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Title: Gockel, Hinkel und Gackeleia
Author: Brentano, Clemens, 1778-1842
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gockel, Hinkel und Gackeleia" ***

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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano


In Deutschland in einem wilden Wald, zwischen Gelnhausen und Hanau,
lebte ein ehrenfester bejahrter Mann, und der hieß Gockel.  Gockel
hatte ein Weib, und das hieß Hinkel.  Gockel und Hinkel hatten ein
Töchterchen, und das hieß Gackeleia.  Ihre Wohnung war in einem
wüsten Schloß, woran nichts auszusetzen war, denn es war nichts darin,
aber viel einzusetzen, nämlich Thür und Thor und Fenster.  Mit
frischer Luft und Sonnenschein und allerlei Wetter war es wohl
ausgerüstet, denn das Dach war eingestürzt und die Treppen und Decken
und Böden waren nachgefolgt.  Gras und Kraut und Busch und Baum
wuchsen aus allen Winkeln, und Vögel, vom Zaunkönig bis zum Storch,
nisteten in dem wüsten Haus.  Es versuchten zwar einigemal auch Geier,
Habichte, Weihen, Falken, Eulen, Raben und solche verdächtige Vögel
sich da anzusiedeln, aber Gockel schlug es ihnen rund ab, wenn sie
ihm gleich allerlei Braten und Fische als Miethe bezahlen wollten.

Einst aber sprach sein Weib Hinkel: "mein lieber Gockel, es geht uns
sehr knapp, warum willst du die vornehmen Vögel nicht hier wohnen
lassen?  Wir könnten die Miethe doch wohl brauchen, du läßt ja das
ganze Schloß von allen möglichen Vögeln bewohnen, welche dir gar
nichts dafür bezahlen."--Da antwortete Gockel: "o du unvernünftiges
Hinkel, vergißt du denn ganz und gar, wer wir sind, schickt es sich
auch wohl für Leute unserer Herkunft, von der Miethe solches
Raubgesindels zu leben?--und gesetzt auch, Gott suchte uns mit
solchem Elende heim, daß uns die Verzweiflung zu so unwürdigen
Hilfsmitteln triebe,--was doch nie geschehen wird, denn eher wollte
ich Hungers sterben,--womit würden die räuberischen Einwohner uns vor
Allem die Miethe bezahlen?  Gewiß würden sie uns alle unsre lieben
Gastfreunde erwürgt in die Küche werfen, und zwar auf ihre
mörderische Art zerrupft und zerfleischt.  Die freundlichen Singvögel,
welche mit ihrem unschuldigen Gezwitscher unsre wüste Wohnung zu
einem herzerfreuenden Aufenthalte machen, willst du doch wohl lieber
singen hören, als sie gebraten essen?  Würde dir das Herz nicht
brechen, die allerliebste Frau Nachtigall, die trauliche Grasmücke,
den fröhlichen Distelfink, oder gar das liebe treue Rothkehlchen in
der Pfanne zu rösten, oder am Spieße zu braten, und dann zuletzt,
wenn sie alle die Miethe bezahlt hätten, nichts als das Geschrei und
Gekrächze der gräulichen Raubvögel zu hören?  Aber wenn auch alles
dieses zu überwinden wäre, bedenkst du dann in deiner Blindheit nicht,
daß diese Mörder allein so gern hier wohnen möchten, weil sie wissen,
daß wir uns von der Hühnerzucht nähren wollen?  Haben wir nicht die
ehrbare Stamm-Henne Gallina jetzt über dreißig Eiern sitzen, werden
diese nicht dreißig Hühner werden, und kann nicht jedes wieder
dreißig Eier legen, welche es wieder ausbrütet zu dreißig Hühnern,
macht schon dreißig mal dreißig, also neunhundert Hühner, welchen wir
entgegensehen?  O du unvernünftiges Hinkel! und zu diesen willst du
dir Geier und Habichte ins Schloß ziehen?  Hast du denn gänzlich
vergessen, daß du ein edler Sprosse aus dem hohen Stamme der Grafen
von Hennegau bist, und kannst du solche Vorschläge einem gebornen
leider armen, leider verkannten Raugrafen von Hanau machen?  Ich
kenne dich nicht mehr!--O du entsetzliche Armuth! ist es denn also
wahr, daß du auch die edelsten Herzen endlich mit der Last deines
leeren und doch so schweren Bettelsackes zum Staube nieder drückest?"

Also redete der arme alte Raugraf Gockel von Hanau in edlem hohen
Zorne, zu Hinkel von Hennegau seiner Gattin, welche so betrübt und
beschämt und kümmerlich vor ihm stand, als ob sie den Zipf hätte.
Aber schon sammelte sie sich und wollte so eben sprechen: "die
Raubvögel bringen uns wohl auch manchmal junge Hasen"--doch da krähte
der schwarze Alektryo, der große Stammhahn ihres Mannes, der über ihr
auf einem Mauerrande saß, in demselben Augenblick so hell und scharf,
daß er ihr das Wort wie mit einer Sichel vor dem Munde wegschnitt,
und als er dabei mit den Flügeln schlug, und Graf Gockel von Hanau
sein zerrissenes Mäntelchen auch ungeduldig auf der Schulter hin und
her warf, so sagte die Frau Hinkel von Hennegau auch kein
Piepswörtchen mehr, denn sie wußte den Alektryo und den Gockel zu
ehren.

Sie wollte eben umwenden und weggehen, da sagte Gockel: "o Hinkel!
ich brauche dir nichts mehr zu sagen, der ritterliche Alektryo, der
Herold, Wappenprüfer und Kreiswärtel, Notarius Publikus und
kaiserlich gekrönte Poet meiner Vorfahren hat meine Rede unterkrähet,
und somit dagegen protestirt, daß seinen Nachkommen, den zu
erwartenden Hühnchen, die gefährlichen Raubvögel zugesellt würden."
Bei diesen letzten Worten bückte sich Frau Hinkel bereits unter der
niedrigen Thüre und verschwand mit einem tiefen Seufzer im
Hühnerstall.

Im Hühnerstall?  Ja--denn im wunderbaren, kunstreichen, im neben-,
durch--und hintereinandrigen Stil der Urwelt, Mitwelt und Nachwelt
erbauten Hühnerstall wohnten Gockel von Hanau, Hinkel von Hennegau
und Gackeleia, ihre Fräulein Tochter, und in der Ecke stand in einem
alten Schilde das auf gothische Weise von Stroh geflochtene Raugraf
Gockelsche Erbhühnernest, in welchem die Glucke Gallina über den
dreißig Eiern brütete, und von einer Wand zur andern ruhte eine alte
Lanze in zwei Mauerlöchern, auf welcher sitzend der schwarze Alektryo
Nachts zu schlafen pflegte.  Der Hühnerstall war der einzige Raum in
dem alten Schloße, der noch bewohnbar unter Dach und Fach stand.

Zu Olims Zeiten, wo Dieses und Jenes geschehen ist, war dieses Schloß
eines der herrlichsten und deutlichsten in ganz Deutschland; aber die
Franzosen haben es so übel mitgenommen, daß sie es recht abscheulich
zurückließen.  Ihr König Hahnri hatte gesagt, jeder Franzose solle
Sonntags ein Huhn, und wenn keines zu haben sei, ein Hinkel in den
Topf stecken und sich eine Suppe kochen.  Darauf hielten sie streng,
und sahen sich überall um, wie jeder zu seinem Huhn kommen könne.
Als sie nun zu Haus mit den Hühnern fertig waren, machten sie nicht
viel Federlesens und hatten bald mit diesem, bald mit jenem Nachbarn
ein Hühnchen zu pflücken.  Sie sahen die Landkarte wie einen
Speisezettel an, wo etwas von Henne, Huhn oder Hahn stand, das
strichen sie mit rother Tinte an und giengen mit Küchenmesser und
Bratspieß darauf los.  So giengen sie über den Hanebach, steckten
Groß--und Kleinhüningen in den Topf, und kamen dann auch bis in das
Hanauer Land.  Als sie nun Gockelsruh, das herrliche Schloß der
Raugrafen von Hanau, im Walde fanden, wo damals der Großvater Gockels
wohnte, statuirten sie ein Exempel, schnitten allen Hühnern die Hälse
ab, steckten sie in den Topf und den rothen Hahn auf das Dach, das
heißt, sie machten ein so gutes Feuerchen unter den Topf, daß die
lichte Lohe zum Dach herausschlug und Gockelsruh darüber verbrannte.
Dann giengen sie weiter nach Hünefeld und Hunhaun und sind noch lang
unterwegs geblieben.

Als sie abgespeist hatten, gieng Gockels Großvater, der mit seiner
Familie und dem Stamm-, Erb--und Wappen-Hahn und Hinkel im Walde
versteckt gewesen, um das Desert zu besehen, es war eine Wüste.
Nichts war ihm geblieben, er konnte sein Schloß nicht mehr herstellen
und übergab es daher gratis an die Verschönerungs-Commission der vier
Jahrszeiten, des Windes und des Wetters, welche es auch in Jahr und
Tag mit Gras und Kraut und Moos und Epheu und Büschen und Bäumen so
reichlich austapezierten, daß es ein rechtes Paradies aller
Waldvögelein und andern Wildpretts ward.--Er selbst zog nach
Gelnhausen und nahm die Stelle eines Erb-Hühner--und Fasanenministers
bei dem dortigen König an.  Sein Sohn trat nach ihm in dieselbe
Stelle, und nach dessen Absterben unser Gockel, der gewiß auch als
Hühnerminister mit Tod abgegangen wäre, wenn ihn nicht sein
Menschen--oder vielmehr Hühnergefühl gezwungen hätte, noch lebendig
von Gelnhausen Abschied zu nehmen.  Dieses aber gieng folgendermaßen
zu.

Der König Eifrasius von Gelnhausen überließ sich der Leidenschaft des
Eieressens so unmäßig, daß keine Brut Hühner mehr aufkommen konnte.
Dies war gegen den Eid Gockels und gegen das Landesgesetz, Artikel
Hühnerzucht.  Gockel machte eine allerunterthänigste vergebliche
Vorstellung nach der andern.  Eifrasius errichtete den rührenden
Eierorden verschiedener Grade und ließ von seinem Leibredner eine
Rede dabei halten, die einer Schmeichelei so ähnlich sah, wie ein Ei
dem andern.  Er sagte, Eifrasius esse nur allein so viele Eier, um
die Hühner zu vermindern, damit die Franzosen nicht ins Land kämen.
Dabei machte er bekannt, daß man künftig nicht Ihro Majestät, sondern
Ihre Eießtät König Eifrasius sagen solle und vieles Aehnliche.  Auch
wußte er sehr viele hinreißende Stellen großer Dichter in seiner Rede
anzubringen, z. B.:

  Ein Huhn und ein Hahn,
  Meine Rede geht an;
  Eine Kuh und ein Kalb,
  Meine Rede ist halb;
  Eine Katze und eine Maus,
  Meine Rede ist aus!

und weiter

  Ein Ei, un oeuf,
  Ein Ochs, un boeuf,
  Une vache, eine Kuh,
  Fermez la porte, mach die Thür zu!

womit er den König ganz bezauberte.  Nach dieser Rede wurden alle
anwesenden Anhänger und Schmeichler des Königs ganz eigelb im Gesicht
und steckten gelbe Cocarden auf; Gockel von Hanau aber wurde vor Zorn
und Schrecken und Unwill und Schaam ganz grün und blau und roth, und
kriegte ordentlich einen rothen Kamm und schüttelte den Federbusch,
wie ein Hahn, auf seinem bordirten Hut und scharrte mit den Füßen und
hackte mit den Spornen.  Da zog der König Eifrasius eben in der
Kirche an ihm vorüber, sah ihn sehr ungnädig an und sprach: "in
Gnaden entlassen, das Hühnerministerium ist bis auf ein Weiteres
aufgehoben."--Somit hatte Gockel seinen Abschied.

Gockel war voll Ehrgefühl, er zeigte sogleich seiner Frau an, daß er
am folgenden Morgen mit ihr und Gackeleia nach seinem Stammschloße
Gockelsruh aus Gelnhausen so wegziehen werde, wie seine Großeltern
hineingezogen waren.  Er befahl ihr, jene alten Kleider aus dem
Kasten zu nehmen und im Hühnerministerium zurecht zu legen, wo sie
sich morgen umkleiden wollten.  Frau Hinkel war schier untröstlich
über die alten seltsamen Kleider und meinte, alle Hunde würden ihr
nachlaufen.  Das Entsetzlichste aber war ihr, daß Gockel am hellen
lichten Tage vor der Wachparade vorbei und über den Gemüßmarkt in
diesem Aufzug aus der Stadt hinaus wollte, und nur unter den
heftigsten Thränen mit Gackeleia vor ihm auf den Knieen liegend,
konnte sie erflehen, daß er mit ihr Morgens vor Tag zur Gartenthüre
hinaus, hinten um die Stadtmauer herum, seine Abreise anzutreten
versprach.

Gockel hängte seine Hühnerminister-Kleidung an das königliche
Hühnerministerial-Zapfenbrett, legte alle die ihm aufgedrungenen
Eierorden ab, den Orden der Schmeichelei und Heuchelei und befestigte
seinen eigenen, Raugräflich Gockel Hanauischen Haus-Orden der
Kinderei wieder in das Knopfloch der Jacke seines Großvaters, die er
morgen früh anziehen wollte; dann setzte er sich an seinen
Schreibtisch, um alle die Rechnungen über seine Verwaltung heute
Nacht noch auszubrüten, und als er es so weit gebracht, daß Einnahme
und Ausgabe sich wie ein Ei dem andern glichen, sank er ermüdet mit
der Nase auf das Papier und schnarchte, daß der Streusand von
zerstossenen Eierschalen umherflog, und mehrere Muster von
Hühnerfedern, die vor ihm lagen, durch einander wehten.  Aber der
Schaden war nicht groß.

Kaum graute der Tag, als Alektryo, der edle Stammhahn sich selbst
ermunternd mit den Flügeln in die Seite schlug, den Hals emporreckte
und mit aufgerissenem Schnabel lautkrähend wie mit einem
Trompetenstoß alle zur Abreise erweckte; das Stammhuhn Gallina
begleitete sein Morgenlied mit einigen wehmüthigen Accorden.  Gockel
sprang auf und weckte Weib und Kind, die sich bald einstellten.  Frau
Hinkel war sehr traurig, auch sie mußte ihre
Hühnerministerial-Kontusche ans Zapfenbrett hängen und die Kleider
von Gockels Großmutter anziehen; händeringend stand sie in diesem
Putz vor dem Spiegel.  Gockel hatte viel zu ermahnen und zu trösten;
er hatte seine Raugräfliche Gockelskappe aufgesetzt, auf der ein
Hahnenkamm war, er hängte seine Perücke von Eierschalen an den
Ministerialperücken-Hahn und fuhr in die großväterlichen Stiefel und
Grafenhosen, welche ihm Gackeleia hinbrachte, die ziemlich lustig in
ihrem seltsamen Röckchen war und das alte Erbhühnernest wie einen
Fallhut auf dem Kopf trug.

Alektryo, der Stammhahn, saß neben dem Schreibtische auf der
Raugräflich Gockelschen Erbhühnertrage, welche der berühmte Erwin von
Steinbach zugleich mit dem Straßburger Münster erfunden hatte, und
wiederholte, da er die ganze Familie wieder in ihren altgräflichen
Kleidern sah, sein Krähen mit stolzer Freude.  Er hatte einen
reichsfreiritterlichen Unmittelbarkeitssinn und war nie gern in
Gelnhausen gewesen, wo er nur zu Haus der Hahn im Korb war, am Hof
aber nie auf dem Mist krähen durfte, weil dieses ein Regale, ein
königliches Recht der Hofhähne war.  Er war hier nur Kammerhahn à la
suite, hatte allerlei Kränkungen seiner Verhältnisse von den
Hofhahnen zu erleiden, und durfte sie nicht einmal deswegen
herausfordern.  Gleich Graf Gockel war er sehr mit dem König
Eifrasius unzufrieden, denn dieser hatte einmal die Eier seiner
lieben Gemahlin Gallina durch die Polizei wegnehmen und sich in die
Pfanne schlagen lassen.--Seine häusliche Glückseligkeit war dadurch
gestört.  Er war heftig und ungeduldig, Gallina aber gacksig,
glucksig und piepsig geworden.  Sie saßen immer auf dem
Hühnerministerium und kamen nicht ins Freie; statt auf dem Miste,
scharrte Alektryo in Papierspänen, und die leidende Gallina wälzte
sich im Streusand oder brütete hoffnungslos auf den ausgeblasenen
Eierschaalen des Eierordens, welche dort aufbewahrt wurden.  Nun aber,
da alle zur Abreise gekleidet waren, trieb Alektryo die Gallina an,
von seiner Seite auf dem Gockelschen Hühnersteg hinab zu dem
Hennegauschen Erbhühnerkorb der Frau Hinkel zu schreiten, und sagte
ihr dabei ganz freundlich ins Ohr, was ihr tröstend zu Herzen ging:
"heute Abend sind wir frei und glücklich in Gockelsruh, dem Pallaste
unsrer Vorfahren, da giebt es Würmchen und Maikäfer und allerlei
Sämerei die Menge; da wollen wir ein neues Leben beginnen, da gehören
wir uns allein an, da wirst du eine Brut ausbrüten, die unser würdig
ist."  Gallina trippelte mit einem lieblichen Lächeln gacksend den
Steg hinab und setzte sich oben auf den Hühnerkorb.

Frau Hinkel nahm den Korb, worauf Gallina saß, auf ihren Kopf.  In
diesem Korbe hatte sie ein paar Hemden, etwas Flachs-, Hanf--und
andere Sämereien, Nadel, Zwirn und Fingerhut und ein Wachsstümpfchen,
ein Gebetbuch und einige schöne neue Lieder, gedruckt in diesem Jahr,
und den Gräflich Hennegauschen Stammbaum und ihren Taufschein und
Copulationsschein und so weiter Schein bewahrt.  Dann ergriff sie
ihren Rocken und sprach: "ich bin fertig."  Gockel schlüpfte mit den
Armen in die Tragriemen seiner Erbhühnertrage und trug sie wie eine
gothische Kirche auf dem Rücken, oben drauf saß Alektryo, neben dran
war sein Grafenschwert befestigt, und im Innern befanden sich sein
Stammbaum, Grafenbrief, Taufschein, Ehekontrakt, ein Buch von
Geheimnissen der Hahnen und Hühner und auch ein altes
Geschlechts-Register, nach welchem Alektryo vom Hahn des Hiob und
Gallina vom Hahn Petri abstammen sollte; es war aber theils sehr
unleserlich mit Hühnerpfoten geschrieben, theils hatten es die Mäuse
so durchstudiert, daß viele Löcher darin waren.  Solche große
Raritäten waren in der Hühnertrage.  Gockel nahm nun seine
Raugräfliche Standarte, die zugleich ein Hühnersteg war, als Stab in
die Hand und sagte: "wohlan ich bin fertig."

Gackeleia hatte das Erbhühnernest auf dem Kopf, und weil sie auf alle
Weise noch sonst etwas tragen wollte, steckte sie der Vater in einen
Korb, wie man sie über die jungen Hühnchen stellt, und befestigte ihr
denselben über die Schultern mit Bändern, so daß sie wie in einem
lustigen Reifrock mitspazierte.  In der einen Hand hielt sie ihr
ABC-Buch, worauf ein Hahn abgebildet war, und in der andern einen
Eierweck von gestern, man nennt sie dort Bubenschenkel.  Das Kind war
sehr lustig, und schrie.  "Kikeriki, ich bin schon lang fertig."

Nun blies Gockel die Hühnerministerial-Lampe aus, und sie giengen zu
der Thüre hinaus.  Gockel gab dem Nachtwächter den Hausschlüssel, und
dann verließen sie still durch die hintere Gartenthüre, die durch die
Stadtmauer führte, das undankbare Gelnhausen.  Kaum waren sie auf
einer nahen kleinen Anhöhe, welche die Stadt überschaut, als Alektryo
sich hoch aufrichtete und mit einem trotzigen kühnen Krähen allen
Hahnen von Gelnhausen Hohn sprach, die erwachend von Haus zu Haus,
von Thurm zu Thurm sich wieder zukrähten, so daß die Gockelsche
Familie wo nicht unter dem Geläute aller Glocken, doch unter dem
Krähen aller Hahnen die Stadt verließ.

Als Alektryo gekräht hatte, schauten sie alle noch einmal schweigend
nach Gelnhausen zurück.  Es lag eine weiße Nebelwolke über der
herrlichen Stadt, die Sonne schoß mit ihren ersten Strahlen nach den
blinkenden Wetterhahnen auf den Thurmspitzen, welche aus dem Nebel
hervorblitzten; hie und da drang ein dunkler dichter Bäckerrauch wie
eine dicke braune Schlange durch den Nebel hervor.  Frau Hinkel war
betrübt.  Gackeleia fieng laut an zu weinen; ihr Eierweck war ihr
gefallen und sie konnte ihn von dem Hühnerkorb, in dem sie steckte,
gehindert nicht aufheben.--Gockel hob sie aus dem Korbe heraus und
hängte sich denselben noch hinten auf die Trage, denn Gackeleia wäre
mit diesem Reifrocke an allen Büschen des wilden Waldes hängen
geblieben, durch welchen jetzt ihr Weg führte.

Frau Hinkel durch das Krähen aller Hahnen in Gelnhausen und durch den
aufsteigenden Rauch von neuem sehr betrübt, folgte ihrem Manne mit
manchem Seufzer durch den Wald.  Sie gedachte an die Herrlichkeit von
Gelnhausen, wo immer das eine Haus ein Bäckerladen, das andre ein
Fleischerladen ist;--ach, dachte sie, jetzt ist die Stunde, jetzt
öffnen die Fleischer ihre Laden, jetzt hängen sie die fetten Kälber,
Hämmel und Schweine auf und breiten in deren aufgeschlitzten Leibern
reinliche schneeweiße Tücher aus!--Ach jetzt ist die Stunde, jetzt
öffnen die Bäcker ihre Laden und stellen auf weißen Bänken die
braunglänzenden Brode, die gelben Semmeln und schön lakirten
Eierwecke, Bubenschenkel genannt, in Reih und Glied.  Gackeleia, die
sie an der Hand führte, weckte mit ihren Reden ihre Betrübniß oft von
neuem wieder auf, denn sie fragte ein um das anderemal: "Mutter,
giebt es auch Bretzeln, wo wir hingehen?"  Da seufzte Frau Hinkel;
Gockel aber, der ernsthaft und freudig voranschritt, sagte: "nein,
mein Kind Gackeleia, Bretzeln giebt es dort nicht, sie sind auch
nicht gesund und verderben den Magen; aber Erdbeeren, schöne rothe
Waldbeeren giebt es die Menge," und somit zeigte er mit seinem Stocke
auf einige, die am Wege standen, welche Gackeleia mit vielem
Vergnügen verzehrte.  Hierauf fragte Gackeleia wieder:

"Mutter, giebt es auch so schöne braune Kuchenhäschen, wo wir
hingehen?"  Da seufzte Frau Hinkel abermals und die Thränen traten
ihr in die Augen; Gockel aber sagte freundlich zu dem Kinde: "Nein,
mein Kind Gackeleia, Kuchenhäschen giebt es da nicht, sie sind auch
nicht gesund und verderben den Magen, aber es giebt da lebendige
Seidenhäschen und weiße Kaninchen, aus deren Wolle du der Mutter auf
ihren Geburtstag Strümpfe stricken kannst, wenn du fleißig bist.
Sieh, sieh, da lauft eines!" und somit zeigte er mit seinem Stocke
auf ein vorüberlaufendes Kaninchen.  Da riß sich Gackeleia von der
Mutter los, und sprang dem Hasen mit dem Geschrei nach: "gieb mir die
Strümpfe, gieb mir die Strümpfe!" aber fort war er, und sie fiel über
eine Baumwurzel und weinte sehr.

