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Title: Hanna - Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen
Author: Freund, Jacob
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Hanna - Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen" ***

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Nachdruck als e-Buch anlässlich der Bath-Mitzwah von Hanna Nella Segre, am
               Vorabend von Schawuoth 5773, von ihrem Papa.



                                  Hanna.
                                    ——
                        _Gebet- und Andachtsbuch_
                  für israelitische Frauen und Mädchen.

                                   Von
                            _*Jacob Freund*_,
     Lehrer an der Religionsschule der Synagogen-Gemeinde zu Breslau.

                             _Mit Beiträgen_
                                   von
          *Dr. D. Feuchtwang, Dr. A. Geiger und Dr. M. Güdemann.*

                                 ——————
               _Neueste vermehrte und verbesserte Ausgabe._
                                 ——————

                                *Breslau.*
                       _Verlag von Jakob B. Brandeis._


                                        ‎‫וַתִּתְפַּלֵּל חַנָּה וַתֹּאמַר׃ עָלַץ לִבִּי בַּיהוָה‬
                           ‎‫אֵין־קָדוֹשׁ כַּיהוָה כִּי־אֵין בִּלְתֶּךָ וְאֵין צוּר כֵּאלֹהֵינוּ׃‬

  Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn.
  Keiner ist heilig, wie der Herr, denn keiner ist außer Dir und kein Fels
     wie unser Gott.
                                        (1. Buch Sam. Kap. 2. V. 1. u. 2.)


                            Dem seligen Andenken
                                  seiner
                            *verklärten Mutter*

                            Frau Rebecka Freund

                            _in dankbarer Liebe_
                                  gewidmet

                                               *vom
                                             Verfasser.*



                                 Vorwort.


Von dem gesetzlichen Rechte Gebrauch machend, veröffentliche ich dieses
bereits vor 41 Jahren zum ersten Male erschienene Andachtsbuch in neuester
Ausgabe. Die Beliebtheit, welche dasselbe während jener Zeit errungen,
verdankt es der richtigen Auswahl und Anordnung der, Form und Inhalt nach,
gleich schönen Gebete des vor mehr denn 30 Jahren dahingeschiedenen
Verfassers Herrn Jacob Freund. Ich habe an diesem Erbauungsbuche, ohne an
dessen Gebeten oder Reihenfolge derselben zu rütteln, nur insofern eine
Veränderung eintreten lassen, als ich jene Festbetrachtungen, deren
Verfasser noch am Leben ist, beibehalten habe, dagegen jene, deren
Verfasser bereits vor Jahren aus diesem Dasein geschieden sind, durch
neue, Gedankenreichtum bietende, gemütanregende und den religiösen Sinn
fesselnde Betrachtungen ersetzen ließ. Diese geflossen aus der Feder des
Wiener Rabbiners und Predigers Dr. D. Feuchtwang, wahre exegetische
Perlen, reihen sich denen des Wiener Oberrabbiners Dr. M. Güdemann würdig
an, so daß der Reiz, den sie diesem Andachtsbuche verleihen, nicht wenig
dazu beitragen wird, seine Beliebtheit zu steigern. Auch habe ich im Texte
auf die neue Rechtschreibung Bedacht genommen, ein Vorteil, welcher der
Jugend gut zustatten kommt.

  _Breslau_, den 1. Mai 1908.

                                                 *Jakob B. Brandeis.*



                                 Inhalt.


                        Öffentlicher Gottesdienst.

                         Sabbat- und Festgebete.


                                                                   Seite
  Die Feste des Herrn (Feuchtwang)                                     3


                        I. Gebete für den Sabbat.

  Sabbat-Betrachtung. (Feuchtwang)                                     6
  Beim Eintritt in das Gotteshaus                                      9
  Gebete für den Sabbattag                                            10
  Nischmath                                                           19
  Gebet                                                               23
  Beim Herausheben der Thora am Sabbat                                25
  Gebet bei Verkündigung des Neumonds                                 26
  Dasselbe                                                            27


                     II. Gebete für die Freudenfeste.

                            1. Das Passahfest.

  Festbetrachtung am Passahfeste. (Feuchtwang)                        28
  Beim Eintritt in das Gotteshaus. (An Festtagen oder bei festlicher
       Gelegenheit)                                                   31
  Gebet am Vorabend des Passahfestes                                  31
  Seder. Betrachtung. (Feuchtwang)                                    33
  Morgengebet am Passahfeste                                          36
  Die Hallel-Psalmen                                                  39
  Beim Herausheben der Thora am Passahfeste                           44
  Tau und Regen (Tal und Geschem) Betrachtung (Feuchtwang)            45
  Frühlingsgebet am ersten Tage des Passahfestes                      48

                            2. Das Wochenfest.

  Festbetrachtung am Wochenfeste. (Feuchtwang)                        52
  Gebet am Vorabend des Wochenfestes                                  54
  Gebet am Wochenfeste                                                57
  Die Gesetzgebung am Sinai                                           61

                            3. Das Hüttenfest.

  Festbetrachtung am Hüttenfeste. (Feuchtwang)                        65
  Gebet am Vorabend des Hüttenfestes                                  67
  Gebet am Hüttenfeste                                                69

                            4. Das Schlußfest.

  Festbetrachtung am Schlußfeste. (Feuchtwang)                        73
  Gebet am Schlußfeste                                                75
  Herbstgebet am Schlußfeste                                          79
  Festbetrachtung am Simchas Thora. (Feuchtwang)                      81
  Gebet am Simchas Thora                                              84


                    III. Gebete für die ernsten Feste.

                           1. Das Neujahrsfest.

  Festbetrachtung am Neujahrsfeste. (Güdemann)                        87
  Am Vorabend des Neujahrsfestes. Lied                                92
  Gebet am Vorabend des Neujahrsfestes                                92
  Morgengebet am Neujahrsfeste                                        96
  Owinu malkenu                                                      100
  Beim Herausheben der Thora am Neujahrsfeste                        102
  Gebet vor dem Schofarblasen                                        104
  Unthanne tokef                                                     107
  Olenu                                                              109

                          2. Der Versöhnungstag.

  Festbetrachtung am Versöhnungstage. (Güdemann)                     112
  Am Vorabend des Versöhnungstages. Lied                             117
  Gebet am Vorabend des Versöhnungstages                             117
  Owinu malkenu                                                      122
  Morgengebet am Versöhnungstage                                     124
  Sündenbekenntnis                                                   129
  Beim Herausheben der Thora am Versöhnungstage                      134
  Maskirbetrachtung für den Versöhnungstag. (Feuchtwang)             136
  Gebet zu Mussaph am Versöhnungstage                                138
  Unthanne tokef                                                     141
  Der Hohepriester am Versöhnungstage                                144
  Gebet zu Mincha am Versöhnungstage                                 149
  Vor Sonnenuntergang am Versöhnungstage                             153
  Zum Schluß des Versöhnungstages                                    157


                      IV. Gebete für die Halbfeste.

                               1. Chanucka.

  Gebet am Chanuckafeste                                             159

                                2. Purim.

  Gebet am Purimfeste                                                161

                 V. Gebete für den 9. Ab (Tischah be-aw).

  Gebet am Tischah be-aw                                             164
  Klage um das verlorene Zion                                        169
  Eli Zion                                                           171

                                  ——————

                            Häusliche Andacht.

  Tägliches Morgengebet                                              177
  Tischgebet                                                         178
  Nachtgebet                                                         179
  Gebet am Sonntag                                                   180
  Gebet am Montag                                                    181
  Gebet am Dienstag                                                  183
  Gebet am Mittwoch                                                  185
  Gebet am Donnerstag                                                186
  Gebet am Freitag                                                   188
  Gebet am Neumondstage                                              190
  Gebet beim Anzünden der Sabbat- und Festlichte                     191
  Sabbat-Einzug                                                      192
  Freitagabend-Lied                                                  194
  Zum Sabbat-Ausgang. Psalm 67                                       195
  Sabbat-Ausgang. Lied                                               196
  Gebet am Tage der Konfirmation                                     197
  Gebet am Verlobungstage                                            200
  Gebet während des Brautstandes                                     202
  Gebet einer Braut am Hochzeitstage                                 204
  Gebet einer Neuvermählten                                          207
  Gebet einer Wöchnerin                                              209
  Gebet der Mutter während der Aufnahme ihres Sohnes in den Bund
      Abrahams                                                       210
  Gebet einer Wöchnerin bei ihrem ersten Besuche des Gotteshauses    212
  Gebet einer Mutter am Tage der Konfirmation ihres Sohnes           213
  Gebet einer Mutter am Verlobungstage ihrer Tochter                 214
  Gebet einer Mutter am Hochzeitstage ihrer Tochter                  215
  Gebet einer Mutter am Hochzeitstage ihres Sohnes                   217
  Gebet einer Witwe                                                  219
  Gebet einer Witwe, die in dürftigen Verhältnissen lebt             220
  Gebet einer Stiefmutter                                            222
  Gebet eines vaterlosen Mädchens                                    224
  Gebet eines mutterlosen Mädchens                                   226
  Gebet einer Verwaisten                                             228
  Gebet einer Dienenden                                              230
  Gebet für die Eltern in der Ferne                                  233
  Gebet um Hilfe aus der Not                                         234
  Dankgebet für Hilfe aus der Not                                    235
  Gebet bei einem freudigen Ereignis                                 236
  Gebet um Nahrung                                                   237
  Dankgebet für die Nahrung                                          238
  Gebet um Erhaltung der Gesundheit                                  240
  Gebet um Genesung. Psalm 6                                         241
  Dankgebet nach überstandener Krankheit                             242
  Gebet für den erkrankten Vater                                     243
  Gebet für die erkrankte Mutter                                     244
  Gebet der Mutter für ihr krankes Kind                              246
  Gebet für den erkrankten Sohn oder die Tochter                     248
  Gebet für den erkrankten Gatten                                    249
  Dankgebet für die Genesung eines Angehörigen                       249
  Gebet für das Wohlgedeihen der Kinder                              251
  Dankgebet für das Wohlgedeihen der Kinder                          252
  Gebet in trauriger Lebenslage                                      254
  Gebet um Geduld und Zufriedenheit                                  255
  Gebet um das Wohl des Reiches                                      258
  Gebet in Zeiten allgemeinen Drangsals                              258

                                  ——————

               Jahrzeits-, Friedhof-Gebete und Totenfeier.

                           1. Jahrzeitsgebete.

  Gebet am Jahrestage vom Tode des Vaters                            263
  Gebet am Jahrestage vom Tode der Mutter                            266
  Dasselbe für eine Frühverwaiste                                    268

                       2. Friedhofgebete (Geiger).

  Gebet                                                              271
  Am Grabe der Eltern                                                273
  Am Grabe eines Sohnes oder einer Tochter                           276
  Am Grabe des Gatten oder der Gattin                                278
  Am Grabe der Geschwister, Großeltern, Schwiegereltern oder
      anderer Verwandten                                             280
  Am Grabe eines Freundes oder einer Freundin                        282
  Am Grabe eines Wohltäters oder einer Wohltäterin                   283
  Am Grabe eines Lehrers oder einer Lehrerin                         284
  Am Grabe bedeutender Menschen                                      285
  Schlußbetrachtung und Gebet                                        286

                       3. Totenfeier (Geiger)^[1].

[1] Am 8. Tage des Peßachfestes, am 2. Tage des Schebuothfestes, am Jom
Kippur und Schemini Azereth.

  Maskirbetrachtung (Feuchtwang)                                     288
  Totenfeier                                                         292



                      A. Oeffentlicher Gottesdienst.

                                   ———

                         Sabbat- und Festgebete.

                                  ——————



                           Die Feste des Herrn.


                                   ———

„Lasse uns den Segen Deiner Feste zuteil werden, o Gott, zum Leben und zum
Frieden, zur Freude und zur Wonne. Heilige uns mit der Ausübung Deiner
Gebote und gib uns unseren Teil an Deiner Thora. Sättige uns von Deiner
Güte und erfreue uns mit Deiner Hilfe. Reinige unser Herz, Dir in Wahrheit
zu dienen. Mache uns deine heiligen Feste zum Eigentum. Du bist der
Segenspender, o Gott, indem Du Israel heiligst und die Zeiten.“ In diesem
kindlich-schlichten, menschlich-wahren Gebete drückt sich der ganze tiefe,
volle Segen aus, den die Festeszeiten in die Herzen, Seelen, Geister
überreichlich streuen. Wie erquickender Sonnenstrahl in kaltes Dunkel, wie
blütenprächtiger Frühling in winterlich-frostige Gefilde, so fallen die
Festeszeiten in das harte, ernste Leben. — Wer lebt, der kämpft. Wer
kämpft, der siegt nicht immer. Nicht jedwedem gedeiht die Saat auf dem
Arbeit und Fleiß fordernden Ackerland des Lebens. Nicht alle, die unter
Tränen das Saatkorn in die Furche geworfen, ernten in Jubel und Freude.
Und die in scheinbar ungestörter Freude die Tage verbringen, die in nie
umwölktem Sonnenleuchten ihre Jahre leben, in deren Sein und Streben sich
goldene Ringe in köstlicher Kette an goldenem Ring zu reihen scheint, sie
sind nicht immer die Glücklichen. Der ewige Festtag ist nicht des Ewigen
Festtag. Menschengewollte und menschengebotene Ruhe steht im Dienste
vergänglicher, täuschender Wünsche. Der ermüdete Leib des Daseinskämpfers
bedarf der Seelenerquickung, die höchste Weihen empfangen hat und die im
Zeichen idealen Dienstes steht. Festesstimmung und Festesfreude quellen
aus dem Borne der Ewigkeit und der seelenvollen Hingebung an den
weltbeglückenden Gedanken _eines Gottes, eines Schöpfers, eines
Menschenvaters_. Sie sind uns nicht Stimmungen des flüchtigen
Augenblickes, sondern vertiefte Gedanken an große geschichtliche
Vergangenheit, ereignisreiche Gegenwart und glückverheißende Zukunft.

Die „Feste des Herrn“ sind Zeiten der _Sammlung_ und der _Andacht_. Der
Sammlung in jeglichem Sinne. Auch in dem, daß durch Arbeit versprengte
Glieder des durch Bande des Blutes gebundenen _Hauses_ sich warm und
freudevoll zusammenfinden; die _Gemeinde_ im brüderlichen Verbande an
gemeinsamer Stätte sich Gottes und seiner Waltung freut; die
Glaubensschwestern und Glaubensbrüder allesamt in aller Welt an
ebendemselben Tage und zur selben Stunde des großen Lebens gedenken, das
unser Volk gelebt, des unendlichen Segens, den es empfangen und gespendet
hat. Der _Andacht_, die aller selbstischen Schlacken frei, sich in
geiststärkende und weltumfassende Gedanken versenkt, die beruhigen, adeln
und erheben. Denn die „Feste des Herrn“ sind nicht allein Festtage für
sein erstgeborenes Volk, für Israel, sondern ziehen in den Bereich ihres
weiten Andachtsbezirkes _alle Menschenbrüder_. So begrüßen wir diese Feste
in gelassener _Freude_ und mit gedämpftem Jubelruf. Sie sind der
Gottesverehrung, geschichtlichen Erinnerung, sittlichen Selbsterziehung,
Einkehr und Umkehr geweiht und ihr geschlossener Kreis zieht sich um die
gemeinsame Mitte der Menschenerziehung und Menschenbeglückung. So feiern
wir die „Feste des Herrn“ zu unserem Heil und Segen.

                                  ——————



                        I. Gebete für den Sabbat.


                               Der Sabbat.
                                  ‎‫שבת.‬

                                  ——————

                           Sabbat-Betrachtung.

                                   ———

„Denke des Sabbattages, ihn zu heiligen!“ „Heil dem Menschen, der dies
tut, dem Erdensohne, der daran festhält: Den Sabbat hütet, ihn nicht zu
entweihen, seine Hand hütet, daß er nichts Böses tue!“ Als Moses, so
erzählt eine uralte Sage, den Druck seiner Brüder in Ägypten sah, ging er
zum Pharao und sagte: Wenn der Sklave nicht einen Tag in der Woche ruht,
muß er sterben. Und Pharao sagte: Tue, wie Du geredet. Da ging Moses hin
und setzte den Sabbat ein. „Darum freut sich Moses der Gabe, die sein Teil
ist.“ Doppelt ist die große Aufgabe des Sabbat; den Menschen auf Gott und
sein Werk, den Menschen auf sich selbst zu weisen. Das wollen auch diese
Thora- und Prophetenworte, will die sinnige Sage melden. Neben dem
gewaltigen, völkerbezwingenden, weltgewinnenden Riesengedanken des
Einzigen Gottes, der aus sich Kulturen geboren hat; neben dem größten
sittlichen Befehl der „Nächstenliebe“, den unsere Religion vor allen
anderen der Menschheit erteilt hat, ist der Sabbatgedanke der größte, den
unser Glaubensgesetz besitzt. Er verlieh und verleiht dem Leben Hoheit,
Weihe und Würde. Wenn die heilige Schrift das Schöpfungswerk mit dem Tage
der Sabbatruhe schließt und krönt, wenn das Bundestafelgesetz den Sabbat
fordert, so will dies besagen, daß ohne ihn der Schöpfung wundererfülltes
Werk nicht vollendet, das Leben nicht vollkommen wäre. Denn der Sabbat ist
die Blüte am markigen Baume der Lebensarbeit. Er ist die Sehnsucht rastlos
schaffenden Menschengeistes, mühevoll-emsiger Menschenhände. Unsere harte
Zeit des Daseinskampfes, in der die Seele nur wenig und selten bedacht
wird, hat trotz aller Bildungsmittel und Kunstideale, aller
Schönheitspflege und Wohlfahrtspredigt den Sinn und Willen des jüdischen
Sabbat weder erfaßt noch erreicht. Der jüdische Sabbat hat eine ewige
Bedeutung für die ganze Menschheit. Dieser Tag der Ruhe ist der „Tag der
Weihe im Geiste, auf daß auch der Werketagsarbeiter aller Art zu
sittlicher Erhebung, zur Freiheit des Gemütes sich sammeln könne.“ Er ist
eine sittliche Kraftäußerung der Seele und der Religion, die sieghaft dem
Nutzentriebe und der Stoffgewalt Schranken setzten.

In dieser Weise hat er einst in jüdischen Kreisen gewirkt, in Haus,
Familie und Gemeinde. Die Geistes- und Leibesarbeit der Wochentage strebte
gewissermaßen dem Hochziele „Sabbat“ zu. Der Rüsttag schon verriet die
Zeichen der kommenden, herzerquickenden, reinen, tiefen Sabbatfreude. Sie
führte Vater, Mutter und Kind in einen fröhlichen, geweihten Kreis, in dem
es keine Sorge, keinen Kummer, keinen Kampf und keinen Haß, keine Trübung
noch Trauer gab. Licht und Lust, Lebensmut und Lebensfreude erfüllten Herz
und Haus. Ausgeglichene, einfältigweise Rast und Ruhe und Sammlung waren
der Grundton der Sabbatstimmung. Becherweihe durch Segensspruch,
Elternsegen, bescheidenes Festmahl, gewürzt durch Begleitworte der Thora
und der andachtsvollen, sinnreichen, lehrhaften Erbauungsbücher;
gemütreicher Gottesdienst mit ehrlichen, gradaus zum Himmel gerichteten
Gebeten, Familienverkehr und Freundesbesuch, nicht ermüdender Spaziergang
im Festgewande — sie füllten den Tag aus. Und selbst der Ärmste feierte
mit; Herr und Frau, Magd und Knecht. So erstreckte sich der Sabbatfriede
über alle und alles. Warum aber sprechen wir von dieser Sabbatherrlichkeit
im großen und im kleinen wie von vergangener, verschwundener Zeit? Hat
etwa die Gegenwart bessere, höhere Werte an deren Stelle gesetzt? Gewähren
rauschende Feste, lärmende Lust, taumelnde Freude dem Herzen und der Seele
tiefere Befriedigung? Haben Staats- und Gesellschaftsgesetz der Gegenwart
es trotz schwerster Bemühung erreicht, Welt und Menschen einen wirklichen,
ungeschwächten Tag der Ruhe zu schenken, der zugleich ein Tag höchster
Seelenweihe wäre? Und wie sehr, wie dringend bedürften wir, wie alle
Menschen in der tötenden Hast und drängenden Eile des Alltaglebens dieses
immer wiederkehrenden Hinweises auf göttliche Macht und menschliche Größe,
dieses mahnenden Rufes zur Sammlung und Ruhe. Der Wochensabbat würde sich
zum Weltensabbat eignen und weitern, um so einen Teil des Erlösungswerkes
zu vollbringen, das messianische Hoffnung für Israel und alle Welt
erwünscht und ersehnt.

                                  ——————

                                  ‎‫מַה טֹּבוּ‬
                     Beim Eintritt in das Gotteshaus.

                                   ———

    Wie schön ist, Israel, Dein Zelt!
    Und Jakob, Deine Hütte!
    Da thronet Gott, der Herr der Welt,
    Im seines Volkes Mitte.

    Da tret' ich vor Dein Angesicht,
    O Herr! mich tief zu bücken,
    Bestrahlt von Deiner Gnade Licht,
    Ins eig'ne Herz zu blicken.

    Wie lieb' ich diesen heil'gen Ort
    Als meines Segens Quelle;
    Es spendet Glück mir fort und fort
    Und Frieden diese Stelle.

    Hier find' ich Trost in Traurigkeit,
    Erhebung in der Freude.
    Weil ich vor Gottes Herrlichkeit
    Mich gern in Demut kleide.

    Mit Lust und Liebe bin ich d'rum
    Nun in Dein Haus getreten,
    Vernimm, o Vater, wiederum
    Mein Bitten und mein Beten!

                                   Amen!

                                  ——————

                        Gebete für den Sabbattag.

                                   ———

Ewiger Gott, Herr und Vater, unendlich wie Du bist, ist auch Deine Macht,
Deine Größe und Herrlichkeit, Deine Weisheit und Deine Gnade. Gelobt sei
Dein heiliger Name in Ewigkeit!

Du hast den Sabbat eingesetzt, daß er uns ein Tag der Ruhe und der
Erhebung, ein Tag der Andacht und der Erbauung sei. O laß meines Mundes
Worte und die Gedanken meines Herzens Dir wohlgefällig sein. Amen!

‎‫אדון‬ Herr der Welt! Du hast regiert, eh' noch ein Wesen erschaffen
ward. Du wirst König genannt seit der Zeit, da auf Deinen Willen das All'
erstanden ist, und wenn einst alles dahin sein wird, dann wirst Du allein
noch herrschen, o Ehrfurchtbarer! Ja, wie Du warst, so bist Du, und so
wirst Du ewig sein in Herrlichkeit; Du bist einzig, kein zweites Wesen ist
Dir zu vergleichen und Dir an die Seite zu stellen. Du bist ohne Anfang
und ohne Ende, und Dein ist die Macht und die Herrschaft. Du bist aber
auch mein Gott, mein lebendiger Erlöser, Fels in meinem Leide zur Zeit der
Not. Du bist mein Panier und eine Zuflucht für mich, Anteil meines Kelches
am Tage, da ich rufe. In Deine Hand empfehle ich meinen Geist zur Zeit,
wenn ich schlafe, und wenn ich wache, und mit meinem Geiste auch meinen
Körper; ist Gott mit mir, so fürchte ich nichts.

‎‫אתה הוא‬ Du bist der Ewige, unser Gott, im Himmel und auf Erden und in
allen Räumen der Welt. Das ist gewiß und wahrhaftig, daß Du der Erste bist
und der Letzte, und außer Dir ist kein Gott. O, möchten doch alle Bewohner
der Welt es erkennen und bekennen, daß Du, Gott, allein der Herr bist auch
in allen Reichen der Erde. Du hast den Himmel gemacht und die Erde, das
Meer und alles, was es füllet. Wer von allen Deinen Geschöpfen in der Höhe
und in der Tiefe vermag etwas hinzuzufügen zu den Werken Deiner Allmacht?
O Du, unser Vater im Himmel, übe Barmherzigkeit mit uns um Deines großen
und heiligen Namens willen.

O, ich wollte so gern, Dich rühmen und preisen, Allerhabener, aber die
Worte meines Mundes reichen nicht hin zum Lobgesang für Deine Ehre; darum
möge es Dir wohlgefällig sein, wenn ich Dich anbete mit den Liedern der
von Dir begnadeten Sänger, die Dich angebetet haben in heiligen,
unvergänglichen Dichtungen.

                                  ——————

                                Psalm 19.

    Die Himmel, sie erzählen Gottes Ehre,
    Die Feste spricht von seiner Hände Werk.
    Vom Tage strömt das Wort dem Tage zu,
    Die Nacht gibt diesen Unterricht der Nacht,
    Nicht sind's geheime Worte und nicht Reden,
    Daß ihre Stimmen man nicht hören könnte:
    So weit die Erde reicht, tönt ihre Saite,
    Ihr Vortrag dringet bis ans Ziel der Welt,
    Bis wo der Sonnenball sein Zelt gebaut,
    Der wie ein Bräut'gam zieht aus seiner Hütte,
    Und freudig, wie ein Held die Bahn durchläuft.
    Von einer Himmelsgrenze zieht er aus,
    Den Kreislauf durch, bis wieder zu ihr hin,
    Und seinem Glanze bleibet nichts verborgen.
    Die Lehre Gottes labt die Seele ganz,
    Sein Zeugnis, wahrheitsvoll, macht Toren weise,
    Und sein Befehl, gerecht, erfreut das Herz.
    Sein lauteres Gebot verklärt den Blick,
    Die Gottesfurcht ist rein, bestehet ewig,
    Die Rechte Gottes allesamt sind Wahrheit.
    Noch köstlicher als Gold und köstlich Erz,
    Dem Munde lieblicher als Honigseim.
    Und auch Dein Knecht will ihrer sorgsam achten,
    Denn großer Lohn wird denen, die sie hüten.
    Jedoch wer kennt sie? wer ist frei von Sünden,
    Die ungern oder unbewußt getan?
    Vor Übermut nur wahre Deinen Knecht!
    Laß ihn nicht herrschen über mich — und frei
    Von Freveltat kann ich Vergeltung hoffen.
    Laß wohlgefallen meines Mundes Wort,
    O Gott, und die Gedanken meines Herzens
    Vor Dir, der Du mir Fels und Rettung bist.

                                  ——————

                                 Psalm 34.

    Den Ew'gen will ich loben allezeit,
    Sein Ruhm soll stets in meinem Munde sein!
    Des ew'gen Gottes rühmt sich meine Seele,
    Ihr Demutsvollen hört's und freut euch dessen!
    O preiset seine Größe laut mit mir
    Daß allesamt wir seinen Namen ehren.
    Da ich ihn suchte, hat er mich erhört,
    Hat mich befreit von allen meinen Ängsten.
    Die auf ihn schaun, geh'n nie beschämt zurück.
    Rief je ein Armer, Gott erhörte ihn,
    Er rettet ihn von allen seinen Nöten.
    Die Engel Gottes lagern rings im Kreis
    Um die, die ihn verehren, — sie zu hüten.
    Da schaut nur hin und seht, wie gut er ist,
    Heil allen denen, die auf ihn vertrauen!
    Wohl darben, hungern mag der Löwen Brut,
    Nie fehlt der Segen denen, die ihn suchen.
    Kommt Kinder, laßt die Gottesfurcht euch lehren:
    Wer ist der Mann, der Lust am Leben hat,
    Die Tage liebt um Freude zu genießen?
    Wohlan! so wahre Deinen Mund vor Bösem
    Und Deine Lippen vor des Truges Wort!
    Der Sünde weiche aus, das Gute übe,
    Den Frieden suche, folg' ihm emsig nach.
    Das Auge Gottes schaut auf die Gerechten,
    Sein Ohr ist ihrem Flehen zugewandt.
    Doch sieht der Herr auch die, die Böses üben,
    Um ihr Gedächtnis aus der Welt zu bannen.
    Er hört auf die, die flehend zu ihm rufen,
    Von ihrem Leide gnädig sie zu retten;
    Denn nahe ist er dem gebrochnen Herzen
    Und seine Hilfe dem gebeugten Geist.
    Und trifft das Unglück auch den Redlichen,
    Von allem Übel macht der Herr ihn frei
    Er hütet ihn, daß er nicht Schaden leide,
    Daß nicht verletzt sei eines seiner Glieder.
    Den Sünder führt die Sünde selbst zum Tode,
    Des Frommen Feind versinkt in seiner Schuld;
    Die Seelen seiner Diener rettet Gott,
    Die ihm vertrauen, quält die Reue nie.

                                  ——————

                                 Psalm 90.

                 Ein Gebet von _Mose_, dem Manne Gottes.

    Gott, Du warst unsere Zuflucht für und für!
    Bevor die Berge noch geboren wurden,
    Eh' noch die Erde, eh die Welt geschaffen,
    Warst Du, Allmächtiger von Ewigkeit,
    Du führtest einst das menschliche Geschlecht
    Ganz nahe an den Untergang heran.
    Dann sprachst Du: „Kehret wieder, Adams Söhne.“
    (Denn tausend Jahre sind vor Deinem Auge
    Dem Tage gleich, der gestern ist vergangen,
    Ja gleich der Wache Wechsel in der Nacht.)
    Du strömst sie weg, im Schlaf vergehen sie
    Und sind am Morgen frisch in Gras verwandelt.
    Und was am Morgen Blüten treibt und sprosset,
    Das ist am Abend wieder welk und dürr.
    So geh'n auch wir in Deinem Zorn dahin,
    Im Deinem Grimme sind wir schnell vernichtet,
    Wenn unsere Sünden vor Dich hin Du legst
    Und die verborg'nen prüfst vor Deinem Licht;
    Es wichen uns're Tage Deinem Zorn,
    Es schwänden uns're Jahre wie ein Hauch.
    Nur siebzig Jahr sind uns're Lebensjahre,
    Und wenn es herrlich ist, so sind es achtzig;
    Ihr Stolz, was ist er? Müh' und Nichtigkeit.
    Schnell abgeschnitten dann, wir schweben hin,
    Wer aber kennet Deines Zornes Macht?
    Und wie die Furcht vor Dir und Deinem Grimm,
    So lehre auch uns uns're Tage achten,
    Auf daß wir uns ein weises Herz erwerben.

                                  ——————

                                 Psalm 91.

    Der Du im Schirme des Höchsten, im Schatten der Allmacht verweilest,
    Sprich zu dem Herrn: „O, Du bist meine Feste, auf die ich vertraue!“
    Er, von verheerender Pest, von der Schlinge wird er Dich retten
    Deckt mit dem Fittige Dich, seine Treue ist Schutz Dir und Waffe.
    Nimmermehr schreckt Dich die Nacht und die Pfeile, die schwärmen am
        Tage,
    Seuche nicht, schleichend im Dunkeln, und Krankheit, verderbend am
        Mittag.
    Dich nur erreichen sie nicht, wenn auch Tausend zur Seite Dir fallen.
    Schaust mit den Augen sie an, und die Strafe der Bösen, die siehst Du.
    Fürchtest nicht, denn auf dem Herrn, meine Zuversicht, steht dein
        Vertrauen;
    Unheil erreichet Dich nicht, und es naht Deinem Zelt keine Plage
    Denn er befiehlt seinen Engeln, daß überall sie Dich bewachen;
    Auf ihren Händen getragen, verletzet kein Stein Deine Füße,
    Löwen und Schlangen zertreten magst Du, und einhergehn auf Nattern,
    „Ich,“ spricht der Herr, „will ihn retten und schützen, er kennt
         meinen Namen,
    Höre ihn, wenn er mich ruft, bin bei ihm zur Zeit seines Leides;
    Schauen dann soll er mein Heil, gesättigt, befriedigt vom Leben.“

                                  ——————

                                 Psalm 92.

                     Ein Psalmlied für den Sabbattag.

    Wie ist's so schön, dem Ewigen zu danken
    Und zu lobsingen Deinem Namen, Höchster!
    Am Morgen Deine Gnade zu verkünden
    Und Deine Treue preisen in den Nächten
    Mit Flöten, Saitenspiel und Harfenklang.
    Denn Du erfreust mich, Herr mit Deinen Taten;
    Ich jauchze ob der Werke Deiner Hand.
    Wie groß, o Gott, sind Deine Wundertaten,
    Und Deine Pläne, wie unendlich tief!
    Der Unverständige sieht das nicht ein,
    Der Tor, der blöde, kann das nicht begreifen.
    Wenn auch die Frevler grünen wie das Gras,
    Wenn Übeltäter blüh'n — so geh'n sie doch
    Der ewigen Vernichtung nur entgegen.
    Du, Herr, Du bist in Ewigkeit erhaben.
    Und Deine Feinde alle geh'n dahin,
    Die Übeltäter stäuben auseinander.
    Mein Horn erhebest Du, dem Waldstier gleich.
    Mit frischem Öle salbest Du mein Haupt.
    Mein Auge schaut an meinen Neidern Schmach
    Ich hör's, wenn Bosheit wider mich sich rüstet.
    Der Fromme blüht der Palme gleich empor.
    Er sprosset gleich der Zeder Libanons.
    Im Haus des Ewigen sind sie gepflanzt,
    Sie blühen in den Höfen uns'res Herrn,
    Sie müssen noch im späten Alter grünen,
    Sie müssen frisch und saftvoll immer sein,
    Um zu verkünden, daß der Herr gerecht,
    Mein Schutzfels, und kein Mangel ist an ihm!

                                  ——————

Heil denen, die in Deinem Hause wohnen, die Dich preisen immerdar! Heil
dem Volke, dem's also geworden, Heil dem Volke, dessen Gott der Ewige ist!

                                Psalm 145.

                         (_Ein Loblied Davids._)

    Herr, ich will Dich erheben, Du bist König,
    Will Deinen Namen preisen für und für.
    An jedem Tage, Herr, will ich Dich rühmen,
    Will loben Deinen Namen jederzeit.
    Denn Du bist groß und angebetet, Herr,
    Und Deine Größe, sie ist unerforschlich.
    Die Zeiten alle preisen Deine Taten,
    Von Deiner Wundermacht erzählen sie,
    Vom hohen Glanze Deiner Herrlichkeit;
    Sie sprechen stets von Deinen Wunderwerken.
    Von Deiner Größe will auch ich erzählen,
    Will, so wie sie, ob Deiner Güte jauchzen:
    Allgnädig ist der Herr und voller Huld,
    Langmütig ist er und von großer Güte
    Und freundlich gegen alle, — seine Gnade
    Erstreckt sich über alle seine Wesen.
    D'rum müssen alle Wesen, Herr, Dir danken,
    Sie müssen Dich ob Deiner Güte segnen,
    Von Deines Reiches hoher Herrlichkeit,
    Von Deiner Macht und Deinen Wundern sprechen,
    Den Menschenkindern allen zu verkünden
    Von Deines Reiches hoher Herrlichkeit.
    Dein Reich, das ist der Ewigkeiten Reich,
    Und Deine Herrschaft währet für und für.
    Du stützest, Ewiger, die Fallenden,
    Du richtest auf die tief Gebeugten alle,
    Die Augen aller sind auf Dich gerichtet
    Und Du gibst ihnen Brot zur rechten Zeit.
    Du öffnest milde Deine Vaterhand
    Und sättigst, was da lebt, mit Wohlgefallen.
    Du bist gerecht in allen Deinen Wegen
    Und gnadenvoll in allen Deinen Taten;
    Bist nahe denen, die zu Dir sich wenden,
    Erhörest gern, Die Dich in Wahrheit rufen;
    Du tu'st den Willen derer, die Dich ehren,
    Du hörest und erfüllest ihr Gebet;
    Du bist ein Hüter denen, die Dich lieben,
    Und Du vernichtest nur die Übeltäter.
    Drum sei mein Mund, Herr, Deines Lobes voll,
    Und alles Fleisch, es preise Deinen Namen
    Von jetzt an bis in alle Ewigkeit.
    Wir auch, wir alle preisen Dich, o Gott,
    Jetzt und in Ewigkeit. Halleluja!

So nimm denn Du, Herr, mein Gott, den Ausspruch meines Mundes in diesen
Liedern so auf, als ob ich die Gedanken _meines eigenen_ Herzens vor Dir
offenbart hätte. Es will mich bedünken, als ob ich Deinen heiligen Namen
nicht würdiger preisen könnte, als in der Weise, wie es die Tausende
Deiner Bekenner getan haben in Tausenden von Jahren. Du bist heute
derselbe, der Du von je gewesen, Du bist der erste und letzte, und außer
Dir ist kein Gott, darum brauche ich nicht Neues zu ersinnen, um Dich zu
verherrlichen, weil ich es nicht besser tun könnte, als jene erleuchteten
Vorbilder der Gottesverehrung. In ihrem Geiste zu denken und zu fühlen,
das sei meine Aufgabe und mein Bestreben. Amen!

                                  ——————

                                   ‎‫נִשְׁמַת‬
                                 Nischmath.

      (Dieses Gebet wird auch an allen Hauptfeiertagen gesprochen.)

                                   ———

    Der Odem aller Wesen, die da leben,
    Soll preisend Deinen Namen, Herr, erheben,
    Und jeder Geist, der denken kann,
    Erkenne Dich als König an.
    Du bist der König allezeit,
    Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
    Nur Du — kein anderer ist's je gewesen —
    Nur Du allein kannst helfen und erlösen;
    Nur Du allein, Du kannst bewahren
    Vor Leid und Trübsal und Gefahren.
    Von Anbeginn warst Du allein,
    Du wirst der Wesen letztes sein;
    Du schufest alles, was vorhanden,
    Und nichts ist ohne Dich entstanden,
    Und fort und fort
    Wird nur Dein Wort
    Der Welt in ihrem Sein gebieten;
    Du leitest sie mit Deiner Liebe,
    Um in der Schöpfungen Getriebe,
    Die schwachen Wesen zu behüten;
    Kein Schlummer kann das Auge Dir bedecken,
    Doch Du nur kannst die Schlafenden erwecken,
    Den Mund der Stummen machst Du sprechen,
    Läßt der Gebundenen Fesseln brechen.
    Du stützest die zum Staub Geneigten,
    Du richtest auf die Schwergebeugten;
    Laß' Dir allein
    Uns dankbar sein.
    Wenn unser Mund erfüllt von Liedern wäre,
    So wie des Wassers voll sind alle Meere,
    Und könnte unsre Stimme tönen
    So wie der Meereswogen Dröhnen,
    Und könnt' um Deines Lobes Willen
    Sie selbst den Himmelsraum erfüllen,
    Und blickten wir in's Weltenreich
    Der Sonne und dem Monde gleich,
    Und könnte uns ein Flug gelingen
    So mächtig wie mit Adlersschwingen,
    Und stiegen wir, gleich der Gazelle,
    Auch himmelan mit Windesschnelle:
    So könnten wir trotz all' der Gaben,
    Nicht Kräfte zur Genüge haben,
    Um Dich zu fassen, Dich zu erkennen,
    Für Dich das rechte Wort zu nennen,
    Wir wären zu gering und klein,
    Für eine dankbar Dir zu sein
    Von Deinen Gnaden,
    Den Myriaden.
    Seit, unsre Väter zu erlösen,
    Ein starker Helfer Du gewesen,
    Seit Du zerrissen ihre Ketten,
    Vom Sklavenjoch sie zu erretten,
    Seitdem hast Du auch uns, wie diesen,
    Dein Heil und Deine Huld erwiesen:
    Du hast im Hunger uns erquickt,
    Des Segens Fülle uns geschickt,
    Und wenn Gefahren
    Uns nahe waren,
    Wenn Kriegesnot
    Uns arg bedroht,
    Wenn, matt und krank,
    Der Mut uns sank,
    Im bösen Tagen,
    Voll schwerer Plagen,
    Da ließest Du die bösen Zeiten
    Vorübergleiten.
    Und wie bis heut Barmherzigkeit
    Mit Vaterhuld Du uns geweiht,
    So achtet ferner Deine Gnade
    Auf unsere Pfade.
    O Herr! Vor Deinem Angesicht
    Verwirf uns nicht.

    D'rum beugen wir vor Dir uns nieder.
    Dir dienen alle uns're Glieder,
    Die Du zum Leibe hast gestaltet.
    Und auch der Geist, der in uns waltet
    Es dienet diesem Wunderbunde
    Der Zunge Kraft in uns'rem Munde,
    Sie kann mit ihrem Laut es wagen,
    Von Deiner Herrlichkeit zu sagen.
    Es spricht der Mund: Dich loben wir,
    Und jede Zunge schwört zu Dir,
    Und jedes Knie vor Dir sich beugt.
    Und jedes Haupt vor Dir sich neigt,
    Und jedes Herz ehrfürchtet Dich,
    Wir singen Preis Dir inniglich.
    So ist es in der Schrift zu lesen:
    Mein Geist, mein Leib, mein ganzes Wesen,
    Das spricht von Gott: Wer ist Dir gleich
    Im Weltenreich?

    Es schützet Deine Huld den Armen,
    Du schenkst dem Dürftigen Erbarmen,
    Daß ihn nicht drängt der Übermut,
    Der Starke ihm nicht Leides tut.
    Wer will sich Dir zur Seite stellen,
    Sich Dir gesellen;
    Wer will vermessen
    Mit Dir sich messen!

                                  ——————

    Ja, Du bist Gott! so groß so groß!
    So machterfüllt, so fehlerlos!
    Du einzig Wahrer!
    Du Ehrfurchtbarer!
    Erhaben über alle Geister,
    Des Himmels und der Erde Meister,
    Wir wollen Dich rühmen, wir wollen Dich preisen
    Wir wollen Dir dienen und Ehrfurcht erweisen,
    Dich heiligend nennen,
    Zu Dir uns bekennen,
    Und ohne Wanken
    Mit allen Gedanken
    Nach Dir verlangen,
    An Dir nur hangen,
    Wie David gesungen, so wollen wir singen:
    Dir Ewigem, Einzigem, Huldigung bringen
    Soll meine Seele, die aufwärts strebt,
    Und all mein Leben, das in mir lebt,
    Soll Benedeien den heiligen Namen
    Des Herrlichen, Ewigen, Einzigen.

                                            Amen!

                                  ——————

                                  Gebet.

                                   ———

Herr und Vater! In Deinen heiligen Geboten hast Du die Feier des Sabbates
als eine Pflicht von hohem Range für uns bestimmt. _„Gedenke des
Sabbattages, ihn zu heiligen. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine
Werke verrichten.“_ So lautet das Wort, daß Du vom Sinai gesprochen.

Darum suche ich heute die geweihte Stätte der gemeinsamen Andacht auf,
weil ich den Sabbat heiligen will in der Mitte der Deinen.

Hier, in meinem lieben Gotteshause, vermag das Bewußtsein lebhafter in mir
zu werden, als im bewegten Treiben der Welt, daß Du, Herr, den Sabbat uns
gegeben, damit er eine Wohltat für uns sei. Nur die Einkehr in unser
Inneres führt unseren Geist zurück zur wahren Erkenntnis unseres
Verhältnisses zu Dir, nur die andachtsvolle Erhebung im Gebete stärkt
unser Vertrauen zu Dir und vermindert manches Leid des alltäglichen
Lebens, nur der ausgesprochene Dank für die Gaben Deiner Liebe stellt Dich
uns lebhaft als unsern Hort und unsere Zuflucht dar, nur die demutsvolle
Betrachtung Deiner Größe und Erhabenheit erfüllt uns mit der Empfindung
des Glückes, Bekenner Deiner Lehre, treue Anhänger des wahren
Gottesglauben zu sein. So wird der Besuch des Gotteshauses, das
inbrünstige Gebet, nicht ein Dienst, den wir Dir weihen, sondern eine
Wohltat, die wir genießen, eine Freude, die wir Dir verdanken.

O, Herr und Vater, laß mich immer die Freude und die Befriedigung finden,
die die Feier des Sabbates gewährt. Und wie ich ihn betrachte als den Tag
des Herrn, so will ich auch nie vergessen, daß mit demselben Ausspruche,
der den Sabbat einsetzt, Du auch die Arbeit der sechs Tage uns befohlen
hast.

Nicht einzig und allein um des Leibes Nahrung sollen wir arbeiten, weil es
ja doch töricht ist, zu glauben, daß wir es eben können, denn nicht von
unserer Tätigkeit und von unserer Weisheit hängt der Segen ab, der aus dem
Werke unserer Hände emporwächst, sondern von Deiner Gnade, und alles, was
wir arbeiten und genießen, bleibt, trotz unserer Mühe, ein Geschenk von
Dir.

Aber um Dein Gebot zu erfüllen, sollen wir tätig sein, auf daß wir selber
weiser und erfahrener und unsern Nebenmenschen nützlich werden. Wahrlich,
kein Mensch, dem Du die Kraft zu nützlicher Tätigkeit gegeben hast, ist
der Pflicht ledig, sie auch anzuwenden, selbst wenn der Erdengüter Fülle
ihn nicht zur Arbeit nötigt.

So soll der Sabbattag mir eine doppelte Mahnung sein: daß ich nie und
nimmer vernachlässige, diesen Tag dem Herrn zu weihen durch Gebet und
demutsvolles Hintreten vor meinen himmlischen Vater, und daß ich nie und
nimmer versäume, das Bewußtsein der Pflicht in mir zu erwecken, daß der
Mensch bestimmt ist zu nützlicher Tätigkeit auf Erden. Schenke, mein Gott,
hierzu mir Deine Gnade. Amen!

                                  ——————

                  Beim Herausheben der Thora am Sabbat.

                                   ———

                    ‎‫שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד‬

‎‫לְךָ ה׳ הַגְּדֻלָּה‬ Dein, o Herr, ist alle Größe; was unser Auge und
unser Gedanke durchmessen kann, ist nichts vor Dir. Dein, o Herr, ist alle
Macht; alle Wesen und alle Welten sind von Deinem Willen abhängig, Dir
dienen alle Kräfte der Natur und gehorchen Deinem Winke. Dein, o Herr, ist
alle Herrlichkeit; der Himmel und die Erde und alles, was sie schmücket,
ist Dein Werk. Dein, o Herr, ist alle Majestät, die sich offenbaret in den
Wolken droben, auf der Feste der Erde und in den Fluten des Meeres. Du
bist König, Dein ist die Herrschaft, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Erhebet den
Ewigen, unsern Gott, und beuget Euch zum Staube vor ihm; denn er ist
heilig. Erhebet den Ewigen, unsern Gott, und beuget Euch vor dem Berge
seiner Herrlichkeit; denn heilig ist der Ewige, unser Gott.

‎‫אַב הָרַחַמִים‬ O Vater der Barmherzigkeit! Erbarme Dich des Volkes
Deiner Treuen, gedenke Deines Bundes mit den festen Säulen der
Glaubenstreue. Hüte unsere Seele vor bösen Stunden; laß an uns nicht
herannahen böse Begierde und Versuchung, sei immerdar unser Retter aus
Gefahren und erfülle die Wünsche unseres Herzens, so sie Dir angenehm
sind. Amen!

                                  ——————

                  Gebet bei Verkündigung des Neumondes.
                     (Aus dem Gebetbuch von _Kämpf_.)

                                   ———

Möge es Dein Wille sein, Ewiger, unser Gott, und Gott unserer Väter, daß
Du uns neu werden lassest den kommenden Monat zur Wohlfahrt und zum Segen!
Gib uns langes Leben, ein Leben des Friedens und des Wohlergehens, reich
an Erwerb und rüstiger Gesundheit; ein Leben voll Gottesfurcht und
Sündenscheu, frei von Beschämung und Schande; ein Leben, erheitert durch
Wohlstand und Ehre, veredelt durch fromme Werke und gottgefällige
Handlungen; ein Leben, in welchem unsere Herzenswünsche nur dann in
Erfüllung gehen mögen, wenn sie uns zum Heile sind. Mögen dieses die
vereinten Gebete der Gemeinde erflehen! Amen! Selah!


                                Dasselbe.
                    (Aus dem Gebetbuche von _Geiger_.)

Mein Gott! Laß mich den Anfang und das Ende des kommenden Monats erleben
in Kraft und Gesundheit! Sende mir (meinen Eltern) Deinen Beistand, daß
ich (sie) an ihm für meine (ihre) Bedürfnisse zu sorgen vermag (vermögen)
in Redlichkeit und Ehren! Halte fern von mir und den Meinigen Gefährdung
und Beschämung! Mögen die Wünsche meines Herzens in ihm erfüllet werden,
so sie Dir, o Herr, wohlgefallen. Dein Reich der Wahrheit und der Liebe
werde im Laufe desselben gefördert, auf daß die Zeit der frohen Verheißung
immer näher an uns heranrücke: Ein Vater im Himmel, eine Bruderfamilie auf
Erden! Amen!



                     II. Gebete für die Freudenfeste.
                                ‎‫שָׁלשׁ רְגָלִים‬


                            1. Das Passahfest.
                                   .‎‫פֶּסַח‬

                                  ——————

                     Festbetrachtung am Passahfeste.

                                   ———

„Also solltet ihr das Peßachopfer genießen: eure Lenden gegürtet, Schuhe
an den Füßen, den Stab in der Hand.“

Die Stunde der Befreiung schlug. Zu Ende war die entwürdigende
Sklavenarbeit in Mizrajim; tief atmete die Brust und hoffnungsfreudig
blickte das ungetrübte Auge in eine glückliche Zukunft. Das rauhe
Scheltwort grausamer Vögte war verstummt. Wie im Traume vernahm das
neugeborene Volk die Heilsbotschaft von Gottes Rettung und Befreiung. Und
auch uns klingt heute das Freiheitslied aus weiter, weiter Ferne entgegen,
verkündet Gottes Kraft und Allmacht, Gottes Gnade und Güte. Andachterfüllt
versenken wir uns in die Erinnerung an jenen großen Tag, an dem die
befreiten Scharen Israels das Land der Knechtschaft verließen, die Lenden
gegürtet, den Stab in der Hand. Schutzengel beschied der Allgütige, wie
unsere alten Lehrer melden, an jenem Tage für alle Zeiten und Schicksale
der Geschichte, die wir zu erleben bestimmt gewesen sind. Dem Volke, das
mit Glaubensmut umgürtet war und den frommen Pilgerstab in treuen Händen
trug, sollten sich Völker und Geschlechter gerüstet entgegenstellen. Doch
wir fürchteten nichts. Denn der Ewige sprach: „Ich rüste meinen Engel und
gürte ihn mit goldenem Rüstzeug.“ Er stand schirmend an des Schilfsmeeres
Ufern; er zog schützend durch die Schrecknisse der Wüste; er breitete
seine Fittige über die Väter, als sie das verheißene Land betraten. Er
begleitete Israel, das Land und Thron verloren, in die Verbannung; er zog
mit den versprengten, trauerumhüllten, gramgebeugten Brüdern und
Schwestern, die über zerstörte Heiligtümer heiße Tränen vergossen, hinaus
in alle Welten bis an der Erde Enden. So „führtest Du das erlöste Volk in
Deiner Gnade, leitest es durch Deine Kraft an Deine heilige Stätte.“ Und
immer, wenn der verjüngende Strahl der Frühlingssonne die Keime zu
lebendiger Triebkraft weckt, wenn die „Blütenboten im Lande gesehen und
liebliche Vogelsänge vernommen werden“, gedenken wir der Befreiungstage
und feiern freudeerfüllt das Überschreitungsfest Noch immer ist unsere
Lende gegürtet, noch immer ist der alte, treue Stab in unsrer Hand. Er
soll uns nie und nimmer entfallen. Noch haben wir nicht das Recht, den
Schuhriemen zu lösen; wir sind noch nicht am Ziele unserer
Weltenwanderung. Noch harrt ein Teil der Menschheit auf Erlösung durch den
Glauben an den Einzigen; noch die ganze Menschheit auf die Befreiung aus
dem Sklavendienst der Selbstsucht, des Hasses und des seelenerniedrigenden
Kampfes um ein menschenwürdiges Leben. Wir stehen noch nicht auf dem
geheiligten Erdreich anerkannter Menschenwürde aller Menschenbrüder. Die
„Leiden Mizrajims“ sind allzumal noch nicht geheilt. Wir aber preisen
Dich, Allgütiger, als den Erlöser. Du hast uns die Freiheit gegeben. Im
ewig währender Dankbarkeit begehen wir dieses Fest der Befreiung; wir
genießen das ungesäuerte Brot der Armut, das uns an Mizrajims Elend
gemahnt und von den Leiden unsrer Ahnen erzählt; das Bitterkraut, das alte
Not und gegenwärtige Entbehrung in Erinnerung bringt. Wir dürfen, können
nicht vergessen; denn jeder Tag und jedes Fest ist uns der Zuruf: „Gedenke
des Auszuges aus Mizrajim.“ So ist bis zu dieser Festesstunde unsere Lende
festgegürtet geblieben; wir zweifeln nicht an Deiner Vorsehung und Güte;
unser Fuß ist standhaft und dauernd auf dem Boden des Glaubens; unsere
Hände halten den Stab fest, den Du in sie gedrückt hast. „Ich weiß, daß
mein Erlöser lebt.“ —

                                  ——————

                     Beim Eintritt in das Gotteshaus.
             (An Festtagen oder bei festlicher Gelegenheit.)

                                   ———

Sei mir gegrüßt, du liebliche Stätte, die meine Sehnsucht aufsucht am
Feste des Herrn! Mit Freude und Ehrfurcht betrete ich das Gotteshaus, denn
es ist der Ort des Friedens. Hier empfindet der Geist ein süßes
Heimatsgefühl denn er ist im Vaterhause. Hier fühlt das Herz sich leicht
und froh, denn Freude und Leid bleiben nicht in ihm verschlossen. Die
Gedanken des Herzens vor geliebten Menschen aussprechen, ist Freude und
Befriedigung, sie aber vor Gott offenbaren, den ich über alles liebe und
anbete, das ist Belebung und Wonne. Sei mir gegrüßt, du liebe, heilige
Stätte! Du warst von je die Zeugin meines Jubels und meiner Betrübnis,
meines Kummers und meines Dankes gegen Gott, und Du sollst es ferner
bleiben, solange Gott es mir vergönnt auf Erden. Amen!

                                  ——————

                   Gebet am Vorabend des Passahfestes.

                                   ———

Allgütiger, Allmächtiger! Dich, als den wundertätigen Wohltäter unserer
Väter zu preisen und als den wundertätigen Wohltäter all' ihrer Kinder,
Deines ganzen Volkes Israel in allen Geschlechtern und eben so als den des
ganzen Menschengeschlechtes, darum feiern wir heute zu Deiner Ehre das
Fest der Befreiung. Und es ist dieses Fest der Befreiung zugleich das Fest
des anbrechenden Frühlings. Wie Du wundertätig stets gewirkt hast in der
Geschichte der Menschheit, so wirkst Du ebenfalls in der Natur zum Heile
der Menschen.

Lang und düster war der Winter unserer Väter in Ägypten, die Eisdecke
harten Druckes, die Strenge kalter Grausamkeit lasteten auf ihrem
Schicksal und die finstere Nacht der eigenen Kraftlosigkeit und
Verkommenheit umhüllte mit dichtem Gewölk ihren Geist. Du aber, Herr, hast
des Bundes gedacht, den Du mit ihren Vätern geschlossen, und hast sie
herausgeführt aus der Knechtschaft in die Freiheit, aus der Unterdrückung
in die Erlösung, aus der Finsternis zum hellen Lichte. Und Israel ist ein
Volk geworden, und das Volk ist die Pflanzstätte der Erkenntnis Deines
heiligen Namens geworden, daß er verbreitet werde auf Erden und alle
Völker der Erde zu Dir sich wenden, daß auch sie befreiet werden aus der
Nacht des Wahnes und des Irrglaubens, um sich zu vereinigen im Reiche des
Lichts und der Wahrheit. Darum, o Herr, feiert unser dankbares Herz Dir
heute das Fest der _Befreiung_.

Und wenn wir um uns schauen, auf unsere eigenen Tage und auf das Leben,
das uns umgibt, o dann feiert auch unsere Seele ein Befreiungsfest und
preiset in Fröhlichkeit Deine ewige, wohltätige Wundermacht. Lang und
düster war der Winter, den wir durchlebt, erstarrt und kalt ruhete vor uns
die Erde, entkleidet der Pracht, mit der Deine Güte sie geschmückt hatte.
Da hast Du Dein schöpferisches Befreiungswort aufs neue gesprochen, und
wieder belebt sich die Natur um uns her, und wieder zieht mit doppelter
Gewalt die Erkenntnis Deiner Liebe und Deiner Größe in unsere Brust, und
alles, was da lebt, feiert in Wonne das Fest der _Befreiung_.

O Herr! so möge es auch Dein Wille sein, daß Du uns immerdar befreien
mögest von allem, was uns bedrückt und ängstigt. Befreie uns von den
Banden des Unrechtes und der Torheit, befreie uns von den Schlingen des
Unglücks und des Leides, sooft sie uns drohen, auf daß wir fröhlichen
Herzens Dir immerdar danken für die Freiheit und für das Wohlsein unseres
Leibes und unseres Geistes. Amen!

                                  ——————

                                  Seder.

                               Betrachtung.

                                   ———

„Ma nischtanna.“ „Wodurch ist diese Nacht ausgezeichnet?“ Wer in Israel
kennt diese kindliche Frage nicht? Wem klingt sie nicht traulich und
feierlich wie eine schöne, sanfte Weise aus grauer Vorzeit? Vor tausend
Jahren hat sie der Jüngste der Hausgenossen an den Vater gerichtet, wie
heute. Wie heute? Ist denn der Sederabend wirklich noch in den Zelten
Jakobs heimisch? Wehmütig bekennen wir, daß die seelenvolle Poesie dieses
ebenso zartsinnigen wie ehrwürdigen Familienfestes in vielen, vielen
jüdischen Häusern nicht mehr zu finden ist.

