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Title: Effi Briest
Author: Fontane, Theodor, 1819-1898
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Steinbrenner for PG-DE.



Effi Briest

Theodor Fontane



Erstes Kapitel

In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie
von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller
Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park-
und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen
breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang
und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer
Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden
besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung
und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in
kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen
weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der
Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings
erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel
und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten
umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches
mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel
gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an
je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief
stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb
versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.

Auch die Front des Herrenhauses - eine mit Aloekübeln und ein paar
Gartenstühlen besetzte Rampe - gewährte bei bewölktem Himmel einen
angenehmen und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufenthalt; an
Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz
entschieden bevorzugt, besonders von Frau und Tochter des Hauses,
die denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten liegenden
Fliesengange saßen, in ihrem Rücken ein paar offene, von wildem Wein
umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren
vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenflügels
hinaufführten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleißig bei
der Arbeit, die der Herstellung eines aus Einzelquadraten
zusammenzusetzenden Altarteppichs galt; ungezählte Wollsträhnen und
Seidendocken lagen auf einem großen, runden Tisch bunt durcheinander,
dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und eine mit
großen schönen Stachelbeeren gefüllte Majolikaschale. Rasch und sicher
ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber während die Mutter kein
Auge von der Arbeit ließ, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi
führte, von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter
allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus
der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war ersichtlich, daß
sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische gezogenen Übungen
mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann so dastand
und, langsam die Arme hebend, die Handflächen hoch über dem Kopf
zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf,
aber immer nur flüchtig und verstohlen, weil sie nicht zeigen
wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung
mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug ein blau und
weiß gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein
fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab;
der Hals war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter
Matrosenkragen. In allem, was sie tat, paarten sich Übermut und
Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche
Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten. Man nannte sie
die »Kleine«, was sie sich nur gefallen lassen mußte, weil die schöne,
schlanke Mama noch um eine Handbreit höher war.

Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und
rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer
Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: »Effi,
eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer
am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, daß du so was
möchtest.«

»Vielleicht, Mama. Aber wenn es so wäre, wer wäre schuld? Von wem hab
ich es? Doch nur von dir. Oder meinst du, von Papa? Da mußt du nun
selber lachen. Und dann, warum steckst du mich in diesen Hänger, in
diesen Jungenkittel? Mitunter denk ich, ich komme noch wieder in kurze
Kleider. Und wenn ich die erst wiederhabe, dann knicks ich auch wieder
wie ein Backfisch, und wenn dann die Rathenower herüberkommen, setze
ich mich auf Oberst Goetzes Schoß und reite hopp, hopp. Warum auch
nicht? Drei Viertel ist er Onkel und nur ein Viertel Courmacher. Du
bist schuld. Warum kriege ich keine Staatskleider? Warum machst du
keine Dame aus mir?«

»Möchtest du's?«

»Nein.« Und dabei lief sie auf die Mama zu und umarmte sie stürmisch
und küßte sie.

»Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich
immer, wenn ich dich so sehe ...« Und die Mama schien ernstlich
willens, in Äußerung ihrer Sorgen und Ängste fortzufahren. Aber sie
kam nicht weit damit, weil in ebendiesem Augenblick drei junge Mädchen
aus der kleinen, in der Kirchhofsmauer angebrachten Eisentür in den
Garten eintraten und einen Kiesweg entlang auf das Rondell und die
Sonnenuhr zuschritten. Alle drei grüßten mit ihren Sonnenschirmen zu
Effi herüber und eilten dann auf Frau von Briest zu, um dieser die
Hand zu küssen. Diese tat rasch ein paar Fragen und lud dann die
Mädchen ein, ihnen oder doch wenigstens Effi auf eine halbe Stunde
Gesellschaft zu leisten. »Ich habe ohnehin noch zu tun, und junges
Volk ist am liebsten unter sich. Gehabt euch wohl.« Und dabei stieg
sie die vom Garten in den Seitenflügel führende Steintreppe hinauf.

Und da war nun die Jugend wirklich allein.

Zwei der jungen Mädchen - kleine, rundliche Persönchen, zu deren
krausem, rotblondem Haar ihre Sommersprossen und ihre gute Laune ganz
vorzüglich paßten - waren Töchter des auf Hansa, Skandinavien und
Fritz Reuter eingeschworenen Kantors Jahnke, der denn auch, unter
Anlehnung an seinen mecklenburgischen Landsmann und Lieblingsdichter
und nach dem Vorbilde von Mining und Lining, seinen eigenen Zwillingen
die Namen Bertha und Hertha gegeben hatte. Die dritte junge Dame war
Hulda Niemeyer, Pastor Niemeyers einziges Kind; sie war damenhafter
als die beiden anderen, dafür aber langweilig und eingebildet, eine
lymphatische Blondine, mit etwas vorspringenden, blöden Augen, die
trotzdem beständig nach was zu suchen schienen, weshalb denn auch
Klitzing von den Husaren gesagt hatte: »Sieht sie nicht aus, als
erwarte sie jeden Augenblick den Engel Gabriel?« Effi fand, daß der
etwas kritische Klitzing nur zu sehr recht habe, vermied es aber
trotzdem, einen Unterschied zwischen den drei Freundinnen zu machen.
Am wenigsten war ihr in diesem Augenblick danach zu Sinn, und während
sie die Arme auf den Tisch stemmte, sagte sie: »Diese langweilige
Stickerei. Gott sei Dank, daß ihr da seid.« »Aber deine Mama haben wir
vertrieben«, sagte Hulda. »Nicht doch. Wie sie euch schon sagte, sie
wäre doch gegangen; sie erwartet nämlich Besuch, einen alten Freund
aus ihren Mädchentagen her, von dem ich euch nachher erzählen muß,
eine Liebesgeschichte mit Held und Heldin und zuletzt mit Entsagung.
Ihr werdet Augen machen und euch wundern. Übrigens habe ich Mamas
alten Freund schon drüben in Schwantikow gesehen; er ist Landrat, gute
Figur und sehr männlich.«

»Das ist die Hauptsache«, sagte Hertha.

»Freilich ist das die Hauptsache, 'Weiber weiblich, Männer männlich' -
das ist, wie ihr wißt, einer von Papas Lieblingssätzen. Und nun helft
mir erst Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst gibt es wieder
eine Strafpredigt.«

Im Nu waren die Docken in den Korb gepackt, und als alle wieder
saßen, sagte Hulda: »Nun aber, Effi, nun ist es Zeit, nun die
Liebesgeschichte mit Entsagung. Oder ist es nicht so schlimm?«

»Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm. Aber ehe Hertha nicht
von den Stachelbeeren genommen, eher kann ich nicht anfangen - sie
läßt ja kein Auge davon. Übrigens nimm, soviel du willst, wir können
ja hinterher neue pflücken; nur wirf die Schalen weit weg oder noch
besser, lege sie hier auf die Zeitungsbeilage, wir machen dann eine
Tüte daraus und schaffen alles beiseite. Mama kann es nicht leiden,
wenn die Schlusen so überall herumliegen, und sagt immer, man könne
dabei ausgleiten und ein Bein brechen.«

»Glaub ich nicht«, sagte Hertha, während sie den Stachelbeeren fleißig
zusprach.

»Ich auch nicht«, bestätigte Effi. »Denkt doch mal nach, ich falle
jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts
gebrochen. Was ein richtiges Bein ist, das bricht nicht so leicht,
meines gewiß nicht und deines auch nicht, Hertha. Was meinst du,
Hulda?«

»Man soll sein Schicksal nicht versuchen; Hochmut kommt vor dem Fall.«

»Immer Gouvernante; du bist doch die geborene alte Jungfer.«

»Und hoffe mich doch noch zu verheiraten. Und vielleicht eher als du.«

»Meinetwegen. Denkst du, daß ich darauf warte? Das fehlte noch.
Übrigens, ich kriege schon einen und vielleicht bald. Da ist mir nicht
bange. Neulich erst hat mir der kleine Ventivegni von drüben gesagt:
'Fräulein Effi, was gilt die Wette, wir sind hier noch in diesem Jahre
zu Polterabend und Hochzeit.'«

»Und was sagtest du da?«

»'Wohl möglich', sagte ich, 'wohl möglich; Hulda ist die Älteste und
kann sich jeden Tag verheiraten.' Aber er wollte davon nichts wissen
und sagte: 'Nein, bei einer anderen jungen Dame, die geradeso brünett
ist, wie Fräulein Hulda blond ist.' Und dabei sah er mich ganz
ernsthaft an... Aber ich komme vom Hundertsten aufs Tausendste und
vergesse die Geschichte.«

»Ja, du brichst immer wieder ab; am Ende willst du nicht.« »Oh, ich
will schon, aber freilich, ich breche immer wieder ab, weil es alles
ein bißchen sonderbar ist, ja beinah romantisch.«

»Aber du sagtest doch, er sei Landrat.«

»Allerdings, Landrat. Und er heißt Geert von Innstetten, Baron von
Innstetten.«

Alle drei lachten.

»Warum lacht ihr?« sagte Effi pikiert. »Was soll das heißen?«

»Ach, Effi, wir wollen dich ja nicht beleidigen und auch den Baron
nicht. Innstetten, sagtest du? Und Geert? So heißt doch hier kein
Mensch. Freilich, die adeligen Namen haben oft so was Komisches.«

»Ja, meine Liebe, das haben sie. Dafür sind es eben Adelige. Die
dürfen sich das gönnen, und je weiter zurück, ich meine der Zeit nach,
desto mehr dürfen sie sich's gönnen. Aber davon versteht ihr nichts,
was ihr mir nicht übelnehmen dürft. Wir bleiben doch gute Freunde.
Geert von Innstetten also und Baron. Er ist geradeso alt wie Mama, auf
den Tag.«

»Und wie alt ist denn eigentlich deine Mama?« »Achtunddreißig.«

»Ein schönes Alter.«

»Ist es auch, namentlich wenn man noch so aussieht wie die Mama. Sie
ist doch eigentlich eine schöne Frau, findet ihr nicht auch? Und
wie sie alles so weg hat, immer so sicher und dabei so fein und nie
unpassend wie Papa. Wenn ich ein junger Leutnant wäre, so würd ich
mich in die Mama verlieben.«

»Aber Effi, wie kannst du nur so was sagen«, sagte Hulda. »Das ist ja
gegen das vierte Gebot.«

»Unsinn. Wie kann das gegen das vierte Gebot sein? Ich glaube, Mama
würde sich freuen, wenn sie wüßte, daß ich so was gesagt habe.«

»Kann schon sein«, unterbrach hierauf Hertha. »Aber nun endlich die
Geschichte.«

»Nun, gib dich zufrieden, ich fange schon an ... Also Baron
Innstetten! Als er noch keine zwanzig war, stand er drüben bei den
Rathenowern und verkehrte viel auf den Gütern hier herum, und am
liebsten war er in Schwantikow drüben bei meinem Großvater Belling.
Natürlich war es nicht des Großvaters wegen, daß er so oft drüben war,
und wenn die Mama davon erzählt, so kann jeder leicht sehen, um wen es
eigentlich war. Und ich glaube, es war auch gegenseitig.« »Und wie kam
es nachher?«

»Nun, es kam, wie's kommen mußte, wie's immer kommt. Er war ja
noch viel zu jung, und als mein Papa sich einfand, der schon
Ritterschaftsrat war und Hohen-Cremmen hatte, da war kein langes
Besinnen mehr, und sie nahm ihn und wurde Frau von Briest ... Und das
andere, was sonst noch kam, nun, das wißt ihr ... das andere bin ich.«

»Ja, das andere bist du, Effi«, sagte Bertha. »Gott sei Dank; wir
hätten dich nicht, wenn es anders gekommen wäre. Und nun sage, was tat
Innstetten, was wurde aus ihm? Das Leben hat er sich nicht genommen,
sonst könntet ihr ihn heute nicht erwarten.«

»Nein, das Leben hat er sich nicht genommen. Aber ein bißchen war es
doch so was.«

»Hat er einen Versuch gemacht?«

»Auch das nicht. Aber er mochte doch nicht länger hier in der Nähe
bleiben, und das ganze Soldatenleben überhaupt muß ihm damals wie
verleidet gewesen sein. Es war ja auch Friedenszeit. Kurz und gut, er
nahm den Abschied und fing an, Juristerei zu studieren, wie Papa sagt,
mit einem 'wahren Biereifer'; nur als der Siebziger Krieg kam, trat er
wieder ein, aber bei den Perlebergern statt bei seinem alten Regiment,
und hat auch das Kreuz. Natürlich, denn er ist sehr schneidig. Und
gleich nach dem Kriege saß er wieder bei seinen Akten, und es heißt,
Bismarck halte große Stücke von ihm und auch der Kaiser, und so kam es
denn, daß er Landrat wurde, Landrat im Kessiner Kreise.«

»Was ist Kessin? Ich kenne hier kein Kessin.«

»Nein, hier in unserer Gegend liegt es nicht; es liegt eine hübsche
Strecke von hier fort in Pommern, in Hinterpommern sogar, was aber
nichts sagen will, weil es ein Badeort ist (alles da herum ist
Badeort), und die Ferienreise, die Baron Innstetten jetzt macht, ist
eigentlich eine Vetternreise oder doch etwas Ähnliches. Er will hier
alte Freundschaft und Verwandtschaft wiedersehen.«

»Hat er denn hier Verwandte?«

»Ja und nein, wie man's nehmen will. Innstettens gibt es hier nicht,
gibt es, glaub ich, überhaupt nicht mehr. Aber er hat hier entfernte
Vettern von der Mutter Seite her, und vor allem hat er wohl
Schwantikow und das Bellingsche Haus wiedersehen wollen, an das ihn
so viele Erinnerungen knüpfen. Da war er denn vorgestern drüben, und
heute will er hier in Hohen-Cremmen sein.«

»Und was sagt dein Vater dazu?«

»Gar nichts. Der ist nicht so. Und dann kennt er ja doch die Mama. Er
neckt sie bloß.«

In diesem Augenblick schlug es Mittag, und ehe es noch ausgeschlagen,
erschien Wilke, das alte Briestsche Haus- und Familienfaktotum, um an
Fräulein Effi zu bestellen: Die gnädige Frau ließe bitten, daß das
gnädige Fräulein zu rechter Zeit auch Toilette mache; gleich nach
eins würde der Herr Baron wohl vorfahren. Und während Wilke dies
noch vermeldete, begann er auch schon auf dem Arbeitstisch der Damen
abzuräumen und griff dabei zunächst nach dem Zeitungsblatt, auf dem
die Stachelbeerschalen lagen.

»Nein, Wilke, nicht so; das mit den Schlusen, das ist unsere Sache...
Hertha, du mußt nun die Tüte machen und einen Stein hineintun, daß
alles besser versinken kann. Und dann wollen wir in einem langen
Trauerzug aufbrechen und die Tüte auf offener See begraben.«

Wilke schmunzelte. Is doch ein Daus, unser Fräulein, so etwa gingen
seine Gedanken. Effi aber, während sie die Tüte mitten auf die rasch
zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: »Nun fassen wir alle vier
an, jeder an einem Zipfel, und singen was Trauriges.«

»Ja, das sagst du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?«

»Irgendwas; es ist ganz gleich, es muß nur einen Reim auf 'u' haben;
'u' ist immer Trauervokal. Also singen wir:

        Flut, Flut,
        Mach alles wieder gut ...«

Und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle
vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettete
Boot und ließen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte
langsam in den Teich niedergleiten.

»Hertha, nun ist deine Schuld versenkt«, sagte Effi, »wobei mir
übrigens einfällt, so vom Boot aus sollen früher auch arme,
unglückliche Frauen versenkt worden sein, natürlich wegen Untreue.«

»Aber doch nicht hier.«

»Nein, nicht hier«, lachte Effi, »hier kommt sowas nicht vor. Aber
in Konstantinopel, und du mußt ja, wie mir eben einfällt, auch davon
wissen, so gut wie ich, du bist ja mit dabeigewesen, als uns Kandidat
Holzapfel in der Geographiestunde davon erzählte.«

»Ja«, sagte Hulda, »der erzählte immer so was. Aber so was vergißt man
doch wieder.«

»Ich nicht. Ich behalte so was.«



Zweites Kapitel

Sie sprachen noch eine Weile so weiter, wobei sie sich ihrer
gemeinschaftlichen Schulstunden und einer ganzen Reihe Holzapfelscher
Unpassendheiten mit Empörung und Behagen erinnerten. Ja, man konnte
sich nicht genug tun damit, bis Hulda mit einem Male sagte: »Nun aber
ist es höchste Zeit, Effi; du siehst ja aus, ja, wie sag ich nur,
du siehst ja aus, wie wenn du vom Kirschenpflücken kämst, alles
zerknittert und zerknautscht; das Leinenzeug macht immer so viele
Falten, und der große weiße Klappkragen ... ja, wahrhaftig, jetzt hab
ich es, du siehst aus wie ein Schiffsjunge.«

»Midshipman, wenn ich bitten darf. Etwas muß ich doch von meinem Adel
haben. Übrigens, Midshipman oder Schiffsjunge, Papa hat mir erst
neulich wieder einen Mastbaum versprochen, hier dicht neben der
Schaukel, mit Rahen und einer Strickleiter. Wahrhaftig, das sollte mir
gefallen, und den Wimpel oben selbst anzumachen, das ließ' ich mir
nicht nehmen. Und du, Hulda, du kämst dann von der anderen Seite her
herauf, und oben in der Luft wollten wir hurra rufen und uns einen Kuß
geben. Alle Wetter, das sollte schmecken.« »'Alle Wetter ...', wie das
nun wieder klingt ... Du sprichst wirklich wie ein Midshipman. Ich
werde mich aber hüten, dir nachzuklettern, ich bin nicht so waghalsig.
Jahnke hat ganz recht, wenn er immer sagt, du hättest zuviel von
dem Bellingschen in dir, von deiner Mama her. Ich bin bloß ein
Pastorskind.«

»Ach, geh mir. Stille Wasser sind tief. Weißt du noch, wie du damals,
als Vetter Briest als Kadett hier war, aber doch schon groß genug, wie
du damals auf dem Scheunendach entlangrutschtest. Und warum? Nun, ich
will es nicht verraten. Aber kommt, wir wollen uns schaukeln, auf
jeder Seite zwei; reißen wird es ja wohl nicht, oder wenn ihr nicht
Lust habt, denn ihr macht wieder lange Gesichter, dann wollen wir
Anschlag spielen. Eine Viertelstunde hab ich noch. Ich mag noch nicht
hineingehen, und alles bloß, um einem Landrat guten Tag zu sagen, noch
dazu einem Landrat aus Hinterpommern. Altlich ist er auch, er könnte
ja beinah mein Vater sein, und wenn er wirklich in einer Seestadt
wohnt, Kessin soll ja so was sein, nun, da muß ich ihm in diesem
Matrosenkostüm eigentlich am besten gefallen und muß ihm beinah wie
eine große Aufmerksamkeit vorkommen. Fürsten, wenn sie wen empfangen,
soviel weiß ich von meinem Papa her, legen auch immer die Uniform aus
der Gegend des anderen an. Also nun nicht ängstlich ... rasch, rasch,
ich fliege aus, und neben der Bank hier ist frei.«

Hulda wollte noch ein paar Einschränkungen machen, aber Effi war schon
den nächsten Kiesweg hinauf, links hin, rechts hin, bis sie mit einem
Male verschwunden war.

»Effi, das gilt nicht; wo bist du? Wir spielen nicht Versteck, wir
spielen Anschlag«, und unter diesen und ähnlichen Vorwürfen eilten die
Freundinnen ihr nach, weit über das Rondell und die beiden seitwärts
stehenden Platanen hinaus, bis die Verschwundene mit einem Male aus
ihrem Versteck hervorbrach und mühelos, weil sie schon im Rücken ihrer
Verfolger war, mit »eins, zwei, drei« den Freiplatz neben der Bank
erreichte.

»Wo warst du?«

»Hinter den Rhabarberstauden; die haben so große Blätter, noch größer
als ein Feigenblatt ...«

»Pfui ...«

»Nein, pfui für euch, weil ihr verspielt habt. Hulda, mit ihren großen
Augen, sah wieder nichts, immer ungeschickt.« Und dabei flog Effi
von neuem über das Rondell hin, auf den Teich zu, vielleicht weil
sie vorhatte, sich erst hinter einer dort aufwachsenden dichten
Haselnußhecke zu verstecken, um dann, von dieser aus, mit einem weiten
Umweg um Kirchhof und Fronthaus, wieder bis an den Seitenflügel und
seinen Freiplatz zu kommen. Alles war gut berechnet; aber freilich,
ehe sie noch halb um den Teich herum war, hörte sie schon vom Hause
her ihren Namen rufen und sah, während sie sich umwandte, die Mama,
die, von der Steintreppe her, mit ihrem Taschentuch winkte. Noch einen
Augenblick, und Effi stand vor ihr.

»Nun bist du doch noch in deinem Kittel, und der Besuch ist da. Nie
hältst du Zeit.«

»Ich halte schon Zeit, aber der Besuch hat nicht Zeit gehalten. Es ist
noch nicht eins; noch lange nicht«, und sich nach den Zwillingen hin
umwendend (Hulda war noch weiter zurück), rief sie diesen zu: »Spielt
nur weiter; ich bin gleich wieder da.«

Schon im nächsten Augenblick trat Effi mit der Mama in den großen
Gartensaal, der fast den ganzen Raum des Seitenflügels füllte.

»Mama, du darfst mich nicht schelten. Es ist wirklich erst halb. Warum
kommt er so früh? Kavaliere kommen nicht zu spät, aber noch weniger zu
früh.«

Frau von Briest war in sichtlicher Verlegenheit; Effi aber schmiegte
sich liebkosend an sie und sagte: »Verzeih, ich will mich nun
eilen; du weißt, ich kann auch rasch sein, und in fünf Minuten ist
Aschenputtel in eine Prinzessin verwandelt. So lange kann er warten
oder mit dem Papa plaudern.«

Und der Mama zunickend, wollte sie leichten Fußes eine kleine eiserne
Stiege hinauf, die aus dem Saal in den Oberstock hinaufführte. Frau
von Briest aber, die unter Umständen auch unkonventionell sein konnte,
hielt plötzlich die schon forteilende Effi zurück, warf einen Blick
auf das jugendlich reizende Geschöpf, das, noch erhitzt von der
Aufregung des Spiels, wie ein Bild frischesten Lebens vor ihr stand,
und sagte beinahe vertraulich: »Es ist am Ende das beste, du bleibst,
wie du bist. Ja, bleibe so. Du siehst gerade sehr gut aus. Und wenn
es auch nicht wäre, du siehst so unvorbereitet aus, so gar nicht
zurechtgemacht, und darauf kommt es in diesem Augenblick an. Ich muß
dir nämlich sagen, meine süße Effi ...«, und sie nahm ihres Kindes
beide Hände, »... ich muß dir nämlich sagen ...«

»Aber Mama, was hast du nur? Mir wird ja ganz angst und bange.«

»... Ich muß dir nämlich sagen, Effi, daß Baron Innstetten eben um
deine Hand angehalten hat.«

»Um meine Hand angehalten? Und im Ernst?«

»Es ist keine Sache, um einen Scherz daraus zu machen. Du hast ihn
vorgestern gesehen, und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. Er
ist freilich älter als du, was alles in allem ein Glück ist, dazu ein
Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn du nicht
nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so
stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du
wirst deine Mama weit überholen.«

Effi schwieg und suchte nach einer Antwort. Aber ehe sie diese finden
konnte, hörte sie schon des Vaters Stimme von dem angrenzenden,
noch im Fronthause gelegenen Hinterzimmer her, und gleich danach
überschritt Ritterschaftsrat von Briest, ein wohlkonservierter
Fünfziger von ausgesprochener Bonhomie, die Gartensalonschwelle - mit
ihm Baron Innstetten, schlank, brünett und von militärischer Haltung.

Effi, als sie seiner ansichtig wurde, kam in ein nervöses Zittern;
aber nicht auf lange, denn im selben Augenblick fast, wo sich
Innstetten unter freundlicher Verneigung ihr näherte, wurden an
dem mittleren der weit offenstehenden und von wildem Wein halb
überwachsenen Fenster die rotblonden Köpfe der Zwillinge sichtbar, und
Hertha, die Ausgelassenste, rief in den Saal hinein: »Effi, komm.«

Dann duckte sie sich, und beide Schwestern sprangen von der Banklehne,
darauf sie gestanden, wieder in den Garten hinab, und man hörte nur
noch ihr leises Kichern und Lachen.



Drittes Kapitel

Noch an demselben Tage hatte sich Baron Innstetten mit Effi Briest
verlobt. Der joviale Brautvater, der sich nicht leicht in seiner
Feierlichkeitsrolle zurechtfand, hatte bei dem Verlobungsmahl, das
folgte, das junge Paar leben lassen, was auf Frau von Briest, die
dabei der nun um kaum achtzehn Jahre zurückliegenden Zeit gedenken
mochte, nicht ohne herzbeweglichen Eindruck geblieben war. Aber nicht
auf lange; sie hatte es nicht sein können, nun war es statt ihrer die
Tochter - alles in allem ebensogut oder vielleicht noch besser. Denn
mit Briest ließ sich leben, trotzdem er ein wenig prosaisch war und
dann und wann einen kleinen frivolen Zug hatte. Gegen Ende der Tafel,
das Eis wurde schon herumgereicht, nahm der alte Ritterschaftsrat
noch einmal das Wort, um in einer zweiten Ansprache das allgemeine
Familien-Du zu proponieren. Er umarmte dabei Innstetten und gab ihm
einen Kuß auf die linke Backe. Hiermit war aber die Sache für ihn noch
nicht abgeschlossen, vielmehr fuhr er fort, außer dem »Du« zugleich
intimere Namen und Titel für den Hausverkehr zu empfehlen, eine
Art Gemütlichkeitsrangliste aufzustellen, natürlich unter Wahrung
berechtigter, weil wohlerworbener Eigentümlichkeiten. Für seine Frau,
so hieß es, würde der Fortbestand von »Mama« (denn es gäbe auch
junge Mamas) wohl das beste sein, während er für seine Person, unter
Verzicht auf den Ehrentitel »Papa«, das einfache Briest entschieden
bevorzugen müsse, schon weil es so hübsch kurz sei. Und was nun die
Kinder angehe - bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem nur etwa
um ein Dutzend Jahre jüngeren Innstetten, einen Ruck geben mußte -,
nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert. Geert, wenn er nicht irre,
habe die Bedeutung von einem schlank aufgeschossenen Stamm, und Effi
sei dann also der Efeu, der sich darumzuranken habe. Das Brautpaar
sah sich bei diesen Worten etwas verlegen an. Effi zugleich mit einem
Ausdruck kindlicher Heiterkeit, Frau von Briest aber sagte: »Briest,
sprich, was du willst, und formuliere deine Toaste nach Gefallen,
nur poetische Bilder, wenn ich bitten darf, laß beiseite, das liegt
jenseits deiner Sphäre.« Zurechtweisende Worte, die bei Briest mehr
Zustimmung als Ablehnung gefunden hatten. »Es ist möglich, daß du
recht hast, Luise.«

Gleich nach Aufhebung der Tafel beurlaubte sich Effi, um einen Besuch
drüben bei Pastors zu machen. Unterwegs sagte sie sich: »Ich glaube,
Hulda wird sich ärgern. Nun bin ich ihr doch zuvorgekommen - sie war
immer zu eitel und eingebildet.« Aber Effi traf es mit ihrer Erwartung
nicht ganz; Hulda, durchaus Haltung bewahrend, benahm sich sehr gut
und überließ die Bezeugung von Unmut und Ärger ihrer Mutter, der Frau
Pastorin, die denn auch sehr sonderbare Bemerkungen machte. »Ja, ja,
so geht es. Natürlich. Wenn's die Mutter nicht sein konnte, muß es
die Tochter Sein. Das kennt man. Alte Familien halten immer zusammen,
und wo was is, da kommt was dazu.« Der alte Niemeyer kam in arge
Verlegenheit über diese fortgesetzten Spitzen Redensarten ohne Bildung
und Anstand und beklagte mal wieder, eine Wirtschafterin geheiratet zu
haben.

Von Pastors ging Effi natürlich auch zu Kantor Jahnkes; die Zwillinge
hatten schon nach ihr ausgeschaut und empfingen sie im Vorgarten.

»Nun, Effi«, sagte Hertha, während alle drei zwischen den rechts und
links blühenden Studentenblumen auf und ab schritten, »nun, Effi, wie
ist dir eigentlich?«

»Wie mir ist? Oh, ganz gut. Wir nennen uns auch schon du und bei
Vornamen. Er heißt nämlich Geert, was ich euch, wie mir einfällt, auch
schon gesagt habe.«

»Ja, das hast du. Mir ist aber doch so bange dabei. Ist es denn auch
der Richtige?«

»Gewiß ist es der Richtige. Das verstehst du nicht, Hertha. Jeder ist
der Richtige. Natürlich muß er von Adel sein und eine Stellung haben
und gut aussehen.«

»Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du doch ganz anders.«

»Ja, sonst.«

»Und bist du auch schon ganz glücklich?«

»Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glücklich.
Wenigstens denk ich es mir so.«

»Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bißchen
genant?«

»Ja, ein bißchen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich
denke, ich werde darüber wegkommen.«

Nach diesem im Pfarr- und Kantorhause gemachten Besuche, der
keine halbe Stunde gedauert hatte, war Effi wieder nach drüben
zurückgekehrt, wo man auf der Gartenveranda eben den Kaffee nehmen
wollte. Schwiegervater und Schwiegersohn gingen auf dem Kieswege
zwischen den zwei Platanen auf und ab. Briest sprach von dem
Schwierigen einer landrätlichen Stellung; sie sei ihm verschiedentlich
angetragen worden, aber er habe jedesmal gedankt. »So nach meinem
eigenen Willen schalten und walten zu können ist mir immer das liebste
gewesen, jedenfalls lieber - Pardon, Innstetten -, als so die Blicke
beständig nach oben richten zu müssen. Man hat dann bloß immer Sinn
und Merk für hohe und höchste Vorgesetzte. Das ist nichts für mich.
Hier leb ich so freiweg und freue mich über jedes grüne Blatt und über
den wilden Wein, der da drüben in die Fenster wächst.«

Er sprach noch mehr dergleichen, allerhand Antibeamtliches, und
entschuldigte sich von Zeit zu Zeit mit einem kurzen, verschiedentlich
wiederkehrenden »Pardon, Innstetten«. Dieser nickte mechanisch
zustimmend, war aber eigentlich wenig bei der Sache, sah vielmehr wie
gebannt immer aufs neue nach dem drüben am Fenster rankenden wilden
Wein hinüber, von dem Briest eben gesprochen, und während er dem
nachhing, war es ihm, als säh' er wieder die rotblonden Mädchenköpfe
zwischen den Weinranken und höre dabei den übermütigen Zuruf: »Effi,
komm.«

Er glaubte nicht an Zeichen und ähnliches, im Gegenteil, wies alles
Abergläubische weit zurück. Aber er konnte trotzdem von den zwei
Worten nicht los, und während Briest immer weiterperorierte, war es
ihm beständig, als wäre der kleine Hergang doch mehr als ein bloßer
Zufall gewesen.

Innstetten, der nur einen kurzen Urlaub genommen, war schon am
folgenden Tag wieder abgereist, nachdem er versprochen, jeden Tag
schreiben zu wollen. »Ja, das mußt du«, hatte Effi gesagt, ein Wort,
das ihr von Herzen kam, da sie seit Jahren nichts Schöneres kannte als
beispielsweise den Empfang vieler Geburtstagsbriefe. Jeder mußte ihr
zu diesem Tag schreiben. In den Brief eingestreute Wendungen, etwa wie
»Gertrud und Klara senden Dir mit mir ihre herzlichsten Glückwünsche«,
waren verpönt; Gertrud und Klara, wenn sie Freundinnen sein wollten,
hatten dafür zu Sorgen, daß ein Brief mit selbständiger Marke daläge,
womöglich - denn ihr Geburtstag fiel noch in die Reisezeit mit einer
fremden, aus der Schweiz oder Karlsbad.

Innstetten, wie versprochen, schrieb wirklich jeden Tag; was aber den
Empfang seiner Briefe ganz besonders angenehm machte, war der Umstand,
daß er allwöchentlich nur einmal einen ganz kleinen Antwortbrief
erwartete. Den erhielt er dann auch, voll reizend nichtigen und
ihn jedesmal entzückenden Inhalts. Was es von ernsteren Dingen
zu besprechen gab, das verhandelte Frau von Briest mit ihrem
Schwiegersohn: Festsetzungen wegen der Hochzeit, Ausstattungs- und
Wirtschaftseinrichtungsfragen. Innstetten, schon an die drei Jahre
im Amt, war in seinem Kessiner Hause nicht glänzend, aber doch sehr
standesgemäß eingerichtet, und es empfahl sich, in der Korrespondenz
mit ihm ein Bild von allem, was da war, zu gewinnen, um nichts
Unnützes anzuschaffen. Schließlich, als Frau von Briest über all diese
Dinge genugsam unterrichtet war, wurde seitens Mutter und Tochter eine
Reise nach Berlin beschlossen, um, wie Briest sich ausdrückte, den
»Trousseau« für Prinzessin Effi zusammenzukaufen. Effi freute sich
sehr auf den Aufenthalt in Berlin, um so mehr, als der Vater darein
gewilligt hatte, im Hotel du Nord Wohnung zu nehmen. Was es koste,
könne ja von der Ausstattung abgezogen werden; Innstetten habe ohnehin
alles. Effi ganz im Gegensatz zu der solche »Mesquinerien« ein für
allemal sich verbittenden Mama - hatte dem Vater, ohne jede Sorge
darum, ob er's scherz- oder ernsthaft gemeint hatte, freudig
zugestimmt und beschäftigte sich in ihren Gedanken viel, viel mehr mit
dem Eindruck, den sie beide, Mutter und Tochter, bei ihrem Erscheinen
an der Table d'hôte machen würden, als mit Spinn und Mencke,
Goschenhofer und ähnlichen Firmen, die vorläufig notiert worden waren.
Und diesen ihren heiteren Phantasien entsprach denn auch ihre Haltung,
als die große Berliner Woche nun wirklich da war. Vetter Briest vom
Alexanderregiment, ein ungemein ausgelassener junger Leutnant, der
die »Fliegenden Blätter« hielt und über die besten Witze Buch führte,
stellte sich den Damen für jede dienstfreie Stunde zur Verfügung,
und so saßen sie denn mit ihm bei Kranzler am Eckfenster oder zu
statthafter Zeit auch wohl im Café Bauer und fuhren nachmittags in den
Zoologischen Garten, um da die Giraffen zu sehen, von denen Vetter
Briest, der übrigens Dagobert hieß, mit Vorliebe behauptete, sie sähen
aus wie adlige alte Jungfern. Jeder Tag verlief programmäßig, und
am dritten oder vierten Tag gingen sie, wie vorgeschrieben, in die
Nationalgalerie, weil Vetter Dagobert seiner Cousine die »Insel der
Seligen« zeigen wollte. Fräulein Cousine stehe zwar auf dem Punkte,
sich zu verheiraten, es sei aber doch vielleicht gut, die »Insel der
Seligen« schon vorher kennengelernt zu haben. Die Tante gab ihm einen
Schlag mit dem Fächer, begleitete diesen Schlag aber mit einem so
gnädigen Blick, daß er keine Veranlassung hatte, den Ton zu ändern.
Es waren himmlische Tage für alle drei, nicht zum wenigsten
für den Vetter, der so wundervoll zu chaperonnieren und kleine
Differenzen immer rasch auszugleichen verstand. An solchen
Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter war nun,
wie das so geht, all die Zeit über kein Mangel, aber sie traten
glücklicherweise nie bei den zu machenden Einkäufen hervor. Ob man
von einer Sache sechs oder drei Dutzend erstand, Effi war mit allem
gleichmäßig einverstanden, und wenn dann auf dem Heimweg von dem Preis
der eben eingekauften Gegenstände gesprochen wurde, so verwechselte
sie regelmäßig die Zahlen. Frau von Briest, sonst so kritisch, auch
ihrem eigenen geliebten Kinde gegenüber, nahm dies anscheinend
mangelnde Interesse nicht nur von der leichten Seite, sondern erkannte
sogar einen Vorzug darin. Alle diese Dinge, so sagte sie sich,
bedeuten Effi nicht viel. Effi ist anspruchslos; sie lebt in ihren
Vorstellungen und Träumen, und wenn die Prinzessin Friedrich Karl
vorüberfährt und sie von ihrem Wagen aus freundlich grüßt, so gilt ihr
das mehr als eine ganze Truhe voll Weißzeug.

Das alles war auch richtig, aber doch nur halb. An dem Besitze mehr
oder weniger alltäglicher Dinge lag Effi nicht viel, aber wenn sie mit
der Mama die Linden hinauf- und hinunterging und nach Musterung der
schönsten Schaufenster in den Demuthschen Laden eintrat, um für die
gleich nach der Hochzeit geplante italienische Reise allerlei Einkäufe
zu machen, so zeigte sich ihr wahrer Charakter. Nur das Eleganteste
gefiel ihr, und wenn sie das Beste nicht haben konnte, so verzichtete
sie auf das Zweitbeste, weil ihr dies Zweite nun nichts mehr
bedeutete. Ja, sie konnte verzichten, darin hatte die Mama recht, und
in diesem Verzichtenkönnen lag etwas von Anspruchslosigkeit; wenn es
aber ausnahmsweise mal wirklich etwas zu besitzen galt, so mußte dies
immer was ganz Apartes sein. Und darin war sie anspruchsvoll.



Viertes Kapitel

Vetter Dagobert war am Bahnhof, als die Damen ihre Rückreise nach
Hohen-Cremmen antraten. Es waren glückliche Tage gewesen, vor
allem auch darin, daß man nicht unter unbequemer und beinahe
unstandesgemäßer Verwandtschaft gelitten hatte. »Für Tante Therese«,
so hatte Effi gleich nach der Ankunft gesagt, »müssen wir diesmal
inkognito bleiben. Es geht nicht, daß sie hier ins Hotel kommt.
Entweder Hotel du Nord oder Tante Therese; beides zusammen paßt
nicht.« Die Mama hatte sich schließlich einverstanden damit erklärt,
ja, dem Liebling zur Besiegelung des Einverständnisses einen Kuß auf
die Stirn gegeben.

Mit Vetter Dagobert war das natürlich etwas ganz anderes gewesen, der
hatte nicht bloß den Gardepli, der hatte vor allem auch mit Hilfe
jener eigentümlich guten Laune, wie sie bei den Alexanderoffizieren
beinahe traditionell geworden, sowohl Mutter wie Tochter von Anfang
an anzuregen und aufzuheitern gewußt, und diese gute Stimmung dauerte
bis zuletzt. »Dagobert«, so hieß es noch beim Abschied, »du kommst
also zu meinem Polterabend, und natürlich mit Cortège. Denn
nach den Aufführungen (aber kommt mir nicht mit Dienstmann oder
Mausefallenhändler) ist Ball. Und du mußt bedenken, mein erster
großer Ball ist vielleicht auch mein letzter. Unter sechs Kameraden
- natürlich beste Tänzer - wird gar nicht angenommen. Und mit dem
Frühzug könnt ihr wieder zurück.« Der Vetter versprach alles, und so
trennte man sich.

Gegen Mittag trafen beide Damen an ihrer havelländischen Bahnstation
ein, mitten im Luch, und fuhren in einer halben Stunde nach
Hohen-Cremmen hinüber. Briest war sehr froh, Frau und Tochter wieder
zu Hause zu haben, und stellte Fragen über Fragen, deren Beantwortung
er meist nicht abwartete. Statt dessen erging er sich in Mitteilung
dessen, was er inzwischen erlebt. »Ihr habt mir da vorhin von der
Nationalgalerie gesprochen und von der 'Insel der Seligen' - nun, wir
haben hier, während ihr fort wart, auch so was gehabt: unser Inspektor
Pink und die Gärtnersfrau. Natürlich habe ich Pink entlassen müssen,
übrigens ungern. Es ist sehr fatal, daß solche Geschichten fast immer
in die Erntezeit fallen. Und Pink war sonst ein ungewöhnlich tüchtiger
Mann, hier leider am unrechten Fleck. Aber lassen wir das; Wilke wird
schon unruhig.«

Bei Tische hörte Briest besser zu; das gute Einvernehmen mit dem
Vetter, von dem ihm viel erzählt wurde, hatte seinen Beifall, weniger
das Verhalten gegen Tante Therese. Man sah aber deutlich, daß er
inmitten seiner Mißbilligung sich eigentlich darüber freute; denn ein
kleiner Schabernack entsprach ganz seinem Geschmack, und Tante Therese
war wirklich eine lächerliche Figur. Er hob sein Glas und stieß mit
Frau und Tochter an. Auch als nach Tisch einzelne der hübschesten
Einkäufe von ihm ausgepackt und seiner Beurteilung unterbreitet
wurden, verriet er viel Interesse, das selbst noch anhielt oder
wenigstens nicht ganz hinstarb, als er die Rechnung überflog. »Etwas
teuer, oder sagen wir lieber sehr teuer; indessen es tut nichts. Es
hat alles so viel Schick, ich möchte sagen so viel Animierendes, daß
ich deutlich fühle, wenn du mir solchen Koffer und solche Reisedecke
zu Weihnachten schenkst, so sind wir zu Ostern auch in Rom und machen
nach achtzehn Jahren unsere Hochzeitsreise. Was meinst du, Luise?
Wollen wir nachexerzieren? Spät kommt ihr, doch ihr kommt.«

Frau von Briest machte eine Handbewegung, wie wenn sie sagen wollte:
»Unverbesserlich«, und überließ ihn im übrigen seiner eigenen
Beschämung, die aber nicht groß war.

Ende August war da, der Hochzeitstag (3. Oktober) rückte näher,
und sowohl im Herrenhause wie in der Pfarre und Schule war man
unausgesetzt bei den Vorbereitungen zum Polterabend. Jahnke, getreu
seiner Fritz-Reuter-Passion, hatte sich's als etwas besonders
»Sinniges« ausgedacht, Bertha und Hertha als Lining und Mining
auftreten zu lassen, natürlich plattdeutsch, während Hulda das
Käthchen von Heilbronn in der Holunderbaumszene darstellen sollte,
Leutnant Engelbrecht von den Husaren als Wetter vom Strahl. Niemeyer,
der sich den Vater der Idee nennen durfte, hatte keinen Augenblick
gesäumt, auch die versäumte Nutzanwendung auf Innstetten und Effi
hinzuzudichten. Er selbst war mit seiner Arbeit zufrieden und hörte,
gleich nach der Leseprobe, von allen Beteiligten viel Freundliches
darüber, freilich mit Ausnahme seines Patronatsherrn und alten
Freundes Briest, der, als er die Mischung von Kleist und Niemeyer
mit angehört hatte, lebhaft protestierte, wenn auch keineswegs aus
literarischen Gründen. »Hoher Herr und immer wieder Hoher Herr - was
soll das? Das leitet in die Irre, das verschiebt alles. Innstetten,
unbestritten, ist ein famoses Menschenexemplar, Mann von Charakter
und Schneid, aber die Briests - verzeih den Berolinismus, Luise-, die
Briests sind schließlich auch nicht von schlechten Eltern. Wir sind
doch nun mal eine historische Familie, laß mich hinzufügen Gott sei
Dank, und die Innstettens sind es nicht; die Innstettens sind bloß
alt, meinetwegen Uradel, aber was heißt Uradel? Ich will nicht, daß
eine Briest oder doch mindestens eine Polterabendfigur, in der jeder
das Widerspiel unserer Effi erkennen muß - ich will nicht, daß eine
Briest mittelbar oder unmittelbar in einem fort von 'Hoher Herr'
spricht. Da müßte denn doch Innstetten wenigstens ein verkappter
Hohenzoller sein, es gibt ja dergleichen. Das ist er aber nicht, und
so kann ich nur wiederholen, es verschiebt die Situation.«

Und wirklich, Briest hielt mit besonderer Zähigkeit eine ganze
Zeitlang an dieser Anschauung fest. Erst nach der zweiten Probe,
wo das »Käthchen«, schon halb im Kostüm, ein sehr eng anliegendes
Sammetmieder trug, ließ er sich - der es auch sonst nicht an
Huldigungen gegen Hulda fehlen ließ - zu der Bemerkung hinreißen,
das Käthchen liege sehr gut da, welche Wendung einer Waffenstreckung
ziemlich gleichkam oder doch zu solcher hinüberleitete. Daß alle diese
Dinge vor Effi geheimgehalten wurden, braucht nicht erst gesagt zu
werden. Bei mehr Neugier auf seiten dieser letzteren wäre das nun
freilich ganz unmöglich gewesen, aber Effi hatte so wenig Verlangen,
in die Vorbereitungen und geplanten Überraschungen einzudringen, daß
sie der Mama mit allem Nachdruck erklärte, sie könne es abwarten,
und Wenn diese dann zweifelte, so schloß Effi mit der wiederholten
Versicherung: Es wäre wirklich so, die Mama könne es glauben. Und
warum auch nicht? Es sei ja doch alles nur Theateraufführung und
hübscher und poetischer als »Aschenbrödel«, das sie noch am letzten
Abend in Berlin gesehen hätte, hübscher und poetischer könne es ja
doch nicht Sein. Da hätte sie wirklich selber mitspielen mögen, wenn
auch nur, um dem lächerlichen Pensionslehrer einen Kreidestrich auf
den Rücken zu machen. »Und wie reizend im letzten Akt 'Aschenbrödels
Erwachen als Prinzessin' oder wenigstens als Gräfin; wirklich, es
war ganz wie ein Märchen.« In dieser Weise sprach sie oft, war meist
ausgelassener als vordem und ärgerte sich bloß über das beständige
Tuscheln und Geheimtun der Freundinnen. »Ich wollte, sie hätten sich
weniger wichtig und wären mehr für mich da. Nachher bleiben sie doch
bloß stecken, und ich muß mich um sie ängstigen und mich schämen, daß
es meine Freundinnen sind.« So gingen Effis Spottreden, und es war
ganz unverkennbar, daß sie sich um Polterabend und Hochzeit nicht
allzusehr kümmerte. Frau von Briest hatte so ihre Gedanken darüber,
aber zu Sorgen kam es nicht, weil sich Effi, was doch ein gutes
Zeichen war, ziemlich viel mit ihrer Zukunft beschäftigte und sich,
phantasiereich wie sie war, viertelstundenlang in Schilderungen ihres
Kessiner Lebens erging, Schilderungen, in denen sich nebenher und
sehr zur Erheiterung der Mama eine merkwürdige Vorstellung von
Hinterpommern aussprach oder vielleicht auch, mit kluger Berechnung,
aussprechen sollte. Sie gefiel sich nämlich darin, Kessin als
einen halbsibirischen Ort aufzufassen, wo Eis und Schnee nie recht
aufhörten.

»Heute hat Goschenhofer das letzte geschickt«, sagte Frau von Briest,
als sie wie gewöhnlich in Front des Seitenflügels mit Effi am
Arbeitstisch saß, auf dem die Leinen- und Wäschevorräte beständig
wuchsen, während der Zeitungen, die bloß Platz wegnahmen, immer
weniger wurden. »Ich hoffe, du hast nun alles, Effi. Wenn du aber noch
kleine Wünsche hegst, so mußt du sie jetzt aussprechen, womöglich in
dieser Stunde noch. Papa hat den Raps vorteilhaft verkauft und ist
ungewöhnlich guter Laune.«

»Ungewöhnlich? Er ist immer in guter Laune.«

»In ungewöhnlich guter Laune«, wiederholte die Mama. »Und sie muß
genutzt werden. Sprich also. Mehrmals, als wir noch in Berlin waren,
war es mir, als ob du doch nach dem einen oder anderen noch ein ganz
besonderes Verlangen gehabt hättest.«

»Ja, liebe Mama, was soll ich da sagen. Eigentlich habe ich ja alles,
was man braucht, ich meine, was man hier braucht. Aber da mir's nun
mal bestimmt ist, so hoch nördlich zu kommen ... ich bemerke, daß ich
nichts dagegen habe, im Gegenteil, ich freue mich darauf, auf die
Nordlichter und auf den helleren Glanz der Sterne ... da mir's nun mal
so bestimmt ist, so hätte ich wohl gern einen Pelz gehabt.«

»Aber Effi, Kind, das ist doch alles bloß leere Torheit. Du kommst ja
nicht nach Petersburg oder nach Archangel.«

»Nein; aber ich bin doch auf dem Wege dahin...«

»Gewiß, Kind. Auf dem Wege dahin bist du; aber was heißt das? Wenn du
von hier nach Nauen fährst, bist du auch auf dem Wege nach Rußland. Im
übrigen, wenn du's wünschst, so sollst du einen Pelz haben. Nur das
laß mich im voraus sagen, ich rate dir davon ab. Ein Pelz ist für
ältere Personen, selbst deine alte Mama ist noch zu jung dafür, und
wenn du mit deinen siebzehn Jahren in Nerz oder Marder auftrittst, so
glauben die Kessiner, es sei eine Maskerade.«

Das war am 2. September, daß sie so sprachen, ein Gespräch, das sich
wohl fortgesetzt hätte, wenn nicht gerade Sedantag gewesen wäre. So
aber wurden sie durch Trommel- und Pfeifenklang unterbrochen, und
Effi, die schon vorher von dem beabsichtigten Aufzuge gehört,
aber es wieder vergessen hatte, stürzte mit einem Male von dem
gemeinschaftlichen Arbeitstisch fort und an Rondell und Teich vorüber
auf einen kleinen, an die Kirchhofsmauer angebauten Balkon zu, zu dem
sechs Stufen, nicht viel breiter als Leitersprossen, hinaufführten. Im
Nu war sie oben, und richtig, da kam auch schon die ganze Schuljugend
heran, Jahnke gravitätisch am rechten Flügel, während ein kleiner
Tambourmajor, weit voran, an der Spitze des Zuges marschierte, mit
einem Gesichtsausdruck, als ob ihm obläge, die Schlacht bei Sedan noch
einmal zu schlagen. Effi winkte mit dem Taschentuch, und der Begrüßte
versäumte nicht, mit seinem blanken Kugelstock zu salutieren.

Eine Woche später saßen Mutter und Tochter wieder am alten Fleck, auch
wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt. Es war ein wunderschöner Tag; der
in einem zierlichen Beet um die Sonnenuhr herum stehende Heliotrop
blühte noch, und die leise Brise, die ging, trug den Duft davon zu
ihnen herüber.

»Ach, wie wohl ich mich fühle«, sagte Effi, »so wohl und so glücklich;
ich kann mir den Himmel nicht schöner denken. Und am Ende, wer weiß,
ob sie im Himmel so wundervollen Heliotrop haben.«

»Aber Effi, so darfst du nicht sprechen; das hast du von deinem Vater,
dem nichts heilig ist und der neulich sogar sagte, Niemeyer sähe
aus wie Lot. Unerhört. Und was soll es nur heißen? Erstlich weiß er
nicht, wie Lot ausgesehen hat, und zweitens ist es eine grenzenlose
Rücksichtslosigkeit gegen Hulda. Ein Glück, daß Niemeyer nur die
einzige Tochter hat, dadurch fällt es eigentlich in sich zusammen. In
einem freilich hat er nur zu recht gehabt, in all und jedem, was er
über 'Lots Frau', unsere gute Frau Pastorin, sagte, die uns denn auch
wirklich wieder mit ihrer Torheit und Anmaßung den ganzen Sedantag
ruinierte. Wobei mir übrigens einfällt, daß wir, als Jahnke mit der
Schule vorbeikam, in unserem Gespräch unterbrochen wurden - wenigstens
kann ich mir nicht denken, daß der Pelz, von dem du damals sprachst,
dein einziger Wunsch gewesen sein sollte. Laß mich also wissen,
Schatz, was du noch weiter auf dem Herzen hast.« »Nichts, Mama.«

»Wirklich nichts?«

»Nein, wirklich nichts; ganz im Ernst ... Wenn es aber doch am Ende
was sein sollte ...«

»Nun ...«

»... so müßte es ein japanischer Bettschirm sein, schwarz und goldene
Vögel darauf, alle mit einem langen Kranichschnabel ... Und dann
vielleicht noch eine Ampel für unser Schlafzimmer, mit rotem Schein.«

Frau von Briest schwieg.

»Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas
besonders Unpassendes gesagt hätte.«

»Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewiß
nicht. Denn ich kenne dich ja. Du bist eine phantastische kleine
Person, malst dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus, und je
farbenreicher sie sind, desto schöner und begehrlicher erscheinen sie
dir. Ich sah das so recht, als wir die Reisesachen kauften. Und nun
denkst du dir's ganz wundervoll, einen Bettschirm mit allerhand
fabelhaftem Getier zu haben, alles im Halblicht einer roten Ampel. Es
kommt dir vor wie ein Märchen, und du möchtest eine Prinzessin sein.«

Effi nahm die Hand der Mama und küßte sie. »Ja, Mama, so bin ich.«

»Ja, so bist du. Ich weiß es wohl. Aber meine liebe Effi, wir müssen
vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach
Kessin kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt,
so lacht man über dergleichen. Und wenn man bloß lachte. Die, die dir
ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter
Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres.«

»Also nichts Japanisches und auch keine Ampel. Aber ich bekenne dir,
ich hatte es mir so schön und poetisch gedacht, alles in einem roten
Schimmer zu sehen.«

Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf und küßte Effi. »Du bist ein
Kind. Schön und poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die Wirklichkeit
ist anders, und oft ist es gut, daß es statt Licht und Schimmer ein
Dunkel gibt.«

Effi schien antworten zu wollen, aber in diesem Augenblick kam Wilke
und brachte Briefe. Der eine war aus Kessin von Innstetten. »Ach, von
Geert«, sagte Effi, und während sie den Brief beiseite steckte, fuhr
sie in ruhigem Ton fort:

»Aber das wirst du doch gestatten, daß ich den Flügel schräg in die
Stube stelle. Daran liegt mir mehr als an einem Kamin, den mir Geert
versprochen hat. Und das Bild von dir, das stell ich dann auf eine
Staffelei; ganz ohne dich kann ich nicht sein. Ach, wie werd ich mich
nach euch sehnen, vielleicht auf der Reise schon und dann in Kessin
ganz gewiß. Es soll ja keine Garnison haben, nicht einmal einen
Stabsarzt, und ein Glück, daß es wenigstens ein Badeort ist. Vetter
Briest, und daran will ich mich aufrichten, dessen Mutter und
Schwester immer nach Warnemünde gehen - nun, ich sehe doch wirklich
nicht ein, warum der die lieben Verwandten nicht auch einmal nach
Kessin hin dirigieren sollte. Dirigieren, das klingt ohnehin so
nach Generalstab, worauf er, glaub ich, ambiert. Und dann kommt er
natürlich mit und wohnt bei uns. Übrigens haben die Kessiner, wie mir
neulich erst wer erzählt hat, ein ziemlich großes Dampfschiff, das
zweimal die Woche nach Schweden hinüberfährt. Und auf dem Schiff ist
dann Ball (sie haben da natürlich auch Musik), und er tanzt sehr
gut ...«

»Wer?«

»Nun, Dagobert.«

»Ich dachte, du meintest Innstetten. Aber jedenfalls ist es an der
Zeit, endlich zu wissen, was er schreibt ... Du hast ja den Brief noch
in der Tasche.«

»Richtig. Den hätt ich fast vergessen.« Und sie öffnete den Brief und
überflog ihn.

»Nun, Effi, kein Wort? Du strahlst nicht und lachst nicht einmal,
und er schreibt doch immer so heiter und unterhaltlich und gar nicht
väterlich weise.«

»Das würde ich mir auch verbitten. Er hat sein Alter, und ich habe
meine Jugend. Und ich würde ihm mit den Fingern drohen und ihm sagen:
'Geert, überlege, was besser ist.'« »Und dann würde er dir antworten:
'Was du hast, Effi, das ist das Bessere.' Denn er ist nicht nur ein
Mann der feinsten Formen, er ist auch gerecht und verständig und weiß
recht gut, was Jugend bedeutet. Er sagt sich das immer und stimmt sich
auf das Jugendliche hin, und wenn er in der Ehe so bleibt, so werdet
ihr eine Musterehe führen.«

»Ja, das glaube ich auch, Mama. Aber kannst du dir vorstellen, und ich
schäme mich fast, es zu sagen, ich bin nicht so sehr für das, was man
eine Musterehe nennt.«

»Das sieht dir ähnlich. Und nun sage mir, wofür bist du denn
eigentlich?«

»Ich bin... nun, ich bin für gleich und gleich und natürlich auch für
Zärtlichkeit und Liebe. Und wenn es Zärtlichkeit und Liebe nicht sein
können, weil Liebe, wie Papa sagt, doch nur ein Papperlapapp ist
(was ich aber nicht glaube), nun, dann bin ich für Reichtum und ein
vornehmes Haus, ein ganz vornehmes, wo Prinz Friedrich Karl zur Jagd
kommt, auf Elchwild oder Auerhahn, oder wo der alte Kaiser vorfährt
und für jede Dame, auch für die jungen, ein gnädiges Wort hat. Und
wenn wir dann in Berlin sind, dann bin ich für Hofball und Galaoper,
immer dicht neben der großen Mittelloge.«

»Sagst du das so bloß aus Übermut und Laune?«

»Nein, Mama, das ist mein völliger Ernst. Liebe kommt zuerst, aber
gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung
- ja, Zerstreuung, immer was Neues, immer was, daß ich lachen oder
weinen muß. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile.«

»Wie bist du da nur mit uns fertig geworden?«

»Ach, Mama, wie du nur so was sagen kannst. Freilich, wenn im Winter
die liebe Verwandtschaft vorgefahren kommt und sechs Stunden bleibt
oder wohl auch noch länger, und Tante Gundel und Tante Olga mich
mustern und mich naseweis finden - und Tante Gundel hat es mir auch
mal gesagt -, ja, da macht sich's mitunter nicht sehr hübsch, das
muß ich zugeben. Aber sonst bin ich hier immer glücklich gewesen, so
glücklich.«

Und während sie das sagte, warf sie sich heftig weinend vor der Mama
auf die Knie und küßte ihre beiden Hände.

»Steh auf, Effi. Das sind so Stimmungen, die über einen kommen,
wenn man so jung ist wie du und vor der Hochzeit steht und vor dem
Ungewissen. Aber nun lies mir den Brief vor, wenn er nicht was ganz
Besonderes enthält oder vielleicht Geheimnisse.«

»Geheimnisse«, lachte Effi und sprang in plötzlich veränderter
Stimmung wieder auf. »Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf,
aber das meiste könnte ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da,
wo immer die landrätlichen Verordnungen stehen. Nun, Geert ist ja auch
Landrat.«

»Lies, lies.«

»Liebe Effi! ... So fängt es nämlich immer an, und manchmal nennt er
mich auch seine 'kleine Eva'.«

»Lies, lies ... Du sollst ja lesen.«

»Also: Liebe Effi! Je näher wir unsrem Hochzeitstage kommen, je
sparsamer werden Deine Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer
zuerst nach Deiner Handschrift, aber wie Du weißt (und ich hab es ja
auch nicht anders gewollt), in der Regel vergeblich. Im Hause sind
jetzt die Handwerker, die die Zimmer, freilich nur wenige, für Dein
Kommen herrichten sollen. Das Beste wird wohl erst geschehen, wenn wir
auf der Reise sind. Tapezierer Madelung, der alles liefert, ist ein
Original, von dem ich Dir mit nächstem erzähle, vor allem aber, wie
glücklich ich bin über Dich, über meine süße kleine Effi. Mir brennt
hier der Boden unter den Füßen, und dabei wird es in unserer guten
Stadt immer stiller und einsamer. Der letzte Badegast ist gestern
abgereist; er badete zuletzt bei neun Grad, und die Badewärter waren
immer froh, wenn er wieder heil heraus war. Denn sie fürchteten einen
Schlaganfall, was dann das Bad in Mißkredit bringt, als ob die Wellen
hier schlimmer wären als woanders. Ich juble, wenn ich denke, daß ich
in vier Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus nach dem Lido fahre
oder nach Murano hin, wo sie Glasperlen machen und schönen Schmuck.
Und der schönste sei für Dich. Viele Grüße den Eltern und den
zärtlichsten Kuß Dir von Deinem Geert.« Effi faltete den Brief wieder
zusammen, um ihn in das Kuvert zu stecken.

»Das ist ein sehr hübscher Brief«, sagte Frau von Briest, »und daß er
in allem das richtige Maß hält, das ist ein Vorzug mehr.«

»Ja, das rechte Maß, das hält er.«

»Meine liebe Effi, laß mich eine Frage tun; wünschtest du, daß der
Brief nicht das richtige Maß hielte, wünschtest du, daß er zärtlicher
wäre, vielleicht überschwenglich zärtlich?« »Nein, nein, Mama. Wahr
und wahrhaftig nicht, das wünsche ich nicht. Da ist es doch besser
so.«

»Da ist es doch besser so. Wie das nun wieder klingt. Du bist so
sonderbar. Und daß du vorhin weintest. Hast du was auf deinem Herzen?
Noch ist es Zeit. Liebst du Geert nicht?« »Warum soll ich ihn nicht
lieben? Ich liebe Hulda, und ich liebe Bertha, und ich liebe Hertha.
Und ich liebe auch den alten Niemeyer. Und daß ich euch liebe, davon
spreche ich gar nicht erst. Ich liebe alle, die's gut mit mir meinen
und gütig gegen mich sind und mich verwöhnen. Und Geert wird mich auch
wohl verwöhnen. Natürlich auf seine Art. Er will mir ja schon Schmuck
schenken in Venedig. Er hat keine Ahnung davon, daß ich mir nichts aus
Schmuck mache. Ich klettere lieber, und ich schaukle mich lieber, und
am liebsten immer in der Furcht, daß es irgendwo reißen oder brechen
und ich niederstürzen könnte. Den Kopf wird es ja nicht gleich
kosten.«

»Und liebst du vielleicht auch deinen Vetter Briest?« »Ja, sehr. Der
erheitert mich immer.«

»Und hättest du Vetter Briest heiraten mögen?«

»Heiraten? Um Gottes willen nicht. Er ist ja noch ein halber Junge.
Geert ist ein Mann, ein schöner Mann, ein Mann, mit dem ich Staat
machen kann und aus dem was wird in der Welt. Wo denkst du hin, Mama.«

»Nun, das ist recht, Effi, das freut mich. Aber du hast noch was auf
der Seele.«

»Vielleicht.«

»Nun, sprich.«

»Sieh, Mama, daß er älter ist als ich, das schadet nichts, das ist
vielleicht recht gut: Er ist ja doch nicht alt und ist gesund und
frisch und so soldatisch und so schneidig. Und ich könnte beinah
sagen, ich wäre ganz und gar für ihn, wenn er nur ... ja, wenn er nur
ein bißchen anders wäre.«

»Wie denn, Effi?«

»Ja, wie. Nun, du darfst mich nicht auslachen. Es ist etwas, was ich
erst ganz vor kurzem aufgehorcht habe, drüben im Pastorhause. Wir
sprachen da von Innstetten, und mit einem Male zog der alte Niemeyer
seine Stirn in Falten, aber in Respekts- und Bewunderungsfalten, und
sagte: 'Ja, der Baron! Das ist ein Mann von Charakter, ein Mann von
Prinzipien.'«

»Das ist er auch, Effi.«

»Gewiß. Und ich glaube, Niemeyer sagte nachher sogar, er sei auch ein
Mann von Grundsätzen. Und das ist, glaub ich, noch etwas mehr. Ach,
und ich... ich habe keine. Sieh, Mama, da liegt etwas, was mich quält
und ängstigt. Er ist so lieb und gut gegen mich und so nachsichtig,
aber ... ich fürchte mich vor ihm.«



Fünftes Kapitel

Die Hohen-Cremmer Festtage lagen zurück; alles war abgereist, auch das
junge Paar, noch am Abend des Hochzeitstages.

Der Polterabend hatte jeden zufriedengestellt, besonders die
Mitspielenden, und Hulda war dabei das Entzücken aller jungen
Offiziere gewesen, sowohl der Rathenower Husaren wie der etwas
kritischer gestimmten Kameraden vom Alexanderregiment. Ja, alles war
gut und glatt verlaufen, fast über Erwarten. Nur Bertha und Hertha
hatten so heftig geschluchzt, daß Jahnkes plattdeutsche Verse so gut
wie verlorengegangen waren. Aber auch das hatte wenig geschadet.
Einige feine Kenner waren sogar der Meinung gewesen, das sei das
Wahre; Steckenbleiben und Schluchzen und Unverständlichkeit - in
diesem Zeichen (und nun gar, wenn es so hübsche rotblonde Krausköpfe
wären) werde immer am entschiedensten gesiegt. Eines ganz besonderen
Triumphes hatte sich Vetter Briest in seiner selbstgedichteten Rolle
rühmen dürfen. Er war als Demuthscher Kommis erschienen, der in
Erfahrung gebracht, die junge Braut habe vor, gleich nach der Hochzeit
nach Italien zu reisen, weshalb er einen Reisekoffer abliefern wolle.
Dieser Koffer entpuppte sich natürlich als eine Riesenbonbonniere von
Hövel. Bis um drei Uhr war getanzt worden, bei welcher Gelegenheit der
sich mehr und mehr in eine höchste Champagnerstimmung hineinredende
alte Briest allerlei Bemerkungen über den an manchen Höfen
immer noch üblichen Fackeltanz und die merkwürdige Sitte des
Strumpfbandaustanzens gemacht hatte, Bemerkungen, die nicht
abschließen wollten und, sich immer mehr steigernd, am Ende so weit
gingen, daß ihnen durchaus ein Riegel vorgeschoben werden mußte. »Nimm
dich zusammen, Briest«, war ihm in ziemlich ernstem Ton von seiner
Frau zugeflüstert worden; »du stehst hier nicht, um Zweideutigkeiten
zu sagen, sondern um die Honneurs des Hauses zu machen. Wir haben eben
eine Hochzeit und nicht eine Jagdpartie.« Worauf Briest geantwortet,
er sähe darin keinen so großen Unterschied; übrigens sei er glücklich.
Auch der Hochzeitstag selbst war gut verlaufen. Niemeyer hatte
vorzüglich gesprochen, und einer der alten Berliner Herren, der halb
und halb zur Hofgesellschaft gehörte, hatte sich auf dem Rückweg von
der Kirche zum Hochzeitshaus dahin geäußert, es sei doch merkwürdig,
wie reich gesät in einem Staate wie der unsrige die Talente seien.
»Ich sehe darin einen Triumph unserer Schulen und vielleicht mehr noch
unserer Philosophie. Wenn ich bedenke, daß dieser Niemeyer, ein alter
Dorfpastor, der anfangs aussah wie ein Hospitalit ... ja, Freund,
sagen Sie selbst, hat er nicht gesprochen wie ein Hofprediger? Dieser
Takt und diese Kunst der Antithese, ganz wie Kögel, und an Gefühl ihm
noch über. Kögel ist zu kalt. Freilich, ein Mann in seiner Stellung
muß kalt sein. Woran scheitert man denn im Leben überhaupt? Immer nur
an der Wärme.« Der noch unverheiratete, aber wohl eben deshalb zum
vierten Male in einem »Verhältnis« stehende Würdenträger, an den sich
diese Worte gerichtet hatten, stimmte selbstverständlich zu. »Nur zu
wahr, lieber Freund«, sagte er. »Zuviel Wärme! ... ganz vorzüglich ...
Übrigens muß ich Ihnen nachher eine Geschichte erzählen.«

Der Tag nach der Hochzeit war ein heller Oktobertag. Die Morgensonne
blinkte; trotzdem war es schon herbstlich frisch, und Briest, der eben
gemeinschaftlich mit seiner Frau das Frühstück genommen, erhob sich
von seinem Platz und stellte sich, beide Hände auf dem Rücken, gegen
das mehr und mehr verglimmende Kaminfeuer. Frau von Briest, eine
Handarbeit in Händen, rückte gleichfalls näher an den Kamin und sagte
zu Wilke, der gerade eintrat, um den Frühstückstisch abzuräumen: »Und
nun, Wilke, wenn Sie drin im Saal, aber das geht vor, alles in Ordnung
haben, dann sorgen Sie, daß die Torten nach drüben kommen, die
Nußtorte zu Pastors und die Schüssel mit kleinen Kuchen zu Jahnkes.
Und nehmen Sie sich mit den Gläsern in acht. Ich meine die
dünngeschliffenen.«

Briest war schon bei der dritten Zigarette, sah sehr wohl aus und
erklärte, nichts bekomme einem so gut wie eine Hochzeit, natürlich die
eigene ausgenommen.

»Ich weiß nicht, Briest, wie du zu solcher Bemerkung kommst. Mir war
ganz neu, daß du darunter gelitten haben willst. Ich wüßte auch nicht
warum.«

»Luise, du bist eine Spielverderberin. Aber ich nehme nichts übel,
auch nicht einmal so was. Im übrigen, was wollen wir von uns sprechen,
die wir nicht einmal eine Hochzeitsreise gemacht haben. Dein Vater war
dagegen. Aber Effi macht nun eine Hochzeitsreise. Beneidenswert. Mit
dem Zehnuhrzug ab. Sie müssen jetzt schon bei Regensburg sein, und
ich nehme an, daß er ihr - selbstverständlich ohne auszusteigen -
die Hauptkunstschätze der Walhalla herzählt. Innstetten ist ein
vorzüglicher Kerl, aber er hat so was von einem Kunstfex, und Effi,
Gott, unsere arme Effi, ist ein Naturkind. Ich fürchte, daß er sie mit
seinem Kunstenthusiasmus etwas quälen wird.«

»Jeder quält seine Frau. Und Kunstenthusiasmus ist noch lange nicht
das Schlimmste.«

»Nein, gewiß nicht; jedenfalls wollen wir darüber nicht streiten; es
ist ein weites Feld. Und dann sind auch die Menschen so verschieden.
Du, nun ja, du hättest dazu getaugt. Überhaupt hättest du besser zu
Innstetten gepaßt als Effi. Schade, nun ist es zu spät.«

»Überaus galant, abgesehen davon, daß es nicht paßt. Unter allen
Umständen aber, was gewesen ist, ist gewesen. Jetzt ist er
mein Schwiegersohn, und es kann zu nichts führen, immer auf
Jugendlichkeiten zurückzuweisen.«

»Ich habe dich nur in eine animierte Stimmung bringen wollen.«

»Sehr gütig. Übrigens nicht nötig. Ich bin in animierter Stimmung.«

»Und auch in guter?«

»Ich kann es fast sagen. Aber du darfst sie nicht verderben. Nun, was
hast du noch? Ich sehe, daß du was auf dem Herzen hast.«

»Gefiel dir Effi? Gefiel dir die ganze Geschichte? Sie war so
sonderbar, halb wie ein Kind, und dann wieder sehr selbstbewußt und
durchaus nicht so bescheiden, wie sie's solchem Manne gegenüber sein
müßte. Das kann doch nur so zusammenhängen, daß sie noch nicht recht
weiß, was sie an ihm hat. Oder ist es einfach, daß sie ihn nicht recht
liebt? Das wäre schlimm. Denn bei all seinen Vorzügen, er ist nicht
der Mann, sich diese Liebe mit leichter Manier zu gewinnen.«

Frau von Briest schwieg und zählte die Stiche auf dem Kanevas.

Endlich sagte sie: »Was du da sagst, Briest, ist das Gescheiteste,
was ich seit drei Tagen von dir gehört habe, deine Rede bei Tisch mit
eingerechnet. Ich habe auch so meine Bedenken gehabt. Aber ich glaube,
wir können uns beruhigen.«

»Hat sie dir ihr Herz ausgeschüttet?«

»So möcht ich es nicht nennen. Sie hat wohl das Bedürfnis zu
sprechen, aber sie hat nicht das Bedürfnis, sich so recht von Herzen
auszusprechen, und macht vieles in sich selber ab; sie ist mitteilsam
und verschlossen zugleich, beinah versteckt; überhaupt ein ganz
eigenes Gemisch.«

»Ich bin ganz deiner Meinung. Aber wenn sie dir nichts gesagt hat,
woher weißt du's?«

»Ich sagte nur, sie habe mir nicht ihr Herz ausgeschüttet. Solche
Generalbeichte, so alles von der Seele herunter, das liegt nicht in
ihr. Es fuhr alles bloß ruckweise und plötzlich aus ihr heraus, und
dann war es wieder vorüber. Aber gerade weil es so ungewollt und wie
von ungefähr aus ihrer Seele kam, deshalb war es mir so wichtig.«

»Und wann war es denn und bei welcher Gelegenheit?«

»Es werden jetzt gerade drei Wochen sein, und wir saßen im Garten, mit
allerhand Ausstattungsdingen, großen und kleinen, beschäftigt, als
Wilke einen Brief von Innstetten brachte. Sie steckte ihn zu sich,
und ich mußte sie eine Viertelstunde später erst erinnern, daß sie ja
einen Brief habe. Dann las sie ihn, aber verzog kaum eine Miene. Ich
bekenne dir, daß mir bang ums Herz dabei wurde, so bang, daß ich gern
eine Gewißheit haben wollte, so viel, wie man in diesen Dingen haben
kann.«

»Sehr wahr, sehr wahr.« »Was meinst du damit?«

»Nun, ich meine nur ... Aber das ist ja ganz gleich. Sprich nur
weiter; ich bin ganz Ohr.«

»Ich fragte also rundheraus, wie's stünde, und weil ich bei ihrem
eigenen Charakter einen feierlichen Ton vermeiden und alles so leicht
wie möglich, ja beinah scherzhaft nehmen wollte, so warf ich die Frage
hin, ob sie vielleicht den Vetter Briest, der ihr in Berlin sehr
stark den Hof gemacht hatte, ob sie den vielleicht lieber heiraten
würde ...«

»Und?«

»Da hättest du sie sehen sollen. Ihre nächste Antwort war ein
schnippisches Lachen. Der Vetter sei doch eigentlich nur ein großer
Kadett in Leutnantsuniform. Und einen Kadetten könne sie nicht einmal
lieben, geschweige heiraten. Und dann sprach sie von Innstetten, der
ihr mit einem Male der Träger aller männlichen Tugenden war.«

»Und wie erklärst du dir das?«

»Ganz einfach. So geweckt und temperamentvoll und beinahe
leidenschaftlich sie ist, oder vielleicht auch, weil sie es ist, sie
gehört nicht zu denen, die so recht eigentlich auf Liebe gestellt
sind, wenigstens nicht auf das, was den Namen ehrlich verdient.
Sie redet zwar davon, sogar mit Nachdruck und einem gewissen
Überzeugungston, aber doch nur, weil sie irgendwo gelesen hat, Liebe
sei nun mal das Höchste, das Schönste, das Herrlichste. Vielleicht
hat sie's auch bloß von der sentimentalen Person, der Hulda, gehört
und spricht es ihr nach. Aber sie empfindet nicht viel dabei. Wohl
möglich, daß es alles mal kommt, Gott verhüte es, aber noch ist es
nicht da.«

»Und was ist da? Was hat sie?«

»Sie hat nach meinem und auch nach ihrem eigenen Zeugnis zweierlei:
Vergnügungssucht und Ehrgeiz.

»Nun, das kann passieren. Da bin ich beruhigt.«

»Ich nicht. Innstetten ist ein Karrieremacher - von Streber will
ich nicht sprechen, das ist er auch nicht, dazu ist er zu wirklich
vornehm -, also Karrieremacher, und das wird Effis Ehrgeiz
befriedigen.«

»Nun also. Das ist doch gut.«

»Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Hälfte. Ihr Ehrgeiz wird
befriedigt werden, aber ob auch ihr Hang nach Spiel und Abenteuer?
Ich bezweifle. Für die stündliche kleine Zerstreuung und Anregung,
für alles, was die Langeweile bekämpft, diese Todfeindin einer
geistreichen kleinen Person, dafür wird Innstetten sehr schlecht
sorgen. Er wird sie nicht in einer geistigen Ode lassen, dazu ist er
zu klug und zu weltmännisch, aber er wird sie auch nicht sonderlich
amüsieren. Und was das Schlimmste ist, er wird sich nicht einmal recht
mit der Frage beschäftigen, wie das wohl anzufangen sei. Das wird eine
Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt wird sie's
merken, und dann wird es sie beleidigen. Und dann weiß ich nicht, was
geschieht. Denn so weich und nachgiebig sie ist, sie hat auch was
Rabiates und läßt es auf alles ankommen.«

In diesem Augenblick trat Wilke vom Saal her ein und meldete, daß er
alles nachgezählt und alles vollzählig gefunden habe; nur von den
feinen Weingläsern sei eins zerbrochen, aber schon gestern, als das
Hoch ausgebracht wurde - Fräulein Hulda habe mit Leutnant Nienkerken
zu scharf angestoßen.

»Versteht sich, von alter Zeit her immer im Schlaf, und unterm
Holunderbaum ist es natürlich nicht besser geworden. Eine alberne
Person, und ich begreife Nienkerken nicht.« »Ich begreife ihn
vollkommen.«

»Er kann sie doch nicht heiraten.« »Nein.«

»Also zu was?«

»Ein weites Feld, Luise.«

Dies war am Tage nach der Hochzeit. Drei Tage später kam eine kleine
gekritzelte Karte aus München, die Namen alle nur mit zwei Buchstaben
angedeutet. »Liebe Mama! Heute vormittag die Pinakothek besucht. Geert
wollte auch noch nach dem andern hinüber, das ich hier nicht nenne,
weil ich wegen der Rechtschreibung in Zweifel bin, und fragen mag ich
ihn nicht. Er ist übrigens engelsgut gegen mich und erklärt mir alles.
Überhaupt alles sehr schön, aber anstrengend. In Italien wird es wohl
nachlassen und besser werden. Wir wohnen in den 'Vier Jahreszeiten',
was Geert veranlaßte, mir zu sagen, draußen sei Herbst, aber er habe
in mir den Frühling. Ich finde es sehr sinnig. Er ist überhaupt sehr
aufmerksam. Freilich, ich muß es auch sein, namentlich wenn er was
sagt oder erklärt. Er weiß übrigens alles so gut, daß er nicht einmal
nachzuschlagen braucht. Mit Entzücken spricht er von Euch, namentlich
von Mama. Hulda findet er etwas zierig; aber der alte Niemeyer hat es
ihm ganz angetan. Tausend Grüße von Eurer ganz berauschten, aber auch
etwas müden Effi.«

Solche Karten trafen nun täglich ein, aus Innsbruck, aus Verona, aus
Vicenza, aus Padua, eine jede fing an: »Wir haben heute vormittag die
hiesige berühmte Galerie besucht«, oder wenn es nicht die Galerie war,
so war es eine Arena oder irgendeine Kirche »Santa Maria« mit einem
Zunamen. Aus Padua kam, zugleich mit der Karte, noch ein wirklicher
Brief. »Gestern waren wir in Vicenza. Vicenza muß man sehen wegen des
Palladio; Geert sagte mir, daß in ihm alles Moderne wurzele. Natürlich
nur in bezug auf Baukunst. Hier in Padua (wo wir heute früh ankamen)
sprach er im Hotelwagen etliche Male vor sich hin: 'Er liegt in Padua
begraben', und war überrascht, als er von mir vernahm, daß ich diese
Worte noch nie gehört hätte. Schließlich aber sagte er, es sei
eigentlich ganz gut und ein Vorzug, daß ich nichts davon wüßte. Er ist
überhaupt sehr gerecht. Und vor allem ist er engelsgut gegen mich und
gar nicht überheblich und auch gar nicht alt. Ich habe noch immer das
Ziehen in den Füßen, und das Nachschlagen und das lange Stehen vor den
Bildern strengt mich an. Aber es muß ja sein. Ich freue mich sehr auf
Venedig. Da bleiben wir fünf Tage, ja vielleicht eine ganze Woche.
Geert hat mir schon von den Tauben auf dem Markusplatz vorgeschwärmt,
und daß man sich da Tüten mit Erbsen kauft und dann die schönen Tiere
damit füttert. Es soll Bilder geben, die das darstellen, schöne blonde
Mädchen, 'ein Typus wie Hulda', sagte er. Wobei mir denn auch die
Jahnkeschen Mädchen einfallen. Ach, ich gäbe was drum, wenn ich mit
ihnen auf unserem Hof auf einer Wagendeichsel sitzen und unsere Tauben
füttern könnte. Die Pfauentaube mit dem starken Kropf dürft ihr aber
nicht schlachten, die will ich noch wiedersehen. Ach, es ist so schön
hier. Es soll auch das Schönste sein. Eure glückliche, aber etwas müde
Effi.«

Frau von Briest, als sie den Brief vorgelesen hatte, sagte:

»Das arme Kind. Sie hat Sehnsucht.«

»Ja«, sagte Briest, »sie hat Sehnsucht. Diese verwünschte
Reiserei ...«

»Warum sagst du das jetzt? Du hättest es ja hindern können. Aber das
ist so deine Art, hinterher den Weisen zu spielen. Wenn das Kind in
den Brunnen gefallen ist, decken die Ratsherren den Brunnen zu.«

»Ach, Luise, komme mir doch nicht mit solchen Geschichten. Effi ist
unser Kind, aber seit dem 3. Oktober ist sie Baronin Innstetten. Und
wenn ihr Mann, unser Herr Schwiegersohn, eine Hochzeitsreise machen
und bei der Gelegenheit jede Galerie neu katalogisieren will, so
kann ich ihn daran nicht hindern. Das ist eben das, was man sich
verheiraten nennt.«

»Also jetzt gibst du das zu. Mir gegenüber hast du's immer bestritten,
immer bestritten, daß die Frau in einer Zwangslage sei.«

»Ja, Luise, das hab ich. Aber wozu das jetzt. Das ist wirklich ein zu
weites Feld.«



Sechstes Kapitel

Mitte November - sie waren bis Capri und Sorrent gekommen - lief
Innstettens Urlaub ab, und es entsprach seinem Charakter und seinen
Gewohnheiten, genau Zeit und Stunde zu halten.

Am 14. früh traf er denn auch mit dem Kurierzug in Berlin ein, wo
Vetter Briest ihn und die Cousine begrüßte und vorschlug, die zwei
bis zum Abgang des Stettiner Zuges noch zur Verfügung bleibenden
Stunden zum Besuch des St.-Privat-Panoramas zu benutzen und diesem
Panoramabesuch ein kleines Gabelfrühstück folgen zu lassen. Beides
wurde dankbar akzeptiert. Um Mittag war man wieder auf dem Bahnhof und
nahm hier, nachdem, wie herkömmlich, die glücklicherweise nie ernst
gemeinte Aufforderung, »doch auch mal herüberzukommen«, ebenso von
Effi wie von Innstetten ausgesprochen worden war, unter herzlichem
Händeschütteln Abschied voneinander. Noch als der Zug sich schon in
Bewegung setzte, grüßte Effi vom Coupé aus. Dann machte sie sich's
bequem und schloß die Augen; nur von Zeit zu Zeit richtete sie sich
wieder auf und reichte Innstetten die Hand.

Es war eine angenehme Fahrt, und pünktlich erreichte der Zug den
Bahnhof Klein-Tantow, von dem aus eine Chaussee nach dem noch zwei
Meilen entfernten Kessin hinüberführte. Bei Sommerzeit, namentlich
während der Bademonate, benutzte man statt der Chaussee lieber den
Wasserweg und fuhr auf einem alten Raddampfer das Flüßchen Kessine,
dem Kessin selbst seinen Namen verdankte, hinunter; am 1. Oktober aber
stellte der »Phönix«, von dem seit langem vergeblich gewünscht wurde,
daß er in einer passagierfreien Stunde sich seines Namens entsinnen
und verbrennen möge, regelmäßig seine Fahrten ein, weshalb denn
auch Innstetten bereits von Stettin aus an seinen Kutscher Kruse
telegrafiert hatte: »Fünf Uhr Bahnhof Klein-Tantow. Bei gutem Wetter
offener Wagen.«

Und nun war gutes Wetter, und Kruse hielt in offenem Gefährt am
Bahnhof und begrüßte die Ankommenden mit dem vorschriftsmäßigen
Anstand eines herrschaftlichen Kutschers. »Nun, Kruse, alles in
Ordnung?«

»Zu Befehl, Herr Landrat.«

»Dann, Effi, bitte, steig ein.« Und während Effi dem nachkam und einer
von den Bahnhofsleuten einen kleinen Handkoffer vorn beim Kutscher
unterbrachte, gab Innstetten Weisung, den Rest des Gepäcks mit dem
Omnibus nachzuschicken. Gleich danach nahm auch er seinen Platz, bat,
sich Populär machend, einen der Umstehenden um Feuer und rief Kruse
zu: »Nun vorwärts, Kruse.« Und über die Schienenweg, die vielgleisig
an der Übergangsstelle lagen, ging es in Schräglinie den Bahndamm
hinunter und gleich danach an einem schon an der Chaussee gelegenen
Gasthaus vorüber, das den Namen »Zum Fürsten Bismarck« führte. Denn an
ebendieser Stelle gabelte der Weg und zweigte, wie rechts nach Kessin,
so links nach Varzin hin ab. Vor dem Gasthof stand ein mittelgroßer,
breitschultriger Mann in Pelz und Pelzmütze, welch letztere er, als
der Herr Landrat vorüberfuhr, mit vieler Würde vom Haupte nahm. »Wer
war denn das?« sagte Effi, die durch alles, was sie sah, aufs höchste
interessiert und schon deshalb bei bester Laune war. »Er sah ja aus
wie ein Starost, wobei ich freilich bekennen muß, nie einen Starosten
gesehen zu haben.«

»Was auch nicht schadet, Effi Du hast es trotzdem sehr gut getroffen.
Er sieht wirklich aus wie ein Starost und ist auch so was. Er ist
nämlich ein halber Pole, heißt Golchowski, und wenn wir hier Wahl
haben oder eine Jagd, dann ist er obenauf. Eigentlich ein ganz
unsicherer Passagier, dem ich nicht über den Weg traue und der wohl
viel auf dem Gewissen hat. Er spielt sich aber auf den Loyalen hin
aus, und wenn die Varziner Herrschaften hier vorüberkommen, möchte er
sich am liebsten vor den Wagen werfen. Ich weiß, daß er dem Fürsten
auch widerlich ist. Aber was hilft's? Wir dürfen es nicht mit ihm
verderben, weil wir ihn brauchen. Er hat hier die ganze Gegend in der
Tasche und versteht die Wahlmache wie kein anderer, gilt auch für
wohlhabend. Dabei leiht er auf Wucher, was sonst die Polen nicht tun;
in der Regel das Gegenteil.«

»Er sah aber gut aus.«

»Ja, gut aussehen tut er. Gut aussehen tun die meisten hier. Ein
hübscher Schlag Menschen. Aber das ist auch das Beste, was man von
ihnen sagen kann. Eure märkischen Leute sehen unscheinbarer aus und
verdrießlicher, und in ihrer Haltung sind sie weniger respektvoll,
eigentlich gar nicht, aber ihr Ja ist Ja und Nein ist Nein, und man
kann sich auf sie verlassen. Hier ist alles unsicher.«

»Warum sagst du mir das? Ich muß nun doch hier mit ihnen leben.«

»Du nicht, du wirst nicht viel von ihnen hören und sehen. Denn Stadt
und Land sind hier sehr verschieden, und du wirst nur unsere Städter
kennenlernen, unsere guten Kessiner.«

»Unsere guten Kessiner. Ist es Spott, oder sind wie wirklich so gut?«

»Daß sie wirklich gut sind, will ich nicht gerade behaupten, aber sie
sind doch anders als die andern; ja, sie haben gar keine Ähnlichkeit
mit der Landbevölkerung hier.«

»Und wie kommt das?«

»Weil es eben ganz andere Menschen sind, ihrer Abstammung nach und
ihren Beziehungen nach. Was du hier landeinwärts findest, das sind
sogenannte Kaschuben, von denen du vielleicht gehört hast, slawische
Leute, die hier schon tausend Jahre sitzen und wahrscheinlich noch
viel länger. Alles aber, was hier an der Küste hin in den kleinen See-
und Handelsstädten wohnt, das sind von weither Eingewanderte, die sich
um das kaschubische Hinterland wenig kümmern, weil sie wenig davon
haben und auf etwas ganz anderes angewiesen sind. Worauf sie
angewiesen sind, das sind die Gegenden, mit denen sie Handel treiben,
und da sie das mit aller Welt tun und mit aller Welt in Verbindung
stehen, so findest du zwischen ihnen auch Menschen aus aller Welt
Ecken und Enden. Auch in unserem guten Kessin, trotzdem es eigentlich
nur ein Nest ist.«

Aber das ist ja entzückend, Geert. Du sprichst immer von Nest, und nun
finde ich, wenn du nicht übertrieben hast, eine ganz neue Welt hier.
Allerlei Exotisches. Nicht wahr, so was Ähnliches meintest du doch?«
Er nickte.

