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Title: Die Liebesbriefe der Marquise
Author: Braun, Lily, 1865-1916
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Liebesbriefe der Marquise" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

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      sich am Ende des Textes.

      Kursiver Text wurde _so_ markiert



    _Die ersten einhundert Exemplare dieses Werkes wurden auf
    Zanders-Bütten abgezogen und handschriftlich numeriert. Der Preis
    eines Exemplars dieser Liebhaberausgabe mit Titel in Kupferstich und
    in kostbarem, handgearbeiteten Lederband von E.A. Enders nach
    Entwurf von W. Tiemann beträgt 30 M._



DIE LIEBESBRIEFE DER MARQUISE


LILY BRAUN

DIE LIEBESBRIEFE DER MARQUISE



[Illustration]

Albert Langen/München

Copyright 1912 by Albert Langen/München



INHALT


                                  Seite

  Einleitung                      XI

  Mädchenzeit                     1

  Die Schloßfrau von Froberg      37

  Eine deutsche Tragödie          103

  Schäferspiele                   149

  Das Kind                        193

  Cagliostro                      249

  Der Prinz                       301

  Der letzte Akt                  379

  Ausklang                        463



EINLEITUNG



Wenn die alte Gräfin Laval, in ihrem tiefen Lehnstuhl behaglich
zurückgelehnt, ein heiter sinnendes Lächeln um die feinen Lippen, von
Delphine Montjoie zu sprechen begann, so pflegte ihre strenge Tochter,
mit einem vielsagendem Blick auf die Jugend im Zimmer, ein »aber
Mamachen!« warnend dazwischen zu werfen. Sie unterbrach sich dann stets,
eine zarte Röte überzog ihre Elfenbeinhaut, -- ob aus Ärger, ob aus
Verlegenheit? --, und für den Rest des Abends blieb sie schweigsam.

Kam eine ihrer Enkeltöchter allein zu ihr, so bedurfte es keiner langen
Bitten und sie erzählte der gespannt Aufhorchenden von der Ahnfrau, die
das Zaubermittel besessen hatte, alle Herzen an sich zu fesseln. Der
lachende Geist des Rokoko -- halb Liebesgott, halb Faun -- hatte seine
Schäferlieder an ihrer Wiege gesungen, das Heldenepos Napoleon hatte ihr
Alter umbraust; um ihr duftendes Lockenköpfchen hatte der Sturm von 89
getobt, und von dem Gewitter der Julirevolution war ihr eisgraues Haupt
noch berührt worden. Schleifende Menuettschritte, rauschende Kleider,
klappernde Stöckelschuhe, Sturmläuten, Kanonendonner, dazwischen ein
Flüstern, ein leises Lachen, ein verhaltenes Schluchzen, -- das war ihre
Geschichte.

Als eines Winters der tiefe weiche Schnee um ihr Schloß zu Füßen der
Vogesen jeden Laut erstickte, da verklang ihr Leben.

»Kurz vor ihrem Tode«, -- so erzählte die Gräfin Laval --, »hatte sie
noch sorgfältig Toilette gemacht. Mir schien, als hätte sie sogar ein
wenig Rot auf ihre Wangen gelegt, und ihre immer noch schönen schwarzen
Augen ganz, ganz zart unterstrichen. 'Mein letzter Gast', sagte sie
lächelnd, 'soll sich über einen Mangel guter Lebensart nicht zu beklagen
haben.'«

Ihre Enkelkinder erbten das alte Schloß, aus dem alles Leben gewichen
schien, und die langen Schnüre von Perlen, die aus Sehnsucht nach dem
blendenden Nacken und den weißen Armen der Herrin all ihren Glanz
verloren hatten. Die Gräfin Laval, ihre Nichte, nahm nur ein Päckchen
vergilbter Briefe mit nach Haus. Sie waren mehr wert, als ihre toten
Schätze, denn in ihnen klopfte das Herz der Marquise.



MÄDCHENZEIT



Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Schloß Etupes, am 16. Juni 1771._

Reizende Delphine, holdseligste aller Nymphen! Seit gestern habe ich
kein Auge zugetan. Wie Sie mir, dem verliebtesten aller Schäfer, durch
die Laubengänge entschlüpften, hinter den Wasserfällen zu verschwinden
und in den Teichen unterzutauchen schienen --, das alles sah ich immer
wieder vor mir. Den Augenblick aber, wo die Schar der Genien vor den
Verfolgern fliehend im Tempel der Venus Schutz suchte und ich Sie hier,
-- gerade hier! --, im Kampf gegen meinen Rivalen, den kleinen Baron
Wurmser, mir gewann, diesen köstlichen Augenblick wagte ich kaum in der
Erinnerung heraufzubeschwören. Das Klopfen meines Herzens, das Fliegen
meiner Pulse, die glühende Röte meiner Wangen deuteten das Fieber zu
heftig an, von dem ich befallen bin.

Mein Oheim, der Herzog, wollte nicht glauben, daß wir Kinder dies Fest
ihm zu Ehren improvisiert hatten, und er begreift ganz und gar nicht,
daß Delphine Laval, die graziöseste der Tänzerinnen, erst dreizehn Jahre
alt ist. »Versailles würde sich glücklich schätzen ihr seine Tore zu
öffnen, und der König wäre der erste ihrer Bewunderer« sagte er. Ich
hörte, wie er meiner Mutter zuredete, sie möge dafür sorgen, daß »die
schöne Delphine« im Gefolge meiner Schwester dem Stuttgarter Hof
vorgestellt werde.

Nun: wenn man mich auch noch zu den Kindern rechnet und Herr von Altenau
mich zuweilen am liebsten taub und blind machen möchte, -- (übrigens
ahne ich noch nicht, wie dieser Brief seinem Argusauge entrinnen wird!)
--, so weiß ich Eins gewiß: meine reizende Freundin wäre am Hof von
Versailles, dessen Oberhaupt ein Greis ist, besser aufgehoben, als an
dem von Stuttgart.

Ich würde Sie zwar mit dem Degen in der Hand gegen alle zudringlichen
Bewunderer, und wären es die höchsten, zu verteidigen wissen, aber das
Recht dafür habe ich erst von Ihnen zu empfangen. Ich fühle es: seit
gestern sind wir keine Kinder mehr. Die harmlosen Spielereien
vergangener Jahre lösen süßere Spiele ab.

Ich habe mir Franz, meinen jüngsten Reitknecht, verpflichtet. Er hat mir
geschworen, diesen Brief nur Ihnen persönlich abzugeben und von Ihnen
allein eine Antwort entgegen zu nehmen. Lassen Sie mich nicht vergebens
hoffen! Ihre Augen leuchteten mir schon einmal Gewährung, als ich, der
arme Schäfer, der Göttin zu Füßen sank. Lassen Sie mich nicht glauben,
daß es nur der Abglanz der Feuergarben war, die rings um den Tempel gen
Himmel stiegen.

Sie werden am Sonntag von meiner Schwester erwartet. Habe ich erst ein
paar Worte von Ihnen, in denen ein Echo, wenn auch ein noch so leises,
der meinen wieder klingt, so werde ich es möglich machen, daß wir uns
allein begegnen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Schloß Montbéliard, am 12. Dezember 1771._

Teure Delphine, Sie haben ein Herz voll Liebe auf das tiefste verwundet.
Alles Unglück der Welt hätte ich mir eher träumen lassen, als daß der
Himmel meines Glücks sich so verfinstern könnte. Haben Sie so rasch
vergessen, was Sie mir versprachen, als ich Ihnen in der Poseidongrotte
das rosenrote Band mit eigenen Händen vom Halse lösen durfte --, einem
Halse um deswillen die Schwäne sich jedesmal, wenn unser Boot den Teich
durchstrich, flügelschlagend, neiderfüllt gegen Sie erhoben. Es war am
zwanzigsten Juni. O, ich vergesse den Tag und die Stunde nicht und werde
Sie stets daran zu erinnern wissen!

Seitdem wir nach Montbéliard zurückgekehrt waren, und die schöne
Freiheit wieder dem höfischen Zwang weichen mußte, veränderte sich Ihr
Benehmen gegen mich.

Aber ich war blind dafür; ich sah in Ihrer Gemessenheit nur die Folge
des Zeremoniells, in Ihrer Scheu, mir allein zu begegnen, nur die Angst
vor den Augen meines Hofmeisters und Ihrer Gouvernante, in Ihrem
Bemühen, stets in Gesellschaft meiner Schwester zu sein, nur ein
listiges Mittel, unser Zusammentreffen harmlos erscheinen zu lassen.

Und nun, wo das Glück, oder sagen wir besser: der entzückende Leichtsinn
meines Oheims uns die Gelegenheit zum Alleinsein fast aufzwang, waren
Sie es, die ihr aus dem Wege ging, um -- mit meinem Hofmeister, mit
Herrn von Altenau zusammen zu sein. Er las Ihnen vor dem Kamin Gedichte,
noch dazu deutsche Gedichte vor!

Als ich von meiner Fahrt zurückkam, die ich auf dem Schlitten meines
Oheims bis in die sinkende Nacht ausgedehnt hatte --, Gott, wie
wundervoll wäre es gewesen unter der weißen Fuchsdecke, zwischen den
schneeigen Flügeln des Riesenschwans meine reizende Freundin zu
entführen! --, hoffte ich wenigstens, einen Ausdruck der Angst um mich
in Ihren Zügen zu finden. Statt dessen ein erstauntes: »Schon zurück?«,
ein Händedruck für Herrn von Altenau von einem tränenschimmernden Blick
begleitet!

Ich bin töricht genug gewesen, Herrn von Altenau für meinen Freund zu
halten, und mein Vertrauen, meine kindliche Begeisterung für den
Reichtum seines Wissens waren so unbegrenzt, daß ich keinen größeren
Wunsch kannte, als meine reizende Delphine ihm zuzuführen, damit sie
genießen könne, was ich genoß.

Und nun diese Enttäuschung: der Freund, der sich als Verräter entpuppt,
die Geliebte, die mich um seinetwillen verläßt!

Aber hoffen Sie nicht, daß ich Ihr flatterhaftes Herz so leicht
freigebe. Eifersucht und Haß sollen mich lehren, meinen Rivalen
empfindlich zu treffen.


Johann von Altenau an Delphine.

_Schloß Etupes, am 16. Januar 1772._

Gnädigste Gräfin, Frau von Laroche teilte mir soeben mit, daß Sie
leidend seien und wir Sie in den nächsten Wochen in Montbéliard nicht
erwarten dürften. Das betrübt mich auf das tiefste. Die Stunden mit
Ihnen, in denen es mir vergönnt war, die unbekannten Schätze der
deutschen Dichtkunst vor Ihrer empfänglichen Seele auszubreiten,
bildeten den Lichtpunkt in meinem verdüsterten Dasein.

Gestatten Sie mir, Ihnen heute ein französisches Werk zuzusenden, das zu
dem schönsten und erhabensten gehört, was die französische Literatur
hervorgebracht hat: Die Neue Heloïse von Jean Jacques Rousseau, jenem
vielverkannten Dichter, von dem ich Ihnen schon oft erzählt habe. Seine
Lektüre stellt an Ihr Gefühl und an Ihren Verstand gleich hohe
Anforderungen, aber ich glaube, Sie werden ihnen gewachsen sein.

Ich möchte nicht verfehlen, Ihnen mitzuteilen, daß Prinz
Friedrich-Eugen in letzter Zeit den Studien noch ernstere Neigungen als
bisher entgegenbringt, was ich Ihrem Beispiel und Einfluß glaube
zuschreiben zu können. Er hält sich mehr in meinen Zimmern als in seinem
Jagdgebiet auf, beschäftigt sich eifriger mit seinen Büchern als mit
seinen Pferden und Hunden. Hatte sein leicht entzündliches Herz sich
bisher nur an allem Schönen und Hohen begeistert, das ich ihm zu
vermitteln imstande war, so scheint er jetzt den großen Fragen der Zeit
mit überlegendem Verstande nahe zu treten. Hoffen wir, daß diese
Richtung seines Geistes sich als eine dauernde erweisen möge. Nach dem
Beispiel des Königs von Preußen sollten gerade die Fürsten, deren Denken
und Tun allen sichtbar auf der Bühne des Welttheaters sich abspielt, die
Genien der Kunst und der Wissenschaft zu ihren Begleitern wählen. Statt
dessen versuchen sie, an nichts anderes als an devote Untertanen
gewöhnt, auch diese Wesen göttlichen Ursprungs zu bloßen Handlangern
ihres Vergnügens zu machen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Schloß Montbéliard, den 19. Juni 1772._

Angebetete Delphine. Nach Monaten der Aufregung und der Selbstvorwürfe
finde ich endlich eine Möglichkeit, mich Ihnen zu Füßen zu werfen. Die
Gräfin von Chevreuse ist mit ihrem Sohn Guy bei uns zu Gast. Mir stand
das Herz still, als er mir von der »reizenden« Gräfin Laval erzählte,
mit der dieser Glückliche auf dem Kinderball bei der Marquise Mortemart
tanzen durfte. Ich versuchte kühl zu bleiben, ich hörte mit
gelangweilter Miene zu, wie er mir Ihre Frisur à l'amoureuse, Ihr
golddurchwirktes blaues Brokatkleid schilderte, die Grazie pries, mit
der Sie sich im Menuett bewegten; als er aber über die Grübchen in Ihren
Wangen, über den lachenden Mund, in dessen rechtem Winkel ein
Schönpflästerchen saß, -- als ob es noch nötig wäre, seine Rosenfarbe
besonders hervorzuheben, -- selbst in der Erinnerung in Entzücken
geriet, da verlies mich meine Selbstbeherrschung. Ich vertraute mich ihm
an. Er gab mir sein Wort, Ihnen diesen Brief bei nächster Gelegenheit zu
überreichen.

Ja, Delphine, ich bin schuldig, aber meine Schuld ist durch Ihre
Abwesenheit so schrecklich gestraft, daß Sie mich wenigstens anhören
müssen.

Als ich mit Hilfe meines Reitknechts, der Herrn von Altenaus Diener
bestach, Ihren Briefwechsel mit meinem Hofmeister entdeckte, kannte
meine Wut keine Grenzen mehr; kein Mittel erschien mir niedrig genug, um
sie zu kühlen. Ich schmeichelte mich so sehr in Herrn von Altenaus
Vertrauen, daß mir sogar seine geheimen Beziehungen zu den Pariser
Philosophen nicht mehr verborgen blieben. Ich fand in seiner Bibliothek
lauter Bücher, die das Pariser Parlament öffentlich verbrannte, und
deren Verfasser durch königliche Order in der Bastille, in Vincennes, in
Fort-l'Evêque für ihre aufrührerischen Reden büßen mußten. Ich las darin
und entdeckte, daß es diese Bücher waren, aus denen Herr von Altenau all
die Gedanken, all das Wissen geschöpft hatte, das er uns in seinem
Unterricht übertrug.

O Delphine, ich kämpfte einen schweren Kampf mit mir selbst, aber der
brennende Wunsch, Herrn von Altenau aus Ihrer Nähe zu entfernen, ließ
die Stimme des Gewissens verstummen. Ich verriet dem Herzog meine
Entdeckungen und mein Herr Hofmeister war noch am selben Tage entlassen.
Er würdigte mich keines Blickes mehr und beschämt und zerschlagen wagte
ich mein Zimmer nicht zu verlassen, solange ich ihn noch anwesend wußte.
Nicht ich war Sieger geblieben --, das empfand ich tief, noch ehe ich
wußte, daß Sie um meiner Tat willen leiden müssen. Mein halbes Leben
gäbe ich darum, könnte ich sie ungeschehen machen!

»Die fromme Atmosphäre des Klosters wird den Höllenodem rasch verbannen,
den unsere liebe Komtesse geatmet hat«, sagte salbungsvoll Ihre
Gouvernante, die alte Schlange, als sie uns von Ihrer Abreise nach
L'Abbaye aux Bois Mitteilung machte. Als Guy uns aber das Leben in
diesem Kloster schilderte, als er erzählte, daß Dauberval, der erste
Tänzer der Oper, auch dort den Reigen anführt, daß Sie, schöne Delphine,
von allen, selbst von Guy's Schwester, die den ersten Preis in
Geschichte erhielt, um den ersten Preis im Tanze beneidet wurden, und
die Herzogin von Lavallière Ihnen vor Entzücken den Fächer schenkte, den
sie in der Hand trug, -- obwohl er nicht mit Heiligenbildern, sondern
mit denen der Grazien und Musen geschmückt war --, da bekreuzigte sich
Frau von Laroche und klagte über die Verderbtheit von Paris.

Wir saßen an jenem Abend zum ersten Mal in diesem Jahr auf der großen
Terrasse von Etupes. Alle Wasserkünste spielten. Hinter den letzten
Bosketts klang melodischer Gesang hervor; es waren die Schnitter und
Schnitterinnen, die die Wiese mähten. Unser neuer Haushofmeister hat
ihnen während des Winters die anmutigen Weisen gelehrt, um uns und
unsere Gäste zu entzücken. Es soll nicht leicht gewesen sein, die sonst
so gefügigen Leute für die Kunst zu gewinnen. Einige gar zu aufsässige,
die neulich die Frechheit hatten, zu erklären, daß dem Herzog zwar ihre
Hände, nicht aber ihre Stimmen gehörten, kamen nach Montbéliard ins
Verließ. Seitdem ist der Chor stets vollzählig geblieben.

Die Schar unserer Gäste ist größer als sonst; aber sie füllen die
ungeheure Lücke nicht aus, die ich dauernd empfinde. Und doch: so groß
sie ist, -- ein kleines Stück Papier, drei Worte darauf: »Ich vergebe
Ihnen«, würde sie in diesem Augenblick, wo alle übermütigen Wünsche
schweigen müssen, auszufüllen vermögen. Werde ich vergebens darauf
warten?


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, den 3. Juli 1772._

Gnädigste Gräfin!

Die dicksten Klosterwände werden dünn wie Seidenpapier, wenn sie sich in
Paris befinden und junge Damen von Rang dahinter erzogen werden. Alle
Bücher, um derentwillen ich Montbéliard verlassen mußte, würde ich mich
anheischig machen, bei Ihnen einzuschmuggeln, ohne daß ein zweiter
Friedrich-Eugen mein Vertrauen mißbrauchen, eine zweite Frau von Laroche
Sie dafür strafen würde. Aber ich will Sie heute nicht beunruhigen.
Lebte ich noch in der Luft von Montbéliard, die so sehr die des
siebzehnten Jahrhunderts ist, daß das achtzehnte einen Gewittersturm
entladen müßte, um sie zu verteilen, so würde ich Sie mit Handkuß und
tiefer Verbeugung um Verzeihung bitten, weil ich der unschuldig
Schuldige auch an Ihrer Verbannung war. Aber ich bin, wie Sie, in der
Hauptstadt und weiß, daß selbst ein Kloster in Paris einem alten Schloß
im Elsaß vorzuziehen ist.

Mit meinen verbotenen Büchern kam ich hierher und fand, daß ich mit
ihnen mein Reisegepäck nicht hätte beschweren brauchen: ihre Ideen
erfüllen Paris, sodaß ein jeder sie einatmet. Sie dringen selbst in die
Salons der großen Welt, denn die schönen Damen, in deren weißen Händen
jede Waffe zu einem kuriosen Spielzeug, in deren Mund jeder Gedanke zu
einem Bonmot wird, sind der Schäferspiele endlich müde geworden und
jonglieren jetzt mit den Leuchtkugeln des Geistes, ohne zu ahnen, daß
sie Sprengpulver enthalten.

Fürchten Sie sich daher nicht, liebe kleine Gräfin, wenn Sie in Ihrem
Köpfchen noch Reste der Neuen Heloïse und in Ihrem Herzchen Gefühle
entdecken, über die ein Klosterfräulein erröten müßte, -- es ist in
Paris die große Mode. Und auch vor einem Wiedersehen mit mir, dem armen
deutschen Baron, der den Contrat social nicht nur in der Tasche trägt,
brauchen Sie keine Angst zu haben. Wie in der Haute-Finance die
Aristokraten, so sind in der Hofgesellschaft die Literaten en vogue. Sie
sind an Stelle der Narren getreten und dürfen sich daher Alles erlauben,
sofern sie nur die höchsten und allerhöchsten Nerven zu kitzeln
verstehen.

Doch das, meine kleine Gräfin, ist im Grunde noch nichts für Sie. Ich
sehe, wie sich Ihre Augen ebenso erstaunt weiten, wie damals, als ich
Ihnen erzählte, daß ich dicht hinter den Rosenhecken und Lorbeerbäumen
von Etupes Kinder gefunden habe, die sich mit den Hunden um eine alte
Brotrinde rauften. Übrigens, -- was ich Ihnen bei dieser Gelegenheit
sagte, habe ich auch den Eltern dieser Kinder gesagt: um trockne
Brotrinden mit Hunden zu raufen, ist kein gottgewolltes Schicksal der
Bauern. Nun wird sich wahrscheinlich der Herr Herzog wundern, wie Bücher
zu wirken vermögen, auch wenn er dafür gesorgt hat, daß seine Leute
nicht lesen können.


Graf Guy Chevreuse an Clarisse.

_Paris, am 8. August 1772._

Meine liebe Schwester, ich schicke Ihnen die versprochene Bonbonnière.
Hoffentlich wird die mère Sainte-Bathilde in ihrer göttlichen Einfalt
die Amoretten darauf für Engel des Himmels halten, und die Dragées für
ihren einzigen süßen Inhalt. Sie wissen, unter welchen Bedingungen ich
Ihnen versprach, die Antwort des Chevaliers in Ihre Hände zu spielen.
Heute ist es an Ihnen, diese Bedingung zu erfüllen. Übergeben Sie der
kleinen Laval den Brief, den Sie auf dem Grunde des Kästchens finden
werden, und benutzen Sie, als die ältere Freundin, Ihren Einfluß, meine
inneren und äußeren Vorzüge so glänzend zu schildern, daß meine Gestalt
die Träume Delphines beherrscht. Friedrich-Eugen ist ein hübscher Junge,
aber allzu deutsch, als daß ich ihn nicht auszustechen vermöchte, wenn
nicht jene gewisse moderne Sentimentalität, die neuerdings das Wort
Liebe au ton tragique auszusprechen befiehlt, von Ihrer Freundin Besitz
ergriffen hätte. Es ist an Ihnen, ihr zu lehren, daß jene holde
Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern dazu da ist, das Leben
leicht, nicht schwer zu machen. Amor hat Flügel. Nur Gefangene mit
Bleigewichten an den Füßen drehen sich immer im traurigen Zirkel
desselben Raums -- -- --


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 8. August 1772._

Reizende Delphine, der bloße Gedanke an Sie könnte mich des größten
Verbrechens schuldig machen: mein Wort als Kavalier nicht zu halten.
Oder gibt es für einen jungen Mann etwas schwereres, als bei der
Angebeteten seines eigenen Herzens den Liebesboten zu spielen?!

Ich unterwerfe mich, wie Sie sehen, meiner Pflicht und sende Ihnen den
Brief des Prinzen. Darf ich doch hoffen, daß Sie sich meiner dann
wenigstens mit einem Gefühle des Dankes erinnern, das nicht ohne Wärme
ist.

Wir werden uns auf dem Ball der Herzogin von Luxemburg wiedersehen.
Selbst wenn Sie mich zeihen, Friedrich-Eugens Freundesrechte dadurch zu
verletzen, ich muß Ihnen gestehen, daß mein Herz schon jetzt vor Freuden
klopft. Sollte es wahr sein, daß Sie sich an dem Theaterspiel bei Madame
de Rochechouart beteiligen, so werde ich alles daran setzen, die Rolle
des Liebhabers übernehmen zu dürfen. Verbietet mir die Freundestreue,
Ihnen so zu huldigen, wie meine Bewunderung für Sie es verlangt, so wird
der Befehl des Dichters mich wenigstens auf der Bühne dieser meiner
schweren Pflicht entbinden.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Schloß Montbéliard, den 29. September 1772._

Teuerste Delphine, Ihr Briefchen hat mich in einen Rausch des Entzückens
versetzt: Sie verzeihen mir! Freilich --, wenn ich es wieder und wieder
lese, so verlieren die fünf Worte: »Ich bin nicht mehr böse« durch den
Nachsatz: »denn es ist hier wunderschön« den süßen Klang, den ich ihnen
so gern, ach so gern geben möchte! Aber ich will nicht grübeln, will den
Gedanken nicht aufkommen lassen, daß Ihr Verzeihen nicht der Wärme Ihres
Gefühls, sondern der Kühle des Vergessens entspringt. »Was ist Etupes
gegen die Gärten von Versailles, was Montbéliard gegen Paris!« schreiben
Sie und lassen an mir Bälle und Maskenfeste, Oper und Ballet in tollem
Wirbel vorübergaukeln. Ich wäre grausam genug, Sie lieber in einem
Kloster zu wissen, wie Frau von Laroche es sich für Sie träumte, wenn
ich nicht, -- kaum wage ich auszusprechen, woran ich noch nicht zu
glauben vermag! --, in wenigen Monden selbst zu den Glücklichen gehören
würde, die der schönen Delphine huldigen dürfen.

Entsinnen Sie sich des Marquis Montjoie, den wir seiner steifen Würde
wegen Ludwig XIV. zu nennen pflegten? Er ist mit Ihrem Herrn Vater unser
Gast, und ich habe ihm im Stillen die Späße abgebeten, die wir über ihn
machten, denn er ist es, der den Herzog bestimmte, mich mitzunehmen,
wenn er in Versailles seine Aufwartung macht. Die Repräsentanten des
alten französischen Adels sollten sich, -- so meinte der Marquis --,
beizeiten um die Person des Dauphin scharen, dessen Einfachheit und
Frömmigkeit er nicht wenig zu rühmen wußte, und die jüngeren Söhne der
mit dem Königshaus liierten Fürsten sollten sich in seine Dienste
stellen.

Brauche ich es Ihnen, angebetete Delphine, erst zu sagen, daß es nicht
mein Interesse für den Dauphin und seine Tugenden ist, was mich nach
Paris zieht! Aber auch alle lockenden Freuden der Stadt, die mein Freund
Guy nicht müde ward, zu schildern, verblassen vor einem einzigen Blick
in Ihre Augen, auf den ich endlich wieder hoffen darf.

Doch ich fürchte, diese schwarzen Sterne überfliegen ungeduldig meine
von Sehnsucht und Liebe diktierten Worte. Weiß ich doch nie: sind sie
Menschenaugen, Spiegel eines fühlenden Herzens, oder Brillanten, die
zwar das Licht der ganzen Welt widerstrahlen, aber doch eben nur --
Steine sind!

Sie verlangen aus der Heimat Neues zu hören. Von dem letzten längeren
Aufenthalt des Herzogs von Württemberg in der Eremitage hat Ihnen meine
Schwester wohl schon geschrieben. Er lebte sehr zurückgezogen, um sich
von den Regierungsgeschäften zu erholen. Zu seiner Unterhaltung hatten
wir Tänzerinnen aus Wien kommen lassen. Sie führten das Ballett »Medea«
von Noverre auf, das alle Zuschauer entzückte. Der Herzog verteilte
eigenhändig kostbare Andenken unter die Mädchen.

Ihm und den zahlreichen anderen Gästen zu Ehren wurde dann eine große
ländliche Hochzeit geplant. Mein Vater hatte durch den Kaplan von Etupes
verkünden lassen, daß er zehn jungen Mädchen je ein Schwein schenken
wolle, wenn sie heiraten würden, und meine Mutter hatte unseren Gästen
schon das idyllische Fest in Aussicht gestellt. Statt dessen --, was
meinen Sie wohl, was geschah?! Einer der Vorschnitter erklärte unserem
auf baldige Entschließung drängenden Haushofmeister, -- die Gäste waren
schon überaus ungeduldig, -- daß die heiratsfähigen Mädchen und Burschen
sich angesichts der großen Nahrungsnot entschlossen hätten, ledig zu
bleiben. »Das Schwein würde von den Steuern gefressen, und unsere Kinder
könnten verhungern,« fügte der freche Mensch hinzu.

Unsere Gäste sind durch eine Treibjagd für den peinlichen Ausfall des
ländlichen Festes entschädigt worden. Die Strecke war enorm, und sogar
der alte Prinz Condé, dessen zitternde Hände das Gewehr kaum mehr halten
können, machte keinen Fehlschuß. Die Tiere wurden ihm freilich auch
dicht vor den Lauf getrieben. Man soupierte sodann unter Zelten im
Freien. Großes Aufsehen machte dabei der riesenhafte Neger, den der
Marquis Montjoie von seiner letzten afrikanischen Expedition mitgebracht
hatte. Allein der Schmuck, den er an Gold und Edelsteinen an sich trug,
soll Hunderttausende wert sein und doch nur einen winzigen Bruchteil
dessen bilden, was der Marquis an Vermögen besitzt. Er wird zu gleicher
Zeit mit uns in Paris eintreffen und ich will Ihnen verraten, daß er
Ihnen, der Tochter seines alten Freundes, eine kostbare Perlenschnur
zugedacht hat, die er von einem indischen Fürsten erwarb.

Meine Schwester zeigte ihm Ihre Miniatur, die ich ihr immer noch
vergebens abzubetteln versuche. »Eine unschuldsvolle Schönheit!« sagte
der Marquis bewundernd. Ich schwieg, hätte ich ihm sagen sollen, daß das
Bild wenig ähnlich ist, daß Sie viel tausendmal reizender sind?!

Sie sehen, teuerste Delphine, ich mag noch so ernsthaft versuchen, von
etwas anderem zu sprechen, als von Ihnen, meine Feder, die noch nicht
gelernt hat, höfische Phrasen zu formen, von denen das Herz nichts
weiß, kehrt immer wieder mit meinen Gedanken zu Ihnen zurück. Aber so
treu sie mir ist --, ich kann die Zeit nicht erwarten, wo das lebendige
Wort sie überflüssig machen wird.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 28. Dezember 1772._

Wegen eines Madrigals, um dessen beziehungsvolle Zartheit der Chevalier
Boufflers mich beneiden müßte, soll ich, holde Delphine, Ihrer Gegenwart
beraubt sein?! O, mère Sainte-Bathilde, wir werden ihnen beweisen, daß
sie keine Nönnchen zu kommandieren haben! Koste es, was es wolle --,
meine Angebetete wird den Maskenball im Hotêl du Chatelet besuchen.
Trüben Sie darum den Glanz Ihrer Augen durch keine Träne.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 30. Dezember 1772._

Alles in Ordnung. Ein paar Louisd'or überstrahlen jeden Heiligenschein
und sprengen jede Klosterpforte. Die Schwester, die Ihnen diesen Zettel
zusteckt, wird Ihnen alles Notwendige sagen. An der kleinen Gartenpforte
erwartet Sie die Sänfte, die kurz vorher Clarisse zum Balle trug. Für
die ungefährdete Rückkehr bürgt mère Sainte-Bathilde's Gespensterfurcht.
Und der Preis für meinen Ritterdienst?!


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 31. Dezember 1772._

Meine liebe kleine Gräfin, da ich mich doch nur in Gegenwart einer Ihrer
Gestrengen steif und zeremoniös nach Ihrem Befinden erkundigen kann, und
Ihnen nach dem Ereignis der gestrigen Nacht manches zu sagen habe, was
Ihnen sonst Niemand sagt, so schmuggle ich diesen Brief bei Ihnen ein.

Das war ein Zusammentreffen, wert von La Harpe in leichten Reimen, von
Boufflers in einer zierlichen Erzählung geschildert zu werden:

Dunkle Nacht; große weiße Flocken schweben leise zu Boden, um sich hier
allmählich in klebrigen Schmutz zu verwandeln. Da biegt in der Rue de
Sève ein Mann um die Ecke, die Laterne unter dem Mantel halb verborgen.
Er sieht sich scheu rings um, dann hebt er die Laterne, nun folgt ihm
ein zweiter, ein dritter, und danach eine Sänfte, die dicht verhangen
zwischen den Trägern schwankt. Sie gehen rasch, als wären sie auf der
Flucht. Irgend ein unklarer Gedanke zwingt mich, der ich ihnen begegne,
umzukehren und desselben Wegs mit ihnen zurückzugehen. Plötzlich erhellt
sich der Himmel vor uns, er färbt sich glutrot; die Sänftenträger
erschrecken und stellen ihre Last zu Boden. Sekundenlang erscheint ein
gepudertes Köpfchen zwischen den Gardinen, zwei dunkle Augen starren
entsetzt hinaus. Mit einem Aufblitzen jähen Erkennens streifen sie
mich. Die Diener treiben mit rohen Worten die Träger zu ihrer Pflicht
zurück. Es geht vorwärts; ich bleibe von nun an gebannt dicht hinter der
Sänfte. Da --, welch tosender Lärm schlägt uns entgegen: ein
Glockenläuten, das aus allen Himmelsgegenden hundertfaches Echo zu
finden scheint, dazwischen Trompetensignale, und, ständig anschwellend,
Menschengeschrei. Wir haben den Pont Neuf erreicht, schon ist die Seine
rot überhaucht wie bei Sonnenaufgang, und von rechts her schlagen
Flammen gen Himmel, als ob sie seine dunkle Wölbung sprengen wollten.

»Das Hotel de Ville brennt!«, kreischt ein altes Weib neben uns. »Mein
Kind, mein Kind!« schreit verzweifelt eine andere und stürzt sich der
Glut entgegen. »Zu Sartine!« ruft ein Mann und reißt einem der Diener
die Laterne aus der Hand.

»Niemand kann ins Haus -- die Kranken verbrennen -- vierhundert Kranke!«
Wir stehen erstarrt.

Und die kleine Sänfte öffnet sich und mitten in der grauenvollen Nacht
erscheint eine Lichtgestalt, von weißer Seide umflossen, einen
Rosenkranz auf dem gepuderten Köpfchen, goldene Schuhe an den zarten
Füßen. Ihre nackten Arme, ihr kindlicher Hals leuchten im Dunkel.

In demselben Augenblick kommt es über die Brücke uns entgegen, langsam
-- leise, nur von Stöhnen und Wimmern begleitet; ein Zug Armseliger,
Zerlumpter, halb Nackter, mit stieren Augen, fieberglühenden Wangen.
Ihre Füße tragen sie kaum. Einer stützt sich am anderen --, dort die
blasse Kleine an den Greis, dem der Tod schon aus den geisterhaften
Zügen leuchtet, und das unselige Weib, deren Antlitz eine schwärende
Wunde ist, an den Jüngling, dessen erloschene Augen die Glut nicht mehr
sehen. Manche, die nicht gehen können, werden von den Leidensgenossen
halb getragen, halb gezerrt. Zwei Männer, denen selbst die Kniee
zittern, halten ein Mädchen unter den Armen und schleifen sie hinter
sich her.

Eben will ich den Arm schützend um die schwankende Lichtgestalt neben
mir legen, -- da reißt sie sich los und steht schon mitten unter den
Fliehenden. Man schaart sich um sie, -- rohe Worte fallen --, man greift
nach der Kette an ihrem Hals --, aber sie zittert plötzlich nicht mehr.

»Nehmt meine Sänfte für das Mädchen!« ruft sie, »Träger, hierher!« fügt
sie herrisch hinzu, »nach l'Abbaye aux Bois!«

Alles gehorcht, niemand rührt sie an, jedes Wort verstummt. Und mit den
Goldschuhen und dem weißseidenen Kleid geht die Gräfin Delphine durch
den klebrigen Straßenschmutz zum Kloster zurück. Sie hängt immer
schwerer an meinem Arm, sie schweigt, und schüttelt nur den Kopf auf all
meine Fragen. Erst vor der Pforte steht sie still, schaut mich an mit
weiten angsterfüllten Blicken: »Gibt es so etwas?! Wirklich?! -- War es
kein Traum?!« -- -- --

Ihre Strafe wird gelinde sein, kleine Gräfin, weil das Werk der
Barmherzigkeit Sie in den Augen der Frommen entsühnte. Trotzdem bleibt
Ihnen viel Zeit, nachzudenken. Sie haben zum ersten Mal der Wahrheit ins
Gesicht gesehen, die man Ihnen hinter hohen Taxushecken und
Klostermauern verbarg, vor die man seidene Vorhänge an die Fenster,
dichte Schleier über die Augen zog. Es ist wirklich, Gräfin Delphine,
und kein Traum! Von jenen Elenden, die Sie sahen, sind hunderte in den
Flammen umgekommen, aber trotz dieses gräßlichen Endes sind sie, die zu
vieren und fünfen in einem Bette lagen, noch nicht die Aermsten. Es gibt
Hunderttausende, die der Hunger langsam zu Tode martert, die kein ander
Bett besitzen, als die Steine der Straße.

Wenn sie erwachen!! O, Gräfin Delphine, dann nützt auch Ihre
Barmherzigkeit nichts. --

Darf ich Ihnen nun noch den Rat eines Freundes geben? Hüten Sie sich vor
dem Grafen Chevreuse. Trotz seiner achtzehn Jahre ist er ein vollendeter
Vaurien, und seine Lehrmeisterin in der Liebe ist eine der berühmtesten
Kurtisanen von Paris, die Tänzerin Guimard. Als Gefährtin seiner
Streiche sind Sie zu schade.

Eine Antwort von Ihnen darf ich unter den jetzigen Umständen nicht
erwarten, so sehr sie mich auch beglücken würde. Aber ich hoffe, Ihnen
bei der Herzogin von Lavallière, in deren Kreis ich mir Eingang
verschaffte, -- deutsche Denker sind, seit dem Baron Holbach, zu einem
notwendigen Requisit jedes wohlassortierten Salons geworden --, zu
begegnen, sobald Ihre Klausur zu Ende ist.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 30. Januar 1773._

Schönste! Beste! Sie sehen einen Verzweifelten vor sich. Zu allem Leid,
das mich traf, als Sie in jener unglückseligen Nacht das Fest nicht
erreichten, für dessen Glanz meine Augen blind waren, da Sie fehlten,
kommt nun ein anderes, weit tieferes: man hat mich bei Ihnen verleumdet.
Wenn nicht die Stärke Ihrer Empörung über meine vermeintlichen Sünden,
-- Clarisse sagte: sie sprüht vor Zorn --, mich hoffen ließe, daß Ihnen
meine Person nicht ganz gleichgültig ist, ich würde Asche auf mein Haupt
streuen und die Geißel über mich schwingen wie der bußfertigste unter
den Wüstenheiligen. Aber ich weiß: die reizendste aller
Klosterschülerinnen würde mich vollends entrüstet abweisen, erschiene
ich im härenen Gewand des Asketen vor ihr.

Und so wage ich zu erscheinen, wie ich bin: als Kavalier der Königin,
gepudert, parfümiert, im gelbseidenen Surtout --, gerade so wie ich den
schönen Frauen gefalle. Vielen Frauen, holdselige Gräfin, die weniger
streng sind als Sie, die es mir nicht verargen, wenn ich die
Gesellschaft der Maitresse meines Bruders, -- hören Sie: meines Bruders!
--, nicht meide, eine Gesellschaft, die sogar Damen des Hofes mit
Vergnügen teilen, weil alle guten Genien des Geistes und des Witzes, der
Grazie und Laune in ihr herrschen.

Sie sehen Paris nur durch das Schlüsselloch der Klosterpforte. Tritt ein
lahmer Bettler, ein schmieriger Strolch, ein zerlumptes Weib in Ihren
Gesichtskreis, so meinen Sie: das ist Paris, während Sie nur ein paar
Typen jenes in aller Welt verbreiteten Gesindels gesehen haben, das
durch Völlerei, Arbeitsscheu und Verbrechen geworden ist, was es ist.
Hier ist Verachtung, nicht Mitleid am Platz, denn jede Berührung mit
solchen Elementen kann uns nur beschmutzen.

Bleiben Sie, reizende Delphine, auf den Höhen der Menschheit, für die
Sie geboren sind! Traurig genug, daß Sie dem eigentlichen Leben so lange
entzogen bleiben und damit auch dem treusten und ergebensten Ihrer
Verehrer.

Die Pariser Geselligkeit ist glänzender denn je. Sie wissen gewiß, daß
unser gemeinsamer Freund Friedrich-Eugen sich in ihren Strudel gestürzt
hat. Ich hatte gerade Dienst bei der Dauphine, als er ihr vorgestellt
wurde. Er gefiel nicht übel, der gute Junge, nur lächelt man ein wenig
über sein unverhohlenes Staunen, das die Provinz verrät. Übrigens hat
er Talent zum Pariser: Als ich ihn bei Mademoiselle Guimard einführte,
riß er zwar zunächst angesichts all der durchsichtigen Gewänder
reizender Frauen die ach so deutschen blauen Augen auf, um dann um so
feuriger bei den kleinen Tänzerinnen den Seladon zu spielen.

Um die Zeit Ihrer Haft, an der ich leider nicht völlig unschuldig bin,
verkürzen zu helfen, sende ich Ihnen M. Dorats reizenden Roman
»Sacrifices de l'amour«, der viel von sich reden macht, und den
Begeisterte teils mit Rousseaus Nouvelle Héloise, teils mit Crébillons
Sopha vergleichen. Das Werk gibt Rätsel auf und es ist zum
Gesellschaftsspiel geworden, sie zu erraten. Um für Sie, die sich daran
nicht beteiligen können, seinen Reiz zu erhöhen, will ich Ihnen die
richtige Lösung nicht vorenthalten: Die Vicomtesse de Senanges ist die
schöne Gräfin Beauharnais. Sie wird viel umschwärmt, obwohl sie nicht
die Jüngste ist, und ihre Gefühle nicht nur durch den süßen Druck der
Lippen, der Hände, der Arme, -- den einzigen, der für unsere Väter
überzeugend war --, zu zeigen versteht, sondern auch durch
Druckerschwärze. Für uns, ich wills nicht leugnen, bilden diese
offenherzigen Bekenntnisse eines Weibes nur einen Reiz mehr: sie
enthüllen ihre Fähigkeit zur Leidenschaft, ohne daß wir uns mit dem
langwierigen Forschen danach bemühen müssen. Freilich, wenn Lebrun
recht hat, der die dichtende Gräfin mit folgenden Strophen besang:

    Chloë, belle et poëte, a deux petit travers:
    Elle fait son visage, et ne fait pas ses vers,

so dürfte sie ihre Verehrer aufs Glatteis führen. In unserm Roman tut
sie es nicht. Der Chevalier de Versenay, ihr Liebhaber, ist mehr zu
beneiden, als sein lebendes Vorbild, der Herr von Pezay. Auch er
dichtet, er schreibt sogar seine Liebesbriefe gleich mit Rücksicht auf
ihre Druckreife. Obwohl seine Mutter noch der meinen die Hemden wusch,
nennt er sich Marquis, denn er kennt seinen Vorteil: der schlechteste
Possenreißer ist seines Erfolges sicher, wenn er sich mindestens Baron
tituliert. Hoffen wir für die Gräfin, daß ihr Anbeter seiner Herkunft
wenigstens die Tadellosigkeit seiner Wäsche verdankt.

Ich sehe Sie erröten und unmutig das Köpfchen schütteln, wie damals als
ich Sie auf dem Ball der Herzogin von der Last kindlichen Respekts
befreite, die Sie vor jeder glänzenden Erscheinung förmlich zu Boden
zwang. Damals, holdselige Delphine, blitzten in Ihren Augen, noch
während Ihre Wangen glühten, schon die neckischen Geister des Spottes
auf und Ihr kleiner Mund zuckte vor verhaltener Neugierde. Ich sehe mich
als den eigentlichen Vollender der mehr als unzureichenden
Klostererziehung an, wenn ich dafür sorge, daß Sie nicht unwissend wie
ein gefangenes Vögelchen in Freiheit gesetzt werden.

In Freiheit! Horchen Sie auf, schönste Blume der Vogesen: man erzählt
sich schon von einem, der Sie in seinen Garten versetzen möchte, das
heißt, Sie der Sonne, der Luft, dem Leben erobern, und --, kühn wage ich
es auszusprechen, -- meinem von keiner Klosterregel mehr gestörtem
Ritterdienst.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, am 3. März 1773._

Nun bin ich zwei Monate in Paris, ohne Sie, teuerste Freundin, gesehen
zu haben! Ich weiß nicht, welches Gefühl in mir stärker ist: das
unbefriedigter und darum täglich heißerer Sehnsucht, oder das des Zorns
über Ihren Leichtsinn, der mich Ihrer Nähe beraubt. Fürchten Sie nicht,
daß ich ihn mit der Miene des Sittenrichters verurteile. Ich würde Ihren
köstlichen Streich gesegnet, ihn göttlich genannt haben, wenn er nicht
nur gelungen, sondern vor allem, wenn die kleine Nonne um meinetwillen
bei Nacht dem Kloster entschlüpft wäre. Aber ich weiß ja nicht einmal,
ob es wirklich nur die lockenden Geigen des Balls der Herzogin waren,
die Sie verführten?! Guy zuckt schweigend die Achseln, wenn ich ihn
auszuforschen versuche. Zuweilen jedoch hat er ein Lächeln --, ein
Lächeln, bei dem mir das Blut in die Wangen steigt!

In der Hoffnung, des Glücks, Sie einmal zu sehen, teilhaftig zu werden,
schmeichele ich mich bei Ihrem Vater ein. Aber es scheint, als ob der
Marquis Montjoie der einzige Bevorzugte bleiben soll. Und ich bin in
meinen Wünschen schon so bescheiden geworden, daß ich mich ihm
aufdränge, um nur von Ihnen erzählen zu hören, und mich doch wieder
ärgere, wenn der alte Roué vor Entzücken über »das reizende Kind« die
Augen verdreht. Er hat recht, tausendmal recht: »alle Sterne von
Versailles würden vor der süßen Unschuld ihrer Augen verbleichen«, aber
ich wollte, daß es nur mir allein zustünde, das auszusprechen.

Clarisse Chevreuse sagte mir, Sie wünschten zu wissen, wie mir Paris
gefällt. Lachen Sie nicht über meine Antwort, teuerste Freundin. Ich
weiß nicht, ob es mir gefällt, ich weiß nur, daß es mich berauscht! Was
in Montbéliard seltene Feste waren, das ist hier das Leben; und der
Frühling, der uns in Etupes während einiger kurzer Wochen beglückte, den
zwingt Paris Jahr aus, Jahr ein in seinen Dienst. Daß es draußen auch
einmal stürmt und schneit, wer spürt es, wenn er im weichen Wagen von
einem blumendurchdufteten Salon zum andern fährt; -- daß es so etwas
giebt, wie Entsagung, wie Alter, wer wagt es zu behaupten angesichts all
dieser lächelnden Gesichter, dieser rosigen Wangen, dieser glänzenden
Augen. Ich muß an meine Mutter denken, um mich zu entsinnen, daß es
Frauen gibt, die nicht jung sind. Mit den weißgepuderten Haaren scheinen
sie sogar keck des Alters zu spotten, das sie nicht mehr überwältigen
kann, und sein äußeres Wahrzeichen zu benützen, um den Reiz ihrer ewigen
Jugend zu erhöhen. Was für die Herzogin von Lavallière gedichtet wurde,
das gilt für alle:

    La nature prudente et sage
    Force le temps de respecter
    Les charmes de ce beau visage,
    Qu'elle n' aurait pu répéter.

Ach, und ihr Tanz! Wissen Sie noch, wie der Wind in Etupes über die
Tulpenbeete strich? Solch ein Neigen und Wiegen, solch ein Aufglühen und
Verlöschen leuchtender Farben ist er! Das Schönste schien er mir zu
sein, was ich bisher gesehen hatte, bis ich noch Schöneres sah. Als sich
vor mir zum erstenmal die Vorhänge der Oper teilten, und ich die
entzückendste aller Sylphiden, Fräulein Guimard, aus dem weißen
Wolkenbett zur Erde schweben sah, wo der große Vestris sich ihr
entgegenhob, als gäbe es keine Schwere für ihn, da erkannte ich erst,
daß die Tulpen noch an der Erde kleben, und die Schmetterlinge, die über
Rosenhecken gaukeln, die wirklich Lebendigen sind.

An Pracht, so glaubte ich, könnte dieses Schauspiel von keinem anderen
übertroffen werden. Dann kam ich nach Versailles zum Ordensfest Ludwigs
des Heiligen. Frankreichs Fürsten und sein Adel waren versammelt. All
die Namen schlugen an mein Ohr, von denen jeder einen Quaderstein im
Tempel seines Ruhmes bildet. Und die goldstarrenden Mäntel, die schweren
Kronen der Männer, die schimmernden Juwelen auf den Häuptern und um die
Nacken der Frauen erschienen mir wie ein einziges Symbol seines
unerschöpflichen Reichtums. Alle Glocken läuteten. Durch die
Spiegelgallerie flutete ein Meer von Glanz, als ströme der Regenbogen
selbst durch die offenen Türen. Es war ein Brausen in der Luft. Ich
wußte nicht, rauschte es mir nur in den Ohren, oder waren es Stimmen,
oder ferner Gesang. Der König erschien; von einem Himmel von Purpur
überdacht, aus dem Tropfen von Gold und Perlen niederflossen. Auf seinem
blauen Mantel strahlten die goldenen Lilien, jeden Schritt, den er
vorwärts tat, begleitete das Funkeln der Diamanten an seinen Füßen.

Mein Vater liebt den König nicht. Selten sind die Ersten des Hofs
beisammen, ohne daß Böses über ihn geflüstert würde. Wie oft hab ich
selbst seines großen Ahnherrn Heldenzeit herbeigewünscht, weil ich
meinte, keinem anderen dienen zu können. Das war jetzt vergessen. Eine
höhere Gewalt zwang alle Nacken, sich ehrfurchtsvoll zu neigen, nicht
weil es der fünfzehnte Ludwig war, der vorüberging, sondern Frankreichs
Majestät. Ich habe mich ihr nun angelobt, wie meine Väter es taten.

Noch viele Bogen könnte ich füllen, wollte ich erzählen, was ich sah.
Alles ist für mich ein Erleben gewesen. Nur weiß ich nicht, ob Sie, mit
der ich meine Kindheit teilte, mir auch jetzt noch zuhören mögen. Kein
Nichtwissen schmerzt mich so tief wie dieses. Darum bitte ich Sie,
antworten Sie mir, aber, wenn es sein kann, ohne Guy Chevreuse damit zu
bemühen. Ich vertrage nun einmal sein Lächeln nicht.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 15. März 1773._

Liebste Delphine, solch einen Brief mir! Womit verdiente ich ihn?
Leichtsinn, ja Treulosigkeit werfen Sie mir vor. Schon wollte ich die
Zeilen die von Ihnen kamen, zärtlich an mein Herz drücken, als Ihre
stacheligen Worte mich blutig rissen. Ich wäre trostloser, wenn ich
nicht glaubte, daß die Langeweile Ihrer Gefangenschaft Sie so reizbar
und der leidende Zustand Ihres Vaters Sie so trübsinnig macht. Die Zeit
wird vorübergehen, Delphine; Ihr Vater wird sich erholen und Ihre
schönen Augen werden mir wieder lachen, wenn Sie erfahren, daß selbst
Ihre ungerechte Härte meine Gefühle für Sie nicht ändern kann.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris 1773. Am Tage der Verkündigung Mariä._

Der kurzen Unterredung im Beisein unsers teuren Kranken lasse ich diesen
Brief folgen, dessen Inhalt Ihnen die Hoffnungen meines Herzens, die
zugleich die Wünsche Ihres Vaters, meines treuen Freundes sind, näher
bringen sollen. Als gehorsame Tochter haben Sie der durch den Mund Ihres
Vaters Ihnen übermittelten Werbung zustimmend geantwortet, Sie haben
dann als Zeichen des Vertrauens Ihre kleine Hand wortlos in die meine
gelegt. Seien Sie versichert, daß ich die hohe Auszeichnung, die darin
liegt, zu schätzen weiß und mich bemühen werde, ihrer würdig zu sein.

Ihr Herr Vater ist über das Schicksal seiner geliebten einzigen Tochter
nunmehr etwas beruhigt und auf seinen Zustand hat die Tatsache, daß er
Sie in gutem Schutze weiß, auf das günstigste eingewirkt. Möchten Sie,
teure Komtesse, mit ähnlichen Empfindungen einer Zukunft entgegensehen,
die, soweit es an mir liegt, eine heitere für Sie sein soll. Ein junges
Mädchen, -- das ist mir nicht unbekannt --, träumt gern von jener Liebe,
die seichte Romane so reizend zu schildern wissen. Aber auf solchen,
meist flüchtigen Gefühlen sollte keine Ehe gegründet werden. Vertrauen,
ruhige Zuneigung, und vor allem die Übereinstimmung der
Familieninteressen, die Gleichheit der Lebensgewohnheiten, sind vielmehr
ihre einzig sichere Grundlage. Darum fürchten Sie nicht, verehrte
Komtesse, daß ich, der überdies an Jahren so viel reichere Mann, von
Ihnen die leidenschaftlichen Empfindungen einer Julie wünsche oder
erwarte. Unser Zusammenleben wird ohne sie ein würdigeres, der
Vornehmheit unserer Gesinnung entsprechenderes sein.

Wie Sie wissen, sehnt Ihr Herr Vater eine baldige Trauung herbei, und da
die Ärzte uns über den Ernst seines Zustandes keinen Zweifel lassen, --
so sehr unsere Liebe sich gegen die schlimmste Möglichkeit sträubt, --
so vereinige ich nochmals meine Bitte mit der seinigen, die Zeremonie
nicht hinauszuschieben, wie es anscheinend Ihren Wünschen zunächst
entsprach. Ich begreife, daß Ihre große Jugend vor dem Ernst der
vollzogenen Tatsache erschrickt, aber ich gebe Ihnen demgegenüber zu
bedenken, daß der Name einer Marquise Montjoie Ihnen sofort neben der
Freiheit eine neue Sicherheit und eine anerkannte Position in der
Gesellschaft gewähren wird. Ich habe die Absicht, meine Gemahlin nach
der Trauung dem Schutze meiner Mutter anzuvertrauen. Sie werden auf
Schloß Montjoie als Herrin einziehen und dabei doch der liebevollen
Erziehung und Leitung einer Frau unterstehen, die Ihnen in allen Dingen
Vorbild sein kann. L'Abbaye aux Bois erscheint mir nicht geignet, Sie
länger zu beherbergen; ich wünsche, daß Sie Paris in Zukunft mit
gefestigterem Charakter gegenübertreten.

Darf ich hoffen, daß die Ruhe der Überlegung Sie unseren Wünschen
geneigter gemacht hat? Mein Kammerdiener wird morgen Ihre Antwort
entgegennehmen.

Ihre Freude über das Diamantenkollier, das ich mir erlaubte, Ihnen als
erstes kleines Angebinde zusenden zu lassen, war ein so willkommenes
Geschenk für mich, daß ich es in der Hoffnung auf seine Wiederholung
wage, Ihnen heute diese Perlenschnur zu Füßen zu legen. Möchte sie nicht
nur ein Zeichen dafür sein, daß Sie sich mir verbinden, sondern Ihnen
auch die Zuversicht einflößen, daß die Fesseln der Ehe Sie niemals
stärker drücken werden, als diese Kette.



DIE SCHLOSSFRAU VON FROBERG



Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, im Juli 1773._

Meine liebe Delphine. Ihr kleiner Brief, den ich als Beilage eines
längeren Schreibens meiner Mutter hier vorfand, war mir sehr erfreulich,
geht doch aus ihm hervor, daß Sie den Vorsatz gefaßt haben, die
ängstliche Scheu mir gegenüber allmählich abzustreifen.

Ich brauche Ihnen nicht noch einmal zu versichern, daß ich sie weder
durch mein von aller schuldigen Rücksicht getragenes Benehmen verdient
habe, noch daß ich sie erwarten konnte, nachdem Sie mir als eine
fröhliche, ja fast allzu kecke, junge Dame bekannt geworden waren. Ihre
häufigen, trüben Stimmungen, Ihre Art, sich stundenlang in Ihren
Gemächern einzuschließen, durch die Sie die Würde Ihrer Stellung
gegenüber den Domestiken in unstatthafter Weise gefährden, weil Sie zu
allerlei Vermutungen und Geklatsch den Anlaß gaben, habe ich bisher zu
übersehen versucht, da ich ihre Ursache in der Trauer um Ihren verehrten
Vater zu finden glaubte. Die Marquise Montjoie, die Herrin meines
Hauses, darf sich jedoch auf die Dauer solchen Empfindungen eines
kleinen Mädchens nicht hingeben. Ich wünschte, daß Sie darauf bedacht
sein mögen, in Ihrem Benehmen mehr Haltung zu zeigen.

Durch eine Bemerkung in dem Briefe meiner Mutter, sehe ich mich
genötigt, diesem Wunsch besonderen Nachdruck zu verleihen. Sie schreibt
wörtlich: 'Meine gute Schwiegertochter scheint an der Unterhaltung mit
Monsieur Gaillard viel Gefallen zu finden'. Daraus schließe ich, daß Sie
vergessen haben, was ich Ihnen über die Stellung Gaillards in unserem
Hause gesagt habe. Mein verstorbener Bruder, dessen Sorge um diesen
seinen illegitimen Sohn eine um so größere war, als dessen
unglücklicher, körperlicher Zustand ihn für alle bemitleidenswert
machte, sprach in seinem Testament den Wunsch aus, daß ich ihm auf
Froberg eine gute Erziehung und eine dauernde Unterkunft gewähren
möchte. Selbstverständlich ist es ihm dabei nicht eingefallen, irgend
welche Art von Familienzugehörigkeit für Gaillard zu verlangen; meine
Mutter und ich sind stets bemüht gewesen, die scharf gezogenen Grenzen
des Respekts aufrecht zu erhalten, was oft nicht leicht war. So wurde
Gaillard ein nicht unbrauchbarer Haushofmeister, also nichts anderes als
der erste unter den Bedienten.

Nun scheint er die unerfahrene Jugend meiner Gemahlin in seinem
Interesse ausnutzen zu wollen, und ich muß Ihnen demgegenüber die größte
Kühle und Zurückhaltung zur Pflicht machen. Nach Abschluß des
Trauerjahres wird es Ihnen an Unterhaltung nicht fehlen; bis dahin
sollten Sie die Zeit benutzen, um sich unter der Leitung einer so
vollendeten Dame wie meiner Mutter zu einer ihr ähnlichen Persönlichkeit
heranzubilden.

Damit Sie sehen, daß ich in meiner Sorge um Sie bemüht bin, Ihnen auch
eine Freude zu bereiten, die Sie zugleich auf das angenehmste
beschäftigen wird, teile ich Ihnen mit, daß ich beschlossen habe, an der
Stelle unseres Parks, an der Sie sich einen Gartenpavillon wünschten,
ein größeres Gebäude modernen Stils errichten zu lassen. Sie hatten
nicht Unrecht: Das alte Schloß mit seinen dicken Mauern und kleinen
Fenstern entspricht unserem Geschmack nicht mehr, und, wenn es auch
Einbildung ist, daß Sie sich darin zu fürchten behaupten, so wäre ein
Palais im Stil von Trianon ein weitaus günstigerer Rahmen für Sie.

Ich habe meine freien Stunden benutzt, um mir die neuesten und
berühmtesten Pariser Privat-Hotels anzusehen. Am meisten gefiel mir das
der Tänzerin Fräulein Guimard, die ich übrigens nicht aufgesucht haben
würde, wenn ich nicht in der Angelegenheit unseres Abbé Morelli ihre
Intervention bei Monseigneur de Jarente, über den sie alles vermag,
hätte beanspruchen müssen. Sie war ungemein liebenswürdig und zeigte mir
ihr eben vollendetes Palais in allen Details. Es ist ein Bijou und bis
auf jeden Stuhl, ja jeden Teller von erlesenem Geschmack. Die ersten
Künstler haben daran mitgeschaffen, und ich betrachte es als ein
Zeichen der Höhe unserer Kultur, daß sie ihre Begabungen auf diese Weise
in den Dienst des täglichen Lebens stellen. Auf Empfehlung der Guimard
habe ich mit den Architekten Bellisard und Ledoux Rücksprache genommen;
sie dürften mit mir zusammen auf Froberg eintreffen, um an Ort und
Stelle die Pläne zu entwerfen.

Leider verzögert sich meine Rückkehr noch etwas. Den Ausgang des
Prozesses Morangiès, der hier alles beschäftigt und die öffentliche
Meinung in jene zwei Lager teilt, die es zwar immer gibt, die sich aber
leider nur zu oft verwischen: die von Hof und Adel auf der einen, von
Bourgeois und Parvenüs auf der anderen Seite, möchte ich noch abwarten.
Nicht nur, weil der Marquis mein Freund ist, sondern weil die ganze
Angelegenheit mir für unsere Verhältnisse typisch erscheint: Eine
Gesellschaft von Krämern, die einen Kavalier von ältestem Adel ehrloser
Handlungen bezichtigt, ein Haufe von Schriftstellern und sogenannten
Philosophen, der diesen Jägern als Meute dient, der Pöbel von Paris, der
schadenfroh zuschaut, bereit, sich als erster über das Wild zu stürzen,
wenn es erlegt ist.

Angesichts solcher Zustände ist es doppelt widerlich zu sehen, wie nicht
nur Aristokraten mit bürgerlichen Emporkömmlingen fraternisieren,
sondern wie leider der Hof mit dem bösen Beispiel vorangeht.
Traditionen werden über Bord geworfen, sobald es gilt für irgendeinen
Financier dunkelster Herkunft Platz zu machen; die bewährte Etiquette
des großen Königs wird durchbrochen, wenn irgendeine Ausländerin, die
sich mit Hilfe ihres Geldes einen armen Marquis gekauft hat, hoffähig zu
sein beansprucht. Und dabei muß ich befürchten, daß der junge Hof, auf
den ich so große Hoffnungen setzte, nach dieser Richtung wenig ändern
wird. Die Dauphine wählt ihren Umgang nur nach den Beweggründen ihres
Amüsements und ihr Gemahl huldigt allerhand bürgerlichen Passionen, die
zwar schließen lassen, daß der künftige König einige Millionen weniger
verbrauchen, zugleich aber auch, daß der repräsentative Glanz des
Königtums weiter verbleichen wird. Und dieser Glanz, der es umgeben
soll, wie die goldene, juwelenbesetzte Hülle das Allerheiligste, ist
notwendig, um das Volk, gewissermaßen im Schiff der Kirche, ehrfürchtig
vom Hochaltar, auf dem der Herrscher thront, entfernt zu halten. Je mehr
der Pöbel bemerkt, daß die da oben auch nur Menschen sind, desto mehr
wird er sie als seinesgleichen behandeln wollen.

Verzeihen Sie, meine Teure, daß ich Sie schließlich mit Gedanken
langweile, die weniger für Ihr kindliches Gemüt, als für das reife
Verständnis meiner Mutter bestimmt waren: Lassen Sie sich von ihr des
weiteren darüber belehren.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Am 20. Juli 1773._

Vergebens suche ich, schönste Frau Marquise, in Ihrem Briefe an Clarisse
nach einem noch so leisen Zeichen, das ich als eine Erinnerung an mich
hätte deuten können. Bin ich Ihnen wirklich so ganz gleichgültig? Oder
sah das Gespenst Ihrer einstigen Gouvernante Ihnen über die Schulter,
als Sie ein Schreiben verfaßten, dessen würdevoller Trockenheit sich die
reizende Klosterschülerin von l'Abbaye aux Bois geschämt hätte? Ich
würde der selbstsüchtigen Sehnsucht, mich Ihnen zu Füßen zu legen,
widerstanden haben, aber der ritterlichen Verpflichtung, die Dame meines
Herzens von dem Einfluß der bösen Geister Ihres alten Bergschlosses zu
befreien, kann ich mich nicht entziehen. Nur Ihr ausdrückliches Verbot
wird mich davon zurückhalten, meine Schwester auf der Reise zu Ihnen,
die sie unmöglich ohne meinen Schutz machen kann, zu begleiten. Seien
Sie gewiß: mit dem ersten Lächeln, das ich um Ihre roten Lippen
hervorzaubere, wird die Erinnerung an mich, als an Ihren getreusten
Bewunderer, zurückgekehrt sein. Und Sie müssen und Sie werden lächeln,
wenn erst ein Hauch Pariser Luft Ihre Rosenwangen streichelt.

Sie vibriert von Leichtsinn, Erregung, Leidenschaft! sie ist wie
verflüchtigter Champagner und wer sie ständig atmet, ist immer trunken.
Es gibt Salons, die so sehr von ihr erfüllt sind, daß die Pulse
schneller klopfen, sobald man ihre Schwelle überschreitet. Darf ich
Ihnen heute zu einer Promenade à deux den Arm reichen, die einen der
entzückendsten dieser Salons zum Ziele hat?

Wir wandern durch die Allee dunkler Taxushecken bis zu dem stillen
Wasserspiegel, in dem die üppigen Leiber steinerner Nymphen baden. Ein
Schlößchen, nein: ein Traum in Gold und Weiß, steigt dahinter empor.
Schlanke Säulen tragen die Sternendecke der Vorhalle; jubelnde
Bacchanten schwingen den Thyrsosstab auf dem Fries über den Türen. Sie
stehen weit offen. Licht und Lachen, süßer Duft und rauschende Musik
dringen heraus. Die Wände des Saals, den wir betreten, sind aus weißem
Marmor, goldene Pilaster unterbrechen sie, und vor den hohen Spiegeln in
den acht Ecken des Raums, stehen auf Sockeln von Malachit lebensgroße
Bronzegestalten lichtertragender Frauen. Strahlende Helle strömt von
ihnen aus und vereint sich mit dem Kerzenglanz kristallener Lüster. Auf
die Decke zauberte Drouais den ganzen Olymp, aber die Grazien und Musen,
ja Venus selbst werden von der Schönheit der sterblichen Frauen unter
ihm überstrahlt. Von der Galerie herab singt ein Chor von Knaben --,
Adonis und Ganymed konnten nicht reizender sein --, Grétrys süßeste
Lieder, rings um ihn lehnen tiefdekolletierte, fächerschlagende Damen
an der vergoldeten Balustrade; und unten um die runde, mit Spitzen und
Blumen, mit schwerem Silber und rosenübersätem Porzellan geschmückte
Tafel schart sich eine illustre Gesellschaft von Gräfinnen und Marquis,
Prinzen und Herzoginnen. Ihre Augen, ihre Diamanten, ihre Wangen, ihre
seidenen Kleider und goldenen Parüren wetteifern an Glanz miteinander,
und schwellende Busen beschämen das schimmernde Weiß der Perlen, die
zärtlich auf ihnen ruhen. Angesichts dieser chaotischen Fülle von
Schönheit und Reichtum müßte sich das Auge ermüdet schließen, wenn sie
nicht in einer Erscheinung, wie in einem Brennpunkt, zusammenflössen. In
der Mitte der Tafel thront sie, Venus selbst, die eine gütige Woge aus
unbekannter Tiefe an das Gestade der Irdischen warf.

Wage ich es, vor Ihren keuschen Ohren den Namen zu nennen, den sie für
ihre Wiedergeburt in Frankreich gewählt hat? Es ist die Gräfin Dubarry!

Sie erschrecken! Dürfen Sie das als loyale Französin?! Wissen Sie nicht,
daß Ihr König sie zu sich erhob, daß der Kanzler, daß der
Finanzminister, daß die ersten Damen des Landes zu ihrem Hofstaat
gehören? Und sind nicht auch Sie ihr Dank schuldig, weil sie Choiseul,
den Minister der Philosophen und der Freigeister zu Falle brachte und
den gefährdeten Einfluß der Kirche wieder gefestigt hat?!

Sie lächeln -- endlich! Das Pathos der hohen Politik steht Guy
Chevreuse so schlecht, wie Ihnen die steife Würde einer elsässischen
Schloßfrau. Ich frage nach den Verdiensten und den Sünden der Gräfin
ebensowenig, wie der König nach der Herkunft seiner Göttin gefragt hat.
Daß sie uns amüsiert, ist ein ausreichender Grund ihrer Existenz. Es
scheint, wir brauchen von Zeit zu Zeit solch eine frische Quelle aus der
Tiefe des Volkes, damit wir Armen, seit Urzeiten im gleichen Boden
Wurzelnden, nicht verdorren.

Also sträuben Sie sich nicht länger, reizende Frau Marquise! Dort in dem
runden Salon, dessen Spiegelwände Fragonards Liebesszenen, die sein
Pinsel auf die gewölbte Decke malte, hundertfach zurückwerfen, schwingt
sich die Volkstänzerin Courtille in ihren grotesken Vorstadttänzen, und
nicht lange, so stampfen Prinzessinnenfüßchen mit ihr um die Wette die
Fricasée. Das ist kein Menuett mehr mit Fingerspitzenreichen und
ehrfurchtsvoller Verneigung, das ist ein Haschen und Greifen, ein Wiegen
und Schmiegen voll heißer Lust.

Sie erröten? Kommen Sie weiter, holde Delphine, durch die chinesische
Galerie mit ihren Vasen und Vögeln und Drachen, bis in den Theatersaal.
Vor seiner Bühne verstecken selbst die Pariserinnen das Antlitz zuweilen
verschämt hinter dem Fächer. Man spielt nämlich nicht mehr Racine und
Molière und holt sich nicht mehr die Schauspieler der königlichen
Theater. Collés »Vérité dans le vin« läßt uns plötzlich erinnern, daß
wir, aller Etikette zum Trotz, noch herzhaft lachen können, und
Larrinée, der Straßensänger, bringt uns mit seinen Kuplets dazu, uns
selbst zu verhöhnen, während Audinot, der Gott der Crapule, uns mit
seinen Verbrecherromanzen Schauer des Entsetzens über den Rücken jagt,
-- ein Gefühl das wir bisher nicht kannten.

Sie atmen rascher --, Sie klammern sich an mich. Jetzt sind Sie es, die
nach mehr -- noch mehr verlangen! Aber wir müssen gehen. Für die schwere
Bronzetür dort hat, -- wenigstens im Augenblick --, nur der König den
Schlüssel!

Und nun ist es Abend geworden und das Feenreich von Louveciennes
versinkt im Dunkel der Nacht.

Wie denken Sie jetzt über die »wohltuende Einsamkeit von Froberg«, über
»die beste Gesellschaft der vornehmen, frommen Mutter«?! Schwarze
Dominos stehen Ihnen nicht, Frau Marquise!

Ich möchte auch Ihre Seele in Sonnenfarben gekleidet wissen. Darum wird
es mir schwer, den einzigen Wunsch zu erfüllen, den Sie meiner Schwester
geäußert haben: den nach neuen Romanen. Unsere Schriftsteller sind heute
nichts als Lumpensammler; sie wühlen im Schmutz des Leids und des
Elends; und finden sie wirklich einmal einen Fetzen der Vergangenheit,
so ist auch er schwarz und zerrissen. Allen Schmerz der Welt versuchen
sie in den engen Rahmen einer Erzählung zu spannen. Sie bilden sich ein,
tiefsinnig zu erscheinen, und sind nur langweilig, schwächlich, nervös.
Sie schneiden ein langes Gesicht, schlagen die Augen nieder und ziehen
die Mundwinkel herab; und meinen dann den Philosophen oder den
Engländern ähnlich zu sehen, die heute beinahe noch mehr gelten als
jene.

Bis ich nach Froberg komme, werde ich irgend etwas finden, was
französisch und daher heiter ist, aber da schöne Frauen Bücher nur
lieben, wenn es Ihnen an Anbetern fehlt, so werden Sie mich gewiß des
Auftrags entheben.

Verzeihen Sie die Länge dieses Briefes. Es ist so süß, wenigstens in
Gedanken in Ihrer Nähe zu sein, daß man versucht wird, die Trennung so
weit als möglich hinauszuschieben.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Am 26. Juli 1773._

Ihr rosenrotes Briefchen, schönste Frau Marquise, hat mich in einen
Rausch des Entzückens versetzt. Der Schneiderin meiner Schwester werde
ich Tag und Nacht keine Ruhe lassen, damit sie die Ausstattung der
ländlichen Toiletten beschleunigt und unsere Ankunft in Froberg so rasch
als möglich erfolgen kann. Seitdem ich weiß, das Sie uns »mit Freuden«
erwarten, -- (warum, ach warum sprechen Sie immer nur »von uns«, statt
ein einziges Mal von mir allein?!) --, habe ich keine Ruhe mehr. Meine
Koffer sind gepackt; die schönsten Liebesgeschichten, die ich finden
konnte, -- denn wer vermöchte in Ihrer Nähe etwas anderes zu lesen? --
die neuesten Chansons, die witzigsten Kuplets befinden sich schon wohl
verwahrt in der Reisekalesche; die schnellsten Pferde suchte ich aus.
Aber selbst wenn sie fliegen könnten, würde meine Sehnsucht ihnen immer
weit voraus sein.

Noch eine Bitte, die ich für eine andere wage, weil sie zu schüchtern
ist, sie auszusprechen, -- für Clarisse: Sie wissen, der Chevalier de
Motteville bewirbt sich um sie und das Herz meiner Schwester ist durch
seine treuen Huldigungen so ganz gewonnen worden, daß sie behauptet,
sterben zu müssen, wenn der Widerstand meiner Mutter sich nicht besiegen
läßt. Würden Sie Clarisse den Freundschaftsdienst erweisen wollen, den
Chevalier zu gleicher Zeit mit uns nach Froberg einzuladen, und ihr
dadurch die Möglichkeit einer Begegnung zu gewähren, nach der ihr Herz
stürmisch verlangt? Sie brauchten nicht zu besorgen, daß Herr von
Motteville lästig fiele; er würde selbst die Göttin der Liebe nicht
beachten, wenn seine Geliebte neben ihm stünde.

Seien Sie gewärtig, schönste Marquise, Ihre Gäste diesen Zeilen auf dem
Fuße folgen zu sehen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 5. August 1773._

Meine liebe Delphine! Wie konnten Sie meinen wohlgemeinten Brief nur so
mißverstehen?! Nichts liegt mir ferner, als Ihren Augen Tränen erpressen
zu wollen. Seien Sie versichert, ich will weder Ihre »Freiheit
beschränken«, noch »statt eines Gemahls ein Schulmeister sein«. Ich will
Sie nur leiten -- so unmerklich wie möglich -- und auch meine Mutter hat
gewiß keine andere Absicht. Hätten Sie ein wenig mehr Vertrauen gehabt,
ein wenig mehr kindliche Liebe, statt Hochmut und Heftigkeit gezeigt, so
wäre es zu der peinlichen Auseinandersetzung mit ihr nicht gekommen. Daß
meine Mutter den Besuch des Grafen Chevreuse ablehnte, ist vielleicht
etwas rigoros, aber in Anbetracht Ihrer Familientrauer und meiner
Abwesenheit gewiß verständlich. Es hat mich fast amüsiert, daß Sie sich
daraufhin plötzlich Ihrer Stellung als Herrin des Hauses erinnerten und
den Befehl gaben, die Zimmer für die Gäste bereitzuhalten. Meine Mutter
schreibt sehr verletzt, aber ich denke, mein heutiger Brief, in dem ich
ihr auseinandersetzte, daß meine Gemahlin eine gewisse Selbständigkeit
auch ihr gegenüber zu beanspruchen das Recht hat, wird sie beruhigen.

Ihren Zorn aber, meine Teure, hoffe ich durch den Inhalt des kleinen
Koffers ein wenig zu besänftigen, den mein Kurier Ihnen übergeben wird.

Ich war selbst bei Madame Bertin, die in ihrem Schneideratelier
empfängt wie eine Herzogin. Die hübschesten Mädchen mußten mir die
neuesten Kleider vorführen. Merkwürdig, wie auch hier die Mode das
Leichte, Weiche dem Schweren und Steifen mehr und mehr vorzieht. Man
trägt sich auf der Straße wie unsere Großmütter sich geschämt haben
würden, im Hause zu erscheinen. Ich wäre fast versucht gewesen, diese
Mode nicht zu akzeptieren, wenn ich mir nicht vorgestellt hätte, wie
entzückend diese schmiegsamen Negligée-Gewänder die zarte Gestalt meiner
Delphine zur Geltung bringen, wie verlockend diese Mullfichus, diese
Seidenschals sich um ihren weißen Nacken schmiegen werden. Auch bei
Monsieur Bourbon, dem Schuhmacher der Dauphine, war ich und übergab ihm
Ihren Probeschuh. Sie hätten seine Begeisterung, nicht über den Schuh,
den er für mesquin erklärte, sondern über das Füßchen, für das er
bestimmt war, sehen sollen. »Noch kleiner als das der Prinzessin
Guéménée, und der Spann noch höher als der der Marschallin Mirefoix!«
sagte er einmal über das andere, »wir werden dies Füßchen mit Juwelen
bedecken müssen,« fügte er hinzu, und ich habe mich von ihm bestimmen
lassen, auf seine zarten Kunstwerke all die bunten Steine zu streuen.
Von Madame Martin habe ich ein Sèvrestöpfchen Rouge des Indes besorgt,
von Beaulard, dessen Coiffüren die des alten Beloux an Geschmak und
Grazie bei weitem übertreffen, den neuen Puder d'or.

Werde ich immer noch der gefürchtete Hofmeister sein, oder darf ich auf
ein gnädiges Lächeln hoffen?!

Leider werde ich mir die Antwort auf diese Frage erst in einigen Wochen
holen können. Meine Geschäfte sind noch nicht erledigt.

Ich sprach Ihnen seinerzeit von Monsieur Beaujon, dem Bankier des Hofs.
Männer, wie der Prinz Rohan schenken ihm unbegrenztes Vertrauen, sodaß
ich meine wohl etwas altmodische Auffassung, daß Edelleute keine
Geldgeschäfte machen sollten, überwunden und mit ihm wiederholt
konferiert habe. Sein Benehmen war ein tadelloses, und ich wäre
wahrscheinlich schon zu einem gewissen Abschluß mit ihm gekommen, wenn
ich nicht gestern seiner Einladung in sein luxuriöses Haus in den
Champs-Élysées gefolgt wäre, wo der Eindruck, den ich empfing, ein
äußerst peinlicher war. Kein königlicher Prinz hat ein Palais, wie
dieser Emporkömmling; alle Künstler scheinen sich in seinen Dienst
gestellt zu haben; die Gesellschaft, die er empfängt, ist in bezug auf
Vornehmheit und geistige Bedeutung die erste von Paris, und die Art, mit
der jeder einzelne in ihr dem Hausherrn begegnet, hat einen Anstrich von
Devotion, der mir das Blut sieden machte. Um die jungen Damen seiner
Familie bemühen sich Offiziere und Kammerherrn mit den ältesten Namen;
sie brauchen sichtlich nur die Hände auszustrecken, um irgendeine
Grafen- oder Herzogskrone in Empfang zu nehmen. Wir sind also bereits
soweit, diese Finanziers nicht nur zu ertragen, sie gesellschaftlich uns
gleich zu setzen, sondern wir sind in unserer aristokratischen Gesinnung
heruntergekommen genug, um ihren Hofstaat abzugeben. Und das Traurige
ist, daß Versailles für eine streng aristokratische Auffassung, wie ich
sie noch vertrete, keinen Rückhalt bietet.

Am Tage nach dem Souper bei Beaujon habe ich die Verhandlungen mit ihm
abgebrochen und eine Verbindung mit seinem Rivalen Herrn von Saint-James
angeknüpft, der den Finanzier mit dem Edelmann verbindet, mir daher mehr
zusagt. Er steht überdies der Regierung sehr nahe und machte mir
Konfidenzen, die meine pessimistische Auffassung über unsere innere Lage
nur bestätigten.

Ich war daher in keiner rosigen Stimmung, als ich am gleichen Tage nach
Compiègne befohlen wurde, wo der Hof sich im Augenblick aufhält.
Nebenbei bemerkt: Diese unaufhörlichen Reisen des Königs, die mit seinem
Alter, mit seiner wachsenden Unruhe und der krankhaften Jagd nach
Abwechslung an Zahl zunehmen, sind der Schrecken des Generalauditeurs
der königlichen Finanzen. Das Gefolge ist stets enorm, die
Gastfreundschaft, die den persönlichen Gästen Seiner Majestät gewährt
wird, ist unbegrenzt; die großen Finanziers, die, bei den häufigen
Verlegenheiten des Hofs, ihm Gelder bereitwilligst vorstrecken, sind oft
die gefeiertesten unter ihnen.

Im Augenblick meiner Ankunft in Compiègne erfuhr ich erst, daß die unter
dem Einfluß der Dauphine wiederholt hinausgeschobene Vorstellung der
jungen Vikomtesse Dubarry durch die Gräfin Dubarry heute erwartet würde.
Ich hätte eine Entschuldigung gefunden, wenn ich früher davon gewußt
hätte, denn dem neuen Sieg dieser Aventurière zu assistieren widerstand
mir aufs äußerste. Jetzt mußte ich bleiben und tat es nicht ohne starke
Selbstüberwindung. Der Schloßhof und die Gallerien waren überfüllt, und
ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich behaupte, daß heute niemand
eine von Neid und Bewunderung getragene Neugierde mehr reizt als die
Kurtisanen. Ein Beweis dafür ist die Eile, mit der die Damen des Hofs
jede neue Bizarrerie ihrer Toilette und ihres Benehmens nachahmen.

Nun kann ich nicht leugnen: die Gräfin überraschte mich, und zwar
weniger durch ihre Schönheit, als durch die Tadellosigkeit ihres
Auftretens, durch die vollendete Form, mit der sie selbst der
abweisenden Kühle des Dauphins und der Dauphine begegnete. Sie verriet
auch dem König gegenüber mit keiner Miene die nahen Beziehungen, die
zwischen ihnen bestehen. Manche Damen von Rang, die heute etwas darin
suchen, sich über gute Formen hinwegzusetzen, könnten sich an ihr ein
Beispiel nehmen.

Abends war große Soirée im Schloß. Ich hatte die Freude, den Marschall
Morangiès zu treffen, der seiner eben erfolgten Freisprechung wegen ein
Gegenstand allgemeiner Beglückwünschung war. Seine Geschichte stand im
Mittelpunkt der Diskussion, und man war sich einig über die
ausschlaggebende Rolle, die Monsieur Linguet und Herr von Voltaire dabei
gespielt haben. Linguet scheint ein Advokat und Schriftsteller ersten
Ranges, dabei freilich ein skrupelloser Mensch zu sein. Er hat die
Marotte, sich stets dem allgemeinen Urteil des Volks entgegenzusetzen
und ist auf diese Weise aus einem Republikaner und Freigeist der
Verteidiger aristokratischer und klerikaler Interessen geworden. Daß
Herr von Voltaire ihn im Fall Morangiès unterstützte, hat jeden, der
seine Vergangenheit kennt, überrascht. Es wirkt eigentümlich, diesen
berühmten Mann obskurer Herkunft in seiner Verteidigungsschrift
plötzlich als Wortführer des französischen Adels auftreten zu sehen, und
zu erfahren, wie er mit der nirgends zu überhörenden Stimme eines
Herolds für den Schutz unserer gefährdeten Ehre zu den Waffen rief. Er
hat es tatsächlich erreicht, daß alle ehrgeizigen Krämer glaubten, es
genüge, sich öffentlich zur Partei Morangiès zu erklären, um für einen
Edelmann gehalten zu werden. Was mich betrifft, so hat die
Stellungnahme der beiden Schriftsteller, obwohl ich sie billigen muß,
meine Mißachtung für diese Art Leute nur verstärkt. Ich bin überzeugt:
hätte man sämtliche Philosophen und »Volksfreunde« Frankreichs in die
Intimität der Hofgesellschaft gezogen, statt ihre Bücher zu verbrennen,
wir brauchten sie heute nicht mehr zu fürchten.