Festlich erleuchtet ist die Stube; selbst der Ärmste der Gemeinde hat an
diesem Abende seine Festlichter, seinen sauber gedeckten Tisch. Denn
Pflicht der Besitzenden ist es, wie stets, so ganz besonders heute dafür
zu sorgen, daß der Besitzlose mitfeiern könne das Peßachfest. „Jeder
Hungrige komme und esse mit; jeder Bedürftige komme und feiere Peßach mit
uns.“ Das ganze Haus ist feierlich gestimmt. Es ist, als ob der Geist der
Geschichte leise durch alle Räume ginge und mit sanfter Hand alles Geräte
berührte. Hergerichtet ist die gebotene Ordnung des „Seder“. Denn „Seder“
das ist Ordnung. Kiddusch, die heilige Festesweihe und Festesverkündigung
ist der erste Schritt in das stimmungsvolle Heiligtum des Abends. Der
erste Becher wird getrunken, der Becher der „Erlösung“, dem im Verlauf des
Abends die Becher der: „Rettung“, „Befreiung“ und „Erwählung“ folgen. Die
Erzählung der „Haggadah“ ist angenehm eingeleitet und unterbrochen von
heiligen Gebräuchen und Anwendung von Symbolen, die alle ihren wertvollen
Sinn, ihre sinnige Bedeutung haben. Auf silberner oder hölzerner Platte
steht das bittere Kraut des _Maror_, Lattich und Meerrettig; sie sind
Erinnerung an unserer Ahnen Bitternis in ältester Ägypterzeit und später;
uns selbst oft genug ein Mahnruf in lebendigster Gegenwart. Des
_Chorauseth_ bräunliche Masse erinnert an den Lehm und Ton, aus dem die
Väter in Mizrajim Ziegel geformt. Das _Bratfleisch_ ist ein trauriger
Rest, der kaum mehr an einst reiche Opfermahle und duftiges Peßachlämmchen
erinnert; das Ei, die Trauerspeise, ruft uns zu: Denke daran, daß der
Trauertag des neunten Ab auf denselben Wochentag fällt, wie der erste
Sederabend. Das wichtigste Zeichen jedoch ist die „Mazza“, „das Brot der
Armut“, das Brot, das so unendlich viel von ertragenen Leiden und
erfahrenen Freuden erzählen könnte. Die symbolischen Handlungen sind von
den Aggadahberichten begleitet, von Lobpreisungen und Segnungen. Die
kindlichen Fragen nach der besonderen Auszeichnung des Abends werden vom
Familienoberhaupte mit einer kurzen Erzählung der Vätergeschichte und der
Befreiung aus Mizrajim erwidert. — Die vier charakteristischen Gestalten
des „Weisen, Bösen, Schlichten und Unmündigen“ werden lebendig vorgeführt
und die Erlösungsgeschichte an der Hand alter Überlieferungen des
talmudischen Schrifttums dargestellt. Die zehn ägyptischen Plagen ziehen
an uns vorüber und daran knüpft sich die Klarlegung der Bedeutung der drei
Hauptzeichen des Festes: Peßach, Mazzah und Maror. _Hallel_, das herrliche
Loblied erklingt mit seinen erhabenen Gedanken und Weisen. Dann
unterbricht die Festmahlzeit den „Seder“. Am Schlusse der Mahlzeit jedoch
wird jedem Teilnehmer ein Stückchen Mazza „als Afikomon gereicht und wir
gedenken Eliehus“, des Propheten, in dem wir den erhofften Messias
willkommen heißen wollen und für den wir den „Eliehu-Becher“ auf dem
Tische gerüstet haben. Der andere Teil der Hallel-Psalmen schließt sich
daran, das große Dankgebet und das herrliche „Nischmath“, das für diesen
Abend verfaßt ward. — Liebliche Lieder, die Bedeutung des Festes besingend
und Gottes Allmacht in der Welt und seine in unserer Geschichte bewährte
Güte preisend, bilden den Schluß des Sederabends, den wir nicht ohne
wehmütige Erinnerung an Jerusalem beenden.

So reiht sich an diesen Abend die Übung schöner, sinniger Bräuche
aneinander. Alle Glieder der Familie haben sich freudig vereint und auch
bedürftige Fremde als Gäste sitzen im Kreise der Feiernden.

Ruhig legen wir unser Haupt zum Schlummer in der „Nacht der Bewachung“
nieder. Denn siehe, „es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels“.

                                  ——————

                       Morgengebet am Passahfeste.
                   (Vorher Nischmath, siehe Seite 19.)

                                   ———

_Du, Herr, bist der Ewige, unser Gott, der uns aus dem Lande Ägypten
geführt hat, aus dem Hause der Knechtschaft._

In diesem Bekenntnis vereinigen sich all' die Gedanken, die der heutige
Festtag in uns wachruft, daß wir, beseelt von ihnen, fähig seien, Dich zu
preisen als den _Unendlichen, den Allmächtigen und Allgütigen_.

_Ja, nur der Ewige ist unser Gott_! Torheit und Nichtigkeit, Wahn und
Aberglaube wären alle unsere Vorstellungen von Dir, wollten wir Dich nicht
als den Ewigen anerkennen, der erhaben ist über alle Zeit. „_Der Ewige ist
unser Gott_,“ das ist die würdigste Bezeichnung Deiner Größe. Das allein
gibt mir die Überzeugung, daß mein Gott der wahre Gott ist. Sind bei dem
Gedanken an Dich die Schranken der Zeit gefallen, was hindert mich noch,
auch die Schranken des Raumes fallen zu lassen, zu glauben, daß Du
allgegenwärtig bist, daß kein Gott neben Dir und außer Dir vorhanden ist,
daß Du _einzig_ bist? Was hinderte mich noch, auch die Schranken der
Vollkommenheit vor Dir als nicht vorhanden anzunehmen, zu glauben, daß Du
_allwissend_ und allweise bist? Ja, ist nur der _Ewige_, mein Gott, so
sind zwar alle Grenzen überschritten, die Dich meinem Geiste faßbar
machen, aber in meinem Gemüte fühle ich Dich um so stärker und preise Dich
in Demut als den _Unendlichen_.

_Du hast uns aus dem Lande Ägypten geführt_. Ist's nichts mehr als ein
Ereignis, das die Geschichte uns aufbewahrt hat, um uns Zeugnis davon zu
geben, wie das Geschlecht unserer Stammväter, unterdrückt von der Gewalt
fremder Herrscher, sich zum freien Volke gestaltet hat? O nein, das
Bekenntnis, daß Gott uns aus Ägypten geführt, lehrt uns ihn selbst
erkennen, als den allmächtigen Herrn der Welt, der da gebietet über die
Herzen der Menschen und über alle Kräfte der Natur.

Ja, Ewiger, Deinem Befehle gehorcht die Erde und das Meer, Du gebietest
den Tieren des Feldes und den Wolken des Himmels, Du bist Herr über Leben
und Tod, über Licht und Finsternis, in Deiner Hand sind alle Dinge, und
unmöglich ist nichts vor Dir. Denn alle Wesen der Körperwelt und alle
Kräfte der Natur sind hervorgegangen aus Deinem Willen, Du leitest die
Welt und hast sie erschaffen, und hast Deine Macht herrlich bewiesen, als
Du mein Volk aus dem Lande Ägypten geführt, denn Du, Ewiger, bist der
_Allmächtige_.

_Du hast uns befreit aus dem Hause der Knechtschaft_. Nicht war es die
Frömmigkeit des unterdrückten Sklavenvolkes, die der Befreiung sie würdig,
nicht war es ihr Mut und ihr Freiheitsdrang, der zur Befreiung sie reif
gemacht hätte, nicht war es ihre Einsicht, die sie die Sehnsucht empfinden
ließ, Gott dem Herrn, zu dienen, unabhängig von dem Drucke der Heiden, im
Lande der Götzendiener, und Deine Gnade hat sich dennoch ihrer erbarmt. Du
sahest nicht auf ihre Würdigkeit, Du sahest auf ihr Elend; Du gedachtest
des Bundes, den Du mit Abraham, Isaak und Jakob geschlossen, und
erfülltest Deine Verheißung, Du führtest ihre Nachkommen dem höchsten
Glücke entgegen, das je die Menschen erfahren, dem Glücke, Deine heilige
Lehre zu empfangen, den Urquell aller Tugend auf Erden. Das alles hat
Deine Güte getan, denn Du, Ewiger, bist der _Allgütige_.

An diesem Gedanken will ich mich erbauen am heutigen Feste des Auszuges
aus Ägypten, daß Du, Ewiger, bist der _Unendliche, der Allmächtige, der
Allgütige_. Amen.

                                  ——————

                                   ‎‫הַלֵּל‬
                           Die Hallel-Psalmen.
 (Dieses Gebet wird auch am Wochen-, Hütten- und Schlußfeste gesprochen.)

                                   ———

_Segensspruch_: Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt! Mit
Freudigkeit erkennen und vollbringen wir unsere Pflicht, Dich zu preisen
in den Gesängen des „Hallel“.

                          ‎‫הַלְלוּ יָהּ ‬ Psalm 113.

    Lobt den Herrn, ihr Diener Gottes, preiset seine Herrlichkeit!
    Segnet seinen heil'gen Namen, heut' und bis in Ewigkeit!
    Lobet dort ihn, wo die Sonne ihre Himmelsbahn besteigt,
    Lobt ihn dort, wo sie am Abend wieder sich zur Ruhe neigt,
    Hoch erhaben über Menschen Gottes Pracht am Himmel wohnt!
    Wer noch gleichet uns'rem Gotte, der so hoch erhaben thront!
    Doch der Große schaut das Kleine, schaut ins Kleinste tief hinein,
    In dem Himmel und auf Erden ist dem Großen nichts zu klein.
    Und er schaut auch auf die Menschen, sieht auf der Bedrängten Leid,
    Hilft dem Armen aus dem Staube, zieht ihn aus der Niedrigkeit,
    Ihn zu setzen neben Fürsten. Um des Daseins sich zu freu'n,
    Setzt er auch die Unfruchtbare als des Hauses Mutter ein.

                                  ——————

                          ‎‫בְּצֵאת יִשְׂרָאֵל‬ Psalm 114.

    Als Israel gezogen war aus dem Ägypterlande,
    Als Jakobs Haus sich frei gemacht von Sklaverei und Schande,
    Hat Gott, der Herr, Jehuda sich als Heiligtum erlesen,
    Und seiner Herrschaft Untertan ist Israel gewesen.
    Da floh das Meer, der Jordan wich, es schwand der Wasserspiegel,
    Die Berge hüpften Widdern gleich und Lämmern gleich die Hügel,
    Was ist dir, Meer, daß du entweichst? Du, Jordan, bist verronnen?
    Was ist gescheh'n euch Bergen, daß zu hüpfen ihr begonnen?
    Der Welten Herr ist Jakobs Herr, vor ihm erbebt die Erde
    Er ist es, der dem Stein befiehlt, daß er zur Quelle werde.

                                  ——————

                            ‎‫לֹא לָנוּ‬ Psalm 115.

    Nicht wegen uns, o Herr! um Deiner Güte Willen,
    Laß Deines Namens Ruhm die ganze Welt erfüllen.
    Was sollen ferner noch die Heiden höhnend fragen:
    „Wer weiß den Aufenthalt von ihrem Gott zu sagen?“
    Ja wahrlich! unser Gott erfüllt die Himmelsweiten,
    Und alles, was geschieht, kann nur sein Wille leiten.
    Doch Silber ist's und Gold, und Werk von Menschenhänden
    Nur eitle Bilder sind's, wohin ihr Herz sie wenden.
    Die haben einen Mund und müssen ewig schweigen,
    Und ihrem Auge ist die Nacht der Blindheit eigen,
    Und ihren Ohren kann sich nie der Laut verkünden,
    Auch ihre Nase hat vom Dufte kein Empfinden,
    Sie haben Hände wohl, sie taugen nicht zum Fassen
    Und ihre Kehle hat noch nie ein Ton verlassen.
    Und wie sie selber sind, sind die, die sie erbauen:
    Die Toren, die dem Werk der eignen Torheit trauen.
    Doch Israel vertraut nur auf den Herrn, den wahren,
    Des Güte, Schutz und Macht sein Volk so oft erfahren;
    O, trauet fort und fort, als Priestervolk und Lehrer!
    O, trauet fort und fort, ihr wahren Gottverehrer!

                                  ——————

                    ‎‫יְיָ זְכָרָנוּ‬ Psalm 115 (Fortsetzung).

    Es denkt an uns der Ewige mit seines Segens Spenden,
    Um sie dem Hause Israels und Ahrons zuzuwenden;
    Und alle, die in seiner Furcht gerecht vor ihm erscheinen,
    Sie alle, alle segnet Gott, die Großen und die Kleinen.
    So mehre sich sein Segen euch, so soll er nie sich mindern,
    So wie der Herr ihn zugedacht nur seinen Lieblingskindern:
    Daß seine Gnade jederzeit an euch gefunden werde.
    So will es unser Gott, der Herr des Himmels und der Erde,
    Und kann sich auch des Menschen Kind zum Himmel nicht erheben,
    Die Erde ist sein Eigentum, die hat ihm Gott gegeben.
    Die in des Todes Stille ruh'n, sie können Gott nicht loben,
    Von _uns_ sei ein „Halleluja“ zum Ewigen erhoben!

                                  ——————

                            ‎‫אָהַבְתִּי‬ Psalm 116.

    Wie bin ich froh! der Herr erhört mein Flehn, das ich erhoben,
    Hat gnädig mir sein Ohr geneigt, drum will ich stets ihn loben.
    Ergriffen mich auch immerhin die Angst, der Tiefe Schrecken,
    Und sollten Not und Trübsal auch nach mir die Arme strecken,
    Dann ruf ich aus: „O hilf, mein Gott, sei gnädig doch mir Armen!“
    Allgnädig ist der Herr, mein Gott, ist voll, ist voll Erbarmen.
    Die ratlos sind, den' hilft der Herr, bis daß sie Rettung fanden
    Ich war so elend! Siehe da! er hat mir beigestanden.
    So kehr' zur Ruhe nun zurück, du Seele mein, du trübe,
    Es hat der Herr dir wohlgetan in seiner Vaterliebe.
    Du hast vom Tode mich befreit, getrocknet meine Tränen.
    Nicht darf ich fürder meinen Fuß umstellt von Schlingen wähnen.
    Ja, wandeln will ich vor dem Herrn im Lande nun des Lebens,
    Und spräch ich jetzt: „ich leide sehr“, ich spräch es aus vergebens,
    Wer glaubte es? Und als ich's sprach, war ich vom Schein betrogen,
    In Übereilung ist vom Trug des Menschen Blick umzogen.

                                  ——————

                     ‎‫מָה אָשִׁיב‬ Psalm 116 (Fortsetzung).

    Wie soll ich doch dem Herrn vergelten, der so viel Gutes mir erwiesen?
    Den Kelch des Heils will ich erheben, sein Name sei durch mich
        gepriesen!
    Vor aller Welt will ich's verkünden, wie ich gelobt, so will ich
        handeln.
    Bei Gott ist schwer der Tod der Frommen, die treu in seinen Wegen
        wandeln.
    Auch ich, Dein Knecht, o Herr, ich hatte vor Dir mich bittend
        eingefunden,
    Ich, Knecht, Sohn Deiner Magd; Du hast der Fesseln gnädig mich
        entbunden.
    Drum bring' ich Dir des Dankes Opfer, drum will ich Deinen Namen
        preisen,
    Und mein Gelöbnis will ich halten und vor der Welt es laut beweisen.
    Ich möchte lenken zu den Höfen des heil'gen Tempels meine Schritte!
    „Nun lobet Gott!“ so möcht ich rufen, Jerusalem, in Deiner Mitte.

                                  ——————

                          ‎‫הַלְלוּ אֶת ה׳‬ Psalm 117.

    Lobet Gott, ihr Völker alle, seid zu rühmen ihn bereit,
    Mächtig waltet seine Gnade, seine Treu' in Ewigkeit. Halleluja.

                                  ——————

                              ‎‫הוֹדוּ‬ Psalm 118.

    Danket dem Herrn, denn er ist gütig,
        Und seine Huld währet ewig!
    Singe also, Israel,
        Denn seine Huld währet ewig!
    Singe also, Ahrons Haus,
        Denn seine Huld währet ewig!
    Singt, ihr Gottverehrer alle,
        Denn seine Huld währet ewig!

In Angst rief ich die Gottheit an, der Gottheit Antwort schuf mir Raum.
Der Herr ist mein, ich fürchte nichts. Was kann ein Mensch mir tun! Der
Herr ist mein und steht mir bei; ich werde Lust an Feinden schauen. Besser
ist, dem Herrn vertrauen, als auf Fürsten sich verlassen. Laßt alle Heiden
mich umgeben; beim Ewigen! ich vernichte sie; hier umgeben, dort umgeben,
beim Ewigen! ich vernichte sie; wie Bienen umschwärmen, wie Dornenflammen
umlodern beim Ew'gen! ich vernichte sie! Wenn alles zustürmt, mich zu
stürzen, der Ew'ge steht mir bei. Er ist mein Sieg, mein Saitenspiel, er
ward mir zum Triumph. Freudenruf, Siegeslied schallt in den Hütten der
Tugendverehrer, die Rechte des Herrn erkämpft den Sieg. Die Rechte des
Herrn, sie ist erhaben, die Rechte des Herrn, die den Sieg erkämpft.

    Nein! noch sterb' ich nicht, ich lebe, Gottes Taten zu erzählen,
    Straft er auch, so will er dennoch nicht den Tod für mich erwählen;
    Öffnet mir der Tugend Pforte, will hineingehn, ihm zu danken,
    Solch ein Gottestor betreten, die nicht in der Tugend wanken,
    Dank Dir, Herr, in Deiner Strafe ließest Du mein Heil mich schauen,
    Eckstein ist der Stein geworden, den verwarfen, die da bauen.
    Solches ist vom Herrn geschehen, können wir es gleich nicht fassen:
    Diesen Tag hat Gott gegeben und zur Lust uns werden lassen.

    O Ewiger! steh' uns bei!
    O Ewiger! steh' uns bei!
    O Ewiger, beglücke!
    O Ewiger, beglücke!

                                  ——————

Willkommen im Namen des Herrn! Wir, aus dem Tempel des Herrn, wir segnen
Euch!

Allmächtig ist der Ewige, der uns den Tag erscheinen läßt.

Mein Gott bist Du, Dir will ich danken; Du, mein Herr, Dich will ich
erheben!

Danket dem Herrn, denn er ist gütig, und seine Huld währet ewig!

                                  ——————

                Beim Herausheben der Thora am Passahfeste.

             (Dasselbe am Wochen-, Hütten- und Schlußfeste.)

                                   ———

*O Ewiger! Ewiger! Barmherziger Gott! Du bist der Allgnädige, langmütig
und von unbegrenzter Huld und Treue, der seine Gnade bewahret bis ins
tausendste Geschlecht, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt und den
Übeltäter losspricht.*

                                (Dreimal.)

Herr des Weltalls! o erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem
Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte, erhöre
mich, Deine Magd, die so gering sich fühlt. O läutere mich, mit
aufrichtigem Herzen Deinen Willen zu vollführen, rette mich vor den
verderblichen Schlingen der unlauteren Begierde und der bösen
Leidenschaft. Gib mir und den Meinigen das Heil, das Deine heilige Lehre
den Gerechten zuspricht. Läutere uns alle, damit Dein Geist auf uns ruhe.
Erleuchte uns mit dem Geiste der Weisheit und der Einsicht, daß an uns die
Verheißung erfüllet werde: „Und es wird auf ihm ruhen der Geist Gottes,
der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und des
Mutes, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.“

O, möge es Dein Wille sein, mein Gott und meiner Väter Gott, daß ich
tugendhaft werde und bleibe und immerdar dem Edlen ergeben sei, und daß
ich den Weg der Redlichen vor Dir wandle.

Laß' uns alle die Heiligkeit des Wandels suchen nach Deinen Geboten, damit
wir eines langen Lebens in dieser Welt und eines seligen Lebens in der
Ewigkeit würdig befunden werden. Bewahre uns vor bösen Taten und vor bösen
Zeiten, die mit Ungestüm die Welt heimsuchen.

Wer auf Gott vertraut, dem ist seine Gnade nahe. Amen.

                   ‎‫שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד‬

                                  ——————

                    Tau und Regen. (Tal und Geschem.)

                              _Betrachtung._

                                   ———

„Gib Tau und Regen zum Segen dem Erdreich“; „Du bist es, der den Windhauch
wehen und den Regen fallen läßt“; so beten wir während eines großen Teiles
des Jahres alltäglich im Morgen- und Abendgebete. Wir beten es nicht für
Israel allein, sondern für die ganze Menschheit in der ganzen weiten Welt.
Denn der Erde Grund ist einer, des Himmels Höhe eine, des Wassers Tiefe
eine für alle Menschenkinder. So weitet sich der Blick hinaus in die
Unendlichkeit, hebt das allumfassende Gefühl über beengende Grenzen.
Gottes Walten im Reiche der Natur erkennen und bekennen wir ehrfürchtig.
Grünende Fluren, rauschende Wälder, prangende Blumen, duftende Blüten,
wogende Saaten, nährende Früchte — die Erde spendet sie in unendlicher
Macht und Fülle. Mit berauschendem Entzücken weilt der Menschen sonniges
Auge auf gesegneten Triften und Äckern. Auf das Haupt des emsigen
Landmanns, der mit nervigen Armen die Pflugschar führt, die Körner streut,
die Egge zieht, fleht der dankbare Erdensohn den Segen des Himmels herab.
Und wenn die Arbeit getan, das Feld bestellt ist und durstige Halme den
Boden decken, blickt das Auge zum Himmel empor, die Hände falten sich und
fromme Lippen lispeln: „Gib Tau und Regen zum Segen dem Erdreich“. Zähme,
o Gott, die Kraft der Elemente. Des Donners drohendes Rollen, der Blitze
fahles Zucken, lasse sie nicht zum Verderben und Schrecken werden. Dämme
die Wasserflut, mildere die Sonnenglut. — Am ersten Tage des Peßachfestes,
wenn wir das Fest der Befreiung feiern, das uns den Frühling _unserer_
Geschichte kündet, vergessen wir selbstlos des eignen Geschickes und
gedenken in Liebe aller Menschenbrüder. Er, der uns wundertätig durch das
Meer geleitet hat, der Wüste Schrecknisse überwinden ließ, Er so beten wir
innig, möge die Winterfesseln der Natur in Güte lösen, die starre Scholle
lockern, der Keime Triebkraft wecken, damit den Menschen ihr unermüdlicher
Fleiß gelohnt und nährendes Brot zuteil werde. Die leuchtenden Tropfen,
die am taufrischen Morgen am Angergrase zittern, sie sind Sinnbilder der
Tränen der Sorge und der _Freude_. „Denn belebender, erquickender Tau ist
Dein.“ Wie aus dem Erdenmutterschoße sich das Körnlein aus Dunkel zum
Lichte ringt, so möge Gott auch uns das Werk gedeihen lassen, die Saat,
die wir am Morgen gesät und am Abend, uns dem Glücke entgegenführen.

Wenn wir im Herbstesgrau das Hüttenfest beschließen und die Festgedanken
zum Ergebnis sammeln; wenn der Winzer den Weinberg reich belohnt verläßt,
Kelter und Tenne gefüllt sind und aller Früchte Erntesegen unversehrt die
Speicher schmückt; dann wendet sich wieder unser dankbares Gemüt zum
himmlischen Vater. Wieder erweitert sich uns das _Volksgefühl_ zum
Menschentum, wird uns das geschichtlich-religiöse _Festgebet_ zum
Weltgebete. Die Stammväter, deren wir in Ehrfurcht gedenken, werden zu
Vätern der Menschen, die Mütter zu Menschenmüttern, der waltende Gott
Israels zum liebevollen Weltengotte. Die große Vergangenheit gliedert sich
bescheiden dem Ganzen der Geschichte an und mit erlösender Begeisterung
umschließt unser Festgedanke alle. Wie frischer Regenguß die duftende Erde
befruchtet und schlummernde Kräfte weckt, wie kühlender Windhauch
schweifende Wolken sammelt und scheucht, so wirkt die Menschenliebe auf
jegliches Menschenherz. Wie die gewaltige Kraft der Natur zu neuem Leben
in Ruhe- und Restzeit Atem schöpft, so mögen auch wir, wenn es Zeit ist,
in stiller Sammlung zu erneuter, sittlicher Tatkraft uns rüsten. All unser
Denken und Fühlen und Tun gedeihe unserem Volke und heiligen Glauben

    „zum Segen und nicht zum Fluche
    zur Sättigung und nicht zum Hunger
    zum Leben und nicht zum Tode.“

                                  ——————

                                    ‎‫טַל‬
             Frühlingsgebet am ersten Tage des Passahfestes.

                                   ———

    Bald ist nun der Kampf vorüber,
    Und die milde Sonne siegt,
    Darum ist mein Herz so fröhlich,
    Meine Seele so vergnügt.
    Nach dem Frühling war mein Sehnen.
    O, nun ist es bald erfüllt!
    Süße Lust der Frühlingsahnung
    Zieht ins Herz mir warm und mild.

    Bald ist nun der Kampf vorüber,
    Und es bricht des Winters Macht!
    Schon gewichen sind die Stürme,
    Kürzer wird die kalte Nacht!
    Nicht mehr strömen rauh hernieder
    Feuchte Flocken sonder Zahl,
    Durch der Wolken graue Decke
    Bricht hervor der lichte Strahl!

    Ach, es waren schlimme Tage!
    Böse war die Winterzeit!
    O, wir suchten scheu und schüchtern
    Schützend Dach und warmes Kleid.
    Ach, und wem der Güter Fülle
    Nicht die schwache Hilfe bot,
    Zehnfach bitter mußt' er fühlen
    Wintershärte, Wintersnot.

    Nun, Gottlob! es ist vorüber!
    Und es kündet seine Spur
    Tausendfach der holde Frühling
    Freundlich an in Feld und Flur!
    Droben nur noch trübe Schatten
    Einzeln schnell vorüberflieh'n,
    Und auf Erden keimt und sprosset
    Lächelnd auf ein junges Grün.

    Abgestreift von meinem Geiste
    Wird der Fessel letzter Rest,
    Jubelnd feiert meine Seele
    Heute ein Befreiungsfest.
    Neuer Mut und neues Leben
    Sind im Busen mir erwacht,
    So ist's Israel gewesen
    Nach Ägyptens Winternacht.

    O, es faßten die Befreiten
    Der Befreiung Wonne kaum,
    Also ist ein süß Erwachen
    Nach dem bösen, langen Traum!
    Darum eil' ich, Dich zu preisen,
    Vater, vor Dein Angesicht!
    Du verließest uns, die Deinen,
    Auch in trüben Tagen nicht.

    Wirst auch ferner uns bewahren,
    Wirst uns stets ein Hüter sein!
    Bringst den Frühling und den Sommer
    Uns zum Segen und Gedeih'n!
    Du wirst Tau und Regen spenden
    Zu der Erde Fruchtbarkeit
    Auch in diesem Jahre wieder,
    Immerdar zur rechten Zeit.

    Ja, wir wissen, daß der Vater
    Alle seine Kinder liebt,
    Daß er nimmermehr ihr Leben
    Dem Verderben übergibt.
    _Wir_, wir können es nicht schaffen,
    Doch wir können _Dir_ vertrau'n,
    Können auch in diesem Jahre
    Hoffend auf den Sommer schau'n.

    Du, o Herr! befiehlst den Wolken
    Durch Dein göttlich Allmachtswort!
    Daß sie kommen, daß sie gehen,
    Uns zum Segen fort und fort,
    Daß die Sonne sie verhüllen,
    Wenn ihr Strahl uns wird zur Glut,
    Daß sie schwinden, wenn zu lange
    Niederströmt des Regens Flut.

    Du, o Herr! befiehlst dem Strome,
    Daß er bleibt in seinem Gleis!
    Du, Du bist es, der dem Blitze
    Seinen Weg zu zeigen weiß!
    Du, Du bist es, der im Taue
    Himmelsgnade niedersenkt,
    Der auf reiche Segensbahnen
    Wunderbar die Winde lenkt!

    Darum zieht die Frühlingsahnung
    Mir ins Herz so warm und mild,
    Und mein Hoffen und mein Sehnen
    Ist nun bald so süß gestillt.
    Bald ist nun der Kampf vorüber
    Und die milde Sonne siegt,
    Darum ist mein Herz so fröhlich,
    Meine Seele so vergnügt.

                                  ——————


                            2. Das Wochenfest.
                                  ‎‫שָׁבוּעוֹת‬

                                  ——————

                     Festbetrachtung am Wochenfeste.

                                   ———

„Gott der Herr ist meine Kraft, meinem Fuße verleiht er Behendigkeit, er
läßt mich auf meinen Höhen wandeln.“

So kündet das Prophetenwort am heutigen Tage die Größe und Bedeutung des
Segens an, der uns in der Stunde zuteil geworden war, in der wir das
heilige Gesetz, die Thora, empfingen. „Gott der Herr ist meine Kraft, er
läßt mich auf meinen Höhen wandeln“; das ist der Wahlspruch, der uns zur
Selbstvollendung emporführt; das ist der Wegweiser zu sittlicher
Vollkommenheit. Zunächst sind wir von der Vorsehung dazu ausersehen
gewesen, dieses heilige Gesetz zu empfangen und zu verbreiten. In jener
feierlich-großen Stunde galt das große Wort: „Heute bist Du zum Volke
geworden Deinem Gotte.“ Wann ist dieser Geburtstag Israels? Das ist der
Tag, an dem der Ewige seinem Volke die „Kraft“ verlieh, den „Frieden“ gab.
Denn die Thora ist die „Kraft“, die nie versagt und nie versiegt, sie ist
der unwandelbare, ewige „Friede“. Sie ist die „Kraft“, die sich
jahrtausendelang bewährt, der „Friede“, der durch nichts gestört wird, der
Geburtstag der Thora! Wir feiern ihn stolz, wir feiern ihn glücklich; wir
feiern ihn in demütiger Anerkennung der unerreichbaren Größe, der
unergründlichen Tiefe des Thorawortes, Thorageistes. Sie hat den Siegeszug
durch die Welt angetreten, hat Menschenherzen, Menschenseelen erobert und
bezwungen. „Du stiegest empor, nahmst gefangen, machtest Menschen zu
Deinen Geschenken.“ Mit dem Doppeldiadem des Gehorsams und der Tat wurden
nach alter Sage die Väter gekrönt, als sie die Heilsbotschaft Gottes mit
den Worten empfingen: „Wir wollen nach dem Gesetze handeln und gehorchen.“
Mit der Krone der Tugend und des Glaubens wird die ganze Menschheit
gekrönt durch die Thora. Zum Eigentum der gesitteten Menschheit ist sie
geworden. Erfüllt hat sich der alten Weisen Lehre und Deutung: „Die Erde
erzitterte und alle Bewohner, als das „Ich“ die Säulen der Erde
feststellte“ — jenes „Ich“, mit dem die zehn Gebote beginnen. Allumfassend
war die Botschaft; sie erfüllt die ganze gesittete Welt. Wie die Wüste, wo
sie zum erstenmal gehört war, niemandem eignet, so ist sie, diese Thora,
jedwedem zu eigen, der sie annimmt; wie das Weltmeer, so ist sie
weltumarmend; wie Wasser und Feuer nicht feil und käuflich sind, so sind
Moral und Glaube. Als Allgemeingut war die Thora gedacht. Dieser Tag ist
nicht allein der Geburtstag Israels; er ist der Geburtstag festgegründeter
Sittlichkeit. Und wir sollten ihn nicht festlich begehen? sollten nicht
die heilige Lade mit Kränzen umwinden? sollten nicht Blumen streuen auf
den Weg der Thora, deren „Pfade allesamt sind Lieblichkeit“? Wir sollten
nicht in inbrünstiger Dankbarkeit der Zeit gedenken, die uns zum
Lehrmeister der Welt gemacht, uns, die vielgeschmähten Stiefkinder der
Menschheit, zu den liebeerfüllten Spendern von Friede, Freude und Liebe?!
Die „Wüsten freuen sich und Steppen jubeln“; die Wüsten der Lieblosigkeit,
die Steppen der Menschenverfeindung, denn einzieht die Lehre der
Menschenliebe. Wir wollen Sendboten sein und bleiben dieser Lehre, im
Zeichen dieser „Kraft“ auf unseren Höhen wandeln.

                                  ——————

                   Gebet am Vorabend des Wochenfestes.

                                   ———

Allgütiger! Das liebliche Fest der Erstlingsfrüchte begrüßt uns wieder mit
dem zauberischen Lächeln seines holden Angesichts. Da wird auch unser
Angesicht heiter, unser Herz fröhlich, und das Wort des Gebetes wird auf
unseren Lippen zum heiteren Jubelton innerer Fröhlichkeit. Was kann das
Herz des Menschen mehr entzücken als der Anblick der Natur, die da pranget
in ihrer ganzen Herrlichkeit! Das ist eine Freude, die höher steht, als
alle anderen Freuden, die gemeinsamer Anteil der Menschen sind, denn sie
ist unvergänglich, wenn auch dem Wechsel unterworfen; im Hinschwinden
dieser Schönheit liegt schon die Gewißheit des Wiederentstehens. Und wenn
sie eingetreten ist, diese Verjüngung, so hat sie nichts von ihrer Anmut
verloren, nichts von ihrer Kraft eingebüßt, keines ihrer Wunder ist
geringer geworden. Der aus Deinem Munde wieder gerufene Frühling ist
derselbe heitere Garten Gottes, der in den Tagen meiner Kindheit meine
jugendliche Seele ergötzte, der, immer wiederkehrend, jahraus jahrein mir
seine Freuden zum Genusse bot, und der mit süßem Schmeichelton noch in der
Brust des Greises und der Greisin die sanfte Empfindung inniger
Lebensfreude erweckt und das Bekenntnis hervorruft: Freue, Mensch, Dich
Deiner Erde, freue, Mensch, Dich ihres Schöpfers! Wie ist sein Werk so
schön!

Nicht wir Menschen allein sind es, die nunmehr ein Fest zu Deinem Preise
feiern, Allgütiger. Die ganze Natur hat festlich sich geschmückt, auch sie
stimmt ein in unsern Jubel; der heitere Morgen, der freundliche Abend, das
junge Grün des Waldes, die Fröhlichkeit der Tiere auf Erden, alles! alles
preiset Gott, alles spricht vernehmlich: Halleluja! Gott ist die Liebe,
Halleluja!

Wie aber? Ist es denn des Menschen würdig, nicht mehr zu wollen, nicht
mehr zu bedürfen, als alle Dinge ringsumher? Unterscheidet sich mein
Frühlingsfest nicht von dem Frühlingsfeste der Natur? Reicht es hin zu
meiner Befriedigung, wenn in der Schönheit der Erde meine Sinne ihr Genüge
finden?

O nein, mein Gott, ich feiere heute noch ein anderes, noch ein höheres
Fest der Erstlingsfrüchte!

Einst lag ein harter, starrer Winter auf den Ahnen meines Volkes, auf dem
Volke, das Du um ihrer frommen Väter willen bestimmt hattest, die
Verkündiger des Frühlings zu werden, der dem Menschengeschlecht anbrechen
sollte in der Welt des Geistes. Da hast Du, Allmächtiger, mit starker Hand
die Eisdecke der Sklaverei gespalten, da hast Du die Deinen erweckt aus
dem Winterschlaf geistiger Finsternis, da hast Du unter ihnen in Deiner
wunderbaren Erlösung die Saat ausgestreut, aus der das Heil der ganzen
Menschheit für alle Geschlechter auf Erden erblühen sollte, und als am
Sinai Dein Donnerwetter ertönte, da war das herrliche, unvergängliche,
menschenbeglückende Gesetz die _Erstlingsfrucht des anbrechenden
Frühlings_.

Ja, das ist das Fest, das ich feiere, daß ich Deiner Liebe mich freue, die
sich offenbaret in der Körperwelt und daß ich Deiner Liebe mich freue, die
sich offenbart in Deiner heiligen Lehre.

Und daß ich einzudringen versuche in die Weisheit Deiner heiligen Gebote
vom Sinai, daß ich betrachte, wie sie auch mir zum Heile und zur
Glückseligkeit gegeben sind, das sei die Aufgabe, die am morgenden Tage
des Festes mich beschäftigen soll!

Allgütiger, Deine Liebe ist mein Glück, Deine Zufriedenheit mein Streben.
Amen!

                                  ——————

                          Gebet am Wochenfeste.
                       (Vorher Nischmath Seite 19.)

                                   ———

Urquell aller Weisheit! Du, mein Gott, der Du die Menschen beglückt hast
durch Deine heilige Lehre, Dir will auch ich danken, daß ich dieser Lehre
teilhaftig bin. Darum sei heut, am Feste der Gesetzgebung meine
Andachtsübung, daß ich mich beschäftige mit den Geboten, die Du am Sinai
verkündigt, die Du ausgesprochen hast unter dem Schalle der mächtigen
Posaune, die erweckend forttönt für jedes willige Menschenohr bis zu den
spätesten Geschlechtern.

Du wolltest es, o Herr, daß die Menschen nicht ferner in der Finsternis
wandeln, daß das Licht der Wahrheit sie erleuchte und ihnen den Blick
eröffne weit über die Zeitlichkeit hinaus. Du wolltest sie lehren, daß
nichts von allem, was entsteht und vergeht, ein würdiges Ziel ihrer
Anbetung sei und Du sprachst es aus: _„Ich, der Ewige, bin Dein Gott!“_

Du wolltest, daß die Menschen nicht bangen und zagen, sich dem Erhabensten
zu nahen, daß sie nicht glauben sollen: der Allmächtige ist zu groß für
mich, zu erhaben für meine Verehrung; zwischen ihm und mir liegen
Millionen Dinge, die Macht über mich haben und über mein Bestehen; all die
Kräfte der Natur, all die wunderbaren Erscheinungen am Himmel und auf
Erden, warum sollte ich sie nicht anbeten? Oder daß sie sprechen: Der
Erhabene, der Unkörperliche ist unfaßbar für mich, ich will ihn mir
darstellen im Bilde, und Du sprachst es aus: _„Du sollst keine andern
Götter haben vor meinem Angesichte!“_

Du wolltest, daß die Menschen, trotz der Gewißheit, daß Du ihnen nahe bist
und nahe sein willst, und es keinen Vermittler gibt zwischen Dir und
ihnen, sich dennoch mit allen Kräften ihrer Seele zu Dir erheben, und
nicht Deinen heiligen Namen aussprechen, als hätte Deine Herrlichkeit sich
herabgelassen zu ihrer Niedrigkeit, und Du sprachst es aus: _„Du sollst
den Namen des Herrn, deines Gottes nicht vergeblich führen!“_

Du wolltest, daß die Menschen Dich verehren als den Schöpfer der Welt, der
durch sein Schöpfungswort sie aus dem Nichts hervorgerufen, der noch fort
und fort in Ewigkeit sie regieret und leitet, Du wolltest, daß diesem
Gedanken ein Tag geweiht sei, der an die Vollendung Deines
Schöpfungswerkes sie erinnere, und der sie mahne, daß Du es bist, der für
sie sorgt und nicht ihrer Hände Werk, und Du sprachst es aus: _„Gedenk des
Sabbattages, daß Du ihn heiligest!“_

Du wolltest, daß die _Liebe_ herrsche unter den Menschen, und Du
pflanztest sie ein in ihr Herz, daß sie die Grundlage sei menschlicher
Güte und menschlicher Tugend, und Du wolltest, daß der Mensch ihr Dasein
und ihre Macht nimmer verleugne, darum schufst Du auf Erden ein sichtbares
Abbild Deiner eigenen Liebe in den Herzen der Eltern, und Du sprachst es
aus: _„Ehre Deinen Vater und Deine Mutter!“_

Du wolltest, daß der _Frieden_ herrsche unter den Menschen, daß der eine
seine Kraft nicht mißbrauche, dem andern zu schaden an seinem Leibe und an
seinem Wohlsein, daß der Starke nicht Herr sei des Schwachen, der Mächtige
nicht vernichte den Machtlosen, und Du sprachst es aus: _„Du sollst nicht
morden!“_

Du wolltest, daß die _Unschuld_ herrsche unter den Menschen, daß Sitte und
Selbstbeherrschung sie veredle, daß das Band der Liebe und Treue die
Menschen zu Familien eine, und die Familie zum Vorbild diene für die
Vereinigung aller Menschen untereinander, und Du sprachst es aus: _„Du
sollst nicht ehebrechen.“_

Du wolltest, daß _Redlichkeit_ und Vertrauen herrsche unter den Menschen,
daß nicht der eine rechtlos genieße, was der andere erworben, daß nicht
Bosheit und List sich bereichere und der Fleiß und die Rechtschaffenheit
darbe, daß nicht die Gewalt siege über die Gerechtigkeit, und Du sprachst
es aus: _„Du sollst nicht stehlen!“_

Du wolltest, daß die _Lüge verbannt_ sei und verachtet unter den Menschen,
daß der Tückische nicht schände den Namen des Unschuldigen, die
Gerechtigkeit nicht verhüllt werde von dem Gewebe des Truges, der Gerechte
sicher sei vor der Verleumdung des Lasterhaften, und Du sprachst es aus:
_„Du sollst nicht falsches Zeugnis aussagen wider Deinen Nebenmenschen!“_

Und Du wolltest, daß der Mensch _sorgsam achte_ auf sich selber, daß er
selbst der Wächter seiner Tugend sei, daß die bösen Leidenschaften nicht
über ihn Herr werden, daß er nicht der Genußsucht und der Habgier zur
Beute werde, sondern sein Anteil in Zufriedenheit genieße und nach seinen
Kräften Gutes wirke, und Du sprachst es aus: _„Du sollst nicht begehren,
was Deinem Nächsten gehört!“_

Das sind Deine heiligen Gebote, o Herr! Sei mir gnädig und gib mir Kraft
und Willen, sie zu üben in allen Tagen meines Lebens. Amen!

                                  ——————

                           Die Hallel-Psalmen.
                               (Seite 39.)

                                  ——————

                    Gebet beim Herausheben der Thora.
                               (Seite 44.)

                                  ——————

                        Die Gesetzgebung am Sinai.
                      (2. Buch Mose, Kap. 19 u. 20.)
        [Vorlesung aus der Thora am ersten Tage des Wochenfestes.]

                                   ———

Im dritten Monate nach dem Auszuge der Kinder Israel aus dem Lande
Ägypten, an eben diesem Tage kamen sie in die Wüste Sinai. Sie zogen von
Rephidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten in der Wüste; also
lagerte Israel daselbst dem Berge gegenüber. Und Mose stieg hinauf zu
Gott, und es rief ihn der Herr vom Berge, sprechend: so sollst du sprechen
zum Hause Jakobs und verkünden den Kindern Israels: „Ihr habt gesehen, was
ich den Ägyptern getan habe, und wie ich euch auf Adlersflügeln getragen,
und wie ich euch zu mir gebracht habe. Und nun, wenn ihr meiner Stimme
gehorchen und meinen Bund hüten wollt, dann sollt ihr mir ein auserlesenes
Volk von allen Völkern sein, denn mein ist die ganze Erde. Und ihr sollt
mir sein ein Reich von Priestern und eine heilige Gemeinde. Dieses sind
die Worte, welche du zu den Kindern Israels reden sollst.“ Und Mose kam
und rief die Ältesten des Volkes und legte ihnen alle diese Worte vor,
welche der Herr ihm geboten hatte. Da antwortete das ganze Volk einstimmig
und sie sprachen: „Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun“. Und
Mose brachte die Worte des Volkes vor den Ewigen zurück. Und der Ewige
sprach zu Mose: „Siehe, ich komme zu dir in einem dichten Gewölke, damit
das Volk es höre, wenn ich mit dir rede, daß sie auch dir glauben
immerdar“. Und es verkündete Mose die Worte des Volkes dem Ewigen. Und der
Ewige sprach zu Mose: „Gehe zum Volke, und sie mögen sich heilig halten
heute und morgen, und ihre Kleider sollen sie waschen. Und sie sollen
bereit sein für den dritten Tag, denn am dritten Tag wird der Herr sich
herablassen vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai. Du aber
sollst das Volk ringsumher abgrenzen sprechend: Hütet euch, den Berg zu
besteigen, oder sein Ende zu berühren; wer den Berg anrührt, soll des
Todes sein.

Keine Hand soll ihn berühren, er soll gesteinigt oder erschossen werden,
es sei Tier oder Mensch, es soll nicht leben; wenn aber das Horn lang
ertönt, dann können sie den Berg besteigen. Und Mose stieg hinab vom Berge
und heiligte das Volk und sie wuschen ihre Kleider. Und er sprach zum
Volke: seid bereit auf den dritten Tag, es nahe keiner einem Weibe. Und es
war am dritten Tage, als es Morgen wurde, da waren Donner und Blitze und
eine schwere Wolke auf dem Berge und auch die Stimme einer sehr mächtigen
Posaune, und es zitterte alles Volk, welches im Lager war. Und es führte
Mose das Volk dem Herrn entgegen vom Lager und sie stellten sich hin unten
am Berge. Und der Berg Sinai rauchte ganz und gar, weil der Herr sich auf
ihn herabgelassen hatte im Feuer, und der Rauch stieg von ihm auf, wie der
Rauch eines Ofens, und der ganze Berg bebte sehr. Und die Stimme der
Posaune hielt an und verstärkte sich mächtig, Mose redete, und Gott
antwortete ihm im Donner. Und es ließ sich nieder der Herr auf den Berg
Sinai, auf die Spitze des Berges, und Mose stieg hinauf. Und der Herr
sprach zu Mose: steige hinab und warne das Volk, daß sie nicht
hinzudrängen zum Herrn, um zu schauen, es könnten sonst viele von ihnen
fallen. Auch die Priester, die da hintreten zum Herrn, sollen sich heilig
halten, daß der Herr nicht einbreche unter sie. Da sprach Mose zum Herrn:
Das Volk kann den Berg Sinai nicht besteigen, denn Du hast uns gewarnt,
sprechend: umzäune den Berg und heilige ihn. Da sprach der Herr zu ihm:
gehe hinab und steige hinauf, du und Aharon mit dir; aber die Priester und
das Volk sollen nicht hinzudrängen, hinaufzusteigen zum Herrn, daß er
nicht unter sie einbreche. Da stieg Mose hinab zum Volke und sagte es
ihnen.

Und Gott redete alle diese Worte, sprechend:

„Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem
Lande Ägypten, aus dem Hause der Knechtschaft.

Du sollst keine andern Götter haben vor meinem Angesicht. Du sollst dir
kein Bild machen und keinerlei Gestalt weder von dem, was im Himmel oben,
auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an
und diene ihnen nicht; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifervoller
Gott, der da ahndet die Schuld der Väter an den Kindern bis ins dritte und
vierte Geschlecht bei denen, die mich hassen, der aber Gnade erweiset bis
ins tausendste Geschlecht denen, die mich lieben und meine Gebote halten.

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht vergeblich führen,
denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen
vergeblich führt.

Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du
arbeiten und alle deine Geschäfte verrichten, der siebente Tag aber ist
ein Ruhetag für den Herrn, deinen Gott. Da sollst du kein Werk tun, weder
du, noch dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh und
dein Fremdling, der in deinen Toren ist; denn in sechs Tagen hat der Herr
den Himmel und die Erde geschaffen, das Meer und alles was darin ist, und
am siebenten Tage hat er geruht; darum segnete der Herr den Sabbattag und
heiligte ihn.

Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf daß deine Tage lang werden auf der
Erde, welche der Herr, dein Gott, dir gibt.

Du sollst nicht morden.

Du sollst nicht ehebrechen.

Du sollst nicht stehlen.

Du sollst nicht falsches Zeugnis aussagen wider deinen Nächsten.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren
deines Nächsten Weib, seinen Knecht, seine Magd, seinen Ochsen, seinen
Esel und alles, was deinem Nächsten gehört.“

Und alles Volk nahm den Donner und die Flammen wahr und die Stimme der
Posaune und den rauchenden Berg und es bebte und stellte sich von ferne.
Und sie sprachen zu Mose: „Rede du mit uns, so wollen wir hören, möge
nicht Gott mit uns reden, wir müssen sonst sterben“. Da sprach Mose zum
Volke: „Fürchtet euch nicht, denn um euch zu prüfen, ist Gott gekommen,
und damit seine Ehrfurcht auf eurem Angesicht sein soll, damit ihr nicht
sündiget“. Und das Volk stellte sich von ferne, und Mose trat in das
dichte Gewölk, woselbst Gott war.

Und der Herr sprach zu Mose: So sollst du sprechen zu den Kindern Israel:
ihr habt gesehen, daß ich vom Himmel mit euch geredet habe. Ihr sollt
nicht neben mir machen silberne Götter, und goldene Götter sollt ihr euch
nicht machen. Einen Altar von Erde sollst du mir machen und darauf opfern
deine Ganzopfer, deine Freudenopfer, dein Kleinvieh und dein Rindvieh; an
jedem Orte, wo ich meinen Namen preisen höre, werde ich zu dir kommen und
dich segnen. Und wenn du einen Altar von Steinen mir errichten willst, so
sollst du ihn nicht aufbauen von gehauenen Steinen, denn wenn du dein
Eisen über sie geschwungen, so hast du sie entweiht. Du sollst auch nicht
auf Stufen hinaufsteigen zu meinem Altar, daß deine Blöße auf ihm nicht
offenbar werde.

                                  ——————


                            3. Das Hüttenfest.
                                   ‎‫סֻכּוֹת‬

                     Festbetrachtung am Hüttenfeste.

                                   ———

Das Fest der Hütten ist das Fest der Freude. An keinem anderen, wie an
diesem Jahresfeste, schreibt uns die religiöse Satzung die Freude vor.
„Freue dich an deinem Feste, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht,
deine Magd, der Levite, der Fremde, Waise und Witwe.“ Wir erinnern uns in
kindlicher Dankbarkeit der göttlichen Gnadenwaltung, die unseren Vätern
bei ihrem Zuge durch die Wüste zuteil geworden war. Wie die schwanke Hütte
ihnen sicheren Schutz gewährte gegen Hitze und Kälte und das Zelt des
Wanderers stark genug war, feindlichem Angriffe zu widerstehen.

Wenn die Früchte des Herbstes eingesammelt werden, feiern wir das Fest der
Hütten, das gleichzeitig ein fröhliches Erntefest war und ist. Und als
Zeichen des Erntesegens bringen wir in den traulichen Kreis der Behausung
wie in den geweihten Kreis des Gotteshauses die Palmenblätter,
Myrtenzweiglein, Bachweiden und die goldige Ethrogfrucht, sie alle in
unseren Händen vereint zu einem Bunde, wie die Hausgenossen von einem
Familienbande umschlossen sind und zu gemeinsamer Freude sich friedlich
vereinigen. Die bescheidene Hütte ist uns nicht minder ein Zeichen der
Demut und der Zufriedenheit, des stillen Glückes, das die kampfgewohnten
Menschen beruhigt und vereinigt. So verkündet das „Fest der Freude“ mit
seinen sinnigen Zeichen den Frieden und die Eintracht. Ist die Palme das
Sinnbild der männlichen Kraft, dann ist die Myrte mit ihrem sanften Glanze
und würzigem Dufte, dem Weiß der vollen Blüte dem Frauenbilde gleich; und
der Weide bescheidener Zweig, vereint mit dem prunkvollen Goldgelb der
Ethrogfrucht, stellt den ersehnten Ausgleich dar zwischen Beglückten und
Bedrückten. Alle finden sich zusammen unter gemeinsamem Dache der Hütte,
über welcher der allen gleiche Himmel sich wölbt. Alles aber stellt uns
den Geist des Glaubens dar, den Geist der heiligen Lehre, der unser
jüdisches Leben durchdringt und umringt; der auch das Hüttenfreudenfest in
deutlicher Rede verkündet. Denn es erzählt von Gottes Liebe und
Beschirmung, von reiner, inniger Freude, die allen Menschen zuteil wird.
Es ruft uns mit lockender, sanfter Stimme in die vor Einsturz sichere
Hütte aufrichtigen Gottvertrauens, in der wir Schatten finden am Tage vor
der Sonnenglut, der Leidenschaft, der Mißgunst und Verirrung, Bergung in
der Nacht vor der Kälte liebloser Mitwelt und den Enttäuschungen des
ränkevollen, harten Lebens. Wir wollen freudig in Deinem Schutze uns
bergen, denn in Deinem Hause weilen Liebe und Freude.

                                  ——————

                   Gebet am Vorabend des Hüttenfestes.

                                   ———

Herr der Welt, ewig gütiger Wohltäter der Menschen! In Deiner Liebe hast
Du uns, den Kindern Deines treuen Volkes, das _Hüttenfest_ eingesetzt,
_auf daß wir uns freuen sollen vor dem Herrn, unserem Gotte_. Und also
heißt es in Deiner heiligen Lehre: „_Am fünfzehnten Tage des siebenten
Monats, wenn ihr eingesammelt habt die Früchte der Erde, da sollt ihr ein
Fest feiern dem Ewigen, sieben Tage._“ Da sollen wir anerkennen mit
freudigem Danke, daß Du, Herr, wiederum unsere Speicher gefüllt hast mit
dem Ertrage der Felder.

Ach, wie so ganz stimmt dieses Gebot mit dem innigsten Bedürfnis unseres
Herzens überein! In wessen Seele könnte das Gefühl des Dankes und der
Freude unerweckt bleiben bei dem Beginn des Herbstes, wenn der Gedanke
sich auf die Größe Deiner Gnade richtet, die sich offenbaret in der Fülle
Deiner Gaben, mit der Du in dem nun schon hinschwindenden Sommer unsere
Felder gesegnet hast, auf daß wir getrosten Mutes auf die Zeit hinblicken,
da nicht Saat und Ernte sein wird.

Bedarf es denn aber eines besonderen Festes, einer absichtlich erregten
Stimmung, um uns diesen Dank und diese Freude lebhafter empfinden zu
lassen? Erinnert nicht jedes Brot, das wir genießen, das auch im Winter
uns nicht fehlt, daran, daß Du, o Herr, der Spender aller Gaben bist, die
uns Nahrung und Erquickung gewähren?

Freilich wohl bedarf es eines Festes; und auch hierin, daß Du es uns
eingesetzt, gibt sich Deine Liebe kund. Nur allzuweit entfernen die
verschiedensten Lebenswege, die verschiedensten Beschäftigungen mit all
ihren Gedanken und Sorgen von dem süßesten, reinsten Genuß auf Erden; der
Freude und der Erbauung an den Vorgängen in der Natur. Nicht wir alle
pflügen den Boden und ernten die Frucht der Saaten. Der Reiche labt sich
am gesegneten Tische, doch seine Hand hat keine Furche in die Erde
gezogen. Der Arbeiter wendet sich von seiner Werkstatt zum Mahle, aber der
Schweiß seines Angesichts galt nicht dem Acker, aus dem sein Brot
hervorgegangen ist; und auch derjenige, der den Boden des Geistes
fruchtbar macht im Reiche der Gedanken, er ißt das Brot des Feldes, dem er
die Frucht nicht entlockt hat durch die Arbeit seiner Hand. Da betrachten
wir bald in unserer Alltäglichkeit das uns so Naheliegende teilnahmslos
als ein Fernes, und mit der unmittelbaren Beschäftigung mit der
Erzeugungskraft der Erde geht uns die Freude verloren an ihrer
Fruchtbarkeit und Schönheit.

Da ruft uns denn das frohe Erntefest herbei von allen Grenzen unseres
Berufes und spricht zu uns: Kehret zurück, ihr Kinder der Erde! Seht, der
liebende Vater hat wieder für euch gesorgt, und wenn auch das Laub
herabrieselt von den Bäumen, ihre Früchte sind für euch aufbewahrt; und
wenn die Decke des Winters auch die Oberfläche umhüllt, euch verschließt
sie den Quell der Ernährung nicht, drum kommet herbei: _und freuet euch
vor dem Herrn, eurem Gotte._

Also danken wir Dir für Deinen Segen und für dies Fest, und erkennen
frohen Herzens, daß Du es bist, der jeder redlichen Aussaat ihre Ernte,
jeder rechtschaffenen Tätigkeit ihren Lohn gibt.

Und auch, wer den Frühling seines Lebens benutzt hat als eine Zeit der
Aussaat und den Sommer seines Lebens als eine Zeit der Arbeit, der sammelt
im Herbste seine Früchte und darf den Winter seines Erdenwandels nicht
fürchten.

O laß' mich, Herr, immer stark und fest sein in dieser Erkenntnis, daß
auch das Vertrauen auf Dich als Festesfreude das Hütten- und Erntefest mir
verherrliche. Amen!

                                  ——————

                          Gebet am Hüttenfeste.
                       (Vorher Nischmath Seite 19.)

                                   ———

Du, Herr der Welt, der Du in Deiner heiligen Lehre uns geboten hast, das
_Erntefest_ zu feiern sieben Tage und an demselben den _Feststrauß_ zu
binden aus Palmen und Myrten und Bachweiden und sie zu vereinigen mit der
Frucht des herrlichen Baumes, auf daß wir mit diesem Strauße uns freuen
vor dem Herrn, unserem Gotte, Du hast auch bestimmt, daß dies Ernte- und
Freudenfest gleichzeitig ein Erinnerungsfest für uns sei, damit, wie Du es
ausgesprochen hast, „_die spätesten Geschlechter es wissen, daß ich in
Hütten die Kinder Israels habe wohnen lassen, als ich sie herausführte aus
Ägypten, denn ich bin der Ewige, euer Gott_.“

Und diese Bedeutung des Festes, diese Erinnerung an jene geschichtliche
Tatsache, ist die schönste Ergänzung zur Feier des Erntefestes. Wir haben
Deine Vatergüte erkannt in den Gaben, die auf Dein Geheiß die Natur uns
hervorbringt, und nun sollen wir auch dessen inne werden, daß Du selber
über die Natur erhaben bist, daß ihre Gesetze von Dir ausgehen, Du aber
selber ihnen nicht unterworfen bist.

Der Winter naht heran, und wir fürchten nicht, denn wir haben Vorrat
eingesammelt für die unfruchtbare Zeit und schützen uns in festen Häusern
vor den Stürmen der rauhen Jahreszeit. Anders war es bei unseren Vätern in
der Zeit ihrer Wanderung durch die Wüste. Da war nicht Saat und Ernte und
selten genug ein Quell frischen Wassers; aber die Wanderer in der Wüste
haben nicht Mangel gelitten, Du hast sie gespeist mit dem Brote des
Himmels, Du schufst das Manna zu ihrer Nahrung, und stilltest ihren Hunger
vierzig Jahre, und der Fels verwandelte sich auf Dein Wort zum lebendigen
Wasserquell.

Und sie hatten kein festes Haus, keine sichere Wohnung, weil sie keine
Heimat hatten; aber die Hütten, die sie sich bauten in der Wüste, waren
ein hinreichender Schutz für sie, denn mehr als die Hütte schützte sie
Dein allmächtiger Wille.

Und als denjenigen, dessen Wille mächtiger ist als alle Gesetze und Kräfte
der Natur, sollen auch alle späteren Geschlechter Dich verehren, und als
denjenigen, dessen Schutz allein uns, den Menschen, Bürgschaft sein kann
für ihr Bestehen auf Erden.

O, wir wären töricht, wollten nicht auch wir das erkennen. Unser ganzes
Leben auf Erden ist eine Wanderung durch die Wüste. Die Kräfte der Natur
sind nur zum Teil für uns, zum Teil sind sie auch gegen uns. Von tausend
und abertausend Gefahren sind wir bedroht; Du aber, o Herr, schützest uns,
und Deine Fügungen für unser Heil sind nicht minder wunderbar, als Deine
Taten für unsere Väter.

Ja, unser Leib selber ist nur eine zerbrechliche Hütte, die jedes Unwetter
und jeder böse Zufall vernichten kann, so Du nicht mit Deiner Liebe ein
schützendes Zelt über uns ausbreitest.

Du aber hast es ausgesprochen: In Hütten sollt ihr wohnen, wie Eure Väter
in Hütten gewohnt haben, und trotzdem nicht fürchten: denn „_ich, der
Ewige, bin ja euer Gott!_“

So ist es gewesen bis heutigen Tages. Auch das Leben unseres Volkes war
eine Wanderung durch die Zeiten, durch die Jahrtausende, durch die
traurige Wüste, aber Deine Hand hat uns bewahrt vor dem Untergange, und
endlich führtest Du uns dennoch in das gelobte Land, in das Reich auf
Erden, in dem alle Menschen, als Brüder vereint, Dich anbeten und den
Namen des Einzigen preisen sollen. Amen!

                                  ——————

                           Die Hallel-Psalmen.
                               (Seite 39.)

                                  ——————

                    Gebet beim Herausheben der Thora.
                               (Seite 44.)

                                  ——————


                            4. Das Schlußfest.
                                ‎‫שְׁמִינִי עֲצֶרֶת‬

                             Festbetrachtung.