Der Vater verwies ihr ihre Heftigkeit und tröstete sie mit Himbeeren,
welche neben der Stelle wuchsen, wo sie gefallen war.  Nach einiger
Zeit fragte Gackeleia wieder: "liebe Mutter, giebt es denn auch da,
wo wir hingehen, so schöne gebackene Männer von Kuchenteig, mit Augen
von Wachholderbeeren und einer Nase von Mandelkern, und einem Mund
von einer Rosine?"  Da konnte die Mutter ihre Thränen nicht
zurückhalten und weinte; Gockel aber sagte:

"nein, mein Kind Gackeleia, solche Kuchenmänner giebt es da nicht,
die sind auch gar nicht gesund und verderben den Magen.  Aber es
giebt da schöne bunte Vögel die Menge, welche allerliebst singen und
Nestchen bauen, und Eier legen und ihre Jungen füttern.  Die kannst
du sehen und lieben und ihnen zuschauen, und die süßen wilden
Kirschen mit ihnen theilen."  Da brach er ihr ein Zweiglein voll
Kirschen von einem Baum und das Kind ward ruhig.  Als Gackeleia aber
nach einer Weile wieder fragte: "liebe Mutter, giebt es denn dort, wo
wir hingehen, auch so wunderschöne Pfefferkuchen, wie in Gelnhausen?"
und die Frau Hinkel immer mehr weinte, ward der alte Gockel von Hanau
unwillig, drehte sich um, stellte sich breit hin und sprach: "o mein
Hinkel von Hennegau!  Du hast wohl Ursache zu weinen, daß unser Kind
Gackeleia ein so naschhafter Freßsack ist und an nichts als Bretzeln,
Kuchenhasen, Buttermänner und Pfefferkuchen denkt, was soll daraus
werden?  Noth bricht Eisen, Hunger lehrt beißen.  Sei vernünftig,
weine nicht, Gott, der die Raben füttert, welche nicht säen, wird den
Gockel von Hanau nicht verderben lassen, der säen kann.  Gott, der
die Lilien kleidet, die nicht spinnen, wird die Frau Hinkel von
Hennegau nicht umkommen lassen, welche sehr schön spinnen kann, und
auch das Kind Gackeleia nicht, wenn es das Spinnen von seiner Mutter
lernt."

Diese Rede Gockels ward von einem gewaltigen Geklapper unterbrochen,
und sie sahen alle einen großen Klapperstorch, der aus dem Gebüsche
ihnen entgegentrat, sie sehr ernsthaft und ehrbar anschaute, nochmals
klapperte und dann hinwegflog.  "Wohlan, sagte Gockel, dieser
Hausfreund hat uns willkommen geheißen, er wohnet auf dem obersten
Giebel von Gockelsruh, gleich werden wir da seyn; damit wir aber
nicht lange zu wählen brauchen, in welchen von den weitläufigen
Gemächern des Schlosses wir wohnen wollen, so will ich unsere höchste
Dienerschaft voraussenden, damit sie uns die Wohnungen aussuche."

Nun nahm er den Stammhahn von der Schulter auf die rechte Hand und
die Stammhenne auf die linke, und redete sie mit ehrbarem Ernste
folgendermaßen an: "Alektryo und Gallina, ihr stehet im Begriff, wie
wir, in das Stammhaus eurer Vorältern einzuziehen, und ich sehe an
euren ernsthaften Mienen, daß ihr so gerührt seid als wir.  Damit nun
dieses Ereigniß nicht ohne Feierlichkeit sey, so ernenne ich dich
Alektryo, edler Stammhahn, zu meinem Schloßhauptmann, Haushofmeister,
Hofmarschall, Astronomen, Propheten, Nachtwächter, und hoffe, du
wirst unbeschadet deiner Familienverhältnisse als Gatte und Vater
diesen Aemtern gut vorstehen; das Nämliche erwarte ich von dir,
Gallina, edles Stammhuhn; indem ich dich hiemit zur Schlüsseldame und
Oberbettmeisterin des Schlosses ernenne, zweifle ich nicht, daß du
diesen Aemtern trefflich vorstehen wirst, ohne deßwegen deine
Pflichten als Gattin und Mutter zu vernachlässigen.  Ist dieß euer
Wille, so bestätigt es mir feierlich."  Da erhob Alektryo seinen Hals,
blickte gegen Himmel, riß den Schnabel weit auf und krähete
feierlichst, und auch Gallina gab ihre Versicherung mit einem lauten
und rührenden Gacksen von sich, worauf sie Gockel beide an die Erde
setzte, und sprach: "nun, Herr Schloßhauptmann und Frau Schlüsseldame,
eilet voraus, suchet eine Wohnung für uns aus, zeiget auch allen
Bewohnern unsers Schlosses an, sie möchten sich durch kein Geräusch
in ihrem Abendgebete stören lassen, weil ich in der Nähe des
Schlosses, wo der englische Garten ein wenig ins Kraut geschossen
seyn mag, wahrscheinlich mit meinem Grafenschwert die Hecken werde
schneiden müssen, um mir und Frau Hinkel mit unsern hohen Insignien
durchzuhelfen; also thuet und bereitet uns einen würdigen Empfang.
"--Da eilte der Hahn und die Henne in vollem Laufe, was giebst du,
was hast du?  In den Wald hinein nach dem Schlosse zu.

Nun ermahnte Gockel auch noch die Frau Hinkel und das Kind Gackeleia
zur Zufriedenheit, zum Vertrauen auf Gott und zu Fleiß und Ordnung in
dem neu bevorstehenden Aufenthalt auf eine so liebreiche Art, daß
Frau Hinkel und das Kind Gackeleia den guten Vater herzlich umarmten
und ihm alles Gute und Liebe versprachen; und so zogen sie alle froh
und heiter durch den schönen Wald, die Sonne sank hinter die Bäume,
es ward so recht stille und vertraulich, ein kühles Lüftchen spielte
mit den Blättern und Frau Hinkel von Hennegau sang folgendes Liedchen
mit freundlicher Stimme, wozu Gockel und Gackeleia leise mitsangen.

  Wie so leis die Blätter wehn
  In dem lieben, stillen Hain,
  Sonne will schon schlafen gehn,
  Läßt ihr goldnes Hemdelein
  Sinken auf den grünen Rasen,
  Wo die schlanken Hirsche grasen
  In dem rothen Abendschein.
  Gute Nacht, Heiapopeia!
  Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
  In der Quellen klarer Fluth
  Treibt kein Fischlein mehr sein Spiel,
  Jedes suchet, wo es ruht,
  Sein gewöhnlich Ort und Ziel,
  Und entschlummert überm Lauschen
  Auf der Wellen leises Rauschen
  Zwischen bunten Kieseln kühl.
  Gute Nacht, Heiapopeia!
  Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
  Schlank schaut auf der Felsenwand
  Sich die Glockenblume um,
  Denn verspätet über Land
  Will ein Bienchen mit Gesumm
  Sich zur Nachtherberge melden
  In den blauen zarten Zelten,
  Schlüpft hinein und wird ganz stumm.
  Gute Nacht, Heiapopeia!
  Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
  Vöglein, euer schwaches Nest,
  Ist das Abendlied vollbracht,
  Wird wie eine Burg so fest;
  Fromme Vöglein schützt zur Nacht
  Gegen Katz und Marderkrallen,
  Die im Schlaf sie überfallen,
  Gott, der über alle wacht.
  Gute Nacht, Heiapopeia!
  Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.
  Treuer Gott, du bist nicht weit,
  Und so ziehn wir ohne Harm
  In die wilde Einsamkeit
  Aus des Hofes eitelm Schwarm.
  Du wirst uns die Hütte bauen,
  Daß wir fromm und voll Vertrauen
  Sicher ruhn in deinem Arm.
  Gute Nacht, Heiapopeia!
  Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia.

Als dieß Lied zu Ende war, ward der hohe Eichenwald lichter.  Sie
hörten ein Geklapper, und Gackeleia blickte in die Höhe und schrie.
"Ach, der Klapperstorch, der Klapperstorch mit seinen Jungen, da oben
steht er auf der hohen Mauer, ach, was hat der aber ein großes Nest,
o da will ich mich auch einmal hineinsetzen und mit ihm klappern!"
Nun waren die Reisenden an dem ganz verwilderten Raugräflich
Gockelschen Schloßgarten angekommen.  Da war an kein Durchkommen zu
gedenken, und Gockel sprach zu Frau Hinkel, indem er seine
Erbhühnertrage absetzte, und das Grafenschwert von ihr losband und
herauszog:

"setze deinen Korb ab, schürze deinen Rock nieder, streiche dein Haar
zurecht, dort an dem alten Springbrünnchen wasche dich, bade dir die
Füße, ruhe ein bischen aus, damit wir mit Respekt einziehen.  Thue
der Gackeleia eben so.--Ich will indessen mit meinem Grafenschwert
hier das wilde Genist lehren, daß man seinem Herrn den Weg nicht
verrennt."

Nun setzten sich Frau Hinkel und Gackeleia an das Brünnchen, wuschen
und musterten sich, und Gackeleia patschte mit ihren erhitzten
Füßchen in dem kalten Wasser herum.  Gockel aber erhob sein
Grafenschwert, und hieb kreuz und quer mit großer Kraft einen Weg
durch die wildverwirrten Hecken, Büsche und Bäume.  Er nannte jedes
Gesträuch, das er zusammenhieb, mit Namen, und weil er schnell
arbeitete, so verkürzte er die Worte--er schrie:

"Potz Stachel-, Kreusel-, Preißel-, Kloster-, Hollunder-, Wachholder-,
Berberitzen-,Johannis-, Brom-, Himbeeren!  Ich will euch lehren, mir
mein Haus zu sperren!--Potz Quentel, Lavendel, Bux, Taxus, Mispel,
Quitten und Hassel!--Potz Thymian, Majoran, Baldrian, Rosmarin, Hisop
und Salbei!"  Und mit jedem Worte ein Schwertschlag, der ihm den Weg
öffnete und mit Zweigen, Blättern und Blumen bestreute.  Als er so
bis in die Nähe des Schloßthores gekommen, kehrte er zu den Seinigen
an das Brünnchen zurück.

Gockel hatte sich ganz müde gearbeitet, auch er wusch und erquickte
sich an dem Wasser.  Frau Hinkel hatte sich recht frisch und sauber
gemacht.  Sie hatte Gackeleia einen schönen Blumenkranz aufgesetzt
und ihr das Hühnernest mit harten Brosamen, welche sie am Brunnen
erweicht, gefüllt, diese sollte sie beim Einzug in das Schloß den
Vögeln ausstreuen.  Das war so, als wenn bei der Kaiserkrönung zu
Frankfurt Gold ausgeworfen wird.

Nun nahm Gockel seine Hühnertrage, Frau Hinkel den Hühnerkorb wieder
auf und Gackeleia trug das Nest voll Brosamen vor sich; so giengen
sie durch den Weg, den Gockel gehauen hatte, auf das Schloßthor zu.
Gackeleia nahm sich Zeit, sie pflückte links und rechts viele
Brombeeren und Heidelbeeren, und als der Vater sie heranrief, in das
Schloß einzugehen, hatte sie die Hände und das halbe Gesicht schwarz
wie ein Mohrenkind.  Gockel riß mit der Hühnerstange, die er trug,
eine dichte Epheudecke auseinander, welche das Gartenthor zugesponnen
hatte, und sie traten vor das wunderbare Raugräfliche Schloß in
seinem vollen Glanz.

Der Empfang war feierlich; aus den leeren Fensteröffnungen des
Schlosses hingen Teppiche von Epheu und mancherlei Blumen nieder, und
wehten blühende Gesträuche wie festliche Fahnen, und zwischen ihnen
durch sah der stille Abendhimmel in purpurnem Gewande herab.  Die
vielen Säulen und Bildwerke des Schlosses hatten Wind und Wetter und
die vier Jahreszeiten seit lange mit dem schönsten Laubwerke verziert.

Der Hahn Alektryo saß auf dem steinernen Wappen über dem Thore,
schüttelte sich, schlug mit den Flügeln und krähte als ein
rechtschaffener Schloßtrompeter dreimal lustig in die Luft, und alle
Vögelein, die in dem verlassenen, Baum durchwachsenen Baue wohnten,
und welchen der Hahn die Ankunft der gnädigen Herrschaft verkündiget
hatte, waren aus ihren Nestern herausgeschlüpft und schmetterten
lustige Lieder in die Luft, indem sie sich auf den blühenden
Hollunderbäumen und wilden Rosenhecken schaukelten, welche ihre
Blüthen vor den Eintretenden niederstreuten.  Der Storch auf dem
Schloßgiebel klapperte dazu mit seiner ganzen Familie, so daß alles
wie eine große Musik mit Pauken und Trompeten klang.  Gockel, Hinkel
und Gackeleia hießen alle willkommen, und Gackeleia streute mit
vollen Händen die Brosamen aus, was mit großem Beifall von allen den
Vögeln aufgenommen ward.  Hierauf zogen sie in die alte verfallene
Schloßkapelle, knieten neben den wilden Waldblumen am Altare dicht
bei dem Grabstein des alten Urgockels von Hanau nieder, sagten Gott
für ihre glückliche Reise Dank, und flehten ihn um fernern Schutz und
Segen an.

Während ihres Gebetes waren alle Vögel ganz stille, und da sie sich
von den Knieen erhoben, lockten Alektryo und Gallina, als
Schloßhauptmann und Schlüsseldame, an der Thüre, sie sollten ihnen
nach dem ausgesuchten Gemache folgen.  Sie thaten dieß, und der Hahn
und die Henne schritten gackernd und majestätisch über den Schloßhof
auf den sehr kunstreich von Stein erbauten Hühnerstall zu, dessen
Dach allein im Schloße bis auf einige Lücken im Stande war.  Als
Alektryo über die Schwelle schritt, bückte er sich tief mit dem Kopf,
als befürchtete er, mit seinem hohen rothen Kamme oben anzustossen,
da die Thüre doch für einen starken Mann hoch genug war; aber dieses
war im Gefühle seines Adels, denn alle hohen Adeligen und alle
gekrönten Häupter pflegten in den guten alten Zeiten es so zu machen,
wenn sie durch ein Thor schritten; das kam aber von den erstaunlich
hohen Federbüschen her, welche ihre Vorfahren auf den Helmen getragen
hatten.

In diesem Hühnerstalle nun, dessen Fenster in ein kleines Gärtchen
giengen, richteten sie sich ein, so gut sie konnten; Gockel hängte
seine Erbhühnertrage an einen Haken hoch an der Wand auf, stellte die
Hühnersteige daran, und Alektryo und Gallina sagten gute Nacht und
spazierten sogleich fein ordentlich hintereinander hinauf und setzten
sich still zusammen und ließen sich was träumen.--Frau Hinkel stellte
den Korb, den Spinnrocken, den Bratspieß, die Pfanne, die Schüssel,
den Topf und den Wasserkrug an ihre Stelle, und Gackeleia setzte das
Hühnernest, wo es hin gehörte.--Dann machte Gockel aus grünen Zweigen
zwei große und einen kleinen Besen, und fegte mit Hinkel und
Gackeleia den Boden ein wenig rein.  Gackeleia fuhr ganz stolz und
geschäftig mit ihrem Besen umher.  Nun machten sie ein Lager von Moos
und dürren Blättern, worüber Gockel seinen Mantel und Hinkel ihre
Schürze breitete.  Dann betete Gockel ein kurzes Nachtgebet vor,
worauf sie sich schlafen legten, Gockel rechts, Hinkel links, das
Töchterlein Gackeleia in der Mitte zwischen beiden.  Von der Reise
und der Arbeit ermüdet, schliefen sie alle bald ein.

Gegen Mitternacht rührte sich plötzlich der wachsame Schloßhauptmann
Alektryo mit warnender Stimme auf seinem Sitz, und Gockel, der vor
allerlei Gedanken, wie er seine Familie ernähren solle, nicht fest
schlief, richtete sich auf und blickte umher, was vorgehe.  Da sah er
an der offnen Thüre, durch welche der Mond schien, eine große
lauernde Katze, die auch sogleich einen heftigen Sprung herein that.
In demselben Augenblick hörte Gockel ein Gepfeife, und fühlte, daß
ihm etwas Lebendiges in den weiten Aermel seines Wammses hineinlief.
Alektryo und Gallina erhoben ein banges Geschrei wegen der Katze.
Gockel sprang auf, verjagte die Feindin und warf ihr einen Stein nach.
Dann zog er an der Pforte die Thierchen, die ihm in den Aermel
geschlüpft waren, hervor, und erkannte im Mondschein zwei weiße
Mäuschen von außerordentlicher Schönheit.  Sie waren nicht scheu vor
ihm, sondern setzten sich auf seiner Hand auf die Hinterbeine, und
zappelten mit den Vorderpfötchen, wie ein Hündchen, das bittet, was
dem alten Herrn wohl gefiel.  Er setzte sie in seine Gockelsmütze,
legte sich wieder nieder und diese neben sich, mit dem Gedanken, die
guten Thierchen am folgenden Morgen seinem Töchterchen Gackeleia zu
schenken, welche sehr ermüdet, wie ihre Mutter, nicht erwacht war.

Als Gockel wieder eingeschlafen war, machten sich die zwei Mäuschen
aus der Pudelmütze wieder heraus und unterhielten sich miteinander.
Die eine sprach: "Ach Sissi, meine geliebte Braut, da hast du es nun
selbst erlebt, was dabei herauskommt, wenn man des Nachts so lange im
Mondschein spazieren geht, habe ich dich nicht gewarnt?"--Da
antwortete Sissi:

"O Pfiffi, mein werther Bräutigam, mache mir keine Vorwürfe, ich
zittere noch am ganzen Leibe vor der schrecklichen Katze, und wenn
sich ein Blatt regt, fahre ich zusammen, und meine, ich sehe ihre
feurigen Augen."--Da sagte Pfiffi wieder: "Du brauchst dich nicht
weiter zu ängstigen, der gute Mann hier hat der Katze einen so großen
Stein nachgeworfen, daß sie vor Angst schier in den Springbrunnen
gesprungen ist."-"Ach!" erwiederte Sissi, "ich fürchte mich nur auf
unsre weite Reise, wir müssen wohl noch acht Tage laufen, bis wir zu
deinem königlichen Herrn Vater kommen, und da jetzt einmal eine Katze
uns ausgekundschaftet hat, werden diese Freilaurer an allen Ecken auf
uns lauern."--Da versetzte Pfiffi: "wenn nur eine Brücke über das
Flüßchen führte, das eine halbe Tagreise von hier durch den Wald
fließt, so wären wir bald zu Haus; aber nun müssen wir die Quelle
umgehen."--Als sie so sprachen, hörten sie eine Eule draus schreien
und krochen bang tiefer in die Mütze.--"Auch noch eine Eule,"
flüsterte Sissi, "o wäre ich doch nie aus der Residenz meiner Mutter
gewichen," und nun weinte sie bitterlich.--Der Mäusebräutigam war
hierüber sehr traurig, und überlegte her und hin, wie er seine Braut
ermuthigen und vor Gefahren schützen solle.--Endlich sprach er:
"geliebte Sissi, mir fällt etwas ein; der gute Mann, der uns in seine
Mütze gebettet hat, würde uns vielleicht sicher nach Hause helfen,
wenn er unsere Noth nur wüßte.  Lasse uns leise an seine Ohren
kriechen und ihm recht flehentlich unsere Sorgen vorstellen; ich will
zuerst mit ihm sprechen, hilft das nicht, dann rede du in deinen
süßesten Tönen zu ihm, wer kann dir widerstehen?  Aber ja recht leise,
damit er nicht aufwacht, denn nur im Schlafe verstehen die Menschen
die Sprache der Tiere."--Sissi war sogleich bereit und nahte sich
besinnend dem linken Ohre Gockels.  Pfiffi aber lief zum rechten Ohre
und sang, nachdem er sich auf die Hinterbeine gesetzt und seinen
Schweif quer durch das Maul gezogen hatte, um seiner Stimme, welche
durch das Kommandiren bei der letzten Revue etwas rauh geworden war,
einen mildern Ton zu geben.

  Ich bin der Prinz von Speckelfleck
  Und führe heim die schönste Braut;
  Die Katze bracht' ihr großen Schreck,
  Sie bangt um ihre Sammethaut.
  Ach, Gockel, bring uns bis zum Fluß
  Und bau uns drüber einen Steg,
  Daß ich mit meiner Braut nicht muß
  Den Quell umgehn auf weitem Weg.
  Gedenken wird dir's immerdar
  Ich und der hohe Vater mein;
  Ist's auch nicht gleich, vielleicht aufs Jahr
  Stellt Zeit zu Dank und Lohn sich ein.--
  Doch was brauchts da viel Worte noch,
  Hart wird es mir, der edeln Maus,
  Vor deinem großen Ohrenloch
  Zu betteln.--Ich, der stets zu Haus
  Als erstgeborner Königssohn
  Gefürchtet und befehlend sitzt
  Auf einen Parmesankästhron,
  Der stolze Butterthränen schwitzt,
  Sag dir hiemit, erwähl' dein Theil,
  Nimm mich und meine Braut in Schutz,
  Schaff uns nach Haus gesund und heil,
  Sonst biete ich dir Fehd' und Trutz.
  Wenn uns die Katze auch nicht beißt,
  Maulleckend nur die Zähne bleckt,
  Miauend meine Braut erschreckt,
  Woran viel liegt, was du nicht weißt,
  Krümmt sie uns nur ein einzig Haar,
  Faßt uns ein wenig nur beim Schopf,--
  Vielmehr,--frißt sie uns ganz und gar,
  So kommt die That auf deinen Kopf,
  Wonach du dich zu richten hast!
  Gegeben vor dem Ohrenloch
  Des Wirthes, auf der dritten Rast
  Von unsrer Brautfahrt, da ich kroch
  In seinen Aermel vor der Katz,
  Nebst meiner Braut aus großem Schreck,
  Worauf in seiner Mütze Platz
  Er uns gemacht.  Prinz Speckelfleck.
  Punktum, Streusand, nun halte still,
  Ins Ohr beiß ich dir mein Sigill.

Nach dieser ziemlich unhöflichen Rede biß Prinz Speckelfleck den
ehrlichen Gockel so derb ins Ohrläppchen, daß er mit einem lauten
Schrei erwachte und um sich schlug.  Da flohen die beiden Mäuse in
großer Angst wieder in die Pudelmütze.--"Nein das ist doch zu grob,
einen ins Ohr zu beißen," sagte Gockel.  Da erwachte Frau Hinkel, und
fragte: "wer hat dich denn ins Ohr gebissen, du hast gewiß geträumt.
"-"Ist möglich," sagte Gockel, und sie schliefen wieder ein.