Wie sehr das Volk von Paris durch die Hetzereien dieser skrupellosen
Vielschreiber schon beeinflußt wird, ging mir aus einer turbulenten
Szene hervor, die ich wenige Tage nach der Prozeßentscheidung in der
Comédie française erlebte. Man gab »La Réconciliation normande« und bei
der Stelle: »Dans une cause obscure des juges bien payés verraient plus
clair que nous« hallte der Saal von einem so ohrenbetäubenden Lärm
wieder, daß man glaubte, das Spiel abbrechen zu müssen. Man tobte,
trampelte und pfiff, dazwischen fielen die beleidigendsten Ausdrücke
gegen Morangiès, gegen das Parlament, gegen Linguet und Voltaire. Ich
verstand nur das eine nicht: warum die Polizei nicht einschritt.

Freuen wir uns, teure Delphine, unserer ruhigen Elsässer Bauern, bei
denen die Autorität von Staat und Kirche noch nicht erschüttert ist.
Hier ist das feste Bollwerk gegen den Ansturm des verdorbenen Pöbels der
Großstadt.

Ich werde glücklich sein, den Frieden von Froberg wieder genießen und
seine schöne Herrin an mein Herz drücken zu dürfen....

P. S. In Compiègne sah ich den Prinzen Friedrich-Eugen. Er ging mir
jedoch so sichtlich aus dem Wege, und seine Erwiderung meines Grußes war
so steif und förmlich, daß ich nicht in der Lage war, mit ihm zu
sprechen. Ich bedauerte es sehr. Hätte ich doch die Freude genossen,
mich mit Ihrem einstigen Spielgefährten über Sie, teure Delphine,
unterhalten zu können.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Abtei Rémiremont, im September 1773._

Schönste Frau Marquise. Selbst das unangenehmste Abenteuer würde ich
freudig begrüßen wenn es mir die Gelegenheit verschaffte, Ihnen früher
schreiben zu dürfen, als es sonst geschehen wäre. Um wieviel mehr ein so
reizendes. Kurz vor Rémiremont brach die Achse unseres Wagens. Wir
schickten einen unserer Diener bis zur Abtei und wurden in kürzester
Frist von einem Vierspänner der Prinzessin Christine aus unserer
unangenehmen Lage befreit und in den eleganten Räumen dieses im
weitesten Sinne des Worts weltlichen Damenstifts von einem Flor
reizender Frauen willkommen geheißen. Über ihre bunten Quesacos trugen
sie das breite blaue Band des Ordens vom heiligen Romaric und den
schwarzen hermelinverbrämten Mantel. Sie waren alle sehr erhitzt, und
da ich mir leider nicht schmeicheln durfte, die roten Wangen und
glänzenden Augen auf meine Ankunft zurückführen zu können, so vermutete
ich in ihnen die Wirkung einer allzu üppigen Tafel, die ich beschloß
durch Witz und Galanterie zu steigern und auszunützen. Aber schon bei
Tisch wurde ich eines Besseren belehrt: meine Nachbarin, eine süße
kleine Blondine, erzählte mir, daß die jungen Stiftsfräuleins schon seit
Wochen um eine Umänderung der Satzungen kämpften, die ihnen das --
Wahlrecht im Stiftskonzil vorenthielten. Je scherzhafter ich die Sache
nahm, desto mehr überschlug sich ihr Vogelstimmchen. Clarisse, die mir
gegenübersaß, wurde von einer anderen streitbaren jungen Dame in
demselben Sinne aufgeklärt, und als wir uns am Abend im Garten ergingen,
erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß die Prinzessin, trotz ihres Alters
und ihres Ranges als Äbtissin, auf der Seite der Jugend steht.

»Wir sehen es lieber«, sagte sie, »die Fräuleins würden das Recht haben,
innerhalb des Sitzungssaals zu streiten, als daß sie sich das Recht
nehmen, vor geschlossener Türe zu intriguieren. Das erzieht zu jener
Hintertreppenpolitik der Frauen, die das Verhängnis Frankreichs ist.«

Und nun entspann sich hinter den Klostermauern von Rémiremont eine
politische Debatte, wie in den Gärten des Palais-Royal in Paris, nur
daß sich hier Damen des ältesten Adels über Fragen echauffierten, die
dort nur zwischen Advokaten, Bummlern und Philosophen Rededuelle
hervorrufen. Ich wäre mir mehr als überflüssig vorgekommen, wenn es mich
nicht gereizt hätte, die jungen Amazonen mit allen Zaubermitteln der
Galanterie der Waffen zu entkleiden und ihnen Rosen in die Hände zu
spielen. Meine Bescheidenheit verbietet mir, das Resultat zu schildern.
Ihnen, reizende Delphine, überlasse ich, es sich auszumalen. Kämpft doch
auch in Ihnen die streitbare Kriegerin mit der hingebenden Nymphe.

Wie haben Sie mich mißhandelt! Und wie wenig haben Sie die Wunden, die
Sie schlugen, zu heilen gewußt! In den hohen Räumen ihres schrecklichen
alten Schlosses, zwischen seinen steifen Stühlen und dunklen Schränken
erschienen Sie unnahbar, feierlich. Ihre Lippen waren bleich, Ihre
Blicke abweisend, Ihre Hände eiskalt. Schloß sich die eisenbeschlagene
Pforte hinter Ihnen und Clarisse und mir und waren wir erst weit draußen
im sonnendurchglühten Park, -- unerreichbar für das Auge der alten
Marquise, für die Stimme des Herrn Marquis! --, dann kehrte wohl das
Leben in Ihre Marmorglieder zurück, -- aber nicht ich durfte mich einen
Prometheus preisen, der es einhauchte --, dann lachte Ihr Auge wieder,
aber es lachte nicht mir! Trotzdem ist mir jeder Augenblick
unvergeßlich, den ich mit dieser Delphine zusammen war, aber am
unvergeßlichsten die, ach so seltenen, die ich allein mit Ihnen verleben
durfte!

Warum haben Sie meine Bitte nicht erfüllt, den Herrn von Motteville
einzuladen? Warum, vor allem, haben Sie sie nicht verstanden?! Die
Lektüre von Boufflers, von Prévost, von Marivaux wäre dann nicht nötig
gewesen, um Clarisse zu verscheuchen!

All meine Ritterdienste haben nicht erreicht, was die Leidenschaft, was
das beklagenswerte Schicksal der Romanheldinnen erreicht hat: Ihnen
wenigstens die Liebe Ihres Anbeters verständlich zu machen. O, Aline,
Manon und Marianne, auf eure Gräber würde ich, wenn ich sie finden
könnte, Floras schönste Kinder streuen! Euch verdanke ich, daß Delphines
rosige Ohren sich nicht abwandten, als ich ihr von meiner Liebe sprach,
daß sie nach langem, langem Flehen die einzige Gunst gewährte und meinen
heißen Lippen den schneeigen Arm nicht entriß!

Zürnen Sie mir nicht, weil die Erinnerung mich fortreißt. Die schönen
Pariserinnen werden Mühe haben, ihre schmerzhaften Spuren zu verwischen,
aber ihre Süßigkeit und -- die Hoffnung, die sie erwecken, werden sie
nicht verscheuchen können. Sollte der heiße Atem von Paris das Eis um
das Herz der reizenden Marquise nicht zu schmelzen vermögen?!

Darf ich erwarten, daß Sie mich mit einer Zeile von Ihrer schönen Hand
beglücken werden, damit der Faden zwischen uns, der heute noch so
spinnwebfeine, nicht ganz zerreißt? Als ein Bittender küsse ich diese
Hand und hoffe, sie bald als ein Dankbarer küssen zu dürfen.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 21. Februar 1774._

Endlich, schönste Marquise, ein Brief von Ihnen! Ich hatte schon
aufgehört, darauf zu hoffen; ich kämpfte mit mir, ob ich Sie noch einmal
an mich erinnern dürfe, ich fürchtete, als ein Zudringlicher von Ihnen
abgewiesen zu werden. Nun ist es zwar nicht gerade schmeichelhaft, daß
Sie mir »nur aus Langerweile« schreiben und ich weiß nicht, ob es mir
gelingen wird, diese Langeweile zu verscheuchen, um so mehr, als sie
jetzt in Paris ein allgemeines Leiden ist.

Die Krankheit des Königs liegt wie ein Alp auf dem Hof von Versailles.
Priester, wie der Abbé Beauvais, Nonnen wie Madame Louise gewinnen
wechselnden Einfluß; allerlei dunkle Gestalten werden durch
Hinterpforten eingelassen, denn Seine Majestät ist abergläubisch
geworden und läßt sich weissagen. Nur auf Stunden, höchstens Tage,
vermag die schöne Bacchantin Dubarry ihn seiner Melancholie zu
entreissen. Alles um ihn zittert --, teils aus Angst, teils aus Hoffnung
--, und bei manchen Leuten habe ich immer den Eindruck, als hätten sie
schon heimlich ihre Koffer gepackt. Nur in den inneren Gemächern der
Dauphine und im kleinsten Kreise wird noch gelacht, gespielt, getanzt.
Sonst hat sich die Fröhlichkeit in die kleinen Hotels der Duthé, der
Guimard, der Raucourt geflüchtet und mit ihr manche lebenslustige Dame
der Gesellschaft, -- nicht zu ihrem Schaden, denn erst hier lernt sie,
was Vergnügen und was -- Liebe ist.

Ich erinnere mich noch Ihres Erstaunens darüber, daß die Romanheldinnen,
die ich Sie kennen lehrte, lauter Kurtisanen sind. Wenn Sie nicht wie
eine Eingekerkerte in Ihrem alten Schlosse lebten, -- die Vollendung des
neuen Palais wird doch wohl noch lange auf sich warten lassen und die
des Pavillons, den ich Ihnen riet für sich allein errichten zu lassen,
gewiß noch länger! -- so würden Sie rascher als viele andere die
Ursachen begreifen lernen. Diese Mädchen sind frei; keine Scheere der
Rücksichten und der Etikette beschneidet ihre Gefühle, damit sie hübsch
artig in Reih und Glied stehen wie die Kugelakazien; kein Ehemann macht
sie zu seinem Privatbesitz, ähnlich seinem Hunde, den er darauf
dressiert, selbst wenn ihn hungert, von einem anderen kein Stück Brot zu
nehmen.

In den Hotels der Raucourt, -- einer unvergleichlichen Schauspielerin,
die der Herzog von Argenson lanciert hat, und der im Augenblick halb
Paris zu Füßen liegt, -- und der Guimard, die infolge der gefährlichen
Rivalin alle ihre Künste spielen läßt, all ihren Liebreiz entfaltet,
traf ich wiederholt unseren gemeinsamen Freund, Friedrich-Eugen. Erfüllt
wie ich von Ihnen, schönste Marquise, bin, wurde ich nicht müde, von
Ihnen zu sprechen; die wortkarge Ruhe, um nicht zu sagen
Gleichgültigkeit, mit der er mir zuhörte, hätte mich fast auf eine
ernstere Differenz zwischen Ihnen und dem Prinzen schließen lassen, wenn
er nicht mit einer mir in diesem Maße freilich auch unverständlichen
Gereiztheit eine harmlose Bemerkung meinerseits, -- daß die reizende
Marquise das alte deutsche grämliche Froberg demnächst in einen
blühenden französischen Mont de joie verwandeln würde --, als eine
Beleidigung Ihrer Person betrachtet hätte. Er warf sich dabei zu Ihrem
Verteidiger auf, und spielte die Rolle eines alten, einzig dazu
berechtigten Freundes so täuschend, daß ich nicht wußte, was ich davon
halten sollte und die kleine Guimard vielsagend lächelte.

Nur ein paar Tage lang wünschte ich Ihnen übrigens den Verkehr mit der
himmlischen Tänzerin. Sie erinnert mich oft an Sie in der Art, wie sie
langsam die schweren Lider von den dunklen Augen hebt und in den weichen
Bewegungen ihres zarten Körpers. Nur daß er fessellos ist, der neuesten
Mode Englands entsprechend, -- fessellos wie ihre Hingabe, ihre
Zärtlichkeit.

»Wer in der Liebe nicht verschwenden kann, ist selbst ein Bettler,«
sagte sie mir neulich, und einer kleinen Gräfin, die ihr klagend von der
Wankelmütigkeit ihres Liebhabers erzählte, rief sie höhnend zu: »Füttern
sie ihn nur weiter mit den Almosen heimlicher Blicke und Händedrücke,
dann wird er ihr ärgster Feind, ein Revolutionär, wie das frierende und
hungernde Volk von Paris angesichts der brennenden Holzstöße, die die
großen Herren ihnen zuliebe vor ihren Palais entzünden, und der
Brosamen, die sie ihnen zuwerfen.«

Mein Brief wird Sie enttäuschen, denn ich fürchte, daß er Sie nicht
einmal für eine Stunde von Ihrer Schwermut befreit, ja, daß er sie
vielleicht noch vertieft. Ich bin so grausam, schönste Frau, diese Folge
sogar zu wünschen, denn Sie sind so starrköpfig, -- oder so sanftmütig?!
-- daß Sie sich erst sehr unglücklich fühlen müssen, um sich vom Unglück
zu befreien.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, März 1774._

Hochzuverehrende Frau Marquise. Zwei Pferde ritt ich zu Schanden. Ob
infolge der Schwere meines Buckels oder der Schärfe meiner Sporen will
ich dahingestellt sein lassen. Ich habe mich weder vom Staub gereinigt,
noch gegessen und getrunken. Ich bin mit der Tür ins Haus gefallen. Der
Kammerdiener des Prinzen Friedrich-Eugen hat erst durch ein paar
Louisd'or an meine Ehrlichkeit geglaubt.

Euer Gnaden können ohne Sorgen sein. Die Schreiberseele des Mercure de
France hat natürlich die Provinz schaudern machen wollen. Es bestand
keinerlei Lebensgefahr. Der Degen des Grafen Guy Chevreuse hat nur die
Wange Seiner Erlaucht ein wenig zerschlitzt und ihm einige Unzen Blut
abgezogen. Das dürfte nicht ungünstig sein, sondern die allzu große
Hitze des Prinzen kühlen.

Über die Ursachen des Duells weiß selbst der Kammerdiener, dessen
hingebendste Freundschaft ich mit einigen weiteren Louisd'or gewann,
nichts Bestimmtes. Das eine nur scheint gewiß: Der Streit entstand im
Hotel der Demoiselle Guimard, derselben schönen Dame, die der Prinz
gestern empfing. Es scheint darnach in Paris Mode geworden zu sein, daß
auch der männliche Teil der vornehmen Welt im Bett Audienz erteilt.

Ich selbst bin, da Euer Gnaden mir nicht gestatteten, den Namen
derjenigen, die mich sandte, einem anderen als dem Prinzen selbst zu
nennen, natürlich nicht empfangen worden. Es war nur die Folge meiner
eigenen Dummheit. Morgen werde ich den simplen Gaillard mit irgendeinem
sieben- oder neunzackig gekrönten Namen vertauschen und man wird nicht
die Hinterpforte, sondern die Flügeltüren weit vor mir aufreißen.

Ich lasse dann sofort einen zweiten Kurier dem heutigen folgen.

Gestatten mir Euer Gnaden, meiner unvergänglichen Dankbarkeit und
Ergebenheit Ausdruck zu verleihen. Ich bedaure, der Frau Marquise nicht
mehr opfern zu können, als ein paar Pferdebeine.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Am 22. März 1774._

Hochzuverehrende Frau Marquise. Soeben verlasse ich den Prinzen. Meine
Eröffnung ließ ihn vom Bett emporschnellen. Ich konnte mich von der
gesunden Menge von Blut überzeugen, das seine Adern noch füllt, denn es
ließ sein Gesicht wie ein Feuer glühen, als ich zuerst Ihren Namen
nannte.

»Schreiben Sie Ihrer Gebieterin«, sagte er, »daß ich jetzt nichts
sehnlicher wünschte, als wirklich todkrank zu sein, um von ihr und ihrer
rührenden Sorge um mich dem Leben zurückgewonnen zu werden.«

Fast drei Stunden hielt er mich fest. Er hörte nicht auf, mich
auszufragen, mir zuzuhören. Ich durfte mich glücklich schätzen, daß Euer
Gnaden Erscheinung sich mir so unauslöschlich eingeprägt hat, und ich
imstande war, jeden Blick, jedes Lächeln, jede Bewegung zu schildern, so
daß Seine Erlaucht mir versicherte, die Farben Bouchers könnten nicht
lebensvoller malen, als meine Worte. Eine Demoiselle Raucourt, die sich
während meines Besuchs melden ließ, hat er mit einem so verächtlichen
Stirnrunzeln abweisen lassen, daß sie nicht wiederkommen würde, wenn sie
es gesehen hätte.

Meine »kranke« Mutter habe ich heute besucht. Ich brauche dem Herrn
Marquis sonach kein Märchen aufzubinden. Ihre »Sehnsucht« war übrigens
so groß wie die meine. Erst als sie sich überzeugte, daß ich nichts zu
fordern kam, erwachte ihre mütterliche Zärtlichkeit gegenüber ihrer
Mißgeburt. Es geht ihr übrigens vortrefflich. Von dem Gelde ihres
Liebhabers, dem ich infolge eines unglücklichen Zufalls mein Leben
verdanke, -- daß ich ihm wirklich dafür Dank schuldig bin, weiß ich
erst, seit ich Euer Gnaden dienen darf --, hat sie im Garten des
Palais-Royal ein Café-Restaurant gepachtet. Die größten Räsonneure von
Paris verkehren bei ihr. Ich habe in einer Stunde mehr gehört, als ich
in meinem ganzen Leben gedacht habe, obwohl, wie Euer Gnaden wissen, das
nicht wenig ist, da man mir ja reichlich Zeit dazu gelassen hat. War ich
doch ein Bastard, also gemieden von den Herren wie von den Dienern. Aber
wessen ich mich schämte, dessen werde ich mich auf Grund meiner neuen
Einsicht noch rühmen können. Als »Bastarde im Geist«, bezeichnete einer
der Gäste Madame Gaillards, in dem ich den einstigen Hofmeister des
Prinzen Friedrich-Eugen, den Herrn von Altenau, wieder erkannte, all
jene Aufklärer, Schriftsteller und Philosophen, die zwischen dem Volk
und dem Adel stehen, nicht etwa als ein verbindendes, sondern als ein
zersetzendes Element. Was die großen Denker, die Herren Voltaire,
Rousseau, Diderot und wie sie alle heißen, -- ich hörte die Namen zum
erstenmal --, in ihren Werken niedergelegt haben, das verbreiten jene
anderen durch die Zeitungen, durch Flugschriften und Reden jetzt im
Volk. In jeder kleinen Wirtschaft, zwischen Krämern und Handwerkern,
hört man infolgedessen politisieren und philosophieren. Vom König redet
man, als wenn er schon tot wäre. Man erörtert eifrig das Für und Wider
der Männer, die der Dauphin berufen wird. Es gibt Hoffnungsvolle, die
eine glorreiche Zeit und ein Ende aller Not erwarten. Die meisten
lächeln zweifelnd dazu, oder zucken nur stumm die Achseln. Für einen,
der, wie ich, aus lebenslanger Einsamkeit hierher verschlagen wurde, ist
das alles wie ein Fiebertraum. Wenn ich im Frühling durch die Froberger
Gärten ging, hatte ich zuweilen solch ein Gefühl in den Gliedern, als
stünde etwas Ungeheures bevor. Aber dann fiel mir stets rechtzeitig ein,
daß das nur die Gradegewachsenen erwarten dürfte. Hier habe ich die
unbestimmte Empfindung, als bedürfe es nur eines graden Geistes, um das
Große, das wird, mit zu empfangen.

Euer Gnaden haben mich, den immer Schweigsamen, zuerst sprechen gelehrt,
und müssen mir daher gütigst verzeihen, wenn ich nun schwatzhaft werde.

Ich erwarte, der Verabredung gemäß, Euer Gnaden weitere Befehle.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 30. März 1774._

Verehrte Frau Marquise! Als die kleine Gräfin Laval sich in eine
Marquise Montjoie verwandelte, war sie mir, offen gestanden,
entschwunden, wie ein schöner Traum. Einmal, so dachte ich, würde ich
wohl der Frau Marquise begegnen, aber sie wäre dann eine Fremde für
mich, eine der vielen schönen Frauen, mit demselben Rouge auf den
Wangen, das alle Spuren von Leid und Liebe verwischt, demselben Lächeln
um die Lippen, das Freund und Feind gleichmäßig grüßt, demselben Geist,
dem Himmel und Erde nichts anderes bedeutet, als einen Gegenstand der
Konversation.

Und nun ließ mich ein Zufall, der sich in der dicken Wirtin des Café de
la Regence verkörpert hatte, einen buckligen Menschen kennen lernen, von
dem ich noch nicht weiß, ist er Ihr Hofnarr oder Ihr Kavalier, und
dieser seltsame Kauz machte mich mit der Marquise Montjoie bekannt. Die
Gräfin Laval ist sie nicht, -- darin ging mein Vorgefühl nicht fehl --,
aber sie ist auch nicht eine von den Vielen. Ich glaube fast, sie ist
ein Mensch, denn sie fühlt die Qualen des Lebens.

Zürnen Sie mir darum nicht, wenn ich Ihnen mitteile, daß sich in Paris
ein Mann befindet, der sich Ihnen ganz zur Verfügung stellt. Vielleicht
findet er, wenn Sie nur gütigst eine Verbindung mit ihm herstellen
wollen, irgend ein Mittel, das Ihre Schmerzen, wenn nicht in Freuden
verwandelt, so doch betäubt.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 3. April 1774._

Teuerste Delphine, unvergeßliche Freundin! Meinen heißen Dank für die
Wohltat, die Sie mir erwiesen haben, muß ich Ihnen persönlich, nicht nur
durch Ihren treuen Boten, auszudrücken versuchen. Sie können in Ihrer
Reinheit nicht ermessen, was Sie für mich getan haben; Sie retteten mir
vielleicht mehr als das Leben, nachdem Sie mich in einen schlimmeren
Abgrund als den des Todes gestürzt hatten. Ich war auf dem Wege, mich
selbst zu verlieren --, ach, ich möchte Ihnen das Alles beichten dürfen,
und von Ihnen eine Absolution empfangen, die mich sicherer von allen
meinen Sünden freisprechen würde, als wenn der Papst in eigener
heiliger Person es täte!

Mir ist Paris verleidet; ich kann seine schwere stickige Luft nicht mehr
atmen; mich verlangt nach dem kräftigen Vorfrühlingsbrodem, den die
heimatliche Erde ausstrahlt. Sobald meine Verwundung die Reise möglich
macht, will ich nach Montbéliard zurückkehren, und dort bleiben, bis die
tiefere Verwundung meines Herzens es mir erlaubt, nach Etupes -- unserem
schönen Etupes! -- überzusiedeln. Noch weiß ich nicht, wie sie zu heilen
ist: die Vergnügungen von Paris haben sich nur als der Verband eines
ungeschickten Chirurgen erwiesen, denn die Trennung von Ihnen war wie
fressendes Pfeilgift, das die Vernarbung verhindert. Wird ein
Wiedersehen sie schließen machen?! Einerlei! Und wenn ich im Voraus
wüßte, daß ich daran verblute, ich würde keine Minute zögern, es
herbeizuführen. Nur Ihre Ablehnung, meine Freundin, würde wirken, wie
Königsbann. Aber ich weiß, Sie vermögen nicht, sie auszusprechen.
Monsieur Gaillard wußte nicht, was höher zu preisen sei: Ihre Schönheit
oder Ihre Güte! Der arme Kerl, der sich wie ein Nachtfalter am Licht
Ihrer Augen die grauen Flügel verbrannte!

Ich werde Sie wiedersehen, und werde versuchen, zu vergessen, daß es die
Marquise Montjoie ist, die ich begrüße.

Verzeihen Sie die zitternde Greisenschrift dieses Briefes. Sie dürfen
sich darum nicht sorgen, liebste Delphine, -- so sehr mich auch diese
Sorge beglückt --, denn es ist weniger die Schwäche, die sie verursacht,
als die Erregung. Ich weiß jetzt, wie einem Wüstenwanderer zu Mute ist,
der mit ausgedörrter Kehle und zerrissener Haut, dem Tode nahe, die
schattende Kühle hoher Palmen, die klaren Wellen sprudelnden Quells vor
sich sieht.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, 30. April 1774._

Delphine, liebste Delphine, warum antworten Sie mir nicht?! Ich wartete
in Paris vergebens darauf und hoffte, hier ein Lebenszeichen von Ihnen
vorzufinden. Vergebens! War ich zu vorschnell, als ich aus Ihrer Sorge
um mich auf einen Rest alter Neigung schloß? Als der Graf Chevreuse vor
Dirnen und Roués von dem Mont de joie erzählte, auf dem er den Palast
der Venus gefunden hat, glaubte ich die ganze Frechheit seines
Wortspiels zu verstehen. Daß ich es tat, war eine Beleidigung gegen Sie,
-- und Sie hätten ein Recht, mich deshalb keines Wortes mehr zu
würdigen.

Aber um unserer Kindheit willen, Delphine, die mir hier aus jedem Busch,
jedem Wasserspiegel entgegenlacht, verzeihen Sie mir! Und um meiner
Liebe willen schenken Sie mir ein einziges gutes Wort. Nur Ihr Mitleid
und Ihr Zorn sind mir unerträglich.

Sollte aber Krankheit die Ursache Ihres Schweigens sein, -- ich wage es
nicht zu denken, daß Sie leiden --, so beauftragen Sie Gaillard mit
Ihrer Antwort. Ich klammere mich zu sehr an jeden Strohhalm der
Hoffnung, ich fürchte mich zu sehr, daß Sie selbst ihn mir entreißen
könnten, als daß ich es wagte, ein Begegnen mit Ihnen zu erzwingen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, am 8. Mai 1774._

Meine Liebe, die Nachricht vom Tode des Königs wird meinem Briefe
vorangegangen sein. Als ich am Donnerstag früh in Versailles eintraf,
war die Aufregung bereits eine allgemeine. Sowohl die Partei Dubarry mit
dem Herzog von Aiguillon an der Spitze, hatte sich versammelt, als die
Partei Choiseul, die mit der zur höchsten Empörung des Königs aus dem
Exil zurückberufenen Herzogin von Gramont bei der Dauphine zusammentraf.
Ein Uneingeweihter hätte aus der unverhohlenen Angst in den Zügen der
Einen, dem nicht mehr zu unterdrückenden Triumphgefühl in denen der
Anderen, auf den Stand der Dinge schließen können.

Gegen Abend wurde der König aus Trianon, wohin die alles vermögende
Favorite ihn entführt hatte, um ihn womöglich bis zuletzt in ihrer
Gewalt zu behalten, zurückgeführt. Der Eindruck dieser Heimkehr mußte
auch einen kühlen Beobachter erschüttern: es regnete in Strömen, als die
goldüberladenen Karossen des Königs sich langsam wie ein Leichenzug
durch den Schlamm der Straße, dem Schlosse entgegen bewegten. Die
Federbüsche der Pferde hingen schwer vom Wasser an ihren Köpfen
hernieder. Man hob den König aus den Kissen; sein Kopf sank vorn über,
der Schweiß perlte auf seiner wachsgelben Stirn, zwischen den
aufeinandergepreßten Lippen drangen hie und da gurgelnde Laute hervor,
als er an seinem Hofstaat vorübergetragen wurde. Sobald er auf sein
Lager gebettet war, beschwor er seine Umgebung ängstlich, ihm den Stand
seiner Krankheit mitzuteilen. Wenn er auch von seinem Heldenmut viel zu
reden pflegt, so fürchtete er sich doch von jeher vor nichts so sehr,
als sterben zu müssen, und umgab sich auf Schritt mit einer offenen und
geheimen Schutzgarde, ohne daran zu denken, daß der Tod sich von ihr
nicht würde zurückhalten lassen.

Im Verlaufe der nächsten Tage wurde der König zweimal zur Ader gelassen.
Als die Ärzte von der Möglichkeit eines dritten Males sprachen, wurde
ihm und seiner Umgebung der Ernst der Lage erst völlig klar. Die
Herzöge von Richelieu und von Aumont traten den Ärzten in meiner
Gegenwart mit geballten Fäusten entgegen, um die Operation zu
verhindern, und da diese ihre Stellung bedroht sahen, gaben sie nach. Am
Sonnabend den 30. April bedeckte sich plötzlich der Körper des Königs
mit demselben Ausschlag, unter dem er schon in seiner Jugend gelitten
hatte. Die Ärzte bezeichneten ihn auch jetzt offiziell als Blattern.
Während der König in einen Zustand von Apathie verfiel, gelang es der
Partei Choiseul, den Zutritt von Mesdames Adélaide, Sophie und Victoire
zu ihrem königlichen Vater zu erzwingen. Der Erzbischof hielt sich
erwartungsvoll im Vorzimmer auf; man rechnete bestimmt darauf, durch
seinen Einfluß die Ausweisung der Dubarry und ihres Anhangs
durchzusetzen. Aber sobald der Kranke zu sich kam, wies er seine Töchter
hinaus und verlangte heftig nach der Gräfin. Die Prinzessinnen hätten
übrigens die pestilenzialische Atmosphäre im Zimmer des Königs nicht
länger ertragen können, während die Gräfin ohne schwindelig zu werden,
in seiner nächsten Nähe aushielt.

Kein Wunder, wenn man selbst aus der Gosse stammt!

Wie erzählt wird, soll sie die Kühnheit gehabt haben, ein
Diamantenhalsband von märchenhaftem Wert, das der Juwelier Boehmer ihr
zum Kauf angeboten hatte, dem sterbenden König vorzulegen und zum
Geschenk zu erbitten. Er verstand kaum noch etwas davon, aber er zog das
Schmuckstück immer wieder durch seine fieberheißen, von Schwären
bedeckten Hände, die die kalten Steine wohltätig kühlten.

Durch Scherze und Zärtlichkeiten suchte die Gräfin den Lebensglauben des
Sterbenden aufs neue anzufachen, worin der Herzog von Richelieu sie
insofern unterstützte, als er den Erzbischof, der nicht von der Stelle
weichen wollte, um dem König rechtzeitig die Beichte abzunehmen, fern zu
halten vermochte.

»Wenn es Ihnen, Monseigneur, durchaus nach großen Sünden gelüstet,«
sagte der alte Roué mit seinem ganzen Zynismus, »so nehmen Sie die
meinen dafür. Ich garantiere Ihnen, Sie haben in den zwanzig Jahren
Ihres Pariser Erzbistums nichts Ähnliches gehört.«

Der Kampf der Parteien um den sterbenden König wurde schließlich so
heftig, daß sein Lärm bis in sein Zimmer drang. Vergebens bemühte ich
mich, Ruhe zu stiften, denn so feindlich ich auch der Partei Dubarry
gegenüberstehe, der König ist immerhin des großen Ludwig Nachfolger
gewesen, und verdient als ein Sterbender zum mindesten den stillen
Respekt, der allen gewährt wird, die dem ewigen Richter nahen. Erst von
dem schon halb Besinnungslosen erreichten die Priester die Entfernung
der Gräfin.

Wenige Stunden nach dem Tode des Königs kam ich nach Paris. Überall
begegnete ich jubelnden Volksmassen und das »Es lebe Ludwig XVI.!« klang
in allen Gassen wieder. So antipathisch mir sonst jeder öffentliche
Auflauf ist, in diesem Falle fühlte ich mich durch die Gesinnung mit dem
Pöbel eins.

Die erschütternden Ereignisse, die die Geschicke Frankreichs umgestalten
werden, haben die persönlichen Differenzen zwischen Ihnen und mir, wie
sie kurz vor meiner beschleunigten Abreise von Froberg in Erscheinung
traten, in den Hintergrund gedrängt. Ich denke jetzt ruhiger darüber, da
ich annehme, daß Ihr Verhalten nur eine Folge der Beschwerden ist, die
Ihr Zustand Ihnen verursacht. Ich will mich bemühen, Sie wie eine Kranke
zu behandeln, möchte Sie jedoch nur daran erinnern, daß es bei Frauen
von guter Erziehung bisher selbstverständlich war, sich auch in der
peinlichsten Lebenslage zu beherrschen. Ich verstehe noch heute nicht,
wie die liebenswürdige Einladung der Fürstin Montbéliard, und mein
Wunsch, durch Ihre Zusage die freundnachbarlichen Beziehungen aufrecht
zu erhalten, Ihre Aufregung verursachen konnte. Die Fürstin ist Ihnen,
nach Ihrer eigenen Versicherung eine zweite Mutter gewesen, sie sprach
in ihrem Brief ausdrücklich von einem »stillen Landaufenthalt in
Etupes,« der Ihnen geboten würde; Ihr Einwand, daß Sie sich mit Ihrer
»deformierten Gestalt« nicht sehen lassen könnten, ist also in diesem
Fall nichts als ein leerer Vorwand. Sie würden zu gesellschaftlichen
Triumphen gar keine Gelegenheit haben, die Beeinträchtigung Ihrer
Schönheit hätte also keinerlei Konsequenzen. Da Ihnen Froberg überdies
so unbehaglich ist, würde Ihnen das sonnige Etupes gerade jetzt doppelt
wohltätig sein, und die Fürstin würde es in ihrer Güte an hingebendster
Pflege nicht fehlen lassen.

Aber die Auseinandersetzung über die Frage der Einladung war ja nur das
Vorspiel der Szene, die Sie mit einem unleugbaren Talent für die Rolle
einer tragischen Heldin mir dann vorzuführen die Güte hatten. Ich
glaubte, Sie damit zu besänftigen, daß ich Sie an die notwendige
Rücksicht auf das Kind erinnerte, aber ich warf damit nur neue Nahrung
in das Feuer ihres Zorns. »Rücksicht auf das Kind?!« schrieen Sie, ohne
bemerken zu wollen, daß Gaillard sich in unverhohlener Neugierde vor
Ihren offenen Fenstern zu schaffen machte, »ich will -- ich will kein
Kind von Ihnen! Ich schäme mich dieses Kindes!«

Ich hoffe, Sie schämen sich jetzt Ihres eigenen Benehmens, das ich in
ihre Erinnerung zurückgerufen habe, um es Ihnen wie einen Spiegel
vorzuhalten.

Wie gesagt: ich nehme an, Sie waren von Sinnen, wie es bei jungen Frauen
in gewissen Zuständen vorkommen soll, und ich verzeihe Ihnen den
Affront, den ich durch Sie erleben mußte. Auch auf den Besuch in Etupes
will ich nicht bestehen. Soll es doch vorkommen, daß schwangere Frauen
gerade ihren Lieblingsspeisen gegenüber einen unüberwindlichen Ekel
empfinden.

Ich schreibe Ihnen das Alles, weil ich wünsche, daß nunmehr von der
ganzen Sache zwischen uns keine Rede mehr ist.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, am 10. Mai 1774._

Angebetete Delphine! Je länger Ihre Antwort ausblieb, desto fieberhafter
arbeitete meine Phantasie; Himmel und Hölle sah ich vor mir, und
glaubte, alles ertragen zu können. Und doch würde mich die Wirklichkeit
vernichtet haben, wenn ich nicht zwischen den Zeilen Ihres Briefes das
Klopfen Ihres Herzens gespürt, die Tränen in Ihren Augen gesehen hätte.

Sie lehnen meinen Besuch ab; Sie fürchten sich vor ihm; Sie wünschen,
daß ich Delphine Laval nicht vergesse, und darum Delphine Montjoie nicht
wiedersehe. Sie lassen mir nur die leise Hoffnung auf eine Zeit, wo
irgend eine große Wendung des Schicksals die Jugendfreundin aus dem
Starrkrampf erweckt. Sie sind unglücklich, Delphine, unglücklich wie
ich, und Sie gestatten mir nicht, Ihnen zu helfen! Ich beneide den
Grafen Chevreuse, ja ich will mich sogar bemühen, seine leichtfertigen
Reden zu vergessen, weil er imstande gewesen ist, Ihnen Stunden des
Frohsinns zu schaffen.

Es gab seit dem Empfang Ihres Briefes Augenblicke, in denen der Wunsch,
Ihnen helfen zu können, jedes eigennützige Gefühl erstickte. Ein solcher
war es, als ich meine Mutter bat, Sie zu sich zu laden; ich hätte, Ihrem
Wunsch unter allen Umständen gehorchend, Etupes helles Schlößchen ebenso
wenig betreten, wie Ihre dunkle Burg.

Noch Vieles möchte ich Ihnen sagen, denn mein Herz ist übervoll, aber
ich würde kein Ende finden, wie der Strom um so weniger versiegt, je
tiefer er aus dem Innern der Erde kommt.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, im September 1774._

Verehrte Frau Marquise! Die Hoffnung auf Nachricht von Ihnen, hatte ich
schon aufgegeben, und ich respektierte Ihre Zurückhaltung, die bei
vielen Menschen, wie bei zu Tode getroffenen Tieren, die Folge der
tiefsten Schmerzen ist.

Und nun lese ich Ihren Brief wieder und wieder, und versuche mir aus
seinen leisen Untertönen, aus den Erzählungen des Herrn Gaillard und aus
den Buchstaben Ihrer Schrift, die früher wie lauter kleine Kobolde
lustig durcheinander tanzten, und jetzt brav und ernsthaft in
gleichmäßiger Reihe vor mir stehen wie ängstliche Kinder vor dem
strengen Schulmeister, ein Bild der Frau zu machen, an die ich schreibe.

»Ich bin schon viele Wochen krank«, sagen Sie, »und liege in einem
schrecklich großen Bett, das nie ganz warm wird, mitten in einem hohen,
dunklen Zimmer, wie eine Tote in der Kirche. Daß es draußen Sommer ist,
merke ich nicht. Ich glaube, man hat in diesem Schloß die Fenster
absichtlich so gebaut, daß nur die Wintersonne hineinkann.« Und dann
erzählen Sie von den Sälen, die immer leer aussehen, auch wenn man noch
so viel Möbel, hineinstellt, und von dem Leben, das eben so ist, weil
man es auch nur mit totem altem Kram erfüllt; -- ist das die kleine
Delphine, die ich kannte, oder die Marquise, die ich zu begegnen
erwartete?!

Ich soll Ihnen »Lebendiges« bringen, »damit wenigstens ein Echo von all
dem Lärm und Lachen bei mir wiederklingt«. Ich werde Sie enttäuschen,
Frau Marquise, denn das Paris, das ich kenne, lärmt zwar, aber es lacht
nicht. Zu der Stunde, wo die großen Kurtisanen, die Duthé, die Cléophile
auf der Promenade von Longchamps ihre sechsspännigen Karossen von
Sèvres-Porzellan, ihre Quesacos von Damast, ihre hochgetürmten Locken,
und ihr verführerisches Lächeln zur Schau stellen, begafft vom Pöbel,
gefolgt von der Jeunesse dorée, versammelt sich eine täglich wachsende
Zahl von Männern in den Kaffeehäusern des Palais-Royal, um die neuesten
Zeitungsberichte, die neuesten Flugschriften zu lesen, den neuesten
politischen oder gesellschaftlichen Skandal zu besprechen,
philosophische und literarische Fragen zu diskutieren. Für viele treten
diese öffentlichen Zusammenkunftsorte allmählich an Stelle der berühmten
Salons, nicht nur, weil diese sich mehr und mehr auf ihre gewohnten
Kreise beschränken und die alten Celebritäten den jungen Unbekannten
vorziehen, sondern weil man in der Ungezwungenheit der Kleidung und der
Konversation einen Reiz entdeckte, der den Salons fehlt. Bei vielen der
seßhaftesten Kaffeehausbesucher ist noch ein anderer Umstand für ihre
Flucht aus den Salons ausschlaggebend gewesen: ihre Einsicht in die
traurige Wirkung, den der Einfluß, den man den Frauen in diesem
Jahrhundert in wachsendem Maße einräumte, auf Frankreichs innere und
äußere Lage ausgeübt hat.

Von einer männlichen Kultur erwarten viele die Rettung vor dem Abgrund,
dem wir zusteuern. Amüsant ist dabei, daß man sich um so mehr mit der
Frau beschäftigt, je mehr man sich von ihr emanzipiert; statt der
Liebeslieder an sie, schreibt man gelehrte Abhandlungen über sie, in
denen ihre Kräfte und Fähigkeiten eingehender Prüfung unterzogen
werden. Herr Thomas von der französischen Akademie veröffentlichte
zuerst einen Essay über den Charakter, die Sitten und den Geist der
Frauen.

Mir fiel bei der Lektüre folgende Anekdote ein: Sophie Arnaud, die wegen
ihrer Bonmots berühmter ist als wegen ihres asthmatischen Gesangs, bat
einmal Herrn Thomas, der damals Administrator eines Pariser Departements
war, um den Umbau des Schornsteins an ihrem Hause. »Ich habe mit dem
Minister,« so gab er ihr schließlich Bescheid, »Ihre Angelegenheit als
Bürger und als Philosoph besprochen.« »Aber mein Herr,» unterbrach sie
ihn, »was nützt mich das! Als Schornsteinfeger hätten Sie davon sprechen
müssen!» Ich fürchte, es ging ihm mit den Frauen wie mit den Kaminen:
nicht als Bürger und Philosoph hätte er von ihnen sprechen dürfen,
sondern als empfindsamer Mensch --, kurz so wie es Denis Diderot in
seiner Besprechung der Schrift des Akademikers getan hat. Ich kann mir
nicht versagen, Ihnen einige seiner Sätze, auch wenn ich sie aus dem
Zusammenhange reißen muß, wiederzugeben. Er erzählt: »Ich sah eine
anständige Frau bei der Annäherung ihres Gatten vor Entsetzen zittern;
ich sah, wie sie im Bade untertauchte und doch glaubte, sich von der
Erfüllung ihrer ehelichen Pflicht nie reinigen zu können. Solch ein
Gefühl körperlicher Scham ist uns so gut wie unbekannt. Das höchste
Glück flieht die Frauen nur zu oft sogar im Arm des Mannes, den sie
lieben; während wir es an der Seite eines gefälligen Weibes finden
können, das uns gleichgültig ist...« Und an andrer Stelle, wo er die
Gesetze und Gebräuche schildert, die den Frauen auferlegt wurden, heißt
es: »In allen Ländern hat sich die Grausamkeit der bürgerlichen
Gesetzgebung mit der Grausamkeit der Natur gegen die Frauen verbunden.
Wie Kinder und Blödsinnige werden sie behandelt. Es gibt, selbst bei
kultivierten Völkern, keine Art von Quälerei, die sich der Mann nicht
gegenüber der Frau erlauben dürfte. Wagt sie, sich zu empören, so wird
ihre Handlungsweise durch allgemeine Mißachtung gestraft.«

Selbst der Patriarch von Ferney, der es nicht verträgt, daß die
Öffentlichkeit sich auch nur vier Wochen lang nicht mit ihm beschäftigt,
hat sich in die Diskussionen über das Thema »Frau« eingemischt,
wenigstens nimmt man an, daß ein kürzlich erschienenes geistvolles
Pamphlet seiner Feder entstammt. Es fordert nichts weniger als die
größtmögliche Erleichterung der Ehescheidung, die eine Sache des Staats
im Interesse des Familienglücks und nicht eine Sache der Kirche sei.

»Daß der Mann sich durch Maitressen, die Frau durch Liebhaber schadlos
zu halten suchen«, schreibt er, »ist jedenfalls keine Lösung des
Problems.«

Der Verfasser einer anderen anonymen Broschüre verlangt gar als
Heilmittel der totkranken Ehe, die Abschaffung der Mitgift. Danach wäre
jedoch, wie mir scheint, die Korruption nur halb beseitigt: die Männer
zwar würden nur aus Liebe wählen, die dann völlig besitzlosen Frauen
dagegen noch mehr als bisher aus Berechnung.

Ich habe all diese kuriosen Dinge vor Ihnen ausgebreitet, weil ich
glaube, daß sie mindestens Ihre Neugier, vielleicht auch nur Ihr Lächeln
hervorrufen werden. Und das wäre schon ein Fortschritt! Dabei verlor ich
den Faden meines Briefes, und kann mich über meine Stilverletzung nur
durch die Zuversicht trösten, daß meine Korrespondenz niemals die
Bekanntschaft eines Setzers machen wird. Ich knüpfe also wieder am
Anfang an, um Ihnen zunächst einmal den Rahmen des Bildes zu geben, daß
ich Ihnen später, wenn Sie mich nicht etwa schweigen heißen, im
einzelnen schildern werde.

Wir befanden uns zuletzt im Kaffeehaus. Ist das Wetter schön, so ergeht
sich die Menge in den späten Nachmittagsstunden in den Alleen davor.
Hier zeigen sich dann auch Frauen in hübschen Polonaisen, mit
Riesenmuffs oder langen Spazierstöcken. Ihre Zahl nimmt Jahr um Jahr zu;
es ist Mode geworden, sich in freier Luft zu ergehen, und die Ärzte
unterstützen sie nach Kräften. Die Vapeurs, die man für eine Einbildung
mondainer Damen hielt, haben sich nämlich als eine ernste Erkrankung
herausgestellt, und unsere Mediziner führen sie auf die Zimmerluft, die
sitzende Lebensweise, den Mangel an Bewegung, ja selbst auf das viele
Teetrinken und den Gebrauch des Schnürleibs zurück. Man kann daher
neuerdings vor den Toren von Paris sogar Herzoginnen zu Fuß begegnen,
die der leichteren Bewegung zuliebe, den Umfang ihrer Röcke
einschränkten; und im Garten des Palais-Royal erschienen kürzlich junge,
hübsche Frauen, die ihren Busen, statt ihn in ein Mieder einzuzwängen,
nur mit einem Mullfichu verhüllten.

Sie sehen, meine liebe Marquise, der Stil meines Briefs ist
hoffnungslos; der Gedanke an meine schöne Adressatin wirft alle Sätze
aus ihrer Bahn, und ich rede, da ich nicht von Ihnen allein reden darf,
wenigstens immer von Ihrem Geschlecht. Gestatten Sie mir noch einen
letzten schüchternen Versuch, den Fluß meiner Rede in das alte Bett
zurückzuleiten!

Schließen sich abends die Pforten des Palais-Royal, so öffnen sich die
der Klubs. Es sind das Vereinigungen mit literarischen, philosophischen
und politischen Zwecken, die wir in dieser Form aus England übernommen
haben. Sie vermehren sich wie Unkraut. Fast jeder kleine Krämer sucht
nach dem Essen seinen Klub auf, wo er nach Herzenslust das Vergnügen
genießt, über alles räsonnieren zu dürfen. Jener Volksauflauf im vorigen
Monat, als die Nachricht vom Sturz des Kanzlers sich verbreitete, wäre
ohne die Klubs und ihre Aufklärungsarbeit nicht möglich gewesen. Die
Pariser pflegten bisher nur zusammen zu strömen, wenn eine alte
königliche Maitresse ins Exil geschickt wurde, oder eine junge in die
petites appartements einzog. Sie hatten gewissermaßen ein väterliches
Interesse daran; sie waren stolz darauf, die Hauptlieferanten der
Liebesgenüsse großer Herren zu sein; sie zogen tief den Hut vor der
eignen Tochter, wenn irgend ein Prinzlein sie mit Brillanten behängte
--, heute spucken sie vor ihr aus. Etwas wie Selbstbewußtsein erwacht in
diesen armen kleinen Hirnen, nur daß es niemand von den Herrschenden
wahr haben will.

Während die Männer in den Klubs sich Abend für Abend über Fragen des
Freihandels oder der Zölle die Köpfe zerbrechen, Fragen, die seit
Turgot, der Anhänger der Physiokraten, am Ruder ist, zu wahrhaft
brennenden wurden, sitzt der Sultan der Oper, der Prinz von Soubise,
nach wie vor in seinem Serail, der Loge, um die von ihm pensionierten
Tänzerinnen neben den jüngsten Eleven huldvollst zu empfangen, und die
»gute Gesellschaft« strömt nach Pantin zur Guimard, um Komödien zu
sehen, von denen eine die andere an Laszivität übertrifft, oder sie
füllt das Hotel der Madame de Montesson, die, trotz ihres Alters, noch
immer als jugendliche Liebhaberin auf ihrer Bühne auftritt, und noch
immer die Egeria des Herzogs von Orléans ist.

Ich aber, teuerste Marquise, bringe meine Abende am liebsten in einer
Gesellschaft zu, die nicht durch Namen und Titel, wohl aber durch Geist
und Witz die erste von Paris genannt werden darf. Sie versammelt sich im
Hause Madame Geoffrins.

Wie wünschte ich Ihnen die Bekanntschaft dieser wundervollen Frau, die
es verstanden hat, ohne jung und ohne schön zu sein, die besten Köpfe
Frankreichs an sich zu fesseln. Hier sind d'Alembert, Turgot, Diderot
fast tägliche Gäste, hier wird freimütig ausgesprochen, was außerhalb
dieses Salons noch in die Bastille führt, und die Wahrheit und die
Religion des kommenden Jahrhunderts ist.

Sie werden finden, daß ich unbescheiden bin, indem ich Ihre gütige
Erlaubnis, Ihnen schreiben zu dürfen, in dieser Weise ausnutze. Aber mir
ist, als wäre es wieder Nacht um Sie, die ein fernes Feuer rot
durchglüht und als stünden Sie vor mir, die kleine Gräfin Laval mit den
großen brennenden Augen und der stockend hervorgestoßenen Frage: »Ist es
wirklich, kann es wirklich sein?!«

Ob ich sie weiter beantworten darf, das haben Sie zu entscheiden.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 3. Oktober 1774._

Verehrteste Frau Marquise, Ihre rasche Antwort würde mich entzückt
haben, wenn ich sie der Wirkung meines Briefes zuschreiben dürfte. Aber
selbst Ihr Dank, dessen Wärme so gar nicht im Verhältnis zu meiner
Leistung steht, zeigt mir nur das Eine: daß Sie verschmachten, und somit
auch den kleinsten Tropfen Wasser als Labung empfinden. Dabei
überschütten Sie mich mit einer bunten Vielheit von Fragen, die zu
beantworten ich eine wahre Encyklopädie schreiben müßte. Sie erwarten
wohl auch dergleichen gefährlich Freidenkerisches, sonst würden Sie mich
nicht bitten, als Deckadresse die Ihres Hofnarren zu benutzen, ein
Vorgehen, das vielleicht gefährlicher ist, als wenn ein Unberufener
meine Briefe liest. Sind Sie des Mannes so sicher, in dessen Hand Sie
sich begeben? Ich erfuhr jetzt erst, daß er der Sohn unserer robusten
Kaffeehaus-Wirtin ist, einer skrupellosen Person, die den einträglichen
Weg vom Straßenmädchen zur Kupplerin hinter sich hat, und sicher für ein
paar Louisdor ihre intimsten Freunde an den Galgen brächte.

Doch genug davon. Ich will versuchen, Ihre Fragen zu beantworten und
zwar möglichst der Reihe nach, weil ich gewiß zu sein glaube, daß
diejenigen, die Ihnen am meisten am Herzen lagen, auch an erster Stelle
stehen. Dabei muß ich meine Fragen nach dem Warum der seltsamen
Reihenfolge in den Hintergrund schieben.

Also zuerst: Marie-Madeleine Guimard. Ich wundere mich nicht, daß Sie so
viel von ihr gehört haben; mir scheint ein Teil des Geistes unserer
Epoche in ihr verkörpert, wie denn überhaupt die Frauen, sei es infolge
ihrer größeren Sensibilität, sei es, weil sie den geheimnisvoll
wirkenden Kräften der Natur näher verwandt sein dürften als wir, in
besonderem Maße die Produkte ihrer Zeit und ihrer Umgebung sind.

Von majestätischem Wuchs und üppigen Formen, mit unbewegt regelmäßigen
Zügen, waren die Frauen unter dem Zepter des Roi soleil; ihre Schönheit
war eine rein körperliche, zu der das steife, prunkvolle Hofkostüm
ebenso paßte, wie die antikisierenden Gewänder des Schauspiels und des
Balletts; graziöser, lebhafter erschienen die Zeitgenossinnen der
Marquise Pompadour; der Geist fing an, auch das unregelmäßige Gesicht
von innen zu verklären; heute hat er sich den ganzen Körper unterworfen.
Ein seelenvolles Auge, ein kapriziöses Näschen, ein Mund, der, selbst
wenn er stumm bleibt, jeden Gedanken, jedes Gefühl wiedergibt; feine,
schlanke Glieder, die nicht mehr um ihrer selbst willen da zu sein
scheinen, sondern nur neue Ausdrucksmittel der Empfindungen sind --, das
ist die Frau fin de siècle, das ist Madeleine Guimard. Sie ist nicht
mehr jung, sie ist keine Schönheit, und doch ruiniert sich der Prinz von
Soubise für sie, und der Herr von Laborde, ihr amant de coeur aus der
Vergangenheit, bewahrt ihr die Treue eines Hundes, obwohl er stets neue
Rivalen hat. Sie ist aus der Hefe des Volks emporgestiegen, wie alle
ihresgleichen, und würde am Hofe von Versailles keiner Prinzessin von
Geblüt nachstehen, denn sie besitzt in höchstem Maße jene
Anpassungsfähigkeit der Frauen, die in wenigen Jahren aus einem kleinen
Vorstadtmädchen eine Dame macht, während ein Bauer immer ein Bauer
bleibt, auch wenn er Jahrzehnte lang Titel, Degen und seidene Strümpfe
trägt.

Wenn sie tanzt, so könnte man ihr Antlitz verhüllen und würde doch jedes
ihrer Gefühle verstehen. Man sieht, wie Himmel und Hölle um ihre Seele
streiten. Ihre Luxusbedürfnisse sind ohne Grenzen, und doch kann man ihr
in den Elendsquartieren der Butte St. Roche begegnen, wo sie, dicht in
den Kapüchon gehüllt, Geld, Kleider, Lebensmittel unter die Armen
verteilt. Kaltblütig hat sie schon Dutzende von Männern zu Bettlern
gemacht, daneben rettet sie im Stillen junge Offiziere und arme Kollegen
vor dem Elend. Die Orgien in ihrem Hotel bilden den Skandal der
Nachbarschaft; dabei ist sie imstande, am nächsten Tage mit vollendeter
Decenz Damen des Hofs, Männer der Kunst und der Wissenschaft zu
empfangen, für die einen ein Beispiel in der Toilette wie im Haushalt,
für die anderen eine sprudelnde Quelle der Anregung.

Und nun die Raucourt. Ihre Schönheit ist eine völlig jünglinghafte, ihr
Geist hat in seiner kühlen Schärfe etwas Männliches. Man erzählt sich
nur eine weibliche Schwäche von ihr: als vor Jahr und Tag der Patriarch
von Ferney, in dessen Tragödie »les Lois de Minos« sie sich weigerte,
aufzutreten, ihre Tugend angriff, fiel sie in Ohnmacht. Seitdem ist sie
unempfindlicher geworden. In den Rollen tragischer Heldinnen ist sie
unvergleichlich, dagegen fehlt es ihr für die Rollen der Liebhaberin,
die sie im Leben zu spielen versucht, an Grazie. Daher sind wohl auch
ihre Verehrer meist sehr junge Leute, die mehr bewundern als lieben,
mehr Schüler als Herren sind. Sie gehört zu den ständigen Besucherinnen
der Gärten des Palais-Royal, wo sie weit mehr Frauen als Männer um sich
versammelt. Eine der Pariser Sensationen war es, als sie kürzlich in
einem der berühmten Privatzimmer der Madame Gaillard einen Frauenklub
gründete, von dem die Lästerzungen der Kaffeehäuser, die viel giftiger
sind als die der Salons, weil sie jeder guten Form entraten, allerhand
Böses zu sagen wissen. Im übrigen glaube ich nicht, daß Mademoiselle
Raucourt mehr als irgend eine andere der neuen Frauentypen ein
Gegenstand Ihres Interesses zu sein verdient.

Sie fragen sodann, verehrte Frau Marquise, nach neuen Romanen, nach dem
Befinden der Königin, nach den Aussichten des Ministeriums, nach einer
Adresse zum Bezug der Parfilage, jener gräßlichen neuen Beschäftigung
für nervöse Frauenfinger, nach den Ideen Diderots; -- ich stehe vor
dieser bunten Vielheit wie ein Kind vor der Jahrmarktsbude und weiß
nicht, wohin ich zuerst greifen soll, auch sind leider zu wenig
Geistespfennige in meinem Besitz, um für all das mit der richtigen Münze
zu zahlen.

Neue Romane? Frauen schreiben sie mit derselben Fingerfertigkeit, wie
sie Goldfäden zupfen. Es sind Herzensergüsse auf dem Papier, weil die
Liebhaber sich aus dem Staube machten, die sonst zuhörten. Ich schicke
Ihnen einige Proben und weiß, daß Ihr guter Geschmack Sie vor weiterem
Bezug warnen wird. Die Zeit der Dichter ging vorüber, sobald die
Wirklichkeit an den kühlen Verstand zu große Anforderungen stellte. Erst
wenn wir das prosaische Problem des Sattwerdens gelöst haben, können wir
uns wieder an der Tafel Anakreons mit Rosen kränzen.

Das Befinden der Königin? Sie baut in Trianon Sennhütten und
interessiert sich für das Melken der behäbig blökenden Kühe und die
Aufzucht friedvoller Lämmer.

Die Aussichten des Ministeriums? Sie werden unter diesem König, dem
seine Räte täglich in ein anderes Jagdrevier nachreisen müssen, dem die
Zahl der erlegten Rehböcke wichtiger ist, als die Zahlen des
Staatsdefizits, der mit vielem Schweiß Schlösser konstruiert, die seine
Garderobenschränke, nicht aber sein Reich vor Dieben sichern, -- niemals
zu berechnen sein.

Die Adresse für die Parfilage? Ich verschweige sie, weil Strümpfe
stricken und Hemden nähen immer noch geistvoller ist als dieser
Zeittotschläger.

Die Ideen Diderots? Sie unterwühlen wie eine Herde hungriger Ratten den
Boden, auf dem unsere Welt gebaut ist, obwohl in Frankreich nicht
hundert Menschen den Namen dessen kennen, der sie, ein umgekehrter
Rattenfänger, hervorgezaubert hat. Sie sind wie vergiftete Pfeile, an
denen der, den sie trafen, langsam hinsiecht. Rousseau hat die Rückkehr
zur Natur wie ein neuer Religionsstifter gepredigt; Voltaire, der
Hofnarr Seiner Majestät des achtzehnten Jahrhunderts, hat alles, was der
Menschheit heilig erschien, mit der scharfen Lauge seines Spottes
übergossen; Diderot aber ist der Held, der mit blanker Waffe, ein offner
Feind der Gesellschaft, ihr gegenübertritt. Von ihr, so sagt er, stammen
alle Leiden, alle Laster; von ihr, die die Religion und den Reichtum,
das heißt Unterdrückung der Einen durch die Anderen, die vor allem die
Moral erfunden hat. Die Religion ist die Quelle von Verfolgungen und
Verbrechen, von Kriegen und Ketzergerichten; die Moral die Quelle der
Heuchelei, des Seelenselbstmords, der Versklavung aller natürlichen
Triebe; ihre Überwindung ist Wiedergeburt.

Sie erschrecken, Frau Marquise?! Ach, ich dachte nicht daran, daß Sie
sich in Ihren angstvollsten Stunden noch betend auf die Kniee werfen,
daß Sie Ergebenheit in das Geschick, Unterdrückung der aufrührerischen
Stimmen Ihres Inneren für Tugenden halten. Oder irre ich mich? Die
kleine Gräfin Laval ist gegen den Befehl der Äbtissin bei Nacht und
Nebel dem Kloster entflohen, die kleine Gräfin Laval ist, trotz der
sicheren Strafe, freiwillig zurückgekehrt, um einer Sterbenden die
letzten Stunden zu erleichtern.

Verzeihen Sie! Das Bild dieses reizenden, tapferen Kindes hat sich
meinem Herzen so unauslöschlich eingeprägt, daß ich darüber die Marquise
Montjoie vergaß!


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 20. Oktober 1774._

Verehrte Frau Marquise! Einen Augenblick lang war ich wie vor den Kopf
geschlagen, daß mein Mißtrauen in Ihre Willensstärke, in Ihr
Selbstbewußtsein Sie dermaßen hat empören können. Jetzt freue ich mich
der -- ich gestehe -- nicht ganz unabsichtlichen Wirkung, denn sie hat
Ihre Kraft gestählt.

Die kleine Abhandlung »Du droit au divorce« lege ich bei; von Diderots
Dialog »Est-il bon? Est-il méchant?«, der in knapper Form das
Wesentliche dessen enthält, was Sie wünschen, hoffe ich Ihnen eine
Abschrift verschaffen zu können.

Daß Sie die Möglichkeit eines Pariser Aufenthalts in Aussicht stellen,
wenn »alles vorüber ist«, -- Sie meinen doch wohl die Geburt Ihres
Kindes? --, hat mich entzückt. Ich habe am letzten Mittwoch schon mit
Madame Geoffrin gesprochen, die außer Fräulein de Lespinasse Damen nicht
zu empfangen pflegt, weil sie, wie sie sagt, doch »nur aus Neid oder
Neugierde kommen, und zum Klatschen und Keifen weggehn«, aber bei Ihnen
eine Ausnahme machen will. Ihre Briefe fand sie bezaubernd; »eine Frau
von Geist und Herz ist heute, wo der Verstand wie ein Prinz erzogen,
gepflegt und gehätschelt, das Herz dagegen als Aschenbrödel behandelt
wird, eine solche Ausnahme, daß ich sie liebe, ohne sie zu kennen.« Ein
Urteil wie dieses aus dem Munde der Madame Geoffrin ist in den Kreisen
des geistigen Frankreich, was der Nachweis von zweiunddreißig Ahnen für
das Königshaus ist.

Darf ich Sie noch bitten, Herrn Gaillard daran zu erinnern, daß er mir
von Ihrem Befinden Nachricht geben möchte, sobald Sie selbst, teuerste
Marquise, mir nicht mehr zu schreiben imstande sind.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Froberg, den 20. November._

Hochverehrte Frau Marquise, Euer Gnaden werden mir diesen ungewöhnlichen
Schritt verzeihen. Ich kann nicht anders, da es mir unmöglich gemacht
wird, bis in Ihr Zimmer vorzudringen.

Ehe die Frau Marquise auf Froberg einzogen, hat mich niemand in diesem
Hause wie ein Mensch behandelt. Alles was an Empfindung in mir lebte,
hatte sich darum nur zu einem Gefühl verdichtet: dem Haß. Euer Gnaden
Güte und Teilnahme haben mich erst bemerken lassen, daß ich ein Herz in
der Brust habe wie die gerade Gewachsenen. Jeder Schlag dieses Herzens
gehört der Frau Marquise.

Daß ich einen Menschen leben sehen muß, der Euer Gnaden Leiden und
Schmerzen verursacht, ist schon gräßlich genug. Aber daß dieser Mensch
sich nicht scheut, Euer Gnaden im eigenen Hause zu demütigen und, -- es
muß gesagt werden --, zu betrügen, das ertrage ich nicht.

Madame Paumille, die für den jungen Herrn engagierte Amme, ist die
Geliebte des Herrn Marquis, ihre Tochter die seine. Zum Beweis diene
beiliegender Brief, den ich aus ihrem Schubfach entwendet habe.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, den 22. November 1774._

Meine Liebe! Sie verweigern mir den Zutritt, und nur, um einen noch
größeren Skandal zu vermeiden, der unsere Differenzen in die Mäuler
aller Untergebenen trägt, füge ich mich zunächst. Auch glaube ich, daß
es tatsächlich förderlicher ist, wenn wir eine mündliche
Auseinandersetzung, wie die gestrige, bis zu Ihrer völligen
Wiederherstellung vermeiden. Nur, weil ich befürchte, Sie haben in Ihrer
Erregung nicht alles gehört, was ich gesagt habe, will ich versuchen,
mich schriftlich verständlich zu machen, wobei ich nochmals ausdrücklich
betone, daß ich mich weder gestern noch heute veranlaßt fühle, etwa wie
ein Schuldbewußter vor Ihnen zu erscheinen.

Ich wiederhole: Madame Paumille ist nicht meine Geliebte, was Ihre
Kenntnis meines Geschmacks Ihnen ohne meine Versicherung hätte sagen
müssen. Ich bin nicht zu tugendhaft, aber zu ästhetisch veranlagt, als
daß ich die Absurdität begehen könnte, meine Maitresse in mein Haus zu
nehmen. Der freche Brief meines Reitknechts, der Ihnen in die Hände
gespielt wurde, bezeugt nichts anderes, als daß ich auf der Jagd in den
Wäldern von Soultz eine Nacht bei dem Weibe zubrachte. Es wäre auch das
nicht geschehen, wenn Sie, meine Teure, mir nicht gerade damals
Gelegenheit gegeben hätten, Sie von Ihrer unliebenswürdigsten Seite
kennen zu lernen.

Ob die Tochter der Paumille die meine ist, kann ich nicht wissen. Ich
halte es aber für eine einfache Anstandspflicht, auch auf die bloße
Möglichkeit hin der Mutter des Kindes die nötige Unterstützung zukommen
zu lassen.

Was ihre Wahl als Amme meines Sohnes betrifft, so hat sie sich, wie Sie
wissen, selbst gemeldet, und ist von unserem Arzt unter allen
Bewerberinnen als die geeignetste bezeichnet worden. Da mir die
Gesundheit meines Sohnes jetzt in erster Linie am Herzen liegt, -- ganz
abgesehen von der notwendigen Rücksicht auf das Gerede der Leute, --
wünsche ich, daß keine Änderung eintritt. Ich werde dafür Sorge tragen,
daß Madame Paumilles Haus in einen Stand gesetzt wird, der dem Range
ihres Pflegebefohlenen entspricht. Sie wird Ihnen dann aus den Augen
sein, und in wenigen Monaten werden Sie sich Ihrer Aufregung über die
ganze Sache nur noch lächelnd erinnern.

Nun zu dem Brief, den Sie mir übergeben ließen. Sie fordern nichts mehr
und nichts weniger als eine Trennung unserer Ehe, und begründen diesen
Wunsch mit einer Überfülle an tönenden Worten, wie Wahrhaftigkeit,
Selbstachtung, persönliche Freiheit. Sie sind wirklich noch ein Kind,
sonst müßten Sie wissen, daß es überhaupt keine Ehe mehr geben würde,
wenn die Scheidung jedesmal die Folge solch einer »Untreue« wäre; sonst
würden Sie sich auch sagen können, daß die Marquise Montjoie sich
niemals zum Gegenstand eines allgemeinen Hohngelächters machen darf.

Ich fürchte nach allem Geschehenen, daß Sie, meine Liebe, noch sehr viel
werden lernen müssen, ehe ich wagen kann, mit Ihnen nach Versailles zu
gehen. Ich habe daher Auftrag gegeben, unser seit Jahren leerstehendes
Palais in Straßburg in stand zu setzen, damit ich Sie zunächst der
dortigen Gesellschaft vorstellen kann.

Noch eins: Lucien Gaillard, dieser Schurke, der die Wohltaten, die meine
Mutter und ich ihm seit seiner Geburt erwiesen haben, in so schändlicher
Weise lohnte, ist von mir entlassen worden. Ich darf von der Vornehmheit
Ihrer Gesinnung doch wohl so viel erwarten, daß Sie jeden Versuch dieses
Menschen, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, gebührend zurückweisen
werden.



EINE DEUTSCHE TRAGOEDIE



Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straßburg, den 21. Februar 1775._

Schönste Frau! Meine Umgebung schließt aus meiner üblen Laune bereits
auf die schwersten politischen Komplikationen. Sie ist so deutsch, so
grenzenlos deutsch, daß sie die Größe meines Schmerzes, eine Einladung
zu Ihnen ablehnen zu müssen, ebensowenig versteht, wie sie von der Größe
der Wirkung eine Ahnung haben kann, die Ihr Erscheinen in Straßburg auf
mich ausüben mußte. Seit Eröffnung des Hotels Montjoie verwandelt sich
der Ort der Verbannung in eine Insel der Seligen.

Mein Pariser Kurier hat die kleinen Pasteten, die ich Ihnen für das
Souper versprochen hatte, mitgebracht. Der Neid auf Ihre glücklichen
Gäste könnte mich fast verführen, sie vergiften zu lassen! Was er sonst
mitbrachte -- Briefe und Journale -- ist kaum der Rede wert. Hier haben
Sie im Zeitungsstil unserer jüngsten Literatur ein Ragout von Allem. Ihr
Geist wird verstehen, es Ihren Gästen als das Neueste aus Paris
geschmackvoll vorzusetzen:

Aus den Zeichen am Himmel Frankreichs verkünden unsere weisen
Sterndeuter das Nahen starker Gewitter. So hat die kleine Lucy vom
Vaudeville jüngst in der Komödie zwei Verse bedeutungsvoll betont: »Il
est des sages de vingt ans et des étourdis de soixante« und ist wegen
Majestätsbeleidigung auf zwölf Tage eingesperrt worden. Ich überlasse
es Ihrem Scharfsinn, zu enträtseln, ob es der tote oder der lebendige
König war, den sie beleidigte.

Sodann ist in Voltaires neuester Tragödie der Satz: »sous les débris du
trône écrasent les sujets« wütend applaudiert worden, wobei das Parterre
an den Trümmern des Throns, die Logen an den niedergeworfenen Untertanen
ihren Enthusiasmus entzündeten.

Ferner hat Herr von Malesherbes seinen feierlichen Einzug in die
Akademie gehalten, »Herr von Malesherbes« so schreibt mein
Korrespondent, »der das Erscheinen der Encyklopädie ermöglichte«. Er
begleitet diesen Satz mit drei schreckhaften Ausrufungszeichen; er ist
nämlich noch nicht alt genug, um wissen zu können, daß nur Tote unter
die »Unsterblichen« gehen.

Und schließlich hat der Marquis Mirabeau sich der Öffentlichkeit als
Plato eines neuen Sokrates vorgestellt, indem er einen gewissen Dr.
Quesnay, der jüngst das Zeitliche segnete, als den Erlöser von allen
Übeln, an denen wir kranken, pries. Das ist meines Erachtens das einzige
Ereignis, das einen Augenblick lang nachdenklich stimmen könnte. Nicht
wegen des Herrn Quesnay, der den gloriosen Gedanken, den Degen mit der
Mistgabel, den Fächer mit dem Milchkübel zu vertauschen, im Boudoir der
Marquise Pompadour konzipierte und nun der Heilige der Ökonomisten
geworden ist, von dessen Wundertaten sie die Rückkehr zur Natur
erwarten, sondern wegen der Persönlichkeit seines Propheten.
Schiffbrüchige Aristokraten, die sich mit Volksbeglückung befassen, sind
gefährlich, denn das aufreizende Gift der Unzufriedenheit brennt denen,
die Alles verloren haben, stärker im Blut als armen Hungerleidern, die
nichts besaßen und sich mit einem Stück Brot den schon zum Schreien
aufgerissenen Mund wieder stopfen lassen.

Im übrigen, schönste Frau, seien Sie gewiß: Sie würden in Paris so
sicher tanzen können, wie in Straßburg, denn die einzige Revolution, die
wirklich die Gemüter erhitzt, spielt sich nicht auf der Straße, sondern
in der Oper ab, wo die Piccinisten mit den Gluckisten in wütendem Kampfe
stehen; selbst dem Frieden der Familien droht Zerstörung, wenn der eine
Teil für die Melodien des Italieners, der andere für die Trommeln und
Trompeten des Deutschen schwärmt.

Ich werde mir gestatten, mich nach Ihrem Fest persönlich um Ihr Befinden
zu erkundigen und hoffe, mir dadurch für die verlorenen Stunden in Ihrer
Nähe reichlichen Ersatz zu schaffen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, am 25. Februar 1775._

Meine Liebe! Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß die Erkrankung
meiner Mutter eine leichtere ist, als ich glaubte, fürchten zu müssen,
die Vorbereitungen zu Ihrem Fest daher nicht unterbrochen werden sollen.
Die Blumen aus unseren Warmhäusern gehen zu gleicher Zeit ab. Meine
Leibjäger dürften bereits heute in Straßburg eintreffen. Die Fracht aus
Paris mit der Bühnendekoration begegnete mir unterwegs. Sie wird also
rechtzeitig zur Stelle sein.

Sie werden anerkennen müssen, daß ich keinen Ihrer extravagantesten
Wünsche unerfüllt ließ, obwohl, wie Sie wissen, das System Herrn
Turgots, der es darauf abgesehen zu haben scheint, den König der
festesten Stütze des Throns, der Aristokratie, zu berauben, sich auch
bei dem höchsten Einkommen schon peinlich bemerkbar macht. Ich habe mich
trotzdem zu Opfern entschlossen, weil ich Ihnen in dem Bestreben, mit
einem Schlage die erste Position in der Straßburger Gesellschaft zu
erobern, nur beipflichten kann. Nun darf ich aber auch von Ihrer Seite
einiges Entgegenkommen erwarten, um so mehr als Ihr Eigensinn alles
vernichten könnte, was Sie mit Ihrem Fest bezwecken.

Daß wir Mademoiselle Guimard bewogen haben, bei uns zu tanzen, wird
nicht nur in Straßburg, sondern auch in Paris, -- was erheblich
wichtiger ist --, das Gespräch der Gesellschaft bilden; das Fräulein
jedoch, wie Sie es wünschten, als Gast in unserem Hause zu beherbergen,
würde uns lächerlich machen. Ich ersuche Sie daher, es bei meinen
Arrangements mit dem Hotel de France zu belassen.

Da ich in Bezug auf unsere zweite Differenz Ihrer schließlichen
Geneigtheit weniger sicher zu sein glaubte, habe ich Ihrer Entscheidung
vorgegriffen und den Grafen Chevreuse auch in Ihrem Namen eingeladen. Es
wäre ein nicht wieder gut zu machender faux-pas, einem Protégé der
Königin, der sich noch dazu in ihrem Dienste in Straßburg aufhält, unser
Haus zu verschließen. Ihre Gründe kenne ich nicht, habe auch nicht die
Absicht, mich in ihr Vertrauen einzudrängen; ich weiß nur das Eine, daß
sie unmöglich gewichtig genug sein können, um uns zu einer Brüskierung
des Grafen zu zwingen.

Ich habe im Interesse Frankreichs den lebhaften Wunsch, zu dem Gelingen
seiner Mission beizutragen. Es handelt sich, -- das sei Ihnen im
tiefsten Vertrauen mitgeteilt --, um die Anbahnung einer Versöhnung der
Königin mit dem Prinzen Rohan. Die Kaiserin von Österreich hat ihre
Tochter sehr zu seinen Ungunsten beeinflußt, indem sie ihr einerseits
mitteilte, in welcher Weise er sich erlaubte, kurz nach seiner
Abberufung aus Wien, über sie zu sprechen, und ihr andererseits
darstellte, welch ein Leben er als Gesandter und Priester zu führen sich
gestattete. Beides sind zweifellos grobe Unvorsichtigkeiten, aber nicht
ausreichend, um einen Mann von so erprobter Gesinnung und so
einflußreichen Familienverbindungen kalt zu stellen.

Graf Chevreuse erhielt vom König direkt den geheimen Auftrag, die
Angelegenheit zu untersuchen und, wenn irgend möglich, beizulegen.

Ich hoffe, der Juwelier hat Ihnen die Smaragden zur Auswahl vorgelegt,
wenn nicht, so lassen Sie ihn rechtzeitig daran erinnern. Es wird sehr
darauf ankommen, die Nüance der Steine zu der Rosenfarbe Ihrer Toilette
richtig abzustimmen. Ich empfehle Ihnen, Herrn Duplessis, der für Ihr
Porträt gerade diese Farben wählte, dabei zu Rate zu ziehen.


Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straßburg, am 27. Februar._

Alles ist berauscht von dem Fest im Hotel Montjoie und bezaubert von
Ihnen, schönste Frau. Wollen Sie selbst beurteilen, ob man mir gut
berichtet hat: Sie haben die Natur Ihrem Willen unterworfen, indem Sie
den Sommer zwangen, mitten im Winter Ihre Säle zu schmücken, und Lukull
von den Toten erweckten, damit er die Genüsse Ihrer Tafel bereite; eine
neue, liebenswürdigere Circe, haben Sie die schwerfälligen Damen
Straßburgs in eine Schar übermütiger Grazien verwandelt, und haben
Terpsichore zu sich berufen, deren Hexenkünste die steifsten Glieder
gelenkig machte, so daß sie sich bis zum grauenden Morgen unermüdlich im
Reigen schwangen. Ihre Augen haben Herzen gebrochen; Ihr Lächeln hat
Freunde entzweit, den Frieden der Ehen erschüttert. Wollten Sie
beweisen, daß eine einzige schöne Frau größere Revolutionen verursachen
kann, als alle Pariser Skribenten zusammengenommen?!

Daß Sie mitten in Ihren Triumphen meiner gedachten und mir, dem
einsamen Kranken, köstliche Proben Ihres Überflusses zukommen ließen,
betrachte ich als eine Auszeichnung, deren ich mich erst würdig erweisen
muß. Befehlen Sie über mich! In wenigen Tagen hoffe ich, das Zimmer
verlassen zu können; mein erster Weg wird mich zu Ihnen führen.


Marschall Maxim von Contades an Delphine.

_Straßburg, am 28. Februar._

Verehrte Frau Marquise, darf ich Sie an ein Versprechen erinnern, das
Sie vielleicht schon vergessen haben, auf dessen Erfüllung ich aber
bestehen muß, weil es mir die Möglichkeit gewährt, Sie wenigstens auf
ein paar Stunden nicht mit der Schar Ihrer Bewunderer teilen zu müssen?!
Sie wollten meine Schimmelstute unter meinem Schutz zu reiten versuchen;
das Pferd steht zu Ihrer Verfügung wie sein Herr, und das Wetter ist
milde. Mein Reitknecht erwartet Ihre Bestimmung über Tag und Stunde.


Karl von Pirch an Delphine.

_Straßburg, den 30. Februar._

Gnädigste Frau Marquise, hier ist das Büchlein, von dem ich mit Ihnen
sprach. Keiner Anderen hätte ich das mir so teure Werk anzuvertrauen
vermocht, aber als Sie mitten im Gewirr französischer Konversation
gütig lächelnd die ersten deutschen Worte an mich richteten, da stand
ich nicht nur ganz in Ihrem Bann, sondern ich wußte auch, daß Sie den
Dichter verstehen, mit seinem Werther weinen würden.

Ich wage nicht, es Ihnen selbst zu überbringen. Ich fürchte, zudringlich
zu erscheinen. Ich fürchte noch mehr, mich in ein Gefühl zu verstricken,
das dem Franzosen ein Spiel, dem Deutschen aber ein Schicksal ist.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Straßburg, 2. März 1775._

Zürnende Göttin -- darf ein armer Sterblicher voller Zerknirschung Ihrem
Throne nahen? Sie waren verschwenderisch in Ihren Gnaden, wie es einer
Olympierin zukommt; vom Marschall bis zum kleinen deutschen Offizier
rühmt sich ein jeder, Sie anbeten zu dürfen. Ich allein stehe vor
verschlossenen Tempeltüren. Sie verweigerten mir sogar im Menuett Ihre
Hand, auf der ich eben noch die Lippen des Herrn von Contades
selbstvergessen hatte ruhen sehen.

Ich vermutete in Ihrem Benehmen zunächst nichts anderes, als das
Raffinement einer Frau, der die Langeweile der Ehe zur Schule der
Koketterie geworden ist, und ich fühlte mich fast geschmeichelt.

Nun bin ich aufgeklärt: die kleine Guimard, die Sie unvorsichtig genug
waren, nach Straßburg kommen zu lassen, weil Sie offenbar ihre
Kenntnisse in der Wissenschaft der Galanterie unterschätzten, ist
mittels einiger Flaschen Champagner sehr gesprächig geworden.

»Die Marquise war gnädig, außerordentlich gnädig,« erzählte sie und ließ
den Brillanten in der Sonne funkeln, den Sie ihr schenkten, -- »für
meinen Tanz, natürlich nur für meinen Tanz,« wie sie mit listigem
Augenzwinkern versicherte. »Ich mußte ihr von Paris erzählen,« plauderte
sie dann weiter, »von meinem Hotel, meinen Soupers, -- soweit man sie
einer elsässischen Marquise schildern kann! --, von meinen Gästen vor
allem.« »Von Ihren Gästen?!« machte ich erstaunt. Sie blinzelte mich von
der Seite schelmisch an: »Aha, ich merke, Sie möchten wissen, für wen
sich die schöne Frau so lebhaft interessiert, um eine Guimard in ihr
Vertrauen zu ziehen, aber ich sage nichts, gar nichts! Ich kann diskret
sein wie eine große Dame.«

Ich wechselte das Thema des Gesprächs und ließ eine Flasche Burgunder
entkorken, -- sie liebt diesen dunkelroten Wein besonders, seitdem der
Prinz von Soubise sie damit taufte und seine Feuerfarbe die Weiße ihrer
Haut so leuchtend erscheinen ließ, daß er auf immer geblendet wurde --;
ich spielte den schmachtenden Anbeter mit all der Virtuosität, die ich
noch der Schule Dubarry verdanke. Und sie wurde weich, wurde
schwärmerisch, sie erinnerte sich, Manon Lescaut und die Neue Heloïse
gelesen zu haben. Jetzt warf ich Ihren Namen ins Gespräch. »Die arme
Frau,« seufzte sie tränenschimmernden Blicks, »sie liebt, liebt
unglücklich --«

Nach diesem Geständnis, schöne Marquise, bedurfte es nun keiner Bitten
mehr!

Zwar weiß ich, meine stolze Feindin hat die kleine Balletteuse nicht zu
ihrer Vertrauten gemacht, aber für eine Liebeskünstlerin wie diese war
Ihre vornehme Reserve nichts als ein durchsichtiger Schleier.