                                   ———

„Besser ist der Dinge Ende, als ihr Anfang.“ So lautet eines der
Weisheitsworte des Denkers, der in dem Koheleth-Buche zu uns spricht, das
wir im Verlaufe dieses Festes lesen. Es ist ein trostreicher,
herzstärkender, ermutigender Kernspruch, der uns schaffensfreudig und
zukunftsfroh machen soll. Am Tage des Schlußfestes zumal gewinnt dieser
Gedanke besondere Bedeutung. Die Reihe der Feste ist nun bald geschlossen.
Eine ernst-ehrliche Rückschau soll zu dem befriedigenden Ergebnis führen,
daß „das Ende besser ist als der Anfang“. Wie würde doch jede Kraft
gelähmt, jeder Plan zerstört, jede Hoffnung getötet werden, wenn nicht
diese Zuversicht uns erfüllte? Im Keime müßte jede Saat verderben und
ersterben, wenn nicht die beschwingende Kraft dieser Aussicht den Mut des
Sämanns heben würde. Alles Gedeihen, alle Arbeit, aller Fortschritt ruhen
auf dem fruchtbringenden Boden dieser Überzeugung. — Versöhnt mit Gott und
Menschen, gesühnt von Schuld und Fehlern hat uns die Zeit der Rückkehr,
der Buße und der gnadenreichen Fülle des Versöhnungstages. Reine
Herzensfreude und aufrichtende geschichtliche Erinnerung brachte uns das
Fest der Hütten. Denn es greift nach seinem Wesen und Festgedanken zurück
auf das Fest der ungesäuerten Brote, da es ja gleich diesem an den Auszug
aus Mizrajim gemahnt und auch an das Fest der Offenbarung, die dem Volke
Israel in der Wüste zuteil geworden war, in der unsere Ahnen in Hütten
gewohnt hatten. So steht das Schlußfest am Ende der Reihe und sammelt die
Gedankenernte aller Festeszeiten, heimst den Gefühlsertrag ein, den jene
schönen, guten Tage aufgehäuft haben sollen. Das sichere Ergebnis ist ein
wahrer, tiefer Segen für Israel. „Dies ist der Segen“; so beginnt der
letzte Abschnitt des fünften der Mosesbücher, das wir am Fest der
Thorafreude lesen. Das ist der Segen, der unseren Festen stetig entströmt.
Sie rufen große Tage großer Geschichte wach; festigen uns zu gestähltem
Gottvertrauen, hämmern unseren Charakter, adeln unser Volksbewußtsein und
erweitern es zu allumfassender Menschenliebe.

Um den aus Wolken quellenden Regen und Segen beten wir an diesem Tage. Er
befruchtet die Scholle und lockert das Erdreich. So strömt die heilige
Lehre in unser empfängliches Herz, träufelt das Wort Gottes Heilung und
Labung in alle schwachen Gemüter. Wenn der Fuß des müden Weltwanderers
über raschelndes, dürres Laub schreitet und Nebelschleier sich vom
feuchten Himmel zur Erde senken, Vogelsang verstummt und der Sonne sonst
wärmender Strahl nur fahl und kalt durch nebelfeuchtes Dunkel dringt; dann
verzagt mein Herz nicht und ist nicht bange. Denn: „Es ward Abend und es
ward Morgen“. Das Abendrot ist der Bruder des Morgenrots. Das „Ende der
Dinge ist besser als ihr Beginn“. Aber in dem Ende schlummert der Trieb zu
neuem Leben in nie versiegender Schaffenskraft, in unaufhörlichem
Kreislauf. Wie in dem Menschenkörper der Kreislauf des Blutes vom Herzen
zum Herzen das Leben bedingt, so wirkt der Feste Jahreskreislauf belebend
auf den Körper des Judentums. Sein Herz aber ist die Thora, die Lehre des
Lebens, seine Seele der feste Glaube an den einzigen Gott.

                                  ——————

                          Gebet am Schlußfeste.
                      (Vorher Nischmath, Seite 19.)

                                   ———

Herr und Vater! Der Feststrauß ist aus der Hand gelegt, die Hütte ist
verlassen, diese sinnbildlichen Darstellungen unserer Festgedanken sind
nicht mehr verknüpft mit der Feier des heutigen Tages. Mit kurzen Worten
hast Du uns unsere Aufgabe angedeutet, die für diesen Tag uns geworden:
„Und am achten Tage sollt ihr feierliche Festversammlung halten, ein
_Schlußfest_ soll es euch sein.“

Aber ich kenne den Sinn dieser Aufgabe; sie fordert von mir, daß ich am
Schlusse der heiligen Feiertage noch einmal die Andacht meines Herzens
erwecke, um die Gedanken, die an den heiligen Tagen meine Seele erfüllt
haben, noch einmal an mir vorüberzuführen, und den Gewinn, den mein Geist
in ihnen gesammelt hat, als bleibendes Gut mit hinüberzunehmen in das
Leben der Alltäglichkeit.

Es hat das heilige _Neujahrsfest_ mir Gott den Herrn gezeigt als den
allwissenden Richter, der die Handlungen der Menschen kennt und ihre
innersten Gedanken. Vor diesem Richter kann die Lüge nimmer bestehen, der
Trug zerfällt in nichts, und kein Schein kann vor ihm die Wahrheit
verhüllen. Aus all' den Betrachtungen, die an jenem Fest in mir rege
wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß der Mensch nur dann weise
handelt, wenn in jedem Augenblicke seines Lebens das Bewußtsein in ihm
klar ist, daß Gott der Herr seine Wege kennt und seine Taten prüft. Wie
sollte der nicht auf dem Gleise der Rechtschaffenheit und Tugend bleiben,
der es nie vergißt, daß er Rechenschaft geben muß vor dem Allwissenden für
alle seine Schritte!

Es hat alsdann der große _Versöhnungstag_, mit seinem ganzen mächtigen
Eindruck auf unser Gemüt, Gott den Herrn mir gezeigt als den Gott der
Gnade, der die Sünden der Menschen vergibt, so sie in wahrer Reue ihn um
Vergebung anflehen. Aber dieser Reue mußte die strengste Selbstprüfung
sich verbinden, auf daß der Mensch sich des Unterschiedes bewußt werde
zwischen dem, was er in Wirklichkeit leisten kann, und dem, was er in
Wirklichkeit leistet. Wir sollen es kennen lernen, daß die Neigung zum
Bösen nicht zu den Naturnotwendigkeiten gehört, denen der Mensch
unterworfen ist, daß es vielmehr in unserer Kraft liegt, das Gute zu üben
und das Böse zu fliehen. Aus all' den Betrachtungen, die an jenem Feste in
mir rege wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß strenge
Selbstprüfung die beste Führerin ist, dem Irrenden die rechte Bahn zu
zeigen, die beste Beschützerin ist gegen jede feindliche Macht der
Versuchung. Wie sollte der nicht auf dem Gleise der Rechtschaffenheit und
der Tugend bleiben, der bei allen seinen Schritten sich selber prüft, ob
nur die Neigung des betörten Herzens ihn leitet, oder ob Vernunft,
Religion und Gottesfurcht sein Bestreben billigen!

Es hat das fröhliche _Hüttenfest_ mir Gott den Herrn gezeigt als den
liebenden Vater, der für alle seine Geschöpfe sorgt, der ihnen Saat und
Ernte, Früchte und Labung gibt, damit es ihnen niemals an dem mangle,
dessen sie bedürfen, und daß sie viel des Guten noch darüber hinaus
genießen dürfen, auf daß ihr Herz fröhlich sei; der auch in den Zeiten der
Not den Menschen beisteht und seine Güte nie abwendet von denen, die auf
ihn vertrauen. Aus all' den Betrachtungen, die an diesem Feste in mir rege
wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß Gott der Herr Freude hat an
unserer Fröhlichkeit. Wie sollte auch der die Gleise der Rechtschaffenheit
und Tugend finden, wie sollte der beitragen zum Glücke seiner
Nebenmenschen und zu ihrer Freude, der nur trüben Sinnes einherwandelt auf
Erden, die Erde für eine Stätte des Jammers und der Finsternis hält, der
Freude keinen Vorzug gibt vor dem Leide, der Tugend keinen Vorzug vor dem
Laster, der Liebe keinen Vorzug vor dem Hasse.

Das sind die Lehren und die Vorteile, die ich aus den Tagen der Festzeit
mit hinübernehmen will in die Tage der Alltäglichkeit: daß Gott der Herr
alle meine Wege kennt, und daß ich vor ihm Rechenschaft ablegen muß, daß
die strengste Selbstüberwachung und Selbstprüfung die beste Führerin ist,
die den rechten Weg mir zeigt, und daß Gott der Herr es will, daß ich des
Daseins auf Erden mich freue und im Bewußtsein seiner Liebe fröhlich sei
und Frohsinn um mich verbreite.

Mein Gott! Gib zu all' dem mir Deinen Beistand und Deinen Segen. Amen!

                                  ——————

                           Die Hallel-Psalmen.
                               (Seite 39.)

                                  ——————

                    Gebet beim Herausheben der Thora.
                               (Seite 44.)

                                  ——————

                                   ‎‫גֶּשֶׁם‬
                       Herbstgebet am Schlußfeste.
        Betrachtung über den Regen siehe Seite 45 „Tau und Regen“.

                                   ———

    Nun am Fest, dem Schluß der Feste,
    Die wir, Schöpfer, Dir geweiht,
    Die uns ernst und freundlich brachte
    Dieses Monats heil'ge Zeit,
    Sei vor Dir noch eine Bitte
    Uns'res Herzens dargelegt;
    O, vernimm es wohlgefällig,
    Was zum Bitten uns bewegt:

    Ewig rollt das Rad der Zeiten
    In dem sichern, festen Gleis,
    Tage kommen, Tage schwinden
    In der Jahreszeiten Kreis.
    Kürzer wird die Bahn der Sonne,
    Matter ihr belebend Licht,
    Und schon zeigt mit trübem Ernste
    Uns der Herbst sein Angesicht.

    Und der Herbst, er wird vergehen,
    Trüber noch, als er erschien,
    Und der Winter wird die Schatten
    Über uns're Erde zieh'n;
    Und die Stürme werden toben,
    Und der Tag wird seine Macht
    Schüchtern eilend überlassen,
    Weichend schnell, der strengen Nacht.

    Und der Frost, er wird erstarren
    Alles, was die Erde schmückt,
    Wenn auf sie die weiße Hülle
    Uns der Wolkenhimmel schickt.
    Da ist Sprossen nicht und Keimen,
    Nicht ein Wachsen und Gedeih'n,
    Da wird nicht der Fluren Segen
    Aller Menschen Freude sein.

    Böse sind die kalten Tage,
    Düster ist die Winterszeit!
    O, wir werden sorgsam suchen
    Schützend Obdach, warmes Kleid.
    Doch wenn auch der Armut Bürde
    Mit des Mangels Last bedroht,
    Fürchten muß er, ach, mit Schrecken,
    Wintershärte, Wintersnot.

    D'rum, o Schöpfer, nimm in Liebe
    Gnädig uns're Bitte auf:
    Mach' uns freundlich auch den Winter
    In der Jahreszeiten Lauf;
    Laß' ihn nicht zu strenge walten;
    Und sein ernstes Angesicht
    Trübe uns're Lebensfreude,
    Uns're Lust, zu hoffen, nicht.

    Laß' der Speicher Vorrat reichen,
    Daß wir ohne Furcht dabei
    Wissen, daß am Tisch der Armen
    Nicht der Hunger Herrscher sei;
    Daß wir ohne Furcht und Zagen
    Sorglos in die Zukunft seh'n,
    Und dem Frühling und dem Sommer
    Frohen Mut's entgegengeh'n.

    Tu's, um Deiner Liebe willen,
    Die Du immer uns bewährt,
    Du, Du bist ja unser Vater,
    Der die Kinder gern ernährt.
    Tu's, um Deiner Liebe willen,
    Die Du immerdar geübt,
    Denn es ist nicht uns're Tugend,
    Die ein Recht, zu hoffen, gibt.

    Tu's, um Deiner Liebe willen,
    Wie Du stets uns wohlgetan,
    Wie Du stets die Deinen leitest
    Auf des Heiles rechter Bahn.
    Ja, wir wollen auf Dich harren,
    Stets auf Deine Liebe bau'n!
    Du verlässest nie die Frommen,
    Die in Demut Dir vertrau'n! Amen!

                                  ——————

                             Simchath-Thora.
                               ‎‫שִּׂמְחַת תּוֹרָה‬

                             Festbetrachtung.

                          „Seid fröhlich und freudig am Simchath-Thora
                          Und Ehre verleihet der Thora.
                          Das Köstlichste ist sie der Güter,
                          Teurer als Gold- und Perlengeschmeide.“

Unerschöpflich scheint die Quelle, aus welcher Propheten, Dichter und
Sänger des Judentums ihre helle Begeisterung für die Thora schöpfen. Wenn
sie von der Thora künden, sprechen und singen, dann erfüllt die Rede
inbrünstige Andacht, die Dichtung höchster Gedankenschwung, den Gesang
wundersam ergreifende Melodie; alle sind von den reinsten, edelsten
Gefühlen getragen. Die Thora ist die Sonne, die das ganze jüdische Leben
erwärmt, durchleuchtet vom ersten bis zum letzten Tage des Jahres, des
Lebens. — Sie ist Lehrerin, Erzieherin, Trösterin, ist Führerin, Warnerin,
Meisterin. _Sie gibt Haltung und Festigkeit dem Glücklichen; Regel und
Ordnung dem Leben._ Des Gesetzes starke Hand leitet durch die Irre und
Wirrnis; führt an Anstoß und Hindernis sicher vorüber. Handel und Wandel
weist es die Wege, Lieben und Meiden zeigt es den Pfad. Gutes und Böses
lehrt es scheiden, Recht und Unrecht mit Klarheit erkennen. Das Thorawort
ist tief und wahr, der Thorageist ist gerecht und milde. _Sie gibt Kraft
und Weisung dem Unglücklichen; Richtung und Zweck dem Leben._ Sie ist das
Leben. Seit uralten Tagen der Vorzeit hat sie sich dem Judentume als
lebenerhaltende Kraft bewährt. Im buntwechselnden Wogen der Völker, die
durch Jahrtausende der Geschichte kamen und gingen, ist das Judentum
aufrecht und im Wesen unverändert geblieben. Das will auch die Sage
erzählen, welche meldet, daß Gott selbst seine Thora zu allen Völkern der
Erde trug, sie ihnen anzubieten, sie aber die Gotteslehre als unannehmbar
zurückwiesen, bis endlich nach langer Irrfahrt Israel sich bereit fand und
erklärte, „die Last des Gesetzes“ zu tragen und die Sendung übernahm, den
Glauben an den Einzigen und Einen in der ganzen Welt zu verbreiten, und
mit diesem Glauben den friedenstiftenden Gedanken der Menscheneinheit,
Menschenliebe, Menschenerlösung. Denn von einem Menschenpaare läßt die
altehrwürdige Erzählung der heiligen Schrift alle Menschen stammen und
schafft so die Vorstellung gleicher Würde aller Menschenkinder, denen Gott
ein Allvater ist. Und nur auf diesem geweihten Boden konnte die
Wunderblume der unbedingten „Nächstenliebe“ wachsen; man hat sie zu
entwurzeln und als einem anderen Muttergrunde entsprossen zu bezeichnen
versucht. Vergeblich. Dieser Ruhm gebührt unserer Thora; diese Botschaft
hat sie der lauschenden Mit- und Nachwelt gebracht.

Deshalb auch freuen wir uns an diesem Tage, beglückt durch solche
Betrachtung und in allen Widerwärtigkeiten gestärkt durch diese
geschichtliche Überzeugung. Deshalb lesen wir das letzte und das erste
Wort der Thora am heutigen Tage der Thorafreude, den ewigen,
ungeschmälerten Wert der heiligen Lehre anzuerkennen, deren Anfang und
Ende Liebe ist. In festgeschlossener Kette reiht sich Sabbat an Sabbat im
Jahreslaufe. Ein gottesdienstliches Jahr schließt unmittelbar an das
andere. Wenn wir das Schlußwort der Thora hören: „Vor den Augen aller
Kinder Israel“, klingt uns schon vertraulich und bekannt die Botschaft
entgegen: „Im Anfange hat Gott Himmel und Erde erschaffen.“ Glücklich im
Besitze des Kleinods, hüten wir es treu und sorgsam. Und zum Zeichen, daß
die Thora uns auf allen Wegen sicheres Geleite gibt, tragen wir die
ehrwürdigen Rollen liebevoll in unseren Armen und umschreiten in
feierlichem Zuge den heiligen Schrein, in dem sie ruhen. Sie, die Thora,
ist Losung im Kampfe, Losung zum Siege.

    „Freuen und jubeln lasset uns am Simchath-Thora,
    Denn sie ist uns Kraft und Leuchte.“

                                  ——————

                         Gebet am Simchas Thora.
                                ‎‫שִּׂמְחַת תּוֹרָה‬

                                   ———

Herr und Vater! Es heißt von Deiner heiligen Lehre: „_Sie soll nicht
schwinden aus Deinem Munde und aus dem Munde Deiner Nachkommen in
Ewigkeit!_“ und eben darum machen wir an dem heutigen Festtage dieselbe
Stunde, in der wir die Vorlesung aus der Lehre Moses beendigen, zur Stunde
des Wiederbeginnens. Nie soll es in unserem Leben eine Stunde geben, die
uns außerhalb der Beschäftigung mit den heiligen Büchern der Thora fände,
eine Stunde, von der wir sagen können, wir haben die Durchlesung zwar
beendet, aber noch nicht wiederbegonnen. Und ist auch dies nur ein
äußerliches Werk, so ist es uns doch ein Zeichen und eine Mahnung, daß wir
nie aufhören sollen in der heiligen Lehre zu forschen, daß wir es nie
imstande sind, ihren ganzen Inhalt zu erschöpfen, daß wir nicht immer
wieder aufs neue Belehrung, Trost, Weisheit und Erbauung in ihr zu finden
vermöchten. Und das ist auch am heutigen Feste, dem Tage, den wir „die
Freude des Gesetzes“ nennen, der Sinn dieser Freude, daß in der Lehre ein
ewiger, nie versiegender Quell des Heiles uns gegeben ist, dessen Labung
eine immer süßere wird, je mehr wir aus ihm schöpfen.

Aber auch eine hiervon ganz verschiedene Betrachtung macht uns diesen Tag
würdig. Wie ein erhabenes Kunstwerk aus dem Reich der Töne, das bald ernst
und würdig, bald stürmisch brausend, bald süß und liebkosend, bald zürnend
und erschütternd, aber immer in gleicher Pracht und Herrlichkeit zu uns
geredet hat in den verschiedenen Melodien, wie ein solches Kunstwerk der
Töne endlich verhallt in leiser, zitternder Klage, so verhallt am heutigen
Tage der Inhalt des Gottesbuches in der Erzählung vom Tode des
herrlichsten der Menschen, des göttlichen Propheten. Aber auch dieser
Schluß, er enthält noch eine hohe unschätzbare Lehre der Weisheit. Mose,
der Mann Gottes, der sein Leben und Streben eingesetzt für das Glück
seines Volkes, für das Glück der Menschheit, er sieht das Ziel seiner
Taten von ferne, er selbst genießt keine Frucht seiner treuen Aussaat. Von
der Höhe des Berges schaut er das herrliche Land, in das sein Volk
einziehen soll, er selber aber zieht ein in die Heimat der seligen
Geister. Laß' dieses Leben, diesen Tod, o Herr, mir eine Lehre sein! Nicht
der Genuß sei das Ziel unseres Strebens, sondern die edle Tat. _Gutes
wirken, das allein heißt leben._ Die Bahn der Tugend ebnen für andere, das
heißt auch selber auf ihr wandeln. Nicht strebe meine Seele darnach, zu
herrschen über andere und zu glänzen vor Anderen, wohl aber ein
leuchtendes Vorbild zu sein für andere in edlem Wollen und Wirken, um
endlich in der Stunde des Scheidens aus der Erdenwelt das Bewußtsein
mitzunehmen in die Ewigkeit, keine Kraft, die der Herr mir gegeben,
unbenutzt gelassen, sondern sie angewandt zu haben zum Wohle der Menschen
und zur Ehre Gottes.

All' mein Lebtag möchte ich eine würdige Schülerin des großen Lehrers
sein, dem nie ein _Prophet geglichen, der die Herrlichkeit Gottes geschaut
von Angesicht zu Angesicht_. Amen!

                                  ——————



                    III. Gebete für die ernsten Feste.
                                ‎‫יָמִים נוֹרָאִים‬


                           1. Das Neujahrsfest.
                                 ‎‫רֹאשׁ הַשָּׁנָה‬

                                   ———

                               Zwei Tränen.
                    Festbetrachtung am Neujahrsfeste.

                                   ———

Wenn es in irgend bedeutsamen Augenblicken geschieht, daß es uns an Worten
gebricht, uns auszudrücken und mitzuteilen — wie muß uns die Sprache nicht
ohnmächtig erscheinen in einem Augenblicke, der für unser Leben immer der
bedeutsamste bleibt, am Anfange eines neuen Jahres! Was da uns erfaßt, was
da uns bewegt, wie da von hinterwärts und vorwärts, aus der Vergangenheit
und Zukunft, Ströme von Empfindungen und Gefühlen in unser Herz sich
ergießen, wie da Erinnerungen und Hoffnungen in unserer Brust auf- und
niederwogen, wie könnte solch ein vielgestaltig Bild durch den langsamen
Griffel des Wortes wiedergegeben werden! Dafür aber hat uns der Schöpfer
eine andere Sprache gegeben: Was die Rede nicht meistert, was das Wort
nicht sagen kann, — es sagt's die _Träne_. Und ob sie in nicht verhaltenem
Gusse die Wange mag herniederperlen, oder ob wir, uns bewältigend, sie
nach innen weinen, wer den überwältigenden Gedanken dieses Tages denkt, er
weint die Träne, die Zeugin seiner Herzenswallung, _die Träne des Leides
und die Träne der Freude_.

Das vergangene Jahr, es will sein Recht. Und ob man gleich die Zeit eitel
und flüchtig nennt, für den hat sie eine eiserne Gegenwart, dem sie wehe
getan, ihm schwebt das Bild seiner trüben Erfahrungen vor den Augen, als
wäre es mit ewigem Griffel gezeichnet, und oft ist der Schmerz noch so
wenig vernarbt, daß es nicht einmal der Erinnerung bedarf, um die Träne
des Leides in sein Auge zu drängen.

Wer aber hätte sich nicht einmal von der Hand des Geschickes unsanft
erfaßt gesehen, oder wer hätte nicht die oft noch unsanftere Berührung
empfunden, mit welcher Menschen unser innerstes Gefühl verletzend
antasten? Ob das Geschick, oder ob die Menschen sie uns erpreßt, sie
fließt, die _Träne des Leides._

Ob wir durch Sorgen uns hindurchgewunden, um das tägliche Brot, ob wir zu
den Füßen erblicken die Trümmer von Hoffnungen, Wünschen und Entwürfen,
oder ob wir als leer und nichtig erkennen, was wir einst fest und sicher
glaubten, die Freundschaft, die Treue, die Hingebung, die alles kündigt,
dies alles umschließt eine _Träne_.

Aber nicht bloß des Schmerzes Zeugnis ist sie, diese _Träne_, sie ist auch
des Trostes Erweckerin. Ist es doch dem Weinenden, als ob er mit ihr auch
seinen Schmerz ausgösse, denn sie erweckt in uns den Gedanken, daß Gott es
war, der über uns entschieden. Wie traurig wäre es, wie könnten wir es
ertragen, wenn sich zu dem Schmerze auch noch der Zweifel gesellte, wenn
unser trostbedürftiges Herz der Gedanke umstrickte: Es war alles nur des
Zufalls Spiel. Eine kalte Naturnotwendigkeit hat das Liebste uns vom
Herzen gerissen, ein blindes Geschick hat der Sorgen Last über uns
ausgeschüttet. Darum spricht dieser Tag mit seinen schmerzlichen
Erinnerungen uns den Trost zu: Er, der die Zeiten dahinrauschen läßt, ist
es auch, der der Zeiten Ereignisse bestimmt. Wohl gibt es ein Festes, ein
Notwendiges, demgegenüber all unser Wollen und Streben ohnmächtig sich
erweist, aber es ist nicht die erklärungslose Festigkeit eines Fatums,
nicht die starre Notwendigkeit der Natur, es ist vielmehr der zweckvolle
Wille einer höheren Weisheit. So ist die _Träne des Leides_ zugleich die
Erweckerin des Trostes. Und wenn wir nicht nur um uns, sondern auch in uns
schauen, und in dem niederdrückenden Gefühl unserer Schwäche, in dem
Bewußtsein unserer Fehler und Mängel auch die Träne der Schuld vergießen,
so ist sie allerdings auch die des Leides, aber, wer Tränen vergießt, ob
seiner Schuld, der fühlt die Sehnsucht nach Vervollkommnung, der hat das
Streben nach Besserung, und mit dem Streben nach Besserung kommt das
Selbstvertrauen und die Träne wird zur Quelle des Trostes.

Aber auch eine _Träne der Freude_ haben wir zu weinen! War denn ein Tag im
hingeschwundenen Jahr, dem nicht auf die Nacht das Morgenrot gefolgt wäre?
Und hat sich nicht mit jedem Morgen die Güte des Herrn neu an uns
bewiesen? Ruft doch selbst jener Sänger, der den schmerzlichen Fall
Israels gesehen unter Klagen aus: „_Ja, die Güte Gottes, sie hört nicht
auf, seine Gnade schwindet nicht, wie von neuem stets der Morgen tagt, so
erneuert sich Deine Güte._“ Und wer hätte selbst, wenn ihm die Hand des
Herrn noch so wehe getan, von derselben Hand nicht auch der Wohltaten
Fülle empfangen? Hat er nicht vielfach den Lohn seines Fleißes, das
Gedeihen des Werkes seiner Hände erblickt? So manches von dem, was er
erstrebt, gewünscht, versucht, hat sich verwirklicht und erfüllt. Und dann
vor allem, erblickt er nicht diesen Tag? Hat er nicht das Leben? Wer aber
Leben hat, der hat auch Hoffnung. So fließet denn in der _Träne der
Freude_, wie sie der dankbare Erguß unseres Herzens ist, zugleich der
Quell der Hoffnung. Und wann bedürfen wir der Hoffnung mehr, als heute, da
wir ein neues Jahr beginnen, da unser Auge sich auf die Zukunft richtet,
die vor uns liegt, umhüllt von dem dichten Schleier des tiefsten
Geheimnisses. Die Hoffnung allein gibt uns den Mut, der Ungewißheit nicht
zu achten und getrost den Fuß auf unbekannten Pfad zu setzen, sie ist die
Stimme, die zu uns spricht mit fast überzeugender Kraft der Beruhigung.
Und was ist es, das wir hoffen! Sollten nicht, wie in dem
dahingeschwundenen Jahre, so viel Denkmale aufgerichtet stehen, von Gottes
Gnade und Güte, als wir Stunden durchlebt haben, sollte nicht ebenso in
dem kommenden die Kette der Gnadenzeugnisse sich fortsetzen? Und wenn wir
auch hier nicht um uns, sondern in uns schauen und, in dem Bewußtsein, daß
Gott trotz unserer Fehler und Schwächen und Sünden dennoch uns seine Güte
nicht entzogen hat, eine _Träne der Reue_ weinen, und wenn sich dabei die
Zuversicht kräftigt, daß Gott uns auch bei dem Werke unserer Veredlung
beistehen wird, dann ist auch diese Träne eine _Träne der Freude_ und auch
sie erscheint als ein frischer Lebensquell der Hoffnung.

Und so treten wir getrost in das neue Jahr, denn wir hoffen auf den, der
in der Zeiten Wandelbarkeit allein unwandelbar ist. Beherzigen wir, was
mit der Vergangenheit uns versöhnt, für die Zukunft uns stärkt. Tröstlich
ergeben in die Vergangenheit, die Gottes war, mutig hoffen auf die
Zukunft, die Gottes sein wird, das ist die Lehre dieses Tages — die Lehre
_zweier Tränen_. Amen!

                                  ——————

                     Am Vorabend des Neujahrsfestes.

                                   ———

    So sinke nun hernieder
    Du letzter Tagesrest,
    Des' letzter Schimmer wieder
    Ein Jahr uns enden läßt!
    Das neue wird erscheinen
    Nun bald im Abendstern,
    Der ruft, uns zu vereinen
    In Demut vor dem Herrn.

    Wir trauen Deiner Liebe
    O, Herr, und fürchten nicht,
    Du, Vater, uns! o übe
    Mit uns ein mild' Gericht!
    All' uns're Lebenspfade
    Bestimmst Du, Herr, allein,
    O, schreib' ins Buch der Gnade,
    Allgütiger uns ein.

                                  ——————

                  Gebet am Vorabend des Neujahrsfestes.
                           (Zum Jahreswechel.)

                                   ———

Allmächtiger! So oft ich nachdenke über mein Verhältnis zu Dir, so oft
erfüllt die Betrachtung Deiner Größe und Ewigkeit, gegenüber meiner
Hinfälligkeit und Vergänglichkeit, meine ganze Seele mit Demut und Zagen,
aber das Bewußtsein Deiner Liebe richtet sich wieder auf, und im Gebete zu
Dir finde ich mich wieder als Dein _Kind_, finde ich _Dich_ wieder, als
meinen Vater.

Das ist mein wahres Verhältnis zu Dir, und im Gefühle desselben will ich
auch jetzt die Gedanken und Wünsche meines Herzens vor Dir offenbaren, wie
ein Kind mit dem Bekenntnis seiner Empfindungen vertrauensvoll hintritt
vor seinen Vater, jetzt, da der Ernst einer weihevollen Stunde zum Gebete
mich mahnt, jetzt, da die letzten scheidenden Strahlen der Sonne nicht
bloß einen Tag, sondern ein ganzes Jahr beschließen.

Was ist ein Jahr vor _Dir_? „Tausend Jahre sind vor Dir dem gestrigen Tage
gleich, der schnell vorüberzog._“ Was aber ist ein Jahr vor _mir_? Ein
großes Stück meines Lebens. „Denn uns'rer Jahre hohe Zahl ist siebenzig,
und ausgezeichnet ist's, wenn deren achtzig werden._“ Darum gleitet die
Stunde des Jahreswechsels dem denkenden Sinne nicht unbeachtet vorüber,
und der wache Geist vernimmt den Zuruf: Steh' still, Wanderer, auf der
Lebensbahn, steh' still und schaue um dich!

Und so richte ich denn meinen Blick zurück auf die Tage des verflossenen
Jahres. Mancher von ihnen ist hingegangen, und er ragt nicht hervor aus
der Reihe der übrigen, seine Ereignisse sind meinem Gedächtnisse
entschwunden; mancher hingegen hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt
und einen bleibenden Denkstein hingestellt auf den Pfad meiner Erinnerung;
alle haben wie die Glieder einer Kette sich an einander gereihet, die
abgelaufen ist von dem Rade meines Erdenwandels. Wiederum habe ich den
Ernst des Lebens mehr erkannt, und neue Änderungen sind eingetreten in
meinem Streben und in meinen Neigungen, neue Spuren der Erfahrung haben
sich eingegraben auf die Tafel meiner Weltanschauung. Und hervorgegangen
aus allen diesen Veränderungen ist mehr und mehr das Bewußtsein, daß es
nur ein Glück gibt auf Erden, das des Ringens und Strebens würdig ist, das
ist ein friedliches Gewissen, ein reines Gemüt, das freien Mutes hintreten
kann vor Dich, seinen Schöpfer.

Viel des Guten habe ich erfahren in den Tagen des verflossenen Jahres.
Unausgesetzt hat die Liebe der Meinigen mein Herz erquickt, oft habe ich
mich des Abends zur Ruhe gelegt mit dem süßen Gefühle erfüllter Pflicht,
oft ist mir die Gelegenheit geworden, das Herz meines Nebenmenschen zu
erfreuen, oft habe ich mit Freuden beobachtet, wie das ganze
Menschengeschlecht fortschreitet auf der Bahn der Erkenntnis und der
Einsicht, oft genug habe ich mit Stolz es wahrgenommen, wie mein Volk, das
Haus Israels, seine Fähigkeit offenbart und seine Bestimmung nicht
verleugnet, voranzuleuchten als Licht des Glaubens und der Gotteslehre
allen Völkern auf der Erde. All diese Freuden aber sind Dein Werk, all
diese Süßigkeiten sind ein Ausfluß Deiner Liebe.

Viel des Trüben habe ich auch erfahren in den Tagen des verflossenen
Jahres. Ach, nicht immer war mein Haupt frei von Sorge, mein Herz frei von
Kummer! Oft trat die Gefahr an mich heran, die grimmig die Hand
ausstreckt, die Zufriedenheit, die Freude und viele andere Schätze des
Lebens mir zu rauben. Oft sah ich Leid um mich her und konnte es nicht
beseitigen, oft sah ich Bosheit an meiner Seite und konnte ihren Weg nicht
hemmen, oft sah ich Not bei meinen Nebenmenschen und konnte sie nicht
lindern, oft sah ich auch das Gebäude meiner eigenen Hoffnungen in Trümmer
sinken, und noch öfter erkannte ich die Torheit meiner Wünsche und
vermochte nicht, sie zu bannen. Alles aber hast Du, mein Gott, so gewollt
und durch Deine Gnade hast Du mich erhalten, daß ich jetzt am Schlusse des
Jahres, auch für diese Prüfung Dir danken kann.

Und so richte ich meinen Blick nun auch auf die Tage des Jahres, die da
kommen sollen. Doch was ich schaue, ist nichts als ein dichter Nebel, mit
dem Deine Allweisheit den Blick des Menschen verschleiert, daß er die
Zukunft nicht durchdringe, und dieser Nebel der Unwissenheit lehrt uns
mehr als alle Betrachtung der sichtbaren Dinge, daß wir Dir allein
unterworfen sind, Dir allein unser Schicksal anheimstellen müssen und nur
das eine Recht besitzen, in inbrünstigem Gebete zu Dir das Heil für uns zu
erflehen.

Darum bitte auch ich Dich, mein gütiger, himmlischer Vater, jetzt am
Beginne des Jahres um Deine Gnade für mich in den Tagen des Jahres.

O Herr, mein Gott! gib meinem Geiste Einsicht und meinem Herzen den
Willen, das Gute zu finden und die Tugend zu üben. Erhalte mir die
Gesundheit des Leibes und der Seele, sei mit den Meinigen allen und laß
täglich Deine Liebe an uns offenbar werden, schütze uns vor Gefahren und
halte die Versuchung von uns ferne. Vergib uns unsere Sünden und begnadige
uns mit einer milden Gesinnung, daß auch wir Nachsicht üben mit den
Fehlern unserer Nebenmenschen.

Auf Dich will ich hoffen, Dir will ich vertrauen, Du warst mein Beschützer
und Leiter bis zu dieser Stunde, Du wirst es auch ferner sein, mein Gott
und Vater! Amen!

                                  ——————

                      Morgengebet am Neujahrsfeste.
                      (Vorher Nischmath, Seite 19.)

                                   ———

Mein Gott! Mit Andacht öffne ich meine Lippen, daß mein Mund Deinen Ruhm
verkünde.

Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, Gott unserer Väter, Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs! Du bist der Große, der Mächtige, der Ehrfurchtbare, Du
bist der erhabene Wohltäter und Vergelter aller guter Handlungen. Du
gedenkest auch der Frömmigkeit unserer Vorfahren, die in Treue vor Dir
gewandelt sind, und vergiltst ihre Tugend noch ihren Kindeskindern, um
Deines heiligen Namens Willen in Liebe.

*O gedenke auch unser darum am Neujahrstage mit Deiner Liebe und bestimme
uns zum Leben; Du, o König, hast ja Wohlgefallen am Leben! O schreibe uns
ein in das Buch des Lebens, um Deiner Liebe Willen, Du Herr des Lebens.*

König bist Du über die Welt, Helfer, Retter, Schild und Beistand allen
Deinen.

Ja, Du bist der Allmächtige in Ewigkeit! Deine Gnade gegen die Erdenkinder
erstreckt sich über ihr Leben auf Erden hinaus, denn auch denen, die
entschlafen sind zum Tode, bist Du ein Helfer in den Gefilden der
Ewigkeit. Auf Erden aber ernährst Du die Lebendigen, stützest die
Fallenden, heilest die Kranken, erlösest die, so gefesselt sind in den
Banden des Unglücks.

*Wer ist Dir gleich, Vater der Barmherzigkeit! Du gedenkest in Gnade aller
Deiner Geschöpfe, Dein Geschenk ist ihr Leben.*

Heilig bist Du, und heilig ist Dein Name, und allen Frommen gebührt es,
Dich täglich zu loben.

O, so möge denn auch die Zeit immer näher kommen, daß Dich, den Ewigen,
unseren Gott, alle Deine Geschöpfe in Ehrfurcht preisen, daß alle Menschen
auf der Erde erfüllt werden von dem Bewußtsein Deiner Erhabenheit, daß
alle einmütig vor Dir sich beugen, daß alle in _einem_ Bunde sich
vereinigen, um mit freudigem Herzen _Deinen_ Willen zu üben; daß sie es
erkennen, so wie wir es wissen, daß Dein allein die Herrschaft ist, alle
Macht nur in _Deiner_ Hand, alle Stärke nur in Deiner Rechten, und daß
Dein Name allein würdig ist, der Inbegriff aller Ehrfurcht zu sein für
alle Geschöpfe der Erde.

Und so möge es auch zur Ehre Deines Volkes anerkannt werden, daß sein
Glauben die Wahrheit ist. Das sei der Ruhm Deiner Verehrer, die Hoffnung
derer, die Dich suchen. Das freimütige Wort derer, die auf Dich harren,
sei immerdar die Rede: „_Einst wird der Herr das Licht der Wahrheit
leuchten lassen über die ganze Welt._“ O tue es bald! O tue es bald!

Bringe näher die Zeiten des Heiles vor unseren Augen, so daß die Gerechten
es sehen und sich dessen freuen, die Redlichen jauchzen, die Frommen in
Jubel ausbrechen, wenn das Laster verstummt, die Bosheit wie Rauch vergeht
und die Herrschaft des Übermutes schwindet von der Erde.

Dann wird der Glauben an Dich allein die Welt regieren, dann wird erfüllt
sein Dein heiliges Wort:

„_Der Herr allein regiert die Welt, dein Gott ists, der Gott auf Zion,
angebetet von Geschlecht zu Geschlecht, Halleluja!_“

O Ewiger! unser Gott! laß diesen Tag der _Erinnerung_, diesen Tag des
Posaunenschalles zu unserem Heile werden.

Laß heutigen Tages vor Dir aufsteigen das Andenken an uns, die Betenden,
auch das Andenken an unsere Väter, die vor Dir gewandelt, auch das
Andenken an den Erlöser, den Du Deinem Volke verheißen, auch das Andenken
an Jerusalem, Deine heilige Stadt, auch das Andenken an das ganze Volk
Israel, dem Du ein treuer Hüter gewesen bist auf seinem Wege durch die
Zeiten, damit Du am heutigen Tage der Erinnerung unser gedenkest in Milde
und Barmherzigkeit, zum Glücke und zur Rettung, zum Leben und zum
Wohlsein.

    O, gedenke unser heut zum Glücke!
    Erinnere Dich unser zum Segen!
    Steh' uns bei, auf daß wir leben!

Denn auf Dich sind unsere Augen gerichtet, Du bist Gott, Du bist König, Du
bist der Allgütige.

O Du, unser Gott und Gott unserer Vorfahren! Reinige auch unser Herz von
Sünde und Irrtum, daß wir in Aufrichtigkeit und Wahrheit Dir dienen. Wenn
wir uns sättigen an den Gaben Deiner Liebe, so laß uns auch wandeln in den
Wegen Deiner Gebote, daß wir Deine Lehre als unser liebstes Anteil achten,
damit auch wir vollkommen würdig werden jener seligen Zeiten, da alle
Werke es wissen werden, daß Du der Meister bist, alle Geschöpfe es
verstehen werden, daß Du der Schöpfer bist, und alles, was Odem hat, es
aussprechen wird: „_Der Ewige, der Gott Israels ist König und seine
Herrschaft reicht über das Weltall.“_

Nimm auch unsern Dank, o Gott und Gott unserer Vorfahren, für das Leben,
das Du bis heute uns bewahrt, für die Wohltaten, die Du bis heute uns
erwiesen hast. Alles was Du für uns tust, ist groß und wunderbar. Wir
könnten nicht genügend Dir danken, und wollten wir auch jeden Tag vom
Morgen bis an den Abend Dich rühmen. Ohne Ende ist Deine Güte, und Deine
Liebe hat keine Grenzen.

*Verzeichne zum glücklichen Leben alle Kinder Deines Bundes.*

Laß Deinen Frieden walten über uns, und laß uns allezeit wandeln in Deinem
Lichte.

*Verzeichne uns heut, uns und das ganze Haus Israels, ins Buch des
Friedens, der Nahrung und des Wohlseins.*

Bewahre unsere Zunge vor böser Rede und unser Gemüt vor Hochmut, segne uns
mit einem willigen Herzen und einem eifrigen Geiste zur Erfüllung unsrer
Pflichten, und nimm wohlgefällig auf die Worte meines Mundes, Du, mein
Fels und mein Erlöser! Amen.

                                  ——————

                               ‎‫אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ‬
                              Owinu malkenu.

    Gebet für das Neujahrsfest, den Versöhnungstag und die 10 Bußtage.
             (Dieses Gebet wird am Sabbat nicht gesprochen.)

                                   ———

    Herr und Vater! Wir haben gesündigt vor Dir.
    H. u. V.! Du bist allein der Herr, auf den wir vertrauen.
    H. u. V.! Übe Gnade an uns zur Verherrlichung Deines Namens.
    H. u. V.! Laß das neue Jahr zu Glück und Heil uns herankommen.
    H. u. V.! Halte fern von uns jedes schwere Verhängnis.
    H. u. V.! Vernichte die Ratschläge unserer Feinde, die sie gegen uns
         gerichtet.
    H. u. V.! Halte fern von uns Pest, Krieg und Hungersnot. Laß die Deinen
         nicht in die Gewalt der Unterdrückung und des Verderbens fallen.
    H. u. V.! Behüte uns vor gefährlicher Krankheit.
    H. u. V.! Verzeihe und vergib uns unsere Sünden.
    H. u. V.! Laß in vollständiger Buße uns zu Dir zurückkehren.
    H. u. V.! Sende vollkommene Heilung allen unseren Kranken.
    H. u. V.! Gedenke unser mit Wohlwollen und Gnade.
    H. u. V.! Bestimme für uns ein Leben ohne Unglück.
    H. u. V.! Bestimme für uns Heil und Erlösung.
    H. u. V.! Bestimme für uns, daß Not und Mangel uns fern bleiben.
    H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß auch wir verdienstlich
         leben.
    H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß Fehl und Unrecht uns
         verziehen werde.
    H. u. V.! Laß das Heil der Menschen wachsen und zunehmen.
    H. u. V.! Erhebe Israel zu seiner wahren Größe und zur Erkenntnis
         seines Berufes.
    H. u. V.! Laß Dein Reich auf Erden immer mehr und mehr sich erweitern.
    H. u. V.! Fülle unsere Hand mit Deinen Segnungen.
    H. u. V.! Höre unsere Stimme und erbarme Dich über uns.
    H. u. V.! Nimm unser Gebet in Gnaden auf.
    H. u. V.! Öffne die Pforten des Himmels unserem Flehen.
    H. u. V.! Gedenke, daß wir nur Staub sind.
    H. u. V.! Laß uns nicht leer zurückkehren, da wir gebetet vor Deinem
         Angesicht.
    H. u. V.! Laß diese Stunde eine Stunde der Barmherzigkeit, eine Zeit
         der Gnade vor Dir sein.
    H. u. V.! Erbarme Dich über unsere unmündigen Kinder.
    H. u. V.! Gedenke des Verdienstes der Frommen, unserer Vorfahren, die
         in den Tod gegangen sind um des Glaubens willen, die standhaft
         ihr Leben geopfert haben für das Bekenntnis Deiner Einheit.
    H. u. V.! Laß auch ferner Deinen Namen durch durch uns geheiligt und
         verbreitet werden.
    H. u. V.! Nicht unserem Verdienste vertrauen wir, sondern Deiner
         Gnade. Amen!

                                  ——————

               Beim Herausholen der Thora am Neujahrsfeste.

                                   ———

*O Ewiger! Ewiger! Barmherziger Gott! Du bist der Allgnädige, langmütig
und von unbegrenzter Huld und Treue, der seine Gnade bewahret bis ins
tausendste* *Geschlecht, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt und
Übeltäter losspricht.*

                                (Dreimal.)

Herr des Weltalls! o erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem
Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte! Vergib
erbarmungsvoll alle meine Missetaten, und vergib Fehl und Sünde allen, die
mir nahe stehen, und die ich in mein Gebet einschließe. Laß Deine
Verzeihung walten über uns aus Gnade und Barmherzigkeit; laß uns rein sein
von Sünde und Vergehen. Gedenke heute unser mit Wohlwollen, erinnere Dich
unser zu unserm Heile, schenke uns ein glückliches Leben, gewähre uns
Frieden, Nahrung, Zufriedenheit, und sorgenfreie Befriedigung der
Bedürfnisse des Lebens. Laß es uns nimmer fehlen an Brot und Kleid.
Beglücke uns mit Wohlstand und Ansehen und Lebensfreude, damit es uns
vergönnt sei, diese Güte anzuwenden zu Werken der Tugend, schenke uns
Leben und Gesundheit, damit wir noch lange zu wandeln vermögen in den
Wegen Deiner Lehre. Gib uns Weisheit und Einsicht, daß es uns mehr und
mehr gelinge, einzudringen in den Plan Deiner Weltregierung. Befreie uns
von den Leiden, die uns drücken, und segne die Taten unsrer Hände.
Verhänge über uns das Glück, Heil und Trost. Vernichte die Gefahren, die
uns drohen, ob sie uns bekannt oder unbekannt sind. Wende immerdar das
Herz unseres erhabenen Regenten zum Wohlwollen daß nie wieder über Israel
hereinbrechen Tage des Druckes und der Erniedrigung. Also sei es
wohlgefällig vor Dir, barmherziger Vater, Herr des Weltalls. Amen!

                     ‎‫שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד‬

                                  ——————

                       Gebet vor dem Schofarblasen.

                                   ———

Wiederum ist die kurze, ernste und feierliche Spanne Zeit uns gegenwärtig,
die in den Tönen des Schofars uns verkünden wird, daß Du, o Gott, der
_Weltenkönig_ bist von Ewigkeit bis in Ewigkeit, daß Du, o Gott, der
_Richter_ bist, der alle Wesen vor seinen Thron fordert, damit ihr Urteil
ihnen werde, daß Du, o Gott, der _Lehrer_ bist, der mit Donnerstimme am
Sinai den Weg verkündiget hat, der zur Wahrheit führt.

Noch schweigt das Horn, und feierliche Stille vergönnt mir einen
Augenblick der Sammlung, daß ich die Kräfte meines Geistes und die
Empfindungen meines Herzens alle wach rufe, um jene erhabenen Gedanken zu
fassen.

Ja, aufraffen will ich mich und erheben im Gebete zu Dir, und niederbeugen
will ich mich zum Staube vor Dir, und hinwenden will ich alle meine
Gedanken zu Dir, mein _König_, mein Richter, mein _Lehrer_!

_Gott, Du allein bist König in Ewigkeit._ Was ist _irdische_ Macht, was
ist menschliche Größe? Die Erde nicht und nicht der Himmel und nicht des
Himmels Himmel und nicht der Raum des Weltalls, den die Gedanken des
Sterblichen begreifen, umfassen den Abglanz Deiner Herrlichkeit. Nicht
_Dein Befehl_ ist's, dem die Welten dienen, nicht _Dein Wort_ ist's, dem
die Heere des Himmels gehorchen, _Dein Willen_ ist's allein. Wo ist ein
Willen, der dem _Deinem_ trotzt? Wo ist ein Wirken, daß nicht Du geordnet?
Wo ist ein Raum, und er wäre nicht im Gebiete _Deiner_ Macht? Wo ist ein
Anfang, der _vor_ Dir war? wo ist ein Ende, das hinausreicht über Deine
Dauer? Raum und Zeit sind nicht vor Dir vorhanden. Ja Du, Gott, allein
bist der Allmächtige, Du allein bist _König_, Du allein regierst, Du hast
regiert und wirst regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit!

_Gott, Du allein bist Richter!_ Laß ab, mein Geist, von dem vergeblichen
Streben, die Größe des Erhabenen zu erkennen; kehre zurück zur kleinen
Erde und preise Gott als den, der auch das Kleine schauet! Ja, Deiner
Allwissenheit ist nichts verborgen. Du kennst die Wesen alle und ihr Tun,
Du kennst auch mich. Vor Dir ist meine Seele offenbar, und die Gedanken
meines Herzens sind bekannt. Fern bist Du mir und unerreichbar, wenn ich
meinen Blick hinaussende in Deine weite Welt; aber nahe bist Du mir und
fühlbar, wenn ich ihn in mein Inneres richte. Wenn die Begierden in mir
streiten, wenn die Tugend mit der Sünde in mir um die Herrschaft kämpfen,
dann empfinde ich es, daß ich verantwortlich bin für meine Taten, daß ich
die Freiheit des Willens nicht erhalten habe zum Dienste der Leidenschaft,
sondern als Waffe gegen sie, auf daß ich bestehe vor dem prüfenden Auge
des Richters. Mein _Richter_ aber bist Du, Dein Urteilsspruch ist mein
Schicksal. O richte mich, mein Gott! Richte mich nach Deiner Gnade und
nicht nach meinem Verdienste.

_Gott, Du allein bist Lehrer._ Wollte ich auch mit der besten Kraft des
Willens meine Tugend einrichten nach meiner Weisheit, so würde ich im
Finstern wandeln. Du aber hast das nicht gewollt. Du hast den Weg des
Verdienstes mir vorgezeichnet in Deiner heiligen Lehre. Du hast den
Menschen Deinen Willen kund getan am Sinai. Dein Willen sei mein Gesetz!
Deine _Lehre_ sei meine Weisheit!

So möge denn das Horn ertönen, es wird mich vorbereitet finden, seine
Sprache zu verstehen. Fremdartig und wunderbar erklingt es vor meinem
Ohre, wie der Widerhall aus ferner, alter Zeit, als wollte es von den
Wundern erzählen, die Gott in grauer Vorzeit meinen Vätern erwiesen, und
dennoch spricht es zu uns und zu allen Geschlechtern in der verständlichen
Zunge gegenwärtiger Zeit: _Erwache, Menschengeist, erwache! Erhebe Dich,
Menschenherz, erhebe Dich!_ Es ruft Dich Gott! er ist Dir nahe. Bringe
Huldigung dem _Könige_, bringe Bekenntnis dem Richter, bringe Dank und
Ehrfurcht dem erhabenen _Lehrer_. _Herbei! Herbei_! es ist der Tag des
Herrn! Amen!

Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du uns geheiligt
hast durch Deine Gebote und uns befohlen hast zu vernehmen die Stimme des
_Schofars_!

                                  ——————

                                ‎‫וּנְתַנֶּה תֹּקֶף‬
                             Unthanne tokef.

                                   ———

    Erwäge nun, mein Geist, die Heiligkeit
    Des Tages heut, erwäge seine Größe!
    Denn mächtig ist er, furchtbar und erhaben.
    Heut tust Du, Herr! uns Deine Herrschaft kund.
    Der Weltregierung Herrscherstuhl errichtet
    Hast Du vor uns, auf Gnade ihn gegründet
    Und thronest d'rauf im Himmelsglanz der Wahrheit.
    Ja, Wahrheit ist's, daß Du ein _Richter_ bist,
    Der nimmer irren kann; Allwissenheit
    Macht Dich zugleich zum _Geber des Gesetzes_,
    Zum Zeugen und zum unfehlbaren _Richter_.
    Geschrieben und gezählt von Deiner Hand,
    Besiegelt auch sind alle uns're Taten, —
    Die wir vergessen, sind von Dir gedacht.
    Heut schlägst das Buch Du der Erinn'rung auf,
    Und siehe! Alles deutlich d'rin zu lesen,
    Als wär's von uns'rer eigenen Hand verzeichnet.

    Da tönet mächtig der Posaune Schall,
    Und sie verhallt in feierlicher Stille,
    Und zitternd eilt herbei der Engel Schar,
    Sie laden zum Gericht und rufen aus:
    „Erschienen nun ist des Gerichtes Tag!
    Herbei, ihr Himmelsscharen! eilt herbei!“
    Denn sie auch sind nicht fehlerlos vor Dir.

    Und die Geschöpfe alle zieh'n vorüber
    Vor Deinem Angesichte, wie eine Herde.
    So wie der Hirte, musternd seine Schafe,
    Sie läßt dahinzieh'n unter seinem Stabe,
    So musterst Du, so leitest Du und zählest
    Die Seelen der Lebend'gen, alle, alle;
    Das Ziel bestimmst Du jedem Deiner Wesen,
    Verzeichnest ihr Gericht, wie Du's verhängst

    Am _Neujahrstage_, da wird's aufgeschrieben
    Und am _Versöhnungstage_ wird's beschlossen:
    Wieviel der Wesen aus dem Leben scheiden,
    Wieviel zur Welt gerufen werden sollen,
    Wer leben soll und wer zum Tode eingeh'n,
    Wer da sein Ziel erreichen, wer verfehlen,
    Und wen die rohen Kräfte der Natur,
    Wen Schwert und Krankheit oder Hungersnot
    Als ihre Beute sich erwählen werden,
    Und wessen Anteil wird der Frieden sein.
    Wer unstät irren müsse durch das Leben,
    Wer Freudigkeit, wer Trübsal finden soll,
    Wer wandeln soll im Segen oder Mangel,
    Und wer erniedrigt, wer erhöhet werde;


                                   aber

                      *Reue, Gebet und Liebeswerke*

                 lassen das böse Verhängnis vorübergehen.

    Denn wie Dein Name, so ist auch Dein Ruhm,
    Bist schwer erzürnt und leicht geneigt zur Milde,
    Du willst nicht, daß der Todesschuld'ge sterbe,
    Du willst, daß er bereue, daß er lebe,
    Du harrst auf ihn bis auf den Tag des Todes
    Und nimmst ihn auf, so er zu Dir sich wendet.

    Fürwahr, Du bist der Schöpfer aller Menschen,
    Kennst ihre Triebe, — sie sind Fleisch und Blut. —
    Der Mensch ist Staub und kehrt zurück zum Staube,
    Wenn mühsam er das Leben hingebracht.
    Er ist zerbrechlich, gleich dem ird'nen Scherben,
    Dem dürren Grase gleich, der welken Blüte,
    Dem Schatten gleich, der stumm vorüberzieht,
    Der Wolke gleich, die sich als Nebel löset.
    Wie Wind dahingeht, wie der Staub verfliegt:
    So fliegt er hin vergänglich wie ein Traum.


  *Du aber bist König, Gott, der Lebendige, der Bestehende in Ewigkeit!*

                                  ——————

                                  ‎‫עָלֵינוּ‬
                                  Olenu.

                                   ———

    Wohl mag es uns gebühren, ihn, den Herrn der Welt zu preisen,
    Ihm, der das Schöpfungswerk vollbracht, Anbetung zu erweisen.
    Er hat uns nicht, den Heiden gleich, in Finsternis gelassen,
    Und seiner Größe Herrlichkeit vermögen wir zu fassen.
    Beneidenswert ist unser Los durch seiner Gnade Gaben,
    Die uns der Wahrheit Licht gezeigt, daß wir erkannt ihn haben.
    Es kennt ihn nicht den Herrn der Welt, der blöden Heiden Menge,
    Wir aber nahen seinem Thron durch Dank und Lobgesänge.
    Wir bücken uns, wir beugen uns vor seinem heil'gen Namen.
    Der Heilige ist der Herr der Herrn, in Ewigkeiten! Amen!

    Er hat den Himmel ausgespannt, er hat erbaut die Erde,
    Auf daß der Abglanz seiner Macht geoffenbart uns werde!
    Es thronet seine Herrlichkeit am hohen Himmel droben;
    Er nur allein ist unser Gott, den wir in Demut loben,
    Er nur ist König uns allein und außer ihm kein Wesen,
    Wie wir es in dem heil'gen Wort der Gotteslehre lesen:
    „So wisse nun und laß erfüllt dein Herz vom Glauben werden:
    Der Ewige allein ist Gott im Himmel und auf Erden.“

    Und darum hoffen wir auf Dich, es wird die Zeit erscheinen,
    Daß alle Erdenkinder sich in Deinem Dienst vereinen;
    Daß aller Wahn und aller Trug und Aberglaube schwinden,
    Und alle Zungen Deinen Ruhm und Deine Macht verkünden.
    Und alles Fleisch wird demutsvoll zu Deinem Dienst sich wenden,
    Und alle Bosheit wird vergehn an allen Erdenenden,
    Und jedes Knie — es wird vor Dir, vor Dir allein sich beugen,
    Und jeder Mund wird schwören Dir, Dir jedes Haupt sich neigen,
    Und Preis allein wird Dir gebracht, Dir von den Menschen allen,
    Und im Gebet zum Staub vor Dir der Staubgebor'ne fallen;
    Und Deiner Herrschaft Allgewalt wird jeder Geist empfinden:
    So wird auf Erden sich Dein Reich für Ewigkeit begründen,
    So wie es heißt: „Es kommt der Tag, dann wird des Ewigen Namen
    Von allen Menschen anerkannt: _Der Herr ist einzig!_“ Amen!

                                  ——————


                          2. Der Versöhnungstag.
                                  ‎‫יוֹם כִּפּוּר‬

                                  ——————

                             Die Versöhnung.

                   Festbetrachtung am Versöhnungstage.

                                   ———

Wie die kühlende Flut den vom Sonnenbrande ermatteten Leib erfrischt, so
verjüngt sich unser Geist, wenn er niedertaucht in die belebende Wahrheit
der Versöhnung; und der Hinblick auf die lange Reihe von Vergehungen, die
bei dem Gedanken an unsere Entsündigung uns vor die Seele treten, soll uns
den göttlichen Frieden, den dieser Tag uns bietet, nicht verbittern, uns
nicht verhindern, die Größe des Tages in ungetrübter Reinheit zu
empfinden, seine Wohltat in unverkürzter Fülle zu genießen.

Die Versöhnung, mit welcher Gott der Herr uns alljährlich bedenkt, ist die
notwendige Ergänzung unseres lückenhaften Daseins. Sündhaft, wie wir sind,
wären wir im Grunde dem göttlichen Strafgericht unabänderlich verfallen,
darum tritt Gottes Gnade, tritt dieser Tag vor den Riß, er bildet den Kitt
unseres Lebens und gibt dem Stückwerk unserer Tätigkeit Abschluß und
Abrundung.

Das ist wohl der edelste Gedanke aus dem Gedankenschatze des Judentums. Er
weist die Annahme kräftig zurück, daß es einer Vermittelung zwischen Gott
und der Welt durch den Opfertod eines Menschen bedurft hätte, der für die
Welt habe sterben müssen. Gott selber vielmehr gleicht alljährlich durch
den _Versöhnungstag_ das Mißverhältnis zwischen unserer Aufgabe und
unseren Leistungen aus.