Nach einer Weile sprach Sissi zu Pfiffi: "Aber um alle Welt, was hast
du nur gethan, daß der Mann so bös geworden?"--Da wiederholte ihr
Pfiffi seine ganze Rede, und Sissi sagte mit Unwillen: "Ich traue
meinen Ohren kaum, Pfiffi! kann man unvernünftiger und plumper bitten,
als du?  Die niedrigste Bauernmaus würde sich in unsrer Lage
diplomatischer benommen haben.  Alles ist verloren, ich bin ohne
Rettung in die Krallen der Katze hingegeben durch deine übel
angebrachte Hoffart.--Ach mein junges Leben, o hätte ich dich nie
gesehen! u.s.w."--Pfiffi war ganz verzweifelt über die Vorwürfe und
Klagen seiner Braut, und sprach: "Ach Sissi, deine Vorwürfe
zerschneiden mein Herz, ich fühle, du hast recht; aber fasse Muth,
gehe an das linke Ohr und wende alle deine unwiderstehliche Redekunst
an--das linke Ohr geht zum Herzen, er erhört dich gewiß; o ich
Unglücklicher, daß ich in die verwünschten standesmäßigen Redensarten
gefallen bin!"--Da erhob sich Sissi, und sprach: "wohlan, ich will es
wagen."--Leise, leise schlüpfte sie wieder an das linke Ohr Gockels,
nahm eine rührende Stellung an, kreuzte die Vorderpfötchen über der
Brust, schlang den Schweif wie einen Strick um den Hals, neigte das
Köpfchen gegen das Ohr, und flüsterte so fein und süß, daß das
Klopfen ihres bangen Herzchens schier lauter war, als ihr Stimmchen.

  Verehrter Herr!  Ich nahe dir
  Bestürzt, beschämt und herzensbang;
  Ich weiß, mein Bräutigam war hier
  Und ziemlich grob vor nicht gar lang;
  Auch war sein Siegel sehr apart,
  Mit Recht hast du ihn angeschnarrt!
  Weil er verwöhnt, von Noth entfernt,
  Als einz'ger Prinz verzogen ward,
  Hat er das Bitten nicht gelernt;
  Drum, edler Mann, nimms nicht so hart!
  Wie Grobseyn ihm, sey Höflichseyn
  Dir leicht, weil du erzogen fein.
  Er meints gewiß von Herzen gut,
  Doch kömmt beim Sprechen er in Zug,
  So regt sich sein erhabnes Blut,
  Und er wird gröber als genug.
  Bedenk, der Kinder Pfeife klingt,
  Wie ihrer Eltern Orgel singt;
  Doch reut's ihn immer hintendrein,
  Und in der Pudelmütze sitzt
  Jetzt krumm das arme Sünderlein
  Und seufzt und wimmert, daß es schwitzt,
  Und schimpft, daß ihm die Hofmanier
  So grob entfuhr zur Ungebühr.
  Bekennet hat er mir, der Braut,
  Die ihn erst tüchtig zappeln ließ,
  Ihm tüchtig wusch die grobe Haut,
  Die Nas' ihm auf den Fehler stieß,
  Und endlich, nach manch bitterm Ach,
  Dich zu versöhnen ihm versprach.
  Doch, daß ich selbst mich nicht vergess',
  Vergönne jetzt in Demuth mir
  Zu sagen, daß ich, was Prinzeß
  Bei Menschen ist, bin als ein Thier,
  Und zwar als kleine, weiße Maus,
  So schütt' ich nun mein Herz dir aus!--
  Prinzeß Sissi von Mandelbiß
  Fleht dich um Ritterdienste an;
  Du weißt aus dem Aesop gewiß,
  Was für die Maus ein Löw gethan,
  Und wie ihm dankbar half die Maus
  Dann wieder aus dem Netz heraus.
  Auch meinem Bräutigam und mir
  Hilf sicher in das Mäusereich,--
  Die Katz, das ungeheure Thier,
  Macht mich vor Schreck ganz todtenbleich!
  O hättest du ein Bischen nur
  Von Mausgeschmack und Mausnatur.
  O wüßtest du, wie weiß und zart,
  Wie lieblich ich an Leib und Seel,
  Gar nicht nach andrer Mäuseart,
  Ja unter allen ein Juwel,
  Du littest lieber selbst den Tod,
  Als du mich ließ'st in Katzennoth.
  Die Aeuglein sind wie Diamant,
  Die Zähne Perl und Elfenbein,
  Mein Leib ist zierlich und gewandt,
  Die Pfötchen rosenroth und klein,
  Die Oehrlein sind zwei Blumen zart,
  Die Nase einer Blüthe gleich;
  Wie Blüthenfäden ist mein Bart
  So rein, so fein, so weiß und weich.
  Schweig Mäulchen, pfiffiglich gespitzt,
  Von Schönheit, die der Leib besitzt,
  Sprich von der Kunst, dem Sinn, dem Geist,
  Von Leistungen, die jeder preis't,--
  Denn, wie Frau Catalani singt,
  Mein Stimmlein bei den Mäusen klingt.
  Man hat mich drum als Gegensatz
  Oft Mausalani auch genannt,
  Weil Cata etwas klingt wie Katz,
  Hat man das Wort so umgewandt;
  Das Lani ließ man angehängt,
  Weil man dabei an Wolle denkt.
  Verläugne nicht dein Zartgefühl,
  Laß rühren dich durch meinen Sang,
  Denn lockender als Flötenspiel,
  Als Harfenton und Geigenklang
  Fleht er aus meiner Brust heraus:
  Beschütz die kleine weiße Maus!
  Bei deiner hohen Adelspflicht,
  Die dich zum Schutz der Damen weiht,
  Beschwör ich dich, verlaß mich nicht!
  Vielleicht ist ja der Tag nicht weit,
  Daß ich dir wieder helfen kann--
  Doch danach frägt kein Edelmann!
  Wer mich zu retten einen Stein
  Der Katze in die Rippen warf,
  Wer zugab, daß der Liebste mein
  An meiner Seite schlummern darf
  In seiner Mütze weich und warm,
  Der schützt mich auch mit starkem Arm!
  Erlaub nun, daß dir als Sigill
  Der Wahrheit, ohne Hinterlist
  Hier einsamlich und in der Still
  Das Ohrläppchen demüthig küßt,
  Was niemals sie noch that gewiß,
  Prinzeß Sissi von Mandelbiß.

Nun küßte sie ganz leise das Ohrläppchen Gockels, und weil er im
Schlafe etwas durch die Nase pfiff, glaubte sie, er sage ihr in der
Mäusesprache die artigsten Sachen und verspreche ihr seine Hilfe für
ganz gewiß.  Mit leichtem Herzen begab sie sich daher in die Mütze
zurück und verkündigte ihrem Bräutigam den guten Erfolg ihrer Bitten,
worauf dieser sie zärtlich umarmte.

Jetzt aber war die Stunde gekommen, da die schwarze Nacht gegen
Morgen ergrauet, und Alektryo, als ein getreuer Burgvogt, streckte
dem anbrechenden Lichte seinen Hals entgegen, um es zum erstenmal mit
einem krähenden Trompetenstoße zu bewillkommen.  Da erwachte Gockel
und Frau Hinkel, Gackeleia aber schlief fest.  Frau Hinkel fragte
ihren Mann, warum er denn heute Nacht so unruhig gewesen, und wie er
nur geträumt habe, daß ihn jemand ins Ohr gebissen.  Da zeigte Gockel
ihr die weißen Mäuschen in seiner Mütze, und erzählte ihr, was ihm
alles mit ihnen geschehen sey, und daß er versprochen habe, ihnen zu
helfen; "und das will ich auch thun," fuhr Gockel fort, "ich will
beide sogleich über den nächsten Fluß bringen, wo sie bald außer
Gefahr in ihrer Heimath sind."

Nun wollte er aufstehen und sich auf den Weg begeben, aber Frau
Hinkel sagte: "du bist nicht recht klug; dir träumt, du hättest den
Mäusen etwas versprochen und willst es ihnen nun im Wachen halten,
und deßwegen willst du mich hier in der Wildniß mit Gackeleia allein
lassen, wo du so nöthig bist, um aufzuräumen und alles in Ordnung zu
bringen."--Da erwiederte Gockel: "du hast scheinbar ganz recht, aber
versprochen muß gehalten werden, ich habe mein Ehrenwort gegeben, und
das ist mir so deutlich und gegenwärtig als der Biß in das Ohr.
"--"Wenn aber der Biß,"

sagte Frau Gockel, "ein Traum war, so war auch das Ehrenwort ein
Traum."  Gockel sprach hierauf unwillig: "ein Ehrenwort ist nie ein
Traum, das verstehst du nicht, und den Biß habe ich so deutlich
gefühlt, daß ich mit einem Schrei erwachte, das Ohr brennt mich noch.
"--"Laß doch einmal sehen," sagte Frau Hinkel, und erblickte mit
großer Verwunderung wirklich die Spur von fünf spitzen Zähnchen an
Gockels Ohr.

Als sie ihm dieses gesagt hatte, ließ er sich auch keinen Augenblick
länger aufhalten, sprang vom Lager auf, nahm das Brod aus dem
Hühnerkorb, schnitt ein Stück herunter, das er einsteckte, und sprach
zu seiner Frau: "Hinkel räume einstweilen Alles hübsch auf, sieh dich
im Schloße und der Umgebung um, und denke dir Alles aus, wie du es
gerne zu unserer Haushaltung eingerichtet hättest; besonders gieb auf
Alektryo und Gallina acht, weil es, wie du gehört hast, Katzen hier
giebt; nach Mittag hoffe ich wieder hier zu seyn," und nun nahm er
seinen Reisestab in die Hand.  Weil er aber die Mütze, aus der ihm
die Mäuschen entgegenpfifferten, aufsetzen mußte, so nahm er ein
leeres, mit zarten Federchen ausgefüttertes Vogelnest aus einem Baum,
setzte die Mäuschen hinein, schob es in den Busen und gieng mit
starken Schritten in den Wald gegen das Flüßchen hin.

Nach ein paar Meilen Wegs ruhte er an einer Quelle, wo er sein Brod
mit seinen Reisegefährten theilte.  Da er aber endlich an den Fluß
kam, gieng er auf und ab, eine schmale Stelle zu finden, fand auch
endlich einen Ort, wo er das Flüßchen leicht mit einem Steine
überwerfen konnte.  Hier nun nahm er sich vor, die Mäuschen
überzusetzen, aber keine Brücke, kein Kahn war da; er entschloß sich
daher kurz, zog das Nest mit den Mäusen hervor, und sprach hinein:
"lebet wohl, meine lieben Gäste; du Prinz von Speckelfleck befleiße
dich besserer Sitten, und du Prinzeß von Mandelbiß bilde dir nicht so
viel auf die Schönheiten ein, die du besitzest; übrigens bist du
wirklich ein sehr schönes Thierchen!  Lebt wohl, grüßt eure
Anverwandten und vergeßt nicht den armen alten Gockel von Hanau."
Die Mäuschen wußten gar nicht, was er wollte, weil er schon Abschied
nahm und sie doch noch diesseits des Flußes waren, auch kein Kahn und
keine Brücke weit und breit zu sehen war; sie pfifferten ihm daher
allerlei Fragen entgegen, aber er verstand kein Wort, ließ sich auch
weiter auf nichts ein, sondern wickelte sie, nebst einer Erdscholle,
in das Nest, holte weit aus und warf sie glücklich hinüber in das
hohe Gras.  Da sich von dem Falle das Nest drüben öffnete, schrieen
die kleinen Thierchen noch immer sehr erstaunt, wie er sie nur
hinüber bringen wolle, als sie zu ihrer größten Verwunderung sahen,
daß sie bereits drüben waren und fröhlich nach Hause liefen, ihre
Abentheuer zu erzählen.

Auf dem Heimwege begegnete Gockel drei alten Morgenländern mit langen
Bärten, welche große Naturphilosophen, Kabbalisten und
Petschierstecher waren; sie führten einen alten Bock und eine alte
magere Ziege an Stricken zur Frankfurter Messe.  Sie redeten Gockel
an: "seid ihr der Besitzer des alten Schloßes hier im Walde?"  Gockel
antwortete: "ja, ich bin der alte Raugraf, Gockel von Hanau."  Da
fragten ihn die Männer, ob er ihnen nicht den alten Haushahn
verkaufen wollte, sie wollten ihm den Bock dafür geben.  Gockel
antwortete: "was soll ich mit dem Bock, ihn etwa zum Gärtner machen,
kann der Bock etwa krähen?  Mein Hahn ist kein Alletagshahn, er ist
ein Wappenhahn, ein Stammhahn; sein Vater hat auf meines Vaters Grab
gekräht, und er soll auf meinem Grabe krähen, lebt wohl."  Da boten
ihm die Männer die Ziege, und als er abermals nicht wollte, boten sie
ihm den Bock und die Ziege; Gockel aber lachte sie aus und gieng
seiner Wege.  "Nun," riefen sie ihm nach, "in vier Wochen gehen wir
wieder vorbei, da wollen wir wieder nachfragen, vielleicht haben dann
der Herr Raugraf mehr Lust, den Hahn zu verkaufen."

Gockel kam gegen Abend nach Haus, und nachdem er von seiner Reise
ausgeschlafen hatte, sah er sich am andern Morgen mit Frau Hinkel und
dem Töchterchen Gackeleia in dem wüsten Schloße seiner Vorältern um
und begann sich so gut einzurichten, als es nur immer möglich war.
Alektryo zog überall mit ihnen umher, und da er an einer Stelle nicht
aufhörte zu scharren und zu locken, ward Gockel aufmerksam und räumte
mühsam den Schutt hinweg, wo er dann zu seiner großen Freude einiges
eiserne Gartengeräth fand, das von dem eingestürzten Hause
verschüttet worden war.  Da war ein Spaten, eine Pickel, eine Karst,
eine Harke, und Gockel machte sich gleich daran, diese rostigen
Instrumente wieder blank zu wetzen und neue Stiele hinein zu
schnitzen.  Mit diesem Werkzeug konnte er nun tüchtig in dem Schutt
herum arbeiten, und es gelang ihm, am Fuße eines Rauchfangs, ein
Kamin herauszugraben, in welchem der eiserne Kessel seiner Vorfahren
noch an einer Kette über der Feuerstelle hing.  Auch diesen scheuerte
Frau Hinkel am Brunnen wieder blank, und Gockel richtete ihr das
schöne Kamin zur Kochstelle ein.--Freudig rief er sie herbei und
zeigte ihr die schöne Einrichtung; aber Frau Hinkel seufzte und sagte:
"was soll uns der Herd, wenn wir nichts zu kochen haben?"--"Gott
wird helfen," sagte Gockel, und lehnte sich auf seine Schaufel; indem
kam Gackeleia herangehüpft und hatte eine Menge bunte Vogelfederchen
in ihrer Schürze gesammelt, und sagte: "Mutter, da sind so schöne
Federchen, mache mir doch solche Hühnchen und Hähnchen daraus, wie du
mir oft in Gelnhausen gemacht!"--Gockel sagte: "Kind, dich schickt
Gott; ja, das thue Frau Hinkel, mache ein paar Dutzend solche
Vögelchen, ich will sie für Brod und andres Nöthige verkaufen."--Frau
Hinkel, welche eine ganze Sammlung solchen kleinen Geflügels für das
königlich Gelnhausenische Hühner-Normal-Museum verfertigt hatte,
machte nun aus Lehm und diesen Federn allerlei artige kleine Vögel;
die Beine und Schnäbel wurden aus Dorn gemacht, und sie sahen recht
artig aus.  An den Tagen, da sie hieran auf den verfallenen Stufen
des trocknen Springbrunnens sitzend arbeitete, legte Gockel auf allen
fruchtbaren Erdstellen zwischen den Mauern Gartenbeete an, ordnete
und verband alle Winkelchen mit Zäunen und aus umherliegenden Steinen
zusammengestellten Treppen.  Er sammelte alle Gartengewächse, die im
verwilderten Schloßgärtchen noch übrig geblieben waren, und pflanzte
sie fein ordentlich in die neu angelegten Beete.

Von den mitgebrachten Broden war das letzte schon seit einigen Tagen
angeschnitten, und Frau Hinkel hatte die zwei Dutzend Federvögelchen
fertig.  Gockel nahm sie und sprach: "Diese Thierchen sollen uns Brod
schaffen, bis wir lebendige Hühnchen zu verkaufen haben" und somit
empfahl er ihnen fleißig zu seyn und gieng fort durch den wilden Wald
nach der Landstraße zu.  Kaum war er eine Stunde Wegs gegangen, als
er einen Postillon ganz erbärmlich blasen hörte.  Er gieng auf den
Schall zu, und sah einen Mann in gelbem Rock mit schwarzen
Aufschlägen im Gebüsch herum kriechen.  Als sie sich erblickten,
sagte dieser: "Gott sey Dank, daß da jemand kömmt, mir aus der Noth
zu helfen."--"Von Herzen gern, wenn's möglich ist," erwiederte Gockel,
"was giebt es, wo fehlt es?"--"Seht," fuhr der Mann fort, "ich bin
der Conducteur vom heiligen römischen Reichs-Postwagen und fahre
jetzt nach Nürnberg; da ich durch Gelnhausen kam, war ein Lärm in der
Stadt, daß der Hühnerminister, Alles zurücklassend, mit Frau und Kind
verschwunden sey.  Das ärgerte den König Eifrasius, er ließ mich zu
sich rufen und sagte: "Herr Conducteur, will er mir gegen ein gutes
Trinkgeld einen Gefallen thun?"--"Nicht mehr als Schuldigkeit, ihre
Majestät," sagte ich.--Da sagte der König: "Mein Hühnerminister, ein
alter eigensinniger deutscher Degenknopf, ist in Gnaden entlassen auf
und davon gegangen, und hat nicht einmal seinen Gehalt fürs letzte
Vierteljahr mitgenommen; ich will ihm nichts schuldig bleiben; wie
ich vermuthe, ist er in sein wüstes Stammschloß im Hanauer Wald
gezogen.  Nehme er ihm sein letztes Quartal mit und suche er ihn
auszufragen; wenn er mir einen Zettel bringt, daß er es empfangen, so
gebe ich ihm bei der Rückkehr ein gutes Trinkgeld."--Ich war zu Allem
bereit; man lud mir einen Sack voll Kartoffeln, einen Sack voll Mehl,
einen Kuhkäs, einen Topf voll Butter, einige Laib Brod und einen Korb
mit Eiern auf.  Alles mit der Adresse, an Seine Hochgeborne Excellenz
Herrn Raugrafen Gockel von Hanau, königlich Gelnhausenischen
Exhühnerminister in--da steht ein Fragezeichen.--Nun fahre ich schon
ein paar Stunden herum und kann das Schloß nicht finden, und ich
führe noch herum--aber es geht nicht--denn der Postwagen ist mir
umgefallen, und der ganze Korb mit Eiern ist mir zerbrochen, ihr
werdet die Bescheerung sehen.--Ich ließ den Postillon schon eine
Stunde lang um Hülfe blasen und suchte einstweilen, bis jemand käme,
uns den Wagen aufrichten zu helfen, hier unter den Bäumen
Pfifferlinge für einen Freund in Nürnberg.  Das ist die Geschichte,
jetzt kommt und helft."

Gockel umarmte den Conducteur, knöpfte seinen Wammes auf, zeigte ihm
seinen Orden und gab sich als den Exhühnerminister zu erkennen.
Niemand war froher als der Conducteur.  Sie eilten nach dem
umgefallenen Postwagen, trugen die Kartoffeln, das Mehl, das Brod,
den Käs, die Butter, die Gockel gehörten, in ein dichtes Gebüsch,
richteten den Postwagen wieder auf, wischten mit Gras das Eigelb von
den zerbrochenen Eiern aus dem Wagen und schmierten die Räder damit.
Gockel nahm seinen Siegelring, worauf ein doppelter Hahn eingestochen
war, den er mit Eigelb bestrich und dem Conducteur in sein Postbuch
als Bescheinigung des Empfangs abdruckte.--"Nun ist alles
vortrefflich, Herr Graf," sagte der Conducteur, "aber eine
Gefälligkeit möchte ich mir erbitten.  Ein Freund von mir, in
Nürnberg, ein Liebhaber von Raritäten, hat auf der Durchreise in
Gelnhausen, im königlichen Normalhühnermuseum, eine Sammlung kleiner,
von Federn gemachter Hühnchen gesehen, und wünschte um Alles in der
Welt zu wissen, wo dieselben verfertigt werden, er könnte bei seinem
ausgebreiteten Handel wohl hundert Dutzend davon gebrauchen."  "Gut,
mein Freund," erwiederte Gockel, "ich kann sie Ihnen verschaffen,
hier haben sie gleich zwei Dutzend von neuester Façon als eine Probe;
wenn sie hier wieder vorbeifahren, legen sie nur dort in den hohlen
Baum, was ihr Freund dafür bezahlt, sie sollen dort immer von Zeit zu
Zeit einige Dutzend solchen Geflügels vorräthig finden.  Wenn sie
wieder kommen, bringen sie mir etwas Drath und Zwirn und eine halbe
Elle rothes Tuch mit, die Beine und den Kamm an den Thierchen schöner
machen zu können."  Der Conducteur versprach Alles, und da Gockel
fragte, wie denn das Handlungshaus in Nürnberg heiße, zog er eine
leere Rauchtabaksdüte aus der Tasche, füllte die Hühnchen hinein und
zeigte Gockel die Adresse: Gebrüder Portorico ohne Rippen.--Da blies
der Postillon recht ungeduldig.  Gockel schüttelte dem Conducteur die
Hand, der in den heil.  römischen Reichspostwagen kroch, der gewiß
sehr schnell fortgefahren wäre, weil er so gut geschmiert war--aber
der Kasten war schwer, die Pferde müd, der Weg schlecht und der
Postillon schlief.

Gockel packte sogleich von Allem, was er erhalten hatte, so viel auf,
als er tragen konnte, das Uebrige verdeckte er dicht mit Zweigen, um
es Morgen vollends nach Haus zu bringen.  Als er in das Schloß kam,
rief er sogleich: "geschwind Frau Hinkel!  Den Kessel übers Feuer,
ich bringe Lebensmittel," und nun zeigte er, was er gebracht, und
erzählte Alles, was er erlebt."  Frau Hinkel kochte Kartoffeln,
machte gebrannte Mehlsuppe, backte Pfannkuchen.  Sie assen fröhlich,
streuten den Vögeln Brosamen und giengen zufrieden schlafen.  Am
andern Morgen holte Gockel den übrigen Vorrath und fuhr fort in dem
wüsten Gebäude aufzuräumen und einzurichten.