»Eine ganz neue Welt, sag ich, vielleicht einen Neger oder einen
Türken oder vielleicht sogar einen Chinesen.«

»Auch einen Chinesen. Wie gut du raten kannst. Es ist möglich, daß wir
wirklich noch einen haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt;
jetzt ist er tot und auf einem kleinen eingegitterten Stück Erde
begraben, dicht neben dem Kirchhof. Wenn du nicht furchtsam bist,
will ich dir bei Gelegenheit mal sein Grab zeigen; es liegt zwischen
den Dünen, bloß Strandhafer drumrum und dann und wann ein paar
Immortellen, und immer hört man das Meer. Es ist sehr schön und sehr
schauerlich.«

»Ja, schauerlich, und ich möchte wohl mehr davon wissen. Aber doch
lieber nicht, ich habe dann immer gleich Visionen und Träume und
möchte doch nicht, wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe,
gleich einen Chinesen an mein Bett treten sehen.«

»Das wird er auch nicht.«

»Das wird er auch nicht. Hör, das klingt ja sonderbar, als ob es doch
möglich wäre. Du willst mir Kessin interessant machen, aber du gehst
darin ein bißchen weit. Und solche fremde Leute habt ihr viele in
Kessin?«

»Sehr viele. Die ganze Stadt besteht aus solchen Fremden, aus
Menschen, deren Eltern oder Großeltern noch ganz woanders saßen.«

»Höchst merkwürdig. Bitte, sag mir mehr davon. Aber nicht wieder was
Gruseliges. Ein Chinese, find ich, hat immer was Gruseliges.«

»Ja, das hat er«, lachte Geert. »Aber der Rest ist, Gott sei Dank, von
ganz anderer Art, lauter manierliche Leute, vielleicht ein bißchen zu
sehr Kaufmann, ein bißchen zu sehr auf ihren Vorteil bedacht und mit
Wechseln von zweifelhaftem Wert immer bei der Hand. Ja, man muß sich
vorsehen mit ihnen. Aber sonst ganz gemütlich. Und damit du siehst,
daß ich dir nichts vorgemacht habe, will ich dir nur so eine kleine
Probe geben, so eine Art Register oder Personenverzeichnis.«

»Ja, Geert, das tu.«

»Da haben wir beispielsweise keine fünfzig Schritt von uns, und
unsere Gärten stoßen sogar zusammen, den Maschinen- und Baggermeister
Macpherson, einen richtigen Schotten und Hochländer.«

»Und trägt sich auch noch so?«

»Nein, Gott sei Dank nicht, denn es ist ein verhutzeltes Männchen, auf
das weder sein Clan noch Walter Scott besonders stolz sein würden. Und
dann haben wir in demselben Haus, wo dieser Macpherson wohnt, auch
noch einen alten Wundarzt, Beza mit Namen, eigentlich bloß Barbier;
der stammt aus Lissabon, gerade daher, wo auch der berühmte General de
Meza herstammt - Meza, Beza, du hörst die Landesverwandtschaft heraus.
Und dann haben wir flußaufwärts am Bollwerk - das ist nämlich der Kai,
wo die Schiffe liegen - einen Goldschmied namens Stedingk, der aus
einer alten schwedischen Familie stammt; ja, ich glaube, es gibt sogar
Reichsgrafen, die so heißen, und des weiteren, und damit will ich dann
vorläufig abschließen, haben wir den guten alten Doktor Hannemann, der
natürlich ein Däne ist und lange in Island war und sogar ein kleines
Buch geschrieben hat über den letzten Ausbruch des Hekla oder Krabla.«

»Das ist ja aber großartig, Geert. Das ist ja wie sechs Romane, damit
kann man ja gar nicht fertig werden. Es klingt erst spießbürgerlich
und ist doch hinterher ganz apart. Und dann müßt ihr ja doch auch
Menschen haben, schon weil es eine Seestadt ist, die nicht bloß
Chirurgen oder Barbiere sind oder sonst dergleichen. Ihr müßt doch
auch Kapitäne haben, irgendeinen fliegenden Holländer oder ...«

»Da hast du ganz recht. Wir haben sogar einen Kapitän, der war
Seeräuber unter den Schwarzflaggen.«

»Kenn ich nicht. Was sind Schwarzflaggen?«

»Das sind Leute weit dahinten in Tonkin und an der Südsee ... Seit er
aber wieder unter Menschen ist, hat er auch wieder die besten Formen
und ist ganz unterhaltlich.«

»Ich würde mich aber doch vor ihm fürchten.«

»Was du nicht nötig hast, zu keiner Zeit, und auch dann nicht, wenn
ich über Land bin oder zum Tee beim Fürsten, denn zu allem andern, was
wir haben, haben wir ja Gott sei Dank auch Rollo ...«

»Rollo?«

»Ja, Rollo. Du denkst dabei, vorausgesetzt, daß du bei Niemeyer oder
Jahnke von dergleichen gehört hast, an den Normannenherzog, und
unserer hat auch so was. Es ist aber bloß ein Neufundländer, ein
wunderschönes Tier, das mich liebt und dich auch lieben wird. Denn
Rollo ist ein Kenner. Und solange du den um dich hast, so lange bist
du sicher und kann nichts an dich heran, kein Lebendiger und kein
Toter. Aber sieh mal den Mond da drüben. Ist es nicht schön?«

Effi, die, still in sich versunken, jedes Wort halb ängstlich, halb
begierig eingesogen hatte, richtete sich jetzt auf und sah nach rechts
hinüber, wo der Mond, unter weißem, aber rasch hinschwindendem Gewölk,
eben aufgegangen war. Kupferfarben stand die große Scheibe hinter
einem Erlengehölz und warf ihr Licht auf eine breite Wasserfläche, die
die Kessine hier bildete. Oder vielleicht war es auch schon ein Haff,
an dem das Meer draußen seinen Anteil hatte.

Effi war wie benommen. »Ja, du hast recht, Geert, wie schön; aber es
hat zugleich so was Unheimliches. In Italien habe ich nie solchen
Eindruck gehabt, auch nicht, als wir von Mestre nach Venedig
hinüberfuhren. Da war auch Wasser und Sumpf und Mondschein, und ich
dachte, die Brücke würde brechen; aber es war nicht so gespenstig.
Woran liegt es nur? Ist es doch das Nördliche?«

Innstetten lachte. »Wir sind hier fünfzehn Meilen nördlicher als in
Hohen-Cremmen, und eh der erste Eisbär kommt, mußt du noch eine Weile
warten. Ich glaube, du bist nervös von der langen Reise und dazu das
St.-Privat-Panorama und die Geschichte von dem Chinesen.«

»Du hast mir ja gar keine erzählt.«

»Nein, ich hab ihn nur eben genannt. Aber ein Chinese ist schon an und
für sich eine Geschichte ...«

»Ja«, lachte sie.

»Und jedenfalls hast du's bald überstanden. Siehst du da vor dir das
kleine Haus mit dem Licht? Es ist eine Schmiede. Da biegt der Weg. Und
wenn wir die Biegung gemacht haben, dann siehst du schon den Turm von
Kessin oder richtiger beide...«

»Hat es denn zwei?«

»Ja, Kessin nimmt sich auf. Es hat jetzt auch eine katholische
Kirche.«

Eine halbe Stunde später hielt der Wagen an der ganz am
entgegengesetzten Ende der Stadt gelegenen landrätlichen Wohnung,
einem einfachen, etwas altmodischen Fachwerkhaus, das mit seiner Front
auf die nach den Seebädern hinausführende Hauptstraße, mit seinem
Giebel aber auf ein zwischen der Stadt und den Dünen liegendes
Wäldchen, das die »Plantage« hieß, herniederblickte.

Dies altmodische Fachwerkhaus war übrigens nur Innstettens
Privatwohnung, nicht das eigentliche Landratsamt, welches letztere,
schräg gegenüber, an der anderen Seite der Straße lag.

Kruse hatte nicht nötig, durch einen dreimaligen Peitschenknips die
Ankunft zu vermelden; längst hatte man von Tür und Fenstern aus nach
den Herrschaften ausgeschaut, und ehe noch der Wagen heran war, waren
bereits alle Hausinsassen auf dem die ganze Breite des Bürgersteigs
einnehmenden Schwellstein versammelt, vorauf Rollo, der im selben
Augenblick, wo der Wagen hielt, diesen zu umkreisen begann. Innstetten
war zunächst seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich und
ging dann, dieser den Arm reichend, unter freundlichem Gruß an der
Dienerschaft vorüber, die nun dem jungen Paar in den mit prächtigen
alten Wandschränken umstandenen Hausflur folgte. Das Hausmädchen, eine
hübsche, nicht mehr ganz jugendliche Person, die ihre stattliche Fülle
fast ebenso gut kleidete wie das zierliche Mützchen auf dem blonden
Haar, war der gnädigen Frau beim Ablegen von Muff und Mantel
behilflich und bückte sich eben, um ihr auch die mit Pelz gefütterten
Gummistiefel auszuziehen. Aber ehe sie noch dazu kommen konnte, sagte
Innstetten: »Es wird das beste sein, ich stelle dir gleich hier unsere
gesamte Hausgenossenschaft vor, mit Ausnahme der Frau Kruse, die sich
- ich vermute sie wieder bei ihrem unvermeidlichen schwarzen Huhn -
nicht gerne sehen läßt.« Alles lächelte. »Aber lassen wir Frau Kruse
... Dies hier ist mein alter Friedrich, der schon mit mir auf der
Universität war ... Nicht wahr, Friedrich, gute Zeiten damals ... Und
dies hier ist Johanna, märkische Landsmännin von dir, wenn du, was
aus Pasewalker Gegend stammt, noch für voll gelten lassen willst, und
dies ist Christel, der wir mittags und abends unser leibliches Wohl
anvertrauen und die zu kochen versteht, das kann ich dir versichern.
Und dies hier ist Rollo. Nun, Rollo, wie geht's?«

Rollo schien nur auf diese spezielle Ansprache gewartet zu haben,
denn im selben Augenblick, wo er seinen Namen hörte, gab er einen
Freudenblaff, richtete sich auf und legte die Pfoten auf seines Herrn
Schulter.

»Schon gut, Rollo, schon gut. Aber sieh da, das ist die Frau; ich hab
ihr von dir erzählt und ihr gesagt, daß du ein schönes Tier seist
und sie schützen würdest.« Und nun ließ Rollo ab und setzte sich vor
Innstetten nieder, zugleich neugierig zu der jungen Frau aufblickend.
Und als diese ihm die Hand hinhielt, umschmeichelte er sie.

Effi hatte während dieser Vorstellungsszene Zeit gefunden, sich
umzuschauen. Sie war wie gebannt von allem, was sie sah, und dabei
geblendet von der Fülle von Licht. In der vorderen Flurhälfte brannten
vier, fünf Wandleuchter, die Leuchten selbst sehr primitiv, von bloßem
Weißblech, was aber den Glanz und die Helle nur noch steigerte. Zwei
mit roten Schleiern bedeckte Astrallampen, Hochzeitsgeschenk von
Niemeyer, standen auf einem zwischen zwei Eichenschränken angebrachten
Klapptisch, in Front davon das Teezeug, dessen Lämpchen unter dem
Kessel schon angezündet war. Aber noch viel, viel anderes und zum
Teil sehr Sonderbares kam zu dem allen hinzu. Quer über den Flur fort
liefen drei die Flurdecke in ebenso viele Felder teilende Balken; an
dem vordersten hing ein Schiff mit vollen Segeln, hohem Hinterdeck
und Kanonenluken, während weiterhin ein riesiger Fisch in der Luft
zu schwimmen schien. Effi nahm ihren Schirm, den sie noch in Händen
hielt, und stieß leis an das Ungetüm an, so daß es sich in eine
langsam schaukelnde Bewegung setzte.

»Was ist das, Geert?« fragte sie.

»Das ist ein Haifisch.«

»Und ganz dahinten das, was aussieht wie eine große Zigarre vor einem
Tabaksladen?«

»Das ist ein junges Krokodil. Aber das kannst du dir alles morgen viel
besser und genauer ansehen; jetzt komm und laß uns eine Tasse Tee
nehmen. Denn trotz aller Plaids und Decken wirst du gefroren haben. Es
war zuletzt empfindlich kalt.«

Er bot nun Effi den Arm, und während sich die beiden Mädchen
zurückzogen und nur Friedrich und Rollo folgten, trat man, nach links
hin, in des Hausherrn Wohn- und Arbeitszimmer ein. Effi war hier
ähnlich überrascht wie draußen im Flur; aber ehe sie sich darüber
äußern konnte, schlug Innstetten eine Portiere zurück, hinter der ein
zweites, etwas größeres Zimmer, mit Blick auf Hof und Garten, gelegen
war. »Das, Effi, ist nun also dein. Friedrich und Johanna haben es, so
gut es ging, nach meinen Anordnungen herrichten müssen. Ich finde es
ganz erträglich und würde mich freuen, wenn es dir auch gefiele.«

Sie nahm ihren Arm aus dem seinigen und hob sich auf die Fußspitzen,
um ihm einen herzlichen Kuß zu geben.

»Ich armes kleines Ding, wie du mich verwöhnst. Dieser Flügel und
dieser Teppich, ich glaube gar, es ist ein türkischer, und das Bassin
mit den Fischchen und dazu der Blumentisch. Verwöhnung, wohin ich
sehe.«

»Ja, meine liebe Effi, das mußt du dir nun schon gefallen lassen,
dafür ist man jung und hübsch und liebenswürdig, was die Kessiner
wohl auch schon erfahren haben werden, Gott weiß woher. Denn an dem
Blumentisch wenigstens bin ich unschuldig. Friedrich, wo kommt der
Blumentisch her?« »Apotheker Gieshübler ... Es liegt auch eine Karte
bei.« »Ah, Gieshübler, Alonzo Gieshübler«, sagte Innstetten und
reichte lachend und in beinahe ausgelassener Laune die Karte mit dem
etwas fremdartig klingenden Vornamen zu Effi hinüber. »Gieshübler, von
dem hab ich dir zu erzählen vergessen - beiläufig, er führt auch den
Doktortitel, hat's aber nicht gern, wenn man ihn dabei nennt, das
ärgere, so meint er, die richtigen Doktoren bloß, und darin wird er
wohl recht haben. Nun, ich denke, du wirst ihn kennenlernen, und zwar
bald; er ist unsere beste Nummer hier, Schöngeist und Original und vor
allem Seele von Mensch, was doch immer die Hauptsache bleibt. Aber
lassen wir das alles und setzen uns und nehmen unsern Tee. Wo soll es
sein? Hier bei dir oder drin bei mir? Denn eine weitere Wahl gibt es
nicht. Eng und klein ist meine Hütte.«

Sie setzte sich ohne Besinnen auf ein kleines Ecksofa. »Heute bleiben
wir hier, heute bist du bei mir zu Gast. Oder lieber so: den Tee
regelmäßig bei mir, das Frühstück bei dir; dann kommt jeder zu seinem
Recht, und ich bin neugierig, wo mir's am besten gefallen wird.«

»Das ist eine Morgen- und Abendfrage.«

»Gewiß. Aber wie sie sich stellt, oder richtiger, wie wir uns dazu
stellen, das ist es eben.«

Und sie lachte und schmiegte sich an ihn und wollte ihm die Hand
küssen.

»Nein, Effi, um Himmels willen nicht, nicht so. Mir liegt nicht daran,
die Respektsperson zu sein, das bin ich für die Kessiner. Für dich bin
ich ...«

»Nun was?«

»Ach laß. Ich werde mich hüten, es zu sagen.«



Siebentes Kapitel

Es war schon heller Tag, als Effi am andern Morgen erwachte. Sie
hatte Mühe, sich zurechtzufinden. Wo war sie? Richtig, in Kessin, im
Hause des Landrats von Innstetten, und sie war seine Frau, Baronin
Innstetten. Und sich aufrichtend, sah sie sich neugierig um; am Abend
vorher war sie zu müde gewesen, um alles, was sie da halb fremdartig,
halb altmodisch umgab, genauer in Augenschein zu nehmen. Zwei
Säulen stützten den Deckenbalken, und grüne Vorhänge schlossen den
alkovenartigen Schlafraum, in welchem die Betten standen, von dem
Rest des Zimmers ab; nur in der Mitte fehlte der Vorhang oder war
zurückgeschlagen, was ihr von ihrem Bett aus eine bequeme Orientierung
gestattete. Da, zwischen den zwei Fenstern, stand der schmale, bis
hoch hinaufreichende Trumeau, während rechts daneben, und schon an der
Flurwand hin, der große schwarze Kachelofen aufragte, der noch (soviel
hatte sie schon am Abend vorher bemerkt) nach alter Sitte von außen
her geheizt wurde. Sie fühlte jetzt, wie seine Wärme herüberströmte.

Wie schön es doch war, im eigenen Hause zu sein; soviel Behagen hatte
sie während der ganzen Reise nicht empfunden, nicht einmal in Sorrent.

Aber wo war Innstetten? Alles still um sie her, niemand da. Sie hörte
nur den Ticktackschlag einer kleinen Pendüle und dann und wann einen
dumpfen Ton im Ofen, woraus sie schloß, daß vom Flur her ein paar neue
Scheite nachgeschoben würden. Allmählich entsann sie sich auch, daß
Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte,
nach der sie dann auch nicht lange mehr zu suchen brauchte; dicht
neben ihrem Kissen war der kleine weiße Elfenbeinknopf, auf den sie
nun leise drückte.

Gleich danach erschien Johanna. »Gnädige Frau haben befohlen.«

»Ach, Johanna, ich glaube, ich habe mich verschlafen. Es muß schon
spät sein.«

»Eben neun.«

»Und der Herr ...«, es wollte ihr nicht glücken, so ohne ,weiteres von
ihrem »Mann« zu sprechen ..., »der Herr, er muß sehr leise gemacht
haben; ich habe nichts gehört.«

»Das hat er gewiß. Und gnäd'ge Frau werden fest geschlafen haben. Nach
der langen Reise ...«

»Ja, das hab ich. Und der Herr, ist er immer so früh auf?« Immer,
gnäd'ge Frau. Darin ist er streng; er kann das lange schlafen nicht
leiden, und wenn er drüben in sein Zimmer tritt, da muß der Ofen warm
sein, und der Kaffee darf auch nicht auf sich warten lassen.«

»Da hat er also schon gefrühstückt?«

»Oh, nicht doch, gnäd'ge Frau ... der gnäd'ge Herr...«

Effi fühlte, daß sie die Frage nicht hätte tun und die Vermutung,
Innstetten könne nicht auf sie gewartet haben, lieber nicht hätte
aussprechen sollen. Es lag ihr denn auch daran, diesen ihren Fehler,
so gut es ging, wieder auszugleichen, und als sie sich erhoben und vor
dem Trumeau Platz genommen hatte, nahm sie das Gespräch wieder auf und
sagte: »Der Herr hat übrigens ganz recht. Immer früh auf, das war auch
Regel in meiner Eltern Haus. Wo die Leute den Morgen verschlafen, da
gibt es den ganzen Tag keine Ordnung mehr. Aber der Herr wird es so
streng mit mir nicht nehmen; eine ganze Weile hab ich diese Nacht
nicht schlafen können und habe mich sogar ein wenig geängstigt.«

»Was ich hören muß, gnäd'ge Frau! Was war es denn?«

»Es war über mir ein ganz sonderbarer Ton, nicht laut, aber doch sehr
eindringlich. Erst klang es, wie wenn lange Schleppenkleider über die
Diele hinschleiften, und in meiner Erregung war es mir ein paarmal,
als ob ich kleine weiße Atlasschuhe sähe. Es war, als tanze man oben,
aber ganz leise.« Johanna, während das Gespräch so ging, sah über die
Schulter der jungen Frau fort in den hohen, schmalen Spiegel hinein,
um die Mienen Effis besser beobachten zu können. Dann sagte sie: »Ja,
das ist oben im Saal. Früher hörten wir es in der Küche auch. Aber
jetzt hören wir es nicht mehr; wir haben uns daran gewöhnt.«

»Ist es denn etwas Besonderes damit?«

»O Gott bewahre, nicht im geringsten. Eine Weile wußte man nicht
recht, woher es käme, und der Herr Prediger machte ein verlegenes
Gesicht, trotzdem Doktor Gieshübler immer nur darüber lachte. Nun aber
wissen wir, daß es die Gardinen sind. Der Saal ist etwas multrig und
stockig, und deshalb stehen immer die Fenster auf, wenn nicht gerade
Sturm ist. Und da ist denn fast immer ein starker Zug oben und fegt
die alten weißen Gardinen, die außerdem viel zu lang sind, über die
Dielen hin und her. Das klingt dann so wie seidne Kleider oder auch
wie Atlasschuhe, wie die gnäd'ge Frau eben bemerkte.«

»Natürlich ist es das. Aber ich begreife nur nicht, warum dann die
Gardinen nicht abgenommen werden. Oder man könnte sie ja kürzer
machen. Es ist ein so sonderbares Geräusch, das einem auf die Nerven
fällt. Und nun, Johanna, bitte, geben Sie mir noch das kleine
Tuch, und tupfen Sie mir die Stirn. Oder nehmen Sie lieber den
Rafraichisseur aus meiner Reisetasche ... Ach, das ist schön und
erfrischt mich. Nun werde ich hinübergehen. Er ist doch noch da, oder
war er schon aus?«

»Der gnäd'ge Herr war schon aus, ich glaube, drüben auf dem Amt. Aber
seit einer Viertelstunde ist er zurück. Ich werde Friedrich sagen, daß
er das Frühstück bringt.«

Und damit verließ Johanna das Zimmer, während Effi noch einen
Blick in den Spiegel tat und dann über den Flur fort, der bei der
Tagesbeleuchtung viel von seinem Zauber vom Abend vorher eingebüßt
hatte, bei Geert eintrat.

Dieser saß an seinem Schreibtisch, einem etwas schwerfälligen
Zylinderbüro, das er aber, als Erbstück aus dem elterlichen Hause,
nicht missen mochte.

Effi stand hinter ihm und umarmte und küßte ihn, noch eh euch von
seinem Platz erheben konnte.

»Schon?«

»Schon, sagst du. Natürlich um mich zu verspotten.«

Innstetten schüttelte den Kopf. »Wie werd ich das?« Effi fand aber ein
Gefallen daran, sich anzuklagen, und wollte von den Versicherungen
ihres Mannes, daß sein »schon« ganz aufrichtig gemeint gewesen sei,
nichts hören. »Du mußt von der Reise her wissen, daß ich morgens
nie habe warten lassen. Im Laufe des Tages, nun ja, da ist es etwas
anderes. Es ist wahr, ich bin nicht sehr pünktlich, aber ich bin keine
Langschläferin. Darin, denk ich, haben mich die Eltern gut erzogen.«

»Darin? In allem, meine süße Effi.«

»Das sagst du so, weil wir noch in den Flitterwochen sind ... aber
nein, wir sind ja schon heraus. Um Himmels willen, Geert, daran habe
ich noch gar nicht gedacht, wir sind ja schon über sechs Wochen
verheiratet, sechs Wochen und einen Tag. Ja, das ist etwas anderes,
da nehme ich es nicht mehr als Schmeichelei, da nehme ich es als
Wahrheit.«

In diesem Augenblick trat Friedrich ein und brachte den Kaffee. Der
Frühstückstisch stand in Schräglinie vor einem Meinen, rechtwinkligen
Sofa, das gerade die eine Ecke des Wohnzimmers ausfüllte. Hier setzten
sich beide. »Der Kaffee ist ja vorzüglich«, sagte Effi, während sie
zugleich das Zimmer und seine Einrichtung musterte. »Das ist noch
Hotelkaffee oder wie der bei Bottegone ... erinnerst du dich noch, in
Florenz, mit dem Blick auf den Dom. Davor muß ich der Mama schreiben,
solchen Kaffee haben wir in Hohen-Cremmen nicht. Überhaupt, Geert, ich
sehe nun erst, wie vornehm ich mich verheiratet habe. Bei uns konnte
alles nur so gerade passieren.«

»Torheit, Effi. Ich habe nie eine bessere Hausführung gesehen als bei
euch.«

»Und dann, wie du wohnst. Als Papa sich den neuen Gewehrschrank
angeschafft und über seinem Schreibtisch einen Büffelkopf und dicht
darunter den alten Wrangel angebracht hatte (er war nämlich mal
Adjutant bei dem Alten), da dacht er wunder was er getan; aber wenn
ich mich hier umsehe, daneben ist unsere ganze Hohen-Cremmener
Herrlichkeit ja bloß dürftig und alltäglich. Ich weiß gar nicht, womit
ich das alles vergleichen soll; schon gestern abend, als ich nur so
flüchtig darüber hinsah, kamen mir allerhand Gedanken.« »Und welche,
wenn ich fragen darf?«

»Ja, welche. Du darfst aber nicht drüber lachen. Ich habe mal ein
Bilderbuch gehabt, wo ein persischer oder indischer Fürst (denn er
trug einen Turban) mit untergeschlagenen Beinen auf einem roten
Seidenkissen saß, und in seinem Rücken war außerdem noch eine große
rote Seidenrolle, die links und rechts ganz bauschig zum Vorschein
kam, und die Wand hinter dem indischen Fürsten starrte von Schwertern
und Dolchen und Parderfellen und Schilden und langen türkischen
Flinten. Und sieh, ganz so sieht es hier bei dir aus, und wenn du noch
die Beine unterschlägst, ist die Ähnlichkeit vollkommen.«

»Effi, du bist ein entzückendes, liebes Geschöpf. Du weißt gar nicht,
wie sehr ich's finde und wie gern ich dir in jedem Augenblick zeigen
möchte, daß ich's finde.«

»Nun, dazu ist ja noch vollauf Zeit; ich bin ja erst siebzehn und habe
noch nicht vor zu sterben.«

»Wenigstens nicht vor mir. Freilich, wenn ich dann stürbe, nähme ich
dich am liebsten mit. Ich will dich keinem andern lassen; was meinst
du dazu?«

»Das muß ich mir doch noch überlegen. Oder lieber, lassen wir's
überhaupt. Ich spreche nicht gern von Tod, ich bin für Leben. Und
nun sage mir, wie leben wir hier? Du hast mir unterwegs allerlei
Sonderbares von Stadt und Land erzählt, aber wie wir selber hier
leben werden, davon kein Wort. Daß hier alles anders ist als in
Hohen-Cremmen und Schwantikow, das seh ich wohl, aber wir müssen doch
in dem 'guten Kessin', wie du's immer nennst, auch etwas wie Umgang
und Gesellschaft haben können. Habt ihr denn Leute von Familie in der
Stadt?«

»Nein, meine liebe Effi; nach dieser Seite hin gehst du großen
Enttäuschungen entgegen. In der Nähe haben wir ein paar Adlige, die du
kennenlernen wirst, aber hier in der Stadt ist gar nichts.«

»Gar nichts? Das kann ich nicht glauben. Ihr seid doch bis zu
dreitausend Menschen, und unter dreitausend Menschen muß es doch außer
so kleinen Leuten wie Barbier Beza (so hieß er ja wohl) doch auch noch
eine Elite geben, Honoratioren oder dergleichen.«

Innstetten lachte. »Ja, Honoratioren, die gibt es. Aber bei Licht
besehen ist es nicht viel damit. Natürlich haben wir einen Prediger
und einen Amtsrichter und einen Rektor und einen Lotsenkommandeur, und
von solchen beamteten Leuten findet sich schließlich wohl ein ganzes
Dutzend zusammen, aber die meisten davon: gute Menschen und schlechte
Musikanten. Und was dann noch bleibt, das sind bloß Konsuln.«

»Bloß Konsuln. Ich bitte dich, Geert, wie kannst du nur sagen 'bloß
Konsuln'. Das ist doch etwas sehr Hohes und Großes, und ich möcht
beinah sagen Furchtbares. Konsuln, das sind doch die mit dem
Rutenbündel, draus, glaub ich, ein Beil heraussah.«

»Nicht ganz, Effi. Die heißen Liktoren.«

»Richtig, die heißen Liktoren. Aber Konsuln ist doch auch etwas sehr
Vornehmes und Hochgesetzliches. Brutus war doch ein Konsul.«

»Ja, Brutus war ein Konsul. Aber unsere sind ihm nicht sehr ähnlich
und begnügen sich damit, mit Zucker und Kaffee zu handeln oder eine
Kiste mit Apfelsinen aufzubrechen, und verkaufen dir dann das Stück
pro zehn Pfennige.«

»Nicht möglich.«

»Sogar gewiß. Es sind kleine, pfiffige Kaufleute, die, wenn
fremdländische Schiffe hier einlaufen und in irgendeiner
Geschäftsfrage nicht recht aus noch ein wissen, dann mit ihrem Rat
zur Hand sind, und wenn sie diesen Rat gegeben und irgendeinem
holländischen oder portugiesischen Schiff einen Dienst geleistet
haben, so werden sie zuletzt zu beglaubigten Vertretern solcher
fremder Staaten, und gerade so viele Botschafter und Gesandte, wie wir
in Berlin haben, so viele Konsuln haben wir auch in Kessin, und wenn
irgendein Festtag ist, und es gibt hier viele Festtage, dann werden
alle Wimpel gehißt, und haben wir gerade eine grelle Morgensonne, so
siehst du an solchem Tag ganz Europa von unsern Dächern flaggen und
das Sternenbanner und den chinesischen Drachen dazu.«

»Du bist in einer spöttischen Laune, Geert, und magst auch wohl recht
haben. Aber ich, für meine kleine Person, muß dir gestehen, daß ich
dies alles entzückend finde und daß unsere havelländischen Städte
daneben verschwinden. Wenn sie da Kaisers Geburtstag feiern, so
flaggt es immer bloß schwarz und weiß und allenfalls ein bißchen rot
dazwischen, aber das kann sich doch nicht vergleichen mit der Welt von
Flaggen, von der du sprichst. Überhaupt, wie ich dir schon sagte, ich
finde immer wieder und wieder, es hat alles so was Fremdländisches
hier, und ich habe noch nichts gehört und gesehen, was mich nicht in
eine gewisse Verwunderung gesetzt hätte, gleich gestern abend das
merkwürdige Schiff draußen im Flur und dahinter der Haifisch und das
Krokodil und hier dein eigenes Zimmer. Alles so orientalisch, und ich
muß es wiederholen, alles wie bei einem indischen Fürsten ...«

»Meinetwegen. Ich gratuliere, Fürstin ...«

»Und dann oben der Saal mit seinen langen Gardinen, die über die Diele
hinfegen.«

»Aber was weißt du denn von dem Saal, Effi?«

»Nichts, als was ich dir eben gesagt habe. Wohl eine Stunde lang, als
ich in der Nacht aufwachte, war es mir, als ob ich Schuhe auf der Erde
schleifen hörte und als würde getanzt und fast auch wie Musik. Aber
alles ganz leise. Und das hab ich dann heute früh an Johanna erzählt,
bloß um mich zu entschuldigen, daß ich hinterher so lange geschlafen.
Und da sagte sie mir, das sei von den langen Gardinen oben im Saal.
Ich denke, wir machen kurzen Prozeß damit und schneiden die Gardinen
etwas ab oder schließen wenigstens die Fenster; es wird ohnehin bald
stürmisch genug werden. Mitte November ist ja die Zeit.«

Innstetten sah in einer kleinen Verlegenheit vor sich hin und schien
schwankend, ob er auf all das antworten solle. Schließlich entschied
er sich für Schweigen. »Du hast ganz recht, Effi, wir wollen die
langen Gardinen oben kürzer machen. Aber es eilt nicht damit, um
so weniger, als es nicht sicher ist, ob es hilft. Es kann auch was
anderes sein, im Rauchfang oder der Wurm im Holz oder ein Iltis.
Wir haben nämlich hier Iltisse. Jedenfalls aber, eh wir Änderungen
vornehmen, mußt du dich in unserem Hauswesen erst umsehen, natürlich
unter meiner Führung; in einer Viertelstunde zwingen wir's. Und dann
machst du Toilette, nur ein ganz klein wenig, denn eigentlich bist du
so am reizendsten - Toilette für unseren Freund Gieshübler; es ist
jetzt zehn vorüber, und ich müßte mich sehr in ihm irren, wenn er
nicht um elf oder doch spätestens um die Mittagsstunde hier antreten
und dir seinen Respekt devotest zu Füßen legen sollte. Das ist nämlich
die Sprache, drin er sich ergeht. Übrigens, wie ich dir schon sagte,
ein kapitaler Mann, der dein Freund werden wird, wenn ich ihn und dich
recht kenne.«



Achtes Kapitel

Elf war es längst vorüber; aber Gieshübler hatte sich noch immer nicht
sehen lassen. »Ich kann nicht länger warten«, hatte Geert gesagt, den
der Dienst abrief. »Wenn Gieshübler noch erscheint, so sei möglichst
entgegenkommend, dann wird es vorzüglich gehen; er darf nicht verlegen
werden; ist er befangen, so kann er kein Wort finden oder sagt die
sonderbarsten Dinge; weißt du ihn aber in Zutrauen und gute Laune zu
bringen, dann redet er wie ein Buch. Nun, du wirst es schon machen.
Erwarte mich nicht vor drei; es gibt drüben allerlei zu tun. Und das
mit dem Saal oben wollen wir noch überlegen; es wird aber wohl am
besten sein, wir lassen es beim alten.«

Damit ging Innstetten und ließ seine junge Frau allein. Diese saß,
etwas zurückgelehnt, in einem lauschigen Winkel am Fenster und stützte
sich, während sie hinaussah, mit ihrem linken Arm auf ein kleines
Seitenbrett, das aus dem Zylinderbüro herausgezogen war. Die Straße
war die Hauptverkehrsstraße nach dem Strand hin, weshalb denn auch
in Sommerzeit ein reges Leben hier herrschte, jetzt aber, um Mitte
November, war alles leer und still, und nur ein paar arme Kinder,
deren Eltern in etlichen ganz am äußersten Rand der »Plantage«
gelegenen Strohdachhäusern wohnten, klappten in ihren Holzpantinen an
dem Innstettenschen Hause vorüber. Effi empfand aber nichts von dieser
Einsamkeit, denn ihre Phantasie war noch immer bei den wunderlichen
Dingen, die sie, kurz vorher, während ihrer Umschau haltenden
Musterung im Hause gesehen hatte. Diese Musterung hatte mit der Küche
begonnen, deren Herd eine moderne Konstruktion aufwies, während an der
Decke hin, und zwar bis in die Mädchenstube hinein, ein elektrischer
Draht lief - beides vor kurzem erst hergerichtet. Effi war erfreut
gewesen, als ihr Innstetten davon erzählt hatte, dann aber waren sie
von der Küche wieder in den Flur zurück- und von diesem in den Hof
hinausgetreten, der in seiner ersten Hälfte nicht viel mehr als ein
zwischen zwei Seitenflügeln hinlaufender ziemlich schmaler Gang war.
In diesen Flügeln war alles untergebracht, was sonst noch zu Haushalt
und Wirtschaftsführung gehörte, rechts Mädchenstube, Bedientenstube,
Rollkammer, links eine zwischen Pferdestall und Wagenremise gelegene,
von der Familie Kruse bewohnte Kutscherwohnung. Über dieser, in einem
Verschlag, waren die Hühner einlogiert, und eine Dachklappe über dem
Pferdestall bildete den Aus- und Einschlupf für die Tauben. All dies
hatte sich Effi mit vielem Interesse angesehen, aber dies Interesse
sah sich doch weit überholt, als sie, nach ihrer Rückkehr vom Hof ins
Vorderhaus, unter Innstettens Führung die nach oben führende Treppe
hinaufgestiegen war. Diese war schief, baufällig, dunkel; der Flur
dagegen, auf den sie mündete, wirkte beinah heiter, weil er viel Licht
und einen guten landschaftlichen Ausblick hatte: nach der einen Seite
hin, über die Dächer des Stadtrandes und die »Plantage« fort, auf eine
hoch auf einer Düne stehende holländische Windmühle, nach der anderen
Seite hin auf die Kessine, die hier, unmittelbar vor ihrer Einmündung,
ziemlich breit war und einen stattlichen Eindruck machte. Diesem
Eindruck konnte man sich unmöglich entziehen, und Effi hatte denn auch
nicht gesäumt, ihrer Freude lebhaften Ausdruck zu geben. »Ja, sehr
schön, sehr malerisch«, hatte Innstetten, ,ohne weiter darauf
einzugehen, geantwortet und dann eine mit ihren Flügeln etwas schief
hängende Doppeltür geöffnet, die nach rechts hin in den sogenannten
Saal führte. Dieser lief durch die ganze Etage; Vorder- und
Hinterfenster standen offen, und die mehr erwähnten langen Gardinen
bewegten sich in dem starken Luftzug hin und her. In der Mitte der
einen Längswand sprang ein Kamin vor mit einer großen Steinplatte,
während an der Wand gegenüber ein paar blecherne Leuchter hingen,
jeder mit zwei Lichtöffnungen, ganz so wie unten im Flur, aber alles
stumpf und ungepflegt. Effi war einigermaßen enttäuscht, sprach es
auch aus und erklärte, statt des öden und ärmlichen Saals doch lieber
die Zimmer an der gegenübergelegenen Flurseite sehen zu wollen. »Da
ist nun eigentlich vollends nichts«, hatte Innstetten geantwortet,
aber doch die Türen geöffnet. Es befanden sich hier vier einfenstrige
Zimmer, alle gelb getüncht, gerade wie der Saal und ebenfalls ganz
leer. Nur in einem standen drei Binsenstühle, die durchgesessen waren,
und an die Lehne des einen war ein kleines, nur einen halber Finger
langes Bildchen geklebt, das einen Chinesen darstellte, blauer Rock
mit gelben Pluderhosen und einen flachen Hut auf dem Kopf. Effi sah es
und sagte: »Was soll der Chinese?« Innstetten selbst schien von dem
Bildchen überrascht und versicherte, daß er es nicht wisse. »Das hat
Christel angeklebt oder Johanna. Spielerei. Du kannst sehen, es ist
aus einer Fibel herausgeschnitten.« Effi fand es auch und war nur
verwundert, daß Innstetten alles so ernsthaft nahm, als ob es doch
etwas sei. Dann hatte sie noch einmal einen Blick in den Saal getan
und sich dabei dahin geäußert, wie es doch eigentlich schade sei, daß
das alles leerstehe. »Wir haben unten ja nur drei Zimmer, und wenn uns
wer besucht, so wissen wir nicht aus noch ein. Meinst du nicht, daß
man aus dem Saal zwei hübsche Fremdenzimmer machen könnte? Das wäre so
was für die Mama; nach hinten heraus könnte sie schlafen und hätte den
Blick auf den Fluß und die beiden Molen, und vorn hätte sie die Stadt
und die holländische Windmühle. In Hohen-Cremmen haben wir noch immer
bloß eine Bockmühle. Nun sage, was meinst du dazu? Nächsten Mai wird
doch die Mama wohl kommen.«

Innstetten war mit allem einverstanden gewesen und hatte nur zum
Schluß gesagt: »Alles ganz gut. Aber es ist doch am Ende besser, wir
logieren die Mama drüben ein, auf dem Landratsamt; die ganze erste
Etage steht da leer, geradeso wie hier, und sie ist da noch mehr für
sich.«

Das war so das Resultat des ersten Umgangs im Hause gewesen; dann
hatte Effi drüben ihre Toilette gemacht, nicht ganz so schnell, wie
Innstetten angenommen, und nun saß sie in ihres Gatten Zimmer und
beschäftigte sich in ihren Gedanken abwechselnd mit dem kleinen
Chinesen oben und mit Gieshübler, der noch immer nicht kam. Vor einer
Viertelstunde war freilich ein kleiner, schiefschultriger und fast
schon so gut wie verwachsener Herr in einem kurzen eleganten Pelzrock
und einem hohen, sehr glatt gebürsteten Zylinder an der anderen Seite
der Straße vorbeigegangen und hatte nach ihrem Fenster hinübergesehen.
Aber das konnte Gieshübler wohl nicht gewesen sein! Nein, dieser
schiefschultrige Herr, der zugleich etwas so Distinguiertes hatte, das
mußte der Herr Gerichtspräsident gewesen sein, und sie entsann sich
auch wirklich, in einer Gesellschaft bei Tante Therese mal einen
solchen gesehen zu haben, bis ihr mit einem Male einfiel, daß Kessin
bloß einen Amtsrichter habe.

Während sie diesen Betrachtungen noch nachging, wurde der Gegenstand
derselben, der augenscheinlich erst eine Morgen- oder vielleicht auch
eine Ermutigungspromenade um die Plantage herum gemacht hatte, wieder
sichtbar, und eine Minute später erschien Friedrich, um Apotheker
Gieshübler anzumelden.

»Ich lasse sehr bitten.«

Der armen jungen Frau schlug das Herz, weil es das erste Mal war, daß
sie sich als Hausfrau und noch dazu als erste Frau der Stadt zu zeigen
hatte.

Friedrich half Gieshübler den Pelzrock ablegen und öffnete dann wieder
die Tür.

Effi reichte dem verlegen Eintretenden die Hand, die dieser mit einem
gewissen Ungestüm küßte. Die junge Frau schien sofort einen großen
Eindruck auf ihn gemacht zu haben.

»Mein Mann hat mir bereits gesagt ... Aber ich empfange Sie hier in
meines Mannes Zimmer ... er ist drüben auf dem Amt und kann jeden
Augenblick zurück sein ... Darf ich Sie bitten, bei mir eintreten zu
wollen?«

Gieshübler folgte der voranschreitenden Effi ins Nebenzimmer, wo diese
auf einen der Fauteuils wies, während sie sich selbst ins Sofa setzte.
»Daß ich Ihnen sagen könnte, welche Freude Sie mir gestern durch die
schönen Blumen und Ihre Karte gemacht haben. Ich hörte sofort auf,
mich hier als eine Fremde zu fühlen, und als ich dies Innstetten
aussprach, sagte er mir, wir würden überhaupt gute Freunde sein.«

»Sagte er so? Der gute Herr Landrat. Ja, der Herr Landrat und Sie,
meine gnädigste Frau, da sind, das bitte ich sagen zu dürfen, zwei
liebe Menschen zueinander gekommen. Denn wie Ihr Herr Gemahl ist, das
weiß ich, und wie Sie sind, meine gnädigste Frau, das sehe ich.«

»Wenn Sie nur nicht mit zu freundlichen Augen sehen. Ich bin so sehr
jung. Und Jugend ...«

»Ach, meine gnädigste Frau, sagen Sie nichts gegen die Jugend. Die
Jugend, auch in ihren Fehlern ist sie noch schön und liebenswürdig,
und das Alter, auch in seinen Tugenden taugt es nicht viel. Persönlich
kann ich in dieser Frage freilich nicht mitsprechen, vom Alter wohl,
aber von der Jugend nicht, denn ich bin eigentlich nie jung gewesen.
Personen meines Schlages sind nie jung. Ich darf wohl sagen, das ist
das traurigste von der Sache. Man hat keinen rechten Mut, man hat
kein Vertrauen zu sich selbst, man wagt kaum, eine Dame zum Tanz
aufzufordern, weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will, und so
gehen die Jahre hin, und man wird alt, und das Leben war arm und
leer.«

Effi gab ihm die Hand. »Ach, Sie dürfen so was nicht sagen. Wir Frauen
sind gar nicht so schlecht.«

»O nein, gewiß nicht ...«

»Und wenn ich mir so zurückrufe«, fuhr Effi fort, »was ich alles
erlebt habe ... viel ist es nicht, denn ich bin wenig herausgekommen
und habe fast immer auf dem Lande gelebt ... aber wenn ich es
mir zurückrufe, so finde ich doch, daß wir immer das lieben, was
liebenswert ist. Und dann sehe ich doch auch gleich, daß Sie anders
sind als andere, dafür haben wir Frauen ein scharfes Auge. Vielleicht
ist es auch der Name, der in Ihrem Falle mitwirkt. Das war immer eine
Lieblingsbehauptung unseres alten Pastors Niemeyer; der Name, so
liebte er zu sagen, besonders der Taufname, habe was geheimnisvoll
Bestimmendes, und Alonzo Gieshübler, so mein ich, schließt eine ganz
neue Welt vor einem auf, ja, fast möcht ich sagen dürfen, Alonzo ist
ein romantischer Name, ein Preziosaname.«

Gieshübler lächelte mit einem ganz ungemeinen Behagen und fand den
Mut, seinen für seine Verhältnisse viel zu hohen Zylinder, den er
bis dahin in der Hand gedreht hatte, beiseite zu stellen. »Ja, meine
gnädigste Frau, da treffen Sie's.«

»Oh, ich verstehe. Ich habe von den Konsuln gehört, deren Kessin so
viele haben soll, und in dem Hause des spanischen Konsuls hat Ihr
Herr Vater mutmaßlich die Tochter eines seemännischen Kapitanos
kennengelernt, wie ich annehme, irgendeine schöne Andalusierin.
Andalusierinnen sind immer schön.«

»Ganz wie Sie vermuten, meine Gnädigste. Und meine Mutter war wirklich
eine schöne Frau, so schlecht es mir persönlich zusteht, die
Beweisführung zu übernehmen. Aber als Ihr Herr Gemahl vor drei Jahren
hierherkam, lebte sie noch und hatte noch ganz die Feueraugen. Er wird
es mir bestätigen. Ich persönlich bin mehr ins Gieshüblersche
geschlagen, Leute von wenig Exterieur, aber sonst leidlich im Stande.
Wir sitzen hier schon in der vierten Generation, volle hundert Jahre,
und wenn es einen Apothekeradel gäbe...«

»So würden Sie ihn beanspruchen dürfen. Und ich meinerseits nehme ihn
für bewiesen an und sogar für bewiesen ohne jede Einschränkung. Uns
aus den alten Familien wird das am leichtesten, weil wir, so
wenigstens bin ich von meinem Vater und auch von meiner Mutter her
erzogen, jede gute Gesinnung, sie komme, woher sie wolle, mit
Freudigkeit gelten lassen. Ich bin eine geborene Briest und stamme von
dem Briest ab, der am Tag vor der Fehrbelliner Schlacht den Überfall
von Rathenow ausführte, wovon Sie vielleicht einmal gehört haben...«

»O gewiß, meine Gnädigste, das ist ja meine Spezialität.«

»Eine Briest also. Und mein Vater, da reichen keine hundert Male, daß
er zu mir gesagt hat: Effi (so heiße ich nämlich), Effi hier sitzt es,
bloß hier, und als Froben das Pferd tauschte, da war er von Adel, und
als Luther sagte, 'hier stehe ich', da war er erst recht von Adel. Und
ich denke, Herr Gieshübler, Innstetten hatte ganz recht, als er mir
versicherte, wir wurden gute Freundschaft halten.«

Gieshübler hätte nun am liebsten gleich eine Liebeserklärung gemacht
und gebeten, daß er als Cid oder irgend sonst ein Campeador für sie
kämpfen und sterben könne. Da dies alles aber nicht ging und sein Herz
es nicht mehr aushalten konnte, so stand er auf, suchte nach seinem
Hut, den er auch glücklicherweise gleich fand, und zog sich, nach
wiederholtem Handkuß, rasch zurück, ohne weiter ein Wort gesagt zu
haben.



Neuntes Kapitel

So war Effis erster Tag in Kessin gewesen. Innstetten gab ihr noch
eine halbe Woche Zeit, sich einzurichten und die verschiedensten
Briefe nach Hohen-Cremmen zu schreiben, an die Mama, an Hulda und die
Zwillinge; dann aber hatten die Stadtbesuche begonnen, die zum Teil
(es regnete gerade so, daß man sich diese Ungewöhnlichkeit schon
gestatten konnte) in einer geschlossenen Kutsche gemacht wurden. Als
man damit fertig war, kam der Landadel an die Reihe. Das dauerte
länger, da sich bei den meist großen Entfernungen an jedem Tag nur
eine Visite machen ließ. Zuerst war man bei den Borckes in Rothenmoor,
dann ging es nach Morgnitz, Dabergotz und Kroschentin, wo man bei
den Ahlemanns, den Jatzkows und den Grasenabbs den pflichtschuldigen
Besuch abstattete. Noch ein paar andere folgten, unter denen auch
der alte Baron von Güldenklee auf Papenhagen war. Der Eindruck, den
Effi empfing, war überall derselbe: mittelmäßige Menschen von meist
zweifelhafter Liebenswürdigkeit, die, während sie vorgaben, über
Bismarck und die Kronprinzessin zu sprechen, eigentlich nur Effis
Toilette musterten, die von einigen als zu prätentiös für eine so
jugendliche Dame, von andern als zuwenig dezent für eine Dame von
gesellschaftlicher Stellung befunden wurde. Man merke doch an allem
die Berliner Schule: Sinn für Äußerliches und eine merkwürdige
Verlegenheit und Unsicherheit bei Berührung großer Fragen. In
Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz
und Dabergotz war sie für »rationalistisch angekränkelt«, bei den
Grasenabbs in Kroschentin aber rundweg für eine »Atheistin« erklärt
worden. Allerdings hatte die alte Frau von Grasenabb, eine Süddeutsche
(geborene Stiefel von Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht,
Effi wenigstens für den Deismus zu retten; Sidonie von Grasenabb
aber, eine dreiundvierzigjährige alte Jungfer, war barsch
dazwischengefahren: »Ich sage dir, Mutter, einfach Atheistin, kein
Zollbreit weniger, und dabei bleibt es«, worauf die Alte, die sich vor
ihrer eigenen Tochter fürchtete, klüglich geschwiegen hatte.

Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen gedauert, und es war
am 2. Dezember, als man zu schon später Stunde von dem letzten dieser
Besuche nach Kessin zurückkehrte. Dieser letzte Besuch hatte den
Güldenklees auf Papenhagen gegolten, bei welcher Gelegenheit
Innstetten dem Schicksal nicht entgangen war, mit dem alten Güldenklee
politisieren zu müssen. »Ja, teuerster Landrat, wenn ich so den
Wechsel der Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter oder
ungefähr so lange, ja, da war auch ein 2. Dezember, und der gute Louis
und Napoleonsneffe - wenn er so was war und nicht eigentlich ganz
woanders herstammte -, der kartätschte damals auf die Pariser
Kanaille. Na, das mag ihm verziehen sein, für so was war er der rechte
Mann, und ich halte zu dem Satz: 'Jeder hat es gerade so gut und so
schlecht, wie er's verdient.' Aber daß er nachher alle Schätzung
verlor und Anno siebzig so mir nichts, dir nichts auch mit uns
anbinden wollte, sehen Sie, Baron, das war, ja wie sag ich, das war
eine Insolenz. Es ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser Alter da
oben läßt sich nicht spotten, der steht zu uns.«

»Ja«, sagte Innstetten, der klug genug war, auf solche Philistereien
anscheinend ernsthaft einzugehen, »der Held und Eroberer von
Saarbrücken wußte nicht, was er tat. Aber Sie dürfen nicht zu streng
mit ihm persönlich abrechnen. Wer ist am Ende Herr in seinem Hause?
Niemand. Ich richte mich auch schon darauf ein, die Zügel der
Regierung in andere Hände zu legen, und Louis Napoleon, nun, der war
vollends ein Stück Wachs in den Händen seiner katholischen Frau, oder
sagen wir lieber, seiner jesuitischen Frau.«

»Wachs in den Händen seiner Frau, die ihm dann eine Nase drehte.
Natürlich, Innstetten, das war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe
doch nicht etwa retten? Er ist und bleibt gerichtet. An und für sich
ist es übrigens noch gar nicht mal erwiesen«, und sein Blick suchte
bei diesen Worten etwas ängstlich nach dem Auge seiner Ehehälfte, »ob
nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein Vorzug gelten kann; nur
freilich, die Frau muß danach sein. Aber wer war diese Frau? Sie war
überhaupt keine Frau, im günstigsten Fall war sie eine Dame, das sagt
alles; 'Dame' hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie -
über deren Verhältnis zu dem jüdischen Bankier ich hier gern hingehe,
denn ich hasse Tugendhochmut - hatte was vom Café chantant, und wenn
die Stadt, in der sie lebte, das Babel war, so war sie das Weib von
Babel. Ich mag mich nicht deutlicher ausdrücken, denn ich weiß«, und
er verneigte sich gegen Effi, »was ich deutschen Frauen schuldig bin.
Um Vergebung, meine Gnädigste, daß ich diese Dinge vor Ihren Ohren
überhaupt berührt habe.« So war die Unterhaltung gegangen, nachdem man
vorher von Wahl, Nobiling und Raps gesprochen hatte, und nun saßen
Innstetten und Effi wieder daheim und plauderten noch eine halbe
Stunde. Die beiden Mädchen im Hause waren schon zu Bett, denn es war
nah an Mitternacht.

Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab;
Effi war noch in ihrer Gesellschaftstoilette; Fächer und Handschuhe
lagen neben ihr. »Ja«, sagte Innstetten, während er sein
Aufundabschreiten im Zimmer unterbrach, »diesen Tag müßten wir nun
wohl eigentlich feiern, und ich weiß nur noch nicht, womit. Soll
ich dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch draußen in
Bewegung setzen oder dich im Triumph über den Flur tragen? Etwas muß
doch geschehen, denn du mußt wissen, das war nun heute die letzte
Visite.«

»Gott sei Dank war sie's«, sagte Effi. »Aber das Gefühl, daß wir nun
Ruhe haben, ist, denk ich, gerade Feier genug. Nur einen Kuß könntest
du mir geben. Aber daran denkst du nicht. Auf dem ganzen weiten Weg
nicht gerührt, frostig wie ein Schneemann. Und immer nur die Zigarre.«

»Laß, ich werde mich schon bessern und will vorläufig nur wissen, wie
stehst du zu dieser ganzen Umgangs- und Verkehrsfrage? Fühlst du dich
zu dem einen oder andern hingezogen? Haben die Borckes die Grasenabbs
geschlagen oder umgekehrt, oder hältst du's mit dem alten Güldenklee?
Was er da über die Eugenie sagte, machte doch einen sehr edlen und
reinen Eindruck.«

»Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant! Ich lerne Sie von einer
ganz neuen Seite kennen.«

»Und wenn's unser Adel nicht tut«, fuhr Innstetten fort, ohne sich
stören zu lassen, »wie stehst du zu den Kessiner Stadthonoratioren?
Wie stehst du zur Ressource? Daran hängt doch am Ende Leben und
Sterben. Ich habe dich da neulich mit unserem reserveleutnantlichen
Amtsrichter sprechen sehen, einem zierlichen Männchen, mit dem sich
vielleicht durchkommen ließe, wenn er nur endlich von der Vorstellung
loskönnte, die Wiedereroberung von Le Bourget durch sein Erscheinen in
der Flanke zustande gebracht zu haben. Und seine Frau! Sie gilt als
die beste Bostonspielerin und hat auch die hübschesten Anlegemarken.
Also nochmals, Effi, wie wird es werden in Kessin? Wirst du dich
einleben? Wirst du populär werden und mir die Majorität sichern,
wenn ich in den Reichstag will? Oder bist du für Einsiedlertum, für
Abschluß von der Kessiner Menschheit, so Stadt wie Land?«

»Ich werde mich wohl für Einsiedlertum entschließen, wenn mich die
Mohrenapotheke nicht herausreißt. Bei Sidonie werd ich dadurch
freilich noch etwas tiefer sinken, aber darauf muß ich es ankommen
lassen; dieser Kampf muß eben gekämpft werden. Ich steh und falle mit
Gieshübler. Es klingt etwas komisch, aber er ist wirklich der einzige,
mit dem sich ein Wort reden läßt, der einzige richtige Mensch hier.«

»Das ist er«, sagte Innstetten. »Wie gut du zu wählen verstehst.«

»Hätte ich sonst dich?« sagte Effi und hängte sich an seinen Arm.

Das war am 2. Dezember. Eine Woche später war Bismarck in Varzin, und
nun wußte Innstetten, daß bis Weihnachten, und vielleicht noch darüber
hinaus, an ruhige Tage für ihn gar nicht mehr zu denken sei. Der Fürst
hatte noch von Versailles her eine Vorliebe für ihn und lud ihn,
wenn Besuch da war, häufig zu Tisch, aber auch allein, denn der
jugendliche, durch Haltung und Klugheit gleich ausgezeichnete Landrat
stand ebenso in Gunst bei der Fürstin.

Zum 14. erfolgte die erste Einladung. Es lag Schnee, weshalb
Innstetten die fast zweistündige Fahrt bis an den Bahnhof, von wo noch
eine Stunde Eisenbahn war, im Schlitten zu machen vorhatte. »Warte
nicht auf mich, Effi. Vor Mitternacht kann ich nicht zurück sein;
wahrscheinlich wird es zwei oder noch später. Ich störe dich aber
nicht. Gehab dich wohl, und auf Wiedersehen morgen früh.« Und damit
stieg er ein, und die beiden isabellfarbenen Graditzer jagten im Fluge
durch die Stadt hin und dann landeinwärts auf den Bahnhof zu.

Das war die erste lange Trennung, fast auf zwölf Stunden. Arme Effi.
Wie sollte sie den Abend verbringen? Früh zu Bett, das war gefährlich,
dann wachte sie auf und konnte nicht wieder einschlafen und horchte
auf alles. Nein, erst recht müde werden und dann ein fester Schlaf,
das war das beste. Sie schrieb einen Brief an die Mama und ging dann
zu Frau Kruse, deren gemütskranker Zustand - sie hatte das schwarze
Huhn oft bis in die Nacht hinein auf ihrem Schoß - ihr Teilnahme
einflößte. Die Freundlichkeit indessen, die sich darin aussprach,
wurde von der in ihrer überheizten Stube sitzenden und nur still und
stumm vor sich hinbrütenden Frau keinen Augenblick erwidert, weshalb
Effi, als sie wahrnahm, daß ihr Besuch mehr als Störung wie als Freude
empfunden wurde, wieder ging und nur noch fragte, ob die Kranke etwas
haben wolle. Diese lehnte aber alles ab.

Inzwischen war es Abend geworden, und die Lampe brannte schon. Effi
stellte sich ans Fenster ihres Zimmers und sah auf das Wäldchen
hinaus, auf dessen Zweigen der glitzernde Schnee lag. Sie war von dem
Bilde ganz in Anspruch genommen und kümmerte sich nicht um das, was
hinter ihr in dem Zimmer vorging. Als sie sich wieder umsah, bemerkte
sie, daß Friedrich still und geräuschlos ein Kuvert gelegt und ein
Kabarett auf den Sofatisch gestellt hatte. »Ja so, Abendbrot ... Da
werd ich mich nun wohl setzen müssen.« Aber es wollte nicht schmecken,
und so stand sie wieder auf und las den an die Mama geschriebenen
Brief noch einmal durch. Hatte sie schon vorher ein Gefühl der
Einsamkeit gehabt, so jetzt doppelt. Was hätte sie darum gegeben, wenn
die beiden Jahnkeschen Rotköpfe jetzt eingetreten wären oder selbst
Hulda. Die war freilich immer so sentimental und beschäftigte sich
meist nur mit ihren Triumphen; aber so zweifelhaft und anfechtbar
diese Triumphe waren, sie hätte sich in diesem Augenblick doch gern
davon erzählen lassen. Schließlich klappte sie den Flügel auf, um
zu spielen; aber es ging nicht. »Nein, dabei werd ich vollends
melancholisch; lieber lesen.« Und so suchte sie nach einem Buch. Das
erste, was ihr zu Händen kam, war ein dickes rotes Reisehandbuch,
alter Jahrgang, vielleicht schon aus Innstettens Leutnantstagen her.
»Ja, darin will ich lesen; es gibt nichts Beruhigenderes als solche
Bücher. Das Gefährliche sind bloß immer die Karten; aber vor diesem
Augenpulver, das ich hasse, werd ich mich schon hüten.« Und so schlug
sie denn auf gut Glück auf: Seite 153. Nebenan hörte sie das Ticktack
der Uhr und draußen Rollo, der, seit es dunkel war, seinen Platz in
der Remise aufgegeben und sich, wie jeden Abend, so auch heute wieder,
auf die große geflochtene Matte, die vor dem Schlafzimmer lag,
ausgestreckt hatte. Das Bewußtsein seiner Nähe minderte das Gefühl
ihrer Verlassenheit, ja, sie kam fast in Stimmung, und so begann
sie denn auch unverzüglich zu lesen. Auf der gerade vor ihr
aufgeschlagenen Seite war von der »Eremitage«, dem bekannten
markgräflichen Lustschloß in der Nähe von Bayreuth, die Rede; das
lockte sie, Bayreuth, Richard Wagner, und so las sie denn: Unter den
Bildern in der Eremitage nennen wir noch eins, das nicht durch seine
Schönheit, wohl aber durch sein Alter und durch die Person, die
es darstellt, ein Interesse beansprucht. Es ist dies ein stark
nachgedunkeltes Frauenporträt, kleiner Kopf, mit herben, etwas
unheimlichen Gesichtszügen und einer Halskrause, die den Kopf zu
tragen scheint. Einige meinen, es sei eine alte Markgräfin aus dem
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, andere sind der Ansicht, es sei die
Gräfin von Orlamünde; darin aber sind beide einig, daß es das Bildnis
der Dame sei, die seither in der Geschichte der Hohenzollern unter dem
Namen der »weißen Frau« eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.

»Das hab ich gut getroffen«, sagte Effi, während sie das Buch beiseite
schob; »ich will mir die Nerven beruhigen, und das erste, was ich
lese, ist die Geschichte von der 'weißen Frau', vor der ich mich
gefürchtet habe, solange ich denken kann. Aber da nun das Gruseln mal
da ist, will ich doch auch zu Ende lesen.«

Und sie schlug wieder auf und las weiter: ... Ebendies alte Porträt
(dessen Original in der Hohenzollernschen Familiengeschichte solche
Rolle spielt) spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte
des Schlosses Eremitage, was wohl damit zusammenhängt, daß es an
einer dem Fremden unsichtbaren Tapetentür hängt, hinter der sich eine
vom Souterrain her hinaufführende Treppe befindet. Es heißt, daß,
als Napoleon hier übernachtete, die »weiße Frau« aus dem Rahmen
herausgetreten und auf sein Bett zugeschritten sei. Der Kaiser,
entsetzt auffahrend, habe nach seinem Adjutanten gerufen und bis an
sein Lebensende mit Entrüstung von diesem »maudit château« gesprochen.

»Ich muß es aufgeben, mich durch Lektüre beruhigen zu wollen«,
sagte Effi. »Lese ich weiter, so komm ich gewiß noch nach einem
Kellergewölbe, wo der Teufel auf einem Weinfaß davongeritten ist.
Es gibt, glaub ich, in Deutschland viel dergleichen, und in einem
Reisehandbuch muß es sich natürlich alles zusammenfinden. Ich will
also lieber wieder die Augen schließen und mir, so gut es geht, meinen
Polterabend vorstellen: die Zwillinge, wie sie vor Tränen nicht
weiterkonnten, und dazu den Vetter Briest, der, als sich alles
verlegen anblickte, mit erstaunlicher Würde behauptete, solche Tränen
öffneten einem das Paradies. Er war wirklich scharmant und immer so
übermütig ... Und nun ich! Und gerade hier. Ach, ich tauge doch gar
nicht für eine große Dame. Die Mama, ja, die hätte hierhergepaßt, die
hätte, wie's einer Landrätin zukommt, den Ton angegeben, und Sidonie
Grasenabb wäre ganz Huldigung gegen sie gewesen und hätte sich über
ihren Glauben oder Unglauben nicht groß beunruhigt. Aber ich ... ich
bin ein Kind und werd es auch wohl bleiben. Einmal hab ich gehört,
das sei ein Glück. Aber ich weiß doch nicht, ob das wahr ist. Man muß
doch immer dahin passen, wohin man nun mal gestellt ist.« In diesem
Augenblick kam Friedrich, um den Tisch abzuräumen. »Wie spät ist es,
Friedrich?«

»Es geht auf neun, gnäd'ge Frau.«

»Nun, das läßt sich hören. Schicken Sie mir Johanna.«

»Gnäd'ge Frau haben befohlen.«

»Ja, Johanna. Ich will zu Bett gehen. Es ist eigentlich noch früh.
Aber ich bin so allein. Bitte, tun Sie den Brief erst ein, und wenn
Sie wieder da sind, nun, dann wird es wohl Zeit sein. Und wenn auch
nicht.«

Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinüber. Richtig, auf
der Binsenmatte lag Rollo. Als er Effi kommen sah, erhob er sich, um
den Platz freizugeben, und strich mit seinem Behang an ihrer Hand hin.
Dann legte er sich wieder nieder.

Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt hinübergegangen, um da den
Brief einzustecken. Sie hatte sich drüben nicht sonderlich beeilt,
vielmehr vorgezogen, mit der Frau Paaschen, des Amtsdieners Frau, ein
Gespräch zu führen. Natürlich über die junge Frau.

»Wie ist sie denn?« fragte die Paaschen.

»Sehr jung ist sie.«

»Nun, das ist kein Unglück, eher umgekehrt. Die Jungen, und das ist
eben das Gute, stehen immer bloß vorm Spiegel und zupfen und stecken
sich was vor und sehen nicht viel und hören nicht viel und sind noch
nicht so, daß sie draußen immer die Lichtstümpfe zählen und einem
nicht gönnen, daß man einen Kuß kriegt, bloß weil sie selber keinen
mehr kriegen.«

»Ja«, sagte Johanna, »so war meine vorige Madam, und ganz ohne Not.
Aber davon hat unsere Gnäd'ge nichts.«

»Ist er denn sehr zärtlich?«

»Oh, sehr. Das können Sie doch wohl denken.« »Aber daß er sie so
allein läßt ...«

»Ja, liebe Paaschen, Sie dürfen nicht vergessen ... der Fürst. Und
dann, er ist ja doch am Ende Landrat. Und vielleicht will er auch noch
höher.«

»Gewiß will er. Und er wird auch noch. Er hat so was. Paaschen sagt es
auch immer, und er kennt seine Leute.«

Während dieses Ganges drüben nach dem Amt hinüber war wohl eine
Viertelstunde vergangen, und als Johanna wieder zurück war, saß
Effi schon vor dem Trumeau und wartete. »Sie sind lange geblieben,
Johanna.«

»Ja, gnäd'ge Frau ... Gnäd'ge Frau wollen entschuldigen ... Ich traf
drüben die Frau Paaschen, und da hab ich mich ein wenig verweilt. Es
ist so still hier. Man ist immer froh, wenn man einen Menschen trifft,
mit dem man ein Wort sprechen kann. Christel ist eine sehr gute
Person, aber sie spricht nicht, und Friedrich ist so dusig und auch so
vorsichtig und will mit der Sprache nie recht heraus. Gewiß, man muß
auch schweigen können, und die Paaschen, die so neugierig und so ganz
gewöhnlich ist, ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack; aber
man hat es doch gern, wenn man mal was hört und sieht.«

Effi seufzte. »Ja, Johanna, das ist auch das beste ...«

»Gnäd'ge Frau haben so schönes Haar, so lang und so seidenweich.«

»Ja, es ist sehr weich. Aber das ist nicht gut, Johanna. Wie das Haar
ist, ist der Charakter.«

»Gewiß, gnäd'ge Frau. Und ein weicher Charakter ist doch besser als
ein harter. Ich habe auch weiches Haar.«

»Ja, Johanna. Und Sie haben auch blondes. Das haben die Männer am
liebsten.«

»Ach, das ist doch sehr verschieden, gnäd'ge Frau. Manche sind doch
auch für das schwarze.«

»Freilich«, lachte Effi, »das habe ich auch schon gefunden. Es wird
wohl an was anderem liegen. Aber die, die blond sind, die haben auch
immer einen weißen Teint, Sie auch, Johanna, und ich möchte mich wohl
verwetten, daß Sie viel Nachstellung haben. Ich bin noch sehr jung,
aber das weiß ich doch auch. Und dann habe ich eine Freundin, die war
auch so blond, ganz flachsblond, noch blonder als Sie, und war eine
Predigertochter ...«

»Ja, denn ...«

»Aber ich bitte Sie, Johanna, was meinen Sie mit 'ja denn'? Das klingt
ja ganz anzüglich und sonderbar, und Sie werden doch nichts gegen
Predigerstöchter haben ... Es war ein sehr hübsches Mädchen, was
selbst unsere Offiziere - wir hatten nämlich Offiziere, noch dazu rote
Husaren - auch immer fanden, und verstand sich dabei sehr gut auf
Toilette, schwarzes Sammetmieder und eine Blume, Rose oder auch
Heliotrop, und wenn sie nicht so vorstehende große Augen gehabt hätte
... ach, die hätten Sie sehen sollen, Johanna, wenigstens so groß (und
Effi zog unter Lachen an ihrem rechten Augenlid), so wäre sie geradezu
eine Schönheit gewesen. Sie hieß Hulda, Hulda Niemeyer, und wir waren
nicht einmal so ganz intim; aber wenn ich sie jetzt hier hätte und sie
da säße, da in der kleinen Sofaecke, so wollte ich bis Mitternacht mit
ihr plaudern oder noch länger. Ich habe solche Sehnsucht, und...«, und
dabei zog sie Johannas Kopf dicht an sich heran, »... ich habe solche
Angst.«

»Ach, das gibt sich, gnäd'ge Frau, die hatten wir alle.« »Die hattet
ihr alle? Was soll das heißen, Johanna?«

»... Und wenn die gnäd'ge Frau wirklich solche Angst haben, so kann
ich mir ja ein Lager hier machen. Ich nehme die Strohmatte und kehre
einen Stuhl um, daß ich eine Kopflehne habe, und dann schlafe ich
hier, bis morgen früh oder bis der gnäd'ge Herr wieder da ist.«

»Er will mich nicht stören. Das hat er mir eigens versprochen.«

»Oder ich setze mich bloß in die Sofaecke.«

»Ja, das ginge vielleicht. Aber nein, es geht auch nicht. Der Herr
darf nicht wissen, daß ich mich ängstige, das liebt er nicht. Er will
immer, daß ich tapfer und entschlossen bin, so wie er. Und das kann
ich nicht; ich war immer etwas anfällig ... Aber freilich, ich sehe
wohl ein, ich muß mich bezwingen und ihm in solchen Stücken und
überhaupt zu Willen sein ... Und dann habe ich ja auch Rollo. Der
liegt ja vor der Türschwelle.«

Johanna nickte zu jedem Wort und zündete dann das Licht an, das auf
Effis Nachttisch stand. Dann nahm sie die Lampe. »Befehlen gnäd'ge
Frau noch etwas?«

»Nein, Johanna. Die Läden sind doch fest geschlossen?« »Bloß angelegt,
gnäd'ge Frau. Es ist sonst so dunkel und so stickig.«

»Gut, gut.«

Und nun entfernte sich Johanna; Effi aber ging auf ihr Bett zu und
wickelte sich in ihre Decken.

Sie ließ das Licht brennen, weil sie gewillt war, nicht gleich
einzuschlafen, vielmehr vorhatte, wie vorhin ihren Polterabend,
so jetzt ihre Hochzeitsreise zu rekapitulieren und alles an sich
vorüberziehen zu lassen. Aber es kam anders, wie sie gedacht, und
als sie bis Verona war und nach dem Hause der Julia Capulet suchte,
fielen ihr schon die Augen zu. Das Stümpfchen Licht in dem kleinen
Silberleuchter brannte allmählich nieder, und nun flackerte es noch
einmal auf und erlosch. Effi schlief eine Weile ganz fest. Aber mit
einem Male fuhr sie mit einem lauten Schrei aus ihrem Schlaf auf,
ja, sie hörte selber noch den Aufschrei und auch, wie Rollo draußen
anschlug - »wau, wau«, klang es den Flur entlang, dumpf und selber
beinahe ängstlich. Ihr war, als ob ihr das Herz stillstände; sie
konnte nicht rufen, und in diesem Augenblick huschte was an ihr
vorbei, und die nach dem Flur hinausführende Tür sprang auf. Aber
ebendieser Moment höchster Angst war auch der ihrer Befreiung, denn
statt etwas Schrecklichem kam jetzt Rollo auf sie zu, suchte mit
seinem Kopf nach ihrer Hand und legte sich, als er diese gefunden, auf
den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder. Effi selber aber
hatte mit der anderen Hand dreimal auf den Knopf der Klingel gedrückt,
und keine halbe Minute, so war Johanna da, barfüßig, den Rock über dem
Arm und ein großes kariertes Tuch über Kopf und Schulter geschlagen.
»Gott sei Dank, Johanna, daß Sie da sind.«

»Was war denn, gnäd'ge Frau? Gnäd'ge Frau haben geträumt.«

»Ja, geträumt. Es muß so was gewesen sein ... aber es war doch auch
noch was anderes.« - »Was denn, gnäd'ge Frau?« »Ich schlief ganz fest,
und mit einem Male fuhr ich auf und schrie ... vielleicht, daß es ein
Alpdruck war ... Alpdruck ist in unserer Familie, mein Papa hat es
auch und ängstigt uns damit, und nur die Mama sagt immer, er solle
sich nicht so gehenlassen; aber das ist leicht gesagt ... Ich fuhr
also auf aus dem Schlaf und schrie, und als ich mich umsah, so gut es
eben ging in dem Dunkel, da strich was an meinem Bett vorbei, gerade
da, wo Sie jetzt stehen, Johanna, und dann war es weg. Und wenn ich
mich recht frage, was es war ...«»Nun, was denn, gnäd'ge Frau?«

»Und wenn ich mich recht frage ... ich mag es nicht sagen, Johanna ...
aber ich glaube, der Chinese.«

»Der von oben?« Und Johanna versuchte zu lachen. »Unser kleiner
Chinese, den wir an die Stuhllehne geklebt haben, Christel und ich?
Ach, gnäd'ge Frau haben geträumt, und wenn Sie schon wach waren, so
war es doch alles noch aus dem Traum.«

»Ich würd es glauben. Aber es war genau derselbe Augenblick, wo Rollo
draußen anschlug, der muß es also auch gesehen haben, und dann flog
die Tür auf, und das gute, treue Tier sprang auf mich los, als ob es
mich zu retten käme. Ach, meine liebe Johanna, es war entsetzlich. Und
ich so allein und so jung. Ach, wenn ich doch wen hier hätte, bei dem
ich weinen könnte. Aber so weit von Hause ... Ach, von Hause ...« »Der
Herr kann jede Stunde kommen.«

»Nein, er soll nicht kommen; er soll mich nicht so sehen. Er würde
mich vielleicht auslachen, und das könnt ich ihm nie verzeihen. Denn
es war so furchtbar, Johanna ... Sie müssen nun hierbleiben ... Aber
lassen Sie Christel schlafen und Friedrich auch. Es soll es keiner
wissen.«

»Oder vielleicht kann ich auch die Frau Kruse holen; die schläft doch
nicht, die sitzt die ganze Nacht da.«

»Nein, nein, die ist selber so was. Das mit dem schwarzen Huhn, das
ist auch sowas; die darf nicht kommen. Nein, Johanna, Sie bleiben
allein hier. Und wie gut, daß Sie die Läden nur angelegt. Stoßen Sie
sie auf, recht laut, daß ich einen Ton höre, einen menschlichen Ton
... ich muß es so nennen, wenn es auch sonderbar klingt ... und dann
machen Sie das Fenster ein wenig auf, daß ich Luft und Licht habe.«
Johanna tat, wie ihr geheißen, und Effi fiel in ihre Kissen zurück und
bald danach in einen lethargischen Schlaf.



Zehntes Kapitel

Innstetten war erst sechs Uhr früh von Varzin zurückgekommen und hatte
sich, Rollos Liebkosungen abwehrend, so leise wie möglich in sein
Zimmer zurückgezogen. Er machte sich's hier bequem und duldete nur,
daß ihn Friedrich mit einer Reisedecke zudeckte.

»Wecke mich um neun!«

Und um diese Stunde war er denn auch geweckt worden. Er stand rasch
auf und sagte: »Bring das Frühstück!«

»Die gnädige Frau schläft noch.«

»Aber es ist ja schon spät. Ist etwas passiert?«

»Ich weiß es nicht; ich weiß nur, Johanna hat die Nacht über im Zimmer
der gnädigen Frau schlafen müssen.«

»Nun, dann schicke Johanna.«

Diese kam denn auch. Sie hatte denselben rosigen Teint wie immer,
schien sich also die Vorgänge der Nacht nicht sonderlich zu Gemüte
genommen zu haben.

»Was ist das mit der gnäd'gen Frau? Friedrich sagt mir, es Sei was
passiert und Sie hätten drüben geschlafen.«

»Ja, Herr Baron. Gnäd'ge Frau klingelte dreimal ganz rasch
hintereinander, daß ich gleich dachte, es bedeutet was. Und so war es
auch. Sie hat wohl geträumt, aber vielleicht war es auch das andere.«

»Welches andere?«

»Ach, der gnäd'ge Herr wissen ja.«

»Ich weiß nichts. Jedenfalls muß ein Ende damit gemacht werden. Und
wie fanden Sie die Frau?«

»Sie war wie außer sich und hielt das Halsband von Rollo, der neben
dem Bett der gnäd'gen Frau stand, fest umklammert. Und das Tier
ängstigte sich auch.«

»Und was hatte sie geträumt oder meinetwegen auch, was hatte sie
gehört oder gesehen? Was sagte sie?«

»Es sei so hingeschlichen, dicht an ihr vorbei.« »Was? Wer?«

»Der von oben. Der aus dem Saal oder aus der kleinen Kammer.«

»Unsinn, sag ich. Immer wieder das alberne Zeug; ich mag davon nicht
mehr hören. Und dann blieben Sie bei der Frau?«

»Ja, gnäd'ger Herr. Ich machte mir ein Lager an der Erde dicht neben
ihr. Und ich mußte ihre Hand halten, und dann schlief sie ein.«

»Und sie schläft noch?« »Ganz fest.«

»Das ist mir ängstlich, Johanna. Man kann sich gesund schlafen, aber
auch krank. Wir müssen sie wecken, natürlich vorsichtig, daß sie nicht
wieder erschrickt. Und Friedrich soll das Frühstück nicht bringen; ich
will warten, bis die gnäd'ge Frau da ist. Und machen Sie's geschickt.«

Eine halbe Stunde später kam Effi. Sie sah reizend aus, ganz blaß, und
stützte sich auf Johanna. Als sie aber Innstettens ansichtig wurde,
stürzte sie auf ihn zu und umarmte und küßte ihn. Und dabei liefen ihr
die Tränen übers Gesicht. »Ach, Geert, Gott sei Dank, daß du da bist.
Nun ist alles wieder gut. Du darfst nicht wieder fort, du darfst mich
nicht wieder allein lassen.«

»Meine liebe Effi ... Stellen Sie hin, Friedrich, ich werde schon
alles zurechtmachen ... Meine liebe Effi, ich lasse dich ja nicht
allein aus Rücksichtslosigkeit oder Laune, sondern weil es so sein
muß; ich habe keine Wahl, ich bin ein Mann im Dienst, ich kann zum
Fürsten oder auch zur Fürstin nicht sagen: Durchlaucht, ich kann nicht
kommen, meine Frau ist so allein, oder meine Frau fürchtet sich. Wenn
ich das sagte, würden wir in einem ziemlich komischen Licht dastehen,
ich gewiß und du auch. Aber nimm erst eine Tasse Kaffee.«

Effi trank, was sie sichtlich belebte. Dann ergriff sie wieder ihres
Mannes Hand und sagte: »Du sollst recht haben; ich sehe ein, das geht
nicht. Und dann wollen wir ja auch höher hinauf. Ich sage wir, denn
ich bin eigentlich begieriger danach als du ...«

»So sind alle Frauen«, lachte Innstetten.

»Also abgemacht; du nimmst die Einladungen an nach wie vor, und ich
bleibe hier und warte auf meinen 'hohen Herrn', wobei mir Hulda unterm
Holunderbaum einfällt. Wie's ihr wohl gehen mag?«

»Damen wie Hulda geht es immer gut. Aber was wolltest du noch sagen?«

»Ich wollte sagen, ich bleibe hier und auch allein, wenn es sein muß.
Aber nicht in diesem Hause. Laß uns die Wohnung wechseln. Es gibt so
hübsche Häuser am Bollwerk, eins zwischen Konsul Martens und Konsul
Grützmacher und eins am Markt, gerade gegenüber von Gieshübler; warum
können wir da nicht wohnen? Warum gerade hier? Ich habe, wenn wir
Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft gehört, daß in Berlin
Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben oder wegen
einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher Kleinigkeiten
willen geschieht ...«

»Kleinigkeiten? Portiersfrau? Das sage nicht ...«

»Wenn das um solcher Dinge willen möglich ist, so muß es doch auch
hier möglich sein, wo du Landrat bist und die Leute dir zu Willen sind
und viele selbst zu Dank verpflichtet. Gieshübler würde uns gewiß
dabei behilflich sein, wenn auch nur um meinetwegen, denn er
wird Mitleid mit mir haben. Und nun sage, Geert, wollen wir dies
verwunschene Haus aufgeben, dies Haus mit dem ...«

»... Chinesen, willst du sagen. Du siehst, Effi, man kann das
furchtbare Wort aussprechen, ohne daß er erscheint. Was du da gesehen
hast oder was da, wie du meinst, an deinem Bett vorüberschlich, das
war der kleine Chinese, den die Mädchen oben an die Stuhllehne geklebt
haben; ich wette, daß er einen blauen Rock anhatte und einen ganz
flachen Deckelhut mit einem blanken Knopf oben.«

Sie nickte.

»Nun, siehst du, Traum, Sinnestäuschung. Und dann wird dir Johanna
wohl gestern abend was erzählt haben, von der Hochzeit hier oben ...«

»Nein.«

»Desto besser.«

»Kein Wort hat sie mir erzählt. Aber ich sehe doch aus dem allen, daß
es hier etwas Sonderbares gibt. Und dann das Krokodil; es ist alles so
unheimlich.«

»Den ersten Abend, als du das Krokodil sahst, fandest du's
märchenhaft ...«

»Ja, damals ...«

»... Und dann, Effi, kann ich hier nicht gut fort, auch wenn es
möglich wäre, das Haus zu verkaufen oder einen Tausch zu machen. Es
ist damit ganz wie mit einer Absage nach Varzin hin. Ich kann hier in
der Stadt die Leute nicht sagen lassen, Landrat Innstetten verkauft
sein Haus, weil seine Frau den aufgeklebten kleinen Chinesen als Spuk
an ihrem Bett gesehen hat. Dann bin ich verloren, Effi. Von solcher
Lächerlichkeit kann man sich nie wieder erholen.«

»Ja, Geert, bist du denn so sicher, daß es so was nicht gibt?« »Will
ich nicht behaupten. Es ist eine Sache, die man glauben und noch
besser nicht glauben kann. Aber angenommen, es gäbe dergleichen, was
schadet es? Daß in der Luft Bazillen herumfliegen, von denen du gehört
haben wirst, ist viel schlimmer und gefährlicher als diese ganze
Geistertummelage. Vorausgesetzt, daß sie sich tummeln, daß so was
wirklich existiert. Und dann bin ich überrascht, solcher Furcht und
Abneigung gerade bei dir zu begegnen, bei einer Briest. Das ist ja, wie
wenn du aus einem kleinen Bürgerhause stammtest. Spuk ist ein Vorzug,
wie Stammbaum und dergleichen, und ich kenne Familien, die sich
ebensogern ihr Wappen nehmen ließen als ihre 'weiße Frau', die
natürlich auch eine schwarze sein kann.«

Effi schwieg.

