Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Claus Störtebecker
Author: Engel, Georg, 1866-1931
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Claus Störtebecker" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt. Eine
Liste der sonstigen Berichtigungen am Text finden Sie am Ende des
Dokuments.

Mit _ umschlossene Texte sind im Original in einer anderen Schriftart
(Antiqua) als der Haupttext (Fraktur) gedruckt. Römische Zahlen
wurden nicht hervorgehoben.

Einfache Anführungszeichen werden als Apostrophe (') wiedergegeben,
doppelte Anführungszeichen mit Guillemets (»«).

Im Original ist jeweils der erste Buchstabe eines Kapitels mit einem
Bild dargestellt. Diese reine Textversion verzichtet auf die
Wiedergabe dieser unbeschrifteten Illustrationen.

Neben den normalen Gedankenwechseln innerhalb eines Kapitels (die als Reihe
von fünf Sternchen wiedergegeben sind), gibt es auch einen Gedankenwechsel,
der im Original aus einem weiten Abstand zwischen zwei Absätzen besteht
und im Folgenden als Reihe von drei Sternchen dargestellt ist.



       *       *       *       *       *



Georg Engel


Claus Störtebecker



Roman in zwei Bänden

Dreizehnte Auflage

Union Deutsche Verlagsgesellschaft
Stuttgart / Berlin / Leipzig


Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

Copyright 1920 by Grethlein & Co. G.m.b.H. in Leipzig / Buchschmuck
nach Entwürfen von Herbert Hauschild in Leipzig / Druck der
Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart

   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Claus Störtebecker

Erster Band


   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Das erste Buch

[Illustration]


   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --



Sinnspruch

  Geschichten und Geschichte
  wachsen und wechseln
  im Entstehen

Fontane



I.


Sommerabend. -- Über die Buchenwipfel droben auf den Dünenhöhen fährt
ein Rauschen. In langer Kette wälzt sich das bewegliche Gold der Sonne
durch die aufgescheuchten Zweige. Und zwischen den grauen Stämmen steht
blaß und aufrecht das Schweigen und starrt mit seinen unbeweglichen
Zügen auf die tanzende See.

Das Meer aber spricht, seine Augen sind bald tiefblau, bald purpurn, und
wild blitzen sie, wenn das Element herüberruft zu den Kreidefelsen, die
sich dicht unter die Wälder schmiegen wie ein weißes Knie unter ein
grünes Gewand.

Was das Meer ruft, das versteht niemand. Denn nur selten horcht ein
menschliches Ohr in den Wind, obwohl es manchmal von dort klingt, als
donnere von draußen eine Forderung herüber oder ein vergessener Schrei
aus fernen Zeiten. Doch zu deuten vermag man die Sprache des Wassers
nicht. Und dann liegt der ungeheure Spiegel wieder still. Das Abbild des
einzelnen strahlt er niemals wieder, so tief man sich auch beugt, aber
die Bewegungen des Himmels malt er ab, der goldne und der silberne Wagen
rollen über seine Scheibe, die Zeiten huschen über ihn hinweg und ein
Kranz von Völkern faßt ihn ein.

Sommerabend.

Und in der Rüste des Tages, gerade als der purpurne Ball sich im Wasser
kühlt, da steigt eine andächtige Stunde herauf. Da stockt der Tanz der
Zeiten über dem Meer, der Zug der Völker wallt deutlicher, und die
Vergangenheit schickt vom Rande des Horizontes ihr Schattenschiff an
die Gestade der Lebendigen.

Ich stehe am Ufer und sehe die Scharen aus dem Fahrzeug an mir
vorüberquillen. Sie tragen meine Züge, sie reden meine Sprache, es sind
Menschen, die nicht tot sind, denn der Mensch stirbt nicht auf Erden,
weil sein Geschick dauert. Unvermutet bin ich selbst in den Segler der
Schatten gestiegen, und ich fühle, wie ich zurückgleite in den Nebel der
Jahrhunderte. Oder vorwärts?

Von den Küsten der Vergangenheit zu den Gestaden der Gegenwart schwimmt
das Schiff unaufhörlich hin und wieder. Es trägt, was lebend ist von den
Toten, und trägt das Tote fort zu den Gewesenen. Und dann gelangt es an
einen Strich, wo man die Stimmen von beiden Küsten unterscheidet, wo sie
sich mischen und ergänzen.

Horcht! Laßt uns lauschen!

       *       *       *       *       *

Dort, wo jetzt Saßnitz seine terrassenförmig ansteigenden, weißen Villen
über der Westbucht von Rügen erhebt, da träumte zum Ausgang des
vierzehnten Jahrhunderts tiefe Ruhe in den waldgekrönten Schluchten.
Eine Ansiedlung gab es noch nicht, und der Küstenstrich führte nach der
Ansicht grüblerischer Cisterziensermönche aus dem nahen Kloster nur
deshalb seinen Namen, weil Graf Harro von Cona ein paar seiner »Sassen«,
die man auch Leibeigne nennen konnte, dort in eine elende Bretterhütte
behaust hatte, damit sie ihm von nun an fleißig den seltenen Seelachs
fingen. Einen Lohn erhielten die unfreien Fischer dafür nicht, sie
durften sich den Zehnten ihres Fangs behalten, das übrige aber mußten
sie mit einem Strandvogt abrechnen, der mit Zahlen und Peitsche wohl
umzugehen wußte. Eine besondere Vergünstigung bestand darin, daß es den
Sassen vergönnt war, auch am Sonntag zu fischen. Allein die Beute war
des Klosters, denn Graf Harro galt als ein frommer Mann und legte Wert
darauf, seinen Lachs häufig in Gesellschaft des Abtes zu verspeisen.
Wenn dann der geistliche Herr hie und da an den Hof des Herzogs von
Wolgast ritt, dann ließ der Gottesmann wohl auch unauffällig etwas von
den Wünschen des Conaer Grafen fallen, und so bezahlte sich der Lachs,
und die armen Fischer arbeiteten heimlich und ohne daß sie es ahnten, an
der Größe ihres Herrn mit. Freilich, sonder Bewußtsein. Denn in der
gebrechlichen Hütte lebte man dahin ohne Kenntnis von den Dingen der
Welt. Man stand auf, fuhr aufs Meer und warf sich abends auf die
Schilfstreu, gleich einem Werkzeug, das nach dem Gebrauch wieder in die
Ecke gestellt wird. Das gleichmäßige Schweigen aber, das sich die
Bewohner der Hütte einander vererbten, es schrieb sich dennoch her von
einem Ereignis, vor dem die Sassen eben auf Zeiten hinaus verstummt
waren. Etwa um 1366 hatte es sich zugetragen.

Der Platz in der Hütte war durch Todesfall wieder einmal erledigt. Da
wurde in den Bretterbau ein Sasse gesetzt namens Claus Beckera. Als der
Vogt ihn hineinführte, da lachte der gräfliche Beamte und meinte: »Nimm
dich in acht, Claus, daß du das Querhölzlein nicht schädigst«. Und diese
Warnung galt mit Recht, denn der neue Bewohner mußte sich tief bücken,
bevor er die Schwelle überschritt. Zu riesenhaft ragte er an Wuchs und
Gliedern, und ein langer fuchsroter Wirrbart hing ihm bis auf den Leib.
Wer ihn nicht genauer kannte, der mochte ihn infolge der Haarwildnis für
einen gereiften Mann schätzen. Er zählte aber erst fünfundzwanzig Jahre
und war ein harmloser, gutmütiger Bursche, kundig des Legens und
Knüpfens der Netze, und ein Meister mit der Axt. Bald fing er auch an,
allerlei Gerät damit zu schaffen. Er baute einen hölzernen Stall für ein
paar Ziegen, er wölbte über dem offenen Ziegelherd einen Rauchfang mit
einem Abzug, ja eines Tages begann er sogar die lehmige Erde zu bahnen
und legte Dielen. Alles, als wenn er geahnt hätte, was ihm bevorstand.
So war der Herbst hereingebrochen. Durch die Wälder der Höhen wogte es,
ein Knarren und Ächzen klagte um die Hütte auf ihrem einsamen Hügel, und
die Seegräser auf dem gelben Sand pfiffen und schwirrten, als ob die
Sichel auf einem Stein geschliffen würde. Unten stürzten die Schäumer
schmetternd gegen die gewaltigen Steine, jedoch Claus Beckera merkte
nichts von diesem ewigen Streit, denn eine finstere Nacht wölbte sich
über der Leere, und er selbst hockte geruhsam in seinem breiten
Armstuhl, den er erst vor kurzem aus rohem Eichenholz gezimmert, und
beim Schein eines qualmenden Buchenfeuers auf dem Herd rieb er eifrig an
einem eisernen Widerhaken, wie er zum Aalstechen benutzt wurde. Sein
roter Bart glänzte gleich einer feurigen Welle. Dazu grölte er ein
uraltes Schleiferlied:

  »Wetze gut,
  Dann schnett se gut --
  Der Claus, der ist der Sigrun gut.«

Zwar besaß er keinerlei Beziehung zu solch einem Menschenkind, kannte
wohl auch kaum die Trägerin eines derartigen Namens, doch der
schärfenden Wirkung des Liedes tat dies keinen Abbruch.

Das Buchenfeuer puffte, und der Riese rieb mit seinem Stein immer
emsiger über das Eisen, bis blaue Funken unter seinen Händen
hervorspritzten.

Da wurde mit klirrender Faust an die Tür geschlagen, zwei-, dreimal, das
leichte Holz zitterte, und in der Hütte dröhnte es wider.

»Sachte,« murmelte Claus, der vor Verwunderung aus seiner gebückten
Stellung nicht emporfinden konnte. »Wie? Was? Ein Mensch?« Er versuchte
sich zu sammeln und schüttelte in dumpfem Erstaunen den gewaltigen
Haarbusch; so was stellte sich hier doch nur selten ein.

»Mach auf,« forderte draußen eine rauhe Stimme, und von neuem regte sich
ein kurzes Rasseln.

Schwerfällig und ohne sich weiter Rechenschaft darüber abzulegen, ob er
klug oder vorsichtig handele, schob der Fischer den Querbalken zurück,
und sofort schlug das Licht des Herdes nach draußen. Auf dem nassen,
sturmgefegten Hügel standen zwei gepanzerte Knechte. Die führten
zwischen sich ein verwirrtes, zitterndes Geschöpf, unentschieden ob Weib
oder Mädchen, dessen kurze Röcke flatterten im Wind und die nackten Füße
sanken tief in den Sand. Ein blaues Tuch hatte das Wesen um den Kopf
gewunden. Hinter ihnen, kaum noch erreicht vom roten Flackerschein,
bemerkte der Bewohner der Hütte einen Cisterzienser, kenntlich an seinem
grauen Gewand. Doch hatte der Mönch seine Kapuze weit über die Stirn
gezogen, wie wenn er Schutz vor dem Unwetter suche oder als ob er sein
Antlitz verbergen möchte vor dem, was hier geschah.

Inzwischen war der älteste der Eisenbewehrten über die Schwelle
getreten. Dann zeigte er auf die zwei eingestickten blauen Kugeln seines
Mantels.

»Kennst du die?« fragte er kurz und bedeutsam.

Ratlos nickte der Fischer. Er starrte noch immer von einem zum anderen,
betroffen ob des unerklärlichen Aufzugs.

»Wohl,« rang er sich endlich ab, »Ihr seid des Grafen.«

»Und der Graf,« berichtete der Knecht scharf und schob sich die
Sturmhaube aus der Stirn, damit ihn der andere besser verstehen möchte,
»läßt dir sagen -- --«

»Läßt mir sagen?« echote der Fischer und fing an mit schwerer Zunge zu
stammeln, weil des Unmöglichen immer mehr wurde.

»Läßt dir sagen,« vollendete der Gewappnete finster, während er den
Schaft seiner Lanze auf die neue Diele stieß, »dies sei dein Weib«.

»Dies sei -- --«

»Dein Weib.«

Eine schwere Weile regte sich nichts zwischen den Menschen in der Hütte.
Man hörte nur die keuchenden Atemzüge des Fischers und das Bersten der
brennenden Buchenklötze. Einzig die hellblauen Augen lebten in dem
versteinten Gesicht des Sassen; die wanderten hilfeflehend und ohne eine
Spur von Verständnis von den Knechten zu dem zerzausten Mädchen, das
ebenfalls mit vorgebeugtem Leib und gefalteten Händen zu lauschen
schien, bis sich der Rücken des Riesen allmählich neigte, als ob man ihm
einen Baumstamm auf den Nacken geladen.

Plötzlich aber schnellte er empor. Das Blut schoß ihm in die erblaßten
Wangen, und die Rechte tastete nervig nach der Axt neben dem Herde.
Jetzt hätte vielleicht eine schnelle Gewalttat alles entschieden. Doch
ehe noch der schwere Holzstiel emporzutaumeln vermochte, da drängte sich
hinter den Knechten die graue Gestalt des Mönches in den Kreis der
Hadernden, und eine jugendlich schmerzerfüllte Stimme rief:

»Füge nicht zum Leid noch die Sünde!«

So ernst und mitleidsvoll klang die Mahnung, daß der
leidenschaftgeschüttelte Riese einhielt. Die Axt entsank ihm, und mit
beiden Händen und wankend griff er nach seiner Brust, denn eine
Lanzenspitze hatte das dünne Hemd bereits durchschnitten und suchte dort
bedrohlich Eingang. Dazu schrie der gepanzerte Knecht: »Wenn du leben
willst, sei vernünftig.«

»Vernünftig -- vernünftig,« gellte es dem Überwundenen zwischen die
irren, durcheinandergehetzten Sinne. Er wußte nicht, sollte er lachen
oder brüllen. War dies nicht Tollheit? Kehrte sich nicht alles Unterste
nach oben? Schaukelte seine Hütte nicht auf der tobenden See, ohne daß
er den Ausgang fand? Oder hatte man ihm vielleicht gar die Zunge
herausgeschnitten und verlangte trotzdem, er solle sprechen? Wer half?
Wer half?

In letzter Not blieben seine Blicke an dem jungen, hereingeschleppten
Mädchen haften. Warum? Weil man der Fremden wohl anmerkte, daß sie
scheu, zitternd und wider ihren Wunsch hier stand, und dann, weil die
Dirne, die man mit ihren nackten Füßen gewiß von weit her bis zu ihm
getrieben, gleichfalls ein Sassenkind war wie er, und deshalb gewohnt,
nicht nach eigenem Willen zu schalten.

Heftig trat er auf sie zu und besah sie. Vor seinem mächtigen Schritt
erschrak das Wesen, und in ihre braunen Augen trat ein offenes Flimmern
der Angst.

»Was ist mit dir?« herrschte er und ahnte nicht, wie sehr sie sich vor
seinen riesigen Armen fürchtete und vor den Haarbüscheln unter seinem
Kinn. Sie kannte, was ein grimmiger Mann vermag. Dann aber faltete sie
die Hände vor der Brust und sagte sanft und in ihr Schicksal ergeben:

»Mir geht es schlimm.«

Nichts weiter, allein die wenigen Worte fanden den Weg zum Verständnis
des Riesen. Erstaunt wich er zurück, und tief aus seinem Inneren quoll
zum erstenmal ein Bewußtsein seines Standes und seiner Lage hervor. »So
geht es uns allen,« murmelte er beinahe betroffen über die neue
Erkenntnis, »dazu sind wir geboren.«

»Genug Geschwätz,« unterbrach hier der gräfliche Knecht ungeduldig und
schaute sich hastig nach dem jungen Cisterzienser um, der allem, was
sich in der Hütte begab, mit gesenktem Haupt gelauscht hatte -- »Wir
haben noch einen weiten Weg. Beeilt Euch.«

Da sandte Claus Beckera einen letzten sehnsüchtigen Blick nach dem
Ausgang der Hütte. Als er sich jedoch davon überzeugte, daß sich die
Lanzenspitzen von neuem drohend gegen ihn richteten und wie zu gleicher
Zeit über den Leib der Magd ein ihm unbegreifliches, ja widerwärtiges
Beben lief, da entschloß er sich, vor allem sein Leben zu retten, sein
nacktes Leben, das einzige kostbare Geschenk seines Gottes!

So griff er denn gewaltsam nach der Hand des Weibes, so daß es taumelnd
an seine Seite gerissen wurde, und in rohem Ausbruch entlud sich endlich
seine Wut in vollem Hohn:

»Munter -- munter, ihr eisernen Wichte, ihr Schnapphähne -- da ich mich
doch gegen mein Unheil nicht wehren kann, so macht die Schandhochzeit
wenigstens kurz.«

Erregt trat der Mönch hinter die sinkenden Spieße. Die spielenden Feuer
huschten über sein zuckendes Antlitz. Er malte das Zeichen des Kreuzes
in die Luft und sprach mit zitternder Stimme:

»Mühsal ist das Leben, Duldung das Gebot, Seligkeit das Scheiden.
Wandelt in Frieden.«

Das Weib jedoch hörte auf nichts. Es sah starr in die Flammen des
Herdes, die es fortan schüren sollte.

       *       *       *       *       *

Mühselig kroch seitdem die Zeit dahin. Ein Tag sank arbeitsgebrochen und
müde zum anderen, und in der Hütte richtete sich das Schweigen ein. Es
wohnte dort und ließ sich aus dem engen Raum nicht mehr vertreiben. Ja,
wenn die junge Frau selbstvergessen einmal versuchte, einen hellen
Singsang aufzuschlagen, dann traf sie aus den vergrübelten Augen des
Fischers ein seltsam drohender Blick, und sofort brach die Fröhlichkeit
ab, und die zur Stille Verwiesene schaffte erschreckt und
niedergeschlagen an ihrem Tagwerk weiter. Sie wußte recht gut, der
mürrische Geselle grollte mit ihr, weil man ihm die unwillkommene Dirne
aufgedrungen. Und das fand sie auch ganz in Ordnung. Aber manchmal
strich sie doch an ihren weißen Armen herunter, und ein natürliches
Staunen befiel sie, weil der Riese, der so dicht neben ihr lebte, so gar
keinen Gefallen an ihr finden wollte. Warum? Was ihr früher widerfahren,
ein solches Erlebnis fand sie nicht ungewöhnlich. Darein mußten sich die
Dienenden einmal schicken. Vielen Mägden auf den Höfen der Mächtigen
erging es so. Und seit sie den geschützten Unterschlupf gefunden,
glaubte sie mit dem sicheren Bewußtsein eines starken Menschen, daß es
keinen Zweck hätte, noch fürder an der Vergangenheit zu zerren. Claus
Beckera war eben ein ungefüger, störrischer Klotz, dem man es nicht
leicht recht machen konnte. »Aber warte nur,« dachte sie mit weiblichem
Trotz, »auch große Mäuse fängt die Katz«. Dabei entstand unter ihren
flinken und noch merkwürdig zarten Händen allerlei Brauchbares und
Nützliches, was bis dahin dem rohen Bretterbau gemangelt. So oft Claus
von der Seefahrt heimkehrte, entdeckte er stets irgendein neues Stück
des Hausrats, ein frisches Linnenhemd, eine geflochtene Strohmatte oder
gar ein festgefügtes Bettgestell für den Eheherrn, alles Dinge, die wie
durch Zauber über Nacht an Stelle von etwas Altem und Verbrauchtem in
der Hütte gewachsen waren. Natürlich bemerkte der Riese all diese
wohnlichen Veränderungen sofort und sonder Hinweis, allein gleichmütig
und ohne Dank nahm er sie hin, warf sich auf den neuen,
linnenbesponnenen Strohsack und ließ seine Gefährtin nach wie vor auf
der Schilfstreu in der Ecke liegen.

Aber Hilda, so hieß das junge, verschleppte Geschöpf, verlangte nichts
anderes. Ja, es galt ihr ganz natürlich, daß der Fischer nicht einmal
ihren Namen zu kennen schien, denn bei den kurzen Wünschen, die er
selten an sie richtete, nannte er sie »Weib« oder »Fru«. Und darauf
gehorchte Hilda und sprang zu ihm, wie ein folgsamer Hund. Doch
allmählich wurden ihre Bewegungen langsamer. Auch darum kümmerte sich
Claus nicht, nur wunderte er sich zuweilen, wenn er das braunbezopfte
Weib jetzt öfter ruhend an der Fensterluke lehnend fand, von wo es dann
mit einem unverständlichen Lächeln und mit großen erwartenden Augen auf
den sonnenblitzenden Eisrand der See hinabstarrte.

Claus begriff das nicht, ärgerte sich auch über die ungewohnte
Versäumnis, und als er sie wieder einmal feiernd vor ihrem Ausguck
antraf, da fuhr es grob aus ihm heraus, während er die großen
Lederstiefeln krachend in eine Ecke schleuderte: »Was tust du?«

Sie wurde blutrot, sendete ihm einen halb listigen, halb demütigen Blick
zu und stotterte, langsam zum Herd zurückschleichend:

»Ich sinne.«

Leicht hätte sie auch äußern können »ich träume«, denn ihre Gedanken
waren jung und wanderlustig und ließen sich in den Verschlag des
Schweigens nicht ebenso willig bannen wie ihr Leib. In solchen Stunden
erblickte das suchende Weib die dunkle See dort draußen gleich einem
gebahnten Tanzplatz, und sie sah sich selbst dort unten mit
seidengeschmückten Männern herumspringen, die sie herzten, um ihr dann
goldene Schaumünzen um den Hals zu hängen. Fegte aber schließlich ein
rauhes Wort ihres Gefährten all den Glanz auseinander, dann seufzte sie
tief auf und bemitleidete heimlich den störrischen Gesellen, weil er für
das feine, verborgene Spiel keinen Sinn besaß.

Und doch -- auch dieser Weg ins Freie sollte der Beladenen eines Tages
gestört werden.

Frühlingsstürme pfiffen über die Dünen, Hilda stand in der offenen Tür
und sog gierig das warme Wehen ein, das einen unbestimmten Duft von
Veilchen und Tannenharz mit sich führte. Hoch oben am Waldesrand traten
die jungen Rehe heraus und äugten über die funkelnde See.

Da stieg unten vom Strand ein einzelner Mann den gewundenen Fußpfad
herauf. Hilda beugte sich spähend vor. Der Ankömmling trug ein weites
blaues Wams und derbe Holzschuhe. Im ledernen Gürtel steckte ihm eine
kurze geflochtene Peitsche, und seine Faust stützte sich klammernd an
einen mannshohen Stab, dessen Spitze in eine kleine silberne Krone
auslief. Das war der Strandvogt, eine untersetzte Gestalt mit grauer
Schifferkrause und scharfen umfalteten Augen. Wie er sich jetzt schweren
knirschenden Schrittes emporwand, mußte man wohl erkennen, daß sich der
Mann für einen Mächtigen hielt, dessen Faust das kleine zerstreute Leben
hier am Strand behüten oder auch zertrümmern konnte.

Jetzt stand er vor dem jungen Weibe, doch bevor er zu reden anhob, kniff
er erst beobachtend das linke Auge zu. Im Grunde genommen wußte er
bereits, was er zu erkunden strebte.

»Gott zum Gruß,« begann er und wies mit seinem Stabe gegen das Dach der
Hütte, »die Sparren gegen die Windseite müssen gedoppelt werden. Vergiß
das nicht.« Sein einziges offenes Auge lief geschäftig weiter. »Sieh da
-- auch ein Ziegenstall. Wieviel sind drin?«

»Drei,« erwiderte Hilda mit sich kämpfend, denn sie war sich des
Unrechtes bewußt.

»Um eines zu viel,« tadelte der Vogt, das Haupt mit der Lederkappe
bedächtig wiegend. »Nun, man wird Nachsicht haben. Man gönnt dir das
gute Fortkommen.« Bedeutsam strich er sich über den graugeringelten Bart
und trat gewichtig näher. Augenscheinlich gelangte er erst jetzt zu
seiner besonderen Absicht. »Wo ist Claus Beckera?«

»Auf See,« versetzte Hilde zögernd, wobei sie den Atem anhielt.

»Ich weiß,« bestätigte der Strandvogt. Vorsichtig blickte er sich um,
als ob er einen Lauscher fürchte, dann beugte er sich ganz nahe an die
Erblaßte heran. »Wann erwartest du deine Stunde?« forschte er ernst und
dringend. Und als das Weib ihn finster anstarrte und in die Hütte
zurückwich, um allerlei Abgebrochenes und Verwirrtes zu murmeln, da
bedrängte er die Widerspenstige nicht weiter. »Es ist gut,« meinte er
sich aufrichtend und knöpfte an der großen Ledertasche unter seinem
Gürtel herum. »Nun hadere nicht, Dirn, man will dir nicht übel. Sieh
her« -- er langte in die Tasche und wog den Inhalt dann auf der flachen
Hand -- »dessen zum Zeichen soll ich dir etwas zahlen. Es ist nicht
wenig. Vier Silbergulden.«

»Silber?« schrie Hilda, die aus ihrer fernen Ecke hervorstürzte und ein
warmer Triumph lebte in ihrer Stimme. »Jetzt wird sich Claus freuen.«

Da legte der Vogt die vier Silberlinge breit auf den Tisch. Dann wandte
er sich zum Gehen. Indessen ehe er die Schwelle erreichte, stand Hilda
schon wieder hinter ihm. Das Geld hatte sie bereits zusammengerafft.

»Daß Claus mir nicht erfährt von wem,« forderte sie schroff.

Der Angeredete wandte sich kaum. »Von mir nicht,« gab er gelassen
zurück. »Was schiert mich der Bursche? Solange er seinen Fang abliefert,
bin ich ihm nicht gram.«

Damit nickte er steifnackig, stemmte seinen Stab in den Sand und schritt
wuchtig den steilen Saumpfad hinab. Hilda starrte ihm finsteren Auges
nach, solange sie die silberne Krone blitzen sah.

Doch seit dieser Zeit wurde die Einsame nachdenklich und oft schüttelte
sie sich, als ob sie sich gegen böse Gedanken zu wehren hätte. Dann
stach es ihr durch den aufgescheuchten Sinn: »Wie, wenn man ihr
dasjenige, was sie erwartete, zu nehmen trachtete? Stellten die vier
Silbergulden nicht vielleicht das Kaufgeld dar? Man erzählte sich von
dem Conaer Herrn doch solche gewalttätigen Geschichten. Und war er nicht
auch mit dem jungen Mecklenburger Herzog geritten, als dieser an der
Spitze von allerlei Raubgesindel und Landstreichervolk die Heerstraßen
der Kaufleute von Stralsund unsicher machte? Nach einem solchen Zuge
hatte er ihr doch das blaue Kopftuch zugeworfen?« Wütend schlug sie mit
der Faust gegen die Türpfosten und reckte sich drohend, allein gleich
darauf schrak sie zusammen, und trotz der milden Frühlingsluft wurde sie
von einem Schauer durchfröstelt.

»Warte,« quoll es dabei über ihre bebenden Lippen, »ich sag's Claus. Der
läßt sich nichts nehmen.« Indessen im nächsten Augenblick stand sie
schon wieder erstarrt. Ach du lieber Gott, was schierte denn Claus der
fremde Balg? Er kümmerte sich ja nicht einmal um die Mutter, die alles
nach seinem Willen tat? Nein, nein, am besten war's wohl, auf der Hut zu
bleiben und auch das Geld nicht zu zeigen, um nicht unnötigen Fragen des
Fischers ausgesetzt zu sein.

So nähte sie denn die Silbergulden in ihren Rock ein, und nur manchmal
streifte sie ihren Genossen ängstlich und erwartungsvoll, als wünschte
sie heimlich von ganzem Herzen, er möchte endlich das Geheimnis
entdecken.

Aber seitdem war Unrast über ihr, und sie sang nicht mehr. Immer
eilfertiger flogen die Tage an ihr vorüber, und immer unsicherer wurde
ihr Gang.

Eines Nachts kehrte Claus nicht nach Hause zurück. Todmüde lehnte Hilda
an der offenen Luke und suchte das unerkennbare Grau zu durchdringen.
Vergeblich, nichts löste sich ab von dem schwarzen Dunst, in den der
Sturm oftmals wie mit einem schweren Sack hineinschlug. Nur in
entfesselter Wut lärmte die See, und im Morgendämmer fuhr an den
Strandsteinen fast ununterbrochen eine schlängelnde weiße Mauer empor.
Solange die Dunkelheit währte, hatte das verängstigte Weib von Zeit zu
Zeit einen brennenden Kienspan aus der Fensterhöhlung herausgehalten,
zum Zeichen für den auf der tosenden Fläche Herumirrenden, damit er
nicht ins Weglose getrieben würde. Doch der wütige Zug hatte das karge
Feuerlein jedesmal heißhungrig gefressen, und die nackten Arme sowie die
offene Brust des Weibes schauderten vor Kälte. Jetzt wurde es heller.
Dinge und Gerätschaften traten in der Hütte hervor. Und draußen im Stall
begann der Geißbock die harte Stirn gegen die Tür zu reiben. Verwirrt,
übernächtig blickte sich Hilda in dem engen Raume um. Es fehlte etwas
-- es war etwas von seinem Platz genommen, das sich freilich nie gütig
und freundlich gezeigt, dem aber doch alles hier eignete. Sogar sie
selbst. Und dem man wohl auch Gehorsam und Dank schuldete. Mehr wußte
sie nicht. Vergessen war ihre eigene Unkraft, verflogen die bleierne
Müdigkeit der Glieder; ihrer selbst ungewiß ergriff sie einen rohen Ast
und wankte halbnackt zum Strand hinunter. Unten über die sonst so ebene
gelbe Fläche spielte das Wasser, schwärzliche Seegrasbündel schlängelten
sich der Vorwärtswatenden um die Füße, und der Sturm stemmte sich gegen
sie wie eine gierige Faust, die ihr die Gewänder vom Leib zu reißen
strebte.

Keuchend kämpfte sich Hilda weiter.

An einem jetzt halbversunkenen Pfahl, der gestern noch im Trockenen
eingerammt war, scheuerte und zerrte sich ein Boot an zerfasertem
Strick. Das war Claus Beckera's zweiter, kleinerer Kahn, und daneben
ragte aus der Überflutung ein derber Mann in mächtigen Stiefeln auf,
abgekehrt, die Lederkappe tief über die Stirn gezogen. Seine Rechte aber
klammerte sich auch jetzt an den kronengeschmückten Stab. Gerade in der
Not legte er ihn nicht ab. Hilda erkannte ihn sofort. »Vogt,« stieß sie
hervor, »er ist draußen.«

Der Aufseher nickte, sprach jedoch nichts. Nur sein erkennender Blick,
den er auf die Erregte heftete, verriet die Meinung, wie dem Weib
vielleicht bald Hilfe nötiger sein möchte als dem Verlorenen. Inzwischen
hatte sich Hilda hoch auf die Zehen aufgerichtet. Um sich besser zu
heben, hatte sie dabei ihre Hände ganz sonder Achtung auf die Schulter
des Vogtes gestützt. Der schien nichts zu merken.

Dann warf sie die Rechte vor. »Dort draußen das Schwarze,« wies sie.

»Ein Baumstamm,« belehrte der andere. »Ich sehe ihn schon lange.« Und
halb tröstend setzte er noch hinzu: »Wir haben Seewind. Wenn er noch
lebt, wird es ihn hereinwerfen. -- Auch so,« kaute er mit geschlossenem
Munde.

Damit wandte er sich ab und schritt langsam die Dünen empor. Dort wollte
er noch einmal Ausschau halten. Draußen, hinter den rollenden Bergen
schaukelte das längliche, schwarze Ding auf und ab. Und wenn die
Zurückgebliebene ihr Sehvermögen aufs äußerste anstrengte, dann glaubte
ihre aufgescheuchte Einbildung einen dunklen Kopf und eine greifende
Faust zu erkennen. Die drohte oder winkte zu ihr herüber.

Da hielt sie sich nicht länger. Ihr Mitleid war stärker als ihre
Schwäche. Ungestüm bückte sie sich, so schwer es ihr fiel, löste die
hänfene Schnur und kletterte in das regengefüllte Boot hinein. Ihr
Glaube half ihr, denn der Kahn befand sich an der Stelle einer Strömung,
so daß das Schiff mit einer Kraft und Stetigkeit hinausgetrieben wurde,
als wären unsichtbare Segel an den fehlenden Mast gesetzt. Hochauf
spritzte die Dünung, und das zerbrechliche Gerät seufzte in Schmerz und
Jammer. Stieren Auges hockte das Weib auf dem morschen Brett, das Haupt
unveränderlich nach dem herumgeschleuderten, schwarzen Sarg gerichtet.

Jetzt -- und jetzt -- da tauchte sie wieder vor ihr auf, die Faust, die
sie halb im Traum vor sich geschaut. Mit einer wilden Bewegung warf sich
das Weib lang in den Kahn und griff nach den krallenden Fingern. Ein
wüster Kampf hob an. Der Verfallene dort unten war wohl schon der Tiefe
verschrieben, denn er wehrte und sträubte sich, bis eine sich blähende
Woge den schweren Körper plötzlich unter einem Schwall in den rettenden
Nachen stürzte. Einen Augenblick wurden die Planken überschäumt und
begraben, dann hoben sie sich wieder, kreiselten irre herum, und die
rollenden Wasser trieben das Schifflein vor sich her, gleich einem
geprügelten Hund.

Düster reckte sich das Land empor, und hoch oben gegen den verhängten
Himmel zeichnete sich die Gestalt eines Mannes ab, der staunend das
Begebnis verfolgte.

       *       *       *       *       *

Der Vogt hatte den Schiffbrüchigen in die Hütte getragen. Der mächtige
Körper ruhte jetzt auf dem Bettgestell und rang mit dem Tode. Und in der
Ecke auf der Schilfstreu erwachte zur selben Stunde ein neues Leben.
Hilda hatte einen Sohn geboren.

Ein langes, schmächtiges Knäblein. Es schrie nicht, sondern hatte die
Fäuste geballt, und die schwarzen, nächtigen Augen hielt es fordernd ins
Leere gerichtet. Nein, nicht ins Leere. Am Fußende der Streu hing die
Axt an der Wand. Später erinnerte sich die Mutter, daß ihr Sohn zur
Stunde seines Eintritts unausgesetzt die Schärfe des Beils betrachtet.
Vom Vogt war aus dem Kloster einer der Cisterzienser geholt worden. Der
schaffte nun kundig um die drei Unmächtigen herum. Zu jener Zeit
erfüllten die Klosterleute, gleichviel ob jung oder alt, willig die
Pflichten des Arztes und der Wehmutter, und die Gepflegten glaubten, es
müsse so sein. Bruder Franziskus war zudem derselbe, der in jener von
Hilda unvergessenen Nacht den erzwungenen Bund gesegnet hatte, jetzt tat
er sein Äußerstes, um die bedrohte Gemeinschaft zu erhalten. Bald flößte
er dem hingestreckten Fischer scharfe, seltsam duftende Tropfen ein, die
er in einem venezianisch geschliffenen Büchslein aus seiner Kutte zog,
bald pustete er unter die Flamme des Herdes, um der Wöchnerin einen
warmen Trank zu bieten; ja, er reinigte den Neugeborenen sogar im ersten
lauen Bade. Dabei glitt ein wohlgefälliges Lächeln über das ernsthaft
jugendliche Antlitz des Bruders, und während seine Rechte zart über die
weichen Glieder des Kleinen strich, sprach er mit der Bestimmtheit des
Erfahrenen:

»Ein edler Bau. Wie nach den Maßen der alten Meister. Möge der
Unerforschliche dies Kindlein zum Guten bilden.«

Hilda hörte es auf ihrer Schilfstreu. Und zum erstenmal zuckte es wie
Stolz um ihre Lippen, da sie daran dachte, welch adligem Ursprung der
Säugling seinem Blute nach entstammte. Zugleich aber heftete sie einen
erschreckten Blick auf das Bettgestell, wo sich der gewaltige Körper
ihres Eheherrn zu regen begann. Sofort griff sie hastig nach den
eingenähten Silbergulden.

Ja, ja, das war das Mittel, um sich gegebenen Falles von jedem Tadel
loskaufen zu können. Allein sonderbar -- so schwer sie auch die Änderung
begriff -- es traf sie kein lauter Vorwurf mehr. Noch ehe Claus auf
seinen zerschlagenen Beinen hin- und herzukriechen vermochte, hatte der
Mönch dem Entkräfteten kurz den Hergang seiner Rettung erzählt. Stumpf,
in sich gesunken, hockte der Fischer dabei auf seinem Lager und ließ nur
ab und zu einen forschenden Blick über das Neugeborene gleiten. Weder
bedankte er sich, noch gab er sonst eine Erkenntlichkeit kund. Auch
überließ er nach wie vor alle Hilfeleistung für sein Weib dem Bruder
Franziskus. Und doch -- es kam vor, daß er zuweilen die Milch der Geiß
in einem Holzschaff dicht neben der Streu der jungen Mutter
niedergleiten ließ. Keiner wußte zu welchem Zweck, und man konnte doch
annehmen, daß der Trank für Hilda und ihr Kind bestimmt sei. Ein
andermal freilich begab sich, was der glücklichen Frau anzeigte, nun sei
der Damm von Groll und Übelwollen vielleicht für immer gebrochen. Eines
Abends blieb der Mönch vor dem Aufbruch gedankenvoll an der Streu des
Kleinen stehen, und während er ihn seiner Gewohnheit gemäß zum Abschied
segnete, sprach er bestimmt:

»Nun ist es Zeit. Morgen wollen wir das Kind in das Kloster tragen, die
Taufe zu empfangen. Wie soll es heißen?«

Hierauf regte sich Hilda nicht. Sie kehrte ihr Haupt vielmehr der Wand
zu und kratzte ungeduldig mit den Nägeln gegen die Holzbohlen. Alles, um
den ungestümen Wunsch ihres Herzens zu betäuben. Statt ihrer jedoch
erhob sich der Fischer von seinem Sitz neben dem Herd, tastete sich
schwerfällig nach der Streu des Säuglings zurecht, und nachdem er in das
schmale Gesicht, neugierig und kopfschüttelnd wie stets, herabgeschaut,
da brach es plötzlich brummend und drohend aus ihm heraus, als hätte er
sich gegen einen Angriff zu wehren:

»Das Knäblein heißt wie ich, nicht anders. Claus soll es heißen.«

Da nickte der Mönch mit einem stillen Lächeln, das liegende Weib jedoch
hob ungestüm den Arm und versuchte glücklich auf der bärtigen Wange des
Riesen herumzustreicheln. Unschlüssig und verletzt schüttelte er sie ab.
Aber als nach der Taufe die junge Frau wieder in der Hütte auf und ab
wirkte, da hörte sie draußen vor dem Gebäu ihren Eheherrn singen. Das
war noch nicht. Auf leichten Sohlen schlich sie hinzu, um zu lauschen.
Im Sonnenschein saß Claus und schliff seine Axt am Feuerstein. Dazu
summte er behaglich in das Spritzen der Funken hinein:

  »Wetze gut,
  Dann schnett se gut,
  Der Claus, der ist der Hilda gut.«

Er wußte sonst keinen Namen. Es hatte nichts weiter zu bedeuten.



II.


Goldgrüne Schatten spielten um die Buchenwipfel hoch über der roten
Klostermauer. Auf einer der verfallenen Grasstufen, die in breiten,
unkrautbewachsenen Abständen zu der schmalen Eingangspforte
hinaufleiteten, hatte sich ein einsamer Bruder hingelagert. Achtsam trug
er in einer Falte seiner Kutte ein paar Brosamen weißen Hirsekuchens
verborgen, und nun streute er die Krumen in weitem Bogen den Finken,
Meisen und Amseln des Waldes hin, die in einiger Entfernung
hochaufhuschend nach den leckeren Bissen pickten. Noch hatte der Einsame
seine gefiederten Freunde nicht allzulange gefüttert, als der Schwarm
plötzlich schwirrend und rauschend auf die untersten Zweige der Buche
abzog, stutzend vor eiligen Schritten, die den Waldpfad heraufklangen.
Der Klosterbruder hob das Haupt. Der Tritt, dieses hastige, sprunghafte
Ausgreifen deuchte ihm bekannt. Seit sechzehn Jahren fast hatte er ihm
prüfend und abschätzend gelauscht. Und jetzt -- aus dem schwarzgrünen
Bogengang stürmte es hervor. Ja, Pater Franziskus kannte jene schlanke,
geschmeidige Knabengestalt in dem weißen Linnenkittel, oft hatte er die
wohlabgemessene Form dieser Knie und Waden in ihrer braungesonnten
Nacktheit bewundert, mit heimlichem Schrecken aber fast immer in die
schwarzen begehrlichen Augen hineingeschaut, die wie zwei flimmernde
Abgründe in dem schmalen Jugendantlitz brannten, ewig bereit, Nahes und
Fernes zu verschlingen. Immer aufgetan zu neuer Forderung. Niemals zu
müde, um zu suchen und zu fassen. Davor war dem Mönch nicht selten ein
drückendes Befremden aufgestiegen, denn diese rastlos einschlürfenden
Augen widersetzten sich allzusehr dem geduckten Dasein eines
Sassenkindes. Ebenso wie die braunen Wellen des Haupthaares das Gebot
der kurzen Schur leichtfertig mißachteten.

In weiten, glatten Sprüngen setzte der weiße Schatten durch den Wald.
Daher kam es, daß seine Gefährtin, ein etwa vierzehnjähriges Mädchen,
dem sein rotes Röckchen hindernd um die entblößten Beine wirbelte, eine
geraume Strecke hinter dem Buben zurückblieb. In den Kranz der blonden
Zöpfe, die das Kind dichtgeflochten und eng um das Haupt trug, waren
bläuliche und rötliche Muscheln gesteckt, und so erhielt die Kleine ein
fremdartiges und wildes Aussehen. Zu dem sanften Gesicht wollte der
absonderliche Schmuck keineswegs passen. Auch zögerte die jetzt ruhiger
Schreitende und griff sich ein paarmal verstohlen in die Flechten, in
sichtlicher Furcht, wie man das blitzende Stirnband an der Klostermauer
beurteilen würde.

In der Tat war der ungewohnte Zierat das erste, was dem Bruder, während
er sich auf seiner Grasstufe ein wenig aufrichtete, störend ins Auge
fiel. Halb unwillig riß der Ruhende ein paar Halme aus, bevor er mit
einer raschen Kopfbewegung nach den Muscheln wies:

»Wozu das, Anna? Was soll der Putz?«

Kaum war die Mißbilligung gefallen, als ein tiefes Rot über die Wangen
der Getadelten ging, ihre blauen Augen drehten sich ängstlich, und
unwillkürlich falteten sich ihre Hände vor der Brust. Dazu warf sie dem
Knaben im weißen Kittel einen jähen Blick zu, als wäre dieser der Herr,
von dem sie und ihr Schicksal abhingen. Der ließ sie auch nicht im
Stich.

»Ich hab's ihr hineingesteckt,« sagte er lachend, und seine Augen
weideten sich wohlgefällig an seinem Werk, als möchten sie sich von dem
blaufeuchten Glanz der Muscheln nicht trennen. Dazu strafften sich die
schlanken Beine, die er schon früher gespreizt aufgestemmt hielt, noch
etwas fester in den Sehnen, und der ganze Bursche sah unbekümmert und
keck aus, wie wenn nach seinem Wohlgefallen sich Regen und Sonnenschein
zu richten hätten.

Unbehaglich bemerkte es der Mönch. Gerade dieses Aufbegehren einer
unbändigen Natur suchte er zum Heile des Knaben zu unterdrücken. Der
Fischerssohn, dem er anhing, mußte gegen sein Blut geschützt werden. Das
war's. Dazu gehörte, daß man seine Unwissenheit nicht allzusehr
erhellte. Auch durfte er nicht über seinen Stand hinauswachsen oder gar,
wie er es liebte, seine Gedanken fabulierend ins Weite schweifen lassen.
Das Meer verlockte zu derartigen Nebelfahrten. Aber solches Entgleiten
war einem Sassenkind nicht günstig -- jedenfalls in solcher Jugend
nicht.

»Nimm der Dirne die Torheit aus den Haaren,« befahl er darum hart.

Claus Beckera rührte sich nicht. Nur seine Augen blitzten hartnäckig
auf, und seine Rechte vollführte eine ungläubige, fortschleudernde
Bewegung, als könnte er damit die unbegreifliche und ihm unklug dünkende
Abneigung des Klosterbruders zerstreuen.

»Es sieht gut aus,« beharrte er noch immer in Bewunderung vor dem
fremden Glanz. »Es sind Maimuscheln. Die Gnadenbilder in der
Klosterkirche und die Fräuleins auf dem Schloß tragen auch solch bunte
Steine.«

»Eben darum ziemt sich der Tand nicht für Anna Knuth, die Tochter der
Strohflechterin,« belehrte Bruder Franziskus ruhig und streckte die Hand
nach dem abenteuerlichen Schmuck aus, wobei er sich stellte, als bemerke
er das heftige Zusammenzucken des wilden Jungen nicht. »Es sind
Unterschiede in die Welt gesetzt. Sie stammen von Gott.«

Er zerpflückte jetzt die Muschelschnur zwischen den Fingern, und da er
wahrnahm, wie sein halbwüchsiger Freund, um den er sich sorgte, die rote
Unterlippe nagte, fuhr er begütigend fort: »Schau um dich, Nikolaus,
schau auf den Wald. Hier blüht der Haselstamm und wird nur ein Strauch.
Daneben aber die Buche wächst über zwanzig Ellen. Und machen doch
zusammen den schattigen Wald aus und müssen sich dulden. So geht es auch
bei den Menschen.«

Eine Weile raschelte der Wind durch die Zweige. Dann lachte der Knabe
mit einem Male hell auf.

»Was hast du?« fragte Franziskus verwundert.

Heftig reckte sich der im weißen Kittel. Ein Zug von Vorwitz und
frühreifer Spottsucht lief über sein schmales Antlitz, als er nun die
Rechte bestimmt vorwarf.

»Da sieh, Geweihter,« rief er selbstsicher, denn er gebrauchte häufig
für den Mönch die ehrfürchtige Bezeichnung seiner Mutter, »den Hasel-
und den Buchbaum hier. Ob die einander gleichen?«

»Nein,« murmelte der Cisterzienser noch im Ungewissen, »sie gleichen
einander nicht. Sie sind von verschiedener Art.«

»Aber die Menschen, die gleichen einander,« vollendete der Knabe jetzt
rechthaberisch, tat einen Luftsprung und warf seiner Begleiterin einen
Blick des Schutzes zu. »Du hast selbst gesagt, wir wären alle nach dem
Bild Gottvaters gemacht.«

Da brach der Mönch verstimmt und finster das aussichtslose Gespräch ab.
Zumal er auffangen mußte, wie das kleine Mädchen ob der Keckheit des
Burschen verstohlen zu lächeln anhob.

»Es wäre dir besser,« brummte er aufgebracht, indem er sich ratlos mit
beiden Handflächen die ergrauten Schläfenhaare zurückstrich, »dein
Vater hätte dir öfter mit dem Gürtelriemen den Rücken gewalkt.«

Als des Vaters Erwähnung geschah, wich das vorlaute Wesen des Knaben
gedankenschnell. Kleinlaut senkte er das Haupt und scharrte mit dem
nackten Fuß über den Moosboden.

»Vater rührt mich nicht an,« meldete er nachdenklich. »Er sitzt den
ganzen Tag auf der Düne und sonnt sich.«

Jetzt fuhr der Bruder mitleidsvoll über das wellige Gelock des Burschen.
Sein Groll war verschwunden. Die Erinnerung an ein ehrenhaft mühselig
Leben hielt ihn gefangen. »In deinem Vater sitzt die zehrende Sucht,«
sprach er leise, »der Frühling ist für ihn ein gefährlich Ding. Und was
tust du, sein Los zu erleichtern, Nikolaus?«

»Ich? --« Der Gefragte blickte suchend umher. Endlich schienen die
scharfen Augen etwas erwischt zu haben, als sie rückschweifend einen
schmalen Ausschnitt des durch die Stämme schimmernden Meeres entdeckten.
»Ich fahre hinaus und lege seine Netze,« verteidigte er sich
erwartungsvoll, denn er wollte gelobt werden. »Ich bringe mehr heim als
er. Manchmal bin ich die ganze Nacht fort. Und ein fein Segel hab' ich
gemacht aus rotem Packtuch,« setzte er befriedigt hinzu, »und kann den
Wind vor- und rückwärts abfangen. Davon hat der Vater nichts verstanden.
Das ist ein neu und gut Ding. Und Mühe hat es gekostet.«

»Dich nicht,« versetzte der Mönch unbeirrt, wobei er versuchte, den
irrlichternden Strahl der schwarzen Augen auszuhalten. »Lüge nicht,
Bursche. Dir ist es eine Lust, auf dem Wasser zu liegen und dich mit dem
Wind herumzuschlagen. Du dünkst dich dann besser als andere
Menschenkinder. Dort draußen fängst du auch die grilligen Gedanken, die
dir nicht taugen. Sage, was führt dich heute her?«

Jetzt trat der Knabe näher und küßte zärtlich die feine weiße Kutte des
Mönches. Ein Staatskleid der Brüder, das nur bei besonderen Anlässen
getragen wurde.

»Mir war bange nach dir, Geweihter,« brach es inbrünstig aus ihm heraus,
und er streichelte verstohlen das Tuch des faltenreichen Gewandes. »Es
quält mich oft eine Unruhe, wenn ich dich nicht nach diesem oder jenem
fragen kann. Denn du weißt alles, was mir fehlt.«

Da verbarg Pater Franziskus ein halbes Lächeln.

»Du Tor,« wies er bescheiden die übertriebene Meinung ab, »ich weiß
nicht einmal, was deine Gespielin dort zwischen den beiden Binsendeckeln
trägt. Was ist's?«

»Ja, das rätst du nicht,« schrie Nikolaus Beckera, plötzlich wieder in
seine wilde Heftigkeit zurückfahrend, und dabei stürzte er auf das
Mädchen zu und riß ihr ohne weiteres das grüne Geflecht aus den Händen.
»Gib her -- ein wunderlich Tier,« stammelte er atemlos und brach die
Deckel auseinander. »Dergleichen gibt es sonst nicht in unserem Wasser.
Und dir gehört es, Geweihter, dir allein.«

Eine ungeheure Scholle kam zum Vorschein, dunkelgrau mit roten Punkten
und wohl anderthalb Fuß im Durchmaß. Der Fisch glänzte perlmutterfarbig
in der Sonne. Bewundernd standen die drei um den seltenen Fang herum,
und die Kinder lachten vor Freude, als der Pater mit Kennermiene den
Finger spitz in den Rücken der Scholle setzte, um wohlgefällig das
Fleisch des Tieres auf seine Festigkeit hin zu prüfen.

»Ein herrlich Stück,« gestand der Bruder selbstvergessen und klopfte dem
Spender dankbar die Wange. Allein unvermutet hielt er inne, ein
feindlicher Gedanke schien seine offene Lust zu hemmen.

»Was gibt's?« rief der Junge erschreckt.

Der Bruder maß ihn prüfend von oben bis unten.

»Hat der Vogt deinen Fang gesehen?«

Jetzt zuckte das kleine Mädchen, wie von einem Streich getroffen, zurück
und sprang Schutz suchend hinter den nächsten Baumstamm. Claus Beckera
aber wurde seltsam bleich. Dann begannen seine schlanken Glieder vor
Zorn oder vor Scham zu zittern. Etwas Haßerfülltes, von Leidenschaft
Überwältigtes brodelte aus seinen schwarzen Augen.

»Der Vogt weiß von nichts,« widersprach er hart und schob die Faust
geballt von sich. »Ich hab' das Tier die ganze Nacht über zwischen den
Strandsteinen versteckt.«

Kopfschüttelnd wies der Mönch das Geschenk von sich, auch entsetzte er
sich heimlich darüber, wie wenig sein Zögling zu Bescheidenheit und zu
geduldigem Dienst zu lenken wäre.

»Weißt du nicht,« ermahnte er heftig und hob drohend den Finger, »daß
all dein Fang dem Grafen eignet? Was soll ich mit dem entwendeten Gut?«

»Essen,« schrie Claus, der noch immer zitterte und bebte. Und wie
tückische Pfeile schnellten die Worte von ihm: »Der Graf hat satt. Wie
kann er uns das nehmen, was wir fangen? Gehört ihm die See?«

»Wem gehört sie sonst?«

»Dem, der auf ihr segelt und Netze legt,« eiferte der Knabe ohne jedes
Besinnen. Schmetternd warf er den Fisch auf den Waldboden und machte
Miene, ihn mit seinen nackten Füßen zu zerstampfen.

»Claus,« rief das kleine Mädchen hinter seinem Baum um Erbarmen flehend.

Jetzt sprang auch der Bruder hinzu, bückte sich und riß den
Flossenträger an sich. Dunkelrot war das weiße Gesicht des Mönches
übergossen. Es blieb unentschieden, ob vor Anstrengung oder weil er den
feinen Mund des Fischerssohnes in befriedigtem Triumph lächeln sah.

»Unsinniger,« zürnte er in ehrlichem Unwillen, »Gottes gedeihliche Gabe
vernichten? Oh, ich sehe, ich bin zu schwach gegen den bösen Geist, der
in dir wohnt. Geh mir aus den Augen und kehre so bald nicht wieder.«

Einen Augenblick blieb es still zwischen den dreien, dann wandte sich
Pater Franziskus, den Fisch noch immer in den flachen Händen, und stieg
mit weiten Schritten die Grasstufen in die Höhe. Bald mußte er das kaum
mannshohe Pförtlein in der Mauer erreicht haben. Da geschah etwas
Unerwartetes.

Ebensoschnell wie Claus Beckera in Zorn und Wut hineingerast war, so
erfaßte ihn jetzt eine verzweifelte Reue. Urplötzlich füllten sich seine
funkelnden Augen mit Tränen und unbekümmert darum, ob seine kleine
Gefährtin sein Handeln begriffe, stürzte er auf die unterste Stufe
nieder, wo er die Arme wild emporwarf, als könnte er so den
Entweichenden zurückhalten.

»Tu das nicht, Geweihter,« schluckte er schmerzzerrissen. »Ich hab' dich
lieb. Und wer soll mir die Hand auf die Stirn legen, wenn mich die
Schmerzen quälen, die mich blind machen? Nein, tu das nicht, Geweihter
-- tu das nicht.«

Noch zitterte die Klage dieses wahrhaftigen Knabenschmerzes unter den
sonnenstillen Bäumen, noch hatte sich der leichtgerührte Bruder nicht
völlig gewandt, da klang in der Schwärze des Waldes ein Horn. Zugleich
hörte man den Hufschlag der Rosse.

Einen Augenblick wurzelten die drei auf der grünen Lichtung fest. Dann
geriet Leben in den Mönch, und während er die Scholle eilfertig auf
einen Mauervorsprung zu betten suchte, segnete er Gott im stillen für
die gelegene Unterbrechung. Wohltätig enthob sie ihn der begehrten
Versöhnung mit dem aufgeregten Knaben.

»Sie kommen,« rief er dem verblüfften Fischer zu, der ohnehin alles, was
bis dahin geschehen, längst vergessen hatte. Ungestüm war er
aufgesprungen, um nun, fiebernd vor Neugier, das dicke Gehölz zu
durchdringen.

»Vier -- fünf -- zehn Pferde,« zählte er, »sieh -- sieh, Anna,
Stahlpanzer und seidene Mäntel.«

»Dänische Herren,« berichtete der Bruder erregt und strich sich die
weiße Kutte glatt, »reiten auf Tagfahrt nach Stralsund und nehmen zur
Nacht hier Obdach.«

Gespannt drängten sich die Kinder an beide Seiten ihres Freundes. Kaum
konnte er sich ihrer erwehren.

»Dänen?« stammelte Claus zweifelhaft. Denn er vermochte nicht mit
Sicherheit anzugeben, wo jene Völkerschaft seßhaft wäre. »Was treiben
die in Stralsund?«

Doch der Mönch schüttelte ihn ab, ohne den stets regen Eifer des
Wißbegierigen befriedigen zu wollen.

»Wozu brauchst du das erfahren, Claus?« weigerte er sich vorsichtig.
»Was kümmern dich die Händel von Königen und Herren? Diesmal zwar
handelt es sich um eine gerechte Sache,« setzte er mehr für sich hinzu,
»gilt es doch, die Horde der gesetzlosen Schuimer zu vertilgen.«

Da packte ihn der Knabe heftig am Kleid. »Was sind Schuimer?« drängte er
ungebärdig. »Sag es mir.«

Der Mönch erschrak. Gar zu wild brannten die dunklen Knabenaugen in die
seinen. Das geheimnisvolle Wort, das im Volk für die unter der schwarzen
Flagge Herumstreifenden umging, schien in der unbeherrschten Seele ein
Feuer entzündet zu haben. Wieder rettete der Pater seine Verlegenheit
hinter strenge Abweisung.

»Schweig,« befahl er. »Was schiert sich ein Sasse, der von der
Herrschaft gut gehalten wird, um die von jedem Ehrsamen gemiedene Brut
der Friedlosen? Danke Gott im stillen dafür -- der du ein nährend
Gewerbe und einen sicheren Platz hast -- daß die Fürsten und Städtischen
dem wüsten Drang ein Ende machen wollen. Merk' dir, Bursche, solange das
Gelichter nicht von der See fortgefegt wird, so lange kannst du, wenn du
ehrlich bist, unter deinem Dach nicht ruhig schlafen.«

Schon wurden die buntgeschirrten Rosse unter den Stämmen sichtbar. So
blieb Pater Franziskus nur noch Zeit, die Kinder beiseite zu schieben
und den wesenlos Gaffenden gutmütig zuzuflüstern:

»Schaut auf die Vordersten. Ja, die Beiden. Das sind die Gesandten der
Königin. Der Drost Reichshofmeister Henning von Putbus. Und der
Hauptmann Konrad von Moltke. Gar stolze und mächtige Herren.«

Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte Claus Beckera nun das sich
entwickelnde farbige Bild. Er merkte nicht einmal, wie er dabei
krampfhaft die Hand seiner kleinen Gefährtin ergriffen hatte. So
übergewaltig, so betörend wirkte auf ihn der goldige Glanz der Großen.
Allmählich spann sich ein feines, unwirkliches Netz vor seine
hinstarrenden Blicke, und er zuckte beinahe schmerzhaft zusammen, sobald
aus dem Gewebe ein besonders greller Blitz auf ihn zuschoß. Da --

Trat aus der Pforte über den Grasstufen nicht der Abt mit seinem Prior
hervor? Beides hinfällige Greise. In seinem schneeweißen Gewand, das
goldene Kreuz klappernd auf den dürren Gliedern, trippelte das Männchen,
achtsam auf jedem Absatz die Schleppe hebend, auf den ersten der Reiter
zu, um endlich dem Reichshofmeister mit zitternder Hand einen silbernen
Pokal entgegen zu reichen. Auf breitem Gaul saß der Drost zurückgelehnt,
die überlangen Beine gewaltig gespreizt, denn die flickenreiche
Zaddeltracht beengte den hochaufgeschossenen Mann. Zwiefältig war das
Staatskleid zusammengesetzt, auf der linken Seite rot, auf der rechten
gelb, während Arme und Beine umgekehrt bekleidet waren. Dazu saß ihm
eine ungeheure blaue Wulsthaube auf dem verkerbten Haupt, von der ihm
noch eine riesige blaue Fahne fast bis an die Knie hinunterfloß. Man sah
ihm an, der lange Ritt hatte ihm heiß gemacht, denn er schob
luftschöpfend an dem schwarzen Ledergürtel unterhalb seiner schmalen
Hüften herum, und wenn die tiefliegenden lauernden Augen nicht
widersprochen hätten, so hätte man den Reichshofmeister der Königin
Margaretha für einen abgedienten und eitlen Höfling halten können. Aber
die Augen wohnten ihm unter graustruppigen Brauen wie der Fuchs in
seinem Bau. Aufmerksam, sprungbereit. Und über die verschrumpfte Stirn
flog manchmal ein erhellender Blitz. Nicht umsonst ging die Sage, diese
vermorschte, im Winde schwankende Leiter hätte die Sprossen geboten, auf
denen die zierlichen Füße seiner Königin bis in die kältesten Höhen der
Staatskunst emporgeklettert wären. Doch die Sage fügte ihm Unrecht zu,
denn er selbst hatte in dem fürstlichen Frauengemach erst die
unmerklichen Windungen und herzenskühlen Methoden gelernt, die die
nordische Welt jetzt in Spannung hielten. Von ganz anderer Art war sein
Gefährte, der dicht neben ihm seinem gescheckten Schimmel wuchtig den
schweißenden Hals klopfte. In einem verregneten Lederkoller hockte der
Hauptmann Konrad von Moltke auf seinem abgetriebenen sehnigen Gaul. Sein
linkes, von einem grünen Strumpf umspanntes Bein hatte er lässig in die
Höhe gezogen, so daß er den Arm darauf stützen konnte. Und auf diesem
ruhte wieder der völlig kahle, in der Sonne glänzende Schädel, unter dem
eine krumme Geiernase rauflustig und hochmütig in die Welt stach. Die
eiserne Sturmhaube, die den beinernen Totenkopf wohl allzusehr drücken
mochte, hing ihm schaukelnd vom Sattel, und die rot verschwollenen
Augenlider blieben hartnäckig geschlossen, vielleicht vor Müdigkeit,
vielleicht aus Abneigung gegen das Mönchsgesindel, dem seine Herrin so
auffallende Bevorzugung erwies. Man munkelte da allerlei. Der
verkniffene Mund des Dänen jedoch redete laut von Geiz und Beutesucht.

»Er sieht aus wie der Seeadler, wenn man ihm die Federn ausgerupft hat,«
dachte Claus Beckera staunend, ohne den gierigen Blick von dem
Knochenmann abwenden zu können.

Inzwischen hatte sich die hinfällige Kinderfigur des Abtes auf den Zehen
aufgerichtet. Ängstlich vor dem scharrenden Braunen ausweichend, reichte
er dem Reichshofmeister seinen Becher dar. Das Männchen, dem ein paar
einzelne graue Locken verloren um die Stirn flatterten, machte
unverkennbar den Eindruck, als ob er sich hinter seinen Pergamentrollen
wohler fühle als bei dieser ungewohnten Staatshandlung.

»Herr Henning von Putbus,« lispelte er ohne Mark und kaum hörbar,
»Reichshofmeister und Drost der großmächtigen -- -- --«

Hier klatschte der Knochenmann seinem Gaul höchst wuchtig gegen den Hals
und kniff seine Lider immer unbegreiflicher zusammen.

Der Abt verwirrte sich.

»Der Herr führte Euch zum Segen an die deutsche Küste,« stotterte er
verlegen und begann mit dem Becher hin und her zu zittern. »Er führte
Euch an die Küste -- ja -- und möge die Tagfahrt zu Stralsund Euren
Wünschen entsprechen.«

Höflich streckte der Hagere seine Beine noch steifer von sich, ergriff
den Becher und verneigte sich so geschmeidig, wie man von dem
vertrockneten Gerüst in dem Geckengewand kaum erwarten konnte. »Da der
redliche Abscheu Eures Ordens gegen die Vergewaltiger der See bekannt
ist,« sprach er ziemlich unbeteiligt, »so werden Eure Gebete mit uns
sein. Ich weiß -- ich weiß.« Er führte den Pokal oberflächlich und ohne
zu nippen an seinen Mund. Sein Nachbar jedoch, der Hauptmann von Moltke,
riß ihm ungeduldig den Pokal, bevor er noch dazu aufgefordert wurde, aus
der Hand, tat einen tiefen Blick hinein und stürzte das Getränk gierig
hinunter. Der Kriegsmann mochte durstig sein. Allein unvermutet hielt er
inne, und während er böse die verschwollenen Augen aufriß, goß er
gereizt den Rest auf die Erde.

»Gemischt,« knurrte er, und seine Stimme klang, wie wenn man Scherben
gegeneinander reibt. »Himmel und Hölle -- ich -- --«

In diesem Augenblick schlug erneutes Pferdegetrappel aus dem Wald
heraus, der Reiter verschluckte das weitere, hob die abschreckend dürre
Hand und schwenkte sie dem neuen Ankömmling entgegen. »He, Cona,« krähte
er immer in demselben bitteren, menschenverachtenden Ton, »meiner Seel,
Ihr standet gut im Futter, seit wir uns zuletzt begegneten. Wißt Ihr
noch auf der Tagfahrt zu Wismar? Man sagt, Liebwertester, Ihr hättet
über See recht einträgliche Geschäfte betrieben. Und kenntet die
Schliche der Schuimer aus Erfahrung.«

Es mußte eine besonders giftige Anspielung in jener Anrede liegen, denn
der Reichshofmeister, der plötzlich noch fahler aussah als gewöhnlich,
hob abwehrend die Rechte, schöpfte vergeblich Luft und versuchte, sein
Unbehagen hinter einem begrüßenden Lächeln zu verbergen. Er brachte es
jedoch nur zu einem Grinsen, zumal er wahrnahm, wie der Graf von Cona,
der nun in der Abendsonne dicht neben seinem jungen Sohne mitten auf der
Lichtung hielt, verärgert und beschämt das feiste Vollmondgesicht
verzog. Spähend blinzelte der so Wohlgenährte im Kreise umher, ob auch
die Mönche den beißenden Spott verstanden hätten. Dann strich er mit der
fleischigen Hand über den halblangen blauen Tappert, der ihn
schlafrockartig umhüllte, und stieß endlich kurzatmig, nach Art der
Dicken hervor:

»Seid gegrüßt, Ihr Herren. Auch du, Moltke. Immer munter. Immer
gelenkig. Wollen absteigen und das Nachtmahl einnehmen, das der Herr Abt
für uns gerüstet. Aus leerem Magen steigt zudem allerlei verwirrtes
Zeug. Und wenn es Euch wirklich Ernst gegen die Freibeuter ist, die ja
manchem ein verstecktes Plätzchen gut zu bezahlen wußten -- nicht wahr,
nicht wahr, so ist es doch? -- dann werden wir morgen in Stralsund
weiter sehen. Werden sehen, wo unser Vorteil liegt. Und nun zu Tisch,
liebe Herren.«

Schwerfällig und ächzend schwang er das rechte Bein vom Roß. Allein
durch die weitausladende Bewegung des unförmlichen Körpers mochte der
dürre unruhige Gaul des Dänenhauptmanns gereizt werden. Mit einem
schrillen Wiehern stieg das Tier kerzengerade in die Höhe. Ringsum wurde
ein einziger Schrei laut. Doch ohne Zögern schlossen sich die sehnigen
Beine des Kriegers um den Leib seiner Schecke zusammen. Ja, er rührte
sich kaum, so fest saß er im Sattel. Zu gleicher Zeit aber sah man, wie
der Knabe im weißen Kittel hochauf in den Zügeln des Schimmels hing. Die
kleinen Fäuste rissen erbarmungslos am Maulbügel des Tieres.

»Laß los,« krähte der Däne ungehalten und fletschte die stockigen Zähne.
Da war das Pferd schon zur Erde gebracht. Und der Helfer stand nun,
keineswegs befangen, sondern die Hände stolz in die Hüften gesetzt,
geschwellt von einem rauschenden Kraftgefühl, mitten in dem ihn
umgaffenden Kreis. Wieder merkte er es kaum, daß seine Gefährtin auf ihn
zugestürzt war, um ihm ängstlich Brust und Glieder zu befühlen.

»Unsinn,« schimpfte der Hauptmann mißfällig. »_Ragazzaccio maledetto_!«
vervollständigte er seinen Fluch auf welsche Art, denn er hatte sich
seinen ersten Kriegsruhm in den italienischen Städtekriegen erworben.
Gezwungen nestelte er an seiner Ledertasche, um dem Buben ein paar
Scheidemünzen zuzuwerfen, doch einer besseren Einsicht folgend unterließ
er diese Spende wieder auf halbem Wege.

»Wer ist der Bursche?« fragte statt seiner der Graf von Cona, der
inzwischen auf krummen Beinen neben dem gleichfalls abgestiegenen
Reichshofmeister stand. Und da er den einfachen linnenen Kittel und
daneben den prächtigen Wuchs des Knaben nicht recht zusammenzureimen
wußte, setzte er dringlich hinzu, denn die nahe Tafel lockte den immer
Hungrigen: »Schnell, schnell, wer ist es? Gäbe einen stattlichen
Knecht.«

Eine Stille entstand. Bis das Schweigen von der Stimme des Bruder
Franziskus unterbrochen wurde. Einem unwiderstehlichen Trieb folgend,
hatte sich der Pater vor die Kinder aufgepflanzt. Jetzt gab er besorgt
die Auskunft:

»Es ist der Sohn des Fischers Claus Beckera.«

»Das ist ein lauer Hund,« stotterte der Dicke, der im ersten Augenblick
seine unangenehme Überraschung nicht meistern konnte. »Sorgt schlecht
für uns.« Und sein Doppelkinn unter dem Kragen des blauen Tappert weit
hervorschiebend, begann er vor Verlegenheit zu poltern: »Wozu treibt
sich der Sasse hier herum?«

In das Antlitz des Jungen war Hitze gestiegen, böse zerrten die dunklen
Augen an dem blauen Faltenrock herum.

»Mein Vater -- --« schrie er.

Da wurde er von dem Mönch zurückgerissen. Zugleich fühlte er, wie ihm
die Lippen fest verschlossen wurden.

»Er hat eine Sternscholle für die Tafel gebracht,« erklärte der Bruder
ruhig und zeigte nach dem Mauervorsprung, auf dem der Riesenfisch in der
Abendsonne glitzerte.

Neugierig wandte sich der Graf. Mochte es nun sein, daß ihn der Anblick
des mächtigen Fanges versöhnte, oder war er sonst froh, der lästigen
Begegnung überhoben zu sein, gemütlich schob er seinen Arm unter den des
Reichshofmeisters und zog ihn mit sich.

»Man speist gut bei den Brüdern,« schmatzte er mit breitem Lachen. »Wer
weiß, welche Überraschung unser wartet. Kommt, Herr Drost, ihr Herren
kommt. Man soll den Koch nicht warten lassen.«

So zogen die Gäste, geführt von den Mönchen, durch die enge Pforte über
den Grasstufen. Die Knechte leiteten die Pferde um die Mauer herum in
die Ställe, und bald lag die Lichtung in Einsamkeit.

Nur ein einzelner Reiter war zurückgeblieben. Auffällig zögerte er mit
dem Absitzen, lenkte seinen Rappen vielmehr spielerisch hin und her, bis
der Junggraf Malte von Cona seinen Entschluß gefaßt haben mußte. Mit
einem Sprung setzte sein Pferd hinter den bereits heimkehrenden Kindern
her, und während die Jungmännerfaust keck und ohne Umstände in die
Haarflechten des aufschreienden Mädchens griff, rief er wie zur
Beruhigung mit einem zugleich harmlosen und gebieterischen Lachen, denn
das Ganze sollte nach der Sitte der Zeit einen Scherz darstellen.

»Dirn, versteh Spaß, wo kommst du her?«

Die Kleine starrte ihn mit blauen Augen flehentlich an und begann vor
dem vornehmen Herrn zu zittern.

»Laß ab, Herr,« stammelte auch Bruder Franziskus in aufsteigender
Empörung, »es ist noch ein Kind.«

Doch der Jüngling warf dem Mönch nur einen verächtlichen Blick zu, es
kümmerte den Geschorenen nichts, mit wem der Grundherr seine Belustigung
auf offener Straße treiben wollte. Doch verwunderlich dünkte es den
Reiter, auf welche Weise der Fischerknecht den gnädigen Scherz aufnahm.
Atemlos lehnte der weiße Kittel an einer mächtigen Buche, von wo der
Knabe zuvörderst ohne genaue Erkenntnis des Vorganges die bunte Pracht
des Adligen in unruhiger Gier verschlang. Die überlangen Schnäbel der
rosa Strümpfe, die enggepreßte rote Schecke des Wamses und darüber den
kurzen gelben Kragen, der mit blitzenden Gold- und Silberstücken besetzt
war. Und doch -- die Faust des Burschen riß und zerrte dabei auf eine
sonderliche Art an einem stämmigen Ast herum. Wollte der Lümmel etwa die
schuldige Ehrfurcht vergessen? Ungläubig und geringschätzend zuckte der
Junker die Achsel, dann ließ er seinen Blick von neuem hartnäckig über
die feine Gestalt der Dirne laufen, die sein Anruf so völlig der Sprache
beraubt hatte.

»Komm zu dir, Rotröckchen,« meinte er ungeduldig, obwohl er beifällig
genug auf die nackten Füße des Kindes herabschaute. »Wo kommst du her?
Bist du die Schwester des Sassen da?«

Noch immer hielt er das Ganze für einen ihm ziemenden Scherz und
wunderte sich nur, warum das Mädchen so sehr in Zittern und Beben
versank.

»Nein,« flüsterte sie und senkte das Haupt, »ich bin Anna Knuth.«

»Und meiner Mutter Schwestertochter,« sprach Claus hart dazwischen. Er
hatte den Ast herabgerissen und trat nun, auf alles vorbereitet, näher.
Dabei schauerten seine Glieder dennoch wie im Frost, denn die vererbte
Achtung bäumte sich gegen die Gier, ein Abenteuer zu erleben. Rastlos
schwankte die Zufallswaffe in seiner gekrampften Faust. Er wußte selbst
nicht, wogegen er kämpfen sollte.

»Du bist nicht gefragt,« schleuderte ihm der Junggraf unwillig entgegen,
wobei er herrisch die Rechte vorwarf, als wolle er die nahende, die
unbegreifliche Auflehnung an ihren Platz bannen. »Gleich packst du dich
von dannen, Tölpel.«

Der im weißen Kittel rührte sich nicht. Nur der Buchenast hörte auf zu
zittern, ja, das Holz gewann von Minute zu Minute eine immer straffere
Spannung. Eine Weile verharrten die drei Gestalten bewegungslos, wie in
der Tiefe eines Traumes. Selbst das Pferd stand gepreßt unter dem
einfangenden Druck. Da vermochte sich der Cisterzienser in seiner
Herzensangst am frühesten aus der Lähmung emporzuraffen. Kaltblütig
schritt er, als wäre nichts Erhebliches geschehen, bis dicht an die
Flanke des Rosses heran, um dort dem Tier kosend über den Hals zu
klopfen. Mit großen Augen verfolgten die Jungen, die Aufgeregten, sein
Tun.

»Ja, es sind Annerbäulkenkinder[*],« sprach er im weichen Dialekt der
Gegend, und keine Hast, keine Unruhe verrieten in dem ebenen Antlitz,
wie sehr er mit der Überlegenheit des Alters bemüht war, die
aufgepeitschten Sinne der anderen zu besänftigen. »Anna Knuths Vater ist
ertrunken. Man sagt, die Schuimer hätten ihn ins Meer geworfen. Da hat
sich ihre Mutter nun ein Hüttlein dicht neben den Beckeras errichtet,
und Mutter und Tochter nähren sich recht und redlich vom Mattenflechten.
Ein mühselig Gewerbe, Herr, das die Finger zerschneidet.«

  [*] Vetter und Base.

Weisend hob er den Arm der Kleinen empor, und der Graf bemerkte nun
verdutzt, wie die Hand der Blonden von schwärzlichen Kerben durchfurcht
war. Das lenkte seine unüberlegte Begehrlichkeit wohltätig ab. Sofort
suchte er nach Art der großen Herren das Leid der Armen durch ein
Almosen zu lindern.

»Warum sagtest du das nicht gleich, dummes Gör,« tadelte er wohlwollend,
während er ungestüm an einer Silbermünze seines gelben Kragens
herumdrehte. »Matten? Gut, da magst du die weichsten von deinem Geflecht
auf unseren Hof bringen. Mein Hund soll darauf liegen. Und hier,
Rotröckchen, hier hast du deinen Lohn im voraus.«

Lachend, mit einer freigebigen Gebärde schleuderte er den abgerissenen
Knopf dem Mädchen vor die Füße. Und ehe die drei Zurückgebliebenen sich
noch besinnen konnten, hatte der gewandte Reiter seinen Gaul zur Seite
geworfen und sprengte nun um die Mauer herum dem Stalle zu.

»Eilt nach Hause,« drängte der Bruder die beiden Kinder, die bestürzt
auf das sich entfernende Klingeln der silbernen und goldenen Münzen
lauschten. »Geht -- geht rasch, der Mann will euch nicht wohl.«



III.


Sie saßen in der Hütte der Beckeras zum kargen Nachtmahl vereint. Die
Alten hatten ihren Hunger bereits gestillt und hockten ausruhend am
Herd, von wo ein verglimmender Kienspan leuchtete. Zu ihnen hatte sich
Anna Knuths Mutter gesellt, ein hageres, früh ergrautes Weib mit
unzähligen Sommersprossen im abgemagerten Antlitz. Arbeitsverbittert sah
sie aus, und vor der hereinströmenden Kühle des Meeres fröstelte die
Abgezehrte häufig zusammen.

»Kalt -- immer kalt,« schüttelte sie sich. Dann hob sie den gespendeten
Silberknopf von ihrem Schoß, um ihn beinahe ungläubig gegen den
ungewissen Lichtschein zu kehren. »Warum er das wohl geschenkt?« suchte
sie in fruchtlosen Zweifeln zu ergründen; als aber die Hausfrau, die
prall und rund, voll gesparter, selbstbewußter Kraft ihr
gegenüberlehnte, eine heftige Bewegung gegen die Esse ausführte, wie
wenn sie das Wertstück am liebsten in die Flammen schleudern möchte,
denn Hilda kannte die Aufmerksamkeiten der Herren, da schüttelte die
Mattenflechterin müde das Haupt. »Nicht doch -- nicht doch,« wehrte sie
sich gegen diesen Gedanken ihrer gewalttätigen Schwester. »Wie käme ich
wohl je wieder zu solch einem Schatz? Morgen segle ich nach Stralsund
und kaufe für uns Decken. Die Hauptsache ist, daß wir es warm haben.«

»Ja, ja, hübsch warm,« murmelte der alte Claus Beckera und zog seine
allmählich spindeldürr gewordenen Beine bis tief unter seinen Sitz, da
der Husten, der nicht zum Ausbruch kommen wollte, seinen ausgemergelten
Leib wieder verkrümmte. Mit äußerster Kraft rang er danach, das laute
Bellen zu verhindern. Nicht eigentlich, um seine Umgebung nicht zu
erschrecken, denn der kranke Riese war noch immer nicht zart und
nachgiebig geworden. Nein, er mochte nur nicht die Augen des Weibes so
groß und erkennend auf sich gerichtet fühlen. Das Weib wußte alles, sie
war klug und ließ sich nicht täuschen. Ja, der Fischer glaubte, sie lese
ihm Zeit und Stunde des Kommenden ganz sicher von der Stirn. Und dagegen
sträubte er sich. Es war wohl noch gar nicht so schlimm, und er wollte
einmal sehen, wer zäher war, er oder die Augen von ihr.

So strich er sich scheinbar aufgeräumt über die Welle des roten Bartes,
der jetzt doppelt scharf gegen die vergilbten, eingefallenen Wangen
abstach, und gegen den Tisch gewandt richtete er die wohlwollende
Ermahnung an seinen Sohn:

»Iß, Jünging, iß.«

Der Knabe träumte vor der rohen Platte, hielt das Haupt aufgestützt, und
nur ab und zu führte er den Holzlöffel ungewiß und willensunmächtig in
den Napf mit dem warmen Hirsebrei. Seine sonst so blitzenden Augen aber
hatten sich verschleiert, wie nach innen gerichtet schienen sie Bilder
und Vorstellungen zu verfolgen, die auf dem Grund seiner Seele
dahinstiebten. Unwillig zuckten seine Lippen oft, als könne er das
Fliehende weder erkennen noch festhalten. Betroffen beobachteten seine
Angehörigen das an dem immer Unruhigen befremdliche Wesen.

»Iß, Claus,« bat die kleine Anna Knuth, die dem Versunkenen gegenüber
saß, wobei sie ebenfalls versäumte, ihren Löffel gegen den Napf zu
lenken, denn ihr Gemüt nahm willigen Anteil an dem völligen Verstummen
ihres Gefährten. »Wir sind lange gelaufen -- du bist müde.«

Doch auch diese warme Bitte erreichte den in Fremdes Hinabgetauchten
nicht. Offenbar hatte er die sanfte, demütige Stimme gar nicht
vernommen. Über die Schulter seiner Freundin hinweg starrte er immer
ausdrucksloser durch die offene Luke der Hütte, dorthin, wo das letzte
Abendrot fern auf den Wassern schaukelte. Langsam stieg die blaue Wand
der Nacht über die Ränder der See. Und zugleich verfinsterte sich auch
die Stirn des Träumenden immer auffälliger.

»Willst du wohl antworten, wenn man dich fragt?« drohte Hilda, seine
Mutter, ungeduldig. Heftig war sie hinter den Schemel des Sohnes
getreten. Nun ließ sie ihre Hand klatschend auf den Nacken des
Abgewandten niederfallen. Ihre lebhafte, tatbereite Natur sträubte sich
gegen solch ein zweckloses und unheimliches Hindämmern. Was hatte der
große, kräftige Bursche in sich hinein zu horchen, anstatt seinem
arbeitsunfähigen Vater hilfreich zur Seite zu stehen? Verlangte doch der
Vogt nach wie vor den vollwichtigen Fang. »Junge, willst du wohl?«

»Mutter,« unterbrach der kranke Riese erschreckt, indem er abermals
gegen den gefährlichen Hustenreiz ankämpfte, und dabei versuchte er,
sich zu erheben, was ihm aber nicht sofort gelang. »Laß -- laß den
Jungen. Wer weiß, was er hat. Er trägt Gedanken in seinem Kopf. Und
Gedanken kann man nicht immer verstehen.«

Hieraus war zu entnehmen, was Hilda längst wußte, daß der alte Beckera
in scheuer Achtung vor der wilden trotzigen Art seines Sohnes
dahinlebte, daß er aber geradezu in Aberglauben und Bewunderung versank,
sobald sein Pflegling merkwürdige Fragen und Ansichten äußerte, wie sie
der Rotbart in seinem einförmigen Gewerbe niemals für möglich gehalten.
Je weniger der Plumpe ein derartiges hitziges Arbeiten des Hirns
begriff, desto rückhaltloser fühlte er sich heimlich geschmeichelt, weil
solches an seinem eigenen Sassenherde geschah.

»Laß ihn, Mutting, laß, wer weiß?«

»Ih, was hier, wer weiß?« schalt Hilda. »Was nützt das?« Sie schlug noch
einmal zu.

Mit einem Sprung war der Knabe auf den Füßen. Der zweite Hieb hatte ihn
geweckt. Der Napf auf dem Tisch zitterte vor dem ungestümen Auffahren,
selbst der Kienspan auf dem Herd schickte seine Flamme in dem Luftzug
rauchend zur Höhe.

»Was ist?« ermannte sich der Bursche, und seine Blicke umfingen seine
Angehörigen so dunkel und fremd, daß alle merkten, sein Körper sei eben
erst, wie ein Stein aus Himmelshöhen, unter sie gefallen.

Staunend, mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ihn der alte Beckera,
sein harmloses Gemüt bückte sich tief vor diesem vornehmen Entrücktsein
in eine andere Welt. Abwehrend hob er wiederum die abgezehrte,
faltenreiche Faust.

»Laß,« murmelte er noch einmal, kaum hörbar.

Die Mutter aber wünschte ihren Jungen aus seinem zwecklosen Hindämmern
aufzujagen.

»Fehlt dir was?« forschte sie barsch, während sie ihm ohne weiteres den
Holznapf fortnahm, denn die Ziegen konnten noch recht gut von den Resten
gesättigt werden. »Wozu hockst du hier und glotzt vor dich hin?«

Heftig schüttelte sich der junge Claus, dann sprang er an die offene
Luke und trotz der feuchten Abendluft riß er sich den weißen Kittel vorn
am Hals auseinander, bis ihm der Zugwind über die nackte Brust spülte.

»Kalt,« fröstelte die Mattenflechterin in ihrer Ecke wehleidig zusammen.
Auch der alte Fischer hustete unvorsichtig.

»Zu warm, viel zu warm,« wehrte sich der Knabe. Plötzlich aber warf er
das braune Lockenhaar ungestüm zurück und führte mit geballter Faust
einen besinnungslosen Hieb gegen die Bohlen des Fensters. In Wut und
stürmischer Auflehnung entlud sich, was in seinem schwelenden Hinbrüten
bedrohlich gegen ihn aufgestanden war.

»Wir wissen hier von nichts,« schrie er in bitterem Zorn, und seine
funkelnden Augen klagten alle Anwesenden der Reihe nach eines
unsühnbaren Verbrechens an, »wir wissen nichts von dem, was draußen
geschieht.«

Verständnislos maßen sich die anderen. Allein, wenn sie auch nicht
begriffen, wonach diese entfesselte und von einem flüchtigen Lichtstrahl
geblendete Seele schrie, die unverbildeten Menschen fühlten doch, daß
sich hier etwas Ungewohntes und in seiner Anmaßung Gefährliches rege,
etwas Aufständisches, Unbotmäßiges, das mit den Fäusten gegen den Käfig
der Unmündigkeit und des Elends zu hämmern begann. Und das erfüllte sie
mit Abneigung und Mißtrauen. Die geduckten Nacken hatten ja längst
verlernt, sich zu recken, und weil sie zu tief in Abhängigkeit gebeugt
waren, so hielten sie es beinahe für eine Wohltat, die unwissenden
Häupter nicht mehr dorthin erheben zu brauchen, wo in der Höhe die
Blitze zuckten. Gott bewahre uns vor Ungemach. Unwillkürlich falteten
sich ihre Hände. Und nur der kranke Riese atmete ein paarmal mühsam auf,
aber als er sich zu einer kleinlauten Frage anschickte, da bebte doch
etwas von zurückgedrängter Genugtuung in seiner gebrochenen und heiseren
Stimme, denn ihm kam es vor, als wenn seine Hütte durch all dies sehr
geehrt und begnadet würde. Gott wahre uns vor Ungemach.

»Was wissen wir nicht, Jünging?« räusperte er sich demütig und klammerte
sich mit beiden Fäusten an das Lehnbrett seines Schemels, um aufrecht
sitzen zu können. »Was wissen wir nicht?«

Da biß der Angeredete in seine Unterlippe und zugleich rüttelte er, von
neuer Besessenheit befallen, an der Umfassung der Luke, als müsse er
sich durchaus einen verbreiterten Ausblick schaffen. Dazu tobte er
voller Verachtung gegen die Dumpfheit, die ihn hier umgab.

»Wißt ihr, daß ein paar Meilen von uns zu Stralsund eine Tagfahrt
gehalten wird? Was ist eine Tagfahrt?«

Der alte Fischer riß an seinem langmähnigen Bart, die Brust drohte ihm
stillzustehen, und durch sein blondgraues Struwelhaar drang ihm der
Schweiß. Vor Überraschung verging ihm völlig das Denken. Alle guten
Geister, um was kümmerte sich die junge Brut?

»Große Herrensache,« vermochte er endlich seiner Atemnot abzuringen,
»sie reden da.«

Sein Pflegling trat ihm näher.

»Von was reden sie da?« forderte er begierig.

Den Alten umwirrte jetzt vollkommene Betäubung. Noch nie war so etwas
Unnötiges von ihm verlangt worden. Und nun gar von dem angenommenen
Sohne. Und doch ergriff ihn die ungewisse Ahnung, in diesem Drängen wehe
eine köstliche Luft, nach der er sich schon lange gesehnt, weil sich in
ihr atmen ließe. Ja atmen, atmen, denn das Ersticken nahte wohl bald.
Hohl stöhnte er auf, dann keuchte er hervor:

»Sie reden da von uns, und was man uns nehmen soll, damit wir steuern.«

Es klang wie das Heulen eines gemißhandelten Hundes. Alte Erinnerungen
von Zwang und Demütigung richteten sich in dem Gestammel empor. Und bei
diesen aufreizenden Lauten beugte sich ihm der Sohn lauernd entgegen,
und seine Augen drohten unheilverkündend in der Hütte umher, als suchten
sie jetzt schon den Eindringling, der da kommen sollte, um erpreßtes Gut
zu verlangen. Gott schütze uns vor Ungemach. Welcher Geist war zur bösen
Stunde in das junge Blut gefahren!

»Sie reden da von uns? Und fragen uns nicht?« rang es sich wie von
selbst aus dem erwachenden Bewußtsein ab. »Sind wir denn Steine?«

Der alte Claus zitterte vor Angst. Ganz unvermittelt schämte er sich,
weil er sich von dem Unbekannten soweit verleiten ließ.

»Laß, mein Jünging, laß, wir verstehen das nicht.«

»Eben, wir verstehen das nicht,« zischte der Knabe. Ratlos schlug er
sich mit der Faust vor die Stirn.

Vom Herd erhob sich eine schrille Stimme. Dort stieß Hilda die
Feuerzange wütend unter ihre Töpfe. In Scherben klirrte ein Napf auf den
Ziegelestrich.

»Was ist das für ein Zeug?« zeterte sie in ihrer Befürchtung, rächende
Herrenhände könnten sich an ihrem lebenden Schatz vergreifen. »Hab' ich
dich dazu aufgefüttert, damit du hier allerhand Unkraut säst? Meinst du,
wir könnten vom Wortefangen leben? Gleich schere dich dort hinaus, wohin
du gehörst. Oder willst du abwarten, bis dir die Peitsche des Vogts
Beine macht?«

So laut ihre Stimme auch gellte, der schlanke Bursche wandte den Blick
auf die eifernde Frau, aber ihre Vorwürfe glitten von ihm ab, als wären
seine Ohren noch immer für die Dinge des Alltags und der einförmigen
Gewohnheit verstopft. Aufrecht stand er da, plötzlich ein Fremder unter
diesen kleinen furchtsamen Sassen, von der Zaubergerte einer Erkenntnis
berührt, die er nicht zu bewältigen vermochte; und nur als durch seine
Träume das Wort »Peitsche« hindurchpfiff, da zuckte ein kurzer Schauer
über seinen Nacken, und seine Hände zitterten widerstrebend nach
rückwärts. Gleich darauf jedoch war auch diese Schwäche abgeschüttelt
und er konnte geschmeidig bis dicht an den Sitz des Alten herangleiten,
um dem aufhorchenden Fischer von neuem zuzuflüstern:

»Sag' mir, was sind Schuimer?«

»Oh, oh,« winselte Anna Knuths Mutter kläglich, und zu gleicher Zeit
nestelte sie aufgescheucht den silbernen Knopf in einen Schlitz ihres
Rockes. »Böse Menschen, Claus, glaub mir, böse Menschen. Sie segeln in
ihren Raubschiffen, sie plündern das Gut der Reichen und morden die
Armen. Ich kenne sie. Versaufen und verschlemmen in einem Tag, was wir
des Jahres zusammengescharrt.«

»Seid still,« stieß Hilda an ihrem Herd hervor. Leichenblaß war sie
geworden, seit ihre Sorge um ihren Einzigen sich an einen bestimmten
Begriff klammern konnte. »Sprich ein Ave, mein Jünging. Ein frommer
Christenmensch darf die Rotte nicht kennen.«

»Ave Maria, heilige Mutter -- --« sprach die kleine Anna folgsam vor
sich hin. Auch ihr Gespiele faltete unwillkürlich die Hände, denn der
Wunsch der Mutter galt dem Aufgestörten immer noch als ein unabwendbares
Gebot. Dennoch hinderte ihn die Bewegung nicht, seinem Vater abermals
zuzuraunen:

»Wer aber hat die Männer so weit gebracht?«

»Ja, wer?« murmelte der Fischer betäubt. Plötzlich aber faßte er den
Kopf des Sohnes in beide Hände, und sein Leid und seine Krankheit und
die Bedrängnis eines ganzen Lebens vom Grund seiner Seele auffegend,
schrie er unvermutet in irrem Geheul:

»Die Not, mein Jünging, ich mein' die Not.«

»Ja, die Not,« sprachen die anderen jetzt gepackt und gleichförmig vor
sich hin.

Da war der fesselnde Bann von dem Knaben gewichen. Ungehindert und in
der Lust sich zu befreien, brannte es hemmungslos aus ihm weiter:

»Und wer gibt den Herren seidene Kleider und uns Lumpen? Wer gibt ihnen
Gold und Edelsteine und uns die Peitsche? Und wer gibt ihnen die
fremden Sprachen, die wir nicht verstehen, und uns -- und uns die
Dummheit?«

»Ja, wer, wer?« wiederholten die anderen geistesabwesend.

Die armen Menschen hockten da, als seien sie mit Nägeln an ihre Sitze
geheftet und müßten es dulden, daß ihre Zungen die Eingebungen eines
fernen Geistes nachäfften. Endlich -- endlich entriß sich Hilda jener
lähmenden Verzweiflung. Mit einem Sprung war sie bei ihrem Kinde, das
sie der Macht des Teufels entreißen zu müssen wähnte, ein Schlag ihrer
geballten Faust schmetterte mitten in sein weiches, fieberndes Antlitz.

»Mutter!«

Da riß sie ihn an seinen langen Haaren und schleifte ihn fast bis zur
Schwelle der Kate.

»Gleich packst du dich in dein Boot,« schäumte sie in übertriebener Wut,
obgleich eine unnennbare Angst ihr die Seele zudrückte. »Geh -- geh,
Müßiggänger und Maulaffen brauchen wir hier nicht. Bring lieber was
Tüchtiges heim, damit wir Ruhe haben vor dem Vogt. Und gnade dir Gott,
wenn du jemals wieder dein Maul auftust über Dinge, die uns nichts
angehen.« Ohne jeden Übergang fiel sie dem schon in die Nacht
Geschobenen um den Hals, klammerte ihre Arme fest um seinen Nacken, und
zum erstenmal hörte der überwältigte Sohn seine Mutter betteln und
stöhnen:

»Tu's nicht, mein liebes Kind -- schlag' dir solche Gedanken aus dem
Kopf. Taugen nichts für arme Leut' -- richten dich und uns zugrunde.
Sieh, die Herren sind nun einmal in Samt und Seide geboren und leiden
nichts anderes. Geh -- sei wieder mein lieber, guter Junge -- geh, geh!«
Gewaltsam drängte sie den Zögernden, der in heißer, geweckter
Zärtlichkeit ihren Mund suchte, von sich und wußte nicht, daß sie ihn
seinem Schicksal entgegentrieb.

       *       *       *       *       *

Noch befangen von all dem Widerspruchsvollen glitt Claus die Dünen
hinab; aber je kälter ihm der scharfe Seewind um die Ohren strich, desto
klarer erholten sich seine lebhaften Sinne, und kaum spürten seine Füße
den feuchten Strand unter sich, da hatte das bewegliche und stets nach
Neuem schweifende Gemüt des Knaben bereits den Streit mit den Seinen
vergessen. Kräftig zog er sich den Ledergürtel enger und horchte im
Schreiten auf das unheimliche Schreien der wilden Schwäne.

»Jetzt eine Armbrust, wie sie den Herren eignet,« dachte er, »und ein
paar stattliche Federn für die Kappe sollten mir nicht fehlen.«

Die Nacht und die graue Leere, die sich wie ein offenes Tor auftat,
schreckten und hinderten ihn so wenig, daß seine Augen vielmehr
anfingen, halb im Spiel den Schimmer der weißen Strandwellen von dem
Gefieder der belauschten Vögel zu unterscheiden. »Sie kämpfen da
draußen,« urteilte er gespannt, »und stoßen einander gegenseitig die
Brust ein.« Und dann schoß es ihm durch den Kopf, ob es nicht möglich
sei, sich solch ein königliches Tier zu zähmen. Noch niemand hatte das
zwar versucht. Es mochte wohl schwer halten. Aber sein nach Pracht und
Glanz ewig dürstendes Herz wurde von dieser Idee völlig bestrickt.
Beinahe vergaß er bereits die Jagd nach den unsichtbaren Geschöpfen.

»Man müßte gegen den Wind heranschleichen -- --« murmelte Claus, »und
dann -- --« Da stutzte er. Dicht neben dem Pfahl, an dem sein Boot
angebunden lag, erhob sich eine dunkle Gestalt. Der breite, untersetzte
Mann mußte bis dahin auf dem Bordrand gesessen haben, jetzt wendete er
sich voll dem Ankömmling entgegen, und durch die Nacht schimmerte
zuvörderst eine gewaltige Schädelplatte. Auch wenn die schwere, wuchtige
Figur noch tiefer von Finsternis bedeckt gewesen wäre, dieses beinerne
Dach, gegen das sich rechts und links zwei dicke graue Haarwülste
abbuschten, würde den Besitzer verraten haben. Zudem stand niemand so
herrisch auf gespreizten Beinen wie der Vogt. Schweigsam musterte der
Sechziger den Fischer, denn auch seinen Blicken bot die Dunkelheit kein
Hindernis, und erst nachdem er ein paarmal über die kurze, vermottete
Bartkrause gestrichen, spuckte er hart und abfällig, wie es in seiner
Art lag:

»Der Mond steigt schon. Warum kommst du so spät?«

»Ich?«

»Ja, dich meine ich, wen sonst?«

Oh, da war es abermals. Claus Beckera kniff die Fäuste zusammen, bis die
Nägel ihm ins Fleisch schnitten. Und doch erzählten seine mühsam
zurückgepreßten Atemzüge ganz deutlich davon, welche Anstrengung es ihn
kostete, um seinen unzähmbaren Haß gegen den ewigen Zwang
hinunterzuwürgen. Knirschend vor Überwindung bückte er sich, und seine
Hände rissen viel heftiger an den Stricken des Bootes herum, als nötig
gewesen wäre, um die Knoten zu lösen. Dabei stieß er hinter
zusammengebissenen Zähnen hervor, daß er ein Segel besitze und deshalb
viel schneller die Fahrt zurücklegen könne, als es selbst der Vogt mit
seinen plumpen Rudern vermöchte. Und überdies -- allein das weitere
verlor sich. Schon stemmte er die Schultern gegen den Kahn, und
unbekümmert um den Beobachter begann er das Schifflein zwischen den
großen Steinen hindurchzuschieben.

Aufmerksam hörte der Vogt zu. Endlich jedoch nickte er wie in galligem
Vergnügen über die Kraft des Jungen, dann äußerte er mit seiner markigen
Gelassenheit:

»Schön, du wirst dein Segel nötig haben, denn ihr seid im Rückstand.
Lange warte ich nicht mehr.«

Claus Beckera schob, er schob, als ob er den Strand von den Wäldern und
Bergen losreißen wollte. Ruhig ließ es der Vogt geschehen. Als aber der
Bug des Schiffes gerade in das Wasser hinabtauchen wollte, da
schlenderte er plötzlich näher und legte seine Faust hemmend auf den
Bordrand.

Ruckartig fuhr der Bursche empor. »Was gibt's?« drohte er gepreßt, und
jetzt konnte er es nicht mehr hindern, daß sich das Weiße seiner
Augäpfel unheimlich zu drehen begann. »Wozu hältst du mich, Vogt?«

Voll dumpfer Warnung durchschnitt es die Nacht, der salzige Wind führte
förmlich die Vorahnung einer Gewalttat, den Ruch eines aufschnellenden
Raubtiersprunges, mit sich; doch den Machthaber schien diese sich
windende Bosheit mehr zu ergötzen. Fast wohlwollend knurrte er:

»Kuck, Söhnlein, deine Lichter funkeln wie faules Holz. Wollen sehen, ob
man sie zu was Nützlichem brauchen kann.« Er warf den Arm vor und wies
seitwärts gegen das Meer. »Paß auf, was siehst du da?«

Von dem Ernst des Mannes getroffen, kehrte sich Claus überrascht der
angedeuteten Richtung zu, heimlich geschmeichelt, weil der Gefürchtete
offenbar seine Hilfe in Anspruch zu nehmen gedachte.

»Nun?« forschte der Alte nach einer Pause.

Merkwürdig, der Junge beugte sich über das Boot und starrte hinaus. Zu
seiner Linken, dort, wo der Umschwung der Wälder dunkel und schwarz zur
Stubnitz abbog, glomm ein schmaler Feuerstreifen auf dem Gewässer. Eine
schaukelnde rote Lache wiegte es sich, immer wieder von der ebbenden
Flut zerrissen und ebensooft von neuem zu einem losen, blitzenden Fließ
gesammelt. Auffällig stach der Schein von den blassen, silbernen Rillen
ab, die weit hinten am Horizont der heraufgleitende Mond in das Wasser
furchte.

Was konnte das bedeuten?

Gepackt strengte Claus Beckera sein Sehvermögen aufs äußerste an, längst
war er auf die umspülten Strandsteine gesprungen, und nun suchte er dort
draußen, suchte, ob vielleicht ein Schiff mit entzündeten Pechfackeln
seines Weges glitte.

Doch der Vogt lehnte brummig eine solche Vermutung ab. Seit drei Nächten
fahnde er vergeblich den Strich entlang. Auch dort oben auf der
Freiplatte von Stubbenkammer hätte er nachgeforscht. Umsonst -- außer
ein paar Rehen nichts Besonderes! Und doch, wie zum Hohn flimmere die
verwünschte rote Haut auf dem Wasser.

Verärgert kehrte sich der Alte ab, als möchte er das äffende Feuerspiel
nicht länger betrachten.

»Sieh zu, Söhnlein,« meinte er zum Abschied, und es klang wieder recht
giftig und überlegen, »ob du klüger bist als wir anderen. Hältst dich ja
ohnehin für einen stattlichen Hecht. Am Ende glückt dir der Fang. Wird
dir gewiß größeren Spaß bereiten, als Heringe ziehen und Flundern. Aber
gib acht,« setzte er noch im Fortgehen hinzu und hob warnend den
kronengeschmückten Stab, »daß du nicht in eine Falle gerätst! Wer weiß?
Die Rotte möchte vielleicht den Herren zu Stralsund was zum Raten
aufgeben.« Und schon außer Hörweite lachte er kurz in sich hinein: »Wer
kriegt heraus, wo die Freunde des armen Mannes gern gesehen werden? Es
ist Becherspiel.«

In demselben Augenblick setzte Claus Beckera von seinem Stein mit einem
weiten Sprung in das Boot. Hochauf peitschte der Schaum, und der Wind
trieb ein helles Jauchzen herüber.

»Es steckt ander Blut in ihm,« dachte der Vogt, »als in dem faulen
Bauch. Bauernblut, Sassenblut, das Blut des armen Mannes. Die Augen des
Jungen glühen, wie wenn eine Hütte brennt. Man wird ihm öfter eins auf
den Kopf geben müssen. -- Schade, mag ihn gern leiden.«

       *       *       *       *       *

Es war zur gleichen Stunde, als die beiden dänischen Großen im
Gastzimmer des Klosters ihre Betten aufsuchten. Der Reichshofmeister
Henning von Putbus saß bereits entkleidet auf dem breiten Pfühl, und
seine nackten Beine sahen so elend mager und abgezehrt aus, daß der
Hauptmann Konrad Moltke, der nach einem reichlichen Trunk mit der
Ölleuchte in der Hand in dem kahlen Raum herumtaumelte, um einen Nagel
für seinen Lederkoller zu finden, von Zeit zu Zeit in ein heiseres
Kichern des Abscheus ausbrach. Als aber der Drost während seines tiefen
Grübelns sich noch eine spitze Nachtmütze über den langen Schädel zog,
da kannte das Vergnügen des halb Berauschten keine Grenzen.

»Bellissimo,« lallte er und hielt seinem Gefährten die zinnerne Lampe
fast unter die Nase, damit er ihn besser betrachten könne. »Man tut Euch
Unrecht, Drost; auf mein Schwert, bitteres Unrecht, Drostlein. Ich weiß
es jetzt -- Ihr bezaubert unsere erhabene Königin durch die
Schlagfertigkeit Eures Witzes -- sagt nichts, ich bezeuge es. Ja, wenn
Ihr noch ein Pfaff wäret, solch ein weicher, niedlicher, dann, dann
-- --« Krampfhaft schluckte er ein paarmal, und die Erinnerung an die eben
genossenen Tafelfreuden stieß wieder empfindlich gegen sein schwankes
Hirn. »Gut, gut,« gab er den neuen Eindrücken nach und sank, immer die
Leuchte zwischen den Fingern drehend, mitten in dem Zimmer auf einen
geflochtenen Stuhl nieder. »Es kommen jetzt reiche Zeiten. Wir brauchen
nur -- brauchen nur den Schuimern all die hübschen Dinge aus den Taschen
zu ziehen, die sie gar fleißig zusammengekratzt, und Ihr könnt Euch
Margretlein in einem seidenen Hemd vorstellen. Meiner Seel -- --«

»Steht auf und seht zu, ob wir nicht behorcht sind?« sagte der Drost
einsilbig statt einer Antwort.

»Behorcht?« fuhr der Krieger etwas ernüchterter empor und tastete sich
beleidigt an die Stelle, wo früher sein Wehrgehenke befestigt war --
»Ihr meint die Kutten? Ih, da soll doch gleich ein Mordsdonner -- --«

Schwerfällig wankte er bis zu dem engen Pförtlein und lugte hinaus.
Allein seinem trüben Blick enthüllte sich nichts als ein dänischer
Knecht, der am Ende des schmalen Ganges unter einem Bogenfenster die
Wache hielt. Undeutlich glitzerte das Mondlicht auf seinem Kettenhemd.

Knallend warf der Hauptmann die Tür ins Schloß. Dann fröstelte er
zusammen.

»Nichts,« stellte er ermüdet fest und schaute wieder verglast auf den
langen Menschen unter der Zipfelmütze. »Habe ihnen einen unserer Spieße
in den Weg gestellt. Was sonst?«

»Was sonst?« Behutsam war der Drost unterdessen ins Bett gekrochen, und
während er nun den Schlafsack über sich zog, der für die unmäßige Länge
dieser Gliedmaßen keineswegs ausreichte, da blinzelte er zu seinem
wieder hingesunkenen Gefährten hinüber und schien zu prüfen, ob die
glühende Geiernase noch ein Tröpfchen Vernunft zu wittern imstande
wäre.

»Solltet Ihr mich verstehen,« sprach er endlich mit seiner leisen,
salbungsvollen Stimme, »dann rate ich Euch, Herr Hauptmann, versprecht
morgen den Hansischen und denen vom preußischen Orden und namentlich den
mißtrauischen Städtern, was unter dem Himmel Raum hat. Wir Dänen
schicken Schiffe, daß man die See nicht mehr wahrnimmt, und Wäppner,
soviel als Sterne um den Mond wandern. Greift tief in den Beutel unserer
guten Absichten und seid nicht sparsam.«

Der auf dem Strohstuhl hielt sich die Hand hinter das Ohr, damit er kein
Wort verliere, und der runde glänzende Schädel begann lebhaft zu nicken.
Die Aussicht auf die nahe Beute vertrieb dem Habsüchtigen sogar den
Weindämmer ein wenig.

»Recht, recht,« stimmte er gierig zu. »Wir tonnen die Schuimer. Ihr
wißt, meine Erfindung. Wir stecken sie in Fässer, den Kopf nach draußen,
und lassen sie schwimmen. Gute Ware, an der sich redlich verdienen
läßt.«

Da zog Herr Henning von Putbus die Nachtmütze völlig herab und kehrte
sich der Wand zu.

»Ich sehe, Ihr versteht mich nicht,« meinte er gelassen. »Löscht das
Licht und schlaft Euch aus. Und noch eins, Liebwerter, habt die
Gewogenheit und wollet nicht schnarchen. Morgen mehr.«

Der Hauptmann aber zerrte seine niedrigen Lederstiefel ab und knallte
sie böse gegen die Wand.

       *       *       *       *       *

Mitten in der Nacht erlosch die feurige Lache auf dem Meere. Plötzlich
und unvorhergesehen, als hätte ein Riesenfuß den Brand zertreten.

In dem Boot aber, das dicht umwölkt an den Strand glitt, da flüsterte
eine feine Wisperstimme:

»Laß uns den Zufall anbeten, schöner Knabe. Fürwahr, eine mächtige
Gottheit. Sollte auf dieser lieblichen Insel oder in dem Palaste deiner
Väter mein Glück eine erfreuliche Wendung nehmen, dann gelobe ich den
wechselnden Horen hundert Ochsen. Du staunst, schöner Fischer? Warum?
Weil du mich in Lumpen erblickst. Laß dir bedeuten, die Kinder des
Zufalls spielen heute mit Bettlerpfennigen und morgen mit Szeptern und
Kronen. Pah, ich schlief schon in den Betten eines Königs.«

»Wer bist du?« atmete Claus fast unhörbar. Angeschmiedet hing er an
seinen Rudern und wagte kaum durch eine Bewegung die Rede seines Gastes
zu unterbrechen. Und als es von neuem fein und wisperstimmig aus dem
milchigen Schwaden heraustönte, da mußte sich der Bursche besinnen, ob
jetzt ein Mann oder ein Weib spräche.

»Wer ich bin?« lachte es zierlich, und eine zarte weiße Hand glitt für
einen Augenblick aus dem Nebel. »Wenn du _Magister probandus_ des
Kollegiums zu Paris wärest, du Holder, du hättest keine schwierigere
Aufgabe ersinnen können. Doch immerhin, laß uns untersuchen. Laut
_Testimonium logicum_ ist das 'ich' von dem 'bin' abhängig. Prüfen wir
hingegen die Frage nach _jure praesente_, dann, mein schöner Telemach,
dann wäre ich Strandgut, von dir gefunden und nach Gutdünken zu
verwenden. Darum gestatte mir, das Examen mit der Gegenfrage zu
schließen: Was gedenkst du mit mir Hungrigem zu beginnen?«

Claus Beckera rührte sich nicht. Sprachlos, kaum einen erstickten Laut
in der Kehle, starrte er zu der feingliedrigen Gestalt hinüber, und nur
wenn sich die Wolle des Nebels ein wenig zerfaserte, dann wagte sein
scheuer Blick über das zerrissene braune Schifferwams des Fremden zu
streifen, der so unverständliche Dinge vorbrachte. Glühende Neugier
peinigte ihn, ob jene beschmutzten Lumpen wirklich einen Mann verbargen.
Weiß Gott, das war zweifelhaft. Gar zu weich und zärtlich zeichneten
sich mädchenhafte Glieder unter den Fetzen ab, und man brauchte nur die
an einigen Stellen der Blöße hervorglänzende weiße Haut zu betrachten
oder die langen gelben Haare, die ein schmales bartloses Antlitz
einschlossen, um von neuem der Unsicherheit zu verfallen. Und dann noch
eins. Wie kam der Landstreicher zu der dicken goldenen Kette um seinen
entblößten Hals? Wie zu dem köstlichen Schlangenreif um die rechte
Handfessel? Nein, nein, Claus regte sich nicht, denn die Unsicherheit
betäubte ihn. Hatte er womöglich ein Weib in der Höhle zwischen den
Kreidefelsen gefunden?

Mit einem vieldeutigen Lächeln nahm der Fremde diese heimliche
Untersuchung auf, dann aber schien ihn Ungeduld anzuwandeln, und
plötzlich, als ob ihm daran läge, sich ein für allemal zu offenbaren,
riß er sich hastig die enganschließende lederne Kappe vom Haupt. Zu
gleicher Zeit jedoch sprang er zur Höhe und raffte einen langen,
verkorbten Hieber an sich, wie er wohl nur in Welschland gebraucht
wurde.

Was war das?

Der Fischerjunge fiel beinahe rücklings in den Stern seines Bootes.
Diese ungestüme, kräftige Bewegung, die das Fahrzeug, obschon es bereits
zwischen den Steinen eingeklemmt lag, zum Zittern brachte -- und dann
vor allen Dingen die breite blutige Narbe auf der Stirn des Fremden, sie
warfen alle Vermutungen des Unerfahrenen über den Haufen. Gott bewahre,
nun stand es fest -- vor ihm, auf den Hieber gestützt, wiegte sich trotz
allem ein Mann und offenbar kein ungefährlicher, denn unter den sanften
Brauen des Fremden begann ein mißtrauisches, unstetes Flackern
aufzuleben. Und jetzt, jetzt bemerkte Claus erst, sein Gast besaß
doppelfarbige Augen, ein blaues und ein schwarzes, wodurch eine
unheimliche Zwiespältigkeit hervorgerufen wurde. Denn während der blaue
Stern unverändert lachte, schien aus dem dunklen eine drohend ernste
Frage auf den Sitzenden herniederzublitzen.

»Höre, mein Täubchen,« sprach der Fremde nachdrücklich, und auch das
feine Wispern war aus seiner Stimme verschwunden, »ich habe dir die
_opinio vulgi_, die Treuherzigkeit des gemeinen Haufens, geglaubt, als
ich aus meiner Zurückgezogenheit in deinen Kahn sprang. Ich habe nicht
angenommen, daß du ein Fuchs bist, der einem hinten herum in die Beine
fährt. Solltest du aber trotzdem einen derartigen Scherz planen, dann,
mein Prinz, würde ich sehr gegen meinen Willen die Leitung dieses Kahnes
übernehmen müssen, denn ich verstehe mich, wie ich dir schon andeutete,
gar nicht übel auf das Rudern, und wir würden auffallend rasch in den
acherontischen Gewässern anlangen. Begreifst du mich?«

Schlank, mädchenhaft hing die biegsame Figur, die fast um einen Kopf
geringer war als die von Claus Beckera, an ihrer ausländischen Waffe,
aber über das blasse, bartlose Antlitz lief zugleich ein so verbissener,
warnender Zug, die gepflegte Rechte zuckte so bedeutsam an der dicken
goldenen Kette, daß Claus, er wußte selbst nicht warum, von dem Gedanken
gestochen wurde, man könnte dies Zierstück wohl auch dazu verwenden,
jemandem den Hals abzuschnüren.

Allein der Junge fürchtete sich nicht, keck flog er empor, und als er
sich jetzt, um ein Haupt überragend, neben dem Fremden aufreckte, da
leuchtete ihm von der Stirn stolz und rein der Helferwille der Jugend.
Betroffen mußte der Landstreicher die unwillkürlich edle Art seines
Fährmanns anerkennen, und während er seine zwiespältigen Augen
eindringlich auf dem anderen ruhen ließ, drehte er nachdenklich und
prüfend an seinen gelben Haaren. Er schien kein geringer Menschenkenner
zu sein.

»Du kommst nur zu gemeinen Leuten,« sprach Nikolaus mit Aufgebot seiner
hellen Vernunft, damit das Abenteuer nicht vollkommen Herr über ihn
würde, »und deine schönen Worte gefallen mir wohl, obwohl ich sie nicht
verstehe, denn mein Verstand ist ungelehrt.« Hier schwankte seine Stimme
zwar ein wenig und seine Fäuste wollten sich ballen, doch sofort gewann
sein frisches Wesen wieder die Oberhand. Ja, er konnte seinen Gast jetzt
sogar freimütig anlächeln. »Wenn es aber wirklich deine Absicht ist, bei
uns eine Weile als Fischerknecht zu bleiben, weil du dich, wie du sagst,
vor den Nachstellungen der Reichen und Mächtigen verkriechen mußt -- wenn
das alles wahr ist, dann will ich meinen Vater wohl dahin bringen. Denn,
kuck, Fremder, du gefällst mir, und da wir selbst bedrückte und
gepeinigte Leute sind, so kennen wir Hunger und Peitsche zu gut, als daß
wir Verfolgten und Bettlern nicht gern weiterhelfen sollten. Nur eines«
-- und er wandte sich mit der ganzen Offenheit eines um Freundschaft
Werbenden an den kleinen strohblonden Mann und streckte ihm die Hand
entgegen, »sage mir, du meinst es doch redlich?«

Über den Nebeln war rot und blendend ein schmaler Abschnitt der
Frühsonne in die Höhe gebrochen. Davon ränderten sich die schwarzen
Wolken, und ein sengender Strahl spielte in das Boot hinein. Doch den
Strohblonden schien die unerwartete Helligkeit zu stören, ungewiß
scheuerte er sich hin und her, und während er sich ungemütlich in seine
Lumpen hüllte, da warf er erst noch einen spähenden Blick auf die
menschenleere Küste, bevor er endlich mit raschem Griff die dargebotene
Rechte des Knaben an sich riß. Aber die zarten Finger preßten, daß Claus
hätte schreien mögen.

