden Augen,
etwas feinen Mutwillen, das Schäkerhafte der Scherze und schalkhafte
Sprödigkeit. Sie reizt, wenn die erstere rührt, und das Gefühl
der Liebe, dessen sie fähig ist und welche sie anderen einflößt,
ist flatterhaft, aber schön, dagegen die Empfindung der ersteren
zärtlich, mit Achtung verbunden und beständig ist. Ich mag mich
nicht in gar zu ausführliche Zergliederungen von dieser Art einlassen;
denn in solchen Fällen scheint der Verfasser jederzeit seine eigene
Neigung zu malen. Indessen berühre ich noch: daß der Geschmack, den
viele Damen an einer gesunden, aber blassen Farbe finden, sich hier
verstehen lasse. Denn diese begleitet gemeiniglich eine Gemütsart
von mehr innerem Gefühl und zärtlicher Empfindung, welches zur
Eigenschaft des Erhabenen gehört, dagegen die rote und blühende Farbe
weniger von der ersteren, allein mehr von der fröhlichen und muntern
Gemütsart ankündigt; es ist aber der Eitelkeit gemäßer, zu rühren
und zu fesseln, als zu reizen und anzulocken. Es können dagegen
Personen ohne alles moralische Gefühl und ohne einigen Ausdruck, der
auf Empfindungen deutete, sehr hübsch sein, allein sie werden weder
rühren noch reizen, es sei denn denjenigen _derben Geschmack_, von
dem wir Erwähnung getan haben, welcher sich bisweilen etwas verfeinert
und dann nach seiner Art auch wählt. Es ist schlimm, daß dergleichen
schöne Geschöpfe leichtlich in den Fehler der _Aufgeblasenheit_
verfallen durch das Bewußtsein der schönen Figur, die ihnen ihr
Spiegel zeigt, und aus einem Mangel feinerer Empfindungen; da sie dann
alles gegen sich kaltsinnig machen, den Schmeichler ausgenommen, der
auf Absichten ausgeht und Ränke schmiedet.

  (9) Wie alle Dinge in der Welt auch ihre schlimme Seite haben,
  so ist bei diesem Geschmacke nur zu bedauern, daß er leichter wie
  ein anderer in Lüderlichkeit ausartet. Denn weil das Feuer, das
  eine Person entzündet hat, eine jede andre wieder löschen kann,
  so sind nicht genug Schwierigkeiten da, die eine unbändige Neigung
  einschränken könnten.

Man kann nach diesen Begriffen vielleicht etwas von der so
verschiedenen Wirkung verstehen, die die Gestalt ebendesselben
Frauenzimmers auf den Geschmack der Männer tut. Dasjenige, was
in diesem Eindrucke sich zu nahe auf den Geschlechtertrieb bezieht
und mit dem besondern _wollüstigen_ Wahne, darin sich eines jeden
Empfindung einkleidet, einstimmig sein mag, berühre ich nicht, weil es
außer dem Bezirke des feinern Geschmackes ist; und es kann vielleicht
richtig sein, was der Herr v. Buffon vermutet, daß diejenige Gestalt,
die den ersten Eindruck macht, zu der Zeit, wenn dieser Trieb noch
neu ist und sich zu entwickeln anfängt, das Urbild bleibe, worauf
in der künftigen Zeit alle weiblichen Bildungen mehr oder weniger
einschlagen müssen, welche die phantastische Sehnsucht rege machen
können, dadurch eine ziemlich grobe Neigung unter den verschiedenen
Gegenständen eines Geschlechts zu wählen genötigt wird. Was den
etwas feineren Geschmack anlangt, so behaupte ich, daß diejenige
Art von Schönheit, welche wir die _hübsche Gestalt_ genannt haben,
von allen Männern ziemlich gleichförmig beurteilt werde und daß
darüber die Meinungen nicht so verschieden seien, wie man wohl
gemeiniglich dafür hält. Die _zirkassischen_ und _georgischen_
Mädchen sind von allen Europäern, die durch ihre Länder reisen,
jederzeit für überaus hübsch gehalten worden. Die _Türken_,
die _Araber_, die _Perser_ müssen wohl mit diesem Geschmacke sehr
einstimmig sein, weil sie sehr begierig sind, ihre Völkerschaft
durch so feines Blut zu verschönern, und man merkt auch an, daß
der persischen Rasse dieses wirklich gelungen ist. Die Kaufleute von
_Indostan_ ermangeln gleichfalls nicht, von einem boshaften Handel mit
so schönen Geschöpfen großen Vorteil zu ziehen, indem sie solche
den leckerhaften Reichen ihres Landes zuführen, und man sieht, daß,
so sehr auch der Eigensinn des Geschmacks in diesen verschiedenen
Weltgegenden abweichend sein mag, dennoch dasjenige, was einmal in
einer derselben als vorzüglich _hübsch_ erkannt wird, in allen
übrigen auch dafür gehalten werde. Wo aber sich in das Urteil über
die feine Gestalt dasjenige einmengt, was in den Zügen moralisch ist,
so ist der Geschmack bei verschiedenen Mannspersonen jederzeit sehr
verschieden, sowohl nachdem ihr sittliches Gefühl selbst unterschieden
ist, als auch nach der verschiedenen Bedeutung, die der Ausdruck des
Gesichts in eines jeden Wahne haben mag. Man findet, daß diejenigen
Bildungen, die beim ersten Anblicke nicht sonderliche Wirkung tun,
weil sie nicht auf eine entschiedene Art hübsch sind, gemeiniglich,
sobald sie bei näherer Bekanntschaft zu gefallen anfangen, auch weit
mehr einnehmen und sich beständig zu verschönern scheinen; dagegen
das hübsche Ansehen, was sich auf einmal ankündigt, in der Folge
mit größerem Kaltsinn wahrgenommen wird, welches vermutlich daher
kommt, daß moralische Reize, wo sie sichtbar werden, mehr fesseln,
imgleichen weil sie sich nur bei Gelegenheit sittlicher Empfindungen in
Wirksamkeit setzen und sich gleichsam entdecken lassen, jede Entdeckung
eines neuen Reizes aber immer noch mehr derselben vermuten läßt;
anstatt daß alle Annehmlichkeiten, die sich gar nicht verhehlen,
nachdem sie gleich anfangs ihre ganze Wirkung ausgeübt haben, in der
Folge nichts weiter tun können, als den verliebten Vorwitz abzukühlen
und ihn allmählich zur Gleichgültigkeit zu bringen.

Unter diesen Beobachtungen bietet sich ganz natürlich folgende
Anmerkung dar. Das ganz einfältige und grobe Gefühl in den
Geschlechterneigungen führt zwar sehr grade zum großen Zwecke der
Natur, und indem es ihre Forderungen erfüllt, ist es geschickt,
die Person selbst ohne Umschweife glücklich zu machen, allein um der
großen Allgemeinheit willen artet es leichtlich in Ausschweifung und
Lüderlichkeit aus. An der anderen Seite dient ein sehr verfeinigter
Geschmack zwar dazu, einer ungestümen Neigung die Wildheit zu benehmen
und, indem er solche nur auf sehr wenig Gegenstände einschränkt, sie
sittsam und anständig zu machen, allein sie verfehlt gemeiniglich die
große Endabsicht der Natur, und da sie mehr fordert oder erwartet,
als diese gemeiniglich leistet, so pflegt sie die Person von so
delikater Empfindung sehr selten glücklich zu machen. Die erstere
Gemütsart wird ungeschlacht, weil sie auf alle von einem Geschlechte
geht, die zweite grüblerisch, indem sie eigentlich auf keinen geht,
sondern nur mit einem Gegenstande beschäftigt ist, den die verliebte
Neigung sich in Gedanken schafft und mit allen edlen und schönen
Eigenschaften ausziert, welche die Natur selten in einem Menschen
vereinigt und noch seltner demjenigen zuführt, der sie schätzen kann
und der vielleicht eines solchen Besitzes würdig sein würde. Daher
entspringt der Aufschub und endlich die völlige Entsagung auf die
eheliche Verbindung, oder, welches vielleicht ebenso schlimm ist,
eine grämische Reue nach einer getroffenen Wahl, welche die großen
Erwartungen nicht erfüllt, die man sich gemacht hatte; denn nicht
selten findet der äsopische Hahn eine Perle, welchem ein gemeines
Gerstenkorn besser würde geziemt haben.

