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Title: Jenseits der Schriftkultur — Band 2
Author: Nadin, Mihai, 1938-
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Jenseits der Schriftkultur — Band 2" ***

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Jenseits der Schriftkultur
(C)1999  by Mihai Nadin



Das Zeitalter des Augenblicks

Aus dem Englischen von Norbert Greiner



Inhalt

VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE
EINLEITUNG: SCHRIFTKULTUR IN EINER SICH WANDELNDEN WELT
Alternativen



Jenseits der Schriftkultur


BUCH I.

KAPITEL 1: DIE KLUFT ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN

Kontrastfiguren
Taste wählen--drücken
Das Leben ist schneller geworden
Aufgeladene Schriftkultur
Der Mensch entwirft, der Mensch verwirft.
Jenseits der Schriftkultur
Ein bewegliches Ziel
Der weise Fuchs
"Und zwischen uns der Abgrund"
Wiedersehen mit Malthus
In den Fesseln der Schriftkultur

KAPITEL 2: DIE USA--SINNBILD FÜR DIE KULTUR DER SCHRIFTLOSIGKEIT

Dem Handel zuliebe
"Das Beste von dem, was nützlich ist und schön"
Das Rückspiegelsyndrom


BUCH II.

KAPITEL 1: VON DEN ZEICHEN ZUR SPRACHE

Wiedersehen mit semeion
Erste Zeichenspuren
Skala und Schwelle
Zeichen und Werkzeuge

KAPITEL 2: VON DER MÜNDLICHKEIT ZUR SCHRIFTLICHKEIT

Individuelles und kollektives Gedächtnis
Kulturelles Gedächtnis
Existenzrahmen
Entfremdung von der Unmittelbarkeit

KAPITEL 3: MÜNDLICHKEIT UND SCHRIFT IN UNSERER ZEIT: WAS VERSTEHEN
WIR, WENN WIR SPRACHE VERSTEHEN?

Bestätigung als Feedback
Mündlichkeit und die Anfänge der Schrift
Annahmen
Wie wichtig ist Literalität?
Was ist Verstehen?
Worte über Bilder

KAPITEL 4: DIE FUNKTIONSWEISE DER SPRACHE

Ausdruck, Kommunikation, Bedeutung
Die Gedankenmaschine
Schrift und der Ausdruck von Gedanken
Zukunft und Vergangenheit
Wissen und Verstehen
Eindeutig, zweideutig, mehrdeutig
Die Visualisierung von Gedanken
Buchstabenkulturen und Aphasie

KAPITEL 5: SPRACHE UND LOGIK

Logiken hinter der Logik
Die Pluralität intellektueller Strukturen
Die Logik von Handlungen
Sampling
Memetischer Optimismus


BUCH III.

KAPITEL 1: SCHRIFTKULTUR, SPRACHE UND MARKT

Vorbemerkungen
Products "R" Us
Die Sprache des Marktes
Die Sprache der Produkte
Handel und Schriftkultur
Wessen Markt?  Wessen Freiheit?
Neue Märkte, Neue Sprachen
Alphabetismus und das Transiente
Markt, Werbung, Schriftlichkeit

KAPITEL 2: SPRACHE UND ARBEITSWELT

Innerhalb und außerhalb der Welt
Wir sind, was wir tun
Maschine und Schriftkultur
Der Wegwerfmensch
Die Skala der Arbeit und die Skala der Sprache
Angeborene Heuristik
Alternativen
Vermittlung der Vermittlung

KAPITEL 3: SCHRIFTKULTUR, BILDUNG UND AUSBILDUNG

Das Höchste und das Beste
Das Ideal und das Leben
Relevanz
Tempel des Wissens
Kohärenz und Verbindung
Viele Fragen
Eine Kompromißformel
Kindheit
Welche Alternativen?


BUCH IV.

KAPITEL 1: SPRACHE UND BILD

Wie viele Worte in einem Blick?
Das mechanische und das elektronische Auge
Wer hat Angst vor der Lokomotive?
Hier und dort gleichzeitig
Visualisierung

KAPITEL 2: DER PROFESSIONELLE SIEGER

Sport und Selbstkonstituierung
Sprache und körperliche Leistung
Der ‘illiterate’ Athlet
Ideeller und profaner Gewinn

KAPITEL 3: WISSENSCHAFT UND PHILOSOPHIE - MEHR FRAGEN ALS ANTWORTEN

Rationalität, Vernunft und die Skala der Dinge
Die verlorene Balance
Gedanken über das Denken
Quo vadis, Wissenschaft?
Raum und Zeit: befreite Geiseln
Kohärenz und Diversität
Computationale Wissenschaft
Wie wir uns selbst wegerklären
Die Effizienz der Wissenschaft
Die Erforschung des Virtuellen
Die Sprache der Weisheit
In wissenschaftlichem Gewand
Wer braucht Philosophie und wozu?

KAPITEL 4: EIN GESPÜR FÜR DESIGN

Die Zukunft zeichnen
Die Emanzipation
Konvergenz und Divergenz
Der neue Designer
Virtuelles Design

KAPITEL 5: POLITIK: SO VIEL ANFANG WAR NOCH NIE

Die Permissivität der kommerziellen Demokratie
Wie ist es dazu gekommen?
Politische Sprachen
Kann Schriftlichkeit zum Scheitern der Politik führen?
Die Krabben haben pfeifen gelernt
Von Stammeshäuptlingen, Königen und Präsidenten
Rhetorik und Politik
Die Justiz beurteilen
Das programmierte Parlament
Eine Schlacht, die wir gewinnen müssen

KAPITEL 6: GEHORSAM IST ALLES

Der erste Krieg jenseits der Schriftkultur
Krieg als praktische Erfahrung
Das Militär als Institution
Vom schriftgebundenen zum schriftlosen Krieg
Der Nintendo-Krieg
Blicke, die töten können


BUCH V.

KAPITEL 1: DIE INTERAKTIVE ZUKUNFT: DER EINZELNE, DIE GEMEINSCHAFT
UND DIE GESELLSCHAFT IM ZEIT-ALTER DES INTERNETS

Das Überwinden der Schriftkultur
Das Sein in der Sprache
Die Mauer hinter der Mauer
Die Botschaft ist das Medium
Von der Demokratie zur Medio-kratie
Selbstorganisation
Die Lösung ist das Problem.  Oder ist das Problem die Lösung?
Der Umgang mit den Wahlmöglichkeiten
Der richtige Umgang mit den Wahlmöglichkeiten
Abwägungen
Aus Schnittstellen lernen

KAPITEL 2: EINE VORSTELLUNG VON DER ZUKUNFT

Kognitive Energie
Falsche Vermutungen
Netzwerke kognitiver Energie
Unebenheiten und Schlaglöcher
Die Universität des Zweifels
Interaktives Lernen
Die Begleichung der Rechnung
Ein Weckruf
Konsum und Interaktion
Unerwartete Gelegenheiten

NACHWORT: UMBRUCH VERLANGT UMDENKEN

LITERATURHINWEISE

PERSONENREGISTER

ÜBER DEN AUTOR



Vorwort zur deutschen Ausgabe

Unsere Welt ist in Unordnung geraten.  Die Arbeitslosigkeit ist eine
große Belastung für alle.  Sozialleistungen werden weiter drastisch
gekürzt.  Das Universitätssystem befindet sich im Umbruch.  Politik,
Wirtschaft und Arbeitswelt durchlaufen Veränderungen, die sich nicht
nach dem gewohnten ordentlichen Muster des sogenannten Fortschritts
richten.  Gleichwohl verfolgen Politiker aller Couleur politische
Programme, die mit den eigentlichen Problemen und Herausforderungen
in Deutschland (und in Europa) nicht das Geringste zu tun haben.  Das
vorliegende Buch möchte sich diesen Herausforderungen widmen, aus
einer Perspektive, die die Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung betont.

Wenn man eine Hypothese vorstellt, benötigt man ein geeignetes
Prüffeld.  In meinen Augen ist Deutschland am besten dafür geeignet.
In keinem anderen Land der Welt läßt sich die Dramatik des Umbruchs
so unmittelbar verfolgen wie hier.  In Deutschland treffen die Kräfte
und Werte, die zu den großen historischen Errungenschaften und den
katastrophalen historischen Fehlleistungen dieses Landes geführt
haben, mit den neuen Kräften und Werten, die das Gesicht der Welt
verändern, gewissermaßen in Reinform zusammen.

An Ordnung, Disziplin und Fortschritt gewöhnt, beklagen die Bürger
heute eine allgegenwärtige lähmende Bürokratie, die von Regierung und
Verwaltung ausgeht.  Früher galt das, verbunden mit dem Namen
Bismarcks, als gute deutsche Tugend, eine der vielen
Qualitätsmaschinen „Made in Germany“.  Im Verlauf der Zeit aber wurde
der Bürger abhängig von ihr und konnte sich nicht vorstellen, jemals
ohne sie auszukommen.  Die Mehrheit schreckt vor Alternativen zurück
und möchte nicht einmal über sie nachdenken.  Geprägt von Technik und
Qualitätsarbeit ist die Vorstellung, daß das Industriezeitalter
seinem Ende entgegengeht, den meisten eine Schreckensvision.  Sie
würden eher ihre Schrebergärten hergeben als die digitale Autobahn zu
akzeptieren, die doch die Staus auf ihren richtigen Autobahnen zu den
Hauptverkehrszeiten abbauen könnte--ich betone das „könnte“.  Noch
immer lebt es sich gut durch den Export eines technischen und
wissenschaftlichen Know-how, dessen Glanzzeit allerdings vorüber ist.

Als ein hochzivilisiertes Land ist Deutschland fest entschlossen, den
barbarischen Teil seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen.  Der
Klarheit halber sei gesagt, was ich unter barbarisch verstehe:
Hitler-Deutschland verdient keinen anderen Namen, ebensowenig wie
alle anderen Äußerungen von Aggression, Antisemitismus und Rassismus,
die noch immer nicht der Vergangenheit angehören.  Aber bis heute hat
man nicht verstanden, daß eben jene pragmatische Struktur, die die
industrielle Kraft Deutschlands begründete, auch die destruktiven
Kräfte begünstigte.  (Man denke nur an die Technologieexporte, die
die wahnsinnigen Führer ölreicher Länder erst jüngst in die Hände
bekommen haben.) Das wiedervereinigte Deutschland ist bereit, in
einer Welt mit globalen Aufgaben und globalen Problemen Verantwortung
zu übernehmen.  Es setzt sich unter anderem für den Schutz des
tropischen Regenwaldes ein und zahlt für Werte--den Schutz der
Umwelt--statt für Produkte.  Aber die politischen Führer Deutschlands
und mit ihnen große Teile der Bevölkerung haben noch nicht begriffen,
daß der Osten des Landes nicht unbedingt ein Duplikat des Westens
werden muß, damit beide Teile zusammenpassen.  Differenz, d. h.
Andersartigkeit, ist eine Qualität, die sich in Deutschland keiner
großen Wertschätzung erfreut.  Verlorene Chancen sind der Preis, den
Deutschland für diese preußische Tugend der Gleichmacherei bezahlen
muß.

Die englische Originalfassung dieses Buches wurde 1997 auf der
Leipziger Buchmesse vorgestellt und in der Folge von der Kritik
wohlwollend aufgenommen.  Dank der großzügigen Unterstützung durch
die Mittelsten-Scheid Stiftung Wuppertal und die Alfred und Cläre
Pott Stiftung Essen, für die ich an dieser Stelle noch einmal Dank
sage, konnte dann Anfang 1998 die Realisierung des von Beginn an
bestehenden Plans einer deutschsprachigen Ausgabe konkret ins Auge
gefaßt werden.  Und nachdem Prof. Dr. Norbert Greiner, bei dem ich
mich hier ebenfalls herzlich bedanken möchte, für die Übersetzung
gewonnen war, konnte zügig an die Erarbeitung einer gegenüber der
englischen Ausgabe deutlich komprimierten und stärker auf den
deutschsprachigen Diskussionskontext zugeschnittenen deutschen
Ausgabe gegangen werden.  Einige Kapitel der Originalausgabe sind in
der deutschsprachigen Edition entfallen, andere wurden stark
überarbeitet.  Entfallen sind vor allem solche Kapitel, die sich in
ihren inhaltlichen Bezügen einem deutschen Leser nicht unmittelbar
erschließen würden.  Ein Nachwort, das sich ausschließlich an die
deutschen Leser wendet, wurde ergänzt.

Die deutsche Fassung ist also eigentlich ein anderes Buch.  Wer das
Thema erweitern und vertiefen möchte, ist selbstverständich
eingeladen, auf die englische Version zurückzugreifen, in die 15
Jahre intensiver Forschung, Beobachtung und Erfahrung mit der neuen
Technologie und der amerikanischen Kultur eingegangen sind.  Ein
Vorzug der kompakten deutschen Version liegt darin, daß die jüngsten
Entwicklungen--die so schnell vergessen sein werden wie alle anderen
Tagesthemen--„Fortsetzungen“ meiner Argumente darstellen und sie
gewissermaßen kommentieren.  Sie haben wenig miteinander zu tun und
sind dennoch in den folgenden Kapiteln antizipiert: Guildos Auftritt
beim Grand Prix d’Eurovision (liebt er uns eigentlich immer noch, und
warum ist das so wichtig?), die enttäuschende Leistung der deutschen
Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft (standen sich im
Endspiel Brasilien und Frankreich oder Nike und Adidas gegenüber?),
die Asienkrise, das Ergebnis der Bundestagswahlen, der Euro, neue
Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie, die jüngsten
Arbeitslosenzahlen, die Ökosteuer und vieles mehr.  Wer sich der Mühe
einer gründlichen Lektüre des vorliegenden Buches unterzieht, wird
sich auf diese Entwicklungen einen eigenen Reim machen können, sehr
viel besser als die Mediengurus, die uns das Denken abnehmen wollen.
Zumindest wird er über die wortreichen Artikel halbgebildeter
Akademiker und opportunistischer Journalisten schmunzeln, die allzeit
bereit sind, anderen zu erklären, was sie selbst nicht verstehen.

Wie in der englischen Version möchte ich auch meine deutschen Leser
einladen, mit mir in Kontakt zu treten und mir ihre kritischen
Kommentare oder Fragen per e-mail zukommen zu lassen: nadin@acm.org.
Im Einklang mit dem Ziel des Buches, für die Kommunikation jenseits
der Schriftkultur das schriftkulturelle Eins-zu-Viele-Verhältnis
(Autor:Leser) zu überwinden, wird für dieses Buch im World Wide Web
ein Forum eingerichtet.  Die Zukunft gehört der Interaktion zwischen
Vielen.

Wuppertal, im November 1998

Mihai Nadin

BUCH II.



Kapitel 1:

Von den Zeichen zur Sprache

Sprachen sind, ebenso wie die jeweiligen Schriftkulturen und die auf
ihnen gründende Bildung, untereinander sehr verschieden.  Die
Unterschiede gehen weit über Wortklang, Alphabet, Buchstabenfolge und
Satzstrukturen hinaus.  Manche Sprachen weisen nuancierte
Unterscheidungen für Farben, Formen, Geschlechtsbezeichnungen,
Mengenbezeichnungen und Naturphänomene auf, während allgemeine
Aussagen nur schwer in ihnen zu formulieren sind.  Wir wissen aus der
Anthropologie, daß eine Sprache die jeweilige Lebenswelt ihres
eigenen Sprachraums lexikalisch differenzierter widerspiegelt als
andere Sprachen.  Die verschiedenen Bezeichnungen für Schnee in
Eskimosprachen oder für Kamel im Arabischen sind geläufige Beispiele.
Sprachen kategorisieren die Wirklichkeit.  Und eine Sprache
erscheint umso fremder, je fremder dem Betrachter die in ihr erfaßte
Wirklichkeit ist.  So führt auch die Beherrschung der chinesischen
Sprache (d. h. in ihr gebildet zu sein), zu etwas anderem als die
Beherrschung etwa des Englischen oder eines afrikanischen
Stammesdialekts.  Schon diese Beispiele zeigen, daß die praktische
Erfahrung, durch die eine Sprache hervorgebracht wird, Teil des
allgemeinen pragmatischen Handlungsraums des Menschen ist.

Eine abstrakte Sprache gibt es nicht.  Doch trotz der zum Teil
erheblichen Unterschiede zwischen den Sprachen ist die
Sprachfähigkeit der gemeinsame Nenner der Spezies homo sapiens und
ein konstitutives Element der Dynamik dieser Spezies.  Wir sind
unsere Sprache.  Die Feststellung, daß die Sprache dem Leben folgt
und es nachbildet, trifft nur die halbe Wahrheit.  Denn zugleich
bildet sich auch in der Verwendung der Sprache das Leben heraus.
Beide beeinflussen sich gegenseitig, letztlich hängt der Mensch von
jenem pragmatischen Handlungszusammenhang ab, innerhalb dessen er
seine biologische Struktur in den praktischen Akt der
Selbstdefinition überträgt.

Die Gründe für Veränderungen im dynamischen Zustand einer Sprache
können wir aus jenen (biologischen, sozialen, kulturellen) Bereichen
erschließen, die Sprache hervorgebracht haben, die Unterschiede in
der Sprachverwendung hervorgerufen und die Anlässe für Veränderungen
der Lebensumstände gegeben haben.  Die Notwendigkeit zur Veränderung
und die Kräfte, die die Veränderung tragen, dürfen dabei nicht
verwechselt werden, obwohl die Trennung zwischen ihnen nicht immer
ganz leicht ist.  Veränderte Arbeitsgewohnheiten und Lebensformen
sind ebenso wie die Sprache, die sie ausdrückt, an den pragmatischen
Rahmen unserer beständigen Selbstkonstituierung gebunden.  Noch immer
verfügen wir über zehn Finger--eine Strukturgegebenheit des
menschlichen Körpers, die sich in das Dezimalsystem übertragen hat--,
aber das binäre Zahlensystem ist heute vermutlich vorherrschend.  Das
besagt nichts anderes, als daß neue Wörter immer dann geprägt werden,
wenn die Umstände dies erfordern, und der Vergessenheit anheimfallen,
wenn sie nicht länger benötigt werden.  Oft ermöglichen neue Wörter
und neue Ausdrucksformen erst neue Lebens- und Arbeitsformen; sie
bilden dann nicht nur Leben ab, sondern öffnen ihm mögliche
Entwicklungswege.

Die Sprache erlaubt dem Menschen erlernbare und kulturell tradierbare
Organisationsformen, die ihn vom instinktiven Verhalten des Tieres
unterscheiden.  Über den Ursprung der Sprache ist damit noch nichts
gesagt, und nichts darüber, warum die instinktive und genetisch
vererbte Organisationsform der Tierwelt für die sprachlich
vermittelte Organisationsform des Menschen weder hinreicht noch
dieser gleichwertig ist.  Sprache ist mehr als ein bloßer
Archivierungsort, sie ist ein Mittel zum Entwurf von Wirklichkeit,
ein Instrument zur Hervorbringung neuer Instrumente und deren
Evaluierung.

Doch wir müssen Sprache in einem noch allgemeineren Rahmen betrachten.
Sprachen entwickeln sich wie die Menschen, die sie benutzen.  Auch
das Aussterben von Sprachen gibt Aufschluß darüber, wie das Leben
einer Sprache an das Leben derer gebunden ist, die sie entwickelt und
erforderlich gemacht und schließlich durch andere Mittel ersetzt
haben.  Die anthropologische, archäologische und genetische Forschung,
die sich mit den vorsprachlichen Stadien menschlichen Lebens befaßt,
konzentriert sich auf die Gegenstände, die man für primitive
Verrichtungen verwendete.  Aus diesem Zusammenhang wissen wir recht
zuverlässig, daß vor der Entwicklung relativ stabiler und repetitiver
Strukturen die Menschen Laute und körpersprachliche Formen der Mimik
und Gestik einsetzten, und zwar wohl ziemlich genau so, wie wir es
heute von Kleinkindern kennen.  Aus den frühen Stadien der Menschheit
ist ein reicher Fundus an Handlungsmustern und Verhaltenscodes
überliefert, die durchaus eine gewisse Kohäsion aufweisen.  Unsere
Vorfahren aus grauer Vorzeit entwickelten bereits für den Zweck der
Nahrungsversorgung und als Reaktion auf Veränderungen in den
Lebensbedingungen, die sich auf die Ernährungs- und Schutzbedürfnisse
auswirkten, bestimmte regelhafte Verhaltensformen.

In vorsprachlicher Zeit fungierten Werkzeuge offenbar auch als
Zeichen und Kommunikationsmittel.  Viele Wissenschaftler glauben
allerdings, daß die Erfindung von Werkzeugen ohne Wörter, also vor
der Existenz von Sprache, nicht möglich war.  Ihnen zufolge sind die
zur Herstellung von Werkzeugen und die zur Herausbildung des
werkzeugmachenden Menschen (homo faber) erforderlichen kognitiven
Prozesse sprachlicher Natur.  Das Werkzeug als Verlängerung des Arms
stelle eine Art von Verallgemeinerung dar, die nur durch Sprache
möglich wurde.  Es könnte aber durchaus sein, daß natürliche Formen
der "Notation" (Fußabdrücke, Bißeindrücke und solche Steingebilde,
die manche bereits für Werkzeuge halten) der Sprache vorausgingen.
Solche Notierungen dürfen auch als Extension der biologischen
Gegebenheiten des Menschen gelten und entsprechen einem kognitiven
Entwicklungsstand und einer Existenzskala, die auf die Herausbildung
von Sprache hinführte.

Die vorliegenden Erkenntnisse über die Entstehung von Schriftsystemen
lassen nachvollziehen, wie sich lautliche und gestische Muster zu
graphischen Darstellungen entwickelt haben, und zugleich auch, wie
mit dem Entstehen der Schrift neue Erfahrungshorizonte und eine
breitere Skala menschlicher Tätigkeit erschlossen wurden.
Entsprechende Rückschlüsse können wir auch aus aussterbenden Sprachen
ziehen, die weniger wegen ihrer Grammatik oder Phonetik interessant
sind als wegen des erkennbaren Zusammenhangs, der zwischen ihnen und
einer entsprechenden Erfahrungswelt, einer zugrundeliegenden
biologischen Struktur und der Skala der menschlichen Erfahrungen und
ihrer Veränderungen besteht.

Der hier getroffenen Unterscheidung zwischen vorsprachlicher Notation,
Sprachentstehung, Entstehung von Schriftsystemen und aussterbenden
Sprachen entspricht ein Unterschied zwischen Arten und Typen
menschlicher Ausdrucksweise, Interaktion und Interpretation von allem,
was die Menschen zur Anerkennung der sie umgebenden Wirklichkeit
heranziehen.  Auf sich oder andere aufmerksam zu machen erfordert
noch keine Sprache.  Hierfür reichen Laute, Gesten können das Signal
verstärken.  In jedem artikulierten Laut und in jeder Geste
projiziert sich der Mensch auf irgendeine Weise.  In Höhe, Timbre,
Umfang und Dauer eines Lautes bleibt Individualität bewahrt; Gesten
können langsam oder schnell, zögernd oder aggressiv oder in einer
Mischung von alldem ausgeführt werden.  Wird aber ein bestimmter Laut
oder eine Lautfolge bzw. eine bestimmte Geste oder Gestenfolge auf
die Bezeichnung eines bestimmten Gegenstandes festgelegt, so wird aus
diesem stabilisierten Ausdruck das, was wir im Nachhinein ein Zeichen
nennen.


Wiedersehen mit semeion

Das Interesse an menschlichen Zeichensystemen reicht bis weit in die
Antike zurück.  Doch heute verzeichnen wir ein verstärktes Interesse
an Fragen der Semiotik, jener Disziplin, die sich mit Zeichen
(griechisch semeion) beschäftigt.  Der Grund hierfür liegt in der
rasanten Zunahme von Ausdrucks- und Kommunikationsformen, die nicht
mehr auf die Mittel der natürlichen Sprache zurückgreifen.  Auch die
Interaktion zwischen Menschen und immer komplexer werdenden Maschinen
hat semiotische Fragen ganz neuer Art aufgeworfen.

Die Sprache--in mündlicher und schriftlicher Form--ist wohl das
komplexeste Zeichensystem, das wir kennen.  Das Wort Sprache bezieht
sich zwar auch auf andere Zeichensysteme, stellt aber keineswegs eine
Synthese aller dieser Zeichensysteme dar.  Den Entwicklungsprozeß der
Sprachlichkeit können wir als eine fortschreitende Projektion des
Individuums auf seine Lebensumwelt verstehen.  Das Zeichen Ich als
Bezeichnung der eigenen Individualität--die sich von anderen Ichs
unterscheidet, mit denen man kooperiert, konkurriert oder
kämpft--können wir wahrscheinlich als erstes Zeichen voraussetzen.
Es bestand zusammen mit dem Zeichen für das andere; denn Ich kann nur
in Relation zu dem anderen definiert werden.  In einer als das andere
erfahrenen Welt zeichneten sich Einheiten ab, die entweder gefährlich
und bedrohlich, hilfreich oder kooperativ waren.  Solche
qualifizierenden Eigenschaften konnte man nicht einfach zum
Identifikationsmerkmal machen.  Sie stellten Projektionen des
Subjekts dar, das seine Umwelt erkannte, interpretierte oder
fehldeutete.

Um meine These von der pragmatischen Natur von Sprache und
Schriftlichkeit zu belegen, muß ich mich noch etwas näher mit dem
vorsprachlichen Stadium befassen.  Mein Interesse beschränkt sich
dabei auf die Natur der Sprache, was indes ihre Entstehung und die
Bedingungen dafür mit einschließt.  Auf das, was wir gemeinhin als
Werkzeug bezeichnen, und auf rudimentäre Verhaltenskodes (in Bezug
auf Sexualität, Schutzbedürfnis und Nahrungssuche) habe ich bereits
hingewiesen.  Es gibt für dieses Stadium genügend historisch
gesichertes Material und eine ganze Reihe bekannter Tatsachen
(Klimawechsel, das Aussterben von Tieren und Planzen), die sich auf
dieses Stadium ausgewirkt haben.  Schlußfolgerungen aus Lebensformen,
die denen ähneln, die wir für die frühen menschlichen Lebensformen
halten, ergänzen unser Wissen darüber, wie sich Zeichen als Ausdruck
einer Identität herausgebildet haben.  Diese Zeichen bilden eine
Objektwelt ab und drücken daneben eine Bewußtheit von einer Welt aus,
die durch die biologische Veranlagung des Menschen ermöglicht wurde.

Allgemein wird Sprechen verstanden als Erklärung von Gedanken mittels
Zeichen, die für diesen Zweck entwickelt wurden.  Gleichzeitig wird
das Denken als seiner Natur nach von Wörtern und Zeichen unabhängig
verstanden.  Meiner Meinung nach ist der Übergang vom Natur- zum
Kulturzustand, d. h. von Reaktionen auf natürliche Reize zu Reflexion
und Bewußtheit, durch Kontinuität und Diskontinuität gleichermaßen
gekennzeichnet.  Die Kontinuität liegt in der biologischen Struktur,
die in den Interaktionsraum des Menschen mit ähnlichen oder
unähnlichen Einheiten übertragen wurde.  Die Diskontinuität ergibt
sich aus Veränderungen in der Gehirngröße, des aufrechten Gangs und
der Funktion der Hände.  Das vorsprachliche (prädiskursive) Stadium
ist seiner Natur nach unmittelbar.  Das diskursive Stadium, das den
manifesten Gedanken ermöglicht, ist durch Sprachzeichen vermittelt.

Die Zeichen, mit denen die Menschen des vorsprachlichen
Entwicklungsstadiums ihre Wirklichkeit in ihren Existenzrahmen
übertrugen, drückten durch die ihnen eigene Energie und Plastizität
das aus, was die Menschen damals waren.  Sie brachten vor allem das
zum Ausdruck, was im anderen--in anderen Gegenständen oder anderen
Lebewesen--als gleich erfahren wurde, und Gleichheit war allen
Zeichen gemein.  Direkte Interaktion und Unmittelbarkeit, Aktion und
Reaktion waren vorherrschend.  Das Unerwartete oder Verzögerte war
das Unbekannte, Mysteriöse.  Die Skala des menschlichen Lebens war
klein.  Jedes Geschehen, jeder Vollzug bestand aus wenigen Schritten
und war von begrenzter Dauer.  Zeichen der Gegenwärtigkeit, einer
allen gemeinsamen Raum- und Zeiterfahrung, wurden zum Ausdruck der
Interaktion.  Zeichen bezogen sich auf das Hier und Jetzt des
gemeinsam erfahrenen Lebens und drückten auf unmittelbare Weise Dauer,
Nähe und Intervalle aus, lange bevor sich die heutigen Vorstellungen
von Raum und Zeit herausgebildet haben.  Mithilfe solcher
Unterscheidungen durch Zeichen konnte Abwesendes oder Bevorstehendes
angedeutet bzw. die Dynamik sich wiederholender Vorgänge ausgedrückt
werden.  Nach diesen frühen Formen des Selbstausdrucks erst konnte
die Darstellungsfunktion von Zeichen entwickelt werden: ein hoher
Schrei, der nicht nur Schmerz ausdrückte, sondern vor einer Gefahr
warnte, die Schmerz bewirken konnte; ein erhobener Arm, der über die
Bekundung von Präsenz hinaus Aufmerksamkeit forderte; Farbe auf der
Haut nicht nur als Ausdruck der Freude an einer Frucht oder Pflanze,
sondern als Ankündigung und Antizipation bevorstehender ähnlicher
Freuden--kurz, Anweisungen, ja sogar Instruktionen, die man befolgen,
lernen und nachahmen konnte.

Als Teil des auf diese Weise zum Ausdruck Gebrachten entwarfen die
Individuen in der Verwendung des Ausdrucks nicht nur sich selbst,
sondern auch ihre auf diese begrenzte Welt bezogene Erfahrung.
Zeichen, die Bezüge zu Ereignissen herstellten (Wolken zu Regen,
Hufschlag zu Tieren, Blasen auf der Wasseroberfläche für Fische),
stellten nicht nur diese Ereignisse dar, sondern drückten
gleichzeitig die mit anderen gemeinsame Erfahrung in der Lebenswelt
aus.  Erfahrungsaustausch über das Hier und Jetzt hinaus, also der
Übergang von direkter und unmittelbarer zu indirekter und
vermittelter Interaktion, bezeichnet den nächsten kognitiven
Entwicklungsschritt.  Er konnte vollzogen werden, als gemeinsam
verwendete Zeichen auf eine allen gemeinsame Erfahrung bezogen wurden
und sich daraus Regeln ergaben, nach denen neue Zeichen für neue
Erfahrungen erzeugt werden konnten.  Jedes Zeichen ist ein
biologisches Zeugnis über seinen eigenen Entstehungsprozeß und über
die Skala der menschlichen Erfahrung.  Das Flüstern erreicht einen,
vielleicht zwei Zuhörer, die nahe beieinander stehen.  Ein Schrei
entspricht einer anderen Skala.  Insofern birgt jedes Zeichen seine
eigene Geschichte in Kurzform und vollzieht den Brückenschlag vom
Natur- zum Kulturzustand des Menschen.

Abfolgen, etwa die Aufeinanderfolge von Lauten oder sprachlichen
Äußerungen, oder Zeichenverknüpfungen wie in Bildern lassen eine
höhere Stufe der kognitiven Entwicklung erkennen.  Die Beziehungen
zwischen solchen Abfolgen oder Verknüpfungen und der sie
hervorbringenden praktischen Erfahrung sind nicht mehr intuitiver Art.
Aus dem Verständnis solcher Zeichenbeziehungen praktische Regeln
abzuleiten, gehörte zu den wesentlichen Interaktionserfahrungen der
Benutzer solcher Zeichensysteme.  An einem späteren Entwicklungspunkt
ist die unmittelbare Erfahrungskomponente nur noch indirekt in der
Sprache gegenwärtig.  Sprache ist nachgerade das Ergebnis dieser
Verlagerung der Aufmerksamkeit vom Zeichen zu den Beziehungen
zwischen Zeichen.  In ihrer primitivsten Form war Grammatik nicht ein
System von Regeln über die Zusammensetzung von Zeichen (Syntax) oder
darüber, wie Zeichen etwas bezeichnen (Semantik), sondern darüber,
wie bestimmte Umstände neue Zeichen entstehen ließen, die ihre
Erfahrungsqualität beibehielten--also Pragmatik.

Sprache entwickelte sich folglich als eine Vermittlungsinstanz
zwischen stabilisierter Erfahrung (Wiederholungsmuster in Arbeits-
und Interaktionsabläufen) und Zukunft (durchbrochene Muster).  Die
Zeichen bewahrten zunächst die Konkretheit des Anlasses, der sie
hervorbrachte.  Mit zunehmender Sprachbenutzung jedoch wurde die
unmittelbare individuelle Projektion aufgegeben.  Der
Verallgemeinerungsgrad der Sprache insgesamt wurde viel größer als
derjenige ihrer einzelnen Komponenten (der einzelnen Zeichen) oder
irgendwelcher anderer Zeichen.  Doch selbst auf dieser allgemeinen
Ebene der Sprache behielt das Zeichensystem seine charakteristische
pragmatische Funktion bei: nämlich die Herausbildung praktischer
Erfahrungen, nicht die Bereitstellung von Mitteln für die gemeinsame
Kategorisierung von Erfahrungen.  In jedem Zeichen und mehr noch in
jeder Sprache treffen biologische und artifizielle Aspekte
aufeinander.  Dominiert das biologische Element, vollziehen sich
Zeichenerfahrungen als Reaktionen.  Dominiert das kulturelle Element,
wird die Zeichen- oder Spracherfahrung zu einer Form der
Interpretation, also zu einer Fortsetzung der semiotischen Erfahrung.
Jegliche Interpretation entspricht dem unabschließbaren Prozeß der
ausdifferenzierenden Abtrennung vom Biologischen und ist
gleichbedeutend mit der Herausbildung von Kultur.  Unter dem Begriff
der Kultur verstehen wir die Natur des Menschen und ihre
Objektivierung in Erzeugnissen, Organisationsformen, Gedanken,
Haltungen, Werten und Kunstwerken.

Die praktische Erfahrung der Zeichenbildung--von der Verwendung von
Zweigen, Felsbrocken und Pelzen bis zu den ersten primitiven
Gravierungen (auf Stein, Knochen und Holz), von Lauten und Gesten bis
zur Sprachartikulation--trug zu Veränderungen des Lebensalltags bei
(Jagd, Schutzsuche, gemeinschaftliche Verrichtungen) und damit
letztlich zur Veränderung des Menschen.  In einer von inhaltsschweren
Details gekennzeichneten Welt, in der die Menschen ihre Identität
durch Kampf um Lebensressourcen und in der kreativen Suche nach
besseren Alternativen fanden, veränderte sich zwar nicht die
verfügbare Information, aber die lebenspraktischen Implikationen der
Details traten zunehmend ins Bewußtsein.  Die Aneignung von Wissen
vollzog sich durch dessen Anwendung in der Arbeit; jede daraus
abgeleitete Erfahrung eröffnete neue Interaktionsmuster.

Zeichen ermöglichten die kollektive Teilhabe an der Erfahrung.  Die
genetische Übermittlung von Wissen lief relativ langsam ab.  Sie
beherrschte die Anfangsstadien der menschlichen Entwicklung, als der
Mensch den Mustern seiner natürlichen Umgebung seine eigenen
Handlungsmuster einprägte.  Die semiotische, insbesondere die
sprachliche, Wissensvermittlung verläuft schneller, kann indes die
Vererbung nicht ersetzen.  Wir können die Spuren des menschlichen
Lebens etwa 2,5 Millionen Jahre zurückverfolgen, die der
Sprachanfänge etwa 200000 Jahre.  Formen der Landwirtschaft als
etablierte Erfahrung und Lebensform entwickelten sich vor etwa 19000,
Schriftformen vor etwa 5000 Jahren (nach Schätzung einiger Gelehrter
vor etwa 10000 Jahren).  Den immer kürzeren Zyklen der
Menschheitsentwicklung entspricht dabei die Tatsache, daß neben den
genetischen zunehmend auch andere Mittel am Entwicklungsprozeß
beteiligt waren.  Was wir heute als unsere geistigen Fähigkeiten
bezeichnen, ist das Ergebnis eines relativ kurzen, komprimierten
Entwicklungsprozesses.  Erste Zeichenspuren Zeichen können
aufgezeichnet werden--in und auf unterschiedlichsten Materialien; das
gleiche gilt für die Sprache, die indes nicht in Form eines
Schriftsystems entstand.  Der Ishango Knochen aus Afrika ist einige
tausend Jahre älter als jedes Schriftsystem; mit den Quipu-Schnüren
nahmen die Inkas eine chronologische und statistische Erfassung von
Menschen, Tieren und Waren vor; auch in China, Japan und Indien
kannte man Aufzeichnungsmethoden, die der Schriftlichkeit
vorausgingen.

Die polygenetische Herausbildung von Schriftsprache ist in mancherlei
Hinsicht bedeutsam.  Zum einen bot sie eine neue, vom individuellen
Sprecher losgelöste Vermittlungsinstanz.  Zum zweiten schuf sie einen
im Vergleich zum mündlichen Ausdruck höheren Allgemeinheitsgrad, der
unabhängig von Zeit, Raum und anderen Aufzeichnungsmethoden war.  Und
drittens trug alles, was in Zeichen und darüber hinaus in
ausformulierte Sprache hineinprojiziert wurde, zur Formation von
Bedeutung bei--als Ergebnis des Verstehens von Sprache, das sich aus
ihrer Verwendung ergab.  Erst dadurch erhielt die Sprache ihre
semantische und syntaktische Dimension.

Wenn wir Fragen der Schriftkultur und der Sprachentstehung verknüpfen,
dann ist deren gemeinsame Grundlage die Schriftsprache.  Gleichwohl
geben uns Vorgänge, die der Schriftsprachlichkeit vorausgingen,
Aufschlüsse darüber, welche Faktoren die Schriftsprache erforderlich
machten und warum manche Kulturen niemals eine Schriftsprache
entwickelt haben.  Dies wiederum könnte trotz des weit
zurückliegenden Zeitrahmens (von tausenden von Jahren) erklären,
warum Schreiben und Lesen nicht notwendigerweise unser heutiges und
zukünftiges Leben und Arbeiten beherrschen müssen.  Zumindest könnten
wir das Verhältnis zwischen Mensch, Sprache und Dasein besser
verstehen.  Wir betrachten das Wort als etwas selbstverständlich
Gegebenes und fragen uns, ob es je einen Menschen ohne Wort gegeben
hat.  Als das Wort aber erst einmal durch die Möglichkeit seiner
Aufzeichnung etabliert war, beeinflußte es nicht nur die zukünftige
Entwicklung, sondern auch das Verständnis der Vergangenheit.

Das Wort bemächtigt sich der Vergangenheit und verleiht den
Erklärungen, die die Existenz des Wortes voraussetzen, ihre
Legitimität.  Es beruht auf einem Notationssystem, das zugleich eine
Art eingebautes Gedächtnis und ein Mechanismus für Assoziationen,
Permutationen und Substitutionen ist.  Wenn wir aber die Ursprünge
des Lesens und Schreibens so weit zurückverlegen, dann erweist sich
der Gegensatz von Schriftlichkeit und Schriftlosigkeit als
Strukturmerkmal nur einer der zahlreichen menschlichen
Entwicklungsperioden.  In einer so weiten zeitlichen Perspektive
widerspricht unsere Auffassung von Notation (zu der wir auch Bilder,
den Ishango Knochen, die Quipu-Schnüre, die Vinca-Figuren usw.
zählen) dem logokratischen Sprachmodell.  Ein- und mehrsilbige
Sprachelemente, hörbare Lautfolgen (und entsprechende Atemtechniken,
die Pausen vorsehen und Synchronisierungsmechanismen ermöglichen)
sowie natürliche Mnemotechniken (Kiesel, Astknoten, Steingestalten
usw.) sind dem Wort vorausgehende Komponenten einer vorsprachlichen
Notation.  Sie entsprechen allesamt einem durch direkte Interaktion
gekennzeichneten Entwicklungsstadium.  Sie beziehen sich auf eine
kleine Skala menschlichen Handelns, in welcher Zeit und Raum noch in
Form natürlicher Strukturen (Tag-Nacht, nah-fern, usw.) eingeteilt
werden können.

Der entscheidende Entwicklungsschritt in der Selbstkonstituierung des
Menschen wurde mit dem Übergang von aus der Natur ausgewählten
Zeichen zum Bezeichnen vollzogen, ein Prozeß, der zu etablierten
Klangmustern und schließlich zum Wort führte.  Diese Veränderung
führte lineare Beziehungen in einen sich als zufällig oder chaotisch
darbietenden Bereich ein.  Auch entwickelten sich neue Formen der
Interaktion: Namensgebung (durch Assoziation, etwa wenn Clans die
Namen von Tieren trugen), Ordnen und Zählen (zunächst die paarweise
Zuordnung der gezählten Gegenstände zu anderen Gegenständen) oder die
Aufzeichnung von Regelmäßigkeiten (des Wetters, der
Himmelsbeschaffenheit, biologischer Zyklen), soweit sie sich auf das
Ergebnis praktischer Tätigkeiten auswirkten.