»Komm Kleiner,« sprach es wieder mit einer kosenden Mädchenstimme, »du
verstehst dein Handwerk, bist ein Menschenfischer, wie ihn der Götze von
Rom nicht besser brauchen könnte. Und willst du ein Zeichen dafür, wie
sehr du meine arme Seele geangelt hast -- hier -- hier --« Ohne Besinnen
sprengte er die goldene Kette vom Halse und drückte sie gemeinsam mit
dem Hieber seinem Führer in den Arm. »Gib mir ein Stück Brot dafür,
süßer Telemach. Aber schnell, schnell, denn mich lüstet nach einer Streu
im Winkel des Stalles.«

Wohlwollend, fast zärtlich streichelte er dem verdutzten Jungen die
Wange, dann duckte sich der Kleine und fuhr wie ein Wind an den Strand
der Sassen.



IV.


Es war eine lange Beratung erforderlich, bevor die Beckeras den Fremden
zu dauerndem Dienst in ihrer Behausung duldeten. Zu verschiedenen Malen
zogen sie, laut streitend, vor den Ziegenstall, wo der Ankömmling sich
wie ein Igel in einer Ecke zusammengerollt hatte. Denn ein
Landstreicher, der goldene Ketten verschenken konnte, erregte der
Hausmutter unstillbaren Argwohn. Und dennoch schwieg sie und blickte mit
mütterlicher Teilnahme auf die zierliche Puppe hinab, die, das Haupt mit
den wirren blonden Haaren auf den Arm gebettet, einem arglosen Schlummer
verfallen war. Zwar ihren Haupteinwand ließ sich die Kluge nicht rauben.
Das Schmuckstück, das der Kleine sicherlich nicht auf ehrliche Weise
erworben, das stopfte sie ihm gleich bei ihrem ersten gemeinschaftlichen
Besuch hastig und abgeneigt unter das Heulager, und ihre Züge
verfinsterten sich, als sie dabei bemerken mußte, wie sehnsüchtig ihr
Sohn das Verschwinden der Schnur verfolgte.

»Teufelsgold,« sagte sie hart. »Fängt Seelen. Ich kenn' das.«

Kräftig stützte sie sich auf die offene Stalltür, und ihr Argwohn flog
zu ihrem Eheherrn hinüber, ob der wohl das rasche Wort verstanden haben
könnte. Allein der kranke Riese hatte sich längst entwöhnt, seinem Weibe
nachzuspähen. Auch beschäftigten ihn seine eigenen Vermutungen viel zu
gründlich, woher sich der Fremde wohl die blutige Narbe über der Stirn
geholt haben könnte. Zu jener Zeit redeten solche Schrammen mit der
Stimme unserer Zeitungen, anregend, jede ungeübte Vorstellung
beflügelnd, und so kam es, daß auch dem großen, schlank gewachsenen
Jungen die heimliche Parteinahme für den Fremdling beide Wangen färbte.
Das Herumtasten, das Rätseln an einem bereits beneideten Leben, das
trieb seine Einbildungskraft über Stock und Stein, durch Heldentum und
undeutliches Verbrechen.

Es war eine Stunde des Erwachens.

Tief seufzte er auf, als seine dunklen Augen sich, durch ein Wort seiner
Mutter aufgescheucht, von dem Hingestreckten trennen mußten.

»Mann,« forderte Hilda von ihrem Eheherrn, »was denkst du?«

Da besah sich der alte Claus Beckera nochmals eingehend den Hieber, den
er fürsorglich an sich genommen, wog das feine, biegsame Eisen und
darüber den merkwürdig verästelten Korb am Griff -- ein Stück, wie es im
Norden, allwo breite gerade Schwerter geschmiedet wurden, nirgends im
Gebrauch war, und dann schüttelte der Kranke von neuem nachdenklich das
Haupt.

»Mutting,« flüsterte er mit offenem Munde, da sich seinem dumpfen
Verstande die Herkunft und das Wesen des winzigen Kerlchens immer
dunkler verschleierte, »Mutting,« meinte er und hob unsicher die Waffe,
»er muß wohl von weit herkommen. Und daß ihn der Junge in der Spalte
zwischen den Felsen gefunden -- meiner Treu, ich wußt' gar nicht, daß
sich dahinter solch eine weite Höhle auftut -- ja, da möcht man wohl
denken, daß der Mensch Grund hat, sich zu verstecken. Schnurrig -- ist
noch so jung,« setzte er wärmer hinzu.

»Nicht älter als ich,« fiel hier der Sohn lebhaft ein, der schon dafür
zu kämpfen bereit war, an dem Schläfer einen Genossen gefunden zu
haben.

Doch das Weib bog sich weit über die Stalltür, um dem Umstrittenen noch
einmal gründlich das schmale Antlitz zu durchmustern. Dabei fielen der
Kundigen die vielen scharfen Fältchen um den Mund des Fremden auf, und
daneben entdeckte sie, wie genußsüchtig und verächtlich sich sogar im
Schlummer die Lippen und Nüstern dieses angeblichen Knäbchens wölbten.

»Nein,« die Hausfrau richtete sich auf und entschied bestimmt, »der hat
schon viel durchgemacht. Mag sich in Kot und auf Seide gewälzt haben.
Und zählt wohl so beiläufig gegen dreiunddreißig Jahr.«

»Das wäre,« murmelte der alte Claus verdutzt und glättete sich verlegen
den Bart. Aber gleich darauf sammelte er seinen Glauben zu der Meinung,
die schon lange in dem Stillen nistete: »Kuck, Hilda, es sind wilde
Zeiten, die werfen den Menschen hin und her. Ich merk's an mir, es ist
eine Unruhe über die Armen gekommen, so daß keiner mehr weiß, wo er
seinen Platz hat. Deshalb, Mutting, mein' ich, wer ein Haus hat und Weib
und Kind, der soll solch Friedlosen nicht wegjagen, sondern festhalten,
so er anwachsen will. Denn der Wind treibt uns alle. Heute mich, morgen
dich. Wer kann wissen, wann wir selbst ausgerissen werden?«

Da schwiegen die Streitenden und spähten ängstlich über sich in den
hellen Tag.

       *       *       *       *       *

Als aber gegen Mittag das zierliche Knäbchen fein und sittsam am Tische
der Sassen in der Hütte saß, als es die wohlgeformten Beine hübsch
rücksichtsvoll unter den Schemel zog, damit der ohnehin schmale Raum
nicht unnötig verengt würde, als der blonde Gast nicht, wie die anderen,
mit der Faust in die dampfende Schüssel voll Brot- und Käsesuppe langte,
um seinen Anteil zu erwischen, sondern aus seinen Lumpen ein zinkiges
Holzstäbchen hervorzog, womit er die Bissen säuberlich aufspießte, und
wie der Fremdling vor allen Dingen mit seiner wohllautenden kosenden
Stimme bescheidentlich und höchst verständlich -- ja ganz in der Sprache
des bäuerlichen Mannes -- die alten Beckeras über Herkunft, Stand und
fernere Absichten belehrte, da zerstreuten sich allmählich die Bedenken
der mißtrauischen Häusler, und ihr harmloser Sinn merkte gar nicht, auf
welch feine und schmeichelnde Art ihr Widerstreben in seidene Fäden
eingesponnen wurde. Wie wußte das kleine Kerlchen aber auch zu erzählen,
wie rollten unter seinen Worten dichte Wolkenschleier in die Höhe,
hinter denen die Küsten ferner Länder auftauchten, und Schlösser und
Städte und Händel und Getriebe der Welt. Wo hatte er sich überall
umgetan, in welch verschiedene Geschäfte und Gewerbe seine sanften
Kinderhände gesteckt; und hauptsächlich, wie lebendig er Geschehenes und
Gesehenes zu formen wußte, um es gegenwärtig auf die Diele der
Sassenkammer hinzuzaubern, bald durch eine Bewegung, bald durch
nachahmendes Spiel, das zog ihm seine Zuhörer willfährig entgegen. Und
mit einem kaum sichtbaren Lächeln trieb er die gewonnenen Seelen vor
sich her. Nur der junge Claus Beckera, der mit verkrampften Händen und
keuchender Brust lauschend neben dem Stuhl des Fremden hing, als ob ihm
der geistige Lauf noch immer nicht schnell genug ginge, ihm zitterten
mitten durch seine leidenschaftliche Bewunderung hie und da die Einwürfe
einer kühlen Vernunft hindurch, und dann kam ihm zwischen all dem bunten
Maskenspiel der Einwand, warum wohl der Ankömmling zwei voneinander so
gründlich verschiedene Sprachen redete. Denn das merkte der achtsame
Scharfsinn des Jungen sofort, die Weise des Zierlichen klang anders,
seitdem er sich an die Alten wendete. Einfach, schlicht, bauernmäßig,
all der vornehme und unverständliche Putz fehlte, durch den er vorhin
seinen Fährmann im Kahn so sehr gefesselt und geblendet hatte. Und der
junge Claus erriet mit Widerstreben, daß der Angespülte offenbar einen
gewichtigen Teil seines Wesens zu verdunkeln strebte, als ob gerade
dasjenige Gefahr brächte, was dem nach Wissen gequälten Buben so
köstlich und erstrebenswert erschien. Deshalb preßte der Junge auch
widerwillig den Mund zusammen, und die Angaben des Fremden, die er jetzt
auf Forderung der Alten über sein bisheriges Treiben machte, sie glitten
belanglos und unwahrscheinlich an dem Aufgestörten vorüber. Nein, nein,
schon jetzt beschloß er, er wollte binnen kurzem eine vertraute Stunde
wahrnehmen, um den gewandten Taschenspieler härter zu prüfen. So
wappnete sich Claus denn mit einer künstlichen Gleichgültigkeit, und
doch, kaum hatte der strohblonde Mensch in seiner mitreißenden
Lebhaftigkeit die Geschichte seiner Fahrten begonnen, da summte es dem
jüngsten der Zuhörer auch schon vor den Ohren, und siehe da, ganz gegen
seinen Willen schleppte ihn der starke, fremde Strom von dannen. Und es
handelte sich doch nur um eine Begebenheit, absichtlich einfach und
alltäglich ersonnen.

»Nichts für ungut,« hörte der Sohn den alten Beckera tasten, denn der
Riese schämte sich, seine Wohltat an Bedingungen zu knüpfen. »Wie magst
du dich heißen, Mann?«

Der Kleine zupfte an seinen gelben Haaren und lächelte unschuldig. Eine
Erinnerung an seine Kindheit schien ihn zu haschen.

»Heino Wichmann,« erwiderte er, sich leichthin verbeugend, was er jedoch
mitten in der Bewegung unterdrückte. »Meine Wiege hing in Hamburg
zwischen zwei Lederriemen.«

Da streichelte der junge Claus unwillkürlich über den Schemel seines
Gastes. Er wußte selbst nicht warum, aber aus dem Namen des Kleinen
musizierte es auf, wie von Flötenspiel auf einer Kirmeß.

»Heino,« flüsterte er fast zärtlich.

Die Mutter jedoch schlug abwehrend mit der flachen Hand über den Tisch.
»Und dein Vater?« fragte sie lauernd.

Heino Wichmann schloß das schwarze Auge. Er glich gänzlich einem guten
sanften Kinde, als er nun ehrfürchtig vorbrachte:

»Ich brauche euch nichts zu verbergen. Mein Vater war ein zünftiger
Sattler, und ich selbst hatte schon in seiner Werkstatt auf dem
Mönkedamm mein Gesellenstück gefertigt, einen Kutschbock für den Herrn
Alderman Tschokke, als mich der Rat mit anderer Jungmannschaft aushob,
damit wir als hansische Besatzung drüben nach dem dänischen Schonen in
das feste Schloß Helsingborg gelegt würden.«

»Dänemark,« atmete der alte Claus still vor sich hin und hob witternd
die Nase gegen die Fensterluke, hinter der sich der blaue Strich des
Meeres hob und senkte. Für ihn lag das Nachbargestade unmeßbar fern
hinter den schaukelnden Glashügeln. »Schonen? Helsingborg, so weit?«
dachte er kopfschüttelnd.

Sein Sohn aber fühlte sich vom Erdboden aufgehoben. Waren doch an ihm
erst gestern die Sendlinge einer bunten, kaum begreifbaren Gemeinschaft
vorübergezogen, die seidenen Fahnen ihrer Gewandung hatten ihn
gestreift, halb verstandene aufregende Andeutungen sein gärendes Hirn
getroffen, jetzt drängte es den auf dem Gewoge der Unwissenheit wütend
Herumgeworfenen, sich irgendwo anzuklammern.

Wundersam bedrängt spannte er den braunen Lockenkopf in beide Hände, und
während er bohrend vor sich hinstarrte, löste es sich wie die Hülle
eines inneren Traumes von ihm ab:

»Dort herrscht ein Weib. Wie war's doch? -- Margareta.«

Der Ausruf klang wie das Sehnen eines Eingekerkerten, wie der
Hilfeschrei eines Unfreien, der in einer Grube hockt und den Himmel um
Licht anfleht, und sofort richteten sich auch die Häupter der Seinen
unheimlich berührt und abmahnend gegen den in inneres Schauen
Verlorenen.

Was sollte das? Woher kam dem Ungelehrten diese Kunde? Und konnte dem
Sassensohne der Drang nach so gewaltigen Dingen nicht Unsegen stiften?
Denn darauf kam für sie alles an. Man wollte doch ungestört leben!

Auch über das halbgeschlossene schwarze Auge des Gastes war bei dem
unerwarteten Einwurf ein kurzes Zucken gelaufen, dann jedoch bewegte er
gleichgültig die schmalen Schultern, und als wäre nichts besonders
Auffälliges geschehen, fuhr er ruhig in seiner bescheidenen Schilderung
fort.

»Ja, ja, Margareta,« nickte er, sich schwierig besinnend. »Ich meine, so
heißt die Wittib. Hat ein kleines zartes Büblein, für das sie die
Herrschaft in acht nimmt. Mag sie. Was schiert uns Geringe die Plackerei
der Großen? Wenn wir nur unsere Löhnung pünktlich erhalten und sonst in
Ruhe unser Brot essen können.«

»Ja,« stimmte Hilda zum erstenmal gierig zu, »das ist das Rechte.«

Den alten Claus dagegen zog es aus dem Allgemeinen zu etwas Näherem.
»Nun,« hüstelte er gespannt, »habt ihr Hansischen pünktlich eure Löhnung
erhalten? Habt ihr in Ruhe euer Brot gegessen?«

Jetzt hob auch der junge Claus das Haupt, und aus seinen schwarzen Augen
züngelten ungestüme Flammen nach Abenteuer und Erlebnis.

»Wie war's?« stammelte er.

»Unruhig, lärmvoll,« sagte der Kleine und faltete die Hände auf dem
Tisch wie ein artiges Kind, das eine Geschichte wiedergeben soll. »Ihr
könnt euch denken, die Frau hat viele Widersacher innen und außen. Ist
eben doch ein Spinnrocken, dem sich der Schnauzbart ungern beugt. In der
Nähe streckt, wie man sagt, der dürre Schwedenkönig Albrecht die Finger
nach dem saftigen Erbe und treibt seinen ausgehungerten Spott über den
Unterrock und die Kunkel. Da könnt ihr in jeder Schenke hören, wie er
erst jüngstens der 'Dirne der Pfaffen' -- also schimpft er die Regentin
-- feierlich Schere und Fingerhut überreichen ließ nebst einem
Wetzstein, damit sie ihre Nadeln daran schärfe. Und innen da schreien
die Krämer darüber, weil sie uns Hansische in Helsingborg, Falsterbo und
Ikanör einliegen ließ, denn wir Deutschen, heulen sie, nähmen ihnen den
Markt. So kommt es dann oftmals zu Aufläufen, und bei einer solchen
Zusammenrottung, seht ihr, da zeichnete mir ein vorlauter Schwertfeger
seine Zunftmarke auf die Stirn.«

Hier lachte der Strohblonde wie über einen wohlgelungenen Streich,
wickelte sich die gelben Haare spielend um den Finger und ließ die
wohlgeformten Beine vergnügt schaukeln.

»Und du?« stotterte Nikolaus erwartungsvoll, denn seine verehrungsheiße
Hingabe an den Fremden verlangte dringend von Gegenwehr und scharfer
Vergeltung zu hören. »Was tatest du?«

»Ich?« Erst maß der Kleine die alten Beckeras, in deren stumpfen
Gesichtern sich schweigend der Abscheu vor Bürgerkampf und
Söldnerübergriff malte, dann hob er ebenfalls abgeneigt die Achseln, um
sofort in seiner leisen, unschuldigen Art zu hauchen: »Mir liegt nichts
an dererlei Ehrenschuld. Daran dürft ihr nicht glauben. Gott bewahre,
ich bin ein Bürgersohn und will nur hoffen, daß dem Ehrsamen der kleine
Hautritz gut bekommen sei.« Und damit er nicht tiefer in diesen Punkt
verstrickt würde, begann er emsig auf der rohen Tischplatte hin und her
zu zeichnen, als ob er das folgende schriftlich niederzulegen hätte.
»Wie es aber so geht, ihr guten Leute, es erhob sich trotzdem ein wildes
Geschrei bei den Dänischen, und schließlich waren unsere Hauptleute um
des lieben Friedens willen gezwungen, etliche ihrer Leute von sich zu
tun. Darunter wunderbarerweise auch mich, Heino Wichmann.«

»Heino,« wiederholte hier der junge Claus abermals von Liebe getroffen
und legte seinem Gaste zärtlich die Rechte auf die Schulter. Gepackt
wandte jetzt auch der Kleine dem glühenden Jungen sein schmales Antlitz
zu, seine beiden Augen öffneten sich weit und zogen förmlich die
flatternde Seele des Unbehüteten an sich. Das geschah aufblitzend,
schnell, wie ein einfallender Lichtstrahl. Die alten Beckeras merkten
nichts von dem geschlossenen Bund, weil sich ihren Werktagsblicken nur
enthüllte, wie das Kerlchen emsig auf den Tisch hämmerte, gleich
jemandem, der das Wichtigste rasch vorzubringen wünscht.

»Es lag gerade eine Freibeuter-Kogge unterhalb Helsingborg,« bemühte er
sich, unauffällig vorüberzugleiten, und man konnte meinen, jemand, der
eine dünne Eisdecke unter sich brechen spürt, wage hastig prüfende
Sprünge dem Lande zu. »Ein mächtiges Schiff,« wollte er fortfahren, »das
dort Handel trieb. Dorthin brachte man uns.« Allein mitten in den
flüchtenden Sätzen fand er sich festgehalten, gepackt von sechs
ängstlich zitternden Augen, die sich wie eine Kette über seinen Weg
spannten. Zugleich flüsterten und schrien heisere Stimmen, in
Beklemmung und Schrecken, durcheinander.

»Wohin brachte man dich, Unglücklicher? -- Wohin?«

»Gott, auf ein Fahrzeug der Schuimer, der Schwarzflaggen, oder wie man
sie sonst nennt,« huschte der Kleine mit dem Ton der Gleichgültigkeit
weiter, obwohl seine Finger ihr Spiel auf der Tischplatte viel unruhiger
fortsetzten. »Sie werden ja überall gern geduldet, die Freunde des armen
Mannes, weil sie für jedermann eine Zuflucht in der Not sind, und
hauptsächlich, da sie für billiges Geld sonst unerschwingliche Dinge ins
Land bringen. Gewürz und Tuche, Bier und Rauchwerk. Nicht wahr, so meint
man doch? Zudem, meine Freunde, wurde der Seeadler von einem Gewaltigen
der Schuimer kommandiert, der großes Ansehen weit umher genoß. Kurz,
dieser Kapitän sollte uns Verwundete um Schiffsdienst und ohne Fährgeld
heimführen. So hatte es Frau Margareta verabredet, denn sie tut ihren
Beutel für abgediente Leute nicht eben weit auf. Aber seht, ihr Lieben,
auf der Heimreise unter den schönen roten Segeln, bei dem leichten
Verdienst und mitten zwischen den freien Menschen, denen alles gehört
und die überall ihre Heimat haben, da fing sich der Hauptmann ohne große
Mühe meine Genossen ein, einen nach dem anderen, da wurden sie 'Gottes
Freund und aller Welt Feind,' wie ihr gotteslästerlicher Eid lautet, und
nur ich -- --«

»Und nur du?« lallte der junge Claus aus seinem wachen, düsterlodernden
Traum heraus und packte den Erzähler ungestüm an der Brust, als ob er
ihn hindern wollte, von dem gespenstisch mitten durch die Stube
rauschenden Schiffe zu entwischen.

Der andere schüttelte ihn überraschend kräftig ab.

»Laß mich,« wehrte er sich. »Mein Leben riecht nach Leder und Pfriem.
Mich zieht es nach einem warmen Ofen und friedfertigen Tagen. Wo ich
die finde, da wohnt mein Heiland. Deshalb, mein Büblein, siehst du,
sprang ich eines Nachts, gerade als die Schuimer hier dicht vor der
Küste unter Wind lagen, denn sie lauerten auf das Schiff der dänischen
Gesandten -- aus diesem Grund sprang ich in Gottes und aller Heiligen
Namen über Bord, bekam den Fels zu packen, kletterte in die Höhle, und
von dort hast du mich hervorgezogen. Dank sei dir und allen ehrlichen
Menschen. Und jetzt« -- geschmeidig glitt er von dem viel zu hohen Stuhl
herunter, und aus den wiegenden Schritten, mit denen er sich aalglatt
durch den engen Raum wand, wurde allmählich ein munterer Tanz. Es zuckte
und sprang in allen Sehnen des Kleinen, die langen gelben Haare
flatterten ihm wirr um die Schläfen, und den verständnislos
hinschauenden Häuslern kam es vor, als ob auch die ungleichen
Augensterne des Fremden in dem blassen Angesicht mithüpften. »Jetzt,«
schmeichelte er und streckte die Arme, so daß sich ganz unerwartet ein
paar derbe, harte Muskeln unter seinen Lumpen zeigten, »jetzt will ich
euch weisen, wie man als Ruderknecht das Meer schlägt. Seht so -- so,
mit solch langen Strichen, wie man eine schöne Wange streichelt. Und
dann die Fische. Ich kenne den Pfiff eines Bacchanten. Auf das Liedlein
strecken sie halb toll die grünen Schnauzen aus dem Wasser. Oh, laßt
mich nur machen.«

Plötzlich hielt Heino Wichmann auf seinem Weg inne, als besänne er sich,
daß er vor den armen Sassen vielleicht allzu wunderliche Dinge geäußert.
Doch die Beckeras blieben angeschmiedet an ihren Plätzen, in wesenlosem
Hinbrüten darüber, wie solch grelle, blitzende Heiterkeit sich in ihrer
dunklen Bohlenkammer entladen könnte. Und nur die Seele des alten Claus
riß und zerrte an dem Widerhaken, an dem sie sich in dumpfer Gefügigkeit
wand, denn von all den schmackhaften Ködern war ihm eine Lockspeise
zwischen den Zähnen aufgequollen, bis er sie nicht mehr herunterwürgen
konnte. Halb murmelnd, in unbestimmter, ferner Ahnung stieg es aus
seiner trockenen Kehle, dazu hielt er die Beine weit von sich gestreckt,
gleichsam zum Schutz gegen die erwartete Antwort.

»Nichts für ungut, Wichmann, wie sagst du doch -- ich meine bloß -- wie
hieß der Kapitän, der dich brachte?«

Kaum war das gleichgültige Wort verklungen, da war es mit dem Hüpfen und
Springen des Kleinen vorbei. Eingefangen wurzelte er in einer
Sonnenlache auf dem Fußboden fest, die unruhigen Augen begannen wieder
von einem zum anderen zu huschen, und die Stimme verfiel von neuem in
das harmlose Kinderwispern, als er nach einigem Zögern erwiderte:

»Ich sagte schon, es war ein Ansehnlicher unter den Freibeutern. Gödeke
Michael.«

»Gödeke? -- Gödeke-Michael?« wiederholten die drei, langsam in die
nächtige Kluft ihres Gedächtnisses hinabsteigend.

Eine Weile herrschte Stille, jeder horchte in den dunklen Schacht
hinunter, gespannt, angestrengt, ob nicht dem Laut ein Echo
heraufschalle, bis endlich vor dem kranken Fischer etwas Gestaltloses,
mit Schrecken Bekleidetes emportappte.

»Laß mich -- laß mich -- hab' doch schon mal gehört -- Singsang -- wie
war's noch?«

Noch gelber stach das Antlitz des Leidenden unter dem wirren Bart
hervor, da er mit Mühe die einzelnen Fetzen zusammensuchte. Scheu,
verstohlen summte er vor sich hin:

  »Der Gödeke, Gödeke Michael.
  Der führt auf dem Schwarzschiff allein den Befehl.«

Da stürzte es aus dem Kleinen wie gezogen hervor, unbekümmert darum, was
weiter daraus entstehen könnte:

  »Seine Brust ist wohl eine Elle breit,
  Den Bedürftigen schenkt er Speise und Kleid --«

Mutter und Sohn aber steckten die Köpfe zusammen, sie schränkten ihre
Hände fest ineinander, und der Atem hörte ihnen auf zu wehen, als die
anderen nun lauter anstimmten:

  »Und tragt ihr Armen am Leben schwer --
  Das Recht und die Freiheit wohnt auf dem Meer.
  Dort richtet die Reichen an Leib und Seel'
  Der Gödeke -- Gödeke Michael.«

       *               *               *

Viele Tage strahlten aus dem Meer und sanken erloschen wieder dahin
zurück. Die Jahreszeiten stiegen auf Schneeschauern und Sonnenwolken an
die Küste, gleich fremden Eroberern, die sich dann tief im Lande
verlieren, und aus Heino Wichmann, dem mädchenhaften Knäblein, dem
blondhaarumflatterten Geheimnis, war etwas Alltägliches geworden. Ein
Ruderknecht, der seinen Seedienst willig verrichtete und von den
Katenleuten nicht geschont wurde. Selbst dem Vogt, der sich bald nach
der Ankunft des Fremdlings hartnäckig nach dem Woher und Wohin erkundigt
hatte, leuchtete es ein, daß dieses zierliche Geschöpf für die Ruderbank
geboren sein müsse, und er lobte heimlich die geschmeidige Gewandtheit,
die der Kleine in der Führung eines Bootes an den Tag legte. Ja, sogar
der auffallende Drang des Fremden, immer wieder zur Tag- und Nachtzeit
in die Wogen hinauszuschneiden, er wurde schließlich von seinen neuen
Genossen als der selbstverständliche Trieb eines dem Handwerk mit ganzer
Seele Hingegebenen erachtet. Worüber man sich jedoch stets von neuem
wunderte, das war die unermüdliche Zähigkeit, jene aus allen Gliedern
des Kleinen rastlos quellende Frische, die an keinem Ding vorbeiglitt,
die von jedem etwas wußte und sich überall zu betätigen strebte. Heino
Wichmann vermochte der Hausfrau höchst merkwürdige Aufschlüsse über
Kochkunst und schmackhafte Gerichte zu erteilen, von denen die
unverbildete Seele Hildas nicht nur bisher kein Sterbenswort geahnt
hatte, sondern die ihre harmlose Rauheit zuerst auch als etwas beinahe
Schädliches einschätzte. Aber mit der Zeit wurden auf dem Herde unter
dem Rauchfang doch allerlei Versuche unternommen, und während der kleine
Strohblonde mit verschmitztem Lächeln die verschiedenartigsten Kräuter
und Wurzeln in den großen Kessel schleuderte, da zog von fern der süße
Duft einer etwas milderen Lebensführung unter das Strohdach. Man
schleckerte und schmatzte und erfuhr zu nicht geringem Befremden, wie
köstliche Erfindungen zu Padua, in Wien oder gar zu Paris die Köche
großer Herren aus Pilzen, aus Schaltieren und gedörrtem Fischfleisch
ersonnen hätten. Wunderlich! Heino Wichmann war weit herum gewesen.
Seine doppelfarbigen Augen hatten selbst auf das Geringste Obacht
gegeben. Hilda begann, ihm abzulernen. Nur zum Spiel, allmählich aber
wurde eine Sucht daraus.

Auch mit dem alten Claus Beckera ging eine Veränderung vor, seit der
wirblige Gesell in seiner Nähe weilte. Bisher war der Riese verfallen,
still, selbstverständlich und unablässig, wie der Wartturm einer
zerstörten Feste, aus dessen Gemäuer Tag für Tag gewichtige Feldsteine
herabbröckeln. Was nützte es, laute Klage über die erbärmliche Schwäche
zu führen? Viel besser war es, die Fäuste zu ballen, die Zähne
zusammenzubeißen und selbst dem Bruder Franziskus, der ab und zu den
schmerzenden Rücken des Kranken mit dem weißen Saft des Bilsenkrautes
einzureiben suchte, eine täuschende Behaglichkeit vorzuspiegeln. Der
Mörtel aber sprang weiter auseinander, und der Turm neigte sich tiefer
zum Fall. Nun aber wurde es anders. Gott mochte wissen, wieso Heino
Wichmann einen Blick in die Heilkunde seiner Zeit geworfen hatte. Fragte
man ihn danach, so schlenkerte er mit den feinen Händen und murmelte
etwas von den Meistern »der Physika und der Erztney«, was niemand um ihn
herum begriff. Was man jedoch nicht leugnen konnte, das war die
Wirksamkeit jener Mittel, die er mit seiner sprunghaft lachenden
Überredung bei dem Kranken anwandte. Sprachlos standen die Häusler hinter
dem ewig Zappligen, sobald er den überwundenen Riesen halb entkleidet in
den sonnenwiderstrahlenden Dünensand bettete, wo er den mächtigen Körper
dann mit seinen zarten Kinderhänden kreiselnd und wärmend bestrich. Und
siehe da, auf ein paar Stunden wichen die schweren Erstickungsanfälle von
dem Alten, und der Leidende vermochte sich aufzurichten, um gierig die
kühle Seeluft einzusaugen. Als aber der Herbst seine dunklen Hagelschwärme
gegen die Hütte warf und der Hustenkrampf die Lungen des Riesen zu
zerpressen anfing, da versuchte der Strohblonde sein Meisterstück. Eines
Mittags brachte er nämlich aus dem Wald zwei schwarze, schneckengleiche
Würmer mit. Die hielt er zwischen zusammengeballten Fäusten und sie mußten
so dem sich kräftig sträubenden Hausherrn ihre Saugrüssel auf die nackte
Brust setzen. Langsam füllten sich die schreckhaften Leiber mit dem
fieberheißen Blut, und vor den Augen der erstaunten Angehörigen dehnten
sich die verkrampften Glieder des Vaters, und ein befreiter Seufzer der
Entspannung tönte durch die Hütte. Fast eine Woche lang war der
gefürchtete Anfall beschworen.

So wechselten Weiß und Grün unter den Rändern des hohen Küstenwaldes,
die Tage strichen dahin gleich einer Rebhühnerhusche, einer hinter dem
anderen, und Heino Wichmann fing sich jeden einzelnen ein, um ihm vor
den Augen der Häusler sein besonderes Kennzeichen aufzudrücken. Immer
geschah etwas. Die Zeit bildete für die einsamen Strandsassen keine
gestaltlose Masse mehr, sondern die Unruhe des neuen Ruderknechtes
trennte sogar die einzelnen Stunden scharf voneinander ab.

In jenen Monaten war es, daß in den jungen Nikolaus ein unbegreifliches
Wachstum geriet. Der schlanke Leib des Burschen schoß sprunghaft in die
Höhe, bald überragte sein braunes Lockenhaupt um eine Spanne das sich
duckende des Vaters, seine Haltung erhielt etwas Gestrafftes, ja
Königliches, sein Gang etwas Anmutiges und zugleich Herausforderndes,
und seine Augen konnten plötzlich neben dem wilden Umherflackern einen
schwärmerischen Glanz bergen, der über die Dinge dieser Welt
hinauszuschweifen schien und etwas von dem unbewegten Flug eines
träumenden Adlers an sich hatte. Und der arme, von unruhigen Geistern
geplagte Sassensohn badete sich wirklich in den Breiten eines neuen
Lichtes.

Heino Wichmann!

Heino Wichmann war für den wilden durstigen Jungen ein Zauberer, der die
schmale Kinderhand nur emporzuwerfen brauchte, damit Sterne und Mond
stillstanden und auf den Winden von allen Weltteilen her das Wissen
Salomos herbeigeflogen kam. Wenn sich die beiden Unzertrennlichen in dem
plumpen Kahn unter dem roten Segel wiegten oder wenn sie im Abendrot
hoch oben auf den Hängen der Dünen lagen, dann schwand wie von selbst
die lächerliche Maskierung des angeblichen Ruderknechtes, die bäuerliche
Sprache tauchte unter, und aus dem braunen Lumpen trat ein anderer
hervor. Derselbe, der einst die goldene Kette und den welschen Hieber
getragen, derselbe, der mit seiner hauchenden Mädchenstimme spöttische
Gelehrsamkeit von sich schleuderte und für den es weder Unergründetes
noch scheue Ehrfurcht vor etwas Geschaffenem gab. In solchen Stunden
der Mitteilung konnte man deutlich merken, wie auch für das kleine
Kerlchen jenes unbändige Ausgeschöpftwerden ein nicht zu entbehrendes
Lebensbedürfnis bildete, ja, daß er sich trotz seines wegwerfenden
Lächelns voll Eitelkeit und Stolz in sich selber spiegelte, sobald sein
Zögling sich über ihn beugte gleich über einen tiefen Brunnen, in den
man ungestüm Eimer auf Eimer herabläßt. Da kam dann quellend und perlend
Trank um Trank hervor, klar und schlammig, unverdaulich und heilsam, als
ob in diesen Brunnen alle Quellen der Erde mündeten. Von dem nächsten
fing es an. Claus erfuhr, in welchem Volk er lebte, wie sich die Stände
und Ämter teilten, wo Unrecht und Bedrückung anhob und worin sich sein
Stamm von den anderen großen Menschengemeinschaften unterschied. Von da
gelangten sie ganz von selbst auf Ausdruck und Redeweise der Länder, die
Musik der welschen Sprachen, die Heino Wichmann vollkommen beherrschte,
klang vor dem entzückten Knaben auf und er lernte auch _latina lingua_
verehren, die Urmutter dieser Laute, und in verhaltener Begeisterung
schaute er in das Sein und Treiben jener untergegangenen Geschlechter
hinab, die mit diesen Lauten der alten Welt ihre Gesetze vorgeschrieben.
Helden und Weise zogen vorüber, Religionsstifter und Abtrünnige, und
ohne daß der Wissensdurstige es ahnte, wurden von dem ätzend scharfen
Erzähler Menschen und Dinge alle zu dem einen Ziele gelenkt, wie sie
nämlich der Befreiung und Entbürdung der nach Licht und Brot ringenden
Armen und Elenden gedient hätten. Denn dieses kleine strohblonde
Zwerglein sah, ohne jemals erregt zu werden, und obwohl es selbst sich
keinen erlangbaren Genuß entgehen ließ, überall seufzende Scharen der
Sklaverei um sich her, viele Millionen gefesselter und gestriemter
Unfreier, von denen er verkündete, daß sie nie sterben würden. Und
wahrhaft schneidend und fürchterlich klang sein feines Gelächter, so oft
er im Gegensatz zu allem Herkommen die gepriesenen Bringer des Heils und
der Ordnung, den Kaiser, der doch den Landfrieden befohlen, den Papst,
der doch den Verängstigten die Vergebung der Sünden reichte, ja, sogar
den Heiland, der die lichte Halle des Himmels geöffnet, für die
schlimmsten Vergewaltiger und Bedrücker der in Dummheit blökenden Erde
erklärte. Entrückt, von aller Gegenwart fortgeschwungen, krallte sich
dann Claus in den mütterlichen Sandboden, sein Atem schoß, als ob er
Mauern niederbrechen müßte, in seinen starren Augen züngelte der
niedergehaltene Glast von Blut, Einäscherung und Gewalttat, und doch
bebten alle seine Glieder im Frost der Angst, und das kalte Fieber des
Zweifels und der Unentschlossenheit stieß den Unreifen doch immer zurück
in die Schranken des Brauches und des Herkommens. In solchen
Augenblicken der Qual und des glühenden Wunsches packte er seinen
Verführer oft an der Brust und schüttelte den Kleinen, als ob er ihm das
Herz aus dem Leibe schleudern wollte, dazu schreiend:

»Was bleibt uns? Heino, um aller Heiligen willen, sag an, was muß uns
allen werden? Was?« Denn der suchende Verstand des Jungen wollte einen
Weg finden zwischen Gestern und Morgen, eine Brücke, die über das
Gewitter fortleitete. Heino Wichmann aber ließ sich, unberührt von
diesem Ausbruch, in das weiche Dünenlager zurückgleiten, lächelte mit
seinen bartlosen Lippen gegen das in den Himmel flüchtende Abendrot und
lispelte kaltblütig und grausam:

»Wer kennt die Medizin für alle? Aber für mich und dich, Büblein, ist am
besten ein seidener Pfühl, eine glatte Dirne darauf, und saufen und
prassen bis in den achten Tag.«

Da heftete Nikolaus einen verlöschenden Blick auf den sich genießerisch
dehnenden Kleinen, warf das Haupt gegen die dunkle See und saugte in
Verzweiflung an den ewig tränkenden Strömen.

Ekel, unerkanntes Mitleid mit einer zu erlösenden Welt, und das rasende
Verlangen, sich zu verschwenden, stritten in der sich weitenden Seele.

       *       *       *       *       *

Es kam eine Stunde, da der Hochmut des Knaben es nicht mehr länger
duldete, von dem Genossen noch fernerhin in Unkenntnis und Täuschung
gehalten zu werden. Ganz früh an einem tauperlenden Herbstmorgen war es.
Die Sonne rollte eben aus ihren verhängten Schleiern durch das
dunkelblaue zackige Gewölbe. Weit über dem Schlaf der See übten die
schwarzen Streifen der Stare schon für den kommenden Abzug. Und hoch
oben an dem hallenden Rand des Küstenwaldes klang die Axt. Dort hieb der
junge Claus ein paar schlanke Eichenstämme nieder, denn sie sollten ihm
zu neuen Ruderstangen dienen. Aber mitten in der Arbeit schleuderte
Claus die Axt auf den Waldboden, schnellte empor, und während er sich
die Fäuste in die Weichen setzte, forderte er dröhnend, ohne Übergang
noch Einleitung:

»Genug Verstellung. Du bist kein Ruderknecht, Heino. Du bist keiner.
Woher käme dir sonst all die Gelahrtheit? Nun schnell und ohne
Windbeutelei, wie steht's um dich?«

Leicht hätte ein anderer ob des ungewohnten Tons außer Fassung geraten
können. Der kleine Strohblonde jedoch, der gerade faulenzend vor einer
gewaltigen Buche stand, um dort voll Spannung der Zimmerarbeit eines
Spechtes zu folgen, er hüpfte selbst wie ein wippender Fink herum,
tänzelte ohne jede Verlegenheit auf seinen Zögling zu, um ihm dort von
unten herauf einen leisen Backenstreich zu versetzen.

»Kluges Näschen,« wisperte er voller Befriedigung, »gut, gut, Büblein,
ist auch Zeit, daß du endlich aus den Eierschalen schlüpfst. Aber nun
zieh die Kappe, mein Freund, denn du stehst vor etwas Fürtrefflichem.
Weißt du, was ein Bacchant ist?«

Vor dem Glanz jenes Titels wich der Fischerjunge zurück, und doch fiel
ihm ein, wie oft jene Lehrbuben und Handlanger der Wissenschaft hungernd
und bettelnd durch die Dörfer und kleinen Städte der Insel strichen, ja,
daß sie um Geld und Brot vor den Türen der Unfreien sangen. Das Wissen
war damals noch dem Elend verschwistert, und mancher Knecht tauschte
nicht mit dem dürren Gerippe, das auf einer Lehrkanzel stand. Dennoch
sagte er voll Ehrfurcht: »Bist du solch einer?«

»Noch mehr, Liebster, noch viel mehr. Ich wollte erst die Raupe an dir
vorüberkriechen lassen, damit dich der Sonnenflug des Schmetterlings
nicht blende. Aber jetzt entzücke dich, mein Freund, ziehe deine Schuhe
aus, wenn du es hörst, denn ich ward als etwas zugleich Kostbares und
daneben Zerbrechliches in den Schrein der Menschheit gestellt. Fasse
dich, Holder, und gerate nicht außer dir, denn sieh, ich bin Magister,
der Magister Heino Wichmann, versehen von den drei Universitäten Padua,
Wien und Paris mit einem versiegelten Lehrbrief, und hosianna, ich
verkaufe ihn dir für ein Paar wollene Strümpfe, denn durch die meinen
lugen kläglich die Zehen.«

Da riß Claus entgeistert die Kappe herunter und verneigte sich so tief
vor dem Männlein in Lumpen, wie er es bis jetzt nur vor dem Abt des
Klosters über sich gewonnen. Wirre Vorstellungen und ein tanzender
Himmel waren über ihm. Ein Gelahrter, ein Hochgelahrter hauste unter
dem Stroh und den Schindeln der Sassen. Alle Barmherzigkeit, er führte
das Ruder und fing Fische und ließ sich von den unwissenden Alten
ausschimpfen. Und dabei war das kleine strohblonde Kerlchen einer von
den Auserwählten, die zwar hungerten und froren und von Handwerkern und
Bütteln herumgestoßen werden durften, die aber doch in die sieben
Tagewerke so tief hineingeguckt hatten, daß ihr belebendes Wort ferne
Gräber öffnete und nahe Kaiser erblassen ließ.

Betäubt, hingerissen vor Dankbarkeit und Ehrfurcht wollte der Junge auf
das winzige Menschenkind zustürzen, aber wie nun sein schlanker Leib den
anderen so gewaltig überragte, da meldete sich plötzlich etwas von der
Überlegenheit des körperlich Stärkeren, und statt der glühenden
Zärtlichkeit, die er noch eben auszuteilen gedachte, fing Claus vielmehr
mißtrauisch an, nach den Lebensumständen des Kleinen zu forschen. Warum
ein Magister keinen Sitz unter seinen Genossen habe, was ihn
fortgetrieben und aus welchem Grund er sich nun schon so lange bei armen
einsamen Leuten verdingt? Das mußte er ergründen, daran klammerte er
sich fest.

Beineschlenkernd hockte Heino Wichmann zusammengekrümmt auf dem
gefällten Eichenstamm, grinste seinem aufgeregten Zögling spöttisch und
erkennend ins Gesicht und wickelte sich gelassen die gelben Haare um den
Finger. Endlich hauchte er gefällig und doch kalt, wie immer:

»Streng dich nicht an, Büblein. Der Mensch ist ein Trank, von dem man
höchstens fünf bis sechs Tropfen genießen soll. Mehr ist schädlich. Aber
weil du mir die Narbe über meiner Stirn so aufmerksam belauerst, so
magst du erfahren, wo mir diese rote Fahne zuerst aufgezogen wurde.« Er
rückte zur Seite. »Komm, setze dich neben mich und dann lerne an mir das
Exempel, daß es weichlich und dumm ist, wenn der Mensch nach etwas
Sehnsucht zeigt, was der Fresser Chronos längst verschluckt hat.«

Durch einen festen Griff fühlte sich Claus herabgezerrt, dann schlang er
die Arme stürmisch um den lächelnden Kleinen und horchte, als ob es um
sein Leben ginge.

Wo er sich überall herumgetrieben, das entdeckte der Erzähler nicht,
warum er die gelehrten Schulen verlassen, darüber glitt er hinweg. Nur
bei einem Punkt blieb er ausmalend stehen. Mitten aus einem tollen,
klirrenden Taumel mußte ihn plötzlich eine Begier, ein Heimweh, ein
Unbegreifliches, nach den Bücherhockern ergriffen haben, nach rauchenden
Öllämpchen, die in kalten Kammern über alten Schreibheften dämmerten,
nach den raufenden, zechenden und lernenden Bacchanten, nach dem Disput
streitender Dozenten und nach den dunklen Bogenhallen, wo aus löchrigen
und verschlissenen Professorenpelzen die Weisheit für hungrige Hörer
floß.

»Eine Äfferei,« urteilte Heino Wichmann grimmig.

Aus seinen vorsichtigen Andeutungen ging außerdem hervor, daß der
ehemalige Magister sich erst einem widerstrebenden und hohnlachenden
Kreise heimlich entziehen mußte, bevor er seinen drängenden Plan zur Tat
reifen lassen konnte. Aus welcher Stadt er entwichen, aus wie gearteten
Verhältnissen, das warf der Strohblonde mit einer abweisenden
Handbewegung beiseite. Genug, eines Tages tauchte er unvermutet in
Stralsund auf.

»Und dort?« drängte Claus, immer enger an den Freund sich schließend.

»Dort war eine Schule von Bacchantenschützen versammelt. In einer
Bodenkammer über einer Sattlerei hockten sie beieinander, und um den
Preis eines geordneten Vortrages stahlen und bettelten die Buben für
ihren Magister zusammen, was sie unbemerkt die krummen Treppen
hinaufschleppen konnten. So ging es eine Weile auch ohne den Verkauf der
goldenen Kette, die der Kleine aus nicht näher zu erörternden Gründen
dem Tageslicht keineswegs aussetzen mochte. Und schon faßte der Haufe
den Entschluß, sich gemeinsam nach Halle durchzuschlagen, wo der
berühmte Doktor Pelicanus die Grammatik lesen sollte, als -- --«

»Ja, Bübchen,« lächelte Heino Wichmann gönnerhaft, wobei er die
gespreizten Finger in das nicht mehr wärmende Sonnenlicht hielt, »aber
dann, liebe Unschuld, dann kam der Winter. Hast du schon einmal
gefroren, Cläuslein?«

»Ich denke wohl,« versetzte der Knabe mit weit aufgerissenen,
verständnislosen Augen.

Der Kleine nickte wegwerfend.

»Ja,« meinte er geringschätzig, »wie der Nordwind so einem von deiner
Art ein wenig die spitzen Nägel über den Leib ritzt. Aber was es heißt,
wenn die Zunge hinter den Zähnen vereist, oder sobald man halbtot in
seinem Bodenwinkel kauert, wo das Denken allmählich in dem klappernden
Gebein erstarrt, davon ward deiner Mutter Sohn nichts kund. Nicht wahr?
Ich sage dir, da führt man allerlei verrückte Tänze auf, ja, man vergißt
sich sogar so weit, zu beten, zu wimmern um einen einzigen Holzspan für
den leeren Ofen. Kuck, so ging es mir. Mein Verschlag lag der roten
Marienkirche gerade gegenüber, und durch die Lappen meines Fensters
konnte ich den heiligen Johannes auf seinem Postament stehen sehen. Der
fror weder in seinem weißen und blauen Überwurf, noch brauchte er von
einem Fuß auf den anderen zu hüpfen. Da schrie ich ihn an, er solle ein
Wunder tun; aber als er vornehm gegen mich Lumpen blieb und sich nicht
rührte, sieh, da packte mich die Wut, denn ich schämte mich für den
herzlosen Holzheiligen und ich beschloß, den Apostel zu seiner Pflicht
zu zwingen. In einer Nacht, wo es weiße Strümpfe durch die Straßen
schneite, schlich ich hinüber -- und dann eine Stunde später, oh, da
hatte sich Sankt Johann schon meines Ofens erbarmt, und himmlische Glut
umfing meine Glieder. Köstlich -- köstlich, der Heilige hatte ein warmes
Herz für mich Bresthaften.«

»Du -- du hast mit ihm eingeheizt?« stotterte Claus. Ein Schaudern
wollte ihn überrieseln, und in verschämter Bewegung bekreuzigte er sich
die Stirn. Und dabei packte den Mitgerissenen doch eine uneingestandene
Lust an dem Niederbrechen alles Herkömmlichen, und jener heimliche
Aufruhr, der stets von dem Strohblonden ausging, er zwang ihn immer
widerstandsloser in die Gefolgschaft dieses aufreizenden Lehrers.

Darum rechtete er auch nicht länger mit dem Wicht, sondern zeigte nur
stumm und hartnäckig gegen die Narbe des anderen.

»Ach so,« erinnerte sich Heino Wichmann bereitwillig, »du hast recht.
Dies da oben zog den Schlußstrich unter meinen Rückfall in die
Gelahrtheit. -- Mein Hauswirt, der Sattler, roch den Brand, er war nicht
einverstanden mit Sankt Johannis Einkehr bei mir, und so rückten nicht
allein seine Gesellen und Nachbarn mit Knütteln und Hellebarden gegen
mich aus, sondern auch die Stadtwache glaubte, einen seltenen Vogel an
mir erwischt zu haben. Oh Zeus« -- der Kleine wiegte auf seinem
Eichenstamm träumerisch das feine Haupt -- »es wurde ein wundervoller
Handel zwischen den Sankt Johannis-Rittern und meinen Buben. Allein, was
nützte uns die schönste lateinische Strategie? Pfui Teufel, zuletzt
mußte ich zum Fenster hinausspringen, ekelhaft, zum Hinterfenster
hinaus, in einen Kehrichthaufen. Behängt mit meiner güldenen Kette und
bewehrt mit dem schlanken Ravenneser Hieber stak ich stundenlang im
Unrat. Lerne daraus, wie aller Glanz und jede Würde der Erde in der
Stunde der Not gern zu Gestank und Kot hinabsteigt. Wobei nicht jedem
ein reinigend Bad darauf wird wie mir, der ich zu Nacht auf einem Balken
rittlings den schmalen Sund durchschwamm. Was dann weiter geschah« --
wollte der Kleine gleichmütig schließen und strich sich prüfend über
seine durchlöcherten Schuhe, aber plötzlich bettete er in heftiger
Spannung die Hand über die Augen, weil tief unter ihnen, am nahen
Strand, etwas Weißes, Glitzerndes, Lebensvolles gegen Sonne und Meer
aufleuchtete. -- »Was weiter geschah,« fuhr der Kleine hastig und bebend
fort, »das weißt du, und sieh, zum Dank zeige ich dir jetzt die einzig
vernünftige Gabe deines Gottes, die edelste und doch nie sättigende
Speise, die nicht lediglich für den Gaumen der Reichen ausgespart blieb
-- kurz, ich zeige deinen blöden Augen die schäumige, die
hüftenprangende Aphrodite.«

Er warf die zitternde Hand weit vor, und um seinen glatten Mund spielte
der unbeherrschteste Zug von Wollust und schonungsloser Sinnengier.
Katzenhaft, leise kichernd, glitt er bis an den freien Rand des Hanges.
Allein ein rascher Griff des Knaben warf ihn unsanft zurück. Totenblaß,
taumelnd, im Innersten seiner bereits zerrütteten Seele aufgewühlt,
schwankte der große Bursche vor dem Erstaunten auf und ab. Was er von
sich abwehren wollte, das wußte der Halberwachsene nicht, aber seine
schon von Stürmen bedrängte Scham tobte noch einmal in Wut und Grauen
gegen das Geheimnis, zu dessen Entschleierung ihm bisher der Mut
gemangelt.

»Du sollst nicht,« zeterte er besessen und grub seine Blicke angestrengt
in das Laub des Waldbodens, »das ist Anna Knuth, die -- --«

»Narr,« versetzte Heino Wichmann scharf und schüttelte die Faust ab.
»Der Name fällt mit dem Gewand. Geh zum Spinnrocken deiner Mutter!«

Da vergaß Claus, daß er hier trotz allem mit dem Wohltäter rang, der ihn
aus Nacht in den Tag geführt, besinnungslos, Funken vor den Blicken, hob
er die Faust, um dann -- wie eine Bildsäule der Ratlosigkeit zu
erstarren. Ein freches, höhnisches, gewalttätiges Lachen schmetterte ihm
entgegen, lähmte ihm den Arm und grub ihn wie einen Pfahl in den Boden
ein. Schon jetzt erkannte der Gebändigte, welche schreckhaften,
unheimlich aufspringenden Kräfte in dem Leib dieses bartlosen Kindes
verborgen fluteten. Stöhnend, von einem haltlosen Schluchzen
geschüttelt, wodurch das Vergnügen des Kleinen aber nur noch gesteigert
wurde, und dabei selbst unter den Peitschenhieben eines unsichtbaren
Peinigers, so mußte der Fischersohn mit ansehen, wie der Strohblonde,
auf dem Bauche liegend, alle Wonnen des Lichtes in sich einschlürfte,
und Abscheu und tiefer Schmerz um die entschwirrende Reinheit entluden
sich bei Claus in einem wilden Tränensturz. Unbewußt weinte er um die in
Sünden lachende Menschheit.

»Frommes Schäflein,« spottete Heino Wichmann über die Schulter zurück.
»Wir wollen dir ein Glöckchen um den Hals hängen.«



V.


Kalte, winddurchsauste Nacht senkte sich über den Landflecken Bergen. In
dem elenden Orte, der zwei bis drei Wegstunden von dem Sassensitze
entfernt auf der höchsten Erhebung der Insel kauerte, war Kirmes
abgehalten worden. Zudem hatten sich Gaukler gezeigt, die vom Hofe des
Wolgaster Herzogs zurück wanderten, hinten auf dem Ringelplatz hatten
Roßtäuscher die Gelegenheit benützt, ihr Vieh zum Verkauf anzubinden,
und die herbeigeeilten Fischer und Bauern versäumten nicht die seltene
Gelegenheit zu Spiel und Feier. Noch jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit
trieben grölende und trunkene Haufen ihre grobe Kurzweil, ja, durch das
Heulen des Sturmes schrillten lauter und ohrenbetäubender als vorher die
Posaunen, Flöten und Trommeln der Wandermusikanten und Gaukler, denn
diese leichten Vögel marschierten tanzend und springend an der Spitze
einer Rotte, die sich eben begeistert und freudentoll zum Höhepunkt
allen Vergnügens anschickte -- zum Rauchspiel. Man hatte gottlob einen
verwachsenen, halbnackten Bettler dabei erwischt, wie er ein Huhn unter
seinen Lumpen verschwinden lassen wollte, und jetzt jagte man den
Armseligen, der nur mühsam an seiner Krücke sowie auf einem Holzbein
daherhumpelte, mit Ruten- und Stockhieben nach dem »Schütting«. Als man
in dieser ehemaligen Räucherkammer angelangt war, entzündeten junge
Burschen, denen das Amt als Auszeichnung überwiesen sein mochte, das auf
den Fliesen der Hütte aufgeschichtete Laubwerk; der Hühnerdieb wurde an
einem Querbalken bis unter das Dach des Raumes emporgezogen, und nun
knisterten die brennenden Zweige, dicker Qualm wälzte sich an den Wänden
hinauf, und es war spaßhaft zu beobachten, wie das Opfer nieste und
hustete und durch allerlei Verrenkungen gegen das Ersticken ankämpfte.

»Kuck, Fiek,« meinte ein junger Bauer zu seiner andächtig
emporstarrenden Braut, »das Luder hat ein Loch im Strumpf. Ich will ihn
ein wenig an den Zehen kitzeln«.

Düsterrot, in langen blutigen Streifen fiel der Widerschein des Feuers
durch die Ritzen der Hütte auf die Straße. An der fensterlosen Kalkwand
des benachbarten Häuschens lehnten zwei Gestalten in unbeteiligter Ruhe.
Ihre braune Fischertracht und die derben Tuchkappen unterschieden sie
keineswegs von dem sich drängenden Menschenknäuel. Nur wer sie genauer
musterte, konnte trotz der Dunkelheit in ihren blassen Gesichtern lesen,
wie wenig sie von der allgemeinen Lustbarkeit angesteckt waren.
Spöttisch grinste der Kleinere auf das rohe Getümmel, und wenn die
Schreie des Geräucherten lauter herausdrangen, dann zuckte sein
schlanker Gefährte vor Unmut oder Mitleid zusammen und konnte nur durch
den festen Griff des anderen davon abgehalten werden, über den
abstürzenden Weg in der Nacht zu verschwinden.

Um sie herum war Streit, Gelächter und Aufregung. Der Gott der ehrbaren
deutschen Lust gönnte seinen Gläubigen neue Freude. Unter der Linde, die
vor dem Rauchhaus ihre nackten Äste im Winde knarren und stöhnen ließ,
zeterte der Bader des Ortes wütend auf einen Tabulettkrämer ein, weil
ihn der Hausierer angeblich mit einem stumpfen Schermesser betrogen.
Jauchzend stieß der breite Haufe die beiden Widersacher gegeneinander,
reizte sie zu immer heftigeren Tätlichkeiten und fiel schließlich über
den ortsfremden Krämer her, um ihn zur Sühnung seines Vergehens zu dem
beliebten 'Rasieren' zu zwingen. Auf einem Fußknorren der Linde hockend
und von zahllosen Fäusten festgehalten, mußte es sich der Gerichtete
gefallen lassen, bei Fackelschein von dem gereizten Bartkratzer nach
strengen Regeln der Zunft eingeseift zu werden. Aber statt Schaum ward
ihm Unflat ins Gesicht geschmiert, und als Messer diente eine schartige
Sichel, die ihr Werk mit Kratzen und Geräusch verrichtete.

Tosender Beifall übertönte das Ächzen des Geschundenen, und die Nacht
verschlang den tanzenden Wirbel, der um die Linde herum tollte.

»Komm,« fröstelte Claus, indem er sich gewaltsam losriß, »wir wollen
heim.«

»Schürzenband,« spottete der andere und lehnte ruhig weiter an der
kahlen Wand, »behagt es dir nicht bei den Deinen?«

Der Junge verzog die Stirn, wie immer, sobald seinem Willen ein anderer
entgegengesetzt wurde, dann jedoch kratzte er aufbrausend gegen die
Mauer.

»Warum quälen sie sich?« warf er verstört hin. »Weshalb halten sie nicht
Eintracht untereinander, da sie doch alle arme Schächer sind?«

»Warum?« Ein bissiges Kichern antwortete auf diesen Notruf eines
grübelnden Gewissens, und während der Kleine pfeifend die Hände in
seinen Ledergürtel schob, schien er sich innerlich über die Bedrängnis
seines Schülers zu ergötzen. »Bist zu viel zu den Pfaffen gelaufen,«
gönnte er ihm endlich. »Weißt du nicht, daß Priester und Herren nur so
lange auf dem Buckel des Haufens da zu reiten vermögen, als er roh und
unbelehrt bleibt? Wenn der abgetriebene Gaul schreiben und lesen könnte
wie du, dann würde er leicht um sich schlagen und fürchterlich werden.«

»Was würde er dann tun, Heino?« flüsterte der junge Mensch unruhig. Es
feuerte vor ihm aus der Erde. Nebelhafte Gebilde stiegen plötzlich aus
dem kotigen Boden der Landstraße vor dem Erschauernden auf. Das Heil und
der Segen, die dieser fiebernde Knabe nicht für sich, sondern für
kommende Geschlechter traumhaft in sich trug, sie zogen in wirren
Gestalten, preisend und betend über eine grüne Flur an ihm vorüber.
Weihrauchfässer schaute er, Baldachine, Wagen beladen mit Brot, Korn und
Wein. Aber an der Spitze des Zuges erblickte er einen Hochgewachsenen,
geschmückt mit allen Zeichen des Glücks, fürstlich in Gold und Purpur
gekleidet -- das war er selbst.

Nahe unter der Linde tobten die dunklen Schatten immer zügelloser, aus
dem Schütting trug man den halbohnmächtigen Bettler gerade zur Erholung
ins Freie, doch Claus Beckera durchstieß mit seinen Blicken jene
taumelnde Menge und schritt geisterhaft durch sie hindurch ins Weite.

»Was würde der befreite Haufe tun?« murmelte er von neuem.

Mit einbohrendem Verständnis und doch beinahe belustigt hatte Heino
Wichmann das Versinken seines Schutzbefohlenen beobachtet, jetzt
rüttelte er ihn derb an der Schulter, denn der genießerische Sinn des
Kleinen verachtete nichts so sehr als das Vergessen von Zeit und
Gegenwart.

»Was weiß ich?« stieß er spitz zwischen den Zähnen hervor. »Vielleicht
würden deine wackeren Landsleute, wenn man sie aufweckte, auf den
Einfall geraten, anstatt Schweine und Kühe einmal das sanfte Fell von
Gräfinnen und Herzoginnen zu streicheln. Oder sie könnten darauf
bestehen, das herrschaftliche Land nach einer neuen Ordnung zu
vermessen; am Ende aber begnügen sie sich auch damit, den roten Hahn
fliegen zu lassen. Was willst du? Das ist ein schnelles und munteres
Tier.«

»Halt ein -- so nicht -- so nicht,« stammelte Claus aus seinen hohen
Himmeln herabgeschleudert und warf entsetzt beide Hände vor. Ohne
Übergang entdeckte der Fischersohn plötzlich wieder die betrunkenen
Bauern um sich her, und eine unnennbare Sehnsucht befiel ihn nach der
Einsamkeit des Meeres, nach Vater und Mutter und nach seinen schönen,
schimmernden Gedanken. »Komm,« rief er inbrünstig, »laß uns gehen.«

Allein den Magister verdroß das vornehme Absondern seines Zöglings.
Mächtig stachelte es seine Eigenliebe, weil die Unverdorbenheit des
Jüngeren sich noch standhaft weigerte, jenes leichtsinnige Lotterdasein
anzubeten, wie es der Kleine ohne Scham noch Reue für den einzigen
Trost, für die allein lindernde Salbe einer sinnlos in die Welt
geschleuderten und sich nun in Knechtschaft und Zwang verzehrenden
Menschheit erkannt hatte. Wie kam der Bursche dazu, etwas Besseres
erstreben zu wollen als Buhlschaft, Prasserei und Rausch? Soviel
Anmaßung eines Unmündigen durfte nicht geduldet werden. Mit beiden
Händen umklammerte der Strohblonde daher den Arm des Unschlüssigen und
riß ihn mit sich.

»Wohin gehst du, Heino?«

»Ins Himmelreich, Bübchen.«

»Heino, ich traue dir nicht.« Er wollte sich loszerren. Doch den Kleinen
überwältigte die Wut, heftig krallte er sich in den anderen ein und
schrie mit einer Stimme, die nichts mehr von Mädchenhaftigkeit an sich
hatte:

»Pfui Teufel, zieh dir ein Jungfernhemd an. Wer wird dir fürder noch die
Beinlinge glauben? Schmach und Schande! Meinst du, die Welt brauche
Männer, die aus einem Rosentopf wachsen?«

Da hatte er den Leichtbeleidigten, Ehrsüchtigen soweit, wie er
beabsichtigte. Als ob ihm ein Peitschenhieb rund um den Rücken geknallt
wäre, so bäumte sich Claus auf. Nichts mehr von Besinnung war in ihm. In
diesem Augenblick wäre er über die Leichen von Vater und Mutter
fortgesprungen, nur um den brennenden Schimpf zu widerlegen. Aber noch
mehr geißelten den Atemlosen die Furcht und das Grauen vor dem Verlust
von etwas Kostbaren. »Was kann das sein?« durchströmte es ihn noch, als
ihn Heino Wichmann hinter sich her um die Ecke der kahlen Mauer
herumzog. Er wußte es ganz gut und wehrte sich doch voller Schrecken
gegen seine eigene Erkenntnis. Heulend warf sich den beiden
Vorwärtstappenden der Wind entgegen, aus ihrer nahen Hütte kläfften zwei
bösartige Hunde, und ein langer gelber Lichtstreifen zeigte den späten
Gästen eine erleuchtete Kammer an.

»Hier läßt sich's wohl sein,« bestimmte Heino beinahe herrisch. Dann
schlug er ein paarmal gewaltsam gegen die Bohlen der Holztür. »Macht
auf, Menscher! Es gibt fürnehme Leute.«

       *       *       *       *       *

»Eia,« rief eine helle Stimme, als die beiden Ankömmlinge eintraten.
Eine blaue Wolke von Kiendampf wälzte sich ihnen entgegen. Hinten aus
dem umnebelten Ziegelherd tanzten für die Nacht bereits unruhige
Flammen, und in ihrem springenden Flackerlicht richtete sich mitten von
dem Estrich, wo sie bisher gelegen, eine junge Dirne bis zur Brusthöhe
empor, stützte sich auf die Ellbogen und ließ ihre neugierigen
grünblauen Augen musternd auf den beiden Männern ruhen. Allein bald
mußte sie einzig von der unberührten Schönheit des großen schlanken
Burschen gefesselt werden, von seiner deutlich bemerkbaren Scheu und
Unruhe, denn sie ließ eine gelbe Katze, mit der sie bis dahin offenbar
zur Ergötzung der Gäste eine kosende Neckerei getrieben, von ihrem Schoß
herabspringen, setzte sich auf der Diele zurecht und wiederholte mit
allen Zeichen der Befriedigung noch einmal:

»Eia.«

»Becke,« ermahnte eine rauhe Weibsstimme, deren riesenhafte
starkknochige Besitzerin neben dem Herd hockte, wo sie unausgesetzt eine
Holzkelle in dem Kupferkessel herumwandern ließ, »wie oft muß ich dir
sagen, du sollst nicht herumliegen und faulenzen, wenn gute Herren
kommen? Bei Gott, ich dresche dir noch den Buckel voll.«

»Haltet Euer Maul,« widersprach das Mädchen völlig ungerührt und
streckte der Wirtin sogar die Zunge entgegen. »Hat Euch der
Stadtschreiber nicht erst neulich bedeutet, daß der Rat mich nicht
missen will? Wer seid Ihr ohne mich, Ihr garstige Hexe?«

»Nun, mein Püppchen,« schluckte das Weib am Herd und schlug sich mit der
Linken auf die gewaltige Brust, als ob sie dort ihren süßsauren Grimm
einmauern müßte, zumal ihre übrigen Gäste, die unter einer tiefen
Wandeinbuchtung saßen, bereits aufmerksam zu werden begannen. »Es freut
mich weidlich, weil dir der Rat so wohlgewogen ist. Mußt aber auch
hübsch auf dich aufpassen, damit es lange dauert. Und nun, mein Engel,
steh auf und erkundige dich, was den Herren willkommen sei? Ein Krug
Met? Oder Mostwein? Oder ein heißes Süppchen? Oder gar etwas anderes?
Wir werden es an nichts fehlen lassen.«

Damit zwinkerte Frau Sibba, die Wirtin, mit ihren blau unterlaufenen
Augen, die gerade noch hinter dem schmutzigen Kopftuch hervorglotzten,
nach einer kleinen Nebenkammer, in der Claus nichts als ein zerwühltes
Strohsacklager wahrnahm. Von der Decke schaukelte eine trübe Ölleuchte
in einem halbzerbrochenen Scherben herunter, und ganz im Gegensatz zu
all der Dürftigkeit war über das Fußende des Bettgestells ein
rotseidener Fetzen mit eingewirkten Goldfiguren geworfen. Ein
sichtliches Zeichen dafür, wie dankbar irgendein unsteter Seemann von
hier geschieden.

»Steh auf, mein Täubchen,« ermunterte die Wirtin nochmals mit ihrer
harten Knechtsstimme, denn die stumme Verzauberung der am Boden
gefesselten, zottelhaarigen Becke dünkte ihr zu viel Ehre für zwei
armselig gekleidete Fischer. Was konnten solche Netzflicker auch anderes
als ein paar erbärmliche Pfennige in ihren Ledertaschen bergen? Wie hoch
stieg indessen das Befremden der Hausmutter, als der kleine strohblonde
Ankömmling mit einer zwischen Frechheit und Herablassung schwankenden
Gebärde, wie wenn das Haus und die Kammer, die Weiber und die Atzung
sein unbestreitbares Eigentum wären, sich zu der liegenden Dirne
niederwarf, um sie dort vertraulich zu umschlingen und der Überraschten
einen Kuß auf den entblößten Busen zu pressen.

»Wonnige,« schrie Heino Wichmann schallend durch den gedrückten Raum,
»Wonnige.«

Die Gäste unter dem Mauervorsprung meckerten und klopften mit den
Zinnkrügen ihren Beifall auf den Tisch. Die Dirne jedoch schlug lässig
nach der tastenden Hand des Frechen, obwohl die Entrücktheit von ihr so
wenig gewichen war, daß sie noch immer wortlos auf dem Estrich kniete.
Aber während sie sich die Haare zurückschob, saugten sich ihre
glänzenden Augen auffordernd und hungrig an dem blassen Antlitz des
erstarrten Burschen fest. Gerade seine ungläubigen, kindlich verstörten
Züge schienen ihr Mitleid zu erregen, denn die gemalten Lippen der Becke
bewegten sich, als ob sie diesem eigenartigen Besucher Trost zusprechen
wollte.

»Fein's Bübchen,« murmelte sie unhörbar.

Da klammerte der Magister seinen Arm um den Hals des Mädchens, zwinkerte
nur ihr verständlich nach seinem Begleiter hinüber und flüsterte der
jetzt zur Aufmerksamkeit Gezwungenen etwas ins Ohr. Das mußte ihr glatt
und lockend eingehen, lachend sprang sie empor, schob sich mit einem
verstohlen wiegenden Gang bis zur Schwelle, wo sie dann plötzlich und
unvermutet nach der Hand des unentschlossenen Gastes griff. Starke,
pulsende Schläge hämmerten aus der weichen runden Frauenhand in die
schreckgebundenen Glieder des Knaben hinüber, und doch -- so unbändig
wütete der letzte Kampf in dem zum Niederbruch Bestimmten, daß Claus
noch in diesem Augenblick jähzornig die Faust hob, schwankend, ob er
nicht die wohltuende und doch so peinigende Zärtlichkeit mit einem Hieb
in das rotwangige Gesicht vergelten sollte.

Wirklich, schon spannte er den Arm. Die Becke aber drängte sich noch
dichter an ihn heran, überstrich ihn von unten herauf mit ihren
blaugrünen Augen und sprach kosend:

»Komm -- du Schöner.«

Da stand er ganz still und horchte in schmerzlichem Erstaunen auf solche
nie gehörten Laute. Und während die Becke seine Reglosigkeit benutzte,
um ihm schmeichlerisch die flaumige Wange zu streicheln, bis sie es
endlich sogar versuchte, ihren Arm um seinen Nacken zu schmiegen, da
meinte der Verwandelte ganz deutlich einen Strom zu spüren, der sein
früheres Bild und seine lichte Vergangenheit mit sich forttrug.
Düsteren, verzweifelten Blickes verfolgte der Fischersohn das
Forttreiben seiner verlorenen Wesenheit. Ja, noch unter dem höhnischen
Gekicher des am Boden hockenden Magisters hätte er am liebsten vor
Jammer laut aufheulen mögen. Allein der Strom ließ ihn nicht mehr
auftauchen. Plötzlich empfand er spitze Zähne an seinem Ohr. Auf einen
ungeduldigen Wink des Strohblonden war die Dirne gewandt an dem Fischer
in die Höhe gesprungen, jetzt trug er die vollen Weibsglieder rittlings
auf seinen Armen, und rechts und links trafen ihn die raschen
schmerzhaften Bisse. Die fraßen den letzten Rest seiner Gegenwehr
hinweg.

Ein wilder, unnatürlicher Schrei der Entfesselung war es, der aus der
Kehle des Burschen raste. Selbst Heino Wichmann horchte überrascht auf,
als dieses gellend grausame Signal von etwas Neuem, bisher Unerhörtem
aus der Brust seines so schwer zu brechenden Zöglings herüberschmetterte.
Gleich darauf jedoch schüttelte der Kleine leichtmütig, wie stets, den
sich leise regenden Zweifel ab, und sein heller Diskant überschrillte
sogar noch das wüste Toben der anderen, als er jetzt vor Begeisterung
mit den Füßen auf dem Estrich trommelte, weil er wahrnahm, wie Claus von
Glut übersiedet seine Last an den Tisch schleppte. Dort warf er das
Mädchen, dessen Arme sich nicht von seinem Halse lösen wollten, mit
einem Krach auf die Platte. Ringsum spritzte es aus Kannen und Bechern!
Die Becke aber lehnte schnell ihre Wange an die ihres Ritters, versetzte
ihm verliebt einen Nasenstüber und flüsterte erregt, jedoch von den
anderen ungehört:

»Jetzt nicht, Lieber. Aber bleib hier. Ich zeig dir was.« Damit sprang
sie von dem Tisch herab.

Es war ein Bild, wie es später die nordischen Maler aus dunklem
Hintergrund herausleuchten ließen, sobald ihnen des Daseins derbe,
überschäumende Lust aus keckem Pinsel floß. Aber damals strahlte über
der Kunst ein strenger, heiliger Himmel, und auch in der Wirklichkeit
versteckten sich solcherlei Begebenheiten noch verstohlen in den
finsteren Ecken übel beleumundeter Schlupfwinkel.

Der Magister hatte sich inzwischen in die Höhe gefunden. Jetzt riß er
sich die Kappe vom Haupt, daß ihm die langen gelben Haarsträhne wirr auf
die Schulter fielen, und schleuderte die Kopfbedeckung in die Luft.

»Laßt uns das hochzeitliche Paar in Wein segnen,« piepste er mit seinem
tollen Sperlingsgezwitscher. »Ersäufen wir in der Trauben Blut all die
verruchte Plackerei. Riecht ihr es nicht? In Frau Sibbas edlem Haus
verbirgt sich die Freiheit. Greift sie, ihr Schindluder, ihr findet sie
sonst nirgends.«

»Greift sie,« schrie auch Claus Beckeras besessene Stimme. Flüchtig
erschrak der Bube, als er sich selbst hörte, als das Fremde wie mit
einer klirrenden Schere in seinen Gedanken herumschnitt, allein gleich
darauf stürzte er umnebelt der entwischten Dirne nach. Die schaffte
gerade am Herd, als er nach ihr tastete. Bissig schlug sie ihm auf die
Rechte, funkelte ihn an, denn dies Gebaren des Gesellen war ihr nicht
fremd, und herrschte hochmütig:

»Jetzt nicht, du unflügges Huhn. Ich hab's dir gesagt.«

Und abermals stand Claus behext, horchte verwundert auf und schüttelte
das schmale Haupt.

Unwirsch hatte bis jetzt die Wirtin das Treiben der beiden Fremden
gelten lassen, jetzt endlich riß ihr die Geduld. Mit einem ärgerlichen
Gehüstel erhob sie sich von ihrem Herdsitz, und siehe da, als sie stand,
streckte sie sich empor wie ein langer Pfahl, auf dessen oberer Kante
schmutziger Schnee liegt. Langen Schrittes fuhr Frau Sibba sodann auf
den Magister zu, wobei sie es für angebracht hielt, dem kleinen,
scheinbar so ungefährlichen Kerlchen ohne weiteres mit der Knochenhand
in den halboffenen Kragen zu greifen.

»Wie steht es mit der Zeche?« wollte sie gerade zwischen ihren
Zahnlücken liebevoll hervorpfeifen, da pluderte sich ihr Faltenrock
kreisrund in die Höhe, und die von ihm bekleideten Glieder flogen,
gleichsam geschleudert, auf den Holzhaufen hinter den Herd zurück. Wie
es geschehen, das konnte sich keiner erklären, da alles durcheinander
lärmte, aber sobald man durch den aufgestörten Kienqualm wieder
hindurchschauen konnte, da tanzte der Strohblonde wie von Sinnen mitten
in der Schenke herum, während er ein abgerissenes Glied seiner Goldkette
hoch über dem Gelbkopf schwang. Dazu flötete Heino Wichmann, sich
freundlich nach allen Seiten verbeugend, mit seinen süßesten Tönen, ob
man ihn vielleicht auch jetzt noch daran hindern wolle, die hier
versammelte Hundeheit durch Wein und Liebe von ihren Stricken
abzubinden?

»Durch Wein und Liebe,« wiederholte Claus sinnlos und versank völlig in
die vor ihm geöffnete Grube von Qualm und Glut. Die Becke wischte an ihm
vorüber und küßte ihn anfeuernd auf den Nacken.

Das alles verschwamm vor dem schon Nüchtern-Berauschten und drehte ihn
nur noch hilfloser in den kreisenden Wirbel. Was dann geschah, das
tanzte vor ihm auf und ab. Bald hoch flackernd, bald zusammenstürzend
wie die blauen Flammen des Herdes. Er sah sich im engen Drang auf die
Bank vor den Tisch geschoben, und aus dem Zinnkrug duftete ihm gärender
Met entgegen. Er leerte den Becher mehrmals, und seine Sinne gaukelten
fortan wie Schmetterlinge über dem süßen Trunk. Warum konnte er diesen
oder jenen Gedanken nicht mehr festhalten? Aufgescheucht versuchte er
es, aber es gelang ihm um keinen Preis. Statt dessen mußte er den Gängen
der Becke nachspüren, die den Gästen immer von neuem das Trinkgeschirr
auffüllte, es zog ihn, in ängstlicher Neugier ihren kurzen Rock zu
streifen, ja einmal brüllte er drohend auf, als die Dirne sich
verweilend auf die Knie eines alten, kahlköpfigen Mannes niederließ,
dessen feiner blauer Bürgerrock keineswegs hierher zu gehören schien.

»Was schiert dich, Bübchen?« hörte er zwar gleich darauf die Aufwärterin
lachen. Unhörbar war sie herangeschlichen, jetzt beugte sie sich über
den Vernunftberaubten und ihre Augen funkelten, als sie merkte, wie
Reife und Knabenschaft in ihm Würfel spielten. Da umklammerte er
erbittert die von Met und Hitze dampfenden Weibsarme, und schwankend
zwischen Wut, abgründiger Verachtung und stöhnender Besessenheit bettete
er sein Haupt an ihre Brust.

»Dummkopf,« sträubte sich die Eingefangene, »du reißt mir ja das Hemd.«
Aber es klang doch keuchend, und nur schwerfällig entzog sie sich.

Entzückt über dieses schwindelhafte Werben hatte sich Heino Wichmann auf
den Tisch geschwungen. Hier preßte sich das berauschte Kerlchen, obwohl
seine zwiefarbigen Augen noch immer so frostig wie früher blinkten, die
Rechte aufs Herz und sang mit seiner bohrenden Stimme einen Kehrreim,
welcher zur Zeit der fatalen Münzverhältnisse unter dem zur Verzweiflung
getriebenen Volke durch Dorf und Stadt lief:

  »Dirn im Bett und Wenzels[*] Geld --«

  [*] König Wenzel von Böhmen.

Und sofort wieherte der Chor zur Antwort:

  »Was ist falscher auf der Welt?«

»Ihr seid ein Spaßvogel, Kleiner,« sagte die Becke durchaus nicht
beleidigt.

Der Sänger aber strich ihr gönnerhaft über die Zottelhaare.

»Und du, ein schöner, fetter Bissen, Herzlein,« entgegnete er überlegen,
»jedennoch, ich gönne dir alles Gute.«

Quirlende Pfiffe, die aus der Ecke schrillten, belohnten jenen
anzüglichen Witz.

Und wieder tanzten vor Claus die blauen Flämmchen, und die
Schmetterlinge über dem Met taumelten schwer und flugtrunken -- -- --

Nach einer Weile ging die Becke und schlug in der Nebenkammer, öfter
über die Schulter zurückspähend, das zerwühlte Lager zurecht. Diese
Pause benützten die bäuerlichen Zecher zu Flüchen und Verwünschungen
über die gotteszerrissene Zeit. Da war zuerst der feine blaue
Ratsherrnrock. Am Tage hatte der nackenfette, ewig schmunzelnde
Glatzkopf die Stadtwage, sowie Recht und Sitte wahrzunehmen. Aber da ihm
zu Hause ein zänkisch Weib eignete, das ihn schlug, so verargte es ihm
keiner, wenn er abends Frau Sibba und die Becke besuchte. Er galt als
Stammgast, und allerlei Vorrechte wurden ihm eingeräumt. Deshalb war er
auch der einzige, der zufrieden und stillbehaglich in seinen Krug
blinzelte. Ganz anders die Bauern, deren fünf bis sechs in
galgenfröhlicher Verbitterung hinter ihren Töpfen lagerten. Zwischen den
haarigen Kerlen schwelte es wie die Lust zur Verschwörung. Denn der
Conaer Graf hatte, da er mit der Stadt Bergen im Streit lag, einfach die
umliegenden Hufen besetzt, und jetzt führte sein Troß Vieh und Getreide
des Landmannes fort als Wehrgeld für den Zug gegen die Freibeuter, so
hieß es.

»Es verstößt gegen das gemeine Huferecht,« stöhnten die Gepfändeten, und
drohend schrien sie den Ratsherrn an. »Gibt's denn kein Recht? -- Gott
verdamm mich, gibt's kein Recht?«

Der Dicke jedoch zuckte die Achseln und schwieg. Er wußte, wie wenig
gegen Spieße und Armbrüste ein Pergamentfetzen etwas ausrichtete.

Mit weit aufgestemmten Armen lag Claus über die Tischplatte geworfen,
sein glühend Antlitz hatte er auf beide Fäuste gestützt; und das Klagen
und Jammern der Landleute floß in die Adern des Jungen hinein wie
zischendes Blei. Es zerstach ihm das Hirn, es zerriß ihm die Augen, so
daß vorübergehend sogar das Bild der üppigen Dirne aus ihnen
herausstürzte; das unverstandene Drängen und Jagen des Burschen nach vom
Himmel strömendem Segen, nach einem Wohlstand, der jedem gleichmäßig die
Hand reichte, über welche kümmerliche Scholle er auch schritt, diese
gierige Sehnsucht, die sich so ungleiche Schwingen geborgt hatte, die
eine von den demütigen Lehren des Pater Franziskus, die andere von den
stachelnden Einflüsterungen des kleinen Magisters, jetzt rissen ihn die
starken Fittiche über seine irdische Besessenheit hinaus.

Drinnen in der Kammer walkte die Becke das Bett kräftiger, Claus Beckera
jedoch überhörte die aufreizende Hantierung, denn Zorn und Mitleid
hatten ihn längst an diese entrechteten Bauern gekettet, deren Plage ihm
widersinnnig und unmenschlich erschien. Es war eine geschnürte, drohende
Unruhe in seiner Stimme, als er sich jetzt flüsternd erkundigte, ob sich
denn keiner der Vergewaltigten gegen das schreiende Unrecht zur Wehr
gesetzt? Da warfen die Landleute scheue, betretene Blicke auf den
unreifen Buben, aber endlich steckten sie die Häupter zusammen und
wiesen mit Fingern auf einen untersetzten Mann am Ende der Bank. Der saß
in seinem braunen Bauerngewand in sich versunken da, über den violetten
Halskragen, der ihm das gefurchte Antlitz zum Teil verhüllte, war noch
ein unscheinbarer Tellerhut gedrückt, allein selbst durch diese
Vermummung hindurch hatte Claus aufgefangen, wie der Mann, so oft er
sich unbeobachtet wähnte, zuweilen schwer vor sich hinseufzte. Bald
griff der Einsame tastend nach dem kurzen Schwert an seiner Seite und
von dort wieder unsicher nach dem Stiel einer Axt, die er zwischen seine
Knie gelehnt hatte. Kaum aber bemerkte der Grübler die auf ihn
gerichtete Aufmerksamkeit, als er zusammenschrak und der Wirtin heftig
winkte, er wolle seine Zeche bezahlen.

»Tummle dich, Weib,« drängte er, indem er sich mißtrauisch in den Ecken
umsah, bis sein unsteter Blick endlich auf einem zusammengeduckten
Sprenkelbart haften blieb, auf einem schmutzigen Juden, der in seinem
gelben Schandrock und der roten Zwangskappe müde auf einem Holzblock
neben dem Eingang hockte, wo er von allen übersehen, gleich einem Stück
Niemand, ruhig ein Näpfchen Suppe schlürfte. Der Mann mit der Axt jedoch
schrie hämisch auf und schlug sich, wie in nagendem Grimm, den flachen
Hut tiefer über das Haupttuch. »Für den da, für den verfluchten Juden
bezahle ich mit,« rief er schneidend, während die tiefen Furchen in
seinem braunen Sorgenantlitz zuckten. »Komm, Mauschel, bist der richtige
Gesell für mich. Leck deine Schüssel leer, und dann fort.«

»Was ist mit dem Hebraicus?« unterbrach Heino Wichmann von seinem
Tischplatz aus spürend. Die feinen Nasenlöcher des Kleinen witterten
dabei wie die eines Jagdhundes, und sein ungleiches Augenpaar sprang die
beiden Weggenossen so lauernd und zerfleischend an, daß jeder von ihnen
unwillkürlich nach seinen Habseligkeiten griff.

»Was soll sein?« stammelte der Jude, indem er sich mühsam emporraffte.
»Ich wandere.«

»Ja, und ich will dir auch sagen, warum,« kreischte die Sibba und riß
ihm die Schale aus der Hand. »In Potthagen, wo du wohnst, da hat das
große Sterben schon wieder angehoben. Und was steckt dahinter? Ihr
Krummnasen, ihr Herrgottsmörder habt die Brunnen vergiftet. Ist es etwa
nicht wahr? Man sollte dich totschlagen, du garstiges Gewürm.«

Ein einziger, ein heulender Schrei kam von den gereizten Bauern.
Geballte Fäuste fuchtelten in der Luft, und ein schwerer Steinkrug flog
schmetternd gegen die Brust des Verhaßten. Welch eine Wollust, sein
eigenes Leid abwälzen zu können. Stöhnend sank der Jude auf seinem Platz
zusammen, und erst nach einer Weile vermochte er hervorzukeuchen:

»Gestern ist mein eigen Weib und mein Sohn verröchelt. Glaubt ihr -- --?«
Er murmelte etwas Unverständliches.

Doch der Abscheu der Landleute tobte weiter.

»Stoßt ihn ins Feuer, den Mauschel, soll er uns vielleicht den schwarzen
Gevatter an den Hals hetzen?«

Polternd sprangen die Männer hinter dem Tisch in die Höhe, ein
fluchendes Getümmel umzüngelte alsbald das Opfer ihrer Wut, und der
Angehörige eines aus den Reihen der Menschheit verwiesenen Stammes ließ
seine schwarzen Augen ungläubig und doch bereits auf alles gefaßt von
einem der Bedränger zum anderen rollen. Allein nirgends erspähte er
Gnade, überall nur sinnlose Fremdheit und schäumenden Haß. Da -- beinahe
im letzten Augenblick -- was war das? Da setzte etwas Wirbliges,
Zappelndes, Strohblondes mit einem katzenhaften Sprung von dem Tisch bis
dicht vor den Angegriffenen hin, ein helles Gelächter wurde
aufgeschlagen, und merkwürdig, die kleine Kinderfigur schien plötzlich
biegsam, wuchtig, stahlhart, wie eine gute Klinge, die sich zum Hieb
erhoben. Im gleichen Moment freilich war auch Claus Beckera in das
Gewühl geschossen. Ihn leitete kein besonderes Mitgefühl für diesen
umstellten Juden, nur das stürmische Weh für alle Unterdrückten äußerte
sich rückhaltlos auch hier. Es war eine wundervolle Bewegung, als sich
jetzt die überragende Gestalt schutzbereit vorwarf, halb geschmeidig,
halb gebieterisch. Dazu flammten die schwarzen Augen in einem dunklen,
bannenden Feuer, und die metallische Stimme füllte das ganze Haus mit
solch fortreißenden Wirbeln einer geschlagenen Trommel, daß selbst die
Becke, die neugierig am Pfosten der Kammer lehnte, ihren Nacken von
einem eigenartigen Schauder überkräuselt fühlte.

»Weh dem Armen,« schleuderte der zum erstenmal in eine wache Geisterwelt
Entrückte seinen Angreifern entgegen, »weh dem Armen, der einen anderen
Elenden entheiligt.«

Die Bauern sahen sich an, verstanden nicht und wichen vor der drohend
gereckten Faust zurück. Eine Stille, ein Verstummen fiel in den Tumult,
um gleich darauf durch ein quirlendes, sich überschlagendes Gelächter
abgelöst zu werden.

»Hört -- hört den Bußprediger,« schüttelte sich Heino Wichmann, und sein
Lachen legte sich wie ein Wall vor den Juden. »Meint man nicht, das
Bübchen möchte gleich Messe singen? Ja, das Pfaffendienern, das
Kutten- und Pantoffellecken ist ein gut Ding. Aber nun verstattet auch
mir ein Wörtlein, ihr Heufresser.«

»Was sagt er?« murmelten die Bauern, die es nicht begriffen, wie ein
Zwerg es wagen könnte, sie zu beschimpfen.

»Ich sage,« fuhr der Kleine in ungetrübter Ruhe fort, während er
gelassen vor dem Hebräer auf und ab wanderte, »daß ihr ein Querholz vor
der Stirn tragt und Ochsen seid.«

Die Bauern rührten sich nicht und horchten. Selbst die Becke, die nur
das Bild des glühenden Knaben verschlang, beugte sich vor.

»Ich dachte, ihr wolltet Edelwild jagen?« sprach der Magister schneidend
weiter, und in seinen Augen funkelte eine aufreizende Flamme von Bosheit
und verführerischem Aufruhr. »Ein Kesseltreiben gegen den zweibeinigen
Schädling!? Oder meint ihr, diejenige Meute sei die beste, die sich
selbst zerfleischt?«

Noch nie hatte Claus die aufwühlende Gewalt des Kleinen auf eine erregte
Schar verzweifelter Männer überspringen sehen, jetzt fühlte er selbst,
wie die glühende Aufreizung ihm den Atem stocken ließ und daß er im
Moment nichts anderes war als ein zitterndes Blatt an einem Strauch, den
der Wind zaust. Blätter, bewußtlos vom Sturm geschüttelte, raunende
Blätter wurden auch die übrigen. Die Brüste dehnten sich, die wilden
Augen richteten sich starr auf den einen, von dem eine unbegreifliche
Losung auszugehen schien, selbst der Jude vergaß die ihm nahe Gefahr,
denn taumelnd richtete er sich auf und ergriff seinen Ranzen.

»Wohin gehst du?« forschte Heino Wichmann unvermittelt wieder mit seiner
weichen Mädchenstimme.

»Ich wandere,« versetzte der Gefragte hartnäckig.

»Ja, wir wandern,« wiederholte nun auch der Mann mit der Axt, der bisher
wie im Traum gelauscht hatte. »Komm, Bruder.«

Allein ehe die beiden sich noch aus dem erstarrten Kreise lösen konnten,
stand der Kleine plötzlich zwischen ihnen, und leise und doch mit
unentrinnbarer Eindringlichkeit sagte er:

»Den einzigen, der dir die Flecken von der Axt fortwaschen kann, den
findest du jetzt nicht. Der ist weit.«

Der Bauer wich einen Schritt zurück, stammelnd fragte er: »Wer ist das?«

»Wer?« Heino streckte ihm die Rechte entgegen, in die der andere, wie
gezogen, einschlug. »Wer?« flüsterte der Kleine noch einmal. Und kaum
verständlich, hinter Schauern von Anbetung und Geheimnis verborgen,
hauchte er ihm ins Ohr:

  »Der Gödeke -- Gödeke Michael,
  Der führt auf dem Schwarzschiff allein den Befehl.«

Eine Woge mußte in das Haus der Sibba geschlagen sein, die alles, was
bis dahin aufrecht stand, unter sich begrub. Aus dem Strudel schlang es
sich herauf wie die Stimmen von Ertrinkenden. Ein allgemeines brausendes
Gebet, das brünstig durch das Dach gegen den Himmel stieg:

  »Seine Brust ist wohl eine Elle breit,
  Den Bedürftigen schenkt er Speise und Kleid!«

Noch heulte der Sturm, da geschah etwas Ungeahntes. Lallend, trunken von
der Gewißheit, in eine Gemeinschaft eingeschlossen zu sein, so hatte der
Hebräer die Axt an sich gerissen. Jetzt taumelte er auf den Holzblock,
schwang die Waffe fieberhaft über die vielen Köpfe und besessen von
einem starren, fanatischen Wahne kreischte er gellend:

  »Und tragt ihr Armen am Leben schwer,
  Das Recht und die Freiheit wohnt auf dem Meer.«

Und wieder erscholl es ihm zur Antwort, ernsthaft, schwer, feierlich,
wie das Responsorium in der Kirche:

  »Dort richtet die Reichen an Leib und Seel,
  Der Gödeke -- Gödeke Michael.«

Aber das letzte klang schon auf der Landstraße. Der Schwarm hatte sich,
einer inneren Macht folgend, ins Freie ergossen. Alles, was sich ihm
widersetzte, war fortgebrochen, nur die Becke und Claus befanden sich
allein unter dem niedrigen Dach; beide angewurzelt, die Trümmer eines
langsam sich fortspinnenden Traumes.

»Komm,« ermunterte endlich das Mädchen und streckte verstohlen die runde
Hand nach dem Versunkenen aus. Allein schon die Berührung machte es
lechzend und unsicher. Je länger sie mit dem schlanken, gänzlich
inneren Liedern lauschenden Burschen allein blieb, desto mehr
durchschlug sie das Bewußtsein, dieser große, stolze, widerwillige Junge
mit den brennend schwarzen Augen, er gehörte nicht in das Geschlecht der
sich am Boden wälzenden, viehischen Genüßlinge, die bis jetzt ihren Leib
geplündert und verhöhnt hatten. In diesem wohnte noch eine verzweifelte
Scham, eine gierige Andacht, die zugleich beten und doch das
Muttergottesbild zerschlagen wollte. Und das lockte die Dirne über die
gewohnten Grenzen hinaus, bis sie weich und nachgiebig wurde.

»Komm,« bat sie dringend, »du kannst nach deinem Willen tun.«

Es war eine heiße, betörte Menschenstimme, von der Claus aus seinen
himmlischen Gärten hinweggejagt wurde. Wild, schmerzlich fuhr er auf.

»Was willst du?« stammelte er entsetzt, angewidert, denn in den
brauenden Kiennebeln sah er, wie die entfesselte Brunst sich ihm
gewohnheitsmäßig näherte. Nein, das nicht. Alles, was von Demut gegen
seine Mutter in ihm lebte, alles, was er Feindliches in seinem eigenen
Geschlecht barg, es empörte sich, und mit einem wuchtigen Stoß
schleuderte er die Hingebungbereite vor sich nieder auf den Estrich.
Ihren dumpfen Fall hörte er noch, dann befand er sich im Freien.

Draußen Dunkelheit, feuchte, pfadlose Nacht.

Aus den Erlen und Pappeln der Landstraße schwirrte es, feiner Sprühregen
stäubte den abschüssigen Weg herauf, und vor den Füßen des Flüchtenden
seufzte der aufgeweichte Lehm der Landstraße.

Wohin führte der Pfad? Claus wußte es nicht. Entschlußlos blieb er
stehen, bot die Fieberstirn den kühlen Tropfen und lauschte. Von der
Höhe züngelte ihm noch ein Feuerstreif aus den Fenstern des Häuschens
nach, das er eben verlassen, und ganz weit, jenseits des Absturzes,
wirbelten zerstückte Fetzen des sich entfernenden Bauerngesanges. Ja,
das wollte er festhalten, daran wünschte er sich zu klammern. Aber
während der Einsame versuchte, die bekannten Strophen aus keuchender
Brust aufsteigen zu lassen, da verwirrte er sich. Vergessen, vergessen
waren die Worte und Bilder, die er bis jetzt aufgebaut und errichtet.
Dafür -- er blickte sich wie gehetzt in der Finsternis um -- dafür
leuchteten überall aus den Schatten heraus weiße Arme, die ihn
einfingen, und eine üppige Brust atmete, die ihn erdrückte. Er wollte
sich wehren, er schrie wie ein Unsinniger, allein das weiße Gewoge
erstickte ihn und kehrte ihn um. Vergebens, umsonst, getragen von
flatternden Fittichen schoß er zurück -- sprengte die Tür und sank
wortlos der jauchzenden Dirne in die Arme.

Über dem Hause der Sibba erlosch das Sternbild des Jupiter.



VI.


Ist erst das Eis gebrochen, dann spritzt der trübe Gischt des Meeres
gewaltsam hervor, und man meint, die wallende Flut schleppe überhaupt
nichts anderes mehr als Unrat.

Von dieser Zeit an kehrte Claus häufiger und häufiger in der Hütte der
Sibba ein. Mochte ihn auch am Tage, wenn die helle Sonne der Küste sein
Tun bestrahlte, der Ekel und der Abscheu vor dem wilden Zwang quälen,
der ihn an einem schneidenden Seil über die Berge zog, in der Nacht
schnürte ihm die schmerzhafte Umstrickung alle Glieder zusammen und riß
den Unbändigen von dannen. Willig wurde er von seinem hohnlächelnden
Lehrmeister mit einem Ring der goldenen Kette nach dem anderen
ausgestattet, und Heino Wichmann versäumte nicht während der Tagesarbeit
seinem verbissen vor sich hinschaffenden Zögling einzuprägen, wie es im
Altertum ganze Schulen der Weltweisheit gegeben, die im Genuß, in
Schwelgerei und besinnungslosem Auskosten die einzige Gewinnmöglichkeit
gegen den überall herumschnuppernden Tod gesehen.

»Sieh, Bübchen,« pflegte dann der Kleine zu äußern, während die beiden
Genossen im Boot den brauenden Morgennebel durchschnitten, »der letzte
Tropfen im Weinkrug ist es, der letzte, den die lechzende Zunge auf sich
herablockt, gerade ihn begrüßen wir als den heißen Boten aus einer
überseligen, tanzenden Welt. Bei diesem letzten kämpft bereits die
Wehmut des Abschieds mit der Hoffnung auf neue Labe. Oder meinst du, das
Schwein habe einen anderen Grund, sich beim Scharren nach der letzten
im Erdreich versteckten Eichel den Rüssel blutig zu reißen?«

Solchen Einflüsterungen gegenüber, obwohl sie ihn mit der Schärfe eines
Rutenhiebes trafen, blieb der hochgewachsene Junge, dessen Wangen
schmäler und blasser wurden und dessen Brandaugen jetzt häufig voll
selbstquälerischer Verzweiflung glimmten, stumm und taub. Und der
strohblonde Magister begann zu wittern, daß sein Geschöpf die
aufreizende Absicht unter seinen Stachelreden zu merken anfing. Dazu
bäumten sich der Hochmut und das herrische Wesen des Fischersohnes immer
gebieterischer, und es kam jetzt oft in dem Katenhause der Beckeras zu
Streit und Widerreden. Der Sohn bat nicht mehr, er forderte. Auch
äußerte er zuweilen bei geringen Anlässen Gedanken und Meinungen, die
bewiesen, wie hoch die Gärung in seiner Brust bereits gestiegen war.

Eines Tages saß der Bruder Franziskus am Herde der Hütte. Er kam, wie er
bekundete, im Auftrage seines Klosters, um bei den Fischersleuten eine
wirtschaftliche Bestellung auszurichten. Im Grunde aber war er von
Mutter Hilda herbeigerufen, die die Sorge um ihren, wie sie meinte,
verirrten Einzigen nicht mehr ruhen ließ. Treibende Angst beschattete
sie jetzt fast stündlich, in ihrem Kinde seien die bösen Lüste seines
eigentlichen Erzeugers aufgewacht, seine Genuß- und Raubsucht, die wilde
Gier nach Unterdrückung Schwächerer und das kalte Verachten von Recht
und Sittsamkeit. Ihre Brust bebte, wenn sie daran dachte, daß sie selbst
ja nur gezwungen dieses fremde und doch geliebte Reis empfangen, und die
Schärfe des Mutterauges nahm auch wahr, wie in ihrem Sohn plötzlich die
Erkenntnis des werdenden Mannes aufgepeitscht war und wie sich Scham und
Verachtung vor jenem Wissen in ihm stritten.

Ein kalter Novemberabend fröstelte über der Hütte. Am Buchenfeuer saß
der Mönch, und neben ihm, in Decken eingehüllt, hing der Hausherr, halb
liegend in seinem Armstuhl, und röchelte unter einem pfeifenden Geräusch
die warme Feuerluft ein, die seine wunde Brust doch immer wieder zu
einem langen Husten reizte. In einer beschatteten Ecke, in die er
absichtlich gerückt war, wetzte Claus mit einem Stein den Aalspeer,
während Hilda vor ihrem Gaste stand, die Hände demütig über der Brust
gekreuzt, als wäre sie bereit, jedes Wort ihres geistlichen Führers
gleich einer Predigt von der Kanzel herab auf sich wirken zu lassen.
Draußen umarmte Nordsturm die Hütte und keuchte begehrlich um das
geschüttelte Dach. Dadurch wurde es aber nur noch heimlicher in dem
Raum. Und in dem Wohlgefühl über den warmen Platz vergaß der Pater
sogar, daß weit hinter seinem Rücken der kleine strohblonde Zwerg auf
einem Brett unter dem Rauchfang hockte, sichtlich bemüht, in der
rötlichen Schwärze der Höhlung so weit wie möglich zu verschwinden. Der
Magister war auch der einzige, der mit spöttischem Grinsen bemerkte, wie
den jungen Claus bei seiner Arbeit mehr und mehr eine fliegende Unruhe
stachelte, und er wußte auch, was seinen Zögling an brennenden Seilen
von hier fortzog. Darüber freute er sich. Inzwischen lief das Gespräch
ehrbar hin und wider. Es wickelte sich meistens so ab, daß die alten
Fischersleute ihrem Beichtiger diese und jene wichtige Frage des Alltags
unterbreiteten, um sich dann seinen Aussprüchen und Entscheidungen mit
unbedingter Zustimmung zu unterwerfen. So hüstelte der Kranke seinem
Gast auch dasjenige vor, was in den letzten Tagen dem schon in
Gleichgültigkeit sich verlierenden Geist des Leidenden jählings ein
sengendes Mal aufgedrückt hatte. Man denke nur, der Vogt hatte im
Auftrage des Grafen den Wehrpfennig gegen die Freibeuter einziehen
wollen, da er jedoch bei den Beckeras nicht genügend Münzgeld gefunden,
so habe er den Ziegenstall geöffnet und eines der Tiere, die beste
Milchgeberin, gepfändet und fortgetrieben.

Als der hinfällige Riese sich an diesen Raub erinnerte, da wurde der
ehemals so mächtige Körper von einer Wut geschüttelt, daß der Armstuhl
unter ihm zitterte. Der Schweiß tropfte dem Aufgeregten in den grauroten
Bart, während er halb lallend fortfuhr:

»Schmach -- da lag ich -- da lag ich -- und konnt' ich mich wohl rühren?
Nein, ich schrie nur immer, immer nach Gott und den Heiligen. Auch die
Ziege schrie -- aber was nützt ein Bresthafter, dem das Wasser zudem in
den Knien gurgelt -- denn so hoch steht es bei mir schon« -- Der Alte
warf sich herum und nickte in die Ecke hinein, wo sein Sohn heftiger an
seinem Spieß rieb, dann keuchte er dankbar: »Nachmittags aber kam Claus,
der Junge kam von der See, und da wurd's anders. Der lief dem Vogt nach
und brachte unsere Ziege zurück. -- Wir haben sie wieder, Geweihter,«
schloß er erleichtert und hauchte sich in die erstarrten Hände.

»Wie geschah das?« fragte der Pater nachdrücklich.

»Hab' sie ausgelöst,« erwiderte Claus leichthin.

»Mit wessen Gelde?«

»Hab' es mir geliehen.«

»Von wem?«

»Von einem Freunde,« vollendete der Bursche trotzig, konnte es aber doch
nicht hindern, daß sein Blick wie im Einverständnis zu dem Strohblonden
auf dem Herd hinüberflog. Der rückte sich noch tiefer gegen die Wand des
Rauchfangs.

Der Mönch schüttelte sinnend das Haupt. Dann sagte er mit seiner gütigen
Stimme, die empfängliche Gemüter wie dasjenige Hildas sanft stimmte,
gleich einem lindernden Fiebermittel:

»Ihr guten Leute, hadert nicht. Es gilt allerwegen Opfer bringen, ein
jeder nach seiner Kraft, wenn wir in der göttlichen Wage das Recht
sinken sehen gegen das Unrecht und die Ordnung gegen die Zuchtlosigkeit.
Darum steht auch geschrieben, 'Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und
Gott, was Gottes ist'.«

Eingehüllt in den roten Feuerschein wie in den Mantel des Elia und
selbst innig von seiner Lehre überzeugt, so urteilte der Mönch, und die
alten Fischersleute sahen sein Wort in ihrer Hütte aufwachsen wie eine
Wunderblume, deren fremden Glanz sie nicht begriffen. Da -- entsetzlich
-- die Häusler fuhren zusammen, sie trauten ihren Ohren nicht -- da
lachte etwas wider alle Ehrfurcht laut und zuchtlos mitten in die
frommen Sätze hinein, und in der Ecke stieß der junge Nikolaus seinen
Speer aufrecht in den Estrich, so daß das Eisen zitterte und summte.

»Was gibt's?« murmelte der Vater, dem vor Schreck die Sprache verging,
während er sich mühselig aufzurichten suchte. »Warum lachst du?«

Der Sohn schüttelte kräftig an dem schlanken Schaft, und durchaus nicht
eingeschüchtert, warf er blitzenden Auges zu dem Pater hinüber:

»Von wem stammen die törichten Sätze?«

»Töricht?« Vor dem Bruder Franziskus wurde es dunkel. Das Grauenvolle
dieser Unbotmäßigkeit gegen den Himmel zertrümmerte ihm mit einem
Keulenhieb das kluge Verständnis, das der Geistliche sonst seiner Umwelt
und besonders der Jugend entgegenbrachte. Unmöglich schien es ihm, daß
solch ein Frevel in einem menschlichen Hirn großgeworden sein sollte,
unfaßlich, daß es gerade jener ihm lieb gewordene Bube war, der ihn
äußerte. Gelähmt, seiner selbst nicht mächtig, antwortete er, um dabei
doch zu empfinden, daß seine Worte ihm von selbst entliefen, ohne
Hemmung, wie der Faden eines Knäuels, mit dem eine Katze spielt.

»Nikolaus,« verwahrte er sich voll Trauer und so leise, als ob er zu
sich selbst spräche, »der Allmächtige nehme die Anfechtung von dir. Es
ist unser Herr und Heiland selber, mein Kind, der diese Botschaft
verkündete.«

Jetzt wandte sich auch die Mutter um. Ihre vorwurfsvollen Augen sowie
die entsetzt vorgestreckten Hände bewiesen, sie erwarte, ihr Sohn würde
von dieser Belehrung gefällt in die Knie sinken. Allein, was entdeckte
sie? Um die Lippen des Jungen flog nur ein überheblich grausamer Schein,
und nachdem er sich noch durch einen schnellen Blick des Beifalls seines
zierlichen Meisters versichert hatte, holte er zu einem neuen, noch
respektloseren Hieb aus.

»Hat der Heiland das selbst geschrieben?« forschte er ungläubig.

Ehrlich schüttelte der Bruder das feine Haupt. An den ergrauten
Schläfenhaaren perlte ihm der Schweiß.

»Der Heiland schrieb nicht,« bekannte er, und wieder entfuhr ihm die
Antwort gegen seinen Willen, wie ein Hund, der von einem Mächtigeren
gelockt wird. »Seine Lehre ging durch viele Hände.«

»Dann taugt sie auch nicht mehr für eine späte Zeit,« bestimmte der
Junge nun fest und mit furchtbarer Überzeugung, »abgestandenes Wasser
macht krank.«

»Nikolaus,« jammerte die Mutter, und in ihrem überwältigenden Grauen
meinte sie, in der Ecke hocke ein höllischer Dämon, der mit seinem
schwarzen Spieß gegen ihr Herz und das innerste Gefüge der Welt ziele.
Und doch, der Dämon war noch immer schön und herrlich. Auch der Vater
stieß jetzt ein wundes, banges Röcheln aus. Und nur der Mönch lehnte
schweigend und starr auf seinem Stuhl, denn der Fels seines Glaubens
wuchs unter ihm, so daß die wilden Strudel ihn nicht erreichten.

»Sündige weiter, Korah,« sprach er fest.

Von den Feuern des Kamins jedoch tönte ein spöttisches Kichern, und
dadurch gereizt, brach es aus dem Abtrünnigen ohne jede Rücksicht
hervor, die Leidenschaft zu herrschen und andere nach seiner Überzeugung
zu formen, schlug Flammen:

»Ist Gott reich oder arm?«

»Reich,« entgegnete der Geistliche schwach.

»Ist der Kaiser reich oder arm?«

»Gott helfe dir -- reich,« flüsterte der Priester gezwungen.

Da riß Claus seinen Spieß aus dem Estrich, streckte das Eisen dem Mönch
starr entgegen, und während sein vorgeschobenes Haupt von der Glut des
Herdes erreicht wurde, rief er mit düsterem Grimm und funkelnden Auges:

»So soll Gott endlich ablassen, zu fordern und zu plagen; und der reiche
Kaiser möge den Armen geben, was der Armen ist.«

Eine Weile regte sich nichts nach dieser haßerfüllten Empörung. Die
alten Beckeras schlossen nur aus dem aufwühlenden, zerfleischenden Ton,
daß ihr Sohn, ihr einziges, liebes Kind, bei dem Versuch an den Ketten
zu rütteln, an denen die Erde vom Himmel herabhing, in die kalte,
finstere Tiefe der Verdammten gestürzt sein müsse. Auch das erfaßten sie
nicht genau, und doch zog es die armen Leute mit zwingender Gewalt, dem
Verlorenen die machtlosen Hände in den Höllenspalt nachzustrecken. Noch
blickten sie sich ratlos an, suchten Trost in ihren von keinem
Verständnis erleuchteten Werktagsgesichtern, da erhob sich Bruder
Franziskus in schwerer Fassung von seinem Sitz, und während er sich eng
und abschließend in seine Kutte hüllte, schritt er gebückt und vor sich
hinstarrend bis zur Schwelle. Hier aber minderte er seinen Schritt, und
in das Holz der Bohlentür hinein sprach das zarte Männchen nach hartem
Kampfe:

»Rufe mich, Claus, wenn die Not des Verlassenen dich zwingt. Der Erlöser
wohnt auch in denen, die ihn verlästern. Du wirst es merken.«

Dann war er wie ein grauer Schatten entwichen. Und in der Hütte bangte
das Schweigen.

       *       *       *       *       *

Aber die frommen Augen des Zisterziensers hatten klar genug in die
zuckende Seele dieses ringenden Menschenkindes geschaut, denn etwas von
der heilsüchtigen Allbarmherzigkeit des Christenheitsstifters pochte
wirklich schmerzhaft in jedem Pulsschlag des Knaben. Und das, was den
Mönch abstieß, war einzig in jener lodernden Verranntheit zu suchen, die
da begehrte, der Ausgleich und die Verherrlichung der Geplagten und
Gepeinigten auf dieser Erde sollte sogleich, ja im nächsten Augenblick,
womöglich durch wilde, durch niederbrechende Gewalt bewirkt werden. In
den Fieberträumen des Gärenden hob sich immer mahnender eine gepanzerte,
goldglänzende Faust -- die seine -- die das Jammerdasein zurechtrückte,
und seine Nächte wurden beständig durch die Qual gestört, ob er, der
Schmutzbefleckte, Sinnenlustverzehrte, auch wirklich das Flammenschwert
in die besudelten Hände nehmen dürfe. In solcher funkelnden Finsternis,
wenn vor seinen weitgeöffneten Augen der alte Claus Beckera, die Mutter,
sowie Anna Knuth in goldverschnürten Purpurgewändern stolzierten, da
weckte er häufig den neben ihn gelagerten Magister, um in nicht mehr
erträglichen Zweifeln zu flüstern:

»Muß es denn ein Reiner sein, der die Herrlichkeit auf die Erde
bringt?«

Allein den genießerischen Zwerg empörte derartig ernsthafter Zwiespalt,
weil sein flatterhaftes Gemüt nie aufrichtig an eine Selbstprüfung
gedacht hatte, und deshalb schlug er schlaftrunken nach der Hand des
Freundes, ärgerlich dazu raunend:

»Laß mich in Frieden, du Gebetschemel! Wer den leeren Bäuchen etwas zu
fressen bringt, braucht die Schüssel nicht erst zu putzen. Und nun
schnarche und träume von dem Busen der Becke.«

Doch Claus träumte nicht mehr von dem Leib, der ihn, oder den er sich
unterjocht hatte, er beutete ihn nur raubgierig aus, wie der Goldgräber,
der irrsinnig in der Grube nach dem letzten Gefunkel fahndet, und der
Magister ahnte nicht, daß sein Zögling durch Ekel und Überdruß bereits
in jenes vergitterte Herrenbewußtsein gejagt sei, das auch hinter dem
weißen Kleid der schamhaftesten Frau die Dirne wittert.

Ja, der Irregeführte wagte bald nicht mehr, seine Mutter und die zur
Jungfrau erblühte Anna Knuth gutgläubig zu betrachten, so wenig wußte
er, was er hinter ihnen vermuten sollte.

Dunkel und dämmriger wälzten sich Winternebel herauf, und an ihre graue
Wand schrieb bereits eine Gespensterfaust unverständliche Zeichen des
Kommenden.

Schicksalsstunde brach an.

Es war an einem naßkalten Novembernachmittag. Aus dem Dunst gräupelte es
in schrägen Linien herab, davon wurde der Rauch des Schornsteins qualmig
um die Hütte herumgedrückt, und das Meer zischte glasige Eisstückchen
gegen die Strandsteine. Um diese Stunde bedeckte sich Claus, während der
Vater schlief und die Mutter geräuschvoll mit den Töpfen des Herdes
lärmte, wie in zorniger Verbitterung mit seiner Lederkappe, hüllte sich
hastig in sein Seehundswams und schlüpfte unbemerkt aus der Kate
hinaus. Als er den weichen Hagelschlag um sich spürte, atmete er gierig
und doch verstohlen die feuchte Luft ein, gleich einem Dieb, der sich
auf schlimmer Bahn befindet. Wußte doch der Bursche, daß der zehnfach
verabscheute Weg wieder sein Maul gegen ihn öffnete, um den Wanderer
mitleidslos zu verschlingen. Seit einer Woche führte er den heißesten
Kampf gegen seinen Hunger, gegen die abscheuliche Wonne, ein anderes
Geschöpf zu entwürdigen und dadurch doch in beglückter Dienstbarkeit zu
halten, aber jetzt, jetzt waren alle Widerstände in ihm mit einem Mal
erschöpft und gebrochen. In langen Sprüngen hetzte er von den Dünen zum
Strand herab -- und richtig -- dort unten schob Heino Wichmann das Boot
gerade zwischen den Steinen hervor. Dumpf, in abgehackten, mürrischen
Worten begehrte der Bursche von seinem Lehrer, er möge heute das
Netzelegen allein besorgen, weil er selbst -- weil -- kurz, gegen Morgen
würde er wieder daheim sein. Und seltsam -- ganz ohne das gewohnte
spöttische Grinsen, nickte diesmal der Kleine rasch und einverstanden,
ja, es schien beinahe, als käme es ihm nicht ungelegen, allein und
unbeobachtet die Meerfahrt unternehmen zu können. Eilfertig trug er dem
Aufbrechenden Grüße auf, pries ihn glücklich, mitten im Winter runde
Äpfelchen vom Baume schütteln zu dürfen -- alles gleichgültig und ohne
Anteilnahme -- und wendete sich dann wieder doppelt emsig seinem Kahn
zu. Aber Claus zögerte noch eine Weile. Denn für eine kurze Frist
befreite sich der scharfe Verstand des Jungen von den üppigen Bildern,
die ihn blind machten, und ahnungsvoll durchfuhr ihn die Erkenntnis, wie
sehr sich in den letzten Tagen das Wesen des Kleinen verändert habe.
Merkwürdig, über Heino Wichmann hatte eine treibende Unruhe Kraft
gewonnen; Claus erinnerte sich, daß sein Freund jetzt nächtelang
herumstreife, namentlich auf den Höhen der Insel, ja, der Fischersohn
rief sich zurück, wie er den Magister an einem der verwichenen Abende
heimlich auf einem ins Meer vorspringenden Steinhaufen beobachtet hatte,
wo der Strohblonde ein unbegreifliches Feuerspiel getrieben. Er hatte
dort ein Reisigbündel entzündet, und zur Verwunderung des Zuschauers
wurden die brennenden Äste einer nach dem anderen von dem Einsamen in
die Abendluft geschleudert. Was bedeutete das? Sollte hier irgend
jemandem ein Zeichen gegeben werden?