Wir können hiebei überhaupt bemerken, daß, so reizend auch die
Eindrücke des zärtlichen Gefühls sein mögen, man doch Ursache
habe in der Verfeinigung desselben behutsam zu sein, wofern wir uns
nicht durch übergroße Reizbarkeit nur viel Unmut und eine Quelle von
Übel erklügeln wollen. Ich möchte edleren Seelen wohl vorschlagen,
das Gefühl in Ansehung der Eigenschaften, die ihnen selbst zukommen,
oder der Handlungen, die sie selber tun, so sehr zu verfeineren, als
sie können, dagegen in Ansehung dessen, was sie genießen oder von
andern erwarten, den Geschmack in seiner Einfalt zu erhalten: wenn
ich nur einsähe, wie dieses zu leisten möglich sei. In dem Falle
aber, daß es anginge, würden sie andere glücklich machen und auch
selbst glücklich sein. Es ist niemals aus den Augen zu lassen: daß,
in welcher Art es auch sei, man keine sehr hohen Ansprüche auf die
Glückseligkeiten des Lebens und die Vollkommenheit der Menschen machen
müsse; denn derjenige, welcher jederzeit nur etwas Mittelmäßiges
erwartet, hat den Vorteil, daß der Erfolg selten seine Hoffnung
widerlegt, dagegen bisweilen ihn auch wohl unvermutete Vollkommenheiten
überraschen.

Allen diesen Reizen droht endlich das Alter, der große Verwüster der
Schönheit, und es müssen, wenn es nach der natürlichen Ordnung gehen
soll, allmählich die erhabenen und edlen Eigenschaften die Stelle der
schönen einnehmen, um eine Person, sowie sie nachläßt liebenswürdig
zu sein, immer einer größeren Achtung wert zu machen. Meiner Meinung
nach sollte in der schönen Einfalt, die durch ein verfeinertes
Gefühl an allem, was reizend und edel ist, erhoben worden, die
ganze Vollkommenheit des schönen Geschlechts in der Blüte der Jahre
bestehen. Allmählich, sowie die Ansprüche auf Reizungen nachlassen,
könnte das Lesen der Bücher und die Erweiterung der Einsicht
unvermerkt die erledigte Stelle der Grazien durch die Musen ersetzen,
und der Ehemann sollte der erste Lehrmeister sein. Gleichwohl, wenn
selbst die allem Frauenzimmer so schreckliche Epoche des Altwerdens
herankommt, so gehört es doch auch alsdann noch immer zum schönen
Geschlecht, und es verunziert sich selbst, wenn es in einer Art
von Verzweiflung, diesen Charakter länger zu erhalten, sich einer
mürrischen und grämischen Laune überläßt.

Eine bejahrte Person, welche mit einem sittsamen und freundlichen
Wesen der Gesellschaft beiwohnt, auf eine muntere und vernünftige
Art gesprächig ist, die Vergnügen der Jugend, darin sie selbst nicht
Anteil nimmt, mit Anstand begünstigt und, indem sie für alles sorgt,
Zufriedenheit und Wohlgefallen an der Freude, die um sie vorgeht,
verrät, ist noch immer eine feinere Person als ein Mann in gleichem
Alter, und vielleicht noch liebenswürdiger als ein Mädchen, wiewohl
in einem anderen Verstande. Zwar möchte die platonische Liebe wohl
etwas zu mystisch sein, welche ein alter Philosoph vorgab, wenn er von
dem Gegenstande seiner Neigung sagte: »Die Grazien residieren in ihren
Runzeln, und meine Seele scheint auf meinen Lippen zu schweben, wenn
ich ihren welken Mund küsse«; allein dergleichen Ansprüche müssen
alsdann auch aufgegeben werden. Ein alter Mann, der verliebt tut, ist
ein Geck, und die ähnlichen Anmaßungen des andern Geschlechts sind
alsdann ekelhaft. An der Natur liegt es niemals, wenn wir nicht mit
einem guten Anstande erscheinen, sondern daran, daß man sie verkehren
will.

Damit ich meinen Text nicht aus den Augen verliere, so will ich noch
einige Betrachtungen über den Einfluß anstellen, den ein Geschlecht
aufs andere haben kann, dessen Gefühl zu verschöneren oder zu
veredlen. Das Frauenzimmer hat ein vorzügliches Gefühl für das
_Schöne_, sofern es _ihnen selbst_ zukommt, aber für das _Edle_,
insoweit es am _männlichen Geschlechte_ angetroffen wird. Der Mann
dagegen hat ein entschiedenes Gefühl für das _Edle_, was zu _seinen_
Eigenschaften gehört, für das _Schöne_ aber, insofern es an dem
_Frauenzimmer_ anzutreffen ist. Daraus muß folgen, daß die Zwecke
der Natur darauf gehen, den Mann durch die Geschlechterneigung noch
mehr zu _veredlen_ und das Frauenzimmer durch ebendieselbe noch mehr
zu _verschönern_. Ein Frauenzimmer ist darüber wenig verlegen,
daß sie gewisse hohe Einsichten nicht besitzt, daß sie furchtsam
und zu wichtigen Geschäften nicht auferlegt ist usw. usw., sie ist
schön und nimmt ein, und das ist genug. Dagegen fordert sie alle diese
Eigenschaften am Manne, und die Erhabenheit ihrer Seele zeigt sich nur
darin, daß sie diese edlen Eigenschaften zu schätzen weiß, sofern
sie bei ihm anzutreffen sind. Wie würde es sonst wohl möglich sein,
daß so viel männliche Fratzengesichter, ob sie gleich Verdienste
besitzen mögen, so artige und feine Frauen bekommen könnten! Dagegen
ist der Mann viel delikater in Ansehung der schönen Reize des
Frauenzimmers. Er ist durch die feine Gestalt desselben, die muntere
Naivetät und die reizende Freundlichkeit genugsam schadlos gehalten
wegen des Mangels von Büchergelehrsamkeit und wegen anderer Mängel,
die er durch seine eigenen Talente ersetzen muß. Eitelkeit und
Moden können wohl diesen natürlichen Trieben eine falsche Richtung
geben und aus mancher Mannsperson einen _süßen Herren_, aus dem
Frauenzimmer aber eine _Pedantin_ oder _Amazone_ machen, allein die
Natur sucht doch jederzeit zu ihrer Ordnung zurückzuführen. Man kann
daraus urteilen, welche mächtigen Einflüsse die Geschlechterneigung
vornehmlich auf das männliche Geschlecht haben könnte, um es
zu veredlen, wenn anstatt vieler trockenen Unterweisungen das
moralische Gefühl des Frauenzimmers zeitig entwickelt würde, um
dasjenige gehörig zu empfinden, was zu der Würde und zu den erhabenen
Eigenschaften des anderen Geschlechts gehört, und dadurch vorbereitet
würde, den läppischen Zieraffen mit Verachtung anzusehen und sich
keinen andern Eigenschaften als den Verdiensten zu ergeben. Es ist
auch gewiß, daß die Gewalt ihrer Reize dadurch überhaupt gewinnen
würde; denn es zeigt sich, daß die Bezauberung derselben mehrenteils
nur auf edlere Seelen wirke, die anderen sind nicht fein genug,
sie zu empfinden. Ebenso sagte der Dichter _Simonides_, als man ihm
riet, vor den _Thessaliern_ seine schönen Gesänge hören zu lassen:
»Diese Kerle sind zu dumm dazu, als daß sie von einem solchen Manne,
wie ich bin, könnten betrogen werden.« Man hat es sonst schon als
eine Wirkung des Umganges mit dem schönen Geschlecht angesehen, daß
die männlichen Sitten sanfter, ihr Betragen artiger und geschliffener
und ihr Anstand zierlicher geworden; allein dieses ist nur ein Vorteil
in der Nebensache.(10) Es liegt am meisten daran, daß der Mann
als Mann vollkommner werde und die Frau als ein Weib, d. i. daß
die Triebfedern der Geschlechterneigung dem Winke der Natur gemäß
wirken, den einen noch mehr zu veredlen und die Eigenschaften der
andren zu verschönern. Wenn alles aufs Äußerste kommt, so wird der
Mann, dreist auf seine Verdienste, sagen können: »_Wenn ihr mich
gleich nicht liebt, so will ich euch zwingen, mich hochzuachten_«,
und das Frauenzimmer, sicher der Macht ihrer Reize, wird antworten:
»_Wenn ihr uns gleich nicht innerlich hochschätzet, so zwingen wir
euch doch, uns zu lieben_.« In Ermangelung solcher Grundsätze sieht
man Männer Weiblichkeiten annehmen, um zu gefallen, und Frauenzimmer
bisweilen (wiewohl viel seltner) einen männlichen Anstand künstlen,
um Hochachtung einzuflößen; was man aber wider den Dank der Natur
macht, das macht man jederzeit sehr schlecht.