»Nun, Effi. Keine Antwort?«

»Was soll ich antworten? Ich habe dir nachgegeben und mich willig
gezeigt, aber ich finde doch, daß du deinerseits teilnahmsvoller sein
könntest. Wenn du wüßtest, wie mir gerade danach verlangt. Ich habe
sehr gelitten, wirklich sehr, und als ich dich sah, da dacht ich, nun
würd ich frei werden von meiner Angst. Aber du sagst mir bloß, daß du
nicht Lust hättest, dich lächerlich zu machen, nicht vor dem Fürsten
und auch nicht vor der Stadt. Das ist ein geringer Trost. Ich
finde es wenig und um so weniger, als du dir schließlich auch noch
widersprichst und nicht bloß persönlich an diese Dinge zu glauben
scheinst, sondern auch noch einen adligen Spukstolz von mir forderst.
Nun, den hab ich nicht. Und wenn du von Familien sprichst, denen ihr
Spuk soviel wert sei wie ihr Wappen, so ist das Geschmackssache: Mir
gilt mein Wappen mehr. Gott sei Dank haben wir Briests keinen Spuk.
Die Briests waren immer sehr gute Leute, und damit hängt es wohl
zusammen.«

Der Streit hätte wohl noch angedauert und vielleicht zu einer ersten
ernstlichen Verstimmung geführt, wenn Friedrich nicht eingetreten
wäre, um der gnädigen Frau einen Brief zu übergeben. »Von Herrn
Gieshübler. Der Bote wartet auf Antwort.«

Aller Unmut auf Effis Antlitz war sofort verschwunden; schon bloß
Gieshüblers Namen zu hören tat Effi wohl, und ihr Wohlgefühl steigerte
sich, als sie jetzt den Brief musterte. Zunächst war es gar kein
Brief, sondern ein Billett, die Adresse »Frau Baronin von Innstetten,
geb. von Briest« in wundervoller Kanzleihandschrift und statt des
Siegels ein aufgeklebtes rundes Bildchen, eine Lyra, darin ein Stab
steckte. Dieser Stab konnte aber auch ein Pfeil sein. Sie reichte das
Billett ihrem Mann, der es ebenfalls bewunderte. »Nun lies aber.«

Und nun löste Effi die Oblate und las: »Hochverehrteste Frau,
gnädigste Frau Baronin! Gestatten Sie mir, meinem respektvollsten
Vormittagsgruß eine ganz gehorsamste Bitte hinzufügen zu dürfen. Mit
dem Mittagszug wird eine vieljährige liebe Freundin von mir, eine
Tochter unserer Guten Stadt Kessin, Fräulein Marietta Trippelli, hier
eintreffen und bis morgen früh unter uns weilen. Am 17. will sie in
Petersburg sein, um daselbst bis Mitte Januar zu konzertieren. Fürst
Kotschukoff öffnet ihr auch diesmal wieder sein gastliches Haus. In
ihrer immer gleichen Güte gegen mich hat die Trippelli mir zugesagt,
den heutigen Abend bei mir zubringen und einige Lieder ganz nach
meiner Wahl (denn sie kennt keine Schwierigkeiten) vortragen zu
wollen. Könnten sich Frau Baronin dazu verstehen, diesem Musikabend
beizuwohnen? Sieben Uhr. Ihr Herr Gemahl, auf dessen Erscheinen ich
mit Sicherheit rechne, wird meine gehorsamste Bitte unterstützen.
Anwesend nur Pastor Lindequist (der begleitet) und natürlich die
verwitwete Frau Pastorin Trippel. In vorzüglicher Ergebenheit A.
Gieshübler.«

»Nun -«, sagte Innstetten, »ja oder nein?«

»Natürlich ja. Das wird mich herausreißen. Und dann kann ich doch
meinem lieben Gieshübler nicht gleich bei seiner ersten Einladung
einen Korb geben.«

»Einverstanden. Also Friedrich, sagen Sie Mirambo, der doch wohl das
Billett gebracht haben wird, wir würden die Ehre haben.« Friedrich
ging.

Als er fort war, fragte Effi: »Wer ist Mirambo?«

»Der echte Mirambo ist Räuberhauptmann in Afrika -Tanganjika-See, wenn
deine Geographie so weit reicht -, unserer aber ist bloß Gieshüblers
Kohlenprovisor und Faktotum und wird heute abend in Frack und
baumwollenen Handschuhen sehr wahrscheinlich aufwarten.«

Es war ganz ersichtlich, daß der kleine Zwischenfall auf Effi günstig
eingewirkt und ihr ein gut Teil ihrer Leichtlebigkeit zurückgegeben
hatte, Innstetten aber wollte das Seine tun, diese Rekonvaleszens zu
steigern. »Ich freue mich, daß du ja gesagt hast und so rasch und ohne
Besinnen, und nun möcht ich dir noch einen Vorschlag machen, um dich
ganz wieder in Ordnung zu bringen. Ich sehe wohl, es schleicht dir von
der Nacht her etwas nach, das zu meiner Effi nicht paßt, das durchaus
wieder fort muß, und dazu gibt es nichts Besseres als frische Luft.
Das Wetter ist prachtvoll, frisch und milde zugleich, kaum daß ein
Lüftchen geht; was meinst du, wenn wir eine Spazierfahrt machten, aber
eine lange, nicht bloß so durch die Plantage hin, und natürlich im
Schlitten und das Geläut auf und die weißen Schneedecken, und wenn wir
dann um vier zurück sind, dann ruhst du dich aus, und um sieben sind
wir bei Gieshübler und hören die Trippelli.«

Effi nahm seine Hand. »Wie gut du bist, Geert, und wie nachsichtig.
Denn ich muß dir ja kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich
vorgekommen sein; erst das mit meiner Angst und dann hinterher, daß
ich dir einen Hausverkauf, und was noch schlimmer ist, das mit dem
Fürsten ansinne. Du sollst ihm den Stuhl vor die Tür setzen - es
ist zum Lachen. Denn schließlich ist er doch der Mann, der über uns
entscheidet. Auch über mich. Du glaubst gar nicht, wie ehrgeizig ich
bin. Ich habe dich eigentlich bloß aus Ehrgeiz geheiratet. Aber du
mußt nicht solch ernstes Gesicht dabei machen. Ich liebe dich ja ...
wie heißt es doch, wenn man einen Zweig abbricht und die Blätter
abreißt? Von Herzen mit Schmerzen, über alle Maßen.«

Und sie lachte hell auf. »Und nun sage mir«, fuhr sie fort, als
Innstetten noch immer schwieg, wo soll es hingehen?« »Ich habe mir
gedacht, nach der Bahnstation, aber auf einem Umweg, und dann auf der
Chaussee zurück. Und auf der Station essen wir oder noch besser bei
Golchowski, in dem Gasthof 'Zum Fürsten Bismarck', dran wir, wenn du
dich vielleicht erinnerst, am Tag unserer Ankunft vorüberkamen. Solch
Vorsprechen wirkt immer gut, und ich habe dann mit dem Starosten von
Effis Gnaden ein Wahlgespräch, und wenn er auch persönlich nicht
viel taugt, seine Wirtschaft hält er in Ordnung und seine Küche noch
besser. Auf Essen und Trinken verstehen sich die Leute hier.«

Es war gegen elf, daß sie dies Gespräch führten. Um zwölf hielt Kruse
mit dem Schlitten vor der Tür, und Effi stieg ein. Johanna wollte
Fußsack und Pelze bringen, aber Effi hatte nach allem, was noch auf
ihr lag, so sehr das Bedürfnis nach frischer Luft, daß sie alles
zurückwies und nur eine doppelte Decke nahm. Innstetten aber sagte zu
Kruse: »Kruse, wir wollen nun also nach dem Bahnhof, wo wir zwei beide
heute früh schon mal waren. Die Leute werden sich wundern, aber es
schadet nichts. Ich denke, wir fahren hier an der Plantage entlang und
dann links auf den Kroschentiner Kirchturm zu. Lassen Sie die Pferde
laufen. Um eins müssen wir am Bahnhof sein.«

Und so ging die Fahrt. Über den weißen Dächern der Stadt stand der
Rauch, denn die Luftbewegung war gering. Auch Utpatels Mühle drehte
sich nur langsam, und im Fluge fuhren sie daran vorüber, dicht
am Kirchhofe hin, dessen Berberitzensträucher über das Gitter
hinauswuchsen und mit ihren Spitzen Effi streiften, so daß der Schnee
auf ihre Reisedecke fiel. Auf der anderen Seite des Weges war ein
eingefriedeter Platz, nicht viel größer als ein Gartenbeet, und
innerhalb nichts sichtbar als eine junge Kiefer, die mitten daraus
hervorragte.

»Liegt da auch wer begraben?« fragte Effi. »Ja, der Chinese.«

Effi fuhr zusammen; es war ihr wie ein Stich. Aber sie hatte doch
Kraft genug, sich zu beherrschen, und fragte mit anscheinender Ruhe:

»Unserer?«

»Ja, unserer. Auf dem Gemeindekirchhof war er natürlich nicht
unterzubringen, und da hat denn Kapitän Thomsen, der so was wie sein
Freund war, diese Stelle gekauft und ihn hier begraben lassen. Es ist
auch ein Stein da mit Inschrift. Alles natürlich vor meiner Zeit. Aber
es wird noch immer davon gesprochen.«

»Also ist es doch was damit. Eine Geschichte. Du sagtest schon heute
früh so was. Und es wird am Ende das beste sein, ich höre, was es ist.
Solange ich es nicht weiß, bin ich, trotz aller guten Vorsätze, noch
immer ein Opfer meiner Vorstellungen. Erzähle mir das Wirkliche. Die
Wirklichkeit kann mich nicht so quälen wie meine Phantasie.«

»Bravo, Effi Ich wollte nicht davon sprechen. Aber nun macht es
sich so von selbst, und das ist gut. Übrigens ist es eigentlich gar
nichts.«

»Mir gleich; gar nichts oder viel oder wenig. Fange nur an.«

»Ja, das ist leicht gesagt. Der Anfang ist immer das schwerste, auch
bei Geschichten. Nun, ich denke, ich beginne mit Kapitän Thomsen.«

»Gut, gut.«

»Also Thomsen, den ich dir schon genannt habe, war viele Jahre lang
ein sogenannter Chinafahrer, immer mit Reisfracht zwischen Schanghai
und Singapur, und mochte wohl schon sechzig sein, als er hier ankam.
Ich weiß nicht, ob er hier geboren war oder ob er andere Beziehungen
hier hatte. Kurz und gut, er war nun da und verkaufte sein Schiff,
einen alten Kasten, draus er nicht viel herausschlug, und kaufte sich
ein Haus, dasselbe, drin wir jetzt wohnen. Denn er war draußen in der
Welt ein vermögender Mann geworden. Und von daher schreibt sich auch
das Krokodil und der Haifisch und natürlich auch das Schiff ... Also
Thomsen war nun da, ein sehr adretter Mann (so wenigstens hat man mir
gesagt) und wohlgelitten. Auch beim Bürgermeister Kirstein, vor allem
bei dem damaligen Pastor in Kessin, einem Berliner, der kurz vor
Thomsen auch hierhergekommen war und viel Anfeindung hatte.«

»Glaub ich. Ich merke das auch; sie sind hier so streng und
selbstgerecht. Ich glaube, das ist pommersch.«

»Ja und nein, je nachdem. Es gibt auch Gegenden, wo sie gar nicht
streng sind und wo's drunter und drüber geht... Aber sieh nur, Effi,
da haben wir gerade den Kroschentiner Kirchturm dicht vor uns. Wollen
wir nicht den Bahnhof aufgeben und lieber bei der alten Frau von
Grasenabb vorfahren? Sidonie, wenn ich recht berichtet bin, ist nicht
zu Hause. Wir könnten es also wagen ...«

»Ich bitte dich, Geert, wo denkst du hin? Es ist ja himmlisch, so
hinzufliegen, und ich fühle ordentlich, wie mir so frei wird und wie
alle Angst von mir abfällt. Und nun soll ich das alles aufgeben,
bloß um den alten Leuten eine Stippvisite zu machen und ihnen sehr
wahrscheinlich eine Verlegenheit zu schaffen. Um Gottes willen nicht.
Und dann will ich vor allem auch die Geschichte hören. Also wir waren
bei Kapitän Thomsen, den ich mir als einen Dänen oder Engländer denke,
sehr sauber, mit weißen Vatermördern und ganz weißer Wäsche ...«

»Ganz richtig. So soll er gewesen sein. Und mit ihm war eine junge
Person von etwa zwanzig, von der einige sagen, sie sei seine Nichte
gewesen, aber die meisten sagen, seine Enkelin, was übrigens den
Jahren nach kaum möglich. Und außer der Enkelin oder der Nichte war da
auch noch ein Chinese, derselbe, der da zwischen den Dünen liegt und
an dessen Grab wir eben vorübergekommen sind.«

»Gut, gut.«

»Also dieser Chinese war Diener bei Thomsen, und Thomsen hielt so
große Stücke auf ihn, daß er eigentlich mehr Freund als Diener war.
Und das ging so Jahr und Tag. Da mit einem Male hieß es, Thomsens
Enkelin, die, glaub ich, Nina hieß, solle sich, nach des Alten Wunsch,
verheiraten, auch mit einem Kapitän. Und richtig, so war es auch.
Es gab eine große Hochzeit im Hause, der Berliner Pastor tat
sie zusammen, und Müller Utpatel, der ein Konventikler war, und
Gieshübler, dem man in der Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht
recht traute, waren geladen und vor allem viele Kapitäne mit ihren
Frauen und Töchtern. Und wie man sich denken kann, es ging hoch her.
Am Abend aber war Tanz, und die Braut tanzte mit jedem und zuletzt
auch mit dem Chinesen. Da mit einemmal hieß es, sie sei fort, die
Braut nämlich. Und sie war auch wirklich fort, irgendwohin, und
niemand weiß, was da vorgefallen. Und nach vierzehn Tagen starb der
Chinese; Thomsen kaufte die Stelle, die ich dir gezeigt habe, und da
wurd er begraben. Der Berliner Pastor aber soll gesagt haben, man
hätte ihn auch ruhig auf dem christlichen Kirchhof begraben können,
denn der Chinese sei ein sehr guter Mensch gewesen und geradesogut wie
die anderen. Wen er mit den 'anderen' eigentlich gemeint hat, sagte
mir Gieshübler, das wisse man nicht recht.«

»Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar gegen den Pastor; so
was darf man nicht aussprechen, weil es gewagt und unpassend ist. Das
würde selbst Niemeyer nicht gesagt haben.«

»Und das ist auch dem armen Pastor, der übrigens Trippel hieß, sehr
verdacht worden, so daß es eigentlich ein Glück war, daß er drüberhin
starb, sonst hätte er seine Stelle verloren. Denn die Stadt, trotzdem
sie ihn gewählt, war doch auch gegen ihn, geradeso wie du, und das
Konsistorium natürlich erst recht.«

»Trippel, sagst du? Dann hängt er am Ende mit der Frau Pastor Trippel
zusammen, die wir heute abend sehen sollen?« »Natürlich hängt er mit
der zusammen. Er war ihr Mann und ist der Vater von der Trippelli.«

Effi lachte. »Von der Trippelli! Nun sehe ich erst klar in allem. Daß
sie in Kessin geboren, schrieb ja schon Gieshübler; aber ich dachte,
sie sei die Tochter von einem italienischen Konsul. Wir haben ja so
viele fremdländische Namen hier. Und nun ist sie gut deutsch und
stammt von Trippel. Ist sie denn so vorzüglich, daß sie wagen konnte,
sich so zu italienisieren?«

»Dem Mutigen gehört die Welt. Übrigens ist sie ganz tüchtig. Sie war
ein paar Jahre lang in Paris bei der berühmten Viardot, wo sie auch
den russischen Fürsten kennenlernte, denn die russischen Fürsten sind
sehr aufgeklärt, über kleine Standesvorurteile weg, und Kotschukoff
und Gieshübler - den sie übrigens 'Onkel' nennt, und man kann fast von
ihm sagen, er sei der geborene Onkel -, diese beiden sind es recht
eigentlich, die die kleine Marie Trippel zu dem gemacht haben, was
sie jetzt ist. Gieshübler war es, durch den sie nach Paris kam, und
Kotschukoff hat sie dann in die Trippelli transponiert.«

»Ach, Geert, wie reizend ist das alles, und welch Alltagsleben habe
ich doch in Hohen-Cremmen geführt! Nie was Apartes.«

Innstetten nahm ihre Hand und sagte: »So darfst du nicht sprechen,
Effi. Spuk, dazu kann man sich stellen, wie man will. Aber hüte
dich vor dem Aparten oder was man so das Aparte nennt. Was dir so
verlockend erscheint - und ich rechne auch ein Leben dahin, wie's die
Trippelli führt -, das bezahlt man in der Regel mit seinem Glück. Ich
weiß wohl, wie sehr du dein Hohen-Cremmen liebst und daran hängst,
aber du spottest doch auch oft darüber und hast keine Ahnung davon,
was stille Tage, wie die Hohen-Cremmer, bedeuten.«

»Doch, doch«, sagte sie. »Ich weiß es wohl. Ich höre nur gern einmal
von etwas anderem, und dann wandelt mich die Lust an, mit dabeizusein.
Aber du hast ganz recht. Und eigentlich hab ich doch eine Sehnsucht
nach Ruh und Frieden.«

Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Meine einzig liebe Effi, das
denkst du dir nun auch wieder so aus. Immer Phantasien, mal so, mal
so.«



Elftes Kapitel

Die Fahrt verlief ganz wie geplant. Um ein Uhr hielt der Schlitten
unten am Bahndamm vor dem Gasthaus »Zum Fürsten Bismarck«, und
Golchowski, glücklich, den Landrat bei sich zu sehen, war beflissen,
ein vorzügliches Dejeuner herzurichten. Als zuletzt das Dessert und
der Ungarwein aufgetragen wurden, rief Innstetten den von Zeit zu Zeit
erscheinenden und nach der Ordnung sehenden Wirt heran und bat ihn,
sich mit an den Tisch zu setzen und ihnen was zu erzählen. Dazu war
Golchowski denn auch der rechte Mann; auf zwei Meilen in der Runde
wurde kein Ei gelegt, von dem er nicht wußte. Das zeigte sich auch
heute wieder. Sidonie Grasenabb, Innstetten hatte recht vermutet, war,
wie vorige Weihnachten, so auch diesmal wieder auf vier Wochen zu
»Hofpredigers« gereist; Frau von Palleske, so hieß es weiter, habe
ihre Jungfer wegen einer fatalen Geschichte Knall und Fall entlassen
müssen, und mit dem alten Fraude steh es schlecht - es werde zwar in
Kurs gesetzt, er sei bloß ausgeglitten, aber es sei ein Schlaganfall
gewesen, und der Sohn, der in Lissa bei den Husaren stehe, werde jede
Stunde erwartet. Nach diesem Geplänkel war man dann, zu Ernsthafterem
übergehend, auf Varzin gekommen. »Ja«, sagte Golchowski, »wenn man
sich den Fürsten so als Papiermüller denkt! Es ist doch alles sehr
merkwürdig; eigentlich kann er die Schreiberei nicht leiden und das
bedruckte Papier erst recht nicht, und nun legt er doch selber eine
Papiermühle an.«

»Schon recht, lieber Golchowski«, sagte Innstetten, »aber aus solchen
Widersprüchen kommt man im Leben nicht heraus. Und da hilft auch kein
Fürst und keine Größe.«

»Nein, nein, da hilft keine Größe.«

Wahrscheinlich, daß sich dies Gespräch über den Fürsten noch
fortgesetzt hätte, wenn nicht in ebendiesem Augenblicke die von der
Bahn her herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug
angemeldet hätte. Innstetten sah nach der Uhr. »Welcher Zug ist das,
Golchowski?«

»Das ist der Danziger Schnellzug; er hält hier nicht, aber ich gehe
doch immer hinauf und zähle die Wagen, und mitunter steht auch einer
am Fenster, den ich kenne. Hier, gleich hinter meinem Hofe, führt eine
Treppe den Damm hinauf, Wärterhaus 417 ...«

»Oh, das wollen wir uns zunutze machen«, sagte Effi. »Ich sehe so gern
Züge ...«

»Dann ist es die höchste Zeit, gnäd'ge Frau.«

Und so machten sich denn alle drei auf den Weg und stellten sich, als
sie oben waren, in einem neben dem Wärterhaus gelegenen Gartenstreifen
auf, der jetzt freilich unter Schnee lag, aber doch eine
freigeschaufelte Stelle hatte. Der Bahnwärter stand schon da, die
Fahne in der Hand. Und jetzt jagte der Zug über das Bahnhofsgeleise
hin und im nächsten Augenblick an dem Häuschen und an dem
Gartenstreifen vorüber. Effi war so erregt, daß sie nichts sah und nur
dem letzten Wagen, auf dessen Höhe ein Bremser saß, ganz wie benommen
nachblickte.

»Sechs Uhr fünfzig ist er in Berlin«, sagte Innstetten, »und noch
eine Stunde später, so können ihn die Hohen-Cremmer, wenn der Wind so
steht, in der Ferne vorbeiklappern hören. Möchtest du mit, Effi?«

Sie sagte nichts. Als er aber zu ihr hinüberblickte, sah er, daß eine
Träne in ihrem Auge stand.

Effi war, als der Zug vorbeijagte, von einer herzlichen Sehnsucht
erfaßt worden. So gut es ihr ging, sie fühlte sich trotzdem wie in
einer fremden Welt. Wenn sie sich eben noch an dem einen oder andern
entzückt hatte, so kam ihr doch gleich nachher zum Bewußtsein, was
ihr fehlte. Da drüben lag Varzin, und da nach der anderen Seite hin
blitzte der Kroschentiner Kirchturm auf und weithin der Morgenitzer,
und da saßen die Grasenabbs und die Borckes, nicht die Bellings und
nicht die Briests. »Ja, die!« Innstetten hatte ganz recht gehabt mit
dem raschen Wechsel ihrer Stimmung, und sie sah jetzt wieder alles,
was zurücklag, wie in einer Verklärung. Aber so gewiß sie voll
Sehnsucht dem Zug nachgesehen, sie war doch andererseits viel zu
beweglichen Gemüts, um lange dabei zu verweilen, und schon auf der
Heimfahrt, als der rote Ball der niedergehenden Sonne seinen Schimmer
über den Schnee ausgoß, fühlte sie sich wieder freier; alles erschien
ihr schön und frisch, und als sie, nach Kessin zurückgekehrt, fast
mit dem Glockenschlag sieben in den Gieshüblerschen Flur eintrat, war
ihr nicht bloß behaglich, sondern beinah übermütig zu Sinn, wozu die
das Haus durchziehende Baldrian- und Veilchenwurzelluft das ihrige
beitragen mochte.

Pünktlich waren Innstetten und Frau erschienen, aber trotz dieser
Pünktlichkeit immer noch hinter den anderen Geladenen zurückgeblieben;
Pastor Lindequist, die alte Frau Trippel und die Trippelli selbst
waren schon da. Gieshübler - im blauen Frack mit mattgoldenen
Knöpfen, dazu Pincenez an einem breiten, schwarzen Bande, das wie ein
Ordensband auf der blendendweißen Piquéweste lag -, Gieshübler konnte
seiner Erregung nur mit Mühe Herr werden. »Darf ich die Herrschaften
miteinander bekannt machen: Baron und Baronin Innstetten, Frau Pastor
Trippel, Fräulein Marietta Trippelli.« Pastor Lindequist, den alle
kannten, stand lächelnd beiseite.

Die Trippelli, Anfang der Dreißig, stark männlich und von
ausgesprochen humoristischem Typus, hatte bis zu dem Momente der
Vorstellung den Sofaehrenplatz innegehabt. Nach der Vorstellung aber
sagte sie, während sie auf einen in der Nähe stehenden Stuhl mit hoher
Lehne zuschritt: »Ich bitte Sie nunmehro, gnäd'ge Frau, die Bürden
und Fährlichkeiten Ihres Amtes auf sich nehmen zu wollen. Denn von
'Fährlichkeiten'« - und sie wies auf das Sofa - »wird sich in diesem
Falle wohl sprechen lassen. Ich habe Gieshübler schon vor Jahr und Tag
darauf aufmerksam gemacht, aber leider vergeblich; so gut er ist, so
eigensinnig ist er auch.«

»Aber Marietta ...«

»Dieses Sofa nämlich, dessen Geburt um wenigstens fünfzig Jahre
zurückliegt, ist noch nach einem altmodischen Versenkungsprinzip
gebaut, und wer sich ihm anvertraut, ohne vorher einen Kissenturm
untergeschoben zu haben, sinkt ins Bodenlose, jedenfalls aber gerade
tief genug, um die Knie wie ein Monument aufragen zu lassen.« All dies
wurde seitens der Trippelli mit ebensoviel Bonhomie wie Sicherheit
hingesprochen, in einem Ton, der ausdrücken sollte: »Du bist die
Baronin Innstetten, ich bin die Trippelli.«

Gieshübler liebte seine Künstlerfreundin enthusiastisch und dachte
hoch von ihren Talenten; aber all seine Begeisterung konnte ihn doch
nicht blind gegen die Tatsache machen, daß ihr von gesellschaftlicher
Feinheit nur ein bescheidenes Maß zuteil geworden war. Und diese
Feinheit war gerade das, was er persönlich kultivierte. »Liebe
Marietta«, nahm er das Wort, »Sie haben eine so reizend heitere
Behandlung solcher Fragen; aber was mein Sofa betrifft, so haben
Sie wirklich unrecht, und jeder Sachverständige mag zwischen uns
entscheiden. Selbst ein Mann wie Fürst Kotschukoff ...«

»Ach, ich bitt Sie, Gieshübler, lassen Sie doch den. Immer
Kotschukoff. Sie werden mich bei der gnäd'gen Frau hier noch in den
Verdacht bringen, als ob ich bei diesem Fürsten - der übrigens nur zu
den kleineren zählt und nicht mehr als tausend Seelen hat, das heißt
hatte (früher, wo die Rechnung noch nach Seelen ging) -, als ob ich
stolz wäre, seine tausendundeinste Seele zu sein. Nein, es liegt
wirklich anders; 'immer freiweg', Sie kennen meine Devise, Gieshübler.
Kotschukoff ist ein guter Kamerad und mein Freund, aber von Kunst
und ähnlichen Sachen versteht er gar nichts, von Musik gewiß nicht,
wiewohl er Messen und Oratorien komponiert - die meisten russischen
Fürsten, wenn sie Kunst treiben, fallen ein bißchen nach der
geistlichen oder orthodoxen Seite hin -, und zu den vielen Dingen, von
denen er nichts versteht, gehören auch unbedingt Einrichtungs- und
Tapezierfragen. Er ist gerade vornehm genug, um sich alles als schön
aufreden zu lassen, was bunt aussieht und viel Geld kostet.«

Innstetten amüsierte sich, und Pastor Lindequist war in einem
allersichtlichsten Behagen. Die gute alte Trippel aber geriet über den
ungenierten Ton ihrer Tochter aus einer Verlegenheit in die andere,
während Gieshübler es für angezeigt hielt, eine so schwierig werdende
Unterhaltung zu kupieren. Dazu waren etliche Gesangspiecen das
beste. Daß Marietta Lieder von anfechtbarem Inhalt wählen würde,
war nicht anzunehmen, und selbst wenn dies sein sollte, so war ihre
Vortragskunst so groß, daß der Inhalt dadurch geadelt wurde. »Liebe
Marietta«, nahm er also das Wort, »ich habe unser kleines Mahl zu acht
Uhr bestellt. Wir hätten also noch dreiviertel Stunden, wenn Sie nicht
vielleicht vorziehen, während Tisch ein heitres Lied zu singen oder
vielleicht erst, wenn wir von Tisch aufgestanden sind ...«

»Ich bitte Sie, Gieshübler! Sie, der Mann der Ästhetik. Es gibt nichts
Unästhetischeres als einen Gesangsvortrag mit vollem Magen. Außerdem -
und ich weiß, Sie sind ein Mann der ausgesuchten Küche, ja Gourmand -,
außerdem schmeckt es besser, wenn man die Sache hinter sich hat. Erst
Kunst und dann Nußeis, das ist die richtige Reihenfolge.«

»Also ich darf Ihnen die Noten bringen, Marietta?«

»Noten bringen. Ja, was heißt das, Gieshübler? Wie ich Sie kenne,
werden Sie ganze Schränke voll Noten haben, und ich kann Ihnen doch
nicht den ganzen Bock und Bote vorspielen. Noten! Was für Noten,
Gieshübler, darauf kommt es an. Und dann, daß es richtig liegt,
Altstimme ...«

»Nun, ich werde schon bringen.«

Und er machte sich an einem Schrank zu schaffen, ein Fach nach dem
anderen herausziehend, während die Trippelli ihren Stuhl weiter links
um den Tisch herum schob, so daß sie nun dicht neben Effi saß.

»Ich bin neugierig, was er bringen wird«, sagte sie. Effi geriet dabei
in eine kleine Verlegenheit.

»Ich möchte annehmen«, antwortete sie befangen, »etwas von Gluck,
etwas ausgesprochen Dramatisches ... Überhaupt, mein gnädiges
Fräulein, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, ich bin überrascht
zu hören, daß Sie lediglich Konzertsängerin sind. Ich dächte, daß Sie,
wie wenige, für die Bühne berufen sein müßten. Ihre Erscheinung, Ihre
Kraft, Ihr Organ ... ich habe noch so wenig derart kennengelernt,
immer nur auf kurzen Besuchen in Berlin ... und dann war ich noch ein
halbes Kind. Aber ich dächte, 'Orpheus' oder 'Chrimhild' oder die
'Vestalin'.«

Die Trippelli wiegte den Kopf und sah in Abgründe, kam aber zu keiner
Entgegnung, weil eben jetzt Gieshübler wieder erschien und ein halbes
Dutzend Notenhefte vorlegte, die seine Freundin in rascher Reihenfolge
durch die Hand gleiten ließ. »'Erlkönig' ... ah, bah; 'Bächlein, laß
dein Rauschen sein ...' Aber Gieshübler, ich bitte Sie, Sie sind
ein Murmeltier, Sie haben sieben Jahre lang geschlafen ... Und hier
Loewesche Balladen; auch nicht gerade das Neueste.

'Glocken von Speyer' ... Ach, dies ewige Bim-Bam, das beinah einer
Kulissenreißerei gleichkommt, ist geschmacklos und abgestanden. Aber
hier, 'Ritter Olaf' ... nun, das geht.«

Und sie stand auf, und während der Pastor begleitete, sang sie den
»Olaf« mit großer Sicherheit und Bravour und erntete allgemeinen
Beifall.

Es wurde dann noch ähnlich Romantisches gefunden, einiges aus dem
»Fliegenden Holländer« und aus »Zampa«, dann der »Heideknabe«, lauter
Sachen, die sie mit ebensoviel Virtuosität wie Seelenruhe vortrug,
während Effi von Text und Komposition wie benommen war.

Als die Trippelli mit dem »Heideknaben« fertig war, sagte sie: »Nun
ist es genug«, eine Erklärung, die so bestimmt von ihr abgegeben
wurde, daß weder Gieshübler noch ein anderer den Mut hatte, mit
weiteren Bitten in sie zu dringen. Am wenigsten Effi. Diese sagte nur,
als Gieshüblers Freundin wieder neben ihr saß: »Daß ich Ihnen doch
sagen könnte, mein gnädigstes Fräulein, wie dankbar ich Ihnen bin!
Alles so schön, so sicher, so gewandt. Aber eines, wenn Sie mir
verzeihen, bewundere ich fast noch mehr, das ist die Ruhe, womit
Sie diese Sachen vorzutragen wissen. Ich bin so leicht Eindrücken
hingegeben, und wenn ich die kleinste Gespenstergeschichte höre, so
zittere ich und kann mich kaum wieder zurechtfinden. Und Sie tragen
das so mächtig und erschütternd vor und sind selbst ganz heiter und
guter Dinge.«

»Ja, meine gnädigste Frau, das ist in der Kunst nicht anders. Und
nun gar erst auf dem Theater, vor dem ich übrigens glücklicherweise
bewahrt geblieben bin. Denn so gewiß ich mich persönlich gegen seine
Versuchungen gefeit fühle - es verdirbt den Ruf, also das Beste, was
man hat. Im übrigen stumpft man ab, wie mir Kolleginnen hundertfach
versichert haben. Da wird vergiftet und erstochen, und der toten Julia
flüstert Romeo einen Kalauer ins Ohr oder wohl auch eine Malice, oder
er drückt ihr einen kleinen Liebesbrief in die Hand.«

»Es ist mir unbegreiflich. Und um bei dem stehenzubleiben, was ich
Ihnen diesen Abend verdanke, beispielsweise bei dem Gespenstischen im
'Olaf', ich versichere Ihnen, wenn ich einen ängstlichen Traum habe
oder wenn ich glaube, über mir hörte ich ein leises Tanzen oder
Musizieren, während doch niemand da ist, oder es schleicht wer an
meinem Bett vorbei, so bin ich außer mir und kann es tagelang nicht
vergessen.«

»Ja, meine gnädige Frau, was Sie da schildern und beschreiben, das ist
auch etwas anderes, das ist ja wirklich oder kann wenigstens etwas
Wirkliches sein. Ein Gespenst, das durch die Ballade geht, da graule
ich mich gar nicht, aber ein Gespenst, das durch meine Stube geht, ist
mir, geradeso wie andern, sehr unangenehm. Darin empfinden wir also
ganz gleich.«

»Haben Sie denn dergleichen auch einmal erlebt?«

»Gewiß. Und noch dazu bei Kotschukoff. Und ich habe mir auch
ausbedungen, daß ich diesmal anders schlafe, vielleicht mit der
englischen Gouvernante zusammen. Das ist nämlich eine Quäkerin, und da
ist man sicher.«

»Und Sie halten dergleichen für möglich?«

»Meine gnädigste Frau, wenn man so alt ist wie ich und viel
rumgestoßen wurde und in Rußland war und sogar auch ein halbes Jahr
in Rumänien, da hält man alles für möglich. Es gibt so viel schlechte
Menschen, und das andere findet sich dann auch, das gehört dann
sozusagen mit dazu.«

Effi horchte auf.

»Ich bin«, fuhr die Trippelli fort, »aus einer sehr aufgeklärten
Familie (bloß mit Mutter war es immer nicht so recht), und doch sagte
mir mein Vater, als das mit dem Psychographen aufkam: 'Höre, Mane, das
ist was.' Und er hat recht gehabt, es ist auch was damit. Überhaupt,
man ist links und rechts umlauert, hinten und vorn. Sie werden das
noch kennenlernen.«

In diesem Augenblick trat Gieshübler heran und bot Effi den Arm,
Innstetten führte Marietta, dann folgten Pastor Lindequist und die
verwitwete Trippel. So ging man zu Tisch.



Zwölftes Kapitel

Es war spät, als man aufbrach. Schon bald nach zehn hatte Effi zu
Gieshübler gesagt, es sei nun wohl Zeit; Fräulein Trippelli, die
den Zug nicht versäumen dürfe, müsse ja schon um sechs von Kessin
aufbrechen; die danebenstehende Trippelli aber, die diese Worte
gehört, hatte mit der ihr eigenen ungenierten Beredsamkeit gegen
solche zarte Rücksichtnahme protestiert. »Ach, meine gnädigste Frau,
Sie glauben, daß unsereins einen regelmäßigen Schlaf braucht, das
trifft aber nicht zu; was wir regelmäßig brauchen, heißt Beifall und
hohe Preise. Ja, lachen Sie nur. Außerdem (so was lernt man) kann ich
auch im Coupé schlafen, in jeder Situation und sogar auf der linken
Seite, und brauche nicht einmal das Kleid aufzumachen. Freilich bin
ich auch nie eingepreßt; Brust und Lunge müssen immer frei sein und
vor allem das Herz. Ja, meine gnädigste Frau, das ist die Hauptsache.
Und dann das Kapitel Schlaf überhaupt - die Menge tut es nicht, was
entscheidet, ist die Qualität; ein guter Nicker von fünf Minuten ist
besser als fünf Stunden unruhige Rumdreherei, mal links, mal rechts.
Übrigens schläft man in Rußland wundervoll, trotz des starken Tees.
Es muß die Luft machen oder das späte Diner oder weil man so verwöhnt
wird. Sorgen gibt es in Rußland nicht; darin - im Geldpunkt sind beide
gleich - ist Rußland noch besser als Amerika.«

Nach dieser Erklärung der Trippelli hatte Effi von allen Mahnungen
zum Aufbruch Abstand genommen, und so war Mitternacht herangekommen.
Man trennte sich heiter und herzlich und mit einer gewissen
Vertraulichkeit. Der Weg von der Mohrenapotheke bis zur landrätlichen
Wohnung war ziemlich weit; er kürzte sich aber dadurch, daß Pastor
Lindequist bat, Innstetten und Frau eine Strecke begleiten zu
dürfen; ein Spaziergang unterm Sternenhimmel sei das beste, um über
Gieshüblers Rheinwein hinwegzukommen. Unterwegs wurde man natürlich
nicht müde, die verschiedensten Trippelliana heranzuziehen; Effi
begann mit dem, was ihr in Erinnerung geblieben, und gleich nach
ihr kam der Pastor an die Reihe. Dieser, ein Ironikus, hatte die
Trippelli, wie nach vielem sehr Weltlichen, so schließlich auch nach
ihrer kirchlichen Richtung gefragt und dabei von ihr in Erfahrung
gebracht, daß sie nur eine Richtung kenne, die orthodoxe. Ihr Vater
sei freilich ein Rationalist gewesen, fast schon ein Freigeist,
weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf dem Gemeindekirchhof
gehabt hätte; sie ihrerseits sei aber ganz entgegengesetzter Ansicht,
trotzdem sie persönlich des großen Vorzugs genieße, gar nichts zu
glauben. Aber sie sei sich in ihrem entschiedenen Nichtglauben doch
auch jeden Augenblick bewußt, daß das ein Spezialluxus sei, den
man sich nur als Privatperson gestatten könne. Staatlich höre
der Spaß auf, und wenn ihr das Kultusministerium oder gar ein
Konsistorialregiment unterstünde, so würde sie mit unnachsichtiger
Strenge vorgehen. »Ich fühle so was von einem Torquemada in mir.«
Innstetten war sehr erheitert und erzählte seinerseits, daß er etwas
so Heikles, wie das Dogmatische, geflissentlich vermieden, aber dafür
das Moralische desto mehr in den Vordergrund gestellt habe. Hauptthema
sei das Verführerische gewesen, das beständige Gefährdetsein, das in
allem öffentlichen Auftreten liege, worauf die Trippelli leichthin
und nur mit Betonung der zweiten Satzhälfte geantwortet habe: »Ja,
beständig gefährdet; am meisten die Stimme.«

Unter solchem Geplauder war, ehe man sich trennte, der Trippelli-Abend
noch einmal an ihnen vorübergezogen, und erst drei Tage später hatte
sich Gieshüblers Freundin durch ein von Petersburg aus an Effi
gerichtetes Telegramm noch einmal in Erinnerung gebracht. Es lautete:
Madame la Baronne d'Innstetten, née de Briest. Bien arrivée. Prince
K. à la gare. Plus épris de moi que jamais. Mille fois merci de votre
bon accueil. Compliments empressés à Monsieur le Baron. Marietta
Trippelli.

Innstetten war entzückt und gab diesem Entzücken lebhafteren Ausdruck,
als Effi begreifen konnte.

»Ich verstehe dich nicht, Geert.«

»Weil du die Trippelli nicht verstehst. Mich entzückt die Echtheit;
alles da, bis auf das Pünktchen überm i.«

»Du nimmst also alles als eine Komödie?«

»Aber als was sonst? Alles berechnet für dort und für hier, für
Kotschukoff und für Gieshübler. Gieshübler wird wohl eine Stiftung
machen, vielleicht auch bloß ein Legat für die Trippelli.«

Die musikalische Soiree bei Gieshübler hatte Mitte Dezember
stattgefunden, gleich danach begannen die Vorbereitungen für
Weihnachten, und Effi, die sonst schwer über diese Tage hingekommen
wäre, segnete es, daß sie selber einen Hausstand hatte, dessen
Ansprüche befriedigt werden mußten. Es galt nachsinnen, fragen,
anschaffen, und das alles ließ trübe Gedanken nicht aufkommen. Am Tage
vor Heiligabend trafen Geschenke von den Eltern aus Hohen-Cremmen ein,
und mit in die Kiste waren allerhand Kleinigkeiten aus dem Kantorhause
gepackt: wunderschöne Reinetten von einem Baum, den Effi und Jahnke
vor mehreren Jahren gemeinschaftlich okuliert hatten, und dazu braune
Puls- und Kniewärmer von Bertha und Hertha. Hulda schrieb nur wenige
Zeilen, weil sie, wie sie sich entschuldigte, für X noch eine
Reisedecke zu stricken habe. »Was einfach nicht wahr ist«, sagte
Effi. »Ich wette, X. existiert gar nicht. Daß sie nicht davon lassen
kann, sich mit Anbetern zu umgeben die nicht da sind!« Und so kam
Heiligabend heran. Innstetten selbst baute auf für seine junge Frau,
der Baum brannte, und ein kleiner Engel schwebte oben in Lüften Auch
eine Krippe war da mit hübschen Transparenten und Inschriften, deren
eine sich in leiser Andeutung auf ein dem Innstettenschen Hause für
nächstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog. Effi las es und errötete.
Dann ging sie auf Innstetten zu, um ihm zu danken, aber eh sie dies
konnte, flog, nach altpommerschem Weihnachtsbrauch, ein Julklapp in
den Hausflur: eine große Kiste, drin eine Welt von Dingen steckte.
Zuletzt fand man die Hauptsache, ein zierliches, mit allerlei
japanischen Bildchen überklebtes Morsellenkästchen, dessen
eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen beigegeben war. Es hieß
da:

        Drei Könige kamen zum Heiligenchrist,
        Mohrenkönig einer gewesen ist -
        Ein Mohrenapothekerlein
        Erscheinet heute mit Spezerein,
        Doch statt Weihrauch und Myrrhen, die nicht zur Stelle,
        Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle.

Effi las es zwei-, dreimal und freute sich darüber. »Die Huldigungen
eines guten Menschen haben doch etwas besonders Wohltuendes. Meinst
du nicht auch, Geert?« »Gewiß meine ich das. Es ist eigentlich das
einzige, was einem Freude macht oder wenigstens Freude machen sollte.
Denn jeder steckt noch so nebenher in allerhand dummem Zeuge drin. Ich
auch. Aber freilich, man ist, wie man ist.« Der erste Feiertag war
Kirchtag, am zweiten war man bei Borckes draußen, alles zugegen, mit
Ausnahme von Grasenabbs, die nicht kommen wollten, weil Sidonie nicht
da sei, was man als Entschuldigung allseitig ziemlich sonderlich fand.
Einige tuschelten sogar: »Umgekehrt; gerade deshalb hätten sie kommen
sollen.« Am Silvester war Ressourcenball, auf dem Effi nicht fehlen
durfte und auch nicht wollte, denn der Ball gab ihr Gelegenheit,
endlich einmal die ganze Stadtflora beisammen zu sehen. Johanna hatte
mit den Vorbereitungen zum Ballstaate für ihre Gnäd'ge vollauf zu tun,
Gieshübler, der, wie alles, so auch ein Treibhaus hatte, schickte
Kamelien, und Innstetten, so knapp bemessen die Zeit für ihn war,
fuhr am Nachmittage noch über Land nach Papenhagen, wo drei Scheunen
abgebrannt waren.

Es war ganz still im Hause. Christel, beschäftigungslos, hatte sich
schläfrig eine Fußbank an den Herd gerückt, und Effi zog sich in ihr
Schlafzimmer zurück, wo sie sich, zwischen Spiegel und Sofa, an einen
kleinen, eigens zu diesem Zweck zurechtgemachten Schreibtisch setzte,
um von hier aus an die Mama zu schreiben, der sie für Weihnachtsbrief
und Weihnachtsgeschenke bis dahin bloß in einer Karte gedankt, sonst
aber seit Wochen keine Nachricht gegeben hatte.

Kessin, 31. Dezember. Meine liebe Mama! Das wird nun wohl ein langer
Schreibebrief werden, denn ich habe - die Karte rechnet nicht -
lange nichts von mir hören lassen. Als ich das letztemal schrieb,
steckte ich noch in den Weihnachtsvorbereitungen, jetzt liegen
die Weihnachtstage schon zurück. Innstetten und mein guter Freund
Gieshübler hatten alles aufgeboten, mir den Heiligen Abend so angenehm
wie möglich zu machen, aber ich fühlte mich doch ein wenig einsam und
bangte mich nach Euch. Überhaupt, soviel Ursache ich habe, zu danken
und froh und glücklich zu sein, ich kann ein Gefühl des Alleinseins
nicht ganz loswerden, und wenn ich mich früher, vielleicht mehr als
nötig, über Huldas ewige Gefühlsträne mokiert habe, so werde ich jetzt
dafür bestraft und habe selber mit dieser Träne zu kämpfen. Denn
Innstetten darf es nicht sehen. Ich bin aber sicher, daß das alles
besser werden wird, wenn unser Hausstand sich mehr belebt, und das
wird der Fall sein, meine liebe Mama. Was ich neulich andeutete, das
ist nun Gewißheit, und Innstetten bezeugt mir täglich seine Freude
darüber. Wie glücklich ich selber im Hinblick darauf bin, brauche ich
nicht erst zu versichern, schon weil ich dann Leben und Zerstreuung
um mich her haben werde oder, wie Geert sich ausdrückt, ein »liebes
Spielzeug«. Mit diesem Wort wird er wohl recht haben, aber er sollte
es lieber nicht gebrauchen, weil es mir immer einen kleinen Stich gibt
und mich daran erinnert, wie jung ich bin und daß ich noch halb in die
Kinderstube gehöre. Diese Vorstellung verläßt mich nicht (Geert meint,
es sei krankhaft) und bringt es zuwege, daß das, was mein höchstes
Glück sein sollte, doch fast noch mehr eine beständige Verlegenheit
für mich ist. Ja, meine liebe Mama, als die guten Flemmingschen Damen
sich neulich nach allem möglichen erkundigten, war mir zumut, als
stünde ich schlecht vorbereitet in einem Examen, und ich glaube auch,
daß ich recht dumm geantwortet habe. Verdrießlich war ich auch. Denn
manches, was wie Teilnahme aussieht, ist doch bloß Neugier und wirkt
um so zudringlicher, als ich ja noch lange, bis in den Sommer hinein,
auf das frohe Ereignis zu warten habe. Ich denke, die ersten Julitage.
Dann mußt Du kommen, oder noch besser, sobald ich einigermaßen
wieder bei Wege bin, komme ich, nehme hier Urlaub und mache mich
auf nach Hohen-Cremmen. Ach, wie ich mich darauf freue und auf die
havelländische Luft - hier ist es fast immer rauh und kalt -, und dann
jeden Tag eine Fahrt ins Luch, alles rot und gelb, und ich sehe schon,
wie das Kind die Hände danach streckt, denn es wird doch wohl fühlen,
daß es eigentlich da zu Hause ist. Aber das schreibe ich nur Dir.
Innstetten darf nicht davon wissen, und auch Dir gegenüber muß ich
mich wie entschuldigen, daß ich mit dem Kinde nach Hohen-Cremmen will
und mich heute schon anmelde, statt Dich, meine liebe Mama, dringend
und herzlich nach Kessin hin einzuladen, das ja doch jeden Sommer
fünfzehnhundert Badegäste hat und Schiffe mit allen möglichen Flaggen
und sogar ein Dünenhotel. Aber daß ich so wenig Gastlichkeit zeige,
das macht nicht, daß ich ungastlich wäre, so sehr bin ich nicht aus
der Art geschlagen, das macht einfach unser landrätliches Haus, das,
soviel Hübsches und Apartes es hat, doch eigentlich gar kein richtiges
Haus ist, sondern nur eine Wohnung für zwei Menschen, und auch das
kaum, denn wir haben nicht einmal ein Eßzimmer, was doch genant ist,
wenn ein paar Personen zu Besuch sich einstellen. Wir haben freilich
noch Räumlichkeiten im ersten Stock, einen großen Saal und vier kleine
Zimmer, aber sie haben alle etwas wenig Einladendes, und ich würde sie
Rumpelkammer nennen, wenn sich etwas Gerümpel darin vorfände; sie sind
aber ganz leer, ein paar Binsenstühle abgerechnet, und machen, das
mindeste zu sagen, einen sehr sonderbaren Eindruck. Nun wirst Du
wohl meinen, das alles sei ja leicht zu ändern. Aber es ist nicht zu
ändern; denn das Haus, das wir bewohnen, ist ... ist ein Spukhaus;
da ist es heraus. Ich beschwöre Dich übrigens, mir auf diese meine
Mitteilung nicht zu antworten, denn ich zeige Innstetten immer Eure
Briefe, und er wäre außer sich, wenn er erführe, daß ich Dir das
geschrieben. Ich hätte es auch nicht getan, und zwar um so weniger,
als ich seit vielen Wochen in Ruhe geblieben bin und aufgehört habe,
mich zu ängstigen; aber Johanna sagt mir, es käme immer mal wieder,
namentlich wenn wer Neues im Hause erschiene. Und ich kann Dich doch
einer solchen Gefahr oder, Wenn das zuviel gesagt ist, einer solchen
eigentümlichen und unbequemen Störung nicht aussetzen! Mit der
Sache selber will ich Dich heute nicht behelligen, jedenfalls nicht
ausführlich. Es ist eine Geschichte von einem alten Kapitän, einem
sogenannten Chinafahrer, und seiner Enkelin, die mit einem hiesigen
jungen Kapitän eine kurze Zeit verlobt war und an ihrem Hochzeitstage
plötzlich verschwand. Das möchte hingehn. Aber was wichtiger ist, ein
junger Chinese, den ihr Vater aus China mit zurückgebracht hatte und
der erst der Diener und dann der Freund des Alten war, der starb
kurze Zeit danach und ist an einer einsamen Stelle neben dem Kirchhof
begraben worden. Ich bin neulich da vorübergefahren, wandte mich aber
rasch ab und sah nach der andern Seite, weil ich glaube, ich hätte
ihn sonst auf dem Grabe sitzen sehen. Denn ach, meine liebe Mama,
ich habe ihn einmal wirklich gesehen, oder es ist mir wenigstens so
vorgekommen, als ich fest schlief und Innstetten auf Besuch beim
Fürsten war. Es war schrecklich; ich möchte so was nicht wieder
erleben. Und in ein solches Haus, so hübsch es sonst ist (es ist
sonderbarerweise gemütlich und unheimlich zugleich), kann ich Dich
doch nicht gut einladen. Und Innstetten, trotzdem ich ihm schließlich
in vielen Stücken zustimmte, hat sich dabei, soviel möchte ich sagen
dürfen, auch nicht ganz richtig benommen. Er verlangte von mir, ich
solle das alles als Alten-Weiber-Unsinn ansehn und darüber lachen,
aber mit einemmal schien er doch auch wieder selber daran zu glauben
und stellte mir zugleich die sonderbare Zumutung, einen solchen
Hausspuk als etwas Vornehmes und Altadliges anzusehen. Das kann ich
aber nicht und will es auch nicht. Er ist in diesem Punkt, so gütig er
sonst ist, nicht gütig und nachsichtig genug gegen mich. Denn daß es
etwas damit ist, das weiß ich von Johanna und weiß es auch von unserer
Frau Kruse. Das ist nämlich unsere Kutscherfrau, die mit einem
schwarzen Huhn beständig in einer überheizten Stube sitzt. Dies allein
schon ist ängstlich genug. Und nun weißt Du, warum ich kommen will,
wenn es erst soweit ist. Ach, wäre es nur erst soweit. Es sind
so viele Gründe, warum ich es wünsche. Heute abend haben wir
Silvesterball, und Gieshübler - der einzige nette Mensch hier,
trotzdem er eine hohe Schulter hat oder eigentlich schon etwas
mehr -, Gieshübler hat mir Kamelien geschickt. Ich werde doch
vielleicht tanzen. Unser Arzt sagt, es würde mir nichts schaden,
im Gegenteil. Und Innstetten, was mich fast überraschte, hat auch
eingewilligt. Und nun grüße und küsse Papa und all die andern Lieben.
Glückauf zum neuen Jahr. Deine Effi.



Dreizehntes Kapitel

Der Silvesterball hatte bis an den frühen Morgen gedauert, und Effi
war ausgiebig bewundert worden, freilich nicht ganz so anstandslos wie
das Kamelienbukett, von dem man wußte, daß es aus dem Gieshüblerschen
Treibhaus kam. Im übrigen blieb auch nach dem Silvesterball alles beim
alten, kaum daß Versuche gesellschaftlicher Annäherung gemacht worden
wären, und so kam es denn, daß der Winter als recht lange dauernd
empfunden wurde. Besuche seitens der benachbarten Adelsfamilien fanden
nur selten statt, und dem pflichtschuldigen Gegenbesuch ging in einem
halben Trauerton jedesmal die Bemerkung voraus: »Ja, Geert, wenn es
durchaus sein muß, aber ich vergehe vor Langeweile.« Worte, denen
Innstetten nur immer zustimmte. Was an solchen Besuchsnachmittagen
über Familie, Kinder, auch Landwirtschaft gesagt wurde, mochte gehen;
wenn dann aber die kirchlichen Fragen an die Reihe kamen und die
mitanwesenden Pastoren wie kleine Päpste behandelt wurden oder sich
auch wohl selbst als solche ansahen, dann riß Effi der Faden der
Geduld, und sie dachte mit Wehmut an Niemeyer, der immer zurückhaltend
und anspruchslos war, trotzdem es bei jeder größeren Feierlichkeit
hieß, er habe das Zeug, an den »Dom« berufen zu werden. Mit den
Borckes, den Flemmings, den Grasenabbs, so freundlich die Familien,
von Sidonie Grasenabb abgesehen, gesinnt waren - es wollte mit allen
nicht so recht gehen, und es hätte mit Freude, Zerstreuung und auch
nur leidlichem Sich-behaglich-Fühlen manchmal recht schlimm gestanden,
wenn Gieshübler nicht gewesen wäre. Der sorgte für Effi wie eine
kleine Vorsehung, und sie wußte es ihm auch Dank. Natürlich war er
neben allem andern auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser,
ganz zu schweigen, daß er an der Spitze des Journalzirkels stand, und
so verging denn fast kein Tag, wo nicht Mirambo ein großes weißes
Kuvert gebracht hätte mit allerhand Blättern und Zeitungen, in denen
die betreffenden Stellen angestrichen waren, meist eine kleine,
feine Bleistiftlinie, mitunter aber auch dick mit Blaustift und ein
Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben. Und dabei ließ er es nicht
bewenden; er schickte auch Feigen und Datteln, Schokoladentafeln in
Satineepapier und ein rotes Bändchen drum, und wenn etwas besonders
Schönes in seinem Treibhaus blühte, so brachte er es selbst und hatte
dann eine glückliche Plauderstunde mit der ihm so sympathischen jungen
Frau, für die er alle schönen Liebesgefühle durch- und nebeneinander
hatte, die des Vaters und Onkels, des Lehrers und Verehrers. Effi war
gerührt von dem allen und schrieb öfters darüber nach Hohen-Cremmen,
so daß die Mama sie mit ihrer »Liebe zum Alchimisten« zu necken
begann; aber diese wohlgemeinten Neckereien verfehlten ihren Zweck,
ja berührten sie beinahe schmerzlich, weil ihr, wenn auch unklar,
dabei zum Bewußtsein kam, was ihr in ihrer Ehe eigentlich fehlte:
Huldigungen, Anregungen, kleine Aufmerksamkeiten. Innstetten war lieb
und gut, aber ein Liebhaber war er nicht. Er hatte das Gefühl, Effi zu
lieben, und das gute Gewissen, daß es so sei, ließ ihn von besonderen
Anstrengungen absehen. Es war fast zur Regel geworden, daß er sich,
wenn Friedrich die Lampe brachte, aus seiner Frau Zimmer in sein
eigenes zurückzog. »Ich habe da noch eine verzwickte Geschichte
zu erledigen.« Und damit ging er. Die Portiere blieb freilich
zurückgeschlagen, so daß Effi das Blättern in dem Aktenstück oder das
Kritzeln seiner Feder hören konnte, aber das war auch alles. Rollo kam
dann wohl und legte sich vor sie hin auf den Kaminteppich, als ob er
sagen wolle: »Muß nur mal wieder nach dir sehen; ein anderer tut's
doch nicht.« Und dann beugte sie sich nieder und sagte leise: »Ja,
Rollo, wir sind allein.« Um neun erschien dann Innstetten wieder zum
Tee, meist die Zeitung in der Hand, sprach vom Fürsten, der wieder
viel Ärger habe, zumal über diesen Eugen Richter, dessen Haltung und
Sprache ganz unqualifizierbar seien, und ging dann die Ernennungen
und Ordensverleihungen durch, von denen er die meisten beanstandete.
Zuletzt sprach er von den Wahlen, und daß es ein Glück sei, einem
Kreis vorzustehen, in dem es noch Respekt gäbe. War er damit durch, so
bat er Effi, daß sie was spiele, aus Lohengrin oder aus der Walküre,
denn er war ein Wagnerschwärmer. Was ihn zu diesem hinübergeführt
hatte, war ungewiß; einige sagten, seine Nerven, denn so nüchtern
er schien, eigentlich war er nervös; andere schoben es auf Wagners
Stellung zur Judenfrage. Wahrscheinlich hatten beide recht. Um
zehn war Innstetten dann abgespannt und erging sich in ein paar
wohlgemeinten, aber etwas müden Zärtlichkeiten, die sich Effi gefallen
ließ, ohne sie recht zu erwidern.

So verging der Winter, der April kam, und in dem Garten hinter dem Hof
begann es zu grünen, worüber sich Effi freute; sie konnte gar nicht
abwarten, daß der Sommer komme mit seinen Spaziergängen am Strand und
seinen Badegästen. Wenn sie so zurückblickte, der Trippelli-Abend bei
Gieshübler und dann der Silvesterball, ja, das ging, das war etwas
Hübsches gewesen; aber die Monate, die dann gefolgt waren, die hatten
doch viel zu wünschen übriggelassen, und vor allem waren sie so
monoton gewesen, daß sie sogar mal an die Mama geschrieben hatte:
»Kannst Du Dir denken, Mama, daß ich mich mit unsrem Spuk beinah
ausgesöhnt habe? Natürlich die schreckliche Nacht, wo Geert drüben
beim Fürsten war, die möchte ich nicht noch einmal durchmachen, nein,
gewiß nicht; aber immer das Alleinsein und so gar nichts erleben, das
hat doch auch sein Schweres, und wenn ich dann in der Nacht aufwache,
dann horche ich mitunter hinauf, ob ich nicht die Schuhe schleifen
höre, und wenn alles still bleibt, so bin ich fast wie enttäuscht und
sage mir: Wenn es doch nur wiederkäme, nur nicht zu arg und nicht zu
nah.«

Das war im Februar, daß Effi so schrieb, und nun war beinahe Mai.
Drüben in der Plantage belebte sich's schon wieder, und man hörte die
Finken schlagen. Und in derselben Woche war es auch, daß die Störche
kamen, und einer schwebte langsam über ihr Haus hin und ließ sich dann
auf einer Scheune nieder, die neben Utpatels Mühle stand. Das war
seine alte Raststätte. Auch über dies Ereignis berichtete Effi, die
jetzt überhaupt häufiger nach Hohen-Cremmen schrieb, und es war in
demselben Brief, daß es am Schluß hieß: »Etwas, meine liebe Mama,
hätte ich beinah vergessen: den neuen Landwehrbezirkskommandeur,
den wir nun schon beinah vier Wochen hier haben. Ja, haben wir ihn
wirklich? Das ist die Frage, und eine Frage von Wichtigkeit dazu,
sosehr Du darüber lachen wirst und auch lachen mußt, weil Du den
gesellschaftlichen Notstand nicht kennst, in dem wir uns nach wie vor
befinden. Oder wenigstens ich, die ich mich mit dem Adel hier nicht
gut zurechtfinden kann. Vielleicht meine Schuld. Aber das ist gleich.
Tatsache bleibt: Notstand, und deshalb sah ich, durch all diese
Winterwochen hin, dem neuen Bezirkskommandeur wie einem Trost-
und Rettungsbringer entgegen. Sein Vorgänger war ein Greuel, von
schlechten Manieren und noch schlechteren Sitten, und zum Überfluß
auch noch immer schlecht bei Kasse. Wir haben all die Zeit über unter
ihm gelitten, Innstetten noch mehr als ich, und als wir Anfang April
hörten, Major von Crampas sei da, das ist nämlich der Name des neuen,
da fielen wir uns in die Arme, als könne uns nichts Schlimmes mehr
in diesem lieben Kessin passieren. Aber, wie schon kurz erwähnt, es
scheint, trotzdem er da ist, wieder nichts werden zu wollen. Crampas
ist verheiratet, zwei Kinder von zehn und acht Jahren, die Frau ein
Jahr älter als er, also sagen wir fünfundvierzig. Das würde nun an
und für sich nicht viel schaden, warum soll ich mich nicht mit einer
mütterlichen Freundin wundervoll unterhalten können? Die Trippelli
war auch nahe an Dreißig, und es ging ganz gut. Aber mit der Frau von
Crampas, übrigens keine Geborene, kann es nichts werden. Sie ist immer
verstimmt, beinahe melancholisch (ähnlich wie unsere Frau Kruse,
an die sie mich überhaupt erinnert), und das alles aus Eifersucht.
Er, Crampas, soll nämlich ein Mann vieler Verhältnisse sein, ein
Damenmann, etwas, was mir immer lächerlich ist und mir auch in diesem
Falle lächerlich sein würde, wenn er nicht um eben solcher Dinge
willen ein Duell mit einem Kameraden gehabt hätte. Der linke Arm wurde
ihm dicht unter der Schulter zerschmettert, und man sieht es sofort,
trotzdem die Operation, wie mir Innstetten erzählt (ich glaube, sie
nennen es Resektion, damals noch von Wilms ausgeführt), als ein
Meisterstück der Kunst gerühmt wurde. Beide, Herr und Frau von
Crampas, waren vor vierzehn Tagen bei uns, um uns ihren Besuch zu
machen; es war eine sehr peinliche Situation, denn Frau von Crampas
beobachtete ihren Mann so, daß er in eine halbe und ich in eine ganze
Verlegenheit kam. Daß er selbst sehr anders sein kann, ausgelassen
und übermütig, davon überzeugte ich mich, als er vor drei Tagen mit
Innstetten allein war und ich, von meinem Zimmer her, dem Gang ihrer
Unterhaltung folgen konnte. Nachher sprach auch ich ihn. Vollkommener
Kavalier, ungewöhnlich gewandt. Innstetten war während des Krieges in
derselben Brigade mit ihm, und sie haben sich im Norden von Paris bei
Graf Gröben öfter gesehen. Ja, meine liebe Mama, das wäre nun also
etwas gewesen, um in Kessin ein neues Leben beginnen zu können; er,
der Major, hat auch nicht die pommerschen Vorurteile, trotzdem er in
Schwedisch-Pommern zu Hause sein soll. Aber die Frau! Ohne sie geht es
natürlich nicht, und mit ihr erst recht nicht.«

Effi hatte ganz recht gehabt, und es kam wirklich zu keiner weiteren
Annäherung mit dem Crampasschen Paar. Man sah sich mal bei der
Borckeschen Familie draußen, ein andermal ganz flüchtig auf dem
Bahnhof und wenige Tage später auf einer Boots- und Vergnügungsfahrt,
die nach einem am Breitling gelegenen großen Buchen- und Eichenwald,
der »Der Schnatermann« hieß, gemacht wurde; es kam aber über kurze
Begrüßungen nicht hinaus, und Effi war froh, als Anfang Juni die
Saison sich ankündigte. Freilich fehlte es noch an Badegästen, die vor
Johanni überhaupt nur in Einzelexemplaren einzutreffen pflegten, aber
schon die Vorbereitungen waren eine Zerstreuung. In der Plantage
wurden Karussell und Scheibenstände hergerichtet, die Schiffersleute
kalfaterten und strichen ihre Boote, jede kleine Wohnung erhielt neue
Gardinen, die Zimmer, die feucht lagen, also den Schwamm unter der
Diele hatten, wurden ausgeschwefelt und dann gelüftet.

Auch in Effis eigener Wohnung, freilich um eines anderen Ankömmlings
als der Badegäste willen, war alles in einer gewissen Erregung; selbst
Frau Kruse wollte mittun, so gut es ging. Aber davor erschrak Effi
lebhaft und sagte: »Geert, daß nur die Frau Kruse nichts anfaßt; da
kann nichts werden, und ich ängstige mich schon gerade genug.«

Innstetten versprach auch alles, Christel und Johanna hätten ja Zeit
genug, und um seiner jungen Frau Gedanken überhaupt in eine andere
Richtung zu bringen, ließ er das Thema der Vorbereitungen ganz fallen
und fragte statt dessen, ob sie schon bemerkt habe, daß drüben ein
Badegast eingezogen sei, nicht gerade der erste, aber doch einer der
ersten.

»Ein Herr?«

»Nein, eine Dame, die schon früher hier war, jedesmal in derselben
Wohnung. Und sie kommt immer so früh, weil sie's nicht leiden kann,
wenn alles schon so voll ist.«

»Das kann ich ihr nicht verdenken. Und wer ist es denn?« »Die
verwitwete Registrator Rode.«

»Sonderbar. Ich habe mir Registratorwitwen immer arm gedacht.«

»Ja«, lachte Innstetten, »das ist die Regel. Aber hier hast du eine
Ausnahme. Jedenfalls hat sie mehr als ihre Witwenpension. Sie kommt
immer mit viel Gepäck, unendlich viel mehr, als sie gebraucht, und
scheint überhaupt eine ganz eigene Frau, wunderlich, kränklich und
namentlich schwach auf den Füßen. Sie mißtraut sich deshalb auch und
hat immer eine ältliche Dienerin um sich, die kräftig genug ist, sie
zu schützen oder sie zu tragen, wenn ihr was passiert. Diesmal hat sie
eine neue. Aber doch wieder eine ganz ramassierte Person, ähnlich wie
die Trippelli, nur noch stärker.«

»Oh, die hab ich schon gesehen. Gute braune Augen, die einen treu und
zuversichtlich ansehen. Aber ein klein bißchen dumm.« - »Richtig, das
ist sie.«

Das war Mitte Juni, daß Innstetten und Effi dies Gespräch hatten.
Von da ab brachte jeder Tag Zuzug, und nach dem Bollwerk hin
spazierengehen, um daselbst die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten,
wurde, wie immer um diese Zeit, eine Art Tagesbeschäftigung für die
Kessiner. Effi freilich, weil Innstetten sie nicht begleiten konnte,
mußte darauf verzichten, aber sie hatte doch wenigstens die Freude,
die nach dem Strand und dem Strandhotel hinausführende, sonst so
menschenleere Straße sich beleben zu sehen, und war denn auch, um
immer wieder Zeuge davon zu sein, viel mehr als sonst in ihrem
Schlafzimmer, von dessen Fenstern aus sich alles am besten beobachten
ließ. Johanna stand dann neben ihr und gab Antwort auf ziemlich alles,
was sie wissen wollte; denn da die meisten alljährlich wiederkehrende
Gäste waren, so konnte das Mädchen nicht bloß die Namen nennen,
sondern mitunter auch eine Geschichte dazu geben.

Das alles war unterhaltlich und erheiternd für Effi. Gerade am
Johannistag aber traf es sich, daß kurz vor elf Uhr vormittags, wo
sonst der Verkehr vom Dampfschiff her am buntesten vorüberflutete,
statt der mit Ehepaaren, Kindern und Reisekoffern besetzten Droschken
aus der Mitte der Stadt her ein schwarz verhangener Wagen (dem sich
zwei Trauerkutschen anschlossen) die zur Plantage führende Straße
herunterkam und vor dem der landrätlichen Wohnung gegenüber gelegenen
Hause hielt. Die verwitwete Frau Registrator Rode war nämlich drei
Tage vorher gestorben, und nach Eintreffen der in aller Kürze
benachrichtigten Berliner Verwandten war seitens ebendieser
beschlossen worden, die Tote nicht nach Berlin hin überzuführen,
sondern auf dem Kessiner Dünenkirchhof begraben zu wollen. Effi stand
am Fenster und sah neugierig auf die sonderbar feierliche Szene, die
sich drüben abspielte. Die zum Begräbnis von Berlin her Eingetroffenen
waren zwei Neffen mit ihren Frauen, alle gegen Vierzig, etwas mehr
oder weniger, und von beneidenswert gesunder Gesichtsfarbe. Die
Neffen, in gutsitzenden Fracks, konnten passieren, und die nüchterne
Geschäftsmäßigkeit, die sich in ihrem gesamten Tun ausdrückte, war im
Grunde mehr kleidsam als störend. Aber die beiden Frauen! Sie waren
ganz ersichtlich bemüht, den Kessinern zu zeigen, was eigentlich
Trauer sei, und trugen denn auch lange, bis an die Erde reichende
schwarze Kreppschleier, die zugleich ihr Gesicht verhüllten. Und nun
wurde der Sarg, auf dem einige Kränze und sogar ein Palmwedel lagen,
auf den Wagen gestellt, und die beiden Ehepaare setzten sich in die
Kutschen. In die erste - gemeinschaftlich mit dem einen der beiden
leidtragenden Paare - stieg auch Lindequist, hinter der zweiten
Kutsche aber ging die Hauswirtin und neben dieser die stattliche
Person, die die Verstorbene zur Aushilfe mit nach Kessin gebracht
hatte. Letztere war sehr aufgeregt und schien durchaus ehrlich darin,
wenn dies Aufgeregtsein auch vielleicht nicht gerade Trauer war;
der sehr heftig schluchzenden Hauswirtin aber, einer Witwe, sah man
dagegen fast allzu deutlich an, daß sie sich beständig die Möglichkeit
eines Extrageschenkes berechnete, trotzdem sie in der bevorzugten und
von anderen Wirtinnen auch sehr beneideten Lage war, die für den
ganzen Sommer vermietete Wohnung noch einmal vermieten zu können.

Effi, als der Zug sich in Bewegung setzte, ging in ihren hinter dem
Hof gelegenen Garten, um hier, zwischen den Buchsbaumbeeten, den
Eindruck des Lieb- und Leblosen, den die ganze Szene drüben auf sie
gemacht hatte, wieder loszuwerden. Als dies aber nicht glücken wollte,
kam ihr die Lust, statt ihrer eintönigen Gartenpromenade lieber einen
weiteren Spaziergang zu machen, und zwar um so mehr, als ihr der Arzt
gesagt hatte, viel Bewegung im Freien sei das Beste, was sie bei
dem, was ihr bevorstände, tun könne. Johanna, die mit im Garten
war, brachte ihr denn auch Umhang, Hut und Entoutcas, und mit einem
freundlichen »Guten Tag« trat Effi aus dem Hause heraus und ging auf
das Wäldchen zu, neben dessen breitem chaussierten Mittelweg ein
schmalerer Fußsteig auf die Dünen und das am Strand gelegene Hotel
zulief. Unterwegs standen Bänke, von denen sie jede benutzte, denn
das Gehen griff sie an, und um so mehr, als inzwischen die heiße
Mittagsstunde herangekommen war. Aber wenn sie saß und von ihrem
bequemen Platz aus die Wagen und die Damen in Toilette beobachtete,
die da hinausfuhren, so belebte sie sich wieder. Denn Heiteres sehen,
war ihr wie Lebensluft. Als das Wäldchen aufhörte, kam freilich noch
eine allerschlimmste Wegstelle - Sand und wieder Sand, und nirgends
eine Spur von Schatten; aber glücklicherweise waren hier Bohlen und
Bretter gelegt, und so kam sie, wenn auch erhitzt und müde, doch
in guter Laune bei dem Strandhotel an. Drinnen im Saal wurde schon
gegessen, aber hier draußen um sie her war alles still und leer, was
ihr in diesem Augenblick denn auch das liebste war. Sie ließ sich ein
Glas Sherry und eine Flasche Biliner Wasser bringen und sah auf das
Meer hinaus, das im hellen Sonnenlichte schimmerte, während es am Ufer
in kleinen Wellen brandete. »Da drüben liegt Bornholm und dahinter
Wisby, wovon mir Jahnke vor Zeiten immer Wunderdinge vorschwärmte.
Und hinter Wisby kommt Stockholm, wo das Stockholmer Blutbad war,
und dann kommen die großen Ströme und dann das Nordkap und dann die
Mitternachtssonne.« Und im Augenblick erfaßte sie eine Sehnsucht, das
alles zu sehen. Aber dann gedachte sie wieder dessen, was ihr so nahe
bevorstand, und sie erschrak fast. »Es ist eine Sünde, daß ich so
leichtsinnig bin und solche Gedanken habe und mich wegträume, während
ich doch an das nächste denken müßte. Vielleicht bestraft es sich auch
noch, und alles stirbt hin, das Kind und ich. Und der Wagen und die
zwei Kutschen, die halten dann nicht drüben vor dem Hause, die halten
dann bei uns ... Nein, nein, ich mag hier nicht sterben, ich will hier
nicht begraben sein, ich will nach Hohen-Cremmen. Und Lindequist, so
gut er ist - aber Niemeyer ist mir lieber; er hat mich getauft und
eingesegnet und getraut, und Niemeyer soll mich auch begraben.« Und
dabei fiel eine Träne auf ihre Hand. Dann aber lachte sie wieder.
»Ich lebe ja noch und bin erst siebzehn, und Niemeyer ist
siebenundfünfzig.«

In dem Eßsaal hörte sie das Geklapper des Geschirrs. Aber mit einem
Male war es ihr, als ob die Stühle geschoben würden; vielleicht stand
man schon auf, und sie wollte jede Begegnung vermeiden. So erhob sie
sich auch ihrerseits rasch wieder von ihrem Platz, um auf einem Umweg
nach der Stadt zurückzukehren. Dieser Umweg führte sie dicht an dem
Dünenkirchhof vorüber, und weil der Torweg des Kirchhofs gerade
offenstand, trat sie ein. Alles blühte hier, Schmetterlinge flogen
über die Gräber hin, und hoch in den Lüften standen ein paar Möwen.
Es war so still und schön, und sie hätte hier gleich bei den ersten
Gräbern verweilen mögen; aber weil die Sonne mit jedem Augenblick
heißer niederbrannte, ging sie höher hinauf, auf einen schattigen Gang
zu, den Hängeweiden und etliche an den Gräbern stehende Trauereschen
bildeten. Als sie bis an das Ende dieses Ganges gekommen, sah sie zur
Rechten einen frisch aufgeworfenen Sandhügel, mit vier, fünf Kränzen
darauf, und dicht daneben eine schon außerhalb der Baumreihe stehende
Bank, darauf die gute, robuste Person saß, die an der Seite der
Hauswirtin dem Sarge der verwitweten Registratorin als letzte
Leidtragende gefolgt war. Effi erkannte sie sofort wieder und war in
ihrem Herzen bewegt, die gute, treue Person, denn dafür mußte sie sie
halten, in sengender Sonnenhitze hier vorzufinden. Seit dem Begräbnis
waren wohl an zwei Stunden vergangen. »Es ist eine heiße Stelle, die
Sie sich da ausgesucht haben«, sagte Effi, »viel zu heiß. Und wenn ein
Unglück kommen soll, dann haben Sie den Sonnenstich.« »Das wäre auch
das beste.« »Wie das?« - »Dann wär ich aus der Welt.« »Ich meine, das
darf man nicht sagen, auch wenn man unglücklich ist oder wenn einem
wer gestorben ist, den man liebhatte. Sie hatten sie wohl sehr lieb?«
»Ich? Die? I, Gott bewahre.« »Sie sind aber doch sehr traurig. Das muß
doch einen Grund haben.« »Den hat es auch, gnädigste Frau.« »Kennen
Sie mich?« »Ja. Sie sind die Frau Landrätin von drüben. Und ich habe
mit der Alten immer von Ihnen gesprochen. Zuletzt konnte sie nicht
mehr, weil sie keine rechte Luft mehr hatte, denn es saß ihr hier und
wird wohl Wasser gewesen sein; aber solange sie noch reden konnte,
redete sie immerzu. Es war ne richtige Berlinsche ...« - »Gute Frau?«
»Nein; wenn ich das sagen wollte, müßt ich lügen. Da liegt sie nun,
und man soll von einem Toten nichts Schlimmes sagen, und erst recht
nicht, wenn er so kaum seine Ruhe hat. Na, die wird sie ja wohl haben!
Aber sie taugte nichts und war zänkisch und geizig, und für mich hat
sie auch nicht gesorgt. Und die Verwandtschaft, die da gestern von
Berlin gekommen ... gezankt haben sie sich bis in die sinkende Nacht
... na, die taugt auch nichts, die taugt erst recht nichts. Lauter
schlechtes Volk, happig und gierig und hartherzig, und haben mir
barsch und unfreundlich und mit allerlei Redensarten meinen Lohn
ausgezahlt, bloß weil sie mußten und weil es bloß noch sechs Tage sind
bis zum Vierteljahresersten. Sonst hätte ich nichts gekriegt oder
bloß halb oder bloß ein Viertel. Nichts aus freien Stücken. Und einen
eingerissenen Fünfmarkschein haben sie mir gegeben, daß ich nach
Berlin zurückreisen kann; na, es reicht so gerade für die vierte
Klasse, und ich werde wohl auf meinem Koffer sitzen müssen. Aber ich
will auch gar nicht; ich will hier sitzen bleiben und warten, bis
ich sterbe ... Gott, ich dachte nun mal Ruhe zu haben und hätte auch
ausgehalten bei der Alten. Und nun ist es wieder nichts und soll mich
wieder rumstoßen lassen. Und kattolsch bin ich auch noch. Ach, ich
hab es satt und läg am liebsten, wo die Alte liegt, und sie könnte
meinetwegen weiterleben ... Sie hätte gerne noch weitergelebt; solche
Menschenschikanierer, die nich mal Luft haben, die leben immer am
liebsten.«

Rollo, der Effi begleitet hatte, hatte sich mittlerweile vor die
Person hingesetzt, die Zunge weit heraus, und sah sie an. Als sie
jetzt schwieg, erhob er sich, ging einen Schritt vor und legte seinen
Kopf auf ihre Knie.

Mit einem Male war die Person wie verwandelt. »Gott, das bedeutet mir
was. Das is ja 'ne Kreatur, die mich leiden kann, die mich freundlich
ansieht und ihren Kopf auf meine Knie legt. Gott, das ist lange her,
daß ich so was gehabt habe. Nu, mein Alterchen, wie heißt du denn? Du
bist ja ein Prachtkerl.« - »Rollo«, sagte Effi.

»Rollo; das ist sonderbar. Aber der Name tut nichts. Ich habe auch
einen sonderbaren Namen, das heißt Vornamen. Und einen andern hat
unsereins ja nicht.«

»Wie heißen Sie denn?« - »Ich heiße Roswitha.« »Ja, das ist selten,
das ist ja ...«

»Ja, ganz recht, gnädige Frau, das ist ein kattolscher Name. Und das
kommt auch noch dazu, daß ich eine Kattolsche bin.

Aus'n Eichsfeld. Und das Kattolsche, das macht es einem immer noch
schwerer und saurer. Viele wollen keine Kattolsche, weil sie so viel
in die Kirche rennen. 'Immer in die Beichte; und die Hauptsache sagen
sie doch nich' - Gott, wie oft hab ich das hören müssen, erst als ich
in Giebichenstein im Dienst war und dann in Berlin. Ich bin aber eine
schlechte Katholikin und bin ganz davon abgekommen, und vielleicht
geht es mir deshalb so schlecht; ja, man darf nich von seinem Glauben
lassen und muß alles ordentlich mitmachen.«

»Roswitha«, wiederholte Effi den Namen und setzte sich zu ihr auf die
Bank. »Was haben Sie nun vor?«

»Ach, gnäd'ge Frau, was soll ich vorhaben. Ich habe gar nichts vor.
Wahr und wahrhaftig, ich möchte hier sitzen bleiben und warten, bis
ich tot umfalle. Das wäre mir das liebste. Und dann würden die Leute
noch denken, ich hätte die Alte so geliebt wie ein treuer Hund und
hätte von ihrem Grab nicht weggewollt und wäre da gestorben. Aber das
ist falsch, für solche Alte stirbt man nicht; ich will bloß sterben,
weil ich nicht leben kann.«

»Ich will Sie was fragen, Roswitha. Sind Sie, was man so 'kinderlieb'
nennt? Waren Sie schon mal bei kleinen Kindern?«

»Gewiß war ich. Das ist ja mein Bestes und Schönstes. Solche alte
Berlinsche - Gott verzeih mir die Sünde, denn sie ist nun tot und
steht vor Gottes Thron und kann mich da verklagen -, solche Alte, wie
die da, ja, das ist schrecklich, was man da alles tun muß, und steht
einem hier vor Brust und Magen, aber solch kleines, liebes Ding, solch
Dingelchen wie ne Puppe, das einen mit seinen Guckäugelchen ansieht,
ja, das ist was, da geht einem das Herz auf. Als ich in Halle war, da
war ich Amme bei der Frau Salzdirektorin, und in Giebichenstein, wo
ich nachher hinkam, da hab ich Zwillinge mit der Flasche großgezogen;
ja, gnäd'ge Frau, das versteh ich, da drin bin ich wie zu Hause.«

»Nun, wissen Sie was, Roswitha, Sie sind eine gute, treue Person, das
seh ich Ihnen an, ein bißchen gradezu, aber das schadet nichts, das
sind mitunter die Besten, und ich habe gleich ein Zutrauen zu Ihnen
gefaßt. Wollen Sie mit zu mir kommen? Mir ist, als hätte Gott Sie mir
geschickt. Ich erwarte nun bald ein Kleines, Gott gebe mir seine Hilfe
dazu, und wenn das Kind da ist, dann muß es gepflegt und abgewartet
werden und vielleicht auch gepäppelt. Man kann das ja nicht wissen,
wiewohl ich es anders wünsche. Was meinen Sie, wollen Sie mit zu mir
kommen? Ich kann mir nicht denken, daß ich mich in Ihnen irre.«

Roswitha war aufgesprungen und hatte die Hand der jungen Frau
ergriffen und küßte sie mit Ungestüm. »Ach, es ist doch ein Gott im
Himmel, und wenn die Not am größten ist, ist die Hilfe am nächsten.
Sie sollen sehn, gnäd'ge Frau, es geht; ich bin eine ordentliche
Person und habe gute Zeugnisse. Das können Sie sehn, wenn ich Ihnen
mein Buch bringe. Gleich den ersten Tag, als ich die gnäd'ge Frau sah,
da dacht ich: 'Ja, wenn du mal solchen Dienst hättest.' Und nun soll
ich ihn haben. O du lieber Gott, o du heil'ge Jungfrau Maria, wer mir
das gesagt hätte, wie wir die Alte hier unter der Erde hatten und
die Verwandten machten, daß sie wieder fortkamen, und mich hier
sitzenließen.«

»Ja, unverhofft kommt oft, Roswitha, und mitunter auch im Guten. Und
nun wollen wir gehen. Rollo wird schon ungeduldig und läuft immer auf
das Tor zu.«

Roswitha war gleich bereit, trat aber noch einmal an das Grab,
brummelte was vor sich hin und machte ein Kreuz. Und dann gingen sie
den schattigen Gang hinunter und wieder auf das Kirchhofstor zu.

Drüben lag die eingegitterte Stelle, deren weißer Stein in der
Nachmittagssonne blinkte und blitzte. Effi konnte jetzt ruhiger
hinsehen. Eine Weile noch führte der Weg zwischen Dünen hin, bis sie,
dicht vor Utpatels Mühle, den Außenrand des Wäldchens erreichte. Da
bog sie links ein, und unter Benutzung einer schräglaufenden Allee,
die die »Reeperbahn« hieß, ging sie mit Roswitha auf die landrätliche
Wohnung zu.



Vierzehntes Kapitel

Keine Viertelstunde, so war die Wohnung erreicht. Als beide hier in
den kühlen Flur traten, war Roswitha beim Anblick all des Sonderbaren,
das da herumhing, wie befangen; Effi aber ließ sie nicht zu weiteren
Betrachtungen kommen und sagte: »Roswitha, nun gehen Sie da hinein.
Das ist das Zimmer, wo wir schlafen. Ich will erst zu meinem Mann nach
dem Landratsamt hinüber - das große Haus da neben dem kleinen, in dem
Sie gewohnt haben - und will ihm sagen, daß ich Sie zur Pflege haben
möchte bei dem Kinde. Er wird wohl mit allem einverstanden sein, aber
ich muß doch erst seine Zustimmung haben. Und wenn ich die habe, dann
müssen wir ihn ausquartieren, und Sie schlafen mit mir in dem Alkoven.
Ich denke, wir werden uns schon vertragen.«

Innstetten, als er erfuhr, um was sich's handle, sagte rasch und
in guter Laune: »Das hast du recht gemacht, Effi, und wenn ihr
Gesindebuch nicht zu schlimme Sachen sagt, so nehmen wir sie auf ihr
gutes Gesicht hin. Es ist doch, Gott sei Dank, selten, daß einen das
täuscht.«

Effi war sehr glücklich, so wenig Schwierigkeiten zu begegnen, und
sagte: »Nun wird es gehen. Ich fürchte mich jetzt nicht mehr.«

»Um was, Effi?«

»Ach, du weißt ja ... Aber Einbildungen sind das schlimmste, mitunter
schlimmer als alles.«

Roswitha zog in selbiger Stunde noch mit ihren paar Habseligkeiten in
das landrätliche Haus hinüber und richtete sich in dem kleinen Alkoven
ein. Als der Tag um war, ging sie früh zu Bett und schlief, ermüdet
wie sie war, gleich ein. Am andern Morgen erkundigte sich Effi - die
seit einiger Zeit (denn es war gerade Vollmond) wieder in Ängsten
lebte -, wie Roswitha geschlafen und ob sie nichts gehört habe.

»Was?« fragte diese.

»Oh, nichts. Ich meine nur so; so was, wie wenn ein Besen fegt oder
wie wenn einer über die Diele schlittert.«

Roswitha lachte, was auf ihre junge Herrin einen besonders guten
Eindruck machte. Effi war fest protestantisch erzogen und würde sehr
erschrocken gewesen sein, wenn man an und in ihr was Katholisches
entdeckt hätte; trotzdem glaubte sie, daß der Katholizismus uns gegen
solche Dinge »wie da oben« besser schütze; ja, diese Betrachtung hatte
bei dem Plan, Roswitha ins Haus zu nehmen, ganz erheblich mitgewirkt.