Als Claus ihn angerufen, war der Kleine erschrocken. »Was treibst du
da?« hatte der Junge gerufen. Allein statt einer Antwort hatte der
Aufgestörte den glimmenden Bund ins Wasser gestoßen, die Achseln gezuckt
und verärgert zurückgegeben:

»Meinst du, daß ich es hier noch lange vor Langeweile aushalte? So störe
mich wenigstens nicht, wenn ich die dummen Fische anmutig ergötze.«

Damit war er von den Steinen herabgesprungen und hatte sich wortlos in
die Hütte getrollt. In seinem Zögling aber nistete seitdem der Verdacht,
Heino Wichmann, dieses ihm unentbehrliche Gefäß krausesten Wissens,
dieser Galgenstrick, in dem die gemeinsten und liebenswürdigsten
Eigenschaften bunt durcheinander wirbelten, ach, dieser unstete
Wandervogel spanne gewiß bereits die Schwingen zum Flug ins Unbegrenzte.
Und darüber verzehrte sich das Herz des anhänglichen Jungen, das
neidisch nichts zu opfern vermochte, wovon es erst einmal Besitz
ergriffen. Sollte er nun vielleicht allein zurückbleiben, um abermals
zwischen den alten Leuten in Dumpfheit und Knechtschaft zu versinken?

Stunden waren bereits seit dem Zusammentreffen verflossen, nach zügellos
verbraustem Verschwenden hing Claus ernüchtert und voll Selbstverachtung
auf dem elenden Bettgestell in der Kammer der Becke, und das Gefühl des
Ausgestoßenen, des ohne Zweck noch Richtung zum Gemeinen Verurteilten
belud ihn mit solchen Gewissensängsten, daß er den Kopf in beide Hände
stützte und vergraben vor sich hinstarrte. Was sollte nun folgen?

Wenn Heino Wichmann wirklich eines Morgens verschwunden war, würde
dieses elende Weib dann nicht die einzige sein, die ihn über die
aussichtslos, ewig gleichbleibende Fron eines Unfreien hinwegtäuschte?
Also nur der Ekel oder die grelle Verwüstung blieben ihm übrig, wenn er
die Qual eines an seine Scholle gefesselten Knechtes vergessen wollte!
Fort? Flucht? Ja, wenn nur ein Sasse nicht zu jeder Bewegung der
Zustimmung seines Herrn bedurft hätte. Warum war er hierzu verdammt?
Gerade er? Und gab es hier nicht noch unzählige andere, die diesem Fluch
verfallen waren? Mit einem heftigen Ruck fuhr er in die Höhe, und so
düster und drohend funkelten seine Augen, daß die Becke, die trällernd
und hochmütig vor ihm auf und ab tänzelte, befremdet innehielt. Sobald
ihr die Selbstbesinnung wiederkehrte, lächelte sie eigentlich über den
unreifen Wildling, ja, sein gärendes Wesen sowie das bunte Gefieder
seines Geistes reizte die Denkfaule außerhalb seiner Umarmungen
höchstens zu Spott und Verhöhnung.

»Geh nach Hause, Büblein,« meinte die Dirne deshalb überlegen und
schnippte mit dem Finger gegen ihre vollen Lippen, »damit du deine
Mutter nicht störst. Auch meine Alte könnte aufhören zu schnarchen, wenn
du die Tür wieder so zuknallst.«

Geräuschlos öffnete das Mädchen den Verschluß der Kammer, um in das
Schenkzimmer zu spähen. Allein dort draußen schwebte alles im
Halbdunkel, von dem Tisch flackerte nur eine trübe Ölleuchte, und am
Herd zusammengesunken schlief ein buckliger Querpfeifer, der am Abend
vorher den Gästen seine Stückchen aufgespielt. Jetzt ruhte sein
pockennarbiges Haupt auf der Herdplatte.

»Du kannst gehen,« riet die Becke noch einmal, nachdem sie sich von dem
freien Ausgang überzeugt. Allein wie stockte mit einem Male ihr
herablassender Ton, als ihr gleichgültiger Blick sich jetzt unvermutet
mit dem ihres Besuchers verfing. Gebannt blieb sie an der Schwelle, und
ihre zitternde Hand nestelte unwillkürlich das Linnen an ihrem Halse
enger zusammen.

»Was siehst du mich so an?« stammelte sie ziellos und in aufspringender
Feigheit. »Ich habe dir nichts getan.«

»Wie sehe ich dich denn an?« forschte Claus, den selbst, gleich einem
Ertappten, ein kalter Schrecken aus seinen Gedanken gescheucht hatte.

Das vollbusige Weib jedoch zitterte noch immer.

»Man möchte fast meinen,« suchte sie ihre Unruhe hinter einem frechen
Lächeln zu verstecken, obwohl ihre fröstelnden Wangen sie Lügen
straften, »man möchte fast meinen, du wolltest mir an die Kehle.«

Es sollte wie ein Scherz klingen, auch reckte das Mädchen alle Glieder,
als wollte sie die Macht herbeirufen, die ihr noch stets geholfen.
Allein das ernste Antlitz des Jungen und vor allem seine vernichtenden
Augen, sie ließen ihr das sichere Selbstgefühl der Verworfenheit nicht
mehr zurückkehren. Und dann -- hörte sie denn richtig? Wurde sie nicht
vielleicht doch durch einen brenzlichen Spuk getäuscht? Nein, nein,
jetzt -- es sprang ihr in die entsetzten Augen, der verwünschte Bursche
dort griff wirklich in das Gewühl der Betten, preßte den Strohsack
unbarmherzig zusammen und flüsterte heiser vor innerer Entwürdigung:

»Höre, Becke, es wäre für uns beide besser gewesen, wenn ich dich vorhin
in den Kissen erwürgt hätte.«

Sie schrie nicht auf, sie bebte auch nicht länger, nein, vor dieser
wilden Drohung, deren innere Wahrheit die Erfahrene nicht einen Moment
bezweifelte, gewann die Dirne vielmehr ihren alten, rohen Übermut
zurück. Auch fiel ihr ein, daß sie ja nur zu rufen brauche, um den
Schläfer dort drinnen herbeizuwinken. Finster straffte sie die Arme.
Dann setzte sie sich ihrem Gast gegenüber auf ein Klappbrett, das sie
aus der hölzernen Wand herabließ. So nahe befanden sich die beiden,
deren Blut plötzlich verzweifelte Feindschaft vergiftete, daß sich ihre
Knie beinahe berührten. Dann stieß die Becke mürrisch und doch von einem
lichteren Strahl getroffen hervor:

»Tätst auch was Recht's, ein Mensch, wie mich, umzubringen.«

Es mochte wohl die dumpfe Nachdenklichkeit in dieser Anklage sein, die
den Burschen umstimmte. Herrisch bewegte er die feingeformte Hand, als
ob er das Wort nicht gestaltet hören möchte, dann blickte er sich
verwundert im Kreise um. Zum ersten Male musterte er entzaubert den
kahlen Hausrat, das elende, zerfetzte Lager, die grünschimmlige
Feuchtigkeit der Wände sowie die qualmige Leuchte zu seinen Häupten.
Auch die geschminkten Wangen der Becke stachen ihm grell entgegen. Wie
vor etwas Unbegreiflichem schüttelte Claus den Kopf, dann strich er sich
schwer atmend die Locken aus der Stirn. Als aber sein Blick notgedrungen
über seine zusammengesunkene, vor sich hingrübelnde Gefährtin streifen
mußte, da packte ihn das Zermalmende dieser Stille mit verzweifelter
Macht.

»Sprich was!« herrschte er so bedrohlich, daß die Becke emporwankte.

»Was soll ich schon wieder sprechen?« versetzte sie mürrisch.

Der Junge würgte die Hände umeinander, da er sonst für sein Begehren
kaum einen Ausdruck fand.

»Wie du so -- so eine geworden bist?« platzte er endlich in grimmiger
Pein heraus. »Wie du so eine geworden bist?«

Da starrte die Dirne ihren Bedränger sprachlos an, denn gerade seine
zarte Anbetung hatte sie bisher zum Erbarmen gegen dieses halbe Kind
gezwungen. Unmutig entblößte sie ihre Zähne, als enthielte sie sich
kaum, durch einen unvermuteten Biß sein Gesicht zu zerhacken. Aber
allmählich schwand die Feindseligkeit aus ihren grünblauen Augen, und
sie brach in ein rohes Gelächter aus.

»Bist mir ein rechter neugieriger Spatz,« spottete sie unsicher, aber
dabei klang doch eine grobe Verwunderung in ihrer Stimme mit. »Potz
Marter, ich fraß wahrhaftig selbst von dem alten Zeug. Willst es
wirklich wissen? Gib acht, Büblein, hier kannst du was lernen!«

Mit einem höhnischen Lächeln lehnte sie sich zurück, krampfte die Hände
in ihrem Schoß und dann schleuderte sie ihm ihre Dirnengeschichte ins
Gesicht, abgehackt, boshaft, anmaßend, als wär's eine lächerliche
Überschätzung von solch einem Knäblein, jemals die Wege ihrer Zunft
überschauen zu wollen.

»Ja, du Milchbrei, was zehn Mäuler bei einem armen Hufenbauern fressen,
davon hat dir deine Mutter hinter dem Ofen gewiß nichts erzählt? Sieh,
ich bin solch ein Maulwerk! Auf unserem Äckerlein verhungerte gerade
eine einzige Kuh, aber was half's? Der Fetzen Land ist noch nicht
lumpig genug, der Edelmann aus der Nachbarschaft muß noch sein gnädiges
Auge darauf werfen. Da wird denn die Gegend voll geschrien von Raub,
Diebstahl und Einbruch, bis das Bäuerlein eines Tages im Turm des
Junkers seine eigenen Knochen annagt. Kaum läßt man freilich das
Gerippe frei, so läuft es vor das Gericht des Herzogs von Wolgast. Die
zehn Mäuler wollen nun einmal gestopft sein, und irgendwo wird das Recht
sitzen! Nicht wahr, es kann doch nicht aus der Welt fortgelaufen sein?
Zwei Jahre dauert der Streit, zwei Jahre, bis einem die Augen vor Heulen
und Angst blind geworden sind. Dann, horch, dann haben die Amtleute,
Schreiber, Ratsherren und Vögte den Rest des Äckerchens aufgefressen.
Heidi, da steht man nun nackt und bloß auf der Straße, und die Nachbarn
werfen einem die Tür vor der Nase zu. Was nun, Cläuslein, was nun? Ich
will es dir sagen. Wozu hat man den gnädigen Herren ihr Handwerk
abgelernt? Man wird es eben auch einmal versuchen. In Wolgast gibt es
einen reichen Bäcker, ich selbst hab' die Gelegenheit ausgekundschaftet,
der erhielt zur Nachtzeit unseren Besuch -- und dann --«

Die Becke greint und beißt sich in die Finger, allein ihre gemalten
Lippen beben jetzt doch wie im Frost.

»Diesmal währte der Prozeß nur kurz,« schluckt sie und reibt sich in
unnatürlicher Emsigkeit die Hände, »nach acht Tagen stand ich mit meinem
Vater schon unter dem Galgen. Eh' sie ihn aber hinaufzogen, oh, das tat
wohl, da schrie er mir über alles Volk hinweg noch zu: 'Der Himmel hat
Großes mit uns vor. Sieh, Dirn, ich lern auf meine alten Tage noch in
der Luft tanzen, und du, mein' Tochter -- freue dich, du wirst eine
Hur'. Und merk dir's Büblein, das letzte Wort eines Vaters soll man
nicht zuschanden machen.«

Damit erhob sich die Erzählerin, wandte ihrem Besuch den Rücken und
kratzte wie unsinnig an der Wand herum. Plötzlich aber schnellte sie
zurück, und indem sie die Arme fest um seinen Hals schnürte, bedeckte
sie das Gesicht des Erstarrten mit unbändigen Küssen.

»Komm, Büblein,« girrte sie voll gemeiner Angst, als ob Büttel und
Todesreiter ihr abermals auf den Fersen wären, »wozu nützen deine
Narreteien? Die Hauptsache ist, daß man jung ist. Jung. Horch, unsere
Herzen! Hüpfen sie nicht wie die Lämmlein gegeneinander? Komm, gib mir
Geld, meine alte Hexe hat dir ja wieder ein hübsches Sümmchen
gewechselt, und dann braue ich dir da drinnen einen Met, und wir trinken
bis uns Flügel wachsen. Munter, Bübchen, küsse mich und bleib bei mir.«
Berauscht und zugleich verängstigt vor seinem starren Gesicht klammerte
sie sich an ihn. »Was ist dir?« murmelte sie abermals, als sie merkte,
daß ihre Glut nicht auf ihn übersprang. Dann sank sie erschöpft wie ein
Klumpen schweren Holzes vor ihm zusammen.

Claus aber stand neben ihr, keiner Bewegung mächtig. Und obwohl seine
Glieder zitterten und bebten, so hatte die Dirne doch recht gesehen, als
sie spürte, daß ihr Gast nicht mehr bei ihr weilte. Ungläubig, halb
erstickt sah er hinter dem seufzenden Scherben zu seinen Füßen die
vergewaltigte Menschheit. Und er konnte es nicht fassen, daß dies alles
seine Brüder und Schwestern wären. Verfaulte Scharen quollen aus den
Türmen der Edlen, voreingenommene Richter schanzten das Recht dem
seidenen Kittel zu, und überall aus der Erde wuchsen Galgen hervor, die
liefen hinter den Armen und Elenden her, dazu kreischend:

»Freut euch, ihr lernt auf euer Alter in der Luft tanzen, und oh Wonne,
eure Töchter werden Huren!«

Nein, nein, das war nicht die Welt, die der Pater oder der Vogt
verkündigten. Die nicht!

Als Claus endlich die Augen aufschlug, da meinte er, aus der elenden
Leuchte zu seinen Häupten zischten Blitzstrahlen herab, deren
schwefliges Licht ihn blende und versenge. Seine Kleider fingen an, ihm
auf dem Leibe zu brennen, und über alles hinweg packte den Überreizten
die grenzenlose Furcht, was er, der Frevler, getan habe, um den wütenden
Reigen der Galgen einzufangen? Umgekehrt, umgekehrt -- er hatte sich ja
über eine der Verlorenen geworfen, um sie bis auf die Haut auszurauben
und zu plündern.

Inzwischen war die Schwäche von der Dirne gewichen. Brummig richtete sie
sich auf.

»Mach, daß du fortkommst, du Lappen. Wozu stierst du mich an?«

Da vermochte Claus das kalte Entsetzen, das ihn erfaßt hatte, nicht mehr
länger zu zähmen. Unbewußt, ob es aus Mitleid oder aus der Sucht
geschah, sich loszukaufen von dem Schuldspruch, der über die Erde gegen
ihn gellte, schüttelte der Bursche mit fiebrigen Händen einen Regen von
Silber- und Kupfermünzen über die Zottelhaare der Kauernden aus, und so
von Grund war der Flüchtling aufgewühlt, daß er beim Durchfliegen des
Schenkzimmers sogar dem verschlafenen Querpfeifer den Rest des Geldes
wie zur Abwehr gegen den Leib schleuderte. Auch der war ja ein
Gepeinigter, der zur Nachtzeit auf den Landstraßen fror und sein Elend
aus den fünf Windlöchern herausquirlte. Fort, nur fort von hier, um nie
mehr der Wahrheit in ihr grinsendes Antlitz zu schauen. Der Querpfeifer
aber sprang hurtig hinter den rollenden Münzen her und wurde stark in
der Überzeugung, daß er es hier mit einem vornehmen Schwelger zu
schaffen haben müsse. Dankbar raffte der Bucklige sein Instrument an
sich und stürzte dem wunderlichen jungen Herrn nach, entschlossen, dem
so unvernünftig Davonstürmenden den Weg durch seine Kunst angenehm zu
kürzen. Draußen tauchte ab und zu die Gestalt in dem Seehundswams aus
den Morgendünsten auf, und der Pfeifer keuchte auf dem abschüssigen
Pfad hinterdrein, stolpernd und fallend, während sein Instrument seltsam
hohe, zerrissene Töne von sich quiekte. Aber allmählich verlor der
Verfolger sein Ziel aus den Augen, und an einer Wegbiegung blieb er
stehen, verschnaufte sich und streichelte wohlgefällig sein Querholz,
das ihm so hohe Ehren eingetragen.



VII.


Der Mond verglomm in seinem feuchtblassen Hof, als Claus aus dem toten
Geäst des Sassenwaldes auf die Höhe der Dünen heraustrat. Unten strich
ein kräftiger Wind über Strand und Meer, so daß der Dunst hinweggefegt
und eine weite Aussicht für den Ankömmling eröffnet wurde. Schwarz und
finster wogte die schwellende Fläche vom Rande des Horizontes, und ihre
dunklen Hügel wandelten schräg in schwermütigen Reihen der fernen Bucht
von Binz entgegen. Dazu glitt von überall her ein nie abreißendes Summen
über die Bahn, als ob im Morgengrauen verschlagene Bienenschwärme den
Heimweg suchten.

Und doch, dort unten tagte es, und der Spuk der grauen Buchenstämme war
überwunden. Endlich! Der Heimgekehrte, Übernächtige wandte sich noch
einmal nach dem kalten, nebelhauchenden Gehölz zurück, um ungläubig zu
ergründen, ob wirklich all die wirren Gestalten, die ihn bisher
begleitet, dort hinten zwischen den triefenden Sträuchern vom Boden
eingeschluckt seien. Aber nichts rührte sich mehr, und es war wohl nur
seine verzweifelte Erinnerungsgabe, wenn ihm noch immer spitze, halb
irrsinnige Töne durchs Gehör schnitten. Es klang wie das Weinen eines
geplagten Kindes. Claus schüttelte sich und spritzte die Regentropfen
von der Stirn. Dann trat er weiter hinaus, und seine Augen tranken
durstig das stille große Bild. »Ja, dort draußen,« murmelte er
wunschbeflügelt, »dort draußen!« Die uralte Vorstellung der
Küstenbewohner befiel ihn, der silberne Ring, der die bewohnte Erde
umgürtete, er besäße auch zugleich die Kraft, alles Ungemach, alles Leid
der Sterblichen in Freiheit und Vergessen aufzulösen. Und er wußte noch
nicht, daß alle Wasser der Ozeane nicht genügen würden, um die Brandmale
zu kühlen, die seine zarte Seele heute nacht empfangen. Der Wind
knisterte um ihn wie Fahnenrauschen, und das Meer sang unter ihm sein
tausendstimmiges Schlachtlied, das riß den Leichtentflammten fort. Beide
Hände warf er empor und schrie zur Antwort hinunter: »Ich will -- ich
will.« Was er freilich damit in heiliger Entschlossenheit beschwor, wer
könnte es angeben? Und doch -- es war sein Bündnis mit dem Weltwillen.
Und der Weltwille gebiert die Tat. Und die Tat allein ändert das
Geschaffene.

In dem unerklärlichen Gefühl der unverdienten Entsühnung schickte er
sich zum Abstieg an. Da wurde er noch einmal aus seinen goldigen Wolken
herabgerissen. Tief unter ihm, dort, wo zwischen den beiden
vorspringenden Hügeln das Häuschen der Mattenflechterin Knuth
eingeklemmt lag, dort bewegten sich trotz der frühen Morgenstunde ein
paar unerkennbare schwarze Punkte. Es sah aus, als ob hungrige Krähen
um einen Bissen Fleisch stritten. Claus stutzte. Das waren doch
Menschen? Was suchte das Gezücht dort? Gerade an jener einsamen Stelle?
Und in langen Sprüngen setzte der mißtrauisch Gewordene von den Dünen
herab. -- -- --

Fast im gleichen Augenblick trafen sich drei Männer vor der windschiefen
Pforte der Mattenflechterkate, die sonst nur für Eingeweihte sichtbar,
wie ein großer brauner Pilz zwischen dem Geröll herabhing. Vom Strand
aus war es der Vogt, der mit schwerer Faust und lautem Gepolter gegen
die Tür schlug, während über den Dünenweg, kaum einen Gedanken später,
ein pelzgekleideter Jägersmann mit seinem Knecht um die Ecke der elenden
Siedelung bog. Unmittelbar vor dem Eingang stießen sie aufeinander.
Überrascht, verdrießlich schob sich der vorderste der Schützen die grüne
Schute aus der Stirn und fuhr den Vogt an, als wäre dieser soeben auf
einer Überschreitung seiner Befugnisse ertappt worden. Aber zugleich
sprühte dem Jäger verräterisch eine Welle der Verlegenheit über die
Wangen.

»He, was gibt's?« rief er, durchaus nicht über die Begegnung erfreut.

Langsam zog der Vogt die Lederkappe vom kahlen Schädel.

»Ich bin's, Junker,« erklärte er ohne sonderliche Furcht. »Laut
rentmeisterlicher Verfügung muß ich -- --«

Allein ehe der Satz zu Ende gelangte, wurde von innen der Querbalken
zurückgeschoben, und spähend, kaum notdürftig bekleidet, beugte sich
Anna Knuth über die Schwelle. Vor dem Morgennebel verzog das Mädchen
ihre nur durch ein Linnenhemd geschützten Schultern, und unter dem
kurzen Rock fröstelten die nackten Füße. Ihre reichen, blonden Haare
fielen ihr noch ungeordnet weit über den Rücken. Statt einer Anrede
legte sie nur bittend den Finger vor die Lippen, zum Zeichen, daß vor
allem die Ruhe nicht gestört werden möge; dann glitten ihre noch immer
kindlichen Augen scheu und bittend zu dem Grafen hinüber, und ihre ganze
Gestalt begann zu zittern wie ein Tier, das den Schlachthieb erwartet.
Die Bewegung erzählte von unentrinnbarer Armut, von Verfolgung und
Umstricktwerden und dem jammervollen Elend des nahen Erliegens. So
sprechend war die Gebärde, daß selbst dem Junker von Cona ein
unnatürliches Lachen entfloh.

»Da bin ich,« rief er gepreßt, obwohl der Gruß munter klingen sollte,
und ohne daß der Jäger begriff, wie ein Aufmerksamer leicht das
abgekartete Einverständnis hinter diesem Ausruf entdecken könnte. Eine
Weile blickte daher auch der Vogt schweigsam von einem zum anderen,
dann jedoch verzog er die struppigen Augenbrauen, zuckte die Achseln und
wandte seine wuchtige Bedrängergestalt wiederum dem Mädchen zu. »Ja, das
hilft nichts,« beharrte er, »die Frist ist abgelaufen. Wie steht's?«

Auf die brummige Forderung lief ein erneuter Schauder um die Schultern
der Gemahnten, die Farben auf ihren Wangen wechselten, und während sie
halb willenlos in die Hütte zurückwies, stotterte sie, um doch irgend
etwas zu erwidern:

»Wahr und wahrhaftig, Mutter liegt krank.«

Der Vogt griff sich an die Bartkrause, er schien an die Ehrlichkeit des
Einwandes zu glauben.

»Ich weiß,« gab er zu, »wo fehlt's?«

Jetzt hielt sich die Blonde an dem Pfosten fest.

»Das Feuer schlägt ihr aus,« stammelte sie, von der Aussicht getäuscht,
ihr Ungemach könne ihr vielleicht doch Mitleid werben. »Sieht und hört
nichts.«

»Schlimm,« murmelte der Vogt, »die schwarzen Nebel sind schuld.« Aber
gleich darauf schlug er an seine Ledertasche, und in Ausübung seines
harten Berufes fragte er weiter: »Hat sie dir den Wehrpfennig
ausgehändigt?«

Da riß die Kleine ihre blauen Augen weit auf, und überzeugt, daß ihr
jetzt die letzte Hoffnung schwinde, ließ sie den erhobenen Arm sinken,
um zerknirscht und auf alles vorbereitet den Kopf zu schütteln. Sie sah
aus wie ein eben gefangener Vogel, der kampflos und betäubt durch die
Stäbe blinzelt.

»Ja, dann hilft das nichts,« entschied der Vogt, und nach einer Weile
knurrig, »kannst du dir's nicht von den Beckeras leihen?«

Noch war es ungewiß, ob das Mädchen in seiner Verständnislosigkeit den
ihm hingeworfenen Faden aufzuraffen vermöge, als etwas Rasches,
Unerwartetes geschah. Mißfällig hatte der junge Graf schon lange diesen
Verhandlungen gelauscht, wobei er von Zeit zu Zeit seinen beiden
dänischen Doggen, die ihn schlangenhaft umstrichen, zum Scherz die Köpfe
zusammenstieß. Jetzt aber schob sich Malte Cona ungeduldig an das
Mädchen heran, ganz dicht und eng, so daß der schmale Türspalt für die
beiden Körper fast nicht mehr ausreichte, und es war wirklich kaum
wahrnehmbar, wie nun der Jäger seiner Nachbarin, die seine Hilfe nicht
im geringsten unterstützte, geschickt hinter ihrem Rock ein kleines
Lederbeutelchen in die Hand spielte. Kaum spürte die Tochter der
Mattenflechterin freilich den prallen Gegenstand zwischen ihren Fingern,
als eine auffällige Veränderung mit ihr vorging. Ihr ganzes Gesicht
wurde so weiß und eben wie Leinen auf der Bleiche, die Füße versagten
ihr den Dienst, und ihre vorher noch so klaren Augen senkten sich matt
und schuldbewußt auf das Riedgras vor der Schwelle. Einem fremden Willen
untertänig, völlig ohne eigenen Trieb streckte sie dem Vogt das
Empfangene entgegen.

»Hier,« murmelte sie tonlos. Und dann plötzlich, als ob sie etwas
zwänge, sich des Geldes schnell wieder zu entäußern: »Da -- da -- nimm.«

Zu deutlich redete der Vorgang, als daß er mißverstanden werden konnte.
Wieder ließ der Vogt seine Blicke prüfend von einem zum anderen gleiten.
Dann aber nahm er den Beutel langsam in Empfang, um bedächtig und ohne
Eile den Inhalt zu überzählen.

»Es ist zu viel,« stellte er endlich fest.

»So behalt den Bettel,« rief der junge Graf grimmig.

Der Vogt jedoch blieb undurchdringlich wie stets. »Die Knuths haben
nichts zu verschenken,« meinte er gelassen, während er dem Mädchen den
Überrest bereits zurückreichte, und rätselhaft setzte er noch hinzu:
»Ihr wißt vielleicht nicht, Geld kehrt bei armen Leuten gar selten ein.«

Damit begann der struppige Mann umständlich seine Ledertasche
aufzubinden und schien nicht übel Lust zu verspüren, auch bei dem, was
nun folgen sollte, den Zeugen abzugeben. Allein der Junker, den die
feuchte Kälte immer schneidender umwitterte und der durch die Nähe des
demütigen, zitternden Geschöpfes daran erinnert wurde, daß er zur Jagd
erschienen wäre, zur Menschenjagd, er beschloß all den unnötigen, schon
seit Monaten ertragenen Hemmnissen durch ein Herrenwort ein Ende zu
bereiten.

»Komm Dirn,« forderte er bedenkenlos und doch mit einer Art gutmütiger
Frische, »ich will dir Ehre antun. Gib mir dort drinnen einen Schluck
Heißes, und ich werde dich loben.«

Hier riß der Vogt gewaltsam die Senkel seiner Tasche zusammen und brach
in einen schweren Wolfshusten aus. Das Mädchen jedoch, ohne auf die
Anwesenheit des anderen noch weiter Bedacht zu nehmen, spannte beide
Arme gegen die Pfosten der Tür, so daß der Eingang gewehrt wurde, und
indem sie ihre hellen Augen an den stattlichen Menschen hing, rief sie
in hoher Angst, aber zugleich auch wie in wirrer andringender Neigung:

»Bedenkt, Herr, das könnt Ihr nicht wollen. Meine Mutter -- sie sieht
und hört nichts.«

Da lachte der Jäger halb vor Trotz und halb vor Scham, weil ihn ein
Dirnlein von ihrer Schwelle treiben wollte. Hastig umspannte er ihren
Arm und drückte ihn zur Seite.

»Mach keine Männlein,« redete er ihr zu, »was braucht mich die Alte zu
sehen, wenn ich bei dir bin?«

Schon setzte er seinen Fuß auf die Schwelle. Das schwache Geschöpf aber,
im Gefühl, wie es jetzt von jeder äußeren und inneren Hilfe verlassen
würde, lehnte beide Fäuste gegen seine Brust und hauchte ohne
Widerstand noch Zorn:

»Habt Erbarmen, lieber Herr, habt Erbarmen.«

Wäre jetzt ihr Bedränger mit ihr allein gewesen, vielleicht hätte er
scheltend und schimpfend von ihr abgelassen, denn die schlichte
Sauberkeit ihrer Magdschaft verfehlte nicht ganz ihren Eindruck auf sein
herrisches und nur arg verwöhntes Gemüt. Allein zum Unglück sahen die
beiden Fremden dem Spiele zu, wie konnte da der Grafensohn die
Zurückweisung einer solchen Katendirne hinnehmen? Spöttisch verzog er
die vollen Lippen und stieß einen gellenden Pfiff aus, so daß die beiden
Tiere hoch an ihm in die Höhe strebten.

»Vogt,« rief er mit seinen dunkel sprühenden Augen, die in ihrem Jähzorn
denen von Claus Beckera so sehr glichen, »wie ist das? Gehören hier
nicht längst ein paar Fischerknechte her? Wie wäre es, wenn wir das Nest
ausräumten und die Weiber auf den Hof brächten?«

Die Drohung war wohl nur darauf berechnet, das Sträuben der Blonden
vollends zu überwinden, auf den Vogt blieb sie jedenfalls ohne Wirkung.
Ruhig schloß der breitschultrige Mann seine Tasche, packte seinen
Kronenstab fester und schüttelte endlich bestimmt das wuchtige Haupt.

»Dazu habe ich keinen Auftrag,« lehnte er die Zumutung ohne eine Spur
von Entgegenkommen ab. »Ich tue, was meines Amtes, nicht mehr.«

»Nun, dann pack dich,« befahl der Jäger dunkelrot und gereizt.

»Gut, Herr, gut, das kann ich tun,« stimmte der Vogt immer mit derselben
Bedächtigkeit zu, »warum nicht? Gehabt Euch wohl.«

Ehrbar, als wäre nichts weiter geschehen, lüftete er seine Kappe und
strebte dann weiten Schrittes den Dünen entgegen. Allein, kaum hatte er
den Saum der Weidenbüsche erreicht, so ließ er sich auf eine Sandwelle
niedergleiten und duckte seinen ungefügen Leib vorsichtig hinter die
übrig gebliebenen braunrostigen Blätter der Ruten. »Potz Velten,« dachte
er bei sich, »die Art meint immer, sie sei allein auf der Welt. Wie
lange läßt man sie wohl noch den Rahm von der Milch schöpfen?«

Damit stieß er seinen Stab in den Boden und lauerte.

Vor der Katenhütte jedoch hatte unterdessen die Sucht des
Besitzergreifens den Streit entschieden. Zwischen Bitte und Befehl war
der Jäger in den halbdämmrigen Raum gedrungen, ja, er mochte es nicht
einmal hindern, daß seine beiden Doggen ihm schnuppernd voranliefen.
Jetzt spürten sie in der düsteren Engnis umher, bis die Tiere plötzlich,
wie auf einen Schlag, vor einem traurigen Bettgestell Halt machten.
Lechzend wiesen sie ihre roten Zungen einem wächsernen Menschenbilde
entgegen, das mit geschlossenen Augen und wehenden Atems tief in einem
groben Strohsack eingekratzt lag. Es war ein schreckhafter Anblick, als
der Eindringling zuerst dieses fieberzuckende Menschenhäufchen gewahrte,
und vor den schwarzen Höhlen der Wangen und der spitz hervorstoßenden
Nase wich der Unvorbereitete zuvörderst zurück.

»Gott gebe Euch einen guten Tag, Frau,« ermannte er sich allmählich zu
einem Gruß, wobei er nichtsdestoweniger die unerbetene Zeugin seiner
tollen Leidenschaft nach Kräften verwünschte. »Wie geht's? -- Was treibt
Ihr?«

Allein aus der Lade drang keine Antwort; nur ein rasches Keuchen
vermischte sich mit dem Lechzen der Hunde, und statt der Hingestreckten
erteilte endlich die Tochter die Auskunft. Am Kopfende des Bettes stand
sie, und während Haupt und Arme ihr schlaff herabhingen, sagte sie leer
und geistesfern:

»Sie weiß von nichts.«

»Teufel ja,« nickte der Junker.

Ungemütlich und von der drückenden Stickluft unter dem niedrigen Gebälk
benommen, ließ der junge Mensch einen raschen Blick über das kahle Elend
seiner Umgebung wandern, über die Holzwände voll Rauch und Spalten, über
den geringen Hausrat, und sein Geruchsinn empörte sich heftig gegen den
Dunst eines Haufens von Binsen, der wohl in besseren Tagen zum Knüpfen
der Matten benutzt werden sollte. Jetzt lag er zum Trocknen geschichtet
auf dem Fachwerk unter der Decke. In all dieser hoffnungslosen Armut gab
es nur einen Schimmer, eine Helligkeit, so dünkte es wenigstens den
immer heftiger Gespannten, die strömten von den langen Flechten des
Mädchens aus. Weißblond glommen sie durch den Dämmer, gleich einem
feingesponnenen Netz jungen Flachses, und an jene seidigen Fäden
klammerte sich jetzt der unbeherrschte Wille des vornehmen Gastes fest.
Unruhig ließ er sich auf den einzigen Stuhl am Tisch nieder, und da er
seine Befangenheit vor dem Wachsbild in dem nahen Bett doch nicht ganz
bezwingen konnte, so versuchte er seine Absichten vor den verdorrten
Ohren der Lauscherin wenigstens möglichst zu verbergen.

»Komm her, Dirn,« flüsterte er.

Folgsam schob sich die Angerufene heran, man merkte kaum, daß sie dabei
die Füße bewegte. Dann stand sie dicht neben dem Jäger. Eifrig griff er
nach ihrer Hand.

»Kuck,« murmelte er eindringlich und legte ihre Finger auf sein Herz,
»wie es klopft! Du hast es mir angetan.« Als das Mädchen jedoch
verängstet den Kopf schüttelte, fuhr er überstürzt fort: »Fürcht' dich
nicht, du dumme Trin', es soll dir fortan besser werden. Hast ja nicht
einmal ein Bett! -- Sag, wo schläfst du eigentlich, du bleiche
Leinwand?«

»Dort, Herr.« Sie wies auf den Schragen der Kranken.

»Da?«

Bei dem Gedanken, daß dieser jugendlich warme Leib allabendlich seine
Ruhe neben dem grauenerregenden Gerippe suchen sollte, fuhr ein
sichtbares Frösteln über den Hals des Mannes. Überredend legte er den
Arm um ihre Hüfte, aber kaum spürte er die schlanke, sich leise gegen
ihn sträubende Biegung des Leibes, da stieg eine heiße Woge von Begehren
bis über seine Stirn und in ihren roten Wirbeln sank er unter.

»Dirn -- verfluchte,« stieß er in einer inbrünstigen, unvernünftigen
Hitze hervor. Und während er die Blonde zu sich auf den Stuhl zwang, da
kümmerte er sich den Teufel weder um die kurzen Atemzüge, die dort in
der Ecke den Strohsack im Schaukeln hielten, noch um die hölzerne
Starrheit jener Glieder, die er jetzt durchaus zu biegen und zu brechen
strebte. Nur Glut brodelte in ihm und die planlose Verworrenheit des
Ergreifens. »Goldfuchs,« stotterte er bei dem heißen Ringen, »komm,
sperr' dich nicht. Seit Monden bin ich hinter dir her -- ja, ja, du
weißt es ganz gut. Du bringst mich schier von Sinnen. Oder sag', Dirn,
sag', bin ich dir etwa zuwider?«

Sie lag schon in seinen Armen, schreckverwirrt, atemberaubt, aber dicht
vor seinem Munde bat sie noch immer mit dem rührenden Bewußtsein der
Verlorenen:

»Herr, es taugt mir nicht, darum zu wissen. Schont meiner.«

Da hörte er aus ihrem Erlöschen das Bekenntnis heraus. Jauchzend unter
einem hellen Lachen raffte er sie ganz an sich, und in der
lebenerschütternden Verschmelzung eines Kusses entschwand ihnen für die
Dauer eines fallenden Regentropfens alle Wesenheit. Gleich zwei
beseligten Bienen, die selbst der Sturm nicht auseinandertreibt, hingen
sie in einer unwirklichen, blauen, golddurchzitterten Luft, und das
einzige, was die Zeit unter ihnen maß, war der hämmernde Hufschlag
ihres Blutes.

Aber dort auf dem Schragen? Öffneten sich nicht ein paar glanzlose
Augen? Der tote Silberschein eines geschlagenen Fisches konnte nicht
entseelter zu ihnen herüberglotzen, und so eifrig auch der Betörte sein
Haupt hinter den Schultern des Mädchens versteckte, das blinde Metall
jenes Blickes schmolz durch die lebende Hülle hindurch.

»Dirn, nun hab dich nicht länger. Die Alte tut dir nichts.«

Am Fußboden schnupperten die beiden Doggen lebhafter, sie wurden
unruhig, schlugen an und prallten dann vor dem Ansturm des Tageslichtes
zurück, das zu der geöffneten Holztür hereinschoß. Eine hohe, dunkle
Gestalt zeichnete sich schwarz gegen die Helligkeit ab.

Da rang sich zum erstenmal ein Laut von den Lippen, die aus Furcht vor
dem Junker, aus Scheu vor seinem fremden Glanz und versiegelt von seiner
stürmischen Zärtlichkeit bisher der Stummheit verfallen waren.

Ein Schrei gellte gegen die Decke und wurde von dem Querbalken
zurückgeworfen: »Claus!«

Dann wurde es wieder still. Ängstlich, betörend still. Man hörte nur,
wie das Röcheln der Kranken durch den Raum sägte.

Endlich raffte sich der Junker auf, langsam, unsicher, denn ihn
verwirrte nicht nur der Anblick des Mädchens, das beide Hände vor ihr
Antlitz geschlagen hielt, nein, auch die unselige Scham des Ertappten,
in seinen brennendsten Wünschen Gehinderten fraß bissig an seinem
Hochmut. Dazu empörte ihn immer wilder das rätselhafte Schweigen dieses
vermaledeiten Sassentölpels, der bleich und atemlos vor ihm stand, als
hätte sein zuckendes Maul einen Richterspruch zu fällen.

»Was soll's?« fuhr plötzlich der Jäger in die Höhe und riß mit einem
Griff seine Armbrust an sich. »Weshalb arbeitest du nicht, du Flegel?
Was hast du hier herumzulungern? Weißt du nicht, was dir gebührt?«

Ja, der große, schlanke Bursche wußte wirklich nicht mehr, welchen Platz
er in der Welt einnahm. In diesem Augenblick empfand er nichts als das
ungeheure qualmige Zusammenbrechen all seiner kindlichen Träume, die so
lange und zärtlich von seinen Eltern und dem guten Mönch genährt und
behütet waren. Nichts -- nichts -- die Träume hatte ein Lügner so bunt
und herrlich angestrichen, auf der Erde tobte lediglich Gewalt, und nur
Gewalt konnte das rasende Wüten der Mächtigen brechen.

In die weit aufgerissenen Augen des Jungen sprang ein merkwürdiges
Wandern und Schielen, und obgleich der lange Leib sich kaum bewegte, so
bemerkte sein Gegner doch mit Grauen, wie die Finger des Burschen wie im
Krampf sich öffneten und wieder schlossen.

Gespenster, schwarze, verzerrte Fratzen tanzten um ihn her. Was aus der
verruchten Nacht gegen ihn angesprungen war, das drehte sich jetzt
heulend um ihn im Kreise. Geschminkte, an Leib und Seele entmenschte
Dirnen zausten ihn an den Haaren, taumelnde Galgen fielen über ihn her,
entrechtetes, in Hungertürmen vertiertes Volk spie ihn an, und die zu
Lust und Nutzen der Macht Gehenkten, sie schleuderten ihre Stricke um
seinen Hals und schnürten ihm die Luft ab. Kein Atemzug schlich ihm mehr
aus der zerpreßten Kehle, nur ein heiseres Wimmern riß sich mühsam aus
der wunden Brust.

Erde, Erde, wo ist ein sicherer Halt vor Entwürdigung und Schande? Wo
eine Zuflucht für die Gequälten? Wo ein Richter für die Peiniger und
Erbarmungslosen? Nirgends, nirgends. Zerbrach, verwüstete man nicht hier
vor seinen sehenden Augen ein stilles, reines, heiliges Gefäß, aus
keinem anderen Grunde, als weil es einem Schwelger gefiel, bereits am
grauen Morgen ein Fest zu feiern? Hier wollte ein gekitzelter Gaumen
sich Speise bereiten aus Claus' eigenem Fleisch, aus Claus' eigenem
Blut.

»Vieh,« brüllte der aus seinen Fieberwirbeln Hervortaumelnde und sprang
besinnungslos hinzu.

Der Jäger war hinter den Tisch gewichen, nun flog die Armbrust an seine
Schulter.

»Knecht,« zischte er in überschäumender, haßverzehrter Wut, »dir wird
ein eigener Galgen gesetzt.«

»Freilich, ein eigener Galgen, ich weiß, ich weiß, damit ich doch hübsch
jung in der Luft tanzen lerne. Und unsere Schwestern und Töchter -- oh
Wonne -- sie werden Huren?«

Ein Satz -- etwas Schwarzes fuhr über den Tisch, Bügel und Kolben der
Waffe schwankten einen Gedanken lang in der Luft, formlos, bald oben,
bald unten, dann ein Schlag, ein dumpfes, weichliches Geräusch, und
beide Arme hebend brach der Graf unter den vier Füßen der Platte
zusammen.

Nicht lange.

Als der Vergewaltigte unter seinem Tisch mit summenden Ohren und
verprügeltem Bewußtsein hervorkroch, da meinte er weit hinten durch die
geöffnete Tür seinen Bändiger wahrzunehmen, wie er in weiten Sätzen am
Strande dahinfuhr. Über die Schulter hatte sich der Bursche die Dirne
geworfen, jene willige Dirne, die dem Gelüst des Grundherrn doch nur aus
Bosheit, aus Abgunst geraubt war, und ohne durch die Last behindert zu
sein, schien der Strolch, der Aufrührer, auf den doch schon nach Fug und
Recht das eiserne Halsband, die Stachelschraube oder der Galgen
warteten, dem Schutz seiner heimatlichen Hütte zuzufliegen. Das durfte
nicht sein. Auf allen vieren schleppte sich der Gedemütigte bis zur
Schwelle, aber während er hier auf die Brust niederstürzte, so daß seine
Lippen das Riedgras küßten, quoll es in ohnmächtiger Raserei aus ihm
hervor:

»Heda, Thor, Freya, packt an -- packt an --«

Und sich noch einmal nach dem Schützen herumwälzend, der seinem Gebieter
beispringen wollte, ächzte er sinnlos:

»Schieß -- schieß, du Schuft, wenn du den Mordbuben nicht triffst,
schmeckst du die Peitsche! Himmel und Hölle, leg' an, und wenn du den
Heiland mitten durch die Brust spießen solltest.«

Zerrissen, zerstückt wurden Claus all jene Flüche durch den feuchten
Wind nachgetragen, und alsbald spürte er auch das Hetzen der Hunde über
den nassen Sand.

Weiter, weiter.

In ihm nebelte nur der eine Plan, diese zur Entwürdigung Bestimmte, die
bei vollem Bewußtsein und doch steif und kalt gleich einem Stein aus
seinen Armen ragte, der Gier ihres Peinigers zu entziehen. Die künftigen
Mütter der Armen brauchten nicht überall entweiht zu werden.

»Eine einzige --,« stammelte er keuchend, »eine einzige muß bewahrt
werden. Eine einzige nur.«

Er wußte nicht mehr, was er bettelte, denn seine eigene Schande und
Bedrückung, sie mischten sich mit dem Schicksal seiner Verwandten. Und
so wunderte er sich auch kaum, weil ihm keine Antwort zuteil wurde.

Weiter -- weiter!

Da waren auch die beiden Doggen schon nah auf seinen Fersen. Leib an
Leib peitschten die Bestien über den aufspritzenden Sand, und der heiße
Dampf, den sie ausschnaubten, puffte stoßweise in den dicken Nebel.
Einen gellenden Ruf stieß der Flüchtende aus, allein seinen ungestümen
Lauf setzte er in wilderen Sprüngen fort.

»Eine einzige nur,« murmelte er noch einmal

Es zischte etwas. Ein warmer Regen sprühte über den Läufer. Und das
Steinbild zuckte und wankte ein wenig in seinen Armen.

»Anna,« schrie er und schüttelte sie.

Da fiel ihm die Last dumpf und dröhnend zu Boden. Und jetzt erst, jetzt
entdeckte er den Pfeil, der Hals und Nacken des Opfers durchfiedert
hatte. Darauf versank die ganze Gegend eine Weile in Lautlosigkeit, als
ob Mensch, Erde und Meer einen letzten Herzschlag erlauschen wollten.
Unten auf dem durchweichten Sand reckte sich das Mädchen, es schlug die
Augen verwundert gegen den grauen Himmel auf, schüttelte ganz sacht und
ohne Begreifen ihr Haupt -- und legte sich zur Ruhe.

Entgeistert starrte Claus in das sich verfärbende Antlitz hinab, und
währenddessen rannen ihm statt Tränen die warmen Blutstropfen über Stirn
und Wangen bis in den schreckgebannten Mund. Und dennoch -- der salzige
Trank aus dem Kelch des bittersten Leides, das ihm das blinde Walten des
Lebens bis jetzt zum Kosten gereicht, er weckte in dem Burschen an
Stelle von Entsetzen und Ergebung vielmehr unbändigsten,
gebieterischsten Drang zum Dasein. Der Tropfen Blut, die letzte Labe,
die ihm die Heimat bot, er floß ihm glühend und sengend durch Hirn und
Herz und begann dort von nun an die Welt zu bespiegeln, in rotem Rahmen
und doch eisig und unerbittlich klar!

Er sah vor sich ein neu hingestrecktes Opfer der Willkür, den Pfeil in
der Kehle und die offenen Augen Auskunft heischend gegen den Himmel
gerichtet, er urteilte, daß die beiden Hunde nur noch ganz kurze Zeit
die Schläferin auf dem Sand umkreisen würden, und er erspähte, wie der
Schütze des Grafen und hinter jenem, unwillig zwar und doch gezwungen,
der Vogt in weiten Sätzen auf ihn einstürmten. Da wußte er, daß der
Zeiger seiner Sonnenuhr auf Leben wies und noch nicht, noch lange nicht
auf Untergang und Ausgelöschtwerden.

Ein düsterer, beteuernder Blick war es, mit dem er von der Toten schied,
der ersten, die ihm das Menschheitsmeer vor die Füße gespült, ein
zweiter, längerer flog über die Dünenberge zu der Hütte empor, aus deren
Schornstein ein friedlicher Rauch kräuselte. Dann wandte er sich jäh und
versuchte das Unerwartete. Ein wilder Sprung zur See, die grau und
verschleiert auf ihn zukroch, unter seinen Füßen splitterte die dünne
Eisdecke, bis zu den Knien sank er ein, dann setzte er abermals in die
Höhe, gewann für ein paar Schritte das gefrorene Feld, bis er von neuem
in dem berstenden Glas verschwand. Aber gleich darauf hatte der
Vorwärtsdrängende das offene Wasser erreicht und weit ausholend warf
sich der geübte Schwimmer hinein. Seine Lebensflamme brannte so stark,
daß sie die lähmende Kälte des Elements überwand. Auch hatte er sich den
Wogen nicht planlos anvertraut, denn von seinen scharfen Augen war
längst ein kleines rotes Segel erspäht worden, das voll gebläht gegen
den Strand stürmte.

Heino Wichmann!

Ja, dort hinten, gegen die schwarze Wand des Wassers, dort flatterten
die blonden Haare des Kleinen im Wind, geduckt hockte der Meister der
Schiffahrt am Steuer, und während das überspülte Haupt des Flüchtenden
ab und zu hoch aus den rollenden Fluten auftauchte, da summte ihm die
Stimme der Hoffnung zu: »Er sieht dich -- noch einen Schlag, und noch
einen -- er sieht dich.«

Hinter ihm heulten die Hunde und jagten fangbegierig über die noch
ungebrochene Fläche, rauhe Stimmen schrien, ein Pfeil sauste über den
Schwimmer hinweg und schnitt unhörbar in die Wellen -- der Atemlose, vom
Kampf bereits Verwirrte schickte dem Todesboten nur ein wildes,
verächtliches Lächeln nach. Oh, dieses Herumgeschleudertwerden zwischen
Vernichtung und Gelingen, das fühlte der bereits in Wesenlosigkeit
Fortgleitende, es bildete das Höchste und Köstlichste, was ihm aus des
Lebens Abgrund gereicht werden konnte. Es blitzte wie ein heller
Edelstein. Es lohnte sich, danach zu greifen oder im Werben darum zu
vergehen. Um ihn begann die eisige Flut mit tausend Stimmen zu singen,
und während sein Körper sich immer tiefer hinabgrub, da unterschied er
noch die Worte des großartigen Liedes, das ihm den Schlummer und die
Schmerzlosigkeit brachte. Sie sangen alle zusammen, die sein Dasein
jemals umstanden, Pater Franziskus und die Becke, der Vater und Anna
Knuth, der junge Graf und die Mutter, Heino Wichmann und all die vielen
Bauern, ja selbst der Jude wirbelte das blitzende Beil um sein Haupt und
fiel ein in den gewaltigen Chor, der da trotz allem Leid die
unverwüstliche Schönheit von Sonne, Erde und Meer pries und die
Feiertäglichkeit jedes wilden, unruhigen Geschehens.

Claus gurgelte, noch aus der Tiefe wollte er einstimmen in dies
allgemeine Lob, da spürte er, wie er ohne sein Zutun stieg und stieg,
sättigende Luft drang zu ihm, durch die Schwärze brach Licht und öffnete
ihm die Augen, und weit vor ihm dehnte sich die Freiheit des
Unbegrenzten.

       *       *       *       *       *

Er lag im Kahn, und über ihn beugte sich Heino Wichmann. Das Segel war
herumgeworfen, das Bugspriet zeigte gegen die offene See. Hinter ihnen
schrumpfte die Küste immer dünner zu einem langen schwarzen Arm
zusammen, der liebevoll das dunkle Schwellen an sich zog. Kaum
unterschied man noch die höchsten Erhebungen der Insel mit ihren
finsteren Waldkronen. Mühsam raffte sich Claus bis zur halben Höhe empor
und schickte einen müden Blick aus. Seine Glieder waren noch von seinem
Willen und seinem Bewußtsein getrennt, und aus seinen Kleidern floß
stromweise das Wasser.

»Heino,« seufzte er, indem sein Herz dem weiten, weiten von Qualm und
Nebel erfüllten Raum unruhig entgegenschlug, »wohin führst du mich?«

»Wohin?« Der andere streifte den daniederliegenden Gefährten mit seinem
seltsamen Augenspiel, dann brach er in sein gewöhnliches Kichern aus.
»He, Bübchen,« meinte er, »welch eine kitzliche Frage! Wohin geht der
Mensch, wenn er einen Fuß aus der Tür setzt? Weißt du das? Ich weiß es
nicht, denn der Weg kommt meistens auf den Wanderer zu. Aber ängstige
dich nicht, ich glaube sagen zu können, ich führe dich deine Straße.«

Dabei stieß der kleine Strohblonde wie zufällig mit dem Fuß gegen etwas
Klirrendes. Und siehe da, es war der Ravenneser Hieber, den er bei
seiner Ankunft getragen, und neben jenem ringelten sich die Reste der
ehemaligen Goldkette. Und jetzt -- jetzt entdeckte Claus auch, daß unter
der Steuerbank ein kleiner Flechtkorb verborgen stand, der Brot und
Milch enthielt. Es war augenscheinlich, hier an Bord war alles für eine
längere Fahrt vorbereitet.

»Heino,« rang der Liegende seiner Schwäche ab, »du wolltest dich von uns
fortstehlen?«

Der Angeredete griff fester in das Steuer und verglich die Spitze des
Bugspriets mit dem Silberband des Mondes, dessen Phantom noch am Tage
durch den Seequalm dämmerte. Dann erst wies er ausweichend und in seiner
spitzfindigen Art den erhobenen Vorwurf zurück.

»Sei still, Büblein, was heute geschieht, braucht morgen nicht zu
geschehen. Mich dünkt, es lief für dich nicht übel ab, weil ich meine
Tage hier für erfüllt hielt. Aber nun verkünde auch du mir, warum man
dich mit Hunden vom Strand deiner Väter hetzte? Nicht wahr, du frommes
Kind, das ist dir doch geschehen?«

Da kroch Claus bis zur Steuerbank heran, und seine Arme leidenschaftlich
um das Knie seines Lehrers schlingend, ließ er unter Tränen und
Verwünschungen, unter Haß und Zweifeln alles aus sich herauspulsen, was
die letzte Vergangenheit ihm an Traum und feindlicher, unbegreiflicher
Wirklichkeit entgegengeschickt. Es wurde das überströmende Bekenntnis
eines Erdenläufers, der sich mit deutlich gefühlten Schwingen zum Himmel
heben will und jetzt vor Schmerz aufheult, weil die geballte Kugel des
Lehms, des Schmutzes und des Kotes an seinen Füßen klebt.

»Sag mir, Heino Wichmann,« flehte er zum Schluß inbrünstig, während er
den Magister mit beiden Fäusten beinahe von seinem Sitz hob, »wer -- wer
gab diesen Ungerechten, diesen Blutsaugern, Peinigern und Landschluckern
jene fürchterliche Gewalt? Wer beugte ihnen diese Tausende demütiger
Nacken unter die Füße, wer -- wer?«

Mit herb verzerrtem Munde schaute der Steuermann auf den in wilden
zuckenden Feuern Verglühenden hinab.

»Wer?« wiederholte er, und in seinen zwiefarbigen Augen funkelte etwas
wie die Befriedigung über ein endlich erreichtes Ziel. »Wer ihnen das
alles gab, mein Cläuslein? -- Ihr Wille.«

»Und wir?« stammelte der Junge in Enttäuschung zurücksinkend. »Gib auch
uns eine Hoffnung!«

»Wir? Wir suchen nach unserem Willen.«

»Suchen?«

»Aber wenn wir ihn gefunden haben,« sagte der Kleine unheimlich
leuchtend, »dann werde ich mir im Papstornat des Kaisers Tochter zur
Buhlschaft laden, und du, Bübchen, magst meinetwegen auf dem Sinai
stehen, um neue Gesetze in die Tafeln zu graben.«

So fuhren sie noch manche Stunde in das Meer hinaus. Der Magister das
Steuer in seinen feinen Händen, und auf die Schulter des Freundes
gestützt der Junge, das Haupt unabänderlich dorthin zurückgewandt, wo
nur noch der sich niederwölbende Horizont die Küste verriet. Längst war
sie hinter den ruhig tanzenden Wellen versunken, und doch zauberte sich
der Sassensohn unaufhörlich das kleine Stückchen gelben Sandes vor und
auf ihn hingelagert das tote Mädchen, dessen offene Augen auch jetzt
noch verständnislos auf Leben und Vergehen zurückblickten. Abermals
schlug ihm das Herz wie eine Trommel, die zum Kampf fordert.

Allmählich sank der Tag, die Wogen wanderten breiter daher und ihre
Hügel bedeckten sich im Widerspiel des Mondes mit tausend unruhigen
Silberameisen. Gegen das Bugspriet aber schwoll das Ungewisse, der
Dunst, das Geisterreich des Nebels tat sich auf. Da -- gerade als Claus
an Gefahr zu glauben begann, da nahm er wahr, wie sein zwerghafter
Gefährte plötzlich gegen alle Regel das Steuer freiließ; im nächsten
Augenblick war das Segel herabgerissen, und dann -- in dem Tor der
Dämmerung spielten verwunderliche Zeichen auf und ab. Ein rotes Licht
tanzte hervor, ein grünes schoß darüber hinweg, eine seltsame
Zwiesprache huschender Feuerchen wurde daraus. Und ehe der
schreckgebannte Zuschauer seinen Gefährten noch anrufen konnte, da hatte
der Magister hastig in seinen Gürtel gegriffen, und gleich darauf
schwang sich schrill und gellend ein nie gehörter Pfeifentriller über
die Flut. Der weckte in dem Qualm einen ähnlichen Laut. Nur vielstimmig,
verzehnfacht kam es über die Fläche geschwirrt, und nun schwoll auch
schwarz und turmhoch die ungeheure Brust heran, aus deren Tiefen dieses
unheimliche Gekicher ausgestoßen wurde. Unvermittelt starrten zwei
sonnengroße Augen auf die Meerfahrer nieder, rot und grün, eine breite
Treppe fiel an dem hohen Bau herab, und wie im Traum fühlte sich Claus
von den willensstarken Fingern seines Führers über die Stufen gezerrt.

An Bord des Schiffes -- eines drei Stock hohen, wie es der Junge vordem
niemals geschaut -- wurde es hell. Eine Laterne wurde ihnen vor das
Gesicht gehalten, ein Schwarm bärtiger, verwegener Gesellen umdrängte
die Fremden, und eine starke Stimme schrie nicht eben freundlich:

»He, ihr Vögel, wer hat euch unseren Pfiff beigebracht?«

»Du bist ein Kalb, Zeiso Ulbrecht aus Wismar,« erwiderte der Magister
seelenruhig und versetzte dem Laternenträger eine schallende
Maulschelle, »kennst du jetzt meine Handschrift?«

Ein Tumult entstand, aber gerade der Gezüchtigte wehrte mit Armen und
Füßen die hinzuspringenden Seeleute ab und brüllte halb toll vor Freude:

»Jungens, Jungens, Mord und Hagel, das Zwerglein ist wieder da, die
Brandfackel von Hamburg, der lateinische Hieber. Seht ihr nicht die
goldenen Jungfernhaare? Jungens, Jungens, wie werden jetzt die
Goldstücke wieder springen. Viktoria für den Hauptmann Wichmann!«

»Heil dem lateinischen Hieber -- Viktoria für den Hauptmann Wichmann!«

»Es ist gut,« nickte der Kleine gelassen, »und jetzt führt mich zum
Admiral.«

In dem Kreise aber regte sich kleinlauter Widerspruch.

»Er hält Kriegsrat,« hieß es.

»Da gehöre ich hin,« bestimmte der Magister stolz, und sich zu seinem
Begleiter zurückwendend, dessen Antlitz bei den letzten Enthüllungen
bleich, wie nie zuvor, durch die Nacht starrte, sagte er beinahe
mitleidig:

»Fasse dich, Cläuslein, du befindest dich auf der anderen Seite der
Welt. Dort das anfänglich Gute zum Schlechten verzerrt, hier das
ursprünglich Schlechte fürs Gute eingesetzt. Narretei und Wahn, hüben
und drüben. Nur eines haben wir vor den anderen voraus: wir sind
vorläufig noch die Schwachen und Ausgestoßenen, aber aus ihnen geht
allemal das Heilige hervor! Komm, Bübchen, ich führe dich jetzt zu einem
gar großen Herren -- Gödeke Michael.«



   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Das zweite Buch

[Illustration]


   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --



I.


Es war um das Ostererwachen. Das Jahrhundert -- das vierzehnte, da der
Stern über Bethlehem geleuchtet -- vertröpfelte, und fast dreizehnmal
war Winter vom Sommer übergrünt worden, seitdem der alte Beckera in
seiner kahlen Hütte auf der Sasseninsel bangsam die Hände über der
wunden Brust verkrampft, dazu röchelnd:

»Mutting, es hilft nichts, unser Einziger ist dahin. Paß auf, bald
fallen meine Augen mir zu, und sie werden ihn nicht wieder erblicken.«

Es war Osterzeit.

Über Kopenhagen stieg eine flammende Sonne auf, die hüllte die damals
noch kleine Stadt mit ihren verstreuten spitzen Kirchtürmen in einen
fließenden Purpurmantel. Überall, an den Firsten der niedrigen
Holzhäuser wie von den Masten der Flotte, die verankert auf der Reede
lag, rollte das Licht in langen roten Fahnen herab, so daß es aussah,
als ob die Gottheit selbst ein Fest schmücken wolle. Und Gottheit und
Menschen in dieser ruhenden Stadt begingen wirklich einen Feiertag, ohne
daß die noch schlafumstrickten Bewohner es ahnten, denn Friede neigte
sich sacht zur Erde, Friede nach einer mörderischen, rauberfüllten,
unsicheren Zeit, und die Sonne, die da ihr Rubinendiadem hoch in den
Osterhimmel hob, sie wollte damit das Haupt des neu erstandenen
nordischen Reiches krönen!

Das Menschenhaupt aber, das die drei Kronen tragen sollte, es eignete
einem Weibe. Königin Margareta von Dänemark, Norwegen und nun auch von
Schweden stand unter der Fensternische ihres Arbeitsgemaches, und von
diesem Lugaus ihres Schlößchens, das sich ehemals nicht weit von der
langen Linie erhob, jetzt aber längst von der Zeit hinweggezehrt ist,
schickte sie schon geraume Weile ihre Blicke nach den sonnenroten Masten
der Kriegskoggen hinaus, die sich dort auf der weiten Fläche
schaukelten, wie in einem Becken voll glutroten Weines. Regungslos
verharrte die schlanke und doch imposante und kräftig aufgerichtete
Gestalt der zweiundvierzigjährigen Frau neben dem zur Seite geschobenen
Vorhang, und man hätte meinen können, die Regentin, die Freundin alles
geistlichen Werkes, gäbe sich einer andächtigen Osterstimmung hin.
Allein weder auf der merkwürdig hohen Stirn unter den dunklen, welligen
Haaren, die nur ganz verhuschend, kaum merklich, von einem blitzenden
Silberstaub bestreut schienen, noch in ihren großen rostbraunen Augen,
deren Schärfe und überlegener Spott Schrecken einjagen konnten, regte
sich auch nur eine Spur von hingebender Schwärmerei. Nein, unter der
schmalen, leicht gebogenen Nase Margaretens würde sich vielmehr sofort
der ihr eigene geringschätzige Zug belebt haben, wenn man ihr derartiges
im Ernst zugetraut hätte. Denn der Heißhunger, mit dem sie sich auf das
Studium der Bibel, der Kirchenväter und der ihr erlangbaren Schriften
der Mönche warf, bildete nur einen Teil des sie beherrschenden Dranges
nach Macht und Geltung und konnte am nächsten Tage womöglich schon
abgelöst sein durch den ebenso versengenden Eifer nach den Gesetzen der
Ackerwirtschaft oder den Schönheitsmitteln griechischer Hetären. Alles
Erlernbare war von dieser Frau auf sich herbeigerafft worden. In alle
Fäden, die still durch die Welt strichen, hatte sie bedenkenlos ihre
schmale Hand gestreckt. Mit allen Gelehrten, Künstlern, Staatsleuten
ihres Jahrhunderts stand sie in Briefwechsel. Nicht etwa, weil eine
heiße, innere Anteilnahme sie trieb, sondern nur, um sich immer von
neuem zu rüsten gegen die Feinde ihres Geschlechtes. Diesem Hang
entsprang auch die lächelnde Hingabe ihres noch immer prangenden Leibes
an bedeutende, wenn auch vielleicht alte und häßliche Männer ihrer
Lande. Meinte doch der spöttische Aberglaube der Fürstin, in solchen
Nächten die Fähigkeiten der ihr Gesellten auf magische Weise
einschlürfen zu können. Oder sie errechnete wohl auch nur ganz kühl und
nüchtern, daß ihr die also Beschenkten von nun an zu schweigender
Knechtschaft verfallen seien. Kein wärmerer Herzschlag pulste den von
ihr Erwählten entgegen, nur ihre sicher einfangende, perlende und
scheinbar so offen quillende Liebenswürdigkeit spann sich fort und fort
und verdeckte den Mindereingeweihten die gefährliche Zwiespältigkeit der
ihnen so angenehm fließenden Rede. In jener Kunst jedoch hatte Margareta
einen derartigen Grad von Vollkommenheit erreicht, daß sie manchmal
beinahe selbst versucht war, das von ihr glänzend und leicht in die Luft
Gemalte für körperhafte Gestaltung zu nehmen.

Nur ein Mann lebte, der beim ersten Wort, ja, schon am weichen,
wohlklingenden Tonfall seiner Herrin erkannte, wann die Regentin die
Pfade der Gradheit zu verlassen gedachte. Und obwohl das bartlose,
durchfurchte, mopsnasige Antlitz des Drosten Henning von Putbus jene
Kenntnis nicht durch ein Wimperzucken verriet, so empfand Margareta mit
ihrem seherischen Blick doch ganz genau, wie sehr sie sowohl als ihre
schönen Wortgespinste hier von ein paar trüben, erloschenen und häufig
tränenden Fuchsaugen durchschaut wurden. Aber gerade dieses gegenseitige
Wissen um ihre tiefsten Meinungen verband die beiden Menschen zu einer
gemeinsam hohen Bewunderung für ihre Klugheit. Es war das Bündnis eines
Fuchses und einer Löwin, die sich gegenseitig um ihre Schliche und
Pfiffe beneideten.

Auch heute verharrte der Reichshofmeister wegen des frühen
Morgenbesuches in respektvollem Schweigen am Eingang unter dem
Spitzbogen. Zwar bestand für ihn nicht der mindeste Zweifel, daß seine
Gebieterin, der er ja außerdem durch einen Türwächter gemeldet war, sein
Erscheinen längst bemerkt hätte, aber er gönnte ihr gleichwohl den
Triumph, ihren ersten Ratgeber so lange harren zu lassen, bis es ihr
gefällig sein würde, das tiefe Nachdenken, das sie ihm zeigte, von sich
abzuschütteln.

Margareta lehnte ihren Arm an den Bogen des Fensters und trank
hingegeben das Spiel der Masten in sich ein, die sich von den roten
Wassern her gegen sie neigten. Unterdessen beschäftigte sich der
überlange, grausig dürre und schon greisenhaft zitternde Kanzler damit,
sein schreiend buntes Prachtkleid zurechtzustreichen, ja, er schien
großen Wert darauf zu legen, daß die gewaltigen offenen Ärmel, die ihm
fast bis auf die Knie herabhingen, auch nicht eine einzige Falte würfen.
Mitleid fast konnte es erregen, wie unbarmherzig eng das Klappergebein
bis über die schmalen Hüften in seine himmelblaue, mit Silberornamenten
bestickte Schecke eingepreßt war, und die gelben Beinlinge mit ihren
überlangen Schnäbelstrümpfen offenbarten geradezu grausam die
ausgezehrte Magerkeit ihres Trägers. Dennoch hätte der greise Dürrling
um keinen Preis die übel empfundene Unbequemlichkeit missen mögen. Denn
dieser reiche und mächtige Mann geizte im stillen danach, dem
farbenfrohen Sinn seiner Gebieterin einen Blick des Staunens abzulocken.
Ihrer modelüsternen Laune zuliebe spielte das morsche Gerüst den Gecken.

Jetzt wandte sich endlich Frau Margareta zurück, und sofort begann um
ihren etwas breiten, aber sehr ausdrucksvollen Mund ein liebenswürdiges,
huldvolles Lächeln zu gleiten. Rasch schritt sie auf den tief
zusammenknickenden Drosten zu und streckte ihm die Hand entgegen.
Gewonnen führte der Greis die schmalen Finger an seine geborstenen
welken Lippen. Auch die Königin trug ein ganz enges, ihre Gestalt fest
zusammenschnürendes Gewand von dunkelgrüner Farbe, das eben erst aus dem
Süden für sie angekommen war und namentlich die Brüste prall umschloß.
Man nannte es »das Gefängnis«, jedoch die Fürstin bewegte sich in ihm
frei und anmutig. Als sie den Arm hob, zitterten zwei lange goldene
Troddeln bis auf den Erdboden hinab.

»Verzeiht,« begrüßte Margareta den Greis, »ich merkte Euch nicht. Warum
habt Ihr Euch nicht kundgetan?«

Der Reichshofmeister pflanzte sein mildes, väterliches Lächeln auf.

»Ich wollte den Blick meiner königlichen Frau nicht unnötig von dem Bild
der schönen Freibeuterflotte dort draußen ablenken,« sprach er in
sanfter Ergebenheit. Und wie fortgerissen von einem unerhörten Begebnis,
keuchte und hüstelte er atemlos weiter: »Ja, seht nur, seht, sechzehn
kriegsstarke Koggen. Auch die neuen Lederschlangen führen sie an Bord.
Und diese schlimmsten unserer Gegner sind gekommen, um Schwedens neuer
Majestät zu huldigen.«

Seine schwache Stimme brach, und die Erregung, die er heraufbeschwor,
ließ ihm merklich die Knie zittern.

»Setzt Euch,« befahl Margareta schonend, denn in diesem Augenblick fiel
dem kräftigen Weibe der törichte Widerspruch zwischen der Schwäche ihres
Kanzlers und seiner putzsüchtigen Maske auf.

Als sich der Drost weigern wollte, tanzte ein vieldeutiger Funke in den
großen Augen der Frau. Sie war es gewohnt, mit den Narrheiten auch der
Klugen zu rechnen.

»Setzt Euch, Henning,« forderte sie nachsichtig, rückte selbst einen der
hohen Stühle von ihrem Arbeitstisch fort und nickte, da der Drost sachte
hineinsank. »Setzt Euch, mein Freund, Ihr habt lange genug vor mir
gestanden, da es noch gefährlich war, sich vor Spindel und Fingerhut zu
stellen.«

Die Regentin hatte oft Anfälle einer überwallenden Dankbarkeit, und so
strich sie auch jetzt sanft und kosend über die pergamentene Wange ihres
ersten Vasallen. Herr Henning von Putbus aber schloß die Augen und war
für diesen Augenblick überzeugt, daß seine Treue und Ergebenheit
reichlich aufgewogen seien. Auch daß die schöne Frau ihn so traulich
beim Vornamen nannte, weckte ihm alte unerfüllte Erinnerungen. Hier in
Margaretas Arbeitsgemach saß der gerissene Staatsmann oft und spann wie
ein verliebter Kater. Dabei übersah er es freilich heute, wie in seiner
fröstelnden Rechten ein umfangreiches Pergament zu rascheln begann, von
dem schon an Schnüren die großen Staatssiegel schaukelten. Margareta
aber bemerkte es, und da sie keine Freundin von langatmigen
Kabinettsvorträgen war, sondern ihre wohlklingenden Worte lieber auf
andere wirken ließ, so bettete sie ihre Hände auf den Rücken und kreuzte
nach ihrer Gewohnheit mit gemessenen Schritten den kleinen
teppichbehängten Raum.

»Ja,« ließ sie ihre dunkle Stimme ertönen, »der Allmächtige hat uns
Gnade erwiesen. Nach sieben Jahren voll Streit und Elend endlich ein
Ziel. Die schwedischen Edlen für uns gewonnen, ihr verspielter König,
der selbst unsere weibliche Ehre nicht geschont« -- hier warf sie im
Vorüberwandeln ihrem Hörer einen spähenden Blick zu, da das Gespenst im
Seidenwams jedoch noch immer wie schlafend hockte, sprach sie beruhigt
weiter -- »Gott verzeihe es ihm, er entstammt meiner leiblichen Sippe,
und ich folgte nur Eurem Wunsch, Drost, daß wir ihn so lange im Turm zu
Lindholm bewahrten. Ist es so?«

»Es ist so,« murmelte der Kanzler geschlossenen Auges.

»Ihr wart stets streng und unnachsichtig in meinem Dienst,« setzte die
Königin ihren Gang fort. »Ich danke Euch. Aber jetzt wollen wir Gnade
üben. Er mag ausgehen, der unselige Mann, und mit ihm sein Bube, der
Erbe jener von mir gestickten Narrenkappe und seiner französischen
Dirnenpest.«

Auch diesmal zuckte der Kanzler keineswegs. Zu sehr war er an die
unerhörte Offenheit gewöhnt, mit der die Witib von Dänemark gerade in
Gegenwart von Männern an die verschwiegensten Dinge zu rühren liebte.
Jener Freimut bildete eben eines der Mittel, durch die Margareta ihre
Hörer zu verblüffen suchte.

Plötzlich jedoch blieb die Königin vor ihrem Ratgeber stehen und setzte
die Hände in die Seiten.

»Und wie bürgen die Friedensboten von Falsterbo für ihren Schützling?«
forschte sie geschäftlich, »denn abgerechnet unserer verwandtschaftlichen
Nachsicht brauchen wir eine festere Sicherung, als sie uns der Wankelmut
des entthronten Unruhestifters bieten könnte.«

Der Drost zeigte mit zitternder Hand auf eine Stelle des ausgebreiteten
Pergaments.

»Dafür habe ich gesorgt,« wies er, während er befriedigt mit dem Kopfe
schaukelte, »die Hansischen verpflichten sich für ihren Verbündeten zu
einer Zahlung von 60000 Pfund Silber oder sind bereit, Schloß und Gebiet
von Stockholm nach drei Jahren in die Gewalt Eurer Majestät zu
überliefern.«

»Oh Stockholm,« rief die Regentin heftig, und eine rasche Röte flutete
in ihre Wangen, »wenn dort draußen das rechtlose Piratenvolk diese
herrliche Stadt nicht durch viele Jahre mit allem Nötigen versehen
hätte, wir brauchten heute nicht mit den hansischen Krämern um
Bedingungen zu feilschen. Sagt, wieviel boten sie noch?«

»Sechzigtausend Pfund Silber,« schmunzelte der Drost, schnalzte mit der
Zunge und rieb sich die Hände.

»Und Albrecht?« fragte Margareta hastig, und die Gehässigkeit der
beleidigten Frau schlug in ihr durch, »wohin trägt er seine
Narrenkappe?«

»Seine Verwandten räumen ihm in Mecklenburg einen Ruhesitz ein. Dort
kann er weiter Püppchen aus Brotteig kneten, wie er es im Turm von
Lindholm gelernt hat.«

»Das ist der Friede,« entschied Margareta ohne weiteres, »gebt her, ich
unterschreibe!«

Beide Arme spreizte sie weit aus, ihre prallen Brüste rundeten sich
unter dem engen Gewand, und der Drost sperrte seine triefenden Augen auf
und staunte seine Herrin an wie ein wundersam Gebild.

»Gebt her!«

Sie ließ sich auf dem überdachten Stuhl hinter dem Eichentisch nieder,
riß die Schwanenfeder an sich und setzte in einem einzigen Zug ihren
Namen unter das Dokument.

Eine Weile blieb es still in dem kleinen Gemach, die Weihe eines
bedeutsamen Augenblicks füllte den Raum. Nicht lange. Wie träumend hatte
die Königin mit einem winzigen Hammer auf eine Silberplatte geschlagen,
und nachdem auf den hellen Ton hin ein Wappenknecht eingetreten war,
befahl sie halblaut mit der verschleierten Stimme einer gläubig
Entrückten:

»Meldet's den Kirchen. Es sollen alsbald alle Glocken geläutet werden.
Der dreieinige Gott hat uns und unserem darbenden Volke Frieden
beschert.«

Sanft verschlang sie die Hände auf dem Tisch und wartete, bis der
Wächter das Zimmer verlassen. Dann aber lehnte sie ihre geschmeidige
Gestalt voll aufatmend an die steile Wand des Thronstuhles zurück und
hob ihre scharfen Augen zu den Schnitzereien der Bedachung.

»Norwegen und Dänemark,« flüsterte sie mit der tiefen Versenkung eines
Schöpfers, »Drost, laßt von morgen auch das Wappen Schwedens über mir
sein. Unsere Stimme wird fortan für ein großes, geeintes Reich gehört
werden.«

Ehe jedoch der alte Mann noch sein Verständnis für das erhabene Wesen
seiner Herrin bezeugen konnte, da geschah etwas Merkwürdiges. Das Haupt
der Fürstin sank langsam zur Seite, bis es an der Schulter des dicht
neben ihr sitzenden Greises einen Halt gefunden. Und doch merkte der
also Geehrte trotz seines Zitterns sofort, daß Margareta keine
Zärtlichkeit spenden wollte, sondern wie sie jetzt wirklich, aus Zwang
und Besessenheit heraus handelte. Halb gezogen streckte sie ihren vollen
Arm nach den Masten aus, von denen die schwarzen Wimpel flatterten.

»Sieh, mein Freund,« raunte sie, ganz als ob sie zu einem gegenwärtigen
Traumbild spräche, das eben erst aus ihrem eigenen Hauch entstanden,
»sieh dorthin! Meinst du nicht, daß an uns noch ein höherer Ruf ergehen
könnte? Wie sagt die Heilige Schrift? 'Stecke deine Zelte weiter.' Dort
draußen schaukelt ein Schwert auf den Wassern. Und unsere See spielt um
Engelland, Hispanien und Friesland. Ob es Sünde wäre, nach der Waffe zu
greifen, die der Herr uns mit Wind und Fluten entgegentrieb?«

Ihre großen lebendigen Augen weiteten sich überirdisch, ihre Lippen
murmelten unhörbar weiter, und ihr Atem stand auf einmal still. Diesmal
handelte es sich gewißlich nicht um Täuschung, denn der schöne Körper
des Weibes lag so gebannt, als ob ihr innerster unstillbarer Wunsch aus
ihr hervorgetreten sei und sie hielte jetzt Zwiesprache mit ihrem
leibhaften Dämon.

Der Drost aber zuckte wehleidig zusammen; nicht nur, da sein morsches
Knochengerüst nicht länger die angenehme Last des ruhenden Frauenkopfes
zu tragen imstande war, sondern weil ihn der trockene Glaube plagte,
daß Frau Margareta nur immer dann so hoch in den Himmel entrückt wurde,
wenn es galt, höchst irdische Geschäfte als von oben empfangen
darzustellen. Deshalb meinte er auch recht nüchtern, indem er jede
übersinnliche Sphäre als zeitraubend beiseite schob:

»Die Freibeuter wissen ganz genau, was sie wert sind. Es sind
ungeduldige, hoffärtige Gesellen darunter. Man wird sie nicht allzulange
warten lassen dürfen.«

Kaum hatte das nickende Gerippe in dem blauseidenen Wams dies geäußert,
als seine Ansicht auch sofort durch ein äußeres Begebnis bestätigt
wurde. Von den Schiffen krachte ein Schlag herüber, eine Dampfwolke
ballte sich, und von dem ungewohnten, nie gehörten Knall aufgeschreckt,
sprang die Königin plötzlich empor, vergaß ihre eben noch gespürte
Erweckung und bewegte sich heftig, ohne irgendwelche Gemessenheit dem
kleinen Fenster zu. Draußen schwelte noch die graue Dampfwolke um die
Schiffe.

»Was ist das?« erkundigte sich Margareta jugendlich ungestüm.

Um den verrunzelt eingefallenen Mund des Drosten spielte ein behagliches
Lächeln. Es befriedigte den Alten, seine Herrin einmal außer Fassung zu
sehen. Darum antwortete er gemächlich:

»Das, hohe Frau, sind die drei Lederschlangen von der Agile, dem
Admiralsschiff des Störtebecker. Habt acht, er ist ein Fürst unter den
Seinen, unermeßlich reich und von wilder, verwegener Gemütsart. Ihr wißt
wohl, was das Volk von ihm singt?«

»Ich erinnere mich,« sagte die Regentin und blickte suchend zu Boden.
»Eine dumme, törichte Reimerei. Plump und roh wie alle Bauernpoesie.

  'Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn --
  Claus Störtebecker ist Kapitän.
  Es pfeift der Wind, es schäumt die Flut,
  Der Degen kreist, es spritzt das Blut.
  Kein Unrecht erbt sich länger fort,
  Komm, feine Dirn, zu mir an Bord.
  Wir müssen unter Segel gehn --
  Claus Störtebecker ist Kapitän.'

Lacht nicht,« schloß die Fürstin und verzog verweisend die Brauen, und
doch entdeckte der scheinbar so müde Drost, wie Margareta ein paarmal
unbeherrscht ihre Zunge über die Lippen wetzte. »Weshalb rühmt man den
schweifenden Raubgesellen gleich einem Helden? Besitzt das Volk keine
würdigeren Heroen?«

Die Königin schien ernsthaft verletzt, daher war es wohl nur Zufall, daß
sie sich dabei prüfend den schweren Stoff über ihrer Hüfte glättete. Der
Kanzler aber beugte sich zustimmend vor, er wickelte die langen gelben
Beine wurmhaft umeinander und rollte zugleich das Staatsdokument
zusammen.

»Verzeiht, Herrin,« versuchte er die Verstimmte vorsichtig zu belehren,
»wer lange lebt, der weiß, wie Recht und Unrecht, Gewalttat und
Heldenstück keine eigentliche Farbe strahlen. Vielmehr kommt es immer
darauf an, woher das Licht auf sie fällt. Und was zudem diese Haufen da
draußen angeht, so besitzen sie Freibriefe von Rostock und Wismar, sind
daher als kriegführende Macht anerkannt. Meint Ihr wohl, die Condottieri
Eurer italienischen Vettern mit ihrem zusammengelaufenen Gesindel seien
besser? Auch halten ihre Admirale Störtebecker und Gödeke Michael
unerbittliche Manneszucht und haben sich überdies den Titel 'Mehrer des
Rechts' zugelegt.«

»Auch das noch,« zürnte die Fürstin und vollführte eine hochmütige
Handbewegung. »Wißt Ihr vielleicht auch, Herr Henning von Putbus, woher
die Hauptleute jene göttliche Bestallung erlangt haben?«

Das Unterste war in der Frau gereizt, ihr tief verborgener Stolz auf
ihre uralte Heldenabstammung; die Tochter Waldemar Attertags reckte
sich, von der hohen Stirn leuchtete ihr eine unbeschreibliche
Abgeschlossenheit.

Da nestelte sich das dürre Gerippe mühsam zusammen, wankte und schwankte
auf seine Gebieterin zu, und es lag die merkwürdige, beinahe hämische
Furchtlosigkeit eines Überalten, dem Tod bereits Befreundeten in seiner
blechernen Stimme, als er der höchsten irdischen Gewalt fast warnend ins
Ohr hauchte:

»Göttliche Bestallung, Margareta? Kindlein, Kindlein, hat man die Hand
schon gesehen, die Euch eine solche aus den Wolken herabreicht? Nun
wohl, es genügt, wenn Ihr Erwählte sie spürt. Aber es gibt noch eine
andere Bestallung. Die wird vernommen, die schreit nach Brot, bäumt sich
gegen Druck, seufzt mit Knechten und Leibeigenen -- --«

»Hör auf,« rief die Königin betroffen, die plötzlich wieder völlig der
Erde gehörte und ganz genau begriff, daß sie ein armes, ausgesaugtes
Volk zu leiten hätte, Bürger und Bauern, die noch vor ein paar
Jahrzehnten aus angeborener, verbitterter Gemütsart nichts als schwarze
Trauerkleider getragen. »Schnell, Herr Henning, welchen der Condottieri
wollt Ihr mir bringen?«

»Meidet den Michael,« riet der Reichshofmeister bestimmt, und über sein
verschrumpftes Antlitz breitete sich der Abglanz von List und
Weltkenntnis, »laßt ihn beiseite. Ein kühler, wortkarger Mann -- ein
Rechner und Überlegter, der nie eine Dummheit begeht. Solche Menschen
taugen nicht für Frauenüberredung. Wählt den anderen, wählt den
Störtebecker.«

»Was ist das für einer?« fragte die Königin unbefangen.

Die beweglichen blauen Augen des Kanzlers tasteten noch einmal über die
aufgerichtete Frauengestalt. »Ein Flackerfeuer,« entschied er sich
endlich. »Alles an ihm ist Glanz, Pracht, Abenteuer und Überraschung.
Die Einbildung seiner Leute hängt an ihm. Und was gilt's, in seinem
eigenen Hirn strahlt beständig ein Regenbogen. Wer weiß, eine königliche
Frau wie Ihr könnte ihn weit verlocken.«

Um den breiten Mund Margaretas wollte ihr einfangendes Lächeln gleiten,
da begannen aus der Stadt auf einmal dunkle und helle Glockenwogen zu
schwingen, und im gleichen Augenblick senkte die Fürstin ihren Blick auf
den Estrich, faltete die Hände und entschied ruhig:

»Nun wohlan, Euer Wille geschehe. Morgen nach der Messe wollen wir den
Hauptmann empfangen. Sorgt für ein würdig Geleit. Und vergeßt nicht, wie
Eure Freundin wieder einmal eine Stunde der Demütigung auf sich nimmt.
-- Geht!«

       *       *       *       *       *

In der Admiralskajüte auf der »Agile« ging es hoch her. Der Fürst des
schweifenden Volkes gab dort seinen berühmten oder berüchtigten
»Umtrunk«, und der Reichshofmeister, der gekommen war, um die Einladung
seiner Königin zu überbringen, mußte immer von neuem an sich halten,
damit er nicht dem fremdartigen Zauber der Umgebung unterliege. War das
etwa einer der engen, dumpfigen Kästen, die sonst tief unten im Bauche
auch der geräumigsten Schiffe zur Behausung von Menschen benutzt wurden?
Nein, bei allen Heiligen, hier hatte ein kühner, ausschweifender,
berauschter Sinn aus allen Winkeln der Erde das Erlesenste
zusammengetragen, damit es fortan dem Ergötzen, der Wollust und der
prunksüchtigen Ruhmbegierde eines ungebändigten Geistes diene. Noch
einmal vor seinem Aufbruch, dem er längst begehrlich zudrängte, musterte
der dürre alte Mann, der auf seinem hohen, brokatgepolsterten Stuhl,
schwächlich zur Seite geneigt, mehr hing als saß, all den
verschwendertollen Reichtum dieses kleinen, durchaus nicht niedrigen
Saales. Und der selbst begüterte und verwöhnte Adlige mußte sich
zwingen, von all jenen bunten Teppichen, köstlichen Schränken, Truhen
und blitzendem Gold- und Silbergerät sich wieder zurückzufinden zu den
fünf Männern, mit denen er an dem festen Tisch den Abendtrunk teilte. Es
hielt schwer, sich eines nüchternen Endzwecks bewußt zu bleiben.
Grünblaue, flämische Wirkereien stellten an den Wänden das Leben des
Achill dar, und überall, wo sie zurückgeschoben waren, drängte sich
wuchtiges Tafelwerk hervor, regelmäßig und erhaben in Felder eingeteilt
und wuchtig aus dem dunklen Grunde herausgearbeitet. Ruhebetten und
golddurchwirkte Kissen in allen Ecken; und mitten von der Decke
schaukelte eine mächtige Eisenlaterne, in deren Hornblenden anmutiges
Nymphenspiel geschnitten war. Verschwommen und dämmernd fiel der gelbe
Schein aus der Höhe herab. Das Besondere aber verliehen diesem
fürstlichen Raum die vier bunten Fackelstandarten, die an den Enden der
Eichentafel angeschraubt waren. Hell und blitzend funkelte hier das
Licht der Öllämpchen aus den seltenen venezianischen Gläsern heraus und
streute kringelnde, unbestimmte Farbenflecke auf die ungleichen Zecher.
Dazu hüpfte vom Verdeck des Schiffes eine feine Musik über die Stufen
der breiten Treppe, denn die Flötenbläser und Harfenisten der Freibeuter
begleiteten von oben her die Freuden ihrer Gebieter unermüdlich mit Tanz
und Reigenspiel.

So hatte es der junge, schöne, stets alle Sinne blendende Admiral
gewollt, und deshalb betete das schweifende Volk ihn an, mehr wie jeden
anderen, weil er die lichte Vollendung bildete ihres eigenen, aus allem
Herkömmlichen herausgefallenen, auf- und abschwankenden
Abenteurerdaseins.

Nimmer konnte der Drost seine Aufmerksamkeit ablenken von der hohen
geschmeidigen Gestalt des Wirtes. Wie der etwa dreißigjährige, von
schwellender Gesundheit durchflutete Mann ihm in dem rotseidenen
Prachtwams gegenüberlehnte, die linke Hand spielerisch auf einen
winzigen Dolch gestützt, während die rechte in malender Bewegung von
Zeit zu Zeit seine meist leidenschaftlich hervorgestoßenen Sätze
begleitete, da mußte sich der abschätzende Beobachter gestehen, daß Sage
und Gerücht die Anmut, ja, den Zauber dieses gefährlichen Seelenfängers
eher unterschätzt hätten. Die flammend schwarzen Augen sprühten jedem
Genossen eine heitere unbekümmerte Wärme ins Herz, auf der hohen Stirn
wechselte bald ein unnahbarer Stolz mit blitzender Gedankenarbeit, und
das braune Lockenhaar zitterte oft, wenn die eigene Bewegung den Admiral
fortriß.

»Ob dieser strahlende, selbstbewußte Condottiere, dem die Natur bereits
einen unsichtbaren Fürstenhut auf das Haupt gedrückt, nicht doch ein gar
zu überlegener Gegner für das leicht entzündete Weib in dem Schloß da
droben ist?« dachte der Drost, mit sich kämpfend. Und wieder schob er
den Becher unberührt von sich und machte Miene, das schon zu lang
fortgesetzte Gelage zu endigen. Sein Gastgeber aber fing jene Gebärde
ungläubig auf und winkte lebhaft abwehrend mit beiden Händen.

»Nichts da, hochedler Herr,« widerstrebte er mit einer leichten
Verneigung, und seine Stimme lachte und lockte, als ob er zu einem
schönen Weibe oder mindestens zu einem geschätzten und verehrten Lehrer
spräche. »Ihr tatet meinem Weine bisher wenig Ehre an. Mustert ihn
besser. Gesteht, glitzert er nicht in seinem silbernen Grund, als ob wir
ein Stück Sonne aus Eurem Meere aufgefischt hätten? Es ist Ingelheimer,
Herr Drost, und man sagt, Carolus Magnus habe die ersten Reben
gepflanzt. Kommt, der Geist des großen deutschen Mannes ist mir nicht zu
schade, das Wohl Eurer königlichen Frau zu feiern.«

»Recht -- nicht zu schade -- wollte auch geraten haben!« schluckte der
Kriegsoberst Konrad von Moltke und rieb sich emsig seine glühende
Hakennase, da er in ihr bereits ein verdächtiges Jucken spürte. Er war
von dem Kanzler mitgebracht worden, um dem Störtebecker bei dessen
berüchtigten Trinkgelagen Widerpart zu leisten. »Gebt her, Schelme!
-- Ingelheimer -- Carolus Magnus soll leben.«

»Wir danken,« fiel hier der Kanzler, erschreckt über die Grobheit des
Kriegsmannes ein und rückte sich mit einem leisen Seufzer zurecht, um an
dem Becher mit dem vielgepriesenen Wein zu nippen. Innerlich jedoch war
ihm jede Zecherei ein Greuel, da sie sein Gallenleiden bissig aufregte.
Daher sammelte er sich und sprach überlegt und zu seinem Zwecke weiter:
»Unsere erhabene Majestät von Dänemark schätzt die Herren sehr.«

Bei dieser Stelle lächelte der junge Admiral in dem roten Wams überaus
höflich. Zugleich aber fuhr sein dunkles Auge blitzschnell und
Einverständnis heischend über die wettergebräunten Gesichter seiner
Genossen, bis es haften blieb an dem schmalen, feinen Jungfrauenantlitz
des Hauptmanns Wichmann. Der hatte sein Kinn auf einen langen Hieber
gestützt, und der Schimmer der Laternen glättete ihm weich die seidigen
Blondhaare. Allein, wer genauer zusah, der merkte, wie dem Zwerglein
inzwischen die Schläfen ergraut waren und wie ihm auch in die Stirn
eine Silberlocke hing, gerade über der breiten Narbe. Niederträchtig
zuckte es ihm in den zwiefarbigen Augen, als er auf die sanfte
Einleitung des Kanzlers ebenso friedfertig, und ohne seine Lage im
geringsten zu wechseln, gleich einem artigen Kinde erwiderte:

»_Sapienti sat_, Herr Reichshofmeister. Wir sind überzeugt, daß Frau
Margareta uns sehr gewogen sein muß. Wie ja ein groß Gemüt stets dem
gefährlichen Gegner huldigt. Man denke nur an die Troer und Griechen,
die sich auch liebreich bei Gesandtschaften bewirteten. Nicht wahr?
Zudem,« schloß der Kleine milde, »wandelt Frau Margareta vor aller Augen
in den Spuren des Christus und deshalb bietet sie auch die linke Wange
zum Backenstreich, obschon die rechte bereits geschlagen wurde.«

»Nun, Ihr irrt Euch,« wollte der alte Hofmann seinen gerechten Unwillen
über die Frechheit dieses ausgerissenen Magisters bezwingen, da mischte
sich zum offenen Entsetzen des Kanzlers eine grelle, kreischende Stimme
in den bereits unterirdisch zischenden Disput, und der Kriegsoberst
Moltke bellte durch seinen grünen Weinnebel hindurch, gleich einem
bissigen Dorfköter:

»Wer redet hier von Backenstreich? Will jemand Margretlein an den
holdseligen Leib? Er melde sich. -- Ich sage, er melde sich.« Da jedoch
niemand der Aufforderung Folge leistete, so schlug sich der Betrunkene
völlig verworren auf sein hellrot feuerndes Beindach und brodelte
halb klagend: »Ihr Hundesöhne, ihr Spitzbuben -- ich wollte euch ja
lieber -- --«

»Die Schädel einschlagen,« ergänzte Hauptmann Wichmann sanft.

Hier folgte das ruhige überlegene Lachen eines einzelnen Mannes, und es
wurde doppelt wirksam, weil die anderen halb gespannt und halb verlegen
die Unterhaltung eingestellt hatten, während dem Kanzler der helle
Angstschweiß aus der verschrumpften Greisenstirn perlte. Der Mann aber,
der so gelassen sein Verständnis für die geheime Sehnsucht des dänischen
Kriegsobersten bekundete, er saß dem Trunkenen auf einem derben Schemel
gerade gegenüber und hieß Gottfried Michaelis oder im Volksmund Gödeke
Michael. Wie er der einzige war von seinen Gefährten, der zum Empfang
der vornehmen Gäste kein Prachtgewand angelegt, sondern gleichgültig das
braune Lederwams seines Berufes trug, so hatte er auch bis jetzt in
einem kargen, beobachtenden Schweigen verharrt. Keine Bewegung störte
die Ruhe seiner breitbrüstigen Gestalt, und in seinem ehernen,
düsterblond umrahmten Antlitz zeigte sich weder Teilnahme noch
Abwesenheit. Etwas streng Abgeschlossenes beherrschte diesen Menschen,
und der Kanzler erriet sofort, daß der Schweigsame nur seinen eigenen
Gestirnen zu folgen gewohnt sei. Nun löste der Kräftige die Verlegenheit
auf eine ungekünstelte und natürliche Art. Ohne Mühe hob er die
gewaltige Silberkanne, seinem Gegenüber neuen Trunk einzugießen.

»Ihr habt recht, Herr,« stimmte er dabei im Ton eines redlichen Zeugen
zu. »Welcher Fisch lernt auf sein Alter noch in Milch schwimmen? Als wir
bei Wisby aufeinander stießen, da haben wir uns besser verstanden.«

»_Ecco_,« erwiderte der Totenschädel, riß seine Fischaugen auf, und eine
schwefelnde Erinnerung überkam ihn, »_diavolo barbuto_, damals, Herr,
hab ich Euch eine Fracht Bier und zwei Last Weizen genommen. Gut -- gut
-- Herr, freut mich, daß Ihr endlich das Maul auseinander bringt. Wann
treffen wir uns wieder, Herr?«

Schwankend streckte er dem Ledernen die Rechte über den Tisch. Der
schüttelte sie ihm derb.

»Wartet,« versicherte er kaltblütig. »Die stillen Tage gehen vorüber.
Friede ist ein flüchtig Wort.«

»Wahr -- wahr,« jammerte es vom unteren Ende der Tafel aus einer
dumpfen, zerknirschten Kehle, und ein paar fleischige Hände begannen die
Perlen eines Rosenkranzes krampfhaft gegeneinander zu werfen. »Friede
halten nur die unschuldigen Engelein. Oh, du wonnige Jungfrau, oh, Ihr
gebenedeiten Nothelfer, warum mußte ich den frommen Bischof Tordo von
Strangnäs nackt in den Schnee jagen? Oh, die Kreatur ist böse von Grund
aus.«

Ein aufgeschwemmter, stiernackiger Graukopf war es, der so
gewohnheitsmäßig seine angebliche Qual herleierte. Gemeinheit wohnte in
seinen plumpen, verschwollenen Zügen, und seine leeren blauen Augen
zwinkerten unter den struppig herabhängenden Haaren oft in scheuer
Hochachtung zu seinen Genossen hinüber, als wenn er nicht verstünde, wie
er bei seiner Unbildung und Bäuerlichkeit unter die glänzenden Anführer
geraten sei. Dies war auch schwer zu begreifen, denn Hauptmann Wichbold
stellte nichts anderes vor als einen gewöhnlichen Buschklepper, einen
Strauchdieb, dem kein Verbrechen zu abschreckend, kein Diebstahl zu
gering galt, vorausgesetzt, daß er hinterher seine jammervolle Seele
durch ein paar hundert Paternoster beruhigen konnte. Kunstgerecht
schnitt er jede Kehle ab, indem er dabei seinem Schutzpatron gebührenden
Anteil gelobte. Darum wurde der wehleidige und zugleich heimtückische
Patron von seinen Gefährten und namentlich von den beiden Admiralen auch
nur mit äußerstem Widerstreben geduldet; allein der wüste Mensch war
ihnen nun einmal von dem großen Haufen gestellt worden, halb als
Beobachter, weil die dunkle Masse den politischen Plänen ihrer
Befehlshaber nicht völlig traute, und halb als Hemmnis und Bleigewicht,
um die hochfliegenden Pläne der Führer immer wieder auf sein eigenes
erbärmliches Raubgelüst zu erniedrigen. Schon seine Gegenwart gereichte
den anderen, gerade wenn sie sich am hochgestimmtesten als Bildner einer
neuen Weltordnung fühlen wollten, zur düsteren Mahnung, auf welchen
Grundsteinen sie die Halle ihres Gerichts zu erbauen strebten.

»Oh, des Elends,« heulte der aufgeschwemmte Wichbold noch einmal in
seinen Becher hinein, »die wir nicht Ruhe noch Gesetz halten können.«

Seine Kranzkugeln klapperten wie knirschende Zähne aufeinander.

Bei alledem wurde dem Reichshofmeister himmelangst. Er hatte wohl die
Einladung seiner Herrin überbracht und in allerlei seinen Andeutungen
durchschimmern lassen, wie die Fürstin namentlich an dem Besuch des
Störtebecker Gefallen finden würde. Allein bis jetzt hatte er weder von
den anderen, noch von dem jungen Admiral irgendeine bindende Zusage
erhalten, und allmählich gewann der feinfühlige Alte den Eindruck, als
ob sich die Befehlshaber dieser gewaltigen Seemacht von dem eben
geschlossenen Frieden durchaus keinen besonderen Vorteil versprächen.
Auch darüber hinaus witterte er einen ihm noch verborgenen Widerstand
gegen die Verhandlungspläne seiner Königin. Hier galt es, den Zaudernden
rasch und reizvoll glühende Zauberfrüchte vor die Augen zu malen.
Schmatzend, als ob er etwas Köstliches auf der Zunge spüre, begann er
von neuem zu schmeicheln:

»Die Königin hat mit Wohlgefallen die große Flotte der freien
Beherrscher des Meeres betrachtet.«

»Margretlein,« lallte hier Kriegsoberst von Moltke bestätigend
dazwischen, der nach Art der Trunkenen sich zu strengster Deutlichkeit
verpflichtet wähnte.

Als Antwort strich Gödeke Michael an seinem Lederwams herunter.

»Das freut uns,« erwiderte er mit seiner undurchdringlichen Miene. »Wir
haben ihr zu Ehren ein Geschütz gelöst. Sonst kommen wir, um Euren
Gefangenen, den König Albrecht, abzuholen.«

Das war nun wieder ein anstößig Kapitel. Gar zu leicht konnte die
Erinnerung an den eben erst abgeschlossenen Waffengang aufleben, auch
sonst schätzte der Kanzler keineswegs das Gedächtnis der sieben mageren
Jahre im Turm zu Lindholm, deshalb zuckte er kaum merklich die Achsel
und sprach mitleidig weiter:

»Wie gönne ich ihm seinen Ruhesitz in Mecklenburg. Der arme, schwache,
redselige Mann. Ihn hat das schmerzlichste Los getroffen. Nicht einmal
Euch, seine treuesten Freunde, konnte er belohnen.«

»Wir brauchen ihn nicht,« rief hier Claus Störtebecker fröhlich, der bis
dahin leicht zurückgelehnt all die vergeblichen Bemühungen des alten
Fuchses mit seinem feinen, erkennenden Lächeln begleitet hatte. »Bemüht
Euch auf das Verdeck der 'Agile', hochedler Herr, und Eure Erlaucht
können leicht meine Mannschaft singen hören.«

Und der Admiral sang selbst:

  »Die Schwarzflaggen laufen in Wind und Wettern,
  Sie stehen in keines Menschen Sold,
  Sie fahren aus auf Pech und Brettern
  Und kehren heim auf eitel Gold.«

»Vortrefflich, auf eitel Gold -- freilich --«

Das dürre Gerippe stutzte. Es befremdete ihn höchlich, auch diesen
jungen, von fürstlichem Anstand geleiteten Seehelden so obenhin über
Raub und Brandschatzung urteilen zu hören. Denn seine nicht geringe
Menschenkenntnis suchte hinter jener hohen, wetterleuchtenden Stirn noch
eine andere, eine höhere Weltauffassung. Trotzdem ging er auf den
leichtsinnigen Ton ein.

»Freilich,« grinste er aus dem Gewirr seiner Furchen heraus, während er
seinen Blick all die auffallende Pracht noch einmal kosten ließ, »man
sieht's. Es verbirgt sich nicht. Nur schade,« schnellte er einen bösen
Pfeil möglichst harmlos hinterdrein, »Eure Freibriefe erlöschen mit dem
geschlossenen Frieden.«

»Unser Recht beruht nicht auf Schreibwerk,« beharrte Gödeke Michael
fest.

»Auf was sonst, wenn es Euch beliebt?« griff der Drost diesmal schnell
nach.

Da loderte es auch in den schwarzen Augen des Störtebecker grell auf.
Ein Windstoß von Wildheit fuhr über das eben noch so strahlende Antlitz.
Es war, als ob ein Blitz in einen Garten geschlagen hätte.

»Auf dem Unrecht der anderen,« rief er hell.

Wem gehörte die Stimme, die jedem Lauscher das Innerste erwühlte? Die
Drommete eines fernen, hellseherisch verkündeten Gerichts schmetterte
aus dieser Inbrunst. Und siehe da, die wenigen Worte klammerten sich wie
ein Ring um den kleinen Kreis. Selbst der Trunkene horchte auf. Dem
Kanzler aber wurde unheimlich. Das beängstigende Vorgefühl, in eine
rätselhafte, noch nicht entschleierte Entwickelung geworfen zu sein,
ergriff den Alten plötzlich, ja, seine aufgejagten Greisensinne wurden
unvermutet durch die Vorstellung gepeinigt, er sei dazu verurteilt,
wider seinen Willen das Brodeln des ehernen, von grauen Mächten
gehüteten Kessels zu belauschen, in dem Weltwenden und Völkerschicksale
gleich platzenden Blasen durcheinander tanzten. Nein, dazu war er schon
zu alt, dergleichen mochten seine triefenden Augen nicht mehr schauen.
Fröstelnd schüttelte sich das Gerippe und dankte Gott im stillen, als es
zu bemerken glaubte, wie die Züge des jungen Admirals gleich darauf
wieder von der alten Heiterkeit erhellt wurden. Seufzend und mit einem
letzten Versuch zog der unermüdliche Hofmann eine neue Saite auf seine
vieltönige Geige.

»Ich will die Herren weder überreden noch bestimmen,« sagte er, ganz als
ehrlicher Freund und Berater, »da sei Gott vor. Aber mein Herz bedrückt
es gleichwohl, wenn ich ermesse, zu welch wertvollen Leistungen ein
solch herrliches Werkzeug erkoren sein könnte, sobald es einem sicheren
Gesetz oder einer anerkannten Macht dienstbar wäre.«

»Erspart Euch das,« weigerte sich hier Gödeke Michael streng, und aus
seinen eisenblauen Augen traf den Alten ein finsterer Blick. »Wir folgen
trotz alledem einem Gesetz. Einem so unerbittlichen, daß Ihr die
einzelnen Artikel nicht ertragen würdet.«

Der Drost nickte wehleidig. »Mag sein,« redete er halb in Angst und doch
von seiner Aufgabe beherrscht weiter, »allein die Umwelt und die
gewordenen Verhältnisse, auf denen allein ein gutes Gewissen sorgenlos
ruhen kann --«

»Alter Herr, sang Euch die Amme dies spaßige Märchen?« schoß das blonde
Zwerglein bissig dazwischen.

Mühsam überhörte der Drost auch diesen Einwurf, um unter immer stärkerem
Unbehagen fortzufahren:

»Ihr werdet nicht leugnen, das Bestehende kann sich in Eure Sitten nicht
recht hineindenken. Dazu hängt es zu fest an erprobten alten Geboten,
die ihm allerlei Unersetzliches verbürgen.«

Der junge Admiral schnitt mit der Hand durch die Luft.

»Erbe und Besitz, Truhenschatz und Pergamentvorrechte, adlige
Bettpaarung und Gotteswort für die Armen,« half er mit seiner
verwirrenden Liebenswürdigkeit ein. »Davon wollt Ihr sprechen, nicht
wahr?« Es klang beinahe gutmütig.

»Das auch -- gewiß -- das ist für den Bürger der Ausgangspunkt vieles
Guten. Allein ich dachte auch an etwas Höheres. Verzeiht mir -- aber
wie schwer muß auf euch allein des heiligen Vaters Fluch und Bann
drücken!?«

Noch war das Bedenken nicht ganz erhoben, als der Kanzler sich auch
schon völlig verständnislos umblicken mußte. Ein schallendes Gelächter
wälzte sich um die Tafel, und nur der dicke Wichbold schlug weinend vor
Gram und Trunk seine fleischigen Hände zusammen, dazu stöhnend:

»Oh, ihr vermaledeites, heilloses Volk -- lacht nicht, lacht nicht über
Pein und Fegefeuer! Warum mußte ich den Bischof Tordo von Strangnäs an
den Seen von Stockholm niederwerfen? Bis aufs Hemd hab' ich den heiligen
Mann ausgezogen. Ein kostbar seiden Hemd, wie es die Frauen tragen! Und
jetzt, alter Mann, jetzt verzehrt der Frost meine eigene Seele. Ich
klappere mitten im Sonnenschein, denn ich allein bin schuld, daß sich
uns keine Kirchentür mehr öffnet. Ach, ich verirrte, armselige Kreatur,
ich!«

Sein dickes Heulen und Schmatzen verlor sich in dem Schlund des Bechers.

Voller Abscheu, verächtlich sprang der junge Admiral zur Höhe. Aber noch
immer wetterte ein Abglanz des wilden Lachens um seinen feinen Mund.

»Habt Nachsicht,« entschuldigte er sich endlich vor seinem verblüfften
Gast und schlang den Arm gefällig um eine der Fackelstandarten. »Ich
weiß, ich hätte mir eher die Zunge abbeißen müssen, als solch einen
verehrten Gönner durch unziemliches Lachen zu verletzen. Doch Ihr
konntet nicht wissen, daß für uns gerade der römische Baalspfaffe zu
jenen betrüglichen Gauklern gehört, in deren dunklen, die Welt
verängstigenden Nebel wir unser rotes Fackellicht stoßen wollen. Alter
Mann, sei ehrlich -- meinst du wirklich, Völlerei, Lakenspäße, Mord,
Ämterschacher und das durch Seelenverängstigung erlistete Scherflein der
Witwe berechtigten zu dem schwindelnden Anspruch auf Priestervergottung?
He, da seid Ihr gerade unter die Henker solch alter Lügen geraten.«

Er rüttelte an dem Schaft der Laterne, und seine breite Brust dehnte
sich unter der rotseidenen Hülle, als er heftig hervorstieß:

»Ist's noch nicht genug, an der müden Schwächlingslehre selbst? Unsere
Schuld und Fehle, das Eigenste, Heimlichste der Kreatur, einem anderen
aufbürden, nicht wahr, so gefällt's Euch? Das nenne ich mir gar eine
tapfere Kunst. Geht, seid Ihr fromm, warum sucht Ihr nicht Euren noch
immer unbekannten Gott? Vielleicht, daß er Euch eines Tages begegne.
Mitten in einer Sauferei oder im Bett einer Hure. Aber was tut Ihr? Ihr
schlagt mit Keulen nach dem Geist, der von ihm strömt, weil er sich
überall gegen Euch auflehnt. Geht -- geht, faulende Gräber, geschminkte
Heuchler.«

Claus Störtebecker wandte sich und schritt hochaufgerichtet durch den
weiten Raum, bis dahin, wo an der getäfelten Wandung bereits dunkle
Schatten auf und nieder schwebten. Leicht konnte man meinen, daß der
Gastgeber hiermit die Tafel aufhöbe. So faßte es wenigstens der dänische
Reichshofmeister auf. Der Unterkiefer war ihm herabgesunken, der alte
Mann konnte sein Staunen über die empörerische Kühnheit der eben
vernommenen Ansichten noch immer nicht mäßigen. Zwar dachten zu jener
Zeit viele erleuchtete Köpfe ähnlich, aber der Aufruhr wagte sich gegen
die feile Kirche vorerst nur in den Studierstuben hervor. Langsam schob
der Drost seinen Stuhl vom Tisch und raffte seine lange Gestalt in die
Höhe. Niederdrückend beschlich ihn dabei der Ärger, und er hing ihm
förmlich an seinen schlaffen Wangen nieder, weil ihm, auf die ehrende
Einladung seiner Fürstin, keine freundlichere Bereitwilligkeit gezeigt
worden war. Ja, daß er im Grunde kaum mit halben Worten abgespeist,
gleich einem aufdringlichen Zwischenträger wieder ans Land
zurückgeschickt würde. Jedoch -- um alles -- nichts zeigen, nichts
merken lassen. Auf seinen Wink hing ihm ein aufwartender Bursche seinen
schwarzen Mantel um, und nachdem von dem Buben auch noch der
Kriegsoberst Konrad von Moltke seinem Schemel entrissen war, was
freilich nicht ohne allerlei Faustschläge ablief, da schickte sich der
dürre Drost äußerlich unverändert, zu innerst jedoch verletzt und
beleidigt, zum endgültigen Abschied an.

»Habt Dank,« knickte er gegen die schweigende Runde zusammen, obwohl
sein Blick noch immer die abgewandte Gestalt des jungen Admirals suchte.
»Ihr habt uns aufgenommen, wie es eurer Macht und eurem Wohlstand
geziemt. Mein Zweck, euch kennen zu lernen, ihr Herren, ist damit
erfüllt. Auch werde ich reinen Mund halten über das, was ihr mir des
Fürderen über eure Feindschaften und Widersetzlichkeit enthüllt. Zudem,
ich bin ein guter Christ und habe die gefährlichen Schwarmschriften des
Oxforder Professors[*] nicht so gründlich studiert wie ihr --«

  [*] Wiklif, ein Vorläufer von Hus und Luther.

»He, hochedler Herr, säumt noch, ich zeigte Euch gern lieblichere
Schreibereien,« unterbrach aus der fernen Ecke die lachende Stimme des
Admirals. Und ohne sich an die Einwilligung seines Gastes zu kehren,
schleuderte der schlanke Befehlshaber mutwillig aus einer geräumigen
Truhe ein mit Leder und bunten Steinen besetztes Buch nach dem anderen
auf den Teppich. »Seht, würzigstes, römisches Gewächs. Ihr müßt wissen,
ich ward der Erbe des Bischofs von Strangnäs, den unser lieber Genosse
so trostlos beweint, obwohl er ein Wucherer und Leuteschinder war. Und
was las die demütige Stola? Ein guter samthäutiger Geschmack, kann ich
Euch versichern. Hier, Liebeslieder des Petrarca an Donna Laura. Ein
vollbusiges, olivfarbenes Weib, Euer Erlaucht. Etwas für stille,
verschwiegene Leute. Und dort noch besser -- Geschichten des Boccaccio
an Fiametta. Oh, genießt das, da knistern alle Bettpfosten, da fliegen
Euch die Frauenzimmer scharenweise in die krachenden Arme, da speien die
Ehestuben und Gesindekammern ihre Köstlichkeiten aus. Und die
Mönchskutten flattern dazu im Takt. Nehmt, nehmt, Herr -- dieser Deckel
sei mein Gastgeschenk. Ihr müßt Euch darin unterrichten, denn Ihr seid
der Dienstmann einer Frau.«

Versteint, sprachlos stand der Drost, seine triefenden Augen wölbten
sich vor Angst und quollen ihm aus den Höhlen, da er die Schrift sich
gewaltsam in die Finger gedrückt fühlte.

Der Admiral aber legte ihm sanft die Hand auf die Schulter, blitzte ihn
mit seinen schwarzen Augen an und sagte tröstlich:

»Haltet mich nicht für verwirrt, hochedler Herr, ich wollte Euch nur
weisen, wie wir schweifenden Leute auch die Strömungen auf dem Lande
kennen. So mag ich Euch auch nicht länger ängsten. Meldet mithin
Margareta meine Ehrfurcht, und morgen nach der Messe will ich vor ihr
erscheinen.« Und bedeutsam und plötzlich in eine andere bisher sorgsam
verschleierte Gedankenwelt zurücktauchend, setzte der Admiral
geschlossenen Auges hinzu: »Gebe ihr Stern, daß sie mich verstehe.«

Er wachte auf, blickte wie erstaunt auf seine lauernden Gefährten,
wechselte den Ton und rief laut:

»Gehabt Euch wohl, hochedler Herr, und sorgt nicht um Euren Abzug. Den
Kriegsobersten lasse ich die Treppe hinauftragen.«



II.


Das Glöckchen der Kapelle läutete noch sacht, da knarrte das Tor in der
roten Schloßmauer, und über den hölzernen Pfad der Brücke bewegte sich
ein Zug von unerhörter, einzigartiger Pracht. Draußen vor den Wällen
blieb ein dichter Schwarm zusammengelaufenen Volkes zurück, der winkte
dem einziehenden Freibeuterfürsten mit Tüchern und hocherhobenen Händen
unermüdlich seine Grüße nach. Denn das arme Volk liebte jene streifenden
Gesellen, von denen es um billigen Preis Lebensmittel, Kleidung und
Zierat aus fremden Ländern einhandelte. Und es billigte auch das
seltsame Freigericht der Seefahrer, weil der Übermut seiner Großen davor
zitterte. In einer rechtlosen Zeit bildeten diese Urteile ein letztes
märchenhaftes Wunder, beinahe wie die Tröstungen der Religion.