Wenn nun aber das Bewußtsein, daß wir die Versöhnung als ein
Gnadengeschenk Gottes unmittelbar aus der Hand des liebenden Vaters
empfangen, uns auch Trost und Erhebung gewährt, ist es alsdann nicht schon
bitter genug, daß wir der Sünde so leicht anheim fallen, daß wir die Idee
der Vollkommenheit denken und doch nicht erreichen können? Warum sollen
wir nicht wenigstens die Kraft der Ausgleichung besitzen, warum sollen
wir, was wir gesündigt, nicht selbst wieder gut machen, die Versöhnung
nicht _verdienen_ können?

Und in der Tat, wir können es. Gott will nicht, daß sie als ein Geschenk
uns zufalle, Gott will, daß wir als einen Lohn und nicht als eine
unverdiente Gnade sie empfangen, und seine heilige Lehre zeigt uns den
Weg, auf welchem wir durch unsere eigene Leistung die Versöhnung zu
unserer Tat gestalten können. Gott spricht zu Mose auf seine Fürbitte für
die Sünder: „Ich vergebe nach deinen Worten.“ In diesem knappen Satze ist
es angedeutet, worin die Leistungen bestehen, die der Versöhnung den
Stempel einer freien Tat verleihen, darin nämlich, daß wir zuvörderst
_nach der Versöhnung verlangen und an die Versöhnung glauben_. Das ist die
erste Aufgabe, zu deren Erfüllung dieser Tag uns aufruft.

Gott spricht zum Sünder: Ich vergebe, wenn du ein Wort nur aussprichst,
denn dies eine Wort ist das Verlangen nach Aussöhnung — es bedeutet für
Gott die Sehnsucht nach dem Göttlichen, das Bedürfnis, sich im Einklange
zu wissen mit den ewigen Gesetzen der Tugend und Sittlichkeit, und diese
Sehnsucht, dieses Bedürfnis, das ist der Puls, der, wenn er auch leise
schlägt, so lange er schlägt, sittliche Kraft, sittliches Leben, ein
fühlendes Menschenherz bekundet. So hoch hat das Judentum den Menschen
gestellt, daß er tief sinken kann, ohne zu versinken, daß er tief fallen
kann, ohne unterzugehen — es hat dem Menschen fast unmöglich gemacht, ein
_verlorener_ Mensch zu sein. Das Verlangen nach Aussöhnung ist auch an und
für sich schon eine sittliche Tat. Wie oft weigert sich die Lippe des
Freundes gegenüber dem Freunde, die des Kindes gegenüber den Eltern, das
Verlangen nach Aussöhnung zu offenbaren, sie scheint oft verschlossen und
versteinert, weil die Bitte schwer erscheint; erst der Sieg der
Selbstüberwindung muß dem ausgesprochenen Sieg vorangehen. Mehr aber als
dies fordert der heutige Tag, er fordert einen größeren Sieg.

Der _verstockte_ Sünder hat den Lohn seiner Selbstüberwindung in der
Erreichung des Zieles klar vor Augen, nicht so der _gebrochene_ Sünder. Er
hat sich selbst aufgegeben, ihm fehlt die Kraft des Vertrauens, er wähnt,
wie vom Menschen, so auch von Gott sich verstoßen, er sinkt und sinkt, bis
die Wellen über ihm zusammenschlagen. „Bin ich denn aus _jener_ Welt
verstoßen“, so spricht er, „so will ich die Freuden _dieser_ Welt
genießen.“ Dieser Ausspruch ist eine Giftpflanze, die der Trümmerhaufen
eines gebrochenen Menschendaseins, der Sumpf der Verzweiflung noch
hervorzubringen vermag. Aber das Judentum hat keine Anerkennung für die
gänzliche Verlorenheit eines Menschen, es hat für alle die Pforten der
Versöhnung erschlossen; doch fordert es von dem Sünder den Sieg über die
Verzweiflung, es fordert von ihm den Sieg des Glaubens: das Vertrauen auf
die Versöhnung. Wende dich an die Gnade Gottes, spricht die Religion zu
dem Verzweifelnden, und auch für dich hat Gott es ausgesprochen: „_Ich
vergebe, so du nur ein Wort zu mir sprichst._“

Aber auch darin besteht unsere Leistung, durch die wir der Versöhnung den
Stempel der freien Tat zu verleihen vermögen, daß wir das _Verlangen nach
Versöhnung und den Glauben an sie offen_ aussprechen.

Gott spricht: „Ich vergebe nach deinen Worten“, das will uns bedeuten: Ich
vergebe, wenn du _bekennst_. In dem rückhaltlosen Bekenntnis, darin äußert
sich eben das Verlangen und der Glauben. Wer da glaubt, daß Gott ihm
vergebe, warum sollte der verschlossen sein, warum sollte der sein
schuldbeladenes Herz nicht öffnen wollen? So tritt denn heute nicht
umsonst an uns die Pflicht heran, unser Herz zu entsiegeln, und was wir
verbrochen, was wir gefehlt, vor dem Herrn aufzudecken.

Freilich wohl bedarf der Allwissende unseres Bekenntnisses nicht, er sieht
ja doch in die geheimsten Falten unserer Brust, kennt unsere Gedanken,
noch ehe sie in uns aufgestiegen sind, unsere Worte, noch ehe sie uns von
den Lippen strömen. Allein, wenn es auch für Gott unseres Bekenntnisses
nicht bedarf, so doch _für uns_. Wir sind so sehr an die Selbsttäuschung
gewöhnt, daß uns die Wahrheit nur allzu leicht unter den Händen
entschlüpft. Nur das _Bekenntnis_ macht die _Erkenntnis_ unserer Fehler
zur wirklichen Tat. _„Ich vergebe“, spricht Gott, „so du offen und
rückhaltslos dich aussprichst.“_

In solcher Weise erkennen wir die _Versöhnung_, mit der Gott der Herr uns
alljährlich bedenkt, für ein Geschenk seiner Gnade, das uns ohne
Vermittelung vom liebenden Vater zuteil wird, und auch für _mehr_ als
dies: als eine Gabe, die wir _erwerben_ können durch _unsere eigene freie
Tat_. Amen.

                                  ——————

                    Am Vorabend des Versöhnungstages.

                                   ———

    Wir beugen tief uns nieder,
    O Herr, vor Deiner Macht!
    Du hast den Tag uns wieder,
    Den heiligen, gebracht.
    O laß uns Gnade finden!
    O schau' auf uns in Huld!
    Ach tilge uns're Sünden,
    Vergib uns uns're Schuld!

    Laß uns'rer Bitte offen
    Des Himmels Pforte sein:
    Auf Dich ist unser Hoffen
    Gerichtet, Herr allein.
    Wie könnten wir bestehen,
    Wenn Du nicht Gnade übst,
    Wenn nicht auf unser Flehen
    Die Sünden Du vergibst!

                                  ——————

                                 Gebet am
                      Vorabend des Versöhnungstages.

                                   ———

Allmächtiger! Die Andacht meines Herzens möchte ich offenbaren im
Ausspruch meiner Lippen, alle meine Gedanken möchte ich zutage rufen im
inbrünstigen Gebete.

Was soll ich sprechen vor Dir, Allmächtiger, Unfaßbarer! Wie soll ich
beginnen, wo soll ich enden!

Alle meine Worte reichen nicht hin für die Anbetung, die mein Herz Deiner
Heiligkeit zollt; alle meine Worte reichen nicht hin, meine Niedrigkeit zu
bezeichnen, in der ich vor Dir stehe! Alle meine Worte reichen nicht hin,
den Wünschen meines Herzens Ausdruck zu geben, die vor Dir ich offenbaren
will, und alle meine Worte reichen nicht hin, die Schuld zu bekennen, für
die ich um Gnade flehe vor dem Throne Deiner Herrlichkeit!

Anbeten will ich Dich, — das ist heute, an dem großen, Dir geweiheten Tage
mein Verlangen. Wer ist _heilig_, wie Du, wer ist erhaben wie Du! Du bist
der Schöpfer aller Dinge, die Erde und der Himmel sind das Werk Deiner
Hand, und die Sonne und den Mond und das zahllose Heer der Sterne hast Du
geschaffen. Du leitest alle Weltkörper in ihren Bahnen, Du weißt auch,
wann sie zu wandeln begonnen, und wann ihr Ende sein wird. Mein Auge kann
wohl gen Himmel blicken, aber wie sollte ich sprechen: Ich überschaue den
Himmel? Weiter als meine Gedanken reichen, reicht die Ferne, in der immer
neue Welten Deiner Schöpferhand entrollen. Wo aber, wo ist der Wohnsitz
Deiner Herrlichkeit? O Gott, wie bist Du so groß, so groß! Welcher
Sterbliche kann so vermessen sein, zu sprechen: Ich kenne den Herrn! Und
betrachte ich Dir gegenüber mich, den Erdenbewohner, ach, dann erscheine
ich mir gleich dem Sandkorn unter den millionenmal Millionen am Ufer des
Meeres; und denke ich an die Zeit, die meinem Erdenleben bestimmt ist, so
erscheint sie mir flüchtig, wie der Schatten eines Pfeiles, der über einen
Fußbreit Landes dahinfliegt. _Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest,
der Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst?_

Und doch! o Herr! Nimmst Du auch meiner _Dich_ an!

Du bist mir nahe und sorgst für mich, Du kennst meine Lust und mein Leid,
meine Freude und meinen Schmerz, meine Bedürfnisse und meine Sehnsucht.
Also bist Du mir nahe, wie der gotterfüllte Sänger es ausspricht: „_Herr!
Du erforschest mich und weißt von mir, ich sitze, stehe auf, Dir ist's
bekannt, und was ich denke, prüfest Du von ferne. Du hast mir Gang und
Lager zugemessen und meine Wege alle angeführt. Bevor ein Wort auf meiner
Zunge schwebt, hast Du es, Herr! schon ganz gewußt._“ Darum ist es keine
Vermessenheit, wenn ich mit den Wünschen meines Herzens mich unmittelbar
vor Dich zu stellen wage, denn wie ein _Vater_ sich seiner Kinder annimmt,
so nimmst Du Dich der Menschen an. _O Vater!_ zu Dir will ich beten. Du
nur kannst mir Leben und Gesundheit schenken, Du nur kannst meine Seele
bewahren vor allen Gefahren, die ihr drohen durch des Herzens Gelüste und
durch den Tand der Welt. Du nur kannst mich bewahren vor Betrübnis und
Herzeleid, in Deiner Hand liegt es, daß nicht meine Arbeit eine
fruchtlose, mein Bestreben ein unnützes, meine Hoffnung eine trügerische
sei. Du nur kannst mich erleuchten mit dem Lichte der Wahrheit, daß meine
Wege mich nicht durch Finsternis und Torheit, Irrglauben und Aberglauben
führen. Du nur kannst mir den Mut verleihen, der Sünde zu trotzen, und die
Kraft, die Leidenschaft zu überwältigen.

Und dies alles kannst Du tun, und mögest Du tun ohne Rücksicht auf meine
Würdigkeit. Denn wahrlich! Nicht auf unser Verdienst können wir bauen,
wenn wir auf Deine Liebe hoffen. Sündhaft ist der Mensch, und gerecht ist
in Deinen Augen schon der, der mit seiner schwachen Kraft gegen die Macht
des Lasters ankämpft.

O, auch ich kenne meine Fehler und Sünden. Ich will sie nicht zu
beschönigen suchen mit der Ausflucht, es sei alles menschliche Schwäche.
Ich weiß es wohl, daß ich nicht immer genügend bemüht war, alle meine
Kräfte zu meiner Besserung anzuwenden. Ich habe nicht immer Gott vor Augen
und im Herzen gehabt, und nur allzuoft so gehandelt, als ob der Genuß
irdischen Wohlseins und das Vergnügen das Ziel des menschlichen Lebens
wären. In mancher Stunde des letztverlebten Jahres bin ich wider besseres
Wissen rückwärts geschritten und nicht vorwärts in der Veredlung meines
Geistes, weil ich den Leidenschaften freien Lauf gelassen, die mich nicht
fördern konnten. Oft auch habe ich meine wahre Aufgabe verkannt, nützlich
zu sein auf Erden, und habe der Eigenliebe und der Eitelkeit gedient. O,
mein Gott, wo soll ich enden, wenn ich die Menge meiner Verschuldungen zu
zählen beginne?

Darum ist mir aber auch der heutige Tag heilig und lieb und wert, darum
erkenne ich in ihm eine der herrlichsten Wohltaten, mit welchen Du Dein
Volk Israel bedacht hast, weil der Versöhnungstag erscheint wie ein
ernster, aber lieber und tröstender Freund, der zu uns spricht: „Bange
nicht, Mensch, und zage nicht! Du bist um Deiner Sünden willen nicht von
Gott verstoßen! Er will dich aufrichten, er will dich neu beleben, er will
dich reinigen von aller Schuld und verlangt nichts weiter von dir als
wahrhafte Reue und Besserung!“ Wie sollte ich nicht mit Freuden diese
Wohltat anerkennen, und all mein Sinnen darauf richten, ihrer ganz
teilhaft zu werden! Ich will mich nicht meiner Sünden entledigen, um neue
zu begehen, sondern ich will wahren und bleibenden Gewinn ziehen aus der
hohen Bedeutung dieses Tages.

Darin soll meine andächtige Erhebung bestehen, daß ich dankend und
preisend Dir nahe, Du Ehrfurchtbarer! Daß ich meine Bitten und alles, was
mein Herz beschwert, vor Dir ausspreche, daß ich mich selbst prüfe und
meine Sünden bekenne und Reue und Besserung aufrichtigen Sinnes Dir
angelobe, auf daß ich am nächsten Versöhnungstage — der mir und uns allen
herankommen möge zum Heile — mit freudigem Herzen zurückblicken könne auf
ein im Dienste Gottes, im Dienste der Religion und Tugend verlebtes Jahr.
Also sei es Dein Wille, Allmächtiger! Amen!

                                  ——————

                               ‎‫אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ‬
                              Owinu malkenu.

             (Dieses Gebet wird am Sabbate nicht gesprochen.)

                                   ———

    Herr und Vater! Wir haben gesündigt vor Dir.
    H. u. V.! Du bist allein der Herr, auf den wir vertrauen.
    H. u. V.! Übe Gnade an uns zur Verherrlichung Deines Namens.
    H. u. V.! Laß das neue Jahr zum Glück und Heil uns herankommen.
    H. u. V.! Halte fern von uns jedes schwere Verhängnis.
    H. u. V.! Vernichte die Ratschläge unserer Feinde, die sie gegen uns
         gerichtet.
    H. u. V.! Halte fern von uns Pest, Krieg und Hungersnot. Laß die Deinen
         nicht in die Gewalt der Unterdrückung und des Verderbens fallen.
    H. u. V.! Behüte uns vor gefährlicher Krankheit.
    H. u. Vater! Verzeihe uns und vergib uns unsere Sünden.
    H. u. V.! Laß in vollständiger Buße uns zu Dir zurückkehren.
    H. u. V.! Sende vollkommene Heilung allen unseren Kranken.
    H. u. V.! Gedenke unser mit Wohlwollen und Gnade.
    H. u. V.! Bestimme für uns ein Leben ohne Unglück.
    H. u. V.! Bestimme für uns Heil und Erlösung.
    H. u. V.! Bestimme für uns, daß Not und Mangel uns fern bleiben.
    H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß auch wir verdienstlich
         leben.
    H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß Fehl und Unrecht uns
         verziehen werde.
    H. u. V.! Laß das Heil der Menschen wachsen und zunehmen.
    H. u. V.! Erhebe Israel zu seiner wahren Größe und zur Erkenntnis
         seiner Bedeutung.
    H. u. V.! Laß Dein Reich auf Erden immer mehr und mehr sich erweitern.
    H. u. V.! Fülle unsere Hand mit Deinen Segnungen.
    H. u. V.! Höre unsere Stimme und erbarme Dich über uns.
    H. u. V.! Nimm unser Gebet in Gnaden auf.
    H. u. V.! Öffne die Pforten des Himmels unserm Flehen.
    H. u. V.! Gedenke, daß wir nur Staub sind.
    H. u. V.! Laß uns nicht leer zurückkehren, da wir gebetet vor Deinem
         Angesicht.
    H. u. V.! Laß diese Stunde sein eine Stunde der Barmherzigkeit, eine
         Zeit der Gnade vor Dir.
    H. u. V.! Erbarme Dich über unsere unmündigen Kinder.
    H. u. V.! Gedenke des Verdienstes der Frommen, unserer Vorfahren, die
         in den Tod gegangen sind um des Glaubens willen, die standhaft
         ihr Leben geopfert haben für das Bekenntnis Deiner Einheit.
    H. u. V.! Laß auch ferner Deinen Namen durch uns geheiligt und
         verbreitet werden.
    H. u. V.! Nicht unserem Verdienste vertrauen wir, sondern Deiner
         Gnade. Amen!

                                  ——————

                     Morgengebet am Versöhnungstage.
                       (Vorher Nischmath Seite 19.)

                                   ———

O Herr! öffne meine Lippen, daß mein Mund Deinen Ruhm verkünde.

Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs! Du bist der Allmächtige, der Erhabene, der
Ehrfurchtbare. Du bist der Vergelter aller guten Taten, Du bist es, dem
alles angehört, und der auch der Frömmigkeit der Väter gedenket, um zu
vergelten den Kindern um seines Namens willen in Liebe.

*O gedenke unser zum Leben, Du, König, der da Wohlgefallen hat am Leben,
und schreibe uns ein in das Buch des Lebens.*

König, Beistand, Retter und Schirm bist Du! Gelobt seist Du, Ewiger Schild
Abrahams.

Du bist mächtig in Ewigkeit, o Herr! Du belebest die Toten und ernährest
die Lebendigen, Du stützest die Fallenden, heilest die Kranken, erlösest
die Gefesselten. Wer ist Dir gleich, Herr aller Mächte! wer kann mit Dir
sich messen! Du tötest, Du belebest, von Dir kommt alles Heil.

*Wer ist wie Du, Vater der Barmherzigkeit! Du gedenkest in Gnade aller
Deiner Geschöpfe, von Dir kommt ihr Leben.*

Heilig bist Du, und heilig ist Dein Name, und allen Frommen gebührt es,
Dich täglich zu loben.

O, so möge denn auch die Zeit immer näher kommen, daß Dich, den Ewigen,
unseren Gott, alle Geschöpfe in Ehrfurcht preisen, daß alle Menschen auf
der Erde erfüllt werden von dem Bewußtsein Deiner Erhabenheit, daß alle
einmütig vor Dir sich beugen, daß alle in einem Bunde sich vereinigen, um
mit freudigem Herzen Deinen Willen zu üben; daß sie es erkennen, so wie
wir es wissen, daß Dein allein die Herrschaft ist, alle Macht nur in
Deiner Hand, alle Stärke nur in Deiner Rechten, und daß Dein Name allein
würdig ist, der Inbegriff aller Ehrfurcht zu sein für alle Geschöpfe der
Erde.

Und so möge es auch zur Ehre Deines Volkes anerkannt werden, daß sein
Glauben die Wahrheit ist. Das sei der Ruhm Deiner Verehrer, die Hoffnung
derer, die Dich suchen. Das freimütige Wort derer, die auf Dich harren,
sei immerdar die Rede: „_Einst wird der Herr das Licht der Wahrheit
leuchten lassen über die ganze Welt._“ O tue es bald! O tue es bald!

Bringe näher die Zeiten des Heiles vor unseren Augen, so daß die Gerechten
es sehen und dessen sich freuen, die Redlichen jauchzen, die Frommen in
Jubel ausbrechen, wenn das Laster verstummt, die Bosheit wie Rauch vergeht
und die Herrschaft des Übermutes schwindet von der Erde.

Dann wird der Glauben an Dich allein die Welt regieren, dann wird erfüllt
Dein heiliges Wort:

„_Der Herr allein regiert die Welt, dein Gott ist's, der Gott, auf Zion,
angebetet, von Geschlecht zu Geschlecht, Halleluja_!“

O, Ewiger! unser Gott! laß diesen Tag der Versöhnung uns zum Heile werden,
auf daß wir entsündigt werden von allen unseren Vergehungen.

Laß an dem heutigen Tage vor Dir aufsteigen das Andenken an uns, die
Betenden, auch das Andenken an unsere Väter, die vor Dir gewandelt sind,
auch das Andenken an den Erlöser, den Du Deinem Volke verheißen, auch das
Andenken an Jerusalem, Deine heilige Stadt, auch das Andenken an das ganze
Volk Israel, dem Du ein treuer Hüter gewesen bist auf seinem Wandel durch
die Zeiten, damit Du am heutigen Tage der Versöhnung unser gedenkest in
Milde und Barmherzigkeit, zum Glücke und zur Rettung, zum Leben und zum
Wohlsein.

    O, gedenke unser heut zum Glücke!
    Erinnere Dich unser zum Segen!
    Steh' uns bei, auf daß wir leben!

Denn auf Dich sind unsere Augen gerichtet, Du bist Gott, Du bist König, Du
bist der Allgütige.

Unser Gott, und unserer Väter Gott! Vergib unsere Sünden an diesem
Versöhnungstage und lasse unsere Missetaten aus Deinen Augen schwinden,
wie Du verheißen hast: „_Ich, ich bin es, der ablöscht deine Missetaten um
meinetwillen, und deiner Vergehungen gedenke ich nicht_,“ und wie es
ferner heißt: „_Ich habe abgelöscht wie Gewölk deine Missetaten und wie
Wolkendunst deine Vergehungen._ Kehre _zurück zu mir, denn ich habe dich
erlöset_“, und wie es ferner heißt: „_Denn an diesem Tage entsühnt er
euch_, um _euch zu reinigen von allen euren Sünden, vor dem Ewigen sollt
ihr rein sein._“

Reinige unser Herz, daß wir mit Eifer und in Wahrheit Dir dienen. Du bist
es ja, der sein Wohlwollen nicht ablenkt von den Stämmen Jeschuruns, bis
an das Ende der Zeiten. An wen sollten wir uns auch wenden, da nur Du
unser König bist, der uns begnadigen kann. Alljährlich läßt Du unsere
Schuld dahinschwinden. So liebst Du Dein Volk Israel, und darum auch
schenktest Du uns den Versöhnungstag.

Nimm auch unsern Dank, o Gott und Gott unserer Vorfahren, für das Leben,
das Du bis heute uns bewahrt, für die Wohltaten, die Du bis heute uns
erwiesen. Alles, was Du für uns tust, ist groß und wunderbar, wir könnten
nicht genügend Dir danken, wollten wir auch täglich vom Morgen bis an den
Abend Dich rühmen. Ohne Ende ist Deine Güte, und Deine Liebe hat keine
Grenzen.

O Herr! Laß unsere Bitte vor Dich kommen, wenn wir gleich auf unser Recht
nicht bauen können: wir wissen gar wohl, wie vielfach wir gesündigt haben.

Wir sind abgewichen von Deiner Lehre und von Deinen Vorschriften, die so
heilsam für uns sind, Du freilich bist gerecht, wir aber stehen beschämt
als Sünder vor Dir.

Was sollen wir sprechen vor Dir? Du wohnest in der Höhe und überschauest
das All. Was sollen wir Dir mitteilen? Dein Thron ist über den Wolken. Nur
vor uns gibt es Geheimes und Offenbares, Dir aber ist alles, alles
bekannt.

Du kennst die Geheimnisse der Welt und kennst sie seit Ewigkeit, und
ebenso die Verborgenheit, in der das kleinste Wesen lebt, Du
durchforschest die geheimsten Gedanken unserer Brust, nichts ist Dir
unsichtbar, kein Verbergen gibt es vor dem Auge Deiner Allwissenheit.

O Herr! Darum kennst Du auch mich, mein ganzes Wesen, mein ganzes Leben
und meine Fehler und Sünden. Ich aber flehe Dich an, o vergib! Verzeihe
und gewähre mir Versöhnung!

O Herr! Wie könnte ich denn Dir zu nahe treten, wie könnte ich Dich
beleidigen durch meine Sünde, nur mir, meiner Veredelung und dem Heile
meiner Seele kann ich schaden, denn ob ich gleich geboren bin, bin ich
immer noch ein Nichts. Staub bin ich bei meinem Leben, um wie viel mehr
nach meinem Tode, wenn ich nicht die Seligkeit des ewigen Lebens mir
erwerbe. Beschämt und vernichtet ich vor Dir, wenn ich die Geringfügigkeit
meiner Tugend mir bedenke. O, Herr! Laß meinen Willen erstarken, daß ich
fortan die Sünde meide, und was ich bis jetzt verschuldet, das laß
vergessen sein vor Dir. Reinige mich und läutere mich durch Deine Gnade
und Verzeihung, aber, o Herr! nicht durch Prüfungen und Strafgerichte.

*Verzeichne zum glücklichen Leben alle Kinder Deines Bundes.*

*Verzeichne uns heut, uns und das ganze Haus Israels, ins Buch des
Friedens, der Nahrung und des Wohlseins.*

Bewahre unsere Zunge vor trüglicher Rede und unser Gemüt vor Hochmut,
segne uns mit einem willigen Herzen und einem eifrigen Geiste zur
Erfüllung unsrer Pflichten, und nimm wohlgefällig auf die Worte meines
Mundes und die Gedanken meines Herzens, Du, mein Fels und mein Erlöser!
Amen.

                                  ——————

                            Sünden-Bekenntnis.

                                   ———

Herr und Vater! Du hast den heiligen Versöhnungstag für uns eingesetzt,
daß wir das Heil unserer Seele, die Vergebung unserer Sünden von Dir
erlangen. Wohl weiß ich es, daß ich keine Versöhnung für mich herbeiführen
kann ohne Reue und Besserung. Darum ist dieser Tag für mich eine Zeit der
Selbstprüfung und des eifrigen Forschens nach dem Zustande meines
innersten Wesens. So laß mich denn reuevoll das Bekenntnis meiner Sünden
vor Dir aussprechen.

Was könnte es mir auch nützen, wenn ich sie verbergen oder auch nur das
offene Eingeständnis derselben unterdrücken wollte! Ist Dir ja doch das
Geheimste offenbar. Du schauest den verborgensten Zusammenhang aller Dinge
im Weltall, und ebenso geöffnet vor Dir sind die Kammern meines Herzens,
meine Taten alle und alle meine Gedanken.

Herr und Vater, ich habe _gesündigt gegen Dich_.

Ich habe die falschen Vorstellungen von Dir nicht in dem Maße aus meiner
Seele verbannt, als ich es wohl vermocht hätte, wenn ich mit Eifer jede
Gelegenheit gesucht hätte, Belehrung zu empfangen, um den Glauben zu
befestigen und mich vom Aberglauben zu entfernen.

Ich habe nicht Dir allein gedient: habe mich des Götzendienstes schuldig
gemacht, wenngleich ich nicht gebetet vor Holz oder Stein, denn oft habe
ich mein Knie gebeugt vor dem Unwürdigen, um die Gunst der Menschen mir zu
erkaufen, oft habe ich auch ein Opfer dargebracht auf dem Altar des
Genusses, das Dir nicht wohlgefällig war.

Ich habe nicht Dir _allein_ vertraut und nicht Dir _über alles vertraut_;
denn ich gründete mein Hoffen oft einzig auf die Hilfe der Menschen und
noch öfter auf meine eigene Einsicht.

Ich habe Deine Liebe nicht anerkannt, denn ich habe Deine Gaben genossen,
ohne an Dich zu denken und Dir zu danken.

Ich habe Deinen Namen nicht heilig gehalten, sondern ihn leichtfertig und
unnötig ausgesprochen, und so die Ehrfurcht gegen Dich verletzt.

Ich habe den Sabbat nicht immer geheiligt, und oft versäumt, ihn
anzuwenden zur inbrünstigen Erhebung zu Dir im Gebete.

Ich habe Zeiten, die Dir geweiht sein sollen, zu weltlichen Geschäften
verwandt, weil ich mich freuete an der Frucht meiner Arbeit und sie nicht
betrachtete als ein Geschenk Deiner Gnade.

Herr und Vater! Ich habe auch gesündigt _gegen meine Nebenmenschen_.

Ich habe oft gefehlt in der Ehrfurcht gegen meine Eltern.

Ich habe oft die Gefühle der Dankbarkeit verleugnet gegen die, die mir
wohlgetan.

(Ich bin meinen jüngeren Geschwistern nicht immer ein würdiges Vorbild
gewesen.)

Ich habe mich aufgelehnt gegen die, die ein Recht auf meinen Gehorsam
haben.

Ich habe die Gesetze der Obrigkeit verletzt und nicht beherzigt, daß das
Heil aller gegründet ist auf den guten Willen aller, die Ordnung der
menschlichen Gesellschaft zu hüten.

Ich habe mich versündigt am Leben meines Nächsten, weil ich ihn nicht
gewarnt, wo Gefahr ihm drohte, so daß er einen Schaden genommen, den ich
hätte verhüten können.

Ich habe oft unvorsichtig zerstört, was meinem Nächsten Freude gemacht
hat.

Ich habe mich hart abgewandt von dem Hungrigen.

Ich habe dem Leidenden meine Hilfe versagt.

Ich habe die, welche mir um Lohn dienten, mit Arbeit überbürdet und ihre
Schwäche nicht geschont.

Ich war mitleidslos, vielleicht auch grausam gegen Tiere.

Ich habe Sitte und Unschuld nicht immer in meinen Gedanken bewahrt.

Ich habe durch leichtfertige Reden die Unschuld beleidigt.

Ich habe eingestimmt in den Scherz, der die Sitte verletzt.

Ich habe das Eigentum meines Nächsten nicht geachtet und im Eigennutz sein
Recht vergessen.

Ich habe meinen Vorteil auch da gesucht, wo er den Nachteil eines andern
herbeiführte.

Ich habe dem Arbeiter seinen Lohn gekürzt und über die Gebühr ihn darauf
warten lassen.

Ich habe meinen Nächsten beleidigt und durch Wort und Tat gekränkt.

Ich habe hart geurteilt über die Handlungen anderer Menschen.

Ich habe durch üble Nachrede ihrem guten Namen geschadet.

Ich habe Lästerungen gleichgültig oder wohlgefällig angehört und nicht
zurückgewiesen.

Ich bin durch Übertreibung der Fehler anderer abgewichen von der Wahrheit.

Ich habe nicht Rücksicht geübt mit ihren Schwächen.

Ich habe auch ihren Taten oft falsche Beweggründe unterstellt und so den
Schuldlosen verdächtigt.

Herr und Vater! Ich habe auch gesündigt gegen mich _selbst_.

Ich war zu selten bestrebt, meine Gedanken und meine Sitten zu veredeln.

Ich habe mein Herz nicht rein gehalten vom Neide.

Ich habe Genüge gefunden an meiner eigenen Mittelmäßigkeit.

Ich habe dennoch der Zufriedenheit zu selten Raum gegeben in meinen
Empfindungen.

Ich habe oft die Stimme der Weisheit überhört und die Gesetze der
Mäßigkeit nicht geachtet.

Ich habe zu viel nach irdischen Gütern gestrebt und das Heil meist in
ihrem Besitze gesucht.

Herr und Vater! Alles dies habe ich getan und noch viel darüber:

Meine Wahrheitsliebe war zu gering, meine Treue zu wankelmütig, mein
Mitleid zu selten und zu untätig; meine Ordnungsliebe zu lau, mein Fleiß
war oft ohne Ausdauer, meine Mühe ohne Beharrlichkeit.

So habe ich selbst das Recht nur unvollständig geübt und auch vom
_Unrechten_ habe ich zu wenig mich fern gehalten.

Ich habe heuchlerisches Lob mit Wohlgefallen aufgenommen, habe der
Schmeichelei mein Ohr geneigt, ich habe den Tadel gehaßt, ich habe meine
Fähigkeiten überschätzt, meine Ansprüche zu hoch gestellt, meine Ehre oft
zu gering gehalten; ich habe meine Bequemlichkeit zu sehr geliebt und
meine Pflichten zu wenig.

Ach! ich könnte noch lange nicht enden, wäre ich imstande, meiner Fehler
große Zahl vor Dir zu bekennen. Je tiefer ich in mein Inneres schaue,
desto tiefer wird vor meinem Blicke der Abgrund meiner Sündhaftigkeit. Ich
könnte auf Deine Milde, Allbarmherziger, nicht hoffen, wolltest Du mir
vergelten nach Gerechtigkeit. Du aber wirst mich richten nach Deiner
unendlichen Gnade. Wo ist ein Mensch, der fehlerlos vor Deinem Angesichte
erschienen, denn: _es gibt ja keinen Gerechten auf Erden, der nur das Gute
tut und nicht sündigt_.

Darum, Herr und Vater, nimm das Bekenntnis meiner Sünden wohlgefällig auf
und schreibe mich in das Buch der Versöhnung und Vergebung.

Laß mich immer erfüllt sein von dem Streben, weiser und besser zu werden.
Halte fern von mir die Versuchung, und wo sie mir dennoch entgegentritt,
da gib mir Einsicht, sie zu erkennen und Kraft, ihr zu widerstehen.

Das ist mein Gebet, das ist mein Hoffen, das ist mein Vertrauen zu Dir,
der Du den heutigen heiligen und ehrfurchtbaren Tag bestimmt hast, daß er
ein Versöhnungstag für uns sei, denn Du hast es in Deiner heiligen Lehre
ausgesprochen: _An diesem Tage will ich euch versöhnen, euch zu reinigen;
von euren Sünden sollt ihr vor dem Herrn rein sein._ Amen.

                                  ——————

              Beim Herausheben der Thora am Versöhnungstage.

                                   ———

*O Ewiger! Ewiger! Barmherziger Gott! Du bist der Allgnädige, langmütig
und von unbegrenzter Huld und Treue, der seine Gnade bewahret bis ins
tausendste* *Geschlecht, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt und den
Übeltäter losspricht*.

                                (Dreimal.)

Herr des Weltalls! O erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem
Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte: Vergib
erbarmungsvoll alle meine Missetaten und vergib Fehl und Sünde allen, die
mir nahe stehen und die ich in mein Gebet einschließe. Laß Deine
Verzeihung walten über uns aus Gnade und Barmherzigkeit; laß uns rein sein
von Sünde und Vergehen. Gedenke heute unser mit Wohlgefallen, erinnere
Dich unser zu unserm Heile. Schenke uns ein glückliches Leben, gewähre uns
Frieden, Nahrung, Zufriedenheit und sorgenfreie Befriedigung der
Bedürfnisse des Lebens. Laß es uns nimmer fehlen an Brot und Kleid.
Beglücke uns mit Wohlstand und Ansehen und Lebensfreude, damit es uns
vergönnt sei, diese Güter anzuwenden zu Werken der Tugend, schenke uns
Leben und Gesundheit, damit wir noch lange zu wandeln vermögen in den
Wegen Deiner Lehre. Gib uns Weisheit und Einsicht, daß es uns mehr und
mehr gelinge, einzudringen in den Plan Deiner Weltregierung. Befreie uns
von den Leiden, die uns drücken und segne die Taten unserer Hände.
Verhänge über uns Glück, Heil und Trost. Vernichte die Gefahren, die uns
drohen, ob sie uns bekannt oder unbekannt sind. Wende immerdar das Herz
unseres erhabenen Regenten zum Wohlwollen, daß nie wieder über Israel
hereinbrechen die Tage des Druckes und der Erniedrigung. Also sei es
wohlgefällig vor Dir, barmherziger Vater, Herr des Weltalls. Amen!

                    ‎‫שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃‬

                                  ——————

                Maskirbetrachtung für den Versöhnungstag.

                                   ———

Der am heiligen Tage der Versöhnung gelesene Abschnitt der Thora ruft uns
allen den tieftraurigen Tod der beiden Söhne des Priesters Ahron ins
Gedächtnis. Sie starben vor dem Ewigen, als sie fremdes, unheiliges Feuer
in das Heiligtum trugen. So wurde jenen die Stätte des Segens zum
Unglücksorte, wurde dem schwergeprüften Vater das Heiligtum, seine zweite
Heimat, zum Grabe seiner Kinder. So ist Menschenlos. Wo wir Glück erhoffen
und erträumen, erwächst oft Unheil. Die Unerforschlichkeit göttlicher
Bestimmung wird uns oft genug erwiesen. Wir stehen stumm und sprachlos,
gleich Ahron, vor dem Grabe köstlichster Habe. Das ist Menschenschicksal.
Wenn der Hohepriester am Tage der Versöhnung das Heiligtum zu verlassen
sich anschickte, war eines seiner andächtigen Gebete: „Möge es Dir
wohlgefallen, o Herr, daß den Bewohnern Sarons ihre Häuser nicht zu ihren
Gräbern werden.“ Saron, das ist jener liebliche Landstrich des heiligen
Landes, der berühmt ist durch die Schönheit und Üppigkeit seiner Fluren;
dessen Rosen und Lilien farbenprächtig prangen, köstlich duften. Die Lilie
von Saron zierte die jüdische Jungfrau. Kein Jahr jedoch verstrich, in
welchem dieses gesegnete Erdreich nicht seine Opfer forderte. Nur an der
Oberfläche war der Boden dieser rosengeschmückten Gefilde lieblich und
schön. Aus der Tiefe drohten Tod und Verderben. Erderschütterung und die
Wühlarbeit unterirdischer Gewässer machten Sarons Ebene zur
Schreckenstätte. Die sonst beneidenswerten Bewohner waren von furchtbarer
Gefahr bedroht.

Ein anderes Saron ist unser Leben, sind die Gefilde und Triften unseres
Strebens und Wirkens, die Stätten unserer Wohnungen und Familienhäuser.
Leben, blühendes Leben soll ihnen entsprießen. Wie fruchtbares Erdreich
sollen sie sein, in das wir kräftiges Saatkorn senken, um freudig Garben
binden und heimwärts tragen zu können. Unseren Häusern erwachsen in
Töchtern und Söhnen liebliche Rosen, duftige Lilien. Rein wie die Lilie,
keusch und lauter ist des Kindes Unschuld, wie die Rose voll Seelenduft,
aber auch ebenso zart und empfindlich. Ihnen schadet die Kälte, scharfer
Windhauch des Herbstes. Sie verlangen Wärme und Wacht, auf daß die Töchter
und Söhne dem Judentume treu und lebendig bleiben. Der geweihte Boden des
Hauses, wo Mütter und Väter sorgen und hüten, ist die Ursprungsstelle
jüdischer Frauen und Männer. Hier müssen den zarten Wurzeln Triebkräfte
zugeleitet werden, damit die Blumen sich entfalten und nicht vorzeitig
welken und sterben. „Möchten doch unsere Häuser nicht zu unseren Gräbern
werden.“ Dieses ist unser heißes Flehen in dieser heiligen Stunde, in
welcher wir derjenigen wehmutsvoll gedenken, die in den Gräbern ruhen.
Ihnen war das Haus verheißungsreiche Pflegestätte edelster jüdischer
Tugend, biblischer Kraft, patriarchalischen Geistes. In ihrer Wohnung
gediehen Lilien inniger Frömmigkeit, Rosen ungetrübter Seelenfreude,
Herzensruhe, Gottergebenheit. Und ihnen erwuchsen in Töchtern und Söhnen
verläßliche Glaubensschwestern, Glaubensbrüder.

In sich trugen sie die Bürgschaft für neues Leben. Nie ward ihr Haus ihr
Grab. Lasset uns ernstlich Sorge tragen, daß unsere Häuser den drohenden
Erschütterungen der Erde nicht zum Opfer fallen, kein wühlendes Gewässer
sie zerstöre, Schuld und Sünde die Bewohner nicht dem Tode weihe. So beten
wir mit dem Priester andächtig und inniglich: „Möge es Dir wohlgefallen, o
Herr, daß unsere Häuser nicht unsere Gräber werden.“

               (Siehe „Totenfeier“ am Schlusse des Buches).

                                  ——————

                   Gebet zu Mussaph am Versöhnungstage.

                                   ———

Was können wir denn tun, Herr und Vater, um der Gnade würdig zu sein, um
die wir Dich anflehen. Der sichtbare Wohnsitz Deiner Herrlichkeit, der
heilige Tempel zu Jerusalem, ist nicht mehr das Ziel unserer Wallfahrt;
der Hohepriester betritt nicht mehr das Allerheiligste und sprengt nicht
mehr das Blut der Entsündigung an die Wände des Altars. Der Sündenbock
wird nicht mehr, beladen mit der Schuld des Volkes Israel, in die Wüste
gesandt, und die Flammen des Opfers lodern nicht mehr auf dem Altare.

Wohl weiß ich es, Herr und Vater, daß Du das alles heute noch nicht von
uns begehrst, und daß Du darum selbst in Deiner erhabenen Majestät nicht
aufgehört hast, in der Mitte der Deinen zu thronen, wo sie zu Deinem
Dienste sich versammeln an allen Enden der Erde. Du selbst hast es
ausgesprochen: „_Und ich werde gedenken des Bundes, den ich mit ihren
Vorfahren geschlossen, welche ich aus Ägypten geführt habe vor den Augen
aller Völker, ihnen ein Gott zu sein, ich, der Ewige._“ Du selbst hast uns
die Versicherung gegeben: „_Auch alsdann, wenn sie sein werden im Lande
ihrer Feinde, werde ich sie nicht verwerfen und verstoßen, sie nicht
vergehen lassen, so daß ich meinen Bund mit ihnen zerstöre, denn ich bin
der Ewige, ihr Gott._“ Auch für uns gilt das Wort, das Du durch Deinen
Propheten verheißen: „_Wenn eure Sünden auch wie Purpur sind, weiß wie
Schnee sollen sie werden._“

Und so weiß ich es, daß Du auch uns die Mittel gegeben hast, Deine Gnade
zu erwerben. Auch uns ist es nicht versagt, Dir Opfer zu bringen, die Dir
wohlgefällig sind. Wenn wir in aufrichtiger Buße unsere Sünden bereuen und
Dir geloben, mit allen unseren Kräften die Versuchungen zu bekämpfen und
die Fehler zu meiden, wenn wir in inbrünstigem Gebete zu Dir uns wenden
allezeit, und wenn wir, eingedenk Deiner unendlichen Güte und
Barmherzigkeit, wiederum gütig und hilfreich sind gegen unsere
Nebenmenschen, so oft sie unseres Beistandes bedürfen: das alles, Herr,
ist wohlgefällig aufgenommen in Deinen Augen, das steigt auf zum Throne
Deiner Herrlichkeit wie der liebliche Duft des Weihrauchs vom Altare.
Amen!

                                  ——————

                              Unsere Opfer.

                                   ———

    Wenn auch nicht mehr der Opferduft
    Entsteiget den Altären,
    Wir können Opferfreudigkeit
    Dir dennoch, Herr, bewähren:
    Des Herzens sündige Begier,
    Die bringen wir zum Opfer Dir.
    O Herr, laß von uns allen
    Solch' Opfer Dir gefallen!

    Und kann der Priester nicht für uns
    Das Heiligtum betreten,
    Wir können selbst im Heiligtum
    Zu uns'rem Schöpfer beten.
    Im Gotteshaus mit Lobgesang
    Bekunden wir des Herzens Drang.
    O Herr, laß von uns allen
    Solch' Opfer Dir gefallen!
    Und können wir zum Opfertier
    Auch keine Gaben spenden,
    Auf daß wir unsere Sündenlast
    Zum Wüstenfelsen senden.
    Wir wollen uns're Gaben weih'n
    Dem Dürftigen ein Trost zu sein.
    O Herr, laß von uns allen
    Solch' Opfer Dir gefallen.

    Das können nur die Opfer sein,
    Die wir zu bringen haben:
    Die wahre Buße, das Gebet
    Und milde Liebesgaben.
    So suchen wir des Schöpfers Huld,
    So sühnen wir der Sünde Schuld.
    O Herr, laß von uns allen
    Solch' Opfer Dir gefallen!

                                  ——————

                                ‎‫וּנְתַנֶּה תֹּקֶף‬
                             Unthanne tokef.

                                   ———

    Erwäge nun, mein Geist, die Heiligkeit
    Des Tages heut, erwäge seine Größe!
    Denn mächtig ist er, furchtbar und erhaben.
    Heut tust Du, Herr! uns Deine Herrschaft kund.
    Der Weltregierung Herrscherstuhl errichtet
    Hast Du vor uns, aus Gnade ihn begründet
    Und thronest d'rauf im Himmelsglanz der Wahrheit.
    Ja, Wahrheit ist's, daß Du ein Richter bist,
    Der nimmer irren kann; Allwissenheit
    Macht Dich zugleich zum Geber des Gesetzes,
    Zum Zeugen und zum unfehlbaren Richter.

    Geschrieben und gezählt von Deiner Hand,
    Besiegelt auch sind alle uns're Taten, —
    Die wir vergessen, sind von Dir gedacht.
    Heut schlägst das Buch Du der Erinn'rung auf,
    Und siehe! Alles deutlich d'rin zu lesen,
    Als wär's von uns'rer eigenen Hand verzeichnet,
    Da tönet mächtig der Posaune Schall,
    Und sie verhallt in feierlicher Stille,
    Und zitternd eilt herbei der Engel Schar,
    Sie laden zum Gericht und rufen aus:
    „Erschienen nun ist des Gerichtes Tag!
    Herbei, ihr Himmelsscharen! eilt herbei!“
    Denn sie auch sind nicht fehlerlos vor Dir.

    Und die Geschöpfe alle zieh'n vorüber
    Vor Deinem Angesichte, wie eine Herde.
    So wie der Hirte, musternd seine Schafe,
    Sie läßt dahinzieh'n unter seinem Stabe,
    So musterst Du, so leitest Du und zählest
    Die Seelen der Lebend'gen, alle, alle;
    Das Ziel bestimmst Du jedem Deiner Wesen,
    Verzeichnest ihr Gericht, wie Du's verhängst.

    Am Neujahrstage, da wird's aufgeschrieben
    Und am Versöhnungstage wird's beschlossen:
    Wie viel der Wesen aus dem Leben scheiden,
    Wie viel zur Welt gerufen werden sollen,
    Wer leben soll und wer zum Tode eingeh'n,
    Wer da sein Ziel erreichen, wer verfehlen.
    Und wen die rohen Kräfte der Natur,
    Wen Schwert und Krankheit oder Hungersnot
    Als ihre Beute sich erwählen werden,
    Und wessen Anteil wird der Frieden sein.
    Wer unstät irren müsse durch das Leben,
    Wer Freudigkeit, wer Trübsal finden soll,
    Wer wandeln soll im Segen oder Mangel,
    Und wer erniedrigt, wer erhöhet werde;

                                   aber

                      *Reue, Gebet und Liebeswerke*

                 lassen das böse Verhängnis vorübergehen.

                                  ——————

    Denn wie Dein Name, so ist auch Dein Ruhm,
    Bist schwer erzürnt und leicht geneigt zur Milde,
    Du willst nicht, daß der Todesschuld'ge sterbe,
    Du willst, daß er bereue, daß er lebe,
    Du harrst auf ihn bis auf den Tag des Todes
    Und nimmst ihn auf, so er zu Dir sich wendet.

    Führwahr! Du bist der Schöpfer aller Menschen,
    Kennst ihre Triebe, — sie sind Fleisch und Blut. —
    Der Mensch ist Staub und kehrt zurück zum Staube,
    Wenn mühsam er das Leben hingebracht.
    Er ist zerbrechlich, gleich dem ird'nen Scherben,
    Dem dürren Grase gleich, der welken Blüte,
    Dem Schatten gleich, der stumm vorüberzieht,
    Der Wolke gleich, die sich als Nebel löset.
    Wie Wind dahingeht, wie der Staub verfliegt,
    So fliegt er hin, vergänglich wie ein Traum.


  *Du aber bist König, Gott, der Lebendige, der Bestehende in Ewigkeit!*

                                  ——————

                                ‎‫סֵדֶר עֲבוֹדָה‬
                   Der Hohepriester am Versöhnungstage.

                                   ———

Glanzvoll und weihevoll, prächtig und erhebend war die Feier des
Versöhnungstages in jenen Zeiten, da der Hohepriester noch seinen heiligen
Dienst im Tempel zu Jerusalem verrichtete. Der Opferdienst des
Hohenpriesters am Versöhnungstage bot dem in Andacht und feierlicher
Stimmung erregten Volke das sichtbare Kennzeichen der Entsündigung dar.
Der Hohepriester war der Größe seiner Aufgabe sich bewußt und alle
Voranstalten zur würdigen Lösung derselben entsprachen der hohen
Heiligkeit des Tages.

Entsprossen aus dem Hause Aharons, und durch diese seine Abstammung zum
Priesteramte befähigt, sollte dennoch zu dem Vorzuge seiner Geburt der
seiner eigenen Würdigkeit sich gesellen. Darum unterzog er sich gern allen
Förmlichkeiten, die darauf abzielten, ihn zur Weihe des Tages
vorzubereiten.

Sieben Tage vor dem Versöhnungstage sonderten die Ältesten den
Hohenpriester von den übrigen ab, wie einst Aharon bei seiner Weihe. Man
besprengte ihn mit dem Wasser der Entsündigung, dann machte er selbst die
Sprengungen und Räucherungen und übte sich aufs beste in allen
Verrichtungen seines Dienstes.

Alte, angesehene und weise Männer bildeten ausschließlich seine Umgebung
und füllten seine Zeit mit Belehrungen und Ermahnungen aus. Am neunten
Tage des Monats Tischri wurden die für den Sühnetag bestimmten stattlichen
Opfertiere an ihm vorübergeführt. Um die Zeit des Sonnenunterganges durfte
er nur spärliche Speise zu sich nehmen, und die Greise seines Stammes
beschäftigten ihn mit Unterweisungen und lehrreichen Gesprächen, um ihn
bis Mitternacht wach zu erhalten. Alsdann beeilten sich die Priester, die
Asche vom Opferaltar und vom goldenen abzuräumen, um welche Verrichtung
viermal gelost wurde.

Sobald der Späher auf der Warte den Anbruch des Morgens verkündete,
spannten sie eine Byssusdecke aus, um den Priester zu bergen. Er
entkleidete sich, badete, legte die Goldgewänder an, wusch Hände und Füße
und schlachtete das tägliche Morgenopfer, fing das Blut auf und sprengte
es.

Nachdem er das ganze tägliche Opferwerk vollbracht hatte, wurde abermals
eine Byssusdecke vor ihm ausgespannt. In einem besonderen Gemache im
Heiligtum, der Kammer des Parwah, nahm er abermals Bad und Waschungen vor
und bekleidete sich mit kostbaren weißen Gewändern von Pelusischem Byssus.
Er trat alsdann hervor, legte seine Hand auf den bereitstehenden
Opferfarren, bekannte _seine Sünden_ und sprach:

„O, mein Gott! Ich habe gesündigt, gefehlt, gefrevelt vor Dir, ich und
mein Haus. O, bei Deinem heiligen Namen rufe ich: Vergib die Sünden, Fehle
und Frevel, durch die ich gesündigt, gefehlt und gefrevelt habe vor Dir,
ich und mein Haus, wie geschrieben steht in der Lehre Moses, Deines
Knechtes, aus dem Munde Deiner Herrlichkeit: „_Denn an diesem Tage wird er
euch sühnen, euch zu reinigen von euren Sünden vor dem_ *Ewigen*“.

Der Priester aber und das Volk, das in der Vorhalle stand, wenn sie
vernahmen den ehrwürdigen und erhabenen Gottesnamen, wie er klar und
deutlich gesprochen aus dem Munde des Hohenpriesters kam in Weihe und
Reinheit, knieten nieder und bückten sich, bekannten ihn und fielen auf
ihr Angesicht und sprachen: „_Gelobt sei der Name seines herrlichen
Reiches in Ewigkeit_“.

Und auch er (der Hohepriester) wußte es also einzurichten, daß er den
Namen des Ewigen aussprach im Augenblicke der Benedeiung^[2] und fügte
alsdann hinzu: „_sollt ihr rein sein_“. Du aber, Gott in Deiner Huld,
ließest Deine Barmherzigkeit rege werden und gabst Verzeihung Deinen
Frommen.

[2] Absatz 3, Schluß.

Alsdann schritt der Priester an die Morgenseite der Vorderhalle. Dort
standen die beiden, durch Gestalt und Ähnlichkeit gepaarten _Opferböcke_,
die zum eigentlichen Entsündigungsopfer am Versöhnungstage bestimmt waren.
Dieselben waren aus den Mitteln der Gemeinde angeschafft. Der Priester
nahete ihnen, um mit ihnen zu verfahren, wie es im Gesetze des Herrn (3.
Buch Mose, Kap. 16) vorgeschrieben ist. Er zog das Los und verkündete laut
nach demselben die Bestimmung der beiden Böcke, welcher von ihnen zum
Sündopfer dargebracht und welcher nach der Wüste gesandt werden sollte,
kehrte alsdann zu seinem Opferfarren zurück, bekannte abermals _seine_
Sünden vor Gott und die seines Stammes_, und Volk und Priester stimmten
ein nach voriger Weise:

„Du aber, Gott, in Deiner Huld, ließest Deine Barmherzigkeit rege werden
und gabst Verzeihung dem Stamme Deiner Diener.“

Nun erst schlachtete er den Farren, beschritt das Allerheiligste, ließ
daselbst eine Weihrauchsäule aufsteigen aus goldener Schale, und sprengte
mit seiner Hand, zwischen den Stangen der Bundeslade stehend, von dem
Blute des Opfers, einmal nach oben und siebenmal nach unten.

Dann kehrte er zurück, schlachtete auch den zum Sündopfer bestimmten
Ziegenbock und nahm die Sprengungen vor wie mit dem Blute des Farren. Also
geschah es im Allerheiligsten.

Hierauf kehrte der Hohepriester zu dem noch lebenden Ziegenbocke zurück
und bekannte, auf denselben seine Hand legend, die Verirrungen _des
Volkes_ und seine wissentliche Schuld. Wiederum schloß er das
Sündenbekenntnis mit den Worten: „_vor_ dem *Ewigen*“, wiederum fiel alles
Volk auf das Angesicht und alle sprachen: „_Gelobt sei der Name seines
herrlichen Reiches in Ewigkeit_“, und der Priester fügte hinzu: „_sollt
ihr rein sein_“. „Du aber, Gott, in Deiner Huld, ließest Dein Erbarmen
rege werden und gewährtest Verzeihung der Gemeinde Jeschuruns“.

Nun entsandte er den Sündenbock durch den dazu bestellten Boten in die
felsige Wüste, die Sündenmakel des Volkes in die Öde zu tragen. Von einer
Felsenzinne ward er hinabgeschmettert und sein Gebein zertrümmert. Der
Hohepriester verbrannte die Reste der Opfertiere, las alsdann mit lauter
Stimme die Ordnung des Tages aus der Thora vor und legte die goldenen
Gewänder an. Dann brachte er den für ihn und den für das Volk bestimmten
Widder dar und opferte die Fettstücke des Sünd- und Mussaf-Opfers in
üblicher Weise. Aufs neue mit den leinenen Gewändern bekleidet, trat er in
das Allerheiligste, holte die Rauchergerätschaften, die er beim ersten
Eintritt zurückgelassen hatte, heraus, vertauschte alsdann nochmals mit
den Goldgewändern die Leinengewänder, die nun für immer beiseite gelegt
wurden. Nun brachte er noch das tägliche Abendopfer dar, räucherte und
zündete die Lichter auf dem heiligen Leuchter an. Zum Schluß des Dienstes
wusch er Hände und Füße. Fünfmal hatte er gebadet und zehn Waschungen
hatte er vorgenommen.

Seine Gestalt strahlte in lichter Herrlichkeit, wie die Sonne in ihrer
Majestät. Frisch und fröhlich legte er nun die eigenen Kleider an, und die
ganze Schar der Andächtigen geleitete unter Jubel in feierlichem Aufzuge
den treuen Hirten heim in seine Wohnung.

Einen Festtag und ein Freudenmahl bereitete der Hohepriester allen seinen
Freunden, wenn er in Frieden hereingezogen und in Frieden herausgekommen
war aus dem Heiligtum.

Und also lautete das Gebet des Hohenpriesters am Sühnetage, wenn er
wohlbehalten und ohne Unfall zurückgekehrt war aus dem Allerheiligsten:

„Es sei Dein Wille, unser Gott, und unserer Väter Gott, daß dieses Jahr,
das für uns und ganz Israel nun anhebt, ein Jahr sei, in dem Du Deinen
Segensschatz uns auftust, ein Jahr der Fülle, des Segens und heilvoller
Verhängnisse, ein Jahr des Getreides, Mostes und Öles, ein Jahr des
Gedeihens, Gelingens und des Bestandes, ein Jahr des Vereinens in Deinem
Heiligtum, ein Jahr des Überflusses und des glücklichen Lebens, ein Jahr
des Regens und der Sonnenwärme, ein Jahr der süßen Früchte, ein Jahr der
Sühne all unserer Sünden, ein Jahr der Blüte für Verkehr und Gewerbe, ein
Jahr der Förderung der Gottesfurcht und Tugend, ein Jahr des Friedens und
der Ruhe, ein Jahr, in dem der Starke nicht den Schwachen bedrücke, ein
Jahr, in dem der eine nicht die Mildtätigkeit des andern bedürfe, ein
Jahr, in dem Dein Volk Israel glücklich und ungefährdet wohne unter den
Völkern, ein Jahr, in dem Du Gedeihen gebest jeglichem nützlichen Schaffen
unserer Hände.“ Und für die Bewohner des Tales Saron betete er noch: „Es
sei Dein Wille, o Gott, daß ihre Häuser nicht ihre Gräber werden.“

Herrlich über alles war der Anblick des Hohenpriesters, wenn er
wohlbehalten zurückkehrte aus dem Allerheiligsten:

    Gleich dem blauen Himmelszelte,
    Wolkenlos und frei und licht,
    War des Priesters Angesicht.

    Gleich dem Blitze, der als Feuer
    Glühend durch die Wolken bricht,
    War des Priesters Angesicht.

    Gleich dem Bogen, bunt sich wölbend
    Durch der Lüfte höchste Schicht,
    War des Priesters Angesicht.

    Gleich der Rose, die da pranget
    Unter Blumen, hold und schlicht,
    War des Priesters Angesicht.

    Gleich dem Diadem des Königs,
    Das den Blick mit Macht besticht,
    War des Priesters Angesicht.

    Gleich dem Bräut'gam, der die Liebe
    Preist im herrlichsten Gedicht,
    War des Priesters Angesicht.

Alles dies war also, als der heilige Tempel noch auf seinen Festen ruhete
und der Hohepriester des Dienstes waltete. Heil dem Auge, das dies alles
geschaut!

                                  ——————

                   Gebet zu Mincha am Versöhnungstage.

                                   ———

Herr und Vater! Das Ziel unserer Sehnsucht und unsere Bitte am heutigen
Tage ist Deine Gnade und Dein Erbarmen, Deine Milde und Deine
Freundlichkeit. Wir haben diese Bitte schon vielfach vor Dir
ausgesprochen, und hoffen, daß Du liebend sie gewähren wirst. Wohl aber
wäre es einseitig und fehlerhaft, wenn wir bei all diesen Gaben nicht
bedenken wollten, daß wir für ebendieselben Dir schon längst auch zu
danken haben. So möge sich denn auch mein Blick heut rückwärts wenden auf
die Tage, die vergangen sind, so daß ich bei diesem Rückblick nicht mich
betrachte, sondern Dich, Herr, Deine ganze Liebe und Barmherzigkeit, daß
meine Seele auch auf dem Altar des Dankes Dir opfere, die beste Spende
meiner innigsten Empfindung, das herzlichste Wort meines jubelnden Mundes.