Also darum bin ich in Ungnade gefallen?! Und doch ritzte ich nur die
glatte Haut des Prinzen und verlieh ihm einen Reiz mehr --, den des
Helden!

Wären Sie übrigens huldvoller gewesen, Sie hätten sich nicht zu einer
Guimard herabzulassen brauchen, um von dem Gegenstand Ihres Interresses
Näheres zu hören. Ich bin sehr gut orientiert, denn seit seiner Rückkehr
nach Paris tut der Prinz Dienst bei der Königin.

Er ist der Liebling der Damen; sie vermuten hinter seiner Melancholie
einen erschütternden Roman, und da die große Leidenschaft Mode zu werden
beginnt, fehlt es ihm nicht an Anbeterinnen, die jederzeit bereit sein
würden, ihn zu trösten. Die Gräfin Diane de Polignac hat sich seiner, --
sagen wir höflich als Kavalier: mütterlich --, angenommen. Er seufzt ihr
zu Füßen, wenn auch vielleicht noch nicht um sie. Sammle ich nicht
feurige Kohlen auf Ihr Haupt? Werde ich endlich hoffen, von Ihnen
beachtet zu werden? Oder wird nur der Mann im Tête-à-Tête empfangen, der
den Namen eines Rohan mit der Aussicht auf einen Kardinalshut
verbindet?! Ich weiß von ihm, wie gern Sie, reizende Delphine, Straßburg
mit Versailles vertauschten. Aber leider ist ein Rohan immer noch der
ungeeignetste Führer dorthin.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Straßburg, den 3. März 1775._

In jedem Buchstaben Ihrer Antwort, verehrteste Marquise, bebt die
Entrüstung: Weil ich »eine trunkene Tänzerin herausforderte«, von Ihnen
Märchen zu erzählen, weil ich »so tief gesunken« bin, zu glauben, die
Marquise Montjoie könnte mit einer Guimard auch nur einen Gedanken
teilen. Ich fühle mich geschlagen, vernichtet, gnädigste Marquise; ich
bin bereit, für meine Sünden kniefällig um Verzeihung zu bitten, -- wenn
Sie mir gestatten wollten, es nicht nur auf dem Papier zu tun!

Fordern Sie, was Sie wollen, -- nichts wird mir zu erfüllen unmöglich
sein, ist Ihre Gunst der Preis dafür. Ich fühle mich schon als Ihren
Beauftragten gelegentlich meines heutigen Gesprächs mit dem Herrn
Marquis.

»Nur des Königs ausdrücklicher Wunsch würde mich bewegen können, in
Versailles zu erscheinen,« sagte er; »die Berufung Turgots ist ein
Schlag ins Gesicht für den Edelmann; der König muß wenigstens durch
unser Fernbleiben empfinden, was die Loyalität uns auszusprechen
verbietet.« Meinen Einwand, daß die Königin dem gesamten Ministerium
feindlich gegenübersteht und nichts sehnlicher wünscht, als durch die
Heranziehung Gleichgesinnter ihre Position zu stärken, beantwortete er
mit einem: »So mag Ihre Majestät uns rufen!«

Auf Grund dieser Bemerkung dürfen wir hoffen, Frau Marquise. Wie dieses
»wir« mich entzückt! Sie mögen sich sträuben, wie Sie wollen, schöne
Delphine: ein Gefühl und ein Geheimnis haben Sie gemeinsam mit mir --,
das sind die ersten Glieder einer Kette, die ich fester zu knüpfen mich
rastlos bemühen werde.

Wann empfangen Sie mich? Ihrer gnädigen Antwort sehe ich entgegen.


Karl von Pirch an Delphine.

_Straßburg, am 9. März 1775._

In der sternhellen Frühlingsnacht, angebetete Frau, bin ich stundenlang
über die Wälle gegangen, habe vom feuchtwarmen Wind meine Haare
durchwühlen lassen, und, von Zeit zu Zeit erschöpft mich auf die Erde
werfend, meine glühenden Wangen an ihrer Brust gekühlt.

Und nun sitze ich auf hartem Stuhl in meinem unwirtlichen Gemach, und
es dünkt mir, ein seliger Traum gewesen zu sein, daß ich in einem
blauen, fliederdurchdufteten Boudoir, vor dem sprühenden Feuer eines
Alabasterkamins geweilt habe, das vollendetste Geschöpf, das aus Gottes
Hand je hervorging, mir gegenüber!

Ich bin ein zufriedener Mensch gewesen; mein brennender Ehrgeiz ließ
mich vergessen, daß ich ihm Vaterland und Heimat geopfert habe, er
verschloß mir die Augen vor meinem eigenen Elend. Seit ich Sie kenne --
ach, erst seit gestern kenne ich Sie ganz! -- fühle ich meine
schreckliche Armut, meine grenzenlose Verlassenheit.

O, warum weckten Sie mit Ihrer weichen Stimme, die so verständnisvoll
von Werthers Leiden sprach, den Menschen in mir auf? Nun möchte ich
Ihnen die Wunden des eigenen Herzens enthüllen, um Ihre Stimme um
meinetwillen zittern zu hören!

Und warum streichelte Ihre weiße Hand das kleine Buch; -- wenn ich es in
der meinen halte, spüre ich Ihren Zauber, wenn ich die Lippen darauf
presse, wird meine Sehnsucht zu einer Furie, vor deren Streichen ich nur
eine Zuflucht weiß: Sie!

Haben Sie Erbarmen mit einem Rasenden! Bettelarm stehe ich vor Ihnen,
und doch können Sie den Reichtum nicht ermessen, den ich Ihnen zu Füßen
lege: die Menschen verschenken ihr Herz stückweise, -- den Freunden, den
Geschwistern, der Mutter, -- ich aber gebe es Ihnen ungeteilt! Die
Menschen spielen mit ihrem Gefühl, und verkaufen es gegen bare Bezahlung
wie eine Ware, -- ich aber flehe nur um die Gunst, daß Sie es nicht von
sich stoßen mögen! --

Erschrecken Sie nicht vor der Größe meiner Leidenschaft. Sie ist ein
Atlas, der die ganze Welt zu tragen vermag, und ist vor Ihnen doch ein
kleines Kind, das kein Haar Ihres Hauptes zu krümmen imstande wäre. Den
Saum Ihres Kleides an meine Lippen pressen zu dürfen, wie gestern, ist
das Höchste, was ich begehre.


Marschall Maxim von Contades an Delphine.

_Straßburg, am 16. März 1775._

Verehrteste Marquise! O, über die Launen schöner Frauen! Sollte man es
glauben, daß die kühnste aller Reiterinnen, die einen alten Soldaten,
den noch keiner ungestraft schief ansehen durfte, zu einem wehrlosen
Feigling macht, -- sie schlug ihm Wunden, die er nicht rächte!! --, daß
dieselbe grausame Schöne eines kleinen Kapitäns mitleidsvolle
Wohltäterin werden will?! -- Sie haben recht: Herr von Pirch ist
blutarm, aber er trägt bereits die Anwartschaft auf ein Vermögen in der
Tasche. Er steht unter persönlicher Protektion des Herzogs von
Aiguillon, die er sich durch seine genauen Kenntnisse der Kriegskunst
des Königs von Preußen erworben hat. Wir würden diesen deutschen Baron
nicht angestellt haben, wenn wir uns nicht große Vorteile davon
versprächen. Sie haben es in der Hand, reizende Samariterin, Ihrem
Schützling eine glänzende Situation zu bereiten: bestimmen Sie ihn zu
rückhaltloser Preisgabe seiner Geheimnisse. Sie leisten damit zu
gleicher Zeit Ihrem Vaterlande einen wichtigen Dienst.

Meine Stute erwartet ungeduldig ihre Gebieterin. Ich verzeihe es ihr,
daß Sie mich nicht mehr im Sattel dulden will. Wer vermöchte die rauhe
Faust noch zu ertragen, der von der zarten Führung Ihres Händchens
verwöhnt worden ist?!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Straßburg, Freitag._

Schönste Marquise, der König hat befohlen, daß ich den Prinzen Rohan
nach Versailles begleiten soll, und die letzten eiligen Geschäfte, die
ich vorher noch abzuwickeln habe, zwingen mir das Opfer auf, Sie nicht
mehr sehen zu können. Es würde mein Herz noch heftiger bluten machen,
wenn ich nicht in letzter Zeit unter dem merkwürdigen Zufall, Sie bei
meinen Besuchen stets in Gesellschaft des Herrn von Pirch zu treffen, so
sehr gelitten hätte. Oder sollten diese Begegnungen einem Plan Ihres
entzückenden Köpfchens entsprechen, das in seiner Klugheit sicher ebenso
unergründlich ist, wie Ihr Herz in seinen Gefühlen? War es Ihre
Absicht, mich den Stachel der Eifersucht immer heftiger empfinden zu
lassen, damit ich alle Kraft daran setze, mich von ihm zu befreien, und
helfe, Sie möglichst weit aus dem Gesichtskreis des kleinen Barons zu
entfernen?!

Seien Sie versichert, ich werde intriguieren, wie Mademoiselle de
Lespinasse, die Minister und Akademiker kreiert, und plädieren wie
Monsieur Linguet, der die Gräfin Bethune sogar dann noch rettete, als er
bereits gestürzt war.

In Paris sehen wir uns wieder -- in diesem göttlichen Paris, wo alle
Pulse schneller schlagen, wo das Leben ein spannendes Glücksspiel, die
Liebe ein Champagnerrausch ist. Die Atmosphäre von Straßburg würde mich
schwermütig gemacht haben, wenn die Luft, die Sie umgibt, nicht
gesättigt gewesen wäre von diesem Paris.

Aber zuweilen entdecke ich, daß die feuchten Nebel des Rheins Ihre Augen
zu verschleiern beginnen, daß die erschreckende Nähe deutschen
Barbarentums einen fremden Zug von Ernst um Ihre schwellenden Lippen
legt; -- Paris allein kann Sie entzaubern! Auf Wiedersehen in Paris!
Soll ich den Prinzen Friedrich-Eugen von Ihnen grüßen? Darf ich ihm auch
vom Baron von Pirch erzählen?!

Mit deutscher Andacht küsse ich Ihnen die Hand und denke dabei mit
französischer Verwegenheit des rosigen Grübchens auf Ihrem Ellenbogen.


Karl von Pirch an Delphine.

_Straßburg, am 29. März 1775._

Angebetete Frau Marquise! Wie lange noch soll ich es ertragen, daß Sie
mir so kühl gegenüberstehen, mich wie einen Fremden betrachten, der ich
Ihnen mein ganzes Wesen preisgab?! Ich weiß gar wohl: ich spiele eine
schlechte Figur zwischen Ihren glänzenden Gästen; zähneknirschend
empfand ich den hohnvollen Blick, mit dem der Graf Chevreuse meine
schlichte Uniform zu streifen pflegte; der Zorn schnürte mir die Kehle
zusammen, wenn ich, Sie erwartend, vor der Porte du Roi auf- und
niederging, und der Marschall Contades an Ihrer Seite vorbeigalloppierte,
so daß der arme Fußgänger im Staub, den die Pferdehufe aufwirbelten,
verschwand; und der Neid jagte mir kalte Schauer über den Rücken, sobald
der Prinz Rohan sich Ihnen nahte, der nie ohne kostbare Blumen Ihre
Schwelle überschritt, während ich daneben stand mit leeren Händen!

Aber heißt es nicht, Sie beleidigen, wenn ich solche Gründe für Ihre
Ungnade annehme? Habe ich überhaupt ein Recht, mich zu beklagen --, ich,
der ich versprach, wunschlos Ihre Nähe zu suchen?! Ach, Engel meines
Lebens, ich bin nur ein Sterblicher, und bin jung, und habe noch nie
geliebt! Vermessene Gedanken, die ich niemals wagen würde, vor Ihrer
Reinheit auszusprechen, lassen mich das Licht des Tages schamvoll
fliehen, und das Dunkel der Nacht fürchten wie höllische Finsternis.

Können Sie mir nicht lächeln, wie einst? Muß ich die Qual erdulden,
immer hinter den anderen zurückzustehen? Darf ich nie mehr allein den
Raum betreten, der voll Ihres Atems ist, nie mehr meinen heißen Kopf in
die Falten Ihres Kleides vergraben? Ich bin jedes Verbrechens fähig um
den Preis eines Blicks voll Güte!


Marschall Maxim von Contades an Delphine.

_Straßburg, am 16. April._

Verehrte Frau Marquise, noch habe ich mich von meinem Erstaunen nicht
erholt, daß Sie den Baron von Pirch nicht beeinflußt haben wollten, und
meine Vermutung entrüstet von sich wiesen! Wozu dies Versteckenspiel,
schönste Frau? Meinen Sie, vor Ihrem grauhaarigen Verehrer Ihr warmes
Interesse für den jungen Mann verstecken zu müssen? Was ich bei meinem
letzten Gespräch mit Ihnen aus der veränderten Lage des Kapitäns, seinen
englischen Pferden und Pariser Westen, nur schließen zu müssen glaubte,
ist mir inzwischen zur Gewißheit geworden: der Herzog von Aiguillon
erhielt die gewünschten Papiere, sie sind mit besonderem Kurier an den
Kriegsminister, Herrn Marschall de Muy abgesandt worden, und Herr von
Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohn empfangen.

Warum weisen Sie das Verdienst einer Tat von sich, die Ihrem
Patriotismus wie Ihrer -- christlichen Nächstenliebe in gleicher Weise
Ehre macht? Vielleicht, weil Sie mich nicht verletzen wollen?! Ist
solche zarte Rücksicht noch nötig, nachdem Sie mir neulich deutlich
genug zu verstehen gaben, daß ein grauer Bart zu stachlich ist für eine
zarte Haut wie die Ihre?

Zuverlässige Gewährsmänner erzählten mir, daß eine gewisse kleine Gräfin
Laval als Klosterschülerin nachts in den Straßen von Paris mit einem
jungen Manne gesehen wurde, und daß um die Gunst einer reizenden
Marquise, -- deren Name Ihnen nicht fremd sein dürfte --, der Prinz von
Montbéliard mit dem Grafen Chevreuse ein blutiges Renkontre hatte. Ist
es demnach so verwunderlich, wenn der Marschall Contades auf ein kleines
Douceur für seine Ritterdienste glaubte rechnen zu dürfen?

Ich küsse Ihnen die Hand --, das Einzige, was Sie mir nicht verweigerten
--, und verharre in der Hoffnung auf kommende Geneigtheit.


Karl von Pirch an Delphine.

_Dienstag._

Teuerste Marquise! Mit fliegender Feder beantworte ich Ihre Zeilen.
Kniefälligen Dank dafür, daß ich Ihnen dienen darf! Ich werde zur
angegebenen Stunde bei Ihnen sein. So habe ich nicht umsonst gelitten,
gehofft und -- gesündigt!


Karl von Pirch an Delphine.

_Straßburg, den 17. April 1775._

Teuerste Marquise. Meine Forderung an den Marschall ist abgesandt und
ich erwarte seine Antwort mit jener Ruhe, die nur der Mensch empfinden
kann, dem selbst der Tod gleichgültig ist. Ach, wie flog ich zu Ihnen,
von kühnster Hoffnung beschwingt, wie liebeglühend warf ich mich nieder
vor Ihnen, als ich ihre Tränen sah und sie zu meinen Gunsten deutete!
Sie aber sprangen auf und stießen mich zurück, und wilder Zorn, nichts
als Zorn, brannte in Ihrem Antlitz, als sie mir des Marschalls Brief vor
die Füße warfen.

»Rächen Sie mich --«, ich erkannte Ihre Stimme nicht wieder, als Sie
mir, heiser vor Erregung, diese Worte zuriefen. Und ich Betörter fühlte,
während ich las, nur das Eine: daß Sie mich gerufen hatten, daß ich
Ihnen dienen durfte, daß ich des köstlichsten Lohnes dafür sicher sei!
Bis ich aus dem Traum gräßlich erwachte, bis ich endlich verstand, --
verstehen mußte, daß ich nicht einmal besaß, wessen der letzte Ihrer
Diener sich rühmen durfte: Ihre Achtung.

»Ein Vaterlandsverräter!« Darum also haben Sie sich von mir gewandt,
während ich glaubte, Sie mit Prunk und Glanz gewinnen zu können! O, daß
ich Sie nicht früher kannte, daß meine Liebe nicht hellsehend genug war,
um mich Ihre Größe erkennen zu lassen!

Ich ging von Ihnen, ein Vernichteter, dem nur eines bleibt, zu sterben.
Jetzt aber kehre ich zurück, teuerste Frau, um Ihnen aus tiefster Seele
dafür zu danken, daß Sie mich dieses Sterbens würdigten. Nach Stunden,
in denen die ganze Hölle sich meiner Seele bemächtigte, ist es still in
mir geworden und ich sehe klar: der Weg, den Sie mich zu gehen heißen,
ist der einzige, der mich zu Ihnen zurückführt. Ich werde fallen, und
entsühnt werde ich nur noch in Ihrer Erinnerung weiter leben. Was
verlange ich mehr?

Bis in den Tod nannte ich mich einst den Ihren, bis über den Tod hinaus
bin ich es jetzt erst.


Karl von Pirch an Delphine.

_Straßburg, am 17. April 1775._

Herr von Contades hat meine Forderung abgelehnt. Er schlägt sich nicht
mit Ehrlosen. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird er trotzdem gerichtet
sein, wie ich.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 29. April 1875._

Teuerste Marquise. Kaum haben wir Straßburg verlassen, und glauben, dem
Zentrum aller großen Ereignisse näher zu kommen, als es sich mit einer
cause célèbre an uns Provinzverächtern rächt. Ganz Paris spricht von
der Ohrfeige, die der Straßburger Marschall empfing und von der Kugel,
die der deutsche Baron sich darnach in die Schläfe jagte. Empfindsame
Seelen lassen ein paar Tränentropfen über die Wangen fließen und
flüstern einander in schauernder Bewunderung Ihren Namen zu. Unsere
schöne Polignac hat, -- ob aus Mitleid mit dem Opfertod des jungen
Mannes, oder aus Neid über Ihren Ruhm?! --, einen Weinkrampf bekommen
und quält seitdem den Prinzen Montbéliard mit unermüdlichen Fragen nach
der Marquise Delphine, in der sie bereits die kommende Rivalin fürchtet.
Ich selbst habe mich nicht ohne Erfolg bemüht, die Geschichte zu unserem
Vorteil -- »unserem«, schöne Frau! -- auszunutzen; die Gelegenheit dazu
ist so günstig, wie der kleine Roman selbst.

Sie wissen: die Natur beginnt der Kunst den Rang abzulaufen; ihr Kredit
ist im Wachsen, seitdem sie Rousseau nicht mehr kompromittiert, die
Ärzte führen die famose Damenkrankheit der Langenweile, die sie in ihrer
Weisheit als ein bedenkliches Nervenleiden erkannt haben wollen, auf die
-- Kunst zurück: auf das Korsett, das Sylphidentaillen vortäuscht, wo in
Wahrheit die vierschrötige Figur einer Bauernmagd vorhanden ist, auf den
Puder, der gelbes Leder in weiße Lilienblätter umwandelt, auf die
Schminke, die bleichsüchtigen Lippen und Wangen blühende Rosenfarbe
verleiht, auf Liköre und Zuckerwerk, die an Stelle von Wasser und Brot
getreten sind, auf das Leben bei Nacht im Glanze des neuen Gaslichts,
das uns die Sonne vergessen machte. Und sie verordnen keine bitteren
Mixturen mehr, sondern -- Natur: kaltes Wasser, frische Luft, schwarzes
Landbrot, saures Obst, Leibesübungen, Morgenspaziergänge. Die Königin
und ihre Damen zeigten sich zuerst als willfährige Patienten; ganz Paris
folgt ihrem Beispiel. Die Kavaliere werden nicht mehr zum Lever im
parfümierten Boudoir empfangen, sondern zum Spaziergang im taufrischen
Garten. Und bei den Wanderungen zwischen den knospenden Alleen Trianons,
über den smaragdgrünen Rasen, den bunte Krokus und gelbe Narzissen mit
ihren leuchtenden Farben durchziehen, liebt es die Königin Geschichten à
la Marmontel zu hören. Es müssen aber, wie wir als Kinder zu sagen
pflegten, »wirkliche« Geschichten sein. Welche hätte den Wünschen der
hohen Frau besser entsprechen können, als die Ihre?

Unter den eben aufblühenden Syringen erzählte ich von der kleinen süßen
Klosterschülerin; vor den rosa Tulpenbeeten schilderte ich die ach so
stolze Schloßfrau von Froberg; auf der weißen Bank zwischen den
Oleanderbäumen sprach ich von der geistvollen Königin der Straßburger
Feste; und als wir an der Schäferhütte unter den hellgrünen Schleiern
zarter Birken saßen, schwärmte ich von der wunderschönen Frau, um
derentwillen ein deutscher Träumer sterben mußte und ein französischer
Kavalier nichts heißer begehrt, als zu leben!

Der Königin blaue Augen schwammen in Tränen; unter den duftigen
Mullfichus, die die Damen des Hofes am Morgen um die Schultern legen, --
natürlich nur, weil der Arzt verordnet, daß Luft und Licht den Körper
berühren! --, bebten rosige Busen.

»Schreiben Sie der Marquise Montjoie, daß ich mit ihr leide,« sagte die
Königin; »fügen Sie auch hinzu, daß es mir eine besondere Freude sein
würde, sie zu empfangen.« Und mit jener rührenden Einigkeit, die, wie
Sie ahnen werden, die erste Tugend der Hofdamen ist, machten sie alle
den Wunsch der Gebieterin zu dem ihren. Nur die Gräfin Polignac schwieg
zerstreut. Der Prinz Montbéliard war kurz vorher im Boskett
verschwunden.

Können, nein, dürfen Sie jetzt noch zögern? Versailles erwartet Sie im
schönsten Frühlingsschmuck, und Paris mit einer Fülle amüsanter
Attraktionen. Der Barbier von Sevilla füllt täglich das Theater und der
glückliche Verfasser, Herr von Beaumarchais, -- ein Emporkömmling
dunkelster Herkunft, ein verkrachter Advokat, ein skrupelloser
Geschäftsmann, -- ist dermaßen in Mode, daß Prinzessinnen sich um ihn
reißen. Die drollige Komödie: »Die Kurtisanen«, versorgt die Salons mit
Bonmots, die die Gesellschaft um so herzhafter belacht, je mehr sie
sich getroffen fühlt. Mit dem Besten lassen Sie mich diesen langen Brief
beschließen, damit sein Effekt wenigstens zuletzt der ist, ein Lächeln
bei Ihnen hervorzuzaubern --, jenes verführerische Lächeln, das
Perlenzähne zwischen glutroten Lippen hervorblitzen, und zwei tiefe
Grübchen in zarten Pfirsichwangen sich eingraben läßt. Ein junger,
vornehmer Mann, der wahrscheinlich allzuviel moderne Romane gelesen hat,
deren Heldinnen tugendhafte Kurtisanen zu sein pflegen, verliebt sich in
eine der Art. In ihrem Boudoir, dessen sich eine Gräfin nicht zu schämen
brauchte, zu ihren Füßchen, die in der Höhe des Spanns und der
Schmalheit der Fesseln der blaublütigsten Aristokratin gehören könnten,
macht er ihr einen Heiratsantrag, den sie mit vollendeter Form
akzeptiert. Er fühlt sich im siebenten Himmel. Da öffnet sich die Tür,
herein tritt der Bruder der Schönen, -- Schmierstiefeln an den klobigen
Füßen, schmutzige Nägel an den breiten Händen, im roten Gesicht eine
noch rötere Nase --, ein echter Pariser Droschkenkutscher. An dem
verblüfften Biedermann, der den Schwager gerührt in die Arme schließen
will, stürzt im selben Augenblick der verliebte Jüngling vorüber, zur
Tür hinaus. Der Anblick genügte, ihn von seiner Liebe und die kleine
Dame von einem Bräutigam zu befreien!

Und die zweite Geschichte, die nichts ist als ein kurzer Dialog »Wissen
Sie schon, Alcest hat die kleine Herzogin verlassen.« -- »Nicht
möglich! Und warum?« -- »Wegen der niedlichen Tänzerin Cléone«. --
»Gewinnt er denn bei diesem Tausch?« -- »Vom Standpunkt der guten Sitten
-- gewiß!« --

Von nun an erwarte ich Sie täglich!


Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Paris, am 7. Mai 1775._

Meine liebe Frau Marquise. Zugleich mit meinem längeren, ich möchte
beinahe sagen: geschäftlichen Schreiben an den Herrn Marquis, mache ich
mir das besondere Vergnügen, diese freundschaftlichen Zeilen an Sie zu
richten. Der Eindruck meines letzten Besuchs bei Ihnen ist ein so
nachhaltiger gewesen, daß ich, offen gestanden, das meiste Gewicht auf
Ihre Bundesgenossenschaft lege. Wer hätte hinter der Marmorstirn dieser
reizenden Frau so kluge und so -- kühle Gedanken vermutet; wer hätte je
geglaubt, daß Ihre große Jugend der Erkenntnis so ernster politischer
Fragen fähig wäre!

Und nun ist, dank eines glücklichen Zwischenfalls, der große Moment
gekommen, wo es gilt, die bisher -- unter uns gesagt -- noch
spielerische Stellungnahme der Königin zu stärken und damit der
Herrschaft dieses unseligen Ministeriums ein rasches Ende zu bereiten.

Wir hatten vor drei Tagen so etwas wie eine Revolution, die die selbst
in unseren Reihen so sehr gefürchteten Theorien der Philosophen und
Physiokraten über den Haufen stieß, denn sie entstand nicht als Folge
der von diesen als so gräßlich geschilderten Mißstände, sondern
entsprang dem Reformversuch Herrn Turgots, durch Freigabe des Mehl- und
Getreidehandels jene Mißstände zu beseitigen. Ich kam gerade aus
Versailles, wo ich den König zwar nicht traf -- sein ganzes Interesse
gehörte in diesem kritischen politischen Augenblick der Schnepfenjagd!
-- und stieß in der Rue St. Honoré mit einem Haufen aufgeregten Volks
zusammen, der mich nötigte, meinen Wagen zu verlassen. Junge Vagabunden,
kreischende Weiber, alte Trunkenbolde, Dirnen und verwahrloste Kinder
sperrten unter Führung einiger behäbiger Mehlhändler die Straße
vollständig ab und brachen mit dem Gebrüll »nieder Turgot!« Türen und
Fenster ein. Während des ganzen Tages hörte der Lärm nicht auf, so daß
ich vorzog, mein endlich erreichtes Quartier nicht mehr zu verlassen.

Inzwischen hat der König von den Ereignissen erfahren; seine Haltung,
als er Turgot gestern empfing, soll schon eine merklich kühle gewesen
sein.

Zur rechten Zeit ist eine Broschüre Herrn Neckers erschienen, die sich
gegen die Theorien der Ökonomisten wendet und die Folgen Turgotscher
Reformpläne so voraussieht, wie sie bereits anfangen, einzutreten. So
wenig ich nun auch diesen Mann goutiere, der nicht nur ein Bürgerlicher
im tiefsten Sinne des Worts, sondern überdies noch ein Schweizer mit
all seiner Steifheit ist, so halte ich ihn in diesem Augenblick so sehr
für unsern Freund, daß ich mich entschloß, Madame Necker meinen Besuch
zu machen. Ich habe es nicht bereut, selbst wenn ich dabei nichts
anderes gewonnen hätte, als den Einblick in eine neue Welt. Wir mögen
sie ignorieren, aber sie besteht, sie entwickelt sich, sie nimmt die
Allüren der unseren an, und wir selbst haben sie ins Leben gerufen,
indem wir all diesen Leuten, die noch vor zwanzig Jahren kleine Krämer
waren und sich nicht tief genug vor uns beugen konnten, die Ausnutzung
der finanziellen Kräfte des Landes überließen. Heute sind sie Bankiers
und Generalpächter, haben Schlösser auf dem Land, Hotels in der Stadt,
spielen die Mäzene aller unruhigen Geister und uns, den Privilegierten
bis zum König hinauf, sind zu dem im Grunde gebotenen Kampf gegen diese
neuen Mächte die Hände gebunden, weil wir ihren Einfluß und -- noch mehr
-- ihr Geld gebrauchen.

Sie hätten mit mir beobachten sollen, wie Madame Necker, die ihre
mangelhafte Grazie durch kühle Klugheit zu ersetzen sucht, in ihrem
eleganten Salon empfängt, wie sich Politiker, Philosophen und Poeten um
ihre Tafel drängen. Wohl dachte ich dabei an die Glanzzeit Madame de
Tencins und ihrer eleganten Besucher, deren Esprit alle Tagesinteressen
graziös zu umflattern pflegte wie Schmetterlinge die Blumen, während der
schwerfällige Geist der Gäste des Neckerschen Hauses an jeder
Einzelheit kleben bleibt wie Raupen, die sich einspinnen wollen. Hat man
es selbst im Salon der Marquise Dudeffant je gehört, daß Frauen sich
über die Fragen der Getreideausfuhr, der Preßfreiheit, der ostindischen
Bank, der amerikanischen Vermittelungen echauffieren?! Es nimmt mich
nicht wunder, daß im Kreise der Madame Necker der Plan auftauchen
konnte, Herrn von Voltaire ein Denkmal zu setzen, obwohl er vom Poeten
so weit entfernt ist, wie der berüchtigte Abbé Galiani vom Priester.

Trotz alledem, meine schöne Marquise, müssen wir klug genug sein, diese
Situation zu benutzen, und ich würde auch Ihnen raten, bei Ihrem
hoffentlich nunmehr gesicherten Hiersein den Salon Necker zu
frequentieren, denn er ist der Herd der Feindschaft gegen das
Ministerium Maurepas und mindestens so einflußreich als die Königin, auf
die wir uns natürlich in erster Linie stützen müssen.

Sie hatte leider nicht die Gnade, mich in privater Audienz zu empfangen.
Ich sah sie nur bei Gelegenheit einer offiziellen Festlichkeit in
Versailles, ihre unbeschreibliche Lieblichkeit würde mich ganz bezaubert
haben, wenn ich nicht inzwischen von der Schönheit einer Ihnen nicht
unbekanten Dame selbst für den Reiz der Königinnen unempfindlich
geworden wäre! Graf Chevreuse, ihr getreuester Kavalier, -- er gehört zu
den wenigen Hofherren, die, als sie jüngst an den Masern erkrankt zu
Bette lag, ihre Anhänglichkeit so weit trieben, daß sie nur nachts zu
bewegen waren, das Schlafzimmer der hohen Frau zu verlassen, -- zeigte
mir die entzückenden neuen Gärten von Trianon, die Herr von Caraman im
englischen Stile anlegt. Der Königin ganzes Interesse gehört dieser
neuen Schöpfung und ihr ganzer Zorn denen, die sie ihr durch grämliche
Sparsamkeitsrücksichten vergällen wollen. Herr Turgot ist der erste
unter den Spielverderbern. Als ob man einer Königin versagen dürfte, was
jeder Parvenü heute schon besitzt! Die Rücksicht auf ihre
Trianon-Phantasie vermag, was der Hinweis auf die politischen Interessen
Frankreichs nicht vermocht haben würde: Marie Antoinette für unsere
Intrigue zu gewinnen, vorausgesetzt, daß einer von uns sie beeinflussen
kann.

Sollte mein Brief an den Herrn Marquis, der noch ein wenig trockner ist
als dieser, -- ich fürchte fast, der Neckersche Salon hat seine Spuren
bei mir hinterlassen und Sie werden sich beeilen müssen, sie zu
verwischen! --, ihn noch nicht zu einem festen Entschluß geführt haben,
so rechne ich, teure Marquise, auf Ihre ausschlaggebende Unterstützung.

Darf ich Ihrer gütigen Verzeihung sicher sein, wenn ich eine andere, Sie
persönlich betreffende Sache dem Herrn Marquis gegenüber zu meinen
Zwecken auszunutzen versuchte? Ich schrieb ihm, daß die Affäre des
kleinen Kapitäns viel Staub aufgewirbelt habe und daß es im Interesse
Ihrer gesellschaftlichen Stellung wünschenswert sei, Straßburg mit Paris
zu vertauschen. So kann die voreilige Tat des jungen Mannes, -- hätte er
nicht für die Unnahbarkeit der schönen Delphine gefällige Trösterinnen
gefunden?! -- den Interessen des Vaterlandes doch noch zugute kommen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, am 1. Juni 1775_.

Meine Liebe. Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise bin ich vor acht
Tagen hier angekommen. Die Unsicherheit der Wege ist groß; lichtscheues
Gesindel wagt sich mit frecher Miene und einer Art Bettelei, die fast
eine Drohung ist, bis dicht an die Wagen, so daß wir bei Ihrer
Übersiedelung nach Paris für eine größere Eskorte Sorge tragen müssen,
als ich sie hatte. Sie sehen aus dieser Bemerkung, daß mein Entschluß
nunmehr feststeht, und ich bitte, die Vorbereitungen für die Reise
treffen zu wollen.

Es geschieht nicht leichten Herzens, daß ich mich der klar erkannten
Pflicht, dem Beispiel meiner erlauchten Ahnen folgend, unterwerfe, in
gefährlicher Zeit das Herrscherhaus nicht zu verlassen. Die Tage, die
ich hier in fast ständiger Gesellschaft der Minister und des Hofes
verlebe, genügten, um mir die Lage der Dinge sehr schwarz erscheinen zu
lassen. Wir dürfen uns vor allem Eins nicht verhehlen: der König folgt
in seinen Handlungen keinerlei festem Plan, sondern teils seiner Laune,
teils den Ratgebern, die ihm im Moment das Meiste versprechen. Diese
Tatsache bietet uns freilich die Gewähr, daß auch Turgot sich über kurz
oder lang beseitigen läßt, aber -- dessen fürchte ich sicher zu sein --
nur um durch neue vorübergehende Experimente ersetzt zu werden.
Vorläufig sucht der König sein Heil noch darin, den Freidenkern und
Ökonomisten Konzessionen zu machen. Man spricht sogar davon, daß Herr
von Malesherbes in das Ministerium berufen werden soll, der der offene
Beschützer und Parteigänger der Leute vom Schlage der Herren d'Alembert,
Diderot e tutti quanti ist. Die einzige Stütze für uns ist der ehemalige
Polizeileutnant Sartine, der aber leider auch durch Frau von Maurepas'
Boudoir den Weg zu seinem Posten als Marineminister gefunden hat. Sein
augenblickliches Verdienst ist die geschickte Inszenierung der
Brotrevolten, die Turgots Ansehen nicht wenig erschüttert haben.

Die schwankende Haltung des Königs ist jedoch nicht das einzige, was zu
schweren Befürchtungen Anlaß gibt. Die Konflikte mit England nahmen
leider in Verbindung mit den amerikanischen Unruhen eine drohende
Gestalt an, umsomehr, als der König gewissenlosen Einbläsern ein
geneigtes Ohr leiht, die ihn glauben machen wollen, daß ein Krieg der
allgemeinen Erregung eine andere Richtung geben, und sein glücklicher
Ausgang die seit der Schmach des Siebenjährigen Krieges rapid wachsende
Mißstimmung beseitigen würde. Schwärmer, die in einem freien Amerika die
Träume der Philosophen glauben verwirklichen zu können, schlaue
Geschäftsleute, die überall im Trüben fischen und, wie ich von
zuverlässiger Seite hörte, schon jetzt den Bostonianern heimlich Waffen
liefern, haben sich zusammengetan und schüren die Flammen. Wie weit es
ihnen gelingt, geht schon daraus hervor, daß ein so kühl-reservierter
Edelmann, wie der Prinz von Montbéliard, mir gegenüber die Absicht
aussprach, sich dem Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien
anzuschließen, auch wenn Frankreich neutral bleiben sollte, und daß Herr
von St. James mir ernstlich zumutete, mich mit einigen tausend £ an dem
geschäftlichen Unternehmen zu beteiligen. Übrigens bat mich der Prinz,
Sie als seine Jugendfreundin von seiner Absicht in Kenntnis zu setzen.
Man müsse sich der Treibhausschwüle des untätigen Lebens entziehen,
sagte er, um nicht zu enden wie Herr von Pirch.

Da, wo er sich aufhält, -- in der nächsten Umgebung der Königin, -- ist
allerdings diese Schwüle am fühlbarsten, und von hier aus drohen uns,
wie ich glaube, die schwersten Gefahren. Ich darf von Ihrem Charakter
erwarten, daß Sie, meine Liebe, sich der Aufgabe, die sich Ihnen hier
bietet, gewachsen zeigen werden. Sie besteht weniger darin, die Königin
in ihrem Kampf gegen das Ministerium zu unterstützen. Das ist die
Absicht des Prinzen Rohan, der nicht nur den Wünschen der Königin
schmeicheln, sondern seine eigenen Interessen fördern will. Sein Ehrgeiz
hat die Abberufung von dem Wiener Gesandtenposten nicht verwunden; der
Kardinalshut ist das mindeste, durch das er befriedigt werden kann, und
die Rücksicht auf seine einflußreiche und vermögende Familie wird den
König schließlich zur Zustimmung bewegen, während die Königin den
Prinzen nach wie vor zu empfangen sich weigert. Als Erklärung ihrer
Stellungnahme, -- denn Rohans Wiener Ungeschicklichkeiten scheinen mir
für ihre Schroffheit doch keine ausreichende zu sein, -- kam mir das
Gerücht zu Ohren, daß er die kleine Erzherzogin mit deutlichen
Liebesanträgen verfolgt haben soll. Ich halte es daher für ratsam, ihn
etwas fern zu halten, um so mehr als sein Ruf auch hier in Paris der
denkbar schlechteste ist. Er hat, wie er mir selbst erzählte, seit
seiner Ankunft täglich im Hotel irgendeiner Kurtisane soupiert. Männer
wie er würden die verderblichen Neigungen der Königin nur noch
unterstützen, und den Kreis leichtfertiger Damen und Herren vergrößern,
mit dem sie sich umgeben hat.

Sie wissen, wie wir uns beglückwünschten, als die Maitressenwirtschaft
mit der Thronbesteigung des Königs aufhörte. Ich scheue mich nicht zu
erklären, daß wir bei dem Changement eher verloren als gewonnen haben.
Marie Antoinette lebt nur dem Vergnügen und geht darin so weit, daß sie
ohne Rücksicht auf die Würde ihrer Stellung in den gewagtesten Komödien
vor einem Parterre applaudierender Kavaliere auftritt und ihre
Günstlinge auf Grund ihrer schauspielerischen Talente auswählt. Ist es
doch bereits so weit gekommen, daß hohe Herren, wie der Graf von Artois,
sich in Versailles als Seiltänzer produzieren, und die Gräfin Polignac
Unterricht im Ballettanzen nimmt! Kein Wunder, daß die Ehrfurcht vor dem
Herrscherhaus mehr und mehr schwindet und Couplets gesungen werden, die
die Neigung der Fürsten, sich in dieser Weise zu encanaillieren, in
bitterster Weise verspotten.

Ich habe Ihnen nur noch mitzuteilen, daß wir das liebenswürdige
Anerbieten Ihres Herrn Onkels, des Grafen Waldner, zunächst in seinem
Hause Wohnung zu nehmen, akzeptieren müssen, da es nicht leicht ist, ein
passendes Hotel zu finden und unser Bleiben in Paris immerhin noch von
der Gestaltung der Dinge abhängt.

Teilen Sie mir beizeiten Ihre Reisedispositionen mit.


Lucien Gaillard an Delphine.

Sehr verehrte Frau Marquise, Ihr Auftrag ist ausgeführt. Ich faßte den
Prinzen Montbéliard ab, als er von einem Spazierritt mit der Gräfin
Polignac nach Hause kam. Seine heitere Miene verfinsterte sich schon bei
meinem Anblick. Als ich Ihren Brief übergab, färbte sich sein blasses
Gesicht dunkelrot. Er entließ mich sehr ungnädig. Oder sollte mir Paris
den Star gestochen haben, so daß ich die gewohnte schlechte Behandlung
hoher Herrn erst jetzt als solche erkenne?!

Euer Gnaden sind gütig genug, sich nach meinem Ergehen zu erkundigen.
Ich müßte Mémoires schreiben wie Herr von Beaumarchais, um darüber
gehörige Auskunft zu geben. Ich erlebte in ein paar Monaten mehr, als in
den fünfundzwanzig Jahren, die ihnen vorangingen. In aller Kürze will
ich Bericht erstatten. Nicht, weil ich an das Interesse glaube, das Sie
für mich haben wollen. Es gehört, wie ich nachgerade weiß, zur vornehmen
Erziehung, Interesse zu zeigen, um harmlose Seelen dadurch zu gewinnen.
Aber ich möchte es Euer Gnaden ersparen, mich wiederzusehen, wenn die
neue Ausgabe eines gewissen Gaillard Ihrer Zensur verfallen sollte.

Ich reiste zu Fuß; der Notgroschen, den der Herr Marquis mir mitgab und
den die Frau Marquise so erheblich vermehrte, sollte durch keine
überflüssige Ausgabe verringert werden. Diese Sparsamkeit hat mich
reich gemacht. Ich sammelte Erfahrungen, deren Menge oft erdrückend war.

Kaum hatte ich das Gebirge hinter mir, als sich auch schon Ländereien
vor mir ausbreiteten, die eben von plünderndem Kriegsvolk verlassen
schienen: Einöden, Heide und Brachland, von schlammigen Wegen
durchzogen, meilenweit kein Mensch. Nur hier und da tauchte ein lebendes
Wesen auf mit strähnigen Haaren über schmutzstarrenden Zügen, das mich
aus roten Augen erschrocken anglotzte.

Vor dem Einbruch der ersten Nacht klopfte ich in der Gegend von Noroy an
eine rußige Hütte. Mit einem Geheul, das an die Wölfe der Vogesen
erinnerte, stürzte mir ein Mensch entgegen.

»Ich habe nichts, gar nichts,« schrie er, »selbst das Schloß an der Tür
hat der Steuereinnehmer schon genommen.«

Im Mondlicht sah ich erst, wen ich vor mir hatte. Es konnte nur eine
Hexe sein: ein paar schmutzigweiße Haare standen um ihren gelben
Schädel, über die bloßen Knochen ihres nackten Oberkörpers spannte sich
die braune Haut, ihre Brüste hingen, leere Schläuche, über den
gedunsenen Leib. Ich bekreuzigte mich. Da hörte ich ein Wimmern aus dem
Dunkel der Hütte. Ich vermutete ein Verbrechen und sprang der Hexe
nach, die hineinlief. Aber schon hatte sie ein Etwas vom nackten Boden
aufgerissen, ein Bündel Lumpen, wie mir schien. Sie wiegte es in den
Knochenarmen, sie preßte es an die welke Brust, und Tränen, die aus
ihren Augen flossen, fielen darauf. Ich sah ein greisenhaftes Gesicht,
nicht größer als meine Faust, sich aus den Lumpen heben. Sie küßte es.

Nun wußte ich, daß sie ein Weib war.

Allmählich im Weiterwandern hörte ich auf, mich zu entsetzen. Ich sah
immer dasselbe: Häuser ohne Fenster und ohne Dielen, nichts darin als
schmutziges Stroh. Die Möbel hatten im letzten Winter das Kaminfeuer
nähren müssen, ebenso wie die letzten Obstbäume vor den Türen. Alles
andere Besitztum hatten Steuererheber und Grundherren aufgefressen. Die
Winzer in Laferté ließen den Wein ins Wasser fließen, weil sie zu arm
waren, die Abgaben dafür aufzubringen.

Als ich bei Chatillon die Seine erreichte, kamen mir Banden von Bauern
entgegen, die ihre Äcker im Stiche gelassen hatten, um in die Fremde zu
wandern. Andere drängten sich in der Stadt, wo jedes Haus einer Ruine
glich, und bettelten um Arbeit bei dem Schweizer Tuchhändler, der
kürzlich gekommen war, um die Weiber für billiges Geld an seine
Webstühle zu spannen. Viele priesen ihn, als wäre er der Herrgott
selbst. Es waren Leute darunter, die wie das liebe Vieh schon Gras
gefressen hatten. Daß sie jetzt schwarzes Brot bekamen, schien ihnen
eine Erlösung, für die sie willig Tag und Nacht hinter dem Webstuhl
schanzten.

Ich näherte mich Paris mit leeren Taschen. Angesichts all des Elends
brannte jeder Sous mir in der Hand, bis ich ihn weggab. An üppigen
Schlössern und wundervoll blühenden Gärten kam ich vorbei. Aber ob sich
mir selbst jetzt vor Hunger der Magen zusammenzog, lieber hätte ich die
Hand ausgestreckt, um eine Brandfackel in all die Pracht zu werfen, als
um zu betteln!

Die Not trieb mich hin zu der Frau, bei der ich zu Beginn meiner
Existenz schon neun Monate zu Gast war. An ihren Kaffeetischen, die von
früh bis spät von aufgeregten Weltverbesserern besetzt sind, lernte ich
Männer der Feder kennen, bei denen ich Schreiberdienste tat. Jetzt
arbeite ich bei Herrn Linguet, einem Mann, dessen Eitelkeit noch größer
ist als sein Geist. Weil einige Kaffeehausbummler sich über seine
Prozesse und seine Artikel erhitzen, glaubt er die Augen von ganz Europa
auf sich gerichtet.

Ich dränge mich auch in die Klubs und lese viel. Alle Augenblicke bilde
ich mir ein, bei den Philosophen oder den Ökonomisten die richtigen
Rezepte für die Volksseuche, die ich aus nächster Nähe kennen lernte,
gefunden zu haben. Aber ich sehe immer wieder, daß selbst die
berühmtesten Ärzte die Krankheit, die sie heilen wollen, gar nicht
erforscht haben. Herr Necker schrieb neulich in einem Libell gegen die
Ökonomisten: »die ökonomische Freiheit, die Ihr propagiert, ist die
Tyrannei der Grundbesitzer,« und der Abbé Baudeau antwortete ihm: »Ihr
Angriff auf den Grundbesitz ist der Kommunismus der Bankiers.« Ich
fürchte, sie haben alle beide recht.

Verzeihen mir Euer Gnaden diesen langen Brief. Ich denke zu viel und
spreche zu wenig, darum strömt mein Inneres in die Feder.

An Froberg denke ich zurück, wie an einen anderen Stern. Dort war alles
satt und sauber. Euer Gnaden Brief riß die dunklen Vorhänge meiner
Erfahrungen von dem Fenster meiner Erdenwohnung, sodaß ich plötzlich
wieder in das ferne Licht hinübersehen mußte. Trotzdem möchte ich nicht
zurück; kämpfen ist besser als leben. Nur daß sich die Herrin dieses
Sterns mir wieder vor Augen rückte, war grausam. Ich könnte über ihr die
Hexe von Noroy vergessen! Darf ich hoffen, daß Euer Gnaden sich in Paris
meiner erinnern werden?


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, am 2. Juli 1775._

Verehrte Frau Marquise. Ihr Schreiben hat mich überrascht, da ich mich
der Ehre, Anspruch auf Ihr Vertrauen zu haben, nicht mehr rühmen darf.
Ich glaubte einmal die Triebkraft erkannt zu haben, die Sie bestimmte,
ein Wiedersehen mit mir zu verhindern, und mein Herz war so tief
beglückt, daß es die gebotene Trennung ertragen konnte. Seit einiger
Zeit weiß ich, daß es eine Täuschung war.

Der Prinz Rohan und der Graf Chevreuse wußten, begeistert von Ihrer
seduisanten Persönlichkeit, die alle in ihren Bann zu ziehen versteht,
viel von Ihnen zu erzählen. Noch mehr als durch ihr Reden erfuhr ich
jedoch durch das Schweigen eines anderen, der um Ihretwillen auf ewig
verstummte.

Sie verteidigen sich, Frau Marquise, wegen dieses Toten, als ob ich mir
erlaubte, mich zu Ihrem Richter aufzuspielen. Da ich mich aber leider
nicht taub und blind stellen kann, so gestatten Sie mir, Ihnen einige
Tatsachen ins Gedächtnis zurückzurufen: Der Marschall von Contades
hatte, als er zum Zweck seiner Rehabilitierung in Versailles erschien,
ein Portefeuille des Herrn von Pirch in seinem Besitz. Es enthielt unter
anderem ein Billett von Ihrer Hand mit der unverblümten Aufforderung zu
einem auf das strengste geheim zu haltenden Rendez-vous, und einige
Verse des Herrn von Pirch »an die Geliebte«, worin er den Duft Ihrer
Haare, die Weichheit Ihrer Arme, die Wärme Ihres blühenden Busens in so
stürmischen Strophen besingt, wie sie nur der Genuß all dieser
Herrlichkeit, nicht aber die Sehnsucht darnach zu diktieren vermag.

Sie sind weiterhin so gnädig, an meinen Interessen und Plänen insoweit
Anteil zu nehmen, als sie Ihnen »gefährlich« und »abenteuerlich«
erscheinen. Zu Ihrer Beruhigung sei Ihnen von vornherein versichert, daß
es nicht »Herzensenttäuschungen« sind, die den Wunsch in mir entstehen
ließen, Frankreich den Rücken zu kehren. Es mag die Art der Frauen sein,
ihre Überzeugungen und Interessen nach der Wetterfahne ihrer Gefühle zu
drehen, die der Männer ist es nicht.

Meine Abneigung gegen die Hohlheit des Hoflebens, gegen meine eigene
tatenlose Existenz wären schon Grund genug, eine andere Lebenssphäre
sehnsüchtig zu suchen. Viel ausschlaggebender aber ist für mich der
Einblick in die Tatsache geworden, daß alle Systeme und Ideen unserer
Denker und Dichter, für die ich mich einst begeisterte, -- ich würde an
dieser Stelle gern »wir« gesagt haben, Frau Marquise, wenn ich nicht
wüßte, daß Sie jene Stunden in Etupes längst vergessen haben, -- nichts
als Phrasen blieben, hohlere noch, als die der Priester, deren
Versprechungen sich nur auf den Himmel beziehen, also völlig
unkontrollierbar sind.

In Amerika sehe ich ein Volk, das um seine Freiheit kämpft, statt nur
über sie zu reden. Dort würde ich also erfahren können, ob sie ein Gut
ist, für das es sich lohnt, Kraft und Leben einzusetzen.

Ich gedenke demnächst zur Vermählung meiner Schwester mit dem
Großfürsten Paul von Rußland nach Petersburg abzureisen, um darnach
Europa zu verlassen.

Vielleicht vermögen Sie diesen kurzen Zeilen wenigstens das Eine zu
entnehmen, daß ich nicht gewillt bin, in Hofintriguen und Liebesgetändel
mich zu verlieren, auch keine Anlage habe, den tragischen Helden zu
spielen.

Damit, Frau Marquise, dürften wir wohl das letzte Wort miteinander
gewechselt haben.

Ich hoffe, Paris wird Ihre Ansprüche und Erwartungen ganz befriedigen.



SCHÄFERSPIELE



Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 1. August 1775._

Hiermit sende Ich Ihnen, schönste Marquise, Ihre Rolle als Daphnis. Die
Königin ist entzückt in dem Gedanken an Ihre Mitwirkung, und ich -- oh,
es gibt keinen Ausdruck für meine Empfindung!

Delphine lacht über Guys Liebesschwüre -- Daphnis wird sogar Philidors
Zärtlichkeit dulden müssen!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 15. August 1775._

Holdseligste! Noch fühle ich Ihren Atem auf meiner Wange, Ihren
schwellenden Körper in meinen Armen, und Ihre Lippen, kühl und weich wie
Rosenblätter auf meinem glühenden Mund. War es nur Daphnis, war es
Delphine?!

Ach, als ich noch trunken vor Seligkeit im Schatten der Kulissen Ihnen
zu Füßen sank, bereit, für ein zärtliches Wort mein Blut tropfenweise zu
verspritzen, rissen Sie mich mit Ihrer Frage: »War Friedrich-Eugen unter
den Zuschauern?« aus allen Himmeln. Als ich durch stummes Nicken
bejahte, tief verletzt durch Ihr dauerndes Interesse an einem
unliebenswürdigen Sonderling, und meine Leidenschaft die quälende Frage
laut werden ließ: »Lieben Sie den Prinzen?« Da erfüllte mich Ihre rasche
Antwort: »Ich hasse ihn!« mit neuer seliger Hoffnung. Und als Sie, an
mich geschmiegt, strahlend von Schönheit, leuchtend von Übermut, vor dem
entzückten Hof erschienen, und ein leiser Druck Ihres Arms mir die
Erlaubnis gab, neben Ihnen bleiben zu dürfen, fühlte ich mich dem
schwindelnden Glück Ihres Besitzes nahe.

Ihr kühler Abschied im Morgengrauen stürzte mich wieder in ein Meer von
Zweifeln. Retten Sie einen Schiffbrüchigen, und wenn Ihnen das nicht der
Mühe wert erscheint, die Hand auszustrecken, so retten Sie Ihre eigene
blühende Jugend! Erinnern Sie Sich, süße Delphine, daß Ihre Schönheit
zwar göttlich, Sie aber trotzdem nicht unsterblich sind! Soll der
Frühling ihrer Jugend welken, noch ehe die Sonne der Liebe den Sommer
entfaltete?

Sie leiden; ich weiß es; denn ich kenne alle Qualen wie alle Wonnen des
Herzens. Die Sehnsucht glänzt aus Ihren Augen, glüht aus Ihren
Fingerspitzen.

Wenn ich die Rosen, die ich Ihnen sende, heute abend an Ihrem Busen
wiedersehe, soll mir das ein Zeichen süßester Hoffnung sein. Mag dann
immerhin Guiberts Trauerspiel, dem der ganze Hof mit Spannung
entgegensieht, so langweilig sein, wie seine Kriegskunst, ich werde es
unterhaltend finden; Sie werden also, reizende Daphnis, nicht nur für
Ihres Schäfers Glück, sondern auch für des Dichters Ruhm verantwortlich
sein.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 20. August 1775._

Seit jenem Abend, wo ich die dunkelroten Rosen meiner Leidenschaft an
der weißen Seide Ihres Kleides glühen sah und, hingerissen, mitten im
Spiegelsaal von Versailles das Knie vor Ihnen beugte, bin ich im
Zweifel, ob das Leben vorher mein Leben war, ob all die Liebe, die ich
früher genoß, Liebe gewesen ist.

Wie im Traum höre ich noch Grétrys schmelzende Weisen, an deren Tönen
das Licht in Ihren Augensternen sich entzündete, sehe in Ihren Händen
das Glas mit dem perlenden Wein, dessen Feuer sich langsam in Ihre Adern
ergoß, und fühle den heißen Atem all der schönen Frauen, all der
glänzenden Kavaliere, der allmählich die duftenden Kerzen flackern, die
schwüle Luft vibrieren ließ, und Sie hineinzog in sein Fieber. War es
nur die Pracht dieses königlichen Festes, die Sie berauschte, war es der
Duft meiner Rosen?

Ich will keine Antwort auf diese Frage, ich will sie nicht! Nur dem
göttlichen Augenblick will ich leben, süße Frau, gleichgültig, welch
einem Wunder ich ihn verdanke.

Was in Paris an Blumen aufzutreiben war, sende ich Ihnen heute. In
Lilienblätter will ich das Köpfchen der Geliebten betten, wenn ich
komme, roten Mohn will ich über ihre weissen Glieder streuen, und Amor
selbst erfülle mich mit seiner Kraft, daß ich die schönste der Frauen
zum Leben der Liebe erwecke.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 10. September 1775._

Holde! Süße! Daß ich Sie gestern nicht sehen durfte! Und doch empfingen
Sie den Grafen Guibert! Die wütendste Eifersucht würde mich plagen, wenn
ich nicht wüßte, daß der berühmte Poet und Kriegsmann ebenso berühmt als
der Liebhaber der Lespinasse ist. Aber ich gönne es ihm nicht, auch nur
den Geist meiner Geliebten anbeten zu dürfen.

Selbst die Königin bemerkte meinen Unmut. »Wo ist Daphnis, armer
Philidor?!« neckte sie. Wo ist Daphnis? wiederholt mein Herz jede
Stunde, die ich fern von ihr bin.

Und auch heute wollen Sie mich nicht empfangen, weil Ihre Majestät die
Schneiderin Bertin Ihnen Audienz erteilt?! Grausame, bedarf es wirklich
noch neuer Spitzen, Gaze und Seidenstoffe, ist es nötig, die zarte
Tüllwolke um den Busen, den schweren Brokat um die Hüften immer
raffinierter zu falten und zu raffen? Sind Sie nicht verführerisch genug
für mich, oder haben Sie die Absicht, mich durch die Liebestollheit
anderer Männer rasend zu machen oder durch ihre neidischen Blicke zu
spießen?

Unten im Hof pfeift ein Schweizer sein Liedchen, drüben aus den Zimmern
der Polignac klingen schwärmerische Harfentöne, aus den Hecken trillert
ein Vogel, der vom Frühling träumt --, ich höre nur ein Wort aus allen
Tönen: Delphine, Delphine! Und seine Melodie begleitet meines Herzens
sehnsuchtsvoll-stürmisches Pochen: Denn in wenigen Tagen wird meine
Geliebte mit mir in den Zaubergärten Armidens sein!

Keinen preise ich heute mehr, als den Prinzen Condé, der Chantilly zum
Sitz der Musen und Grazien schuf. Herr von Beaumarchais, der diesmal bei
ihm den Zeremonienmeister spielt, machte mir mit seinem
beziehungsvollsten Figarolächeln allerlei Andeutungen über die Wunder,
die sich begeben werden.

»Für Liebhaber der Einsamkeit«, sagte er, »finden sich im meilenweiten
Park stille Einsiedeleien, für philosophische Gespräche, die ungestört
bleiben müssen, gibt es im riesigen Schloß hinter unsichtbaren
Tapetentüren sichere Verstecke.« Alles, was jung ist und schön, hat der
Prinz geladen: »damit weder die bösen Zungen alter Weiber, noch die
lüsternen Blicke verlebter Gecken die Liebe hindern, sich selbst zu
leben.«

Darum, geliebteste aller Frauen, werden Sie nicht um unser Geheimnis zu
zittern brauchen, werden nicht erbleichen, wenn meine Hand die Ihre
sucht und fremde Blicke uns streifen, und nicht im Augenblick süßesten
Taumels die schönsten Augen der Welt angstgeweitet auf mich richten. Sie
werden endlich rückhaltlos mein sein.

Schon sehe ich uns in den verschwiegenen Tempeln der Gärten zu Eros, dem
reizenden Gott, die verschlungenen Hände erheben und im stillen Dunkel
der Hütte leise verschwinden, um die graue Buchenstämme als eherne
Wächter stehen, und deren kleine Fenster Epheuranken schamhaft
verhüllen.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, am 20. September 1775._

Verehrte Frau Marquise. Euer Gnaden gütige Erlaubnis, mich Ihnen bei
Ihrer Anwesenheit in Paris wieder persönlich vorstellen zu dürfen, habe
ich bisher nicht in Anspruch genommen. In den Ernst meines Lebens und
meiner Gedanken sollte kein Strahl jener Welt fallen, der ich endgültig
den Rücken kehrte. Ich, selbst ein Enterbter, will ganz meinen Brüdern
gehören. Ich verzeihe es mir nicht einmal, wenn hier und da noch ein
Gefühl der Sehnsucht in mir rege wird.

Um nicht zu wecken, was leider nicht tot ist, sondern nur eingeschläfert
von dem Liede der Not, komme ich auch heute mit meinem Anliegen nicht in
Person. Es handelt sich nicht um mich. Selbst wenn ich am Verhungern
wäre, würde ich eher rauben als betteln. Ein paar arme Kinder sind es,
für die ich Euer Gnaden Güte in Anspruch nehmen möchte.

Ich fand sie auf meinen Streifereien im Norden von Paris, der gewohnten
Beschäftigung meiner Mußestunden. Wer immer über das Pflaster zwischen
dicht gereihten Häusern trottet, vergißt allmählich, daß man auch auf
weichem Rasen zwischen grünen Bäumen gehen kann. Und das ist gut.

Die Kinder bettelten. Eins von ihnen, ein Mädchen, suchte im Kehricht
nach etwas Eßbarem. Ich folgte ihnen, als sie abends heimgingen. Das
eine Mal stieg ich bis unters Dach. In eine Kammer, die weder Schloß
noch Riegel hatte, blickte ich durch die fingerbreiten Spalten der
Holzwand. Ich sah eine Schar von Kindern, die sich, von Hunger
gepeinigt, über die eklen Speisereste stürzten, die das Mädchen aus der
Gosse gefischt hatte und ihnen zuwarf. Ein andermal folgte ich einem
Kinde in ein feuchtes Kellerloch tief unter dem Boden der Straße. Ein
triefäugiges Weib riß ihm die Lumpen von den mageren Gliedern, ein
anderes betrachtete die armselige Gestalt mit gierigen Blicken, als wäre
es ein Stück raren Fleisches. Um fünf Sous kaufte sie schließlich die
Kleine.

Seitdem ist es meine Leidenschaft, Kinder zu suchen. Ich habe mir schon
eine lange Liste von denen angelegt, die ich fand. Es sind in sechs
Gassen schon dreiundsiebzig, Mädchen und Knaben. Am liebsten hätte ich
sie heimlich entführt. Aber in meiner Kammer hat nur mein eignes Bett
Platz, weil ich ein Krüppel bin und nie gerade liege, und das Weib, das
mich geboren hat, würde mit meinen Schützlingen auch nur ein Geschäft
machen wollen. Abnehmer hat sie immer für Menschenware.

Nun hörte ich, daß es bei den vornehmen Damen neuerdings Mode ist, arme
Leute mit dem Abfall ihrer Küche und abgetragenen Kleidern dankbar zu
machen. Einige gründen auch Hospitäler, weil sie für ihre glatte Haut
die ansteckenden Krankheiten derer fürchten, die frei herumlaufen.

Wäre es nun nicht möglich, nachdem durch Herrn Rousseau sogar die Liebe
zu den Kindern Mode wurde, einen Zufluchtsort für sie zu schaffen? Sie
fänden wenigstens Schutz vor den wilden Bestien, die sie verfolgen: dem
Menschen und dem Hunger. Auch würde es weniger kosten, als ein neues
Kleid, wenn die Damen des Hofs sich alle daran beteiligen würden.

Ich fürchte, ich kann für andere nicht betteln. Nichts macht so
inbrünstig hassen, als bitten zu müssen.

Verzeihen mir Euer Gnaden gütigst all die Worte, die wie Steinwürfe
sind, und wie Schneeflocken sein sollten. Wenn Sie all die Güte, die Sie
an mich verschwendeten, den armen Kindern zuwenden wollten, so wären sie
gerettet.

Meine Liste steht Ihnen zur Verfügung.


Prinz Rohan an Delphine.

_Chantilly, am 25. September 1775._

Reizende Marquise. Sie weichen mir aus. Kaum glaube ich, Ihnen im Garten
nahe zu sein, so glitzern die Goldschuhe an den kleinen Füßchen schon
wieder fern zwischen den Hecken; sehe ich Sie im Salon, so umgibt Sie
die Schar Ihrer Bewunderer wie eine Mauer; wage ich es, Ihnen abends zu
folgen, so verscheucht mich gar bald die Kavalierpflicht der Diskretion.
So wähle ich diesen Weg, der es mir zugleich erleichtert, vor Ihnen der
zürnende Priester, statt der bewundernde Mann zu sein.

Sie vergessen über Ihrem Schäferspiel unser Intriguenstück, schöne
Marquise, vielleicht weil der liebenswürdige Graf Chevreuse Ihr Partner
ist? Daß der Weg zum Kopf der Frau immer durch das Herz geht!

Aber auch dort, wo ich den Einfluß des Liebhabers nicht zu entdecken
vermag, hat Ihr Gemüt Ihren Verstand unterjocht.

Hören Sie, was mir jemand erzählte: »Jüngst ging die Königin, nur von
wenigen ihrer Damen begleitet, durch die neuen Gärten von Trianon. Im
Schatten der Weiden, vor dem Fischerhaus, begann sie, Geschichten zu
erzählen, wie die Umgebung sie ihr eingab. Jede der Frauen folgte unter
Lachen und Scherzen ihrem Beispiel. Nur die Marquise Montjoie, sonst
die heiterste von allen, blieb schweigsam. 'Sollte unsere reizende
Freundin sich angesichts dieser Hütte keiner Idylle erinnern,' mahnte
die Königin; die Marquise entgegnete: 'Einer Idylle?! Nein! Wohl aber
eines Trauerspiels!' und mit einer Beredsamkeit, bei der jedes Wort sich
am Wort entzündete, sprach sie von den Bauern der Champagne, ihren
Hütten ohne Fenster und ohne Bett, ihren verödeten Feldern und leeren
Scheuern, ihren Weibern, deren Jugend die Not zerfrißt, an deren
ausgedörrten Brüsten die Kinder verhungern. Die Damen hörten staunend zu
und die Königin weinte...«

Was ich fast nicht glauben wollte, hörte ich heute mit eigenen Ohren.
Als mitten im Pfänderspiel die Reihe an Sie kam, mit einer kleinen
Erzählung Ihr Perlenhalsband einzulösen, sprachen Sie mit jener Wärme,
die der nüchternen Wahrheit stets fern bleibt, von dem Elend der Kinder
von Paris. Sie erwähnten Dinge, die Ihr kultivierter Geschmack nicht
wissen, Ihr weicher Mund nicht aussprechen dürfte. Aber je hinreißender
Sie im Feuer Ihres Mitgefühls waren, um so gefährlicher war der Einfluß,
der von Ihnen ausging. Heißt das, teure Marquise, die Stellung Turgots
erschüttern, der nicht müde wird, dem Volke goldene Berge zu
versprechen, wenn er seine Reformen durchführen kann?

Ich muß Ihnen den ganzen Ernst der Lage ins Gedächtnis zurückrufen, um
Ihnen daran den Ernst unserer Aufgabe klar zu machen. Die Situation ist
auf die Spitze getrieben, und nicht nur das Vaterland, sondern auch
unsere heilige Kirche sind in höchster Gefahr, besonders seitdem der
Herzog von Choiseul aus der Verbannung zurückberufen wurde, derselbe
Choiseul, der -- ein Pompadourminister -- die frommen Väter des Ordens
Jesu auswies und zu gleicher Zeit die Philosophen und Gottesleugner
beschützte. Der Unglaube, die Verhöhnung menschlicher und göttlicher
Autorität breiten sich aus wie eine Seuche; ein verworfener Mensch wie
Voltaire wurde zum Orakel Frankreichs, die Enzyklopädie erscheint
ungehindert und trägt die Ideen der sogenannten Aufklärer, die bisher
nur in kleinem Kreise Unheil stifteten, in die Welt. Unsere Journale und
Pamphlete, ja selbst unsere Konversationen bis in die Kreise des Hofs
hinein sind erfüllt mit ihren Redensarten von der rechtlichen Gleichheit
und der politischen Freiheit, und der Name der Vernunft wird häufiger
angerufen als der Name Gottes.

Verzeihen Sie, daß meine Vaterlandsliebe und meine Pflicht als Diener
der Kirche mich so weit treibt und in diese wolkenlosen Tage Ihres
Vergnügens seine Schatten wirft. Aber gerade hier ist mir deutlich
geworden, wie wertvoll Sie, verehrte Frau Marquise, unserer Sache werden
können, denn alles, von unserem edlen Gastwirt und dem Herzog von
Bourbon angefangen, huldigt Ihrer Schönheit, bewundert Ihren Geist. Ich
appelliere an Ihren Ehrgeiz, den Sie leicht befriedigen könnten, wenn
Sie Ihrer Pflicht als Tochter Frankreichs und der Kirche eingedenk
wären. Sie können der Königin beweisen, daß Frankreich weiter reicht,
als die Gärten von Trianon, daß sie berufen ist, ihre Rolle in der Welt
zu spielen, nicht nur auf der Bühne.

Wenn Sie daneben im stillen als heilige Elisabeth wirken wollen, -- ohne
die leicht erregten Gemüter überflüssig zu erhitzen --, so bin ich der
Erste, der Sie unterstützen wird. Hundert Louis aus meiner Schatulle
sende ich Ihnen noch morgen für Ihre armen Kinder und bin gewiß, daß Sie
überall eben so offene Hände finden werden. Um Tränen zu trocknen,
bedarf es, weiß Gott, keiner Reformgesetze. Das war von je die schönste
Aufgabe guter Christen.

Darf ich Sie an dieser Stelle noch an eins erinnern, schöne Frau? Der
Herr Marquis von Contades ist bereit, sein Wort als Edelmann dafür zu
verpfänden, daß Sie -- eine Französin! -- Herrn von Pirchs Handlungsweise
als Vaterlandsverrat verurteilt haben. Er versprach mir zwar, weil es
meinem Einfluß gelang, ihn von der erhaltenen Ohrfeige rein zu waschen,
von seiner Kenntnis keinen Gebrauch zu machen; aber es liegt natürlich
in meinem Belieben, ihn dieses Versprechens zu entbinden. Wird die
Marquise Delphine noch in der Lage sein, der Königin Geschichten zu
erzählen, wenn die hohe Frau erfährt, daß ihre jüngste Freundin --
preußisch fühlt?! Sie haben jetzt die reichste Gelegenheit, den kleinen
Fehler, den Ihre Jugend gewiß entschuldigt, wieder gut zu machen.

Jedenfalls sind Ihnen die Unvorsichtigkeiten Ihres warmen Herzchens
leichter zu verzeihen, als die Ihres Kopfes. Der gute Marquis ist
wirklich kein geeigneter Partner für die holden Freuden der Liebe. Darum
drückte ich als Ihr ergebener Freund beide Augen zu, als ich diese Nacht
an einer gewissen versteckten Hütte vorüberkam, und bemerkte, wie
entzückend natürlich Daphnis und Philidor ihre Rolle weiter spielen, --
obwohl ich als Priester hätte zürnen und strafen müssen. Erschrecken Sie
nicht, reizende Sünderin. Nur wenn das Vaterland es befiehlt, verrät ein
Rohan eine Frau, die er anbetet.

Trüben Sie auch nicht den Glanz Ihrer Augen durch Tränen falschen
Mitgefühls. Seien Sie gewiß: soweit der Arm der Kirche reicht, hungert
kein Mensch auf dem üppigen Boden Frankreichs!

Ich kehre noch heute nach Straßburg zurück. Sie werden mich gütigst bei
der Königin in Erinnerung bringen.

Zum Abschied werde ich Sie morgen früh --, falls die Türe zu Ihrem
Boudoir sich mehr als einem Kavalier öffnet --, nur um die eine Gnade
bitten, den rosigen Arm küssen zu dürfen, der sich so zärtlich um den
Hals des beneidenswerten Geliebten zu schlingen weiß.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 6. Oktober 1775._

Als ich mich Ihnen, verehrte Frau Marquise, für das Werk Ihrer
Menschenliebe zur Verfügung stellte, hätte ich nicht geglaubt, daß wir
so rasch das Ziel erreichen würden. Aber Schönheit und Güte vereint
wirken Wunder! Die sechzig Kinder, die das Kloster zum Herzen Jesu
aufnahm, sind ein lebendiger Beweis dafür.

Was mich aber noch tiefer ergriff als Ihr Eifer, eine Not lindern zu
wollen, welche leider nur ein Symptom der großen Krankheit ist, die
Frankreichs Leben bedroht, ist Ihr Unverständnis für die Medikamente,
die die Wurzeln des Übels ausbrennen sollen.

Seien Sie versichert: Reformen, und wären Sie noch so gut gemeint, sind
nichts als Betäubungsmittel. Neue Quellen des Reichtums gilt es zu
erschließen. Und dafür, -- ich wiederhole, was Herr von Beaumarchais und
ich Ihnen schon auseinanderzusetzen versuchten --, bietet sich jetzt
eine willkommene Möglichkeit. Unterstützen wir Amerikas Freiheitskampf,
so wird Amerika uns für den Kampf gegen die Not die einzig siegreichen
Waffen -- die pekuniären Mittel -- zur Verfügung stellen.

Ihre Schönheit, Frau Marquise, preist ganz Versailles; von Ihrer Güte
spricht halb Paris; Ihrem Geist aber winkt erst ein fruchtbares Feld des
Wirkens. Ihr Salon sollte der Mittelpunkt der besten Köpfe Frankreichs
sein! Meine Vaterlandsliebe läßt mich freilich aussprechen, was mein
Gefühl für Sie unterdrücken sollte. Oder dürfte ich hoffen, in Ihrem
Salon auch unter vielen immer noch Einer zu sein?


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, am 10. Januar 1776._

Ist meine Göttin so wankelmütig wie die Sonne, die sich mehr und mehr
hinter grauen Winterschleiern versteckt?

Als ich gestern die sonst so freudig empfangenen Konfitüren brachte,
sagten Sie wegwerfend: »Die immer gleichen Süßigkeiten! sie widern mich
an!«

Zum Abschied nach einem gequälten Zusammensein hielten Sie mir die Wange
hin, als wären wir ein Ehepaar. Und als ich heute des kommenden Festes
bei der Prinzessin Lamballe Erwähnung tat, riefen Sie aus, die Lippen
unmutig schürzend: »Bietet Paris denn nichts anderes, als Komödien und
Feste, Feste und Komödien?!« Die neuesten Anekdoten, die ich erzählte,
die pikantesten Chansons, die ich vortrug, nötigten Ihnen kaum ein
Lächeln ab.

Da meldete Ihr Diener Herrn von Beaumarchais. Ihr Gesichtchen erhellte
sich, und Sie, die Sie bisher unser Tête-à-Tête durch niemanden
unterbrechen ließen, empfingen den Gast mit einem Aufatmen der
Erleichterung.

Jetzt verstehe ich, reizende Delphine: auch bei Ihnen blühen Liebe und
Treue nicht auf demselben Stamm. Ihre rasche Jugend, -- an deren
Existenz ich Sie zuerst erinnerte! --, Ihr stürmisches Temperament, --
dessen Fesseln erst an meiner Glut zerschmolzen! --, Ihr sprühender
Geist, -- dessen Funken freilich erst der Dichter Beaumarchais
herauszuschlagen vermochte, -- verlangen nach Abwechslung.

Der große Dramatiker Beaumarchais ließ das ganze Welttheater an Ihnen
vorüberziehen; die Kämpfe der Amerikaner, die Parlamentsreden der
Engländer, die Finanzen Frankreichs --, und Ihre Begeisterung für die
»Menschenrechte« der Bewohner der neuen Welt flammte so hoch auf, daß
die arme kleine Liebe daneben erlosch, wie der Morgenstern vor der
Sonne. Weiß Gott, ich, Guy Chevreuse gestehe ein, meine Rolle als
Liebhaber noch nicht ausgelernt zu haben: Neben der Kleinigkeit des
Herzens verlangt die kapriziöse Frau von heute auch noch Geist, auch
noch Kenntnisse, am Ende gar Taten von uns!

Süße Delphine, um einen Kuß von Ihren Lippen, -- aber einen, der der
Sehnsucht, nicht der Gewohnheit entspringt, -- könnte ich Riesen
bezwingen und Drachen erlegen. Fordern Sie jedoch nicht, daß ich mich
wegen so gemeiner Dinge, wie der Zänkereien unserer unsympathischen
Nachbarn mit ihren langweiligen Kolonialbrüdern echauffieren soll.
Freilich, wenn ich mich erinnere, was uns alles Böses von England kommt:
die Grundsätze der Moral, die demokratischen Ideen, die geschlossenen
Kleider, die hohen Stiefel --, ich könnte doch am Ende noch rasend
werden!

Darf ich morgen kommen? Zur gewöhnlichen Stunde? durch das
Gartenpförtchen? Allein?! Ich bringe, da meine Zärtlichkeit mit den
Konfitüren auf einer Stufe der Ungnade zu stehen scheint, ein ganzes
Vergnügungsprogramm mit: Mademoiselle Duthé spielt in ihrem
Privattheater ein von der Zensur verbotnes Stück, -- der Graf von Artois
ist seit acht Tagen bei ihr der glückliche Nachfolger des Herrn Larive;
-- eine vergitterte Loge steht Ihnen -- mit mir?! -- zur Verfügung.

Der Graf von Chartres arrangiert eine Schlittenfahrt, die in einem
nächtlichen Fest im Schloß von Monceau enden soll.

Der junge Vestries wird bei seiner neuesten Gönnerin, der Gräfin
Miramont, tanzen. Die weiblichen Gäste werden gebeten, die Belohnung des
Tänzers für seine Sprünge wenigstens an diesem Abend der Gräfin allein
zu überlassen!


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 30. Januar 1776._

Hochverehrte Frau Marquise. Weil Sie es wünschten, bin ich im Kloster
zum Herzen Jesu gewesen. Ich erkannte meine Kinder nicht wieder. Buben,
die mich angespuckt hatten, küßten mir die Hände und nannten mich
»gnädiger Herr!« Alle sind sauber und satt und lernten beten. Ich weiß
nicht, warum mich die Lust ergriff, sie in die Höhlen ihres Elends
zurückzubringen. Bleibt armen Leuten immer nur die Wahl zwischen der
Knechtschaft der Seele und der des Körpers?

Sie müssen Nachsicht haben mit mir. Es ist mein Unglück, daß ich
ebensowenig danken kann als bitten.

Meine Spaziergänge, nach denen Sie fragen, setze ich fort. Doch ich
mache keine Listen mehr. Es lohnt sich nicht. Man müßte einen Strom von
Gold durch die Häuser und Gassen leiten, um sie von Schmutz und Jammer
rein zu waschen. Aber die großen Herren fürchten so sehr, zu verdursten,
daß sie mit ihren Eimern und Flaschen schon an seinen Quellen stehn, um
ihn abzufangen.

Gestern Nachts fand ich einen armen Jungen, einen Hessen, der über die
Grenze gelaufen war, weil der Markgraf seine Untertanen gegen bare
Münze verschachert. Englische Menschenhändler, so sagt er, kaufen
Soldaten für den Krieg gegen die Amerikaner. So ist's recht: Während die
Könige Europas den Philosophen Beifall klatschen, die von den
Menschenrechten deklamieren; -- die Kaiserin von Rußland bezahlt sie
sogar dafür, daß sie ihr auf so amüsante Art die Langeweile vertreiben,
-- bauen die Fürsten aus Menschenleibern einen Damm gegen die Freiheit.

Es sieht fast aus, als sehnte ich mich nach der Bastille. Aber leider
weiß ich: Sie sind sehr gut, oder nicht gut genug, um mich
hineinzubringen. Ich denke es mir nämlich wundervoll, einmal nichts zu
sehen, als Kerkerwände.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 3. Februar 1776._

Verehrte Frau Marquise! Erst heute, bei Gelegenheit eines meiner kurzen
Aufenthalte in Paris komme ich dazu, Ihnen für Ihren Empfang und -- was
mehr bedeutet -- für die Art Ihres Empfangs meinen Dank auszusprechen.
Sie sind die erste Frau unter den vielen geistreichen Frauen
Frankreichs, die für meine umfassenden politischen Pläne Verständnis und
Interesse gezeigt hat.

Selbst die Männer begegnen mir mit Mißtrauen. Weil man über meine
Komödien lacht, hält man auch meinen Ernst für Witz; daß Staatsmänner
Komödianten sind, wundert niemanden, aber daß Komödianten Staatsmänner
sein können, erscheint abstrus. Nichts ist heute für einen Mann von
Geist kompromittierender, als wenn er sich mit Politik beschäftigt. Und
unsere Minister vor allem wollen sich nicht kompromittieren!

Herr von Vergennes war für die großen Aussichten blind, die der Konflikt
zwischen England und Amerika Frankreich bietet. Ich öffnete ihm
wenigstens ein Auge. Trotzdem bleibt er Philosoph aus Bequemlichkeit und
beruft sich auf Grundsätze der Moral, weil das am wenigsten kostet.
Heimlich gegen England zu konspirieren, das beleidigt seine Grundsätze.
Wie kommt es nur, daß soviel Edelmut die Teilung Polens, die
Kolonialkriege, den Sklavenhandel dulden konnte?!

Auch Turgot ist gegen alle Feindseligkeiten; er will nicht einsehen, daß
es häufig sparsamer ist, Millionen zu verschwenden, als mit einem Sous
zu geizen. Wenn Frankreich Partei ergreift, wird es die Scharte von 1762
wieder auswetzen und durch ein Bündnis mit Amerika alle die Vorteile
genießen, durch die England sich seit einem Jahrhundert bereichert. Wir
brauchen nichts als Schiffe, Munition, Waffen. Die Menschen sind da. In
fieberhafter Ungeduld warten der Marquis Lafayette, der Prinz von
Montbéliard und ihre Freunde darauf, den Namen Frankreichs wieder
leuchten zu lassen, wie unter dem großen König, wo die Welt ihr ganzes
Licht von ihm empfing.

Verzeihen Sie mir die Kühnheit meiner Sprache; gedenke ich der schönen
Frau, an die sie gerichtet ist, so müßte ich mich schämen, wenn sie
nicht so klug wäre, nicht nur durch Schönheit herrschen zu wollen! Ich
wage zu hoffen, daß Ihr Enthusiasmus diesen Wunsch unterstützt; macht
der Kuß der Muse mir das Komödieschreiben zur Spielerei, so würde ich
meine schwere verantwortungsreiche Arbeit unter den Strahlen Ihrer Gunst
auszuführen vermögen, als tanzte ich Menuett mit Ihnen.

Wollen Sie die Gnade haben, meinem Diener wissen zu lassen, wenn Sie
mich empfangen wollen? Ich bleibe bis nächsten Mittwoch hier und stehe
ganz zu Ihrer Verfügung.


Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straßburg, am 10. März 1776._

Schönste Frau! Vergebens wartete ich auf eine Antwort von Ihnen und
fürchte schon, meine reizende Gönnerin durch ein paar harmlose
Bemerkungen verletzt zu haben, als ich von Ihren Leistungen unterrichtet
wurde: Sie eröffneten den Salon der Kriegspartei! Vortrefflich, ganz
vortrefflich, Frau Marquise! Sollte die Gicht, die das gesamte
Ministerium zu plagen scheint, weniger auf die guten Diners im Hause
Geoffrin, als auf die Enthaltsamkeit, die Sie ihm auferlegen,
zurückzuführen sein? »Les ministres s'envont goutte à goutte,« schrieb
mir neulich der Herzog von Chartres. Sie wissen, er hat für seine
Bonmots seit einiger Zeit den Geist der Frau von Genlis zu freier
Verfügung, -- womit ich natürlich nichts Böses angedeutet haben will,
denn Frau von Genlis spielt die Harfe und schreibt moralische Stücke für
die Jugend.