Im Schloßhof glitzerte es. Den Sonnenstrahlen sprangen Lichtfunken aus
einem Goldharnisch entgegen. Kein rechtmäßiger Völkerhirt, noch weniger
ein Untertan hatte jemals in solchem, an Wahnwitz streifenden Glanz
diese Stätte betreten.

Hinter ihrem Fenster beugte sich Königin Margareta vor. Obschon sie
bereit war, etwas Außerordentliches zu erleben, so ließen die Schönheit
des wilden Prunkes sowie die ragende Würde und die schlanke
Stattlichkeit des bestaunten Besuchers ihre Spottlust zuvörderst
verstummen.

Langsam und wie um einen dort hängenden Traum abzustreifen, fuhr sich
die Frau über die ganz von Licht und Blitz erfüllten Augen, und ihre
Stimme klang weniger klar als sonst, da sie sich zu ihrer mädchenhaften
Gefährtin kehrte, die allein mit ihr den engen Raum des Arbeitszimmers
teilte. Es war die einzige Hofdame, die die Fürstin sich ebenbürtig
wähnte, denn Gräfin Linda von Ingerland entstammte einem norwegischen
Urgeschlecht, von dem schon die Lieder der Edda sangen. Gott Thor selbst
hatte ihrer Sippe einen roten Hammer als Zeichen seiner Gunst in die
Schwelle geschlagen.

»Sieh dort, meine Tochter,« wies die Regentin unsicher, und es schien,
als ob sie sich durch Menschenworte selbst zur Besinnung bringen möchte,
»der kurze purpurblaue Waffenrock. Wie er von Gold starrt! Und welche
Königsgestalt,« zögerte sie weiter. »Ich sah nur einmal einen Mann in
gleicher Rüstung, König Wenzel zu Prag. Aber der war kurz und dick,«
besann sich ihr abschätzendes Urteil sofort.

Doch das blonde Mädchen wurde von keiner Neugier erregt. Frostig,
abweisend griff es nach einem langen schwarzen Kreuz, das über seiner
weißen Gewandung nonnenhaft herabhing. Die Bewegung schien geeignet,
einen nahenden Spuk zu vertreiben.

»Was kümmert es uns,« entgegnete sie, wie eingehüllt in das starre
Leichenhemd einer Heiligen, »woher der unselige Mensch seinen Schmuck
geraubt hat?«

»Nicht so.« Die Fürstin hob ihr kluges Haupt. Sie war nicht länger
einverstanden mit dieser herben Verurteilung, seit ihr mannslüsterner
Blick auf dem strahlenden und blitzenden Seefahrer dort unten geruht.
Jener kam vielleicht, um ihre Macht zu mehren, und dann war es in ihre
Hand gegeben, Sünde in Tugend, Verbrechen in Staatsnotwendigkeit zu
kehren. »Nicht so, mein liebes Kind,« belehrte sie nachdenklich, jedoch
mit ihrem gütigen Lächeln, »dein frommer Abscheu führt dich zu weit.
Überhaupt, gib acht, daß sich deine Himmelssehnsucht mehr mit Demut nach
unten mische.«

Die Fürstin hatte vielleicht schon vergessen, was sie eben geäußert,
denn ihre ganze Aufmerksamkeit war auf drei riesige Matrosen gerichtet,
die hinter ihrem Gebieter eine breite, ganz in einen Teppich gehüllte
Tafel auf ihren Schultern schleppten.

»Womöglich ein Gastgeschenk,« riet Margareta zwischen Spott und
Begierde.

Über die Wangen ihrer Dame jedoch hatte der Vorwurf eine flüchtige Röte
gejagt.

»Du tust mir Unrecht, Königin,« verteidigte sie sich in stolzer Haltung,
»mein Sinn steht, wie du weißt, nach dem Kloster. Das Erdenleid mit
seinem Weh und seiner Ungerechtigkeit jagt mich von hinnen.«

Auf den Treppen knirschten Tritte. Das leise Klingen einer Rüstung
zitterte hindurch.

»Gut -- gut,« wandte sich Margareta hastig zurück und strich prüfend an
ihrem engen grünen Kleid herunter, »darüber, meine Linda, sprechen wir,
wenn du mannbar geworden. Und jetzt -- ich will dir nicht zumuten, eine
Luft mit einem von dir Verachteten zu atmen. Du bleibst nur bis zu
seinem Eintritt, damit ich nicht unbegleitet erscheine. Dann« -- sie
lehnte sich erwartend an den Tisch -- »will ich allein sein, und niemand
soll unsere Zwiesprach stören.«

Verstummt verneigte sich die Hofdame. Der Vorhang teilte sich, und ein
blauberockter Wäppner trat ein. Breitbeinig meldete er: »Nikolaus
Störtebecker, Königin, bittet um deine Gunst. Er nennt sich Admiral und
Mehrer des Rechts.«

Eine Sekunde wollte ein bitteres Lächeln um den breiten Mund der
Regentin fliegen, fast verlegen streifte sie die unbewegliche Gestalt
ihrer Hofdame, dann jedoch entschnürten sich ihre Brauen, und
herablassend nickte sie:

»Er ist willkommen.«

Gleich darauf stand der Admiral den beiden Frauen gegenüber. Ein
Goldschimmer ging von ihm aus, ein Hauch von Jugend und Kühnheit
umspielte den Hochaufgerichteten, und in dem dumpfen Gemach verbreitete
sich etwas von der Freiheit und Majestät des Meeres. Unwillkürlich
verlor die Königin das Gezwungene ihrer angenommenen Herrschergebärde,
sie mußte sich jetzt wirklich kräftig auf den Tisch stützen, denn ihr
war, als sei noch niemals ein solch Ungebrochener, deutlich von einem
sichtbaren Stern Geleiteter vor sie getreten. Wortlos, ohne Zeichen,
ohne Gruß fuhr sie fort, ihren Gast, der sie mit seinen braunen Locken
weit über ein Haupt überragte, zu betrachten, seinen purpurblauen, von
den Hüften an abgeschrägten Waffenrock, die goldgestickten Löwen darauf
und den hohen Goldhelm in seiner Rechten, und erst, als sich der Admiral
leicht und mit natürlicher Ehrfurcht vor ihr verneigte, gewann ihr
breiter Mund das ihm geläufige Lächeln zurück. Halb abwehrend holte sie
aus sich heraus:

»Du bist willkommen, Nikolaus Störtebecker.«

Völlig war ihr dabei entglitten, daß sie diesen gefährlichen Freibeuter
als Admiral anreden wollte, auch vergaß sie, ihm nach ihrer Absicht
gnädig die Hand zu reichen, so rückhaltlos war sie von einem kindlichen
Staunen erfüllt. Nur eines bemerkte sie mit den unfehlbaren Sinnen der
Frau, daß nämlich ihre Hofdame, die sich nach der Verabredung jetzt
entfernen sollte, ungehorsam oder gezwungen mit ihrem weißen,
hochmütigen Antlitz an ihrem Platz verharrte. Das blonde Mädchen hatte
das schwarze Kreuz fest an ihre Brust gedrückt wie zur Gegenwehr gegen
eine böse und sündhafte Macht. Allein auch Margareta hatte noch immer
nicht das Bewußtsein ihrer Erdenhoheit zurückerlangt, sondern sie stand
befriedigt als Zuschauerin eines nicht alltäglichen Schauspiels.

Inzwischen waren die so ungleichen Frauen auch von dem Admiral gemustert
worden. Ein kurzer, scharfer, durchaus nicht verschämter Blick hatte das
blonde Fräulein abgeschätzt, der Blick eines Übermütigen, der eine Ware
rasch und ohne Umstände einzuhandeln gewohnt ist. Länger und prüfender
blieben die dunklen Augen an der Fürstin hängen. Alles ohne knechtische
Demut, sondern wie der Träger eines neuen, die Welt verändernden
Gesetzes. Als aber die Stille beharrlich anhielt, da regte sich der
Seefahrer entschlossen, so daß die langen Sporen an seinen
goldgeringelten Schuhen einen scharfen Ton gaben. Ohne Erlaubnis
abzuwarten, erteilte er seinen Dienern, die noch unter dem Vorhang
harrten, einen gebieterischen Wink. Sofort wurde die noch verhüllte
Tafel an eine leere Wand des Zimmers gelehnt. Dann verschwanden die
Träger.

»Erhabene Frau,« begann nun der Störtebecker mit einer so hellen,
schmeichelnden Wärme, daß es Margareta vorkam, als wenn die umgebende
Luft ihren Hals mit weichen Händen zu streicheln anhöbe. Wohlig überließ
sich die Frau jenem ungewohnten Schauer, Gräfin Linda jedoch schreckte
zusammen, und ihre Züge nahmen plötzlich den Ausdruck einer bestürzten
Feindseligkeit an.

»Erhabene Frau,« erklärte der Gast leicht gegen die Tafel weisend, »wer
wagte ohne Fürsprach noch Geleit vor eine Fürstin zu treten, die von dem
bewundernden Urteil ihrer Zeit die 'Semiramis des Nordens' genannt wird?
Aber, oh Königin, mein Geleitsmann spricht nicht so laut und vernehmlich
zu den Gekrönten als vielmehr sanft und bittend zu denen, die warmen,
mitleidsvollen Herzens sind, und besonders zu euch, ihr milden,
erbarmenden Frauen. Schau her, du kennst ihn.«

Ein rascher Griff in den Teppich, die Hülle fiel. War es ein Ausruf des
Staunens oder des gottseligen Entzückens, der den beiden Überraschten
das Herz sprengte? Vor ihnen, in einen geschnitzten Spitzbogen
eingefaßt, milde aus einer üppigen Goldwand herausgewachsen, da hing der
Erlöser an seinem Kreuz. Und unter der leicht geneigten Stirn suchten
zwei tiefe schwarze Augen weit über die gemalten Zeugen, aber auch über
die lebenden Beschauer hinweg ernst und dringend nach etwas
Unauffindbarem! Die Augen wurden größer und öffneten sich immer weiter,
je länger man ihre Frage aushielt. Rechts von dem Pfahl kniete eine
Schar anbetender Mönche in faltenreichen, blaß leuchtenden Kutten. Jeder
den Heiligenschein um das inbrünstige Haupt. Die göttliche Mutter
kauerte vor dem Marterholz, sie hielt das Fußbrett umklammert und
drückte ihre Lippen, unsägliches Leid verkündend, auf die blutigen Male.
Auf der linken Seite trauerten die Jünger, angetan mit lichten blauen
und roten Gewändern, und den Heiland selbst umschwebten in dem
Goldhimmel kindliche Engelsgestalten, deren Leiber der Maler, um das
Unirdische anzudeuten, von der Mitte an in Rauch und Wolken aufgelöst
hatte. So aufreizend und betörend wirkte das Ganze, daß die Frauen ein
haltloses Zittern befiel. Zum ersten Mal durchschlug jene nordischen
Menschen das Wunder der Kunst, denn statt der gewohnten leblosen
Gliederpuppen offenbarte sich ihnen Sterbliches und Göttliches,
eingetaucht in die Qual und das Heilige des Alltags.

Und diese Erhabenheit spendete ein Seeräuber?

Die Königin wankte. Sie war leichenblaß geworden. Die mahnenden Augen
hatten ihr Herz geöffnet, und in ihrem wallenden Blut brannte die Frage
weiter, die der Menschensohn dort vom Kreuz in aller Einfalt an sie
richtete: »Glaubst du mir wirklich?«

»Wer? -- Wer hat das geschaffen?« stammelte die Regentin und warf, wie
abwehrend, die Hände vor.

Aufmerksam stand der Admiral neben der Tafel. Auch ihn erregte das
stürmische Drängen des Künstlers nach Wahrheit und Beseelung. Aber er
war mit dem Eindruck zufrieden. Mit einer bezeichnenden Handbewegung
erwiderte er:

»Du siehst, oh Königin, dies hat ein aufrührerischer Geist gebildet.
Meister Giotto di Bondone zu Florenz, der sich auch nicht um
altüberlieferte Satzungen scherte, sondern das Stückwerk und die
Stümperei aller menschlichen Dinge kannte. Wo schaust du hier selige
Verheißung? Verheißen ist uns allein Qual und Selbstbefreiung. Dort nur
winkt unsere Auferstehung, Königin.«

Und erkennend, daß er bei der großen Bestürzung, die er erregte, noch
mehr wagen könne, setzte er mit bewußter Grausamkeit hinzu:

»Du sollst wissen, ich selbst nahm dieses Bild aus einem sienesischen
Kirchlein, das mir das dankbare italische Landvolk öffnete.«

Langsam ließ Margareta bei diesem Geständnis ihre Hand sinken. Sie
starrte den kühnen Sprecher an. Alles um sie herum war ihr verwirrt.
Plötzlich jedoch überraschte sie die Scham, weil ihr Niederbruch auch
von einem anderen Weibe erlebt würde. Und von diesen widerspruchsvollen
Empfindungen bestürmt, kehrte sie sich heftig gegen ihre Begleiterin.
Verdeckt und erzürnt klang, was sie vorbrachte.

»Was ist das? Seid Ihr noch da, Gräfin? Wir danken Euch. Aber nunmehr
bedürfen wir Eures Beistandes nicht länger. Ihr seid beurlaubt.« Und mit
einer höfischen Handbewegung sprach sie die Entlassung aus.

Seltsam, in der stolzen Edelingstochter bäumte sich kein Widerspruch
gegen die ungewohnte Behandlung. Ja, sie schien den Tadel kaum zu
begreifen. Und doch -- hinter der ruhigen weißen Stirn regte es sich um
so wirbelnder, in den großen blauen Augen erfror ein offenes Grauen,
denn das letzte, woran sich diese Einsame klammerte, drohte
zusammenzustürzen. Wie? Ein Unseliger, Geächteter, tausendfach
Gebrandmarkter bekannte hier frechen Tempelraub, und er stand doch in
Gold und Seide gehüllt, übermütig und herrisch und dazu verwöhnt und
gekost von den huldvollen Blicken einer Fürstin? Die wunderreinste
Offenbarung wurde durch beschmutzte Hände gespendet, und zugleich das
Tiefste und Ewigste der Lehre von grausamer Verachtung erschlagen? Die
Verheißung wurde vom Himmel gezerrt, der letzte Trost aller Verlassenen?
Nimmermehr -- das durften aufrechte Bekenner nicht dulden. Aus der Bahn
gerissen, jedoch noch bis zuletzt bestrebt, ihre gefaßte, ablehnende
Haltung zu wahren, so schritt das frierende Geschöpf nach einer
Verneigung dem Vorhang zu. Indes ihre Prüfung war noch nicht erschöpft,
noch ärger sollte sie versucht werden. Ihr mußte es ein böser Blick
angetan haben, denn unvermutet schlug es in sie ein, als ob die
schwarzen, feurigen, ergründenden Götteraugen ganz in der Nähe auf ihr
ruhten. Sie waren da, sie drängten sich an sie. Ihr weißes Gewand fühlte
sich von ihnen durchbrochen, ihr Körper von ihnen angetastet, und jetzt,
jetzt merkte es die Aufgestörte erst, der Mann in dem blauen
Fürstenrock, der Seeräuber, der Gesetzesverächter, in ihm leuchteten
jene heilig-unheiligen Erdensohnaugen nur schamlos und gemein auf sie
nieder.

Da verkümmerte ihre Selbstbeherrschung, verwundet raffte sie ihre lange
Gewandung an sich, brach durch den Vorhang und stand jenseits der
Schwelle, sich selbst unbekannt und entfremdet. Geheime Vorsätze
gewannen Macht über ihr Denken. Auch sie glich einem geraubten
Heiligenbild. Der Vorhang zitterte in ihrer stützenden, entschlußlosen
Hand.

       *       *       *       *       *

»Jetzt sind wir allein,« sprach Margareta bedeutungsvoll, »und darum laß
mich dein Geschenk verehren.«

Demütig kniete sie nieder und versank vor der Tafel in ein unhörbar
Gebet. Die schmiegsamen grünen Linien des Weibes lagen vor dem Bild
hingegossen wie frischer, wölbiger Rasen. So sehr hatte die
Menschenkennerin ihre Beherrschung wiedergewonnen, daß selbst der
scharfsichtige junge Admiral zweifeln konnte, ob sich hier Echtes äußere
oder der gewohnte Drang zur Darstellung. Allein um die Lippen des
Seefahrers regte sich doch ein verborgenes Lächeln.

Die Königin mußte es ahnen, denn sie erhob sich rasch.

»Ich danke dir, Admiral,« sagte sie herzlich und reichte ihrem Besucher
die Hand. Es war eine weiche, bannende Frauenhand, und in der Umspannung
bebten die starken Kräfte des Willens und der Unterjochung. Der
Störtebecker aber stand fröhlich vor ihr, ungebrochen und sie um ein
Haupt überragend. Da erkannte Margareta mit Bedauern, daß es Zeit sei,
diesem Willensmächtigen vorerst kleinliche Gelüste zu opfern. Voll Würde
und mit einer freien Anmut ließ sie sich auf ihrem hohen Sitz nieder.
Ihr scharfes Antlitz nahm dabei etwas Festliches an. »Setzen wir uns,«
forderte sie, »auch du, Nikolaus Störtebecker, laß dich nieder. Hier,
neben mir. Und dann will ich dir verkünden, warum sich meine Gedanken
schon lange mit dir beschäftigten.«

Allein Claus Störtebecker rührte sich nicht. Unanfechtbar sicher klang
es von dem Aufgerichteten zurück:

»Ich kenne deine Gedanken, Königin. Und du brauchst mir nichts zu
verkünden.«

Was war das? Margareta zuckte getroffen zusammen.

»Was weißt du von mir?« herrschte sie den Mann an, der sie so mühelos
entgöttlichen wollte.

Unerschrocken und seinen dunklen Blick fest in den ihren verstrickt,
entgegnete der Admiral:

»Ich weiß, daß du ein Reich in Not und Kummer zusammengerafft hast. Aber
auch der Dieb, der über die Mauer steigt, erduldet Schmerz und Plage.
Jetzt willst du herrschen, wie vor dir zahllose deinesgleichen, Berufene
und Unberufene, ihre Gewalt zärtlich hegten. Und deshalb mußt du deine
Krone täglich waschen mit Gotteswort, mit dem Schweiß der Namenlosen,
mit List, Tränen und Blut, damit sie den Deinen die Augen blende.«

»Was wagst du?« hauchte das Weib.

»Nichts wage ich, denn weil du dich unaufhörlich selbst krönen mußt, so
liegt es dir ob, jeden glänzenden Stein von der Straße in dein Diadem
aufzulesen. Und solch ein Stein bin ich.«

Eine Pause entstand, verstört klammerte sich die Regentin an beide
Armlehnen, und es war fast, als versuchte sie, ihren Leib rächend gegen
ihren Bedränger emporzurichten. Noch war es ihr unentschieden, ob sie
Strafe oder Verachtung gegen das Niegehörte aufbieten sollte. Und sie
selbst erschrak, als ihr aus dem tosenden Wirbel zuerst nichts als die
bangsam demütige Klage aufstieg:

»Mann, siehst du nicht, daß ich ein Weib bin? Noch nie stand ein solch
Ehrfurchtloser vor mir. Ich weiß nicht, was mich abhält, dich zu
züchtigen.«

»Ich aber weiß es,« sagte jetzt der Störtebecker, jeden Widerspruch
dämpfend, indem er auf sie zuschritt. Die Sporen an seinen Ringelschuhen
wisperten und kicherten aufreizend mit. »Verstell dich nicht, Fürstin.
Dich lähmt zur Stunde der volle Aufruhr deines Herzens. Zum erstenmal
blickst du hinüber aus dem blutigen, waffenstarrenden Ring deines
vermeintlichen Rechtes, in den bereits heranschwellenden Kreis der
angeblich Rechtlosen. Dort herrschst du, hier gebiete ich. Tausende
verbluten und verröcheln unter deinem Urteil, da sie deinen Erwartungen
oder deinem Nutzen nicht entsprechen. Aber schau dafür auch meine
Fäuste. Sie dampfen vom Blute gerade deiner Ergebensten, weil sie es
sind, die wiederum meinen Hoffnungen ein Hindernis bereiten. Wer von uns
beiden ist der Übeltäter? Willst du es entscheiden? Du möchtest deinen
Herrgott am Barte für dich aus den Wolken zerren! Vergebens, denn dein
Gott hat zahllose Male die Empörer gesegnet. Dort der Gekreuzigte, an
den du dich angstvoll drängst, war er nicht der Aufrührer
fürchterlichster? Und du willst entscheiden? Du, deren verstopftes Ohr
nicht einmal vernimmt, wie unter der dünnen Decke deiner Füße bereits
Tausende meiner Stimmen schreien und heulen und winseln?«

Schonungslos füllte der helle Klang den engen Raum, die Glut einer
verzehrenden Überzeugung wehte das halbbetäubte Weib an, alle ihre
Gedanken wandten sich zur Flucht vor dem fürchterlichen Eroberer, der
mit Räuberfäusten an ihr bisher so geschontes Bewußtsein hämmerte. Aber
-- oh Wunder -- gerade aus ihrer natürlichen Todesangst, aus der Furcht
vor persönlicher Vernichtung oder Schmach, da erhob sich wie der weiße
Felsen aus dem überschäumenden Gischt das Eigenste dieser Frau, das
Gefühl ihrer königlichen Einsamkeit. Und gewohnt, jede Hilfe, jede
Rettung aus ihrer herrschsüchtigen Seele zu holen, überrauschte sie ein
Schauer widerspruchsvollen Ergötzens an der nahen Gefahr. Wie von
ungefähr verspürte sie sogar das Lockende jener gewalttätigen, grausamen
Männlichkeit. Nur eines glitt an ihr vorüber, und dies war gerade das
Neue, das sie aufgefangen, das dumpfe Brausen der dunklen, wilden
Gestalten, die der seltsame Mensch eben vor ihr beschworen. In dumpfem
Murren erstarb ihr der unheimliche Laut hinter einem wohlverwahrten,
eisernen Tor, zu dem ihr jeder Schlüssel fehlte.

Aber stattlich richtete sie sich auf, bis sie in voller Höhe von ihrem
Herrensitz ragte. Als sie den Arm ausstreckte, blitzten die goldenen
Schnüre im Sonnenschein bis auf den Boden.

»Nimm dich in acht!« warnte sie schneidend und zugleich griff ihre
sinkende Hand nach einem winzigen Hämmerchen. »Besinn dich, wo du
stehst. Ein Schlag auf diese Platte, und meine Gewappneten würden dich
lehren, wer von uns beiden im Namen des Ewigen richten darf.«

Da stieß der Störtebecker ein kurzes herausforderndes Lachen aus.

»Weißt du kein anderes Lied?« zuckte er geringschätzig die Achseln.
»Komm zu mir auf die Agile, und es würde dir vielleicht nicht anders
entgegenschallen. Aber« -- und er schlug wuchtig auf seine Brust --
»diesmal wird es nicht gesungen.«

»Woraus schließt du das?«

»Es geschieht mir nichts, Königin,« beharrte der Seemann unabänderlich,
»denn ich war nicht so töricht, dir mehr zu trauen als meiner Gewalt.«

Bedeutsam wies er nach dem Fenster. Margareta folgte der Bewegung, und
fern auf der Reede schwollen ihr die schwarzen Rümpfe der
Freibeuterkoggen entgegen, und da sie diese schärfer betrachtete, fielen
der Argwöhnischen mehrere dunkle Riesenaugen auf, die drohend und
lauernd zu ihr herüberstarrten.

Der Admiral lächelte eigentümlich, da versuchte auch die Regentin ein
gleiches Zeichen der Gemütsruhe zu geben, obwohl ihr die Heiterkeit nur
wie ein bleierner Schein um die Lippen irrte. Und doch -- dort draußen
diese schlanken Masten, sie waren es ja, an denen all ihr Ehrgeiz hing.
Über die schaukelnden Planken dort konnte sie stolz und sieghaft,
beneidet und bewundert ins Weite schreiten, durch die Jahrhunderte und
an ferne Küsten. Und gezogen von ihrer eigenen Leidenschaft lief das
Weib fast willenlos an den Ausguck. Als sie sich zurückwandte, da
flimmerte mit einem Male wieder das ganze Netzwerk ihrer
seeleneinfangenden Künste in ihren scharfen Zügen. Und ihre großen
rostbraunen Augen dämmerten dazu fraulich und verzeihend.

»Wunderlicher Mann,« stellte sie sich dicht vor ihren Gast und sie legte
ihm leicht die Hand auf die Brust, als wenn sie das stürmische Herz
darunter besänftigen müsse. »Was streiten wir uns? Da du meine Absichten
kennst, so nenne deinen Preis. Und bei meiner Ehre, ich will weder
knausern noch feilschen. Denn, Claus Störtebecker, obschon du mir
unsanft genug in meinen Fürstenzierat fuhrst -- ich finde dennoch
Wohlgefallen an dir und deiner brausenden Art. Und ich bin keine
Undankbare!«

Sanft schmiegte die Frau auch noch die andere Hand auf die Goldlöwen des
blauen Wappenrockes, und es gefiel ihr, wie der mächtige Atemzug des
Seefahrers ihre Finger gleiten und schwellen ließ. Eine kurze Weile
betrachteten beide einander, keiner dieser Stolzen betroffen oder
bedrückt über die große Nähe ihrer Leiber. Aber während das Weib
allmählich mit lebhaften Nüstern den kecken Sturm des Fremden einzuatmen
begann, da streifte ihr Gegner jede Lust nach Abenteuer und Rausch fast
vollständig von sich. Gerade das überlegene Wesen der Fürstin, ihre
herablassenden Augen und dabei doch das verstohlene Spiel ihrer Hände
belehrten ihn, daß er gekommen sei, um ihre hochmütige, ungerechte Welt
aus den Angeln zu stoßen. Und kaum gedacht, gab es schon kein Zaudern
mehr für den Entschlossenen. Noch einen halben Schritt machte er auf sie
zu, und so nahe hingen sie nun zusammen, als ob sie sich umfangen oder
einander das Verborgenste zuflüstern wollten. Erwartend, verschmitzt hob
Margareta das Haupt.

»Königin,« stieß plötzlich der Störtebecker stürmisch heraus, und auf
seinen dunklen Wangen brannte die Erregung des Augenblicks. Eine
ungeheure Erwartung hatte ihn gepackt, ein wildes Sehnen nach Angriff.
»Du fragst nach meinem Preis?! Erwarte nichts Geringes, dich selbst
verlange ich mit Leib und Leben!«

Margareta wich nicht, denn sie war ja auf etwas Ähnliches gefaßt.
Genießend schloß sie die Augen, und es war fast, als ob sie leise
genickt hätte. Das Wüste und Tolle dieser Werbung bestärkte sie nur in
dem sie umspinnenden Mißverständnis.

»Verdinge dich mir,« verhieß sie mit ihrer glatten, überredenden Anmut,
und zugleich griff sie zum Zeichen des Bündnisses nach der
behandschuhten Rechten des Mannes, »verdinge dich mir mit deinen
Schiffen, deinen Lederschlangen und all deinen Gesellen, und welcher
deiner Wünsche sollte dir unerfüllt bleiben?« Und da sie zu spüren
glaubte, wie die Finger ihres Gefährten schwer und nicht so willfährig,
wie sie erwartet, in den ihren ruhten, lockte sie heißblütiger weiter:
»Gib dich mir, Nikolaus Störtebecker, und sieh, ich will die
Rechtlosigkeit, die dich quält, von dir und den Deinen nehmen, keines
Richters Hand soll deine Taten nachblättern dürfen, und dich selbst will
ich stellen als Dänemarks Seeobersten auf die erste Stufe meines
Thrones. Graf von Gotland sollst du heißen, und es soll mir keiner näher
sein als du -- keiner!«

»Das genügt mir nicht,« sagte der Seemann dumpf, und mit einer harten
Bewegung setzte er hinzu, »noch ahnst du nicht, Königin, daß ich nichts
für mich selbst fordere.«

»Nichts für dich?« wiederholte Margareta enttäuscht, und ohne Begreifen
stach ihr scharfer Blick von nun an in dem drohend schwärmerischen
Antlitz ihres Gastes umher. In schroffem Übergang fing der wilde Mensch
wieder an, ihr unheimlich zu werden.

»So nenne deine Bedingungen,« rief sie beleidigt, während sie ihm ihre
Hand entzog. »Bei solchem Handel gelten keine Geheimnisse.«

Der Störtebecker aber reckte sich, und mit ausgestrecktem Arm auf die
Tafel des Giotto weisend, brach er von neuem in sein rücksichtsloses
Gelächter aus.

»Meinst du wirklich, oh Königin, daß ich dir den da nur zum Beschauen
brachte? Du irrst; weil er der einzige ist, der auf der weiten Erde mein
Geheimnis erfassen könnte, wenn er nämlich lebte, darum lehnt er an der
Mauer. Weil das sanfte Lämmlein nur halbe Arbeit leistete, deshalb stehe
ich vor dir. Weil er sich fürchtete, Waffen anzulegen, deshalb trage ich
sie an seiner Statt. Aber sei gewiß, wenn er mich hörte, er würde
herabsteigen und mir folgen.«

»Lästere nicht,« rief Margareta ehrlich erblaßt, ihr grauste vor der
mörderischen Wut gegen das große Unbestimmte, vor dem sie sich selbst
abergläubisch oder doch beinahe überzeugt neigte. Und ihr Herz klopfte
auch widerwillig gegen jenes Neue, das ihr der Frevler dort anvertrauen
wollte.

»Komm zu Ende,« mahnte sie ihn daher ungeduldig, und sie schritt hinter
den Tisch, wo sie sich gebieterisch aufstützte. Ihre Mienen trugen jetzt
deutlich den Ausdruck der Verschlossenheit und der Kränkung. »Endige,
damit ich erwäge, wie sich mein Vorteil mit dem deinen verträgt.«

Claus Störtebecker trat an das andere Ende der Tafel. Dann schlug er
leicht auf die eichene Platte.

»Jetzt sprichst du endlich,« verurteilte er mit verhaltenem Tadel, »wie
es dich deine Welt gelehrt. Dein Vorteil -- mein Vorteil -- Königin, und
du fragst gar nicht, woher die Stimme dringt, die sich jetzt in nie
wiederkehrender Stunde an dein Ohr wendet?«

»Ich weiß, woher sie stammt,« schnitt die Königin höhnisch dazwischen.
»Meinst du, ich hätte mich nicht vorher über dich belehren lassen, du
törichter Mann? Ein Bankert bist du,« stieß sie verbissen hervor.
»Edelingsblut und Knechtsblut streiten in deinen Adern. Aber die
Abstammung von den Unfreien sitzt dir tiefer, da du dich nicht scheust,
mit einer Schar von Dieben und Mördern den Richter gegen unser besseres
Blut zu spielen.«

Oh, es tat ihr wohl, als sie die Beschimpfung gegen den schönen,
fürstlich geschmückten Mann geschleudert hatte, erst jetzt glaubte sie
sich wieder im Besitz ihrer Hoheit und Macht zu befinden, da sie das
tödlich erblaßte Antlitz ihres Gegners von einer wilden Verzerrung
zerrissen sah. Und sie hätte es bejubelt, wenn sich noch in diesem
Augenblick der Freibeuter zu irgendeinem schamlosen Ausbruch gegen sie
hätte hinreißen lassen. Erwartend hielt sie schon das Hämmerchen in der
Hand.

Allein nur in den dunklen Augen ihres Gastes stäubte es wüst
auseinander, seine hohe Gestalt jedoch klammerte sich mit beiden Fäusten
an den Tisch, um in erschütternder Bändigung und fast flüsternd die
bittere Entgegnung zu finden.

»Aber die Mörder und Diebe des Bankerts möchtest du gern für dich rauben
und stehlen lassen? Und ihren Anführer kannst du zum Grafen von Gotland
erhöhen?«

Die Fürstin schwieg. Hierauf wußte sie keine Antwort.

»Weib,« kochte es in der bebenden Brust des Herausgeforderten weiter,
und er schüttelte den schweren Tisch, als ob es sich um ein Spielzeug
handele. »Diebe und Mörder sagst du? Merke dir, was du jetzt erfahren
wirst. Es ist nicht mehr und nicht weniger, als was dein Gekreuzigter zu
sagen vergaß. Diebe und Mörder sind wir alle. Alle, hörst du? Nur, daß
ich und die Meinen uns immer nur Schrammen und Wunden stehlen, du
hingegen mit den Deinen die leckeren Gerichte von der Tafel trägst.
Glaubst du, es mache mir Freude, unter den dunklen Seenächten
dahinzufahren, um das zu richten, was sich doch nimmer ausrotten läßt?«

»Erkennst du das endlich?« fuhr die gespannt Lauschende triumphierend
dazwischen, denn es freute sie, daß sie etwas wie Zerknirschung in dem
Freibeuter zu wittern glaubte.

»Unausrottbar, Königin, ist der Hang der Glücklichen zur Unterdrückung,
Plage und Entrechtung von uns Armen,« sprach der Seeräuber ganz ruhig
weiter, und seine schwarzen Augen richteten sich über die Regentin
hinweg auf die leere Wand, als wenn dort all die Elenden litten und
stürben, die er in seinem schweifenden Dasein hatte niederbrechen und
verenden sehen. »Unaustilgbar dafür aber auch der Haß, der Neid, die
fressende Mordlust, die Zerstörungswut der Gemißhandelten. Dies ist das
Natürliche. Und daran ändert weder deine Gnade etwas, noch das dunkle
Gericht, das mit mir über die Fluten jagt.«

»Das hast du erkannt?« zuckte die Königin empor. Noch nie war die
Aufmerksamkeit der klugen Haushälterin auf etwas Ähnliches gelenkt
worden, obwohl ihr Zeitalter doch von den Verwünschungen und
Aufstandsversuchen der Geringen und Bedrückten widerhallte. Man hatte
sie eben niedergeschlagen, wie man ein bissiges, unvernünftiges Tier
fesselt. Jetzt wurde das Weib von der sonderbaren Ahnung ergriffen, daß
hinter dem Toben der Bestie im Stall sich am Ende doch eine eigene
Sprache verberge. Und deshalb suchte sie nach Weiberart zuvörderst ihre
aufspringende Neugierde zu befriedigen.

»Und wem gibst du an dem ewigen Kampf die Schuld?« erkundete sie
beflissen.

Der Störtebecker erkannte ihre Spannung, mit frechem Lächeln gab er
zurück:

»Deinem Gott!«

»Mann, rase nicht!«

»Ich rase nicht, ich leugne nur deinen Gott, weil er seinen angeblichen
Sohn zu spät auf die Erde sandte. Wäre er im Anfang erschienen, damals,
als sich die Haufen der Menschen zuerst zur Gemeinschaft
zusammenrotteten, glaube mir, Weib, unsere Sache wäre nicht so elend
geworden.«

Darum also handelte es sich? Als der Königin diese Anklage
zugeschleudert wurde, verzog sie ein wenig wegwerfend den breiten Mund.
Der Mann da vor ihr hatte offenbar zu viel gesonnen und gegrübelt, das
lange vergoldete Schwert, das an seiner Linken funkelte, bildete wohl
gar nicht das rechte Werkzeug für den Schwärmer. Ganz unvermittelt
verlor die tatkräftige Rechnerin die letzte Furcht vor ihrem Gast. Mit
dem Anschein der Ermüdung ließ sie sich auf ihrem erhöhten Sitz hinter
dem Tisch nieder, um lässig, fast überdrüssig hinzuwerfen:

»Wohlan, da es für eine Änderung zu spät ist, warum gibst du dich mit
fruchtlosen Wünschen ab? Ich weiß bessere Arbeit für dich. Laß dich
anwerben, Störtebecker.«

»Es ist nicht zu spät.«

»Wie?«

Wer sprach hier? Ging es wirklich wie junges Erwachen durch den Raum?
Margareta erschrak bis ins Innerste. Der Seeräuber hatte beide Armlehnen
ihres Stuhles umklammert, nun beugte er sich über sie, als ob er sie
gefangen nehmen wollte. Sie wußte nicht mehr, ob sie ihm seine Worte vom
Munde ablas oder ob sie ihr aus den wilden, glühenden Augen bleiflüssig
entgegenschmolzen?

»Königin,« stieß sie sein heißer Atem, »die Zeit ist da. Du stehst vor
deiner Entscheidung. Aber künftige Geschlechter werden dich dafür
anbeten.«

»Was willst du?« murmelte das Weib entsetzt, während sie sich immer
tiefer in ihren Stuhl verkroch. Und ihre Hände vorstreckend, stammelte
sie unwillkürlich: »Tu mir nichts.«

Das dunkle Gesicht ruhte unverändert über ihr.

»Du bist sicher, Königin, denn du wirst ja die in Haß und Neid, in
Brudermord und Unrecht, in Hochmut und Verleumdung eiternde Erde endlich
reinigen! Kain wirst du verjagen und damit das siebente Tagewerk
schaffen.«

»Laß mich, du fieberst. Ich verstehe dich nicht.«

»Doch, doch, du bist das Werkzeug, weil ich dir jetzt mein Geheimnis
preisgebe. Mein Werkzeug wirst du sein. Höre! Deutliche Zeichen wallen
durch die Welt. Was treibt die Geißelbrüder zu ihrer blutigen
Selbstpeinigung durch deine Städte? Zu welchem Ziel schwärmen die
Scharen halbnackter Kinder durch die Felder und fallen wie Heuschrecken
über die Frucht? Welcher Wahnsinn, welche zitternde Unrast jagen Knechte
und Herren von dir fort gen Sonnenaufgang? Ein ungeheures Suchen hat sie
ergriffen, denn sie alle fühlen, daß die Erde den wühlenden Ekel nicht
mehr länger erträgt. Ein anderes will sich gebären. Nun stehe auf,
Königin, rufe die Menschheit endlich, endlich nach jahrtausendelangem
Irrtum zu neuem Schöpfungsmorgen zusammen. Sieh, um mich her habe ich
die Unbändigsten der Ausgestoßenen und Verlassenen gesammelt. Ihr Atem
ist Haß, ihr Wort ist Neid, ihre Sehnsucht ist Mord. Diese Verzweifelten
lade von ihren unsicheren Pfaden ans Land, in ein Land der Verheißung.
Ungezählte Hufen liegen dir ungenützt, laß sie mich in gleiche Lose für
die neuen, für die erstaunten Menschen einteilen, laß mich ihnen
verkünden, daß Pflug und Egge, Stier und Roß fortan ihrem großen,
glücklichen Bunde gemeinsam gehören, laß sie sich selbst richten und
schützen, wo es nichts mehr zu richten und zu schützen geben wird, denn
dann, oh Königin, aber auch nur dann wird den Beseligten die
Göttergewißheit aufgehen, daß hoch und niedrig verschwand, weil der
Mensch, der ursprünglich gute und reine Mensch, wieder an seinem
unschuldigen Anfang angelangt ist. Das will ich vollenden, das muß sich
vollenden, horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bund mit
dem frohen Menschen.«

In ein markerschütterndes Jauchzen wandelte sich das letzte, der junge
Seefahrer stand da, angestrahlt von der Röte des Morgens, wie er
Erwählten nur einmal aufzugehen pflegt. Die Rechte herumgeworfen zu dem
Knauf des Schwertes, als gelte es nur noch, eine Schar Siegestrunkener,
Begeisterter jenen kurzen Weg zu führen, den seine sengenden Augen
förmlich aus dem Nebel hervorlockten. Margaretas Züge jedoch hatten sich
verzerrt, feindlich öffnete sich ihr breiter Mund, ihre großen Zähne
schoben sich vor zum Biß gegen einen ihr Gesicht umwindenden Faden. Nur
eins hatte sie erfaßt, aber dies mit der ganzen Schlauheit des Weibes
wie der Machthaberin, nämlich daß der Boden unter ihr wanke, weil der
von einem Wahnwitzigen verkündete Bund ihrer und ihresgleichen nicht
mehr bedürfe. Vergessen war ihr ursprünglicher Plan, hingemäht von der
Schärfe ihrer eigensüchtigen Ansprüche, die Unmöglichkeit eigenen
Entsagens entfachte ihr nichts als einen bitteren giftigen Haß. Kaum sah
sie daher ihren Sitz freigegeben, als sie emporsprang, um sich gleich
darauf des kleinen Hammers zu bemächtigen.

Mit einer scharfen ätzenden Ruhe sprach sie sodann:

»Sage mir, Claus Störtebecker, sind deine Spießgesellen bereits von dir
eingeweiht?«

Vor dem Hohn der Anrede erwachte der Admiral; trotzig setzte er seinen
gewappneten Fuß auf die Stufe des Sitzes und ließ die Rechte nicht von
der Waffe.

»Königin,« warnte er grollend, »das, was mir die Nacht und das Elend in
langen Jahren anvertrauten, das wissen nur du und ich.«

Die Königin erkältete sich immer mehr.

»Und mit einer Bande von Dieben und Räubern willst du die ewige
Gerechtigkeit begründen?«

Der Freibeuter entfärbte sich. Wild schrie er hinaus: »Auch Rom wurde
von Dieben und Räubern geschaffen. Aber Verantwortung, Arbeit und
Gemeinsamkeit, das sind die Bausteine eines edleren Geschlechtes.«

»Und wenn sich meine übrigen Lande von der Empörung anstecken ließen?
Wenn sie anfingen, das lang Erworbene anzugreifen, die Ämter zu
verjagen, den Gesetzen Hohn zu sprechen? Meinst du, das Blut der
Zufriedenen sei weniger heilig als der Fiebersaft der Mordbrenner?«

»Weib, deine Augen deckt Blindheit,« tobte nun der Störtebecker außer
sich. Schaum trat ihm vor die Lippen, drohend schüttelte er die Faust.
»Du siehst nicht, daß du dich selbst nur von Raub und Diebstahl mästest.
Die große Hure bist du, die sich dem Golde hingibt.«

»Und du bist ein Feind des Menschengeschlechtes,« sagte Margareta
unbewegt. »Ich bereue, daß ich dir mein Antlitz zeigte. Hebe dich von
mir. Und fortan sei Feindschaft zwischen uns, bis du ausgerottet bist.«

Da stieß der Admiral sein helles, schmetterndes Gelächter aus, dann aber
verbeugte er sich plötzlich tief.

»Es sitzt wieder einmal eine Leiche auf dem Thron,« wies er mit
ausgestreckter Hand, »es wäscht wieder einmal ein Lauer seine Hände in
Unschuld. Aber bei den Schwären und Lumpen der Bettler sei's geschworen,
ich will für ein königlich Begräbnis sorgen.«

Kein weiterer Abschied. Er riß den Vorhang auseinander und trat hinaus.

Da -- dicht hinter den Falten stand es, wie ein weißes Bild. Eine
schneekalte Wolke stand dort, in der es bebte und blitzte. Ein paar
wirre, von frommem Wahnsinn geblendete Augen irrten hinter dem stürmisch
Enteilenden her. Der stutzte, irgendwo mußte er eine ähnlich behütete
Puppe des Wohllebens schon einmal erschaut haben, und frech und
unverschämt winkte er ihr zu, bevor er die enge hölzerne Treppe
hinuntersprang. Aber auch die Königin hatte hinter dem geöffneten
Teppich etwas Fremdes entdeckt. Heftig erzürnt, noch geschüttelt von den
umwälzenden Eindrücken des eben Vergangenen, teilte die Regentin mit
einem Riß den Vorhang, um dann sprachlos auf der Schwelle anzuwurzeln.

»Was ist das?« rief Margareta bebend vor unterdrückter Wut, indem eine
fahle Blässe über ihre Wangen zog, denn die niederschmetternde Gewißheit
sprang sie an, daß der Ausgang ihres zweifelhaften Ringens nun nicht
mehr der Vergessenheit anheimfallen würde. »Gräfin Linda, ich merke, Ihr
vertragt nicht die Luft des Palastes. Wir sind um Eure Gesundheit
besorgt. Verlaßt auf der Stelle die Stadt und wartet ab, was ich weiter
zu Eurer Heilung beschließen werde. Keine Widerrede -- geht -- ich mag
Euch nicht länger.«

Und nachdem die weiße Wolke Schritt vor Schritt, traumwandelnd, hinter
der schmalen Pforte verschwunden war, da stürzte die Königin zurück und
hieb besinnungslos auf die silberne Platte.

»Schafft den Kanzler zur Stelle,« herrschte sie den eintretenden Wäppner
an. Es klang mehr wie ein bösartiges Kreischen.

Mit beiden Armen lag sie über den Tisch gebettet, verworren kratzten
ihre Nägel auf der Platte herum, als das buntgeschmückte Gerippe ihres
Ratgebers endlich vor sie schlich. Sie hob nicht das gesenkte Haupt,
ohne Gruß, jedoch begleitet von einem widerspruchsvollen,
unbegreiflichen Lächeln stieß sie hervor:

»Sammelt Friedensschiffe, Ihr selbst und alle Edlen rüstet Wäppner.
Stiftet einen Bund der Hansischen, schreibt an den Hochmeister von
Preußen, keine Ruhe bei Tag und Nacht, bis die Seepest vertilgt ist.
Dies ist unsere Bestimmung, wie eine beißende Fliege sticht sie uns in
die Augen.«

Und voll Entsetzen sah der betroffene alte Mann, wie der schöne Busen
seiner Herrin mitten unter einem hämischen Lachen von krampfhaftem
Schluchzen geschüttelt wurde.



III.


Es war an demselben Abend.

Auf Burg Ingerlyst an der schmalsten Stelle des Oeresund, eine gute
Rittstunde von Kopenhagen entfernt, saß Gräfin Linda in der Ausbuchtung
ihres niedrigen, ganz aus dunklem Kiefernholz gezimmerten Saales und
grübelte verloren und weit entrückt auf das Anprallen der dampfenden
Schaumketten hinab. Ein ununterbrochenes dumpfes Donnern stieg zu ihr
auf, und hinter dem pfeifenden Seewind zitterten die Lichter von der
jenseitigen schwedischen Küste. Das stille, blonde Mädchen weilte nicht
allein. Ihr gegenüber auf der zweiten Seitenbank lehnte ein
untersetzter, derbschrötiger Mann, dessen überlegtes bartloses Antlitz
sich kantig aus dem Otterkragen seines schwarzen Reisemantels abhob, da
Herr Nikolaus Tschokke, der junge, neugewählte Bürgermeister von
Hamburg, noch in dieser Stunde zu Schiff nach Falsterbo zurückzukehren
gedachte, wo der Friede unterzeichnet werden sollte. Und er hatte nur
deshalb immer von neuem gezögert, seinen Besuch endgültig abzubrechen,
weil er bisher diesem stolzen weißen Jungfrauenantlitz gegenüber nicht
den rechten Mut gefunden, dasjenige zu enthüllen, was ihn in Wahrheit
hierher getrieben. Auch beengte ihn nicht allein der seltsam abwesende
Schein, der bisweilen über den stahlblauen Augen des Mädchens hing,
sondern er fühlte sich auch beeinträchtigt durch die Gegenwart eines
Zeugen. Am anderen Ende des kahlen Saales nämlich saß dicht vor dem
hohen Steinkamin ein geistlicher Mann in einer braunen Reisekutte, und
von Zeit zu Zeit streckte sich dort eine feine weiße Hand den
brennenden Buchenklötzen entgegen, die den Schauer des kühlen
Frühlingsabends vergeblich zu mildern suchten. Unrastig pustete oft ein
Windstoß durch den Rauchfang herunter, und dann hüstelte der Abt
Franziskus vom Rügener Kloster Cona kurz und gestört, um sich gleich
darauf doppelt emsig der vorgeschriebenen Andacht hinzugeben, die er aus
einem kleinen geschriebenen Brevier vor sich hin psalmodierte. Die Äbte
des Conaer Klosters gehörten seit alters zu den Gastfreunden auf
Ingerlyst, und dieser, der gleichfalls von Falsterbo herübergekommen,
hatte zudem um ein Nachtlager gebeten, weil er am morgigen Tage der Ehre
teilhaftig werden sollte, der Königin vorgestellt zu werden.

Friedsam hing die feine, schmiegsame Gestalt in ihrem Armstuhl, versenkt
in Andacht, trocken und steif knisterten die harten Seiten des
Büchleins, sobald sie umgewandt wurden, und gerade dadurch war Herr
Nikolaus Tschokke allmählich in seiner kühlen, kalkulierenden
Überzeugung bestärkt worden, daß er aus jener Entfernung wohl keinen
Lauscher zu fürchten habe. Auch hatte den jungen, weltkundigen
Bürgermeister ein Blick auf die weißgedeckte Tafel in der Mitte des
Saales darüber belehrt, daß man die Zeit der Schloßherrin nicht
ungebührlich in Anspruch nehmen dürfe.

So hatte er denn ein paarmal an der schmalen Stehampel gerückt, deren
niedriges Ölflämmchen zwischen ihnen schwankte, um endlich würdig und
gemessen, ganz so, wie er es sich auf der langen Fahrt überlegt, seine
Schicksalsfrage in Ehrbarkeit und redlichem Selbstbewußtsein an das
schöne blonde Weib zu stellen.

Nun wartete er voll Ruhe und Anstand auf ihren Bescheid, und das kantige
Bürgergesicht mit der kräftigen Hakennase hütete sich, irgendeine
Bewegung zu verraten, obwohl es ihn Wunder nahm, daß die Blonde ihre
Augen auf ihn richtete wie auf ein fremdes, ihr unverständliches Wesen.

Weit ausholend hatte der Patrizier ihre beiderseitigen Beziehungen
zueinander abgewogen. Und durch Linda lief ein Schauer der Erinnerung,
als nun jene Begebenheiten, die sie stets lebendig umstanden, in der
Schilderung des Kaufherrn ein so sachlich aufgezeichnetes Gepräge
annahmen. Es durchfröstelte sie, weil sie ihr Schicksal, losgelöst von
sich, bei einem Fremden gebucht fand.

Trocken und ohne Umschweife, wie aus einer Chronik, hatte ihr der
Hamburger das Verbluten und Zersplittern ihres Geschlechtes geschildert.
Ein harter, unbeugsamer Stamm, in nordischer Blutrache und Familienfehde
verwildert und von seinen eigenen Königen häufig als Empörer an den
Block geführt. In roten Strömen verbrauste allmählich die Lebenskraft
der unbändigen Sippe, bis sich bei den letzten zwei Grafen von
Ingerland, bei Lindas Brüdern, die böse Erbschaft nur noch in Landhunger
und wüster Raubsucht verlor. Ein schreckhaftes Bild aus Feuerlärm und
glimmender Asche stieg vor der Lauschenden auf. Ihre Brüder hatten sich
nicht gescheut, die eigene Mutter, die mit der unmündigen Tochter
zurückgeblieben, auf ihrem nordischen Witwensitze bewaffnet zu
überfallen, ja, den beiden rohen Wichten, die mit ihrem Christentum nur
Spott trieben, wäre wahrscheinlich das untilgbarste Verbrechen nicht
erspart geblieben, hätte nicht ein hansischer Gastfreund die beiden
Frauen in grausiger, branddurchlohter Nacht schnell entschlossen auf
seinem Handelsschiff geborgen. Freundlich führte der Retter die
Verarmten in sein stattlich Haus nach Hamburg, und hier unter dem Schutz
des ehrsamen, herzenswarmen Aldermann Hinrich Tschokke, des Vaters des
Bürgermeisters, erwachte die kleine Flüchtige erst zum Bewußtsein einer
bürgerlich behüteten Lage. Fast ungläubig sah sie die regelmäßige Arbeit
in den dämmerigen Kontoren des Hauses, denn Herrn Hinrich eignete die
blühendste Brauerei der Handelsstadt. Mit großen Augen verfolgten die
Frauen aus den niedrigen vergitterten Fenstern die bunten Umzüge der
Zünfte und Kaufmannschaft, und sie lernten auch etwas von dem Stolz
verstehen, mit dem die Häupter der regierenden Familien die
Angelegenheiten ihres Gemeinwesens ordneten. Und doch -- die Seele der
Heranwachsenden blieb dem Anprall des frischen, tätigen Lebens um sie
herum verschlossen. Im Kern ihrer fest gefalteten Blüte nistete zu sehr
das Entsetzen, das wie ein Wurm in ihre Kindheit gekrochen, und ihr
banges Gemüt löste sich nicht von dem frühen Eindruck, daß
Ungerechtigkeit und Gewalttat alle Macht auf Erden an sich gerissen, und
wie der einzelne schutzlos umherirre, um sehnsüchtig nach einem Retter
auszuspähen. Ein krankhaftes Mitleid mit den Bresthaften, Armen und
Beladenen hatte das schweigsame Kind ergriffen, und ihre schönsten
Stunden nahten, wenn sich an Feiertagen unter dem mächtigen Ahorn auf
dem Hofe des Handelshauses die Kranken und Bettler um den dort sitzenden
Aldermann versammelten, um Speise und kleine Geldgaben zu empfangen.
Dann war es Sitte geworden, daß Linda selbst die irdenen Näpfe
herumreichte, und nur in diesen Augenblicken erhellte sich ihr weißes,
vergrämtes Antlitz zu einem beseligten Lächeln, und der junge Nikolaus,
der Sohn des Hauses, fand dann, daß die fremde Adelstochter mit ihren
blonden Flechten unter dem Lumpenvolk ein mildes Licht verbreite, gleich
einem schönen Bernsteinschmuck. Als Fünfzehnjährige war sie endlich,
nachdem in der Schlacht von Fallkiöpping Lindas beide Brüder als
Aufständige gegen die Königin ein wildes Ende gefunden hatten, aus dem
deutschen Hause geschieden. Jetzt hielt es nämlich die kluge Margareta
für angebracht, die Verwaisten mütterlich zu betreuen. Für die
eingezogenen norwegischen Güter des Hauses wurde ihnen Burg und
Herrschaft Ingerlyst eingeräumt, und hier, dicht unter den Augen der
Königin, saß nun nach dem Tode der Mutter der letzte Sproß des
dahingewelkten Geschlechtes, weltscheu und abgeschieden als Hofdame der
Regentin. Aber heimlich verlangte ihr verwundetes Innenleben noch
inniger als früher nach dem unauffindbaren Trost gegen die täglich sich
offenbarende Mißachtung von Recht und Sitte, und fast verletzt wies sie
den Gedanken von sich, etwa durch eine Vermählung mit einem rauhen,
erwerbsüchtigen Gebieter noch tiefer in die Händel und Ungerechtigkeiten
dieser Welt verstrickt zu werden. Näher und näher rückte ihren sehnenden
Blicken die Klosterpforte mit dämmernden Schatten, und ihr Fuß schritt
jener Grenzschwelle immer willfähriger entgegen. Bis heute. Da -- war es
möglich? -- Heute hatte ihr traumbefangener Tritt zum erstenmal
gestockt, gezögert. Welch eine heiligwüste Vision, welch eine
wetterleuchtende Wolke hatte ihr ganzes Denken und den noch kurzen Weg
umnebelt? War es Wirklichkeit, oder hatte ihr bang verschlossenes Gemüt
selbst jene unheimlich blutige Gnadengestalt geboren? Nein, nein,
während sie hier saß, um fast gedankenlos auf die ihr unbegreifliche
Bitte des Hamburger Jugendfreundes zu achten, da begann unten aus dem
Gedröhn der Strandwellen von neuem diese heiße, markdurchzitternde
Stimme zu sprechen, und bald wurde für die Lauschende ein Ruf daraus,
der über die Welt hinhallte, um herrisch von tauben und verstockten
Seelen Erbarmen für Millionen Geknechteter zu heischen. »Weh euch, ihr
Schriftgelehrten und Pharisäer.« Aber bei jedem Wort pfiff gleichzeitig
ein Schwertstreich durch die Luft, und das höhnische Gelächter des
Räubers und Mordbrenners mischte sich drein. Eine unschuldige befreite
Welt wollte auftauchen aus einem kreisenden Meer von Blut.

Ihre Sinne verwirrten sich, ihr ganzes Wesen neigte sich entgeistert
über einen Abgrund von Höllenfeuer und Himmelslicht. Und während sie
sich irgendwo festzuklammern suchte, drang mit größter Klarheit die
Werbung des ehrsamen Bürgers an ihr Ohr, in dessen wohlbestelltem Hause
Ruhe und Sicherheit wohnten, und sie mußte doch mit Schrecken auf das
Klopfen ihres aufgescheuchten Herzens hören, das sich in altererbtem
Edelingshochmut vor der Versorgung in dem Krämerkontor sträubte.

Wie um Schonung flehend schlug sie ihre großen blauen Augen gegen den
Mann in der schwarzen Ratsherrntracht auf.

Herr Nikolaus Tschokke jedoch hatte inzwischen hinter dem flackernden
Lichtlein der Stehampel aufmerksam die Veränderung in den Zügen der
jungen Freundin geprüft. Auch er hatte sich noch einmal wiederholt, was
in langen Beratungen mit seinem Vater sorgsam erwogen war, wie wichtig
nämlich die Verbindung mit dem uralten Grafenstamm für die aufstrebende
Patrizierfamilie werden könnte. Die Tschokkes gehörten nicht zu den
ritterbürtigen Geschlechtern der Stadt, sondern, da sie durch Reichtum
und Handelsunternehmung heraufgekommen waren, so mußte es ihnen nützlich
werden, sich von außen ihre Ansprüche bestätigen zu lassen. Dazu aber
eignete sich nach der Meinung des greisen Aldermann keine besser als
Gräfin Linda von Ingerland, da sie nur mißtrauisch beargwöhnt neben der
dänischen Usurpatorin leben durfte und zudem durch die Bande der
Dankbarkeit an die frühe Zuflucht ihrer Jugend geknüpft war.

Als aber jetzt das in der Zugluft wehende Licht das stolze weiße Antlitz
des Mädchens bestrahlte, da fühlte der Bürgermeister wieder mit
Verwunderung die einstige Ehrfurcht vor der fremdartigen
Edelingstochter.

»Ich wollte Euch nicht erschrecken,« lenkte er endlich ungewiß seinem
Ziele entgegen. »Ihr solltet nur wissen, wie weit das alte Haus am
Mönkedamm seine Tore für Euch öffnen würde. Es hat jetzt eine gar
lustige Malerei vom Giebel bis zur Einfahrt erhalten,« setzte er lobend
hinzu, »Schalksnarren und Engelein tanzen um ein Bierfaß. Und was mich
und die Meinen angeht, so hat die Zeit Euer Angedenken nicht verwischt.
Nur eines hat sich verändert« -- er rückte sich jetzt bedachtsam
zurecht, und zugleich schlug er den Mantel zurück, damit sich die
schwarze Ratsherrntracht mit den ziegelroten Aufschlägen deutlicher
offenbare -- »ich nehme nunmehr, wie Ihr seht, in dem Stadthaus den
ersten Sitz ein, und ich darf wohl sagen, es möchte mancher Fürst für
die, so ihm lieb sind, weniger sorgen können als ich. Wollt auch dies
bedenken, Gräfin Linda, denn die Zeiten sind rechtlos und unsicher, und
die Ordnung gedeiht fast nur noch hinter sorgsam behüteten Stadtmauern.«

Als er das letzte vorbrachte, da drang zwischen die klare Vorbereitung
doch eine raschere Wärme hindurch, denn das blasse Mädchenantlitz in
seiner Scheu und Ratlosigkeit hatte das Mannesbewußtsein des festen
Bürgers erregt, und so wagte er es, ohne weiter an den Zeugen zu denken,
seine Rechte auf die schmale Wachshand zu betten, die sich gerade gegen
die Ampel ausstreckte. Die kühlen Finger blieben auch ruhig in den
seinen, das kornblonde Haupt jedoch wandte sich, wie gezogen, der Nacht
entgegen, und jetzt merkte ihr Gastfreund erst, wie emsig das junge Weib
das wüste Tosen der Wasser zu enträtseln strebte. Schlag auf Schlag
krachte die Brandung auf den flachen Strand, und Linda zitterte, ob auch
ihr Gefährte die gewaltige Stimme vernehme, die von unten herauf
brüllte: »Horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bunde mit
dem frohen Menschen.« Dann Stille -- und darauf wieder das gräßliche
aufrührerische Gelächter. Nein, nein, dort draußen lauerten Verbrechen
und Wahnsinn, und hier -- hier drinnen?

Wie zur Flucht bereit zog sie ihre Hand zurück, und während sie sich
verstört gegen das Fenster kehrte, gab ihr das Entsetzen über sich
selbst das Nächstliegende ein.

»Ihr wißt ja nicht -- --«

»Was?«

»Ich -- ich habe schon gewählt.«

»Gräfin?«

So wenig hatte der Kaufherr mit einer solchen Möglichkeit gerechnet, daß
ihm zuvörderst der Sinn ihrer Weigerung verschleiert blieb. Aufrecht
verharrte er vor ihr auf seiner Bank. Die Blonde aber tastete nach dem
Kreuz, das ihr noch immer über ihre weiße Gewandung herabhing, und hob
es empor, ihrem Freunde zur Erklärung, sich selbst aber als einen
Wegweiser aus Tumult und fratzenhaftem Taumel.

»Hier -- hier,« klammerte sie sich an das Stückchen Holz fest, als ob es
ihr immer merklicher zu einem harten Balken aufwüchse, hinter dem sie
sich verstecken könnte, »hierhin laßt mich gehen. Ich tauge nicht in
Eure Welt. Und nicht in die eines anderen. Keinem würde ich behilflich
sein können und ihm nützen. Denn Nikolaus, Ihr mögt es wissen, ich
fürchte mich vor den Menschen, da sie nichts als Übles sinnen und keiner
dem anderen zu Freude und Wohltat bereit ist.«

Keiner? Sie stockte. Denn aus der Nacht schlug wieder die dumpfe Trommel
den Strandsaum entlang, und im Wirbel prallte es gegen die Hausmauern.
»Horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bund mit dem frohen
Menschen.« Da entfärbte sich die Verwirrte, und das Kreuz fiel ihr in
den Schoß.

Langsam gab der Bürgermeister seinen Sitz auf. Ungern war ihm die
Erkenntnis aufgegangen, daß weiteres Drängen seinem Wunsche nur schaden
müsse, weil er es hier mit einem verschlossenen Gemüt zu schaffen habe,
das am Leben blutete. Die Wunde mußte erst heilen, bevor sich neues
Vertrauen entfalten könnte. Und obwohl es ihm vorkam, als ob er jetzt
einen Verlust erleide, wie er ihn noch nie in seinen Lederbüchern zu
verzeichnen gehabt, so griff er doch mitleidig nach der Hand der
Verstummten, in der redlichen Absicht, den Eindruck seiner plötzlichen
Werbung nach Möglichkeit wieder zu verwischen.

»Ich wollte Euch nicht erschrecken, Gräfin Linda,« beruhigte er
freundlich, »Ihr solltet nur erfahren, wo Euch stets eine Heimat
bereitet ist. So will ich Euch auch nicht weiter drängen, denn wir beide
sind noch jung und werden uns nach dem, was ich Euch jetzt eröffnete,
schwerlich vergessen. Das hoffe ich. Was aber Euren Entschluß betrifft,
so sollt Ihr mir versprechen, daß Ihr Euch eine Frist gönnt, bis ich in
Tag und Jahr abermals vor Euch trete. Denn mein Weg und mein Wille
führen mich wieder zu Euch, und die Zeit ist ein kundiger Arzt und ein
gütiger Fürsprach.«

Damit drückte er die kühlen Finger heißer, als er es selbst geahnt, und
schritt mit seinem nachdrücklichen Gang über die knarrenden Dielen des
Saales, um sich von dem Abt zu verabschieden. Der hatte sein Buch sinken
lassen, und seine tiefliegenden klugen Augen hingen schon seit geraumer
Zeit an den beiden jungen Menschen. Ehe jedoch der Aufbrechende den
Sessel des Mönchs erreicht hatte, stockte der Bürgermeister wie von
einer Eingebung befallen.

»Noch eins,« erinnerte er sich in seiner bestimmten Weise, »ist Eure
Dienerschaft zuverlässig, Linda?«

Das Mädchen stand schon an dem weißgedeckten Tisch, jetzt mußte es über
die unerwartete Frage lächeln.

»Ich halte nur eine Schaffnerin,« gab sie kopfschüttelnd zurück, »wenige
Mägde und Knechte, und hier diesen verwaisten Knaben aus unserem
Kirchspiel,« fügte sie deutend hinzu, denn ein schöner schlanker, etwa
siebzehnjähriger Bursche in der kleidsamen schwarzen Dänengewandung war
eben eingetreten, um die Tafel mit allerlei Geschirr zu bestellen. »Und
diesen wenigen versage ich nichts, was ich mir selbst gewähre,« sprach
die Herrin ruhig weiter, »nicht wahr, Heinrich?«

Es lag so viel mütterliches Wohlwollen in ihrer Aufforderung, daß es
nicht verwunderlich war, wenn dem Jungen die Wangen zu brennen begannen.
Er warf einen jugendlich schwärmenden Blick auf seine Gebieterin und
nickte verschämt, bevor er sich entfernte.

Jetzt mischte sich auch der Abt in das Gespräch.

»Weshalb fragt Ihr, Herr Nikolaus Tschokke?« wandte er sich gespannt an
den Bürgermeister. »Euer Blick ist nicht frei von Sorge.«

Der Hamburger streifte sich die schweren Handschuhe auf und prüfte
unwillkürlich den kurzen Dolch, der ihm am Ledergürtel hing.

»Ich sorge mich auch,« rang er sich endlich vorsichtig ab, und heimlich
umfaßte er abermals das Bild des blonden Fräuleins dort an dem Tisch.
»Und deshalb bestelle ich eine Bitte an Euch, hochwürdiger Herr. Ihr
wißt, die Gegend hier ist noch unbefriedet. Und wir haben durch
Kundschafter in Erfahrung gebracht, daß die Freibeuterflotte gegen
Mittag ganz unerwartet Segel setzte und aus dem Hafen verschwand. Wohin,
weiß niemand.« Er strich sich unsicher über das glatte Kinn. »Nie habe
ich die Vorliebe einzelner unserer hansischen Bundesgenossen für dieses
schandbare, gesetzlose Volk geteilt,« fuhr er hastiger fort, »und ich
werde nicht eher ruhig sein, als bis der schwarze Fleck von unserer
Oster See getilgt ist. In Euch aber dringe ich, Hochwürden, nehmt das
Fräulein morgen mit Euch in die Stadt hinein, wo es am Königshofe
sicherer ist als hier in dieser flachen, menschenleeren Einsamkeit.«

Noch hatte er nicht geendet, als dem Eifrigen auffiel, wie erregend sein
Vorschlag auf das von ihm umsorgte Mädchen wirkte. Unruhig heftete sie
die Augen auf das weiße Linnen, als ob sie angestrengt dort etwas suche,
kämpfte mehrfach eine rasch aufsteigende Antwort nieder, bis sie sich
endlich zu der Mitteilung entschloß:

»Ich danke Euch, Nikolaus, aber ich darf Burg Ingerlyst nicht verlassen.
Die Königin gerade verwies mich hierher.« Und auf den fragenden Blick
ihres Jugendfreundes bekannte sie mit ihrer gewohnten bedingungslosen
Ehrlichkeit: »Ich habe mich einer Verfehlung in ihren Diensten schuldig
gemacht.«

»Ihr?«

Linda nickte, entgegnete jedoch nichts mehr, denn abermals glaubte sie,
daß Wellen von Scham und Entsetzen gegen sie anstürzten. Der
Bürgermeister indessen forschte nicht weiter.

»Nun gut, Vater Franziskus,« beschied er sich, »dann gebraucht bei Hof
Euer Ansehen, damit eine Besatzung hierher gelegt werde. Tut Euer
möglichstes, denn solange die Schwarzflaggen in der Nähe wehen, wälzen
sich Gesetz und Billigkeit im Kote, und der gemeine Verstand ermißt den
frechen Umsturz alles Bestehenden nicht länger. Eure Hand, ich verlasse
mich auf Euch.«

»Das dürft Ihr,« stimmte der Abt bereitwillig zu. »Und nun, Herr
Nikolaus Tschokke, nehmt meinen Segen, den ich für jeden Redlichen habe.
Wind und Wetter seien Euch günstig, und mögen sich die besten Wünsche
Eures Lebens erfüllen.«

Der Bürgermeister heftete einen raschen, prüfenden Blick auf das feine,
durchgeistigte Antlitz, als er aber in den abgeklärten Zügen nichts als
das reinste, gütigste Verstehen las, da riß er sich schnell los,
verbeugte sich noch einmal nach der steifen Sitte der Zeit vor dem
Fräulein, und ohne auch nur noch eine Falte ihres weißen Kleides berührt
zu haben, schied er mit seinem festen, lauten Tritt aus dem Saal.

       *       *       *       *       *

Die Flamme der Stehampel zuckte, stieg und fiel. Sie war im Verenden.
Dafür schickte über den beiden Zurückgebliebenen der eiserne Kranz des
Rundreifens das tänzelnde Licht seiner Unschlittkerzen aus, wodurch die
Nacktheit der geäderten Kiefernwandung noch deutlicher hervortrat. Auf
dem Vorsprung des Kamins ließ eine Sanduhr ihren bunten Staub rinnen und
erinnerte die halblaut Plaudernden an das rasche Enteilen der Zeit.

Gräfin Linda und der geistliche Herr hatten ihre Abendmahlzeit beendigt,
allein der Zisterzienser Abt machte noch keinerlei Miene, sein Lager
aufzusuchen, vielmehr gab er sich Mühe, seine aufmerksame, wenn auch
stille und nachdenkliche Wirtin auf eine feine und anregende Weise zu
unterhalten. Leicht konnte die Zuhörerin da merken, welch ein
vorurteilsloser und gerechter Geist sich hier über die Unbilden und
Streitigkeiten ihrer Zeit verbreitete. Wie von ungefähr war ihr Gast so
auf die Aufsehen erregenden Schriften des Oxforder Professors Wiklif
gelangt, die dem kirchlichen Unwesen so kühn zuleibe rückten, und jetzt
schien es, als ob der Erzählende mit einer besonderen Absicht länger bei
den Angriffen des Engländers gegen die Klosterzucht zu verweilen
gedächte. Spielend drehte er den Stiel seines silbernen Weinkelches
zwischen den Fingern, während er gesenkten Hauptes, aber doch mit
auffälliger Betonung hinwarf:

»Siehst du, liebe Tochter, wenn wir offen sind, so werden wir fast immer
in den Anklagen und Schmähungen sogar eines Aufrührers etwas finden, das
uns stutzen läßt. So will mir das massenhafte Flüchten der sogenannten
Weltmüden in die Zelle niemals gefallen. Ist doch die Welt selbst in
unzählige Zellen geteilt, und der Mensch dazu da, die rechte für sich zu
öffnen, damit er seinen Anteil an dem erlangbaren Friedensschatz
empfange. Glaube mir, er quillt da und dort reicher, als jene frühzeitig
Besiegten sich träumen lassen. Ist doch das Leben ein ebenso köstliches
Geschenk wie der Tod. Und das Licht ein heiligeres als das Dunkel.«

Linda lehnte sich in ihren Armstuhl zurück und verfolgte träumerisch
über die Schulter des Mönchs hinweg das Versickern des bunten Sandes in
der Uhr. Sehr klar empfand sie, der Abt billige ihre eigene Sehnsucht,
in die Stille zu entweichen, keineswegs, ja, wie er ein Aushalten und
Bestehen aller Gefahren geradezu für würdiger erachte. Und doch, sie
fühlte, wie ihre Natur dem Hang nach Aufhören immer inbrünstiger
nachgab, da gerade jetzt etwas in ihr ins Schwanken geraten war, das
sich nicht wieder ins Gleichgewicht bringen ließ. Fröstelnd wandte sie
sich und lauschte von neuem auf den hohlen Trommelschlag längs der
Küste. Als sich aber die gefürchtete Stimme nicht mehr vernehmen ließ,
stürzte sie sich beinahe flüchtend in das rettende Gespräch zurück.

»Hochwürdiger Vater,« tastete sie vorsichtig, denn das Herz schlug ihr,
da sie sich mit jedem Wort vor dem Klugen zu verraten wähnte, »Ihr
meintet vorhin, daß man auch auf das Drohen und Wüten von Aufrührern und
Empörern lauschen solle. Sagt mir, glaubt Ihr wirklich, solche
Ausgestoßenen und Verdammten, die die Welt mit Greueln füllen, sie
könnten jemals zum Guten gesendet sein?«

Abt Franziskus setzte seinen Becher nieder, und seine sprechenden Augen
schienen tiefer in seine Gefährtin einzudringen, als ihr angenehm war.
Dann fragte er bestimmt:

»Sage mir, mein Kind, denkst du an einen Lebenden?«

Da zuckte wieder diese schreckliche Angst in ihr auf, von der sie
verzehrt wurde. Erblassend senkte sie das blonde Haupt, und während sie
emsig auf dem weißen Linnen herumstrich, da suchte die Gräfin sich der
drohenden Beichte durch eine Ausflucht zu entziehen.

»Die Erde ist jetzt voll von Gewalttat und Umsturz,« wich sie unsicher
aus, »man weiß oft nicht mehr, welchen Pfad man wählen soll?«

Der Mönch nickte sacht. Er strebte, diese verstörte Seele zu sänftigen.

»Wohl, meine Tochter,« stimmte er mit seiner milden, tröstlichen Stimme
zu. »Aber alle Pfade, die der Mensch schreitet, sind Gottes Wege. Darin
besteht eben das Wundersame dieses uns geschenkten Lebens, daß sein
Teppich so bunt und voller Farben prangt. Der Ewige verkündet seinen
Willen nicht nur aus eines einzigen Menschen Mund, sondern gerade im
Widerstreit der vielen feindlichen Stimmen will er sich offenbaren. Wer
von uns schwankem Rohrgeschlecht darf behaupten, ich allein habe die
Wahrheit? 'Wo ist Wahrheit?' fragte Pilatus noch immer.«

Sinnend senkte der Mönch sein Haupt auf die Brust, rückte seinen
Armsessel herum, und die ersterbende Glut des Kamins warf
Flammenspritzer auf die sich stark verbreitende Tonsur des Alten und
erreichte auch seine noch dunkelblonden Haarbüschel.

»Sieh,« verlor er sich in das Springen und Laufen der Funken zu seinen
Füßen, »auf meiner Heimatinsel Rügen da kannte ich vor mehr als einem
Jahrzehnt einen Knaben, ein Kind adliger Gewalt, dem groß Unrecht
geschehen. Dieser taumelte wie trunken zwischen Hölle und Himmel, als
sei er ein Spiegelbild oder der Schatten der ganzen leidenden Menschheit.
Und ich weiß, er rang redlich mit seiner düsteren, grimmigen, lechzenden
Leidenschaft nach Wahrheit und Segen, nicht für sich, sondern für die
vom Leben Vergessenen und Verfluchten. Aber dann -- ehe er das gefunden,
was nur einem vorausschauenden Gott beschieden sein kann, verschlang den
Ungerüsteten, Unvorbereiteten bereits die Woge der tollen Zeit, und nur
ein Gerücht meldete noch von ihm, daß er ein Mächtiger unter den
Gesetzlosen und Ausgestoßenen geworden sei. Ich habe ihn lieb gehabt,
und liebend gedenke ich heute noch seiner, weil ich ahne, daß er selbst
in seiner jetzigen Gestalt ruhelos, wenn auch auf wirren, verworrenen
Pfaden dem Wolkengebild der Wahrheit nachjagt. Wo ist Wahrheit?«

Wehmütig lächelnd schwieg der Abt und streckte seine feinen
durchsichtigen Hände näher gegen das Feuer aus. So gewahrte er nicht,
daß seine Gefährtin von seiner Erinnerung getroffen war, als habe sie
eine Faust vor die Brust geschlagen. Atemlos und völlig unvermögend, den
Sturm, der sie rüttelte, noch länger zu bestehen, hing das blasse Weib
ihre erschreckten Augen an den Mönch und gab sich keine Mühe mehr, sich
zu verstellen.

»War das der Störtebecker?« fügte sie mühsam aneinander.

Der geistliche Herr aber, ohne sich scheinbar über den verdächtigen Ton
zu wundern oder an dem Zusammenhang deuteln zu wollen, schüttelte leise
das Haupt.

»Ich weiß es nicht. Mein junger Freund führte wohl einen ähnlichen
Namen, aber vieles, was man von dem Freibeuterführer im Volke erzählt,
widerspricht doch gar zu sehr meinem jugendlichen Bilde. Zum Beispiel
seine ausschweifende Trunksucht oder die kalte Gleichgültigkeit gegen
Rechte und Leben einzelner. Nein, nein, diese helle Jünglingsgestalt
habe ich, so wie sie war, in meinem Gemüt bestattet und einen Segen
darüber gesprochen. Gebe Gott, daß aus der Gruft nicht ein anderer Mann
auferstehe.«

Damit versank der Mönch in erneutes Grübeln und ließ Linda Zeit, sich
notdürftig zu fassen. Unruhig blickte sich die Gräfin in dem kahlen
Raume um, sie zählte die Windstöße, die um die Mauern heulten, und als
irgendwo auf den Fluren ein Tritt laut wurde, da ertappte sie sich
dabei, wie sie alle Verstecke und Schlupfwinkel des alten Meerkastells
durchstöberte, um sich womöglich dort zu verbergen. Ihr ererbter,
nordischer Wikingermut war gänzlich von ihr gewichen. Plötzlich erhob
sie sich. Ihre Brust ging schneller als sonst. Auch ihr Gast wurde
aufmerksam.

»Ich wünschte, ich könnte Euch morgen in die Stadt folgen, hochwürdiger
Vater,« überwand das Mädchen einen sie überfliegenden Schauer und dabei
schritt sie in die Ausbuchtung, wo sie die kleine Ampel an sich zog. »In
dem finsteren Gemäuer hier ist's schlimm. Überall springen Gestalten aus
den Wänden, die mir zurufen, ohne daß ich darauf eine Antwort wüßte. Es
sind Ausgeburten der Einsamkeit, und ich habe keine Hilfe gegen sie als
Schlaf und Gebet.«

»Und ein heiteres, tätiges Frauenwerk, wie es den Müttern ziemt,«
schaltete der Abt sanft ein, der geräuschlos seinen Sitz verlassen
hatte und nun teilnehmend vor ihr stand. Sachte hob er die Rechte gegen
das müde Licht, so daß das rinnende Blut in seinen Fingern zu schimmern
begann. »Alte Hausweisheit,« erinnerte er mahnend. »Sorge für Gatten und
Nachkommenschaft erschließt den Jungweibern ihre eigene Seele. Alles
davor ist Traum und Umweg. Aber nun -- ich will mir nicht mehr von dir
anmaßen, als du mir selbst gibst -- nun sei Friede über dir diese
Nacht.«

Er wandte sich, und die Gräfin folgte ihm, die Leuchte in der erhobenen
Rechten. Vor den Schreitenden glitten schwarze Schatten über die rohen
Kiefernwände, aus dem Holz beugten sich undeutliche, verzerrte Gebilde
und griffen nach ihnen. Der Mönch öffnete gerade die Pforte, als die
beiden wie auf Verabredung inne hielten. Jeder las in den Zügen des
Gefährten, ob auch der andere diesen hellen Schrei aufgefangen, jenes
hemmungslos tierische Kreischen, das aus dem Pfeifen des Windes mit
schriller Verzweiflung herausgellte, um gleich darauf wieder in dem
langgezogenen Winseln zu verschwinden.

Linda zitterte und doch lächelte sie matt.

»Eulen,« erklärte sie, »sie horsten oben auf den Türmen und fliegen
jetzt aus. Es sind meine Haustiere,« wollte sie noch mit trübem Spott
hinzusetzen, ohne sich doch selbst dem Glauben an ihre Worte hingeben zu
können.

In diesem Augenblick donnerte durch das Gebäude ein kurzes, scharfes
Krachen. Ein Schlag schien die Steine aus den Mauern zu reißen, die
Dielen wankten, selbst auf dem Tisch klirrte das Metallgeschirr einen
singenden Ton. Ungläubig, verängstet hielt sich der Mönch an dem Pfosten
zwischen Saal und dunklem Gang fest, sein verblaßtes Antlitz aber war
der Gräfin zugekehrt, als erhoffe er auch für dieses herzumwendende
Toben eine tröstliche Deutung. Und Linda, obwohl ihr Herz in der
Erwartung nahen Unheils wie zwischen Eisstücken geschichtet lag, sprach
in unnatürlicher Ruhe:

»Der Sturm sprengt die Torangeln. Aber da du hier bist, Vater, wird Gott
bei uns sein.«

So standen sie eine Weile, und da sich nichts weiter rührte, so begannen
sie einander ihren Kleinmut fortzulächeln. Aber seltsam, warum verharrten
sie noch immer, um auf einen einzelnen Schritt zu lauschen, der sich
langsam, schwer und wuchtig in den langen Gängen vor dem Saal verkündete?
Es war natürlich einer der Knechte, der das Licht zu löschen kam. Nur
hätte er schneller nahen können, dienstfertiger; gleichviel -- -- --
worauf warteten sie noch? Gemessen drehte sich die große Eingangstür in
ihren Angeln, und dann -- in dem Saal wurde es still, als ob der Tod
eingetreten wäre. Wirklichkeit und Wahnsinn tanzten miteinander. Keiner
wagte, auch nur durch einen Luftzug zu verraten, daß hier noch Sinn für
die gewöhnliche Ordnung der Dinge atmete.

Auf der Schwelle ragte ein übergroßer Mensch, in einen nassen, schwarzen
Mantel gehüllt, die Lederkappe zerbeult in die Stirn gedrückt.
Gleichgültig schickte der Eindringling einen raschen Blick in dem Raum
umher, dann schritt er ohne Eile, wie ein Bewohner des Hauses, auf die
Tafel zu, schleuderte Mantel und Mütze mitten auf den Estrich und warf
sich selbst in einen der leeren Sessel. Den Tisch, der ihn beengte,
stieß er krachend mit dem Fuß beiseite.

»Schafft Wein und Speise,« befahl er den beiden Leblosen, und als sich
die Gebannten nicht regten, stieß er ein kurzes Gelächter aus, ein
helles, wohlklingendes Lachen, und winkte lässig. »Ihr da, zeigt
fröhliche Gesichter -- was steht ihr und haltet Maulaffen feil? -- Eilt
euch, ihr seid geladen!«

Da rann Leben in die beiden Entsetzensstarren zurück, fieberndes,
beißendes Blut, und während die Hausherrin sich gegen den Pfosten
lehnte, um die Hand gegen die Erscheinung auszustrecken, als hätte sie
dadurch die Macht, diesen wahnwitzigen, wohl nur aus vergifteten
Gedanken aufgestiegenen Spuk wieder zu verscheuchen, da wankte der Abt
etwas weiter in den Saal hinein, entschlossen, seine geistliche Würde
gegen den Niederbruch aller Sitte zu setzen.

»Wer bist du?« rief er, indem er sein Zittern überwand. »Im Namen Gottes
und seiner unverbrüchlichen Gebote frage ich dich, was du vorhast und
wer du bist?«

Die Stimme verstärkte sich, je kräftiger der Sprecher den Widerhall von
den Wänden zurückempfing. Auf den hochgewachsenen, schlanken
Eindringling jedoch schien sie jede Wirkung zu verfehlen. Das Bellen
eines kleinen Hündchens hätte ihn nicht weniger behelligen können. Der
Schein der Unschlittkerzen von dem Rundreifen umflackerte ihn, wie er
jetzt den ungeheuren Weinhumpen an sich riß, um ihn ohne Umstände mit
beiden Fäusten an seine erhobenen Lippen zu führen. Durstig schluckte er
den übrig gebliebenen Trank, es war eher ein Stürzen zu nennen, nur daß
sich zuweilen in der geleerten Höhlung dumpf und kollernd sein
spöttisches Gelächter fortsetzte. Der feierliche Anruf des Conaer Abtes
schien ihn höchlich zu ergötzen.

»Still, keine Predigt, Braunrock,« atmete er endlich auf, während er das
schwere Gerät auf den Tisch krachen ließ, und dabei schob er sich, zu
neuen Taten bereit, die Lederjacke zurück, so daß weite rotseidene Ärmel
zum Vorschein kamen. »Gib Ruhe. -- Wer soll ich sein? Ein Mensch bin
ich, also ein armselig Ding, das von Gott kaum eine Spur und vom Teufel
eine reiche Erbschaft miterhielt.« Er lehnte sich zurück und trommelte
mit beiden Fäusten auf dem Linnen herum. »Möchtest aber lieber nach
Stand und Namen herumkramen?! Komm, trink mit mir und denk inzwischen
einen Witz aus, warum deiner Kumpanei der gemeine Mensch in seiner Armut
und Nacktheit einen solchen Schrecken einjagt, du Nachfolger Christi.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, rückte der Fremde ungeduldig an den leeren
Schüsseln, blickte hinein, dann wandte er sich und schrie ein paar Namen
gegen den Eingang, als ob er eine eigene Dienerschaft mitgebracht hätte.
Draußen wurde es lebhaft, man hörte eilige Tritte in den Gängen, und von
unten aus den gewölbten Hallen drang undeutlich Frauenkreischen und das
Geräusch von Waffen.

»Wird hier gemordet?« zitterte Vater Franziskus.

Der andere horchte gespannt und schnürte die Augenbrauen über den
schwarzen Sternen fester zusammen.

»Blutvergießen,« tadelte er endlich zurücksinkend, »ist ein töricht und
unnützlich Geschäft. Vernichtet und heilt nicht. Aber warum wehrt sich
euer Geiz auch so hartnäckig dagegen, wenn wir daran gehen, in das
Erbgut von Mutter Erde nachträglich ein wenig Ordnung zu bringen?«

»Mensch, entsetzlicher,« rief der Mönch, jetzt all seinen Mut
zusammenraffend, da er merkte, wie in dem schmalen, edelgebildeten
Antlitz des Fremden sich ein grüblerischer Zug einzeichnete. »Was
ersinnst du lügnerische Ausflüchte für Raub und Diebstahl?«

Der in dem Lederwams schüttelte sich leicht, als wenn ihn fröstele,
trotzdem warf er plötzlich auch noch die Überjacke auf den Estrich und
saß nun da in seiner rotseidenen Schecke, eine goldene Kette über der
breiten Brust. Den braunlockigen Kopf stützte er nachdenklich in beide
Hände.

»Keife nicht, Kutte,« brachte er nach einer Weile versonnen hervor, und
es war, als ob er mehr mit sich selbst spräche. »Für dieselben Streiche
hast du geflennt und Gebete gejammert, wenn sie von euch und euren
Trabanten herrührten.« Er strich über die hohe Stirn und schüttelte
sich wieder. »Aber darin geb ich dir recht, 's ist kein Sinn und
Verstand dabei, die hübschen Goldstücke nur etwas schneller von einer
Hand in die andere rollen zu lassen, wenn sie zu nichts anderem
verwendet werden als zum Saufen, Huren und Prassen. Zwar auch dies ist
ein gut Ding.« Wuchtig schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die
zinnernen Schüsseln in die Höhe sprangen. »Komm, bring die Dirne da mit,
sie hat einen ranken Leib, und dann trinken wir uns einen Rausch darauf,
daß Gott oder der Teufel eine feinere Lebensweise für ihre zweibeinigen
Ebenbilder ersinnen. Was gibst du mir, wenn der Gedanke schon unterwegs
ist? Vielleicht wälzt er sich bereits im Hirn eines Übeltäters. Denn
halleluja, der Gedanke wenigstens braucht kein edel Haus, er wohnt
überall!«

Gerade wollte sich der Rotseidene wieder herumwerfen, um sich zu
überzeugen, ob seinen herausgeschrienen Befehlen endlich Folge geleistet
würde, da brach die Eingangstür auseinander, und vor den fassungslosen
Blicken der Hausherrin und ihres Gastes quoll ein Schwarm derber,
wettergebräunter Seeleute herein. Alte und junge Männer, verdächtig
anzuschauen mit ihren narbenzerrissenen Gesichtern voll Auflehnung und
Zuchtlosigkeit, und alle Arme beladen mit der Ausbeute ihres wilden
Handwerks. Die einen schleppten Linnenballen und silbernes Gerät mit
sich, die anderen schleuderten jauchzend Schinken oder Schüsseln voll
geräucherter Fische auf den Tisch, ja, ein paar junge Burschen rollten
sogar ein verschimmeltes Weinfaß herein, schlugen den Spund heraus und
begannen unter Flüchen und rohen Scherzen eine Kanne um die andere mit
dem roten Saft zu füllen. Klatschend stürzte das köstliche Naß auf die
sauberen Dielen. Es sah aus, als wäre die fessellose, an keinen Befehl
gebundene Gesellschaft bereit, den Rausch ihres so leicht erworbenen
Besitzes sogleich an Ort und Stelle auszukosten. Kaum aber hatten die
ersten Tropfen des starken Weines ihre Lippen benetzt, da wurden sie
alle von einem Freudentaumel erfaßt, die letzte Zurückhaltung ging
unter. Genießen, schlürfen, fressen und saufen schien ihr einziger
Zweck. Wo sie gingen und standen, fielen sie auf dem Estrich nieder,
hieben die Becher gegeneinander, grölten, lachten und zankten, und
mitten aus dem wüsten Braus fingen sie an, ihre Zunftlieder zu heulen.
Gierige Blicke und geschwungene Humpen richteten sich gegen das Weib,
das matt und müde, geschlossenen Auges an dem fernen Pfosten lehnte.

Heiser brüllten die rauhen Kehlen:

  »Schlagt den Prassern die Kästen ein,
  Stehlt ihr Silber, sauft ihren Wein;
  In die weichen leinenen Kissen
  Ihre blassen Mädel gerissen.
  Kehrt sie um, die morsche Welt,
  Bis kein Groschen heraus mehr fällt!
  Wer's nicht tut, der ist nicht wert,
  Daß er ärschlings zur Hölle fährt.«

Die Jauchzer überschlugen sich, schrille Pfiffe gellten durch den Raum,
die Begeisterten wälzten sich auf den Dielen, rissen und zerrten sich
gegenseitig an den Frauengewändern, die viele von ihnen verkehrt über
die Schulter geworfen hatten, und üble Reden flogen zu den beiden
Menschen aus einer anderen Welt herüber:

»Da, sieh den Glatzkopf und die Lustdirne!«

»Ja, solch ein muffiges Gebetbuch weiß sich den rechten Platz.«

»Aber paß auf, wie sie tanzen, wenn wir hier anzünden.«

Ein grausig Gelächter wurde aufgeschlagen, dann spritzte es wieder aus
dem Faß, und der Wein klatschte auf die Erde. In all den Lärm hatte der
Hauptmann, zu dessen Füßen sich der Knäuel verschlang, mit einem
sonderbaren, erfrorenen Lächeln hineingeschaut. Nun aber schüttelte er
sich erwachend, wie jemand, der angespritzten Kot von sich abschleudert,
und um seinen herrischen Mund irrte ein Zug von Grausamkeit und Hohn.

»Ja, das sind meine lieben Kinder, an denen ich meine Freude habe,«
sagte er mit einer biblischen Anspielung und dabei bewegte er die Hand,
als ob er die Rotte in ihrer Gesamtheit vorstellen wollte. »Sie geben
sich nicht anders, als sie sind. Lug und Trug kennen sie nicht.« Und als
er das ungemessene Entsetzen, den Ekel und den Abscheu in den Augen
seiner beiden Gefangenen las, stieß er trotzig und voll grimmiger
Rechthaberei hervor: »Folglich sind sie echt. Wer kann das in dieser
falschen Welt von sich behaupten? He?«

Plötzlich riß sich der Sitzende herum, bückte sich und packte den
vordersten der Gesellen unsanft an der Brust. Ein Zug, und der
Stiernackige war auf die Beine gebracht. Da unterbrachen auch die
anderen ihr Schlemmen, und es wurde so still und lautlos, wie es vorher
wüst und unbändig gewesen.

»Wulf Wulflam,« herrschte der Anführer scharf, »was habe ich dir
befohlen?«

Der herkulische Bootsmann wurde verlegen, er kratzte sich in seiner
rotbraunen Schifferkrause und suchte sich, wie ein Schüler vor dem
Lehrer, auf seine Aufgabe zu besinnen.

»Du sagtest, Admiral -- -- du sagtest -- --«

»Was Mensch?«

»Wir sollten Gold und Silber von hier zu Schiff bringen. Mehr nicht.«

»Mehr nicht! Nun wohlan, das ist deutlich. Aber, Wulf Wulflam,« und er
zerrte ihn heftiger an der Brust, »lauert hinter deiner Fratze nicht
noch ein ander Gelüst? He?«

Ungewiß starrte ihn der Schiffer an, allmählich erstarb sein Grinsen,
und seine anfängliche Sicherheit ging in Scheu und Unterwürfigkeit über.
Auch seine Genossen hielten kleinlaut mit ihrem Toben inne, scharrend
erhoben sich die Seeleute und rotteten sich verstohlen um ihren
Bootsmann zusammen. Lauschend streckten sie die Köpfe vor, als gäbe es
nichts so Wichtiges, als das winzigste Wort ihres Führers aufzufangen.

»Herr,« suchte sich der Bootsmann in verlegenem Trotz zu verteidigen,
»wir dachten -- wir meinten --« und unwirsch polterte er heraus: »der
alte Kasten hier wäre auch längst reif für den Teufel und zum
Ausräuchern.«

Weiter kam er nicht. Eine Blutwelle schnellte bis in die Stirn des
Admirals, mit einem erbitterten Griff zuckte er nach seinem Dolch, riß
ihn vom Gürtel und preßte das haarscharfe Messer dem Erschrockenen
gerade auf die Kehle. Ein lauter Schrei entfuhr den anderen, aber auch
Linda und ihr Gast klammerten betäubt, schutzsuchend ihre Hände
umeinander.

»Du räudiger Hund,« keuchte der Rotseidene mit einer jedes Maß
überlodernden Wildheit. »Meinst du, du seist der erste, den ich von
meinen Kindern still gemacht? Wir stehlen nicht, wir sammeln einen
Schatz. Zu welchem Zweck, weiß ich allein. Und wehe dem -- einen Strick
am höchsten Mast für den, der meine Pläne stört. Hast du es dir
gemerkt?«

»Wohl, Herr,« stotterte der Bootsmann bezwungen.

Ein Murmeln erhob sich unter der Schar, das Verborgene, Geheimnisvolle,
das hier angedeutet wurde, oder der unerbittliche Zwang, der von diesem
einen ausging, er schloß die Ausgestoßenen wieder zu einem willigen
Bund. Das dunkle Gefühl ihrer Sendung packte sie abermals. Der Admiral
aber winkte heftig mit der Hand, als hätte er schon zu lange mit dem
Haufen geschwatzt.

»Fort -- tut, was euch geheißen -- und mit dem Morgengrauen sind wir von
hinnen.«

Da schob sich die Rotte lärmend, in überstürztem Gedränge zur Tür
hinaus, jeder froh, der Gesellschaft dieses einsamen Menschen dort
drinnen überhoben zu sein. Hinter ihnen blieb nichts als die leis
aufgewirbelten Stäubchen, die blau und durchsichtig zu den Lichtern
emporstiegen. Der Verlassene jedoch reckte die Arme, schüttelte nach
seiner Gewohnheit das eben Vergangene unbegreiflich schnell ab, und
nachdem er die lockigen Haare leichtsinnig in den Nacken geworfen,
beugte er sich hungrig über die ihm vorgesetzten Schüsseln. Hastig und
doch ganz mit den Gebärden eines großen Herrn begann er zu tafeln. Dabei
vergaß er für eine Weile völlig der beiden Zuschauer, die an der fernen
Wand, eng aneinander geschmiegt, unter Grauen und Schrecken beobachten
mußten, wie oft der gewaltige Weinhumpen an die Lippen des Fremden
stieg. Von Zeit zu Zeit wandte sich der Seefahrer und ließ neuen Trank
in die Kanne laufen. Allein bei einer dieser Bewegungen mußten dem
Eindringling endlich die zwei Schatten dort drüben an der Kiefernwand
auffallen, denn er ließ das Weingefäß sinken und richtete seine
schwarzen Augen mehr verwundert als in irgendeiner feindlichen Absicht
auf die unfreiwilligen Zeugen seines Schmauses. Die verzerrte Bestürzung
in ihren Gesichtern, die quälende Angst, mit der sie ihr Schicksal
erwarteten, schienen den Zecher zu stören. Unvermutet sprang er auf, so
daß alles auf der Tafel zitterte, und während er rasch auf die ihm
Preisgegebenen zuschritt, empfanden diese trotz ihrer wachsenden Not das
Wunder, wie geschmeidig und unangefochten der Seefahrer auch nach jenem
unerhörten Trunk seinen Gang beherrschte. Kein Rausch hatte ihn
unterjocht, nur die dunklen Augen waren unnatürlich erweitert und
sprühten und blitzten, als ob sie in Brand geraten wären.

Jetzt stand der Hochgewachsene dicht vor ihnen, setzte die Hände in die
Seiten und schlug endlich ein kurzes Gelächter auf.

»Kommt, ihr beiden Lämmer,« lud er sie ein, »nehmt das Ding wie es ist,
und steht nicht wie die armen Schindluder vor dem Henkerkarren. Muß denn
Donnerwetter und Gewitter immer nur von oben kommen? Es kracht auch
einmal von unten, wie euch der Feuerberg auf Island lehren sollte. Und
die Anwohner glauben dann, es gäbe ein fruchtreich Jahr.« Spielend faßte
er den Mönch an der Kutte. »Überdies, Hochwürdiger, wie schrieb dein
Freund, der Rechtsbeuger Cicero? '_Varietas delectat_,' und ich setze
hinzu: 'Der Teufel dachte ebenso, da er Buttermilch mit der Mistgabel
aß'.«

Dringender zerrte er den Geistlichen an seinem Faltenrock, denn er
wollte ihn zwingen, ihm an den Tisch zu folgen; der aber wich schützend
vor die Gräfin zurück und schlug plötzlich beide Hände zusammen. Ein
entgeisterter, verzweifelter Blick des Erkennens brach aus den guten
Augen des Alten.

»Barmherzigkeit,« flüsterte er schwach. »Claus -- Claus Beckera. Du
bist's, verbirg dich nicht. Auferstanden aus dem Grabe als blutige
Geißel. Als ein vergiftet Saatkorn, von dem die Menschen sterben. Mann
-- Knabe -- deine Eltern, deine Mutter -- deine Jugend --«

Im Saale wurde es still. So still, daß man den feinen Streusand auf dem
Estrich unter den Füßen der drei Menschen knirschen hörte. Schweigend,
unbeweglich stand der Störtebecker dem Mönche zugekehrt, und man hätte
glauben können, daß er gelähmt, erschüttert sei durch das Auftauchen
jener längst entschwundenen Gestalt. Allein kein Anzeichen kündete dies.
Weder reichte er dem so unvermutet gefundenen Freunde die Hand, noch
hieß er ihn sonst durch ein freundlich Wort willkommen. Nein, er starrte
nur unverwandt in die greisen Züge, bis endlich ein tiefer Atemzug
verriet, daß er aus Erinnerung und Abwesenheit zurückgekehrt sei.

»Es ist gut, Alter,« wünschte er halb im Ton des Befehls. »Ich will dich
nicht kränken, aber ich kenne dich nicht. Dich nicht, dein Vaterland
nicht und vor allem nicht eure Gesetze.«

»Claus.«

»Still, nur in einem trafst du das Rechte. Auferstanden aus dem Grabe,
zu einer neuen Sonne, deren Wärme du nicht mehr fühlen kannst.« Ohne
eine Antwort abzuwarten, tat er einen starken Schritt auf die Gräfin zu
und hob ihr Haupt gewaltsam am Kinn in die Höhe. Die Zusammengesunkenheit
des Mädchens schien seinen Hohn zu reizen. »Warum zitterst du, Weib?«
fragte er scharf. Spürbarer faßte er sie an, um sie heftig ins
Bewußtsein zu rütteln. »Du siehst aus wie eine Heilige,« rief er wild,
sich über sie beugend, »und deine Hand krampft sich um ein Kreuz.
Flennst du vielleicht darüber, weil dein Hab und Gut sich zu Speise und
Trank wandeln sollen für die, so nicht rein und wohlbekleidet sind wie
du, Gottselige?«

Da geschah etwas Seltsames.

Weit öffneten sich die blauen Augen des von einem schweren Traum
befangenen Mädchens. Abwehrend streckte sie die Hände aus, als wollte
sie das Grauen von sich fernhalten, allein, während sich ihr Körper in
Erdenqual sträubte, da faltete eine bezwingende, eine ihr ganzes Dasein
heiligende Macht ihre Finger zusammen, und über ihre Lippen drängten
sich Worte der Demut und des beseligten Gehorsams, wie sie ähnliche
niemals vor Altar noch Betstuhl gefunden.

»Nimm, was mein ist,« hauchte sie mit bangem entgeistertem Lächeln. »Da
du gekommen bist, die Erde zu reinigen, so geschehe dein Wille.«

»Meine Tochter,« rief der Mönch über diese fromme Anbetung entsetzt
dazwischen und griff sich verzweifelt an das betäubte Haupt, »du
lästerst, du gute Seele. Erwache! In deine Augen spritzt die
goldglitzernde Schlange ihr Gift. Die Verführung, die selbst getäuschte,
schaut dir ins Antlitz.«

Der Störtebecker preßte plötzlich die Hand des Alten, daß der Abt laut
aufschrie.

»Schwatze nicht, grauer Lügner!« fuhr er ihn an. »Meinst du, mein Wein
würde schlechter, weil er in einem Mistkübel gereicht wird?«

Allein das Weib, um das der Streit ging, vernahm nichts weiter. In roten
Blitzen hatte sich ihr die Vision offenbart, nach der ihre Verlassenheit
Tag und Nacht gebangt. Er war da, der Ersehnte war erschienen. Ein
herrlicher Mann, blutig und gebieterisch zugleich, beugte sich zu ihr
herab, eine rote Wolke umschwebte ihn, und tief unter ihm hoben sich aus
dem Morgengrauen tausend und abertausend Hände, die lobpreisend nach ihm
verlangten. Damit sank ihr Bewußtsein in die Knie. Nur verlöschend
empfand sie noch, daß sie aufgefangen wurde und geborgen war.

Claus Störtebecker hielt den Leib der Hingestreckten in seinen Armen.
Ein Blatt, das auf ihn herabgeweht war, konnte ihn nicht lastender
beschweren. Aber gespannt, fieberig, hingenommen starrte er jetzt auf
diese erste Seele, die er von den Zinnen der Menschheit gebrochen und
die sich doch zu ihm bekannt.

In halbem Verständnis nur streichelte er ihr das blonde Haar aus den
Schläfen und wandte sich erst unwillig ab, als er sich unvermutet am Arm
gehindert fühlte.

»Was willst du?« wies er den Mönch zurück, der sich noch einmal an ihn
gedrängt hatte, um jetzt eine schwache Bewegung zu vollführen, als wolle
er die Willenlose von ihm empfangen. »Was willst du?«

»Claus,« bat Pater Franziskus, am ganzen Leibe bebend, »ich will dir
vergeben. Ich will annehmen, daß meine Zeit und die deine einander nicht
verstehen können. Aber hier, gegen diese Unmächtige laß mich meine
Pflicht erfüllen, wie ich sie gelernt habe. Hier weiche vor meinem Amt,
und ich will dich trotz allem, wie vor Zeiten, segnen.«

Es war eine Stimme, die vor Seelenangst und Güte brach, aber der, den
sie erweichen sollte, schüttelte hastig und finster das dunkle Haupt.

»Die ist mein,« widerstrebte er auflodernd. »Um Seelen wird nicht
geschachert.«

»Claus, im Namen -- -- --« Der Abt taumelte und vermochte kaum noch die
Rechte zu erheben. »Unglücklicher Mensch, denke daran, was deiner Mutter
geschah.«

Da wirbelte ein schneidendes Gelächter aus der Brust des Seefahrers, mit
einem rücksichtslosen Stoß befreite er sich von dem Alten, und während
er seine Last fester an sich raffte, schritt er rasch und sicher bis zu
dem dunklen Gang, wo er die Tür dröhnend hinter sich ins Schloß warf.
Dann drehte er auch noch den ungefügen Schlüssel herum.

Gleich darauf hallten schwere Tritte auf dem gewundenen endlos laufenden
Flur. Nur ab und zu brach durch ein Bogenfenster wolkiges Mondlicht über
die Steinfliesen, und dann konnte der Träger diese und jene
Wendeltreppe unterscheiden, die mit rohem Geländergebälk in ein oberes
Stockwerk leitete.

Wiederholt hatte der Gewalttätige Vorhänge zurückgeschlagen oder eine
schwere Tür geöffnet, doch immer mußte er in der Dunkelheit einen der
kahlen Wohnräume erkennen, wie sie solch alten Kastellen eigen.

Allmählich aber begann er sich mit den Herzschlägen des stillen Wesens,
das er an sich preßte, eins zu fühlen. Eng und warm ruhte es an seiner
Brust, nicht mehr als unnahbare, frostige Heilige, sondern weich und
biegsam, ähnlich den unzähligen anderen, die der Unbändige nur
geschaffen wähnte, um seinen Körperdurst zu stillen. Aber hier war doch
etwas anderes. Mit seinen untrüglichen Nerven spürte er, daß dieses
hochgeborene, verschlossene, vor allem Unsauberen schaudernde Geschöpf
im Innern des Menschen, der ihr gewiß ein Räuber, ein frecher
Wegelagerer sein mußte, die goldene Flamme blitzen sah, wie sie einst
auf den Altären gelodert. Und dieses Feuer wollte doch aus Kot und Unrat
hinauf zur Gottheit, als ein Notschrei, als eine Anklage, als ein
Signal! War sie nicht vor jenem Brand verstehend, beseligt
dahingesunken? So etwas hatte der Verwöhnte, der doch befehlen durfte,
der Gesetze umstieß und verborgene Wünsche losband, noch nie in seinen
Armen gehalten. Ein Eigentum, unlöslicher als jedes andere. Erworben,
geknechtet ohne Blut noch Schwert!

Unsicherer wurde sein Schritt, schwerer seine Bürde, summend hörte er
das vom Wein und Siegerbewußtsein aufgepeitschte Blut in allen Adern
rauschen, und nicht gewohnt, seinem Willen ein Hemmnis entgegenzusetzen,
riß seine Rechte den dünnen Schleier vom Hals seiner Last, und sein
Haupt bettete sich suchend auf die kühle Brust seines Opfers.

»Mein bist du,« murmelte er, während er verworren auf den regelmäßigen
Herzschlag lauschte. »Mein. Deine Welt ist mein. Was kannst du besseres
verlangen, als einzugehen in das, was du erkannt hast?«

Da stand er auch schon vor einer starken Bohlentür, er stieß sie auf,
und vom hohen Kamin beleuchtete eine einsame Kerze das starke
sechsfüßige Bett, einen Himmel darüber und einen schmalen, mannshohen
Stuhl daneben. Und bedenkenlos, freudegeschwellt brach der Störtebecker
in den Frieden dieses nie entweihten Raumes.



IV.


Sie lag entblößt auf ihrem langen breiten Lager, und der Wind der
Morgendämmerung, der die Läden aufgestoßen und nun durch die
engvergitterten, scheibenlosen Fenster hindurchstrich, er ließ ihre
Glieder unter der dünnen Linnendecke frösteln. Empfindlich zog sie die
Hülle bis zum Hals, und die Blicke der Erwachten wanderten ruhelos an
der glatt gespannten Fläche des Betthimmels, als ob dort etwas
geschrieben stände, auf das sie sich besinnen müßte. Aber gelähmt,
verworren, zerwühlt versagten ihre Gedanken jede Selbstbesinnung oder
Erkenntnis, und trotz aller Anstrengung wußte die Hingestreckte nichts
weiter von sich, als daß ihr ein wüster, zackiger Felsstein auf die
Brust geschmettert sei, und wie sie zu matt wäre, um sich der Wucht zu
entwinden. Vor ihr auf dem Strohteppich atmete etwas, und als sie sich
mühsam wandte, erkannte sie ihr schlankes Windspiel, das sich wohl gegen
Morgen zu ihr gestohlen haben mußte. Das Hündchen lag, den Kopf zwischen
den Pfoten, und äugte über seinem erzenen Halsband achtsam zu ihr
herauf.

Da streckte sie die Hand aus und wollte das Tier anrufen; allein
seltsam, sie vermochte sich nicht an den Namen ihres Begleiters zu
erinnern, und in der Qual, ihr eigenes Wesen verloren zu haben, sank sie
wieder zurück, eine Fremde, Unbekannte in ihrem eigensten, heimlichsten
Bezirk.

Draußen, auf dem Ahornbaum, begannen ein paar Meisen zu zwitschern.
Sonst bedeutete dies den Weckruf des Morgens, denn auf Ingerlyst erhoben
sich Herrin und Knechte mit der Sonne, heute jedoch blieb alles
unverändert still, das Vieh brüllte nicht in den Ställen, und die
Holzschuhe des Gesindes klapperten weder auf dem Hof noch in den
Burggängen. Auch die Zeit schien sich gewandelt zu haben, auch sie
starrte leer und ausgeplündert, gleich der Gebieterin hier auf ihrem
kalten Lager.

Geduldig bettete sich die Verlassene auf ihren Arm, lauschte angstvoll
auf die zuckenden Schläge ihres Herzens und wartete, ob der Bann noch
einmal von ihr genommen werden könnte. So hätte sie vielleicht noch
lange hingedämmert, verstoßen von ihrer Vergangenheit und nicht fähig,
den Wirbel vor der Gegenwart zu durchbrechen, wenn sich nicht ein leises
Ticken gemeldet hätte, das vom Holzwurm herrührte. Ihr gegenüber über
dem schmalen Kamin war bis unter die Tafeldecke ein altes, wuchtiges
Holzkreuz eingelassen, und in dem braunen Gebälk bohrte und pochte es
manchmal, als wäre selbst das heilige Symbol vor Zermürbung und
Vergänglichkeit nicht sicher.

Richtig, richtig, Linda raffte sich auf, denn sie meinte sich jetzt zu
besinnen, daß sie jeden Morgen noch vom Lager aus ihre Arme zu jenem
gewaltigen Stamm erhoben habe. Ja, ja, gewiß, allerlei kleine Bitten und
Wünsche bedrückten stets ihr Herz. Und dann die eine große Sehnsucht
nach Reinheit und Stille. Aber als sie nun nackt, entblößt, frierend auf
ihren Kissen kniete, da erstarb ihr plötzlich die volle Bewegung, über
ihr blasses Antlitz zog starres Entsetzen, und wie von einem Blitzstrahl
getroffen, stürzte sie rücklings auf ihr Linnen.

Ein Wunder -- ein Wunder -- vor ihren weit aufgerissenen Augen spielte
sich das Herzlähmende ab. Ein fremdes Haupt erschien an dem Querholz,
ein braunes Lockenhaupt, mit Lippen, rot von Küssen, und wilde,
schwarze Augen gierten über ihren Leib. Und jetzt wand sie sich mit
einemmal in einem Feuermeer, das sie verzehrte.

»Gnade, Erbarmen!«

Allein der Brand der Erkenntnis überheulte alle früheren Begriffe.

Zu Hilfe -- die Welt war eingebrochen! Das Erdrund taumelte und
schüttelte alles Lebende durcheinander. Der Heiland des Schmerzes von
seinem Holz gezerrt, und an seiner Stelle lachte ein Unbändiger voll
Grausamkeit, Kraft und Willensstärke. Schwarz war weiß, Verbrechen
Tugend, Sitte Torheit, Entsagung Wahnsinn; sieh da -- sieh dort, eine
unwiderstehliche Faust packte das fliehende Glück, das sonst niemand
halten konnte, und knechtete es seinen Anhängern. Allen! Auch dir -- auch
dir -- das Glück! Sie wollte schreien, aber sie fühlte, wie sie in
unsichtbaren Armen verging, alle Glieder spannte sie zu Kampf und
Widerstand, sie biß, sie würgte, aber in der Unterjochung sank sie hin,
erlöst von aller Erdenschwere, eine Freie im Angesicht der Natur.

       *       *       *       *       *

Als sie erwachte, war der Rausch verflogen. Sie fand sich wieder, wie
sie tränenlos auf ihrem Lager hockte, um mit ausgehöhlten, erfrorenen
Augen zu beobachten, wie sich die Blätter des Ahornbaums vor ihrem
Fenster in Morgenröte kleideten. Drinnen in der kleinen Kemenate webten
noch die unerwärmten Schatten, und jedes der spärlichen Gerätschaften
schien zu frösteln, zu zittern und zu schaudern. Stumpf, teilnahmlos
warf sich das blonde Weib die gewohnten Hüllen über, und je bekanntere
Dinge sie ergriff, ein desto trüberes Erstaunen beschlich sie, daß sie
sich bewege oder warum überhaupt noch Leben in ihr walte?
Unbegreiflich, gar nicht meßbar, sie war doch gemordet, ihr Name
verschwunden von der Tafel, wo die Reinen und Ehrbaren verzeichnet
standen, eine unbarmherzige Räuberfaust hatte die Züge fortgewischt, aus
keinem anderen Grunde, als weil sie eben seine Beute geworden. Sie, ihre
Diener, ihr Hab und Gut, ihr Heim und alles, was sie früher geliebt
hatte. Eine kurze, ungestüme Lust hatte genügt, um aus einer Aufrechten
eine geduckte Verworfene zu formen, beladen mit unaustilgbarer Schande,
und nur noch dazu bestimmt, vor ihrem eigenen Ekel in ein geräuschloses
Ende zu flüchten. Das war das wirkliche Dasein, so verkündete es sich,
ein Tier wurde von dem anderen gefressen, ohne Güte noch Gnade, und
alles, was darüber hinaus geredet wurde von umfassender Bruderliebe
unter den wilden Geschöpfen, großer Gott, es war nichts als Staub, Wind
und schwärmender Wahn.

Ein Tier wurde von dem anderen gefressen. Hilfe -- Hilfe! -- An welch
lächerliche Narreteien hatte sie denn früher geglaubt?

In der unermeßlichen Angst, daß ihr bald auch noch das letzte, der klare
Verstand geraubt werden müßte, griff sich die nun Aufgerichtete an beide
Schläfen. Ihre auseinanderspringenden Gedanken wollten sich an irgend
etwas klammern, an ein lebendes Wesen, das ihren Sturz begriffe, an ein
Herz, von dem sich liebevoll scheiden lasse. Sie mußte doch irgendwo
festhaften? Oder war sie schon immer wie ein dürres Blatt durchs Leere
gewirbelt? Aber wohin ihre Verzweiflung auch jagte, immer fand sie sich
allein vor dem großen braunen Kreuz wieder, um das ihre Rechte sich
krampfte, weil ihre Knie vor Schwäche zitterten.

Das Kreuz -- das Kreuz!

Eine fürchterliche Pause des Wartens entstand. Fordernd, dringend
tasteten ihre erweiterten Augen an dem toten Holze hin und her, und je
mehr Zeit ergebnislos verstrich, desto verächtlicher begannen ihre
getäuschten Lippen zu zucken. Dort oben regte sich nichts. Derjenige,
der ihr früher an dem Querholz oft in verzückten Stunden erschienen war,
dem sie sich geweiht und dessen Güte sie sich bald ganz ergeben wollte,
er hatte tatenlos, schwächlich zugeschaut, wie Leib und Seele seiner
Jüngerin zu seinen Füßen verheert und besudelt wurden. Von einem
anderen, der gleichfalls zu den Armen und Beladenen herniederzusteigen
meinte, nur, daß er seinen Weg mit Blut begoß und daß der Pesthauch
aller verdammten Laster ihn umwölkte.