Ja Du, Herr, bist ein Gott der Liebe! Was wäre ich ohne Dich!

Ich habe nicht nötig, um Deine Wunder zu rühmen, aufzuschauen zur
strahlenden Sonne, die die Welt erleuchtet, ich habe nicht nötig, mich zu
vertiefen in die Tage der Vorzeit, um Dich als den Wohltäter der
Menschheit zu preisen, ich habe nicht nötig, mit meinem Blicke die
Oberfläche des Erdballs zu durchmessen, um die unzähligen Zeugen zu
finden, die von Dir lehren, daß Du der allweise, allgütige Ernährer aller
Wesen bist. Ich kehre nur mit meinen Gedanken zurück in den engen Kreis
meines eigenen alltäglichen Lebens, und vermag auch da nicht Deine
Wohltaten zu zählen, die unendliche Größe Deiner Liebestaten zu
überschauen.

Wenn früh am Morgen der Schlaf von meinem Auge weicht, und ich gesund an
Leib und Seele von meinem Lager mich erhebe, dann frage ich mich: Wer hat
_für mich_, wer hat über mir gewacht? Habe ich selbst das neue Leben mir
zurückgerufen, habe ich selbst mein Auge ausgerüstet mit Kraft, das Bild
der Außenwelt in meine Seele zu führen, habe ich selbst meinem Ohre das
Reich der Laute eröffnet, habe ich selbst mich behütet vor jeglicher
Gefahr, die ungeahnt und unbewußt dem menschlichen Geiste, im Verborgenen
weilen kann? Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du getan, was wäre
ich ohne Dich!

Und wenn ich an mein Tagewerk schreite und meiner Hand die rüstige Kraft
nicht fehlt, die nützliche Pflicht zu üben, und mein Geist das Urteil
anwenden kann, das er gewonnen in tausend Dingen, und lauter kleine
Freuden meiner warten, die ein jedes Gelingen und gutes Vollbringen in
ihrem Gefolge führen, dann frage ich mich: Wer hat das alles mir vergönnt?
Habe ich der Gesundheit gebieten können, daß sie meinen Leib nicht
verlasse? Habe ich meiner Seele befohlen, daß sie nicht zurückbleibe
hinter den Anforderungen der Einsicht und des Verstandes? Habe ich selbst
mein Herz von den Abwegen bewahrt, daß es fähig bleiben konnte, die
Süßigkeit vollbrachter Pflicht zu empfinden?

Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du getan, was wäre ich ohne Dich!

Und wenn ich mich umschaue im Kreise all der lieben Meinigen, wenn mein
Herz tausendfach die Seligkeit empfindet, sie zu besitzen, wenn sich die
Liebe und Zärtlichkeit (meiner lieben Eltern und Geschwister) (meiner
lieben Kinder) (meines teuern Gatten) hundertmal mir bewährt, dann frage
ich mich: Wer hat diese Güter mir geschenkt? Habe ich selbst das alles
erworben? Habe ich selbst durch meine Weisheit und Tugend die Wonne
verdient, Liebe zu genießen und Liebe zu fühlen?

Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du mir geschenkt, was wäre ich
ohne Dich!

Und so sei denn, Herr und Vater, die Anerkennung des innigsten Dankes
eines von den Opfern, die mein Herz Dir am heiligen Tage der Versöhnung
darbringt!

Das soll mir die Heiligkeit des Tages erhöhen, daß ich selbst dazu
beitrage, das Werk der Versöhnung zu vollziehen in dem Teile, der in
meiner eigenen Macht liegt. Versöhnt will ich sein mit meinem Schicksale,
daß ich nicht fürder ungerecht mit ihm rechte.

Die Unzufriedenheit sei aus meinem Herzen verbannt, und die Freude an
Deinen Gaben ziehe an ihre Stelle. Für Sünde will ich es halten, wenn ich
das Gute genieße, stets das Bessere zu verlangen. Wo hätte sonst
menschliches Wünschen und Begehren ein Ziel? Der Besitz der höchsten
irdischen Güter wird gleichgültig, wenn er alltäglich wird, und der Genuß
der friedlichen Alltäglichkeit hat ewig neue Reize, so ich alles
herzuleiten weiß aus Deiner Liebe, mein Gott.

Nur vor Unglück und Torheit, vor Sünde und Schande bewahre Du mich, o
Herr!

    O nimm nun meines Herzens Dank
    Für jede Gnadengabe,
    Die ich, o Herr, mein Leben lang
    Von Dir empfangen habe.
    Dies sei es, was die Heiligkeit
    Mir dieses Tages kröne,
    Daß mich mein Dank — Dir, Herr, geweiht —
    Mit dem _Geschick versöhne_.

    Zufriedenheit, es sei dein Platz
    Im Herzen mein, im Innern;
    Die Liebe Gottes ist mein Schatz.
    Des will ich mich erinnern,
    Und wachen will ich, daß der Neid
    Nie Deine Macht verhöhne,
    Daß mich Dein Geist, Zufriedenheit,
    Stets mit _mir selbst versöhne_.

    Das Gottvertrauen sei mein Glück!
    Und freudig Gott zu loben,
    Das sei mein Stern, zu dem mein Blick
    Im frohen Dank erhoben.
    Der leuchtet mir in Lieblichkeit,
    In wunderbarer Schöne,
    Er glänzt mir, daß ich jederzeit
    Mich mit der _Welt versöhne_. Amen!

                                  ——————

                                   ‎‫נְעִילָה‬
                 Vor Sonnenuntergang am Versöhnungstage.

                                   ———

    Herr! o Gott! schon sinkt die Sonne,
    Und es wendet sich der Tag,
    Und noch steh'n wir hier und beten,
    Wie's die schwache Kraft vermag!
    Noch einmal im Staube flehen
    Wir, o Herr! um Deine Huld,
    Gnadenreicher! o versöhne,
    Mach' zunichte uns're Schuld.
    Noch einmal, bevor wir scheiden,
    Sei vor Dir das Knie gebeugt
    Und der Blick zu Dir erhoben,
    _Herr, bevor der Tag sich neigt_.

    Dieses Tages kurze Stunden
    Waren reich und inhaltvoll,
    Und sie brachten, was der Seele
    Sabbatfeier bringen soll:
    Demut, Glauben, Trost und Hoffen
    Und der Tugend neuen Mut,
    Und Erkenntnis manches Fehlers,
    Der verborgen in uns ruht.
    Und der Dünkel ist verronnen,
    Und des Stolzes Stimme schweigt,
    Und der Hochmut sank hernieder,
    _So, wie jetzt der Tag sich neigt_.

    Ja, wir haben uns're Blicke
    In die Herzen tief versenkt
    Ach, da haben tausend Dinge
    Vor die Seele sich gedrängt:
    Kummer, Sorgen, Gram und Schmerzen,
    Alles, was das Herz bedrückt,
    Und wir haben die Gebete
    Hoffnungsvoll zu Dir geschickt.
    Und es hat in dem Gemüte
    Sich die Zuversicht erzeugt:
    Daß, o Herr! nie Dein Erbarmen
    _Schwindet, wie der Tag sich neigt_.

    O verlösche, o vernichte
    Was das Herz uns noch bedrängt,
    Heute hat es all sein Sehnen,
    Vater, nur zu Dir gelenkt;
    Dich gesucht in diesem Hause,
    Ja, mein Gott! das haben wir,
    Und wir waren eng vereinigt,
    _Du bei uns, und wir bei Dir_,
    O, wir sah'n, daß zu den Deinen
    Gern Dein Geist herniedersteigt,
    Und wir fühlen Deine Nähe
    _Jetzt noch, da der Tag sich neigt_.

    Doch, o Herr, wo eine Seele
    Noch in ihrem Schmerze weilt,
    Wo noch eine Herzenswunde
    Nicht des Tages Macht geheilt,
    Wo noch nicht der Himmelsfrieden
    In die Brust sich eingesenkt,
    Wo ein Geist noch unbefriedigt
    Traurig seines Kummers denkt,
    O, da sende, Gott der Liebe,
    Dem Gemüte, tief gebeugt,
    Deinen Trost und Deine Gnade
    _Jetzt noch, da der Tag sich neigt_.

    Laß versöhnt den Gramerfüllten
    Mit dem Schicksal wieder sein,
    Daß der Hoffnung Sonnenschimmer
    Strahle ihm ins Herz hinein,
    Daß er mit Vertrauen richte
    Mutvoll auf den freien Blick,
    Daß die Kraft ihm wiederkehre
    In den matten Geist zurück,
    Daß er ferner nicht mehr meine,
    Von des Harmes Last gebeugt,
    Daß der Tag der Lebensfreude
    _Sich für immer ihm geneigt_.

    Laß versöhnt den Schuldbewußten,
    Gnäd'ger Gott, von hinnen geh'n,
    Laß der Tugend Kraft in Fülle
    Wiederum in ihm ersteh'n,
    „Nicht verloren, nicht verstoßen
    Bin ich“, das sei sein Gefühl,
    „Mir auch gibt ein neues Streben
    Mit der Unschuld gleiches Ziel,
    Fühl' ich's doch, daß nicht die Stimme
    Des Gewissens in mir schweigt,
    Heute bin ich neu geboren,
    _Jetzt schon, da der Tag sich neigt_“.

    Laß versöhnt den Zweifler scheiden,
    Vater, aus dem Vaterhaus,
    Daß er gehe — Gott im Herzen —
    Wieder in die Welt hinaus.
    Wenn Dein Wesen ihm, Dein Walten
    Immer auch ein Rätsel war,
    Nicht ergründen, nein! _empfinden_
    Laß' es ihn unmittelbar.
    Hier, im Kreise all der Deinen,
    Fühlt das Herz sich überzeugt:
    Du, im Himmel und auf Erden,
    _Bist's, vor dem der Tag sich neigt_.

    Laß versöhnt den Bruder eilen
    Zum verkannten Bruder hin:
    „Reiche, Freund, mir Deine Rechte.
    Weil ich nicht dein Feind mehr bin,
    Laß uns wandeln eine Straße,
    Laß uns gehen Hand in Hand,
    Einigkeit und Lieb' und Frieden
    Sind der Menschheit schönstes Band,
    Laß den Hader nimmer währen,
    Bis empor die Sonne steigt,
    Laß ihn schwinden und vergehen
    _Stets, bevor der Tag sich neigt_“.

    Laß uns nimmer, nimmer weichen
    Einen einz'gen Schritt von Dir,
    Wenn wir Dich im Herzen haben,
    Sind wir glücklich für und für;
    Laß zurück uns freudig blicken
    Auf des Lebens Wechselzeit,
    Wenn wir an der Pforte stehen,
    Einzugeh'n zur Ewigkeit;
    Wenn in Ruf: „_Der Herr ist einzig!_“
    Uns're Lippe noch bezeugt,
    Daß noch dann auf Dich wir hoffen,
    _Wenn der letzte Tag sich neigt_.

                                  ——————

                              Owinu malkenu.
                            (Siehe Seite 122.)

                                  ——————

                     Zum Schluß des Versöhnungstages.

                                   ———

Herr und Vater! Der heilige Tag ist vorüber! Dank Dir für die Andacht, die
mein Herz gelabt! Dank Dir für die Erhebung, die mein Geist gefunden, und
für die Hoffnung, die meine Seele gestärkt hat. Laß mich noch einmal das
heilige Bekenntnis vor Dir aussprechen:

                    ‎‫שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃‬

                                (einmal.)

                     ‎‫בָּרוּךְ שֵׁם כְּבוֹד מַלְכוּתוֹ לְעוֹלָם וָעֵד׃‬

                                (dreimal.)

                             ‎‫יְהֹוָה הוּא הָאֱלֹהִים‬

                               (siebenmal.)

                                  ——————



                      IV. Gebete für die Halbfeste.


                               1. Chanucka.
                                   ‎‫חֲנֻכָּה‬

                         Gebet am Chanuckafeste.

                                   ———

Herr und Vater! Dank Dir! Du warst ein treuer Helfer Deines Volkes zu
allen Zeiten und wirst es bleiben in Ewigkeit. Als zu den Zeiten des
Hohenpriesters _Matthatias_, Sohnes des Hasmonäers Jochanan und seiner
Söhne, die tyrannische Regierung des Heidenkönigs _Antiochus_ wider Dein
Volk tobte, um in seiner Mitte Deine heilige Lehre zu unterdrücken, Deine
Verehrer abzuleiten von den Gesetzen Deines Willens und Deine Gebote der
Vergessenheit anheimzugeben, da standest Du auf mit Deiner großen
Barmherzigkeit, um ihnen beizustehen zur Zeit der Not. Du strittest ihren
Streit, Du saßest zu Gericht, um für sie Recht zu üben, Du übernahmst die
Vergeltung an ihren Widersachern. Damals hast Du die Schwachen siegen
lassen über die Mächtigen, die Wenigen über die Zahlreichen, die Gerechten
über die Frevler, über die Übermütigen — die demutsvollen Bekenner Deiner
Lehre. Aber wie Du Sieg und Heil verschafft hast dem gedrückten und
geknechteten Volke Israel, das, vertrauend auf Deine Hilfe, den Kampf der
Verzweiflung aufnahm, so hast Du auch Deinen heiligen Namen groß gemacht
in den Augen der ganzen Welt. Dankerfüllt wallfahrteten Deine Kinder in
die Hallen Deines Hauses, ergötzten sich an der Wiederherstellung des
Gottesdienstes im Tempel zu Jerusalem, reinigten die entweihte Stätte
Deiner Verehrung von den Götzenbildern der Heiden, erleuchteten festlich
die Vorhöfe Deines Heiligtums und bestimmten die acht Tage der Weihe zum
Freudenfest für alle Zeiten, zum Ruhm und zur Verherrlichung Deines
Namens. Immer will auch ich der Fürsorge eingedenk sein, mit der Du meine
Vorfahren geleitet hast durch die Zeiten, daß sie siegreich hervorgingen
aus allen Kämpfen, aus Leid und Drangsal. Wie Du ein Helfer bist dem
ganzen Volke, so bist Du auch ein Helfer jedem Einzelnen, der in Glauben
und Vertrauen zu Dir sich wendet. Gepriesen sei Dein Name in Ewigkeit!
Amen!

                                  ——————

                            2. Das Purimfest.
                                   ‎‫פּוּרִים‬

                           Gebet am Purimfeste.

                                   ———

Herr und Vater! Du warst dem Volke Deiner Verehrer zu allen Zeiten ein
treuer Helfer in Not und Drangsal, Du wirst es auch ferner bleiben und die
Deinen nicht verlassen in Ewigkeit!

Auch der heutige Tag, für ewige Zeiten als ein Freudentag eingesetzt,
erinnert uns in seiner Veranlassung an Deine Liebe und Güte für Israel,
vergegenwärtigt uns Deine Weisheit, wie Du wunderbar wirkest auch ohne
anscheinendes Wunder, wie Du helfen kannst, wo alles verloren scheint,
auch ohne Eingriff in den natürlichen Lauf der Dinge. Denn in Deiner Hand
sind die Herzen der Mächtigen, die Gedanken der Könige; von Dir gezählt
und nach ihrem Zwecke geordnet sind die wirren Fäden in dem Knäuel
irdischer Begebenheiten.

Als zu den Zeiten des persischen Königs _Ahasveros_, dessen mächtiger
Günstling _Haman_, aus dem Geschlechte der seit Jahrhunderten Israel
feindlichen _Amalekiter_, voll Rache und Bosheit die Pläne schmiedete,
ganz Israel, Männer und Frauen, Greise und Kinder, in allen Provinzen des
weiten _Perser_- und _Mederreiches_ zu vernichten, als die Ausführung
seiner bösen Ratschläge schon zum Entsetzen nahe bis an die Grenze ihres
Zieles gerückt war, als selbst der freche Übermut den Tag des Mordes schon
durch das Los gewählt hatte und nach menschlichem Ermessen kein Ausweg der
Rettung dem Blicke der Verfolgten mehr sichtbar war, da tratest Du helfend
ein mit unvorhergesehener Fügung. Hamans Veranstaltungen wurden vereitelt,
er selbst erlitt den Tod samt allen Genossen seiner Bosheit und die
Unschuldigen gingen gerettet und siegreich aus der Bedrängnis hervor.

Und welches Werkzeug hat Deine Weisheit sich erkoren? Ein Weib war es, an
deren Mut das Haupt zertrümmerte, das Tücke und Arglist gesonnen.

Esther, das Kind ohne Eltern, der gehorsame Pflegling ihres väterlichen
Freundes _Mordechai_, vereitelte die Anschläge des Feindes und verwandelte
den gefürchteten Tag des Elends in einen Tag der Freude noch für die
spätesten Geschlechter.

Aber _Esther_ war kein blindes Werkzeug. Sie war bereit, Glanz und
irdische Größe der Pflicht zu opfern, sie setzte ihr Leben ein für das
Wohl ihres Volkes, sie hielt sich nicht für machtlos, denn sie vertrauete
auf Gott.

So wie damals, so hast Du Herr, noch oft Dein Volk Israel aus der Gewalt
mächtiger Feinde gerettet. Gar viele Männer sind im Geiste Hamans gegen
uns aufgetreten, aber Israel ist nicht untergegangen, und ist heute noch,
was es sein soll, ein _Gotteskämpfer_ auf Erden, um alle Herzen und
Geister zu gewinnen für Dein Reich, für die Verehrung des einzigen Gottes.

Mir aber soll Esther ein Muster und ein Vorbild sein in Mut und Stärke zur
Erfüllung der Pflicht, in treuer Liebe und Anhänglichkeit an mein Volk und
in unwandelbarem Vertrauen auf Deine Hilfe in den Tagen der Prüfung. Amen!

                                  ——————



                           V. Gebete am 9. Ab,
   dem Gedächtnistage der Zerstörung des heiligen Tempels zu Jerusalem.


                                ‎‫תִּשְׁעָה בְּאָב‬

                                   ———

Allgerechter Gott, der Du der Herrscher der Welt bist, Du bist auch der
König aller Völker auf Erden und der allweise Leiter ihrer Schicksale.
Dein Wille ist es, wenn sie emporblühen; Dein Wille ist es, wenn sie
vergehen; ihr Leben und ihr Wirken ist vorgezeichnet im Plane Deiner
Weltregierung. Voll Wehmut richte ich heute meinen Blick auf die Vorzeit
meines Volkes, voll Ernst und Andacht betrachte ich die wechselvollen
Schicksale Israels, und voll des Dankes schaue ich auf seine Gegenwart.

Ja Wehmut und Trauer erfüllen mich, wenn ich der Vorzeit meines Volkes
mich erinnere, wenn ich all' die verlorene Herrlichkeit vor mein Auge
führe, die einst der Anteil Deiner Lieblinge war. Finsternis und Irrwahn
erfüllten die Welt, sinnloser Götzendienst umstrickte den Geist der
Heiden, als in Israel allein das Licht der Erkenntnis Deines heiligen
Namens hell leuchtete, die Lehre der Wahrheit sein Gesetz war, und die
Gebete des Volkes und seine Lieder, sein Weihrauch und seine Opfer
geweihet waren dem Höchsten, dem Einzigen. Da war der Tempel zu
_Jerusalem_ der sichtbare Wohnsitz Deiner Herrlichkeit, der geheiligte und
heiligende Mittelpunkt der Gemeinschaft Deines Volkes und das froh
gesuchte Ziel ihrer Wallfahrt. Herrlich und gesegnet waren die Fluren des
Landes Israel, sichtbar waltete Deine Gnade über seinen Bewohnern. Fromme
Priester eiferten in Deinem Dienste, und von Deinem Geiste erleuchtete
Propheten verkündeten laut das Wort der Wahrheit. Aber ach! sie sprachen
auch von dem Verfall des Glaubens und der Sitten, von Deinem Zorne, von
Deiner Strafe und von den trüben Tagen der Zukunft. Und diese bösen Tage
sind hereingebrochen; das Volk ist abgewichen von Deiner Lehre, das
Anrecht auf Deine Gnade ging verloren. Der Feind tobte gegen Land und
Volk, die Edelsten und Besten vernichtete das Schwert, die Flamme
verzehrte den heiligen Tempel und der Rest des Volkes mußte hinwandern in
alle Welt. Ihr Los war Heimatlosigkeit und Zerstreuung unter die Völker
der Erde.

Wechselvoll, unheilvoll und wunderbar zugleich waren seitdem die
Schicksale der Zerstreuten. Arm und elend, machtlos und hilflos irrten sie
vereinzelt umher in der weiten Welt, nichts mit sich nehmend aus dem Lande
ihrer Heimat, als die Liebe zu Gott im Herzen und die unvergängliche, von
Geschlecht zu Geschlecht fortlebende, glühende Sehnsucht nach dem Lande
Israel, nach dem längst verblichenen Glanze ehemaliger Herrlichkeit. Und
wo im fremden Lande ein friedliches Plätzchen sich ihnen darbot, da
schlugen sie ihre Zelte auf, wie das Zelt eines Wandernden, nicht wie das
Haus dessen, der eine Heimat sich gründet. Doch das Bedürfnis, Gott dem
Herrn zu dienen, vereinigt zu ihm zu beten, und Glauben und Sitte der
Väter treu zu bewahren, vereinte die einzelnen zu Gemeinden, zu tausend
und abertausend Gemeinden, und nur ein einziges Band schlang sich um alle;
das Band gemeinsamen Unglücks und gemeinsamer Hoffnung. Überall und
überall, in unbedeutender Minderzahl, in der Mitte mächtiger, feindlicher
Nationen, stürmte tausendfältige Bosheit vernunftloser Dränger gegen sie
heran. Der Spott bespritzte sie mit seinem Geifer, die Habsucht riß das
Brot aus ihrer Hand, der Mutwille hetzte sie wie scheues Wild, Stolz und
Übermacht erniedrigten sie zur Knechtschaft, die Bürger der Staaten
stießen sie aus ihrer Gemeinschaft, und der blinde Eifer abergläubischer
Widersacher verfolgte sie ihres Glaubens willen mit Feuer und Schwert. So
ging es durch die Jahrhunderte. So war es aller Orten.

Mächtige Völker, vereinigt unter mächtigen Herrschern, sind während dieser
Zeit entstanden und untergegangen. Ihre Spur ist von der Erde vertilgt,
ihre Erinnerung ist wie vom Winde verweht. Selbst das mächtigste aller
Reiche, das Reich, das Judäa vernichtete, ist längst dahin. Aber Israel,
das schwache, kleine, schutzlose und verfolgte, ist nicht untergegangen.
Das war die Wundermacht des göttlichen Willens. Mehr als Gewalt und
Drangsal droheten Verführung und Verlockung den Bekennern meines Glaubens,
sie abzuführen von der Lehre Gottes, von dem Wege der Väter. Sie ließen
sich ins Elend führen, aber nicht auf Abwege, sie stürzten sich ins
Unglück, aber nicht in die Schlinge der Versuchung, sie gingen in den Tod,
aber nicht in die Gemeinschaft der Glücklichen, die liebkosend sie
aufzunehmen bereit war für den Preis ihres Glaubens.

Und wohin hat bis heutigentages dieses wunderbare Schicksale uns geführt?
O wahrlich! nicht zur Hoffnungslosigkeit, nicht zur Entmutigung. Wir haben
es eingesehen, daß die Hand Gottes uns geführt hat, wir haben es
eingesehen, daß nicht Macht und Herrschaft unter den Völkern das Ziel ist,
das Gott unserem Wandel bestimmt hat eine Macht des Geistes zu sein, als
Träger der reinen Gotterkenntnis voranzuziehen den Geschlechtern auf der
Erde, bis aller Wahn und aller Irrglaube geschwunden sein wird unter den
Menschen, bis alle sich vereinigen werden in dem Bekenntnis Israels: _Der
Herr ist Gott, der Herr ist einzig!_

Siehe da, mein Geist! Schon tagt der Morgen! Die Nacht unserer Trübsal
beginnt zu sinken. Die grellen Flammen sind erloschen, die unsere Edlen
verzehrten, und das Licht der Menschenliebe und Menschenachtung leuchtet
freundlich. Das Schwert des Mordes hängt nicht mehr über unserm Haupte,
aber das Schwert der Wahrheit ist zum Kampfe erhoben in der Hand unserer
Besten. Unsere Nachbarn sind nicht mehr unsere Feinde, sie sind unsere
Genossen auf dem Wege zum Licht und zum Recht. Die Sehnsucht nach dem
Jerusalem des Morgenlandes ist innig verknüpft mit der Liebe zu dem
_Vaterlande_, in dem wir geboren sind. Dabei ist die Hoffnung auf ein
_gemeinschaftliches Jerusalem_ keineswegs erloschen. Ein neuer Tempel des
Friedens wird dereinst erbaut werden, in dem alle Menschen zum Dienste des
Herrn sich vereinigen werden.

Und dafür meinen Preis und Dank Dir, höchster Gott! Dir, Herr des Himmels
und der Erde, Dir, Lenker der Völker und ihrer Schicksale! Wir haben Dich
nicht verlassen, wir haben Deine Lehre nicht vertauscht. Darum bist Du
unser Helfer gewesen und Deine Lehre unser Schutz in den Zeiten der Not.

Fern sind wir noch davon, den heutigen Tag trauriger Erinnerung verwandeln
zu können in einen Tag der Freude. Aber die Trauer ist milder geworden,
sie ist in Wehmut verwandelt, und mit dem Schmerze um das verlorene Zion
dürfen wir den Dank verbinden für Deine wunderbaren Taten, die uns
aufrechterhalten haben in den Ländern einstiger Verbannung. Wir können
hoffen auf ein neues herrliches Zion im Reiche der Erkenntnis, des
Glaubens und der Sitte. O bringe uns denselben immer näher, und laß' uns
alle beitragen zur Verherrlichung Deines Namens auf Erden. Amen!

                                  ——————

                                   ‎‫צִיּוֹן‬
                       Klage um das verlorene Zion.

                                   ———

    O, Zion! wollte Gilead
    Dir seines Balsams Fülle
    Gewähren, daß er deinen Schmerz,
    Den bittern Schmerz dir stille.
    Er reichte nicht, sei er dir ganz
    Zur Heilung überlassen,
    Dein Unglück ist so groß, so groß,
    Das Meer kann es nicht fassen.

    Als herrlich Land warst du erkannt
    Ringsum von allen Heiden,
    Wer wollte nicht an deinem Glanz
    Entzückt sein Auge weiden?
    Der Mittelpunkt der Köstlichkeit,
    Des Erdballs schönste Stelle,
    Der Garten Gottes, Edens Flur,
    War deiner Ströme Quelle.

    Des mag Naëman Zeuge sein,
    Der zweifelnd seine Schritte
    Zum Jordan lenkte und entstieg
    Geheilt aus seiner Mitte.
    Da mußtest du dem Heiden wohl
    Im Wunderglanz erscheinen!
    Was er bekannt, wie sollten's nicht
    Bekennen wir, die Deinen!

    Dem Staub von deiner Erde muß
    Der Wert des Goldes weichen,
    Dem Edelstein ist dein Gestein
    Der Berge zu vergleichen.
    Erst halb gereist bot deine Frucht
    Ein liebliches Genießen,
    Dein Bitt'res war dem Honig gleich,
    Dem Honigseim, dem süßen.

    Genesung brachte jedes Blatt
    Und jedes Gras der Felder,
    Es überströmten überall
    Von Honig deine Wälder,
    Nie ist der Otter wild Gezücht
    Aus dem Geklüft geschossen,
    Und mit dem Löwen war ein Bund,
    Ein Friedensbund geschlossen.

    In dir hat Gott allein regiert
    Und seinen Thron begründet,
    Durch deine Lieder ward sein Ruhm
    Der ganzen Welt verkündet.
    Wie herrlich war's, wie lieblich war's,
    Der Stämme frohes Wallen
    Dreimal des Jahres hin zu dir,
    Zu deines Tempels Hallen!

    Vom fernen Osten kamen selbst
    Des Morgenlandes Söhne,
    Daß deiner Bücher Weisheit dort
    Ihr eignes Wissen kröne;
    Die Richter wandelten im Recht
    Und in der Wahrheit Gleisen,
    Und deine Lehrer wurden dort
    Die Lehrer aller Weisen.

    Es konnte dort des Jünglings Geist
    Prophetengeist bekunden,
    Der Sterne Lauf, der Sonne Bahn,
    Sie sind durch dich gefunden.
    Wo bist du hin! wo bist du hin!
    Wer zeigt zu dir die Pfade!
    Wo ist der heilige Tempel hin,
    Wohin die Bundeslade!

    Wohin sind deine Priester ach'
    Wohin sind die Propheten!
    Und deine Fürsten alle sind
    Tief in den Staub getreten.
    Ob deiner Frevel ist's geschehen,
    Um deiner Sünden willen,
    Mußt also, ach! dein Ende sein,
    Dein Schicksal sich erfüllen!

    O, flehe doch zum Herrn! o fleh'!
    Bis daß er sich erbarme,
    Bis daß er Hoffnung dir gewährt
    Und Trost in deinem Harme.
    Wie würde meine Seele sich,
    Die schmachtende, erquicken,
    Könnt' ich, o Zion! deinen Glanz
    Nur einmal noch erblicken!

                                  ——————

                                 ‎‫אֱלִי צִיּוֹן‬
                                 Eli Zion.

                                   ———

    Klage, Zion, laut im Leide,
    Gleich der Braut im Trauerkleide,
    Die den Jüngling, auserkoren,
    Durch des Todes Macht verloren!

    Ob des Tempels, dessen Hallen
    Durch der Sünde Schuld gefallen,
    Ob der Spötter frechen Horden,
    Die des Tempels Herrn geworden.

    Ob der Sänger, die gefangen
    In die Sklaverei gegangen,
    Ob des Blutes, das vergossen,
    Das in Strömen hingeflossen.

    Ob der Lieder, die verklungen
    In den Städten, die bezwungen,
    Ach! in ihren öden Kreisen
    Flehen des Gesetzes Weisen!

    Opfer werden nicht gespendet,
    Die Geräte sind geschändet,
    Und des Räucherwerkes Düfte
    Sind verweht in alle Lüfte.

    Und des Fürstenstamms Genossen,
    Die aus Davids Haus entsprossen,
    Sind von Finsternis umfangen,
    Glanz und Herrschaft sind vergangen.

    Ob des Ruhmes magst du trauern,
    Der gesunken mit den Mauern,
    Magst um all des Unglücks Willen
    Dich in Leidgewänder hüllen.

    Zahllos häuften sich die Plagen,
    Daß die Edelsten erlagen,
    Die der Säuglinge Gebeine
    Sah'n zerschmettert am Gesteine;

    Die geseh'n der Feinde Rotten,
    Froh ob solchen Unheils, spotten,
    Während tief im Drucke weinen
    Die einst Freien, die einst Reinen.

    Weil die Sünde sie erkoren,
    Und der Tugend Pfad verloren,
    Deines Zornes Glut verbrannte
    Alles, was dein Volk sich nannte.

    Und dein Jammer, laut erhoben,
    Tönte durch der Feinde Toben,
    Die des Tempels Hof erreichen,
    Schreitend über tausend Leichen.

    Ob des Heil'gen Namens klage,
    Der in dir entweiht, und sage
    Bittend ihm von deinem Harme,
    Daß er wieder sich erbarme.

    Klage, Zion, laut im Leide,
    Gleich der Braut im Trauerkleide,
    Die den Jüngling, auserkoren,
    Durch des Todes Macht verloren.

                                  ——————



                          B. Häusliche Andacht.
                                  ——————



                          Tägliches Morgengebet.

                                   ———


                                ‎‫שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃‬
                                 ‎‫בָּרוּךְ שֵׁם כְּבוֹד מַלְכוּתוֹ לְעוֹלָם וָעֵד׃‬

Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott.

Gelobt sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches in Ewigkeit!

                                  ——————

    ‎‫אֲדוֹן‬ Es hat der Herr als König seit Ewigkeit regiert,
    Noch eh' ein Körperwesen ins Dasein eingeführt,
    Und als durch seinen Willen die ganze Welt entstand,
    Ward Gott, der Herr, als König auf Erden anerkannt.
    Und wollt' er sie vernichten, so wie sie schuf sein Wort
    Er würde doch regieren für ewig, fort und fort.
    So wie der Herr gewesen von je, so ist er heut,
    So wird er immer bleiben in seiner Herrlichkeit.
    Er ganz allein erfüllet das ganze Weltenreich,
    Wo hätte Raum ein Zweiter? Kein Wesen ist ihm gleich!
    Wer hat wohl Ziel und Anfang von ihm sich je erdacht!
    Und alle Macht und Stärke ist Ausfluß seiner Macht.
    Und dennoch! dem Erhab'nen, ich bin ihm nicht zu klein;
    Er schaut auf meinen Wandel, sieht in mein Herz hinein;
    Er ist mein Fels, mein Hoffen und meine Zuversicht;
    Er überhört mein Bitten und meine Klage nicht.
    Ich schlafe oder wache, er ist mir zugewandt,
    Drum geb' ich meine Seele getrost in seine Hand.
    Und auch mein Leib, er bietet dem bangen Zagen Trutz.
    Was kann ich denn noch fürchten, ist Gott, der Herr, mein Schutz!

Allgütiger! Du hast wiederum den Schlummer nach süßer Ruh' von meinem Auge
verscheucht, hast mich wieder neu gestärkt erwachen lassen zum lichten
Tage. O segne mir auch diesen Tag, daß ich Gutes an ihm verrichte, daß ich
die Pflichten erfülle, die Du als mein Anteil mir zugemessen hast. Hüte
mich vor Unglück und Gefahren und laß auch heute mich weiser und besser
werden. Amen!

                                  ——————

                               Tischgebet.

                                   ———

Mein Gott! Du sorgest als ein Vater für alle Geschöpfe auf Erden und gibst
jedem Wesen seines Leibes Nahrung nach seinem Bedürfnis. Durch Deine Liebe
habe auch ich mich wieder gesättigt, und wie ich bisher nicht Mangel
gelitten habe, so wirst Du für und für mir Deine Gaben nicht versagen, daß
mir mein täglich Brot nicht fehle. O möge es Dein Wille sein, daß mein
Tisch, an dem ich esse, immerdar ein gesegneter sei, damit beim Genusse
Deiner Spende auch die Fröhlichkeit des Herzens mir nicht fehle. Laß mich
nie satt werden durch fremdes, unrechtmäßig erlangtes Gut, laß mich nie
satt werden von dem Brote menschlicher Mildtätigkeit, sondern ernähre mich
aus der Fülle Deines Segens. Versage mir, gütiger Gott, auch nie den
Überfluß in solcher Weise, daß der Dürftige hungrig von meiner Türe hinweg
gehen müßte.

Mein Gott, ich lobe Dich! Mein Gott, ich danke Dir! Mein Gott, ich hoffe
auf Dich! Du bist es, der da _öffnet seine Hand, und sättigt alles, was da
lebt, in Wohlgefallen_. Amen!

                                  ——————

                               Nachtgebet.

                                   ———

Mein Gott! Ich danke Dir für Deine Huld und Güte, die Du auch in des
heutigen Tages Stunden an mir bewiesen.

Ich lege mich nun getrost zum Schlummer nieder und übergebe meinen Leib
und meine Seele Deiner Obhut. Wahrlich, _Du schläfst nicht, Du schlummerst
nicht, Du Hüter Israels_. O, möge es Dein Wille sein, daß ich schlafe in
Frieden, und daß ich erwache in Frieden, daß nicht böse Träume mich
erschrecken und nicht kummervolle Gedanken die Ruhe von meinem Lager
scheuchen.

Auf Deine Hilfe hoffe ich, Herr, allezeit.

In Deine Hand befehle ich meinen Geist zur Zeit, wenn ich schlafe und wenn
ich erwache, und mit meinem Geiste auch meinen Körper; ist Gott mit mir,
so fürchte ich nichts. Amen!


                     ‎‫שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃‬
                      ‎‫בָּרוּךְ שֵׁם כְּבוֹד מַלְכוּתוֹ לְעוֹלָם וָעֵד׃‬

                                  ——————

                            Gebet am Sonntag.

                                   ———

                                        Und Gott sprach: Es werde Licht!

Schöpfer des Himmels und der Erde! In sechs Tagen hat Dein Wink die Welt
aus Nichts hervorgerufen, und als Dein allmächtiges Wort am ersten
Schöpfungstage den Himmel und die Erde gebildet hat, da erschufst Du auch
das Licht. Ehe die Sonne ihre Strahlen zur Erde sandte, war es helle, denn
nicht sie ist der Urquell des Lichtes, Du allein bist es, Du hast es auch
ihr gegeben. Alles Leben in der Körperwelt strebt nach dem Lichte. Alle
Wesen freuen sich des Lichtes, doch höher als alle hast Du den Menschen
bevorzugt, daß er außer dem Lichte, das er aufnimmt durch sein Auge, auch
nach einem höheren Lichte strebe, nach dem Lichte des Geistes. Das Licht
des Geistes aber ist die _Wahrheit_. Ihr immer näher zu kommen, ist die
höchste Aufgabe der Sterblichen; sie mehr und mehr in sich aufzunehmen,
ist seine höchste Seligkeit. Darum ist es mein inbrünstiges Gebet am
ersten Tage der Woche, daß Du, mein Gott und Vater, auch mein Streben nach
Licht und Wahrheit segnen mögest, auf daß es nicht fruchtlos sei. Die
Unendlichkeit Deiner Größe zu fassen und zu ergründen, das freilich bleibt
dem schwachen Menschengeiste auf Erden versagt, aber streben darnach, das
kann ich und soll ich, das ist eine Aufgabe, des Menschengeistes würdig.
Und so will ich nicht gedankenlos vorübergehen bei den Wundern Deiner
Schöpfung, nicht die Kräfte der Natur, weil sie alltäglich vor mein Auge
treten, unbeachtet lassen, nicht den Himmel und die Erde betrachten, ohne
auf die belehrende Stimme zu hören, die aus ihnen zu mir spricht, sondern
alles dies soll der Quell für mich werden, aus dem ich Lehre und
Erkenntnis schöpfe, auf daß Licht und Wahrheit mir zuteil werde aus dem
Buche der Natur, damit ich in Demut mich selbst erkenne und im Staube Dich
anbete als den Herrn und Schöpfer der Welt. Amen!

                                  ——————

                             Gebet am Montag.

                                   ———

                                     Und Gott schied das Wasser über
                                     der Feste von dem Wasser unter
                                     der Feste, und nannte die Feste
                                     Himmel.

Schöpfer des Himmels und der Erde! Du hast den Himmel ausgebreitet über
die Erde. Das ist die endlose Ferne, in die der Blick des Menschen sich
verliert, wenn er sein Auge emporhebt vom Staube der Erde, dem er
angehört. Da ist kein Ende und keine Grenze, nicht für das Auge, und auch
nicht für die Gedanken.

Unendlich ist die Welt und sie ist _Dein_ Werk. Die Himmel und alle
Welten, die in ihnen schweben, sind Dir untertan. Mit welchem Worte soll
ich Dein Wesen bezeichnen! O Unfaßbarer! Nie wird der Blick, den ich
emporhebe, mich von Deinem ganzen Wesen belehren, aber von dem meinigen
belehrt er mich, und verwandelt meinen Stolz in Demut. Wie ist die Erde so
klein im Reiche Deiner Welt, nicht vergleichbar dem Tropfen im Meere, und
auf der Erde, was bin ich?

O Herr, mein Gott, segne mein Bestreben, diesen Gedanken in mir zu
befestigen, daß er auch die Grundlage meiner Handlungen werde. Der
schwache Mensch ist allzusehr geneigt, sich für den Mittelpunkt dessen zu
halten, was ihn umgibt. Wenn ich aber in Demut von meiner Niedrigkeit
überzeugt bin, alsdann wird die Selbstsucht aus meinem Herzen schwinden.
Nicht meinetwegen, Herr, mein Gott! hast Du die Welt erschaffen, nicht
meinetwegen wirst Du ihre Gesetze ändern, nicht ich bin imstande den Lauf
der Dinge zu hemmen, den Deine Allweisheit vorzeichnet, und
Unzufriedenheit ist Torheit.

Nicht mein Wille, sondern _Dein_ Wille geschehe, das ist der ganze Inhalt
menschlicher Weisheit, mit der er die Wünsche seines Herzens beruhigen
muß. Du hast ja in Deiner Vatergüte mich nicht minder bedacht als Deine
übrigen Wesen, Du hast ja auch mir die Kräfte gegeben, die ich zu meinem
Heile anwenden kann. So mir aber dies gelingt, so möge auch mein Herz
befriedigt sein. Mein Leben und mein Heil sind in der Hand Gottes; er, der
den Himmel ausgebreitet hat über der Erde, er hat auch meine Schritte
gezählt. „In seine Hand empfehle ich meinen Geist und mit meinem Geiste
auch meinen Leib. Ist Gott mit mir, so fürchte ich nichts.“

                                  ——————

                            Gebet am Dienstag.

                                   ———

                                    Und Gott sprach: Es sammle sich das
                                    Wasser unter dem Himmel an einem
                                    Ort.

                                    Und Gott sprach: Die Erde lasse
                                    hervorsprießen Gras und Kraut und
                                    alles, was Samen hervorbringt.

Schöpfer des Himmels und der Erde! Du gebotest dem Wasser, daß es sich
sammle in den Tiefen der Erde, Du bestimmtest den Kreislauf der Gewässer,
daß sie aus den Quellen sich ergießen in die Bäche und die Bäche sich
vereinigen zu Flüssen und Strömen, und „_alle Ströme gehen in das Meer und
füllen es nicht_“, und die Dünste, die aufsteigen aus dem Meere, bewässern
wiederum das Land, daß es fruchtbar werde. So gibt das Wasser Nahrung dem
Menschen und den Tieren und wird nicht weniger in Ewigkeit. Und die
Oberfläche hast Du bedeckt mit Gewächsen aller Art, die Samen
hervorbringen und Früchte tragen in tausendfältiger Abwechselung für die
Bedürfnisse des Menschen. Ehe der Mensch auf Erden wandelte, war sein
Tisch ihm bereitet. Du hast Deine Gaben ihm gespendet, noch ehe er ihrer
bedurfte, denn Du wolltest, daß er lebe und sich des Daseins freue, Du
bist ein liebender Vater aller Deiner Geschöpfe, Du willst nicht, daß sie
Mangel leiden. Wie sollte ich fürchten, daß Du mich vergessen werdest, das
meines Leibes Nahrung mir fehlen könnte. Du segnest unserer Hände Werk,
bald in reicherer Fülle, bald in geringerem Maße, aber was ich auch
erwerbe, es ist nicht die Frucht _meiner_ Anstrengung, sondern die Spende
Deiner Gnade. „_Du öffnest Deine Hand und sättigst alles, was da lebt, mit
Wohlgefallen._“ Dir allein gebührt der Dank meines Herzens für den Segen,
mit dem Du mich begnadigst, denn „_Dein ist die Erde und was sie füllet_“.
Mit diesen Gedanken will ich Deine Gaben genießen und Deine Güte preisen.

Aber auch Du sei bei mir allezeit und gib Gedeihen dem Werke meiner Hände.
Nicht meines Fleißes will ich mich rühmen, nicht meiner Weisheit und
Geschicklichkeit will ich vertrauen, aber wenn Du dabei in meiner Hilfe
bist, so wird der Segen mir nimmer fehlen. Amen!

                                  ——————

                            Gebet am Mittwoch.

                                   ———

                                   Und es machte Gott die beiden
                                   großen Lichter, das größere Licht,
                                   daß es den Tag regiere, und das
                                   kleinere Licht, daß es die Nacht
                                   regiere, dazu auch die Sterne.

Schöpfer des Himmels und der Erde! Das Werk des vierten Schöpfungstages
prangt in erhabener Majestät am Himmel und predigt von Deiner Größe, und
seine vernehmliche Stimme spricht: _„Was ist der Mensch, daß Du noch sein
gedenkest? Der Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst?“_ Und dennoch hebt
sich der Blick in unnennbarer Sehnsucht zu den Sternen empor. Der Himmel
mit der Sonne, dem Monde und den Sternen, er ist das heiligste Buch Deiner
Offenbarung. Kein Sterblicher vermag seinen ganzen Inhalt zu erforschen,
aber das Wenige, das wir zu lesen vermögen, reicht hin, uns mit dem
erhabensten Gedanken zu erfüllen. Um die Erde wandelt der Mond, um die
Sonne wandelt die Erde und alle Wandelsterne mit ihren Begleitern, und
zahllos ist das Heer der Sonnen und alle, alle bilden eine Welt, und
zahllos ist das Heer der Welten. Gott, Gott! Unaussprechlicher! wo ist der
Mittelpunkt Deiner Herrlichkeit? Und alle Welten sind entstanden, und alle
Welten werden vergehen, und Du warst früher als alles Geschaffene, und Du
wirst es überdauern. Der menschliche Geist hat kein Maß für die Räume und
die Sprache keinen Ausdruck für die Zahl der Jahre Deiner Herrschaft, und
nur die eine Erkenntnis ist der Zielpunkt menschlichen Wissens: Raum und
Zeit sind nicht vor Gott vorhanden, sie sind nur menschliche Begriffe.
Doch die Sehnsucht nach einer höheren Erkenntnis wird nicht ewig
ungestillt in mir bleiben. Mein Körper gehört der Erde, aber mein Geist
gehört der Welt. Einst wird er nicht mehr gefesselt sein an die irdische
Hülle, und wenn er gelöst sein wird von dem Staube der Erde, dann vermag
er sich aufzuschwingen, vielleicht von Stufe zu Stufe zu neuen Kreisen der
Erkenntnis, vielleicht von Leben zu Leben zu höherem Range in der
Reihenfolge Deiner Geschöpfe, aber jedenfalls näher zu Dir; und mehr zu
wissen von der Welt und von dem Schöpfer, das ist Seligkeit. Wenn ich
meinen Geist vervollkommene hier auf Erden, so reift er zur Seligkeit
heran. Laß mich einst ihrer teilhaftig werden, mein Gott und Vater! Amen!

                                  ——————

                           Gebet am Donnerstag.

                                   ———

                                   Und Gott sprach: Die Erde bringe
                                   hervor lebendige Wesen nach ihren
                                   Arten, Vieh, Gewürm und Gewild der
                                   Erde nach ihren Arten! Und es
                                   geschah also.

Schöpfer des Himmels und der Erde! Ehe das Menschengeschlecht auf Erden
lebte, war diese schon ein Wohnsitz der Tiere. Die unvollkommensten
Gattungen hast Du zuerst geschaffen, ihnen folgten solche, die Du mit
Äußerungen höherer Lebenstätigkeit begabtest, und, aufsteigend von Stufe
zu Stufe, waren sie die Vorläufer des vollkommensten der Erdenbewohner:
des _Menschen_. Mein Gott und Vater! Wie sollten diese Betrachtungen nicht
den Gedanken in mir erwecken, daß auch der Mensch nicht der vollendete
Inbegriff Deiner Schöpferweisheit sei! Freilich wohl weiß ich es, daß auf
Erden kein Wesen höher steht als der Mensch, aber unendlich sind die
Mängel, die an ihm haften, und jede höhere Vollkommenheit, die meinem
Geiste denkbar, wenn auch unerreichbar ist, bezeichnet höhere Wesen, die
Dein Willen zu erschaffen vermag. Solange ich auf Erden bin, werde ich die
Rätsel Deiner Schöpfung nicht lösen, und die Menschennatur einzig und
allein bleibt das für mich Bestimmte und ihre höchste Ausbildung das
Erreichbare. Und ist das wenig? O nein! ich weiß es, es ist sehr viel.
Nicht die Fähigkeiten allein, die den Menschen seinem irdischen Wesen nach
vom Tiere unterscheiden, sind sein Vorzug, sondern die Fähigkeit, die Du
ihm gegeben hast, auch sich selber zu vervollkommenen. Nur durch diese
steht er höher als seine Mitgeschöpfe. Die vollkommene Menschenwürde kann
entwickelt oder vernachlässigt werden. Das ist die freie Tätigkeit des
menschlichen Geistes. Du selber bist sein Urbild und sein Vorbild. O,
segne, gütiger Vater, mein Bestreben, Dir immer näher zu treten. Du bist
die höchste _Weisheit_, so will auch ich nach Weisheit ringen. Du bist
_allgütig_, darum will auch ich gütig sein und meine Kräfte zum Wohle
meiner Nebenmenschen gebrauchen. Du bist _allgnädig_, darum will auch ich
denen vergeben, die mich beleidigen. Du bist _allgerecht_, darum will auch
ich Gerechtigkeit fördern helfen unter den Menschen. Du bist die
_Wahrheit_, bei Dir ist nicht Trug und Wahn, darum will auch ich mich mehr
und mehr entfernen von Schein und Eitelkeit, auf daß ich meine menschliche
Natur immer mehr ausbilde bis zu dem Grade der Vollkommenheit, dessen sie
fähig ist. Amen!

                                  ——————

                            Gebet am Freitag.

                                   ———

                                     Und es bildete Gott der Herr
                                     Menschen aus Staub von der Erde
                                     und blies in seine Nase einen
                                     lebendigen Geist.

Schöpfer des Himmels und der Erde! Du hast den Menschen am sechsten
Schöpfungstage aus Staub von der Erde gebildet, und einen lebendigen Geist
ihm eingehaucht, also daß er ein lebendiges Wesen wurde. Staub von der
Erde ist der Urstoff seines Daseins und dennoch hast _Du ihn in Deinem
Ebenbilde geschaffen_, daß er Dir ähnlich sei. Wie könnte ich bei dieser
Betrachtung noch Zweifel hegen, daß Du den Menschen als ein Doppelwesen
geschaffen hast, das eine Verbindung ist von Körper und Geist. „_Der Staub
kehrt wieder zur Erde zurück, davon er genommen ist_“, der Geist aber ist
lebendig und unsterblich und „_kehret wieder zu Gott zurück, der ihn
gegeben hat_“. O möge es Dein Wille sein, mein Gott und Vater, daß ich
nicht abweiche von der Lebensbahn, die diese Erkenntnis mir vorschreibt.
Eingedenk will ich immerdar dessen sein, daß mein Leib nur Staub ist.
Vergänglich ist die Hülle wie alles Irdische, ihre Tage sind gezählt, und
ihr Wesen ist leicht zerstörbar. Und daß ich nicht töricht mit meinem
Leibe verfahre, dazu hast Du den Geist als seinen Wächter eingesetzt. Ich
will seiner Stimme gehorchen, denn sie ist die Stimme der Vernunft, die
mich warnt, dem Genusse zu fröhnen, der Trägheit und der Unmäßigkeit
anheimzufallen, auf daß ich nicht Schaden leide. Mehr als dies kann ich
für das Wohlsein meines Leibes nicht tun; daß er außerdem gesund und
rüstig bleibe, das hängt von Deiner Gnade ab, die Du mir gewähren wollest
gütiger Vater!

Eingedenk will ich aber auch immer dessen sein, daß _mein Geist nicht_
sterblich ist, daß er nicht der Erde angehört, daß er bestimmt ist, zu Dir
aufzustreben, Dich als Inbegriff aller Vollkommenheit zu verehren und
immer mehr und mehr Dir ähnlich zu werden. Mein Körper wird in Staub
zerfallen und im Haushalte der irdischen Natur zu neuen Zwecken dienen;
dann aber wird der Geist frei sein von den Fesseln des Körpers und des
Ranges teilhaftig werden, dessen er sich würdig gemacht hat durch Weisheit
und Tugend auf Erden. Darum soll meine Seele nicht meinem Leibe untertänig
sein, wohl aber sollen die Kräfte meines Leibes dem reinen Begehren der
Seele dienen, zu sammeln Lehre und Erfahrung, Tugend und Weisheit. Amen!

                                  ——————

                          Gebet am Neumondstage.
                                 ‎‫רֹאשׁ חֹדֶשׁ‬

                                   ———

Großer, erhabener Lenker der Welten! Die Erde wandelt dahin in ihrer Bahn,
und der Mond begleitet sie nach jenen unabänderlichen Gesetzen, die Du
ihnen vorgeschrieben hast, und wenn sie tausend- und abertausendmal ihren
Kreislauf durchmessen, so wandeln sie dennoch fort in junger Kraft und
ewiger Schönheit. Daß auch sie altern und einem Ende entgegengehen, ist
für ein menschliches Auge nicht ersichtlich. Wie anders ist es mit mir!
Des Menschen Dasein auf Erden ist vergänglich und hinfällig; und selbst
der Glückliche, der in Fülle der Gesundheit und in Kraft der Jugend seines
Lebens sich erfreut, wird durch das Erscheinen des wieder sichtbar
gewordenen Mondes daran erinnert, daß abermals ein Zeitabschnitt hinter
ihm liegt, daß er näher gerückt ist dem Ziel seiner Tage, daß die Zeit
unwiederbringlich für ihn dahingeht und ihr Wert nur in dem liegt, was er
Gutes in ihr verrichtet. Darum betrachte ich den Wechsel des Mondes mit
ernsten Gedanken und bitte Dich, mein Gott, laß meinem Geiste die Einsicht
und meiner Hand die Kraft, die Zeit zu nützen nach Deinem Wohlgefallen.
Wenn mir dies gelingt, das fühle ich wohl, so bin ich mehr als Mond und
Erde. Du hast ihnen ihren Weg bezeichnet, den sie wandeln _müssen_, und es
liegt nicht in ihrer Macht und in ihrem Willen, davon zu weichen, es ist
kein Verdienst für sie, wenn sie fortschreiten nach Deinem Gesetze. Auch
mir hast Du die Bahn der Religion und Tugend vorgeschrieben und dennoch
mir es überlassen, sie zu wählen oder zu verlassen: ich kann das Verdienst
der Tugend mir erwerben. Mond und Erde können Dich nicht preisen, Dir
nicht danken und nicht zu Dir beten, ich aber kann mein Herz zu Dir
erheben, kann zu Dir mich wenden, wie das Kind zu seinem Vater. Ich weiß
es, daß Du der Lenker meines Schicksals bist, daß Du mich beschützest und
behütest.

Darum flehe ich denn auch zu Dir, mein Vater! Beschütze und bewahre mich
vor Leid und Trübsal, vor Krankheit und Gefahr. Sei in Deiner Gnade mit
mir und den Meinigen allen auch im Laufe dieses Monats. Amen!

                                  ——————

             Gebet beim Anzünden der Sabbat- und Festlichte.

                                   ———

‎         ‫בָּרוּך אַתָּה יְיָ אֱלֹהֵינוּ מֶלֶך הָעוֹלָם אֲשֶׁר קִדְּשָׁנוּ בְּמִצְוֺתָיו וְצִוָּנוּ
‎                       לְהַדְלִיק נֵר שֶׁל שַׁבָּת‬ ^[3]׃

[3] An Festtagen spricht man statt der letzten drei Worte: נר שֶׁל יוֹם טוֹב.

Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt! der Du in Deiner
heiligen Lehre den Sabbat (heutigen Feiertag) eingesetzt hast, daß er uns
sei eine Zeit des Friedens und der Freude. Ich grüße seinen Eintritt, so
wie ich einen lieben Gast begrüße, der mit freundlichem Angesicht meine
Schwelle betritt. Ich habe die Räume meiner Häuslichkeit geschmückt und
die Lichter angezündet, auf daß es nicht düster und trübe um mich her sei
am heiligen Sabbat (Feiertag). Möge es auch Dein Wille sein, mein Gott,
alle trüben und düstern Gedanken fernzuhalten von meinem Gemüte, laß mich
Freudigkeit und Freundlichkeit um mich her wahrnehmen bei allen die ich
liebe, und für deren Ruhe und Wohlsein und Frieden ich voll Inbrunst zu
Dir bete. Amen!

                                  ——————

                              Sabbat-Einzug.

                             (Freitag Abend.)

                                   ———

                                ‎‫לְכָה דוֹדִי‬

    Auf, auf! mein Freund, und säume nicht,
    Sie kommt mit holdem Angesicht!
    O, laß' uns mit Verlangen
    Die süße Braut empfangen!
    Ihr Angesicht ein Engelsbild,
    Ihr Blick ein Strahl so licht und mild
    Ihr Mund, er ladet Dich zum Kuß
    Ihr Kuß, der Wonne Hochgenuß!
    Ihr Lächeln grüßt wie Sonnenschein,
    Der leuchtet tief ins Herz hinein.
    Das ist ein Gruß, ein treuer;
    O, heil'ge Sabbatfeier.

    Auf, auf! usw.
    Als Gott das Schöpfungswerk vollbracht,
    Da ist ins Dasein sie erwacht;
    Sie ist so alt, wie Sonn' und Mond
    Und alles, was auf Erden wohnt.
    Und bleibst doch jung für alle Zeit
    In ew'ger Kindeslieblichkeit,
    Wie täglich jung die Sonne,
    O, heil'ge Sabbatwonne!

    Auf, auf! usw.

    Sie bringt Dir einen Labetrunk,
    Der macht das Herz Dir frisch und jung,
    Daß Du der Sorgen böse Last
    Vergessen und verloren hast,
    Wenn nur Dein Mund den Kelch berührt,
    Den sie an Deine Lippen führt,
    Daß Dich sein Geist erfülle.
    O, heil'ge Sabbatstille!

    Auf, auf! usw.

    Es ruht die Arbeit meiner Hand.
    Ich kleide mich ins Festgewand,
    Ich breite meine Arme aus,
    Die Königin zieht in mein Haus!
    Dort strahle heller Kerzenglanz,
    Wie ihres Hauptes Strahlenkranz!
    Das Licht ist ihr Geschmeide.
    O, heil'ge Sabbatfreude!

    Auf, auf! usw.

    Was klingt so lieblich an mein Ohr?
    Sie ist's, sie ruft den Klang hervor!
    Der ruft mich in mein Gotteshaus,
    Dort zieht des Herzens Leid hinaus,
    Dort ist die Seele ungetrübt
    Beim Vater, der die Kinder liebt;
    — Er schuf sie nicht im Grimme —
    O, heil'ge Sabbatstimme!

    Auf, auf! usw.

                                  ——————

                            Freitagabend-Lied.

                                   ———

    Preise Gott nun, meine Seele!
    Preise ihn, den Herrn der Herrn!
    Wenn ich seine Wunder zähle,
    Hört es Gott der Vater gern;
    Reichen nimmer die Gedanken
    Auch für seine Größe hin,
    Gott kennt meines Geistes Schranken,
    Weiß, daß nur ein Mensch ich bin.

    Schöpfer ist er aller Dinge,
    Und er bleibt es fort und fort;
    Daß er eine Tat vollbringe,
    Reicht sein Wille hin, sein Wort.
    Schöpfer, doch erschaffen nimmer,
    War er da vor aller Zeit,
    Unverändert bleibt er immer
    Bis in alle Ewigkeit.

    Er ist Herr, und seinem Willen
    Sind die Welten untertan,
    Seine Vorschrift zu erfüllen,
    Rollen sie auf ihrer Bahn.
    Sterne, Monden, Erden, Sonnen
    Wandeln hin auf sein Geheiß,
    Seit zu wandeln sie begonnen;
    Er bestimmte ihren Kreis.

    Helfer ist er allen Seinen
    Alle liebt er, groß und klein;
    Wenn wir uns verlassen meinen,
    Ist er Stütze uns allein.
    Darum will ich nie verzagen,
    Wenn mich Harm und Leid bedroht,
    Fröhlich ihn zu bitten wagen,
    Der da hilft aus aller Not.