Derselbe Korrespondent berichtet mir, daß Sie der Königin neuerdings von
gefesselten Indianermädchen und liebenden Farmern rührende Geschichten
erzählen. Ausgezeichnet, Frau Marquise! Man trägt sogar schon Federn à
l'Amériquaine, und die Mode ist bei uns nicht nur Vorkämpfer, sondern
Gradmesser der Gesinnung.

Auch Ihre Trabanten haben Sie gewechselt. Der kleine Chevreuse ist wohl
jetzt vieux jeu? Ich wäre auch damit zufrieden, wenn ich nicht erfahren
hätte, daß der Graf Guibert sich nicht ohne Erfolg um seine Stellung in
Ihrem Boudoir bemüht. Er ist zwar im Augenblick sehr à la mode -- ein
Hofdichter, ein Kriegsgelehrter, ein Herzensbrecher -- aber sein Ruf als
Freidenker, seine Freundschaft mit Fräulein von Lespinasse
prädestinieren ihn zum Spion, nicht aber zum Mitglied unseres Kreises.

Sie haben die Wahl zwischen so vielen, warum muß es dieser sein?

So habe ich mir sagen lassen, daß der Prinz von Montbéliard sich nur
darum grollend auf sein Schloß zurückzog, weil eine gewisse reizende
Dame ihm ihre Gunst versagt. Er ist mit fast allen Höfen Europas
verschwägert, also eine sehr beachtenswerte Potenz. Übrigens ist er
hübsch und jung und erstaunlich tugendhaft. Er hätte sich gewiß nicht,
wie der Graf Chevreuse, -- den vielleicht nur die Verzweiflung über Ihre
Untreue dazu getrieben hat! --, an dem berüchtigten Fest der Kavaliere
beteiligt, das unter Leitung des Grafen Artois in Gesellschaft der
bekanntesten Kurtisanen und im Hotel der Guimard stattfinden sollte.
Gott sei dank, daß der Erzbischof rechtzeitig Einspruch erhob! Eine
reizende Geschichte übrigens: Hundert der vornehmsten Männer Frankreichs
vereinigen sich. Um dem Vaterlande zu dienen? Nein! Der Religion? Noch
weniger! All diese Gottheiten der Vergangenheit sind heute veraltet!

Lassen Sie bald von sich hören, teuerste Frau! Der Herr Marquis ist zwar
im Augenblick in Straßburg, -- erfolgreich beschäftigt mit der Sammlung
des einheimischen Adels zu einem letzten Coup gegen Turgot; (die
Stimmung ist eine aufs äußerste gereizte) --, er dürfte aber kaum zu
Ihrer Intimität gehören.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 15. März 1776._

Ihr Wunsch, liebenswürdigste aller Marquisen, ist mir Befehl, um so
mehr, als ich begreife, daß eine Frau wie Sie im Hofleben kein Genüge
findet und das geistige Leben von Paris gerade dort kennen lernen will,
wo es am stärksten pulsiert. Fräulein von Lespinasse wird sich freuen,
Sie zu empfangen. Sie finden in ihr zwar eine schwer Kranke, aber um so
bewundernswürdiger wird Ihnen ihre geistige Kraft, ihre immer gleiche
Güte erscheinen. Wenn Sie den morgigen Tag zu ihrem Besuch wählen
wollten, so würden Sie unter anderem auch den Erzbischof von Toulouse,
Loménie de Brienne, bei ihr treffen, dessen Persönlichkeit insofern von
größerem Interesse ist, als man ihn in eingeweihten Kreisen als den
Nachfolger Turgots bezeichnet.

Leider hatte ich heute in der Akademie keine Gelegenheit, Ihre
Eindrücke, teuerste Marquise, über die Aufnahme des Herrn von Boisgelin
unter die Unsterblichen zu erfahren. Ist die ganze Feierlichkeit nicht
mehr und mehr eine Farce?! Der Enzyklopädist d'Alembert, der einen
konservativen Priester preisen mußte, und der konservative Priester, der
der Nachfolger eines Voisenon, des typischen Abbé libertin, geworden
ist! Die französische Akademie wird mehr und mehr aus einer Gesellschaft
von Gelehrten zu einem Konzil der Ekklesiastiker und der Prinzen.

Werden Sie mir die Gunst gewähren, Sie morgen nach dem Besuch bei
Fräulein von Lespinasse in die Comédie française zu geleiten? Ich nehme
das Stück meines Rivalen gern in den Kauf, wenn es mir zum Vorwand
dient, einige Stunden länger dieselbe Luft mit Ihnen zu atmen.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 1. April 1776._

Verehrte Frau Marquise! Ich kann nicht anders, als meinem Erstaunen,
meiner Überraschung, Worte zu verleihen. Nie hätte ich mir träumen
lassen, eine verwöhnte femme du monde, wie Sie, in dem schlichten Salon
unsrer guten Julie wiederzusehen! Alles, was man mir von Ihnen erzählt
hatte, -- Ihrer Stellung in Versailles, der Schar Ihrer Verehrer, mit
denen man Sie spielen sieht wie mit Billardkugeln, -- ließ mich, offen
gestanden, fürchten, daß das Leben der großen Welt Sie die Existenz
anderer Welten, die sich früher um Ihre Seele stritten, völlig vergessen
ließ. Als Sie eintraten, -- die schmale Tür schien viel zu eng für die
starrende Seide Ihrer Polonaise, viel zu niedrig für die nickenden
Federn auf Ihrem hochfrisierten Haupt --, und Fräulein von Lespinasse
Ihnen entgegenkam, diese überschlanke Leidensgestalt in dem nonnenhaften
Gewand, -- und Ihnen die bleiche, blaugeäderte Hand entgegenstreckte,
ein gütiges Lächeln um die blutleeren Lippen, richteten sich die Blicke
Aller fast erschrocken auf Sie, so fremd wirkte Ihre Erscheinung in
diesem Kreise. Sie fühlten es selbst, Sie saßen, der einzige weibliche
Gast, in all Ihrer Pracht neben der zusammengesunkenen Julie, eine
stumme Zuhörerin! Sie lauschten staunend, als Bernardin de St. Pierre,
der jüngste Dichter unter den Protégés dieses Salons, die schwärmerische
Ode zum ewigen Frieden vorlas und d'Alembert über die Verbrüderung der
Menschheit sprach. In Ihren Augen sah ich eine Flamme leuchten, -- deren
plötzliches Aufglühen mir an der kleinen Delphine Laval so vertraut war
--, als der Chevalier von Chastellux Voltaires Eloge de la raison
vorlas, jene herrlichen Sätze, durch die der Patriarch wieder einmal
alles vergessen läßt, was er Falsches getan hat. Säße auf Frankreichs
Thron ein Friedrich von Preußen, des großen Weisen Hoffnungen auf seine
Regierung würden erfüllt, seine Ratschläge befolgt werden. Aber es gibt
nur einen Friedrich. Ludwig XVI. tafelt, jagt und zeichnet dazwischen
Allegorien; Marie-Antoinette spielt die Harfe. O du glückseliges
Frankreich, wo es für die Könige nichts weiter zu tun gibt!

Sie vernahmen dann verwundert das ungeteilte Lob Rétif de la Bretonne's,
dessen Paysan perverti natürlich vom Hof, -- dessen Sittenstrenge ja
über allen Zweifel erhaben ist! -- als unmoralisch verurteilt wird. Ich
schicke Ihnen, wie ich versprach, das Buch, urteilen Sie selbst! Man
reißt sich bei den Händlern darum, aber weniger weil man hinter seiner
Schlüpfrigkeit das Medusenhaupt der Wahrheit sucht, als weil man auch
die Wahrheit für Schlüpfrigkeit hält. Lassen Sie sich von all dem Unrat,
den der Dichter aufrührt, nicht abschrecken. Die Schäferspiele der guten
Gesellschaft, die den Schmutz unter Blumen verstecken, sind
lasterhafter.

Rousseau schilderte die Tugend und Glückseligkeit einer kommenden Welt;
-- seine Predigt von der Rückkehr zur Natur wurde nur zum Vorwand neuer
Moden. Es müssen andere kommen, um dem von grausen Gebrechen entstellten
Gesicht der Gesellschaft einen mitleidslosen Spiegel vorzuhalten, damit
das Entsetzen sie an den Arzt erinnert --, sagte Fräulein von
Lespinasse.

Nicht wahr, hier spricht man anders, als in Versailles, das von dem
geistigen Leben der Gegenwart weiter entfernt ist, als der Mond von der
Erde, oder gar in Trianon, wo man zwischen Ställen mit Marmorkrippen und
Hütten mit Damastmöbeln vom »natürlichen« Leben schwärmt.

Erst als Sie gingen, waren Sie wieder die Marquise Montjoie, so sehr
hatte ich inzwischen die holde Gräfin Laval wiedergefunden. Graf
Guibert, dessen schönheitsdurstiger Blick keinen Augenblick von Ihnen
gewichen war, folgte Ihnen. Sie sahen nicht mehr, wie Julies bleiches
Gesicht sich dunkel rötete, wie ihre Augen fiebrigen Glanz bekamen. Wir
alle verabschiedeten uns rasch. Nur der treue d'Alembert wird den
Tränenstrom der Unglücklichen noch gesehen haben. Guibert ist Julies
letzte, große Leidenschaft. Und obwohl er ihr fast alles verdankt, --
sie bahnte ihm den Weg zum Ohre des verstorbenen Kriegsministers, sie
interessierte den Grafen St. Germain so sehr für ihn, daß er ihn zu
seinem Adjutanten ernannte, sie korrigierte seinen »Connetable von
Bourbon«, so daß er auf der Bühne aufführbar wurde, -- vernachlässigt er
die Arme und gönnt ihr nicht einmal den frommen Betrug seiner Liebe.

Sie waren so gütig, mich zu Ihren Empfangstagen einzuladen; werden Sie
auch so gütig sein, meine Ablehnung zu entschuldigen? Ich möchte
Delphine Laval wiederfinden; die Sehnsucht danach ist nie erloschen.
Unter den vielen Gästen der Marquise Montjoie, wo ein Abenteurer wie
Beaumarchais zu den geehrtesten gehören soll, fürchte ich, Sie nur noch
mehr zu verlieren.

Aber vielleicht gestatten Sie mir, Sie an einem der nächsten Tage zu
Madame Geoffrin zu geleiten. In der Atmosphäre dieses Salons müssen all
die verborgenen Knospen Ihres Wesens aufspringen, die weder die
Treibhaushitze noch die Schneeluft Ihrer Welt zum Blühen zu bringen
vermag. Meine alte Gönnerin wird Sie, wie ich Ihnen schon einmal
schrieb, gern empfangen, obwohl Sie nur selten Frauen bei sich sieht.
Alles, was sie in ihrem langen Leben an Bitternissen erfahren, ist
nämlich, wie sie sagt, von weiblichem Neid und weiblicher Eifersucht
ausgegangen.


Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straßburg, am 20. April 1776._

Eine Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, Frau
Marquise:

»Ich bin weder eine Puppe, die Sie dirigieren, noch Ihre Dienerin, der
Sie befehlen können.« Teuerste, warum so heftig? Habe ich je etwas
anderes gewollt, als daß Sie im Einverständnis mit mir handeln möchten?
Bin ich Ihnen nicht dankbar ergeben für die Klugheit, mit der Sie
vorgehen, und wenn Ihre Handlungsweise, wie Sie so scharf betonen, nur
von Ihrem Willen geleitet wird, muß ich Ihnen dann nicht für diesen
Willen doppelt dankbar sein?

»Einen Hofmeister brauche ich nicht,« schreiben Sie weiter. Wann hätte
ich mir angemaßt, es zu sein? Aber einen Freund werden Sie doch hier und
da brauchen, holde Delphine, wenn Sie den Priester auch glauben
entbehren zu können!

»Ihre Drohungen fürchte ich nicht --«. Drohungen?! Ein Rohan gegenüber
einer Frau?! Wenn ich nicht wüßte, daß Sie scherzen, würde ich glauben,
daß Sie -- ein schlechtes Gewissen haben! Sie müßten wissen, daß ich in
dieser Zeit sanfter Sitten trotz meiner religiösen Strenge aufgeklärt
genug bin, um einer reizenden Frau jedes Vergnügen zu gönnen,
wenigstens insoweit, als mein Neid es zuläßt.

Aber selbst für meine vermeintlichen Sünden will ich, weil Sie mich
ihrer zeihen, Buße tun: Graf Guibert sei Ihnen verziehen. Sie reiten mit
ihm, wie ich höre. Hoffentlich stört Sie die Erinnerung an den Marschall
Contades nicht in Ihrem Vergnügen!

Von Straßburg wird Ihnen der Marquis erzählt haben. Es ist zum Sterben
langweilig; reichten die Fluten der Erregung nicht von Paris hierher,
wir würden nicht wissen, daß wir leben. Ach, die Pariser Freuden, die
Frauen, die Nächte! Können Sie sich vorstellen, daß wir hier nicht nur
bei Tage schlafen?!


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, 10. Mai 1776._

Teuerste Marquise! Noch klingt jedes Wort in mir nach, das wir auf dem
Heimweg von Madame Geoffrin miteinander wechselten. Einen tiefen Blick
ließen Sie mich in Ihre Seele tun. Werden Sie mir je verzeihen, daß ich
Sie so sehr verkannte, daß ich die Maske, mit der Sie selbst die
bezaubernde Schönheit Ihres Innern deckten, nicht durchschaut habe? Ich
war tagelang verzweifelt, weil ich Delphine nicht wiederfand. Oder
konnte Delphine es sein, die die Liebe lästerte? »Daß eine Julie
Lespinasse ihr Herz ebenso wegwerfen kann, wie andere Frauen!« riefen
Sie aus. Delphine hätte gewußt, daß ein Herz nur hat, wer es wegwirft,
dachte ich!

Und nun hat die milde Hand einer alten Frau die Maske von Ihrem Antlitz
genommen. Fast klang es brutal, als sie Ihnen, kaum daß Sie neben ihr
saßen, die Frage stellte: »Womit beschäftigen Sie sich?« Und rasch griff
ich ein, um Ihnen aus der Verlegenheit zu helfen, und erzählte von den
armen Pariser Kindern, denen Sie helfen konnten. Madame Geoffrin
streichelte Ihnen freundlich die Hand. »Das ist hübsch, sehr hübsch,
Frau Marquise,« sagte sie lobend, um Ihnen gleich darauf mit der neuen
Frage: »Haben Sie selbst kein Kind?« das Blut abermals siedendheiß in
die Wangen zu treiben.

Sie waren tief erschüttert von dem, was Ihnen begegnete, und es ist doch
nichts gewesen als eine alte Frau im Kreise ernster Männer. Sie fühlten
plötzlich: Ihre Welt hat alles, was schimmert und funkelt -- Reichtum,
Schönheit, Esprit -- aber nur Kurzsichtigen täuscht dieser Glanz Feuer
vor, kein Frierender kann sich daran wärmen; die Flamme der
Begeisterung, die leuchtet und glüht, brennt auf unseren Altären.
Fräulein von Lespinasse ist eine Sterbende, Madame Geoffrin eine alte,
einfache Frau, Madame Dudeffant eine blinde Greisin, Frau von Epinay
eine Schwerkranke --, und doch strömen bei ihnen all die Männer
zusammen, die die Könige Himmels und der Erde entthronten, so daß, wer
jetzt vor ihnen kniet, nur zu Phantomen noch betet.

Woher kommt das? fragen Sie. Weil diese Frauen zuerst bei sich die
Tyrannei des Herkommens, der Gesellschaft, der Küche und -- der Ehe
zertrümmert haben. Weil sie in diesem Kampf ihre Menschlichkeit
zurückeroberten, und nun erst Freundinnen, Beraterinnen, Trösterinnen
sein konnten.

Herr von Condorcet hat Ihnen seine Ideen über die Befreiung der Frauen
von einem Jahrtausende alten Joch entwickelt. Innerhalb der ungeheuren
Umwälzung, die sich vorbereitet, wird dieser Kampf eine maßgebende Rolle
spielen. Sie dürfen damit nicht verwechseln, was man Ihnen von dem
Frauenklub, den Fräulein Raucourt gegründet hat, erzählte. Der Loge von
Lesbos gehören Weiber an, die, entweder von Liebe übersättigt, neue
Reizmittel suchen, oder an unbefriedigter Liebessehnsucht kranken. Sie
bemänteln ihre Wünsche nur mit den tönenden Phrasen von der
Gleichstellung der Geschlechter und glauben ihre Freiheit dadurch zu
dokumentieren, daß sie Männerkleider tragen und in den Kaffeehäusern mit
den Männern faullenzend umhersitzen, alle Probleme der Welt
beschwatzend.

Herrn von Condorcets Bestrebungen haben damit nichts zu tun; er wünscht
nicht die Freiheit von der Sitte, sondern die sittliche Freiheit. Ist
es nicht eine innere Notwendigkeit, daß Sie zu uns gehören?

Ich schicke Ihnen Rousseaus »Emil«, den Madame Geoffrin Ihnen so
dringend zu lesen empfahl. Ob seine Probleme Ihnen nicht noch allzu fern
liegen?


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 30. Mai 1776._

Die Nachricht vom Tode unserer teuren Julie, der für sie eine Erlösung
ist, für all ihre Freunde aber ein unersetzlicher Verlust, ging mir
zugleich mit Ihrem inhaltsreichen Briefe zu.

»Sie mißverstehen mich;« schreiben Sie. »Wenn mich die stille Größe all
dieser Menschen so sehr ergriff, so vielleicht gerade darum, weil ich
nur der Zuschauer dieses Schauspiels sein kann. Ich habe eingesehen, daß
ich viel zu klein bin, um mich neben sie stellen zu dürfen. Madame
Geoffrins Fragen fühle ich wie ein Brandmal. Ich möchte nicht eher zu
ihr gehen, als bis ich ihr antworten und ohne Schamröte ins Auge sehen
kann. Rousseaus wundervolles Buch ist eine Offenbarung für mich.«

Mir ist, als finge ich an, Sie zu verstehen. Sie erzählten mir von Ihrem
Sohn, und klagten sich an, ein Gefühl der Mutterliebe niemals empfunden
zu haben. Hier sprach die Natur deutlich genug: in einem Ueberschwang
der Empfindung sollten Sie nicht daran denken, sie bekämpfen zu wollen.
Ihrem eigenen Kinde nur dürfen Sie leben, dem Kinde, das ein Pfand
freier Liebeshingabe ist. O, daß Sie dieses Augenblickes noch warten
wollten!


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 3. Juni 1776._

Sie haben warme Worte der Teilnahme an mich gerichtet, teuerste Frau;
Sie fühlten die ganze Zerrissenheit meines Herzens angesichts dieses
Todes: Ich habe meiner wunderbaren Freundin nicht sein können, was sie
mir sein wollte; ihre blasse Leidensgestalt ergriff mein Herz, ihr
Verstand entzückte meinen Geist, aber für meine Sinne blieb sie nur
meine Schwester. Als ich Ihnen begegnete, schönste Zauberin, war alles
was in mir lebte, hingerissen, entflammt, und ich Unglückseliger besaß
nicht genug Stärke, um vor der armen Julie heucheln zu können. Das ist
meine Schuld, von der kein Beichtiger mich freizusprechen vermöchte,
auch wenn ich an die Macht der Sündenvergebung zu glauben imstande wäre.
Daß aber Sie sich mit Vorwürfen quälen, Sie, die Sie grausam genug sind,
meine Anbetung nur zu empfangen, wie ein Götze die Opfer -- kühl,
unnahbar --, das schmerzt mich tief. Muß sich die Sonne schämen, weil
sie leuchtet und arme Sterbliche ihre Strahlen suchen?!

An einen warmen Blick Ihrer Augen, an einen leisen Druck Ihrer Hand
hoffte ich oft mehr glauben zu dürfen, als an die Zurückhaltung Ihres
Wesens. O Delphine, war sie vielleicht nur der Ausfluß Ihrer Güte, Ihres
Mitleids für Julie?! Ich muß aussprechen, was meine größte Sünde ist: am
Sarge der Unglücklichen schlägt meine selig-unselige Hoffnung die
sehnsuchtsgroßen Augen auf. Werde ich Vergebung finden?


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 12. Juni 1776._

Meine verehrte Frau Marquise, Ihnen zuerst, der ich so viel verdanke,
sei die Nachricht mitgeteilt: das Unternehmen ist gesichert. Herr von
Vergennes hat mir vorgestern die Summe angewiesen, die es mir ermöglicht
zusammen mit den Geldern, die in Ihrem Salon gesammelt wurden, die
ersten Schiffe anszurüsten! Ist es auch nur ein schüchterner Anfang, so
fühle ich mich doch der Sache sicher, denn die Regierung, die den ersten
Schritt getan hat, wird weiter gehen müssen, wenn sie sich nicht selbst
desavouieren will.

Der Herr Kriegsminister hat mich, wohl infolge der Empfehlung durch den
Grafen Guibert, -- deren Wärme nur eine Frau entzünden konnte! -- auf
das liebeswürdigste empfangen. Glauben Sie mir nun, daß Venus eine
Kriegsgöttin ist?

Ich habe jetzt die Arbeit von hundert Köpfen zu verrichten, was mein
Herz nicht hindert, immer für Sie frei zu sein. Wenn Rodrigue Hortalez
--, Sie erinnern sich, daß der Deckname unsrer Reederei schon feststand,
als wir noch keinen Sou im Vermögen hatten! --, in Bordeaux und
Marseille Waren kauft und Schiffe verfrachtet, wird Beaumarchais am Hofe
von Versailles, dessen Tore die schönsten Hände der Welt ihm geöffnet
haben, den Schöngeist spielen. Wenn Hortalez den jungen Helden
Frankreichs, -- Lafayette und der Prinz Montbéliard werden unter den
ersten sein --, die Wege über den Ozean bahnt, wird Beaumarchais der
Königin von Frankreich die Rolle der Rosine einstudieren, und während
gekrönte Häupter nach Figaros Pfeife tanzen, wird er selbst als
gefesselter Sklave seiner Herzenskönigin dienen.

Ich sehe Sie schelmisch lächeln, wie damals, als Sie mich schwarz auf
weiß lesen ließen, daß »Herr von Beaumarchais ein Verschwender und ein
Geldschneider ist, daß er -- fi donc! -- Mädchen aushält.«

Wer täte dergleichen sonst in diesem tugendhaften Lande?! Etwa der Graf
Artois, der Herzog von Bouillon, der Graf von Chartres, der Prinz Rohan
-- Ihr Freund!! --, der für seine Verdienste Erzbischof von Straßburg
geworden ist und demnächst Herrn von Malesherbes ersetzen dürfte, um die
französische Literatur seiner sittlichen Empfindung anzupassen?!
Verleumdung -- nichts als Verleumdung, nicht wahr, schöne Frau? Werft
den Beaumarchais in die Bastille!

Zur Strafe für Ihr Mißtrauen verrate ich Ihnen die bösen Dinge, die ich
von Ihnen weiß.

Sie waren bei Madame Geoffrin. »Mais, voilâ ce qui est bon!« Mit diesen
sechs Worten regiert sie, so sagt man, alle Philosophen. Ich würde dem
König von Frankreich diesen Zauberspruch verraten, aber ich fürchte, er
wirkt nicht. Im Salon der Rue St.-Honoré werden nämlich den Schreihälsen
heimlich die Mäuler gestopft, ehe der Spruch ihnen den Mund verbietet.
In Versailles fehlt es zu diesem Zweck an überflüssigem Kuchen. Sie
sehen, Baron Holbach hat recht: nur das Materielle existiert!

Sie waren auch in der Kirche, aber nicht um den lieben Gott zu suchen,
dem man es übrigens nicht verdenken könnte, wenn er vor den Herrn
Philosophen in die dunkelste Kapelle flüchten würde. Sie hörten unsere
modernsten Priester, die nur noch à la grecque von Moral und Tugend
reden, weil das Wort »Religion« sie gar zu lächerlich machen würde.

Und man munkelt sogar, Sie hätten im Café de la Regence Linguets Journal
gelesen, jenes Chamäleons, der nur Eins in der Welt fürchtet: man könne
ihn in irgendeine Sekte oder Partei einreihen. Darum wechselt er rasch
die Farben, sobald er merkt, daß ein anderer dieselben trägt. Vor zehn
Jahren erklärte er emphatisch: »Der Arbeiter hat keinen Anteil an dem
Überfluß, dessen einzige Quelle seine Arbeit ist und von der Aufhebung
der Sklaverei hat er nichts gewonnen, als die Freiheit, zu verhungern,«
und heute beschimpft er Philosophen und Minister, so daß sein Blatt zum
Leibblatt des Adels geworden ist; denken und regieren kann seiner
Ansicht nach in Frankreich nur Einer: Monsieur Linguet selbst.

Ich muß Atem holen. Das war ein zu langer Satz für mich. Nur der Haß
konnte mich dieser Anstrengung fähig machen. Herr Linguet war nämlich
mein bester Freund.

Mein Vorzimmer steht voll Wartender. Weiß Gott, fast vergesse ich über
der reizenden Marquise die Befreiung Amerikas!


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 21. Juni 1776._

Sie empfangen mich nicht, teuerste Frau? Verletzte Sie mein Geständnis?
Nur um ein Wort, meinetwegen einen Gruß durch Ihre Zofe, bitte ich Sie!


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 30. Juni 1776._

Verehrte Frau Marquise. Der Diener wies mich ab, weil Sie krank seien,
und doch sah ich Sie gestern erst in Ihrem Wagen. Was bedeutet das?
Unsere gemeinsame Arbeit ist noch nicht zu Ende. Wir bedürfen grade
jetzt Ihres ganzen Einflusses, schöne Frau.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 6. Juli 1776._

Turgot ist gestürzt, Malesherbes geht, hinter ihnen blüht wieder die
Lust, der Leichtsinn, das Leben. Ich zürnte Ihnen, holde Delphine, weil
die Amazonen-Rüstung, in der Sie Sich gefielen, auch Ihr Herz grausam
umhüllte. Nun sehe ich erst: die reizende Streiterin im Kampfe der
Männer war nur die Windsbraut, die den Winter vertreiben half.

Jetzt schüttet Flora wieder ihr ganzes Füllhorn über unsere Gärten und
in einem Regen von Rosen kehrt Delphine uns zurück. Sie warfen den
Panzer von sich; endlich sah ich wieder, daß der Atem den schönsten
Busen leise bewegt; Sie legten das Schwert aus der weißen Hand; endlich
war sie wieder frei für meine Küsse.

Warum zögerten Sie, als die Königin Sie bat, in dem neuen Singspiel
unseres Hofdichters mitzuwirken? Weil Herr von Laharpe nicht Herr von
Beaumarchais ist, oder der Graf Chevreuse nicht -- der Graf Guibert? Ich
würde trostlos sein, wenn Sie nicht verraten hätten, daß der Rivale von
Ihrem Herzen noch nicht vollständig Besitz ergriff.

»War es amüsant in den Bädern am Barrêge?« frugen Sie mich; »Sie waren,
wie ich höre, in lustiger Gesellschaft!« Dabei zuckte es um Ihren Mund,
und der Ton Ihrer Stimme war ein Dolch, der mich armen Sünder
durchbohren sollte. Sie versuchten sogar mir Ihre Hand zu entziehen, die
ich in überströmender Dankbarkeit für dies Zeichen Ihrer Eifersucht, an
meine Lippen preßte.

Ja, süße Delphine, es war sehr amüsant, und Mademoiselle Duthé eine
reizende Trösterin für Ihre Untreue!

Meinen Sie, Guy Chevreuse könne ehrerbietig wartend im Vorsimmer stehen,
bis seine Gebieterin die Gnade hat, ihn wieder zu empfangen? Jeder
vertreibt sich die Zeit nach seinem Geschmack: Die Marquise, indem sie
mit dem Grafen Guibert -- philosophiert, und mit Herrn von Beaumarchais
intriguiert, der Graf, indem er in den Bergen mit einer kleinen Freundin
-- die Natur bewundert.

Müssen wir einander nun mit Vorwürfen quälen? Die Liebe, schönste Frau,
hat weder Vergangenheit, noch Zukunft, nur Gegenwart. Sie ist wie der
farbenleuchtende Schmetterling, den wir gestern über den Oleanderblüten
gaukeln sahen: wer denkt daran, daß er eine häßliche Raupe war, wer
wüßte nicht, daß man ihn spießen muß, um ihn zu erhalten?...

Wollen mir morgen unsere Rollen zusammen lesen, verehrte Marquise? In
Ihrem blauen Boudoir, dessen Blumenteppich die Wiese vorstellen kann,
auf der wir tanzen, dessen Nische mit den schwellenden Kissen auf dem
Diwan und den goldenen Amoretten, die darüber die Vorhänge lächelnd
heben, die Laube sein soll, in der wir uns finden?


Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, am 8. Juli 1776._

Meine Liebe! Ihr rascher Entschluß, nach Froberg zurückzukehren, ist ein
erfreuliches Zeichen Ihrer Einsicht. Ich ersehe daraus, daß wir uns die
peinlichen Auseinandersetzungen über Ihre Unterstützung der Kriegspartei
hätten ersparen können. Es war, wie ich von vornherein annahm, eine
Laune, die nur ein wenig zu weit ging. Sie haben den Sturz des
Ministeriums beschleunigen helfen, und erwarben sich dadurch nicht nur
meine Anerkennung, sondern auch ein Recht auf meine Nachsicht für Ihre
übrigen Eskapaden.

Zu ihrer Ankunft ist alles bereit. Ich werde auch Ihren Wunsch, unseren
Sohn zu Ihrem Empfang kommen zu lassen, gern erfüllen, obwohl ich diese
überraschende Anwandlung von Sentimentalität nicht verstehe.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 12. Juli 1776._

Seltsam: auf einmal ist mir, als wäre meine Liebe eine Blume mit tiefen,
starken Wurzeln. Hätte ich Sie bisher nicht geliebt, ich müßte Sie um
des Abschieds willen lieben, den Sie mir geben.

Meine Zunge und meine Feder sind um Worte nie verlegen gewesen, heute
versagen sie den Dienst. Ich kann nur ein Echo Ihrer Stimme sein, und
antworte Ihnen darum mit Ihren eigenen Worten:

»Noch sah ich überall: auch das süßeste Liebesglück hinterläßt
schließlich nichts als Wunden. Ich aber möchte mich seiner erinnern
können, wie man im Winter an einen sonnigen Sommertag denkt. Ich möchte
nicht, daß Eitelkeit, Mitleid, Respekt vor der Tugend der Treue die
Existenz eines Gefühls vorzutäuschen versuchen, das schon entschwand.
Wir wollen darum den Schmetterling, statt ihn zu spießen, in der blauen
Luft davonflattern lassen.«

Folgen Sie ihm nicht mit den Blicken, holde Delphine; mir gingen im
Nachschauen die Augen über, denn der helle Himmel blendet so sehr. Ich
möchte Ihnen auch diesen Schmerz ersparen.



DAS KIND



Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 30. September 1777._

Endlich! Sie hatten mich, teuerste Marquise, durch Ihr monatelanges
Schweigen auf die Folter gespannt. Stellten Sie Ihre Freunde schon durch
Ihre fluchtartige Abreise vor ein Rätsel, wie viel mehr durch Ihr
völliges Verstummen. Die abenteuerlichsten Gerüchte trug man einander
zu: daß Sie mit einem Liebhaber entflohen seien; daß Sie sich in ein
Kloster zurückgezogen hätten. Schließlich verschwand Ihr Name aus der
Chronique scandaleuse; die sturmbewegten Wellen unserer raschlebigen
Zeit peitschten darüber hinweg; nur wer sich selbst noch nicht ganz
verliert, dem blieben auch Sie unverloren.

Haben Sie Dank, wärmsten Dank, daß Sie in Ihrem Kummer meiner gedachten.
Sie gaben mir damit den kostbarsten Beweis Ihrer Freundschaft. Nur daß
Sie über ein Jahr stumm gelitten haben, mache ich Ihnen zum Vorwurf,
nicht, weil ich Ihr Vertrauen teile, der Einzige zu sein, der zu helfen
vermag, sondern weil die Aussprache an sich schon Erleichterung
bedeutet. Es ist eine der wertvollsten Errungenschaften unsrer Epoche,
daß wir unsere eigenen Gedanken denken, unsere eigene Sprache sprechen
lernten.

Sie haben sich, wie Sie schreiben, ganz Ihrem Sohn gewidmet, nachdem Sie
ihn durch »einen wahren Feldzug von Kämpfen und Intriguen,« sich erst
erobern mußten; und mit einer Ehrlichkeit, die zu der Sentimentalität
der meisten Frauen, die sich heute ihrer Mutterschaft erinnern, in
erfreulichem Gegensatz steht, fügen Sie hinzu: »mich trieb nicht die
Liebe, sondern nur das Gefühl einer heiligen Pflicht, deren Erfüllung
meinem Leben Inhalt und Ziel geben sollte.«

Ich habe den Satz zehnmal gelesen, ehe ich mir vorzustellen vermochte,
daß von den Rosenlippen der Marquise Delphine so schwere Worte fallen
konnten, und erst als ich weiter las, sah ich Sie wieder lebendig vor
mir: »aber die Aufgabe erhebt mich nicht, sie drückt mich nieder,«
schreiben Sie. Ein Tempel der Mutterliebe sollte das Schlößchen sein,
das sich im Park von Froberg am Ufer des Sees weiß und leuchtend erhebt.
»A L'Enfant« ließen Sie in goldnen Lettern über die Türe meißeln, wo
kurz vorher »Mont de ma joie« gestanden hatte. Die schönsten Blumen
ließen Sie pflanzen, mit Tieren aller Art bevölkerten Sie den Park --
»die Natur selbst sollte meines Sohnes Erzieherin sein.« Und dann kam
das Kind; »es zerpflückte und zertrat die Blumen, es schlug nach dem
sanften Reh und dem kleinen Kätzchen, es warf mit Steinen nach den
Tauben,« und seine Häßlichkeit zwang Sie, alle Spiegel aus den Zimmern
entfernen zu lassen, um sie nicht verzehnfacht um sich zu sehen.

Was soll ich tun? fragen Sie mich verzweifelt; alle Mittel, das Kind zu
beeinflussen, sind erschöpft; seine Neigungen bleiben roh, wie die
Umgebung, aus der es seine ersten Eindrücke empfing. Vielleicht waren
Sie zu gut für diesen kleinen Wilden; vielleicht bedarf es nur eines
Mittels, seine unbändige Tatkraft in richtige Wege zu leiten; vielleicht
fehlt ihm der Ernst und die Strenge eines männlichen Erziehers.

Sie erwähnen Ihres Herrn Gemahls nicht, und ich darf wohl annehmen, daß
er sich selten in Froberg aufhält, da ich ihm in Paris häufig begegne
und man sogar von der Möglichkeit seines Eintritts in das Ministerium
schon gesprochen hat. Er scheint sich also wenig um seinen Sohn zu
kümmern.

Werden Sie mich recht verstehen, wenn ich Sie darum bitte, mir zu
gestatten, zu Ihnen zu kommen? Nur als ein Gast zunächst und als ein
Freund, dem nichts mehr am Herzen liegt, als Ihnen helfen zu können, der
aber mit einem bloßen Rat nicht zu helfen vermag, solange er sich nicht
durch eigenen Augenschein ein klares Bild von der Lage der Dinge hat
machen können.

Ihrer Antwort sehe ich klopfenden Herzens entgegen. Ein Ja würde den
düsteren Nebel, der seit Monaten mein Leben verschleiert, wie mit einem
ersten Sonnenstrahl durchbrechen.

Seit dem Tode der Lespinasse und der Geoffrin bin ich, wie viele mit
mir, heimatlos geworden. Niemand und nichts hat für das Verlorene einen
Ersatz schaffen können. Mit dem fehlenden geistigen Mittelpunkt, um den
sich die ersten Männer Frankreichs versammelten, lockert sich auch mehr
und mehr ihr geistiger Zusammenhang. Müssen wir es doch jetzt erleben,
daß der aufs neue wütend entfachte Kampf zwischen den Anhängern Glucks
und denen Piccinis auch die Reihen der Encyklopädisten in zwei
feindliche Lager teilt.

Mehr denn je gehen die Männer in ihre Klubs und Kaffeehäuser; die Frauen
dagegen haben in den überhandnehmenden Teevisiten ein Mittel des
Zusammenseins gefunden. In der Vergröberung der Sitten meine ich jetzt
schon den Fortfall des zugleich anregenden und mildernden weiblichen
Einflusses im Leben der Männer zu spüren; treffen sich die beiden
Geschlechter bei festlichen Gelegenheiten, so herrscht zwischen ihnen,
die geistig nicht mehr miteinander leben, nur die Atmosphäre schwüler
Sinnlichkeit.

Sie sehen, es wäre für mich eine Erlösung, die Mauern von Paris hinter
mir zu haben; Sie müssen aber auch wissen, teuerste Marquise, daß ich
das Glück, bei Ihnen zu sein, selbst seinen größten Genüssen vorziehen
würde.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 3. Oktober 1777._

Meine Liebe, die Nachricht, daß der Kaiser von Österreich noch diesen
Monat nach Straßburg kommt, veranlaßt mich, schleunigst dorthin
abzureisen, ohne Froberg zu berühren. Er befindet sich auf dem Wege nach
Paris und es ist von größter Wichtigkeit, den Monarchen vor der
Begegnung mit seiner erlauchten Schwester, der Königin von Frankreich,
zu sprechen und, wenn irgend möglich, zu beeinflussen. Er reist zwar,
ein moderner Harun al Raschid, als einfacher Edelmann, sollte aber
trotzdem vom elsässischen Adel kaiserlich empfangen werden. Ich muß
daher in diesem Falle darauf bestehen, daß meine Gemahlin in unserem
Hotel die Honneurs macht, wobei ich nicht unterlassen will, zu bemerken,
daß ich es endlich müde bin, nach Monaten der Nachsicht, die Marquise
Montjoie die Rolle einer Kinderfrau spielen zu sehen. Engagieren Sie so
viel Personal, als Sie es für nötig finden, aber schützen Sie unser Haus
vor den wahnwitzigen, alle gute Tradition umstürzenden Ideen der Pariser
Philosophen; sie führen unser Vaterland dem Verderben entgegen;
wenigstens die Familie will ich vor ihnen gerettet wissen.

Wie wenig besonders Herr Rousseau, auf den Sie sich zu berufen pflegen,
das Vertrauen verdient, das Sie in seine Erziehungsprinzipien setzen,
habe ich jetzt erst erfahren. Ganz abgesehen davon, daß er durch seine
Undankbarkeit jeden seiner Gönner vor den Kopf stieß, hat er es --,
nachdem er schon fast vergessen war --, für nötig befunden, seine
Memoiren zu schreiben, die, was Mangel an Diskretion, an Takt und
Schamgefühl betrifft, aller Beschreibung spotten sollen. Er liest sie
gegenwärtig in Pariser Salons vor und hat erreicht, was offenbar seine
einzige Absicht war: wieder von sich reden zu machen. Intimste
Erlebnisse, die Menschen von guter Lebensart ebenso sorgfältig dem
Anblick Fremder entziehen, wie ihre körperlichen Mängel und Gebrechen,
schildert er mit derselben Behaglichkeit, mit der sich die Schweine in
ihrem eigenen Schmutze wälzen, und bis in die Kreise des Hofes hinein
gibt es Leute, die vor diesen Bekenntnissen der »Wahrheit und
Natürlichkeit« bewundernd in die Kniee sinken; die Marquise Girardin ist
sogar soweit gegangen, dem Verfasser ihr Schloß Ermenonville als
Zufluchtsort anzubieten.

Auch sonst mehren sich die Zeichen der gesellschaftlichen Auflösung.
Hatte man bisher nur ganz im stillen gewagt, die Handlungsweise des
Marquis Lafayette und seiner Freunde, -- zu denen ja leider auch der
Prinz Montbéliard gehört --, zu entschuldigen, während die
einflußreichen Kreise der Gesellschaft in der Verurteilung der
französischen Offiziere und Aristokraten einig waren, die ihren Degen in
den Dienst von Insurgenten, und damit gegen das Königtum zu stellen
wagten, so beginnt man jetzt, sich in aller Öffentlichkeit für sie und
damit für die Sache, der sie dienen, zu begeistern. In einigen
Journalen wird bereits dem offenen Kriege gegen England das Wort geredet
und wir können uns im Augenblick glücklich schätzen, daß wenigstens Herr
Necker, in Rücksicht auf die Finanzen, hirnverbrannten Plänen wie diesen
abgeneigt ist. England bekämpfen, hieße die amerikanische Republik
unterstützen und die Berechtigung der republikanischen Ideen auch bei
uns anerkennen. Ich hatte kürzlich eine ernste Aussprache mit Herrn von
Vergennes, aber so sehr mir der Minister prinzipiell recht gab, so sehr
scheint er praktisch durch seine unvorsichtige geheime Unterstützung von
Herrn von Beaumarchais' amerikanischen Unternehmungen bereits engagiert
zu sein.

Wir haben also zunächst nur an Herrn Necker einen Rückhalt. Dieser
bourgeoise Genfer Bankier, dem man die Ordnung der Finanzen Frankreichs
anvertraute, aspiriert jedoch leider den Ministerposten und damit eine
Hofstellung, und der König, in unbegreiflicher Nachgiebigkeit gegenüber
der nivellierenden Zeitströmung, zieht ihn bereits ganz in sein
Vertrauen.

So sehr man sich diesen Herrn als ein notwendiges Übel gefallen lassen
muß, so gehört er doch ebensowenig in unsere Intimität, wie ein
Haushofmeister, dem man seinen Weinkeller anvertraut.

Hofften wir bisher, auf die Königin rechnen zu können, -- ich glaube
sogar, daß Ihr Einfluß, meine Liebe, nicht zu unterschätzen gewesen
ist, und der Fall Turgots, der klüger und darum weit gefährlicher war
als Necker, auf das vorübergehende politische Interesse der Königin
zurückgeführt werden kann, -- so ist jetzt, wo die Gräfin Polignac und
die Prinzessin Lamballe nichts als ihre teils sentimentalen, teils
luxuriösen Neigungen unterstützen, und die vergebliche Hoffnung auf
einen Thronerben den König ihr entfremdet, keine Rede mehr davon. Sie
spielt Komödie, sie tanzt, sie erteilt Schneiderinnen, Künstlern und
Poeten Audienzen, -- das ist die harmlosere Seite ihres Lebens --, sie
erlaubt nicht nur dem Prinzen Artois, sondern auch den Kavalieren des
Hofs, ihr zu huldigen, als wäre sie keine Königin.

Alle dem gegenüber werden Sie begreifen, daß der Besuch des Kaisers von
Österreich von größter Bedeutung ist.

Ich erwarte, daß Sie bereits Ende dieses Monats alle Anstalten zu
unserem Straßburger Aufenthalt getroffen haben werden.


Kardinal Prinz Rohan an Delphine.

_Straßburg, am 18. Oktober 1777._

Es bedurfte also eines gekrönten Hauptes, um unsere schöne Marquise aus
der selbstgewählten Verbannung zurückzurufen! Ich war entzückt, als ich
auf meiner gestrigen Ausfahrt über den Platz St. Pierre le Jeune, die
Pforten Ihres Hotels offen fand, und ich beeile mich, mit diesen Blumen
und Konfitüren an die mir hoffentlich nicht immer verschlossene Pforte
Ihres Herzens anzupochen. Sie haben für Ihre reizenden Sünden genug
gebüßt; ich spreche Sie los und ledig, Frau Marquise!

S. M. der Kaiser wird mir die Ehre erweisen, morgen nach der Parade das
Frühstück bei mir einzunehmen. Der Herr Marquis hat seine Teilnahme
zugesagt; darf ich auch auf die Ihre rechnen? Ein Fest ohne Sie wäre
keins, auch wenn alle Monarchen der Welt zusammen kämen.

Für den »Barbier von Sevilla«, -- durch dessen Aufführung wir dem
gekrönten Puritaner wohl beweisen wollen, wie wenig wir uns durch die
Satire des Stücks getroffen fühlen! --, stelle ich Ihnen meine kleine
Loge zur Verfügung. Herr von Beaumarchais, dessen Anwesenheit in
Straßburg mich schließen läßt, daß eine politische Intrigue in der Luft
liegt, wird Sie dort ungestört begrüßen können, nachdem Ihr Herr Gemahl,
wie er mir soeben mitteilte, ihn zu empfangen nicht geneigt ist. Sie
sehen, schönste Frau, wie ich mich bemühe, Ihre unausgesprochenen
Wünsche zu erfüllen. Darf ich dafür hoffen, endlich zu dem Kuß
zugelassen zu werden, den Sie mir seit Chantilly schuldig sind?!


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Straßburg, am 25. Oktober 1777._

Verehrteste Frau Marquise, Sie haben es mir nicht glauben wollen, daß
die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Ihnen mir Straßburg anziehender
machte als die auf eine mögliche Begegnung mit dem Sohne Maria
Theresias? Wir, denen die Politik noch eine Kunst ist, bedürfen der
Frauen mehr, als die gekrönten Handelsreisenden, die sie als ein
Geschäft betreiben.

Nun haben Sie mich zwar mit größter Liebenswürdigkeit begrüßt, -- vor
dem ganzen Theater, in Ihrer großen Loge, ohne diskrete Vorhänge --,
aber ich bin ein zu guter Kenner aller Nüancen des Frauenlächelns, um
nicht empfunden zu haben, daß es weniger meinen Handkuß, als das
Stirnrunzeln des Herrn Marquis, das sarkastische Lippenkräuseln des
Herrn Kardinals hervorzurufen bestimmt war. Ich weiß darum nicht, ob ich
die reizende Marquise Montjoie noch als meine Aliierte betrachten darf.

Frauen sind wie Kinder: sie spielen jedes ihrer Spiele mit vollkommener
Hingabe aber ohne die geringste Ausdauer. Wenn es keine Könige gäbe,
würde ihr Wankelmut durch nichts übertroffen werden.

In diesem Fall wäre ich fast geneigt, ihn zu entschuldigen. Nicht, weil
Sie augenblicklich Mutter spielen und damit mehr tun als Rousseau, der
wie alle Priester sich auf bloßes Predigen seiner Lehre beschränkt hat,
sondern weil ich selbst häufig genug das Bündnis mit mir brechen möchte.

Sie wissen: seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten
ist unseren Philosophen ein Stein von der Seele gefallen, denn sie sehen
ihre Ideen verwirklicht, ohne selbst dabei sein zu müssen. Man brüstet
sich vor Stolz, daß der Abbé Mably von der jungen Regierung beauftragt
wurde, seine Prinzipien der Gesetzgebung zu einem Verfassungsentwurf
auszuarbeiten und man schwärmt begeistert für die kommunistische
Demokratie in -- Amerika. Ich, der Erste, der Frankreich für Amerika
engagierte, müßte mitschwärmen, aber seitdem Herr Franklin die Freiheit
und die Gleichheit repräsentiert, bin ich geneigt, die Despotie zu
vertreten.

Das Feuer der Begeisterung scheint auch bei den französischen Kämpfern
jenseits des Meeres, nach denen Sie, verehrteste Frau Marquise, sich mit
solchem Interesse erkundigen, um so niedriger zu brennen, je mehr sie
einsehen, daß die Göttin der Freiheit für die biederen Farmer und
kleinen Krämer doch nur ein Marktweib ist, das ihre Waren möglichst
teuer an den Mann bringen soll. Die Nachrichten über die kriegerischen
Erfolge lauten momentan nicht erhebend.

Ich wollte durch eine Politik, die eines Alexander würdig war, die Welt
reformieren, aber ich sehe ein, unsere Reformen schädigen uns heute noch
mehr als unsere Laster. Darum vertausche ich zu meiner Erholung das
Schwert, das sich in dem Riesenviehstall Frankreichs als Ersatz für eine
Mistgabel als unzureichend erweist, wieder einmal mit der Feder, die
wenigstens spitz genug ist, um einzelne Stücke allgemeinen Unrats
aufzuspießen.

Die guten Straßburger hätten es freilich lieber gesehen, wenn der
andalusische Barbier aus Sevilla sich über spanische Sitten lustig
machen würde, als französische Zustände zu kritisieren; ich habe ihnen
zu ihrer Beruhigung versichert, daß ich mein Stück gewiß spanisch
geschrieben haben würde, wenn Voltaire seine Lettres anglaises englisch
und Montesquieu seine Lettres persanes persisch geschrieben hätten. Daß
Sie mir übrigens zum Beifall des Kaisers gratulierten, beweist, wie
lange -- eine Ewigkeit von anderthalb Jahren! -- und wie weit Sie von
Paris entfernt sind. Nichts kompromittiert heute mehr als der Applaus
der Fürsten, und ich würde gestern an meinem Talent irre geworden sein,
wenn ich nicht zwischen dem Herrscher Österreichs in der grünen Uniform
und Herrn Benjamin Franklin in dem erdbraunen Quäkerrock eine
Ähnlichkeit entdeckt hätte: Beide freuen sich über meine Komödie nur
darum so sehr, weil sich ihre eigene Tugendhaftigkeit so strahlend von
dem dunklen Hintergrunde abhebt.

Darum wird mir auch die Ehre einer Audienz zuteil. Joseph II. ist ein
»aufgeklärter« Monarch, der Dichter und Denker zu schätzen weiß. Ich
verstehe: wie bisher in der Garküche der Welt alle Gerichte nur deshalb
hergestellt wurden, um den Gaumen hoher Herrn zu kitzeln, so sind heute
Gedanken und Gedichte für sie nichts weiter als Reizmittel für ihren
erschlafften geistigen Magen.

Erzählen Sie dem Herrn Marquis von der Ehre dieses Empfangs, dann wird
er nicht daran zweifeln, daß ich nur ein öffentlicher Spaßmacher bin,
und die Stirn nicht mehr in Falten ziehen, wenn die Lippen eines
Aventurier die schöne Hand seiner Gattin berühren. Bedürfen Sie jedoch
eines Funkens, um das Pulverfaß eheherrlichen Zorns zum Explodieren zu
bringen -- wie ich fast vermute! -- so sehen Sie mich mit Freuden auch
zu dieser Rolle bereit. Sie dürften ja von vornherein der Gefahr sich
bewußt sein, daß in Ihrer Nähe jeder Funken zur Flamme wird.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Straßburg, den 30. Oktober 1777._

Teuerste Marquise -- Welch eine Nacht liegt hinter mir! Angesichts der
Nachrichten aus Paris sah ich alle Träume meiner Jugend vor mir
auferstehen: Helden in Silberrüstung schlugen mit feurigem Schwert die
bösen Geister meines skeptischen Alters in die Flucht!

Saratoga gefallen -- die Engländer vernichtet -- Amerika befreit! Das
ist der Anfang einer neuen Epoche der Weltgeschichte! Wäre ich in Paris,
ich würde sogar Benjamin Franklin in meine Arme schließen!

Wir müssen die Stunden, die wir durchlebten, festhalten, damit sie unser
Leben noch erleuchten, wenn jede Erinnerung sich uns verdunkelte!

Wissen Sie noch, wie ich Ihnen nach der Tafel in der üppigen Bibliothek
des Prinzen Rohan, wo es mehr schwellende Sophas und tiefe Polsterstühle
als Bücher gibt, die Provinzkomödie schilderte, die Straßburg aus der
Tiefe meines Tintenfasses grinsend hatte auftauchen lassen. Ich
zeichnete Ihnen gerade die Porträts ihrer Helden: des Kardinals Rohan
als des Hauptes aller Gläubigen, wie er in der roten seidenen Soutane,
von Spitzen überrieselt, die an Wert seine Diözese aufwiegen, an der
weißen Hand einen Brillanten, den die ganze Krone Frankreichs nicht
ersetzen könnte, morgens an dem mit Rubinen und Smaragden besetzten
Missale die Messe zelebriert und sein »Apage Satanas« gegen alle
Aufklärer schleudert; des Prinzen Rohan sodann als den maître de plaisir
der besten Gesellschaft, wie er im goldgestickten Surtout mit gemalter
Weste, an der jeder Knopf eine kostbare Perle ist, abends vor der
beladenen Tafel kleinen Tänzerinnen mitleidig Durst und Hunger stillt
und sein Evoë allen Puritanern entgegenjubelt.

Ich höre noch Ihr helles Lachen, -- das ich schon ganz verstummt glaubte
--, als ich Ihnen auseinandersetzte, daß die beiden Helden notwendig von
einem Schauspieler gespielt werden müßten! Und ich sehe noch das Zucken
um Ihre Mundwinkel, -- war es unterdrückte Freude oder niedergezwungene
Empörung?! --, als ich Ihnen verriet, daß meine Bekanntschaft mit diesem
Kardinal und Prinzen mir das Rätsel, warum die Theologen sich neuerdings
so sehr bemühen, die Göttlichkeit Christi weg zu disputieren, gelöst
hat: welch ein Triumph wäre es für die Kirchenfürsten, die Autorität
dessen, der die Armut predigte, so erschüttert zu sehen!

Im Augenblick dieser blasphemischen Äußerung hörten wir Türen schlagen,
Stühle rücken, lautes Stimmengewirr, -- wir traten neugierig in den
großen Saal --, es war ein unvergeßlicher Anblick für den
Physiognomiker: alle Gemütsbewegungen malten sich auf den Gesichtern,
Zorn und Freude, Enttäuschung und Befriedigung, Haß und Liebe.

»Saratoga ist gefallen!«

Die jungen Offiziere ließen die Sporen klirren, das Gefolge des Kaisers
von Österreich verbarg hinter blassen festgeschlossenen Lippen seine Wut
und affichierte durch sein Schweigen seine monarchische Gesinnung,
während französische Aristokraten, ihren Jubel schwer unterdrückend,
mich umringten, um mir verständnisvoll die Hand zu schütteln.

Den Grafen von Falkenstein, -- wie der Kaiser von Österreich sich zu
nennen beliebt, um seines Menschseins ein wenig froh zu werden --, sahen
wir in ernstem Gespräch mit dem Kardinal Rohan und dem Marquis Montjoie.

»Sie konspirieren gegen die Freiheit«, sagte ich. Da fühlte ich Ihre
Hand auf meinem Arm, sah in ein glühendes Antlitz, in tränenfeuchte
Augen und hörte eine süße Stimme flüstern: »Ich bin noch Ihre Aliierte!«

War diese Nacht Fortuna selbst, die ihres Füllhorns ganzen Reichtum über
mich auszuschütten im Begriffe stand?! Ich zog Ihre Hand an meinen Mund,
der sekundenlang auf der weißen duftenden Haut zu ruhen wagte --, ich
sah auf, -- noch zitternd wie vom plötzlichen Fieber, da traf mich Ihr
Blick --

O, Frau Marquise, ich hatte wahrhaftig vergessen, daß ich Figaro bin --
nichts als Figaro!

Wenigstens will ich mich jetzt dieser Rolle würdig erweisen.

Die Ereignisse fordern meine schleunige Anwesenheit in Paris. Dieser
Brief, zwischen Nacht und Morgen geschrieben, ist mein schriftlicher
Abschied.

Leider muß ich erwarten, daß diese Eile Ihren Beifall findet: Figaro
sollte ja Erkundigungen einziehen nach dem »Jugendfreunde«, dem Prinzen
Montbéliard. Er wird es tun, und sollte er zu diesem Zwecke den Ozean
durchkreuzen müssen! Nur daß er lächelte, als Sie mit dem ernstesten
Gesichtchen von dem »Freunde« sprachen, dürfen Sie seiner
Menschenkenntnis nicht verargen. Glauben Sie wirklich an eine
Freundschaft zwischen Mann und Weib?! Sie ist entweder ein Deckmantel
für die Asche ausgebrannter Flammen, oder für die Glut entstehender!
Trotz alledem: Figaro hält Wort!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 5. November 1777._

Meine Liebe! Sie werden inzwischen eingesehen haben, wie sehr ich recht
hatte, als ich die Nachricht von unseres Sohnes Erkrankung nicht so
tragisch nahm wie Sie und Ihre Abreise von Straßburg zu verhindern
suchte. Der Anfall wäre auch ohne Ihre Anwesenheit vorübergegangen. Herr
Dr. Tronchin wird Sie gewiß inzwischen über den Zustand des Kindes
beruhigt haben.

Erwarten Sie übrigens nicht, daß ich über die eigentliche Ursache Ihrer
Abreise und Ihrer Weigerung mich zu begleiten, im Zweifel wäre. An Ihre
überschwengliche Mutterliebe werden Sie mich kaum glauben lassen,
nachdem Sie sich bis vor anderthalb Jahren um das Kind gar nicht
gekümmert haben, und ich seitdem oft genug beobachten mußte, wie Ihr
allzu sprechender Blick eher mit einem Ausdruck des Erschreckens als der
Zärtlichkeit auf dem Kleinen ruhte. Sie suchen vielmehr jeden Vorwand,
um sich von mir fern zu halten. Ihre Auseinandersetzungen über die
Gegensätze der Ansichten zwischen uns, die jede Annäherung verhinderten,
ist auch nur ein solcher.

Die Ehe ist kein Ministerium, sonst müßten ihre Teile ebenso häufig
wechseln, wie ein solches; sie ist aber auch kein Liebesverhältnis,
sonst würde sie vollends von kürzester Dauer sein. Sie ist vielmehr ein
Bündnis zum Zweck der Förderung gemeinsamer Familieninteressen. Von
diesem Standpunkt ausgehend, habe ich ein Recht, Ihre Teilnahme an
meinen Bestrebungen, die das Ansehen, den Reichtum, die Macht meiner
Familie zum Ziele haben, zu fördern. Daß dazu in erster Linie die
Sicherung unserer Erbfolge gehört, ist selbstverständlich. Unser Sohn
ist, -- ich bin, wie Sie sehen, ebensowenig blind wie Sie --, kein
erfreulicher Sproß unseres Hauses. Es ist nicht unmöglich, daß er nicht
alt wird. Ich, als der letzte meines Stammes, habe die Verpflichtung,
für die Erhaltung meines Geschlechts zu sorgen. Nur deshalb wählte ich
ein junges, blühendes Mädchen zu meiner Frau, ohne mich darum zu
kümmern, daß sie nichts weniger als eine gute Partie gewesen ist.

Ich denke, Sie verstehen mich jetzt, meine Liebe, und werden, sobald
ich zurückkehre, Ihr Benehmen darnach einrichten.

Mein Aufenthalt hier ist leider nicht so befriedigend, als ich gehofft
hatte. Zwar haben unsere Ratschläge den Kaiser von Österreich nicht
unbeeinflußt gelassen; seine große Einfachheit wirkt auf den Hof
sichtlich beschämend; auch das Volk begeisterte sich vorübergehend für
seinen schlichten Soldatenrock.

Eine Fischhändlerin, -- vermutlich die Geliebte irgend eines Philosophen
--, hatte sogar die Keckheit, ihm einen Blumenstrauß mit den Worten zu
überreichen: »Wie glücklich muß das Volk sein, das Ihre Tressen zu
bezahlen hat.«

Aber im allgemeinen finde ich meine Ansicht bestätigt, daß ein Monarch,
wenn er die Loyalität erhalten will, sich der Menge ebenso fern halten
soll, wie Gott den Gläubigen, den sie auch aufhören würden anzubeten,
wenn er ihresgleichen wäre. Der Kaiser von Österreich ging ohne Gefolge
spazieren, besuchte die Philosophen, ließ sich von Herr von Vaucanson
seine neue Spinnmaschine, von Buffon die geologischen Perioden erklären,
sah in den verschiedensten physikalischen Kabinetten den elektrischen
Experimenten zu, und schien diesen Dingen eine größere Bedeutung
beizulegen als den Fragen der Politik. Nach drei Tagen war er für Paris
kein Kaiser mehr.

Ob er gegenüber seinen erlauchten Verwandten seinen Einfluß im Sinne
des Friedens geltend gemacht hat, läßt sich heute noch nicht
feststellen. Der allgemeinen Stimmung sich zu widersetzen, dazu bedürfte
der König eines energischen Ratgebers. Alle Anstrengungen, die von mir
und meinen Freunden ausgehen, werden in ihren Folgen von vornherein in
Frage gestellt, wenn wir nicht einmal unser eigenes Haus von Leuten wie
Herrn von Beaumarchais frei halten können.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, 5. November 1777._

Meine teuerste Marquise! Schon fürchtete ich aus Ihrem Schweigen
schließen zu müssen, daß ich Sie in irgendeiner Weise verletzt haben
könnte. Und nun begegnet mir das große, unaussprechliche Glück, dessen
Fehlen wohl die Einsamkeit der Einsamen so fürchterlich macht: einem
Menschen notwendig zu sein!

Sobald ich hier die nötigsten Geschäfte erledigt habe, werde ich auf dem
raschesten Wege in Froberg eintreffen. Meine Freude würde mein Mitleid
überflügeln, wären Sie nicht sein Gegenstand. Arme Delphine! kaum
glaubten Sie sich dem Bann, der auf Ihnen lag, durch den Straßburger
Aufenthalt ein wenig entrissen zu haben, als er Sie durch die
schreckenerregenden Krämpfe des Kindes wieder in seine Gewalt bekam; und
nicht genug, daß die Angst Sie peinigt, Sie überlassen sich auch in
grausamer Selbstquälerei den Vorwürfen eines allzu zarten Gewissens.

Ist es Ihre Schuld, daß Sie, wie Herr Dr. Tronchin Ihnen sagte, zu früh
Mutter wurden? Ist es nicht Schuld der Gesellschaft, die es zur Sitte
werden ließ, daß die Töchter vornehmer Familien so früh als möglich --
verkauft werden? Ist es Ihre Schuld, daß Sie nicht warten durften, bis
Ihr Herz und Ihre Sinne den Vater Ihres Kindes wählten? Oder ist es
nicht abermals die unsühnbare Schuld einer bis ins innerste Mark hinein
verdorbenen Gesellschaft, daß sie die Ehe zu einem Geschäft erniedrigte
und damit die Liebe zu einem Laster werden ließ? Ist es wirklich Ihre
Schuld, daß der zarte Knabe einer derben Bäuerin zur Pflege anvertraut
wurde? Kein Gärtner ist in seinem Fach so ungebildet, daß er eine blasse
Treibhausrose in einen Küchengarten der Vogesen verpflanzen würde, aber
die Gesellschaft rühmt sich, ihre Glieder dann am besten erzogen zu
haben, wenn sie sich am weitesten von den Gesetzen der Natur entfernen.

Ich möchte Ihre Seele heilen, Frau Marquise, damit Sie die Dolchklingen
des Gewissens nicht mehr selbstmörderisch gegen sich selber zückt,
sondern gegen die großen Verbrecher wider die Natur: Staat und
Gesellschaft. Die Zeit kann nicht mehr fern sein, wo sich alle seine
unschuldigen Opfer wider ihn erheben. Wie Sturmzeichen wirkte schon der
Fall von Saratoga auf die Pariser: arme Handwerker und kleine
Staatsbeamte, die bis vor kurzem zu denken sich nicht erlaubten, sah ich
mit erhitzten Köpfen und aufgeregten Gebärden im Garten des Palais-Royal
zusammenströmen, als die Botschaft vom Siege der Freiheitskämpfer sich
verbreitete; einer von ihnen, ein stubenblasser Schneider, sprang auf
einen Stuhl und rief mit einer Stimme, die seine schmale Brust zu
sprengen schien: »Nun, Europa, folge nach!« Eine Stunde später war sein
Aufruf zum Refrain eines Liedes geworden, das heute schon die Kinder in
den Höfen singen.

Sie schrieben von dem einsamen Winter in Froberg, als ob Sie sich darum
bei mir entschuldigen müßten. Unsere hoffnungsvollen Träume sollen ihn
bevölkern!


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 16. April 1778._

Verehrte Frau Marquise. Seit meinem Abschied von Straßburg ist fast ein
halbes Jahr verflossen.

Mit den Farben der schönsten Frau geschmückt, vertraute ich mich, ein
zweiter Bayard, den Meereswogen an und lenkte mein Schiff durch wilde
Stürme und drohende Klippen dem fernen Ziele zu, das sie mir bestimmt
hatte. An unwirtlicher Küste warf mich ein rasender Orkan ans Land.
Mein Schwert hieb mir Bahn durch dunkle Urwälder, streckte gräßliche
Ungeheuer vor mir nieder, verteidigte mein Leben gegen Horden
feindlicher Rothäute und führte mich schließlich, sieggekrönt, in die
Stadt der weißen Marmorpaläste und goldenen Bildsäulen. Vor dem Tempel
der Freiheit, der wie die Sonne leuchtet, von Rosenbäumen, die hoch und
stark sind wie unsere Eichen, dicht umgeben, fand ich die Helden
Frankreichs auf purpurnem Pfühle von ihren Taten ruhen; die holdesten
Töchter des Landes wuschen den Staub von ihren Füßen und boten ihnen
lächelnd die Blüte ihrer Jugend dar.

Sie schütteln den Kopf, Frau Marquise, Sie glauben mir nicht? Sie
behaupten, Beaumarchais habe Frankreich nicht verlassen? Wissen Sie
vielleicht ebenso genau, wo Figaro inzwischen gewesen ist?! Mit Eiden,
so heilig, wie das Keuschheitsgelübde der Priester und der Treueschwur
der Gatten, bezeuge ich Ihnen, daß er vor dem Tempel der Freiheit seine
Andacht verrichtete und den Prinzen Montbéliard, den tapferen Kämpen,
begrüßte.

Sie glauben mir noch nicht, Frau Marquise?! Wehe, wenn sogar bei Ihnen
die verderbte Zeit den Glauben an die unverbrüchliche Heiligkeit des
Eides zerstörte!!

Kurz und gut: der Prinz ist gesund, hat sich geschlagen wie ein
Franzose, wird angebetet wie Apoll, und ist keusch wie Joseph.

Nicht wahr, nun blättern Sie geärgert die nächsten Seiten meines
Briefes um: »Habe ich ihm erlaubt, mir mehr zu schreiben?!« sagen Sie.
Und doch müssen Sie mir zuhören, denn durch mich kommt in diesem
Augenblick nicht nur Paris, sondern die Welt zu Ihnen, nachdem
Jean-Jacques Sie dem Einen entzog, der Anderen entfremdete.

Voltaire ist in Paris! Das Pariser Parlament verbrannte seine Bücher,
die französische Regierung trieb ihn aus seinem Vaterlande, aber seine
Ideen stiegen, die Welt erleuchtend, aus dem Scheiterhaufen bloßen
Papiers, und jedes Jahr seiner Verbannung bahnte ihm mit Feuer und
Schwert den Weg nach Frankreich.

Das Erscheinen eines Propheten und Apostels hätte in Paris keine größere
Begeisterung entfachen können, als das seine. Alle anderen Interessen
traten zurück: die Kriegsgerüchte, die Hofintriguen, selbst der große
Kampf zwischen den Piccinisten und den Gluckisten. Das Parlament
verstummte, die Sorbonne zitterte, die Enzyklopädisten, die sich sonst
als Riesen gebärdeten, erschienen wie Zwerge. Und der König, eben
gewillt, sich daran zu erinnern, daß der Ausweisungsbefehl gegen
Voltaire noch nicht aufgehoben ist, fühlte plötzlich, daß es größere
Mächte gibt, als die der Majestät von Frankreich.

Nach Voltaires Ankunft drängte sich ganz Paris zu seiner Huldigung und
mit jenem Esprit, jener Grazie und Höflichkeit, die nur er aus der
Vergangenheit in die rauhe Gegenwart hinübergerettet hat, antwortete er
jedem einzelnen.

Dann kam der Tag, der die Erfüllung seines Lebens war. Mittags empfing
ihn die Akademie; sämtliche ihrer Mitglieder, mit Ausnahme der Bischöfe,
die sich hatten entschuldigen lassen, gingen ihm bis zum Portal
entgegen, -- eine Ehre, die noch keinem, selbst dem König nicht, zuteil
geworden ist. Er stieg aus der Kalesche: klein und schmal mit der grauen
Perücke, wie er sie schon vor vierzig Jahren trug, über der blassen
Stirn, dem roten pelzverbrämten Samtrock um die fleischlosen Glieder,
und den breiten Spitzenmanschetten über den schmalen gelben Händen,
deren lange Finger an die Krallen seines Geistes gemahnten, die er, ein
blutdürstiges Raubtier, allem niedrigen Gezücht in die Flanken schlug,
-- da neigten sich jene Unsterblichen, die ohne ihn sehr sterblich
geblieben wären, vor einem einzigen blitzartig aufzuckenden Blick seiner
Augen.

Doch die Huldigungen der Akademie waren nur das Präludium dessen, was
ihn im Theater der Nation erwartete. Der Einzug eines Triumphators war
schon sein Weg vom alten Louvre bis zu den Tuilerien: Tausende säumten
die Straße, alle Rangunterschiede vergessend; die roten Hacken der
Kavaliere berührten sich mit den Holzschuhen der Handwerker, die
seidenen Polonaisen der Damen mit den blauen Schürzen der Mägde. Im
Theater empfing ihn frenetischer Jubel. Alles erhob sich, als er
eintrat; von der ungeheuren Bewegung zitterten die Kerzen, das Rauschen
der Kleider war wie fernes Wellenbrausen, und als eine reizende Schöne
das greise Haupt des großen Mannes mit Lorbeer krönte und alle Blumen,
die eben noch Haar und Busen der Frauen geschmückt hatten, ihm zuflogen,
da schien der Augenblick gekommen, wo Intoleranz und Fanatismus,
gefesselte Giganten, der Göttin Vernunft zu Füßen gezwungen wurden.

Dunkle Nacht empfing den Gefeierten, als das Theater sich hinter ihm
schloß; aber kaum erschien er auf der Freitreppe, so flammten schon
ringsumher Fackeln auf, unter denen sich eine unabsehbare schwarze
Menschenflut auf und ab bewegte. War sein Antlitz bisher fast unbewegt
geblieben, so sah ich ihn jetzt erbleichen, sah seine Augen sich weiten,
sah wie die Arme, die eben noch schwer auf den Schultern seiner
Begleiter gelegen hatten, sich aufwärts bewegten, wie die wächsernen
Hände sich streckten.

Der Priester der zukünftigen Religion segnete die Menge. Ihr feierliches
Schweigen bewies, daß sie ihn verstand.

Im Augenblick aber, da er, wieder ein müder Greis, auf die Freunde
gestützt, die Stufen hinabzuschreiten begann, rief einer von unten, den
niemand sah, der aber die Stimme aller zu sein schien, mit dem
getragenen Tonfall des psalmierenden Kirchenchors:

    »Je suis fils de Brutus et je porte dans mon coeur
    La liberté gravée et les rois en horreur.«

Im Takt seiner eigenen Verse, die, ein unendliches Echo, von der
Menschenmauer zu beiden Seiten der Straße widerklangen, fuhr Voltaire
durch die Straßen. Erst die Ehrfurcht vor dem Schlaf des Erschöpften
brachte sie vor seinem Hause zum Verstummen.

Daß uns unser gefährlicher Konkurrent, die Weltgeschichte, mit ihren
großen Tragödien und kostbaren Lustspielen immer wieder als jämmerliche
Stümper erscheinen läßt, sind wir nachgerade gewöhnt, daß sie uns aber
auch mit der Aufführung der ergreifendsten Pantomime zuvorkam, ist
beschämend. Herr Cochin, der Sekretär der Kunstakademie, der nicht
aufhört zu verkünden, die Zukunft der Bühne gehöre der Pantomime, darf
heute neben Voltaire den Triumphator spielen.

Nur in der Moral könnte die Weltgeschichte von uns Komödienschreibern
lernen: wir entlassen unser Publikum im Augenblick der höchsten Gefühle:
in seinem Schnupftuch trägt es seine Rührung, seine Erschütterung und
Begeisterung nach Hause, wenn das Stück zu Ende ist.

Aber die Weltgeschichte! -- hören Sie selbst:

Herr von Voltaire fühlte sich leidend --, sei es, daß er zu viel vom
Champagner der Huldigungen getrunken hatte oder zu wenig, denn die
Flasche aus den königlichen Kellern fehlte noch! -- Man schickte ihm den
Arzt, aber er verlangte nach -- dem Priester. Der Abbé Gauthier kam in
fliegender Eile; es galt einen fetten Bissen für die Kirche! In einem
Schlafgemach, das mehr dem Tempel der Wollust als dem Heiligtum der
Musen glich, -- Herr von Villette, Voltaires Freund und Gastgeber,
huldigt wie die Weisen Griechenlands dem Kultus jener Liebe, die unsere
christliche Moral zwar verdammt, unsere antike Bildung aber großzüchtet
--, nahm er die Beichte des Ketzers entgegen. Wäre der Kranke gleich
danach gestorben, sein letztes Wort würde nicht, wie wir großen Dichter
es auf der Bühne wirkungsvoll arrangiert haben würden, »écrasez
l'infâme« gewesen sein, sondern: »ich sterbe in der heiligen
katholischen Religion...«

Daß der König ihn trotz dieses reumütigen Bekenntnisses nicht empfing,
als er wieder genesen war, hat Herrn von Voltaire sehr gekränkt!

Aber unsere große Pantomime hatte noch mehr Mitwirkende, denken Sie. Das
Alter hinderte den Patriarchen, die Rolle des Helden bis zu Ende zu
spielen, das Schwert wurde ihm zu schwer. Die, die ihm zujubelten,
nahmen es auf.

Es scheint mir nachgerade, daß es törichter ist, den Glauben an die
Menschen zu bewahren, als den an Gott und alle Heiligen. Denn trotz
aller Beweise der Atheisten und der tausendneunundneunzig Paragraphen
des Baron Holbach gibt es schlagendere gegen den Menschen-, als gegen
den Gottesglauben.

Zwei Tage nach dem Triumph Voltaires führte mich die Neugierde zu einem
gewissen Herrn Mesmer, dem als Helfer in allen Leibesnöten ein
geheimnisvoller Ruf vorangeht. Um einen Tisch fand ich dicht gedrängt
eine Menge Menschen sitzen. Mit dem Ausdruck inbrünstiger Andacht
drückte ein jeder das Ende eines Stahlrohrs, das aus dem Tisch
hervorragte, an irgend einen, auch den unbeschreiblichsten Körperteil.
Dazu spielte ein schwarzgekleideter Mann Harmonika, und ein anderer ging
feierlichen Schrittes hin und her, die Fingerspitzen seiner Hände
sekundenlang auf die Köpfe der Sitzenden pressend. Es waren Leute mit
klingendem Namen darunter, -- die Herzogin von Granville, der Graf von
Artois, und sogar einer Ihrer »Freunde«, der Graf Chevreuse --, manche
von ihnen hatten vorgestern erst Voltaires Hand an die Lippen gezogen.
Und heute glauben sie an die magnetische Zauberei Herrn Mesmers, und
würden ihm am liebsten die unheilbarste aller Kranken anvertrauen:
Madame la France, -- schon um Herrn Necker endlich wieder los zu werden!

Finden Sie nun nicht auch, schönste Frau, daß die Wirklichkeit ein
miserables Stück ist?! Wo bleibt die Einheit der Handlung, die
Steigerung des Konflikts, die erhebende Lösung?!

Wenn ich nicht wüßte, daß Sie in der Wüste leben, -- gibt es außerhalb
von Paris etwas anderes? --, ich würde mich dieses Briefes wegen
entschuldigen, der mehr für die schwarzen Setzerfinger des Mercure de
France, als für die weißen Hände der reizenden Marquise bestimmt
scheint.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, 19. Juli 1778._

Ein Brief aus dem Jenseits, meine liebe Marquise, hätte mich nicht mehr
überraschen können, als der Ihre! Sie waren verschollen, wohl auf irgend
eine selige Insel entführt, in Gesellschaft eines deutschen Philosophen,
-- kann man deutlicher zeigen, für uns eine Verstorbene sein zu wollen?

Sie fragen nach der neuesten Attraktion von Paris, Herrn Mesmer, bei dem
mich Ihr geheimer Berichterstatter beobachtet haben will. Natürlich hat
er richtig gesehen. Ich versäume grundsätzlich keine Sensation, weder
die Menschenrechte, noch den Magnetismus. Es ist so wundervoll, sich auf
die Freiheit berufen zu können, wenn man nichts anderes tun möchte, als
was einem gefällt, und auf die Gleichheit, wenn man ein kleines
Vorstadtmädchen verführen will! Da ich nun, wie Sie wissen, seit zwei
Jahren am Herzen leide, ging ich zu Doktor Mesmer. Er heilte mich nicht,
-- seinem Magnetismus wirkt offenbar ein stärkerer entgegen! -- aber
sonst heilt er alles, selbst chronischen Blödsinn. Wir sind
infolgedessen in Versailles erstaunlich geistreich geworden. Wollen Sie
ernstere Beweise für seine Zauberkünste? Fragen Sie die Gräfin Polignac,
die ihre Vapeurs, den Herrn von Champcenetz, der seine böse Zunge
verloren hat, die Prinzessin Guéménée, die einen üppigen Busen bekam,
und den Herzog von Orleans, dem die Haare wieder gewachsen sind. Am
besten tun Sie aber, wenn Sie selber kommen! Mesmer heilt Ihren Sohn von
seiner Krankheit, und Paris heilt Sie von der Philosophie.

Seit der Deklaration unseres offenen Bündnisses mit Amerika sind wir der
Reden satt geworden und dürsten nach Taten: Der Herzog von Chartres, der
im Gefecht von Quessant das erste Pulver gerochen hatte, wurde in der
Oper gefeiert wie ein zweiter Turenne. Kriegshelden mit Lorbeeren zu
schmücken ist etwas Neues für die Pariser und sich freuen zu können,
ist, nachdem sie seit Wochen keine Zeit mehr hatten, lustig zu sein, ein
so erfrischender Zustand, daß sie Siegeshymnen singen, wenn ein Franzose
einem Engländer auch nur einen Nasenstüber versetzt.

Voltaire und Rousseau zu betrauern war notwendig, in Rücksicht auf unser
Ansehen in Europa, aber im Grunde sind Berühmtheiten unbequem. Auch die
Kinder amüsieren sich besser, wenn die Alten nicht daneben sitzen.
Übrigens hat Jean-Jacques noch seinen letzten Atemzug benutzt, um seinen
Rivalen Voltaire, den der Ruhm und der Tod ihm vorgezogen haben, einen
Denkzettel auf den letzten Weg zu geben:

    Plus bel esprit que beau génie,
    Sans foi, sans honneur, sans vertu,
    Il mourut comme il a vécu
    Couvert de gloire et d'infamie.

Eine Freundin der Philosophen, der es wohl darum zu tun war, im Himmel
ihren Salon rasch zu eröffnen, ehe Voltaire und Rousseau sich von der
Geoffrin oder der Lespinasse einfangen ließen, die Marquise du Chatelet,
ist vor ihnen gestorben. Infolge einer Frühgeburt --, müßte man nicht
bei ihren Jahren eher von einer Spätgeburt sprechen?! Ihr Mann, der
Marquis, war sehr verzweifelt und versicherte jedem Kondolierenden, daß
er an ihrem Tode vollständig unschuldig sei. Als ob irgend jemand daran
zweifeln könnte!

Wenn Sie sich entschließen, rasch zu kommen, teuerste Delphine, so würde
die Königin sich freuen, Sie auf ihrem Sommerfest in Trianon, das
diesmal dem Andenken griechischer Götter geweiht ist, begrüßen zu
können. Seit Herr Laharpe Sophokles übersetzt, sind wir sehr klassisch
geworden, und ich würde für die Antike schwärmen, wenn die reizende
Marquise Delphine im Gewande olympischer Göttinnen an unseren Spielen
teilnehmen wollte.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 30. Juli 1778._

Teuerste Frau Marquise. Sie fühlten, daß ich schweren Herzens von Ihnen
ging; kein Opfer würde mir zu groß sein, wenn ich Ihnen damit nur eine
frohe Stunde zu bereiten vermöchte. Was Sie jetzt von mir verlangen, ist
aber nicht nur darum so schwer, weil ich meiner Überzeugung und meiner
Erkenntnis zuwider handlen muß, indem ich einen Charlatan, wie diesen
Herrn Mesmer, ernst nehme, sondern mehr noch deshalb, weil ich keine
Hilfe von ihm erwarte.

Ich bin gleich nach meiner Ankunft zu ihm gegangen, habe ihm, -- an dem
nur die hellen, fast völlig farblosen Augen, die einem Wassertropfen
gleichen, in dem sich ein Sonnenstrahl bricht, merkwürdig sind --, den
Zustand Ihres Kindes geschildert: seine Apathie, seine Wutanfälle, seine
grundlosen Tränenströme, seine Neigung zur Grausamkeit, sein Sprechen,
das mehr dem Stöhnen eines wilden Tieres gleicht.

Er unterbrach mich mit keiner Silbe und frug danach nur nach Ihnen, nach
der Amme und nach dem Vater des Kindes. »Ich will es versuchen«, sagte
er dann; nichts weiter. Dutzende Wartender lösten mich ab. Die
Erkundigungen, die ich über den Mann einzog, lauten sehr widersprechend:
Die einen lachen und erklären ihn für einen Schwindler, den andern gilt
er als Wundertäter. Da dieselben Enthusiasten mir aber zu gleicher Zeit
von den Wundern des Herrn Sage, der Gold zu machen versteht, und des
Herrn Dufour, der Wahnsinnige heilen soll, erzählten, so habe ich den
Berichten von den Erfolgen des Mesmerschen Magnetismus wenig Glauben zu
schenken vermocht. Aber den Versuch zu unterlassen, würde Sie
wahrscheinlich noch mehr quälen, als wenn er sich schließlich als ein
vergeblicher erweist, darum wage ich nicht, Sie zu beeinflussen.

Was ich empfinde, seit ich Froberg verließ, ist unsagbar. Die
vergangenen Monate sehen mich an, wie Freunde, die wir um so zärtlicher
lieben, je mehr ihr Antlitz von Leid durchfurcht ist. Jeder Tag war ein
Kampf mit dem kleinen wilden Tier, das seiner eigenen, wundervollen
Mutter das Herz zerreist, und über nichts kreischender lacht, als über
ihre Tränen.

Aber dann kamen die Abende mit Ihnen, Delphine! Im Dunkel der
Fensternische hörte ich Ihrem Harfenspiel zu; am Tisch unter dem rosigen
Lichte der Lampe lauschten Sie mir, wenn ich Rousseau, Voltaire, Diderot
und dazwischen die herrlichen Verse junger deutscher Dichter, eines
Bürger, eines Goethe las. Und oft schwiegen wir zusammen, wie nur sehr
Vertraute miteinander schweigen können. Die Stunden verflogen; mit müden
Augen starrten Sie mich an; ich war vermessen genug, zu wähnen, daß Sie
von mir sich nicht zu trennen vermöchten.