Ihr Leben ward täglich erträglicher in dem wilden Schloß.  Gockel
gieng oft ganze Tage in den Wald, bald zu jagen, bald um die
Vögelchen und Hühnchen der Frau Hinkel in den hohlen Baum zu tragen,
wo er immer für jedes zwei Kreuzer von Hrn.  Gebrüder Portorico ohne
Rippen durch den Conducteur und neue Bestellungen, und was er selbst
bestellt, hingelegt fand.--Wenn Gockel weggieng, befahl er immer, was
gearbeitet werden sollte, und Alektryo horchte seinen Aufträgen
jedesmal sehr ernsthaft zu.  Seine Befehle wurden aber nicht immer
befolgt.  Zum Beispiel: Gackeleia sollte aus Weidenruthen
Hühnernester flechten und die Weidenruthen in den Brunnen vor dem
Schloßgarten legen, damit sie sich recht geschmeidig flechten ließen;
aber sie that das sehr nachlässig, war eine neugierige, naschhafte
kleine Spielratze, guckte in alle Vogelnester, naschte von allen
Beeren, machte sich Blumenkränze und hatte keine rechte Lust zum
Arbeiten, weßwegen der strenge Alektryo sie manchmal mit großem Zorn
ankrähte, so daß sie erschreckt zu ihrer Arbeit zurücklief.  Darum
faßte sie einen starken Unwillen auf den alten Wetterpropheten und
verklagte ihn bei der Mutter.  Auch diese hatte keine Liebe zu
Alektryo, denn, wenn sie sich manchmal über der Gartenarbeit ermüdet
auf einen Stein setzte und sehnsüchtig an die Fleischer--und
Bäckerladen zu Gelnhausen dachte, begann Alektryo, der ihr immer wie
ein beschwerlicher Haushofmeister auf allen Schritten nachgieng, auf
den zu bestellenden Gartenbeeten zu scharren und zu krähen, um sie an
die Arbeit zu erinnern.

Als sie nun einstens so sitzend eingeschlafen war und vergessen hatte,
der Henne Gallina Futter vorzustreuen und frisches Wasser zu geben,
träumte ihr auch von den Gelnhausner Braten und Eierwecken so klar
und deutlich, daß sie im Traum sagte: "ach es ist Wahrheit, es ist
kein Traum;" da krähte ihr Alektryo so schneidend dicht in die Ohren,
daß sie vor Schrecken erwachte und an die harte Erde fiel.  Darum
hatte sie noch einen viel größern Unwillen gegen den ehrlichen
Stammhahn Alektryo, und jagte ihn überall hinweg, wo sie zu thun
hatte.  Auch hätte sie ihm gerne längst den Hals abgeschnitten, weil
er sie alle Morgen um 3 Uhr von ihrem Lager aufweckte.  Aber er war
ihr zu der Hühnerzucht, auf welche Gockel alle seine Hoffnung
gestellt hatte, gar zu nöthig.

Wenn nun Gockel Abends heimkehrte, kam ihm gewöhnlich Alektryo
entgegengeflogen, schlug mit den Flügeln und krähte ihm allerlei vor,
als wolle er Hinkel und Gackeleia wegen ihrer Nachläßigkeit verklagen,
und diese verklagten den Hahn wieder und es gieng ein strenges
Nachforschen Gockels über Alles an, wo darin Hinkel und Gackeleia
mancherlei Verdruß bekamen, so daß sie dem Alektryo täglich
feindseliger wurden.  Das Alles währte so fort, bis die Henne Gallina
dreißig Eier gelegt hatte, auf denen sie brütend saß.  Auf diese Brut
setzte Gockel alle seine Hoffnung für die Zukunft, und zürnte darum
so gewaltig auf Frau Hinkel, als sie die Vorsprecherin der Raubvögel
werden wollte, die gern im Schloße aufgenommen gewesen wären, worüber
ihr Gockel einen so derben Verweis gab, wie ich gleich anfangs
erzählte.

Die Freude des guten Gockels über seine brütende Henne war ungemein
groß, und da er täglich erwartete, daß die kleinen Hühnchen
auskriechen sollten, eilte er nach einer nahe gelegenen Stadt, Hirse
zu ihrem Futter zu kaufen, und empfahl sowohl der Frau Hinkel als der
kleinen Gackeleia sehr auf die brütende Gallina Acht zu haben, daß
ihr ja niemals etwas mangle.  Er gieng schon um Mitternacht weg, weil
er einen weiten Weg vor sich hatte.  Frau Hinkel dachte nun einmal
recht auszuschlafen, und nahte sich dem Hahn Alektryo, der noch auf
seiner Stange schlafend saß, ergriff ihn und steckte ihn in einen
dunkeln Sack, damit er den anbrechenden Morgen nicht erblicken und
sie mit seinem Krähen nicht erwecken möge, worauf sie sich wieder
niederlegte und wie ein Ratze zu schlafen begann.

Das Töchterlein Gackeleia aber schlief nicht viel, denn sie hatte
sich schon lange darauf gefreut, wenn der Vater Gockel einmal länger
abwesend seyn würde, sich ein Vergnügen zu machen, das sie gar nicht
erwarten konnte.  Sie hatte nämlich bei ihrem Herumklettern in einem
entfernten Winkel des alten Schloßes eine Katze mit fünf Jungen
gefunden und weder dem Vater noch der Mutter etwas davon gesagt, weil
diese immer sehr gegen die Katzen sprachen.  Gackeleia aber konnte
sich nie satt mit den artigen Kätzchen spielen, sie brachte alle ihre
Freistunden bei denselben zu und hatte der alten Katze den Namen
Schurrimurri gegeben, die fünf Jungen aber Mack, Benack, Gog, Magog
und Demagog genannt.  Heute stand sie nun in aller Frühe leise neben
der schlafenden Mutter auf, froh, daß Alektryo sie nicht verrathen
könne, denn sie hatte wohl bemerkt, daß die Mutter ihn in den Sack
gesteckt.  Als sie aber an dem Neste der brütenden Gallina
vorübergieng, hatte sie eine wunderbare Freude, denn sieh da, alle
die Eier waren kleine Hühnchen geworden, und piepten um die Henne
herum und drängten sich unter ihre ausgebreiteten Flügel und guckten
bald da, bald dort mit ihren niedlichen Köpfchen hervor.  Gackeleia
wußte sich vor Freude gar nicht zu fassen; anfangs wollte sie die
Mutter gleich wecken, dann aber fiel es ihr ein, sie wolle es zuerst
ihren kleinen Kätzchen erzählen, und meinte, die würden sich eben so
sehr, als sie selbst, über die schönen Hühnchen freuen.

Schnell lief sie nun nach dem Katzennest, und als ihr die alte Katze
mit einem hohen Buckel entgegen kam und um sie herumzuschnurren
begann, und die kleinen Kätzchen hinter ihr drein zogen, sprach
Gackeleia: "Ach, Schurrimurri!  Gallina hat dreißig junge Hühnchen,
und jedes ist nicht größer als eine Maus."  Als die Katze dies hörte,
war sie so begierig die Hühnchen zu sehen, daß ihr die Augen
funkelten.  Da sagte Gackeleia: "wenn du hübsch leise auftreten
willst und nicht miauen, damit die Mutter nicht erwacht, so will ich
dir die artigen Hühnchen zeigen; die kleinen Kätzchen können auch
mitgehen, die werden große Freude an den Hühnchen haben."  Gleich
lief nun Schurrimurri mit ihren Jungen vor Gackeleia her, und als sie
an den Stall gekommen waren, ermahnte sie dieselben nochmals, recht
artig zu seyn, und machte leise die Thüre auf.  Da konnte sich aber
Schurrimurri nicht länger halten, sie setzte mit einem Sprunge auf
die brütende Gallina und erwürgte sie, und die jungen Kätzchen waren
eben so schnell mit den jungen Hühnchen fertig.

Das Geschrei der Gackeleia und der sterbenden Gallina weckte die
Mutter, die noch auf dem Lager schlief und mit Entsetzen ihre ganze
Hoffnung von der Katze erwürgt sah, die sich, nebst ihren Jungen,
bald mit ihrer Beute davon machte.  Gackeleia und Hinkel weinten und
rangen die Hände, und der arme Alektryo, der das Wehgeschrei der
Seinigen wohl gehört hatte, flatterte und schrie in dem Sack.

Gackeleia wollte sterben vor Angst, sie umfaßte die Kniee der Mutter
und schrie immer; "ach der Vater, ach der Vater, ach was wird der
Vater sagen, ach er wird mich umbringen; Mutter, liebe Mutter, hilf
der armen Gackeleia!"

Frau Hinkel war nicht weniger erschreckt, als Gackeleia, und
fürchtete sich nicht weniger als diese vor dem gerechten Zorne
Gockels, denn sie hatte den wachsamen Alektryo in den Sack gesteckt.
Als sie das bedachte, fiel ihr auf einmal ein, sie wolle den Hahn
Alektryo als den Mörder der jungen Hühnlein angeben, und hoffte
dadurch den Zorn Gockels auf diesen unbequemen Wächter zu wenden.
Sie nahm daher den Sack, worin der Hahn war, und sagte: "komm
Gackeleia, wir wollen dem Vater nacheilen und ihm den Alektryo als
den Mörder der kleinen Hühner und der Gallina überbringen," und so
eilten sie nun beide den Gockel einzuholen, der im Walde herumstrich,
einiges Wild zu erlegen, das er bei dem Krämer gegen Hirse
vertauschen wollte.

Bald sahen sie ihn auch in einem Busche zwei Schnepfen, die sich in
einem Sprenkel gefangen hatten, in seinen Ranzen stecken; da fiengen
sie laut an zu weinen.  Gockel schrie ihnen entgegen: "Gott sey Dank,
ihr weinet gewiß vor Freude, Gallina hat gewiß dreißig schöne junge
Hühnchen ausgebrütet."--"Ach," schrie Frau Hinkel, "ach ja, aber!
"--"Aber, was aber?" sagte Gockel, "was aber weint ihr, dreißig
Hühner, und immer so fort, entsetzlich viele Hühner!"--Da rief Hinkel:
"O Unglück über Unglück, Alektryo, dein sauberer Haushahn hat
Gallina und alle die gegenwärtigen und künftigen Hühner gefressen!
Da hab ich ihn in den Sack gesteckt, da hast du ihn, strafe ihn, ich
will ihn nie wieder sehen."  Mit diesen Worten warf sie dem vor
Schreck versteinerten Gockel den Sack mit dem Hahn vor die Füße.
Gockel war über die schreckliche Nachricht, die alle seine Hoffnungen
zerstörte, ganz wie von Sinnen; "ach," rief er aus, "nun habe ich
Alles verloren, das Glück weicht von meinem Stammhaus, alle meine
Voreltern und Nachkommen sind betrogen durch den unseligen Alektryo,
den wir über Menschen und Vieh hoch geachtet haben.  O! hätte ich ihn
doch den drei morgenländischen Petschierstechern für den Geisbock und
die Ziege verkauft, da hätten wir doch etwas gehabt."  Als Frau
Hinkel hörte, daß er den Alektryo so gut hätte verkaufen können,
machte sie dem Gockel bittere Vorwürfe, der immer trauriger ward, und
endlich seinen alten pergamentenen Adelsbrief aus dem Busen zog und
zu seiner Frau sagte: "Hinkel, sieh, was meinen Stamm immer bewogen
hat, den Alektryo zu ehren; da unten auf der goldenen Büchse, in
welcher der treulose Alektryo als mein Familienwappen in Wachs
abgebildet ist, steht ein alter Familienspruch, nach welchem ich mit
allen meinen Vorfahren, von dem Geschlechte des Alektryo unser Glück
erwartete.  Die schriftliche Urkunde davon ist bei der Verbrennung
unseres Schlosses verloren gegangen, mein Großvater hat den Spruch
aber zum ewigen Angedenken auf die goldene Siegelbüchse stechen
lassen.  Er lautet ganz klar:

  "Alektryo bringt dir Glücke selbst um Undank.
  Gockel--Kopf--Kropf--Siegel--Brod gab."

Was aber die Worte: Kopf, Kropf, Siegel, Brod gab, bedeuten sollen,
weiß ich nicht."

Als er kaum die Worte ausgesprochen hatte, traten die drei
Petschierstecher, die ihm neulich den Hahn abkaufen wollten, aus dem
Gebüsch und sprachen: "was befehlen der Herr Graf Gockel von Hanau
von uns?"--"Wie so," sagte Gockel unwillig, "was soll ich
befehlen?"--"Der Herr Graf," antworteten die Männer, "haben doch
unsre Namen, Kopf, Kropf und Siegel zweimal ausgesprochen, denn so
heißen wir, seit unsre Vorältern nach Deutschland gezogen.--Aber
vielleicht wollen der Herr Graf sich ein neues Petschaft stechen
lassen; denn außerdem, daß wir in der Astrologie, Physiognomie,
Chiromantie, Geomantie, Alektryomantie, Coscinomantie, Hydromantie,
Crystallomantie, Cabbala, Goetie, Diplomatie und Prophetie
unbegreiflich billige Privatstunden geben, und daß wir Hühneraugen
schneiden, zerbrochenes Porzellain kitten und Kaffeemühlen scharf
machen, sind wir hauptsächlich Petschierstecher, was durchaus zur
Diplomatie, wegen der Siegelkenntniß an den Urkunden, und zur
Verfertigung der Talismane nöthig ist.  Ach, Herr Graf! es gehört
heut zu Tag ein entsetzlicher Umfang dazu, um in den Wissenschaften
komplett zu seyn; es werden grausame Forderungen gemacht, und was hat
man davon, nichts als die Ehre, daß Alles in einander greift mit
leeren Händen.  Ja, wenn der Handel mit Vieh, mit alten Kleidern und
Hasenpelzen nicht wäre--Herr Graf!--wahrhaftig die hohen
Wissenschaften machen die Suppe nicht fett."--"Also, daß ich meine
Rede nicht vergesse, wollen der Herr Graf sich nicht ein Petschaft
stechen lassen?--denn wir sehen, daß sie Ihr Siegel in den Händen
haben, welches ein Siegel des Gleichnisses, voll der Weisheit und
ausnehmend schön ist."

"Ach", sagte Gockel, "ich möchte mein Wappen lieber ganz vernichten,
denn der Hahn Alektryo, der darauf abgebildet ist, hat uns schändlich
betrogen," und nun erzählte er ihnen sein ganzes Unglück.--"Sehen der
Herr Graf," sagte der eine Petschierstecher, "wie gut wir es mit
Ihnen gemeint, da wir Ihnen neulich den Hahn abkaufen wollten; haben
wir nicht gesagt, Sie würden ihn nächstens vielleicht gern los werden,
wenn ihn nur jemand wollte, das lehrte uns die Prophetenkunst."

"Wie so, gut gemeint," sagte Gockel, "wie konntet ihr denn wissen,
daß mich der Hahn in solches Leid versetzen werde?"  Da erwiederte
der eine Morgenländer: "dieß Leid ist ja deutlich in dem alten
Familienspruch ausgesprochen, welchen unsre Vorältern selbst auf die
goldne Siegelbüchse gestochen haben; weswegen auch abgekürzt unter
dem Spruche steht, daß durch diese Arbeit Gockel dem Kopf, dem Kropf,
dem Siegel Brod gab, und aus Dankbarkeit für dieses Brod, das Ihre
Vorältern den unsern gegeben, wollten wir, da der Herr Graf in
Ungnade und Armuth gerathen ist, Ihro Excellenz den Hahn abkaufen,
weiteres Unglück von Ihnen abzuwenden."

"Das ist dankenswerth," erwiederte Gockel, "aber ich sehe in dem
Spruche gar keine Unglücksprophezeiung, sondern gerade das Gegentheil;
steht nicht in den Worten: Alektryo bringt dir Glücke selbst um
Undank.

ganz deutlich ausgesprochen, daß der Hahn selbst für Undank seinem
Herrn Glück bringen werde?"--"Ja," sagte da der zweite
Petschierstecher, "der Spruch ist, wie viele solche Sprüche, in der
Flattirmanier gestellt, große Herrn flattirt man gern.  Die Urkunde
ist ein bischen verschmeichelt und aus Menschenfreundlichkeit ein
wenig aufgemuntert; so wie man einem alten Roß die Haare aus den
Ohren schneidet und die Zähne feilt, daß es jünger aussieht, haben
unsre Vorfahren dem damaligen Graf Gockel den Schrecken ersparen
wollen und haben ein r aus einem e und aus einem u ein ü gemacht,
denn der Spruch heißt eigentlich:

Alektryo bringt die Glucke selbst um, o Undank!

was durch die Thatsache bewiesen ist, denn der undankbare Alektryo
hat ja die Glucke sammt den Küchlein umgebracht; wir aber müssen
dieses verstehen, denn wir sind von undenklichen Zeiten aus dem
Stamme der Petschierstecher.  Von unsern Vorältern ist das Siegel
Juda, das Siegel Pharaos, das Siegel Ahabs, das Siegel Ahasveri und
das Siegel des Darius gestochen, womit er den Daniel in die
Löwengrube versiegelte.  Wir sind Leute vom Fach, der Herr Graf
können sich auf die Güte unsrer Auslegung verlassen, und so sie sich
nicht von erster Qualität bewährt, können der Herr Graf sie uns
wieder zurückgeben."

Gockel ganz von der Rede der Männer und seinem Unglücke überzeugt,
bat sie, ihm doch nun den Bock und die Ziege für den Hahn zu geben,
aber das wollten sie nicht mehr und sprachen: "was soll uns der Hahn,
er ist ein Unglückshahn, er kann uns ein Leid anthun, wer wird einen
Unglückshahn essen, und bleibt er am Leben, er könnte einem ein
Unglück ankrähen; aber lassen ihn der Herr Graf einmal sehen, man
kauft keine Katze im Sack, viel weniger einen Hahn."  Da zog Gockel
den Hahn aus dem Sack, und sprach weinend: "o Alektryo, Alektryo!
welch Leid hast du mir gethan."  Alektryo ließ Kopf und Flügel hängen
und war sehr traurig; aber als ihm der eine Petschierstecher an den
Kropf fühlen wollte, ward er ganz wüthend; alle seine Federn
sträubten sich empor, er hackte und biß nach ihm und schrie und
schlug so heftig mit den Flügeln, daß der Mann zurückwich, und Gockel
den Hahn kaum halten konnte.

"Schau eins," sagten die drei Petschierstecher, "man soll noch Geld
geben für so ein wildes Ungeheuer, es will die Leute fressen; wer
wird ihn kaufen?"  Als aber Gockel ihn immer wohlfeiler bot, sagten
sie ihm endlich: "wir geben dem Herrn Grafen, wenn er uns den Hahn
nach Hause tragen will, neun Ellen Zopfband dafür, daß er sich einen
schönen langen Zopf binden kann, wie sichs einem Grafen gebührt," und
Gockel willigte ein, um nur etwas für den Alektryo zu erhalten.

Frau Hinkel und Gackeleia hatten alles dieses still mit angehört und
giengen mit schwerem Gewissen nach Hause, denn sie wußten wohl, daß
die Dreie die Unwahrheit sagten.  Gockel aber nahm den Alektryo unter
den Arm und folgte traurig den drei Petschierstechern durch den Wald
nach ihrem Wohnorte.  Anfangs giengen sie dicht um ihn; weil der Hahn
aber dann immer nach ihnen biß und schrie, baten sie Gockel, einige
Schritte mit dem grausamen Ungeheuer hinter ihnen her zu gehen.
Gockel hörte öfter, wie die drei unheimlichen Männer zu einander
sagten: "Kropfauf, Siegelring, Kopf ab," und wie sie dann miteinander
zankten und immer einer zum andern schrie: "nein ich Siegelring, nein
du Kropf auf, nein du Hals ab," und als Gockel sie fragte, warum sie
immer miteinander zankten, sagten sie: "ei, es will keiner von uns
den Hahn schlachten, weil er ein so grausames Thier ist; wenn der
Herr Graf ihn gleich schlachten, so wollen wir Ihro Excellenz den
Kamm, die Füße und Sporen und Schweif geben, die können Sie auf die
Mütze setzen zum ewigen Andenken,--ein schönes Monument, ein
statuirtes Exempel für den Undank; drehen Sie ihm unterm Tragen doch
ganz leise den Hals herum."

"Gut," sagte Gockel, und faßte den Alektryo an der Kehle.  Da fühlte
er aber etwas sehr Hartes in seinem Kropfe, und der Hahn bewegte sich
so heftig dabei, daß die Männer sich sehr fürchteten und zu Gockel
sagten: "Ach gehen der Herr Graf ein wenig weiter hinter uns her."
Das that Gockel, und als er wieder an den Hals des Alektryo faßte,
fühlte er das Harte im Kropfe wieder, und machte sich allerlei
Gedanken, was es doch nur seyn könne.  Da sagte auf einmal der Hahn
mit deutlichen Worten zu ihm:

  "Lieber Gockel, bitt' dich drum
  Dreh mir nicht den Hals herum,
  Köpf mich mit dem Grafenschwert,
  Wie es eines Ritters werth.
  Weh, Graf Gockel, bittre Schmach!
  Trägt den Hahn den Schelmen nach."

Gockel blieb vor Schrecken und Rührung stehen, als er den Alektryo
reden hörte, aber er besann sich bald eines Andern, und wollte ihnen
nicht mehr den köstlichen Hahn, der reden konnte, um neun Ellen
Zopfband nachtragen, und rief ihnen zu, links in das Gebüsch zu
treten, jetzt wolle er das grausame Ungeheuer tödten.

Sie sprangen schnell in das Gebüsch, aber da war eine mit Reisern
bedeckte Wolfsgrube, die kannte Gockel gut, denn er hatte sie selbst
gegraben, und Plumps fielen alle drei morgenländische
Petschierstecher hinein, und riefen dem Gockel, ihnen herauszuhelfen;
aber dieser gab keine Antwort, und schlich sich in die Nähe der Grube,
um zu hören, was sie da unten für Betrachtungen anstellen würden.

"O weh mir!" schrie der Eine, "da haben wir es, wer dem Andern eine
Grube gräbt, fällt selbst hinein; was nützt uns nun der Siegelring
des Darius, womit er die Löwengrube verschlossen, wir sitzen in der
Wolfsgrube.  Alle Mühe und Arbeit und Salomonis Siegelring in des
Hahnen Kropf ist verloren für uns, der Gockel muß es gemerkt haben,
daß Kopf, Kropf, Siegel nicht unsere Namen, sondern nur einzelne
Worte des alten geheimen Spruches sind, welcher sagt: man müsse dem
Hahnen den Kopf ab und den Kropf aufschneiden, um Salomonis
Siegelring aus demselben zu erhalten, der einem giebt, Herz was
verlangst du?  Jugend und Reichthum, alle Güter der Welt, Geld!--Geld!
--Geld!--Geld!"-Dann schrie der Andere: "o wehe uns, daß wir jemals
etwas von dem Ring in dem Kropfe des Hahnen erfahren haben; o hätten
unsere Väter doch niemals in dem alten Gockelschloß nach Schätzen
gegraben, und dort das ganze Geheimniß auf dem Grabsteine eingehauen
gelesen, so hätten wir Ruhe gehabt, jetzt schwebt uns der Ring immer
vor den Augen, der einem giebt, Herz was verlangst du?  Jugend und
Reichthum, alle Güter der Welt!--Geld!  Geld!--Geld!--Geld!"