Man lebte sich schnell ein, denn Effi hatte ganz den liebenswürdigen
Zug der meisten märkischen Landfräulein, sich gern allerlei kleine
Geschichten erzählen zu lassen, und die verstorbene Frau Registratorin
und ihr Geiz und ihre Neffen und ihre Frauen boten einen
unerschöpflichen Stoff. Auch Johanna hörte dabei gerne zu.

Diese, wenn Effi bei den drastischen Stellen oft laut lachte, lächelte
freilich und verwunderte sich im stillen, daß die gnädige Frau an all
dem dummen Zeug soviel Gefallen finde; diese Verwunderung aber, die
mit einem starken Überlegenheitsgefühl Hand in Hand ging, war doch
auch wieder ein Glück und sorgte dafür, daß keine Rangstreitigkeiten
aufkommen konnten. Roswitha war einfach die komische Figur, und Neid
gegen sie zu hegen wäre für Johanna nichts anderes gewesen, wie wenn
sie Rollo um seine Freundschaftsstellung beneidet hätte.

So verging eine Woche, plauderhaft und beinahe gemütlich, weil
Effi dem, was ihr persönlich bevorstand, ungeängstigter als früher
entgegensah. Auch glaubte sie nicht, daß es so nahe sei. Den neunten
Tag aber war es mit dem Plaudern und den Gemütlichkeiten vorbei; da
gab es ein Laufen und Rennen, Innstetten selbst kam ganz aus seiner
gewohnten Reserve heraus, und am Morgen des 3. Juli stand neben Effis
Bett eine Wiege. Doktor Hannemann patschelte der jungen Frau die Hand
und sagte: »Wir haben heute den Tag von Königgrätz; schade, daß es ein
Mädchen ist. Aber das andere kann ja nachkommen, und die Preußen haben
viele Siegestage.« Roswitha mochte wohl Ähnliches denken, freute sich
indessen vorläufig ganz uneingeschränkt über das, was da war, und
nannte das Kind ohne weiteres »Lütt-Annie«, was der jungen Mutter als
ein Zeichen galt. Es müsse doch wohl eine Eingebung gewesen sein, daß
Roswitha gerade auf diesen Namen gekommen sei. Selbst Innstetten wußte
nichts dagegen zu sagen, und so wurde von Klein Annie gesprochen,
lange bevor der Tauftag da war. Effi, die von Mitte August an bei den
Eltern in Hohen-Cremmen sein wollte, hätte die Taufe gern bis dahin
verschoben. Aber es ließ sich nichts tun; Innstetten konnte nicht
Urlaub nehmen, und so wurde denn der 15. August, trotzdem es
der Napoleonstag war (was denn auch von seiten einiger Familien
beanstandet wurde), für diesen Taufakt festgesetzt, natürlich in der
Kirche. Das sich anschließende Festmahl, weil das landrätliche Haus
keinen Saal hatte, fand in dem großen Ressourcen-Hotel am Bollwerk
statt, und der gesamte Nachbaradel war geladen und auch erschienen.
Pastor Lindequist ließ Mutter und Kind in einem liebenswürdigen und
allseitig bewunderten Toaste leben, bei welcher Gelegenheit Sidonie
von Grasenabb zu ihrem Nachbar, einem adligen Assessor von der
strengen Richtung, bemerkte: »Ja, seine Kasualreden, das geht. Aber
seine Predigten kann er vor Gott und Menschen nicht verantworten; er
ist ein Halber, einer von denen, die verworfen sind, weil sie lau
sind. Ich mag das Bibelwort hier nicht wörtlich zitieren.« Gleich
danach nahm auch der alte Herr von Borcke das Wort, um Innstetten
leben zu lassen. »Meine Herrschaften, es sind schwere Zeiten, in denen
wir leben, Auflehnung, Trotz, Indisziplin wohin wir blicken. Aber
solange wir noch Männer haben, und ich darf hinzusetzen, Frauen und
Mütter (und hier verbeugte er sich mit einer eleganten Handbewegung
gegen Effi) ... solange wir noch Männer haben wie Baron Innstetten,
den ich stolz bin, meinen Freund nennen zu dürfen, so lange geht es
noch, so lange hält unser altes Preußen noch. Ja, meine Freunde,
Pommern und Brandenburg, damit zwingen wir's und zertreten dem Drachen
der Revolution das giftige Haupt. Fest und treu, so siegen wir. Die
Katholiken, unsere Brüder, die wir, auch wenn wir sie bekämpfen,
achten müssen, haben den 'Felsen Petri', wir aber haben den 'Rocher de
bronce'. Baron Innstetten, er lebe hoch!« Innstetten dankte ganz kurz.
Effi sagte zu dem neben ihr sitzenden Major von Crampas, das mit
dem »Felsen Petri« sei wahrscheinlich eine Huldigung gegen Roswitha
gewesen; sie werde nachher an den alten Justizrat Gadebusch
herantreten und ihn fragen, ob er nicht Ihrer Meinung sei. Crampas
nahm diese Bemerkung unerklärlicherweise für Ernst und riet von einer
Anfrage bei dem Justizrat ab, was Effi ungemein erheiterte. »Ich
habe Sie doch für einen besseren Seelenleser gehalten.« »Ach, meine
Gnädigste, bei schönen jungen Frauen, die noch nicht achtzehn sind,
scheitert alle Lesekunst.«

»Sie verderben sich vollends, Major. Sie können mich eine Großmutter
nennen, aber Anspielungen darauf, daß ich noch nicht achtzehn bin, das
kann Ihnen nie verziehen werden.«

Als man von Tisch aufgestanden war, kam der Spätnachmittagsdampfer die
Kessine herunter und legte an der Landungsbrücke, gegenüber dem Hotel,
an. Effi saß mit Crampas und Gieshübler beim Kaffee, alle Fenster auf,
und sah dem Schauspiel drüben zu. »Morgen früh um neun führt mich
dasselbe Schiff den Fluß hinauf, und zu Mittag bin ich in Berlin, und
am Abend bin ich in Hohen-Cremmen, und Roswitha geht neben mir und
hält das Kind auf dem Arm. Hoffentlich schreit es nicht. Ach, wie mir
schon heute zumute ist! Lieber Gieshübler, sind Sie auch mal so froh
gewesen, Ihr elterliches Haus wiederzusehen?«

»Ja, ich kenne das auch, gnädigste Frau. Nur bloß, ich brachte kein
Anniechen mit, weil ich keins hatte.«

»Kommt noch«, sagte Crampas. »Stoßen Sie an, Gieshübler; Sie sind der
einzige vernünftige Mensch hier.«

»Aber, Herr Major, wir haben ja bloß noch den Kognak.« »Desto besser.«



Fünfzehntes Kapitel

Mitte August war Effi abgereist, Ende September war sie wieder in
Kessin. Manchmal in den zwischenliegenden sechs Wochen hatte sie's
zurückverlangt; als sie aber wieder da war und in den dunklen Flur
eintrat, auf den nur von der Treppenstiege her ein etwas fahles Licht
fiel, wurde ihr mit einemmal wieder bang, und sie sagte leise: »Solch
fahles, gelbes Licht gibt es in Hohen-Cremmen gar nicht.«

Ja, ein paarmal während ihrer Hohen-Cremmer Tage hatte sie Sehnsucht
nach dem »verwunschenen Hause« gehabt, alles in allem aber war ihr
doch das Leben daheim voller Glück und Zufriedenheit gewesen. Mit
Hulda freilich, die's nicht verwinden konnte, noch immer auf Mann oder
Bräutigam warten zu müssen, hatte sie sich nicht recht stellen können,
desto besser dagegen mit den Zwillingen, und mehr als einmal, wenn
sie mit ihnen Ball oder Krocket gespielt hatte, war ihr's ganz aus
dem Sinn gekommen, überhaupt verheiratet zu sein. Das waren dann
glückliche Viertelstunden gewesen. Am liebsten aber hatte sie wie
früher auf dem durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und
in dem Gefühl »jetzt stürz ich« etwas eigentümlich Prickelndes, einen
Schauer süßer Gefahr empfunden. Sprang sie dann schließlich von der
Schaukel ab, so begleitete sie die beiden Mädchen bis an die Bank
vor dem Schulhause und erzählte, wenn sie dasaßen, dem alsbald
hinzukommenden Jahnke von ihrem Leben in Kessin, das halb hanseatisch
und halb skandinavisch und jedenfalls sehr anders als in Schwantikow
und Hohen-Cremmen sei.

Das waren so die täglichen kleinen Zerstreuungen, an die sich
gelegentlich auch Fahrten in das sommerliche Luch schlossen, meist im
Jagdwagen; allem voran aber standen für Effi doch die Plaudereien, die
sie beinahe jeden Morgen mit der Mama hatte. Sie saßen dann oben in
der luftigen großen Stube, Roswitha wiegte das Kind und sang in einem
thüringischen Platt allerlei Wiegenlieder, die niemand recht verstand,
vielleicht sie selber nicht; Effi und Frau von Briest aber rückten ans
offene Fenster und sahen, während sie sprachen, auf den Park hinunter,
auf die Sonnenuhr oder auf die Libellen, die beinahe regungslos über
dem Tisch standen, oder auch auf den Fliesengang, wo Herr von Briest
neben dem Treppenvorbau saß und die Zeitungen las. Immer wenn er
umschlug, nahm er zuvor den Kneifer ab und grüßte zu Frau und Tochter
hinauf. Kam dann das letzte Blatt an die Reihe, das in der Regel der
»Anzeiger fürs Havelland« war, so ging Effi hinunter, um sich entweder
zu ihm zu setzen oder um mit ihm durch Garten und Park zu schlendern.
Einmal bei solcher Gelegenheit traten sie, von dem Kiesweg her, an
ein kleines, zur Seite stehendes Denkmal heran, das schon Briests
Großvater zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo hatte aufrichten
lassen, eine verrostete Pyramide mit einem gegossenen Blücher in Front
und einem dito Wellington auf der Rückseite.

»Hast du nun solche Spaziergänge auch in Kessin«, sagte Briest, »und
begleitet dich Innstetten auch und erzählt dir allerlei?«

»Nein, Papa, solche Spaziergänge habe ich nicht. Das ist
ausgeschlossen denn wir haben bloß einen kleinen Garten hinter
dem Haus, der eigentlich kaum ein Garten ist, bloß ein paar
Buchsbaumrabatten und Gemüsebeete mit drei, vier Obstbäumen drin.
Innstetten hat keinen Sinn dafür und denkt wohl auch nicht sehr lange
mehr in Kessin zu bleiben.«

»Aber Kind, du mußt doch Bewegung haben und frische Luft, daran bist
du doch gewöhnt.«

»Hab ich auch. Unser Haus liegt an einem Wäldchen, das sie die
Plantage nennen. Und da geh ich denn viel spazieren und Rollo mit
mir.«

»Immer Rollo«, lachte Briest. »Wenn man's nicht anders wüßte, so
sollte man beinah glauben, Rollo sei dir mehr ans Herz gewachsen als
Mann und Kind.«

»Ach, Papa, das wäre ja schrecklich, wenn's auch freilich -soviel
muß ich zugeben - eine Zeit gegeben hat, wo's ohne Rollo gar nicht
gegangen wäre. Das war damals ... nun, du weißt schon ... Da hat er
mich so gut wie gerettet, oder ich habe mir's wenigstens eingebildet,
und seitdem ist er mein guter Freund und mein ganz besonderer Verlaß.
Aber er ist doch bloß ein Hund. Und erst kommen doch natürlich die
Menschen.«

»Ja, das sagt man immer, aber ich habe da doch so meine Zweifel. Das
mit der Kreatur, damit hat's doch seine eigene Bewandtnis, und was
da das Richtige ist, darüber sind die Akten noch nicht geschlossen.
Glaube mir, Effi, das ist auch ein weites Feld. Wenn ich mir so denke,
da verunglückt einer auf dem Wasser oder gar auf dem schülbrigen Eis,
und solch ein Hund, sagen wir, so einer wie dein Rollo, ist dabei, ja,
der ruht nicht eher, als bis er den Verunglückten wieder an Land hat.
Und wenn der Verunglückte schon tot ist, dann legt er sich neben den
Toten hin und blafft und winselt so lange, bis wer kommt, und wenn
keiner kommt, dann bleibt er bei dem Toten liegen, bis er selber
tot ist. Und das tut solch Tier immer. Und nun nimm dagegen die
Menschheit! Gott, vergib mir die Sünde, aber mitunter ist mir's doch,
als ob die Kreatur besser wäre als der Mensch.«

»Aber, Papa, wenn ich das Innstetten wiedererzählte ...«»Nein, das tu
lieber nicht, Effi ...«

»Rollo würde mich ja natürlich retten, aber Innstetten würde mich auch
retten. Er ist ja ein Mann von Ehre.«

»Das ist er.«

»Und liebt mich.«

»Versteht sich, versteht sich. Und wo Liebe ist, da ist auch
Gegenliebe. Das ist nun mal so. Mich wundert nur, daß er nicht mal
Urlaub genommen hat und rübergeflitzt ist. Wenn man eine so junge Frau
hat ...«

Effi errötete, weil sie geradeso dachte. Sie mochte es aber nicht
einräumen. »Innstetten ist so gewissenhaft und will, glaub ich, gut
angeschrieben sein und hat so seine Pläne für die Zukunft; Kessin ist
doch bloß eine Station. Und dann am Ende, ich lauf ihm ja nicht fort.
Er hat mich ja. Wenn man zu zärtlich ist ... und dazu der Unterschied
der Jahre ... da lächeln die Leute bloß.«

»Ja, das tun sie, Effi. Aber darauf muß man's ankommen lassen.
Übrigens sage nichts darüber, auch nicht zu Mama. Es ist so schwer,
was man tun und lassen soll. Das ist auch ein weites Feld.«

Gespräche wie diese waren während Effis Besuch im elterlichen Hause
mehr als einmal geführt worden, hatten aber glücklicherweise nicht
lange nachgewirkt, und ebenso war auch der etwas melancholische
Eindruck rasch verflogen, den das erste Wiederbetreten ihres Kessiner
Hauses auf Effi gemacht hatte. Innstetten zeigte sich voll kleiner
Aufmerksamkeiten, und als der Tee genommen und alle Stadt- und
Liebesgeschichten in heiterster Stimmung durchgesprochen waren, hängte
sich Effi zärtlich an seinen Arm, um drüben ihre Plaudereien mit ihm
fortzusetzen und noch einige Anekdoten von der Trippelli zu hören,
die neuerdings wieder mit Gieshübler in einer lebhaften Korrespondenz
gestanden hatte, was immer gleichbedeutend mit einer neuen Belastung
ihres nie ausgeglichenen Kontos war. Effi war bei diesem Gespräch sehr
ausgelassen, fühlte sich ganz als junge Frau und war froh, die nach
der Gesindestube hin ausquartierte Roswitha auf unbestimmte Zeit los
zu sein.

Am anderen Morgen sagte sie: »Das Wetter ist schön und mild, und ich
hoffe, die Veranda nach der Plantage hinaus ist noch in gutem Stande,
und wir können uns ins Freie setzen und da das Frühstück nehmen. In
unsere Zimmer kommen wir ohnehin noch früh genug, und der Kessiner
Winter ist wirklich um vier Wochen zu lang.«

Innstetten war sehr einverstanden. Die Veranda, von der Effi
gesprochen und die vielleicht richtiger ein Zelt genannt worden wäre,
war schon im Sommer hergerichtet worden, drei, vier Wochen vor Effis
Abreise nach Hohen-Cremmen, und bestand aus einem großen, gedielten
Podium, vorn offen, mit einer mächtigen Markise zu Häupten, während
links und rechts breite Leinwandvorhänge waren, die sich mit Hilfe von
Ringen an einer Eisenstange hin und her schieben ließen. Es war ein
reizender Platz, den ganzen Sommer über von allen Badegästen, die hier
vorüber mußten, bewundert.

Effi hatte sich in einen Schaukelstuhl gelehnt und sagte, während sie
das Kaffeebrett von der Seite her ihrem Manne zuschob: »Geert, du
könntest heute den liebenswürdigen Wirt machen; ich für mein Teil find
es so schön in diesem Schaukelstuhl, daß ich nicht aufstehen mag. Also
strenge dich an, und wenn du dich recht freust, mich wieder hier zu
haben, so werd ich mich auch zu revanchieren wissen.« Und dabei zupfte
sie die weiße Damastdecke zurecht und legte ihre Hand darauf, die
Innstetten nahm und küßte.

»Wie bist du nur eigentlich ohne mich fertig geworden?«

»Schlecht genug, Effi.«

»Das sagst du so hin und machst ein betrübtes Gesicht, und ist doch
eigentlich alles nicht wahr.«

»Aber Effi ...

»Was ich dir beweisen will. Denn wenn du ein bißchen Sehnsucht nach
deinem Kinde gehabt hättest - von mir selber will ich nicht sprechen,
was ist man am Ende solchem hohen Herrn, der so lange Jahre
Junggeselle war und es nicht eilig hatte ...«

»Nun?«

»Ja, Geert, wenn du nur ein bißchen Sehnsucht gehabt hättest, so
hättest du mich nicht sechs Wochen mutterwindallein in Hohen-Cremmen
sitzen lassen wie eine Witwe, und nichts da als Niemeyer und Jahnke
und mal die Schwantikower. Und von den Rathenowern ist niemand
gekommen, als ob sie sich vor mir gefürchtet hätten oder als ob ich zu
alt geworden sei.«

»Ach, Effi, wie du nur sprichst. Weißt du, daß du eine kleine Kokette
bist?«

»Gott sei Dank, daß du das sagst. Das ist für euch das Beste, was man
sein kann. Und du bist nichts anderes als die anderen, wenn du auch so
feierlich und ehrsam tust. Ich weiß es recht gut, Geert ... Eigentlich
bist du ...«

»Nun, was?«

»Nun, ich will es lieber nicht sagen. Aber ich kenne dich recht
gut; du bist eigentlich, wie der Schwantikower Onkel mal sagte, ein
Zärtlichkeitsmensch und unterm Liebesstern geboren, und Onkel Belling
hatte ganz recht, als er das sagte. Du willst es bloß nicht zeigen und
denkst, es schickt sich nicht und verdirbt einem die Karriere. Hab
ich's getroffen?«

Innstetten lachte. »Ein bißchen getroffen hast du's. Weißt du was,
Effi, du kommst mir ganz anders vor. Bis Anniechen da war, warst du
ein Kind. Aber mit einemmal ...«

»Nun?«

»Mit einemmal bist du wie vertauscht. Aber es steht dir, du gefällst
mir sehr, Effi. Weißt du was?«

»Nun?«

»Du hast was Verführerisches.«

»Ach, mein einziger Geert, das ist ja herrlich, was du da sagst; nun
wird mir erst recht wohl ums Herz ... Gib mir noch eine halbe Tasse
... Weißt du denn, daß ich mir das immer gewünscht habe? Wir müssen
verführerisch sein, sonst sind wir gar nichts ...«

»Hast du das aus dir?«

»Ich könnt es wohl auch aus mir haben. Aber ich hab es von
Niemeyer ...«

»Von Niemeyer! O du himmlischer Vater, ist das ein Pastor. Nein,
solche gibt es hier nicht. Aber wie kam denn der dazu? Das ist ja, als
ob es irgendein Don Juan oder Herzensbrecher gesprochen hätte.«

»Ja, wer weiß«, lachte Effi ... »Aber kommt da nicht Crampas? Und vom
Strand her. Er wird doch nicht gebadet haben? Am 27. September ...«

»Er macht öfter solche Sachen. Reine Renommisterei.«

Derweilen war Crampas bis in nächste Nähe gekommen und grüßte.

»Guten Morgen«, rief Innstetten ihm zu. »Nur näher, nur näher.«

Crampas trat heran. Er war in Zivil und küßte der in ihrem
Schaukelstuhl sich weiter wiegenden Effi die Hand. »Entschuldigen Sie
mich, Major, daß ich so schlecht die Honneurs des Hauses mache; aber
die Veranda ist kein Haus, und zehn Uhr früh ist eigentlich gar keine
Zeit. Da wird man formlos oder, wenn Sie wollen, intim. Und nun setzen
Sie sich, und geben Sie Rechenschaft von Ihrem Tun. Denn an Ihrem Haar
(ich wünschte Ihnen, daß es mehr wäre) sieht man deutlich, daß Sie
gebadet haben.«

Er nickte.

»Unverantwortlich«, sagte Innstetten, halb ernst-, halb scherzhaft.
»Da haben Sie nun selber vor vier Wochen die Geschichte mit dem
Bankier Heinersdorf erlebt, der auch dachte, das Meer und der
grandiose Wellenschlag würden ihn um seiner Million willen
respektieren. Aber die Götter sind eifersüchtig untereinander, und
Neptun stellte sich ohne weiteres gegen Pluto oder doch wenigstens
gegen Heinersdorf.«

Crampas lachte.

»Ja, eine Million Mark! Lieber Innstetten, wenn ich die hätte, da hätt
ich es am Ende nicht gewagt; denn so schön das Wetter ist, das Wasser
hatte nur neun Grad. Aber unsereins mit seiner Million Unterbilanz,
gestatten Sie mir diese kleine Renommage, unsereins kann sich so was
ohne Furcht vor der Götter Eifersucht erlauben. Und dann muß einen das
Sprichwort trösten: 'Wer für den Strick geboren ist, kann im Wasser
nicht umkommen.'«

»Aber, Major, Sie werden sich doch nicht etwas so Urprosaisches, ich
möchte beinah sagen, an den Hals reden wollen. Allerdings glauben
manche, daß ... ich meine das, wovon Sie eben gesprochen haben ... daß
ihn jeder mehr oder weniger verdiene. Trotzdem, Major ... für einen
Major ...«

»Ist es keine herkömmliche Todesart. Zugegeben, meine Gnädigste. Nicht
herkömmlich und in meinem Fall auch nicht einmal sehr wahrscheinlich
- also alles bloß Zitat oder noch richtiger façon de parler. Und doch
steckt etwas Aufrichtiggemeintes dahinter, wenn ich da eben sagte,
die See werde mir nichts anhaben. Es steht mir nämlich fest, daß ich
einen richtigen und hoffentlich ehrlichen Soldatentod sterben werde.
Zunächst bloß Zigeunerprophezeiung, aber mit Resonanz im eigenen
Gewissen.«

Innstetten lachte. »Das wird seine Schwierigkeiten haben, Crampas,
wenn Sie nicht vorhaben, beim Großtürken oder unterm chinesischen
Drachen Dienst zu nehmen. Da schlägt man sich jetzt herum. Hier ist
die Geschichte, glauben Sie mir, auf dreißig Jahre vorbei, und wer
seinen Soldatentod sterben will ...«

»Der muß sich erst bei Bismarck einen Krieg bestellen. Weiß ich alles,
Innstetten. Aber das ist doch für Sie eine Kleinigkeit. Jetzt haben
wir Ende September; in zehn Wochen spätestens ist der Fürst wieder in
Varzin, und da er ein liking für Sie hat - mit der volkstümlicheren
Wendung will ich zurückhalten, um nicht direkt vor Ihren Pistolenlauf
zu kommen -, so werden Sie einem alten Kameraden von Vionville her
doch wohl ein bißchen Krieg besorgen können. Der Fürst ist auch nur
ein Mensch, und Zureden hilft.«

Effi hatte während dieses Gesprächs einige Brotkügelchen gedreht,
würfelte damit und legte sie zu Figuren zusammen, um so anzuzeigen,
daß ihr ein Wechsel des Themas wünschenswert wäre. Trotzdem schien
Innstetten auf Crampas scherzhafte Bemerkungen antworten zu wollen,
was denn Effi bestimmte, lieber direkt einzugreifen. »Ich sehe nicht
ein, Major, warum wir uns mit Ihrer Todesart beschäftigen sollen; das
Leben ist uns näher und zunächst auch eine viel ernstere Sache.«

Crampas nickte.

»Das ist recht, daß Sie mir recht geben. Wie soll man hier leben?
Das ist vorläufig die Frage, das ist wichtiger als alles andere.
Gieshübler hat mir darüber geschrieben, und wenn es nicht indiskret
und eitel wäre, denn es steht noch allerlei nebenher darin, so zeigte
ich Ihnen den Brief ... Innstetten braucht ihn nicht zu lesen, der
hat keinen Sinn für dergleichen ... beiläufig eine Handschrift wie
gestochen und Ausdrucksformen, als wäre unser Freund statt am Kessiner
Alten Markt an einem altfranzösischen Hofe erzogen worden. Und daß er
verwachsen ist und weiße Jabots trägt wie kein anderer Mensch mehr -
ich weiß nur nicht, wo er die Plätterin hernimmt -, das paßt alles
so vorzüglich. Nun, also Gieshübler hat mir von Plänen für die
Ressourcenabende geschrieben und von einem Entrepreneur namens
Crampas. Sehen Sie, Major, das gefällt mir besser als der Soldatentod
oder gar der andere.«

»Mir persönlich nicht minder. Und es muß ein Prachtwinter werden, wenn
wir uns der Unterstützung der gnädigen Frau versichert halten dürften.
Die Trippelli kommt.«

»Die Trippelli? Dann bin ich überflüssig.«

»Mitnichten, gnädigste Frau. Die Trippelli kann nicht von Sonntag bis
wieder Sonntag singen, es wäre zuviel für sie und für uns; Abwechslung
ist des Lebens Reiz, eine Wahrheit, die freilich jede glückliche Ehe
zu widerlegen scheint.«

»Wenn es glückliche Ehen gibt, die meinige ausgenommen ...«, und sie
reichte Innstetten die Hand.

»Abwechslung also«, fuhr Crampas fort. »Und diese für uns und unsere
Ressource zu gewinnen, deren Vizevorstand zu sein ich zur Zeit die
Ehre habe, dazu braucht es aller bewährten Kräfte. Wenn wir uns
zusammentun, so müssen wir das ganze Nest auf den Kopf stellen. Die
Theaterstücke sind schon ausgesucht: 'Krieg im Frieden', 'Monsieur
Herkules', 'Jugendliebe' von Wildbrandt, vielleicht auch 'Euphrosyne'
von Gensichen. Sie die Euphrosyne, ich der alte Goethe. Sie sollen
staunen, wie gut ich den Dichterfürsten tragiere ... wenn 'tragieren'
das richtige Wort ist.«

»Kein Zweifel. Hab ich doch inzwischen aus dem Brief meines
alchimistischen Geheimkorrespondenten erfahren, daß Sie neben vielem
anderen gelegentlich auch Dichter sind. Anfangs habe ich mich
gewundert. ...«

»Denn Sie haben es mir nicht angesehen.«

»Nein. Aber seit ich weiß, daß Sie bei neun Grad baden, bin ich
anderen Sinnes geworden ... neun Grad Ostsee, das geht über den
kastalischen Quell ...«

»Dessen Temperatur unbekannt ist.«

»Nicht für mich; wenigstens wird mich niemand widerlegen. Aber nun muß
ich aufstehen. Da kommt ja Roswitha mit Lütt-Annie.«

Und sie erhob sich rasch und ging auf Roswitha zu, nahm ihr das Kind
aus dem Arm und hielt es stolz und glücklich in die Höhe.



Sechzehntes Kapitel

Die Tage waren schön und blieben es bis in den Oktober hinein. Eine
Folge davon war, daß die halbzeltartige Veranda draußen zu ihrem Recht
kam, so sehr, daß sich wenigstens die Vormittagsstunden regelmäßig
darin abspielten. Gegen elf kam dann wohl der Major, um sich zunächst
nach dem Befinden der gnädigen Frau zu erkundigen und mit ihr ein
wenig zu medisieren, was er wundervoll verstand, danach aber mit
Innstetten einen Ausritt zu verabreden, oft landeinwärts, die Kessine
hinauf bis an den Breitling, noch häufiger auf die Molen zu. Effi,
wenn die Herren fort waren, spielte mit dem Kind oder durchblätterte
die von Gieshübler nach wie vor ihr zugeschickten Zeitungen und
Journale, schrieb auch wohl einen Brief an die Mama oder sagte:
»Roswitha, wir wollen mit Annie spazierenfahren«, und dann spannte
sich Roswitha vor den Korbwagen und fuhr, während Effi hinterherging,
ein paar hundert Schritt in das Wäldchen hinein, auf eine Stelle zu,
wo Kastanien ausgestreut lagen, die man nun auflas, um sie dem Kind
als Spielzeug zu geben. In die Stadt kam Effi wenig; es war niemand
recht da, mit dem sie hätte plaudern können, nachdem ein Versuch,
mit der Frau von Crampas auf einen Umgangsfuß zu kommen, aufs neue
gescheitert war. Die Majorin war und blieb menschenscheu.

Das ging so wochenlang, bis Effi plötzlich den Wunsch äußerte, mit
ausreiten zu dürfen; sie habe nun mal die Passion, und es sei doch
zuviel verlangt, bloß um des Geredes der Kessiner willen auf etwas
zu verzichten, das einem so viel wert sei. Der Major fand die Sache
kapital, und Innstetten, dem es augenscheinlich weniger paßte so
wenig, daß er immer wieder hervorhob, es werde sich kein Damenpferd
finden lassen -, Innstetten mußte nachgeben, als Crampas versicherte,
das solle seine Sorge sein. Und richtig, was man wünschte, fand sich
auch, und Effi war selig, am Strand hinjagen zu können, jetzt wo
»Damenbad« und »Herrenbad« keine scheidenden Schreckensworte mehr
waren. Meist war auch Rollo mit von der Partie, und weil es sich ein
paarmal ereignet hatte, daß man am Strand zu rasten oder auch eine
Strecke Wegs zu Fuß zu machen wünschte, so kam man überein, sich von
entsprechender Dienerschaft begleiten zu lassen, zu welchem Behufe
des Majors Bursche, ein alter Treptower Ulan, der Knut hieß, und
Innstettens Kutscher Kruse zu Reitknechten umgewandelt wurden,
allerdings ziemlich unvollkommen, indem sie, zu Effis Leidwesen, in
eine Phantasielivree gesteckt wurden, darin der eigentliche Beruf
beider noch nachspukte.

Mitte Oktober war schon heran, als man, so herausstaffiert, zum
erstenmal in voller Kavalkade aufbrach, in Front Innstetten und
Crampas, Effi zwischen ihnen, dann Kruse und Knut und zuletzt Rollo,
der aber bald, weil ihm das Nachtrotten mißfiel, allen vorauf war. Als
man das jetzt öde Strandhotel passiert und bald danach, sich rechts
haltend, auf dem von einer mäßigen Brandung überschäumten Strandwege
den diesseitigen Molendamm erreicht hatte, verspürte man Lust,
abzusteigen und einen Spaziergang bis an den Kopf der Mole zu machen.
Effi war die erste aus dem Sattel. Zwischen den beiden Steindämmen
floß die Kessine breit und ruhig dem Meere zu, das wie eine
sonnenbeschienene Fläche, darauf nur hier und da eine leichte Welle
kräuselte, vor ihnen lag.

Effi war noch nie hier draußen gewesen, denn als sie vorigen November
in Kessin eintraf, war schon Sturmzeit, und als der Sommer kam,
war sie nicht mehr imstande, weite Gänge zu machen. Sie war jetzt
entzückt, fand alles groß und herrlich, erging sich in kränkenden
Vergleichen zwischen dem Luch und dem Meer und ergriff, sooft die
Gelegenheit dazu sich bot, ein Stück angeschwemmtes Holz, um es nach
links hin in die See oder nach rechts hin in die Kessine zu werfen.
Rollo war immer glücklich, im Dienste seiner Herrin sich nachstürzen
zu können; mit einemmal aber wurde seine Aufmerksamkeit nach einer
ganz anderen Seite hin abgezogen, und sich vorsichtig, ja beinahe
ängstlich vorwärts schleichend, sprang er plötzlich auf einen in Front
sichtbar werdenden Gegenstand zu, freilich vergeblich, denn im selben
Augenblick glitt von einem sonnenbeschienenen und mit grünem Tang
überwachsenen Stein eine Robbe glatt und geräuschlos in das nur etwa
fünf Schritt entfernte Meer hinunter. Eine kurze Weile noch sah man
den Kopf, dann tauchte auch dieser unter.

Alle waren erregt, und Crampas phantasierte von Robbenjagd und daß man
das nächste Mal die Büchse mitnehmen müsse, »denn die Dinger haben ein
festes Fell«.

»Geht nicht«, sagte Innstetten; »Hafenpolizei.«

»Wenn ich so was höre«, lachte der Major. »Hafenpolizei! Die drei
Behörden, die wir hier haben, werden doch wohl untereinander die
Augen zudrücken können. Muß denn alles so furchtbar gesetzlich sein?
Gesetzlichkeiten sind langweilig.«

Effi klatschte in die Hände.

»Ja, Crampas, Sie kleidet das, und Effi, wie Sie sehen, klatscht Ihnen
Beifall. Natürlich; die Weiber schreien sofort nach einem Schutzmann,
aber von Gesetz wollen sie nichts wissen.«

»Das ist so Frauenrecht von alter Zeit her, und wir werden's nicht
ändern, Innstetten.«

»Nein«, lachte dieser, »und ich will es auch nicht. Auf Mohrenwäsche
lasse ich mich nicht ein. Aber einer wie Sie, Crampas, der unter der
Fahne der Disziplin großgeworden ist und recht gut weiß, daß es ohne
Zucht und Ordnung nicht geht, ein Mann wie Sie, der sollte doch
eigentlich so was nicht reden, auch nicht einmal im Spaß. Indessen,
ich weiß schon, Sie haben einen himmlischen Kehr-mich-nicht-Drang und
denken, der Himmel wird nicht gleich einstürzen. Nein, gleich nicht.
Aber mal kommt es.«

Crampas wurde einen Augenblick verlegen, weil er glaubte, das alles
sei mit einer gewissen Absicht gesprochen, was aber nicht der Fall
war. Innstetten hielt nur einen seiner kleinen moralischen Vorträge,
zu denen er überhaupt hinneigte. »Da lob ich mir Gieshübler«, sagte er
einlenkend, »immer Kavalier und dabei doch Grundsätze.«

Der Major hatte sich mittlerweile wieder zurechtgefunden und sagte in
seinem alten Ton: »Ja, Gieshübler; der beste Kerl von der Welt und,
wenn möglich, noch bessere Grundsätze. Aber am Ende woher? Warum? Weil
er einen 'Verdruß' hat. Wer gerade gewachsen ist, ist für Leichtsinn.
Überhaupt ohne Leichtsinn ist das ganze Leben keinen Schuß Pulver
wert.«

»Nun hören Sie, Crampas, gerade so viel kommt mitunter dabei heraus.«
Und dabei sah er auf des Majors linken, etwas gekürzten Arm. Effi
hatte von diesem Gespräch wenig gehört. Sie war dicht an die Stelle
getreten, wo die Robbe gelegen, und Rollo stand neben ihr. Dann
sahen beide, von dem Stein weg, auf das Meer und warteten, ob die
»Seejungfrau« noch einmal sichtbar werden würde.

Ende Oktober begann die Wahlkampagne, was Innstetten hinderte, sich
ferner an den Ausflügen zu beteiligen und auch Crampas und Effi hätten
jetzt um der lieben Kessiner willen wohl verzichten müssen, wenn nicht
Knut und Kruse als eine Art Ehrengarde gewesen wären. So kam es, daß
sich die Spazierritte bis in den November hinein fortsetzten

Ein Wetterumschlag war freilich eingetreten, ein andauern der Nordwest
trieb Wolkenmassen heran, und das Meer schäumte mächtig, aber Regen
und Kälte fehlten noch und so waren diese Ausflüge bei grauem
Himmel und lärmender Brandung fast noch schöner, als sie vorher bei
Sonnenschein und stiller See gewesen waren. Rollo jagte vorauf, dann
und wann von der Gischt überspritzt, und der Schleier von Effis
Reithut flatterte im Wind. Dabei zu sprechen war fast unmöglich; wenn
man dann aber, vom Meer fort, in die schutzgebenden Dünen oder noch
besser in den weiter zurückgelegenen Kiefernwald einlenkte, so wurd
es still, Effis Schleier flatterte nicht mehr, und die Enge des Wegs
zwang die beiden Reiter dicht nebeneinander. Das war dann die Zeit, wo
man - schon um der Knorren und Wurzeln willen im Schritt reitend - die
Gespräche, die der Brandungslärm unterbrochen hatte, wieder aufnehmen
konnte. Crampas, ein guter Causeur, erzählte dann Kriegs- und
Regimentsgeschichten, auch Anekdoten und kleine Charakterzüge von
Innstetten, der mit seinem Ernst und seiner Zugeknöpftheit in den
übermütigen Kreis der Kameraden nie recht hineingepaßt habe, so daß er
eigentlich immer mehr respektiert als geliebt worden sei.

»Das kann ich mir denken«, sagte Effi, »ein Glück nur, daß der Respekt
die Hauptsache ist.«

»Ja, zu seiner Zeit. Aber er paßt doch nicht immer. Und zu dem allen
kam noch eine mystische Richtung, die mitunter Anstoß gab, einmal weil
Soldaten überhaupt nicht sehr für derlei Dinge sind, und dann weil wir
die Vorstellung unterhalten, vielleicht mit Unrecht, daß er doch nicht
ganz so dazu stände, wie er's uns einreden wollte.«

»Mystische Richtung?« sagte Effi. »Ja, Major, was verstehen Sie
darunter? Er kann doch keine Konventikel abgehalten und den Propheten
gespielt haben. Auch nicht einmal den aus der Oper ... ich habe seinen
Namen vergessen.«

»Nein, so weit ging er nicht. Aber es ist vielleicht besser, davon
abzubrechen. Ich möchte nicht hinter seinem Rücken etwas sagen, was
falsch ausgelegt werden könnte. Zudem sind es Dinge, die sich sehr gut
auch in seiner Gegenwart verhandeln lassen. Dinge, die nur, man mag
wollen oder nicht, zu was Sonderbarem aufgebauscht werden, wenn
er nicht dabei ist und nicht jeden Augenblick eingreifen und uns
widerlegen oder meinetwegen auch auslachen kann.«

»Aber das ist ja grausam, Major. Wie können Sie meine Neugier so auf
die Folter spannen. Erst ist es was, und dann ist es wieder nichts.
Und Mystik! Ist er denn ein Geisterseher?«

»Ein Geisterseher! Das will ich nicht gerade sagen. Aber er hatte eine
Vorliebe, uns Spukgeschichten zu erzählen. Und wenn er uns dann in
große Aufregung versetzt und manchen auch wohl geängstigt hatte,
dann war es mit einem Male wieder, als habe er sich über alle die
Leichtgläubigen bloß mokieren wollen. Und kurz und gut, einmal kam es,
daß ich ihm auf den Kopf zusagte: 'Ach was, Innstetten, das ist ja
alles bloß Komödie. Mich täuschen Sie nicht. Sie treiben Ihr Spiel mit
uns. Eigentlich glauben Sie's gradsowenig wie wir, aber Sie wollen
sich interessant machen und haben eine Vorstellung davon, daß
Ungewöhnlichkeiten nach oben hin besser empfehlen. In höheren
Karrieren will man keine Alltagsmenschen. Und da Sie so was vorhaben,
so haben Sie sich was Apartes ausgesucht und sind bei der Gelegenheit
auf den Spuk gefallen.'«

Effi sagte kein Wort, was dem Major zuletzt bedrücklich wurde. »Sie
schweigen, gnädigste Frau.«

»Ja.«

»Darf ich fragen warum? Hab ich Anstoß gegeben? Oder finden Sie's
unritterlich, einen abwesenden Freund, ich muß das trotz aller
Verwahrungen einräumen, ein klein wenig zu hecheln? Aber da tun
Sie mir trotz alledem Unrecht. Das alles soll ganz ungeniert seine
Fortsetzung vor seinen Ohren haben, und ich will ihm dabei jedes Wort
wiederholen, was ich jetzt eben gesagt habe.«

»Glaub es.« Und nun brach Effi ihr Schweigen und erzählte, was sie
alles in ihrem Hause erlebt und wie sonderlich sich Innstetten damals
dazu gestellt habe. »Er sagte nicht ja und nicht nein, und ich bin
nicht klug aus ihm geworden.«

»Also ganz der alte«, lachte Crampas. »So war er damals auch schon,
als wir in Liancourt und dann später in Beauvais mit ihm in Quartier
lagen. Er wohnte da in einem alten bischöflichen Palast - beiläufig,
was Sie vielleicht interessieren wird, war es ein Bischof von
Beauvais, glücklicherweise 'Cochon' mit Namen, der die Jungfrau von
Orleans zum Feuertod verurteilte -, und da verging denn kein Tag, das
heißt keine Nacht, wo Innstetten nicht Unglaubliches erlebt hatte.
Freilich immer nur so halb. Es konnte auch nichts sein. Und nach
diesem Prinzip arbeitet er noch, wie ich sehe.«

»Gut, gut. Und nun ein ernstes Wort, Crampas, auf das ich mir eine
ernste Antwort erbitte: Wie erklären Sie sich dies alles?«

»Ja, meine gnädigste Frau ...«

»Keine Ausweichungen, Major. Dies alles ist sehr wichtig für mich. Er
ist Ihr Freund, und ich bin Ihre Freundin. Ich will wissen, wie hängt
dies zusammen? Was denkt er sich dabei?«

»Ja, meine gnädigste Frau, Gott sieht ins Herz, aber ein Major vom
Landwehrbezirkskommando, der sieht in gar nichts. Wie soll ich solche
psychologischen Rätsel lösen? Ich bin ein einfacher Mann.«

»Ach, Crampas, reden Sie nicht so töricht. Ich bin zu jung, um eine
große Menschenkennerin zu sein; aber ich müßte noch vor der Einsegnung
und beinah vor der Taufe stehen, um Sie für einen einfachen Mann zu
halten. Sie sind das Gegenteil davon, Sie sind gefährlich ...«

»Das Schmeichelhafteste, was einem guten Vierziger mit einem a.D. auf
der Karte gesagt werden kann. Und nun also, was sich Innstetten dabei
denkt ...«

Effi nickte.

»Ja, wenn ich durchaus sprechen soll, er denkt sich dabei, daß ein
Mann wie Landrat Baron Innstetten, der jeden Tag Ministerialdirektor
oder dergleichen werden kann (denn glauben Sie mir, er ist hoch
hinaus), daß ein Mann wie Baron Innstetten nicht in einem gewöhnlichen
Hause wohnen kann, nicht in einer solchen Kate, wie die landrätliche
Wohnung, ich bitte um Vergebung, gnädigste Frau, doch eigentlich ist.
Da hilft er denn nach. Ein Spukhaus ist nie was Gewöhnliches ... Das
ist das eine.«

»Das eine? Mein Gott, haben Sie noch etwas?« »Ja.«

»Nun denn, ich bin ganz Ohr. Aber wenn es sein kann, lassen Sie's was
Gutes sein.«

»Dessen bin ich nicht ganz sicher. Es ist etwas Heikles, beinah
Gewagtes, und ganz besonders vor Ihren Ohren, gnädigste Frau.«

»Das macht mich nur um so neugieriger.«

»Gut denn. Also Innstetten, meine gnädigste Frau, hat außer seinem
brennenden Verlangen, es koste, was es wolle, ja, wenn es sein muß,
unter Heranziehung eines Spuks, seine Karriere zu machen, noch eine
zweite Passion: Er operiert nämlich immer erzieherisch, ist der
geborene Pädagog, und hätte, links Basedow und rechts Pestalozzi
(aber doch kirchlicher als beide), eigentlich nach Schnepfenthal oder
Bunzlau hingepaßt.«

»Und will er mich auch erziehen? Erziehen durch Spuk?«

»Erziehen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber doch erziehen
auf einem Umweg.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Eine junge Frau ist eine junge Frau, und ein Landrat ist ein Landrat.
Er kutschiert oft im Kreise umher, und dann ist das Haus allein und
unbewohnt. Aber solch Spuk ist wie ein Cherub mit dem Schwert ...«

»Ah, da sind wir wieder aus dem Wald heraus«, sagte Effi.

»Und da ist Utpatels Mühle. Wir müssen nur noch an dem Kirchhof
vorüber.«

Gleich danach passierten sie den Hohlweg zwischen dem Kirchhof und
der eingegitterten Stelle, und Effi sah nach dem Stein und der Tanne
hinüber, wo der Chinese lag.



Siebzehntes Kapitel

Es schlug zwei Uhr, als man zurück war. Crampas verabschiedete
sich und ritt in die Stadt hinein, bis er vor seiner am Marktplatz
gelegenen Wohnung hielt. Effi ihrerseits kleidete sich um und
versuchte zu schlafen; es wollte aber nicht glücken, denn ihre
Verstimmung war noch größer als ihre Müdigkeit. Daß Innstetten sich
seinen Spuk parat hielt, um ein nicht ganz gewöhnliches Haus zu
bewohnen, das mochte hingehen, das stimmte zu seinem Hange, sich
von der großen Menge zu unterscheiden; aber das andere, daß er den
Spuk als Erziehungsmittel brauchte, das war doch arg und beinahe
beleidigend. Und »Erziehungsmittel«, darüber war sie sich klar, sagte
nur die kleinere Hälfte; was Crampas gemeint hatte, war viel, viel
mehr, war eine Art Angelapparat aus Kalkül. Es fehlte jede Herzensgüte
darin und grenzte schon fast an Grausamkeit. Das Blut stieg ihr zu
Kopf, und sie ballte ihre kleine Hand und wollte Pläne schmieden; aber
mit einem Male mußte sie wieder lachen. »Ich Kindskopf! Wer bürgt mir
denn dafür, daß Crampas recht hat! Crampas ist unterhaltlich, weil er
medisant ist, aber er ist unzuverlässig und ein bloßer Haselant, der
schließlich Innstetten nicht das Wasser reicht.«

In diesem Augenblick fuhr Innstetten vor, der heute früher zurückkam
als gewöhnlich. Effi sprang auf, um ihn schon im Flur zu begrüßen, und
war um so zärtlicher, je mehr sie das Gefühl hatte, etwas gutmachen zu
müssen. Aber ganz konnte sie das, was Crampas gesagt hatte, doch nicht
verwinden, und inmitten ihrer Zärtlichkeiten und während sie mit
anscheinendem Interesse zuhörte, klang es in ihr immer wieder: »Also
Spuk aus Berechnung, Spuk, um dich in Ordnung zu halten.«

Zuletzt indessen vergaß sie's und ließ sich unbefangen von ihm
erzählen.

Inzwischen war Mitte November herangekommen, und der bis zum Sturm
sich steigernde Nordwester stand anderthalb Tage lang so hart auf
die Molen, daß die mehr und mehr zurückgestaute Kessine das Bollwerk
überstieg und in die Straßen trat. Aber nachdem sich's ausgetobt,
legte sich das Unwetter, und es kamen noch ein paar sonnige
Spätherbsttage.

»Wer weiß, wie lange sie dauern«, sagte Effi zu Crampas, und so
beschloß man, am nächsten Vormittag noch einmal auszureiten; auch
Innstetten, der einen freien Tag hatte, wollte mit. Es sollte zunächst
wieder bis an die Mole gehen; da wollte man dann absteigen, ein wenig
am Strand promenieren und schließlich im Schutz der Dünen, wo's
windstill war, ein Frühstück nehmen.

Um die festgesetzte Stunde ritt Crampas vor dem landrätlichen Hause
vor; Kruse hielt schon das Pferd der gnädigen Frau, die sich rasch in
den Sattel hob und noch im Aufsteigen Innstetten entschuldigte, der
nun doch verhindert sei: Letzte Nacht wieder großes Feuer in Morgenitz
- das dritte seit drei Wochen, also angelegt -, da habe er hingemußt,
sehr zu seinem Leidwesen, denn er habe sich auf diesen Ausritt, der
wohl der letzte in diesem Herbst sein werde, wirklich gefreut.

Crampas sprach sein Bedauern aus, vielleicht nur, um was zu sagen,
vielleicht aber auch aufrichtig, denn so rücksichtslos er im Punkte
chevaleresker Liebesabenteuer war, so sehr war er auch wieder guter
Kamerad. Natürlich alles ganz oberflächlich. Einem Freunde helfen und
fünf Minuten später ihn betrügen, das waren Dinge, die sich mit seinem
Ehrbegriff sehr wohl vertrugen. Er tat das eine und das andere mit
unglaublicher Bonhomie.

Der Ritt ging wie gewöhnlich durch die Plantage hin. Rollo war wieder
vorauf, dann kamen Crampas und Effi, dann Kruse.

Knut fehlte.

»Wo haben Sie Knut gelassen?« »Er hat einen Ziegenpeter.«

»Merkwürdig«, lachte Effi. »Eigentlich sah er schon immer so aus.«

»Sehr richtig. Aber Sie sollten ihn jetzt sehen! Oder doch lieber
nicht. Ziegenpeter ist ansteckend, schon bloß durch Anblick.«

»Glaub ich nicht.«

»Junge Frauen glauben vieles nicht.«

»Und dann glauben sie wieder vieles, was sie besser nicht glaubten.«

»An meine Adresse?« »Nein.«

»Schade.«

»Wie dies 'schade' Sie kleidet. Ich glaube wirklich, Major, Sie
hielten es für ganz in Ordnung, wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung
machte.«

»So weit will ich nicht gehen. Aber ich möchte den sehen, der sich
dergleichen nicht wünschte. Gedanken und Wünsche sind zollfrei.«

»Das fragt sich. Und dann ist doch immer noch ein Unterschied zwischen
Gedanken und Wünschen. Gedanken sind in der Regel etwas, das noch im
Hintergrund liegt, Wünsche aber liegen meist schon auf der Lippe.«

»Nur nicht gerade diesen Vergleich.«

»Ach, Crampas, Sie sind ... Sie sind ...«

»Ein Narr.«

»Nein. Auch darin übertreiben Sie wieder. Aber Sie sind etwas anderes.
In Hohen-Cremmen sagten wir immer, und ich mit, das Eitelste, was es
gäbe, das sei ein Husarenfähnrich von achtzehn ...«

»Und jetzt?«

»Und jetzt sag ich, das Eitelste, was es gibt, ist ein
Landwehrbezirksmajor von zweiundvierzig.«

»... wobei die zwei Jahre, die Sie mir gnädigst erlassen, alles
wiedergutmachen - küss' die Hand.«

»Ja, küss' die Hand. Das ist so recht das Wort, das für Sie paßt. Das
ist wienerisch. Und die Wiener, die hab ich kennengelernt in Karlsbad,
vor vier Jahren, wo sie mir vierzehnjährigem Dinge den Hof machten.
Was ich da alles gehört habe!«

»Gewiß nicht mehr, als recht war.«

»Wenn das zuträfe, wäre das, was mir schmeicheln soll, ziemlich
ungezogen ... Aber sehen Sie da die Bojen, wie die schwimmen und
tanzen. Die kleinen roten Fahnen sind eingezogen. Immer wenn ich
diesen Sommer die paar Mal, wo ich mich bis an den Strand hinauswagte,
die roten Fahnen sah, sagte ich mir: Da liegt Vineta, da muß es
liegen, das sind die Turmspitzen ...«

»Das macht, weil Sie das Heinesche Gedicht kennen.« »Welches?«

»Nun, das von Vineta.«

»Nein, das kenne ich nicht; ich kenne überhaupt nur wenig. Leider.«

»Und haben doch Gieshübler und den Journalzirkel! Übrigens hat Heine
dem Gedicht einen anderen Namen gegeben, ich glaube 'Seegespenst' oder
so ähnlich. Aber Vineta hat er gemeint. Und er selber - verzeihen Sie,
wenn ich Ihnen so ohne weiteres den Inhalt hier wiedergebe -, der
Dichter also, während er die Stelle passiert, liegt auf einem
Schiffsdeck und sieht hinunter und sieht da schmale, mittelalterliche
Straßen und trippelnde Frauen in Kapotthüten, und alle haben ein
Gesangbuch in Händen und wollen zur Kirche, und alle Glocken läuten.
Und als er das hört, da faßt ihn eine Sehnsucht, auch mit in die
Kirche zu gehen, wenn auch bloß um der Kapotthüte willen, und vor
Verlangen schreit er auf und will sich hinunterstürzen. Aber im selben
Augenblick packt ihn der Kapitän am Bein und ruft ihm zu: 'Doktor,
sind Sie des Teufels?«

»Das ist ja allerliebst. Das möcht ich lesen. Ist es lang?«

»Nein, es ist eigentlich kurz, etwas länger als 'Du hast Diamanten und
Perlen' oder 'Deine weichen Lilienfinger' ...«,

und er berührte leise ihre Hand. »Aber lang oder kurz, welche
Schilderungskraft, welche Anschaulichkeit! Er ist mein
Lieblingsdichter, und ich kann ihn auswendig, sowenig ich mir sonst,
trotz gelegentlich eigener Versündigungen, aus der Dichterei mache.
Bei Heine liegt es aber anders: Alles ist Leben, und vor allem
versteht er sich auf die Liebe, die doch die Hauptsache bleibt. Er ist
übrigens nicht einseitig darin ...«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, er ist nicht bloß für die Liebe ...«

»Nun, wenn er diese Einseitigkeit auch hätte, das wäre am Ende noch
nicht das schlimmste. Wofür ist er denn sonst noch?«

»Er ist auch sehr für das Romantische, was freilich gleich nach der
Liebe kommt und nach Meinung einiger sogar damit zusammenfällt. Was
ich aber nicht glaube. Denn in seinen späteren Gedichten, die man
denn auch die 'romantischen' genannt hat, oder eigentlich hat er es
selber getan, in diesen romantischen Dichtungen wird in einem fort
hingerichtet, allerdings vielfach aus Liebe. Aber doch meist aus
anderen gröberen Motiven, wohin ich in erster Reihe die Politik. die
fast immer gröblich ist, rechne. Karl Stuart zum Beispiel trägt in
einer dieser Romanzen seinen Kopf unterm Arm, und noch fataler ist die
Geschichte vom Vitzliputzli ...«

»Von wem?«

»Vom Vitzliputzli. Vitzliputzli ist nämlich ein mexikanischer Gott,
und als die Mexikaner zwanzig oder dreißig Spanier gefangengenommen
hatten, mußten diese zwanzig oder dreißig dem Vitzliputzli geopfert
werden. Das war da nicht anders, Landessitte, Kultus, und ging auch
alles im Handumdrehen, Bauch auf, Herz raus ...«

»Nein, Crampas, so dürfen Sie nicht weitersprechen. Das ist indezent
und degoutant zugleich. Und das alles so ziemlich in demselben
Augenblick, wo wir frühstücken wollen.«

»Ich für meine Person sehe mich dadurch unbeeinflußt und stelle meinen
Appetit überhaupt nur in Abhängigkeit vom Menü.«

Während dieser Worte waren sie, ganz wie's das Programm wollte, vom
Strand her bis an eine schon halb im Schutz der Dünen aufgeschlagene
Bank, mit einem äußerst primitiven Tisch davor, gekommen, zwei Pfosten
mit einem Brett darüber. Kruse, der voraufgeritten, hatte hier bereits
serviert; Teebrötchen und Aufschnitt von kaltem Braten, dazu Rotwein
und neben der Flasche zwei hübsche, zierliche Trinkgläser, klein und
mit Goldrand, wie man sie in Badeorten kauft oder von Glashütten als
Erinnerung mitbringt.

Und nun stieg man ab. Kruse, der die Zügel seines eigenen Pferdes um
eine Krüppelkiefer geschlungen hatte, ging mit den beiden anderen
Pferden auf und ab, während sich Crampas und Effi, die durch eine
schmale Dünenöffnung einen freien Blick auf Strand und Mole hatten,
vor dem gedeckten Tisch niederließen.

Über das von den Sturmtagen her noch bewegte Meer goß die schon halb
winterliche Novembersonne ihr fahles Licht aus, und die Brandung ging
hoch. Dann und wann kam ein Windzug und trieb den Schaum bis dicht an
sie heran. Strandhafer stand umher, und das helle Gelb der Immortellen
hob sich, trotz der Farbenverwandtschaft, von dem gelben Sand, darauf
sie wuchsen, scharf ab. Effi machte die Wirtin. »Es tut mir leid,
Major, Ihnen diese Brötchen in einem Korbdeckel präsentieren zu
müssen ...«

»Ein Korbdeckel ist kein Korb ...«

»... indessen Kruse hat es so gewollt. Da bist du ja auch, Rollo. Auf
dich ist unser Vorrat aber nicht eingerichtet. Was machen wir mit
Rollo?«

»Ich denke, wir geben ihm alles; ich meinerseits schon aus
Dankbarkeit. Denn sehen Sie, teuerste Effi ...«

Effi sah ihn an.

Denn sehen Sie, gnädigste Frau, Rollo erinnert mich wieder an das,
was ich Ihnen noch als Fortsetzung oder Seitenstück zum Vitzliputzli
erzählen wollte - nur viel pikanter, weil Liebesgeschichte. Haben Sie
mal von einem gewissen Pedro dem Grausamen gehört?«

»So dunkel.«

»Eine Art Blaubartskönig.«

»Das ist gut. Von so einem hört man immer am liebsten, und ich weiß
noch, daß wir von meiner Freundin Hulda Niemeyer, deren Namen Sie
ja kennen, immer behaupteten, sie wisse nichts von Geschichte, mit
Ausnahme der sechs Frauen von Heinrich dem Achten, diesem englischen
Blaubart, wenn das Wort für ihn reicht. Und wirklich, diese sechs
kannte sie auswendig. Und dabei hätten Sie hören sollen, wie sie die
Namen aussprach, namentlich den von der Mutter der Elisabeth - so
schrecklich verlegen, als wäre sie nun an der Reihe ... Aber nun
bitte, die Geschichte von Don Pedro ...«

»Nun also, an Don Pedros Hofe war ein schöner, schwarzer spanischer
Ritter, der das Kreuz von Kalatrava - was ungefähr soviel bedeutet wie
Schwarzer Adler und Pour-le-mérite zusammengenommen - auf seiner Brust
trug. Dies Kreuz gehörte mit dazu, das mußten sie immer tragen, und
dieser Kalatravaritter, den die Königin natürlich heimlich liebte ...«

»Warum natürlich?«

»Weil wir in Spanien sind.« »Ach so.«

»Und dieser Kalatravaritter, sag ich, hatte einen wunderschönen Hund,
einen Neufundländer, wiewohl es die noch gar nicht gab, denn es
war grade hundert Jahre vor der Entdeckung von Amerika. Einen
wunderschönen Hund also, sagen wir wie Rollo ...«

Rollo schlug an, als er seinen Namen hörte, und wedelte mit dem
Schweif.

»Das ging so machen Tag. Aber das mit der heimlichen Liebe, die wohl
nicht ganz heimlich blieb, das wurde dem König doch zuviel, und weil
er den schönen Kalatravaritter überhaupt nicht recht leiden mochte
- denn er war nicht bloß grausam, er war auch ein Neidhammel, oder
wenn das Wort für einen König und noch mehr für meine liebenswürdige
Zuhörerin, Frau Effi, nicht recht passen sollte, wenigstens ein
Neidling -, so beschloß er, den Kalatravaritter für die heimliche
Liebe heimlich hinrichten zu lassen.«

»Kann ich ihm nicht verdenken.«

»Ich weiß doch nicht, meine Gnädigste. Hören Sie nur weiter. Etwas
geht schon, aber es war zuviel; der König, find ich, ging um ein
Erkleckliches zu weit. Er heuchelte nämlich, daß er dem Ritter wegen
seiner Kriegs- und Heldentaten ein Fest veranstalten wolle, und da gab
es denn eine lange, lange Tafel, und alle Granden des Reichs saßen an
dieser Tafel, und in der Mitte saß der König, und ihm gegenüber war
der Platz für den, dem dies alles galt, also für den Kalatravaritter,
für den an diesem Tage zu Feiernden. Und weil der, trotzdem man schon
eine ganze Weile seiner gewartet hatte, noch immer nicht kommen
wollte, so mußte schließlich die Festlichkeit ohne ihn begonnen
werden, und es blieb ein leerer Platz - ein leerer Platz gerade
gegenüber dem König.« »Und nun?«

»Und nun denken Sie, meine gnädigste Frau, wie der König, dieser
Pedro, sich eben erheben will, um gleisnerisch sein Bedauern
auszusprechen, daß sein 'lieber Gast' noch immer fehle, da hört man
auf der Treppe draußen einen Aufschrei der entsetzten Dienerschaften,
und ehe noch irgendwer weiß, was geschehen ist, jagt etwas an der
langen Festtafel entlang, und nun springt es auf den Stuhl und setzt
ein abgeschlagenes Haupt auf den leergebliebenen Platz, und über
ebendieses Haupt hinweg starrt Rollo auf sein Gegenüber, den König.
Rollo hatte seinen Herrn auf seinem letzten Gang begleitet, und im
selben Augenblick, wo das Beil fiel, hatte das treue Tier das fallende
Haupt gepackt, und da war er nun, unser Freund Rollo, an der langen
Festtafel und verklagte den königlichen Mörder.«

Effi war ganz still geworden. Endlich sagte sie: »Crampas, das ist in
seiner Art sehr schön, und weil es sehr schön ist, will ich es Ihnen
verzeihen. Aber Sie könnten doch Besseres und zugleich mir Lieberes
tun, wenn Sie mir andere Geschichten erzählten. Auch von Heine. Heine
wird doch nicht bloß von Vitzliputzli und Don Pedro und Ihrem Rollo -
denn meiner hätte so was nicht getan - gedichtet haben. Komm, Rollo!
Armes Tier, ich kann dich gar nicht mehr ansehen, ohne an den
Kalatravaritter zu denken, den die Königin heimlich liebte ... Rufen
Sie, bitte, Kruse, daß er die Sachen hier wieder in die Halfter
steckt, und wenn wir zurückreiten, müssen Sie mir was anderes
erzählen, ganz was anderes.«

Kruse kam. Als er aber die Gläser nehmen wollte, sagte Crampas:
»Kruse, das eine Glas, das da, das lassen Sie stehen. Das werde ich
selber nehmen.«

»Zu Befehl, Herr Major.«

Effi, die dies mit angehört hatte, schüttelte den Kopf. Dann lachte
sie. »Crampas, was fällt Ihnen nur eigentlich ein? Kruse ist dumm
genug, über die Sache nicht weiter nachzudenken, und wenn er darüber
nachdenkt, so findet er glücklicherweise nichts. Aber das berechtigt
Sie doch nicht, dies Glas, dies Dreißigpfennigglas aus der
Josefinenhütte ...«

»Daß Sie so spöttisch den Preis nennen, läßt mich seinen Wert um so
tiefer empfinden.«

»Immer derselbe. Sie haben so viel von einem Humoristen, aber doch von
ganz sonderbarer Art. Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie vor
- es ist zum Lachen, und ich geniere mich fast, es auszusprechen -,
so haben Sie vor, sich vor der Zeit auf den König von Thule hin
auszuspielen.«

Er nickte mit einem Anflug von Schelmerei.

»Nun denn, meinetwegen. Jeder trägt seine Kappe; Sie wissen, welche.
Nur das muß ich Ihnen doch sagen dürfen, die Rolle, die Sie mir dabei
zudiktieren, ist mir zu wenig schmeichelhaft. Ich mag nicht als
Reimwort auf Ihren König von Thule herumlaufen. Behalten Sie das
Glas, aber bitte, ziehen Sie nicht Schlüsse daraus, die mich
kompromittieren. Ich werde Innstetten davon erzählen.«

»Das werden Sie nicht tun, meine gnädigste Frau.« »Warum nicht?«

»Innstetten ist nicht der Mann, solche Dinge so zu sehen, wie sie
gesehen sein wollen.«

Sie sah ihn einen Augenblick scharf an. Dann aber schlug sie verwirrt
und fast verlegen die Augen nieder.



Achtzehntes Kapitel

Effi war unzufrieden mit sich und freute sich, daß es nunmehr
feststand, diese gemeinschaftlichen Ausflüge für die ganze Winterdauer
auf sich beruhen zu lassen. Überlegte sie, was während all dieser
Wochen und Tage gesprochen, berührt und angedeutet war, so fand sie
nichts, um dessentwillen sie sich direkte Vorwürfe zu machen gehabt
hätte. Crampas war ein kluger Mann, welterfahren, humoristisch, frei,
frei auch im Guten, und es wäre kleinlich und kümmerlich gewesen, wenn
sie sich ihm gegenüber aufgesteift und jeden Augenblick die Regeln
strengen Anstandes befolgt hätte. Nein, sie konnte sich nicht tadeln,
auf seinen Ton eingegangen zu sein, und doch hatte sie ganz leise das
Gefühl einer überstandenen Gefahr und beglückwünschte sich, daß das
alles nun mutmaßlich hinter ihr läge. Denn an ein häufigeres Sichsehen
en famille war nicht wohl zu denken, das war durch die Crampasschen
Hauszustände so gut wie ausgeschlossen, und Begegnungen bei den
benachbarten adligen Familien, die freilich für den Winter in Sicht
standen, konnten immer nur sehr vereinzelt und sehr flüchtige sein.
Effi rechnete sich dies alles mit wachsender Befriedigung heraus und
fand schließlich, daß ihr der Verzicht auf das, was sie dem Verkehr
mit dem Major verdankte, nicht allzu schwer ankommen würde. Dazu kam
noch, daß Innstetten ihr mitteilte, seine Fahrten nach Varzin würden
in diesem Jahre fortfallen: der Fürst gehe nach Friedrichsruh, das
ihm immer lieber zu werden scheine; nach der einen Seite hin bedauere
er das, nach der anderen sei es ihm lieb - er könne sich nun ganz
seinem Hause widmen, und wenn es ihr recht wäre, so wollten sie die
italienische Reise, an der Hand seiner Aufzeichnungen, noch einmal
durchmachen. Eine solche Rekapitulation sei eigentlich die Hauptsache,
dadurch mache man sich alles erst dauernd zu eigen, und selbst Dinge,
die man nur flüchtig gesehen und von denen man kaum wisse, daß man sie
in seiner Seele beherberge, kämen einem durch solche nachträglichen
Studien erst voll zu Bewußtsein und Besitz. Er führte das noch weiter
aus und fügte hinzu, daß ihn Gieshübler, der den ganzen »italienischen
Stiefel« bis Palermo kenne, gebeten habe, mit dabeisein zu dürfen.
Effi, der ein ganz gewöhnlicher Plauderabend ohne den »italienischen
Stiefel« (es sollten sogar Fotografien herumgereicht werden) viel,
viel lieber gewesen wäre, antwortete mit einer gewissen Gezwungenheit;
Innstetten indessen, ganz erfüllt von seinem Plan, merkte nichts und
fuhr fort: »Natürlich ist nicht bloß Gieshübler zugegen, auch Roswitha
und Annie müssen dabeisein, und wenn ich mir dann denke, daß wir den
Canale grande hinauffahren und hören dabei ganz in der Ferne die
Gondoliere singen, während drei Schritt von uns Roswitha sich über
Annie beugt und 'Buhküken von Halberstadt' oder so was Ähnliches zum
besten gibt, so können das schöne Winterabende werden, und du sitzt
dabei und strickst mir eine große Winterkappe. Was meinst du dazu,
Effi?«

Solche Abende wurden nicht bloß geplant, sie nahmen auch ihren Anfang,
und sie würden sich aller Wahrscheinlichkeit nach über viele Wochen
hin ausgedehnt haben, wenn nicht der unschuldige, harmlose Gieshübler,
trotz größter Abgeneigtheit gegen zweideutiges Handeln, dennoch im
Dienste zweier Herren gestanden hätte. Der eine, dem er diente, war
Innstetten, der andere war Crampas, und wenn er der Innstettenschen
Aufforderung zu den italienischen Abenden, schon um Effis willen, auch
mit aufrichtigster Freude Folge leistete, so war die Freude, mit der
er Crampas gehorchte, doch noch eine größere. Nach einem Crampasschen
Plan nämlich sollte noch vor Weihnachten »Ein Schritt vom Wege«
aufgeführt werden, und als man vor dem dritten italienischen Abend
stand, nahm Gieshübler die Gelegenheit wahr, mit Effi, die die Rolle
der Ella spielen sollte, darüber zu sprechen.

Effi war wie elektrisiert; was wollten Padua, Vicenza daneben
bedeuten! Effi war nicht für Aufgewärmtheiten; Frisches war es, wonach
sie sich sehnte, Wechsel der Dinge. Aber als ob eine Stimme ihr
zugerufen hätte: »Sieh dich vor!«, so fragte sie doch, inmitten ihrer
freudigen Erregung:

»Ist es der Major, der den Plan aufgebracht hat?«

»Ja. Sie wissen, gnädigste Frau, daß er einstimmig in das
Vergnügungskomitee gewählt wurde. Wir dürfen uns endlich einen
hübschen Winter in der Ressource versprechen. Er ist ja wie geschaffen
dazu.«

»Und wird er auch mitspielen?«

»Nein, das hat er abgelehnt. Ich muß sagen, leider. Denn er kann ja
alles und würde den Arthur von Schmettwitz ganz vorzüglich geben. Er
hat nur die Regie übernommen.«

»Desto schlimmer.«

»Desto schlimmer?« wiederholte Gieshübler.

»Oh, Sie dürfen das nicht so feierlich nehmen; das ist nur so eine
Redensart, die eigentlich das Gegenteil bedeutet. Auf der anderen
Seite freilich, der Major hat so was Gewaltsames, er nimmt einem die
Dinge gern über den Kopf fort. Und man muß dann spielen, wie er will,
und nicht, wie man selber will.«

Sie sprach noch so weiter und verwickelte sich immer mehr in
Widersprüche.

Der »Schritt vom Wege« kam wirklich zustande, und gerade weil man nur
noch gute vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war
ausgeschlossen), so strengte sich alles an, und es ging vorzüglich;
die Mitspielenden, vor allem Effi, ernteten reichen Beifall. Crampas
hatte sich wirklich mit der Regie begnügt, und so streng er gegen
alle anderen war, so wenig hatte er auf den Proben in Effis Spiel
hineingeredet. Entweder waren ihm von seiten Gieshüblers Mitteilungen
über das mit Effi gehabte Gespräch gemacht worden, oder er hatte es
auch aus sich selber bemerkt, daß Effi beflissen war, sich von ihm
zurückzuziehen. Und er war klug und Frauenkenner genug, um den
natürlichen Entwicklungsgang, den er nach seinen Erfahrungen nur zu
gut kannte, nicht zu stören.

Am Theaterabend in der Ressource trennte man sich spät, und
Mitternacht war vorüber, als Innstetten und Effi wieder zu Hause bei
sich eintrafen. Johanna war noch auf, um behilflich zu sein, und
Innstetten, der auf seine junge Frau nicht wenig eitel war, erzählte
Johanna, wie reizend die gnädige Frau ausgesehen und wie gut sie
gespielt habe. Schade, daß er nicht vorher daran gedacht, Christel
und sie selber und auch die alte Unke, die Kruse, hätten von der
Musikgalerie her sehr gut zusehen können; es seien viele dagewesen.
Dann ging Johanna, und Effi, die müde war, legte sich nieder.
Innstetten aber, der noch plaudern wollte, schob einen Stuhl heran und
setzte sich an das Bett seiner Frau, diese freundlich ansehend und
ihre Hand in der seinen haltend.

»Ja, Effi, das war ein hübscher Abend. Ich habe mich amüsiert über das
hübsche Stück. Und denke dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat,
eigentlich kaum zu glauben. Und noch dazu aus Königsberg. Aber worüber
ich mich am meisten gefreut, das war doch meine entzückende kleine
Frau, die allen die Köpfe verdreht hat.«

»Ach, Geert, sprich nicht so. Ich bin schon gerade eitel genug.«

»Eitel genug, das wird wohl richtig sein. Aber doch lange nicht so
eitel wie die anderen. Und das ist zu deinen sieben Schönheiten ...«

»Sieben Schönheiten haben alle.«

»... Ich habe mich auch bloß versprochen, du kannst die Zahl gut mit
sich selbst multiplizieren.«

»Wie galant du bist, Geert. Wenn ich dich nicht kennte, könnt ich mich
fürchten. Oder lauert wirklich was dahinter?« »Hast du ein schlechtes
Gewissen? Selber hinter der Tür gestanden?«

»Ach, Geert, ich ängstige mich wirklich.« Und sie richtete sich im
Bett in die Höh und sah ihn starr an. »Soll ich noch nach Johanna
klingeln, daß sie uns Tee bringt? Du hast es so gern vor dem
Schlafengehen.«

Er küßte ihr die Hand. »Nein, Effi. Nach Mitternacht kann auch der
Kaiser keine Tasse Tee mehr verlangen, und du weißt, ich mag die Leute
nicht mehr in Anspruch nehmen als nötig. Nein, ich will nichts, als
dich ansehen und mich freuen, daß ich dich habe. So manchmal empfindet
man's doch stärker, welchen Schatz man hat. Du könntest ja auch so
sein wie die arme Frau Crampas; das ist eine schreckliche Frau, gegen
keinen freundlich, und dich hätte sie vom Erdboden vertilgen mögen.«

»Ach, ich bitte dich, Geert, das bildest du dir wieder ein. Die arme
Frau! Mir ist nichts aufgefallen.«

»Weil du für derlei keine Augen hast. Aber es war so, wie ich dir
sage, und der arme Crampas war wie befangen dadurch und mied dich
immer und sah dich kaum an. Was doch ganz unnatürlich ist; denn
erstens ist er überhaupt ein Damenmann, und nun gar Damen wie du, das
ist seine besondere Passion. Und ich wette auch, daß es keiner besser
weiß als meine kleine Frau selber. Wenn ich daran denke, wie, Pardon,
das Geschnatter hin und her ging, wenn er morgens in die Veranda kam
oder wenn wir am Strande ritten oder auf der Mole spazierengingen. Es
ist, wie ich dir sage, er traute sich heute nicht, er fürchtete sich
vor seiner Frau. Und ich kann es ihm nicht verdenken. Die Majorin ist
so etwas wie unsere Frau Kruse, und wenn ich zwischen beiden wählen
müßte, ich wüßte nicht wen.«

»Ich wüßt es schon; es ist doch ein Unterschied zwischen den beiden.
Die arme Majorin ist unglücklich, die Kruse ist unheimlich.«

»Und da bist du doch mehr für das Unglückliche?« »Ganz entschieden.«

»Nun höre, das ist Geschmackssache. Man merkt, daß du noch nicht
unglücklich warst. Übrigens hat Crampas ein Talent, die arme Frau zu
eskamotieren. Er erfindet immer etwas, sie zu Hause zu lassen.«

»Aber heute war sie doch da.«

»Ja, heute. Da ging es nicht anders. Aber ich habe mit ihm eine Partie
zu Oberförster Ring verabredet, er, Gieshübler und der Pastor, auf
den dritten Feiertag, und da hättest du sehen sollen, mit welcher
Geschicklichkeit er bewies, daß sie, die Frau, zu Hause bleiben
müsse.«

»Sind es denn nur Herren?«

»O bewahre. Da würd ich mich auch bedanken. Du bist mit dabei und noch
zwei, drei andere Damen, die von den Gütern ungerechnet.«

»Aber dann ist es doch auch häßlich von ihm, ich meine von Crampas,
und so was bestraft sich immer.«

»Ja, mal kommt es. Aber ich glaube, unser Freund hält zu denen, die
sich über das, was kommt, keine grauen Haare wachsen lassen.«

»Hältst du ihn für schlecht?«

»Nein, für schlecht nicht. Beinah im Gegenteil, jedenfalls hat er gute
Seiten. Aber er ist so'n halber Pole, kein rechter Verlaß, eigentlich
in nichts, am wenigsten mit Frauen. Eine Spielernatur. Er spielt nicht
am Spieltisch, aber er hasardiert im Leben in einem fort, und man muß
ihm auf die Finger sehen.«

»Es ist mir doch lieb, daß du mir das sagst. Ich werde mich vorsehen
mit ihm.«

»Das tu. Aber nicht zu sehr; dann hilft es nichts. Unbefangenheit ist
immer das beste, natürlich das allerbeste ist Charakter und Festigkeit
und, wenn ich solch steifleinenes Wort brauchen darf, eine reine
Seele.«

Sie sah ihn groß an. Dann sagte sie: »Ja, gewiß. Aber nun sprich nicht
mehr, und noch dazu lauter Dinge, die mich nicht recht froh machen
können. Weißt du, mir ist, als hörte ich oben das Tanzen. Sonderbar,
daß es immer wiederkommt. Ich dachte, du hättest mit dem allem nur so
gespaßt.«

»Das will ich doch nicht sagen, Effi. Aber so oder so, man muß nur in
Ordnung sein und sich nicht zu fürchten brauchen.«

Effi nickte und dachte mit einem Male wieder an die Worte, die ihr
Crampas über ihren Mann als »Erzieher« gesagt hatte.

Der Heilige Abend kam und verging ähnlich wie das Jahr vorher; aus
Hohen-Cremmen kamen Geschenke und Briefe; Gieshübler war wieder mit
einem Huldigungsvers zur Stelle, und Vetter Briest sandte eine Karte:
Schneelandschaft mit Telegrafenstangen, auf deren Draht geduckt ein
Vögelchen saß. Auch für Annie war aufgebaut: ein Baum mit Lichtern,
und das Kind griff mit seinen Händchen danach. Innstetten, unbefangen
und heiter, schien sich seines häuslichen Glücks zu freuen und
beschäftigte sich viel mit dem Kinde. Roswitha war erstaunt, den
gnädigen Herrn so zärtlich und zugleich so aufgeräumt zu sehen. Auch
Effi sprach viel und lachte viel, es kam ihr aber nicht aus innerster
Seele. Sie fühlte sich bedrückt und wußte nur nicht, wen sie dafür
verantwortlich machen sollte, Innstetten oder sich selber. Von Crampas
war kein Weihnachtsgruß eingetroffen; eigentlich war es ihr lieb, aber
auch wieder nicht, seine Huldigungen erfüllten sie mit einem gewissen
Bangen, und seine Gleichgültigkeiten verstimmten sie; sie sah ein, es
war nicht alles so, wie's sein sollte.

»Du bist so unruhig«, sagte Innstetten nach einer Weile.

»Ja. Alle Welt hat es so gut mit mir gemeint, am meisten du; das
bedrückt mich, weil ich fühle, daß ich es nicht verdiene.«

»Damit darf man sich nicht quälen, Effi. Zuletzt ist es doch so: Was
man empfängt, das hat man auch verdient.«

Effi hörte scharf hin, und ihr schlechtes Gewissen ließ sie selber
fragen, ob er das absichtlich in so zweideutiger Form gesagt habe.

Spät gegen Abend kam Pastor Lindequist, um zu gratulieren und noch
wegen der Partie nach der Oberförsterei Uvagla hin anzufragen, die
natürlich eine Schlittenpartie werden müsse. Crampas habe ihm einen
Platz in seinem Schlitten angeboten, aber weder der Major noch sein
Bursche, der, wie alles, auch das Kutschieren übernehmen solle,
kenne den Weg, und so würde es sich vielleicht empfehlen, die Fahrt
gemeinschaftlich zu machen, wobei dann der landrätliche Schlitten die
Tete zu nehmen und der Crampassche zu folgen hätte. Wahrscheinlich
auch der Gieshüblersche. Denn mit der Wegkenntnis Mirambos, dem sich
unerklärlicherweise Freund Alonzo, der doch sonst so vorsichtig,
anvertrauen wolle, stehe es wahrscheinlich noch schlechter als mit der
des sommersprossigen Treptower Ulanen. Innstetten, den diese kleinen
Verlegenheiten erheiterten, war mit Lindequists Vorschlag durchaus
einverstanden und ordnete die Sache dahin, daß er pünktlich um zwei
Uhr über den Marktplatz fahren und ohne alles Säumen die Führung des
Zuges in die Hand nehmen werde.

Nach diesem Übereinkommen wurde denn auch verfahren, und als
Innstetten Punkt zwei Uhr den Marktplatz passierte, grüßte Crampas
zunächst von seinem Schlitten aus zu Effi hinüber und schloß sich
dann dem Innstettenschen an. Der Pastor saß neben ihm. Gieshüblers
Schlitten, mit Gieshübler selbst und Doktor Hannemann, folgte, jener
in einem eleganten Büffelrock und Marderbesatz, dieser in einem
Bärenpelz, dem man ansah, daß er wenigstens dreißig Dienstjahre
zählte. Hannemann war nämlich in seiner Jugend Schiffschirurgus auf
einem Grönlandfahrer gewesen. Mirambo saß vorn, etwas aufgeregt wegen
Unkenntnis im Kutschieren, ganz wie Lindequist vermutet hatte.

Schon nach zwei Minuten war man an Utpatels Mühle vorbei.

Zwischen Kessin und Uvagla (wo der Sage nach ein Wendentempel
gestanden) lag ein nur etwa tausend Schritt breiter, aber wohl
anderthalb Meilen langer Waldstreifen, der an seiner rechten
Längsseite das Meer, an seiner linken, bis weit an den Horizont hin,
ein großes, überaus fruchtbares und gut angebautes Stück Land hatte.
Hier, an der Binnenseite, flogen jetzt die drei Schlitten hin, in
einiger Entfernung ein paar alte Kutschwagen vor sich, in denen aller
Wahrscheinlichkeit nach andere nach der Oberförsterei hin eingeladene
Gäste saßen. Einer dieser Wagen war an seinen altmodisch hohen Rädern
deutlich zu erkennen, es war der Papenhagensche. Natürlich. Güldenklee
galt als der beste Redner des Kreises (noch besser als Borcke, ja
selbst besser als Grasenabb) und durfte bei Festlichkeiten nicht
leicht fehlen. Die Fahrt ging rasch - auch die herrschaftlichen
Kutscher strengten sich an und wollten sich nicht überholen lassen -,
so daß man schon um drei vor der Oberförsterei hielt. Ring, ein
stattlicher, militärisch dreinschauender Herr von Mitte Fünfzig,
der den ersten Feldzug in Schleswig noch unter Wrangel und Bonin
mitgemacht und sich bei Erstürmung des Danewerks ausgezeichnet hatte,
stand in der Tür und empfing seine Gäste, die, nachdem sie abgelegt
und die Frau des Hauses begrüßt hatten, zunächst vor einem
langgedeckten Kaffeetisch Platz nahmen, auf dem kunstvoll
aufgeschichtete Kuchenpyramiden standen. Die Oberförsterin, eine von
Natur sehr ängstliche, zum mindesten aber sehr befangene Frau, zeigte
sich auch als Wirtin so, was den überaus eitlen Oberförster, der für
Sicherheit und Schneidigkeit war, ganz augenscheinlich verdroß. Zum
Glück kam sein Unmut zu keinem Ausbruch, denn von dem, was seine
Frau vermissen ließ, hatten seine Töchter desto mehr, bildhübsche
Backfische von vierzehn und dreizehn, die ganz nach dem Vater
schlugen. Besonders die ältere, Cora, kokettierte sofort mit
Innstetten und Crampas, und beide gingen auch darauf ein. Effi ärgerte
sich darüber und schämte sich dann wieder, daß sie sich geärgert habe.
Sie saß neben Sidonie von Grasenabb und sagte: »Sonderbar, so bin ich
auch gewesen, als ich vierzehn war.«

Effi rechnete darauf, daß Sidonie dies bestreiten oder doch wenigstens
Einschränkungen machen würde. Statt dessen sagte diese: »Das kann ich
mir denken.«

»Und wie der Vater sie verzieht«, fuhr Effi halb verlegen und nur, um
doch was zu sagen, fort.

Sidonie nickte. »Da liegt es. Keine Zucht. Das ist die Signatur
unserer Zeit.«

Effi brach nun ab.

Der Kaffee war bald genommen, und man stand auf, um noch einen
halbstündigen Spaziergang in den umliegenden Wald zu machen, zunächst
auf ein Gehege zu, drin Wild eingezäunt war. Cora öffnete das Gatter,
und kaum, daß sie eingetreten, so kamen auch schon die Rehe auf
sie zu. Es war eigentlich reizend, ganz wie ein Märchen. Aber die
Eitelkeit des jungen Dinges, das sich bewußt war, ein lebendes Bild zu
stellen, ließ doch einen reinen Eindruck nicht aufkommen, am wenigsten
bei Effi. »Nein«, sagte sie zu sich selber, »so bin ich doch nicht
gewesen. Vielleicht hat es mir auch an Zucht gefehlt, wie diese
furchtbare Sidonie mir eben andeutete, vielleicht auch anderes noch.
Man war zu Haus zu gütig gegen mich, man liebte mich zu sehr. Aber das
darf ich doch wohl sagen, ich habe mich nie geziert. Das war immer
Huldas Sache. Darum gefiel sie mir auch nicht, als ich diesen Sommer
sie wiedersah.

Auf dem Rückwege vom Wald nach der Oberförsterei begann es zu
schneien. Crampas gesellte sich zu Effi und sprach ihr sein Bedauern
aus, daß er noch nicht Gelegenheit gehabt habe, sie zu begrüßen.
Zugleich wies er auf die großen, schweren Schneeflocken, die fielen,
und sagte: »Wenn das so weitergeht, so schneien wir hier ein.«

»Das wäre nicht das Schlimmste. Mit dem Eingeschneitwerden verbinde
ich von langer Zeit her eine freundliche Vorstellung, eine Vorstellung
von Schutz und Beistand.«

»Das ist mir neu, meine gnädigste Frau.«

»Ja«, fuhr Effi fort und versuchte zu lachen, »mit den Vorstellungen
ist es ein eigen Ding, man macht sie sich nicht bloß nach dem, was
man persönlich erfahren hat, auch nach dem, was man irgendwo gehört
oder ganz zufällig weiß. Sie sind so belesen, Major, aber mit einem
Gedicht - freilich keinem Heineschen, keinem 'Seegespenst' und
keinem 'Vitzliputzli' - bin ich Ihnen, wie mir scheint, doch voraus.
Dies Gedicht heißt die 'Gottesmauer', und ich hab es bei unserm
Hohen-Cremmer Pastor vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ganz
klein war, auswendig gelernt.«

»Gottesmauer«, wiederholte Crampas. »Ein hübscher Titel, und wie
verhält es sich damit?«

»Eine kleine Geschichte, nur ganz kurz. Da war irgendwo Krieg, ein
Winterfeldzug, und eine alte Witwe, die sich vor dem Feinde mächtig
fürchtete, betete zu Gott, er möge doch 'eine Mauer um sie bauen',
um sie vor dem Landesfeinde zu schützen. Und da ließ Gott das Haus
einschneien, und der Feind zog daran vorüber.«

Crampas war sichtlich betroffen und wechselte das Gespräch.

Als es dunkelte, waren alle wieder in der Oberförsterei zurück.