Skala und Schwelle

Auf den vorangegangenen Seiten ist der Begriff der Skala als
wichtiger Parameter der Menschheitsentwicklung wiederholt verwendet
worden.  Da er für die Erklärung großer Veränderungen im menschlichen
Handeln von zentraler Bedeutung ist, soll er etwas näher erläutert
werden.  So geht die Entwicklung von präverbalen Zeichen zu
Notationsformen und in unserer Zeit von Alphabetismus zu einem
Stadium jenseits der Schriftlichkeit (PostAlphabetismus) einher mit
einer Fortentwicklung der (Erfahrungs- und Handlungs-) Skala des
Menschen.  Reine Zahlen--etwa darüber, wie viele Menschen in einem
bestimmten Gebiet leben oder in einem bestimmten praktischen
Erfahrungszusammenhang interagieren, die Lebensdauer von Menschen
unter bestimmten Bedingungen, Sterblichkeitsrate,
Familiengröße--sagen dabei wenig oder gar nichts aus.  Nur wenn
Zahlen zu Lebensumständen in Beziehung gesetzt werden können, sind
sie aufschlußreich.  Der Begriff der Skala drückt derartige
Beziehungen aus.

So brachte die Haltung von Haustieren, die eine entscheidende
Erweiterung der Handlungsskala bedeutete, mit sich, daß bestimmte
Tierkrankheiten auf die Menschen übertragen wurden und deren Leben
und Arbeit nachhaltig beeinträchtigten.  Der Schnupfen wurde wohl vom
Pferd auf den Menschen übertragen, die Grippe vom Schwein, die
Windpocken vom Rind.  Auch wissen wir, daß sich über einen längeren
Zeitraum gesehen Infektionskrankheiten (Gelbfieber, Malaria oder
Masern) negativ auf große, stationäre menschliche Populationen
auswirken.  Wichtige Erkenntnisse liefern uns bisweilen auch jene
isolierten Volksstämme, deren heutige Lebensformen denen aus weit
zurückliegenden Entwicklungsstadien noch weitgehend ähnlich sind,
also zum Beispiel die Indianerstämme des Amazonas.  Sie weisen
Anpassungsstrategien auf, die wir ohne Anschauung kaum verstehen
könnten.  Die aus der Beobachtung gewonnenen statistischen Daten
können dabei unsere auf dem Wissen um biologische Mechanismen
beruhenden Modelle deutlich verbessern.

Der Begriff der Skala bezieht derartige Überlegungen mit ein, denn er
erhellt, daß sich die Lebenserwartung in unterschiedlichen
pragmatischen Lebenszusammenhängen drastisch unterscheidet.  Eine
Lebenserwartung von weniger als 30 Jahren (die sich aus einer hohen
Rate der Kindersterblichkeit, aus Krankheiten und den Gefahren der
natürlichen Umwelt ergibt) erklärt sich aus den Umständen der relativ
stationären Bevölkerung der Jäger und Sammler.  Etwa zwanzig Jahre
höher lag die Lebenserwartung in den Siedlungsformen vor den
Städtegründungen (die sich zu unterschiedlichen Zeiten in Kleinasien,
Nordafrika, dem Fernen Osten, Südamerika und Europa entwickelten).
Die Landwirtschaft führte zu mannigfaltigeren Ressourcen und setzte
eine Dynamik aus geringerer Sterblichkeitsrate, höherer Geburtenrate
und veränderten anatomischen Merkmalen (höherem Körperwuchs) in Gang.

Im vorliegenden Zusammenhang sind besonders die Ergebnisse der auf
alte Sprachfamilien gerichteten Sprachgeschichte interessant, die
eine Beziehung zwischen der Verbreitung von Sprachfamilien über weite
Gebiete und einer sich ausweitenden landwirtschaftlichen Bevölkerung
erkennen läßt.  Mit der sogenannten neolithischen Revolution
entwickelten sich in manchen Gemeinschaften Methoden der
Nahrungsproduktion, die nicht mehr auf Suche, Jagd und Fallenstellen
beruhten.  Die veränderten Bedingungen begünstigten einen
Bevölkerungszuwachs, der sich wiederum auf die Beziehungen zwischen
den Individuen und kleineren sozialen Gruppen auswirkte.  Einzelne
Gruppen lösten sich vom Stamm los, um nach einem Lebensumfeld mit
geringerem Konkurrenzkampf um Lebensressourcen zu suchen.  Zugleich
aber förderten die neuen pragmatischen Bedingungen eine erhöhte
Bevölkerungsdichte, mit der die Natur der Beziehungen komplexer wurde.

Uns interessiert die Richtung, die diese Entwicklung nahm, und das
Zusammenspiel der vielen daran beteiligten Faktoren.  Vor allem
wollen wir wissen, auf welche Weise Skala und Veränderungen in den
praktischen Lebenserfahrungen der Menschen zusammenhängen.  Setzt
eine Entdeckung oder Erfindung eine Veränderung der Skala voraus oder
bewirkt sie, gegebenenfalls im Verbund mit anderen Faktoren, diese
Veränderung erst?  Polygenetische Erklärungen solch komplexer
Entwicklungen wie diejenigen, die neue Erfahrungsebenen, damit
wiederum erhöhte Bevölkerungszahlen und diversifizierte
Interaktionsformen ermöglichen, führen viele Variablen ins Feld.
Ausweislich archäologischer und sprachwissenschaftlicher Forschungen
sind alle großen Sprachfamilien dort zu verorten, wo der pragmatische
Lebenszusammenhang landwirtschaftlicher Lebensformen nachzuweisen ist.
Zuverlässige Belege finden sich für zwei Gebiete in China: das
Becken des Gelben Flusses, wo der Anbau von Futterhirse nachgewiesen
ist, und das Yangtse-Becken, in dem Reis angebaut wurde.  Von hier
aus verbreiteten sich die austronesischen Sprachen tausende von
Kilometern weit.  Hieraus ergibt sich die interessante Korrelation
zwischen der Natur der menschlichen Erfahrung, der sie ermöglichenden
Skala und der Verbreitung von Sprache.  Ähnliches gilt für das Gebiet
von Neuguinea, wo die Verbreitung der Papuasprachen in Verbindung mit
dem Anbau der Taroknolle steht: mit der Suche nach geeigneten
Anbaugebieten und den Auseinandersetzungen mit umherstreifenden
Volksstämmen.

Angeborene Fähigkeiten (Rufen, Werfen, Laufen, Pflücken, Brechen und
Biegen) kennzeichneten ein Entwicklungsstadium, in dem sich der
Mensch in Gruppen oder Gemeinschaften mit begrenzter Skala
organisierte.  Andere, nicht angeborene Fähigkeiten wie Pflanzen,
Kochen, Hüten, Singen und die Verwendung von Werkzeugen werden bewußt
und aus der Kenntnis ihrer Ursache heraus entwickelt.  Sie ergaben
sich, als Veränderungen der Skala bezüglich Bevölkerung und Leistung
neue, der Gemeinschaft angemessene und allein durch die angeborenen
Fähigkeiten nicht zu erreichende Effizienzebenen erforderten.  Solche
Fähigkeiten entwickelten sich schnell.  Die neue Praxis förderte
modifizierte Mittel der Selbstorganisation: rudimentäre Formen des
Planens, Reduktionsstrategien zum Überleben (Aufgabenteilung beim
Lösen von Problemen) und Koalitionsbildungen, die sich auf immer
höheren Ebenen entfalteten.  An einem bestimmten Punkt der
Skalenentwicklung schließlich ergaben sich differenzierte
Arbeitsabläufe und neue kognitive Möglichkeiten zur Bewahrung und
Vermittlung von Wissen, das sich auf diese Arbeitspraxis bezog.

Es bleibt die Frage: Bringen Strukturveränderungen eine neue Skala
hervor, oder bewirkt die Skala Strukturveränderungen?  Der Prozeß ist
komplex insofern, als die dem menschlichen Handeln zugrundeliegende
Struktur den Bedürfnissen des Überlebens angepaßt und auf die
zahlreichen Faktoren abgestimmt ist, die die individuellen und
gemeinschaftlichen Erfahrungen beeinflussen.  Skala und Grundstruktur
sind voneinander abhängig.  Das ergibt sich schon daraus, daß die
Skala sowohl Möglichkeiten als auch Bedürfnisse erfaßt.  Eine größere
Zahl von Individuen mit einander ergänzenden Fähigkeiten haben bei
komplexen Handlungszielen größere Erfolgsaussichten.  Zugleich nehmen
die Bedürfnisse zu, da diese Individuen nicht nur ihre Person in den
Erfahrungszusammenhang einbinden, sondern auch außerhalb dieser
Zusammenhänge liegende Verpflichtungen.  Die Grundstruktur
menschlichen Handelns umfaßt Elemente der menschlichen Begabung--die
ihrerseits Veränderungen unterworfen ist, die sich aus neuen
Herausforderungen und Lebensumständen ergeben--wie auch Elemente der
menschlichen Beziehungen, die wechselseitig die Skala menschlicher
Erfahrung beeinflussen und von ihr beeinflußt werden.  Aus der
dynamischen Spannung zwischen Skala und all jenen Elementen, die die
Grundstruktur ausmachen, ergeben sich Veränderungen des pragmatischen
Handlungsrahmens.  Die Entwicklung der Sprache ist ein Beispiel für
derartige Veränderungen.  Gesprochene Sprache entwickelte sich
zusammen mit den Frühformen der Landbewirtung als Erweiterung der für
die Jagd und das Sammeln von Nahrungsmitteln erforderlichen
Kommunikationsmittel.  In einem späteren Entwicklungsstadium bildeten
sich Notationssysteme und fortschrittlichere Werkzeuge heraus.  Die
hierdurch ermöglichte fortgeschrittenere praktische Erfahrung
förderte handwerkliche Fähigkeiten und damit spezialisiertere
Arbeitsformen.  Notation und Lesefähigkeit als neue kognitive
Erfahrungen führten zur Schrift.  Diese wurde erforderlich, als sich
die Lebenspraxis auf Handel verlegte und über die Unmittelbarkeit des
Hier und Jetzt und des direkten Miteinander hinausging.  Die
Grundstruktur der Schriftlichkeit wurde der Sequentialität der
allgemeinen praktischen Erfahrungen sowie der Empfindung von
Relationen und Abläufen in höchstem Maße gerecht.

Unterschiedliche Kommunikationsformen entwickelten sich mithin in dem
Maße, in dem sich die Interaktionsskala des Menschen auffächerte.
Die Schriftkultur entsprach dabei einem qualitativ neuen
Entwicklungsstand.  Wenn wir die Sprache jener Skala zurechnen, die
den Übergang vom Jäger- und Sammlerstadium zur Landbewirtschaftung
markiert, dann müssen wir die Entstehung von Schriftkultur der
nächsten Entwicklungsstufe zurechnen--der Herstellung von
Produktionsmitteln.  Wir können in diesem Zusammenhang auf die
Metapher der kritischen Masse bzw. der Schwelle zurückgreifen.  Damit
ersetzen wir nicht den Begriff der Skala, damit definieren wir einen
Wert, eine Komplexitätsebene oder einen neuen Attraktor (wie er in
der Chaostheorie genannt wird).  Kritische Masse bezeichnet dabei
eine niedrigere Schwelle--bis zu diesem Wert vollzog sich menschliche
Interaktion optimal mittels referentieller Zeichen, auf Gleichheit
basierender Darstellungen oder Sprache.  Auf der niedrigeren Schwelle
können sich Individuen und die sozialen Gruppen, denen sie angehören,
noch kohärent definieren.  Allerdings macht sich eine gewisse
Instabilität geltend: ein und dieselben Zeichen drücken nicht mehr
ähnliche oder äquivalente Erfahrungen aus.  Hier bezieht sich
kritische Masse auf Zahl oder Menge (der Menschen, der geteilten
Ressourcen, der ausgeübten Interaktionen usw.) und auf Qualität
(unterschiedliche Ergebnisse im Bemühen der Selbstsetzung).
Überkommene Mittel erweisen sich aufgrund neuartiger praktischer
Erfahrungen als unzureichend.  Aus diesen Erfahrungen ergeben sich
neue Strategien, insbesondere die Optimierung der betreffenden
Zeichensysteme (Signale, Sprache, Notation, Schrift).
Notationssysteme wurden erforderlich, als das verfügbare und
aufzubewahrende Wissen (Inventare, Mythen, Genealogien) die
Möglichkeiten der mündlichen Überlieferung überstieg. Der Begriff der
kritischen Masse hilft uns zu erklären, warum einige Kulturen niemals
eine Schriftkultur entwickeln mußten oder warum eine einzige, allein
vorherrschende Form der Schriftkultur unserer heutigen Zeit nicht
mehr angemessen ist.


Zeichen und Werkzeuge

Auf die Natur gerichtete praktische Erfahrungen beinhalteten die
Erkenntnis von Unterschieden: veränderte Farben zu verschiedenen
Jahreszeiten, die Vielfalt von Flora und Fauna, Veränderungen des
Wetters und der Himmelskonstellationen.  Menschliche Bedürfnisse
objektivieren sich in Jagd und Nahrungssuche, Fischfang und
Schutzsuche sowie in der Suche nach dem anderen, ob aus
Geschlechtstrieb oder dem Zwang zur Kooperation.  Auf die Vielfalt
der Natur reagiert der Mensch mit einer Vielfalt von elementaren
Operationen.  Daraus erwuchs zunächst eine einfache Sprache aus
Handlungen.  Sie kannte keinen wirklichen Dialog.  In der Natur kann
Schreien und Kreischen in einer bestimmten begrenzten Abfolge Gefahr
signalisieren.  Ansonsten kann die Natur menschliche Zeichen, Bilder
oder Laute nicht verstehen.  Zum Anlocken oder Fangen von Beute oder
zur Vermeidung von Gefahren können Geräusche, Farben oder Formen
dienen.  Ihre unbegrenzte Variations- und Kombinationsmöglichkeit in
einem gegebenen Handlungsrahmen macht sie zu Zeichen.  Vor dem
Hintergrund erkannter Unterschiede wurden auch Ähnlichkeiten in
Erscheinungsform und Handlungsweisen bewußt, was sich in
entsprechenden Interaktionsformen niederschlug.  Sobald sich die
Erfahrung innerhalb einer sozialen Gruppe stabilisiert hatte, wurde
sie ihrerseits zeichenhaft und als solche kohärent in deren
Handlungsrahmen eingebunden.

Elementare Formen der Lebenspraxis bewahrten eine enge Bindung
zwischen dem Individuum und dem Objekt, auf das sich die Handlung
bezog.  Extraktion dessen, was vielen Aufgaben gemeinsam war, führte
zu einer Akkumulation von Erfahrung.  Und mit der Erfahrung stellte
sich eine gewisse Distanz zwischen Individuum bzw.  Gruppe und
Aufgabe ein.  Die Sprache aus Handlungen veränderte sich in diesem
Prozeß unaufhörlich.  Evaluation begann als Vergleich.  Daraus
ergaben sich Vorlieben, Wiederholungsmuster und Auswahlverfahren, bis
sich schließlich eine bestimmte Handlungsvorschrift herausbildete.
Die Interpretation natürlicher Muster bezüglich des Wetters (Wechsel
der Jahreszeiten, Sturm, Dürre usw.), der gejagten Tiere, der Suche
nach Wurzeln und Knollen oder der Landwirtschaft (wie wir sie im
Rückblick nennen) ergab ein Repertoire der beobachteten Merkmale und
allmählich eine Beobachtungsmethode.  Die beobachteten Phänomene
wurden auf ihre Relevanz geprüft und wurden so zu Zeichen.  Sie
bezogen den Beobachter mit ein, der sie sich einprägte und mit
zweckdienlichen Handlungsmustern assoziierte.  Diese Form des
Lesens--also die Beobachtung aller möglichen Muster und Assoziationen
bezüglich der sich stellenden Aufgaben--ging den Notationsformen und
der Schrift voraus und war vermutlich die eigentliche Grundlage für
deren allmähliche Herausbildung.  Dieses Lesen filterte das Relevante
heraus, jenes Charakteristikum--eines Tieres, einer Pflanze, einer
Wetterlage--, das die erfolgreiche Bewältigung einer Aufgabe
beeinflußte.  Die Sprache aus Handlungen gewann folglich an Kohärenz
und entwickelte ständig neue Zeichen.  Rituale stellen eine Art
kollektiven Bewußtseins dar, einen Kalender sui generis als Ausdruck
eines impliziten Zeitbewußtseins.  Sie sind ein Lernmittel und helfen,
die auf die Arbeit bezogenen Zeichen zu verstehen und unter
veränderten Umständen die entsprechenden Handlungsstrategien zu
befolgen.  Die Einheit von Natur und Mensch wird im Ritual unablässig
bekräftigt.

Werkzeuge sind "Verlängerungen" der menschlichen Physis.  Sie sind
die entscheidenden Mittel zur Erreichung eines Ziels.  Zeichen
hingegen sind Mittel der Selbstreflexion und ihrer Natur nach
Kommunikationsmittel.  Auch Werkzeuge können als Zeichen
interpretiert werden und dadurch die selbstreflektive Natur des
Menschen ausdrücken, allerdings auf andere Weise.  Sie sind über ihre
Funktion definiert, nicht etwa hinsichtlich der Bedeutung, die sie in
einem Kommunikationszusammenhang heraufbeschwören könnten.

In diesen Frühstadien der Menschheit markierte die Zeichenbenutzung
den Übergang vom Zufälligen zum Systematischen.  Die Verwendung von
Werkzeugen und die relativ uniforme Struktur der sich stellenden
Aufgaben führte zu einem Methodenbewußtsein.  Werkzeuge bekunden den
geschlossenen und homogenen Charakter des pragmatischen
Handlungsrahmens auf dieser primitiven Entwicklungsstufe.  Der
Synkretismus von Werkzeugen und Zeichen findet seinen Nachklang in
der synkretistischen Natur der daraus hervorgegangenen Zeichen der
praktischen Erfahrung.  Was wir heute als Religion, Kunst,
Wissenschaft, Philosophie und Ethik entwickelt haben, ist in nuce auf
undifferenzierte, synkretistische Weise im Zeichen repräsentiert.
Mit der Beobachtung von repetitiven Mustern wurden auch mögliche
Abweichungen erkannt.  Indem die Menschen diese Erfahrung in komplexe
Zeichen übertrugen, wurde sie verstehbar und eindeutig und konnte
über die Zeiten hinaus bewahrt werden.

Wir sollten uns solche Kategorien wie Synkretismus, Verständnis,
repetitive Muster als Kategorien des praktischen Handelns
vergegenwärtigen.  Ein Zeichen kann aus einem einfachen Rhythmus
bestehen.  Es sollte selbst unter ungünstigen Umständen leicht zu
erkennen sein (der Schlag des Donners, der Schrei eines Tieres).  Die
Menschen sollten daraus die gleichen Reaktionen ableiten können (Lauf!
sollte nicht mit Halt!, Wirf! nicht mit Wirf nicht! oder etwas
ähnlichem verwechselt werden).  Vor allem muß die Eindeutigkeit über
die Zeiten hinaus erhalten bleiben.  Mit der Mannigfaltigkeit der
praktischen Erfahrungen wuchs auch die Mannigfaltigkeit der
verschiedenen Sprachstufen.  Rhythmus, Farbe, Form, Körperausdruck
und Bewegung als Erfahrungsbestandteile des täglichen Lebens wurden
in Rituale eingebunden.  Gegenstände wurden als das gezeigt, was sie
sind--Tierköpfe, Geweihenden und Krallen, Äste und Baumstämme,
aufgeborstene Felsbrocken.  Sie wurden bearbeitet mit Feuer, Wasser
und scharfen Steinen, die sich zum Hauen und Schneiden eigneten.

Der Mensch wird zum Menschen, indem er seine eigene Natur
konstituiert.  Zu diesem Vorgang gehört die Externalisierung
bestimmter Charakteristika, damit sie im Rahmen der sich
herausbildenden Kultur von allen geteilt werden können.  Wir wissen,
daß es eine Trennung zwischen der Welt auf der einen und dem
denkenden Subjekt auf der anderen Seite nicht gibt.  Die Menschen
finden ihre Identität und die ihrer Gattung durch Vergleich, durch
Erkennen von Ähnlichkeiten und Unterschieden.  Diese beziehen sich
auf ihre Existenz; die gemeinsame Bewußtmachung dieser Ähnlichkeiten
und Unterschiede ist Teil der menschlichen Interaktion.  Insofern
wird die Welt im Augenblick ihrer Entdeckung konstituiert.  Die
Dynamik zwischen Identität und Unterscheidung macht auch deutlich,
warum Sprache etwas anderes ist als das "Abbild unserer Gedanken".
Sprache ist auch mehr als der Akt ihrer Verwendung.  Wir schaffen
unsere Sprache genau so, wie wir uns unablässig selbst schaffen.
Dieses schöpferische Tun vollzieht sich nicht in einem leeren Raum,
sondern im pragmatischen Handlungsrahmen unserer gegenseitigen
Beziehungen und Abhängigkeiten.  Der Übergang von Direktheit und
Unmittelbarkeit zu Indirektheit und Vermittlung und den damit
verbundenen Vorstellungen von Raum und Zeit spiegelt sich in
mancherlei Hinsicht im Entstehungsprozeß der Sprache.  Die
Herausbildung von Zeichen, ihre Funktionsweise, die Entstehung von
Sprache und die Entwicklung der Schrift verweisen auf die
Selbstbestimmung und die Selbstbewahrung des Menschen, so wie sie
sich im praktischen Akt der Selbstkonstituierung der menschlichen
Gattung ergeben.



Kapitel 2:

Von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit

Wenn wir im Verein mit zahlreichen Sprachhistorikern die Anfänge der
Sprache mit den frühen Formen der Landwirtschaft korrelieren, so
heißt das, daß wir von einer pragmatischen Grundlegung der Sprache
als Praxis ausgehen.  Sprache ist nicht nur passiver Zeuge bei der
dynamischen Entfaltung der menschlichen Gattung.  Die Vielfalt der
praktischen Erfahrung spiegelt sich in der Sprache und ist durch die
praktische Erfahrung der Sprachbenutzung erst ermöglicht worden.  Die
Anfänge der Sprache wie die der Schrift liegen im Bereich des
Natürlichen.  Daher müssen wir auch die biologischen Umstände, unter
denen der Mensch mit seiner Außenwelt in Beziehung tritt, mit
berücksichtigen.  Die praktische Erfahrung der Selbstkonstituierung
durch Sprache ist zugleich die Grundlage der Kultur.  Der Akt des
Schreibens ist wie der Akt der Werkzeugherstellung grundlegend für
eine Spezies, die ihre Natur selbst definiert.  Daher müssen wir
neben der biologischen Identität des Menschen die kulturschaffenden
Aspekte gleichermaßen berücksichtigen.

Wir wollen zunächst betrachten, welche Implikationen sich aus dem
biologischen Faktor ergeben.  Wir wissen zum Beispiel, daß die Zahl
der Laute, die der Mensch erzeugen kann, sehr hoch ist.  Aus dieser
praktisch unbegrenzten Zahl von Lauten sind indes nur etwa vierzig in
den indogermanischen Sprachen identifizierbar, im Gegensatz zum
Chinesischen und Japanischen.  Es ist zwar nicht möglich, zu zeigen,
wie der biologische Zuschnitt des einzelnen und die Struktur seiner
Erfahrung in das Sprachsystem projiziert sind; dennoch wäre es unklug,
diese Projizierung, die sich in jedem Moment unseres Daseins
vollzieht, nicht in Rechnung zu stellen.  Beim Sprechen werden
Muskeln, Stimmbänder und andere anatomische Funktionselemente
aktiviert und entsprechend ihren Merkmalen verwendet.  Zum Sprechen
gehört das Hören, beim Schreiben und Lesen kommt noch das Sehen hinzu.
Weitere dynamische Merkmale wie Augenbewegung, Atmung und
Herzschlag gehören zu den biologischen Implikationen der
Sprachverwendung.  Was wir sind, tun, sagen, schreiben oder lesen,
steht in einem unauflöslichen Zusammenhang.  Die Erfahrungen, auf
deren Hintergund sich die Sprachverwendung vollzieht, und die
biologischen Eigenschaften derer, die in eine Sprache eingebunden
sind, sind dabei so unterschiedlich, daß kaum je ein Ereignis, so
einfach es sich auch gestalten mag, von verschiedenen Menschen durch
Sprache (oder durch irgend ein anderes Zeichensystem) auf identische
oder ähnliche Weise ausgedrückt wird.

Erste Erkundungen der Geschichte oder das persönliche Fragen nach dem
Verlauf vergangener Ereignisse beruhen auf Mündlichkeit, beziehen den
Mythos mit ein und münden schließlich in den Versuch, Ereignisse an
Ort und Zeit zu knüpfen.  Die ersten Logographen rekonstruierten die
Genealogien von Personen, die in tatsächliche Ereignisse verwickelt
waren (Kriege, Gründungen von Clans, Stämmen oder Dynastien) oder in
der zeitgenössischen Literatur hervorgehoben wurden (zum Beispiel den
Epen Homers oder in der Genesis).  Als der Mensch aus dem Stadium der
Erinnerung (mnemai) in das Stadium des fixierten Berichts (logoi)
fortschritt, entwickelte er ein Bewußtsein von Zeit und
Geschichtlichkeit.  Der gemeinsame Bezug auf Ereignisse machte dabei
zugleich Unterschiede im Verhältnis zu diesen Ereignissen bewußt.

Die Kodierung der sozialen Erfahrung, angefangen bei eher naiven
Formen (Familie, Religion, Krankheit) bis hin zu komplexen
Regelwerken (der Zeremonien, der Machtausübung und des militärischen
Verhaltens) ergab sich aus einer Praxis, die sich unter Mitwirkung
der Sprache zunehmend diversifizierte.  Die Spannung zwischen
Mündlichkeit und Schriftlichkeit drückt dabei die Spannung aus, die
zwischen einer eher homogenen Lebensform und sich beständig
differenzierenden Lebensformen besteht, welche die über lange Zeit
hinaus gültigen Grenzen durchbrochen haben.  Im Sprachraum der
zahlreichen chinesischen Sprachen wird dies deutlicher als in den
westlichen Sprachen.  Die ideographische Schrift des Chinesischen,
welche die vielen gesprochenen Dialekte in sich vereinigt, hat ihre
Konkretheit und damit die Tradition als einen bewährten Zugang zur
Welt bewahrt.  So ist auch die chinesische Kultur vergleichsweise
stark durch Mündlichkeit geprägt.  Die aus einer solchen Sprache
abgeleitete Philosophie verteidigt, durch das Grundprinzip des Tao im
Konfuzianismus, einen etablierten und allen gemeinsamen Mechanismus
der Wissensvermittlung.

Im Gegensatz zur gesprochenen Sprache ist die Schrift relativ jung.
Einige Sprachhistoriker datieren die Anfänge der Schrift auf 4000 bis
3000 v.Chr.; andere gehen bis auf 6000 v.  Ch. oder noch weiter
zurück.  Für eine Wiederbelebung derartiger Debatten gibt es jedoch
weder neues Material noch neue überzeugende Interpretationen der
vorhandenen Quellen.  Insgesamt sind die Grenzen zwischen den
einzelnen kulturellen Stadien der Menschheit schwer zu bestimmen.
Wir werden vermutlich niemals genau wissen, ob die Bilder
(Höhlenmalereien oder Petroglyphen) den Wörtern vorausgingen oder
deren Folge waren.  Möglicherweise entwickelten sich die Sprachen,
die über eine Notation, über Zeichnungen, Gravierungen und
Rituale--einschließlich des umfangreichen Repertoires an
artikulierter Gestik--verfügten, relativ zeitgleich nebeneinander.
Einige Schrifthistoriker vertreten die Meinung, daß es Bilder ohne
Worte nicht hätte geben können.  Andere lehnen das logokratische
Modell ab und glauben, daß Bilder nicht nur dem geschriebenen,
sondern vielleicht sogar dem gesprochenen Wort vorausgingen.  Ähnlich
widersprüchliche Theorien setzen die Herausbildung von Ritualen vor
oder nach den Zeichnungen, vor oder nach der Entwicklung der Schrift
an.  Ich glaube, daß die frühen menschlichen Ausdrucksformen
synkretistisch und polymorph waren und sich unmittelbar aus einem
pragmatischen Rahmen der Selbstkonstituierung heraus entwickelten,
der durch die Erfahrung der Vielfalt bestimmt war.


Individuelles und kollektives Gedächtnis

Anthropologen haben versucht, die überlieferte Erfahrung zu
kategorisieren, um zu sehen, wie sich Mündlichkeit und später
Schriftlichkeit (die einfachen Notationsformen) zu den einzelnen
Kategorien verhalten.  Man hat dabei auf die materielle Umwelt
verwiesen--Ressourcen im weitesten Sinn--, auf erfolgreiches Handeln
und auf Wörter in ihrem Bezug zum allgemeineren Rahmen (Zeit, Raum,
Zielsetzungen usw.) Man vermutet, daß der Mensch zunehmend von
künstlich erstellten Notationsmitteln abhängig wurde.  In der Folge
aktivierte er in geringerem Maß seine rechte Gehirnhälfte, was zu
einer verminderten Schärfe der entsprechenden Gehirnfunktionen führte.
Der durch den Überlebenstrieb der Spezies diktierte Drang nach
Stabilität und Dauerhaftigkeit wurde in Zeichenfolgen
hineinprojiziert, die zunächst noch nicht die sichere Einbindung in
ein Sprachsystem aufweisen konnten.  Dennoch verfestigte sich diese
Erfahrung des Umgangs mit Zeichen und wurde durch die Möglichkeiten
und Zwänge der Mündlichkeit vereinheitlicht.

Sprache ist gleichwohl nicht der unmittelbare Ausdruck von Erfahrung.
Sie ist sogar weniger umfassend als die Zeichen, die zur Sprache
hinführten.  Jedem Gespräch geht etwas voraus--eine gemeinsame
Erfahrung als Grundlage des Gesprächs und Hintergrund für weitere
gemeinsame Erfahrungen.  Alle frühen Formen menschlicher Tätigkeit
und Interaktion wurden zu Zeichen, wenn sie über die Erfüllung des
unmittelbaren Überlebenszwecks hinaus praktische Richtlinien des
Handelns und damit Gemeinsamkeit und Übereinkunft implizierten.
Diese Übereinkunft, die gemeinsame Teilhabe am Zeichen, ist dessen
eigentliches Merkmal, besonders in der Sprache.

Werkzeuge, Höhlenbilder, primitive Notationsformen und Rituale
richteten sich auf ein kollektives Gedächtnis, wie begrenzt auch
immer das Kollektive gewesen sein mag.  Wörter richteten sich an ein
individuelles Gedächtnis und boten die Möglichkeit individueller
Differenzierung.  Individuelle Bedürfnisse und Antriebe müssen in
Beziehung zu denen der sozialen Gruppe gesetzt werden.  Zeichen und
Werkzeuge sind Elemente, die in die Differenzierung mit einbezogen
wurden.  Ein Blick auf die gegenwärtige Erforschung kognitiver
Prozesse und deren Kategorien der verteilten und zentralen Autorität
kann das Zusammenspiel zwischen beiden erhellen.  Werkzeuge weisen
alle Merkmale der Verteilung auf.  Sie werden durch individuelle und
gemeinsame Verwendung immer wieder getestet und verbessert.  Zeichen
als Ergebnis menschlicher Interaktion sind alles andere als
individueller Natur.  Wir müssen sie daher mit den Anfängen einer
zentralisierten Autorität in Verbindung bringen.  Diese Überlegung
ist natürlich eine konzeptuelle Hypothese über eine Wirklichkeit, zu
der wir anders keinen Zugang finden.  Doch ohne eine solche Hypothese
wären weitere Schlußfolgerungen sinnlos.

Aus dem bisher Gesagten ergeben sich drei Stadien, die wir vor einer
näheren Betrachtung der Sprache abhandeln müssen:
1. die Integration in der sozialen Gruppe durch unmittelbare Formen
der Interaktion wie Berührung, Austausch von Gegenständen, Erkennen
bzw.  Wiedererkennen über Geräusche und Gesten sowie die Befriedigung
von Instinkten;
2. die Bewußtmachung von Unterschieden und Ähnlichkeiten auf
unmittelbarem Weg wie Vergleichen durch Gegenüberstellung,
Gleichmachung durch physische Anpassung;
3. Stabilisierung der Ausdrucksformen für Gleichheit oder
Unterschied durch Einbeziehung in das praktische Handeln.
Von dem Augenblick an, in dem gleich und anders auf einer
allgemeinen Ebene behandelt wurden, verloren sich die Empfindungen
und Lebensformen der Direktheit und Unmittelbarkeit.  Vielfältige
Schichten des Verstehens und Regeln für die Formung kohärenter
Ausdrucksmittel wurden angesammelt, an zahllosen konkreten
Situationen überprüft, mit bereits verwendeten Zeichen (Gegenstände,
Geräusche, Gesten, Farben usw.) verknüpft und von dem Bedürfnis
eindeutiger Bedeutung losgelöst.  Alle diese Ausdrucksmittel wurden
im Prozeß der Produktion (dem Herstellen von Gegenständen und
Kunstwerken, beim Jagen, Fischen, Pflügen usw.) und
Selbstreproduktion sozialisiert, bis sie sich schließlich zu einer
Sprache formten.  Und nachdem sie einmal zur Sprache geworden
waren--also zu Dingen und Handlungen, über die gesprochen
wurde--löste sich diese Sprache von den Gegenständen und den
Produktionsvorgängen.  Durch diese Loslösung aber erschien sie
zunehmend als etwas Gegebenes, als eine Einheit per se, eine
Wirklichkeit, die man fürchten oder genießen, die man verwenden
konnte, etwa zum Vergleich seiner eigenen Handlungen mit denen
anderer.  Dieser Entfaltungsprozeß beanspruchte eine sehr lange
Zeit--einige hunderttausend Jahre.  Er verlief vermutlich simultan
mit der Herausbildung eines größeren Gehirns und des aufrechten Gangs.

Doch zurück zur Rolle des Gesprochenen (vor der Entstehung von
Notationssystemen und der Schrift) und seiner kulturellen Funktion im
Leben menschlicher Gemeinschaften.  Die vor der Entwicklung des
Wortes liegende Form des Gedächtnisses beinhaltete Handlungsmuster,
Gesten, Geräusche, Gerüche und geschaffene Gegenstände.  Die
Strukturierung des Lebens war von außen vorgegeben--natürliche
Rhythmen (der Tages- und Jahreszeiten und des Alterns) und die
natürliche Umwelt (Flußlandschaft, Gebirgslandschaft, Täler,
Waldgbiete, Grasebenen).  Die Außenwelt lieferte gewissermaßen das
Stichwort, auf das hin die Teilnehmer reagierten und ihre Rolle
spielten.  Oder sie reagierten auf Stichwörter, die ihnen die
vorausgegangene Erfahrung vorgab, welche durch direkte Überlieferung
von einem zum anderen tradiert wurde.  Lange vor der Astrologie
bestimmte die Geomantik die Art und Weise, wie die Menschen ihre
Umwelt lasen und daraufhin verschiedene Glyphen (Petroglyphen,
Geoglyphen) ausbildeten.  Anfänglich bezog sich die Erinnerung auf
einen Ort, später auf Handlungsabfolgen.  Erst mit der Sprache
entwickelte sich die Zeitvorstellung.  Das Erinnern war nur minimal
durch den Instinkt veranlaßt und seiner Natur nach kaum genetisch
bedingt.  Mit der Herausbildung des Wortes, welches zugleich auch die
Mittel für das Erkennen und schließlich das Aufzeichnen von Wörtern
beinhaltete, trat eine fundamentale Änderung ein.  Das Wort bot der
menschlichen Erfahrungswelt ein Zeichen für Beziehungen an, war ein
relationales Zeichen.  Es brachte Objekt und Handlung zusammen.
Gemeinsam mit den Werkzeugen schuf es Kultur, verstanden als Einheit
von dem, was wir sind (Identität), was unsere Welt ist (Gegenstand
der Arbeit, der Betrachtung und des Nachdenkens) und was wir tun (um
zu überleben, uns fortzupflanzen und zu verändern).  Dieser
Entwicklungsschritt zu einer menschlichen Kultur und dem Bewußtsein
von ihr wirkte sich entscheidend auf die praktischen Erfahrungen der
Selbstkonstituierung des Menschen aus.  Gleichzeitig vollzog sich
eine wichtige Spaltung: das genetische Gedächtnis blieb für die
biologische Realität des Menschen verantwortlich, das soziale
Gedächtnis übernahm diese Aufgabe für die menschliche Kultur.
Gleichwohl existiert keines der beiden unabhängig vom anderen.

Die jeweilige Natur dieser gegenseitigen Abhängigkeit ist dabei
charakteristisch für die jeweiligen Veränderungen in der Skala des
Menschen, die uns hier interessiert.  Selbst wenn wir beschreiben
könnten, welche Voraussetzungen nötig sind, damit die Menschen sich
zu Gemeinschaften zusammenschließen können, was sie wissen und
verstehen müssen, um jagen, sammeln, Viehzucht und Landwirtschaft
betreiben zu können, dann wüßten wir noch lange nicht, wie gut sie
all dies ausführen müßten.  Rückblickend sieht es so aus, als habe es
für die Entwicklung aus den primitiven Stadien der Menschheit zu dem,
was wir sind, einen vorbestimmten Weg gegeben.  Auch wenn wir von
einem solchen Weg ausgehen, wissen wir noch immer nicht, zu welchem
Zeitpunkt ein bestimmter Handlungstypus den Überlebenserwartungen
nicht mehr genügte und daher andere Wege erprobt werden mußten.  Wenn
wir indes das Konzept der Skala in unser Erklärungsmodell einbauen,
können wir nicht nur die Phänomene der Mündlichkeit und
Schriftlichkeit besser verstehen, sondern auch den Prozeß, der zur
Schriftkultur und schließlich zu einem Stadium jenseits der
Schriftkultur führte.


Kulturelles Gedächtnis

Das Gedächtnis verdient unsere nähere Aufmerksamkeit, und zwar in
seinen frühen Ausformungen (vergleichbar mit dem Gedächtnis der
Kindheit, am Anfang der menschlichen Kultur) wie auch mit seinen
neuen Funktionen in unserer Zeit.  Wir dürfen mit einiger Sicherheit
annehmen, daß vor dem Wirken des kulturellen Gedächtnisses das
genetische Gedächtnis (in Form des genetischen Kodes, der inneren Uhr
und homöostatischer Mechanismen) die Vererbungsmechanismen beherrscht
hat, die das Überleben, die Fortpflanzung und die soziale Interaktion
regeln.  Mit dem Aufkommen des Wortes verlagerte sich das Gewicht von
der Vererbung auf die Vermittlung.  Es veränderten sich die Rituale;
sie integrierten die Sprache und gewannen einen neuen Status als
synkretistische Projektion der Lebensgemeinschaft.  Mithilfe der
Sprache konnten effiziente Handlungswege beschrieben werden.  Auch
ließen sich allgemeine Programme für die verschiedensten Aktivitäten
formulieren, für Schiffahrt, Jagd, die Unterhaltung von Feuerstellen
und die Herstellung von Werkzeugen.  Sprache vollzog sich in einem
Allgemeinheitsgrad, der weder der direkten Handlung noch dem Ritual
möglich war.

In den Bildern, die den Wörtern vorausgingen, folgten Gedanke und
Handlung einer Kreisstruktur: das eine war in das andere eingebettet.
Die Kreisrelation entsprach der begrenzten Skala der sich
konstituierenden Spezies: kein Wachstum, ein ausbalanciertes
Verhältnis von Input und Output.  Dieser zirkuläre Rahmen entsprach
der Identität, die zwischen dem Ergebnis einer Bemühung und der dafür
aufgewendeten Mühe bestand.  Jagen und Fallenstellen erforderten
große physische Anstrengung.  Der Lohn bestand allein darin, daß der
Hunger gestillt wurde.  Dividieren wir das Ergebnis durch die
aufgewendete Leistung, dann liefert uns das Ergebnis eine sehr
intuitive Darstellung von Effizienz oder Nutzen: in diesem zirkulären
Stadium stehen die beiden Variablen noch dicht beieinander, in einem
Verhältnis von etwa 1:1.