    Heilig ist er. Ihn verehren
    Ist des Menschen Heiligkeit,
    Ihm nur sei nun mein Begehren
    Und mein Sabbat ganz geweiht.
    Fröhlich ist mein Geist erhoben,
    Seines Wertes sich bewußt;
    Kann ich meinen Schöpfer loben,
    Das ist heilige Sabbatlust.

                                  ——————

                                Psalm 67.
                          (Zum Sabbat-Ausgang.)

                                   ———

    O, sei uns gnädig, Herr, mein Gott!
    Und gib uns Deinen Segen,
    Laß' leuchten uns Dein Angesicht
    Auf unsern Lebenswegen,
    Daß wir erkennen Deinen Weg,
    Den rechten, auf der Erde,
    Daß Deine Hilfe anerkannt
    Von allen Völkern werde;
    Auf daß, o Gott, Dir dankend naht
    Der Nationen Menge,
    Daß jedes Volk vor Dir erhebt
    Die höchsten Lobgesänge,
    Daß Deiner Allgerechtigkeit
    Sie jauchzen voll Entzücken,
    Daß sie der Welt Regierung nur
    In Deiner Hand erblicken.
    Bis endlich Deiner Größe Lob
    Aus jedem Mund erschalle,
    Bis dankend sich vereinigen
    Vor Dir die Menschen alle.
    Du bist es, der des Feldes Frucht
    Der Erde läßt entsprossen;
    So ist, o Gott, aus Deiner Huld
    Der Segen uns geflossen;
    So wird auch ferner Gott allein
    Uns seine Gaben senden;
    D'rum sei ihm Ehrfurcht dargebracht
    An allen Erden Enden.

                                  ——————

                             Sabbat-Ausgang.
                                 (Lied.)

                                   ———

    Du, Hocherhabener! wählst
    Die Wolken Dir zum Sitze
    Und schau'st auf uns herab
    Und bist uns Fels und Stütze.
    Du warst der Väter Hort
    Und bleibst es auch den Kindern,
    Und Deine Liebe kann
    Sich nie und nie vermindern.

    Es dunkelt nun die Nacht,
    Und sie umhüllt die Erde,
    Auf daß nach kurzer Rast
    Es wieder Morgen werde;
    Der heil'ge Sabbat weicht,
    Der Labetag der Frommen,
    Auf daß zu neuem Werk
    Der Woche Tage kommen.

    O laß uns neu gestärkt
    Zurück zur Arbeit kehren,
    Und Weisheit und Verstand
    Durch Tätigkeit vermehren,
    Und wie Dir wohlgefällt
    Der Tag, den wir Dir weihen,
    So gibst Du auch dem Fleiß
    Gelingen und Gedeihen.

    O, stärke uns're Kraft,
    Daß Gutes wir vollbringen;
    Von Dir kommt alles Heil,
    Gedeihen und Gelingen.
    So wie bisher die Kraft
    Wir Dir zu danken hatten,
    Laß' ferner uns're Hand
    In Schwäche nicht ermatten.

    So sinke nun hinab,
    Du letzte Sabbatstunde,
    Begleitet von dem Lob
    Des Herrn aus uns'rem Munde
    Er bringt der Woche Lauf
    Uns wiederum zum Segen
    Und führt aufs neue uns
    Der Sabbatruh' entgegen.

                                  ——————

                     Gebet am Tage der Konfirmation.

                                   ———

Gütiger Gott! Mit ehrfurchtsvoller Erwartung habe ich seit langer Zeit dem
Tage entgegengesehen, der heute für mich gekommen ist.

Ich soll nun heute hintreten vor Dein Angesicht, um im Bewußtsein Deiner
Allgegenwart und vor den Augen vieler Zeugen das Gelöbnis auszusprechen,
daß ich treu bleiben will der heiligen Religion, in der ich geboren und
belehrt bin, treu bleiben will dem Wege der Tugend und Dich anbeten will
im Geiste und nach der Lehre Moses, Deines Propheten, bis an das Ende
meines Lebens.

Eine lange und ernste Vorbereitung ist diesem Tage vorangegangen, und
alles hat darauf hingedeutet, daß er ein Tag von hoher Wichtigkeit für
mich sein soll, _daß er mannigfache Empfindungen in mir erwecken, heilige
Scheu in mir hervorrufen und Gedanken höherer Natur in mir anregen muß_.

Meine Empfindungen sind: _Dank und Freude, Hoffnung und Zaghaftigkeit_.
Ich will sie vor Dir offenbaren, mein Gott.

Ich _danke_ Dir aus tiefster Seele für das Glück der Kindheit, das ich
genossen. Ich _danke_ Dir aus tiefster Seele dafür, daß Du liebende,
zärtliche Eltern mir gegeben hast, die den Pfad meiner Jugend so herrlich
geebnet, die kein Opfer gemieden haben, mein Glück zu begründen, meinen
Geist zu bilden. Und auch die _Freude_ belebt mein Herz. Ich vermag heute
öffentlich ihnen recht von Herzen zu danken und sie in der Hoffnung auf
das Wohlgedeihen ihres Kindes glücklich zu machen. Auch die _Hoffnung_
erfüllt meine Brust, denn ich hege die Zuversicht, daß ich unter dem
Schirme der Tugend, wie Dein heiliges Gesetz sie vorschreibt, glücklich
sein werde. Aber auch der _Zaghaftigkeit_ kann ich mich nicht entschlagen!
Ob ich immer Kraft genug besitzen werde, allen Versuchungen Trotz zu
bieten? Ob ich immer besonnen genug sein werde, über mich selbst zu
wachen? — —

Und eine _heilige Scheu_ ist es, die den heutigen Tag mir weihevoll macht.
Es ist die Scheu vor der Sünde. Das Beispiel gottesfürchtiger Eltern, der
Unterricht treuer Lehrer haben die Erkenntnis der Sünde in mir erweckt,
die Liebe zur Tugend und zur Wahrheit in mir wach gerufen, und das
Bewußtsein in mir gekräftigt, daß die Tugend das Glück, die Sünde das
Unglück in sich birgt.

Und die _Gedanken höherer Natur_, die heute mich beleben, das sind die
Gedanken an Dich. Wie glücklich fühle ich mich, erkannt zu haben, daß Du
allein Gott bist im Himmel und auf Erden, daß Du ewig bist und
unbeschränkt im Raume und in der Zeit, daß Du ein gerechter Richter bist,
der das Gute belohnt und das Böse bestraft, daß Du ein liebender Vater
bist allen Menschen, und allen Wesen gibst, was für sie zum Heile ist, daß
Du allwissend und allweise bist und zu den besten Zwecken die besten
Mittel wählst, daß Du der Schöpfer der Welt bist, und alle Kräfte der
Natur Dir untertänig sind. Wie glücklich fühle ich mich, daß es mir
vergönnt ist, Dich anzubeten, mein Hoffen und Vertrauen auf Dich zu
gründen. O, so erhöre auch Du mein Gebet:

    Du großer Gott, Du Herr des Lebens!
    Steh' gnadenvoll mir Schwachen bei,
    Auf daß ich heute nicht vergebens
    In Deinen Bund getreten sei.

    O führe mich auf eb'nem Gleise
    Durch dieses Erdenleben hin,
    Und mache mein Bestreben weise
    Und fromm und edel meinen Sinn.

    Ich möchte gut vor _meiner Seele_,
    Wenn ich mich selber prüfe, sein,
    Erkennen, wo und wann ich fehle,
    Und jeden Fehler schnell bereu'n.

    Ich möchte gut und wohlgelitten
    Vor _allen Menschen_ sein, und reich
    An allen angenehmen Sitten
    Und immer nur den Besten gleich.

    Ich möchte wandeln _Deine Pfade_,
    Weil dort nur Heil ich finden kann,
    Das gib mir, Herr, in Deiner Gnade,
    Ich flehe Dich in Demut an.
                                    Amen!

                                  ——————

                         Gebet am Verlobungstage.

                                   ———

Mein Gott! Hinweg aus der lebendigen Aufregung, die mich umgibt, und die,
obschon hervorgerufen durch Liebe und Güte aller, die mir nahe sind, mich
dennoch nicht die Ruhe inbrünstiger Sammlung finden läßt, flüchte ich mich
auf einen Augenblick zu Dir, mein Gott, um, abgezogen von allem
Weltlichen, einsam und ungestört, nur im Bewußtsein und im Gefühle Deiner
Nähe mein tiefbewegtes Herz vor Dir zu offenbaren.

Der Ernst des Lebens tritt heute in seiner ganzen Größe an mich heran und
verlangt von meiner schwachen Einsicht die Reife höchster Überlegung und
die Festigkeit des ernstesten Entschlusses.

Mir würde bangen vor dieser Aufgabe, und ich wüßte keinen Ausweg, als ihr
auszuweichen, wenn Du nicht, o Herr, Kräfte in mein Herz gepflanzt
hättest, die da wohl vermögen mich mutig zu machen und meine Leiter zu
sein, daß den bedeutungsvollen Schritt ich wage, den ich heut gehen soll
und will.

Ja, in meinem Herzen wohnen die Kräfte, und als freundliche Engel stellen
sie sich lächelnd vor mein Auge; sie heißen _Liebe_ und Vertrauen.

_Liebe_ und Vertrauen empfinde ich zu Dir, mein Gott. Erzogen in den
Lehren der Religion, fühle ich mich als Dein Kind, das nicht unerhört sich
zum Vater wendet. Ich _liebe_ Dich als meinen Wohltäter von Jugend auf,
und lege _vertrauensvoll_ mein Schicksal in Deine Hand. Was Du über mich
beschlossen hast, das wird zu meinem Heile sein.

_Liebe_ und Vertrauen empfinde ich zu meinen Eltern, ihren Willen achte
ich selbst da höher als meine Neigung, wo diese mit jenem nicht eins ist,
um wieviel mehr muß ihr Wille mir heilig sein, wo er mit meinen Wünschen
übereinstimmt. Was sie über mich beschließen, ist nur Liebes und Gutes,
was sie von mir begehren, ist nur zum Segen für mich. So war es von je.

_Liebe_ und Vertrauen empfinde ich endlich auch gegen ihn, der mir seinen
Willen offenbart hat, mir ein Schutz und eine Stütze zu sein in allen
Tagen, solange es Dir wohlgefällt, daß wir vereint die Wege des Lebens
gehen, gegen ihn, der von mir begehrt, daß ich ihm die Hand zum Bunde
reiche, um als treue Gefährtin seines Lebens ihn nie zu verlassen in Glück
und Unglück.

Wenn aber dies alles auch geeignet ist, mich frohen Mutes die Pflichten
der Braut und bald die der Gattin übernehmen zu lassen, so bangt meine
Seele dennoch, weil ich mir meiner Schwäche und Mangelhaftigkeit bewußt
bin, weil ich es für gar leicht erachte, durch meine Fehler mir das Glück
meines Lebens zu zerstören. Darum bitte ich Dich, mein Gott, verlasse mich
nicht, wie Du bisher mich nicht verlassen hast. Laß mein aufrichtiges
Streben gelingen, meinen Geist verständig, mein Herz duldsam, mein Wesen
angenehm und meine Lebensansprüche bescheiden zu machen. In Deine Hand
befehle ich mein Leben heute und allezeit, weil ich Dich liebe und auf
Dich vertraue. Du bist mein Wohltäter, meine Stütze und Zuflucht. Amen!

                                  ——————

                     Gebet während des Brautstandes.

                                   ———

Gütiger Gott! Näher und immer näher rückt der entscheidende Tag für mich
heran, an dem ich das Haus meiner Eltern, die liebe Umgebung verlassen
soll, in der ich gelebt habe von den Tagen meiner Kindheit bis jetzt. Der
Tag naht heran, an dem ich einziehen soll in das Haus des Mannes, dem ich
treu anzugehören gelobt habe für die ganze Zeit, die Du, mein Gott, für
unsern gemeinsamen Lebensweg auf Erden bestimmt hast.

Je näher mir dieser Tag entgegentritt, desto mehr auch beschleicht mich
das Gefühl der Bangigkeit. Ich weiß nicht, ob ich leicht oder schwer mich
in die neuen Verhältnisse finden werde, ich weiß nicht, ob meine Kräfte
und meine Einsicht ausreichen werden, den Pflichten der Hausfrau sogleich
zu genügen, oder ob ich erst mit Mühe und Ausdauer mir die Fähigkeit, eine
solche zu sein, werde erwerben müssen. Ich weiß nicht, ob ich mit Freude
und Fröhlichkeit oder mit Sehnsucht und Bangen auf die Tage meiner
Vergangenheit zurückblicken werde. Ich weiß nicht, ob mehr Wohlergehen
oder mehr Leid und Trübsal mein Anteil sein werden. Denn wie der Würfel
aus der Hand entrollt, so fällt das Los aller, die ihre Zukunft abhängig
machen von dem Bündnisse der Ehe. Nicht Weisheit und Überlegung, nicht
Reichtum und Erfahrung bürgen für das Glück, ja selbst die Liebe der
Gatten zueinander vermag nicht Bürgschaft zu leisten für Wohlsein und
Zufriedenheit.

Dennoch will ich freudig der entscheidenden Stunde entgegengehen. Denn Du,
gütiger Gott, warst mein Schutz und meine Hilfe bis heute, Du wirst es
auch ferner sein. Du hast bisher meine Bahn geebnet; wie sollte ich
glauben, daß Du später mich verlassen wirst. Nein, gestärkt und ermutigt
war ich stets, so oft ich mein Herz im Gebete zu Dir erhob, und diese
Wohltat kann ja auch ferner mir nicht fehlen. Auch in diesem Augenblicke
empfinde ich ihre Süßigkeit, denn ich fühle, daß Du in meiner Nähe bist,
daß ein Tempel für Dich errichtet ist in meinem Innern, in dem ich alle
Zeit Zuflucht finde, ich fühle, daß ich Dich liebe und von Dir geliebt
werde.

Und sollte die Anerkennung Deiner unendlichen Güte und Huld mich nicht
immer mehr und mehr zum festen Glauben bestimmen, daß ich geborgen sein
werde unter Deiner Fürsorge?

Du weißt es, daß ich nicht leichtfertigen Sinnes oder aus eitlem Verlangen
nach erträumtem Glücke, dem Manne meiner Wahl Treue gelobt, sondern daß
nur das Gefühl mich bestimmt hat, daß Du, mein Gott, es bist, der meinen
Schritt billigt, und der von mir verlangt, daß ich ihm nicht ausweiche.

Darum empfehle ich Dir meine Zukunft. Was Du tust, das ist wohlgetan!
Amen!

                                  ——————

                   Gebet einer Braut am Hochzeitstage.

                                   ———

Allgütiger Vater im Himmel! Erbarmungsvoll schauest Du hernieder auf Deine
Kinder auf Erden; Du wendest Dein Angesicht auf alle, die inbrünstigen
Sinnes sich Dir nahen, und unerhört bleibt keine Seele, die in
aufrichtiger Demut vor Dir sich neigt, kein Herz, das hoffend und
vertrauend im Gebete zu Dir sich wendet.

O, so sei auch jetzt mir nahe, da ich, wenn auch in schlichten Worten,
mein übervolles Herz durch die Sprache des Gebetes vor Dir erleichtern
will.

Sei mir gnädig, mein Gott! daß dieser Tag ein Tag des Heils für mich
werde.

Sei mir gnädig, mein Gott! daß meine teuren Eltern all die Freuden
erleben, für die sie mit den höchsten Opfern der Liebe diesen Tag sich
erkauft haben.

Sei mir gnädig, mein Gott! daß mein Gatte in den Tagen der Zukunft die
Stunde segne, die mich zu seiner Lebensgefährtin gemacht hat.

Sei mir gnädig, mein Gott! daß ich immerdar lichten Auges und willigen
Herzens des Weges gehe, auf dem ein tugendhaftes Weib die Pflichten der
Gattin und Hausfrau übt.

Sei mir gnädig, mein Gott! daß nicht des Schicksals Bürde allzuschwer auf
meinen Schultern laste, wenn nach dem Rate Deiner Allweisheit es mir
bestimmt ist, Zeiten der Prüfung zu ertragen.

Sei mir gnädig, mein Gott! daß ich Dein nicht vergesse, wenn der süße
Klang der Fröhlichkeit und der Freude mich umrauscht.

Sei mir gnädig, mein Gott! daß ich Mut und Ausdauer nicht verliere, wenn
Mühe und Arbeit mein Anteil sind.

Sei mir gnädig, mein Gott! daß mein Sinn frei bleibe von Stolz und
Übermut, wenn Glanz und Wohlstand meine Tage sorglos machen.

Alle diese Bitten und unzählige andere drängen sich heut in meinem Herzen,
und ich vermag nicht ihre Zahl zu bestimmen, ihre Innigkeit in schwachen
Worten zu offenbaren. Du aber, mein Gott! schaust in mein Inneres, vor Dir
sind meine Gedanken offenbar, und die Gefühle der Betenden sind Dir nicht
verborgen. Darum fasse ich sie alle in das eine Flehen: Sei meine Hilfe,
sei mein Hort, wende Deine Liebe nicht von mir, wie Du sie bisher mir
nicht versagt hast.

Ach! schon drängt die Zeit, daß ich mich schmücken lasse, um als Braut
lieblich zu erscheinen dem Blicke des Bräutigams, der meiner harrt, daß
der Segen der Religion das Siegel drücke auf den Bund unserer Herzen. Auch
er erwartet das Glück seines Lebens von dem Segen dieses Tages, auch er
ist gleich mir bereit, fortan all sein Denken und Tun dem Bunde der Liebe
zu weihen, den unsre Herzen geschlossen haben; o, sei auch mit ihm, daß er
finde, was er sucht: Glück und Zufriedenheit, Frieden im Hause und Freude
an seiner Tätigkeit. Laß ihn den Lohn finden für all sein Streben, mit dem
er die Selbständigkeit sich erworben, für all den Fleiß, mit dem er sich
emporgearbeitet, daß er nun ein Haus sich gründe.

Und dieses Haus, laß es sein eine Stätte der Tugend und der Gottesfurcht,
lieblich in Deinen Augen und angenehm in den Augen der Menschen.

Ach, Herr mein Gott! ich fühle, daß Du bei mir bist, ich danke Dir für die
Erhebung, die Du im Gebete mir zugewandt. Ich trockne die Träne der
Andacht und eile hin, wo ich die der Freude vergießen will. Du bist mein
Trost und meine Zuflucht, Deiner Liebe will ich heute mich erfreuen, o,
wende nie sie von mir ab. Amen!

                                  ——————

                        Gebet einer Neuvermählten.

                                   ———

Gütiger Vater aller Menschen! Deine Gnade hat mich begleitet von meinem
ersten Tage auf Erden bis hierher. Du hast mir beigestanden in den ersten
Tagen meiner Kindheit, aus Gefahren mich errettet, vor Not und Kummer mich
behütet und, geführt von Deiner Hand, bin ich nunmehr zu der Aufgabe
gelangt, als treue Gattin, als sorgsame Hausfrau mich zu bewähren. Welch
anderes Gefühl, als das des kindlichen Dankes könnte ich Dir jetzt
entgegenbringen, wenn mein Herz mich aufruft, daß ich im Gebete mich Dir
nahe! Aber alle Worte des Dankes würden nicht hinreichen, ein würdiger
Ausdruck der Erkenntlichkeit zu sein für die tausend und abertausend
Wohltaten, die Du mir erwiesen hast. Darum will ich still in meinem
Innern, doch unverborgen vor Dir, das Gelöbnis tun, durch Taten, nicht
durch Worte, Dir, meinem gütigen Vater, zu zeigen, daß ich ein dankbares
Kind bin. Ich will mich aufraffen mit aller Kraft, die Fehler zu erkennen,
die an mir haften, und will sie ablegen. Ich will alle Mängel des
Flattersinnes, die ich herüber gebracht habe aus dem Stande der Jungfrau
in den der Gattin, bekämpfen in meinem Wesen, daß ich mit Ernst das Gebiet
meiner Pflichten überschauen und in dasselbe mich hineinleben kann. Noch
umspielt und umtändelt mich die Sorglosigkeit des jungen Ehelebens, aber
ich weiß es wohl, daß es von Tag zu Tag mehr und mehr sein ernstes
Angesicht mir zeigen wird. Mein Gatte wird, in Anspruch genommen von den
Obliegenheiten seines Berufes, mir nicht immer mit dem Angesicht der
Zärtlichkeit entgegentreten können; dann will ich es ihm nicht für
Lieblosigkeit deuten, sondern meine Zuvorkommenheit verdoppeln, um ihm das
Leben in seinem Hause angenehm zu machen. Ich will zu den Lasten seines
Tagewerkes nicht noch die häufen, meine Launen ertragen zu müssen, ich
will ihn nicht beschweren mit solchen Dingen, die ich allein verrichten
kann, und mir Mühe geben, sein Leben angenehm zu machen und seine Bürde
ihm zu erleichtern. So will ich bestrebt sein, ein Weib zu werden, wie
Lemuël es beschrieben: „_Das ihrem Gatten Liebes und kein Leides tut ihr
Leben lang_“, denn „_trüglich ist die Anmut, nichtig ist die Schönheit,
nur ein gottesfürchtiges Weib ist rühmenswert_.“

Und so Du in Deiner Allwissenheit es bestimmt hast, daß Tage der Prüfung
über ihn kommen, so will ich treulich ausharren, liebend und helfend an
meines Mannes Seite, ich will nicht murren, wenn ich Entbehrungen erleide,
Not und Kummer mit ihm tragen muß.

Du aber, gütiger Vater! sei mit ihm, mache die Sorge für das Haus ihm
leicht, und seine Wohnung zur Stätte seiner Lust und Freude, daß er seine
Schritte nicht unmutig von ihr abwende, wenn er eine Stunde der Erholung
sucht, daß nie es ihm drückend werde, die Sorge für mein Wohl auf seine
Schulter gelegt zu haben.

Erhöre, gütiger Vater! all' diese meine Bitten, zu welchen ich die
Veranlassung zu überschauen vermag; wohin aber mein beschränkter Blick
nicht reicht, was meiner geringen Erfahrung noch nicht wahrnehmbar ist,
auch das lege ich mit Vertrauen in Deine Hand, denn Dir empfehle ich mein
Leben und mein Heil; was Du tust, ist wohlgetan! Amen!

                                  ——————

                          Gebet einer Wöchnerin.

                                   ———

Gnädiger Gott! Du mein himmlischer Wohltäter! Aus der Tiefe meines Herzens
steigt mein Dank zu Dir empor, da ich in Freude zurückblicke auf die Zeit,
die, noch vor kurzem von mir erwartet, mich mit Bangen erfüllte. Deine
Hilfe ist mir nahe gewesen, durch Dich bin ich erlöset und unendlich
reicher geworden, da Du ein holdes Kind mir (wiederum) geschenkt hast.
(Wieder lausche ich mit Muttersorge und Mutterlust auf seine Atemzüge,
wiederum treten die Bilder einer schönen Zukunft vor meine hoffende
Seele.) Ich lausche mit nie geahntem Mutterglück auf seine Atemzüge, und
die Bilder einer schönen Zukunft treten vor meine hoffende Seele, wenn ich
daran denke, daß ich mein liebes Kind erziehen, seine Entwicklung
beobachten und leiten und an seinem Gedeihen mich ergötzen soll.

Du weißt es, mein Gott, daß ich meine Pflicht erfüllen, die reinste
Mutterliebe betätigen und nicht ruhen und rasten will in der Sorge um das
Gedeihen meines Lieblings.

Aber alles menschliche Wollen und Streben reift nur zum Segen, wenn Du, o
Gott, Deinen Beistand gibst. Darum flehe ich zu Dir: O, stehe mir bei in
meinem Vorsatze. Erhalte mein Kind gesund an Leib und Seele, erhalte auch
mich gesund zu seinem Heile, segne auch meinen Gatten, daß er immer in
Freude und Fröhlichkeit für sein Haus zu sorgen vermöge. Schenke uns
beiden die süße Lust, unser Kind kräftig emporwachsen zu sehen, daß es
angenehm sei in Deinen Augen und in den Augen der Menschen. O, wie freue
ich mich heute schon der Zeit, daß ich es werde anleiten können, selbst zu
Dir zu beten, Dich zu lieben und zu verehren, Dich von ganzem Herzen Vater
zu nennen, wie ich Dich Vater nenne.

O sei mir gnädig und bleib in meiner Hilfe. Amen!

                                  ——————

Gebet einer Mutter während der Aufnahme ihres Sohnes in den Bund Abrahams.

                                   ———

Lob und Preis, Dank und Anbetung widme ich Dir, Allbarmherziger! Du hast
mir beigestanden zur Zeit der Not und hast mein Herz erfreut durch Dein
himmlisches Gnadengeschenk, da Du (wieder) einen Sohn mir gegeben, und
meine Seele (aufs neue) erfüllt hast mit dem Glücke mütterlicher Sorge und
mütterlicher Liebe. Und harren auch meiner (wiederum) in der Pflege meines
Kindes Kummer und Mühsal hundertfach, so werden sie dennoch tausendfach
aufgewogen durch die Lust und das Entzücken, die der Besitz und der
Anblick meines lieben Kindes mir bringen muß. Darum bin ich auch in
Fröhlichkeit damit einverstanden, daß er nunmehr durch das Opfer seines
Blutes aufgenommen werde in den Bund, den Du mit Abraham geschlossen hast.
O laß, mein Gott, ihn auch im Geiste und in der Wahrheit ein treues
Mitglied dieses Bundes werden, daß er frei und gern sich zu ihm bekenne in
der Zeit der Reife seines Geistes. Vor allem aber laß den Begründer des
Bundes sein frei erwähltes Vorbild sein. Wie Abraham seinen Blick zu den
Sternen erhob, und die Seligkeit des Glaubens an Dich gewann, so möge auch
mein Sohn sein Auge zum Himmel erheben in seinen heiligsten
Angelegenheiten, und Gottes Walten im Geiste erkennen und im Herzen
empfinden. Wie Abraham dem Menschen ein Vorbild wurde, so laß meinen Sohn
reif werden, daß auch sein Beispiel geeignet sei, den Irrenden den rechten
Weg zu zeigen. Wie Abraham die Neigungen und Wünsche seines Herzens
unterdrückt hat, wo es galt, sie Dir zum Opfer zu bringen, so laß auch ihn
bereit sein, sich selbst zu verleugnen um seines Gottes willen. So wie
Abraham als ein Muster der Nächstenliebe gelebt hat unter seinen
Zeitgenossen, so möge auch mein Sohn es werden unter den seinigen,
übertrage auch auf ihn den Segen, den Du Deinem Liebling Abraham
zugeteilt, daß er selbst ein Segen sei unter den Menschen.

Aber auch das flehe ich, Allbarmherziger! Wie Du warst mit Abraham, dem
Vater unseres Volkes, wie Du ihn begnadigt hast mit Glück und Freude,
Leben und Wohlsein, so sei auch mit meinem Sohne immerdar. Erhöre mein
Gebet, Allgütiger! Amen!

                                  ——————

     Gebet einer Wöchnerin bei ihrem ersten Besuch des Gotteshauses.

                                   ———

Mein Gott! „_Durch die Fülle Deiner Gnade betrete ich Dein Haus, bücke
mich vor Dir in Deinem Heiligtume in Ehrfurcht._“ Wie schön und lieblich
ist diese Stätte! Wie fühle ich hier doppelt die Nähe meines Gottes! Ja,
mein Gott! ich danke Dir, daß Du meinen Fuß wieder geleitet hast, die
Schwelle Deines heiligen Tempels zu überschreiten.

Du hast in Deiner Liebe und Güte (aufs neue) ein heiliges Gut mir
anvertraut, daß ich es treu bewahre nach Deinem Willen. O, so höre auch
mein Gelöbnis, daß ich es so halten und hüten will, um jederzeit mit
freudigem Bewußtsein Rechenschaft vor Dir ablegen zu können. Du hast mir
(wieder) ein holdes Kind geschenkt und mit dieser Gabe mein Herz beglückt,
darum will ich nun Dir geloben, daß ich es erziehen will in Deinen Wegen.
Du hast (wiederum) meine Kraft gestärkt, darum will ich sie anwenden in
Deinem Dienste, in Tugend und Frömmigkeit.

O, sei auch Du ferner mit mir! Laß das Kind zu meiner und zu seines Vaters
Freude wachsen und erblühen, und wenn es einst herangewachsen ist, so
mache es angenehm vor Dir und den Menschen. Möge es immerdar in Deinen
Wegen wandeln und sein Name . . . . . . . ehrenvoll genannt werden.

Dich preise ich, mein Gott, Dir danke ich, und zu Dir bete ich.

Alles Gute kommt von Dir, Du warst mein Wohltäter, Du bist es und wirst es
bleiben fürderhin. Amen!

                                  ——————

        Gebet einer Mutter am Tage her Konfirmation ihres Sohnes.

                                   ———

Du hast in Deiner Liebe, Allgütiger! mir heute (wiederum) einen Tag
geschenkt, an dem ich Deine Gnade lebhafter erkenne und tiefer empfinde,
weil er ein Tag ist, den mein Herz ersehnt seit langer Zeit. Mein lieber
Sohn . . . . . , den ich in Liebe zu Dir und zur Kenntnis Deines Wesens
und Deines Willens zu erziehen bestrebt war, ist nunmehr so weit gediehen,
Dich selbständig und aus eigenem Antriebe verehren und Deine heiligen
Gebote ausüben zu können, und ist heute bereit, durch feierliches Gelöbnis
sich seinen Pflichten als Israelit zu unterwerfen. Dank Dir, mein Gott!
daß Du mir (und meinem Gatten) die Freude vergönnt hast, Zeuge dieser
Handlung zu sein. An das Gedeihen meines Sohnes knüpfen sich meine
schönsten Hoffnungen. O, gib, daß diese nie und nimmer getäuscht werden,
daß mein Sohn bei meinem (unserem) Leben und über dasselbe hinaus auf der
Bahn der Tugend und Redlichkeit bleibe, und auch als ein Israelit nicht
aufhöre, Dich vor Augen und im Herzen zu haben. Beschütze ihn auch,
Allgütiger, auf seinem Lebenswege, behüte ihn vor Versuchung und Sünde,
laß ihn mit Ehren einen Platz finden unter den Menschen, auf dem er
imstande sei, Dir wohlgefällig, den Nebenmenschen nützlich, und zu seiner
eigenen Zufriedenheit zu leben. Gib seinem Geiste Einsicht, seinem Herzen
Mut zu allen guten Handlungen, die er auszurichten vermöge, und begnadige
ihn mit Leben und Gesundheit und jeglichem Segen, der hervorgeht aus der
Fülle Deiner Vaterliebe. Amen!

                                  ——————

            Gebet einer Mutter am Verlobungstage ihrer Tochter

                                   ———

Du Gnadenreicher! aus dessen Hand alles Gute kommt, das wir genießen, aus
dessen Huld jede Freude entspringt, die wir empfinden, aus der Fülle
meines Herzens bete ich heut zu Dir, um Dank und Bitte vor Dir zu
offenbaren. Mit dem Gefühle, mit dem ein Wanderer das Ziel einer langen
mühevollen Wanderung an seinem Gesichtskreis auftauchen sieht, mit
demselben Gefühle sehe ich heut den Abschluß einer langen, mühevollen
Arbeit von Ferne, und wie der Wanderer bittet: „O Herr! laß keinen Unfall
nahe am Ziele die Vollendung stören“, so bitte ich: O Herr! laß keinen
Unfall nahe am Ziele die Vollendung meiner Arbeit unterbrechen. Ich habe
mein liebes Kind mit Mühe und Sorgfalt erzogen, ich war bestrebt, sie
heranzubilden, daß sie fähig werde, als wackere Hausfrau ihre Pflichten
auf Erden Dir und den Menschen wohlgefällig zu verrichten. Nun hast Du in
Deiner Gnade das Werk meiner Fürsorge gesegnet und uns den Mann zugeführt,
für den ich meine (wir unsere) Tochter erzogen habe (haben). Dank sei Dir
für Deine Hilfe, mit der Du mir (uns) beigestanden hast bis hierher! Guter
Gott! gib, daß unsere Einsicht uns nicht irre geführt habe, laß meine
(unsere) Tochter durch diese Wahl glücklich werden, und den Erwählten
glücklich machen. Tausend Gedanken beschäftigen mich, tausend verschiedene
Wünsche möchte ich heut vor Dir aussprechen, doch Du schaust ja in mein
Herz und verstehst ganz, was ich denke, wenn ich auch mangelhaft nur
spreche; darum, gütiger Gott: sei mit uns allen, wie Du bisher mit uns
gewesen und führe alles zum Guten. In Deine Hand befehlen wir unser
Schicksal. Nichts _ohne Dich_, und alles mit _Dir_! Denn alles Gute kommt
von Dir! Amen!

                                  ——————

             Gebet einer Mutter am Hochzeitstage der Tochter.

                                   ———

Allgütiger! Deine Vaterliebe waltet über uns, und ohne Deinen Beistand ist
kein Gelingen und Gedeihen unserer Bestrebungen, das müssen wir täglich
empfinden, und nur ein undankbares Gemüt könnte daran nicht gemahnt werden
durch die Freude am Tage der Freude. Nein, Du guter Gott, ich will nicht
undankbar sein für das Glück, das Du mir heute gewährest. Heute ist der
Tag, an dem ich ein Ziel erreicht, für das ich so lange, so lange schon
gesorgt und gedacht, das ich ins Auge gefaßt habe bei so vielen meiner
Entschlüsse und Handlungen, das der Ausgangspunkt sein sollte mütterlicher
Fürsorge und mütterlicher Sehnsucht. Heute führe ich mein liebes Kind dem
Manne zu, dem ich mein erstes Anrecht auf seine Liebe übertrage, dem
Manne, dem meine Tochter Gattin und Hausfrau sein soll, und zu meinem
Kinde spreche ich: Gehe hin mit meinem Segen, heiligere Pflichten warten
dein als die, die bisher deine heiligsten waren, als die Zärtlichkeit und
der Gehorsam gegen deine Eltern. Und alles das tue ich mit freudigem
Herzen, mit den Gedanken der frohesten Hoffnung. Darum sei Dir, gütiger
Gott, Dank und Preis dargebracht, denn _Du hast diesen Tag mir geschenkt,
daß ich sein mich freue und fröhlich sei_.

Aber auch für das Wort der Bitte darf meine Lippe nicht geschlossen
bleiben, denn die _Gedanken der Menschen sind zwar mannigfach, aber nur
der Ratschluß Gottes erfüllet sich_, und wenn meine Pläne das Glück in
ihrem Schoße bergen sollen, so kann es nur wahr werden durch Deinen
Willen.

Und so flehe ich Dich denn in Demut an: O, gütiger Gott, halte Deine
schützende Hand ferner über dem Haupte meines lieben Kindes. Laß die
Stunde ihres Eintritts in das Leben einer Ehefrau eine Stunde sein, die
meine Tochter fröhlichen Herzens noch in späten Tagen ihres Lebens als den
Anbeginn ihres reinsten Glückes segnet. Halte fern von ihr und dem Hause,
dem sie angehören wird, die trüben Erfahrungen des Ungemachs, mache die
Prüfungen, die in keines Menschen Leben ganz ausbleiben, ihr nicht so
schwer, daß sie die Heiterkeit ihres Herzens vernichten. Laß auch das Band
der Liebe nicht locker werden, das uns, die ihrigen, bisher mit ihr
verknüpfte, und laß sie in dem neuen Bande der Verwandtschaft und der
Liebe, das sie umschlingen soll, immer eine anmutige Fessel finden, der
sie nie sich zu entziehen strebe.

Mein Gott, ich hoffe auf Dich, ich vertraue Dir, und unter Deinen Schutz
stelle ich mich mit allen Wünschen meines Herzens. Amen!

                                  ——————

            Gebet einer Mutter am Hochzeitstage ihres Sohnes.

                                   ———

Gelobt seist Du, mein Gott, daß Du den heutigen Tag mich schauen ließest.
Heut erfüllt sich mir sichtbar Deine Gnade, die ich erstrebt in der
Erfüllung der Pflichten mütterlicher Liebe und Zärtlichkeit. Was kann ich
mehr wollen für alles, was ich an meinem Sohne getan habe, als daß ich
ihn, den meine Seele zärtlich liebt, und dessen Liebe und innige Treue
mich jederzeit beglückte und entzückte, als daß ich ihn nunmehr erblicke
an der Schwelle des Hauses, das er sich gegründet hat, an der Seite der
Liebe und Lieblichen, die ich mit Freude als Tochter umarme, die er in
herzlicher Zuneigung sich erwählt hat zur Gefährtin seines Lebens. Ach,
mein Gott! die Freudenträne in meinem Auge kündet Dir meinen Dank besser
als mein dürftiges Wort. Aber auch im Gefühl des Glückes will ich das
Bewußtsein in meiner Seele wachrufen, daß wir alle Deines Schutzes und
Deines Beistandes bedürfen, wenn unser Werk sich krönen, unser Hoffen sich
bestätigen soll.

Darum, mein Gott! erhöre in Gnaden mein Gebet! Laß das neubegründete Haus
meines lieben Sohnes sein eine Stätte des Friedens und der Zufriedenheit,
laß es fest stehen, trotzend den Stürmen der Ereignisse. Befiehl dem
Segen, daß er einkehre in dasselbe, auf daß seine Bewohner sich erfreuen
des Lebens auf Erden. Laß auch die Liebe und die Treue, wie sie heut mit
einziehen, darin weilen, in unwandelbarer Ausdauer. Laß es sein einen
Sammelplatz edlen Verlangens und edler Genüsse, und laß nimmer d'raus
schwinden die Gottesfurcht und die Frömmigkeit und die Liebe zu Dir.

O, mein Gott! ich empfinde es, daß mit dem heutigen Tage mein Herz sich
verjüngt, daß ich meine eigene Vergangenheit wiederfinden will in der
Zukunft meiner lieben Kinder. So Du es nun in dem Ratschlusse Deiner Gnade
über mich beschlossen hättest, daß ich lebe und anschaue die Entwickelung
ihres häuslichen Lebens, o, so gib, daß ich allezeit mit gleicher
Freudigkeit wie heut ob dieses Ehebundes Dein Walten preisen, Deine Liebe
segnen kann.

(Es teilt mein Gatte heut die Freude, die mein Inneres erfüllt, auch er
hat in Mühe und Fleiß die Sorgen auf sich genommen, den Sohn heranzubilden
zu Deinem Wohlgefallen und zum Wohlgefallen der Menschen, o, laß uns auch
vereint die Wonne genießen, die Früchte seiner unermüdeten Tätigkeit zu
betrachten und ihre Lieblichkeit zu empfinden in dem Glücke unseres
Sohnes. Halte Deine schützende Hand ferner über uns, und wie Du bisher uns
geholfen, so hilf uns weiter, Du allein bist unser Helfer, Du bist der
Gott der Liebe und der Barmherzigkeit.) Amen!

                                  ——————

                            Gebet einer Witwe.

                                   ———

Allgerechter! Du hast in Deiner Weisheit es beschlossen, daß ich nicht bis
an das Ende meiner Tage das Glück genießen soll, an der Hand meines treuen
Gatten durchs Leben zu gehen. Du hast ihn von meiner Seite gerufen, und
ich muß ohne seine Stütze, ohne seinen Beistand, ohne seinen Rat und ohne
seine liebevolle Fürsorge meine Tage verleben.

Allgemach erblassen die grellen Farben, in denen das Bild meines Unglücks
vor mein Auge trat, als es in den ersten bitteren Tränen schwamm, die ich
ob des herben Verlustes vergoß, aber nimmer werden diese Farben ganz
verbleichen: langsam geht der Schmerz in stille Wehmut über, aber nie wird
seine Spur verschwinden, weil ich es nie vergessen kann, wie der treue
Gefährte meiner schönsten Tage in Liebe und Zärtlichkeit nur für mich
gedacht und gesorgt hat.

Wenn ich daher nun, gerührt von seinem Andenken, zu Dir bete, mein Gott,
so flehe ich Dich in Demut an, daß Du ihm die Freuden der ewigen Seligkeit
in vollem Maße gewähren mögest.

Mir aber, mein Gott, wollest Du auch gnädig sein, daß es mir nie an der
Kraft gebreche, nun ohne seinen Rat und seinen Beistand für das Wohl
meiner Kinder und für das Bestehen meiner Häuslichkeit zu sorgen. Wo ich
des Schutzes bedarf, da gewähre Du ihn mir, wo ich des Rates bedarf, da
erleuchte Du mich mit Einsicht. Du bist ein Helfer den Witwen, ein Vater
den Waisen, Du verlässest nicht, die unter das schützende Obdach Deiner
Hut sich begeben, darum will ich mich allezeit an Dich wenden in der
Gewißheit Deiner Gnade, mein Helfer, mein Beschützer! Amen!

                                  ——————

                            Gebet einer Witwe
                  (die in dürftigen Verhältnissen lebt.)

                                   ———

Allgerechter! Du hast in Deiner Weisheit es so gewollt, daß ein schweres
Los mein Anteil sei auf Erden, und so oft ich mein Herz im Gebete zu Dir
erhebe, ist es überwiegend das Wort der Bitte, das ich an Dich richte,
weil das Drückende meiner Lage mir stets gegenwärtig ist, und Zagen und
Bangen meinem Gemüte zur Natur geworden sind, so daß ich mich selten in
reiner, ungetrübter Fröhlichkeit aufzurichten vermag.

Allein und fast einsam, als Witwe, stehe ich da inmitten der rauschenden
Welt, die an mir vorübereilt in ihrem Jagen nach Genuß und Vorteil, die
meinen Kummer nicht kennt und kaum einen Blick des Mitleids auf mich
wirft, weil die Augen der Glücklichen nicht gern bei der Betrübnis weilen.

Da muß ich wohl oft der Zeiten gedenken, da es noch anders war; da mein
treuer Gatte noch lebte, da er mit redlichem Herzen und rüstigem Fleiße
der Versorger und Ernährer meines Hauses war. Der treu mich liebte, ist
von mir gegangen, meine Stütze ist gebrochen, meine Sorglosigkeit
vernichtet. Statt dessen ist das Brot, das ich esse, mir karg zugemessen,
und oft vermag ich kaum den Mangel zu wehren, daß er meine Schwelle nicht
überschreite (den Mangel, der mich doppelt drücken muß, um meiner lieben
Kinder willen.)

Wenn ich aber auch dies alles bedenke und der Betrübnis mich nicht
entschlagen kann, so will ich dennoch nicht murren und nicht rechten mit
Deiner Allweisheit. Denn wenn ich eines Teiles nicht weiß, ob nicht die
Prüfungen, die Du mir bestimmt hast, zu meinem Heile sind, so weiß ich
andernteils gewiß, daß noch manches teure Gut mir geblieben ist, und daß
es Menschen gibt, die weit tiefer hinabsteigen mußten in die Tiefe des
Unglücks.

Über alles dies ist ja _eine_ Freudigkeit mir geblieben als die Grundlage
alles dessen, was mir noch Trost und Hoffnung gibt: es ist das _Vertrauen_
auf Dich, die Zuversicht, daß Du mich nicht verlassen wirst, daß Du mich
hörst, so oft ich Dich rufe. Darum auch will ich es nimmer unterlassen,
die Bitte um Deinen Beistand vor Dir auszusprechen:

O mein Gott! sei mir gnädig und erhalte meine Gesundheit.

(Laß meine Kinder wohl gedeihen an Leib und Seele und gib mir die Kraft,
ihnen jederzeit beizustehen mit Rat und Tat.)

Wende den Mangel von meiner Tür und laß mich in Redlichkeit und Ehre mein
Brot mir erwerben.

Laß mich nicht der Hilfe der Menschen bedürfen und nie Fremden oder
Angehörigen eine Last sein.

Erhalte die Zufriedenheit in meinem Herzen, daß aus ihr wieder aufsprieße
der frische Lebensbaum der Seelenruhe und der Freudigkeit.

Du, mein Gott, bist ein Versorger der Witwen und Waisen, Du bist auch der
meinige. Das sei Dein Willen! Amen!

                                  ——————

                         Gebet einer Stiefmutter.

                                   ———

Mein Gott! Wie die Liebe der Mutter zu ihren Kindern das festeste Band auf
Erden ist, das Menschenseelen aneinanderknüpft, so ist die Mutterliebe
auch die süßeste Empfindung, die das Menschenherz beglückt. Dieses
natürliche Band kann durch kein gewähltes ersetzt, diese Empfindung nicht
willkürlich hervorgerufen werden. In dieser Überzeugung betrachte ich die
Aufgabe, die Du mir zugeteilt hast, die Stelle der Mutter bei Kindern zu
vertreten, die nicht leiblich mir angehören, als eine sehr schwere, als
eine so schwere, daß ich meiner schwachen Einsicht nicht zutraue, sie zu
vollbringen, wenn nicht Deine besondere Hilfe mir beisteht. Und um diese
Hilfe flehe ich, Herr! Dich mit Inbrunst an, denn ich bin weit entfernt
davon, die Arbeit von mir zu weisen oder sie als eine Last zu betrachten,
ich fühle mich vielmehr glücklich, ihr unterworfen zu sein, und mein
höchster Wunsch ist es, das Höchste und Beste in ihrer Vollziehung zu
erreichen, was einem redlichen Herzen erreichbar ist.

Darum, mein Gott, flehe ich Dich an, schenke mir Einsicht, das Rechte
jederzeit zu treffen, damit ich bestehen kann vor Deinem Auge und vor dem
Auge der Menschen. Laß mich nie müde werden in der Ausübung meiner
Pflichten und verscheuche jeden Gedanken aus meiner Seele, der nur dahin
zielt, mir die Rechte einer Mutter zu erkaufen, gib mir Geduld und
Ausdauer, daß ich auch mit den Mängeln und Schwächen meiner Kinder
Nachsicht übe wie eine Mutter. Laß mir immer die Vorstellung gegenwärtig
sein, daß meine Arbeit nur Stückwerk ist, und daß ich ihnen nie in
Wahrheit die Mutter zu ersetzen imstande bin. Laß mich nie Mißtrauen
fassen gegen sie, als ob sie nicht bereit wären, die Mutter in mir zu
suchen und zu erkennen. Laß die Kinder gedeihen unter meiner Pflege, auf
daß ich Freude habe an ihrem Wohlsein und meine Aufgabe mir leicht werde.

Laß mich in der Erziehung der Kinder auch die Wünsche meines Gatten
befriedigen, daß der Kummer, den ihre Mutterlosigkeit ihm verursacht,
gänzlich von ihm genommen werde und sein Herz immer mehr und mehr Zutrauen
zu mir fasse.

Um alles dies flehe ich Dich, Allgütiger, in Demut an, zu all dem bedarf
ich Deiner besonderen Hilfe. Du wirst sie mir nicht versagen, so ich mit
Redlichkeit strebe, eine gute Mutter zu sein den Unschuldigen, die ihre
leibliche Mutter verloren haben. Auf Dich will ich vertrauen. Amen!

                                  ——————

                     Gebet eines vaterlosen Mädchens.

                                   ———

Vater aller Menschen! In dieser Anrede allein schon liegt der Trost, den
ich im Gebete suche, diese Anrede allein erfüllt mich mit Mut, und so oft
mein Mund sie ausspricht, ist es, als spräche auch noch eine andere Stimme
freundlich zu mir: „Sei nicht betrübt, sei nicht traurig, du bist nicht
vaterlos, wenngleich dein irdischer Versorger und Ernährer, der dich
zärtlich liebte, von dir geschieden ist und frühzeitig eingegangen ist in
seine Ruhestätte im Reiche der Seligen“. Ja, ich bin nicht vaterlos, denn
die Fürsorge des guten Vaters, der mich verlassen hat, war in der Zeit
darauf bedacht, mich einen ewigen Vater finden zu lassen, der so lange
nicht von mir weicht, so lange ich treu und fest an ihn glaube, auf ihn
vertraue und ihm gehorsam bin. Ja, Du, himmlischer Wohltäter und
Versorger! Du bleibst auch der meinige.

Du hast Geduld und Nachsicht mit mir und liebst es, daß ich vor Dir mich
ausspreche über alle Regungen meiner Wünsche, über alle Gedanken meines
Herzens.

O, so neige Dich auch jetzt freundlich zu meiner Bitte.

Ich bitte Dich, gütiger Vater, zuerst um das, was meinem Herzen das
teuerste ist: ich bitte Dich um das Wohlsein meiner geliebten Mutter. Sie
trauert als Witwe um den Verlust ihres Gatten, als schwaches Weib um den
Verlust dessen, der ihr Stab und Stütze, Helfer und Berater war, sie
trauert als Mutter über das Leid ihrer Kinder, die des väterlichen
Beistandes entbehren.

O, sei Du immerdar ihr Schutz und Schirm. Erhalte ihre Gesundheit und laß
es ihr nicht an den Gaben Deines Segens fehlen, auf daß zum Schmerze sich
nie der Mangel und die Entbehrung gesellen. Gib ihr Freude an allen ihren
Kindern, daß keines ihr trübe Tage bereite.

Ich bitte Dich, gütiger Vater, auch für mich; halte mein Herz rein von
Leichtsinn und Übermut, daß ich immer geneigt sei, alle Pflichten zu
erfüllen, die Du mir zugewiesen hast. Laß mich einsichtsvoll und
verständig werden, daß ich stets imstande sei, meiner guten Mutter eine
treue Ratgeberin zu sein. Laß mich nie abweichen von den Lehren meines bei
Dir weilenden Vaters, so daß ich seinem Andenken, das aus meinem Herzen
nicht schwinden wird, auch durch meine Taten Ehre bereite.

Viel, sehr viel sind der Dinge, um die ich Dich bitten muß, ich kann ihre
Zahl nicht überschauen; aber es bedarf ja auch dessen nicht; Du siehst
mein Herz und weißt auch, was mir not tut. Sei Du in meiner Hilfe, und mir
wird nichts fehlen. Amen!

                                  ——————

                    Gebet eines mutterlosen Mädchens.

                                   ———

Öfter wohl als vielen andern meines Alters und meines Standes muß es mir,
der Mutterlosen, ein Bedürfnis sein, ein stilles Stündchen zu suchen, um
im andächtigen Gebete mein oft so betrübtes Herz zu erleichtern.

Immer und immer lastet der Gedanke schwer auf mir, daß ich so einsam, so
verlassen bin, wenn ich des mütterlichen Rates bedarf. Immer erfüllt
Trauer meine Seele, wenn die liebliche Erscheinung meiner nun im Reich der
seligen Geister weilenden Mutter vor mein geistiges Auge tritt, und ich
kann mich von der Vorstellung nicht entfernen, wie schön es wäre, wenn sie
noch leiblich in unserer Mitte weilte. Und der Schmerz erfüllt mich, wenn
ich meinen guten Vater betrachte, wie auch er verlassen ist von der
treuesten Gefährtin seines Lebens.

Sollten alle diese Empfindungen sündhaft sein? Sollten sie der Pflicht
widerstreben, mit Ergebung sich in Deinen Willen zu fügen? Ach nein! Du
findest kein Unrecht an ihnen. Hast Du doch die Liebe zu meinen Eltern in
mein Herz gepflanzt, und die ernste Betrachtung meiner Lage ist ja nur ein
Ausfluß dieser Liebe.

Ach nein! diese Empfindungen sind kein Unrecht. Ich fühle es, daß auch sie
zum Heile an mir werden können, weil ernste Entschlüsse, gute Vorsätze aus
ihnen hervorgehen.

Ich will das Andenken an meine Mutter ehren, ihr Beispiel der Gottesfurcht
und Tugend stets vor Augen haben und an dem Gedanken mich aufrichten, daß
ihr Geist über mir wacht, damit ich jederzeit auch bereit sein kann,
Rechenschaft vor demselben abzulegen über meinen Wandel.

Ich will hoffen und vertrauen, daß auch Du mich nicht verlassen wirst, und
daß Deine Liebe mir immer Menschenherzen zuführen wird, die mir mit
Zuneigung und Aufrichtigkeit begegnen.

Ich will meinem lieben Vater kindliche Treue und innige Hingebung
bewahren, auf daß mein Umgang imstande sei, ihm einen Teil seines
Verlustes zu ersetzen.

Zu all dem versage Du, Allgütiger! mir Deinen Beistand nicht, dann wird
auch die Fröhlichkeit des Herzens mir wieder ein bleibendes Eigentum
werden, und wie ich in Betrübnis zu Dir bete, so werde ich in Freudigkeit
Dir danken können. Amen!

                                  ——————

                         Gebet einer Verwaisten.

                                   ———

Einsam und verlassen, himmlischer Vater, stehe ich da in der weiten,
weiten Welt! Was ist die Güte befreundeter Menschen, was ist die
Freundlichkeit der Anverwandten! Ach, sie gleichen einem blassen Scheine,
verglichen mit dem strahlenden Lichte elterlicher Liebe. Den lieblichen
Schimmer dieses Lichtes muß ich entbehren und bin noch so jung, so
unerfahren, den rechten Weg allein zu finden. Ich muß im Finstern wandeln.
Doch „_wall ich auch im Tal der düstern Schatten, so wall ich ohne Furcht,
denn Du begleitest mich, Dein Stab und Deine Stütze sind immerdar mein
Trost!_“

Vater und Mutter ruhen aus von den Beschwerden des Erdenlebens nun schon
im Grabe, nur ihr Geist ist es, der mir nahe geblieben ist, ihr Andenken
allein begleitet mich, ihre Liebe ist nicht geschwunden und hält mich
wunderbar zurück, wenn die Verlockung des Unrechts mich reizen will, den
Weg der Tugend zu verlassen.

Darin aber, himmlischer Vater, erkenne ich dankbar Deine Liebe, daran
merke ich es, daß, „_wenn auch Vater und Mutter mich verlassen haben, so
hast Du mich aufgenommen_“.

O, gib, daß es immer also sei! Laß das Andenken an meine im Reiche der
Seligkeit weilenden Eltern nimmer aus meinem Herzen schwinden. Es tröste
mich, wenn ich verzagen will, und rufe mir zu: Fürchte nicht! wir wachen
über Dich. Es strafe mich mit den Vorwürfen des Gewissens, wenn ich die
weisen Lehren verlassen will, die meine guten Eltern mir eingeprägt, es
erinnere mich an ihr würdiges Beispiel, wenn ich die Schönheit verkennen
sollte, die ein edles Leben schmückt, es rüste mich allezeit mit Geduld
und Stärke, auch die Mißhelligkeiten des Lebens zu ertragen.

O, laß auf diesem Wege mich die Einsicht gewinnen, deren ich so sehr
bedarf, um die Bahn meines Wandels mir zu ebnen. Groß und mannigfach sind
die Hindernisse, die sich mir entgegenstellen, und groß muß meine Kraft
sein, sie zu beseitigen. Bald wird die Versuchung mich locken, weil sie
glaubt, daß die leitende Hand mir fehle, bald wird falsche Teilnahme mich
betören, weil das Herz einer Verwaisten jeder Teilnahme begierig vertraut,
bald wird ungerechtes Mißtrauen gegen wahrhaft gute Menschen mich
erfüllen, weil der Schwache überhaupt mißtrauisch wird, und es könnte
auch, — o, laß es nicht zu, mein Gott! der Sinne Lust mich betören und auf
den trügerischen Pfad des Wohllebens mich führen, weil kein Mensch ein
Recht zu haben vermeint, mich mit Strenge, gegen meinen Willen auf gutem
Gleise zu erhalten.

All diese Gefahren haben jugendliche Seelen nicht zu fürchten, die
überwacht sind von den Augen liebender Eltern.

Bei alledem will ich jedoch kein Bangen und Zagen fühlen. Weiß ich doch
ein Mittel, das auch mir Schutz gewährt. Es ist das inbrünstige Gebet. Das
bringt mich nahe zu Dir, meinem Beschützer, der Du ein Vater der
Verwaisten bist.

Du, der Du in Deiner heiligen Lehre den Menschen das Gebot gegeben hast:
„_Ihr sollt die Witwen und Waisen nicht bedrücken, denn wenn sie zu mir
rufen werden, so werde ich ihre Stimme hören_,“ Du wirst auch meine Stimme
hören und mein Gebet wohlgefällig aufnehmen. Amen!

                                  ——————

                          Gebet einer Dienenden.

                                   ———

Gütiger Gott! _Dank_ und Bitte will ich vereinigen mit _Lob_ und Preis,
wenn ich im Gebet in stiller Stunde mein Herz zu Dir erhebe. Ja, ich
_danke_ Dir aus dem Grunde meines Herzens für die Gaben Deiner Liebe, mit
welchen Du mich gesegnet hast, für die Freuden, die den Reichen und
Begüterten unbekannt bleiben müssen, weil sie die Empfindungen der Armen
nicht kennen, weil sie tausend Dinge als gewöhnlich und kaum bemerkenswert
hinnehmen, die besser geeignet sind, das Herz mit Zufriedenheit zu
erfüllen als alles Wohlleben und aller Genuß zeitlicher Güter des Glückes.
_Dank_ Dir, mein Gott! daß Du meinem Geiste redlichen Willen und meinen
Armen rüstige Kraft gegeben hast, in unermüdeter Arbeit mein tägliches
Brot mir zu erwerben. _Dank_ Dir, mein Gott! für die Süßigkeit, die jede
Stunde der Erholung mir bringt. Und wenn ich hinschaue auf viele andere,
denen gleich mir die Güter der Erde in reicherer Fülle versagt sind, wenn
ich so viele unter ihnen bemerke, die nicht die Kraft besitzen, der
Versuchung zu widerstehen, und die der Sünde und Niedrigkeit anheimfallen,
und die, welche nur deshalb darben müssen, weil schlechte Erziehung oder
körperliche Fehler sie unangenehm machen in den Augen der Menschen, auch
die, welche, gefangen von den Banden körperlicher Gebrechen, vom Mitleid
der Menschen leben müssen und nicht von dem Lohne für ihre Leistung, ach,
dann ist zwar mein Herz betrübt, wenn ich auf sie blicke, aber es jubelt
im Danke vor Dir auf, wenn ich mich _selbst betrachte_. Und wenn mein
Tagewerk mir gelingt, wenn ich denen, so ich diene, das Geständnis der
Zufriedenheit abnötige, ach, dann fehlt meiner Eitelkeit auch nicht der
Schmuck des Stolzes, und Du, o Herr, vergibst und vergönnst mir ihn, weil
er mich nicht zum Bösen führt.

Aber, lieber, gütiger Gott! auch _bittend_ muß ich an Dich mich wenden,
und der Gegenstand meiner Bitte ist vor allen Dingen die Erhaltung alles
dessen, wofür mein Herz Dir eben dankte. O, laß mich nicht krank und
hilflos werden, daß ich nicht leben muß von den Gaben der Menschengüte,
sondern mich immer erhalten kann von den Gaben Deiner Gnade, die ich durch
meinen Fleiß mir erwerbe. Bewahre mich aber auch immerdar vor der giftigen
Schlange der Versuchung. Sie umschleicht den Armen von allen Seiten, und
nur ein standhaftes Gemüt vermag ihr zu widerstehen.