Bis ich eines Nachts hörte --, ich sprach niemals davon; Sie sollten
sich vor mir nicht schämen müssen. -- Aber von da an stand ich
allnächtlich vor Ihrer Türe, bereit, sie einzustoßen und den Mann von
Ihrer Seite zu reißen, der, weil er Sie zwang, seinen Namen zu tragen,
ein Recht über Sie zu haben glaubt. Wußte er von dem Wachtposten?
Fürchtete er die Wiederholung des auch für sein abgestumpftes Gefühl
nicht gerade ehrenvollen Ringkampfs mit einer Frau? Oder klang ihm noch
der Schrei in den Ohren, mit dem die Verzweifelte ihn von sich stieß:
»Ich will keine zweite Mißgeburt von dir!«

Zürnen Sie mir nicht, daß ich an das schreckliche Geheimnis rühre. Ich
konnte nicht anders. Sie sollen sicher sein, daß ein Mensch lebt, der
noch als Leiche den Weg zu Ihnen versperren würde, daß Sie einen Freund
besitzen, den die ungeheuerlichste Tat nicht zu schrecken vermöchte,
wenn sie der Preis Ihres Glückes wäre.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 8. August 1778._

Holdseligste! Ist es möglich, daß die entzückende Frau in dem rührenden
weißen Leinenkleide, mit der breiten Bergère auf den offenen Locken,
den Namen derer trägt, die ich einst anbetete?

Sie war eine stolze Marquise; herrisch klapperten ihre Stöckelschuhe
über das Parkett von Versailles; in ihren Augen lachte der Leichtsinn,
ihre Lippen waren leuchtend rot. Aber diese Delphine, der ich gestern
begegnete, schwebt auf weichen Sohlen über den Rasenteppich, ihre Augen
sind tief und von Geheimnissen voll, wie das Meer in der Mondnacht, ihre
Lippen sind blaß, wie ungeküßte Mädchenlippen.

Ich bin untreu aus Grundsatz; wer Treue glaubt fordern zu müssen, hat
Liebe schon verraten. Und Sie, schönste Delphine, liebte ich viel zu
heiß, als daß ich Ihnen hätte treu sein können. Gibt es einen stärkeren
Beweis für meine Untreue, als daß ich mich Ihnen heute zu Füßen werfe?
Mit der ganzen wundervollen Wandlungsfähigkeit des Weibes, die sich der
Natur anpaßt, wie die Blume dem Frühling, dem Sommer, der Nacht, dem
Morgen, dem Regen und dem Sonnenschein, -- immer dieselbe und doch immer
eine andere, -- sind Sie eine neue Delphine geworden. Diese, nur diese
liebe ich --, und werde sie hoffnungslos lieben müssen. Denn an meinem
Gesicht ging das Schicksal, der große formende Künstler, achtlos vorüber
und nur der Stümper, die Zeit, pinselte zum Ersatz ein paar winzige
Fältchen hinein.

Ich will Sie nicht täuschen, Delphine: wenn ich philosophiere wie
jetzt, bin ich darum noch kein Philosoph; nur eine Wissenschaft habe ich
studiert: die Liebe. Und so gewiß, wie einst, als ich so glücklich war,
Daphnis in ihre süßesten Mysterien einzuweihen, weiß ich heute, daß
Delphine nach ihr verschmachtet.

Herr von Altenau erzählte neulich mit einem Stolz, als wäre es sein
Werk, von den Büchern, die Sie gelesen, von den wohltätigen Anstalten,
die Sie in Froberg gegründet haben. Ich sah indessen zu Ihnen hinüber,
in Ihr schmales Gesicht, Ihre trauernden Augen und mich fröstelte.
Wissen Sie, warum unsere Königin unersättlich von einem Fest zum andern
hetzt und nicht genug kühle Edelsteine haben kann, um die heiße Haut zu
bedecken? Wissen Sie, warum die Marquise de Nesle und die Gräfin de Pons
sich für die chemischen Experimente des Herrn Rouelle begeistern, und
warum die kleine Coigny gelernt hat, Leichen zu sezieren?! Weil die
Liebe an ihnen vorüberging, weil sie sie -- aus Feigheit oder
Sittsamkeit?! -- vorübergehen ließen! Sie haben einen Gatten --,
bedeutet das Liebe haben? Sie hatten wohl auch einen Geliebten --, heißt
das die Liebe erschöpfen? Sie ist tief wie das Meer, reich wie das Herz
der Erde, mannigfaltig wie ihr Kleid. Ihr Gegenstand mag wechseln, wie
die Generationen auf Erden; sie selber bleibt. Aber brächte die Erde
keine Menschen hervor, existierte sie dann? Wer sähe, wer fühlte, wer
besänge ihre Pracht!

Frauen altern rascher als Männer, sagt man. Weil Männer länger lieben.
Ninon de l'Enclos war ewig jung, weil sie immer liebte.

Wird Daphnis gestatten, daß ich Delphine in meine Schule nehme?


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, den 25. August 1778._

Sie beriefen sich auf meinen letzten Brief, teure Marquise, und
verlangten von mir, daß ich Ihr Haus verlasse, Ihre Nähe meide, weil
Herr Mesmer die Wirkung seiner Kur durch meinen dem seinen
widerstehenden Magnetismus gefährdet glaubt! Obwohl ich genau weiß, daß
Herr Mesmer nicht meinen Magnetismus, sondern meinen klaren Blick und
meine Zweifel fürchtet, die ihm einen so wertvollen Patienten entziehen
könnten, habe ich gehorcht. Ich bin ohne Abschied bei Nacht und Nebel
wie ein Verbrecher von Ihnen gegangen. Ich hätte mich sonst vielleicht
nicht beherrschen können.

Während eines unserer letzten langen Gespräche sagten Sie: »Wie viel
glücklicher sind Homers Zeitgenossen gewesen als wir! Jeder Baum und
jede Quelle war von Dryaden und Nymphen bewohnt; für uns ist sogar der
Himmel leer geworden!« Ersetzt nicht aber unser Wissen den verlorenen
Glauben, ist es notwendig, die Leere wieder mit Phantomen zu füllen,
auf Hexenmeister und Zaubersprüche zu vertrauen, wie im dunkelsten
Mittelalter? Sie sind müde, teuerste Delphine, von schlaflosen Nächten,
erschöpft von selbstquälerischen Gedanken; sonst würden Sie nicht an all
der Erkenntnis irre werden, die Sie vor kurzem noch reich und stark
gemacht hat. Sie arbeiten an dem gräßlichen Werk der Selbstzerstörung,
und das alles um eines Geschöpfes willen, das schlimmer ist als ein
Tier. Noch einmal flehe ich Sie an: bringen Sie diesem Kinde, das kein
Lebensrecht besitzt und in einer Anstalt für Unheilbare am besten
untergebracht wäre, nicht sich selbst zum Opfer. Ich weiß, Sie antworten
wie so oft: »Was habe ich dann noch vom Leben?« Das Leben, Delphine! Als
Ihr Freund, der seinen kühnsten Traum, Ihr Führer in eine neue Welt sein
zu dürfen, begraben hat, spreche ich zu Ihnen.

Sie klagen um die entgötterte Welt. Und doch gibt es eine Macht, die
alle Götter Himmels und der Erde zu ersetzen vermag. Sie sieht tiefer in
die Herzen der Menschen, als sie selber sehen, sie gewährt sichereren
Schutz, als je ein Gott hat gewähren können, und verleiht stärkere Kraft
als der Glaube, der Berge versetzte. Weil ich mich ihr ergab, von dem
Augenblick an, da Delphine Laval in mein Leben trat, habe ich in Ihrem
Innern lesen können, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Ich fand ein
verschüttetes Gefühl, eine schlafende Hoffnung; die Glut meiner Sinne
malte mir ein leuchtendes Bild eigenen Glückes, so daß ich nicht sehen
wollte, was ich sah. Jetzt, da ich weiß, daß ich die Frau, die ich mit
der ganzen Kraft meines Herzens liebe, nie mein eigen nennen kann, will
ich sie wenigstens vor ihrem größten Feinde, sich selber, retten.

Sie lieben. Ihr Stolz verbietet Ihnen nur, es sich einzugestehen. Sie
hoffen. Ihr krankes Gewissen hindert Sie nur, diese Hoffnung zu Ihrer
Lebenskraft werden zu lassen. Haben Sie den Mut zu sich selbst. Erhalten
Sie sich dem Manne, der in die Fremde ging, weil er sich von Ihnen
verlassen glaubte.

Jedes Wort, das ich schreibe, stößt mir den Stahl tiefer ins Herz.
Einerlei. Meine erste Aufgabe im Leben ist Ihr Glück.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 18. September 1778._

Wie soll ich Ihnen danken für die Wohltat Ihrer Zeilen, teuerste
Delphine, die am deutlichsten durch das sprechen, was sie verschweigen.
Sie nennen mich Ihren einzigen Freund, denn nur Freundschaft, sagen Sie,
vermag selbstlos zu sein. Sie wollen mir dadurch beweisen, daß ich mich
über meine eigenen Gefühle täusche --! Ich soll Ihnen weiter ein Freund
sein, soll Ihnen sagen, wie es mir geht.

Ich möchte darauf nicht mit banalen Phrasen antworten, sondern lieber
versuchen, unsere Gespräche von einst fortzusetzen, also möglichst
unpersönlich zu sein. Die Eindrücke, die ich bei der Rückkehr in meine
alten Kreise empfing, sind bedeutungsvoll genug, um Ihnen dargestellt
werden zu müssen.

Seit dem Tode unserer großen Vorkämpfer herrscht eine tiefe Depression
der Geister. Wir sehen uns einer neuen Generation gegenüber, finden eine
beunruhigte, fiebernde, auch oft sentimentale Menge, in der das Vulgäre
dominiert. Die wenigen Alten, die blieben, haben an Kraft und Einfluß
verloren, sind in Cliquen zerrissen. Sollte die Zeit der Enzyklopädisten
vorüber sein, ohne daß aus ihrem Samen die Frucht erwächst, für die wir
allein gearbeitet haben?

Die Verfolgungen früherer Tage haben sie groß und stark gemacht. Um sich
vor ihnen zu schützen, galt es alle Kräfte anzuspannen, galt es, sich
fest zusammenzuschließen und mit dem Feuer ernster Überzeugung die
geistige Welt zu erobern. So nur konnte im brandenden Meer des
öffentlichen Lebens der Leuchtturm der Enzyklopädie errichtet werden,
von dessen Spitze seine Erbauer das ganze Universum übersahen und allen
Schiffen Richtung gaben. Ist nicht schon das Eine bezeichnend genug, daß
die Männer, die dieses Werk geschaffen haben, heute für den Mercure de
France Tagesartikel schreiben?!

Dann kam die Zeit, wo Europa die Verfolgten zu ihren Helden machte, wo
der Ruhm eines Voltaire, eines Montesquieu, eines Rousseau über die
Scheiterhaufen, auf denen ihre Bücher immer noch verbrannten,
triumphierte, wo unterdrückte Menschlichkeit, vergewaltigte Unschuld bei
dem Patriarchen von Ferney Zuflucht fand, und in seinem Namen Vernunft
und Gerechtigkeit oft genug über alle Gewalthaber der Welt den Sieg
errang.

Die Verfolgungen ließen nach; einige Prinzipien der Philosophen
gelangten zu allgemeiner Anerkennung, ihre Ideen hatten sich, wie die
Samenfäden von Bäumen und Blumen, von ihnen losgelöst und erfüllten die
Luft. Aber indessen lockerte sich die Einheit der Menschen; Rousseaus
Trennung von den Enzyklopädisten machte die innere Zerrissenheit zu
einem öffentlichen Skandal. Seine Opposition gegen den Materialismus
Holbachs und seiner Anhänger zeigte deutlich, daß auch die mit solcher
Sicherheit verkündeten Überzeugungen und Erkenntnisse auf schwankendem
Boden stehen.

Die Vertreter der Kirche und der Regierung, ja der Hof von Versailles
selbst hörten auf, die Philosophen zu fürchten. Voltaires Triumphtag in
Paris war seine Niederlage.

Als ich mich gestern, in meine pessimistischen Gedanken verloren, im
Café de la Régence befand, traf ich Herrn Gaillard, mit dem ich mich
lange unterhielt. Er lachte über meine Niedergeschlagenheit -- kein
freudiges, sondern ein hartes Lachen. »Was tut's, daß Rousseau ein
Schwächling, Voltaire ein Verräter seiner eigenen Lehre war,« sagte er,
»die Ideen der Denker zeugen erst die Männer der Tat.« Ich glaubte, er
spiele auf Necker an, dessen Tätigkeit im Volk eine so laute Anerkennung
findet. Er lachte noch einmal. »Necker?!« rief er höhnend, »ein Mensch,
der in seinen Schriften und öffentlichen Reden dem Volke schmeichelt,
und im geheimen mit dem König die Waffen des Despotismus schleift!«

Am Abend führte er mich in seinen Klub, wo ich Zeuge leidenschaftlicher
Diskussionen war. Junge Leute aus dem Bürgerstande überboten sich in
wüstem Geschimpf auf alles Bestehende. Religion, Monarchie, Kunst,
Frauen, selbst der sonst so verherrlichte amerikanische Freiheitskrieg,
-- nichts blieb von ihrem bitteren Spott verschont. Mißmutig wandte ich
mich zum Gehen; Gaillard begleitete mich. »Sind das Ihre Männer der
Tat?« frug ich ihn. »Gewiß,« antwortete er; »um bauen zu können, muß man
erst einreißen.«

Vor dem Palais-Royal begegneten wir übrigens dem Marquis, der sich zu
spät in seinen weiten Mantel hüllte, um nicht erkannt zu werden. »Er ist
ein häufiger Gast in den Hinterzimmern meiner Mutter,« sagte Herr
Gaillard. Mir scheint, teuerste Delphine, daß eine solche Entdeckung
Sie vollends jeder Rücksicht entbindet. Ich werde natürlich nicht
versäumen, seiner Spur zu folgen, um Ihnen eine sichere Handhabe gegen
ihn liefern zu können.

In vier Wochen also entscheidet sich das Geschick des Kindes; ich nehme
an, Herr Mesmer wird klug genug sein, diese Entscheidung um abermals
vier Wochen hinauszuschieben!


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 25. September 1778._

Ihre Rückkehr, verehrteste Marquise, hat mich mit den schönsten
Hoffnungen erfüllt. Paris ist sehr öde geworden in den Jahren, die Sie
fortgewesen sind. Der Salon Necker konnte, das brauche ich Ihnen kaum
noch zu versichern, Menschen wie mir kein geistiges Obdach bieten. Sie
selbst fühlten sich, wie ich bemerkte, recht unbehaglich im Kreise des
Hauses, neben dem sentenzenreichen, tugendstolzen Minister, der
nüchternen klugen Frau, dem frühreifen Töchterchen, dessen
schriftstellerische Leistungen die Gäste zu bewundern genötigt wurden.
Die Luft des achtzehnten Jahrhunderts weht hier nicht, und wenn es die
des neunzehnten sein sollte, so möchte ich es nicht erleben.

Übrigens ist der Salon Necker typisch für alle jene vielen anderen, die
heute, dank ihres Reichtums, den Ton angeben, Künstler protegieren und
Kunstwerke sammeln. Wie ihre Frauen sich nur für die anderen anziehen,
in der Intimität der Familie aber den ganzen Tag im Negligé bleiben, so
schmücken sie ihre Zimmer mit berühmten Namen nicht zur Bereicherung
ihres eigenen Lebens, sondern für den Eindruck nach außen. Sie können
nicht anders, daher verzeihe man ihnen. Daß aber Künstler und
Schriftsteller von Ruf sich dazu hergeben, ist ein trauriges Zeichen
geistiger Dekadenz.

Das Theater bestätigt diesen Zustand, wie Sie gestern gesehen haben. Wir
besitzen keine Schauspiele und keine Schauspieler mehr. Kleine Talente
mit etwas Esprit aber ohne Geist. Raffinierte Dekorationen und reizende
entblößte Glieder sollen uns darüber trösten, daß die Stücke nichts als
Mittel zu diesen Zwecken sind.

Ich schlage Ihnen vor, schönste Frau, all diese mäßigen Vergnügungen
aufzugeben und unsere jählings unterbrochenen Ritte in die freie Natur
wieder aufzunehmen. Wenn wir auch gut tun, uns nicht allzu weit von
Paris zu entfernen, -- seit dem trockenen Sommer dieses Jahres, der
Mensch und Vieh mit der berechtigten Angst vor einer Hungersnot dem
Winter entgegengehen sieht, -- muß man sich von den erregten Landleuten
fern halten. Obwohl Grundbesitzer und Finanziers einander überbieten,
durch Verteilung von Geld und Nahrungsmitteln, Gründung von Hospitälern
und Asylen der Not abzuhelfen, läßt die Hast, mit der es geschieht, so
viel mehr auf Angst als auf Menschenliebe schließen, daß die Empörung
der Geister dadurch eher geschürt, als unterdrückt wird. Auch werden
jene frommen Seelen immer seltener, die sich mit Wohltaten abspeisen
lassen, während die Ideen der Menschenrechte schon ihre Köpfe erhellen.

In meiner Begleitung werden Sie trotzdem nichts zu fürchten haben, und
ich darf hoffen, in der frischen Luft Ihre Wangen sich wieder röten zu
sehen, -- ein um so holderer Anblick, als er uns Männern durch das
stereotype Rouge, mit dem die Frauen die natürliche Farbe ihrer Haut
versteckten, ein so vollkommen neuer ist.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 30. Oktober 1778._

Meine verehrte Frau Marquise! Endlich darf ich aufatmen! Wenn Sie mich
auch noch nicht sehen wollen, so waren Sie doch gütig genug, mir durch
ein paar Zeilen Ihrer eigenen Hand zu beweisen, daß ich nicht mehr um
Sie zu zittern brauche.

Es waren entsetzliche Wochen seit unserem unglückseligen Ritt. Ich
glaubte Sie schon verloren, als ich im Rasen neben Ihnen kniete und das
rieselnde Blut aus Ihrer weißen Stirn vergebens zu stillen suchte;
obwohl Sie die schönen Augen wieder aufzuschlagen vermochten, verging
seitdem kein Tag, keine Nacht, ohne daß die Angst um Sie mir jede Ruhe
benahm. In meiner ersten Verzweiflung erschoß ich den Rappen, der Sie
trug; er starb unschuldig, aber ich hätte ihn nicht mehr sehen können.

Wie es möglich war, daß das ruhige Tier ohne jeden äußeren Anlaß über
Stock und Stein mit Ihnen davonflog, um sich schließlich beim Sprung
über die hohe Hecke zu überschlagen, ist mir noch heute ein Rätsel.

Sie waren seit langem nicht so heiter gewesen. Die mögliche Heilung
Ihres Sohnes, von der Sie erzählten, machte mich mit Ihnen froh. Und der
Herbsttag, der uns so sonnig umgab, schien nur ein Widerschein Ihrer
Freude. Ich konnte an diesem Tage nur über Dinge sprechen, bei denen
sich's lächeln läßt. Noch ganz erfüllt von der Neuigkeit, teilte ich
Ihnen mit, daß unser tapferer Lafayette mit seinen Freunden sich in
Amerika einzuschiffen im Begriffe wäre, um ihre Kräfte für den
französisch-englischen Krieg dem Vaterland zur Verfügung zu stellen. In
diesem Augenblicke sah ich Sie erblassen, sah Ihre Augen auf mich
gerichtet, als wäre ich ein Gespenst, und fort ging's in wilder Jagd,
als ob Sie stürzen wollten!

Mit bezaubernder Grazie haben Sie verstanden, während unserer Ritte das
Gespräch von dem Thema abzulenken, auf das ich es zu richten suchte.
Heute, holde Frau, wo die Freude über das Glück Ihrer Genesung mir jede
Zurückhaltung unmöglich macht, können Sie mich nicht hindern, Ihnen zu
sagen: wären Sie gestorben, auch ich lebte nicht mehr.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, den 3. November 1778._

Den grauen Novembernebel, der heute noch schwer auf meinem Herzen lag,
hat Ihr Atem weggeweht, teuerste Marquise. Ein Blick in Ihr Antlitz
zeigte mir, was ich Ihren Versicherungen nicht glauben wollte: nicht nur
die Wunde auf Ihrer Stirne heilt, sondern auch die Ihres Innern. Ich
vermag Sie mit meinen Zweifeln nicht mehr zu quälen, seit ich Sie
wiedersah --, so wiedersah: schlank und blaß, zwei Augen wie glühende
Kohlen unter der weißen Stirn mit der schmalen roten Narbe, um die
sehnsüchtig geöffneten Lippen ein süßes Lächeln, der Körper, der noch
matt in der Causeuse lag, in weiße Seide gehüllt, und die ganze Gestalt
vom Feuer des Kamins übergossen. »Er sagt, der Knabe wird gesund«,
flüsterten Sie und streckten mir beide Hände entgegen, »dann werde ich
frei sein, ganz frei -- für ein neues Leben!«

Sie sind wie ein gläubiges Kind. Wer hätte den grausamen Mut, ihm zu
sagen: Der Gott, zu dem du betest, existiert nicht! Ich will von nun an
mit Ihnen glauben. Am Tage der Entscheidung -- Sie sprachen vom 21.
Dezember? -- werde ich vor Ihrem Hause die Nachricht erwarten. Bis dahin
ergebe ich mich wieder in meine Verbannung.

Was ich über den Herrn Marquis erfuhr, wollen Sie jetzt nicht wissen.
»Es ist mir jetzt so gleichgültig,« meinten Sie. Aber wenn einmal Ihre
Freiheit von der Kenntnis dieser Dinge abhängt, dann vergessen Sie
nicht, daß ich zu Ihrer Verfügung stehe.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, den 20. Dezember 1778._

Sie ließen mich zu sich bitten, schönste Delphine, Sie lachten über all
die Geschichten, die ich vor Ihnen auskramte und an denen die Welt nicht
arm wird, obwohl die Menschen vor lauter Eifer, Gott und die Könige zu
entthronen, für den Unsinn keine Zeit mehr zu haben behaupten.

Hat der famose Dr. Mesmer Ihr gelähmtes Herzchen wieder zum Schlagen
gebracht oder war es die Erschütterung des Sturzes, die es aus der
Lethargie aufrüttelte? Jede einzelne Ihrer rosigen Fingerspitzen ließen
Sie mich küssen; »aber nicht als Liebhaber!« drohten Sie. Fast wäre ich
darüber schwermütig geworden, wenn ich nicht inzwischen für meinen
schrecklichen Kummer um Sie eine Trösterin mir hätte suchen müssen.
Besinnen Sie sich? Sie sahen die kleine Thévenin kurz vor Ihrem
unseligen Ritt in der Oper; sie war die jüngste der Nymphen im Ballett
La rose, hatte nichts als ein rosa Wölkchen um die Hüften, die schönsten
goldenen Haare auf dem Kopf und ebenholzschwarze an anderer Stelle.

Bitte: bedecken Sie den Mund nicht mit der Hand, ich weiß trotz Ihrer
entrüsteten Blicke, daß Sie lachen!

Ich bin der Marquise Delphine sprechender Papagei, dem alles zu sagen
erlaubt ist, vorausgesetzt, daß es die Herrin amüsiert! Und Sie sind ja
im Augenblick allein, ohne den schrecklich ernsthaften Hausphilosophen,
und ganz gewiß ohne den Herrn Marquis. Soll ich weitere Proben meiner
Künste zeigen?

Herr von Genlis überraschte neulich Mademoiselle Justine, seine
niedliche Mätresse, im zärtlichen Tête-à-Tête mit dem Marquis
Löwenstein. »Was wollen Sie, mein Herr«, sagte sie, als er ihr Vorwürfe
machen wollte; »ich gebe mir die größte Mühe, den Herrn Marquis für Ihre
Tochter zu interessieren --« Und schon am nächsten Tage war die kleine
Genlis glückliche Braut. Haben Sie ihr nicht auch eine innige
Gratulation zukommen lassen?!

Madame Chamans fand ihre siebzehnjährige Tochter vertieft in die Lektüre
der Lettres du chevalier de Saint-Ilme. Sie riß ihr entrüstet das Buch
aus der Hand. »Retif de la Bretonne«, sagte sie, »hat keine schlimmeren
Bücher geschrieben.« Die Tochter starb fast vor Lachen. Der Roman ist
nämlich von ihr!

Die Herzogin d'Anville wollte ihren Liebhaber, der an Leidenschaft
manches zu wünschen übrig ließ, mit ihren Beziehungen zu Herrn
d'Alembert eifersüchtig machen. »Er ist ein Gott!« schwärmte sie. »Ach,
Madame, wenn er ein Gott wäre,« antwortete der Liebhaber gelassen, »so
würde er damit angefangen haben, sich zu einem Manne zu machen.«

Und nun noch ein hübscher Spaß, der Paris während Ihres Krankseins
tagelang amüsierte: Ein paar polnischen Edelleuten mit besten
Empfehlungen erteilte der Graf Artois die Erlaubnis, seinen Pavillon de
Bagatelle besichtigen zu dürfen. Vor einer Marmorbüste brachen sie in
Tränen aus: »Wie gleicht sie unserer verstorbenen Schwester!«
Zuvorkommend, wie er ist, machte der Graf die Büste noch am selben
Nachmittag den Herren zum Geschenk. Sie wiederholten das gelungene
Manöver bei einer Reihe unserer Mäzene und waren, ehe man den Schwindel
entdeckte, mit ihrer reichhaltigen Kunstsammlung verschwunden.

Wenn Sie wieder lachen wollen, reizende Marquise, erinnern Sie sich
meiner, der Vorrat ist unerschöpflich und mein Bestreben, mich Ihnen
unentbehrlich zu machen, um so eifriger, als ich in der Ferne bereits
die Rüstungen unserer heimkehrenden Kriegshelden klirren höre und leider
weiß, wie oberflächlich alle Frauen sind: sie schwärmen für
blutbespritzte Röcke und übersehen dabei die im stillen blutenden
Herzen.

Übrigens bringen sie einen Harem bronzefarbener Indianerinnen mit, und
ich sehe es kommen, daß ihre Toilette, -- drei Federn auf dem Kopf und
zwanzig Ringe durch die Ohren --, die große Mode der nächsten Saison
sein wird. Sie würde Ihnen, Holdseligste, zum Entzücken stehen!

Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht: übermorgen treffen wir uns auf dem
Maskenball!


Johann von Altenau an Delphine.

_Den 21. Dezember._

Kniefällig bitte ich Sie: lassen Sie mich ein! Nach dieser Nachricht
dürfen Sie nicht allein bleiben.

»Alles ist vorbei. Ich fahre morgen mit dem Kinde nach Hause, um mich
mit ihm zu vergraben.« Dieser gräßliche Zettel kommt mir in die Hand.
Sie dürfen nicht fort. Sie müssen dem Schicksal trotzen, nicht sich ihm
ergeben. Ich weiche nicht von Ihrer Schwelle, und werde mich den Pferden
in die Zügel werfen; hören Sie denjenigen, den Sie selbst Ihren einzigen
Freund nannten.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Am 21. Dezember._

Sie halten sich allzulange mit der Toilette auf, Sie wollen zu schön
sein, reizende Frau; nur darum, nicht wahr, lassen Sie mich warten?
Bekomme ich keine Antwort durch meinen Jäger, so bin ich in einer Stunde
bei Ihnen und entführe meine Schöne mit Gewalt.


Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 22. Dezember 1778._

Es ist geschehen. Ich war es. Sie, die einzige, die es wissen, können
mich als den Mörder Ihres Kindes verfolgen lassen und noch unter dem
Galgen würde ich schwören, daß es die beste Tat meines Lebens war. Ich
habe, barmherziger als die Mutter, einem armen Idioten eine Kugel in die
Schläfe gejagt, und eine Frau, die sich selbst zum Tode verurteilen
wollte, dem Leben zurückgegeben.

Daß ich in der Nacht, als ich zum Zimmer des Kindes schlich, dem Grafen
Chevreuse begegnete, hat meine Freude gedämpft. Sie ließen ihn zwar
abweisen, aber er schien zu seinem Kommen ein Recht zu haben. Ich
bedauere Ihre voreilige Wahl, aber ich habe mich durch meine Tat aller
Ansprüche der Freundschaft, also auch der, zu warnen, begeben.

Leben Sie wohl, Delphine. Werden Sie glücklich!



CAGLIOSTRO



Baron Ferdinand Wurmser an Delphine.

_Petersburg, am 2. Juli 1779._

Verehrte Cousine! Sie werden sich des blassen Jünglings kaum mehr
entsinnen, der vor Jahren in Etupes die reizendste Nymphe dem kühnsten
Schäfer vergeblich zu entreißen versuchte. Prinz Friedrich-Eugen blieb
Sieger, und auf seine Stirn neigte sie sich zum Weihekuß, während ich im
stillen Boskett meine Niederlage beweinte und tagelang den düsteren
Gedanken erwog, nächtlicherweile im schwarzen Schwanenteich zu
verschwinden.

Der plötzliche Tod meines älteren Bruders zwingt mich, meine Stellung am
Hofe des Großfürsten Paul aufzugeben, um mich der Verwaltung unserer
Güter zu widmen. Ich reise in diesen Tagen ab, und wenn der Schmerz,
meine gütige Herrin, die Großfürstin, verlassen zu müssen, durch die
Freude auf die Rückkehr in die Heimat gemildert wird, so trägt der
Gedanke an Sie, deren Schönheit und liebenswürdige Gastfreundschaft ich
oft genug rühmen hörte, viel dazu bei.

Aber ich wäre vielleicht nicht so unbescheiden, meine Ankunft in
Straßburg jetzt schon anzukündigen, wenn nicht die Großfürstin mich
beauftragt hätte, Ihnen in Erinnerung an die schöne Zeit gemeinsamer
Jugendtage in Montbéliard und Etupes die herzlichsten Grüße zu
übermitteln. »Sagen Sie der Marquise, daß Sie meinen scheidenden
Kammerherrn als meinen Freund empfangen möchte,« war sie gütig genug,
mir aufzutragen. Sie hofft, in nicht zu ferner Zeit während des lange
geplanten Besuchs in Frankreich die Beziehungen zu Ihnen wieder
anzuknüpfen. Mit aufrichtigem Bedauern hörte sie von dem
Schicksalsschlag, der Sie, teure Cousine, betroffen hat.

Mir war es besonders schmerzlich, erst nach dem entsetzlichen Ende Ihres
Kindes von seinem Leiden erfahren zu haben. Wäre ich doch imstande
gewesen, Ihnen den richtigen Arzt zu empfehlen. Vielleicht haben Sie
schon von der außerordentlichen Erscheinung gehört, die plötzlich hier
auftauchte, ohne daß jemand zu sagen vermocht hätte, woher sie kam,
welches ihr Ursprung war. Ich spreche vom Grafen Cagliostro. Er geht
umher und heilt Kranke, wie Christus; verteilt Geld unter die Armen, wie
Harun-al-Raschid, und zwingt Verstorbene, aus der Tiefe ihres dunklen
Grabes an das Licht seiner mystischen Lampe.

Sie werden ihm sicherlich noch begegnen, denn er ist überall.

In fünf bis sechs Wochen hoffe ich im Elsaß zu sein, um Ihnen meine
Aufwartung machen zu können. Empfehlen Sie mich, bitte, unbekannterweise
dem Herrn Marquis, den mein Bruder mir als das Vorbild des Edelmannes
der alten Schule geschildert hat.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 25. August 1779._

Die Begegnung mit Ihnen, teuerste Marquise, hat mich wie ein
erschütternder Traum, der uns auch am Tage nicht los läßt, von Spa
hierher verfolgt.

Keiner der Eindrücke der Reise, -- und sie waren stark genug --,
vermochte das rührende Bild der zarten, von schwarzen Schleiern
verhüllten Gestalt zu verwischen, aus deren marmorweißem Antlitz der
Blick dunkelglühender Augen mich bis ins Innerste traf. Sie waren
gekommen, um in dem berühmten Bade Heilung zu suchen.

»Der Marquis hat es gewünscht,« sagten Sie mit einem
bitter-schmerzlichen Lächeln. Der Marquis?! wiederholte ich im Stillen
erstaunt; wußte ich doch, was alle wußten. Sollte die Tragödie Ihres
Kindes mit ihrem rätselhaft schauerlichen Schluß zwei Getrennte wieder
zusammengeführt haben? -- aber noch ehe ich zu Ende gedacht hatte, bekam
ich die Antwort: der Marquis trat herzu, -- ein alter Mann mit gebeugtem
Rücken und eingefallenen Zügen, -- ich hätte ihn fast nicht erkannt!
Einen Augenblick lang erinnerte ich mich erschrocken der dunklen
Gerüchte, die mir von den großen mißglückten Spekulationen des Herrn von
Saint-James, an denen der Marquis ebenso wie der Kardinal Rohan stark
beteiligt sein sollen, vor kurzem zu Ohren gekommen waren. Aber bald
sah ich, welch andere Sorgen ihn bedrückten. Sorgfältig wie ein Vater
hüllte er Sie in den Mantel und begrüßte mich mit einer Herzlichkeit,
die ich nicht begriff, -- hatten wir uns doch mehr als fern gestanden.

»Wie freue ich mich Ihrer Anwesenheit«, versicherte er mir immer wieder.
Als ich dann mit ihm allein war, kannte ich ihn vollends nicht mehr: Die
Angst um Sie ließ ihn jede Form vergessen; ich sah plötzlich einen
Menschen, wo ich bisher nur einen vollendeten Aristokraten gesehen
hatte. Er bat mich, Ihnen Gesellschaft zu leisten, Sie zu zerstreuen,
Sie den Interessen des Pariser Lebens wieder zuzuführen.

Hätte es eine schönere Aufgabe für mich geben können? Sie wissen, mit
welchem Feuereifer ich sie auf mich nahm, aber Sie ahnen nicht, wie sich
an jedem Blutstropfen, der langsam in Ihre Wangen stieg, wenn ich meine
Redekunst, meinen Witz, meine Phantasie anpeitschte wie der Reiter das
Rennpferd, die Glut meines Herzens neu entzündete, wie jeder Schatten
eines Lächelns, der Ihre Lippen teilte, alte, unerfüllte Wünsche
stürmisch in mir aufsteigen ließ.

Eine Order des Kriegsministers, so sagte ich Ihnen, verlange meine
Rückkehr nach Paris. Ich habe gelogen; ich wollte sogar die Lüge
aufrecht erhalten. Erst jetzt, wo ich fern von Ihnen bin, fühle ich,
daß ich die Wahrheit sagen muß.

Vor zwei Jahren warb ich um Ihre Gunst; Ihr Besitz wäre mir im Kranz
meines Ruhmes als eins der kostbarsten, goldenen Lorbeerblätter
erschienen. Keinen Augenblick störte mich der Gedanke an den
rechtmäßigen Besitzer dieser entzückenden Frau; der Marquis Montjoie, an
dessen Existenz in Ihrem Hause kaum etwas erinnerte; der Marquis
Montjoie, der mit überlegen-ruhiger Kühle der reizenden Delphine
gegenüberstand; der Marquis Montjoie, der die Hinterzimmer der Madame
Gaillard dem Schlafgemach seiner Gemahlin vorzog, -- die er freilich
auch nur, als erfülle er eine peinliche Pflicht, mit ernst-gelangweiltem
Gesicht zu verlassen pflegte --, dieser Marquis Montjoie war das
geringste Hindernis auf dem Wege zu Ihnen. Aber selbst wenn ich gewußt
hätte, daß er mehr für Sie fühlte, als für irgend ein besonders
wertvolles Stück seines Haushalts, ich hätte die Hoffnung nicht fahren
lassen. Solange ein Mann im Kampf um ein Weib einen ebenbürtigen
Rivalen, -- und wäre es der eigene Gatte seiner Schönen --, vor sich
hat, so lange gab die Natur selbst ihm das Recht, um ihren Besitz mit
ihm zu ringen. Nicht Stärke -- nein, nur Schwäche entwaffnet vor dem
Angriff.

Darum mußte ich jetzt von Ihnen fliehen. Ich hätte nicht wunschlos neben
Ihnen leben und nicht als Mann von Ehre um Sie ringen können. Der alte
kranke Marquis ist kein Rivale mehr.

Und doch: Wenn Ihr Herz einmal freiwillig entschiede!! Schönste
Delphine, ich fange an, zu begreifen, daß Sie nicht nur ein goldenes
Blatt in der Siegeskrone, sondern der Rosenkranz selber sind, mit dem
das Leben seine Lieblinge krönt.

Darf ich nun zum Lohn für meine Entsagung, die ich mir nicht zum zweiten
Male aufzulegen imstande wäre, nachdem die Kraft, sie zu tragen, schon
jetzt nicht ausreicht, den Faden unseres letzten Gesprächs
weiterspinnen? Darf ich hoffen, daß Sie ihn aufgreifen und er allmählich
zu einem starken Bande zwischen uns wird?

Mit jener genialen weiblichen Güte, die uns sogar sachliches Interesse
vorzutäuschen vermag, haben Sie an dem Schicksal meiner
kriegswissenschaftlichen Arbeit Anteil genommen. Sie hat inzwischen die
öffentliche Aufmerksamkeit in höherem Maße erregt, als ich es erwarten
durfte. Seit dem großen Erfolg von Glucks Iphigenia schienen unsere
großen Geister, -- ich wäre fast geneigt, das »groß« in
Anführungsstrichen zu schreiben --, wieder im musikalischen Krieg ihre
Kräfte zu erschöpfen; eine Erscheinung, die nur in einem Lande möglich
sein kann, wo man den Bürger als ein unmündiges Kind behandelt und seine
tätige Teilnahme am politischen Leben mit der Bastille belohnt.

In der Verteidigung meiner Ideen war ich mit Herrn von Mesnil-Durand in
eine sehr lebhafte Diskussion geraten, und ich war gezwungen, nicht nur
gegen ihn, sondern auch gegen den Herzog von Broglie, meinen alten
Freund und Wohltäter, kritisch vorzugehen.

Beide verteidigten sich persönlich, wo ich sachlich angegriffen hatte;
ganz Paris wurde zu ihrem Echo, das mich der gröbsten Undankbarkeit
zieh. Der Herzog von Broglie verschloß mir sein Haus. Ein trauriges
Zeichen für die Gesinnungslosigkeit der Bürger Frankreichs, die im
Grunde von mir verlangten, die Tugend der Vaterlandsliebe der Tugend
persönlicher Dankbarkeit unterzuordnen. Ich teilte in diesem Fall das
Schicksal meines Freundes Condorcet, der wegen seiner Kritik der
Finanzpolitik des Herrn Necker auf das schärfste getadelt wurde. »Wie
kommen sie dazu, sich zum Richter des Ministers aufzuwerfen?« frug man
ihn entrüstet. »Soll ich mich auch noch verteidigen müssen, weil ich
mich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftige?« antwortete er. »Das
ist das Recht, ja die Pflicht jedes Bürgers, der keiner besonderen
Mission bedarf, um Rechte des Volks zu verteidigen oder Maßnahmen zu
bekämpfen, die ihm entgegenstehen.«

Der korrumpierten Gesellschaft von Versailles, die keine anderen Gesetze
kennt, als die der Hofetikette, die von der Vortrefflichkeit aller
Einrichtungen überzeugt ist, wenn die Hofschranzen ihre Pensionen, die
Bankiers ihre guten Köche haben, erscheinen Auffassungen, wie die
unseren, nur als eine Lächerlichkeit. Als ob es keine anderen Leiden
gäbe, als die, die uns persönlich verletzen! Als ob die Natur selbst,
die uns den Mut gab und ein fühlendes Herz, uns nicht zu Hütern des
öffentlichen Wohles berufen hätte!

Wir haben es erleben müssen, daß der Aufruhr der Ballettänzer der Oper
das öffentliche Interesse mehr in Anspruch nahm, als die Verluste des
französischen Handels, die Einnahme von Pondéchery, die unglückliche
Expedition der Sainte-Lucie. Hätte ich nicht kurz vorher den
frenetischen Jubel mit erlebt, mit dem die Pariser die heimkehrenden
Helden des amerikanischen Freiheitskrieges begrüßten, ich würde an all
meinen Hoffnungen irre geworden sein. Es war ein momentaner Ausbruch
tiefgewurzelten Hasses gegen den Feudalstaat; eines Hasses jedoch, der
nicht mehr ist, als ein Gefühl, denn als der Marquis Lafayette und der
Prinz Montbéliard, ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen und des
Triumphes zu genießen, der ihnen überall bereitet wurde, der
französischen Marine für den Kampf gegen England ihre erprobten Waffen
zur Verfügung stellten, verstand sie niemand.

Kurz vor seiner Einschiffung hatte ich übrigens noch Gelegenheit, den
Prinzen zu sprechen. Ich freute mich, auch in ihm einen jener seltenen
Patrioten kennen zu lernen, die sich selbst nicht als Einzelnen, sondern
als Teil des Ganzen fühlen. Er war sehr niedergeschlagen über das, was
er vorgefunden hatte. »Amerika hat mir die Augen für Frankreich
geöffnet,« sagte er. »Dort ein Volk, das mit Hingabe aller Mittel und
Kräfte für die Freiheit kämpft, hier eines, dessen einzelne Glieder den
Boden ihres Vaterlandes betrachten wie erobertes Gebiet, das jeder nach
besten Kräften für eignen Vorteil zu plündern sich berechtigt glaubt.
Dort Männer, von denen jeder sich als Vaterlandsverteidiger fühlt, hier
Offiziere, deren Schlafzimmer den Boudoiren der Kurtisanen gleichen und
die einander durch nichts eifriger zu übertreffen begehren, als durch
die Kostspieligkeit ihrer Mätressen.«

Im Laufe unserer langen Unterhaltung war ich versucht, auch Ihrer,
teuerste Marquise, zu erwähnen und des merkwürdigen Zusammenhangs
zwischen dem Namen des Prinzen und Ihrem gefährlichen Sturz, aber meine
Diskretion siegte über meine Neugierde. Oder fürchtete ich am Ende im
geheimen, einem ebenbürtigen Rivalen gegenüberzustehen?


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 21. Juli 1780._

Kaum hätte ich noch auf einen Brief von Ihnen, teuerste Marquise, zu
hoffen gewagt, und ich weiß nicht einmal, ob ich mich freuen darf, daß
ich ihn endlich doch erhielt. Er ist kurz und kühl; ich würde darnach
glauben, daß nur die Höflichkeit ihn diktiert hat, wenn er nicht so viel
Fragen als Sätze enthielte, -- Fragen, die sichtlich nicht bloßer
Neugierde entstammen, sondern hinter denen eine Empfindung lauert, wie
geheime Angst.

Kein Zweifel, die Zeiten sind ernst, Frau Marquise. Aber meine Reise von
Spa nach Paris, die mich über die Kohlengruben von Anzin und Fresnes
geführt hat, ließ mich schaudernd erkennen, für wen sie wahrhaft ernst
sind: ich sah Kinder, sah werdende Mütter in den schwarzen Erdhöhlen,
und das im Zeitalter Rousseaus! Ich sah Aufseher mit der Peitsche hinter
ihnen, und das im Zeitalter der Befreiung Amerikas! Wer diesen Eindruck
mit sich nimmt, lächelt geringschätzig über die Klagen jener
»Notleidenden«, die heute in seidenen Westen mit Diamantboutons in den
Vorzimmern der Minister über die schlechten Zeiten jammern. Sind sie
nicht selbst daran Schuld, daß die Landarbeiter dem Frondienst auf ihren
Gütern sogar die Arbeit unter der Erde vorziehen?

Wenn man Ihnen die Finanzpolitik Herrn Neckers als Ursache der
allgemeinen Bedrängnis angab, so hat man Sie falsch berichtet. Er ist
unschuldig -- im Guten, wie im Bösen. Seine Einschränkungen des
königlichen Haushalts treffen natürlich den Hof empfindlich, -- so sind
eine Reihe Schloßoffiziere, deren ganze Aufgabe darin bestand, den
Küchendienst zu überwachen und dafür zu sorgen, daß die Braten
rechtzeitig aufgetragen wurden, zur Marine kommandiert, wo man
wahrscheinlich, dank ihrer Vorkenntnisse im Kommandieren toter Gänse und
Schweine, Wunder an Tapferkeit von ihnen erwartet; -- aber diese
kläglichen Maßnahmen sind nur ein verzweifelter Versuch, die öffentliche
Meinung zu beruhigen, sie nützen so wenig, wie es etwas nützen würde,
einen Urwald mittels eines Bratenmessers in fruchtbares Land verwandeln
zu wollen. Die Steuern, die Necker sonst noch teils aufhebt, teils
ausschreibt, sind ebensolche Sisyphus-Arbeit: sie stopfen ein Loch zu
und reißen daneben ein anderes auf. Ich wiederhole: er ist unschuldig,
und die ungeheure Schuld der Vergangenheit wird auch kein größerer als
er zu tilgen vermögen.

Sie sagen: »Ich fürchte mich nicht, aber der Marquis ist krank und die
Sorgen um finanzielle Katastrophen bedrücken ihn, darum möchte ich klar
sehen.« Ich wußte, daß Ihr Stolz keine Furcht aufkommen läßt, aber ich
weiß auch, daß das Riesenvermögen des Herrn Marquis selbst durch die
gewagten Spekulationen des Herrn von Saint-James nicht in dauernde
Gefahr geraten kann. Ängstlich ist im Augenblick alles, denn vom
Ausgang des Krieges hängt außerordentlich viel ab. Vorläufig können wir
von wesentlichen Erfolgen Frankreichs nicht sprechen, und der
Lorbeerkranz, den der Admiral d'Estaing in der Oper entgegennahm, war
dem Ort entsprechend nur Theater für das Volk. Wir haben uns, seit dem
Zeitalter des großen Königs, der Siege so entwöhnt, daß wir geneigt
sind, jeden kleinen Erfolg zu einer Heldentat aufzubauschen. Der König
ist besonders überschwenglich bei solcher Gelegenheit, aber Orden und
Titel, die er freudig ausstreut, vermögen den Epigonen nicht die Größe
ihrer Ahnen zu verleihen.

Sie fragen nach der Stimmung des Hofs. Ich habe mich so viel als möglich
zurückgezogen, kann also aus eigener Anschauung nur wenig berichten.
Wenn man nach der Menge der Feste und Empfänge urteilen könnte, müßte
sie sehr rosig sein, aber da Feste um so weniger ein Ausdruck des
Vergnügens sind, je mehr sie zur alltäglichen Gewohnheit werden, so sind
sie kein Gradmesser für die Laune der Fürsten.

Ich traf die Königin im Juni in Ermenonville, wohin ich der Einladung
der liebenswürdigen Madame de Girardin gefolgt war. Ein göttlicher
Landsitz! Rousseau selbst hätte sich für seine ewige Ruhe keinen
schöneren Ort aussuchen können. An seinem Grabe auf der Pappelinsel, wo
die hohen Bäume in lichtem Hoffnungsgrün prophetisch gen Himmel weisen,
wo Trauerrosen sich liebevoll wie weinende Frauengesichter um das
Denkmal schmiegen und die kleinen Wellen des Flusses nur leise
miteinander flüstern, als wollten sie die Stille nicht stören, predigt
alles die Seligkeit der Rückkehr zur Natur.

Die Königin war sehr verstimmt. Am Morgen hatte sie von der Absicht
einer neuen Einschränkung der Zahl ihrer Dienerschaft erfahren, nachdem
sie schon kurz vorher gezwungen worden war, ihre Wünsche für den
Theaterbau von Trianon erheblich einzuschränken. »Man mißt, wie es
scheint, den Hofhalt des Königs von Frankreich an dem bourgeoisen Budget
des Herrn Necker,« sagte sie. Ihre weichen Züge, die ich bisher nur von
einem Lächeln verklärt sah, bekamen dabei den harten Ausdruck, der ihrer
kaiserlichen Mutter besonders eigentümlich ist. »Würden Sie sich von
Ihrem Hausknecht das Menü Ihrer Tafel bestimmen lassen?« frug sie mich.
»Von meinem Hausknecht -- nein!« entgegnete ich; »wohl aber von meinem
Verwalter, der für die geregelte Wirtschaftsführung verantwortlich ist.«

Bei dem Rundgang durch den Park kamen wir am Grabe des Unsterblichen
vorüber. Die Königin streifte es durch ihre Lorgnette mit einem eisigen
Blick, und sagte dann mit hochmütig zurückgeworfenem Haupt, -- einer
Bewegung, der nur die Tochter Maria Theresias fähig ist --: »die
Trauerrosen in Trianon blühen üppiger.« Darauf raffte sie ihr Kleid,
als dürfte es den Boden nicht berühren, und schritt vorüber. Beim Souper
machte ich der Gräfin Polignac mein Kompliment über die geschmackvolle
Toilette der Damen: »Sie tragen weiche Schuhe ohne Hacken, große
Strohhüte auf natürlich fallenden Locken, weiße, schlichte
Musselingewänder -- nennt man dies reizende Ensemble nicht eine Kleidung
à la Rousseau?!« -- »Mademoiselle Bertin, die sie schuf, nennt sie Roben
à la reine,« rief die Königin über den Tisch hinweg mir zu, und geruhte
darnach, mich nicht mehr zu bemerken.

Ein paar Wochen später war ich beim Grafen von Provence auf Schloß
Brunoy. Wer nichts weiter kennt, als diesen Palast eines Krösus, muß
glauben, ganz Frankreich schwämme in Gold. Zu einem jener beliebten
Herrenfeste, das unsere reizendsten Priesterinnen Terpsychorens durch
pikante Tänze und noch pikantere Couplets so besonders anziehend zu
machen pflegen, wurde der König erwartet. In der Nacht, ehe er kam,
improvisierten die Kavaliere einen Raub der Sabinerinnen --, die
Erzählung von dieser Posse, die in einem Bacchanal endete, amüsierte den
König mehr als die wohlvorbereiteten Aufführungen. Er ist, wie Sie
wissen, nur unfreiwillig tugendhaft.

Es gab dann noch eine Jagd auf wahrhaft hoffähige Hirsche: sie schienen
den Tod durch eine königliche Kugel als eine besondere Auszeichnung
anzusehen.

Zum Schluß hatte der König eine Privatkonferenz mit dem Grafen. Er
schied außerordentlich befriedigt.

Ein paar Tage später waren die Straßen von Versailles voll betrunkner
Schweizer, -- ihre gestundeten Gehälter waren ihnen bar ausgezahlt
worden, -- die Marställe voll englischer Pferde, und in Trianon wurde
der unterbrochene Theaterbau fortgesetzt. »Geschäfte zu machen, ist so
gemein,« sagten Sie mir in Spa mit einer unvergleichlichen, wegwerfenden
Handbewegung. Aber Könige adeln alles, -- nicht wahr, Frau Marquise?

Ich lese eben Ihre Zeilen noch einmal, und plötzlich scheint mir, als ob
der leise Wunsch, nach Versailles zurückzukehren, zwischen ihnen stünde.
Ich wäre trostlos, wenn ich ihn unterdrückt, statt angefacht hätte. Aber
warum hüllen Sie auch Ihr Innerstes immer in tausend schimmernde
Schleier? Sollten Sie wissen, daß das Geheimnis, zu langweilen, darin
besteht, alles auszusprechen?


Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Versailles, am 30. August 1780._

Verehrteste Frau Marquise, die liebenswürdige Aufnahme, die Sie mir in
Froberg bereiteten, der sympathische Eindruck, den ich, -- Sie
gestatten einem Priester die offene Bemerkung --, von der Erneuerung
freundlicher Beziehungen zwischen Ihnen und dem Herrn Marquis gewonnen
habe, treibt mich zu diesem Brief.

Sie entsinnen sich unseres langen Gesprächs im Anschluß an die höchst
merkwürdigen Mitteilungen des Baron Wurmser über den Grafen Cagliostro,
seine Heilungen und Prophezeiungen. In Erinnerung an die schmerzlichen
Erfahrungen, die Sie, teure Marquise, mit Herrn Dr. Mesmer gemacht
haben, erklärten Sie von vornherein alles für Schwindel, was Wurmser zu
berichten wußte. Auch ich war skeptisch, obwohl ich als gläubiger Christ
die Möglichkeit neuer Wunder niemals leugnen werde und überzeugt bin,
daß grade so unruhige, von Hoffnungen und Erwartungen schwangere Zeiten
besonders geeignet sind, verborgene göttliche Kräfte in einzelnen
begnadeten Menschen hervorzulocken.

Sie werden sich daher denken können, daß ich nicht zögerte, die
Bekanntschaft des mysteriösen Grafen zu suchen, der sich im Augenblick
in Paris aufhält. Er hat meine kühnsten Erwartungen weit übertroffen.
Ich kam zu später Stunde in bürgerlicher Kleidung und vollkommen
maskiert zu ihm. Ohne einen Augenblick zu zögern, begrüßte er mich mit
tiefer Verbeugung als den Kardinal Rohan und hatte, ehe ich noch ein
Wort zu sagen vermochte, meinen Charakter, meine Wünsche und Neigungen,
ja die geheimsten Ereignisse aus meiner Vergangenheit so detailliert
beschrieben, wie ich sie mir selbst kaum je einzugestehen gewagt hatte.
Diese Beweise seiner phänomenalen Fähigkeiten hätten schon genügt, meine
Zweifel zu zerstreuen; aber was ich dann noch erlebte, machte mich zu
seinem Adepten. Ich traf am nächsten Tage die Gräfin Bethune bei ihm,
und ich sprach mit ihr, als wäre sie niemals taub gewesen; ich sah mit
meinen eigenen Augen einen armen gelähmten Bettler, den er gehen hieß
wie einen leichtfüßigen Jüngling, und ein blindes kleines Mädchen, dem
er mit einem Hauch seines Mundes die Augen öffnete. Als ihn am Abend die
Menge der Kranken verlassen hatte, -- ihr heißer Dank war der einzige
Lohn, den er annahm! --, hielt er mich noch zurück.

Im Lichte einer einzigen bläulich flackernden Flamme, die ohne Lampe und
Docht mitten in seinem, von Phiolen und duftenden Essenzen gefüllten
Laboratorium zu schweben schien, hatten wir ein denkwürdiges Gespräch,
das die Gegenwart und die Zukunft Frankreichs umfaßte. Was er sagte, muß
Geheimnis bleiben zwischen uns, es hat mich tief erschüttert, und die
Rolle, die er mir in der Flut kommender Ereignisse zuwies, erfüllte mich
mit einem so heißen Dank gegen Gott, daß ich in Gebet versunken in die
Kniee sank.

Das Geräusch knisternder Funken weckte mich erst aus der frommen
Entrücktheit. Das ganze Gemach war erfüllt von Glut; ich wollte schon um
Hilfe rufend zum Fenster stürzen, als eine Stimme, dröhnend wie die
eines Erzengels, mich zurückhielt. Ich sah den Grafen vor mir stehen,
und doch war er es nicht, denn eben erst war er mir wie ein Mann von
kaum fünfzig Jahren erschienen, und jetzt war er ein Greis, dessen Alter
niemand hätte bestimmen können: Die braune Haut spannte sich straff über
die Knochen, tief in den Höhlen lagen die Augen, die mageren Hände
griffen in die glühende Luft, die uns umgab, und wo sie hinfaßten,
verdichtete sie sich zu rotem Golde, zu schimmernden Edelsteinen. Äffte
mich ein Spuk der Hölle?! Ich riß das Kreuz von meiner Brust und
streckte es beschwörend dem Grafen entgegen. Mit demütiger Gebärde
drückte er die Lippen darauf! --

Glauben Sie mir, Frau Marquise: im Augenblick der höchsten Not hat Gott
selbst Frankreich den Retter gesendet!

Ich habe in der Zeit meines Aufenthalts alles versucht, um meiner
Überzeugung Anhänger zu gewinnen; aber leider hat sich das Gift des
Unglaubens wie eine Seuche verbreitet, und selbst die ersten Diener des
Staates und der Kirche nicht verschont.

Wie mir Graf Chevreuse erzählte, scheint jedoch die Königin lebhaftes
Interesse für die Wunder Cagliostros zu haben. Als er ihr auf meine
Veranlassung von seinen Leistungen berichtete, rief sie mit leuchtenden
Augen: »Er macht Brillanten!« und klatschte wie ein glückliches Kind in
die Hände dabei. Leider ist es mir jedoch noch immer nicht gelungen,
eine persönliche Audienz durchzusetzen, von der so viel abhängen würde.
Der Einfluß der Gräfin Polignac ist stärker denn je; sie weiß ihn mit
wahrhaft infernalischer Klugheit für sich und ihre Familie auszunutzen,
was nichts anderes bedeutet, als daß sie die Rohans und ihre Anhänger
fern hält. Ich hatte gehofft, der Königin bei dem Einweihungsfest des
kleinen Theaters von Trianon den Grafen im geheimen vorstellen zu
können, aber die Späheraugen der Partei Polignac verhinderten geschickt
jede Annäherung.

Wie bedauerte ich an einem zauberhaften Abend wie diesem, Sie, schönste
Marquise, nicht unter uns zu wissen. Das kleine goldstrotzende Theater,
das von außen ganz den Charakter eines Tempels, von innen den eines
liebesschwülen Boudoirs besitzt, ist der passendste Rahmen für das
graziöse Spiel unserer reizenden Königin. Sie war eine Soubrette, der
man es glauben kann, daß der Liebhaber, den Herr von Vaudreuil mit dem
natürlichsten Feuer spielte, aus unbefriedigter Sehnsucht wahnsinnig
werden kann. Das Stück des Herrn Sedaine -- der König und der Bauer --
ist freilich etwas schlüpfrig und nicht allzu reich an Geist, aber das
entzückende Spiel all der erlauchten Komödianten ließ schließlich alles
verzeihlich erscheinen. Strahlend vor Stolz nahm die Königin die
Huldigungen des illustren Publikums entgegen. Die neuen chinesischen
Laternen verbreiteten ein magisches Licht im nachtdunklen Park, als das
Theater sich wieder öffnete; man strömte hinaus, man suchte und fand
sich.

»Und draußen auf dem Meer wird inzwischen mit Menschenleben um die
Zukunft Frankreichs gespielt,« hörte ich einen Offizier neben mir sagen,
einen der vielen, die mehr und mehr vergessen haben, daß es zur Treue
gegen den Monarchen gehört, sich auch seinen unrichtigen Maßnahmen
kritiklos zu beugen.

Ich sollte bald darauf noch ein Beispiel für den herrschenden Geist der
Aufsessigkeit kennen lernen: Der Herzog von Chartres gab zu Ehren seiner
geistreichen Freundin Frau von Genlis ein Nachtfest im Park von Monceau,
das mit einer Wasserfahrt auf bekränzten Gondeln schließen sollte. Kaum
hatte die ganze Gesellschaft Platz genommen, als sich herausstellte, daß
sämtliche Ruderer betrunken waren. Erschrocken drängte alles hinaus. In
diesem Augenblick sagte ein kleiner Kapitän laut zu unserem edlen
Gastgeber: »Wir Franzosen machen auf dem Wasser anscheinend stets
dieselben schlechten Erfahrungen.« »Und trotzdem sehen Sie, welch
schönen Sieg wir erringen,« entgegnete der Herzog lächelnd und wies auf
die Gruppen ängstlicher Damen, die sich zitternd in die Arme
hilfsbereiter Herren schmiegten. Laharpe, der Unvermeidliche, ließ sich
die Gelegenheit zu einer poetischen Improvisation natürlich nicht
entgehen, wobei er Frau von Genlis als Venus, den Herzog als Mars
feierte und es nur, -- aus übertriebener Bescheidenheit! -- unterließ,
sich selbst als Adonis vorzustellen.

In wenigen Wochen kehre ich nach Straßburg zurück. Sollte Graf
Cagliostro meinen dringenden Bitten, mitzukommen, noch Gehör schenken,
so hoffe ich nicht nur für mich, sondern vor allem für Sie, teuerste
Marquise, auf eine im höchsten Sinne bedeutungsvolle Zeit.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, den 15. September 1780._

Meine liebe Delphine. Rohan hat nicht zu viel gesagt. Ich bin aufs
äußerste überrascht von dem Erlebten und glaube darnach zu den größten
Erwartungen berechtigt zu sein. Ich brauche Ihnen wohl kaum noch zu
versichern, daß der Gedanke, meine körperlichen Kräfte zurückzugewinnen,
und mein Vermögen, wenn nicht zu vergrößern, so doch zu erhalten, mit
dem Wunsche, Ihnen nicht beschwerlich zu fallen, und Sie mit dem Glanz
zu umgeben, für den sie geschaffen sind, so innig verschwistert ist,
daß er fast identisch erscheint. Seit der großen Tragödie unseres
Hauses, unter der ich Sie zusammenbrechen sah, habe ich immer darnach
getrachtet, Sie wieder froh zu sehen. Nichts würde mir größere Freude
bereiten, als Ihre Wünsche erfüllen zu können, nichts bekümmerte mich
mehr, als daß die schwierigen, finanziellen Verhältnisse mich daran zu
verhindern vermöchten. Der Graf Cagliostro hat mich dieser Sorge
entrissen; es bleibt nur die eine noch drückendere, daß Sie wunschlos
neben mir her gehen. Ich muß die Vergangenheit zu Rate ziehen, um zu
wissen, was wenigstens damals Ihr Interesse heraufrief. Ich habe
Gartenkünstler und Architekten engagiert, um Park und Pavillon durch sie
vollenden zu lassen, und hoffe wenigstens auf ein zustimmendes
Kopfnicken.

Und nun habe ich eine Bitte an Sie. Ich legte dem Grafen die eine
schwerwiegende Frage vor, ob ich noch auf einen Erben hoffen dürfte. Er
behauptet, sie beantworten zu können, wenn er Sie gesehen hat. Diesem
Wunsche Folge zu leisten, ist seit Jahren der erste Wunsch, den ich
Ihnen ausspreche. Sie haben mir selbst das Zeugnis ausgestellt, daß ich
sie behandle wie ein väterlicher Freund. Beweisen Sie mir jetzt die
Dankbarkeit, die Sie mir so oft versichert haben.


Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Straßburg, den 26. September 1780._

Die Sorge um Sie, teuerste Frau Marquise, verfolgte mich bis in meine
Träume. Lassen Sie mich umgehend wissen, wie Sie den fürchterlichen --
leider durch Ihre eigene Schuld fürchterlichen Abend überstanden haben.
Wie konnten Sie nur den Zustand der Entrücktheit, in dem der Graf sich
befand, so jäh unterbrechen, so daß er wie ein Toter zu Boden stürzte?!
Ist der Gedanke, noch ein Kind bekommen zu können, Ihnen so schrecklich,
daß er jenen Aufschrei äußerster Verzweiflung auslösen mußte? Wollen Sie
die ehelichen Pflichten nicht mehr anerkennen, Pflichten, die leider
auch unter dem korrumpierenden Einfluß antichristlicher Moral auf den
Schutthaufen der Vergangenheit geworfen werden?

Mit dem hoheitsvollen Lächeln eines Überlegenen ging der Graf über den
aufregenden Moment hinweg. Als er aber dann unter dem zauberhaften Licht
der schwebenden Flamme aus Ihrem eigenen Ring Tropfen flüssigen Goldes,
aus Ihrem eigenen Halsband schimmernde Edelsteine fallen ließ, und der
Marquis und ich dem Wunder mit andächtigem Staunen zusahen, warum
sprangen Sie auf und griffen in die Glut, so daß ihre weiße Hand sich
mit roten Brandwunden bedeckte; warum warfen Sie einem Manne, der unser
aller Wohltäter werden kann, Ihr »Schwindler!« entgegen?!

Als ich heute früh den Grafen begrüßte, -- sein Aussehen bestätigte mir
diesmal mehr als seine Worte, daß er das Alter Mose erreicht hat --,
sprach er in Ausdrücken warmer Anteilnahme von Ihnen. Wir alle wollen
Ihr Bestes, schönste Frau, und ich hoffe, Sie werden mich und den Grafen
empfangen, wenn wir uns im Laufe dieses Tages bei Ihnen melden lassen.
Vergessen Sie nicht, daß Ihre Weigerung auch Ihrem Herrn Gemahl der
Hilfe eines Menschen berauben dürfte, von dem er alles erwartet.


Graf Cagliostro an Delphine.

Frau Marquise! Sie wollen mich nicht empfangen. Es scheint Ihnen
unbekannt zu sein, daß alles, was mich betrifft, nicht vom Willen eines
Sterblichen abhängt.

Der Marquis ist ohne mich ruiniert und Sie seine lebenslänglich
Gefangene.

Auf Schloß Froberg sehen wir uns wieder.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 15. Dezember 1780._

Meine teure Frau Marquise! Ihre Mitteilung enthielt für mich nichts
Neues. Ganz Paris ist erfüllt vom Ruhm Cagliostros, den die Einen für
einen geschickten Taschenspieler, die Andern für einen Zauberer halten.
Daß der Kardinal Rohan ihm verfallen ist, daß der Marquis Montjoie in
Straßburg ein Laboratorium einrichtete, um die Kunst des Goldmachens von
dem mysteriösen Fremden zu erlernen, -- das ist das Tagesgespräch in den
Salons, und Cagliostro kann sicher sein, mit dem Ruhm, der ihm jetzt
vorangeht, Paris zu erobern. Eine Gesellschaft, die zu Madame Bontemps
strömt, um sich aus dem Kaffeesatz wahrsagen zu lassen, die an Stelle
geistreicher Konversation Sitzungen mit Somnambulen treten läßt, ist
reif für diesen Propheten. Würden unsere Philosophen sich wohl die Mühe
gegeben haben, den Glauben zu vernichten, wenn sie geahnt hätten, daß
sie dadurch nur dem Aberglauben die Wege bereiten?! Je mehr die Furcht
vor der Wirklichkeit wächst, desto mehr flüchten die Feigen in das Reich
phantastischer Träume.

Sie werden vom Mißerfolg meiner Tragödie »Der Tod des Cajus Gracchus«
gelesen haben. Der Ernst erschreckte das Publikum; es verträgt den Witz,
ja die Satire, es lacht über sich selbst und über unsere politischen
Zustände, wenn man sie ihnen auch in Form der drastischsten Karikaturen
vorführt, aber es wird nie verstehen wollen, daß die Komödie im Grunde
ein Trauerspiel ist.

Herr Necker scheint alle Mittel seiner Weisheit erschöpft zu haben, ohne
es vor der Öffentlichkeit zugeben zu wollen. Herrn Linguet, der in
seiner Zeitschrift nicht aufhört, die Maßnahmen des Generalkontrolleurs
lächerlich zu machen, ist zwar in der Bastille Gelegenheit geboten
worden, für seine literarischen Sünden Buße zu tun, aber jedermann weiß
--, er selbst am genauesten --, daß der Hof seine gepfefferten Aufsätze
mit Vergnügen liest. Ich bin kein Anhänger der steifen Würde Herrn
Neckers, noch weniger der geistreichelnden Charakterlosigkeit des Herrn
Linguet, der nur Leute zu blenden vermag, die des Tageslichts ganz und
gar entwöhnt sind, aber angesichts der Möglichkeit der Verabschiedung
Neckers kann ich mir nicht verhehlen, daß, wer auch sein Nachfolger sein
mag, er sicher nur noch unfähiger sein wird, Frankreich vor dem Ruin zu
retten.

Ist es nicht auch ein Zeichen bedenklichen Niedergangs, daß ich an die
reizendste aller Marquisen schreibe, als wäre sie ein alter Diplomat?
Wahrhaftig, der Franzose verlernt es, in seinem Klub- und
Kaffeehausleben mit schönen Frauen Konversation zu machen. An Stelle der
Kunst der Unterhaltung tritt der schlechte Stil der Journale oder der
rohe Jargon der Grisetten.

Der Dienst, schönste Frau, führt mich in nächster Zeit nach dem Elsaß.
Sie würden sich einer geistigen Lebensrettung rühmen können, wenn Sie
mir auch nur für wenige Tage Aufnahme gewähren. Allein die Hoffnung, Sie
zu sehen, Ihre kleine Hand ehrfürchtig an die Lippen ziehen zu dürfen,
entreißt mich schon der morosen Stimmung. Die Gegenwart vergessen, indem
man sie genießt, ist schließlich die beste Philosophie.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 20. März 1781._

Teuerste Delphine. Wie ich Adam beneide! Er wurde zwar gleich mir nach
einer Zeit, die zeitlos war, darum so lang wie die Ewigkeit und so kurz
wie ein Augenaufschlag, aus dem Paradiese vertrieben --, aber er hatte
doch die verbotene Frucht genossen!

Habe ich Ihnen nicht wochenlang treu gedient? sogar das Grauen vor dem
unheimlichen Gast Ihres Hauses überwunden, um Ihnen im Kampf gegen diese
Riesenspinne beizustehen, die unsichtbar ihre Fäden um Sie zieht.

Habe ich in Ihren neuen Parkanlagen nicht den Obergärtner, beim Ausbau
Ihres Pavillons nicht den Architekten gespielt, wobei ich die süße
Hoffnung nährte, daß diese Grotten und Lauben, daß diese rosiggoldene
Venusmuschel mir einmal mehr zu bieten hätte als künstlerischen Genuß?

Unser Jahrhundert ist ein mit den köstlichsten Gütern reich beladenes
Schiff, das einem fremden Erdteil zusteuert, um, vom Orkan getrieben, an
seinen Felsen zu zerschellen. Aber mag all sein Reichtum dabei zugrunde
gehen, wenn nur gerettet wird, was zur höchsten Blüte sich entfaltete:
die Kunst der Liebe. Und Sie, geboren zu ihrer Hüterin, wollen ihr jetzt
schon treulos sein? Heißt das nicht, den Barbaren die Zukunft
überlassen? Sollten nicht gerade wir, die Kinder einer sterbenden
Epoche, noch jede Glücksmöglichkeit erschöpfen, damit sie im
rotglühenden Glanze des Abendrots untergeht, und nicht unter grauem
Himmel und kühlen Regentränen?

O, es ist bitter für den Grafen Guibert, als Ersatz für die Liebe über
Liebe philosophieren zu müssen! Ich würde ganz darauf verzichten, ich
würde vor allem Ihren Wunsch, Ihnen nicht von Gefühlen, sondern von
Literatur und Politik zu erzählen, unerfüllt lassen, wenn nicht Ihre
leuchtenden Augen, Ihr roter Mund, Ihre kleinen weichen Hände, Ihre
reizende mit holder Koketterie gekleidete Gestalt mich überzeugt hätten,
daß Sie mit den politisierenden Damen des Palais-Royal nichts, aber auch
gar nichts zu tun haben. Einer Delphine Montjoie werden diese Dinge
nicht zum Lebensinhalt; sie dienen ihr nur, um ihren Geist zu entfalten,
ihre Empfindung zu vertiefen, wie Blumen und Bänder, Seidengewebe und
Edelsteine ihr dienen, um ihren Reiz zu erhöhen.

In diesem Sinne ergebe ich mich sogar in das Schicksal eines bloßen
Chroniqueurs.

Von Neckers Rechenschaftsbericht, den schon alle Welt in Händen hat,
brauche ich Ihnen kaum noch etwas zu sagen. Er ist das, was ich von
einem Manne, der Klugheit, aber keine Größe besitzt, erwartete: eine
geschickte Verschleierung der Tatsachen, ein Ablenken des Unwillens über
eine allgemeine Mißwirtschaft auf die Häupter von wenigen Mitschuldigen.
Das Volk, oder vielmehr diejenigen Kreise, die sich heute als Volk zu
bezeichnen lieben, -- Advokaten, Zeitungsschreiber, Krämer und
deklassierte Aristokraten --, jubelt, die Parlamentsräte, die
Intendanten und Generalpächter, denen Necker einige Wahrheiten sagt,
sind empört. Es wird sich wahrscheinlich wieder einmal zeigen, daß in
der Politik nicht die Mehrheit der Menschen, sondern die Macht des
Geldes den Ausschlag gibt, um so mehr, als die Königin des Sparens müde
ist und Necker zu Fall bringen wird, wenn nicht der Graf Cagliostro sich
sehr beeilt, auch ihr die Kunst des Goldmachens zu lehren.

Sie sehen: meine Gedanken kehren trotz allen Sträubens immer wieder zu
dem »Meister« zurück. Niemand konnte ihm skeptischer, ja feindseliger
gegenübertreten als ich, vor allem, seit ich sah, wie er den Marquis und
den Kardinal zu bloßen Werkzeugen seines Willens gemacht hat, und wie
sehr Sie um seinetwegen litten. Trotzdem --, ich bin außerstande, ihn
kurzerhand als einen raffinierten Betrüger abzutun. Er hat mir Dinge aus
meiner Vergangenheit gesagt, die nur ich wissen konnte; er hat
Prophezeihungen ausgesprochen, die nicht in die Rubrik billiger Träume
zu verweisen sind; er hat Saiten in mir zum Klingen gebracht, die mir
früher wie bloße Rudimente kindlicher Geistesbeschaffenheit erschienen
und von denen ich glaubte, daß die Voltaire und die Holbach sie längst
zerrissen hätten.

Wissen Sie noch, wie ich am letzten Abend vor dem Pavillon über den
»Goldmacher« zu scherzen versuchte, um Ihre Angst zu zerstreuen? Keine
Wolke trübte den strahlenden Himmel; purpurn senkte sich der Sonnenball.
Da fiel auf einmal ein langer dunkler Schatten über den Rasen vor uns
bis zum Teich; die Schwäne schlugen mit den Flügeln, Sie zogen fröstelnd
das weiße Tuch um die Schultern -- Cagliostro war vorübergegangen.

Ich wollte, Sie wären in Paris, teuerste Frau!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, am 25. Mai 1781._

Meine liebe Delphine! Kaum hier angekommen, bin ich Zeuge eines
»umwälzenden Ereignisses« geworden, -- genau wie Cagliostro es
vorausgesagt hat. Ein neuer Beweis, der seinen Eindruck auf Sie nicht
verfehlen dürfte!

Necker erhielt seine Demission, nachdem alle Welt zum Dank für die
erstaunliche Leistung eines Plus von zehn Millionen im Staatsschatz
mindestens seine Standeserhöhung und seine Ernennung zum Minister
erwartet hatte. Sie wissen, daß er mich den Genfer Bankier nie vergessen
ließ, daß ich aber zugleich großes und, wie sich herausstellte,
berechtigtes Vertrauen in seine Geschäftsklugheit gehabt habe. Leider
war er den Herren Finanziers und Generalpächtern, die immer mehr das
große Wort führen, je mehr sie unsere Güter, unser Vermögen, unsere
Bildung sich aneignen und sogar den König dadurch zu täuschen versuchen,
viel zu klug. Sie sind es in der Tat, die Necker gestürzt haben. Wie
stark muß ihr Einfluß sein, daß dergleichen geschehen konnte.

Ich war Sonntag inmitten der Stadt, als die Nachricht sich verbreitete.
Alles war aufs äußerste konsterniert. Die Promenaden, die Cafés waren im
Augenblick überfüllt, aber es herrschte überall eine fast beängstigende
Stille. Man sah sich vielsagend an, man drückte einander teilnehmend die
Hand, als stünde man vor einer allgemeinen Katastrophe. In den nächsten
Tagen entwickelte sich eine förmliche Völkerwanderung nach Saint-Quen,
wohin Necker und seine Familie sich sofort zurückgezogen hatten. Man
bemerkte die Herzöge von Orléans, von Chartres, von Choiseul und
Richelieu, sogar den Erzbischof von Paris, und sah darin eine offene
Parteinahme wider den König, die von neugierigen Massen vielfach lebhaft
applaudiert wurde.

Am Abend kam es in der Comédie Française zu turbulenten Szenen. Man gab
La partie de chasse de Henri IV. Bei den Worten des Herzogs von
Bellegarde »sprechen Sie mit Respekt von einem so großen Minister!«
brach das Publikum in minutenlange Bravo-Rufe aus, und bei dem Ausruf
Heinrichs IV. »die Grausamen! Wie konnten sie mich um diesen Mann
betrügen!« weinte alles.

In der Oper kam es am selben Abend zu einem lärmenden Auftritt, als ein
Kavalier seiner Freude über den Rücktritt Neckers allzulauten Ausdruck
gab, und Herr von Bourboulon, dessen Broschüre den Generalkontrolleur
wegen seines Rechenschaftsberichts der Fälschung zieh, kann sich
öffentlich nicht sehen lassen, ohne insultiert zu werden. »Nun ist
Frankreich verloren,« hörte ich auf offener Straße einfache Leute
tränenden Auges zu einander sagen.

Ich kann nicht leugnen, daß ich Ähnliches empfinden würde, wenn ich
nicht in letzter Zeit zu neuen Hoffnungen mich berechtigt glaubte, von
denen ich nur bedauern kann, daß sie nicht auch die Ihren sind. Herr von
Saint-James war nicht wenig verblüfft, als ich einen Teil meines
Kapitals kündigte; er warnte mich vor Schwindlern, woraus ich entnahm,
daß mein Verkehr mit Cagliostro nicht unbekannt geblieben ist, aber,
meiner Abmachung mit dem Grafen getreu, habe ich mit keiner Silbe
erwähnt, was ich nun schon Dutzende von Malen mit eigenen Augen sah: daß
ein Louisd'or sich in der Glut des geheimnisvollen Feuers verdoppelte
und verdreifachte. Ich habe bei Gelegenheit des Besuches auch Ihren
Wunsch erfüllt und Ihr kleines Kapital aus dem Geschäft zurückgezogen.
Ich hoffe, Sie werden es in ein paar Boutons für Ihre rosigen Ohren oder
in eine Kette um Ihren weißen Hals verwandeln --, andernfalls würde mir
diese Laune der schönen Marquise nicht ganz verständlich sein. Fast
soviel als es ausmacht, habe ich bereits für Sie ausgegeben: Spitzen,
Seidenstoffe, Hüte und Häubchen für Ihre reizende Person, entzückende
kleine Möbel für den Pavillon -- Ihren goldenen Rahmen -- gehen heute
nach Froberg ab.

Werden Sie jemals wieder daran denken, sich für mich zu schmücken, meine
liebe Delphine? Sie haben keinen Liebhaber, -- obwohl ich nur der Gatte
bin, glaube ich, es behaupten zu können! -- würden Sie nicht,
versuchsweise, einmal mit mir vorlieb nehmen?! Ich heiratete Sie, weil
Sie mich entzückten, Ihre junge Schönheit meiner Eitelkeit schmeichelte.
Aber jetzt, Delphine, werbe ich um Sie, weil ich Sie liebe. Ich bin kein
schmachtender Anbeter; ich kann Sie nicht einmal mit der ergreifenden
Geschichte meiner Gattentreue rühren. Treue ist eine bourgeoise Tugend,
die nach Frondienst schmeckt. Aber ich werde vermögen, was kein anderer
vermag: Ihnen alle Herrlichkeit der Welt zu Füßen zu legen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, am 3. Juni 1781._

Meine Liebe! Die Nachricht von Ihrer Abreise nach Spa, die Mitteilung
von dem längeren Besuch, den Sie nach dem Badeaufenthalt Ihrer Freundin
Clarisse machen wollen, -- eine Freundschaft, der Sie sich gerade jetzt
zu erinnern belieben! -- ist die deutlichste Antwort auf meinen letzten
Brief.

Ich kann warten! Der Meister sagte mir, als wir die letzte Sitzung
miteinander hatten: sie kommt wieder. Ich glaube ihm. Erholen Sie sich,
amüsieren Sie sich, lassen Sie Dutzende von Männern zu Ihren Füßen
schmachten. Mir soll es recht sein, denn -- Sie kommen wieder!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 18. Juli 1781._

Soeben erfahre ich von meiner Schwester, daß Sie, Holdseligste, endlich
einer Einladung nach Chateau Larose folgen wollen. Sie ist entzückt; ich
bin es noch mehr; und meine Neugierde kennt vollends keine Grenzen, denn
die Marquise Delphine ist ein Rätsel, das einem Mann, der das Geheimnis
»Weib« ganz zu ergründen geglaubt hatte, immer aufs neue zu lösen übrig
bleibt.

»Die Marquise Montjoie hat den Schleier genommen,« wußte die kleine
Lamballe noch vor einem Jahre mit dem himmlischsten ihrer
Augenaufschläge zu berichten. Ich erschrak. Aber meine Phantasie
arbeitete bereits an der entzückendsten aller Klosterentführungen.

»Die reizende Delphine ist des Grafen Cagliostro Adeptin,« erzählte
wenige Monate später der Baron Wurmser bewundernd, als ob Sie es noch
nötig gehabt hätten, das Zaubern zu lernen. Ich war empört. Und mein
Entschluß stand fest, den Hexenmeister zu entlarven, um ihm sein Opfer
entreißen zu können.

»Wissen Sie, wer der Marquise Montjoie einziger Liebhaber ist?« lachte
Herr von Vaudreuil, als er im vorigen Winter in Straßburg gewesen war,
»der Herr Marquis!« Ich war verzweifelt. Denn nun erst schienen Sie mir
verloren.

Und jetzt erfahre ich von Ihrem Hofstaat in Spa, zu dem der Marquis
nicht gehört, -- denn ich sehe ihn in Paris im Gefolge Cagliostros --,
von Ihrer bevorstehenden Ankunft in Larose -- allein!

Versailles ist tot, seitdem der Zustand der Königin uns zur Tugend
zwingt. Aber selbst wenn es im höchsten Glanze strahlt, selbst wenn alle
Marmorgöttinnen seiner Gärten lebendig geworden wären, nur um mich zu
umarmen, -- Larose erschiene mir, von Delphine bewohnt, als der Himmel
auf Erden -- vorausgesetzt, daß es nicht der der Heiligen und der
Erzengel, sondern der der Houris und der Grazien ist.

Ich werde kurz vor Ihnen in Larose eintreffen, um nicht nur des Vorzugs
zu genießen, die holde Delphine aus dem Wagen heben zu können, sondern
um auch der Erste zu sein, der Ihnen das neueste gesellschaftliche
Ereignis von Paris zu berichten vermag: die Eröffnung des Hotels
Dervieux in der rue Chantereine, eines Meisterwerks von Bellanger. Die
jüngste und schönste Dienerin Terpsichores wird dank der Gunst des
Prinzen von Soubise seine Herrin sein, und ich rühme mich, sie entdeckt
zu haben. Daß sie schön ist, wird die Marquise Montjoie mir glauben; wer
könnte, der Sie kennt, mit einem anderen Maßstab messen, als dem Ihren?
Für den Geist der Kleinen zeugt dies Bonmot: Ein junger Mann bewarb sich
um sie. Sie wies ihn ab. Er kam immer wieder; schließlich schrieb er
flehend: »Gewähren Sie mir nur als Almosen Ihre Gunst.« Sie erwiderte
auf rosigem billet-doux-Papier: »Ich bedaure lebhaft, mein Herr, ich
habe schon meine Armen.« Sie werden mir zugeben, schönste Frau, daß Guy
Chevreuse, dank der Erziehung durch Sie, auf der Höhe seines guten
Geschmacks geblieben ist.