  (10) Dieser Vorteil selbst wird gar sehr gemindert durch die
  Beobachtung, welche man gemacht haben will, daß diejenigen
  Mannspersonen, welche zu früh und zu häufig in solchen
  Gesellschaften eingeflochten sind, denen das Frauenzimmer den Ton
  gibt, gemeiniglich etwas läppisch werden und im männlichen Umgange
  langweilig oder auch verächtlich sind, weil sie den Geschmack an
  einer Unterhaltung verloren haben, die zwar munter, aber doch auch
  von wirklichem Gehalt, zwar scherzhaft, aber auch durch ernsthafte
  Gespräche nützlich sein muß.

In dem ehelichen Leben soll das vereinigte Paar gleichsam eine einzige
moralische Person ausmachen, welche durch den Verstand des Mannes und
den Geschmack der Frauen belebt und regiert wird. Denn nicht allein,
daß man jenem mehr auf Erfahrung gegründete Einsicht, diesem aber
mehr Freiheit und Richtigkeit in der Empfindung zutrauen kann, so ist
eine Gemütsart, je erhabener sie ist, auch um desto geneigter, die
größte Absicht der Bemühungen in der Zufriedenheit eines geliebten
Gegenstandes zu setzen, und andererseits je schöner sie ist, desto
mehr sucht sie durch Gefälligkeit diese Bemühung zu erwidern. Es ist
also in einem solchen Verhältnisse ein Vorzugsstreit läppisch und,
wo er sich ereignet, das sicherste Merkmal eines plumpen oder ungleich
gepaarten Geschmackes. Wenn es dahin kommt, daß die Rede vom Rechte
des Befehlshabers ist, so ist die Sache schon äußerst verderbt;
denn wo die ganze Verbindung eigentlich nur auf Neigung errichtet
ist, da ist sie schon halb zerrissen, sobald sich das Sollen anfängt
hören zu lassen. Die Anmaßung des Frauenzimmers in diesem harten
Tone ist äußerst häßlich und des Mannes im höchsten Grade unedel
und verächtlich. Indessen bringt es die weise Ordnung der Dinge
so mit sich: daß alle diese Feinigkeiten und Zärtlichkeiten der
Empfindung nur im Anfange ihre ganze Stärke haben, in der Folge aber
durch Gemeinschaft und häusliche Angelegenheiten allmählich stumpfer
werden und dann in vertrauliche Liebe ausarten, wo endlich die große
Kunst darin besteht, noch genugsame Reste von jenen zu erhalten, damit
Gleichgültigkeit und Überdruß nicht den ganzen Wert des Vergnügens
aufheben, um dessentwillen es einzig und allein verlohnt hat, eine
solche Verbindung einzugehen.



Vierter Abschnitt

Von den Nationalcharaktern(11), insofern sie auf dem unterschiedlichen
Gefühl des Erhabenen und Schönen beruhen

  (11) Meine Absicht ist gar nicht, die Charaktere der Völkerschaften
  ausführlich zu schildern, sondern ich entwerfe nur einige
  Züge, die das Gefühl des Erhabenen und Schönen an ihnen
  ausdrücken. Man kann leicht erachten, daß an dergleichen
  Zeichnung nur eine leidliche Richtigkeit könne verlangt werden,
  daß die Urbilder davon nur in dem großen Haufen derjenigen, die
  auf ein feineres Gefühl Anspruch machen, hervorstechen und daß es
  keiner Nation an Gemütsarten fehle, welche die vortrefflichsten
  Eigenschaften von dieser Art vereinbaren. Um deswillen kann
  der Tadel, der gelegentlich auf ein Volk fallen möchte, keinen
  beleidigen, wie er denn von solcher Natur ist, daß ein jeglicher
  ihn wie einen Ball auf seinen Nachbar schlagen kann. Ob diese
  Nationalunterschiede zufällig seien und von den Zeitläuften und der
  Regierungsart abhängen, oder mit einer gewissen Notwendigkeit an das
  Klima gebunden seien, das untersuche ich hier nicht.


Unter den Völkerschaften unseres Weltteils sind meiner Meinung nach
die _Italiener_ und _Franzosen_ diejenigen, welche im Gefühl des
_Schönen_, die _Deutschen_ aber, _Engländer_ und _Spanier_, die
durch das Gefühl des _Erhabenen_ sich unter allen übrigen am meisten
ausnehmen. _Holland_ kann für dasjenige Land gehalten werden, wo
dieser feinere Geschmack ziemlich unmerklich wird. Das Schöne selbst
ist entweder bezaubernd und rührend, oder lachend und reizend. Das
erstere hat etwas von dem Erhabenen an sich, und das Gemüt in diesem
Gefühl ist tiefsinnig und entzückt, in dem Gefühl der zweiten Art
aber lächlend und fröhlich. Den Italienern scheint die erstere, den
Franzosen die zweite Art des schönen Gefühls vorzüglich angemessen
zu sein. In dem Nationalcharaktere, der den Ausdruck des Erhabenen
an sich hat, ist dieses entweder das von der schreckhaften Art, das
sich ein wenig zum Abenteuerlichen neigt, oder es ist ein Gefühl
für das Edle, oder für das Prächtige. Ich glaube Gründe zu haben,
das Gefühl der ersteren Art dem Spanier, der zweiten dem Engländer
und der dritten dem Deutschen beilegen zu können. Das Gefühl fürs
Prächtige ist seiner Natur nach nicht original, so wie die übrigen
Arten des Geschmacks, und obgleich ein Nachahmungsgeist mit jedem
andern Gefühl kann verbunden sein, so ist er doch dem für das
Schimmernd-Erhabene mehr eigen, denn es ist dieses eigentlich ein
gemischtes Gefühl aus dem des Schönen und des Edlen, wo jedes,
für sich betrachtet, kälter ist, und daher das Gemüt frei genug
ist, bei der Verknüpfung desselben auf Beispiele zu merken, und auch
deren Antrieb vonnöten hat. Der Deutsche wird demnach weniger Gefühl
in Ansehung des Schönen haben, als der Franzose, und weniger von
demjenigen, was auf das Erhabene geht, als der Engländer, aber in den
Fällen, wo beides verbunden erscheinen soll, wird es seinem Gefühl
mehr gemäß sein, wie er denn auch die Fehler glücklich vermeiden
wird, in die eine ausschweifende Stärke einer jeden dieser Arten des
Gefühls allein geraten könnte.