Wie gestoßen fuhr die Gehetzte herum, grub ihre Blicke ungläubig in das
zerwühlte Lager und strich dann ruhelos an den Wänden herum, gleich
einem Tier, das einen Ausweg aus unübersteiglichen Mauern sucht. Und sie
fahndete auch nach etwas -- der giftige Atem der Nacht mußte sie
benebelt haben -- denn sie suchte fieberhaft, rastlos nach einer
Erklärung für ihren grausigen Niederbruch, nach einer Auflösung des
Rätsels, warum ihr Körper den geistigen Tod auch nur um eine Sekunde
überdauert habe? Vielleicht hatte der große, schöne, gewalttätige Mann
ihre Seele mit Zärtlichkeit umstrickt, vielleicht ihr Gemüt dürstend,
überredend zu seinem Werk herübergelockt, das wie eine blutrote
Erdensonne hinter ihm stand?

Nichts -- nichts, alles Ausrede und Wahn! Ihre Ehrlichkeit gestand sich
etwas anderes. Über ihr hatte sich ein Gewitter ausgetobt, in dessen
kalte Blitze sie offenen Auges, betäubt, entgeistert, demütig und
duldend hineingeschaut. Und jetzt war die Wetterwolke vorübergezogen und
hatte gleichgültig die geknickte Flur hinterlassen. Prüfend fuhr Linda
an ihren Gliedern herab, und jetzt erlangte sie endlich die ersehnte
Gewißheit. Alles tot, gebrochen, leblos, ihr blieb nur noch übrig, den
Leichnam einzusargen.

Das war ihr Ziel, ihr letztes. Es stimmte im Grunde mit ihren
Kindheitswünschen zusammen, die von je nach Aufhören und Verstummen
gelangt hatten.

Mit fliegender Hand warf sie noch ihr zerdrücktes Gewand über und
schlich auf den morgengrauenden Gang hinaus. Nicht einmal Zeit hatte sie
sich genommen, die Lederschuhe anzulegen. Doch ihr abgeirrtes Bewußtsein
empfand die Kälte der Steinfliesen nicht mehr. Mit stützender Hand hielt
sie sich an den Wänden, und so schwankte sie ein paar der gewundenen
Treppen hinab. Überall offene Türen, sonst Stille und Lautlosigkeit.
Einmal stutzte sie. Von fern konnte sie in den großen Saal hineinlugen,
in dem sich gestern abend das wüste Zechgelage abgespielt, und eine
flüchtige Sekunde klammerte sich eine jähe Hoffnung an ihr fest, ob der
Abt, der mildherzige, verzeihende Christenlehrer, vielleicht noch
zwischen jenen Mauern ihrer harre. Gleich darauf freilich zuckte sie
schuldbewußt zusammen, und wenn der weite Raum auch nicht so
menschenleer und unrastig gegähnt hätte, die abgründige Scham würde sie
gerade vor dem Angesicht des Priesters in besinnungsloser Flucht
vorbeigetrieben haben. Nein, nein, nur keinem Genossen des Gestern mehr
in die Augen schauen müssen, nur schnell und unbemerkt irgendwo den
Sprung in die fegenden Höllenflammen wagen, damit die Lohe vielleicht
die gräßliche Unsauberkeit läutern könnte. Selbst jetzt, wo ihr
Erdenweilen kaum noch nach Augenblicken zu bemessen war, da preßte ihr
die Scham, eine ganz unausdenkbare, umwühlende Scham, beide Hände vor
das Antlitz, und ein winselndes Stöhnen entrang sich ihrer Brust.

Oh, nur dieser überwältigenden, giftigen Verachtung entfliehen, die wie
ein Regen überall auf sie herniederfiel; nur schnell diesem letzten,
heilsamen Entschluß zustreben, bevor das unschuldige Licht des Tages den
für die Befleckte so wohltätigen Dämmer zerstreute.

Weiter, weiter, die Treppen liefen an ihr vorüber, die Hoftür war nur
angelehnt, und als sie sich über den Wirtschaftsplatz drückte, da
drängte es sich ihr auf, daß auch hier alles Leben erstorben sei.
Nirgends mehr ein Stück Vieh, weder im Stall noch an der Tränke ein
Knecht, öde und ungenutzt lag das alte Gemäuer, und nur der Wind knarrte
ab und zu mit den offenen Türen. Allein gerade jene gespenstische
Verlassenheit nötigte dem Schatten, der hier vorüberstrich, ein mattes
Wohlgefallen ab. Kein Auge, das sie in ihrer früheren Reinheit gekannt,
durfte sich fragend an sie heften, ungestört ließ man das namenlose,
geschändete Geschöpf seines Weges ziehen.

Er führte sie nicht mehr weit.

An der hinteren Umwallung waren in schrägem Anstieg ein paar Stufen in
die Mauer gehauen. Sonst hatte die verwöhnte Herrin niemals diesen
Katzentritt benutzt, nun kroch sie bedenkenlos hinauf und beachtete es
nicht einmal, daß ihr das Mörtelwerk die nackten Füße zerschnitt.
Keuchend, schwankend langte sie auf der Mauerkrönung an. Und sofort fuhr
der Seewind in ihr Gewand und stäubte es auseinander. Ein letzter, vor
Vernichtungstrieb bereits trüber Blick belehrte sie, daß sie an der
rechten Stelle angelangt sei. Unter ihr zog der Burggraben seinen
grünen, fauligen Linsenteppich, bleierner Dunst brach aus ihm empor und
spielte mit den Schatten, die eine Reihe uralter Kastanienbäume vom
jenseitigen Bord über den starren Tümpel warf. Heiseres Froschgequake
klapperte aus dem Nebel, und manchmal huschte es im Sprung über die
Fläche, und die grünen Kugeln strudelten dann im engen Kreis
auseinander.

Ja, sicherlich, hier öffnete sich das abschüssige Tor, hier konnte ein
Wanderer eingehen, der für Vergessenheit und spurlose Entrückung das
Letzte, Äußerste zu zahlen bereit war. Linda griff nach einem
Tollkirschenzweig, der in dem Geröll wurzelte, und während ihre Füße
bereits den Halt lösten, da summte ihr noch wohltätig die Erinnerung
durch die Sinne, daß schon zur Zeit der Fehden gepanzerte Reiter mit Roß
und Speer dort unten von smaragdgrünen Armen ins Bodenlose gezogen
worden seien.

Es mußte ein langes, traumhaftes Sinken werden, und dann würde es sein,
als ob eine ungeheure Faust glättend über eine Unebenheit
dahingestrichen wäre.

Schon strauchelte sie, schon spannte sich die Tollkirschengerte zum
Zerreißen.

Aber es war anders über sie beschlossen.

Kein erschreckter Menschenschrei störte sie, kein schützender Männerarm
fing sie auf, nein, es war nur das Leben selbst in seiner überredenden
Stärke, das auf sie zuschritt, um die Betroffene ein paar Spannen weiter
als bisher in seine schimmernde Vielgestaltigkeit blicken zu lassen. Das
Rad, das so lange einförmig gelaufen war und nun stockte, es empfing
plötzlich einen unbegreiflichen Antrieb nach der entgegengesetzten
Richtung. Hinter den Kastanienbäumen brauste ein Windstoß, ein langes
Summen wühlte sich über das Meer, und dieser seltsame Ruf schleppte die
Aufmerksamkeit der Verlorenen gebieterisch und zwangsweise mit sich.
Sieh dort, welch ein Bild? Auf der Seehöhe, abgehoben von dem blauen
Strich der aus milchigen Schwaden auftauchenden schwedischen Küste,
schwoll der dunkle Leib eines Schiffes. Gewaltig, von nie geschauten
Formen, lag es in dem blauschwarzen Teppich, widerstand sogar dem leisen
Schaukeln der Fläche und stieß zwei riesenhafte Masten in den matten
Silberhimmel. Und jetzt, wehten nicht auch von der diesseitigen Küste
undeutliche Stimmen herauf? In den feuchten Sand hatte sich eine Snyke,
ein großes, weitgebuchtetes Boot, eingebohrt, und Linda, die sich noch
immer an ihren Zweig klammerte, fing auf, wie dort von winzigen
schwarzen Gestalten allerlei Vorrat über die Planken verladen wurde. Oh,
jetzt wußte sie es, dies Besitztum dort unten war ihr eigenes Gut, das
vergewaltigt wurde, ebenso wie es ihr selbst geschehen, und auf dem
Schiff dort hinten thronte ihr Vernichter und spann seine umwälzenden
Pläne. Willenlos ließ sie die Gerte fahren, strich sich die Haare aus
der Stirn und lehnte sich mit einem tiefen Aufatmen zurück, als wenn sie
auf unbegreifliche Weise einen Arm gefunden hätte, der ihr eine Stütze
gewähren müsse. Was war ihr denn nur in diesem flüchtigen Augenblick
widerfahren? Welch seltsame, überlegene Ruhe strömte in sie über? Woher
plötzlich diese Wandlung, die ein und dasselbe Wesen so völlig teilte,
daß das Jetzt das Vorher nicht mehr begriff? Unwillkürlich beugte Linda
sich herab, um angestrengt zu spähen, ob dort unter ihr nicht doch etwas
verschlungen worden sei, was sie kurz vorher noch im Übermaß seelischer
Zerrüttung vor dem Morgen verstecken wollte. Jetzt stieg der rote
Triumphzug herauf, schlug breite Brücken über das Meer bis zu dem fernen
Schiff, und aus dem Wind rauschte eine aufreizende Stimme. Die sprach:

»Was stehst du und fürchtest dich? Wandle über mich fort, denn dort ist
dein Weg.«

Entschlossen richtete sich die Verlassene empor, mit einer
Entschiedenheit, die ihr früher niemals eigen gewesen, und sah erstaunt,
fast gierig in den sich weitenden und breitenden Tag. Trotz der roten
Verklärung zeichneten sich Nähe und Ferne in glasheller Klarheit ab; die
blau und rot geschichteten Linien des Horizontes, die schwarze Wölbung
des Schiffes, das steile Ragen seiner Masten, das kurze Schwellen der
schaumlosen Wogen, das Erschauern der Fläche unter dem Wind, das schräge
Schießen einer Möwenschar, alles erfüllte sich mit Licht und Wahrheit,
es verkündete sich so wirklich und voll Absicht, daß die Zeugin jener
Dinge bestürzt und beinahe hungrig diese klare, fernsichtige, hüllenlose
Welt an sich zog. So hatte sie es nie geschaut. Und dabei versank ihr
das nächste. Sie selbst entglitt sich. Das, was sie gewesen, war
zertreten. Ob jene Vernichtung berechtigt, schlimm oder gut schien,
darüber grübelte sie nicht länger. Was lag wohl daran, ob ein einzelner
in dieser kämpfenden Welt rein oder besudelt einherging? Ob er heute
Fürstenschmuck oder morgen Lumpen trug? Und ob derjenige, der dies alles
gewollt und verschuldet, als ein Elender, Verstoßener gebrandmarkt oder
als sieghafter Empörer dafür gefeiert wurde? Was lag an diesem oder
jenem, mochte er noch so fürchterlich wüten? Aber -- und die Erkenntnis
einer neuen, sie völlig überwältigenden Offenbarung leuchtete in die
fernsten Winkel ihrer wie von Spinnweben sich befreienden Seele -- hilf
Himmel, dort hinten das gewaltige Schiff führte ja eine köstliche, noch
nie an die Welt verschenkte Ladung! Linda mußte sich wieder an das
Tollkirschengestrüpp lehnen, denn ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und
ein sehnsüchtiges Verlangen überglänzte ihr totenblasses, vernichtetes
Antlitz. Wie war denn das? Das Schiff schwamm ja nicht allein auf den
Wassern, es durchsegelte die Luft und fuhr durch Städte, Dörfer und
Geister, weil es von dem Herzblut der Armen und Verlassenen getragen
wurde. Es war eine Erlöserbarke und verschloß den Gedanken eines
Menschengottes, gewoben aus Mitleid und Kraft. Hilf Himmel! Die Erde
mußte bald auftauchen aus der Sündflut ewigen Jammers, der Unsegen und
die Ungerechtigkeit vertrieben werden, aus Haßerfüllten und Mordgierigen
sollten die sanften Triebe wieder aufblühen, die der Ewige im Anfang in
sie gepflanzt, und um alles Lebende sich ein weiches, goldglitzerndes
Band schlingen, das Herz an Herzen schloß.

Wer es auch verkündete, der Wille war überirdisch. Er blendete ihr die
Augen. Diesem Gedanken war sie geopfert worden, als die Angehörige einer
Versippung, die ihn nicht mehr fassen konnte, doch deshalb gehörte sie
auch jenem Gedanken. Er war das einzige Besitztum, das ihr geblieben,
und darum durfte sie nicht untergehen, bevor sie nicht einen Strahl der
Erfüllung aufgefangen.

Hilf Himmel! Sie war hingemordet und neu geboren, geschändet und
gleichzeitig getauft in dem lodernden Geist, der dort draußen über die
Wasser glühte, und mit einem trunkenen Schrei löste sie sich von der
Mauer und taumelte über die Stufen in den Burghof zurück, das Eigentum
einer fremden, sie unterjochenden Gewalt.

       *       *       *       *       *

In dem leeren Kastell wurden Türen auf- und zugeschlagen, eine
fieberische Hand suchte, riß an sich und fand, und eine kurze Weile
später sahen die Männer an dem Boot, da man es gerade tiefer in die Flut
hinabdrückte, wie sich ihnen ein junger, schlanker Bursche in der
schwarzen Dänentracht näherte.

»Kuck,« zeigte der Bootsmann Wulf Wulflam und schob seinen schweißigen
Stiernacken vor, »da kommt einer, ist nicht ausgekniffen! Was mag das
Kindlein wollen?«

Auch die anderen Matrosen hielten breitbeinig in ihrer Arbeit inne,
stemmten die Fäuste in die Seiten und wunderten sich, woher wohl der
blasse blonde Fant den Mut aufgebracht, sich so zutraulich ihrer Rotte
zu überliefern, die mit Spähern und Kundschaftern nicht gerade viel
Federlesens zu machen pflegte.

»Potz Marter,« witterten ein paar der ausgepichten Spürnasen. »Kuckt,
die Hüften und das Beinwerk. Gebt Achtung, da stimmt was nicht.«

Und da meckerte auch schon der Bootsmann aus vollem Halse, kniff die
Augen zusammen und legte seinen schweren Arm prüfend um die Schulter des
Ankömmlings.

»Bist ein Bürschlein, Feintrauter?« schmunzelte er. »Oder ein
Jüngferlein? Sag mir's ins Ohr. Was willst du?«

Der Bursche wurde noch um einen Grad bleicher, aber er nahm sich
zusammen und zwang seine sanfte Stimme zur Festigkeit, als er erwiderte:

»Wenn du ein Mensch bist, so leite mich zu deinem Herrn. Ich will bei
euch bleiben und mit euch ziehen.«

»Viel Ehre, wahrhaftig.« Der untersetzte Kerl vollführte eine spaßhafte
Verneigung, dann zwinkerte er noch unverschämter mit seinen
verschwollenen Augen, winkte jedoch mit beiden Fäusten seine höhnenden
Gefährten zur Ruhe. »Halt's Maul, Gesindel. Siehst du nicht, daß ein
fürnehmer Junker sich zu uns herabläßt? Eia, welch feines Tuch und welch
ein geschorenes Krägelchen!« Er leckte sich die wulstigen Lippen und
schlürfte vor Wonne. »Potz Belten, und wie gerade und voll sich die
hübschen Beine runden! Traun', wer möchte sich nicht solch einen holden
Schatz zum Freund wünschen?«

Spürend, tapsig ließ er die Hand an der Weiche des jungen Dänen
herabgleiten und begriff es wohl selbst kaum, wieso ihn ein
verzweifelter Stoß dieser kleinen, kraftlosen Jungenhand so überraschend
zurückschleuderte. Aber während der Ungeschickte unter dem schadenfrohen
Gewieher seiner Gesellen bis an den Bordrand stolperte, wo er endlich
einen Halt fand, wirkte der versteinerte Ernst in den Zügen des Knaben
doch so wunderlich auf den Seemann ein, daß er mürrisch von seinen
unangebrachten Scherzen abließ.

»Weißt du auch, Milchbart,« brummte er warnend, wobei sein Blick noch
einmal die weichen Formen des Fremden betastete, »was geschieht, wenn du
keine Gnade bei uns findest? Dann wirst du kopfüber ins Meer gestürzt.
Denn nur die Stummen halten reinen Mund.«

»Das schreckt mich nicht,« entgegnete der Däne mit einer seltsam bangen
Stimme. »Ich habe keinen Namen, keine Heimat und keine Ehre.«

Der Bootsmann fuhr auf, um ihn herum waren die Leute still geworden.

»Steig ein,« murmelte er nachdenklich, »dann gehörst du vielleicht zu
uns. Solchen Burschen haben wir schon geholfen.« Hilfreich bot er dem
Knaben die Hand, wenige Augenblicke später knirschte das Boot in die
Fluten hinaus, hinter seinem Kiel schrumpfte die menschenleere Küste,
und nur das ausgeplünderte Kastell hob sich schärfer über die Gegend,
als wenn es aus seiner Starrheit erwache, um ein rächendes Leben zu
gewinnen.

       *       *       *       *       *

Unter dem mächtigen Kriegsaufbau am Heck stiegen sie eine breite Treppe
hinunter. Dann hob sich ihnen eine eisenbeschlagene Tür entgegen, und
davor stand ein bärtiger Matrose, den Spieß aufgerichtet, die Linke auf
ein kurzes Schwert gestützt. Er hielt die Wacht.

»Laß das Bürschlein ein, Tielo,« vermittelte der Bootsmann, der hier
zögerte. »Mich dünkt, Claus kennt es schon,« wollte er zweideutig
hinzusetzen, aber von einem dieser erdenfernen, unglücklichen Blicke
getroffen, verbesserte er sich und polterte ungeduldig heraus: »Laß es
ein. Es wird Claus Spaß machen. Geh, Bürschlein.«

Vorsichtig öffnete er die Flügel nach innen, der Tag schwand zurück, und
eine bläuliche Dämmerung empfing die Eintretende in dem tiefen,
langgestreckten Raum. Beruhigtes, sattes Morgenlicht floß durch zwei
kreisrunde Löcher, deren Bretterverschläge zurückgezogen waren, und die
blaue Abspiegelung der See verlieh dem teppichbelegten, fürstlich
geschmückten Saal etwas Kühles und Fröstelndes. Aber es war nicht diese
Wahrnehmung allein, die dem blonden Weibe in Knabentracht, das doch von
ihrem Dämon unerbittlich hierher getrieben worden war, das Herz
erstarren ließ, nein, als es nicht weit von sich, dicht unter der einen
Fensteröffnung, einen überlebensgroßen Mann auf seinem Ruhebett lagern
sah, den Frevler, der es hartherzig zertrümmert hatte, da bäumte sich
sein besudeltes Magdtum in seiner ganzen Qual und Zerrissenheit auf,
Leichenblässe bedeckte es, und wie ein schwerer Stein brach es in die
Knie, um starr und sprachlos liegen zu bleiben. Im selben Augenblick
wurde jedoch auch der Ruhende durch den dumpfen Fall aufgeschreckt.
Unwillig über die Störung wandte er seine Aufmerksamkeit von einer in
rohen Strichen gezeichneten Seekarte ab, die ihm gegenüber an der Wand
angebracht war. Aber kaum hatte er sich halb emporgerichtet, da krampfte
er in jähem Erkennen eines der Kissen zusammen und eine hitzige Welle
spritzte ihm ins Antlitz. Das Bild des knienden Wesens offenbarte sich
ihm so überraschend und unglaubwürdig, es warf ihm seinen eigenen Frevel
so wild ins Antlitz, daß er zuvörderst seine herrische Sicherheit
einbüßte, und ein widerspruchsvoller Grimm gegen die Mahnerin seine
Brauen zusammenschnürte.

»Was willst du?« drohte er in ersticktem Zorn. »Wer ließ dich ein?«

Keine Güte verkündete sich in den heftig hervorgestoßenen Worten, nicht
ein Schatten von Reue, nur der verletzte Übermut eines jede
Verantwortung Verschmähenden tobte sich hier aus. Aber gerade diese
helle, schneidende Stimme riß Linda aus ihrer demütigen Stellung empor.
Wie ein Pfeil fuhr es ihr durch den Sinn, daß der Mann auf dem Lager ein
bedenkenloser Übeltäter sei, daß er nichts Heiliges an sich trage als
seinen fremdartigen, erlösenden, umwälzenden Gedanken, und daß auch
dieser nur durch ein unerklärliches Wunder gerade in seine kalte,
spiegelglatte Schale verschwendet sei. Und fieberisch getrieben, sich
wenigstens das letzte zu retten, was ihr noch von Hoffnung, Himmel und
Jenseits übriggeblieben, sich nicht ausschließen zu lassen von jener
Gnadenfreistatt, die hier allen armen Seelen gepredigt wurde, erhob sie
sich und trat dem Gefürchteten stockenden Schrittes entgegen. Ihre
blauen Augen drängten sich suchend, flehend, jeden Widerspruch von
vornherein fortstreichelnd, in die seinen.

»Du hast mir alles genommen, Claus Störtebecker, selbst den Winkel, wo
ich mich verbergen kann,« sagte sie mit einem unausweichlichen, bebenden
Ernst, von dem sogar ihr Zuhörer gebändigt wurde. »Du hast mich getötet,
obwohl ich dir nichts Übles sann, da ich dich zuvor kaum zweimal
geschaut. Aber sieh, das, was besser ist als du, dein Werk, diese letzte
Zuflucht der Gemißhandelten und Niedergebrochenen, sie kannst du auch
mir nicht verschließen. Der Heiland spricht nicht mehr zu mir. Aber in
deiner Hand leuchtet ein Licht, das mich beseligt. Laß mich dir dienen,
Claus Störtebecker, laß mich dir dienen, damit ich den Tag schaue, wo du
das Licht zu den Unglücklichen trägst. Denn dies ist der Tag der
Auferstehung.«

In ihrer Stimme demütigte sich die ganze Zerbrochenheit eines jämmerlich
zugerichteten Wesens, aber zugleich griffen aus jedem Wort zwei flehende
Hände in letzter Angst nach einem schwanken Lichtstrahl, als ob er
zwischen ihren Fingern zu einem rettenden Seil werden könnte. Der Mann
jedoch, ihr Verderber und Zerstörer, von dem ihre hingenommenen,
betäubten Augen meinten, daß ihm das weisende Licht in der Rechten
flackere, er sprang finster auf, und während er ungehalten das Haupt
schüttelte, da stritten sich in ihm niederdrückende Verlegenheit mit der
peinlichen Abneigung, seinem lebendig gewordenen Frevel Rede und Antwort
stehen zu müssen. Dergleichen war der selbstherrliche Genießer nicht
gewohnt. Alle Weiber waren doch nur dazu geschaffen, damit sie auf
weichen Kissen der darbenden Lust Genüge täten. Was verschlug es, ob sie
unter geschwungenen Weihrauchfässern hingenommen wurden, im Taumel des
Weines oder einer überrauschenden Siegerlaune? Nein, nein, den
unbequemen Vorwurf wollte er nicht an seiner Seite dulden.

»Weib,« klang es scharf und hitzig von seinen Lippen. »Du träumst. -- Das
Freibeuterschiff ist kein Platz für Frauentränen. Hier fließt Blut.
Nicht zum Scherz nennen wir uns 'aller Welt Feind'.«

Allein Linda senkte nicht ihren ernsten Blick.

»Ich weiß,« entgegnete sie ohne Zaudern, »du bist ein Feind der
verdorbenen Welt. Jedoch, Claus Störtebecker, auch ich habe meine alte
Welt abgestreift. Und du darfst es mir glauben, ich will nicht ruhen
noch rasten, bis ich, gleich euch Männern, nur noch das Flammenzeichen
vor mir schaue, auf das ihr zufahrt.«

»Weib, Weib,« unterbrach hier der Admiral mahnend und ungläubig, und
doch geschah es nur, um zu verbergen, wie sehr er von der sehnsüchtigen
Hingabe dieses fremden Geschöpfes getroffen wurde. Unruhig durchmaß er
den weiten Raum, bis er plötzlich hart vor dem dänischen Knaben stehn
blieb. In seinem schmalen Antlitz zuckte jene wilde Entschlossenheit,
die stets seine Züge spannte, wenn es zu Streit und Kampf ging. »Weib,«
drohte er sonder Rücksicht noch Scham. »Was verstecken wir uns
voreinander? Dir ist übel von mir mitgespielt worden. Und ich weiß nicht
einmal, was mich dazu trieb. Ob nur der Weindunst oder die Freude daran,
deiner Patronin einen Streich zu versetzen. Aber jetzt täusche dich
nicht. In mir gibt es keine Bereitwilligkeit, das Begangene wieder
gutzumachen.«

Totenblaß warf der Knabe die Hand vor, allein seine Finger wurden von
dem Seemann ergriffen und beiseite gepreßt.

»Mein Leben wird kurz sein,« hastete er weiter, »und ich will es mir
nicht durch deinesgleichen mindern lassen. Zahlreich schlüpft ihr durch
meine Hände, was seid ihr mir?«

Aufgebracht, erzürnt stand der Hochgewachsene vor ihr, als sei er es,
der grimme und berechtigte Vorwürfe über die Zudringliche ausschütten
dürfe, weil eine Fremde sich unterfinge, sein Dasein zu beladen oder dem
Ungebundenen eine Richtung weisen zu wollen. Dazu hielt er noch immer
die Hand des Knaben in der seinen und umspannte sie, daß die Blonde
einen leisen Wehruf nicht unterdrücken konnte. Und doch, die verletzende
Offenheit des wilden Menschen, die das klägliche Schicksal einer
Vernichteten erst in seiner ganzen kargen Armut enthüllte, gerade diese
schonungslose Roheit, sie ließ die Edelingstochter einen Rest ihres
alten angeborenen Stolzes wiederfinden, das Bewußtsein ihrer geraden,
rechtlichen Art.

»Was sprichst du von anderen Weibern?« beharrte sie fest. »Begreifst du
nicht, daß du mich für immer hinweggelöscht hast? Sei gewiß, niemals
werde ich dich an mein Wesen erinnern, aber auch nicht dulden, wenn es
im Gedächtnis anderer wieder auflebt. Zudem in der Stunde der Gefahr
bietet das weite Meer ringsum für jeden Mutigen eine Freistatt.«

Ruhig entzog sie dem Admiral ihre Hand und lüftete die Kappe von ihrem
Haupt. Und jetzt bemerkte der Erstaunte erst, wie ihre Haare kurz
abgeschnitten waren, gleich denen eines Knaben. Kopfschüttelnd, mit
einem halben Lächeln über die Zähigkeit ihres Willens trat der
Störtebecker zurück. Sein Gast aber sprach mit unvermindertem Nachdruck
weiter:

»Darum, noch einmal, Claus Störtebecker, dulde mich. Denn mir ist es,
als ob mein Leben erst enden könnte, nachdem ich das Glück der vielen
Tausende geschaut habe, um derentwillen du geboren bist.«

Es lag ein solcher fernseherischer Glaube in dieser Bitte, daß er jedem
anderen an die Seele gerührt hätte. -- Claus Störtebecker indessen
begann plötzlich zu lachen, streckte sich auf das Lager, und indem er
bequem das Haupt aufstützte, warf er hin:

»Sage mir, wie heißt du, Büblein?«

Obwohl sie alle Kraft aufbot, errötete doch die Gefragte.

»Linda,« entgegnete sie, an sich herabschauend.

»Gut,« lobte der Admiral und betrachtete neugierig die ranke Gestalt,
»so will ich dich Licinius taufen.« Und auf ihren verständnislosen
Ausdruck setzte er angeregt hinzu: »Merke dir, dein neuer Schutzpatron
war im alten Rom einer von jenen, denen weder Suppe noch Braten
schmecken wollte, solange die Hungrigen in ihren Pesthöhlen verfaulte
Tiberfische fressen mußten. In dir sitzt von dem Mann etwas, das ich
gern habe. Und nun suche dir hier ein Loch zur Behausung. Was schiert es
mich? Es waren schon viele Weiber auf dem Schiff. Du magst bleiben,
solange deine Grille zirpt oder es dir sonst Spaß bereitet. -- Geh,
Licinius.«


  Ende des ersten Bandes.



   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --



Claus Störtebecker

Zweiter Band



   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Das dritte Buch

[Illustration]


    -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --



I.


Von ihrem roten Gefieder getragen, glitt die »Agile« durch Tag und
Nacht. Geschmeidig, zuverlässig, wie ein nimmermüder Läufer rannte das
Schiff über die blaue Ebene, und sein Erbauer mußte einen eigenen Zauber
in den Kiel gesenkt haben, denn es war befähigt, durch eine unscheinbare
Schwenkung mühelos den Zusammenrottungen größerer Flotteneinheiten zu
entgehen, wie sie sich jetzt auffällig oft auf der Ostersee zu zeigen
begannen. Über die Wasser mußte bereits das Gerücht von der Untat auf
Ingerlyst schwirren. Mehrfach am Tage wurde die Kogge von allerlei
Schiffsgemeinschaften angerufen. Dann bemerkte Linda, die in ihrer
schwarzen Knabengewandung hinter dem hohen Bord lehnte, um in das ihr
unbekannte Fluten und Schwellen des Seeverkehrs zu starren, wie unter
die Freibeuter eine wilde Bewegung geriet. Dunkle Haufen rotteten sich
auf den Kriegsaufbauten über dem Bug oder hinten über Steuerbord
zusammen, verborgen spannten sich die Armbrüste, die Geschützbedienung
trat unten im Raum hinter die drei Lederschlangen, und während
unheimliche Ruhe herrschte, kletterte gewöhnlich der Bootsmann Wulf
Wulflam in den mannshohen Mastkorb, um von dort faustdicke Lügen auf die
Wißbegierigen hinabzuschleudern. Bald nannte er sein Schiff »Roi de
France«, bald »Die Perle von Brügge«, und die Flaggen, die er aus
Leibeskräften schwenkte, nahmen ebenso phantastische Farben an wie seine
Auskünfte über Ziel und Ladung des Seglers. Rückten darauf die fremden
Schiffer mißtrauisch und unbefriedigt näher, dann fing mit einemmal die
Erfindung des Störtebecker an zu spielen. Eine Hebevorrichtung trug die
Lederschlangen mitsamt den Bombardierern auf den Aufbau über dem Bug,
und der Donnergruß aus den drei Mäulern vertrieb den Neugierigen weitere
Fragen. Um Linda herum aber gellte der höllische Triumph der Freibeuter.
Bei solcherlei unbedeutenden Scharmützeln pflegte sich der Admiral fast
niemals zu zeigen. So oft der Blick des Knaben ihn suchte, immer mußte
er sich überzeugen, daß der Befehlshaber den Seinen unsichtbar das
stolze Fahrzeug lenkte. Fremd und hochmütig vermied er die Gemeinschaft
mit dem Seevolk, und Linda entdeckte, daß dieser Schwarzflaggenfürst
einen Wall um sich gezogen hatte, über den keiner seiner Untergebenen
hinüberzuschauen wagte. Dafür raunten sie sich über ihn allerlei
geheimnisvolle Geschichten ins Ohr. Der Aberglaube der Schiffer spann
bereits bunte Fäden um den Lebenden. Daß er eine Hexensalbe besitze, die
ihn schußsicher mache, das brauchte nicht einmal der halbwüchsige
Schiffsjunge zu versichern. Viele hatten sie selbst gesehen. Bei
Mondenwechsel bestrich sich der Herr mit ihr den nackten Leib. Und dann
wurde er wieder jung und schön, der scharfe Zug um seinen herrischen
Mund verschwand, und in sein Lachen fuhr jener silberne Klang, der die
Herzen betörte. Ferner -- ihr wißt es wohl -- sieben Höhlen eignen ihm
in aller Herren Länder. Von unten bis oben vollgestopft mit den
herrlichsten Kostbarkeiten. Er ist der reichste Mann der Erde. Hat er
doch einmal gewettet, er könne die Ostersee durch eine goldene Kette in
zwei gleiche Teile scheiden! Aber was bedeuten solche Nebendinge? Die
Hauptsache bleibt, der wilde Claus steht in Beziehungen zur Geisterwelt.
Er hat einen Pakt. Und das ist gut für die Schwarzflaggen, darauf bauen
sie. Ein graues Männchen, ein Rauch, fährt manchmal zu Claus herab; dann
verschließt sich der Admiral einen Tag und eine Nacht in seine Kajüte,
selbst der wachthabende Matrose muß abziehen, und mit Grauen hört man
zuweilen auf dem Verdeck, wie der Störtebecker stöhnt und ächzt, weil er
mit dem Kobold ringt, um ihm die Zukunft zu entlocken. Erscheint der
Anführer am nächsten Morgen wieder auf Deck, so sieht er totenblaß aus,
die schwarzen Augen stehen ihm wie zwei glanzlose Brunnen, denn in ihnen
hat sich die Zukunft gespiegelt, und sie können sich an das Licht der
Erde nicht so schnell gewöhnen. Angstvoll stiebt in solcher Stunde das
Schiffsvolk vor dem Gezeichneten auseinander, ein weiter Umkreis bildet
sich um ihn, und wen er anruft, der zittert und bekreuzigt sich
heimlich. Nur das Hechtkreuz, das man auf der bloßen Brust trägt,
schützt vor dem leeren, erfrorenen Blick. Wer kann aber auch wissen, mit
wem der Geisterbanner die Nacht verbrachte? Es braucht durchaus kein
ehrlicher Christenalp zu sein. Vielleicht war's der Teufel Odin, der ja
gleichfalls um die Zukunft weiß und noch lange nicht tot ist. Brand und
Not, das Christentum gilt nicht immer!

       *       *       *       *       *

Es traf sich, daß sich der forschende Blick Lindas in solcher Stunde der
Einsamkeit mit dem des Anführers verfing. Aufgerichtet lehnte der
Störtebecker am Hauptmast, flatternd wehten ihm die braunen Haare um die
Stirn, aber während seine sonst so blitzenden Augen wie geblendet mit
der Weite stritten, da dämmerte eine derartige Blässe auf seinen Wangen,
daß das Mädchen, von einem plötzlichen Mitleid erfaßt, auf ihn zutrat.
Sie wagte, was noch kein anderer sich unterfangen.

»Bist du krank?« fragte sie hastig.

Es war das erste Wort, das sie nach jenem Zusammentreffen in der Kajüte
mit ihm gewechselt. Allein ihre Barmherzigkeit fand keine günstige
Stätte. Wie von einem Stich getroffen fuhr der Admiral empor, und ein
abgeneigter, widerwilliger Zug grub sich um seinen Mund, da er sie
kaltherzig von sich wies.

»Torheit,« herrschte er sie an, »um was kümmerst du dich? Wir brauchen
hier keine Quacksalber. Scher dich an deine Stricknadeln.«

Dazu streifte sie ein Blick voller Fremdheit und Geringschätzung, der
ihr bewies, wie überflüssig ihre Gegenwart von dem Befehlshaber noch
immer gewertet wurde. Eine Last, ein Vorwurf blieb sie ihm, deren
erzwungene Duldung er sich wohl selbst nicht verzieh. Und doch war
Licin, wie der Knabe allmählich auch seitens der Mannschaft genannt
wurde, von dem schmunzelnden Schiffsvolk dazu ausersehen, für die
persönlichen Bedürfnisse des Admirals zu sorgen. Ohne daß es der
Störtebecker sonderlich bemerkte, wurde sein fürstlicher Hausrat von
ihrem gefälligen Geschmack in Ordnung gehalten, ja, gleich einem
Edelknaben trug sie dem Gebieter täglich sein Mahl auf. Dafür lohnte ihr
wohl manchmal ein lässiger Wink, doch duldete Claus ihre Gesellschaft
nie länger, als ihr Dienst unbedingt erforderte. Schweigend, gestört sah
er den schlanken Knaben bei sich eintreten, und es geschah fast immer,
daß er ihm mitten im Werk ein ungeduldiges Zeichen gab, sich
zurückzuziehen.

So flog die »Agile«, von dem Willen ihres verborgenen Lenkers
angetrieben, ihrem Ziel entgegen, und schon begann die Mannschaft zu
munkeln, daß der Admiral die Stadt Wisby auf Gotland zum Ankerplatz
bestimmt habe, jenes ehemalige weltbekannte Handelsemporium, das die
Freibeuter seit geraumer Zeit durch einen Handstreich in ihre Gewalt
gebracht. Dort, so versicherten einige besonders Kundige, sollte sich
etwas ganz Ungewöhnliches ereignen. Doch worin diese Überraschung
bestehen könnte, darüber gingen die Meinungen weit auseinander;
vielleicht handelte es sich um erneute Feindseligkeit gegen die Flotte
der Königin, vielleicht winkte der unglücklichen Stadt abermalige
Brandschatzung, denn der Admiral besaß keinen Vertrauten für seine
Pläne.

Allein, bevor das Schiff noch seine Anker im sicheren Hafen barg, da
sollte Linda begreifen lernen, welch blutigem Handwerk sie das Glück
kommender Geschlechter anvertraut wähnte. Eines Nachts lag sie in ihrem
Verschlag unter dem Steuerbordaufbau, den man ihr als besonders luftig
angewiesen, und ein wilder Traum hatte seine haarigen Arme um ihre
Hüften geschlagen. An die Schiffswand plätscherten dazu die Wogen, wie
ferner Gesang.

Da wurde heftig an die Bretter des Verschlages gehämmert, und als sie
angstvoll und noch in halber Betäubung auffuhr, da hörte sie die rauhe
Stimme ihres Nachbarn Wulf Wulflam durch die Ritzen hindurch, sie solle
sich ankleiden, es sei nicht geheuer! Schon gellten in ihre sich mühsam
zurechtfindenden Gedanken von allen Seiten schrille Pfeifentriller
hinein. Ehe sie in ihrem Taumel die Gewandung aufstreifen konnte, merkte
die Betroffene bereits, wie sich von Minute zu Minute der Lauf der
»Agile« verminderte, und über ihrem Haupte vernahm sie die dumpfen
Tritte vieler Männer. Notdürftig bekleidet entstürzte sie ihrer Kammer.
Über der See graute gerade der Morgen. Ein ungeheurer, bleierner
Schatten lag dem Admiralsschiff dicht zur Seite, unbeweglich aufgebaut,
als ob das eigene Spiegelbild des Seglers aus den Wassern aufgetaucht
sei. Auch von dort drüben quirlte und rasselte es, und an den
nebelhaften Masten kletterten dunkle Punkte empor, für den hinstarrenden
Knaben riesenhafte Spinnen, die dicke Stricke zu einem unheimlichen Netz
verknüpften. Woher aber drang diese markerschütternde, übermenschliche
Stimme durch die Lüfte? Der unter die Freibeuter Verschlagene hatte
noch nie die Laute einer Sprachdrommete aus nächster Nähe aufgefangen,
jetzt glaubte seine zitternde Seele, nur aus der Brust eines
menschlichen Ungeheuers könnten solche schreckhaft verstärkten Töne
ausgestoßen werden. Und doch, durchdringend verständlich klang es, was
die geisterhafte Stimme durch den Seequalm dröhnte, und obwohl jede
einzelne Silbe gleich einem Schlag gegen das Ohr des Knaben hämmerte, so
verstand er doch recht gut, wie von dort drüben in französischer Sprache
gefordert wurde, der verdächtige Segler möge sofort beilegen, um sich
einer Untersuchung seitens des »Le Connetable« zu fügen.

Hier nahte ein Unheil, das empfand Linda an dem unbeherrschten Beben
ihrer Glieder, Untergang und Henkerschande schüttelten bereits ihre
Häupter, und trotzdem starrte sie in fieberhafter Spannung auf den
gewaltigen Schatten, der immer wuchtiger die Morgennebel zerteilte. Um
sie herum regte sich nichts, alles stand gebannt auf Posten, kaum ein
Flüstern schlich unter der Mannschaft der »Agile« umher.

Da -- mitten aus der gepreßten Stille schwang sich plötzlich jene
Stahlstimme empor, die allen wie ein glühender Trunk durch die Adern
schnitt, und sofort erleichterte ein einziges Aufatmen die Brust des
bedrohten Schiffes. Da -- dort -- der Admiral -- Claus -- der
Störtebecker lehnte am Hauptmast seines Fahrzeuges, und als ihn seine
Gesellen gewahrten, den einzelnen Mann, das feine Linnenhemd offen über
der nackten Brust, die derben ledernen Schifferhosen eng um die Knöchel
geschnürt, den langen Hieber aber in den verschränkten Armen, da
vergaßen sie die noch eben geübte Vorsicht, und ein toller Jubelruf
brauste in den kühlen Wind, der spöttisch mit den Locken ihres Führers
zauste.

Der Störtebecker ergriff ein Sprachrohr.

»Connetable heißt du?« rief er gleichfalls durch das Mundstück. »_Mort
de Dieu_, seit wann kriechen die Seidenwürmer von Lyon in unsere Töpfe?
Hat Charles, euer geistesverwirrter König[*] Leibweh bekommen, daß er
meint, die Schiffe der Ostersee ständen ihm offen wie sein Nachtstuhl?«

  [*] Karl VI. von Frankreich.

Darauf von drüben:

»Klärt eure Ladung. Zeigt die Briefe eurer Patrone.«

Darauf der Störtebecker:

»Knurrt's euch im Magen, ha, ha, dann freßt den Mörtel eurer Bastille.
Dürstet euch aber, so leckt den Panzerschuh eurer Peiniger. Erbärmlich,
geknechtet Volk, wie maßt du dir Richterspruch an über windfreie Leute?«

Darauf von drüben: »Wir haben Kriegsgerät. Nenn' deinen Namen, Mensch,
sonst hängst du in Frist eines Atemzuges mitsamt deiner Mannschaft.«

Darauf der Störtebecker mit einem gellenden Lachen:

»Meines Namens lüstet euch? _Cachez vous sous les lits de vos
bien-aimées._[*] Seidene Höschen, ihr werdet schmutzig werden, wenn ihr
meinen Namen hört. Es liegt etwas drin, um den Durchfall zu kriegen.«

  [*] Schert euch unter die Betten eurer Liebsten!

»Bist du etwa der Störtebecker?«

Noch war die Frage nicht verhallt, da brach die Mannschaft der »Agile«
in ein trotziges Kampfgeschrei aus, denn schon der Name ihres Helden
trieb ihr das Blut ungestümer durch die Adern. Zugleich aber sah Linda,
die vor Erregung ihrer selbst nicht mehr mächtig war, wie die
überlebensgroße Gestalt des Admirals, jede Vorsicht vergessend, auf den
Bugaufbau hinaufflog, um dort, scharf gerändert von dem ersten
Morgenrot, seinen Hieber gegen die fremde Kogge zu schwingen. Eine
solche Gewalt ging von dem halbnackten Menschen aus, daß auf beiden
Seiten sofort eine erzwungene Stille eintrat.

»Franzosen,« schmetterte die helle Stimme, »ja, der Störtebecker spricht
zu euch. Meine Flagge ist schwarz, weil ich um das Leid der geknebelten
Erdvölker traure. Was seid ihr anderes als wir -- zertretene Halme unter
dem Eisenschuh eurer Unterdrücker!? Die Ebenen zwischen Loire und Somme
-- wir wissen es wohl -- liegen verödet, eure Städte wurden durch Hunger
und Pest entvölkert, eure Bauern leben als Räuber in den Wäldern, damit
die Seidenwämser behaglich in eurem Schweiß baden können! Sperrt eure
Augen auf und seht mich an. Ich bin gekommen, um den Fluch der
Völkertrennung fortzuwischen. Wenn ihr Mitleid empfindet mit euren
Kindern und Enkeln, oh, dann kommt zu mir, ihr armen, blutig
geschundenen Tiere, kommt zu den gleich Elenden, auf daß wir zusammen
das Reich der Gotteskinder begründen. Brüder, denn das sind alle
Gemißhandelten und Geplagten, zerbrecht die gepinselten Lügen eurer
Schlagbäume, das menschliche Herz kennt keine Grenzen, und wenn ihr mich
liebt, wie ich euch, frisch, dann bindet eure Patrone an die Masten und
folgt mir nach Wisby. Dort, mögt ihr wissen, dort sollen die Nägel der
Armen aus der Erde scharren, was man euch jahrtausendelang begrub
-- Gerechtigkeit.«

Es war wieder, als ob der Mensch dort oben völlig allein Zwiesprache
hielt mit der Sonne oder dem Meere. So herausgehoben ragte er in das
Grenzenlose hinauf. Hunderte von Augen hoben sich ihm inbrünstig
entgegen. Hunderte von Herzen schlugen unwillkürlich heißer, obwohl ihr
enger, unbelehrter Verstand diesen vorausgeeilten Geist nicht begriff.
Nur vor dem blonden Dänenknaben zerfloß die Gefahr, ja die Planken des
Schiffes schwanden ihm unter den Füßen, denn er allein nahm wahr, wie
die riesige Gestalt dort oben in die Glorie des Morgens hinaufwuchs, er
allein ahnte etwas von der glühenden Aufrichtigkeit der Verkündung, und
ein ungeheures Glücksgefühl überwältigte die ergriffene Seele und trug
sie verbrüdert bis zu den Füßen dieses Sehers. Was machte es, daß sich
vielleicht bald Untergang und Tod auf den Wogen heranwälzten, was galt
noch ihre eigene Schmach und Verelendung, seit sie die Gewißheit erlangt
hatte, daß sie in die Gefolgschaft eines Schicksalgesandten aufgenommen
sei, über dem sich jetzt schon das Tor der Zukunft in Firmamenthöhe
wölbte? Der dort oben war aus dem Geschlecht des entschwundenen
Christus, aber statt des Hirtenstabes schwang er ein Schwert, in dem die
Strahlen der Morgensonne vielfarbig widerblitzten.

Ein hartes Geräusch knarrte in die Schwärmerei der Hingerissenen hinein.
Eine Bordschwelle des »Connetable« war plötzlich zurückgeschoben worden,
und zwischen den Mäulern von zwei riesigen Eisenschlangen zeigte sich
die zierliche Gestalt des französischen Kapitäns. Ein vornehm
gekleideter Herr war es, mit einem schwarzen Spitzbart, und der Fremde
rief scharf und abgehackt herüber:

»Hör auf mit deinem Gewäsch, deutscher Dieb und Galgenvogel. Wir kennen
das verlogene Gefasel, durch das du deine Büberei bemänteln möchtest.
Nur noch eines, bevor wir dich henken. Der Königin Margareta erhabene
Majestät hat 50 Goldgülden auf dein vogelfreies Haupt gesetzt. Du weißt
warum, Mädchenräuber. Und deshalb magst du entschuldigen, warum ich,
obgleich ein Edler von Armagnac, mich so weit erniedere, das Kopfgeld an
dir verdienen zu wollen«.

Zwei düstere Glimmkäfer krochen während der letzten Worte auf die
Schlangen, im nächsten Augenblick brach Feuerodem aus ihren Rachen,
zwei unförmige Steinkugeln donnerten auf das Deck der »Agile«, rissen
den jenseitigen Bord in Stücke, und auf der weit auseinandergefegten
Gasse wälzten sich eine Anzahl zerrissener Leiber. Blut spritzte um den
Mast, dann ein Stoß, die Rippen des verwundeten Schiffes stöhnten, ein
Schwarm von Flugbolzen zischte unter die schreienden Freibeuter, und
über die Enterbrücken stürzte es heran, ein Gewoge wütender, verzerrter
Gesichter, ein Busch gebeugter Spieße streckte sich wie unter
niedermähendem Wind, und zwischen den Hämmern der blutigen Walkmühle
stieg der widerliche Ruch des Mordes gen Himmel.

Wo sich Linda befand, das wußte sie von jetzt an nicht mehr. Mitten in
dem wüsten Gedränge wurde sie vorwärts geschoben, ein Schlag traf ihre
Brust, krampfhaft gekrümmte Finger krallten sich im Fallen in ihre
Locken, Gekreisch und Gebrüll lähmten ihr Gehör, nur eines vermochten
ihre entgeisterten Sinne festzuhalten, das goldige Schwertgeflimmer auf
dem Bugaufbau. Merkwürdig, dort oben lachte etwas, ein fürchterliches,
brennendes Gelächter, das die Nüchternsten umwerfen und toll machen
konnte. Ein regelmäßiger Blitzkreis trug sich dort langsam vor, und in
jenen sprühenden Reifen wurde alles eingesogen, Freund und Feind, als ob
trunkenen Motten befohlen wäre, sich in jenen Feuerstrudel zu stürzen.

Noch ein paar taumelnde Schritte, immer näher, immer überzeugter und
verwegener tönte das seltsame Lachen, dann ein gelles Aufkreischen der
Angst, wie es Tiere vor dem Schlachten ausstoßen, und scharf von einem
Messer zerschnitten, sprang der Faden des Bewußtseins in dem gepeinigten
Mädchenhirn auseinander.

       *       *       *       *       *

Wurde ihre Wange gestreichelt? Oder zupfte man wirklich an ihren Haaren?
Deutlicher spürte sie freilich, daß jemand an ihrem Brustlatz rüttelte,
aber schließlich war es doch wieder das gleiche, unerklärliche Lachen,
durch das sie plötzlich und wie mit heftigem Griff in bekannte Räume
zurückgerissen wurde. Verwundert schlug Linda die Augen auf. Ringsum
ungetrübte Ruhe, bläuliche und goldene Lichtrinnen wallten langsam über
die Teppiche, und über sie, die schwach auf einem Schemel an der
Kajütenwand lehnte, beugte sich der riesenhafte Gebieter. Gerade zauste
er wieder an ihren Locken, aber es war nicht böse gemeint, denn als er
merkte, daß sich das Blau in ihren Augen belebte, klopfte er dem Knaben
lebhaft auf die Schulter.

»Gott zum Gruß, junger Kriegsheld,« tönte es der Erwachenden hell in die
Ohren. »Nun, was treibst du, Licinius? Hast du genug, mein Bübchen?
Schnell, dir widerfährt groß Heil. Blinzele durch den Ausguck. Eben
packen wir die Überlebenden vom »Connetable« in ein paar Snyken und
schicken sie deiner Königin als Morgengruß ans Bett. Ha, ha, die Dame
weiß, wie man solch flinke Gesellen verwendet. Darum hurtig, besinn dich
nicht lange, spring zu ihnen. Und morgen hast du bei Honigseim und
Würzkuchen all den blutigen Graus vergessen! Nimm Rat an, Kleiner, ich
meine es ehrlich.«

Hastig streckte der Admiral den Arm nach der Treppe aus, er schien den
Abschied sogleich ohne Rührung noch Zeitverlust zu erwarten. Der Knabe
jedoch erhob sich auf zitternde Füße und starrte dem Befehlshaber mit
kaum verhehltem Entsetzen ins Antlitz. Das war nicht mehr das
edelgebildete Gesicht, das er kannte. Blut floß dem Störtebecker
stromweise über die Stirn und verwandelte die stolzen Züge in eine rote
Maske. Ein Rinnsal sickerte auch über die gelüftete Brust des Mannes,
und unter dem Linnen des linken Armes quoll es unaufhaltsam hervor und
zog in klebrigen Streifen über die Schifferhose.

Da wurde Linda von einer unnennbaren Furcht ergriffen.

»Es kostet dich das Leben,« schrie sie schrill und in jäher Verzweiflung
auf.

Ja, ja, das war's, das Leben dieses Menschen konnte vorzeitig enden.
Aber es mußte ja erst unvergängliche Wurzeln strecken, es mußte höher,
weit höher wie andere Bäume emporschießen, um durch Einengung und
Schatten hindurch tausend grüne Blätter zum Himmel zu tragen. Auch ihr
Leben zitterte an seinem Stamm als solch ein schwirrendes Blatt und
bebte jetzt vor Angst, herabgerissen zu werden.

»Es kostet dich das Leben.«

Der Störtebecker schnürte unwillig die Augenbrauen zusammen, die
leidenschaftliche Anteilnahme behagte ihm nicht, sie erinnerte ihn an
etwas, das er bereits vergessen glaubte.

»Torheit,« entzog er sich ihrer tastenden Hand. »Was soll das Geplärr
über den lumpigen Aderlaß? Aber von dir, Licinius, heische ich Antwort.
Willst du mit den Franzosen hinüber oder nicht?«

Der Knabe antwortete nicht. Er schüttelte nur bestimmt das Haupt.

Allein in dieser Bewegung bekundete sich eine Entschlossenheit, die nur
durch den Tod zu brechen war.

»Dann bleib, zum Teufel,« schrie der Störtebecker ingrimmig und
enttäuscht. Das Haupt zurückgeworfen, die blutende Linke in die Weiche
gestemmt, wie es sonst seine Gewohnheit war, durchmaß der Verwundete
heftig den langen Raum. In seinen Bewegungen fieberte wieder einmal
etwas Fegendes, Zerstörungslustiges, und sein Jähzorn stürmte vollends
zur Höhe, als er jetzt ohne rechte Absicht einen der bunten
Laternenpfähle des Tisches umklammerte; klirrend brach eines der
kunstreichen Gläser aus seiner Fassung, und während es auf der
Tischplatte zersplitterte, wich Claus verwundert zurück, bis er endlich
in ein beschämtes Lachen ausbrach. Das Ungezügelte, Knabenhafte seiner
Natur verließ ihn nicht bis an sein Ende. Doch seine Wildheit hatte sich
immerhin entladen, und so trat er wieder etwas gemäßigter vor den Knaben
auf dem Schemel hin, um abermals seine Rechte auf die Schulter des
Sitzenden zu betten. »Dann sag mir wenigstens, du halsstarrige Kröte,«
fuhr er ihn an, »sag es mir, damit ich es mir endlich merke, was suchst
du eigentlich hier? Hab' ich doch nimmer gehört, daß es den
Schnürleibern Spaß bereitet, Blut zu riechen. Oder lüstet es dich
vielleicht nur, mich hängen zu sehen?« Er preßte die weiche
Frauenschulter etwas stärker. »Dann laß dir bedeuten, Junker, der
Leichnam des Prahlers, der dir das vorhin versprach, er fährt eben mit
zwei Steinen beladen zur Tiefe. Auf dieses Fest wirst du bis zum
nächstenmal harren müssen.«

»Laß mich auf etwas anderes warten,« sprach Linda still und erschöpft.
Ergeben faltete sie die Hände im Schoß, und ihre blauen Augen füllten
sich wieder mit innigster Gläubigkeit. Es war jener hingenommene,
bedingungslose Ausdruck, der den blutigen Mann schon einmal in Schrecken
versetzt hatte. Ein unerklärlich Frösteln faßte ihn auch diesmal, er
wich zurück.

»So sprich, was ist das für ein Wunder?«

Da erhob sich Linda.

»Es ist das Wunder,« sprach sie ganz leise und voll träumerischer
Gewißheit, »das du uns Unglücklichen versprachst. Aber eile, Claus
Störtebecker, daß ich mich nicht mehr lange zu sehnen brauche.«

Da schüttelte der Störtebecker befremdet und verständnislos das Haupt.
Es war noch nicht die Zeit, daß Männer die Mitarbeit der Frauen
erwünschten, und so drängte sich dem Freibeuter dieses heiße Verlangen
zuvörderst als eine unwillkommene Einmischung auf, geeignet, seine
stürmischen Zeugergedanken, die bis jetzt nur gleich einem Zug
brennender Vögel durch die allgemeine Nacht strichen, einzufangen und zu
zähmen. Lange starrte er den bebenden Knaben an, dann stieß er endlich
ein gepreßtes Lachen aus und brach das Gespräch ohne weiteres ab.

»Gut, gut,« endigte er, »das ist Männerwerk. Warte meinethalben. Aber
jetzt komm, Kleiner, damit du etwas verrichtest, was dir besser ziemt.«

Wuchtig warf er sich auf sein Ruhebett, riß das Hemd über seiner Brust
auseinander und drückte die Ränder der frisch empfangenen Wunde ohne
große Umstände fest aneinander.

»Mutig, Licinius,« rief er, »scheure den Unrat fort. Auf euren Burgen
übt ihr ja die heimliche Kunst. Nun zeig, was du gelernt hast.«

Und der Knabe fuhr auf, als ob er zu Fest und Feiertag gerufen wäre.
Glühend vor Diensteifer stürzte er davon, kehrte jedoch gleich darauf
mit einer Schüssel voll kalten Wassers zurück, und als er dann, über den
Hingestreckten gebeugt, in seiner Hast einen brauchbaren Linnenstreifen
vermißte, öffnete er ohne Bedenken sein Wams und riß von seinem eigenen
Hemd entschlossen einen langen Fetzen herab. Seidig leuchtete die
Frauenbrust unter der dunklen Gewandung, und in den Augen des
Störtebeckers entzündete sich blitzartig jenes züngelnde Feuer, das
schon einmal in der Nacht des Niederbruchs über ihr geleuchtet. Ungestüm
griff er nach beiden Armen seines Opfers, aber siehe da -- als das
schmerzliche Stöhnen der Gefesselten an sein Ohr schlug, da lief ein
düsterer Schein der Selbstverachtung über seine gespannten Züge,
freiwillig gab er die Gepackte frei, und nun stöhnte er selbst auf und
warf sich gebändigt zurück.

»Bleib, bleib,« murmelte er, »vertrag dich mit dem bösen Geist, der in
mir haust. Beim ewigen Leid, ich wünschte manchmal selbst, es flösse
Milch durch meine Röhren und ich hätte gelernt, weiße Lämmer zu weiden.
Bleib, ich tu dir fürder nichts.« Er streckte sich aus, schloß die Augen
und wartete scheinbar unbeteiligt ab, bis Licinius mit zitternder Hand
sein mildherzig Werk vollendet. Erst da er spürte, wie eine Decke
wärmend über ihn gebreitet wurde, fuhr er auf und schob die Hülle
entschieden zurück. Schonend strich er sodann über die Locken seines
Gefährten. »Armer Bursch,« sagte er gutmütig, »armer Bursch, ich wollte,
wir wären auf andere Art Freunde geworden.« Und als er gewahrte, welche
Blässe seinen Pfleger befiel, versetzte er ihm einen spöttischen Schlag
auf die Wange und rief ermunternd: »Laß gut sein, Licinius. Dem Tier
sind ein paar Unzen Blut abgezapft, jetzt beißt es für eine Weile nicht
und geht nicht auf Raub. Lache, lache, mein Knäblein, dann aber bring
eiligst den Weinkrug und laß uns trinken!«



II.


Bis dahin hatte die »Agile« allein das blaue Feld der Ostersee gepflügt,
einzig gefolgt von dem »Connetable«, der von den Schuimern besetzt
worden war. In den letzten Tagen jedoch tauchten von allen Seiten
Schwarzflaggen auf, allmählich wurde ein dichter Schwarm daraus, der
sich gleich einem langen Starzug um die Admiralskogge zusammenschloß. Je
stattlicher aber sich seine Flotte verstärkte, je zahlreicher spitze
Pfeifentriller oder emporschießende Wimpel die sich einordnenden
Genossen begrüßten, eine desto auffälligere Unruhe zeigte der Mann, auf
dessen Wink all diese Kiele ihrem Ziel zustrebten. Innere Rastlosigkeit
trieb den Störtebecker umher. Bald mußte ihm Licinius, den er jetzt
ebensooft herbeirief, wie er ihn früher verjagt hatte, beim Schachspiel
in der Kajüte Gesellschaft leisten, bald zog er den Knaben, nachdem er
die Figuren mitten im Kampf ungeduldig durcheinander geworfen, auf das
Deck hinauf, wo er weit vorn am Bugspriet durch Nacht und Morgennebel
hindurchspähte, ob die gotländische Küste sich noch immer nicht vom
Horizont trennen wollte. Wisby, die sagenhaft herrliche Stadt, jetzt
durch Raub und rohe Volkswut ein menschenleerer Trümmerhaufe, schien den
Einsamen auf zauberische Weise anzulocken. Vielleicht weil ihn die
Ahnung quälte, daß ihn dort das Schicksal mit fesselnden Armen
umschlingen würde. Verschwenderisch hatte er bis jetzt mit Gold und
Schätzen jeden Lumpen beworfen, der sich seinem Trotz als ein besonders
Gemißhandelter vorzustellen vermochte, jetzt aber nahte die Stunde, wo
er mehr austeilen sollte. Sein Eigenstes. Die Summe seiner heimlich
geliebkosten Gedanken. Und dann die Unsicherheit! Wie, wenn das
zusammengelaufene Volk, das ihm diente, Verbrecher, Diebe und Mörder,
Juden und Heiden, Polen, Deutsche, Franzosen und Engländer, die kein
anderes Vaterland kannten als die Planken zu ihren Füßen, zumal wenn die
Segel sie möglichst weit von Rad und Galgen entfernten, wie, wenn diese
raubsüchtigen, verwilderten Horden das Unrecht, durch das sie zu einem
namenlosen Menschenbrei zerstampft waren, dennoch weit weniger
schmerzlich empfanden als ihr Anführer, in dem ihre menschliche Schmach
wie eine Eiterwunde fraß? Konnte in solchen, von allem Herkömmlichen
getrennten Gesellen die Gier nach Genuß und Ungebundenheit nicht heißer
lodern als die Freude an der Möglichkeit, jene Welt, die sie verstoßen,
durch ein nie geschautes Beispiel zu beschämen? Was geschah, wenn sich
der Haufe schon zu roh und verwöhnt zeigte, um zu einer regelmäßigen
Arbeit zurückzukehren? Zwang? Das war nicht das Rechte! Dazu hatte ihn
in seinen Träumen schon zu häufig der Jubel umbrandet, den allein die
Verkündung, die Preisgabe seiner weltverändernden Pläne in den
Beschenkten entfesseln sollte! Wie stand es nun in Wirklichkeit um die
neuen Römer, mit denen die reingewaschene Erde besiedelt werden mußte?
Der höhnische Einwurf der Königin fiel ihm ein: »Und mit einer Bande von
Räubern und Dieben willst du die ewige Gerechtigkeit begründen?« Und
während er auf der Seekarte zum hundertsten Male den Ankerplatz von
Wisby aufsuchte, klopfte ihm das Herz vor Verwunderung, daß er bis jetzt
nur sich selbst, das Haupt des hellen Gedankens, gesehen, indes ihm die
Glieder, die doch das Gedachte erleben sollten, in einem gleichgültigen
Dunkel verschwanden. Was brütete die Masse? Und weshalb hielt er sie von
sich fern?

»He, Licinius,« unterbrach er in einem solchen Augenblick
des Erschreckens seinen Gefährten, der ihm bis jetzt unbeachtet und
folgsam aus dem Petrarca vorgelesen, »in die Ecke mit der Eselshaut! Der
Tagedieb von Italiener ist ein Narr, weil er die Weiber beschnüffelt,
nur der Mann ist die lebendige Erde. Komm, du unbelehrtes Kind, damit
ich dir eine Handvoll unserer künftigen Werkleute zeige.«

Hastig griff er dem Knaben unter den Arm, zog ihn widerstandslos die
breite Treppe hinauf, und was er sich nur selten abgewonnen, er mischte
sich unter sein Schiffsvolk, redete es leutselig an und begann, die
Betroffenen nach Vergangenheit und Heimat zu befragen. Alles unter dem
Vorwand, seinen zarten Gefährten unterrichten zu müssen. Da öffnete sich
denn manches Schicksal bis zum Grund. Mit bangem Schauder sah der Knabe,
wie sich hier Sünde und Gegensünde zum Knäuel verstrickten.

Da war zuerst der Steuermann Lüdecke Roloff. Ein herkulischer Mann mit
einem blonden Strohdach, das ihm wirr über die Augen hing. Aber auch so
irrte der Blick des Schiffslenkers scheu und schielend zur Seite, als
widere ihn das Antlitz jedes Mitgeschöpfes an, und nur in den Stunden
vor Kampf und Streit taten sich diese verkehrten Sterne lechzend auf,
und ein Blutreifen umschloß sie, gleich dem eines tobsüchtigen Hundes.
Der Mann hatte in seiner mecklenburgischen Heimat tanzen müssen. Tanzen?
Jawohl, nicht freiwillig. Es bestand nämlich auf dem flachen Lande die
ehrbare und fromme Sitte, sobald die Gutsfrau ihren Leib gesegnet
fühlte, dann mußten die leibeigenen Bauern zu ihrer Ergötzung um den
Dorfteich tanzen. Die Weiber rutschten auf bloßen Knien, die Männer aber
tollten und sprangen halb nackt mit ihrem Nachwuchs an der Hand, ohne
Rast, ohne Aufhören, bis sich ihnen ein Quirl im Gehirn drehte. Lüdecke
Roloff jedoch war ein Spielverderber. Als er sah, wie sein Weib bei
dieser Belustigung ohnmächtig liegen blieb und Marik, sein Töchterchen,
unter Zuckungen in den Teich fiel, da hatte der rasende Tänzer die
adlige Zuschauerin erwürgt und dem Gutsherrn seinen Dolch durchs Genick
gestoßen. Am selben Abend gab's zu dem Tanz überdies noch ein Feuerwerk,
das Schloß brannte ab. Seitdem war dem Flüchtling ein bös Erbteil
geblieben. Wenn irgendwo die Stunde zu Kampf und Rache schlug, dann
mußte Lüdecke tanzen. Hopsend und springend drehte sich der Wütende in
den Streit, und in dem wahnsinnigen Reigen fiel er seine Opfer noch
immer mit bloßen Fäusten an, um sie brüllend zu erwürgen.

Als Linda jene Geschichte hörte, bedeckte sich ihr die heitere See mit
Nacht, Claus Störtebecker aber strich sich die Haare aus der Stirn, denn
er wußte nicht, ob er des Mannes sicher sei.

Da war der schmächtige Arnold Frowein ein ganz anderer Kerl. Immer
grinsend, immer lächelnd, was vielleicht daher rührte, weil ihm das
geistliche Gericht auf dem Streckbett einmal alle Zähne gezogen, immer
einen um den anderen. Weshalb wollte der verstockte Rechthaber aber auch
nicht eingestehen, was er über die Besuche Urians bei seinem Weibe
wußte? Die Nachbarinnen hatten doch nicht umsonst eines Morgens den
ungeheuren schwarzen Kater auf dem Bette seiner Lisbeth schlafend
gefunden? Und anders ließ es sich auch nicht erklären, warum ein armer
Töpfer zu einigem Wohlstand gelangte, und wieso in den bleichen
Milchwangen der Dirn nie ein lebendiger Blutstropfen gerollt. Aber
schließlich hatte das Recht triumphiert. Punkt für Punkt stand es
bezeugt in den geistlichen Akten, wie oft Meister Urian knisternd aufs
Bett gesprungen, und nicht minder war entdeckt, in welcher Art er seine
Wollust befriedigt. Es war alles wissenschaftlich begründet! Und nur
eines blieb merkwürdig. In Meister Frowein mußte sich selbst etwas
Katzenhaftes eingeschlichen haben. Gar zu biegsam schlich er an den
Wänden entlang, immer schnurrend, immer schmeichelnd, und es war wohl
nur ein Gerücht, daß er im Gefecht mitunter aus geduckter Stellung einen
Satz tat, um dem Gegner mit zahnlosem Maul an den Hals zu fahren.

Ungeduldiger, rastloser rührte der Admiral in dem Menschenbrei herum. Er
suchte. Er fahndete nach Bürgertugend und Bürgersehnsucht! Wie tief
lagen diese so selbstverständlichen Dinge wohl versteckt?

Der nächste!

Ein himmelblauäugiger, rotmähniger, wüster Bursche, denn obwohl sich
Patrik O'Shallo in den weichen Urlauten der »grünen Irin« ausdrückte, so
war er doch gefürchtet als streitsüchtiger Zänker, aber noch mehr
verschrien als Anführer bei jeder maßlosen Ausschweifung. Weiber,
Würfelspiel, Rauferei und Beute waren die vier Stichworte seines
rasenden Verbrausens. Und doch mutete es seine Genossen manchmal
wunderlich an, wenn dieser nimmersatte Schlemmer zuweilen, wie aus
fernem, vergessenem Traum, fremdartige Psalmen vor sich hinmurmelte. Sie
wußten nicht, daß Patrik O'Shallo, das ledige Kind einer begüterten
Wollweberstochter aus Dublin, von erschreckten Verwandten frühzeitig in
die Zelle eines der Irinsklöster gesteckt worden war, damit er durch
Hunger und Geißelungen die heimliche Verfehlung seiner Mutter abbüße.
Eines Tages aber, als er gerade vom Fluß für die Küche Holz schleppen
sollte, hatte eine Flößerin den Buben in ihre schwimmende Strohschütte
kriechen lassen, und seitdem wußte das abgezehrte Gebein, wie hell der
Tag schimmern und wie betörend ein Frauenleib strotzen konnte. Heißa,
jetzt fraß er die Sonne und soff die Weiber, und seine größte
Belustigung bestand darin, Nonnenklöster wie Vogelnester auszunehmen,
und die in die Kirche zusammengetriebenen Schwestern nach allerlei
Wollust zu unflätigen Liedern zu zwingen. Auch diesen nimmermüden
Gläubiger des Genusses musterte der Admiral mit bedenklichem
Kopfschütteln, und ein zweifelhaftes Lächeln mischte sich in seinen
herablassenden Gruß, als er sich von ihm trennte.

»Da, Licinius, betrachte dir zum Schluß die Krummnase genau. Womöglich
haben seine Vorfahren schon mit dem Heiland um Säge und Hobel
gefeilscht. Sahst du jemals solche verzweifelten Hebräeraugen?«

Der Admiral hätte noch hinzufügen können, daß der Jude ein alter
Bekannter von ihm sei. Denn der graulockige Isaak war derselbe
unglückliche Verfolgte, den er als Knabe im Hause der Sibba aus den
Händen abergläubischer Bauern befreit. Jetzt war der immer in sich
gekehrte, demütige Menschenscherben der grausamste, unerbittlichste
Würger unter dem Schiffsvolk geworden. Zum Zeichen seines sich immer neu
gebärenden Rachegelüstes hatte er den gelben Judenfleck auf das
Schifferwams genäht, und je mehr ihn die Freibeuter darob verhöhnten,
desto zärtlicher streichelte Isaak oft den Schandfleck. Aber in dem
Hebräer lebte auch eine unheimliche, vergötternde Liebe. Sobald der
Admiral in seine Nähe kam, dann begannen die schwarzen Augen Isaaks die
alte, tausendjährige Sehnsucht zu strahlen. Er glaubte. Er glaubte
unverbrüchlich an den Messias, der die stinkende Erde von Verfolgung und
Menschenhaß erlösen würde. Und nach den Sagen seines Stammes würde der
Gesandte Jehovas kein Lämmlein und kein Schriftgelehrter sein, sondern
ein Gerüsteter, in dessen Rechter ein goldenes Schwert über die Erde
funkelte. Wer war's? Claus Störtebecker war's, der Schimmernde,
Überlebensgroße, der Liebreiche und Befreier, er war es. Kein Zweifel!
Der alte Jude stand als der einzige auf den Planken, der das neue Reich
im Herzen trug.

Am Abend desselben Tages lag der Admiral in seiner Kajüte und zechte
singend und lachend den italienischen Wein, auf dessen Flut es wie von
Glühkäfern schwärmte. Auch auf Deck schwirrte und jauchzte es, dort
grölten die Freibeuter zum Klang der Instrumente ihre wilden Lieder,
denn es war eine laue, windstille Nacht, und die »Agile« plätscherte
kaum noch ihren Pfad.

»Horch,« warf sich der Störtebecker zu dem Knaben herum, der müde und
schon vom Schlaf bezwungen den Unmäßigen bediente. »Ermuntere dich,
Büblein. Du mußt lernen, die Nacht zum Tage zu kehren. Auf, flüstere mir
ins Ohr, mein Blasser, wie gefallen dir meine Kinder? Meinst du nicht,
es seien Hengste, die sich gerade nur vom Teufel reiten lassen?«

Da erwachte Linda, raffte sich zusammen, und ein leidvoller Blick
streifte den Gebieter, denn seine wüste Freude an Trunk und Prasserei
schmerzte die ewig Grübelnde.

»Wer den heiligen Gedanken trägt,« erwiderte sie mit leisem Vorwurf,
»was braucht der die Menge? -- Sie erwartet ihn an jeder Ecke, und mich
dünkt, sie zieht stets hinter dem Einsamen her.«

Sonderbar, das Wort übte eine unerwartete Wirkung auf den lässig auf
seinem Stuhl hängenden Zecher aus. Kaum war es gefallen, da sprang der
Störtebecker stürmisch in die Höhe, das sonnige Strahlen leuchtete
unvermutet wieder von seinen Zügen, und ohne Besinnen riß er den Knaben
an sich, um ihn jauchzend an seine Brust zu pressen. Er spürte nicht,
daß es ein Frauenherz war, das aufgepeitscht gegen das seine hämmerte.

»Gesegneter,« jubelte er und hob seine Last hoch in die Höhe. »Du hast
recht. Topp, die Einsamen gelten allein. Brauchte Atlas vielleicht eine
Hilfe, als er den Himmel trug? Komm, sei gepriesen, du kluger Wicht.«

Und er küßte seinem Gefährten ungestüm das blonde Haar. Der Knabe aber
wand sich beschämt aus seinen Armen, er wagte die Augen nicht vom Boden
zu erheben, und ein langes Zittern lief über die schlanken Glieder.

       *       *       *       *       *

In der darauffolgenden Nachtwache war vom Mastkorb »Land« ausgerufen
worden, und die »Agile« hatte einen Gast aufgenommen. Auf der Höhe von
Wisby, schon unter den Lichtern der Stadt, war der Hauptmann Wichmann zu
den Schiffen des Admirals gestoßen, und jetzt hockte der strohblonde
Zwerg seinem einstigen Zögling an dem Prunktisch gegenüber, vor ihm
brach die Tafel fast unter der Wucht von silbernem und goldenem Gerät,
und doch streckten die beiden Freibeuter ihre Hände nicht nach Speise
und Trank aus, sondern ihre Mienen belauerten einander, ihre flackernden
Augen überfielen sich gegenseitig, wie wenn jeder die heimliche Schwäche
des anderen erspähen und begleichen müßte. Gar verborgen betrieben sie
die Unterredung, niemand durfte die Anführer bedienen, einsam, erhitzt
saßen Erzähler und Lauscher unter den brennenden Laternen, selbst
Licinius weilte hinter der geschlossenen Kajütentür bei dem
wachthabenden Posten, um mit Herzklopfen darauf zu harren, ob ihn bald
ein Ruf erreichen würde.

Endlich hatte der Admiral geschlossen. Seine Rede, anfänglich kühl und
überlegt, war immer höher und höher gestiegen, wie jemand, der Sprosse
um Sprosse auf einer Leiter emporklimmt. Zuletzt wehte diese siedende
Glut hoch über dem Haupt seines Zuhörers hinweg. Der krümmte sich in
seiner schwarzen Gewandung auf einem Schemel, und indem er das weiche
Frauenkinn auf den Hieber gestützt hielt, glitzerte es aus seinen
zwiefarbigen Augen bald vor Spott, bald vor Erstaunen, und sein Händchen
wickelte sich dabei eifrig in eine der Haarsträhnen fest. Zum Schluß
ertrug sein Schüler die erkünstelte Beherrschung nicht länger.
Rücksichtslos warf er das Geschirr beiseite und beugte sich weit über
den Tisch. Unter der rotseidenen Schecke arbeitete die Brust so heftig,
daß die Ringe der Halskette ein metallisches Geräusch hören ließen.

»Nun, Magister,« rief er in schlecht verhehlter Spannung, »warum kostest
du, als hätte ich dir die tägliche Milch in den Napf gegossen? Hast du
vielleicht bei deinen Professoren schon ähnliches geschleckert?«

Der Zwerg schloß die Augen und wiegte leise das gelbe Haupt. Es schien
ihm Spaß zu bereiten, den Entdeckerstolz des anderen zu quälen.

»Doch, Geliebter,« hauchte er mit seiner Mädchenstimme, »das Jubeljahr
der Hebräer und die Ackergesetze der Gracchen waren schon da. Auch in
den Wäldern der Germanen trug sich beinahe das gleiche zu. Du bist weit
zurückgegangen.«

»Zurück?« schrie der Störtebecker verletzt. Jäh fuhr er in die Höhe, als
überwältigte den Riesen die Lust, den Tisch samt dem Gast umzustürzen.
Dann jedoch schlug er ein hochmütiges Gelächter an, riß den Weinkrug
heftig an sich und leerte ihn in einem langen, begehrlichen Zuge.

»Ziere dich nicht,« stieß er in greller Lustigkeit hervor. »Was gibt's
weiter zu benagen?«

Er warf sich auf den Tisch, dicht neben den Kleinen, und schlug seinen
Gast auf die Schulter, daß es hohl durch den Raum hallte. Doch der
Strohblonde wankte nicht auf seinem Schemel, unerschüttert hatte er den
Stoß ausgehalten und dadurch dem Admiral von neuem bewiesen, daß er mit
keinem gewöhnlichen Manne streite. Jetzt sammelte sich auf den
regelmäßigen Gemmenzügen des Hauptmannes ein versonnenes, ein wenig
bösartiges Lächeln. Er klopfte seinem ehemaligen Zögling auf den grauen
Beinling, als gelte es vor allen Dingen abzuwiegeln und zu besänftigen.

»Geliebter,« wisperte er voll zärtlicher Bissigkeit, und dabei hüpften
in den doppelfarbigen Augen die frechsten Teufel herum, »ich bin nur ein
schäbiger Tropf, der Zeit bedarf, um sich an solch beschämende Größe zu
gewöhnen. Aber siehe, nun bin ich deinen Spuren nachgeschlichen, und
mein Herz zittert vor Freude, weil es dich fassen kann.«

Der Störtebecker griff nach dem Weinhumpen und hieb ihn dem Genossen
hart über den Kopf.

»Narr,« sagte er ruhig, »achte mich oder ich zerschmettere dir den
Schädel.«

»Später,« entgegnete der andere freundlich, ohne von seinen Liebkosungen
abzustehen, »erst laß dir von meiner Narrheit bedeuten, daß sie einen
großen Vorsprung für dich wittert.«

»Welchen?«

Bedächtig lehnte sich der Kleine zurück und malte mit seinem Hieber auf
den Boden. Die Freude am Zergliedern und Disputieren schien den
einstigen Bakkalaureus mächtig eingefangen zu haben.

»Die Staaten sind lockerer geworden,« murmelte er vergraben. »Die Reiche
sind zermorscht. Hunger und Elend sitzen zwischen dem Mörtel -- --«

»Ein Faustdruck kann ihren jämmerlichen Bau zerquetschen,« schaltete
hier der Admiral ein und durchmaß einmal weiten Schrittes den Saal. »Nur
die Menge --« und er blieb stehen und zerrte an seiner Kette. »Wird sie
mit mir ziehen?«

»Sie wird. Die Fahne des ewigen Glücks auf dem Neubau lockt sie an.«

»Halt das Maul,« schrie der Störtebecker dunkelrot vor Zorn, und seine
wilden Augen brauten Unheil. Er lehnte gerade an einen Wandteppich und
raffte nun das Gewebe um sich zusammen, als ob ihn fröstele. »Packt euch
zum Teufel, ihr Gehirnkrähen, was liegt daran, ob ihr meiner Seele
nachfliegen wollt oder nicht? Ehrfurcht brauche ich, demütige Nacken,
Gehorsam.«

»Gut, gut, das brauchst du, du Herrlicher, aber ich ziehe mit dir.«

»Du?«

Noch hielt der Zweifel den Admiral befangen, gleichwohl stürzte er auf
den Sitz des Kleinen zu und schüttelte den halb Emporgezogenen wütend an
der Brust.

»Wenn du nicht an mich glaubst -- --« schrie er dem Zwerg ins Gesicht.
»Heino Wichmann, du weißt, von allen sind mir die Halben und Lauen am
meisten verhaßt.« Damit schleuderte er das strohblonde Bündel gewaltsam
hin und her, als könnte er ihm die gewünschte Antwort abpressen, und
sein Grimm stieg, als er die Zähigkeit dieser grinsenden Maske erkannte.
Bereits war ein nahes, gefährliches Ringen aus der freundschaftlichen
Unterhaltung geworden.

Da entglitt ihm der Magister geschickt, schöpfte Atem, und nachdem er
wie ein spielend Kind auf den Tisch gehüpft, ließ er gemächlich die
Beine herabschlenkern.

»Sei ruhig,« schmeichelte er, »dein treuer Lehrer verläßt dich nicht.
Saß ich nicht in Paris monatelang in einer Goldmacherhöhle, um zu
warten, ob der Sud aus Ton und dreizehn Erdkräutern den königlichen
Leuen[*] ergebe? Ha, und ich sollte mir nicht für meinen Liebling
abermals die Küchenschürze umbinden? Paß auf, es glückt dir, es glückt,
sofern du es nur fleißig mit den Weibern hältst.«

  [*] Das Gold.

Angeekelt wurzelte der Störtebecker fest.

»Mit den Weibern?« wiederholte er, wie von Eimern kalten Wassers
übergossen; und unwillkürlich mußte er nach der geschlossenen Tür
spähen. »Wo können mir die Dirnen helfen?«

»Wo sie dir stets geholfen haben. Schlepp sie zu Hunderten zusammen und
achte darauf, daß sie dir lauter Claus Störtebecker gebären. Dann wirst
du ein Fürst im neuen Reiche sein.«

Da fegte Claus mit der Hand durch die erhitzte Luft, als könnte seine
Faust vom Himmel eine lastende Wolke herabreißen, und ein unmäßiges und
doch nicht ganz freies Gelächter erleichterte ihm die Brust. Schneidend
hatte sein Verstand erfaßt, wie um den von giftigen Zweifeln
zerfressenen Magister nur noch das Unkraut der Erde wucherte.

»Armselig glücklos Gemüt,« rief er voll aufrichtigen Erbarmens. »He,
Licinius, wo steckst du? Bring roten Falerner, es gilt, eine matte Seele
zu berauschen, auf daß die Fledermaus sich wieder ans Licht traue.«

Und als Licinius, der diesen Ruf ersehnt, willfährig herbeieilte, um die
Befehle seines Herrn zu erfüllen, da zog ihn der Störtebecker an sich
und streichelte dem Knaben, der sich gezwungen an ihn lehnte, brüderlich
die Wange.

»Hast wieder die Nacht durchschwärmen müssen, mein bleicher Freund?«
fragte er teilnahmsvoll. »Geh, zeig mir deine Augen, ob noch die reine
andächtige Flamme in ihnen brennt?« Und ohne auf das vieldeutige Grinsen
des Strohblonden zu achten, führte er das Kinn des Knaben empor, bis er
endlich gefunden zu haben glaubte, was er suchte. Dann jedoch
schmetterte seinen Gefährten das ihm eigene glückselige Jauchzen
entgegen. »Freu dich, Licinius,« schrie er, »beim Zeus, du kannst
fliegen. Könnt ich dich doch als eine weiße Taube aufsteigen lassen!
Aber nun setze dich zu mir und sage, wie gefällt dir dies kleine
strohblonde Kerlchen, das aus dem Schmutz der Erde nicht herauskann?«

Über die gespannten Züge des Hauptmanns lief ein begehrlicher Schein.

»Schöner Knabe,« wisperte er, »welche glücklichen Eltern haben dich
geboren? Du bist ein anmutig Kind.«

Allein im Sprechen schien ihm heiß geworden zu sein, denn er sprang auf,
um eine der Schiffsluken zu öffnen. Und plötzlich schwiegen die drei.

Drüben zuckten die Lichter von Wisby.

       *       *       *       *       *

Die tote Stadt regte sich. Ihr prächtig geschmückter Leichnam erhob sich
und wandelte. Unvermutet begannen die steinernen Adern zu zucken und zu
pochen. Von den sechzehn verödeten Kirchen, von den sieben
zerbröckelnden Toren löste sich das Schweigen und schwebte als ein
graues Spinngeweb über die See.

Durch die gestern noch leeren Gassen von Wisby, in denen jeder Schritt
widerhallte, wo verhungernde Hunde das Gras zwischen den Pflastersteinen
rupften, schob sich der Braus der Volkshaufen. Kopf drängte sich an
Kopf, Schulter rieb sich an Schulter, das scharrende Geräusch
nägelbeschlagener Schuhe mischte sich mit dem Gewirr einander
verschlingender Stimmen, und das erste Morgenrot, das die kunstreich
bemalten Holzhäuser anglühte, es rann allmählich auch auf die
zusammengeballten Freibeuter herab, so daß aus der Masse zuweilen
Gesichter und Hände aufblitzten. Unaufhaltsam wälzte sich die Menge,
einem vorbestimmten Gebote folgend, aus den niedrigen Gassen hinter der
Seeumwallung dem hochgelegenen Marktplatz zu. Und je höher sie stieg,
desto mehr entstrebte sie dem Dämmer und desto heller wurden ihre
vielfarbigen Ringel vom Licht getroffen. Auch Sprache gewann das
Ungeheuer. Oft hörte man es aus seinem Rachen branden: »Wo, wo ist der
Störtebecker?« -- -- »Gott zum Gruß, seid ihr nicht vom Gödeke Michael?«
-- »Wir sind Wichmannsche.« -- »Verfluchte Hunde, habt ihr uns hier in
den bunten Kästen was übrig gelassen? -- Heda, du Braune, schaff' Platz
im Bett, ich steig zu dir.«

An der leeren Kurie ging es vorüber, durch niedrige Laubenhallen schob
man sich, hinter denen einst mächtige Kaufherren ihre Kontore und
Warenlager hielten. Jetzt lauschte manch neugierig Ohr vergebens auf das
Knistern der Federn oder auf das Rollen der Fässer. Ach nein, da hätte
man früher kommen müssen. Schon vor etwa dreißig Jahren hatte der
geräuschlose Abzug des Handels begonnen. Damals, als der Dänenkönig
Waldemar Attertag mühelos das köstliche Nest ausgenommen. Aber erst der
Handstreich der Freibeuter hatte dem siechenden Gemeinwesen den Rest
gegeben. Von dem Augenblick an, da die trunkene Freiheit die
Stadtgesetze den Flammen überliefert, die verhaßte Ordnung mit Füßen
getreten und jauchzend die allgemeine Willkür verkündet hatte, jenes
heiß ersehnte Losungswort aller Geknebelten und Unterdrückten, die nur
einmal im Leben das Herrengefühl genießen wollten, seitdem war der
steinerne Körper von der Leichenstarre ergriffen. Von da an bedeutete
Wisby nichts anderes mehr als einen Stapelplatz für geraubtes Gut,
lichtscheue, heimliche Geschäfte wurden hier betrieben, wochenlang tönte
kein Laut in den verlassenen Straßen, bis sie plötzlich wieder einmal
aufgellen konnten von Händlergezänk, Dirnenkreischen, Schifferflüchen
und den maßlosen Feiern der Wollust, die ein festes Bett unter sich
spürte. Aber trotz alledem hingen noch Fetzen ehemaligen Reichtums an
dem Gerippe der verwesenden Stadt, und noch immer strahlte zuweilen ein
liebliches Grinsen aus dem steinernen Schädel.

Dicht am Markt, in den Fenstern der Herberge »zum silbernen Bischof«,
ächzten die Holzrahmen unter der Last der Neugierigen. Zumeist waren es
Dirnen aus aller Herren Länder, die sich stets einstellten, sobald die
jetzigen Herren des Platzes ihr blutiges Gold verjubeln wollten. Aber
auch Krämer und waghalsige Kaufherren scheuten das Abenteuer nicht, denn
nirgendwo in der Welt ließ sich schneller und wohlfeiler Verdienst
erjagen, als an diesem leicht verderblichen Raubgut.

Unten in der stickigen Gaststube saß Licinius auf der Ofenbank. Andere
hielten gerade Wäsche. Die beiden Geschlechter unbedenklich
nebeneinander. Zwei Schüsseln waren zu dem Zweck auf Schemel gestellt,
und man nahm es nicht so genau, wenn der neue Reinigungsbedürftige noch
das alte Wasser vorfand. Derweil rekelten sich auf den Holzbänken einige
Schläfer umher, wieder andere schlürften bereits ihren dickflüssigen
Mehlbrei, und auf der Diele hockten ein Dudelsackpfeifer und eine
Flötenbläserin und ließen zu ihrer gellenden Musik ein gezähmtes Äffchen
zwischen sich tanzen. Niemand nahm Anstoß an dem bunten Durcheinander,
weder an der schlechten Luft, noch an dem wimmelnden Ungeziefer, denn
damals gab es noch keine nach Ständen eingeteilten Wirtshäuser, und der
Fürst wohnte dort ebenso wie der Bettler.

Der Knabe auf der Ofenbank verschränkte die Arme über der Brust und ließ
sein helles Haupt an die Kalkwand sinken. Aber es war nicht Müdigkeit,
die ihm die Augen zudrückte, obwohl er die Nacht schlummerlos in dieser
übelriechenden Hölle verbracht, nein, es bedeutete vielmehr einen
Augenblick der Nachgiebigkeit gegen die wilde Flucht, die an seinem
inneren Schauen vorüberstiebte.

Hier entschied sich's. Heute würfelte ihr gotterfüllter Spieler um seine
eigene Seligkeit, aber noch viel mehr um diejenige, die dauern sollte,
solange Menschen auf Erden lebten. Ob das zu erreichen war?

Rascher wehte der Atem des Grübelnden, unbeherrschter zuckten seine
Lippen, ein prunkendes, verführerisches Bild trat vor seine Seele.
Während er hier saß, um mit immer steigender Bedrückung auf das
Plätschern der sich Reinigenden zu horchen, auf ihre derben Scherze, auf
das Schlürfen der Trinker, sowie auf das Quäken des tanzenden Affen, da
zog es den Träumer fort -- es riß ihn auf den Markt. Dort draußen, durch
die ausweichenden Haufen schritt der Störtebecker. Über alles Volk
hinweg ragte das schmale Haupt unter dem Goldhelm, die gestickten
Wappenlöwen schimmerten auf dem blauen Fürstenrock, und als er sich zu
der Menge umwandte, da kam der Bann über die Tausende, genau so, wie er
den einzelnen hier unterjochte auf der schmutzigen Ofenbank.

Begannen nicht auch markige Glockentöne zu schwingen?

Ängstlich fuhr der Knabe in die Wirklichkeit. Jetzt lauschte er,
lauschte mit dem Aufgebot aller Sinne. Nein, es war keine Täuschung.
Dort draußen hatte sich das Meer der Stimmen beruhigt, eine atemraubende
Stille legte sich über das Gewoge, und was nur ersonnen war, es geschah.
Ganz aus der Nähe donnerten Glockenklänge gegen das zitternde Gebäude.
Auch unter den Herbergsgästen erstarb jeder Laut, für einen Herzschlag
erstarrte alles, um eine Deutung für den Vorgang zu gewinnen, dann aber
bäumte sich der Schwall gegen den Ausgang, die Treppen knarrten und
wirre Rufe verknäuelten sich: »Der Störtebecker -- der Störtebecker.«
Polternd stob man auseinander, um den merkwürdigen Augenblick nicht zu
versäumen. Licinius griff sich ans Herz, er wankte auf seiner Bank. Die
Entscheidung fiel. Jetzt ein Gebet, ein Notgebet; allein die Worte
wollten sich zu keinem Sinn mehr verflechten. Statt dessen brodelten aus
dem kochenden Fieber immer dieselben inbrünstigen Silben hervor, die er
selbst nicht begriff.

»Erlösung.«

Wem galt dieser Wunsch?

Draußen verschwang das letzte Beben der Glocken. Da fühlte Licinius, der
noch immer kraftlos gegen die Mauer lehnte, wie sich eine spürende Hand
in die seine schob. Erschreckt beugte er sich vor. Zwischen seinen Knien
hatte sich der halbnackte Leib der Flötenbläserin aufgerichtet, jetzt
streichelte die Dirne ihm vorsichtig das Knie.

»Feins Bübchen,« schmeichelte sie mit einer glatten, liebegewohnten
Stimme, »was hast du für ein zartes Gestell? Komm, draußen heckt der
Störtebecker etwas Nagelneues aus. Wer weiß, wie voll der großschnäuzige
Kerl wieder die Taschen trägt. Ich kenn ihn. Der feilscht nicht lange um
Kissen- und Bettpreis. Komm, will ihn dir weisen.« Und ohne sich darum
zu kümmern, in welches Taumeln ihr Begleiter verfiel, packte das
fahrende Weib die ihr überlassenen Finger und zog den Willenlosen unter
spöttischen Ermahnungen die Treppe hinauf. »Munter, munter -- hast wohl
schon am frühen Morgen Met getrunken? Hier noch eine Stufe! So, und
jetzt zum Fenster. Mach Platz, Aaszeug, damit der Junker sehen kann.«

Plötzlich kauerte Linda, eingekeilt in den Drang von Dirnen,
Spaßmachern, Wechslern und lichtscheuen Handelsleuten in der offenen
Fensterhöhlung, und während ihre Gönnerin schützend den Arm um ihre
Hüften schlang, da mußten die Ohren der Halbbetäubten das unsaubere
Gewäsch der Nachbarinnen ertragen. Ihren Augen aber bereitete sich zu
gleicher Zeit das große heilige Fest.

Unter ihr Kopf an Kopf. Ein Menschensee. Er wogte nicht, er stand ganz
still, schwarz und rötlich überlaufen, wie Landseen starren, wenn sich
die Spannung des Gewitters in ihnen birgt. Aus allen Fenstern ein
Geriesel unerkennbarer Gliedmaßen, bunter Tücher, gefangener Augen,
dünne Rinnsale, die in das große Becken hinabflossen. Selbst die
Morgenröte hing still an den Mauern. Sie lauschte. Ja, ein Gott
zugekehrtes Schweigen schien über die Welt gekommen, so gewaltig, daß
Linda erschauerte, als dieses bedingungslose und doch mit Unglauben und
Entsetzen gemischte Lauschen auch ihre vorbereitete Seele ergriff.
Zitternd, atemlos neigte sich ihr Leib aus dem Fensterrahmen, und sie
merkte es gar nicht, wie sie von dem Arm der Dirne dabei fester
umschlossen wurde, während ein Paar heiße Lippen ihr ins Ohr tuschelten:

»Dort drüben, Trauter, auf den Stufen, der Große im blauen Wappenrock,
ja, das ist der Störtebecker. Sieh nur, wie die Affen ihm zuhören. Pah,
ich kenn' den Saufaus! Hudelt uns Weiber herum, als wären wir Werg und
Flicken. -- Du bist mir lieber.«

Eine brennende Wange schmiegte sich an eine kalt durchfröstelte, und
Linda duldete es, so körperlos hing sie hier in dem Gedränge. Ihr
innerstes Selbst aber, ihr hingebungsbereites, blutig gequältes Sehnen,
es hatte sich längst von ihr gelöst und schritt nun über die vielen
Köpfe hinweg den hellen Tönen entgegen, die unter dem gerippten Portal
des Bischofspalastes sich hell und markig aufschwangen.

Alles andere ging für sie unter. Linda sah nur das edle, herrschgewohnte
Antlitz, überhaucht von einem im tiefsten glühenden Feuer. Seine Worte
verstand sie nicht. Wozu auch? Sie begriff dennoch jede Biegung, jede
neue Begründung dieses noch nie vor Menschenohren entwickelten
Bekenntnisses. Unten ging ein ingrimmiges Stöhnen durch die Masse. Der
fürstliche Verkünder dort auf den Stufen mußte seinem Volk wohl die
Verfolgung und die Schmach seiner bisherigen Lage geschildert haben. Nun
aber hoben sich die Häupter begieriger, man drängte sich näher, denn der
Admiral warf den Arm vor, als deutete er seinen Schiffern eine bisher
noch nie gesegelte Fahrt. Der Blonden stockte der Atem. Sie wußte es ja.
Nun tauchte vor den Geschundenen und Gequälten, vor dem Auswurf alles
Lebens das gelobte Land auf, nun wurden sie von einer Riesenfaust aus
dem stinkenden Schlamm gezogen, und vor ihnen breitete sich eine saubere
Erde, damit sie fortan in unangefochtener, unschuldiger Gemeinschaft auf
ihr wohnen sollten. Ruhe -- Ruhe, Linda preßte die Hände auf das
hämmernde Herz. Hier öffnete sich die steile ungewohnte Straße! Würde
das verdammte Geschlecht noch jung und hoffnungsstark genug sein, um sie
überzeugt wandeln zu können? Oder hielt seine Verderbnis es bereits bei
dem unheiligen Rachegeschäft fest?

Noch regte sich nichts. Keine Welle lief über den Menschensee. Und so
tief sich auch Linda beugte, ihre brennenden Augen nahmen weder Hohn
noch Widerwillen, aber auch keine jauchzende Zustimmung wahr. In
erstarrtem Schweigen stand die Flut, nur auf ihren Gründen wälzte es
sich zuweilen, wie ein langes, banges Wühlen.

»Horch,« sagte die schwarze Dirne neben Licinius, »was faselt der
Störtebecker? Will er Gold unter uns werfen?«

Aufgeregt nestelte sich die Flötenbläserin los, verließ den Knaben ohne
weiteres, und bald hockte sie ganz vorn in der Höhlung, wo sie die
nackten Beine frech herabschlenkern ließ.

Siehe, unter dem altersgrauen Portal des Bischofspalastes geriet ein
merkwürdiges Wachsen in die ohnehin schon ragende Gestalt des Einsamen.
Über sich selbst hinaus reckten sich seine Glieder, eine menschliche
Pappel, die kein Ende für ihr Aufwärtsstreben finden wollte, und seine
letzten Worte schleuderte er hinaus, selbstbewußt, gewappnet, fordernd,
gleich steigenden Lerchen, die sich trotzig jedem Pfeil aussetzen.

Und jetzt? Was geschah jetzt? In der gewalttätigen Überzeugung seiner
Natur ballte der Gereizte weit vorgeworfen seine Faust und schüttelte
sie, nicht nur gegen die starre Masse, die sich nicht wecken lassen
wollte, sondern am meisten gegen den untersetzten Mann in der ledernen
Schiffertracht, der kalt und unbeweglich eine Stufe unter ihm harrte.
Gödeke Michael.

Das letzte aber, was man vom Störtebecker vernahm, war ein ungeheures,
vermessenes, ihn wahrhaft schüttelndes Gelächter.

Die Menge stand verbissen in Taubheit. Ungewiß brütete sie vor sich hin.
Träge verfolgte sie allein aus tausend Augen die geballte Faust ihres
Führers, denn jene Rechte wurde eben vom Sonnenlicht gefärbt, so daß aus
dem Siegelring des Admirals ein schmales rotes Blitzen aufstieg. Ein
Feuerstrudel tanzte auf seiner Hand.

Die Menge rührte sich nicht.

Da plötzlich -- ungewiß aus welchem Grunde -- schrillte ein Kreischen
über den Markt. Ungebärdig -- vielleicht vor Langerweile, hatte die
Dirne in der Fensterhöhlung des »silbernen Bischofs« ihr Brusttuch von
sich gerissen, dadurch entblößten sich ihre Schultern vollends, und nun
schwenkte sie den Lappen unter Geschrei und Gelächter ungestüm in der
stillen Luft. Als hätte es nur auf dieses Zeichen gewartet, brach
endlich das lang gestaute Gewitter über dem Menschensee los. Ein
Donnerschlag antwortete, ein Brausen warf die schweren Wogen
gegeneinander, ein Orkan von Stimmen wütete, tausend schwielige Hände
griffen in die Morgenröte, als wäre es jetzt möglich, die
vorüberrollende Sonne festzuhalten, und durchzuckt von krampfigen
Erschütterungen schwoll die brüllende Menge dem Portal entgegen.

Wollte sie den Einzelnen dort oben, der in tiefes Staunen versenkt war,
küssen? Wollte sie ihn ermorden? Keiner Bewegung mächtig, mit
geschlossenen Augen saß Licinius und horchte. All die verworrenen
Stimmen, die unter Heulen und Toben etwas zu ersticken suchten, das den
feinen Ohren des Knaben ein Völkerschluchzen deuchte, das blasse reglose
Menschenkind beherbergte seit Wochen all jenes Sieden, Überquillen und
Staunen in seiner eigenen Brust. Aber jetzt, da das Unbegreifliche, in
trüben Stunden häufig Angezweifelte sich der Erfüllung entgegenneigte,
da Ausgestoßene und Verworfene sich für fähig hielten, ihre Verdammnis
durch Arbeit und Brudersinn zu lösen, da sie die Macht spürten, das
ursprüngliche Gute in sich anzubeten, um es weiter und weiter in
Menschenfurchen zu streuen, da schauerte Licinius, denn er fühlte sich
von unbarmherzigen Fäusten emporgerissen, und ein herrischer Mund küßte
wie schon oft seinen Scheitel. Erlösung durch Menschenhilfe, ein
Neuanfang, eine Wiedergeburt schon auf Erden, Gesegneter, oh Gesegneter,
der diese Quelle des Heils unter dem untätigen, pesthauchenden Himmel
erschlossen. O du, Geliebter -- Gesegneter -- Einziger!

Aufschluchzend preßte der Knabe beide Hände vor sein Antlitz, und
während unten des Jauchzens kein Ende war, rieselten ihm Schmerz- und
Danktränen reichlich über die Wangen.

»Kuck, wie der Dummkopf heult,« spottete die Flötenbläserin und stieß
ihn während des Vorüberschreitens mit dem Fuß in die Seite.

Auf dem Markt hörte man jetzt eine andere Stimme. An der Stelle, wo
bisher der Störtebecker sich gezeigt, stand nun der Mann in der ledernen
Schiffertracht. Kurze, fortschleudernde Handbewegungen deuteten an, daß
er mit hartem Wirklichkeitssinn das einriß, was eben in die Luft gebaut
war. Allein der Triumph des anderen überheulte ihn. Das Volk kehrte
jauchzend der nüchternen Vernunft den Rücken, um jenem nachzuströmen,
der ihm soeben das Herrlichste, nie mehr Erwartete versprochen, die
Rückkunft in Sorglosigkeit, Bürgertum und Menschenachtung.

Immer huldigender prallten die Haufen gegen den aufgerichtet
Schreitenden an, sie küßten ihm den Mantel, sie warfen sich vor ihm
nieder, sie schrien verzückt seinen Namen, und dennoch blieb stets ein
Raum zwischen dem im blauen Wappenrock und den Namenlosen gewahrt, denn
die unsichtbare Mauer zwischen dem Schöpfer und den Empfangenden ließ
sich auch hier nicht überklettern.

Vor der Tür des »silbernen Bischofs« wandte sich der Gefeierte noch
einmal zurück.

»Tut euch gütlich,« warf er hin, »in allen Schänken fließt heute roter
und weißer Freiwein, an jeder Straßenecke lasse ich einen Mastochsen für
euch braten. So nehmen wir von dem Raubgut Abschied.«

Gebrüll stieg zum Himmel, dann knarrten die Treppenstufen, und der
wohlbekannte federnde Tritt verkündete sich. Aber wie anders kehrte
Claus Störtebecker zurück, als der hochgestimmte Licinius ihn erwartet
hatte! Erhitzt, mit funkelnden Augen, an jeder Hand eine Dirne mit sich
schleppend, so stürmte der prächtig Geschmückte herein. Als er seines
Begleiters ansichtig wurde, da stieß er die beiden Weiber von sich, und
trunken von seinem Erfolg, schloß er den Knaben in die Arme und hob die
zarte Gestalt spielend empor.

»Blondkopf,« löste es sich aus der mächtigen Brust, »hast du's gehört?
-- Was sträubst du dich? Was starrst du mich so an? Ja, es macht heiß,
wenn der Atem der Zwiebelfresser übel um einen duftet! Gib Achtung, ich
hab' etwas für dich. Lauf zum Michael, er wohnt in der Kurie, und lad'
ihn für heute nacht auf die Agile. Spring, Kleiner, ich muß ihn haben!
Schnell, dies taugt nicht für dich.«

Damit griff er wieder nach den beiden Weibern, und während er sich die
Flötenspielerin über die Schulter warf, da erreichte es den
davonstürmenden Licinius noch, wie die helle, sieggewohnte Stimme sich
in unmäßigem Lärmen überschlug:

»Heda, ihr Venus-Täubchen, jetzt ins Bad! Wollen uns kühlen! Seid gerade
der richtige Teufelsschnee dazu. Hurtig!«

Und als ob er vom Bösen verfolgt würde, stürzte der Knabe durch die
Straßen.



III.


Böses Wetter herrschte über der »Agile«. Nicht, als ob Wind und Wogen
den Segler zum Streit herausgefordert hätten, denn der Himmel lachte im
hellsten Gold und die Flut breitete sich als ein blauer Acker vor dem
Meerwanderer aus. Nein, es war die schlechte Laune des Admirals, die
immer schwer auf dem Schiffsvolk lastete, sobald das Unvermögen
besonnenen Wartens die Herrschaft über den Lebhaften erlangt hatte. Die
Tat, auch die aussichtsloseste, schloß er jauchzend in seine Arme, das
Hinbrüten jedoch, das Minute an Minute Reihen ertrug er nicht, und
mitten aus der erzwungenen Ruhe schoß er manchmal empor, entschlossen,
durch irgendeinen heftigen Wurf den Zaun, von dem er sich eingeengt
wähnte, zu zerschmettern. In solcher Lage aber befand sich der Sieger
von Wisby nach seiner Meinung gerade jetzt. Die Tage wollten sich für
ihn nimmermehr vom Firmament lösen, und keine noch so drohend
emporgereckte Faust beschleunigte ihre Fahrt.

Unerträglich, nicht wert zu leben!

An der Galerie, die ganz hinten am Heck zu Füßen des gewaltigen Aufbaues
den Abschluß des Schiffes bildete, schritt der Störtebecker eines
Morgens rastlos auf und nieder. Das Haar flatterte ihm um die Stirn, und
seine schwarzen Augen spähten über die eingefurchte Kiellinie zurück auf
den Weg, den er gekommen. Hinter ihm war die tote Stadt längst
versunken, das letzte Goldkreuz ihrer Kirchen hatte sich in Dunst
aufgelöst, und das einzige, was sich auf der Fläche abzeichnete, waren
die zwerghaften Umrisse von zehn schwarzen Freibeuterschiffen, die im
weiten Umkreis dem Kurs der »Agile« folgten. Nur zehn? Wohin hatte sich
der übrige Teil, der noch vor kurzem so stattlichen Flotte verloren? Und
weshalb befand sich Gödeke Michael nicht in der Gesellschaft seines
Freundes? Wo blieben der Magister und der fromme Saufbruder Wichbold?
Und noch eins! Den Kundigen war es schon seit geraumer Zeit aufgefallen,
daß man die dänischen Gewässer verlassen und auf der Höhe der deutschen
Küste kreuzte. Spürte der Admiral plötzlich Sehnsucht nach Heimat und
Sippe, die er stets hoffärtig verleugnet? Niemand erfuhr es, und
unentwegt hielten sich die Schwarzflaggen auf derselben Meerstraße. An
klaren Tagen konnte man aus den Mastkörben bereits die blauen Linien von
Rügen dämmern sehen, allein kein Näherrücken gab es, sondern man harrte.

Enttäuscht lehnte sich Claus Störtebecker an die Wand des Aufbaus,
kreuzte die Arme über der Brust und schickte noch einmal einen
hoffnungslos finsteren Blick über die lachende Ferne. Nichts! Das, was
er erwartete, die roten Segel, die in der Nacht seine Träume teilten,
sie wollten sich nicht zeigen.

»Ich möchte lieber,« sprach er endlich höhnisch zu dem Knaben Licinius
herunter, der mit einer Schreibarbeit beschäftigt zu den Füßen des
Admirals hockte, »der dicke Wichbold schwömme als ein unförmig
Bauchgebirge an uns vorüber, als daß mich der wüste Saufaus noch länger
narrte. Acht Tage! Könnte ich doch mit dem Wind dem widrigen Kerl meinen
Namen in die Ohren heulen, ich --«

Mitten im Satz schleuderte er jedoch alles weitere von sich, um sich
unvermutet zu seinem Gefährten herabzubeugen, denn das Schweigen des
Knaben verdroß den Heftigen.

»Was bedeutet dein ewiges Gekritzel?« rief er hastig. »Was treibst du,
Bursche?«

Folgsam schloß der Angeredete seine Wachstafel, allein seine
Augen suchten fortgesetzt den Boden, als er still erwiderte: »Ich tue,
was du mich geheißen.«

»Ich?«

Plötzlich lachte der Riese und fuhr dem Blonden versöhnt über die
Locken. Er besann sich. Damals, als er zur Nacht von Wisby auf sein
Schiff zurückkehrte, war ihm zum erstenmal der Einfall aufgestiegen, es
sei ratsam, vor Mit- und Nachwelt jene Begebenheiten aufzuzeichnen, die
sein seltsam Vorhaben gefördert oder gehindert hätten. Denn ohne daß
sich der Sorglose ganz klar darüber wurde, hatte ihn ein drängendes
Verantwortungsgefühl gegenüber seinen eigenen Plänen erfaßt, so daß er
meinte, sie müßten in ihrer Ursprünglichkeit erhalten werden, auch wenn
er nicht mehr atme.

»Geh, Bübchen,« hatte er sofort seinen Gefährten angepackt, da Licinius
in jener Nacht auffallend wortlos und sonder Teilnahme neben dem
innerlich Berauschten einherging. »Du hast ein rein Herz. Zeichne auf,
was du hier erspähst. Mag dein sanft Gemüt einst für mich zeugen wider
Trug und Mißgunst.«

Und so hatte der Knabe in all seiner bedingungslosen Schwärmerei und
heimlichen Trauer zur Schreibtafel gegriffen.

Heute entdeckte nun der Seefahrer ganz unvermittelt, nachdem er endlich
seinem verbitterten Warten entrissen war, was sich längst in seiner
Gegenwart entwickelt, und sofort entwendete er dem Knaben die Tafel vom
Schoß, um sie in starker Spannung zu überfliegen. Er lehnte noch immer
am Aufbau, aber bevor er zu blättern begann, warf er dem Blonden erst
noch einen merkwürdig fragenden Blick zu. Der hielt das blitzende
Augenpaar gefaßt aus, wie jemand, der mit sich und seinem Urteil im
reinen ist.

Da schlug der Störtebecker das Buch auf. »Nun gut,
Licinius,« meinte er neugierig, »laß sehen, was ein sauberer Spiegel zu
melden weiß?«

Klangvoll fing er an zu lesen:

»Dies schreibe ich der Wahrheit zuliebe, und auf daß mir selbst einst
vergeben werde -- -- --

Der Störtebecker hat auf dem Markt zu Wisby alles Volk zu sich bekehrt.
Bis auf die wenigen um Gödeke Michael. Dies ist ein Schade, denn es sind
gar wackere Schiffer und in guter Zucht. Die anderen aber streckten die
Hände zu ihm wie zu einem Gott aus der Höhe, sie küßten ihm den Mantel,
einige ließen ihn über sich wegschreiten, und ich habe etliche
Narbengesichter weinen gesehen gleich den Kindern. Niemals zuvor wurde
aber auch Verlassenen dergleichen verheißen, und unser Herz quoll über
vor Dank und Sehnsucht. Am Abend kehrte der Störtebecker heim auf die
'Agile'. Seinem blauen Prunkrock war böse mitgespielt, und er selbst
gebärdete sich hitzig und voll Unrast, so daß man hätte fürchten können,
er habe seinen Stern in übler Gesellschaft verloren! --«

Bei dieser Stelle fuhr der Lesende erstaunt herum, strich sich über die
Stirn und schlug dann auf die Wachstafel.

»Was hast du hier geschrieben, Fant?« rief er nicht ganz sicher. Dann
aber faßte er sich. »Töricht Kind, weißt du nicht, daß des Menschen
Gebein aus Ton und Erde gemacht wurde? Es kann den Funken nicht immer
vertragen!«

»Ich will den Satz tilgen,« versetzte der Knabe sanft.

»Nein, mag er bleiben,« bestimmte der Admiral nach einer Weile und
versuchte zu lachen. »Er meint es redlich. Gehen wir weiter.«

-- -- »Zur Nacht kam der Gödeke Michael an Bord. Mein Herr hatte ihn
durch mich bescheiden lassen. Wir saßen zu dritt in der Kajüte. Der
Michael hatte ein ernst und undurchdringlich Gesicht, und verschlossen
war sein ganz Wesen. Es schien mir aber dennoch, daß seine Augen voll
Trauer und Teilnahme an dem Störtebecker hingen. Da griff ihn mein Herr
gleich scharf an und sprach: 'Gödeke, warum hast du dich heute wider
mich gewendet?'

'Darum,' sprach er, 'weil du über die Wolken fliegst, und der Armen Sach'
auf Erden ausgefochten wird.'

Der Störtebecker hielt an sich und erwiderte: 'Weißt du denn nicht, daß
ich darauf bin, ihnen ein Asyl zu öffnen?'

Der andere zuckte die Achseln und sprach: 'Wie willst du wohl dazu
kommen? Auf den Schiffen sind wir stark, aber zu Land ein verloren
Häuflein. Mit so geringer Macht wird nicht einmal ein Acker gewonnen.'

Da lachte der Störtebecker hell auf und sagte: 'Potz Marter, du denkst
nur immer an Schädelspalten. Ich aber will mein Land in gutem Frieden
mit Gold und Silber einhandeln.'

Darauf schwieg der Gödeke Michael eine Weile und bedachte sich, dann
fragte er, wer solch ein Land wohl freiwillig verkaufen würde? Als er
nun hörte, daß mein Herr schon den Hauptmann Heino Wichmann auf
Kundschaft zu den Friesen gesendet hätte, da die Großen dieser Stämme
aus Geldgier sogar ihre eigenen Weiber preisgäben, da schüttelte er den
Kopf und fragte zum Schluß:

'Und woher willst du eine solche Menge Goldes nehmen, wie sie gewißlich
von dir fordern werden?'

Da zögerte der Störtebecker ein weniges, und es war, als ob er sich
schäme, dann aber schüttelte er es ab und meinte kecklich: 'Ich weiß
eine Stadt in Norwegen. Die hat sich seit alters her gemästet, so daß
sie schier erstickt vor Wohlleben und Überfluß. Auch die Hansischen
halten dort ihre Kontore und nagen gleich den Ratten am Speck der
Eingeborenen. Dorthin will ich den dicken Wichbold mit zwanzig Koggen
senden, damit er den feisten Wanst mit Tribut und Steuer zur Ader
lasse.'

Kaum hatte der Michael dies vernommen, da sprang er auf, stieß den Tisch
von sich und schrie, während die Zornader ihm schwoll: 'Ist der Wichbold
schon fort?'

Und als mein Herr bestätigt hatte, die Koggen wären schon seit
Mondaufgang unter Segel, da geriet der Michael außer sich, hieb auf die
Tischplatte und verschwor und vermaß sich; ganz rot war er im Gesicht,
als er hervortobte:

'Wehe, du hast unsere Sache erwürgt und ins Grab geworfen.'

'Gödeke,' unterbrach der Störtebecker, und ich glaubte, er ersticke,
'nimm dich in acht! Mich hat noch niemand beschimpfen dürfen.'

Bevor aber noch ein Unglück geschehen, da hatte der Michael sich selbst
an der Brust gepackt und nun würgte und rang er gar erschrecklich, bis
er endlich in seiner gewohnten Weise hervorbringen konnte: 'Ich kenn'
deine Stadt. Heißt sie nicht Bergen?'

'Du sagst es,' erwiderte mein Herr.

'Und ich kenne auch den dicken Wichbold,' entfuhr es dem anderen,
'diesen Wegelagerer und stinkenden Weihrauchkessel. Gib acht, in der
Linken sein Gebetbuch und in der Rechten ein Bund brennenden Wergs wird
er die Bergener rösten, nachdem er ihnen zuvor das letzte Kissen aus dem
Bett gezogen. Weißt du auch, was daraus entsteht? Die Dänischen und die
Hansen werden gemeinsam über uns kommen und um so lieber, als die
Schiffe des preußischen Ordens jetzt schon gen Wisby unterwegs sind.
Zweifle nicht, dies muß die Schwarzflaggen zu Fetzen zerreißen.'