Je mehr die Gelehrten sich über die Entdeckungen neuer Wunder der Chemie
und der Physik den Kopf zerbrechen und ihrer Unsterblichkeit die Genüsse
ihrer Sterblichkeit opfern, desto mehr fühle ich es als heilige Pflicht,
der gräßlich ernsthaft werdenden Menschheit Quellen der Freude zu
erschließen, auch wenn mein Dank dafür in nichts besteht, als im jus
primae noctis. Das ist lateinisch, schönste Frau; ich lernte die drei
Worte, in denen sich meine ganze Kenntniß der klassischen Sprache
erschöpft, von Herrn von Beaumarchais und bitte Sie, sie sich von ihm
--, der mit uns in Larose und mein gefährlichster Nebenbuhler sein wird!
-- erklären zu lassen.

Übrigens wird noch eine dritte Schülerin von L'Abbaye aux Bois unter den
Gästen sein: Die Prinzessin d'Hénin. Es wird also an Beweisen dafür
nicht fehlen, daß trotz Rousseau und seiner jüngsten Nachfolgerin in der
Predigt von der freien und naturgemäßen Kindererziehung der Madame
d'Epinay die des Klosters noch immer die beste ist, sie gab uns die
reizendsten, die vorurteilslosesten, die liebenswertesten Frauen. Mit
einer Grazie ohnegleichen hat sich die Prinzessin in das Verhältnis
ihres Gatten zu Mademoiselle Arnould gefunden. Als eine Tugendhafte aus
dem Salon Necker sie kürzlich bedauern wollte, sagte sie achselzuckend:
»Was wollen Sie?! Mir sind Männer, die nichts zu tun haben,
antipathisch. Der Prinz hat doch nun wenigstens eine Beschäftigung.«
»Hat er denn keinen andere?« frug die Tugendhafte malitiös. »Bei mir
jedenfalls nicht!« antwortete lächelnd die Prinzessin.

Ich greife schleunigst nach Siegellack und Petschaft, ich gerate ja fast
in die Gefahr, meinen Witz noch vor unsrer Begegnung zu erschöpfen, und
wollte ihn doch, als Strahlenbündel verpackt, nach Larose mitnehmen, um
in blendender Gloriole vor Ihnen, Holdseligste, dazustehen.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 11. Oktober 1781._

Wer Larose mit Paris vertauscht, ist weit mehr ein Sträfling, als wer
die Freiheit der Hauptstadt mit den Ketten der Bastille vertauschte. Ich
sitze vor dem Schreibtisch, statt vor der schönsten Frau Frankreichs,
ich schaue durch trübe Scheiben auf Häusermauern, statt durch grüne
Blätter auf blauen Himmel, und -- Schrecken aller Schrecken! -- ich lese
Figaros Streiche einem Haufen hirnloser Komödianten vor, statt der fine
fleur der Pariser Gesellschaft. Noch klingt mir Ihr perlendes Lachen im
Ohr, -- als ein gellender Mißton drängt sich die Kritik hochmögender
Kollegen dazwischen, die zwar nichts besser machen, aber alles besser
wissen wollen.

Es gibt Leute unter ihnen -- à la Demoines, der der Dubarry Tugendkränze
flocht und Ludwig XVI. so lange versichert hat, daß er ein Genie ist,
bis er es selber glaubt --, die angesichts meiner Komödie um die
Sicherheit des Staats und um die guten Sitten der Pariser zittern. Ich
tröste mich; denn noch haben alle, die ihre Feder zum Schwerte
schliffen, den Vorwurf ertragen müssen, daß sie Zustände schaffen,
während sie lediglich den Mut hatten, deren Vorhandensein aufzudecken.
Wie die ängstlichen Bedenken literarischer Streber mir bestätigen, daß
mein Stück gut ist, so bestätigt mir der lebhafte Beifall, den seine
Vorlesung bei dem alten Kanzler Maurepas vor einer Gesellschaft
ehrwürdiger Kirchenfürsten fand, daß Figaro recht hat, mit der
Narrenpeitsche auf die Almavivas einzuschlagen. Oder finden Sie nicht,
daß sogar ein simpler Barbier dunkler Herkunft sich erlauben kann, die
Gesellschaft zu verachten, die den Aussatz, an dem sie leidet, bloß --
komisch findet?!

Sie haben recht, klügste aller Marquisen: Beaumarchais und Figaro sind
identisch, -- »Herr da und Knecht dort, wie es dem Glücke gefällt,« --
und ich meine alle Maurepas, für die Frankreich nur da ist, damit sie
Minister sein können, und alle Rohans, die mir die Herausgabe der Werke
Voltaires verbieten und damit Voltaire selbst glauben vernichtet zu
haben, wenn Figaro zu Almaviva sagt: »weil Sie ein großer Herr sind,
meinen Sie ein großes Genie zu sein. Adel, Vermögen, Rang, Würden, all
das macht stolz. Aber was haben Sie geleistet für so viel
Herrlichkeiten? Sie haben sich nur die Mühe genommen, geboren zu werden!
Im übrigen ein Alltagsmensch, während ich, im dunklen Haufen verloren,
nur um mich fortzubringen, mehr Witz und Wissen aufwenden mußte, als
man in den letzten hundert Jahren verbraucht hat, um den Staat zu
regieren.«

Sie haben aber unrecht, wenn Sie sagen: Figaro wird die Bühne nie
betreten. Er wird, Frau Marquise, er wird! Schon habe ich Madame Campan
eine Abschrift meiner Komödie in die Hände gespielt und sie hat sie dem
König und der Königin vorgelesen. »Das ist abscheulich! Das ist
unanständig!« hat Ludwig XVI. nicht aufgehört zu versichern. »Man wird
das Stück nicht aufführen,« hat er mit der ganzen Autorität des
absoluten Monarchen hinzugefügt. Ist das nicht ein Riesenerfolg, eine
sichere Gewähr für die Aufführung?! Der König will nicht, daß Figaros
Hochzeit gespielt wird; ich aber schwöre, sie wird gespielt werden und
wäre es auf dem Chor von Notre-Dame!

Das Antichambre will in den Salon, Frau Marquise, und Figaro reißt zu
dem Zweck die Flügeltüren auf.

Sie glauben mir nicht? Sie weisen mich wieder darauf hin, mit welcher
Begeisterung die Geburt des Dauphin begrüßt worden ist, wie »das Volk«
Vivat schrie, wie »das Volk« den Namenszug des Neugeborenen als Broschen
und Busennadeln trägt. Was ist »das Volk?!« Einmal ein Haufe
märchenseliger Kinder, die in jedem Prinzlein einen Erlöser verzauberter
Prinzessinnen sehen, das andere Mal eine Herde blutdürstiger Raubtiere,
die Tauben mit derselben Gier verschlingen, wie Wildkatzen.

Sie wünschen noch ein Pariser Ragout? Cagliostro macht glänzende
Geschäfte. Er ist, bei Gott, ein großer Erzieher, denn er beweist, daß
man nur die Frechheit haben muß, Glassplitter für Edelsteine auszugeben,
um alle Narren -- d.h. die Mehrheit -- glauben zu machen, daß sie es
wirklich sind.

Die Redoute chinoise ist im Beisein der besten Gesellschaft eröffnet
worden. Ein Variété, wo man Dirnenlieder singt und Vagabundengeschichten
erzählt, eine Bildungsanstalt also, die bestimmt ist, in den Theatern
für »das Volk« Platz zu machen. Die Übersättigten kehren bekanntlich
immer zum Schweinefett als zu einer Delikatesse zurück.

Die Muse Rétifs de la Bretonne ist wieder einmal kläglich
niedergekommen. Für ein Siebenmonatskind ist das Kleine recht lebhaft,
und dabei von einer Natürlichkeit --! Zeigten seine älteren Geschwister
nur den völlig feigenblattlosen Körper, so geht das jüngste so weit,
auch seine primitivsten Funktionen blos zu stellen. Sein Erfolg ist
selbstverständlich enorm. Ist das am Ende ein Beweis für unser
Greisentum? An Exhibitionen berauschen sich immer nur Zeugungsunfähige.

Übrigens ist Herrn Rétif in dem Chevalier Choderlos de Laclos ein
gefährlicher Konkurrent erstanden. Seine »Liaisons dangereuses« sind ein
graziöses Büchlein, und wie Rétif der Rousseau der Gosse ist, so dürfte
Laclos der Rétif der guten Gesellschaft werden.

Von alten Freunden hat sich der gute Laharpe mit einer Ausgabe seiner
gesammelten Werke eingestellt. Man pflegte das früher der Nachwelt zu
überlassen, und wenn es mich schon überrascht, daß Laharpe den Mut
besitzt, seine ganze Karriere -- vom begeisterten Anhänger Voltaires bis
zum Freunde Marie Antoinettes -- offenherzig zu enthüllen, so wundert es
mich weit mehr, daß er die Selbsterkenntnis besitzt, zu tun, woran nach
seinem Tode niemand mehr denken würde. Er ist, wie Herr von Chamfort
bissig bemerkte, eben ein Mann, der sich seiner Fehler bedient, um seine
Laster zu verstecken.

Der Herzog von Chartres hat die große Allee vom Palais-Royal
niederschlagen lassen, um gedeckte Wege anzulegen. Seitdem die
Spekulanten wie Prinzen leben, ist es den Prinzen nicht zu verargen,
wenn sie Spekulanten werden.

Madame de Genlis hat sich nun auch entschlossen, die Reform der
Erziehung in die Hand zu nehmen --, natürlich indem sie ein Buch darüber
schrieb. Ist der Eifer, die Kinder vor schlechter Erziehung zu retten,
nicht schrecklich rührend in einer Zeit, wo die Eltern kein Brot mehr zu
essen haben!?

Sie sehen, eine Überfülle erstaunlicher Ereignisse; kommen Sie bald,
damit Ihnen nicht allzu viel entgeht, -- vor allem aber, damit Sie
Figaros Sieg erleben!


Baron Ferdinand Wurmser an Delphine.

_Paris, den 10. Februar 1782._

Verehrte Cousine. Wenn ich jetzt erst dazu komme, Ihnen zu schreiben, so
werden Sie das einem Manne zugute halten, der nach einem Jahrzehnt der
Abwesenheit nach Paris zurückgekehrt ist und bei jedem Schritt, den er
tut, zu träumen glaubt.

Welch eine Umwälzung! Ich bin von ihr noch dermaßen benommen, daß ich
nicht weiß, ob ich sie freudig begrüßen, oder vor ihr erschrecken soll.
Ein Eindruck ist es vor allem, der geradezu verblüffend wirkt, und den
ich in vier Worten zusammenfassen kann: Das Volk ist da!

Sind wir früher, als wir uns fast nur zu Pferde oder zu Wagen durch die
Straßen bewegten, so rasch an ihm vorübergeglitten, oder wagte es sich
wirklich nicht aus seinen Quartieren heraus, -- ich weiß es nicht;
jedenfalls ist es erst jetzt vorhanden. Es geht, ohne uns Platz zu
machen, auf denselben Wegen wie wir, es schreit und lärmt auf den
öffentlichen Plätzen, es spricht mit lauter Stimme von Freiheit,
Demokratie, Republik, wo es früher nur den Mund aufzutun wagte, um vive
le roi zu rufen. Das Erstaunlichste aber erlebte ich gestern.

Das Gerücht von der Ankunft Lafayettes hatte sich verbreitet. In
Versailles wußte freilich niemand davon, als die Pariser Straßenjungen
sich schon im »vive Lafayette« übten. Ich hielt mich von früh an im
Palais-Royal auf, wo die Arkaden, die der Herzog zum Ersatz der
verschwundenen großen Allee bauen ließ, der Vollendung entgegengehen und
der Sammelpunkt geistigen Lebens zu werden scheinen. Man sprach voll
Begeisterung von dem erwarteten Helden, von der endgültigen Befreiung
Amerikas, von dem großen, ausschlaggebenden Sieg bei Yorktown.

»Ein Fanal der Freiheit war der Brand der Stadt!« schrie Einer, der
dabei gewesen sein wollte. »Bald brennt es auch bei uns!« rief ein
Andrer. »Und mit den Feudalrechten und den Steueredikten schüren wir den
Scheiterhaufen der Monarchie«, frohlockte ein Dritter, -- ein buckliger
Mensch mit dem ausgemergelten Gesicht eines Savanarola. Alles
applaudierte.

Der Ruf »Lafayette!« der irgendwo von oben zu kommen schien, übertönte
den Lärm. Einen Augenblick tiefen Schweigens --, dann wälzte sich die
Menge einmütig dem Eingang zu, und schon in der nächsten Minute sah ich
einen Mann in Uniform, von starken Armen getragen, hoch über ihren
Köpfen schweben. Hüte flogen in die Luft, Taschentücher wehten, --
lauter weiße Fahnen --; als der Marquis endlich mit den Füßen wieder den
Boden berührte, streckten sich ihm hunderte von Händen entgegen. Und
breite, schmutzige Fäuste umklammerten seine schmale Aristokratenhand.
Alles in mir empörte sich beim Anblick dieser Berührung. Ich versuchte,
mich hinaus zu drängen. Da traf mein Blick von ungefähr einen anderen
Uniformierten, der neben Lafayette stand: dies scharfgeschnittene
Profil, diese stahlblauen Augen, diese hellen blonden Haare waren mir
bekannt, ja vertraut. Friedrich-Eugen! Das Erstaunen löste den lauten
Ruf von meinen Lippen. Er hörte mich nicht; er sprach -- fast
freundschaftlich, wie mir schien -- mit jenem Buckligen, und seine braun
gebrannten Wangen färbten sich dabei mit einem leisen Rot, seine
schmalen Lippen umspielte ein Lächeln, -- er freute sich dieser
Begegnung!!

Ich wäre außer stande gewesen, den alten Freund zu begrüßen, und bahnte
mir mit den Ellenbogen den Weg hinaus.

Als ich ziellos durch die Straßen stürmte, führte mich der Zufall --
oder das Schicksal?! -- an Cagliostros Haus vorbei. Ich zögerte
unwillkürlich und schaute hinauf. Der Meister stand am offenen Fenster.
Etwas wie ein teufliches Grinsen, das ich nie vorher an ihm gesehen
hatte, verzerrte seine Züge. Mit der großen gelben Hand winkte er mir
zu und rief mit einer Stimme, als kratze eine Stahlklinge über eine
Schiefertafel: »Die Luft weht schneidend heute, was, Herr Baron?! Machen
Sie, daß Sie nach Hause kommen, für zarte Häute ist das nichts,« und,
hell auflachend, schlug er krachend das Fenster zu. Ich stand noch wie
gebannt, als ich den Marquis, Ihren Gemahl, unten aus dem Torweg treten
sah. Er ging langsam, sehr gebückt, seine Schultern zuckten, als fröre
ihn unter dem dicken schwarzen Mantel. Besorgt wollte ich ihn anreden.
Aber er sah an mir vorbei ins Leere.

Es war ein böser Tag, teuerste Cousine, und ich würde am liebsten meine
Koffer packen, und den Weg, den ich kam, mit der schnellsten Post
zurückkehren. Rußland erscheint mir jetzt wie eine stille,
felsenumschlossene Bucht, in deren dunklen Wassern sich zwar die Sonne
nicht spiegelt, die aber auch der Sturm nicht aufpeitscht.

Aber die bevorstehende Ankunft des Großfürsten fesselt mich hier, und
ich knüpfe die Hoffnung daran, daß sie mit vielen Festen und Empfängen
die Wirkungen schlechter Träume zerstreuen wird.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 15. März 1782._

Verehrteste Frau Marquise. Im Auftrage meiner erhabenen Gebieterin,
Ihrer Majestät der Königin, habe ich die Ehre, Ihnen dero allerhöchste
Wünsche ganz ergebenst zu unterbreiten.

Ihre Kaiserlichen Hoheiten, der Großfürst Paul von Rußland und seine
Gemahlin, die Großfürstin Maria Feodorowna, geborene Prinzessin
Montbéliard, gedenken im Mai den französischen Hof durch ihren Besuch
auszuzeichnen, und Ihre Majestät will alles daran setzen, um den
erlauchten Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.
Sie bittet daher die Frau Marquise Delphine Montjoie als Jugendgespielin
Ihrer Kaiserlichen Hoheit während der kommenden Monate die
Gastfreundschaft des französischen Hofes gleichfalls akzeptieren zu
wollen.

Bis hierher schreibt Ihnen, schönste Delphine, nur die von einem höheren
Willen in Bewegung gesetzte Feder, und jetzt erst tritt Guy Chevreuse
persönlich in Aktion, um seinem Vergnügen darüber Ausdruck zu geben, daß
auch die liebenswürdigste Bitte einer Königin selbst für die stolzeste
Marquise einem Befehle gleichkommt, und daß Ihnen im Augenblick, wie ich
vorsichtshalber schon vorher in Erfahrung brachte, jede Begründung eines
möglichen Ungehorsams fehlt. Ich durfte mich in Larose selbst
überzeugen, daß Sie nicht den Schleier zu nehmen willens sind, denn
statt mit dem Rosenkranz für fromme Nonnenhände, sah ich Sie mit einer
Kette aufgereihter Männerherzen grausam spielen. Immer, wenn ich hoffte,
Sie hielten das meine fest, ließen Sie wieder ein anderes durch die
weißen Finger gleiten. Ich weiß auch, daß Sie in Straßburg nicht so auf
der Höhe der allerneuesten Mode stehen, um sich durch eine
Turteltauben-Ehe fesseln zu lassen, und daß Sie nicht zu den Getreuen
Cagliostros gehören, schon weil der Herr Marquis dazu gehört. Ich traf
ihn erst gestern in der Loge des Großmeisters, wo die reizendsten Frauen
und die vornehmsten Kavaliere in schauerndem Entzücken der Mysterien
harren, die ihnen der wieder erstandene Priester der Isis enthüllen
will.

Was mich zu ihm trieb? Die Spielleidenschaft --, sein Schmelzofen ist
wie Würfel und Karten: er schafft und er verschlingt Vermögen. Die
Neugierde --, in der Welt, die wir bis zur Neige ausgekostet zu haben
glaubten, sind die okkulten Wissenschaften die neue, große Sensation.
Überdies: ein Priester, der Gold macht, bekehrt selbst den ärgsten
Ketzer, um so mehr, wenn Seine Hochwürden, der Kardinal von Straßburg
und Großalmosenier von Frankreich seinen Segen dazu gibt.

Man könnte glauben, Cagliostro wäre ein heimlicher Agent der Condorcet
und Mirabeau: er betäubt mit seinen Hexenkünsten ihre Gegner, er
fasziniert die Geister, er schläfert alles Mißtrauen ein, er lenkt die
Einbildungskraft von der Nüchternheit des öffentlichen Lebens ab.
Glauben Sie, es würde sich in Paris noch irgend jemand über die
Belagerung von Gibraltar aufregen, wenn jeder Mann Gold machen könnte
und jedes Weib das Elixier ewiger Jugend besäße?!

Wir sind in Trianon schon mitten in der Vorbereitung reizender
Aufführungen zu Ehren der kommenden Gäste. Herr von Calonne, der mit den
Finanzen Frankreichs die Griesgrämigkeit aller seiner Vorgänger erbte,
-- genau wie ein petit-maître seinen Witz verliert, wenn er anfängt,
seine Schulden nachzurechnen --, sagte neulich mit düsterem Stirnfalten
zur Königin: »Sie tanzen auf einem Vulkan, Majestät.« »Wenn wir nur
tanzen!« lachte sie, »und das Parkett glatt genug ist. Was kümmert es
mich, was sich darunter versteckt!« Und Cherubins Romanze trällernd,
ging sie dem König entgegen, dem bei dem Ton des verbotenen Liedes
jedesmal die Zornader schwillt.

Ich dagegen dachte noch immer mit einem angenehmen Schauder an den
Vulkan. Mir scheint es weit reizvoller, mit einem Feuerwerk in die Luft
zu gehen, als ängstlich in das Tal hinabzukriechen.

Was meinen Sie dazu, schönste Frau?



DER PRINZ



Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 12. April 1782._

Teuerste Frau Marquise. Im Augenblick, da ich den Boden Frankreichs
wieder betrat und die Jahre zwischen damals und heute ausgewischt
erschienen, war mir, als müßte ich Ihnen zuerst begegnen, als könne das
neue Leben nur beginnen, wenn der Stern über ihm strahlte, der meiner
ersten Jugend geleuchtet hat. Erst als der brave Gaillard, der Sie zwar
nie mehr sah, aber trotzdem nie aus dem Auge verlor, mir von Ihnen und
Ihrem Kinde erzählte, und als Sie im Schloß von Versailles zum ersten
Male wieder vor mir standen und mich nicht anders begrüßten wie jeden
Fremden, fühlte ich, daß mehr als Jahre, daß Schicksale die Gegenwart
von der Vergangenheit trennen.

Wenn Sie, an das Leben der großen Welt gewöhnt, das alle Abgründe der
Seele mit Lärm und Zerstreuung füllt, imstande sind, während der
kommenden Anwesenheit meiner Schwester, die uns notwendig täglich
zusammenführen wird, gleichmäßig fremd neben mir herzugehen, -- ich,
Delphine, der auf den Steppen und in den Urwäldern Amerikas mehr denken
lernte, als reden, und mehr empfinden, als überlegen --, ich vermag es
nicht!

Es gibt nur zwei Wege für mich: entweder wir löschen aus, was uns
trennte, und reichen uns als gereifte Menschen, die über kindische
Torheiten zu lächeln lernten, die Hand, oder --, ich gehe. Ich habe Sie
bitter gekränkt -- ich weiß es -- ich habe aber auch bitter um Sie
gelitten! Darum verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen Unrecht tat, und ich
will den Stachel aus meinem Herzen reißen, der noch immer in ihm brennt.

Ich erwarte keine schriftliche Antwort. Sie sollen sich nicht, von
irgendeinem äußeren Einfluß gezwungen, an den Schreibtisch setzen, und
ich will nicht eins jener Billette von Ihnen lesen müssen, aus dem ich
nicht zu sehen vermag, ob sein Inhalt Empfindung oder Höflichkeit ist.
Wir sehen uns heute in der Akademie. Ein Blick von Ihnen wird mir mehr
sagen können, als viele Worte.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 13. April 1782._

Was ich gestern nicht auszusprechen vermochte, weil ich fürchtete, der
lange zurückgedämmte Strom meiner Gefühle möchte nur zu stürmisch
emporquellen, das muß ich Ihnen heute sagen: Ich danke Ihnen für Ihren
Blick, für Ihren Händedruck; ich danke Ihnen dafür, daß Sie leben, daß
ich Sie sehen darf!

Als Condorcet zu sprechen begann, war ich noch so bewegt von Ihrer
Güte, teure Delphine, daß ich dem Redner trotz all meines Interesses für
seine Persönlichkeit, lange Zeit nicht zu folgen vermochte. Ich stand in
der Fensternische und sah nur Sie! An mein Ohr schlugen Worte, aber in
ihm klang nur Ihre weiche Stimme nach!

Erst allmählich kam ich zu mir und horchte. Wie oft hatte ich mich
draußen darnach gesehnt, einen der führenden Geister Frankreichs zu
hören. Nun stand er vor mir; das 18. Jahrhundert ist das Thema seiner
Rede; die Entwicklung der Freiheit wird er rühmen, dachte ich --, der
Freiheit, für die wir drüben bluteten.

»Ein junger Mann, der heute unsere Schulen verläßt, hat mehr Kenntnisse,
als die größten Genies der Antike«, -- sagte er. Man klatschte Beifall,
die jungen Männer am lautesten, als müßten sie sich selbst applaudieren.

Im stillen Zelt, am Lagerfeuer jenseits des Weltmeeres war unsere
einzige Lektüre, die uns aufrichtete wie die Bibel die guten Christen,
der Plutarch gewesen. Sind wir wirklich an Kraft und Tugend den Helden
des Altertums überlegen, weil wir das Gesetz der Schwere kennen, oder
weil wir wissen, daß die Erde sich um die Sonne dreht?! Ich hatte noch
nicht zu Ende gedacht, als ich Condorcet weitersagen hörte: »Jedes Jahr,
jeder Monat, jeder Tag ist gleicherweise durch neue Entdeckungen und
Erfindungen ausgezeichnet.« Aber ich habe nicht gefunden, daß Frankreich
darum reicher und glücklicher geworden ist: die Spinnmaschine lockt arme
Weiber in den Frohndienst der Fabriken; die Elektrizität dient
Nichtstuern zu amüsanten Experimenten, Blanchards famose Flugmaschine
ist nichts weiter als ein neues Seiltänzerkunststück.

Und mit Emphase schloß der Redner, während seine Stimme melodisch
anschwoll, als stände nicht der Gelehrte Condorcet, sondern der
tragische Mime Le Kain auf der Tribüne: »Als Zeugen der letzten
Anstrengungen der Unwissenheit und des Irrtums sehen wir, daß die
Vernunft aus diesem langen schweren Kampf siegreich hervorgegangen ist,
und können endlich ausrufen: die Wahrheit hat gesiegt! Die Vernunft ist
gerettet.«

»Cagliostro!« rief jemand und ein Degen klirrte heftig gegen die Dielen.
Sie sahen sich erschrocken um; Sie fühlten wohl, daß nur ein
Verwilderter, wie ich, sich so formlos hatte benehmen können!

Ich versichere Sie, die Empörung schnürt mir noch jetzt die Kehle
zusammen: nach drei Jahren der Abwesenheit kehre ich wieder, finde den
Ruin vor der Türe, die Angst um die Existenz in den Mienen eines Jeden,
sehe die Einen in sinnloser Furcht fremden Gauklern in die Arme laufen,
die Anderen ihren Zorn in nichts weiter als Reden und Journalartikeln
Luft machen, und muß erleben, daß einer der Ersten im Lande die
Vernunft für gerettet, die Wahrheit für siegreich erklärt!

Ach, Delphine, wer sich in die Einsamkeit zu flüchten vermöchte, fern
all den wirren Stimmen der Gegenwart! Ich denke oft des weißen
Schlößchens zwischen geschnittenen Laubengängen, und des Schwanenweihers
davor und des kleinen hellen Tempels auf grüner Wiese!

Aber die Zeit ist zu hart, als daß wir uns erlauben könnten, sentimental
zu werden. Wir dürften nicht einmal fröhlich sein. Ich würde mich der
Teilnahme an den kommenden Festen schämen, wenn Ihre Anwesenheit nicht
alles entschuldigte. Nur zum Komödianten, mit anderen Worten: zum
Spaßmacher der Gesellschaft, vermöchte ich mich nicht herzugeben; -- es
tut mir weh, daß Sie dazu imstande sind! Zürnen Sie mir nicht wegen
meiner Offenherzigkeit! Das Verstecken alles wahren Gefühls hat die
allgemeine Verlogenheit so sehr züchten helfen, daß ich lieber grob und
grade bin wie die Amerikaner.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 6. Mai 1782._

Ihre Absage, schönste Frau Marquise, können wir nicht gelten lassen; Sie
stören unser ganzes Ensemble, die künstlerische Einheit und vor allem:
das Vergnügen der Gäste, die reizendste der drei Grazien vor sich zu
sehen. Der Vorwand schlechten Befindens gilt im Paris Cagliostros nicht,
noch weniger der der schlechten Stimmung, die eine Marquise Montjoie
weder haben und noch weniger bei ihrer Königin hervorrufen darf.

Ihre Majestät ist ernstlich gekränkt und es ist nicht unmöglich, daß sie
nunmehr befiehlt, nachdem sie umsonst gebeten hat. Setzen Sie sich dem
nicht aus, Holdseligste; Ungnade schmeckt bitter. Ich habe mich gestern
schon von einem Sturm allerhöchst schlechtester Laune bis in meine
innersten Gemächer wehen lassen. Die Ursache ist gewichtig genug: Der
Juwelier Boehmer wurde in Audienz empfangen, um ein Brillanthalsband
vorzulegen, das an Pracht alles Dagewesene übertrifft. Die Gräfin
Polignac schmückte Ihre Majestät damit, -- eine Märchenprinzeß, der ihre
Mutter, die Sonne, alle Sterne des Himmels um den Nacken legt, hätte sie
nicht überstrahlen können. Nur die Freude, die ihre Augen erhellte,
schuf noch glänzendere Edelsteine.

Sie ging damit zum König. Eine Viertelstunde verrann nach der anderen;
auf dem Gesicht des Juweliers wechselte schon die Röte der Aufregung mit
der Blässe der Angst; da hörten wir die bekannten Vorboten königlichen
Zorns: rasche Schritte -- Türenschlagen. Ihre Majestät erschien, -- mit
roten Augen und bebenden Lippen, das Halsband in zusammengeballter Hand.

»Da haben Sie Ihren Theaterschmuck,« sagte sie und warf ihn auf die
Marmorplatte des Tisches, daß er klirrte. »Die Steine sind falsch.«

»Majestät,« stotterte der Mann entsetzt. Sie wies statt aller Antwort
nach der Türe.

Der Herzog von Breteuil, den ich nachher sprach, vertraute mir an, daß
nur der ungeheure Preis des Halsbands, -- man forderte nicht weniger als
anderthalb Millionen --, den König gezwungen habe, den Ankauf zu
verweigern. Ehe ich heute abend entlassen wurde, erzählte ich der
Königin von der Goldmacherkunst Cagliostros; sie hörte, sichtlich
erheitert, zu und verwies der Gräfin Polignac ihre spöttischen
Einwendungen.

»Und der Kardinal Rohan, sagen Sie, ist im Besitz des Geheimnisses?«
frug sie interessiert; ich verbeugte mich stumm, sie versank in
Nachdenken. Meine Anwesenheit schien sie zu vergessen, und schließlich
entließ sie mich mit einer zerstreuten Handbewegung.

Heute früh war sie wieder in strahlender Laune, wollte aber trotzdem von
Ihrem Rücktritt nichts wissen. Der Graf von Artois schlug die alte
Herzogin ven Montpensier zum Ersatz für Sie vor; -- fürwahr ein
glänzender Witz. Sie verlor kürzlich ihre letzten Goldstücke im Spiel
und kokettiert seitdem nicht übel mit Monsieur Watelet, dessen Millionen
sie sogar die Herzogskrone opfern würde. Er scheint nicht unempfänglich;
für einen Bourgeois ist eine Herzogin immer dreißig Jahre alt!

Sie werden, wie ich höre, schon in nächster Woche als Gast des Hofes
erwartet. Bis dahin müssen Sie sich entschieden haben!

Wir spielten schon einmal miteinander, schönste Marquise. Erinnern Sie
sich des Spiels? Es war das entzückendste meines Lebens!


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 18. Mai 1782._

Als ein Bettler, teuerste Frau Marquise, erscheine ich vor Ihrer Türe.
Wer, der Sie kennt, könnte anders erscheinen?!

Ich sah Sie gestern im Theater. Der Prinz Montbéliard saß neben ihnen.
Auf der Bühne schwangen antike Helden ihre Riesenschwerter, rollten mit
den Augäpfeln und deklamierten von ihrer Tugend. Ich war nahe daran, das
gequälte Publikum, das trotz der Verschwendung von roten und blauen und
grünen Beleuchtungseffekten nicht an die Echtheit des Griechentums vor
ihm glauben mochte, auf Ihre Loge aufmerksam zu machen: hier waren Mars
und Venus in eigner Person.

Sie lachten, während die Helden des Dramas einander mordeten; Sie
neigten Ihr rosiges Ohr dem Flüstergespräch des Prinzen, während das
Liebespaar auf der Bühne ewigen Abschied nahm -- kurz, Sie waren von der
Dichtung auf das angenehmste angeregt. Ich wollte nicht stören, beeile
mich aber, die Stimmung zu benutzen, die dieser warme Maientag
sicherlich festhalten wird.

Ihre Kaiserliche Hoheit, die Großfürstin, hat auf mein untertäniges
Gesuch, ihr »Figaros Hochzeit« vorlesen zu dürfen, schon von Stuttgart
aus zustimmend antworten lassen. Da ich aber die Erfahrung gemacht habe,
daß die Menschen um so höflicher sind, je höher sie auf der Stufenleiter
des Ranges stehen, -- Höflichkeit ist immer nur eine Maske oder ein
Parfüm, das die gute Gesellschaft allgemein anzuwenden für gut befand,
nachdem sie ihres natürlichen schlechten Geruches gewahr wurde --, so
glaube ich dieser Zustimmung nicht eher sicher zu sein, als bis Tag und
Stunde mir angegeben worden sind. Das wird schwer halten. Um so mehr als
die Gräfin du Nord das Versprechen der Großfürstin von Rußland
vielleicht glaubt nicht erfüllen zu müssen. Das Vergnügungsprogramm der
nächsten Wochen läßt kaum eine Stunde des Tages aus. Ich bedarf einer
Zauberin, um Figaro einschlüpfen zu lassen. Wer anders könnte das sein,
als Sie?! Das Bild Pariser Lebens, das den hohen Gästen vorgeführt
werden soll, wäre wahrhaftig unvollständig, wenn mein Barbier neben
Herrn Laharpe, der Euripides von den Toten erweckte, Madame Bertin, über
deren Roben man die Trägerinnen vergißt, Marmontel, der das Geheimnis
der schönen Verse Racines zu besitzen behauptet, und es so gut wie
keiner zu wahren versteht, den Herren Gluck und Piccini, die dafür
sorgen, daß die großen Geister von Paris etwas zu tun haben, -- fehlen
würde.

Sie wissen, ich habe geschworen, daß Figaro die Bühne erobert. Sie sind
zu gute Christin, teuerste Frau Marquise, als daß Sie einem armen Sünder
nicht helfen würden, seinen Schwur zu halten. Hat erst der Großfürst von
Rußland mir Beifall gespendet, wird der König von Frankreich mich -- aus
Höflichkeit gegen den illustren Gast! -- nicht verdammen können.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 20. Mai 1782._

Meine Liebe. Sie sind nach Versailles übergesiedelt, und wenn schon Ihr
Leben eine ständige Flucht vor mir bedeutete, so ist es jetzt fast ganz
unmöglich geworden, Sie allein zu sprechen: In aller Frühe beginnt mit
dem Eintritt des Friseurs die Toilette, es folgen die Morgenspaziergänge
mit der Königin, die Besuche und Diners, die Exkursionen zu Wagen und zu
Pferde, die Nachmittagstees, die Bälle, das Theater, die Soupers --, wo
bliebe bei alledem für den Gatten noch eine Zeit übrig, der, durch die
»väterliche« Stellung, die Sie ihm anzuweisen die Gnade hatten, gewöhnt
worden ist, auch die wenigen Stunden Ihrer nächtlichen Ruhe zu
respektieren?

Ich sehe mich infolgedessen zu brieflichem Verkehr gezwungen, wenn es
sich um Fragen handelt, die weder vor der Dienerschaft, noch zwischen
zwei Tänzen erledigt werden können.

Sie besitzen die Gunst der Königin und haben als Französin in diesen
außerordentlich schweren Zeiten die Verpflichtung, sie nicht nur zu
genießen, sondern guten Zwecken nutzbar zu machen. Es dürfte Ihnen bei
den Neigungen der Königin nicht schwer fallen, einem Manne, wie dem
Grafen Cagliostro, der all ihre unbefriedigten Wünsche zu erfüllen
vermöchte, Zutritt zu verschaffen. Der Dienst, den Sie damit Frankreich
geleistet haben würden, wäre von unschätzbarer Bedeutung. Zwar ist der
Graf Ihnen antipathisch, -- die Furcht vor dem Unerklärbaren hält Sie
von ihm zurück, -- aber seine Fähigkeit, Gold zu schaffen, haben Sie mit
eigenen Augen gesehen. Und nur auf diese Fähigkeit, -- die
unbedeutendste vielleicht, die er besitzt --, käme es an.

In letzter Zeit, wo er in fiebernder Erwartung der Stunde harrt, die ihn
zum Retter Frankreichs machen soll, ist sie in merkwürdigster Weise
erlahmt. Ein anderer könnte an ihm irre werden. Ich aber verstehe, daß
gegenüber dem Schicksal eines ganzen Landes, das Schicksal des Einzelnen
zurücktreten muß. Überdies weiß ich ja, daß mit der Erreichung des
großen Zieles auch meine Interessen gewahrt werden.

Noch eins: Rohan setzt alle Hebel in Bewegung, um Cagliostro durch sich
und sich durch Cagliostro bei der Königin einzuführen. Es bedarf um so
weniger dieses Umwegs, als ich an der Ehrlichkeit der Absichten Rohans
irre geworden bin. Er ersehnt, wie ich fürchte, die Rehabilitierung bei
Hof und den momentan vakanten Posten des Kanzlers mehr um seine
Finanzen, als um die Frankreichs aufzubessern.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 21. Mai 1782._

Sie lehnen es ab, meine Liebe?! »Gerade weil die Königin in gefährlicher
Weise zu diesen Dingen neigt, will ich es nicht sein, die sie ins
Unglück stürzt,« schreiben Sie. Verblendete! Sie verspielen vielleicht
Ihre eigene Zukunft! Aber wir sind nicht so schwach, als daß mit Ihrer
Weigerung unsere Hilfsquellen erschöpft wären!


Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Paris, am 24. Mai 1782._

Verehrteste Frau Marquise. Noch stehe ich unter dem Eindruck des
Staunens, den unser kurzes Gespräch in der Oper hervorrief. Sie wollen
für einen alten Freund Ihres Hauses, wie ich es zu sein mir schmeicheln
darf, kein gutes Wort bei der Königin einlegen?! Sie wünschen auch nicht
den Schein zu erwecken, als gehörten Sie in die Reihe jener
Intriguantinnen, die Frankreich als ihre melkende Kuh betrachtet haben?!
»Nur auf geraden Wegen werden große Ziele erreicht«, -- ich würde über
diese Sentenz aus Ihrem blühenden Rosenmunde gelächelt haben, wenn nicht
ein Blick auf Ihren illustren Nachbarn, der als Führer amerikanischer
Rebellen gegen die geheiligte Majestät des Königs von England gekämpft
hat, mich über ihren Ursprung und über ihren Sinn belehrt hätte.

Er ist der Freund Ihrer Kindheit, wie ich höre? Wie rührend ist eine
solche Treue, die selbst die -- Freundschaften mit Karl von Pirch, Guy
Chevreuse, Guibert, Beaumarchais überdauert!

Die entzückende Königin von Golconda auf der Bühne vermochte keinen
Blick des Prinzen Montbéliard auf sich zu lenken; Vestries, der Abgott
aller Damen, tanzte für die Marquise Montjoie umsonst!

Besinnen Sie sich noch einmal, schönste Frau; ein Rohan ist ein
gefährlicher Feind, selbst wenn er in Ungnade ist.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 27. Mai 1782._

Wo gäbe es eine Anrede für Sie, die imstande wäre auszudrücken, was ich
sagen möchte?! Der gestrige Abend war im wechselvollen Feldzug meines
Lebens der Einzug durch bewimpelte Siegespforten!

Die Szenerie war so unvergleichlich wie die Akteure des Stückes, das der
Rahmen meiner Komödie war: Der rote Salon im weichen Licht duftender
Kerzen; vor dem weißen Kamin, dessen knisternde Flammen meine Vorlesung
begleiteten wie eine darauf abgestimmte Melodie, die stolze Gestalt der
Großfürstin im leuchtend-gelben Atlaskleide; auf dem Taburett ihr zu
Füßen der kleine Gemahl mit dem häßlichen Slavengesicht, das man um
seines Geistes willen lieben muß; dicht dahinter, geschmückt wie ein
Pfau, aufgeblasen wie ein Truthahn, Monsieur Laharpe, von dessen immer
gelber sich färbenden Zügen ich den Grad meines Erfolges ablas; neben
ihm, klug wie immer den Schatten suchend, der Ausdruck und Meinung
Geheimnis bleiben läßt, der Baron Grimm, der Freund aller unruhigen
Geister und Korrespondent aller Potentaten. Auf der andern Seite aber
meine reizende Gönnerin, von den durchsichtigen Falten himmelblauen
Seidenmusselines weich umflossen, frische Rosen in den Haaren und ein
Gesichtchen darunter, vor dem alle Blumen der Welt beschämt erbleichen
müssen!

Wissen Sie, daß ich während des ganzen Abends mit Ihrer Schönheit
kämpfte, wie mit dem gefährlichsten aller Rivalen?! Lenkte sie doch die
Aufmerksamkeit von Figaro ab; der Prinz Yousoupoff richtete immer
wieder seine schwarzen runden Augen auf Ihre blendenden Schultern, es
bedurfte der drastischsten Witze um ihn loszureißen. Und der Graf
Kurakin schien die geschwungenen Linien ihrer Füßchen studieren zu
wollen, -- erst Cherubins Liebesseufzer lenkten ihn ab. Trotzdem
besiegte ich Sie nicht ganz, holde Zauberin, -- den Prinzen Montbéliard,
dessen gebräuntes Antlitz nur dann einige Bewegung verriet, wenn seine
Blicke in die Ihren tauchten, gab ich auf!

Heute früh bereits bekam ich den Auftrag, meine Komödie der Kaiserin von
Rußland einzusenden. Und das Frankreich der Encyklopädisten, das sich
rühmt, die höchste Kultur der Welt zu repräsentieren, verbietet ihre
Aufführung! Zu gleicher Zeit erhielt ich die Nachricht, daß Voltaires
Werke freigegeben wurden, -- sie scheinen darnach weniger gefährlich als
Figaros Streiche!

Noch ein paar Jahre Kampf, -- mit Ihnen als Bundesgenossin, schönste
Marquise, noch ein paar Jahre Finanzwirtschaft des Herrn von Calonne, --
und der Barbier besiegt den König!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 7. Juni 1782._

Teuerste Marquise -- verzeihen Sie die Störung im Morgengrauen. Wir sind
in schrecklicher Aufregung und fürchten einen Skandal von unabsehbarer
Tragweite, wenn wir Sie nicht unbedingt zu den unseren zählen dürfen.
Die Intimen des Herzogs von Choiseul, der Herzog von Brissac und der
Marquis de la Suze haben bereits während der Nacht das Gerücht
verbreitet, die Königin habe während des gestrigen Festes in Trianon dem
Kardinal Rohan in der Fischerhütte ein Stelldichein gegeben. Vor Tau und
Tage haben sie die Nachricht dem König überbracht. Es gab beim Lever
Ihrer Majestät einen Auftritt, wie ich ihn noch nicht erlebte. Die
Lakaien liefen vom Lärm erschrocken, aus allen Winkeln zusammen! Die
Königin leugnet alles. Sie beruft sich auf Sie, die Sie stets in Ihrer
Nähe gewesen seien, auf mich, auf den Grafen Vaudreuil, auf Madame
Campan, auf die Prinzessin Lamballe. Wir dürfen sie nicht im Stiche
lassen, -- wir dürfen nicht!

Man will den Schloßkastellan, der, wie es scheint, den Kardinal heimlich
einließ, auf die Straße werfen. Er droht mit der Veröffentlichung der
ganzen Affäre. Geschieht das, so haben wir bei der Stimmung in Paris
noch heute die Revolution in den Straßen.

Der Überbringer des Billetts ist zuverlässig. Übergeben Sie ihm Ihre
Antwort und teilen Sie mir mit, ob Sie mich in einer Stunde ungefähr
empfangen können.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 7. Juni 1782._

Geliebteste! So greift der Arm der Kabale bis in unser Geheimnis! Er
reißt uns grausam aus dem süßen Traum dieser Nacht! Um mich hätte die
Welt zusammenstürzen können, ich sah nur Sie, die Sie die Sehnsucht
meines ganzen Lebens gewesen waren, ich hörte nur Ihre Stimme, die mir
sagte, was ich nie zu hören gehofft hatte. Im Rausche höchster Seligkeit
untergehen --, wäre es nicht vielleicht das beneidenswerteste Schicksal
gewesen?!

Ich fühlte Sie plötzlich in meinen Armen erschauern; ich sah Ihre Augen,
aus denen noch eben die Glut der Liebe mir entgegengestrahlt hatte, sich
vor Entsetzen weiten, und ehe ich noch selbst um mich zu sehen
vermochte, flüsterten Sie mit blassen Lippen: »Der Kardinal!« Ein
Feuerrad, das auf dem Rasen hinter dem Laubengang, der uns verdeckte,
Flammengarben nach allen Richtungen schoß, beleuchtete grell die
schwarzvermummte Gestalt, die roten Strümpfe und Absätze darunter. Und
wenige Schritt davor die weiße, schlanke Erscheinung, -- und die stille
Fischerhütte!!

Es war ein Weib und meine Ritterpflicht ist es, dieses zu schützen. Aber
es war die Königin, und meine Bürgerpflicht gebietet mir, sie
preiszugeben. Die absolute Monarchie, an der dies arme Land langsam
verblutet, würde einen Stoß empfangen, von dem sie sich nie mehr
aufzurichten vermöchte!

Wenn ich trotzdem schweige, -- nur schweige, denn ich wäre außerstande,
das Gegenteil von dem zu bezeugen, was ich sah, -- so unterwerfe ich
mich damit dem einen, ungeheuren Gefühl, das wie ein Unwetter alle Dämme
niederreißt, die der Verstand mühsam baute, alle Leuchtürme umwirft, die
die Pflicht aufrichtete, um irrenden Schiffen Wege zu weisen: die Liebe,
Delphine, zu Ihnen!

Sie haben die Königin gerettet, -- durch eine Lüge! Und mich,
geliebteste Frau, bitten Sie um Verzeihung deshalb?! O, daß ich die
weichen Lippen um dieser Lüge willen, die sie aussprachen, küssen
dürfte! Für das Weib ist rührende Tugend, was für den Mann eine
schimpfliche Erniedrigung wäre.

Wäre ich der Beichtvater, zu dem Sie mich machen wollen, ich würde Sie
freilich zu einer Buße verpflichten. Jetzt komme ich nur mit einer Bitte
um unsrer Liebe willen -- unserer, meine Delphine!

Sie ist so rein, -- aber der giftige Atem dieser Gesellschaft droht, sie
zu beschmutzen. Sie ist so tief --, aber die spürende Lüsternheit rings
um uns wird kein Mittel scheuen, sie bis auf den Grund zu erforschen.
Sie ist so heilig --, aber das ekle Gezücht der Hofschranzen wird alles
daran setzen, sie ihren schmutzigen Zwecken dienstbar zu machen. Wir
müssen sie retten --, sie ist vielleicht im Augenblick das beste auf der
Welt.

Drüben, in der Nähe der Wälder, deren üppige Pracht noch keines Menschen
rohe Faust entweihte, wo die Natur den Bewohnern auf eignen Händen ihre
Schätze entgegenträgt, wird sie frei atmen und zu wundervoller Schöne
sich entfalten können.

Ich finde leicht ein Schiff, das uns hinüberträgt, und weiß hundert
Arme, die sich uns zum Willkomm entgegenstrecken. Lassen Sie Ihr Herz
entscheiden!


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 9. Juni 1782._

Eben erst komme ich von Ihnen, noch den Hauch Ihres Mundes auf meinen
Lippen, von dem ich nicht begreife, daß ich ohne ihn, der mich erst zum
Leben erweckte, jemals habe atmen können! -- und schon muß ich in
Gedanken wieder bei Ihnen sein.

Selbst die Wunden, meine Delphine, die Sie schlagen, tun wohl. Ich
wiederhole mir jedes Ihrer Worte; mein inneres Auge sieht sie, als
stünden sie in Marmor gemeißelt vor mir: »Es kann nicht sein. Es wäre
der Tod des alten Mannes, dessen Namen ich trage,« sagten Sie. »Ich habe
ihm viel zuleide getan und er hat schließlich Alles ertragen. Er ist mir
in der schwersten Zeit Freund und Pfleger gewesen, ohne mich daran zu
erinnern, daß er auch Gatte ist. Und als er mich erinnerte, hat er
gegenüber meiner Abwehr seine Rechte nicht geltend gemacht, wie er
durfte. Jetzt ist er krank und vergrämt, -- ich würde mich ihm gern in
Freundschaft nähern, wenn ich nicht fürchtete, daß er es anders
auffassen könnte --; nur eins kann ich für ihn tun: den Skandal, den er
über alles fürchtet, von ihm fern halten.«

Und dann, als Sie fühlten, wie Ihr »Nein« mich traf, sangen Sie mir
unter Küssen und Tränen das Hohelied der Liebe, wie ein sterbliches Ohr
es noch nie vernommen haben kann.

»Ich habe nie aufgehört, mich der Ehe zu schämen,« begannen Sie, »das
verbriefte Recht auf Liebe ist der Liebe Tod. Liebe muß zwischen zwei
Menschen das größte Geheimnis sein, wie sie das tiefste aller Mysterien
ist. Auf den schwindelnden Höhen hoher Berge, die nur die Stärksten
erreichen, in der Stille grüner Wälder, zu denen nur Weltflüchtige die
Wege finden, sollen ihre Tempel stehen. Und auch dort dürften nur wenige
im verborgensten Heiligtum die letzte Weihe empfangen.«

Zürne mir nicht, angebetete Frau, daß ich Worte zu wiederholen wage,
die ohne den Klang Deiner Stimme nur stumme Vögel sind!


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 1. Juli 1782._

Nur noch einen Gruß -- einen letzten vor Ihrer Abreise nach dem Gebirge!
Daß ich mich Jahre von Ihnen zu trennen vermochte, wo vierzehn Tage mir
wie eine Ewigkeit schienen!

Ich folge Ihnen nach Barrêge-les-Bains, der Verabredung gemäß, sobald
der Hof Versailles verlassen hat.

Als ich gestern von Ihnen ging, traf ich den Herrn Marquis. Im trüben
Licht der Öllampe an der Tür erschien er mir sehr blaß. Er grüßte mich
mit einem Lächeln, das mein Herz zittern machte. Ich bin darum die ganze
Nacht vor Ihren Fenstern auf- und abgegangen. Aber nichts rührte sich
und Ihr zärtliches Billett heute morgen beruhigte mich vollends.

Ich küsse Ihre weiße Stirn, damit kein Gedanke hinter ihr wach wird, der
einem anderen gehört, als mir, und Ihre weichen Arme, daß sie in Fesseln
liegen, bis ich sie löse, um sich um meinen Hals zu schlingen, und Ihre
roten Lippen, daß kein Liebeswort ihnen entschlüpfen möge, bis die
meinen den Zauber brechen!


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, am 25. September 1782._

Geliebte Frau! Nun tobt der Lärm der Straßen wieder um mich und mitten
in der Menge fühle ich mich sehr allein. Aber während ich noch eben
glaubte, nach Wochen seligsten Glücks im Schmerz der Trennung vergehen
zu müssen, fühle ich plötzlich, wie reich, wie stark meine Delphine mich
gemacht hat, -- so reich, daß ich ihren Besitz empfinde, auch wenn sie
fern von mir ist, so stark, daß ich es ertragen kann, sie nicht mehr
neben mir zu wissen.

Einer meiner ersten Wege führte mich nach dem Palais-Royal. Waren es die
Monate der Ruhe, die mir das Leben dort so erregt erschienen ließen,
oder ist das Fieber, das alle erfaßt hat, tatsächlich in der
Zwischenzeit so gestiegen? Unsere klägliche Niederlage vor Gibraltar,
die Bedingungen, unter denen der Frieden mit England verhandelt wird,
bilden das Thema aller Unterhaltungen. Ich hörte Gaillard in einer eng
geschlossenen Gruppe von Zuhörern eine Rede halten, die der Haß gegen
die Regierung und die Liebe zum Vaterlande mit gleichem Feuer
durchglühten.

»Warum sind wir an den Felsen Gibraltars gescheitert?« rief er aus;
»weil unser Heer vom Ruhm der Vergangenheit zehrt, statt den Ruhm der
Zukunft in täglicher Arbeit vorzubereiten. Hunderttausende sind
fortgeworfen worden, um die famosen schwimmenden Batterien d'Arçons zu
bauen, die Englands glühende Kugeln in wenigen Stunden in Brand
geschossen haben, statt daß dieselben Hunderttausende verwendet worden
wären, um aus hungernden Arbeitslosen kräftige Soldaten zu machen.
Niemals werden Maschinen Männer ersetzen!... Warum werden wir beim
Friedensschluß tatsächlich die Unterlegenen sein? Weil ein Volk, das
keine Knechte mehr kennt, unser Gegner war. Weil statt verantwortlicher
Minister, statt eines Pitt und eines Fox, feile Höflinge die Regierung
in Händen haben... Und trotzdem preise ich diesen Krieg, für den wir uns
in seinem Beginn begeisterten, -- weil er uns im strahlenden Lichte des
Freiheitskampfes der Amerikaner erschien, -- und der uns ein so bitterer
Lehrmeister wurde. Mehr als durch alle Bücher der Philosophen ist uns
durch ihn eingeprägt worden, was uns fehlt. Und wir haben gelernt, was
wir lernen mußten, wenn anders unser eignes Vaterland nicht zugrunde
gehen soll: für Ideale zu bluten.«

Der häßliche kleine Mann wurde schön, während er sprach. Ich konnte
nicht anders, als ihm dankbar und hingerissen die Hand zu schütteln, wie
einem Kameraden, dann aber, als ich mich umsah unter denen, die ihm
Beifall klatschten und sich in der Kommentierung seiner Worte ins
Maßlose verloren, kam -- ich will's nicht leugnen -- etwas wie ein
Gefühl innerer Feindschaft über mich. Diese Männer mit den rohen
Begierden, beherrscht vom Rachedurst, mehr als vom Durst nach
politischer Freiheit, sollten je die Macht in ihren harten Fäusten
haben?! Wäre letzten Endes die Tyrannei der Masse nicht fürchterlicher,
als die des Einzelnen?

Als ich dann am Abend einer Einladung unseres neuen Schatzmeisters der
Marine, Herrn Boutin, nach seinem herrlichen Lustschloß gefolgt war, wo
eine Gesellschaft von einigen hundert Herren auf goldenen Schüsseln mit
allen Delikatessen der Welt bewirtet wurde, schämte ich mich eines
Gefühls, das zwar einem Aristokraten natürlich, für einen Bürger des
heutigen Frankreich aber nichts als ein Zeichen jämmerlicher Feigheit
ist. Selbst wenn die Masse uns erdrücken sollte, hat nur die
Gerechtigkeit gesiegt. Wir haben unser Leben verwirkt.

Verzeiht mir meine süße Delphine, daß es Momente gibt, in denen meine
Gedanken sich von ihr verirren? Du mußt verzeihen; denn sieh: auch die
allerentferntesten lege ich schließlich Dir, meine einzig Geliebte, zu
Füßen!

Werde ich bald von Dir hören und wissen, wie Du die Reise bis Straßburg
überstanden hast? Und wann, Geliebteste, -- ach wann! -- werde ich Dich
wieder umarmen können?!


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 8. Oktober 1782._

Wie Du mich glücklich machst! Wie jedes Deiner Worte mich berührt! O,
daß ich jetzt die Flügel hätte, die Monsieur Blanchard der kommenden
Menschheit prophezeite!

Es bedurfte nicht mehr Deiner rührenden Bitte; meine eigene brennende
Sehnsucht zieht mich unaufhaltsam zu Dir. Ich werde über Montbéliard, wo
meine Anwesenheit dringend nötig ist, -- seit dem Tode meiner guten
Mutter bin ich nicht mehr dort gewesen --, im Laufe des nächsten Monats
nach Straßburg gehen. Die Geschäfte, die ich dort in Verbindung mit
meinen Besitzungen im Elsaß habe, rechtfertigen meine Anwesenheit.

Seit meinem letzten Brief bin ich mit den verschiedensten Menschen in
Berührung gekommen. An der Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände
zweifelt niemand -- außer dem Hof von Versailles! Die Königin tanzt und
spielt Theater --, selbst die Wohltätigkeit, die sie ausübt, sieht einem
sentimentalen Rührstück ähnlich. -- Der König jagt, und empfängt, um
sein Verständnis für den Geist der Zeit zu markieren, hie und da einen
biederen Bourgeois, dem er jovial auf die Schulter klopft und -- wenn er
reich genug dazu ist -- adelt. Dann reden die Träumer wieder ein paar
Tage lang von der »Leutseligkeit des Monarchen.«

»Die Schwäche, die weder das Übel zu verhindern, noch das Gute zu
fördern weiß, befestigt die Tyrannei« --, für diese Sentenz ist Diderot
kürzlich nur mit knapper Not der Bastille entgangen!

Ich war auch in Saint-Quen bei Herrn Necker, und kehrte enttäuscht
zurück. Man muß in seinen Ansprüchen sehr bescheiden geworden sein, um
ihn für bedeutend zu halten. Er läßt sich vom Strom der öffentlichen
Ereignisse hin und her werfen und ist dabei natürlich außerstande, ihn
in die richtigen Bahnen einzudämmen. Eine überraschende Erscheinung ist
seine Tochter; sie gleicht ihren Eltern nur in einem Rest nüchternen
Genfertums; ihre prachtvollen Augen, ihre schöne Gestalt versöhnen mit
ihrer sonstigen Häßlichkeit. Ihre überlegene Klugheit zwingt zur
Bewunderung. Trotzdem ist sie mir in tiefster Seele antipathisch. Nicht
ohne Mitleid mit den Männern der Zukunft möchte ich sie für einen Typus
kommender Frauen halten. Wie glücklich preise ich mich, daß ich die
holdseligste Inkarnation des achtzehnten Jahrhunderts noch mein nennen
darf!

Ich traf den Grafen Guibert bei ihnen. Die Art seines Verkehrs mit der
Familie Necker ließ auf seine Intimität im Hause schließen, was mich
nach seiner bisherigen Stellung zur Neckerschen Politik nicht wenig in
Erstaunen setzte. Der Reiz Fräulein Neckers besiegte alle Bedenken der
Überzeugung! Männer wie er sind zugleich die Voraussetzung und die
Konsequenz solcher Frauen.

Weißt Du, Geliebteste, daß ich meiner Schweigsamkeit wegen bekannt bin?!
Vor Dir werde ich zum Schwätzer: jedes kleinste Ereignis, jedes
vorüberhuschende Gefühl, jeden auftauchenden Gedanken habe ich das
Bedürfnis, Dir mitzuteilen. Ich glaube, diese vollkommene geistige
Hingabe unterscheidet Liebe von Liebelei.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Etupes, den 26. Oktober 1782._

Mit den letzten, blassen Rosen aus Etupes sende ich diesen Gruß, Du
Einzige, zu Dir. Ich ging allein durch die verwachsenen Laubengänge,
und, tiefer Andacht voll, sank ich vor dem Tempel der Venus in die
Kniee. Wie eine Erleuchtung kam es über mich: seitdem ich Dich einstmals
dort fand, Delphine, habe ich Dich nie verloren!


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Straßburg, den 3. Januar 1783._

Der Kurier brachte mir heute früh die erschütternde Nachricht, daß der
Neffe des Kardinals, der Prinz Rohan-Guéménée Bankrott gemacht hat. Ich
teile sie Dir, Geliebteste, unverzüglich mit, weil auch Deine Freundin
Clarisse ihr Vermögen dabei verloren haben dürfte. Zahllose arme Leute,
unter anderem seine eigene Dienerschaft, die dem Prinzen in
ehrfürchtigem Vertrauen ihr bißchen Erspartes überließen, hat sein
verbrecherischer Leichtsinn an den Bettelstab gebracht. Daß die Empörung
eine allgemeine ist und, statt des Zorns gegen die Vorrechte der Stände
den persönlichen Haß gegen den einzelnen Aristokraten züchtet, ist nur
allzu begreiflich.

Ich habe heute, zum Teil auch infolge dieses Ereignisses, sehr viel
Korrespondenz zu erledigen und muß mich daher des Glücks Deiner Nähe
berauben.

Sieh, meine Delphine, nun steht dieser Satz schwarz auf weiß auf dem
Papier, damit Du selber erfahren sollst, daß ich nahe daran war, Dich zu
belügen! Nein: es gibt keine Arbeit, die mir die Möglichkeit nehmen
könnte, Dich, -- und wäre es nur auf Minuten --, in meine Arme zu
schließen. Aber zuweilen ist mir, als könnte ich mich vor mir selbst
nicht mehr sehen lassen, geschweige denn vor Dir! Gestern, als der
Marquis zum ersten Male, seit ich in Straßburg bin, den Abend mit uns
verbrachte und das Gespräch nur schwerfällig von der Stelle kroch, von
Pausen unterbrochen, die endlos schienen, wobei Du jedesmal von
wachsender Glut überhaucht das Köpfchen senktest, während er, schmal,
müde, grau, die blassen Hände auf dem dunklen Samt der Armlehne matt
ausgestreckt, mit den tief in ihren Höhlen ruhenden Augen langsam von
Dir zu mir herüberblickte, -- da fühlte ich mit nagendem
Schuldbewußtsein das Entsetzliche unsrer Lage. Nicht daß wir uns lieben,
Geliebte, ist Schuld, sondern daß wir es vor ihm verbergen, wie ein
Verbrechen!

Ich kann nicht leben ohne Dich, und ich kann doch so nicht leben!

Laß mir den einen Tag, damit ich zu mir selber komme!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Chateau Larose, am 25. Januar 1783._

Teuerste Marquise. Meine arme Schwester ist von dem schweren Schlag, der
sie getroffen hat, so erschüttert, daß sie noch nicht imstande ist,
Ihren liebevoll teilnehmenden Brief zu beantworten; sie bittet mich, es
an Ihrer Stelle zu tun.

Ich kann nicht leugnen, Allerschönste, daß ich trotz des Unglücks, das
den Anlaß zu diesem Schreiben bietet, die Gelegenheit freudig ergreife,
wieder in Verbindung mit Ihnen zu treten. Zwinge ich doch auf diese
Weise Ihr Auge, wenigstens auf meiner Schrift zu ruhen!

Sie sind ungeduldig? Gemach, ich komme bereits zur Sache! Clarisse hat
fast ihr ganzes Vermögen verloren, was sie um so härter berührt, als
sie infolgedessen fürchten mußte, in Abhängigkeit von einem Gatten zu
geraten, der sie fortgesetzt betrügt. Aber kaum erfuhr unsere Königin
von dem Unglück, als sie ihr aus freien Stücken eine Rente anbieten
ließ, die den Zinsen ihres einstigen Besitztums entspricht. Wenn
irgendetwas uns an Ihre Majestät noch fester hätte fesseln können, so
ist es diese große Gnade, die vielleicht mehr noch um der Art, wie sie
gewährt wurde, zu schätzen ist als um ihrer selbst willen.

Die Königin leidet; es gibt Stunden, wo sie stumm vor sich hin brütet
und niemand von uns die Stille zu unterbrechen wagt, die gespenstisch
den Saal beherrscht. Aber sobald jemand aus dem Kreise ihrer nächsten
Umgebung Kummer hat, ist sie die erste, die hilft und tröstet, und dabei
ihre alte Fröhlichkeit wiedergewinnt. Sie fand sogar, was allgemein
auffiel, scharfe Worte, um die offene Schadenfreude der Partei Choiseul
angesichts des Bankrotts der Rohan zurückzuweisen.

Ein Ausspruch der Herzogin von Grammont macht die Runde in Paris: »Die
Rohans,« so sagte sie, »beanspruchen seit langem den Titel eines
souveränen Hauses. Man darf hoffen, daß ihre jetzt enthüllte
Geldwirtschaft der letzte Beweis für die Berechtigung ihrer Prätensionen
ist.«

Die Familie Rohan hat übrigens alles getan, um die Ehre ihres Namens zu
retten: der Kardinal hat von seinem Schloß Savenne, wo er sich mit
Cagliostro völlig einzuschließen scheint, die Nachricht von dem
Bankerott mit der Zusicherung namhafter Summen beantwortet, -- man
akzeptiert sie nicht ohne leichtes Gruseln, da ihre Herkunft unter
Umständen aus der Garküche Beelzebubs stammt! Die kleine Prinzessin
Guéménée-Soubise hat ihre Juwelen geopfert; die Prinzessin Marsan nahm
den Schleier und opferte ihr ganzes Vermögen der Ehre der Rohan.

Aber rührender als alle diese im Grunde selbstverständlichen Opfer der
Nächststehenden ist folgende Geschichte:

Wir saßen beim Souper im Hotel Guimard; der Champagner hatte uns in die
goldenen Tage völliger Sorglosigkeit zurückversetzt; in griechischem
Gewande tanzte die entzückende Herrin des Hauses auf dem Parkett
zwischen den üppig gedeckten Tafeln. Zum ersten Mal führte sie uns vor,
womit sie demnächst das große Publikum zu begeistern gedachte: eine
antike Schale in der Hand, wiegte sie den schlanken Körper auf den
nackten Füßen, um allmählich ihre Bewegungen, bei denen jede Linie ihrer
Gestalt plastisch hervortrat, bis zum Taumel bacchantischer Lust zu
steigern. Mit wogendem Busen, die Schale, die ich ihr füllte, in einem
Zuge leerend, stand sie schließlich still, als vor dem Sultan der Oper,
dem Prinzen Soubise, die Flügeltüren sich öffneten. Der Jubel über den
Tanz verstummte bei seinem Anblick. Er brachte die Nachricht von dem
Bankrott, der seine Tochter am schwersten treffen mußte. Ohne ein Wort
zu sprechen, begab sich die Guimard an ihren Sekretär, schrieb ein paar
Zeilen, reichte sie stumm ihren Kolleginnen vom Ballett, die sämtlich
ihren Namen darunter setzten. Es war der formelle Verzicht auf die
Rente, die der Prinz ihnen allen ausgesetzt hatte, zugunsten der
verarmten Dienerschaft der Prinzessin Guéménée-Soubise! Sind sie nicht
zum Küssen, diese kleinen lasterhaften Mädchen?

Wann wird Versailles Sie wiedersehn, reizende Marquise? Um das
geschehene und das drohende Unheil zu vergessen, planen wir
ausgelassenere Feste denn je.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Straßburg, den 11. März 1783._

Tränen, Geliebte, habe ich dir erpreßt -- zum ersten Mal! Ich würde mich
töten lassen, wenn ich sie dadurch trocknen könnte, aber zu handeln
vermag ich nicht anders, selbst wenn ich weiß, daß Du darum weiter
weinst!

»Ich gebe mich Dir ohne Reue hin,« sagtest Du vorwurfsvoll. Verstehst Du
denn nicht, Delphine, daß eines Weibes Liebe alles heiligt, während über
der Liebe des Mannes seine Ehre steht? Ich weiß recht gut: Die Hofherrn
von Versailles sind stolz darauf, einen Ehemann so raffiniert als
möglich zu betrügen; ihr Ehrgefühl steht auf derselben Stufe wie das
Gefühl, das sie Liebe zu nennen sich nicht mehr schämen. Ich aber fühle
es mit wachsender Angst: die täglichen, häßlichen Heimlichkeiten, die
verschlossenen Zimmer, die Furcht vor jedem Schritt, die Scheu vor den
Augen der Lakaien, sind imstande, selbst meine große Liebe zu Dir in den
Schmutz der Auffassung jener Männer herabzuziehen.

Ich muß fort, nicht weil ich aufhörte, Dich zu lieben, sondern weil ich
Dich zu sehr liebe. Die Rolle des galanten Kavaliers liegt mir nicht.
Erst wenn ich fern bin, werde ich wieder des ganzen Glücks unserer Liebe
froh werden. Und erst dann, dessen bin ich gewiß, wirst Du mich
verstehen lernen.

Über die Zukunft nachzudenken, bin ich im Augenblick dieses
schrecklichen inneren Aufruhrs außerstande. Nur eins ist mir gewiß: daß
nichts, am wenigsten die äußere Entfernung, uns zu trennen vermag.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 6. April 1783._

Wie hätte ich mich in Dir täuschen können? Mit solcher untrüglichen
Sicherheit würde Liebe nicht wählen, wenn Du nicht alles erfülltest, was
ich von Dir träumte. Nur eine Liaison kann ein Ende nehmen --,
gleichgültig ob sie durch das Sakrament der Ehe geheiligt wurde oder
nicht --, wenn die Sinne sich nicht gegenseitig täglich aufpeitschen.

Meine Reise hierher war voller Abenteuer. Vielleicht wollte das
Schicksal mir helfen, meine Gedanken abzulenken. Die Wege sind
schlechter denn je, -- es gibt kaum noch einen Bauern, der für ihre
Ausbesserung Frondienste leisten will --, zuweilen sogar in offenbarer
Absicht mit großen Steinen besät. Zweimal brach infolgedessen ein Rad
meines Wagens; es erschienen im Augenblick zweifelhafte Gestalten in
zerlumpten Röcken, die mit den Händen in den Hosentaschen zusahen, wie
meine Diener sich mühten, den Schaden wieder gutzumachen. In meiner
Herberge verweigerte man mir Futter für die Pferde; schon gab ich Befehl
zum Aufbruch, als der Wirt nach einem kurzen Gespräch mit dem Kutscher
es mir aufdrängte, ohne eine Bezahlung annehmen zu wollen. Wie ich
erfuhr, hatte der Name meines Kriegskameraden Lafayette genügt, ihn
umzustimmen. Als ich weiterfuhr, hatte sich die ganze Bewohnerschaft des
Ortes um mich versammelt, und in der Stille der Nacht tönten mir noch
lange ihre Rufe nach: »Es lebe die Freiheit!« -- »Es lebe die Republik!«

Hier empfingen mich alarmierende Nachrichten. Die Schrift Mirabeaus
über die Haftbriefe und die Staatsgefängnisse war trotz ihres Verbots in
aller Händen. Sie ist eine glänzende Leistung voll Mut und Feuer, die
die persönlichen Verfehlungen des Verfassers ganz vergessen läßt. Es
gibt Zeiten, in denen Tatkraft und Kühnheit von so überwiegender
Bedeutung sind, daß sie alle anderen Tugenden aufwiegen.

In den Cafés bilden noch immer die Ereignisse des letzten Opernballes
den Gesprächsstoff, und auf der Straße den Gegenstand derber Chansons.
Die Königin, die vollkommen maskiert und bis zur Unkenntlichkeit
vermummt gewesen sein soll, wurde sofort -- wahrscheinlich durch den
Verrat eines Lakaien -- erkannt und mit Späßen verfolgt, über die sie
sich zunächst amüsierte, was natürlich ihre Dreistigkeit nur steigern
half. Erst als eine Maske in Kardinalstracht sich ihr näherte und trotz
aller Bemühungen nicht von ihr wich, brach sie schließlich in Tränen aus
und entfernte sich rasch. Niemand hörte, was die Maske sprach; nur
Guibert behauptet gesehen zu haben, daß sie ihr einen gefüllten
Geldbeutel anbot. Erst widrige Szenen wie diese müssen die Monarchen
davon in Kenntnis setzen, daß die auf ihren Empfang durch Hofansagen und
Polizeimaßnahmen nicht vorbereitete Menge eher zu Pöbeleien als zu
spontanen Huldigungen bereit ist.

Meine Feder stockt. Wie unwesentlich kommt mir vor, was ich schreibe,
neben dem einen großen Gefühl, das mich beherrscht und das sich nicht in
Worte fassen läßt. War es nicht doch Wahnsinn, daß ich von Dir ging? Ist
nicht alles -- alles einerlei, wenn ich nur Dich habe?! Delphine, Du
geliebte Frau, was hast Du aus mir gemacht?! Das ganze Gebäude meines
Lebens ist wie ein Kartenhaus vor dem Hauch Deines Mundes.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, am 3. Mai 1783._

Hast Du mich so lange auf einen Brief von Dir warten lassen,
Geliebteste, damit alle anderen Empfindungen von der Glut meiner
Sehnsucht verzehrt werden?! Und nun fragst Du mich, als wüßtest Du nicht
im selben Augenblick schon die Antwort: »Darf ich kommen?« Wenn es
zwischen uns etwas gäbe, das nur im entferntesten einem Befehl oder
einem Verbot ähnlich sähe, so würde ich sagen: »Du mußt!« Du mußt, denn
wenn ich auch lebe, atme, spreche, so bin ich es doch nicht selbst: mein
ganzes Ich ist ja bei Dir! Nichts als ein Automat geht durch die Straßen
von Paris, über das Parkett von Versailles. Komm, komm, so rasch deine
Pferde den Weg von Froberg hierher zurückzulegen vermögen!

Die Königin frug oft nach Dir. Der liebenswürdige Empfang, der mir zu
teil wurde, hatte mich zu der Hoffnung verleitet, sie vielleicht
beeinflussen zu können. Aber schon die vierzehn Tage, die ich wieder in
ihrer Umgebung bin, haben mir bewiesen, daß es nicht möglich ist. Sind
es die Folgen der Monarchenerziehung, die sie zwingen, ihr eigentliches
Wesen zu verstecken; oder -- ist sie nicht anders, als sie sich zeigt?
Ich habe versucht, ernstere Interessen wachzurufen, aber nichts vermag
sie zu fesseln, was nicht eine persönliche Beziehung zu ihr selber hat:
die Kunst nur, wenn sie ihre Schlösser schmückt, ihre Langeweile
vertreibt, die Finanzen Frankreichs nur, insofern sie ihr Budget
beeinflussen. Sie ist niemals glücklicher, als nach einer
Toilettenkonferenz mit Madame Bertin oder nach einem Besuch Monsieur
Boehmers.

Schlimm genug, wenn ein König nichts anderes zu sein vermag, als der
Träger der Krone, schlimmer noch, wenn eine Königin die Erde, auf der
sie steht, nur insoweit bewertet, als sie ihr Nährboden ist!

Du schreibst mir noch, wann Du kommst. Ich wage nicht eher daran zu
glauben, als bis ich Dich sehe, bis meine Arme Dich umschließen. Liebte
ich Dich so wenig, daß ich sie jemals öffnen konnte, um Dich von mir zu
lassen?


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 10. Juni 1783._

Teuerste Marquise. Ihre Rückkehr nach Paris ist für den Aberglauben
eines Glaubenslosen wie der Aufstieg weißer Tauben über dem Tempel
Apollos.

Seit drei Monaten proben die Schauspieler der Comédie française meine
Komödie, seit acht Wochen habe ich das Versprechen des Grafen von
Artois, daß sie auf der Bühne von Versailles das Licht der Welt
erblicken wird, -- denn wo sie auch immer zur ersten Aufführung gelangt,
und wäre es im kleinsten Theater vor einem Dutzend Zuschauer: es wird
die Welt sein, die sie damit erobert!

Aber erst Ihre Ankunft, die Aussicht, Sie vor dem Vorhang zu wissen, im
Augenblick wo er sich meinem Triumphe öffnet, bietet mir die Gewähr
dafür, daß er nicht schließlich doch geschlossen bleibt.

In drei Tagen ist die Aufführung. Nachher werden Sie mir gestatten,
Ihnen die Hand zu küssen.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Versailles, Freitag den 13. Juni._

Soeben -- fünf Stunden vor dem Beginn der Vorstellung -- überbringen die
uniformierten Boten des Marschalls Duras und des Polizeileutnants von
Paris den Schauspielern und mir den Befehl des Königs: Figaros Hochzeit
darf nicht gespielt werden.

Ludwig von Frankreich wirft mir seinen Fehdehandschuh vor die Füße. Ich,
Caron Beaumarchais, nehme ihn auf. Jetzt ringen wir nicht mehr um die
Daseinsberechtigung eines Stückes, sondern um die eines Standes!


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 3. Juli 1783._

Verehrte Frau Marquise! Der Abend bei Ihnen war deliziös! Um Ihretwillen
nehme ich das ganze achtzehnte Jahrhundert in den Kauf; ja, ich wäre
geneigt, wenn der Herrgott mich zu seinem verantwortlichen Minister
ernennen wollte, es in Permanenz zu erklären.

Die Bekanntschaft mit dem Grafen Vaudreuil, die Sie vermittelten, ist
unschätzbar. Ich fahre bereits morgen nach Gennevilliers, um die Bühne
zu besichtigen, eventuell in aller Eile, -- der Graf gab mir plein
pouvoir, -- umbauen zu lassen, und dann --!!

Seitdem der aerostatische Globus in die Lüfte stieg und die Brüder
Montgolfier sich anschicken, in eigener Person allem, was Flügel hat --
den Adlern und den Engeln, den Amoretten und der Phantasie -- Konkurrenz
zu machen, rückt das Unmöglichste in den Bereich der Möglichkeit, --
also auch die Geburt des Kindes meiner Laune.

Sie sollten nur hören, mit welch wahrhaft patriotischem Schmerz unsere
Kaffeehauspolitiker die wachsenden Ausgaben erörtern, die die
unabweisliche Schaffung einer Luftflotte notwendig verursachen werden,
wie sie mit der Ausgestaltung der glücklichen Idee beschäftigt sind, für
diejenigen, die vergebens auf einen irdischen Ministerposten warten, ein
neues Departement der Lüfte einzurichten, und wie ernste
Vaterlandsfreunde sich mit der brennenden Frage beschäftigen, was zu
geschehen hat, um England beizeiten zu verhindern, daß es das Reich des
Aeolos nicht usurpiert, wie es das des Poseidon bereits usurpierte. Was
mich in Gedanken an all die luftigen Zukunftsmöglichkeiten am meisten
lockt, ist die Aussicht, ganz sacht emporzusteigen und, mit einem guten
Fernrohr bewaffnet, in aller Ruhe dort oben abzuwarten, bis unser Planet
sich soweit gedreht hat, damit sich mein Ballon eines schönen Abends auf
China herablassen kann. Für französische Dichter, Philosophen und
Freiheitsschwärmer muß es ein ideales Land sein!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, den 20. Juli 1783._

Meine Liebe! Für Ihre freundliche Erkundigung nach meinem Befinden danke
ich Ihnen bestens. Ihr Interesse dafür hätte ich nicht erwartet. Von
einer Reise nach Paris will ich in diesem Jahre absehen. Seine
Vergnügungen sind mir zu anstrengend und zu kostspielig. Ich ziehe die
stille Arbeit in meinem Laboratorium vor. Da Sie vor dem Spätherbst
nicht zurückzukehren gedenken, wird es Sie nicht genieren, wenn der
Graf Cagliostro, der vor kurzem aus England wieder hier eintraf, sich
bei mir aufhält, sobald der Kardinal ihn freiläßt.

Ich wünsche Ihnen so viel Amüsement, als Ihre Gesundheit und Ihr
seelisches Gleichgewicht es irgend ertragen kann.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 1. August 1783._

Du klagst über meine finsteren Mienen; Du grämst Dich, Geliebteste, weil
Du meinst, ich verschwiege Dir aus Schonung irgend einen geheimen
Schmerz. Ach, Du weißt nur zu gut, was mich quält! Ich ertrage die
lächelnden Fratzen nicht und die vielsagenden Mienen und das heimliche
Flüstern um uns her! Ich habe oft die Empfindung, als stündest Du -- Du,
mein Heiligtum! -- aller Hüllen bar vor den lüsternen Augen der Menge.
Unwillkürlich faßt meine Hand nach dem Degen --

Wie war es gestern auf dem Champ de Mars angesichts der ungeheuren
Menschenmasse, die in atemloser Spannung den Aufstieg Mongolfiers mit
dem Marquis d'Arlandes als erstem seiner Passagiere erwartete? Die
Equipagen der Hofgesellschaft hielten nebeneinander; zu Fuß und zu
Pferde umdrängten die Kavaliere die Damen darin. Als ich kam, suchte
Dich mein Blick nicht lange, denn wo der Kreis am dichtesten war, da
warst Du -- »die schöne Montjoie« -- »die süße Delphine« -- »die Rose
der Vogesen«. Wie die anderen trat ich heran und grüßte Dich. Und alles
wich mit verständnisinnigem Ausdruck zur Seite, -- etwa wie zu Zeiten
Ludwigs XV. die Damen des Hofs, wenn die maitresse en titre
hineingerauscht kam. Ich verbeugte mich stumm und ging davon, ohne mich
von Deinen schönen, tränenfeuchten Augen rühren zu lassen. Ich beneidete
den Luftschiffer, der in der Lage war, auf Nimmerwiedersehn in den
Wolken zu verschwinden.

Laß mich Dich von nun an nur in Deinem stillen Zimmer sehen; morgens,
ehe die Nichtstuer ihren Tageslauf mit Besuchen beginnen, mittags, wenn
die von tausend Klatschgeschichten Erschöpften sich zurückziehen, und
nachts, Du geliebteste Frau, wenn ein gütiges Dunkel allen neugierigen
Blicken den Zugang verwehrt.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 26. August 1783._

Teuerste Marquise! Mein erster Weg nach meiner Rückkehr aus London war
nicht zum Grafen Vaudreuil, sondern zu Ihnen. Ermessen Sie daraus, was
ich für Sie empfinde! Und an Ihrer Türe erfahre ich, daß Sie krank sind
--, grade jetzt!

In drei Wochen müssen Sie gesund sein, und wenn ich Ihnen die
Wunderdoktoren der ganzen Welt verschreiben sollte! Haben Sie es schon
mit den neuesten Heilweisen: den Zuckerkügelchen Herrn Dillons, dem
Mäusefett Madame Renards, der elektrischen Behandlung Doktor Durands
versucht?! Sie sind ja nicht Madame La France, der es für alle Kuren
durch erste Autoritäten am Notwendigsten fehlt: am Gelde! Sie wird sich
darum die Behandlung eines Barbiers gefallen lassen müssen, die Arme!

Darf ich auf Nachricht hoffen, sobald Sie mich empfangen können?


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 12. September 1783._

Sie sind nirgends zu sehen, Ihre Fenster sind verhängt --, und doch
grübeln Sie nicht im einsamen Laboratorium über das Geheimnis des
Goldmachens! Ihre Türe bleibt mir verschlossen und doch sah ich einen
Gast, dem sie sich öffnete.

Fürchten Sie nichts: was sich laut oder leise gegen Gesetz und Herkommen
empört, steht unter Figaros Schutz.

Wissen Sie, daß ich aus diesem Grunde beginne, eine sehr hochgestellte
Dame unter meine Schützlinge zu zählen?! Sie denken vielleicht an die
Herzogin von Bourbon, die ihrem ungetreuen Gatten mit gleicher Münze
zahlte, an die kleine Prinzessin Chartres, die, während ihr Gemahl bei
Madame Genlis die -- Harfe spielen lernte, mit seinem schönen Adjutanten
-- Duette sang, oder an die hübsche Condé, die in süßer Mädchenunschuld
von irgend einem unsichtbaren Gott erobert wurde, und, -- wahrscheinlich
zur Belohnung ihrer Heiligkeit! -- doch noch einen Prinzen königlichen
Geblütes fand, der sie zum Altar, aber nie zum -- Bett geleitete? Gehen
Sie auf diesem Gedankengang nicht weiter, meine Schöne; er ist zwar fast
endlos, aber er führt doch nicht zu meiner Dame.