Nun schrie der Dritte: "o Unglück über Unglück, alle Mühe und Arbeit
verloren!  Wie lange haben wir dem König von Gelnhausen zugesetzt,
wie viel haben wir an seine Minister spendirt, bis sie den Gockel ins
Elend gebracht, damit wir ihm den Hahn leicht abkaufen könnten; haben
unsere Eltern doch allein das Petschierstechen gelernt, um dem Hahn
näher zu kommen, da sie sein Portrait nach der Natur auf das
Grafensiegel stachen, wo sie ihm auf den Zahn fühlen konnten, ob er
nach dem Tod des frühern Hahns, als dessen erstgeborner Sohn, auch
den Ring wieder im Kropf habe.--Wie haben wir müssen laufen von
Heddernheim nach Krakau, von Krakau nach Bockenheim, von Bockenheim
nach Constantinopel, von Constantinopel nach Fürth, von Fürth nach
Jerusalem, von Jerusalem nach Worms, von Worms nach Cairo, von Cairo
wieder nach Heddernheim und von Heddernheim wieder in die ganze
Geographie, laufen, laufen um zu lernen die Kabbala, Gicks Gacks und
Kikriki, die große Alektryomantie, bis wir endlich den Spruch auf dem
Grabstein in der Burg Gockels verstehen konnten.--Weh, Alles umsonst,
Alles verloren!  Wenn wir nur aus dem Loche wären, und wer bezahlt
mir nun die Katze, die ich mit ihren fünf Jungen selbst aus meinem
Beutel gekauft und in das Schloß gesetzt habe, damit sie die Gallina
sammt der Brut fressen sollte, auf daß dem Gockel der Hahn feil
würde?  Wer bezahlt mir die Katze?  Ich will mein Geld für die Katze.
Hätte ich ihr den Pelz doch abziehen und sie als einen Hasen
verkaufen und den Pelz auch verkaufen können, ich will mein Geld für
die Katze!  Die Katze ist verloren, der Ring ist verloren, der einem
giebt, Herz was verlangst du?  Jugend und Reichthum, alle Güter der
Welt!--Geld!--Geld!--Geld!--Geld!"-Da Gockel über ihr Geschrei lachen
mußte, glaubte der erste Petschierstecher, der zweite habe ihn
ausgelacht, und schlug nach ihm; der schrie und sagte, der dritte sey
es gewesen; da schlug dieser nach ihm und daraus entstand eine
allgemeine Prügelei unter den Dreien, worüber Gockel mit Alektryo die
Grube verließ und nach seinem Schloße in tiefen Gedanken zurückgieng.

Gockel hatte gar vieles erfahren, die Lüge der Frau Hinkel und der
kleinen Gackeleia, die Anwesenheit einer alten Schrift auf einem
Grabstein in seiner Schloßkapelle, das Geheimniß von dem Siegelring
in des Hahnen Kropf und die ganze Betrügerei der morgenländischen
Petschierstecher.  Alles dieses machte ihn gar tiefsinnig und betrübt;
er drückte den edlen Hahn Alektryo einmal um das andremal an sein
Herz und sagte zu ihm: "nein, du geliebter, ehrwürdiger, kostbarer
Alektryo, und wenn du den Stein der Weisen in deinem Kropf hättest,
du sollst darum durch meine Hand nicht sterben, und ehe Gockel nicht
verhungert, sollst du auch nicht umkommen."  Nach diesen Worten
wollte Gockel dem Alektryo einen Bissen Brod geben, der aber
schüttelte den Kopf und sprach gar beweglich:

  "Alektryo in großer Noth,
  Gallina todt, die Hühnchen todt,
  Alektryo will mehr kein Brod,
  Will sterben durch das Grafenschwert,
  Wie es ein edler Ritter werth,
  Verlangt ein ehrlich Halsgericht,
  Wo Raugraf Gockel das Urtheil spricht,
  Und über die Katze das Stäblein bricht."

"O Alektryo," sprach Gockel mit Thränen, "ein strenges Gericht soll
über die Katze ergehen, deine verstorbene Gallina und deine dreißig
Jungen sollen gerächt werden, und was noch von ihnen übrig ist, soll
in einem ehrlichen Grabe bestattet werden; aber du, du mußt bei mir
bleiben."  Der Hahn blieb immer bei seiner Rede, er müsse in jedem
Falle sterben, und wolle ihn Gockel nicht enthaupten, so werde er
sich zu Tode hungern; Gockel werde schon heute in der wüsten
Schloßkapelle noch Alles erfahren und dann kurzen Proceß machen.

Es war Nacht geworden: als Gockel nach Hause kam.  Frau Hinkel und
Gackeleia schliefen schon, denn sie erwarteten heute den Vater nicht
zurück, weil sie glaubten, er sey mit den Käufern des Alektryo nach
der Stadt gegangen.  Zuerst schlich sich Gockel nach dem Winkel, wo
die mörderische Katze mit ihren Jungen schlief, Alektryo zeigte ihm
den Weg. Gockel ergriff sie alle zusammen und steckte sie in
denselben Sack, in welchem Alektryo gefangen gelegen war.  Ach wie
trauerten Gockel und Alektryo, als sie die Federn und Gebeine der
guten ermordeten Gallina und ihrer Küchlein um das Nest der Katze
herumliegen sahen.  Sie weinten bittere Thränen mit einander und
Alektryo sammelte, mit seinem Schnabel herumsuchend, alle Beinchen
und Federn der Ermordeten in die Mütze Gockels, der sie ihm hiezu
hinhielt.  Dann sprach Alektryo zu Gockel, indem er traurig vor ihm
herschritt, Kamm und Schweif niedersenkte und die Flügel hängen ließ,
als begleite er wie ein Kriegsmann mit gesenkter Fahne und
niedergewendetem Gewehr eine Leiche zu Grab:

  Nun folg mir zur Kapelle,
  Daß diese theure Last
  Dort find' an heil'ger Schwelle
  Auf ewig Ruh und Rast.

So giengen sie wie ein stiller Leichenzug zu der wüsten Kapelle,
Alektryo sang eine leise Lamentation und die Vögel aus dem Schlafe
erwachend guckten hie und da aus den Nestern und lamentirten, ohne
die einfache Würde der erhabenen Trauerzeremonie zu stören, in
sanfter Harmonie ein bischen mit.  Der Himmel selbst hatte seine
Sterne mit Wolken verhüllt und der Mond, mit Thränen im Auge,
schimmerte bleich durch einen Schleier der Wehmuth.  Die halbe Natur
stimmte in das schöne Ganze dieser eben so rührenden als würdigen
Feier mit ein, wobei auch die so sinnige Mitwirkung der Büsche und
Kräuter und Blumen rühmlich zu erwähnen ist, denn die Glockenblumen,
die ehr--und tugendsam Jungfer Campana läutet ganz mitleidig mit
allen ihren blauen Glocken, und die bewußten weißen Rosen, die bei
Feierlichkeiten immer so beliebten weißgekleideten Mädchen, gossen
Schalen voll reichlichen Thränenthaus vor dem Zuge aus; man bemerkte
unter den Leidtragenden die so achtbare Klagejungfrau Rosmarin, die
demüthige Familie Thymian, die Miß Lavendel, die Comtesse Quentel und
viele andre edle Familien.  Auch die barmherzigen Schwestern Jungfer
Melissa, Krausemüntze, Kamille, Schaafgarbe, Königskerze, Ehrenpreiß,
Baldrian, Himmelsschlüßel bewiesen ihre innigste Theilnahme.  Vor
allen andern des schönen Blumengeschlechtes aber beurkundete Fräulein
Reseda, welche so oft im Wochenblättchen anzeigt, daß sie mehr auf
gute Behandlung als großen Gehalt sehe, den guten Geruch aller ihrer
Verdienste.  Der allgemeine Blumen-Notarius Publicus Salomons-Siegel
bewährte durch seine Theilnahme, daß sein Name in großem Bezug mit
diesem merkwürdigen Ereignisse stehe.  Kurz die Theilnahme aller
Kräutlein war so groß, daß sogar die faule Grethe unter ihnen bemerkt
wurde, der redliche gute Heinrich hatte sie aufgeweckt, daß auch sie
mit ihm dem Alektryo ihr Beileid bezeige.

O wie kindlich, einfältig rührend sprach sich die Theilnahme der
frommen Klosterschwestern, Marienkinder genannt, aus, welche ihr
Klösterchen in dem mit Erde erfüllten trockenen Becken des
verfallenen Springbrunnens zu Füßen des zerbrochenen Liebfrauenbildes
bewohnten.  Gackeleia nannte dieses mit lauter Marienpflänzchen
überwachsene Brunnenbecken gewöhnlich ihr Marienklostergärtchen, und
pflegte es besser, als alle anderen Gartenbeete.  Alle
Marienkäferchen, die sie fand, setzte sie hinein.

Sie hatte sich eine Bank darin bereitet, und neben dieser stand das
Kräutlein Unserlieb-Frauenbettstroh.  Da trieb Gackeleia gewöhnlich
ihre Spielereien.  Sie hatte das liebe Dreifaltigkeitsblümchen, das
auch Jelängerjelieber und Denkeli und unnütze Sorge genannt wird, zu
Füßen des Liebfrauenbildes gepflanzt, weil die Mutter ihr gesagt
hatte, daß dieß Blümchen in Hennegau Jesusblümchen heiße.  Da nahm
dann Gackeleia manchmal ein solches Jesusblümchen und legte es auf
das Kräutchen Marienbettstroh und wiegte es hin und her und sang dazu:

  Da oben im Gärtchen,
  Da wehet der Wind,
  Da sitzet Maria
  Und wieget ihr Kind,
  Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand,
  Und brauchet dazu gar kein Wiegenband.
  Ich will mich zur lieben Maria vermiethen,
  Will helfen ihr Kindlein recht fleißig zu wiegen,
  Da führt sie mich auch in ihr Kämmerlein ein,
  Da singen die lieben Engelein fein,
  Da singen wir alle das Gloria,
  Das Gloria, Lieb Frau Maria!

Als der Leichenzug Gallina's an diesem Mariengärtchen vorübergieng,
war die Betrübniß von dessen Bewohnerinnen um so größer, als ihre
Freundin Gackeleia diesen höchst traurigen Todesfall veranlaßt hatte;
ach, sie fühlten Alle in ihrem frommen Herzen, als theilten sie die
Schuld Gackeleia's.  Da standen nun die lieben Kräutchen, die
Marienkinder, in einer Reihe.  Schwester Margarita Marienröschen,
Schwester Chardonetta Mariendistel, Schwester Cuscutta Marienflachs,
Schwester Spergula Mariengras, Schwester Gremila Marienhirse,
Schwester Alchimilla Marienmantel, Schwester Mentha Marienmünze,
Schwester Päonia Marienrose, Schwester Calceola Marienschuh und auch
die kleine feine Novize Mignardisa Marientröpfchen hatte ihr
gefranztes Trauerschleierchen ganz naß geweint.  Alle standen sie in
stiller Andacht und dufteten ein de profundis, und einer jeden hatten
die Marienkäferchen eine brennende Kerze in die Hand gegeben, und die
Laienschwestern Campanula, Marienhandschuh und Marienglöcklein
läuteten mit den blauen, violetten und weißen Klosterglöckchen gar
beweglich und harmonisch.  Nirgends aber sprach sich Trauer, Mit--und
Beileid tiefer und wahrer aus, als unter der uralten Linde, nahe bei
dem Eingang in die Kapelle.  Es müssen sich theure Gockelhinkelsche
Erinnerungen an diese klassische Stelle knüpfen; Ortsnamen und
Bewohner zeugen dafür.  Die Linde heißt von Olims Zeiten her die
Hennenlinde, das kleine Feldkreuz unter ihr, worauf eine Henne
ausgehauen, heißt das Hennenkreuz.  Die drei zu ewiger Anbetung und
Fürbitte verlobten adeligen Klosterfrauen, die drei reinen
schneeweißen Lilien, welche zu Häupten dieses Kreuzes stehen,
sendeten Weihrauch und Gebete aus den Opferschalen ihrer Kelche empor.

Zu Füßen des Hennen-Kreuzes trauerte in stummem Schmerz ein adeliger
Fräuleinverein von lauter Pflanzen und Kräutern, welche der Gräfin
Hinkel von Hennegau namensverwandt und seit Olims Zeiten in diesem
Schloße einheimisch waren.  Hier weinten unter dem Vorstand der alle
Schmerzen übernehmenden Fräulein Grasette Fetthenne ihre stillen
Thränen die edlen Fräulein Moscatellina von Hahnenfuß, Ornitogalia
von Hühnermilch, Serpoleta von Hühnerklee, Morgelina von Hühnerbiß,
Cornelia von Hahnenpfötchen, Osterlustia von Hahnensporn, Cretellina
von Hahnenkamm und Esparsetta von Hahnenkämmchen.--Dank den edlen
schönen Seelen!

Es haben sich außerdem allerlei Gerüchte von außerordentlichen
Erscheinungen verbreitet, die bei diesem Begräbniß eingetreten seyn
sollen, und es ist noch jetzt das Gerede unter den Vögeln der
Umgegend davon: "es sey ein Comet in der Gestalt eines Paradiesvogels
am Himmel gesehen worden, und unter der Linde hätten die drei Lilien
zu leuchten begonnen, Sterne seyen in sie niedersinkend gesehen
worden und vor ihnen sey eine schöne edle Frau, eine Gräfin von
Hennegau, erschienen und habe beim Vorübergang der Leiche die Worte
gesungen:

  O Stern und Blume, Geist und Kleid,
  Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!

worauf Alles verschwunden sey."  Wir stellen diese Gerüchte, als dem
Reiche der Phantasie angehörig, unverbürgt dem Glauben eines jeden
anheim.  Als Gockel und Alektryo in der dachlosen, Busch und Baum
durchwachsenen Kapelle mit den Ueberresten Gallina's angekommen war,
schüttete er dieselben fein sachte auf die Stufen des zerfallenen
Altares aus und zog seine Mütze wieder über die Ohren, weil er wohl
wußte, es könne ihm bei seiner Anlage zu rheumatischem Kopf-,
Zahn--und Ohrenweh unmöglich gesund seyn, das nicht mehr dicht
behaarte Haupt dem kühlen Nachtthau auszusetzen.  Hierauf sprach der
treue Alektryo, der nicht von den Ueberresten seiner Familie wich, zu
Gockel:

  ####Wachholderstrauch
  ####Macht guten Rauch.
  Zu Stambul hat der Großsultan
  Wachholder in dem Garten sein
  Und drum ein goldnes Gitterlein,
  Er zündet dran die Pfeife an
  Und hat recht seine Freude dran;
  Du Gockel brich Wachholder mir
  Zu dem Castrum Doloris hier.

Da brach Gockel ihm Reiser von einem dort stehenden Wachholderbusch
und flocht eine Art Nest daraus, welches er auf die Stufe des Altares
setzte.  Alektryo legte alle die Beinchen der Gallina und ihrer
Jungen in diesem Nest in einen wohlgeordneten Scheiterhaufen zusammen,
füllte diesen mit den Federn und legte den Kopf und die Köpfchen der
Seinigen darauf.

Indessen blickte Graf Gockel nachdenklicher als je den alten
Grabstein an, der hinter dem Altar in der Wand eingemauert war; es
war sein erster Ahnherr, der Urgockel, mit einem Hahnen auf der
Schulter und einem ABC-Buch in der Hand, in bedeutender Größe darauf
abgebildet, und zu seiner Linken war an der Mauer eine Reihe von
Bildern aus seinem Leben in Stein gehauen.  Gockel wußte nicht viel
von dem Urgockel und noch weniger von der Bedeutung der Bilder; die
Hauschronik war mit dem Schloß verbrannt.  Er wußte nur den alten
Familiengebrauch, daß die Grafen Gockel immer den Alektryo in Ehren
hielten, und daß er ihrem Haus Glück bringe.

Als Alektryo mit der Ordnung der Gebeine seiner Familie fertig war,
scharrte er die Erde von einer Marmorplatte, die vor dem Altar am
Boden lag, und Gockel reinigte sie vollkommen.  Auf dieser Platte
waren allerlei Zeichen, wie Hahnen und Hühner sie mit ihren Pfoten im
Schnee machen, eingegraben.  Alektryo sprach:

  Graf Gockel lies,
  Was heißet dies?

Gockel konnte aus dem Gekritzel nicht klug werden und sprach:

  Alektryo, mein lieber Hahn,
  Wie sehr ich auch nachdenken mag,
  Kann ich kein Wörtchen doch verstahn
  Von dieser Kribbes-Krabbes-Sprach.

Da erwiederte Alektryo:

  Der Ur-Alektryo dies schrieb
  Dem Ur-Gockelio zu lieb.
  Da keine Handschrift konnte lesen,
  Noch schreiben Ur-Gockelio,
  So ist ihm hier zu Dienst gewesen
  Mit Fußschrift Ur-Alektryo.
  Sein Lehrer war ein Indian,
  Ein Schreiber des Gott Hahnemann,
  Die Tinte war der Morgenthau,
  Die Federn waren Hahnenpfoten,
  Er schrieb auf Paradieses Au
  Zum reinen Kikriki die Noten;
  Doch als im Eifer eine Sau
  Er einstens hat hineingekleckst,
  Fiel gleich sein Stamm mit Kind und Frau
  Auf lange Zeiten aus dem Text;
  Bis er bei Job als Concipist
  Ward angestellet auf dem Mist.
  Was Hahn zu Hahn hat je gekräht,
  Der Schrei noch um die Erde geht;
  Was Hahn an Hahn vor Langem schrieb,
  Nicht immer ganz verständlich blieb.
  Weil Fußschrift auf die Fußschrift trifft,
  So ward es Kribbes-Krabbes-Schrift.
  Ein jeder liest sich erst hinein
  Was er sich gern heraus möcht' lesen,
  Oft giebt ein Strich, ein Pünktlein klein,
  Dem ganzen Sinn ein andres Wesen.
  So ward auch hier der dunkle Spruch
  Aus dein und meinem Schicksalsbuch,
  Der auch auf deinem Wappen steht,
  Von Schriftgelehrten bös verdreht;
  Doch weil ich kräh' nach Tradition,
  So kann ich noch mein Lektion.

Nun las Alektryo ihm folgende Worte von der Marmorplatte:

  Alektryo bringt dir Glück selbst um Undank.
  O Gockel hau ihm den Kopf ab,
  Schneid' ihm den Kropf auf, Salomo's
  Siegelring Jedem noch Brod gab.

Da sah nun Graf Gockel deutlich, daß die Eltern der Petschierstecher
schon seine Vorfahren bei dem Spruch auf dem Wappen betrogen hatten,
und daß die Worte: Kopf, Kropf, Siegel gar nicht ihre Namen waren.
Alles Gehörte erweckte dunkle Erinnerungen wie von Mährchen aus
seiner frühesten Jugend in ihm, und begierig, von der Geschichte
seiner Vorfahren etwas zu wissen, sprach er zu dem Hahnen:

  Alektryo! es ist curios,
  Du sprichst vom Ringe Salomo's
  Und von dem Urgockelio
  Und von dem Uralektryo;
  Mir ist, wenn ich dies Alles hör',
  Wie einer Eierschaale leer,
  Wenns Huhn, von dem sie war gelegt,
  Sich gacksend um sie her bewegt.
  Wer lang, wie ich, bei Hofe sitzt
  Im Hühner-Ministerium,
  Zuletzt gar von sich selbst ausschwitzt
  Das innere Mysterium.
  Mir ist so dumm, als ob ich sey
  Ein in der Stichedunklichkeit
  Der finstern Mittelaltrichkeit
  Gelegtes ausgeblas'nes Ei.
  Belehr mich doch!--ich weiß nicht mehr,
  Wo kommen alle wir nur her,
  Wo Gockel, wo Alektryo,
  Wo jener Ring des Salomo?

Da erwiederte Alektryo:

  Du dauerst mich, du armer Tropf!
  Faß an den Ring in meinem Kropf,
  Sprich: Urgockel! dort an der Wand,
  Hast's ABC-Buch in der Hand,
  Gehorch' dem Ring des Salomon
  Und sag mir auf dein Lektion,
  Links vom Altar bis zu der Thür
  Die alten Bilder explizir'!

Graf Gockel nahm nun den Alektryo unter den Arm, faßte mit der Hand
an seinen Kropf und sprach diese Worte ganz feierlich zu dem Bilde
Urgockels an der Wand.  Da rauschte es dumpf in dem Steinbild, der
steinerne Hahn Urgockels schlug sich mit den Flügeln in die Seite,
daß Moos und Kalk niederfiel; er streckte den Hals und krähte, wenn
gleich ein wenig heiser, doch so laut und feierlich, als wolle er den
Schlafenden den jüngsten Tag verkünden, und Alektryo antwortete ihm
mit ehrfürchtigem Ernst.