Neunzehntes Kapitel

Gleich nach sieben ging man zu Tisch, und alles freute sich, daß der
Weihnachtsbaum, eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne, noch
einmal angesteckt wurde. Crampas, der das Ringsche Haus noch nicht
kannte, war helle Bewunderung. Der Damast, die Weinkühler, das
reiche Silbergeschirr, alles wirkte herrschaftlich, weit über
oberförsterliche Durchschnittsverhältnisse hinaus, was darin seinen
Grund hatte, daß Rings Frau, so scheu und verlegen sie war, aus einem
reichen Danziger Kornhändlerhause stammte. Von daher rührten auch die
meisten der ringsumher hängenden Bilder: der Kornhändler und seine
Frau, der Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem berühmten
Memlingschen Altarbild in der Danziger Marienkirche. Kloster Olivia
war zweimal da, einmal in Öl und einmal in Kork geschnitzt. Außerdem
befand sich über dem Büfett ein sehr nachgedunkeltes Porträt des
alten Nettelbeck, das noch aus dem bescheidenen Mobiliar des erst vor
anderthalb Jahren verstorbenen Ringschen Amtsvorgängers herrührte.
Niemand hatte damals bei der gewöhnlich stattfindenden Auktion das
Bild des Alten haben wollen, bis Innstetten, der sich über diese
Mißachtung ärgerte, darauf geboten hatte. Da hatte sich denn auch
Ring patriotisch besonnen, und der alte Kolbergverteidiger war der
Oberförsterei verblieben.

Das Nettelbeckbild ließ ziemlich viel zu wünschen übrig; sonst aber
verriet alles, wie schon angedeutet, eine beinahe an Glanz streifende
Wohlhabenheit, und dem entsprach denn auch das Mahl, das aufgetragen
wurde. Jeder hatte mehr oder weniger seine Freude daran, mit Ausnahme
Sidoniens. Diese saß zwischen Innstetten und Lindequist und sagte, als
sie Coras ansichtig wurde: »Da ist ja wieder dies unausstehliche Balg,
diese Cora. Sehen Sie nur, Innstetten, wie sie die kleinen Weingläser
präsentiert, ein wahres Kunststück, sie könnte jeden Augenblick
Kellnerin werden. Ganz unerträglich. Und dazu die Blicke von Ihrem
Freund Crampas! Das ist so die rechte Saat! Ich frage Sie, was soll
dabei herauskommen?«

Innstetten, der ihr eigentlich zustimmte, fand trotzdem den Ton, in
dem das alles gesagt wurde, so verletzend herbe daß er spöttisch
bemerkte: »Ja, meine Gnädigste, was dabei herauskommen soll? Ich weiß
es auch nicht« - worauf sich Sidonie von ihm ab- und ihrem Nachbarn
zur Linken zuwandte:

»Sagen Sie, Pastor, ist diese vierzehnjährige Kokette schon im
Unterricht bei Ihnen?«

»Ja, mein gnädiges Fräulein.«

»Dann müssen Sie mir die Bemerkung verzeihen, daß Sie sie nicht in die
richtige Schule genommen haben. Ich weiß wohl, es hält das heutzutage
sehr schwer, aber ich weiß auch, daß die, denen die Fürsorge für junge
Seelen obliegt, es vielfach an dem rechten Ernst fehlen lassen. Es
bleibt dabei, die Hauptschuld tragen die Eltern und Erzieher.«

Lindequist, denselben Ton anschlagend wie Innstetten, antwortete, daß
das alles sehr richtig, der Geist der Zeit aber zu mächtig sei.

»Geist der Zeit!« sagte Sidonie. »Kommen Sie mir nicht damit. Das
kann ich nicht hören, das ist der Ausdruck höchster Schwäche,
Bankrotterklärung. Ich kenne das; nie scharf zufassen wollen, immer
dem Unbequemen aus dem Wege gehen. Denn Pflicht ist unbequem. Und so
wird nur allzuleicht vergessen, daß das uns anvertraute Gut auch mal
von uns zurückgefordert wird. Eingreifen, lieber Pastor, Zucht. Das
Fleisch ist schwach, gewiß, aber ...«

In diesem Augenblick kam ein englisches Roastbeef, von dem Sidonie
ziemlich ausgiebig nahm, ohne Lindequists Lächeln dabei zu bemerken.
Und weil sie's nicht bemerkte, so durfte es auch nicht wundernehmen,
daß sie mit viel Unbefangenheit fortfuhr: »Es kann übrigens alles, was
Sie hier sehen, nicht wohl anders sein; alles ist schief und verfahren
von Anfang an. Ring, Ring - wenn ich nicht irre, hat es drüben in
Schweden oder da herum mal einen Sagenkönig dieses Namens gegeben.
Nun sehen Sie, benimmt er sich nicht, als ob er von dem abstamme?
Und seine Mutter, die ich noch gekannt habe, war eine Plättfrau in
Köslin.«

»Ich kann darin nichts Schlimmes finden.«

»Schlimmes finden? Ich auch nicht. Und jedenfalls gibt es Schlimmeres.
Aber soviel muß ich doch von Ihnen, als einem geweihten Diener der
Kirche, gewärtigen dürfen, daß Sie die gesellschaftlichen Ordnungen
gelten lassen. Ein Oberförster ist ein bißchen mehr als ein Förster,
und ein Förster hat nicht solche Weinkühler und solch Silberzeug;
das alles ist ungehörig und zieht dann solche Kinder groß wie dies
Fräulein Cora.«

Sidonie, jedesmal bereit, irgendwas Schreckliches zu prophezeien, wenn
sie, vom Geist überkommen, die Schalen ihres Zorns ausschüttete, würde
sich auch heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft gesteigert
haben, wenn nicht in ebendiesem Augenblick die dampfende Punschbowle
- womit die Weihnachtsreunions bei Ring immer abschlossen - auf
der Tafel erschienen wäre, dazu Krausgebackenes, das, geschickt
übereinandergetürmt, noch weit über die vor einigen Stunden
aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs. Und nun trat auch Ring
selbst, der sich bis dahin etwas zurückgehalten hatte, mit einer
gewissen strahlenden Feierlichkeit in Aktion und begann die vor ihm
stehenden Gläser, große geschliffene Römer, in virtuosem Bogensturz zu
füllen, ein Einschenkekunststück, das die stets schlagfertige Frau von
Padden, die heute leider fehlte, mal als »Ringsche Füllung en cascade«
bezeichnet hatte. Rotgolden wölbte sich dabei der Strahl, und kein
Tropfen durfte verlorengehen. So war es auch heute wieder. Zuletzt
aber, als jeder, was ihm zukam, in Händen hielt - auch Cora, die sich
mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf »Onkel Crampas'«
Schoß gesetzt hatte -, erhob sich der alte Papenhagner, um, wie
herkömmlich bei Festlichkeiten der Art, einen Toast auf seinen lieben
Oberförster auszubringen. Es gäbe viele Ringe, so etwa begann er,
Jahresringe, Gardinenringe, Trauringe, und was nun gar - denn auch
davon dürfe sich am Ende wohl sprechen lassen - die Verlobungsringe
angehe, so sei glücklicherweise die Gewähr gegeben, daß einer davon
in kürzester Frist in diesem Hause sichtbar werden und den Ringfinger
(und zwar hier in einem doppelten Sinne den Ringfinger) eines kleinen
hübschen Pätschelchens zieren werde...

»Unerhört«, raunte Sidonie dem Pastor zu.

»Ja, meine Freunde«, fuhr Güldenklee mit gehobener Stimme fort, »viele
Ringe gibt es, und es gibt sogar eine Geschichte, die wir alle kennen,
die die Geschichte von den 'drei Ringen' heißt, eine Judengeschichte,
die, wie der ganze liberale Krimskrams, nichts wie Verwirrung und
Unheil gestiftet hat und noch stiftet. Gott bessere es. Und nun lassen
Sie mich schließen, um Ihre Geduld und Nachsicht nicht über Gebühr in
Anspruch zu nehmen. Ich bin nicht für diese drei Ringe, meine Lieben,
ich bin vielmehr für einen Ring, für einen Ring, der so recht ein Ring
ist, wie er sein soll, ein Ring, der alles Gute, was wir in unsrem
altpommerschen Kessiner Kreise haben, alles, was noch mit Gott für
König und Vaterland einsteht - und es sind ihrer noch einige (lauter
Jubel) -, an diesem seinem gastlichen Tisch vereinigt sieht. Für
diesen Ring bin ich. Er lebe hoch!«

Alles stimmte ein und umdrängte Ring, der, solange das dauerte, das
Amt des »Einschenkens en cascade« an den ihm gegenübersitzenden
Crampas abtreten mußte; der Hauslehrer aber stürzte von seinem Platz
am unteren Ende der Tafel an das Klavier und schlug die ersten Takte
des Preußenliedes an, worauf alles stehend und feierlich einfiel: »Ich
bin ein Preuße ... will ein Preuße sein.«

»Es ist doch etwas Schönes«, sagte gleich nach der ersten Strophe der
alte Borcke zu Innstetten, »so was hat man in anderen Ländern nicht.«

»Nein«, antwortete Innstetten, der von solchem Patriotismus nicht viel
hielt, »in anderen Ländern hat man was anderes.«

Man sang alle Strophen durch, dann hieß es, die Wagen seien
vorgefahren, und gleich danach erhob sich alles, um die Pferde nicht
warten zu lassen. Denn diese Rücksicht »auf die Pferde« ging auch im
Kreise Kessin allem anderen vor. Im Hausflur standen zwei hübsche
Mägde, Ring hielt auf dergleichen, um den Herrschaften beim Anziehen
ihrer Pelze behilflich zu sein. Alles war heiter angeregt, einige mehr
als das, und das Einsteigen in die verschiedenen Gefährte schien sich
schnell und ohne Störung vollziehen zu sollen, als es mit einemmal
hieß, der Gieshüblersche Schlitten sei nicht da. Gieshübler selbst war
viel zu artig, um gleich Unruhe zu zeigen oder gar Lärm zu machen;
endlich aber, weil doch wer das Wort nehmen mußte, fragte Crampas, was
es denn eigentlich sei.

»Mirambo kann nicht fahren«, sagte der Hofknecht; »das linke Pferd hat
ihn beim Anspannen vor das Schienbein geschlagen. Er liegt im Stall
und schreit.«

Nun wurde natürlich nach Doktor Hannemann gerufen, der denn auch
hinausging und nach fünf Minuten mit echter Chirurgenruhe versicherte:
ja, Mirambo müsse zurückbleiben; es sei vorläufig in der Sache nichts
zu machen als stilliegen und kühlen. Übrigens von Bedenklichem keine
Rede. Das war nun einigermaßen ein Trost, aber schaffte doch die
Verlegenheit, wie der Gieshüblersche Schlitten zurückzufahren sei,
nicht aus der Welt, bis Innstetten erklärte, daß er für Mirambo
einzutreten und das Zwiegestirn von Doktor und Apotheker persönlich
glücklich heimzusteuern gedenke. Lachend und unter ziemlich
angeheiterten Scherzen gegen den verbindlichsten aller Landräte, der
sich, um hilfreich zu sein, sogar von seiner jungen Frau trennen
wolle, wurde dem Vorschlag zugestimmt, und Innstetten, mit Gieshübler
und dem Doktor im Fond, nahm jetzt wieder die Tete. Crampas und
Lindequist folgten unmittelbar. Und als gleich danach auch Kruse mit
dem landrätlichen Schlitten vorfuhr, trat Sidonie lächelnd an Effi
heran und bat diese, da ja nun ein Platz frei sei, mit ihr fahren zu
dürfen. »In unserer Kutsche ist es immer so stickig; mein Vater liebt
das. Und außerdem, ich möchte so gerne mit Ihnen plaudern. Aber nur
bis Quappendorf. Wo der Morgnitzer Weg abzweigt, steig ich aus und muß
dann wieder in unseren unbequemen Kasten. Und Papa raucht auch noch.«

Effi war wenig erfreut über diese Begleitung und hätte die Fahrt
lieber allein gemacht; aber ihr blieb keine Wahl, und so stieg denn
das Fräulein ein, und kaum daß beide Damen ihre Plätze genommen
hatten, so gab Kruse den Pferden auch schon einen Peitschenknips, und
von der oberförsterlichen Rampe her, von der man einen prächtigen
Ausblick auf das Meer hatte, ging es die ziemlich steile Düne hinunter
auf den Strandweg zu, der, eine Meile lang, in beinahe gerader Linie
bis an das Kessiner Strandhotel und von dort aus, rechts einbiegend,
durch die Plantage hin in die Stadt führte.

Der Schneefall hatte schon seit ein paar Stunden aufgehört, die Luft
war frisch, und auf das weite dunkelnde Meer fiel der matte Schein der
Mondsichel. Kruse fuhr hart am Wasser hin, mitunter den Schaum der
Brandung durchschneidend, und Effi, die etwas fröstelte, wickelte sich
fester in ihren Mantel und schwieg noch immer und mit Absicht. Sie
wußte recht gut, daß das mit der »stickigen Kutsche« bloß ein Vorwand
gewesen und daß sich Sidonie nur zu ihr gesetzt hatte, um ihr etwas
Unangenehmes zu sagen. Und das kam immer noch früh genug. Zudem
war sie wirklich müde, vielleicht von dem Spaziergange im Walde,
vielleicht auch von dem oberförsterlichen Punsch, dem sie, auf Zureden
der neben ihr sitzenden Frau von Flemming, tapfer zugesprochen hatte.
Sie tat denn auch, als ob sie schliefe, schloß die Augen und neigte
den Kopf immer mehr nach links.

»Sie sollten sich nicht so sehr nach links beugen, meine gnädigste
Frau. Fährt der Schlitten auf einen Stein, so fliegen Sie hinaus. Ihr
Schlitten hat ohnehin kein Schutzleder und, wie ich sehe, auch nicht
einmal die Haken dazu.«

»Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben so was Prosaisches.
Und dann, wenn ich hinausflöge, mir wär es recht, am liebsten gleich
in die Brandung. Freilich ein etwas kaltes Bad, aber was tut's ...
Übrigens, hören Sie nichts?«

»Nein.«

»Hören Sie nicht etwas wie Musik?« »Orgel?«

»Nein, nicht Orgel. Da würd ich denken, es sei das Meer. Aber es
ist etwas anderes, ein unendlich feiner Ton, fast wie menschliche
Stimme ...«

»Das sind Sinnestäuschungen«, sagte Sidonie, die jetzt den richtigen
Einsetzmoment gekommen glaubte. »Sie sind nervenkrank. Sie hören
Stimmen. Gebe Gott, daß Sie auch die richtige Stimme hören.«

»Ich höre ... nun, gewiß, es ist Torheit, ich weiß, sonst würd ich mir
einbilden, ich hätte die Meerfrauen singen hören ... Aber, ich bitte
Sie, was ist das? Es blitzt ja bis hoch in den Himmel hinauf. Das muß
ein Nordlicht sein.«

»Ja«, sagte Sidonie. »Gnädigste Frau tun ja, als ob es ein Weltwunder
wäre. Das ist es nicht. Und wenn es dergleichen wäre, wir haben uns
vor Naturkultus zu hüten. Übrigens ein wahres Glück, daß wir außer
Gefahr sind, unsern Freund Oberförster, diesen eitelsten aller
Sterblichen, über dies Nordlicht sprechen zu hören. Ich wette, daß er
sich einbilden würde, das tue ihm der Himmel zu Gefallen, um sein Fest
noch festlicher zu machen. Er ist ein Narr. Güldenklee konnte Besseres
tun, als ihn feiern. Und dabei spielt er sich auf den Kirchlichen aus
und hat auch neulich eine Altardecke geschenkt. Vielleicht, daß Cora
daran mitgestickt hat. Diese Unechten sind schuld an allem, denn ihre
Weltlichkeit liegt immer obenauf und wird denen mit angerechnet, die's
ernst mit dem Heil ihrer Seele meinen.«

»Es ist so schwer, ins Herz zu sehen!«

»Ja. Das ist es. Aber bei manchem ist es auch ganz leicht.« Und dabei
sah sie die junge Frau mit beinahe ungezogener Eindringlichkeit an.
Effi schwieg und wandte sich ungeduldig zur Seite.

»Bei manchem, sag ich, ist es ganz leicht«, wiederholte Sidonie, die
ihren Zweck erreicht hatte und deshalb ruhig lächelnd fortfuhr. »Und
zu diesen leichten Rätseln gehört unser Oberförster. Wer seine Kinder
so erzieht, den beklag ich, aber das eine Gute hat es, es liegt bei
ihm alles klar da. Und wie bei ihm selbst, so bei den Töchtern. Cora
geht nach Amerika und wird Millionärin oder Methodistenpredigerin;
in jedem Fall ist sie verloren. Ich habe noch keine Vierzehnjährige
gesehen ...«

In diesem Augenblick hielt der Schlitten, und als sich beide Damen
umsahen, um in Erfahrung zu bringen, was es denn eigentlich sei,
bemerkten sie, daß rechts von ihnen, in etwa dreißig Schritt Abstand,
auch die beiden anderen Schlitten hielten - am weitesten nach rechts
der von Innstetten geführte, näher heran der Crampassche.

»Was ist?« fragte Effi.

Kruse wandte sich halb herum und sagte: »Der Schloon, gnäd'ge Frau.«

»Der Schloon? Was ist das? Ich sehe nichts.«

Kruse wiegte den Kopf hin und her, wie wenn er ausdrücken wollte, daß
die Frage leichter gestellt als beantwortet sei.

Worin er auch recht hatte. Denn was der Schloon sei, das war nicht
so mit drei Worten zu sagen. Kruse fand aber in seiner Verlegenheit
alsbald Hilfe bei dem gnädigen Fräulein, das hier mit allem Bescheid
wußte und natürlich auch mit dem Schloon.

»Ja, meine gnädigste Frau«, sagte Sidonie, »da steht es schlimm. Für
mich hat es nicht viel auf sich, ich komme bequem durch; denn wenn
erst die Wagen heran sind, die haben hohe Räder, und unsere Pferde
sind außerdem daran gewöhnt. Aber mit solchem Schlitten ist es was
anderes; die versinken im Schloon, und Sie werden wohl oder übel einen
Umweg machen müssen.«

»Versinken! Ich bitte Sie, mein gnädigstes Fräulein, ich sehe noch
immer nicht klar. Ist denn der Schloon ein Abgrund oder irgendwas,
drin man mit Mann und Maus zugrunde gehen muß? Ich kann mir so was
hierzulande gar nicht denken.«

»Und doch ist es so was, nur freilich im kleinen; dieser Schloon ist
eigentlich bloß ein kümmerliches Rinnsal, das hier rechts vom Gothener
See herunterkommt und sich durch die Dünen schleicht. Und im Sommer
trocknet es mitunter ganz aus, und Sie fahren dann ruhig drüber hin
und wissen es nicht einmal.«

»Und im Winter?«

»Ja, im Winter, da ist es was anderes; nicht immer, aber doch oft. Da
wird es dann ein Sog.«

»Mein Gott, was sind das nur alles für Namen und Wörter!«

»... Da wird es ein Sog, und am stärksten immer dann, wenn der Wind
nach dem Lande hin steht. Dann drückt der Wind das Meerwasser in das
kleine Rinnsal hinein, aber nicht so, daß man es sehen kann. Und das
ist das Schlimmste von der Sache, darin steckt die eigentliche Gefahr.
Alles geht nämlich unterirdisch vor sich, und der ganze Strandsand ist
dann bis tief hinunter mit Wasser durchsetzt und gefüllt. Und wenn man
dann über solche Sandstelle weg will, die keine mehr ist, dann sinkt
man ein, als ob es ein Sumpf oder ein Moor wäre.«

»Das kenn ich«, sagte Effi lebhaft. »Das ist wie in unsrem Luch«,
und inmitten all ihrer Ängstlichkeit wurde ihr mit einem Male ganz
wehmütig freudig zu Sinn.

Während das Gespräch noch so ging und sich fortsetzte, war Crampas
aus seinem Schlitten ausgestiegen und auf den am äußersten Flügel
haltenden Gieshüblerschen zugeschritten, um hier mit Innstetten zu
verabreden, was nun wohl eigentlich zu tun sei. Knut, so meldete
er, wolle die Durchfahrt riskieren, aber Knut sei dumm und verstehe
nichts von der Sache; nur solche, die hier zu Hause seien, müßten die
Entscheidung treffen. Innstetten - sehr zu Crampas' Überraschung - war
auch fürs »Riskieren«, es müsse durchaus noch mal versucht werden ...
er wisse schon, die Geschichte wiederholte sich jedesmal: Die Leute
hier hätten einen Aberglauben und vorweg eine Furcht, während es
doch eigentlich wenig zu bedeuten habe. Nicht Knut, der wisse nicht
Bescheid, wohl aber Kruse solle noch einmal einen Anlauf nehmen und
Crampas derweilen bei den Damen einsteigen (ein kleiner Rücksitz sei
ja noch da), um bei der Hand zu sein, wenn der Schlitten umkippe. Das
sei doch schließlich das Schlimmste, was geschehen könne.

Mit dieser Innstettenschen Botschaft erschien jetzt Crampas bei den
beiden Damen und nahm, als er lachend seinen Auftrag ausgeführt hatte,
ganz nach empfangener Order den kleinen Sitzplatz ein, der eigentlich
nichts als eine mit Tuch überzogene Leiste war, und rief Kruse zu:
»Nun, vorwärts, Kruse.«

Dieser hatte denn auch die Pferde bereits um hundert Schritte
zurückgezoppt und hoffte, scharf anfahrend, den Schlitten glücklich
durchbringen zu können; im selben Augenblick aber, wo die Pferde den
Schloon auch nur berührten, sanken sie bis über die Knöchel in den
Sand ein, so daß sie nur mit Mühe nach rückwärts wieder heraus
konnten.

»Es geht nicht«, sagte Crampas, und Kruse nickte.

Während sich dies abspielte, waren endlich auch die Kutschen
herangekommen, die Grasenabbsche vorauf, und als Sidonie, nach kurzem
Dank gegen Effi, sich verabschiedet und dem seine türkische Pfeife
rauchenden Vater gegenüber ihren Rückplatz eingenommen hatte, ging es
mit dem Wagen ohne weiteres auf den Schloon zu; die Pferde sanken tief
ein, aber die Räder ließen alle Gefahr leicht überwinden, und ehe eine
halbe Minute vorüber war, trabten auch schon die Grasenabbs drüben
weiter. Die andern Kutschen folgten. Effi sah ihnen nicht ohne Neid
nach. Indessen nicht lange, denn auch für die Schlittenfahrer war in
der zwischenliegenden Zeit Rat geschafft worden, und zwar einfach
dadurch, daß sich Innstetten entschlossen hatte, statt aller weiteren
Forcierung das friedlichere Mittel eines Umwegs zu wählen. Also genau
das, was Sidonie gleich anfangs in Sicht gestellt hatte. Vom rechten
Flügel her klang des Landrats bestimmte Weisung herüber, vorläufig
diesseits zu bleiben und ihm durch die Dünen hin bis an eine weiter
hinauf gelegene Bohlenbrücke zu folgen. Als beide Kutscher, Knut
und Kruse, so verständigt waren, trat der Major, der, um Sidonie zu
helfen, gleichzeitig mit dieser ausgestiegen war, wieder an Effi heran
und sagte: »Ich kann Sie nicht allein lassen, gnäd'ge Frau.«

Effi war einen Augenblick unschlüssig, rückte dann aber rasch von der
einen Seite nach der anderen hinüber, und Crampas nahm links neben ihr
Platz.

All dies hätte vielleicht mißdeutet werden können, Crampas selbst aber
war zu sehr Frauenkenner, um es sich bloß in Eitelkeit zurechtzulegen.
Er sah deutlich, daß Effi nur tat, was nach Lage der Sache das einzig
Richtige war. Es war unmöglich für sie, sich seine Gegenwart zu
verbitten. Und so ging es denn im Fluge den beiden anderen Schlitten
nach, immer dicht an dem Wasserlauf hin, an dessen anderem Ufer dunkle
Waldmassen aufragten. Effi sah hinüber und nahm an, daß schließlich an
dem landeinwärts gelegenen Außenrand des Waldes hin die Weiterfahrt
gehen würde, genau also den Weg entlang, auf dem man in früher
Nachmittagsstunde gekommen war. Innstetten aber hatte sich inzwischen
einen anderen Plan gemacht, und im selben Augenblick, wo sein
Schlitten die Bohlenbrücke passierte, bog er, statt den Außenweg zu
wählen, in einen schmaleren Weg ein, der mitten durch die dichte
Waldmasse hindurchführte. Effi schrak zusammen. Bis dahin waren Luft
und Licht um sie her gewesen, aber jetzt war es damit vorbei, und die
dunklen Kronen wölbten sich über ihr. Ein Zittern überkam sie, und sie
schob die Finger fest ineinander, um sich einen Halt zu geben Gedanken
und Bilder jagten sich, und eines dieser Bilder war das Mütterchen in
dem Gedichte, das die »Gottesmauer« hieß, und wie das Mütterchen, so
betete auch sie jetzt, daß Gott eine Mauer um sie her bauen möge.
Zwei, drei Male kam es auch über ihre Lippen, aber mit einemmal fühlte
sie, daß es tote Worte waren. Sie fürchtete sich und war doch zugleich
wie in einem Zauberbann und wollte auch nicht heraus.

»Effi«, klang es jetzt leise an ihr Ohr, und sie hörte, daß seine
Stimme zitterte. Dann nahm er ihre Hand und löste die Finger, die sie
noch immer geschlossen hielt, und überdeckte sie mit heißen Küssen. Es
war ihr, als wandle sie eine Ohnmacht an.

Als sie die Augen wieder öffnete, war man aus dem Wald heraus, und in
geringer Entfernung vor sich hörte sie das Geläut der vorauseilenden
Schlitten. Immer vernehmlicher klang es, und als man, dicht vor
Utpatels Mühle, von den Dünen her in die Stadt einbog, lagen rechts
die kleinen Häuser mit ihren Schneedächern neben ihnen.

Effi blickte sich um, und im nächsten Augenblick hielt der Schlitten
vor dem landrätlichen Hause.



Zwanzigstes Kapitel

Innstetten, der Effi, als er sie aus dem Schlitten hob, scharf
beobachtete, aber doch ein Sprechen über die sonderbare Fahrt zu
zweien vermieden hatte, war am anderen Morgen früh auf und suchte
seiner Verstimmung, die noch nachwirkte, so gut es ging, Herr zu
werden.

»Du hast gut geschlafen?« sagte er, als Effi zum Frühstück kam.

»Ja.«

»Wohl dir. Ich kann dasselbe von mir nicht sagen. Ich träumte, daß
du mit dem Schlitten im Schloon verunglückt seist, und Crampas mühte
sich, dich zu retten; ich muß es so nennen, aber er versank mit dir.«

»Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es verbirgt sich ein
Vorwurf dahinter, und ich ahne, weshalb.«

»Sehr merkwürdig.«

»Du bist nicht einverstanden damit, daß Crampas kam und uns seine
Hilfe anbot.«

»Uns?«

»Ja, uns. Sidonien und mir. Du mußt durchaus vergessen haben, daß
der Major in deinem Auftrag kam. Und als er mir erst gegenübersaß,
beiläufig jämmerlich genug auf der elenden schmalen Leiste, sollte
ich ihn da ausweisen, als die Grasenabbs kamen und mit einem Male die
Fahrt weiterging? Ich hätte mich lächerlich gemacht, und dagegen bist
du doch so empfindlich. Erinnere dich, daß wir unter deiner Zustimmung
viele Male gemeinschaftlich spazierengeritten sind, und nun sollte ich
nicht gemeinschaftlich mit ihm fahren? Es ist falsch, so hieß es bei
uns zu Haus, einem Edelmanne Mißtrauen zu zeigen.«

»Einem Edelmanne«, sagte Innstetten mit Betonung.

»Ist er keiner? Du hast ihn selbst einen Kavalier genannt, sogar einen
perfekten Kavalier.«

»Ja«, fuhr Innstetten fort, und seine Stimme wurde freundlicher,
trotzdem ein leiser Spott noch darin nachklang. »Kavalier, das ist
er, und ein perfekter Kavalier, das ist er nun schon ganz gewiß. Aber
Edelmann! Meine liebe Effi, ein Edelmann sieht anders aus. Hast du
schon etwas Edles an ihm bemerkt? Ich nicht.«

Effi sah vor sich hin und schwieg.

»Es scheint, wir sind gleicher Meinung. Im übrigen, wie du schon
sagtest, bin ich selber schuld; von einem Fauxpas mag ich nicht
sprechen, das ist in diesem Zusammenhang kein gutes Wort. Also selber
schuld, und es soll nicht wieder vorkommen, soweit ich's hindern kann.
Aber auch du, wenn ich dir raten darf, sei auf deiner Hut. Er ist ein
Mann der Rücksichtslosigkeiten und hat so seine Ansichten über junge
Frauen. Ich kenne ihn von früher.«

»Ich werde mir deine Worte gesagt sein lassen. Nur soviel, ich glaube,
du verkennst ihn.«

»Ich verkenne ihn nicht.«

»Oder mich«, sagte sie mit einer Kraftanstrengung und versuchte seinem
Blick zu begegnen.

»Auch dich nicht, meine liebe Effi Du bist eine reizende kleine Frau,
aber Festigkeit ist nicht eben deine Spezialität.«

Er erhob sich, um zu gehen. Als er bis an die Tür gegangen war, trat
Friedrich ein, um ein Gieshüblersches Billett abzugeben, das natürlich
an die gnädige Frau gerichtet war.

Effi nahm es. »Eine Geheimkorrespondenz mit Gieshübler«, sagte sie;
»Stoff zu neuer Eifersucht für meinen gestrengen Herrn. Oder nicht?«

»Nein, nicht ganz, meine liebe Effi. Ich begehe die Torheit, zwischen
Crampas und Gieshübler einen Unterschied zu machen. Sie sind sozusagen
nicht von gleichem Karat; nach Karat berechnet man nämlich den reinen
Goldeswert, unter Umständen auch der Menschen. Mir persönlich, um
auch das noch zu sagen, ist Gieshüblers weißes Jabot, trotzdem kein
Mensch mehr Jabots trägt, erheblich lieber als Crampas' rot-blonder
Sappeurbart. Aber ich bezweifle, daß dies weiblicher Geschmack ist.«

»Du hältst uns für schwächer, als wir sind.«

»Eine Tröstung von praktisch außerordentlicher Geringfügigkeit. Aber
lassen wir das. Lies lieber.«

Und Effi las: »Darf ich mich nach der gnäd'gen Frau Befinden
erkundigen? Ich weiß nur, daß Sie dem Schloon glücklich entronnen
sind; aber es blieb auch durch den Wald immer noch Fährlichkeit genug.
Eben kommt Doktor Hannemann von Uvagla zurück und beruhigt mich über
Mirambo; gestern habe er die Sache für bedenklicher angesehen, als er
uns habe sagen wollen, heute nicht mehr. Es war eine reizende Fahrt.
- In drei Tagen feiern wir Silvester. Auf eine Festlichkeit wie die
vorjährige müssen wir verzichten; aber einen Ball haben wir natürlich,
und Sie erscheinen zu sehen würde die Tanzwelt beglücken und nicht am
wenigsten Ihren respektvollst ergebenen Alonzo G.«

Effi lachte. »Nun, was sagst du?«

»Nach wie vor nur das eine, daß ich dich lieber mit Gieshübler als mit
Crampas sehe.«

»Weil du den Crampas zu schwer und den Gieshübler zu leicht nimmst.«

Innstetten drohte ihr scherzhaft mit dem Finger.

Drei Tage später war Silvester. Effi erschien in einer reizenden
Balltoilette, einem Geschenk, das ihr der Weihnachtstisch gebracht
hatte; sie tanzte aber nicht, sondern nahm ihren Platz bei den alten
Damen, für die, ganz in der Nähe der Musikempore, die Fauteuils
gestellt waren. Von den adligen Familien, mit denen Innstettens
vorzugsweise verkehrten, war niemand da, weil kurz vorher ein kleines
Zerwürfnis mit dem städtischen Ressourcenvorstand, der, namentlich
seitens des alten Güldenklee, mal wieder »destruktiver Tendenzen«
beschuldigt worden war, stattgefunden hatte; drei, vier andere adlige
Familien aber, die nicht Mitglieder der Ressource, sondern immer nur
geladene Gäste waren und deren Güter an der anderen Seite der Kessine
lagen, waren aus zum Teil weiter Entfernung über das Flußeis gekommen
und freuten sich, an dem Fest teilnehmen zu können. Effi saß zwischen
der alten Ritterschaftsrätin von Padden und einer etwas jüngeren Frau
von Titzewitz.

Die Ritterschaftsrätin, eine vorzügliche alte Dame, war in allen
Stücken ein Original und suchte das, was die Natur, besonders durch
starke Backenknochenbildung, nach der wendisch-heidnischen Seite hin
für sie getan hatte, durch christlich-germanische Glaubensstrenge
wieder in Ausgleich zu bringen.

In dieser Strenge ging sie so weit, daß selbst Sidonie von Grasenabb
eine Art Esprit fort neben ihr war, wogegen sie freilich - vielleicht
weil sich die Radegaster und die Swantowiter Linie des Hauses in ihr
vereinigten - über jenen alten Paddenhumor verfügte, der von langer
Zeit her wie ein Segen auf der Familie ruhte und jeden, der mit
derselben in Berührung kam, auch wenn es Gegner in Politik und Kirche
waren, herzlich erfreute.

»Nun, Kind«, sagte die Ritterschaftsrätin, »wie geht es Ihnen denn
eigentlich?«

»Gut, gnädigste Frau; ich habe einen sehr ausgezeichneten Mann.«

»Weiß ich. Aber das hilft nicht immer. Ich hatte auch einen
ausgezeichneten Mann. Wie steht es hier? Keine Anfechtungen?«

Effi erschrak und war zugleich wie gerührt.

Es lag etwas ungemein Erquickliches in dem freien und natürlichen Ton,
in dem die alte Dame sprach, und daß es eine so fromme Frau war, das
machte die Sache nur noch erquicklicher.

»Ach, gnädigste Frau ...«

»Da kommt es schon. Ich kenne das. Immer dasselbe. Darin ändern die
Zeiten nichts. Und vielleicht ist es auch recht gut so. Denn worauf es
ankommt, meine liebe junge Frau, das ist das Kämpfen. Man muß immer
ringen mit dem natürlichen Menschen. Und wenn man sich dann so unter
hat und beinah schreien möchte, weil's weh tut, dann jubeln die lieben
Engel!«

»Ach, gnädigste Frau. Es ist oft recht schwer.«

»Freilich ist es schwer. Aber je schwerer, desto besser. Darüber
müssen Sie sich freuen. Das mit dem Fleisch, das bleibt, und ich habe
Enkel und Enkelinnen, da seh ich es jeden Tag. Aber im Glauben sich
unterkriegen, meine liebe Frau, darauf kommt es an, das ist das Wahre.
Das hat uns unser alter Martin Luther zur Erkenntnis gebracht, der
Gottesmann. Kennen Sie seine Tischreden?«

»Nein, gnädigste Frau.«

»Die werde ich Ihnen schicken.«

In diesem Augenblick trat Major Crampas an Effi heran und bat, sich
nach ihrem Befinden erkundigen zu dürfen. Effi war wie mit Blut
übergossen; aber ehe sie noch antworten konnte, sagte Crampas: »Darf
ich Sie bitten, gnädigste Frau, mich den Damen vorstellen zu wollen?«

Effi nannte nun Crampas' Namen, der seinerseits schon vorher
vollkommen orientiert war und in leichtem Geplauder alle Paddens
und Titzewitze, von denen er je gehört hatte, Revue passieren ließ.
Zugleich entschuldigte er sich, den Herrschaften jenseits der Kessine
noch immer nicht seinen Besuch gemacht und seine Frau vorgestellt zu
haben; aber es sei sonderbar, welche trennende Macht das Wasser habe.
Es sei dasselbe wie mit dem Canal La Manche ...

»Wie?« fragte die alte Titzewitz.

Crampas seinerseits hielt es für unangebracht, Aufklärungen zu geben,
die doch zu nichts geführt haben würden, und fuhr fort: »Auf zwanzig
Deutsche, die nach Frankreich gehen, kommt noch nicht einer, der nach
England geht. Das macht das Wasser; ich wiederhole, das Wasser hat
eine scheidende Kraft.«

Frau von Padden, die darin mit feinem Instinkt etwas Anzügliches
witterte, wollte für das Wasser eintreten, Crampas aber sprach mit
immer wachsendem Redefluß weiter und lenkte die Aufmerksamkeit der
Damen auf ein schönes Fräulein von Stojentin, »das ohne Zweifel die
Ballkönigin« sei, wobei sein Blick übrigens Effi bewundernd streifte.
Dann empfahl er sich rasch unter Verbeugung gegen alle drei. »Schöner
Mann«, sagte die Padden. »Verkehrt er in Ihrem Hause?«

»Flüchtig.«

»Wirklich«, wiederholte die Padden, »ein schöner Mann. Ein bißchen
zu sicher. Und Hochmut kommt vor dem Fall ... Aber sehen Sie nur, da
tritt er wirklich mit der Grete Stojentin an. Eigentlich ist er doch
zu alt; wenigstens Mitte Vierzig.«

»Er wird vierundvierzig.«

»Ei, ei, Sie scheinen ihn ja gut zu kennen.«

Es kam Effi sehr zupaß, daß das neue Jahr gleich in seinem Anfang
allerlei Aufregungen brachte. Seit Silvesternacht ging ein scharfer
Nordost, der sich in den nächsten Tagen fast bis zum Sturm steigerte,
und am 3. Januar nachmittags hieß es, daß ein Schiff draußen mit der
Einfahrt nicht zustande gekommen und hundert Schritt vor der Mole
gescheitert sei; es sei ein englisches, von Sunderland her, und soweit
sich erkennen lasse, sieben Mann an Bord; die Lotsen könnten beim
Ausfahren, trotz aller Anstrengung, nicht um die Mole herum, und
vom Strand aus ein Boot abzulassen, daran sei nun vollends nicht zu
denken, die Brandung sei viel zu stark. Das klang traurig genug.
Aber Johanna, die die Nachricht brachte, hatte doch auch Trost
bei der Hand: Konsul Eschrich, mit dem Rettungsapparat und der
Raketenbatterie, sei schon unterwegs, und es würde gewiß glücken;
die Entfernung sei nicht voll so weit wie Anno 75, wo's doch auch
gegangen, und sie hätten damals sogar den Pudel mit gerettet, und
es wäre ordentlich rührend gewesen, wie sich das Tier gefreut und
die Kapitänsfrau und das liebe kleine Kind, nicht viel größer als
Anniechen, immer wieder mit seiner roten Zunge geleckt habe.

»Geert, da muß ich mit hinaus, das muß ich sehen«, hatte Effi sofort
erklärt, und beide waren aufgebrochen, um nicht zu spät zu kommen, und
hatten denn auch den rechten Moment abgepaßt; denn im Augenblick, als
sie von der Plantage her den Strand erreichten, fiel der erste Schuß,
und sie sahen ganz deutlich, wie die Rakete mit dem Fangseil unter dem
Sturmgewölk hinflog und über das Schiff hinweg jenseits niederfiel.
Alle Hände regten sich sofort an Bord, und nun holten sie mit Hilfe
der kleinen Leine das dickere Tau samt dem Korb heran, und nicht
lange, so kam der Korb in einer Art Kreislauf wieder zurück, und
einer der Matrosen, ein schlanker, bildhübscher Mensch mit einer
wachsleinenen Kappe, war geborgen an Land und wurde neugierig
ausgefragt, während der Korb aufs neue seinen Weg machte, zunächst den
zweiten und dann den dritten heranzuholen und so fort. Alle wurden
gerettet, und Effi hätte sich, als sie nach einer halben Stunde mit
ihrem Manne wieder heimging, in die Dünen werfen und sich ausweinen
mögen. Ein schönes Gefühl hatte wieder Platz in ihrem Herzen gefunden,
und es beglückte sie unendlich, daß es so war.

Das war am 3. gewesen. Schon am 5. kam ihr eine neue Aufregung,
freilich ganz anderer Art. Innstetten hatte Gieshübler, der natürlich
auch Stadtrat und Magistratsmitglied war, beim Herauskommen aus dem
Rathaus getroffen und im Gespräch mit ihm erfahren, daß seitens des
Kriegsministeriums angefragt worden sei, wie sich die Stadtbehörden
eventuell zur Garnisonsfrage zu stellen gedächten. Bei nötigem
Entgegenkommen, also bei Bereitwilligkeit zu Stall- und
Kasernenbauten, könnten ihnen zwei Schwadronen Husaren zugesagt
werden. »Nun, Effi, was sagst du dazu?« Effi war wie benommen. All
das unschuldige Glück ihrer Kinderjahre stand mit einemmal wieder vor
ihrer Seele, und im Augenblick war es ihr, als ob rote Husaren - denn
es waren auch rote wie daheim in Hohen-Cremmen - so recht eigentlich
die Hüter von Paradies und Unschuld seien. Und dabei schwieg sie noch
immer.

»Du sagst ja nichts, Effi.«

»Ja, sonderbar, Geert. Aber es beglückt mich so, daß ich vor Freude
nichts sagen kann. Wird es denn auch sein? Werden sie denn auch
kommen?«

»Damit hat's freilich noch gute Wege, ja, Gieshübler meinte sogar,
die Väter der Stadt, seine Kollegen, verdienten es gar nicht.
Statt einfach über die Ehre, und wenn nicht über die Ehre, so doch
wenigstens über den Vorteil einig und glücklich zu sein, wären sie
mit allerlei 'Wenns' und 'Abers' gekommen und hätten geknausert wegen
der neuen Bauten: Ja, Pefferküchler Michelsen habe sogar gesagt, es
verderbe die Sitten der Stadt, und wer eine Tochter habe, der möge
sich vorsehen und Gitterfenster anschaffen.

»Es ist nicht zu glauben. Ich habe nie manierlichere Leute gesehen als
unsere Husaren; wirklich, Geert. Nun, du weißt es ja selbst. Und nun
will dieser Michelsen alles vergittern. Hat er denn Töchter?«

»Gewiß; sogar drei. Aber sie sind sämtlich hors concours.« Effi lachte
so herzlich, wie sie seit langem nicht mehr gelacht hatte. Doch es war
von keiner Dauer, und als Innstetten ging und sie allein ließ, setzte
sie sich an die Wiege des Kindes, und ihre Tränen fielen auf die
Kissen. Es brach wieder über sie herein, und sie fühlte, daß sie wie
eine Gefangene sei und nicht mehr heraus könne.

Sie litt schwer darunter und wollte sich befreien. Aber wiewohl sie
starker Empfindungen fähig war, so war sie doch keine starke Natur;
ihr fehlte die Nachhaltigkeit, und alle guten Anwandlungen gingen
wieder vorüber. So trieb sie denn weiter, heute, weil sie's nicht
ändern konnte, morgen, weil sie's nicht ändern wollte. Das Verbotene,
das Geheimnisvolle hatte seine Macht über sie.

So kam es, daß sie sich, von Natur frei und offen, in ein verstecktes
Komödienspiel mehr und mehr hineinlebte. Mitunter erschrak sie, wie
leicht es ihr wurde. Nur in einem blieb sie sich gleich: Sie sah
alles klar und beschönigte nichts. Einmal trat sie spätabends vor den
Spiegel in ihrer Schlafstube; die Lichter und Schatten flogen hin und
her, und Rollo schlug draußen an, und im selben Augenblick war es ihr,
als sähe ihr wer über die Schulter. Aber sie besann sich rasch. »Ich
weiß schon, was es ist; es war nicht der«, und sie wies mit dem Finger
nach dem Spukzimmer oben. »Es war was anderes ... mein Gewissen ...
Effi, du bist verloren.«

Es ging aber doch weiter so, die Kugel war im Rollen, und was an
einem Tage geschah, machte das Tun des andern zur Notwendigkeit. Um
die Mitte des Monats kamen Einladungen aufs Land. Über die dabei
innezuhaltende Reihenfolge hatten sich die vier Familien, mit denen
Innstettens vorzugsweise verkehrten, geeinigt: Die Borckes sollten
beginnen, die Flemmings und Grasenabbs folgten, die Güldenklees
schlossen ab. Immer eine Woche dazwischen. Alle vier Einladungen kamen
am selben Tag; sie sollten ersichtlich den Eindruck des Ordentlichen
und Wohlerwogenen machen, auch wohl den einer besonderen
freundschaftlichen Zusammengehörigkeit.

»Ich werde nicht dabeisein, Geert, und du mußt mich der Kur halber, in
der ich nun seit Wochen stehe, von vornherein entschuldigen.«

Innstetten lachte. »Kur. Ich soll es auf die Kur schieben. Das ist das
Vorgebliche; das Eigentliche heißt: du willst nicht.« »Nein, es ist
doch mehr Ehrlichkeit dabei, als du zugeben willst. Du hast selbst
gewollt, daß ich den Doktor zu Rate ziehe. Das hab ich getan, und nun
muß ich doch seinem Rat folgen. Der gute Doktor, er hält mich für
bleichsüchtig, sonderbar genug, und du weißt, daß ich jeden Tag
von dem Eisenwasser trinke. Wenn du dir ein Borckesches Diner dazu
vorstellst, vielleicht mit Preßkopf und Aal in Aspik, so mußt du den
Eindruck haben, es wäre mein Tod. Und so wirst du dich doch zu deiner
Effi nicht stellen wollen. Freilich, mitunter ist es mir ...«

»Ich bitte dich, Effi ...«

»... Übrigens freu ich mich, und das ist das einzige Gute dabei, dich
jedesmal, wenn du fährst, eine Strecke Wegs begleiten zu können, bis
an die Mühle gewiß oder bis an den Kirchhof oder auch bis an die
Waldecke, da, wo der Morgnitzer Querweg einmündet. Und dann steig
ich ab und schlendere wieder zurück. In den Dünen ist es immer am
schönsten.«

Innstetten war einverstanden, und als drei Tage später der Wagen
vorfuhr, stieg Effi mit auf und gab ihrem Manne das Geleit bis an die
Waldecke. »Hier laß halten, Geert. Du fährst nun links weiter, ich
gehe rechts bis an den Strand und durch die Plantage zurück. Es ist
etwas weit, aber doch nicht zu weit. Doktor Hannemann sagt mir jeden
Tag, Bewegung sei alles, Bewegung und frische Luft. Und ich glaube
beinah, daß er recht hat. Empfiehl mich all den Herrschaften; nur bei
Sidonie kannst du schweigen.«

Die Fahrten, auf denen Effi ihren Gatten bis an die Waldecke
begleitete, wiederholten sich allwöchentlich; aber auch in der
zwischenliegenden Zeit hielt Effi darauf, daß sie der ärztlichen
Verordnung streng nachkam. Es verging kein Tag, wo sie nicht ihren
vorgeschriebenen Spaziergang gemacht hätte, meist nachmittags, wenn
sich Innstetten in seine Zeitungen zu vertiefen begann. Das Wetter war
schön, eine milde, frische Luft, der Himmel bedeckt. Sie ging in der
Regel allein und sagte zu Roswitha: »Roswitha, ich gehe nun also die
Chaussee hinunter und dann rechts an den Platz mit dem Karussell; da
will ich auf dich warten, da hole mich ab. Und dann gehen wir durch
die Birkenallee oder durch die Reeperbahn wieder zurück. Aber komme
nur, wenn Annie schläft. Und wenn sie nicht schläft, so schicke
Johanna. Oder laß es lieber ganz; es ist nicht nötig, ich finde mich
schon zurecht.«

Den ersten Tag, als es so verabredet war, trafen sie sich auch
wirklich. Effi saß auf einer an einem langen Holzschuppen sich
hinziehenden Bank und sah nach einem niedrigen Fachwerkhaus hinüber,
gelb mit schwarzgestrichenen Balken, einer Wirtschaft für kleine
Bürger, die hier ihr Glas Bier tranken oder Solo spielten. Es dunkelte
noch kaum, die Fenster aber waren schon hell, und ihr Lichtschimmer
fiel auf die Schneemassen und etliche zur Seite stehende Bäume. »Sieh,
Roswitha, wie schön das aussieht.«

Ein paar Tage wiederholte sich das. Meist aber, wenn Roswitha bei dem
Karussell und dem Holzschuppen ankam, war niemand da, und wenn sie
dann zurückkam und in den Hausflur eintrat, kam ihr Effi schon
entgegen und sagte:

»Wo du nur bleibst, Roswitha, ich bin schon lange wieder hier.«

In dieser Art ging es durch Wochen hin. Das mit den Husaren hatte
sich wegen der Schwierigkeiten, die die Bürgerschaft machte, so
gut wie zerschlagen; aber da die Verhandlungen noch nicht geradezu
abgeschlossen waren und neuerdings durch eine andere Behörde, das
Generalkommando, gingen, so war Crampas nach Stettin berufen worden,
wo man seine Meinung in dieser Angelegenheit hören wollte. Von dort
schrieb er den zweiten Tag an Innstetten:

»Pardon, Innstetten, daß ich mich auf französisch empfohlen. Es kam
alles so schnell. Ich werde übrigens die Sache hinauszuspinnen suchen,
denn man ist froh, einmal draußen zu sein. Empfehlen Sie mich der
gnädigen Frau, meiner liebenswürdigen Gönnerin.«

Er las es Effi vor. Diese blieb ruhig. Endlich sagte sie: »Es ist
recht gut so.«

»Wie meinst du das?«

»Daß er fort ist. Er sagt eigentlich immer dasselbe. Wenn er wieder da
ist, wird er wenigstens vorübergehend was Neues zu sagen haben.«

Innstettens Blick flog scharf über sie hin. Aber er sah nichts, und
sein Verdacht beruhigte sich wieder. »Ich will auch fort«, sagte er
nach einer Weile, »sogar nach Berlin; vielleicht kann ich dann, wie
Crampas, auch mal was Neues mitbringen. Meine liebe Effi will immer
gern was Neues hören; sie langweilt sich in unserm guten Kessin. Ich
werde gegen acht Tage fort sein, vielleicht noch einen Tag länger.
Und ängstige dich nicht ... es wird ja wohl nicht wiederkommen ...
du weißt schon, das da oben ... Und wenn doch, du hast ja Rollo und
Roswitha.«

Effi lächelte vor sich hin, und es mischte sich etwas von Wehmut mit
ein. Sie mußte des Tages gedenken, wo Crampas ihr zum erstenmal gesagt
hatte, daß er mit dem Spuk und ihrer Furcht eine Komödie spiele. Der
große Erzieher! Aber hatte er nicht recht? War die Komödie nicht am
Platz? Und allerhand Widerstreitendes, Gutes und Böses, ging ihr durch
den Kopf.

Den dritten Tag reiste Innstetten ab.

Über das, was er in Berlin vorhabe, hatte er nichts gesagt.



Einundzwanzigstes Kapitel

Innstetten war erst vier Tage fort, als Crampas von Stettin wieder
eintraf und die Nachricht brachte, man hätte höheren Orts die Absicht,
zwei Schwadronen nach Kessin zu legen, endgültig fallenlassen; es gäbe
so viele kleine Städte, die sich um eine Kavalleriegarnison, und nun
gar um Blüchersche Husaren, bewürben, daß man gewohnt sei, bei solchem
Anerbieten einem herzlichen Entgegenkommen, aber nicht einem zögernden
zu begegnen. Als Crampas das mitteilte, machte der Magistrat ein
ziemlich verlegenes Gesicht; nur Gieshübler, weil er der Philisterei
seiner Kollegen eine Niederlage gönnte, triumphierte. Seitens der
kleinen Leute griff beim Bekanntwerden der Nachricht eine gewisse
Verstimmung Platz, ja selbst einige Konsuls mit Töchtern waren
momentan unzufrieden; im ganzen aber kam man rasch über die Sache
hin, vielleicht weil die nebenherlaufende Frage, was Innstetten in
Berlin vorhabe, die Kessiner Bevölkerung oder doch wenigstens die
Honoratiorenschaft der Stadt mehr interessierte. Diese wollte den
überaus wohl gelittenen Landrat nicht gern verlieren, und doch gingen
darüber ganz ausschweifende Gerüchte, die von Gieshübler, wenn er
nicht ihr Erfinder war, wenigstens genährt und weiterverbreitet
wurden. Unter anderem hieß es, Innstetten würde als Führer einer
Gesandtschaft nach Marokko gehen, und zwar mit Geschenken, unter denen
nicht bloß die herkömmliche Vase mit Sanssouci und dem Neuen Palais,
sondern vor allem auch eine große Eismaschine sei. Das letztere
erschien mit Rücksicht auf die marokkanischen Temperaturverhältnisse
so wahrscheinlich, daß das Ganze geglaubt wurde.

Effi hörte auch davon. Die Tage, wo sie sich darüber erheitert hätte,
lagen noch nicht allzuweit zurück; aber in der Seelenstimmung, in der
sie sich seit Schluß des Jahres befand, war sie nicht mehr fähig,
unbefangen und ausgelassen über derlei Dinge zu lachen. Ihre
Gesichtszüge hatten einen ganz anderen Ausdruck angenommen, und das
halb rührend, halb schelmisch Kindliche, was sie noch als Frau gehabt
hatte, war hin. Die Spaziergänge nach dem Strand und der Plantage,
die sie, während Crampas in Stettin war, aufgegeben hatte, nahm sie
nach seiner Rückkehr wieder auf und ließ sich auch durch ungünstige
Witterung nicht davon abhalten. Es wurde wie früher bestimmt, daß ihr
Roswitha bis an den Ausgang der Reeperbahn oder bis in die Nähe des
Kirchhofs entgegenkommen solle, sie verfehlten sich aber noch häufiger
als früher. »Ich könnte dich schelten, Roswitha, daß du mich nie
findest. Aber es hat nichts auf sich; ich ängstige mich nicht mehr,
auch nicht einmal am Kirchhof, und im Wald bin ich noch keiner
Menschenseele begegnet.«

Es war am Tage vor Innstettens Rückkehr von Berlin, daß Effi das
sagte. Roswitha machte nicht viel davon und beschäftigte sich lieber
damit, Girlanden über den Türen anzubringen; auch der Haifisch bekam
einen Fichtenzweig und sah noch merkwürdiger aus als gewöhnlich. Effi
sagte: »Das ist recht, Roswitha; er wird sich freuen über all das
Grün, wenn er morgen wieder da ist. Ob ich heute wohl noch gehe?
Doktor Hannemann besteht darauf und meint in einem fort, ich nähme
es nicht ernst genug, sonst müßte ich besser aussehen; ich habe aber
keine rechte Lust heut, es nieselt, und der Himmel ist so grau.«

»Ich werde der gnäd'gen Frau den Regenmantel bringen.«

»Das tu! Aber komme heute nicht nach, wir treffen uns ja doch nicht«,
und sie lachte. »Wirklich, du bist gar nicht findig, Roswitha. Und ich
mag nicht, daß du dich erkältest, und alles um nichts.«

Roswitha blieb denn auch zu Haus, und weil Annie schlief, ging sie zu
Kruses, um mit der Frau zu plaudern. »Liebe Frau Kruse«, sagte sie,
»Sie wollten mir ja das mit dem Chinesen noch erzählen. Gestern kam
die Johanna dazwischen, die tut immer so vornehm, für die ist so was
nichts. Ich glaube aber doch, daß es was gewesen ist, ich meine mit
dem Chinesen und mit Thomsens Nichte, wenn es nicht seine Enkelin
war.«

Die Kruse nickte.

»Entweder«, fuhr Roswitha fort, »war es eine unglückliche Liebe (die
Kruse nickte wieder), oder es kann auch eine glückliche gewesen sein,
und der Chinese konnte es bloß nicht aushalten, daß es alles mit
einemmal so wieder vorbei sein sollte. Denn die Chinesen sind doch
auch Menschen, und es wird wohl alles ebenso mit ihnen sein wie mit
uns.« »Alles«, versicherte die Kruse und wollte dies eben durch ihre
Geschichte bestätigen, als ihr Mann eintrat und sagte: »Mutter, du
könntest mir die Flasche mit dem Lederlack geben; ich muß doch das
Sielenzeug blank haben, wenn der Herr morgen wieder da ist; der sieht
alles, und wenn er auch nichts sagt, so merkt man doch, daß er's
gesehen hat.«

»Ich bringe es Ihnen raus, Kruse«, sagte Roswitha. »Ihre Frau will mir
bloß noch was erzählen; aber es ist gleich aus, und dann komm ich und
bring es.«

Roswitha, die Flasche mit dem Lack in der Hand, kam denn auch ein
paar Minuten danach auf den Hof hinaus und stellte sich neben das
Sielenzeug, das Kruse eben über den Gartenzaun gelegt hatte. »Gott«,
sagte er, während er ihr die Flasche aus der Hand nahm, »viel hilft es
ja nicht, es nieselt in einem weg, und die Blänke vergeht doch wieder.
Aber ich denke, alles muß seine Ordnung haben.«

»Das muß es. Und dann, Kruse, es ist ja doch auch ein richtiger Lack,
das kann ich gleich sehen, und was ein richtiger Lack ist, der klebt
nicht lange, der muß gleich trocknen. Und wenn es dann morgen nebelt
oder naß fällt, dann schadet es nichts mehr. Aber das muß ich doch
sagen, das mit dem Chinesen ist eine merkwürdige Geschichte.«

Kruse lachte. »Unsinn is es, Roswitha. Und meine Frau, statt aufs
Richtige zu sehen, erzählt immer so was, un wenn ich ein reines Hemd
anziehen will, fehlt ein Knopp. Un so is es nu schon, solange wir hier
sind. Sie hat immer bloß solche Geschichten in ihrem Kopp und dazu das
schwarze Huhn. Un das schwarze Huhn legt nich mal Eier. Un am Ende,
wovon soll es auch Eier legen? Es kommt ja nich ,raus, und vons bloße
Kikeriki kann doch so was nich kommen. Das is von keinem Huhn nich zu
verlangen.«

»Hören Sie, Kruse, das werde ich Ihrer Frau wiedererzählen. Ich habe
Sie immer für einen anständigen Menschen gehalten, und nun sagen Sie
so was wie das da von Kikeriki. Die Mannsleute sind doch immer noch
schlimmer, als man denkt. Un eigentlich müßt ich nu gleich den Pinsel
hier nehmen und Ihnen einen schwarzen Schnurrbart anmalen.«

»Nu, von Ihnen, Roswitha, kann man sich das schon gefallen lassen«,
und Kruse, der meist den Würdigen spielte, schien in einen mehr und
mehr schäkrigen Ton übergehen zu wollen, als er plötzlich der gnädigen
Frau ansichtig wurde, die heute von der anderen Seite der Plantage
herkam und in ebendiesem Augenblicke den Gartenzaun passierte.

»Guten Tag, Roswitha, du bist ja so ausgelassen. Was macht denn
Annie?«

»Sie schläft, gnäd'ge Frau.«

Aber Roswitha, als sie das sagte, war doch rot geworden und ging,
rasch abbrechend, auf das Haus zu, um der gnädigen Frau beim Umkleiden
behilflich zu sein. Denn ob Johanna da war, das war die Frage. Die
steckte jetzt viel auf dem »Amt« drüben, weil es zu Haus weniger zu
tun gab, und Friedrich und Christel waren ihr zu langweilig und wußten
nie was.

Annie schlief noch. Effi beugte sich über die Wiege, ließ sich dann
Hut und Regenmantel abnehmen und setzte sich auf das kleine Sofa in
ihrer Schlafstube. Das feuchte Haar strich sie langsam zurück, legte
die Füße auf einen niedrigen Stuhl, den Roswitha herangeschoben, und
sagte, während sie sichtlich das Ruhebehagen nach einem ziemlich
langen Spaziergang genoß: »Ich muß dich darauf aufmerksam machen,
Roswitha, daß Kruse verheiratet ist.«

»Ich weiß, gnäd'ge Frau.«

»Ja, was weiß man nicht alles und handelt doch, als ob man es nicht
wüßte. Das kann nie was werden.«

»Es soll ja auch nichts werden, gnäd'ge Frau ...«

»Denn wenn du denkst, sie sei krank, da machst du die Rechnung ohne
den Wirt. Die Kranken leben am längsten. Und dann hat sie das schwarze
Huhn. Vor dem hüte dich, das weiß alles und plaudert alles aus. Ich
weiß nicht, ich habe einen Schauder davor. Und ich wette, daß das
alles da oben mit dem Huhn zusammenhängt.«

»Ach, das glaub ich nicht. Aber schrecklich ist es doch. Und Kruse,
der immer gegen seine Frau ist, kann es mir nicht ausreden.«

»Was sagte der?«

»Er sagte, es seien bloß Mäuse.«

»Nun, Mäuse, das ist auch gerade schlimm genug. Ich kann keine Mäuse
leiden. Aber ich sah ja deutlich, wie du mit dem Kruse schwatztest
und vertraulich tatst, und ich glaube sogar, du wolltest ihm einen
Schnurrbart anmalen. Das ist doch schon sehr viel. Und nachher sitzt
du da. Du bist ja noch eine schmucke Person und hast so was. Aber sieh
dich vor, soviel kann ich dir bloß sagen. Wie war es denn eigentlich
das erstemal mit dir? Ist es so, daß du mir's erzählen kannst?«

»Ach, ich kann schon. Aber schrecklich war es. Und weil es so
schrecklich war, drum können gnäd'ge Frau auch ganz ruhig sein, von
wegen dem Kruse. Wem es so gegangen ist wie mir, der hat genug davon
und paßt auf. Mitunter träume ich noch davon, und dann bin ich den
andern Tag wie zerschlagen. Solche grausame Angst ...«

Effi hatte sich aufgerichtet und stützte den Kopf auf ihren Arm. »Nun
erzähle. Wie kann es denn gewesen sein? Es ist ja mit euch, das weiß
ich noch von Hause her, immer dieselbe Geschichte ...«

»Ja, zuerst is es wohl immer dasselbe, und ich will mir auch nicht
einbilden, daß es mit mir was Besonderes war, ganz und gar nicht. Aber
wie sie's mir dann auf den Kopf zusagten und ich mit einem Male sagen
mußte: 'ja, es ist so', ja, das war schrecklich. Die Mutter, na, das
ging noch, aber der Vater, der die Dorfschmiede hatte, der war streng
und wütend, und als er's hörte, da kam er mit einer Stange auf mich
los, die er eben aus dem Feuer genommen hatte, und wollte mich
umbringen. Und ich schrie laut auf und lief auf den Boden und
versteckte mich, und da lag ich und zitterte und kam erst wieder nach
unten, als sie mich riefen und sagten, ich solle nur kommen. Und dann
hatte ich noch eine jüngere Schwester, die wies immer auf mich hin und
sagte 'Pfui'. Und dann, wie das Kind kommen sollte, ging ich in eine
Scheune nebenan, weil ich mir's bei uns nicht getraute. Da fanden mich
fremde Leute halb tot und trugen mich ins Haus und in mein Bett. Und
den dritten Tag nahmen sie mir das Kind fort, und als ich nachher
fragte, wo es sei, da hieß es, es sei gut aufgehoben. Ach, gnädigste
Frau, die heil'ge Mutter Gottes bewahre Sie vor solchem Elend.«

Effi fuhr auf und sah Roswitha mit großen Augen an. Aber sie war doch
mehr erschrocken als empört. »Was du nur sprichst! Ich bin ja doch
eine verheiratete Frau. So was darfst du nicht sagen, das ist
ungehörig, das paßt sich nicht.«

»Ach, gnädigste Frau ...«

»Erzähle mir lieber, was aus dir wurde. Das Kind hatten sie dir
genommen. Soweit warst du ...«

»Und dann, nach ein paar Tagen, da kam wer aus Erfurt, der fuhr bei
dem Schulzen vor und fragte, ob da nicht eine Amme sei. Da sagte der
Schulze 'ja'. Gott lohne es ihm, und der fremde Herr nahm mich gleich
mit, und von da an hab ich bessere Tage gehabt; selbst bei der
Registratorin war es doch immer noch zum Aushalten, und zuletzt bin
ich zu Ihnen gekommen, gnädigste Frau. Und das war das Beste, das
Allerbeste.« Und als sie das sagte, trat sie an das Sofa heran und
küßte Effi die Hand.

»Roswitha, du mußt mir nicht immer die Hand küssen, ich mag das nicht.
Und nimm dich nur in acht mit dem Kruse. Du bist doch sonst eine so
gute und verständige Person ... Mit einem Ehemann ... das tut nie
gut.«

»Ach, gnäd'ge Frau, Gott und seine Heiligen führen uns wunderbar, und
das Unglück, das uns trifft, das hat doch auch sein Glück. Und wen
es nicht bessert, dem is nich zu helfen ... Ich kann eigentlich die
Mannsleute gut leiden ...«

»Siehst du, Roswitha, siehst du.«

»Aber wenn es mal wieder so über mich käme, mit dem Kruse, das is
ja nichts, und ich könnte nicht mehr anders, da lief ich gleich ins
Wasser. Es war zu schrecklich. Alles. Und was nur aus dem armen Wurm
geworden is? Ich glaube nicht, daß es noch lebt; sie haben es umkommen
lassen, aber ich bin doch schuld.« Und sie warf sich vor Annies Wiege
nieder und wiegte das Kind hin und her und sang in einem fort ihr
»Buhküken von Halberstadt«.

»Laß«, sagte Effi. »Singe nicht mehr; ich habe Kopfweh. Aber bringe
mir die Zeitungen. Oder hat Gieshübler vielleicht die Journale
geschickt?«

»Das hat er. Und die Modezeitung lag obenauf. Da haben wir drin
geblättert, ich und Johanna, eh sie rüber ging. Johanna ärgert sich
immer, daß sie so was nicht haben kann. Soll ich die Modezeitung
bringen?«

»Ja, die bringe und bring auch die Lampe.«

Roswitha ging, und Effi, als sie allein war, sagte: »Womit man sich
nicht alles hilft? Eine hübsche Dame mit einem Muff und eine mit
einem Halbschleier; Modepuppen. Aber es ist das Beste, mich auf andre
Gedanken zu bringen.«

Im Laufe des andern Vormittags kam ein Telegramm von Innstetten, worin
er mitteilte, daß er erst mit dem zweiten Zug kommen, also nicht vor
Abend in Kessin eintreffen werde.

Der Tag verging in ewiger Unruhe; glücklicherweise kam Gieshübler im
Laufe des Nachmittags und half über eine Stunde weg. Endlich um sieben
Uhr fuhr der Wagen vor, Effi trat hinaus, und man begrüßte sich.
Innstetten war in einer ihm sonst fremden Erregung, und so kam es, daß
er die Verlegenheit nicht sah, die sich in Effis Herzlichkeit mischte.
Drinnen im Flur brannten die Lampen und Lichter, und das Teezeug, das
Friedrich schon auf einen der zwischen den Schränken stehenden Tische
gestellt hatte, reflektierte den Lichterglanz.

»Das sieht ja ganz so aus wie damals, als wir hier ankamen. Weißt du
noch, Effi?«

Sie nickte.

»Nur der Haifisch mit seinem Fichtenzweig verhält sich heute ruhiger,
und auch Rollo spielt den Zurückhaltenden und legt mir nicht mehr die
Pfoten auf die Schulter. Was ist das mit dir, Rollo?«

Rollo strich an seinem Herrn vorbei und wedelte.

»Der ist nicht recht zufrieden, entweder mit mir nicht oder mit
andern. Nun, ich will annehmen, mit mir. Jedenfalls laß uns
eintreten.« Und er trat in sein Zimmer und bat Effi, während er sich
aufs Sofa niederließ, neben ihm Platz zu nehmen. »Es war so hübsch in
Berlin, über Erwarten; aber in all meiner Freude habe ich mich immer
zurückgesehnt. Und wie gut du aussiehst! Ein bißchen blaß und ein
bißchen verändert, aber es kleidet dich.«

Effi wurde rot.

»Und nun wirst du auch noch rot. Aber es ist, wie ich dir sage. Du
hattest so was von einem verwöhnten Kind, mit einemmal siehst du aus
wie eine Frau.«

»Das hör ich gern, Geert, aber ich glaube, du sagst es nur so.«

»Nein, nein, du kannst es dir gutschreiben, wenn es etwas Gutes
ist ...«

»Ich dächte doch.«

»Und nun rate, von wem ich dir Grüße bringe.«

»Das ist nicht schwer, Geert. Außerdem, wir Frauen, zu denen ich mich,
seitdem du wieder da bist, ja rechnen darf (und sie reichte ihm die
Hand und lachte), wir Frauen, wir raten leicht. Wir sind nicht so
schwerfällig wie ihr.«

»Nun, von wem?«

»Nun, natürlich von Vetter Briest. Er ist ja der einzige, den ich in
Berlin kenne, die Tanten abgerechnet, die du nicht aufgesucht haben
wirst und die viel zu neidisch sind, um mich grüßen zu lassen. Hast du
nicht auch gefunden, alle alten Tanten sind neidisch?«

»Ja, Effi, das ist wahr. Und daß du das sagst, das ist ganz meine alte
Effi wieder. Denn du mußt wissen, die alte Effi, die noch aussah wie
ein Kind, nun, die war auch nach meinem Geschmack. Gradeso wie die
jetzige gnäd'ge Frau.« »Meinst du? Und wenn du dich zwischen beiden
entscheiden solltest ...«

»Das ist eine Doktorfrage, darauf lasse ich mich nicht ein. Aber da
bringt Friedrich den Tee. Wie hat's mich nach dieser Stunde verlangt!
Und hab es auch ausgesprochen, sogar zu deinem Vetter Briest, als wir
bei Dressel saßen und in Champagner dein Wohl tranken ... Die Ohren
müssen dir geklungen haben ... Und weißt du, was dein Vetter dabei
sagte?«

»Gewiß was Albernes. Darin ist er groß.«

»Das ist der schwärzeste Undank, den ich all mein Lebtag erlebt habe.
'Lassen wir Effi leben', sagte er, 'meine schöne Cousine ... Wissen
Sie, Innstetten, daß ich Sie am liebsten fordern und totschießen
möchte? Denn Effi ist ein Engel, und Sie haben mich um diesen Engel
gebracht.' Und dabei sah er so ernst und wehmütig aus, daß man's
beinah hätte glauben können.«

»Oh, diese Stimmung kenne ich an ihm. Bei der wievielten wart ihr?«

»Ich hab es nicht mehr gegenwärtig, und vielleicht hätte ich es auch
damals nicht mehr sagen können. Aber das glaub ich, daß es ihm ganz
ernst war. Und vielleicht wäre es auch das Richtige gewesen. Glaubst
du nicht, daß du mit ihm hättest leben können?«

»Leben können. Das ist wenig, Geert. Aber beinah möcht ich sagen, ich
hätte auch nicht einmal mit ihm leben können.«

»Warum nicht? Er ist wirklich ein liebenswürdiger und netter Mensch
und auch ganz gescheit.«

»Ja, das ist er ...«

»Aber ...«

»Aber er ist dalbrig. Und das ist keine Eigenschaft, die wir Frauen
lieben, auch nicht einmal dann, wenn wir noch halbe Kinder sind,
wohin du mich immer gerechnet hast und vielleicht, trotz meiner
Fortschritte, auch jetzt noch rechnest. Das Dalbrige, das ist nicht
unsre Sache. Männer müssen Männer sein.«

»Gut, daß du das sagst. Alle Teufel, da muß man sich ja
zusammennehmen. Und ich kann von Glück sagen, daß ich von so was, das
wie Zusammennehmen aussieht oder wenigstens ein Zusammennehmen in
Zukunft fordert, so gut wie direkt herkomme ... Sag, wie denkst du dir
ein Ministerium?«

»Ein Ministerium? Nun, das kann zweierlei sein. Es können Menschen
sein, kluge, vornehme Herren, die den Staat regieren, und es kann auch
bloß ein Haus sein, ein Palazzo, ein Palazzo Strozzi oder Pitti oder,
wenn die nicht passen, irgendein andrer. Du siehst, ich habe meine
italienische Reise nicht umsonst gemacht.«

»Und könntest du dich entschließen, in solchem Palazzo zu wohnen? Ich
meine in solchem Ministerium?«

»Um Gottes willen, Geert, sie haben dich doch nicht zum Minister
gemacht? Gieshübler sagte so was. Und der Fürst kann alles. Gott, der
hat es am Ende durchgesetzt, und ich bin erst achtzehn.«

Innstetten lachte. »Nein, Effi, nicht Minister, so weit sind wir noch
nicht. Aber vielleicht kommen noch allerhand Gaben in mir heraus,
und dann ist es nicht unmöglich.« »Also jetzt noch nicht, noch nicht
Minister?«

»Nein. Und wir werden, die Wahrheit zu sagen, auch nicht einmal in
einem Ministerium wohnen, aber ich werde täglich ins Ministerium
gehen, wie ich jetzt in unser Landratsamt gehe, und werde dem Minister
Vortrag halten und mit ihm reisen, wenn er die Provinzialbehörden
inspiziert. Und du wirst eine Ministerialrätin sein und in Berlin
leben, und in einem halben Jahre wirst du kaum noch wissen, daß du
hier in Kessin gewesen bist und nichts gehabt hast als Gieshübler und
die Dünen und die Plantage.«

Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer größer; um ihre
Mundwinkel war ein nervöses Zucken, und ihr ganzer zarter Körper
zitterte. Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitz vor Innstetten
nieder, umklammerte seine Knie und sagte in einem Ton, wie wenn sie
betete: »Gott sei Dank!«

Innstetten verfärbte sich. Was war das? Etwas, was seit Wochen
flüchtig, aber doch immer sich erneuernd über ihn kam, war wieder da
und sprach so deutlich aus seinem Auge, daß Effi davor erschrak. Sie
hatte sich durch ein schönes Gefühl, das nicht viel was andres als ein
Bekenntnis ihrer Schuld war, hinreißen lassen und dabei mehr gesagt,
als sie sagen durfte. Sie mußte das wieder ausgleichen, mußte was
finden, irgendeinen Ausweg, es koste, was es wolle.

»Steh auf, Effi. Was hast du?«

Effi erhob sich rasch. Aber sie nahm ihren Platz auf dem Sofa
nicht wieder ein, sondern schob einen Stuhl mit hoher Lehne heran,
augenscheinlich weil sie nicht Kraft genug fühlte, sich ohne Stütze zu
halten.

»Was hast du?« wiederholte Innstetten. »Ich dachte, du hättest hier
glückliche Tage verlebt. Und nun rufst du 'Gott sei Dank', als ob
dir hier alles nur ein Schrecknis gewesen wäre. War ich dir ein
Schrecknis? Oder war es was andres? Sprich?«

»Daß du noch fragen kannst, Geert«, sagte sie, während sie mit einer
äußersten Anstrengung das Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte.
»Glückliche Tage! Ja, gewiß, glückliche Tage, aber doch auch andre.
Nie bin ich die Angst hier ganz losgeworden, nie. Noch keine vierzehn
Tage, daß es mir wieder über die Schulter sah, dasselbe Gesicht,
derselbe fahle Teint. Und diese letzten Nächte, wo du fort warst, war
es auch wieder da, nicht das Gesicht, aber es schlurrte wieder, und
Rollo schlug wieder an, und Roswitha, die's auch gehört, kam an
mein Bett und setzte sich zu mir, und erst, als es schon dämmerte,
schliefen wir wieder ein. Es ist ein Spukhaus, und ich hab es auch
glauben sollen, das mit dem Spuk -denn du bist ein Erzieher. Ja,
Geert, das bist du. Aber laß es sein, wie's will, soviel weiß ich, ich
habe mich ein ganzes Jahr lang und länger in diesem Hause gefürchtet,
und wenn ich von hier fortkomme, so wird es, denke ich, von mir
abfallen, und ich werde wieder frei sein.«

Innstetten hatte kein Auge von ihr gelassen und war jedem Worte
gefolgt. Was sollte das heißen: »du bist ein Erzieher«? Und dann das
andere, was vorausging: »und ich hab es auch glauben sollen, das mit
dem Spuk«. Was war das alles? Wo kam das her? Und er fühlte seinen
leisen Argwohn sich wieder regen und fester einnisten. Aber er hatte
lange genug gelebt, um zu wissen, daß alle Zeichen trügen und daß wir
in unsrer Eifersucht, trotz ihrer hundert Augen, oft noch mehr in die
Irre gehen als in der Blindheit unseres Vertrauens. Es konnte ja so
sein, wie sie sagte.

Und wenn es so war, warum sollte sie nicht ausrufen: »Gott sei Dank!«

Und so, rasch alle Möglichkeiten ins Auge fassend, wurde er seines
Argwohns wieder Herr und reichte ihr die Hand über en Tisch hin:
»Verzeih mir, Effi, aber ich war so sehr überrascht von dem allen.
Freilich wohl meine Schuld. Ich bin immer zu sehr mit mir beschäftigt
gewesen. Wir Männer sind alle Egoisten. Aber das soll nun anders
werden. Ein Gutes hat Berlin gewiß: Spukhäuser gibt es da nicht. Wo
sollen die auch herkommen? Und nun laß uns hinübergehen, daß ich Annie
sehe; Roswitha verklagt mich sonst als einen unzärtlichen Vater.«

Effi war unter diesen Worten allmählich ruhiger geworden, und das
Gefühl, aus einer selbstgeschaffenen Gefahr sich glücklich befreit zu
haben, gab ihr die Spannkraft und gute Haltung wieder zurück.



Zweiundzwanzigstes Kapitel

Am andern Morgen nahmen beide gemeinschaftlich ihr etwas verspätetes
Frühstück. Innstetten hatte seine Mißstimmung und Schlimmeres
überwunden, und Effi lebte so ganz dem Gefühl ihrer Befreiung, daß sie
nicht bloß die Fähigkeit einer gewissen erkünstelten Laune, sondern
fast auch ihre frühere Unbefangenheit wiedergewonnen hatte. Sie war
noch in Kessin, und doch war ihr schon zumute, als läge es weit hinter
ihr.

»Ich habe mir's überlegt, Effi«, sagte Innstetten, »du hast nicht so
ganz unrecht mit allem, was du gegen unser Haus hier gesagt hast. Für
Kapitän Thomsen war es gerade gut genug, aber nicht für eine junge
verwöhnte Frau; alles altmodisch, kein Platz. Da sollst du's in Berlin
besser haben, auch einen Saal, aber einen andern als hier, und auf
Flur und Treppe hohe bunte Glasfenster, Kaiser Wilhelm mit Zepter
und Krone oder auch was Kirchliches, heilige Elisabeth oder Jungfrau
Maria. Sagen wir Jungfrau Maria, das sind wir Roswitha schuldig.«

Effi lachte. »So soll es sein. Aber wer sucht uns eine Wohnung? Ich
kann doch nicht Vetter Briest auf die Suche schicken. Oder gar die
Tanten! Die finden alles gut genug.« »Ja, das Wohnungssuchen. Das
macht einem keiner zu Dank. Ich denke, da mußt du selber hin.«

»Und wann meinst du?« »Mitte März.«

»Oh, das ist viel zu spät, Geert, dann ist ja alles fort. Die guten
Wohnungen werden schwerlich auf uns warten!« »Ist schon recht. Aber
ich bin erst seit gestern wieder hier und kann doch nicht sagen 'reise
morgen'. Das würde mich schlecht kleiden und paßt mir auch wenig; ich
bin froh, daß ich dich wiederhabe.«

»Nein«, sagte sie, während sie das Kaffeegeschirr, um eine
aufsteigende Verlegenheit zu verbergen, ziemlich geräuschvoll
zusammenrückte, »nein, so soll's auch nicht sein, nicht heut und nicht
morgen, aber doch in den nächsten Tagen. Und wenn ich etwas finde, so
bin ich rasch wieder zurück. Aber noch eins, Roswitha und Annie müssen
mit. Am schönsten wär es, du auch. Aber ich sehe ein, das geht nicht.
Und ich denke, die Trennung soll nicht lange dauern. Ich weiß auch
schon, wo ich miete ...«

»Nun?«

»Das bleibt mein Geheimnis. Ich will auch ein Geheimnis haben. Damit
will ich dich dann überraschen.« In diesem Augenblick trat Friedrich
ein, um die Postsachen abzugeben. Das meiste war Dienstliches und
Zeitungen. »Ah, da ist auch ein Brief für dich«, sagte Innstetten.
»Und wenn ich nicht irre, die Handschrift der Mama.« Effi nahm den
Brief. »Ja, von der Mama. Aber das ist ja nicht der Friesacker
Poststempel; sieh nur, das heißt ja deutlich Berlin.«

»Freilich«, lachte Innstetten. »Du tust, als ob es ein Wunder wäre.
Die Mama wird in Berlin sein und hat ihrem Liebling von ihrem Hotel
aus einen Brief geschrieben.« »Ja«, sagte Effi, »so wird es sein. Aber
ich ängstige mich doch beinah und kann keinen rechten Trost darin
finden, daß Hulda Niemeyer immer sagte: Wenn man sich ängstigt, ist es
besser, als wenn man hofft. Was meinst du dazu?«

»Für eine Pastorstochter nicht ganz auf der Höhe. Aber nun lies den
Brief. Hier ist ein Papiermesser.«

Effi schnitt das Kuvert auf und las: »Meine liebe Effi. Seit 24
Stunden bin ich hier in Berlin; Konsultationen bei Schweigger. Als er
mich sieht, beglückwünscht er mich, und als ich erstaunt ihn frage,
wozu, erfahre ich, daß Ministerialdirektor Wüllersdorf bei ihm gewesen
und ihm erzählt habe: Innstetten sei ins Ministerium berufen. Ich bin
ein wenig ärgerlich, daß man dergleichen von einem Dritten erfahren
muß. Aber in meinem Stolz und meiner Freude sei Euch verziehen. Ich
habe es übrigens immer gewußt (schon als 1. noch bei den Rathenowern
war), daß etwas aus ihm werden würde. Nun kommt es Dir zugute.
Natürlich müßt Ihr eine Wohnung haben und eine andere Einrichtung.
Wenn Du, meine liebe Effi, glaubst, meines Rates dabei bedürfen zu
können, so komme, so rasch es Dir Deine Zeit erlaubt. Ich bleibe acht
Tage hier in Kur, und wenn es nicht anschlägt, vielleicht noch etwas
länger; Schweigger drückt sich unbestimmt darüber aus. Ich habe eine
Privatwohnung in der Schadowstraße genommen; neben dem meinigen sind
noch Zimmer frei. Was es mit meinem Auge ist, darüber mündlich;
vorläufig beschäftigt mich nur Eure Zukunft. Briest wird unendlich
glücklich sein, er tut immer so gleichgültig gegen dergleichen,
eigentlich hängt er aber mehr daran als ich. Grüße Innstetten, küsse
Annie, die Du vielleicht mitbringst. Wie immer Deine Dich zärtlich
liebende Mutter Luise von B.«

Effi legte den Brief aus der Hand und sagte nichts. Was sie zu
tun habe, das stand bei ihr fest; aber sie wollte es nicht selber
aussprechen. Innstetten sollte damit kommen, und dann wollte sie
zögernd ja sagen. Innstetten ging auch wirklich in die Falle.

»Nun, Effi, du bleibst so ruhig.«

»Ach, Geert, es hat alles so seine zwei Seiten. Auf der einen Seite
beglückt es mich, die Mama wiederzusehen, und vielleicht sogar schon
in wenigen Tagen. Aber es spricht auch so vieles dagegen.«

»Was?«

»Die Mama, wie du weißt, ist sehr bestimmt und kennt nur ihren eignen
Willen. Dem Papa gegenüber hat sie alles durchsetzen können. Aber ich
möchte gern eine Wohnung haben, die nach meinem Geschmack ist, und
eine neue Einrichtung, die mir gefällt.«

Innstetten lachte. »Und das ist alles?«

»Nun, es wäre grade genug. Aber es ist nicht alles.« Und nun nahm sie
sich zusammen und sah ihn an und sagte: »Und dann, Geert, ich möchte
nicht gleich wieder von dir fort.« »Schelm, das sagst du so, weil du
meine Schwäche kennst. Aber wir sind alle so eitel, und ich will es
glauben. Ich will es glauben und doch zugleich auch den Heroischen
spielen, den Entsagenden. Reise, sobald du's für nötig hältst und vor
deinem Herzen verantworten kannst.«

»So darfst du nicht sprechen, Geert. Was heißt das 'vor meinem
Herzen verantworten'. Damit schiebst du mir, halb gewaltsam, eine
Zärtlichkeitsrolle zu, und ich muß dir dann aus reiner Kokettene
sagen: 'Ach, Geert, dann reise ich nie.' Oder doch so etwas
Ähnliches.«

Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Effi, du bist mir zu fein. Ich
dachte immer, du wärst ein Kind, und ich sehe nun, daß du das Maß hast
wie alle andern. Aber lassen wir das, oder wie dein Papa immer sagte:
'Das ist ein zu weites Feld.' Sage lieber, wann willst du fort?«

»Heute haben wir Dienstag. Sagen wir also Freitag mittag mit dem
Schiff. Dann bin ich am Abend in Berlin.«

»Abgemacht. Und wann zurück?«

»Nun, sagen wir Montag abend. Das sind dann drei Tage.« »Geht nicht.
Das ist zu früh. In drei Tagen kannst du's nicht zwingen. Und so rasch
läßt dich die Mama auch nicht fort.« »Also auf Diskretion.«

»Gut.« Und damit erhob sich Innstetten, um nach dem Landratsamte
hinüberzugehen.

Die Tage bis zur Abreise vergingen wie im Fluge. Roswitha war sehr
glücklich. »Ach, gnädigste Frau, Kessin, nun ja ... aber Berlin ist es
nicht. Und die Pferdebahn. Und wenn es dann so klingelt und man nicht
weiß, ob man links oder rechts soll, und mitunter ist mir schon
gewesen, als ginge alles grad über mich weg. Nein, so was ist hier
nicht. Ich glaube, manchen Tag sehen wir keine sechs Menschen. Und
immer bloß die Dünen und draußen die See. Und das rauscht und rauscht,
aber weiter ist es auch nichts.«

»Ja, Roswitha, du hast recht. Es rauscht und rauscht immer, aber
es ist kein richtiges Leben. Und dann kommen einem allerhand dumme
Gedanken. Das kannst du doch nicht bestreiten, das mit dem Kruse war
nicht in der Richtigkeit.« »Ach, gnädigste Frau ...«

»Nun, ich will nicht weiter nachforschen. Du wirst es natürlich nicht
zugeben. Und nimm nur nicht zu wenig Sachen mit. Deine Sachen kannst
du eigentlich ganz mitnehmen und Annies auch.«

»Ich denke, wir kommen noch mal wieder.«

»Ja, ich. Der Herr wünscht es. Aber ihr könnt vielleicht dableiben,
bei meiner Mutter. Sorge nur, daß sie Anniechen nicht zu sehr
verwöhnt. Gegen mich war sie mitunter streng, aber ein Enkelkind ...«

»Und dann ist Anniechen ja auch so zum Anbeißen. Da muß ja jeder
zärtlich sein.«

Das war am Donnerstag, am Tag vor der Abreise. Innstetten war über
Land gefahren und wurde erst gegen Abend zurückerwartet.