Ich wollte Ihnen erzählen, was mir begegnete, in Ihren ausdrucksvollen
Augen Neugier, Bewegung, Erschrecken lesen, kurz --, all die Empfindung,
die Ihr Mund mir aus Diskretion verschweigen würde. Soll ich nun
schweigen? Ich bin zu sehr Dichter, als daß ich es ertragen könnte, den
spannenden Akt des Schauspiels, den ich sah, -- der zweifellos weder der
erste noch der letzte gewesen ist! -- ganz für mich zu behalten. Hören
Sie also:

Ich gehe, wie Sie wissen, nur des Nachts spazieren. Wenn die Körper sich
ihrer Paruren entledigen, die rote Farbe von den gelben Wangen wischen,
die Lockenperücke von dem kahlen Kopfe nehmen, die schönen reinen
weißseidenen Strümpfe mit dem üppigen Wadenpolster von den schmutzigen,
dürren, haarigen Beinen ziehen, dann entkleiden sich auch die Geister.
Auch ihre Nacktheit ist nicht immer erfreulich, aber stets unglaublich
interessant. Ich sah Marschälle von Frankreich als blutige
Revolutionäre, Erzbischöfe als Teufelspriester, und auch Possendichter
als tragische Helden, Hetären als Madonnen, Königinnen als --. Schweigen
wir, um endlich zu meinem Abenteuer zu kommen!

Im Parke von Versailles war es. Niemand in Frankreich hat solch gesunden
Schlaf wie seine Wächter, und in jener Stunde vollends hemmte kein Ruf,
kein Säbelklirren meinen Schritt. Spätsommernacht. Der erste leise Duft
der Verwesung, -- viel sinnenverwirrender noch als die ersten
unschuldigen Frühlingsgerüche, -- lag schwer über dem Park.

Da hörte ich ein Rascheln, dann ein Knirschen im Kies, -- ich versteckte
mich rasch hinter dem nächsten Boskett, -- nicht um den Späher zu
spielen, sondern um das Liebespaar ungestört zu lassen. Aber die Männer
und Frauen, die in Mäntel gehüllt hin- und herhuschten, führte nicht
Liebessehnen zueinander. Zuweilen zuckte ein scharfer Strahl verborgener
Blendlaternen unter den Mänteln hervor. Schon wollte ich die Wache
alarmieren, »Diebe!« schreien, -- doch mein Blick fiel auf zarte
Füßchen, elegante Schnallenschuhe.

Und plötzlich zogen sich die Gestalten zurück. Drei andere tauchten auf:
ein schlanker Elegant, nur eine Halbmaske vor dem Gesicht, vielleicht:
-- der Graf Chevreuse! -- ein kleinerer folgte ihm; ich sah den
seidenen Mantel des Priesters, die Tonsur auf dem unbedeckten Kopf,
vielleicht: -- Rohan, der Kardinal! -- und dann ein Weib, das Haupt von
Schleiern umweht, unkenntlich, aber von einer Haltung! -- vielleicht --:
die Königin Marie Antoinette. Ich hielt den Atem an. Die drei sprachen
kein Wort. Irgend ein dunkles Etwas legte der Priester in zwei Hände, so
schneeweiß, daß sie zu leuchten schienen. Pariser Klatsch fiel mir ein:
daß Rohan sich mit dem famosen Halsband Böhmers die Gunst der Königin
erkaufen wolle --, aber ich hatte keine Zeit, nachzudenken. Wieder ein
Rascheln, ein Knirschen, -- ich rieb mir die Augen; vielleicht war alles
nur nächtlicher Spuk! Vielleicht hat es mich gerade darum so
erschüttert; ich glaubte bisher nicht an Geister.

Ist der Graf Chevreuse nicht Ihr Freund? Warnen Sie doch durch ihn die
Dame mit der verräterischen Gestalt. Nicht alle unberufenen Lauscher
sind Figaro!


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 15. September 1783._

Der Gedanke, verehrteste Marquise, daß ich mich bei meinem gestrigen
Besuch ungeschickt benahm, erregter zeigte, als es der Sache entsprach,
-- einer offenbaren Dienstbotenaffaire, wie ich Ihnen schon
versicherte, -- nötigt mich zu diesen Zeilen. Die Parkwächter sind
bereits aufs strengste instruiert, nächtlichen Spuck der Art nicht mehr
zuzulassen. Um alle Ihre Befürchtungen zu zerstreuen, möchte ich Ihnen
noch versichern, was ich gestern, -- empört über die Verdächtigung
unserer teuren Königin, -- zu sagen vergaß: ich befand mich in derselben
Nacht in Paris bei der Guimard; sie und alle ihre Gäste würden meine
Anwesenheit bezeugen. Und Ihre Majestät hatte sich, wie mir die
Prinzessin Lamballe erzählte, wegen starker Kopfschmerzen bereits um
neun Uhr zur Ruhe begeben.

Die Pariser sehen überall Gespenster, seit Cagliostro Geister erscheinen
läßt.

Daß Sie hartnäckig dabeibleiben, nicht nach Gennevilliers fahren zu
wollen, bedaure ich nicht nur um meinetwillen. Sie warnten mich; darf
ich Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre gute Absicht auch durch eine
Warnung beweisen?

Es ist oft sehr unklug, krank zu sein!

Wenn ich hoffe, Ihnen bei dem versprochenen Bericht über den großen Tag
sagen zu können, daß man Sie -- und den Prinzen! -- nicht zu sehr
vermißte, so müssen Sie fühlen, daß ich nicht aus Unhöflichkeit, sondern
aus Freundschaft diese Hoffnung hege.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 27. September 1783._

Daß Sie nicht dabei gewesen sind! Es war ein Tag ohnegleichen: Die
Straße nach Gennevilliers von früh an überflutet mit Karossen und
Reitern; die Säle des Schlößchens überfüllt von allem, was durch
Schönheit, Geburt, Geist und Reichtum Paris zur Zentralsonne des
Erdballs macht; dabei jene fieberische Spannung auf allen Zügen, die die
Augen leuchten und jeden glauben läßt, daß der beschleunigte Herzschlag
nichts als das Zeichen der Kraft und Jugend ist. Man vergaß in der
Erwartung die neuesten Skandale und Chansons, von denen man sonst zu
leben pflegt.

Der Saal war kaum imstande, die Masse der Gäste zu fassen. Noch hatte
sich der Vorhang nicht geteilt und schon lag es wie Gewitterschwüle über
allen Köpfen. Sie steigerte sich mit jeder Szene. Recht und Gesetz,
Moral und Religion, Philosophie und Politik --, all das zog in den
Gestalten des Guzmann und des Bartholo, des Basilio und der Marzeline,
des Almaviva und des Figaro auf der Bühne an uns vorüber, wurde
besprochen, verhöhnt, mit den Geißelhieben des Witzes blutig geschlagen.
Und wir saßen da, wie gebannt, zwischen Empörung und Beifall,
Zähneknirschen und Gelächter hin und hergerissen.

War es die Erregung, die heiß aus allen Poren drang, war es das Feuer
der zahllosen Kerzen, -- die Sonne der Sahara kann nicht glühender sein,
als die Luft, die wir atmeten. Schon hörte ich Schreckensrufe ohnmächtig
werdender Damen, als die Scheiben der hohen Fenster in gleichmäßigen
Intervallen klirrend zerbrachen: Beaumarchais selbst schlug sie mit der
Krücke seines Stockes ein, um die Frische von draußen hereinzulassen.
Erst als sie mir den Kopf umwehte, wurde mir klar, daß sein Stück wie
ein Sturmwind über uns weggefegt war.

Er wurde mit Beifall überschüttet. Kein Zweifel, daß er nun in kurzer
Zeit die öffentliche Aufführung seines Werkes durchsetzen wird. Ob es
uns dann noch ebenso amüsiert? Ich lache gern über mich selbst, aber es
wäre das Zeichen einer gefährlichen Gleichstellung, wenn der Pöbel sich
je erlauben sollte, über mich zu lachen.

Die meisten Gäste, die Graf Vaudreuil nicht zu logieren vermochte,
fuhren in der Nacht noch zurück. Die Pariser Ärzte werden zu tun haben;
es regnete in Strömen, und bei den aufgeweichten Wegen und der fast
undurchdringlichen Finsternis bewegten sich die Wagenreihen mit ihren
frierenden Insassen nur ganz langsam vorwärts.

Ich fuhr mit Herrn von Wurmser. Er ist in sehr gedrückter Stimmung.
Sollte er in seinem Vertrauen zu Cagliostro zu weit gegangen sein? »Ich
fürchte, die Zeit der Goldmacher ist vorüber und die der Barbiere
gekommen,« meinte er bitter.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Schloß Froberg, den 2. Oktober 1783._

Meine Liebe. Ihre Absicht, das seit langem unbenützte Schloß Laval zu
ihrem Aufenthalt zu wählen, noch dazu jetzt, wo der Winter vor der Türe
steht, ist befremdend. Da es aber ausschließlich Ihr Besitztum ist und
Sie, wie mir scheint, nur zwischen diesem und irgendeinem andern Ort
wählen wollen, um weiter von mir getrennt zu leben, so will und kann ich
Ihre Entschlüsse nicht beeinflussen. Ihre Erlaubnis vorausgesetzt, werde
ich einen Teil der Dienerschaft nach Laval senden, um wenigstens das
Notwendigste für Sie vorzubereiten.

Mir geht es gut.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 19. Oktober 1783._

Meine geliebte Delphine. Wie recht Du hattest: schon atme ich freier in
der trauten alten Umgebung; schon sehe ich, wie viel hier vernachlässigt
wurde, seitdem mein Bruder, der regierende Herzog, sich ganz auf seine
preußischen Besitzungen zurückgezogen hat, wie ich alle Kräfte anspannen
muß, um die Folgen jahrelanger Mißwirtschaft durch gewissenlose
Verwalter wieder gutzumachen. Daß ich notwendig bin, daß Arbeit meiner
wartet, macht mich schon froh.

Ich ritt heute nach Laval, -- den schönen Waldpfad, der mich täglich zu
meinem Engel führen soll. Klopfenden Herzens sah ich die altersgrauen
Türme vor mir aufsteigen, aus deren Fenstern das süße Köpfchen eines
kleinen Mädchens mir einst schelmisch entgegennickte.

Im Schloßhofe fand ich reges Leben: man lud von hochbepackten Wagen
Möbel und Kisten und Kasten ab. Sonderbar: mir schnürte der Anblick, der
doch ein Zeichen Deines Nahens ist, das Herz zusammen! Ich fühlte, daß
hier die Sorge dessen waltet, der Dich mir stumm überläßt --, ob aus
verächtlicher Gleichgültigkeit, oder aus großmütiger Entsagung, beides
ist gleich niederdrückend.

Aber ich will Dich nicht wieder quälen, Du armes Herz, die Du mir alles
zu Liebe tust, und so grenzenlos um mich leidest!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Schloß Froberg, am 1. November 1783._

Meine Liebe! Es bedarf nicht des Dankes. Ich habe nur meine Pflicht
getan, indem ich das Schloß Ihrer Väter, aus dem ich einst ein
unwissendes Kind entführte, für seine Rückkehr empfangsbereit machen
ließ. Ich wünsche nur eins: von Zeit zu Zeit, -- nach vorheriger
Ansage, -- empfangen zu werden, um möglichem Getuschel böser Zungen die
Spitze abzubrechen. Da ich Anfang nächsten Jahres in Sachen meiner
Vermögensverwaltung nach Paris zu gehen beabsichtige, werde ich mir
erlauben, mich in den Weihnachtstagen nach Ihrem Befinden zu erkundigen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 6. Januar 1784._

Heute nur einen zärtlichen Gruß, Geliebteste. Ich kann nicht kommen;
Scharen von Landleuten strömen in die Stadt und sammeln sich vor dem
Schloß. Die fürchterliche Kälte treibt sie her, aber obwohl ich fast
allen Vorrat an Holz und Nahrungsmitteln verteilen ließ und die
Erlaubnis gab, den Wald von Navire zu schlagen, nehmen vor allem die
fremden Leute eine drohende Haltung an. Ich habe die Ställe und die
Reitbahn öffnen lassen, um wenigstens den Frauen und Kindern Unterkunft
gewähren zu können.

Mein Bote ist beauftragt, Deine Antwort entgegenzunehmen und sich durch
eignen Augenschein zu überzeugen, ob Laval in Sicherheit ist. Im Notfall
lasse ich selbstverständlich alles im Stich und komme zu Dir.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 7. Januar 1784._

Geliebteste! Fürchte dich nicht. Wie kann mir etwas geschehen, da ein
Engel wie Du mich mit seiner Liebe schützt! Der Reitknecht erzählte mir
alles, selbst gerührt von dem, was er gesehen hatte: im Rittersaal von
Laval die Menschenmenge, blasse Gesichter, zerlumpte Kleider, magere,
von Frostbeulen bedeckte Glieder, von den glühenden Scheiten im Kamin
grell beleuchtet, Du selbst mitten unter ihnen, furchtlos auch
angesichts der rohesten Gesellen!

Ich schicke Dir heute ein paar handfeste Leute zum Schutz. Ein
Feuersignal auf dem Bergfried, und ich selbst bin in kürzester Frist bei
Dir.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Etupes, den 9. Januar._

Landstreicher erbrachen das Schloß. Ich warf sie mit meinen Leuten
hinaus. Ein Schuß traf mich in die Hüfte. Ich habe nur einen Gedanken:
Dich. Mein Reitknecht jagt dem Wagen voran, der mich zu Dir bringt.
Niemand außer ihm und dem Kutscher kennt das Ziel der Fahrt.


Baron von Wurmser an Delphine.

_Straßburg, den 10. Februar 1784._

Verehrteste Frau Cousine. Vergebens habe ich versucht, Sie hier und in
Froberg aufzusuchen und erfuhr erst dort, daß Sie sich in Laval
befinden. Nach langem, inneren Kampf halte ich es für meine Pflicht,
Ihnen folgende Mitteilung zu machen: der Graf Cagliostro ist ein
Betrüger. Die Kräfte, die er besitzt, -- und ich hörte und sah zu viel,
als daß ich an ihnen zu zweifeln vermöchte, -- hat er in teuflischer
Weise benutzt, um seine Opfer zu fangen. Auch ich gehöre zu ihnen. Das
kleine Vermögen, das ich besaß, ist in seinen Händen. Ich dachte daran,
ihn ohne weiteres arretieren zu lassen, aber ich habe keine Beweise, und
die Zeugen, die ich nennen könnte, würden teils aus Feigheit, teils aus
Angst, sich lächerlich zu machen, versagen; außerdem ist dem Grafen
alles Geld, das er erhielt, freiwillig gegeben worden. Mich selbst kann
ich nicht mehr retten, vielleicht aber andere.

Um klar zu sehen, habe ich mein Mißtrauen noch nicht laut werden lassen
und habe vor wenigen Tagen einer Sitzung im Palais des Kardinals
beigewohnt, an der sich außer dem Hausherrn und mir nur Ihr eben aus
Paris wieder zurückgekehrter Herr Gemahl beteiligte. Man erwartete so
etwas wie ein Wunder; Haufen Goldes lagen bereit, die ja von jeher die
Voraussetzung aller Experimente waren. Je länger die Versuche
resultatlos blieben, desto erregter wurde der Kardinal. »Ich bin
verloren -- ich und sie!« schrie er schließlich in fassungsloser
Verzweiflung. Und als der Graf als Antwort grell auflachte, stürzte er
sich auf ihn, packte ihn mit eisernem Griff an die Kehle und brüllte mit
der Stimme eines wilden Tieres: »die Million oder --.« Wir rissen ihn
los und während ich noch um den Tobenden beschäftigt war, verließ
Cagliostro mit dem Marquis das Zimmer.

Rohan reiste gestern nach Paris. Der Marquis hat sich mit dem Schwindler
eingeschlossen; er vertraut ihm um so mehr, als er seine Kräfte nun für
sich allein in Anspruch nehmen zu können hofft.

Nur Sie, teuerste Cousine, können den Verblendeten retten und damit Ihre
eigene Existenz. Was Sie auch immer von ihm trennen, was Sie in Laval
festhalten mag, kommen Sie rasch! Könnten Sie den Marquis sehen, wie er
gebeugt, mit zitternden Knieen durch die Straßen schleicht,
rotgeränderte, des Schlafs entwöhnte Augen über den spitz
hervortretenden Backenknochen, -- das Mitleid würde Sie zu ihm führen,
auch wenn er Ihnen ein Fremder wäre.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, den 15. Februar 1784._

Meine Liebe. Ihr Anerbieten ist gut gemeint, aber Ihre Besorgnis
unbegründet. Ich bin gesund. Meinetwegen brauchen Sie Laval nicht zu
verlassen. Die chemischen Experimente, mit denen ich mich beschäftige,
sind rein wissenschaftlicher Natur. Es kann Sie nur beruhigen, daß diese
Tätigkeit mir alles ersetzt, was ich bisher als Lebensinhalt betrachtet
habe: den Hof, die Politik, die Frauen.

Ich höre, daß Sie im Schloß so etwas, wie ein Hospital eingerichtet
haben. Frauen, Kinder und Greise finden bei Ihnen Schutz vor Hunger und
Kälte, auch Kranke werden gepflegt. Das ist sehr lobenswert und wird
einer frommen Frau wie Ihnen die Freuden von Versailles vergessen
machen.

Der Vetter Wurmser, nachdem Sie fragen, widmet sich neuerdings eifrig in
Verbindung mit Herrn Adorn der Konstruktion eines neuen aerostatischen
Globus. So findet jeder eine Ablenkung von Gedanken und Erinnerungen,
die nicht immer belustigend sind.


Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 30. April 1784._

Schönste Marquise. Sie lieben nur die Unterlegenen und finden größeren
Genuß darin, zu trösten, als zu bewundern? Denn seit Figaro
triumphiert, sind Sie ihm untreu geworden. Ich aber dachte mitten im
tobendem Theater an Sie; ich suchte Ihr reizendes Köpfchen in allen
Logen; mir fehlte die Herzenskönigin, der der Sieger im Turnier das Knie
beugt, um von ihr allein den Kranz zu empfangen.

Figaro hat gesiegt, Frau Marquise! Und er hat Gedanken aus dem Gefängnis
feiger Köpfe befreit, Stummen die Sprache gegeben und Blinden das
Gesicht. Bald gibt es in Paris kein Fischweib mehr und keinen
Lastträger, der ihn nicht jubelnd begrüßt hätte; Hunde und Katzen ruft
man an allen Straßenecken mit seinem Namen; mit Hüten und Mänteln à la
Figaro schmücken sich Dirnen und Hofdamen, so daß sein Name schließlich
auch denen gellend in die Ohren klingt, die ihn verdammen.

Es war eine Komödie in der Komödie: Von früh an belagerten die
Eintrittheischenden die Pforten des Theaters. Vornehme Frauen hielten,
um rasch ein Plätzchen zu erhaschen, stundenlang in den Toilettenzimmern
kleiner Schauspielerinnen aus. Herzoginnen kämpften mit Freudenmädchen
um einen Sitz. Ganz Versailles war im Theater. Der König muß sehr
verlassen gewesen sein!

»Worin besteht das Handwerk des Höflings?« frug Figaro; »im Empfangen,
im Nehmen, im Fordern« -- und die Herren und Damen in den Logen hörten
erblassend den brüllenden Beifall des Parketts.

Wahrhaftig noch toller als mein Stück ist sein Erfolg!

Der laute Lärm erstickte tagelang alles heimliche Flüstern, das immer
schärfer, immer feindlicher durch die Hintertüren der Schlösser kriecht.

Sie erinnern sich des Schauspielaktes, den ich sah. Nun: die vornehmen
Akteure und Aktricen machen nicht den Eindruck als ob der Schluß, wie
der des Figaro, in Chansons bestehen würde. Selbst der Graf Chevreuse,
-- er muß als Knabe meines Cherubin Zwillingsbruder gewesen sein, -- hat
seinen Leichtsinn so sehr verloren, daß die Guimard ihm den Laufpaß gab.

Warum ich Ihnen schreibe? aus Eitelkeit und aus Neugierde. In Frankreich
zieht sich eine schöne Frau wie Sie nur aus drei Gründen von der Welt
zurück: entweder sie hat die Blattern, oder einen Blaubart zum Mann,
oder ihren Lakai zum Geliebten. Da keiner dieser Gründe auf Sie
zutreffen kann --, die Blattern würden sich schämen, ein Gesicht, wie
das Ihre zu zerstören, der Marquis hat sich dem Teufel verschrieben, und
Sie haben zu viel Geschmack für eine Liebschaft mit einem Bedienten; so
fragt sich alles, was hindert Sie, uns zu beglücken?!

Ich suche nach einem neuen Stoff für ein Stück. Vielleicht liefern Sie
ihn mir, wenn es sich um keine Tragödie handelt.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, im Juli 1784._

Meine Liebe. Damit Sie nicht aus den Journalen davon erfahren, teile ich
Ihnen mit, daß Baron Wurmser gestern beim ersten Aufstieg im Ballon
Monsieur Adorns verunglückt ist. Er brach beim Absturz aus einer Höhe
von kaum dreißig Metern beide Beine. Die Ärzte geben Hoffnung, ihn am
Leben zu erhalten. Ich sprach ihn heute. Er hat mir Grüße an Sie
aufgetragen und mich ausdrücklich gebeten, Ihnen zu erzählen, daß er
sich nun erst tatsächlich »nicht auf der Höhe erhielt«.

Ich habe heute noch eine Bitte an Sie. Meine Gesundheit ist nicht die
beste; ein Aufenthalt in Spa würde mir gut tun und es wäre mir
erwünscht, wenn Sie mich begleiten wollten. Alle unliebsamen Gerüchte
würden durch diese gemeinsame Reise im Keime erstickt. Falls Sie
zustimmen, werde ich sobald als möglich meine weiteren Dispositionen
treffen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 25. Juli 1784._

Das war ein böser Ritt: in der schwülen Nacht, die fern am Horizont nur
fahle Blitze hie und da erleuchteten, das Herz von Kummer schwer, die
Stirne heiß von Zorn. Zorn auf Dich, meine süße Delphine, die Du unser
Glück zerstörst aus lauter grausamer Güte!

Weil einem alten Manne plötzlich die Laune packte, sich mit seinem
schönen jungen Weib der Welt zu zeigen, warst Du sofort bereit, ihm zu
willfahren? Du behauptest ihm Dank schuldig zu sein. Wofür?! Weil er Dir
Freiheit läßt. Tut er es vielleicht aus Güte, oder nicht vielmehr aus
Selbstsucht? Er stört Dich nicht, weil er in seinem dunklen Beginnen
nicht gestört sein will. Und weil er unsere Beziehungen nicht sieht,
nicht sehen will, hältst Du ihn für einen entsagenden bewundernswerten
Freund. Ich halte ihn für einen jämmerlichen Feigling! Dir erscheint als
ein bescheidener Wunsch, worin ich die Geltendmachung verbriefter
Gattenrechte sehe. Er kümmert sich nicht um Dich, solange es ihm paßt,
er fordert Dich, sobald die greisenhafte Lust ihn reizt. Und Du beugst
Dich seinem Verlangen! Mich, den die Natur selbst Dir angetraut hat, dem
Du allein gehörst im Namen ewiger Liebe, mich ließest Du von Dir gehen!

Du sagst, der Marquis sei unglücklich. -- Auch zu einem großen Unglück
gehört ein großer Mensch; dieses Mannes Unglück ist klein, kalt,
verächtlich, und Du willst ihm unser großes, heißes überreiches Glück
opfern?!

Du sagst, er ertrüge es nicht, wenn Du den Mut der Wahrheit hättest. Was
wäre verloren, wenn er wirklich daran zugrunde ginge? Gibt es auch nur
einen einzigen Menschen, dem er unersetzlich wäre? Würde er eine Lücke
hinterlassen, die kein anderer auszufüllen vermöchte?

Ich liebe Dich um Deiner rührenden Güte willen, die niemanden wehe zu
tun vermag, um Deiner sorgenden Liebe willen, die alles Schwache und
Alte schützt und pflegt. Wo wäre ich heute ohne Deine weichen zarten
Hände?! Aber das Leben, Geliebte, ist männlich und hart, der morsche
Stamm kann nicht erhalten werden, wenn junge Bäume zum Licht verlangen,
und den alten Staat, der schon in seinen Grundvesten zittert, dürfen wir
nicht stützen, wenn er einem neuen Geschlecht zu eng geworden ist.

Wir werden Monate getrennt sein und wollen einander auch nicht mit
brieflichen Klagen und Vorwürfen quälen. Aber prüfen sollst Du,
Geliebte, Dein Herz, damit Du zu entscheiden vermagst, wenn wir uns
wiedersehen. Er oder ich --, das ist die Frage, die ich Dir stelle.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 30. September 1784._

Meine Liebe. Es freut mich zu hören, daß Sie die Reise gut überstanden
haben und ich benutze die Gelegenheit Ihnen für die Zeit zu danken, die
Sie mir widmeten. Ich hoffe, Sie werden nicht ganz ohne Befriedigung an
die vollkommen ruhigen Wochen zurückdenken, die auch Ihnen notwendig
waren.

Mein Aufenthalt hier wird höchstens zwei Monate dauern. Paris, wo der
Pöbel überall das große Wort führt, und Versailles, wo nichts als
Lakaiengesinnung herrscht, widern mich an.

Die Königin spielt ihre Schäferspiele jetzt nicht nur auf der Bühne,
sondern auch im Boudoir. Man erzählt sich in allen Pariser
Kaffeehäusern, daß Chevreuse und Vaudreuil ihre Partner sind.

Herr von Calonne, den ich sprach, ist in schlechtester Stimmung. Er
würde denjenigen zum höchsten Orden der Monarchie vorschlagen, der ihm
die Möglichkeit einer neuen Steuer nachweisen könnte. Die unaufhörlichen
Fürstenbesuche, -- eben erst hat der König von Schweden Paris verlassen
--, verschlingen Unsummen, was in dieser Zeit ungewöhnlicher Teuerung
sehr verbitternd wirkt. In den ärmeren Stadtteilen von Paris hat die
Polizei immer häufiger Revolten zu unterdrücken, an denen sich sogar
Frauen beteiligen sollen. Über die Hilfsaktionen der königlichen
Familie, des Adels und der Finanziers schwirren die Spottlieder durch
ganz Paris. Daß der König von Schweden zehntausend Franken den Armen
stiftete, und für dreimalhunderttausend allein in Sèvres Porzellan
kaufte, daß Ihre Majestät fünfhundert Louisd'or für Suppen hergab und
Mademoiselle Bertin zu gleicher Zeit tausend für eine neue Toilette --
schuldig blieb, -- das alles bietet freilich, da es in die breiteste
Öffentlichkeit getragen wird, Stoff genug. Man müßte die halbe
Bevölkerung von Paris einsperren, wenn man wie früher jeden Witz, jede
Beleidigung der Krone und der Kirche bestrafen wollte.

Ich bin zufrieden, in die ungetörte Ruhe meines Laboratoriums
zurückkehren zu können. Daß ich den größten Teil der Dienerschaft von
Froberg entließ, braucht Sie wirklich nicht zu beunruhigen. Es hieße
Tagediebe erziehen, wenn ich sie behalten hätte.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Etupes, den 3. Oktober 1784._

Wie habe ich auf einen Brief von Dir gewartet! Je mehr meine Sehnsucht
wuchs, in je glühenderen Farben meine Erinnerung mir das Bild
vergangenen Liebesglücks vor die Augen zauberte, um so gewisser wurde
mir, daß Delphine mein, ganz mein werden würde!

Und nun diese geheimnisvollen Zeilen: »Erwarte mich in Etupes. Jeder
Baum, jede Blume, jede kleine Welle im Teich werden für mich bitten.« Du
kommst zu mir und doch bedarfst Du noch irgend welcher Fürsprache?! Aber
ich will nicht grübeln, will Dich mit keinem Zweifel verletzen, will nur
der seligen Erwartung leben!

Jeden Tag lasse ich die Blumen in allen Vasen durch frische ersetzen,
stelle Körbe voll Obst auf den runden Tisch im Gartensaal, fülle, wenn
ich einsam vor meiner Mahlzeit sitze, immer zwei Gläser mit feuerrotem
Wein. Mit dem Fernrohr sehe ich stundenlang die Straße hinab, stehe, bis
der feuchte Herbstwind mich frösteln macht, auf der Terrasse und warte,
ob nicht drüben ein Kleid auftaucht, eine Stimme ruft.

Wann wirst Du kommen, Geliebte, um nie mehr weg zu gehen?! Es ist alles
bereit!


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Etupes, den 23. November 1784._

Und nun bist Du wieder fort! Ein dunkler Trauerschleier, hängt der Nebel
über den Gärten, mit geschlossenen Läden trauert das weiße Schlößchen.
Ich kann nicht hier sein ohne Dich. Wie auf einem Kirchhof ist es: In
jedem Raum, auf jedem Sessel, vor jedem Tisch, -- draußen unter den
Buchen und Trauerweiden, und tief unten im Teich schlummert ein totes
Glück. Die letzten späten Blumen, die Du pflücktest, welken in den
Gläsern und füllen mit Modergeruch die Räume, die eben noch Deines
Duftes voll waren.

Du überschüttetest mich mit unsagbarer Seligkeit, Du machtest die Tage
zu einem süßen Traum der Nacht und die Nächte zu einem Fest der Götter.
Warst Du heimlich bei Aphrodite zu Gast und lerntest von ihr den
Zaubertrank der Liebe bereiten, der Gedanken bändigt, Zweifel
verscheucht, Willen in Ketten legt?

Jetzt erst beginne ich vom Rausch zu erwachen. Sagtest Du nicht: »habe
Geduld«? Sprachst Du nicht von ein paar Wochen, oder waren es am Ende
gar Monate?!

Du hast also meine Frage nicht beantwortet, die ich Dir stellte, als Du
mich damals gehen hießest? Ich saß heute vor dem Tempel der Venus im
Regen gelber Blätter; das Lächeln der Göttin erschien mir plötzlich so
spöttisch, so -- zweideutig.

Delphine, wäre es möglich, daß Du nur mit mir spielst?! Pirch,
Chevreuse, Altenau -- alle fallen mir ein, deren bloßer Name mich einst
zur Verzweiflung brachte, und die ich in Deinen Armen vergaß. Bin ich
nur Einer mehr in der Reihe?!


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, am 6. Dezember 1784._

Geliebteste. Daß auch ich Dich quälen mußte, als Du so Böses erfuhrst!
Von dem plötzlichen Verschwinden Cagliostros hörte ich. Es kamen mir
sogar Gerüchte zu Ohren, daß Rohan sich infolgedessen zu töten
versuchte. Er soll alles verloren und andere in den finanziellen
Zusammenbruch mit hineingerissen haben.

Was Du, Geliebte, selbst erlebtest, erschütterte mich aufs tiefste.
Entsetzlich, wie der Marquis in sinnloser Wut mit dem Hammer sein
Laboratorium zerstörte, so daß das Volk, vom Lärm gelockt, vor seinen
Fenstern zusammenlief! Und wie muß Dein sanftes Herz geblutet haben, als
der Betrogene weinend vor Dir zusammenbrach!

Etwas wie Mitleid mit ihm regt sich sogar in meinem Herzen. Alle
Zweifel, alle Vorwürfe, alle Ungeduld will ich zurückdrängen, bis der
alte Mann zu sich selbst gekommen sein wird und Du klarer siehst. Für
ihn mag es schon jetzt eine Beruhigung sein, daß er nur die Hälfte
seines Besitztums verlor; für Dich, meine süße Delphine, ist all das
einerlei. Wenn Du zu mir kommst, nur vom schimmernden Seidenmantel
Deiner Haare umhüllt, bringst Du mir den unerschöpflichsten Reichtum der
Erde.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, am 15. Januar 1785._

Du kehrst nach Laval zurück, so plötzlich?! Deine Schrift zittert auf
dem Papier, als hätte Dein Herzschlag die Feder regiert? Ich folge dem
Boten auf dem Fuße.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, den 17. Januar 1785._

Meine Liebe. Ihre Mitteilung hat mich weniger überrascht, als Sie
geglaubt haben. Schon vor drei Jahren hat mich der Kardinal auf Ihre
Beziehungen zum Prinzen Montbéliard aufmerksam gemacht. Ich hielt sie
damals nur für eine Liaison mehr und war überzeugt --, nicht nur im
Vertrauen auf den Ausspruch Cagliostros, sondern auch in Erinnerung an
die schnelle Verabschiedung Ihrer früheren Liebhaber --, daß Sie um so
eher ein Ende machen würden, je rascher ich Sie zur beneidetsten Frau
Europas zu machen imstande wäre. Ich habe mich nach beiden Richtungen
getäuscht und wenn trotzdem mein Glaube in die hellseherischen
Fähigkeiten des Grafen eine Stärkung erfuhr, so deshalb, weil er Ihnen,
wie Sie Sich erinnern werden, noch ein Kind prophezeite, von dem ich
allerdings fälschlicherweise annahm, daß es auch das meine sein würde.

Über die Sache selbst wollen wir uns nicht mehr erregen, als es nötig
ist. Sie ist bestenfalls eine -- Ungeschicklichkeit, die sich unter
Umständen reparieren läßt. Ich kenne in Paris Ärzte, die sich
ausschließlich mit dergleichen Operationen befassen und infolge ihrer
sehr großen Praxis den besten Ausgang gewährleisten.

Was nachher zu geschehen hat, wird sich finden. Gewöhnlich wirkt ein
solches Ereignis wie Frostwetter auf den lustigen Quell der Liebelei.
In dem Fall steht mein Haus Ihnen als Zuflucht offen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, den 22. Januar 1785._

Meine Liebe. Ich muß gestehen, daß Sie mich diesmal wirklich überrascht
haben: Sie wollen das Kind: »und wenn ich mich vor der ganzen Welt zu
seiner Herkunft bekennen müßte«; Sie behaupten sogar, es bereits glühend
zu lieben: »weil ich nie einen andern Mann geliebt habe und lieben werde
als seinen Vater«. So bleibt denn nur ein Ausweg.

Mir ist im Leben Alles unter den Händen entschlüpft: Liebe, Macht,
Reichtum. Nur Eins war ich stark genug, festzuhalten: den unbefleckten
Schild meiner Ehre. Ich war nahe daran, ihn mir von Ihnen entwenden zu
lassen. Das Gefühl, das ich für Sie besaß, und das Sie immerhin Liebe
nennen können, machte mich schwach, so daß ich es unterließ, Sie
gewaltsam an mich zu fesseln, und schuldbewußt, so daß es mir wie
Entsühnung schien, Ihre, wie ich annahm, flüchtigen Freuden nicht zu
stören, die ich nicht zu schaffen vermocht hatte.

Jetzt aber, glaube ich, gleicht sich unser gegenseitiges Schuldkonto
aus.

Behalten Sie das Kind, -- aber es wird vor der Welt mein Kind sein. Sie
kehren unverzüglich in mein Haus zurück und ich brauche Ihnen wohl nicht
erst zu versichern, daß Ihre Stellung genau dieselbe sein wird, wie
immer.

Mein Entschluß ist in diesem Punkt unabänderlich. Ich würde sogar vor
ernsteren Maßregeln nicht zurückschrecken, wenn Sie sich widersetzen
sollten.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Straßburg, den 30. Januar 1785._

Meine geliebte Delphine! Soeben komme ich von einer stundenlangen
Unterredung mit dem Marquis. Ich verschwieg Dir meine Absicht, ihn
aufzusuchen, um Dich nicht zu erschrecken. Jetzt schreibe ich Dir, du
Einzige, selbst in zitternder Angst, denn an Dir wird es liegen, ob wir
uns wiedersehen!

Ich habe dem Marquis nahe gelegt, mich unter den schwersten Bedingungen
zum Zweikampf herauszufordern. Er lehnte es mit einem verächtlichen
Lächeln ab.

»Wenn es sich um eine bloße Liaison der Marquise handeln würde, könnte
vielleicht davon die Rede sein,« sagte er; »ob ich oder Sie am Platze
blieben, würde nur ein paar Tränen mehr oder weniger kosten; ein Ersatz
für jeden von uns wäre bald gefunden. Aber es handelt sich leider um
jene unbequeme Passion, die im Roman schöner ist als im Leben. Glauben
Sie, meine Ehre wäre gewahrt, wenn Sie fielen? Glauben Sie, die Marquise
würde je wieder in mein Haus zurückkehren? Und halten Sie es für
möglich, daß sie über meinem Sarge mit Ihnen, durch dessen Hand ich
gefallen sein würde, jemals glücklich zu werden vermöchte?! Nein, die
Geschicke der Menschen und der Völker lösen sich nicht mehr durch einen
Schwertstreich.«

Ich hatte ihm stumm, gesenkten Hauptes zugehört. Ich mußte ihm recht
geben. Als ich dann versuchte, ihn zu einer Trennung von Dir zu bewegen,
blieb er unerbittlich.

»Die Marquise kennt meine Antwort, sie hat die Wahl. Nur dann, wenn sie
die Folgen ihres Verhältnisses nicht sichtbar werden läßt, bin ich
bereit, -- da ich auf die Ansprüche des Gatten ein für allemal verzichte
--, sie zeitweise in Laval wohnen zu lassen. Kommt das Kind zur Welt, so
ist es mein Kind und gehört in mein Haus.«

Du mußt wählen zwischen mir und dem Ungeborenen, zwischen deinem
Geliebten und einer Hoffnung, die noch nicht einmal Leben ist.

Wirst du so unbarmherzig sein und gegen unsere Liebe entscheiden? Du
kannst mich nicht töten wollen, Delphine; Du kannst Dich nicht in Ketten
schmieden! Bei jeder Erinnerung, die uns gemeinsam ist, bei jedem
Glauben, bei jedem Gefühl, das wir teilen, beschwöre ich Dich: bleibe
Dir treu! Opferst Du mutig die erste Frucht unserer Liebe, so bleibt uns
die süße Gegenwart und die Hoffnung auf eine befreiende Zukunft, in der
Du glückliche Kinder gebären kannst. Tust Du es nicht, so ist nichts
mehr unser als der Schmerz um ewig Verlorenes.

Antworte mir nicht, Du könntest vorschnell sein, wenn Deine Augen nicht
in den meinen lesen, daß Du mein Todesurteil sprichst.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, am 5. Februar 1785._

»Ich kann das Kind nicht töten, weil es Dein Kind ist. Sein Leben ist
mir die Gewähr, daß nichts uns trennen kann« --, ich trage den Zettel
auf dem Herzen, den der alte Gärtner mir gab, als ich vor dem verödeten
Hof, vor Deiner verschlossenen Pforte stand -- ein Ausgestoßener.

Ich versuche, Dir zu zürnen und liebe Dich nur immer mehr, ich versuche,
das Kind zu hassen und ein Gefühl tiefer Zärtlichkeit erfaßt mich.

Die Zeit, in der es unter Deinem Herzen ruht, soll mir heilig sein. Auch
mein Schmerz soll Dich nicht stören.

Lebewohl!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, am 12. Juli 1785._

Meine Liebe. Da es mir wünschenswert erscheint, Ihnen die letzten Wochen
vor der Entbindung jede Erregung fernzuhalten, will ich Ihnen zunächst
nicht nach Froberg folgen, sondern erst in dringenden Geschäften nach
Paris gehen. Habe ich bisher vergebens versucht, unser Vermögen zu
vergrößern, so muß ich es jetzt erhalten, -- schon um des Erben willen,
den ich mir gewählt habe.

Ich werde zugleich mit Herrn Dr. Douzet Rücksprache nehmen und ihn
veranlassen, zur rechten Zeit in Froberg zu sein.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 25. Juli 1785._

Meine Liebe. Ich fürchte, die alarmierenden Nachrichten in den Journalen
könnten Sie erschrecken, darum beeile ich mich, ihnen zuvorzukommen. Man
spricht in Paris laut und leise von einem märchenhaften Schmuck, den der
Kardinal im Auftrag der Königin für sie erwarb, und den sie zu bezahlen
offenbar -- vergessen hat. Gestern war ich zum Souper in Trianon
geladen. Als ich das Schloß betrat, hörte ich lautes Lachen und
Schwatzen fast wie auf einer Bauernkirmeß. Erstaunt stand ich still, da
öffneten sich die Türen zum Theatersaal, ein Schwarm von Menschen
strömte daraus hervor, mitten unter ihnen die Königin, sehr erhitzt,
sehr ausgelassen, dicht hinter ihr mit der Miene eines Triumphators --
Herr von Beaumarchais. Ich verbeugte mich um einen Zoll weniger tiefer
als sonst.

»Wir proben den Barbier von Sevilla,« hörte ich laut wie ein Kommando
auf dem Paradeplatz Herrn von Beaumarchais Stimme. Aufs äußerste
überrascht von dieser unerhörten Formlosigkeit, erwartete ich einen
Eklat. Aber die Königin lachte nur noch lauter. Es war jedoch, wie mir
schien, ein falscher Ton in ihrer Stimme.

Beim Souper beobachtete ich sie: Röte und Blässe wechselten auf ihren
Zügen. Unter Außerachtlassung jeder Etikette verließ sie nach dem Schluß
des Essens die Tafel und verschwand, -- allein mit Herrn von Chevreuse
--, in den Laubengängen des Parks. Wir alle verstummten. Nur Herr von
Beaumarchais versuchte mit gewagten Späßen die Stimmung aufzuheitern.

Herr von Beaumarchais als Regisseur der Königin --, ich bin geneigt,
jetzt an die bösesten Gerüchte zu glauben.

Gestern abend entschloß ich mich, die berühmten Arkaden des Palais-Royal
zu besichtigen, die der Herzog von Chartres eigens gebaut zu haben
scheint, um allerlei wüstem Gesindel Obdach zu gewähren. Mit den frechen
Reden der Männer wetteifert nur die Schamlosigkeit der weiblichen
Besucher. In diese Gesellschaft mischten sich mit sichtlichem Vergnügen
Damen und Herren des Hofes, als sie aus der Oper kamen, und ich muß zu
ihrer Schande gestehen, daß im Ton und Benehmen zwischen ihnen und den
anderen kaum ein Unterschied mehr zu bemerken war.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Versailles, den 16. August 1785._

Ein schreckliches Ereignis, meine Liebe, verzögert meine Abreise: Der
Kardinal, Prinz Louis Rohan, wurde gestern vor der Schloßkapelle von
Versailles in vollem Ornate, angesichts aller versammelten Würdenträger
des Hofes verhaftet!

Kaum war das Ungeheuerliche geschehen, als die ganze Familie Rohan, die
Prinzen Soubise, Guéménée und Montpensier zugleich mit den Bischöfen und
Kardinälen das Schloß verließen. Der König und die Königin fanden sich
bei ihrem Erscheinen einem fast leeren Saal gegenüber. Marie Antoinette
schien einer Ohnmacht nahe.

Was geschehen ist, weiß niemand genau. Man sagt, daß Rohan sich für die
Königin habe opfern lassen. Und Cagliostro hatte ihm prophezeit: »An
Ihren Namen wird Frankreichs Befreiung sich knüpfen!«


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Die ganze Nacht stand ich wie ein Dieb unter Deinem Fenster, Geliebte.
Jeder Schrei, den ich hörte, zerriß mir das Herz. Dann wurde es still --
totenstill. Die Angst schnürte mir die Kehle zusammen. Bis plötzlich ein
leises Weinen wie Vogelzwitschern durch die Finsternis zu mir drang:
Unser Kind, Du meine süße Frau! Leg ihm die roten Blätter dieser Rose
aufs Herz; sein armer Vater grüßt es tausendmal!



DER LETZTE AKT



Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 3. Mai 1786._

Endlich ein Lebenszeichen, Geliebte, das den Bann von uns nimmt, das mir
nicht nur auf ein Wiedersehen die Aussicht eröffnet --, im Gedanken
daran schwanke ich zwischen Qual und Seligkeit, denn mit zuviel
Selbsterniedrigung muß ich es erkaufen, -- das mir vor allem die Zunge
löst, um die große Frage unserer Zukunft mit Dir zu besprechen.
Monatelang habe ich geschwiegen; vielleicht hätte ich deinen Wunsch
danach nicht zu erfüllen vermocht, wenn nicht ein holdes Wunder mir
begegnet wäre.

Im Oktober vorigen Jahres war es. Die Sehnsucht zehrte an mir, ich
vergaß Alles: Deine Wünsche, meine Versprechungen, und ritt vor
Sonnenaufgang fort, entschlossen, Dich zu sehen, und wenn ich Mauern
sprengen müßte. Je näher ich dem Ziele kam, desto mehr spornte ich den
Rappen, so daß er, solcher Behandlung ungewohnt, wie gehetzt
vorwärtsstürmte. Unten im Dorfwirtshaus ließ ich ihn stehen und ging den
Berg hinauf zu Fuß; das verschlossene Parktor gab meinem Rütteln nach;
weiß leuchtete schon das Schlößchen durch das Laub. »Mont de joie«
flüsterte ich, seliger Erwartung voll, vor mich hin, -- da stockte mein
Fuß.

Ich hörte ein leises Singen; so zärtlich klang es und war doch kein
Liebeslied, so viel Jubel lag darin und war doch keine Siegeshymne. Die
Stimme kannte ich; ihrem Klange wollte ich nachstürzen, aber etwas
Fremdes, Neues in ihr zügelte meine Leidenschaft. Ich schlich durch das
Dickicht.

Und da sah ich Dich: auf der weißen Bank unter dem dunkelroten Dach der
Kastanien, das Knäblein im Arm, dessen winziges Mündchen durstig an
deinem hüllenlosen, rosigen Busen lag. Du sahst mich nicht; gebannt hing
Dein Blick an dem Kinde; Du fühltest nicht meine Nähe; all Dein
Empfinden gehörte ihm. Mein Begehren verstummte, und doch liebte ich
Dich noch nie so stark, so tief wie jetzt. Ich ging, wie ich kam, --
ungesehen, -- diesen Frieden zu stören, wäre mir wie ein Sakrilegium
vorgekommen.

Nun aber, Du süße Mutter meines Sohnes, darf ich Dich wiedersehen, darf
es wagen, Dich all den Aufregungen ausgesetzt zu wissen, die unserer
endlichen dauernden Vereinigung vorausgehen werden. Du schreibst kein
Wort darüber, ich vermisse sogar den helleren Ton der Freude über Deinen
Aufenthalt in Paris; Du klagst, daß der Marquis Dich immer um sich haben
will, daß er den Kleinen von Tag zu Tag mehr mit dem Stolz des echten
Vaters betrachtet. Ich wollte, er zeigte sich als ein noch größerer
Tyrann, damit Du die Freiheit um so rücksichtsloser erkämpfen möchtest!

Denn, nicht wahr, das eine steht für Dich unverbrüchlich fest: daß Du
mir gehörst, -- mir allein?

Wenn ich in Etupes durch die menschenleeren Räume ging, hörte ich oft
plötzlich das Rauschen eines Kleides neben mir, und aus dem Gang tönte
mir helles Kinderlachen entgegen. Waren es Gespenster der Vergangenheit,
oder nicht vielmehr süße Ahnungen der Zukunft?! Sind wir nur erst
vereint, Geliebteste, was könnte mich dann noch in den brodelnden
Höllenpfuhl der Hauptstadt locken?

Alles Erleben wird hier zum Fieber, jedes Geschehnis zum Ausgangspunkt
katastrophaler Ereignisse. Vor dem Parlament, das jetzt seit Wochen die
Halsbandaffäre verhandelt, strömt ein täglich wachsender Haufe erregter
Massen zusammen. Erscheint Rohan auf dem Wege von oder zur Bastille, so
begrüßen ihn lärmende Ovationen, und man würde nicht begreifen, wie
dieselben Leute, die jeden politischen Reaktionär niederbrüllen, den
Kardinal, den Feind jeden Fortschritts, fast zu ihrem Idol zu machen
vermögen, wenn man nicht zu genau wüßte, daß er ihnen in diesem
Augenblick nur als ein Opfer monarchischer Willkür erscheint. Ihre
scheinbare Liebe für ihn ist nichts als der deutliche Haß gegen den
Absolutismus.

Ich selbst folge mit steigender Anteilnahme den Verhandlungen, deren
traditionelle Geheimhaltung nachgerade lediglich auf dem Papiere steht,
wie so viele andere Traditionen. Rohan benimmt sich dabei wie ein
Edelmann: ruhig, würdevoll, ohne ein Wort zuviel zu sagen.

Die Lamotte dagegen, seine Helfershelferin, gebärdet sich wie eine
Wahnsinnige und zeigt dadurch, daß das Blut der Valois, dessen sie sich
rühmt, schon recht stark verdünnt in ihren Adern rollen muß. Kein
Zweifel, daß der Kardinal sich von dieser geschickten Abenteuerin zu
seinen letzten unvorsichtigen Schritten verführen ließ. Aber ihre
Gestalt, die jetzt im hellen Lichte der Untersuchung steht, wirft einen
dunklen Schatten auf die einer anderen, die im Saale selbst niemand
anzugreifen wagt, die aber jene unheimlich wachsende Macht, -- die
öffentliche Meinung, -- in tragischem Ernst wie in zügellosen Witzen als
die wahrhaft Schuldige bezeichnet: die Königin. Das Halsband, dessen
glänzende Steine der letzte Pesthauch des sterbenden Königs trübte, hat
eine verheerendere Seuche verbreitet als die war, an der Ludwig XV.
zugrunde ging.

Das Herrscherpaar ist fast ganz isoliert. Der Klerus und der Adel
vergessen ihm nie die infamierende Art, mit der es einen seiner ersten
Würdenträger verhaften ließ, das Volk erfaßt mit Freuden die
Gelegenheit, um die Königin in den Schmutz seiner Menschlichkeiten
hinabzuziehen. Seitdem überdies bekannt wurde, daß der Finanzminister,
Herr von Calonne, einen Teil der Staatsanleihen benutzte, um die
Schulden des Grafen von Artois und des Herzogs von Bourbon zu bezahlen,
wird jede Art abenteuerlicher Geldbeschaffung ohne weiteres geglaubt.
Sogar ein ehrlicher Kerl, wie Lucien Gaillard, den ich allabendlich im
Palais-Royal zu sehen pflege, war überzeugt von der Existenz des
Diamantsaals und des silbernen Fußbodens im Schloß von Trianon!

Um seine Popularität könnte ihn übrigens jeder Minister beneiden. Mit
jenem letzten Rest sklavischer Unterwürfigkeit des Bürgers vor dem
Aristokraten pflegt sonst die öffentliche Meinung um so mehr zu
verstummen, je höher der Rang desjenigen ist, dem sie sich
gegenübersieht, um von den Mauern des Königsschlosses nur wie ein fernes
Murren wiederzuhallen; Gaillard dagegen steht so ganz auf der Höhe
seiner Zeit, und fühlt so gar nicht mehr die hergebrachten
Standesunterschiede, daß ich, -- laß mich Dir lächelnd diese Schwäche
gestehen, -- die Selbstverständlichkeit seiner Gleichstellung bei aller
theoretischen Anerkennung, die ich für sie habe, oft peinlich empfinde!
Ich dachte daran, ihn einmal als unsern Haushofmeister nach Etupes zu
nehmen, aber ich kann mich doch nicht recht an den Gedanken gewöhnen,
meinem Angestellten kordial die Hand zu schütteln, seine Ansichten als
den meinen gleichberechtigt gelten zu lassen.

An der Schwierigkeit, die mir Abweichungen von den bloßen Formen der
Vergangenheit bereiten, ermesse ich, wie fast unmöglich es einem
absoluten Monarchen sein muß, mit ihrem Inhalt zu brechen.

Ich war kürzlich zur Tafel in Versailles. Der König sieht schlecht aus
und ist merkwürdig ernst geworden; die Königin ist von forcierter
Lustigkeit. Man sagt, daß die Zartheit des Dauphin ihr Sorgen bereite,
die selbst der Anblick ihres blühenden zweiten Söhnchens nicht zu
verscheuchen vermag. Sie hat die Farm im Park von Trianon, wo sie ihre
fröhlichsten Stunden verlebte, zwölf armen Paaren zum Wohnsitz
überlassen, und seit der unheilvollen Aufführung des Barbiers von
Sevilla, die zwei Tage nach der Verhaftung Rohans stattfand, und wo die
Königin es erleben mußte, vor einem halbleeren, beifallskargen Saal zu
spielen, das kleine Theater nicht mehr betreten.

Erscheint mir nur die Welt so dunkel, weil Du sie mir nicht erhellst,
sind es die reiferen Jahre, die sie uns nicht mehr im rosigen Licht der
eigenen Jugend malen, oder ist sie wirklich umhüllt von gewitterschwüler
Sommernacht? Mit dir, Geliebte, traue ich mir erst zu, der Wahrheit
näher zu kommen.

Noch einer Begegnung muß ich gedenken: ich traf Herrn von Altenau im
Klub. Er schien mich meiden zu wollen. Da er im Organ Neckers, dem
Journal de Leyde, einen einflußreichen Posten bekleidet, interessiert er
mich, und ich nötigte ihm, als er ging, meine Begleitung auf. Er blieb
einsilbig. Erst auf dem Pont neuf, unter dem die Seine sich im Schein
der neuen roten Laternen wie ein Strom von Blut langsam dahinwälzt,
wurde er lebhafter. Er frug nach Dir und erzählte überhastig, was Dir
einst an dieser Stelle begegnet ist, Als ich ihm sagte, daß Du Dich
wieder eines Sohnes freutest, stürzten ihm die Tränen aus den Augen.
Hast Du gewußt, daß er Dich so sehr liebte? Wer, der Dich kennt,
Vermöchte Dich nicht zu lieben!

Ich wage noch kaum zu hoffen, daß Du wirklich in vier Wochen schon hier
sein willst, -- Du und Dein Kind -- unser Kind, Delphine!

Warum nur die Vorsichtsmaßregeln mit diesem Brief? Sollte der Marquis
deine Korrespondenz überwachen?! Das sieht seiner vornehmen Natur wenig
ähnlich!

Ich schließe Dich an mein Herz, Du liebe, geliebte Frau; ich lebe der
Stunde, wo ich Dich nie mehr von mir lasse.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 20. Mai 1786._

Meine Liebe. Nachdem ich im Hotel des Rois ein geeignetes Quartier für
uns gefunden habe, bitte ich Sie, so bald als möglich von Froberg
abzureisen. Ich habe bereits unserem Haushofmeister die nötigen
Anweisungen erteilt, an denen nichts geändert werden soll. Die Benutzung
der Post ist der des eigenen Wagens in dieser unruhigen Epoche unbedingt
vorzuziehen. Als mir unterwegs ein Pferd stürzte und der Kutscher in
einem nahen Gehöft Hilfe suchte, verweigerte sie ihm der Bauer mit der
Bemerkung: »Die Zeiten sind vorüber, wo der Edelmann, wenn er keine
Gäule mehr hatte, uns vor seine Karosse spannte.« Die Postreisenden, die
ihren Stand nicht verraten, werden weniger leicht insultiert.

Sie werden übrigens während der Fahrt bemerken, wie recht ich hatte, als
ich Ihr übertriebenes Mitgefühl, das uns alle Bettler nach Froberg
lockte, zu bekämpfen versuchte. Überall begegnet man jetzt offenbaren
Zeichen steigender Wohlhabenheit: neuen oder gut ausgebesserten Häusern,
gepflegteren Feldern, behäbig gekleideten Leuten.

Trotzdem ist der einmal erweckte Geist der Unzufriedenheit unausrottbar.
Je mehr man dem Pöbel mit Reformen entgegenkommt, desto mehr verlangt
er. Und wie ich aus den Berichten meiner Pariser Freunde schon entnahm,
wirkt die Schwäche des Königs und die Angst des Finanzministers vor
gewaltsamem Umsturz zusammen, um uns auf diesem Wege vorwärts zu
treiben. Der Prozeß Rohan konnte die Lage nur verschlimmern. Nach dem
Affront dieser Verhaftung ziehen sich alle Gutgesinnten vom Hof zurück.
In diesem Fall fühle ich mich auf seiten des brüllenden Pöbels vor dem
Pariser Parlament, der peremptorisch die Freiheit des Kardinals fordert.

Es ist mir nicht leicht geworden, die Ruhe von Froberg mit Paris zu
vertauschen. Aber unser aller Schicksal hängt vielleicht von den
nächsten Wochen ab, und ich kann nicht untätig zusehen. Der Einfluß, der
mir beim König noch geblieben ist, muß ausgenutzt werden. Warum ich
Ihnen die Reise zumute, und damit leider auch dem Kleinen, von dem Sie,
obwohl er auf dem Lande viel besser aufgehoben wäre, zu trennen sich
weigern, möchte ich noch mit einigen Worten erklären, da ich, wie Sie
wissen, mündliche Auseinandersetzungen, die leicht in Szenen ausarten,
vermeide. Mir fehlt noch das Vertrauen zu Ihnen. Montbéliard und Etupes
sind zu nah, als daß ich nicht fürchten müßte, die Mutter meines Erben
könnte sich vergessen.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 22. Mai 1786._

Meine Liebe. Ich sehe mich genötigt, Ihnen vor Ihrer Abreise noch diese
Zeilen zukommen zu lassen, damit Sie orientiert sind, was ich von Ihnen
erwarte. Ich sah gestern den Prinzen Montbéliard. Sie werden ihm also in
der Gesellschaft auch begegnen, und es ist selbstverständlich, daß wir,
um jedes Gerede unmöglich zu machen, ihm nicht aus dem Wege gehen
können. Ich nehme Ihnen dabei das feierliche Versprechen ab, daß Sie die
Beziehungen zu ihm nicht erneuern werden. Ich will Sie nicht an die
Pflicht der Dankbarkeit erinnern, die Sie mir gegenüber, der Sie und Ihr
Kind vor öffentlicher Schande rettete, empfinden müßten. Ich will Ihnen
nur hiermit erklären, daß ich, von dem Augenblick an, wo ich den Erben
anerkannte, die Ehre des Namens, den ich ihm gab, zu schützen weiß.

Gestern wurde Rohan freigesprochen. Das Volk brachte ihm stürmische
Ovationen dar, die bis in die innersten Gemächer von Versailles
geklungen haben müssen. Die Königin schloß sich allein in ihr Zimmer.
Sie mag empfunden haben, daß dieser Freispruch zugleich ihre
Verurteilung war.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 10. Juni 1786._

Mein armer Liebling, was hat er aus Dir gemacht! Mußte ich meine tapfere
Delphine so ängstlich, so kleinmütig wiederfinden?! Selbst der
Scharfblick meiner Liebe hätte Dich nicht zu durchschauen vermocht, als
Du gestern in der Akademie vor mir standest, blaß und schüchtern wie
ein kleines Mädchen. Erst Deine flüchtigen, hastig hingeworfenen Zeilen
klärten mich auf. Du gabst dem Marquis das Versprechen, das er forderte;
»ich erkaufe mir mit dieser Sünde den letzten Rest von Freiheit«,
schreibst Du und in rührenden Worten bittest Du mich, -- mich, von dem
alles Leid Dir kam! -- Dir das Unrecht zu verzeihen; als ob Deine
Sünden, Geliebteste, jemals Sünden sein können! Nur Deine Schwäche, die
es zugab, daß der Marquis unser Kind für das seine erklären durfte, war
ein Unrecht gegen Dich selbst, gegen uns, und rächt sich fürchterlich.
Aber unsere Liebe wird stark genug sein, auch das zu überwinden.

Wir dürfen einander nicht schreiben, sagst Du, »wenn sich der Marquis
auch nie dazu verstehen würde, die Dienerschaft zu Spionen zu machen, so
sieht und fühlt er alles, seitdem kein Cagliostro mehr seine Blicke
ablenkt«. Sollten wir nicht doch noch klüger sein können als er?!

Gaillard, dessen Verehrung für Dich sogar stärker ist, als seine
republikanische Gesinnung, habe ich die Besorgung dieses Briefes ruhig
anvertraut. Ich bin seiner vollkommen sicher. Wir werden uns zunächst in
Gesellschaften sehen und je größer sie sind, desto leichter können wir
in ihrer Mitte allein sein. Wir müssen beraten, was zu tun ist und --
ich muß Dich wieder küssen dürfen, Du Süße, damit Deine Lippen sich
röten und das Blut in Deine Wangen zurückkehrt. Ich habe Dich ja so
lieb, so lieb und meine Sehnsucht ist so riesengroß, daß es mir scheint,
als könnte ich sogar all die häßlichen Heimlichkeiten verborgener Liebe
ertragen!

Werde ich Dich morgen bei Herrn von Puységur sehen, der, wie er mir
sagte, eine neue Somnambule entdeckt hat, die »erstaunlich« sein soll,
und übermorgen bei Frau von Staël, die in einem neuen Gesellschaftsspiel
ihren Geist leuchten lassen will?

Nie sahst Du so entzückend aus, Holdselige, als gestern: die süße kleine
Marquise mit den zarten Händen und Füßen und der feinen Taille, aus der
der Busen wie eine Rose aus dem Kelch schimmernd emporsteigt, neben der
neuen Gesandtin Schwedens mit den starken Knochen, dem breiten Gesicht,
den forschenden Augen, in einem Gewand, das halb eine Mönchskutte, halb
ein griechisches Peplon schien. Selbst Guibert, der die ehrgeizige
Tochter Neckers als die Aspasia Frankreichs feierte, und seine
Bewunderung für die ganze Familie sogar in seine Eintrittsrede unter die
Akademiker einflocht, um die Erinnerung an seine frühere Stellungnahme
ganz zu verwischen, war einen Augenblick lang wie benommen, als er Dich
sah.

»Sie sind ein Sammler von Zeitdokumenten, Herr Graf,« sagte ihm beim
Ausgang Herr von Champcenetz, »Mademoiselle de Lespinasse, Madame la
marquise de Montjoie, Madame de Staël --« Aber schon ging der Angeredete
stirnrunzelnd und wortlos an ihm vorüber, während ich nicht übel Lust
hatte, dem Spaßmacher gehörig heimzuzahlen. Aber mit welchem Recht darf
ich für Dich eintreten, Geliebteste?


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 23. Juni 1786._

Schönste Frau Marquise, Ihre Marmorkühle scheint keiner Huldigung
weichen zu wollen. Sie zürnen mir anscheinend mit Recht, weil ich mich
zurückzog, in Wahrheit: zurückgestoßen fühlte. Ein Soldat erinnert sich
nur ungern seiner Niederlagen und geht darum den Festungen aus dem Wege,
die ihm Trotz boten.

Aber wenn ich auch Ihr Herz nicht erobern konnte, möchte ich doch
wenigstens Ihre gute Meinung nicht verlieren.

Madame de Staëls Geist hat mich gerade in einem Augenblick fasziniert,
wo das verletzte Gefühl sich in sich selbst zurückzog. Es gibt eine
Ermüdung der Sinne, die der geeignetste Zustand ist, um den Kopf in
seine unbeschränkten Herrenrechte einzusetzen. Damals lernte ich Herrn
Necker mit den Augen seiner Tochter sehen und fand in ihm schließlich
einen Lehrer, ja einen Freund. Wenn Sie öfter mit ihm zusammen kämen, --
und ich hoffe, Frau von Staël wird Sie allmählich zu fesseln verstehen,
trotz Ihres Spottes über die »geistigen Seiltänzereien« der von ihr
beliebten Gesellschaftsspiele --, würden Sie ihr beipflichten, daß die
einzige Rettung für Frankreich die konstitutionelle Monarchie nach
englischem Muster ist. Aber während die Anglomanie der Galanterie der
Franzosen, ihrem gesellschaftlichen Geist, ihrem künstlerischem
Geschmack in gefährlicher Weise Eintrag tut, und kostbares französisches
Gold für englische Pferde, Wagen und Kleider eingetauscht wird, können
wir uns nicht entschließen, das Beste, was unser »Erbfeind« geschaffen
hat, seine Staatsform, von ihm zu übernehmen.

Sie sehen, teuerste Marquise, wie Ihre Nähe mir notwendig ist. Wären Sie
erst etwas länger hier, ich würde mit Ihnen nicht mehr zu politisieren
vermögen!

Ich schicke Ihnen hiermit das versprochene Programm des Lyceums; möchte
es Sie ebenso anziehen, wie es die Damen der Gesellschaft bisher
angezogen hat; ich dürfte dann hoffen, Ihnen auch dort zu begegnen. Herr
von Condorcet hat seine mathematischen Kurse, denen die schönen
Zuhörerinnen mit besonderem Eifer folgen, sehr gut eingeleitet, indem er
sagte: »Alle Prätensionen entspringen gleicherweise der Ignoranz der
Menschen und der noch größeren Ignoranz derer, vor denen sie geltend
gemacht werden. Wir glauben daher, daß das beste Mittel, um die Zahl
der Prätentiösen zu vermindern, das ist, die Zahl der von ihnen
Düpierten herabzusetzen. Kenntnisse, welcher Art sie auch sein mögen,
sind nur dann nützlich, wenn sie Gemeingut sind. Es gibt kein Wissen,
das nicht schädlich wäre, wenn nur eine kleine Anzahl Bevorrechteter es
besitzt.«

Er hätte nichts Treffenderes für die Schöpfung allgemein zugänglicher
Lyceen sagen können, zugleich nichts Schärferes, um die Geistlichkeit
gegen sie aufzureizen. Jung und alt -- Frauen vor allem -- strömen in
die Vorlesungen.

Würden Sie gestatten, daß ich Sie für eine der nächsten abholen darf?
Wüßte ich Ihr Interesse gefesselt, würde ich mir die Zeit nehmen, stets
in Ihrer Gesellschaft dort zu sein. Man trifft sich heute vor dem
Katheder, wie früher im Salon.

Durch die großen Reformen der Armee, mit denen ich angestrengt zu tun
habe, -- der tote Friedrich von Preußen wird für uns jetzt erst lebendig
und des armen Baron von Pirch Mitteilungen erwachen aus dem Staub der
Archive, -- bin ich natürlich sehr in Anspruch genommen. Aber mein Herz,
schönste Marquise, ist frei!


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 4. Juli 1786._

Verehrte Frau Marquise. Das Lyceum ist eine Freistatt, läßt also auch
Bucklige zu. Nachdem neulich der angeblich von Ihnen bestellte
Blumentopf vom Diener des Herrn Marquis zurückgewiesen wurde, wobei der
darin versteckte Brief unbeschadet an mich zurückgelangte, wähle ich
diesen bequemeren Weg. Wenn Sie nicht anders befehlen, behalte ich ihn
bei.

Da Sie so gütig sind, nach meinen Ergehen zu fragen, -- was sonst
niemandem jemals einfiel, -- gestatte ich mir dem beiliegenden Schreiben
des Prinzen das meine hinzuzufügen.

Es geht mir gut. Die Frau, die mich in ihrer schwächsten Stunde zur Welt
brachte, ist gestorben. Mit dem schmutzigen Geld, das sie
zusammenscharrte, erhalte ich meine Kinder, -- lauter Garantien für die
künftige Glückseligkeit Frankreichs! Ein paar Burschen, die aus dem
Kloster entkamen, sind ihre Anführer. Ich selbst schreibe Artikel,
Libellen, Chansons; -- da es an Stoff nie fehlt, so fehlt es auch nicht
an Leuten, die dafür zahlen.

»Die Laufbahn offen dem Talent!«. -- Beaumarchais' Worte fangen an
Wahrheit zu werden. Ich würde dem, der sie aussprach, weiter verbunden
gewesen sein, -- er ließ sich seine Mémoires und Streitschriften gern
von mir entwerfen, -- wenn sie ihm nicht als ein letztes Ziel erschienen
wäre. Seitdem die Königin ihre Worte von ihm sich diktieren, ihre
Bewegungen von ihm dirigieren ließ, kämpfte seine Eitelkeit mit seinem
Witz einen siegreichen Kampf. Er baute sich ein Palais gegenüber der
Bastille, an der Straßenecke, wo täglich Scharen armer Arbeiter aus den
Vorstädten vorüberströmen! Sie fangen an zu verstehen, was Steine
sprechen: das Schloß des Worthelden und die Hochburg der Tyrannei!

Als er gegen den Grafen Mirabeau die Compagnie des Eaux de Paris
verteidigte, wurde ich zum erstenmal stutzig. Ich wußte, daß er von ihr
Aktien besaß, die auf das Dreifache ihres ursprünglichen Wertes
gestiegen waren; daß das notwendigste Volksbedürfnis zum Gegenstand
skrupellosester Spekulation gemacht wurde. Mirabeaus Antwort war ein
Gewittersturm für den dürren Baum seines Ruhms. Selbst der Erfolg seiner
Oper rettete ihn nicht mehr. Die Worte unserer großen Denker hörte man
wohl, aber ihr Geist fehlte. Ich kündigte ihm den Dienst; die
christliche Tugend, die Schwachen zu unterstützen, habe ich damals
zuerst als Verbrechen erkannt. Man soll nur mit den Siegern gehen.

Daß ich diese Sieger kommender Schlachten fand, mit ihnen Schritt halte,
die Erfüllung unserer Hoffnung in der eigenen Hand habe, weil ich handle
-- das läßt mich des Lebens froh werden. Meine letzte Brochüre »Nieder
mit der Bastille!«, die ich anonym erscheinen ließ, -- man liefert sich
nicht leichtsinnig ans Messer der anderen, wenn man das eigene wetzen
muß, -- wurde konfisziert. Aber Hunderte hatten sie schon gelesen;
Tausende wissen heute, daß die Bastille kein bloßes Bauwerk ist, von
veralteten Kanonen und halben Invaliden bewacht, sondern der Staat
selbst.

Verzeihen Sie mir, Frau Marquise! Meine Feder ist so sehr an Freiheit
gewöhnt, wie ich. Ich wollte Sie nicht erschrecken, die Sie auf einem
anderen Sterne leben. Wenn ich es könnte, würde ich nur für Sie diesen
Stern erhalten wollen. Aber er ist ja auch Ihnen kein Glücksstern.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 4. Juli 1786._

Teuerste Delphine! Trotzdem ich in der Dämmerung des Zimmers Deine Hand
in der meinen halten, Deine weiche Wange leise mit meinen Lippen
streifen konnte, bitte ich Dich, die Besuche bei Herrn von Puységur
aufzugeben. Du bist nicht stark genug, um den Reden der Somnambulen mit
der Ruhe gefestigten Geistes zu begegnen. Und ich selbst gestehe zu, der
Eindruck, den das arme Bauernmädchen der Vogesen hervorruft, wenn sie
aus dem Schlafe spricht, ist erschütternd. Ich habe sie heute nur im
Beisein von Herrn von Puységur geprüft; sie erzählte Szenen aus dem
amerikanischen Feldzug, die nur ich so deutlich hätte schildern können,
und als wir sie nach der Zukunft fragen, befiel sie wieder jene quälende
Angst. Sie stammelte: »Blut -- Blut«, sie schlug entsetzt die Hände
vors Gesicht, als ob sie mit geschlossenen Augen Gräßliches sähe; sie
ging auf Fußspitzen mit hochgehobenem Rock durch das Zimmer, »das Blut
steigt -- steigt« stöhnte sie.

Ich würde ihren Aussagen nicht mehr Bedeutung beilegen, als den
Wahnsinnsausbrüchen einer Kranken, nicht, weil ich nur glaube, was sich
beweisen läßt, -- wir haben nachgerade eingesehen, daß Holbachs System
de la nature mehr das Produkt menschlicher Überhebung, als menschlicher
Weisheit ist! --, wenn nicht überall Phänomene auftauchten, wie dieses.
Mein alter Reitknecht hat in einem Wirtshaus der Vorstadt St. Antoine
Ähnliches erlebt; eine kleine Tänzerin von Wauxhall hat neulich mitten
in der Probe, von Schlaf überfallen, gräßliche Visionen gehabt. Es gibt
viele Leute in allen Kreisen der Bevölkerung, die von der »großen
Furcht« wie von einer Krankheit befallen sind.

Vielleicht wären wir beide, meine einzige Geliebte, weniger leicht der
Ansteckung ausgesetzt, wenn unsere verfolgte Liebe nicht selbst voll
Furcht wäre. Wie soll es enden?!

Da der Marquis Sonntag nach Saint-Cloud fahren will, werden wir endlich
Gelegenheit haben, uns allein zu sehen. Sei um Mitternacht im Garten
Deines Hotels unter der großen Linde. Ich weiß einen Eingang, der mich
vor allen Blicken schützen dürfte. Wir müssen uns sprechen, obwohl ich
zum erstenmal empfinde, daß ich einen Mann betrüge, der mir vertraut.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Saint-Cloud, den 25. Juli 1786._

Allerschönste Frau Marquise. Erst jetzt erfahren wir von Ihrem
Aufenthalt in Paris. Haben Sie am Ende -- es soll das sehr in Mode sein!
-- Ihr Herzchen an irgend einen Mirabeau verloren, daß Sie so herzlos
sein konnten, unserer zu vergessen? Die Prinzessin Lamballe schreibt
Ihnen zu gleicher Zeit, um Sie nach Saint-Cloud einzuladen, und ich
putze den Rost von meinem Witz, damit er mit dem Geist der Pariser
konkurrieren kann. Sind Sie doch, wie ich zu meiner lebhaften Betrübnis
vernehme, auch eine Schülerin des Lyceums. Kennen Sie nicht den
reizenden Chanson darüber? Sie bekommen ihn, wenn Sie hier sind. Heute
-- als Lockmittel! -- nur den Schluß.

    Craignons, qu'une jalouse fée
    Bornant les sages du Lycée
      Dans leurs projets,
    Hors du giron de la science
    Ne les change par sa puissance
      En perroquets.

Glauben Sie wirklich, daß Männer und Frauen stundenlang in einem Raum
zusammen aushalten, ohne daß alle trockene Weisheit vom lebendigen
Gefühl besiegt wird? Oder sollte vor all den Theorien und Prinzipien,
die mir vorkommen wie Schulbuben mit dem Schmetterlingsnetz, die
ausziehen, reizende Falter zu fangen, um sie schließlich aufzuspießen,
die arme Liebe die Flucht ergreifen? Anzeichen genug gibt es dafür.

Allein die Kleidung, -- für die Frauen halb Sack halb Hemd, für die
Männer der dunkle Frack und das Gilet, -- scheint auszudrücken, daß sie
ihre Aufgabe, zu schmücken, die Reize der Trägerin hervorzuheben, nicht
mehr erfüllen will. Aber wo der Wunsch zu gefallen aufhört, da werden
die Sitten roh, der Ton der Konversation wird schwerfällig, die
Phantasie weicht der Nüchternheit, die Künste verarmen. Der Geist der
Gesellschaft bildet sich nur in Kreisen, wo Männer in der Nähe der
Frauen durch den Wunsch, liebenswürdig zu sein, alle Gaben ihres Geistes
leuchten, zur höchsten Vollkommenheit sich steigern lassen, wo Frauen
sich im stillen Ringen um den Würdigsten stets erinnern, daß sie der
Natur schönstes Kunstwerk sind.

Aber die Philosophie unserer Tage, die uns, den nicht
Unsterblichkeitsgläubigen, lehrte, daß kein Besitz so kostbar, kein
Verlust so unersetzlich ist, als der der Zeit, hat diese Reize der
Geselligkeit grausam zerstört. Man will genießen, statt sich die Mühe zu
machen, zu gefallen. Ohne die sichere Aussicht auf ihren raschen Besitz
schenkt man der Frau kaum noch Beachtung. Jedes weibliche Wesen wird
als Kurtisane gewertet, und wenn sie Erfolg haben will, muß sie mit der
Kurtisane konkurrieren.

Wir, schönste Frau, ein kleines Häuflein Verehrer der Vergangenheit,
sind vor Paris und seinen Reformen bis nach Saint-Cloud geflohen, um
jetzt schaudernd zu bemerken, daß die Reformen in Gestalt des Herrn von
Calonne uns folgen. Der Kauf von Saint-Cloud, den die Königin ihm
schließlich abtrotzte, hat ihn um den letzten Rest seiner Ruhe gebracht.
Selbst für die Polignac, die seinen allzeit offnen Geldbeutel dem
Herzoginnentitel vorgezogen hätte, ist er der Mann der zugeknöpften
Taschen.

Kommen Sie, teuerste Delphine, um uns durch den Reichtum Ihrer Schönheit
und Ihres Geistes den schauderhaften Anblick gähnend leerer
Schatzgewölbe vergessen zu machen. Bringen Sie der Königin frische Luft
aus den Vogesen. Sie leidet sehr, und der kleine Dauphin ist wie die
Verkörperung ihrer Sorgen. Ein frohes Ereignis genügt jedoch, um sie
aufzuheitern.

Als sich die reizende Komtesse Turpin mit dem Marquis Lemierre verlobte,
wurde die Gelegenheit gleich zu einem Fest benutzt; wir erschienen alle
im Hofkostüm der Regentschaft und träumten uns in jene schöne Zeiten
zurück. Ein Bonmot des geistvollen Vaters der Braut machte die Runde.
Lemierre, der seiner Schulden wegen, -- die übrigens die Königin
bezahlte, -- bei Turpin nicht im besten Ansehen stand, suchte sich auf
alle Weise bei ihm einzuschmeicheln. So sagte er einmal: »Man braucht
Sie nur zu sehen, um zu glauben, daß Sie Toinettens Vater sind.« Mit der
ernstesten Miene von der Welt entgegnete der Graf: »Sie vergessen, mein
Herr, daß wir so glücklich sind in einer Zeit zu leben, wo man nichts
mehr glaubt.«

Aus diesem langen Brief mögen Sie die Länge der Konversationen ermessen,
die Ihrer warten. Madame Campan will freilich gehört haben, daß das
Neueste in Paris die Verachtung der Konversation ist. Irgend ein Held
der Feder hat im Mercure de France auseinandergesetzt, sie sei »eine
verächtliche Kunst schmarotzenden Hofgeschmeißes« --, das ist der
liebenswürdige Ton, mit dem man uns auf Grund des Schimpflexikons, das
das Pariser Parlament einführte und eifrigst zu bereichern trachtet, zu
behandeln pflegt! --, und er fügt hinzu, man möge endlich aufhören, die
Jugend in ihr zu unterrichten, um so mehr, als sie die brotloseste aller
Künste sei.

Wahrhaftig: Idealisten vom Schlage Lafayettes können nicht soviel Unheil
anrichten als die revolutionären Philister, die den Zweck als ihren Gott
anbeten. Sie werden noch unsere Schlösser in Kasernen umwandeln und in
unseren Rosengärten Rüben pflanzen.

Sie wissen, das Feld meiner Schlachten war stets das Parkett. Erst
neuerdings habe ich mir den Degen schleifen lassen und trage Pistolen in
der Manteltasche. Denn ich bin gesonnen, mich dem Pöbel von Paris erst
zu ergeben, wenn ich nicht mehr ich, sondern nur ein Bündel blutiger
Lumpen bin.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 2. August 1786._

Du fragst mich, ob Du der Einladung nach Saint-Cloud folgen sollst? Daß
Du fragen kannst, Geliebteste, trägt die Antwort schon in sich. Wir
wollen einander nicht aus Schonung belügen; das wäre der Anfang
geistiger Trennung. Freudlosigkeit ruht schwer auf unserer Liebe, auf
unseren heimlichen Zusammenkünften lastet die Schuld. Reise ruhig, armer
Liebling, vielleicht daß die Luft fern von mir Dich leichter atmen läßt.

Ich fand heute früh an den Mauern von Paris ein Gedicht angeschlagen,
worin die Lämmer glücklich gepriesen werden, deren Hirte einen Zaun um
sie zieht, damit Füchse und Wölfe sie nicht schrecken können. Zum Schluß
heißt es:

    Mais si ces mêmes loups avaient formé l'enceinte
    Pour vous mieux dévorer sans péril et sans crainte
    Du berger vigilant, de la garde des chiens,
    Que seriez-vous, hélas?... De pauvres Parisiens.

Mir scheint, als ob auch wir zu diesen gehörten.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 26. August 1786._

Teuerste Marquise. Erst jetzt erfuhr ich, daß Sie Paris mit Saint-Cloud
vertauschten. Ein böses Omen, würde ich sagen, wenn es sich um jemanden
anders handeln würde, als um Sie. Denn wer heute den Hof sucht, ohne zu
müssen, gehört zu seiner Partei.

Sie werden vermutlich von der Reise des Königs in die Normandie jetzt
ein anderes Bild bekommen, als ich es Ihnen malte: weißgekleidete
Mädchen, vor Rührung weinende Bauern, vivat-schreiende Massen, Männer
und Frauen, die glücklich waren, wenn sie den Rock des Monarchen küssen
konnten! So sieht jeder Fürst seine Untertanen, auch wenn sie alle schon
heimlich den Dolch im Mantel trügen, um ihn in seine Brust zu stoßen.
Die Krone und die Kirche haben, wenn sie all ihren Glanz entfalten, die
gleiche faszinierende Gewalt. Der mystische Zauber, der sie umgibt,
wirkt selbst auf die Ungläubigen.

Auch von den Regimentern, die der König inspizierte, sah er nur die
neuen schönen Uniformen. Daß Glieder desselben Volkes darin stecken, das
ihn in allen Wirtshäusern mit Spottliedern verfolgt und über alles
räsonniert, was von der Regierung ausgeht; daß die Unzufriedenheit mit
ihrer persönlichen Lage und mit der Frankreichs die Offiziere, wie die
Gemeinen ergriffen hat, und die Armee, die vor kurzem noch befürchten
ließ, sie könne vor dem Feind nicht schlagfertig sein, weil ihre Führer
sich zu viel amüsierten, jetzt in Gefahr steht, sich ihrem Kriegsherren
zu widersetzen, weil ihre Führer zu viel denken, -- das alles sieht kein
König.

In Brest will man, wie ich las, Ludwig XVI. ein Denkmal errichten, --
selbst unter dem großen König hat man dergleichen der Nachwelt
überlassen; sollte man es jetzt damit so eilig haben, weil man
befürchtet, sie könnte es vergessen?! Herr von Calonne wird es ihm als
ein Zeichen der Treue seiner Untertanen darstellen, was nur ein Zeichen
für die Servilität einiger titellüsterner Bürger ist.

Ich würde von Ihrer Klugheit und Ihrer Königstreue hoffen, daß Sie bei
Marie Antoinette den Einfluß der Polignacs untergraben, wenn ich nicht
überzeugt wäre, daß ihre Popularität seit dem Prozeß Rohan und dem Kauf
von Saint-Cloud, -- eine Million für ein neues Schloß, während das Volk
von Paris bei der allgemeinen Teuerung kein Fleisch essen kann! --,
endgültig verloren ist.