Ich berühre nur flüchtig die Künste und die Wissenschaften,
deren Wahl den Geschmack der Nationen bestätigen kann, welchen wir
ihnen beigemessen haben. Das italienische Genie hat sich vornehmlich
in der Tonkunst, der Malerei, Bildhauerkunst und der Architektur
hervorgetan. Alle diese schönen Künste finden einen gleich feinen
Geschmack in Frankreich für sich, obgleich die Schönheit derselben
hier weniger rührend ist. Der Geschmack in Ansehung der dichterischen
oder rednerischen Vollkommenheit fällt in Frankreich mehr in
das Schöne, in England mehr in das Erhabene. Die feinen Scherze,
das Lustspiel, die lachende Satire, das verliebte Tändeln und die
leicht und natürlich fließende Schreibart sind dort original. In
England dagegen Gedanken von tiefsinnigem Inhalt, das Trauerspiel, das
epische Gedicht und überhaupt schweres Gold von Witze, welches unter
französischem Hammer zu dünnen Blättchen von großer Oberfläche
kann gedehnt werden. In Deutschland schimmert der Witz noch sehr
durch die Folie. Ehedem war er schreiend, durch Beispiele aber und
den Verstand der Nation ist er zwar reizender und edler geworden, aber
jenes mit weniger Naivetät, dieses mit einem minder kühnen Schwunge
als in den erwähnten Völkerschaften. Der Geschmack der holländischen
Nation an einer peinlichen Ordnung und einer Zierlichkeit, die in
Bekümmernis und Verlegenheit setzt, läßt auch wenig Gefühl in
Ansehung der ungekünstelten und freien Bewegungen des Genies vermuten,
dessen Schönheit durch die ängstliche Verhütung der Fehler nur
würde entstellt werden. Nichts kann allen Künsten und Wissenschaften
mehr entgegen sein als ein abenteuerlicher Geschmack, weil dieser die
Natur verdreht, welche das Urbild alles Schönen und Edlen ist. Daher
hat die spanische Nation auch wenig Gefühl für die schönen Künste
und Wissenschaften an sich gezeigt.

Die Gemütscharaktere der Völkerschaften sind am kenntlichsten bei
demjenigen, was an ihnen moralisch ist; um deswillen wollen wir noch
das verschiedene Gefühl derselben in Ansehung des Erhabenen und
Schönen aus diesem Gesichtspunkte in Erwägung ziehen.(12)

  (12) Es ist kaum nötig, daß ich hier meine vorige Entschuldigung
  wiederhole. In jedem Volke enthält der feinste Teil rühmliche
  Charaktere von aller Art, und wen ein oder anderer Tadel
  treffen sollte, der wird, wenn er fein genug ist, seinen Vorteil
  verstehen, der daraus ankommt, daß er jeden andern seinem Schicksale
  überläßt, sich selbst aber ausnimmt.

Der _Spanier_ ist ernsthaft, verschwiegen und wahrhaft. Es gibt wenig
redlichere Kaufleute in der Welt als die spanischen. Er hat eine stolze
Seele und mehr Gefühl für große als für schöne Handlungen. Da
in seiner Mischung wenig von dem gütigen und sanften Wohlwollen
anzutreffen ist, so ist er öfters hart und auch wohl grausam. Das
_Autodafé_ erhält sich nicht sowohl durch den Aberglauben, als
durch die abenteuerliche Neigung der Nation, welche durch einen
ehrwürdig-schrecklichen Aufzug gerührt wird, worin es den mit
Teufelsgestalten bemalten _San Benito_ den Flammen, die eine wütende
Andacht entzündet hat, überliefern sieht. Man kann nicht sagen,
der Spanier sei hochmütiger oder verliebter als jemand aus einem
andern Volke, allein er ist beides auf eine abenteuerliche Art, die
seltsam und ungewöhnlich ist. Den Pflug stehen lassen und mit einem
langen Degen und Mantel so lange auf dem Ackerfelde spazieren, bis
der vorüberreisende Fremde vorbei ist, oder in einem Stiergefechte,
wo die Schönen des Landes einmal unverschleiert gesehen werden, seine
Beherrscherin durch einen besonderen Gruß ankündigen und dann ihr zu
Ehren sich in einen gefährlichen Kampf mit einem wilden Tiere wagen,
sind ungewöhnliche und seltsame Handlungen, die von dem Natürlichen
weit abweichen.

Der _Italiener_ scheint ein gemischtes Gefühl zu haben von dem eines
Spaniers und dem eines Franzosen; mehr Gefühl für das Schöne als
der erstere und mehr für das Erhabene als der letztere. Auf diese
Art können, wie ich meine, die übrigen Züge seines moralischen
Charakters erklärt werden.

Der _Franzose_ hat ein herrschendes Gefühl für das moralisch
Schöne. Er ist artig, höflich und gefällig. Er wird sehr geschwinde
vertraulich, ist scherzhaft und frei im Umgange, und der Ausdruck ein
_Mann_ oder eine _Dame von gutem Tone_ hat nur eine verständliche
Bedeutung für den, der das artige Gefühl eines Franzosen erworben
hat. Selbst seine erhabenen Empfindungen, deren er nicht wenige hat,
sind dem Gefühle des Schönen untergeordnet und bekommen nur ihre
Stärke durch die Zusammenstimmung mit dem letzteren. Er ist sehr
gerne witzig und wird einem Einfalle ohne Bedenken etwas von der
Wahrheit aufopfern. Dagegen, wo man nicht witzig sein kann(13),
zeigt er ebensowohl gründliche Einsicht als jemand aus irgendeinem
andern Volke, z. E. in der Mathematik und in den übrigen trockenen
oder tiefsinnigen Künsten und Wissenschaften. Ein _Bonmot_ hat bei ihm
nicht den flüchtigen Wert als anderwärts, es wird begierig verbreitet
und in Büchern aufbehalten, wie die wichtigste Begebenheit. Er
ist ein ruhiger Bürger und rächt sich wegen der Bedrückungen der
Generalpächter durch Satiren, oder durch Parlaments-Remonstrationen,
welche, nachdem sie ihrer Absicht gemäß den Vätern des Volks
ein schönes patriotisches Ansehen gegeben haben, nichts weiter
tun, als daß sie durch eine rühmliche Verweisung gekrönt und in
sinnreichen Lobgedichten besungen werden. Der Gegenstand, auf welchen
sich die Verdienste und Nationalfähigkeiten dieses Volks am meisten
beziehen, ist das Frauenzimmer.(14) Nicht, als wenn es hier mehr
als anderwärts geliebt oder geschätzt würde, sondern weil es die
beste Veranlassung gibt, die beliebtesten Talente des Witzes, der
Artigkeit und der guten Manieren in ihrem Lichte zu zeigen; übrigens
liebt eine eitele Person eines jeden Geschlechts jederzeit nur sich
selbst; die andere ist bloß ihr Spielwerk. Da es den Franzosen an
edlen Eigenschaften gar nicht gebricht, nur daß diese durch die
Empfindung des Schönen allein können belebt werden, so würde das
schöne Geschlecht hier einen mächtigern Einfluß haben können, die
edelsten Handlungen des männlichen zu erwecken und rege zu machen,
als irgend sonst in der Welt, wenn man bedacht wäre, diese Richtung
des Nationalgeistes ein wenig zu begünstigen. Es ist schade, daß die
Lilien nicht spinnen.