Der Rahmen der linearen Relationen ergab sich, als man sich der
Möglichkeiten bewußt wurde, die aufgewendete Leistung zu reduzieren
und den erzielten Nutzen zu erhöhen.  Lineare Handlungsfolgen waren
deterministisch miteinander verknüpft--je kräftiger der Mensch, desto
stärker beim Werfen, Stoßen und Ziehen; je länger die Beine, desto
schneller der Lauf.  Sprache entstand, als sich der zirkuläre Rahmen
veränderte; gleichzeitig wurde sie zu einem wirkmächtigen Faktor bei
der dynamischen Fortentwicklung auf landwirtschaftliche Arbeits- und
Lebensformen hin.  Mit der Sprache wurde die Kreisstruktur
aufgebrochen, Sequenzen wurden möglich, und der einmal erreichte
Allgemeinheitsgrad schuf weitere Ebenen der Verallgemeinerung.  In
der Entwicklung von der durch Instinkt und biologische Rhythmen
koordinierten direkten Interaktion über eine durch melodische
Geräusche, Bewegung und Feuerzeichen koordinierte Interaktion hin zu
einer auf Wörtern basierenden Kommunikation fand die Spezies Mensch
zu ihrer Identität in Bezug auf andere Spezies.  Zugleich erfuhr sie
Kategorien wie Zweck und Fortschritt.

Im Mythos drückt sich ein pragmatischer Handlungsrahmen aus, der
durch Progression gekennzeichnet ist.  Dieser Rahmen erstreckt sich
bis in unsere Zeit, in Formen, die der menschlichen
Skala--Progression von Stammesorganisation zur polis, den Städten der
Antike--und ihren Aktivitäten entspricht.  In der heutigen
Begrifflichkeit wären Mythen Algorithmen des praktischen Lebens.  Im
Ritual konnten die zentralen Erfahrungen wie Geburt, Partnerwahl,
Geschlechtsbeziehung--allesamt bezogen auf Fortpflanzung und
Tod--innerhalb der Zirkularität von Aktion und Reaktion ausgedrückt
werden.  Im Mythos vermittelt die Sprache eine relativ unpersönliche
Erfahrung, die allen und jedem zugänglich ist.  In ihrer durch
Sprache objektivierten Form nahm diese Erfahrung den Charakter von
Richtlinien an.  Sprache ist ein Hort der Erinnerung, aber auch ein
Mechanismus des Vergessens oder Vergessen-Machens, wenn sich neue
Umstände für die Arbeit und das gesellschaftliche Leben ergeben.
Veränderte Erfahrungen spiegelten sich in allem, was bezüglich dieser
Erfahrungen in der Sprache aufgehoben war.  Häufig wurden im Akt der
Erfahrungsvermittlung Einzelheiten verändert und Mythen umgeformt.
Daraus entstanden neue Programme für neue Zielsetzungen und neue
Arbeitsbedingungen.

Die Herausbildung und kulturelle Festigung der Sprache einerseits und
die Statusveränderung des Menschen vom Homo Faber (dem Verwender von
Werkzeugen) zum Homo Sapiens (dem denkenden Wesen) andererseits
entwickelten sich im Rahmen der linearen Beziehungen von Aktion und
Ergebnis parallel.  Die Notwendigkeit, die Inhalte einer
mannigfaltigeren, indirekten und vermittelten Erfahrung zu
beschreiben, zu kategorisieren, aufzubewahren und weiterzugeben wurde
in die Sprachwirklichkeit hineinprojiziert.  Die Bedeutung der
Erfahrung für die Lösung eines vorliegenden Problems wurde ersetzt
durch die antizipierende Strukturierung zukünftiger Aufgaben mit dem
Ziel, die aufzubringende Leistung zu minimieren und das Ergebnis zu
maximieren.


Existenzrahmen

Mündlichkeit konnte vergangene Vorgänge kaum darstellen.  Wörter, die
in einem unendlichen Jetzt--der impliziten Vorstellung von
Gegenwärtigkeit--eingebunden sind, erfinden offenbar die
Vergangenheit je nach den unmittelbaren Bedürfnissen immer wieder neu.
Im mündlichen Stadium der Sprache war die Vergangenheit eine
spezifische Form der Gegenwart genau wie die Zukunft, da die Sprache
über keine Möglichkeiten verfügte, das Wort auf eine Zeitachse zu
projizieren.

Mündlichkeit ist daher an festgelegte Existenz- und Lebensrahmen
gebunden.  Die Kultur des geschriebenen Wortes ergab sich aus einem
variablen Existenzrahmen, innerhalb dessen ein neuer pragmatischer
Handlungsraum und die wachsende Skala menschlicher Tätigkeit stabile
Sprachkonturen erforderten.  Wenngleich über jeweils kürzere
Zeitspannen ein solcher Sprachentwurf als fixierter Bezugsrahmen
erscheint, bringt er doch grundsätzlich eine mobile, dynamische
Lebenspraxis zum Ausdruck, deren Ertrag sich aus der Dynamik linearer
Beziehungen ergibt.  Arbeit und soziale Interaktion, also die
pragmatische Dimension des menschlichen Daseins, erforderten die
Aufzeichnung der Sprache und prägten deren Linearität.

Hinter der über 3500 Jahre alten Keilschrift stehen Sumerer, die beim
Betrachten des Nachthimmels einen Löwen, einen Stier und einen
Skorpion erkannten.  Sie zeigt zugleich, wie die praktische Erfahrung
als kognitiver Filter fungiert: wie sie die Betrachtung unbekannter
Phänomene beeinflußt, für die es keine Begriffe gibt, und wie sie
auseinanderliegende Welten--die irdische Welt und den Himmel--in
diesem Stadium der Sprachentwicklung aufeinander bezieht.  Dies ist
umso bemerkenswerter, als das Sumerische als isolierte Sprache nur in
schriftlicher Form überliefert ist--ein Produkt jener kulturellen
Hochblüte im Südwesten Asiens, wo viele Sprachfamilien ihren Ursprung
haben.

Schrift ist auf einer höheren kognitiven Ebene angesiedelt als die
Artikulation des Wortes oder die Notierung von Piktogrammen.  Sie ist
ein vielfältiges Beziehungsgefüge, das Relationen zwischen Wörtern,
zwischen Sätzen und zwischen Bild und Sprache ermöglicht.  Auch die
Schrift brachte von Anfang an auseinanderliegende Welten in Beziehung,
aber auf einer anderen Ebene als die sumerische Keilschrift.
Schrift ermöglicht und erfordert geradezu eine weitere Sprachebene,
den Text: eine Einheit, deren einzelne Teile ihre individuelle
Bedeutung verlieren und als Ganzes eine Botschaft darstellen oder
Bedeutung hervorbringen.  Die Erfahrung, die man in bildlichen
Darstellungen, in Zeichnungen, Felsgravierungen und Holzschnitten,
gemacht hatte, wurde auf das geschriebene Wort übertragen.

Bildzeichen stellten eine komplexe Notationsform dar mit zahlreichen
Komponenten--einige sichtbar (das Schriftbild), andere unsichtbar
(die Phonetik)--und wenigen Kombinationsregeln.  Bildzeichen sind
durchaus in Zeichenfolgen angeordnet; diese erzählen von Ereignissen
oder Handlungen in ihrem natürlichen Ablauf.  Was in der Zeichenfolge
zuerst erscheint, geht allem anderen tatsächlich (zeitlich) voraus
oder nimmt in einer Hierarchie einen höheren Platz ein.  Die
Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen freien Individuen und
Sklaven sowie zwischen Eigenem und Fremdem wurde auf diese Weise
verankert.  Selbst die Schriftrichtung (von links nach rechts, rechts
nach links oder oben nach unten) liefert Aufschlüsse über die
Menschen, die ihre Identität ausdrücken, indem sie Buchstaben in
Tafeln einritzen oder sie auf Pergament malen.  Die konkreten
Piktogramme erlaubten keine Verallgemeinerungen.  Die Ausdruckskraft
war hoch, Präzision indes praktisch unmöglich.

Eine ausführliche Geschichte der Schrift beansprucht viele Kapitel in
einer Geschichte der Sprache.  Sie ist zugleich eine hilfreiche
Einführung in die Wissensgeschichte, in die Ästhetik und vermutlich
die Kognitionswissenschaft.  In der Geschichte der Schrift erkennen
wir ferner die Prozesse, die zu den Anfängen von Schriftkultur und
darauf basierender Bildung führten.Vermutlich liegen zwischen den
Höhlenmalereien und Steingravierungen und den ersten bekundeten
Schriftversuchen mehr als 30000 Jahre.  Aus der Perspektive der
Schriftkultur beinhaltet dieser Zeitraum die Loslösung des Menschen
vom Bildlich-Konkreten und die Einrichtung einer Welt aus
Konventionen und gezielter Verschriftlichung.  Abstraktes Denken ist
ohne die kognitive Unterstützung durch abstrakte Darstellungen und
die darin (teils implizit) enthaltenen Übereinkünfte und Konventionen
nicht möglich.  Die keilförmigen Zeichen der Sumerer, die
Zeremonialschrift der ägyptischen Hieroglyphen, die chinesischen
Ideogramme, das hebräische, griechische und römische Alphabet--ihnen
allen ist die Tendenz gemeinsam, die Konkretheit von Erfahrung und
Mitteilung zu überwinden.  Sie bieten ein abstraktes Zeichensystem,
aus dem sich immer komplexere Sprachen entwickeln konnten.

Bis zur Entwicklung der Schrift blieb die Sprache eng an ihre
Benutzer gebunden--an Stimme, Blick, Gehör und Berührung.  Die
Schrift objektivierte die Sprache und löste sie vom Subjekt und von
der Sinneswahrnehmung.  Die Entwicklung zur geschriebenen Sprache und
von dort zu einer zunächst begrenzten, schließlich allgemein
verbreiteten Schriftkultur begleitet die Evolution des Menschen von
einem Stadium unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung (Kreisrelation) zu
einem Stadium, in dem sich Ansprüche mittelbarer Art vermehrt
einstellten (Linearfunktion).  Der Unterschied zwischen
Grundbedürfnissen des Überlebens und den darüber hinausgehenden
Bedürfnissen des Sozialstatus (Macht, Ego, Furcht, Freude, frühe
Stadien des Bewußtseins und der Sinngebung ) ist in der Sprache
ausgedrückt, die wir ihrerseits wiederum als Teil der
fortschreitenden Selbstkonstituierung des Menschen in einem
bestimmten pragmatischen Zusammenhang begreifen müssen.


Entfremdung von der Unmittelbarkeit

Unter Entfremdung verstehen wir ganz allgemein jenen Prozeß, der uns
einen Teil unserer selbst (unseres Körpers, unserer Gedanken, Arbeit,
Gefühle, Überzeugungen) als fremd erscheinen läßt.  Wenn wir die
Erklärung dieses bedeutsamen Prozesses (und des Begriffes, der ihn
sprachlich darstellt) in die Entstehungs- und Verwendungsgeschichte
von Zeichen einbinden, können wir seine pragmatischen Implikationen
besser verstehen.

Zeichen wahrzunehmen heißt den Unterschied wahrnehmen zwischen dem,
was wir sind, und der Art, wie wir unsere Identität ausdrücken.  Wenn
Zeichen irgendeinen Gegenstand darstellen (die Zeichnung eines
Gegenstandes oder einer Person, Name, Versicherungsnummer,
Personalausweis usw.), dann ist der Unterschied zwischen dem, was
dargestellt ist, und seiner Darstellungsform eine Frage der
Angemessenheit (warum nennen wir einen Tisch Tisch oder eine
bestimmte Frau Maria) und der Entfremdung.  Der bewußte Gebrauch von
Zeichen ergibt sich vermutlich aus der Erkenntnis, daß Gedanken,
Gefühle oder Fragen fast immer ungenügend ausgedrückt werden.  Zwei
Dinge geschehen, und zwar vermutlich gleichzeitig:
1. Wenn nicht mehr der direkte Umgang mit einem Gegenstand oder
einer geplanten Handlung, sondern mit dessen Darstellung gegeben ist,
wird es schwieriger, die mit dem Gegenstand verbundenen Erfahrungen
mit anderen zu teilen.
2. Da sich auch die vorzunehmende Interpretation vom Objekt auf
dessen Darstellung verlagert, stellen sich neuartige Erfahrungen und
Assoziationen ein, die teils verwirrend, teils anregend sein können.
Das Bild war noch nahe am Gegenstand; Verwirrung stellte sich
hinsichtlich der Handlungsanweisung ein.  Die Schrift ist vom
Gegenstand weit entfernt, wohingegen Handlungen wegen der zeitlichen
Differenzierungsmöglichkeiten besser beschrieben werden können.
Mittlerweile wissen wir, daß sich laufende Bilder oder Photoserien
der darzustellenden Handlung zu diesem Zweck noch besser eignen.

Mit dem geschriebenen Wort können Ereignisse berichtet werden.
Ferner können Beziehungen und gegenseitge Verpflichtungen unter den
Mitgliedern einer Lebensgemeinschaft dargestellt werden.  Normen
können errichtet und auferlegt werden.  Insgesamt schlägt sich in der
Schrift eine fundamentale Veränderung nieder, die sich aus der
erhöhten Produktivität der gerade erst seßhaft gewordenen
Gemeinschaften ergab.  Es geht nicht mehr vornehmlich um Arbeit, um
leben (d. h. überleben) zu können, sondern um das Leben, welches der
Arbeit gewidmet ist.  Die Schrift entfremdet mehr als alle vorher
gebräuchlichen Zeichen die Menschen von ihrer Umwelt und von sich
selbst.  Einige Gefühle (Freude, Trauer) und Haltungen (Ärger,
Mißtrauen) werden selbst zu Zeichen und können, einmal ausgedrückt,
niedergeschrieben werden (in Briefen, Testamenten).  Auch die
Gedanken durchlaufen, um von anderen geteilt werden zu können, diesen
Prozeß, wie überhaupt alles, was auf Leben, Tun, Veränderung,
Krankheit, Liebe und Tod bezogen ist.

Daß Schrift und Seßhaftigkeit des Menschen zusammenzusehen sind,
haben wir schon festgestellt.  Dasselbe gilt für das Verhältnis der
Schrift zum Warentausch und zu dem, was später Arbeitsteilung heißt.
Während nämlich der mündliche Gebrauch von Sprache die
Differenzierung der Lebenspraxis ermöglicht, bringt die Verwendung
der Schrift die Teilung zwischen körperlicher und nichtkörperlicher
Arbeit mit sich.  Das Schreiben erfordert bestimmte Fertigkeiten, zum
Beispiel für die Bedienung von Schneidnadel oder Griffel, später für
die Kunst der Kalligraphie.  Zwischen der Fähigkeit zu schreiben und
der Fähigkeit, Felle zu gerben, Fleisch, landwirtschaftliche Produkte
und Rohstoffe zu verarbeiten, besteht ein großer Unterschied.  Der
gesellschaftliche Status von Schreibern belegt, daß dieser
Unterschied genügend anerkannt wurde.  Und wir sollten nicht
vergessen, daß die wenigen, die das Schreiben beherrschten, zugleich
diejenigen waren, die lesen konnten.  Dennoch belegen einige
historische Quellen eher das Gegenteil: im 13. Jahrhundert wurden
Schreiber bevorzugt, die des Lesens unkundig waren, weil das
ungestörte Abschreiben genauer war.  Ganz ähnliches finden wir heute
bei den des Englischen unkundigen Operatoren, die angesammelte
Datenkorpora auf digitale Datenträger übertragen müssen.  Während die
Zahl der Lesekundigen ständig anstieg, blieb die Zahl der
Schreibenden, die sich den wirklichen Schriftstellern als Schreiber
zur Verfügung stellten, jahrhundertelang begrenzt.

Schriftlichkeit begann in primitiven Volkswirtschaften als
overhead-Aufwand einer Elite, entwickelte sich zu einer elitären
Beschäftigung, die von Vorurteilen und Aberglauben umrankt war,
weitete sich aus, nachdem (rudimentärer) technologischer Fortschritt
ihre Verbreitung ermöglicht hatte, und erwies sich schließlich im
Industriezeitalter als Voraussetzung für gesteigerte Effizienz.
Primitiver Tauschhandel kam ohne das geschriebene Wort aus, obgleich
er fortbestand, auch nachdem sich geschriebene Sprache ihren festen
Platz gesichert hatte.

Die vom Tauschhandel bedingte Form der Entfremdung unterscheidet sich
wesentlich von jener, die von einem auf der Vermittlung des
geschriebenen Wortes basierenden Markt ausgeht.  Mit anderen Worten:
Tausch ist etwas grundsätzlich anderes als Kauf und Verkauf.  Die an
den Tauschhandel gebundenen Produkte tragen den persönlichen Stempel
derer, die sie im Schweiße ihres Angesichts produziert haben.  Zum
Verkauf stehende Produkte werden unpersönlich; ihre Identität ist
einzig das Bedürfnis, das sie stillen oder bisweilen hervorrufen.
Der Mythos als ein Satz von praktischen Programmen für eine kleinere
Zahl räumlich begrenzter Erfahrungen wurde den Erfordernissen einer
Gemeinschaft, die ihre Erfahrungen ausweitete und mit fremden
Gemeinschaften interagierte, nicht mehr gerecht.  Dem Unterschied
zwischen den Marktformen, für die entweder Mündlichkeit oder eine
frühe Form von Schriftlichkeit charakteristisch ist, entspricht der
Unterschied zwischen einem mündlich überlieferten Mythos und einer
ausgearbeiteten Mythologie, die an die Schrifterfahrung gebunden ist.
Sprache in schriftlicher Form erwies sich als soziales Gedächtnis
sui generis, als potentielle Geschichte.

Das starke Interesse an genealogischen Abfolgen (in China, Indien,
Ägypten, bei den Hebräern und in nahezu allen mündlichen Kulturen)
verrät ein Interesse am Zusammenhang und Ablauf menschlicher
Entwicklungen, die in einem Gedächtnis mit sozialen Dimensionen zu
bewahren sind.  Auch drückt sich darin ein Interesse an der Dimension
der Zeit aus, denn jede genealogische Abfolge ist ein historisches
Dokument über Menschen, Handlungen, Folgen und Veränderungen.  In
mündlichen Kulturen dienten Genealogien auch als Erinnerungstechniken,
konnten neuen Lebensbedingungen angepaßt und so neben einem Dokument
der Vergangenheit auch zu einer Anweisung für die Zukunft werden.
Anfänglich griffen die genealogischen Aufzeichnungen noch stark auf
Bildmaterial (Stammbaum) und auf das gesprochene Wort zurück und
hielten sich damit die Variabilität des Mündlichen offen.  Gleichwohl
boten die Strukturen der Schriftsprache neue Möglichkeiten des
gesicherten Ausdrucks, der Aufbewahrung, Uniformität und des
logischen Zusammenhangs.  Sie entwickelten sich aus den ersten
Versuchen, Gedanken und Begriffe zu formulieren, was schließlich zu
dem führte, was wir unter theoria verstehen--die reflektierende
Betrachtung von Dingen und ihre Umsetzung in Sprache.  Diese wiederum
schufen die Grundlage für die Natur- und Geisteswissenschaften von
gestern, zum Teil auch noch von heute.  In gewisser Hinsicht sind
auch Theorien Genealogien, mit einer Wurzel und mit Zweigen, die die
Hypothesen und verschiedenen Schlußfolgerungen darstellen.  Die
geschriebene Sprache sicherte die Dauerhaftigkeit der historischen
Dokumente (Genealogien, Besitzverhältnisse, Theorien) und
erleichterte zugleich über relativ uniforme Kodes den Zugang dazu.

In den Stadtstaaten des antiken Griechenland wurden sich indes
diejenigen, die an die begrenzte Praxis der Mündlichkeit gebunden
blieben, der Gefahren bewußt, die ein neuer Ausdrucks- und
Kommunikationsmechanismus mit sich brachte.  Die Schrift wies ihre
eigenen Formen der Ungenauigkeit auf, sei es aufgrund eines bewußten
Verhältnisses gegenüber einer bestimmten Erfahrung, sei es durch den
Wunsch, Zusammenhanglosigkeit zu vermeiden: beides wirkte sich
jedenfalls auf die Darstellung der Tatsachen aus.  Tatsachen sind,
wie wir alle wissen, nicht zwangsläufig zusammenhängend.  Daher
wenden wir alle nur denkbaren Strategien auf, sie aufeinander
auszurichten, selbst dann, wenn sie zusammenhanglos sind.  In der
mündlichen Kommunikation wird Zusammenhang dadurch hergestellt, daß
man sich unaufhörlich auf den Verlauf des Gesprächs einstellt.  Hier
gibt es eine direkte Form der Kritik, d. h. eine selbstregulierende
Funktion des Gesprächs.  Mithin bedeuten Vollständigkeit und
Zusammenhang im (offenen) Gespräch und im geschriebenen Text etwas
anderes, und im übrigen etwas wiederum anderes in formalen Sprachen.

Auch das Gedächtnis stand zur Debatte.  Als ein alternatives Medium
der Bewahrung und Tradierung ließ auch die Schrift Auswirkungen auf
das kollektive Gedächtnis befürchten--auf jenen Speicher von
Tradition und Identität, über den ein Volk im Zeitalter der
Mündlichkeit verfügte.  Schrift besitzt einen anderen Ausdruckswert
als das Mündliche und hinterläßt einen anderen Eindruck.  Und dadurch,
daß die Schrift nur den Lesekundigen zugänglich ist, wirkt sie sich
auf Aufbau und Verfügbarkeit des gemeinsamen Wissensbestandes aus.
Gesprochene Worte sind die Worte dessen, der sie äußert.  Ein
geschriebener Text nimmt ein Eigenleben an und erscheint als etwas
von außen Kommendes, Fremdes.  Geschriebenes ist vorgegeben und
nivelliert Unterschiede zwischen den Individuen; Gesprochenes kann
der Situation angepaßt oder verändert werden, die Kohärenz hängt vom
Dialogverlauf ab.  Noch heute gibt es Volks- oder
Stammesgemeinschaften (die Netsidik, Nuer oder Bassari, um nur einige
zu nennen), die das Gesprochene dem Geschriebenen vorziehen.  In
ihrer Lebenspraxis teilt der leibhaftige Ausdruck eines Menschen, der
seine Worte in Gegenwart anderer äußert, mehr an Informationen mit,
als es dieselben Worte in schriftlicher Form tun könnten.

Das kollektive Gedächtnis einer Schriftkultur verliert den Bezug zur
unmittelbaren Erfahrung und wird zu einem Speicher der vielfältigen
Vermittlungen im sozialen Leben einer Gemeinschaft.  Das, was gesagt
wird (legomena), unterscheidet sich von dem, was getan wird (dromena).
Das geschriebene Wort bezieht sich auf andere Wörter, nicht auf das,
was getan wird.  Das Gleiche gilt für den Satz, wenn er den Status
einer relativ vollständigen Spracheinheit besitzt.  Die wirkliche
Veränderung vollzog sich durch das Geschriebene, auf Papyrus, Ton,
Pergament oder Schiefertafel, auf Stein oder Blei.  Eine solche Seite
ist auf andere Seiten bezogen und letztlich auf alles Geschriebene.
Das tatsächliche Tun verschwindet aus der Geschichte; diese wird zu
einer Sammlung von Schriftstücken, sauber auf Buchregalen
zusammengetragen.  Die Bedeutung der Geschichte drückt sich aus in
der Variabilität der Beziehungen, die zwischen den einzelnen Texten
bestehen.  Wenn das Hier und Jetzt der dromena verloren ist, bleibt
uns nur das Bewußtsein von Abfolgen.  Das ist ein Gewinn, aber auch
ein Verlust: die holistische Bedeutung der Erfahrung ist verloren
gegangen.

Wie relevant der in dieser Kritik betonte Gegensatz zwischen
Mündlichkeit und Schriftlichkeit für die Phänomene unserer Zeit ist,
bedarf einer ausführlicheren Erörterung.  Seit der Zeit, in der die
erwähnte Kritik an der Schriftlichkeit geäußert wurde, hat sich die
Sprache so sehr verändert, daß wir die Texte jener Zeit nur in
kommentierten Übersetzungen lesen können.  Einige davon mußten aus
Texten einer späteren Zeit (d. h. eines anderen pragmatischen
Lebenszusammenhangs) oder aus Übersetzungen rekonstruiert werden.
Zwischen der Schriftkultur aus den Anfängen der Schrift und der
automatischen Lektüre und Textverarbeitung besteht keine unmittelbare
Beziehung.  Für einige dieser Texte müssen wir einen Kontextbezug
erstellen, ohne den große Teile dieser Texte gar nicht verständlich
wären.  Selbst das geschriebene Wort ist von dem Kontext abhängig, in
dem es verwendet wurde.  Obwohl also die geschriebene Sprache
scheinbar weniger lebendig und weniger einem Wandel unterworfen ist
als das Gespräch, verändert sie sich.  Heute schreiben wir mithilfe
von Textverarbeitungstechnologien, die sich von allen anderen Formen
des Schreibens unterscheiden.

Wir können die Kritik aus der Zeit Platons nicht völlig von der Hand
weisen.  Im Medium der Schrift wurde manch eine menschliche Erfahrung
verdinglicht.  Sie ermöglichte eine bestimmte extreme Form der
Subjektivität: Ohne Gespräch und ohne die darin mögliche Kritik wurde
Vergangenheit immer aufs Neue erfunden gemäß den Zielen und Werten
der jeweiligen Gegenwart, in die der Verfasser eingebettet war.  Im
sozialen Leben einer auf mündlicher Kommunikation beruhenden
Gesellschaft war die Meinung (griechisch doxa) das Ergebnis der
Sprache; diese mußte unvermittelt sein.  In der Schrift wird Wahrheit
gesucht und bewahrt.  Die Heftigkeit, mit der sich Sokrates gegen die
Schrift verwahrte (jedenfalls in Platons Dialogen), erklärt sich aus
seiner Einsicht, daß man sich damit zunehmend von der Quelle des
Denkens entfernte und somit der untreuen Auslegung Raum gab.
Sokrates fürchtete wie Platon die Indirektheit und verließ sich
allein auf Gedächtnis und Weisheit.

So sorgt sich Platon bezüglich der Folgen des Schreibens: "Bedenklich
nämlich, mein Phaidros, ist darin das Schreiben und sehr verwandt der
Malerei.  Denn auch ihre Schöpfungen stehen da wie lebend,--doch
fragst du sie etwas, herrscht würdevolles Schweigen."  Als einer der
ersten Philosophen, die sich mit dem Schreiben auseinandersetzten,
konnte Platon noch nicht erkennen, daß es sich dabei nicht einfach
nur um eine Transkription von Gedanken handelte (also der Worte,
durch die und in denen Menschen denken), daß sich die Gedanken beim
Schreiben anders formen als beim Sprechen und daß es sich bei der
Schrift um ein qualitativ neues Zeichensystem handelt, das in seinem
Realitätsbezug noch stärker vermittelt ist als das Reden.

Mit Blick auf unsere Gegenwart nun ist leicht zu erkennen, daß auch
heute das Gedächtnis von entscheidender Bedeutung ist.
Schriftlichkeit erweist sich dabei als große Herausforderung
bezüglich der Zuverlässigkeit des Gedächtnisses.  Einerseits ist das
Gedächtnis der Speicher jener Fakten, mit denen sich die Menschen in
der Arbeitswelt einrichten.  Ärzte, Juristen, militärische
Führungskräfte, Lehrer, Krankenschwestern und Büroangestellte greifen
dabei in stärkerem Maß auf das Gedächtnis zurück als vielleicht
Fabrikarbeiter am Fließband.  Andererseits aber verringert sich mit
erhöhter Berufsqualifikation die Notwendigkeit, auf Schriftlichkeit
zurückzugreifen, abgesehen von den anfänglichen
Bildungsvoraussetzungen, die über Bücher erworben werden.  Video,
Tonband und Diskette, digitale Speicherung und Netzwerke haben die
Bedeutung der Schriftlichkeit für die Wissensvermittlung
eingeschränkt.

Die Faktoren, die die Sprache notwendig haben entstehen lassen,
erklären auch ihre Geschichte und Eigenschaften.  Die Sprache
entstand aus einem allgemeinen Entwicklungsprozeß heraus, in dem sich
der Mensch in die Praxis seines Daseins hineinprojizierte, zu seiner
natürlichen und sozialen Identität fand und den Weg des linearen
Wachstums einschlug.  Das Stadium der Mündlichkeit legt dabei Zeugnis
ab für begrenzte, zirkuläre Erfahrungen und entspricht einer noch
nicht zur Seßhaftigkeit gefundenen Lebensform, in der der Mensch nach
Wohlergehen und Sicherheit strebte.  Sie beruhte weitgehend auf dem
lebendigen Gedächtnis und schlug sich im Ritual nieder.  Schrift und
Schreiben entwickelten sich im Zusammenhang verschiedener
weitreichender Veränderungen: eine ausdifferenzierte Lebenspraxis,
Seßhaftigkeit und ein über den Tauschhandel hinausgehender Warenmarkt,
wobei diese Faktoren sich gegenseitig beeinflußten.  Am Ende dieses
Prozesses stand die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit.
Sprechen, Schreiben und Lesen--jene Eigenschaften der Schriftkultur,
die uns aus der Sicht unserer heutigen Schriftkulturen geläufig und
selbsverständlich sind--wurden durch diese Entwicklung logisch
möglich.  Tatsächlich war das Schreiben nicht unbedingt der Anfang
von Schriftkultur und Bildung, sondern stellte die Möglichkeit zu
ihrer Herausbildung dar.  Ein Verständnis der Mechanismen der Sprache
und jener Sprachfunktionen, die mit der Entwicklung der Schrift ein
neues Entwicklungsstadium des Menschen eingeleitet hatten, wird uns
auch zu verstehen helfen, wie die Schrift zum späteren Ideal der
Schriftkultur und Bildung beitrug.



Kapitel 3:

Mündlichkeit und Schrift in unserer Zeit:
Was verstehen wir, wenn wir Sprache verstehen?

Wir sitzen vor dem Computer und sind mit dem World Wide Web verbunden.
Was liegt heute an?  Wie wär’s mit Neurochirurgie?  Irgendwo auf
dieser Welt führt ein Neurochirurg gerade eine Operation durch.  Wir
können einzelne Neuronen auf unserem Monitor sehen.  Oder wir können
mitverfolgen, wie der Chirurg die Fähigkeit des Patienten überprüft,
bestimmte Muster zu erkennen, damit er eine Karte von den kognitiven
Funktionen des Gehirns zeichnen kann, die für den Erfolg der
Operation entscheidend ist.  Ab und an wird das Gespräch zwischen
Chirurg und Assistenten durch die Einspielung von Daten auf
verschiedenen Monitoren ergänzt.  Verstehen wir die Sprache, die sie
sprechen?  Könnte ein schriftlicher Bericht über den Ablauf der
Operation ersetzen, was wir leibhaftig vor Augen haben?  Für einen
Studenten der Neurochirurgie oder einen Wissenschaftler wird sich die
Frage des Verstehens anders stellen als für einen Laien.

Nehmen wir ein anderes Beispiel.  Unter einer anderen Internetadresse
findet ein Konzert statt.  Bands aus aller Welt schicken ihre Musik
live an diese Adresse.  Die Zuhörer können zwischen den zahllosen
gleichzeitig spielenden Bands auswählen.  Man singt von
Allerweltsthemen--Liebe, Hoffnung, Verständnis.  Und dennoch: selbst
wenn wir jedes Wort verstehen könnten, verstehen wir wirklich, was
sich da abspielt?

Anstelle des Internet könnte man eine Fabrik besuchen, eine Börse
oder ein Kaufhaus.  Man könnte sich in der U-Bahn irgendeiner Stadt
wiederfinden, eine Schulklasse besuchen oder in einem Regierungsbüro
seinen Geschäften nachgehen.  Diese Szenarien verkörpern die
vielfältigen Formen menschlicher Selbstkonstituierung durch Arbeit.
Auf den ersten Blick sprechen alle die gleiche Sprache.  Aber wer
versteht was?  Einfacher gefragt: Was verstehen wir, wenn wir eine
Anweisung lesen oder beiläufig oder offiziell ein Gespräch verfolgen?
Der gegebene Kontext ist die heutige Zeit, die sich von jeder
vorausgegangenen Zeit, vor allem aber von einer Lebenspraxis
unterscheidet, die auf Schriftkultur und Bildung gründete.  Die
Antworten auf unsere Fragen sind nicht einfach.  Und die Grundlage
für die Behandlung solcher Fragen muß breiter sein als die wenigen
angeführten Beispiele.


Bestätigung als Feedback

Das Verstehen der Sprache ist weit mehr als die gründliche Kenntnis
von Vokabular und Grammatik.  Ohne Teilhabe an der Erfahrung jenseits
der Sprachäußerung ist sprachliches Verstehen nicht möglich.  Das,
was nicht zum Ausdruck gebracht wird, muß im Hörer, Leser oder
Schreiber präsent sein.  Sprache muß durch die Laut- und Wortfolge,
die gehört, gelesen oder geschrieben wird, das entstehen lassen, was
durch die wiedererkannten Wörter und die verwendete Grammatik nicht
unmittelbar ausgedrückt wird.  Hinter jedem Wort, das wir verstehen,
steht eine gemeinsame praktische Erfahrung, ein gemeinsamer
pragmatischer Handlungsrahmen oder irgendeine rudimentäre Form
gemeinsamen Verstehens als Hintergrundswissen.  "Die Grenzen der
Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt," hat Wittgenstein gesagt.
Ich würde diese Feststellung neu formulieren und Wissen an Erfahrung
binden: Die Grenzen meiner Erfahrung sind die Grenzen meiner Welt.
Die Selbstkonstituierung durch Sprache ist Teil dieser Erfahrung.

Die erste Ebene der direkten Beziehung zwischen jemandem, der etwas
sprachlich ausdrückt, und jemandem, der das Gesagte verstehen möchte,
läßt sich in eine einfache semantische Annahme bringen: Ich weiß, daß
du weißt."  Aber reicht dieses Wissen, um ein Gespräch erfolgreich
fortzuführen?  Reicht es etwa in einem Gespräch über ein zu jagendes
Tier aus, wenn der Gesprächspartner weiß, um welches Tier es geht?
Viele Semantiker würden sich damit zufrieden geben.  Sie teilen die
von Chomsky getroffene Unterscheidung zwischen Sprachkompetenz
(competence) und Sprachverwendung (performance) und führen
Kommunikationsprobleme auf die Inkongruenz unserer individuellen
Lexika, und nicht auf die unterschiedlichen praktischen Erfahrungen
der Sprachbenutzer zurück.  Zumindest theoretisch wäre demnach die
kulturelle Kongruenz einer Sprachgemeinschaft durch umfassende Lexika
usw. herzustellen.  Heute wissen wir, daß die entstehende
Industriegesellschaft zwar eine gewisse Phase relativer kultureller
Kongruenz aufgrund einheitsstiftender Faktoren durchlaufen hat, diese
Kongruenz aber mit der Erweiterung der Skala menschlicher Erfahrungen
aufgehoben wurde.  Die eingangs des Kapitels gegebenen Beispiele
haben dies verdeutlicht.

Sprache wird also nicht einfach nur auf die Erfahrungswelt der
Menschen bezogen, sie wird in ihr und durch sie geschaffen.  Das ist
eine der Haupthesen des vorliegenden Buches.  Sprachverwendung geht
der Sprachkompetenz voraus.  Das Erkennen einer Äußerung oder eines
Satzes an sich ist bereits eine Erfahrung, durch die sich Individuen
definieren.  Innerhalb einer begrenzten Erfahrungsskala bewirkte die
Homogenität der Lebensumstände eine kohärente Sprachverwendung.  Mit
steigender Bevölkerungszahl und diversifizierter Erfahrung löste sich
der homogene pragmatische Bezugsrahmen auf, folglich gab es auch
keine kohärente Sprachpraxis.  Die fortlaufende Diversifizierung der
praktischen Erfahrung führte schließlich dazu, daß Wörter und Sätze
mehrere und unterschiedliche Dinge gleichzeitig bedeuten konnten.
Die Festsetzung und Zuweisung von Bedeutung liegt stets in der
Erfahrung, durch die Individuen ihre Identität bilden.

Wenn wir die verschiedenen Elemente untersuchen, die den Status der
Schriftkultur in der heutigen Welt fragmentierter praktischer
Erfahrungen beeinflussen, erscheint Sprache in einem anderen Licht.
Aus dieser Perspektive können wir beurteilen, wie und wann durch
gleichförmige Erfahrungen ein einheitlicher Rahmen für die
Schriftkultur möglich und notwendig gemacht wurde.  Wir können
gleichzeitig sehen, von welchem Entwicklungspunkt an diese
Schriftkultur durch andere Formen der Literalität ergänzt wurde und
wodurch, wenn überhaupt, diese Vielfalt verbunden werden könnte.  Die
beiden zu untersuchenden Stadien sind die der unmittelbaren und der
vermittelten Erfahrung.  Dabei ist jener Sprachstand von besonderem
Interesse, in dem Gesten, Laute und erste Wortgebilde die
unmittelbare Erfahrung beeinflußten.

Indirektheit beinhaltet, daß man sich gemeinsamer
Bezeichnungen--Geste, Laut, Wort--bewußt ist.  Die Gemeinsamkeit
schließt die Erfahrung mit ein.  Auf dieser Ebene gibt es noch keine
Verallgemeinerung.  Handlungsmuster sind zugleich Muster der
Selbstkonstituierung: beim Jagen projiziert der Jäger physische
Fähigkeiten.  In der Beziehung zu anderen Jägern überträgt er
Fähigkeiten der Koordination, Planung und gegenseitigen Verständigung.
Dadurch wird eine Ebene der Indirektheit erreicht: die der
Rückbestätigung für alle biologischen Abläufe, in der Kybernetik
feedback genannt.  Das (stillschweigend vorausgesetzte) anfängliche
"Ich weiß, daß du weißt", wird nun zu, "Ich weiß, daß du weißt, daß
ich weiß."  Damit kommen Fragen der Koordination und Hierarchie ins
Spiel.  Wollen wir in dieser Erfahrung gar den Anfang von Bedeutung
in der Sprache sehen, wird die Folge der stillschweigenden Annahmen
noch länger: "Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß, daß du weißt."
Wir befinden uns damit auf einer kognitiven Ebene, die sich von
derjenigen der unmittelbaren praktischen Erfahrung völlig
unterscheidet.

Wir sehen, wie sich in unserer dreiteiligen Annahmensequenz Syntax
und Semantik gegenseitig bedingen und wie beide eingebettet sind in
die sie bedingende Lebenspraxis.  Übertragen auf unsere Jagdszene
heißt das soviel wie: "Ich weiß, daß du weißt, daß ich hier bin.  Wir
können unsere Handlungen so koordinieren, daß wir das Tier töten,
ohne uns dabei gegenseitig zu gefährden."  Solange die Skala
menschlicher Erfahrung begrenzt war, vollzog sich diese Übereinkunft
stillschweigend.  Sie drückte sich in reibungslos ablaufenden
Handlungsmustern aus.  Innerhalb einer erweiterten Skala wurden
Zeichen durch Wörter ersetzt, die die Koordination leisteten.  Die
Schrift ermöglichte sodann Bezugsrahmen und Medium für sehr viel
komplexere Tätigkeiten.  Der Internet Browser schließlich verbindet
eine prinzipiell unbegrenzte Zahl simultan verlaufender
Informationserfahrungen, ohne daß die an diesem Prozeß Teilhabenden
sich begrüßen oder einander zur Kenntnis nehmen.  Hierdurch entsteht
eine virtuelle Gemeinschaft von Individuen, die an der Erfahrung z.
B. einer tatsächlich verlaufenden neurochirurgischen Operation
teilhaben.  Solche neuartigen Arbeitsformen charakterisieren in einem
Stadium jenseits der Schriftkultur unseren Arbeitsplatz, unsere
Schulen und die Regierungsarbeit; ihnen allen liegen die gleichen
Kommunikationsannahmen zugrunde.

Der Jäger der Frühzeit und diejenigen, die heutzutage ihre Präsenz
durch Namensschild, Mobiltelefon, Zugangskarte, Password anzeigen,
unterscheiden sich hinsichtlich der Formen und Mittel, mit denen man
sich der gegenseitigen Präsenz versichert.  Doch selbst die einfache
Begrüßung eines Menschen, den wir zu kennen glauben, impliziert die
gesamte oben dargestellte FeedbackAbfolge.  Daraus folgt:
1. Sprache verstehen heißt, alle die zu verstehen, mit denen wir die
praktischen Erfahrungen unserer Selbstkonstituierung teilen. 2. Alle
Beteiligten müssen diese stillschweigend vorausgesetzte
Kommunikationserwartung mitbringen.
3. Jeder neue pragmatische Zusammenhang bringt neue Erfahrungen und
damit neue Formen des Kommunikationsverhaltens und ihrer
Bewußtwerdung mit sich.
Dieses Sprachverstehen vollzieht sich auf der Grundlage der
ausgeführten Annahme, "Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß, daß du
weißt...", z. B. um welche Jagdbeute es sich handelt, bzw. was eine
Operation ist, was eine bestimmte Tätigkeit in einem
Produktionsablauf für Folgen hat, welche Funktion eine bestimmte
Regierungsstelle hat.  Andernfalls würde das Gespräch versiegen, oder
es müßte ein anderes Ausdrucksmittel gefunden werden.