Am Nachmittag ging Effi in die Stadt, bis auf den Marktplatz, und trat
hier in die Apotheke und bat um eine Flasche Sal volatile. »Man weiß
nie, mit wem man reist«, sagte sie zu dem alten Gehilfen, mit dem
sie auf dem Plauderfuße stand und der sie anschwärmte wie Gieshübler
selbst.

»Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte sie weiter, als sie das
Fläschchen eingesteckt hatte.

»Gewiß, gnädige Frau; er ist hier nebenan und liest die Zeitungen.«

»Ich werde ihn doch nicht stören?« »Oh, nie.«

Und Effi trat ein. Es war eine kleine, hohe Stube, mit Regalen
ringsherum, auf denen allerlei Kolben und Retorten standen; nur an
der einen Wand befanden sich alphabetisch geordnete, vorn mit einem
Eisenringe versehene Kästen, in denen die Rezepte lagen.

Gieshübler war beglückt und verlegen. »Welche Ehre. Hier unter meinen
Retorten. Darf ich die gnädige Frau auffordern, einen Augenblick Platz
zu nehmen?«

»Gewiß, lieber Gieshübler. Aber auch wirklich nur einen Augenblick.
Ich will Ihnen adieu sagen.«

»Aber meine gnädigste Frau, Sie kommen ja doch wieder. Ich habe
gehört, nur auf drei, vier Tage ...«

»Ja, lieber Freund, ich soll wiederkommen, und es ist sogar
verabredet, daß ich spätestens in einer Woche wieder in Kessin bin.
Aber ich könnte doch auch nicht wiederkommen. Muß ich Ihnen sagen,
welche tausend Möglichkeiten es gibt ... Ich sehe, Sie wollen mir
sagen, daß ich noch zu jung sei ..., auch Junge können sterben. Und
dann so vieles andre noch. Und da will ich doch lieber Abschied nehmen
von Ihnen, als wär es für immer.«

»Aber meine gnädigste Frau ...«

»Als wär es für immer. Und ich will Ihnen danken, lieber Gieshübler.
Denn Sie waren das Beste hier; natürlich, weil Sie der Beste waren.
Und wenn ich hundert Jahre alt würde, so werde ich Sie nicht
vergessen. Ich habe mich hier mitunter einsam gefühlt, und mitunter
war mir so schwer ums Herz, schwerer, als Sie wissen können; ich habe
es nicht immer richtig eingerichtet; aber wenn ich Sie gesehen habe,
vom ersten Tag an, dann habe ich mich immer wohler gefühlt und auch
besser.«

»Aber meine gnädigste Frau.«

»Und dafür wollte ich Ihnen danken. Ich habe mir eben ein Fläschchen
mit Sal volatile gekauft; im Coupé sind mitunter so merkwürdige
Menschen und wollen einem nicht mal erlauben, daß man ein Fenster
aufmacht; und wenn mir dann vielleicht - denn es steigt einem ja
ordentlich zu Kopf, ich meine das Salz - die Augen übergehen, dann
will ich an Sie denken. Adieu, lieber Freund, und grüßen Sie Ihre
Freundin, die Trippelli. Ich habe in den letzten Wochen öfter an sie
gedacht und an Fürst Kotschukoff. Ein eigentümliches Verhältnis bleibt
es doch. Aber ich kann mich hineinfinden ... Und lassen Sie einmal von
sich hören. Oder ich werde schreiben.« Damit ging Effi. Gieshübler
begleitete sie bis auf den Platz hinaus. Er war wie benommen, so sehr,
daß er über manches Rätselhafte, was sie gesprochen, ganz hinwegsah.

Effi ging wieder nach Haus. »Bringen Sie mir die Lampe, Johanna«,
sagte sie, »aber in mein Schlafzimmer. Und dann eine Tasse Tee. Ich
hab es so kalt und kann nicht warten, bis der Herr wieder da ist.«

Beides kam. Effi saß schon an ihrem kleinen Schreibtisch, einen
Briefbogen vor sich, die Feder in der Hand. »Bitte, Johanna, den Tee
auf den Tisch da.«

Als Johanna das Zimmer wieder verlassen hatte, schloß Effi sich ein,
sah einen Augenblick in den Spiegel und setzte sich dann wieder.

Und nun schrieb sie: »Ich reise morgen mit dem Schiff, und dies sind
Abschiedszeilen. Innstetten erwartet mich in wenigen Tagen zurück,
aber ich komme nicht wieder ... Warum ich nicht wiederkomme, Sie
wissen es ... Es wäre das beste gewesen, ich hätte dies Stück Erde nie
gesehen. Ich beschwöre Sie, dies nicht als einen Vorwurf zu fassen;
alle Schuld ist bei mir. Blick ich auf Ihr Haus ..., Ihr Tun mag
entschuldbar sein, nicht das meine. Meine Schuld ist sehr schwer, aber
vielleicht kann ich noch heraus. Daß wir hier abberufen wurden, ist
mir wie ein Zeichen, daß ich noch zu Gnaden angenommen werden kann.
Vergessen Sie das Geschehene, vergessen Sie mich. Ihre Effi.«

Sie überflog die Zeilen noch einmal, am fremdesten war ihr das »Sie«;
aber auch das mußte sein; es sollte ausdrücken, daß keine Brücke mehr
da sei. Und nun schob sie die Zeilen in ein Kuvert und ging auf ein
Haus zu, zwischen dem Kirchhof und der Waldecke. Ein dünner Rauch
stieg aus dem halb eingefallenen Schornstein. Da gab sie die Zeilen
ab.

Als sie wieder zurück war, war Innstetten schon da, und sie setzte
sich zu ihm und erzählte ihm von Gieshübler und dem Sal volatile.

Innstetten lachte. »Wo hast du nur dein Latein her, Effi?«

Das Schiff, ein leichtes Segelschiff (die Dampfboote gingen nur
sommers), fuhr um zwölf. Schon eine Viertelstunde vorher waren Effi
und Innstetten an Bord; auch Roswitha und Annie.

Das Gepäck war größer, als es für einen auf so wenige Tage geplanten
Ausflug geboten schien. Innstetten sprach mit dem Kapitän; Effi, in
einem Regenmantel und hellgrauem Reisehut, stand auf dem Hinterdeck,
nahe am Steuer, und musterte von hier aus das Bollwerk und die
hübsche Häuserreihe, die dem Zuge des Bollwerks folgte. Gerade der
Landungsbrücke gegenüber lag Hoppensacks Hotel, ein drei Stock hohes
Gebäude, von dessen Giebeldach eine gelbe Flagge, mit Kreuz und Krone
darin, schlaff in der stillen, etwas nebeligen Luft herniederhing.
Effi sah eine Weile nach der Flagge hinauf, ließ dann aber ihr Auge
wieder abwärts gleiten und verweilte zuletzt auf einer Anzahl von
Personen, die neugierig am Bollwerk herumstanden. In diesem Augenblick
wurde geläutet. Effi war ganz eigen zumut; das Schiff setzte sich
langsam in Bewegung, und als sie die Landungsbrücke noch einmal
musterte, sah sie, daß Crampas in vorderster Reihe stand. Sie erschrak
bei seinem Anblick und freute sich doch auch. Er seinerseits, in
seiner ganzen Haltung verändert, war sichtlich bewegt und grüßte ernst
zu ihr hinüber, ein Gruß, den sie ebenso, aber doch zugleich in großer
Freundlichkeit erwiderte; dabei lag etwas Bittendes in ihrem Auge.
Dann ging sie rasch auf die Kajüte zu, wo sich Roswitha mit Annie
schon eingerichtet hatte. Hier in dem etwas stickigen Raum blieb sie,
bis man aus dem Fluß in die weite Bucht des Breitling eingefahren
war; da kam Innstetten und rief sie nach oben, daß sie sich an dem
herrlichen Anblick erfreue, den die Landschaft gerade an dieser Stelle
bot. Sie ging dann auch hinauf. Über dem Wasserspiegel hingen graue
Wolken, und nur dann und wann schoß ein halb umschleierter Sonnenblick
aus dem Gewölk hervor. Effi gedachte des Tages, wo sie, vor jetzt
Fünfvierteljahren, im offenen Wagen am Ufer ebendieses Breitlings hin
entlanggefahren war. Eine kurze Spanne Zeit, und das Leben oft so
still und einsam. Und doch, was war alles seitdem geschehen!

So fuhr man die Wasserstraße hinauf und war um zwei an der Station
oder doch ganz in Nähe derselben. Als man gleich danach das Gasthaus
des »Fürsten Bismarck« passierte, stand auch Golchowski wieder in der
Tür und versäumte nicht, den Herrn Landrat und die gnädige Frau bis
an die Stufen der Böschung zu geleiten. Oben war der Zug noch nicht
angemeldet, und Effi und Innstetten schritten auf dem Bahnsteig auf
und ab. Ihr Gespräch drehte sich um die Wohnungsfrage; man war einig
über den Stadtteil, und daß es zwischen dem Tiergarten und dem
Zoologischen Garten sein müsse. »Ich will den Finkenschlag hören und
die Papageien auch«, sagte Innstetten, und Effi stimmte ihm zu.

Nun aber hörte man das Signal, und der Zug lief ein; der
Bahnhofsinspektor war voller Entgegenkommen, und Effi erhielt ein
Coupé für sich. Noch ein Händedruck, ein Wehen mit dem Tuch, und der
Zug setzte sich wieder in Bewegung.



Dreiundzwanzigstes Kapitel

Auf dem Friedrichstraßen-Bahnhof war ein Gedränge; aber trotzdem, Effi
hatte schon vom Coupé aus die Mama erkannt und neben ihr den Vetter
Briest. Die Freude des Wiedersehens war groß, das Warten in der
Gepäckhalle stellte die Geduld auf keine allzu harte Probe, und
nach wenig mehr als fünf Minuten rollte die Droschke neben dem
Pferdebahngleise hin in die Dorotheenstraße hinein und auf die
Schadowstraße zu, an deren nächstgelegener Ecke sich die »Pension«
befand. Roswitha war entzückt und freute sich über Annie, die die
Händchen nach den Lichtern ausstreckte.

Nun war man da. Effi erhielt ihre zwei Zimmer, die nicht, wie
erwartet, neben denen der Frau von Briest, aber doch auf demselben
Korridor lagen, und als alles seinen Platz und Stand hatte und Annie
in einem Bettchen mit Gitter glücklich untergebracht war, erschien
Effi wieder im Zimmer der Mama, einem kleinen Salon mit Kamin, drin
ein schwaches Feuer brannte; denn es war mildes, beinah warmes Wetter.

Auf dem runden Tische mit grüner Schirmlampe waren drei Kuverts
gelegt, und auf einem Nebentischchen stand das Teezeug.

»Du wohnst ja reizend, Mama«, sagte Effi, während sie dem Sofa
gegenüber Platz nahm, aber nur um sich gleich danach an dem Teetisch
zu schaffen zu machen. »Darf ich wieder die Rolle des Teefräuleins
übernehmen?«

»Gewiß, meine liebe Effi Aber nur für Dagobert und dich selbst. Ich
meinerseits muß verzichten, was mir beinah schwerfällt.«

»Ich verstehe, deiner Augen halber. Aber nun sage mir, Mama, was ist
es damit? In der Droschke, die noch dazu so klapperte, haben wir
immer nur von Innstetten und unserer großen Karriere gesprochen, viel
zuviel, und das geht nicht so weiter; glaube mir, deine Augen sind
mir wichtiger, und in einem finde ich sie, Gott sei Dank, ganz
unverändert, du siehst mich immer noch so freundlich an wie früher.«

Und sie eilte auf die Mama zu und küßte ihr die Hand. »Effi, du bist
so stürmisch. Ganz die alte.«

»Ach nein, Mama. Nicht die alte. Ich wollte, es wäre so. Man ändert
sich in der Ehe.«

Vetter Briest lachte. »Cousine, ich merke nicht viel davon; du bist
noch hübscher geworden, das ist alles. Und mit dem Stürmischen wird es
wohl auch noch nicht vorbei sein.«

»Ganz der Vetter«, versicherte die Mama; Effi selbst aber wollte
davon nichts hören und sagte: »Dagobert, du bist alles, nur kein
Menschenkenner. Es ist sonderbar. Ihr Offiziere seid keine guten
Menschenkenner, die jungen gewiß nicht. Ihr guckt euch immer nur
selber an oder eure Rekruten, und die von der Kavallerie haben auch
noch ihre Pferde. Die wissen nun vollends nichts.«

»Aber Cousine, wo hast du denn diese ganze Weisheit her? Du kennst
ja keine Offiziere. Kessin, so habe ich gelesen, hat ja auf die ihm
zugedachten Husaren verzichtet, ein Fall, der übrigens einzig in der
Weltgeschichte dasteht. Und willst du von alten Zeiten sprechen?
Du warst ja noch ein halbes Kind, als die Rathenower zu euch
herüberkamen.«

»Ich könnte dir erwidern, daß Kinder am besten beobachten. Aber ich
mag nicht, das sind ja alles bloß Allotria. Ich will wissen, wie's mit
Mamas Augen steht.«

Frau von Briest erzählte nun, daß es der Augenarzt für Blutandrang
nach dem Gehirn ausgegeben habe. Daher käme das Flimmern. Es müsse
mit Diät gezwungen werden; Bier, Kaffee, Tee - alles gestrichen und
gelegentlich eine lokale Blutentziehung, dann würde es bald besser
werden. »Er sprach so von vierzehn Tagen. Aber ich kenne die
Doktorangaben; vierzehn Tage heißt sechs Wochen, und ich werde
noch hier sein, wenn Innstetten kommt und ihr in eure neue Wohnung
einzieht. Ich will auch nicht leugnen, daß das das Beste von der Sache
ist und mich über die mutmaßlich lange Kurdauer schon vorweg tröstet.
Sucht euch nur recht was Hübsches. Ich habe mir Landgrafen- oder
Keithstraße gedacht, elegant und doch nicht allzu teuer. Denn ihr
werdet euch einschränken müssen. Innstettens Stellung ist sehr
ehrenvoll, aber sie wirft nicht allzuviel ab. Und Briest klagt auch.
Die Preise gehen herunter, und er erzählt mir jeden Tag, wenn nicht
Schutzzölle kämen, so müßte er mit einem Bettelsack von Hohen-Cremmen
abziehen. Du weißt, er übertreibt gern. Aber nun lange zu, Dagobert,
und wenn es sein kann, erzähle uns was Hübsches. Krankheitsberichte
sind immer langweilig, und die liebsten Menschen hören bloß zu, weil
es nicht anders geht. Effi wird wohl auch gern eine Geschichte hören,
etwas aus den Fliegenden Blättern oder aus dem Kladderadatsch. Er soll
aber nicht mehr so gut sein.«

»Oh, er ist noch ebensogut wie früher. Sie haben immer noch
Strudelwitz und Prudelwitz, und da macht es sich von selber.«

»Mein Liebling ist Karlchen Mießnick und Wippchen von Bernau.«

»Ja, das sind die Besten. Aber Wippchen, der übrigens - Pardon, schöne
Cousine - keine Kladderadatschfigur ist, Wippchen hat gegenwärtig
nichts zu tun, es ist ja kein Krieg mehr. Leider. Unsereins möchte
doch auch mal an die Reihe kommen und hier diese schreckliche Leere«,
und er strich vom Knopfloch nach der Achsel hinüber, »endlich
loswerden.« »Ach, das sind ja bloß Eitelkeiten. Erzähle lieber. Was
ist denn jetzt dran?«

»Ja, Cousine, das ist ein eigen Ding. Das ist nicht für jedermann.
Jetzt haben wir nämlich die Bibelwitze.«

»Die Bibelwitze? Was soll das heißen? ... Bibel und Witze gehören
nicht zusammen.«

»Eben deshalb sagte ich, es sei nicht für jedermann. Aber ob
zulässig oder nicht, sie stehen jetzt hoch im Preis. Modesache, wie
Kiebitzeier.«

»Nun, wenn es nicht zu toll ist, so gib uns eine Probe. Geht es?«

»Gewiß geht es. Und ich möchte sogar hinzusetzen dürfen, du triffst
es besonders gut. Was jetzt nämlich kursiert, ist etwas hervorragend
Feines, weil es als Kombination auftritt und in die einfache
Bibelstelle noch das dativisch Wrangelsche mit einmischt. Die
Fragestellung - alle diese Witze treten nämlich in Frageform auf - ist
übrigens in vorliegendem Falle von großer Simplizität und lautet: 'Wer
war der erste Kutscher?' Und nun rate.«

»Nun, vielleicht Apollo.«

»Sehr gut. Du bist doch ein Daus, Effi. Ich wäre nicht darauf
gekommen. Aber trotzdem, du triffst damit nicht ins Schwarze.«

»Nun, wer war es denn?«

»Der erste Kutscher war 'Leid'. Denn schon im Buche Hiob heißt es:
'Leid soll mir nicht widerfahren', oder auch 'wieder fahren' in zwei
Wörtern und mit einem e.«

Effi wiederholte kopfschüttelnd den Satz, auch die Zubemerkung, konnte
sich aber trotz aller Mühe nicht drin zurechtfinden; sie gehörte ganz
ausgesprochen zu den Bevorzugten, die für derlei Dinge durchaus kein
Organ haben, und so kam denn Vetter Briest in die nicht beneidenswerte
Situation, immer erneut erst auf den Gleichklang und dann auch wieder
auf den Unterschied von 'widerfahren' und 'wieder fahren' hinweisen zu
müssen.

»Ach, nun versteh ich. Und du mußt mir verzeihen, daß es so lange
gedauert hat. Aber es ist wirklich zu dumm.«

»Ja, dumm ist es«, sagte Dagobert kleinlaut.

»Dumm und unpassend und kann einem Berlin ordentlich verleiden. Da
geht man nun aus Kessin fort, um wieder unter Menschen zu sein, und
das erste, was man hört, ist ein Bibelwitz. Auch Mama schweigt, und
das sagt genug. Ich will dir aber doch den Rückzug erleichtern ...«

»Das tu, Cousine.«

»... den Rückzug erleichtern und es ganz ernsthaft als ein gutes
Zeichen nehmen, daß mir, als erstes hier, von meinem Vetter Dagobert
gesagt wurde: 'Leid soll mir nicht widerfahren.' Sonderbar, Vetter, so
schwach die Sache als Witz ist, ich bin dir doch dankbar dafür.«

Dagobert, kaum aus der Schlinge heraus, versuchte über Effis
Feierlichkeit zu spötteln, ließ aber ab davon, als er sah, daß es sie
verdroß.

Bald nach zehn Uhr brach er auf und versprach, am anderen Tage
wiederzukommen, um nach den Befehlen zu fragen.

Und gleich nachdem er gegangen, zog sich auch Effi in ihre Zimmer
zurück.

Am andern Tage war das schönste Wetter, und Mutter und Tochter brachen
früh auf, zunächst nach der Augenklinik, wo Effi im Vorzimmer verblieb
und sich mit dem Durchblättern eines Albums beschäftigte. Dann ging es
nach dem Tiergarten und bis in die Nähe des »Zoologischen«, um dort
herum nach einer Wohnung zu suchen. Es traf sich auch wirklich so,
daß man in der Keithstraße, worauf sich ihre Wünsche von Anfang an
gerichtet hatten, etwas durchaus Passendes ausfindig machte, nur
daß es ein Neubau war, feucht und noch unfertig. »Es wird nicht
gehen, liebe Effi«, sagte Frau von Briest, »schon einfach
Gesundheitsrücksichten werden es verbieten. Und dann, ein Geheimrat
ist kein Trockenwohner.«

Effi, so sehr ihr die Wohnung gefiel, war um so einverstandener mit
diesem Bedenken, als ihr an einer raschen Erledigung überhaupt nicht
lag, ganz im Gegenteil: »Zeit gewonnen, alles gewonnen«, und so war
ihr denn ein Hinausschieben der ganzen Angelegenheit eigentlich das
Liebste, was ihr begegnen konnte. »Wir wollen diese Wohnung aber doch
im Auge behalten, Mama, sie liegt so schön und ist im wesentlichen
das, was ich mir gewünscht habe.« Dann fuhren beide Damen in die Stadt
zurück, aßen im Restaurant, das man ihnen empfohlen, und waren am
Abend in der Oper, wozu der Arzt unter der Bedingung, daß Frau von
Briest mehr hören als sehen wolle, die Erlaubnis gegeben hatte.

Die nächsten Tage nahmen einen ähnlichen Verlauf; man war aufrichtig
erfreut, sich wiederzuhaben und nach so langer Zeit wieder ausgiebig
miteinander plaudern zu können. Effi, die sich nicht bloß auf Zuhören
und Erzählen, sondern, wenn ihr am wohlsten war, auch auf Medisieren
ganz vorzüglich verstand, geriet mehr als einmal in ihren alten
Übermut, und die Mama schrieb nach Hause, wie glücklich sie sei, das
»Kind« wieder so heiter und lachlustig zu finden; es wiederhole sich
ihnen allen die schöne Zeit von vor fast zwei Jahren, wo man die
Ausstattung besorgt habe. Auch Vetter Briest sei ganz der alte. Das
war nun auch wirklich der Fall, nur mit dem Unterschied, daß er sich
seltener sehen ließ als vordem und auf die Frage nach dem »Warum«
anscheinend ernsthaft versicherte: »Du bist mir zu gefährlich,
Cousine.« Das gab dann jedesmal ein Lachen bei Mutter und Tochter,
und Effi sagte: »Dagobert, du bist freilich noch sehr jung, aber zu
solcher Form des Courmachers doch nicht mehr jung genug.«

So waren schon beinahe vierzehn Tage vergangen. Innstetten schrieb
immer dringlicher und wurde ziemlich spitz, fast auch gegen die
Schwiegermama, so daß Effi einsah, ein weiteres Hinausschieben sei
nicht mehr gut möglich und es müsse nun wirklich gemietet werden. Aber
was dann? Bis zum Umzug nach Berlin waren immer noch drei Wochen, und
Innstetten drang auf rasche Rückkehr. Es gab also nur ein Mittel: Sie
mußte wieder eine Komödie spielen, mußte krank werden.

Das kam ihr aus mehr als einem Grunde nicht leicht an; aber es mußte
sein, und als ihr das feststand, stand ihr auch fest, wie die Rolle,
bis in die kleinsten Einzelheiten hinein, gespielt werden müsse.

»Mama, Innstetten, wie du siehst, wird über mein Ausbleiben
empfindlich. Ich denke, wir geben also nach und mieten heute noch.
Und morgen reise ich. Ach, es wird mir so schwer, mich von dir zu
trennen.«

Frau von Briest war einverstanden. »Und welche Wohnung wirst du
wählen?«

»Natürlich die erste, die in der Keithstraße, die mir von Anfang an so
gut gefiel und dir auch. Sie wird wohl noch nicht ganz ausgetrocknet
sein, aber es ist ja das Sommerhalbjahr, was einigermaßen ein Trost
ist. Und wird es mit der Feuchtigkeit zu arg und kommt ein bißchen
Rheumatismus, so hab ich ja schließlich immer noch Hohen-Cremmen.«

»Kind, beruf es nicht; ein Rheumatismus ist mitunter da, man weiß
nicht wie.«

Diese Worte der Mama kamen Effi sehr zupaß. Sie mietete denselben
Vormittag noch und schrieb eine Karte an Innstetten, daß sie den
nächsten Tag zurückwolle. Gleich danach wurden auch wirklich die
Koffer gepackt und alle Vorbereitungen getroffen. Als dann aber der
andere Morgen da war, ließ Effi die Mama an ihr Bett rufen und sagte:
»Mama, ich kann nicht reisen. Ich habe ein solches Reißen und Ziehen,
es schmerzt mich über den ganzen Rücken hin, und ich glaube beinah, es
ist ein Rheumatismus. Ich hätte nicht gedacht, daß das so schmerzhaft
sei.«

»Siehst du, was ich dir gesagt habe; man soll den Teufel nicht an die
Wand malen. Gestern hast du noch leichtsinnig darüber gesprochen,
und heute ist es schon da. Wenn ich Schweigger sehe, werde ich ihn
fragen, was du tun sollst.« »Nein, nicht Schweigger. Der ist ja ein
Spezialist. Das geht nicht, und er könnte es am Ende übelnehmen, in so
was anderem zu Rate gezogen zu werden. Ich denke, das beste ist, wir
warten es ab. Es kann ja auch vorübergehen. Ich werde den ganzen Tag
über von Tee und Sodawasser leben, und wenn ich dann transpiriere,
komm ich vielleicht drüber hin.«

Frau von Briest drückte ihre Zustimmung aus, bestand aber darauf, daß
sie sich gut verpflege. Daß man nichts genießen müsse, wie das früher
Mode war, das sei ganz falsch und schwäche bloß; in diesem Punkt stehe
sie ganz zu der jungen Schule: tüchtig essen.

Effi sog sich nicht wenig Trost aus diesen Anschauungen, schrieb ein
Telegramm an Innstetten, worin sie von dem »leidigen Zwischenfall«
und einer ärgerlichen, aber doch nur momentanen Behinderung sprach,
und sagte dann zu Roswitha: »Roswitha, du mußt mir nun auch Bücher
besorgen; es wird nicht schwerhalten, ich will alte, ganz alte.«

»Gewiß, gnäd'ge Frau. Die Leihbibliothek ist ja gleich hier nebenan.
Was soll ich besorgen?«

»Ich will es aufschreiben, allerlei zur Auswahl, denn mitunter haben
sie nicht das eine, was man grade haben will.« Roswitha brachte
Bleistift und Papier, und Effi schrieb auf:

Walter Scott, Ivanhoe oder Quentin Durward; Cooper, Der Spion;
Dickens, David Copperfield; Willibald Alexis, Die Hosen des Herrn von
Bredow.

Roswitha las den Zettel durch und schnitt in der anderen Stube die
letzte Zeile fort; sie genierte sich ihret- und ihrer Frau wegen, den
Zettel in seiner ursprünglichen Gestalt abzugeben.

Ohne besondere Vorkommnisse verging der Tag. Am andern Morgen war
es nicht besser und am dritten auch nicht. »Effi, das geht so nicht
länger. Wenn so was einreißt, dann wird man's nicht wieder los;
wovor die Doktoren am meisten warnen und mit Recht, das sind solche
Verschleppungen.«

Effi seufzte. »Ja, Mama, aber wen sollen wir nehmen? Nur keinen
jungen; ich weiß nicht, aber es würde mich genieren.«

»Ein junger Doktor ist immer genant, und wenn er es nicht ist, desto
schlimmer. Aber du kannst dich beruhigen; ich komme mit einem ganz
alten, der mich schon behandelt hat, als ich noch in der Heckerschen
Pension war, also vor etlichen zwanzig Jahren. Und damals war er nah
an Fünfzig und hatte schönes graues Haar, ganz kraus. Er war ein
Damenmann, aber in den richtigen Grenzen. Ärzte, die das vergessen,
gehen unter, und es kann auch nicht anders sein; unsere Frauen,
wenigstens die aus der Gesellschaft, haben immer noch einen guten
Fond.«

»Meinst du? Ich freue mich immer, so was Gutes zu hören. Denn mitunter
hört man doch auch andres. Und schwer mag es wohl oft sein. Und wie
heißt denn der alte Geheimrat? Ich nehme an, daß es ein Geheimrat
ist.«

»Geheimrat Rummschüttel.«

Effi lachte herzlich. »Rummschüttel! Und als Arzt für jemanden, der
sich nicht rühren kann.«

»Effi, du sprichst so sonderbar. Große Schmerzen kannst du nicht
haben.«

»Nein, in diesem Augenblick nicht; es wechselt beständig.«

Am anderen Morgen erschien Geheimrat Rummschüttel. Frau von Briest
empfing ihn, und als er Effi sah, war sein erstes Wort: »Ganz die
Mama.«

Diese wollte den Vergleich ablehnen und meinte, zwanzig Jahre und
drüber seien doch eine lange Zeit; Rummschüttel blieb aber bei seiner
Behauptung, zugleich versichernd: nicht jeder Kopf präge sich ihm ein,
aber wenn er überhaupt erst einen Eindruck empfangen habe, so bleibe
der auch für immer. »Und nun, meine gnädigste Frau von Innstetten, wo
fehlt es, wo sollen wir helfen?«

»Ach, Herr Geheimrat, ich komme in Verlegenheit, Ihnen auszudrücken,
was es ist. Es wechselt beständig. In diesem Augenblick ist es wie
weggeflogen. Anfangs habe ich an Rheumatisches gedacht, aber ich möcht
beinah glauben, es sei eine Neuralgie, Schmerzen den Rücken entlang,
und dann kann ich mich nicht aufrichten. Mein Papa leidet an
Neuralgie, da hab ich es früher beobachten können. Vielleicht ein
Erbstück von ihm.«

»Sehr wahrscheinlich«, sagte Rummschüttel, der den Puls gefühlt
und die Patientin leicht, aber doch scharf beobachtet hatte. »Sehr
wahrscheinlich, meine gnädigste Frau.« Was er aber still zu sich
selber sagte, das lautete: »Schulkrank und mit Virtuosität gespielt;
Evastochter comme il faut.« Er ließ jedoch nichts davon merken,
sondern sagte mit allem wünschenswerten Ernst: »Ruhe und Wärme sind
das Beste, was ich anraten kann. Eine Medizin, übrigens nichts
Schlimmes, wird das Weitere tun.«

Und er erhob sich, um das Rezept aufzuschreiben: Aqua Amygdalarum
amararum eine halbe Unze, Syrupus florum Aurantii zwei Unzen.
»Hiervon, meine gnädigste Frau, bitte ich Sie, alle zwei Stunden einen
halben Teelöffel voll nehmen zu wollen. Es wird Ihre Nerven beruhigen.
Und worauf ich noch dringen möchte: keine geistigen Anstrengungen,
keine Besuche, keine Lektüre.« Dabei wies er auf das neben ihr
liegende Buch.

»Es ist Scott.«

»Oh, dagegen ist nichts einzuwenden. Das beste sind
Reisebeschreibungen. Ich spreche morgen wieder vor.«

Effi hatte sich wundervoll gehalten, ihre Rolle gut durchgespielt. Als
sie wieder allein war - die Mama begleitete den Geheimrat -, schoß ihr
trotzdem das Blut zu Kopf; sie hatte recht gut bemerkt, daß er ihrer
Komödie mit einer Komödie begegnet war. Er war offenbar ein überaus
lebensgewandter Herr, der alles recht gut sah, aber nicht alles
sehen wollte, vielleicht weil er wußte, daß dergleichen auch mal zu
respektieren sein könne. Denn gab es nicht zu respektierende Komödien,
war nicht die, die er selber spielte, eine solche? Bald danach kam die
Mama zurück, und Mutter und Tochter ergingen sich in Lobeserhebungen
über den feinen alten Herrn, der trotz seiner beinah Siebzig noch
etwas Jugendliches habe. »Schicke nur gleich Roswitha nach der
Apotheke ... Du sollst aber nur alle drei Stunden nehmen, hat er mir
draußen noch eigens gesagt. So war er schon damals, er verschrieb
nicht oft und nicht viel; aber immer Energisches, und es half auch
gleich.«

Rummschüttel kam den zweiten Tag und dann jeden dritten, weil er sah,
welche Verlegenheit sein Kommen der jungen Frau bereitete. Dies nahm
ihn für sie ein, und sein Urteil stand ihm nach dem dritten Besuch
fest: »Hier liegt etwas vor, was die Frau zwingt, so zu handeln, wie
sie handelt.« Über solche Dinge den Empfindlichen zu spielen, lag
längst hinter ihm.

Als Rummschüttel seinen vierten Besuch machte, fand er Effi auf, in
einem Schaukelstuhl sitzend, ein Buch in der Hand, Annie neben ihr.

»Ah, meine gnädigste Frau! Hocherfreut. Ich schiebe es nicht auf die
Arznei; das schöne Wetter, die hellen, frischen Märztage, da fällt die
Krankheit ab. Ich beglückwünsche Sie. Und die Frau Mama?«

»Sie ist ausgegangen, Herr Geheimrat, in die Keithstraße, wo wir
gemietet haben. Ich erwarte nun innerhalb weniger Tage meinen Mann,
den ich mich, wenn in unserer Wohnung erst alles in Ordnung sein wird,
herzlich freue, Ihnen vorstellen zu können. Denn ich darf doch wohl
hoffen, daß Sie auch in Zukunft sich meiner annehmen werden.«

Er verbeugte sich.

»Die neue Wohnung«, fuhr sie fort, »ein Neubau, macht mir freilich
Sorge. Glauben Sie, Herr Geheimrat, daß die feuchten Wände ...«

»Nicht im geringsten, meine gnädigste Frau. Lassen Sie drei, vier Tage
lang tüchtig heizen und immer Türen und Fenster auf, da können Sie's
wagen, auf meine Verantwortung. Und mit Ihrer Neuralgie, das war nicht
von solcher Bedeutung. Aber ich freue mich Ihrer Vorsicht, die mir
Gelegenheit gegeben hat, eine alte Bekanntschaft zu erneuern und eine
neue zu machen.«

Er wiederholte seine Verbeugung, sah noch Annie freundlich in die
Augen und verabschiedete sich unter Empfehlungen an die Mama.

Kaum daß er fort war, so setzte sich Effi an den Schreibtisch und
schrieb: »Lieber Innstetten! Eben war Rummschüttel hier und hat mich
aus der Kur entlassen. Ich könnte nun reisen, morgen etwa; aber heut
ist schon der 24., und am 28. willst Du hier eintreffen. Angegriffen
bin ich ohnehin noch. Ich denke, Du wirst einverstanden sein, wenn ich
die Reise ganz aufgebe. Die Sachen sind ja ohnehin schon unterwegs,
und wir würden, wenn ich käme, in Hoppensacks Hotel wie Fremde leben
müssen. Auch der Kostenpunkt ist in Betracht zu ziehen, die Ausgaben
werden sich ohnehin häufen; unter anderem ist Rummschüttel zu
honorieren, wenn er uns auch als Arzt verbleibt. Übrigens ein sehr
liebenswürdiger alter Herr. Er gilt ärztlich nicht für ersten
Ranges, 'Damendoktor', sagen seine Gegner und Neider. Aber dies
Wort umschließt doch auch ein Lob; es kann eben nicht jeder mit uns
umgehen. Daß ich von den Kessinern nicht persönlich Abschied nehme,
hat nicht viel auf sich. Bei Gieshübler war ich. Die Frau Majorin hat
sich immer ablehnend gegen mich verhalten, ablehnend bis zur Unart;
bleibt noch der Pastor und Doktor Hannemann und Crampas. Empfiehl
mich letzterem. An die Familien auf dem Lande schicke ich Karten;
Güldenklees, wie Du mir schreibst, sind in Italien (was sie da wollen,
weiß ich nicht), und so bleiben nur die drei andern. Entschuldige
mich, so gut es geht. Du bist ja der Mann der Formen und weißt
das richtige Wort zu treffen. An Frau Von Padden, die mir am
Silvesterabend so außerordentlich gut gefiel, schreibe ich vielleicht
selber noch und spreche ihr mein Bedauern aus. Laß mich in einem
Telegramm wissen, ob Du mit allem einverstanden bist. Wie immer Deine
Effi.«

Effi brachte selber den Brief zur Post, als ob sie dadurch die Antwort
beschleunigen könne, und am nächsten Vormittag traf denn auch das
erbetene Telegramm von Innstetten ein: »Einverstanden mit allem.« Ihr
Herz jubelte, sie eilte hinunter und auf den nächsten Droschkenstand
zu: »Keithstraße Ic.« Und erst die Linden und dann die
Tiergartenstraße hinunter flog die Droschke, und nun hielt sie vor der
neuen Wohnung.

Oben standen die den Tag vorher eingetroffenen Sachen noch bunt
durcheinander, aber es störte sie nicht, und als sie auf den breiten,
aufgemauerten Balkon hinaustrat, lag jenseits der Kanalbrücke der
Tiergarten vor ihr, dessen Bäume schon überall einen grünen Schimmer
zeigten. Darüber aber ein klarer blauer Himmel und eine lachende
Sonne.

Sie zitterte vor Erregung und atmete hoch auf. Dann trat sie vom
Balkon her wieder über die Türschwelle zurück, hob den Blick und
faltete die Hände.

»Nun, mit Gott, ein neues Leben! Es soll anders werden.«



Vierundzwanzigstes Kapitel

Drei Tage danach, ziemlich spät, um die neunte Stunde, traf Innstetten
in Berlin ein. Alles war am Bahnhof: Effi, die Mama, der Vetter; der
Empfang war herzlich, am herzlichsten von seiten Effis, und man hatte
bereits eine Welt von Dingen durchgesprochen, als der Wagen, den man
genommen, vor der neuen Wohnung in der Keithstraße hielt. »Ach, da
hast du gut gewählt, Effi«, sagte Innstetten, als er in das Vestibül
eintrat, »kein Haifisch, kein Krokodil und hoffentlich auch kein
Spuk.«

»Nein, Geert, damit ist es nun vorbei. Nun bricht eine andere Zeit an,
und ich fürchte mich nicht mehr und will auch besser sein als früher
und dir mehr zu Willen leben.« Alles das flüsterte sie ihm zu, während
sie die teppichbedeckte Treppe bis in den zweiten Stock hinanstiegen.
Der Vetter führte die Mama.

Oben fehlte noch manches, aber für einen wohnlichen Eindruck war doch
gesorgt, und Innstetten sprach seine Freude darüber aus. »Effi, du
bist doch ein kleines Genie«; aber diese lehnte das Lob ab und zeigte
auf die Mama, die habe das eigentliche Verdienst. »Hier muß es
stehen«, so habe es unerbittlich geheißen, und immer habe sie's
getroffen, wodurch natürlich viel Zeit gespart und die gute Laune
nie gestört worden sei. Zuletzt kam auch Roswitha, um den Herrn zu
begrüßen, bei welcher Gelegenheit sie sagte, Fräulein Annie ließe sich
für heute entschuldigen - ein kleiner Witz, auf den sie stolz war und
mit dem sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte.

Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch, und als
Innstetten sich ein Glas Wein eingeschenkt und »auf glückliche Tage«
mit allen angestoßen hatte, nahm er Effis Hand und sagte: »Aber Effi,
nun erzähle mir, was war das mit deiner Krankheit?«

»Ach, lassen wir doch das, nicht der Rede wert; ein bißchen
schmerzhaft und eine rechte Störung, weil es einen Strich durch
unsere Pläne machte. Aber mehr war es nicht, und nun ist es vorbei.
Rummschüttel hat sich bewährt, ein feiner, liebenswürdiger alter Herr,
wie ich dir, glaub ich, schon schrieb. In seiner Wissenschaft soll er
nicht gerade glänzen, aber Mama sagt, das sei ein Vorzug. Und sie wird
wohl recht haben, wie in allen Stücken. Unser guter Doktor Hannemann
war auch kein Licht und traf es doch immer. Und nun sag, was macht
Gieshübler und die anderen alle?«

»Ja, wer sind die anderen alle? Crampas läßt sich der gnäd'gen Frau
empfehlen ...«

»Ah, sehr artig.«

»Und der Pastor will dir desgleichen empfohlen sein; nur die
Herrschaften auf dem Lande waren ziemlich nüchtern und schienen auch
mich für deinen Abschied ohne Abschied verantwortlich machen zu
wollen. Unsere Freundin Sidonie war sogar spitz, und nur die gute Frau
von Padden, zu der ich eigens vorgestern noch hinüberfuhr, freute sich
aufrichtig über deinen Gruß und deine Liebeserklärung an sie. Du seist
eine reizende Frau, sagte sie, aber ich sollte dich gut hüten. Und als
ich ihr erwiderte, du fändest schon, daß ich mehr ein Erzieher als ein
Ehemann sei, sagte sie halblaut und beinahe wie abwesend: 'Ein junges
Lämmchen, weiß wie Schnee.' Und dann brach sie ab.«

Vetter Briest lachte. »'Ein junges Lämmchen, weiß wie Schnee.' Da
hörst du's, Cousine.« Und er wollte sie zu necken fortfahren, gab es
aber auf, als er sah, daß sie sich verfärbte.

Das Gespräch, das meist zurückliegende Verhältnisse berührte, spann
sich noch eine Weile weiter, und Effi erfuhr zuletzt aus diesem und
jenem, was Innstetten mitteilte, daß sich von dem ganzen Kessiner
Hausstand nur Johanna bereit erklärt habe, die Übersiedlung nach
Berlin mitzumachen. Sie sei natürlich noch zurückgeblieben, werde aber
in zwei, drei Tagen mit dem Rest der Sachen eintreffen; er sei froh
über ihren Entschluß, denn sie sei immer die Brauchbarste gewesen
und von einem ausgesprochenen großstädtischen Schick. Vielleicht ein
bißchen zu sehr. Christel und Friedrich hätten sich beide für zu
alt erklärt, und mit Kruse zu verhandeln, habe sich von vornherein
verboten. »Was soll uns ein Kutscher hier?« schloß Innstetten. »Pferd
und Wagen, das sind tempi passati, mit diesem Luxus ist es in Berlin
vorbei. Nicht einmal das schwarze Huhn hätten wir unterbringen können.
Oder unterschätze ich die Wohnung?«

Effi schüttelte den Kopf, und als eine kleine Pause eintrat, erhob
sich die Mama; es sei bald elf, und sie habe noch einen weiten Weg,
übrigens solle sie niemand begleiten, der Droschkenstand sei ja nah
- ein Ansinnen, das Vetter Briest natürlich ablehnte. Bald darauf
trennte man sich, nachdem noch ein Rendezvous für den anderen
Vormittag verabredet war.

Effi war ziemlich früh auf und hatte - die Luft war beinahe sommerlich
warm - den Kaffeetisch bis nahe an die geöffnete Balkontür rücken
lassen, und als Innstetten nun auch erschien, trat sie mit ihm auf
den Balkon hinaus und sagte: »Nun, was sagst du? Du wolltest den
Finkenschlag aus dem Tiergarten hören und die Papageien aus dem
Zoologischen.

Ich weiß nicht, ob beide dir den Gefallen tun werden, aber möglich ist
es. Hörst du wohl? Das kam von drüben, drüben aus dem kleinen Park. Es
ist nicht der eigentliche Tiergarten, aber doch beinah.«

Innstetten war entzückt und von einer Dankbarkeit, als ob Effi ihm
das alles persönlich herangezaubert habe. Dann setzten sie sich, und
nun kam auch Annie. Roswitha verlangte, daß Innstetten eine große
Veränderung an dem Kinde finden solle, was er denn auch schließlich
tat. Und dann plauderten sie weiter, abwechselnd über die Kessiner und
die in Berlin zu machenden Visiten und ganz zuletzt auch über eine
Sommerreise. Mitten im Gespräch aber mußten sie abbrechen, um
rechtzeitig beim Rendezvous erscheinen zu können.

Man traf sich, wie verabredet, bei Helms, gegenüber dem Roten Schloß,
besuchte verschiedene Läden, aß bei Hiller und war bei guter Zeit
wieder zu Haus. Es war ein gelungenes Beisammensein gewesen.
Innstetten herzlich froh, das großstädtische Leben wieder mitmachen
und auf sich wirken lassen zu können. Tags darauf, am 1. April, begab
er sich in das Kanzlerpalais, um sich einzuschreiben (eine persönliche
Gratulation unterließ er aus Rücksicht), und ging dann aufs
Ministerium, um sich da zu melden. Er wurde auch angenommen, trotzdem
es ein geschäftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger Tag war,
ja, sah sich seitens seines Chefs durch besonders entgegenkommende
Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. Er wisse, was er an ihm habe, und sei
sicher, ihr Einvernehmen nie gestört zu sehen.

Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten. Ein aufrichtiges
Bedauern war es für Effi, die Mama, nachdem diese, wie gleich
anfänglich vermutet, fast sechs Wochen lang in Kur gewesen, nach
Hohen-Cremmen zurückkehren zu sehen, ein Bedauern, das nur dadurch
einigermaßen gemildert wurde, daß sich Johanna denselben Tag noch
in Berlin einstellte. Das war immerhin was, und wenn die hübsche
Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahe stand wie die ganz
selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswitha, so war sie doch
gleichmäßig angesehen, ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen
Herrin, weil sie sehr geschickt und brauchbar und der Männerwelt
gegenüber von einer ausgesprochenen und selbstbewußten Reserviertheit
war. Einem Kessiner on dit zufolge ließen sich die Wurzeln ihrer
Existenz auf eine längst pensionierte Größe der Garnison Pasewalk
zurückführen, woraus man sich auch ihre vornehme Gesinnung, ihr
schönes blondes Haar und die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung
erklären wollte. Johanna selbst teilte die Freude, die man allerseits
über ihr Eintreffen empfand, und war durchaus einverstanden damit,
als Hausmädchen und Jungfer, ganz wie früher, den Dienst bei Effi zu
übernehmen, während Roswitha, die der Christel in beinahe Jahresfrist
ihre Kochkünste so ziemlich abgelernt hatte, dem Küchendepartement
vorstehen sollte. Annies Abwartung und Pflege fiel Effi selber zu,
worüber Roswitha freilich lachte. Denn sie kannte die jungen Frauen.

Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus. Er war
glücklicher als vordem in Kessin, weil ihm nicht entging, daß Effi
sich unbefangener und heiterer gab. Und das konnte sie, weil sie sich
freier fühlte. Wohl blickte das Vergangene noch in ihr Leben hinein,
aber es ängstigte sie nicht mehr oder doch um vieles seltener und
vorübergehender, und alles, was davon noch in ihr nachzitterte, gab
ihrer Haltung einen eigenen Reiz. In jeglichem, was sie tat, lag etwas
Wehmütiges, wie eine Abbitte, und es hätte sie glücklich gemacht, dies
alles noch deutlicher zeigen zu können. Aber das verbot sich freilich.

Das gesellschaftliche Leben der großen Stadt war, als sie während der
ersten Aprilwochen ihre Besuche machten, noch nicht vorüber, wohl aber
im Erlöschen, und so kam es für sie zu keiner rechten Teilnahme mehr
daran. In der zweiten Hälfte des Mai starb es dann ganz hin, und mehr
noch als vorher war man glücklich, sich in der Mittagsstunde, wenn
Innstetten von seinem Ministerium kam, im Tiergarten treffen oder
nachmittags einen Spaziergang nach dem Charlottenburger Schloßgarten
machen zu können. Effi sah sich, wenn sie die lange Front zwischen dem
Schloß und den Orangeriebäumen auf und ab schritt, immer wieder die
massenhaft dort stehenden römischen Kaiser an, fand eine merkwürdige
Ähnlichkeit zwischen Nero und Titus, sammelte Tannenäpfel, die von
den Trauertannen gefallen waren, und ging dann, Arm in Arm mit ihrem
Manne, bis auf das nach der Spree hin einsam gelegene »Belvedere« zu.

»Da drin soll es auch einmal gespukt haben«, sagte sie.

»Nein, bloß Geistererscheinungen.«

»Das ist dasselbe.«

»Ja, zuweilen«, sagte Innstetten. »Aber eigentlich ist doch ein
Unterschied. Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens
soll es hier in dem 'Belvedere' so gewesen sein, wie Vetter Briest
erst gestern noch erzählte -, Spuk aber wird nie gemacht, Spuk ist
natürlich.«

»Also glaubst du doch dran?«

»Gewiß glaub ich dran. Es gibt so was. Nur an das, was wir in Kessin
davon hatten, glaub ich nicht recht. Hat dir denn Johanna schon ihren
Chinesen gezeigt?«

»Welchen?«

»Nun, unsern. Sie hat ihn, ehe sie unser altes Haus verließ, oben von
der Stuhllehne abgelöst und ihn ins Portemonnaie gelegt. Als ich mir
neulich ein Markstück bei ihr wechselte, hab ich ihn gesehen. Und sie
hat es mir auch verlegen bestätigt.«

»Ach, Geert, das hättest du mir nicht sagen sollen. Nun ist doch
wieder so was in unserm Hause.«

»Sag ihr, daß sie ihn verbrennt.«

»Nein, das mag ich auch nicht, und das hilft auch nichts. Aber ich
will Roswitha bitten ...«

»Um was? Ah, ich verstehe schon, ich ahne, was du vorhast. Die soll
ein Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun. Ist es
so was?«

Effi nickte.

»Nun, tu, was du willst. Aber sag es niemandem.«

Effi meinte dann schließlich, es lieber doch lassen zu wollen, und
unter allerhand kleinem Geplauder, in welchem die Reisepläne für den
Sommer mehr und mehr Platz gewannen, fuhren sie bis an den »Großen
Stern« zurück und gingen dann durch die Korso-Allee und die breite
Friedrich-Wilhelm-Straße auf ihre Wohnung zu.

Sie hatten vor, schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische
Gebirge zu gehen, wo gerade in diesem Jahr wieder die Oberammergauer
Spiele stattfanden. Es ließ sich aber nicht tun; Geheimrat von
Wüllesdorf, den Innstetten schon von früher her kannte und der jetzt
sein Spezialkollege war, erkrankte plötzlich, und Innstetten mußte
bleiben und ihn vertreten. Erst Mitte August war alles wieder
beglichen und damit die Reisemöglichkeit gegeben; es war aber nun zu
spät geworden, um noch nach Oberammergau zu gehen, und so entschied
man sich für einen Aufenthalt auf Rügen. »Zunächst natürlich
Stralsund, mit Schill, den du kennst, und mit Scheele, den du nicht
kennst und der den Sauerstoff entdeckte, was man aber nicht zu wissen
braucht. Und dann von Stralsund nach Bergen und dem Rugard, von wo
man, wie mir Wüllersdorf sagte, die ganze Insel übersehen kann, und
dann zwischen dem Großen und Kleinen Jasmunder-Bodden hin, bis nach
Saßnitz. Denn nach Rügen reisen heißt nach Saßnitz reisen. Binz ginge
vielleicht auch noch, aber da sind - ich muß Wüllersdorf noch einmal
zitieren - so viele kleine Steinchen und Muschelschalen am Strand, und
wir wollen doch baden.«

Effi war einverstanden mit allem, was von seiten Innstettens geplant
wurde, vor allem auch damit, daß der ganze Hausstand auf vier Wochen
aufgelöst und Roswitha mit Annie nach Hohen-Cremmen, Johanna aber zu
ihrem etwas jüngeren Halbbruder reisen sollte, der bei Pasewalk eine
Schneidemühle hatte. So war alles gut untergebracht. Mit Beginn der
nächsten Woche brach man denn auch wirklich auf, und am selben Abend
noch war man in Saßnitz. Über dem Gasthaus stand »Hotel Fahrenheit«.
»Die Preise hoffentlich nach Réaumur«, setzte Innstetten, als er
den Namen las, hinzu, und in bester Laune machten beide noch einen
Abendspaziergang an dem Klippenstrand hin und sahen von einem
Felsenvorsprung aus auf die stille, vom Mondschein überzitterte Bucht.
Effi war entzückt. »Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja Sorrent.
Ja, hier bleiben wir. Aber natürlich nicht im Hotel; die Kellner sind
mir zu vornehm, und man geniert sich, um eine Flasche Sodawasser zu
bitten ...«

»Ja, lauter Attachés. Es wird sich aber wohl eine Privatwohnung finden
lassen.«

»Denk ich auch. Und wir wollen gleich morgen danach aussehen.«

Schön wie der Abend war der Morgen, und man nahm das Frühstück im
Freien. Innstetten empfing etliche Briefe, die schnell erledigt werden
mußten, und so beschloß Effi, die für sie freigewordene Stunde sofort
zur Wohnungssuche zu benutzen. Sie ging erst an einer eingepferchten
Wiese, dann an Häusergruppen und Haferfeldern vorüber und bog zuletzt
in einen Weg ein, der schluchtartig auf das Meer zulief. Da, wo
dieser Schluchtenweg den Strand traf, stand ein von hohen Buchen
überschattetes Gasthaus, nicht so vornehm wie das Fahrenheitsche, mehr
ein bloßes Restaurant, in dem, der frühen Stunde halber, noch alles
leer war. Effi nahm an einem Aussichtspunkt Platz, und kaum daß sie
von dem Sherry, den sie bestellt, genippt hatte, so trat auch schon
der Wirt an sie heran, um halb aus Neugier und halb aus Artigkeit ein
Gespräch mit ihr anzuknüpfen.

»Es gefällt uns sehr gut hier«, sagte sie, »meinem Manne und mir;
welch prächtiger Blick über die Bucht, und wir sind nur in Sorge wegen
einer Wohnung.«

»Ja, gnädigste Frau, das wird schwerhalten ...«

»Es ist aber schon spät im Jahr ...«

»Trotzdem. Hier in Saßnitz ist sicherlich nichts zu finden, dafür
möcht ich mich verbürgen; aber weiterhin am Strand, wo das nächste
Dorf anfängt, Sie können die Dächer von hier aus blinken sehen, da
möcht es vielleicht sein.«

»Und wie heißt das Dorf?« »Crampas.«

Effi glaubte nicht recht gehört zu haben. »Crampas«, wiederholte sie
mit Anstrengung. »Ich habe den Namen als Ortsnamen nie gehört ... Und
sonst nichts in der Nähe?«

»Nein, gnädigste Frau. Hier herum nichts. Aber höher hinauf, nach
Norden zu, da kommen noch wieder Dörfer, und in dem Gasthause, das
dicht neben Stubbenkammer liegt, wird man Ihnen gewiß Auskunft geben
können. Es werden dort von solchen, die gerne noch vermieten wollen,
immer Adressen abgegeben.«

Effi war froh, das Gespräch allein geführt zu haben, und als sie bald
danach ihrem Manne Bericht erstattet und nur den Namen des an Saßnitz
angrenzenden Dorfes verschwiegen hatte, sagte dieser: »Nun, wenn es
hier herum nichts gibt, so wird es das beste sein, wir nehmen einen
Wagen (wodurch man sich beiläufig einem Hotel immer empfiehlt) und
übersiedeln ohne weiteres da höher hinauf, nach Stubbenkammer hin.
Irgendwas Idyllisches mit einer Geißblattlaube wird sich da wohl
finden lassen, und finden wir nichts, so bleibt uns immer noch das
Hotel selbst. Eins ist schließlich wie das andere.«

Effi war einverstanden, und gegen Mittag schon erreichten sie das
neben Stubbenkammer gelegene Gasthaus, von dem Innstetten eben
gesprochen, und bestellten daselbst einen Imbiß. »Aber erst nach einer
halben Stunde; wir haben vor, zunächst noch einen Spaziergang zu
machen und uns den Herthasee anzusehen. Ein Führer ist doch wohl da?«

Dies wurde bejaht, und ein Mann von mittleren Jahren trat alsbald an
unsere Reisenden heran. Er sah so wichtig und feierlich aus, als ob er
mindestens ein Adjunkt bei dem alten Herthadienst gewesen wäre.

Der von hohen Bäumen umstandene See lag ganz in der Nähe, Binsen
säumten ihn ein, und auf der stillen, schwarzen Wasserfläche schwammen
zahlreiche Mummeln.

»Es sieht wirklich nach so was aus«, sagte Effi, »nach Herthadienst.«

»Ja, gnäd'ge Frau ... Dessen sind auch noch die Steine Zeugen.«

»Welche Steine?«

»Die Opfersteine.«

Und während sich das Gespräch in dieser Weise fortsetzte, traten alle
drei vom See her an eine senkrechte, abgestochene Kies- und Lehmwand
heran, an die sich etliche glattpolierte Steine lehnten, alle mit
einer flachen Höhlung und etlichen nach unten laufenden Rinnen.

»Und was bezwecken die?«

»Daß es besser abliefe, gnäd'ge Frau.«

»Laß uns gehen«, sagte Effi, und den Arm ihres Mannes nehmend, ging
sie mit ihm wieder auf das Gasthaus zurück, wo nun, an einer Stelle
mit weitem Ausblick auf das Meer, das vorher bestellte Frühstück
aufgetragen wurde. Die Bucht lag im Sonnenlicht vor ihnen, einzelne
Segelboote glitten darüber hin, und um die benachbarten Klippen
haschten sich die Möwen. Es war sehr schön, auch Effi fand es; aber
wenn sie dann über die glitzernde Fläche hinwegsah, bemerkte sie, nach
Süden zu, wieder die hell aufleuchtenden Dächer des langgestreckten
Dorfes, dessen Name sie heute früh so sehr erschreckt hatte.

Innstetten, wenn auch ohne Wissen und Ahnung dessen, was in ihr
vorging, sah doch deutlich, daß es ihr an aller Lust und Freude
gebrach. »Es tut mir leid, Effi, daß du der Sache nicht recht froh
wirst. Du kannst den Herthasee nicht vergessen und noch weniger die
Steine.«

Sie nickte. »Es ist so, wie du sagst. Und ich muß dir bekennen, ich
habe nichts in meinem Leben gesehen, was mich so traurig gestimmt
hätte. Wir wollen das Wohnungssuchen ganz aufgeben; ich kann hier
nicht bleiben.«

»Und gestern war es dir noch der Golf von Neapel und alles mögliche
Schöne.«

»Ja, gestern.«

»Und heute? Heute keine Spur mehr von Sorrent?«

»Eine Spur noch, aber auch nur eine Spur; es ist Sorrent, als ob es
sterben wollte.«

»Gut dann, Effi«, sagte Innstetten und reichte ihr die Hand.

»Ich will dich mit Rügen nicht quälen, und so geben wir's denn auf.
Abgemacht. Es ist nicht nötig, daß wir uns an Stubbenkammer anklammern
oder an Saßnitz oder da weiter hinunter. Aber wohin?«

»Ich denke, wir bleiben noch einen Tag und warten das Dampfschiff ab,
das, wenn ich nicht irre, morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen
hinüberfährt. Da soll es ja so vergnüglich sein, und ich kann dir gar
nicht sagen, wie sehr ich mich nach etwas Vergnüglichem sehne. Hier
ist mir, als ob ich in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen könnte
und überhaupt nie gelacht hätte, und du weißt doch, wie gern ich
lache.«

Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem Zustand, und das um
so lieber, als er ihr in vielem recht gab. Es war wirklich alles
schwermütig, so schön es war.

Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff ab und trafen am
dritten Tag in aller Frühe in Kopenhagen ein, wo sie auf Kongens
Nytorv Wohnung nahmen. Zwei Stunden später waren sie schon im
Thorwaldsen-Museum, und Effi sagte: »Ja, Geert, das ist schön, und ich
bin glücklich, daß wir uns hierher auf den Weg gemacht haben.« Bald
danach gingen sie zu Tisch und machten an der Table d'hôte die
Bekanntschaft einer ihnen gegenübersitzenden jütländischen Familie,
deren bildschöne Tochter, Thora von Penz, ebenso Innstettens wie Effis
beinah bewundernde Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm. Effi konnte
sich nicht satt sehen an den großen blauen Augen und dem flachsblonden
Haar, und als man sich nach anderthalb Stunden von Tisch erhob, wurde
seitens der Penzschen Familie - die leider, denselben Tag noch,
Kopenhagen wieder verlassen mußte - die Hoffnung ausgesprochen, das
junge preußische Paar mit nächstem in Schloß Aggerhuus (eine halbe
Meile vom Limfjord) begrüßen zu dürfen, eine Einladung, die von den
Innstettens auch ohne langes Zögern angenommen wurde. So vergingen die
Stunden im Hotel. Aber damit war es nicht genug des Guten an diesem
merkwürdigen Tag, von dem Effi denn auch versicherte, daß er im
Kalender rot angestrichen werden müsse.

Der Abend brachte, das Maß des Glücks voll zu machen, eine Vorstellung
im Tivoli-Theater: eine italienische Pantomime, Arlequin und
Colombine.

Effi war wie berauscht von den kleinen Schelmereien, und als sie spät
am Abend nach ihrem Hotel zurückkehrten, sagte sie: »Weißt du, Geert,
nun fühl ich doch, daß ich allmählich wieder zu mir komme. Von der
schönen Thora will ich gar nicht erst sprechen; aber wenn ich bedenke,
heute vormittag Thorwaldsen und heute abend diese Colombine ...«

»... Die dir im Grunde doch noch lieber war als Thorwaldsen...«

»Offen gestanden, ja. Ich habe nun mal den Sinn für dergleichen. Unser
gutes Kessin war ein Unglück für mich. Alles fiel mir da auf die
Nerven. Rügen beinah auch. Ich denke, wir bleiben noch ein paar Tage
hier in Kopenhagen, natürlich mit Ausflug nach Frederiksborg und
Helsingör, und dann nach Jütland hinüber; ich freue mich aufrichtig,
die schöne Thora wiederzusehen, und wenn ich ein Mann wäre, so
verliebte ich mich in sie.«

Innstetten lachte. »Du weißt noch nicht, was ich tue.«

»Wär mir schon recht. Dann gibt es einen Wettstreit, und du sollst
sehen, dann hab ich auch noch meine Kräfte.«

»Das brauchst du mir nicht erst zu versichern.«

So verlief denn auch die Reise. Drüben in Jütland fuhren sie den
Limfjord hinauf, bis Schloß Aggerhuus, wo sie drei Tage bei der
Penzschen Familie verblieben, und kehrten dann mit vielen Stationen
und kürzeren und längeren Aufenthalten in Viborg, Flensburg, Kiel
über Hamburg (das ihnen ungemein gefiel) in die Heimat zurück -
nicht direkt nach Berlin in die Keithstraße, wohl aber vorher nach
Hohen-Cremmen, wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben
wollte, für Innstetten bedeutete das nur wenige Tage, da sein Urlaub
abgelaufen war, Effi blieb aber noch eine Woche länger und sprach es
aus, erst zum dritten Oktober, ihrem Hochzeitstag, wieder zu Hause
eintreffen zu wollen.

Annie war in der Landluft prächtig gediehen, und was Roswitha geplant
hatte, daß sie der Mama in Stiefelchen entgegenlaufen sollte, das
gelang auch vollkommen. Briest gab sich als zärtlicher Großvater,
warnte vor zuviel Liebe, noch mehr vor zuviel Strenge, und war in
allem der alte. Eigentlich aber galt all seine Zärtlichkeit doch nur
Effi, mit der er sich in seinem Gemüt immer beschäftigte, zumeist
auch, wenn er mit seiner Frau allein war.

»Wie findest du Effi?«

»Lieb und gut wie immer. Wir können Gott nicht genug danken, eine so
liebenswürdige Tochter zu haben. Und wie dankbar sie für alles ist und
immer so glücklich, wieder unter unserm Dach zu sein.«

»Ja«, sagte Briest, »sie hat von dieser Tugend mehr, als mir lieb ist.
Eigentlich ist es, als wäre dies hier immer noch ihre Heimstätte. Sie
hat doch den Mann und das Kind, und der Mann ist ein Juwel, und das
Kind ist ein Engel, aber dabei tut sie, als wäre Hohen-Cremmen immer
noch die Hauptsache für sie, und Mann und Kind kämen gegen uns beide
nicht an. Sie ist eine prächtige Tochter, aber sie ist es mir zu sehr.
Es ängstigt mich ein bißchen. Und ist auch ungerecht gegen Innstetten.
Wie steht es denn eigentlich damit?«

»Ja, Briest, was meinst du?«

»Nun, ich meine, was ich meine, und du weißt auch was. Ist sie
glücklich? Oder ist da doch irgendwas im Wege? Von Anfang an war mir's
so, als ob sie ihn mehr schätze als liebe. Und das ist in meinen Augen
ein schlimm Ding. Liebe hält auch nicht immer vor, aber Schätzung
gewiß nicht. Eigentlich ärgern sich die Weiber, wenn sie wen schätzen
müssen; erst ärgern sie sich, und dann langweilen sie sich, und
zuletzt lachen sie.«

»Hast du so was an dir selber erfahren?«

»Das will ich nicht sagen. Dazu stand ich nicht hoch genug in der
Schätzung. Aber schrauben wir uns nicht weiter, Luise. Sage, wie steht
es?«

»Ja, Briest, du kommst immer auf diese Dinge zurück. Da reicht ja
kein dutzendmal, daß wir darüber gesprochen und unsere Meinungen
ausgetauscht haben, und immer bist du wieder da mit deinem
Alleswissenwollen und fragst dabei so schrecklich naiv, als ob ich in
alle Tiefen sähe. Was hast du nur für Vorstellungen von einer jungen
Frau und ganz speziell von deiner Tochter? Glaubst du, daß das alles
so plan daliegt? Oder daß ich ein Orakel bin (ich kann mich nicht
gleich auf den Namen der Person besinnen) oder daß ich die Wahrheit
sofort klipp und klar in den Händen halte, wenn mir Effi ihr Herz
ausgeschüttet hat? Oder was man wenigstens so nennt. Denn was heißt
ausschütten? Das Eigentliche bleibt doch zurück. Sie wird sich hüten,
mich in ihre Geheimnisse einzuweihen. Außerdem, ich weiß nicht, von
wem sie's hat, sie ist ... ja, sie ist eine sehr schlaue kleine
Person, und diese Schlauheit an ihr ist um so gefährlicher, weil sie
so sehr liebenswürdig ist.«

»Also das gibst du doch zu ... liebenswürdig. Und auch gut?«

»Auch gut. Das heißt voll Herzensgüte. Wie's sonst steht, da bin ich
mir doch nicht sicher; ich glaube, sie hat einen Zug, den lieben Gott
einen guten Mann sein zu lassen und sich zu trösten, er werde wohl
nicht allzu streng mit ihr sein.«

»Meinst du?«

»Ja, das meine ich. Übrigens glaube ich, daß sich vieles gebessert
hat. Ihr Charakter ist, wie er ist, aber die Verhältnisse liegen seit
ihrer Übersiedlung um vieles günstiger, und sie leben sich mehr und
mehr ineinander ein. Sie hat mir so was gesagt, und was mir wichtiger
ist, ich hab es auch bestätigt gefunden, mit Augen gesehen.«

»Nun, was sagte sie?«

»Sie sagte: 'Mama, es geht jetzt besser. Innstetten war immer ein
vortrefflicher Mann, so einer, wie's nicht viele gibt, aber ich konnte
nicht recht an ihn heran, er hatte so was Fremdes. Und fremd war
er auch in seiner Zärtlichkeit. Ja, dann am meisten; es hat Zeiten
gegeben, wo ich mich davor fürchtete.«

»Kenn ich, kenn' ich.«

»Was soll das heißen, Briest? Soll ich mich gefürchtet haben,
oder willst du dich gefürchtet haben? Ich finde beides gleich
lächerlich ...«

»Du wolltest von Effi erzählen.«

»Nun also, sie gestand mir, daß dies Gefühl des Fremden sie verlassen
habe, was sie sehr glücklich mache. Kessin sei nicht der rechte Platz
für sie gewesen, das spukige Haus und die Menschen da, die einen zu
fromm, die andern zu platt; aber seit ihrer Übersiedlung nach Berlin
fühle sie sich ganz an ihrem Platz. Er sei der beste Mensch, etwas zu
alt für sie und zu gut für sie, aber sie sei nun über den Berg. Sie
brauchte diesen Ausdruck, der mir allerdings auffiel.«

»Wieso? Er ist nicht ganz auf der Höhe, ich meine der Ausdruck.
Aber ...«

»Es steckt etwas dahinter. Und sie hat mir das auch andeuten wollen.«

»Meinst du?«

»Ja, Briest; du glaubst immer, sie könne kein Wasser trüben. Aber
darin irrst du. Sie läßt sich gern treiben, und wenn die Welle gut
ist, dann ist sie auch selber gut. Kampf und Widerstand sind nicht
ihre Sache.«

Roswitha kam mit Annie, und so brach das Gespräch ab.

Dies Gespräch führten Briest und Frau an demselben Tag, wo Innstetten
von Hohen-Cremmen nach Berlin hin abgereist war, Effi auf wenigstens
noch eine Woche zurücklassend. Er wußte, daß es nichts Schöneres
für sie gab, als so sorglos in einer weichen Stimmung hinträumen zu
können, immer freundliche Worte zu hören und die Versicherung, wie
liebenswürdig sie sei. Ja, das war das, was ihr vor allem wohltat, und
sie genoß es auch diesmal wieder in vollen Zügen und aufs dankbarste,
trotzdem jede Zerstreuung fehlte; Besuch kam selten, weil es seit
ihrer Verheiratung, wenigstens für die junge Welt, an dem rechten
Anziehungspunkt gebrach, und selbst die Pfarre und die Schule waren
nicht mehr das, was sie noch vor Jahr und Tag gewesen waren. Zumal
im Schulhaus stand alles halb leer. Die Zwillinge hatten sich im
Frühjahr an zwei Lehrer in der Nähe von Genthin verheiratet, große
Doppelhochzeit mit Festbericht im »Anzeiger fürs Havelland«, und Hulda
war in Friesack zur Pflege einer alten Erbtante, die sich übrigens,
wie gewöhnlich in solchen Fällen, um sehr viel langlebiger erwies,
als Niemeyers angenommen hatten. Hulda schrieb aber trotzdem immer
zufriedene Briefe, nicht weil sie wirklich zufrieden war (im
Gegenteil), sondern weil sie den Verdacht nicht aufkommen lassen
wollte, daß es einem so ausgezeichneten Wesen anders als sehr gut
ergehen könne. Niemeyer, ein schwacher Vater, zeigte die Briefe mit
Stolz und Freude, während der ebenfalls ganz in seinen Töchtern
lebende Jahnke sich herausgerechnet hatte, daß beide junge Frauen
am selben Tage, und zwar am Weihnachtsheiligabend, ihre Niederkunft
halten würden. Effi lachte herzlich und drückte dem Großvater in spe
zunächst den Wunsch aus, bei beiden Enkeln zu Gevatter geladen zu
werden, ließ dann aber die Familienthemata fallen und erzählte von
»Kjöbenhavn« und Helsingör, vom Limfjord und Schloß Aggerhuus und
vor allem von Thora von Penz, die, wie sie nur sagen könne, »typisch
skandinavisch« gewesen sei, blauäugig, flachsen und immer in einer
roten Plüschtaille, wobei sich Jahnke verklärte und einmal über das
andere sagte: »Ja, so sind sie; rein germanisch, viel deutscher als
die Deutschen.«

An ihrem Hochzeitstag, dem dritten Oktober, wollte Effi wieder in
Berlin sein. Nun war es der Abend vorher, und unter dem Vorgeben, daß
sie packen und alles zur Rückreise vorbereiten wolle, hatte sie sich
schon verhältnismäßig früh auf ihr Zimmer zurückgezogen. Eigentlich
lag ihr aber nur daran, allein zu sein; so gern sie plauderte, so
hatte sie doch auch Stunden, wo sie sich nach Ruhe sehnte.

Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer lagen nach dem Garten
hinaus; in dem kleineren schliefen Roswitha und Annie, die Tür nur
angelehnt, in dem größeren, das sie selber innehatte, ging sie auf und
ab; die unteren Fensterflügel waren geöffnet, und die kleinen weißen
Gardinen bauschten sich in dem Zug, der ging, und fielen dann langsam
über die Stuhllehne, bis ein neuer Zugwind kam und sie wieder frei
machte. Dabei war es so hell, daß man die Unterschriften unter den
über dem Sofa hängenden und in schmale Goldleisten eingerahmten
Bildern deutlich lesen konnte:

»Der Sturm auf Düppel, Schanze V« und daneben: »König Wilhelm und
Graf Bismarck auf der Höhe von Lipa«. Effi schüttelte den Kopf und
lächelte. »Wenn ich wieder hier bin, bitt ich mir andere Bilder aus;
ich kann so was Kriegerisches nicht leiden.« Und nun schloß sie
das eine Fenster und setzte sich an das andere, dessen Flügel sie
offenließ. Wie tat ihr das alles so wohl. Neben dem Kirchturm stand
der Mond und warf sein Licht auf den Rasenplatz mit der Sonnenuhr
und den Heliotropbeeten. Alles schimmerte silbern, und neben den
Schattenstreifen lagen weiße Lichtstreifen, so weiß, als läge Leinwand
auf der Bleiche. Weiterhin aber standen die hohen Rhabarberstauden
wieder, die Blätter herbstlich gelb, und sie mußte des Tages gedenken,
nun erst wenig über zwei Jahre, wo sie hier mit Hulda und den
Jahnkeschen Mädchen gespielt hatte. Und dann war sie, als der Besuch
kam, die kleine Steintreppe neben der Bank hinaufgestiegen, und eine
Stunde später war sie Braut.

Sie erhob sich und ging auf die Tür zu und horchte: Roswitha schlief
schon und Annie auch.

Und mit einem Male, während sie das Kind so vor sich hatte, traten
ungerufen allerlei Bilder aus den Kessiner Tagen wieder vor ihre
Seele: das landrätliche Haus mit seinem Giebel und die Veranda mit dem
Blick auf die Plantage, und sie saß im Schaukelstuhl und wiegte sich;
und nun trat Crampas an sie heran, um sie zu begrüßen, und dann kam
Roswitha mit dem Kinde, und sie nahm es und hob es hoch in die Höhe
und küßte es.

»Das war der erste Tag; da fing es an.« Und während sie dem nachhing,
verließ sie das Zimmer, drin die beiden schliefen, und setzte sich
wieder an das offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus.

»Ich kann es nicht loswerden«, sagte sie. »Und was das schlimmste ist
und mich ganz irre macht an mir selbst ...«

In diesem Augenblick setzte die Turmuhr drüben ein, und Effi zählte
die Schläge.

»Zehn ... Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin. Und wir
sprechen davon, daß unser Hochzeitstag sei, und er sagt mir Liebes und
Freundliches und vielleicht Zärtliches. Und ich sitze dabei und höre
es und habe die Schuld auf meiner Seele.«

Und sie stützte den Kopf auf ihre Hand und starrte vor sich hin und
schwieg.

»Und ich habe die Schuld auf meiner Seele«, wiederholte sie. »Ja, da
hab ich sie. Aber lastet sie auch auf meiner Seele? Nein. Und das ist
es, warum ich vor mir selbst erschrecke. Was da lastet, das ist etwas
ganz anderes - Angst, Todesangst und die ewige Furcht: Es kommt doch
am Ende noch an den Tag. Und dann außer der Angst ... Scham. Ich
schäme mich. Aber wie ich nicht die rechte Reue habe, so hab ich auch
nicht die rechte Scham. Ich schäme mich bloß von wegen dem ewigen Lug
und Trug; immer war es mein Stolz, daß ich nicht lügen könne und auch
nicht zu lügen brauche, lügen ist so gemein, und nun habe ich doch
immer lügen müssen, vor ihm und vor aller Welt, im großen und im
kleinen, und Rummschüttel hat es gemerkt und hat die Achseln gezuckt,
und wer weiß, was er von mir denkt, jedenfalls nicht das Beste. Ja,
Angst quält mich und dazu Scham über mein Lügenspiel. Aber Scham über
meine Schuld, die hab ich nicht oder doch nicht so recht oder doch
nicht genug, und das bringt mich um, daß ich sie nicht habe. Wenn alle
Weiber so sind, dann ist es schrecklich, und wenn sie nicht so sind,
wie ich hoffe, dann steht es schlecht um mich, dann ist etwas nicht in
Ordnung in meiner Seele, dann fehlt mir das richtige Gefühl. Und das
hat mir der alte Niemeyer in seinen guten Tagen noch, als ich noch ein
halbes Kind war, mal gesagt: auf ein richtiges Gefühl, darauf käme
es an, und wenn man das habe, dann könne einem das Schlimmste nicht
passieren, und wenn man es nicht habe, dann sei man in einer ewigen
Gefahr, und das, was man den Teufel nenne, das habe dann eine sichere
Macht über uns. Um Gottes Barmherzigkeit willen, steht es so mit mir?«

Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte bitterlich. Als sie
sich wieder aufrichtete, war sie ruhiger geworden und sah wieder in
den Garten hinaus. Alles war so still, und ein leiser, feiner Ton, wie
wenn es regnete, traf von den Platanen her ihr Ohr.

So verging eine Weile. Herüber von der Dorfstraße klang ein Geplärr:
der alte Nachtwächter Kulicke rief die Stunden ab, und als er
zuletzt schwieg, vernahm sie von fernher, aber immer näher kommend,
das Rasseln des Zuges, der auf eine halbe Meile Entfernung an
Hohen-Cremmen vorüberfuhr. Dann wurde der Lärm wieder schwächer,
endlich erstarb er ganz, und nur der Mondschein lag noch auf dem
Grasplatz, und nur auf die Platanen rauschte es nach wie vor wie
leiser Regen nieder. Aber es war nur die Nachtluft, die ging.



Fünfundzwanzigstes Kapitel

Am andern Abend war Effi wieder in Berlin, und Innstetten empfing sie
am Bahnhof, mit ihm Rollo, der, als sie plaudernd durch den Tiergarten
hinfuhren, nebenher trabte.

»Ich dachte schon, du würdest nicht Wort halten.«

»Aber Geert, ich werde doch Wort halten, das ist doch das erste.«

»Sage das nicht. Immer Wort halten ist sehr viel. Und mitunter kann
man auch nicht. Denke doch zurück. Ich erwartete dich damals in
Kessin, als du die Wohnung mietetest, und wer nicht kam, war Effi.«

»Ja, das war was anderes.«

Sie mochte nicht sagen »ich war krank«, und Innstetten hörte drüber
hin. Er hatte seinen Kopf auch voll anderer Dinge, die sich auf
sein Amt und seine gesellschaftliche Stellung bezogen. »Eigentlich,
Effi, fängt unser Berliner Leben nun erst an. Als wir im April hier
einzogen, damals ging es mit der Saison auf die Neige, kaum noch,
daß wir unsere Besuche machen konnten, und Wüllersdorf, der einzige,
dem wir naherstanden - nun, der ist leider Junggeselle. Von Juni an
schläft dann alles ein, und die heruntergelassenen Rollos verkünden
einem schon auf hundert Schritt 'Alles ausgeflogen'; ob wahr oder
nicht, macht keinen Unterschied ... Ja, was blieb da noch? Mal mit
Vetter Briest sprechen, mal bei Hiller essen, das ist kein richtiges
Berliner Leben. Aber nun soll es anders werden. Ich habe mir die Namen
aller Räte notiert, die noch mobil genug sind, um ein Haus zu machen.
Und wir wollen es auch, wollen auch ein Haus machen, und wenn der
Winter dann da ist, dann soll es im ganzen Ministerium heißen: 'Ja,
die liebenswürdigste Frau, die wir jetzt haben, das ist doch die Frau
von Innstetten.'«

»Ach, Geert, ich kenne dich ja gar nicht wieder, du sprichst ja wie
ein Courmacher.«

»Es ist unser Hochzeitstag, und da mußt du mir schon was zugute
halten.«

Innstetten war ernsthaft gewillt, auf das stille Leben, das er
in seiner landrätlichen Stellung geführt, ein gesellschaftlich
angeregteres folgen zu lassen, um seinet- und noch mehr um Effis
willen; es ließ sich aber anfangs nur schwach und vereinzelt damit
an, die rechte Zeit war noch nicht gekommen, und das Beste, was man
zunächst von dem neuen Leben hatte, war genauso wie während des
zurückliegenden Halbjahres ein Leben im Hause. Wüllersdorf kam oft,
auch Vetter Briest, und waren die da, so schickte man zu Gizickis
hinauf, einem jungen Ehepaar, das über ihnen wohnte. Gizicki selbst
war Landgerichtsrat, seine kluge, aufgeweckte Frau ein Fräulein von
Schmettau. Mitunter wurde musiziert, kurze Zeit sogar ein Whist
versucht; man gab es aber wieder auf, weil man fand, daß eine
Plauderei gemütlicher wäre. Gizickis hatten bis vor kurzem in einer
kleinen oberschlesischen Stadt gelebt, und Wüllersdorf war sogar,
freilich vor einer Reihe von Jahren schon, in den verschiedensten
kleinen Nestern der Provinz Posen gewesen, weshalb er denn auch den
bekannten Spottvers:

        Schrimm
        Ist schlimm,
        Rogasen
        Zum Rasen,
        Aber weh dir nach Samter
        Verdammter -

mit ebensoviel Emphase wie Vorliebe zu zitieren pflegte.

Niemand erheiterte sich dabei mehr als Effi, was dann meistens
Veranlassung wurde, kleinstädtische Geschichten in Hülle und Fülle
folgen zu lassen. Auch Kessin mit Gieshübler und der Trippelli,
Oberförster Ring und Sidonie Grasenabb kam dann wohl an die Reihe,
wobei sich Innstetten, wenn er guter Laune war, nicht leicht genugtun
konnte. »Ja«, so hieß es dann wohl, »unser gutes Kessin! Das muß ich
zugeben, es war eigentlich reich an Figuren, obenan Crampas, Major
Crampas, ganz Beau und halber Barbarossa, den meine Frau, ich weiß
nicht, soll ich sagen unbegreiflicher- oder begreiflicherweise, stark
in Affektion genommen hatte ...«

»Sagen wir begreiflicherweise«, warf Wüllersdorf ein, »denn ich nehme
an, daß er Ressourcenvorstand war und Komödie spielte, Liebhaber oder
Bonvivants. Und vielleicht noch mehr, vielleicht war er auch ein
Tenor.«

Innstetten bestätigte das eine wie das andere, und Effi suchte lachend
darauf einzugehen, aber es gelang ihr nur mit Anstrengung, und wenn
dann die Gäste gingen und Innstetten sich in sein Zimmer zurückzog, um
noch einen Stoß Akten abzuarbeiten, so fühlte sie sich immer aufs neue
von den alten Vorstellungen gequält, und es war ihr zu Sinn, als ob
ihr ein Schatten nachginge.

Solche Beängstigungen blieben ihr auch. Aber sie kamen doch seltener
und schwächer, was bei der Art, wie sich ihr Leben gestaltete, nicht
wundernehmen konnte. Die Liebe, mit der ihr nicht nur Innstetten,
sondern auch fernerstehende Personen begegneten, und nicht zum
wenigsten die beinah zärtliche Freundschaft, die die Ministerin, eine
selbst noch junge Frau, für sie an den Tag legte - all das ließ die
Sorgen und Ängste zurückliegender Tage sich wenigstens mindern, und
als ein zweites Jahr ins Land gegangen war und die Kaiserin, bei
Gelegenheit einer neuen Stiftung, die »Frau Geheimrätin« mit
ausgewählt und in die Zahl der Ehrendamen eingereiht, der alte Kaiser
Wilhelm aber auf dem Hofball gnädige, huldvolle Worte an die schöne
junge Frau, von der er schon gehört habe, gerichtet hatte, da fiel es
allmählich von ihr ab. Es war einmal gewesen, aber weit, weit weg, wie
auf einem andern Stern, und alles löste sich wie ein Nebelbild und
wurde Traum.

Die Hohen-Cremmener kamen dann und wann auf Besuch und freuten sich
des Glücks der Kinder, Annie wuchs heran - »schön wie die Großmutter«,
sagte der alte Briest -, und wenn es an dem klaren Himmel eine Wolke
gab, so war es die, daß es, wie man nun beinahe annehmen mußte, bei
Klein Annie sein Bewenden haben werde; Haus Innstetten (denn es
gab nicht einmal Namensvettern) stand also mutmaßlich auf dem
Aussterbeetat. Briest, der den Fortbestand anderer Familien obenhin
behandelte, weil er eigentlich nur an die Briests glaubte, scherzte
mitunter darüber und sagte: »Ja, Innstetten, wenn das so weitergeht,
so wird Annie seinerzeit wohl einen Bankier heiraten (hoffentlich
einen christlichen, wenn's deren dann noch gibt), und mit Rücksicht
auf das alte freiherrliche Geschlecht der Innstetten wird dann
Seine Majestät Annies Haute-finance-Kinder unter dem Namen 'von der
Innstetten' im Gothaischen Kalender, oder was weniger wichtig ist, in
der preußischen Geschichte fortleben lassen.« - Ausführungen, die von
Innstetten selbst immer mit einer kleinen Verlegenheit, von Frau von
Briest mit Achselzucken, von Effi dagegen mit Heiterkeit aufgenommen
wurden. Denn so adelsstolz sie war, so war sie's doch nur für ihre
Person, und ein eleganter und welterfahrener und vor allem sehr, sehr
reicher Bankierschwiegersohn wäre durchaus nicht gegen ihre Wünsche
gewesen.

Ja, Effi nahm die Erbfolgefrage leicht, wie junge, reizende Frauen das
tun; als aber eine lange, lange Zeit - sie waren schon im siebenten
Jahr in ihrer neuen Stellung - vergangen war, wurde der alte
Rummschüttel, der auf dem Gebiet der Gynäkologie nicht ganz ohne
Ruf war, durch Frau von Briest doch schließlich zu Rate gezogen. Er
verordnete Schwalbach. Weil aber Effi seit letztem Winter auch an
katarrhalischen Affektionen litt und ein paarmal sogar auf Lunge
hin behorcht worden war, so hieß es abschließend: »Also zunächst
Schwalbach, meine Gnädigste, sagen wir drei Wochen, und dann
ebensolange Ems. Bei der Emser Kur kann aber der Geheimrat zugegen
sein. Bedeutet mithin alles in allem drei Wochen Trennung. Mehr kann
ich für Sie nicht tun, lieber Innstetten.«

Damit war man denn auch einverstanden, und zwar sollte Effi, dahin
ging ein weiterer Beschluß, die Reise mit einer Geheimrätin Zwicker
zusammen machen, wie Briest sagte, »zum Schutz dieser letzteren«,
worin er nicht ganz unrecht hatte, da die Zwicker, trotz guter
Vierzig, eines Schutzes erheblich bedürftiger war als Effi Innstetten,
der wieder viel mit Vertretung zu tun hatte, beklagte, daß er,
von Schwalbach gar nicht zu reden, wahrscheinlich auch auf
gemeinschaftliche Tage in Ems werde verzichten müssen. Im übrigen
wurde der 24. Juni (Johannistag) als Abreisetag festgesetzt, und
Roswitha half der gnädigen Frau beim Packen und Aufschreiben der
Wäsche. Effi hatte noch immer die alte Liebe für sie, war doch
Roswitha die einzige, mit der sie von all dem Zurückliegenden, von
Kessin und Crampas, von dem Chinesen und Kapitän Thomsens Nichte frei
und unbefangen reden konnte.