  (13) In der Metaphysik, der Moral und den Lehren der Religion
  kann man bei den Schriften dieser Nation nicht behutsam genug
  sein. Es herrscht darin gemeiniglich viel schönes Blendwerk, welches
  in einer kalten Untersuchung die Probe nicht hält. Der Franzose
  liebt das Kühne in seinen Aussprüchen; allein, um zur Wahrheit
  zu gelangen, muß man nicht kühn, sondern behutsam sein. In der
  Geschichte hat er gerne Anekdoten, denen nichts weiter fehlt, als
  daß zu wünschen ist, daß sie nur wahr wären.

  (14) Das Frauenzimmer gibt in Frankreich allen Gesellschaften
  und allem Umgange den Ton. Nun ist wohl nicht zu leugnen, daß die
  Gesellschaften ohne das schöne Geschlecht ziemlich schmacklos und
  langweilig sind; allein wenn die Dame darin den schönen Ton angibt,
  so sollte der Mann seinerseits den edlen angeben. Widrigenfalls wird
  der Umgang ebensowohl langweilig, aber aus einem entgegengesetzten
  Grunde: weil nichts so sehr verekelt als lauter Süßigkeit. Nach
  dem französischen Geschmacke heißt es nicht: Ist der Herr zu
  Hause?, sondern: Ist Madame zu Hause? Madame ist vor der Toilette,
  Madame hat Vapeurs (eine Art schöner Grillen); kurz, mit Madame
  und von Madame beschäftigen sich alle Unterredungen und alle
  Lustbarkeiten. Indessen ist das Frauenzimmer dadurch gar nicht mehr
  geehrt. Ein Mensch, welcher tändelt, ist jederzeit ohne Gefühl
  sowohl der wahren Achtung als auch der zärtlichen Liebe. Ich
  möchte wohl, um wer weiß wieviel, dasjenige nicht gesagt haben,
  was _Rousseau_ so verwegen behauptet: _daß ein Frauenzimmer niemals
  etwas mehr als ein großes Kind werde_. Allein der scharfsichtige
  Schweizer schrieb dieses in Frankreich, und vermutlich empfand
  er es als ein so großer Verteidiger des schönen Geschlechts mit
  Entrüstung, daß man demselben nicht mit mehr wirklicher Achtung
  daselbst begegnet.

Der Fehler, woran dieser Nationalcharakter am nächsten grenzt,
ist das Läppische oder, mit einem höflicheren Ausdrucke das
Leichtsinnige. Wichtige Dinge werden als Spaße behandelt, und
Kleinigkeiten dienen zur ernsthaftesten Beschäftigung. Im Alter singt
der Franzose alsdann noch lustige Lieder und ist, soviel er kann, auch
galant gegen das Frauenzimmer. Bei diesen Anmerkungen habe ich große
Gewährsmänner aus ebenderselben Völkerschaft auf meiner Seite und
ziehe mich hinter einen Montesquieu und d'Alembert, um wider jenen
besorglichen Unwillen sicher zu sein.

Der _Engländer_ ist im Anfange einer jeden Bekanntschaft kaltsinnig
und gegen einen Fremden gleichgültig. Er hat wenig Neigung zu kleinen
Gefälligkeiten; dagegen wird er, sobald er ein Freund ist, zu großen
Dienstleistungen auferlegt. Er bemüht sich wenig, im Umgange witzig zu
sein oder einen artigen Anstand zu zeigen, dagegen ist er verständig
und gesetzt. Er ist ein schlechter Nachahmer, frägt nicht viel
darnach, was andere urteilen, und folgt lediglich seinem eigenen
Geschmacke. Er ist in Verhältnis auf das Frauenzimmer nicht von
französischer Artigkeit, aber bezeigt gegen dasselbe weit mehr Achtung
und treibt diese vielleicht zu weit, indem er im Ehestande seiner
Frauen gemeiniglich ein unumschränktes Ansehen einräumt. Er ist
standhaft, bisweilen bis zur Hartnäckigkeit, kühn und entschlossen,
oft bis zur Vermessenheit, und handelt nach Grundsätzen gemeiniglich
bis zum Eigensinne. Er wird leichtlich ein Sonderling, nicht aus
Eitelkeit, sondern weil er sich wenig um andre bekümmert und seinem
Geschmacke aus Gefälligkeit oder Nachahmung nicht leichtlich Gewalt
tut; um deswillen wird er selten so sehr geliebt als der Franzose,
aber, wenn er gekannt ist, gemeiniglich mehr hochgeachtet.

Der _Deutsche_ hat ein gemischtes Gefühl aus dem eines Engländers und
dem eines Franzosen, scheint aber dem ersteren am nächsten zu kommen,
und die größere Ähnlichkeit mit dem letzteren ist nur gekünstelt
und nachgeahmt. Er hat eine glückliche Mischung in dem Gefühle sowohl
des Erhabenen und des Schönen; und wenn er in dem ersteren es nicht
einem Engländer, im zweiten aber dem Franzosen nicht gleichtut, so
übertrifft er sie beide, insofern er sie verbindet. Er zeigt mehr
Gefälligkeit im Umgange als der erstere, und wenn er gleich nicht
so viel angenehme Lebhaftigkeit und Witz in die Gesellschaft bringt,
als der Franzose, so äußert er doch darin mehr Bescheidenheit und
Verstand. Er ist, sowie in aller Art des Geschmacks, also auch in
der Liebe ziemlich methodisch, und indem er das Schöne mit dem Edlen
verbindet, so ist er in der Empfindung beider kalt genug, um seinen
Kopf mit den Überlegungen des Anstandes, der Pracht und des Aufsehens
zu beschäftigen. Daher sind Familie, Titel und Rang bei ihm sowohl
im bürgerlichen Verhältnisse als in der Liebe Sachen von großer
Bedeutung. Er frägt weit mehr als die vorigen darnach, _was die Leute
von ihm urteilen möchten_, und wo etwas in seinem Charakter ist,
das den Wunsch einer Hauptverbesserung rege machen könnte, so ist
es diese Schwachheit, nach welcher er sich nicht erkühnt, original
zu sein, ob er gleich dazu alle Talente hat, und daß er sich zu viel
mit der Meinung anderer einläßt, welches den sittlichen Eigenschaften
alle Haltung nimmt, indem es sie wetterwendisch und falsch gekünstelt
macht.

Der _Holländer_ ist von einer ordentlichen und emsigen Gemütsart, und
indem er lediglich auf das Nützliche sieht, so hat er wenig Gefühl
für dasjenige, was im feineren Verstande schön oder erhaben ist. Ein
großer Mann bedeutet bei ihm ebensoviel als ein reicher Mann, unter
dem Freunde versteht er seinen Korrespondenten, und ein Besuch ist ihm
sehr langweilig, der ihm nichts einbringt. Er macht den Kontrast sowohl
gegen den Franzosen als den Engländer und ist gewissermaßen ein sehr
phlegmatisierter Deutscher.