Nun aber fiel hie und da brüchiges Gestein an der Wand rasselnd
nieder, es regte sich das steinerne Bild Urgockels, hob langsam die
Hände, streckte sich, rieb sich die Augen, gähnte etwas zu laut,
machte aber dabei ein Kreuz vor den Mund, welches ein schönes Zeugniß
für die fromme Sitte des finstern Mittelalters war; er schob sich
auch die Mütze ein wenig hin und her und nießte sehr heftig, und Graf
Gockel sagte ernsthaft: "wohl bekomm's!" und er erwiederte: "Schönen
Dank!"--Dann aber stellte er sich ruhig in Positur, deutete der Reihe
nach auf die Bilder an der Mauer hin und las dabei aus seinem
ABC-Buch schön deutlich wie ein verständiger Knabe, aber freilich,
wie es von seiner Zeit nicht anders zu erwarten war, ohne Gefühl,
ohne Betonung, ohne Ausdruck, ohne Deklamation, etwas eintönig
folgende Reime ab:

  Urgockel werde ich genannt,
  Zog weit umher im Morgenland
  Und schlief einst dorten auf dem Mist,
  Wo Job versuchet worden ist.
  Da träumte mir, der Dulder fromm
  Heiß' mich auf seinem Mist willkomm
  Und schenk' mir einen schwarzen Hahn
  Und spräch': "es hat des Hahnen Ahn
  Bei mir auf diesem Mist gekräht,
  Zu Gott geklagt, zu Gott gefleht,
  So klug, daß ich den Spruch erfand:
  Wer giebt dem Hahnen den Verstand?
  Leb wohl--er heißt Alektryo."
  Da weckte mich auf meinem Stroh
  Ein ritterlicher Hahnenschrei;
  Ich sah, daß es derselbe sey,
  Den mir Herr Job im Traume gab,
  Er saß auf meinem Pilgerstab
  Und weckt' mit Schrei und Flügelschlag
  Sich, mich und auch den jungen Tag.
  Ich theilt' mit ihm mein Sorgenbrod
  Und zog mit ihm durch Morgenroth,
  Durch Mittagsgluth und Abendschein,
  Durch Mond--und Sternennacht, allein,
  Ach so allein, allein, allein,
  Als Mann und Hahn kann jemals seyn!
  Alektryo so mit mir kam
  Durch Persiam und Mediam,
  Armeniam, Mingreliam,
  Durch Gock--und Magockeliam;--
  In Montevillas Reisbuch stehn
  Die Länder all, die wir besehn.
  Wann Nachts ich ruht, da wacht' der Hahn,
  Zeigt' redlich mir die Stunden an,
  Da stand ich auf, that ein Gebet--
  Schlief wieder bis er wieder kräht';
  Oft hielt sein Krähn--Lob Gott den Herrn,
  Die wilden Löwen von mir fern.
  Ich hatte ein Gelübd gethan,
  Zu Ehren Jobs mit meinem Hahn
  Zu schlafen stäts auf einem Mist,
  Weil da er mir erschienen ist.
  Zu Tadmor einst war meine Rast
  Am Mist vor Salomo's Palast;
  Da weckte mich Alektryo,
  Kräht' laut und scharrte aus dem Stroh
  Ein Kleinod licht, ein blinkend Ding
  Und steckte mir den Siegelring
  Selbst an den Finger meiner Hand.--
  Wer gab dem Hahnen den Verstand?--
  Den Ring ich gegen Morgen hielt,
  Der junge Tag drin lieblich spielt';
  Ich dacht: wem nur das Wunderding,
  Der schöne Ring, verloren gieng?
  Da drangen gleich zu meinem Ohr
  Die Worte aus dem Ring hervor:--
  "Der Siegelring von Salomo
  Macht alle Menschen reich und froh,
  Wer an dem Finger um mich kehrt,
  Dem ist ein jeder Wunsch gewährt!"
  Da dankt ich Gott still im Gebet,
  Bis laut Alektryo gekräht,
  Und wünscht': "wär ich dem Land heraus,
  Mit Hahn und Ring bei mir zu Haus!"
  Als auf dies Wort den Ring ich dreh',
  Bei Hanau hier im Wald ich steh';
  Mit Amen schloß mein Frühgebet,
  Der Morgenschrei war ausgekräht
  Im Walde hier, was Hahn und Mann
  Zu Tadmor eben erst begann.
  Ich fand nicht Vater, Mutter mehr,
  Sie waren todt--die Hütte leer!
  Ich dreh' den Ring--"hätt' ich ein Schloß
  Und Knecht, Magd, Ochs und Kuh und Roß!"
  Und sieh das Schloß stand alsobald
  Mit Knecht, Magd, Ochs, Kuh, Pferd im Wald.
  Ich dreh den Ring--"hätt' ich zur Frau
  Das liebste Herz aus Hennegau,
  Und hätt' mein Hahn ein Hühnlein gut,
  Es würde eine edle Brut."
  Da hört' im Wald ich ein Geschrei
  Und eilt' mit Roß und Knecht herbei,
  Und bei der Hennen-Linde draus,
  Da hatt' ich einen blut'gen Strauß.
  Der Schrei von einem Fräulein war,
  Entführt von wilder Räuberschaar.
  Die Räuber schlug ich alle todt
  Und half dem Fräulein aus der Noth;
  Und in der Linde Schattenraum
  Sprach sie: "schon ründet sich mein Traum,
  Ich ward durch eines Hahnen Schrei
  Aus wilder Löwen Kralle frei,
  Giebt nun der Hahn mir noch den Ring,
  Dann Alles in Erfüllung gieng."
  Ich gab den Ring dem lieben Bild,
  Vereint ward unser Wappenschild;
  Urhinkel wars von Hennegau,
  Der Kaiser gab sie mir zur Frau.
  Ein Huhn sie mir als Brautschatz gab,
  Das von dem Hahnen stammte ab,
  Der einstens krähte hell und klar,
  Als Petrus in Versuchung war.
  Es bracht' dies edle Huhngeschlecht
  Aus Syria ein Edelknecht,
  Der bei Pilati Leibwach stand,
  Salm hieß er, aus Savoierland.--
  Nun fing ich und mein edler Hahn
  Ein ritterliches Leben an;
  Ich hatte Söhnchen nach der Reih,
  Er Hahn und Hühnchen, Ei auf Ei!
  Ich dreht den Ring--den Grafenhut
  Hatt' ich sogleich, er stand mir gut.--
  Doch als ich ward ein edler Greis,
  Gedacht ich an die weite Reis,
  Ins andere gelobte Land.
  Ich dreht' den Ring--"hätt' ich Verstand!"
  Da war ich klug wie Salomo
  Und sprach da zu Alektryo:
  "Ich hab den Ring bald ausgedreht,
  "Und du die Zeit bald ausgekräht,
  "Es naht der Ring der Ewigkeit,
  "Da mißt kein Hahnenschrei die Zeit;
  "Die Schlange beißt sich in den Schweif,
  "Ohn' End und Anfang ist der Reif,
  "Und da es geht zum Ende nun,
  "Sprich, was soll mit dem Ring ich thun?"
  Alektryo sprach: "hör' sey klug!
  "Du läßst wohl Geld und Gut genug
  "Den Söhnen dein, sie können sich
  "Als Grafen nähren ritterlich;
  "Gäbst ihrer Einem du den Ring,
  "Gar leicht ein Zank und Streit angieng;
  "Er wünschte sich solch Glück und Ehr,
  "Daß drüber er sein Seel' verlör'!
  "Da Keiner von dem Ring noch weiß,
  "Wird Keinem um den Ring auch heiß.
  "Dem Erstgebornen gieb das Haus,
  "Die Andern statte reichlich aus;
  "So soll jed Erstgeborner thun,
  "Bis alle Gockel bei dir ruhn.
  "Ich, dein Alektryo, füg' bei:
  "Aus der Gallinen erstem Ei,
  "Der Erstling der Alektryonen,
  "Soll stäts bei allen Gockeln wohnen,
  "Daß er vor Mißbrauch und Gefahr
  "Dem Haus den Ring im Kropf bewahr'.
  "So komm' dein Ring von Kropf zu Kropf,
  "Dein Grafenhut von Kopf zu Kopf.
  "Und wenn erlischt der Mannesstamm
  "Vom Gockelhut, vom Hahnenkamm,
  "Schlägt ab des letzten Gockels Schwert
  "Dem Schluß-Alektryo den Kopf.
  "Und Salomonis Ringlein kehrt
  "In Grafen Hand aus Hahnen Kropf.
  "Der letzte Sproß den Ring dann dreht,
  "Bis neu der Hahn vom Tod ersteht,
  "Der auf den Wunsch von einem Kind
  "Das End vom Liede schnell ersinnt."
  Zu mir dem Urgockelio
  Sprach so der Uralektryo,
  Und hat mit seinem Kopf gezuckt
  Und schnell in seinen Kropf verschluckt
  Den Siegelring des Salomo,
  Und hat dann dunkel, als Prophet,
  Den Schicksalsspruch mir vorgekräht,
  Der auf dem Grab und Wappen steht,
  Und richtig, ward er gleich verdreht,
  Noch heute in Erfüllung geht.
  Doch ich hab' nicht recht zugehört,
  Ich sprach im Bett zur Wand gekehrt:
  "Wer gab dem Hahnen den Verstand?"
  Dann reiste in das andre Land,
  Wohin den Weg noch jeder fand,
  Ich, der Urgockel, an der Wand!

Nach diesen Worten schwieg Urgockel still und war ein lebloses
Steinbild wie vorher.  Graf Gockel, der während der Explication die
Bilder der Reihe nach betrachtet hatte, schüttelte den Kopf und
sprach: "curios, curios, was doch einem Menschen alles passiren kann.
Es ist und bleibt doch halt immer ein höchst merkwürdiger
klassischer Boden, die Gegend zwischen Hanau und Gelnhausen!"--dann
wendete sich Gockel zu Alektryo und fuhr fort: "o! nun weiß ich Alles,
verstehe ich Alles, theurer schätzbarer Freund meines Stammes; aber
sage mir doch, wenn es zu fragen erlaubt ist, wie ist dann dieser
unvergleichliche Siegelring Salomonis eigentlich in deinen Kropf
gekommen?"--da erwiederte Alektryo:

  Urahnherr sterbend spie aus den Stein,
  Da schluckte ihn mein Ahnherr ein.
  Mein Ahnherr sterbend spie aus den Stein,
  Da schluckte ihn mein Großvater ein.
  Großvater sterbend spie aus den Stein,
  Da schluckt ihn mein Herr Vater ein.
  Herr Vater sterbend spie aus den Stein,
  Da schluckte ihn der Alektryo ein.
  Alektryo sterbend speit aus den Stein,
  Da kehrt er zu Gockel, dem Herren sein.
  Gallina todt, die Küchelchen todt--
  Alektryo frißt nun mehr kein Brod.
  Er will nun sterben durch Grafenschwert,
  So wie ein edler Ritter es werth!
  Was Uralektryo prophezeit,
  Geht Alles in Erfüllung heut.

"Wohlan," sprach Gockel, "so will ich dann sogleich allhier ein
hochnothpeinliches Halsgericht halten, du sollst Zeter über die
Mörder der Deinigen rufen und strenge Genugthuung erhalten.--Dann
aber will ich an dir thun, was du verlangst.--Rufe sogleich als
Herold meines Stammes alle Bewohner dieses Schloßes vor die Schranken."

Da nun eben der Morgen graute, flog Alektryo auf die höchste
Giebel-Mauer des Schloßes und krähte dreimal so laut und heftig in
die Luft hinein, daß sein Ruf wie der Schall einer Gerichtstrompete
von allen Wänden wiederhallte, und alle Vögel erwachten und streckten
die Köpfe aus dem Neste hervor, um zu vernehmen, was er verkünde; und
da sie hörten, daß er sie zu Recht und Gericht gegen die mörderische
Katze vor den Raugrafen Gockel von Hanau rief, fiengen sie an, mit
tausend Stimmen ihre Freude über diesen Ruf zu verkünden, schlüpften
alle aus ihren Nestern, schüttelten sich die Federn und putzten sich
die Schnäbel, um ihre Klagen vorzubringen, und flogen in den Raum der
Kapelle, wo sie sich hübsch ordentlich in Reih und Glied in die
leeren Fenster, auf die Mauervorsprünge und auf die Sträucher und
Bäume, welche darin wuchsen, setzten und die Eröffnung des Gerichts
erwarteten.

Als die Vögel alle versammelt waren, trat Alektryo vor den
Hühnerstall, worin Hinkel und Gackeleia noch schliefen; und indem er
gedachte, daß hier der Mord an der frommen Gallina geschehen, krähte
er mit solchem Zorne in den Stall hinein, und schlug dermassen mit
den Flügeln dazu, daß Frau Hinkel und Gackeleia mit einem gewaltigen
Schrecken erwachten, und beide zusammen ausriefen: "o weh, o weh! da
ist der abscheuliche Alektryo schon wieder, er ist gewiß dem Vater im
Walde entwischt, wir müssen ihn nur gleich fangen."  Nun sprangen sie
beide auf und verfolgten den Alektryo mit ihren Schürzen wehend; er
aber lief spornstreichs in die Kapelle hinein; wie erschrecken Hinkel
und Gackeleia, als sie daselbst auf den Stufen des Altares den Gockel
mit finsterm Angesicht das grosse rostige Grafenschwert in der Hand
haltend sitzen sahen.  Sie wollten ihn eben fragen, wie er wieder
hieher gekommen sey, aber er gebot ihnen zu schweigen und wies ihnen
mit einer so finstern Miene einen Ort an, wo sie ruhig stehen bleiben
sollten, bis sie vor Gericht gerufen würden, daß sie sich verwundert
einander ansahen.  Der Hahn Alektryo gieng immer sehr traurig und in
schweren Gedanken mit gesenktem Kopfe vor Gockel auf und ab, wie ein
Mann, der in traurigen Umständen sehr tiefsinnige, verwickelte Dinge
überlegt.  Ja es sah ordentlich aus, als lege er die Hände auf dem
Rücken zusammen.  Auch Gockel sah einige Minuten still vor sich hin
und alle Vögel rührten sich nicht.  Nun stand Gockel auf und hieb mit
seinem Grafenschwert majestätisch nach allen vier Winden mit dem
Ausruf:

  "Ich pflege und hege ein Hals-Gericht,
  Wo Gockel von Hanau das Urtheil spricht
  Und über den Mörder den Stab zerbricht."

Nach diesen Worten flog Alektryo auf die Schulter Gockels und krähte
dreimal sehr durchdringlich.  Frau Hinkel wußte gar nicht, was das
alles bedeuten sollte, und schrie in grossen Aengsten aus: "o Gockel,
mein lieber Mann, was machst du? ach ich unglückselige, er ist
närrisch geworden!"  Da winkte ihr Gockel nochmals zu schweigen, und
sprach:

  "Wer kömmt zu Rüge, wer kommt zu Recht?"

Da trat Alektryo hervor, und sprach mit gebeugtem Haupt:

  "Alektryo klagt, dein Edelknecht!"

Ach! wie fuhr das der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia durch das
Gewissen, als sie hörten, daß der Hahn reden konnte; sie zitterten,
daß nun Alles gewiß herauskommen wurde.  Da sprach Gockel:

  "Alektryo, was ward dir gethan?"

Da antwortete Alektryo:

  "Graf Gockel, trag mir das Schwert voran,
  Trag es voran mit gewaffneter Hand,
  Dann rufe ich Zeter wohl durch das Land."

Da zog Gockel einen alten Blechhandschuh an die rechte Hand, in der
er sein Schwert trug, und gieng so vor Alektryo, der ihm folgte, im
Kreis durch die Kapelle wieder zu den Gebeinen Gallina's zurück.

Da trat Alektryo zu den Gebeinen der Gallina und krähte Zeter mit
zitternden Stimme.

  "Ach Herr, schau diese Gebeinlein an,
  Das war mein Weib und meine Brut,
  Die Katze zerriß sie und trank ihr Blut.
  Zeter über Schurrimurri und Gog,
  Mack, Benack, Magog, Demagog;
  Zeter und Weh und aber weh,
  Und immer und ewig Herr Jemine!"

Bei diesen Worten krähte er wieder gar betrübt, und Gockel sagte:

  "Alektryo, du mein edler Hahn,
  Ich hörte, du hättest es selbst gethan.
  Nun bringe du mir auch Zeugen bei,
  Daß deine Klage wahrhaftig sey."

Da antwortete Alektryo:

  "Hier war ich schon lange ein lästiger Gast,
  Sie haben den redlichen Wächter gehaßt;
  Oft mußte ich hören den Wiegengesang,
  Der mir, wie ein Messer, die Kehle durchdrang:
  "Ha heia, popeia, schlag's Kickelchen todt,
  Er legt keine Eier und frißt mir mein Brod,
  Dann rupfen wir ihm seine Federchen aus,
  Und machen Gackeleia ein Bettchen daraus!"
  O wär ich gestorben!  Wie wär' mir jetzt gut
  Mit meiner Gallina und mit meiner Brut,
  Bei dir lieber Hiob, bei dir Salomo
  In himmlischen Höfen auf goldenem Stroh!
  Doch fehlte der Muth hier zu blutiger That,
  Ich sollte verderben durch Lug und Verrath.
  Weil oft ich zu früh das Gewissen erweckt,
  Ward mit dem Gewissen in Sack ich gesteckt.
  So hab ich gehört nur und hab nicht gesehn,
  Wie hier ist die gräßliche Unthat geschehn,
  Und lad' drum die lieben Schloßvögelein ein,
  Sie sollen wahrhaftige Zeugen mir seyn."

Nach diesen Worten fiengen alle die Vögel an, so gewaltig
durcheinander zu zwitschern, zu schnurren und zu klappern, daß Gockel
sprach:

  "Halt ein, hübsch stille, macht kein Geschrei,
  Ich will euch vernehmen nun nach der Reih'!
  Zuerst Frau Schwalbe, die früh aufsteht,
  An dich mein Zeugenruf ergeht."

Da flog die Schwalbe heran und sprach:

  "Noch zittere ich und beb ich,
  Es ist wirklich, gewiß, sicherlich geschehn,
  Sterb ich, oder leb ich, will ich's immer und ewig
  Sicherlich nimmer mehr wieder sehn;
  Wie die wilde Kätzin und ihre Kätzchen
  Sprangen mit zierlichen Sprüngen und Sätzchen
  Zum Nestchen und rissen ripps, rapps,
  Die Küchlein und ihr Mütterlein treu,
  Gripps, grapps in viele, viele Restchen,
  Und federwinzige Fetzen entzwei.
  Ich blieb drüber schier vor Schrecken
  Zwier im zierlichen Gezwitscher stecken.
  Wie ich eben im Begriffe bin gewesen,
  Meinen Kindern, wie üblich, gar lieblich
  Ein Capitel ersprießlich aus der Bibel
  Von Tobiä Schwälblein und Sälblein
  Exegisirend, explicirend zu lesen,
  Geschah das himmelschreiende grimmige Uebel;
  Als ich, wie's schicklich, erquicklich ist,
  Mit witziger, spitziger List
  Die Hirngespinnste meiner Gesichte,
  Die figürlichen, manierlichen Traumgedichte
  Den Kindern ein bischen zimperlich, spärlich,
  Doch ziemlich klimperklärlich
  Im glitzernden Frühlichts-Schimmer
  Spintisirlich rezitirte, ist, was ich gewiß nimmer
  Bis jetzt je gesehen, nie wieder will sehen,
  Die verzwiefelte, verzweifelte Misse--Misse--
  Missethat binnen kürzester Frist geschehen,
  Daß die wilde Kätzin ohne Rezepisse
  Und Gewissen die Gallina zerrisse;
  Sieh, es ist die fleißige, ämsige, sitzende,
  Giksende, gacksende, kratzende, kritzende
  Gickel, Gackel, Gallina nicht mehr,
  Das von weißen, weichen Ginster und Weidenzweigen
  Zierlich gewickelte, figürlich gezwickelte, fleur-de-lysirte,
  Gothisch verzierte, stilisirte, persisch ziselirte,
  Von piependen, trippelnden, nickenden, pickenden
  Küchelchen wimmelnde Erbhühnernest ist zerrissen,
  Zerbissen und lee, lee, lee, leer;
  Zwischen den Splittern zittern und wehen die Federchen rings her,
  Ich theile gewißlich mit denen, die drum wissen,
  Das stechende, beissende, böse Gewissen
  Immer und ewiglich nimmer nie, nie, nie, mehr!"

Nach dieser sehr beweglichen Aussage der kleinen Schwalbe krähte
Alektryo wieder:

  "Zeter über Schurrimurri und Gog,
  Mack, Benack, Magog, Demagog;
  Zeter und Weh und aber weh,
  Und immer und ewig, Herr Jemine!"

Bei dem Krähen aber ward der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia
fast zu Muthe, wie Einem, der seinen Herrn verläugnet hat, beim
Hahnenschrei zu Muthe ward.  Gockel sprach nun:

  "Hab Dank Frau Schwalbe, tritt von dem Plan,
  Nun komm Rothkehlchen als Zeug' heran."

Da flog das liebe kleine Rothkehlchen auf einen wilden Rosenstrauch
in die Nähe des Altars und sagte:

  "Auf des höchsten Giebels Spitze
  Sang im ersten Sonnenblitze
  Ich mein Morgenliedlein fromm,
  Pries den lieben Tag willkomm.
  Bei mir saß gar freundlich lächelnd,
  Sich im Morgenlüftchen fächelnd,
  Der erwachte Sonnenstrahl,
  Unten lag die Nacht im Thal.
  Unten zwischen finstern Mauern
  Sah ich Katzenaugen lauern,
  Und ich dankte Gott vertraut,
  Daß ich hoch mein Nest gebaut.
  Und ich sah die Katze schleichen,
  Mit den Kätzchen unten streichen
  In den Stall, und hört' Geschrei,
  Wußt' bald, was geschehen sey;
  Denn sie und die Kätzchen alle
  Sprangen blutig aus dem Stalle,
  Trugen Hühnchen in dem Maul
  Und zerrissen sie nicht faul.
  Ach, da war ich sehr erschrecket,
  Hab' die Flügel ausgestrecket,
  Flog ins Nest und deckt' in Ruh
  Meine lieben Jungen zu.
  Ja ich muß es eingestehen,
  Hab' den bösen Mord gesehen,
  Und mein kleines Mutterherz
  Brach mir schier vor Leid und Schmerz!"

Nach diesen Worten krähte Alektryo wieder:

  Zeter über Schurrimurri und Gog,
  Mack, Benack, Magog und Demagog!
  Zeter und Weh und aber Weh!
  Und immer und ewig, Herr Jemine!

Nun hörte Gockel noch viele andere Vögel als Zeugen ab, und alle, vom
Storch bis zur Grasmücke, erzählten, wie sie den Mord durch die Katze
gesehen.

Als aber Gockel sich nun zu Frau Hinkel und Gackeleia wendete und sie
beide fragte, wie sie das hätten können geschehen lassen, da die
Gallina doch dicht neben ihrem Ruhelager gebrütet habe, und wie sie
Alles auf den edlen Alektryo geschoben hätten, sanken beide auf die
Kniee, gestanden ihr Unrecht unter bitteren Thränen, und versprachen,
es niemals wieder zu thun.  Gockel hielt ihnen eine scharfe Ermahnung
und bat den Alektryo, ihnen selbst ihre Strafe zu bestimmen.  Der
gute Alektryo aber bat für sie und verzieh ihnen selbst.  Gockel
sagte nun: "deine Strafe, Frau Hinkel, soll seyn, daß ich dir und
deiner Tochter ein Hühnerbein und einen Katzenellenbogen in das
Wappen setze zum ewigen Andenken für eure böse Handlung, und außerdem
soll Gackeleia, weil sie die Katze Schurrimurri mit ihren verwegenen
Söhnen, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog sich heimlich zum Spiele
erzogen und durch diese ihre Spielerei ein solches Unglück angestellt
hat, nie eine Puppe besitzen, nie mit einer Puppe spielen dürfen."
Ach, da fiengen Frau Hinkel und Gackeleia bitterlich zu weinen an.

Gockel befahl nun dem Hahn den Scharfrichter zu holen, damit die
Katze mit ihren Jungen hingerichtet würde.  Da schrie der Hahn und
alle Vögel: "das ist die Eule, die große alte Eule, die dort draus in
der hohlen dürren Eiche mit ihren Jungen sitzt", und sogleich ward
die Eule gerufen.  Als diese ernsthaft und finster wie ein verhaßtes,
gefürchtetes, von allen andern Vögeln geflohenes Thier mit ihren
Jungen zu der Kapelle mit schweren Flügeln hereinrasselte und mit dem
Schnabel knappte und hu hu schrie, und die Augen verdrehte,
versteckten sich die Vögel zitternd und bebend in alle Löcher und
Winkel; und Gackeleia verkroch sich schreiend unter die Schürze ihrer
Mutter, welche sich selbst die Augen zuhielt.  Gockel aber legte den
Sack, worin die böse Katze mit ihren Jungen stack, in die Kapelle und
die Eule trat mit ihren drei Jungen vor den Sack hin und sprach:

  Ich komm zu richten und zu rechten
  Mit meinen drei Söhnen und Knechten;
  Nun höret ihr armen Sünder,
  Katz Schurrimurri und Kinder,
  Du Mack, du Benack und du Gog,
  Du Magog und du Demagog,
  Die ihr seid arme Sünderlein,
  Ein Exempel muß statuiret seyn.
  Nun Hackaug, Blutklau, Brich-das-Genick!
  Meine Söhne, macht eurer Meisterstück.

Da wollten sie den Sack aufmachen und die Katzen vor aller Augen
hinrichten, aber Gackeleia schrie so entsetzlich, daß Gockel der Eule
befahl, mit ihren Söhnen den Sack fortzutragen und sich zu Hause mit
den Katzen abzufinden, was sie auch buchstäblich gethan.--Ja, ja sie
fanden sich mit ihnen ab!