Bestätigung durch Sprache, Gestik und Mimik signalisiert
erfolgreiches Verstehen.  Wo immer das Verstehen ausbleibt, ist dies
auf fehlende Bestätigung zurückzuführen.  Und wenn diese Bestätigung
nicht mehr ausschließlich durch Mittel der Schriftkultur geleistet
werden kann--dazu brauchen wir uns nur die moderne Kriegsführung, die
Kontrolltechnologie für Atomreaktoren oder die mannigfaltigen Formen
elektronischer Transaktionen vor Augen zu halten--, dann ist
letztendlich auch die Notwendigkeit der Schriftkultur in Zweifel
gestellt.  Mittlerweile besteht der überwiegende Teil der heutzutage
erteilten Anweisungen aus Bildern (Zeichnungen), einer
Ton-BildMischung (Videobänder) oder einer Kombination verschiedener
Medien: die zunehmende Skepsis gegenüber der Schriftkultur, wenn
nicht seitens der Lehrenden, so doch seitens der Lernenden, kommt
also gar nicht so überraschend.  Ihre Lebenspraxis und Erfahrung
liegt bereits jenseits der Schriftkultur und einer darauf beruhenden
Form des Verstehens.  Und das gilt nicht nur für den Umgang mit dem
Internet, sondern für Arbeitsplatz, Schule, Regierung und viele
andere Formen der Lebenspraxis.


Mündlichkeit und die Anfänge der Schrift

Neben dem allgemeinen Verstehenshintergrund gibt es zahlreiche Ebenen
des Verstehens, die durch die im Sprechen, Schreiben oder anderen
Ausdrucks- und Kommunikationsformen enthaltenen Hinweise
repräsentiert werden.  So kann z. B. eine Frage durch einen
bestimmten Tonfall als solche identifiziert werden.  Die Schrift hat
je nach Sprache dafür ein bestimmtes Zeichen.  Andere Hinweise sind
tiefer verwurzelt, aber nicht weniger wichtig.  Sie beziehen sich auf
die Intention der Aussage, auf den Sprecher (Geschlecht, Beruf,
Alter), den Gesprächskontext oder Hierarchien (soziale, sexuelle,
moralische).  Viel außersprachliches Hintergrundwissen lenkt das
Verstehen.  Ein Gespräch besteht aus weit mehr als zwei Personen, die
sich Sätze zuspielen.  Es ist eine pragmatische Situation, die neben
der Sprache ebensoviel Verständnis des Gesprächskontextes erfordert;
denn jeder Gesprächsteilnehmer konstituiert sich gegenüber dem
anderen.  Die Gesprächssituation macht deutlich, daß das
Sprachverstehen eine supra- (oder para-) linguistische Angelegenheit
ist.  Sie setzt voraus, daß die innerund außersprachlichen Hinweise
erkannt und zueinander in Beziehung gesetzt werden.  Sie setzt vor
allem eine Rekonstruktion der Erfahrung voraus, die im
Hintergrundwissen verkörpert ist.

Wenn wir Mündlichkeit und die Anfänge der Schrift vergleichen,
erkennen wir, daß die Einrichtung von Konventionen sich aus der
Notwendigkeit ergab, die Konkretheit zu überwinden und Zugang zu
einem neuen, durch eine veränderte Lebenspraxis bedingten, kognitiven
Bereich zu finden.  Interessanterweise wurden jedoch Elemente der
Mündlichkeit, die eigentlich einer begrenzteren Erfahrungsskala
entsprachen, in der Struktur der Schrift auf der neuen kognitiven
Ebene beibehalten.  Heute stellt sich die Beibehaltung von
Mündlichkeitselementen weniger dringlich.  Doch man könnte dem
entgegenhalten, daß die im Englischen geläufigen Bezeichnungen wie 4
Sale (For Sale) oder Toys ‘R’ Us in die gegenteilige Richtung deuten.
Derartige Versuche, Sprache zu komprimieren, lassen erkennen, wie
man visuelle Zeichen (Ikonen) schafft, um auf einer synthetischen
Ebene den Informationsaustausch zu beschleunigen.  Die interaktiven
Multimedien oder der rege Kommunikationsaustausch im Internet bieten
viele weitere solcher Beispiele.  Schriftkultur ist hierfür weder
erforderlich noch gefragt.  Es gibt eine ausgeprägte neue Form der
Mündlichkeit, die an einige Merkmale der lange zurückliegenden
Mündlichkeit erinnert.  Das beherrschende Element dieser neuen
Mündlichkeit ist das Visuelle, das neue ikonische Zeichen.  Beispiele
hierfür sind das international geläufige Valentinsherz anstelle des
Wortes Liebe oder die in Europa verwendeten Zeichen für
Pflegehinweise in Kleidungsstücken.

Die Bezeichnung von Zeitbezügen in Texten erweist sich als besonders
problematisch aufgrund der für unsere Zeit charakteristischen Abläufe:
zahlreiche simultan laufende Transaktionen, differenzierte
Arbeitsteilung, Vernetzung, rasche Veränderung von Regeln.  Das alles
kann in einem geschriebenen Text nicht mehr angemessen wiedergegeben
werden.  Jetzt bedeutet für die, die über viele Zeitzonen hinweg
miteinander verbunden sind und miteinander kommunizieren, jeweils
etwas ganz anderes.  Der Sonnenaufgang, den wir auf der Web Page von
Santa Monica miterleben, kann mit dem Anklicken einer Taste durch ein
entsprechendes Gedicht ergänzt werden.  Die der Sprache eigene und in
der Schriftkultur instrumentalisierte Zeit- und Raumerfahrung wird
durch solche Phänomene nicht unbedingt konsolidiert.

Die Menschheit brauchte einige tausend Jahre, bis sie sich die
Konventionen der Schriftlichkeit angeeignet hatte.  Möglicherweise
wurden einige dieser Konventionen von der Hardware (Gehirn)
absorbiert und in neue Formen der Selbstkonstituierung umgesetzt.
Die Praxis des Schreibens und die Erkenntnis der Möglichkeiten, die
sich dadurch öffneten, führten zu neuen Konventionen.  Praktische
Unternehmungen, die sich aus den neuen in der Schrift (und im Lesen)
angelegten Zeit- und Raumkonventionen ergaben, veränderten die
Konventionen ebenfalls.  Die Entdeckung der Fragmentarisierbarkeit
von Raum und Zeit etwa, die sich in einer auf Mündlichkeit
basierenden Kultur vermutlich nicht einstellen konnte, ließ neue
praktische Erfahrungen und neue Theorien von Raum und Zeit entstehen.

Nachdem sich Schriftlichkeit als praktische Erfahrung durchgesetzt
und eine allseits anerkannte Wirklichkeit auf einer entsprechend
höheren Ebene der Abstraktheit begründet hatte, stellte sich auf
verschiedenen Textebenen eine Fülle von Assoziationsmöglichkeiten ein.
Einige davon waren so unerwartet und ungewöhnlich, daß ihr
Verständnis eine Herausforderung für den Leser darstellte.  Dieses
Verstehensproblem stellt sich offenbar immer dann ein, wenn neue
Ebenen ins Spiel kommen, wie zum Beispiel die der
Selbstreferentialität, die in der verkabelten Welt der Home Page
allgegenwärtig ist.  Sprache wird zunehmend zu einem Medium, an dem
wir die Beziehung zwischen dem Bewußten, dem Unbewußten oder
Unterbewußten und der Sprache beobachten können.  Bei der oben
erwähnten Gehirnoperation wurden bestimmte Neuronen gehemmt und auf
diese Weise das Erkennen von Gegenständen und Tätigkeiten
eingeschränkt.

Die unnatürliche, nichtsprachliche Sprachverwendung wird heute von
Psychologie, Neurologie, Kognitionswissenschaft und künstlicher
Intelligenzforschung auf das Verhältnis zwischen Sprache und
Intelligenz hin untersucht.  Die Notwendigkeit, die biologischen
Aspekte der Sprech-, Schreibund Lesepraxis zu behandeln, ergibt sich
aus unserer Prämisse.  Die menschliche Selbstkonstituierung vollzieht
sich, während und indem die biologischen Fähigkeiten in Erfahrung
umgesetzt werden.  Die Arbeit mit sogenannten splitbrain
Patienten--Menschen, bei denen die Verbindung zwischen den beiden
Gehirnhälften unterbrochen wurde, um epileptische Anfälle zu
verhindern--hat gezeigt, daß sogar die scharfe Trennung zwischen
linker und rechter Gehirnhälfte (der linke Teil steuert das
Sprachvermögen) fragwürdig ist.  Es zeigte sich, daß bei jeder
einzelnen praktischen Erfahrung des Menschen die biologische
Ausrüstung tätig, aber gleichzeitig zum Gegenstand der
Selbstreflexion wird.  Als man das Wort Lach! in den rechten Teil des
Blickfeldes projizierte, fingen die Patienten an zu lachen, obwohl
sie das Wort theoretisch gar nicht hätten aufnehmen können.  Auf
Befragung erklärten sie ihr Lachen mit Gründen, die nicht in
Beziehung zum sprachlichen Stimulus standen.  Ähnliches ergab sich
bei der Aufforderung, sich zu kratzen.  Diese und andere klinische
Beobachtungen werden in der Erfahrungswelt der virtuellen Realität
aufgegriffen und nutzbar gemacht.  In einem gegebenen Umfeld der
virtuellen Realität ist zum Beispiel das Nichtvorhandene bisweilen
ebenso wichtig wie das, was man vorfindet.  In den
Hintergrundskanälen, die die Interaktionsmuster der virtuellen
Realität verarbeiten, können neben Wörtern auch Reaktionsdaten der
Agierenden (Drehungen des Kopfes, Schließen der Augen,
Handbewegungen) übertragen werden.  Sie werden im Feedback wieder in
die virtuelle Realität als deren neuer Bestandteil eingegeben und der
Lage dessen angepaßt, der sich dieser Wirklichkeit überläßt.  Aus
diesem Grund bleiben die Merkmale der mündlichen Kommunikation--des
frühen und des gegenwärtigen Entwicklungsstadiums--von besonderer
Bedeutung.

In der mündlichen Kommunikation ist Hintergrundwissen leichter
verfügbar.  Die größere Nähe zwischen Ding und Wort, die
Gegenwärtigkeit der Kommunizierenden und deren Bereitschaft, die
Beziehung zwischen Wort und Bezeichnetem aufzuzeigen, die allgemeine
Verfügbarkeit der an das Wort geknüpften Erfahrung sowie die
Eins-zu-Eins-Relation zwischen Wort und Bezeichnetem erleichtern das
Lesen und Übersetzen des Wortes.  In mancherlei Hinsicht macht die
Eltern-Kind-Beziehung dieses Kindheitsstadium der Menschheit
sinnfällig.

In der jenseits der Schriftkultur sich abzeichnenden neuen
Mündlichkeit wird dieselbe Eins-zu-Eins-Relation durch
Segmentierungsstrategien erreicht.  Sprecher und Hörer teilen Raum
und Zeit--und damit Vergangenheit, Gegenwart und bis zu einem
gewissen Grad Zukunft.  Selbst wenn der Gesprächsgegenstand nicht auf
den speziellen Ort und Augenblick bezogen ist, wird ein
Referenzmechanismus in Gang gesetzt dank der Tatsache, daß die
Gesprächsteilnehmer die Erfahrung der Selbstkonstituierung teilen.
Entfernt heißt entfernt vom Gesprächsort; vor langer Zeit heißt lange
vor dem Zeitpunkt des Gesprächs.  Das Erlernen von entfernt, vor
langer (kurzer) Zeit resultiert bereits aus lebenspraktischen
Umständen, die zu einem höheren Entwicklungsstadium führten.  Heute
sind solche Unterschiede für uns selbstverständlich, und wir sind
überrascht, wenn Kinder um genauere Angaben bitten oder ein
Computerprogramm nicht funktioniert, weil die Eingaben keinen
ausreichenden Distinktionsgrad aufweisen.

Die Kategorisierung von Zeit und Raum entspricht einem relativ späten
Entwicklungsstadium.  Sie ergab sich aus einer Skala mit linearen
Beziehungen, als Ergebnis wiederholter entsprechender Erfahrungen von
Abfolgen, die sich zu Erfahrungsmustern verfestigten.  Als dieser
Referenzmechanismus für Raum und Zeit allgemein verbreitet und in
neue Erfahrungen integriert war, versetzte er den Menschen in die
Lage, die Sprache zu vereinfachen und über das tatsächlich Gesagte
hinaus Annahmen und Vermutungen zu ergänzen.  Heute ist unsere
Erfahrung von Raum und Zeit durch Relativität gekennzeichnet.
Entsprechend bedeutet der Rückgriff auf Mündlichkeit jenseits der
Schriftkultur nicht die Rückkehr zur primitiven Mündlichkeit, sondern
die Erstellung einer Referenzstruktur, die die Dynamik der heute
möglichen Beziehungen besser verarbeitet.  Raum und Zeit in
virtuellen Erfahrungen sind Beispiele dafür, daß wir uns von der
Sprache befreit haben, nicht aber von den Erfahrungen, durch die wir
unser Zeit- und Raumverständnis erworben haben.


Annahmen

Annahmen sind eine wichtige Komponente für das Funktionieren von
Zeichensystemen.  Ein zurückgebliebener Abdruck kann Sinn ergeben,
wenn er bemerkt wird.  Die Annahme, daß etwas erkannt oder bemerkt
wird, ist die minimale Voraussetzung dafür, daß etwas als Ausdruck
gilt.  Die mit dem Schreiben verbundenen Annahmen sind andere als die
der Mündlichkeit.  Sie umfassen strukturale Merkmale der praktischen
Erfahrungen, innerhalb derer die schreibenden Menschen ihre Identität
setzen.  Schriftkulturelle Annahmen sind im Gegensatz zu anderen der
Sprachlichkeit eigenen Annahmen Erweiterungen der linearen,
sequentiellen Erfahrung mit all ihren konstitutiven Teilen.  Sie
schlagen sich im Vokabular nieder, besonders aber in der Grammatik.
Die neue Mündlichkeit hingegen ist eine Erfahrung jenseits des
Bereichs, der durch die Mittel und Methoden der Schriftkultur
bestimmt ist.  Diese neue Kultur stellt die Notwendigkeit und
Berechtigung der schriftkulturellen Annahmen in Frage, und zwar
besonders mit Blick darauf, wie sie sich auf die Effizienz des
Menschen auswirken.

Die heute selbstverständlichen differenzierten Bezeichnungen für Zeit
und Raum haben sich nur allmählich und zunächst in wenig
differenzierter Weise durchsetzen können.  Und trotz unseres
ungeheuren Fortschritts müssen wir auch heute noch im Umgang mit Zeit
und Raum auf das Repertoire zurückgreifen, das in den frühen Stadien
der Menschheit entwickelt wurde.  Bewegungen von Hand, Kopf oder
anderen Körperteilen (Körpersprache), Veränderungen des
Gesichtsausdrucks und der Hautfarbe (Erröten), Atemrhythmus und
Stimmvariation (Intonation, Pause, Sprachfluß)--all dies läßt
erkennen, daß im Gespräch eine Erfahrung wachgerufen wird, die von
der Sprache allein nicht getragen werden kann.  Und diese
paralinguistischen Elemente sind in den neuen
Erfahrungszusammenhängen interaktiver virtueller Welten nicht weniger
bedeutungsvoll.

Die paralinguistischen Elemente, die in primitiven
Lebensgemeinschaften bewußt verwendet werden oder unbewußt vorhanden
sind, entziehen sich der näheren Erforschung.  Innerhalb von
Lebensgemeinschaften, deren Angehörige die gleichen genetischen
Voraussetzungen mitbringen, nehmen sie unterschiedliche Formen an.
Sie sind keineswegs auf Sprache beschränkt, wenngleich sie an die
Erfahrung der Sprachverwendung geknüpft sind.  Das gilt zum Beispiel
für das ausgeprägte Rhythmusgefühl der Schwarzen in Amerika und
Afrika oder die holistische Weltsicht der Chinesen und Japaner.  Wir
können lediglich aus Wörtern in den von uns rekonstruierten
Protosprachen oder der vermuteten einheitlichen Muttersprache der
Menschheit (Proto-Welt) folgern, daß Wörter in Verbindung mit
nichtsprachlichen Einheiten verwendet wurden.  Ob es eine solche
Muttersprache der Menschheit, eine vorbabylonische Sprache je gegeben
hat, ist eine andere Frage.  In dieser Frage verbirgt sich die Suche
nach einem allen Menschen gemeinsamen Vorfahren und dessen
vermeintlicher Sprache.  Wichtiger ist jedoch, daß die praktische
Erfahrung der Herausbildung von Sprache keineswegs alles
Nichtsprachliche eliminiert.  Das paralinguistische Element bleibt
für die Effizienz menschlicher Aktivitäten selbst dann wichtig, wenn
Sprachlichkeit eine so beherrschende Rolle spielt wie im Zeitalter
der Schriftkultur.  Ein Stadium jenseits der Schriftkultur wird nun
nicht notwendig die paralinguistischen Überreste zurückliegender
Erfahrungsräume ausgraben.  Vielmehr wird ein Rahmen geschaffen, der
ihre Einbindung in eine effektivere Lebenspraxis ermöglicht, in einen
Prozeß mit technologischen Möglichkeiten, die alle erdenklichen
Hinweise verarbeiten kann.

In einem bestimmten Rahmen von Raum und Zeit werden paralinguistische
Zeichen stark konventionalisiert.  Die Entwicklung des englischen
Wortes I (im Gegensatz zu seinen Entsprechungen in anderen Sprachen:
ich, je, yo, eu, én, ani usw.) oder die Art, wie sich die auf das
Wort two bezogenen Wörter entwickelten (Hände, Beine, Augen, Ohren,
Eltern), geben hierfür aufschlußreiche Hinweise.  Vermutlich trat zum
Beispiel das Paar zunächst als grammatische Kategorie auf und wurde
durch nichtsprachliche Zeichen markiert (Klatschen, Wiederholung,
Aufzeigen).  Einige solcher Zeichen sind noch heute gebräuchlich.
Grammatische Kategorie und die Unterscheidung zwischen eins und zwei
hängen zusammen.  Die Aranda in Australien verwenden die Wörter eins
und zwei als Grundlage ihrer Arithmetik.  Ebenso beginnt der Plural
mit zwei.  Das erscheint uns heute als selbstverständlich, aber
einige Sprachen (z. B. Japanisch) kennen keinen Plural.  Und
schließlich können die gleiche Zeichen (das Zeigen mit dem Finger,
Signale der Hand) in verschiedenen Kulturen unterschiedliche
Bedeutungen haben.  Kopfnicken bedeutet bei den Bulgaren Ablehnung,
Kopfschütteln Zustimmung.

Innerhalb einer Kultur wird jedes Zeichen zu einer bedeutenden
Hintergrundkomponente, denn es verkörpert die gemeinsame Erfahrung,
die es hervorbrachte.  Im direkten Gespräch kennen sich entweder die
Gesprächsteilnehmer oder sie lernen sich kennen; was sich in der
skizzierten und weiter kumulierbaren Voraussetzung des "Ich weiß, daß
du weißt, daß ich weiß, daß du weißt" ausdrückt.  Sprechen und
Zuhören werden so zu einer Erfahrung des gegenseitigen Verstehens,
vor allem wenn sich das Gespräch in einem nicht-linearen,
unbestimmten Kontext vollzieht, der in Form von Schriftlichkeit nicht
mehr nachgebildet werden kann.  Hierzu zählen die Kontakte in der
elektronisch vernetzten Welt und extrem schnelle Transaktionen
(Börsenhandel, Weltraumforschung, militärische Operationen), die mit
den begrenzten Möglichkeiten der Schriftkultur nicht zu leisten sind.

Mündlichkeit kann deklarativer, interrogativer oder imperativer Natur
sein.  Mit zunehmend vertiefter Erfahrung im Umgang mit Sprache und
aufgrund der dem mündlichen Sprachgebrauch impliziten Annahmen
entwickelte der Mensch allmählich seine interaktive Natur.  Diese
ergab sich aus veränderten Lebensbedingungen: in der Natur war
Interaktion auf Aktion-Reaktion begrenzt; im menschlichen Leben
entwickelten sich aus diesem interaktiven Grundmuster
Interaktionsabfolgen, welche die Bereiche des gemeinsamen Interesses
definierten.  Die fortschreitende kognitive Erkenntnis, daß die
Ansprache an ein Gegenüber dessen Fähigkeit des Verstehens, bzw. bei
unvollständigem Verstehen die Verpflichtung zur Erläuterung
beinhaltet, ist eine weitere Quelle unserer interaktiven Veranlagung.
Fragen übernehmen die Funktion der direkten paralinguistischen
Zeichen und ergänzen die interaktive Qualität des Dialogs, solange
eine gemeinsame Grundlage besteht.  Diese gemeinsame Grundlage gilt
denen, die an der Schriftkultur festhalten, als notwendige
Voraussetzung jeglicher Interaktion, wird aber unterschiedlich
definiert: einmal beruht sie auf Vokabular und Grammatik, ein anderes
Mal auf Logik, Phonetik, Aussprache oder dem kulturellen Erbe.  Gewiß
ist eine gemeinsame Sprache die notwendige Voraussetzung für
Kommunikation; das heißt aber noch lange nicht, daß eine solche
Sprache ausreichend oder ausreichend effizient dafür ist.  Die
Interaktivität, die sich jenseits des schriftkulturellen Modells
etabliert hat, läßt es möglich, wenn nicht gar notwendig erscheinen,
daß die üblichen Spracherwartungen abgelegt und durch variable Kodes
ersetzt werden, wie wir sie im Umgang mit den multimedialen
Einrichtungen oder den Interaktionsabläufen im Internet entwickelt
haben.


Wie wichtig ist Literalität?

In den voraufgegangenen Kapiteln haben wir uns gefragt, was neben
einer gemeinsamen Sprache für ein sinnvolles Gespräch notwendig ist.
Skala ist hierfür ein weiterer Faktor.  Die Skala, die einen Dialog
bestimmt, unterscheidet sich von der Skala, innerhalb derer sich die
menschliche Selbstkonstituierung einschließlich des Spracherwerbs und
der Sprachverwendung vollzieht.  Skala allein reicht nicht aus, um
einen Dialog zu definieren oder die umfassendere sprachbezogene oder
sprachbegründete praktische Tätigkeit, durch die der Mensch seine
biologische Anlage und seine spezifisch menschlichen Eigenschaften
realisiert.  Wir haben ausreichende Hinweise darauf, daß der Mensch
im frühen Entwicklungsstadium nur homogene Aufgaben lösen konnte.
Innerhalb eines solchen Rahmens war der Dialog Träger von Kooperation
und Bestätigung oder von Konflikten.  Mit zunehmender Diversifikation
nahm er eine heuristische Dimension an--die Auswahl des Nützlichen
aus einer Reihe von Möglichkeiten, selbst wenn dabei Zusammenhang und
Vollständigkeit aus dem Blick gerieten.  In einer verallgemeinerten,
auf Sprache gründenden Lebenspraxis kam neben der Heuristik ("Wenn es
hilft, tu es") auch die Logik ins Spiel ("Wenn es richtig ist" /
"Wenn es sinnvoll ist"), und durch deren Vermittlung gehörten
schließlich auch Wahrheit und Unwahrheit zum Spektrum der
Spracherfahrung.  Damit wirkt Sprache integrativ.  Dieser integrative
Einfluß verstärkt sich in dem Maße, in dem Mündlichkeit durch die
begrenzte Schriftkultur von Schreiben und Lesen ersetzt wird.

Die Schriftkultur der Industriegesellschaft stillte den Bedarf nach
einheitlichen und zentralisierten Rahmen für die Lebenspraxis
innerhalb einer Skala, der die Linearität der Sprache auf optimale
Weise gerecht wurde.  Heutzutage konstituieren wir uns und unsere
Sprache durch Erfahrungen, die es in einer solchen Vielfalt bislang
nicht gegeben hat.  Diese Erfahrungen sind kürzer und relativ
partiell, sie stellen nur einen kurzen Moment dar in dem
umfassenderen Prozeß, den sie ermöglichen.  Das Ergebnis ist eine
soziale Aufsplitterung.  Sie vollzieht sich selbst innerhalb der
angenommenen Grenzen einer Sprachgemeinschaft, die angeblich eine
Nation ausmachen und die paradoxerweise ihr angekündigtes Ende
überdauern.  In Wirklichkeit gibt es gar keine gemeinsame Sprache
einer Sprachgemeinschaft mehr, zumindest funktioniert sie nicht mehr
so wie gewohnt.  An ihre Stelle treten provisorische Bindungen, die
einen neuen Rahmen für Tätigkeiten bieten, die man nicht mehr als
eine durch Schriftkultur definierte Erfahrung ausüben kann.  Für jede
dieser schnellebigen und rasch sich verändernden Bindungen entwickeln
sich Teilsprachen von begrenzter Dauer und begrenztem Wirkungskreis.
Sie wiederum sind begleitet von Subformen der Schrift und Bildung.
Eine derartige Erfahrung bietet eine neue Plattform für vermehrte
Mündlichkeit unter Bedingungen, die nicht mehr der Schriftkultur
eigen sind, sondern aus neuen Technologien jenseits der Praxis der
Schriftkultur hervorgehen und daher eine erhöhte Effizienz aufweisen.
Darüber hinaus können natürliche Zeichen oder Hieroglyphen bestimmte
Anweisungen ebenso gut oder gar besser als die Schrift vermitteln.

Die Schriftkultur legt eine Reihe von stillschweigenden Annahmen nahe:
In der Schriftkultur gebildete Eltern erziehen ihre Kinder zu
entsprechender Bildung.  Gemeinschaftssinn setzt voraus, daß die
Mitglieder einer Gemeinschaft von der Zweckmäßigkeit dieser Bildung
überzeugt sind und an ihr teilhaben.  Religiosität ist an Bildung
gebunden.  Nur gebildete Menschen können am gesellschaftlichen Leben
teilnehmen.  Wir sollten uns angesichts solcher Annahmen jedoch
vergegenwärtigen, daß der abstrakte Bildungsbegriff, der davon
ausgeht, daß eine gemeinsame Sprache automatisch zu gemeinsamen
Erfahrungen führt, falsche Hoffnungen weckt.  Die Kinder gebildeter
Eltern sind keineswegs ebenfalls gebildet.  Es ist viel
wahrscheinlicher, daß sie wie die Kinder aus anderen Elternhäusern
längst in die jenseits der Schriftkultur angesiedelten Arbeits- und
Lebensstrukturen eingebunden sind.  Das ist weder eine Frage der
individuellen Entscheidung, noch der elterlichen Autorität.

Auf dem digitalen Highway, auf dem immer mehr Menschen ihre
Koordinaten setzen, etablieren sich Beziehungsgemeinschaften, die an
keine Lokalität gebunden sind.  Das allenthalben vorherrschende
Zeichen @ trägt dabei allein die nötige Identifikationsleistung.  Die
Teilhabe an solchen Gemeinschaften ist grundverschieden von allen
bisher geläufigen Formen der auf Schriftkultur beruhenden
Gemeinschaft, die von gegenseitigen Abhängigkeiten getragen und durch
Schreibfähigkeit ebenso wie durch Autorität und an industrielle
Produktionszyklen gebundene Arbeitsweisen gekennzeichnet sind.

In den Kommunikationsformen unserer Zeit ist die Bildungs- und
Schriftkulturkomponente nicht nur zurückgedrängt, sie verzeichnet im
Vergleich zu anderen Kommunikationsformen den stärksten prozentualen
Rückgang.  In diesem neuen Rahmen müssen Staatsgebilde und
Verwaltungsapparate um ihr Überleben kämpfen.  Doch die dafür
verwendeten Methoden und Instrumente der Schriftkultur haben sich
wiederholt als ineffizient erwiesen.  Solche Feststellungen erübrigen
keineswegs Fragen nach dem Verstehen von Schrift, von welcher Bildung
und Schriftkultur stärker abhängen als von gesprochener Sprache.
Doch zu den neuen Fragestellungen dieses Buches gehört auch, wie sich
Sprachverstehen vollzieht in einem neuen pragmatischen Rahmen, in dem
Sprache von den Beschränkungen der Schriftkultur befreit ist.


Was ist Verstehen?

Die Anfänge der Schrift hatten piktographischen Charakter.  Der
Vorteil lag im direkten Zugang zur Welt, die unmittelbar und für alle
gleichermaßen zu erkennen war; der Nachteil lag darin, daß der
Verallgemeinerungsgrad des Ausdrucks nur potentiell gegeben war.  Die
Notation blieb auf die Dinge, weniger auf die Sprache bezogen.  Diese
bildbezogene Sprache entwickelte sich analog zu einem relativ
einfachen Rahmen der Raum- und Zeitbezeichnung.

Die Alphabetschrift überwindet den auf Ähnlichkeit beruhenden
Erfahrungsrahmen.  Wenn Zeit nicht ausdrücklich angegeben ist oder
Raumkoordinaten nicht bewußt benannt werden, sind Zeit und Raum im
Text und in der Grammatik umgesetzt.  Damit verändert sich die
Kommunikation, sie wird durch abstrakte Größen vermittelt, deren
Bezug zur Erfahrung sich wiederum aus zahlreichen Substitutionen
ergibt, über die der Leser nicht verfügt.

Hinweise in der Schrift sind zuallererst Hinweise auf Sprache, erst
in zweiter Linie auf menschliche Erfahrung.  Die Lektüre eines Textes
erfordert daher die aufwendige kognitive Rekonstruktion der
ausgedrückten Erfahrung und ist stets mit der Unsicherheit darüber
verbunden, ob das Verstandene auch angemessen verstanden wurde.  Bei
der Lektüre eines Textes gibt es niemanden, den man fragen kann, der
unser Verstehen seinerseits aktiv nachvollzieht oder es bezweifelt.
Der Autor existiert als Projektion im Text nicht anders als der Autor
in den von uns gekauften und verwendeten Waren.  Jeder Text ist eine
Realität auf Papier oder anderen Speichern und Vermittlungsträgern.
Hinweise können aus Autorennamen oder aus historischen Kenntnissen
gewonnen werden.  Niemals aber kann es den gegenseitigen Austausch
eines mündlichen Gesprächs geben, das gemeinsame Bemühen der
gegenwärtigen Kommunikationspartner.

Wie komplex Schrift auch immer sein mag, es fehlt ihr doch die
interaktive Komponente der Mündlichkeit.  Diese Einschränkung ist
einer der Gründe dafür, daß Schriftkultur unsere aus der Praxis der
Interaktivität hervorgehenden Erwartungen nicht mehr erfüllen kann.
Eine metaphorische Verwendung des Begriffs der Interaktivität, die
die "interaktive" Beziehung zwischen Leser und Text durch Lektüre,
Interpretation und Verstehen beschreibt, ist eine ganz andere
Angelegenheit.  Schwierigkeiten beim Sprachverstehen können natürlich
überwunden werden, aber nicht mechanisch dadurch, daß ich die
Sprachfähigkeit durch das Erlernen von fünfzig weiteren Vokabeln oder
eines weiteren Grammatikkapitels verbessere, sondern nur über
verbessertes Hintergrundwissen durch Erweiterung der Erfahrung, auf
der dieses gemeinsame Wissen beruht.

Wenn wir indes diesen Weg einschlagen, verlassen wir den
einheitlichen Rahmen der Schriftkultur, innerhalb dessen die
Erfahrungsvielfalt auf Schreiben, Lesen und Sprechen beschränkt ist.
Wenn diese Beschränkung nicht mehr leistungsfähig ist--was wir unter
den derzeitigen Existenzbedingungen zunehmend erfahren--, wird auch
das Verstehen von Sprache immer schwieriger.  Andererseits hängt
unsere Selbstkonstituierung von dem Ergebnis unseres Sprachverstehens
ab.  Als einfaches Beispiel können uns hier die zahlreichen
Handbücher zur Computer-Software dienen.  Sie sind in einfacher
Sprache abgefaßt, aber dennoch schwer zu verstehen.  Und sind sie
einmal verstanden, ist der Ertrag mager.  Daher ist man auch dazu
übergegangen, anstelle der schriftlichen Anleitung die nötigen
Anweisungen online zu geben, und zwar durch graphische Darstellung
oder durch einfache bewegte Bilder.  Der vorliegende Rahmen der
Spezialisierung beschränkt dabei die Anweisung auf das für die
Aufgabe notwendige Ausmaß.  Im Rahmen einer derartigen
fortschreitenden Spezialisierung werden dann auch Lesen und Schreiben
zu einem Bereich der Spezialisierung unter anderen.  Schriftkultur
und darauf beruhende Bildung ist damit eine bestimmte, spezifische
Form menschlicher Praxis, und nicht mehr ihr gemeinsamer Nenner.

Das Schreiben als eine eigene spezifische Form der Praxis trägt in
diesem Zusammenhang zur Aufsplitterung der Gesellschaft, statt zu
ihrer Vereinigung bei.  Spezialisierte Formen des Schreibens fördern
die allgemeine Tendenz zur Spezialisierung und rufen spezialisierte
Formen des Lesens hervor.  Das sei etwas näher erläutert.

Selbst wenn Autoren versuchen, ihre Sprache auf ein bestimmtes
Lesepublikum auszurichten, sind sie nur teilweise erfolgreich, weil
die involvierten Erfahrungsbereiche nicht deckungsgleich sind.
Entweder wird der Autor zum Opfer der Sprache (jenem
hochspezialisierten Sprachregister, das auf einen spezifischen
Wissensbereich zugeschnitten ist) und ahmt in Grammatik und Rhetorik
das normale Gesprächsverhalten nach.  Oder aber er übersetzt oder
erläutert, wie in populärwissenschaftlichen Publikationen zu Physik,
Genetik, den Künsten oder der Psychologie.  In diesem
interpretierenden Diskurs werden Einzelheiten ausgelassen oder
ergänzt, um die Wissensgrundlage zu erweitern.  Bestimmte
Ausdrucksmittel wie Vergleiche und Metaphern sollen unterschiedliche
Hintergründe überbrücken und die Leser zu neuen Erfahrungsebenen
führen.  Und selbst wenn sich die Leser dieser Mittel bewußt sind,
kann das nicht den Mangel an Erfahrung ausgleichen, wodurch allein
ein Text Sinn ergibt.  Ein juristischer Schriftsatz, ein
militärischer Text, eine Investmentanalyse, die Evaluierung eines
Computerprogramms sind Beispiele hierfür.  Sie sind auf Englisch oder
Deutsch geschrieben, aber sie beziehen sich auf Erfahrungsbereiche,
die nur Juristen, Offizieren, Maklern oder Programmierern zugänglich
sind.

Autoren, Redner, Leser und Zuhörer sind sich der Anpassungen bewußt,
die zum Verständnis dieser und ähnlicher Texttypen nötig sind.  Ein
direktes Gespräch, für das man allerdings gemeinsame Zeit aufbringen
muß, kann einen solchen Anpassungsrahmen bieten, eine gedruckte
Textseite sehr viel weniger.  Bestenfalls kann ein Leser seine
Reaktion wiederum zu Papier bringen oder schriftlich um ergänzende
Erläuterungen bitten, um auf diese Weise den Geist des Gesprächs zu
treffen.  Die Erfahrung des Schreibens und Lesens hat immer weniger
den Charakter einer allgemeinen Erfahrung und immer mehr den einer
hochspezialisierten Tätigkeit.  Schrift kann von Maschinen gelesen
werden.  Als Hilfsmittel für Blinde lesen solche Maschinen
Anleitungen, Zeitungsartikel und Untertitel von Videofilmen.
Synthetische Stimme, Auge und Nase, Berührungssensor oder
Geschmacksübersetzer operieren in einem Bereich, der völlig losgelöst
ist von dem Leben, das in den entsprechenden Text (Bild, Geruch,
Textur, Geschmack) eingegangen ist und das der Leser (Zuschauer,
Riechende, Fühlende, Schmeckende) von sich aus hinzuzufügen hätte.

Schriftkultur, verstanden als ein universelles und immerwährendes
Medium für Ausdruck, Kommunikation und Bezeichnung hat eine
romantische oder auch demokratische Haltung gegenüber Kunst, Politik
und Wissenschaft gepflegt.  Sie ging von folgenden Voraussetzungen
aus: da jeder reden, schreiben und lesen sollte, kann und soll ein
jeder reden, schreiben und lesen; kann und soll ein jeder Literatur
mögen, am politischen Leben teilhaben und die Wissenschaften
verstehen.  Das traf in gewissem Maße auch zu, solange Dichtung,
Politik und Wissenschaft mehr oder weniger unmittelbare Bestandteile
der Lebenspraxis waren und der Skala der menschlichen Tätigkeit
entsprachen, die sich in linearen, homogenen Erfahrungen
herausbildete.  Nun, da sich die Skala verändert, die Dynamik
beschleunigt, die Vermittlung vermehrt und Nicht-Linearität etabliert
hat, stehen wir vor einer neuen Situation.  Dichter, Redenschreiber
und Wissenschaftsautor wenden sich längst nicht mehr an die gesamte
Bevölkerung; mehr noch, da sie selbst den Prozessen der
Arbeitsteilung unterworfen sind, tragen sie auf ihre Weise zur
Förderung von Teilbildung und Aufsplitterung der Gesellschaft bei,
obwohl sie eigentlich das Gegenteil bewirken wollen.  Als Reaktion
auf die traditionellen Ansprüche der Schriftkultur stellt eine
allgemeine dekonstruktivistische Haltung gegenüber Texten die
Dauerhaftigkeit der philosophischen Abhandlung, wissenschaftlicher
Systeme, der Mathematik, des politischen Diskurses und vor allem der
Literatur in Frage.  Die Methode ist überall die gleiche: die
Mechanismen aufzuzeigen, die die Illusion von Dauerhaftigkeit und
Wahrheit schaffen.  Texte sind plötzlich nur noch Mittel zu einem
Zweck, der nicht mehr unmittelbar zählt.  Daraus ergibt sich eine
Beschreibung der Ausdruckstechnologie, die von all jenen begrüßt wird,
die gegenüber der Universalität von Wissenschaft, Politik und
Literatur skeptisch geworden sind.  Wenn jedes Zeichen (unabhängig
vom Thema) nur sich selbst bezeichnet und die in ihm verkörperte
Erfahrung diejenige seiner Hervorbringung ist, dann hätte das Projekt
des Dekonstruktivismus seinen Höhepunkt erreicht.


Worte über Bilder

Das geschriebene Wort trat fast immer, wie wir wissen, zusammen mit
anderen Bezeichnungssystemen auf, besonders mit Bildern.  Insofern
ist unsere Frage, was wir beim Verstehen von Sprache verstehen, auch
geknüpft an die Frage, ob Bilder beim Verstehen von Texten hilfreich
sein können.  Zweifellos tragen Bilder (zumindest manche) aufgrund
ihrer kognitiven Merkmale bessere Interpretationshinweise als Wörter
oder Schriftmittel.  Bilder können besser als Texte den abwesenden
Autor ersetzen.  Sofern sie den Konventionen der Realität folgen,
kann ein Individuum mit ihrer Hilfe den Raum- und Zeitrahmen oder
eines von beiden wachrufen.  Andererseits sind Bilder nicht unbedingt
die besseren Informationsvermittler, ihre Vorzüge gehen auf Kosten
des Verstehens, der Klarheit oder der Kontextabhängigkeit.

Vor allem kann die Konkretheit des Bildes die Vorteile der
Abstraktion nicht ersetzen.  Das dichte Medium der Schrift steht in
deutlichem Kontrast zum diffusen Medium des Bildes.  Auch ist die
jeweilige Komplexität nicht vergleichbar.  Im Internet einen Text
herunterzuladen ist etwas ganz anderes, als Bilder darzubieten.  Wenn
allerdings die Komplexität eines Bildes hoch ist, wird seine
Dekodierung genauso kompliziert wie die eines Textes und das Ergebnis
entsprechend weniger genau.  Daher versucht man es am liebsten mit
einer Kombination aus Bild und Wort.  Wir können daraus auch etwas
über die Strategien für die Verknüpfung von Text und Bild lernen:
Redundanz richtet die Interpretation auf das Wesentliche;
Komplementarität erweitert den interpretatorischen Blickwinkel;
andere Strategien wie Kontrastierung von Text und Bild,
Paraphrasierung des Textes durch Bilder oder das Ersetzen des einen
durch das andere beeinflussen je auf ihre Weise durch die
Bereitstellung von Erklärungszusammenhängen die Interpretation.
Weite Bereiche unserer heutigen Kultur--von Comics und Bildromanen
über Werbung und Soap Operas im Internet--greifen auf solche und
ähnliche Strategien zurück.