»Sage, Roswitha, du bist doch eigentlich katholisch. Gehst du denn nie
zur Beichte?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich bin früher gegangen. Aber das Richtige hab ich doch nicht
gesagt.«

»Das ist sehr unrecht. Dann freilich kann es nicht helfen.«

»Ach, gnädigste Frau, bei mir im Dorf machten es alle so. Und welche
waren, die kicherten bloß.«

»Hast du denn nie empfunden, daß es ein Glück ist, wenn man etwas auf
der Seele hat, daß es runter kann?«

»Nein, gnädigste Frau. Angst habe ich wohl gehabt, als mein Vater
damals mit dem glühenden Eisen auf mich loskam; ja, das war eine große
Furcht, aber weiter war es nichts.«

»Nicht vor Gott?«

»Nicht so recht, gnädigste Frau. Wenn man sich vor seinem Vater so
fürchtet, wie ich mich gefürchtet habe, dann fürchtet man sich nicht
so sehr vor Gott. Ich habe bloß immer gedacht, der liebe Gott sei gut
und werde mir armem Wurm schon helfen.«

Effi lächelte und brach ab und fand es auch natürlich, daß die arme
Roswitha so sprach, wie sie sprach. Sie sagte aber doch: »Weißt du,
Roswitha, wenn ich wiederkomme, müssen wir doch noch mal ernstlich
drüber reden. Es war doch eigentlich eine große Sünde.«

»Das mit dem Kinde und daß es verhungert ist? Ja, gnädigste Frau, das
war es. Aber ich war es ja nicht, das waren ja die anderen ... Und
dann ist es auch schon so sehr lange her.«



Sechsundzwanzigstes Kapitel

Effi war nun schon in die fünfte Woche fort und schrieb glückliche,
beinahe übermütige Briefe, namentlich seit ihrem Eintreffen in Ems, wo
man doch unter Menschen sei, das heißt unter Männern, von denen sich
in Schwalbach nur ausnahmsweise was gezeigt habe. Geheimrätin Zwicker,
ihre Reisegefährtin, habe freilich die Frage nach dem Kurgemäßen
dieser Zutat aufgeworfen und sich aufs entschiedenste dagegen
ausgesprochen, alles natürlich mit einem Gesichtsausdruck, der so
ziemlich das Gegenteil versichert habe; die Zwicker sei reizend,
etwas frei, wahrscheinlich sogar mit einer Vergangenheit, aber höchst
amüsant, und man könne viel, sehr viel von ihr lernen; nie habe sie
sich, trotz ihrer Fünfundzwanzig, so als Kind gefühlt, wie nach der
Bekanntschaft mit dieser Dame. Dabei sei sie so belesen, auch in
fremder Literatur, und als sie, Effi beispielsweise neulich von Nana
gesprochen und dabei gefragt habe, ob es denn wirklich so schrecklich
sei, habe die Zwicker geantwortet: »Ach, meine liebe Baronin, was
heißt schrecklich? Da gibt es noch ganz anderes.« - »Sie schien mich
auch«, so schloß Effi ihren Brief, »mit diesem 'anderen' bekannt
machen zu wollen. Ich habe es aber abgelehnt, weil ich weiß, daß Du
die Unsitte unserer Zeit aus diesem und ähnlichem herleitest, und wohl
mit Recht. Leicht ist es mir aber nicht geworden. Dazu kommt noch, daß
Ems in einem Kessel liegt. Wir leiden hier außerordentlich unter der
Hitze.«

Innstetten hatte diesen letzten Brief mit geteilten Empfindungen
gelesen, etwas erheitert, aber doch auch ein wenig mißmutig. Die
Zwicker war keine Frau für Effi, der nun mal ein Zug innewohnte, sich
nach links hin treiben zu lassen; er gab es aber auf, irgendwas in
diesem Sinne zu schreiben, einmal weil er sie nicht verstimmen wollte,
mehr noch, weil er sich sagte, daß es doch nichts helfen würde. Dabei
sah er der Rückkehr seiner Frau mit Sehnsucht entgegen und beklagte
des Dienstes nicht bloß »immer gleichgestellte«, sondern jetzt, wo
jeder Ministerialrat fort war oder fort wollte, leider auch auf
Doppelstunden gestellte Uhr.

Ja, Innstetten sehnte sich nach Unterbrechung von Arbeit und
Einsamkeit, und verwandte Gefühle hegte man draußen in der Küche, wo
Annie, wenn die Schulstunden hinter ihr lagen, ihre Zeit am liebsten
verbrachte, was insoweit ganz natürlich war, als Roswitha und Johanna
nicht nur das kleine Fräulein in gleichem Maße liebten, sondern
auch untereinander nach wie vor auf dem besten Fuße standen. Diese
Freundschaft der beiden Mädchen war ein Lieblingsgespräch zwischen den
verschiedenen Freunden des Hauses, und Landgerichtsrat Gizicki sagte
dann wohl zu Wüllersdorf: »Ich sehe darin nur eine neue Bestätigung
des alten Weisheitssatzes: 'Laßt fette Leute um mich sein'; Cäsar war
eben ein Menschenkenner und wußte, daß Dinge wie Behaglichkeit und
Umgänglichkeit eigentlich nur beim Embonpomt sind.« Von einem solchen
ließ sich denn nun bei beiden Mädchen auch wirklich sprechen, nur
mit dem Unterschied, daß das in diesem Falle nicht gut zu umgehende
Fremdwort bei Roswitha schon stark eine Beschönigung, bei Johanna
dagegen einfach die zutreffende Bezeichnung war. Diese letztere durfte
man nämlich nicht eigentlich korpulent nennen, sie war nur prall und
drall und sah jederzeit mit einer eigenen, ihr übrigens durchaus
kleidenden Siegermiene gradlinig und blauäugig über ihre Normalbüste
fort. Von Haltung und Anstand getragen, lebte sie ganz in dem
Hochgefühl, die Dienerin eines guten Hauses zu sein, wobei sie das
Überlegenheitsbewußtsein über die halb bäuerisch gebliebene Roswitha
in einem so hohen Maße hatte, daß sie, was gelegentlich vorkam, die
momentan bevorzugte Stellung dieser nur belächelte. Diese Bevorzugung
- nun ja, wenn's dann mal so sein sollte, war eine kleine
liebenswürdige Sonderbarkeit der gnädigen Frau, die man der guten
alten Roswitha mit ihrer ewigen Geschichte »von dem Vater mit der
glühenden Eisenstange« schon gönnen konnte. »Wenn man sich besser
hält, so kann dergleichen nicht vorkommen.« Das alles dachte
sie, sprach's aber nicht aus. Es war eben ein freundliches
Miteinanderleben. Was aber wohl ganz besonders für Frieden und gutes
Einvernehmen sorgte, das war der Umstand, daß man sich nach einem
stillen Übereinkommen in die Behandlung und fast auch Erziehung
Annies geteilt hatte. Roswitha hatte das poetische Departement, die
Märchen- und Geschichtenerzählung, Johanna dagegen das des Anstands,
eine Teilung, die hüben und drüben so fest gewurzelt stand, daß
Kompetenzkonflikte kaum vorkamen, wobei der Charakter Annies, die eine
ganz entschiedene Neigung hatte, das vornehme Fräulein zu betonen,
allerdings mithalf, eine Rolle, bei der sie keine bessere Lehrerin als
Johanna haben konnte.

Noch einmal also: Beide Mädchen waren gleichwertig in Annies Augen.

In diesen Tagen aber, wo man sich auf die Rückkehr Effis vorbereitete,
war Roswitha der Rivalin mal wieder um einen Pas voraus, weil ihr,
und zwar als etwas ihr Zuständiges, die ganze Begrüßungsangelegenheit
zugefallen war. Diese Begrüßung zerfiel in zwei Hauptteile: Girlande
mit Kranz und dann, abschließend, Gedichtvortrag. Kranz und Girlande
- nachdem man über »W.« oder »E. v. I.« eine Zeitlang geschwankt -
hatten zuletzt keine sonderlichen Schwierigkeiten gemacht (»W«, in
Vergißmeinnicht geflochten, war bevorzugt worden), aber desto größere
Verlegenheit schien die Gedichtfrage heraufbeschwören zu sollen und
wäre vielleicht ganz unbeglichen geblieben, wenn Roswitha nicht
den Mut gehabt hätte, den von einer Gerichtssitzung heimkehrenden
Landgerichtsrat auf der zweiten Treppe zu stellen und ihm mit einem
auf einen »Vers« gerichteten Ansinnen mutig entgegenzutreten. Gizicki,
ein sehr gütiger Herr, hatte sofort alles versprochen, und noch am
selben Spätnachmittag war seitens seiner Köchin der gewünschte Vers,
und zwar folgenden Inhalts, abgegeben worden:

        Mama, wir erwarten dich lange schon,
        Durch Wochen und Tage und Stunden,
        Nun grüßen wir dich von Flur und Balkon
        Und haben Kränze gewunden.
        Nun lacht Papa voll Freudigkeit,
        Denn die gattin- und mutterlose Zeit
        Ist endlich von ihm genommen,
        Und Roswitha lacht und Johanna dazu,
        Und Annie springt aus ihrem Schuh
        Und ruft: willkommen, willkommen.

Es versteht sich von selbst, daß die Strophe noch an demselben
Abend auswendig gelernt, aber doch nebenher auch auf ihre Schönheit
beziehungsweise Nichtschönheit kritisch geprüft worden war. Das
Betonen von Gattin und Mutter, so hatte sich Johanna geäußert,
erscheine zunächst freilich in der Ordnung; aber es läge doch auch
etwas darin, was Anstoß erregen könne, und sie persönlich würde
sich als »Gattin und Mutter« dadurch verletzt fühlen. Annie, durch
diese Bemerkung einigermaßen geängstigt, versprach, das Gedicht am
andern Tag der Klassenlehrerin vorlegen zu wollen, und kam mit dem
Bemerken zurück, das Fräulein sei mit »Gattin und Mutter« durchaus
einverstanden, aber desto mehr gegen »Roswitha und Johanna« gewesen -
worauf Roswitha erklärt hatte: Das Fräulein sei eine dumme Gans; das
käme davon, wenn man zuviel gelernt habe.

Es war an einem Mittwoch, daß die Mädchen und Annie das vorstehende
Gespräch geführt und den Streit um die bemängelte Zeile beigelegt
hatten. Am andern Morgen - ein erwarteter Brief Effis hatte noch den
mutmaßlich erst in den Schluß der nächsten Woche fallenden Ankunftstag
festzustellen- ging Innstetten auf das Ministerium. Jetzt war Mittag
heran, die Schule aus, und als Annie, ihre Mappe auf dem Rücken, eben
vom Kanal her auf die Keithstraße zuschritt, traf sie Roswitha vor
ihrer Wohnung.

»Nun laß sehen«, sagte Annie, »wer am ehesten von uns die Treppe
heraufkommt.« Roswitha wollte von diesem Wettlauf nichts wissen, aber
Annie jagte voran, geriet, oben angekommen, ins Stolpern und fiel
dabei so unglücklich, daß sie mit der Stirn auf den dicht an der
Treppe befindlichen Abkratzer aufschlug und stark blutete. Roswitha,
mühevoll nachkeuchend, riß jetzt die Klingel, und als Johanna das
etwas verängstigte Kind hereingetragen hatte, beratschlagte man, was
nun wohl zu machen sei. »Wir wollen nach dem Doktor schicken ... wir
wollen nach dem gnädigen Herrn schicken ... des Portiers Lene muß ja
jetzt auch aus der Schule wieder da sein.« Es wurde aber alles wieder
verworfen, weil es zu lange dauere, man müsse gleich was tun, und so
packte man denn das Kind aufs Sofa und begann mit kaltem Wasser zu
kühlen. Alles ging auch gut, so daß man sich zu beruhigen begann. »Und
nun wollen wir sie verbinden«, sagte schließlich Roswitha. »Da muß
ja noch die lange Binde sein, die die gnädige Frau letzten Winter
zuschnitt, als sie sich auf dem Eis den Fuß verknickt hatte ...«

»Freilich, freilich«, sagte Johanna, »bloß wo die Binde hernehmen?
... Richtig, da fällt mir ein, die liegt im Nähtisch. Er wird wohl zu
sein, aber das Schloß ist Spielerei; holen Sie nur das Stemmeisen,
Roswitha, wir wollen den Deckel aufbrechen.« Und nun wuchteten sie
auch wirklich den Deckel ab und begannen in den Fächern herumzukramen,
oben und unten, die zusammengerollte Binde jedoch wollte sich nicht
finden lassen. »Ich weiß aber doch, daß ich sie gesehen habe«, sagte
Roswitha, und während sie halb ärgerlich immer weiter suchte, flog
alles, was ihr dabei zu Händen kam, auf das breite Fensterbrett:
Nähzeug, Nadelkissen, Rollen mit Zwirn und Seide, kleine vertrocknete
Veilchensträußchen, Karten, Billetts, zuletzt ein kleines Konvolut von
Briefen, das unter dem dritten Einsatz gelegen hatte, ganz unten, mit
einem roten Seidenfaden umwickelt. Aber die Binde hatte man noch immer
nicht.

In diesem Augenblick trat Innstetten ein.

»Gott«, sagte Roswitha und stellte sich erschrocken neben das Kind.
»Es ist nichts, gnädiger Herr; Annie ist auf das Kratzeisen gefallen
... Gott, was wird die gnädige Frau sagen. Und doch ist es ein Glück,
daß sie nicht mit dabei war.« Innstetten hatte mittlerweile die
vorläufig aufgelegte Kompresse fortgenommen und sah, daß es ein tiefer
Riß, sonst aber ungefährlich war. »Es ist nicht schlimm«, sagte er;
»trotzdem, Roswitha, wir müssen sehen, daß Rummschüttel kommt. Lene
kann ja gehen, die wird jetzt Zeit haben. Aber was in aller Welt ist
denn das da mit dem Nähtisch?«

Und nun erzählte Roswitha, wie sie nach der gerollten Binde gesucht
hätten; aber sie wolle es nun aufgeben und lieber eine neue Leinwand
schneiden.

Innstetten war einverstanden und setzte sich, als bald danach beide
Mädchen das Zimmer verlassen hatten, zu dem Kind. »Du bist so wild,
Annie, das hast du von der Mama. Immer wie ein Wirbelwind. Aber dabei
kommt nichts heraus oder höchstens so was.« Und er wies auf die Wunde
und gab ihr einen Kuß. »Du hast aber nicht geweint, das ist brav, und
darum will ich dir die Wildheit verzeihen ... Ich denke, der Doktor
wird in einer Stunde hier sein; tu nur alles, was er sagt, und wenn er
dich verbunden hat, so zerre nicht und rücke und drücke nicht daran,
dann heilt es schnell, und wenn die Mama dann kommt, dann ist alles
wieder in Ordnung oder doch beinah. Ein Glück ist es aber doch, daß es
noch bis nächste Woche dauert, Ende nächster Woche, so schreibt sie
mir; eben habe ich einen Brief von ihr bekommen; sie läßt dich grüßen
und freut sich, dich wiederzusehen.«

»Du könntest mir den Brief eigentlich vorlesen, Papa.« »Das will ich
gern.«

Aber eh er dazu kam, kam Johanna, um zu sagen, daß das Essen
aufgetragen sei. Annie, trotz ihrer Wunde, stand mit auf, und Vater
und Tochter setzten sich zu Tisch.



Siebenundzwanzigstes Kapitel

Innstetten und Annie saßen sich eine Weile stumm gegenüber; endlich
als ihm die Stille peinlich wurde, tat er ein paar Fragen über die
Schulvorsteherin und welche Lehrerin sie eigentlich am liebsten habe.
Annie antwortete auch, aber ohne rechte Lust, weil sie fühlte, daß
Innstetten wenig bei der Sache war. Es wurde erst besser, als Johanna
nach dem zweiten Gericht ihrem Anniechen zuflüsterte, es gäbe noch
was. Und wirklich, die gute Roswitha, die dem Liebling an diesem
Unglückstag was schuldig zu sein glaubte, hatte noch ein übriges getan
und sich zu einer Omelette mit Apfelschnitten aufgeschwungen.

Annie wurde bei diesem Anblicke denn auch etwas redseliger, und ebenso
zeigte sich Innstettens Stimmung gebessert, als es gleich danach
klingelte und Geheimrat Rummschüttel eintrat. Ganz zufällig. Er sprach
nur vor, ohne jede Ahnung, daß man nach ihm geschickt und um seinen
Besuch gebeten habe. Mit den aufgelegten Kompressen war er zufrieden.
»Lassen Sie noch etwas Bleiwasser holen und Annie morgen zu Hause
bleiben. Überhaupt Ruhe.« Dann fragte er noch nach der gnädigen
Frau und wie die Nachrichten aus Ems seien; er werde den andern Tag
wiederkommen und nachsehen.

Als man von Tisch aufgestanden und in das nebenan gelegene Zimmer
- dasselbe, wo man mit so viel Eifer und doch vergebens nach dem
Verbandstück gesucht hatte - eingetreten war, wurde Annie wieder auf
das Sofa gebettet. Johanna kam und setzte sich zu dem Kind, während
Innstetten die zahllosen Dinge, die bunt durcheinandergewürfelt noch
auf dem Fensterbrett umher wieder in den Nähtisch einzuräumen begann.
Dann und wann wußte er sich nicht recht Rat und mußte fragen.

»Wo haben die Briefe gelegen, Johanna?«

»Ganz zuunterst«, sagte diese, »hier in diesem Fach.«

Und während so Frage und Antwort ging, betrachtete Innstetten
etwas aufmerksamer als vorher das kleine, mit einem roten Faden
zusammengebundene Paket, das mehr aus einer Anzahl zusammengelegter
Zettel als auch Briefen zu bestehen schien. Er fuhr, als wäre es
ein Spiel Karten, mit dem Daumen und Zeigefinger an der Seite des
Päckchens hin, und einige Zeilen, eigentlich nur vereinzelte Worte,
flogen dabei an seinem Auge vorüber. Von deutlichem Erkennen konnte
keine Rede sein, aber es kam ihm doch so vor, als habe er die
Schriftzüge schon irgendwo gesehen. Ob er nachsehen solle?

»Johanna, Sie könnten uns den Kaffee bringen. Annie trinkt auch eine
halbe Tasse. Der Doktor hat's nicht verboten, und was nicht verboten
ist, ist erlaubt.«

Als er das sagte, wand er den roten Faden ab und ließ, während Johanna
das Zimmer verließ, den ganzen Inhalt des Päckchens rasch durch die
Finger gleiten. Nur zwei, drei Briefe waren adressiert: »An Frau
Landrat von Innstetten.« Er erkannte jetzt auch die Handschrift; es
war die des Majors. Innstetten wußte nichts von einer Korrespondenz
zwischen Crampas und Effi, und in seinem Kopf begann sich alles zu
drehen. Er steckte das Paket zu sich und ging in sein Zimmer zurück.
Etliche Minuten später, und Johanna, zum Zeichen, daß der Kaffee da
sei, klopfte leise an die Tür. Innstetten antwortete auch, aber dabei
blieb es; sonst alles still. Erst nach einer Viertelstunde hörte man
wieder sein Aufundabschreiten auf dem Teppich.

»Was nur Papa hat?« sagte Johanna zu Annie. »Der Doktor hat ihm doch
gesagt, es sei nichts.«

Das Aufundabschreiten nebenan wollte kein Ende nehmen. Endlich
erschien Innstetten wieder im Nebenzimmer und sagte: »Johanna, achten
Sie auf Annie und daß sie ruhig auf dem Sofa bleibt. Ich will eine
Stunde gehen oder vielleicht zwei.«

Dann sah er das Kind aufmerksam an und entfernte sich. »Hast du
gesehen, Johanna, wie Papa aussah?«

»Ja, Annie. Er muß einen großen Ärger gehabt haben. Er war ganz blaß.
So hab ich ihn noch nie gesehen.«

Es vergingen Stunden. Die Sonne war schon unter, und nur ein roter
Widerschein lag noch über den Dächern drüben, als Innstetten wieder
zurückkam. Er gab Annie die Hand, fragte, wie's ihr gehe, und ordnete
dann an, daß ihm Johanna die Lampe in sein Zimmer bringe. Die Lampe
kam auch. In dem grünen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale
mit Fotografien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin,
damals, als man den Wichertschen »Schritt vom Wege« aufgeführt hatte,
für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren. Innstetten
drehte den Schirm langsam von links nach rechts und musterte jedes
einzelne Bildnis. Dann ließ er ab davon, öffnete, weil er es schwül
fand, die Balkontür und nahm schließlich das Briefpaket wieder zur
Hand.

Es schien, daß er gleich beim ersten Durchsehen ein paar davon
ausgewählt und obenauf gelegt hatte. Diese las er jetzt noch einmal
mit halblauter Stimme.

»Sei heute nachmittag wieder in den Dünen, hinter der Mühle. Bei der
alten Adermann können wir uns ruhig sprechen, das Haus ist abgelegen
genug. Du mußt Dich nicht um alles so bangen. Wir haben auch ein
Recht. Und wenn Du Dir das eindringlich sagst, wird, denke ich, alle
Furcht von Dir abfallen. Das Leben wäre nicht des Lebens wert, wenn
das alles gelten sollte, was zufällig gilt. Alles Beste liegt jenseits
davon. Lerne Dich daran freuen.«

»...Fort, so schreibst Du, Flucht. Unmöglich. Ich kann meine Frau
nicht im Stich lassen, zu allem andern auch noch in Not. Es geht
nicht, und wir müssen es leicht nehmen, sonst sind wir arm und
verloren. Leichtsinn ist das Beste, was wir haben. Alles ist
Schicksal. Es hat so sein sollen. Und möchtest Du, daß es anders wäre,
daß wir uns nie gesehen hätten?«

Dann kam der dritte Brief.

»...Sei heute noch einmal an der alten Stelle. Wie sollen meine Tage
hier verlaufen ohne Dich! In diesem öden Nest. Ich bin außer mir,
und nur darin hast Du recht: Es ist die Rettung, und wir müssen
schließlich doch die Hand segnen, die diese Trennung über uns
verhängt.«

Innstetten hatte die Briefe kaum wieder beiseite geschoben, als
draußen die Klingel ging. Gleich danach meldete Johanna: »Geheimrat
Wüllersdorf.«

Wüllersdorf trat ein und sah auf den ersten Blick, daß etwas
vorgefallen sein müsse.

»Pardon, Wüllersdorf«, empfing ihn Innstetten, »daß ich Sie gebeten
habe, noch gleich heute bei mir vorzusprechen. Ich störe niemand gern
in seiner Abendruhe, am wenigsten einen geplagten Ministerialrat. Es
ging aber nicht anders. Ich bitte Sie, machen Sie sich's bequem. Und
hier eine Zigarre.«

Wüllersdorf setzte sich. Innstetten ging wieder auf und ab und wäre
bei der ihn verzehrenden Unruhe gern in Bewegung geblieben, sah aber,
daß das nicht gehe. So nahm er denn auch seinerseits eine Zigarre,
setzte sich Wüllersdorf gegenüber und versuchte ruhig zu sein. »Es
ist«, begann er, »um zweier Dinge willen, daß ich Sie habe bitten
lassen: erst um eine Forderung zu überbringen und zweitens um
hinterher, in der Sache selbst, mein Sekundant zu sein; das eine ist
nicht angenehm und das andere noch weniger. Und nun Ihre Antwort.«

»Sie wissen, Innstetten, Sie haben über mich zu verfügen. Aber eh ich
die Sache kenne, verzeihen Sie mir die naive Vorfrage: Muß es sein?
Wir sind doch über die Jahre weg, Sie, um die Pistole in die Hand zu
nehmen, und ich, um dabei mitzumachen. Indessen mißverstehen Sie mich
nicht, alles dies soll kein Nein sein. Wie könnte ich Ihnen etwas
abschlagen. Aber nun sagen Sie, was ist es?«

»Es handelt sich um einen Galan meiner Frau, der zugleich mein Freund
war oder doch beinah.«

Wüllersdorf sah Innstetten an. »Innstetten, das ist nicht möglich.«

»Es ist mehr als möglich, es ist gewiß. Lesen Sie.«

Wüllersdorf flog drüber hin. »Die sind an Ihre Frau gerichtet?«

»Ja. Ich fand sie heut in ihrem Nähtisch.« »Und wer hat sie
geschrieben?«

»Major Crampas.«

»Also Dinge, die sich abgespielt, als Sie noch in Kessin waren?«

Innstetten nickte.

»Liegt also sechs Jahre zurück oder noch ein halb Jahr länger.«

»Ja.«

Wüllersdorf schwieg. Nach einer Weile sagte Innstetten: »Es sieht fast
so aus, Wüllersdorf, als ob die sechs oder sieben Jahre einen Eindruck
auf Sie machten. Es gibt eine Verjährungstheorie, natürlich, aber ich
weiß doch nicht, ob wir hier einen Fall haben, diese Theorie gelten zu
lassen.«

»Ich weiß es auch nicht«, sagte Wüllersdorf. »Und ich bekenne Ihnen
offen, um diese Frage scheint sich hier alles zu drehen.«

Innstetten sah ihn groß an. »Sie sagen das in vollem Ernst?« »In
vollem Ernst. Es ist keine Sache, sich in jeu d'esprit oder in
dialektischen Spitzfindigkeiten zu versuchen.«

»Ich bin neugierig, wie Sie das meinen. Sagen Sie mir offen, wie
stehen Sie dazu?«

»Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglück ist hin.
Aber wenn Sie den Liebhaber totschießen, ist Ihr Lebensglück sozusagen
doppelt hin, und zu dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der
Schmerz über getanes Leid. Alles dreht sich um die Frage, müssen Sie's
durchaus tun? Fühlen Sie sich so verletzt, beleidigt, empört, daß
einer weg muß, er oder Sie? Steht es so?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie müssen es wissen.«

Innstetten war aufgesprungen, trat ans Fenster und tippte voll
nervöser Erregung an die Scheiben. Dann wandte er sich rasch wieder,
ging auf Wüllersdorf zu und sagte: »Nein, so steht es nicht.«

»Wie steht es denn?«

»Es steht so, daß ich unendlich unglücklich bin; ich bin gekränkt,
schändlich hintergangen, aber trotzdem, ich bin ohne jedes Gefühl von
Haß oder gar von Durst nach Rache. Und wenn ich mich frage, warum
nicht, so kann ich zunächst nichts anderes finden als die Jahre. Man
spricht immer von unsühnbarer Schuld; vor Gott ist es gewiß falsch,
aber vor den Menschen auch. Ich hätte nie geglaubt, daß die Zeit, rein
als Zeit, so wirken könne. Und dann als zweites: Ich liebe meine Frau,
ja, seltsam zu sagen, ich liebe sie noch, und so furchtbar ich alles
finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer Liebenswürdigkeit,
eines ihr eigenen heiteren Scharmes, daß ich mich, mir selbst zum
Trotz, in meinem letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt fühle.«

Wüllersdorf nickte. »Kann ganz folgen, Innstetten, würde mir
vielleicht ebenso gehen. Aber wenn Sie so zu der Sache stehen und mir
sagen: 'Ich liebe diese Frau so sehr, daß ich ihr alles verzeihen
kann', und wenn wir dann das andere hinzunehmen, daß alles weit, weit
zurückliegt, wie ein Geschehnis auf einem andern Stern, ja, wenn es so
liegt, Innstetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte?«

»Weil es trotzdem sein muß. Ich habe mir's hin und her überlegt. Man
ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an,
und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind
durchaus abhängig von ihm. Ginge es, in Einsamkeit zu leben, so könnt
ich es gehen lassen; ich trüge dann die mir aufgepackte Last, das
rechte Glück wäre hin, aber es müssen so viele leben ohne dies 'rechte
Glück', und ich würde es auch müssen und - auch können. Man braucht
nicht glücklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen Anspruch
darauf, und den, der einem das Glück genommen hat, den braucht man
nicht notwendig aus der Welt zu schaffen. Man kann ihn, wenn man
weltabgewandt weiterexistieren will, auch laufen lassen. Aber im
Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun
mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu
beurteilen, die andern und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen geht
nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst
und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.
Verzeihen Sie, daß ich Ihnen solche Vorlesung halte, die schließlich
doch nur sagt, was sich jeder selber hundertmal gesagt hat. Aber
freilich, wer kann was Neues sagen! Also noch einmal, nichts von Haß
oder dergleichen, und um eines Glückes willen, das mir genommen wurde,
mag ich nicht Blut an den Händen haben; aber jenes, wenn Sie wollen,
uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt nicht nach Scharm
und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl.
Ich muß.«

»Ich weiß doch nicht, Innstetten ...«

Innstetten lächelte. »Sie sollen selbst entscheiden, Wüllersdorf. Es
ist jetzt zehn Uhr. Vor sechs Stunden, diese Konzession will ich Ihnen
vorweg machen, hatt' ich das Spiel noch in der Hand, konnt' ich noch
das eine und noch das andere, da war noch ein Ausweg. Jetzt nicht
mehr, jetzt stecke ich in einer Sackgasse. Wenn Sie wollen, so bin ich
selber schuld daran; ich hätte mich besser beherrschen und bewachen,
alles in mir verbergen, alles im eignen Herzen auskämpfen sollen. Aber
es kam mir zu plötzlich, zu stark, und so kann ich mir kaum einen
Vorwurf machen, meine Nerven nicht geschickter in Ordnung gehalten zu
haben. Ich ging zu Ihnen und schrieb Ihnen einen Zettel, und damit war
das Spiel aus meiner Hand. Von dem Augenblick an hatte mein Unglück
und, was schwerer wiegt, der Fleck auf meiner Ehre einen halben
Mitwisser und nach den ersten Worten, die wir hier gewechselt, hat es
einen ganzen. Und weil dieser Mitwisser da ist, kann ich nicht mehr
zurück.«

»Ich weiß doch nicht«, wiederholte Wüllersdorf. »Ich mag nicht gerne
zu der alten abgestandenen Phrase greifen, aber doch läßt sich's nicht
besser sagen: Innstetten, es ruht alles in mir wie in einem Grabe.«

»Ja, Wüllersdorf, so heißt es immer. Aber es gibt keine
Verschwiegenheit. Und wenn Sie's wahrmachen und gegen andere die
Verschwiegenheit selber sind, so wissen Sie es, und es rettet mich
nicht vor Ihnen, daß Sie mir eben Ihre Zustimmung ausgedrückt und mir
sogar gesagt haben: ich kann Ihnen in allem folgen. Ich bin, und dabei
bleibt es, von diesem Augenblick an ein Gegenstand Ihrer Teilnahme
(schon nicht etwas sehr Angenehmes), und jedes Wort, das Sie mich mit
meiner Frau wechseln hören, unterliegt Ihrer Kontrolle, Sie mögen
wollen oder nicht, und wenn meine Frau von Treue spricht oder, wie
Frauen tun, über eine andere zu Gericht sitzt, so weiß ich nicht, wo
ich mit meinen Blicken hin soll. Und ereignet sich's gar, daß ich in
irgendeiner ganz alltäglichen Beleidigungssache zum Guten rede, »weil
ja der dolus fehle« oder so was Ähnliches, so geht ein Lächeln über
Ihr Gesicht, oder es zuckt wenigstens darin, und in Ihrer Seele
klingt es: 'Der gute Innstetten, er hat doch eine wahre Passion, alle
Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu untersuchen,
und das richtige Quantum Stickstoff findet er nie. Er ist noch nie an
einer Sache erstickt.' ... Habe ich recht, Wüllersdorf, oder nicht?«

Wüllersdorf war aufgestanden. »Ich finde es furchtbar, daß Sie recht
haben, aber Sie haben recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem
'Muß es sein?'. Die Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge
verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die andern wollen. Das
mit dem 'Gottesgericht', wie manche hochtrabend versichern, ist
freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist
ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der
Götze gilt.«

Innstetten nickte.

Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander, und es wurde
festgestellt, Wüllersdorf solle noch denselben Abend abreisen. Ein
Nachtzug ging um zwölf.

Dann trennten sie sich mit einem kurzen: »Auf Wiedersehen in Kessin.«



Achtundzwanzigstes Kapitel

Am andern Abend, wie verabredet, reiste Innstetten. Er benutzte
denselben Zug, den am Tag vorher Wüllersdorf benutzt hatte, und war
bald nach fünf Uhr früh auf der Bahnstation, von wo der Weg nach
Kessin links abzweigte. Wie immer, solange die Saison dauerte, ging
auch heute, gleich nach Eintreffen des Zuges, das mehrerwähnte
Dampfschiff, dessen erstes Läuten Innstetten schon hörte, als er die
letzten Stufen der vom Bahndamm hinabführenden Treppe erreicht hatte.
Der Weg bis zur Anlegestelle war keine drei Minuten; er schritt darauf
zu und begrüßte den Kapitän, der etwas verlegen war, also im Laufe des
gestrigen Tages von der ganzen Sache schon gehört haben mußte, und
nahm dann seinen Platz in der Nähe des Steuers. Gleich danach löste
sich das Schiff vom Brückensteg los; das Wetter war herrlich, helle
Morgensonne, nur wenig Passagiere an Bord. Innstetten gedachte des
Tages, als er, mit Effi von der Hochzeitsreise zurückkehrend, hier
am Ufer der Kessine hin in offenem Wagen gefahren war ein grauer
Novembertag damals, aber er selber froh im Herzen; nun hatte sich's
verkehrt: Das Licht lag draußen, und der Novembertag war in ihm.
Viele, viele Male war er dann des Weges hier gekommen, und der
Frieden, der sich über die Felder breitete, das Zuchtvieh in den
Koppeln, das aufhorchte, wenn er vorüberfuhr, die Leute bei der
Arbeit, die Fruchtbarkeit der Äcker, das alles hatte seinem Sinne
wohlgetan, und jetzt, in hartem Gegensatz dazu, war er froh, als
etwas Gewölk heranzog und den lachenden blauen Himmel leise zu trüben
begann. So fuhren sie den Fluß hinab, und bald nachdem sie die
prächtige Wasserfläche des Breitling passiert, kam der Kessiner
Kirchturm in Sicht und gleich danach auch das Bollwerk und die lange
Häuserreihe mit Schiffen und Booten davor. Und nun waren sie heran.
Innstetten verabschiedete sich von dem Kapitän und schritt auf den
Steg zu, den man, bequemeren Aussteigens halber, herangerollt hatte.
Wüllersdorf war schon da. Beide begrüßten sich, ohne zunächst ein
Wort zu sprechen, und gingen dann, quer über den Damm, auf den
Hoppensackschen Gasthof zu, wo sie unter einem Zeltdach Platz nahmen.

»Ich habe mich gestern früh hier einquartiert«, sagte Wüllersdorf,
der nicht gleich mit den Sachlichkeiten beginnen wollte. »Wenn man
bedenkt, daß Kessin ein Nest ist, ist es erstaunlich, ein so gutes
Hotel hier zu finden. Ich bezweifle nicht, daß mein Freund, der
Oberkellner, drei Sprachen spricht; seinem Scheitel und seiner
ausgeschnittnen Weste nach können wir dreist auf vier rechnen ...
Jean, bitte, wollen Sie uns Kaffee und Kognak bringen.«

Innstetten begriff vollkommen, warum Wüllersdorf diesen Ton anschlug,
war auch damit einverstanden, konnte aber seiner Unruhe nicht ganz
Herr werden und zog unwillkürlich die Uhr.

»Wir haben Zeit«, sagte Wüllersdorf. »Noch anderthalb Stunden oder
doch beinah. Ich habe den Wagen auf acht ein Viertel bestellt; wir
fahren nicht länger als zehn Minuten.« »Und wo?«

»Crampas schlug erst ein Waldeck vor, gleich hinter dem Kirchhof. Aber
dann unterbrach er sich und sagte: 'Nein, da nicht.' Und dann haben
wir uns über eine Stelle zwischen den Dünen geeinigt. Hart am Strand;
die vorderste Düne hat einen Einschnitt, und man sieht aufs Meer.«

Innstetten lächelte. »Crampas scheint sich einen Schönheitspunkt
ausgesucht zu haben. Er hatte immer die Allüren dazu. Wie benahm er
sich?«

»Wundervoll.«

»Übermütig? Frivol?«

»Nicht das eine und nicht das andere. Ich bekenne Ihnen offen,
Innstetten, daß es mich erschütterte. Als ich Ihren Namen nannte,
wurde er totenblaß und rang nach Fassung, und um seine Mundwinkel
sah ich ein Zittern. Aber all das dauerte nur einen Augenblick, dann
hatte er sich wieder gefaßt, und von da an war alles an ihm wehmütige
Resignation. Es ist mir ganz sicher, er hat das Gefühl, aus der Sache
nicht heil herauszukommen, und will auch nicht. Wenn ich ihn richtig
beurteile, er lebt gern und ist zugleich gleichgültig gegen das Leben.
Er nimmt alles mit und weiß doch, daß es nicht viel damit ist.«

»Wer wird ihm sekundieren? Oder sag ich lieber, wen wird er
mitbringen?«

»Das war, als er sich wieder gefunden hatte, seine Hauptsorge. Er
nannte zwei, drei Adlige aus der Nähe, ließ sie dann aber wieder
fallen, sie seien zu alt und zu fromm, er werde nach Treptow hin
telegrafieren an seinen Freund Buddenbrook. Und der ist auch gekommen,
famoser Mann, schneidig und doch zugleich wie ein Kind. Er konnte sich
nicht beruhigen und ging in größter Erregung auf und ab. Aber als ich
ihm alles gesagt hatte, sagte er geradeso wie wir: 'Sie haben recht,
es muß sein!'«

Der Kaffee kam. Man nahm eine Zigarre, und Wüllersdorf war wieder
darauf aus, das Gespräch auf mehr gleichgültige Dinge zu lenken.

»Ich wundere mich, daß keiner von den Kessinern sich einfindet, Sie zu
begrüßen. Ich weiß doch, daß Sie sehr beliebt gewesen sind. Und nun
gar Ihr Freund Gieshübler...«

Innstetten lächelte. »Da verkennen Sie die Leute hier an der Küste;
halb Philister und halb Pfiffici, nicht sehr nach meinem Geschmack;
aber eine Tugend haben sie, sie sind alle sehr manierlich. Und nun gar
mein alter Gieshübler. Natürlich weiß jeder, um was sich's handelt;
aber eben deshalb hütet man sich, den Neugierigen zu spielen.«

In diesem Augenblick wurde von links her ein zurückgeschlagener
Chaisewagen sichtbar, der, weil es noch vor der bestimmten Zeit war,
langsam herankam.

»Ist das unser?« fragte Innstetten.

»Mutmaßlich.«

Und gleich danach hielt der Wagen vor dem Hotel, und Innstetten und
Wüllersdorf erhoben sich.

Wüllersdorf trat an den Kutscher heran und sagte: »Nach der Mole.«

Die Mole lag nach der entgegengesetzten Strandseite, rechts statt
links, und die falsche Weisung wurde nur gegeben, um etwaigen
Zwischenfällen, die doch immerhin möglich waren, vorzubeugen. Im
übrigen, ob man sich nun weiter draußen nach rechts oder links zu
halten vorhatte, durch die Plantage mußte man jedenfalls, und so
führte denn der Weg unvermeidlich an Innstettens alter Wohnung
vorüber. Das Haus lag noch stiller da als früher; ziemlich
vernachlässigt sah's in den Parterreräumen aus; wie mocht es erst da
oben sein! Und das Gefühl des Unheimlichen, das Innstetten an Effi
so oft bekämpft oder auch wohl belächelt hatte, jetzt überkam es ihn
selbst, und er war froh, als sie dran vorüber waren.

»Da hab ich gewohnt«, sagte er zu Wüllersdorf.

»Es sieht sonderbar aus, etwas öd und verlassen.«

»Mag auch wohl. In der Stadt galt es als ein Spukhaus, und wie's heute
daliegt, kann ich den Leuten nicht unrecht geben.«

»Was war es denn damit?«

»Ach, dummes Zeug: alter Schiffskapitän mit Enkelin oder Nichte, die
eines schönen Tages verschwand, und dann ein Chinese, der vielleicht
ein Liebhaber war, und auf dem Flur ein kleiner Haifisch und ein
Krokodil, beides an Strippen und immer in Bewegung. Wundervoll zu
erzählen, aber nicht jetzt. Es spukt einem doch allerhand anderes im
Kopf.« »Sie vergessen, es kann auch alles glatt ablaufen.«

»Darf nicht. Und vorhin, Wüllersdorf, als Sie von Crampas sprachen,
sprachen Sie selber anders davon.«

Bald danach hatte man die Plantage passiert, und der Kutscher wollte
jetzt rechts einbiegen auf die Mole zu. »Fahren Sie lieber links. Das
mit der Mole kann nachher kommen.« Und der Kutscher bog links in eine
breite Fahrstraße ein, die hinter dem Herrenbade grade auf den Wald
zulief. Als sie bis auf dreihundert Schritt an diesen heran waren,
ließ Wüllersdorf den Wagen halten, und beide gingen nun, immer durch
mahlenden Sand hin, eine ziemlich breite Fahrstraße hinunter, die
die hier dreifache Dünenreihe senkrecht durchschnitt. Überall zur
Seite standen dichte Büschel von Strandhafer, um diesen herum aber
Immortellen und ein paar blutrote Nelken. Innstetten bückte sich und
steckte sich eine der Nelken ins Knopfloch. »Die Immortellen nachher.«

So gingen sie fünf Minuten. Als sie bis an die ziemlich tiefe Senkung
gekommen waren, die zwischen den beiden vordersten Dünenreihen
hinlief, sahen sie, nach links hin, schon die Gegenpartei: Crampas und
Buddenbrook und mit ihnen den guten Doktor Hannemann, der seinen Hut
in der Hand hielt, so daß das weiße Haar im Winde flatterte.

Innstetten und Wüllersdorf gingen die Sandschlucht hinauf, Buddenbrook
kam ihnen entgegen. Man begrüßte sich, worauf beide Sekundanten
beiseite traten, um noch ein kurzes sachliches Gespräch zu führen. Es
lief darauf hinaus, daß man à tempo avancieren und auf zehn Schritt
Distanz feuern solle. Dann kehrte Buddenbrook an seinen Platz zurück;
alles erledigte sich rasch; und die Schüsse fielen. Crampas stürzte.

Innstetten, einige Schritte zurücktretend, wandte sich ab von der
Szene. Wüllersdorf aber war auf Buddenbrook zugeschritten, und beide
warteten jetzt auf den Ausspruch des Doktors, der die Achseln zuckte.

Zugleich deutete Crampas durch eine Handbewegung an, daß er etwas
sagen wollte. Wüllersdorf beugte sich zu ihm nieder, nickte zustimmend
zu den paar Worten, die kaum hörbar von des Sterbenden Lippen kamen,
und ging dann auf Innstetten zu.

»Crampas will Sie noch sprechen, Innstetten. Sie müssen ihm zu Willen
sein. Er hat keine drei Minuten Leben mehr.«

Innstetten trat an Crampas heran.

»Wollen Sie ...« Das waren seine letzten Worte.

Noch ein schmerzlicher und doch beinah freundlicher Schimmer in seinem
Antlitz, und dann war es vorbei.



Neunundzwanzigstes Kapitel

Am Abend desselben Tages traf Innstetten wieder in Berlin ein.
Er war mit dem Wagen, den er innerhalb der Dünen an dem Querwege
zurückgelassen hatte, direkt nach der Bahnstation gefahren, ohne
Kessin noch einmal zu berühren, dabei den beiden Sekundanten die
Meldung an die Behörden überlassend. Unterwegs (er war allein im
Coupé) hing er, alles noch mal überdenkend, dem Geschehenen nach; es
waren dieselben Gedanken wie zwei Tage zuvor, nur daß sie jetzt den
umgekehrten Gang gingen und mit der Überzeugtheit von seinem Recht und
seiner Pflicht anfingen, um mit Zweifeln daran aufzuhören. »Schuld,
wenn sie überhaupt was ist, ist nicht an Ort und Stunde gebunden und
kann nicht hinfällig werden von heute auf morgen. Schuld verlangt
Sühne; das hat einen Sinn. Aber Verjährung ist etwas Halbes, etwas
Schwächliches, zum mindesten was Prosaisches.« Und er richtete sich an
dieser Vorstellung auf und wiederholte sich's, daß es gekommen sei,
wie's habe kommen müssen. Aber im selben Augenblick, wo dies für ihn
feststand, warf er's auch wieder um. »Es muß eine Verjährung geben,
Verjährung ist das einzig Vernünftige; ob es nebenher auch noch
prosaisch ist, ist gleichgültig; das Vernünftige ist meist prosaisch.
Ich bin jetzt fünfundvierzig. Wenn ich die Briefe fünfundzwanzig Jahre
später gefunden hätte, so wär ich siebzig. Dann hätte Wüllersdorf
gesagt: 'Innstetten, seien Sie kein Narr.' Und wenn es Wüllersdorf
nicht gesagt hätte, so hätte es Buddenbrook gesagt, und wenn auch der
nicht, so ich selbst. Dies ist mir klar. Treibt man etwas auf die
Spitze, so übertreibt man und hat die Lächerlichkeit. Kein Zweifel.
Aber wo fängt es an? Wo liegt die Grenze? Zehn Jahre verlangen noch
ein Duell, und da heißt es Ehre, und nach elf Jahren oder vielleicht
schon bei zehnundeinhalb heißt es Unsinn. Die Grenze, die Grenze. Wo
ist sie? War sie da? War sie schon überschritten? Wenn ich mir seinen
letzten Blick vergegenwärtige, resigniert und in seinem Elend doch
noch ein Lächeln, so hieß der Blick: 'Innstetten, Prinzipienreiterei
... Sie konnten es mir ersparen und sich selber auch.' Und er hatte
vielleicht recht. Mir klingt so was in der Seele. Ja, wenn ich voll
tödlichem Haß gewesen wäre, wenn mir hier ein tiefes Rachegefühl
gesessen hätte ... Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches
und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer
Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte,
halbe Komödie. Und diese Komödie muß ich nun fortsetzen und muß Effi
wegschicken und sie ruinieren und mich mit ... Ich mußte die Briefe
verbrennen, und die Welt durfte nie davon erfahren. Und wenn sie dann
kam, ahnungslos, so mußte ich ihr sagen: 'Da ist dein Platz', und
mußte mich innerlich von ihr scheiden. Nicht vor der Welt. Es gibt so
viele Leben, die keine sind, und so viele Ehen, die keine sind ...
dann war das Glück hin, aber ich hätte das Auge mit seinem Frageblick
und mit seiner stummen, leisen Anklage nicht vor mir.«

Kurz vor zehn hielt Innstetten vor seiner Wohnung. Er stieg die
Treppen hinauf und zog die Glocke; Johanna kam und öffnete.

»Wie steht es mit Annie?«

»Gut, gnäd'ger Herr. Sie schläft noch nicht ... Wenn der gnäd'ge
Herr ...«

»Nein, nein, das regt sie bloß auf. Ich sehe sie lieber morgen früh.
Bringen Sie mir ein Glas Tee, Johanna. Wer war hier?«

»Nur der Doktor.«

Und nun war Innstetten wieder allein. Er ging auf und ab, wie er's zu
tun liebte. »Sie wissen schon alles; Roswitha ist dumm, aber Johanna
ist eine kluge Person. Und wenn sie's nicht mit Bestimmtheit wissen,
so haben sie sich's zurechtgelegt und wissen es doch. Es ist
merkwürdig, was alles zum Zeichen wird und Geschichten ausplaudert,
als wäre jeder mit dabeigewesen.«

Johanna brachte den Tee. Innstetten trank. Er war nach der
Überanstrengung todmüde und schlief ein.

Innstetten war zu guter Zeit auf. Er sah Annie, sprach ein paar Worte
mit ihr, lobte sie, daß sie eine gute Kranke sei, und ging dann aufs
Ministerium, um seinem Chef von allem Vorgefallenen Meldung zu machen.
Der Minister war sehr gnädig. »Ja, Innstetten, wohl dem, der aus
allem, was das Leben uns bringen kann, heil herauskommt; Sie hat's
getroffen.« Er fand alles, was geschehen, in der Ordnung und überließ
Innstetten das Weitere.

Erst spät nachmittags war Innstetten wieder in seiner Wohnung, in
der er ein paar Zeilen von Wüllersdorf vorfand. »Heute früh wieder
eingetroffen. Eine Welt von Dingen erlebt: Schmerzliches, Rührendes;
Gieshübler an der Spitze. Der liebenswürdigste Bucklige, den ich je
gesehen. Von Ihnen sprach er nicht allzuviel, aber die Frau, die Frau!
Er konnte sich nicht beruhigen, und zuletzt brach der kleine Mann
in Tränen aus. Was alles vorkommt. Es wäre zu wünschen, daß es mehr
Gieshübler gäbe. Es gibt aber mehr andere. Und dann die Szene im Hause
des Majors ... furchtbar. Kein Wort davon. Man hat wieder mal gelernt:
aufpassen. Ich sehe Sie morgen. Ihr W.«

Innstetten war ganz erschüttert, als er gelesen. Er setzte sich
und schrieb seinerseits ein paar Briefe. Als er damit zu Ende war,
klingelte er: »Johanna, die Briefe in den Kasten.«

Johanna nahm die Briefe und wollte gehen.

»... Und dann, Johanna, noch eins: Die Frau kommt nicht wieder. Sie
werden von anderen erfahren, warum nicht. Annie darf nichts wissen,
wenigstens jetzt nicht. Das arme Kind. Sie müssen es ihr allmählich
beibringen, daß sie keine Mutter mehr hat. Ich kann es nicht. Aber
machen Sie's gescheit. Und daß Roswitha nicht alles verdirbt.«

Johanna stand einen Augenblick ganz wie benommen da. Dann ging sie auf
Innstetten zu und küßte ihm die Hand. Als sie wieder draußen in der
Küche war, war sie von Stolz und Überlegenheit ganz erfüllt, ja beinah
von Glück. Der gnädige Herr hatte ihr nicht nur alles gesagt, sondern
am Schluß auch noch hinzugesetzt: »Und daß Roswitha nicht alles
verdirbt.« Das war die Hauptsache, und ohne daß es ihr an gutem Herzen
und selbst an Teilnahme mit der Frau gefehlt hätte, beschäftigte
sie doch, über jedes andere hinaus, der Triumph einer gewissen
Intimitätsstellung zum gnädigen Herrn.

Unter gewöhnlichen Umständen wäre ihr denn auch die Herauskehrung
und Geltendmachung dieses Triumphes ein leichtes gewesen, aber
heute traf sich's so wenig günstig für sie, daß ihre Rivalin, ohne
Vertrauensperson gewesen zu sein, sich doch als die Eingeweihtere
zeigen sollte. Der Portier unten hatte nämlich, so ziemlich um
dieselbe Zeit, wo dies spielte, Roswitha in seine kleine Stube
hineingerufen und ihr gleich beim Eintreten ein Zeitungsblatt zum
Lesen zugeschoben. »Da, Roswitha, das ist was für Sie; Sie können es
mir nachher wieder runterbringen. Es ist bloß das Fremdenblatt; aber
Lene ist schon hin und holt das Kleine Journal. Da wird wohl schon
mehr drinstehen; die wissen immer alles. Hören Sie, Roswitha, wer so
was gedacht hätte.«

Roswitha, sonst nicht allzu neugierig, hatte sich doch nach dieser
Ansprache so rasch wie möglich die Hintertreppe hinaufbegeben und war
mit dem Lesen gerade fertig, als Johanna dazukam.

Diese legte die Briefe, die ihr Innstetten eben gegeben, auf den
Tisch, überflog die Adressen oder tat wenigstens so (denn sie wußte
längst, an wen sie gerichtet waren) und sagte mit gut erkünstelter
Ruhe: »Einer ist nach Hohen-Cremmen.«

»Das kann ich mir denken«, sagte Roswitha.

Johanna war nicht wenig erstaunt über diese Bemerkung. »Der Herr
schreibt sonst nie nach Hohen-Cremmen.«

»Ja, sonst. Aber jetzt ... Denken Sie sich, das hat mir eben der
Portier unten gegeben.«

Johanna nahm das Blatt und las nun halblaut eine mit einem dicken
Tintenstrich markierte Stelle: »Wie wir kurz vor Redaktionsschluß
von gut unterrichteter Seite her vernehmen, hat gestern früh in dem
Badeort Kessin in Hinterpommern ein Duell zwischen dem Ministerialrat
v. I. (Keithstraße) und dem Major von Crampas stattgefunden. Major von
Crampas fiel. Es heißt, daß Beziehungen zwischen ihm und der Rätin,
einer schönen und noch sehr jungen Frau, bestanden haben sollen.«

»Was solche Blätter auch alles schreiben«, sagte Johanna, die
verstimmt war, ihre Neuigkeit überholt zu sehen.

»Ja«, sagte Roswitha. »Und das lesen nun die Menschen und
verschimpfieren mir meine liebe, arme Frau. Und der arme Major. Nun
ist er tot.«

»Ja, Roswitha, was denken Sie sich eigentlich? Soll er nicht tot sein?
Oder soll lieber unser gnädiger Herr tot sein?«

»Nein, Johanna, unser gnäd'ger Herr, der soll auch leben, alles soll
leben. Ich bin nicht für Totschießen und kann nicht mal das Knallen
hören. Aber bedenken Sie doch, Johanna, das ist ja nun schon eine
halbe Ewigkeit her, und die Briefe, die mir gleich so sonderbar
aussahen, weil sie die rote Strippe hatten und drei- oder viermal
umwickelt und dann eingeknotet und keine Schleife - die sahen ja schon
ganz gelb aus, so lange ist es her. Wir sind ja nun schon über sechs
Jahre hier, und wie kann man wegen solcher alten Geschichten ...«

»Ach, Roswitha, Sie reden, wie Sie's verstehen. Und bei Licht besehen
sind Sie schuld. Von den Briefen kommt es her. Warum kamen Sie mit dem
Stemmeisen und brachen den Nähtisch auf, was man nie darf; man darf
kein Schloß aufbrechen, was ein anderer zugeschlossen hat.«

»Aber, Johanna, das ist doch wirklich zu schlecht von Ihnen, mir so
was auf den Kopf zuzusagen, und Sie wissen doch, daß Sie schuld sind
und daß Sie wie närrisch in die Küche stürzten und mir sagten, der
Nähtisch müsse aufgemacht werden, da wäre die Bandage drin, und da bin
ich mit dem Stemmeisen gekommen, und nun soll ich schuld sein. Nein,
ich sage ...«

»Nun, ich will es nicht gesagt haben, Roswitha. Nur, Sie sollen mir
nicht kommen und sagen: der arme Major. Was heißt der arme Major! Der
ganze arme Major taugte nichts; wer solchen rotblonden Schnurrbart hat
und immer wribbelt, der taugt nie was und richtet bloß Schaden an. Und
wenn man immer in vornehmen Häusern gedient hat ... aber das haben Sie
nicht, Roswitha, das fehlt Ihnen eben ... dann weiß man auch, was sich
paßt und schickt und was Ehre ist, und weiß auch, daß, wenn so was
vorkommt, dann geht es nicht anders, und dann kommt das, was man eine
Forderung nennt, und dann wird einer totgeschossen.«

»Ach, das weiß ich auch; ich bin nicht so dumm, wie Sie mich immer
machen wollen. Aber wenn es so lange her ist ...« »Ja, Roswitha, mit
Ihrem ewigen 'so lange her'; daran sieht man ja eben, daß Sie nichts
davon verstehen. Sie erzählen immer die alte Geschichte von Ihrem
Vater mit dem glühenden Eisen und wie er damit auf Sie losgekommen,
und jedesmal, wenn ich einen glühenden Bolzen eintue, muß ich auch
wirklich immer an Ihren Vater denken und sehe immer, wie er Sie wegen
des Kindes, das ja nun tot ist, totmachen will. Ja, Roswitha, davon
sprechen Sie in einem fort, und es fehlt bloß noch, daß Sie Anniechen
auch die Geschichte erzählen, und wenn Anniechen eingesegnet wird,
dann wird sie's auch gewiß erfahren, und vielleicht denselben Tag
noch; und das ärgert mich, daß Sie das alles erlebt haben, und Ihr
Vater war doch bloß ein Dorfschmied und hat Pferde beschlagen oder
einen Radreifen belegt, und nun kommen Sie und verlangen von unserm
gnäd'gen Herrn, daß er sich das alles ruhig gefallen läßt, bloß weil
es so lange her ist. Was heißt lange her? Sechs Jahre ist nicht
lange her. Und unsre gnäd'ge Frau - die aber nicht wiederkommt, der
gnäd'ge Herr hat es mir eben gesagt -, unsre gnäd'ge Frau wird erst
sechsundzwanzig, und im August ist ihr Geburtstag, und da kommen Sie
mir mit 'lange her'. Und wenn sie sechsunddreißig wäre, ich sage
Ihnen, bis sechsunddreißig muß man erst recht aufpassen, und wenn der
gnäd'ge Herr nichts getan hätte, dann hätten ihn die vornehmen Leute
'geschnitten'. Aber das Wort kennen Sie gar nicht, Roswitha, davon
wissen Sie nichts.«

»Nein, davon weiß ich nichts, will auch nicht; aber das weiß ich,
Johanna, daß Sie in den gnäd'gen Herrn verliebt sind.« Johanna schlug
eine krampfhafte Lache auf.

»Ja, lachen Sie nur. Ich seh es schon lange. Sie haben so was. Und
ein Glück, daß unser gnäd'ger Herr keine Augen dafür hat ... Die arme
Frau, die arme Frau.«

Johanna lag daran, Frieden zu schließen. »Lassen Sie's gut sein,
Roswitha. Sie haben wieder Ihren Koller; aber ich weiß schon, den
haben alle vom Lande.«

»Kann schon sein.«

»Ich will jetzt nur die Briefe forttragen und unten sehen, ob der
Portier vielleicht schon die andere Zeitung hat. Ich habe doch recht
verstanden, daß er Lene danach geschickt hat? Und es muß auch mehr
darin stehen; das hier ist ja so gut wie gar nichts.«



Dreißigstes Kapitel

Effi und die Geheimrätin Zwicker waren seit fast drei Wochen in Ems
und bewohnten daselbst das Erdgeschoß einer reizenden kleinen Villa.
In ihrem zwischen ihren zwei Wohnzimmern gelegenen gemeinschaftlichen
Salon mit Blick auf den Garten stand ein Palisanderflügel, auf dem
Effi dann und wann eine Sonate, die Zwicker dann und wann einen
Walzer spielte; sie war ganz unmusikalisch und beschränkte sich im
wesentlichen darauf, für Niemann als Tannhäuser zu schwärmen.

Es war ein herrlicher Morgen; in dem kleinen Garten zwitscherten die
Vögel, und aus dem angrenzenden Hause, drin sich ein »Lokal« befand,
hörte man, trotz der frühen Stunde, bereits das Zusammenschlagen der
Billardbälle. Beide Damen hatten ihr Frühstück nicht im Salon selbst,
sondern auf einem ein paar Fuß hoch aufgemauerten und mit Kies
bestreuten Vorplatz eingenommen, von dem aus drei Stufen nach dem
Garten hinunterführten; die Markise, ihnen zu Häupten, war aufgezogen,
um den Genuß der frischen Luft in nichts zu beschränken, und sowohl
Effi wie die Geheimrätin waren ziemlich emsig bei ihrer Handarbeit.
Nur dann und wann wurden ein paar Worte gewechselt.

»Ich begreife nicht«, sagte Effi, »daß ich schon seit vier Tagen
keinen Brief habe; er schreibt sonst täglich. Ob Annie krank ist? Oder
er selbst?«

Die Zwicker lächelte: »Sie werden erfahren, liebe Freundin, daß er
gesund ist, ganz gesund.«

Effi fühlte sich durch den Ton, in dem dies gesagt wurde, wenig
angenehm berührt und schien antworten zu wollen, aber in ebendiesem
Augenblicke trat das aus der Umgegend von Bonn stammende Hausmädchen,
das sich von Jugend an daran gewöhnt hatte, die mannigfachsten
Erscheinungen des Lebens an Bonner Studenten und Bonner Husaren
zu messen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus, um hier den
Frühstückstisch abzuräumen. Sie hieß Afra.

»Afra«, sagte Effi, »es muß doch schon neun sein; war der Postbote
noch nicht da?«

»Nein, noch nicht, gnäd'ge Frau.« »Woran liegt es?«

»Natürlich an dem Postboten; er ist aus dem Siegenschen und hat
keinen Schneid. Ich hab's ihm auch schon gesagt, das sei die 'reine
Lodderei'. Und wie ihm das Haar sitzt; ich glaube, er weiß gar nicht,
was ein Scheitel ist.«

»Afra, Sie sind mal wieder zu streng. Denken Sie doch: Postbote, und
so tagaus, tagein bei der ewigen Hitze ...«

»Ist schon recht, gnäd'ge Frau. Aber es gibt doch andere, die
zwingen's; wo's drinsteckt, da geht es auch.« Und während sie noch so
sprach, nahm sie das Tablett geschickt auf ihre fünf Fingerspitzen und
stieg die Stufen hinunter, um durch den Garten hin den näheren Weg in
die Küche zu nehmen.

»Eine hübsche Person«, sagte die Zwicker. »Und so quick und kasch, und
ich möchte fast sagen, von einer natürlichen Anmut. Wissen Sie, liebe
Baronin, daß mich diese Afra...

übrigens ein wundervoller Name, und es soll sogar eine heilige Afra
gegeben haben, aber ich glaube nicht, daß unsere davon abstammt ...«

»Und nun, liebe Geheimrätin, vertiefen Sie sich wieder in Ihr
Nebenthema, das diesmal Afra heißt, und vergessen darüber ganz, was
Sie eigentlich sagen wollten ...«

»Doch nicht, liebe Freundin, oder ich finde mich wenigstens wieder
zurück. Ich wollte sagen, daß mich diese Afra ganz ungemein an die
stattliche Person erinnert, die ich in Ihrem Hause ...«

»Ja, Sie haben recht. Es ist eine Ähnlichkeit da. Nur, unser Berliner
Hausmädchen ist doch erheblich hübscher und namentlich ihr Haar viel
schöner und voller. Ich habe so schönes flachsenes Haar, wie unsere
Johanna hat, überhaupt noch nicht gesehen. Ein bißchen davon sieht man
ja wohl, aber solche Fülle ...«

Die Zwicker lächelte. »Das ist wirklich selten, daß man eine
junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres
Hausmädchens sprechen hört. Und nun auch noch von der Fülle! Wissen
Sie, daß ich das rührend finde? Denn eigentlich ist man doch bei der
Wahl der Mädchen in einer beständigen Verlegenheit. Hübsch sollen sie
sein, weil es jeden Besucher, wenigstens die Männer, stört, eine lange
Stakete mit griesem Teint und schwarzen Rändern in der Türöffnung
erscheinen zu sehen, und ein wahres Glück, daß die Korridore meistens
so dunkel sind. Aber nimmt man wieder zu viel Rücksicht auf solche
Hausrepräsentation und den sogenannten ersten Eindruck, und
schenkt man wohl gar noch einer solchen hübschen Person eine weiße
Tändelschürze nach der andern, so hat man eigentlich keine ruhige
Stunde mehr und fragt sich, wenn man nicht zu eitel ist und nicht zu
viel Vertrauen zu sich selber hat, ob da nicht Remedur geschaffen
werden müsse. Remedur war nämlich ein Lieblingswort von Zwicker, womit
er mich oft gelangweilt hat; aber freilich, alle Geheimräte haben
solche Lieblingsworte.«

Effi hörte mit sehr geteilten Empfindungen zu. Wenn die Geheimrätin
nur ein bißchen anders gewesen wäre, so hätte dies alles reizend sein
können, aber da sie nun mal war, wie sie war, so fühlte sich Effi
wenig angenehm von dem berührt, was sie sonst vielleicht einfach
erheitert hätte.

»Das ist schon recht, liebe Freundin, was Sie da von den Geheimräten
sagen. Innstetten hat sich auch dergleichen angewöhnt, lacht aber
immer, wenn ich ihn daraufhin ansehe, und entschuldigt sich hinterher
wegen der Aktenausdrücke. Ihr Herr Gemahl war freilich schon länger im
Dienst und überhaupt wohl älter ...«

»Um ein geringes«, sagte die Geheimrätin spitz und ablehnend.

»Und alles in allem kann ich mich in Befürchtungen, wie Sie sie
aussprechen, nicht recht zurechtfinden. Das, was man gute Sitte nennt,
ist doch immer noch eine Macht ...«

»Meinen Sie?«

Und ich kann mir namentlich nicht denken, daß es gerade Ihnen,
liebe Freundin, beschieden gewesen sein solle, solche Sorgen und
Befürchtungen durchzumachen. Sie haben, Verzeihung, daß ich diesen
Punkt hier so offen berühre, gerade das, was die Männer einen 'Scharm'
nennen, Sie sind heiter, fesselnd, anregend, und wenn es nicht
indiskret ist, so möcht ich angesichts dieser Ihrer Vorzüge wohl
fragen dürfen, stützt sich das, was Sie da sagen, auf allerlei
Schmerzliches, das Sie persönlich erlebt haben?«

»Schmerzliches?« sagte die Zwicker. »Ach, meine liebe, gnädigste Frau,
Schmerzliches, das ist ein zu großes Wort, auch dann noch, wenn man
vielleicht wirklich manches erlebt hat. Schmerzlich ist einfach
zuviel, viel zuviel. Und dann hat man doch schließlich auch seine
Hilfsmittel und Gegenkräfte. Sie dürfen dergleichen nicht zu tragisch
nehmen.«

»Ich kann mir keine rechte Vorstellung von dem machen, was Sie
anzudeuten belieben. Nicht, als ob ich nicht wüßte, was Sünde sei, das
weiß ich auch; aber es ist doch ein Unterschied, ob man so hineingerät
in allerlei schlechte Gedanken oder ob einem derlei Dinge zur halben
oder auch wohl zur ganzen Lebensgewohnheit werden. Und nun gar im
eigenen Hause ...«

»Davon will ich nicht sprechen, das will ich nicht so direkt gesagt
haben, obwohl ich, offen gestanden, auch nach dieser Seite hin voller
Mißtrauen bin oder, wie ich jetzt sagen muß, war; denn es liegt ja
alles zurück. Aber da gibt es Außengebiete. Haben Sie von Landpartien
gehört?«

»Gewiß. Und ich wollte wohl, Innstetten hätte mehr Sinn dafür ...«

»Überlegen Sie sich das, liebe Freundin. Zwicker saß immer in
Saatwinkel. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn ich das Wort höre, gibt es
mir noch jetzt einen Stich ins Herz. Überhaupt diese Vergnügungsorte
in der Umgegend unseres lieben alten Berlin! Denn ich liebe Berlin
trotz alledem. Aber schon die bloßen Namen der dabei in Frage
kommenden Ortschaften umschließen eine Welt von Angst und Sorge. Sie
lächeln. Und doch, sagen Sie selbst, liebe Freundin, was können Sie
von einer großen Stadt und ihren Sittlichkeitszuständen erwarten,
wenn Sie beinah unmittelbar vor den Toren derselben (denn zwischen
Charlottenburg und Berlin ist kein rechter Unterschied mehr), auf
kaum tausend Schritte zusammengedrängt, einem Pichelsberg, einem
Pichelsdorf und einem Pichelswerder begegnen. Dreimal Pichel ist
zuviel. Sie können die ganze Welt absuchen, das finden Sie nicht
wieder.«

Effi nickte.

»Und das alles«, fuhr die Zwicker fort, »geschieht am grünen Holz der
Havelseite. Das alles liegt nach Westen zu, da haben Sie Kultur und
höhere Gesittung. Aber nun gehen Sie, meine Gnädigste, nach der
anderen Seite hin, die Spree hinauf. Ich spreche nicht von Treptow
und Stralau, das sind Bagatellen, Harmlosigkeiten, aber wenn Sie die
Spezialkarte zur Hand nehmen wollen, da begegnen Sie neben mindestens
sonderbaren Namen wie Kiekebusch, wie Wuhlheide - Sie hätten hören
sollen, wie Zwicker das Wort aussprach - Namen von geradezu brutalem
Charakter, mit denen ich Ihr Ohr nicht verletzen will. Aber natürlich
sind das gerade die Plätze, die bevorzugt werden. Ich hasse diese
Landpartien, die sich das Volksgemüt als eine Kremserpartie mit 'Ich
bin ein Preuße' vorstellt, in Wahrheit aber schlummern hier die Keime
einer sozialen Revolution. Wenn ich sage 'soziale Revolution', so
meine ich natürlich moralische Revolution, alles andere ist bereits
wieder überholt, und schon Zwicker sagte mir noch in seinen letzten
Tagen: 'Glaube mir, Sophie, Saturn frißt seine Kinder.' Und Zwicker,
welche Mängel und Gebrechen er haben mochte, das bin ich ihm schuldig,
er war ein philosophischer Kopf und hatte ein natürliches Gefühl
für historische Entwicklung ... Aber ich sehe, meine liebe Frau von
Innstetten, so artig sie sonst ist, hört nur noch mit halbem Ohr zu;
natürlich, der Postbote hat sich drüben blicken lassen, und da fliegt
denn das Herz hinüber und nimmt die Liebesworte vorweg aus dem Brief
heraus ... Nun, Böselager, was bringen Sie?«

Der Angeredete war mittlerweile bis an den Tisch herangetreten und
packte aus: mehrere Zeitungen, zwei Friseuranzeigen und zuletzt auch
einen großen eingeschriebenen Brief an Frau Baronin von Innstetten,
geb. von Briest.

Die Empfängerin unterschrieb, und nun ging der Postbote wieder.
Die Zwicker aber überflog die Friseuranzeigen und lachte über die
Preisermäßigung von Shampooing.

Effi hörte nicht hin; sie drehte den ihrerseits empfangenen Brief
zwischen den Fingern und hatte eine ihr unerklärliche Scheu, ihn zu
öffnen. Eingeschrieben und mit zwei großen Siegeln und ein dickes
Kuvert. Was bedeutete das? Poststempel: »Hohen-Cremmen«, und die
Adresse von der Handschrift der Mutter. Von Innstetten, es war der
fünfte Tag, keine Zeile.

Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttergriff und schnitt die
Längsseite des Briefes langsam auf. Und nun harrte ihrer eine neue
Überraschung. Der Briefbogen, ja, das waren eng beschriebene Zeilen
von der Mama, darin eingelegt aber waren Geldscheine mit einem breiten
Papierstreifen drumherum, auf dem mit Rotstift, und zwar von des
Vaters Hand, der Betrag der eingelegten Summe verzeichnet war. Sie
schob das Konvolut zurück und begann zu lesen, während sie sich in
den Schaukelstuhl zurücklehnte. Aber sie kam nicht weit, die Zeilen
entfielen ihr, und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort. Dann
bückte sie sich und nahm den Brief wieder auf. »Was ist Ihnen, liebe
Freundin? Schlechte Nachrichten?« Effi nickte, gab aber weiter keine
Antwort und bat nur, ihr ein Glas Wasser reichen zu wollen. Als sie
getrunken, sagte sie: »Es wird vorübergehen, liebe Geheimrätin, aber
ich möchte mich doch einen Augenblick zurückziehen ... Wenn Sie mir
Afra schicken könnten.«

Und nun erhob sie sich und trat in den Salon zurück, wo sie sichtlich
froh war, einen Halt gewonnen und sich an dem Palisanderflügel
entlangfühlen zu können. So kam sie bis an ihr nach rechts hin
gelegenes Zimmer, und als sie hier, tappend und suchend, die Tür
geöffnet und das Bett an der Wand gegenüber erreicht hatte, brach sie
ohnmächtig zusammen.



Einunddreißgstes Kapitel

Minuten vergingen. Als Effi sich wieder erholt hatte, setzte sie sich
auf einen am Fenster stehenden Stuhl und sah auf die stille Straße
hinaus. Wenn da doch Lärm und Streit gewesen wäre; aber nur der
Sonnenschein lag auf dem chaussierten Wege und dazwischen die
Schatten, die das Gitter und die Bäume warfen. Das Gefühl des
Alleinseins in der Welt überkam sie mit seiner ganzen Schwere. Vor
einer Stunde noch eine glückliche Frau, Liebling aller, die sie
kannten, und nun ausgestoßen. Sie hatte nur erst den Anfang des
Briefes gelesen, aber genug, um ihre Lage klar vor Augen zu haben.
Wohin?

Sie hatte keine Antwort darauf, und doch war sie voll tiefer
Sehnsucht, aus dem herauszukommen, was sie hier umgab, also fort von
dieser Geheimrätin, der das alles bloß ein »interessanter Fall« war
und deren Teilnahme, wenn etwas davon existierte, sicher an das Maß
ihrer Neugier nicht heranreichte.

»Wohin?«

Auf dem Tisch vor ihr lag der Brief; aber ihr fehlte der Mut,
weiterzulesen. Endlich sagte sie: »Wovor bange ich mich noch? Was kann
noch gesagt werden, das ich mir nicht schon selber sagte? Der, um den
all dies kam, ist tot, eine Rückkehr in mein Haus gibt es nicht, in
ein paar Wochen wird die Scheidung ausgesprochen sein, und das Kind
wird man dem Vater lassen. Natürlich. Ich bin schuldig, und eine
Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen. Und wovon auch? Mich selbst
werde ich wohl durchbringen. Ich will sehen, was die Mama darüber
schreibt, wie sie sich mein Leben denkt.«

Und unter diesen Worten nahm sie den Brief wieder, um auch den Schluß
zu lesen.

»... Und nun Deine Zukunft, meine liebe Effi. Du wirst Dich auf
Dich selbst stellen müssen und darfst dabei, soweit äußere Mittel
mitsprechen, unserer Unterstützung sicher sein. Du wirst am besten in
Berlin leben (in einer großen Stadt vertut sich dergleichen am besten)
und wirst da zu den vielen gehören, die sich um freie Luft und lichte
Sonne gebracht haben. Du wirst einsam leben, und wenn Du das nicht
willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphäre herabsteigen müssen. Die
Welt, in der Du gelebt hast, wird Dir verschlossen sein. Und was das
Traurigste für uns und für Dich ist (auch für Dich, wie wir Dich zu
kennen vermeinen) - auch das elterliche Haus wird Dir verschlossen
sein, wir können Dir keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen anbieten,
keine Zuflucht in unserem Hause, denn es hieße das, dies Haus
von aller Welt abschließen, und das zu tun, sind wir entschieden
nicht geneigt. Nicht weil wir zu sehr an der Welt hingen und ein
Abschiednehmen von dem, was sich 'Gesellschaft' nennt, uns als etwas
unbedingt Unerträgliches erschiene; nein, nicht deshalb, sondern
einfach, weil wir Farbe bekennen und vor aller Welt, ich kann Dir das
Wort nicht ersparen, unsere Verurteilung Deines Tuns, des Tuns unseres
einzigen und von uns so sehr geliebten Kindes, aussprechen wollen ...«
Effi konnte nicht weiterlesen; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und
nachdem sie vergeblich dagegen angekämpft hatte, brach sie zuletzt
in ein heftiges Schluchzen und Weinen aus, darin sich ihr Herz
erleichterte.

Nach einer halben Stunde klopfte es, und auf Effis »Herein« erschien
die Geheimrätin.

»Darf ich eintreten?«

»Gewiß, liebe Geheimrätin«, sagte Effi, die jetzt, leicht zugedeckt
und die Hände gefaltet, auf dem Sofa lag. »Ich bin erschöpft und habe
mich hier eingerichtet, so gut es ging. Darf ich Sie bitten, sich
einen Stuhl zu nehmen.«

Die Geheimrätin setzte sich so, daß der Tisch, mit einer Blumenschale
darauf, zwischen ihr und Effi war. Effi zeigte keine Spur von
Verlegenheit und änderte nichts in ihrer Haltung, nicht einmal die
gefalteten Hände. Mit einem Male war es ihr vollkommen gleichgültig,
was die Frau dachte; nur fort wollte sie.

»Sie haben eine traurige Nachricht empfangen, liebe gnädigste
Frau ...«

»Mehr als traurig«, sagte Effi. »Jedenfalls traurig genug, um unserem
Beisammensein ein rasches Ende zu machen. Ich muß noch heute fort.«

»Ich möchte nicht zudringlich erscheinen, aber ist es etwas mit
Annie?«

»Nein, nicht mit Annie. Die Nachrichten kamen überhaupt nicht aus
Berlin, es waren Zeilen meiner Mama. Sie hat Sorgen um mich, und es
liegt mir daran, sie zu zerstreuen, oder wenn ich das nicht kann,
wenigstens an Ort und Stelle zu sein.«

»Mir nur zu begreiflich, so sehr ich es beklage, diese letzten Emser
Tage nun ohne Sie verbringen zu sollen. Darf ich Ihnen meine Dienste
zur Verfügung stellen?«

Ehe Effi darauf antworten konnte, trat Afra ein und meldete, daß man
sich eben zum Lunch versammle. Die Herrschaften seien alle sehr in
Aufregung: Der Kaiser käme wahrscheinlich auf drei Wochen, und am
Schluß seien große Manöver, und die Bonner Husaren kämen auch.

Die Zwicker überschlug sofort, ob es sich verlohnen würde, bis dahin
zu bleiben, kam zu einem entschiedenen »Ja« und ging dann, um Effis
Ausbleiben beim Lunch zu entschuldigen.

Als gleich danach auch Afra gehen wollte, sagte Effi: »Und dann, Afra,
wenn Sie frei sind, kommen Sie wohl noch eine Viertelstunde zu mir,
um mir beim Packen behilflich zu sein. Ich will heute noch mit dem
Siebenuhrzug fort.«

»Heute noch? Ach, gnädigste Frau, das ist doch aber schade. Nun fangen
ja die schönen Tage erst an.«

Effi lächelte.

Die Zwicker, die noch allerlei zu hören hoffte, hatte sich nur mit
Mühe bestimmen lassen, der »Frau Baronin« beim Abschied nicht das
Geleit zu geben. Auf einem Bahnhof, so hatte Effi versichert, sei
man immer so zerstreut und nur mit seinem Platz und seinem Gepäck
beschäftigt; gerade Personen, die man liebhabe, von denen nähme man
gern vorher Abschied. Die Zwicker bestätigte das, trotzdem sie das
Vorgeschützte darin sehr wohl herausfühlte; sie hatte hinter allen
Türen gestanden und wußte gleich, was echt und unecht war.

Afra begleitete Effi zum Bahnhof und ließ sich fest versprechen, daß
die Frau Baronin im nächsten Sommer wiederkommen wolle; wer mal in Ems
gewesen, der komme immer wieder. Ems sei das Schönste, außer Bonn.

Die Zwicker hatte sich mittlerweile zum Briefschreiben niedergesetzt,
nicht an dem etwas wackligen Rokokosekretär im Salon, sondern draußen
auf der Veranda, an demselben Tisch, an dem sie kaum zehn Stunden
zuvor mit Effi das Frühstück genommen hatte.

Sie freute sich auf den Brief, der einer befreundeten, zur Zeit in
Reichenhall weilenden Berliner Dame zugute kommen sollte. Beider
Seelen hatten sich längst gefunden und gipfelten in einer der ganzen
Männerwelt geltenden starken Skepsis; sie fanden die Männer durchweg
weit zurückbleibend hinter dem, was billigerweise gefordert werden
könne, die sogenannten »forschen« am meisten. »Die, die vor
Verlegenheit nicht wissen, wo sie hinsehen sollen, sind, nach einem
kurzen Vorstudium, immer noch die besten, aber die eigentlichen Don
Juans erweisen sich jedesmal als eine Enttäuschung. Wo soll es am Ende
auch herkommen.« Das waren so Weisheitssätze, die zwischen den zwei
Freundinnen ausgetauscht wurden.

Die Zwicker war schon auf dem zweiten Bogen und fuhr in ihrem mehr
als dankbaren Thema, das natürlich »Effi« hieß, eben wie folgt fort:
»Alles in allem war sie sehr zu leiden, artig, anscheinend offen, ohne
jeden Adelsdünkel (oder doch groß in der Kunst, ihn zu verbergen) und
immer interessiert, wenn man ihr etwas Interessantes erzählte, wovon
ich, wie ich Dir nicht zu versichern brauche, den ausgiebigsten
Gebrauch machte. Nochmals also, reizende junge Frau, fünfundzwanzig
oder nicht viel mehr. Und doch habe ich dem Frieden nie getraut und
traue ihm auch in diesem Augenblick noch nicht, ja, jetzt vielleicht
am wenigsten. Die Geschichte heute mit dem Briefe - da steckt eine
wirkliche Geschichte dahinter. Dessen bin ich so gut wie sicher. Es
wäre das erste Mal, daß ich mich in solcher Sache geirrt hätte. Daß
sie mit Vorliebe von den Berliner Modepredigern sprach und das Maß der
Gottseligkeit jedes einzelnen feststellte, das und der gelegentliche
Gretchenblick, der jedesmal versicherte, kein Wässerchen trüben zu
können - alle diese Dinge haben mich in meinem Glauben ... Aber da
kommt eben unsere Afra, von der ich Dir, glaube ich, schon schrieb,
eine hübsche Person, und packt mir ein Zeitungsblatt auf den Tisch,
das ihr, wie sie sagt, unsere Frau Wirtin für mich gegeben habe; die
blau angestrichene Stelle. Nun verzeih, wenn ich diese Stelle erst
lese ...

Nachschrift. Das Zeitungsblatt war interessant genug und kam wie
gerufen. Ich schneide die blau angestrichene Stelle heraus und lege
sie diesen Zeilen bei. Du siehst daraus, daß ich mich nicht geirrt
habe. Wer mag nur der Crampas sein?

Es ist unglaublich - erst selber Zettel und Briefe schreiben und dann
auch noch die des anderen aufbewahren! Wozu gibt es Öfen und Kamine?
Solange wenigstens, wie dieser Duellunsinn noch existiert, darf
dergleichen nicht vorkommen; einem kommenden Geschlecht kann diese
Briefschreibepassion (weil dann gefahrlos geworden) vielleicht
freigegeben werden. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Übrigens
bin ich voll Mitleid mit der jungen Baronin und finde, eitel wie man
nun mal ist, meinen einzigen Trost darin, mich in der Sache selbst
nicht getäuscht zu haben. Und der Fall lag nicht so ganz gewöhnlich.
Ein schwächerer Diagnostiker hätte sich doch vielleicht hinters Licht
führen lassen.

Wie immer Deine Sophie.«



Zweiunddreißigstes Kapitel

Drei Jahre waren vergangen, und Effi bewohnte seit fast ebenso
langer Zeit eine kleine Wohnung in der Königgrätzer Straße, zwischen
Askanischem Platz und Halleschem Tor: ein Vorder- und Hinterzimmer und
hinter diesem die Küche mit Mädchengelaß, alles so durchschnittsmäßig
und alltäglich wie nur möglich. Und doch war es eine apart hübsche
Wohnung, die jedem, der sie sah, angenehm auffiel, am meisten
vielleicht dem alten Geheimrat Rummschüttel, der, dann und wann
vorsprechend, der armen jungen Frau nicht bloß die nun weit
zurückliegende Rheumatismus- und Neuralgiekomödie sondern auch alles,
was seitdem sonst noch vorgekommen war, längst verziehen hatte, wenn
es für ihn der Verzeihung überhaupt bedurfte. Denn Rummschüttel kannte
noch ganz anderes.

Er war jetzt ausgangs Siebzig, aber wenn Effi, die seit einiger Zeit
ziemlich viel kränkelte, ihn brieflich um seinen Besuch bat, so war er
am anderen Vormittag auch da und wollte von Entschuldigungen, daß es
so hoch sei, nichts wissen. »Nur keine Entschuldigungen, meine liebe
gnädigste Frau; denn erstens ist es mein Metier, und zweitens bin ich
glücklich und beinahe stolz, die drei Treppen so gut noch steigen
zu können. Wenn ich nicht fürchten müßte, Sie zu belästigen - denn
ich komme doch schließlich als Arzt und nicht als Naturfreund und
Landschaftsschwärmer -, so käme ich wohl noch öfter, bloß um Sie zu
sehen und mich hier etliche Minuten an Ihr Hinterfenster zu setzen.
Ich glaube, Sie würdigen den Ausblick nicht genug.«

»O doch, doch«, sagte Effi; Rummschüttel aber ließ sich nicht stören
und fuhr fort: »Bitte, meine gnädigste Frau, treten Sie hier heran,
nur einen Augenblick, oder erlauben Sie mir, daß ich Sie bis an das
Fenster führe. Wieder ganz herrlich heute. Sehen Sie doch nur die
verschiedenen Bahndämme, drei, nein, vier, und wie es beständig darauf
hin und her gleitet ... und nun verschwindet der Zug da wieder hinter
einer Baumgruppe. Wirklich herrlich. Und wie die Sonne den weißen
Rauch durchleuchtet! Wäre der Matthäikirchhof nicht unmittelbar
dahinter, so wäre es ideal.«

»Ich sehe gern Kirchhöfe.«

»Ja, Sie dürfen das sagen. Aber unsereins! Unsereinem kommt
unabweislich immer die Frage, könnten hier nicht vielleicht einige
weniger liegen? Im übrigen, meine gnädigste Frau, bin ich mit Ihnen
zufrieden und beklage nur, daß Sie von Ems nichts wissen wollen; Ems
bei Ihren katarrhalischen Affektionen, würde Wunder ...«

Effi schwieg.

»Ems würde Wunder tun. Aber da Sie's nicht mögen (und ich finde mich
darin zurecht), so trinken Sie den Brunnen hier. In drei Minuten
sind Sie im Prinz Albrechtschen Garten, und wenn auch die Musik
und die Toiletten und all die Zerstreuungen einer regelrechten
Brunnenpromenade fehlen, der Brunnen selbst ist doch die Hauptsache.«

Effi war einverstanden, und Rummschüttel nahm Hut und Stock. Aber
er trat noch einmal an das Fenster heran. »Ich höre von einer
Terrassierung des Kreuzbergs sprechen, Gott segne die Stadtverwaltung,
und wenn dann erst die kahle Stelle da hinten mehr in Grün stehen
wird ... Eine reizende Wohnung. Ich könnte Sie fast beneiden ... Und
was ich schon längst einmal sagen wollte, meine gnädige Frau, Sie
schreiben mir immer einen so liebenswürdigen Brief. Nun, wer freute
sich dessen nicht? Aber es ist doch jedesmal eine Mühe ... Schicken
Sie mir doch einfach Roswitha.«

Effi dankte ihm, und so schieden sie.