Als so dieses schreckliche Schauspiel vermieden war, trat Alektryo
vor Gockel und verlangte, daß er ihm nun den Kopf abschlagen, sich
den Siegelring Salomonis aus seinem Kropfe nehmen und ihn sodann mit
den Gebeinen der Gallina und ihrer Jungen verbrennen sollte.  Gockel
weigerte sich lange, dem Begehren des Alektryo zu folgen, aber da er
sich auf keine Weise wollte abweisen lassen und ihn versicherte, daß
er sich doch in jedem Falle zu Tode hungern werde, so willigte Gockel
ein; er umarmte den edlen Alektryo nochmals von ganzem Herzen.  Dann
streckte der ritterliche Hahn den Hals weit aus und rief, auf der
Inschrift des Grabsteins scharrend, mit lauter Stimme aus:

  Alektryo bringt dir Glück selbst um Undank.
  O Gockel! hau' ihm den Kopf ab,
  Schneid' ihm den Kropf auf!
  Salomo's Siegelring Jedem noch Brod gab.

Am Schluße dieser Worte schwang Gockel das Grafenschwert und hieb den
Hals des Alektryo mitten durch, daß ihm der Kopf des Hahnen vor die
Füße fiel und der todte Rumpf in den Scheiterhaufen sank.  Gockel
nahm das ehrwürdige Haupt bei dem Kamm, hob es empor, küßte es,
schüttelte es dann über seiner Hand, und der Siegelring Salomonis
fiel ihm hinein.  Alle Anwesenden weinten, Gockel legte das Haupt zu
dem Leibe auf den Scheiterhaufen der Gebeine Gallina's; alle Vögel
brachten noch dürre Reiser und legten sie drum her, da steckte Gockel
die Reiser an und verbrannte alles zu Asche; aus den Flammen aber sah
man die Gestalt eines Hahns wie ein goldenes Wölkchen durch die Luft
davon schweben.  Nun begrub Gockel die Asche und deckte den Stein mit
der Schrift wieder mit Erde zu, und hielt dann eine herrliche
Leichenrede über die Verdienste Gallina's und besonders Alektryo's,
wie des edlen Hahnengeschlechts überhaupt.  Nachdem er die Herkunft
Alektryo's von dem Hahne Hiobs nach der Erzählung Urgockels
mitgetheilt hatte, sprach er unter Anderm:

"Wer gibt die Weisheit ins verborgene Herz des Menschen, wer giebt
dem Hahnen den Verstand?  Gleichwie der Hahn den Tag verkündet und
den Menschen vom Schlaf erweckt, so verkünden fromme Lehrer das Licht
der Wahrheit in die Nacht der Welt und sprechen: "die Nacht ist
vergangen, der Tag ist gekommen, lasset uns ablegen die Werke der
Finsterniß und anlegen die Waffen des Lichtes."  Wie lieblich und
nützlich ist das Krähen des Hahnen; dieser treue Hausgenosse erwecket
den Schlafenden, ermahnet den Sorgenden, tröstet den Wanderer, meldet
die Stunde der Nacht und verscheuchet den Dieb und erfreuet den
Schiffer auf einsamem Meere, denn er verkündet den Morgen, da die
Stürme sich legen.  Die Frommen weckt er zum Gebet und den Gelehrten
ruft er, seine Bücher bei Licht zu suchen.  Den Sünder ermahnet er
zur Reue, wie Petrum.  Sein Geschrei ermuthiget das Herz des Kranken.
Zwar spricht der weise Mann: "Dreierlei haben einen feinen Gang und
das Vierte geht wohl, der Löwe mächtig unter den Thieren, er fürchtet
Niemand--ein Hahn mit kraftgegürteten Lenden, ein Widder und ein
König, gegen den sich Keiner erheben darf"--aber dennoch fürchtet der
Löwe, der Niemanden fürchtet, den Hahn und fliehet vor seinem Anblick
und Geschrei; denn der Feind, der umhergeht wie ein brüllender Löwe
und suchet, wie er uns verschlinge, fliehet vor dem Rufe des Wächters,
der das Gewissen erwecket, auf daß wir uns rüsten zum Kampf.  Darum
auch ward kein Thier so erhöhet; die weisesten Männer setzen sein
goldenes Bild hoch auf die Spitzen der Thürme über das Kreuz, daß bei
dem Wächter wohne der Warner und Wächter.  So auch steht des Hahnen
Bild auf dem Deckel des ABC-Buchs, die Schüler zu mahnen, daß sie
früh aufstehen sollen, zu lernen.  O wie löblich ist das Beispiel des
Hahnen!  Ehe er kräht, die Menschen vom Schlafe zu wecken, schlägt er
sich selbst ermunternd mit den Flügeln in die Seite, anzeigend, wie
ein Lehrer der Wahrheit sich selbst der Tugend bestreben soll, ehe er
sie anderen lehret.  Stolz ist der Hahn, der Sterne kundig, und
richtet oft seine Blicke zum Himmel; sein Schrei ist prophetisch, er
kündet das Wetter und die Zeit.  Ein Vogel der Wachsamkeit, ein
Kämpfer, ein Sieger wird er von den Kriegsleuten auf den Rüstwagen
gesetzt, daß sie sich zurufen und ablösen zu gemessener Zeit.  So es
dämmert und der Hahn mit den Hühnern zu ruhen sich auf die Stange
setzt, stellen sie die Nachtwache aus.  Drei Stunden vor Mitternacht
regt sich der Hahn, und die Wache wird gewechselt; um die Mitternacht
beginnt er zu krähen, sie stellen die dritte Wache aus, und drei
Stunden gen Morgen rufet sein tagverkündender Schrei die vierte Wache
auf ihre Stelle.  Ein Ritter ist der Hahn, sein Haupt ist geziert mit
Busch und rother Helmdecke und ein purpurnes Ordensband schimmert an
seinem Halse; stark ist seine Brust wie ein Harnisch im Streit, und
sein Fuß ist bespornt.  Keine Kränkung seiner Damen duldet er, kämpft
gegen den eindringenden Fremdling auf Tod und Leben und selbst
blutend verkündet er seinen Sieg stolz emporgerichtet gleich einem
Herold mit lautem Trompetenstoß.  Wunderbar ist der Hahn; schreitet
er durch ein Thor, wo ein Reiter hindurch könnte, bücket er doch das
Haupt, seinen Kamm nicht anzustoßen, denn er fühlt seine innere
Hoheit.  Wie liebet der Hahn seine Familie!  Dem legenden Huhn singt
er liebliche Arien: "bei Hühnern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein
gutes Herze nicht, die süßen Triebe mit zu fühlen, ist auch der
Hahnen erste Pflicht;"--stirbt ihm die brütende Freundin, so
vollendet er die Brut und führet die Hühnlein, doch ohne zu krähen,
um allein Mütterliches zu thun.--O welch erhabenes Geschöpf ist der
Hahn!  Phidias setzte sein Bild auf den Helm der Minerva, Idomeneus
auf sein Schild.  Er war der Sonne, dem Mars, dem Mercur, dem
Aesculap geweiht.  O wie geistreich ist der Hahn!  Wer kann es den
morgenländischen Kabbalisten verdenken, daß sie sich Alektryo's
bemächtigen wollten, da sie an die Seelenwanderung glaubten und der
Hahn des Mycillus sich seinem Herrn selbst als die Seele des
Pythagoras vorstellte, die inkognito krähte.  Ja wie mehr als ein
Hahn ist ein Hahn, da sogar ein gerupfter Hahn noch den Menschen des
Plato vorstellen konnte"! u.s.w.

Noch unaussprechlich vieles Erbauliche, Moralische, Historische,
Allegorische, Medizinische, Mystische, selbst Politische brachte
Gockel in dieser schönen Leichenrede an, welche auch oft von dem
lauten Schluchzen und Weinen Gockels, der Frau Hinkel und der kleinen
Gackeleia unterbrochen ward.  Selbst alle Vögelein gaben ihre Rührung
mit leisem Piepen zu verstehen; weil aber der größte Theil der Rede
aus Coleri Haushaltungsbuch und aus Gesneri Vogelbuch u.s.w.
herrührte, zogen sich die zuhörenden Vögel, denen es viel zu lang
dauerte, nach und nach in der Stille zurück,--und da er nun gar noch
allerlei Abergläubisches von der Alektryomantie, einer Art
zauberischer Wahrsagerei vermittelst der Hahnen, und von dem Hahnenei,
woraus die Basilisken entstehen, vorbrachte, ward Frau Hinkel auch
etwas unruhig--doch hielt sie sich noch zurück--dann aber kam er auf
einen gewissen unpartheiischen Engländer zu sprechen, und was dieser
von Hahnen und Hinkeln gesagt; da ward es Frau Hinkel nicht recht
wohl und sie sprach: "Lieber Gockel, ich glaube, wir haben das schon
gehört, wir sind auch noch nüchtern, ich fürchte die Milch wird sauer,
ich habe auch noch kein Wasser zum Kaffee am Feuer, ich dächte wir
hielten einen kleinen Leichenschmaus."  Da lächelte der gute Gockel,
umarmte Frau Hinkel und Gackeleia und begab sich, selbst ermüdet von
der schlaflosen Nacht, gern mir ihr in den Hühnerstall.

Den ganzen übrigen Tag weinten Frau Hinkel und Gackeleia noch öfter,
und wollten sich gar nicht zufrieden geben, daß sie an dem Tode der
Gallina und Alektryo's Schuld gewesen.

Gockel gab ihnen die schönsten Ermahnungen, sie versprachen die
aufrichtigste Besserung, und so entschlief die ganze Familie am Abend
dieses traurigen Tages nach einem gemeinschaftlichen herzlichen Gebet.

Als Gockel in der Nacht erwachte, gedachte er der Frau Hinkel und
seines Töchterleins Gackeleia mit vieler Liebe, und entschloß sich,
ihnen nach dem vielen Schrecken, den sie gehabt, eine rechte Freude
zu machen, und zugleich den Siegelring Salomonis zu versuchen.  Er
nahm daher den Ring aus der Tasche, steckte ihn an den Finger und
drehte ihn an demselben herum mit den Worten:

  "Salomon du weiser König,
  Dem die Geister unterthänig,
  Mach' mich und Frau Hinkel jung,
  Trag' uns dann mit einem Sprung
  Nach Gelnhausen in ein Schloß,
  Gieb uns Knecht und Magd und Roß,
  Gieb uns Gut und Gold und Geld,
  Brunnen, Garten, Ackerfeld,
  Füll' uns Küch und Keller auch,
  Wie's bei großen Herrn der Brauch,
  Gieb uns Schönheit, Weisheit, Glanz,
  Mach' uns reich und herrlich ganz,
  Ringlein, Ringlein, dreh' dich um,
  Mach's recht schön, ich bitt' dich drum!"

Unter dem Drehen des Ringes und dem öfteren Wiederholen dieses
Spruches schlief Gockel endlich ein.  Da träumte ihm, es trete ein
Mann in ausländischer reicher Tracht vor ihn, der ein grosses Buch
vor ihm aufschlug, worin die schönsten Paläste, Gärten, Springbrunnen,
Hausgeräthe, Kleidungsstücke, Tapeten, Schildereien,
Alamode-Kutschen, Pferde, Livreen und andere dergleichen Dinge
abgebildet waren, aus welchen er sich heraussuchen mußte, was ihm
wohlgefiel.  Gockel beobachtete bei der Wahl Alles mit großem Fleiße,
was Frau Hinkel und Gackeleia gefallen konnte, denn er träumte so
klar und deutlich, als ob er wache.  Da er aber das Buch
durchblättert hatte, schlug der Mann im Traume es so heftig zu, daß
Gockel plötzlich erwachte.

Es war noch dunkel, und er war so voll von seinem Traume, daß er sich
entschloß, seine Frau zu wecken, um ihr denselben zu erzählen; auch
fühlte er ein so wunderbares Behagen durch alle seine Glieder, daß er
sich kaum enthalten konnte, laut zu jauchzen.  Da er sich immer mehr
vom Schlafe erholte, empfand er die lieblichsten Wohlgerüche um sich
her und konnte gar nicht begreifen, was nur in aller Welt für
köstliche Gewürzblumen in seinem alten Hühnerstall über Nacht müßten
aufgeblüht seyn.  Als er aber, sich auf seinem Lager wendend,
bemerkte, daß kein Stroh unter ihm knistre, sondern daß er auf
seidenen Kissen ruhe, begann er vor Erstaunen auszurufen: "o Jemine,
was ist das?"  In demselben Augenblicke rief Frau Hinkel dasselbe,
und dann riefen beide: "wer ist hier?" und beide antworteten: "ich
bin's, Gockel!--ich bin's Hinkel!" aber sie wollten's beide nicht
glauben, daß sie es seyen.  Es hatte ihnen beiden dasselbe geträumt,
und sie würden geglaubt haben, daß sie noch träumten, aber sie fanden
gegenseitig ihre Stimmen so verändert, daß sie vor Verwunderung gar
nicht zu Sinnen kommen konnten.  "Gockel," flüsterte Frau Hinkel,
"was ist mit uns geschehen?  Es ist mir, als wäre ich zwanzig Jahre
alt."  "Ach ich weiß nicht," sagte Gockel, "aber ich möchte eine
Wette anstellen, daß ich nicht über fünf und zwanzig alt bin."  "Aber
sage nur, wie kommen wir auf die seidenen Betten?" fragte Frau Hinkel,
"so weich habe ich selbst nicht gelegen, als du noch Fasanenminister
in Gelnhausen warst,--und die himmlischen Wohlgerüche umher,--aber
ach, was ist das?  Der Trauring, der mir immer so lose an dem Finger
hieng, daß ich ihn oft Nachts im Bettstroh verloren, sitzt mir jetzt
ganz ordentlich, so daß ich ihn eben drehen kann, ich bin gar nicht
mehr so klapperdürr."--Diese letzten Worte erinnerten Gockel an den
Ring Salomonis; er dachte: "ach, das mag Alles von meinem gestrigen
Wunsche herkommen;" da hörte er auch Roße im Stalle stampfen und
wiehern, hörte eine Thüre gehen, und es fuhr ein Licht durch die
Stube an der Decke weg, als wenn jemand mit einer Laterne Nachts über
den Hof geht.  Er und Hinkel sprangen auf, aber sie fielen ziemlich
hart auf die Nase, denn jetzt merkten sie, daß sie nicht mehr auf der
ebenen Erde, sondern auf hohen Polsterbetten geschlafen hatten, und
der Schein, der durch die Stube gezogen war, hatte nicht die rauhe
Wand ihres Hühnerstalles, an welcher Stroh und die alte Hühnerleiter
lag, sondern prächtige gemalte und vergoldete Wände, seidene Vorhänge
und aufgestellte Silber-und Gold-Gefäße beleuchtet.  Sie rafften sich
auf von einem spiegelglatten Boden, sie stürzten sich in die Arme und
weinten vor Freude, wie Kinder.  Sie hatten sich so lieb, als hätten
sie sich zum erstenmale gesehen.  Nun bemerkten sie den Schein wieder,
und sahen, daß er durch ein hohes Fenster herein fiel.  Mit
verschlungenen Armen liefen sie nach dem Fenster und sahen, daß es
von der Laterne eines Kutschers in einer reichen Livree herkam, der
in einem großen geräumigen Hof stand, Haber siebte und ein Liedchen
pfiff.  Im Schein der Laterne, der an das Fenster fiel, sah Gockel
Hinkel an und Hinkel Gockel, und beide lachten und weinten und fielen
sich um den Hals und riefen aus: "ach Gockel, ach Hinkel, wie jung
und schön bist du geworden!"  Da sprach Gockel: "Alektryo hat die
Wahrheit gesprochen, der Ring Salomonis hat Probe gehalten, alle
meine Wünsche, bei welchen ich ihn drehte, sind in Erfüllung
gegangen"; und da erzählte er der Frau Hinkel, wie ihm der Mann mit
dem großen Bilderbuch erschienen und er Alles heraus gesucht und den
Ring dabei gedreht habe.--"Ach Gockel, Herzens-Gockel! hast du
wirklich Alles so gewünscht, Alles wie es mich freuet und erquicket?
Dieses lange, lange Hemd, diesen tiefrothen, chinesischen Schlafrock,
fein, fein, man kann ihn ganz in den Raum einer Nuß verbergen.
Gockel! und dieses seidene Netz um meine Haare--Alles, Alles so nach
meiner Lust?"--"Ja", sagte Gockel, "Alles nach deiner Lust, es wird
schon Tag werden, da wirst du erst sehen die hohen, hellen Räume,
Sääle, um Wettrennen darin anzustellen, lauter Doppelthüren, Fußböden
mit Purpurteppichen bedeckt, herrliche breite Treppen auf Säulen
ruhend, Terrassen, Gallerien, offne Hallen; ach Hinkel! welche Gärten
und Springbrunnen und Säulenhallen und Statuen und Aussichten und
schöne Berglinien und Lorbeern-, Myrten-, Cypressen-, Citronen-,
Pomeranzen-, Orangen-, Granatenhaine und eine Schaukel darin von
weißen Rosen--und eine Wiege von weißen Lilien--vom Küchengarten will
ich gar nicht reden, es wird dir genug seyn, wenn ich sage, daß die
Pflaumenbäume ihre Aeste mit getrockneten Früchten zum Küchenfenster
hineinhängen.--Was soll ich von der Garderobe sprechen, ehe ich dir
nur den hundertsten Theil der Stiefelchen, Pantöffelchen, Röckchen,
Schürzchen, Hütchen, Tüchelchen, Quästchen, Trottelchen u.s.w. nenne,
ist es Tag, und du knieest mitten darunter und räumst und packst und
probirst Alles nach der Reihe;--aber Herz Hinkel, das Schönste ist:
da ist kein Zapfenbrett, wie im Hühnerministerium, nein, da stehen
ganze Chöre der großartigsten, edelsten, lieblichsten, erhabensten,
kindlichsten Marmorfiguren von Engeln, Genien, Denkern, Dichtern,
Propheten, Göttern und Helden, und auf ihren Händen tragen sie die
Kleider, die in krystallenen Schalen zwischen duftenden Blumen ruhen,
in der Mitte der Garderobe stehen die drei Grazien um einen dicken
Lilienbusch, und wenn du zu träge bist, dich selbst anzukleiden,
trittst du zwischen die Grazien und sagst nur den Spruch deiner
Ahnfrau von Hennegau:

  "O Stern und Blume, Geist und Kleid,
  Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
  Schönster Baum im Paradies,
  Gieb mir Das und gieb mir Dies,
  Rüttel dich und schüttel dich,
  Schüttel Leib und Herz und Geist,
  Und was diesen zierlich heißt,
  Hüllend, füllend über mich."

O Hinkel!--dein blaues, oder wie du willst, farbiges Wunder sollst du
da sehen, augenblicklich sollst du da fix und fertig auf die schönste
und vortheilhafteste Weise bekleidet dastehen.--Ich will nicht weiter
sprechen, o Hinkel von Hennegau, von allen Kabinetten und
Kabinettchen, von der Bibliothek, der Hauskapelle, der Küche, der
Speisekammer, dem Saal, Ball zu schlagen, dem Musiksaal, der
Gemälde-Gallerie, der Aepfelkammer, der tiefsinnigen Denkhalle, der
Kinderstube, dem Karoussel, dem Badhaus, dem Hühnerhof, ach! und dem
bezaubernd schönen Stall voll der edelsten Pferde und Pferdchen, vor
Allem ein arabisches Schimmelchen, weiß wie der gefallne Schnee,
Mähnen und Schweif mit Purpurbändern durchflochten, mit tief rothem
Sammet gezäumt, Gebiß und Bügel von Gold und Rubin; ach Hinkel! und
der Sattel!--der Sattel ist ihm von Natur auf den Rücken gewachsen!
nun denke!"

"Lieber Gockel," sagte Frau Hinkel, "es ist nicht möglich, es ist zu
viel, ich kanns nicht glauben; aber ich möchte trinken, kannst du mir
nicht ein Glas Wasser herbeidrehen?"--"Geh nur links an deinen
Waschtisch," erwiederte Gockel, "und halte den Krystall-Pokal zum
Fenster hinaus."  "O Gockel, gehe mit," sagte Hinkel, sich an seinen
Arm hängend, "ich weiß nicht Bescheid hier, es ist mir ganz bang vor
lauter Schönheit, ich fürchte, ich möchte über das siebente Wunder
der Welt stolpern und in das achte hineinstürzen."

Da führte Gockel sie zu ihrem Waschtisch an ein zweites Fenster,
dessen Vorhang der volle Mond mit angenehmem Licht durchstrahlte.  O
da gieng das Verwundern erst recht an; neben einem Schirm von goldnen
Stäben, an welchem weiße Rosensträucher hinaufrankten, die alle ihre
Rosen nach Innen senkten, stand das Waschtischchen; aber welch ein
Waschtischchen, ein Waschtischchen, das sich nicht nur gewaschen
hatte, sondern sich auch in alle Ewigkeit fortwusch.--In den mit
tiefrothem Sammet belegten Marmorboden war ein eirundes tiefes Becken
von Krystall versenkt, der Rand oben war von Muscheln, Korallen und
lebendigen Blumen umgeben, Reseda und Veilchen und Vergißmeinnicht;
diese Wanne war voll Rosenwasser; über diesem ragte wie schwimmend
ein mit Lotos-Blumen gesattelter Delphin von Perlenmutter hervor, auf
seinem Rücken saß ein feingeflügeltes Kind von weißem Marmor, in der
einen Hand hielt es ein Sieb von Krystall voll der duftendsten Rosen,
in welches von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwey Strahlen des
frischesten, klaresten Wassers aus den Nüstern des Delphins
sprudelten und als Rosenwasser in das Becken niederfloßen, mit der
andern Hand stützte das Marmorkind die krystallne, durchsichtige
Tischplatte, welche den Waschtisch bildete, und da war erst die
rechte Herrlichkeit von schönen sieben Sachen.

Frau Hinkel sah und fühlte Alles mit großem Entzücken an, aber sie
hatte gestern so viel geweint und nachher so viel gesalzenes Fleisch
gegessen, so daß sie ungemein dürstete und sprach:

  Wunder über Wunder, Gockel!
  Wunderherrlich ist der Sockel
  Von dem Wischiwaschi-Tisch;
  Herzerquicklich scheint der Fisch
  Lustig in dem Meer zu gaukeln
  Und das flinke Kind zu schaukeln
  Mit dem vollen Rosensieb,
  Alles ist so süß und lieb,
  Alles ist so fein und frisch!--
  Doch, eh ich das Glas erwisch,
  Kann ich gar nichts recht betrachten
  Und muß schier vor Durst verschmachten.

"Verzeih, Herz Hinkel!" sprach Gockel, "ich selbst vergesse über den
kuriosen Sachen Essen und Trinken"--da gab er ihr das Glas von dem
Waschtisch, dünn und klar und rein wie eine Seifenblase, die sich auf
eine Lilie niedergelassen, so war Kelch und Stiel gebildet--"halte es
zum Fenster hinaus, ich will den Ring Salomonis drehen."