Im vorliegenden Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Erfahrung,
die wir für das Verständnis eines Textes benötigen, durch Bilder
ersetzt werden kann.  Sollten wir sie bejahen können, würden Bilder
fast die Rolle eines Gesprächspartners übernehmen.  Als Produkte der
menschlichen Erfahrung verkörpern Bilder genauso wie die Sprache eben
diese Erfahrung.  Das Verstehen von Bildern ist also nicht
gleichzusetzen mit der bloßen Anschauung von ihnen.  Das hat sich
bereits bei geschriebener Sprache gezeigt.  Wörter oder Sätze auf dem
Papier zu sehen geht deren Verstehen voraus.  Die Natürlichkeit der
Bilder (jedenfalls solcher, die dem äußerlichen Erscheinungsbild
unserer Welt entsprechen) macht den Zugang zu ihnen bisweilen
leichter als den zur geschriebenen Sprache.  Aber dieser Zugang
ergibt sich niemals automatisch und sollte nicht als
selbstverständlich angesehen werden.  Und während das geschriebene
Wort nicht unmittelbar zur Nachahmung einlädt, spielen Bilder hier
eine aktivere Rolle und lösen andere Reaktionen als Wörter aus.
Sprachkodes und visuelle Kodes sind nicht aufeinander reduzierbar;
sie besitzen unterschiedliche pragmatische Funktionen.

Vorliegende Forschungsergebnisse erweisen ziemlich eindeutig, daß ein
mithilfe von Bildern verbessertes Textverständnis nicht einfach auf
die Präsenz von Bildern zurückzuführen ist, sondern auf bestimmte
Lesermerkmale.  Das zeigt erneut, wie wichtig ein Hintergrundwissen
für das Verständnis von Texten, Bildern und anderen zur Sprache
verfestigten Ausdrucksformen ist.  Die Forschungsverfahren beruhten
dabei auf empirischen Messungen von sogenannten
Textverarbeitungsprozessen bei Lesern.  Bei den Untersuchungen wurden
die Augenbewegungen aufgezeichnet und mit dem Textverständnis
korreliert, was Aufschluß über die Interaktion von Text und Bild gab.
So sind Bilder für sogenannte schlechte Leser eindeutig hilfreich.
Für erfahrene Leser waren Bilder irrelevant, wenn die Information im
Mittelpunkt stand.  War die Information weniger wichtig,
beeinträchtigten Bilder die Lektüre.  Auch zeigte sich, daß der
Texttyp--expositorisch, erzählend--kein besonderer Faktor ist und daß
Bilder dabei helfen, Texteinzelheiten zu erinnern.  Das ist
allerdings schon seit mindestens 300 Jahren bekannt.  Im
elisabethanischen Theater lernten die Schauspieler ihre Texte
auswendig, indem sie bestimmte Passagen mit bestimmten
architektonischen Details des Theatergebäudes verknüpften.
Letztendlich ergaben all diese Untersuchungen, daß die Auswirkung von
Bildern auf das Verständnis geschriebener Texte nicht leicht zu
erklären ist.  Das kann kaum überraschen, wenn man auf
Schriftlichkeit basierende Meßverfahren verwendet, um die Grenzen der
Schriftlichkeit zu bestimmen.  Ob zufällig auftretende oder dem Leser
aufgenötigte Bilder, ob quasi-lineare oder komplizierte Texte (d. h.
solche, die auf komplexe praktische Erfahrungen zurückgehen)--die
Beziehung zwischen Bild und Text scheint keinem klaren Muster zu
folgen.  Wenn wir die Ursachen und Eigenarten von Leseschwierigkeiten
ergründen wollen, erweisen sich solche Experimente wie alle anderen,
die auf der Prämisse der Schriftlichkeit beruhen, als untauglich.

Derartige Untersuchungen bestätigen eigentlich nur, daß es heutzutage
selbst unter Schülern und Studenten viel weniger Gemeinsamkeiten gibt
als zu jener Zeit, in der sich das Schreiben und Lesen herausbildete.
Die Diversifikation unserer Erfahrung vor dem Hintergrund einer
relativ stabilen Sprache, die als allgemeiner Kulturstandard
vorausgesetzt wird, sollte uns veranlassen, eben diese Beziehung zur
Erklärung der vorliegenden Daten und auch zur Erklärung der
ursprünglichen Fragestellung heranzuziehen.  Warum in den
zurückliegenden Jahren das Lesen, Verstehen und Erinnern von
geschriebener Sprache trotz der vermehrten Anstrengungen von Schule,
Elternhäusern, Arbeitgebern und Ministerien immer mehr zum Problem
geworden ist, weiß niemand zu sagen.  Wie sehr wir uns auch immer
bemühen, das Verständnis eines Textes durch die Verwendung von
Bildern zu erhöhen, die Notwendigkeit von Texten als Ausdruck einer
schriftkulturellen praktischen Erfahrung ist damit keineswegs
gesteigert.  Zu solchen Ergebnissen kommen wir nicht leichtfertig,
denn wir sind noch immer durch die Schriftkultur konditioniert.
Jenseits solcher Konditionierungszwänge stellen sich andere
Erfahrungsinhalte ganz natürlich ein.  So erklärt sich auch, warum im
Internet der Tenor des sozialen und politischen Dialogs viel
vorurteilsfreier ist als das, was wir in Büchern, Zeitungen und
Fernsehsendungen vermittelt bekommen.  Das ist nicht als eine neue
Form von technologischem Determinismus zu verstehen.  Mir geht es um
die neuen pragmatischen Umstände, nicht um die darin eingebundenen
Mittel.

Vermutlich hat Korzybski recht, wenn er sagt, Sprache sei "eine Karte,
die das verzeichnet, was sich in uns und außerhalb von uns abspielt."
Angesichts des Entwicklungsstandes, den unsere Zivilisation
erreicht hat, ist keine der bislang gezeichneten Karten genau genug.
Wenn wir die für die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung
wesentlichen Einzelheiten abbilden wollen, müssen wir die Veränderung
in der Metrik (d. h. in der Skala der verzeichneten Einheit) und in
der Dynamik berücksichtigen.  Die Welt verändert sich, weil wir uns
verändern, und damit eröffnen wir der Welt neue Dimensionen.

Wenn wir Ähnlichkeiten mit vergangenen Stadien erkennen--also etwa
dem der Mündlichkeit--, gewinnen sie nur dann Bedeutung, wenn wir sie
im angemessenen Kontext betrachten.  Die moderne Technologie hat die
Probleme, die mit der langsamen Geschwindigkeit der Schallwellen
zusammenhingen, gelöst und die mündliche Kommunikation über weite
Entfernungen hinweg (Telekommunikation) zu einer einfachen
Angelegenheit gemacht.  In früheren Zeiten konnten Personen auf zwei
benachbarten Hügeln sich entweder besuchen, sich zurufen oder Feuer-
und Lichtsignale senden.  Heute können wir mit jemandem sprechen, der
gerade in einem Flugzeug sitzt, im Auto fährt, spazierengeht oder den
Mount Everest besteigt.  Auf diese Weise sind wir über die
Telefontechnologie überall auf der Welt so genau zu orten wie durch
das in Satelliten installierte Global Positioning System (GPS).  Das
Telefon als neues Medium der Mündlichkeit erübrigt jede Form der
physischen Präsenz und kann praktisch überall aktiviert werden.  Auf
diese Weise wurde die heutige Kommunikation revolutioniert und
Mündlichkeit in einem global wirkenden, komplexen und kontrollierten
Handlungsrahmen wiederbelebt und mit neuen Funktionen versehen.  Im
digitalen Netzwerk, das zunehmend zu unserem Medium der
Selbstkonstituierung geworden ist, sind wir gleichzeitig Absender und
Adresse.  Mit einem Tastendruck sind wir, wo immer wir sein wollen,
was wir sein wollen und was wir zu tun vermögen.  Mit einem weiteren
Tastendruck werden wir zum Gegenstand der Interessen, Handlungen,
Nachfragen eines anderen.  Die Verwendung von Bildern gehört in
diesen weiten Rahmen, ebenso das allgegenwärtige und, wie es manchmal
scheint, allmächtige Fernsehen.  Das hat uns mit der gesamten Welt
verbunden; zugleich aber haben wir die Bindung an uns selbst verloren.
Die Bandbreite für Interaktionen durch eine Vielfalt von Kanälen
hat sich vom Kupferdraht auf Glasfiber-Datenautobahnen ausgeweitet
und damit eine Struktur geschaffen, die unsere Koordinaten in einer
Welt der global ausgelegten Handlungsräume neu definiert.  Wir setzen
die physikalischen Gesetze außer Kraft und sind gleichzeitig an
mehreren Orten.  Wir können auch gleichzeitig mehr als nur eine
Person sein.  Das Verstehen von Sprache wird unter solchen
veränderten Umständen zu einer gänzlich neuen Erfahrung unserer
Selbstkonstituierung.

Dennoch bedeutet das Verstehen von Sprache immer noch, diejenigen zu
verstehen, die sich durch Sprache ausdrücken, gleich welches Medium
sie dafür verwenden.  Die Schriftkultur ermöglichte es, die Sprache
eines Zivilisationsstadiums zu verstehen, dessen Skala der linearen
Natur des Schreibens und Lesens und der in der Sprache angelegten
Wahrheitslogik entsprach.  Gleichwohl weist Schrift keine
heuristischen Dimensionen auf, ist langsam und ermöglicht nur
begrenzt Interaktivität.  Das Irrationale unterwirft sie der
Rationalität und unser gesamtes Leben ihrer bürokratischen Sorge.
Eine allen gemeinsame Erfahrung in einem begrenzten Lebensrahmen, wie
sie für die Anfänge der Sprachnotation charakteristisch war,
erleichtert die Interpretation.  Divergente Erfahrungen, die dem
Streben nach Nützlichkeit, Effizienz, Vermittlung entspringen und
weniger Gemeinsames aufweisen, bringen es mit sich, daß die Sprache
unserer Selbstkonstituierung in geringerem Maße entspricht und daher
auch schwerer zu verstehen ist.  So gesehen macht die Schriftkultur
alles, was sie umfaßt, gleichförmig; deshalb widersetzt man sich ihr.
Sie ist alles andere als eine bloße Fertigkeit; sie ist gemeinsame
Erfahrung, die sich in der Arbeit und im sozialen Leben einstellte.
Veränderungen des pragmatischen Rahmens führten zu der Einsicht, daß
Schriftkultur sehr wohl dazu dienen könnte, Brücken zwischen den
verschiedenen fragmentarisierten Wissens- und Erfahrungsbereichen zu
schlagen, nicht aber, diese zu verkörpern.  Sie könnte sich durchaus
noch darauf auswirken, wie wir Sondersprachen als Instrumente für
unsere verschiedenen Zugriffe auf die Welt, für unsere
Veränderungsversuche und für die Darstellung der Ergebnisse solcher
Versuche verwenden.  Daraus folgt indes noch lange nicht, daß
Schriftkultur der einzig heilbringende Lösungsweg für Ausdruck,
Kommunikation und Bedeutung bleiben wird oder bleiben sollte.



Kapitel 4:


Die Funktionsweise der Sprache

Funktionieren ist ein Verb, das aus dem Umgang mit Maschinen
abgeleitet ist.  Von Maschinen erwarten wir eine gleichbleibende
Leistung in einem bestimmten Bereich.  Wenn wir diesen Begriff
metaphorisch auf die Sprache anwenden, sollte uns bewußt bleiben, daß
Sprache aus menschlicher Interaktion erwächst, die mit
Zeichensystemen zu tun hat, besonders mit jenen, die schließlich in
der Schriftkultur gipfelten.  Folgende Probleme sollen behandelt
werden: wir wollen die Sprachfunktionen benennen, die sich in
verschiedenen pragmatischen Zusammenhängen abzeichnen; die Prozesse
vergleichen, in denen diese Funktionen ausgeübt werden; und die
pragmatischen Umstände beschreiben, unter denen bestimmte
Funktionsmechanismen die Praxis nicht mehr mit der Effizienz
unterstützen, die die Skala des pragmatischen Rahmens eigentlich
erfordert.


Ausdruck, Kommunikation, Bedeutung

Üblicherweise werden Sprachfunktionen entweder mit Gehirntätigkeit
assoziiert oder über den Bereich menschlicher Interaktion definiert.
Im ersten Fall wird Sprachverstehen, Sprachproduktion, Lese-,
Aussprache- und Schreibfähigkeit untersucht.  Durch nicht-invasive
Methoden versucht der Neuropsychologe aufzuzeigen, wie Erinnerung und
Sprachfunktionen mit dem Gehirn zusammenhängen.  Im zweiten Fall
liegt das Augenmerk auf sozialen und kommunikativen Funktionen, mit
zunehmendem Interesse an unterliegenden Aspekten (die oft an
Computermodellen durchgespielt werden).  Mein Ansatz dagegen verlegt
die Sprachfunktionen in den Bereich der praktischen Erfahrung, in die
Pragmatik der menschlichen Spezies.  Sprachfunktionen werden
zuallererst durch Zeichenprozesse verkörpert.

In einem vorsprachlichen Zustand funktionierten Zeichen auf der
Grundlage ihrer ontogenetischen Bedingungen.  Es waren
zurückgelassene Markierungen--Fußeindrücke, Blut aus einer Wunde,
Bißabdrücke--, die nur in dem Maß Assoziationen erlaubten, in dem
Individuen ihre Entstehung erfuhren oder nachvollzogen.  Das Erkennen
solcher Zeichen führte zu einfachen Assoziationsmustern wie Aktion
und Reaktion, Ursache und Wirkung.  Die Erfahrung, daß ein Biß einen
Abdruck hinterläßt, ist ein Beispiel dafür.  Hinweise auf Gegenstände
(abgebrochene Zweige am Weg, Obsidiansplitter an Stellen, an denen
Steine bearbeitet worden waren, zurückgebliebene Asche) und Symptome
(von Stärke oder Schwäche) sind weniger unmittelbar, aber ebenfalls
noch ohne jegliche Intentionalität.  Die nichtintentionale
Zeichenerfahrung fand mit der Nachahmung ein Ende.  Bei nachahmenden
Zeichen, die dem Dargestellten ähnlich sein sollen, wird das Zeichen
nicht einfach zurückgelassen, sondern gezielt geschaffen mit dem
Zweck, mit anderen geteilt zu werden, also mit-zu-teilen.

Die Funktion, die am besten das Zeichen als Hinweis auf seinen
Verursacher definiert, ist die Ausdrucksfunktion.  Die
Kommunikationsfunktion bringt Individuen über die Erfahrung zusammen,
an der sie teilnehmen.  Die Bedeutungsfunktion schließlich entspricht
einer Erfahrung, die Zeichen zum Gegenstand hat und auf der
symbolischen Ebene operiert.  Diese Funktion versieht das Zeichen mit
dem Gedächtnis, das den Prozeß seiner Hervorbringung in der
Lebenspraxis einschließt.  Die Bedeutungsfunktion verweist auf die
selbstreflexive Dimension von Zeichen.  Ausdruck und Kommunikation,
vor allem aber Bedeutung unterscheiden sich in unterschiedlichen
pragmatischen Handlungsrahmen erheblich.

Ausdrucksformen sind gewissermaßen Gleichnisse für individuelle
Eigenschaften und persönliche Erfahrung, sie können als Übersetzung
dieser Eigenschaften und der Erfahrung, die sie hervorbringt,
betrachtet werden.  Ein großer Fußabdruck verweist auf einen großen
Fuß und bestimmt innerhalb einer begrenzten Erfahrungsskala das
lebenswichtige Resultat einer Handlung.  Die Ausdrucksformen der
gesprochenen Sprache sind durch die Gegenwärtigkeit der
Kommunikationspartner gekennzeichnet, deren gemeinsame Raum- und
Zeiterfahrung durch Versicherungen wie hier und jetzt ausgedrückt
wird.  In der Schrift ist die Ausdrucksform an die äußeren Merkmale
des Schreiben-Könnens gebunden.  Daher schließt die Graphologie auch
von den äußeren Erscheinungsmustern auf psychologische Eigenschaften
des Schreibers.  Die Schriftkultur ist jedoch an derartigen
Ausdrucksformen wenig interessiert, wenngleich sie dazu beiträgt und
natürlich der Graphologie als Medium dient.  Die Schriftkultur
fördert Normen und Erwartungen bezüglich des korrekten Schreibens.
Diejenigen, die diese Normen verinnerlichen, wissen, daß innerhalb
einer auf Schriftkultur beruhenden Praxis die Effizienz der
Selbstkonstituierung ganz wesentlich durch eine gleichförmige
Arbeits- und Lebenspraxis erhöht wird.

Für die Kommunikations- und Bedeutungsfunktion gilt das gleiche.
Gemeinsam ist ihnen eine aufsteigende Skala: Bezeichnungen für
Verwandtschaft, für größere Gruppen, Kollektivbezeichnungen,
schließlich kraftvolle Ausdrücke, wenn sich der Aktionsradius
erweitert und Individuen allmählich mit ihren individualisierenden
Merkmalen negiert werden.  Bei der Kommunikation wird das noch
deutlicher.  Familienmitglieder zusammenzubringen ist leichter, als
Stämme, Gemeinden, Städte, Länder usw. oder gar die ganze Welt
zusammenzuführen.  Da aber verfügbare Ressourcen nicht
notwendigerweise mit erhöhten Bevölkerungszahlen und schon gar nicht
mit wachsenden Bedürfnissen und Erwartungen Schritt halten, ist es
entscheidend, kognitive Ressourcen in die Erfahrungen der
Selbstkonstituierung zu integrieren.  Die an Zeichensysteme gebundene
Kommunikationsfunktion erreichte mit den Mitteln der Schriftkultur
ihre bis dahin höchste Entwicklung.  Neue Erweiterungen der Skala
werden neue Effizienzerwartungen mit sich bringen und damit indirekt
einen Bedarf an neuen Mitteln, die diesen Erwartungen gerecht werden.
Veränderungen--wie der Schritt von vorsprachlichen zu sprachlichen
Zeichensystemen, von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit, von der
Schriftkultur zu einem Stadium jenseits davon--finden immer nur dann
statt, wenn die praktischen Erfahrungen komplexer werden und neue
kognitive Ressourcen erschließen.  Mit anderen Worten: Wenn die
Sprache die Lebenspraxis nicht mehr so trägt, daß die der gegebenen
Skala entsprechende Effizienz erreicht wird, werden neue Formen des
Ausdrucks, der Kommunikation und des Bedeutens notwendig.

Unser Thema, die zeitliche Bedingtheit eines jeden Zeichensystems,
besonders das der Mündlichkeit und der Schriftkultur, ist von diesen
Überlegungen in zweifacher Hinsicht betroffen:
1. Sie zeigen, daß die grundlegenden Sprachfunktionen (Ausdruck,
Kommunikation, Bedeutung) von pragmatischen Lebenszusammenhängen
abhängig sind;
2. Sie zeigen Bedingungen auf, unter denen neue Mittel und Methoden
mit größerer Effizienz diejenigen ergänzen oder übertreffen, die in
zurückliegenden Praxiszusammenhängen entstanden waren.
Wir haben im einzelnen zeigen können, wie Lebenspraxis,
Selbstkonstituierung und Identitätsbildung in der
Menschheitsentwicklung einhergingen mit der Entwicklung von immer
differenzierteren und abstrakteren Zeichensystemen, die schließlich
in der Schriftkultur und den aus ihr hervorgehenden Errungenschaften
im Produktionsbereich, im sozialen, politischen und künstlerischen
Leben sowie in Bildung und Freizeit gipfelten.

Die Entwicklung von Sprachen auf noch höheren Ebenen und von Mitteln
zur Visualisierung, Animation, Simulation und Modellierung bringt
heutzutage weitere Veränderungen mit sich.  Wir werden ihre Bedeutung
für unser Leben jedoch nicht verstehen können, wenn wir uns nicht
vergegenwärtigen, was sie notwendig gemacht hat.  Das heißt, wir
müssen uns wieder mit dem Menschen und seiner dynamischen Entfaltung
befassen.  Dazu müssen wir zuallererst die Beziehung zwischen der
Struktur der Kultur, innerhalb derer Zeichensysteme, Schriftkultur
und Bildung und darüber hinausgehende Mittel zu identifizieren sind,
und der Struktur der Gesellschaft, innerhalb derer sich die
Interaktion zwischen den einzelnen Mitgliedern dieser Gesellschaft
vollzieht, verstehen.  Ansonsten geben Erklärungsmodelle jedweder Art
keinen Sinn.  Wir gehen von folgender Voraussetzung aus: Da nicht
einmal die Väter des behavioristischen Modells davon ausgingen, daß
die Ursprünge unseres Verhaltens in uns selbst liegen (Skinner hat
das in einem Interview kurz vor seinem Tod noch einmal dargelegt),
dürfen wir die zu einer Gemeinschaft findenden Individuen als Ort
menschlicher Interaktion definieren.  Dabei wirkt Sprache lediglich
als eine Integrationskraft unter anderen.  Wir haben gesehen, wie der
Übergang vom Natur- zum Kulturzustand, der seinen Höhepunkt in der
Schriftkultur erreichte, einen Wechsel in der Welterfahrung und im
Verhältnis des Menschen zur Welt bewirkte.  Heute sehen wir uns einem
Umbruch ausgesetzt, der auf eine Lebensform jenseits der
Schriftkultur hinsteuert--gekennzeichnet durch vielfältige Schichten
der Vermittlung und Vermitteltheit, Konfiguration, Nichtlinearität,
Aufgabenverteilung und durch Meta-Sprache.  In diesem Prozeß
verändert sich die Funktionsweise der Sprache ebenso wie der Mensch,
der sich in grundlegend neuen Erfahrungszusammenhängen und
Praxisformen neu konstituiert.


Die Gedankenmaschine

Das Funktionieren der Sprache kann weder in Rotationen pro Sekunde
oder in verarbeiteten Rohstoffmengen noch mit unseren neuen
Maßeinheiten von Bits, Bytes, Flops und dergleichen ausgedrückt
werden.  Die Produkte der Sprache (um in der Maschinenmetapher zu
bleiben) sind Ausdrucksformen, Informationsaustausch und Wertungen.
Noch wichtiger aber ist ein anderes Produkt, das den kognitiven
Aspekt menschlicher Selbstkonstituierung bestimmt: Gedanken und
Vorstellungen.

Wir haben gezeigt, wie sich Sprache von ihrer Bindung an individuelle
Erfahrung loslöste, wie diese Entwicklung Interaktionsformen und
Handlungsmuster beeinflußte und wie sich schließlich die
verschiedenen Notationsformen aus einer erweiterten Erfahrungs- und
Interaktionsskala heraus zur Schrift hin entwickelten, die ihrerseits
einen ganzen Satz von linearen Konventionen bewirkte.

Die Umstände, die das Entwickeln und Verstehen von Gedanken
ermöglicht haben, ließen den Menschen als einzigartige Spezies unter
allen Lebewesen hervortreten.  Gedanken, wie komplex sie auch
ausfallen, beziehen sich auf Weltzustände: auf die physische,
biologische oder räumliche Wirklichkeit, die in der
Selbstkonstituierung des Individuums verkörpert ist.  Sie beziehen
sich ferner auf die Geisteszustände derer, die die Gedanken
formulieren.  Gedanken sind Symptome der menschlichen
Selbstkonstituierung und damit zugleich der Sprachen, die die
Menschen in der Praxis entwickelt haben.  Wir wollen der Frage
nachgehen, ob zwischen Schriftkultur und dem Entwickeln und Verstehen
von Gedanken ein innerer Zusammenhang besteht oder ob Gedanken auch
auf andere als schriftsprachliche Weise, etwa in Zeichnungen oder den
heutigen multimedialen Systemen formuliert und verstanden werden
können.

Die Menschen drücken sich durch ihre Zeichensysteme nicht nur anderen
gegenüber aus, sie hören sich auch zu und blicken sich an.  Sie sind
gleichzeitig Sender und Empfänger.  Beim Sprechen folgen die Zeichen
in einer Serie von selbstkontrollierten Abfolgen aufeinander.  Neue
Ausdrucksformen entstehen (Synthese), indem das verfügbare Wissen auf
eine neue, den neuen lebenspraktischen Erfahrungen angemessene Weise
geordnet wird; dieser Prozeß unterliegt der beständigen
Selbstkontrolle.

Präverbale und subverbale unartikulierte Sprachen (auf der
Signalebene von Geruch, Berührung, Geschmack oder die kinetischen und
proxemischen Sprachtypen) definieren Empfindungen unmittelbar bzw.
über rudimentäre Kontexte.  Das Verhältnis von artikulierter Sprache
zu unartikulierten subverbalen Sprachen zeigt sich auf der Ebene der
natürlichen wie auch der soziokulturellen Tätigkeiten.  Hierfür ein
Beispiel: Unter den Bedingungen, die allmählich zur Sprache
hinführten, war das Olfaktorische als Geschmackskontrolle in seiner
Bedeutung Sehen und Gehör vergleichbar.  Dies änderte sich, als an
die Stelle der unmittelbaren Erfahrung die sprachlich vermittelte
Erfahrung trat.  Im lebenspraktischen Zusammenhang der Schriftkultur
verlor der Geruchssinn gänzlich an Bedeutung.  Biologische
Kommunikationsformen wurden eingeschränkt, immaterielle, nicht an
Substanzen gebundene Kommunikation nahm im gleichen Maße zu.  Gewiß
können Gedanken im strengen Wortsinn nicht durch Geruch ausgedrückt
werden.  Dennoch beeinflussen Geruchs-, Geschmacks- und andere
Sinneserfahrungen Bereiche der Lebenspraxis, die jenseits von
Schriftlichkeit liegen.


Schrift und der Ausdruck von Gedanken

Als das Sprechzeichen ein Sprachzeichen (Alphabet, Wörter, Sätze)
wurde, gewann der oben skizzierte Prozeß an Tiefe.  Das konkrete
(geschriebene, stabilisierte) Zeichen leistete seinen Beitrag bei der
Verallgemeinerung von Erfahrung--mittels der Abstraktheit seiner
Linien, Formen und Verknüpfungen, Ton, Wachs und Pergament oder
irgend einem anderen Träger.  Die Abfolge individueller Zeichen
(Buchstaben, Wörter) verwandelte sich in das Zeichen für das
Allgemeine.  Jahrhundertelang war die Schrift nur ein Behälter für
Sprache, nicht operationelle Sprache.  Damit widersprechen wir nicht
der noch immer umstrittenen Sapir-Whorf-Hypothese von der
Beeinflussung des Denkens durch die Sprache.  Wir wollen lediglich
klarstellen, daß der aktive Einfluß auf das Denken nicht unmittelbar
von der Sprache, sondern von einer Abfolge von praktischen
Erfahrungen ausging.  Hätte es ein Gerät gegeben, die mündliche
Sprache aufzuzeichnen, dann hätte die Verwendung von Schrift und die
Notwendigkeit von Schriftkultur ziemlich sicher andere Formen
angenommen.

Die Menschen gehen mit Zeichensystemen nicht um wie mit Maschinen
oder mit irgendwelchen Teilen, die man ansammelt und weglegt.  Sie
waren stets ihre eigenen Skripte und vollzogen in Form von Notationen
tatsächliche oder mögliche Erfahrungen.  Das hebräische Alphabet
begann als Kurzschrift aus Konsonanten, die die Schreiber als
Wortwurzeln auf Pergament brachten.  Für die begrenzte Skala und
gemeinsame Lebenspraxis reichte diese Kurzschrift völlig aus.  Die
Hieroglyphen der Maya, die mesopotamischen Ideogramme und alle
anderen uns bekannten Notationen verfolgten denselben Zweck: Hinweise
zu geben, damit andere die Sprache wiederaufleben lassen konnten.
Eine erweiterte Skala und weniger homogene Erfahrungen veranlaßten
die hebräischen Schreiber, diakritische Zeichen zur Andeutung von
Vokalen zu ergänzen.  Ebenso veränderte sich die Schrift der
Mesopotamier und Sumerer mit veränderten pragmatischen Rahmen.

Daß das Schreiben zu den Erfahrungen menschlicher
Selbstkonstituierung gehört, die sich in der Struktur der Gedanken
widerspiegelt, könnte ohne einen Blick auf die biologische Komponente
vielleicht nicht überzeugen.  Derrick de Kerkhove hat darauf
hingewiesen, daß alle von rechts nach links geschriebenen Sprachen
nur Konsonanten verwenden.  Die kognitiven Lesemechanismen, die man
zu ihrer Entzifferung braucht, unterscheiden sich also von denen, die
man zur Entzifferung von Sprachen mit Vokalen benötigt, die von links
nach rechts geschrieben werden.  Als die Griechen die ursprünglich
konsonantischen Alphabete der Phönizier und Hebräer übernahmen,
ergänzten sie diese um Vokale und veränderten die
Schriftrichtung--zunächst in Form des pflugartig in beide Richtungen
verlaufenden Bustrophedon.  Später dann bekam die Schrift ihre
gleichförmige Richtung, die einer auf Sequentialität ausgerichteten
kognitiven Struktur entsprach.  Dementsprechend veränderte sich die
Funktionsweise der griechischen Sprache.  Die im Kontext der
vorsokratischen und sokratischen Dialoge stehenden Gedanken haben
einen deutlich deduktiven, spekulativen Charakter im Gegensatz zum
analytischen Diskurs der schriftlich verfaßten späteren griechischen
Philosophie.

Der Zusammenhang von Denkstruktur und Schriftstruktur läßt sich auch
an den Vorurteilen gegenüber der Linkshändigkeit ablesen, die in
vielen Sprachen und den von ihnen geformten Denkweisen verbreitet
sind.  Rechts (Hand und Richtung) scheint eindeutig bevorzugt zu sein:
Wir bezeichnen Dinge als richtig (englisch right), im Deutschen sind
Recht und Richter etymologisch damit verwandt; wir erledigen Dinge
mit der rechten Hand und bevorzugen die rechte Seite.  Vorstellungen
von dem, was richtig oder gerecht ist, die Menschenrechte und vieles
andere stehen in diesem etymologischen Zusammenhang.  In unseren von
Rechts beherrschten Denk- und Handlungsweisen ist dementsprechend die
linke Hand negativ konnotiert mit Schwäche, Unfähigkeit und sogar
Sünde.  (Beim Jüngsten Gericht müssen die Sünder zur Linken Gottes
stehen.) Der in diesen Verhältnissen zum Ausdruck kommende
Symbolismus würde eine nähere Untersuchung verdienen; in unserem
Zusammenhang ist es indes interessant zu vermerken, daß die Dominanz
des Rechten in Schrift, Schriftkultur und Bildung verblaßt.  Die
Effizienz einer auf dieser Norm gründenden Praxis reicht nicht mehr
aus, um den an globale Handlungsräume gerichteten
Effizienzerwartungen zu genügen.  Dieser Prozeß steht im Zusammenhang
mit allgemeinen Erfahrungen, in denen Schrift zunehmend durch viele
Teilschriften ersetzt wird, die ein Stadium jenseits der
Schriftkultur kennzeichnen.

Da Gedanken im Akt des Sprechens entstehen, hängt ihre Verbreitung
und Bewertung von der Tragbarkeit des Mediums ab, in dem sie
ausgedrückt werden.  Mit dem Aufkommen der Schrift war die
Verbreitung der Sprache nicht mehr an die Mobilität ihrer Sprecher
gebunden.  Die in der Schrift ausgedrückten Gedanken konnten
außerhalb ihres Entstehungszusammenhangs geprüft werden.  Damit
fallen die Funktion der Verbreitung durch Sprache und der Bewertung
in der Lebenspraxis zusammen.  Einer Tafel, einer Papyrusrolle, einem
Kodex, einem Buch oder einem digitalen Vergleich ist gemeinsam, daß
sie praktische Erfahrungen aufzeichnen; aber nicht das, was ihnen
gemein ist, erklärt ihre Effizienz, sondern die in den gegebenen
Zusammenhängen gefundene Verbreitungsform, die in der alles
durchdringenden und global präsenten Form der digitalen Aufzeichnung
ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat.  Für den Zugang zum in den
elektronischen Netzwerken gespeicherten Wissen benötigen wir nichts
weiter als ein Password.  Damit lösen wir uns von den bekannten
Raumund Zeitkoordinaten.  In diesen erweiterten Parametern kann die
Schiftkultur nicht mehr alle Erwartungen erfüllen.  Der Bereich, in
dem sich die Alternativen zur Schriftkultur herausbilden, begründet
das Stadium jenseits der Schriftkultur.


Zukunft und Vergangenheit

Müssen wir schriftkulturell gebildet sein, um die Zukunft behandeln
zu können?  Und umgekehrt, ist Geschichte und Geschichtsverständnis
das Ergebnis von Schriftlichkeit?  Und ist beides Voraussetzung für
das Verständnis der Gegenwart?  Diese Fragen beschäftigen uns heute
mehr denn je.  Wir wollen uns zunächst der Zukunft zuwenden, denn an
dieser Frage können wir ablesen, welche Voraussetzungen für die
Auseinandersetzung mit ihr gegeben sein müssen.

Vorahnung ist die natürliche Form einer diffusen Zeiterfahrung.
Diese Erfahrung kann mehr oder weniger unmittelbar sein.  Sie richtet
sich nicht vom Jetzt auf das Gewesene (wie es vielleicht im
Gedächtnis gespeichert ist), sondern auf das Mögliche (etwas ein
Zeichen bevorstehender Gefahr in der natürlichen Umwelt).
Hinweisende Zeichen, d. h. indexikalische Zeichen, solcher Art sind
Fußabdrücke, Federn, Blutflecken.  Sprache macht Vorahnung und Gefühl
explizit, wenn auch nicht vollkommen.  Sie überträgt akkumulierte
Zeichen (Vergangenheit) in eine Sprache des Möglichen (Zukunft).
Wenn wir die Vergangenheit rekonstruieren, erkennen wir, daß jedes
Vergangenheitsstadium einmal eine Zukunft gewesen ist.

Wenn wir bedenken, wie sich unsere Gegenwart in die Zukunft hinein
entfaltet, dann sehen wir schnell, daß mit zunehmenden Möglichkeiten
die Zukunft in ihren Einzelheiten immer weniger bestimmt und
bestimmbar wird.  Weder die unkritischen Befürworter der neuen
Technologien, noch die ausschließlich in der Schriftkultur
verhafteten Politiker und Pädagogen haben das begriffen.  Beide
Gruppen verstehen offenbar nicht, wie sich Zukunft in unserer
Sprache--oder einem anderen Zeichensystem--in Form von Plänen,
Vorhersagen oder Antizipationen artikuliert.

Jeder Gedanke drückt eine praktische Erfahrung und die kognitive
Leistung aus, den direkten Eindruck zu verallgemeinern.  Einmalige
Artikulationen auf der Signalebene und ideographische Schrift
erwachsen aus Erfahrungen, die auf der pragmatisch-affektiven
Existenzebene liegen.  Rufe und Schreie oder in Bildern ausgedrückte
Ähnlichkeiten tragen keine Gedanken und gehen kaum über die
unmittelbare Empfindung hinaus.  Gedanken ergeben sich aus der
Erfahrung auf der pragmatisch-rationalen Ebene.  Sprache kann dabei
als Medium dienen, Pläne explizit zu machen.  Zeichnungen, Diagramme,
Modelle und Simulationen können durch Sprache beschrieben werden.
Bevor die Menschen ihre Zukunft verschriftlicht haben, haben sie sie
versprachlicht, und zwar auch mithilfe anderer Zeichen: mit
Körperbewegungen, Gegenständen, die Gefahr und damit Furcht andeuten,
und erfolgreichen Handlungen, die Zufriedenheit signalisieren.  Mit
der Übertragung auf Tontafeln und Papyrus erhielt die auf die Zukunft
gerichtete Sprache einen anderen Status--sie verlor die Flüchtigkeit
der ursprünglichen Laute und Gesten.  Schrift begleitet Handlung und
überdauert die darin gemachte Erfahrung.  Damit umgab das
geschriebene Wort eine Aura, die Laute, Gesten oder auch Kunstgebilde
nie erlangen konnten.  Auch Wiederholungsmuster, das wesentliche
Strukturmerkmal von Ritualen, vermochten nicht in dem Maße wie die
Schrift die Empfindung von Dauerhaftigkeit zu vermitteln.  Gordon
Childe stellt in diesem Zusammenhang fest: "Die Verewigung des Wortes
in der Schrift muß als übernatürlicher Prozeß empfunden worden sein;
es mußte magisch anmuten, daß ein längst Verstorbener noch immer von
einer Tontafel oder einer Papyrusrolle sprechen konnte."

Im religiösen Zusammenhang verlagert sich die Aura vom
Magisch-Mythischen (übermittelte Hinweise für erfolgreiches Handeln)
zum Mystischen (eine übernatürliche Autorität als Hinweisquelle).
Auch die Organisation des gesellschaftlichen Lebens erwies sich ohne
Dokumente mit Vorschriftscharakter als wenig effektiv.  Die ersten
überlieferten Dokumente aus dem alten China tragen dieser Einsicht
Rechnung, gleiches gilt für Hindu, Hebräer und Griechen sowie für
viele nachfolgende, oft am Römischen Imperium orientierten
Zivilisationen.

Natürlich setzt die Verwendung von Sprache für die Regelung des
Gemeinwesens nicht zwangsläufig Schriftlichkeit voraus.  Dies gilt
für Vergangenheit und Gegenwart.  Es gab Zeiten, in denen man nur von
Fremden den Erwerb von Schreib- und Lesekenntnissen erwartete.  Dem
lag eine praktische Einsicht zugrunde: der Fremde fand auf diese
Weise Zugang zu den ihm ungewohnten Sitten der einheimischen
Bevölkerung.  Mit der Abgabe von Versprechen--die sich ja stets auf
Zukünftiges richten--wurde das soziale Leben zunehmend
verschriftlicht, wenngleich auch dann die Besiegelung oft mündlich
erfolgte, wie die Eidesformeln und -gesten bis in die heutige Zeit
zeigen.  Mit all dem wurden lineare Beziehungen von Ursache und
Wirkung festgehalten und als Maßstab (der Rationalität) in die
Zukunft projiziert.

In unserer heutigen Gesellschaft wird die für die Vergangenheit
charakteristische Sprache als Dekorum verwendet.  Eine globale Skala
und die gesellschaftliche Komplexität finden in linearen Beziehungen
nicht mehr ihren angemessenen Ausdruck.  Infolgedessen ist die
Schriftlichkeit der Schriftkultur zukünftig nicht nur eine unter
vielen anderen Sprachen, sondern vielleicht sogar ungeeignet für die
effiziente Artikulation von Zukunftsplanungen.  Fast alle, die sich
heute mit solchen Planungen befassen, arbeiten mit mathematischen
Modellierungen und Computersimulation.  Die Arbeitsergebnisse
beanspruchen immer weniger Text und werden in dynamischen Modellen
abgebildet, die global verfügbar sind.  An die Stelle von Linearität
treten nicht-lineare Beschreibungen der zahlreichen miteinander
verknüpften Faktoren.  Selbstkonfiguration, Parallelismus und
verteilte Strategien kommen zum Ausdruck bei Simulationen der Zukunft.

Die Geschichte allerdings hat ihren Ursprung eindeutig in der Schrift.
Sie ergibt sich aus der Beschäftigung mit universell verfügbaren
Aufzeichnungen, mithin innerhalb des Universums der Schriftkultur.
Wir wissen nicht, ob eine Grammatik die Sprache in ihrem
geschichtlichen Werden zusammenfassend darstellt oder das Programm
für ihre zukünftige Verwendung entwirft.  Grammatiken gibt es in
verschiedenen Kontexten, offenbar weil der Mensch die einzelnen
Stimmen innerhalb einer Sprache verifizieren möchte.  Aus dem
gleichen Anlaß gibt es Geschichtsdarstellungen: weniger um
irgendeiner historischen Größe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,
als vielmehr um einen Zusammenhang aus den Quellen herzustellen, um
sie in einer Stimme sprechen zu lassen und den Zusammenhang zu
erschließen, aus dem sie entstanden sind.

Die Zukunft und die Selbstkonstituierung des Menschen in neuen
pragmatischen Zusammenhängen stehen in direkter Verbindung; die
Vergangenheit hängt indirekt mit der praktischen Erfahrung zusammen.
Das verbindende Element für die verschiedenen auf die Zukunft
gerichteten Perspektiven liegt in der neuen Erfahrung.  In
Ermangelung einer solchen verbindenden Perspektive wird
Geschichtsschreibung zum Selbstzweck, ungeachtet der Kraft, die von
Beispielen ausgeht.  Seit dem frühen Mittelalter reichten
schriftliche Aufzeichnungen und die analytische Kraft der Sprache für
die Geschichtsschreibung und die Schärfung des Geschichtsbewußtseins
aus.  Als sich die Methoden der Geschichtsforschung differenzierten,
möglicherweise im Zusammenhang mit der Lebenspraxis, ergaben sich
neue Perspektiven.  Einige waren ganz praktisch ausgerichtet: Welche
Pflanzen wurden in primitiven Gesellschaftsformen verwendet?  Wie war
die Wasserversorgung geregelt?  Wie ging man mit den Toten um?
Andere hatten politische, ideologische oder kulturelle Grundlagen.
Aber in allen diesen aus der Lebenspraxis hervorgehenden Fällen
entzog sich die Geschichte mehr oder weniger den Beengungen der
Schriftkultur.