Wenn wir den Versuch dieser Gedanken in irgendeinem Falle anwenden,
um z. E. das Gefühl der Ehre zu erwägen, so zeigen sich folgende
Nationalunterschiede. Die Empfindung für die Ehre ist am Franzosen
_Eitelkeit_, an dem Spanier _Hochmut_, an dem Engländer _Stolz_, an
dem Deutschen _Hoffart_ und an dem Holländer _Aufgeblasenheit_. Diese
Ausdrücke scheinen beim ersten Anblicke einerlei zu bedeuten,
allein sie bemerken nach dem Reichtum unserer deutschen Sprache
sehr kenntliche Unterschiede. Die _Eitelkeit_ buhlt um Beifall,
ist flatterhaft und veränderlich, ihr äußeres Betragen aber ist
_höflich_. Der _Hochmütige_ ist voll von fälschlich eingebildeten
großen Vorzügen und bewirbt sich nicht viel um den Beifall
anderer, seine Aufführung ist steif und _hochtrabend_. Der _Stolz_
ist eigentlich nur ein größeres Bewußtsein seines eigenen Wertes,
der öfters sehr richtig sein kann (um deswillen er auch bisweilen ein
edler Stolz heißt; niemals aber kann ich jemanden einen edlen Hochmut
beilegen, weil dieser jederzeit eine unrichtige und übertriebene
Selbstschätzung anzeigt), das Betragen des Stolzen gegen andere ist
_gleichgültig_ und kaltsinnig. Der _Hoffärtige_ ist ein Stolzer,
der zugleich eitel ist.(15) Der Beifall aber, den er bei andern
sucht, besteht in Ehrenbezeugungen. Daher schimmert er gerne durch
Titel, Ahnenregister und Gepränge. Der Deutsche ist vornehmlich von
dieser Schwachheit angesteckt. Die Wörter: Gnädig, Hochgeneigt,
Hoch- und Wohlgeb. und dergleichen Bombast mehr, machen seine Sprache
steif und ungewandt und verhindern gar sehr die schöne Einfalt,
welche andere Völker ihrer Schreibart geben können. Das Betragen
eines Hoffärtigen in dem Umgange ist _Zeremonie_. Der _Aufgeblasene_
ist ein Hochmütiger, welcher deutliche Merkmale der Verachtung anderer
in seinem Betragen äußert. In der Aufführung ist er _grob_. Diese
elende Eigenschaft entfernt sich am weitesten vom feineren Geschmacke,
weil sie offenbar dumm ist; denn das ist gewiß nicht das Mittel,
dem Gefühl für Ehre ein Gnüge zu leisten, daß man durch offenbare
Verachtung alles um sich zum Hasse und zur beißenden Spötterei
auffordert. In der Liebe haben der Deutsche und der Engländer
einen ziemlich guten Magen, etwas fein von Empfindung, mehr aber von
gesundem und _derbem Geschmacke_. Der Italiener ist in diesem Punkte
_grüblerisch_, der Spanier _phantastisch_, der Franzose _vernascht_.

  (15) Es ist nicht nötig, daß ein Hoffärtiger zugleich
  hochmütig sei, d. h. sich eine übertriebene, falsche Einbildung
  von seinen Vorzügen mache, sondern er kann vielleicht sich nicht
  höher schätzen, als er wert ist, er hat aber nur einen falschen
  Geschmack, diesen seinen Wert äußerlich geltend zu machen.

Die Religion unseres Weltteils ist nicht die Sache eines eigenwilligen
Geschmacks, sondern von ehrwürdigerem Ursprunge. Daher können
auch nur die Ausschweifungen in derselben und das, was darin den
Menschen eigentümlich angehört, Zeichen von den verschiedenen
Nationaleigenschaften abgeben. Ich bringe diese Ausschweifungen
unter folgende Hauptbegriffe: _Leichtgläubigkeit_ (Credulität),
_Aberglaube_ (Superstition), _Schwärmerei_ (Fanaticism)
und _Gleichgültigkeit_ (Indifferentism). _Leichtgläubig_ ist
mehrenteils der unwissende Teil einer jeden Nation, ob er gleich kein
merkliches feineres Gefühl hat. Die Überredung kommt lediglich auf
das Hörensagen und das scheinbare Ansehen an, ohne daß einige Art
des feinern Gefühls dazu die Triebfeder enthielte. Die Beispiele
ganzer Völker von dieser Art muß man im Norden suchen. Der
Leichtgläubige, wenn er von abenteuerlichem Geschmack ist, wird
_abergläubisch_. Dieser Geschmack ist sogar an sich selbst ein
Grund, etwas leichter zu glauben(16), und von zwei Menschen,
deren der eine von diesem Gefühl angesteckt, der andere aber
von kalter und gemäßigter Gemütsart ist, wird der erstere,
wenn er gleich wirklich mehr Verstand hat, dennoch durch seine
herrschende Neigung eher verleitet werden, etwas Unnatürliches
zu glauben, als der andere, welchen nicht seine Einsicht, sondern
sein gemeines und phlegmatisches Gefühl vor dieser Ausschweifung
bewahrt. Der Abergläubische in der Religion stellt zwischen sich
und dem höchsten Gegenstande der Verehrung gerne gewisse mächtige
und erstaunliche Menschen, Riesen sozureden der Heiligkeit, denen
die Natur gehorcht und deren beschwörende Stimme die eisernen
Tore des Tartarus auf- oder zuschließt, die, indem sie mit ihrem
Haupte den Himmel berühren, ihren Fuß noch auf der niederen Erde
stehen haben. Die Unterweisung der gesunden Vernunft wird demnach
in _Spanien_ große Hindernisse zu überwinden haben, nicht darum,
weil sie die Unwissenheit daselbst zu vertreiben hat, sondern weil ein
seltsamer Geschmack ihr entgegensteht, welchem das Natürliche gemein
ist und der niemals glaubt, in einer erhabenen Empfindung zu sein,
wenn sein Gegenstand nicht abenteuerlich ist. Die _Schwärmerei_ ist
sozusagen eine andächtige Vermessenheit und wird durch einen gewissen
Stolz und ein gar zu großes Zutrauen zu sich selbst veranlaßt,
um den himmlischen Naturen näherzutreten und sich durch einen
erstaunlichen Flug über die gewöhnliche und vorgeschriebene Ordnung
zu erheben. Der Schwärmer redet nur von unmittelbarer Eingebung und
vom beschaulichen Leben, indessen daß der Abergläubische vor den
Bildern großer wundertätiger Heiligen Gelübde tut und sein Zutrauen
auf die eingebildeten und unnachahmlichen Vorzüge anderer Personen von
seiner eigenen Natur setzt. Selbst die Ausschweifungen führen, wie wir
oben bemerkt haben, Zeichen des Nationalgefühls bei sich, und so ist
der Fanaticismus(17) wenigstens in den vorigen Zeiten am meisten
in Deutschland und England anzutreffen gewesen und ist gleichsam ein
unnatürlicher Auswuchs des edlen Gefühls, welches zu dem Charakter
dieser Völker gehört, und überhaupt bei weitem nicht so schädlich
als die abergläubische Neigung, wenn er gleich im Anfange ungestüm
ist, weil die Erhitzung eines schwärmerischen Geistes allmählich
verkühlt und seiner Natur nach endlich zur ordentlichen Mäßigung
gelangen muß, anstatt daß der Aberglaube sich in einer ruhigen und
leidenden Gemütsbeschaffenheit unvermerkt tiefer einwurzelt und dem
gefesselten Menschen das Zutrauen gänzlich benimmt, sich von einem
schädlichen Wahne jemals zu befreien. Endlich ist ein Eiteler und
Leichtsinniger jederzeit ohne stärkeres Gefühl für das Erhabene,
und seine Religion ist ohne Rührung, mehrenteils nur eine Sache der
Mode, welche er mit aller Artigkeit begeht und kalt bleibt. Dieses
ist der praktische _Indifferentismus_, zu welchem der _französische_
Nationalgeist am meisten geneigt zu sein scheint, wovon bis zur
frevelhaften Spötterei nur ein Schritt ist, und der im Grunde, wenn
auf den inneren Wert gesehen wird, vor einer gänzlichen Absagung wenig
voraushat.