»Schicken Sie mir doch einfach Roswitha ...« hatte Rummschüttel
gesagt. Ja, war denn Roswitha bei Effi? War sie denn statt in der
Keith- in der Königgrätzer Straße? Gewiß war sie's, und zwar sehr
lange schon, gerade so lange, wie Effi selbst in der Königgrätzer
Straße wohnte. Schon drei Tage vor diesem Einzug hatte sich Roswitha
bei ihrer lieben gnädigen Frau sehen lassen, und das war ein
großer Tag für beide gewesen, so sehr, daß dieses Tages hier noch
nachträglich gedacht werden muß.

Effi hatte damals, als der elterliche Absagebrief aus Hohen-Cremmen
kam und sie mit dem Abendzug von Ems nach Berlin zurückreiste, nicht
gleich eine selbständige Wohnung genommen, sondern es mit einem
Unterkommen in einem Pensionat versucht. Es war ihr damit auch
leidlich geglückt. Die beiden Damen, die dem Pensionat vorstanden,
waren gebildet und voll Rücksicht und hatten es längst verlernt,
neugierig zu sein. Es kam da so vieles zusammen, daß ein
Eindringenwollen in die Geheimnisse jedes einzelnen viel zu
umständlich gewesen wäre. Dergleichen hinderte nur den Geschäftsgang.
Effi, die die mit den Augen angestellten Kreuzverhöre der Zwicker noch
in Erinnerung hatte, fühlte sich denn auch von dieser Zurückhaltung
der Pensionsdamen sehr angenehm berührt; als aber vierzehn Tage
vorüber waren, empfand sie doch deutlich, daß die hier herrschende
Gesamtatmosphäre, die physische wie die moralische, nicht wohl
ertragbar für sie sei. Bei Tisch waren sie meist zu sieben, und zwar
außer Effi und der einen Pensionsvorsteherin (die andere leitete
draußen das Wirtschaftliche) zwei die Hochschule besuchende
Engländerinnen, eine adelige Dame aus Sachsen, eine sehr hübsche
galizische Jüdin, von der niemand wußte, was sie eigentlich vorhatte,
und eine Kantorstochter aus Polzin in Pommern, die Malerin werden
wollte. Das war eine schlimme Zusammensetzung, und die gegenseitigen
Überheblichkeiten, bei denen die Engländerinnen merkwürdigerweise
nicht absolut obenan standen, sondern mit der vom höchsten Malergefühl
erfüllten Polzinerin um die Palme rangen, waren unerquicklich; dennoch
wäre Effi, die sich passiv verhielt, über den Druck, den diese
geistige Atmosphäre übte, hinweggekommen, wenn nicht, rein physisch
und äußerlich, die sich hinzugesellende Pensionsluft gewesen wäre.
Woraus sich diese eigentlich zusammensetzte, war vielleicht überhaupt
unerforschlich, aber daß sie der sehr empfindlichen Effi den Atem
raubte, war nur zu gewiß, und so sah sie sich, aus diesem äußerlichen
Grunde, sehr bald schon zur Aus- und Umschau nach einer anderen
Wohnung gezwungen, die sie denn auch in verhältnismäßiger Nähe fand.
Es war dies die vorgeschilderte Wohnung in der Königgrätzer Straße.
Sie sollte dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahres beziehen, hatte
das Nötige dazu beschafft und zählte während der letzten Septembertage
die Stunden bis zur Erlösung aus dem Pensionat.

An einem dieser letzten Tage - sie hatte sich eine Viertelstunde zuvor
aus dem Eßzimmer zurückgezogen und gedachte sich eben auf einem mit
einem großblumigen Wollstoff überzogenen Seegrassofa auszuruhen -
wurde leise an ihre Tür geklopft.

»Herein.«

Das eine Hausmädchen, eine kränklich aussehende Person von Mitte
Dreißig, die durch beständigen Aufenthalt auf dem Korridor des
Pensionats den hier lagernden Dunstkreis überallhin in ihren
Falten mitschleppte, trat ein und sagte: Die gnädige Frau möchte
entschuldigen, aber es wolle sie jemand sprechen.

»Wer?«

»Eine Frau.«

»Und hat sie ihren Namen genannt?« »Ja, Roswitha.«

Und siehe da, kaum daß Effi diesen Namen gehört hatte, so schüttelte
sie den Halbschlaf von sich und sprang auf und lief auf den Korridor
hinaus, um Roswitha bei beiden Händen zu fassen und in ihr Zimmer zu
ziehen.

»Roswitha. Du. Ist das eine Freude. Was bringst du? Natürlich was
Gutes. Ein so gutes altes Gesicht kann nur was Gutes bringen. Ach, wie
glücklich ich bin, ich könnte dir einen Kuß geben; ich hätte nicht
gedacht, daß ich noch solche Freude haben könnte. Mein gutes altes
Herz, wie geht es dir denn? Weißt du noch, wie's damals war, als der
Chinese spukte? Das waren glückliche Zeiten. Ich habe damals gedacht,
es wären unglückliche, weil ich das Harte des Lebens noch nicht
kannte. Seitdem habe ich es kennengelernt. Ach, Spuk ist lange nicht
das Schlimmste! Komm, meine gute Roswitha, komm, setz dich hier zu mir
und erzähle mir ... Ach, ich habe solche Sehnsucht. Was macht Annie?«

Roswitha konnte kaum reden und sah sich in dem sonderbaren Zimmer um,
dessen grau und verstaubt aussehende Wände in schmale Goldleisten
gefaßt waren. Endlich aber fand sie sich und sagte, daß der gnädige
Herr nun wieder aus Glatz zurück sei; der alte Kaiser habe gesagt,
sechs Wochen in solchem Falle sei gerade genug, und auf den Tag, wo
der gnädige Herr wieder da sein würde, darauf habe sie bloß gewartet,
wegen Annie, die doch eine Aufsicht haben müsse. Denn Johanna sei
wohl eine sehr propre Person, aber sie sei doch noch zu hübsch und
beschäftige sich noch zu viel mit sich selbst und denke vielleicht
Gott weiß was alles. Aber nun, wo der gnädige Herr wieder aufpassen
und in allem nach dem Rechten sehen könne, da habe sie sich's doch
antun wollen und mal sehen, wie's der gnädigen Frau gehe ...

»Das ist recht, Roswitha ...«

Und habe mal sehen wollen, ob der gnädigen Frau was fehle und ob
sie sie vielleicht brauche, dann wolle sie gleich hierbleiben und
beispringen und alles machen und dafür sorgen, daß es der gnädigen
Frau wieder gutgehe.

Effi hatte sich in die Sofaecke zurückgelehnt und die Augen
geschlossen. Aber mit eins richtete sie sich auf und sagte: »Ja,
Roswitha, was du da sagst, das ist ein Gedanke; das ist was. Denn du
mußt wissen, ich bleibe hier nicht in dieser Pension, ich habe da
weiterhin eine Wohnung gemietet und auch Einrichtung besorgt, und in
drei Tagen will ich da einziehen. Und wenn ich da mit dir ankäme und
zu dir sagen könnte: 'Nein, Roswitha, da nicht, der Schrank muß dahin
und der Spiegel da', ja, das wäre was, das sollte mir schon gefallen.
Und wenn wir dann müde von all der Plackerei wären, dann sagte ich:
'Nun, Roswitha, gehe da hinüber und hole uns eine Karaffe Spatenbräu,
denn wenn man gearbeitet hat, dann will man doch auch trinken, und
wenn du kannst, so bring uns auch etwas Gutes aus dem Habsburger Hof
mit, du kannst ja das Geschirr nachher wieder herüberbringen' - ja,
Roswitha, wenn ich mir das denke, da wird mir ordentlich leichter ums
Herz. Aber ich muß dich doch fragen, hast du dir auch alles überlegt?
Von Annie will ich nicht sprechen, an der du doch hängst, sie ist ja
fast wie dein eigen Kind - aber trotzdem, für Annie wird schon gesorgt
werden, und die Johanna hängt ja auch an ihr. Also davon nichts. Aber
bedenke, wie sich alles verändert hat, wenn du wieder zu mir willst.
Ich bin nicht mehr wie damals; ich habe jetzt eine ganz kleine Wohnung
genommen, und der Portier wird sich wohl nicht sehr um dich und um
mich bemühen. Und wir werden eine sehr kleine Wirtschaft haben, immer
das, was wir sonst unser Donnerstagessen nannten, weil da reingemacht
wurde. Weißt du noch? Und weißt du noch, wie der gute Gieshübler mal
dazukam und sich zu uns setzen mußte, und wie er dann sagte: So was
Delikates habe er noch nie gegessen. Du wirst dich noch erinnern,
er war immer so schrecklich artig, denn eigentlich war er doch der
einzige Mensch in der Stadt, der von Essen was verstand. Die andern
fanden alles schön.«

Roswitha freute sich über jedes Wort und sah schon alles in bestem
Gange, bis Effi wieder sagte: »Hast du dir das alles überlegt? Denn
du bist doch - ich muß das sagen, wiewohl es meine eigne Wirtschaft
war -, du bist doch nun durch viele Jahre hin verwöhnt, und es kam nie
darauf an, wir hatten es nicht nötig, sparsam zu sein; aber jetzt muß
ich sparsam sein, denn ich bin arm und habe nur, was man mir gibt, du
weißt, von Hohen-Cremmen her. Meine Eltern sind sehr gut gegen mich,
soweit sie's können, aber sie sind nicht reich. Und nun sage, was
meinst du?«

»Daß ich nächsten Sonnabend mit meinem Koffer anziehe, nicht am Abend,
sondern gleich am Morgen, und daß ich da bin, wenn das Einrichten
losgeht. Denn ich kann doch ganz anders zufassen wie die gnädige
Frau.«

»Sage das nicht, Roswitha. Ich kann es auch. Wenn man muß, kann man
alles.«

»Und dann, gnädigste Frau, Sie brauchen sich wegen meiner nicht zu
fürchten, als ob ich mal denken könnte: 'für Roswitha ist das nicht
gut genug'. Für Roswitha ist alles gut, was sie mit der gnädigen Frau
teilen muß, und am liebsten, wenn es was Trauriges ist. Ja, darauf
freue ich mich schon ordentlich. Dann sollen Sie mal sehen, das
verstehe ich. Und wenn ich es nicht verstünde, dann wollte ich es
schon lernen. Denn, gnädige Frau, das hab' ich nicht vergessen, als
ich da auf dem Kirchhof saß, mutterwindallein, und bei mir dachte, nun
wäre es doch wohl das beste, ich läge da gleich mit in der Reihe. Wer
kam da? Wer hat mich da bei Leben erhalten? Ach, ich habe so viel
durchzumachen gehabt. Als mein Vater damals mit der glühenden Stange
auf mich loskam ...«

»Ich weiß schon, Roswitha ...«

»Ja, das war schlimm genug. Aber als ich da auf dem Kirchhof saß, so
ganz arm und verlassen, das war doch noch schlimmer. Und da kam die
gnädige Frau. Und ich will nicht selig werden, wenn ich das vergesse.«

Und dabei stand sie auf und ging aufs Fenster zu. »Sehen Sie, gnädige
Frau, den müssen Sie doch auch noch sehen.«

Und nun trat auch Effi heran.

Drüben, auf der anderen Seite der Straße, saß Rollo und sah nach den
Fenstern der Pension hinauf.

Wenige Tage danach bezog Effi, von Roswitha unterstützt, ihre Wohnung
in der Königgrätzer Straße, darin es ihr von Anfang an gefiel. Umgang
fehlte freilich, aber sie hatte während ihrer Pensionstage von dem
Verkehr mit Menschen so wenig Erfreuliches gehabt, daß ihr das
Alleinsein nicht schwerfiel, wenigstens anfänglich nicht. Mit Roswitha
ließ sich allerdings kein ästhetisches Gespräch führen, auch nicht
mal sprechen über das, was in der Zeitung stand; aber wenn es einfach
menschliche Dinge betraf und Effi mit einem »ach, Roswitha, mich
ängstigt es wieder ...« ihren Satz begann, dann wußte die treue Seele
jedesmal gut zu antworten und hatte immer Trost und meist auch Rat.

Bis Weihnachten ging es vorzüglich; aber der Heiligabend verlief
schon recht traurig, und als das neue Jahr herankam, begann Effi ganz
schwermütig zu werden. Es war nicht kalt, nur grau und regnerisch, und
wenn die Tage kurz waren, so waren die Abende desto länger. Was tun?
Sie las, sie stickte, sie legte Patience, sie spielte Chopin, aber
diese Notturnos waren auch nicht angetan, viel Licht in ihr Leben zu
tragen, und wenn Roswitha mit dem Teebrett kam und außer dem Teezeug
auch noch zwei Tellerchen mit einem Ei und einem in kleine Scheiben
geschnittenen Wiener Schnitzel auf den Tisch setzte, sagte Effi,
während sie das Piano schloß: »Rücke heran, Roswitha. Leiste mir
Gesellschaft.«

Roswitha kam denn auch. »Ich weiß schon, die gnädige Frau haben wieder
zuviel gespielt; dann sehen Sie immer so aus und haben rote Flecke.
Der Geheimrat hat es doch verboten.«

»Ach, Roswitha, der Geheimrat hat leicht verbieten, und du hast es
auch leicht, all das nachzusprechen. Aber was soll ich denn machen?
Ich kann doch nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der
Christuskirche hin übersehen. Sonntags, beim Abendgottesdienst, wenn
die Fenster beleuchtet sind, sehe ich ja immer hinüber; aber es hilft
mir auch nichts, mir wird dann immer noch schwerer ums Herz.«

»Ja, gnädige Frau, dann sollten Sie mal hineingehen. Einmal waren Sie
ja schon drüben.«

»O schon öfters. Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er predigt
ganz gut und ist ein sehr kluger Mann, und ich wäre froh, wenn ich das
Hundertste davon wüßte. Aber es ist doch alles bloß, wie wenn ich ein
Buch lese; und wenn er dann so laut spricht und herumficht und seine
schwarzen Locken schüttelt, dann bin ich aus meiner Andacht heraus.«

»Heraus?«

Effi lachte. »Du meinst, ich war noch gar nicht drin. Und es wird
wohl so sein. Aber an wem liegt das? Das liegt doch nicht an mir. Er
spricht immer soviel vom Alten Testament. Und wenn es auch ganz gut
ist, es erbaut mich nicht. Überhaupt all das Zuhören; es ist nicht
das Rechte. Sieh, ich müßte so viel zu tun haben, daß ich nicht
ein noch aus wüßte. Das wäre was für mich. Da gibt es so Vereine,
wo junge Mädchen die Wirtschaft lernen, oder Nähschulen oder
Kindergärtnerinnen. Hast du nie davon gehört?«

»Ja, ich habe mal davon gehört. Anniechen sollte mal in einen
Kindergarten.«

»Nun, siehst du, du weißt es besser als ich. Und in solchen Verein, wo
man sich nützlich machen kann, da möchte ich eintreten. Aber daran ist
gar nicht zu denken; die Damen nehmen mich nicht an und können es auch
nicht. Und das ist das schrecklichste, daß einem die Welt so zu ist
und daß es sich einem sogar verbietet, bei Gutem mit dabeizusein. Ich
kann nicht mal armen Kindern eine Nachhilfestunde geben ...«

»Das wäre auch nichts für Sie, gnädige Frau; die Kinder haben immer so
fettige Stiefel an, und wenn es nasses Wetter ist'- das ist dann solch
Dunst und Schmook, das halten die gnädige Frau gar nicht aus.«

Effi lächelte. »Du wirst wohl recht haben, Roswitha; aber es ist
schlimm, daß du recht hast, und ich sehe daran, daß ich noch zu viel
von dem alten Menschen in mir habe und daß es mir noch zu gut geht.«

Davon wollte aber Roswitha nichts wissen. »Wer so gut ist wie gnädige
Frau, dem kann es gar nicht zu gut gehen. Und Sie müssen nur nicht
immer so was Trauriges spielen, und mitunter denke ich mir, es wird
alles noch wieder gut, und es wird sich schon was finden.«

Und es fand sich auch was. Effi, trotz der Kantorstochter aus
Polzin, deren Künstlerdünkel ihr immer noch als etwas Schreckliches
vorschwebte, wollte Malerin werden, und wiewohl sie selber darüber
lachte, weil sie sich bewußt war, über eine unterste Stufe des
Dilettantismus nie hinauskommen zu können, so griff sie doch mit
Passion danach, weil sie nun eine Beschäftigung hatte, noch dazu eine,
die, weil still und geräuschlos, ganz nach ihrem Herzen war. Sie
meldete sich denn auch bei einem ganz alten Malerprofessor, der in der
märkischen Aristokratie sehr bewandert und zugleich so fromm war, daß
ihm Effi von Anfang an ans Herz gewachsen erschien. Hier, so gingen
wohl seine Gedanken, war eine Seele zu retten, und so kam er ihr,
als ob sie seine Tochter gewesen wäre, mit einer ganz besonderen
Liebenswürdigkeit entgegen. Effi war sehr glücklich darüber, und
der Tag ihrer ersten Malstunde bezeichnete für sie einen Wendepunkt
zum Guten Ihr armes Leben war nun nicht so arm mehr, und Roswitha
triumphierte, daß sie recht gehabt und sich nun doch etwas gefunden
habe.

Das ging so Jahr und Tag und darüber hinaus. Aber daß sie nun wieder
eine Berührung mit den Menschen hatte, wie sie's beglückte, so ließ es
auch wieder den Wunsch in ihr entstehen, daß diese Berührungen sich
erneuern und mehren möchten. Sehnsucht nach Hohen-Cremmen erfaßte sie
mitunter mit einer wahren Leidenschaft, und noch leidenschaftlicher
sehnte sie sich danach, Annie wiederzusehen. Es war doch ihr Kind, und
wenn sie dem nachhing und sich gleichzeitig der Trippelli erinnerte,
die mal gesagt hatte, die Welt sei so klein, und in Mittelafrika könne
man sicher sein, plötzlich einem alten Bekannten zu begegnen, so war
sie mit Recht verwundert, Annie noch nie getroffen zu haben. Aber auch
das sollte sich eines Tages ändern. Sie kam aus der Malstunde, dicht
am Zoologischen Garten, und stieg, nahe dem Halteplatz, in einen die
lange Kurfürstenstraße passierenden Pferdebahnwagen ein. Es war sehr
heiß, und die herabgelassenen Vorhänge, die bei dem starken Luftzuge,
der ging, hin und her bauschten, taten ihr wohl. Sie lehnte sich in
die dem Vorderperron zugekehrte Ecke und musterte eben mehrere in eine
Glasscheibe eingebrannte Sofas, blau mit Quasten und Puscheln daran,
als sie - der Wagen war gerade in einem langsamen Fahren - drei
Schulkinder aufspringen sah, die Mappen auf dem Rücken, mit kleinen
spitzen Hüten, zwei blond und ausgelassen, die dritte dunkel und
ernst. Es war Annie. Effi fuhr heftig zusammen, und eine Begegnung mit
dem Kinde zu haben, wonach sie sich doch so lange gesehnt, erfüllte
sie jetzt mit einer wahren Todesangst. Was tun? Rasch entschlossen
öffnete sie die Tür zu dem Vorderperron, auf dem niemand stand als
der Kutscher, und bat diesen, sie bei der nächsten Haltestelle vorn
absteigen zu lassen. »Is verboten, Fräulein«, sagte der Kutscher;
sie gab ihm aber ein Geldstück und sah ihn so bittend an, daß der
gutmutige Mensch anderen Sinnes wurde und vor sich hin sagte: »Sind
soll es eigentlich nich; aber es wird ja woll mal gehen.« Und als der
Wagen hielt, nahm er das Gitter aus, und Effi sprang ab.

Noch in großer Erregung kam Effi nach Hause.

»Denke dir, Roswitha, ich habe Annie gesehen.« Und nun erzählte sie
von der Begegnung in dem Pferdebahnwagen. Roswitha war unzufrieden,
daß Mutter und Tochter keine Wiedersehensszene gefeiert hatten, und
ließ sich nur ungern überzeugen, daß das in Gegenwart so vieler
Menschen nicht wohl angegangen sei. Dann mußte Effi erzählen, wie
Annie ausgesehen habe, und als sie das mit mütterlichem Stolz getan,
sagte Roswitha: »Ja, sie ist so halb und halb. Das Hübsche und, wenn
ich es sagen darf, das Sonderbare, das hat sie von der Mama; aber das
Ernste, das ist ganz der Papa. Und wenn ich mir so alles überlege, ist
die doch wohl mehr wie der gnädige Herr.«

»Gott sei Dank!« sagte Effi.

»Na, gnäd'ge Frau, das ist nu doch auch noch die Frage. Und da wird ja
wohl mancher sein, der mehr für die Mama ist.« »Glaubst du, Roswitha?
Ich glaube es nicht.«

»Na, na, ich lasse mir nichts vormachen, und ich glaube, die gnädige
Frau weiß auch ganz gut, wie's eigentlich ist und was die Männer am
liebsten haben.«

»Ach, sprich nicht davon, Roswitha.«

Damit brach das Gespräch ab und wurde auch nicht wieder aufgenommen.
Aber Effi, wenn sie's auch vermied, grade über Annie mit Roswitha zu
sprechen, konnte die Begegnung in ihrem Herzen doch nicht verwinden
und litt unter der Vorstellung, vor ihrem eigenen Kind geflohen zu
sein. Es quälte sie bis zur Beschämung, und das Verlangen nach einer
Begegnung mit Annie steigerte sich bis zum Krankhaften. An Innstetten
schreiben und ihn darum bitten, das war nicht möglich. Ihrer Schuld
war sie sich wohl bewußt, sie nährte das Gefühl davon mit einer
halb leidenschaftlichen Geflissentlichkeit; aber inmitten ihres
Schuldbewußtseins fühlte sie sich andererseits auch von einer gewissen
Auflehnung gegen Innstetten erfüllt. Sie sagte sich, er hatte recht
und noch einmal und noch einmal, und zuletzt hatte er doch unrecht.
Alles Geschehene lag so weit zurück, ein neues Leben hatte begonnen;
er hätte es können verbluten lassen, statt dessen verblutete der arme
Crampas.

Nein, an Innstetten schreiben, das ging nicht; aber Annie wollte sie
sehen und sprechen und an ihr Herz drücken, und nachdem sie's tagelang
überlegt hatte, stand ihr fest, wie's am besten zu machen sei.

Gleich am andern Vormittag kleidete sie sich sorgfältig in ein
dezentes Schwarz und ging auf die Linden zu, sich hier bei der
Ministerin melden zu lassen. Sie schickte ihre Karte herein, auf der
nur stand: Effi von Innstetten geb. von Briest. Alles andere war
fortgelassen, auch die Baronin. »Exzellenz lassen bitten«, und Effi
folgte dem Diener bis in ein Vorzimmer, wo sie sich niederließ und
trotz der Erregung, in der sie sich befand, den Bilderschmuck an den
Wänden musterte. Da war zunächst Guido Renis Aurora, gegenüber aber
hingen englische Kupferstiche, Stiche nach Benjamin West, in der
bekannten Aquatinta-Manier von viel Licht und Schatten. Eines der
Bilder war König Lear im Unwetter auf der Heide.

Effi hatte ihre Musterung kaum beendet, als die Tür des angrenzenden
Zimmers sich öffnete und eine große, schlanke Dame von einem sofort
für sie einnehmenden Ausdruck auf die Bittstellerin zutrat und ihr die
Hand reichte. »Meine liebe, gnädigste Frau«, sagte sie, »welche Freude
für mich, Sie wiederzusehen ...«

Und während sie das sagte, schritt sie auf das Sofa zu und zog Effi,
während sie selber Platz nahm, zu sich nieder.

Effi war bewegt durch die sich in allem aussprechende Herzensgüte.
Keine Spur von Überheblichkeit oder Vorwurf, nur menschlich schöne
Teilnahme. »Womit kann ich Ihnen dienen?« nahm die Ministerin noch
einmal das Wort.

Um Effis Mund zuckte es. Endlich sagte sie. »Was mich herführt, ist
eine Bitte, deren Erfüllung Exzellenz vielleicht möglich machen. Ich
habe eine zehnjährige Tochter, die ich seit drei Jahren nicht gesehen
habe und gern wiedersehen möchte.«

Die Ministerin nahm Effis Hand und sah sie freundlich an. »Wenn ich
sage, in drei Jahren nicht gesehen, so ist das nicht ganz richtig. Vor
drei Tagen habe ich sie wiedergesehen.« Und nun schilderte Effi mit
großer Lebendigkeit die Begegnung, die sie mit Annie gehabt hatte.
»Vor meinem eigenen Kinde auf der Flucht. Ich weiß wohl, man liegt,
wie man sich bettet, und ich will nichts ändern in meinem Leben. Wie
es ist, so ist es recht; ich habe es nicht anders gewollt. Aber das
mit dem Kinde, das ist doch zu hart, und so habe ich denn den Wunsch,
es dann und wann sehen zu dürfen, nicht heimlich und verstohlen,
sondern mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten.«

»Unter Wissen und Zustimmung aller Beteiligten«, wiederholte die
Ministerin Effis Worte. »Das heißt also unter Zustimmung Ihres Herrn
Gemahls. Ich sehe, daß seine Erziehung dahin geht, das Kind von der
Mutter fernzuhalten, ein Verfahren, über das ich mir kein Urteil
erlaube. Vielleicht, daß er recht hat; verzeihen Sie mir diese
Bemerkung, gnädige Frau.«

Effi nickte.

»Sie finden sich selbst in der Haltung Ihres Herrn Gemahls zurecht
und verlangen nur, daß einem natürlichen Gefühl, wohl dem schönsten
unserer Gefühle (wenigstens wir Frauen werden uns darin finden), sein
Recht werde. Treff ich es darin?«

»In allem.«

»Und so soll ich denn die Erlaubnis zu gelegentlichen Begegnungen
erwirken, in Ihrem Hause, wo Sie versuchen können, sich das Herz Ihres
Kindes zurückzuerobern.«

Effi drückte noch einmal ihre Zustimmung aus, während die Ministerin
fortfuhr: »Ich werde also tun, meine gnädigste Frau, was Ich tun kann.
Aber wir werden es nicht eben leicht haben. Ihr Herr Gemahl, verzeihen
Sie, daß ich ihn nach wie vor so nenne, ist ein Mann der nicht nach
Stimmungen und Laune, sondern nach Grundsätzen handelt und diese
fallenzulassen oder auch nur momentan aufzugeben, wird ihn
hart ankommen. Läg' es nicht so, so wäre seine Handlungs- und
Erziehungsweise längst eine andere gewesen. Das, was hart für Ihr Herz
ist, hält er für richtig.«

»So meinen Exzellenz vielleicht, es wäre besser, meine Bitte
zurückzunehmen?«

»Doch nicht. Ich wollte nur das Tun Ihres Herrn Gemahls erklären, um
nicht zu sagen rechtfertigen, und wollte zugleich die Schwierigkeiten
andeuten, auf die wir aller Wahrscheinlichkeit nach stoßen werden.
Aber ich denke, wir zwingen es trotzdem. Denn wir Frauen, wenn wir's
klug einleiten und den Bogen nicht überspannen, wissen mancherlei
durchzusetzen. Zudem gehört Ihr Herr Gemahl zu meinen besonderen
Verehrern, und er wird mir eine Bitte, die ich an ihn richte, nicht
wohl abschlagen. Wir haben morgen einen kleinen Zirkel, auf dem ich
ihn sehe, und übermorgen früh haben Sie ein paar Zeilen von mir, die
Ihnen sagen werden, ob ich's klug, das heißt glücklich eingeleitet
oder nicht. Ich denke, wir siegen in der Sache, und Sie werden Ihr
Kind wiedersehen und sich seiner freuen. Es soll ein sehr schönes
Mädchen sein. Nicht zu verwundern.«



Dreiunddreißigstes Kapitel

Am zweitfolgenden Tage trafen, wie versprochen, einige Zeilen ein, und
Effi las: »Es freut mich, liebe gnädige Frau, Ihnen gute Nachricht
geben zu können. Alles ging nach Wunsch; Ihr Herr Gemahl ist zu
sehr Mann von Welt, um einer Dame eine von ihr vorgetragene Bitte
abschlagen zu können; zugleich aber - auch das darf ich Ihnen nicht
verschweigen -, ich sah deutlich, daß sein 'Ja' nicht dem entsprach,
was er für klug und recht hält. Aber kritteln wir nicht, wo wir uns
freuen sollen. Ihre Annie, so haben wir es verabredet, wird über
Mittag kommen, und ein guter Stern stehe über Ihrem Wiedersehen.«

Es war mit der zweiten Post, daß Effi diese Zeilen empfing, und bis zu
Annies Erscheinen waren mutmaßlich keine zwei Stunden mehr. Eine kurze
Zeit, aber immer noch zu lang, und Effi schritt in Unruhe durch beide
Zimmer und dann wieder in die Küche, wo sie mit Roswitha von allem
möglichen sprach: von dem Efeu drüben an der Christuskirche, nächstes
Jahr würden die Fenster wohl ganz zugewachsen sein, von dem Portier,
der den Gashahn wieder so schlecht zugeschraubt habe (sie würden doch
noch nächstens in die Luft fliegen), und daß sie das Petroleum doch
lieber wieder aus der großen Lampenhandlung Unter den Linden als aus
der Anhaltstraße holen solle - von allem möglichen sprach sie, nur von
Annie nicht, weil sie die Furcht nicht aufkommen lassen wollte, die
trotz der Zeilen der Ministerin, oder vielleicht auch um dieser Zeilen
willen, in ihr lebte.

Nun war Mittag. Endlich wurde geklingelt, schüchtern, und Roswitha
ging, um durch das Guckloch zu sehen. Richtig, es war Annie. Roswitha
gab dem Kinde einen Kuß, sprach aber sonst kein Wort, und ganz leise,
wie wenn ein Kranker im Hause wäre, führte sie das Kind vom Korridor
her erst in die Hinterstube und dann bis an die nach vorn führende
Tür.

»Da geh hinein, Annie.« Und unter diesen Worten, sie wollte nicht
stören, ließ sie das Kind allein und ging wieder auf die Küche zu.

Effi stand am andern Ende des Zimmers, den Rücken gegen den
Spiegelpfeiler, als das Kind eintrat. »Annie!« Aber Annie blieb an
der nur angelehnten Tür stehen, halb verlegen, aber halb auch mit
Vorbedacht, und so eilte denn Effi auf das Kind zu, hob es in die Höhe
und küßte es.

»Annie, mein süßes Kind, wie freue ich mich. Komm, erzähle mir«,
und dabei nahm sie Annie bei der Hand und ging auf das Sofa zu, um
sich da zu setzen. Annie stand aufrecht und griff, während sie die
Mutter immer noch scheu ansah, mit der Linken nach dem Zipfel der
herabhängenden Tischdecke. »Weißt du wohl, Annie, daß ich dich einmal
gesehen habe?«

»Ja, mir war es auch so.«

»Und nun erzähle mir recht viel. Wie groß du geworden bist! Und das
ist die Narbe da; Roswitha hat mir davon erzählt. Du warst immer so
wild und ausgelassen beim Spielen. Das hast du von deiner Mama, die
war auch so. Und in der Schule? Ich denke mir, du bist immer die
Erste, du siehst mir so aus, als müßtest du eine Musterschülerin
sein und immer die besten Zensuren nach Hause bringen. Ich habe auch
gehört, daß dich das Fräulein von Wedelstädt so gelobt haben soll.
Das ist recht; ich war auch so ehrgeizig, aber ich hatte nicht solche
gute Schule. Mythologie war immer mein Bestes. Worin bist du denn am
besten?«

»Ich weiß es nicht.«

»Oh, du wirst es schon wissen. Das weiß man. Worin hast du denn die
beste Zensur?«

»In der Religion.«

»Nun, siehst du, da weiß ich es doch. Ja, das ist sehr schön; ich war
nicht so gut darin, aber es wird wohl auch an dem Unterricht gelegen
haben. Wir hatten bloß einen Kandidaten.«

»Wir hatten auch einen Kandidaten.« »Und der ist fort?«

Annie nickte.

»Warum ist er fort?«

»Ich weiß es nicht. Wir haben nun wieder den Prediger.« »Den ihr alle
sehr liebt.«

»Ja; zwei aus der ersten Klasse wollen auch übertreten.« »Ah, ich
verstehe; das ist schön. Und was macht Johanna?« »Johanna hat mich bis
vor das Haus begleitet ...«

»Und warum hast du sie nicht mit heraufgebracht?«

»Sie sagte, sie wolle lieber unten bleiben und an der Kirche drüben
warten.«

»Und da sollst du sie wohl abholen?« »Ja.«

»Nun, sie wird da hoffentlich nicht ungeduldig werden. Es ist ein
kleiner Vorgarten da, und die Fenster sind schon halb von Efeu
überwachsen, als ob es eine alte Kirche wäre.«

»Ich möchte sie aber doch nicht gerne warten lassen ...« »Ach, ich
sehe, du bist sehr rücksichtsvoll, und darüber werde ich mich wohl
freuen müssen. Man muß es nur richtig einteilen ... Und nun sage mir
noch, was macht Rollo?«

»Rollo ist sehr gut. Aber Papa sagt, er würde so faul; er liegt immer
in der Sonne.«

»Das glaub ich. So war er schon, als du noch ganz klein warst ...
Und nun sage mir, Annie - denn heute haben wir uns ja bloß so mal
wiedergesehen -, wirst du mich öfter besuchen?«

»O gewiß, wenn ich darf.«

»Wir können dann in dem Prinz Albrechtschen Garten spazierengehen.«

»O gewiß, wenn ich darf.«

»Oder wir gehen zu Schilling und essen Eis, Ananas- oder Vanilleeis,
das aß ich immer am liebsten.«

»O gewiß, wenn ich darf.«

Und bei diesem dritten »wenn ich darf« war das Maß voll; Effi sprang
auf, und ein Blick, in dem es wie Empörung aufflammte, traf das Kind.
»Ich glaube, es ist die höchste Zeit, Annie; Johanna wird sonst
ungeduldig.« Und sie zog die Klingel. Roswitha, die schon im
Nebenzimmer war, trat gleich ein. »Roswitha, gib Annie das Geleit bis
drüben zur Kirche. Johanna wartet da. Hoffentlich hat sie sich nicht
erkältet. Es sollte mir leid tun. Grüße Johanna.«

Und nun gingen beide.

Kaum aber, daß Roswitha draußen die Tür ins Schloß gezogen hatte, so
riß Effi, weil sie zu ersticken drohte, ihr Kleid auf und verfiel in
ein krampfhaftes Lachen. »So also sieht ein Wiedersehen aus«, und
dabei stürzte sie nach vorn, öffnete die Fensterflügel und suchte
nach etwas, das ihr beistehe. Und sie fand auch was in der Not ihres
Herzens. Da neben dem Fenster war ein Bücherbrett, ein paar Bände
von Schiller und Körner darauf, und auf den Gedichtbüchern, die alle
gleiche Höhe hatten, lag eine Bibel und ein Gesangbuch. Sie griff
danach, weil sie was haben mußte, vor dem sie knien und beten konnte,
und legte Bibel und Gesangbuch auf den Tischrand, gerade da, wo Annie
gestanden hatte, und mit einem heftigen Ruck warf sie sich davor
nieder und sprach halblaut vor sich hin: »O du Gott im Himmel, vergib
mir, was ich getan; ich war ein Kind ... Aber nein, nein, ich war kein
Kind, ich war alt genug, um zu wissen, was ich tat. Ich hab es auch
gewußt, und ich will meine Schuld nicht kleiner machen, ... aber das
ist zuviel. Denn das hier, mit dem Kinde, das bist nicht du, Gott, der
mich strafen will, das ist er, bloß er! Ich habe geglaubt, daß er ein
edles Herz habe, und habe mich immer klein neben ihm gefühlt; aber
jetzt weiß ich, daß er es ist, er ist klein. Und weil er klein ist,
ist er grausam. Alles, was klein ist, ist grausam. Das hat er dem
Kinde beigebracht, ein Schulmeister war er immer, Crampas hat ihn so
genannt, spöttisch damals, aber er hat recht gehabt. '0 gewiß, wenn
ich darf.' Du brauchst nicht zu dürfen; ich will euch nicht mehr, ich
hasse euch, auch mein eigen Kind. Was zuviel ist, ist zuviel. Ein
Streber war er, weiter nichts. - Ehre, Ehre, Ehre ... und dann hat er
den armen Kerl totgeschossen, den ich nicht einmal liebte und den ich
vergessen hatte, weil ich ihn nicht liebte. Dummheit war alles, und
nun Blut und Mord. Und ich schuld. Und nun schickt er mir das Kind,
weil er einer Ministerin nichts abschlagen kann, und ehe er das Kind
schickt, richtet er's ab wie einen Papagei und bringt ihm die Phrase
bei 'wenn ich darf'. Mich ekelt, was ich getan; aber was mich noch
mehr ekelt, das ist eure Tugend. Weg mit euch. Ich muß leben, aber
ewig wird es ja wohl nicht dauern.«

Als Roswitha wiederkam, lag Effi am Boden, das Gesicht abgewandt, wie
leblos.



Vierunddreißigstes Kapitel

Rummschüttel, als er gerufen wurde, fand Effis Zustand nicht
unbedenklich. Das Hektische, das er seit Jahr und Tag an ihr
beobachtete, trat ihm ausgesprochener als früher entgegen, und was
schlimmer war, auch die ersten Zeichen eines Nervenleidens waren da.
Seine ruhig freundliche Weise aber, der er einen Beisatz von Laune zu
geben wußte, tat Effi wohl, und sie war ruhig, solange Rummschüttel um
sie war. Als er schließlich ging, begleitete Roswitha den alten Herrn
bis in den Vorflur und sagte: »Gott, Herr Geheimrat, mir ist so bange;
wenn es nu mal wiederkommt, und es kann doch; Gott - da hab' ich
ja keine ruhige Stunde mehr. Es war aber doch auch zuviel, das mit
dem Kind. Die arme gnädige Frau. Und noch so jung, wo manche erst
anfangen.«

»Lassen Sie nur, Roswitha. Kann noch alles wieder werden. Aber sie muß
fort. Wir wollen schon sehen. Andere Luft, andere Menschen.«

Den zweiten Tag danach traf ein Brief in Hohen-Cremmen ein, der
lautete: »Gnädigste Frau! Meine alten freundschaftlichen Beziehungen
zu den Häusern Briest und Belling und nicht zum wenigsten die
herzliche Liebe, die ich zu Ihrer Frau Tochter hege, werden diese
Zeilen rechtfertigen. Es geht so nicht weiter. Ihre Frau Tochter, wenn
nicht etwas geschieht, das sie der Einsamkeit und dem Schmerzlichen
ihres nun seit Jahren geführten Lebens entreißt, wird schnell
hinsiechen. Eine Disposition zu Phtisis war immer da, weshalb ich
schon vorjahren Ems verordnete; zu diesem alten Übel hat sich nun ein
neues gesellt: Ihre Nerven zehren sich auf. Dem Einhalt zu tun, ist
ein Luftwechsel nötig. Aber wohin? Es würde nicht schwer sein, in
den schlesischen Bädern eine Auswahl zu treffen, Salzbrunn gut, und
Reinerz, wegen der Nervenkomplikation, noch besser. Aber es darf nur
Hohen-Cremmen sein. Denn, meine gnädigste Frau, was Ihrer Frau Tochter
Genesung bringen kann, ist nicht Luft allein; sie siecht hin, weil sie
nichts hat als Roswitha. Dienertreue ist schön, aber Elternliebe ist
besser. Verzeihen Sie einem alten Manne dies Sicheinmischen in Dinge,
die jenseits seines ärztlichen Berufes liegen. Und doch auch wieder
nicht, denn es ist schließlich auch der Arzt, der hier spricht und
seiner Pflicht nach, verzeihen Sie dies Wort, Forderungen stellt ...
Ich habe so viel vom Leben gesehen ... aber nichts mehr in diesem
Sinne. Mit der Bitte, mich Ihrem Herrn Gemahl empfehlen zu wollen, in
vorzüglicher Ergebenheit Doktor Rummschüttel.« Frau von Briest hatte
den Brief ihrem Manne vorgelesen; beide saßen auf dem schattigen
Steinfliesengang, den Gartensaal im Rücken, das Rondell mit der
Sonnenuhr vor sich. Der um die Fenster sich rankende wilde Wein
bewegte sich leise in dem Luftzug, der ging, und über dem Wasser
standen ein paar Libellen im hellen Sonnenschein.

Briest schwieg und trommelte mit dem Finger auf dem Teebrett. »Bitte,
trommle nicht; sprich lieber.«

»Ach, Luise, was soll ich sagen. Daß ich trommle, sagt gerade genug.
Du weißt seit Jahr und Tag, wie ich darüber denke. Damals, als
Innstettens Brief kam, ein Blitz aus heiterem Himmel, damals war ich
deiner Meinung. Aber das ist nun schon wieder eine halbe Ewigkeit her;
soll ich hier bis an mein Lebensende den Großinquisitor spielen? Ich
kann dir sagen, ich hab es seit langem satt ...«

»Mache mir keine Vorwürfe, Briest; ich liebe sie so wie du, vielleicht
noch mehr, jeder hat seine Art. Aber man lebt doch nicht bloß in der
Welt, um schwach und zärtlich zu sein und alles mit Nachsicht zu
behandeln, was gegen Gesetz und Gebot ist und was die Menschen
verurteilen und, vorläufig wenigstens, auch noch - mit Recht
verurteilen.«

»Ach was. Eins geht vor.«

»Natürlich, eins geht vor; aber was ist das eine?«

»Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Und wenn man gar bloß eines
hat ...«

»Dann ist es vorbei mit Katechismus und Moral und mit dem Anspruch der
'Gesellschaft'.«

»Ach, Luise, komme mir mit Katechismus, soviel du willst; aber komme
mir nicht mit 'Gesellschaft'.«

»Es ist sehr schwer, sich ohne Gesellschaft zu behelfen.« »Ohne Kind
auch. Und dann glaube mir, Luise, die 'Gesellschaft', wenn sie nur
will, kann auch ein Auge zudrücken. Und ich stehe so zu der Sache:
Kommen die Rathenower, so ist es gut, und kommen sie nicht, so ist es
auch gut. Ich werde ganz einfach telegrafieren: 'Effi komm.' Bist du
einverstanden?« Sie stand auf und gab ihm einen Kuß auf die Stirn.
»Natürlich bin ich's. Du solltest mir nur keinen Vorwurf machen. Ein
leichter Schritt ist es nicht. Und unser Leben wird von Stund an ein
anderes.«

»Ich kann's aushalten. Der Raps steht gut, und im Herbst kann ich
einen Hasen hetzen. Und der Rotwein schmeckt mir noch. Und wenn ich
das Kind erst wieder im Hause habe, dann schmeckt er mir noch besser
... Und nun will ich das Telegramm schicken.«

Effi war nun schon über ein halbes Jahr in Hohen-Cremmen; sie bewohnte
die beiden Zimmer im ersten Stock, die sie schon früher, wenn sie
zu Besuch da war, bewohnt hatte; das größere war für sie persönlich
hergerichtet, nebenan schlief Roswitha. Was Rummschüttel von diesem
Aufenthalt und all dem andern Guten erwartet hatte, das hatte sich
auch erfüllt, soweit sich's erfüllen konnte. Das Hüsteln ließ nach,
der herbe Zug, der das so gütige Gesicht um ein gut Teil seines
Liebreizes gebracht hatte, schwand wieder hin, und es kamen Tage, wo
sie wieder lachen konnte. Von Kessin und allem, was da zurücklag,
wurde wenig gesprochen, mit alleiniger Ausnahme von Frau von Padden
und natürlich von Gieshübler, für den der alte Briest eine lebhafte
Vorliebe hatte. »Dieser Alonzo, dieser Preciosaspanier, der einen
Mirambo beherbergt und eine Trippelli großzieht - ja, das muß ein
Genie sein, das laß ich mir nicht ausreden.« Und dann mußte sich Effi
bequemen, ihm den ganzen Gieshübler, mit dem Hut in der Hand und
seinen endlosen Artigkeitsverbeugungen, vorzuspielen, was sie, bei dem
ihr eigenen Nachahmungstalent, sehr gut konnte, trotzdem aber ungern
tat, weil sie's allemal als ein Unrecht gegen den guten und lieben
Menschen empfand. - Von Innstetten und Annie war nie die Rede, wiewohl
feststand, daß Annie Erbtochter sei und Hohen-Cremmen ihr zufallen
würde. Ja, Effi lebte wieder auf, und die Mama, die nach Frauenart
nicht ganz abgeneigt war, die ganze Sache, so schmerzlich sie blieb,
als einen interessanten Fall anzusehen, wetteiferte mit ihrem Manne in
Liebes- und Aufmerksamkeitsbezeugungen.

»Solchen Winter haben wir lange nicht gehabt«, sagte Briest. Und dann
erhob sich Effi von ihrem Platz und streichelte ihm das spärliche
Haar aus der Stirn. Aber so schön das alles war, auf Effis Gesundheit
hin angesehen, war es doch alles nur Schein, in Wahrheit ging die
Krankheit weiter und zehrte still das Leben auf. Wenn Effi - die
wieder, wie damals an ihrem Verlobungstag mit Innstetten, ein blau
und weiß gestreiftes Kittelkleid mit einem losen Gürtel trug - rasch
und elastisch auf die Eltern zutrat, um ihnen einen guten Morgen zu
bieten, so sahen sich diese freudig verwundert an, freudig verwundert,
aber doch auch wehmütig, weil ihnen nicht entgehen konnte, daß es
nicht die helle Jugend, sondern eine Verklärtheit war, was der
schlanken Erscheinung und den leuchtenden Augen diesen eigentümlichen
Ausdruck gab. Alle, die schärfer zusahen, sahen dies, nur Effi selbst
sah es nicht und lebte ganz dem Glücksgefühle, wieder an dieser für
sie so freundlich friedreichen Stelle zu sein, in Versöhnung mit
denen, die sie immer geliebt hatte und von denen sie immer geliebt
worden war, auch in den Jahren ihres Elends und ihrer Verbannung.

Sie beschäftigte sich mit allerlei Wirtschaftlichem und sorgte für
Ausschmückung und kleine Verbesserungen im Haushalt. Ihr Sinn für das
Schöne ließ sie darin immer das Richtige treffen. Lesen aber und vor
allem die Beschäftigung mit den Künsten hatte sie ganz aufgegeben.
»Ich habe davon so viel gehabt, daß ich froh bin, die Hände in den
Schoß legen zu können.« Es erinnerte sie auch wohl zu sehr an ihre
traurigen Tage. Sie bildete statt dessen die Kunst aus, still und
entzückt auf die Natur zu blicken, und wenn das Laub von den Platanen
fiel, wenn die Sonnenstrahlen auf dem Eis des kleinen Teiches blitzten
oder die ersten Krokus aus dem noch halb winterlichen Rondell
aufblühten - das tat ihr wohl, und auf all das konnte sie stundenlang
blicken und dabei vergessen, was ihr das Leben versagt, oder richtiger
wohl, um was sie sich selbst gebracht hatte.

Besuch blieb nicht ganz aus, nicht alle stellten sich gegen sie; ihren
Hauptverkehr aber hatte sie doch in Schulhaus und Pfarre. Daß im
Schulhaus die Töchter ausgeflogen waren, schadete nicht viel, es würde
nicht mehr so recht gegangen sein; aber zu Jahnke selbst - der nicht
bloß ganz Schwedisch-Pommern, sondern auch die Kessiner Gegend als
skandinavisches Vorland ansah und beständig darauf bezügliche Fragen
stellte -, zu diesem alten Freunde stand sie besser denn je. »Ja,
Jahnke, wir hatten ein Dampfschiff, und wie ich Ihnen, glaub' ich,
schon einmal schrieb oder vielleicht auch schon mal erzählt habe,
beinahe wär ich wirklich ,rüber nach Wisby gekommen. Denken Sie sich,
beinahe nach Wisby. Es ist komisch, aber ich kann eigentlich von
vielem in meinem Leben sagen, 'beinah'.«

»Schade, schade«, sagte Jahnke.

»Ja, freilich schade. Aber auf Rügen bin ich wirklich umhergefahren.
Und das wäre so was für Sie gewesen, Jahnke. Denken Sie sich, Arkona
mit einem großen Wendenlagerplatz, der noch sichtbar sein soll;
denn ich bin nicht hingekommen; aber nicht allzuweit davon ist der
Herthasee mit weißen und gelben Mummeln. Ich habe da viel an Ihre
Hertha denken müssen ...«

»Nun, ja, ja, Hertha ... Aber Sie wollten von dem Herthasee
sprechen ...«

»Ja, das wollt' ich ... Und denken Sie sich, Jahnke, dicht an dem
See standen zwei große Opfersteine, blank und noch die Rinnen drin,
in denen vordem das Blut ablief. Ich habe von der Zeit an einen
Widerwillen gegen die Wenden.«

»Ach, gnäd'ge Frau verzeihen. Aber das waren ja keine Wenden. Das mit
den Opfersteinen und mit dem Herthasee, das war ja schon viel, viel
früher, ganz vor Christum natum; reine Germanen, von denen wir alle
abstammen ...«

»Versteht sich«, lachte Effi, »von denen wir alle abstammen, die
Jahnkes gewiß und vielleicht auch die Briests.«

Und dann ließ sie Rügen und den Herthasee fallen und fragte nach
seinen Enkeln und welche ihm lieber wären; die von Bertha oder die
von Hertha Ja, Effi stand gut zu Jahnke. Aber trotz seiner intimen
Stellung zu Herthasee, Skandinavien und Wisby war er doch nur
ein einfacher Mann, und so konnte es nicht ausbleiben, daß der
vereinsamten jungen Frau die Plaudereien mit Niemeyer um vieles lieber
waren. Im Herbst, solange sich im Parke promenieren ließ, hatte sie
denn auch die Hülle und Fülle davon; mit dem Eintreten des Winters
aber kam eine mehrmonatige Unterbrechung, weil sie das Predigerhaus
selbst nicht gern betrat; Frau Pastor Niemeyer war immer eine sehr
unangenehme Frau gewesen und schlug jetzt vollends hohe Töne an,
trotzdem sie nach Ansicht der Gemeinde selber nicht ganz einwandfrei
war.

Das ging so den ganzen Winter durch, sehr zu Effis Leidwesen. Als dann
aber, Anfang April, die Sträucher einen grünen Rand zeigten und die
Parkwege rasch abtrockneten, da wurden auch die Spaziergänge wieder
aufgenommen.

Einmal gingen sie auch wieder so. Von fernher hörte man den Kuckuck,
und Effi zählte, wie viele Male er rief. Sie hatte sich an Niemeyers
Arm gehängt und sagte: »Ja, da ruft der Kuckuck. Ich mag ihn nicht
befragen. Sagen Sie, Freund, was halten Sie vom Leben?«

»Ach, liebe Effi, mit solchen Doktorfragen darfst du mir nicht kommen.
Da mußt du dich an einen Philosophen wenden oder ein Ausschreiben
an eine Fakultät machen. Was ich vom Leben halte? Viel und wenig.
Mitunter ist es recht viel, und mitunter ist es recht wenig.«

»Das ist recht, Freund, das gefällt mir; mehr brauch' ich nicht zu
wissen.« Und als sie das so sagte, waren sie bis an die Schaukel
gekommen. Sie sprang hinauf mit einer Behendigkeit wie in ihren
jüngsten Mädchentagen, und ehe sich noch der Alte, der ihr zusah,
von seinem halben Schreck erholen konnte, huckte sie schon zwischen
den zwei Stricken nieder und setzte das Schaukelbrett durch ein
geschicktes Auf- und Niederschnellen ihres Körpers in Bewegung. Ein
paar Sekunden noch, und sie flog durch die Luft, und bloß mit einer
Hand sich haltend, riß sie mit der andern ein kleines Seidentuch von
Brust und Hals und schwenkte es wie in Glück und Übermut. Dann ließ
sie die Schaukel wieder langsam gehen und sprang herab und nahm wieder
Niemeyers Arm.

»Effi, du bist doch noch immer, wie du früher warst.«

»Nein. Ich wollte, es wäre so. Aber es liegt ganz zurück, und ich hab
es nur noch einmal versuchen wollen. Ach, wie schön es war, und wie
mir die Luft wohltat; mir war, als flög ich in den Himmel. Ob ich wohl
hineinkomme? Sagen Sie mir's Freund, Sie müssen es wissen. Bitte,
bitte ...«

Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten Hände und gab ihr einen
Kuß auf die Stirn und sagte: »Ja, Effi, du wirst.«



Fünfunddreißigstes Kapitel

Effi war den ganzen Tag draußen im Park, weil sie das Luftbedürfnis
hatte; der alte Friesacker Doktor Wiesike war auch einverstanden
damit, gab ihr aber in diesem Stück doch zu viel Freiheit, zu tun,
was sie wolle, so daß sie sich während der kalten Tage im Mai heftig
erkältete: Sie wurde fiebrig, hustete viel, und der Doktor, der
sonst jeden dritten Tag herüberkam, kam jetzt täglich und war in
Verlegenheit, wie er der Sache beikommen solle, denn die Schlaf- und
Hustenmittel, nach denen Effi verlangte, konnten ihr des Fiebers
halber nicht gegeben werden.

»Doktor«, sagte der alte Briest, »was wird aus der Geschichte? Sie
kennen sie ja von klein auf, haben sie geholt. Mir gefällt das alles
nicht; sie nimmt sichtlich ab, und die roten Flecke und der Glanz in
den Augen, wenn sie mich mit einem Male so fragend ansieht. Was meinen
Sie? Was wird? Muß sie sterben?«

Wiesike wiegte den Kopf langsam hin und her. »Das will ich nicht
sagen, Herr von Briest Daß sie so fiebert, gefällt mir nicht. Aber wir
werden es schon wieder runter kriegen, dann muß sie nach der Schweiz
oder nach Mentone. Reine Luft und freundliche Eindrücke, die das Alte
vergessen machen ...«

»Lethe, Lethe.«

»Ja, Lethe«, lächelte Wiesike. »Schade, daß uns die alten Schweden,
die Griechen, bloß das Wort hinterlassen haben und nicht zugleich auch
die Quelle selbst ...«

»Oder wenigstens das Rezept dazu; Wässer werden ja jetzt nachgemacht.
Alle Wetter, Wiesike, das wär ein Geschäft, wenn wir hier so ein
Sanatorium anlegen könnten: Friesack als Vergessenheitsquelle. Nun,
vorläufig wollen wir's mit der Riviera versuchen. Mentone ist ja
wohl Riviera? Die Kornpreise sind zwar in diesem Augenblicke wieder
schlecht, aber was sein muß, muß sein. Ich werde mit meiner Frau
darüber sprechen.«

Das tat er denn auch und fand sofort seiner Frau Zustimmung, deren in
letzter Zeit - wohl unter dem Eindruck zurückgezogenen Lebens - stark
erwachte Lust, auch mal den Süden zu sehen, seinem Vorschlage zu Hilfe
kam. Aber Effi selbst wollte nichts davon wissen. »Wie gut ihr gegen
mich seid. Und ich bin egoistisch genug, ich würde das Opfer auch
annehmen, wenn ich mir etwas davon verspräche. Mir steht es aber fest,
daß es mir bloß schaden würde.«

»Das redest du dir ein, Effi.«

»Nein. Ich bin so reizbar geworden; alles ärgert mich. Nicht hier bei
euch. Ihr verwöhnt mich und räumt mir alles aus dem Wege. Aber auf
einer Reise, da geht das nicht, da läßt sich das Unangenehme nicht so
beiseite tun; mit dem Schaffner fängt es an, und mit dem Kellner hört
es auf. Wenn ich mir die süffisanten Gesichter bloß vorstelle, so wird
mir schon ganz heiß. Nein, nein, laßt mich hier. Ich mag nicht mehr
weg von Hohen-Cremmen, hier ist meine Stelle. Der Heliotrop unten auf
dem Rondell, um die Sonnenuhr herum, ist mir lieber als Mentone.«

Nach diesem Gespräch ließ man den Plan wieder fallen, und Wiesike,
soviel er sich von Italien versprochen hatte, sagte: »Das müssen wir
respektieren, denn das sind keine Launen; solche Kranken haben ein
sehr feines Gefühl und wissen mit merkwürdiger Sicherheit, was ihnen
hilft und was nicht. Und was Frau Effi da gesagt hat von Schaffner und
Kellner, das ist doch auch eigentlich ganz richtig, und es gibt keine
Luft, die so viel Heilkraft hätte, den Hotelärger (wenn man sich
überhaupt darüber ärgert) zu balancieren. Also lassen wir sie hier;
wenn es nicht das beste ist, so ist es gewiß nicht das schlechteste.«

Das bestätigte sich denn auch. Effi erholte sich, nahm um ein geringes
wieder zu (der alte Briest gehörte zu den Wiegefanatikern) und verlor
ein gut Teil ihrer Reizbarkeit. Dabei war aber ihr Luftbedürfnis in
einem beständigen Wachsen, und zumal wenn Westwind ging und graues
Gewölk am Himmel zog, verbrachte sie viele Stunden im Freien. An
solchen Tagen ging sie wohl auch auf die Felder hinaus und ins Luch,
oft eine halbe Meile weit, und setzte sich, wenn sie müde geworden,
auf einen Hürdenzaun und sah, in Träume verloren, auf die Ranunkeln
und roten Ampferstauden, die sich im Winde bewegten.

»Du gehst immer so allein«, sagte Frau von Briest. »Unter unseren
Leuten bist du sicher; aber es schleicht auch so viel fremdes Gesindel
umher.«

Das machte doch einen Eindruck auf Effi, die an Gefahr nie gedacht
hatte, und als sie mit Roswitha allein war, sagte sie: »Dich kann ich
nicht gut mitnehmen, Roswitha; du bist zu dick und nicht mehr fest auf
den Füßen.«

»Nu, gnäd'ge Frau, so schlimm ist es doch noch nicht. Ich könnte ja
doch noch heiraten.«

»Natürlich«, lachte Effi. »Das kann man immer noch. Aber weißt du,
Roswitha, wenn ich einen Hund hätte, der mich begleitete. Papas
Jagdhund hat gar kein Attachement für mich, Jagdhunde sind so dumm,
und er rührt sich immer erst, wenn der Jäger oder der Gärtner die
Flinte vom Riegel nimmt. Ich muß jetzt oft an Rollo denken.«

»Ja«, sagte Roswitha, »so was wie Rollo haben sie hier gar nicht. Aber
damit will ich nichts gegen 'hier' gesagt haben. Hohen-Cremmen ist
sehr gut.«

Es war drei, vier Tage nach diesem Gespräche zwischen Effi und
Roswitha, daß Innstetten um eine Stunde früher in sein Arbeitszimmer
trat als gewöhnlich. Die Morgensonne, die sehr hell schien, hatte ihn
geweckt, und weil er fühlen mochte, daß er nicht wieder einschlafen
würde, war er aufgestanden, um sich an eine Arbeit zu machen, die
schon seit geraumer Zeit der Erledigung harrte.

Nun war es eine Viertelstunde nach acht, und er klingelte. Johanna
brachte das Frühstückstablett, auf dem neben der Kreuzzeitung und der
Norddeutschen Allgemeinen auch noch zwei Briefe lagen. Er überflog die
Adressen und erkannte an der Handschrift, daß der eine vom Minister
war. Aber der andere? Der Poststempel war nicht deutlich zu lesen,
und das »Sr. Wohlgeboren Herrn Baron von Innstetten« bezeugte eine
glückliche Unvertrautheit mit den landesüblichen Titulaturen. Dem
entsprachen auch die Schriftzüge von sehr primitivem Charakter. Aber
die Wohnungsangabe war wieder merkwürdig genau: W. Keithstraße I C,
zwei Treppen hoch.

Innstetten war Beamter genug, um den Brief von »Exzellenz« zuerst zu
erbrechen. »Mein lieber Innstetten! Ich freue mich, Ihnen mitteilen
zu können, daß Seine Majestät Ihre Ernennung zu unterzeichnen geruht
haben, und gratuliere Ihnen aufrichtig dazu.« Innstetten war erfreut
über die liebenswürdigen Zeilen des Ministers, fast mehr als über
die Ernennung selbst. Denn was das Höherhinaufklimmen auf der Leiter
anging, so war er seit dem Morgen in Kessin, wo Crampas mit einem
Blick, den er immer vor Augen hatte, Abschied von ihm genommen, etwas
kritisch gegen derlei Dinge geworden. Er maß seitdem mit anderem Maß,
sah alles anders an. Auszeichnung, was war es am Ende? Mehr als einmal
hatte er während der ihm immer freudloser dahinfließenden Tage einer
halbvergessenen Ministerialanekdote aus den Zeiten des älteren
Ladenberg her gedenken müssen, der, als er nach langem Warten den
Roten Adlerorden empfing, ihn wütend und mit dem Ausruf beiseite warf:
»Da liege, bis du schwarz wirst.« Wahrscheinlich war er dann hinterher
auch »schwarz« geworden, aber um viele Tage zu spät und sicherlich
ohne rechte Befriedigung für den Empfänger.

Alles, was uns Freude machen soll, ist an Zeit und Umstände gebunden,
und was uns heute noch beglückt, ist morgen wertlos. Innstetten
empfand das tief, und so gewiß ihm an Ehren und Gunstbezeugungen von
oberster Stelle her lag, wenigstens gelegen hatte, so gewiß stand
ihm jetzt fest, es käme bei dem glänzenden Schein der Dinge nicht
viel heraus, und das, was man »das Glück« nenne, wenn's überhaupt
existiere, sei was anderes als dieser Schein. »Das Glück, wenn mir
recht ist, liegt in zweierlei: darin, daß man ganz da steht, wo
man hingehört (aber welcher Beamte kann das von sich sagen), und
zum zweiten und besten in einem behaglichen Abwickeln des ganz
Alltäglichen, also darin, daß man ausgeschlafen hat und daß die neuen
Stiefel nicht drücken. Wenn einem die 720 Minuten eines zwölfstündigen
Tages ohne besonderen Ärger vergehen, so läßt sich von einem
glücklichen Tage sprechen.« In einer Stimmung, die derlei
schmerzlichen Betrachtungen nachhing, war Innstetten auch heute
wieder. Er nahm nun den zweiten Brief. Als er ihn gelesen, fuhr er
über seine Stirn und empfand schmerzlich, daß es ein Glück gebe, daß
er es gehabt, aber daß er es nicht mehr habe und nicht mehr haben
könne.

Johanna trat ein und meldete: »Geheimrat Wüllersdorf.« Dieser stand
schon auf der Türschwelle. »Gratuliere, Innstetten.«

»Ihnen glaub ich's; die anderen werden sich ärgern. Im übrigen ...«

»Im übrigen. Sie werden doch in diesem Augenblick nicht kritteln
wollen.«

»Nein. Die Gnade Seiner Majestät beschämt mich, und die wohlwollende
Gesinnung des Ministers, dem ich das alles verdanke, fast noch mehr.«

»Aber ...«

»Aber ich habe mich zu freuen verlernt. Wenn ich es einem anderen als
Ihnen sagte, so würde solche Rede für redensartlich gelten. Sie aber,
Sie finden sich darin zurecht. Sehen Sie sich hier um; wie leer und
öde ist das alles. Wenn die Johanna eintritt, ein sogenanntes Juwel,
so wird mir angst und bange. Dieses Sich-in-Szene-Setzen (und
Innstetten ahmte Johannas Haltung nach), diese halb komische
Büstenplastik, die wie mit einem Spezialanspruch auftritt, ich weiß
nicht, ob an die Menschheit oder an mich - ich finde das alles so
trist und elend, und es wäre zum Totschießen, wenn es nicht so
lächerlich wäre.«

»Lieber Innstetten, in dieser Stimmung wollen Sie Ministerialdirektor
werden?«

»Ah, bah. Kann es anders sein? Lesen Sie, diese Zeilen habe ich eben
bekommen.«

Wüllersdorf nahm den zweiten Brief mit dem unleserlichen Poststempel,
amüsierte sich über das »Wohlgeboren« und trat dann ans Fenster, um
bequemer lesen zu können.

»Gnäd'ger Herr! Sie werden sich wohl am Ende wundern, daß ich Ihnen
schreibe, aber es ist wegen Rollo. Anniechen hat uns schon voriges
Jahr gesagt: Rollo wäre jetzt so faul; aber das tut hier nichts, er
kann hier so faul sein, wie er will, je fauler, je besser. Und die
gnäd'ge Frau möchte es doch so gern. Sie sagt immer, wenn sie ins Luch
oder über Feld geht: 'Ich fürchte mich eigentlich, Roswitha, weil ich
da so allein bin; aber wer soll mich begleiten? Rollo, ja, das ginge;
der ist mir auch nicht gram. Das ist der Vorteil, daß sich die Tiere
nicht so drum kümmern.' Das sind die Worte der gnäd'gen Frau, und
weiter will ich nichts sagen und den gnäd'gen Herrn bloß noch bitten,
mein Anniechen zu grüßen. Und auch die Johanna. Von Ihrer treu
ergebenen Dienerin

Roswitha Gellenhagen«

»Ja«, sagte Wüllersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete,
»die ist uns über.«

»Finde ich auch.«

»Und das ist auch der Grund, daß Ihnen alles andere so fraglich
erscheint.«

»Sie treffen's. Es geht mir schon lange durch den Kopf, und diese
schlichten Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht
gewollten Anklage haben mich wieder vollends aus dem Häuschen
gebracht. Es quält mich seit Jahr und Tag schon, und ich möchte aus
dieser ganzen Geschichte heraus; nichts gefällt mir mehr; je mehr man
mich auszeichnet, je mehr fühle ich, daß dies alles nichts ist. Mein
Leben ist verpfuscht, und so hab ich mir im stillen ausgedacht, ich
müßte mit all den Strebungen und Eitelkeiten überhaupt nichts mehr zu
tun haben und mein Schulmeistertum, was ja wohl mein Eigentliches ist,
als ein höherer Sittendirektor verwenden können. Es hat ja dergleichen
gegeben. Ich müßte also, wenn's ginge, solche schrecklich berühmte
Figur werden, wie beispielsweise der Doktor Wichern im Rauhen Hause
zu Hamburg gewesen ist, dieser Mirakelmensch, der alle Verbrecher mit
seinem Blick und seiner Frömmigkeit bändigte ...«

»Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das würde gehen.«

»Nein, es geht auch nicht. Auch das nicht mal. Mir ist eben alles
verschlossen. Wie soll ich einen Totschläger an seiner Seele packen?
Dazu muß man selber intakt sein. Und wenn man's nicht mehr ist und
selber so was an den Fingerspitzen hat, dann muß man wenigstens vor
seinen zu bekehrenden Confratres den wahnsinnigen Büßer spielen und
eine Riesenzerknirschung zum besten geben können.«

Wüllersdorf nickte.

Nun, sehen Sie, Sie nicken. Aber das alles kann ich nicht mehr. Den
Mann im Büßerhemd bring ich nicht mehr heraus und den Derwisch oder
Fakir, der unter Selbstanklagen sich zu Tode tanzt, erst recht nicht.
Und da hab ich mir denn, weil das alles nicht geht, als ein Bestes
herausgeklügelt: weg von hier, weg und hin unter lauter pechschwarze
Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen. Diese Glücklichen! Denn
gerade das, dieser ganze Krimskrams ist doch an allem schuld. Aus
Passion, was am Ende gehen möchte, tut man dergleichen nicht. Also
bloßen Vorstellungen zuliebe ... Vorstellungen! ... Und da klappt denn
einer zusammen, und man klappt selber nach. Bloß noch schlimmer.«

»Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einfälle. Quer durch Afrika,
was soll das heißen? Das ist für 'nen Leutnant, der Schulden
hat. Aber ein Mann wie Sie! Wollen Sie mit einem roten Fes einem
Palaver präsidieren oder mit einem Schwiegersohn von König Mtesa
Blutfreundschaft schließen? Oder wollen Sie sich in einem Tropenhelm,
mit sechs Löchern oben, am Kongo entlangtasten, bis Sie bei Kamerun
oder da herum wieder herauskommen? Unmöglich!«

»Unmöglich? Warum? Und wenn unmöglich, was dann?« »Einfach hierbleiben
und Resignation üben. Wer ist denn unbedrückt? Wer sagte nicht jeden
Tag: 'Eigentlich eine sehr fragwürdige Geschichte.' Sie wissen, ich
habe auch mein Päckchen zu tragen, nicht gerade das Ihrige, aber nicht
viel leichter. Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder
In-einem-Termitenhügel-Nächtigen; wer's mag, der mag es, aber für
unserem ist es nichts. In der Bresche stehen und aushalten, bis man
fällt, das ist das beste. Vorher aber im kleinen und kleinsten so viel
herausschlagen wie möglich und ein Auge dafür haben, wenn die Veilchen
blühen oder das Luisendenkmal in Blumen steht oder die kleinen Mädchen
mit hohen Schnürstiefeln über die Korde springen. Oder auch wohl nach
Potsdam fahren und in die Friedenskirche gehen, wo Kaiser Friedrich
liegt und wo sie jetzt eben anfangen, ihm ein Grabhaus zu bauen. Und
wenn Sie da stehen, dann überlegen Sie sich das Leben von dem, und
wenn Sie dann nicht beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu
helfen.«

»Gut, gut. Aber das Jahr ist lang, und jeder einzelne Tag ... und dann
der Abend.«

»Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu werden. Da haben wir
'Sardanapal' oder 'Coppelia' mit der del Era, und wenn es damit aus
ist, dann haben wir Siechen. Nicht zu verachten. Drei Seidel beruhigen
jedesmal. Es gibt immer noch viele, sehr viele, die zu der ganzen
Sache nicht anders stehen wie wir, und einer, dem auch viel verquer
gegangen war, sagte mir mal: 'Glauben Sie mir, Wüllersdorf, es geht
überhaupt nicht ohne 'Hilfskonstruktionen'.' Der das sagte, war ein
Baumeister und mußte es also wissen. Und er hatte recht mit seinem
Satz. Es vergeht kein Tag, der mich nicht an die 'Hilfskonstruktionen'
gemahnte.«

Wüllersdorf, als er sich so expektoriert, nahm Hut und Stock.
Innstetten aber, der sich bei diesen Worten seines Freundes seiner
eigenen voraufgegangenen Betrachtungen über das »kleine Glück«
erinnert haben mochte, nickte halb zustimmend und lächelte vor sich
hin.

»Und wohin gehen Sie nun, Wüllersdorf? Es ist noch zu früh für das
Ministerium.«

»Ich schenk es mir heute ganz. Erst noch eine Stunde Spaziergang am
Kanal hin bis an die Charlottenburger Schleuse und dann wieder zurück.
Und dann ein kleines Vorsprechen bei Huth, Potsdamer Straße, die
kleine Holztreppe vorsichtig hinauf. Unten ist ein Blumenladen.«

»Und das freut Sie? Das genügt Ihnen?«

»Das will ich nicht gerade sagen. Aber es hilft ein bißchen. Ich finde
da verschiedene Stammgäste, Frühschoppler, deren Namen ich klüglich
verschweige. Der eine erzählt dann vom Herzog von Ratibor, der andere
vom Fürstbischof Kopp und der dritte wohl gar von Bismarck. Ein
bißchen fällt immer ab. Dreiviertel stimmt nicht, aber wenn es nur
witzig ist, krittelt man nicht lange dran herum und hört dankbar zu.«
Und damit ging er.



Sechsunddreißigstes Kapitel

Der Mai war schön, der Juni noch schöner, und Effi, nachdem ein erstes
schmerzliches Gefühl, das Rollos Eintreffen in ihr geweckt hatte,
glücklich überwunden war, war voll Freude, das treue Tier wieder um
sich zu haben. Roswitha wurde belobt, und der alte Briest erging sich
seiner Frau gegenüber in Worten der Anerkennung für Innstetten, der
ein Kavalier sei, nicht kleinlich und immer das Herz auf dem rechten
Fleck gehabt habe. »Schade, daß die dumme Geschichte dazwischenfahren
mußte. Eigentlich war es doch ein Musterpaar.« Der einzige, der bei
dem Wiedersehen ruhig blieb, war Rollo selbst, weil er entweder kein
Organ für Zeitmaß hatte oder die Trennung als eine Unordnung ansah,
die nun einfach wieder behoben sei. Daß er alt geworden, wirkte wohl
auch mit dabei. Mit seinen Zärtlichkeiten blieb er sparsam, wie er
beim Wiedersehen sparsam mit seinen Freudenbezeugungen gewesen war,
aber in seiner Treue war er womöglich noch gewachsen. Er wich seiner
Herrin nicht von der Seite. Den Jagdhund behandelte er wohlwollend,
aber doch als ein Wesen auf niederer Stufe. Nachts lag er vor Effis
Tür auf der Binsenmatte, morgens, wenn das Frühstück im Freien
genommen wurde, neben der Sonnenuhr, immer ruhig, immer schläfrig,
und nur wenn sich Effi vom Frühstückstisch erhob und auf den Flur
zuschritt und hier erst den Strohhut und dann den Sonnenschirm vom
Ständer nahm, kam ihm seine Jugend wieder, und ohne sich darum zu
kümmern, ob seine Kraft auf eine große oder kleine Probe gestellt
werden würde, jagte er die Dorfstraße hinauf und wieder herunter und
beruhigte sich erst, wenn sie zwischen den ersten Feldern waren. Effi,
der freie Luft noch mehr galt als landschaftliche Schönheit, vermied
die kleinen Waldpartien und hielt meist die große, zunächst von
uralten Rüstern und dann, wo die Chaussee begann, von Pappeln besetzte
große Straße, die nach der Bahnhofsstation führte, wohl eine Stunde
Wegs. An allem freute sie sich, atmete beglückt den Duft ein, der von
den Raps- und Kleefeldern herüberkam, oder folgte dem Aufsteigen der
Lerchen und zählte die Ziehbrunnen und Tröge, daran das Vieh zur
Tränke ging. Dabei klang ein leises Läuten zu ihr herüber. Und dann
war ihr zu Sinn, als müsse sie die Augen schließen und in einem süßen
Vergessen hinübergehen. In Nähe der Station, hart an der Chaussee, lag
eine Chausseewalze. Das war ihr täglicher Rastplatz, von dem aus sie
das Treiben auf dem Bahndamm verfolgen konnte; Züge kamen und gingen,
und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen, die sich einen Augenblick wie
deckten und dann nach links und rechts hin wieder auseinandergingen,
bis sie hinter Dorf und Wäldchen verschwanden. Rollo saß dann neben
ihr, an ihrem Frühstück teilnehmend, und wenn er den letzten Bissen
aufgefangen hatte, fuhr er, wohl um sich dankbar zu bezeigen,
irgendeine Ackerfurche wie ein Rasender hinauf und hielt nur inne,
wenn ein paar beim Brüten gestörte Rebhühner dicht neben ihm aus einer
Nachbarfurche aufflogen.

»Wie schön dieser Sommer! Daß ich noch so glücklich sein könnte, liebe
Mama, vor einem Jahr hätte ich's nicht gedacht« - das sagte Effi jeden
Tag, wenn sie mit der Mama um den Teich schritt oder einen Frühapfel
vom Zweig brach und tapfer einbiß. Denn sie hatte die schönsten Zähne.
Frau von Briest streichelte ihr dann die Hand und sagte: »Werde nur
erst wieder gesund, Effi, ganz gesund; das Glück findet sich dann;
nicht das alte, aber ein neues. Es gibt Gott sei Dank viele Arten von
Glück. Und du sollst sehen, wir werden schon etwas finden für dich.«

»Ihr seid so gut. Und eigentlich hab ich doch auch euer Leben geändert
und euch vor der Zeit zu alten Leuten gemacht.« »Ach, meine liebe
Effi, davon sprich nicht. Als es kam, da dacht ich ebenso. Jetzt weiß
ich, daß unsere Stille besser ist als der Lärm und das laute Getriebe
von vordem. Und wenn du so fortfährst, können wir noch reisen. Als
Wiesike Mentone vorschlug, da warst du krank und reizbar und hattest,
weil du krank warst, ganz recht mit dem, was du von den Schaffnern und
Kellnern sagtest; aber wenn du wieder festere Nerven hast, dann geht
es, dann ärgert man sich nicht mehr, dann lacht man über die großen
Allüren und das gekräuselte Haar. Und dann das blaue Meer und weiße
Segel und die Felsen ganz mit rotem Kaktus überwachsen - ich habe es
noch nicht gesehen, aber ich denke es mir so. Und ich möchte es wohl
kennenlernen.«

So verging der Sommer, und die Sternschnuppennächte lagen schon
zurück. Effi hatte während dieser Nächte bis über Mitternacht hinaus
am Fenster gesessen und sich nicht müde sehen können. »Ich war immer
eine schwache Christin; aber ob wir doch vielleicht von da oben
stammen und, wenn es hier vorbei ist, in unsere himmlische Heimat
zurückkehren, zu den Sternen oben oder noch drüber hinaus! Ich weiß
es nicht, ich will es auch nicht wissen, ich habe nur die Sehnsucht.«
Arme Effi, du hattest zu den Himmelwundern zu lange hinaufgesehen
und darüber nachgedacht, und das Ende war, daß die Nachtluft und die
Nebel, die vom Teich her aufstiegen, sie wieder aufs Krankenbett
warfen, und als Wiesike gerufen wurde und sie gesehen hatte, nahm er
Briest beiseite und sagte: »Wird nichts mehr; machen Sie sich auf ein
baldiges Ende gefaßt.« Er hatte nur zu wahr gesprochen, und wenige
Tage danach, es war noch nicht spät und die zehnte Stunde noch nicht
heran, da kam Roswitha nach unten und sagte zu Frau von Briest:
»Gnädigste Frau, mit der gnädigen Frau oben ist es schlimm; sie
spricht immer so still vor sich hin, und mitunter ist es, als ob sie
bete, sie will es aber nicht wahrhaben, und ich weiß nicht, mir ist,
als ob es jede Stunde vorbei sein könnte.«

»Will sie mich sprechen?«

»Sie hat es nicht gesagt. Aber ich glaube, sie möchte es. Sie wissen
ja, wie sie ist; sie will Sie nicht stören und ängstlich machen. Aber
es wäre doch wohl gut.«

»Es ist gut, Roswitha«, sagte Frau von Briest, »ich werde kommen.«

Und ehe die Uhr noch einsetzte, stieg Frau von Briest die Treppe
hinauf und trat bei Effi ein. Das Fenster stand offen, und sie lag auf
einer Chaiselongue, die neben dem Fenster stand.

Frau von Briest schob einen kleinen schwarzen Stuhl mit drei goldenen
Stäbchen in der Ebenholzlehne heran, nahm Effis Hand und sagte:
»Wie geht es dir, Effi? Roswitha sagt, du seiest so fiebrig.« »Ach,
Roswitha nimmt alles so ängstlich. Ich sah ihr an, sie glaubt, ich
sterbe. Nun, ich weiß nicht. Aber sie denkt, es soll es jeder so
ängstlich nehmen wie sie selbst.«

»Bist du so ruhig über Sterben, liebe Effi?« »Ganz ruhig, Mama.«

»Täuschst du dich darin nicht? Alles hängt am Leben und die Jugend
erst recht. Und du bist noch so jung, liebe Effi.«

Effi schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Du weißt, ich habe nicht
viel gelesen, und Innstetten wunderte sich oft darüber, und es war ihm
nicht recht.«

Es war das erste Mal, daß sie Innstettens Namen nannte, was einen
großen Eindruck auf die Mama machte und dieser klar zeigte, daß es zu
Ende sei.

»Aber ich glaube«, nahm Frau von Briest das Wort, »du wolltest mir was
erzählen.«

»Ja, das wollte ich, weil du davon sprachst, ich sei noch so jung.
Freilich bin ich noch jung. Aber das schadet nichts. Es war noch in
glücklichen Tagen, da las mir Innstetten abends vor; er hatte sehr
viele Bücher, und in einem hieß es: Es sei wer von einer fröhlichen
Tafel abgerufen worden, und am anderen Tag habe der Abgerufene
gefragt, wie's denn nachher gewesen sei. Da habe man ihm geantwortet:
'Ach, es war noch allerlei; aber eigentlich haben Sie nichts
versäumt.' Sieh, Mama, diese Worte haben sich mir eingeprägt - es hat
nicht viel zu bedeuten, wenn man von der Tafel etwas früher abgerufen
wird.«

Frau von Briest schwieg. Effi aber schob sich etwas höher hinauf
und sagte dann: »Und da ich nun mal von alten Zeiten und auch von
Innstetten gesprochen habe, muß ich dir doch noch etwas sagen, liebe
Mama.«

»Du regst dich auf, Effi.«

»Nein, nein; etwas von der Seele heruntersprechen, das regt mich nicht
auf, das macht still. Und da wollte ich dir denn sagen: Ich sterbe mit
Gott und Menschen versöhnt, auch versöhnt mit ihm.«

»Warst du denn in deiner Seele in so großer Bitterkeit mit ihm?
Eigentlich, verzeih mir, meine liebe Effi, daß ich das jetzt noch
sage, eigentlich hast du doch euer Leid heraufbeschworen.«

Effi nickte. »Ja, Mama. Und traurig, daß es so ist. Aber als dann all
das Schreckliche kam, und zuletzt das mit Annie, du weißt schon, da
hab ich doch, wenn ich das lächerliche Wort gebrauchen darf, den Spieß
umgekehrt und habe mich ganz ernsthaft in den Gedanken hineingelebt,
er sei schuld, weil er nüchtern und berechnend gewesen sei und zuletzt
auch noch grausam. Und da sind Verwünschungen gegen ihn über meine
Lippen gekommen.«

»Und das bedrückt dich jetzt?«

»Ja. Und es liegt mir daran, daß er erfährt, wie mir hier in meinen
Krankheitstagen, die doch fast meine schönsten gewesen sind, wie mir
hier klargeworden, daß er in allem recht gehandelt. In der Geschichte
mit dem armen Crampas - ja, was sollte er am Ende anders tun? Und
dann, womit er mich am tiefsten verletzte, daß er mein eigen Kind in
einer Art Abwehr gegen mich erzogen hat, so hart es mir ankommt und so
weh es mir tut, er hat auch darin recht gehabt. Laß ihn das wissen,
daß ich in dieser Überzeugung gestorben bin. Es wird ihn trösten,
aufrichten, vielleicht versöhnen. Denn er hatte viel Gutes in seiner
Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe
ist.«

Frau von Briest sah, daß Effi erschöpft war und zu schlafen schien
oder schlafen wollte. Sie erhob sich leise von ihrem Platz und ging.
Indessen kaum daß sie fort war, erhob sich auch Effi und setzte sich
an das offene Fenster, um noch einmal die kühle Nachtluft einzusaugen.
Die Sterne flimmerten, und im Park regte sich kein Blatt. Aber je
länger sie hinaushorchte, je deutlicher hörte sie wieder, daß es
wie ein feines Rieseln auf die Platanen niederfiel. Ein Gefühl der
Befreiung überkam sie. »Ruhe, Ruhe.«

Es war einen Monat später, und der September ging auf die Neige. Das
Wetter war schön, aber das Laub im Park zeigte schon viel Rot und
Gelb, und seit den Äquinoktien, die die drei Sturmtage gebracht
hatten, lagen die Blätter überallhin ausgestreut.

Auf dem Rondell hatte sich eine kleine Veränderung vollzogen, die
Sonnenuhr war fort, und an der Stelle, wo sie gestanden hatte, lag
seit gestern eine weiße Marmorplatte, darauf stand nichts als »Effi
Briest« und darunter ein Kreuz. Das war Effis letzte Bitte gewesen:
»Ich möchte auf meinem Stein meinen alten Namen wiederhaben; ich habe
dem andern keine Ehre gemacht.« Und es war ihr versprochen worden.
Ja, gestern war die Marmorplatte gekommen und aufgelegt worden, und
angesichts der Stelle saßen nun wieder Briest und Frau und sahen
darauf hin und auf den Heliotrop, den man geschont und der den Stein
jetzt einrahmte. Rollo lag daneben, den Kopf in die Pfoten gesteckt.
Wilke, dessen Gamaschen immer weiter wurden, brachte das Frühstück
und die Post, und der alte Briest sagte: »Wilke, bestelle den kleinen
Wagen. Ich will mit der Frau über Land fahren.«

Frau von Briest hatte mittlerweile den Kaffee eingeschenkt und sah
nach dem Rondell und seinem Blumenbeet. »Sieh, Briest, Rollo liegt
wieder vor dem Stein. Es ist ihm doch noch tiefer gegangen als uns. Er
frißt auch nicht mehr.«

»Ja, Luise, die Kreatur. Das ist ja, was ich immer sage. Es ist nicht
so viel mit uns, wie wir glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am
Ende ist es doch das beste.«

»Sprich nicht so. Wenn du so philosophierst ... nimm es mir nicht
übel, Briest, dazu reicht es bei dir nicht aus. Du hast deinen guten
Verstand, aber du kannst doch nicht an solche Fragen ...«

»Eigentlich nicht.«

»Und wenn denn schon überhaupt Fragen gestellt werden sollen, da gibt
es ganz andere, Briest, und ich kann dir sagen, es vergeht kein Tag,
seit das arme Kind da liegt, wo mir solche Fragen nicht gekommen
waren ...«

»Welche Fragen?«

»Ob wir nicht doch vielleicht schuld sind?« »Unsinn, Luise. Wie meinst
du das?«

»Ob wir sie nicht anders in Zucht hätten nehmen müssen.

Gerade wir. Denn Niemeyer ist doch eigentlich eine Null, weil er
alles in Zweifel läßt. Und dann, Briest, so leid es mir tut ... deine
beständigen Zweideutigkeiten ... und zuletzt, womit ich mich selbst
anklage, denn ich will nicht schadlos ausgehen in dieser Sache, ob sie
nicht doch vielleicht zu jung war?«

Rollo, der bei diesen Worten aufwachte, schüttelte den Kopf langsam
hin und her, und Briest sagte ruhig: »Ach, Luise, laß ... das ist ein
zu weites Feld.«





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Effi Briest" ***

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