Spracharchäologie, Anthropologie und besonders Paläoanthropologie
sowie Computergeschichte sind nur einige Beispiele für neue Bereiche
der Geschichte und Geschichtsschreibung, die neue Formen jenseits der
Schriftkultur annehmen.  Sie sind gekennzeichnet durch neue
Arbeitsmittel wie Elektronenmikroskop, Computersimulation,
Modellierung künstlichen Lebens und Forschungsergebnisse zur
künstlichen Intelligenz oder Genetik.  Die Memetik untersucht die
Seinsform von Gedanken und deren Bewußtwerdung, sie bezieht sich auf
Vergangenheit und Zukunft.  Sie entwickelte sich aus der Genetik und
trägt die Kennzeichen eines Darwinschen Mechanismus.  Sie wurde zum
Schlüsselbegriff für eine Generation, die ohne jeglichen
Geschichtsbezug war und sich nicht minder von einer Zukunft bedroht
sah, die allzu schnell auf sie hereinbrach.  Technologische
Umsetzungen der Memetik (das sogenannte memetic engineering oder die
Memetiktechnologie) bezeugen Effizienzerwartungen, die die Geschichte
des Zeitalters der Schriftkultur niemals beschäftigte oder auch nur
anerkennen wollte.

Es sieht also ganz so aus, daß die relativierte Bedeutung der
Schriftkultur und der an sie geknüpften Ideale von Universalität,
Dauerhaftigkeit, Hierarchie und Determinismus und das gleichzeitig zu
verzeichnende Aufkommen vieler Schriftlichkeiten, mit den wiederum an
sie geknüpften Haltungen der Begrenztheit, Flüchtigkeit,
Dezentralisierung und des Indeterminismus parallel verlaufen zu der
abnehmenden Bedeutung von Geschichte und dem Aufkommen vieler
Spezial-(oder Teil-)geschichten.  Der Hypertext ersetzt den
diskursiven Text und ruft eine neue Welt von Verbindungen ins Leben.
Diese neuen Verknüpfungen zwischen genau definierten Bereichen der
historischen Aufzeichnung verweisen auf eine Realität, die sich der
fortlaufenden, zusammenhängenden Darstellung einer einheitlichen
Geschichte entzieht; sie sind aber für die Gegenwart relevant.  Der
spezialisierte Historiker berichtet nicht einfach über die
Vergangenheit, sondern über jene spezifischen Aspekte der
menschlichen Selbstkonstituierung in der Vergangenheit, die für den
heutigen Erfahrungsrahmen bedeutsam sind.  Bisweilen scheint es, als
erfänden wir die Vergangenheit stückweise aufs Neue, nur um die
gegenwärtige Lebenspraxis zu unterstützen und das Bewußtsein von der
Gegenwart zu stärken.  Die Sequentialität und Linearität jenes
pragmatischen Rahmens, der Sprachen erst entstehen ließ und zu einem
späteren Zeitpunkt Schriftkultur und Geschichtsbewußtsein notwendig
erforderte, sind nun durch Nicht-Sequentialität und nichtlineare
Beziehungen ersetzt, die auf die heutige Skala des menschlichen
Daseins besser zugeschnitten sind.  Sie erweisen sich zudem für die
komplexen Formen heutiger menschlicher Selbstkonstituierung als
besser geeignet.

Als Eintrag in einer Datenbank (von enormem Umfang) verbreitet die
Vergangenheit noch immer ihre romantische Aura, aber sie richtet sich
auf Gegenwart und Zukunft.  Eine Position außerhalb der Schriftkultur,
wie sie sich zum Beispiel in der Unkenntnis der einen großen
Erzählung (story) von der Geschichte (history) äußert, resultiert
nicht aus Unkenntnis im Lesen und Schreiben.  Sie ist auch nicht auf
schlechte Geschichtslehrer oder Geschichtsbücher zurückzuführen, wie
manche glauben.  Sie ergibt sich daraus, daß unsere neuen praktischen
Erfahrung der Selbstkonstituierung von den Erfahrungen der
Vergangenheit abgetrennt sind.


Wissen und Verstehen

Das Verhältnis von Wissen und Verstehen ist vermutlich einer der
wichtigsten Aspekte unserer gegenwärtigen Lebenspraxis.  Wir sind in
viele Tätigkeiten eingebunden, ohne die Abläufe wirklich zu verstehen.
Die e-mail erreicht uns und diejenigen, an die wir unsere
Nachrichten versenden, und die wenigsten verstehen, was sich dabei im
einzelnen abspielt.  Unser Postsystem war leichter zu verstehen.  Den
Weg einer e-mail-Nachricht zu bestimmen, ist für eine programmierte
Maschine trivial, für einen Menschen fast unmöglich.  Mit zunehmender
Komplexität unserer Tätigkeiten nimmt die Wahrscheinlichkeit, daß die
darin eingebundenen Menschen sie und die wirkenden Mechanismen
verstehen, rapide ab.  Dadurch wird die Effektivität der Tätigkeit
keineswegs geschmälert.

Das gilt mittlerweile für eine ganze Reihe von Tätigkeiten in der
außerhalb der Schriftkultur stehenden Lebenspraxis.  Trotz komplexer
diagnostischer Hilfsmittel ist--aufgrund spezifischer Eigenschaften
der zu vollziehenden Tätigkeit--der eine Arzt besser als der andere;
trotz Automatisierung vieler Bereiche des Berufslebens--Buchführung,
Steuererklärung, Design und Architektur--führen irgendwelche Merkmale
der zu verrichtenden Tätigkeiten dazu, daß die Leistung bestimmter
Menschen besser ist als die fortschrittlichste Technologie.  Obwohl
manche Manager nahezu nichts von den Produkten ihrer Firma verstehen,
kennen sie die Marktgesetze so gut, daß ihre Arbeit stets mit Erfolg
gekrönt ist, was immer sie auch vermarkten.  Diese Manager bewegen
sich im Erfahrungsraum einer Sprache--der Sprache des Marktes, nicht
des Produktes.  Wir wollen uns daher die Evolution von Wissen und
Verstehen im Rahmen verschiedener aufeinander folgender pragmatischer
Handlungsrahmen etwas näher anschauen, insbesondere die Rolle, die
die Sprache als vermittelndes Element in jedem dieser Rahmen gespielt
hat.

Das Sprachzeichen besteht aus der kontradiktorischen Einheit von
phonetischen und semantischen Elementen.  Innerhalb einer begrenzten
Erfahrungsskala war Schriftkultur und Bildung gleichbedeutend mit dem
Wissen davon, was sich hinter einem Wort verbarg, mit der Fähigkeit,
es aufleben zu lassen oder gar, dem Wort neues Leben zu verleihen.
Mit der Erweiterung der Skala nahm man das, was sich hinter einem
Wort verbarg, als selbstverständlich und vorgegeben.  Das setzt
voraus, daß Wörterbücher als Bestandsverzeichnisse unserer Sprache,
also auch die persönlichen Wörterbücher, kongruent sind.  Das
Erlernen einer Sprache beschränkt sich nicht darauf, deren Ausdrücke
auswendig zu lernen.  Der einzig erfolgreiche Weg liegt darin, eine
Sprache zu leben.  Mit dem durch die Sprache erworbenen und
ausgedrückten Wissen stellt sich Verstehen ein.

Der Mensch kommt nicht ohne Erfahrung auf die Welt.  Wichtige
Bestandteile der Erfahrung sind biologisch veranlagt.  Andere werden
durch beständige Interaktion vermittelt, besonders durch
gegenseitiges Verstehen.  Wir haben an der abnehmenden Bedeutung des
olfaktorischen Elements zeigen können, daß die Menschen durch die
evolutionären Zyklen bestimmt sind.  Mit dem Rückgang der sinnlichen
Erfahrung verringerten sich auch die an die sinnliche Wahrnehmung
gebundenen Kenntnisse.  Ähnlich gilt, daß Sprachleistungen aus dem
Leben und Ausüben einer Sprache hervorgehen.  Das Existieren als
Sprache, die Anbindung des einzelnen an die Welt durch Sprache, ist
Voraussetzung dafür, sie zu kennen und zu verstehen.  Die Sprache
unserer natürlichen Umwelt ist nicht-verbal; sie artikuliert sich auf
der Ebene der elementaren, von außen veranlaßten Empfindungen, die
sich einstellen, wenn der Mensch seine Umwelt zu beherrschen oder
verändern versucht.  Nach derartigen Erfahrungen erlebt der Mensch
die Welt als stabilisierte Bedeutung: Wolken können Regen ankündigen,
Donner Feuer verursachen; fliehendes Wild verrät die Jäger, Eier in
einem Nest deuten auf Vögel hin.  Die Komplexität unserer Bemühungen,
die Welt zu meistern, nahm im Lauf unserer Entwicklung ständig zu.
So sind die Tätigkeiten in einem Lebensrahmen, der die Schriftkultur
entstehen ließ, von einem anderen Komplexitätsgrad als die der
Industriegesellschaft und die unserer heutigen Zeit.

Zwischen den Sinnen und der Sprache--und daher auch zwischen
nichtverbalen und verbalen Sprachen--sind zahlreiche Einflüsse
wirksam.  Wörter bringen kognitive Bedingungen mit sich, die sich von
Sinneseindrücken unterscheiden und die anders verarbeitet werden.
Die Sprache fügt der Sinnesinformation eine intellektuelle
Information hinzu, und zwar hauptsächlich in Form von Assoziationen,
die das Gegenwärtige und das Nicht-Gegenwärtige umfassen können.
Interessanterweise wissen wir nicht alles, was wir verstehen; und
ebenso verstehen wir nicht alles, was wir wissen.  Wir können zum
Beispiel wissen, daß sich in der nichteuklidischen Geometrie
Parallelen treffen.  Oder wir wissen, daß Wasser, eine Flüssigkeit,
aus Wasserstoff und Sauerstoff, also aus zwei Gasen, besteht.  Oder
auch, daß der Gebrauch von Drogen zu Abhängigkeit führen kann.  Und
dennoch verstehen wir nicht unbedingt die näheren Umstände, Abläufe
und Zusammenhänge.

In der Schriftkultur gehen wir davon aus, daß wir, wenn wir etwas
schreiben können, es automatisch kennen und verstehen.  Und sollte
sich zeigen, daß unser Wissen unvollständig, zusammenhanglos oder
nicht dauerhaft, daß es in irgendeiner Weise gestört ist, können wir
es durch Lektüre vervollständigen oder durch Vergleich mit dem Wissen
anderer zusammenhängender gestalten.  Die Dauerhaftigkeit und
Stabilität von Schrift und Schriftkultur kann sich allerdings auch
als Hemmschuh erweisen, den wir in relativ stabilen Kontexten
zunächst nicht oder nur selten als Nachteil erfahren.  Mit
gesteigerten Effizienzerwartungen verkürzen sich indes die Zyklen
unserer Tätigkeit.  Die größere Intensität, die Variabilität unserer
Interaktionsstrukturen und die extrem arbeitsteilige Natur unserer
Einbindungen in die Praxis erfordern variable Bezugsrahmen für Wissen
und Verstehen.  In diesen veränderten Merkmalen unserer Lebenspraxis
zeichnet sich vermehrt ein Hang zu Zweioder Mehrdeutigkeit im
Sprachgebrauch ab.  In Literatur und Theater akzeptabel und
angemessen, im politischen und diplomatischen Leben zweifelhaft,
beeinflußt ein solcher Sprachgebrauch nunmehr die schriftliche
Abfassung von Gedanken und Plänen, die sich auf moralische Werte,
politische Progamme und wissenschaftliche oder technologische Ziele
beziehen.

Die oben erwähnten veränderten Umstände unserer Lebenspraxis
erfordern auch, daß wir für den Erwerb und die Verbreitung von Wissen
andere als nur sprachliche Mittel und deren schriftliche
Funktionsweise einbeziehen.  Ein Wissen, das sich schnell verändert,
kann besser mit Mitteln erworben werden, die dieser Dynamik
entsprechen.  Auch diese Mittel--interaktive Multimedien, Programme
zur virtuellen Realität oder genetische
Computermodellierung--verändern sich; damit aber impliziert die
Erfahrung des Wissenserwerbs die Einsicht in den transitorischen
Charakter jener Mittel, die das Wissen speichern und darbieten.  Es
gibt heute viele Tätigkeiten, deren Wissensgrundlage nicht mehr die
traditionellen Mittel einschließlich der schriftkulturellen
Vermittlung und Bildung sind.  Moderne Gehirnchirurgie auf neuronaler
Ebene, Entwicklung immenser weltweiter Netzwerke als Grundlage für
e-mail, Weltraumforschung und memetic engineering, hochspezialisierte
Kanäle des Verstehens und eine Unmenge weiterer hocheffizienter
Tätigkeiten auf einer bis vor kurzem noch nicht verfügbaren
Wissensgrundlage kennzeichnen den Handlungsrahmen eines
Entwicklungsstadiums jenseits der Schriftkultur.


Eindeutig, zweideutig, mehrdeutig

Es gibt mindestens 700 künstliche Sprachen.  Hinter jeder von ihnen
steht eine praktische Erfahrung, deren Anforderungen die natürliche
Sprache nicht ausreichend genügen konnte.  Eine dieser Sprachen setzt
sich mit den Vorurteilen bezüglich Links- und Rechtshändigkeit
auseinander, eine andere versucht, die geschlechtsspezifischen
Vorurteile umzukehren, wieder eine andere ist nach ästhetischen
Prinzipien konstruiert.  Es gibt literarische Kunstsprachen: Tolkiens
Elfisch, die Sprache der Klingons in Star Trek oder das Nadsat in
Burgess’ Uhrwerk Orange.  Oder es gibt wissenschaftlich begründete
Ansätze: logische Sprachen, an wissenschaftlichen Klassifikationen
orientierte Sprachen.  Auch die in der Vergangenheit entwickelten
künstlichen Sprachen orientierten sich offenkundig an pragmatischen
Funktionen: die von Ramon Llul für Missionare entwickelte Ars Magna
oder Hildegard von Bingens aus dem klösterlichen Leben erwachsene,
aber weit über rein liturgische Funktionen hinausgehende Lingua
Ignota.

Sie alle versuchen auf ihre Art, die Leistung der Sprachfunktionen zu
verbessern.  Einige verfolgen das Ziel, die Grenzen zwischen den
Sprachen zu überwinden; andere sollen eine bessere Beschreibung und
damit eine bessere Beherrschung der Welt ermöglichen.  Ihnen allen
liegt die Erkenntnis zugrunde, daß die Sprache nicht ein neutrales
Ausdrucks-, Kommunikations- und Bedeutungsmittel, sondern mit allen
Eigenschaften unserer Lebenspraxis einschließlich ihrer Vorurteile
aufgeladen ist.  Deshalb beanspruchen sie, allgemein oder in
speziellen Bereichen ein besseres Bild von der Welt zu bieten.
Ungeachtet ihrer Ziele und ihres Erfolgs erlauben uns diese Sprachen,
die kognitiven Bedingungen und ihren Beitrag zur Effizienzsteigerung
in unserer Lebenspraxis genauer zu untersuchen.

Die erhöhte expressive Kraft in den erwähnten literarischen
Kunstsprachen ist dabei noch relativ leicht nachzuvollziehen.  Sie
gelten als literarische Konventionen, sind Teil der ästhetischen
Erfahrung und Bestandteil der Schriftkultur.  Sie erstreben keine
Präzision, sondern Ausdrucksdichte und sind auf eine sublime Art
mehrdeutig.  Präzision wird man eher in logischen Sprachen oder in
den Programmiersprachen für Computer finden.  Programmiersprachen wie
Cobol, Fortran, C, C++, Lisp oder Java werden auf Wegen verbreitet,
die sich den Ansprüchen von Schriftlichkeit und Schriftkultur
widersetzen; sie erfüllen höchste Effizienzerwartungen und sind wegen
ihrer Funktionalität anerkannt.  Sie eignen sich zum Abfassen von
Gedichten ebensowenig, wie sich die literarischen Kunstsprachen für
das Betreiben eines Computers eignen.  Sie zeichnen sich aus durch
ihre konsequente Eindeutigkeit.  In solchen Sprachen können wir die
Funktion und die Logik kontrollieren.  Sie sind modulartig konzipiert
und auf die optimale Erfüllung ihrer Aufgaben angelegt.  Zu ihren
Funktionen gehören Beweisbarkeit, Optimierung und Präzision.  Zu den
verwendbaren logischen Formen gehören u. a. die klassische
propositionale Logik, die intuitionistische propositionale Logik, die
modale Logik und die temporale Logik.

Daneben zeichnet sich noch eine Kategorie von sogenannten
kontrollierten Sprachen ab.  Eine kontrollierte Sprache ist die
Teilmenge einer natürlichen Sprache (begrenzt in Vokabular, Grammatik
und Stil), die auf eine bestimmte Tätigkeit hin entworfen ist.  Alle
erwähnten künstlichen Sprachen orientieren sich an der Funktionsweise
der sogenannten natürlichen Sprache mit dem Ziel, die Leistung der
Sprachmaschine in irgendeiner Weise zu optimieren.  Um diesen Ansatz
noch besser zu verstehen, müssen wir genauer darlegen, wie die
Sprache die in ihr konstituierten Menschen zur Welt, in der sie leben,
in Beziehung bringt.  Wir wollen beginnen mit der Entwicklung des
Wortes und seiner Beziehung zum Ausdrücken von Gedanken, d. h. mit
der Entwicklung vom Eindeutigen (Einszu-Eins-Entsprechung) zum
Mehrdeutigen (Eins-zu-Viele-Relation).

Systeme aus eindeutigen Zeichen haben an der Hervorbringung von
Gedanken nur geringen Anteil.  Als Weiterentwicklung von Signalen
sind ursprüngliche Zeichen eindeutig.  Federn stammen definitiv nicht
von Fischen oder Säugetieren, Blutflecken rühren von Wunden her,
Vierfüßer hinterlassen andere Spuren als Zweifüßer.  Polysemie
(Mehrdeutigkeit eines Zeichens) hat sich erst allmählich entwickelt
und zeugt von der Rückwirkung der Bedeutung auf den Bedeutungsträger:
Wörter, Zeichnungen, Geräusche usw.  Eine Tierzeichnung verweist auf
das dargestellte Tier oder auf daran geknüpfte Assoziationen:
Fellqualität, Gefahr, Fleisch.

Philosophie und Literatur (und die Künste allgemein) wurden erst auf
einer bestimmten Ebene der Sprachentwicklung als Ausdruck einer höher
entwickelten Lebenspraxis möglich.  Der Philosoph greift zum Beispiel
auf die gewöhnliche Sprache (Verbalsprache) zurück, verwendet sie
aber auf ungewöhnliche Weise: metasemisch, metaphorisch, metaphysisch.
Die antike Philosophie, die wir als Zeugnis für Sprache und
Schriftkultur heranziehen, ist noch so metaphorisch, daß man sie als
Literatur lesen kann und tatsächlich auch als solche aufgenommen
wurde.  Die moderne Philosophie (nach Heidegger) hat aufgezeigt, wie
die Beziehungen (die sie hervorhebt und behandelt) die
Bezugsgegenstände in sich aufgenommen haben.  Als formalisierte
Argumentation, frei von den Beschränkungen der Schriftkultur und
freilich auch weniger expressiv als die im Wort ausformulierte
Philosophie und ihre endlosen Interpretationen, hat Philosophie
nunmehr ihre eigene Veranlassung und Rechtfertigung entwickelt.  Die
praktischen Auswirkungen im Rahmen einer Lebenspraxis, die auf
anderen als schriftkulturellen semiotischen Funktionsweisen beruht,
werden indes zunehmend geringer.

Die Distanz zwischen der Wortform und der Bedeutsamkeit eines
Gedankens wird als solche zum Parameter für die Weiterentwicklung vom
Natur- zum Kulturzustand.  Wörter wie Raum, Zeit, Materie, Bewegung
wurden erst möglich durch die Schrifterfahrung.  Sobald man sie aber
niedergeschrieben hatte, war nichts mehr übrig von der unmittelbaren,
vermutlich intuitiven Erfahrung von Raum und Zeit, von Materie in
ihren verschiedenen Erscheinungsformen oder von Bewegung.  Visuelle
Darstellungen--andere Formen des Schreibens also--sind dem von ihnen
Dargestellten näher: die cartesianischen Koordinaten als Darstellung
des Raumes, die Uhr als zyklische Zeitauffassung und ähnliches.  Sie
bringen spezifische Beziehungen in Raum und Zeit oder spezifische
Aspekte von Materie oder Bewegung zum Ausdruck.

Das Wort ist im Vergleich zum darin ausgedrückten Gedanken
willkürlich.  Der Gedanke, geboren aus dem Tun des Menschen, ist in
der Naturordnung oder im Denken praktisch offenbartes Wissen.  Im
Ausdruck des Gedankens treffen rationale Strenge und Expressivität
aufeinander.  Dieses synthetisierende Herausbilden von Gedanken ist
ein wichtiger Fall menschlicher Selbstkonstituierung.  Gedanken
drücken auch den impliziten Wunsch des Menschen aus, sie zu
veräußerlichen (Marcuse sprach von der "imperativen Qualität" des
Denkens).  In schriftlicher Fassung legen die Wörter indes nicht nur
die Flüchtigkeit der Sprachlaute ab, sie werden gleichzeitig offen
für potentiell konfligierende Interpretationen.  Diese ergeben sich
daraus, daß wir Wörter in unterschiedlichen pragmatischen Situationen
unterschiedlich verwenden.

In der Schriftkultur gebildet zu sein heißt, die Sprache zu
beherrschen, heißt aber auch, in den Erfahrungen der Vergangenheit
verhaftet und ihren Regeln unterworfen zu bleiben.  Jeder Gedanke ist
das Resultat einer Entscheidung zwischen mehreren Möglichkeiten in
einem gegebenen Existenzparadigma.  Er findet seine genaue Bestimmung,
d. h. seinen Niederschlag als Bedeutung, dadurch, daß er einem
pragmatischen Kontext zugeordnet wird.  Verändert sich der Kontext,
kann der Gedanke bestätigt werden, auf Widerspruch treffen (er wird
zweideutig) oder sich vielen Interpretationen öffnen (er wird
mehrdeutig).  Ein Beispiel: Der Begriff der Demokratie durchlief alle
Stadien von seinen ersten Erwähnungen in der griechischen Kultur bis
zur liberalen Ausdeutung--und Selbstverleugnung--im Stadium jenseits
der Schriftkultur.  Er bedeutet eines--die Macht des Volkes--, ist
aber kontextabhängig, je nachdem, was man unter Volk verstand und wie
man Macht ausübte.  In seinen neuen Kontexten bedeutet er so viel
Verschiedenes, daß sich manche fragen, ob er überhaupt noch etwas
bedeutet.

Schriftkultur bot den geeigneten Rahmen und die angemessenen Mittel
zur Kommunikation von Ideen.  Wenn aber Ideen in immer schnellerem
Rhythmus zum Ausdruck kommen und in immer kürzeren Zyklen von
Eindeutigkeit zu Mehrdeutigkeit übergehen, dann wird Schriftkultur
und Schriftlichkeit entweder nicht mehr deren praktischer Funktion
oder der Dynamik individueller Selbstsetzung gerecht.  Es sieht sogar
so aus, als würden Ideen als solche, in ihrer Leistung als Mittel
menschlicher Projektion, immer weniger wichtig.  Was wir einstmals
als den Höhepunkt menschlicher Leistungsfähigkeit angesehen haben,
betrifft die heutige Gesellschaft immer weniger.  Unsere Welt ist
beherscht von Methoden und Produkten, und Ideen haben allenfalls
kulturelle Bedeutung.  Wissen ist heute auf Information reduziert;
Verstehen ist lediglich operational.  Immer mehr künstliche Sprachen
werden entwickelt und zunehmend auf Methoden und Produkte
ausgerichtet.  In der vernetzten Welt der digitalen
Informationsverbreitung brauchen wir kein Esperanto, sondern Sprachen,
die die grenzenlose Vielfalt der Geräte und Programme vereinen, mit
denen wir unsere neuen Erfahrungen im World Wide Web machen.  Auch
Effizienz bezieht sich in dieser Welt auf Transaktionen, in die nicht
mehr unbedingt Menschen als handelnde Personen eingebunden sind.
Innerhalb dessen, was sich als Netconomy etabliert, betreiben
unabhängige Agenten, d. h. autonome Programme, die geschäftlichen
Transaktionen und maximieren den Profit (weil es jeder wünscht).
Diese Agenten sind mit Regeln für Reproduktion, Bewegung und Fairness
versehen und können auch kulturell identifiziert werden.  Netconomy
ist bislang allerdings mehr Verheißung als Wirklichkeit.  Das
Funktionieren solcher Agenten zeigt uns allerdings, wie die Metapher
vom Funktionieren der Sprache in unserer Welt jenseits der
Schriftkultur zu ihrer wörtlichen Bedeutung zurückfindet.  Die
Visualisierung von Gedanken Das mindeste, wofür das geschriebene
Zeichen--Wort, Satz oder Text--steht, ist das Sprachzeichen.
Allerdings mußte die Schrift eine längere Entwicklungsphase
durchlaufen, bevor sie diesen Stand erreicht hatte.  In ihren
vorsprachlichen Formen hatte die graphische Darstellung ihren
Bezugsgegenstand in der Wirklichkeit--sie re-präsentierte das, was
nicht präsent war.  Das Präsente braucht nicht repräsentiert zu
werden.  Die Richtung, die der visuellen Repräsentation eingeprägt
ist, weist von der Vergangenheit zur Gegenwart.  Das, was aufgehoben
werden muß, liegt dem Akt der Entfremdung von der Unmittelbarkeit als
ursprüngliche Motivation zugrunde.  Die frühen Formen der
Repräsentation, insgesamt Teil eines recht primitiven Repertoires,
besitzen nur Ausdrucksfunktion.  Sie bewahren vom Nicht-Präsenten
(was nicht gesehen, gehört, gefühlt, gerochen werden kann) die
relevante Information für die zukünftigen Beziehungen zwischen
Menschen und deren Umwelt auf.  Das Bild gehört zur Natur.
Mitgeteilt wird die Art des Sehens oder Erkennens, nicht das
tatsächlich Gesehene.  Der Vollzug des geschriebenen Zeichens
hingegen ist nicht Informationsvergabe, die dann zur Verfertigung von
Gegenständen führen kann, sondern das, was es bedeutet.  Eine relativ
geringe Zahl von Zeichen--das Alphabet, Zeichensetzung und
diakritische Zeichen--ist an der immanenten Unbegrenztheit der
Kompetenz des Schreibens beteiligt.

Wie immer wir menschliches Denken definieren, seine Festlegung hat es
erst in der Schrift gefunden.  Die in der Schrift festgehaltene
Gegenwart verliert ihren Charakter als unmittelbarer Vorgang.  Kein
geschriebenes Wort ist je zum Vorschein gekommen, das nicht auch
geäußert und gehört, d. h. empfunden worden ist.  Die Bedeutung
(intendierte und zugewiesene) ergibt sich aus der Einrichtung der
Sprache in der Lebenspraxis.  Nicht zufällig haben sich die räumliche
Einrichtung des Menschen (in dörflichen Siedlungsformen) und die
Einrichtung der Sprache als Schrift (ihrer Natur nach ebenfalls
räumlich) gleichzeitig vollzogen (vgl.  Leroi-Gourhan).  Eine dritte
Komponente gehört allerdings auch in diesen Zusammenhang, nämlich die
Sprache von Zeichnungen, die, so primitiv sie auch gewesen sein mögen,
bei der Anfertigung von Schutz- und Arbeitsvorrichtungen dienlich
waren.

Dieser allgemeine Kontext führte schließlich hin zum großen
historischen Moment der griechischen Philosophie, die wir im
zeitlichen Zusammenhang sehen müssen mit der Alphabetisierung und im
allgemeineren kulturellen Zusammenhang mit der Entwicklung mancherlei
handwerklicher Künste, allen voran die Architektur.  Sokrates, der
das Denken und die Wahrheit im Gespräch suchte, verfocht die
Mündlichkeit.  Das ist zumindest das Bild, das uns Platon von ihm
vermittelt.  Die großen Handwerker seiner Zeit teilten diese
Einstellung.  Zum Bau von Tempeln und der Herstellung von Werkzeugen
und anderen nützlichen Geräten war nicht unbedingt Schrift vonnöten.
Die heuristischen und mäeutischen Methoden, mit deren Hilfe der
Mensch seine Handlungsalternativen und neuen Optionen überprüft und
überdenkt, sind im wesentlichen mündlich.  Sie setzen die physische
Präsenz des Philosophen oder des Architekten voraus.  Eigentlich hat
sich bis heute nicht viel daran geändert, wenn wir uns vor Augen
halten, wie Design oder Ingenieurwissenschaften auch heute noch
unterrichtet werden.  Aber das ändert sich: gerade diese Bereiche
beziehen immer mehr die digitale Verarbeitung mit ein.
Computationale praktische Erfahrungen, die diese digitale
Datenverarbeitung einbeziehen, genetic engineering, d. h. die
Gestaltung und Erzeugung neuer genetischer Produkte, oder Memetik
sind nicht mehr nur Fortentwicklungen jener Erfahrungen, die auf
Schriftkultur gründen, sondern ganz anderer Natur.


Buchstabenkulturen und Aphasie

In der Kulturgeschichte hat es wiederholt kritische
Auseinandersetzungen mit der Schriftkultur und Schriftbildung gegeben,
deren bekannteste nach Platon wohl die von Marshall McLuhan ist.
Buchstabenkulturen, so seine Position in Gutenberg’s Galaxy (1964),
haben die Welt uniformisiert, fragmentarisiert und auf logische
Abfolgen hin ausgerichtet, was überzogenen Rationalismus,
Nationalismus und Individualismus gezüchtet habe.  Vernunft sei mit
Schriftkultur und Rationalismus mit einer einzigen Technologie
gleichgesetzt worden.  Solche Attacken haben nun allerdings--soweit
wir das aus unserer heutigen Sicht beurteilen können--nicht dazu
geführt, daß die Schriftlichkeit und ihr Einfluß abgenommen haben.
Aus anderer Perspektive hat im übrigen Roland Barthes (1970) die
Notwendigkeit einer mündlich-visuellen Kultur hervorgehoben.

Ohne Frage gehören alle Pläne, die je von Architekten, Handwerkern
oder Designern entworfen worden sind, einer Praxis an, die mündliche
(Anweisungen zur Umsetzung des Plans in ein Produkt) und visuelle
Kulturformen verbindet.  Viele solcher Pläne mit Gedanken und
Konzepten, die vielleicht genauso kühn sind wie die, die in
Manuskripten und später in Büchern aufgezeichnet wurden, sind
verloren gegangen.  Einige Werke haben die Zeiten überdauert.  Die
Tatsache, daß die Dominanz des geschriebenen Wortes die immense
Bedeutung von Zeichnungen in den Hintergrund unserer Wahrnehmung
verdrängt hat, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß durch
sie unsere Erfahrung nachhaltig geprägt und wichtiges Wissen
übermittelt wurde.  Zeichnungen sind holistische Einheiten, deren
Komplexität nur schwer mit der eines Textes verglichen werden kann.

Die Bedeutung, die durch die Schrift vermittelt wird, vollzieht sich
in einem Prozeß der Verallgemeinerung und Reindividualisierung.  Was
bedeutet es für ein Individuum, sie zu lesen und zu verstehen?  Es
durchläuft den Weg, der vom Sprechen zum Schreiben, vom Konkreten zum
Abstrakten und von der analytischen zur synthetischen Funktion der
Sprache führte, in umgekehrter Richtung.  Zu jedem beliebigen
Zeitpunkt verfügen wir einerseits über die begrenzte Wirklichkeit der
Zeichen (Alphabet, Wörter, Idiome), und andererseits die praktisch
unbegrenzte Wirklichkeit, die in den zum Ausdruck gebrachten
Sprachsequenzen und Begriffen verkörpert ist.  Daraus ergibt sich die
Frage nach dem Ursprung der Gedanken, bzw. der Begriffe und dem
Verhältnis zwischen Zeichen (vor allem Wörtern) und der ihnen
zugewiesenen Bedeutung, bzw. dem Inhalt, der durch Sprache
weitervermittelt werden kann.  In westlichen Kulturen wird Bedeutung
durch additive Mechanismen hervorgerufen, vergleichbar mit dem
Anmischen von Pigmenten.  In östlichen Kulturen beruht Bedeutung auf
substraktiven Mechanismen, vergleichbar mit der Mischung von Licht.

Obwohl Buchstabenschrift einfacher und stabiler als ideographische
Schrift erscheint, ist sie doch schwieriger.  Das liegt am höheren
Abstraktionsgrad.  Daher muß der Leser eines Buchstabentextes die
große Kluft zwischen dem graphischen Zeichen und dem Bezeichneten mit
seiner eigenen Erfahrung überbrücken.  Die praktische
schriftkulturelle Erfahrung geht von der Annahme aus, daß die Bildung
in Form von geschichtlichem und kulturellem Bewußtsein diesen
Referenzbezug ersetzt.  Die Leser von ideographischen Texten haben
den Vorteil einer größeren Konkretheit der Darstellung.  Da also jede
Sprache ihre eigene Geschichte in sich trägt, gewissermaßen als
Zusammenfassung der sie hervorbringenden Lebenspraxis, impliziert das
Lesen in einer anderen Sprache zugleich die Konfrontation mit einer
fremden Erfahrung und damit die Notwendigkeit, diese Schrift Schritt
für Schritt für sich neu zu erfinden.

Die Aphasieforschung der letzten 15 Jahre hat gezeigt, daß ab einem
bestimmten Stadium eine Regression von der Schrift- zur Bildlektüre
(piktographisches, ikonisches Lesen) zu verzeichnen ist.  Buchstaben
verlieren ihre sprachliche Identität.  Der aphasische Leser sieht nur
Linien, Unterbrechungen, Formen.  Begriffe und Gedanken brechen im
wahrsten Sinn des Wortes zusammen.  Erkennbar bleibt einzig die
Ähnlichkeit zwischen konkreten Formen.  Der Niedergang vom Abstrakten
zum Konkreten kann als soziokultureller Unfall vor dem Hintergrund
eines natürlichen (biologischen) Unfalls gedeutet werden.

Heutzutage verzeichnen wir ähnliche Symptome, die auf eine Art
kollektiver Aphasie in gegenteiliger Richtung hindeuten.  Schrift
wird dekonstruiert und zur Graffiti-Notation, zu kurzschriftartigen,
von Sprache und Schriftkultur befreiten Statements.  Eine Zeitlang
waren Graffiti kriminalisiert.  Später wurden sie zur Kunstgattung
erhoben und vom Markt absorbiert.  Dabei sind wir uns vermutlich nie
des Ausmasses bewußt geworden, in dem gerade auch Graffiti durch eine
Form von Alphabetismus gekennzeichnet ist, haben wir uns kaum
Klarheit verschafft über deren Ursprünge, ihre Verbreitung und die
"aphasischen" Implikationen ihrer Ausübung.  Nicht nur die New Yorker
U-Bahn wurde in eine bewegliche Zeitung verwandelt, die so oft
erschien, wie man die Aufsicht täuschen konnte.  Ein großer Teil der
Öffentlichkeit lehnte Graffiti ab, denn es widersetzte sich der
legitimierten Kommunikation und zugleich der Aura von Ordnung und
Korrektheit, die der Schriftkultur zugrunde liegt.  Viele andere
fanden ihre Freude daran.  Die Rap-Musik ist das musikalische
Gegenstück zum Graffiti.  Die Botschaften, die heute auf den
Datenautobahnen ausgetauscht werden, weisen oft Merkmale der Aphasie
auf.  Konkretheit steht an erster Stelle. :-) (der smiley im
Internet) z. B. erübrigt jeden anderen Ausdruck von Freude.  Für den
stupenden Informationsaustausch in den digitalen Netzwerken ist
solche kollektive Aphasie symptomatisch für Veränderungen der
kognitiven Voraussetzungen derer, die in diese Erfahrungen
eingebunden sind.  Weder opportunistische Begeisterung noch
dogmatische Ablehnung können uns helfen, die Notwendigkeit dieser
Entwicklung und ihre Nutzanwendung zu verstehen.  Viele private
Sprachen und unzählige Kodes zirkulieren als Kilo- und Megabytes
zwischen den Kommunikationspartnern und entziehen sich jeglicher
Regulierung.

Die digitalen Netzwerke haben sich als ein Handlungsrahmen erwiesen,
der die heutigen Erwartungen angemessen erfüllt; die traditionelle
Form der Schriftkultur sieht sich dabei herausgefordert durch
flüchtigere, auf Teilbereiche beschränkte Sondersprachen.  Der
Allgemeinheitsanspruch der Schriftkultur ist unhaltbar, wenngleich
sie als ein Ausdrucks- und Kommunikationsmittel bestehen bleibt.
Aber manch einer hat erfahren, daß sie für den praktischen und
geistigen Erfahrungshorizont einer Menschheit, die aus allen ihren
alten Kleidern, Spielzeugen, Büchern, Geschichten, Werkzeugen und
sogar Konflikten herausgewachsen ist, nicht mehr ausreicht.

Es drängt sich als Anschlußfrage auf, ob die schriftkulturelle
Erfahrung des Wortes zu dessen stetig abnehmender Bestimmtheit
beigetragen hat oder ob die Kontextveränderungen dessen
Interpretation, will sagen: die semantische Verschiebung von bestimmt
zu vage, verursacht.  Vermutlich spielen beide Faktoren dabei eine
Rolle.  Einerseits erschöpft die Schriftkultur ihre eigenen
Möglichkeiten.  Andererseits beschränken neue Kontexte ihre
Leistungsfähigkeit als das beherrschende Medium für den Ausdruck, die
Kommunikation und die Bezeichnung von Gedanken.

Wir alle kennen Versuche, Sprache so kontextfrei wie möglich zu
verwenden--die Verallgemeinerungen jeglicher Demagogie (liberaler,
konservativer, linker oder rechter, religiöser oder emanzipierter)
können als Beispiel dienen; aber auch die vielen Formen des Lesens
der Zukunft aus Glaskugeln, Handflächen, Tarotkarten, die in den
vergangenen Jahren vor dem Hintergrund zunehmender Illiteralität
entstanden sind.  Nichts davon ist neu; neu ist nur, daß dieser Markt
voller Unbestimmtheit und Ambiguität, der abweichende Funktionsweisen
der Sprache erkennen läßt, in voller Blüte steht.  Dies alles sind
Symptome für eine Veränderung unserer Lebenspraxis, wie sie im
vorliegenden Buch dargelegt ist.

Wir müssen allerdings die Veränderungen der Sprachfunktionen noch
genauer erläutern.  Wir wissen heute, daß die ältesten überlieferten
Höhlenzeichnungen indexikalische Hinweiszeichen aus einem mündlichen
Kontext, und weniger Darstellungen von Jagdszenen sind (wenn sie auch
oft so interpretiert werden).  Sie zeugen mehr von denen, die sie
gezeichnet haben, als von dem, was gezeichnet ist.  Die überholte
Schriftlichkeit mystifizierter Botschaften fungiert auf ähnliche
Weise.  Sie sagt mehr aus über ihre Verfasser als über ihren
Gegenstand, ob dieser nun Geschichte, Soziologie oder Anthropologie
ist.  Die gestiegene mündliche und visuelle, technologisch optimierte
Kommunikation nun definiert die jenseits der Schriftkultur liegende
neue kognitive Dimension des Menschen.  Der Übergang vom Sprechen zum
Schreiben entspricht dem Übergang von einer pragmatisch-affektiven
Lebenspraxis zu einer pragmatisch-rationalen Ebene mit linearen
Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer Umwelt.  Sie vollzieht
sich im Zusammenhang der Evolution vom Synkretistischen zum
Analytischen.  Der neuerliche Übergang von Schriftkultur zu einer
Vielzahl von Alphabetismen wiederum entspricht einer Lebenspraxis,
die sich durch nicht-lineare Beziehungen auszeichnet und die einer
fortschreitenden Entwicklung vom Analytischen zum Synkretistischen
entspringt.  Diese Bemerkungen beziehen sich auf die europäischen
Kulturen und ihre Ableger.  Die ostasiatischen Sprachen weisen eine
Tendenz zum Aufzeigen statt zum Erklären auf.  Die analytische
Struktur des logischen Denkens (die wir später eingehender erörtern)
wird in der Satzstruktur der Sprache gebildet, die in diesen beiden
Kulturbereichen grundlegend anders ist.  Die imperative Energie des
Ausdrucksvorgangs verleiht z. B. der chinesischen Sprache einen
permanenten Hervorbringungscharakter (Sprechen im Vollzug, im
Entstehen).  Die hervorgehobene Rolle dieses Vorgangs in der
asiatischen Kultur spiegelt sich in der zentralen Position des Verbs.
Die Anordnung der Satzteile um das Verb herum lenkt das Denken auf
die Beziehung zwischen Bedingung und Bedingtem.