Als mein Herr so die nahe Gefahr verkündet hörte, da wuchs er in die
Höhe, gerade wie damals, da die Steinkugeln des »Connetable« unser Deck
zertrümmerten; schweigend schritt er in eine Ecke, holte von dort seinen
langen Hieber hervor und streckte die Waffe gerade vor sich hin.

'Höre, Gödeke,' sagte er, und es konnte ihm keiner von uns in die Augen
schauen, so grimmig flackerten sie, 'so wenig ich über dies Eisen
springen kann, während ich es in meiner Faust halte, so wenig wird dies
alles geschehen. Meint der Wichbold etwa, ich wäre ein Hündchen, das im
Schoß einer Dame schmeichelt? Er weiß, so auch nur einem Bergener ein
Haar gekrümmt wird, so will ich ihn selbst schänden, daß kein Weihwasser
mehr das Mal von seinem Pockenfraß abwäscht. Sei sicher, die Furcht wird
ihm raten!'

Damit warf mein Herr den Hieber von sich, holte tief Atem und seufzte.
Nachher sprach er mit einer treuherzigen und traurigen Stimme: 'Aber
dies ist nicht das schlimme. Das schlimme ist etwas anderes.' Er legte
dem anderen die Hand auf die Schulter. 'Ist es wahr, Gödeke, daß du von
mir gehen willst?'

'Ja,' rang sich der Michael langsam ab. 'Meine Zeit ist gekommen.'

'Gödeke,' rief nun mein Herr, 'bist du des Raubens und Stehlens noch
nicht satt?'

Über das Gesicht des Michael lief eine Röte. 'Ich habe mein' Tag nichts
für mich genommen,' rechtfertigte er sich rasch. 'Aber es muß einer da
sein, der für die Geknechteten und Geschundenen als ein Racheengel
daherfährt. Was würde, wenn die Mächtigen nicht mehr vor dem Würger
schauderten?'

Der Störtebecker nickte und sah vor sich nieder. 'Und von dem
Wiederanfang hältst du nichts?' fragte er.

'Ich bin ein Kriegsmann,' zuckte der Michael die Achsel. 'Wir haben am
Kreuz gestanden und den Herrn vergeblich verröcheln gesehen. Seitdem
weiß ich, daß Blut um Blut gefordert werden muß.'

'So gehe,' fuhr der Störtebecker heftig auf, 'und wir wollen warten, wer
unserer Sache besser nützt?'

'Dies geschehe,' sprach der andere kalt und wandte sich.

So wären die beiden alten Genossen schier unversöhnt voneinander
geschieden, wenn nicht der Störtebecker dem Michael mit einem Sprung
nachgesetzt wäre, gerade, als jener die Treppe erreichte. Aber auch der
Michael kehrte zu gleicher Zeit um und streckte meinem Herrn beide Hände
entgegen.

'Bruder,' rief der Störtebecker in einem Ton, wie ich es bis dahin noch
nie von ihm gehört. Auch dem anderen schien das Wort durch und durch zu
gehen, denn er führte die Hände des Freundes gegen seine Brust und sah
ihn lange an. Dann sprach er:

'Claus, seit du als Halbflügger zu mir kamst, hast du ein reiner Licht
über mein Handwerk fallen lassen als je vorher. Das will ich dir nimmer
vergessen. Darum kann ich auch in der Ferne nicht aufhören, auf dich zu
achten. Geht es dir aber übel, so sende mir unsere Schwarzflagge und
hänge deinen Siegelring daran. Daraufhin will ich meinen Kopf für dich
wagen, wie bis auf diesen Tag. Und nun frisch, Claus, tue, was dein Herz
dich lehrt und was ich nicht mit dir tun kann.'

Darauf umarmten sich die beiden Männer und gingen auseinander. -- -- --«

Hier schloß der Admiral das Buch, löste sich ein wenig von der Wand des
Aufbaus, und sein Blick glitt abgekehrt zu der Kielfurche hinunter, die
sich wirbelnd in der Weite verlor. Die Bilder aber, die sein Schreiber
entrollt, gaben ihn noch nicht frei, sie fingen ihn vielmehr in einen
dichtbevölkerten Käfig ein, aus dem es kein Entspringen gab.

Nein, das nicht! Was sollte der Verkehr mit Schatten? Gewaltsam
schüttelte sich der Entrückte, um, wie zur Rettung, abermals nach der
Tafel zu greifen. Siehe da! Waren da nicht in kleinerer Schrift ein paar
Zeilen eines Nachtrags hingesetzt? Claus beugte sich, um sie zu
entziffern. Und während des Ausdeutens kam dem Lesenden der Argwohn, als
habe der Schreiber absichtlich seine Zeichen krauser und undeutlicher
gehalten als bisher. Da stand:

»Dies schreibe ich für mich allein!

Als der Michael gegangen war, da stand mein Herr aus Stein gehauen, als
wäre er aus der Welt ausgestoßen und verbannt. Aber dem war nicht so!
Wer ihn recht betrachtete, der merkte wohl, daß ihm während dieses
ganzen Streites ein weißes Licht auf der Stirn geleuchtet, so daß man
hätte vor ihm niederknien mögen, um ihn anzurufen: 'Nimm mich mit dir,
wohin du dich auch wendest.' Deshalb weiß ich, unser Heil ist nur in den
Spuren dieses Einen. Denn er sucht das Gute. Und ob es sich auch tief
versteckt, es ist nicht aus der Welt. Mögen wir alle es schauen vor
unserem Ende!«

Tief aufatmend fügte der Störtebecker die Wachsplatten zusammen, schlang
die Bänder um die Holzhülle und reichte Licinius, der sich inzwischen
erhoben, die Tafeln zurück. Auf dem engen Raum hinter der Galerie
standen sie dicht nebeneinander, ein Ausweichen war nicht möglich. Gern
hätte der Knabe erfahren, ob der Admiral mit der Schreibarbeit zufrieden
sei, allein dieser hatte sich abgekehrt, so daß seine Gesichtszüge dem
Blonden verborgen blieben. Da versuchte Licinius dem Seemann die Hand
bescheiden auf den Arm zu legen. Kaum aber spürte dieser den Druck, da
fuhr er zum Schrecken seines Gefährten mit einem Sprung herum -- dann
ein Augenblick des Erstarrens, und in den Blonden schlug es ein, daß
dies nicht mehr derselbe sei, der noch soeben höhnisch, ungeduldig,
verbittert nach seinem Schicksal ausgespäht. Nein, wild, hingerissen,
über alle Grenzen geschleudert, so stand der leuchtende Mensch vor dem
Fassungslosen, der solch jähen Wechsel nicht gleich begriff, dann ein
selbstverständliches Zupacken, in irrem Schwindel fühlte Linda ihre
Glieder emporgeworfen, und dann lag sie wie in einer mächtigen Wiege,
und das edle und doch so fürchterliche Antlitz ihres Bezwingers beugte
sich nah und näher auf die Zitternde nieder.

»Knabe -- Weib -- was bist du eigentlich?« jauchzte ihr eine heiße,
verzehrende Stimme ins Ohr. »Du Stern, der mir vom Himmel herabfiel, was
soll die Vermummung?«

Da sprang über der Hingestreckten das blaue Gewölbe auseinander,
Entsetzen und Verzückung stürzten zugleich auf sie herab, voll Schauder
warf sie die Hand gegen die sündhaften Augen, allein der erhobene Arm
brach kraftlos auf halbem Wege zusammen, und nichts als eine lächelnde
Starrheit war dem erschreckten Bedränger preisgegeben.

Als ihn dies gänzliche Verstummen erreichte, da kehrte dem Betroffenen
die Besinnung zurück. Eine bittere Verachtung verzerrte plötzlich seinen
Mund, schützend packte er seine Last fester, und zum erstenmal warf er
einen scheuen Blick um sich, ob auch die Mannschaft nichts von seiner
Verlegenheit erkundet. Allein, da hinter dem hohen Aufbau keine
Überraschung zu besorgen war, so öffnete der Störtebecker entschlossen
die schmale Hinterpforte, und gleich einem Einbrecher schlich er tief
gebückt in die große dunkle Kammer. Ein Lichtstreif verriet ihm die
Lagerstreu seines Gefährten. Nur Stroh und Schilf sowie eine rauhe Decke
dienten hier zu Rast und Schlummer, und eine heimliche, nie empfundene
Bedrückung belehrten den Eingedrungenen ganz unerwartet, welcher
Dürftigkeit das verwöhnte Geschöpf, das er jetzt so behutsam auf den
Armen trug, sich hier habe anpassen müssen. Und weshalb? Weil sie, die
Gemißhandelte, unverrückbar und felsenfest an seinen Stern glaubte. Ein
heißer, dankbarer Blick streifte das totenähnliche Antlitz, und während
er den fühllosen Körper sanft auf die Streu gleiten ließ, da regte sich
in dem Prachtliebenden, stets zu jeder Verschwendung Bereiten, ein
unzähmbarer Haß gegen die Ärmlichkeit dieses Lagers. Wie? Er selbst
wühlte im Golde, und seine Nächsten sollten darben? Das konnte ihm nur
Schande eintragen, solches berichteten auch die Lieder keineswegs, die
man im Volke von ihm sang.

»Wulf Wulflam,« befahl er eine Weile später, als er über Deck schritt,
seinem Bootsmann, »wir haben noch die Schlaftruhe des Bischofs von
Strängnäs an Bord. Der Pfaffe faulenzte auf seidenen Kissen und unter
einer Purpurdecke. Schnell, schaffe den Plunder zu Licinius in die
Kammer! Das Büblein braucht sich die Knie nicht wund zu scheuern.«

Vergnüglich wollte der Schiffer Beifall grinsen, allein ein Blick auf
das hochmütige Gesicht seines Herrn ließ es ihm doch geraten erscheinen,
lieber die Kappe zu lüften, um sich dann wortlos an seine Arbeit zu
trollen. Er wußte aus Erfahrung, wie wenig für Einverständnis und
Vertraulichkeit von diesem Seetyrannen in gleicher Münze eingewechselt
wurde!

       *       *       *       *       *

Tag und Nacht war verstrichen, und in seiner Kajüte streifte der
Störtebecker ruhelos auf und nieder. Zuweilen hörte man auf Deck, wie
unten ein harter Faustschlag gegen die Holzwände dröhnte. Zwiefach
harrte der Admiral. Auf die roten Segel, die nicht aus dem Horizont
brechen wollten -- und ein heftiger Zorn peinigte ihn daneben, weil ihm
sein Knabe heute zum erstenmal nicht bei Tisch aufgewartet.

Was sollte das? Auflehnung? Der Gereizte blieb stehen, und ein
verständnisloser Blick streifte die lederne Peitsche an der Wand. Er
wußte nicht, was er wünschte. Gleich darauf zwar brach er in Hohn über
sich selbst aus, und er verspottete sich, weil in dieser unerträglichen
Spannung Weiberkram seine Gedanken beeinträchtigen konnte. Angestrengt
sann er eine Weile nach und horchte, ob sich kein weicher Tritt melde.
Als sich jedoch nichts regte, spritzte ihm die Wut verschärft in die
Stirn und doppelt besessen stürzte er an die Schiffsluke, um in
ohnmächtiger Verzweiflung über die schwanke Ebene zu spähen. Nichts
-- nichts -- bei den fünf Wunden, nicht der Schatten eines Käfers ließ
sich entdecken, und mit schmerzenden Augen taumelte der Unbändige zurück
und raufte sich stöhnend das Haar. Zwanzig seiner mächtigsten Schiffe,
der Kern der gesamten Schwarzflaggen, sie waren verschollen, er hatte
sie unter die Hand eines gewissenlosen Henkersknechtes gegeben, und nun
bohrte in ihm die immer spitzere Erkenntnis, daß auf diesen Planken alle
Hoffnung der Armen und Elenden verladen war, zu deren Wortführer er sich
aufgeworfen. Welch ein Hohngelächter würde rings um die Küsten schallen,
wenn man erst erfuhr, daß diese gefürchtete Waffe vielleicht von einem
seiner eigenen Genossen gestohlen war? Lähmend stieg ihm die Befürchtung
des Gödeke Michael auf, und zu stolz und herrschsüchtig, um den
geringsten Vorwurf zu erdulden, begann seine Tobsucht nach irgendeinem
Opfer Ausschau zu halten. Warum kroch dieser blonde Tröster nicht wie
sonst gleich einem demütigen Hündchen zu seinen Füßen? Das durfte der
Herr doch verlangen!? Und wieder haftete sein verwirrter Blick an der
Lederpeitsche, und seine Rechte streckte sich krampfgeschüttelt nach ihr
aus.

Da -- mit einemmal, welch ein singender, langgezogener Ruf aus den
Himmeln?

Der Störtebecker schnellte in die Höhe, und so sehr hatten sich alle
seine Sinne in eine einzige Erwartung verzogen, daß er die Gestalt nicht
unterschied, die jetzt in die taghelle Öffnung der Tür drang.

»Herr,« jubelte Licinius, wie immer ein Bote des Glücks, »der Wichbold!«

Da wurde ihm noch einmal der Freispruch von unerträglichen Foltern
vergönnt, die Entkettung von irgend etwas Wildem, Bösartigem, das schon
Gestalt gewonnen. Beide Arme warf der Störtebecker auseinander und
stürzte auf den Ersehnten zu, als wollte er abermals die feinen,
schlanken Glieder im Übermaß des Entzückens an sich pressen. Aber der
gewaltige Zug, der über ihm war, sprengte ihn weiter. Nur die Hand des
Knaben umklammerte er, und ohne sich fürder um ihn zu kümmern, riß er
den Blonden widerstandslos hinter sich her auf Deck.

Oben ein glasheller Sommertag und unter ihm das seidige Wallen des
blauen Meeres. Jedoch der Besessene blieb blind für die gewohnte Pracht,
ihn trieb einzig die lodernde Wut seines Wesens an, sein abergläubisch
verehrtes Glück allein und weit über den Häuptern der anderen auskosten
und ermessen zu dürfen. Niemals hatte er sich dazu hergegeben, heute
stürmte er unempfindlich gegen seine Würde über die Strickleitern empor,
und bald entdeckte ihn die erstaunte Mannschaft, wie er hoch oben in der
rot gestrichenen Masttonne sich weit über den Bügel warf, um die
ungeschützten Augen frech und durstig in die Sonne zu bohren.

Ja, von dorther schwamm sein Glück; mit rot glitzernden Funken war die
Straße gepflastert, über die es langsam einherzog, wenn man auch bis
jetzt nichts weiter als eine sich immer vergrößernde Anzahl schwarzer
Flaggen unterschied, die scheinbar von unsichtbaren Händen durch die
Wolken getragen wurden. Da wartete der Störtebecker nicht länger ab, bis
sich auch der Rumpf jener Schiffe zu zeigen begann, er fragte sich in
seinem Taumel auch nicht, warum der Leib der Koggen gar so dünn und
linienhaft am Horizont haftete, mitten in der lauen Luft wurde die
riesige Gestalt dort oben von einem übernatürlichen Sturm geschüttelt,
und mit einem ins Unermessene langenden Griff zerrte er die
Schwarzflagge von der Wimpelstange und nun schwenkte er sie in langen
atemlosen Windungen durch den goldspinnenden Äther, bis das dunkle Tuch
selbst von Feuer und Brand erfaßt schien. Er grüßte sein Glück, er
grüßte das Heil der Unzähligen, von dem er meinte, daß es ihm jetzt
unwiderruflich in die Hände gegeben sei. Da brandete auch unter dem
Schiffsvolk der lang gesparte Beifall empor. Linda, die fast
unkörperlich zwischen den schreienden, winkenden, durcheinander
wimmelnden Männern umherirrte, denn ihr Blick kletterte über alle hinweg
dem trunkenen Fahnenschwinger in die Lüfte nach, sie fing dennoch auf,
wie der Jude Isaak den kleinen zahnlosen Arnold Frowein an den
Katzenpfötchen packte, dazu inbrünstig murmelnd: »Glaubst du nun,
Bruder, daß sie da sind?«

»Wer?« miaute der ehemalige Töpfer, der sein gezwungenes Grinsen nicht
lassen konnte.

»Das neue Reich. Der Messias!«

»Mag sein,« zischte der andere, und in seinen Augen entzündete sich ein
grünlicher Brand. »Aber die Katzen müssen erwürgt werden, damit Urian
sich nicht in dem neuen Reich Kinder zeuge. Und auf das Streckbett soll
man spannen, was sich Richter nennt! -- Meinst du nicht, Freundlein?«

Der Jude sah ihn starr an, dann ließ er die kratzenden Nägel fahren und
grübelte bange in sich hinein: »Laß, dort ist Freundschaft -- wo sonst?«

Inzwischen war der Störtebecker geschmeidig an den Wanten
herabgeglitten, nun bildete sich eine schweigende, atemlose
Menschengasse, durch die er hindurchschritt. Noch immer hing ein
Leuchten, ein Jubel an dem Riesen.

»Komm, Licinius,« befahl er, als er den Knaben erreicht hatte, »hilf
mich schmücken. Die Spielleute sollen sich bereit halten. Wir wollen dem
Wichbold ein Bankett geben, wie sich's Silen und Bacchus nimmer erträumt
haben. Tummle dich, Kleiner, daß er uns nicht überrasche!«

       *       *       *       *       *

Allein der Wichbold kam nicht. Längst schimmerte die Kajüte der »Agile«
in ihren satten Farben, wie zum Hohn sandten die Spielleute ihre Weisen
in den sinkenden Tag, und in seinem roten Prachtwams saß der Admiral
blaß und verstört unter den brennenden Laternen und ließ sich von
Licinius einen Becher nach dem anderen füllen. Der Erwartete stellte
sich nicht ein!

Durch die offenen Luken sah man, wie sich über die Flut grauer Schaum
wälzte, allmählich liefen die Mondkäfer über die tanzenden Hügel hinweg,
das Gesumme der Nacht meldete sich.

Endlich ertrug der Störtebecker die getäuschte Erwartung nicht länger.
Geräuschvoll sprang er auf, und so sprechend war die Gebärde, mit der
seine Rechte in die leere Luft griff, daß ihm Licinius ohne weitere
Frage den schwarzen Mantel um die Schultern hing. Achtlos nickte der
Admiral, dann stieg er schweren Trittes die Treppe hinauf, und kaum
hatte er auf Deck die Bordschwelle erreicht, so schrillte jener
Pfeifentriller über See, der eine der begleitenden Snyken herbeirief.
Gleich darauf schwang sich die hohe Gestalt unter die Ruderknechte des
Bootes. Bevor er jedoch die Weisung zum Aufbruch erteilte, warf er noch
einmal das Haupt herum, denn er vermißte etwas. Oben an der Bordschwelle
lehnte Licinius, um schweigend der Abfahrt beizuwohnen. Da hatte der
Riese gefunden, was ihm fehlte.

»Spring herab,« hieß er den Knaben. Und als dieser zögerte, noch einmal
ungeduldiger: »Springe, dir widerfährt nichts.«

Da erstarb das Widerstreben in dem Erblaßten, folgsam schloß er die
Augen, und ohne einen Laut von sich zu geben, ließ er sich durch die
Bordlücke in die Schwärze fallen. Allein er berührte den Boden nicht,
denn in heftigem Anprall stürzte er dem Störtebecker in die geöffneten
Arme.

»Recht,« murmelte der und setzte seinen Gefährten sorgsam neben sich auf
die Ruderbank. »Nun zum Wichbold.«

Rauschend verlor sich das Boot im Dunklen.

Am Nachthimmel hing bereits der Mond, als die Snyke in die Linie der
Wichboldschen Schiffe einfuhr. Diesmal aber mußte es auch dem
Unbefangensten auffallen, wie tief und schwer beladen die Fahrzeuge im
Wasser lagen, augenscheinlich hatten die Ungeheuer über jedes Begreifen
hinaus von dem Hab und Gut, um das aller Streit in dieser Welt geht, in
sich eingewürgt. Besonders war es die »goldene Biene«, die Führerkogge
des Wichbold, die unbeweglich herabgedrückt in den schwarzen Wassern
lag, und als ihre Besatzung von den Bootsleuten angerufen wurde, da
antwortete zunächst ein dumpfes, bleiernes Schweigen. Leblos, oder von
dickem Schlaf umhüllt, ruhte die »Biene« auf der Flut. Jetzt stieß das
Boot an die Wandung, und zu gleicher Zeit richtete sich der Störtebecker
sonderbar schwerfällig unter seiner Schar auf und führte mit dem Ruder
einen harten Schlag gegen die Planken.

»Wichbold,« schrie er. Es klang beinahe ängstlich.

Auf der Kogge gab sich noch immer kein Laut kund, doch an den Masten
glitten wenigstens ein paar Laternen in die Höhe, und eine Strickleiter
fiel mit Gepolter über Bord. Wortlos schwang sich der Störtebecker
hinauf, ungeheißen kletterte Licinius ihm nach.

Auf dem Deck der »Biene« stand die Mannschaft Kopf an Kopf, eine dunkle,
nicht unterscheidbare Masse. Aber merkwürdig, kein Ruf hieß den sonst so
gefürchteten Führer willkommen, schweigend, verlegen wich die Menge vor
dem einzelnen Mann auseinander, bis ganz hinten am Mast eine
aufgeschwemmte, unförmige Gestalt sichtbar wurde. Die sank, wie ein
baufällig Weinfaß, vor dem noch Fernen zusammen, und man konnte fast
annehmen, sie wolle zur Begrüßung in die Knie brechen.

»Alle Heiligen,« gurgelte es tonlos aus dem Zober. »Du, mein gesegneter
Freund.« Irre fuchtelten ein paar fleischige Hände dazu in der Luft.

Allein trotz dieses demütigen Empfanges rührte sich der Ankömmling
nicht, starr aufgerichtet verharrte er in der Menschengasse, und nur die
vom Laternenschein grünlich getroffenen Augen des Admirals wanderten
ungläubig, ja, wie von aufsteigendem Irrsinn entzündet, über die
merkwürdige Beute der »Biene«. Da lagen freilich Kostbarkeiten
aufgestapelt, die man sonst nicht oft beieinander findet. Truhen waren
über Truhen geschichtet, die meisten halboffen, so daß Gold- und
Silbergeschirr, kupferne Ampeln, eiserne Lichtreifen, Holzschnitzereien,
bunt bemalte Wappen und Gildenschilder, riesige Deckelkrüge sowie Fetzen
unordentlich hineingepreßter Teppiche aus ihnen hervorlugten. Etwas
weiter türmten sich verschimmelte Wein- und Bierfässer übereinander,
ungeheure Ballen unverarbeiteter Tuch- und Leinenstoffe hoben sich bis
zur halben Höhe der Masten, da standen Pferde und Kühe angebunden, dort
verschlangen sich Betten, seidene Frauenkleider, Schuhzeug und allerlei
Gewaffen zu einem unerkennbaren Haufen, und ganz hinten auf dem Aufbau
beugte sich inmitten eines wüsten Reigens von Weihrauchkesseln,
Messegewändern und Stolastickereien, Opferschalen und Prozessionsfahnen
eine überlebensgroße Mutter Gottes wehklagend zur Erde nieder, obwohl
nichts anderes vor ihr lag als ein Stoß scharf duftender Lederhäute.
Erst allmählich schwamm dieses tolle Durcheinander aus dem undeutlichen
Laternenlicht hervor, und je brütender der Störtebecker auf jedes
einzelne Stück hinstierte, desto qualvoller breitete sich unter der
Mannschaft diese unbeschreibliche Strafe des Schweigens aus. Einzelne
wischten sich mit groben Fäusten den Schweiß von der Stirn.

»Herr, Herr,« jammerte von seinem Mast aus der dicke Wichbold und
schlug, während er ein paar Schritte vorwärts wankte, schallend die
Hände zusammen. »Dies ist nicht mein Werk. Beileibe nicht. Wie es
wohlgetan ist, den Ungerechten von ihrem Überfluß zu helfen, damit er
unter die Armen verteilt werde, so ist dies hier eine Versuchung vom
Herrn der Finsternis -- nicht ich -- nicht ich -- so wahr ich will selig
werden.«

Noch immer tasteten die Blicke des Störtebecker umher, taub und
unempfindlich schien er, und so faßte der schwammige Buschklepper den
Mut, wieder einen Schritt näher zu rücken. Verzeihung heischend beugte
er sein graulockiges Haupt, wobei er sich selbst voller Anklagen die
Brust schlug.

»Ach, du mein gesegneter Freund,« bettelte er, »sprich zu mir. Wolle
dich überwinden! Ich weiß, du denkst ungnädig, aber was sind wir armen
Sterblichen anderes als Läuse am Leib eines Hitzigen! Ein Schlag, und
hin! Wie habe ich deinen Befehl befolgt -- ich lernte ihn auswendig, ich
konnte ihn auf dem Nägelein[*] gleich einem Paternoster, ich sprach ihn
voll Ehrfurcht aus, nicht anders als den gebenedeiten Namen unserer
lieben Frau. Und siehe, ihr Segen ruhte über mir Unglücklichen, denn
alles war schon in guter Ordnung. Das Abkommen mit den frommen Bürgern
von Bergen, der Tribut auf dem Tisch des Rathauses, auch dein Siegel
hing bereits unter dem Pergament -- da -- oh über die Tücke des
Schwarzen -- da warf eine Hure im Zank ein brennendes Scheit gegen eines
meiner Kinder -- und -- und -- deine Klugheit errät -- die hölzernen
Häuser -- kein Lüftchen -- ach und weh, die Hitze --«

  [*] Luther sagt: »Die heilige Schrift auswendig und auf dem
  Nägelein können.«

Er raffte seinen Rosenkranz empor und warf die Holzperlen in jäher
Flucht gegeneinander.

»Nicht mein Werk,« stammelte er, »nicht mein Werk.«

Woran aber hafteten die Blicke des Störtebecker während dieser langen
Rede so fest, daß sie sich von dem seltsamen Ding nicht mehr trennen
mochten? Mitten aus dem Wust hing an dem kupfernen Reifen eines
Torringes ein hölzerner Amselkäfig herab, und ein schwarzes Tierchen
sprang ängstlich und ungefüttert zwischen den Stäben hin und wider,
wobei es häufig einen schrillen Pfiff ausstieß. Gott allein mochte
wissen, aus welch behüteter Ruhe das zahme Geschöpf herausgerissen war?
Schützend, ungewiß, streckte der Admiral die Hand gegen diesen winzigen
Zeugen ungeheuerlicher Greuel aus, allein plötzlich wandelte sich der
anfänglich so harmlose Griff, die Finger des verstummten Riesen
spreizten sich, ein Aufrecken, und er hatte die schwere eiserne Laterne
von der nächsten Mastleine gerissen, und dann -- ehe sich noch die
betäubte Mannschaft dazwischen zu werfen wagte, da schmetterte das
unförmige Gerät auf den Schädel des versteinerten Wichbold nieder,
Flammen und Blut spritzten gemeinsam herum, und wie ein abgesägter Baum
rollte der Wanst dem Angreifer vor die Füße.

Doch der Gestürzte war nicht getötet. Obwohl ihm rotes Gerinsel dick und
schwammig über die Stirn rann, so behielt der Gezeichnete dennoch die
Kraft, in jämmerlicher Unterwürfigkeit auf seinen Bändiger zuzukriechen,
um ganz nahe die Knie des noch immer Schweigenden zu umschlingen.

»Wehe mir,« röchelte er kaum noch verständlich. »Warum befleckst du dich
an mir Unseligen? Nackt im Schnee der fromme Bischof von Strängnäs, im
Feuer die Mütter und holdseligen Mägdelein von Bergen, im Schutt die
Hostien -- überall Todsünde rings um mich Gutwilligen, wehe, wehe, vor
wem soll ich fürder noch bestehen?«

Sein aufgedunsenes Pockengesicht verzerrte sich und wurde bleich, mit
aufgesperrtem Mund schlug er zu Boden. Da lief ein böser Zug über das
schmale Antlitz des Admirals, einen Fußtritt versetzte er dem
schwammigen Körper in die Seite, und während er sich tiefer in seinen
Mantel wickelte, als ob ihn fröstele, da hob er das Haupt gegen die
unmutig anrückenden Freibeuter. Aber vor dem wilden Blick des Gebieters
stockte der Schwarm. Starr, geduckt standen die Männer um den
Befehlshaber, wie immer bereit, sich der Gewalt dieses Mächtigen,
Unbegreiflichen zu überliefern.

Noch einmal stieß der Störtebecker voll Verachtung gegen den
aufgetriebenen Leib des Liegenden, dann sprach er mit seiner
schneidenden Stimme:

»Wahrlich, ich tat groß Unrecht, weil ich dies Faß nicht völlig leck
schlug. Er hat euren Anfang mit Unflat beschmiert, so daß man unser
neues Haus einen Schweinekoben schelten wird. Nun wohl, so wollen wir
dennoch auf Schmutz und Morast bauen, denn auf Erden, merk' ich, ist
kein anderer Grund zu finden.«

Er wandte sich und nickte kurz.

»Zieht euch nah an die »Agile«. Wenn der Wichmann von seiner Kundschaft
heim ist, so gebe ich euch meinen Willen kund! Und nun leuchtet!«

Damit stieg er als erster über Bord, und sofort vermischte sich die
riesige Gestalt mit der Nacht.



IV.


»Höret weiter, Herr Nikolaus Tschokke,« erinnerte Königin Margareta von
Dänemark, und es schien der Erhitzten in ihrer Hingenommenheit nicht
aufzufallen, wie der Gast in seiner schwarzen Ratsherrntracht unbewegt
ihr gegenüber in dem Armstuhl lehnte, ohne auch nur durch ein
eingestreutes Wort seinen Abscheu vor der so ausdrucksvoll beschriebenen
Brandstiftung zu bekunden. Die Fürstin aber hatte sich völlig vergessen,
sie hielt das Haupt in beide Hände gestützt, und ihre blitzenden Augen
verfolgten das Buchstabengewimmel auf dem Pergament, als starre sie
leibhaftig von einem hohen Turm in die brennende Holzstadt hinunter, auf
die verqualmten Gassen, auf lichterloh flammende Menschenbündel und auf
den Zusammenbruch altehrwürdiger Gotteshäuser. Deutlich, erregend,
grauenhaft schlug der Herabgebeugten das Gellen der Verzweiflung
entgegen, und ihr leidenschaftliches Herz wand sich vor Zorn und
Ingrimm, da sie das höhnische Gelächter der Beutejäger zu vernehmen
glaubte. Je wesenhafter sie selbst in der verkohlenden Stadt
umherzuirren wähnte, desto unverkennbarer begegnete ihr an jeder Stätte
sinnloser Zerstörung jener überlebensgroße Geselle, der der rechtmäßigen
Besitzerin höhnisch ins Gesicht wieherte, und mit kaltem Entsetzen mußte
sie beobachten, wie dem Übeltäter das Blut rauchend vom blauen
Fürstenrock troff, wobei er voll beißenden Spottes auf sie, die
Machtlose, deutete, als würde all der Mord und Graus nur ihr zur Schande
und Entwürdigung verübt.

Damit also begann die neue, die so viel gepriesene Weltordnung, deren
inbrünstige Verkündung sie doch manchmal den Schlaf kostete? Die Finger
der Verletzten krümmten sich, Rat heischend sah sie auf ihre beiden
Vasallen, die eine Stufe unter ihr zu ihrer Rechten Platz genommen. Aber
das Gerippe von Reichskanzler zitterte frierend in der Höhlung des
Stuhls, nur ab und zu über die Goldmünzen seines Prunkgewandes putzend.
Der Kriegsoberste von Moltke dagegen drehte seinen Totenschädel häufig
nach einer herumsummenden Fliege, denn es reizte ihn, das schwarze
Geschmeiß unbemerkt zerquetschen zu dürfen. Margareta richtete ihren
wandernden Blick wieder auf den Bürger. Warum nahm dies kantige
Händlergesicht an ihrem gemeinsamen Leid so wenig Anteil?

»Herr Nikolaus Tschokke,« beugte sie sich über den Tisch, entschlossen
den anderen zu versuchen, »es ist mit euch bergischen Hansebrüdern zu
Ende. Der Störtebecker hat euch Kontorsche ausgeräuchert gleich den
Heringen im Schütting. Es ist zu Ende.«

Allein wie enttäuscht zuckte sie zurück, als ihr Gast ohne sonderliche
Erregung erwiderte:

»Königin, es wird Euch gewiß freuen, besseres zu erfahren. Von unseren
zweiundzwanzig Giebeln ist nur einer der Feuersbrunst erlegen. Die
anderen wurden hinter den Holzmauern von unseren Kaufmannsgesellen
verteidigt.«

»Ah, und nun meint ihr Kontorschen, ihr brauchtet euch nicht fürder an
dem Giftstreuen gegen den tollen Hund zu beteiligen?«

Der Bürgermeister schwieg. Rauschend erhob sie sich. Geschmeidig stieg
sie von dem Podest herab, und siehe da, es war nicht mehr die Fürstin,
die zwischen sich und anderen Schranken zog, nein, ganz unvermutet
entzauberte sie sich, so daß jetzt nur noch zu aller Bestürzung ein
bösartig gereiztes Weib durch die Zelle strich, das nach nichts anderem
züngelte, als dem Gegner auf eine niederträchtige Art das Herz aus dem
Busen zu reißen. Mit einer merkwürdig ungezügelten Wiegebewegung glitt
sie bis dicht vor ihn hin, um ihm ganz nah ins Gesicht zu schleudern:

»Meint Ihr, Herr Nikolaus Tschokke, der Störtebecker habe sich solange
besonnen, bevor er auf Burg Ingerlyst einstieg? Ihr wißt doch, der
Mordbrenner mißt sieben Fuß und zieht erst die Weiber aus dem Bett, ehe
er sich die Taschen vollstopft? Wie ist mir denn? Der Conaer Abt
erzählte doch, der Galgenvogel habe auch Euer künftig Nest beschmutzt?«

Es war die nackteste Absicht, den Vorsichtigen zu kränken oder ihn
vielleicht gar zu sinnlosen Geständnissen zu reizen. Selbst die beiden
dänischen Großen, obwohl ihnen die Vorliebe der Frau für unbegreifliche
Zoten bekannt war, schüttelten erstaunt die Köpfe. Dem Hamburger jedoch
hatte es zuerst das Haupt auf die Brust gepreßt. Jetzt aber richtete er
es entschlossen auf, und aus seinen blauen Augen wie aus der festen
Stimme des Mannes schlug der Regentin eine unbeirrbare Geradheit
entgegen.

»Der Conaer Abt, Herrin,« entgegnete er ohne jedes Zaudern, »wird Euch
auch gemeldet haben, daß eine höhere Hand meine Rechnung durchstrich.
Gräfin Linda ist tot und verschollen, Königin.«

»Ihr irrt, mein Freund.«

Die braunen ausdrucksvollen Augen des Weibes überschatteten sich so
mitleidig, wie wenn es ihr wirklich ernst wäre, dem Tod ein schon
gezeichnetes Opfer zu entreißen. Um ihren Besuch aber krachte die Erde.
Jetzt verlor er jede Vorsicht.

»Was wißt Ihr von ihr?«

Da sprudelte es in Margaretas ausführlich malender Schilderungskunst
hervor, wie sich der Seeräuber die Ohnmächtige über die Schulter
geworfen, um sie in schlimmer Absicht von dannen zu tragen. Und in der
unehrlichen Vornahme, zu trösten oder zu entschuldigen, setzte sie
hinzu:

»Sie konnte sich nicht wehren. Er mißt sieben Fuß.«

In dem Antlitz des Bürgermeisters stritt sich die grünliche Blässe des
Todes mit der eigenen unrächbaren Entwürdigung. Ein Paar kreisrunde
Blutkugeln erschienen auf seinen Backenknochen, bevor er heiser
hervorstieß:

»Aber seitdem hat die Unglückliche, wie nicht anders zu erwarten, die
Erde verlassen. Am jüngsten Tag wird auch ihr Gerechtigkeit
widerfahren.«

Die Königin schüttelte das Haupt.

»Herr Nikolaus Tschokke, hier täuscht Ihr Euch abermals.«

Spürend hielt sie das Antlitz ein wenig geneigt und zuckte jetzt fast
feindselig die Achsel. Sie begriff im Grunde den Reiz nicht, den das
frömmelnde Nonnengesicht ihrer früheren Hofdame auf den nüchternen
Stadtbürger ausübte. Noch weniger freilich vermochte sie zu ermessen,
welch' verdorbene Lust den Heiland aller Mordbrenner gerade zu jener
Himmelsbraut geführt haben mochte. Und in dieser Stimmung verkündete sie
rücksichtslos, was ihr selbst von den Flüchtlingen des »Connetable« über
den Aufenthalt des Mädchens auf dem Seeräuberschiff zugetragen worden
war.

»Ihr sollt alles erfahren. In Männerkleidern, in engen Beinlingen und in
der gepreßten Schecke geht sie dort unter den Vitalianern herum. Sie
wartet dem Unhold bei Tisch auf, und er herzt und streichelt sie dafür.
Was weiß ich, was er ihr sonst noch erweist?«

So wenig vermochte die Königin bei den letzten Worten eine Art ferner,
sie quälender Eifersucht zu unterdrücken, daß sogar ihr hindämmernder
Kanzler vieldeutig die Lippen spitzte. Der Mann aber, auf den die
niederträchtige Schilderung allein wirken sollte, er blieb zuvörderst
ganz still.

Endlich brach es aus Herrn Nikolaus Tschokke starr, trotzig, überzeugt
hervor:

»Dies ist nicht Gräfin Linda.«

»Wer sonst?«

»Kenn' ich alle Dirnen auf der 'Agile'? Aber Linda ist es nicht. Könnt
Ihr meinen, Königin, eine nur dem Himmelslicht sich öffnende Seele, sie
könnte plötzlich zu einem Pfuhl zerfließen?«

»Doch, doch.«

Margareta sprach diesmal mehr zu sich selbst. Sie hatte die Hände auf
dem Rücken gebettet und schritt, nur mit sich beschäftigt, im Zimmer auf
und nieder. Deshalb klang auch wahrer, was sie in die Tiefe ihrer
eigenen Brust hinabsandte.

»Doch, doch, lehrt mich die stirnkühlen, schoßheißen Weiber kennen?! Die
da stehen sind andere, als da auf weichem Pfühl liegen. Tag und Nacht
wechseln schnell unter unseren Zöpfen.«

»Seht,« murmelte der Bürgermeister verworren. Eine geraume Zeit
verstrich in tiefem Schweigen. Dann tat der Hamburger einen
schmerzlichen Atemzug und griff sich an den kurzen Dolch seines
Wehrgehänges. »Gebt mir ein Dokument des Vertrages mit,« wandte er sich
rauh an den Kanzler, der sich vor Überraschung nicht zu erheben
vermochte. »Und sollte ich auch von dem mir lieb gewordenen Amt scheiden
müssen, ich will durchsetzen, was Ihr von mir verlangt. Im Frühjahr seht
Ihr mich wieder! Gewappnet. Versäumt nichts, meidet lieber den Schlaf
und die Kost, als daß Ihr in diesem Ding lässig seid. Und nun laßt mich
an mein Werk gehen, Königin.«

Er beugte sich über die ihm dargereichte Hand, schlug den Vorhang zurück
und schied. Die drei anderen blickten ihm nach, als ob sich ein
gewöhnlicher Mensch in eine Traumgestalt verlöre.

       *       *       *       *       *

Mit brennenden Augen spähten die Freibeuter durch Luft und Erde, ob ihr
Kundschafter nicht endlich heimkehre.

»Wie lange wartete wohl Josua auf die Boten aus dem gelobten Lande?«
fragte der Störtebecker seinen Knaben, mit dem er lang ausgestreckt
unter dem Sonnensegel des Bugaufbaues lag. Sie spielten Würfel, allein
ihre Gedanken fanden in dem ledernen Becher keine Herberge.

Seit dem Streit mit dem Wichbold war der Riese wortkarg geworden. Sein
Stolz schien eine eiternde Wunde empfangen zu haben. Nur der Wein, wenn
er Gewalt über den schwer zu Brechenden erlangte, schrie manchmal mit
fremden, prahlerischen und drohenden Zungen aus dem Entfesselten heraus.
Aber selbst dann entdeckte Licinius in den glühenden Augen des Wilden
noch das ernste Bild der Gottheit, das durch ihn über die Erde rufen
wollte.

Um die beiden Lagernden herum hingen aus wolkenlosem Himmel jene kaum
wahrnehmbaren Silbergespinste herab, mit denen Uranos das Meer an sich
zu knüpfen und zu sänftigen sucht.

Es war Herbst geworden.

Die See rollte rote Wogen gegen die fernen weißen Kreidefelsen, und über
ihnen auf den Erhebungen der Insel meinte das Auge des Seefahrers das
Sausen und Wiegen der schwarzgrünen Wipfel zu spüren, so oft uralter
Runenzauber in ihrem Schoße wühlt.

Wohl ließ der Störtebecker ab und zu die beinernen Ritter springen, aber
er wandte keinen Blick nach ihnen, seine Seele war an etwas Früheres
geknüpft.

»Wie lange warten wir nun auf den Wichmann?« fragte er zurücksinkend.

»Es geht bald in den zweiten Mond, Herr,« zögerte der Knabe.

Der Störtebecker streckte sich lang aus und preßte die geballte Faust
schwer auf seine Brust. Dann sprach er langsam:

»Ich sage dir, Licin, wenn der jüdische General so lange hätte lauern
müssen, wer weiß, ob sein Tatwille nicht gebrochen wäre. Das Warten hat
zwei eiserne Arme, komm, ich wollte, mich umfinge Weicheres.«

Als sich jedoch neben ihm nichts rührte, schwieg der Riese eine geraume
Weile, bis er endlich die Hand des Knaben suchte, um sich die Finger des
Gefährten gewaltsam und wie zur Kühlung auf die geschlossenen Wimpern zu
betten. Und wieder nach langer Zeit forschte er, als ob ihn ein Traum
beschäftige.

»Sage mir, Bursche, was blickst du so aufmerksam auf die Dünen,
seitwärts von der Felsenschlucht?« Der Liegende warf den Arm vor und
zeigte auf die ferne, strichfeine Küste. »Merkst du dort eine hölzerne
Hütte? Und daneben den Stall für die Ziegen?«

»Nichts schaue ich, Herr,« entgegnete der andere verwundert.

»Doch, du gibst dir nur keine Mühe. Rauch ringelt aus dem Schlot. Und in
dem Riedgras vor der Schwelle steht -- -- --«

»Wer?« wagte Licinius zu unterbrechen.

»Ich selbst,« fuhr der Störtebecker plötzlich ungestüm in die Höhe,
packte seinen Gefährten an der Brust und schüttelte ihn unter einem
rauhen, abwehrenden Gelächter. Ganz nahe brannte das wilde Gesicht des
Freibeuters vor den sanften erschreckten Augen des ihm Preisgegebenen.

»Torheit,« rief der Aufgestörte geringschätzig, »es sind Schatten. -- Was
kümmert es mich, ob man dort drüben frißt oder modert? Will mich nicht
durch Weihwasser oder welke Küsse von meinem Weg treiben lassen.«

Hingenommen, verängstigt durch die kaum verständliche Drohung, aber auch
bezwungen und aufgelöst von dem schreckhaften Zauber des Menschen, so
lag Licinius vor dem Gebieter auf den Knien und schaute zu ihm auf.
Jetzt aber flüsterte er ganz leise und doch voll Ergebenheit:

»Wer, Herr, kann dich ablenken oder abziehen? Dein Weg führt über die
Wolken.«

Es klang so aus einer zur Gewißheit erhobenen Seele, daß es den gespannt
Lauschenden wie ein scharfer Trank durchfuhr. Diesen geistigen Wein
bedurfte er, er konnte ihn nicht mehr missen. Einen weithin hallenden
Ruf stieß er aus, dann aber beugte sich der Riese stürmisch herab,
umfing den Knienden, und indem er den schlanken Leib stützte, zauste er
übermütig und in vollem Triumph in den Locken des Knaben herum.

»Recht, Bübchen, findest immer einen guten Spruch! Hab schon den besten
Fang an dir getan! Nun aber laß das Heulen um alte Weiber. Wollen lieber
sehen, wessen Glück besser gelaunt ist?«

Damit warf sich der Admiral von neuem neben Licinius auf den Teppich und
begann mit einer unrastigen Gebärde den Würfelbecher zu stürzen. Hastig
riß er dabei seine Gürteltasche auf und schüttete einen Haufen Goldes
zwischen sich und den Freund.

»Da, Schelm, dies setz' ich gegen dich. Möcht' dich gern vollends um Hab
und Gut bringen.« Und als ihn sein Gefährte kleinlaut bedeutete, daß
ihm ja nichts mehr an Gold und Besitz eigne, da schlug der andere eine
vieldeutige Lache auf und meinte: »Flunkere nicht, Püppchen, es ließe
sich dir wohl noch manch Gutes abgewinnen.«

Da senkte Licinius plötzlich betroffen die Augen, zitterte und bettete
unerwartet beide Hände über den Becher.

»Was soll das?« rief sein Herr ärgerlich über die Störung, konnte es
aber doch nicht verhindern, daß sein Knabe wie in Angst und Not in das
eben verlassene Gespräch zurücklenkte.

»Herr,« brach er mit einmal hilflos ab, »ich verbarg dir etwas. Heute
morgen wiesen sich zwei Schiffsleute deine Heimat auf Saßnitz. Und der
eine meinte, du suchtest nur deshalb nicht nach den Deinen auf der
Insel, weil sie arm und elend wären.«

Jetzt sprang der Riese empor und schob seinen Gefährten heftig mit der
flachen Hand von sich.

»Dulde dies nicht,« bat Licinius noch einmal. »Warum sollst du Tröster
gerade deine Nächsten verachten?«

Unterdessen war der Störtebecker bis zu dem eingebauten Bugspriet
geschritten, dort, wo die Riesenlaterne als erstes Wahrzeichen des
Schiffes bei Nacht ins Meer leuchtete. Hier stand er abgewandt, nagte
verdrossen die Lippen und schleuderte zuweilen die Rechte von sich, als
ob er irgend etwas Verbrauchtes ins Wasser würfe. Endlich rief er
schneidend über seine Schulter zurück:

»Daß es in euren Hirnen nicht anders wachsen will als die Kohlköpfe, in
langen, geraden Furchen. So will ich euch denn zeigen, wer meine
Nächsten sind? Ob ihr, die ihr an dem Henkerstuhl vorbei mit mir ins
Ungewisse zieht, oder jene, die sich unter ihren Schlafsäcken vor mir
verstecken! Bei Sonnenuntergang halte dich bereit. Toren und
Strohwische,« brach er plötzlich anklagend aus, »möchtet gern fliegen
und klebt wie Lehm an den alten Nestern.«

       *       *       *       *       *

Sie bückten sich tief, als der prunkhaft geschmückte Mann in der grauen
Dämmerung an ihnen vorüberwandelte. Da und dort standen die unfreien
Sassen auf dem öden Strand, denn von weit hinter den Bergen liefen sie
schon seit Wochen herbei, um ihre schreckstarre Sehnsucht an den fernen
Schatten der Gleichebeuterschiffe zu weiden.

Zwar die dort draußen waren Satansgelichter! Das Kloster predigte es,
der Vogt bestätigte es, die Gottverfluchten wollten die Welt an allen
vier Ecken anzünden. Um mehr handelte es sich nicht. Dumm und
verständnislos hatten die Sassen dazu genickt. Aber als jetzt der
Übeltäter geschmeidig an ihnen vorüberstrich, der Unheimliche,
Glänzende, Sagenumsponnene, vor dessen unmittelbarer Gewalt der Abt, der
Graf, ja sogar die kleine Herrscherhoheit des Herzogs von Wolgast
verblich, da klopfte den Benommenen das Herz bis in die Zähne, da
gurgelten ihnen Wut, Erkenntnis, Hingerissenheit durch die Kehlen, da
schlug es ihnen den Rücken ein, und sie brachen vor dem Traumbild ihrer
müden Seelen in den Staub.

»Du -- du,« stammelten sie mit hoch erhobenen Armen.

Selbst der Vogt, jetzt ein gichtgekrümmter, hundebissiger Siebziger, an
dessen Schläfen nur noch ein paar zerzauste Weißsträhnen flatterten, er
ließ mit offenem zahnlosen Munde das Wunder an sich vorübergleiten und
hielt sich mühsam an dem kronengeschmückten Stab aufrecht.

Der Störtebecker aber erkannte ihn sofort. Er maß ihn mit einem
mitleidigen Blick.

»Lebst du?« fragte er.

Selbstbewußt nickte der Alte, versuchte sich zu recken und bohrte seinen
Stock tiefer in die Nässe. Plötzlich bellte er heftig:

»Es ist verwehrt, an dieser Stelle zu landen.«

Da brach der Störtebecker in ein geradezu unbändiges Gelächter aus,
selbst der Vogt verfiel vor all den Zeugen in eine unentrinnbare
Verlegenheit, und am ganzen Strand heulte und wütete ein einziges
tobendes Brüllen. Welch ein frischer Wind, welch ein Wirbeln unter dem
jahrhundertealten Staub der Verordnungen. Endlich bezwang sich der
Gleichebeuter. Er riß seinem Buben ein Beutelchen aus der Hand. Das warf
er dem Knurrenden dicht vor die Füße.

»Mag dich gern leiden, Klotz,« gestand er. Dann zeigte er auf die Dünen.
»Und dort oben?« forschte er heimlich.

»Lebt,« kam es aus dem Munde des Vogts einsilbig und ohne Dank.

»Wohlan, so kümmere dich nicht weiter um mich.«

Ungeduldiger als bisher schlang er seinen Arm unter den des Knaben und
zog diesen den Dünenpfad in die Höhe. Allein kaum nach ein paar
Schritten hielt er inne, um sich nochmals zurückzuwenden.

»Kehre ich wieder,« rief er mit seiner hellen schmeichelnden Stimme, die
ihm so oft aller Herzen gewann, »dann, Vogt, will ich nicht mehr die
Hafengerechtsame verletzen. Ich bin nicht gekommen, um vernünftige
Ordnung zu stören. Möchte sie euch gerne bringen. Hört ihr, in meines
Herzens Schale bringen. Und nun, bleibt jung.«

Da huldigten unten die Unfreien und warfen dem Menschenfischer die
Mützen nach. Der Vogt jedoch schwang in schiefen Wendungen seinen Stock
gegen die Menge, keifend:

»Packt euch -- was lungert ihr müßig herum? Wir wissen nicht, wer der
vornehme Herr war -- keiner störe ihn auf seinen Pfaden.«

       *       *       *       *       *

Das verrunzelte Fischerweib trat auf die Schwelle der Kate und schwang
einen brennenden Kienspan gegen die Dunkelheit. Fest stemmten sich ihre
derben, nackten Füße in den Sand, und ihre mißtrauischen blauen Augen
weiteten sich, als hinter dem Vorhang von Kienrauch und feuchtem
Seenebel zwei fremde Gestalten auftauchten. Undeutlich leuchtete es
draußen von Gold und Seide. Seltsam -- seltsam -- die Alte strich sich
über das glatt gescheitelte weiße Haar und wich vor Bewunderung
unwillkürlich zur Seite. -- Wie lange Zeit mochte wohl verstrichen sein,
seit sich ihr -- der Jungen, der die Mannsbilder so hitzig nachstellten
-- ein ähnlich Blitzender genähert hatte? Vorbei -- das war längst
vergessene Bitternis. Allein die Art Herren brachte den Geringen nichts
Gutes ins Haus! Und was hatte dieser da, der sich unter dem Eingang wohl
gar noch tiefer bücken mußte, als es einst von ihrem Verstorbenen
geschah, was hatte dieser so befehlshaberisch und sicher in ihre Hütte
zu dringen?

Plötzlich ließ Mutter Hilda die Leuchte fallen, so daß sie erlosch.
Obwohl Himmel und Meer wie eine schwarze Grube unter ihr gähnten,
so waren vor ihrem geistigen Auge dennoch die Umrisse der
Gleichebeuterschiffe aufgestiegen. Dann hörte sie das geheimnisvolle
Raunen der Nachbarn, sie fing auf, wie man mit Fingern auf sie wies
-- und mit einemmal spürte sie, wie eine drohende Hand ihr Herz
festhielt, bis es ihr nichts mehr vermittelte. Weder Freude noch Scham,
weder Hinneigung noch Grauen. Nichts redete in ihr als jene kalte, rauhe
Stimme, die da fragte:

»Was will der Fremde?«

Die Falten auf der Stirn zog es ihr kraus, ungerührt konnte sie in die
Hütte zurücktreten, dem Unbekannten nach, wie jemand, der sein Hausrecht
wahren will. Aber als nun die Frühgealterte im Schein des Herdfeuers
unter dem Mantel ihres Besuchers die Fürstenkette blinken sah, als ihr
abgeneigtes, strenges Antlitz von den schwarzen, lebhaften,
herrschgewohnten Augen festgehalten und angezogen wurde, da wankten ihr
die Beine unter dem Leib, und die Gewohnheit, sich stumm vor allem zu
bücken, was mit dem Anspruch der Macht unter die Geringen trat, es zog
ihr den noch eben straffen Rücken furchtsam vornüber.

Verehrungsvoll wand sie die starkgeäderten Hände umeinander.

»Kennst du mich?« entglitt es dem Störtebecker, der vor der Esse stand,
wo er gegen die lähmende Wirkung des Vergangenen ankämpfte.

»Was sollt ich nicht?« murmelte die Weißhaarige, sich vorsichtig
zurückziehend, und dabei bekreuzigte sie sich stumpf.

Ihr Sohn tat einen starken Schritt gegen sie, die Hütte dröhnte von
seinem Gang.

»Gib mir die Hand,« forderte er stürmischer, als er ahnte.

Die Fischerfrau sah an dem großen, herrlichen Menschen in die Höhe, dann
schüttelte sie in ringender Verständnislosigkeit das Haupt und
versteckte ihre Finger hinter der groben Schürze.

»Wir sind arme Leute,« murmelte sie.

Ihr Bedränger jedoch fing ihre Rechte gewaltsam ein und preßte sie, bis
die Alte wimmerte.

»Freu dich,« drängte er, als könnte er sogar Wärme und Neigung
befehlen.

Wieder jener verzweifelte Blick der Leere und dann unter Scheu und
Zögern:

»Ich weiß nicht mehr, wie es tut.«

Da quoll sie endlich hervor, die herabgewürgte Wut einer Vergessenen, da
entlud sich das dumpfe Leid, keinen Anteil zu haben an dem, was der Leib
in Schmerzen gebar. Und doch, der kluge Menschenverstand des
Fischerweibes bedeutete ihm sogar noch zu dieser Frist, daß dies alles
nach der Ordnung der Dinge wäre, weil der Fischerkittel niemals
erhorchen könne, wie es unter dem Herrenwams hämmere, weil die Engnis
der Sassenhütte unmöglich das Gedränge der Welt zu erfassen vermöge, und
nicht zuletzt, weil die Jugend von jeher vom Alter fortstrebe wie
Störche und Stare, wenn sie die Kälte spüren.

Alles längst ganz vernünftig überlegt. Aber jetzt, wo ihr das Fremde
nahe gerückt war, da wehrte sie sich erbittert gegen ihr Geschick und
schüttelte hartnäckig den Kopf. In der Stille, die sich einschlich,
stand der Heimgekehrte verfinstert neben der Esse. Und siehe da, er
hatte seinen Knaben an die Hand genommen, als müsse er jemand nahe
wissen, der sich zu ihm rechnete, einen Bürger aus jener Welt, die noch
ungeschaffen hinter Kreisen tanzenden Lichtes schlummerte.

Auch die Alte blickte forschend auf das hellglänzende Haar des
Jünglings, auf die biegsame Gestalt und auf die ausladende Weichheit der
Hüften. Abermals wiegte sie argwöhnisch das Haupt. Über die Wangen des
jungen Dänen aber schoß eine feurige Glut. Sie rührte nicht von den
brennenden Buchenklötzen des Herdes her. Es war das erstemal, daß Linda,
seit ihrem tiefen Fall, wieder einem ehrbaren Weibe gegenüberstand. Sie
fror.

Da rührte sich ihr Herr. Das Leuchten war aus seinen Zügen entwichen,
dafür beherrschte ihn gänzlich jenes kurze, rücksichtslose Zugreifen,
das die meisten Dinge kaum einer Prüfung für wert erachtete.

»Was weißt du von mir?« warf er der Alten hart und sachlich zu. Die
stand und verfolgte aufmerksam, wie der Riese den schwarzen Mantel über
den Tisch schleuderte. Es schien also, als wollte ihr Sohn noch länger
weilen. Um die geschlossenen Lippen des Weibes zuckte es.

»Die Leute sprechen viel,« überwand sie sich endlich.

»Was?« forderte der Störtebecker allmählich gereizt ob ihrer
sprechfaulen Störrigkeit.

Da geriet etwas mehr Leben in die Erstarrte. Gerader richtete sie sich
auf, bis sie endlich gestrafft vor dem Wartenden stand, wie in alten
Tagen, sobald ihr hitzig Wort oder ihre strafende Hand irgendeine
Verfehlung an dem schwer lenkbaren Jungen sühnen wollte.

»Ist es wahr,« erkundigte sie sich schon mit zitterndem Abscheu in der
Stimme, »daß du die große Stadt Bergen verbrannt hast?«

War es das Aufflackern des Feuers allein, in das der Freibeuter eben mit
aller Wucht die Zange hineinstieß, wodurch seine kühnen Züge so gräßlich
verzerrt wurden? Einen wilden Blick des Einverständnisses, des Hohnes,
der ohnmächtigen Raserei warf er seinem bebenden Licinius zu, dann ließ
er sich auf die Herdbank sinken und riß sich gewaltsam ein hämisches
Lachen aus der Brust.

»Wahr,« rief er in widersinniger Freude über das Entsetzen, das er
entfesselte, »was weiter? Die Fackeln, die die Welt erleuchten, riechen
oft nach Menschenfett!«

»Ach du Barmherziger, vergib uns unsere Sünden,« stöhnte die Mutter
geistesabwesend und schlug im Jammer um eine untergegangene Menschheit
beide Hände vor ihr Gesicht. Jedoch nicht lange, denn gleich darauf
schreckte sie auf, um geschäftig ihre Finger unter dem Brusttuch zu
verbergen. Alle ihre Bewegungen malten deutlich die Angst, auch sie
könnte irgendwie durch Asche, Blut und Unrat besudelt worden sein.

»Was willst du?« wehrte ihr Sohn den stummen, unbequemen Angriff ab.
»Gib uns was zu zehren.«

Die Fischerfrau hörte nicht, sie streckte vielmehr den Arm gegen die
Fensterluke, als könnte sie durch sie hindurch auf die verbrannte Stadt
deuten, denn die verkohlten Sparren zeichneten sich für sie zackig gegen
die Nacht ab.

»Bin nur dumm und ungelehrt,« beharrte sie mit dem Starrsinn des
Bauernmenschen, »deshalb sage mir, warum du das verübt hast.«

Da griff sich der Störtebecker an die Kehle, als könnte er in diesem
dumpfen Loch keinen einzigen freien Atemzug mehr gewinnen, ein Ringen
war's, das den Krämpfen des alten Claus Beckera ähnelte, dann aber riß
er sich plötzlich in Wut die Goldkette vom Halse und schleuderte sie
mitten auf den Ziegelboden, daß sich ein sprungartiges Reißen und
Klirren erhob.

»Nimm,« schrie er in der verworrenen Meinung, sich loskaufen oder den
unbegreiflich drohenden Mund des Weibes schließen zu können. »Was gehe
ich dich an? Aber es ist nicht wahr, daß nur von weißen Lämmern das Gute
in die Welt gebracht wird. Schau mich an, saufe das Blut fuderweis und
will doch hoch hinaus. Weib, Kain und Judas waren gar große Herren. Die
Befreiung geht oft durch das Übel.«

Weit streckte er die Füße von sich, stützte die Fäuste hinter sich auf
die Bank und horchte in Qual und Fieber darauf, ob diese Alte nicht
doch, wie alle anderen, vor ihm zusammenbrechen würde. Mutter Hilda aber
schritt schweigend an den Tisch, dort zog sie ernsthaft ein langes Kreuz
in die Luft und sprach beschwörend:

»Ich will meine Hütte scheuern, wenn du geschieden bist. -- Nur noch
eines, damit ich doch sicher weiß, von wem du stammst? -- Bist du's, der
wehrlosen Weibern Gewalt zufügt?«

Dicht neben der Esse entfärbte sich das Antlitz des jungen Dänen, er
versuchte mit erhobenen Händen den Feldstein abzuhalten, der ihm wuchtig
gegen die zarte Brust flog, allein er brachte es nur zu einem
unverständlichen Flüstern. Mühsam, taumelnd wollte er sich gegen die
weißhaarige Richterin schleppen, jedoch bevor er noch eine einzige
Bewegung ausführen konnte, da pfiff ein kalter Wind zur Tür hinein, und
auf der Schwelle erschien eine zierliche Gestalt, die verbeugte sich
artig und schwenkte in übertriebener Höflichkeit die Kappe.

»Heino,« jauchzte der Störtebecker, sprang ungläubig von seinem Sitz und
dabei griff er mit den Armen in die Luft wie ein Schwimmer, der mit ein
paar letzten verzweifelten Stößen schweres, fauliges Sumpfwasser zu
durchbrechen sucht. Vergessen war das zermürbende Ringen, der
abscheuliche Kampf gegen das, was einst nahe seinem Herzen wuchs,
abgestreift, als lächerlich erkannt das Anrennen gegen die bröckelnden
Ruinen einer dummen, verfrömmelten Zeit. Sturmwind sauste zur Tür
herein, er würde die wankenden Mauerreste von selbst umwerfen, Sturm
jagte die Lappen und den dicken Qualm in der Hütte auseinander, und der
dort an der Schwelle, der die Windsbraut hereinließ, er war nur einer
seiner ausgeschickten Gedanken, die von nun an das verrunzelte Antlitz
des Geschaffenen verjüngen und veredeln sollten.

»Heino,« schrie er seiner selbst nicht mächtig und packte seinen
Kundschafter an der Schulter, daß der Kleine wankte. »Sendling meiner
liebsten Hoffnung, bringst du mir und dir und all den Verschmachteten
die Vernunft, die Ruhe und den Frieden? Werden wir Brüder sein? Oder
müssen wir einander weiter morden?«

In der Hütte verflog der Atem des Lebens, selbst das strohblonde
Kerlchen rang unter den Fäusten des Zitternden nach Fassung. Und seine
schrille Stimme drang allen Hörern durch Mark und Bein, als sie sich
spitz und schneidend aufschwang:

»Dein Wille und dein Name haben gesiegt, Claus Störtebecker. Die
Edelinge der Friesen wollen mit dir handeln um Land und Niederlassung.
Deine Hoffnung erfüllt sich, das Tor springt auf, du kannst einziehen
als der Fürst der Hungernden und dein Reich der Brüder begründen.«

Einen Augenblick verstummte der fürstliche Mensch, eingehüllt in eine
goldene Wolke, ernsthaft und doch beinahe kindlich in einen fernen
Feiertag lauschend. Doch schnell und fast ohne Übergang griffen die
Dinge des Tages nach dem für die Erde Geborenen. Das frostige Elend der
Hütte, die zersprungenen Ziegel des Estrichs und am meisten die dumpfe
Verständnislosigkeit in den zerwühlten Zügen seiner Erzeugerin, sie
rissen ihn aus dem Tanz der Lüfte und offenbarten ihm klar und streng,
daß von jetzt an nur nüchterne Werkzeuge wie Spaten und Pflug, den
ersehnten Schatz aus den Schollen schürfen würden.

Ungestüm warf er sich den Mantel um, dann blickte er noch einmal
aufmerksam in der trübe verqualmten Engnis umher, bis er ruhig und
gelassen vor Mutter Hilda treten konnte.

»Wir gehen zu Schiff,« nahm er von ihr Abschied. »Lebe wohl, Weib.
Entweder du und deinesgleichen ziehet mir eines Tages nach, oder deine
sündige Frucht mag im Gedächtnis der Menschen faulen!«

Die Hütte stand leer, in Sturm und Nacht waren die Gespenster des
Aufruhrs verschwunden.

Da stieß Mutter Hilda nach einigem Besinnen einen Eimer Wasser um und
begann, wie sie versprochen, die Stelle, wo ihr Einziger gestanden, zu
scheuern!



   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Das vierte Buch

[Illustration]


   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --



I.


»Wer seid ihr, ihr glatten Dirnen?« staunte der Störtebecker das
glitzernde Frauenvolk an.

In der einsamen Ley-Bucht schlich die »Agile« vorsichtig zwischen den
grünen Watten hindurch, die der Einfahrt von Marienhafen an der
ostfriesischen Küste vorgelagert sind.

Schon konnte der verlangende Blick des Schiffslenkers, denn der Admiral
stand selbst am Heck, die braunmoosigen Dächer des kleinen Hafenortes
aus den Marschen emporwachsen sehen, schon läuteten von rechts und links
die Glocken der weidenden Kühe über die schmale Fahrtrinne, da wurde die
»Agile« von diesen übermütigen, Kurzweil suchenden Schwimmerinnen
umzingelt, eingefangen und umtanzt. Rudernde Arme schnitten durch die
Flut, helle Leiber blitzten, ein jauchzender Reigen bildete sich, und
siehe da, tief unten, auf das ungefüge Steuerschwert hob sich bis zur
Brusthöhe die Anführerin der Rotte, und ein feuchter Spritzer aus ihrer
Hand flog dem Störtebecker ins Gesicht. Der Gleichebeuter jedoch war
schon vorher geblendet. Die kecken braunen Augen unter den nassen
Goldflechten, das Wunder der Nacktheit betörten ihn, so daß er in seiner
glücklichen Habsucht für einen Herzschlag sich, seinen Zweck und den
Sinn seiner ernsten Fahrt vergaß. Völlig behext warf er sich über die
Brüstung der Galerie, ganz an den unmöglichen Versuch verloren, aus
dieser Höhe den Seespuk für sich einzufangen.

Da lachte es frisch von unten herauf, weiße Zähne enthüllten sich, und
eine unerschrockene Stimme rief:

»Bist du nicht der Störtebecker? Der Schuimer, der hier ein ganz Land
stehlen will?«

»Der bin ich,« gab der Admiral schwer atmend zur Antwort, denn von der
tiefen Beugung war ihm das Blut gewaltsam in Stirn und Wangen gerollt.
»Warum aber läßt du dich nicht fischen? -- Wer bist du?«

»Ich?« höhnte es von unten und zugleich ließ es sich von dem Brett
herabfallen. »Hier wirst du nichts fangen, Gleichebeuter. Ich bin Eala,
frya fresena.«

Es war das Losungswort der alten freiheitsdurstigen Gaue, in die der
Störtebecker eben einfuhr. Im nächsten Augenblick huschten und ruderten
die Mädchen schon von allen Seiten dem Schiffsungetüm aus der Nähe, und
bald hatte ein hohes Binsengestrüpp, das auf einer Landzunge weit in die
Bucht hineinschnitt, den Schwarm jeder Verfolgung entzogen.

Wohlig reckte sich der Störtebecker, kam zu sich, und da ihm zuerst sein
Knabe in die Augen fiel, der düster und von ihm abgekehrt weit über die
sich neigenden und schwirrenden Wiesen starrte, so schlug er ihm derb
auf die Schulter und rief noch ganz erfüllt von dem unerwarteten Gruß:

»Welch schönes Land! Welche Freuden erwarten uns hier! -- Geh, fange
keine Grillen, Licin! Laß uns das freundliche Vorzeichen vielmehr
annehmen. Wie sagte das Ding? Eala, frya fresena!«

Und er breitete in der weichen Herbstsonne beide Arme aus, als ob seine
Brust und die näher rückenden Weiden miteinander kosen sollten.

Warum aber konnte sich der Knabe seiner schweigsamen Versunkenheit nicht
entreißen? In ihm zitterte etwas, wie wenn ein feines Glas einen Sprung
erhält. Enttäuscht, blaß, verängstigt hatte er das nackte Treiben um das
einfahrende Schiff beobachtet. Und sein sehnsüchtiger Glaube sträubte
sich erbittert gegen den Widerspruch zwischen der Heiligkeit seiner
Erwartungen und dem leichtfertigen Schauspiel, das hier ihren frommen
Einzug begleitete. Zum erstenmal, seit das sich entfremdete Weib dem
gepanzerten Heiland folgte, wie Linda ihren Bezwinger ergebungsvoll
getauft hatte, wurde sein Bild durch Vorstellungen ihres früheren
Daseins verdrängt. Weit öffneten sich ihre Augen für etwas Altgewohntes
und doch längst Entfremdetes. Über die saftigen Wiesen der Marschen sah
sie hinter einer Schmetterlingswolke einen Wanderer ziehen. Er trug
weißes Gewand, dunkle Locken fielen ihm tief über die Schultern, ähnlich
wie sie es auf dem Bilde des Giotto geschaut, und der Mann streckte
seine Hände über die Häupter von Krüppeln und Bresthaften aus, die am
Wege auf ihn lauerten. Nur ganz hinten, im Wesenlosen des feuchten
Brodems, folgte ihm eine Schar zaghafter Frauen. Toller gaukelten die
Falter, die Erscheinung verging und kehrte zurück. Verstrahlte und
leuchtete wieder auf.

Was bedeutete das?

Linda zitterte und schloß die Augen. Furcht hinderte sie, noch mehr
wahrzunehmen.

»Eile, Licinius,« schrie der Störtebecker, der weiten Schrittes über
Deck wandelte, dazwischen. »Laß der Mannschaft Wein austeilen. Und du
selbst fliege zu mir, mein Büblein, damit wir uns gütlich tun.«

Der Turm an der Hafenmündung rückte heran, Boote begannen das Fahrzeug
zu umkreisen, der Lärm der Werkstätten und der Arbeit meldete sich, und
die »Agile« warf Anker.

       *       *       *       *       *

Bis in den späten Nachmittag hinein stieß die Brust der mächtigen
Führerkogge ein einziges Jauchzen aus. Angefeuert vom Wein, berauscht
durch die gar nicht faßbare Aussicht auf unangefochtenes Bürgerleben,
jubelte, sang und pfiff die Mannschaft, sie säuberte und wusch sich, als
ob es zum Tanz ginge. Ja, der Ire Patrick O'Shallo, der mit fünf der
schmucksten Burschen auserwählt war, die schweren Geschenktruhen in das
nahe Häuptlingsschloß zu schaffen, er ließ sich von dem Hebräer Isaak
einen metallenen Spiegel vorhalten und kämmte in inniger Befriedigung
sein langes gelbes Haar. Zum Schluß steckte er sogar ein
Heidekrautbüschel, das ihm von einer kleinen rotröckigen Friesendirn
über Bord zugeworfen war, an die lederne Kappe, und während er vor
geschmeichelter Eitelkeit einen Luftsprung tat, biß er dem Juden
zärtlich in die Wange.

»Jetzt freie ich,« flüsterte er hingerissen, »und gib acht, Mauschel,
wie oft du bei mir Gevatter stehen wirst.«

Aus den Augen des alten Juden aber antwortete ein Fieber. Inbrünstig,
mit einem unheimlichen Verlangen verschlang er das nahe Land, und
zuweilen blickte er fassungslos in den goldroten Abendduft, als wäre
dies ein anderer Himmel, wie er sich sonst nirgendwo über Menschen und
Ansiedlungen ausspanne.

Auch in der Admiralskabine hallte es von Frohlocken und Liedern wider.
Dort ließ sich der Störtebecker von seinem Knaben sorgsam Stück für
Stück seines blauen Prunkgewandes anlegen. Und obwohl er dabei oftmals
die Verträge durchstöberte, die vom Hauptmann Wichmann sauber aufgesetzt
waren, so behielt er doch immer noch Zeit, seinem sanften Helfer
übermütig das Haar zu zausen oder ihm sogar einen neckischen
Backenstreich zu versetzen. Keineswegs merkte er dabei, daß es ein Weib
sei, das er in Verwirrung bringen könnte, und auch Licinius versah
seinen Dienst in einer glücklichen Ferne und schreckte nur zuweilen
empor, wenn ihm sein Gebieter die Hand um die Kehle legte, dazu
beteuernd:

»Büblein, dir soll es gut werden. Magst du beten, wohlan, ich will dir
eine Kirche bauen. Willst du jagen, du sollst Hunde und Falken haben.
Nur lache und sei vergnügt. Wie jetzt.«

Und auf den Lippen des stets Bereiten erschien ein folgsames Lächeln.

Ja, in dieser ersten Stunde war die »Agile« in den offenen Himmel
eingelaufen.

Die Flut strömte schon mit dem licht aufsteigenden Monde in den Hafen
zurück, als vor dem auf Deck wartenden Admiral zwei Reisige der
Häuptlingswitwe Fölke then Broke erschienen. Sie brachten ihm den
Geleitbrief zum Ritt nach der von ihrer Warfe[*] düster und schwer
herabdrohenden Steinburg, und die beiden Kerle in ihren langen
pelzbesetzten Röcken und den röhrenartigen schwarzen Filzhüten stützten
sich im Gefühl ihrer altererbten Freiheit furchtlos vor dem mächtigen
Seebeherrscher auf ihre Spieße, ohne auch nur im geringsten Miene zu
machen, ihre Häupter zum Gruß zu entblößen.

  [*] Hügelerhöhung.

»Die Fölke gibt dich in unseren Schutz,« meldeten sie in ihrer kargen
breiten Sprache.

Aufmerksam maß der Störtebecker die beiden Hochgewachsenen. Das ganze
Volk in seinem sicheren Kraftbewußtsein schätzte er nach diesen ersten
Boten ab, und ein heißes Wohlgefallen überkam ihn, als er daran dachte,
welche ruhige Würde, welche natürliche Selbstachtung die Freiheit
verlieh.

Ganz in der Nähe winkte wohl doch das Land der Menschen.

»Wir nehmen den Schutz der Fölke an,« sprach er deshalb mit weniger
Spott, als er beabsichtigte. »Kommt, Burschen.«

Vielleicht hatten die Reisigen einen schweifenden Seeräuber zu finden
gemeint, einen Angehörigen jener Friedlosen, mit denen man wenig
Umstände machte, die fürstliche Weise dieses Mannes jedoch brachte sie
außer Fassung. Vor ihre Füße rollten ein paar Goldstücke. Der Admiral,
nachdem er sich zum Gehen gewendet, hatte sie ihnen hingeworfen, wie man
Hunden den Fraß streut. Bereitwillig bückten sich die Spießträger und
sammelten den ungewohnten Schatz auf, denn auf ihrer mühsam dem Meer
abgerungenen Scholle griff man gierig nach Besitz und Wohlstand.

Betroffen hörten sie mit an, wie die große Trommel geschlagen wurde, als
der Gleichebeuterfürst, gefolgt von seinem Knaben, über die breite
Treppe das Schiff verließ, und sie erschraken mit den anderen Matrosen,
da sie wahrnahmen, wie die riesige Gestalt des Anführers gleich beim
ersten Schritt aufs Land der Länge nach niederstürzte.

»Was ist dir?« erblaßte Licinius und wollte nach seinem Gebieter
greifen.

Der aber wandte ihm sein lachendes Haupt entgegen, sprang auf und
reichte ihm eine Krume der eben beschrittenen Erde.

»Tor,« flüsterte er dem Schreckgebannten zu, »merkst du nicht, ich äffe
den Makedonen Alexander nach? Ich eigne mir dies Land an. Und dir gebe
ich es, du Reiner.« Und in sich gekehrter setzte er hinzu: »Mir ist, als
würde ich es behalten, so lange du neben mir wandelst.«

Alles Blut strömte dem Blonden zum Herzen, schreckhaft färbten sich
seine Wangen, aber über dem Abendgold des Himmels sangen für ihn doch
wieder jene seligen Scharen, die schon so oft um das dunkle,
eigenwillige Herrscherhaupt musiziert hatten. Und vertrauter, inniger
schmiegte sich der Verstummte seinem Gebieter während des Schreitens an.

Nicht lange.

Dicht neben dem Fluß wurde von einem dritten Knecht ein starker Schimmel
gehalten, von jener wohlgenährten Art, wie sie das Brokmerland damals
züchtete. Mähne und Schwanz waren von langen bunten Bändern
durchflochten, die fast bis auf die Erde hingen, und ein goldenes Blech
lag dem Tier dicht um die Stirn.

»Eia,« rief der Störtebecker wohlgelaunt, während er sich in den Sattel
schwang, »Frau Fölke weiß, wie man artig schenkt.«

Da lachten die Knechte und raunten untereinander. Bis einer von ihnen
sich die schwarze Filzröhre aus der Stirn schob, um sich zu der Auskunft
zu bequemen:

»Schlecht kennt Ihr die Fölke, Herr. Noch nie hat sie etwas verschenkt.
All ihr Vieh würde hungern, wenn wir es nicht heimlich fütterten. So ist
auch dies Roß hier nur geliehen.«

»Potz Velten,« rief der Reiter, der inzwischen sein Tier angetrieben
hatte, »so will ich ihr die Mähre in Silber aufwiegen. Gehört mir doch
für immer, was mir einmal gedient.«

Der Knabe, der den Zügel gefaßt hatte und nun neben dem Schimmel
herschritt, hob versonnen den Blick zu seinem Herrn. So zogen sie über
die einsamen Wiesenpfade der Burg entgegen.

       *       *       *       *       *

Auf dem Kastell der Brokes knisterten an den Wänden des langen Saales
die Leuchtfackeln. Der Raum war so niedrig, daß ein hochgewachsener
Mann, wenn er sich aufreckte, wohl die schmucklosen Bohlen der
Fichtendecke hätte fassen können. Manchmal knackten dort oben die von
der Kaminhitze ausgedörrten Bretter, als ob jeden Augenblick ein neuer
Riß das Holzgefüge sprengen wollte. Ein Frösteln wehte durch die
schlecht erleuchtete Halle. Nur mühsam konnte ein Fremder die im
Flackerlicht wechselnden Gesichter der Häuptlinge erkennen, die sich
hier auf einen Wink der Fölke zur Beratung zusammengefunden hatten. Wohl
waren sämtliche dieser kleinen Burgherren seit Geschlechtern durch
bittere Erbfehde, Blutrache und Zerwürfnis voneinander getrennt, allein
ihre Gier nach Vorteil und Gewinn fraß dennoch hitziger als selbst der
alte Haß. Gebot doch auch der gute, nachbarliche Neid, daß man den
Brokes keinen besonderen Nutzen gönnte, zumal der blutlosen, brandroten
Fölke nicht, der man wie einem gefährlichen Gespenst den Namen der
»Quade«, das heißt der Bösen, zugelegt hatte. Wahrlich, niemand konnte
es den Edelingen von Dornum, Norden und Faldern verargen, wenn sie
lieber auf Mord und Brand ausritten, ehe sie auch nur eine Stunde der
heimtückisch lächelnden Quade Fölke gegenübersitzen mochten, der Witwe
des tollen Occo, von dem sie überdies alle, Freund und Feind, ohne
Unterschied betrogen, verprügelt und an Land und Leuten geschädigt
waren.

Aber die Quade Fölke war schlimmer.

Man brauchte nur den braungesonnten Propst Hisko van Emden zu fragen,
der heute gleichfalls mit den anderen Gästen auf einer langen Bank an
der rechten Seite des Saales lagerte, während die Fölke mit ihrer
Tochter auf einer erhöhten Estrade an der Mittelwand Platz genommen, der
wußte Bescheid, woher der Menschenhaß der Hausherrin sowie ihr Vergnügen
am restlos Bösen ihren Ursprung ableiteten. Vor dreißig Jahren schier
hatte der Pfaff, obwohl er zu jener Zeit von geistlichen Dingen fast
noch weniger verstand als heute, den tollen Occo und seine Braut in
diesem selben Saale zusammengegeben. Und damals eben geschah das
Unerhörte. Auf die gewohnheitsmäßig hergeleierte Frage nämlich, ob das
Weib willig sei, fortan mit dem ehrsamen Ritter einen Leib und eine
Seele bilden zu wollen, da hatte sich die blasse Braut endlich unter
ihrem friesischen Brustschild geregt, um plötzlich ein schneidendes
»Nein« hervorzustoßen. Gleich darauf freilich knallte es durch den Saal.
Der Bräutigam hatte seiner Verlobten eine Maulschelle geschlagen, daß
die Betäubte ihren silbernen Hauptschmuck verlor. Eilig war dann die
halb Ohnmächtige getraut worden, wenn auch der in Aufruhr geratene
Hochzeitsschwarm genau wußte, warum die Braut sich noch zur letzten
Frist so verzweifelt gesträubt hatte. Lag doch zur nämlichen Stunde in
einem Turmloch die Lieblingsmagd des jungen Eheherrn, die er nicht von
sich lassen mochte, in den letzten Wehen, und als unten zur Mitternacht
die Burgfrau von einem Bezechten aufs Hochzeitslager gestoßen wurde,
schrie auf dem Turm bereits ein Bastard. Seitdem war die brandrote
Teufelsschönheit der neuen then Broke von dem wilden Occo unzähligemal
gemißhandelt und verwüstet worden, und so oft sich zur Nachtzeit auf der
Burg bis in die spätesten Jahre hinein ein Kreischen und Wimmern
vernehmen ließ, dann lachten die Umwohner und sagten:

»Herr Occo geht auf die Freite.«

Nun aber war der Kraftstrotzende schon lange still geworden. Zu Aurich
moderte er unter einem gesprengten Wachtturm, denn in einer der Fehden
hatte er seinen letzten Gang getan. Die Leute in Marienhafen aber
erzählten, daß sich auf die Kunde seines Endes die Fenster der
Brokeburg festlich erleuchteten und wie man eine wüste Frauenstimme in
greulichem Jubel bis in den Morgen hätte singen hören.

An dieses Nest einer hornigen Kröte, die ihre ganze Seligkeit darin
fand, ein zehrendes Gift in sich zu sammeln, klopfte an dem windigen
Herbstabend des Jahres 1399 der Störtebecker, ein Mensch, der wie eine
Sonne über dem Glück von Unzähligen aufgehen wollte.

Er trat herein, den Arm um die Schulter seines Knaben geschlungen,
gefolgt von den beiden Spießknechten, und als der Riese in dem blauen
Fürstenwams, leuchtend vor Gold und Selbstbewußtsein, in dem halbdunklen
Saale stand, da verstummte auf einen Schlag das laute Gezänk der Junker,
und über ihre Häupter hinweg fuhr ein heller, silberkehliger Ruf. Ein
Gruß, so frisch und übermütig, wie er dem gefährlichen Gast ursprünglich
kaum zugedacht war. Wer konnte in diesem Kreise so unbedacht sein
Wohlgefallen äußern?

Es war eine Frauenstimme.

Spürend, witternd rückte die Fölke auf ihrem erhöhten Sitz zur Seite.
Griesgrämig musterte sie ihre schöne Tochter Occa, die sich eben derart
auffällig vergessen. Aber als die Alte zu ihrem Erstaunen auffing, wie
die Goldblonde neben ihr fortgesetzt ihr feines, von einem roten
Haarnetz umspanntes Haupt zu neuen Grüßen gegen den Fremden neigte, fast
als ob sie einen längst Bekannten auf sich aufmerksam machen müßte, da
ging ein befriedigtes Greinen über das blutleere Antlitz der Quade, und
in der Überzeugung, daß sich hier vielleicht Unheil, Verirrung und Sünde
unter der heißblütigen Jugend entspinne, wickelte sie ihren dürren,
stockartig aufgerichteten Leib fester in das verschossene graue
Fältelkleid, um den Gleichebeuter mit einer harten Männerstimme
anzuherrschen:

»Mach's kurz. Was willst du?«

Damit zog sie unter ihrer gelben Lederkappe ein graurotes Haargezottel
hervor, drehte es sich fest um den Finger, schlug ein Bein über das
andere und wartete.

Der Störtebecker aber starrte sie fast mitleidig an. Nach den
Schilderungen des Hauptmanns Wichmann hatte er auf dem Regentenstuhl des
Brokmerlandes ein gefährlich Wesen vermutet, eine ansteckende Krankheit,
der man ausweichen mußte. Diese armselig gekleidete Auszehrung dagegen,
aus deren erschreckend verkümmertem Antlitz nur ein Paar merkwürdig
blutige Lippen hervorstachen, sie schien höchstens einem Bettelweib
vergleichbar, das verbittert nach Almosen schielte. Aber sieh dort
-- neben dem Gerippe? Beim Zeus, wie kam dies liebreizende Gebilde neben
das Klapperbein? Welche kaum erwachte Jugend, welch ein ungesättigtes
Locken in den braunen Schelmenaugen, und vor allem welch ein wohliges,
ungescheutes Darbieten hinter dem weiten Brustausschnitt. Wahrlich, hier
wollte ein goldroter Apfel vom Baume fallen.

Ungeduldig tat die Fölke ihre brandigen Lippen auf.

»Wir warten,« fingerte sie auf ihrem Faltenrock vorwurfsvoll herum.
»Sage, Gleichebeuter, willst du hier noch länger Maulaffen feilhalten?
Offenbare kurz, was dich herführt.«

Da trennte sich der Freibeuter von seinem Gefährten, reichte ihm den
schweren Helm, so daß sein braunes Gelock sichtbar wurde, und anstatt
sich vor der Brokmer Herrin zu verbeugen, lachte ihr der Zügellose jetzt
gerade ins Gesicht.

Es war der rechte Ton für die derben, ungeleckten Burgtyrannen.
Schadenfroh traten sie näher. Auch die schöne Occa beugte sich weiter
vor, damit ihr jetzt keine Bewegung des Fremden entginge.

»Du bist bei Laune, Frau Fölke,« spottete der Störtebecker von unten
herauf, indem er einen Fuß kräftig auf die Stufe stellte. »Was kümmert
es mich, ob die Junker wissen, daß du mit meinem Abgesandten längst
einen Vertrag aufsetztest? Wozu hast du mich sonst eingeladen, da ich
doch nicht um Botenlohn durch die Welt laufe?«

Hätte der Umstürzler durch eine Feuerwaffe die mürbe Decke zum
Einstürzen gebracht, nicht drohender und wilder hätte das Geschrei unter
den Edelingen umherfahren können. Der Argwohn, die schlaue Fölke könne
von dem fetten Braten bereits das Hauptstück abgeschnitten haben,
erregte die eigennützigen Männer zu höchstem Zorn.

»Ei, sieh da, du heilloses Weib,« so sprang der junge Folkmar Allena
wütend auf die Estrade, um der Hausherrin beinahe die Faust unter die
Nase zu setzen, »auf welchen Schleichwegen bist du wieder betroffen? Hat
dein Gespons noch nicht genug Raub heimgebracht? Oder meinst du, wir
anderen errieten deine Pfiffe und Schliche nicht?«

Die Quade aber blieb stockgerade sitzen; verächtlich schlug sie nur mit
der Hand nach dem Erhitzten, wie wenn sie eine aufdringliche Fliege
scheuchen müßte.

»Spare deinen Witz, Folkmar Allena,« riet sie starr und bissig.
»Verschleudere ihn nicht, mein Bürschlein, so töricht wie dein Hausgut.
Du wirst ihn heute noch brauchen.«

Es mußte eine treffsichere Bosheit in dieser Abwehr enthalten sein, denn
der schlanke Junker stotterte plötzlich vor Verlegenheit, während seine
Genossen ein helles Gelächter aufschlugen. Wußte man doch allgemein, daß
Folkmar Allena zu jenem Schwarm berückter und zu jeder Torheit
entschlossener Männer gehörte, die hinter der goldblonden
jungverheirateten Occa herpirschten wie hinter einem flüchtigen Wild.

Bestürzt, mit einem vorwurfsvollen Blick auf die Schöne, die heute von
ihm nicht viel zu merken schien, drängte sich der Allena in die Schar
der laut verhandelnden Edelinge zurück. Statt seiner aber löste sich
jetzt eine andere Gestalt aus ihrem Kreis. Ein starker, schwerfälliger
Mann im ledernen Jägerwams, über das er jedoch merkwürdigerweise ein
zerdrücktes Bischofsmäntelchen geworfen hatte. Ein pfiffiges Lachen auf
den braungesonnten, bartlosen Landwirtszügen, hinkte er heran, da er auf
der Sauhatz soeben erst einen schmerzhaften Sturz getan, und legte nun
dem Störtebecker vertraulich die Hand auf die Schulter. Wie nebenher
versuchte er sodann mit der anderen das Zeichen des Segens zu spenden.
Allein, da der Seefahrer ablehnend auswich, beschwichtigte Propst Hisko
van Emden die Abneigung des Fremden ganz gemütlich, indem er selbst eine
wegwerfende Geste ausführte.

»_Salve Care_,« begann er mit einem belegten Trinkerbaß, denn dieser
emsige Landwirt liebte es, gleich bei der ersten Bekanntschaft die
wenigen lateinischen Brocken, die er irgendwo aufgelesen, wieder zu
verausgaben. »Willkommen, Claus Störtebecker. Bist ein toller Christ.
Gib mir deine Hand. Hab mich immer über deine Streiche gefreut. Bei der
heiligen Dreifaltigkeit, es tut wohl, daß endlich eine starke Seemacht
in unsere Häfen einläuft.«

»Hütet euch,« schnarrte der steife hochmütige Enno von Norden
dazwischen, der seine Umgebung durch eine beschränkte Frömmigkeit
peinigte, und er pfiff seine Worte beinahe durch eine dummgerade Nase:
»Denkt an die Suppe, die er den Bergenern angebrüht! Wie wollt ihr euch
schützen, wenn euch von dem Seedieb das gleiche widerführe?«

»Vermaledeit, das wäre uns ein sauberer Gast,« stimmten ein paar der
kleinen Burgherren zu, denn die kriegsgeübten Scharen des Schuimers
erregten in ihnen ein Grauen. »Wer bürgt für den Brandstifter?« eiferten
sie, stampften mit ihren schweren Holzschuhen auf den Estrich und spien
breitbeinig vor sich nieder auf den Holzboden. »Wer hat hier heimliche
Verträge mit ihm geschlossen?«

Da warf der Propst die fleischigen Hände in die Höhe.

»Ihr _boves malefici_,« sprudelte er, indem ihm vor Aufregung der Bauch
über den Gürtel quoll, und dabei schüttelte der wuchtige Jäger den Wulst
seines ihm über die Stirn fallenden ungekämmten Haares erbost hin und
her. »Störtebecker, mein edler Freund,« warf er über seine schmatzenden
Genießerlippen, »du siehst, _tot homines, tot sententiae_ -- soviel
Menschen, soviel Meinungen. Halte dich daher an mich. Ich sehe dich an
mit den Augen der verstehenden Weltkirche. Jawohl, hol mich der Teufel,
das tue ich. Und meine kluge Freundin, die Fölke, denkt gerade so. Hast
den Bergenern eingeheizt? _Habeat sibi_ -- meinetwegen -- vielleicht
warst du ein Werkzeug der Gerechtigkeit. Was wissen wir von so fernen
Dingen? Hierher, nach Friesland, kommst du dagegen mit wohlgefüllten
Truhen -- wir werden schon auf dich aufpassen -- kommst um _commercium et
connubium_. Eröffne mir daher, mein lieber Sohn, was bietest du uns?
Denn die Freundschaft der Menschen will erworben werden?«

»Beim Schinder,« sprang der wilde Folkmar Allena mit geballten Fäusten
wieder hervor, »möchten die Fetthälse wieder alles allein in ihren
Schlund schütten? Der Schuimer soll endlich das Maul auftun! Was glotzt
er uns an, als wären wir seine Schalksnarren?«

»Gebt Ruhe,« tönte hier plötzlich die grobe Männerstimme der Fölke.

Der verworrene Tumult legte sich, allen war dieser kratzende Ton in die
Glieder gefahren. Zusammengeduckt, grau und unscheinbar hockte die Kröte
bewegungslos auf ihrem Regentensitz, nur ihre brandigroten Augen liefen
befriedigt von einem zum anderen, da es schließlich mehr Genuß
versprach, wenn man von dem riesigen Menschen erst jeden Vorteil
erpreßte, bevor man ihn aushöhlte und niederstürzte.

»Tritt näher, Störtebecker,« befahl sie deshalb unbewegt und legte die
Hand hinter das rechte Ohr, das wächsern unter dem Ausschnitt der gelben
Kappe hervorstach. »Tritt näher, damit ich dich jetzt vernünftig und vor
aller Welt nach deinen Absichten befrage.«

»_Recte_,« rieb sich Propst Hisko eifrig die Hände und humpelte, um den
anderen ein Beispiel zu geben, unverzüglich auf die lange Bank zurück.
»Folgt der Quade, ihr edlen Herren, sie ist eine kluge Frau.«

Geräuschvoll, mit ihren Holzschuhen stampfend zogen die Junker auf ihre
Sitze, rekelten sich, jeder nach seiner Weise, auf das glatt gescheuerte
Brett, die einen rittlings, die anderen, indem sie beide Beine weit in
den Saal streckten, bis von allen Seiten ein Rufen durch ihre Reihen
ging:

»Macht ein Ende, damit wir zum Nachtimbiß kommen.«

Giftigsüß greinte die Quade. Sie wußte, wie schmal es bei ihr zuging.
Auch war es ein entzückendes Vergnügen, wie spöttisch und hochmütig der
Mensch in dem blauen Wappenrock bisher ihre lieben Nachbarn behandelt
hatte. Nur durch eines wurde sie selbst in Verlegenheit gesetzt. Warum
mochte wohl der Fremde seine großen schwarzen Augen so begehrlich über
das Haupt der Fölke hinweg auf die hintersten Deckenbohlen des Saales
richten? Flammend, schwärmerisch züngelte es dann aus den unheimlichen
branderfüllten Sternen, und so zwingend war die Kraft dieses Blickes,
daß sich die Hausherrin nach vergeblichem Widerstand selbst umwenden
mußte, um verständnislos die geborstenen Balken am Saalende zu mustern.

Nichts!

Nur ein paar lange Spinnweben schaukelten dort, getrieben von der Flamme
der Fackeln. Seltsam, was suchte der mächtige Geselle dort, warum
vergaffte er sich nicht lieber in ihre lüsterne Tochter?

Dort hinten aber in Dämmer und Dunkelheit tanzten die ungestümen Wünsche
des herumgetriebenen Mannes. Wuchtig fühlte er seine Pulse hämmern,
schmerzhaft fast dehnte sich die breite Brust, denn er stand nur noch
einen Schritt vom Ziel. Dort oben drängte sich ein Getümmel
unwesenhafter, gebückter, gestriemter Leiber, schwielige Fäuste
streckten sich nach ihm aus, heisere, gequälte Stimmen riefen ihm zu,
lauter und lauter, ohne sich übertönen zu lassen:

»Gib uns -- gib uns, was uns gebührt.«

Unwillig warf der Riese die Hand gegen den Raum, denn selbst von seinen
Hirngespinsten war der Herrschsüchtige nicht gewohnt, sich drängen zu
lassen. Dann aber schüttelte er aufatmend die Schatten von sich und trat
dicht vor den Stuhl der Fölke hin.

»Was willst du wissen?« rief er ohne Rücksicht. »Denn beim Henker, es
fehlt nur noch, daß ihr mir ein Armsünderbänklein hinsetzt.«

»Friede, Friede, mein Sohn,« murmelte der Propst besorgt und kreiselte
auf seinem schmerzenden Knie herum.

»So sage mir zuerst,« begann die Fölke, sich auf ihr übergeschlagenes
Bein stützend, »warum liefst du allein und ungeleitet in unseren Hafen?
Wo blieben deine Genossen? Der Wichmann, der Michael und der Wichbold?
Und wo liegen deine übrigen Schiffe?«

Da lachte der Störtebecker und schlug sich auf die Brust. »Alte,« gab er
getrost zur Antwort, »der Fuchs ist dir zu schlau. Die Meinen werden
kommen, sobald ihr mir diesen Fetzen mit Eid und Siegel behängt habt.«

»_Bene optime_,« lobte der Propst voller Bewunderung und blickte sich,
Beifall heischend, im Kreise um. Allein unter den Hörern entstand von
neuem drohendes Gezänk.

»Still,« verwies die Fölke, die sich nicht rührte, »dies verstehe ich,
Störtebecker. Doch nun das Wichtigste. Du willst Land von uns erwerben.
Gesetzt, wir wollten dir willfährig sein, was gedenkst du mit den Gütern
zu beginnen?«

Jetzt sprangen die Edelinge wieder von ihren Sitzen, denn der Kern der
Verhandlungen schälte sich bloß.

»Er soll gleichmäßig von uns kaufen,« schrien sie.

»Darauf kommt es nicht an,« sprach die Fölke in den Lärm hinein.

»Doch -- doch.«

»Achtet auf die Quade,« schimpfte der wilde Allena, »die Hexe betrügt
uns.«

»Was willst du mit den vielen Jochen anfangen?« wiederholte die
Hausherrin kaltblütig.

Mit einem Satz sprang der Störtebecker zu ihr in die Höhe, und während
er heftig an der Lehne ihres Sitzes rüttelte, da quollen hinten aus dem
Pechqualm abermals die ungezählten Scharen hervor, Kopf an Kopf, Hand in
Hand, tausend unglückliche Augen starrten ihn an, und aus dem
Geistersturm schallte es: »Du Menschensohn, du Sohn armer Leute, jetzt
gib uns Brot und Kleider und ein Menschenlos.«

Ungestüme, ihn schüttelnde Wut packte den Besessenen, jener nicht zu
bändigende Zorn gegen die Unterdrücker und Mächtigen, die nach seiner
Meinung das Elend in der Welt festhielten, damit es ihnen Vorteil
brächte. Da stürzte fast gegen seinen Willen die Schranke vor seinen
mißtrauisch behüteten Schätzen zusammen, zu Streit und Angriff streckte
sich der Riese, und als wirbelnde Wurfgeschosse schleuderte er seine
geistigen Kleinodien wütend, hohnlachend unter seine betroffenen
Zuhörer. Freiheit mußte wohl sein schäumender Mund gebrüllt haben,
gleiche Landteilung, aus der Mitte der Gemeinschaft geborenes, allen
erlangbares Recht, »und vor allem, ihr Schinder, ihr Landjäger, ihr
Händler mit Menschenfleisch, die Glückseligkeit einer beruhigten
Brüderschar.« Blind rasten Traum und Wirklichkeit um sein Haupt, er
schrie und tobte gegen die von der Decke stierenden Hungergesichter
sowie gegen jene breitbeinig ihn umdrängenden Zwingherren. Doch nur zwei
Frauen empfanden in dieser Versammlung erdgebundener, habsüchtiger
Menschen die Schönheit, die aus der Vermischung von streitbarer Tatkraft
und wilder Schwärmerei über den Einsamen ausgegossen wurde. Die eine im
Knabengewand faltete krampfhaft ihre Hände um den Goldhelm, den sie für
ihren Gebieter bewahrte, und preßte ihre Brust gegen das Metall, als
müsse sie ihr glühend Herz für immer in die unempfindliche Härte
einschmelzen. Die andere, die gesündere und blühendere, lehnte genießend
ihr Haupt unter dem roten Haarnetz zurück, ein glühend Schlänglein, lief
ihre Zunge zwischen den Lippen, und ihr schlanker, ungekühlter Leib hob
sich ahnungsvoll und gewiß dem Glänzenden entgegen. Auch sie hungerte
nach Besitz und Gewinn, doch sie wollte dabei unendlich viel mehr
einhandeln als selbst ihre geizige Mutter, sie wollte die heimliche
unbekannte Lust der Hingebung und dafür die Macht über den ganzen Mann.
Wie aber wirkte das tolle herausfordernde Gestammel, der nie vorher
vernommene Schrei nach Selbstbescheiden und Einordnung auf die
besitzstolzen Häuptlinge? Zuerst suchten die Grundherren, die eben drauf
und dran waren, jene tölpelhafte Freiheit ihrer eigenen ortsangesessenen
Bauern durch allerlei listige Künste, wie Borg, Auskauf und Pfändung,
in straffe Gefolgschaft zu verwandeln, zuerst suchten sie ihre eigene
vollständige Begriffsarmut auch den anderen von den offenen Mäulern
abzulesen.

Wie? Was? Faselei! -- Was wollte der Hundsfott, der fahrende
Sonnenbruder, der gestern noch den Leuten die Taschen abschnitt, wo er
nur konnte? Gleichen Besitz? Der ungewaschene Haufe sollte keine
Edelinge mehr über sich tragen? Hast du's gehört, Allena? Welche Büberei
versteckt der Galgenvogel wohl dahinter? Meint die Schwarzflagge etwa,
hier Schindluder mit uns treiben zu können?

Und die erste Verblüffung löste sich in ein schallendes Gelächter. Sie
schlugen sich die Seiten, stießen einander in die Rippen, blinzelten
sich aus sonnengebräunten Bauerngesichtern verschmitzt ihr
Einverständnis zu, trampelten mit den Holzschuhen, ja selbst Hisko, der
Propst, der in den Marschen ein Muster der Wirtschaft abgab, er humpelte
schluckend hinter den verrückten Gleichebeuter und hieb ihm dort auf die
Schulter, daß es krachte.

»Geliebter Freund,« platzte es über die dicken Lippen, »welch ein
windiges Schiffermärchen hast du uns hier soeben aufgetischt? Nicht
wahr, Fölke, was meinst du? Ja, wir sind einfältig, _animae stultae,
piaeque_, aber man darf uns doch nicht gar zu sehr unter dem Preis
einschätzen! Du willst für dich selbst nichts? Alles für die Deinen?
-- --«

Unten die Junker wieherten vor Vergnügen und Besserwissen.

»Nun gut, gut,« keuchte Hisko kurzatmig weiter, zog das
Bischofsmäntelchen vor und schneuzte sich damit die Nase, »du kennst die
Gauklerkniffe, hast den steifen Böcken, den Hamburgern, manch Faß und
manchen Ballen damit abgejagt. Aber jetzt sprich, mein Söhnlein, was du
etwa noch im Ernste für deine Sache anführen magst?«

»Ha -- ha -- im Ernst?« So lange hatte der im blauen Wappenrock,
erwacht, ernüchtert mit unheimlich rollenden Augen auf die blonden
Männer herabgeschaut, die sich vor Heiterkeit und hochmütig geliebkostem
Unverstand förmlich blähten. Jetzt aber überwand der Seefahrer jenes
innerliche, ihn fast zerschneidende Gelächter, das nicht zum Ausbruch
kommen wollte, mit einem Griff riß er die große Hornpfeife an den Mund,
und schrill, spitz, gellend fuhr das vibrierende Signal durch die Halle.
Aufgescheucht schlugen die Friesen ihre langen Röcke zurück und griffen
verdutzt an ihre kurzen Schwerter, selbst die Fölke rückte ungemütlich
auf ihrem Sitz. Doch es war auf keinen tollkühnen Überfall abgesehen.
Nur die Saaltür öffnete sich, und schallenden Schrittes trugen sechs
Gleichebeuter eine gewölbte Truhe herein.

Da löste sich die Spannung der Edelinge in einem lauten Freudenschrei,
ihre Augen begannen plötzlich verständnisinnig zu blitzen. Keiner nahm
es dem fremden Seefahrer, der so unermeßliche Schätze mit sich führte,
im geringsten mehr übel, als der Riese sich plötzlich unter Püffen und
Stößen eine Gasse durch ihr Gedränge bahnte. Ob auch einer von ihnen
rechts taumelte, der andere zur Linken flog, wer von ihnen scherte sich
noch um die ungemessene Verachtung, den fast wahnwitzigen Hohn, mit dem
der Störtebecker jetzt den Deckel der Kiste zurückschlug.

»Frisch, tummelt euch,« schrie er in einer gräßlichen Vertraulichkeit,
die zu jeder anderen Stunde den Hörern hätte das Blut in den Adern
gefrieren lassen. »Munter, ihr Edelen, ihr werdet mich gleich besser
verstehen. Hier liegen meine Gründe, meine Pläne, meine Aufzeichnungen!
Flandrisches Laken! Wie? Was? Mit der Elle? Torheit, ich messe meine
Absichten mit dem Spieß! Sind gar klar und vollwichtig!«

Und der Tolle riß einem der Knechte die Lanze aus der Hand und begann in
langen schwebenden Wendungen die weißen Wolken auf den Estrich zu
schleudern.

»Hier Erklärungen für den Herrn Propst, hier ein anmutig
Geheimverträglein für die Frau Fölke -- -- sachte, sachte, der Allena
und der Rüstringen werden nicht vergessen!«

Eine Weile rieselte das feine Gewebe, knisterte und rauschte, gleich
großen Schlangen hüpfte es aus dem Nest. Bald freilich ward dem Schuimer
sein Maßwerk überdrüssig. In hohem Bogen warf er den ganzen Ballen unter
die Edelinge, und gleich darauf sauste die Lanze hinterdrein. Die Junker
aber balgten sich um den kostbaren Stoff. Jeder stieß halb im Scherz,
halb im Ernst seinen Nachbarn beiseite, um möglichst früh an die
Reichtum sprudelnde Quelle zu gelangen, und man ertrug es nur mit
Ungeduld, als Propst Hisko auf den unschuldigen Einfall geriet, sich wie
ein Kreisel in dem Gewebe einwickeln zu lassen. Gewandter drehte sich
der dicke Landwirt, als es sein verletztes Knie irgendwie vermuten ließ.
Der Riese jedoch hatte sich, angetrieben von der höllischen Flamme der
Versuchung, von neuem über die Truhe gestürzt, und nun schleuderte er
besinnungslos Gold, Silber, Brokate, Ringe, Armbänder, Seiden- und
Meßgewänder unter die geblendeten fassungsberaubten Friesen.

»Mir -- mir,« kreischte die Fölke, die ihre Habgier nicht mehr länger
bezwang und plötzlich mit ausgebreiteten Fängen, wie ein Habicht, von
ihrem Sitz herabschoß. »Sollen Hiskos feiste Mägde etwa gleich uns
Edelfrauen Ringe und Ketten tragen?«

Damit krallte sie ihre spitzen Finger in die Wand der Truhe, beugte sich
hinüber und schickte sich eben an, rabenlüstern auf das Geschmeide
hinabzustoßen. Allein sie gelangte nicht mehr dazu. Es geschah etwas,
was selbst den rohen unbesinnlichen Häuptlingen in seiner grausigen
Verrücktheit den Atem benahm. Mit beiden Armen nämlich wurde das graue
Gerippe von dem Seefahrer eingefangen. Und geschüttelt von dem
unheimlichen Spaß, diese zitternde Habgier dicht vor dem Ziel verdursten
zu lassen, drückte der Störtebecker seine Wange zärtlich verliebt an das
steife Pergament der Quade, und dann küßte er sie schallend auf das
blutige Krötenmaul und die furchige Stirn.

Da entsetzte sich selbst Propst Hisko van Emden, der doch in mancher
Wein- und Männerschlacht seinen Mann gestanden, stolperte über die
Leinwand und fiel mitten in den Saal.

Der Störtebecker aber lärmte und tobte während dieser erzwungenen
Liebkosungen immer wüster und wahnwitziger.

»O du wonniges Weib, o, du Weinberg mit quillenden Beeren, was könnte
ich dir nicht alles zuliebe tun. O, du Gebenedeite unter den Frauen, laß
mich dir selbst das Hemdlein von Seide oder Brokat anmessen.«

Und obwohl die Fölke zischend und fauchend mit ihren mageren Armen und
Beinen um sich schlug, der Besessene herzte und liebkoste das
abscheuliche Gespenst nur um so wolfshungriger.

»O, du fruchtreicher Regen,« schrie er ihr ins Gesicht, »o, du Wunder
des Brokmerlandes, wie preise ich mich selig, weil ich einen festen Bund
mit dir schloß. Du sollst sehen, niemals gehe ich von dir, niemals
verlasse ich dich!«

So raste und wütete der unbezähmbare Mensch, und um ihn her quirlte
Grauen, Abscheu und roher Beifall brodelnd durcheinander. Bis sich
endlich die wüste Geistesstörung auch auf die Zuschauer übertrug. Mit
einemmal hatten sich die blonden Männer an den Händen gefaßt, und nun
tanzten sie im Kreis um das wunderliche Paar inmitten der Ballen
flandrischen Lakens und der offenen Truhe herum, dazu jauchzend:

»Wohl -- wohl, der Störtebecker soll bleiben. Die Verträge gelten. Soll
der Quade Fölke einen Sohn zeugen. Heißa -- hussa -- horrido!«

Und auf dem Estrich hockte noch immer der Propst, und während er sich
verwirrt den Reigen zu erklären suchte, murmelte er von Zeit zu Zeit:

»_Absolvo te._«

Doch er wußte nicht mehr, was dies bedeute.



II.


Über die braunrote Heide trabte ein Reiter auf seinem prächtig
geschirrten Schimmel. Schwer schlugen die Hufe des Rosses auf den
unübersehbaren, farbenfrohen Teppich. Wie von einem leichtsinnigen Weib
war das lustige Tuch zwischen dem grauen Schlick der Marschen und der
schwarzen Erde älteren Ackerlandes hingeworfen. Eine helle Herbstsonne
leuchtete gläsern vom Himmel, und der erste Frühwind sprühte zuweilen
bunte Tropfen von den Kräutern.

Dem Tier aber ward keine leichte Bürde, denn sein Lenker hatte einen
Knaben vor sich auf den Sattel genommen. Den hielt er fest mit der
Linken umfangen, und während er den Gaul allein mit den Schenkeln
steuerte, zeigte die Rechte unaufhörlich auf Nähe und Weite. Jeder
Tümpel mit Torf oder Moorgrund, jede einschießende Wiese wurde mit
hellem Jubel, mit freudeerfülltem Stolz begrüßt.

»Sperr deine blauen Augen ja weit auf, mein Büblein,« lud der
Störtebecker triumphierend ein und dabei drückte er seinen Gefährten
ohne weiteres an seine weit geschwellte Brust, ja, er herzte sogar
stürmisch das vor ihm flatternde blonde Haar, weil er in diesem
Augenblick nichts neben sich dulden konnte, was nicht bedingungslos
seiner Macht unterworfen war. »Sieh, da und dort, vor uns, neben uns,
alles mein, dein, uns allen.«

Und berauscht von dem ungeheuerlichsten Erfolge, trunken von der
Vorstellung, daß auf diesem morgenfrischen Boden Menschheitswende
wachsen sollte, so grundsprengend, so segenschwer, so planvoll, wie es
vorher auf deutscher Erde weder von Carolus Magnus, dem
Ordnungsstifter, noch später von Priestern oder Laien geahnt war, da
ließ der von Schöpferlust Beseligte seinen Begleiter zur Seite sinken,
warf sich über ihn und preßte seine Lippen durstig auf den Frauenmund.
Was er hier liebkoste, das verschwamm ihm. Er küßte seinen eigenen
Gedanken, der in der Frauenbrust wie in einem Tempel für ihn bewahrt
lag, er umfing in jenem Leib, der sich zu ihm bekannte, gewissermaßen
die Erfüllung und Vollendung seines Traums. Und diesmal widerstrebte ihm
Linda nicht. Selbstvergessen, verklärt, ganz und gar eins mit dem
Willensmächtigen, blickte sie mit großen, grüßenden Augen zu ihm empor,
und in ihrem Kinderlächeln prägte sich die Überzeugung, daß alle
Schmach, alle Schande in dem Feueratem, in dem brausenden Wehen des
Werkes geläutert und von ihr genommen sei. Ein segenspendender Gott
hatte sie befruchtet, und sie diente ihm dafür und empfing zum Lohn die
Gnade des Schauens. Eine Entzückung durchrieselte sie, und aufgehoben
von einem Wirbel unvorstellbaren Empfindens, unterfing sie sich dessen,
was sie nie vorher gewagt, schüchtern schlang sie beide Arme um den zu
ihr geneigten Männernacken und hielt ihn fest. Selbst den wilden Mann
beschlich ein fernes Verständnis für die opfervolle Gabe, die ihm hier
gereicht wurde.

»O, du blondes Gold,« entlud er sich in frohem Übermut, »wie freue ich
mich deiner! An dir klebt kein Unrat, bist nicht durch der Krämer Hände
gewandert, und man kann sich leicht die Seligkeit um dich kaufen.«

Noch einmal vernahm die käferdurchsummte Heide neben dem regelmäßigen
Hufschlag das helle Jauchzen befriedigten Siegerglückes, und die
Heideeinsamkeit legte sich tröstend um ein aufgestörtes Frauenherz.

So zogen sie fürbaß, an dunklen Torfmooren und weiten Strecken gelben
Flugsandes vorüber, und so lange die silberne Morgenstille mit ihnen
wanderte, waren die Einsamen nicht nur eng aneinander gebunden durch das
gemeinsame Drängen nach einem frommen, kindlichen Zeitalter, sondern
auch das geheimnisvolle Weben zwischen Mann und Weib spann seine heißen
Fäden um sie. Immer wieder, wenn das Hochgefühl seiner Sendung dem
Reiter die Brust sprengen wollte, dann warf er sich gegen die schlanken
Frauenglieder, und mit Herzklopfen und entzückter Duldung vernahm Linda
all die Tollheiten und unbändigen Neckereien, die er ihr zuflüsterte.

Wo war ihre Nonnensehnsucht geblieben?

Aus einer moorigen Senkung waren sie eben aufgetaucht, als ein Wiehern
ihres Schimmels die Versunkenen weckte. Heftig schleuderte das Tier den
Kopf. Ein weiter offener Wiesenplan dehnte sich vor ihnen, verschiedene
Wege schlängelten sich über die Grasebene, und an einer Kreuzung dampfte
eine Staubwolke.

»Holla,« rief der Störtebecker, froh, den ihm bereits eintönigen
Schleckereien entzogen zu sein, und bettete die Hand über die Augen.
»Schau, ein Trupp von Reisigen. Laß uns sehen, wen sie schon so früh
geleiten?«

Und sofort setzte er dem müden Gaul die Sporen ein, keuchend und
schnaufend trabte der Schimmel dem Kreuzweg entgegen.

Vor ein paar Balken, die roh und kunstlos über eine Binsenniederung
gelegt waren, hielt ein Zug berittener Spießknechte. Sie trugen sämtlich
den blauen Brokmerpfeil an ihren schwarzen Filzröhren und warteten nur
darauf, daß der elende zweirädrige Reisekarren, wie er zu jenen Zeiten
von vornehmen Frauen benutzt wurde, ungefährdet über das Balkengestell
hinüberknarre. Die Dame selbst jedoch, anstatt geduldig auf dem harten
Sitzbrett ihres Käfigs auszuharren, hatte längst den Braunen eines der
Knechte bestiegen, denn es war Occa, des tollen Occo Tochter, die, kaum
der Aufsicht ihrer Mutter entzogen, ihrer Neigung zu ausgelassenen
Streichen verfiel. Rittlings wiegte sie sich im Sattel, und da sie heute
das kniefreie rote Friesenröckchen angelegt hatte, so sah der sich
nähernde Freibeuter mit Behagen, wie die eng verschnürten Beine der
Reiterin geschmeidig und wohlgefügt den Leib ihres Rosses umfingen.

Da sprang dem stets erhitzten Weiberjäger sofort das Blut in den Adern.
Das ungewöhnliche Bild junger, zu jeder Verschwendung bereiter
Lebenslust berückte ihn, und plötzlich sah er sie weißgliedrig auf dem
dunklen Fell reiten, Meerwasser träufelte ihr über Brust und Nacken, und
das aufgelöste Gold der Haare flatterte ihr feucht um die Schultern.

Kein Zweifel, der begehrliche Mann atmete schneller -- er hatte die Schöne
bei seiner Einfahrt schon so geschaut, wie er sich alle Weiber am
liebsten vorstellte.