  (16) Man hat sonst bemerkt, daß die Engländer als ein so
  kluges Volk gleichwohl leichtlich durch eine dreiste Ankündigung
  einer wunderlichen und ungereimten Sache können berückt werden,
  sie anfänglich zu glauben; wovon man viele Beispiele hat. Allein
  eine kühne Gemütsart, vorbereitet durch verschiedene Erfahrungen,
  in welchen manche seltsamen Dinge gleichwohl wahr befunden worden,
  bricht geschwinde durch die kleinen Bedenklichkeiten, von denen ein
  schwacher und mißtrauischer Kopf bald aufgehalten wird und so ohne
  sein Verdienst bisweilen vor dem Irrtum verwahrt wird.

  (17) Der Fanaticism muß vom _Enthusiasmus_ jederzeit unterschieden
  werden. Jener glaubt eine unmittelbare und außerordentliche
  Gemeinschaft mit einer höheren Natur zu fühlen, dieser
  bedeutet den Zustand des Gemüts, da dasselbe durch irgendeinen
  Grundsatz über den geziemenden Grad erhitzt worden, es
  sei nun durch die Maxime der patriotischen Tugend, oder der
  Freundschaft, oder der Religion, ohne daß hiebei die Einbildung
  einer übernatürlichen Gemeinschaft etwas zu schaffen hat.

Gehen wir mit einem flüchtigen Blicke noch die anderen Weltteile
durch, so treffen wir den _Araber_ als den edelsten Menschen im
Oriente an, doch von einem Gefühl, welches sehr in das Abenteuerliche
ausartet. Er ist gastfrei, großmütig und wahrhaft; allein seine
Erzählung und Geschichte und überhaupt seine Empfindung ist jederzeit
mit etwas Wunderbarem durchflochten. Seine erhitzte Einbildungskraft
stellt ihm die Sachen in unnatürlichen und verzogenen Bildern dar, und
selbst die Ausbreitung seiner Religion war ein großes Abenteuer. Wenn
die Araber gleichsam die Spanier des Orients sind, so sind die
_Perser_ die Franzosen von Asien. Sie sind gute Dichter, höflich und
von ziemlich feinem Geschmacke. Sie sind nicht so strenge Befolger
des Islam und erlauben ihrer zur Lustigkeit aufgelegten Gemütsart
eine ziemlich milde Auslegung des Koran. Die _Japoneser_ könnten
gleichsam als die Engländer dieses Weltteils angesehen werden, aber
kaum in einer andern Eigenschaft als ihrer Standhaftigkeit, die bis zur
äußersten Halsstarrigkeit ausartet, ihrer Tapferkeit und Verachtung
des Todes. Übrigens zeigen sie wenig Merkmale eines feineren Gefühls
an sich. Die _Indianer_ haben einen herrschenden Geschmack von
Fratzen von derjenigen Art, die ins Abenteuerliche einschlägt. Ihre
Religion besteht aus Fratzen. Götzenbilder von ungeheurer Gestalt,
der unschätzbare Zahn des mächtigen Affen Hanuman, die unnatürlichen
Büßungen der Fakirs (heidnischer Bettelmönche) usw. sind in diesem
Geschmacke. Die willkürliche Aufopferung der Weiber in ebendemselben
Scheiterhaufen, der die Leiche ihres Mannes verzehrt, ist ein
scheußliches Abenteuer. Welche läppische Fratzen enthalten nicht
die weitschichtigen und ausstudierten Komplimente der _Chineser_;
selbst ihre Gemälde sind fratzenhaft und stellen wunderliche
und unnatürliche Gestalten vor, dergleichen nirgend in der Welt
anzutreffen sind. Sie haben auch ehrwürdige Fratzen, darum, weil sie
von uraltem Gebrauch sind(18), und keine Völkerschaft in der Welt
hat deren mehr als diese.

  (18) Man begeht noch in Peking die Zeremonie, bei einer Sonnen-
  oder Mondfinsternis durch großes Geräusch den Drachen zu verjagen,
  der diese Himmelskörper verschlingen will, und behält einen elenden
  Gebrauch aus den ältesten Zeiten der Unwissenheit bei, ob man gleich
  jetzt besser belehrt ist.

Die _Negers_ von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches
über das Läppische stiege. Herr _Hume_ fordert jedermann auf, ein
einziges Beispiel anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und
behauptet: daß unter den Hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren
Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viele auch
in Freiheit gesetzt werden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden
worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft oder irgendeiner
andern rühmlichen Eigenschaft etwas Großes vorgestellt habe,
obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten
Pöbel emporschwingen und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein
Ansehen erwerben. So wesentlich ist der Unterschied zwischen diesen
zwei Menschengeschlechtern, und er scheint ebenso groß in Ansehung
der Gemütsfähigkeiten als der Farbe nach zu sein. Die unter ihnen
weit ausgebreitete Religion der Fetische ist vielleicht eine Art von
Götzendienst, welcher so tief ins Läppische sinkt, als es nur immer
von der menschlichen Natur möglich zu sein scheint. Eine Vogelfeder,
ein Kuhhorn, eine Muschel oder jede andere gemeine Sache, sobald sie
durch einige Worte eingeweiht worden, ist ein Gegenstand der Verehrung
und der Anrufung in Eidschwüren. Die Schwarzen sind sehr eitel,
aber auf Negerart, und so plauderhaft, daß sie mit Prügeln müssen
auseinandergejagt werden.

Unter allen _Wilden_ ist keine Völkerschaft, welche einen so erhabenen
Gemütscharakter an sich zeigte, als die von _Nordamerika_. Sie haben
ein starkes Gefühl für Ehre, und indem sie, um sie zu erjagen,
wilde Abenteuer Hunderte von Meilen weit aufsuchen, so sind sie noch
äußerst aufmerksam, den mindesten Abbruch derselben zu verhüten,
wenn ihr ebenso harter Feind, nachdem er sie ergriffen hat, durch
grausame Qualen feige Seufzer von ihnen zu erzwingen sucht. Der
kanadische Wilde ist übrigens wahrhaft und redlich. Die Freundschaft,
die er errichtet, ist ebenso abenteuerlich und enthusiastisch,
als was jemals aus den ältesten und fabelhaften Zeiten davon
gemeldet worden. Er ist äußerst stolz, empfindet den ganzen Wert
der Freiheit und erduldet selbst in der Erziehung keine Begegnung,
welche ihm eine niedrige Unterwerfung empfinden ließe. _Lykurgus_ hat
wahrscheinlicherweise eben dergleichen Wilden Gesetze gegeben, und wenn
ein Gesetzgeber unter den sechs Nationen aufstände, so würde man eine
spartanische Republik sich in der neuen Welt erheben sehen; wie denn
die Unternehmung der Argonauten von den Kriegeszügen dieser Indianer
wenig unterschieden ist, und _Jason_ vor dem _Attakakullakulla_
nichts als die Ehre eines griechischen Namens voraushat. Alle diese
Wilden haben wenig Gefühl für das Schöne im moralischen Verstande,
und die großmütige Vergebung einer Beleidigung, die zugleich edel
und schön ist, ist als Tugend unter den Wilden völlig unbekannt,
sondern wird wie eine elende Feigheit verachtet. Tapferkeit ist das
größte Verdienst des Wilden, und Rache seine süßeste Wollust. Die
übrigen Eingebornen dieses Weltteils zeigen wenig Spuren eines
Gemütscharakters, welcher zu feineren Empfindungen aufgelegt wäre,
und eine außerordentliche Fühllosigkeit macht das Merkmal dieser
Menschengattungen aus.