Die für den europäischen Kulturkreis charakteristische Form der Logik
(unter dem deutlichen Einfluß der klassischen griechischen
Philosophie) spiegelt sich in der hervorgehobenen Position des
Substantivs.  Es ist freier und stabiler als das Verb und kann
Identität, Invarianz und das Allgemeine wiedergeben.  Die auf dieser
Voraussetzung gründende Logik sucht die Einheit zwischen Spezies und
Genus.  Die Schrift der europäischen Kulturen und die ideographische
Schrift des Orients haben beide auf ihre Weise Logik, Rhetorik,
Heuristik und Dialektik zu definieren versucht.  Aus historischer
Sicht sind sie komplementär.  Mit Blick auf die Geschichte des Wissen
und auf die Geschichte als solche könnte man sagen, daß das
europäische Abendland Wissen und Weltkontrolle, der Orient
Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle erlangt haben.  Es wäre utopisch
(und mit vielfältigen historischen, sozialen, ideologischen und
politischen Implikationen verbunden), sich eine Welt vorzustellen,
die beides harmonisch vereinigt.  Voraussetzung hierfür wäre im
übrigen, daß sich der jeweilige Status der Schriftkultur in beiden
Kulturkreisen veränderte.  Eben solche Veränderungen in Richtung auf
eine Konvergenz der Sprachen in den erwähnten Kulturkreisen können
wir indes derzeit beobachten.

Schriftlichkeit ist nicht nur ein Instrument der Vermittlung zwischen
Kulturen, sie zieht auch Grenzen.  Das gilt für westliche und
fernöstliche Kulturen (und alle anderen) gleichermaßen.  So hält
Japan zum Beispiel trotz der spektakulären Leistungen bei der
Aneignung und Fortentwicklung neuer Technologien innerhalb seiner
Grenzen an einem Rahmen fest, der seiner traditionellen Schriftkultur
und Bildung entspricht.  Außerhalb seiner Grenzen kann es sich auf
andere Schriftkulturen und Bildungsformen hervorragend einstellen.
Auf andere Weise trifft dies auch auf China zu.  Innerhalb seiner
Grenzen baut es ein internes Netzwerk auf (Intranet), ohne dies
jedoch an das allumfassende Netz (Internet) ganz anzubinden, das uns
in einigen Bereichen die Erfahrung der Globalität eröffnet.

Die hierarchische Organisation, mit der man sich im Westen den
ehemaligen wirtschaftlichen Erfolg Japans zu erklären versuchte, ist
letztlich auf die Einheit semmai-kohai, d. h. senior-junior,
zurückzuführen.  Diese Unterscheidung entspricht einer spezifischen
Logik und Ethik, die vom Vorrang des Alten über das Junge ausgehen
und die pragmatischer Natur sind.  Anerkannt werden damit Erfahrung
und Leistung, die im Japanischen in den Kategorien kyu, d. i.
Tüchtigkeit und Geübtheit, und dau, etwa Erfahrung, ausgedrückt
werden.  Diese Systematik wirkt sich auf das Wirtschaftsleben, auf
Kalligraphie, japanischen Ringkampf (sumo), Blumenschmuck (ikebana)
und die gesellschaftliche Ordnung aus.  Auch dieses System ist von
der Dynamik der gegenwärtigen Veränderungen nicht unberührt geblieben.

Mit Blick auf die Leistungen der Sprache müssen wir feststellen, daß
Nationalsprachen zur Abkapselung führen, angenommene Sprachen
hingegen--hier besonders Englisch--als Bindeglied zur übrigen Welt
dienen können.  Auch die japanische Gesellschaft sieht sich einer
zunehmend global organisierten Welt gegenüber und damit der
Notwendigkeit ausgesetzt, neue, dieser globalen Welt angemessene
Ausdrucks-, Kommunikations- und Bedeutungsmittel zu entwickeln.
Einerseits zeigt sich Japan als eine an den Vorurteilen der
Schriftkultur und traditionellen Bildung ausgerichtete Gesellschaft,
streng hierarchisch organisiert, frauen- und fremdenfeindlich,
dogmatisch; andererseits, trotz der gegenwärtigen Krise in Japan,
beweist es eine erstaunliche Fähigkeit, sich auf die veränderten
Bedingungen der Lebenspraxis und der Selbstsetzung als Japaner und
zugleich als integrierte Mitglieder der Weltgemeinschaft einzurichten.
Folglich entwickeln sich auch in dieser so homogenen Kultur neue
Formen der Schriftlichkeit und Bildung, die wir im übrigen auch in
China, Korea, Indonesien und den arabischen Ländern feststellen
können.  Und dieser Prozeß weitet sich allmählich, wenn auch
langsamer als von einigen erwartet, auf die afrikanischen und
südamerikanischen Länder aus.

Die globale Wirtschaft erfordert neue Beziehungsformen zwischen den
Staaten und Kulturen, und diese Beziehungsformen müssen der Dynamik
der neuen Lebenspraxis angemessen sein.  Die zwanghafte Suche nach
Identität, die sich in den multikulturellen Tendenzen unserer Tage
ausdrückt, wird in der Vergangenheit keine hinreichenden Argumente
finden.  Den besten Beleg hierfür liefern die Aktivisten dieser
Bewegung mit ihren Fehldarstellungen von historischen Ereignissen,
Fakten und Zahlen.  Multikulturalität entspricht der Dynamik, die
sich jenseits der Schriftkultur entwickelt: sie verlagert den Akzent
von der Einmaligkeit und Universalität einer einzig vorherrschenden
Kultur und Kulturform auf eine Pluralität, die keine ethnische Gruppe,
keinen Lebensstil, keine Kultur ausgrenzt.  Wer Multikulturalität
heute als eine Frage der Rasse oder Feminismus als eine Frage des
Geschlechts (vor dem Hintergrund der Geschichte) behandelt, wird
keine wirksame Strategie für diejenigen entwickeln können, deren
Andersartigkeit heute anerkannt ist.  Andersartigkeit bringt andere
Fähigkeiten mit sich und andere Wege, die jeweilige Identität zur
Geltung zu bringen.  Die Vergangenheit ist unbedeutend geworden; die
Zukunft hat uns zu beschäftigen.



Kapitel 5:


Sprache und Logik

Etwa zu der Zeit, in der Computer zum alltäglichen Bestandteil
unseres Lebens wurden, entwarf ein relativ unbekannter
Science-Fiction-Autor eine utopische Welt, die er non A (A) nennt.
Sie ist auf unserem Planeten im Jahr 2560 angesiedelt, und non A
bezeichnet eine Form der nicht-aristotelischen Logik, die in ein
Computerspiel eingebettet ist, das die Welt beherrscht.  Gilbert
Gosseyn (im Englischen Go Sane ausgesprochen, was im Deutschen soviel
wie "werde gesund", "werde vernünftig" heißt), der Protagonist dieser
Welt, entdeckt plötzlich, daß er mehr ist als nur eine Person.

Jeder, der ein wenig mit der Geschichte der Logik vertraut ist, wird
hier an Levy-Bruhls umstrittenes Gesetz der Mitbeteiligung denken,
das von der folgenden Annahme ausgeht: "In den kollektiven
Darstellungen einer primitiven Mentalität können Gegenstände,
Lebewesen und Phänomene auf eine Weise, die wir nicht begreifen
können, gleichzeitig sie selbst und etwas anderes sein."  Die relativ
undifferenzierte, synkretistische Erfahrung, die den Anfangsstadien
Notation und Schrift zugrunde lag, kannte offenbar vielfältige, uns
ungewöhnlich erscheinende Verbindungen.  Bei der Erforschung der von
primitiven Stämmen hervorgebrachten Produkte hat sich gezeigt, daß
einerseits das visuelle Denken vorherrscht, und andererseits die
Funktionsweise des Menschen in einem Zusammenhang gedacht wird, den
wir heute multivalente Logik nennen würden.

Obwohl die Welt von non A in ferner Zukunft liegt, beschreibt sie
doch eine Logik, die wir mit einem lange zurückliegenden Stadium der
menschlichen Entwicklung verbinden.  Aus der Anthropologie wissen wir,
daß es noch heute in den Regenwäldern des Amazonas und in entlegenen
Eskimo-Gebieten Stämme gibt, deren Angehörige sich nicht nur als sie
selbst begreifen, sondern zugleich als etwas anderes, als Vogel,
Pflanze oder als vergangenes Ereignis.  Hierbei handelt es sich nicht
nur um eine andere Sprachverwendung, sondern um eine andere Form der
Identitätsbildung.  In diesem pragmatischen Zusammenhang übersteigt
der logische Schluß die Grenzen, die ihm die aristotelische Logik mit
ihrem Dualismus von wahr und falsch setzt.  Möglicherweise ist der
Begriff der multivalenten Logik eine gute Bezeichnung für diese Art
von Schlußfolgerung; er liefert indes keine Erklärung dafür, warum
die Selbstkonstituierung auf solche Mechanismen zurückgreift und wie
sie funktionieren.  Selbst wenn wir eine Antwort darauf finden würden,
müßten wir uns doch fragen--da sich unsere Selbstsetzung nach einer
anderen Logik vollzieht--, welche Beziehung zwischen der
Spracherfahrung und dem logischen Rahmen jener Menschen besteht, die
in der non-A-Welt vergangener Zeiten lebten.  Der in solchen Stämmen
vorherrschende Umgang mit Bildern erklärt, warum es ein logisches
Kontinuum anstelle der scharfen Trennung zwischen wahr und falsch,
gegenwärtig und abwesend gibt.  Mehrwertige Logik in den
verschiedensten Ausprägungen und pragmatischen Zusammenhängen wurde
zurückgedrängt, als Sprache ihre schriftliche, auf einem Alphabet
basierende Form annahm und das Denken sich in schriftlichen
Ausdrücken stabilisierte.  Die Bewußtmachung von Verbindungen, die
dezidiert in die Erfahrung eingebunden sind und in einem Korpus
intelligiblen Wissens quantifiziert werden, klären den logischen
Horizont.  Mit der Unterdrückung einer multivalenten Logik wurden
Einheiten nur als das konstituiert, als das sie die Erfahrung
erscheinen ließ, und nicht mehr als viele Dinge gleichzeitig.

Der Wechsel von der Mündlichkeit zur praktischen Erfahrung der
geschriebenen Sprache wirkte sich auf viele Aspekte der menschlichen
Interaktion aus.  Die Schrift brachte einen Referenzrahmen mit sich,
Möglichkeiten des Vergleichs und der Bewertung, und damit überhaupt
eine Vorstellung von Wert, als Ergebnis einer Wahl unter einer
begrenzten Anzahl von Optionen.  Mündlichkeit wurde von denen
kontrolliert, die sie ausübten.  Die durch Zeichen auf einer
beschriebenen Oberfläche stabilisierte Schrift ermöglichte eine neue,
analytische Form des Fragens.  Im Verlauf der Zeit ergaben sich in
der geschriebenen Sprache eine Reihe von Assoziationen, einige aus
dem visuellen Aspekt der Schrift, andere aus bestimmten
Schriftmustern, Wiederholungsformen und ähnlichem.  Schrift regte zum
Vergleich von Erfahrungen der Selbstkonstituierung an, indem sie den
Vergleich verschiedener Aufzeichnungen ermöglichte.  Die Erwartung,
daß alles Aufgezeichnete akkurat aufgezeichnet ist, ist der
Schrifterfahrung implizit.  Die skeletthafte Form der Anfänge der
Schrift bot sichtbare Verbindungen, die innerhalb der Mündlichkeit
verblaßten.

Logik ist, sehr allgemein definiert, die Disziplin der
Zusammenhänge--"Wenn das eine, dann das andere."  Diese Denkfigur
kann auf vielfältige Weise ausgedrückt werden, formale Ausdrücke
eingeschlossen.  Die in der Mündlichkeit gegebenen Zusammenhänge
waren spontan.  Mit der Schrift gingen die Stabilisierung der
Erfahrung und ein methodisches Versprechen einher.  Die Methode
besteht in den Schlußfolgerungen, die sich aus den Verknüpfungen
ergeben.  Das besagt nichts anderes, als daß die der Mündlichkeit
innewohnende Logik eine natürliche Logik ist, die natürliche
Zusammenhänge wiedergibt, welche von den sich in der Schrift
niederschlagenden Verknüpfungen unterschieden sind.  Die Schrift
liefert gewissermaßen das Röntgenbild eines nur schwer faßbaren
Erfahrungsschatzes, in dessen Tiefen sich Verknüpfungen und ihre
praktischen Implikationen abzuzeichnen begannen.

Das Bewußtsein von Zeit und Raum wird relativ langsam gewonnen.
Dementsprechend drückt es sich aus als ein allmählich sich
einstellendes Bewußtsein davon, wie Zeit und Raum das Ergebnis
praktischer Tätigkeiten beeinflussen.  Wie die Zeichen ist auch die
Logik in der Praxis menschlicher Selbstkonstituierung verwurzelt und
entwickelt sich sehr wahrscheinlich gemeinsam mit ihnen.  Gemeinsame
Gegenwärtigkeit, d. h.  Ko-Präsenz dessen, was unterschiedlich oder
ähnlich ist, Inkompatibilitäten, Ausschließungen und ähnliche Zeit-
oder Raumsituationen werden von Handlungen, Gegenständen und Personen
losgelöst und bilden eine wohl definierte Erfahrungsschicht.  Aus
einfacheren Konfigurationen oder Verknüpfungssequenzen ergeben sich
Mechanismen der Schlußfolgerung, die man aus Gegenständen, Handlungen,
Personen, Situationen usw. ableitet.  Zur Festmachung solcher
Schlußfolgerungen eignet sich die Schrift sehr viel besser als
Rituale oder mündliche Ausdrücke, womit allerdings nicht gesagt ist,
daß sie damit auch die gemeinsame Teilhabe an diesen
Schlußfolgerungen erleichtert.  Was an Breite gewonnen wird, geht an
Tiefe verloren.

Die Lebenspraxis wird damit nicht nur effektiver, sondern auch
komplexer.  An die Stelle physischer Leistungen treten zunehmend
kognitive Leistungen.  Komplexere Erkenntnis und Erfahrung ergeben
sich aus erweiterten Handlungsradien und können nur noch in der
skeletthaften, abstrakten Form der Verschriftlichung vermittelt
werden; damit verliert die Erfahrung die reichhaltigen individuellen
Merkmale derer, die sich in ihr identifizieren.  Aus dem
Verknüpfungsreichtum ergibt sich Handlungslogik.  Der Akzent liegt
dabei auf Zeit und Raum, bzw. auf dem, was wir rückblickend Bezüge,
bzw.  Referenz nennen.  In dem Maße, in dem die Schrift die in der
Zeit verlaufenden Ausdrucks- und Kommunikationsmittel (vor allem
Rituale) ersetzt, verliert auch die zeitliche Logik an Bedeutung.
Mit der Veränderung des pragmatischen Horizonts knüpft die
Schriftkultur in Verbindung mit der ihr innewohnenden Logik ihr
unsichtbares Netz, ihre eigene Metrik.  Alles, was nicht in
irgendeiner Weise auf diese schriftkulturelle Selbsterzeugung des
Menschen bezogen ist, bleibt außerhalb unserer
Verstehensmöglichkeiten.  Die Sprache der Schriftkultur erweist sich
als eine reduktionistische Maschine, mittels derer wir der Welt aus
der Perspektive unserer eigenen Erfahrungen begegnen.  Sobald wir uns
bewußt werden, daß es andere Erfahrungen gibt oder daß sie doch
möglich sind, versuchen wir, sie zu verstehen; wir wissen aber, daß
wir dadurch, daß wir sie in unsere eigene Spracherfahrung einbinden,
die Bedingungen ignorieren, unter denen sie gewonnen wurden.
Mündliche Erziehung beruhte auf der zusammenhängenden Einheit von
Eltern und Kind, und Erinnerung, d. h.  Erfahrung, wurde auf
unmittelbarem Wege übertragen.  Die Schriftkultur setzte an die
Stelle dieser zusammenhängenden Einheit die Mittel, Diskontinuitäten
und Unterschiede zu erkennen und festzumachen.  In irgendeiner Form
der Aufzeichnung speicherte sie alles, was sich auf die gesamte
menschliche Erfahrung bezog.  Aber mit der Aufzeichnung stellte sie
auch eine neue Form der Erfahrung mit eigenen Werten dar.

Wir haben behauptet, Schriftlichkeit sei eine reduktionistische
Maschine; sie reduziert Sprache auf einen Korpus von allgemein
akzeptierten Weisen des Redens, Aufzeichnens und Lesens, die zwei
Arten von Regeln entsprechen mußten: solchen der Zusammenhänge
(Logik) und solchen der Grammatik.  Im Rückblick auf diese
Entwicklung können wir verstehen, inwiefern die Schrift die Erfahrung
menschlicher Selbstkonstituierung durch Sprache beeinflußt hat.
Insofern teilen wir auch nicht die Meinung derer, die in der
Nachfolge des jungen Wittgenstein eine der Sprache immanente Logik
für gegeben halten und ihre Aufgabe darin sehen, das ans Licht zu
bringen, was die Sprachzeichen verbergen.  Sprache besitzt keine
innere Logik; jede praktische Erfahrung bezieht Logik und
kontaminiert alle menschlichen Ausdrucksmittel durch die
Schlußfolgerung aus dem, was möglich ist, auf das, was nötig ist.


Logiken hinter der Logik

Die im Sprachgebrauch angelegte Koordinationsleistung hat sich im
Verlauf der Sprachverwendung fortentwickelt.  Unverändert blieb
allerdings die Struktur der Koordinationsmechanismen.  Logik, wie wir
sie heute kennen, also eine Disziplin, die durch den schriftlichen
Gebrauch der Sprache legitimiert ist, beschäftigt sich mit den
strukturalen Aspekten verschiedener Sprachen.  Wenn wir den
Koordinationsmechanismus von Schrift und Schriftkultur, der die Logik
mit einbezieht, auf diese aber nicht allein reduzierbar ist,
begreifen, können wir auch besser verstehen, wie und warum sich jene
Bedingungen herausgebildet haben, die zur Schriftkultur führten.
Dieser Koordinationsmechanismus bestand aus Regeln für den korrekten
Sprachgebrauch (Grammatik), aus der Bewußtwerdung der für die
Lebenspraxis spezifischen Zusammenhänge (Logik), aus
Überredungsmitteln (Rhetorik), der Wahlmöglichkeit zwischen
verschiedenen Optionen, Erfindungskunst (Heuristik) und der
Argumentation (Dialektik).  In ihrer Gesamtheit lassen sie erkennen,
wie komplex der Vorgang der Selbstkonstituierung ist; einzeln
betrachtet erhellen sie die fragmentierten Erfahrungsbereiche des
Sprachgebrauchs, nämlich Rationalität, Überzeugung, Auswahl, Handeln
und Glauben.  Jedem (relativ) normalen Geschehensablauf liegt eine
Logik zugrunde, ebenso jeder Krise, wenn wir den Begriff der Logik so
weit fassen wollen, daß er die rationale Beschreibung und Erklärung
der Faktoren, die zu einer Krise geführt haben, mit einschließt.  Und
dieser Logik wiederum liegen andere Formen der Logik zugrunde.  Die
Logik der Religion, die Logik der Kunst, der Moral, der Wissenschaft,
der Logik selbst, die Logik der Schriftkultur: allesamt Beispiele für
die vielfältigen Interessensgegenstände des Menschen, anhand derer er
die jeweilige Logik dem Test der Vollständigkeit (bezieht sie sich
auf alles?), der Folgerichtigkeit (ist sie widersprüchlich?) und
bisweilen der Transitivität unterzieht.

Unabhängig vom Gegenstand (Religion, Kunst, Ethik, eine exakte
Wissenschaft, Schriftkultur usw.) richten die Menschen die jeweilige
Logik als Netzwerk gegenseitiger Beziehungen und funktionaler
Abhängigkeiten ein, anhand dessen man die (religiöse, künstlerische,
ethische usw.) Wahrheit zu ergründen sucht.  Diese Logik, die ihren
Ursprung in der anfänglichen Bewußtheit von Zusammenhängen hatte,
entwickelte sich zu einem formalen System, von dem manche Philosophen
und Psychologen noch immer glauben, daß es in irgendeiner Weise dem
Gehirn (oder dem Geist) zugehörig ist und dessen korrekte
Funktionsweise garantiert.  Erfolgreiches Handeln wurde in diesem
Zusammenhang als Ergebnis der Logik interpretiert, hard-wired, d. h.
fest verdrahtet, als Bestandteil der biologischen Anlage.  Andere
Forscher begreifen Logik als Produkt unserer Erfahrung, besonders
unseres Denkens, das sich auf unsere Selbstsetzung in der natürlichen
und der von uns geschaffenen Welt bezieht.  Als Regelwerk und
Kriterienraster bezieht sich Logik auf Sprache, aber es gibt auch
eine Logik der menschlichen Handlungen, eine Logik der Kunst, der
Moral usw., die jeweils durch Regeln beschrieben werden, mit deren
Hilfe wir Unwidersprüchlichkeit erzielen, Integrität bewahren,
Kausalzusammenhänge erkennen und andere wichtige kognitive
Operationen wie Hypothesenbildung und Schlußfolgerungen durchführen
können.

In diesem Zusammenhang drängt sich eine alte Frage auf: Gibt es eine
universelle Logik jenseits der Unterschiede in den Sprachen und in
den biologischen Merkmalen, jenseits aller Unterschiede zwischen den
Menschen?  Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt.  Aus unserer
Perspektive ist sie eindeutig zu verneinen.  Wir heben ja gerade
Unterschiede hervor, eben weil sie sich auf unterschiedliche Formen
der Logik erstrecken, welche sich wiederum aus unterschiedlichen
praktischen Erfahrungen ergeben.  Aber die Antwort fällt
möglicherweise angemessener aus, wenn wir uns vor Augen halten, daß
die Hauptsprachsysteme unserer Welt unterschiedliche logische
Mechanismen verkörpern, die sich auf die Koordinierungsfunktion der
Sprache auswirken.

Wir müssen diese logischen Systeme kurz betrachten, weil sie auch die
Bedingungen erhellen, die die Schriftkultur notwendig gemacht hat und
unter neuen pragmatischen Bedingungen weniger notwendig, wenn nicht
gar überflüssig, macht.  Vor allem müssen wir fragen, ob in einer
globalen Welt vereinheitlichende Kräfte oder heterogene und
diversifizierende Kräfte, wie sie in den verschiedenen
Schriftkulturen und den daran gebundenen logischen Formen verkörpert
sind, wirksam werden.  Aristoteles gilt gemeinhin als Begründer der
im westlichen Sprachsystem angelegten Logik.  Die griechische Schrift
bot das geeignete Medium für seine Logik der richtigen
Schlußfolgerung aus in Sätzen ausgedrückten Prämissen.  Die
Schriftkultur wurde das Haus dieser Logik und verlieh ihr zugleich
eine Gültigkeit und eine Dauerhaftigkeit, die sie noch heute
unantastbar macht.  In den östlichen Sprachsystemen finden sich
ähnlich bedeutende Beiträge in den philosophischen Hauptschriften des
alten China und des alten Japan sowie in Hindu-Texten.  Anstelle
eines zwangsläufig oberflächlichen Überblicks möchte ich ein Zitat
des Fung Yu Lan zum Wesen der chinesischen Philosophie (das zugleich
repräsentativ für den gesamten Fernen Osten ist) heranziehen:
"Philosophie darf nicht nur Gegenstand der Erkenntnis sein, sondern
muß auch Gegenstand der Erfahrung werden."  Aus der Begründung der
chinesischen Philosophie in der Erfahrung ergeben sich nicht nur die
Unterschiede zur indischen Philosophie, sondern auch zu den
philosophischen Prinzipien der westlichen Welt.

Die in den indoeuropäischen Sprachen zum Ausdruck kommende Logik
gründet auf einer Unterscheidung zwischen Gegenstand und Handlung,
die sich sprachsystematisch in den Kategorien von Substantiv und Verb
ausdrückt.  Über 2000 Jahre lang hat diese Logik die Struktur der
Gesellschaft bzw., wie Aristoteles sagen würde, der Polis beherrscht
und gestützt.  Aristoteles definierte den Menschen als
gesellschaftliches Wesen, als zoon politikon, und seine Logik ist der
Versuch, jene kognitive Struktur herauszuarbeiten, die den richtigen
Schluß aus in Sätzen ausgedrückten Prämissen erlaubt.  Er versuchte
dabei, die Logik so unabhängig wie möglich von der verwendeten bzw.
von der jeweiligen in anderen Lebensgemeinschaften gesprochenen
Sprache zu sehen.  Ganz ähnliche Ziele verfolgen diejenigen, die
heute formale Sprachen entwerfen.

Neben der sprachlichen Behausung der aristotelischen Logik gab es ein
anderes Sprachsystem, in dem das Verb (das sich auf die Handlung
bezieht) im Objekt assimiliert war, nämlich Chinesisch und Japanisch.
Jede Handlung wurde substantivisch ausgedrückt (das Jagen, Rennen,
Sprechen), so daß auf diese Weise ein nicht-prädikativer Sprachmodus
entstand.  Eine aristotelische Konstruktion sieht folgendermaßen aus:
Falls a gleich b ist (der Himmel ist bedeckt), und falls b gleich c
ist (das, was ihn bedeckt, sind Wolken), dann ist auch a gleich c
(ein bewölkter Himmel).  Nicht-prädikative Konstruktionen kommen
nicht zu derartigen Schlußfolgerungen, sondern gehen von einer
Bedingung in die andere über wie etwa in der folgenden Weise: bedeckt
sein, Bedeckung in Wolkenform, Bewölkung assoziiert Regen, Regen...
Es handelt sich hierbei also um nach hinten offene Verknüpfungen im
status nascendi.  Wir sehen, daß die aristotelische Logik die
Wahrheit des Schlusses aus der Wahrheit ihrer Prämissen entwickelt
und dies auf eine formale Relation gründet, die von beiden unabhängig
ist.  In einer nicht-prädikativen Logik verweist die Sprache
lediglich auf mögliche Relationsketten, wobei sie implizit anerkennt,
daß gleichzeitig auch andere möglich wären.  Direktes Wissen wird
hier nicht abgeleitet, und ebenso wenig werden die Schlußfolgerungen
einem formalen Test auf ihre Wahrheit oder Unwahrheit unterzogen.
Der abstrakten und formalen Darstellung der Schlußfolgerung auf
Wissen stellt dieses Logikmodell eine konkrete und natürliche Form
der Darstellung gegenüber, in welcher Unterschiede bezüglich der
Qualität wichtiger sind als Quantitätsunterschiede.

Aus unseren Ausführungen über die Natur der ideographischen Schrift
dürfte hervorgehen, daß sich eine derartige Schrift nicht für jene
Art des logischen Denkens eignet, wie es von Aristoteles und seinen
Nachfolgern entwickelt wurde und das seinen Höhepunkt im westlichen
Wissenschaftsverständnis und im westlichen Wertesystem fand.  Die
Entdeckung fernöstlicher Darstellungsformen und der aus den ganz
anderen Denkweisen hervorgehenden Philosophie sowie das zunehmende
Interesse an den diesen Kulturen eigenen und unserer Kultur fremden
Subtilitäten hat zu mancherlei Versuchen geführt, die Grenzen
zwischen diesen beiden fundamental verschiedenen Sprachkulturen zu
überwinden.  Sollte dies gelingen, so würde unsere Sprache und damit
unser intellektuelles und emotionales Leben um Dimensionen
angereichert, die den Strukturen unseres westlichen Existenzrahmens
diametral entgegengesetzt sind.

Wir wählen hierfür als Beispiel die Logik des
Abhängigkeitsverhältnisses.  Ausgedrückt im japanischen Konzept des
amé umfaßt es ein ganzes Beziehungsgefüge und eine daraus abgeleitete
Logik des Handels, unterschiedliche Denkmodi und unterschiedliche
Wertesysteme.  Die uns bekannten, immer wiederkehrenden
Mißverständnisse zwischen der westlichen Welt und Japan (aber auch
anderen, in gleicher Weise geprägten asiatischen Ländern) lassen sich
teilweise darauf zurückführen.  Grob vereinfacht könnte man z. B.
sagen, daß es sich auch im Verhältnis zwischen einem Unternehmen und
seinen Angestellten ausdrückt: Wenn beide Seiten dieses Prinzip
akzeptieren (was sie auch tun, weil das Prinzip des amé im Leben
dieser Menschen struktural verankert ist), ergibt sich für beide
Vertragspartner daraus die Verpflichtung zur bedingungslosen Treue.
Amé kann sich allerdings auch auf die gegenseitigen Beziehungen
innerhalb einer Familie (einschließlich aller Vorurteile) oder auf
die Beziehungen zwischen Freunden beziehen.  Dieser Begriff
bezeichnet eine praktische Erfahrung, die weit über die genannten
Beispiele hinausgeht: Sie konstituiert einen Handlungsrahmen, der
nicht nur bestimmte (logisch gerechtfertigte) Entscheidungen
ermöglicht, sondern den Kontext für das Denken, Fühlen, Handeln und
Bewerten der in diesen Rahmen eingebundenen Menschen abgibt.  Er
betrifft das Verhältnis zur Sprache ebenso wie das Bildungssystem,
die diese Form der Abhängigkeit als eine logische Form verinnerlicht
hat, die über jegliche Individualität Priorität gewinnt.  Die einzige
Möglichkeit, die Logik des amé in unsere Logik zu integrieren--sofern
wir dies für richtig und für möglich hielten--läge darin, die in
diesem Prinzip zum Ausdruck gebrachte praktische Erfahrung
nachzuvollziehen.  So scheint amé auf Grenzen in unserer Sprache
hinzuweisen, tatsächlich aber offenbart sie Grenzen in unseren Formen
der Selbstkonstituierung, Grenzen bezüglich der Formen, mit denen wir
unsere gegenseitigen Beziehungen als Teil unserer Erfahrung
definieren.

Im übrigen gilt natürlich in umgekehrter Richtung genau das Gleiche.
Auch hier ergab sich aus der Erkenntnis dieser Grenzen ein stark
gewachsenes Interesse an der westlichen Kultur und der Wunsch, sich
einiges davon in Vokabular und Verhalten anzueignen.  Eine wiederum
andere Faszination übte die indische Welt über den in den vedischen
Texten ausgedrückten Mystizismus und allgemein über die
nachdrückliche Beschäftigung mit den Daseinsbedingungen des Menschen
aus.  Das hat bekanntlich dazu geführt, daß viele Menschen unseres
Kulturkreises in jener Kultur eine Alternative suchen zu dem, was sie
als überkonditionierte Existenzform, als Leistungs- und
Konkurrenzdruck empfinden.  Der bewußte Ausstieg aus der
Schriftkultur und überhaupt aus der Kultur, die Suche nach Befreiung
(mukti), der Ausstieg aus einer auf Nützlichkeit und Logik
ausgerichteten Welt ist auch heute für viele "Aussteiger" ein
erstrebenswertes Ziel.  (Dieser Aussteiger muß dabei die von ihm
bewunderte alternative Existenzform keineswegs wirklich verstanden
und vollkommen angenommen haben; in vielen Fällen kopiert man
lediglich einen Lebensstil und gibt sich einem exotischen Eskapismus
hin; junge Israeli dürften hierfür ein geeignetes Beispiel sein).

Kurz: Aus der Entwicklung von Sprache und Logik innerhalb der vielen
uns bekannten Kulturen können wir die sehr komplexe Beziehung ablesen
zwischen dem, wer wir sind und was wir sind: zwischen unserer Sprache
und der Logik, die die Sprache ermöglicht und später verkörpert.
Jäger in europäischen Ländern und Jäger in fernöstlichen Ländern, in
Afrika, Indien und Papua, Sammler, Fischer, Landwirte--sie alle
entwickeln eine je unterschiedliche Beziehung zu ihrer Umwelt und zu
den Führungsgestalten in ihrer jeweiligen Lebensgemeinschaft.  Die
Art und Weise, in der ihre relativ einfachen Erfahrungen in Sprache
und andere Ausdrucksformen gekleidet sind, spielt eine wichtige Rolle
für die Art und Weise, wie gemeinschaftliche Erfahrung, Religion,
Kunst, die Errichtung eines Wertesystems, später Erziehung und
Identitätswahrung organisiert sind.  Es gibt allerdings auch etwas
ihnen allen Gemeinsames, und das bezieht sich in aller Regel auf jene
Beziehungen, die sich im Arbeitsprozeß abspielen und die sich auf die
Effizienz auswirken.  Diese Gemeinsamkeiten sind entscheidend für
unser Verständnis der Rolle, die die Sprache und die Logik in den
verschiedenen Stadien der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Entwicklung gespielt haben und heute spielen.


Die Pluralität intellektueller Strukturen

Angesichts der Bedeutung, die die Skala bei der Selbstkonstituierung
des Menschen durch Sprache spielt, liegt es nahe zu fragen, inwieweit
auch die Logik durch die Skala beeinflußt ist.  Auf den ersten Blick
hat Logik mit Skala nichts zu tun.  Schlüsse bleiben gültig
unabhängig davon, wie viele Menschen sie gezogen bzw. nachvollzogen
haben.  Das ist aber nur die universalistische Sehweise.  Wenn wir
die Herausbildung von Logik betrachten und sie auf die praktische
menschliche Erfahrung zurückführen, welche sich aus dem Bewußtsein
von Verknüpfungen ergibt, dann ist es nicht mehr so sicher, ob Logik
wirklich von Skala unabhängig ist.  Einige Erfahrungen wären
tatsächlich ohne das Erreichen einer kritischen Masse gar nicht
möglich gewesen, und die Beziehung zwischen einfach und komplex ist
nicht nur rein progressiver Art.  Sie ist eine multivalente Relation,
natürlich auch mit zuwachsenden Elementen.

Die praktische Erfahrung einer Stammesgemeinschaft, z. B. in Afrika,
Nordamerika oder Südamerika, ist definiert durch die Skala der
Beziehungen innerhalb dieses Stammes sowie der Beziehungen zwischen
diesem Stamm und einem relativ begrenzten Daseinsumfeld.  Die dieser
Skala eigene Logik (im Sprachgebrauch einiger Anthropologen sollten
wir von Prä-Logik sprechen) ergibt sich dabei aus der Vorherrschaft
der Instinkte und Intuitionen und drückt sich hauptsächlich in
visuellen Mitteln aus, wie wir sie als für primitive
Mentalitätsstadien typische Ausdrucks- und Kommunikationsmittel
erkannt haben.  Die Erinnerung scheint dabei eine wichtige Rolle zu
spielen.  Die unterscheidende Kraft der Sinne (Sehen, Hören, Riechen
usw.) ist besonders stark ausgebildet; die Anpassungsfähigkeit ist
sehr viel größer als bei den Angehörigen moderner Gesellschaften.
Die Stämme leben in getrennten, voneinander abgeschlossenen Gruppen,
sind sich der biologischen Gemeinsamkeiten untereinander nicht bewußt
und in ihren Überlebensstrategien auf sich selbst beschränkt.  Wenn
solche Gruppen zueinander in Beziehungen treten, diversifiziert sich
ihre Lebenspraxis, Zusammenarbeit und Austausch jeglicher Art nehmen
zu, die Sprache in ihren vielfältigen Ausdrucksformen wird wichtiger
Teil der Selbstsetzung.

Wir haben gesehen, daß Sprache an die frühen Zentren
landwirtschaftlicher Lebensformen gebunden war.  Hier konnte sich die
Bevölkerung vermehren, weil die an diesen Orten gefundene
Lebenspraxis effektiv genug war, um eine größere Anzahl von Menschen
zu unterhalten.  Möglicherweise waren es diese frühen Formen der
Landwirtschaft, in denen die Skala ein Schwellenstadium erreicht
hatte und sich unter dem Einfluß der neuen praktischen Erfahrungen
der Sprache eine neue Qualität des pragmatischen Handelns
herausbilden konnte.  Diese Tätigkeit hatte dann auch eine sehr
präzise Logik aufzuweisen, das Bewußtsein von einer Vielfalt von
Ebenen, deren Verknüpfungen sich entscheidend auf die Ergebnisse
dieses Handelns, also auf das Wohlergehen der Handelnden, auswirkte.
Die Logik gestaltet vor allem die Beziehungen zwischen den
praktischen Tätigkeiten des Menschen und dem Ort, auf den sich diese
Tätigkeiten beziehen und dessen Sakralität im lateinischen Wortstamm
(Agrikultur--Kultur--cultus) zum Ausdruck kommt.  Logik ist auf
vielfache Weise kulturgebunden und kulturgestaltend--von der
Sequenzierung eines Handlungsablaufes über die Verwendung der
verfügbaren Ressourcen bis hin zum Entwurf von Plänen, Werkzeugen usw.
Logik und Kultur bedingen sich gegenseitig: diese Abhängigkeit nahm
im Verlauf der Zeit zu und resultierte in den heute entwickelten
logischen Maschinen, die eine Kultur definieren, welche sich von der
Kultur mechanischer Geräte deutlich unterscheidet.  Wir sollten
Unterschiede im Bereich der Intelligenztypen anerkennen, und wir
sollten Unterschiede in Betracht ziehen, die sich aus der Vielfalt
der natürlichen Zusammenhänge des praktischen Lebens ergeben.
Gemeinsamkeiten in der Überlebenserfahrung und die Weiterentwicklung
sollten auch in die Dynamik der menschlichen Selbstkonstituierung mit
einbezogen werden.

Allerdings zeigt sich aus heutiger Sicht, daß in den
lebenspraktischen Zusammenhängen des postindustriellen Zeitalters die
Logik, die aus den praktischen Erfahrungen der Selbstkonstituierung
in der Welt bezogen wird, und die Logik, die sich bei unseren
Versuchen, die menschliche Welt zu definieren, einstellt, zunehmend
unterschiedlicher Art sind.  Wir lesen nicht länger die Logik der
Sprache und schließen von da auf die Erfahrung, sondern projizieren
unsere eigene Logik (selbst ein praktisches Ergebnis unserer
Selbstkonstituierung) in die Erfahrung in dieser Welt.  Booles
Algebra des Denkens ist hierfür ein Beispiel, aber keineswegs das
einzige.  Allenthalben werden heute Sprachen geschaffen, die eine
Vielfalt logischer Systeme unterstützen, unter anderem
autoepistemische, zeitliche, modale und intuitionistische Systeme.

Man könnte fast so etwas wie eine universale Logik und eine
Universalsprache erwarten--in der Vergangenheit und in der Gegenwart
gibt es ausreichende Versuche für einen derartigen Universalismus.
Leibniz verfolgte Visionen einer idealen Sprache, einer
characteristica universalis und eines calculus ratiocinator.  Viele
ähnliche Versuche folgten, aber alle übersahen, daß mit zunehmender
Diversifikation der menschlichen Erfahrungen solche Visionen immer
utopischer wurden.  Parallel hierzu trennen wir uns von solchen
Formen der Logik, die wir als geistiges Erbe tradiert haben.  Die
Logik, die in zahlreichen autarken, primitiven Erfahrungen
verschiedenster Bevölkerungsgruppen Asiens, Afrikas und Europas
eingebettet ist, verkörpert heute wenig mehr als kulturelle
Erinnerung.  Die Skala, die in solchen Erfahrungen zum Ausdruck kommt,
und die dieser Skala angemessene Logik wird in der sehr viel
umfassenderen Skala der global agierenden Wirtschaft aufgehoben.  Die
Logik magischer Erfahrungen können wir nicht mehr aufdecken und
nachvollziehen, nicht einmal jene rationalen oder rationalisierbaren
Aspekte, die sich auf Pflanzen, Tiere und Mineralien beziehen, die
den uns vorhergegangenen Völkern als Heilmittel gedient haben.

In unserer heutigen Zeit rücken die Kulturen, die fast allesamt das
Heilige durch das Profane, das Primitive durch das Überentwickelte
ersetzen, dichter zusammen.  Dies geschieht nicht etwa, weil jeder es
so möchte, und nicht einmal, weil alle davon profitieren (viele geben
dafür ihre Identität preis).  Nein, hinter diesem Prozeß steht die
Notwendigkeit, solche Effizienzebenen zu erreichen, die der neuen
Skala der Menschheit angemessener sind.  Innerhalb dieser Skala
werden die verschiedenen Menschengruppen zuallererst als menschliche
Wesen (nicht als Stämme, Nationen oder Religionsangehörige)
integriert; daraus erwächst allmählich ein pragmatischer Rahmen,
dessen Kennzeichen die erhöhte Integration der Menschen ist.

Die eurozentrische Vorstellung, daß alle Typen der Intelligenz sich
auf den westlichen Typ (und damit auf die westlichen Formen der
Sprachpraxis, die in der Schriftkultur kulminierten) entwickeln, hat
sich als Irrtum erwiesen.  Statt dessen machte sich eine Vielfalt
intellektueller Strukturen geltend, leider fast immer auf
demagogische Weise oder als Lippenbekenntnis gegenüber der
Vergangenheit, niemals jedoch als eine Öffnung auf die Zukunft hin.
Die Schriftkultur hat aus guten Gründen--jenen der industriellen
Revolution--Heterogenität und damit die Vielfalt der menschlichen
Erfahrungen und Formen der Identitätsfindung ausgelöscht.  Wenn sich
die Gründe hierfür erschöpft haben, weil neue Lebens- und
Arbeitsbedingungen eine neue Logik erfordern, erweist sich
Schriftkultur als ein Hemmschuh, ohne daß sich dies allerdings auf
die ihr eigene Logik auswirken muß.