An der Kirche von St. Géneviève ist kürzlich ein neues Portal geweiht
worden, das die Königin gestiftet hat; es ist so prächtig, daß man den
lieben Gott, wollte man ihm den besten Platz seines Hauses anweisen, vor
die Türe setzen müßte. Das Volk stand umher und machte die bösesten
Witze: »Die Österreicherin schenkt uns ein Portal, wir werden sie zum
Danke dafür höflichst hinausgeleiten.«

Frau von Staël, die der Szene zufällig beiwohnte und sich beeilte, sie
in ihrem Notizbuch festzuhalten, bedauerte sehr, Ihre Gesellschaft,
teuerste Marquise, so rasch schon entbehren zu müssen. In ihrem Salon
herrscht eine neue Passion; jeder überbietet einander in der Erfindung
von Geschichten über das gleiche Thema: den Liebeswahnsinn. Sie selbst
hat mit ihrer Erzählung »Die Wahnsinnige des Waldes von Sénart« alle
übertroffen.

Da ich demnächst dem König über den Fortschritt der Heeresreform Vortrag
zu halten habe, hoffe ich Sie in Saint-Cloud noch zu sehen. Es gibt für
mich dort keinerlei andere persönliche Anziehungskraft. Selbst mein
Ehrgeiz weiß nicht, wie lange es unter diesem Regiment noch eine Ehre
ist, ihn zu befriedigen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 27. August 1786._

Geliebteste. Die überraschende Nachricht von der Berufung der Notabeln,
die Du mir gibst, nötigt mich zur Abreise in die Provinz. Da von ihrem
Zusammentreten ungeheuer viel abhängt, muß ich alles daran setzen, die
Stimmung in meinen Kreisen zu beeinflussen. Ich habe natürlich von
Deiner Mitteilung keinen Gebrauch gemacht, glaube aber, daß sie trotzdem
eher, als es Calonne lieb ist, in die Öffentlichkeit dringen wird. Für
ihn ist die Notabelnversammlung der Strohhalm des Ertrinkenden, denn die
Steuerreformen, die er vorschlägt, und von denen Du in Deinem leicht
entflammten Enthusiasmus das Heil der Welt erwartest, sind nichts
anderes, als die süße Oblate, in der dem großen Kinde Frankreich die
bittere Medizin des Defizits gereicht werden soll. Ich begrüße trotzdem
diese Entwicklung der Dinge, sie wird Klarheit bringen und das ist, --
auch wenn sie schrecklich sein sollte, -- besser als der ewige
Dämmerzustand.

Daß der Marquis sich ihr mit aller Kraft widersetzte und selbst die
Ungnade des Königs nicht gefürchtet hat, ist vollkommen begreiflich. Für
ihn ist der Appell an irgendeine Körperschaft und wäre es auch nur die
seines Standes, eine Konzession an die öffentliche Meinung; für ihn sind
die Reformen, vor allem der Vorschlag der Aufhebung der
Grundsteuerfreiheit des Adels ein Waffenstrecken vor dem dritten Stand.
Ich glaube aber auch, daß er einer der ersten ist, der die
Veröffentlichung des Defizits zu fürchten hat, denn er ist zu sehr mit
den großen Banken liiert, als daß eine allgemeine finanzielle Deroute
ihn nicht treffen müßte.

Vielleicht, -- und diese Hoffnung stärkt meine Kraft für den kommenden
Kampf --, läßt er Dich frei, wenn er einen Erben nicht mehr braucht!

Unsere Korrespondenz wird erschwerter sein denn je. Meine offene
Gegnerschaft zu der politischen Stellung des Marquis wird über dem
schmalen Landstrich, der Montbéliard von Montjoie trennt, ihre Wirkung
haben, seinen Zorn gegen mich also noch steigern. Kannst Du mir
nachempfinden, Geliebteste, daß mich diese Gegnerschaft innerlich
befreit? Mag kommen, was da will, wir bleiben vereint, auch wenn wir
einander unerreichbar erscheinen. Verstummen zu können, ohne sich zu
verlieren, ist ein Prüfstein der Liebe.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Saint-Cloud, den 3. September 1786._

Daß auch Sie uns verlassen konnten, schönste Delphine! Denn diesmal ist
es ein Verlassen! Die Königin, die sich bei der letzten Audienz wahrhaft
königlich benahm, -- sie lächelte Ihnen zu, als Sie kamen, sie legte
Ihnen mit eigenen Händen die Kette mit ihrem Bildnis an, die Ihnen
beweisen sollte, daß die Haltung des Marquis nicht als die Ihre
empfunden wurde, sie flüsterte beim Abschied »Auf Wiedersehen!« --, und
warf sich aufschluchzend in die Arme der Lamballe, als die Türe hinter
Ihnen zufiel.

Sie waren zu den königlichen Kindern gegangen. Bald darnach kam der
Dauphin langsam, in Nachdenken verloren zu seiner erhabenen Mutter;
seine dunklen Augen blickten fragend aus dem schmalen Gesichtchen, er
hob die kleine blasse Hand zu ihr empor, -- »ich glaube,« sagte er
kopfschüttelnd, »die Frau Marquise Montjoie hat geweint.«

Sind so viele Tränen nötig gewesen, holde Freundin? War der Moment nicht
der geeignete, um -- zu bleiben, während der Marquis ging?! Als uns vor
einem Jahr die Nachricht von der Geburt Ihres Kindes erreichte, als dann
der Marquis voll väterlichem Stolz von seinem Sohn und Erben sprach, war
es mir gleich vollkommen klar, daß Sie nichts getan hatten, als Ihre
Pflicht. Aber nun sind Sie ihrer entbunden, -- kommen Sie zurück,
schönste Marquise, ehe der Abgrund zwischen uns unüberbrückbar wird.

Meine Devise bleibt: »Ma vie au roi, mon coeur aux dames;« seien Sie
barmherzig und werden Sie nicht die Ursache, daß der zweite Satz mit dem
ersten in Zweikampf gerät!


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 9. September 1786._

Verehrte Frau Marquise. Mit einer fluchtähnlichen Hast hat die Familie
Montjoie Paris verlassen. Und doch wäre es von solchem Interesse
gewesen, uns über die bedeutungsvollen Ereignisse der letzten Zeit mit
Ihnen zu unterhalten.

Herr von Calonne ist von der Not zu einem Schritt genötigt worden, der
unter Umständen der Anfang konstitutioneller Entwicklung sein kann, --
freilich nicht mit ihm, sondern gegen ihn. Im Kreise Neckers herrscht
nur die eine schwere Besorgnis, daß er, der nur von Augenblickssorgen
getrieben und von Augenblickserfolgen geblendet wird, töricht genug sein
könnte, die finanziellen Verhältnisse in einer Weise zu enthüllen, die
nur geeignet wäre, die Autorität der Regierung zu untergraben. Necker,
der mir, -- das möchte ich gerade Ihnen anvertrauen, der gegenüber ich
mich seinerzeit so rückhaltlos gegen den damaligen Minister aussprach,
-- unter vier Augen mitteilte, daß er mit vollem Bewußtsein dessen, was
er tat, im Compte rendu von 1781 die Wahrheit verschleierte, hegt nach
dieser Richtung die ernstesten Befürchtungen.

Wissen Sie etwa Näheres?

Es wäre vielleicht noch möglich, wenn man beizeiten die nötige Kenntnis
davon besäße, folgenschwere Entschlüsse rückgängig zu machen. Schreiben
Sie mir, bitte, auch von Ihren nächsten Plänen. Bleiben Sie bis zur
Notabelnversammlung in Froberg? Mein Dienst führt mich vielleicht nach
dem Elsaß und ich möchte nicht verfehlen, der schönsten Frau Frankreichs
die Hand zu küssen.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 11. Oktober 1786._

Verehrte Frau Marquise. Mit Freuden erfülle ich Ihren Wunsch, von dem
ich nur bedaure, daß er sich so leicht erfüllen läßt. Sie werden stets
im Besitz meiner Adresse sein, auch wenn sie noch so häufig wechselt.
Meine Feder von der kein Geringerer, als der Polizeileutnant Lenoir
behauptete, daß sie mit Gift statt mit Tinte schreibt, wird mich während
der Notabelnversammlung zwingen, im Dunkeln zu bleiben. Selbst von
meinen Gesinnungsgenossen verstehen nur wenige mein Entzücken über die
Aussicht auf das Ereignis des nächsten Jahres.

Die Notabeln, die das naive Volk immer noch durch den Glanz ihres
Auftretens und die gewandte Form ihres Benehmens zu blenden verstehen,
werden jetzt vor aller Welt gezwungen sein, auch den Blindesten Einblick
in ihr Innerstes zu gewähren. Man wird ihre Selbstsucht erkennen, die
auch ihre guten Handlungen regiert.

Ihre Wohltaten sind Opium für das Volk; ihre Königstreue ist das Mittel,
ihnen die reichsten Pfründen zu sichern, ihr Stolz die Maske für ihre
innere Leere!

Nur unter den Frauen gibt es Ausnahmen. Durch die schönste und bitterste
Erfahrung meines Lebens weiß ich es: eine gibt es, die alle Tugenden und
alle Vorzüge des Adels in sich vereinigt, ebenso wie ich eine andere
kannte, deren Seele die offene Gosse war, die die Schmutzfluten aller
Laster des dritten Standes in sich aufnahm. Die eine war meine Mutter.
Werden Sie verstehen, Frau Marquise, daß meines Daseins glühendste
Sehnsucht ist, mich so weit als möglich von ihr zu entfernen? Daß Sie
darum der Stern sind, zu dem ich den krummen Körper emporrecke?

Die Kinder der Zukunft dürfen keine Mütter mehr haben wie die meine. Das
ist das höchste Ziel der Revolution.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 20. Oktober 1786._

Geliebteste. Endlich ein zärtlicher Gruß auf sicherem Wege. Wie danke
ich Dir, du Süße, für all die liebevollen, sehnsüchtigen Zettelchen, die
Du mir schicktest. Ich trage sie auf dem Herzen; sie könnten mich vor
feindlichen Hieben schützen, wie Deine Liebe mich für alles persönliche
Leid unempfindlich macht.

Was Du von unserem Sohne schreibst, beglückt mich aufs tiefste; daß er
kräftig ist, wird ihn fähig machen, den Stürmen der Zukunft zu trotzen.
Wie das Kind Dich über die Qual der Gegenwart hinweghebt, -- »wenn ich
es sehe, sehe ich dich,« sagst du, -- so hilft mir die Arbeit.

Unter dem kleinen Landadel spürt man den Hauch eines neuen Geistes.
Grade der Umstand, daß er verarmte, macht ihn fähig zur Aufnahme
moderner Ideen. Um so leichter wird er die Steuerprivilegien fallen
lassen, wenn er auf der anderen Seite sieht, daß die Finanziers, die »an
Papieren Reichen« zu neuen Steuern herangezogen werden. Mit den großen
Grundbesitzern allerdings steht es anders. Der Marquis Montjoie hat
unter ihnen die stärkste Anhängerschaft, und wenn der schlanke Greis mit
dem Adlerprofil und den ruhigen Bewegungen seiner langen, blaugeäderten
Hand vor die Versammlung tritt, um das ganze ehrwürdige Rüstzeug der
Tradition gegen unsere neuen, unerprobten, blanken Waffen ins Feld zu
führen, so hat er von vornherein gewonnenes Spiel. Jede
Interessengemeinschaft mit dem dritten Stand lehnt er ab, am
energischsten die mit den Parvenus, -- »weil sie unsere Herrensitze
usurpierten, glauben sie uns gleich zu stehen. Reich kann man werden,
aber vornehm muß man sein.« Selbst im Kampf gegen mich verläßt ihn nicht
seine äußere Ruhe; nur ich höre den schärferen Ton seiner Stimme, und
sehe das Aufblitzen unversöhnlichen Hasses in seinen Augen. Aber wir
sind ja erst beim Vorpostengefecht; der Feldzug beginnt in Paris.

Einen einzigen Mißton, geliebte Frau, hat Dein letzter Brief in den
reinen Akkord Deiner Liebesworte gebracht. Du willst während der
Notabelnversammlung des Kindes wegen, dem die Pariser Luft nicht gut
bekommt, in Froberg bleiben, Du freust dich sogar, mit ihm allein zu
sein, der täglichen, stündlichen Pein enthoben, die die Zärtlichkeiten
des Marquis für den Kleinen dir verursachen. Und ich?! Und die
Möglichkeit, daß wir den rechten Augenblick versäumen könnten, einander
ganz zu gehören?!

Überlege mit dem Herzen, Geliebte, das in Wahrheit der Kopf der Frauen
ist.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, 16. Februar 1787._

Geliebteste. Dich nicht hier zu wissen, ist qualvoll genug, aber zu
denken, daß Du allein in Froberg trüben Gedanken nachhängst, verwundet
mein Herz noch mehr. Mir ist, als hätte auf dem Papier Deiner Briefe
Deine Hand gelegen, heiß von der Stirn, auf die sie kurz vorher gepreßt
war, als schwebe um jedes Wort ein langer Seufzer. Und doch sollte ein
einziger Gedanke genügen, Dich aufzurichten: daß unser Schicksal von
Deinem Willen allein abhängt. Willst Du Dich trennen von dem Manne, der
Güte, Rücksicht, Vornehmheit benutzt, um Dich unter diesem Deckmantel
nur um so mehr quälen zu können, so kannst Du es auch. Wahrhaftig, Du
hast ihm seine grausamen Wohltaten genug gedankt. Nimm unser Kind auf
den Arm und komm zu mir; wer Dich um dieser Tat willen ächtet, dessen
Urteil trifft uns nicht.

Trübe Ahnungen, sagst Du, schienen den Schlaf des Marquis zu stören;
stundenlang hörtest Du ihn in der Nacht auf und nieder gehen, und wenn
er, wie es neuerdings seine Gewohnheit ist, zuweilen vom neuen Schloß zu
der alten, verlassenen Burg hinüberging, dann sahst Du ein Licht unruhig
hinter ihren Fenstern auftauchen und verschwinden. In einer solchen
Nacht hat Dein mitleidiges Herz Dich zu ihm getrieben und Du hast ihm
stumm die Hand gereicht!

Wie könnte ich Dir darum zürnen, Du Einzige Du?! Vergiß nur nicht, daß
ein anderer Mann noch bemitleidenswerter ist!

Die Mitglieder der Notabelnversammlung dürften schon vollzählig
eingetroffen sein. Die Pariser, für die das Schauspiel doch nur hinter
verschlossenen Türen vor sich geht, benehmen sich wie Kinder vor den
Vorhängen des Kasperltheaters. Alles scheint Zeit zu haben, denn alles
ist auf der Straße. Man scherzt und lacht, aber die Fröhlichkeit, die
wie ein leichter Luftzug die Oberfläche des Wassers zierlich kräuselt,
läßt nicht vergessen, daß ein Sturm seine dunkle Flut bis in ihre
schlammigen Tiefen aufwühlen kann.

Als Herr von Calonnes Erkrankung bekannt wurde, und man verbreitete, er
speie Blut, frugen die Witzbolde der Journale: seins oder das der
Nation? Als er zum ersten Male das Haus verlassen durfte, fand er an
seiner eigenen Tür folgenden Anschlag: »Die Schauspieler des
Finanzministers werden zur Aufführung bringen: 'Überflüssige Vorsicht'
und 'Trügerische Hoffnungen'. Die Rolle des Souffleurs übernimmt er
selbst.« Im Theater zu Versailles wurde in Anwesenheit der Königin die
Oper »Theodor« von Paësiello aufgeführt. Als der Titelheld, ein
verlassener König, seine Schmerzen klagte, rief eine Stimme im Parterre:
»Berufen Sie doch die Notabeln!« Schallendes Gelächter und endloses
Bravorufen unterbrach die Aufführung. Man versuchte, die Unruhstifter zu
verhaften, die Königin erhob Einspruch; das Publikum jedoch empfand ihre
Güte nur als Schwäche, als ein Buhlen um seine Gunst, und laute Pfiffe
folgten ihrem davoneilenden Wagen.

Wer es in den Journalen oder gar in den erregten Diskussionen versucht,
die Reformen zu verteidigen, von deren Inhalt manches bekannt wurde,
begegnet meist dem stärksten Unwillen. »Wir wollen keine Almosen, wir
wollen Rechte,« rief Gaillard vor ein paar Tagen solch einem geheimen
Emissär der Regierung zu. »Der Mensch ist frei geboren und überall liegt
er in Ketten. Die Reformen sind nichts als neue Mittel, ihn den
Machtmachern unterwürfig zu machen. Wir verwerfen sie. Wir verlangen
die Anerkennung der Souveränität des Volkes, nicht die Stillung unseres
Hungers durch Brosamen, die von des Reichen Tische fallen.«

Die Notabeln sind äußerlich ruhiger, umso erregter im Innern. Es ist ein
andrer Adel als der von Versailles, der sich den erstaunten Blicken der
Pariser preisgibt: viele Männer mit großem Namen in geflicktem Rock,
viele Priester mit arbeitsharten Händen.

Ehe Du diesen Brief erhältst, werden wir zusammengetreten sein. Eine
eben erschienene Broschüre steigert noch die Erregung. Sie trägt den
Titel: »Letzte Gedanken des Königs von Preußen«, und enthält unter
anderem folgende Sätze, die heute früh in großen Lettern an den
Straßenecken prangten:

»Nationen, die mit geborgtem Geld Kriege führen, werden niemals Frieden
haben; nach dem Krieg mit dem Nachbarn beginnt der Krieg mit den
Geldgebern; das Volk kommt nie zur Ruhe. Bleibt schließlich nur der
Ausweg des Bankrotts, und er ist unvermeidlich.«


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 3. März 1787._

Meine Liebe. Die außerordentlich anstrengende Tätigkeit im dritten
Bureau der Notabelnversammlung macht es mir erst heute möglich, Ihnen
für die gewünschten regelmäßigen Berichte zu danken. Es freut mich zu
hören, daß Sie und Godefroy sich wohlbefinden.

Obwohl die Geheimhaltung der Verhandlungen mir verbietet, Ihnen ihren
Verlauf im einzelnen zu schildern, so halte ich mich doch für
verpflichtet, Ihnen, im Vertrauen auf Ihre unverbrüchliche
Verschwiegenheit, -- jede Veröffentlichung der Tatsachen würde
unabsehbares Unglück heraufbeschwören --, den Ernst der Lage nicht
vorzuenthalten.

Stutzig gemacht durch die Andeutungen des Finanzministers über die Höhe
der Schulden, und empört über die uns zugemutete neue Grundsteuer, --
der Adel Frankreichs hat sich bisher die Steuer des Bluts und des Lebens
für den König selbst auferlegt und braucht sich darum nicht wie ein
jeder Krämer des dritten Standes behandeln zu lassen, dem man die Opfer
für das Vaterland erst abzwingen muß, -- haben wir einen
Rechenschaftsbericht verlangt, um ihn mit dem Compte rendu Neckers
vergleichen zu können. Er ist uns gestern in unzureichendster Weise
gegeben worden. Darnach scheint die Schuldenlast seit 81, wo ein
Überschuß von 10 Millionen konstatiert wurde, auf nicht weniger als 112
Millionen angewachsen zu sein. Das bedeutet, wenn die Aufstellung
richtig und wenn eine Deckung nicht zu beschaffen ist, den
Staatsbankrott, und wenn die Öffentlichkeit unterrichtet wird, eine
ungeheure finanzielle Deroute. Diese beiden Möglichkeiten bitte ich Sie,
ins Auge zu fassen und sich darauf vorzubereiten, daß auch ich den
größten Teil, wenn nicht den ganzen Rest meines Vermögen bei dem stark
engagierten Bankhaus Saint-James verlieren könnte.

Es ist selbstverständlich, daß wir Alles tun, um ein Unglück zu
verhindern. Es ist aber auch ebenso selbstverständlich, daß wir uns
nicht, wie die Regierung zu erwarten schien, zu ihrem willenlosen
Sprachrohr machen. Alle sieben Bureaux haben trotz des leidenschaftlichen
Widerstandes des Herrn von Lafayette und seiner Anhänger, die um den
Beifall der Straßenpolitiker zu geizen scheinen, die Grundsteuer
abgelehnt, ehe uns nicht die detailliertesten Nachweise über die
finanzielle Lage gegeben werden. Verschwendungen ungeheurer Art oder
schmähliche Veruntreuungen innerhalb der Regierung sollen wir gezwungen
sein, auf unsere Schultern zu nehmen? Der König, der sein Ohr schlechten
Ratgebern lieh, hat es verstanden, den Adel, auf den er sich sonst
allein stützen konnte, im Lager seiner Gegner zu sehen.

Sollte Außerordentliches geschehen, so werde ich Ihnen durch besonderen
Kurier Nachricht geben.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 22. März 1787._

Verehrte Frau Marquise. Ihre Antwort auf meinen Brief war so
diplomatisch, daß ich wieder einmal von der Begabung der Frauen für die
Politik überzeugt worden bin.

Inzwischen haben die Ereignisse mir rechtgegeben. Calonne wird über
ihnen stürzen, jetzt besonders, wo sein kopfloser Appell an die
Öffentlichkeit sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen hat. Das Volk
steht auf Seite der Notabeln, nur weil sie die Frondeure der Regierung
sind. Die Zahlen, die allmählich, trotz des strengsten Schweigegebots
durchsickern, steigern die Aufregung und rauben uns allen Kredit und
alles Ansehen. Man hört von geheimen Rüstungen in England, von
preußischen Truppen, die sich an der holländischen Grenze
zusammenziehen. Der Tod Vergennes', eines tüchtigen Mannes, der
verstand, unsere auswärtige Politik durch die bedrohlichsten Stürme zu
steuern, die Unfähigkeit des Lakaien Montmorin, seines Nachfolgers --,
das alles sind Vorboten trüber Tage.

Aber nicht, um Sie mit ihnen zu schrecken, schreibe ich heute, sondern
um Sie um die Gnade zu bitten, Sie bei meiner Inspektionsreise im Elsaß
aufsuchen zu dürfen. Sollten Sie im Mai nicht in Froberg sein, so darf
ich noch eine Nachricht erwarten. Oder dürfte ich, trotz Ihrer
offenbaren Ungnade, darauf hoffen, auf alle Fälle eine Zeile von Ihnen
zu erhalten? Meine unerschütterte Verehrung für Sie sollte wenigstens
auf die Gewährung eines Handkusses rechnen können!


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, am 9. April 1787._

Geliebteste Delphine. Ich beeile mich, Dir durch besonderen Kurier
mitzuteilen, was Dich und uns auf das Nächste berühren muß. Calonne
wurde heute seines Amtes enthoben. Über die schwindelnde Höhe des
Defizits herrscht in der Pariser Bevölkerung kein Zweifel mehr. Die
Bankhäuser Saint-James und Boutin sind seit gestern geschlossen. In der
heutigen Sitzung erschien der Marquis als ein Gespenst seiner selbst,
aber in grader, tadelloser Haltung. Er bat, wie ich erfuhr, um Urlaub.
Wie weit er an dem Ruin des Herrn von Saint-James beteiligt ist, weiß
niemand.

Ich hoffe mit Bestimmtheit, daß diese Zeilen Dich vor seiner Ankunft
erreichen, und Dein gütiges Herz nicht unvorbereitet seinem Unglück
gegenübersteht.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 9. April 1787._

Meine Liebe. Das Gefürchtete ist eingetroffen, ohne mich noch
überraschen zu können. Ich habe mein Vermögen verloren. Das Wenige, was
ich im Laufe der letzten Tage sicherzustellen vermochte, wird grade nur
ausreichen, uns vor Entbehrungen zu schützen. Ich bedaure die Sachlage
um Ihretwillen, die Sie an ein luxuriöses Leben gewohnt sind. Für meinen
Erben möchte ich sie dagegen beinahe als ein Glück bezeichnen. Der
Reichtum hat den Adel Frankreichs in Bahnen gelenkt, die ihn seiner
besten Kräfte berauben; die Armut wird ihn unweigerlich vor die Wahl
stellen, untergehen zu müssen oder sie zurückzugewinnen. Die Zukunft
bedarf eines Geschlechtes von Eisen.

Ich werde meiner Gemahlin keine anderen Kleinodien, und meinem Erben
nichts mehr zu hinterlassen haben als die Ehre meines Namens. Ich
erwarte, -- das einzige, was mir das Leben noch zu erwarten übrig ließ
--, daß sie sich dieses Schatzes würdig erweisen.

Ich folge diesem Brief auf dem Fuß, da ich zunächst in Straßburg alles
Geschäftliche zu erledigen habe. Froberg bleibt uns. Wir werden uns
jedoch auf die Burg beschränken müssen.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Saint-Cloud, den 4. Mai 1787._

Teuerste Delphine! Das Unglück, das Sie traf, hat mich mit betroffen,
wenn ich auch zu sehr zur alten Schule gehöre, als daß ich öffentlich
Tränen darüber vergießen könnte. Sie wissen doch: sogar die Notabeln
weinten, als Calonne, der arme Prügelknabe, gegangen war und der König
ihnen die Vorlage aller Rechnungen versprach; sie haben ihre
Tränendrüsen offenbar für Schmerzen und Freuden ordentlich eingeteilt.

Die Königin erstarrte förmlich, als sie von Ihrem Schicksal erfuhr; sie
kam gerade vom Krankenbett des Dauphin, wo sie ihren Vorrat an Tränen
gelassen haben mochte. Heute sagte sie mir, ich möge Ihnen mitteilen,
daß sie noch so glücklich ist, Ihnen beistehen zu können.

»Daß die kleine Marquise ihre Perlen verkaufen mußte, erregt mich
nicht,« sagte sie, »vielleicht hing auch an diesem wundervollen
Geschmeide ein böser Fluch! Aber daß sie verurteilt wurde, in der
dunklen Burg zu wohnen -- ein sonnengewöhnter Paradiesvogel im Käfig! --
das macht mich schaudern.« Sie bietet Ihnen an, in ihren Hofstaat
einzutreten, und würde Ihnen im geheimen aus ihrer Schatulle die Mittel
dafür bewilligen.

Könnten wir nicht doch noch inmitten des schwarzen Weltmeeres eine Insel
der Seligen mit den Flüchtigen vom anderen Ufer bevölkern?!

Eine Ahnung von ihrer Möglichkeit hatten wir kürzlich.

Die Guimard tanzte auf der kleinen Bühne des Schlosses, mit ihr die kaum
zwölfjährige Laure, die wunderbare, jüngste Schülerin von Vestries.
»Vergangenheit und Zukunft« war der Titel der Pantomime, die sie
aufführten: die Guimard als Marquise Pompadour in der üppigsten
Courrobe, übersäet mit funkelnden Juwelen, die kleine Laure in
flatterndem Hemdchen, als einzigen Schmuck ein rotes Tuch turbanartig um
das Köpfchen gewickelt. Sie hob und senkte sich, sie schwebte und
wirbelte um die feierlichen Menuettpas der Marquise, daß diese »Zukunft«
Jeden erobern mußte.

Die Königin befahl die Tänzerinnen zum Souper. Noch einmal hatte die
Göttin der Freude der hohen Frau ihr Szepter in die Hand gedrückt. Immer
wieder sprangen die Korke der Champagnerflaschen gegen die Decke und
trafen wie Pfeile Amors die bloßen Brüste gemalter Najaden; immer kecker
wurden die Chansons, vom perlenden Lachen der Königin unterbrochen.

Es war wie einst!

Gegen Mitternacht öffnete sich die Türe zu den Gemächern des Königs. Er
trat ein, fahl im Gesicht; der Gesang verstummte, die Tänzerinnen
standen still, angstvoll flüchtete sich die zitternde Zukunft in die
Arme der blassen Vergangenheit; der König flüsterte mit seiner Gemahlin;
das Licht in ihren Augen erlosch.

Es war der Tag, an dem Lomenie de Brienne Finanzminister geworden,
Calonne nach England entflohen, und das böse Wort vom Staatsbankrott in
der Notabelnversammlung zum ersten Mal gefallen war!

Von der Insel der Seligen waren wir allzu rasch an das Gestade der
Wirklichkeit zurückgekehrt. Aber wenn Sie bei uns sind, Holdseligste,
werden wir uns nicht mehr von ihr vertreiben lassen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 27. Mai 1787._

Geliebteste, ich höre nichts von Dir und bin in größter Angst. Da ich
nicht weiß, was geschehen ist und was geschehen kann, habe ich der Post
oder einem gewöhnlichen Kurier diese Zeilen nicht anzuvertrauen gewagt.
Gaillard hat es übernommen, sie sicher in Deine Hände gelangen zu
lassen.

Ich flehe Dich an, stelle den Marquis endlich vor die Entscheidung. Er
wird, er muß Dich frei geben, nachdem er weder auf seine Stellung am
Hofe, noch auf eine Rolle in der Oeffentlichkeit mehr Rücksicht nehmen
zu müssen glaubt. Tut er es nicht, so entschließe Dich, liebste
Delphine, und komm unter dem Schutze Gaillards zu mir. Nicht nach
Etupes, nicht nach Montbéliard, wo man Dich suchen würde, sondern nach
dem stillen Nest, das wir nicht weit von Paris gefunden haben.

Meine Liebe ist nur noch Sehnsucht.

Selbst der Tumult der letzten Tage, die Auflösung der
Notabelnversammlung, die stürmische Forderung nach der Einberufung der
Generalstände, -- das heißt nichts anderes als unsere Kriegserklärung an
den König, -- haben keinen Augenblick den lauten Ruf meines Herzens nach
Dir, Du Süße, zu ersticken vermocht.

Zu Zeiten der Gefahr gehören Liebende zueinander. Und jetzt, wo alles
zusammenstürzt, wo die Götter, vor denen wir einstmals knieten, deren
Unersättlichkeit wir in frommem Glauben Opfer um Opfer brachten, sich
als tönerne Götzen erwiesen haben, wo die harte Faust einer
eisengepanzerten Epoche alle Heiligtümer -- die Ehe, die Familie, die
Freundschaft, die Königstreue -- der juwelenbesetzten Gewänder
entkleideten, mit der die Jahrhunderte sie behängten, und armselige
Gerüste uns nur noch entgegenstarren, -- jetzt, meine Delphine, können
befreite Menschen über die Trümmer hinweg sich ruhig die Hände reichen.
Sie sind nicht nur die Baumeister neuen Menschenglücks, sie sind auch
bestimmt, die Tempel der neuen Gottheit aufzurichten.

Doch warum spreche ich so zu Dir? Bedarf es der Überredung, wo nichts
entscheiden soll, als das Gesetz in Dir?


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 19. Juni 1787._

Meine Delphine -- mein, trotz allem! Ich habe den ersten Sturm in meinem
Innern erst austoben lassen; -- nun ist von ihm nur die Verwüstung
übrig geblieben!

Wenn der Marquis Dich im tiefsten Kerker gefangen hielte, wenn Du
eiserne Fesseln an Händen und Füßen trügst --, ich würde Dich erobert
haben! Aber da Du selbst -- Du selbst! -- Dich in Ketten schlägst, wer
vermöchte Dich zu befreien!

Weißt Du denn, was Du mir geschrieben hast, kennst Du die Dolchspitzen,
die auch Deine süßesten Worte mir ins Herz bohrten?!

»... Mit eiserner Kraft hielt der Marquis sich noch in Straßburg
aufrecht. Als der Marstall sich leerte, als die bepackten Möbelwagen
sich unter Peitschenknallen und Räderknarren schwankend von Montjoie
fort bewegten und der alte Gärtner mit zitternden Händen die Läden des
leeren Schlosses über die schwarzen Fensterhöhlen legte, als die
Dienerschaft Abschied nahm --, einer nach dem anderen in endlos
scheinender Reihe, da stand er immer noch gerade aufgerichtet und hatte
ein Lächeln für jeden wie bei einem großen Empfang...«

Rühmst Du nicht mit jedem Wort den hartherzigen, alten Mann, der für
scheidende Untergebene ein Lächeln, für sein Weib nur die Folter hat?!

»Am Abend aber fand ihn der einzige, alte Diener, den wir behalten
haben, bewußtlos am Boden neben seinem Schreibtisch. Erst nach Tagen
der Sorge« -- (Sorge um einen Menschen, der Dich kaufte?!) -- »kam er zu
sich. Seitdem wird das Sprechen, das Gehen ihm schwer. Unermüdlich läßt
er sich im Rollstuhl durch die düsteren Räume fahren. Nur die Arme kann
er bewegen, wie immer.« --

Um Dich zu halten, Dich und unser Kind! --

»Und gerade jetzt, in dieser gräßlichen Not sollte ich von ihm gehen,
sollte in dem Mann, der alles verlor, den Glauben erwecken, daß ich wohl
seinen Reichtum genießen, nicht aber seine Armut teilen kann? Die Frage,
die zu stellen Du von mir verlangst, die Flucht, die mir übrig bleibt,
wenn ein hartes Nein seine Antwort ist, würden den Geschwächten töten.
Kannst Du verlangen, daß ich seine Mörderin werden soll?«

Aber daß er in uns Alles tötet, was Glück und Hoffnung ist, -- also mehr
als das bloße armselige Leben eines vom Tode schon Gezeichneten --, das
gibst Du zu?!

Ich kann nicht anders: ich balle die Fäuste gegen Dich, Delphine!

Gaillards Bericht hat das Bild vollendet, das Du mir maltest. Ich sah
den starken, fast rohen Mann nie so bewegt.

»Sie ist ganz blaß, ganz schmal,« sagte er; »sie irrt durch die hohen,
dunklen Räume, vor denen sie sich graute, seit sie sie zum erstenmale
betrat. Und unter den weißen Tüchern, in die sie sich hüllt, zittern
ihre Schultern mitten im Sommer. Sie trägt den Kleinen jedem
Sonnenstrahl nach, der hier oder dort durch die tiefen Fenster fällt.
Seitdem die Bauern, von der Haltung des Marquis in der Notabelnversammlung
unterrichtet, die Räumung des Lustschlosses im Park mit Vivatrufen
begleiteten, und ein kleiner, schmutziger Dreikäsehoch nach ihrem Sohn
mit einem Feldstein warf, als sie draußen mit ihm spielte, verläßt sie
den engen Burghof nicht mehr.«

Bist Du wahnsinnig, Delphine, daß Du Dein eigen Kind dem Greise opfern
willst?! Oder ist es etwas anderes als ein Opfer, wenn Du ihn in dieser
Atmosphäre des Grauens atmen läßt?!

»Schreib mir nicht mehr,« bittest Du, »Deine Sehnsucht facht meine Liebe
an, daß sie alles verbrennen könnte, was an Pflichtgefühl, an Lebensmut
in mir ist...« Aller Entfernung, allen Gefahren zum Trotz würden,
hättest Du Deinen Wunsch nur mit diesem Satz begründet, meine Kuriere
täglich zu Dir fliegen, denn alles, alles soll verbrennen, damit Deine
Liebe, ein Fanal des Sieges, hell auflodere. Aber Du fügst einen anderen
Satz hinzu: »jedes Deiner Worte ist Gift in der großen, offenen Wunde
meines Herzens, ich vergehe daran, und ich muß doch leben, um des
Einzigen willen, den das kurze Liebesglück mir ließ: um unser Kind...«

Ich verstumme, Delphine. Vielleicht, daß vollkommene Ruhe Dir hilft,
Dich wiederzufinden. Alle Zweifel an Deiner Liebe, Deiner Treue, die in
mir aufsteigen, will ich zu ersticken, alle Sehnsucht durch das Übermaß
der Arbeit, die vor uns liegt, zu unterdrücken suchen.

Lebewohl!


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 25. Juni 1787._

Verehrte Frau Marquise! Meinem Versprechen getreu sende ich heute einen
ersten Bericht. Ich würde, auch ohne Ihre bestimmte Aufforderung, stets
rückhaltlos wahr sein.

Der Prinz war ganz gebrochen. Er weinte nach innen, wie alle Starken.
Tagelang schloß er sich ein. Erst die Nachricht, die der Marquis
Lafayette ihm überbrachte, daß die beiden Minister des Kriegs und der
Marine angesichts der drohenden Haltung der preußischen Truppen an der
Grenze Hollands und der leeren Kassen Frankreichs ihren Abschied
eingereicht haben, riß ihn aus der Versunkenkeit.

Er ist ein Mann der Tat, darum wird er nicht untergehen, Frau Marquise!

Das Gerücht, daß wir zu der Ehrlosigkeit gezwungen sein könnten, unsere
holländischen Verbündeten im Stich zu lassen, empört die Pariser. An der
Place de la Dauphiné verbrannte man die Bilder des Finanzministers, die
vorher gewaltsam aus den Buchhandlungen entfernt worden waren. Vor dem
Schloß von Versailles versuchte man eine laute Demonstration; es wäre zu
einem Zusammenstoß mit den Schweizer Garden gekommen, wenn nicht die
Nachricht sich verbreitet hätte, daß die neugeborene Prinzessin soeben
verschieden sei. Das Volk ging ruhig auseinander. Es ist jetzt noch ein
lenkbares Kind. --

Meine Adresse ist im Augenblick die Ihnen bekannte. Ich unterschreibe
nicht. Eine Verbindung mit mir könnte Ihnen einmal gefährlich werden.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 19. August 1787._

Verehrte Frau Marquise! Der Prinz hat Paris verlassen. Nur auf kurze
Zeit, wie er sagte, und um die Stimmung in der Provinz kennen zu lernen.
Auch Lafayette und Mirabeau sind fort. Ich glaube, daß sie, seitdem das
Parlament durch königliche Haftbriefe nach Troyes verwiesen ist,
ähnlichem Schicksal aus dem Wege gehen wollen.

Wir leben in dauernder Erregung. Wir erzwangen uns den Eintritt ins
Parlament während der stürmischen Verhandlungen. Ich wahrte mir, so sehr
ich konnte, die Kühle meines Kopfes und sehe in der Verweigerung der
Grund- und Stempelsteuern weniger ein Zeichen des allgemeinen
demokratischen Geistes, der sich keinem Machtwort eines absoluten
Monarchen mehr fügen will, als einen Beweis für den Egoismus der Stände.
Wären sie Vaterlandsfreunde, wie sie zu sein behaupten, so würden sie im
Augenblick höchster Gefahr, wo die Regierung an ihren Opfermut
appelliert, nicht krampfhaft die Hand auf den Beutel halten.

Mir und meinen Gesinnungsgenossen kann diese Enthüllung der Motive ihres
Handelns nur recht sein. Mit um so größerer Wucht werden wir im
geeigneten Augenblick neben die von ihnen erhobene Forderung
bürgerlicher Freiheit die der sozialen Gleichheit stellen.

In den politischen Klubs tönt sie laut genug. Und die Polizei hat sie
längst gehört. Vor kurzem rief ein Leidenschaftlicher im Palais-Royal
über die Köpfe der Flaneure hinweg: »Mit den Gedärmen des letzten
Priesters erdrosseln wir den letzten König.« Man wollte ihn verhaften,
ließ ihn aber laufen, als sich zur Beschämung des Polizeibeamten
herausstellte, daß der Satz von Diderot stammt, dem am gleichen Tage in
der Akademie eine tönende Gedächtnisrede gehalten worden war.

Die gewaltsame Registrierung der Steuern, -- der König will seine
Selbstherrlichkeit in einem Augenblick beweisen, wo sie nichts als eine
Chimäre ist, -- ruft noch ständig erregte Szenen hervor. Der Graf von
Artois wurde gestern auf dem Wege zur Chambre des Comptes ausgepfiffen.
Kein Steuererheber -- davon bin ich überzeugt -- wird gegen die Haltung
des Parlaments den Mut haben, die Order des Königs auszuführen.

Verzeihen Sie, wenn die Leidenschaft mich weit über meinen Auftrag
hinausgehen ließ!


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, am 26. September 1787._

Ich danke Ihnen, verehrte Frau Marquise, für Ihren Brief, und freue mich
innig, Ihnen ein wenig helfen zu können, indem ich Ihr Interesse an den
politischen Vorgängen wach erhalte.

Der Prinz ist zurück. Die Provinzialversammlungen, die jetzt überall
tagen, sind, nach seinem Bericht, vom gleichen Geist erfüllt. »Ich
habe«, sagte er, »einmal um den Tod Rousseaus, Voltaires, Diderots
geklagt. Jetzt weiß ich, daß wir Tote nicht zu betrauern haben, deren
Geist unsterblich ist!«

Der König glaubte die Parlamente übergehen zu können, er behandelte sie
wie ungezogene Kinder; er lernte inzwischen, daß er Männer vor sich hat,
und die Zurückziehung der bereits registrierten Steueredikte war ein
Eingeständnis seiner Verlegenheit und seiner Schwäche, über die keine
tönende Rede der Monarchisten mehr hinweghilft. Der Einzug Wilhelms von
Oranien im Haag mit Hilfe preußischer Truppen, über den das ehrliebende
Frankreich heute in helle Wut gerät, hat den Rest von Respekt vor dem
Kriegsherrn und seinen Ratgebern zerstört. In Kriegshäfen, Schiffe und
Armeereformen haben wir Millionen gesteckt, und besitzen nicht einmal so
viel politische Macht, um uns vor dem Hohngelächter der Nachbarn zu
schützen. Die preußischen und englischen Diplomaten, die hier
zusammentreffen, haben leichtes Spiel.

Daß der Herr Marquis der Provinzialversammlung in Straßburg beiwohnen
will, ist sehr erstaunlich. Darf ich vielleicht dem Prinzen mitteilen,
daß Sie um jene Zeit allein sein werden?


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 22. November 1787._

Schönste Marquise. Bisher zögerte ich, Ihnen zu antworten, denn was
blieb mir zu sagen übrig? Sollte ich klagen, weil Sie nicht kommen
mögen? Sollte ich Hoffnungen aussprechen, die nichts als leere Worte
gewesen wären? Oder sollte ich Ihnen zur Erheiterung im Tone der Pariser
Parlamentsräte das »üppige Hofleben« schildern, den »Taumel des
Vergnügens«, in dem wir leben; den »Goldregen«, der sich über uns
ausgießt, »während das Volk im Elend verkommt?!«

Hier statt dessen ein Bild der Wirklichkeit: Nur von wenigen ihrer
Getreuesten begleitet, durchstreifte die Königin die herbstöden Gärten
von Trianon. Den Tod der neugeborenen Prinzessin hat sie um so weniger
überwunden, als irgend ein altes Weib in ihrer Umgebung ihn als böses
Omen deutete. Sie trug, wie wir alle, Trauerkleider; der kleine Dauphin
klammerte sich, wie immer, an ihre Hand, sein schwarzes Röckchen ließ
seine Blässe doppelt durchsichtig erscheinen. Unser Ziel war der
Pachthof.

»Ich will mir einmal einen fröhlichen Tag bereiten«, hatte die Königin
mit wehmütigem Lächeln gesagt und die Börse gefüllt für ihre Schützlinge
in den kleinen Häusern.

Als wir uns näherten, kamen uns die Lakaien, die den Besuch der Königin
gemeldet hatten, mit verlegener Miene entgegen. Die Leute seien bei der
Arbeit, hieß es. Die Königin grub die Zähne in die Unterlippe. »Wir
werden warten«, sagte sie dann und ließ sich auf der Steinbank nieder.
Ein paar Gesichter tauchten hie und da hinter den kleinen Fenstern auf
und verschwanden wieder. Schließlich lief eine fröhliche Schar kleiner
Kinder von der nahen Wiese uns entgegen. Die Königin rief sie, nahm den
Kleinsten auf den Schoß, küßte ihn und drückte einem jeden ein Geldstück
in das Fäustchen; die Eltern sahen hinter den Büschen und Hecken
heimlich zu.

»Vor einem Jahre haben sie noch alle vor mir im Staube gelegen,« sagte
die Königin bitter. Wir gingen schweigsam zurück. Nur sie schritt stolz
und hochaufgerichtet vor uns, einen hochmütig-verächtlichen Zug um die
Lippen.

Wir empfanden seitdem eine merkbare Umstimmung nicht nur bei ihr,
sondern auch beim König, der die geheimen Unterhaltungen mit seiner
Gemahlin mehr als sonst zu suchen scheint und nie versäumt, sie zum
Ministerrat zuzuziehen. Das Maß seiner Güte scheint endlich erschöpft.

»Die Neuerer wollen ein Frankreich, das englisch ist«, meinte er
kürzlich erbittert, und bei Gelegenheit einer der letzten offiziellen
Empfänge in Versailles erklärte er laut: »Die Idee, dauernde
Generalstände zu schaffen, ist umstürzlerisch gegen die Monarchie. Wird
sie verwirklicht, so existiert zwischen dem König und dem Volk als
intermediäre Macht nur noch die Armee.« Jeder erstaunte; es war das
erste Mal, daß der König an die Gewalt erinnert hat.

Vor wenigen Tagen fand eine königliche Parlamentssitzung statt, in der
sein Stimmungswechsel zu klarem Ausdruck kam. Sie wissen, daß ich der
Politik bisher weiter aus dem Wege gegangen bin als den häßlichen
Frauen. Wenn ich dieser Sitzung beiwohnte, so nur weil Schauspiele der
Art, seitdem die Theater immer langweiliger, die Tänzerinnen immer älter
werden, und selbst die Somnambulen, die uns so angenehm gruseln lehrten,
anfangen, sich mit politischer Hellseherei abzugeben, die Öde des Lebens
allein noch unterbrechen. Es war der Mühe wert.

Im Namen des Königs hielt der Großsiegelbewahrer, aufgeplustert wie ein
Truthahn und feuerrot wie er, eine donnernde Philippika, zwischen jedem
Satz eine Pause machend, um ihre Wirkung zu beobachten.

»Der König allein hat die souveräne Gewalt im Reich --«, ein paar Räte
zuckten merklich die Achseln. »Gott selbst hat ihn eingesetzt; nur Gott
ist er verantwortlich --«, auf allen Gesichtern stand ein spöttisches
Lächeln. »Die gesetzgebende Gewalt ruht allein beim König --«, ein
lebhaftes »Oho!« machte sich hörbar.

Dann wurde das Anleiheedikt -- es handelt sich um die hübsche Summe von
vierhundert Millionen! -- verlesen, und die Schleusen der Beredsamkeit
waren geöffnet.

Welche Wasserfälle sahen wir! Ein Herr Duval d'Esprèmenil zeichnete sich
besonders aus; den ganzen Katechismus der Enzyklopädisten betete er
herunter: »Menschenrechte« -- »Volkssouveränität«, -- »Gemeinwohl«, --
»Gesamtwille«, -- noch im Traum dröhnte mir das alles im Ohr. Von der
Anleihe wollte keiner etwas wissen, ungefähr wie ein dressierter Hund,
dem zwar nach dem fetten Bissen das Wasser im Munde zusammenläuft, der
aber schielend den Kopf davon abwendet, wenn man ihm sagt: »Pfui -- das
kommt vom König!«

Trotz des Widerspruchs wurde die Registrierung des Edikts befohlen. Ein
unwilliges Gemurmel erhob sich; den Augenblick benutzte der Herzog von
Chartres, -- es wird mir schwer, ihn mit dem Titel seines vornehmen
verstorbenen Vaters Orleans zu bezeichnen, -- und erklärte das Vorgehen
des Königs für ungesetzlich.

Eine kurze Pause allgemeiner Verblüffung, die aber leider niemand
benutzte, um dem neuen Volkshelden die Krone anzubieten, obwohl Madame
de Genlis die Rolle der Pompadour schon ohne Souffleur zu spielen
imstande ist.

»Weil ich es will, ist es gesetzlich«, tönte des Königs Stimme scharf
und hell durch den Saal. Und der Hof zog sich mit seinem Gefolge zurück.

Heute ist der verbannte Herzog der Märtyrer der Volksfreiheit! Ich kenne
eine erkleckliche Zahl Glieder des dritten Standes, die bitterlich um
ihn weinen: die kleinen Mädchen aus den Singspielhallen, die
Venuspriesterinnen vom Palais-Royal.

Possen, wie diese, erinnern mich an Sankt Nikolas, mit dem man uns als
Kinder schreckte; wenn die »große Revolution«, mit der man die
Erwachsenen zu schrecken sucht, nichts anderes aufzuführen weiß, als daß
sie mit der Rute droht, mit faulen Äpfeln wirft und bunte Pfefferkuchen
verteilt --!

Ach, wenn die Tage von Chantilly noch einmal wieder kämen! Wir sind doch
noch so jung, schönste Delphine!


Marquis Montjoie an Delphine.

_Straßburg, den 12. Dezember 1787._

Meine Liebe. Die Verhandlungen der Provinzialversammlung werden sich
noch bis Ende des Monats hinziehen. Ich fühle mich kräftig genug, sie
auszuhalten, obwohl ich keinen leichten Stand habe. Die Mehrheit der
Mitglieder neigt zur Annahme der Grundsteuern. Daß Rohan durch den
Weihbischof seinen Protest mit dem meinen vereinigte, hat unserer Sache
natürlich mehr geschadet als genutzt. Baron Flachslanden frug mich
erstaunt, wieso gerade ich auf meinem Eigensinn beharre, da ich doch die
Besteuerung nicht mehr zu fürchten brauche! Ein Zeichen der Zeit: man
begreift nicht, daß ein Mensch uneigennützig nach Grundsätzen handeln
kann!

In allen anderen Fragen herrscht erfreuliche Einmütigkeit. Der Wunsch,
die Machtvollkommenheit der Regierung auf alle Weise einzuschränken, die
Übergriffe der durch unsere bisherige Nachgiebigkeit reich gewordenen
Intendanten unmöglich zu machen, beherrscht die Verhandlungen.

Daß die unaufhörlichen Regengüsse sich in der Feuchtigkeit des Schlosses
so unangenehm bemerkbar machen, bedaure ich sehr. Beschränken Sie sich
möglichst auf einen Raum, dessen Kamin dauernd geheizt bleibt, damit das
Kind nicht Schaden leidet.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 15. Dezember 1787._

Meine Sehnsucht siegt über meinen Stolz und meine Vernunft. Du bist
allein. Ich bitte Dich, übergib meinem Reitknecht Deine Antwort auf
meine Frage: Kann ich Dich sehen?


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 18. Dezember 1787._

»Ich ertrüge es nicht,« sagst Du, »die Augen gehen mir über, wenn ich
einmal aus der Burg ins helle Licht des Tages komme. Das Herz würde mir
brechen, wenn ich Dich sehe --«

Wüßte ich nicht so sicher, daß niemand bei Dir ist -- bei Gott,
Delphine, ich könnte nicht anders, als an einen Nebenbuhler glauben!

Die Gespenster der Vergangenheit steigen vor mir auf. Gut, daß es ein
Feld atemlos heißer Kämpfe gibt, in die ich mich stürzen kann.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 11. Mai 1788._

Verehrte Frau Marquise. Was ich versprach, vergesse ich nicht. Wenn ich
nicht schrieb, so darum, weil ich den Prinzen monatelang aus dem
Gesicht verloren hatte und fürchten mußte, zudringlich zu erscheinen,
wenn ich eine Nachricht von ihm nicht geben konnte.

Gestern erst sah ich ihn mitten im Tumult des Palais-Royal. Er
schüttelte mir die Hand. »Es wird ernst,« sagte er mit einem Blick auf
die gestikulierende, durcheinander schreiende Menschenmenge. »Der
Todeskampf der absoluten Monarchie beginnt,« antwortete ich, und er
nickte. Dann verlor er sich wieder im Gedränge.

Seit dem achten Mai, wo der König die Parlamente ihrer Macht
entkleidete, wächst die Erregung. Parlamentsräte, Aristokraten und
Priester fraternisieren auf der Straße mit Krämern, Arbeitern und
Journalisten. Und dem verblendeten Volke erscheinen sie plötzlich wie
lauter Freiheitshelden.

Die Sturmflut von Paris überschwemmt bereits die Provinz und wetteifert
mit den Unwettern, die der Himmel sendet. Die berufenen Wächter des
Thrones -- der Priester und der Edelmann -- erheben die zu seinem
Schutze bestimmten Waffen gegen ihn, und zerstören damit im Volke den
letzten Rest des Kindertraums von der unantastbaren Heiligkeit des
Königs.

In der altersgrauen Burg des Absolutismus sucht er sich zu verschanzen,
zu blind, um zu sehen, daß sie schon eine Ruine ist.


Graf Guibert an Delphine.

_Grenoble, den 20. Juni 1788._

Teuerste Marquise. Meine Reise in den Elsaß wurde im vergangenen Jahre
durch die Kriegsunruhen vereitelt; in diesem Jahre wäre sie durch den
Krieg im Innern beinahe wieder verhindert worden. Ich habe Tage erlebt,
die sich nicht leicht vergessen lassen und den Soldaten mit dem Bürger
in mir in schwere Gewissenskonflikte gerissen haben.

Wir hatten in Paris erfahren, daß die Registrierung der neuen Edikte in
der Dauphiné selbst mit Hilfe der Bajonette auf bewaffneten Widerstand
der Bevölkerung stieß. Der Kommandant, der Herzog von Tonnerre, bat um
Hilfe. Ich wurde zur Rekognoszierung nach Grenoble gesandt. Kaum war ich
angelangt, als erschreckte Landleute die Straßen füllten.

»Das ganze Gebirge ist in Aufruhr,« erzählten sie; »Männer, wie Wilde,
in Lederjacken und geschnürten Schuhen, mit Sensen und Dreschflegeln,
Mistgabeln und Stöcken bewaffnet, steigen in hellen Haufen von den
Bergen --« Ich alarmierte die Besatzung, aber es war zu spät; schon
drangen Scharen abenteuerlicher Gestalten, Leute wie Riesen mit langen
wirren Bärten in die Stadt. Der Herzog von Tonnerre, den sie in seinem
Palais überfielen, wurde schwer verwundet; der General Joucourt, der
zur Hilfe gerufen worden war, meldete sich krank, und der erste
Offizier, dessen Truppe den Angreifern gegenüberstand, warf den Degen
fort, breitete die Arme aus und rief: »Wir schießen nicht auf unsere
Väter und Brüder!«

Es war eine verzweifelte Situation, der wir erst nach einigen blutigen
Zusammenstößen Herr geworden sind. Aber wir fühlen uns wie in
Feindesland; der kleinste Bursche zeigt seine Vaterlandsliebe, indem er
vor jedem Uniformierten die Zunge ausstreckt.

Sie kennen meine Ansichten und werden begreifen, daß ich dem Befehle,
nunmehr im Elsaß den Manövern beizuwohnen, mit Freuden folge, nur um
hier nicht weiter den Schergen des Absolutismus spielen zu müssen.

Ich bin nächsten Monat in Straßburg und werde mir von da aus gestatten,
Ihnen in Froberg meinen Besuch zu machen.


Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, den 10. August 1788._

Allerschönste. Eine Zeichnung Guiberts macht die Runde in Versailles:
unter dem düsteren Torbogen einer Burg steht die zarte Elfengestalt
eines reizenden Weibes; weich fließt das weiße Kleid um ihre schlanken
Glieder, aus dem schmalen süßen Gesichtchen glänzen übergroße
erschrockene Kinderaugen. »Delphine« steht darunter -- mitten in einem
flammenden Herzen!

Delphine --, welch ein Zauber umfängt mich wieder! Wie beneide ich den
Glücklichen, der Sie sehen durfte; wie preise ich das Unglück, das Sie
nur noch schöner werden ließ!

Seit der Dauphin von uns gegangen ist --, es war wirklich ein leises
Davongehen, kein Sterben, -- hat die Königin nicht mehr gelächelt. Ihr
Bild zauberte endlich wieder einen hellen Schein auf das Gesicht der
Unglücklichen.

»Ich küsse sie zärtlich in Gedanken, die liebe, kleine Marquise,« sagte
sie.

Und noch eine andere, eine ganz andere, hat das Bildchen angelächelt:
die Guimard.

»Zum letzten Tanz« hatte sie ihre alten Freunde geladen. Ihr Hotel
strahlte von hundert Kerzen, ihre Tafel bog sich unter dem Silbergerät;
ein Netzwerk köstlicher Rosen hing unter dem Plafond.

Sie tanzte noch einmal alle Tänze, die ihre Triumphe gewesen waren, nur
langsam, gleichsam zögernder, als einst, -- wie im Traum. Und
währenddessen regnete es Rosenblätter.

»Die Rosen welken,« meinte die Tänzerin wehmütig. »Es liegt in Ihrer
Hand, sie wieder blühen zu machen« -- »Wie können Sie von uns gehn!« --
»Was ist die Oper ohne Sie?!« rief alles durcheinander. Aber ihr
Entschluß, der Bühne zu entsagen, war unwiderruflich.

»Perrückenmacher und Lakaien sind die Richter der Talente geworden; ich
aber habe meine Erfolge nur dem Urteil der besten Kreise verdankt; soll
ich mich dazu hergeben, mich von der crapule kritisieren zu lassen,«
erklärte sie, und wir widersprachen nicht mehr.

Ein paar Tage später sandte sie mir eine Karikatur: unter
federngeschmückter Perrücke eine Frau mit geschminktem Totenkopf, unter
dem rosa Gazeröckchen ein Knochenbein in die Luft werfend --, »das
Skelett der Grazien« stand daneben, »der Dank der Pariser« auf der
anderen Seite in der Schrift der Guimard.

Es ist heimlicher in Ihrer alten Gespensterburg, süße Delphine, als
mitten in Paris.


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 23. August 1788._

Meine teuerste Marquise. Noch fühle ich Ihre Atmosphäre um mich und bin
doch schon über zwei Wochen in Paris. Ich glaube, sie kann sich nie mehr
verflüchtigen, denn sie ist, -- das haben Sie mir ja rasch und deutlich
genug zu verstehen gegeben --, nicht jene von flüchtigen Liebesspielen
parfümierte Salonluft, die dem bloßen offnen Fenster weicht, sondern die
herbe Luft der Vogesen selbst.

Ich kenne Frauen -- sehr wenige nur! -- die in ihrer Ehe die Erfüllung
ihrer Glücksträume fanden. Um sie ist es ebenso ruhig; kein
leichtsinniges Verlangen vermag neben ihnen wach zu werden. Wie kommt es
nur, daß ich bei Ihnen wie bei jenen mich fühlte, obwohl das Leid, die
Entbehrung Ihre Züge zeichnen?!

Auf der ganzen Reise träumte ich noch, so daß ihre Bilder fast spurlos
an mir vorüber zogen. Der böse Sommer, die Überschwemmungen des
Frühjahrs machten die Landschaft traurig, wie die Menschen. Seltsam ist
es, wie das Gesicht jedes Bauern sich erhellt, wenn die Generalstände
erwähnt werden. Das Volk erwartet von seinen Vertretern, wie früher vom
lieben Gott, die Erlösung von allem Übel.

Seit Neckers Zurückberufung, die mir, wie ich Ihnen sagte, schon lange
als einziger Ausweg erschien, fange auch ich an, daran zu glauben. Er
ist entschlossen, die Generalstände so rasch als möglich zu berufen und
den Parlamenten alle ihre Machtbefugnisse zurückzugeben. Es wird das im
Augenblick wie eine Niederlage des Königs erscheinen, ist aber die
einzige Möglichkeit, ein starkes konstitutionelles Königtum
aufzurichten.

Gegenwärtig steht Paris unter einem Platzregen von Broschüren. Linguet,
der nichts weniger verträgt, als vergessen zu werden, schlägt allen
Ernstes vor, zur Beruhigung der Gemüter -- als »Symbol der Freiheit«! --
die Bastille abzutragen; ein anonymer »Brief eines Bürgers« ergeht sich
in überschwenglichen Lobpreisungen des dritten Standes: »er allein
schafft den Reichtum der Nation, aus ihm allein erwachsen die führenden
Geister der Kunst und Wissenschaft«; eine andere Schrift spricht von den
»reinen Sitten des tugendhaften Volkes, das, aufgeklärt über seine
Macht, die Tyrannei des Adels brechen wird, wie es die des Königtums
gebrochen hat«. Ein ähnlicher Ton findet sich überall; wenn der kleine
Mann diese ewigen Verbeugungen sieht, die übereifrige Volkstribunen vor
ihm machen, wird er sich bald für den einzig berufenen Beherrscher
Frankreichs halten müssen.

Als ich Necker gegenüber Ähnliches aussprach, war er empört; er
übertreibt den Respekt vor der öffentlichen Meinung, die, wie er selbst
versicherte, die einzige Richtschnur seiner Handlungen ist.

Man spricht übrigens von einer neuen Notabelnversammlung, die über die
Zahl der Deputierten, die Größe der Ständevertretung und dergl. mehr
beraten soll. Würde ich dann vielleicht das Glück genießen dürfen, Sie
wieder in Paris zu sehen?


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 8. Oktober 1788._

Verehrte Frau Marquise. Zum ersten Mal hat der Prinz mich gestern nach
Ihnen gefragt, und ob ich Nachricht von Ihnen hätte. Ich verneinte,
meinem Versprechen gemäß. Er war außerordentlich erregt -- etwas, was
man heute nur dann bemerkt, wenn es den Grad der Erregung Aller noch
wesentlich übertrifft.

Das Schicksal scheint sich gegen die Regierung verschworen zu haben. Was
sie auch tun mag, um ihre Position zu stärken, schwächt sie nur.

Der König genehmigt die Generalstände. Das hätte entweder alles mit ihm
versöhnen, oder wenigstens die drei Stände zu gemeinsamer Friedensarbeit
vereinigen können. Er will aber noch mehr tun, will sein diktatorisches
Auftreten vom achten Mai vergessen lassen, und fragt seine guten Bürger
nach ihrer Ansicht über die Zahl der Deputierten für jeden Stand. Mit
dieser Tat hat er den Zankapfel in ihre Mitte geworfen. Die
Privilegierten, die eben noch die Vorkämpfer der Freiheit waren, sind
die Gegner der Gleichheit. Der dritte Stand sieht sich seinen Feinden
gegenüber!

Auf diesen Moment habe ich seit Jahren gewartet, Frau Marquise. Aber nie
hätte ich geglaubt, ihn der Initiative des Königs verdanken zu müssen.

Jetzt kommt es zur Abrechnung! Jetzt rollen wir die Rechnung der
Jahrhunderte auf! Das Defizit des Staates ist nichts gegen sie.

Die Knechtschaft, der Frohndienst, die Peitsche, der Hunger, das Blut
der Männer, die Ehre der Töchter des Volkes --, das Alles steht darauf
und fordert Bezahlung.

In einer Gesellschaft vornehmer Leute hat, so sagte man mir, ein Mann
namens Cazotte ein Gesicht gehabt: er sah ihre Häupter unter dem
Richtschwert des Henkers. Sie lachten über den Verrückten und würfelten
seitdem in ihren Klubs unter zynischen Witzen um ihre eignen Köpfe. Die
Wahnsinnigen, -- sie wollen nicht wissen, daß der Würfel schon gefallen
ist.

Erschrecken Sie nicht, verehrte Frau Marquise. Sie wissen, ich litt
immer an blutigen Träumen. Aber nie, solange ich atme, soll Ihnen, soll
dem kleinen Godefroy auch nur ein Haar gekrümmt werden. Wie könnte ich
je vergessen, daß er mir mit seinen kleinen Händchen streichelnd über
die Wange fuhr, als sehe er gar nicht meinen Buckel. Oft bin ich so ganz
verwirrt, daß ich nicht zu entscheiden vermag, was ich sehnlicher
wünsche: Frankreich von der Tyrannei zu befreien, oder Sie beide aus der
dunklen Burg!


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 8. November 1788._

Ich sah ein Bild von Dir mit einem brennenden Herzen darunter und Deinem
Namen darin. Ich sprach den Grafen Guibert, der wochenlang bei Dir war
und in Verzückung gerät, wenn er Dich nur nennen hört. Ich sah in der
Notabelnversammlung den Marquis --, weder gelähmt, noch krank, nur ein
wenig schmaler, ein wenig greisenhafter.

Ich fordere von Dir die Wahrheit -- rückhaltslos. Und was ich bisher in
blinder Liebe nur leise zu bitten wagte, das verlange ich jetzt:
Trennung oder Vereinigung. Kein wehleidiges Klagen kann mich mehr
erschüttern.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 22. November 1788._

Meine Liebe. Sie fordern die Freiheit noch einmal, nachdem ich
zuversichtlich glaubte, der romantische Traum sei ausgeträumt, wie alle
Träume in unserer nüchternen Zeit. Ich erfahre nunmehr, daß Sie sich mir
»opferten« aus »Mitleid mit dem Kranken, mit dem Verarmten.«
Tränenselige Schwächlinge mögen diese Handlungsweise sehr rührend
finden. Ich nicht. Denn Sie taten, was Ihre Pflicht war -- nichts
anderes.

In einem Punkt gebe ich Ihnen recht: Ein alter, armer Mann ist keine
Gesellschaft für eine junge, schöne Frau. Ich ziehe die Konsequenz aus
dieser Erkenntnis und gebe Sie frei. Sie allein -- selbstverständlich.
Denn das Kind ist vor der Welt mein Sohn und bleibt der Erbe meines
Namens.

Die Scheidung wird in diesen aufgeregten Zeiten keinen unübersteiglichen
Hindernissen begegnen. Ich werde die nötigen einleitenden Schritte tun,
so bald Sie über die grundlegende Frage entschieden haben: das Kind
oder die Freiheit?

Ich würde zurückkehren, um mit Ihnen persönlich zu verhandeln, -- in
aller Ruhe selbstverständlich, nicht im Straßenjargon von Paris --, aber
im Augenblick ist jeder Einzelne unentbehrlich, da die Regierung den
dritten Stand inbezug auf die Zahl seiner Vertreter uns gleich stellen
will.

Ihre Antwort erwarte ich durch denselben Kurier.

Die Trennung von Godefroy müßte natürlich eine unwiderrufliche und
vollständige sein.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 3. Dezember 1788._

Geliebte, einzige Frau, verzeih mir, Du Süße, verzeih! Deine Briefe, --
das Schreiben des Herrn Marquis, -- die Mitteilungen Gaillards --,
zwischen Seligkeit und Empörung, zwischen Freude und Schrecken rissen
sie mich hin und her! Armes Herz, wie leidest Du, und bist so grenzenlos
allein! Du hoffst, den Marquis zu erweichen, nachdem der erste Schritt
schon getan ist; ich aber fürchte, die Niederlage seiner Partei hat ihn
vollends steinhart gemacht. Die Ehre des Standes, die Ehre des Namens
ist sein einziges Idol; läßt er uns das Kind, so wäre das ein
Eingeständnis seiner Schmach, -- er wird es niemals zugeben. Es bleibt
uns nur eins: die Flucht. Da ich Deiner Liebe sicher bin, mute ich sie
Dir zu. Bist Du bereit, so ist alles übrige ein Kinderspiel.


Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 10. Dezember 1788._

Sie haben mein letztes Wort. Ich bin nicht gesonnen, einen Schritt
zurückzuweichen. Nur insofern will ich Ihren Wünschen entgegenkommen,
als ich nicht zur sofortigen Entscheidung dränge. Ich gebe Ihnen ein
Jahr Bedenkzeit. Sie werden in dieser Zeit jede direkte Verbindung mit
dem Prinzen vermeiden. Sie mögen während seiner Dauer ermächtigt sein,
die eventuell geeignete Pflegerin für das Kind selbst zu wählen.

Ich höre, daß die Kälte im Elsaß noch stärker ist als hier; da es uns an
Holz fehlen dürfte, habe ich den Auftrag gegeben, die Parkbäume fällen
zu lassen.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 23. Dezember 1788._

Meine geliebte Delphine. Unten jubelt das Volk. Trotz der eisigen Nacht
ziehen singende Scharen durch die Straßen, -- ich möchte mir die Ohren
verstopfen, um nichts zu hören, was nach Freude klingt.

Du kannst nicht fliehen, Du kannst das Kind nicht ins Elend stürzen und
in die Schande, das Kind, das Dich dann einmal fragen könnte: »Wer ist
mein Vater, der, dessen Namen ich trage oder der, dessen Mätresse Du
bist?« »Ich allein,« schreibst Du, »würde alles lächelnd auf mich
nehmen, um Deinetwillen; um des Kindes willen aber darf ich es nicht.«

O, Ihr Frauen, so frei und stark, und doch so schwach und gebunden!

Aber warten willst Du und des alten Mannes versteinertes Herz zu rühren
suchen! Ich will mich an Deiner Hoffnung stärken, Geliebte; müßte er
nicht einen Stein in der Brust tragen, wenn Deine Bitten ihn nicht zu
erweichen vermöchten?!

Ich bleibe zunächst noch hier. Neckers Bericht über die Generalstände,
wonach die Regierung den Vertretern der Nation das Steuerbewilligungs-
und Budgetrecht zuerkennt und die Zahl der Deputierten des dritten
Standes denen der beiden ersten gleichstellt, ist klüger, als ich von
ihm erwartet hatte, und sicherlich der einzige Weg zur Beruhigung der
erhitzten Gemüter. Wir dürfen anfangen, auf eine ruhige,
konstitutionelle Entwicklung zu hoffen.

Lebewohl, mein heißgeliebtes Kind. Küsse unseren Sohn, den ich zärtlich
liebe, obwohl ein gräßliches Schicksal den zwischen uns schiebt, der uns
am innigsten vereinen sollte.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 5. Januar 1789_

Verehrte Frau Marquise. Ihr Schicksal traf mich härter, als mich jemals
das meine hat treffen können. Aber so wahr ich der bucklige Sohn einer
Dirne und eines Edelmanns bin, und an nichts glaube als an meine Kraft,
so wahr wird sich eine Lösung finden, wie das Schicksal Frankreichs eine
Lösung finden wird. Ich, Lucien Gaillard werde das Werk Ihrer Befreiung,
das Johann von Altenau begonnen hat, zu vollenden wissen!

Ich wollte, ich wäre imstande, Ihnen die Hoffnung einzuflößen, die eine
Sicherheit ist, und von der wir alle erfüllt sind. Das Bewußtsein der
Stärke hat sie möglich gemacht --, jener Stärke, die jeden Satz der
herrlichen Schrift: »Was ist der dritte Stand?« zu einer Waffe in
unseren Händen schmiedet. Gestern erschien sie, abends bereits war sie
in allen Händen; heute dröhnen ihre Worte allen Privilegierten ins Ohr:
»Was hält die Gesellschaft zusammen? Die gewerbliche und die geistige
Arbeit. Wer verrichtet sie? Der dritte Stand. Wer ist in der Armee, in
der Kirche, in der Rechtspflege, in der Verwaltung mit allem belastet,
was Mühe und Anstrengung kostet und weder Ehre noch Reichtum einbringt?
Der dritte Stand.« Das prägt sich unauslöschlich den dumpfsten Gehirnen
ein. »Wer aber besetzt die besten Stellen, die einträglichsten Ämter,
wer regiert nicht nur das Reich, sondern auch den König; wer umgibt ihn
wie eine Mauer, daß er sein eigenes Volk nicht sehen kann? Die
Aristokratie --« das weckt den Haß in der leidenschaftlosesten Seele,
den Haß, der zum Beil und zum Feuerbrand greift, wenn er ein Schwert
nicht zu führen gewohnt ist.

Geduld, Frau Marquise. Der dritte Stand, der sich selbst befreit, wird
alle Unterdrückten und Entrechteten befreien -- auch Sie!


Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 26. Februar 1789._

Teuerste Frau Marquise. Ihr Schweigen läßt mich fürchten, daß ich Sie
unbewußt verletzt haben könnte? Das würde ich aufrichtig bedauern, denn
gerade jetzt, wo man sich gewöhnt hat, seinen besten Freunden
mißtrauisch gegenüberzustehen, -- bis in die Intimität hinein reicht der
Parteihader --, sollte kein Band zerrissen werden, das noch so leise mit
einem Anderen verknüpft.

Die Wahlkämpfe in den Provinzen haben die Luft förmlich mit Sprengstoff
gesättigt; selbst Necker ist besorgt und versucht, die Maßlosigkeit des
dritten Standes einzudämmen. Aber die Presse kennt keinerlei Rücksicht
mehr; schon jetzt ist in ihren Augen die konstitutionelle Monarchie, die
von den Generalständen erst geschaffen werden soll, ein überwundener
Standpunkt.

Der strenge Winter, der der schlechten Ernte des vorigen Jahres folgte,
treibt die Vagabunden von ganz Frankreich nach Paris, wo sie auf allen
öffentlichen Plätzen rückhaltlos das große Wort führen. Sie würden die
Stadt nicht wiedererkennen. Ein Edelmann, der Insulten aus dem Wege
gehen will, ist genötigt, bürgerliche Kleidung zu tragen.

Von der Agitation des Grafen Mirabeau in der Provence werden Sie gehört
haben. Mit Freiheits- und Gleichheitsdeklamationen sucht er sich von
seiner Vergangenheit rein zu waschen, und das Volk jubelt ihm zu, wo er
sich zeigt. Wir dürfen uns der Einsicht nicht verschließen, daß es die
Hetzreden der Ehrgeizigen und der Fanatiker sind, die wilde Gelüste in
den Massen aufpeitschen, von denen ihre Bescheidenheit bisher keine
Ahnung hatte. Ich las nicht ohne tiefe Besorgnis, daß auch die ruhigere
Bevölkerung des Elsaß nicht unberührt geblieben ist, und hoffe dringend,
von Ihnen zu hören, daß Ihr stilles Schloß so fern wie von der Welt, so
fern allen inneren Kämpfen blieb.


Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 12. Juli 1789._

Verehrte Frau Marquise. Die atemlose Hast alles Geschehens ließ mich
verstummen, aber nicht vergessen machen, was ich gelobte. Sie wissen
durch die Journale, was sich begab: Die Niederlage des Königs, die
wundervolle Erhebung des dritten Standes, der Beginn der
Nationalversammlung. Vor ihren Türen wartet das Volk, kampfbereit, um,
wenn es sein muß, Worte zu Taten zu machen.


_Den 16. Juli._

Ungeheures ist geschehen; die Kunde von der Entlassung Neckers und der
Berufung eines volksfeindlichen Ministeriums unterbrach meinen
begonnenen Brief. Ich stürzte zum Palais-Royal.

»Sie beraten in Versailles die Bartholomäusnacht der Patrioten,« schrie
man mir entgegen.

Mit zornbebender Stimme rief Demoulins die Bürger zu den Waffen. Wie von
einer fremden Gewalt getrieben, marschierten Tausende in geschlossenen
Reihen in derselben Richtung. Aus allen Nebenstraßen ergossen
Menschenmassen sich in unseren Strom. Ganz Paris war von einem Gefühl
durchdrungen.

Entsetzt von den ungezählten Scharen, die den Truppen auf dem Platz
Louis XV. gegenüberstanden, gab der Marschall Besanval den Befehl zum
Rückzug. Der fürchterliche Plan der Herrschenden war vereitelt.

Am nächsten Tage glich Paris einem Kriegslager, und als der Morgen des
14. Juli graute, bedurfte es nicht mehr des lauten Rufes: »Zur
Bastille!«. Jeder von uns wußte, als hätte das Schicksal selbst ihm
seine Befehle diktiert, wohin der Weg ging. Ich will Ihr weiches Herz
nicht mit Schilderungen quälen, die mir in der Erinnerung das eigene
Blut gerinnen machen. Ich will nur sagen, was geschah: die Zwingburg
fiel! Die erste von hunderten, die rings im Lande ihre Kanonen drohend
gegen uns richten, in ihren Kellern die Schätze bergen, um die ihre
Herren uns betrogen haben, in ihren Verließen arme Menschen gefangen
halten, die die Not zu Dieben und Mördern oder zu Vorkämpfern der
Freiheit machte.

Ich habe eine dringende Bitte, Frau Marquise, im Interesse Ihrer eigenen
Sicherheit.

Suchen Sie unter irgend einem Vorwand in der nächsten Zeit nach dem
Palais im Park überzusiedeln. Ich habe Verbindungen mit den Elsässer
Bauern; drückt der lang niedergehaltene Haß auch ihnen die Brandfackel
in die Hand, so wird nur die bewohnte Burg, nicht das verlassene
Schlößchen ihr Ziel sein.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Besançon, am 23. Juli 1789._

Geliebteste! Auf dem Wege zu Dir, -- die Angst läßt mich jede Rücksicht
vergessen --, habe ich hier flüchtig Station machen müssen. Mein Kurier
ist beauftragt, Dir diese Zeilen zu überbringen und mich zu erwarten.
Die ganze Provinz ist in Aufruhr. Die brennenden Schlösser erhellen,
ungeheueren Fackeln gleich, die gewitterschwangeren Nächte. Ich entging
mit knapper Not der Raserei der Bauern, die Ambly, wo ich übernachtete,
anzündeten. Sie banden mich, sodaß ich hilflos daneben stehen mußte, als
sie dem Chevalier das Herz durchbohrten und seiner unglückseligen Frau
die Kleider vom Leibe rissen. Vergaß man mich im Taumel der Plünderung?
Half mir ein unbekannter Freund? Ich weiß es nicht. Irgend jemand
zerschnitt meine Fesseln; ich fand mein Pferd und jagte hierher, wo ich
mich verbinden ließ. Ich hatte der Wunde am Arm bisher nicht geachtet.

In vierundzwanzig Stunden hoffe ich bei Dir zu sein. Rühre Dich nicht
aus der Burg. Laß vom Wartturm die Fahne wehen zum Zeichen, daß Du da
bist.


Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 6. August 1789._

Es ist vorüber. Ich habe abgeschlossen. Nur eins bleibt mir übrig: der
Abschied von Dir! Du hast gegen mich entschieden, Delphine. Jede Stunde
des Tages und der Nacht sehe ich den Augenblick noch vor mir, der über
unser Leben das letzte Urteil fällte.

Wie alles gekommen ist, wird mir ewig dunkel bleiben, denn Gaillards
Mund verstummte auf immer. Ich habe seine Leiche auf meinem Pferde
hierher geführt und hier begraben. Der Marquis hätte sie von den Wölfen
im Wald zerfleischen lassen.

Die Burg brannte schon, als ich kam. Gaillard rief mir mit dem Ausdruck
strahlender Zuversicht nur zwei Worte zu: »Im Palais!« Ich stürzte in
den Park, ich rüttelte wie ein Wahnsinniger an den verschlossenen Läden;
das morsche Holz gab nach; ich lief, Deinen Namen rufend, durch die
moderduftenden Räume --, Du warst nicht da. In großen Sprüngen jagte ich
zurück.

Dicht vor den niederprasselnden Balken stand der Marquis, das Gesicht
blutüberströmt, auf dem einen Arm den weinenden Knaben, in der anderen
Hand die rauchende Pistole, Gaillard, ein Sterbender, ihm zu Füßen, Du,
wie leblos an sein Knie Dich klammernd.

Ich riß Dich empor. Du starrtest mich an, wie geistesabwesend.

Der Marquis lachte schneidend auf: »Brandstifter!« Schon wollte ich mich
auf ihn werfen, aber als Schutzwehr hielt er mir das Kind -- mein Kind!
-- entgegen!

»Delphine!« schrie ich.

»Die Freiheit oder das Kind«, dröhnte seine Stimme durch den Lärm
zusammenstürzender Mauern.

Und da -- wandtest Du Dich ab von mir! Ich klage Dich nicht an. Du
konntest nicht anders. Ich nehme Abschied auf immer.



AUSKLANG



Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Etupes, am 21. Juni 1827._

Teure Frau Marquise. Seit gestern bin ich mit dem Leben versöhnt.

Nach Jahrzehnten eines abenteuerreichen Daseins suchte ich die Stätte
auf, wo jeder Baum und jede Blume mir heilig sind, an einem Tage, da
ich, fast noch ein Knabe, meines Herzens einziges Glück zum erstenmal in
die Arme geschlossen hatte.

Ich ging die Allee hinunter, am ausgetrockneten Teich, an verwilderten
Hecken vorbei, dem kleinen weißen Schlößchen zu, das mir verträumt
entgegensah.

Da bemerkte ich, dicht davor auf den verwitterten Stufen sitzend, eine
schwarze Gestalt, den verschleierten Kopf in den Händen vergraben.

Und als ich hastig nähertrat, blickten mich plötzlich zwei Augen an, --
zwei Augen, die mir überall bis zu den Eisfeldern Rußlands wie
wundertätige Sterne geleuchtet hatten --, Deine Augen, Delphine!

Wir haben beide geweint --, es waren, glaube ich, Freudentränen!

Morgen will ich nach Italien zurück. Seit der Kaiser starb, ist
Frankreich die Fremde für mich.

Ich breche das Versprechen, das ich Dir gab: ich komme nicht mehr nach
Laval.

Ich will mir durch keine trübselige Greisenfreundschaft die Erinnerung
an Deine Treue, Deine Liebe zerstören.



      *      *      *      *      *      *



Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils
zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.


S. 3:

die graziöseste der Tänzerinnnen,

die graziöseste der Tänzerinnen,

S. 10:

Ihre Gouvernannte,

Ihre Gouvernante,


S. 27:

Als ich ihn bei Mademosielle

Als ich ihn bei Mademoiselle

S. 34:

Ein junges Mädchen, -- das ist mit nicht unbekannt

Ein junges Mädchen, -- das ist mir nicht unbekannt

S. 41:

Sie, war ungemein liebenswürdig

Sie war ungemein liebenswürdig

S. 66:

nur die Wange Seiner Erlaucht ein wenig zerschlizt

nur die Wange Seiner Erlaucht ein wenig zerschlitzt

S. 78:

erreichten die Priester die Entferung

erreichten die Priester die Entfernung

S. 88:

noch immer die Egeria des Herzogs von Orléans ist

noch immer die Egeria des Herzogs von Orléans ist.

S. 112:

Sie waren verschwenderich in Ihren Gnaden

Sie waren verschwenderisch in Ihren Gnaden

S. 115:

Oder wird nur der Mann im Tête-a-Tête empfangen

Oder wird nur der Mann im Tête-à-Tête empfangen

S. 123:

Herr von Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohn
empfangen,

Herr von Pirch hat durch den Herzog bereits den ersten klingenden Lohn
empfangen.

S. 176:

Marie-Antionette

Marie-Antoinette

S. 179:

ergeben für die Klugkeit,

ergeben für die Klugheit,

S. 202:

alle Anstalten zu unserem Straßburger Aufenhalt

alle Anstalten zu unserem Straßburger Aufenthalt

S. 226:

Übrigens hat Jean-Jaques

Übrigens hat Jean-Jacques

S. 230:

über das Parket von Versailles

über das Parkett von Versailles

S. 350:

wie gebannt, zwischen Empörung und Beifall, Zähneknirchen

wie gebannt, zwischen Empörung und Beifall, Zähneknirschen

S. 360:

Warum ich Jhnen schreibe?

Warum ich Ihnen schreibe?

S. 417:

und man verbreitetete,

und man verbreitete,


rief eine Simme im Parterre: »Berufen Sie doch die Notabeln!«

rief eine Stimme im Parterre: »Berufen Sie doch die Notabeln!«





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Liebesbriefe der Marquise" ***

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