Betrachten wir das Geschlechterverhältnis in diesen Weltteilen,
so finden wir, daß der _Europäer_ einzig und allein das Geheimnis
gefunden hat, den sinnlichen Reiz einer mächtigen Neigung mit so viel
Blumen zu schmücken und mit so viel Moralischem zu durchflechten,
daß er die Annehmlichkeiten desselben nicht allein überaus erhöht,
sondern auch sehr anständig gemacht hat. Der Bewohner des _Orients_
ist in diesem Punkte von sehr falschem Geschmacke. Indem er keinen
Begriff hat von dem sittlich Schönen, das mit diesem Triebe kann
verbunden werden, so büßt er auch sogar den Wert des sinnlichen
Vergnügens ein, und sein Harem ist ihm eine beständige Quelle
von Unruhe. Er gerät auf allerlei verliebte Fratzen, worunter das
eingebildete Kleinod eins der vornehmsten ist, dessen er sich vor allem
zu versichern sucht, dessen ganzer Wert nur darin besteht, daß man
es zerbricht, und von welchem man überhaupt in unserem Weltteil viel
hämischen Zweifel hegt und zu dessen Erhaltung er sich sehr unbilliger
und öfters ekelhafter Mittel bedient. Daher ist die Frauensperson
daselbst jederzeit im Gefängnisse, sie mag nun ein Mädchen sein
oder einen barbarischen, untüchtigen und jederzeit argwöhnischen
Mann haben. In den Ländern der _Schwarzen_: was kann man da Besseres
erwarten, als was durchgängig daselbst angetroffen wird, nämlich
das weibliche Geschlecht in der tiefsten Sklaverei? Ein Verzagter
ist allemal ein strenger Herr über den Schwächeren, sowie auch bei
uns derjenige Mann jederzeit ein Tyrann in der Küche ist, welcher
außer seinem Hause sich kaum erkühnt, jemanden unter die Augen zu
treten. Der Pater Labat meldet zwar, daß ein Negerzimmermann, dem er
das hochmütige Verfahren gegen seine Weiber vorgeworfen, geantwortet
habe: »Ihr Weißen seid rechte Narren, denn zuerst räumet ihr euren
Weibern so viel ein, und hernach klagt ihr, wenn sie euch den Kopf toll
machen«; es ist auch, als wenn hierin so etwas wäre, was vielleicht
verdiente, in Überlegung gezogen zu werden, allein kurzum, dieser Kerl
war vom Kopf bis auf die Füße ganz schwarz, ein deutlicher Beweis,
daß das, was er sagte, dumm war. Unter allen Wilden sind keine,
bei denen das weibliche Geschlecht in größerem wirklichen Ansehen
stände, als die von _Kanada_. Vielleicht übertreffen sie darin sogar
unseren gesitteten Weltteil. Nicht als wenn man den Frauen daselbst
demütige Aufwartungen machte; das sind nur Komplimente. Nein, sie
haben wirklich zu befehlen. Sie versammlen sich und beratschlagen
über die wichtigsten Anordnungen der Nation, über Krieg und
Frieden. Sie schicken darauf ihre Abgeordneten an den männlichen Rat,
und gemeiniglich ist ihre Stimme diejenige, welche entscheidet. Aber
sie erkaufen diesen Vorzug teuer genug. Sie haben alle häuslichen
Angelegenheiten auf dem Halse und nehmen an allen Beschwerlichkeiten
der Männer mit Anteil.

Wenn wir zuletzt noch einige Blicke auf die Geschichte werfen,
so sehen wir den Geschmack der Menschen wie einen Proteus stets
wandelbare Gestalten annehmen. Die alten Zeiten der Griechen und Römer
zeigen deutliche Merkmale eines echten Gefühls für das Schöne
sowohl als das Erhabene in der Dichtkunst, der Bildhauerkunst,
der Architektur, der Gesetzgebung und selbst in den Sitten. Die
Regierung der römischen Kaiser veränderte die edle sowohl als die
schöne Einfalt in das Prächtige und dann in den falschen Schimmer,
wovon uns noch die Überbleibsel ihrer Beredsamkeit, Dichtkunst und
selbst die Geschichte ihrer Bitten belehren können. Allmählich
erlosch auch dieser Rest des feinern Geschmacks mit dem gänzlichen
Verfall des Staats. Die Barbaren, nachdem sie ihrerseits ihre Macht
befestigten, führten einen gewissen verkehrten Geschmack ein, den man
den gotischen nennt und der auf Fratzen auslief. Man sah nicht allein
Fratzen in der Baukunst, sondern auch in den Wissenschaften und den
übrigen Gebräuchen. Das verunartete Gefühl, da es einmal durch
falsche Kunst geführt ward, nahm eher eine jede andere natürliche
Gestalt als die alte Einfalt der Natur an, und war entweder beim
Übertriebenen oder beim Läppischen. Der höchste Schwung, den das
menschliche Genie nahm, um zu dem Erhabenen aufzusteigen, bestand in
Abenteuern. Man sah geistliche und weltliche Abenteurer und oftmals
eine widrige und ungeheure Bastardart von beiden. Mönche mit dem
Meßbuch in einer und der Kriegesfahne in der andern Hand, denen ganze
Heere betrogener Schlachtopfer folgten, um in andern Himmelsgegenden
und in einem heiligeren Boden ihre Gebeine verscharren zu lassen,
eingeweihte Krieger, durch feierliche Gelübde zur Gewalttätigkeit und
Missetaten geheiligt, in der Folge eine seltsame Art von heroischen
Phantasten, welche sich Ritter nannten und Abenteuer aufsuchten,
Turniere, Zweikämpfe und romantische Handlungen. Während dieser
Zeit ward die Religion zusamt den Wissenschaften und Sitten durch
elende Fratzen entstellt, und man bemerkt, daß der Geschmack
nicht leichtlich auf einer Seite ausartet, ohne auch in allem
übrigen, was zum feineren Gefühl gehört, deutliche Zeichen
seiner Verderbnis darzulegen. Die Klostergelübde machten aus einem
großen Teil nutzbarer Menschen zahlreiche Gesellschaften emsiger
Müßiggänger, deren grüblerische Lebensart sie geschickt machte,
tausend Schulfratzen auszuhecken, welche von da in größere Welt
ausgingen und ihre Art verbreiteten. Endlich, nachdem das menschliche
Genie von einer fast gänzlichen Zerstörung sich durch eine Art von
Palingenesie glücklich wiederum erhoben hat, so sehen wir in unsern
Tagen den richtigen Geschmack des Schönen und Edlen, sowohl in den
Künsten und Wissenschaften als in Ansehung des Sittlichen, aufblühen,
und es ist nichts mehr zu wünschen, als daß der falsche Schimmer,
der so leichtlich täuscht, uns nicht unvermerkt von der edlen Einfalt
entferne, vornehmlich aber, daß das noch unentdeckte Geheimnis der
Erziehung dem alten Wahne entrissen werde, um das sittliche Gefühl
frühzeitig in dem Busen eines jeden jungen Weltbürgers zu einer
tätigen Empfindung zu erhöhen, damit nicht alle Feinigkeit bloß
auf das flüchtige und müßige Vergnügen hinauslaufe, dasjenige, was
außer uns vorgeht, mit mehr oder weniger Geschmacke zu beurteilen.

    1764.


Gedruckt in der Roßberg'schen Buchdruckerei in Leipzig.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" ***

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