Die Skala des menschlichen Lebens und der menschlichen Handlungen und
die damit verbundene Projektion von Erwartungen jenseits des bloßen
Überlebens der Selbsterhaltung führt nicht zu einer universalen
Schriftkultur, sondern zu zahlreichen unterschiedlichen Alphabetismen
und zu einer Vielfalt logischer Horizonte.  Da die
Koordinationsmechanismen aus Logik, Rhetorik, Heuristik und Dialektik
bestehen, fördert die neue Skala u. a. auch neue rhetorische Mittel.
Wir brauchen uns nur zu vergegenwärtigen, wie sich Überredung auf der
Ebene des globalen Dorfes äußern könnte oder auf der Ebene des
Individuums, das in diesem globalen Dorf durch die Mechanismen der
Netzwerke und der multimedialen Interaktivität beeinflußt ist.  Die
logischen Mechanismen der Massenkommunikation werden ersetzt durch
Überlegungen darüber, wie die individuelle Kommunikation intensiviert
werden kann.  Man halte sich nur die neuen heuristischen Verfahren im
World Wide Web oder in der Marktforschung oder den elektronischen
Transaktionen der Netconomy vor Augen.  Faszinierende Forschung im
Bereich der multivalenten Logik, der Fuzzy Logic (der Alternative zur
Logik der scharf definierten Mengen), der temporalen Logik und in
vielen anderen logischen Ansätzen, die sich auf Computer, künstliche
Intelligenz, Memetik und Vernetzung beziehen, eröffnen einen Weg in
die Zukunft, der weit über das hinausgeht, was in der
Science-fiction-Welt von non A entworfen wurde.  Die Logik von
Handlungen Zwischen den relativ monolithischen und uniformen Idealen
einer schriftkulturell gebildeten Gesellschaft, die von den Tugenden
der Logik überzeugt ist, und der pluralistischen und heterogenen
Wirklichkeit partieller Schriftkulturen, die die Logik auf Maschinen
übertragen, kann man leicht einen Richtungsunterschied ausmachen.
Personen mit angemessener schriftkultureller Bildung, die im Geist
der Rationalität und klassischer oder formaler Logik erzogen worden
sind, stehen den Sub-Alphabetismen spezialisierter Arbeitsprozesse
oder den unlogischen Schlußfolgerungen, die innerhalb der neuen
Bereiche der menschlichen Selbstkonstituierung getroffen werden,
hilflos gegenüber.  Wir wollen uns deren Haltung etwas genauer
betrachten.  Beim Übergang von einem Entwicklungsstadium in das
andere erfuhren die Menschen, daß tradierte Verhaltenskodes erodieren,
und sie projizieren ihre neuen Lebensumstände in neue
Verhaltensmuster.  Der in dem überholten Verhaltenskode zum Ausdruck
kommende Typus der Kohäsion wurde durch einen anderen und die eine
sich diesem Kode unterwerfende Logik durch eine andere ersetzt.  Wann
immer sich eine Interaktion zwischen Gruppen mit verschiedenen
Kohäsionstypen ergab, war auch die Logik ernsthaft auf die Probe
gestellt.  Manchmal setzte sich eine Form der Logik durch; in anderen
Fällen wurde ein Kompromiß gefunden.  Primitive Entwicklungsstadien
erweisen sich als erstaunlich anpassungsfähig.

Unser heutiges Entwicklungsstadium, das in mancherlei Hinsicht vom
Ursprung weit entfernt ist, zeichnet sich durch ein Umfeld aus,
innerhalb dessen ein auf hohe Effizienz ausgerichteter pragmatischer
Rahmen geschaffen werden soll.  Logik, Rhetorik, Heuristik und
Dialektik sind innerhalb dieses Rahmens eng aufeinander bezogen.  Mit
anderen Worten: Der Mensch hat eine Entwicklung vollzogen von der
sinnlichen Verankerung in der natürlichen Welt hin zur artifiziellen
(d. h. vom Menschen geschaffenen und gestalteten) Welt, die der
konkreten Wirklichkeit übergelegt wurde--und die sich im übrigen
ausweitet auf ein künstliches Leben hin, wie man eine der jüngsten
Forschungsrichtungen bezeichnet (ALife).  Innerhalb dieser neuen Welt
beschränken die Menschen die Projektion ihrer natürlichen und
geistigen Bedingungen nicht mehr auf ein umfassendes Zeichensystem
(oder nur wenige).  Im Gegenteil, alles zielt auf Segmentierung ab,
das Ziel liegt nicht in einer globalen Kohäsion, sondern in einer auf
den Einzelfall bezogenen Kohäsionskraft, die zur Optimierung des
gegebenen Problems beiträgt.  Komplexität und Natur dieser
Veränderungen innerhalb des Systems rufen nach einer Strategie der
Segmentierung und einer diese unterstützenden Logik (oder mehreren
Formen der Logik).  In dem Zusammenspiel zwischen Sprache und den
sich in ihr konstituierenden Menschen sind logische Konflikte nicht
ausgeschlossen.  Die Logik der Lebenspraxis, die auch durch die
Heuristik beeinflußt wird, und die der Schriftkultur und Bildung
eigene Logik sind nicht unbedingt identisch.

Handlungen implizieren Handlungsträger und verweisen damit auf die
Logik, die in Werkzeuge und die von Menschen geschaffenen Gegenstände
eingeprägt ist.  Die Annahme, daß die in der Sprache zum Ausdruck
kommende Logik sich auch in dem ausdrückt, was zur Herstellung von
Werkzeugen und anderen auf die menschliche Tätigkeit bezogenen
Gegenstände führt, blieb lange Zeit unangefochten.  Auch heute noch
werden Designer und Ingenieure in ihrer Ausbildung einem Ideal von
Bildung und Schriftkultur unterworfen, dessen Rationalität man in
ihrer Arbeit zu erkennen glaubt.  Dabei haben aber neben der
Entwicklung der menschlichen Sprachen stets auch Zeichnungen als
Anweisung für die Anfertigung von Gegenständen und die Ausführung
bestimmter Tätigkeiten gedient.  Jede Zeichnung verkörpert auf ihre
Weise die Logik des zukünftigen, mit ihrer Hilfe hervorgebrachten
Gegenstandes, ganz gleich wie nützlich oder unbedeutend dieser sein
mag.  Unsere Schriftkultur weist einen umfangreichen Korpus von
Texten auf, aus dem die logischen Aspekte des Denkens abgeleitet
werden können.  Dem stehen nur ein relativ geringer Bestand von
Zeichnungen und nicht allzuviele Gegenstände gegenüber, die bis in
unsere heutige Zeit überdauert haben.  Produkte werden stets für
genau bestimmte praktische Erfahrungen entwickelt und haben diese
Erfahrungen oder die Personen, die sie verkörperten, selten
überdauert.  Natürlich überdauerten Straßen, Häuser, Geräte und
andere Gegenstände, aber erst mit der Erfindung besserer
Zeichengeräte und eines besseren Papiers wurde eine Bibliothek des
Ingenieurwesens möglich.  Zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt,
unterwirft sich die hybride Form der Ingenieurwissenschaft der Logik
wissenschaftlicher Erkenntnis nur in einem bestimmten Maß und
balanciert diese gegen die Logik der ästhetischen Wahrnehmung aus.
Im pragmatischen Rahmen jenseits der Schriftkultur spielen die
Ingenieurwissenschaften hinsichtlich der menschlichen
Selbstkonstituierung in sprachgebundenen praktischen Erfahrungen eine
herausragende Rolle.  Sie wirken sich nachhaltig auf die Effizienz
der praktischen Erfahrungen und auf ihre fast unbegrenzte
Diversifikation aus.

Wenn bestimmte Mittel (wie z. B. Sprache oder die heute von
Designern und Ingenieuren verwendeten Visualisierungsmittel)
überkommene Mittel ersetzen oder gar überflüssig machen, gibt es eine
Phase des Konflikts, eine Phase der Anpassung und eine Phase der
gegenseitigen Ergänzung.  In der heutigen Zeit mit ihren
distributiven Transaktionsformen, ihrer Heterogenität und den
Interaktionsformen, die weit über die Linearität einfacher Abfolgen
hinausgehen, geraten die strukturalen Merkmale der Schriftkultur mit
der Dynamik einer neuen Entwicklungsphase, die durch leistungsfähige
Technologien mit einer Vielfalt logischer Möglichkeiten getragen wird,
in Konflikt.  Anders ausgedrückt: Wir beobachten, wie die der
Schriftkultur und Bildung eigene Logik mit den neuen Formen der Logik
(die sich in der Tat als eine Vielzahl präsentieren) im derzeitigen
pragmatischen Handlungsrahmen in Konflikt gerät.

Innerhalb der Logik des schriftsprachlichen Diskurses, der wir nolens
volens auch in diesem Buch folgen, ist der Versuch, die Schriftkultur
zu bewahren, gleichbedeutend mit dem Versuch, lineare Relationen,
Determinismus, Hierarchie (von Werten) und Zentralisierung aufrecht
zu erhalten, und dies in einem Rahmen, der Nichtlinearität,
Dezentralisierung, verteilte oder distribuierte Erfahrungsformen und
nicht fixierte Werte verlangt.  Diese beiden Rahmen sind logisch
inkompatibel.  Das heißt natürlich nicht, daß Schriftkultur,
Schriftlichkeit und Bildung vollkommen aufgegeben werden müssen oder
daß sie gar vollends verloren gehen, wie dies mit den Hieroglyphen
oder der piktographischen Schrift geschah, oder daß an ihre Stelle
Zeichnungen oder computergestützte Sprachverarbeitung tritt.  Das
Prinzip der Linearität wird auch weiterhin eine große Zahl
praktischer Tätigkeiten bestimmen; das Gleiche gilt für
deterministische Erklärungen und für verschiedene Formen des
Zentralismus (politisch, religiös, technologisch usw.) und selbst für
einen elitären Wertbegriff.  Aber es wird nicht mehr ein universeller
Standard sein oder gar ein allgemeinverbindliches Ziel (das alles
Nichtlineare dem Versuch der Linearisierung unterzieht, alles auf
eine Abfolge von Ursache und Wirkung zurückführt, alles einem Zentrum
zuordnet und Zentralismus ausübt); es wird vielmehr Teil eines
komplexen Systems von Relationen sein ohne jegliche Hierarchie--oder
zumindest eingebunden in rasch wechselnde Hierarchien--wertfrei,
anpassungsfähig, stark verteilt.

Das Gleiche gilt auch für den Typ der Logik (und damit der Rhetorik,
Heuristik und Dialektik), der in der Sprache angelegt ist, d. h. der
aus dem Universum der menschlichen Selbstkonstituierung in das System
der Schlußfolgerungen, des Wissens und des Bewußtseins
hineinprojiziert ist.  Die in unserer Sprache zutage tretende Logik
ist dualistisch, auf dem Gegensatzpaar von wahr und falsch aufgebaut
und unterstützt eine Erfahrungsform, die den abstrakten Charakter
logischer Rationalität trägt.  Sie wird ergänzt von einem logischen
Symbolismus und einem logischen Kalkül, der diesen Dualismus
formalisiert und andere, dieser dualistischen Struktur nicht
entsprechende logische Modelle ausschließt.

Die bivalente Logik--etwas ist geschrieben oder nicht geschrieben,
das Geschriebene ist richtig oder falsch--gehört zu den unsichtbaren
Grundlagen der Schriftkultur.  Erst sehr spät, mit dem logischen
Formalismus, konnten sich multivalente Schemata geltend machen.  Wenn
nun der effiziente Rahmen der postindustriellen Lebenspraxis auf
Nichtlinearität und Vagheit (fuzziness) angelegt ist, dann erweist
sich unsere Schriftkultur als eine schlechte Grundlage für eine
multivalente Logik.  Auch einige der Teildisziplinen, die sich aus
der Schriftkultur ergaben und als ihre Erweiterung verstehen
(Geschichte, Philosophie, Soziologie), sind nicht in der Lage, eine
Logik aufzunehmen, die sich von derjenigen unterscheidet, die in der
praktischen Erfahrung des Lesens und Schreibens ihren festen Sitz hat.
Das weist die Computerwissenschaft als einen neuen
wissenschaftlichen Horizont aus, innerhalb dessen eine multivalente
Logik auf dem Computer simuliert werden kann, obwohl dessen Struktur
eine andere Logik (diejenige Booles) aufweist.  Die wissenschaftliche
Diskursform der Schriftkultur und der multimediale, nichtlinerare
heuristische Zugang zur Wissenschaft sind fundamental unterschieden.
Sie setzen eine unterschiedliche Form der Logik voraus und bringen
unterschiedliche Formen der Interaktion hervor zwischen denen, die
ihre Identität in der Ausführung wissenschaftlicher Experimente, und
jenen, die ihre Identität durch die Beteiligung daran finden.

Die Welt der prädikativen Logik und die auf die analytische Kraft
bauende Wissenschaft taten sich schwerer, eine Logik der Vagheit (
fuzzy logic) zu akzeptieren und sie in neue Produkte einzubauen, als
z. B. die Welt der nichtprädikativen Logik und die auf die
synthetische Kraft gestützte Wissenschaft.  In der Welt der
nicht-prädikativen Sprache ist die Logik der Vagheit in den Entwurf
von Kontrollmechanismen für Hochgeschwindigkeitszüge und der neuen
effizienteren Toaster eingegangen.  In Japan wurde eine auf der Basis
dieser Logik arbeitende Waschmaschine 1993 auf den Markt gebracht,
als man diese Logik in der westlichen Welt noch heftig diskutierte.
Diese Tatsache ist mehr als nur ein einfaches Beispiel im Rahmen von
Überlegungen, die die Implikation einer globalen Wirtschaft für die
verschiedenen Sprachsysteme und die in ihnen verkörperten logischen
Koordinationsmechanismen behandeln.  Der Fortschritt im Verstehen und
in der Weiterentwicklung des menschlichen Denkens weist eine
fortlaufende Entwicklung auf von einem Modell, das auf
Schriftlichkeit und Schriftkultur basiert, zu einem Modell, das in
einem völlig neuen pragmatischen Rahmen wurzelt.  Regelbasierte
Muster-Matching-Systeme verallgemeinern den Prädikaten-Kalkulus;
neuronale Netzwerke ahmen in einer synthetischen
Neuron-plex-Anordnung die Gehirnfunktionen nach; Fuzzy Logic setzt
sich mit den Grenzen des Boolschen Kalküls und den neuronalen Netzen
auseinander und versucht, Ungenauigkeit, Ambiguität und
Unentscheidbarkeit in dem Maße zu modellieren, in dem diese Phänomene
in der neuen Lebenspraxis des Menschen an Bedeutung gewinnen.


Sampling

Im Rahmen der Schriftkultur vollziehen sich Erinnern und Besinnen und
die daran geknüpfte Logik hauptsächlich durch Zitieren.  Etwas zu
wissen, heißt hier, darüber schreiben zu können und auf diese Weise
die Logik der Schrift zu bekräftigen.  Lebenswege werden in der
Erinnerung aufbewahrt, Tagebücher sind auf einen intendierten Leser
hin (Geliebter, Kinder, Nachwelt) interpretierte Lebenswege.  Die
schriftkulturellen Mittel, über aufeinander abfolgende praktische
Erfahrungen gemeinsam zu verfügen, beinhalten die entsprechende Logik
und beeinflussen Erfahrung und deren Kommunikation.  Alles scheint
sich aus demselben Zusammenhang zu ergeben: aus dem Wissen um die
Mittel, die die Erfahrung nacherleben lassen.  Die auf Schrift
basierende Erkenntnislehre mit der ihr impliziten Logik gründet
darauf, die Erfahrung als Spracherfahrung beständig neu zu schaffen
und nacherleben zu lassen.  Deshalb ist jede Form des Schreibens auf
der Grundlage der in der Schriftkultur verkörperten Struktur
(literarisch oder philosophisch, religiös, wissenschaftlich,
journalistisch oder politisch) in Wirklichkeit ein Nachschreiben
(rewriting).

Hingegen ist in einem Stadium jenseits der Schriftkultur das Prinzip
des Sampling--ein Begriff, den wir aus der Genetik
kennen--vorherrschend.  Wir wollen Zitieren und Sampling kurz
miteinander vergleichen.  Die schriftliche Aneignung in Form des
Zitierens vollzieht sich innerhalb der schriftkulturellen Strukturen.
Schriftsprachliche Abfolgen sind so ausgelegt, daß sie die Worte
eines anderen ohne weiteres integrieren können.  Ein Zitat
signalisiert zugleich die gewünschte Hierarchie, sei es durch
Anrufung, sei es durch Infragestellung der zitierten Autorität.
Autorenschaft wird ausgeübt, indem ein Kontext für die Interpretation
und zugleich schriftkulturelle Regeln für deren Vermittlung
geschaffen werden.  Insofern erfüllen auch die Interpretationen die
Erwartungen, daß mit ihnen die deterministische Struktur der
Schriftkultur, ihre innere Logik, reproduziert wird.  Zugleich
unterstützt das Zitat eine zentralistische Sichtweise, indem es sich
als Interessens- und Verstehenszentrum setzt.

Die jenseits schriftkultureller Verfahren liegende Aneignung
widersetzt sich der Hierarchie und der Sequentialität, widersetzt
sich dem Gedanken der Autorschaft und den Regeln des logischen
Schlusses.  Sie kennt keine elementaren bedeutungstragenden Einheiten
und geht mit ihren Auswahlverfahren weit über wohlgeformte Sätze,
über Wörter, Morpheme oder Phoneme und die formale Logik hinaus.  Die
Techniken des Sampling gehen bis zur Rückgängigmachung.  Die
Aneignung kann sich auf Wortrhythmen beziehen oder auf Satzstrukturen,
auf das Feeling eines Textes oder auf die vielen anderen
nicht-schriftlichen Ausdrucksformen.  Alles, was sich auf einen
geschriebenen Satz bezieht--und im übrigen auch alles, was sich auf
Musik, Malerei, Geruch, Textur, Bewegung (von Personen, Bildern,
Baumblättern, Sternen, Flüssen usw.) bezieht--kann ausgewählt, in
Einheiten jeder gewünschten Größe aufgelöst und als ein Echo der in
ihr verkörperten Erfahrung angeeignet werden.  Genetische
Konfigurationen, wie sie sich bei Pflanzen oder anderen lebendigen
Einheiten finden, können ebenfalls vom Sampling erfaßt werden.  Durch
das genetische Splicing wird die Relation zur umfassenderen
genetischen Textur von Pflanzen oder Tieren aufrecht erhalten.  So
werden auch Wörter, Sätze oder Texte durch Splicing an die allgemeine
Erfahrung rückgebunden, in der sie konstituiert wurden.

Derartige Relationen sind stark relativiert und unterliegen einer
Vagheitslogik.  Wenn sie sich auf das beziehen, was wir schreiben,
werden sie durch emotionale Komponenten angereichert, die die
schriftkulturelle Erfahrung aus dem schriftlichen Ausdruck verdrängt
hatte.  Wo sich früher die Strenge und die Logik des guten Schreibens
gegen alle denkbaren Störfaktoren zur Wehr setzten, ist nun Platz für
Variation, für Spontaneität, für das Zufällige.  Wenn sich diese
Beziehungen auf biologische Strukturen erstrecken, betreffen sie
spezielle Eigenschaften wie Komposition oder Verderblichkeit.  In
dieser Kultur des Sampling gibt es keinen allgemeinverbindlichen
Korpus schriftkultureller Texte und damit verbundener Logik; die
vorherrschende Dynamik dieses Entwicklungsstadiums betrachtet die
Vergangenheit allenfalls als ein erweitertes Alphabet, aus dem man
zufällig oder systematisch diejenigen Buchstaben auswählen kann, die
zum jeweiligen Vorgang passen.  Diese Buchstaben bilden ein Alphabet
sui generis, verändern sich gemeinsam mit den praktischen Erfahrungen,
auf die sie sich beziehen, und interagieren mit zahlreichen
logischen Regeln für ihren Gebrauch oder für das Verständnis ihrer
Funktionsweise.  Hierbei wird Interpretation nicht nur ein Akt der
Sprachverwendung, sondern der Hervorbringung von Sprache.  Das
biologische Sampling und das damit zusammenhängende Splicing
betrachtet auch das Lebendige als einen Text.  Beide Verfahren
bearbeiten die ausgewählten Komponenten, um ihren Geschmack, ihr
Aussehen, ihren Nährwert usw. zu verbessern.  Darin liegt das
eigentliche Ziel der genetischen Steuerung; in dieser Erfahrung hat
die Logik des Lebens, wie sie sich in den DNA-Sequenzen und
Konfigurationen ausdrückt, die Oberhand über die Logik von Sprache
und Schriftkultur gewonnen, auch wenn die in der Genetik noch so
prominente Textmetapher dabei eine so wichtige Rolle spielt.  Es sei
in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß das Wort Text vom
lateinischen Wort für weben kommt und erst später auf
zusammenhängende geschriebene Satzgebilde angewandt wurde.

Nicht alles, was durch Sampling zusammenkommt, wird in eine graue
Informationsmasse umgewandelt.  In ihrer Lebenspraxis tragen die
Menschen Gefühle und Empfindungen zusammen, Lebensmittel im
Supermarkt, Unterhaltungsprogramme, Kleidung und sogar Partner (für
bestimmte Gelegenheiten oder als Lebenspartner, als Geschäftspartner
und vieles andere mehr).  Im Gegensatz zum Zitieren führt das mehr
oder weniger ungesteuerte Zusammentragen zu einer Trennung von dem,
was die Schriftkultur als Tradition und Kontinuität gepriesen hat.
Vor allem stellt sie den Begriff der Verfasserschaft in Frage.  In
dem Maße, in dem das Sampling in unserer Erfahrung Raum greift,
gewinnt der Mensch eine sehr spezifische Freiheit, die innerhalb der
Grenzen der schriftkulturellen Erfahrung nicht möglich war.
Tradition wird ergänzt durch Innovationsformen, die ein durch
Progression und dualistische (wahr--falsch) Erfahrung
gekennzeichneter pragmatischer Rahmen nicht kannte.  Besonders
deutlich wird das daran, daß auf das Sampling stets die Synthese
folgt, die weder wahr noch falsch, sondern (bis zu einem gewissen
Grad) angemessen ist.  In der Musik wird für diesen Zweck ein Gerät
verwendet, das man Sequencer nennt.  Das Zusammengesetzte, das
Komponierte, ist synthetisch.  Das ermöglicht eine neue Erfahrung,
die formal gesehen den sogenannten Ad-hoc-Sprachen und ihrer
Verwendung entspricht.  Der Mix Master ist eine Maschine für das
Recycling von willkürlich definierten Kompositionseinheiten wie Noten,
Rhythmen oder Melodiemustern, die aus ihrem pragmatischen
Zusammenhang genommen wurden.  All dies gilt auch für den
biologischen Text, auch für die Biologie des Menschen.  In gewisser
Weise gewinnt die Genmutation den Status eines neuen Verfahrens, mit
dessen Hilfe man neue Pflanzen und Tiere, auch neue Materialien,
synthetisch gewinnen kann.

Die Collagetechnik in der Kunst gründet auf einer ähnlichen
Auswahllogik, die über die realistische Darstellung hinausgeht.
Logische Gesetze der Perspektive werden durch Gesetze der
Gegenüberstellung aufgehoben.  Als künstlerische Technik antizipiert
die Collage die Stadien des Sampling und der erwähnten
Kompositionsform.  Mit all diesen Entwicklungen wird aber unsere
Vorstellung von geistigem Eigentum, Markenzeichen und Copyright
verändert, die allesamt einer Logik entspringen, welche an die
Erfahrung der Schriftkultur gebunden ist.  Der Begriff der
Autorschaft ist überholt; sobald etwas in die Öffentlichkeit geraten
ist, ist es Gemeinbesitz.

Auch postmoderne Literatur und Malerei kennen die Technik des
Sampling--mit einer Offenheit für alles, was unser heutiges
Alltagsidiom der Maschinen und Verfremdung zu bieten hat.  Auch das
Sampling bei Pflanzen, Früchten oder Mikroben ist nicht auf die
Bewahrung ursprünglicher Identität gerichtet, sondern auf die
Hervorbringung neuer Identitäten, die ihren Platz in unseren neuen
Erfahrungen der Selbstsetzung zugewiesen bekommen.  Unter dem
Gesichtspunkt der Logik ist das Verfahren insofern interessant, als
es neue Bereiche der logischen Angemessenheit einrichtet.  Logische
Identität wird aus einer dynamischen Perspektive neu definiert.
Unter pragmatischem Gesichtspunkt können z. B. bestimmte Erfahrungen
durch Anwendung einer bestimmten Form von Logik maximiert werden.  In
anderen Fällen können komplementäre Formen der Logik--die sich so
ergänzen, daß eine jede auf einen bestimmten, genau definierten
Aspekt des Systems bezogen ist--für bestimmte Strategien des
gestaffelten Managements, für bestimmte Abläufe oder für parallel
verlaufende Abläufe in Frage kommen.  So verbinden z. B. Strategien
zur Maximierung wirtschaftlicher Transaktionen verschiedene
entscheidungstragende Schichten, derer jede einzelne eine andere
logische Voraussetzung hat.  An die Stelle eines einzigen,
festgelegten logischen Rahmens auf der Grundlage der Schriftkultur
tritt eine Vielzahl logischer Rahmen, die sich auf die Vielfalt
unserer neuen Lebenspraxis einstellt.

Wir wollen einen letzten Gedanken verfolgen.  Reicht es festzustellen,
daß die Sprache die ideologische und soziale Identität des Menschen
ausdrückt?  Die Auseinandersetzung mit der Sprache, genauer: mit der
Verkörperung der Sprache in der Schriftkultur, ist eine
Auseinandersetzung mit allen bio- und soziologischen, politischen und
kulturellen Aspekten, die die Spezies Mensch ausmachen.  Dabei
erweist sich der logische Aspekt offenbar als grundlegend:
bio-logisch, sozio-logisch usw.  Daraus ergibt sich eine Hierarchie,
die möglicherweise nicht jedem einleuchten wird, nimmt doch die
Sprache in diesem System einen höheren Platz zwischen allen am Prozeß
der menschlichen Selbstsetzung beteiligten Faktoren ein.  Um als zoon
politikon, als homo sapiens, als homo ludens oder als homo faber zu
gelten, muß der Mensch zu all jenen Interaktionen befähigt sein, die
jeder dieser Begriffe beschreibt: auf der biologischen Ebene, auf der
gesellschaftlichen Ebene, innerhalb von Interessensstrukturen, die er
mit anderen Menschen teilt, im Bereich seiner eigenen Anlagen.  Eben
deshalb definiert sich der Mensch durch ein praktisches Handeln, das
die Verwendung von Zeichen wesentlich mit einbeschließt.

Der Mensch gewinnt seine Identität auf den verschiedenen Ebenen, auf
denen solche Zeichen hervorgebracht, interpretiert, verstanden und
zur Erstellung neuer Zeichen verwendet werden.  Felix Hausdorf hat
deshalb den Menschen auch als ein zoon semeiotikon, als ein
semiotisches, ein Zeichen verwendendes Wesen bezeichnet.  Charles
Sanders Peirce hat im übrigen die Semiotik als eine Logik der
Unbestimmtheit verstanden.  Die Zeichen--Bilder, Laute, Gerüche,
Texturen, Wörter (oder Wortkombinationen)--die einer Sprache, einem
Diagramm, der mathematischen oder chemischen Formelsprache, einer
neuen Sprache (etwa in der Kunst, der Politik oder im Bereich des
Programmierens), einem genetischen Code usw. zugehören--sind auf den
Menschen bezogen, nicht abstrakt, sondern konkret an unserem Leben
und an unserer Arbeit beteiligt.


Memetischer Optimismus

John Locke hat bereits erkannt, daß jegliches Wissen aus der
Erfahrung hergeleitet ist.  Bezüglich der Logik oder der Mathematik
war er sich dessen nicht so sicher.  Wenn wir aber Erfahrung als
praktisches Handeln des sich damit selbst setzenden Menschen
definieren, als ein Handeln, aus dem sich die veränderbare Identität
von in diese Erfahrung eingebundenen Einzelnen oder Gruppen ergibt,
dann leitet sich auch die Logik wie alles Wissen und wie die Sprache
aus der Erfahrung her.  Damit siedeln wir die Logik nicht außerhalb
des Denkens an, aber in der Erfahrung; aufgeworfen ist damit die
Frage nach der logischen Replikation.  Dawkins hat den Replikator als
ein biologisches Molekül definiert, das "die außerordentliche
Eigenschaft hat, von sich selbst Kopien anzufertigen".  Eine solche
Einheit verfügt offenkundig über Fruchtbarkeit, Treue und
Langlebigkeit.  Auch die Sprache ist ein Replikator; genauer: ein
replikatives Medium.  Die Frage ist, ob Verdoppelung nur kraft der
eigenen strukturellen Merkmale möglich ist oder ob man z. B. die
Logik als Replikationsregel in Erwägung ziehen muß.  Vielleicht ist
ja sogar die Logik ihrer Natur nach replikativ.

Solche Überlegungen gehören in den weiteren Rahmen der Memetik.
(Memetik soll den Begriff Genetik anklingen lassen und als
Forschungsgegenstand die Meme, nicht die Gene, haben.) Sie geht von
der Annahme aus, daß Meme, die geistigen Äquivalente zu Genen, auch
Evolutionsmechanismen unterworfen sind.  Im Gegensatz zur natürlichen
Evolution vollzieht sich memetische Evolution in effizienteren
Größenordnungen und mit viel größerer Geschwindigkeit.

Zur Erklärung von kultureller Übertragung oder des kulturellen
Erbes--seien sie nun genetischer oder memetischer Natur oder eine
Verbindung aus beiden--wurde bisweilen auf die Existenz eines
Bedeutungsgens geschlossen.  Würde ein solches Gen existieren, würde
das nicht heißen, daß Signifikation durch memetische Replikation
übertragen wird, sondern daß die praktischen Erfahrungen der
Selbstkonstituierung des Individuums den Akt der
Bedeutungsherstellung in der Verkleidung verschiedener auf
Zeichenprozesse bezogener Logikformen einschließt.  So verstanden
wäre Replikation nicht eine Replikation von Information, sondern von
fundamentalen Prozessen, zu denen u. a. die Konstituierung von
Bedeutung gehört.  Die Evolution der Sprache und die Evolution der
Logik gehört zur allgemeinen kulturellen Evolution.  Die Mutation von
Memen und die Erweiterung einer begrenzten Skala, etwa die Skala
begrenzter künstlicher Sprachen und begrenzter logischer Regeln, kann
in Beschreibungen wiedergegeben werden, die den genetischen
Gleichungen ähneln.  Wenn sich aber die Skala verändert, dürfte sich
die daraus resultierende Komplexität in solchen Formalisierungen
nicht mehr ausdrücken lassen.

Wie dem auch sei, Ausdruck, Kommunikation, Signifikation und die
fundamentalen Funktionen jedes Zeichensystems sind, unabhängig von
der ihnen eigenen Logik, mit replikativen Qualitäten versehen.  Logik
verhindert Entstellung oder stellt doch zumindest die Mittel bereit,
solche zu identifizieren.  Zum besseren Verständnis dieser Behauptung
brauchen wir uns nur die Replikationsformen vor Augen zu halten, die
bei der Behandlung von Daten in einem Computer im Spiele sind.  Die
Botschaft Error signalisiert den falschen Umgang mit Daten und deutet
mithin auf einen falsch verlaufenden Replikationsprozeß hin.  Wie
jedes Beispiel hinkt auch dieses: Es könnte ja sein, daß diejenige
Logik, nach dessen Gesetzen die Replikation überprüft wurde, sich für
Replikationsprozesse, die ihrer Natur nach anders sind, nicht eignet.
Wenn wir z. B. die der Schriftkultur eigene Logik für semiotische
Prozesse heranziehen würden, die für unser Stadium jenseits der
Schriftkultur charakteristisch sind, würde der Error-Hinweis, der uns
einen falschen Umgang mit Daten signalisiert, überall auf dem Monitor
aufblinken.  Womit auch immer wir es in der praktischen Erfahrung der
elektronischen Datenverarbeitung zu tun haben und was auch immer
Virtualität definiert, alles bezieht sich auf einen logischen Rahmen,
der in keinerlei Hinsicht als memetische Replikation der
aristotelischen Logik oder irgendeines anderen in die Schriftkultur
eingebetteten logischen Systems verstanden werden kann.  Meme können
repliziert werden, gleich ob sie in neuronalen Strukturen, als Muster
von Rinnen, auf einer CD-ROM, oder in einem HTML- (hyper text markup
language-) Web-Format existieren.  Die Interaktionen zwischen den
Trägern solcher Meme (zwischen natürlichen und/oder künstlichen
Gehirnen) entsprechen einem anderen dynamischen Bereich, dem ihrer
gegenseitigen Identifikation.



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Personenregister


Aristoteles Buch II, Kapitel 5
Barnard, F. R. Buch IV, Kapitel 1
Barthes, R. Buch II, Kapitel 4; Buch IV, Kapitel 6
Barzun, J. Buch III, Kapitel 3
Baudrillard, J. EINLEITUNG
Bayer, H. Buch III, Kapitel 1
Beethoven, L. van Buch V, Kapitel 1
Bell, A. G. Buch I, Kapitel 2; Buch IV, Kapitel 5; NACHWORT
Benn, G. Buch I, Kapitel 2
Berlin, I. Buch IV, Kapitel 5
Bloom, A. Buch I, Kapitel 1
Brown, J. C. Buch I, Kapitel 2
Burgess, A. Buch II, Kapitel 4
Carpenter, E. Buch I, Kapitel 1
Childe, G. V. Buch II, Kapitel 4
Chomsky, N. Buch II, Kapitel 3; Buch III, Kapitel 2; Buch V, Kapitel
1
Chruschtschow, N. Buch IV, Kapitel 5
Clausewitz, Carl von Buch IV, Kapitel 6
Conway, J. H. Buch V, Kapitel 2
Cooper, P. Buch I, Kapitel 2
Darius Buch IV, Kapitel 6
Dawkins, R. Buch II, Kapitel 5
Descartes, R. Buch IV, Kapitel 3
Dewey, J. Buch I, Kapitel 2
Dijkstra, E. Buch III, Kapitel 2
Durkheim, E. Buch IV, Kapitel 3
Edison, T. A. Buch I, Kapitel 2; Buch IV, Kapitel 5
Einstein, A. Buch IV, Kapitel 3; Buch V, Kapitel 2
Emerson, R. W. Buch I, Kapitel 2
Engels, F. Buch IV, Kapitel 5
Enzensberger, H. M. EINLEITUNG; Buch I, Kapitel 1
Epaminondas von Theben Buch IV, Kapitel 6
Fabergé, P. C. Buch IV, Kapitel 4
Faulkner, W. Buch I, Kapitel 2
Feyerabend, P. K. Buch IV, Kapitel 3
Galileo Galilei Buch IV, Kapitel 3
George III. (König v.  England) Buch I, Kapitel 2
George, H. Buch III, Kapitel 2
Gestetner, S. Buch IV, Kapitel 4
Grotius, H. Buch I, Kapitel 1
Gutenberg, J. Buch II, Kapitel 4
Guttman, A. Buch IV, Kapitel 2
Hasan, B. Buch IV, Kapitel 2
Hauben, M. Buch V, Kapitel 1
Hausdorf, F. Buch III, Kapitel 1
Hawthorne, N. Buch I, Kapitel 2
Hegel, G. W. F. Buch IV, Kapitel 3
Heidegger, M. Buch II, Kapitel 4
Hemingway, E. Buch I, Kapitel 2
Heuss, T. Buch IV, Kapitel 6
Hildegard von Bingen Buch II, Kapitel 4
Homer Buch V, Kapitel 2
Huxley, A. Buch IV, Kapitel 5
Illich, I. EINLEITUNG
Irving, W. Buch I, Kapitel 2
James, H. Buch I, Kapitel 2
Jefferson, T. Buch I, Kapitel 2
Jewtuschenkos, J. A. Buch IV, Kapitel 5
Kant, I. Buch IV, Kapitel 3
Kerkhove, D. de Buch II, Kapitel 4
Kluge, J. NACHWORT
Korzybski, A. Buch II, Kapitel 3
Krause, K. NACHWORT
Lakatos, I. Buch IV, Kapitel 3
Lakoff, G. EINLEITUNG
Lanier, J. Buch IV, Kapitel 1
Le Corbusier Buch IV, Kapitel 4
Leibniz, G. W. EINLEITUNG; Buch II, Kapitel 5; Buch IV, Kapitel 1;
Buch IV, Kapitel 3
Lenin, V. I. Buch IV, Kapitel 5
Leo der Weise Buch IV, Kapitel 6
Leonardo da Vinci Buch IV, Kapitel 1
Leonidas Buch IV, Kapitel 6
Lindendorf, E. Buch IV, Kapitel 6
Llul, R. Buch II, Kapitel 4
Locke, J. Buch II, Kapitel 5
Longfellow, H. W. Buch I, Kapitel 2
Lotman, J. M. EINLEITUNG
Lukrez Buch IV, Kapitel 3
Malthus, T. R. Buch I, Kapitel 1; Buch III, Kapitel 2
Marx, K. Buch IV, Kapitel 3; Buch IV, Kapitel 5
Maturana, H. R. EINLEITUNG; Buch V, Kapitel 1
Maurice (byzant.  Herrscher) Buch IV, Kapitel 6
McLuhan, M. EINLEITUNG; Buch II, Kapitel 4
Moltke, H. von Buch IV, Kapitel 6
Neumann, J. von Buch IV, Kapitel 6
Newton, I. Buch IV, Kapitel 3
Octavian Buch IV, Kapitel 6
Orwell, G. Buch V, Kapitel 2
Otto, N. O. Buch IV, Kapitel 5
Peirce, C. S. EINLEITUNG; Buch I, Kapitel 2; Buch II, Kapitel 5;
Buch IV, Kapitel 3
Platon Buch II, Kapitel 2; Buch II, Kapitel 4; Buch IV, Kapitel 3
Postman, N. Buch I, Kapitel 2
Proust, M. Buch V, Kapitel 2
Pythagoras Buch III, Kapitel 3
Ramses II Buch IV, Kapitel 6
Reich, R. B. Buch III, Kapitel 1
Remington, F. Buch IV, Kapitel 4
Remond, N. de Buch IV, Kapitel 1
Rogers, W. Buch I, Kapitel 1
Royce, J. Buch I, Kapitel 2
Sanders, B. EINLEITUNG; Buch II, Kapitel 5
Schwartzkopf, N. Buch IV, Kapitel 6
Searle, J. Buch I, Kapitel 1
Shakespeare, W. Buch IV, Kapitel 4; Buch V, Kapitel 2
Smith, J. Buch I, Kapitel 2
Snow, C. P. EINLEITUNG
Sokrates Buch I, Kapitel 2; Buch II, Kapitel 4; Buch IV, Kapitel 3
Spencer, H. Buch IV, Kapitel 3
Steiner, G. EINLEITUNG; Buch I, Kapitel 1; Buch V, Kapitel 2
Sterne, L. Buch IV, Kapitel 3
Tesla, N. Buch IV, Kapitel 5
Tiffany, L. C. Buch IV, Kapitel 4
Toqueville, A. de Buch I, Kapitel 2
Toulouse-Lautrec, H. Buch III, Kapitel 1
Turing, A. M. Buch IV, Kapitel 6
Twain, M. Buch I, Kapitel 1
Tzu, S. Buch IV, Kapitel 6
Van Gogh, V. Buch V, Kapitel 2
Vitruvius Buch IV, Kapitel 4; Buch V, Kapitel 2
Wiener, N. Buch I, Kapitel 1
Winograd, T. EINLEITUNG
Wittgenstein, L. Buch II, Kapitel 3; Buch II, Kapitel 5; Buch IV,
Kapitel 3
Zadeh, L. EINLEITUNG



Über den Autor

MIHAI NADIN, geboren 1938 in Brasov (Kronstadt), doppelt
promoviert--in Ästhetik und Computerwissenschaften--und zweifach
habilitiert--für Ästhetik in Bukarest, für Philosophie, Logik und
Wissenschaftstheorie an der Universität München mit einer Arbeit über
die Grundlagen der Semiotik--, lehrte seit 1977 u. a. in Braunschweig,
München, Essen, Providence (RI), Rochester (NY), Columbus (OH) und
New York.  Seit 1994 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Computational
Design an der Universität-Gesamthochschule Wuppertal.  Seine 18
Buchveröffentlichungen und mehr als 140 Aufsätze, CD-ROM- und
Internet-Publikationen weisen ihn als einen der weltweit führenden
Autoren aus, die die gegenwärtige wissenschaftlich-technologische
Revolution und die damit eröffneten Möglichkeiten von Kommunikation
und Wissensproduktion sowohl theoretisch reflektieren als auch in der
Praxis vorantreiben.



End of Jenseits der Schriftkultur
(C)1999 by Mihai Nadin





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