Mit einem Stoß schob der Störtebecker seinen Gefährten zur Seite, um
frei und ungehindert den Anblick genießen zu können. Und in der
eigensüchtigen Meinung, daß seine Gedanken auch unausgesprochen von
jedem verstanden werden müßten, schwenkte er heftig seine Kappe zum Gruß
und schrie hinüber:

»_Courte et bonne_, bist du der Wasserteufel oder nicht?«

Die schöne Occa jedoch verstand. Auch sie wirbelte ihre gelblederne
Kopfbedeckung durch die Morgenluft und rief mit heller Stimme zur
Antwort:

»Und du, Schuimer, was bist du für ein vierbeiniger Reiter?«

Da beugte sich der Seefahrer noch weiter vor und klopfte, nahe genug
herangerückt, Occas Braunem die Halsung.

»Laß gut sein,« erwiderte er hastig und nur darauf erpicht, das kurze
Reitergewand der Blonden zu berühren, »dies hier ist mein Diener. Ich
gönne dem Zarten gern jede Schonung. Doch nun, du Fisch und seltener
Vogel, sage mir, wohin geht die Reise?«

Langsam löste die Broke-Tochter ihre braunen Augen von dem Knaben, der
noch immer durch die Linke seines Herrn vor dem Sturz bewahrt wurde, und
da sie mit dem Scharfblick der Frauen wohl gleich das wahre Geschlecht
dieses Dieners erraten haben mochte, so glitt ein spitzbübischer Zug
über ihr feines Antlitz und der Zwang überkam sie, den frechen Reiter
sogleich bestrafen und peinigen zu müssen.

»Nun, du Allwissender,« entgegnete sie mit strahlendem Spott, »da du
doch den Umgang mit edlen Frauen zu kennen scheinst, so sage mir, wohin
gehört eine ehrbare Hausfrau rechtmäßiger, wenn nicht zu ihrem Eheherrn?
Der meinige ist, damit du es weißt, Luitet van Neß, und ich hoffe, daß
er meiner alleweil in Sehnsucht gedenkt.«

»Nun, da wollte ich doch -- --« fiel der Störtebecker aus allen Himmeln,
der ganz offen seinen Grimm darüber verriet, weil dieser glatte Vogel
aus dem Garn zu hüpfen versuchte, »nun, da wollte ich doch, der unterste
Grund der Hölle öffnete sich -- --«

»Für wen?« lauerte die Goldblonde, innig befriedigt über die Wirkung
ihres Geständnisses, indem sie sich blinzelnd nach vorn krümmte und
dabei ihre Knie immer höher auf den Rücken des Pferdes zog.

Der Riese aber hatte seine erste Anfechtung überwunden. Und da -- juchhe
-- da höhnte er schon über seine gewissenhafte Bürgerbedenklichkeit.
Seit wann machte er denn vor Weihwasser und Sakrament Halt? Bei allen
Wonnen des heißen Blutes, und würde diese Occa mitsamt ihrem Hausherrn
statt auf dem Karren in ihrem Ehebett durch die Lande rollen, der Wilde
schwor sich, er wollte sie dennoch vor den Augen ihres Nutznießers aus
den Laken reißen.

So raste die unstillbare Wut nach Alleinbesitz von allem Schönen und
Sinnepeitschenden durch denselben Erlöser, der gekommen war, um die
Mißgunst und den ewig regen Neid der anderen zu befrieden.

Im Augenblick aber verbeugte er sich geschmeidig im Sattel, schwenkte
noch einmal die Kappe und griff ohne weiteres nach den Zügeln von Occas
Braunem.

»So werbe ich denn,« sprach der Schalk, »bei der Hausfrau des Häuptlings
van Neß um gute Nachbarschaft.« Und ehe noch eine Antwort erteilt werden
konnte, warf er die Hand vor. »Geh, heiße deine schwarzen Filzröhren
sich beiseite drücken, denn ich will dir selbst das Geleite geben.«

Überrascht, mit jenem schwebenden Lächeln, das mehr verhieß, als es zu
halten gesonnen war, und vor allen Dingen brennend vor Neugier, was ihr
wohl bei dem Zusammensein mit dem blutigen, sagenumsponnenen
Gewaltmenschen bevorstehe, nickte die schöne Occa, schon wandte sie sich
mit einer kurzen Bitte an ihre Begleiter, als unvermutet das so
vielversprechend eingeleitete Abenteuer gestört wurde.

Besorgt um jedes Wort, das nicht der gemeinsamen -- oder noch besser, der
ihr allein gehörigen Aufgabe galt, so hatte Linda, noch im Arm ihres
Gebieters dem leichtfertigen Geplänkel gelauscht.

Und nun? Diese kaum verhüllten Scherze hier auf heiligem Boden?

Ihr schwindelte, sie wußte nicht mehr, was sie trieb. Ach, sie vergaß
sich. Zu ihrem Unheil trat sie aus dem Bann ihres bisherigen
bescheidenen Dienens heraus.

»Herr,« kehrte sie sich bebend zurück und legte dem Riesen ihre
zitternde Hand auf die Brust, »du wolltest --«

Gestört verzog der Störtebecker die Stirn, sein gekrümmter Arm schob die
Andrängende von sich.

»Was wollte ich, Licinius?« warnte er, als ob er seinem Gefährten noch
bei rechter Zeit zu Einkehr und Besinnung raten möchte. »Was wollte
ich?«

Doch Linda war durch das, was vorausgegangen, durch die wilden
Liebkosungen ebenso wie durch die Nähe des ersehnten Zieles zu sehr aus
ihrer Bahn geschleudert, als daß sie ihr bescheidenes, unauffälliges
Wesen nicht völlig verleugnet hätte.

»Herr,« mahnte sie mit einer dringenden, beschwörenden Gebärde, »wozu
willst du hier noch länger säumen? Vergiß nicht, o vergiß nicht, daß
deine Flotte und die künftigen Ansiedler deiner harren.«

War es die Zurechtweisung, die ihm hier öffentlich erteilt wurde, oder
drückte die Gewißheit dem Herrschsüchtigen ihren Stachel tief ins Blut,
daß nun auch andere an seine Pläne tasten durften? Rot vor Unmut
schleuderte er sich herum, und die Bewegung war so gewaltsam, so
rücksichtslos, daß Licinius ohne weiteres aus dem Sattel geworfen wurde.
Kaum vermochte sich der Halbbewußtlose noch vor dem Sturz zu bewahren.
Aber auch so taumelte er ein paar Schritte über den Grasboden, bis er
endlich an Occas Braunem einen Halt fand. Luftberaubt, an allen Gliedern
bebend lehnte er sich hier an den Leib des Tieres.

»Bube,« schrie der Störtebecker in einem schrecklichen Ton, und man sah,
wie seine Rechte vergeblich die Lederpeitsche suchte, »will das Gesinde
seinen eigenen Herrn zu Botengängen heuern? Gleich pack dich und tu
selbst, was du so schön beschrieben. Oder, bei allen Furien, ich will
dir Beine machen.«

Schon hatte der Gereizte den Striemer gefunden, und nun knallte er ihn,
zur Züchtigung entschlossen, so grausam durch die Luft, daß Occa, von
einem Schauder ergriffen, sich schützend über den Knaben beugen mußte.

»Laß ab,« wehrte sie dem Ergrimmten, dessen in Brand geratene rollende
Augen ihr plötzlich Grauen einflößten, und bezeichnend setzte sie hinzu:
»Willst du Wüterich etwa dies zarte Gebein zerfleischen?«

Da hielt der Seefahrer auf halbem Wege inne, aber auch Linda erwachte;
einen leeren, weiten, zerrütteten Blick heftete sie auf den Mann, der
bisher in einer aufrechten Flamme vor ihr hergezogen, dann schüttelte
sie stumm das Haupt. Und wie jemand, der für immer den Weg verloren,
stürmte sie mit einemmal über Wiesen und Heide von dannen.

Winziger und unkenntlicher wurde der schießende, schwarze Fleck hinter
den ginsterbraunen Erdwellen.

Hätte sie sich nur noch ein einziges Mal umgewandt, sie würde bemerkt
haben, wie der Reiter, der sie eben züchtigen wollte, jählings die Faust
vorwarf, als könnte er seinen Gefährten mit diesem einen Griff bändigen
und wieder an seine Seite zwingen. Allein die Entfernung hatte sich
bereits zwischen beide gelegt und verschlang alles. Um die Flüchtende
kreiste die Ebene in langen, sich jagenden Streifen. Bald wirbelten
Moorgründe auf sie zu, bald tanzten Gräben um sie her, dann hüpften
plötzlich wieder Dornbüsche aus dem wild gewordenen Sande, bis
schließlich allerhand Wege ihr entgegenstürzten, die sich um die
Verirrte stritten.

Nach Stunden erst langte ein bestaubter, zerrissener, kotbedeckter Knabe
auf dem großen Schiffe im Hafen an. Hohläugig, zusammenhanglos richtete
er den Befehl des Herrn an die Mannschaft aus, dann verkroch er sich
unter den Aufbau, und auf dem Prunkbett des Bischofs wälzte sich bald
darauf ein krampfgeschüttelter, fiebernder Haufe. Immer von neuem
falteten sich ein Paar blutlose Hände, damit sie Gedeihen, Segen,
Vollendung auf das Werk herabflehten. Auf das Werk -- auf das Werk, das
sich von seinem Schöpfer trennen wollte.

       *       *       *       *       *

Nach mehrstündigem Ritt machten die Broke-Reisigen endlich Rast. Auf den
Wunsch ihrer Dame waren sie dem nachfolgenden Paar weit vorausgeritten,
so daß sie ihre Herrin sowie deren Begleiter fast aus den Augen
verloren. Jetzt tränkten sie ihre Rosse aus einem der flachen
Heidebäche.

Die Knechte aber konnten auch deshalb ihre Herrschaft nicht entdecken,
weil die beiden, während sie ihre Pferde friedlich grasen ließen, sich
in eine der vielen Flugsandgruben gelagert hatten, um nun ebenfalls der
Ruhe zu pflegen. Trotz des dürren Bodens war die Senkung über und über
mit bunten Wiesenblumen bestanden, und auf dem oberen Rand blühten
Ginster und wilder Dorn. Ein verwunschener, heimlicher Platz. Langhin
hatte sich der Störtebecker ausgestreckt, wohlig fühlte er unter sich
die heiße Erde, und da er stärker atmete, so war es ihm, als sei es ein
Leichtes, auch den blauen Himmel in sich einzuschlürfen. Unter
halbgeschlossenen Wimpern blinzelte er zu der unweit sitzenden Occa
hinüber. Die flocht an einer langen Ringelkette von Marienblumen. Sobald
sie jedoch ihre braunen Augen spähend über den scheinbar Ruhenden
hinstreifen ließ, dann glitt jedesmal ein spöttisches Lächeln um den
herrischen Mund des Riesen, denn seine Ungeduld errechnete bereits den
Augenblick, wo seine Wünsche sich erfüllt haben würden. Hier an diesem
eigens dazu geschaffenen Fleck mußte das ihn so oft anspringende Fieber
gelöscht werden, sonst wäre es ja eine Ruchlosigkeit gewesen, seinen
treuen Licin durch Peitschengeknall von seiner Seite getrieben zu haben.

Als ihm der Knabe einfiel, schlug er die schwarzen Augen hartherzig auf,
er schüttelte sich, und eine wirre, unklare Rachsucht erfaßte ihn, als
wäre der Fall dieser Nahen die schuldige Genugtuung für die andere. Und
ohne sich noch durch irgend etwas hemmen zu lassen, richtete er sich auf
und schnellte wie eine große Schlange zu seiner Gefährtin hinüber.
Verwundert verfolgte die sein Treiben.

»Fürchtest du dich nicht?« forschte er, als er Occa erreicht hatte, und
dabei stützte er sich mit beiden Armen über die Zusammensinkende. »Du
weißt doch, was man für Lieder von mir singt? Ich spaßte nicht lange mit
schönen Frauen, die mir gefallen.«

Die Broke-Tochter regte sich kaum, und während jenes spitzbübische
Lächeln ihren Mund verschönte, das ihren Bedränger immer ärger zu
Tollheit und Gewalt reizte, da warf sie dem Geneigten lässig ihre
Blumenkette um den Hals.

»Gewißlich, du langer Mensch,« sprach sie sorglos zu ihm empor, »mir
geschieht nichts von dir.«

Doch der Störtebecker hielt sich nur noch mit Mühe.

»Du möchtest leicht irren,« entgegnete er gepreßt, und es klang wie das
dumpfe Murren vor einem Gewitter, »was sollte mich hindern?«

Da geschah das, was den eigenwilligsten und herrschsüchtigsten aller
Männer mitten im Laufe festhielt. Eine kleine Hand war es, die erst
neckisch an der Blumenkette zauste, bis sie ihm unvermutet einen
leichten und doch fühlbaren Backenstreich versetzte. Dem
Freibeuterfürsten aber schwirrte es vor Augen, tausend zügellose Stimmen
schrien in ihm auf, die Züchtigung, und wenn es auch nur eine
eingebildete, im Spiel zugefügte war, sie erinnerte ihn an seine
Sassenzeit und versetzte den Ungebändigten in Raserei.

Mit einemmal fühlte er einen sich windenden Frauenleib in seinen Armen,
er wollte ihn schonen, um sich seiner Beute desto ungestörter freuen zu
können, umsonst, wieselhaft glitt es unter seinen Armen dahin, im
nächsten Augenblick schon fuhr von dem Hügelrand, auf den das
kurzröckige Weib gesprungen war, ein heller Ruf über die Ebene.

Von fern antworteten die Knechte.

»Merke dir das, du leichtfertiger Tor,« sprach Occa derweil strafend,
obwohl ihre blitzenden Augen und ihre rasch schöpfende Brust Milderes
verhießen. »Weißt du nicht, daß jeder, der einer Friesin Ehre verletzt,
dem Tod vor dem Upstalsboom[*] verfällt? Auch wir, du Schuimer, scherzen
hier nicht. Zudem -- ich bin eine Fürstentochter. Was würde mit dem neu
gekauften Lande und deinen Ansiedlern geschehen, wenn deine Untat
ruchbar würde? Zweifelst du etwa daran, daß die Burgherren, meine
Freunde und Vettern, froh, einen Anlaß gefunden zu haben, über eure
kleine Schar herfallen würden, um die Gefährlichen wieder zu verjagen?
Warum handeltest du auch so unklug, die See zu verlassen, wo du ein
Gewaltiger warst, mehr und fürstlicher als all die kleinen Tyrannen hier
in der Runde?«

  [*] Ein uraltes friesisches Volksgericht.

Als die wohlbedachten Worte auf den Gescholtenen herabfielen, da riß der
Mantel von Wollust und Üppigkeit auseinander, mit dem der Seefahrer
dieses junge Weib einzig bekleidet wähnte. Denn der Weltkundige
erkannte, wie hinter der goldumrahmten Stirn, im Verborgenen zwar und
doch schon geformt, Absichten und Pläne wuchsen, die seiner
Erdumgestaltung feindlich entgegenwirkten. Deutlich erriet der
Scharfsichtige, daß hier ein feinspinnender Eigennutz am Werke wäre,
der, wie überall auf der mißgestalteten Erde, von der Bedrängnis der
anderen seinen Vorteil ziehen wollte.

Da lachte der Störtebecker über seine törichte Verblendung und sprang
mit einem Satz, geheilt und entladen, wie er glaubte, neben die
Reiterin.

Die aber achtete seiner fürder nicht weiter. Mochte sie durch die
Gewohnheit belehrt sein, daß es keiner stärkeren als Blumenketten
bedürfe, um solchen üppigen Jäger nach sich zu ziehen, jedenfalls warf
sie sich, ohne ihrem Begleiter auch nur noch einen Blick zu gönnen,
rittlings auf ihren Braunen und sprengte dann in scharfem Flug voran.
Und doch meinte der nachsetzende Freibeuter, der schmale, feine Goldkopf
unter der gelben Lederkappe hätte ihm einen bestimmten, nicht
mißzuverstehenden Wink erteilt. Da knallte der Störtebecker während der
sich jetzt entspinnenden Hetze fröhlich, kraftbewußt seine Lederpeitsche
durch die Luft. Heißa, solch eine Pirsch war gerade nach seinem
Geschmack. Er wußte ja, wonach er strebte. Mochte der flatternde Rotrock
da vor ihm nur ruhig wähnen, das Narrenseil in der Kinderhand zu halten,
was galt ihm, dem Schicksalswender, im Grunde solch ein Bündel längst
bekannter Reizungen? Nur der Fang spannte seine Geister, alle mußten sie
ihm dienen, die Grenzenlosigkeit, das Abgründige des Besitzes allein
verbürgte ihm in einem dunklen Vorgefühl die Wahrheit seiner Sendung.

»Tamen,«[*] schrie er plötzlich voll stürmender Wildheit, während der
Heidepfad unter ihm dröhnte, und er warf beide Arme gegen den
Silberhimmel. So lautete der Schildspruch, den sein Lehrer Wichmann ihm
einst mit auf den Weg gegeben hatte: »Tamen.«

  [*] Lateinisch »Dennoch«.

Da wandte die vorausfliehende Occa zum erstenmal ein wenig das Haupt zur
Seite.

       *       *       *       *       *

Im Burghof zu Neß erst kehrte sich seine Führerin unter dem rohen,
viereckigen Hauseingang nach ihrem Gaste um.

»Komm,« sagte sie kurz, »damit ich dich leite.«

Leicht strich sie den Staub von ihrem wamsähnlichen Oberrock, dann stieg
sie ihm eine dunkle Treppe voran. Sie mußten sich in einem turmartigen
Gebäude befinden, denn die Stufen wanden sich im Kreise und wurden immer
enger und ausgetretener. Eine faule, stockige Finsternis quoll ihnen
entgegen und beschwerte den Atem. In dem Schuimer aber regte sich
sicherste Erwartung. Jeden Augenblick meinte er, eine Hand müßte nach
der seinen tasten, um dann irgendwo eine Tür aufzustoßen, wo ihm jene
Gastfreundschaft beschieden sein würde, auf die er harrte.

Allein seine Sinne spannten sich vergebens. Nach wie vor hörte er die
leichten, huschenden Tritte über sich, die Dunkelheit schien sich mit
ihnen zu drehen und hauchte eine feuchte Kälte aus.

Aber da endeten die Stufen, ein ebener Gang oder eine Halle mußte
erreicht sein, denn plötzlich spürte der Gast seine Führerin dicht neben
sich. Wiederum strich sie ihm über das Gesicht und flüsterte:

»Warte!«

Dann entfernten sich ihre Schritte, und der Fremde stand allein,
eingeschlungen von dem Rachen der Schwärze. Einen Augenblick lang
beschlich den Einsamen das Bedenken, es könnte ihm hier vielleicht von
seiner Wirtin eine Falle gestellt worden sein, ja, den zur Tatlosigkeit
Verdammten durchzuckte die Ahnung, die wilde, herrliche Jagd nach allem
Unerreichbaren möchte womöglich in diesem Moderwinkel ihr Ende gefunden
haben. Allein, kaum gedacht, ließ ihn sein unerschöpfliches Vertrauen
auf seinen Stern all solche Einwendungen hinter sich schleudern. Und
jetzt -- nein wahrhaftig -- ganz in seiner Nähe, nur gedämpft durch eine
verschlossene Tür, fing er ein sonderbares Grunzen auf, wie wenn ein
Schwein sich über dem Futtertrog besonders wohl fühlt, und alsbald
gesellte sich das feine Gelächter Occas hinzu.

Dem Störtebecker schoß das Blut ins Antlitz. Giftig träufelte ihm sein
Jähzorn ein, er selbst böte wahrscheinlich den Anlaß zu dem heimlichen
Vergnügen seiner Schönen, er, der gefürchtete Schwarzflaggenherrscher,
der als Gefoppter, als demütig Wartender vor der Tür einer Listigen
lauerte.

Mit einem Sprung setzte der Maßlose in die Finsternis, und richtig,
seine geballte Faust traf dröhnend auf Holz- und Bretterwerk.

»Das sollst du mir bezahlen, du Hexe!« schrie der Gereizte, keuchend vor
Wut und unbekümmert darum, wer ihn etwa hören könnte. »Bei den Hörnern
des Satans, ich will es dir eintränken.« Das Gewölbe über ihm warf
schallend ein Echo zurück.

Da aber stand der Freibeuter geblendet still. Unmerklich war eine
niedrige Tür vor ihm aufgeglitten, und der Anblick, der sich ihm jetzt
bot, traf den Eindringenden so unerwartet, daß er in jähem Wechsel kaum
eine rohe Lachlust bezwang. Wahrlich -- und der Störtebecker hieb sich
auf die Brust, wie wenn er unbedingt Spuk und Augentrug von sich
scheuchen müßte, dort drinnen in dem kreisrunden Turmloch, unter
allerlei albernen Geräten und verworrenen Meßtafeln, dazu bestimmt, nach
dem Aberwitz der Zeit den Gestirnen ihr Geheimnis zu entlocken, da
hockte auf einem niedrigen Dreifuß ein Wulst von Speck und Fetten, der
sich eben in seinem weiten grünen Tappert mühselig umwandte. Dies war
der Häuptling Luitet van Neß, ein Mann, den selbst seine besten Freunde
»das Ferkel« nannten. Fragwürdig blieb nämlich seine Menschengestalt.
Kleine, triefende Schlitzäuglein, eine ungeheuerliche, weit vorstrebende
Schnauze sowie ein ebenso heftig zurückfallendes Kinn gaben dem
kurzbeinigen Fettklumpen tatsächlich etwas vom Borstenvieh. Und es
bedurfte für den Beschauer nicht erst seiner grunzenden Stimme sowie der
blonden Stacheln auf dem platten Haupt, um die Ähnlichkeit unheimlich zu
vervollständigen.

Und dies sollte der Gatte der schönen Occa sein?

Vorgebeugt verharrte der Störtebecker an der Tür, offenen Mundes, mit
dem ganzen beleidigenden Unglauben eines von der Natur Beglückten
starrte er bald auf dieses Schaubudenwunder hin, bald suchte er von der
Goldblonden eine Erklärung zu erhaschen. Als er jedoch auffing, wie das
junge Weib dem behaglich Grunzenden die kurzen Borsten kraute, wobei sie
hinter dem Rücken des Dicken dem Freibeuter schnippisch zunickte, da
löste sich die ungemessene Verstricktheit des Betroffenen endlich in
einem langen wilden Gelächter aus. Sogar Herr Luitet, der eben zur
Begrüßung heranwatschelte, verfiel in ein beifälliges Grunzen, auch die
Burgfrau schloß sich von der großen Heiterkeit nicht aus. Um ihre Lippen
aber zuckte es wie jemandem, der sich des Endes bewußt ist.

Kannte sie doch allein den Anfang.

Von ihrer eigenen Mutter, der Quade Fölke, an dieses gemästete Scheusal
verkuppelt, sollte die heitere Lebensfreude der Jungfräulichen wohl nach
Absicht ihrer Peinigerin möglichst bald in Trübsal und Elend ersticken.
Allein diesmal erwiesen sich die Berechnungen der Quade als trügerisch.
Da das Ferkel einzig und allein auf der nächtlichen Sternenwiese
graste, so stellte es an seine irdische Begleiterin keinerlei Ansprüche,
ja, bald geschah es, daß Occa mehrfach am Tage in die Turmzelle ihres
Gatten emporsprang, um ihm voller Genugtuung die Wünsche und
Verlockungen ihrer junkerlichen Anbeter zu offenbaren. Und während ihre
kleine Hand den behaglich Grunzenden puffte oder ihm spöttisch die
kurzen Borstenhaare kraute, da konnte man die beiden häufig in
ungemessene Heiterkeit über die genasführten Liebhaber ausbrechen hören.
Frau Occa hielt sich das Ferkel, wie vornehme Damen ihrer Zeit
mancherlei mißgestaltete Kreatur in ihrer Nähe fütterten, und so hatte
sich zwischen den Gatten allmählich die beide Teile befriedigende
Vertraulichkeit guter Geschwister ausgebildet.

Auch über den Seeräuber mußte dem Klumpen wohl schon vorher eine
ausführliche Schilderung hinterbracht sein, denn während er ihn pustend
und schnaufend begrüßte, blinzelte er aus den schrägen Schlitzäuglein
beinahe mitleidig an dem Riesen in die Höhe. Fast schien es, als ob der
Weise seinen ungewöhnlichen Gast bereits im Voraus bedauerte. Dann aber
besann sich der Hausherr auf seine dunklen Künste oder vielleicht auch
auf das, was man seinem platten Schädel eben erst eingeblasen hatte.
Geheimnisvoll wickelte er sich in sein grünes Kleid, um ernsthaft das
Haupt zu schütteln.

»Du überschreitest das Maß,« vertraute er endlich seinem Besucher an.
Witternd und feucht zitterte dabei sein Rüssel.

»Getroffen,« nickte der Störtebecker, der sich noch immer nicht fassen
konnte, wobei er allerdings mehr die Burgherrin als den Klumpen im Auge
behielt, »ich messe sieben Schuh.«

»Das ist es nicht,« murmelte das Ferkel abmahnend. Darauf ergriff er
eine durch allerlei Striche und Zeichen geteilte Stange und hielt sie
schräg gegen den Fremden, so daß die Sonne einen schwarzen Strahl über
den Freibeuter malte. »Du überschreitest das Maß,« wiederholte er
hartnäckig.

»Potzblitz,« fiel der Störtebecker lebhaft ein, indem er frisch nach der
Stange schlug, »ich will auch mein Begehren nicht messen, und wenn es
bis an den Mond wüchse.«

Rasch wechselte er dabei einen Blick mit Occa, die noch immer hinter der
Lehne eines unförmlichen Stuhles stand, und so frech und gefräßig
züngelte wieder seine Flamme, daß er gar nicht merkte, wie auch dem
Ferkel jene geheime Zwiesprache keineswegs entging.

»Vom Übel,« verurteilte der Sternendeuter, nunmehr seiner Sache sicher.
»Jedem ward sein Maß bestimmt. Der Kundige zählt die Regentropfen. Höre,
du bist wohl ein lang aufgeschossener Bursch' und tobst auf der Erde
lärmvoll umher, aber weißt du denn, was am Himmel für dich angeschrieben
steht?«

»Meiner Seel,« beteuerte der Störtebecker, der sich jetzt ungebeten auf
eine Ecke des Ziegelherdes niederließ, denn das Geschwätz des Dicken
wurde ihm lästig, »laß mich die Erde zurechtrücken und heiße du
inzwischen dein Weib, mir einen Morgenimbiß auftischen, so will ich dir
wohl oder übel den Jupiter, den Saturn und die beiden Dioskuren dazu
verkaufen.«

»Verspotte nicht die Ewigwachen,« murrte der Klumpen und hielt jetzt
seine Stange prüfend gegen das Fenster und mitten in das Sonnenlicht
hinein. »Occa mag dir Hunger und Durst stillen, wie ihr beliebt. Ich
wehre ihr nichts. Sie ist frei. Weil alles Geschehen ohnehin aus dem
Lichtnebel quillt, der gewogen und gezählt für jeden von uns im
Unendlichen schwimmt. Occa mag dir das Nachtlager rüsten, und du wirst
nicht anders handeln, mein Freund, als die Staubkörner es wollen, die
gebieterisch über dir und in dir tanzen. Geh hin und versuche es.«

Diese Gelassenheit jedoch übermannte sogar den sorglosen Gewaltmenschen.
Geräuschvoll sprang er vom Herd, und seine Verblüffung steigerte sich
noch, als ihm der helle Triumph aus den Zügen der Goldblonden
entgegensprühte. Mühsam nur faßte er sich, und indem er sich neigte,
warf er im Trotz und wie zum Abschied hin:

»Wohlan, Luitet van Neß, so nehme ich deine Gastlichkeit an, und ich
will hoffen, daß es meinen Staubkörnern unter der Pflege deines Weibes
wohlergehen werde.«

»Jeder muß das hoffen, was ihm beschieden ist,« sprach das Ferkel
dunkel.

Ruhig ließ der Nekromant seinen Besucher zum Ausgang gelangen, aber
gerade als die Reckengestalt sich unter das niedrige Pförtlein bücken
wollte, da scharrte der Klumpen, der sich inzwischen wieder auf den
Dreifuß niedergezwängt, mit dem Fuß über ein auf der Diele
herumliegendes Pergament, so daß ein trockenes Rascheln entstand.

»Nimm dies mit dir, Maßüberschreiter, Tobender im Käfig,« grunzte er
gleichgültig, »ein Bote unserer lieben Mutter Fölke brachte es heute.
Vielleicht erkennst du daraus, wie das Unsichtbare auf Erden stets
hinter uns hersprengt. Hier,« -- er bückte sich und reichte das Blatt
unter Keuchen seiner Hausfrau -- »es ist nur eine Hornisse aus dem
großen Schwarm,« schnarchte er schläfrig, in sein Fett versinkend.

»Was für ein Fetzen?« wandte sich der Störtebecker gebieterisch zurück.

Und Occa las. Es war ein Sendschreiben der Hansestädte an die
ostfriesischen Häuptlinge, eine freundliche Mahnung, die aber viel eher
einem düsteren Drohen glich, indem dadurch den Edeljunkern, den Enno,
den Abdena, Beninga, Cankena, den Neß, Broke und dem Propst Hisko van
Emden auf das gemessenste untersagt wurde, irgendeinen Verkehr mit den
Vitalianern, den Gleichebeutern, diesen Schwären und Beulen am Leibe der
handeltreibenden Völker zu unterhalten. Und mit heller Stimme, beinahe
jubelnd, verkündigte Occa, während ihr der Störtebecker belustigt über
die Schulter schaute, den Schluß:

»Von allen Gottabtrünnigen, von allen lästerlichen Bösewichtern aber, so
jemals die Ruhe, den Frieden und die Ordnung in Stadt und Land gestört,
ist gewißlich der Störtebecker der verworfenste und wird der Strafe der
Verdammnis nicht entgehen.«

»Sicherlich, das wird er nicht,« unterbrach Occa vergnügt und versuchte
den ihr Nahen an einer seiner Locken zu reißen. Dann fuhr sie fort:

»Es ward uns jedoch kund, daß dieser friedlose Übeltäter, nachdem er die
Ostersee durch Mord rot gefärbt, auch gestohlen und gebrannt, wo er nur
konnte, jetzt unter euch das lügnerische Gerücht aussprengt, er wolle
eine Bruderschaft aufrichten, derengleichen selbst unserem Seligmacher
Jesu Christo nicht gelang.«

Hier stockte die Goldblonde abermals, biß sich auf die Lippen und
schüttelte unbefriedigt das Haupt, bis sie endlich aufmerksamer
weiterlas:

»Um diesen neuen Frevel gegen Obrigkeit und schuldige Demut nicht reif
werden zu lassen, damit aber auch fürder der gemeine Kaufmann sein
Handelsgut ungefährdet über See bringen möge, sei hiermit den Edlen der
Friesen zu ihrem eigenen Nutz und Frommen voll Ernst und schwerer Sorge
empfohlen, die Raubgesellen ohne Zögern aus dem Land zu jagen, Burgen
und Häfen ihnen zu verschließen, ihren Anführer aber zu greifen und nach
peinlichem Gericht genädiglich vom Leben zum Tode zu befördern. Sollte
dies indessen nicht geschehen, so wollen die hansischen Städte doch all
ihre Macht aufbieten, um unter dem Beistand des Himmels dem Schwarmwesen
in euren Ländern ein Ziel zu setzen.« Unterzeichnet war das Schriftstück
»Tschokke, erster Aldermann von Hamburg«; und das schiffgeschmückte
Siegel der Stadt hing darunter.

Der Störtebecker spießte das Manifest mit dem Schüreisen und warf es ins
Feuer.

       *       *       *       *       *

Gleich einem Fürsten ward der Schuimer auf Burg Neß bewirtet. Occa ließ
ihm ein wohlduftend Bad richten, Knechte und Mägde bedienten ihn,
frisches Linnen ward dem Gast gereicht, und immer hörte der in der
Badestube lärmend Singende, wie die Hausfrau nicht weit von der
geschlossenen Tür herumstrich. Diese Nähe bestärkte ihn noch in seinen
wilden Vorsätzen. Allein bald merkte er, wie die glatte Tochter der
Quade es mit vieldeutigem Lächeln darauf abgesehen hatte, ihn zu necken
und dem Gewalttätigen unter allerlei Schmeichelei und trügerischer
Zuvorkommenheit die Hände zu binden. Ja, manchmal blitzte es in dem
Geiste des Riesen geradezu auf, als ob alles nur geschehe, um dem
abwesenden Ferkel ein Ergötzen zu bereiten. Occa saß zwar beim
Mittagsmahl neben ihrem Gaste an der Herrenseite der Tafel, jedoch der
lange Saal war mit so zahlreicher Dienerschaft angefüllt, Köche,
Mundschenken, Spießknechte liefen ab und zu, daß jedes vertrauliche Wort
untergehen mußte, und der Störtebecker, nachdem er im Unmut Becher auf
Becher herabgestürzt, plötzlich aufbegehrte:

»Du Allerschönste glaubst wohl, ich sei einer der beiden
futterneidischen Päpste oder König Wenzel, der Hundezüchter[*], daß du
so bunt geschmückte Pfauen vor mir auftragen läßt? Und weißt doch, wie
mein Sinn nach ganz anderer Labe steht.«

  [*] Man erzählte damals, daß König Wenzel seine erste Gattin
  eines Nachts durch seine wilden Hunde zerreißen ließ.

»Du könntest auch mehr sein, als du bist,« entgegnete die Goldblonde zur
Seite rückend.

Der Schuimer verstand dies nicht. »So laß mich aufbrechen,« fuhr er
wütend vom Stuhl.

»Bleib',« flüsterte Occa hinter ihrer Hand.

Da vermochte der Begierige sich nicht loszureißen.

Am Abend gab es auf der Burg Neß ein Gelage. Im Vorbeireiten waren
Propst Hisko van Emden sowie Occas sprudelköpfigster Verehrer, der junge
Allena, auf der Feste eingekehrt, und nun saßen die Männer in dem langen
Saal hinter den Weinkannen beieinander, ließen abwechselnd den
unsichtbaren Hausherrn, aber noch öfter die um den Durst ihrer Gäste so
sorglich bemühte Burgfrau leben, und unter klappernden Würfeln, unter
Lärm und Schelmenliedern wußten sie allerlei von den Händeln des gerade
jetzt bedrohlich aus den Fugen brechenden Reiches zu berichten.

»Weißt du schon, Teurer,« schlang der Propst weinselig seinen Arm um den
Nacken des Seefahrers und brachte seine wulstigen Lippen bis dicht an
das Ohr des Gefährten, »wir sind drauf und dran, den Prager
Judenschlächter[*] in die Moldau zu werfen. Wir jagen ihn fort. Kann
auch in einem Weinfaß Buße tun. Gib acht, bald wird der Pfälzer[**] auf
seinen Stuhl hüpfen. Da schlägt für mutige Degen, wie dich, ein
glücklich Stündlein. Wie mancher ritt nicht unter einem Federhut aus und
kam mit einer Krone heim. Wie wär's, du Siebenschuhhoch? Wir könnten
den Handel selbander schlichten!«

  [*] König Wenzel, zu dessen Absetzung schon Vorbereitungen
  getroffen wurden.

  [**] Ruprecht, der Gegenkaiser.

Mißmutig schob der Störtebecker den gar zu Vertraulichen zurück, denn in
ihm kochte Grimm, weil er den Allena ihrer belustigt lauschenden Wirtin
seine verrückten Geständnisse zuflüstern sah.

»Laß das Gefasel, Hochwürdigster,« zischte er böse und zerdrückte fast
den Silberbecher in seiner Faust, »mein Reich ist auf einem weichen
Frauenleib, und mein Ehrgeiz sucht Futter für leere Mäuler.«

Als der schöne Mann abermals die Hungernden erwähnte, da sandte Occa dem
Riesen einen offen feindseligen Blick zu, der Propst aber brach in ein
unvernünftig Gelächter aus. Sein Leib hüpfte ihm. Er erstickte fast.

»Schäker du,« prustete er, indem er dem Freibeuter seine Faust fest in
die Rippen setzte, »da wir hier in Liebe und Traulichkeit
beisammensitzen, so offenbare uns doch, welch ein einträglich
Schelmenstück du hinter deinem wüsten Gerede verbirgst? Weiß doch jedes
Kind, daß Reichtum und Völlerei gerade so ewiglich beschlossen sind als
Därmeknurren und Hungereingeweide.«

Der Pfaffe ahnte wohl kaum, wie nichts den Störtebecker so verstörte, so
von Grund aus umwühlte als Spott über jenes nackte Elend, das seine
Phantasie sich in grausiger jahrelanger Arbeit als ein düsteres Feld
ausgemalt hatte, über das entblößte Menschen auf Nacken und Schultern
Steinlasten in eine hoffnungslose Ferne schleppen, während den Trägern
Arme und Beine bereits verfaulen.

Unheimlich erblaßt sprang der Riese auf, der herrische Mund bebte ihm,
da er an seine Jugend dachte, und in jäher Wut schlug er nach der
Weinkanne, so daß sie umstürzend ihren Inhalt ergoß.

»Weh euch,« schrie er, wobei er jeden einzelnen seiner Genossen in
tödlicher Fremdheit maß, denn in diesem Augenblicke wurde ihm klar, daß
der Wahrspruch der Schwarzflaggen sein eigenes Schicksal tatsächlich bis
zum Rand füllte. »'Aller Welt Feind' -- hütet euch -- es ist nicht
wohlgetan, wenn ihr den bösen Geist in mir gegen euch wachruft, ihr,
ihr, die ihr nichts als schmausen und tanzen könnt.«

Das viele vergossene Blut seines Lebens hüpfte vor ihm auf dem Tisch in
roten, zuckenden Flämmchen. Es wurde ängstlich still um die Tafel.

»Und gerade will ich tanzen,« meldete sich mit einemmal Occas helle,
aufreizende Stimme.

Furchtlos, nur darauf erpicht, die Spannung aufs äußerste zu steigern,
ergriff die Goldblonde unvermutet die umgeworfene Kanne, und sie höhnend
gegen den Seefahrer schwingend, begann die Geschmeidige zu aller
Erstaunen mitten im Saale einen zierlichen Kreis zu schlingen. Die Augen
ihrer Zuschauer vergrößerten sich, eine Weile wurde durch den seltenen
Anblick jedes Wort und jede Bewegung der Männer gelähmt. Dies war ja
auch nicht der schwerfällige Reigen, wie er sonst im Brokmerland geübt
wurde. Nein, der hinstarrende Störtebecker wußte allein, daß so -- den
Krug auf der Schulter, den Leib zurückgeworfen -- nur Künstler der
Hellenen einst ihre berauschten Nymphen auf schwarzen Vasen zu bilden
pflegten.

Da brach plötzlich der tosendste Beifall aus. Der Propst hämmerte mit
den Fäusten auf den Tisch, der Allena schleuderte seinen Becher durch
die Luft, der Störtebecker jedoch, von einem Wirbel in den anderen
gejagt, durch listige Berechnung aus Eis in Siedehitze gerissen, und vor
allen Dingen unfähig, irgendwo eine Grenze für sich zu dulden, er machte
Miene, den Tisch umzustürzen, um gleichgültig gegen all die Zeugen mit
zitternden Fäusten sich dieser behenden Beute zu bemächtigen.

»Sachte, sachte, Freundchen,« lallte der Propst und hing gewaltsam seine
Wucht an den Bewußtlosen. »_Amantes, amentes._[*] Schier dich, ich
rate dir, um dein Hungerreich und laß hier Herrn Luitet, den Tanz und
den Wein herrschen. Hörst du?«

  [*] Verliebte -- Verrückte.

In diesem Augenblick aber hielt auch Frau Occa inne, atemschöpfend
stellte sie ihren Krug auf die Erde, verneigte sich dankbar gegen den
Propst, und während sie ein paar Mägde zu sich winkte, sprach sie mit
kaum verhehlter Genugtuung:

»Es ist Mitternacht, ihr Herren. Suchet jetzt still euer Lager auf,
damit ihr meinen Eheherrn nicht stört. Denn sein Tagewerk beginnt erst,
wann wir anderen ruhen.« Und blitzend vor Übermut setzte sie noch hinzu:
»Und träume jeder von dem, was er wünscht.«

»Nun, Gott verdamm' dich,« murrte der Emdener hinter der rasch
Entschwindenden her und lockerte bereits seinen Gürtel vom Leibe. »Soll
man denn nicht mal im Traum seine Ruhe finden? Komm, Teurer.«

Damit wollte der Weinvolle seinen Arm unter den des Seefahrers schieben,
der Störtebecker aber stieß ihn zurück, daß der Betroffene in die Arme
des Allena taumelte, und offenen Mundes mußten die beiden
Zurückbleibenden erleben, wie der Riese ohne Abschied gleich einem
Sturmwind aus dem Saale fuhr. Bald darauf verkündete Hufschlag, daß ein
Reiter trotz Nacht und Pfadlosigkeit seinen Weg suchte.

Verdutzt strich sich Propst Hisko über die niedrige Stirn, dann, nachdem
er sich ein wenig besonnen, sagte er gähnend:

»Heißt mit Recht Schuimer, der Kerl. Wer weiß, wie lange seine Woge
steigt? Wollen doch mit den Hansischen nicht gänzlich brechen, Allena.
Vorsicht ist ein sicherer Hühnerstall.«

       *       *       *       *       *

Über der nächtlichen Heide flimmerte der weite Sternenhimmel, der
Meerwind schlich summend durch das kurze Gestrüpp, und im Mondlicht
wanderte der unmäßig verlängerte Schatten von Tier und Mensch seitwärts
neben dem Trabenden her. Eine angespannte Stille mühte sich, dem
Einsamen ihr Geheimnis ins Ohr zu wispern. Aber dem Störtebecker war
diese Sprache lang vertraut. Befreit lauschte er dem Atem der Weite, und
als er den Erdgeruch spürte, als die feuchten Moornebel um ihn quollen,
da brannte in ihm eine unerklärliche Sehnsucht auf, und ein wahnwitziges
Gelüst packte den Stürmischen, sich mit dieser Erde zu vermählen, tief
alle Wurzeln in sie zu strecken, damit er auf ihr blühen könne wie ein
Baum. Unsichtbar, sichtbar stiegen vor ihm aus schwarzen, bläulich
glitzernden Torfgründen zukünftige Häuser und Gehöfte auf, er hörte
Menschengesang aus der Leere, erkannte das Brummen des gesättigten
Viehs, und weit hinten in der Schwärze verlor sich das Stöhnen
zusammenbrechender Leiber, das bisher in der rasenden Musik seines
Lebens stets den Unterton geseufzt hatte.

Wie leicht verbrauste doch, was er eben noch der Gier und der Lust
abjagen wollte, nur das Ausweiten für die Unzähligen versprach Dauer,
nur alle Leben zugleich gelebt zu haben, das, ja, das allein sättigte,
das stillte.

Dies war die glücklichste Stunde des Gewaltmenschen. Traum und Erfüllung
hielt er zu gleichen Teilen in seiner Rechten wie in seiner Linken. Mit
einem Ruck zügelte er sein Roß, und sich weit zurückwerfend, so daß alle
Gestirne ihm standhalten mußten, hob er die Faust gegen den brennenden
Wirbel, und heiser vor Inbrunst schrie er in die ewig sich vertiefende
Gasse hinein:

»Lauert nur, schielt aus tausend zornigen Augen, ihr könnt mir die Saat
nicht mehr aus der Brust reißen. Sie soll aufgehen, trotz euch, wider
euch!«

       *       *       *       *       *

Gegen Morgen erst zog er sein Tier hinter sich her auf die Warfe der
Brokeburg. Auf einer Steinbank im Hofe hockte die Fölke in ihrem grauen
Fältelkleid, und ihre Spinnenfinger verfolgten eifrig die breiten Zeilen
des Hamburger Manifestes. Kaum wurde sie jedoch des abgetriebenen
Reiters ansichtig, da strich ein giftigsüßer Schein über das blutlose
Antlitz der Quade, und sie stopfte das Pergament in ihre Tasche, als ob
sie einen köstlichen Schatz vergraben müßte.

»Nun,« fragte sie mit ihrer harten Stimme, »bringst du mir Grüße von
Occa, Mann?«

Der Störtebecker aber antwortete nicht. Sein Blick hatte von der Anhöhe
den Hafen getroffen, und siehe da -- dort unten in der schmalen
Fahrtrinne lag Schiff an Schiff, eine Gasse von Masten hatte sich
gebildet, und überall flatterten die schwarzen Wimpel in den frühen
Morgen.

»Wohl,« sagte die Fölke ohne sich zu rühren, »die Deinen sind gekommen.
Und hier auf der Burg harrt dein Diener, -- dein Bube,« setzte sie
spürend hinzu.

Noch immer stand der Riese sprachlos neben ihr. Nur seine Brust dehnte
sich weiter, höher -- bis zum Zerspringen. Dort unten -- sein Schwert,
sein Pflug, sein Werkzeug. Hier oben, die Schale, in die sein Gedanke
gegossen war, und weit umher unter dem Frührot die zukunftsdampfende
Erde.

Mächtig breitete er die Arme, und trunken vor Glück, im Ton des
Bräutigams, der endlich die Entschleierte umfängt, jauchzte er:

»Mein -- mein.«



III.


Weit war schon der Herbst in den Oktober vorgerückt. Aber das Meer trug
mit der Flut einen südlichen Wind gegen die Marschen, der duftete den
neuen Ansiedlern seltsam nach fremden Blumen und würzigen Kräutern, und
tief unter dem hellen Himmel strich Milde und Wärme dahin.

Hungrig öffneten sich die Schollen zur Aufnahme.

Eine Viertelmeile etwa von der Brokeburg entfernt pochte emsiger
Hammerschlag. Dort hatte sich der Ire Patrick O'Shallo auf einer
Wiesenschwellung und hinter ein paar einsamen Pappeln ein flüchtig
Bretterhaus errichtet. Nur leicht und obenhin mit Moos und Schindeln
gedeckt. Denn der streifende Geselle kannte noch nicht die Gewalt des
Schneesturms, wenn er über die schutzlose Ebene fegt. Nun hämmerte der
sangesfreudige Bursche rasch und ungeduldig an einem Holzzaun, damit er
sein künftig Gärtlein schützen möge. Waren doch Hühner und Ziegen seines
Nachbarn, des Hebräers Isaak, bereits häufig in die abgesteckten Beete
eingebrochen, und das wollte der leicht erhitzte Ire nicht leiden. Auch
sehnte sich der Blonde Tag und Nacht nach Weib und Ehschaft, kurz nach
Wesen, die seines Winks gewärtig ihm billig einen Teil der Arbeit
abnehmen sollten. Dazu gehörte aber auch, daß sein Anwesen, das ihm auf
unbegreifliche Weise von der Güte dieses mächtigen Anführers zugeteilt
war, nicht dem Fußtritt jedes Störers offen stehe. Und daher gedachte
sich Patrick O'Shallo keineswegs mit dem Gartenzaun allein zu begnügen,
sondern allmählich sollte die ganze Liegenschaft durch Busch und
Hackelwerk abgegrenzt werden. Was er mit seinem sauren Schweiß
bestellte, dahin brauchte ihm nicht stets der arbeitstolle Jude
hineinzutappen, der unheimliche schweigsame Christusmörder, der besessen
und wie verfolgt bis in die Nacht hinein pflügte, streute und wühlte,
wenn er nicht gleich einem Wurm durch die Erde kroch.

Merkwürdig, der lustige Bursche wußte auch nicht, wie es kam, jedoch er
konnte dies unablässige Mühen seines Nachbarn nicht ohne Murren und Zorn
mit ansehen. Und seine Vorliebe zu Lust, Spiel oder Feiertag fühlte sich
durch das rastlose Wirken des nur auf Zunahme und Erfolg Bedachten
zuerst beschämt und dann beleidigt.

So hielt er auch jetzt verärgert mit dem Einrammen der Pfähle inne,
wischte sich die rotblonden Haare und stützte sein Kinn ausruhend auf
eines der Hölzer. Wahrhaftig, abermals packte ihn der Unmut. Denn nicht
weit von seinem Platz sah er den alten Isaak eifrig an einer Rinne
graben, die das von ihm bereits umgeworfene Feld entwässern sollte.

Da begann Patrick O'Shallo leise Verwünschungen zu murmeln.

Natürlich, nun würde der niederträchtige Schleicher wieder einen
Vorsprung erhalten, denn der Ire hatte an solche Hilfsmittel noch
keineswegs gedacht, da er zuerst für einen reichen Tisch und ein recht
wohliges Lager sorgen zu müssen glaubte. Zum Henker, er wollte doch ein
junges Weib darauf betten? Und nun? Ha, ha, um den alten eisengrauen
Maulwurf dort drüben schnupperten noch obendrein ein paar kleine Ferkel
herum? Wie kam der Kerl schon wieder zu dem neuen Erwerb? Da sollte doch
das böseste Wetter dreinschlagen! Was nützten schließlich das gleich
abgesteckte Land oder die gleich abgezählten Gulden, wenn der verfluchte
Mauschel dort drüben keinen Schlaf kannte? Keine Weiber, keinen Trunk,
kein Spiel und keinen Feiertag? Womöglich würde er, der kräftige,
weibverbrannte Geselle, von den Mägden noch verachtet werden, weil er
sein Gut nicht ebenso gründlich zu bestellen vermochte wie das graue
Schindluder von jenseits!?

Dem Iren hing eine rote Wolke vor den Augen.

»He -- du -- hilf mir,« schrie er zu dem Spatenschwinger hinüber, denn
sein Zorn gab ihm ein, daß den Ansiedlern von dem Admiral gegenseitige
Hilfeleistung in allen Fällen und bei jeder Gelegenheit befohlen war.
Nur nahm es sich Patrick nicht weiter übel, daß er zwar jene
Unterstützung unausgesetzt von dem Alten beanspruchte, hingegen es
regelmäßig versäumte, dem Nachbar etwas Ähnliches zu erweisen. Wozu
auch? Der Sprenkelbart entstammte dem verstoßenen Volk, und die Mahnung
des Störtebeckers von der Bruderschaft aller Sterblichen, sie konnte
unmöglich auf den Fremden gemünzt sein.

»He -- du -- hilf mir,« schrie er noch lauter als zuvor.

Auf den Anruf hob sich über der Rinne ein eisengraues Haupt, folgsam
wandelte die breite, untersetzte Gestalt des Hebräers heran. Er stützte
sich auf den Spaten, als er den Zaun erreicht hatte.

»Wo fehlt's?« fragte er bereitwillig. »Brauchst du Nägel, Freund?«

Der andere schüttelte heftig den Kopf. Seit sie von dem Schiff herunter
waren, störte ihn die Vertraulichkeit der Anrede.

»Sollst mir die Querbalken halten,« forderte er ungebärdig, »das
Gebastel geht mir zu langsam.«

Verstehend nickte der Alte, und während er bereits die lange Leiste
ergriff, damit sein Gefährte die spitzen Stäbe an ihr festschlagen
könnte, da huschte ein dunkles Lächeln unter seinem angeschneiten Bart
hervor.

»Kannst es auch nicht mehr erwarten, hier Weib und Kind zu sehen?«
murmelte er gepreßt.

Aber dem Burschen entfiel fast der Hammer. Die Vorstellung, auch der
gebückte Fünfziger könnte denselben Träumen nachhängen als er selbst,
versetzte ihn in eine namenlose Wut.

»Willst etwa auch du, Isaak -- --?« erkundigte er sich stammelnd.

Sein Helfer jedoch merkte nichts. Mit aller Wucht umklammerte er sein
Brett, und tiefgebückt raunte der Jude sein Geständnis in die Erde
hinein.

»Doch, doch -- einmal wurden sie mir schon genommen -- der schwarze Tod
und Gewalt. Aber man will doch wissen, für wen man baut. Namentlich
wir,« flüsterte er glühenden Auges, »namentlich wir.«

Da schleuderte Patrick seinen Hammer gegen das Brett und stieß auch noch
mit dem Fuße dagegen. Der Jude erwachte, er wankte.

»Nun, Gott verdamme dich,« entfesselte sich der Ire dunkelrot und spie
aus. »Warum mußt du Beschnittener es hier treiben wie die Kaninchen?
Sind nicht genug von euch Krummnasen auf der Welt? Aber du verübst wohl
nur die Schachermachei, weil du deinen Nebenmenschen keinen leichten
Gewinn gönnst?« Und hohnlachend brach er aus: »Mir scheint, du hast
nicht vergessen, wie der Störtebecker solche durch Tod erledigten
Gleichestücke zu neuer Austeilung bestimmt hat?«

»Eben -- eben,« ereiferte sich Isaak, der die wahren Beweggründe des
anderen durchaus nicht enträtselte, »liebe die Erde, die dir gehört. Ein
eigen Stück Land -- Patrick -- o, ein eigen Stück Land, das muß man
vererben auf Kind und Kindeskind. Hier, hier, aus diesen Schollen allein
seh' ich es wachsen, mein Recht, meine Gleichheit, meine Bruderschaft.
Und deshalb« -- er richtete seine schwarzen Augen anbetend gegen die
ferne Brokeburg, ähnlich wie seine Vorfahren wohl einst ihre Blicke gen
Zion erhoben hatten -- »deshalb ist der dort oben aus dem Blut des
Messias.«

»Ein Quark ist er,« tobte jetzt der Ire, dessen Vernunft völlig in Gift
und Galle ertrank, weil er sich zu endlosen Mühen verurteilt fand, die
er nicht bewältigen mochte. »Wozu hält der Schelm noch eine Menge der
Beute in den Schiffen aufgestapelt, anstatt sie so gleich bis zum
letzten Heller unter uns zu verteilen? He, ich will Herr sein gleich
anderen Herren! He, verstehst du mich?«

»Bruder,« stotterte der alte Jude betroffen und hob bekümmert die Hände,
»bist du denn nicht Herr auf deinem Boden?«

Allein der Streitsüchtige hatte nur noch den einen Wunsch, diesen
unbequemen Mahner sowie namentlich den von jenem angebeteten
Menschengott niederzuringen und zu besudeln. Vielleicht weil er das
Streben und die Andacht der beiden noch nicht begriff. Selbstgefällig
steckte er die Hände in die Taschen, und während er seinem Genossen jäh
den Rücken wandte, schimpfte er unflätig:

»Meinetwegen friß den geliebten Kot, du demütiger Knecht. Ha, ich sollte
nur erst wieder auf den Schiffen stehen, dann wollte ich euch zeigen,
wie rasch ich zu Dirnen und Würfelgeld kommen wollt'. Der Gehörnte soll
euch Hirneitrige holen.«

Damit stürzte er wütig in sein Bretterhaus, und bald verriet ein
unsinniges Sägen und Klopfen, wie der Wahnwitzige es abermals versuchte,
in rasendem, zwecklos verdampftem Bemühen den Hausrat für das ersehnte
Weib zusammenzuschlagen.

Der alte Isaak jedoch umspannte seinen Spaten gewaltsamer, und ihn
beschwörend gegen die Burg ausreckend, stammelte er fanatisch:

»Bleib fest, du Sohn Davids, bleib fest.«

       *       *       *       *       *

In einem der gewölbten Spitzbogenzimmer der Brokefeste durchmaß derweil
der Störtebecker mit seinen weiten, beschwingten Tritten den
teppichbehängten Raum, und jedesmal, wenn er den derben Eichentisch
erreichte, dann fegte er mit der Faust über allerlei Feldabmessungen,
die auf der Platte mit Kohle verzeichnet standen. Bis er endlich
aufatmend zu seinem Gast, dem Propst Hisko van Emden, hinüberrief:

»Die Erde ist verteilt, genug mein heiliger Freund, laß uns jetzt den
Schmutz des Feldes abwaschen! Mir wenigstens stehen Torf und Moor
bereits bis an den Hals. Dafür soll uns aber auch gleich ein Wunder von
einem Frankenwein erquicken. Munter, wir wollen dem Bacchus eine Messe
zelebrieren.«

Aufgeräumt eilte er bis zur Tür, um einen Befehl herauszurufen.

»_Laudabiliter_,«[*] schmunzelte der Dicke, der enggezwängt in seinem
Armstuhl hing und sich nun erwartungsvoll über die wulstigen Lippen
strich. »Du hast recht, schöner Jüngling. _Sine Cere et libero friget
Venus[**]._« Allein, plötzlich besann er sich, denn der zweite Gast am
Tisch des Admirals, ein käsig gelber, langaufgeschossener Mensch, dem
als einziges Zeichen des Lebens nur eine glühende Trinkernase aus dem
Gesicht funkelte, er hatte sich eben verstohlen geräuspert, so daß
Probst Hisko aufmerksam wurde. Schwerfällig und ermüdet streckte der
Dicke beide Beine von sich. »Verzeih noch ein Weilchen, Herrlicher,«
forderte er den rückkehrenden Störtebecker auf, »aber da du vor allem
ein Vater der Deinen bist, so mußt du vor eigener Letzung, so
beschwerlich es ist, mit anhören, was dir mein Converse,[***] der Jonkher
van Sissinga, über die Roggensaat anzuvertrauen hat.«

  [*] Lobenswert.

  [**] Ohne Speise und Trank friert die Liebe.

  [***] Conversen waren in Friesland Hofmeier und landwirschaftliche
  Berater der kolonisierenden Klöster, ein halbmönchischer
  Laienstand.

»Schon wieder?«

Unmutig verzog der Freibeuter die Brauen. Seine heitere, nach Lebenslust
und Freude langende Natur vertrug nur ungern den ewigen Ansturm dieser
kleinen zermürbenden Sorgen. Ja, wenn es galt, das große, strahlende
Gesetz in die Luft zu zeichnen, oder sobald es nötig wurde,
hinauszureiten, um der fronenden Menge ein hinreißend Beispiel zu geben,
dann schlug aus dem Lodernden die Flamme himmelwärts. Das sorgsame
Vormerken hingegen, das Gegeneinanderabwiegen und Berechnen alltäglich
sich wiederholender Wirtschaftsforderungen, das dünkte den
Weitausschweifenden kleinlich, und er fluchte oft, warum er sich dazu
nicht eine Herde Krämer oder Handelsdiener eingefangen hätte.

»Heraus damit,« fuhr er daher den käsigen Jonkher nicht gerade liebreich
an. »Soll ich aus der Kammer des Herrn Propst etwa noch mehr Roggensaat
kaufen? Mich dünkt, ich könnte mit dem vorhandenen bereits das ganze
heilige römische Reich in einen Mehlbrei wandeln.«

»Langt nicht,« sagte der Sissinga, ohne sich zu rühren, allein er holte
den Satz aus solch dunklen Kellertiefen, daß kein Fremder diese
dröhnende Totenglocke in dem wackligen Gebäude vermutet hätte. Der
Störtebecker schüttelte heftig das Haupt, halb über den unerwarteten
Ton, halb im aufspringenden Zorn über die stets erneute Quälerei der
beiden.

»Langt nicht,« fiel in diesem Augenblick auch der Emdener Wanst ein, der
die Zeit für gekommen erachtete, die Veranstaltungen seines Conversen zu
unterstützen. Der Riese jedoch, der sich eingeengt sah, riß an seiner
rotseidenen Schecke, daß alle Nähte krachten und schlug ein böses
Gelächter auf. Dann stellte er sich unter das Bogenfenster, von wo er
die abgetakelten Schiffe im Hafen überschauen konnte, bis er endlich
verächtlich über die Schulter schleuderte:

»Macht's kurz! Der römische Wolf frißt am liebsten aus anderer Taschen.
Aber bei den dreißig Silberlingen des Judas, ihr Herren, ich schlage ihm
auf die Schnauze, sobald er mir gar zu gefräßig schnuppert.«

Die beiden anderen am Tisch verständigten sich hinter seinem Rücken
durch einen raschen Blick. Gleich darauf begann die Totenglocke abermals
zu jammern:

»Du tust uns unrecht, Herrlicher, da du dich vielmehr selbst anklagen
solltest. Muß ich dir sagen, die Deinen verstehen nichts von
Landwirtschaft?«

»_Recte_«, bestätigte Hisko, da in ihm die Hitze sowie die Überlegenheit
des kundigen Ackermannes erwachte, »die Buschklepper -- verzeihe -- ich
meine die Ansiedler, wissen nicht mit der Wurfschaufel umzugehen.
Dadurch streuen sie die Körner nur obenhin in die Furchen, so daß es ein
Jammer ist.«

»Und der rauhe Wind und die Feldmäuse vollenden das übrige,« ergänzte
der Sissinga.

Verbissen wandte sich der Störtebecker wieder an den Tisch. Allein kaum
hatte er ihn erreicht, so stieß er mit dem Fuß gegen die Querleisten,
daß das Holz zitterte und stöhnte.

»Kommt zum Geschäft, ihr Edlen,« meinte er äußerlich gelassen, im Innern
aber bereits wütend, weil die beiden Berufsmenschen es wagen durften,
ihn ungestraft schrauben und übervorteilen zu wollen. »Wo bleibt der
Handel? Wie verhält es sich mit dem Gewinnst? Was wollt ihr in euren
Beutel streichen?«

Vorwurfsvoll schluckte der Jonkher noch ein paarmal, bevor er endlich in
seinem ehrbarsten Baß auseinandersetzte, er wüßte an der holländischen
Küste einen Platz, wo der Störtebecker drei Schiffslasten Roggensaat,
und zwar viel wohlfeiler als im Brokmerland einhandeln könnte. »Und ich
rate aus ehrlichem Gemüt -- -- --«

»Einverstanden,« winkte der Admiral ungeduldig mit beiden Händen, der
sich inzwischen auf einen Stuhl geworfen hatte und voll Erleichterung
den Ausweg aus diesem zerklüfteten Gebiet sich öffnen sah. »Wozu das
lange Geplärre? Könntest schon längst beim Wichmann im Hafen sein. Soll
sogleich mit drei Schiffen absegeln. Und das Geld --« er schleuderte das
Unwillkommenste wie einen Stein von sich -- »laß dir von Licinius
zahlen.«

»Deine Weisheit trifft immer das Rechte,« verabschiedete sich der
Converse unter einer tiefen Neigung und ging.

Der Wirt blieb mit seinem geistlichen Freunde allein. Bald ging das
dumpfe Scharren der Weinhumpen über den Tisch, ja, der Freibeuter, in
einem Anfall unbegründeter und deshalb um so grellerer Heiterkeit,
schlug während des Zechens einen hellen Singsang an. Doch merkwürdig, es
war das alte, tumultuarische und sinnenfreudige Schuimerlied, das die
freiesten und sonnigsten Tage des Seehelden begleitet hatte.

  »Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn --
  Der Störtebecker ist Kapitän.«

Warm und voll füllte die Stimme des Admirals den gewölbten Raum, das
Lied schien ihn auf das Meer zurückzuführen, scharf zeichnete sich in
dem schmalen Antlitz die Wollust des Befehlens ab, allein allmählich
verebbten die Strophen immer klangloser, und während sie völlig
erstarben, ließ der Freibeuter die Faust mit dem Becher bis auf die Erde
sinken. Ein unsicheres Lächeln irrte um den gebieterischen Mund.

»Wundersam,« sann er gedankenvoll, und in den schwarzen Augen spielte
noch die Freude an alten Abenteuern, Ruhm und Waffenklirren. »Ich singe,
und am Kiel der 'Agile' nisten allmählich Muscheln und anderes
Schalgetier.« Er rüttelte an dem Tisch, als wollte er sich erwecken.
»Ein Leben lang bin ich auf diese Küste zugesegelt,« sprach er hart und
fest, »und jetzt bin ich hier.«

Eine Weile stockte die Unterhaltung der beiden und ging völlig in Stille
unter. Friedlich kringelten die Sonnenstrahlen über die Zeichnungen auf
dem Tische.

Der geistliche Landwirt aber wußte, was dies alles bedeutete. Zu oft
hatte er schon Gutsherren beobachtet, die heil und fröhlich von Jagd und
Kriegszügen gekommen waren, aber Pflug und Sense hatten ihnen die Adern
zerschnitten.

Bedachtsam strich er sich über das lederne Jägerwams, drückte die
verschwollenen Äuglein zu, da er seine Kenntnis nicht vorzeitig zu
verraten strebte, und indem er sich noch behaglicher ausstreckte,
tastete er vorsichtig weiter:

»Höre, mein Söhnlein, auf dem Wege hierher traf ich die schöne Occa. Mag
sie nicht mitsamt ihrer rosigen Haut. Ist ein ungestillt Eichkätzlein,
das gern ein groß Tier in seinem Gezweig ergattern möchte. Gib acht.«

Auf diese Warnung jedoch warf der Admiral hoffärtig den Kopf zur Seite
und schlug mit der Hand durch die Luft wie jemand, der ein gespenstisch
aus dem Boden wachsendes Schattenbild zerstören möchte.

»Was ist mit ihr?« drängte er abgeneigt und mit solch widerwilliger
Gegenwehr, daß der schlaue Hisko sogleich merkte, wie oft die Goldblonde
schon als ein Alp an den Tagen des Riesen gezehrt haben müsse.

»O, sie läßt dich nur in aller Ehrbarkeit befragen,« murmelte der Dicke
in seinen Krug hinein, »wie lange es noch währen möchte, bis du endlich
Fortuna für dich und die Deinen am Schopf gepackt hieltest?«

Selbst in der Wiedergabe des Dicken klang die Bestellung boshaft genug.
Und trotz aller Vorsicht konnte es der Propst nicht vermeiden, daß aus
seinen verschwollenen Äuglein gleichfalls ein Strahl mitleidigen Spottes
schielte. Allein der Störtebecker war nicht zu täuschen. Längst hatte
sein heller Verstand durchschaut, wie der Unglaube seiner Umgebung ihm
am liebsten täglich, stündlich vergiftete Stacheln ins warme Herz
gedrückt hätte. Dafür freilich spie der Riese nichts so voller Ekel aus
wie den lauen Tag- und Nachttrunk dieser Ewignüchternen. Krachend warf
sich der Seefahrer in seinem Sessel zurück, und nun schwang er seinen
Humpen so übertrieben gegen den Gefährten, daß man hätte meinen mögen,
er wolle das Gerät an der nächsten Wand zerschmettern.

»Komm, laß dich noch einmal auffüllen, du mein gesegneter Bauch,« so
überbot er sogar die an ihm gewohnte Wildheit und lachte und dröhnte
dazu, daß dem erschreckten Hörer die Ohren gellten. »Eile, du verdienst
dir ein Botengeld, Würdigster, wenn du noch heute der schönen Occa samt
ihren Freunden bestellst, in welch vortrefflichem Zustand du mich bei
Trunk und Gesang getroffen. An den Wänden der Brokeburg niste bereits
der Weinschwamm. Hörst du? Es wird sie freuen, die Liebreichen, ich
kenne sie. Und sage ihnen auch, welch merkwürdige Art von Augen mir im
Kopfe steckten. Ha -- ha, die vermöchten Wachstum und Blüte zu schauen,
selbst wenn der Schaft noch tief in der Erde schlummere. Begreifst du,
Bruderherz, ist solch ein Schalksnarrenstück, wie es die Gaukler auf den
Märkten preisen!? Und zum Schluß, ganz ledern und nebenbei gesprochen
-- jed' gut Ding will Weile haben. Und dein Rom wurde auch nicht an einem
Tag erbaut. Du verstehst, Freund, der gewöhnliche Hafer, wie ihn die
Mähren an den Krippen kauen.«

Mit einem dumpfen Schlag, als habe der Freibeuter schon zu lange an sich
gehalten, sauste der Humpen jetzt wirklich gegen die Wand, Scherben
polterten an der Mauer nieder und ein wüster Regen edlen Weines
klatschte auf die beiden herab.

Da entsetzte sich der Propst und duckte sich tief.

»War nicht bös gemeint,« wollte er sich schütteln. Allein auch diese
kümmerliche Entschuldigung gedieh nicht zu Ende, denn die Tür ward
aufgerissen und auf der Schwelle zeigte sich der Knabe des Admirals.
Bleicher noch als sonst stach das vergeistigte, jetzt ganz von einer
zehrenden Leidenschaft erfüllte Antlitz von der schwarzen Dänentracht
ab.

»Licinius,« fuhr der Störtebecker empor, denn die Gegenwart dieses
Wesens rief ihn stets und wie durch Zwang zu seinen reineren Eingebungen
zurück, »was bringst du?«

Auf den Anruf stillte der Jüngling das rasche Wallen seiner Brust, nur
ganz wenig stützte er sich an dem Pfosten des Eingangs, bevor er
zwischen Empörung und Hilferuf hervorstieß:

»Herr, es ist Übles geschehen. Als ich, wie du befahlst, die
Lebensmittel zu den Ansiedlern fuhr, da fand ich, daß zwei unserer
Seeleute, der schmächtige Arnold Frowein und der Stotterer Lubbert
Onderdonk, ihr Gleichestück dem Bootsmann Wulf Wulflam verschrieben
hatten. Sie sagen, sie wollten lieber eines kundigen Mannes Knecht sein,
als noch länger hungrig und ziellos auf Eigenem sitzen. Herr, Herr, wie
ist das zu verstehen?«

»Ei der Tausend,« wiegte der alte Propst in behaglicher Anteilnahme das
Haupt. »_Non omnia possumus omnes._«[*]

  [*] Nicht jeder kann alles.

Langsam schritt die aufgerichtete Gestalt des Freibeuters an die Seite
des Pfaffen. Geraume Zeit sprach er kein Wort. Auch täuschten sich die
beiden Zeugen, wenn sie erwarteten, eine Sturmflut von Zorn und Wildheit
würde nun die letzten Reste der Selbstbeherrschung von dem Zügellosen
fortreißen. Nein, es war nur jenes bittere, eisigkalte Erbarmen mit
menschlicher Verkehrtheit, das sein Antlitz in fahle Blässe tauchte,
obwohl er solche Verirrten seit seiner Jugend überall gefunden und mit
ihnen gerechnet hatte.

Jetzt aber bäumten sie sich vor seinem letzten Ziel, vor dem Zweck
seiner Sendung.

Lastend ließ er seine Hand auf die Schulter des Dicken sinken, so daß
der Propst noch tiefer in den Sessel einbrach, bevor er kurz, abgehackt
und voll vernichtender Anklage sprach:

»Ihr habt redlich gewaltet auf Erden. Meinst du, es ginge noch viel
tiefer bergab mit den Ebenbildern Gottes? Jahrhundertelang habt ihr
ihnen die Knechtschaft eingelöffelt, bis sich jetzt ihr Magen an der
Freiheit erbricht. Darum Schande über euch, weil nun sogar der Arzt jene
Gequälten zu ihrer Heilung schlagen und züchtigen muß. Weh euch aber,
wehe, sobald der Tag erscheint, an dem ihr selbst den Trank schlingen
müßt, den ihr gebraut. Ihr werdet daran sterben.«

Finster winkte er dem Knaben, und Hisko, der sich benommen auf die
Fensterbank stützte, sah mit an, wie Herr und Diener kopfüber die Warfe
hinabjagten.

       *       *       *       *       *

Die Zeit verstrich, Schneeflocken wirbelten über das flache Land,
pralle, gemästete Leiber, die wie weiße Vögel über Felder und Dächer
herfielen.

»Ich wollte, man könnte euch schlachten,« sprach der Steuermann Lüdeke
Roloff, der frierend und beschäftigungslos unter den Pfosten seiner
baufälligen Schindelhütte lehnte, und er drehte seine verkehrten
Augensterne grimmig gegen das Gewimmel. Seit man ihn in seiner
mecklenburgischen Heimat zum Ergötzen der Edelfrau zu abscheulichem Tanz
gezwungen, mochte der Mann keinerlei Reigen mehr dulden. »Kreiselt
nicht,« dampfte er in die Kälte hinaus. »Fliegt lieber in meinen Topf
und werdet Hühner. Seit zwei Tagen ist der Bube des Admirals -- seine
Buhldirne -- wieder nicht mit dem Futter für Vieh und Mensch dagewesen.
Und die friesischen Schwarzröhren in der Nachbarschaft wollen nichts
mehr verkaufen. Fürchtet zu verhungern, das hartherzige Pack.« Er griff
sich an die Kehle, denn der Schauder wollte ihm die Zunge lähmen. »Wozu
hat uns der Störtebecker hierher geschleppt?« bohrte er in sich hinein.
»Was nützt mir der Haufe Sand, wenn er mich ausmergelt und doch nichts
hergeben wird? Tod und Teufel, der Rotseidene auf der Brokeburg ist auch
weiter nichts als solch ein Zwingherr. Frißt und säuft und läßt uns
tanzen. Überall stecken sie. Aber bei allen Nothelfern, man wird's
wenden müssen, wenden -- wenden!«

       *       *       *       *       *

Längst waren die Schiffe im Hafen vereist, das Brokmerland erstarrte
allmählich unter der schneidenden Kälte, und die dürftigen Häuschen der
Ansiedler verkrochen sich im Schnee, wie Bettelbuben unter einem
Schaffell. Tagelang kräuselte sich aus den versunkenen Essen kein Rauch,
denn es wurde schwer und schwerer, den Kolonisten Kost und Unterhalt
zuzuführen.

Aus der Stille, aus der oft schmerzhaften Todesruhe der Ebene, die zu
dem heimlich rauschenden Fieber in seinen Adern einen unerträglichen
Gegensatz bildete, rettete sich der Störtebecker an solchen Tagen häufig
zu seinen Schiffen im Hafen. Zu der großen hölzernen Herde, zu den
geflügelten Rossen, die sich sonst auf seinen Wink munter um ihn
getummelt hatten. Nun lagen sie festgefroren, gefangen, beinahe wie er
selbst.

Dann suchte der Rastlose, jetzt stets von einer bohrenden Sorge
Umhergetriebene, in seinen friesischen Schafpelz vermummt, das
Admiralschiff auf, wo seit langem der kleine Wichmann über die
spärlichen Wachmannschaften das Kommando führte. Seltsam, dieser
zurückgelassene Rest seiner alten Schuimer war der einzig zuverlässige
Stamm der einst gefürchteten Freibeutermacht geblieben, und er wurde von
dem Zwerg ohne große Worte und wie von selbst in scharfer Manneszucht
gehalten. Über den Störtebecker kam während solcher Wahrnehmung häufig
ein bitteres Wundern. Was geschah hier? Das gewohnte Handwerk, das
nachdenkenlose Unterwerfen unter ein eisernes Gesetz, das keine Gnade
kannte und den Willen der einzelnen ausschaltete, es schmiedete diese
Menschen zu einem brauchbaren Werkzeug, es erfüllte sie sogar mit einem
ausgeprägten Stolz auf ihren Beruf, während die anderen, die Befreiten,
die Glücklichen -- -- --?

Unmutig, verängstigt schüttelte sich der Riese. Er stäubte sich
natürlich nur die Schneeflocken ab, und doch blickte er sich, während er
über die breite Schiffstreppe stieg, mißtrauisch um, ob auch kein Späher
beobachtete, was er sonst noch etwa von sich abzuschleudern strebte.

Durch die hohen Fensterluken der »Agile« träumte ein weißer Widerschein
der umlagernden Schneemassen. Dadurch empfingen auch die Wirkereien an
den Wänden ein geisterhaft schwebendes Leben. Mitten in dem Prunk dieses
fürstlichen Raumes lag der kleine Wichmann auf einem Ruhepolster und
ließ bei dem bekannten federnden Tritt seines Zöglings ein paar mächtig
geschnitzte Holzdeckel sinken. Es war eine Abschrift des Seneka, auch
ein Beutestück aus der Reisebibliothek des Bischofs von Strängnäs. Eine
Weile musterte der Zwerg den hochgewachsenen Besuch, sich langsam
aufrichtend, mit seinen zwiefarbigen Augen, denn der andere schaute sich
in dem wohlbekannten Saale so heimgekehrt, so besitztrunken um, als ob
diese farbenfrohe Schöpfung ihm eben erst aus Wunsch und Willen
entsprungen wäre.

»Nun, alle neun Musen küssen dich, Magister,« so grüßte der Riese, durch
den Anblick erwärmt, seinen ehemaligen Lehrer und schleuderte während
des Auf- und Niederschreitens den unbequemen Schafpelz auf den
Laternentisch. »He, sag an, du auserwählter Genießer, wie nistet sich's
in meinem Nest, unter meinen Büchern und bei meinem Wein?«

Der Kleine dehnte sich behaglich und verschränkte die Hände über dem
leicht ergrauten Haar.

»Ich bin es gewohnt, auf anderer Kosten zu leben,« versetzte er, indem
er seelenruhig die Täfelung der Decke studierte, »nur fehlt mir hier,
was auch die Nächte zum Kampf und die Tage vergnüglich und eilfertig
macht.«

Es war die alte leichtblütige Weise, die sonst aus dem Lebenssturm des
Störtebeckers gewiß Bündel von Blitz und Funken geweckt hätte. Heute
aber zuckte er hoffärtig die Achseln. Und da er gerade vor der Pfanne
mit brennendem Torf hielt, durch die der Raum erwärmt wurde, so streckte
er die Hände über die Glut und murmelte in sich hinein:

»Speist du noch immer in den Brand und meinst, du wirst ihn löschen?
Tor, segne du wenigstens meine Flamme, solange sie noch brennt.«

Noch nie hatte der Kleine von dem fortreitenden Menschen, über dem stets
Erfüllung und Vollendung schwebten, einen Zweifel oder gar eine Klage
vernommen. Deshalb wurde der Zwerg durch das unvermutet offenbarte
Schwanken des selbstsicheren Führers so von Grund aus überrascht, daß er
katzenhaft aufschnellte, um nun den Abgewandten in hoher Neugier zu
durchdringen. Aber es war nicht die besorgte Teilnahme eines Freundes
als weit eher die Spannung eines Alchimisten, der gefesselt und
angelockt die Entwicklung seiner eigenen Künste abwartet.

»Ehernes Gefäß des Weltwillens,« sammelte er sich endlich, und seine
hohe Knabenstimme tönte so sanft wie je zuvor, »verleugne nicht die
wonnigste der Lehren deines Meisters. Was raunst du von Tropfen, wo doch
nur ein schwellend Bad die Geister des _Homo supra hominem_ --[*]
erquicken kann? Mich dünkt, ich hätte läuten hören, die schöne Occa
wolle dir dies edelste aller Elixiere reichen!?«

  [*] Des Übermenschen. Ein Ausdruck des Seneca.

Jetzt rückte der Störtebecker die Glutpfanne geräuschvoll hin und her.
Verdüstert, mit weit aufgerissenen Augen starrte er dabei in den Brand.

»Bleib mir mit den Kindereien vom Leibe, Heino,« forderte er heftig,
»die Zeit kennt Höheres. Und doch -- will's nicht verschwören, schaff mir
den kecken Spatz ins Nest, und er soll eine weiche Daunenstatt finden.«

Geringschätzig bewegte er die Hand, man sah ihm an, daß er nicht zum
Scherzen aufgelegt war. Der Magister verzog den weichen Mund:

»So zahm ist mein Büblein worden?« sank er verwundert und ein bißchen
höhnisch zurück. »Wo mangelt's noch? Wollen sich die neuen Erdklöße von
den Prometheushänden nicht formen lassen?«

Kaum war dem Zwerg der leichte Spott entglitten, da wandte sich der über
das Feuer geduckte Admiral jählings herum. In dem geröteten Antlitz
sprang eine Glut hin und wider, durch die dunklen Augenhöhlen fegte eine
Brunst, daß der Kleine, der solch tiefen, zermarternden Ernst nie bei
seinem Gefährten vermutet, den Atem anhielt.

Schwerfällig erhob sich der Störtebecker, und nachdem er nahe genug an
das Ruhepolster geschritten, zog er den Magister mit einem Faustgriff in
die Höhe. Auf den Knien lag nun der Wicht vor dem Riesen, und dieser
umhüllte den strohblonden Schopf des Kleinen erst sanft mit beiden
Händen, bevor er ihm, wie ein Knabe seinem Spielzeug, in zitternder
Bewegung das unterste Geheimnis anvertraute:

»Heino,« wollte er flüstern, allein es klang scharf, gleich dem Ritzen
eines Messers, das in hartem Gewebe auf Widerstand stößt, »der Lehm, aus
dem die Brut werden sollte, ist schon vorher von rohen Fäusten
verstümpert worden. Hält schwer, diese Masse zu kneten, wie wir es stets
im Sinne trugen. Und dann -- du folgst mir doch Freund? Du lächelst
doch nicht? Ich würde dich erwürgen, wenn du jetzt grinsen könntest
-- dann -- wo nehme ich das Messer her, das Beil, die Säge, damit ich dem
einen jenes Haupt aufsetze, um das der andere höher ragt? Und die Füße
und Hände, die ich abschneiden muß? Und die vielen Sehnen und Glieder?
Höre, Heino,« und die schwarzen Sterne des Sprechenden erweiterten sich
immer mehr zu großen glanzlosen Sonnen, die ihre eigene Farbe verzehrt
hatten, »ich meinte, die Freude würde es wirken. Die Freude am gleichen
Besitz, der Jubel über die Freiheit, sie könnten den alten Geist aus dem
Raubtiergezücht austreiben. Den Rost aus ihren Seelen. Neue Menschen
würden neuen Tag grüßen.« Er schüttelte das lockige Haupt und kam dabei
dem Knienden so nahe, daß ihr Atem sich vermischte. »Dem ist nicht so,«
sprach er unterdrückt. »Bald wird es sein. Bald. Aber jetzt noch nicht.
Wir müssen warten. Diesen Winter noch! Diesen einen nur. Aber warten
heißt die Straße des Todes. Mein Atem vereist mir auf diesem Weg. Ich
mag nicht warten. Ich kann nicht lauern. Deshalb, Bereicherer meiner
Jugend,« und die hohe Gestalt warf sich neben dem Winzigen nieder und
umklammerte seinen Hals, »deshalb brauche ich Teilnahme, Unterstützung,
ich muß an mich ziehen, was ich besitze -- -- --«

Und stürmischer als je folgte nun die Auseinandersetzung, die schon
oftmals zwischen den beiden Freibeutern ohne Ergebnis zerronnen war.
Heute aber warf sich der Admiral mit solch drängender Überredung auf
seinen alten Gefährten, daß er dem Klugen, ohne es zu wollen, arglos die
ganze Bitternis seines Suchens enthüllte.

Da vernahm es der Magister abermals.

Von Anfang an und besonders seit der Landung in Marienhaven hatte der
Störtebecker das verwickelte Werk der Ansiedlung allein und
selbstherrlich auf seine mächtigen Schultern geladen. Er kaufte das
Land, er zahlte die Summen, und die Güter und Äcker vergab er nach
eigenem Gutdünken. Keiner der Waffenbrüder fand sich bereit, auch nur
ein Geringes der Lasten mit ihm zu teilen. Unter allerlei
fadenscheinigen Ausflüchten -- er sei kein Landmann oder das Rechnen
laufe ihm zuwider, hatte selbst Heino Wichmann von vornherein sein
Verbleiben auf dem Admiralschiff betrieben. Und von den anderen Führern
genoß keiner ein genügend Ansehen, als daß ihnen der Riese ein
Verständnis für die Möglichkeit neuer Werdestunde zugetraut hätte.
Besonders dem fetten Wichbold nicht. Der lag indessen zum Glück, seit
ihm der Störtebecker nach dem Brand von Bergen den Schädel so wuchtig
zerschlagen, mit dick verbundenem Haupt in der Kajüte der »Goldenen
Biene«, und sein Fluchen und Stöhnen quoll häufig widerlich aus dem
Bauch des Schiffes hervor. So war es wohl auch nur einer der
sprunghaften Einfälle des Zwerges, wenn er dem Störtebecker gelegentlich
unter vieldeutigem Grinsen zutrug, man hätte den Kranken zur Nachtzeit
auf heimlichen Pfaden über Land streichen sehen.

»Mag er,« pflegte dann der Riese kaltblütig zu entgegnen. »Mag er sich
seinen Strick am Lande suchen. Darf meine Hände an dem Eitrigen nicht
fürder beschmutzen. Aber du, Heino Wichmann, du,« so schloß der Glühende
auch heute seine Werbung, und er streichelte dem Zwerglein brüderlich
die langen gelben Haare, »hast einst das verschlossene Hirn des
Fischerbuben aufgeriegelt, damit Hochmut und Glanz und dieses rasende
Lauschen nach dem gleichen Schlag alles Lebendigen ihren Einzug halten
konnten. Und jetzt? -- Will mein Bruder, mein Freund, mein Lehrer dies
wollüstige Fieber nicht mitfiebern? Will er, ein Hochgelahrter, den
Blinden nicht erklären, was das für ein Licht sei, das jetzt auf ihren
Schaufeln brennt? Ja, es auch mir ausdeuten, da es mich manchmal schier
verwirrt und blendet?«

Wer hätte diesem von Schönheit und Anmut Gesegneten, dem auch die
goldenen Bienen der Beredsamkeit ihren Honig auf die Lippen getragen,
wer hätte ihm widerstehen können? Wahrlich, selbst dem Zwerg schien es
schwer zu fallen, als er sich jetzt der Umstrickung des anderen
geschmeidig entzog. Allein überlegt und abweisend schüttelte er dennoch
das Haupt. Dann versetzte er kaltblütig:

»Nein, Büblein, kann dir nichts nützen. Bin ein Lump und bleib ein Lump.
Bin halt eine von den Büchermotten, so ihr lebelang um das Wort
herumkriechen. Kann's wohl aussinnen, aber von der Zunge bis zur Hand
ist's weit. Pfui, und der Schweiß dünkt mich ein gar saurer Saft. Ja,
wenn's dir gelingt, Bruderherz, dann will ich einen Panegyricus auf dich
dichten, und wenn's dir zerbricht, dann beweise ich dir gleich darauf,
wie man's besser hätte machen müssen. Zu was Edlerem tauge ich nicht und
gräme mich nicht darüber.«

Es mußte etwas Ergötzliches in dieser schneidenden Selbstbeurteilung
liegen, denn um die Lippen des Hörers kräuselte ein beifälliges Lächeln.
Ungekränkt erhob sich der Störtebecker, reckte sich und schritt ein
paarmal mit seinen weiten entschlossenen Schritten über den Teppich.
Plötzlich blitzte es ihm von der Stirn. Er warf sich den Schafpelz um
und forschte rasch:

»Erinnerst du dich, Heino, was der Pharao tat, als er die Hebräer fronen
ließ?«

»Er bleute ihnen weidlich Rücken und Hinterteil, mein Liebling.«

»Aber aus Schweiß und Blut wuchsen dennoch die Pyramiden. Wir haben sie
gesehen. Weht Ewigkeit um ihre Gipfel! In solcher Luft läßt sich's
atmen. Will's ähnlich versuchen.«

Er drückte dem Strohblonden krampfhaft die Hand und sprang rasch die
Treppe hinauf. Der Kleine aber warf sich aufs Polster, strampelte mit
den Füßen und krähte wie ein Hahn.

       *       *       *       *       *

In der Gegend der Brokeburg wurde gekämpft. Bei vorschreitendem Winter
konnten die Freibeuter in ihren leichten, baufälligen Baracken Frost und
Hunger nicht länger ertragen, und da ihre alte Gewohnheit sie auf Raub
verwies, so rottete sich eine Schar unter dem hitzigen Iren Patrick
O'Shallo zusammen, um den umwohnenden Friesen Mehl, Hühner und Feuerung
mit Gewalt abzutrotzen. In einer Winternacht loderte Feuerschein am
frostblauen Himmel, Waffen klirrten, das Gekreisch aus dem Schlaf
gerissener Weiber mischte sich mit dem Brüllen des Viehs und dem Stöhnen
Verwundeter, und erst die rasenden Streiche des halbbekleidet von der
Burg herbeieilenden Admirals trieben die Verzweifelten auseinander. Dem
wutschäumenden Iren aber hieb der Störtebecker selbst, nachdem er ihn
gebunden in den Schloßhof geschafft, besinnungslos mit der Peitsche
übers Gesicht, einmal, zweimal, und zwang den Blutenden darauf, seinen
Raub bis aufs kleinste herauszugeben.

Allein, damit war der Streitfall, wie er gefürchtet, keineswegs aus der
Welt geschafft. Denn als der Riese, aufgewühlt und vom Blutdunst
umnebelt, an der Seite seines Licinius die dunklen Treppen
hinauftastete, da wurde ihm von einem Knecht bedeutet, die Fölke lade
ihn ungesäumt vor sich in den großen Saal.

»Pack dich,« knurrte der Störtebecker gereizt, indem er bedrohlich die
Faust gegen den Wäppner stieß. »'s ist Schlafenszeit. Warum schnarcht
die alte Hexe nicht?«

Da standen sie bereits vor der doppelt verbohlten Tür, und in einem
Anfall höllischer Neugier sprengte sie der Störtebecker vollends auf.
Lärmvoll, mit dem Striemer knallend, drang der aufgepeitschte Mann in
den dunklen Saal. Nur eine einzige Fackel begann dort eben in ihrem
Wandring notdürftig zu glimmen, wobei sie ein paar bläuliche Funken
herabstreute. Dadurch ballten sich in dem unrastigen Raum ungeheuerliche
Schatten zusammen, zuckten auf und warfen sich, wie in einer
Gigantenschlacht, übereinander. Sobald aber der Schein die beiden Sessel
auf der Estrade erreichte, dann entdeckte man in einem derselben eine
weißgekleidete Frauengestalt, die einen blauen, mit Goldblech besäten
Friesenmantel über sich geworfen hatte, um ihre Blöße zu decken.

Es war Occa, die erst seit Stunden bei ihrer Mutter zu Gast weilte und
die sich nun mit der von ihr stets gegen den Seefahrer geübten Anmut
verneigte.

Da begann dem Aufgeregten das Herz zu klopfen. Die zuckende Nacht, und
in ihr das weiße Bild, sie raubten ihm jede Erinnerung an die eben erst
verlassene Blutstätte des Aufruhrs.

»Hallo,« -- preßte er sich heiser ab, »welche Holde ladet mich zu
Zwiesprach? Wer bangt sich in dieser Einsamkeit?«

An der Seitenwand erhob sich ein schlurfendes Geräusch.

»Ich bin es,« polterte die rauhe Männerstimme der Fölke, und nun erst
tauchte die graue Habichtsgestalt bei ihrer ruhelosen Wanderung im
Fackellicht auf. »Was soll das einfältige Gescherze? Weißt du nicht, daß
dein Raubgesindel unsere Verträge bricht? Weißt du nicht, daß es in den
Gauen der Allena und Beninga genau so steht? He, Störtebecker, du
vergißt wohl, daß ihr vogelfrei seid? Überall an den Küsten lassen die
Dänin sowie die Hansen es austrommeln. Du hast dir wohl die Ohren
verstopft? Ich werde dich wegjagen, verstehst du mich? -- He, wer bist
du eigentlich?«

Die Fäuste in die Seiten gestützt, die Beine gespreizt, bald das
schweigsame Bild auf dem erhöhten Stuhl, bald den graurot gefiederten
Habicht musternd, so hatte der Riese bis dahin hohnvoll gelauscht. Jetzt
aber riß er die Fackel aus ihrem Ring, schwang sie um sein Haupt und
zerrte sie dann der Fölke bis dicht vor das blutlose Antlitz. Schmerzend
begannen der Quade die rotentzündeten Augen zu träufeln, voll
ohnmächtigem Grimm hielt sie dem Schuimer stand.

»Wer ich bin?« lärmte dieser nun, daß der Schall von einer Ecke in die
andere flog. »Dein Herr bin ich, Weib. Gib genau acht. Glaubst du, daß
du ohne meinen Willen lebend aus deinem Modernest ausflattern könntest?
Schau meine Fäuste, sie haben schon andere Vögel gerupft. Ein Wink an
den Wichmann, und unsere Lederschlangen würden dir überdies ein Grabmal
türmen, wie es die Semiramis zu Babylon kaum gefunden.«

Die Quade sog Atem, sie wollte von neuem zustoßen, der Störtebecker
jedoch klopfte ihr bereits mit der freien Hand begütigend die Wange, was
ihren kämpfenden Aufruhr nur noch mehr verstärkte.

»Sei ruhig, Huldreiche,« nickte er gelassen, »du weißt, ich schätze
dich, und wer kann bestimmen, wie nahe wir uns einst noch treten
werden?« Er streifte dabei die weiße Gestalt in dem Stuhl, die sich
nicht rührte, und fuhr aufgeräumt fort: »Nun aber meine Taube, rate ich
dir, picke gutwillig die goldenen Körner, die ich deinem Hunger streuen
will. Werden doch dreißig Pfund Goldes dein Ungemach, wie das deiner
Untertanen in eitel Freude kehren.«

Dicht an der Tür lehnte Licinius und seufzte. Er allein wußte, wie
bedrohlich bereits der ehemals so stattliche Schatz der Freibeuter
zusammenschmolz. Die Fölke aber wurde bei diesem Vorschlag durch Zorn
und Habgier nach zwei Seiten gerissen. Feindselig reckte sie, zu neuem
Streit entschlossen, ihr spitzes Kinn, zu gleicher Zeit jedoch griffen
ihre dürren Finger bereits nach dem in Aussicht Gestellten, während ihre
Augen in Rabenlüsternheit funkelten.

»Abgemacht,« besiegte endlich der Admiral ihr hartnäckig Schweigen.
»Licinius mag noch zehn Pfund Silbers dazu tun. Was liegt daran? Und
nun, komm Traute, betrüge den Schlaf nicht fürder um seine Rechte,
sondern schmücke ihm das Lager.«

Lachend wandte sich der Freibeuter und reichte seinem Knaben die Fackel,
damit er ihnen voranleuchte. Die Fölke freilich ließ nichts von
Besänftigung spüren. Fröstelnd zerrte sie ihren grauen Flausch um sich
zusammen und rief hart hinter dem Abgehenden her: »Es ist das
letztemal.«

Dann entwich sie durch ein Seitenpförtlein.

Die anderen stiegen mehrere Treppen in die Höhe und trennten sich
endlich auf einem langen, sich schlängelnden Gang. Als der Störtebecker
zum Abschied nach Occas Hand greifen wollte, war die Leichtfüßige
bereits in ihre Kammer geschlüpft. Auch Licinius entfernte sich, nachdem
er dem Gebieter bis an die Schwelle seines Gemaches geleuchtet. Müde
entschwebte hinter der Wendung des Ganges allmählich der Fackelschein.

Da reckte sich der Störtebecker und lauschte noch einmal zurück. Ihm war
es, als ob eine warme, fröhliche Stimme seinen Namen gerufen. Einen
heißen, kecken, begehrlichen Laut. Sollte ihn das Summen seines eigenen
Blutes geäfft haben, oder -- --?

Gespannt, blutwitternd wie ein Raubtier, schlich der Riese auf Zehen bis
dahin, wo er Occa verlassen. Ein Druck gegen die schwere Bohlentür, sie
gab nach. Aber siehe da -- durch die Dicke der Mauer von dem Holzwerk
getrennt, wurde der Raum noch durch eine Reihe sich kreuzender
Eisenstangen verschlossen, die wohl einen Durchblick gestatteten, aber
jeden unwillkommenen Besuch zurückhielten. Erstaunt beugte sich der
Störtebecker vor. Mitten in der kahlen Schlafkammer, nur spärlich von
einem niedrigen Öllämpchen erhellt, fand der unruhige Blick des
Seefahrers sofort jene weiße Gestalt, die ihn hierher gelockt. Sie hatte
den Mantel abgeworfen, und ihre Arme schimmerten den Strahl der Leuchte
in einem unbestimmten seidigen Glanze wieder. Ein seltsames Lächeln,
halb bänglich, halb voll Neugier, lief um den Mund der Einsamen, als sie
nun verfolgte, wie der Eindringling ohne ein weiteres Wort zu verlieren,
Schulter und Fäuste zwischen die Stangen stemmte, nur von dem einen fast
selbstverständlichen Trieb beherrscht, die Sperre zu zerbrechen. Wer
durfte sich auch anmaßen, Riegel und Schlösser gegen den Beschluß dieses
Erderschütterers drängen zu wollen, der in seinen besten Stunden noch
immer überzeugt war, daß er das Weltenschicksal auf gestrafften Armen zu
den Menschen schleppe? Und jetzt? Occa stieß einen unterdrückten Schrei
aus. Wirklich, das Eisen bog sich, das Keuchen des Gewalttätigen ging in
ein Stöhnen über, aber im gleichen Augenblick sanken ihm auch die Fäuste
wie abgeschnitten herab, und übersiedet von der Scham der
Ergebnislosigkeit, preßte er sein Antlitz gegen das Gitter, um
wutgeschüttelt hindurch zu flüstern:

»Was wolltest du von mir, du, du -- --?«

»Ich?« Da zuckte Occa schon wieder beruhigt die Achseln. »Was hätte ich
mit dir zu schaffen?« gab sie aufreizend zurück. »Begib dich sittsam von
hinnen, oder bei meiner von dir mißachteten Ehre, ich werde den
Burgsassen deine Schwäche zeigen.«

Toll gemacht, führte der Störtebecker noch einen dröhnenden Hieb gegen
das Eisen, aber da sich nichts als ein Summen vernehmen ließ, so
versuchte es der Frauenfänger noch einmal mit List.

»Reiche mir nur ein wenig deine Hand,« schmeichelte er.

Doch auch diese Bitte fruchtete nichts, denn Occa schüttelte, ohne sich
von der Stelle zu rühren, ihr schmales Haupt.

»Du Geck,« sprach sie mitleidslos, »meinst du wirklich, eine
Fürstentochter beuge sich vor solchem Bettlerkönig?«

»Was sagst du?« taumelte der Schuimer erblaßt zurück, und jetzt bückte
er sich und versuchte, Schaum vor den Lippen, die nahe Vergeltung
bereits vor den glühenden Augen, das ganze Gestell aus den Angeln zu
heben.

Ein langes rostiges Ächzen wurde hörbar. Allein die Broketochter sprach
ohne Zögern weiter:

»Ja, wenn du noch ein Meerfürst wärest, wie ehemals -- --«

»Was dann?« rang der Einbrecher nach Luft.

Anfeuernd redete die weiße Gestalt zu dem Knienden fort: »Wenn du ferner
von deiner sündhaften, widergöttlichen Armeleute-Tollheit ablassen,
dafür aber deine Macht gebrauchen würdest, um all die kleinen Tyrannen
hier zu unterjochen --«

»Was dann?« stöhnte der Störtebecker, dem die Brust zersprang.

»Ich weiß es nicht,« hielt das Weib listig inne, »ich kenne die Zukunft
nicht, wie mein Eheherr,« fügte es lächelnd hinzu.

Ganz nahe war sie an das Gitter gelangt, den Knienden durchschlug die
Einbildung, ein paar huschende Finger hätten sein Gelock gestreift. Als
er jedoch, zum Fang entschlossen, emporschnellte, da entdeckte er nur,
wie Occa, nachdem sie das Lämpchen ergriffen, ohne sich umzuwenden, in
ihrer Schlafkammer verschwand. Sorgsam hörte er sie noch den Schlüssel
drehen.

Tiefe Nacht waltete um ihn. Sie kochte, sie brodelte, gleich einem
Kessel, in den seine Gedanken geworfen waren. Er schrie nicht, er tobte
nicht, er tat vielmehr etwas, was er sein Lebtag nicht getan -- er
erschlaffte. Beide Hände schlug er vor das Gesicht und sprach laut durch
den hallenden Gang:

»Soll ich der einzig Sehende unter lauter Blinden sein? Es gelingt mir
nichts mehr. Es zerbricht mir alles unter den Händen. Ich laufe nur
meine Bahn, weil mich ein Wind treibt.«

Leer, ernüchtert, schweren Schrittes strebte er seiner Ruhestätte
entgegen. Und ihm fiel nicht einmal auf, wie hinter der Windung des
Ganges noch immer ein dünner Lichtschimmer über die Fliesen rann und daß
sein innerstes Bekenntnis nicht nur an fühllose Mauern verschwendet war.
Kaum ein paar Schritte von dem Müden entfernt, dicht hinter der Kehrung,
da verweilte Licinius noch immer mitten im Gang. Mit der einen Hand
stützte er sich mühsam an der feuchtkalten Wand, während die andere die
schwankende Fackel von sich streckte. Etwas Gestaltloses,
Schreckenverbreitendes mußte vor ihm aufgestiegen sein, denn der Knabe
zitterte am ganzen Leibe, und ein Schwindel ließ ihn am Boden
festhaften, als müsse ihn jeder weitere Schritt in einen Abgrund
stürzen.



IV.


Die Zeit verbrauste wie Wein in einem Becher!

Noch einmal leuchtete sein sprichwörtliches, sein Hexenglück über dem
Störtebecker, und die Mannschaften raunten, der Claus habe wieder Rats
mit dem grauen Männchen gepflogen. Ein Sommersegen vergüldete die Fluren
des Brokmerlandes, dergleichen auch die Eingeborenen selten gekannt, und
selbst auf den ohne große Kenntnis und nur oberflächlich bestellten
Äckern der Ansiedler sproßte, dünn zwar, aber doch trächtig, die neue
Halmfrucht, als hätte ein unterirdisch Feuer ihre Wurzeln erwärmt.
Dennoch wurden die Kolonisten der sichtbaren Hoffnung nicht froh. Aus
Überfluß und Völlerei waren sie gekommen, freies, wildes Schwärmen auf
dem Meer hatte ihnen leichten Erwerb gesichert und dazu noch die
grausame Lust der Vergeltung an jenen Seßhaften, im bürgerlichen Recht
Wohnenden, von denen sie glaubten, daß ihr angemaßtes Wohlergehen nur
aus einer schweren Versündigung gegen die Armen und Unterdrückten
herrühre. Und nun? Draußen hatte man Abwechslung genossen, das wilde
Behagen an der rächenden Kraft, den täglich lärmenden Triumph, Keller
und Truhen jener Genießer zu leeren, die früher das murrende Begehren
der Dunklen und Namenlosen mit Hungertürmen und Folter beantwortet
hatten. Solch rasendes Glück schenkten die Wogen. Und nun? Was erwartete
die aus aller Sitte Gelösten auf den Fluren? Gott verdamme die
hirnverbrannte Schwärmerei eines Tobsüchtigen, auf dem Lande ruhte nun
einmal der Fluch. Was hatte man eingetauscht?

»Still -- still,« zischelte der Ire Patrick O'Shallo einer Rotte von
Schnittern zu, mit denen er verdrossen in einer Bodensenkung feierte,
denn die Ungeübten hatten ihre Sensen zu tief in Steine und Härten des
Ackers geschlagen, so daß das Werkzeug wieder einmal schartig und
unbrauchbar geworden war. »Ich rate euch, laßt die herumschnüffelnde
Buhldirne, das Manns-Weibsbild nichts merken. Ist ebenso besessen wie
der wahnwitzige Claus. Aber sagt einmal, wozu sitzen wir hier und
ersaufen im Schweiß? Was haben wir eingetauscht? Ist der Störtebecker
nicht unser Zwingherr, wie keiner je vorher war? Fährt er nicht wie eine
Geißel im Lande umher, schlägt er uns nicht die Buckel blutig und nötigt
uns zur Fron, bis uns die Knochen krachen? Wer hat ihm die Gewalt dazu
verliehen? He? Habt ihr ihm etwa die Peitsche zu solchem Dienst
geflochten? He?«

»Mag ihn nit leiden,« murrte ein Fränkischer, der dem beginnenden
Bauernmorden in seiner Heimat knapp entwischt war, aber das unselige
Gepäck des heimlich schwelenden Aufruhrs noch immer auf verkrümmtem
Rücken mit sich schleppte. »Wozu sollen wir den Zehnten steuern wie
daheim? Sagt, er wolle unseren Kindern dafür neue Güter eintauschen.
Wolle sich allmählich über die Erde verbreiten. Ha, ja, Kindermärle.«

»Die Schwarzröhren geben kein Lot Erde mehr hin,« schrien andere.

Als die künftige Nachkommenschaft erwähnt wurde, wallte dem Iren das
Blut stoßweise in die Stirn, halb irrsinnig sprang er auf und hieb mit
der Sense durch die heiße Luft, wie wenn er einen nahen Bedränger köpfen
müsse.

»Schaut hin,« zeterte er, »liegen vor uns die Schiffe. So nah, so nah!
Wollen wir warten, bis der Bluthund etwa uns alle eingeschaufelt hat?
Weiß einen, der's uns besser schaffen könnt.« Er sah sich geheimnisvoll
um. »War der dicke Wichbold erst jüngst verwichene Nacht bei mir. Ist
einer von uns. Und der rät --«

»Sieh dich für,« warnte ein unterdrückter Ruf.

Erschreckt hoben die Schnitter ihre Häupter über die Erdsenkung. Dumpfer
Hufschlag polterte über die Heide, zwei Reiter, der Störtebecker und
sein Knabe, sprengten barhäuptig heran.

»Was faulenzt ihr hier, ihr lästerlich Volk?« rief Claus, sein Roß dicht
vor dem Abfall an sich reißend, und seine schwarzen Augen sprühten ein
böses Feuer. »Schämt ihr euch nicht vor den Fleißigen? Hört ihr nicht,
wie die Äcker mit unzähligen Stimmen nach uns rufen? Braucht ihr stets
den Striemer gleich den Stieren? -- Will's euch lehren!«

Sausend fuhren die Lederriemen umher, den Franken traf's klatschend auf
den vorzeitig gekrümmten Rücken. Verängstigt, gebändigt stoben die
Schnitter nach allen Seiten auseinander.

Die beiden Reiter aber flogen weiter, ausgeschickten Gedanken gleich,
die sich einer Welt mitteilen wollten.

       *       *       *       *       *

Lind und versonnen ging der Abend über Land. Zu seinen Füßen glitzerte
das Abbild der Sterne in den Moorlachen.

Um diese Stunde saß der Hebräer Isaak an seinem Herd und briet sich über
dem Rost ein Stück von einer Hammellende. Während seiner ruhvollen
Arbeit sang der Graulockige in tiefen Kehllauten eines jener
fremdartigen, schmerzensreichen Lieder, in denen sein flüchtiger Stamm
seine Sehnsucht nach den Zelten, Herden und Weinbergen längst
versunkener Heimat klagt. Ab und zu aber lehnte der Sänger auch an der
offenen Tür, und dann schien sein befriedigter Blick die wohlige Ruhe
dieses schlummernden Bodens zu segnen.

Das Glück eines Seßhaften hing über ihm.

Da löste sich eine Gestalt aus dem Tor der Nacht. Die trat zögernd auf
die Schwelle. Erst als der Fremde sich aufrichtete, erkannte der Jude
das zuckende Antlitz seines Nachbarn Patrick O'Shallo.

»Ho,« rief Isaak verwundert, »was bringst du, Freund?«

Doch den anderen schien die Antwort zu bedrücken, verwirrt schielte er
in die Ecken der vom Herdfeuer sprunghaft überglänzten Hütte.

»Der Geruch des Fleisches lockt mich,« entschloß er sich endlich, »hab'
den Knurrhahn von Magen heut wieder nicht füttern können. Der da« -- und
er zeigte durch die Dunkelheit nach der fernen Brokeburg -- »sprengte
uns wieder bis in die Nacht in den Feldern herum.«

Der Jude überhörte den Vorwurf.

»Dann sitz nieder,« lud er den Brütenden ein, »und sei mein Gast.«

Der Ire murmelte etwas, was aber kaum einem Dank glich, und nachdem er
sich auf einen Schemel hatte fallen lassen, verschlang er gierig das
Fleischstück.

»Wie kommst du zu dem Bissen?« fragte er kauend und mit
niedergeschlagenen Augen.

»Hab' es eingetauscht,« schmunzelte der Hebräer, am Herd hantierend.
»Gegen Eier von meinem Hühnervolk.«

»Und wie kamst du zu den vielen Hühnern?« drängte Patrick weiter, indem
er ein Beben überwand.

Der Jude strich befriedigt den grauen Sprenkelbart, sein sichtbares
Gedeihen ließ ihn die sonst geübte Zurückhaltung vergessen.

»Hab' sie gleichfalls eingehandelt von der Brokeburg gegen Anis und
Leinsamen aus meinem Würzgärtlein. Man kennt hierzuland die Kräuterzucht
nur übel. -- Aber nun iß, Freund,« setzte er hinzu, als er die Augen
seines Genossen grünglimmend auf sich gerichtet fühlte. Unwillkürlich
ergriff er einen Holzspan und schürte ihn auf dem Herde, damit es heller
würde.

Gequält sah sich der Ire um, er rückte hin und her, als ob er am
liebsten von dannen stürzen möchte.

»Was ist dir?« erkundigte sich Isaak aufmerksam werdend.

In diesem Augenblick drang erst ein Schnaufen und dann ein markiges
Brüllen aus dem nahen Stall herüber. Die Wände der Hütte zitterten
davon. Da wurde Patrick O'Shallo noch bleicher als bisher.

»Sind das die Stiere?« stammelte er, unfähig seinen Aufruhr noch länger
zu beherrschen. »Sind sie von dem Zugvieh, das man auf der Brokeburg für
uns gekauft hat, damit wir unser Korn in das Dreschlager schaffen?«

Fast bettelnd hob er seine Hand, denn der Verstörte wollte von sich
abhalten, was ihm das zerfressene Gemüt noch ärger vergiften könnte.

Und jetzt begriff auch der Hebräer den Zustand seines Gefährten. Kurz
und verschlossen suchte er den bösen Sinn des Iren von sich abzulenken.

»Laß gut sein,« beruhigte er, indem er abgewandt in einem Breikessel
herumrührte, »man lieh mir die Tiere vor euch anderen, weil meine
Garben lange gebunden liegen und weil meine Ernte wider Erwarten
reichlich ausfiel.«

»Und meine armseligen Büschel versengen und verdorren derweil. Hab'
denselben Boden wie du, kann aber nichts rauswirtschaften. Sogar, wenn
ich wollte.«

In die Augen des Burschen drang wieder jenes merkwürdige Schielen.
Angewidert schleuderte er einen Knochen, an dem er noch nagte, in die
Ecke.

»Wirst eine wohlgefüllte Scheuer haben, wenn erst die Gazelle des
Morgenlandes in dein fruchtbar Bett geschlüpft ist,« holte er wie in
einem heiseren Schluchzen aus sich heraus, »wann wird's sein, du
maienblütiger Bräutigam?«

»Was ficht's dich an?« schnitt der Jude verdrossen ab und sah nach der
Tür. »Dank dem Großen auf der Brokeburg ist jeder Herr in seinen vier
Pfählen. Kann tun und lassen, was mir beliebt.«

Jetzt sprang Patrick auf und griff sich an die Kehle, um sich wenigstens
einen einzigen Atemzug zu schaffen. Ein verstörtes wahnwitziges
Gelächter warf er aus:

»Recht -- recht, sind Freie. Unter Peitsche und Stockprügel, Freie.
Heißa, geht uns wohl im gelobten Land. Hab' Dank, Isaak, daß du mich
daran erinnerst. Man soll's nie vergessen. Nie. Hab' Dank.«

Damit sprang der Gereizte aus der Tür. Sein Wirt wollte ihm die Hand
reichen, der Ire aber war schon halsüber in den sich hebenden Nebeln
verschwunden.

Kopfschüttelnd legte der Hebräer beide Querbalken vor den geschlossenen
Eingang.

       *       *       *       *       *

Bis zum Morgengrauen kletterte die Flamme den blassen Sternen entgegen,
dann war die Hütte ein Aschenhaufe, und der Frühwind fegte verkohlten
Staub über die verloderten Reste der Garben. Gerippe von Mensch und Tier
zerfielen in den mütterlichen Boden.

An der Spitze einer Schar von Ansiedlern, die den Tollwütigen, mit
seiner Tat Prahlenden eingefangen, eilte Licinius, stumm, in innerster
Seele zerrüttet, vor denjenigen, der die Geschicke so vieler Sterblicher
zu ordnen sich unterfangen hatte.

Eine rote Frühsonne hatte sich eben aus den Farbenstrudeln des Meeres
gelöst und überglühte nun den Burghof sowie den Wipfel einer mächtigen
Linde mit tiefem, mildem Feuer. Auch um die Stirn des Störtebecker legte
sie einen blutigen Reif, denn Claus saß auf der den Baumstamm
umgürtenden Steinbank, hatte beide Ellenbogen auf die rohe Tischplatte
gestützt, und nun prüfte er ungläubig, fremd, verständnislos die
schwarzen Bänder sowie das schwarze Siegel einer Briefrolle, die ihn auf
unerklärliche Weise auf dieser Platte erwartet hatte. Niemand wollte sie
gebracht haben, keiner wußte etwas von der Botschaft. Je öfter jedoch
der Riese die wenigen ungeschickt geschriebenen Worte des Sendschreibens
überflog, desto heftiger wallte ihm das Herz, und desto stürmischer
wurde sein Wille zerrissen.

Da stand mit den großen, wohlbekannten Buchstaben des Gödeke Michael:

                   »Mein Bruder!

  Hätte schwerlich vermeint, ich würde Dich jemals brauchen.
  Steht aber übel um mein Sach. Hamburger und Dänen, bei denen
  mir alleweil eine gar fette Rechnung angekreidet, halten mich
  itzt in der Helgoländer Bucht umzingelt, so eng, daß auch
  nicht ein Mäuslein aus meinen Schiffen entspringen mag. Leiden
  zudem Hunger, und der Durst plagt uns. Darum Claus, so Dir
  noch das Herz für die alten Freunde schlägt, zögere nicht und
  tu, was du kannst. Ist ein gar bös Ding, wenn später die Reu
  quält. Geht hier eben um Leben und Tod und doch auch um die
  Sach' des gemeinen Mannes. Und ist mir der Sperling in der
  Hand noch immer lieber als die Taube auf dem Dach. Bedenke
  dies wohl, mein Bruder, zumeist aber, daß wir Rächer nur ein
  Kostbares hüten, die Treue wider einander.

  Geschrieben auf der fliegenden Burg zu Mariä Himmelfahrt.

                                        Gödeke Michael.«

Einen hallenden Schrei stieß der Admiral aus, nachdem er endlich seiner
merkwürdigen Betäubung entrissen, den ganzen Ernst dieses
Schicksalsrufes ermessen hatte. Geschnellt flog er empor und warf ohne
Bedenken die Rechte gegen die abgetakelten Schiffe im Hafen, als
vermöchte sein herrischer Wink allein jene Herde um sich zu sammeln, die
Schar Wildvögel, mit denen er ungesäumt davonstoßen wollte, zu Rettung,
zu Hilfe. Allein noch während der Wendung seines Hauptes verstrickte
sich sein Blick mit der rot angestrahlten Ebene, auf der sich eben das
Menschenwirken, die Arbeit zu regen begann, die er selbst zwischen die
ungern empfangenden Schollen gesenkt. Jetzt sproßte sie, unwillig zwar
und widerstrebend, nur seinem harten, zugleich mitleidigen und
mitleidslosen Willen gehorchend, zum Licht. Schwer sank ihm der eben
erhobene Arm herab, denn die Gedanken dieses Mächtigen fielen sich
gegenseitig an, ein inneres Streiten und Ringen erhob sich, zu auflösend
und vernichtend, um in der Brust auch eines eisernen Mannes ausgefochten
zu werden. Unter einem schmerzlichen Stöhnen griff er sich an das
Lederwams und schob es hin und her.

Einen Ausweg -- einen Ausweg!