Wie ist es oft so verführerisch, die Hand auszustrecken nach ungerechtem
Gute, um nur ein Weniges, ein Unmerkliches zu genießen von dem Überfluß
anderer! Wie oft empört der Undank für redliche Mühe mein Herz und die
Stimme der Versuchung flüstert mir zu, daß ich künftig in meiner Arbeit
nur dem Scheine genügen soll! Wie oft behandelt der Hochmut mich
verächtlich, und ein böser Geist in mir will mich die Glücklichen hassen
lehren! Wie oft muß ich unschuldige Wünsche meines Herzens unterdrücken,
weil mir die Mittel fehlen, sie zu befriedigen, und das Laster winkt mir
heuchlerisch und verspricht mir reichen Lohn, wenn ich ihm diene. Ach! das
alles macht das Leben einer Dienenden schwer und gefahrvoll, und nur des
Herzens Frömmigkeit und die unerschütterliche Liebe zu Gott zeigt ihr den
rechten Weg. Laß, gütiger Gott! mich immer ihn finden. Vor Dir sind ja
alle Menschen gleich. Du beachtest nicht den Grad des Standes und der
Erdengüter.

Und wie ich Dir danke, und wie ich zu Dir bete, so will auch ich Dich
_preisen_. Du, gütiger Vater, warst es, der das Auge der Menschen geöffnet
hat, daß sie in ihren Nebenmenschen den Menschen achten. Wie schrecklich
muß die Zeit gewesen sein, da auch bei den gebildeten Völkern der Sklave
nicht abhing von weisen Gesetzen des Staates, sondern von der Willkür
seines Herrn. Ich diene, weil ich dienen _will_, und weil ich es für nötig
halte, und bin frei, sobald ich die Notwendigkeit nicht mehr anerkenne.
Ich bin nicht der Willkür dessen preisgegeben, der mich bedrücken kann,
ich habe mich der Arbeit unterworfen, aber kann den Herrn mir wählen.
Solche Zustände hast Du geschaffen. Du bist ein Vater aller Menschen, auch
mein Vater, den ich liebe, auf den ich vertraue, und den ich _preisen_
will in allen Tagen meines Lebens. Amen!

                                  ——————

                    Gebet für die Eltern in der Ferne.

                                   ———

Lieber Gott! Es ist Dein Willen, daß ich fern von meinen lieben Eltern
leben muß, und nicht, wie es mein Herz so sehr ersehnt, imstande bin,
ihnen täglich und stündlich meine Liebe und Zärtlichkeit zu beweisen. Auch
muß ich selbst die Lieblichkeit ihrer Nähe entbehren, kann nicht
teilnehmen an allem, was sie erfreut, kann ihnen nicht dienen in
kindlichem Gehorsam, um zu ihrer Fröhlichkeit und Behaglichkeit des Lebens
durch meine Tätigkeit beizusteuern.

Wenn ich aber auch sie nicht leiblich vor mir sehe, so sind sie doch in
jeder Stunde meinem Geiste und meinem _Herzen_ nahe. Meinem Geiste, weil
ihr Wort und ihre Lehre in meinen Gedanken lebendig sind, und meinem
Herzen, weil ich an sie denke in Liebe und Treue.

Und wenn es mir auch versagt ist, für sie wirksam zu sein mit der
tatsächlichen Äußerung meiner Liebe, so ist es mir doch vergönnt, für sie
zu Dir zu beten, mein Gott!

Du, Allgütiger, o, erhalte sie in Deinem Schutze, bewahre sie vor Unglück
und Gefahren, gib, daß die Sorge für das Leben (für das Wohl aller
ihrigen) ihnen leicht werde. Verleihe ihnen eine kräftige Gesundheit und
ein fröhliches Herz, gib ihnen Freude an mir (und meinen Geschwistern) und
vereinige mich wieder mit ihnen in Glück und Wohlsein. Amen!

                                  ——————

                       Gebet um Hilfe aus der Not.

                                   ———

Allgütiger Vater! Du bist allwissend und kennst das Leid, das meinen Geist
beschwert, vor Dir ist nichts verborgen, somit auch nicht die geheimsten
Gedanken meines Herzens. Vor Dir gilt kein Schein, vor Dir gilt nur die
Wahrheit. Was kann es mir frommen, wenn ich auch vor Dir, gleichwie vor
den Menschen, das Leid verbergen will, das mein Herz bedrückt! Aber zum
Heile wird es mir, wenn ich vor Dir meinen Kummer im Gebete offenbare,
weil ich nicht vergebens Trost und Hilfe bei Dir suchen werde. O, mein
Gott! Ein Gedanke ist es, der mein ganzes Wesen erfüllt, der mich
begleitet auf allen meinen Schritten, der jede wahre Fröhlichkeit in mir
unterdrückt, der, ach, auch den Schlaf verscheucht von meiner Lagerstätte.
O, mein Gott! Es bedrückt mich schwer, daß (hier ist das wörtliche
Bekenntnis der betrübenden Tatsache einzuschalten). Laß durch dieses
Bekenntnis mein Herz erleichtert, meine Seele mit Hoffnung erfüllt sein.
Ich will das Vertrauen in mir beleben, daß Du eine Hilfe bist allen denen,
die auf Dich hoffen. So ich aber selber dazu beitragen kann, daß mein Leid
von mir gehe, so erleuchte mein Auge, daß den rechten Weg ich finde,
stärke die Kraft meines Willens, daß auf dem rechten Wege ich ausharre.
Wohl weiß ich es, daß Du auch Prüfungen den Menschen zu ihrem Heile
sendest, und daß auch ich weiser und besser aus ihnen hervorgehen kann, so
ich mich selbst prüfe und meine eigenen Fehler und meine falsche
Auffassung der Dinge erkennen lerne. Aber das menschliche Herz ist
schwach, und der Gedanke an _Hilfe_ ist im Leide ihm der nächste. Nicht um
meines Verdienstes willen flehe ich zu Dir, aber um Deiner unendlichen
Liebe willen hilf mir, mein Gott! Nimm Dich meiner an, wie der Vater sich
annimmt seines Kindes. Verschließe Dein Auge meiner Unwürdigkeit, denn ich
bitte nicht um Deine Gerechtigkeit, ich bitte um Deine Gnade, und bei Dir
ist Gnade und Erbarmen. Amen!

                                  ——————

                     Dankgebet für Hilfe aus der Not.

                                   ———

Mein Gemüt ist heiter, mein Herz ist leicht! Die Not und die Betrübnis
sind gewichen, und mit Freudigkeit schaue ich wieder in die Zukunft! Das
war Dein Werk, mein Gott, mein gütiger Erlöser! Danken will ich Dir im
Staube, Du hast mir wohlgetan, Du hast meine Gebete erhört, und ich bin
nicht leer zurückgekehrt von meiner Annäherung zu Dir.

„Heil denen, die auf Dich vertrauen.“ „Nahe ist Gott allen, die ihn rufen,
die zu ihm flehen in Wahrheit.“

„Ist Gott mein Hirt, so wird der Schutz mir nimmer fehlen. Er lagert mich
auf grüner Weide, er leitet mich an stillen Bächen, er labt mein
schmachtendes Gemüt und führt mich auf gerechtem Steige zu seines Namens
Ruhm. Und wall' ich auch dahin im düstern Tal der Schatten, so wall' ich
ohne Furcht, denn du begleitest mich, Dein Stab und Deine Stütze sind
immerdar mein Trost.“

Nimm hin, mein Gott, den Preis für Deine Liebe in den Worten des erhabenen
Sängers. Du bist mein Fels und meine Zuversicht jetzt und alle Zeit. Amen!

                                  ——————

                   Gebet bei einem freudigen Ereignis.

                                   ———

Allgütiger Lenker der Schicksale! Wenn Sorge und Kummer mein Herz
beschwerte, da fand ich den Weg zu Dir, da flehte ich um Deine Hülfe; wenn
zaghaft ich bangte vor der Zukunft, da suchte ich demutsvoll Deinen
Beistand! Wie wäre es sündhaft, wenn ich nun, da meine Seele voll ist der
freudigen Erregung, nicht auch mich in Demut Dir nahen wollte, um meinen
_Dank_ vor Dir zu bekunden! Ja ich weiß es, alles Gute kommt von Dir, und
so Du es nicht gewollt hättest, so hätten alle Mächte der Erde mir mein
Glück nicht bereiten können. Aber auch zum Genusse desselben bedarf ich
Deiner Gnade, darum will ich mit meinem Danke auch meine _Bitte_
vereinigen. O Herr! gib mir Weisheit, das Geschenk Deiner Güte würdig
anzuwenden, laß mich nicht übermütig sein und Dein vergessen, laß mich im
Gefühle des Glückes nicht das Leid meines Nebenmenschen aus dem Auge
verlieren. O Herr! mein Gott, bestätige auch Du die Freudigkeit, der ich
so gern mich hingebe, damit ich nicht für Glück annehme, was nur
Versuchung ist, damit es nicht ein trügerischer Schein sei, den ich für
Wahrheit halte. Nicht vor Menschenaugen, sondern nur vor Deiner
Allwissenheit ist das Ziel der Dinge offenbar, o, segne mich mit Deiner
Huld, daß das Gute mich auch zum Guten führe. Weiß ich es doch, daß immer
und immer das Beste von allem Gutem ist, Dich zu lieben, Dir zu vertrauen
und in Deinen Wegen zu wandeln. Dazu gib mir Kraft und Willen heut und
alle Tage meines Lebens! Amen!

                                  ——————

                            Gebet um Nahrung.

                                   ———

Gütiger Vater im Himmel und auf Erden, der Du liebend sorgest für alle
Deine Geschöpfe, daß sie nicht Mangel leiden an dem, was sie zu ihres
Lebens Unterhalt bedürfen, o erhöre mein Gebet, das auch ich um meines
Leibes und Lebens Wohlfahrt an Dich richte. Nicht Reichtum und Überfluß
sind es, die des Menschen Glück und Tugend erhöhen oder befördern, und um
diese Gaben flehe ich auch nimmer zu Dir. Weiß ich doch nicht, ob sie der
Fröhlichkeit meines Herzens zuträglich, dem Heile meiner Seele nützlich
sein würden. Aber Mangel und Entbehrung andrerseits sind der Fröhlichkeit
des Herzens, des Heiles der Seele gefährliche Feinde. Im ihrem Gefolge
sind Unmut und Unzufriedenheit, Selbstsucht und Neid. Der höchste Sieg der
Tugend ist es freilich eben, auch in der Versuchung zu bestehen und den
rechten Weg zu gehen, trotz aller Hindernisse. Wer aber soll die Gefahr
lieben, nach der Prüfung sich sehnen? Darum gütiger Gott und Vater! neige
Dein Ohr der Bitte meines Mundes: halte fern von mir und den Meinigen Not
und Entbehrung, (daß nicht die schwere Sorge um das tägliche Brot meinen
Mut niederbeuge), (daß auch meine Erhaltung nicht eine Last sei denen, die
sie als Pflicht auf sich genommen haben), (daß nicht die harte Arbeit mich
niederdrücke und jede fröhliche, freie und edle Regung des Herzens und der
Seele unter ihrem Drucke verkümmere). Segne die Arbeit (meiner) unserer
Hände, daß wir in Redlichkeit und Ehre die Früchte des Fleißes genießen
und Dir mit zufriedenem Herzen danken. Amen!

                                  ——————

                        Dankgebet für die Nahrung.

                                   ———

Mein Gott! mein Vater! Schwer und bitter ist das Los des Armen. Die Sorge
um die Bedürfnisse des Lebens beugt sein Gemüt in Traurigkeit nieder. Hart
ist seine Arbeit und gering der Lohn. All seine Zeit muß er hingeben im
Dienste um das Brot. Mühe und Drangsal reiben seine Kräfte auf, und doch
vermag er nicht, die Mittel zu erwerben, sich wiederum durch Pflege und
Ruhe aufzurichten: die er liebt, muß er darben sehen, ohne ihnen hilfreich
seine Hand bieten, ohne ihren Kummer lindern zu können. Ach, Herr, mein
Gott! das ist böse und mitleidswert! Wenn ich aber solches Leid betrachte
und überlege, dann, gütiger Vater, erhebt sich mein Herz in frohem Danke
zu Dir, daß Du ein anderes, ein besseres Los mir beschieden hast. Und ob
auch andere mit den Gütern der Erde in reicherer Fülle begabt sind, so
blickt mein Auge nicht mit Neid auf sie, denn auch mir hast Du so viel
beschieden, daß ich nicht bange fragen muß: Was werde ich morgen essen? Wo
werde ich mein Haupt zur Ruhe niederlegen? Wo soll ich Kleidung hernehmen,
um nicht die Dürftigkeit zur Schau zu tragen?

Bis heutigen Tages hast Du mit Deiner Gnade mir beigestanden, Du wirst
auch fernerhin mich nicht verlassen. Frei von den Sorgen um des Leibes
Nahrung, kann ich mich aufrichten und erheben an allem Edlen und Schönen,
kann teilnehmen an allen Dingen, die die Gesamtheit der Menschen
betreffen, habe nicht nötig, in Habgier und Selbstsucht zu versinken. Dank
und Preis sei Dir dafür aus der Fülle meines Herzens, Du gütiger Gott,
mein Vater. Amen!

                                  ——————

                    Gebet um Erhaltung der Gesundheit.

                                   ———

Herr und Vater! Alles Gute kommt von Dir, jedes Glück ist ein Geschenk
Deiner Gnade. Soll dieser feste Glauben nur dann lebendig und wach in mir
werden, wenn ein unerwartetes, fröhliches Ereignis mich an Deine Güte
erinnert, oder soll diese Erkenntnis nur dann aus meinem Munde laut
werden, wenn ich in der Angst des Herzens zu Dir um Rettung flehe? Nein,
zu jeder Zeit und in allen Lagen des Lebens will ich dessen eingedenk
sein, auf daß ich Dich auch voll Demut um solche Gaben bitte, die ich
nicht eben entbehre, denn auch auf das, was ich genieße, habe ich keinen
Anspruch. Darum bitte ich Dich, mein Gott und Vater, daß Du fernerhin die
Huld mir bewahren mögest, mit der Du Gesundheit und Lebensfrische mir
geschenkt hast. Gib mir immer auch einen einsichtsvollen Geist, daß ich
durch weise Mäßigkeit alles das vermeide, was meiner Gesundheit gefährlich
ist, und, wo die Vorsicht nicht ausreicht, da reicht Dein Schutz aus. Aber
nicht nur für mich bitte ich. Erhalte auch die lieben Meinigen alle
gesund, denn auch die Krankheit lieber Angehörigen ist ein bitteres Wehe.
Ich will zu Dir hoffen und auf Dich vertrauen, denn Du bist meine Stütze
und Zuversicht, Du schauest gnadenvoll herab auf alle, die ihre Blicke
vertrauend zu Dir erheben, Du bist der beste Hüter vor Gefahren, der beste
Helfer aller Leidenden in Ewigkeit. Amen!

                                  ——————

                            Gebet um Genesung.
                                (Psalm 6.)

                                   ———

    O, Herr, mein Gott, o strafe mich
    In Deinem Grimme nicht!
    O, sei mir gnädig, zürne nicht,
    Da mir die Kraft gebricht;
    Laß' Heilung, Herr, mir nahe sein,
    Denn, ach! es schwindet mein Gebein!

    O, meine Seele ist so matt.
    Ach! Herr! wie lange noch?
    Um Deiner Güte Willen nur
    Errette, Herr, mich doch!
    Denn in dem Grabe, o wer kann
    Noch Deiner Güte danken dann!

    Von Tränen bleibt mein Auge feucht
    Nun jede ganze Nacht,
    Die leidend ich und kummervoll
    Im Seufzen hingebracht.
    Es schwindet meiner Augen Licht,
    Vor Gram verfällt mein Angesicht.

    Nun weichet, fort, ihr Leiden, schnell,
    Der Herr hat mich erhört!
    Hat meiner Bitte, meinem Flehn
    Sich wieder zugekehrt!
    Ihr, Feinde, ja, ihr müßt zurück,
    Verschwindend wie ein Augenblick.

                                  ——————

                 Dankgebet nach überstandener Krankheit.

                                   ———

Lob, Preis und Dank sei Dir, allgnädiger Gott! Lob, Preis und Dank dafür,
daß ich wieder imstande bin, mein Herz zu Dir zu lenken, mit dem Worte
meines Mundes in andächtigem Gebete Dir zu nahen, denn ach! zu lange habe
ich dieser Süßigkeit entsagen müssen, weil die Leiden des Leibes auch den
Geist gefesselt hielten in den Banden des Schmerzes, weil die Mattigkeit
des Körpers auch die Kraft der Seele lähmte, sich zu Dir zu erheben. Nun
Lob und Dank Dir! Die Zeit der Leiden ist vorüber! Du hast mir
beigestanden, Du hast mich gerettet, Du hast den Engel der Erlösung
ausgesandt, daß er seine Flügel ausgebreitet hat über meine Lagerstätte.
Ach, die Gesundheit ist ein gar herrliches Gut, und immer und allezeit nur
ein Geschenk Deiner Gnade! Das, himmlischer Vater, erkenne ich als den
Segen, der aus der Prüfung mir hervorgegangen ist, daß ich lebendiger
dessen inne geworden bin, daß auch der naturgemäße Zustand des Wohlseins
nur ein Merkmal Deiner Liebe und Güte ist, daß der Mensch das Glück der
Gesundheit seines Leibes auch dann erkennen, auch dann dessen sich freuen
und Dir dafür danken muß, wenn er es nicht entbehrt. Darum soll der Dank
für Deine Liebe allezeit mich beseelen. Ich habe erkannt, daß der
Unterschied zwischen Reichtum und Armut, zwischen Genuß und Entbehrung,
zwischen Befriedigung und Entsagung in Tausenden von wirklichen und
vermeintlichen Bedürfnissen in Nichts verschwindet vor dem Unterschiede
zwischen Gesundheit und Krankheit. Darum will ich mein Herz zu bewahren
suchen vor Eitelkeit, mein Streben frei zu halten suchen vor törichten
Wünschen und meinen Sinn üben in Bescheidenheit, dessen aber eingedenk
bleiben, daß wir Menschen verloren sind, so Du Deine schützende Vaterhand
von uns abziehest, und daß in Leid und Trübsal uns geholfen ist, so Du uns
gnädig bist. Du bist der Geber alles Guten, Du bist der Helfer aller
Leidenden, Du richtest die Gebeugten auf, Du erlösest die Gefesselten, Du
heilest die Kranken, Du bist der wundertätige Arzt alles Fleisches! Amen!

                                  ——————

                     Gebet für den erkrankten Vater.

                                   ———

Gott! Du erbarmungsreicher Vater! Zuflucht suche ich bei Dir in der Angst
meines Herzens. Von bitterem Leide bin ich erfaßt, eine Schreckensgestalt
drohender Gefahr steht vor meiner Seele. O hilf mir! Hilf, mein Gott, mein
Erlöser! Ach! warum rede ich von mir! Hilf ihm, dem kranken Vater, der in
Schmerz und Kraftlosigkeit hingesunken, mit kummervollem Auge auf die
Seinen blickt.

Ach, stehe ihm bei mit Deiner Hilfe, die ja wunderbar ist, sei Du sein
Arzt und richte ihn auf in neuer Kraft. Verscheuche den Schmerz von seinem
Lager, die trüben Gedanken aus seinem Herzen, laß ihn aufs neue Freude
finden an seinem Tagewerke, es ist ja stets dieses Tagewerk eine Arbeit in
Deinem Dienste, im Dienste der Tugend, denn sein Streben ist, in Liebe zu
den Seinigen, die Erfüllung heiliger Pflichten.

O Gott! schau auf sein redliches Herz, auf seinen frommen Sinn, auf seinen
gottesfürchtigen Wandel, und übe Barmherzigkeit.

Schaue auch auf meine Träne, auf die Träne der Angst zitternder
Kindesliebe. Verzeihe mir, mein Gott, wenn ich Böses getan, „strafe mich
nicht in Deinem Zorne, züchtige mich nicht in Deinem Grimme.“ O, ich will
mein Herz prüfen, daß es geläutert hervorgehe aus der Zeit der Gefahr, auf
das all mein Tun Dir wohlgefällig werde.

Erquicke mich wieder durch die Lehre des geliebten Mundes, der mir stets
den Weg der Tugend empfohlen, der die Bahn des Rechtes, der Sitte, der
Gottesfurcht mich gelehrt hat.

Ich fühle es, das Gebet erleichtert mein beschwertes Herz; ach, laß mich
nicht bloß Trost und Kraft, laß mich auch Gnade und Hilfe finden, Du
Gütiger, Allbarmherziger! Amen!

                                  ——————

                     Gebet für die erkrankte Mutter.

                                   ———

Allgütiger! Ein Gedanke ist es, der nun schon viele Tage (lange Wochen)
mein ganzes Gemüt in düstere Schatten hüllt, meinen Geist niederbeugt,
mein Herz mit Angst erfüllt; meine Mutter, meine gute Mutter ist krank.
Menschliche Hilfe und treue Pflege vermögen nicht, ihr Heilung und
Genesung zu bringen, ihrer Schmerzen sie zu entledigen, ihre Hoffnung
aufzurichten und ihr Auge wieder heiter zu machen. Ihre Leiden verdoppeln
sich, so oft sie auf uns, die ihrigen, schaut, weil der Gedanke an unser
Unglück, wenn sie jetzt von uns scheiden müßte, ihr trübe und schrecklich
erscheint. Ach, und auch auf uns lastet der Kummer und die Gefahr so
schwer! Wir müssen die geliebte Mutter leiden sehen und können ihr nicht
helfen, wir nehmen wahr, wie ihre Kräfte schwinden, und die traurige
Besorgnis bemächtigt sich unser, sie vielleicht verlieren zu müssen, sie,
die wir so innig lieben, sie, die (gleich unserem Vater) uns das teuerste
auf Erden ist.

Was kann ich anderes tun, als meine Zuflucht zu Dir nehmen, Allgütiger,
der Du in Deiner Barmherzigkeit so oft uns beigestanden hast in Not und
Trübsal. O höre mein Gebet! Wie Du so oft die Gefahr gnädig von uns
abgewandt, so befiehl auch diesmal ihr, daß sie von uns weiche. Ach mein
Gott, ich will nicht murren gegen Deinen Willen, ich will nicht Zweifel
setzen in Deine Allweisheit, aber das Menschenherz, und über alles das vom
Leid gequälte Menschenherz ist schwach, und der Geängstigte legt seine
Bitte Dir dar in Demut und Vertrauen. Darum, mein Gott! zürne nicht, wenn
ich nicht in ruhiger Ergebenheit Deine Weisheit walten lasse, sondern
meine Bitte zu Dir erheben will, die nicht Deine Wege meistern, nur Deine
Gnade erflehen soll. Richte meine Mutter wieder auf von ihrem
Krankenlager, laß sie wieder in Fröhlichkeit an unserer Seite wandeln, laß
sie wieder in frohem Danke ihr Herz zu Dir erheben und ob ihrer Genesung
Deine Vatergüte preisen.

Herr, mein Gott, Du hast zwar nicht Wohlgefallen an Opfern, und der Mensch
kann Deine Weisheit nicht leiten, Deine Gerechtigkeit nicht bestechen;
aber Du hast Wohlgefallen an einem reinen Herzen, darum will ich mich
prüfen und meine Fehler ausfindig machen und meine üblen Neigungen und
meine fehlerhaften Begierden opfern, um Deiner Gnade, Deiner Liebe würdig
zu sein und täglich würdiger zu werden.

Ich suche Trost im Gebete und finde ihn, o Herr, laß mich auch Hilfe und
Rettung finden. Laß mich nicht leer zurückkehren von Deinem Angesichte und
öffne die Pforten der Barmherzigkeit dem andächtigen Worte meines Mundes.
Amen!

                                  ——————

                  Gebet der Mutter für ihr krankes Kind.

                                   ———

Allgütiger Gott! Mein Herz ist schwer, und traurig mein Gemüt, mein Auge
blickt angstvoll auf die Gefahr, die als ein Schreckensbote des Unglücks
herangenaht ist und die Hand ausstreckt, mein heilig bewahrtes Gut, mein
liebliches Kind, den Liebling meines Herzens mir zu rauben. Ach, vergib,
gütiger Gott, wenn ich in der Angst meiner Seele mich allzuweit entferne
von der Ruhe der Frommen, deren Pflicht es ist, in Ergebenheit alles, was
sie treffen kann, Deinem Willen anheimzustellen. Du aber selbst hast das
Gefühl der Mutterliebe in mein Herz gepflanzt und mit ihm die
Zaghaftigkeit und auch die Verzagtheit am Krankenbette eines hart und
schwer darniederliegenden Kindes. Darum, mein Gott, kann ich auch jetzt
nicht dulden und schweigen, ich kann nur beten: O, sei mir gnädig, mein
Gott! „Herr! Herr! strafe mich nicht in Deinem Zorne, züchtige mich nicht
in Deinem Grimme.“ Schenke Linderung und Genesung meinem lieben Kinde, daß
es wieder heiter und freundlich sein Auge auf mich richte, sein Mund mir
wieder zulächle in kindlichem Vergnügen. O, laß auch bald, bald mich inne
werden des Gebetes Wunderkraft, daß das Bangen verwandelt sei in Hoffen,
die Furcht in Vertrauen. Denn wahrlich, ich bedarf des Mutes und der Ruhe,
um die heilige Pflicht der Pflege nicht um ein Geringes zu verabsäumen. O,
Herr, Herr, gütiger Gott! Du bist ja ein wunderbarer Helfer in der Not, Du
hast mir oft die Klage in Jubelton verwandelt, hast der Trauer mich
entkleidet und mit Freude umgürtet. Ich will nicht wanken im Glauben an
Deine Hilfe, _kehrt oft am Abend auch Betrübnis ein, so wird sie bis zum
Morgen Freudenruf._

Mein Gott! sei auch diesmal barmherzig. Amen!

                                  ——————

               Gebet für den kranken Sohn oder die Tochter.

                                   ———

Barmherziger Vater! Harte Prüfung hast Du mir auferlegt, schwere Tage der
Angst und Bangigkeit sind über mich gekommen, aber ich will nicht
verzagen. Du wirst in meiner Hilfe sein und meine Klage in Jubel, meine
Betrübnis in Freudigkeit verwandeln. Auf hartem Schmerzenslager liegt mein
guter Sohn (meine gute Tochter). Seine (ihre) Kraft ist gewichen, seine
(ihre) Regsamkeit geschwunden, das Leiden hat die Stärke seines (ihres)
Geistes übermannt und ihn (sie) unfähig gemacht zu den Beweisen tätiger
Liebe, womit er (sie) das Herz der Seinigen (Ihrigen) so gern erfreute.
Ach Gott, mein Gott! laß das bald wieder anders werden. Segne die
Sorgfalt, mit der wir ihn (sie) pflegen, daß sie bald zu gedeihlichem,
erfreulichem Ende führe. Schenke dem (der) Kranken Linderung und Genesung;
führe zurück die Kraft und Lebensfrische in seinen (ihren) Körper und
frohe Gedanken in seinen (ihren) Geist. Laß ihn (sie) wieder mit
Freudigkeit und Hoffnung in die Zukunft schauen und mit Rüstigkeit seinen
(ihren) Pflichten dienen. Uns allen aber, die wir bekümmert um ihn (sie)
Deine Gnade erflehen, uns gib die Einsicht und die rechten Mittel, ihm
(ihr) beizustehen in seiner (ihrer) Not. Auf Dich, mein Gott, der Du
barmherzig bist und von großer Gnade, auf Dich will ich hoffen, auf Dich
vertrauen; o, öffne die Pforten der Gnade dem schwachen Worte meines
Mundes. Amen!

                                  ——————

                     Gebet für den erkrankten Gatten.

                                   ———

Allbarmherziger! Mit tiefgebeugtem Gemüte wende ich mich in der Angst
meines Herzens zu Dir. O, wende ab den Kummer, der meine Seele
niederdrückt, verscheuche die schweren Sorgen, die auf mir lasten, und
schenke Kraft und Genesung meinem erkrankten Gatten. Du allein bist ein
Arzt, dessen Willen Heilung gibt, trüglich ist die Kunst der Menschen,
aber untrüglich ist Dein Beistand, wo Du Hilfe und Rettung senden willst.

O, sieh auf meinen Kummer! Gefesselt an das Schmerzenslager ist der
Geliebte meines Herzens (die Stütze des Hauses) (der Ernährer meiner
Kinder). O, sieh auf seine Leiden, und gebiete ihnen, daß sie von ihm
weichen, daß der Kranke sich bald, recht bald wieder aufrichte, in
Fröhlichkeit Dir danke und Deine Gnade preise. Alles Heil kommt von Dir;
was nützt Menschenbeistand und Menschenhilfe, wenn Du nicht beistehend und
helfend an unserer Seite bist! Auf Dich, Allgütiger, will ich hoffen, Dir
will ich vertrauen, Du wirst mich stärken und meinem Geiste Einsicht
geben, daß ich die Pflicht der Pflege mit verständigem Sinne übe. Du wirst
mich nicht verlassen, gütiger Vater! Amen!

                                  ——————

              Dankgebet für die Genesung eines Angehörigen.

                                   ———

Du, Allmächtiger, bist es, der die Gebeugten aufrichtet, der die
Gefesselten erlöset! Auch ich war tief gebeugt in Kummer und Sorge, auch
ich war gefesselt an das Krankenlager meines . . . . . Nun bin ich wieder
aufgerichtet, nun bin ich wieder erlöset! Könnte ich nun der Freude mich
hingeben, ohne Dein und Deiner Hilfe dankbar zu gedenken? Ach wie oft habe
ich in den Tagen meiner Angst Dich angerufen, wie oft habe ich Dich
angefleht um das Glück, daß Du nun mir beschieden hast! Darum soll mein
Herz es auch nimmer vergessen, daß Du allein der höchste Wohltäter bist.
Was ist Menschenhilfe, wo Deine Hilfe fehlt! Was ist Menschenkunst und
Menschenweisheit, wenn es nicht Dein Willen ist, daß sie nütze! Du, Gott,
allein, Du bist der treueste Arzt, der sicherste Retter aus Krankheit und
Gefahr. O, ich gedenke lebhaft der trüben Stunden, da der Gedanke sich mir
aufdrängte, den ich vergeblich zu verscheuchen bemüht war, den ich nicht
zu denken wagte und dennoch in mir aufkommen lassen mußte, daß die Zeit
gekommen sei, um meinen . . . für dies Leben zu verlieren; da war mein
Herz beklommen und mein Auge voll Tränen, da waren alle Wünsche
geschwunden und nur _einer_ mir übriggeblieben, da waren alle Sorgen
vergessen und von _einer einzigen_ verdrängt. In solchen Prüfungen wird
der Sinn bescheiden und das Herz genügsam. Nicht der Glanz der Welt
fesselt da den Blick, er ruht einzig auf dem Antlitz des Leidenden, um ein
Hoffnung erweckendes Zeichen zu erspähen. Nicht das Geräusch des Verkehrs
und des Vergnügens beschäftigt da das Ohr, es horcht einzig auf die
Atemzüge des Kranken, um Trost zu erlauschen aus seinem Schlummer. Und all
die Qual hast Du nun von mir genommen. In frischer Lebenskraft steht
. . . . . . vor mir, und ich freue mich seines (ihres) Wohlseins. O Gott!
wie Du sein (ihr) Retter warst aus der Gefahr, so sei auch ferner in
seiner (ihrer), in unsrer aller Hilfe. Amen!

                                  ——————

                  Gebet für das Wohlgedeihen der Kinder.

                                   ———

Allwissender! Vor Deinem Auge ist die Zukunft enthüllt, aber vor dem Auge
der Menschen ist sie zu ihrem Heile verschlossen. Was die Tage, die da
kommen sollen in ihrem Schoße bergen, das stellen wir gern Deiner
Allweisheit anheim, und wenn wir auch in dem Gebete, daß Du alles für uns
zum besten leiten mögest, uns mit kindlichem Vertrauen an Dich wenden.

Wenn ich aber an die Zukunft denke, so ist es zunächst nicht die meinige,
die mich beschäftigt, wohl aber ist es die Zukunft meiner Kinder. All mein
Sinnen und Denken ist darauf gerichtet, ihren Lebensweg zu ebnen, ich
möchte hinreichen können mit meiner Fürsorge bis ans fernste Ziel ihres
Lebens, um jede Gefahr von ihnen fernzuhalten, um jedes Hindernis auf
ihrem Pfade zu beseitigen. Ach, das ist eine törichte Sehnsucht, wenn sie
gleich aus Liebe und Zärtlichkeit entspringt, denn ich weiß es wohl, daß
ich Glück und Segen meinen Kindern nicht geben kann. Du, nur Du kannst es,
darum sei ihr Schutz und Helfer immerdar. Doch auch teilhaben will ich an
der glücklichen Zukunft meiner Kinder, damit sie in dankbarer Liebe noch
meiner gedenken, wenn ich längst nicht mehr an ihrer Seite bin. Dank Dir,
mein Gott! daß ich es kann! Du hast die Aufgabe mir zugeteilt, die Saaten
der Gottesfurcht und Tugend in ihr Herz zu streuen. O laß das Werk mir
gelingen. Mache meine Kinder gut und fromm, erleuchte ihren Geist, daß
ihre Bildung ihnen Achtung erwerbe unter ihren Nebenmenschen, erwärme ihr
Herz für alles Edle, daß sie sich fernhalten von allem Niedrigen und
Unwürdigen in ihren Empfindungen, laß sie leiblich gedeihen, daß sie
angenehm zu erscheinen vermögen vor der Welt. Waffne sie mit Mut und Kraft
gegenüber den Widerwärtigkeiten des Schicksals, und schmücke sie mit Demut
und Ergebung gegenüber Deinem Willen. Wende von ihnen ab Krankheit und
Gefahr und erquicke mein, ihrer Mutter, Herz (unser, ihrer Eltern,
Herzen), an dem Anblick ihres Wohlgedeihens.

In Deine Hand, mein Gott, befehle ich diesen heißen Wunsch meiner Seele.
Amen!

                                  ——————

                Dankgebet für das Wohlgedeihen der Kinder.

                                   ———

Alles Gute kommt von Dir, mein Gott! Deine Liebe ist ohne Ende. Laß in
Demut Dich dafür preisen! Wo sollte ich beginnen, wenn ich die Zahl Deiner
Wohltaten rühmen sollte, mit denen Du mich begnadigt hast von meiner
Jugend an! Aber für ein Geschenk Deiner Huld kann mein Mund nicht
schweigen; eins ist es, das das heiligste und höchste Gut mir ist, weil Du
mich gewürdigt hast, teil daran zu haben durch eigene Mühe. Es ist das
Wohlgedeihen meiner lieben Kinder. Gesund und in Lebensfrische, fröhlichen
Gemütes und klaren Geistes stehen sie vor meinen Blicken, und mein
Mutterauge ruht mit Stolz und Freude auf ihnen. Nicht jeder Mutter ist
gleiches Heil beschieden. Traurig ist das Los der Mutter, deren Kinder der
Quell ihrer Betrübnis sind. Mitleidswert ist das gequälte Mutterherz, das
sich nicht erfreuen kann an dem leiblichen und geistigen Gedeihen ihrer
Kinder.

Wie anders ist es bei mir! Und wie sehr auch ist meine Liebe belohnt durch
die Liebe meiner Kinder! Sie halten mich (uns, ihre Eltern) lieb und wert
und keines mag mich (uns) betrüben. Sie sind wohlgeraten und an ihre
Zukunft knüpfe ich (knüpfen wir) die schönsten Hoffnungen, die meine
(unsere) Seele erfüllen. O Gott, mein Gott! laß' sie alle fortschreiten
auf der Bahn der Tugend und der Weisheit, daß sie in ihrem ganzen Leben
sich Deines Wohlgefallens, und des Wohlgefallens der Menschen erfreuen;
erhalte sie gesund an Leib und Seele und statte sie aus mit allen Gaben
Deines Segens, behüte sie vor Unglück und Gefahren, rufe keines von ihnen
ab aus dieser Erdenwelt bei meinem Leben (und bei dem Leben ihres Vaters).
O Herr mein Gott, erhöre mein Gebet und wende nicht von mir Deine Liebe.
Amen!

                                  ——————

                      Gebet in trauriger Lebenslage.

                                   ———

Du schaust in mein Herz, Allwissender, und es ist Dir bekannt, daß ich
nicht mit Neid und Mißgunst auf das Glück meiner Nebenmenschen blicke. Du
weißt es, daß ich mich jederzeit der Bescheidenheit in meinen
Lebensansprüchen befleißigt habe, daß ich zufrieden bin mit dem Lose, das
Du für mich bestimmt hast, wenn nicht Sorge und Kummer in
außergewöhnlicher Weise mich niederbeugen. Ach, leider ist es nun schon
lange so. Ich will nicht murren und rechten mit Deiner Allweisheit, aber
Dir klagen, was mich bedrückt, zu Dir beten um Hilfe, das kann nicht
sündhaft sein. Ich war redlich bestrebt, meinen Weg zu ebnen, einen
anspruchslosen Pfad für meinen Wandel mir zu bahnen, ich habe dem
Leichtsinn nicht Raum gegeben in mir, so daß er mich abführen mußte von
der Straße des Glückes und der Zufriedenheit, und doch hast Du es anders
über mich beschlossen, und nun reicht meine Einsicht nicht aus, mein
Schicksal zu ändern, meine Kraft nicht, ihm Trotz zu bieten. Vielleicht
führt dieser Weg mich zum Heile, aber mein Auge schaut es nicht.
Vielleicht bedarf ich der Läuterung, aber mir fehlt die Ruhe der Ergebung.
Darum ist meine Seele betrübt und mein Herz traurig. Nur Du, mein Gott,
bist mein Trost, meine Zuflucht und meine Hoffnung; vor Dir ist die
Zukunft offenbar, Du weißt den Ausgang aller Dinge. Deine Weisheit führt
alles zum guten Ende. O, laß mich fest sein in diesem Glauben, damit mein
Geist aufrecht bleibe. Vielleicht aber auch habe ich durch meine Torheit
und meine Fehler mein Schicksal verschuldet. Dann, o Herr, mein Gott!
vergib mir, laß es genug sein und blicke wieder freundlich auf mich. Nimm
Dich meiner an um Deiner unendlichen Liebe willen, sende wieder
Freudigkeit und Frieden in mein Denken und Fühlen. Trostreich spricht zu
mir das Wort des Sängers: „_Nicht für immer bleibt der Bedrängte
vergessen._“ „_Wird denn Gott ewig zürnen? Wird er denn nicht wieder
freundlich sein? Hat denn der Herr seine Gnade vergessen, kann denn im
Zorne seine Liebe untergehn?_“ Darum: „_Was betrübst Du Dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?_“ „_Vertrauen will ich auf Gott und werde ihm
danken können, angesichts dessen, daß er mein Gott und meine Hilfe ist._“
Amen!

                                  ——————

                    Gebet um Geduld und Zufriedenheit.

                                   ———

Allmächtiger! Verschieden verteilt auf Erden sind die Lose der Menschen.
Der eine wandelt sorglos dahin und kann nicht eindringen in den Kummer
seines Nächsten, wenngleich er ihn oberflächlich zu überschauen vermag;
der andere seufzt unter der Bürde drückender Verhältnisse und vermag nicht
seinen Geist zu erheben zu urteilsfreier Anschauung der Dinge, weil eben
das Leid seinen Blick umnebelt. So ist und bleibt jeder Mensch darauf
angewiesen, eine Welt in sich selbst zu finden, daß er den Maßstab von
Glück und Unglück nicht anlege an die vermeintlichen Lebensschicksale
anderer, auch nicht an Dinge, die außerhalb seines eigenen Willens und
seiner Kraft liegen, und ebensowenig an die Erscheinungen der nebelhaften
Welt, die seine Einbildungskraft sich aufbaut, und an das Zauberreich, das
seine Wünsche aus dem Nichts hervorrufen.

Wohl ist der Mensch nicht dazu geschaffen, unschuldige Wünsche in sich zu
unterdrücken, keinerlei Hoffnungen Raum zu geben und in dumpfer Hingebung
nie die Frage in sich aufkommen zu lassen: was bin ich? und was möchte
oder könnte ich? Im Gegenteil! Wünsche und Hoffnungen sind die
freundlichen Sonnenstrahlen, die gar oft die Dunkelheit der Gegenwart
verscheuchen, und Streben nach Höherem, Streben nach Besserem ist ganz
gewiß ein Zeichen und ein Bedürfnis einer edlen Natur, selbst das Streben
nach zeitlichem Wohlsein. Streben ist Leben!

Aber verwerflich ist es, zu hadern mit dem Schicksal, daß es uns nicht
gleich gemacht hat denen, die wir für glücklich halten; vermessen ist es,
zu behaupten, daß wir glücklicher wären, so dasjenige unser Teil würde,
was wir als solches annehmen und eintauschen wollen; töricht ist es, dem
Glücke verächtlich den Rücken zu kehren, das wir auch in _unserer_ Lage
finden können. Im eignen Herzen ist die Welt, die wir nach unserm
Wohlgefallen uns einzurichten vermögen.

Darum, mein Gott, will ich mich bestreben, nicht nachzuhängen eitlen
Wünschen, will ich mich bestreben, in redlicher, gewissenhafter Ausübung
meiner Pflichten meine Ruhe, in dem Gedeihen meiner Arbeit meine Freude,
in den Stunden der Erholung und der Sammlung mein Vergnügen zu finden;
nicht sorgen um das, was morgen mich treffen könnte, sondern Dir danken
für das, was Du heute mir beschieden hast; nicht immer und immer
hinschauen auf das, was mir fehlt, sondern mich erfreuen an dem, was ich
besitze. Still vor mich hin will ich das Rechte tun und _Dich_ walten
lassen. Ich will mich zu schützen suchen vor Ungebühr, die an mich
herantritt, aber nicht anstürmen gegen die Scheidewand, die mich trennt
von den Beneideten.

Das ist nicht _Trägheit_, das ist _Ausdauer_, das ist nicht _Torheit_, das
ist _Besonnenheit_, das ist nicht _Stumpfsinn_, das ist _Zufriedenheit_.

O Herr, laß mich immerdar also wandeln vor Dir, dann wird auch das Leid
mir den Frieden meines Herzens nicht rauben können, dann werde ich
ausgerüstet sein mit Geduld und Stärke, wenn Schweres mich trifft. Und
wenn der Himmel meines Lebens nicht freundlich ist, dann wird nicht meine
Torheit und Unzufriedenheit ihn mit Wolken bedecken. Ich werde fähig sein,
das Böse zu ertragen und das Gute zu genießen. Amen!

                                  ——————

                      Gebet um das Wohl des Reiches

                                   ———

Allgütiger, der Du Kraft und Heil verleihest den Menschenkindern,
Weisheit, Macht und Würde der Obrigkeit, spende die Fülle Deines Segens

                     *unserem geliebten Vaterlande,*

sowie den gesetzlichen Behörden, denen die Fürsorge für des Reiches und
Landes Wohl und Ordnung obliegt. Lasse, o Herr, den Geist des Friedens und
der Eintracht, der Liebe und Gerechtigkeit überall herrschen, auf daß sich
das Vaterland von seinem Falle wieder erhebe zu hoher Blüte und zu einem
neuen Aufschwung in allen Werken des Guten und Edlen. Amen!

                                  ——————

                  Gebet in Zeiten allgemeinen Drangsals.

                                   ———

Herr und Vater! Böse Zeiten sind über uns hereingebrochen, Kummer und
Traurigkeit erfüllen jegliches Herz, Trübsinn und Zaghaftigkeit jeglichen
Geist. Ratlos stehen wir vor der Gefahr, angstvoll vor dem feindlichen
Verhängnis. Wer aber, o Herr, sollte zweifeln an Deiner Weisheit und
Gerechtigkeit! Muß nicht vielmehr die Überzeugung in uns lebendig werden,
daß eben Du es bist, der seine strafende Hand ausgestreckt hat über die
Menschen, daß sie in Demut ihrer Niedrigkeit inne werden, daß sie ablassen
von allem Stolz und allem Dünkel und wiederum in dem gemeinsamen Gefühle
ihrer vollständigen Abhängigkeit von Deinem Willen, mächtig hingedrängt
werden zum Gebete, tief im Staube vor Dir. Und dieses Gebet, gnadenreicher
Gott, laß es vor Dich kommen, schaue freundlich auf uns vom Throne Deiner
Barmherzigkeit. Laß es genug sein und wende ab von uns Leid und Not.
Gebiete dem Engel des Verderbens, den Du ausgesandt, daß er ablasse von
seiner Züchtigung. (Sende den Engel des Friedens, daß er wiederum einkehre
in unsere Mitte.) Wahrlich! _Du bist der Herr, „dessen Zorn nur einen
Augenblick und dessen Gnade lebenslang währet,“ darum „verbirg nicht
ferner Dein Angesicht vor uns, vergiß nicht ferner unser Leid und Elend“.
„Stehe auf zu unserer Hilfe und erlöse uns um Deiner Liebe willen.“_ Amen!

                                  ——————



                Jahrzeit-, Friedhof-Gebete und Totenfeier.

                                  ——————



                           1. Jahrzeit-Gebete.


                                  ——————

                 Gebet am Jahrestage vom Tode des Vaters.

                                   ———

„_Ehre deinen Vater und deine Mutter_“. So hast Du, Herr, es geboten in
Deiner heiligen Lehre. Aber die Ehrfurcht und die Liebe der Kinder zu
ihren Eltern sind nicht allein eingegraben in die Tafeln des Gesetzes. Du
hast sie auch eingegraben in die Tafeln unseres Herzens. Unverlöschlich
ist diese Schrift, unvergänglich ist diese Liebe, sie stirbt nicht im
Herzen des Kindes, wenn auch das Auge der Geliebten längst schon gebrochen
ist im Tode. Darum, o Herr, mein Gott, wirst Du es in Deiner eigenen Liebe
mir anrechnen, als ein Gebet zu Dir, wenn ich heut das Wort meiner Andacht
an den verklärten Geist meines Vaters richte, der bei Dir weilt, geborgen
im Schatten Deines Zeltes, gewürdigt des seligen Lebens in der Ewigkeit,
das Du als ewiges Anteil den Frommen bestimmt hast, die in Deinen Wegen
wandeln auf Erden.

Und so wende ich mich nun an dich, verklärter Geist meines lieben Vaters,
heute, da im Laufe des Jahres der Tag wiedergekehrt ist, der einst dich
abrief von unserer Seite, um dich einzuführen in deine himmlische Heimat.

Ach, ich muß vor dir aussprechen, wessen ich mich _erinnere_, was ich
glaube, und was ich hoffe.

Ich _erinnere_ mich heute, lieber Vater, an deine unendliche Liebe, mit
der du in den Tagen deines Lebens mich und alle die Deinen geliebt, wie
ihr Wohl dein höchster Wunsch, ihr Glück deine höchste Freude, ihre Tugend
dein höchster Stolz war. Ich _erinnere_ mich, lieber Vater, an deine
Treue, wie du für uns gesorgt und gearbeitet, gestrebt und gelitten hast
in unermüdeter Tätigkeit. Ich _erinnere_ mich heute, lieber Vater, an
deine Milde und Güte, wie du stets mit liebevollem Auge uns angeblickt,
wie du Nachsicht geübt mit unseren Schwächen und Mängeln, und wie du uns
Freuden und Genüsse darbotest, wo du sie zu ersinnen und zu schaffen
vermochtest. Ich _erinnere_ mich an deine weise Lehre, die es nie und
nimmer fehlen ließ, den Samen der Tugend und der Gottesfurcht in unsere
Herzen zu streuen. An alles dieses _erinnere_ ich mich, und wiederum steht
dein ganzes Wesen lebhaft vor meiner Seele. Ach, alles das ist
hingeschwunden in der Stunde deines Todes.

Meine _Erinnerung_ erfüllt mich mit Trauer, aber mein _Glauben_ erfüllt
mich mit Trost. Ich _glaube_, daß dein Geist nicht von uns geschieden ist
wie dein Körper, daß er, entledigt der Fesseln des Irdischen, frei und
glücklich ein neues Leben lebt im Reiche der Seligen, daß er auf uns
schaut und auf uns achtet, ich _glaube_, daß deine Liebe nicht gestorben
ist, daß sie fortlebt für uns, wie unsere Liebe für dich. Ich _glaube_,
daß wir nicht für die Ewigkeit getrennt sind, daß du uns nur vorangegangen
bist in das Land des ewigen Lebens, und daß du harrest, bis daß wir
kommen.

Und dieser Glauben, er gibt mir die _Hoffnung_, daß wir nicht ganz
entrückt sind dem Einflusse deiner väterlichen Liebe. Unsere menschliche
Erkenntnis vermag den Zusammenhang nicht zu bestimmen zwischen den Seelen
der Lebenden und denen der Abgeschiedenen, aber das menschliche Herz
vermag sein Dasein lebhaft zu empfinden. Was gibt es Süßeres, als das
Bewußtsein, daß du mich siehst, daß ich noch heute deine Zufriedenheit mir
erwerben, daß ich noch heute dich verehren kann. Und in diesem Glauben
_hoffe_ ich auch, daß du, verklärter Geist, ein Fürsprecher für mich und
für uns alle bist vor Gott.

Du aber, barmherziger Gott, o gewähre meinem lieben Vater die reinsten
Freuden himmlischer Seligkeit. Laß unser Gebet für sein ewiges Seelenheil
vor den Thron Deiner Barmherzigkeit gelangen und nimm es auf mit
Wohlgefallen. Gedenke seiner Seele all seine Tugend, die er geübt in den
Tagen seines Erdenwandels, und laß sie reiche Vergeltung finden in der
Ewigkeit, verlösche seine Schuld, wenn er gefehlt in seinem Wollen oder
seinem Tun auf Erden, und richte ihn nach Deiner Milde. O Herr, mein Gott,
womit kann ich des Herzens Innigkeit Dir bekunden? Dem Auge Deiner
Allwissenheit ist der geheimste Gedanke meines Herzens nicht verborgen.
Nicht bestechen will ich deine Gnade, nur befriedigen will ich den Drang
meines Gemütes durch die Gabe, die ich niederlege auf dem Altar der
Wohltätigkeit. Darum nimm wohlgefällig auf die Spende, die ich darbringe
für das Seelenheil meines Vaters. Amen!

                                  ——————

                 Gebet am Jahrestage vom Tode der Mutter.

                                   ———

Allgerechter! Allgütiger! Vernimm heute in Gnade und Barmherzigkeit ein
Gebet aus meinem Munde, das hervorgeht aus der lebhaftesten, aus der
tiefsten Empfindung meines Herzens. Heut an dem Jahrestage jenes traurigen
Tages, an dem Dein unerforschlicher Ratschluß das Teuerste auf Erden, die
inniggeliebte Mutter, von meiner Seite nahm, so daß ich fortan ihre
leibliche Nähe entbehren mußte und entbehren muß für die ganze Zeit meines
Wandels in dieser Zeitlichkeit, vernimm heute mein inniges Gebet für das
ewige Heil der geliebten Seele. O gütiger Vater im Himmel, schenke meiner
Mutter jetzt und allezeit die reinste Seligkeit des ewigen Lebens bei Dir,
daß sie in himmlischer Wonne Vergeltung finde für alles, was sie auf Erden
verdient, für alles, was sie auf Erden gelitten hat. Vergelte mit Deiner
Liebe ihrer Seele die Liebe, die sie in diesem Leben so reichlich
gespendet und um sich verbreitet hat. Laß ihre Seele in der Ewigkeit
Genüge finden für alles Streben, das unbefriedigt geblieben ist auf Erden
und stärke mich und alle die ihrigen mit dem Geiste der Tugend und
Rechtschaffenheit, der Weisheit und Gottesfurcht, auf daß ihr seliger
Geist jederzeit mit Befriedigung auf uns zu blicken vermöge. Amen!

Du aber, verklärte, geliebte Seele, vernimm mit Wohlgefallen den Ausspruch
meines Mundes, der mein inniges Andenken an dich bekunden soll. Lebhaft
steht heute, du liebe Mutter, dein Bild vor meinem Auge, wie du mit Güte
und Zärtlichkeit auf mich und alle die Deinen geblickt, wie du für uns
gedacht, gesorgt, wie du uns geleitet und gelehrt, wie du so ganz für uns
gelebt hast.

Da muß ich es wohl empfinden, daß ich von dir nicht ganz getrennt bin, daß
du von mir nicht ganz geschieden bist, daß du _lebst_, auch in meiner Nähe
_lebst_, denn du bist in meinem Herzen geblieben. Das Band der Liebe, das
dich mit uns vereinte, ist nicht zerrissen und nicht aufgelöst. Noch
vermag ich dir wohlgefällig zu sein, noch vermag ich, dich zu verehren,
noch vermag ich deine Zufriedenheit mir zu erwerben. Ja, auch noch vermag
ich es, zu bereuen, wenn ich dich betrübt, wenn ich deine Treue und
Hingebung verkannt und die Ehrerbietung gegen Dich verletzt habe, und auch
jetzt noch wirst du im Reiche der Seligkeit es freundlich hören, wenn ich
für alles um Verzeihung dich bitte, wodurch ich einst dein edles Herz
verletzt habe.

O, so sei auch du eine Fürsprecherin für mich und die Meinigen alle vor
dem Throne des Allmächtigen, daß Gottes Güte von uns wende Gefahr, Trübsal
und Not, daß er unser Bestreben segne, reinen Herzens zu wandeln vor ihm
und vor den Menschen, damit wir immer und immer so leben, wie du es
gewollt, wie du es uns gelehrt hast. Des himmlischen Vaters Barmherzigkeit
sei mit uns auf Erden und mit dir in der Ewigkeit. Amen!

                                  ——————

                                 Dasselbe
                        (für eine Frühverwaiste.)

                                   ———

Mit Andacht und Trauer erfüllt der heutige Tag meine Seele. Ach, es ist
der Tag, an dem ich das herrlichste der Erdengüter verloren habe, ehe ich
es vermochte, die Größe des Verlustes zu ermessen. Heut ist der Tag, an
welchem meine Mutter eingegangen ist in das Reich der Ewigkeit, um die
Seligkeit der Gerechten zu genießen. Verlassen aber bin ich auf Erden, nie
dringt der liebliche Mutterblick in mein Auge, nie koset mit mir die
liebliche Hand der Mutter, nie beglückt mich das himmlische Gefühl, ihre
Zufriedenheit zu erwerben, die Zärtlichkeit zu verdienen. Ach, das ist ein
trauriges, bitteres Los! Aber eines tröstet mich, eines empfinde ich, daß
ich sie dennoch liebe, und daß auch mir ihre Liebe nicht fehlt. Mit
Begeisterung habe ich seit meiner Kindheit Tagen jedes Wort vernommen, das
von ihr und ihrer Güte und Lieblichkeit mir Kunde gab, und noch heute
erregt kein Gedanke mich lebhafter, als die Vorstellung, daß ihr seliger
Geist mir nahe sei, mich beachte, mich beschütze, mich liebe.

O, Herr mein Gott! Allgütiger Vater! Nie habe ich in meinem Leben meiner
Mutter Freude bereiten, nie meine kindliche Liebe ihr beweisen können. O,
so nimm Du mein Gebet nun wohlgefällig auf, das ich für ihr ewiges
Seelenheil an dich richte. Schenke ihr alle Freuden, die das Reich der
Ewigkeit allen tugendhaften Seelen gewährt.

Du aber, geliebte Seele meiner Mutter, schaue freundlich aus dem Paradiese
auf dein treues Kind. Sei eine holde Fürsprecherin für mich (und für
meinen Vater und für die Unsrigen alle) vor dem Throne Gottes, daß er
seine Gnade und seine Barmherzigkeit nicht von uns wende. Ich will so gern
es glauben, daß du es schon bis heutigentags für mich gewesen bist, o,
dann fehlt mir auch die Freude nicht, dir dankbar zu sein.

Ehren will ich dich in meinem ganzen Leben durch meine Liebe, durch meine
eigene Ehrbarkeit und durch mein inniges Andenken. Amen!

                                  ——————



                           2. Friedhof-Gebete.


                                  ——————

                       Gebet zur Feier aller Seelen
         (auf dem Friedhofe am Vorabend des Nissan-Neumonds)^[4].

[4] Sowie für den Besuch der Gräber überhaupt.

                                   ———

    Herr, was ist der Mensch, daß Du Dich sein annimmst, der Erdensohn,
        daß Du auf ihn achtest!
    Der Mensch, einem Hauche gleich, seine Tage — dem Schatten, der
        dahinzieht! (Ps. 144, V. 3 u. 4.)
    Und Du hast ihn göttlichen Wesen wenig nachgesetzt, mit Würde und
        Hoheit krönst Du ihn. (Ps. 8, V. 6.)
    Doch weiß ich, Du führst zum Tode mich, ins Sammelhaus für alles
        Lebende. (Hiob 30, V. 23.)

                                  ‎‫יְיָ מָה אָדָם וַתֵּדָעֵהוּ בֶּן אֱנוֹשׁ וַתְּחַשְּׁבֵהוּ׃‬
                                        ‎‫אָדָם לַהֶבֶל דָּמָה יָמָיו כְּצֵל עוֹבֵר׃‬
                              ‎‫וַתְּחַסְּרֵהוּ מְּעַט מֵאֱלֹהִים וְכָבוֹד וְהָדָר תְּעַטְּרֵהוּ׃‬
                              ‎‫כִּי יָדַעְתִּי מָוֶת תְּשִׁיבֵנִי וּבֵית מוֹעֵד לְכָל חָי׃‬

                                  ——————

                                  Gebet.

                                   ———

An der Stätte wehmütiger Erinnerungen sind wir versammelt, und lebendig
treten uns geliebte Gestalten entgegen, deren liebevolle Nähe wir
schmerzlich vermissen. Wir haben viele hierher begleitet, mit denen wir
gern gewandelt sind, bis wir zu diesem Orte hin den letzten Gang mit ihnen
gemacht haben; erst dann werden wir mit ihnen wieder vereinigt, wenn auch
uns die letzte Erdenstunde geschlagen hat. Manches teure Haupt ruht hier,
das Gedanken voll Ernst in sich gehegt, mit Hingebung für uns gesorgt und
gewirkt hat, und Herzen sind hier vergraben, die bis zu ihrem letzten
Hauche in Zärtlichkeit und Wohlwollen sich für uns bewegt haben. Hier
schweigen die Lebenskämpfe; auch die Mühseligkeiten finden hier ihr Ende,
auch die Eitelkeit hier ihr Grab. Was den Menschen an die Sinnlichkeit und
die Selbstsucht fesselt, das ist der Vergänglichkeit preisgegeben; ein
wenig Staub, das ist der Überrest seines irdischen Teiles. Aber der Geist,
der hienieden schon das Unendliche umfaßt, der hienieden schon über Zeit
und Raum sich erhebt, er verwest nicht hier, das liebende Herz, welches
seinen Reichtum auf andere überträgt, welches überfließend in der
Teilnahme und im Wirken für andere lebt, es ist _nicht tot_. Aus dem
Frieden der Gräber tönt es hervor: was irdisch war an uns, das ist der
Erde zurückgegeben, _aber der Geist ist unsterblich, die Liebe ist
unendlich, ewig_. Die Stimme der im hiesigen Leben uns Teuern rufen uns zu
aus den Wohnungen der Verklärten: nicht der finstern, dahinbrütenden
Trauer ergebt euch, weil wir von euch geschieden sind; wir sind dem Rufe
des ewigen Geistes, des Vaters der Liebe, gefolgt, sein Geist wird auch
über euch wachen, seine Liebe auch euch beschützen. Lernet aber hier, dem
Geiste und der Liebe, der Wahrheit und der tätigen Fürsorge für die
Gesamtheit, dem Ewigen und dem Allgemeinen eure Kräfte zu widmen; es ist
das Einzige, das die Brücke bildet zwischen dem Leben hienieden und dem in
der Ewigkeit, es allein füllt die Kluft aus, welche das Grab öffnet. Säet
Liebe aus, und die Frucht wird euch werden; es heilen die eigenen Wunden,
wenn wir anderer Wunden zu heilen bemüht sind.