»Freund, Bruder, Wohltäter,« hörte er, von sich losgelöst, seine Stimme
über das trennende Meer rufen. »Bist ja ein Teil von mir selbst, kann
dich nicht missen, darf nicht dulden, daß die Ungraden und Schelme
deiner Mannheit die Wage aus der Hand schlagen. Bei allem, was uns
heilig dünkt, kannst auf mich zählen, Gödeke, denn ich will dreinfahren,
wuchtig, fröhlich, wie du's mich gelehrt hast.«

All dies beteuerte der Claus von ehemals, der noch nicht gebunden war an
eine verpflichtende Aufgabe, sondern durch die Welt geweht wurde, wohin
ihn Wind oder Zufall gerade schlugen. Aber in jenes heiße Gelübde
jauchzte auch die erlöste Begeisterung der dort unten auf dem rauhen
Boden Fronenden hinein, die er erwählt hatte, um das bejahrte Erdenleid
für sich und künftige Geschlechter einzuschaufeln, erwählt, obwohl sie
in ihrer Dumpfheit, wie er wohl wußte, nichts Köstlicheres ersehnten,
als Pflug und Hacke fortschleudern zu dürfen, um ihr altes
Streiferdasein neu zu beginnen.

Wie, wenn er sie selbst auf die gefährlichen Planken führte? Eins blieb
gewiß, niemals mehr würde er dann die Unbändigen auf jene verlassenen
Äcker der Mühe und Plage lenken können, halbvollendet blieb das Bild,
das er mit Blut und Erde gemalt, zermürben würde es und vergilben und
den Beschauern allmählich ein Abscheu sein. Und der Befehlshaber, dessen
Entschlußkraft sprichwörtlich war, umklammerte den Stamm der Linde und
versuchte ihn mit seiner mächtigen Kraft zu schütteln, als vermöchte die
Krone guten Rat herabzustreuen.

Einen Ausweg -- einen Ausweg!

Da zog die Schar der Ansiedler gerade in den Burghof, und der
Hinstarrende erkannte, wie ein wüster, beschmutzter Bursch in ihrer
Mitte geführt wurde, die Hände gebunden, und die spitzen Augen frech,
unbotmäßig und voller Auflehnung gegen den Einsamen unter dem Baum
gerichtet.

Schwer, wie gezogen, ließ sich der Admiral bei dem Anblick auf die
Steinbank nieder. Die anderen traten vor ihn. Allen voran Licinius, der
sich matt, verstört, flügellahm vor dem Gebieter niederwarf.
Ratlosigkeit sprach sich in der befremdlichen Gebärde aus, doch auch das
unerschütterlich Gemeinsame ihres glücksuchenden Fluges.

Jetzt waren sie beide zur Erde gestürzt. Den Störtebecker zwar erquickte
die Berührung, denn nur von dieser Welt erpreßte er alle seine Freuden.
Besonnen stopfte er das Pergament in sein Wams, und es war ein eigenes,
unheilverkündendes Lächeln, das sein Gesicht veränderte, als Licinius
endlich seinen Bericht mit der Klage vollendete:

»Herr, so hat denn der alte Fluch auch dein Reich der Brüder getroffen.
Kain hat Abel erschlagen.«

»Warum tatest du das?« fragte Claus, nachdem man den Iren bis dicht an
den Sitz des Admirals geschleppt hatte, und seine heisere, fast
flüsternde Stimme erregte den Hörern ein viel nachhaltigeres Grauen, als
wenn der Gefürchtete getobt und gewütet hätte. »Sage mir, warum tatest
du das, Patrick? Eignete dir nicht ebensoviel Land wie jedem deiner
Gefährten? Erhieltest du nicht dasselbe Werkzeug, die gleiche Nahrung?
Gab ich dir nicht alles, was du brauchtest?«

»Du?« gellte der Ire und schlug sich mit den gefesselten Händen vor die
Stirn. Jetzt schon erkannte man, daß die Flammen, die er entzündet, in
seinem eigenen Hirn weiter knisterten und daß es grünliche Funken des
Wahnwitzes seien, die er von sich sprühte. »Du hier in deinem Schloß? Du
in Samt und Seide? Bei Buhldirnen und Völlerei? Du? Du? Möchtest du
nicht ein Fürst sein? Hast dir die Tollheit nicht allein zu dem Zwecke
ausgeklügelt, damit aus unserer Haut ein Purpurmantel für dich
geschneidert würde? Du Vaterlos -- du Fischerbastard, du geißelst uns
die Rücken blutig, damit unser Schweiß für dich Wein werde!? Sag, wann
hast du jemals selbst die Hacke zur Hand genommen, gesenst oder den
Pflug geführt? Weißt du, was Hunger und Frost ist? Und vor allen Dingen
laß doch vernehmen, warum du nicht tagaus, tagein in unseren Reihen
stehst, um all die Freuden deiner Gaukelei am eigenen Leib zu spüren?«

»Halt ein!« stammelte der Knabe, der noch immer auf den Knien lag.

Darauf der Störtebecker, indem er sich leichenblaß an den Tisch
klammerte:

»Offenbare mir, warum du deinen Nachbarn verdarbst? Sann er dir Übles?«

»Nein.«

»Beeinträchtigte er dich in deinem Erwerb?«

»Nein.«

»Patrick O'Shallo, deine Zeit währt nur noch kurz. Warum tötetest du ihn
also?«

Schon bei den letzten Worten war in den Übeltäter eine seltsam zuckende
Beweglichkeit geraten, alle Glieder fuhren ihm durcheinander, ein Krampf
schien ihm die Knie zu schütteln, und es war ein völlig Sinnloser, der
nun die gebundenen Fäuste über sein Haupt schleuderte, während er unter
seinen Gefährten herumsprang, als wolle er sie zum letzten äußersten
Widerstand aufreizen.

»Warum? -- warum?« schrillte er. »Soll es hören, das Cläuslein, weil er
ein Betrüger ist, ein Wortefärber, ein Leuteschinder, ein prassender
Totengräber. Wollte er uns nicht Zufriedenheit vom Himmel holen? Neidlos
Glück?« -- Er sprang dicht vor den Seefahrer hin. »Reiß mich doch auf,
du Schelm, und sieh zu, wie meine Galle vor Neid siedet. Armseliger
Wicht, wes hast du dich vermessen!? Kannst du vielleicht für den einen
regnen lassen, wenn der andere Sonnenschein braucht? Kannst du mir den
Schachergeist Isaaks geben und seinen listigen Verstand? Kannst du mir
meinen Hunger teilen, wenn er doppelt so groß ist als der meines
Nachbarn? Du Gaukler, du Bösewicht, du selbstzufriedener Narr, du
möchtest uns deinem Wahn zuliebe schnitzen, wie aus Holz, und wir sind
Menschen -- Menschen -- Menschen.«

Rings im Kreise war es so still geworden, daß man die welken Blätter der
Linde zur Erde fallen hörte. Auf den Gesichtern der Ansiedler stand
tiefer, gefurchter Ernst. Doch auch der Störtebecker rührte sich nicht.
Hölzern, gelb, leblos saß er auf der Bank, und nur einmal tastete er
unter sein Lederwams, um das Schreiben des Gödeke Michael noch sicherer
zu verbergen. Rote Schwärze hatte sich vor den Augen des Hellsichtigen
geballt, er wußte jetzt in seiner Nacht, daß er den Freund verlassen
müsse, den einen, den besten, um dieser vielen, treulosen, unmündigen
willen.

Gequält, atemberaubt fuhr er mit der Linken gegen seine Kehle, die
Rechte hob sich und deutete starr über sich auf die starken Äste des
Baumes.

Was wollte er?

Keiner verstand ihn. Das Schweigen löste sich nicht. Der Störtebecker
deutete abermals in seiner unnatürlichen Ruhe. Aber als auch diesmal die
Lähmung von den Männern nicht weichen wollte, da streckte sich der
Anführer zu seiner vollen Höhe und bog selbst einen der Äste herab.

»Versteht ihr mich nicht?« drohte er noch einmal mit seinem furchtbaren
Ernst, und jetzt entstand ein wirres Getümmel; Angst, Grauen,
Widerspruch stießen den Schwarm enger zusammen, bebende Hände regten
sich, ein Strick wurde über den Ast geschleudert, eine Schlinge
schwankte über einem einzigen, schweißnassen Haupt, und mitten aus
diesem Tumult quirlte die heiße, in Todesangst schon brechende Stimme
auf, die noch einmal, als dürfe sie nichts mehr versäumen, all ihren
irrsinnigen Haß, lechzend, überstürzt in die vier Winde hinausheulte:

»Wer ist der Gleisner falschester? Dort steht er, der die Armen zur
Schindarbeit verdammt. Der uns einredet, daß ein Kuhmist dem Gold
ähnlich werden könnt'. Der die Elenden und Schwachen durch Lug und
Vorspiegelung in Verzweiflung stürzt. Der uns nichts gab, sondern uns
noch obendrein die Freiheit stahl. Aber dem Teufel sei Dank, dein Sturz
ist nahe, du Störtebecker. Der Böse hält dich schon am Bein, der Henker
schwingt bereits das Schwert über deinem Hals. -- Fahr zur Hölle, du
Fluch der Menschheit -- Fluch deiner Todesstunde -- Fluch --«

Die Verwünschung erstickte, die Glieder des Iren wurden lang, sein
Körper entschwebte in grünes Laub.

Den ohnmächtigen Licinius trug der Störtebecker schützend von dannen.

       *       *       *       *       *

Seitdem wanderte der Aufruhr barhäuptig und offen unter den Ansiedlern
umher. Blutig entlud er sich zuerst vor den Dreschscheunen, als man das
Getreide den einzelnen je nach ihrer Leistung abwiegen wollte. Wie kam
Wulf Wulflam dazu, zwanzig Säcke von dannen zu fahren, während man dem
Steuermann Lüdeke Roloff nur sieben auflud? Sollte der zähneknirschende
Tänzer etwa dafür büßen, weil sein Gebiet vom Meerwasser durchsalzen war
und jeder Pflug an dem scharfen Geröll schartig wurde? Fäuste ballten
sich, Knüttel wurden geschwungen, wie wilde Tiere fuhren sich die Männer
gegenseitig an die Kehlen, und die allgemeine Auflösung wurde nur
dadurch verhindert, daß ein noch gewaltigerer Feind als Neid und
Habgier den wütenden Bruderzwist unterbrach.

Das Meer!

Schon oft hatte der kundige Landwirt Propst Hisko van Emden während
gemeinsamer Feldstreifen auf die breiten Deiche hingewiesen, die er und
seine Landsleute zum Schutz der Fluren in harter Arbeit aufgeworfen. Die
eben erst gewonnenen Landstrecken der Ansiedler dagegen lagen dem
Anprall der Wasser hemmungslos ausgesetzt, und eines Nachts, da heulte
der Nordost sein schaurig gefräßiges Kampflied, in wilden Sätzen fuhren
weißmähnige Wölfe über die Ebene, die zerrissen und verschlangen, was
sich ihnen entgegenwarf, und aus den von ihnen umstellten Hütten, aus
Arbeitsruhe und versunkenem Schlaf gellten Angst und Entsetzen zu einem
einzigen Schrei zerrütteter Bestürzung zusammen. Am nächsten Morgen, da
sich der erste bleierne Schein aus der Düsternis stahl, da ruhten die
Äcker unter Schlamm begraben, Tangbündel verwesten, wo eben noch Frucht
geblüht, und Muscheln, Geröll und faulende Fische sproßten statt ihrer
auf den zerstrudelten Schollen.

Jetzt galt es den Menschenarm gegen die Brust des Elementes zu stoßen,
um neuen Einbruch zu verhüten. Mit einer Schar von Knechten, an der
Seite seines Licinius, ritt der Störtebecker durch das Land, von Hütte
zu Hütte, von Hof zu Hof, und ob ihn auch überall ergrimmtes Schweigen
und gefaltete Stirnen empfingen, die Gegenwart und der einschüchternde
Anblick des Gefürchteten und nicht zuletzt die noch nicht gänzlich
abgebröckelte Gewohnheit, in diesem schönen Menschenbilde den Träger
ihrer Hoffnungen zu sehen, sie veranlaßte die Männer zu einer letzten
verzweifelten Gefolgschaft. Noch einmal vermochte sein Ruf in das
Ameisengewimmel Plan und Ordnung zu bringen. Schaufeln wurden
geschultert, hoch mit Erdmassen beladene Wagen knirschten ihre Spuren
durch die schlechten Wege, Bohlen und Holzschwellen wurden behauen, um
auf wunden Schultern an die Küste geschleppt zu werden, und der
Grenzstrich zwischen Tag und Nacht verschwand auf einen kurzen, grimmig
lachenden Wink des Admirals, wie von selbst aus dem Bewußtsein der
hungernden, frierenden und verbissen schaffenden Werkleute.

Drei Tage ging's. Denn diesmal stand der Störtebecker selbst unter den
Seinen, sein wilder, trotziger Weckruf befeuerte sie, und sie vernahmen,
wie der Riese, fast bis an die Knie in dem schwammigen Sand versunken,
mit immer erneuter Ausdauer Stein auf Stein, Erdhaufen auf Erdhaufen dem
grauen Gewoge unter sich entgegentürmte, dazu höhnend und wetternd.

»Munter, ihr Schuimer, sind wir nicht Söhne der alten grauhaarigen
Vettel da unten? Und wir sollten dulden, daß die bösartige Keiferin uns
nochmal in die warme Suppe speit? Schaut, schaut, schon rafft sie ihre
schmutzigen Lappen um sich zusammen und kriecht zurück. Noch eins -- und
noch eins! -- So ist es recht, Lüdeke Roloff! -- He, Licinius, eile, die
Fölke soll uns heißen Wein schicken! Wir wollen der Nordersee Abzug
feiern.«

In einem Wirbel stäubte der Sturm die Vermessenheit mit sich gegen das
Abendgewölk, und wie in Betäubung und Taumel sprengte der tödlich
ermüdete Knabe von dannen!

       *       *       *       *       *

Als er zurückkehrte, fand er nicht mehr dasselbe rastlose Gewimmel, das
er verlassen. Einsam hockte sein Herr auf einem umfangreichen
Strandstein, dessen Wucht man auf den schon in Leibeshöhe ragenden Damm
gehoben hatte, um den Massen Schwere und Halt zu leihen. Der Mond,
zuweilen aus unsteten Wolken auftauchend, erhellte ab und zu ein
geisterhaft Antlitz, und der Grübler ließ keinen Blick von dem immer
wieder ankochenden und zurückgrabenden Gewoge, als ob seine Seele
bereits von dem Schwall überschwemmt und gefangen worden sei. In seiner
Hand raschelte das Sendschreiben des Gödeke Michael, obwohl er ihm
ebensowenig Aufmerksamkeit schenkte wie den in Rufweite von ihm
wirkenden dunklen Gestalten.

Ein unbeschreiblich bitteres Lächeln der Scham versteckte sich in den
Mundwinkeln des Aufgestörten, da der Knabe schonungsvoll zu ihm trat,
nachdenklich bettete er die Finger des Treuen zwischen seine beiden
vereisten Hände, als ob er sich an dem jungen Geblüt wärmen wolle.

»Horch,« murmelte er, »wie die See grollt und Flüche speit. Hat wohl
auch ein Gewissen. Oder vielleicht wälzen sich auch die Gedanken Ferner
mit ihr heran. Möcht's gern verstehen, obwohl ich die Stimme zu kennen
meine. Klingt gar zornig und voll Verdammnis.«

Langsam zog er den Gefährten an sich.

»Sag mir, Trauter,« preßte er sich ab, »würdest du mich auch verlassen
um der Dunklen da hinten? Würdest du?«

Seine Arme umstrickten den schlanken Leib, und eine solche Verlassenheit
offenbarte sich, daß Licinius vor Herzpochen und verzehrendem
Helferwillen weder maß noch vernahm, was er erwiderte. Trennen? Von wem
sollte er sich scheiden, von dem schon auf die Erde träufelnden
Erlösersegen? Oder von seinem Herrn? In stürmischen Zweifeln schüttelte
er seine Locken. Der Störtebecker aber nahm es für die Verneinung, die
er erwartete.

»Glaub's dir,« entgegnete er finster. »Welch Reiner würde dies auch
vermögen? Gehört schon eine steinerne Seele dazu, drin nur ein einzig
Gebot eingeschlagen ist. Widermenschlich, unnatürlich, fluchgetrieben
sind die, so mit dem Stein beladen sind. Aber komm, laß es uns dennoch
zu Ende bringen.«

Damit zog er die Hornpfeife an seine Lippen und gedachte eben das Signal
aufschwirren zu lassen, das die Werkleute zu neuen Mühen um ihn sammeln
sollte, als Licinius es wagte, sanft und doch hindernd die Hand auf den
schon erhobenen Arm des Admirals sinken zu lassen.

»Herr,« mahnte er besorgt, »willst du die Männer nicht schonen? Sieh,
sie gleichen ohnehin nur noch abgezehrten Schatten, und die Augen fallen
ihnen vor Müdigkeit zu.«

Noch nie hatte der Knabe einen Befehl seines Gebieters durchkreuzt,
deshalb wandte sich der Störtebecker jäh und fast ungläubig zu ihm
herum, allein im nächsten Augenblick horchte er wieder gespannt auf den
dunklen Drommetenton der See und schüttelte hartnäckig das Haupt.

»Torheit,« verwies er, »wer mit mir ist, muß besessen sein, wie ich,
verrannt, für alles andere blind, sonst -- --«

Er lachte hämisch, gleich darauf schrillte der spitze Pfeifentriller
über Land und Meer, der Wind warf ihn hierhin und dorthin.

Stille!

Dann lauschten die beiden, denn in der Finsternis, in der teilnahmslosen
Öde barg sich eine Beklemmung, unheilschwanger ballte sich etwas in dem
Nichts, als ob aus Schwärze und Schweigen das Schicksal sich eine
Gestalt formen wollte.

Und riesenhaft, zermalmend, unabänderlich kroch es aus der Nacht hervor.

Sieh, in langer Zeile wälzte es sich stumm über den Damm, ein wogender
Heerwurm aus ununterscheidbaren Menschenköpfen, bis sich seine
hundertfältigen Schuppen eng, unlöslich um den Führer selbst geringelt
hatten.

In dem Störtebecker stieg eine Ahnung auf, das Weiß seiner Augen
verkehrte sich und glitzerte unheimlich in dem laut atmenden Kreise
umher.

»Was rottet ihr euch zusammen, Männer?« schrie er in unterdrückter
Vorahnung, da er selbst jetzt noch felsenfest auf das Wunder sowie die
Unantastbarkeit seiner eigenen Herrschersendung vertraute. »Warum
schafft ihr nicht jeder an seinem Platz?«

Da regte es sich um ihn. Wie, wenn durch seinen Trotz die letzte Klammer
erst vollends gelöst wäre, so drang Leben in den erstarrten Ring, und
während der markerschütternde gräßliche Schrei des Aufruhrs, der
überwundenen Furcht jene bis jetzt so eng verschnürten Kehlen sprengte,
da begann es über den vielen Köpfen zu sausen, hunderte von Hacken und
Schaufeln flogen wütend geschleudert hinaus in die klatschende See, und
ein einziges, freches, übertriebenes Gelächter erschütterte die Nacht.

»Wird nicht mehr geschuftet, du Leuteschinder,« so heulte, meckerte und
zischte es, und sie griffen nach den Fäusten des Überrumpelten und
hingen sich wie Eisengewichte an ihn, »wir wollen feiern und frei sein,
wie du. Mag wühlen und hacken, wer dazu geboren ist; wir sind streifende
Leute und fressen lieber, was andere gebaut haben. Wie hat Patrick
gesagt? Aus Kuhmist wird allemal kein Gold.«

Aus der Menge trat einer hervor. Es war der Tänzer Lüdeke Roloff. Schwer
stützte er sich auf seinen Knüttel, und durch das überhängende wirre
Haardach hefteten sich seine sonst so ungewiß flackernden Augen diesmal
hohl und verglommen auf den Anführer, den man jetzt von seinem
fürstlichen Sitz herabstoßen wollte.

»Herr,« holte der herkulische Schiffer langsam und wie nach sorgfältiger
Überlegung aus sich hervor. »Dein Wille war wohl gut. Aber es nützt
nichts. Es liegt an uns. Wem erst einmal das Brandmal des Unrechts und
der Ausgestoßenen eingesengt wurde, des Blut ist vergiftet, so daß er zu
nichts anderem mehr taugt als zum Würgen, Brennen, und Racheüben. Sieh
dich um, all diesen schmeckt die Arbeit bitter, denn wir lieben das
Leben mit seinen Schmerzen nicht, sondern wollen es eher um und
umkehren, damit es ein Ende nimmt. Bevor dies nicht geschehen, bleibt
doch überall ein Hoch und Niedrig, wie du uns selbst dafür ein Zeichen
bist.«

Der Sprecher reckte den Hals vor, und in seine Glieder geriet wieder das
merkwürdige Verlangen nach Tanz und erzwungenen Sprüngen.
Leidenschaftlicher fuhr er fort:

»Deshalb sind wir uns alle einig geworden, alle, alle, daß wir uns
fürder nicht länger von dir ins Joch spannen lassen mögen. Sondern wir
wollen als Schwarzbrüder, als schweifend Volk noch heute nacht auf die
Schiffe gehen, und du wirst uns führen, Claus Störtebecker.«

In dem Haufen begannen plötzlich wüste, jauchzende Stimmen zu singen:

  »Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn,
  Heißa -- heißa.
  Claus Störtebecker ist Kapitän.«

Doch mitten in der Melodie schnellte der schmächtige Arnold Frowein mit
einem windschiefen Satz aus ihren Reihen, und während die tiefen Falten
in seinem Antlitz unnatürlicher als je grinsten, da meckerte der
ehemalige Töpfer:

»Weißt was Neues, Claus Störtebecker? Hast uns belogen und betrogen!
Hast uns den Brief des Gödeke Michael verheimlicht. Wir kennen deine
Pfiffe. Wir aber wollen uns zu ihm durchschlagen, um wieder lustig
Gericht zu halten. Wir möchten Nacken brechen hören und Brustkörbe
verröcheln. Gericht -- Gericht!«

Und aus dem Haufen schlug es jetzt toll und grölend gegen den
Nachthimmel:

  »Dort richtet die Reichen an Leib und Seel,
  Der Gödeke -- Gödeke Michael.«

»Führt ihn fort,« befahl der Steuermann Lüdeke Roloff, auf den
Störtebecker deutend, »und haltet ein wachsam Aug' auf ihn. Die Torheit
liegt hinter uns.«

       *       *       *       *       *

Die Trommel scholl wie sonst, als der Zug mit dem Schritt vor Schritt
vor sich hinbrütenden Admiral das Deck der »Agile« betrat. Gleich einem
von eisernem Schlummer Befallenen war der Riese bis dahin von dem
Gedränge vorwärts geschoben worden, doch sein auf die Brust gesenktes
Haupt schien durch keinen Klang der Außenwelt mehr erreicht zu werden,
weil es verbohrt, in die Tiefe lauschend, einzig und allein dem
spukhaften Getriebe seines Innern nachspürte. Erst als der Haufe, schon
bedrückter und kleinlauter, die Kajütentreppe hinabgeströmt war, als das
glitzernde Licht der venezianischen Laternen das blauweiße Gewirke der
Wände beseelte, als der blinkende Glanz all der köstlichen Schüsseln und
Gerätschaften mitten aus der Ruhe des Raumes seine spitzen Pfeile gegen
die Sinne des Verdämmerten schoß, da hob der Riese mit einemmal sein
Haupt, blickte sich mit dem schweren Erstaunen eines aus einem Schacht
Aufgestiegenen um, und plötzlich empfing sein Bewußtsein oder sein
Eigenleben einen solchen Anstoß, daß er die Hände, die ihn noch immer
gefaßt hielten, mit einem wilden Ruck von sich abschleuderte.

In furchtbarem Ernst, die Zornadern hochgeschwollen, straffte er den Arm
gegen die Tür.

»Geht,« herrschte er sein Geleit an, das hier auf den Planken sich doch
wieder als Matrosen und der Macht dieses Einzigen unterworfen fühlte.
Bedrückt wichen sie vor der gräßlichen Verachtung, die ihnen
entgegenschlug, zurück. Ob sie auch den Ausbruch ihres Führers nicht
verstanden, der Hohn seiner Worte prügelte sie dennoch widerstandslos
die Treppe hinauf.

»Habt Dank, ihr schönen Adamssöhne, ihr Edlen, ihr Sauberen, ihr
Menschen,« raste der Störtebecker hinter ihnen her. »Gottlob, ich sehe
wieder, was ich sehe, ich rieche, was ich rieche, welche Wollust, die
Dinge in ihrer Nacktheit zu begreifen. Geht,« wiederholte er heftig,
»scheuert die Schiffe, bestückt sie, legt Proviant hinein. In acht Tagen
muß ich die Küste hinter mir haben. In acht Tagen längstens! Und dann
-- Gleichebeuter -- Gleichebeuter, Seeräuber, Rächer, Glückliche. Ha, ha,
allen guten Engeln sei Dank für das passende Wams! Und in die Kloaken
alle Gewänder der Verstellung.«

Es trat Stille ein, das letzte scharrende Geräusch der Entschwindenden
war erstorben, der Admiral und sein Knabe standen einander allein unter
den geschliffenen Gläsern der Laternen gegenüber.

Unbeobachtet, ungestört, denn der kleine Wichmann verbrachte diese Nacht
wieder bei den Freuden der Marienhavener Tavernen.

Umständlich, als wäre dies jetzt das wichtigste Geschäft, legte der
Heimgekehrte sein Lederwams ab, darauf hängte er seine Kappe sorgsam an
einen Nagel, alles Dinge, die er sonst seiner Bedienung überlassen. Zum
Schluß betastete er aufmerksam, mit einem hastigen Suchen das offene
Linnen über seiner Brust, bis er endlich auch über Schultern und Arme
seines Knaben strich. Alles ohne sich von der tödlichen Blässe seines
Gefährten abschrecken zu lassen. Dann, wie nach erreichtem Finden,
rüttelte er den Verstummten und raunte ihm zu:

»Lehm, Staub, Erde. Deine weiße Haut -- Täuschung, mein zierlich
Büblein. Merkst du es nicht, wie es darunter quillt und drängt vor
Sehnsucht nach dem Unflat? Warum betrügst du dich und mich mit
Eingebungen, die deinem Stoff zuwiderlaufen? Lache, Büblein, lache, die
Tollen werden wieder sehend und schämen sich ihrer zugeklebten Augen. O,
ich möchte meinen Kopf am liebsten in ein Kellerloch stecken.« Er
unterbrach sich und lauschte. »Hörst du, wie sie droben jubilieren und
tanzen? Das macht, der Dung will zum Dung, der Mist zum Mist. Allen
guten Engeln sei Dank, ich will sie hinwerfen, wo es am fauligsten nach
Verwesung dampft! Zucke nicht mit der Lippe, bei Gefahr deines Lebens,
Bube, widersprich mir nicht. Ich schwöre dir, wo ich noch einen
Wahnwitzigen treffe, der da meint, es ließe sich auch nur ein Haar auf
unserem Schopf in einen Goldfaden wandeln, den Roßtäuscher hänge ich
selbst an die Rahe und reiße ihm die Zunge heraus!«

Mit einem wiehernden, sich überschlagenden Gelächter warf er sich auf
sein Ruhelager und streckte sich aus, all die mächtigen Glieder
erstarben wie auf einen Schlag in Starrheit, und nur die unruhigen
schwarzen Augen wanderten noch unruhig an der Täfelung der Decke umher.
Kaum verständlich, stöhnend vor innerem Vorwurf stammelte er vor sich
hin:

»Patrick -- Patrick O'Shallo.«

»Was rufst du den Toten?« trat Licinius bebend näher.

»So jung noch,« flüsterte der Liegende unbeweglich weiter. »Und schon
solch ein Kündiger des Herzens. Ich wünschte, er stünde an deiner
Stelle, und ich wollte ihn herzen.«

Wieder wurde es ruhig. Man hörte nur das knirschende Stampfen droben auf
Deck.

Gleich einer Totenwacht lehnte Licinius am Fußende des Lagers und ließ
keinen Blick von dem Hingestreckten, der immer mehr in das stehende Blei
des Schlafes versank. Und derweil entglitt dem Wächter selbst der Boden
unter den Füßen. Betäubung und Klarheit wechselten in seinem Hirn, denn
vor ihm erhob sich die Gewißheit, daß dieser Erdengott, der vernichten
wollte, um zu erlösen, nun selbst zertrümmert lag, zermalmt von seiner
Sendung, die er lästernd und fluchend zurück in die Wolken entschweben
ließ. Und deshalb all die Geopferten? Die Mütter und Kinder von Bergen?
Die Ersäuften und Erschlagenen? Die Gehenkten wie Patrick? Und die
Verdorbenen wie Linda selbst? Vor ihrem irren Blick wallte ein
Leichenzug über die Erde, der folgte einem braunen Kreuz, dem rohen
Holz, das einst in Lindas Schlafkammer eingefügt war, und die Gerippe
wiesen alle mit Knochenfingern nach ihr hin, nach ihr, die allein
zurückgeblieben war, um eine Grube Unrates zu betreuen. Oder war es dies
üppige Polster, auf dem der Mann Vergessenheit suchte?

»Herr, Herr,« schrie sie auf. Doch sie wußte nicht mehr, welchen ihrer
Götter sie meinte. Benommen, schon halb entführt, entriegelte der
Schläfer noch einmal seine Augen.

»Komm, Lieblicher,« murmelte er.

Da stürzte Linda halb sinnlos vor dem Lager nieder, umschlang den Riesen
mit ihren Armen, wie man ein letztes Gut vor dem Untergang zu wahren
strebt, und all ihre unendliche Angst vor der verdienten Verdammnis
entlud sich herzzerreißend:

»Herr, entheilige dich nicht. Fliehe vor neuer Gewalttat und verkünde
irgendwo auf Erden, was dir offenbart wurde. Glaube, glaube, es ist der
Geist allein, der das Tote lebendig macht. Ich will dir dienen vom
Morgengrauen bis in die Nacht, wozu du mich auch bestimmen magst.«

Allein Claus war schon zu sehr in den Banden einer dumpfen Entwürdigung,
als daß er die Opferwilligkeit dieser einzigen Seele, die er je wahrhaft
verklärt hatte, anders als mit ungläubiger Geringschätzung aufnehmen
konnte. Seine Glieder lösten sich immer lockerer, und während er kaum
noch bewußt die blonden Haare des Hingestürzten streichelte, murmelte
er, oft unterbrochen und bereits in voller Entrückung:

»Narr, das Feuer dieses Sterns will gelöscht werden. Wer weise ist,
errafft noch aus dem Aschenhaufen einen letzten Genuß. Trunk -- Weiber
-- Raub -- Neckerei mit dem Tode -- das bleibt übrig. Herze mich, mein
Knäblein.«

Damit versank er.

Sein Wächter aber lehnte noch geraume Zeit dicht neben ihm an der Wand,
und je länger er über Vergangenheit und Zukunft brütete, eine desto
herbere Wandlung vollzog sich in dem bleichen Frauenantlitz. Jetzt
zeigte es sich, daß in jenem Wesen nicht nur das Göttliche des
hingerafften Mannes eine Wohnstätte gefunden, sondern wie auch
allmählich die Furchtbarkeit seiner Entschlüsse in ihm Wurzel geschlagen
hatten.

Prüfend trat sie näher und versuchte, ob ihr Gebieter noch einmal zu
ermuntern wäre. Allein der Riese ruhte, ein Bild finsterer Zerklüftung.

Da sprach sie ihm laut ins Antlitz, als ob er es dennoch vernehmen
müsse:

»Du wirst nicht zurückkehren zu den Knechten des Lasters, Claus
Störtebecker. In der Unschuld deines Wollens wirst du hingehen. Möge der
Himmel dir gnädig sein.«

Eilig bedeckte sie sich mit der Lederkappe des Störtebecker, warf seinen
Schafpelz um, und bald glitt ein Boot unauffällig die dunkle Hafenstraße
hinab. An der Kogge des Wichbold, des angeblich Kranken, machte es fest.
Dort haftete es bis zum Morgengrauen.



V.


»Kapaunen -- Kapaunen mit süßem Kuchen gefüllt -- bringt mir mehr davon!
Und du, Stadtwaibel, vergiß nicht den öligen roten Wein,« so schmatzte
und schnaufte in einer der braungeräucherten Kammern des Hamburger
Rathauses an einem der letzten Septembertage des Heilsjahres 1402 der
dicke Wichbold, und in der Wonne über die ausgewählten Leckerbissen, die
gebraten und gesotten dicht um ihn herum den Tisch bevölkerten, knöpfte
er sich ein paar Seitenknöpfe seines verschossenen grünen
Schifferkittels auf und schuf Raum für weitere Genüsse. Neugierig
verschlang er bereits mit den Augen einen der roten Hummern, der auf
silberner Schüssel liebevoll seine Scheren nach ihm breitete.

»Gut, gut,« belobte er kurzatmig den ihn bedienenden gebückten
Stadtwaibel, der während dieses ganzen Imbisses ein eigenartiges Grinsen
in dem weiten schwarzen Kragen seines Wamses verschwinden ließ. »Ihr
guten Bürger von Hamburg wißt, was ihr einem frommen Seefahrer schuldig
seid. Bei Sankt Paul, soll euer Schade nimmer sein. Will euch redlich
vergelten. He,« erinnerte er sich, nachdem er wieder einen vollen Guß
des dicken Italerweines in sich hineingeschüttet, »weißt du schon, mein
Lieber, wo euer Gast heute nacht hausen wird? Wäre mir wohlgefällig,
wenn ich einen Gebetschemel vorfinden würde, denn ich habe der heiligen
Anna bei gefährlicher Fahrt eine Nachtwache gelobt.«

Auf diese Frage des alten Helden versank das Kinn des Waibels abermals
tief in die Schwärze seines Kragens, und es dauerte geraume Zeit, bevor
er sich auf eine würdige Antwort besinnen konnte.

»Ich hörte,« bückte er sich, »der Rat rüste ein eigen Haus für euch.«

Verwundert quollen dem Schmausenden die Augen aus dem Kopf. Auf so viel
Ehre war er nicht gefaßt, und betroffen berechnete sein listiger
Verstand eine Weile, ob seine Geheimnisse wirklich für die geizigen
Krämer so hoch im Preise stehen könnten. Allein die Köstlichkeit des
Mahles, sowie die ganze achtungsvolle Art seiner Aufnahme zerstreuten
dem Dicken die aufsteigenden Zweifel bald wieder, so daß er sich eben
mit gesteigerter Aufnahmefähigkeit an die Vertilgung des Hummers begeben
wollte, als ein Gewappneter eintrat. Der stieß seine Hellebarde auf den
Estrich und meldete:

»Anjetzo ladet euch der würdige Bürgermeister Tschokke zum Verhör.«

»Nun, nun,« zwängte sich der Wichbold, von neuem gestört, hinter dem
Tisch hervor. »Was faselst du, Freund? Um ein Verhör handelt es sich
nicht, da ich dem Rat gegen freies Geleit eine Unterredung angetragen.«

»Weiß nicht,« versetzte die Wache barsch.

Hinter der Tür schlossen sich dem Zuge noch einige der schwarzen
Hellebardiere an, und während der Wanderung durch dunkle Gänge und über
windschiefe Treppen, da begannen dem grauhaarigen Sünder die alten
Kopfwunden zu pochen, und das Herz krampfte sich ihm in feiger Ohnmacht,
ob sein Rachegelüst ihm nicht doch einen allzu närrischen Streich
gespielt. Allein kaum hatte er den weiten niedrigen Ratssaal betreten,
da schöpfte er neues Vertrauen, denn an einem grün verhängten Tisch an
der Fensterseite saß ein einzelner Mann, der die Stadtknechte durch eine
müde Handbewegung abtreten hieß.

Sie blieben allein.

In dem einsamen Raum summte eine Schar Fliegen unter der Decke umher,
und durch die vergitterten Fenster drang zuweilen Wagenrollen und das
Geräusch einer handeltreibenden Gemeine. Alles schien friedlich,
besonders aber der Mensch hinter dem Tisch. Über dem karmoisinfarbigen
Kragen seiner schwarzen Ratsgewandung hob sich ein ehemals volles, jetzt
faltig gewordenes Haupt, und seltsam, auf die harte Stirn fielen dem
noch Unbetagten grauweiße Haare. Der Mann mußte frühzeitig gealtert
sein.

Mit einemmal richtete der Würdenträger ein paar stahlblaue Augen auf den
Freibeuter, und in diesem Blick wohnte etwas so Kaltes, Abschätzendes,
daß den Fettwanst zu frösteln anfing. Auch behagte es ihm wenig, daß man
ihn nicht zum Sitzen einlud, obwohl man einen mächtigen Lederstuhl
hinter ihn geschoben hatte.

»Wer bist du?« hob der Bürgermeister ruhig an.

»Ich?«

Der Dicke gab sich ein Ansehen. »Ich bin der Hauptmann Wichbold,«
pustete er sich auf, faltete aber zugleich demütig die Hände über dem
Leib, »ein Knecht Gottes, der mit Freibriefen von Rostock und Wismar die
gute Stadt Stockholm entsetzte. Zuletzt führte ich zu Nutzen des
gemeinen Mannes die 'goldene Biene'.«

Das unbewegte Antlitz des Hamburger Gebietenden veränderte sich nicht im
geringsten bei dieser harmlosen Schilderung; gleichgültig in ein paar
Pergamenten stöbernd, erwiderte er:

»Ich kenne deine Taten. Du kommst vom Störtebecker.«

»Den Gott verdamme,« schaltete hier der Hauptmann ein, indem die roten
Narben zwischen seinem grauen Haarwulst aufzuglühen schienen. »Möge
dieser Leuteverderber ein unrühmlich Ende finden.«

»Was weiter?« drängte der Bürgermeister, eine große Schwanenfeder
putzend.

Jetzt sah der Dicke ein, daß er seine Karte spielen müsse, wenn er nicht
jede Bedeutung oder Wichtigkeit verlieren wollte. In heiliger Entrüstung
wiegte er deshalb sein plumpes Haupt, und seine aufgeworfenen Lippen
zuckten vor innerer Bedrängnis, als er zerknirscht anhob:

»Euer Würden, nicht jedem sieht man an, welchem Herrn er dient. Der
meine -- gelobt sei sein Name in Ewigkeit -- hat mich nicht umsonst durch
Undank und Schmach gewälzt, durch Eiter und Schwären, so daß meine Seele
bereit ist zu Besserung und Einkehr.«

»Mann, verkünde jetzt kurzfertig, was du uns zu hinterbringen gedenkst,
sonst -- --«

»Herr,« ereiferte sich nun der Wanst gereizt, wobei alles Salbungsvolle
ungewollt von ihm abfiel, »ich bringe Euch, was mehr ist als Euer Bier,
Leder, Erz oder Getreide. Und Ihr werdet es mir gern nach Gebühr lohnen
-- --«

»Des sei gewiß,« lehnte sich der Aldermann bestimmt zurück.

»Gut, gut -- so liefere ich Euch den Erzfeind Eures Handels und
friedlicher Schiffahrt in die Hände, damit diese Plage des
Menschengeschlechts, nachdem ich sie bußfertig als solche erkannt, nicht
fürder durch Prunk, Laster und Hurerei allen Gesetzen Hohn spreche.«

Als der unselige Lebenswandel des Störtebecker erwähnt wurde, da
verfielen die Züge des Mannes hinter dem Tisch zum erstenmal zu einer
seltsamen Starrheit. Eine wächserne Leblosigkeit ließ sie für den
Augenblick fast durchsichtig erscheinen, und er verdeckte die Augen mit
der Rechten, bevor er dem Freibeuter ein Zeichen gab fortzufahren.

Dieser ergötzte sich an dem sichtlichen Eindruck, und rasch und kollernd
folgte nun sein Vorschlag.

»Herr,« grunzte seine Säuferheiserkeit, und die verschwollenen Äuglein
glitzerten dazu, »in spätestens vier Tagen macht der Störtebecker in
Marienhaven klar, um sich zum Gödeke Michael durchzuschlagen. Aber seine
Flotte ist bemoost, zudem nur halb bestückt, seine Mannschaft schwierig,
auch die Friesen in seinem Rücken grollen dem wahnwitzigen Schwärmer, da
sie sich die verkauften Ländereien gern wieder aneignen möchten. Wenn
Ihr die Zeit nützt, dann könnt Ihr ihn noch zwischen den Inseln
abfangen. -- Ich selbst will -- getrieben von meinem Gewissen -- Euch
Führerdienste leisten -- und dann mögt Ihr den Verkünder eines
gotteslästerlichen Zeitalters, mögt den Verbreiter aller stinkenden
Lüste foltern, pfählen und schmerzhaft zum Tode bringen.«

Er atmete schwer und befriedigt.

Auch Herr Nikolaus Tschokke stützte sich auf den Tisch und hielt sein
ergrautes Haupt eine Weile verdeckt über seinen Pergamenten. Dann erst
äußerte er wie nebenbei:

»Deine Angaben treffen nur halb zu. Der Störtebecker wird nicht zum
Gödeke segeln.«

»Mit Verlaub, warum nicht?«

»Weil man die Toten nicht besucht. Das Haupt des Michael verwest schon
zwischen den Vierpfählen auf unserem Grasbrook[*].«

  [*] Die Richtstätte zu Hamburg.

»Aller Himmel Gerechtigkeit,« stammelte der Freibeuter. Offenen Mundes,
grüne Fahlheit auf dem schwammigen Fleisch, sank er ohne Einladung in
dem großen Lederstuhl zusammen, denn eine düstere Befürchtung für sich
selbst ließ ihm die Brust still stehen. Welche Verdienste würden diese
Krämer wohl noch achten, wenn sie es wagten, den mächtigsten
Seeherrscher der damaligen Zeit, den Verbündeten von Königen und
reichen Städten gleich einem gemeinen Straßenräuber der Schmach und dem
Schwerte preiszugeben? »Sankt Peter gewähre mir bei der Urständ ein
leichtes Erwachen,« stöhnte er geistesabwesend, und seine Angst ließ den
Verwirrten nach Rechtsgründen suchen, »gelten denn keine Freibriefe
mehr? Der Michael lag mit Euch in ehrlicher Fehde!«

Als hätte der andere keinerlei Einwand erhoben, so stutzte der
Bürgermeister kaltblütig weiter an seiner Feder herum, bis er endlich,
ohne den Versuch einer Rechtfertigung, den Schwanenkiel fortwarf, um von
neuem zu beginnen:

»Tu mir jetzt kund, wer bürgt mir dafür, daß deine Angaben der Wahrheit
entsprechen? Hast du ein Zeugnis, wie weit man dir und deinesgleichen
trauen darf?«

O, der allerheiligsten Jungfrau sei Dank, jetzt nahte die Rettung.
Befreit atmete der Dicke auf, wischte sich die runden Schweißtropfen von
der Stirn, und während er hastig und doch unendlich erleichtert ein
dünnes Goldkettlein aus seinem Kittel nestelte, raffte er seinen
gebrochenen Körper wieder zuversichtlicher empor.

»Hier, Euer Würden,« versuchte er vertraulich zu lächeln, obwohl es
immer noch eine angestrengte Grimasse blieb, »dies gab mir eine gar
zarte Dirn für Euch mit, damit Ihr erkennt, daß all meine Worte aus
ihrem Munde stammen. Schon lange haust sie bei dem Störtebecker, dieweil
er ihr schändlich Gewalt angetan und sie auch jetzt sonder Zucht noch
Scham in Mannskleidern mit sich schleppt. Ist gar ein Elend, dies fein
Ding zu sehn. -- Hier -- hier -- überzeugt Euch.«

Mit zitternden Fingern legte er das Kleinod dicht vor den Würdenträger
auf den Tisch.

Herr Nikolaus Tschokke aber rührte sich nicht. Nur von der Seite
schickte er einen fast furchtsamen Blick nach dem Schmuckstück aus, um
zu prüfen, ob wirklich die Schaumünze an dem Kettlein hing, die Linda
einst als Kind aus den Händen seines Vaters empfangen. Und als er die
Echtheit des Stückes festgestellt, blieb er unbeweglich sitzen und
schloß von neuem die Augen. Nur einmal zuckte seine schon geöffnete Hand
von dem Schmuck zurück, als ob Befleckung und Krankheit an ihm hafte.

Dem Wichbold aber entging die eigenartige Schwäche des Mannes nicht.

»Nun,« forschte er selbstbewußt, »traut Ihr dem Ding da?«

Das blasse Antlitz mit den geschlossenen Augen nickte.

»Dann lohnt mir nach Gebühr,« heischte der Wichbold jetzt frech, denn
die Habsucht verführte ihn, und er schlug mit der Faust auf das grüne
Tuch. »Wie wollt Ihr mich bezahlen?«

»Wie du's verdienst,« drang plötzlich eine Stimme durch den stillen
Raum, die aus dem Himmel zu fallen schien, so wenig traute man dem
beherrschten Stadtgebieter eine derartig stählerne Leidenschaft zu.

Was bedeutete das?

Stier, mit einem eigentümlichen Schlottern in den Knien schaute sich der
Freibeuter um. Ehe er sich noch auf sich selbst besinnen konnte, auf den
Ort, wo er weilte, an den hartgeschnitzten Bürger, mit dem er einen
solch gefährlichen Streit ausfocht, da war ein bis ins Hirn reichender
Blitz durch ihn gefahren, der schleuderte den schwammigen Leib des
Schuimers widerstandslos in den Sessel. Er wollte die Hände ausstrecken,
er vermochte es nicht. Er wollte irgend etwas vorbringen, am liebsten
ein Flehen um Gnade, statt dessen zwang ihn seine grausige
Willenlosigkeit nur zu einem mühsamen Lallen.

Der Bürgermeister hatte sich erhoben, seine kalten blauen Augen
schnitten prüfend in die Qual seines Gegners, er winkte, die Scharwache
quoll zur Tür herein, und auf ein neues Zeichen des Graukopfes hob sie
den Stuhl samt seiner Last in die Höhe und trug die gelähmte, zur
Schweigsamkeit verdammte Masse mit sich fort.

Eine Weile blickte ihnen der Bürgermeister regungslos nach, dann ließ er
sich nieder, schob das Kettlein weit von sich und führte seinen
Schwanenkiel kritzelnd über das Pergament.

       *       *       *       *       *

Auf den Schiffen zu Marienhaven klopften inzwischen die Hämmer, Sägen
knirschten, fauliges Holz wurde ausgewechselt, die Seiler lieferten neue
Taue, und die Weber halfen, die rötlichen Segel auszuflicken. In
überraschend kurzer Zeit bekleideten sich die abgetakelten Gerippe mit
jener Haut und allen Nerven, welche die toten Meervögel wieder zum Flug
befähigten, ja, die springend fieberhafte Ungeduld ihres Führers konnte
man förmlich in den gewaltigen Holzleibern pochen und schwingen hören.
Den Mächtigen aber, dessen Wink sich all diese unbotmäßigen, nach
fesselloser Freiheit trachtenden Gesellen von neuem verschrieben hatten,
der Wilde, Zügellose, von dem sie meinten, er allein könne ihre
Sehnsucht nach Raub, Vergeltung und schrankenloser Besitznahme aller
Güter der Erde gewährleisten, ihn trieb es in diesen Tagen der
Vorbereitung ungestümer und wüster denn je umher. Oftmals mußte sich
Licinius, der aus der Ferne jeden seiner Schritte überwachte, unter
zehrenden Tränen bekennen, daß die Schmach verflatterter Hoffnungen oder
die Scham, vor der Menge unterlegen zu sein, in dem Gebieter nichts
anderes ausgelöst hätte als die Gier, all jenes Strahlende in sich
auszulöschen, das ihn bisher von den Verderbten unterschied. Nächtelang
praßte er mit allerlei verkommenem Frauenvolk in den Tavernen des
kleinen Fleckens, ja, er veranstaltete sich zur Lust Einbrüche und
Diebstahl in den Werkstätten und Läden der Eingeborenen, um freilich die
davon Betroffenen gleich darauf in irrsinniger Freigebigkeit wieder zu
entschädigen. Das Fürstliche des ehemals so Gottgesegneten äußerte sich
nur noch in Verschwendung oder in der Sucht, die Verderbnis der
Herrschenden zu übertreffen.

Kam er dann abgezehrt, mit tiefliegenden, flackernden Augen auf die
»Agile« zurück, dann erfrischte er seinen Geist nicht etwa, wie früher,
an dem Studium der Dichter und Philosophen, die er einstens so fröhlich
durchstöbert, sondern er strich, gleich einem gefräßigen Wolf, auf Deck
umher, um schimpfend und wetternd Fehler und Unterlassungen aufzuspüren.

»Fertig -- fertig,« das war das einzige Wort, das er von den fieberhaft
Beschäftigen erpressen wollte. Dazu schlug und mißhandelte er die
ergrimmten Matrosen, wozu der Vornehme sonst nimmer seine Hand
mißbraucht, oder er zwang seine Unterführer, daneben aber auch gemeines
Volk, zu Zechereien und waghalsigem Kartenspiel, bis die minder
Ausdauernden, von seinem Hohngelächter verfolgt, unter den Tisch der
prunkhaften Kajüte fielen.

Es war klar, der Wein dieses Lebens wurde schal und ging in Zersetzung
über.

Einmal fragte ihn der kleine Wichmann, der selbst diesen Verfall seines
Zöglings mit der Aufmerksamkeit eines messenden und vergleichenden
Gelehrten beobachtete:

»Wohlan, Cläuslein, zu welch letztem Ziel voll Purpurglut und betörender
Klänge willst du uns nunmehr steuern?«

Das Ende eines jener übermäßigen Gelage war gerade herangenaht, so daß
der Riese mit dem ehemaligen Magister nur noch allein hinter der
weinbesudelten Tafel lehnte. Aus seinen Grübeleien aufgeschreckt, hob
der Störtebecker das Haupt und strich sich die wirren Locken aus der
Stirn. Offenbar mußte die Frage des Zwerges in einer sehr ähnlichen Bahn
laufen wie seine eigenen Gedanken, denn der benommene Mensch griff nach
der winzigen Hand seines Gefährten, als wolle er sich überzeugen, ob
Fleisch und Bein jene Auskunft von ihm verlange. Dann sprach er, den
Kopf gestützt, mit einem zerrissenen, nach innen dringenden Lächeln:

»Heino, hast du jemals an das Aufhören dieses ganzen Gewimmels gedacht?
Welche Ruhe muß kommen, wenn das Erdherz seinen letzten Schlag tut.« Er
riß sich die rote Schecke über der Brust auf, um an sein eigenes
Schlagwerk zu greifen. Das hämmerte laut und stürmisch. »In den
Eismärchen unserer Vorfahren, so man auch hierzulande noch erzählt,«
fuhr er dann in sich gekehrt fort, »läuft ein Wolf herum, der die Sonne
verschlingt und nicht satt wird, bis er alles Leben gefressen. Ich kenn'
nunmehr das Untier, Heino. Es ist dein und mein Geschlecht und heißt
Mensch. Es stürmt nach der Vernichtung. Welch ein Helfer würde der sein,
der ihm den Weg dazu erleuchtet! Bruder,« und dabei zerquetschte er fast
den Becher in seiner Faust, »ich möchte das von Teufeln bewohnte Reich
an allen vier Ecken anzünden und dann, wie jener Sardanapal, mit
Weibern, Suff und Spiel zur Asche fahren.«

Hinter ihm folgte diesem wütigen Begehren ein unbewachter Seufzer. Der
Zecher fuhr herum und begegnete dem übernächtigten Antlitz seines
Knaben. Allein der trauervolle Blick verschlimmerte des Seefahrers üble
Laune noch um ein Bedeutendes.

»Dummer Bube,« herrschte er ihn an, »was starren deine Augen gleich zwei
offenen Gräbern? Bete den Tag an, schlemme und füge deiner Natur keine
Gewalt zu. Willst du, daß dich einst die Würmer verachten, die den
Schluß machen? Heißa, vergeude, womit du jetzt sparst, und singe
Schelmenlieder.«

So trieb es der Zertrümmerte seinen Nächsten zum Ärgernis, und je näher
der Tag der Abfahrt rückte, desto gieriger fahndete seine Lüsternheit
danach, dem Lande, das er preisgeben mußte, allerlei letzte Genüsse zu
entlocken.

Was fehlte ihm noch?

An einem Spätnachmittag bemerkte man von den Schiffen im Hafen, wie der
Reisewagen der Häuptlingsfrau van Neß langsam die Höhe der Brokeburg
hinaufknarrte. Da fuhr der Admiral wie gestochen mitten aus dringenden
Anordnungen empor und winkte heftig einen der Schiffsjungen zu sich.
Jähe Röte flackerte in seinen Zügen, denn er schämte sich fast, daß er
gerade dasjenige unvernichtet zurücklassen sollte, was seine Flamme
schon so nah umzüngelt.

»Geh,« befahl er ohne Rücksicht auf die Umstehenden, zu denen auch
Licinius gehörte, »melde dem Häuptlingsweib, ihr Wunsch sei erfüllt. Die
Flotte laufe aus. Darum lade sie der Admiral zu einem Abschiedstrunk auf
die »Agile«. Sage, es solle ein ihr würdiges Fest werden.«

Ungeduldig warf er dem Boten ein Silberstück zu, dann schrie er dem
Davonspringenden noch über Bord nach:

»Schone deine Lunge nicht, Bursche. Lobe und rühme mich. Es hat Eile.«

       *       *       *       *       *

Schweigsam hatte die schöne Occa die Botschaft angehört. Jetzt saß sie
an dem Ausguck ihrer Kammer, von wo sie die Lichter der Flotte durch
die Dämmerung zucken und blinken sah, und ihr eitler Sinn überlegte,
welchen Entschluß sie fassen sollte.

Die Einsamkeit tat ihr nicht wohl. Voller Dunkelheit hing der Raum, in
dem sie weilte, und nur aus ihrer offenstehenden Schlafkammer schwamm
der trübe Schein eines Öllämpchens herüber. Allein die spärlichen
Strahlen trugen ihr noch etwas Besonderes herzu. Jetzt, da der
Augenblick herannahte, wo der glänzende Freibeuter, der Mann des Zufalls
und des Abenteuers in das Ungewisse seiner gefährlichen Laufbahn
hinausgerissen wurde, jetzt, wo man den Sagenumwobenen leicht für immer
verlieren konnte, mit dem ihre Einbildungskraft nicht allein oft
gespielt, sondern dessen schicksalsgestaltende Mannheit sie sich bereits
durch ihre Künste gefügig gemacht zu haben glaubte, da kam ein bitteres
Erinnern, ein Vergleichen über die Verkaufte, und ihr bisheriges Dasein
erschien ihr nicht mehr so spielerisch und harmlos wie früher.

Seltsame Gestalten tauchten aus dem matten Schimmer zu ihren Füßen.
Zuerst glaubte die Verlassene, die flüchtigen Lichtflecke formten sich
zu einem menschlichen Klumpen, und obwohl ihre Sinne unerschrocken und
grobkörnig waren wie die der meisten Frauen ihrer Zeit, so rückte sie
doch belästigt zur Seite, als sie der Täuschung unterlag, das Ferkel
kröche auf sie zu, um sein Borstenhaupt tierisch an ihrem Knie zu
reiben. Die dunstige Wärme wurde ihr zuwider.

»Mach fort,« scheuchte sie das allzunahe Phantom und -- erwachte.
Offenen Auges sann sie dann weiter in die Nebelluft des versunkenen
Tages. Dort drüben zwischen den dämmernden Lichtern harrte ihrer jetzt
gewiß der Riese, denn hinter seiner Einladung -- das wußte sie -- lauerte
sicherlich der Wunsch, sie endlich in seine Arme zu schließen, um sie zu
unterjochen. Niemals hatte er ein Hehl aus seinem brennenden Verlangen
gemacht, ebenso wie sie selbst kaum aufgehört, durch ein lässiges
Versagen sein Gelüst zu schüren.

Versonnen lächelte die Goldblonde und stützte ihren Arm auf die
Mauerplatte. Ein unendliches Wohlgefühl verursachte es ihr, sich dies
alles vorzustellen. Ungebrochen war sie noch, und gerade ihre Freiheit
sowie die Geschicklichkeit, mit der sie ihr höchstes Gut verteidigte,
sie erfüllten sie mit einem herben Stolz. Aber während ihr jetzt die
feuchte Seeluft die Wangen kühlte, da begann in ihren Gedanken jener
heimlich nagende Ehrgeiz zu schmerzen, den sie von ihrem tollen Vater
geerbt, und allerlei weitmaschige Pläne von möglicher Größe und
künftiger Herrschaft knüpften das Netz zwischen ihr und dem Entfernten
enger. Wenigstens versuchte die Schwankende, sich jenes unerklärliche
Treiben und Drängen in ihrem Blut so auszudeuten. Warum sollte sie nicht
die Kräfte jenes Unbändigen sich dienstbar machen, der mit Schätzen,
Fürstentümern und Kronen so unbesorgt spielte wie sie mit den
Huldigungen vernarrter Männer? Warum sollte sie nicht den Fuß auf jene
Hand setzen, die sie hoch ins Licht heben wollte? Unermeßlich hoch
vielleicht. Draußen in der Welt war man gerade dabei, einen König
zwischen Schloß und Mauern verhungern zu lassen. Wohin konnte ein
Kühner, den die Goldfäden des Volksliedes schon umspannen, nicht kecken
Fußes gelangen? Namentlich wenn ein begehrtes Weib ihm List und Tollheit
ins Ohr wisperte? Vielleicht war sie überdies schlau genug, selbst jenen
Gewalttätigen noch einmal zu mäßigen. Gerade dieses letzte, dieses
ungewisse, gefährliche Spiel reizte, wie sie meinte, ihre
Unternehmungslust aufs äußerste.

Ja, sie war entschlossen, und während sie hastig in ihre Schlafkammer
eilte, um sich heimlich und einsam anzukleiden, da überfiel sie der
ganze, von ihr kaum gekannte Rausch, den ein Weib zu erregen und
mitzuteilen vermag. Eine Metallscheibe zeigte ihr ihre Gestalt, und sie
genoß dabei die Wonne, ein unsichtbares Schwert um ihre Hüften gegürtet
zu tragen, das auf ihren leisesten Wunsch blutige Gesetze schreiben
würde.

In diesem Augenblick umfing sie den Fernen und lehnte ihr Haupt an seine
Wange.

Sorgsam wählte Occa ihr schönstes rotes Fältelkleid aus Leyden, und als
sie es mit geschwinder Hand angelegt, da empfand sie selbst voll
Befriedigung, wie der starre Goldschmuck des Gewandes, der sich über
ihrer Brust zu einer Art Sonne verdichtete, den Strahlenkranz des
Reichtums um sie schloß. Noch einmal spähte sie vorsichtig aus dem
offenen Fenster, allein auf dem dunkelfeuchten Burghof war keine Seele
zu erspähen, sie hörte nur, wie die Windsbraut von der Linde Wolken
dürrer Blätter abtrieb, um darauf mit dem Kehricht tief unten auf den
Steinen umherzukichern. Nun galt's!

Hurtig warf sich Occa ihren grünen, gleichfalls über und über mit
Goldblechen besäten Mantel um, zog ihn nach der Sitte der Friesinnen
über das Haupt und huschte leichten Fußes die Steintreppen hinab. Wie
ungewohnt ihr dabei das Herz hämmerte, wie angestrengt ihre Brust
atmete, und doch erinnerte sie sich nicht, jemals eine ähnliche Lust
gekostet zu haben. Weiter, weiter, damit ihr jenes fremdartig
beglückende Sehnen nicht etwa noch zuletzt durch irgendein Hindernis
gehemmt würde. Jetzt schlich die dunkle Gestalt bereits über den Hof,
nun drückte sie gegen das Pförtlein der Mauer. Gottlob, es war offen.
Von der Anhöhe überschaute die Broketochter noch einmal das nächtige
Gefilde. Der Meerwind, der über das Flachland pfiff, blähte ihren
Mantel, die bunten Lichter der Flotte stiegen auf und ab wie ungeheure
gebändigte Leuchtkäfer. Dies war die Sprache, in der der Störtebecker zu
den Seinen redete. Aber plötzlich zog ein eigenartig überlegenes
Lächeln um den Mund der Flüchtigen, genau so, wie durch die Signale dort
unten die Nacht erhellt wurde; wie, wenn der unbeherrschte Mensch, den
sie zu versuchen gedachte, sie nicht mehr aus seiner Gewalt entließe,
wenn er sie mit sich schleppte? -- O Schmach, ihr Stolz litt es nicht,
sich solch einen Niederbruch vorzustellen, und der goldene Stirnreif,
den ihr das Abenteuer noch eben entgegengereicht, er erblindete sacht in
dem feuchten Nebel der Finsternis.

Eben wollte sie ihre Gewandung schürzen, um desto ungestörter wieder den
Fahrweg hinaufeilen zu können, da stutzte sie, und im ersten Schrecken
stürzte ihr der Mantel vom Haupt. Hilf Himmel, dicht unter ihr knarrte
etwas Ungefüges aus der Schwärze hervor, das durchdringende Quietschen
trockener Räder meldete sich, und ehe Occa noch den Entschluß fassen
konnte, wieder durch das Tor zurückzuschlüpfen, wurde ihr Antlitz von
dem Flackerschein einer Fackel übermalt. Ein Knecht trat hinter dem
Wagen hervor. Der hielt ebenfalls inne, als er seine geschmückte Herrin
gewahrte. Unter dem Leinendach aber grunzte wie in Spuk und Traum jene
viehische Stimme, vor der ihre Jugend eben noch voll Widerwillen
geschaudert hatte. Stumm, unbeweglich mußte das schöne,
fackelbeleuchtete Bild mit ansehen, wie zwei Wäppner die gemästete
Rundung des Ferkels von dem Gestell herabhoben, watschelnd kroch das
Ungeheuer auf sie zu, dann weidete es sich lange an der Pracht und dem
Schmuck der Wegbereiten, während die schmalen Schweinsäuglein fast
hämisch dazu glitzerten. Endlich schnaufte der Klumpen so sanft er
vermochte:

»Wohin, mein Trautchen?«

»Zum Störtebecker,« brach Occa zornig aus, da sie es verschmähte, vor
ihrem Gatten Geheimnisse zu bergen.

»Recht,« nickte der Sternendeuter beifällig, als wenn nicht das
geringste an dem Betragen seines Weibes auszusetzen wäre, »dacht ich mir
doch, daß ich dich warnen müßte.«

Dabei griff seine schwammige Rechte nach dem Arm der Schönen, schob sich
selbst dicht unter ihren Mantel und drängte die noch immer
Widerstrebende auf diese Weise mit sich in den Hof. Erst unter dem
Hauseingang löste sich der Fettwulst von seiner Begleiterin, um
schnaufend gegen den bedeckten Himmel zu weisen.

»Was schaust du dort oben an dem Bogen des Wechsels?« stöhnte er
bedeutungsvoll, und es sah beinahe grausig aus, wie die fette Ungestalt
mit der Sicherheit des Besitzers die Hand gegen das finstere Gewölbe
reckte, als wollte er dort droben einen Schrein voll Kostbarkeiten
aufschließen.

Doch Occa brachte seiner Wissenschaft nicht die von dem Ferkel
gewünschte Verehrung entgegen.

»Ich sehe nur, daß es regnen wird,« erwiderte sie spottend und wollte
sich abkehren.

Der Klumpen aber hielt sie zurück.

»Leichtfertig Kind,« grunzte er, »und ich hab' deinetwillen die
schmerzhafte Fahrt angetreten. Siehst du nicht, wie das Siebengestirn
drohend nah gen Luna rückt? Und wie von der anderen Seite das Gewimmel
der Plejaden gegen die Sichel drängt? Das bedeutet Abnahme und Tod eines
Mächtigen. Übermacht rottet sich zusammen. Mit vierzig Koggen segeln die
Hamburger schon in Sicht der Inseln, so daß es kein Entrinnen mehr gibt.
Wer in Marienhaven morgen Wäsche spült, wird sie rotgefärbt
herausziehen.«

Da lehnte sich Occa sprachlos gegen den Torpfosten, aber wunderlich,
ihre heiße Regung verflüchtigte sich überraschend schnell vor dem
Heranziehen des Ungemachs oder des Zusammenbruchs, so daß es fast nur
noch der Schreck über ihre eigene Verbindung mit dem Gezeichneten war,
der ihr ein Zittern einflößte.

»Wer trug dir dies alles zu, Luitet?« fragte sie um vieles
vertraulicher.

Der Dicke streichelte sacht ihren Mantel, bevor er zögernd, aber mit
einem schlauen Blinzeln in den Schweinsäuglein erwiderte:

»Lasse mir meine Erkenntnis gern nachprüfen, Occa. Bin nicht stolz
darauf. Diesmal taten es eine Anzahl von Fischern, die Hisko in Sold
hält. Ja, der Pfaffe hat den Hansen sogar schon einen Unterhändler
entgegengeschickt.«

Als das geschmückte Weib diesen nackten Bericht über Abfall und nahende
Schande überlegte, da überkam es beinahe eine Art Dankbarkeit für den
rechtzeitigen Warner. Übermütig, wie sonst, klopfte sie ihm die feiste
Wange.

»Bist doch ein klein kluges, nachdenkliches Vieh,« lobte sie ihren
Eheherrn und versetzte ihm einen leichten Schlag, der das Ferkel jedoch
befriedigt aufbrummen ließ. »Komm, ist kalt hier. Die Mutter soll dir
warmen Wein in den Trog schütten.«

Schritt vor Schritt zog sie das schwankende Ungeheuer die unbequemen
Treppen hinauf. Aber noch während des schwierigen Hinaufklimmens hing
sich der Klumpen fest unter ihren Arm und schnaufte recht aus
Herzensgrund, fast wie ein ehrlicher Beichtiger, der seinem Seelenkind
zuredet:

»Meinst du nicht, Liebe, daß dieser Gottversucher mit Recht Pein und
Block verdient? Gibt es wohl ein boshafter Beginnen, als die frommen
Satzungen von reich und arm umzuwühlen, so daß schließlich der
Edelingsrock auf deinem schönen Leib nicht mehr gilt als der
Bettlerkittel?«

»Komm, komm,« rief Occa schaudernd, »laß uns am warmen Feuer
niedersitzen. Und dann wollen wir der Ausgeburt eines Tollwütigen für
immer vergessen.«

       *       *       *       *       *

Die grünen und roten Lichter zogen flußabwärts. Eine langsam gleitende
Bewegung war in die hölzernen Massen geraten, und während die Ungetüme
im Schein ihrer Laternen, schattenhaft nachgebildet und wie flach über
das Land hingeworfen, ihre huschende Wanderung antraten, da schrillte,
trillerte und pfiff es von allen Seiten durcheinander, als wenn die
großen Vögel nunmehr auch ihre Stimmen wiedergewonnen hätten, damit sie
sich gegenseitig warnen könnten. Allein es handelte sich um keinerlei
Vorsicht, denn dies war der Gesang des Angriffs, des Stoßes und des
Ausbrechens aus dem Käfig. Zur selben Stunde, da Occas Eheherr ihr die
dunklen Sprüche des Himmels offenbarte, da standen drei
Snykenführer,[*] die schon seit Tagen draußen auf offener See
Vorpostendienste leisteten, vor ihrem Admiral, und das, was sie
meldeten, das war der Ruf des Lebens und des Todes zugleich, das war die
ernste unerbittliche Ordnung und das lustige leidenschaftlich wühlende
Chaos.

  [*] Befehlshaber leichter Schaluppen.

Zwischen ihnen auf den Wellen schwankte die Wage.

Der Feind war da. Auf unbegreifliche Weise erschienen. Wie der Dieb in
der Nacht. Vierzig kriegsstarke Koggen. Das ganze hansische Aufgebot,
vor allem Hamburger, und an ihrer Spitze ein ungefüges, plumpes,
breitstirniges Schiff, das im Topp die Admiralsflagge gesetzt hatte. Die
»Bunte Kuh«.[*]

  [*] Es war aus Utrecht gechartert.

Es war der Name des Fahrzeuges, der dem Störtebecker zuerst während des
Kriegsrates in der Kajüte ein hämisches, nach Hellebarden und Schwertern
klirrendes Gelächter entlockte:

»Ho, Brüder,« hieb er sich auf die Brust, »welch gutes Omen! Wir wollen
das Hamburger Tier erst melken und dann schlachten. Gönne ich doch
meinen Kindlein schon lange solche Milch. Und nun« -- er wanderte weiten
Schrittes durch den hell erleuchteten Raum und zog dabei ein paar der
Lukenbretter zurück, um finstere Blicke auf das vorüberziehende Land zu
heften, »nun, Heino, sprich, mein Freund, wie siehst du das Ding sonst
an?«

Der Kleine lehnte am Tisch und stützte sich auf seinen Hieber. In dem
faltenlosen, glatten Kindergesicht stand dunkler Ernst.

»Daß die Krämer mit einer solchen Übermacht erscheinen,« sagte er
bestimmt, »beweist mir, daß der Michael geliefert ist.«

»Möchten dich doch die Furien erwürgen,« unterbrach der Störtebecker
hier dunkelrot, denn seit seiner Kindheit hatte sich der Unbändige stets
in beleidigter Auflehnung dagegen gesträubt, ohnmächtig gegen ein
schwarzes Wetter zu starren. »Der Gödeke lebt. Meinen Kopf dafür. Ich
sehe ihn, ich höre ihn sprechen. Meinst du, der Satan würde mir sonst
Dietrich und Brecheisen ins Wappen setzen, wenn's nicht der guten
Kumpanei wegen geschähe?«

Wütend schlug er gegen die Schiffswand. Unter den Führern erhob sich ein
widerstreitendes Gemurmel. Unbeirrt jedoch und kühl streichelte sich der
Magister das Kinn.

»Wie dem auch sei,« beharrte er, »ist jetzt nicht an der Zeit, Claus,
sich in den römischen Triumphmantel zu hüllen. Hab' all mein Tag auf die
Ehre gepfiffen. Ha, ha, ohne Ehre kann man leben, aber ohne Kopf
nimmer. Ich stimme dafür, wir wollen entwischen, solange es noch Zeit
ist.«

Die anderen schwiegen.

Auch der Admiral stand wortlos am Ende der Kajüte, dort, wo sie sich
sanft verjüngte. Ohne Absicht hatte er einen dicken Folianten von der
Truhe emporgerissen und nagte emsig an der Unterlippe. Jetzt aber warf
er den Wälzer polternd zur Erde und richtete sich jäh zur Höhe.

»Habt ihr euch,« rief er mit seiner durchdringenden Stimme, die jedem
einzelnen einen Messerstoß in die Brust versetzte, »während ich euch
Wohnsitz und Unschuld geben wollte, nach Blut und Beute gesehnt?«

»Ja,« sprachen die Männer gemeinsam.

»Und ist's nicht euer einziger Freibrief, daß ihr mit Beelzebub Karten
zu spielen wagt, ganz gleich, ob der Gehörnte die Bilder in der Klaue
hält und ihr die Nieten?«

»Ja,« schrien die Freibeuter überzeugt. Fuhren aber gleich darauf wild
durcheinander. »Haben selbst einen Trumpf im Spiel, heißt Claus
Störtebecker.«

Da glitt ein stolz zerrissener Schein über das dunkle Antlitz des
Riesen, den man früher nicht an ihm gekannt.

»Habt mir nur die Helmzier abgebrochen, ihr wetterwendisch unbelehrbar
Volk,« grollte er mehr zu sich selbst, »aber gleichviel« -- er trennte
die Seekarte von der Wand und schleuderte sie auf den Tisch -- »will das
Kunststück ausführen, um des Kunststücks selbst willen. Wohlan, Heino,
gib dich, wir schlagen morgen. Und jetzt habt mir acht auf ein gar
sauber Stücklein von einem Plan.«

       *       *       *       *       *

Es war tief in der Nacht, als der Admiral in seine Kajüte zurückkehrte.
Bis dahin hatte er bei Laternenschein jeden Winkel seines Schiffes
gemustert, er hatte die Rüstkammer besucht, die Winde der drehbaren
Geschütze geprüft, Leinen und Segel zur Probe gezogen und überall die
verwegenen Gesellen, die ihm an ihren Rollen ihre Künste weisen mußten,
durch ein wildes zündendes Scherzwort in jene bis zum Reißen straffe
Spannung versetzt, die auf der »Agile« bisher immer die letzte,
unwiderstehlichste Waffe gebildet. Jetzt hatten die Schiffe, schon
außerhalb der Inseln, Anker geworfen, Ruhe war vor dem roten Erntetag
befohlen, und der Störtebecker selbst betrat müde und in sich gekehrt
seine Wohnstätte. Er hatte noch nicht sein Haupt entblößt, als der
Heimgekehrte mitten auf einem der dicken Teppiche des Fußbodens seinen
Knaben hingelagert fand, den wohl beim Warten auf seinen Herrn der
Schlaf übermannt haben mochte. Gedankenvoll blieb der Störtebecker vor
dem friedlichen Bilde stehen, denn die scharfen Lichter aus den
venezianischen Gläsern enthüllten ihm deutlicher als je zuvor, wie hager
und abgezehrt die Wangen seines folgsamsten Gesellen eingesunken waren,
ja, wie tief die ganze schwärmerische Bildung seiner Züge in Leid
eingebettet ruhte. Wahrlich, der Sturz, den diese ihm hingegebene Seele
aus einem versprochenen Himmel getan haben mußte, er hatte der Ärmsten
gewiß für immer jene Inbrunst geraubt, in der sie wie eine steile Flamme
aufstieg und ohne die ihr Dasein zu Asche sank. Die Menschheit hieß der
große Tempel, in dem der Gläubigen ein Hüterinnenamt zugesichert war.
Wohin würde sie sich nun flüchten, nachdem offenbar geworden, daß die
Fratze des Wahnwitzes vor der Tür des angeblichen Heiligtumes grinste?
Leise berührte der Hinabschauende die Weiche des Schläfers mit dem Fuß,
um sich von der ungestörten Fortdauer des Schlummers zu überzeugen, dann
aber verdüsterte sich seine Miene, und er sprach dumpf vor sich hin:

»Zerbrochener Scherben! Deinetwegen könnte ich Reue lernen. Kein
morgenrotes Eiland mehr in der Ferne, mein Büblein, nur die Fahrt in den
Pfuhl, darüber das Fieber tanzt. Dir wäre besser, du blasser Traum, du
gingest gänzlich in Schlaf über.«

Vorsichtig beugte er sich, nahm den schlaff herabhängenden Körper in
seine Arme und las eine Weile angestrengt in den gelösten Zügen, die
ohne das Licht der Augen nur den Ausdruck versenkter Ruhe wiesen. Aber
gerade diese unbeteiligte Ferne schien den Späher zu trösten. Leise ließ
er seine Last wieder auf die Kissen sinken, blickte noch einmal mit
vollem Verlangen auf die Pracht des kostbaren Raumes, dann löschte er
selbst das Licht, und bald verkündeten kräftige Atemzüge von seiner
Lagerstatt, daß auch dieses unruhige Hirn der Betäubung unterlegen sei.
Drückendes Schweigen webte in dem weiten Gemach, und nur das regelmäßige
Gewoge der See zählte in der Finsternis seinen eigenen Herzschlag.

Und doch -- es gab hier noch ein ander Hammerwerk, das in einer
menschlichen Brust aufgestört fieberhaft seine enge Kammer zu sprengen
drohte.

Linda schlief nicht.

In den Armen ihres Gebieters war sie aus ihrer schweren Verstrickung
erwacht, sie hatte seine dunkle Prophezeiung vernommen, und nun lag sie
angehaltenen Atems und suchte kältegeschüttelt zu ergründen, ob sie
wirklich das mit sich selbst bekannte und einige Wesen sei, in dessen
Brust vom Schicksal Urteil und Vollstreckung zugleich gelegt wären.

Draußen schlugen die Wellen unabänderlich an die Planken: »Du mußt -- du
mußt,« und während der Hingestreckten vor dieser Bedrängnis die Zähne
gegeneinander bebten, da warf ihr schäumendes Hirn allerlei Fetzen
jener Verhaltungsmaßregeln durcheinander, die ihr von dem
scheusäligsten aller Verbrecher, dem dicken Wichbold, überkommen.

»Sieh, du mußt erst das tun -- mein schlaues Büblein, und dann mußt du
jenes -- -- aber vorsichtig, damit er dir nicht deine Sprünge ablauert.«

Er -- er, das war der Mann, der ohnehin schon den Glanz, den Strahl, das
Gold seines Ichs eingebüßt und nur noch dahinraste, um hinter wilden
Lastern seine Niederlage zu verstecken. Kein Messias mehr, sondern ein
frecher, sich selbst verspottender Judas! Keine Labe in den Händen für
die Schmachtenden und Niedergebrochenen, nein, nein, vielmehr ein
Gurgelschneider, der in Selbstverzweiflung seinen Opfern wohlzutun
glaubte, weil er sie abschlachtete.

Der Morgenstern in einen Kothaufen verloren.

Nimmer!

Linda erhob sich. In ihrer Blässe stand wieder jene unerbittliche Treue
zu ihrem Entschluß, die in dem langen Zusammenwirken mit dem
Gewaltmenschen ihr Erbteil geworden. Jetzt lauschte sie nicht mehr,
keine spitzfindigen Fragen legte sie sich weiter vor, getrieben von
einer finsteren Notwendigkeit, furchtlos und überzeugt schlich sie
unhörbar die Treppe der Kajüte hinauf.

Wie hatte es doch der dicke Wichbold gemeint?

Immer seine listig heisere Einflüsterung im Ohr, strich der Schatten
über Deck, dann wand er sich wieder zwei enge steile Treppen hinab, bis
dahin, wo tief im Bauch des Fahrzeuges der rote Schein der
Schiffsschmiede glimmte. Vorsichtig öffnete Licinius die rußige Höhle,
allein die halbnackte Zyklopenschar, die noch vor wenigen Stunden hier
an ihren Amboßen Pfeil- und Lanzenspitzen geglüht und gehärtet hatte,
sie lag jetzt irgendwo in der Schwärze verborgen, und mit der rasselnden
Wucht arbeitender Blasebälge entströmte ihr Atem. Halblaut, prüfend
rief sie der Schatten an:

»He, Detlev -- Olav -- Henneke!«

Als sich jedoch nirgendwo ein Zeichen des Verständnisses kundgab, da
wandte sich der Knabe gegen den verlassenen Herd und schob einen der
Schmelztiegel in die noch lebende Glut. Dann bückte er sich und blies
seinen eigenen ängstlichen Odem in die müde Asche.

Und wieder und wieder versuchte der nächtliche Gast während seines Tuns
die hingestreckten Schmiede: »He, Detlev -- Olav -- Henneke.«

Umsonst. Keiner von ihnen bemerkte das zitternde Menschenkind, wie es
rötlich angestrahlt und doch mit geschlossenen Augen die Nägel zu dem
gemeinsamen Sarge goß.

Kurz darauf wurde über die Hintergalerie der »Agile« eine Strickleiter
geworfen, derselbe geschmeidige Schatten glitt hinüber und an dem
ungeheuren Steuer tauchte er hinab von Rippe zu Rippe. Immer tiefer.

Dazu pfiff der Wind sein einförmig Lied, und die Wache im Mastkorb sang
sich zum Zeitvertreib eine Weise von Heimkehr und Magdtreu.

       *       *       *       *       *

Es war bestimmt, daß man durch eine vorgetäuschte Flucht gen West die
Übermacht der Hansen erst auseinander zerren solle, um dann nach einiger
Zeit gewendet, die ungefügeren Koggen der Krämer einzeln überfallen und
niedersegeln zu können.

Auf dem Fischmarkt zu Hamburg erzählte man sich später vielerlei über
den glückhaften Hergang.

Ein regenfeuchter Oktobermorgen war angebrochen. Die Schwarzflaggen
unter Führung von Wichmanns »Goldener Biene« waren längst nach West
ausgeschwärmt, nur die »Agile« lag noch verhaftet an ihren Ketten, ein
riesiger Adler, der den Abzug seiner Küchlein decken wollte. Oder reizte
es den Störtebecker nur, Schußsicherheit für eine Ladung seiner
Steinkugeln zu gewinnen? In Lederwams und Kappe stand er breitbeinig auf
dem Bugaufbau, nicht mehr jenes goldene Leuchten im Antlitz, dafür aber
von einem verbissenen, fürchterlichen Grimm durchwettert, der sich allen
mitteilte, die auf diesen Mittelpunkt ihres Schicksals hinstarrten.

Jetzt kam der erste Befehl.

»Schießt,« forderte er nach einem scharfen Ausspähen, von den ihn
umdrängenden Bombardieren. Er sprach ganz ruhig. Die Lunten senkten
sich, ein Rollen, und dort drüben in der langen hölzernen Zeile begann
es Takelwerk und Leinen zu regnen.

»Gut, meine Kindlein,« lobte der Admiral, und das unheimlich
niedergehaltene Feuer in seinen Augen stäubte etwas höher. »Es war nur,
um ihnen den Morgenbrei zu wärmen.« Er riß sich die Kappe vom Haupt und
schwenkte sie höhnisch nach der Gegenseite. »Grüß Gott, ihr Herren. Die
Diebe mit dem Brecheisen grüßen die Spitzbuben vom Gänsekiel! Gibt's was
zu schachern? Haben nur unsere Freiheit, und die ist ein teuer Ding!«

Damit setzte er die Sprachdrommete an die Lippen: »Anker auf.«

Die Ketten rasselten, die Brust des Schiffes hob und senkte sich, wie
ein Schwimmer, der sich die erste Glut kühlen will.

»Schüttet Segel aus. Ruhe -- kalt Blut, meine Kinder. Bevor die Krämer
drüben ihr Leinen mit der Elle gemessen, sind wir davon. Nun die Pinne
hart an Steuerbord; lebe wohl, Hamburg!«

Allein die »Agile« vollführte die gewünschte Schwenkung nicht. Wie von
unsichtbaren Geisterfäusten gepeitscht, sauste der Renner dem Halbkreis
seiner Häscher entgegen.

»Plagt dich der Böse, Wulf Wulflam?« brüllte der Störtebecker von seinem
erhöhten Stand halbtoll über Deck und schob sich vor ratlosem Erstaunen
die Kappe aus der Stirn. »Hundsfott, dreh augenblicks gegen den Wind ab,
sonst lade ich deinen Kopf in die nächste Lederschlange. Hölle und
Graus, was geschieht hier?«

Inzwischen war der Freibeuter Lüdeke Roloff neben den stiernackigen Wulf
und seine Gesellen gesprungen, beide Männer schoben sich gegen den Baum,
daß ihnen das Blut aus den Wangen spritzte. Doch unverändert tobte die
»Agile« ihre böse Fahrt weiter. Vom Land aus einen steifen Südwest in
den Segeln, so schnitt das Schiff durch die spitzen Wellen, als müsse es
in wenigen Sprüngen sein Ziel erreichen.

»Herr,« keuchte es jetzt zweistimmig vom Heck, »geliefert sind wir -- es
ist Blei in die Angeln gegossen.«[*]

  [*] Die Sage vermochte sich den Hergang nicht anders zu erklären.
  Übrigens war die geschilderte Kriegslist zu jener Zeit eine
  durchaus übliche. Auch der gefeierte Seeheld Paul Beneke von
  Danzig benutzte sie etwa um das Jahr 1473.

Einen Atemzug lang blieb alles still, das Entsetzen wohnte an Bord. Dann
aber wirbelte eine riesige Gestalt vor aller Augen die zwei Stockwerk
aus der Luft herab, schoß durch die heulende, kreischende Mannschaft
hindurch und warf sich gleich darauf mit ihrer ungeheuren, durch
Verzweiflung und Grimm verzehnfachten Körperwucht gegen die Pinne. Das
Holz ächzte und krachte, das Steuer bewegte sich nicht.

Jetzt lösten sich die Bande des Gehorsams. Die Schwarzbrüder verließen
ihre Posten, die meisten warfen ihre Waffen fort, sie irrten
durcheinander gleich den Ameisen, und der Wahnwitz fächelte sie mit
seinen Mohnflügeln. Das Unsinnige gewann die Oberhand.

»Reißt die Segel herab.«

Als ob das verlangsamte Fahrzeug weniger verloren gewesen wäre!

»Flieht -- flieht -- in die Boote!«

Als ob angesichts des Gegners und bei der rasenden Fahrt die
aufgepeitschte Menge in den winzigen Kähnen Platz gefunden!

Immer hurtiger hetzte der Springer über die Wogenhügel. Aber gerade in
dem Augenblick, da er das ihn bändigende Halfter völlig zerknirschen
wollte, da fühlte sich das Roß noch einmal von jener stählernen Faust
gepackt, die es bisher noch immer bezwungen und beruhigt. Hoch auf dem
Heckaufbau zeichnete sich in seinem verwitterten Lederkoller der
Schwarzflaggenfürst gegen den wolkigen Dunst ab. Um kein Haar anders
stand er da als sonst, da er die letzten Befehle zum siegreichen Angriff
zu geben gewohnt war. Nur der bösartige Grimm war aus seinen Zügen
entwichen, ja, er lächelte jetzt sogar, ein helles, gereinigtes Lächeln,
wie es nur die von sich selbst befreiten Sterblichen kennen.

Die Gefahr, die drängende Sorge um andere hatte unvermerkt das Beste in
diesem Menschen geweckt.

»Hört ihr mich, meine Kinder?«

»Ja, Claus,« schrien sie hoffnungsvoll. Sie sammelten sich um diesen
Klang wie um einen schützenden Turm.

»Das Spiel fängt erst an, ihr Schuimer. Schüttet Segel aus, bindet
Leinen auf, der letzte Fetzen muß fliegen.«

»Segel?« Sie glaubten, er rede im Fieber.

»Ich sage, knüpft eure Hemden an die Rahen, ihr Burschen, und fegt durch
die Luft. Unter dem Bug gibt's gleich ein Schädelknirschen. Schießt
-- schießt!«

Was weiter geschah, das sauste von der Spule, ruckartig, unpersönlich,
gedankenlos, denn all die von Tod und Untergang angegrinsten Menschen,
sie hatten ihre eigene Überlegung, ihre Glieder, ihr Handeln und
Aufhören diesem einen überliefert, und der riß nun an ihren Fäden und
lenkte seine Figuren, willkürlich, gnadenlos, nur zu dem einen Zweck des
Lebens.

Alle eigneten sie ihm, bis auf die schwächste und hilfsbedürftigste. Die
lehnte an der Bordschwelle, hatte ihre Hände krampfig über der Brust
ineinander geschoben, aber ihr ungesprochenes Gebet war zum erstenmal
nicht mit dem Herrn ihres irdischen Loses, sondern sie rief und flehte
zu dem Schicksal, auf daß es größer und auch barmherziger walten sollte
als jener lebend Tote, der jetzt dort oben den letzten gespenstischen
Kampf focht. Sie bereute nichts, sie widerrief nichts, sie fühlte, daß
Mitleid und Gnade einzig bei ihr wären, die mit ihrer schwachen Hand das
Tor des Gemeinen und Verworfenen vor dem sterbenden Messias abschloß.

Vor ihren umflorten Augen wandelte sich das flutüberströmte Schiff in
eine langhingestreckte, menschenwimmelnde Kirche. Schwärzlicher Himmel
wölkte sich über dem Dom als tiefe unergründliche Decke, und die Musik
des Meeres pfiff und stürmte in fernen Orgelweisen einen silbernen
Engelsgruß.

Sie sah nur den einen, dessen bleiches, lockenumflattertes Antlitz schon
jetzt hoch droben dem Irdischen entrückt war.

Ein Krach! Ein herzumwühlender Stoß. Die Hamburger hatten dem unter
stärkstem Druck daherfliegenden Admiralsschiff einen alten unbrauchbaren
Kasten mit der Breitseite entgegengeworfen -- die »Agile« schnitt ihn
mit ihrem Rammsporn auseinander, wie dünnes Glas.

»Triumph,« schrien die berauschten, vom Wunder bereits in eine andere
Welt geschleuderten Gleichebeuter, und jeder packte seinen Spieß oder
die Armbrust nerviger. Ein wildes, tumultuarisches Gebrüll stieg zum
Himmel.

Da schwang schon wieder der schrille, gellende Pfeifentriller des
Admirals, die Schwarzflaggentrommel wurde gerührt -- der alte
fortreißende Wirbel zuckte durch die Herzen.

»Entert,« schrie der Störtebecker von seiner Höhe.

Er befahl es mehr mit seinen blutig leuchtenden Augen, mit dem hoch
erhobenen Hieber, mit der weit ausgestreckten Linken.

»Aller Welt Feind,« antworteten die Vitalianer mit ihrem fanatischen
Schlachtruf.

Die Brücken rasselten, ein splitterndes Reiben und Knirschen meldete,
daß sich jetzt zwei der ungeheuren Rümpfe eng nebeneinander geschoben
hatten. Die »Agile« biß in die Wange der »Bunten Kuh«.

Und mitten in diesem Knäuel von Lanzenspitzen, zischenden Bolzen,
Pulverdampf, herunterbrechenden Spieren und dem Gekreisch Getroffener
lehnte Linda noch immer wie unbeteiligt neben dem hohen Bord. An ihr
vorüber heulten Steinkugeln und rissen das Deck auf, so daß der
entsetzte Blick in das Eingeweide des Holzleibes irren konnte, dicht
neben ihr bauschten sich die unheimlichen, riesenhaften Malereien, mit
denen die Hamburger ihre Segel geschmückt hatten. Ein titanischer Schwan
blähte sein Gefieder und starrte die Einsame mit roten Augen gefräßig
an. Dahinter flatterte ein steiler Turm und schleuderte ihr seine Ziegel
gegen das Haupt. Doch all das Grauen zog wesenlos über sie fort, weil
sie in den Greuelgestalten nur ihre Helfer erkannte, die sie
herbeigerufen hatte, um den verirrten Heiland in sein Grab zu betten.

Ein Goldgefunkel blendete ihr die Augen, und sie wußte, daß dort auf der
Enterbrücke die Klinge des Gewaltigen ihre sausenden Kreise zog, sie
hörte eine menschliche Fanfare in dem dicken Haufen jedes Ohr wecken:

»Meine Schuimer, meine Kinder, drauf, drauf, schlagt, spießt, stecht,
-- melkt die Gold-Kuh!«

Und sie lächelte nur matt über jenen habsüchtigen Aberwitz.

Aber dann kam der Augenblick, wo auch ihr Geist aufgerissen wurde. Ihr
Gebet war erhört.

Dumpfe Stöße erschütterten kurz nacheinander die »Agile«. Von zwei
Seiten war das überflügelte Schwarzschiff in die Mitte genommen. Fremde
Scharen quollen über Deck. Blutende Männer sprangen zu Hunderten in die
See. Und von der Enterbrücke, wo eben noch der Goldkreis gesummt und
gesungen hatte, stürzte ein höllisch kreischender Haufe zurück. An
seiner Spitze ein Wahnwitziger, der noch immer retten wollte.

»Licinius,« schrie er aus tiefster Brust. »Licinius.« In seiner
Notstunde erinnerte sich der Riese an sein eigenstes Besitztum. Da
leuchtete der Knabe beseeligt auf.

Ja, der Himmel öffnete sich, ein goldener Lichtweg strahlte gegen das
Sterbliche, und eine Heiligenschar trug einen Sarg hinunter.

Das gotterfüllte Ende war da.

Als sich der wirre Knäuel gelöst hatte, sah man einen blutüberströmten
Mann mit dem linken Arm an den Hauptmast gebunden, die Rechte aber
führte immer noch das Schwert, fegte und bahnte um sich her, und dazu
schrie eine in Jammer erstickte Stimme:

»Wer -- wer hat mir das getan?«

Sein rollendes, in Irrsinn und Auflehnung brechendes Auge erfaßte den
Getreuesten, heftete sich an ihn und wollte ihn nimmer lassen.

Da sank der schöne bleiche Knabe mitleidig vor dem Gerichteten in die
Knie.

»Claus Störtebecker,« sprach er verklärt, »diese Hände haben dein Steuer
angehalten, mit weißen Segeln wirst du in die Ewigkeit fahren.«

Heftig wurde er emporgerissen, und mit hocherhobenen Armen warf sich der
Blonde in den Busch zögernder, halbgesenkter Lanzen.

Der am Mast ließ sein Schwert fallen. Ohne Verständnis kehrte er seine
Augen gen Himmel, ohne Begreifen spiegelte er die verstummte, blutige
Menschenschar. Tief stöhnte er, und sein Haupt sank ihm auf die Brust.

Um ein weniges glich er jenem Anderen, der gleichfalls an ein Holz
geheftet, gesprochen hatte:

»Herr, Herr, warum hast du mich verlassen?«

       *       *       *       *       *

Am Abend des 19. Oktober 1402 nach Feliciani sprang ein Gaukler durch
die winddurchpusteten, regenfeuchten Gassen von Hamburg, und der
buntscheckige Narr schlug Purzelbäume zum Ergötzen des Haufens, ließ
seinen Dudelsack ausströmen und quäkte dazu:

    »Hei -- hei!
  Morgen verschwemmt die gefährlichste Klippe der Nordsee,
  Daran gestrandet manch stolzes Schiff,
    hei -- hei!«[*]

  [*] Nach einem alten niederdeutschen Bänkelsängerlied aus
  Wächters historischem Nachlaß.

Blieb dann stehen und deutete mit seiner Klapper auf die ungefüge Haube
des Katharinenturmes, von wo die ganze Nacht Lobweisen geblasen wurden.

»Horcht,« krähte er, und er schüttelte vor Kälte und fröhlichem Grusel
seine abgezehrten Glieder, »pfeifen dem Störtebecker das Schlummerlied.
He, Dörthe, möchst jetzt bei ihm liegen?«

Allein der Gefangene, zu dessen letztem Gang die Stadt sich so festlich
rüstete, er bedurfte weder Gesellschaft noch Aufheiterung. Denn ruhte er
zwar auf Stroh in einem lichtlosen Kellerloch unter der Kanzlei, so
hockte doch sein Lehrer Wichmann bei ihm auf einem Schemel, und beide
zechten bald aus der riesigen Weinkanne, die ihnen der Rat gespendet,
bald grölten sie Zoten und Schelmenlieder, daß sich die Wache vor dem
Gitterfenster ehrlich entsetzte.

Ein alter graudurchfurchter Stadtknecht schob deshalb seinen Kopf gegen
die engen Eisenstangen, damit er die beiden Gerichteten zu ehrsamerem
Wandel anhielte.

»Bedenkt, ihr Bösewichter,« riet er wohlmeinend, »wem ihr bald Auskunft
erteilen müßt. Sollen eure Schandmäuler dort droben etwan noch vor
Unflat überfließen?«

Da nahte sich dem Gitter die riesige Gestalt des Störtebecker, und im
Licht einer Laterne erschien das hochmütige, wenn auch jetzt totblasse
und verwüstete Antlitz. Unwillkürlich fröstelte es den Stadtsoldaten vor
diesem noch immer schrecklichen Bild gestürzter Größe.

»Du irrst, grauer Rostfleck,« antwortete der Seefahrer heiser. »Weißt du
nicht, daß wir an der Tafel des Schwarzen obenan sitzen werden? Dort
unten ist ewige Freude, Trunk, Hurerei, Fraß, Diebesglück und erzielte
Übervorteilung. Alles, was hier nur halb gelingt. Wer die Welt
verständig umzukehren weiß, der gewinnt's! Geh, küß deinem Pfaffen den
Hintern, vielleicht findest du's.«

»Gott erbarm' es sich,« stöhnte der Alte.

Darauf juchheiten die beiden und pokulierten weiter.

Allein je schläfriger es auf dem Gange wurde, je eiliger die Nacht
vorrückte, desto mehr verstummte auch der grelle Singsang der Schuimer,
und allmählich erkannte der schildernde Hellebardier nur noch aus dem
Rascheln des Strohs, daß dort drinnen ein Schlafgemiedener seinen Weg
suche.

Schon spät war's, als der Störtebecker, nur kümmerlich von dem
hereinzitternden Strahl getroffen, vor dem blonden Zwerglein Halt
machte. Das pfiff leise vor sich hin und schierte sich um nichts.

»Heino,« schickte der Admiral stockend in die Dunkelheit hinab und holte
etwas Versenktes aus sich hervor. »Mein Freund, mein Bruder, sprich, wie
denkst du dir unsere nächste Reise? Nicht als ob es mir leid wäre, aber
es plagt mich, ob man Ufer spürt oder nur Fahrt -- Fahrt? Ob man nur
Schiff ist, oder auch Steuerer?«

Aus der Finsternis kicherte es belustigt heraus, dann schlugen ein paar
sanfte Finger leicht gegen die Hand des Freundes.

»Bleibst doch der tolle Bacchantenschütz, der du warst, du stolzer
Herkules! Meinst, du müßtest überall dabei sein. Schade, daß ich dir
morgen mittag nicht weisen kann, wie wir einen Strich passieren, wo
Bewegung und Stillstand dasselbe sind, wo du verhundertfacht auf weißen
Lichtschimmeln in die Windrose schießest, während doch dein eigentlich
Selbst nach deinem Seneka ganz friedlich dort schlummert, wo alle ruhen,
die noch ihrer Geburt harren.«

Der Störtebecker regte sich nicht.

»Nichts?« forschte er nach einer Weile rauh.

»Nun freilich,« gab die feine Knabenstimme bissig zurück: »Willst du
ewig Umgetriebener etwa die große Wohltat verketzern? Den Hamburger
Pfefferkrämern könnt' es womöglich leid um uns werden. Nur eines!« Und
der Kleine scharrte mit seinem Hüker und schien näher zu rücken. »Man
muß freilich schon hierorts mit dem Nichts seinen Pakt geschlossen
haben. Nicht glauben, daß von uns etwas zurückbleibt, Unerfülltes,
Lebenswertes oder gar was von Segen. Törichter Nimmersatt, hier oben
redet das Nichts, dort drüben schweigt's. Sonst kein Unterschied.«

Eine Weile verstummte alles, der Störtebecker schob nur an seinem Wams
hin und her, als ob es ihm zu eng würde. Dann aber drückte er dem
Kleinen die Hand auf die Schulter und lachte grell auf:

»So können wir denn ohne Sorgen abfahren, Geliebter. Nehmen nichts mit
und lassen keine Erben zurück. Wahrlich, ist kein geringer Trost.«

Damit ließ er von dem Kleinen ab, der ruhig weiter zechte und streckte
sich der Länge nach auf seinem Strohlager aus.

Um ihn herum drückte die Dunkelheit wie ein Sargdeckel, und der Riese
warf ein paarmal die Faust vor, als könnte er den Verschluß lüften.
Merkwürdig, wie rasch sein Herz ging und wie angestrengt er auf das
winzigste Geräusch achtete, das jetzt noch zu ihm drang. Gierig hörte er
eine Ratte an der Mauer entlang wischen, und bald zählte er die Schritte
der Wache draußen auf dem Gang. Unvermerkt labte sich dieser Gestalter
an dem Getön der Erde. Auch konnte er sich nimmermehr von dem müden
Lichtschimmer trennen, der fahl und schmutzig um das Eisengitter
sickerte. Er wartete, er wartete ungeduldig, als ob die Welt ihm noch
eine Antwort schuldig sei.

Und siehe da, die Antwort kam ihm.

Geraume Frist mochte er so gelegen haben, er wußte genau, daß seine
Seele nicht vom Schlaf umwölkt sei, da er den heißen Blick seiner Augen
spürte, die angespannt die schwarzen Striche des Gitters einsaugten.
Eben noch war der Schatten des Stadtsoldaten über sie hinweggeglitten
-- da -- der Riese runzelte die Stirn und hielt den Atem an. Da drängte
sich ein hustendes grünbleiches Haupt gegen die Stangen, und ein
rotgrauer Wirrbart quoll hindurch.

»Was willst du?« murmelte der Wache, ohne sich seiner Lähmung entreißen
zu können. »Geh, du Hauch, mich schreckst du nicht.«

Jedoch das Haupt des alten Claus Beckera wich nicht, es fing vielmehr
an, gehüstelte Worte zu speien, ganz so, wie er es im Leben gepflegt.

»Armes Kind,« brummte er in seinem hohlen Baß, »war dein Unglück, daß du
zu uns gehörtest, ohne unser zu sein. Seidene Kleider, Ringe, Ketten in
der Fischerhütte, Rache am Glanz, Gier nach dem Glanz -- wehe!«

Das Gesicht nickte und verging. Aber vor dem Gitter war es lebendig
geworden, lautlose Scharen wehten vorüber, bis sich abermals zwei Hände
in die Stangen einhakten. Funkensprühend flimmerten die Haare der Becke
hindurch.

»Liegst du endlich auf dem Mist, mein Schöner? Bin auch dort verfault.
Hat kein Hund mit mir Mitleid gespürt, sondern haben in mir gewühlt und
geschunden, damit meine Armut das einzige hergeben sollte, was ich
besaß. Ist so im Leben. Gelt? Lust und Vergnügen kümmern sich nicht um
das Erbarmen! -- Wehe!«

Draußen erlosch das Geflimmer, als wäre es von dem Laternenschein
eingeschluckt, und der Zug der Schatten stob weiter.

»He, du Menschensohn,« kreischte plötzlich eine hitzige Stimme, und in
der Höhlung dämmerten die blutlosen Züge des Iren Patrick O'Shallo. Ein
Strick schlotterte ihm um den Hals, und die Zunge fiel ihm oft aus den
Zähnen. »Ist dir nicht der Henker prophezeit? Wer hat sich wie du an
der menschlichen Schwäche versündigt? Meinst du, das Elend ließe sich in
eine Form pressen von einem Ehrgeizigen? Du Vergewaltiger schlimmster,
du Säufer von unserem Schweiß, der Narren oberster fährst du von hinnen.
Zu spät. -- Wehe!«

Der Störtebecker gedachte sich in seinem Sarge zu rühren, um sich
gewaltsam zu erheben, allein er vermochte keinen Finger zu krümmen.
Starren Blickes mußte er erkennen, wie sich gewichtig ein ander Haupt
vor die Öffnung rückte. Düsterblond rahmte ein Ringelbart die braunen
Wangen ein, und die großen Augen schauten ernst und trauervoll.

»Verlorener Bruder,« hob die markige Stimme des Gödeke Michael an, »was
hast du für den Treubruch erkauft? Wem hieltest du dafür dein Wort? Hast
die gültigen Gesetze der Menschenbrust verrücken wollen. Aus böse gut
machen, aus Neid Hingabe. Und errietst nicht, wie auch die Laster Sinn
und Zweck kennen. Verirrter im Nebel, wer bist du, da doch nur ein
Stärkerer dies alles sondern kann.«

»Wer?« suchte der Liegende zu erfassen.

»Die Zeit -- wehe!«

Das Phantom löste sich in Kälte auf.

»Muß ich auch dies noch erdulden?« rief der Eingekerkerte schmerzlich
hinter ihm her. »Hat mir all mein Glanz nicht eine einzige Seele
erkauft?«

Fahler Morgenschein kroch schon durch das Gitter, aber aus der Blässe
formte sich noch einmal ein fast durchsichtig Bild. Dem liefen Tränen
über die Wangen.

»Mich,« klang es sanft, »deinen Knaben. Dafür, Claus Störtebecker, hast
du mich befleckt und besudelt. Wehe -- jetzt weiß ich, daß nur ein Reiner
das Unerfüllbare denken darf. -- Wehe!«

Da hatte der Ausgeraubte, um sein Letztes Betrogene endlich den Bann von
sich gerissen, schäumend sprang er auf, stürzte wie ein Toller auf
seinen Genossen zu und entwand ihm die Weinkanne, deren Rest er auf
einen Zug in sich hinabschwemmte. Was kümmerte es ihn, ob in diesem
Augenblick die Stadtknechte hereindrangen, um den Verurteilten ihre
seidenen Prunkgewänder zu bringen, da ihnen der Rat für ihren letzten
Gang jene geile Pracht überlassen? Ohne den Schergen auch nur einen
Blick zu gönnen, fiel der Losgebundene über den verwunderten Magister
her, und nachdem er den Kleinen hoch emporgerafft, herzte er ihm in
voller Raserei Mund und Stirne.

»O, du Weiser,« schrie er gellend und preßte den Kopf des Zwerges
unlöslich an sich, »wie unsagbar Köstliches hast du verheißen!? Komm,
tummle dich, damit wir es um alles nicht versäumen. Diese Wölfe, mit
denen wir bisher getrottet, könnten uns am Ende beneiden.« Er packte
einen der Knechte an der Gurgel. »Höre, du Wicht, wenn du ein ehrlicher
Mann bist, so gehe hinaus und verkünde, das Dunkel meine es besser mit
den Sehenden als das Licht, die Verwesung küsse uns heißer als das Leben
im Brautbett, und dein Kot dufte lieblicher als alle Rosenbeete von
Schiras.«

Sie entsetzten sich vor ihm. Doch meinten sie, die Todesfurcht habe dem
Sünder wohltätig Sinn und Verstand gelockert. Selbst der Magister
begriff nicht bis zum Grund, wie erst jetzt an den fürstlichen
Abenteurer, während man ihn in die alte, prunkhafte Tracht hüllte, jener
unerbittlichste Peiniger heranschlich, nachdem er ihn ein ganz Leben
gemieden -- der Ekel vor sich selbst.

Aus dem niedrigen Rathauspförtlein taumelte der früher so Glanzvolle
hinaus, ein landflüchtiger Fürst, der seinen letzten Heller verpraßt
hatte, jetzt aber voll Bettlerstolz nur noch den nichtsnutzigsten Schein
zu wahren bestrebt war, obwohl er im Herzen die Schmähungen seiner
Verfolger billigte.

Da standen sie alle, Männer und Frauen, ja, die Kindlein hoben sie auf
die Schultern, damit sie von dem gewaltigen Seefahrer, dem grausamen
Bedränger ihrer Stadt einen winzigen Schein seines Gewandes erhaschen
sollten, sich und ihren Nachfahren zur unvergeßlichen Weide. Ein Aufzug
war's, der mehr einem Fest glich. Voran zogen Trommler und Pfeifer, dann
folgte Meister Rosenfeld, der Henker, der grüßte grinsend nach allen
Seiten, als feiere er heute seinen frohen Ehrentag. Durch Hellebardiere
eingerahmt, wurden hinter ihm Hauptmann Wichmann und seine Schuimer
einhergeführt. Ungefesselt schritten die Männer in stattlichen Wämsern
und sangen noch immer voll derber Lebenslust und trotziger Auflehnung
das Störtebeckerlied. Und seltsam, Knaben und Mägdlein fielen in die
Weise ein, denn das unbestimmte Gefühl der Jugend lehrte sie, in jenen
Söhnen des Abenteuers den Wechsel des Schicksals zu ehren. Als aber
zwischen zwei Ratsherren -- weit geschieden von den anderen -- der Mann
in dem blauen Wappenrock erschien, da brach der Jubel ab, und ein banges
Verstummen der Bewunderung begleitete den hochragenden Wanderer. Noch
jetzt ließ seine blasse, verwüstete Schönheit den Jungfrauen das Herz
pochen. Nur ein paar Händler, Bierbrauer und Lederkrämer, denen er
Verlust zugefügt, sie versuchten es, den noch immer hochmütig Blickenden
zu höhnen.

»Sag an, du Prophet Elias,« klang es aus ihren Reihen, »fährst du jetzt
im güldenen Wagen in dein tausendjährig Reich?«

Der Störtebecker verbeugte sich und zeigte den Spöttern eine unflätige
Gebärde.

»Ihr würdet mitfahren können, ihr Ewig-Blinden, wenn sich euer Gelichter
in dem Gefährte nicht schon seit Jahrtausenden den Steiß verbrannt
hätte.«

So schritt er in Frechheit und kaum verhüllter Auflösung durch die
zurückweichende Menge, und überall, wohin sein brennend ausgehöhlter
Blick traf, dort segnete man sich und schlug heimlich ein Kreuz.

Wahrlich, ein Gezeichneter zog seines Weges.

Mit weiten Schritten war er bis an eine Straßenkreuzung gelangt, als er
unvermutet stockte, so daß der ganze Zug gezwungen war, Halt zu machen.

Betroffen hob der Geschmückte die Rechte. Was stand dort dicht neben dem
unscheinbaren Männlein in grauer Mönchsgewandung für eine Bauernfrau aus
der Rügener Gegend? Die hatte ihr Tuch tief über das Gesicht gezogen,
als ob sie sich vor den zahlreichen Fremden schäme, aber dem Sohn
verriet sie sich dennoch durch ihre bekümmerten unbestechlichen Augen.

»Was willst du?« forschte der Störtebecker unentschieden und zugleich
ein wenig zurückweichend.

Noch immer demütig vor der Pracht des Verlorenen, machte Mutter Hilda
eine hilflose Bewegung, als möchte sie ihre Hand teilnehmend auf die
Brust des Riesen betten, zog sie jedoch verschüchtert zurück. Fast wie
zur Entschuldigung brachte sie dann hervor:

»Du liebe Not, weil du doch aus meinem Blut bist.«

Der Riese hob das Haupt. Der Ton klang anders, als all das, was er
bisher vernommen. Lag auch etwas darin, was ihn an die Sehnsucht dieser
Nacht erinnerte. Lange suchte er in jenen ernsten bekümmerten Lichtern,
und siehe, er fand darin all das geduckte Leid, um dessentwillen er
einst ausgezogen, um es zu lindern.

Und dies Leid währte ewig?

Zögernd nur trennte er sich von dem wortkargen Weibe, und als er nun
ihren Begleiter streifte, da geschah etwas Wunderliches. Mitleidig
richtete sich Abt Franziskus auf, und jene welke Hand, die schon den
Eintritt des Fischerbuben liebreich begrüßt hatte, obwohl er nach dem
Glauben der Zeit doch nur ein Sohn der Erde[*] war, sie zog jetzt
schweigsam die Linien des Kreuzes.

  [*] Hutten nennt noch jene Kinder so, die weder Vater noch Mutter
  kennen.

Der Priester segnete den Scheidenden.

Aber der Störtebecker lachte schrill auf.

»Spar deinen Kram, alter Mann,« rief er schneidend, »hab gestern erst
einen von deiner Kumpanei weggejagt. Wo ich hinfahre, fährst auch du
hin. Glaub mir, wird keiner mehr von dem Fährmann nach Ölung und
Sakrament gefragt.«

Damit wollte er grußlos fürbaß schreiten, als sich von neuem das
Außerordentliche wiederholte. Noch entschiedener reckte der Priester die
weiße Hand und segnete abermals. Dem Schuimer gab es einen Schlag.

»Weißt du nicht,« sprach er finster, indem er sein glühendes Auge jetzt
voll auf den Alten richtete, »wem du dein Heil spendest? Hast du mich
nicht selbst bei Hurerei und Raub betroffen? Ich sage dir, der
Leichenhügel, den ich meinem Wahn türmte, er ragt weit höher als der
Trauerberg, dem sie mich jetzt zuführen. Weiche darum von mir, damit
sich dein Gott nicht entsetze!«

Und dennoch ließ der Mönch nicht von ihm, ja, während er ein drittes Mal
bedeutungsvoll das Kreuz zog, öffnete er endlich den feinen Mund und
sprach ganz sanft und barmherzig:

»Du Wollender, du Mensch im Tatensturm, ich, ein Christ, segne dich.
Sieh, in meiner engen Zelle, dein Leben betrachtend, ging mir endlich
sein Sinn auf. Was sich erdumwälzend, gewitterschwül im Reiche der
Geister zusammenballt, was sich ohne Hemmung über Erde und Menschen
ausschüttet, das, mein Sohn, wirkt der Zeit fast immer zum Unheil, denn
Schollen und Sterbliche vertragen nur Tropfen.«

»Du sprichst die Wahrheit, Greis,« schrie der Störtebecker gepackt und
griff mit beiden Fäusten nach dem Kleid des Männleins. »Sieh, ich bin
solch eine Wetterwolke. Jäh zerriß ich und brachte nichts als Zerstörung
und Niederbruch.«

Da umschlang der Priester den ihm Nahen und küßte ihn zärtlich auf beide
Wangen.

»Verwirf dich nicht, du Stürmischer,« flüsterte er ihm zu. »Wenn die
Flut abschwemmt, dann dringen über Jahr und Jahr etliche jener Tropfen
in tiefere Schichten und erwecken dort ungeahnt Wachstum und Blüte. So
wirkt ins Ferne, was in der Gegenwart verrauschte und zerfloß. Zieh hin
in Frieden.«

Der Gesegnete richtete sich auf. Heller Sonnenschein überglitzerte die
feuchte Wegkreuzung, helles goldenes Licht breitete sich in den Zügen
des Seefahrers, so fortreißend und strahlend, wie es ihm sein ganzes
Leben lang beschert war. Aufatmend blickte er sich um, und er fand, daß
er all die Menschen, die großen und geringen, die ihn beinahe
ehrfürchtig umdrängten, von jeher und bis zuletzt gehegt und geliebt
hatte.

Da schlug die Verführung, die der Zauberer zu wecken vermochte, noch
einmal über alle Schranken des Herkommens. Die Trommler wirbelten, die
Pfeifer schmetterten, blonde und braune Mägdlein streuten ihrem Feinde
Blumen auf den Weg, und das Volk rauschte um ihn, wie Halme, die sich
vor dem Schnitter neigen. Er aber achtete ihrer nicht mehr. Er schritt
dahin, heiter, entrückt, ein tatenfroher Vollender, und hinter dem Hügel
der Schmerzen empfingen ihn Zukunft und Sage!


                   Ende


   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Anmerkungen zur Transkription -- Änderungen im Text:
Die folgenden Rechtschreib- und Grammatikfehler sowie inkonsistenten
Schreibweisen wurden im Text berichtigt (Angabe nach Kontext):

  -- "Da wandte die vorausfliehende Occa zum erstenmal ein wenig
      das Haupt zur Seite.": Änderung von "vorauffliehende" zu
      "vorausfliehende"

  -- "Dazu grölte er ein uraltes Schleiferlied": Änderung von
      "gröhlte" zu "grölte"

  -- "den irrlichternden Strahl der schwarzen Augen": Änderung von
      "irrlichterlierenden" zu "irrlichternden"

  -- "das Gerücht von der Untat auf Ingerlyst": Änderung von "Ingerslyst"
      zu "Ingerlyst"

  -- "die Wirksamkeit jener Mittel": Änderung von "Wirsamkeit" zu
      "Wirksamkeit"

  -- "Beeinträchtigte er dich": Änderung von "Beinträchtigte" zu
      "Beeinträchtigte"

  -- "Ob sie auch den Ausbruch ihres Führers nicht verstanden": Änderung
      von "ihrers" zu "ihres"

  -- "die Antwort kam ihm": Änderung von "Anwort" zu "Antwort"

  -- "in einem venezianisch geschliffenen Büchslein": Änderung von
      "venetianisch" zu "venezianisch"

  -- "Edelingsblut und Knechtsblut": Änderung  von "Edling" zu "Edeling"

  -- "ein seidener Pfühl, eine glatte Dirne darauf": Änderung von "ein
      glatte" zu "eine glatte"

  -- "ein Schwarm bärtiger, verwegener Gesellen": Änderung von "verwogen"
      zu "verwegen"

  -- "Das Rad, das so lange einförmig gelaufen war": Änderung von "solange"
      zu "so lange"

  -- "Wieder jener verzweifelte Blick der Leere und dann unter Scheu und
      Zögern:" Ersetzung von "." mit ":"

  -- "Kein Zweifel, der begehrliche Mann atmete schneller": Komma eingefügt

  -- "knapp entwischt war, aber das unselige
      Gepäck des heimlich schwelenden Aufruhrs": Komma eingefügt

  -- "Blutig entlud er sich zuerst vor den Dreschscheunen": Änderung von
      "Druschscheunen" zu "Dreschscheunen"

Inkonsistente und veraltete Schreibweisen (z.B. Witib/Wittib, genädiglich)
wurden beibehalten, sofern nicht ersichtlich Satzfehler vorlagen.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Claus Störtebecker" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home