Ja, mit Ruhe und Ergebung wollen wir zu euren Gräbern hinwandern, die ihr
im Leben uns nahe gestanden und Lieblichkeit auf unseren Pfaden verbreitet
habt. Im Geiste sind wir noch verbunden, für die Liebe gibt es keine
Trennung; die Selbstsucht aber wollen wir bannen, und die Stimme, die den
Genuß bejammert, der uns durch euch geworden ist, wollen wir zum Schweigen
bringen. Ein edles, reines Band umschlingt uns auch heute noch, und euer
Andenken möge uns stärken und erquicken in den Kämpfen des Lebens, auf daß
wir in Redlichkeit und mit reichen Gaben des Geistes das Leben
durchwandern, bis uns einst des Sieges und des Friedens Palme weht. Dort
leben wir dann vereint in den Geistesräumen, wo, wie hier, ein ewiger
Vater uns alle beschirmt. Amen!

(Die einzelnen verfügen sich an die Gräber ihrer Angehörigen oder Freunde
                    und verrichten dort ihre Gebete.)

                                  ——————

                         An dem Grabe der Eltern.

                                   ———

An dein Grab trete ich, lieber Vater (liebe Mutter), deine teuern Züge
treten mir vor die Seele, deiner Liebe gedenke ich lebhaft. Deine
zärtliche hingebende Sorgfalt gegen mich hat mich während deines Lebens so
treu geführt, und im gegenwärtigen Augenblick erinnere ich mich so vieler
Beweise deines unerschöpflichen Wohlwollens, deiner Güte und
Freundlichkeit gegen mich. Nicht immer erkennt das Kind bei Lebzeiten
seiner Eltern genügend diese reiche Liebe an, die unermüdete Tätigkeit,
mit der die Eltern wachen und sorgen, nicht genügend beweiset es ihnen
Dank und Erkenntlichkeit. Auch ich habe dich wohl zuweilen, geliebte
Seele, betrübt, selbst in den Jahren der Reife, auch ich mag nicht immer
deinen Erwartungen entsprochen haben, die nur meinem wahren Wohle galten.
Lieber Vater, (liebe Mutter), Du blickest dennoch segnend auf mich herab,
denn die Liebe ist nachsichtig und milde! Mir aber fehlt deine Stütze,
dein weiser Rat, dein freundliches Wort, deine liebevolle Tat, mir fehlt
der seelenvolle Blick, der das Innerste meines Herzens erwärmte, der mich
ermutigte und belehrte, mich kräftigte und abmahnte. Jedoch die Weisheit
der göttlichen Weltregierung bestimmt es so, daß die Kinder zur
Selbständigkeit heranreifen sollen, daß sie, der eigenen Stütze beraubt,
andern wieder Stütze werden sollen. (Wohl bist du mir frühzeitig entrissen
worden, du hast nicht das gewöhnliche Lebensziel erreicht; mir ward nicht
das Glück zuteil, meine Eltern um mich zu sehen, bis sie satt an Tagen,
segnend von hinnen geschieden, und in Zeiten ernster Lebensentscheidungen,
wo das Kind des Rates und der Führung bedarf, da fehlte mir, da fehlt mir
dein gewichtig Wort. Doch wird dein unsichtbarer Geist mich beratend
umschweben, ich fühle deine Nähe in solchen Augenblicken, und der
alliebende Vater wird auch mich nicht verlassen). (Kaum habe ich dich,
lieber Vater (liebe Mutter), gekannt, kaum habe ich jenen Namen, der alle
Süßigkeit in sich schließt, aussprechen gelernt; ach, jene schützende
Fürsorge, die andere so sehr beglückt, sie ist mir durch den Ratschluß
Gottes, durch dich nicht geworden; dein brechendes Auge sah wehmütig auf
mich, damals noch Unmündigen (Unmündige), dein enteilender Geist zögerte
in Bekümmernis um mich, ach, ich wußte es nicht. Dennoch hängt mein Herz
mit Verehrung an dir, ich füge mich in den göttlichen Willen, der eine
große Freude meinem Leben entzogen hat. Deine äußere Persönlichkeit
vermochte nicht auf mich einzuwirken, deine Liebe blieb mir doch, und, mir
unsichtbar, leitest du mich doch.)

Drum sei mein Leben, lieber Vater (liebe Mutter), der Aufgabe geweiht,
einen Wandel zu führen, der deinem reinen Geiste wohlgefällt Deine Liebe
soll nicht einem (einer) Unwürdigen zugewandt sein. Dein Andenken steht
mir allezeit nahe, und dein Name soll durch mich stets geehrt werden. Ich
fühle mich mit dir verbunden, und dir nachzueifern in allem Guten und
Edlen, sei mein Streben. Blicke auf dein Kind herab und umgib es in allen
Lagen des Lebens. Bewahre mein Herz vor Stolz und vor Verzagung, vor der
Genußsucht und der Gleichgültigkeit gegen das Leben, lenke meinen Geist
auf die Bahn der Klarheit und flöße meinem Herzen Vertrauen ein auf Gott
und Wohlwollen gegen die Menschen. In Zeiten der Gefahr und der Versuchung
mögest du mir ein unsichtbarer Berater (eine unsichtbare Beraterin) sein,
daß ich nicht wanke und strauchle und mich schämen müßte, dann zu dir
aufzublicken, damit, wenn ich einst zu dir komme, du mich freudig begrüßen
kannst und nicht der Blick des Vorwurfs und des Kummers mich von dir
fernhalten müsse.

Für dein Seelenheil aber flehe ich zum ewigen Vater. Bei aller Liebe zu
dir, bei aller Verehrung gegen dich darf das Kind es doch aussprechen;
kein Mensch ist ohne Fehl, und nur die Gnade Gottes bedeckt die Sünde, nur
seine Verzeihung führt zum ewigen Heile. Dunkel ist meinem Geiste jetzt
noch die Bahn, die du nun wandelst! Aber du bist, du lebst noch, das fühle
ich tief in meinem Innern. Wenn eine solche Gotteskraft schwinden könnte,
wenn eine solche tiefe Innerlichkeit, wie deine Liebe war, wenn solche
Gefühle, wie du sie gegen mich gehegt, bloß ein Erzeugnis von Erde, von
Fleisch und Blut und deshalb vergänglich wären, dann müßte alles
zusammenstürzen, dann gäbe es auch hier keinen Geist, keine Höhe, keine
Würde, keine Liebe, keine beseeligende Innigkeit. Nein, du lebst, du lebst
bei Gott, und in seiner geistigen Nähe strahlt auch dein Geist für und
für.

                                  ——————

              An dem Grabe eines Sohnes oder einer Tochter.

                                   ———

Du bist mir vorausgeeilt mein liebes Kind! Schon manche Träne habe ich dir
nachgeweint, schon mancher Seufzer ist meiner Brust entstiegen, weil du
mir fehlst. Es ist eine harte Prüfung, die Gott mir auferlegt, und mein
Herz ist tief betrübt, sooft ich deiner gedenke. Du hattest schöne
Hoffnungen in mir erweckt, und manche Freude strahlte mir von dir aus der
Zukunft entgegen. Ich glaubte, du würdest mein Alter schmücken, du würdest
der jugendliche Kranz auf meinem Haupte sein, wenn es greis wird; ach, ich
habe dir den Totenkranz auf dein Haar gedrückt! Gott wollte es so! Ich
kann nicht, ich darf nicht gegen sein Gebot murren. Habe ich etwa
gesündigt gegen dich? War mein Herz zu stolz in der Liebe zu dir? Habe ich
meine ganze Hoffnung zu sehr auf dich gesetzt und Gott wollte meine Kraft
wachrufen? Ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, daß das Leben des
unvollkommenen Menschen Leiden haben muß, damit das Herz geläutert werde,
damit der Mensch tüchtiger werde an Kraft. Ich habe Jahre der Seligkeit
genossen in deinem Besitze, die Liebe freut sich der Gabe, freut sich der
Sorge um den geliebten Gegenstand, freut sich lieben zu können. Diese
Liebe sei mir ein unentreißbares Gut, sei mir das teure Vermächtnis von
dir, die Liebe zu dir schwinde nicht aus meinem Herzen, sie lehre mich
auch, andere lieben. Der Genuß, auch der reinste, ist vergänglich, aber
die Liebestat bereitet immerwährende Freude, sie ist ein Balsam für das
verwundete Herz. Mein geliebtes Kind: ich hätte gern noch weiter um dich
gesorgt, gern dich eingeführt in die höheren Stufen des Lebens; du bist
frühzeitig in ein anderes Dasein versetzt und meiner Sorgfalt entrückt
worden. Ob du dort schon als vollendeter Geist wirken kannst? Ich vertraue
auf Gottes Güte, er wird dir, was du hier nicht erreichen konntest, dort
leicht machen, er wird den jugendlichen Geist rasch zu den Zielen der
Vollendung gelangen lassen. Du bist hier über die Mühen des Lebens rasch
hinweggeglitten, du hast die harten Prüfungen nicht zu bestehen gehabt,
harmlos und heiter wie in diesem Leben gingst du in das Gottesreich ein.
Dort ist deine Seele, nicht berührt von den verunreinigenden und
niederdrückenden Kräften des Erdendaseins, verklärt, und du weilest im
Chore der Edlen. Sollte ich um deinetwillen klagen? Nein, auch ich will
den Verlust tragen mit der Kraft der Liebe, welche du mir eingeflößt hast.
Dein Andenken sei mir ein reines, nicht getrübt durch die Tränen bittern
Schmerzes, welche es mir entlocken könnte, nicht entstellt durch den Gram,
der in meine Züge sich einprägen möchte. Wir vereinigen uns einst wieder,
die Sehnsucht des elterlichen Herzens ist wahr, sie ist wahrer als alle
Erscheinungen der Welt, denn sie lebt im Tiefsten des Gemütes, diese
Sehnsucht ist wahr, und der ewige Gott der Liebe wird sie befriedigen.

Für dein Seelenheil aber, mein frühverklärtes Kind, bete ich innigst zu
Gott; bist du in jugendlicher Unreife eingegangen in sein Reich, hast du
noch Spuren des Leichtsinns in jener ernsten Stunde an dir getragen, der
Allgütige wird sie dir vergeben. Ein Vater verzeiht gern, und er ist ja
unser aller Vater!

                                  ——————

                 An dem Grabe des Gatten oder der Gattin.

                                   ———

Wir hatten ein unauflösliches Band geknüpft, wir wollten gemeinsam durch
das Leben wandern; das Band ist zerrissen, ich stehe einsam da. Ich danke
dir, mein guter Mann (mein gutes Weib), für die Treue, welche du gegen
mich geübt, für die Sorgfalt, mit der du mich umgeben, für die Innigkeit,
die du mir bewiesen hast; überall, wenn ich in mich, wenn ich um mich her
blicke, da gewahre ich die Spuren deines Wirkens. (Kurz war unsere
gemeinschaftliche Erden-Wallfahrt, aber die Erinnerung an die empfundene
Liebe bleibt immer erquicklich, das treue Andenken ist unverlöschlich) —
(Du hast unsere Kinder (unser Kind) mit einer Zärtlichkeit gehütet, die
nur ich verstand, du hast sie (es) gelehrt, daß sie (es) Gott verehren
(verehre) und auf ihn vertrauen (vertraue), daß sie (es) das Gute lieben
(liebe) und in der Erfüllung der Menschenpflichten ihre schönste Aufgabe
finden (finde); du hast ihnen (ihm) als teures Vermächtnis auch die Liebe
gegen mich hinterlassen. Auch dafür danke ich dir, mein guter Mann (mein
gutes Weib). Deine Sorgfalt kann ich unsern Kindern (unserm Kinde) nicht
ersetzen, aber ich werde, soweit es in meiner Kraft liegt — das verspreche
ich dir hier, wo deine Asche ruht, und wo dein Geist sich losgerungen hat,
das verspreche ich dir hier im Angesicht Gottes — ich werde sie (es)
führen nach meiner Kraft, auf daß dein frommes Auge wohlgefällig auf ihnen
(ihm) ruhe, ich werde sie (es) führen in Gottesfurcht und Menschenliebe,
daß sie (es) ehrenhaft leben (lebe) in redlichem Willen und nicht
verachtet seien (sei) bei Gott und den Menschen, ich werde sie (es)
lehren, dein teures Andenken ehren und die Liebe zu dir im Herzen tragen.)
— Was du mir warst, ich werde es ewig tief fühlen. Doch ich muß noch in
diesem Leben weilen, während du schon einen verklärten Himmelssitz
einnimmst. Gott will es so. Soll ich fragen? Soll ich klagen? Die Frage
wird nicht beantwortet. Der Mensch ist unvollkommen, seine Wallfahrt
hienieden, damit er seine Kraft erprobe und ausbilde, nicht, damit er
ungestört genieße. Ich will nicht als ein verdrossener Knecht, sondern als
ein williges Kind Gottes erfunden werden (verlange ich ja auch von unsern
Kindern (unserm Kinde), daß sie (es) sich ohne Murren ergeben (ergebe),
und verlange ich ja Gehorsam von ihnen (ihm), wenn sie (es) auch nicht
einsehen (einsieht), daß es zu ihrem (seinem) Wohle gereicht). Darum will
ich ruhig hienieden fortwandeln, bis es einst dem Herrn über Leben und Tod
gefällt, auch mich einzusammeln zu allen, die mir vorangegangen sind, auch
zu dir, mein guter Mann (mein gutes Weib). Was rein und edel hier an uns
war, das lebt dort sicherlich fort, und schöner wird das Band sein, das
uns dann in Wahrheit unauflöslich umschlingt.

Ach, daß es dir dort wohlergehe, bis ich wieder mit dir vereint bin, das
ist mein täglich Flehen zu Gott. Wie dein wachsames Auge uns von dort auch
umgibt, mich und alle, die uns in Liebe angehören, so möge Gottes
Vaterhuld dir die Fülle seiner Segnungen gewähren! Mein guter Mann (mein
gutes Weib), dieser Grabhügel decket deine Asche, dein Herz ist nicht tot,
dein liebevolles Gemüt ist nicht gestorben, du lebst in mir, du lebst bei
Gott!

                                  ——————

          Am Grabe der Geschwister, Großeltern, Schwiegereltern
                         und anderer Verwandten.

                                   ———

Ich sehe dich nicht mehr mit leiblichem Auge, Du, dessen (deren) Nähe mich
und alle, die zu uns gehören, so oft erquickte. Du bist dem Kreise der
Unsrigen entrückt, und schmerzlich vermissen wir dich. Wir sind um vieles
ärmer geworden durch deinen Verlust, ärmer geworden an Lebensfrische,
ärmer an den Beweisen deiner Liebe. Du hast überall Freundlichkeit
hingetragen, für alle Angehörigen einen Blick der Liebe gehabt. Und dein
Wort, es erfrischte und erquickte. Nun du fehlest, da fühlen wir erst
recht, was du gewesen bist, wie du das Band so eng geknüpft, wie du
heilsam gewirkt, wie du die Liebe gepflegt hast. Mein Herz ist tief
betrübt; nur dein kühles Grab kann ich umfassen, ich breite die Arme nach
dir aus, sie können dich nicht umfangen. So zieht einer nach dem andern
hin, der Kreis wird gelichtet, doch setzen auch neue Äste sich an, wenn
nur der Stamm ein gesunder ist. So will auch ich denn in deinen Wegen
gehen, ich will die Zurückgebliebenen mit treuer Liebe umfassen, in der
Erinnerung an dich, liebe, abgeschiedene Seele, wollen wir uns enger
aneinander schließen, und meinem Geiste und Herzen will ich die edlen
Saaten zu entlocken suchen, die bei dir so schön aufgegangen waren. Ich
will des Lebens Prüfung mit starkem Mute tragen, auf daß ich den unsrigen
mit tröstender Kraft vorangehe. Des Lebens Wert besteht in tätiger Liebe,
nicht in der Klage um das unwiederbringlich Dahingegangene. In unserm
Streben wirst auch du fortleben und in unserm Herzen ist dir eine
sicherere Stätte bereitet als die, welche deine Gebeine umschließt. Deine
Heimat ist nun im Gottesreiche, und im Kreise verwandter Seelen möge dein
Heil wahrhaft erblühen.

                                  ——————

               Am Grabe eines Freundes oder einer Freundin.

                                   ———

Wir hatten einander im Leben gefunden, liebe, verklärte Seele, und ein
enges Band war zwischen uns geknüpft. Nicht Fleisch und Blut, nein! dein
Geist und dein Herz haben mich zu dir hingezogen, und je tiefer ich in
dein Inneres eindrang, je mehr die Tiefen deiner Seele vor mir sich
enthüllten, um so mehr lernte ich dich lieben und achten. Der Umgang mit
gleichgestimmten Seelen ist die erhebendste geistige Nahrung, das fühlte
ich in deinem Umgange, in den heitern und den ernsten Gesprächen, die wir
miteinander führten. Deine Klarheit, deine liebevolle Teilnahme belehrten
und erquickten mich; dein edler Sinn verlieh auch mir den Aufschwung zum
Höhern und Bessern. Habe Dank, du liebe Seele, für deine Freundlichkeit,
habe Dank, für die Stunden höheren Genusses, die du mir bereitet, für die
Vorahnung eines schönern geistigen Daseins, die du in mir geweckt und
bestärkt hast. Die Ahnung, sie ist dir nun zur Klarheit geworden; ich aber
soll weiter im Kampfe des Lebens stehen, ohne deine Stütze, ohne deinen
ermahnenden und beschwichtigenden Zuspruch. Schwer ist es, einen solchen
Verlust zu ertragen. Das seltene Gut wahrer Freundschaft wird nicht so
leicht ersetzt. Die Empfänglichkeit des Herzens nimmt ab, der Einklang der
Seelen wird schwerer gefunden. Doch mir bleibt die Erinnerung an dich. Bei
jedem Schritte des Lebens, bei jedem Gedanken und Gefühle, da seiest du
mein Führer und mein Richtmaß. Immer werde ich mich fragen: wie würde dein
Freund (deine Freundin) hier geurteilt, wie geraten, wie gehandelt haben?
Und in unsichtbarem Verkehre mit dir werde ich mich läutern und veredeln,
um deiner stets würdig zu bleiben. So lebe nochmals wohl, teure Seele, bis
auch ich einst zu dir komme. Ja, wir vereinigen uns wieder im großen
Vaterhause. Was aus dem Geiste entsprungen ist, das ist ewig, was die
Liebe zart gewunden hat, das ist unauflöslich. Es ist der Erde gegeben,
was der Erde entstammt; aber gehörtest du der Erde ganz an, daß du zu ihr
wieder werden könntest? War das Aufblitzen deines Auges, wenn ein schöner
Gedanke dich durchleuchtete, irdisch? War der innige Blick, der dich bei
teilnehmender Hingebung verklärte, ein Werk des Staubes? Nein, das lebt
fort an dir, lebt schöner, freier. So lebe wohl im Umgange mit höhern
Geistern. Deine Liebe wird auch jetzt noch mich umschweben, dein Geist
aber in Klarheit die lichten Bahnen der Ewigkeit durchwandern, und
himmlische Freuden mögen dich erquicken!

                                  ——————

            Am Grabe eines Wohltäters oder einer Wohltäterin.

                                   ———

Viel verdanke ich dir, und deines teilnehmenden Wirkens für mich werde ich
nie vergessen. Ich stehe an deinem Grabe und bete für dich aus der Tiefe
meines Herzens. Mein leibliches und mein geistiges Wohl hast du gefördert,
weil du als Mensch den Menschen liebtest, nicht um meines Verdienstes
willen. Aus der Saat der Liebe da sprießen Garben hervor, die du dort
einsammeln wirst. Schwach ist mein Dank, was kann ich für den reinen Geist
tun? Nur ein ehrendes Andenken bleibt mir, das will ich bewahren; dein
Werk nach Kräften fortsetzen, in deinen Wegen der Güte wandeln, das sei
mein Dank, der dir am meisten wohlgefällt. Dort aber wirst einen schöneren
Lohn du empfangen: „Vor dir her wandelt deine Frömmigkeit, die
Herrlichkeit Gottes nimmt dich auf.“

                                  ——————

               Am Grabe eines Lehrers oder einer Lehrerin.

                                   ———

Meinem Geiste bist du, als er noch unentwickelt war, ein redlicher Führer
(eine redliche Führerin) gewesen, meinem Herzen hast du die Richtung
gegeben. Nun erst erkenne ich es recht, was dein liebevoller Ernst von mir
verlangt hat, was ich deinem Wirken schulde. Nimm, verklärter Geist, den
Dank des Geistes an, der in dir seine Nahrung gefunden hat; du warst der
Quell, der mich befruchtet hat; der Quell versieget nicht, wenn er auch
meinem leiblichen Auge sich entzieht. Ob ich immer deinen Wünschen
entsprochen habe? Ob deine Lehren eine fruchtbare Stätte bei mir gefunden
haben, es sei mein redlich Streben, deine würdige Schülerin heißen zu
dürfen. — Schon hier war dein Leben einem höheren Ziele zugewandt, du hast
es erreicht; des Lebens Mühsal ist geschwunden, des Geistes freudige
Klarheit, nach der du so ernst gerungen, sie ist dein Lohn. Was Menschen
nicht belohnen können, oft auch nicht belohnen wollen, das wägt Gott auf
gerechter Wage, und seine Liebe wird dort dich beglücken!

                                  ——————

                      Am Grabe bedeutender Menschen.

                                   ———

Du weilest nicht mehr unter uns, aber die Spuren deines Wirkens sind tief
eingegraben und sprießen vielfach hervor: du bist noch unter uns mit
deinem bessern Anteile. An deinem Grabe lerne ich es und wird es mir zur
unzweideutigen Gewißheit: es ist nicht alles eitel und vergänglich. Die
Taten deines Geistes, deiner edlen Natur leben fort und erquicken viele,
die dich nicht geschaut haben mit leiblichem Auge, die, ach, vielleicht
kaum ahnen, daß sie dir reiche Nahrung des Geistes und des Herzens zu
danken haben. In dem Menschen, der über die Gewöhnlichkeit sich erhebt, da
erkennen wir erst das Göttliche, da ist Gott uns nahe. Nicht mit Schmerz
stehe ich an deinem Grabe, die Vernichtung hat nur deine Hülle getroffen.
Hier fühle ich mich gehoben, denn ich lerne den Menschen in seiner Würde
kennen und ehren; neben der Demut, die mich erfüllt, ob meiner eignen
Schwäche, gewinne ich doch auch Kraft, um zum Ziele wahrer Menschenbildung
mich hinanzuringen. Der Geist, der hier schon die Unendlichkeit in sich
getragen hat, ihm ist wohl in den Räumen der Ewigkeit; dort fühlst du dich
heimisch, du begrüßest alle Edlen, du lebst in Gott, bei dem da ist des
Lebens Quelle, in dessen Licht du Licht schaust.

               (Die Gemeinde kehrt von den Gräbern zurück.)

                                  ——————

   Es kehrt der Staub zur Erde zurück, wie er gewesen, doch der Geist
      kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben. (Pred. Sal. 12, 7.)
   Und wall' ich auch im finstern Tale, nicht fürcht' ich Böses; denn du
      bist bei mir; Dein Stab und deine Stütze, sie trösten mich.
      (Psalm, 23, 4.)
   Wandle ich in Frömmigkeit, werde ich Dein Antlitz schauen, erwachend
      mich freuen Deines Anblickes. (Ps. 17, 15.)

‎                  ‫וְיָשֹׁב הֶעָפָר עַל הָאָרֶץ כְּשֶׁהָיָה וְהָרוּחַ תָּשׁוּב אֶל הָאֱלֹהִים אֲשֶׁר נְתָנָהּ׃‬
    ‎‫גַּם כִּי אֵלֵךְ בְּגֵיא צַלְמָוֶת לֹא אִירָא רָע כִּי אַתָּה עִמָּדִי שִׁבְטְךָ וּמִשְׁעַנְתֶּךָ הֵמָּה יְנַחֲמֻנִי׃
                                  ‎‫אֲנִי בְּצֶדֶק אֶחֱזֶה פָנֶיךָ אֶשְׂבְּעָה בְהָקִיץ תְּמוּנָתֶךָ׃‬

                                  ——————

                       Schlußbetrachtung und Gebet.

                                   ———

Wir kehren zurück von den Gräbern zum bewegten Leben! Nicht die
Vernichtung starrt uns dort entgegen, sondern der Friede der Seele weht
uns zu, die der irdischen Bande entledigt ist. Möge dieser Friede in unser
Herz einziehen, die Leidenschaft beschwichtigen, die Sinnlichkeit
demütigen, auch den Schmerz besänftigen! Wir haben ein treues Andenken
erneuert allen denen, die wir hier liebten und achteten; sie sind
auferstanden in uns, und in seliger Verklärung bleiben sie uns. Von der
Liebespflicht gegen die Toten wenden wir uns wieder zur Liebespflicht
gegen die Lebenden, auf daß einst auch unser Andenken nicht untergehe, und
zu dem Ewiglebenden richten wir Hand und Herz, Auge und Geist empor.

So sei gepriesen, großer Gott, von den Lippen der Unvollkommenen, wie im
Reiche der vollkommenen Geister Dein Name mit Ehrfurcht verkündet wird!
Amen!

Sei gepriesen, Allgütiger, für das Leben, das Du uns auf Erden anweisest,
wie für das ewige Geistesleben, dem wir entgegengehen! Amen!

Sei gepriesen, Allgütiger, für die Liebe, mit der Du dieses Leben
schmückest, die in höherer Weise einst uns noch aufgehen wird! Amen!

Sei gepriesen, Allgütiger, für die teuren Anverwandten und Freunde, die Du
uns hier geschenkt hast, deren Staub hier ruhet, deren Geist in Deinem
Reiche sich erquickt. Amen!

Deine Gnade walte über ihnen und gebe ihnen freudiges Seelenheil, Deine
Gnade walte über uns auch hienieden, bis wir eingehen in Dein ewiges
Reich. Amen!

                                  ——————



                              3. Totenfeier.
                               ‎‫הַזְכָּרַת נְשָׁמוֹת‬


                                  ——————

                         Maskir-Betrachtung^[5].
                                  ‎‫הזכּרה‬.

[5] Maskir-Betrachtung für den Versöhnungstag siehe S. 136.

                                   ———

„Friede, Friede den Fernen und den Nahen“. Unsagbar wehmütig und doch
wieder beruhigend zieht die sanfte Melodie dieser Worte jetzt durch unser
Gemüt, wo wir der Seligen gedenken, die uns einst nahe waren und jetzt
ferne sind. Ist es Verzagtheit was wir empfinden, ist es Todesangst oder
Todessehnsucht; ist es Lebensschwäche oder Lebensfreude, was in uns so
große Empfindungen erweckt? Ein Gedanke ist es sicher, der sich mit
unabweisbarer Macht in uns regt und uns gefangen hält: „Was ist der
Mensch, daß Du, o Gott, seiner gedenkest; der Erdensohn, daß Du auf ihn
achtest?“ Wozu hast Du uns ins Leben gerufen? Ist unser Ziel und Zweck das
Grab; wozu das Leben? wozu, wenn neben der Wiege die Grube ist, Geburt und
Tod rauh und hart aneinanderstoßen? Als der Ewige, so erzählt eine alte
Sage, die Welt und in ihr den Menschen zu schaffen sich anschickte, erhob
sich Widerspruch in den Scharen der Engel. „Was ist der Mensch, daß Du
seiner gedenkst?“, so fragten sie höhnisch. Was willst Du mit diesem
gebrechlichen Gebilde? Lasse es Dir an den himmlischen Wesen, den Monden,
Sonnen und Gestirnen, an den irdischen Wesen der Pflanzen und Tiere
genügen. „Ich will ein weises Geschöpf; ein freies Gebilde will ich in
meine Welt versetzen, das sie besitzen, beherrschen soll“. Und er führte
alle Wesen dem neugeschaffenen Menschen vor. In tieferkennender Weisheit
gab dieser allen belebten und unbelebten Wesen treffende Namen. Da
verstummte der Engel Widerspruch. Und als Gott den Menschen die Thora
geben wollte, murrten die himmlischen Geschöpfe und sagten: „Wie, das Werk
Deines erhabenen Geistes überlieferst Du der Willkür dieser armseligen,
nichtigen Gebilde?“ „Wer bestätigt und betätigt der Thora Inhalt,“ fragte
der Ewige; „etwa ihr in den ewiggleichen Sphären des Himmelreiches? Wer
bekundet Gottesverehrung, Elternliebe; wer führt den Kampf mit dem Leben,
den Kampf mit den Trieben, wie gerade der Mensch? Seid ihr Versuchungen
preisgegeben wie er? Naht euch die Verführerstimme wie ihm? Pocht auch im
Herzen die Begierde wie ihm? Führt ihr ein Leben der Mühsal und Arbeit wie
er?“ Die Engel verstummten und sangen: „Wie gewaltig ist Dein Name auf der
ganzen Erde“. Und als die Seele des Moses in die hohen Hallen des Himmels
getragen wurde, um vor Gottes Thron zu erscheinen, betrachteten die Engel
den Eindringling neidisch und riefen: „Was ist dieser Erdensohn, daß Du
Dich seiner annimmst?“ Wie wagt es dieser Rest eines Irdischen in
göttlichen Kreis zu treten? Gott aber breitete die Hand über die scheu
zurückweichende Moses-Seele und forderte sie auf, Antwort und Rede zu
stehen auf die Frage: „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkest“. Voll
Würde und Weisheit sprach sie: Es steht geschrieben: „Ich bin der Ewige,
Dein Gott“. Würde Gott verehrt, wenn ich nicht der Mittler seiner Lehre
wäre? Wie; sollte der Allgütige mich vergeblich zu seinem Boten erkoren
haben, seinem erwählten Volke den höchsten Gedanken zu überbringen und es
zum Lehrmeister der Welt zu machen? Und siehe; wieder verstummten die
Engel und riefen: „Gott, unser Herr, wie mächtig ist Dein Name auf der
ganzen Erde.“ — — — —

Das ganze Rätsel der Schöpfung liegt hier zur Lösung vor. Niederdrückend
und gewaltig ist der Weltenbau. Geheimnisvoll ist der Plan, und nur
schwach vermag des Menschen Geist einzudringen. Aber der Denker erhebt
sich zu kühnstem Fluge; dem Bergmann gleich, steigt er auch hinab in die
Schächte grabenden Wissens, hebt das Gold der Erkenntnis. Er verfolgt des
Schöpfers Gedanken; prüft, wägt, misset, urteilt, vergleicht, verwirft,
lobt, tadelt, zersetzt. So greift er kühn in den Bauplan, blickt zum
gestirnten Himmel, findet auch da nicht Ruhe, noch Rast; er rechnet, sinnt
und grübelt über Bahnen und Wege der Sterne. „Wie gewaltig ist Dein Name
auf der _Erde_, der Du Deine Allmacht im Himmel gezeigt hast“. Er
erforscht Geschichte und Ursprung des Menschen; er spricht, schreibt über
Lieben und Hassen, Tugend und Laster, Jugend und Alter, Mann und Weib, Mut
und Feigheit, Menschenglück und Menschenunheil, Krieg und Frieden, Geburt
und Tod. Und vollgesogen und erfüllt von Weisheit schließt er seine
Rechnung und findet: „Der Mund der Lallenden und Säuglinge begründet Deine
Macht“. Dein Wunderreich sehe ich wirksam in dem unmündigen Kinde; wie es
entsteht, wie der sprühende Funke des Abglanzes Deiner Herrlichkeit, die
Seele, im Leibe wirkt und das unbeholfene Wesen zum weltbezwingenden
Gedankenhelden emporgedeiht, zum welterstürmenden Eroberer. „Nur um
geringes hast Du ihn Göttlichen nachgesetzt“; „das All warfst Du unter
seine Füße“. — Wir sterben nicht; wir leben in unsren Taten. Ein Teil von
uns ist unsterblich. Und wenn wir die goldene Frucht vom Baume der
Erkenntnis pflücken, ist uns die Frucht vom Baume des ewigen Lebens wohl
versagt; doch die Blüte haben wir erhalten, ihren Duft haben wir
eingesogen in den sterblichen Leib als unsterbliche Seele. Wir fragen
bange: „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkest?“ Er ist Dein Werk, o
Herr! Zerschlägt der Künstler sein Gebilde? Zerstört der Gärtner seine
Pflanzung? Zertrümmert der Weise seinen Gedankenbau? Tötest Du, o Herr, im
Tode, alles, alles? Er ist _Dein Kind_, Du Vater der Welt. Wir sind
sterblich, wir fühlen es. Wir sind unsterblich, wir empfinden es. Hast Du,
Ewiger, ein Vergängliches geschaffen, dann muß es würdig gewesen sein,
geschaffen zu werden. Wir fürchten das Ende nicht. Es steht vor uns als
natürlicher Abschluß einer Ereigniskette.

Uns ängstigt die Schicksalsfrage nicht: „Wer ist der Erdensohn, daß Du
Dich seiner annimmst“. Der Frage klingt die Antwort entgegen: „Ich bin
Dein Gott“. In der gedankenvollen Erinnerung an die Ahnen der Vorzeit, an
die Großen in Israel und in der ganzen Welt, an die Teueren, die uns
Väter, Mütter, Brüder, Schwestern waren, ist die Frage von selbst
beantwortet. Ihr Leben war des Lebens wert. Spende auch uns segensreiches
Leben, gedenke der Nahen, der Sterblichen, die Du zum Leben geschaffen;
der Fernen, der Entschlafenen, Seligen gedenke. Gib uns Mut zum Leben, Mut
zum Sterben.

                                  ——————

                                  Gesang.

‎          יְיָ־מָה אָדָם וַתֵּדָעֵהוּ בֶּן־אֱנוֹשׁ וַתְּחַשְּׁבֵהוּ׃ אָדָם לַהֶבֶל דָּמָה יָמָיו כְּצֵל עוֹבֵר׃
‎            ,וַתְּחַסְּרֵהוּ מְּעַט מֵאֱלֹהִים, וְכָבוֹד וְהָדָר תְּעַטְּרֵהוּ׃ כִּי־יָדַעְתִּי מָוֶת תְּשִׁיבֵנִי
‎             וּבֵית מוֹעֵד לְכָל־חָי׃ רוּחַ־אֵל עָשָׂתְנִי, וְנִשְׁמַת שַׁדַּי תְּחַיֵּנִי׃ וְיָשֹׁב הֶעָפָר
‎            עַל־הָאָרֶץ כְּשֶׁהָיָה וְהָרוּחַ תָּשׁוּב אֶל־הָאֱלֹהִים אֲשֶׁר נְתָנָהּ׃ גַּם כִּי־אֵלֵךְ בְּגֵיא
‎         צַלְמָוֶת לֹא־אִירָא רָע כִּי־אַתָּה עִמָּדִי שִׁבְטְךָ וּמִשְׁעַנְתֶּךָ הֵמָּה יְנַחֲמֻנִי׃ אֲנִי בְּצֶדֶק
‎                                          אֶחֱזֶה פָנֶיךָ אֶשְׂבְּעָה בְהָקִיץ תְּמוּנָתֶךָ׃

Herr, was ist der Mensch, daß Du Dich seiner annimmst? der Erdensohn, daß
Du auf ihn achtest? Der Mensch einem Hauche gleich, seine Tage — dem
Schatten, der dahinzieht (Ps. 144, 3. 4.)! Und Du hast ihn göttlichen
Wesen wenig nachgesetzt, mit Würde und Hoheit krönst Du ihn (Ps. 8, 6.).
Wohl weiß ich, Du führst zum Tode mich, heim ins Sammelhaus für alles
Lebende (Hiob 30, 23.). Doch Gottes Geist hat mich gemacht, und der Odem
des Allmächtigen belebet mich (Hiob 33, 4.). Und kehrt der Staub zur Erde
zurück, wie er gewesen, so kehrt der Geist zu Gott zurück, der ihn gegeben
(Pred. Sal. 12, 7.). Und wall' ich auch im finstern Tale, nicht fürcht'
ich Böses! denn Du bist bei mir; Dein Stab und Deine Stütze, sie trösten
mich (Ps. 23, 4.). Ich werde in Tugend Dein Antlitz schauen, erwachend
mich freuen Deines Anblickes (Ps. 17, 15.).

                                  ——————

                              Der Rabbiner.

                                   ———

Unerforschlicher, großer Gott! In Deinem Ebenbilde hast Du den Menschen
geschaffen, ihm den Geist verliehen, welcher der Vollendung
entgegenstrebt. Diese Erde aber hast Du ihm angewiesen, damit der Mensch
auf ihr sich läutere und in Deinem Sinne wirke; und wenn Deine Weisheit es
für gut findet, rufst Du ihn ab, und der Körper wird der Erde
zurückgegeben. Doch der Geist ist ewig, er stirbt nicht; die Seele kehrt
zu Dir zurück und lebt rein in Deinem Heiligtume. Lässest Du ja, Herr,
keine Kraft vergeh'n, die Deinem großen Weltalle Du eingesenkt hast: wohl
wechseln Formen und Gestalten, aber die Kraft, welche sie erzeugt und
trägt, sie schafft und wirkt ewig. Und der menschliche Geist, diese
wunderbar wirkende, unsichtbare Kraft, die uns denken lehrt und
Selbstbewußtsein gibt, sie sollte plötzlich abgeschnitten werden? Nein,
wir zagen nicht vor dem Tode, denn unser edler Teil dauert fort; wir
scheiden aus diesem Leben, um in ein besseres einzugehen. Wird auch
manches Band, das hienieden eng geknüpft war, gelöst, dort oben werden wir
uns wieder in Deinem Reiche vereinigen. Darum wollen wir auch heute mit
Ruhe und Ergebung der Lieben und Teuren gedenken, die uns vorangegangen
sind in die ewige Heimat; wir danken Dir, Herr, daß Du uns an ihrer Liebe
erquickt hast, und die Erinnerung an ihr Wohlwollen gegen uns soll aus
unsern Herzen nimmer schwinden. Es gedenken die Kinder der Treue und
Hingebung, mit der die Pfleger und Hüter ihrer Kindheit für sie bedacht
und besorgt waren, wie sie für sie gelebt und gelitten haben, wie sie mit
weisem Rate, mit Lehre, Trost und Beispiel ihnen vorgegangen sind, sie in
Deinen Wegen, Gott, geleitet, ihnen ihren Segen hinterlassen haben, der
bis auf den heutigen Tag sich an ihnen bewährt. Es gedenken Gatten und
Gattinnen des, ach! zu früh gelösten Bundes, den sie vor Dir, o Gott
geschlossen und den sie heilig und treu gehütet haben, solange es Deiner
Weisheit gefallen hat, sie in der engsten Gemeinschaft des Lebens hier
zusammen weilen zu lassen. Die Erinnerung liebender Zärtlichkeit und
treuer Innigkeit, an der sie in den mannigfachen Lebensgeschicken
festgehalten haben, erfüllt ihnen noch heute erhebend und herzerquickend
die Seele. Auch der teuren Pfänder gedenken die Eltern, welche Du ihnen, o
Gott, anvertraut hattest. Sie haben an ihrer Freundlichkeit und dankbaren
Liebe sich erquickt, in ihrer Entwicklung sich mitverjüngt und freudig der
Erfüllung schöner Hoffnungen durch sie in der Zukunft entgegengesehen, und
wieder steht heute das Bild der Frühvollendeten vor dem Auge derer, denen
sie vorangegangen sind in die Ewigkeit. Wir gedenken, Herr, alle Männer
und Frauen, die mit freundlich mildem Blicke auf uns geschaut haben, die
durch ihre Liebe uns gefördert, das Gotteslicht in uns angezündet, uns die
Wahrheit haben erkennen lassen, uns im Glauben gestärkt, die Sorgen des
Lebens uns erleichtert und unsere Bahn geebnet haben. Wir ehren und segnen
ihr Andenken in dieser Stunde; gib, Gott, daß es auch an uns gesegnet sei,
daß es zu allem Guten und Dir Wohlgefälligen uns erwecke, uns ermutige,
uns Kraft und Ausdauer verleihe, daß der Segen, mit dem sie von uns
geschieden sind, sich zu unserm Heile an uns bemühte, daß wir ihre Lehre
und ihr Beispiel in kindlicher Erinnerung bewahren, ihr Werk fördern,
ihren Namen in Ehren halten, ihrer stets würdig befunden werden; auf daß
sie aus Deinem Himmelreiche in Freundlichkeit auf uns herabschauen, die
Segnungen des Lebens für uns erbitten, wie wir für ihr ewiges Seelenheil
beten!

Nicht alle sind vollendet in Dein Reich eingetreten, kein Frommer ist auf
Erden, der nicht der Sünde Raum gäbe in seinem Herzen und in seinem
Wandel. Doch Dein Erbarmen, Herr, wird den Fehl ablöschen und dem
schwachen Sterblichen eine gnadenvolle Versöhnung gewähren. Laß unsere
Bitte für sie Erhörung bei Dir, barmherziger Gott, finden! Viele auch sind
frühzeitig von uns geschieden, ehe sie zu voller Entwicklung gelangten,
ehe sie durch ihr Wirken sich Deiner Gnade würdig machen konnten; nimm
sie, die Schuldlosen, in Dein ewiges Reich auf! Sie haben die Prüfungen
des Lebens nicht erfahren, aber Deine Huld wird sie dennoch dort
beglücken. Uns aber, Allvater, wollest Du ein freudiges Wirken auf Erden
verleihen, und wenn Du einst uns abrufest, so gib uns Kraft und Mut und
eine gnadenvolle Aufnahme in die Ewigkeit. Amen! Amen!

                                  ——————

                     Die Gemeinde in stiller Andacht.

                                   ———

Ich gedenke, Gott, vor Dir meiner Hingeschiedenen — in inniger Liebe.
Gedenke auch Du ihrer in einer gnadenreichen Stunde. Gib ihnen einen
hellen, lichten Himmelssitz, daß ihre Seele eingehe zur ewigen Ruhe, zur
ewigen Freude, zur ewigen Seligkeit, und sie der Segnungen teilhaftig
werden, die du den Frommen und Gerechten hast verheißen als ihren
Gotteslohn für alles irdische Leid, das sie erlitten, für all ihr Sorgen,
Streben und Bemühen. Gib Frieden den Verklärten; laß ihr innerstes Sehnen
und Hoffen und Bangen bei Dir Erhörung und Gewährung finden um des
Glaubens und der Liebe willen, mit der sie aus der Welt gegangen sind.
Erhöre und verherrliche sie, Gott, in Deinem Himmelreiche, und laß auch
mein Bitten und Beten erhört sein, um der innigen Liebe willen, mit der
ich meines Herzens Opfer Dir gelobe und bringe. Amen! Ihr, meine Teuren,
schauet aus eurem Himmel auf mich herab in Freundlichkeit und Liebe, so
wie ihr mich angeschaut habt in Freundlichkeit, bevor euch Gott von mir
und zu sich genommen hat. (Empfanget meinen Dank für eure väterliche und
mütterliche Sorgfalt und Liebe und Treue, für eure Nachsicht und Milde,
die ihr mir so mannigfach bewiesen habt. Vergebet mir, was ich an euch aus
jugendlicher Unbesonnenheit je verschuldet und gesündigt habe.) Gedenket
meiner vor Gott, betet für mich und für die Meinen alle, daß Gott mich
schirme und bewahre vor jedem Leid. Und wenn ich selber abberufen werde
und eingehe in meine ewige Ruhestätte, dann möge eure Liebe mich
empfangen, mich einführen und geleiten in das Gottesreich der Wahrheit und
des Friedens, auf daß ich Versöhnung und Vergebung finde für jede Sünde
und Schwäche, Erhörung und Gewährung für all mein Wünschen und Hoffen, und
mit euch der ewigen Seelenruhe und Freude teilhaftig werde. Amen!

                                  ——————

                              Der Rabbiner.

                                   ———

      ‎מָה רַב טוּבְךָ אֲשֶׁר־צָפַנְתָּ לִּירֵאֶיךָ· פָּעַלְתָּ לַחוֹסִים בָּךְ נֶגֶד בְּנֵי אָדָם׃ מַה־יָּקָר חַסְדְּךָ
     ‎אֱלֹהִים· וּבְנֵי אָדָם בְּצֵל כְּנָפֶיךָ יֶחֱסָיוּן׃ יִרְוְיוּן מִדֶּשֶׁן בֵּיתֶךָ· וְנַחַל עֲדָנֶיךָ תַשְׁקֵם׃
   ‎     יַעְלְזוּ חֲסִידִים בְּכָבוֹד יְרַנְּנוּ עַל־מִשְׁכְּבוֹתָם׃ אַשְׁרֵי אָדָם מָצָא חׇכְמָה· וְאָדָם יָפִיק
 ‎                            תְּבוּנָה׃ טוֹב שֵׁם מִשֶּׁמֶן טוֹב וְיוֹם הַמָּוֶת מִיּוֹם הִוָּלְדוֹ׃

Wie groß ist Dein Gut, das Du bewahrt Deinen Frommen, das Du wirkst denen,
die auf Dich vertrauen, vor den Menschen! Wie wert ist Deine Gnade, Gott!
In dem Schatten Deiner Flügel bergen sich die Erdensöhne. Sie werden satt
vom Mahle Deines Hauses. Du tränkest sie aus dem Strome Deiner Wonne. Es
freuen sich die Frommen in Ehren, sie lobsingen auf ihrem Lager. Heil dem
Manne, der Weisheit findet, dem Menschen, der Einsicht verkündet! Besser
ist guter Ruf als köstlich Öl, der Tag des Todes besser denn der der
Geburt.

       ‎·שֶׁקֶר הַחֵן וְהֶבֶל הַיֹּפִי· אִשָּׁה יִרְאַת־יְיָ הִיא תִתְהַלָּל׃ תְּנוּ־לָהּ מִפְּרִי יָדֶיהָ וִיהַלְלוּהָ
                                                            ‎ בַשְּׁעָרִים מַעֲשֶׂיהָ׃

Anmut ist trügerisch, Schönheit eitel, ein gottesfürchtig Weib wird
gerühmet! Gebet ihm von seiner Hände Frucht; an den Toren preisen es seine
Werke.

     ‎מְנוּחָה נְכוֹנָה תַחַת כַּנְפֵי הַשְּׁכִינָה· בְּמַעֲלוֹת קְדוֹשִׁים וּטְהוֹרִים· כְּזֹהַר הָרָקִיעַ מְאִירִים
   ‎וּמַזְהִירִים׃ וְכַפָּרַת אֲשָׁמִים· וְהַרְחָקַת פֶּשַׁע· וְהַקְרָבַת יֶשַׁע· וְחֶמְלָה וַחֲנִינָה· מִלִּפְנֵי שׁוֹכֵן
   ‎מְעוֹנָה· וְחֵלֶק טוֹב לְחַיֵּי הָעוֹלָם הַבָּא· שָׁם תְּהֵא מְנַת וִישִׁיבַת נֶפֶשׁוֹת הַנִּכְבָּדִים כׇּל אֲבוֹת
    ‎הַנִּמְצָאִים וְהַנִּמְצָאוֹת פֹּה וְאִמּוֹתֵיהֶם· וּבַעֲלֵיהֶם וּנְשֵׁיהֶם· וְאַחֵיהֶם וְאַחְיוֹתֵיהֶם· וּבְנֵיהֶם
‎וּבְנוֹתֵיהֶם· וּקְרוֹבֵיהֶם וּקְרוֹבוֹתֵהֶים· שֶׁנֶּאְסְפוּ לְעַמָּם· רוּחַ יְיָ תְּנִיחַם בְּגַן עֵדֶן· מֶלֶךְ מַלְכֵי
  ‎הַמְּלָכִים· בְּרַחֲמָיו יָחוֹס וְיַחמוֹל עֲלֵיהֶם· יַסְתִּיר אוֹתָם בְּצֵל כְּנָפָיו וּבְסֵתֶר אׇהֳלוֹ· לַחֲזוֹת
   ‎בְּנוֹעַם יְיָ וּלְבַקֵּר בְּהֵיכָלוֹ· יִלָּוֶה אֲלֵיהֶם הַשָּׁלוֹם· וְעַל מִשְׁכְּבָם יִהְיֶה שָׁלוֹם· כָּאָמוּר יָבֹא
 ·‎שָׁלוֹם· יָנוּחוּ עַל מִשְׁכְּבוֹתָם הוֹלֵךְ נְכוֹחוֹ· הֵם וְכׇּל שׁוֹכְבֵי יִשְׂרָאֵל עִמָּהֶם· וְכֵן יְהִי רָצוֹן
                                                                ‎וְנֹאמַר אָמֵן׃

Sichere Ruhe ist im Schutze der Vorsehung, im Kreise der Heiligen und
Reinen, die in himmlischer Klarheit leuchten; dort ist Vergebung für
Sünden, Vergehen fern und Heil nahe, Erbarmen und Gnade beim
Hochthronenden, und dort ewiges Leben! Dort sei auch der Anteil der
würdigen Väter und Mütter, Gatten und Gattinnen, Brüder und Schwestern,
Söhne und Töchter und aller Verwandten der hier in Andacht Versammelten,
die heimgegangen sind zu ihren Vätern: der Gottesgeist leite sie im
Paradiese! Der Allerbarmer lasse seine Gnade über sie walten, berge sie in
seinem sichern Schutze, daß sie die Freude in Gott schauen! Friede geleite
sie, und auf ihrer Ruhestätte sei Friede, wie es heißt: Der Friede kommt,
es ruht auf seinem Lager, der grade wandelte. So mögen sie und alle
Frommen in Seligkeit ruhen. Amen!

   ‎כׇּל יִשְׂרָאֵל יֵשׁ לָהֶם חֵלֶק לָעוֹלָם הַבָּא· שֶׁנֶּאֱמָר וְעַמֵּךְ כֻּלָּם צַדִּיקִים· לְעוֹלָם יִירְשׁוּ אָרֶץ׃
  ‎אַשְׁרֵי מִי שֶׂעֲמָלוֹ בַּתּוֹרָה· וְעֹשֶׂה נַחַת רוּחַ לְיוֹצְרוֹ· גָּדַל בְּשֵׁם טוֹב· וְנִפְטַר בְּשֵׁם טוֹב מִן
      ‎הָעוֹלָם׃ וְעָלָיו אָמַר שְׁלֹמֹה בְּחׇכְמָתוֹ· טוֹב שֵׁם מִשֶּׁמֶן טוֹב וְיוֹם הַמָּוֶת מִיּוֹם הִוָּלְדוֹ׃
      :‎לְמוֹד תּוֹרָה הַרְבֵּה וְיִתְּנוּ לְךָ שָׂכָר הַרְבֵּה· וְדַע מַתַּן שְׂכָרָם שֶׁל צַדִּיקִים לֶעָתִיד לָבֹא

Wer ein Gott wohlgefälliges Leben führt und des Namens Israel sich würdig
erweist, wird des ewigen Lebens teilhaftig, wie es heißt: Wenn das Volk
gerecht und fromm ist, dann nimmt es das Land der Ewigkeit in Besitz. Heil
dem, der nach der Gotteslehre trachtet, seinem Schöpfer wohlgefällig
wirkt, an gutem Namen wächst, mit gutem Namen stirbt; von ihm gilt der
weise Spruch: Besser guter Ruf als köstlich Öl und der Todestag besser
denn der der Geburt. Strebe fort zur Vervollkommnung, der Lohn im Jenseits
wird nicht ausbleiben.

                                  ——————

                 Der Rabbiner und sämtliche Leidtragende.

                                   ———

‎          ‫יִתְגַּדַּל וְיִתְקַדַּשׁ שְׁמֵיהּ רַבָּה· (‪Gem.:‬ אָמֵן) בְּעָלְמָא דִּי־בְרָא כִרְעוּתֵיהּ וְיַמְלִיךְ‬
‎         מַלְכוּתֵיהּ בְּחַיֵּיכוֹן וּבְיוֹמֵיכוֹן וּבְחַיֵּי דְּכׇל בֵּית יִשְׂרָאֵל· בַּעֲגַלָא וּבִזְמָן קָרִיב
‎                                                      ‫וְאִמְרוּ ‪(Gem.:)‬ אָמֵן·‬

‎       ‫יְהֶא שְׁמֵיהּ רַבָּה מְבָרַךְ לְעָלְמָא וּלְעָלְמֵי עָלְמַיָּא· ‪(Vorb.)‬ יִתְבָּרַךְ וְיִשְׁתַּבַּח וְיִתְפָּאַר‬
‎        ‫וְיִתְרוֹמַם וְיִתְנַשֵּׂא וְיִתְהַדַּר וְיִתְעַלֵּה וְיִתְהַלַּל שְׁמֵהּ דְּקֻדְשָׁא· ‪(Gem.:)‬ בְּרִיךְ הוּא·‬
‎        לְעֵלָּא (וּלְעֵלָּא) מִן כׇּל בִּרְכָתָא וְשִׁירָתָא תֻשְׁבְּחָתָא וְנֶחָמָתָא דַּאֲמִירָן בְּעָלְמָא וְאִמְרוּ
‎                                                            ‫‪(Gem.:)‬ ‏‫אָמֵן׃‬‬

‎        ‫יְהֶא שְׁלָמָא רַבָּא מִן־שְּׁמַיָּא וְחַיִּים עַלֵינו וְעַל כׇּל־יִשְׂרָאֵל וְאִמְרוּ ‪(Gem.:)‬ אָמֵן׃‬

   ‎‫עוֹשֶׂה שָׁלוֹם בִּמְרוֹמָיו הוּא יַעֲשֶׂה שָׁלוֹם עַלֵינו וְעַל-כׇּל־יִשְׂרָאֵל וְאִמְרוּ ‪(Gem.:)‬ אָמֵן׃‬


                 Der Rabbiner und sämtliche Leidtragende.

                                   ———

So sei gepriesen, großer Gott (_Gemeinde_: Amen!), von den Lippen der
Unvollkommenen, wie im Reiche der vollkommenen Geister Dein Name mit
Ehrfurcht verkündet wird!

_Gemeinde_: Amen! Dein Name sei gepriesen hier und dort!

Sei gepriesen, Allgütiger (_Gemeinde_: Preis Ihm!), für das Leben, das Du
uns auf Erden anweisest, wie für das ewige Geistesleben, dem wir
entgegengehen! (_Gemeinde_: Amen!)

Sei gepriesen, Allgütiger, für die Liebe, mit der Du dieses Leben
schmückest, für die teuren Anverwandten und Freunde, die Du uns hier
geschenkt, deren Geist nun in Deinem Reiche sich erquickt! (_Gemeinde_:
Amen!)

Deine Gnade walte über sie und gebe ihnen freudiges Seelenheil, Deine
Gnade walte über uns hienieden, bis wir einst zu ihnen eingehen in Dein
ewiges Reich! (_Gemeinde_: Amen!)

                                 Gesang.

‎                 לָכֵן שָׂמַח לִבִּי וַיָּגֶל כְּבוֹדִי, אַף בְּשָׂרִי יִשְׁכֹּן לָבֶטַח׃
             ‎‫כִּי לֹא־תַעֲזֹב נַפְשִׁי לִשְׁאוֹל, לֹא־תִתֵּן חֲסִידְךָ לִרְאוֹת שָׁחַת׃‬
       ‎‫תּוֹדִיעֵנִי אֹרַח חַיִּים שֹׂבַע שְׂמָחוֹת אֶת־פָּנֶיךָ נְעִמוֹת בִּימִינְךָ נֶצַח׃‬

                                 Gesang.

Darum freut sich mein Herz, ist fröhlich meine Seele, auch mein Fleisch
wird sicher ruhen. Denn nicht überlässest Du meine Seele der Gruft,
lässest Deinen Frommen nicht Verwesung schauen. Du zeigst mir an den Pfad
des Lebens, Fülle der Freuden vor Deinem Angesichte, Lieblichkeit zu
Deiner Rechten ewiglich. (Ps. 16, 9-11.)


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                  Druck von Th. Schatzky A.-G., Breslau.
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                      Anmerkungen zur Transkription


Fußnoten, auf die im Original mit *) verwiesen wurde, wurden im e-Text
durchnummeriert.

Liste der im e-Text korrigierten Druckfehler:

  + Seite XI, Zeile 5 von unten: fehlender Punkt nach _Festbetrachtung am
    Passahfeste._
  + S. 4, Z. 11-12: wiederholtes _und_ bei und die im Zeichen
  + S.9, Z.16: ‎‫מַה טוֹבוּ‬ statt ‎‫מַה טֹּבוּ‬
  + S.39, Z.8: ‎‫הַלֲלוּ יָהּ‬ statt ‎‫הַלְלוּ יָהּ ‬
  + S.49, Z.3 v.u.: Apostroph anstelle eines Kommas nach _erwacht,_
  + S.74, Z.15: fehlende schließende Anführungszeichen nach _„Dies ist der
    Segen“_
  + S.98, Z.9 v.u.: fehlende schließende Anführungszeichen nach _von
    Geschlecht zu Geschlecht, Halleluja!“_
  + S.99, Z.7 v.u.: fehlende schließende Anführungszeichen nach _reicht
    über das Weltall.“_
  + S.113, Z.10: fehlender Punkt nach _und unseren Leistungen aus._
  + S.126, Z.5: fehlende schließende Anführungszeichen nach _von
    Geschlecht zu Geschlecht, Halleluja!“_
  + S.127, Z.4: fehlende schließende Anführungszeichen nach _ich habe dich
    erlöset“_
  + S.158, Z.6: _(einmal)._ statt _(einmal.)_
  + S.160, Z.4: _Verzweifllung_ statt _Verzweiflung_
  + S.163, Z.7: _Erfüllnng_ statt _Erfüllung_
  + S.184, Z.12: Punkt anstelle eines Kommas nach _unserer Hände Werk,_
  + S.187, Z.3-4: _Erdenbebewohner_ statt _Erdenbewohner_
  + S.188, letzte Z. - S.189, Z.1: wiederholtes _und_ bei lebendig und
    unsterblich
  + S.189, Z.10: Komma anstelle eines Punktes nach _als seinen Wächter
    eingesetzt._
  + S.230, Z.5: fehlende öffnende Anführungszeichen vor _„Ihr sollt die
    Witwen_
  + S.213, Z.-6: _Deine heilige Gebote ausüben zu können_ statt _Deine
    heiligen Gebote ausüben zu können_
  + S.259, Z.15: _Barmherzigheit_ statt _Barmherzigkeit_
  + S.263, Z.3: fehlender Punkt nach _„Ehre deinen Vater und deine
    Mutter“_
  + S.270, Z.14: fehlende Leerzeichen zwischen den Worten ‎‫וְהָדָר תְּעַטְּרֵהוּ‬
  + S.281, Z.-9: fehlende Komma nach _mit starkem Mute tragen_
  + S.286, Z.12: _(Ps. 17, 15)._ statt _(Ps. 17, 15.)_
  + S.299, Z.9: ‎‫וְאַחְיוֹתֵיהָם‬ statt ‎‫וְאַחְיוֹתֵיהֶם‬
  + S.301, Z.10: Doppelpunkt anstelle eines Punktes nach _Leidtragende._

Auf Seite 145, Zeile 21 beenden die schließenden Anführungszeichen nach
dem Wort *Ewigen*, zwei öffnende Anführungszeichen (auf zwei verschiedenen
Ebenen).





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Hanna - Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen" ***

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