Gockel zog den rothdamastenen Vorhang hinweg, da sah man durch die
blüthenvollen Wipfel der Orangenbäume in den blauen Himmel, an dessen
Osten der Tag graute; der Mond stand am Himmel wie ein freigebiger
Kavalier, welcher der Frau Gräfin Hinkel von Hennegau ein Ständchen
von der Nachtigall will bringen lassen.--"Reiche nur den Pokal hinaus,"
sagte Gockel, "fahre nur mit der Hand mitten durch die
Orangenblüthen, die Geister Salomonis werden schon einen Wasserstrahl
senden, der dir das Herz erlabt."--Frau Hinkel that, wie Gockel
befahl, und Gockel sprach den Ring drehend:

  "Salomo, du weiser König,
  Dem die Geister unterthänig,
  Füll' Frau Hinkel den Pokal
  Mit der reinsten Quelle Strahl,
  In der Felsen Herz entsprungen,
  Durch der Erde Brust gedrungen,
  Durch der Blüthen Duft geschwungen,
  Von der Nachtigall besungen,
  Von der Sterne Licht gegrüßt,
  Von des Mondes Strahl geküß't;
  Gieb zum Labsal durst'ger Zungen
  Ein Glas Wasser, bitt' dich drum!
  Ringlein, Ringlein, dreh dich um."

Schon während diesen Worten plätscherte es unter den Orangen-Bäumen
heftiger, die Blätter bewegten sich, die Blüthen küßten sich, und
zwischen ihnen spritzte der feine, im Mond--und Sternenlicht
schimmernde Strahl eines Springbrunnens aus dem unten liegenden
Garten empor und füllte den Pokal, welchen die Hand der Frau Hinkel
hinaushielt, ohne sie selbst im Mindesten zu benetzen.  Frau Hinkel
trank und trank wieder, auch Gockel trank, und die allerliebste Frau
Nachtigall sang in der nahen Linde das freundlichste: "wohl bekomm's,
Frau Gräfin von Hennegau" dazu.

"Ach"! sagte Frau Hinkel, indem sie den Pokal wieder auf den
Waschtisch setzte, "das hat aber einmal geschmeckt, das Wasser
duftete ganz von Blüthen, und wie die liebe Nachtigall singt"!
--"Horch"! sagte Gockel, "da singt noch was", es war aber der
Kutscher, der den Haber siebte; als er die Nachtigall hörte, fieng er
an zu singen:

  "Nachtigall, ich hör dich singen,
  s'Herz im Leib möcht mir zerspringen,
  Komme doch und sag mir bald,
  Wie sich Alles hier verhalt'.
  Nachtigall, ich seh dich laufen,
  An dem Bächlein thust du saufen,
  Tunkst hinein dein Schnäbelein,
  Meinst es sey der beste Wein!
  Nachtigall, wohl ist gut wohnen
  In der Linde grünen Kronen,
  Bei dir, lieb Frau Nachtigall,
  Küß' dich Gott viel tausendmal!"

Das gefiel nun Gockel und Hinkel gar wohl, denn es war ihr
Lieblingslied und ihre Mutter hatte es ihr an der Wiege gesungen.
--Gockel war so froh, über Alles, was er so erfinderisch
herbeigewünscht hatte, daß er wünschte, Frau Hinkel möge gleich Alles
betrachten, was auf ihrem Waschtisch weiter liege.  Sie sagte aber:
"nein, ich muß warten bis der Tag anbricht, es ist Alles so herrlich
und fein, ich zittre so vor Freude, ich habe eine solche Wallung im
Blut.  Wir sahen nun dort in den Hof, hier in den blühenden Garten,
voll Duft und Springbrunnen und Nachtigallen, jetzt laß uns an jener
Seite hinaus schauen, was dort zu sehen ist."--Nun liefen sie an ein
drittes Fenster; "o je, welche Freude!" rief Frau Hinkel aus, "Wir
sind in Gelnhausen, da oben liegt das Schloß des Königs, und da
drüben, o zum Entzücken! da sehe ich in einer Reihe alle die
Bäcker--und Fleischerladen; es ist noch ganz stille in der Stadt;
horch, der Nachtwächter ruft in einer entfernten Straße, drei Uhr ist
es; ach, was wird er sich wundern, wenn er hieher auf den Markt kömmt
und auf einmal unsern prächtigen Palast sieht!  Und der König, was
wird der König die Augen aufreissen und alle die Hofherrn und
Hofdamen, die uns so spöttisch ansahen, da wir in Ungnade fielen, was
werden sie gedemüthiget seyn durch unsern Glanz!  O Gockel, liebster
Gockel, was bist du für ein herzallerliebster, beßter Gockel mit
deinem Ring Salomonis!" und da fielen sie sich wieder um den Hals und
fuhren vor Freude gleichsam Schlitten auf dem spiegelglatten Boden.

Es brach aber der Tag an und es war kein Traum; Alles hatte Bestand,
sie blickten Arm in Arm scheu und doch freudig bald sich in ihrer
verjüngten Gestalt und prächtigen Kleidung, bald die wunderbare
Pracht ihres Schlafgemaches an, und als sie neben ihrem großen
Prachtbett, welches wie ein Himmelwagen aussah, mit Federbüschen
besteckt, ein anderes schönes Bettchen sahen, fiel ihnen erst im
Taumel der großen Freude ihre liebe Gackeleia ein; sie rissen die
rothsammetnen, goldgestickten Vorhänge hinweg, da lag Gackeleia schön
wie ein Engel, ach viel schöner als sie je gewesen.  Gockel und
Hinkel erweckten sie mit Küssen und Thränen: "wach auf, Gackeleia,
ach alle Freude ist um uns her; ach Gackeleia, sieh alle die schönen
Sachen an!"  Da schlug Gackeleia die blauen Augen auf, und glaubte,
sie träume das Alles nur; und da sie Vater und Mutter, welche beide
so jung und schön geworden waren, gar nicht wieder erkannte, fieng
sie an zu weinen und verlangte nach ihren lieben Aeltern.  Ja alle
die schönen Sachen konnten sie nicht zufrieden stellen; sie sagte
immer: "o was soll ich mit all der Herrlichkeit, ich will zu meiner
lieben Mutter, Frau Hinkel, zu meinem guten Vater, Gockel, zurück."
Die Mutter und der Vater konnten sie auf keine Weise bereden, daß sie
es selbst seyen.  Endlich sagte Gockel zu ihr: "Wer bist du denn?"
"Gackeleia bin ich," erwiederte das Kind.  "So", sagte Gockel",du
bist Gackeleia?  Aber Gackeleia hatte ja gestern ein Röckchen von
grauer Leinwand an, wie kömmt den Gackeleia in das schöne,
buntgeblümte, seidene Schlafröckchen?"  "Ach, das weiß ich nicht,"
antwortete Gackeleia, "aber ich bin doch ganz gewiß Gackeleia; ach
ich weiß es gewiß, die Augen schmerzen mich so sehr, ich habe gestern
gar viel geweint, ich habe grosses Unglück angestellt, ich habe die
Katze an das Nest der Gallina geführt; ich bin Schuld, daß sie
gefressen worden, ich habe dadurch den guten Alektryo in den Tod
gebracht, ach ich bin gewiß die böse Gackeleia;" dabei weinte sie so
bitterlich und fuhr fort: "o du bist Gockel nicht; der Vater Gockel
hat ganz schneeweiße Haare und einen weißen Bart und ist bleich im
Gesicht und hat eine spitze Nase; du Schwarzer mit den rothen Wangen
bist Gockel nicht; du bist auch die Mutter Hinkel nicht; du bist ja
so hübsch glatt und anmuthig wie ein Turteltäubchen; die Mutter
Hinkel ist klapperdürr wie ein Zaunpfahl; ich will fort in das alte
Schloß, ihr habt mich gestohlen;" und da weinte das Kind wieder
heftig.  Gockel wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er sagte:
"Schau mich einmal recht an, ob ich dein Vater Gockel nicht bin."  Da
guckte ihn Gackeleia scharf an, und er drehte den Ring Salomonis ganz
sachte am Finger und sprach leis:

  "Salomon, du großer König,
  Mache mich doch gleich ein wenig
  Dem ganz alten Gockel ähnlich;
  Mach' mich wieder wie gewöhnlich."

Und wie er am Ring drehte, ward er immer älter und grauer, und das
Kind sagte immer: "ach Herrje, ja, fast wie der Vater!" und als er
ganz fertig mit dem Drehen war, sprang das Kind aus dem Bett, und
flog ihm um den Hals und schrie: "ach ja, du bist's, du bist's,
liebes, gutes, altes Väterchen!  Aber die Mutter ist es mein Lebtag
nicht."  Da begann Gockel auch für Frau Hinkel den Ring zu drehen,
daß sie wieder ganz alt ward.  Aber dieser machte das gar keine
Freude, und sie sagte immer: "halt ein Gockel, nein das ist doch ganz
abscheulich, einen so herunter zu bringen, nein das ist zu arg! so
habe ich mein Lebtag nicht ausgesehen; du machst mich viel älter, als
ich war!" und begann zu weinen und zu zanken, und wollte dem Gockel
mit Gewalt nach der Hand greifen und ihm den Ring wieder zurückdrehen.
Aber Gackeleia sprang ihr in die Arme und küßte und herzte sie, und
rief einmal über das anderemal aus: "ach Mutter, liebe Mutter, du
bist's, du bist's ganz gewiß!"  Da sagte Frau Hinkel: "nun
meinethalben," und küßte das Kind Gackeleia von ganzem Herzen.
Gockel aber sprach: "ei, ei, Frau Hinkel, ich hätte mein Lebtag nicht
gedacht, daß du so eitel wärest; es ist gut, nun habe ich ein Mittel,
dich zu strafen; sieh, bist du mir nun nicht fein ordentlich und
fleißig, oder brummest du, oder bist du neugierig, so drehe ich
gleich den Ring um und mache dich hundert Jahre alt."  Da sagte Frau
Hinkel: "thue was du willst, ich habe es nicht gern gethan, es hat
mich nur so überrascht."  Nun umarmte sie Gockel und drehte den Ring
wieder, und sie wurden wieder jung und schön.  So erfuhr auch
Gackeleia das Geheimniß mit dem Ringe, und Gockel schärfte ihr und
der Frau Hinkel ein, ja niemals etwas von dem Ringe zu sprechen,
sonst könnte er ihnen gestohlen werden, und dann müßten sie wohl
wieder arm und elend in das alte Schloß zurück.  "Bewahr uns Gott
davor!" sagten alle, und Gockel fuhr fort: "ja, daß er uns davor
bewahre, lasset uns vor Allem beten und danken; ihm allein gebührt
die Ehre!" da knieten sie in Mitte der Stube nieder und dankten Gott
von Herzen.

Als sie wieder aufgestanden waren, sagte Frau Hinkel: "jetzt kommt,
jetzt geht das Hauptplaisir an, jetzt geht es ans Betrachten, und mit
uns selbst wird angefangen."  Nun traten sie alle drei vor einen
großen Spiegel und beschauten sich in Lebensgröße von allen Seiten
und lachten und hüpften; Frau Hinkel machte einige spitze Mäulchen
und Gackeleia probirte so vielerlei, daß sie sogar die Zunge ziemlich
weit herausstreckte, worauf aber Gockel sagte: "Pfui, wawa, das ist
unartig!"  Hierauf gieng Frau Hinkel nach ihrem Waschtisch, um Alles
zu betrachten, was sie in der Nacht noch nicht gesehen.  In einer
andern Fensternische stand der Waschtisch Gockels, und zwischen
beiden ein Waschtischchen Gackeleia's.

Auf der krystallenen Platte des Tisches stand Waschbecken und Kanne
von gleichem Stoff, man konnte sie so oft man wollte bei dem Delphin
unter dem Tische füllen; hinter dem Waschbecken war etwas Hohes mit
einem feinsten weißen Tuche bedeckt.--"Was ist nur das?"--sagte Frau
Hinkel und zog das Tuch weg,--aber Alle wurden still und ernst, als
sie sahen, was es war; denn es war das Bild einer Gluckhenne auf dem
Neste sitzend mit ausgebreiteten Flügeln und über Hühnchen brütend,
die hie und da die Köpfchen hervorstreckten; Alles von Gold und
Silber, auf das natürlichste kunstreich ausgearbeitet; die Augen
waren alle von Edelsteinen und die Kämme von Rubinen!

"Ach!" sagte Frau Hinkel, "das ist wohl eine ernste Erinnerung, das
kann uns wohl demüthigen; sieh Gackeleia, da ist das Bild der Gallina,
wie sie leibte und lebte, da können wir an die betrübte Geschichte
denken!"--"Ach ja," sagte Gackeleia, und weinte.  Gockel aber sprach:
"wollen wir dabei an irgend etwas denken, was uns vor Uebermuth
bewahrt, so ist das gut.  Hier aber steht die goldene Henne nur als
ein altes Familienkleinod, das ich selbst zum erstenmal sehe; dort
auf meinem Waschtisch wird wohl der goldene Hahn stehen."--Da deckte
Gockel auf seinem Waschtisch das Gefäß auf, und wirklich stand das
Bild Alektryos von Gold in größter Vollkommenheit da.--Sie waren Alle
ganz erstaunt.

Gockel aber sprach weiter: "du wirst dich erinnern, Frau Hinkel, daß
in unsrer Familie ein altes Sprichwort ist, der goldne Hahn kräht
nicht mehr, die goldne Henne legt nicht mehr, um unsre Verarmung
anzudeuten.  Das bezieht sich auf diese beiden unschätzbaren
Kunstwerke, die lange in dem Schatze der Kapelle zu Gockelsruh
bewahrt wurden.  Als aber die Franzosen ihre angeblichen Rechte auf
alle Hahnen geltend machten, weil in dem wohl anatomirten Gehirn
jedes Hahns ihr Wappen, nämlich das Bild einer Lilie zu finden seyn
soll, haben sie sich dieses goldnen Geflügels vor allem Andern
bemeistert.--Bei seiner Vermählung mit Urhinkel von Hennegau drehte
Urgockel den Ring Salomos, und wünschte ihr das herrlichste
Toiletten-Geschenk, das Salomo selbst der Königin von Saba gegeben;
--dann drehte die Gräfin von Hennegau den Ring und wünschte dem
Urgockel das Gegengeschenk der Königin von Saba, und so standen am
Hochzeitmorgen dieser Waschtisch mit der goldnen Henne und jener dort
mit dem goldnen Hahn im Brautgemache, und von dieser Hochzeit an
wurden die goldne Henne und der goldne Hahn bei jeder Hochzeit in
Gockelsruh dem Brautpaar vorgetragen und bei der Mahlzeit aufgestellt,
bis sie verloren giengen.  Jetzt wollen wir einmal sehen, wie die
Geschenke beschaffen sind, vor Allem die Probe, ob es gut Gold ist.
Sieh da unten an dem Neste die Probe in phönizischer Schrift; ich
drehe den Ring und wünsche es zu lesen, und sieh, ich kanns lesen.

"Dieses Necessaire, vorstellend das Siebengestirn als eine Gluckhenne
mit sechs Küchlein für ihre Majestät die Königin Balkis von Saba,
verfertigte auf Befehl Seiner Majestät des Königs Salomo von
Jerusalem, dessen erster Goldschmied Hieram von Tyrus, aus
24karatigem Gold von Ophir in Augsburgirter Butzbacher-Façon."  Nun
sieh, welche Rarität, was mag aber Alles darin enthalten seyn?"

Nun zerlegte Gockel das ganze Huhn nach der Transchierkunst, die er
als Hühnerminister aus dem Fundament verstand; Alles bestand aus
Deckeln, Büchschen und Fächern u.s.w.  Wenn man den Rücken mit den
ausgebreiteten Flügeln der Henne in die Höhe schlug, hatte man einen
aufgerichteten Handspiegel; im Innern der Henne befanden sich in
verschiedenen goldenen Kästchen mehrere Schwämme und Kämme, weite und
enge, Haarbürsten, Zahnbürsten, Ohrlöffel, Zahnstocher, Puderbüchsen
von allen Farben, Schönheitspflästerchen, Schminke aller Farben,
Nagelscheeren und Bürsten, eine Haarzange, ein Kämmchen für die
Augenbraunen, erstaunlich viele Sachen.  In dem Kopf der Henne fand
man Hühneraugensalbe für den linken und rechten Fuß.  Der Hals
enthielt eine Nadelbüchse voll allerlei Nadeln, auch eine
Insektenfalle.  In jedem der Hühnchen, die man öffnen konnte, fand
sich eine andre wohlriechende Seife, oder Salbe, oder Essenz; das
Nest im Innern selbst war ein Näh--und Nadelkissen von tyrischem
Purpur, worauf die schönsten Muster mit goldenen Demantnadeln
abgesteckt waren.  Das ganze künstliche Flechtwerk des goldenen
Nestes hieng und stack voll tausenderlei Geschmeid, Ringen, Ketten,
Spangen, Agraffen, Amuletten, Talismanen, Perlen und
Bernsteinschnüren.  Aus dem Nest streckten sich vier Zweige von
gewachsenem Gold mit Lilien, weißen und rothen Rosen von Edelsteinen.
Diese Zweige bildeten Leuchter, worauf Wachskerzen standen und woran
viele Wachsstöckchen hiengen, alle von wohlriechendem Wachse gemacht,
das Erstlingsbienen beim Aufgang des Siebengestirns auf den Linden
des Hymettus und von Lilien gesammelt hatten, die schöner bekleidet
waren als Salomo selbst.  Außerdem hiengen an diesen Goldzweigen
Siegelringe, kleine Kalenderchen und Notizbüchelchen von Elfenbein.
Vor der Henne kniete ein feines Kind mit Flügeln von Edelsteinen; es
hielt in der einen Hand eine Schale voll der köstlichsten
Stärkungskügelchen, in der andern eine Schale voll Balsam von Mekka,
als wolle es die Henne füttern.  Das Wunderbarste aber war, daß die
Henne die Stundenzahl und die Hühnchen die Viertelstundenzahl mit
süßem Glucksen und Piepen angaben, und wenn man an einer Feder zog,
so sang eine im Innern befindliche Orgel die Melodie des höchsten
Liedes, das Salomo je gedichtet.

Frau Hinkel wußte sich gar keinen Rath über allen diesen Wundern und
schaute sich weiter bei dem Waschtische um, da sah sie in das Gitter
des Rosenschirms mehrere Engelchen geflochten; einige reichten Körbe
mit Rosenblättern, Orangenblüthen und Mandelkleie herein, andre boten
lange weiche Tücher von weißer oder purpurfarbiger indischer Leinwand
oder Wolle dar.--"Ach," sagte Frau Hinkel, "allen Respekt vor der
Frau Königin Balkis, aber sie muß viele Zeit und wenige Schönheit
gehabt haben, wenn sie Alles das gebraucht hat, sich zu waschen; ich
werde es nie gebrauchen."--"Da hast du wieder Recht," sagte Gockel,
"es ist auch nur ein Schau--und Familienstück, du wirst schon ein
andres Waschtischchen mit allem Nöthigen finden; ich aber will meinen
goldenen salomonischen Alektryo gleich gebrauchen, denn ich sehe, er
enthält nichts außer Stiefelzieher und Stiefelhacken, Schuh-,
Kleider--und Zahnbürste, Kamm und Scheere, nicht viel mehr, als ein
veritables englisches Rasirzeug, das habe ich mir lange gewünscht,"
und somit fing er gleich an und pinselte sich den Bart mit
Seifenschaum ein.

Gackeleia gieng auch nach ihrem Waschtischchen, aber es wollte ihr
nicht recht gefallen, denn es stand ein goldnes Kätzchen darauf, das
ein silbernes Hühnchen im Maul hatte.  Sie wollte schon wieder
anfangen zu weinen, aber Frau Hinkel sagte zu ihr: "komm Gackeleia,
damit wir den Vater beim Rasiren nicht stören, er ist es lange nicht
mehr gewohnt, er könnte sich schneiden.--Wir wollen in die
Kleiderkammer gehen und uns unter das Bäumchen stellen und sagen:

  Bäumchen rüttel dich und schüttel dich,
  Schüttle schöne Kleider über mich!"

Da verließ Gackeleia sehr erfreut die Stube mit ihr, und bald traten
sie in schönen Morgenkleidern von schneeweißem Piqué mit leichter
Goldstickerei wieder herein.

Nun war die Sonne aufgegangen und der Nachtwächter war auf den Markt
gekommen und hatte das Wunder-Schloß Gockels, das wie ein Pilz in der
Nacht hervorgewachsen, kaum erblickt, als er ein ungemeines Geschrei
erhob:

  "Hört ihr Herrn und laßt euch sagen,
  Die Glocke hat vier Uhr geschlagen,
  Aber das ist noch gar nicht viel
  Gegen ein Schloß, das vom Himmel fiel;
  Da steht's vor mir ganz lang und breit,
  Wir leben in wunderbarer Zeit,
  Ich schau es an, es kömmt mir vor,
  Wie der alten Kuh das neue Thor.
  Wacht auf ihr Herrn und werdet munter,
  Schaut an das Wunder über Wunder,
  Und wahrt das Feuer und das Licht,
  Daß dieser Stadt kein Leid geschiecht
  Und lobet Gott den Herren!"

Da wachten die Bürger rings am Markte auf, die Bäcker und die
Fleischer rieben sich die Augen und rissen die Mäuler sperrangelweit
auf und streckten die Köpfe mit sammt den Nachtmützen zum Fenster
heraus und schauten das Schloß mit großem Spektakel der Verwunderung
an.--Gockel, Hinkel und Gackeleia standen am Fenster und guckten
hinter dem Vorhang Allem zu.  Endlich schrie ein dicker Fleischer:
"da ist da, das Schloß kann Keiner wegdisputiren; aber, ob Leute
darin sind, die Fleisch essen, das möcht ich wissen."

"Ja, und Brod und Semmeln und Eierwecken," fuhr ein staubiger,
untersetzter Bäckermeister fort.  Da gieng aber auf einmal die
Schloßthüre auf, und es trat ein großer, bärtiger Thürsteher heraus
mit einem großen Kragen, wie ein Wagenrad, und einem breiten,
silberbordirten Bandelier über der Brust und weiten gepufften Hosen
und einem Federhut, wie ein alter Schweizer gekleidet; er trug einen
langen Stock, woran ein silberner Knopf war, wie ein Kürbis so groß,
und auf diesem ein großer silberner Hahn mit ausgebreiteten Flügeln.
Die versammelten Leute fuhren alle auseinander, als er mit ernster
drohender Miene ganz breitbeinig auf sie zuschritt; sie meinten, er
sey ein Gespenst.  Auch Gockel und Hinkel oben am Fenster waren sehr
über ihn verwundert und öffneten das Fenster ein wenig, um zu hören,
was er sagte.  Er sprach aber: "hört einmal ihr lieben Bürger von
Gelnhausen, es ist sehr unartig, daß ihr hier bei Anbruch des Tages
einen so abscheulichen Lärm vor dem Schloße Seiner Hoheit des
hochgebornen Raugrafen Gockel von Hanau, Hennegau und Henneberg,
Erbherrn auf Hühnerbein und Katzenellenbogen macht, Seine
hochgräflichen Gnaden werden es sehr ungern vernehmen, so ihr Sie
also frühe in der Ruhe störet, und wünsche sich das nicht wieder zu
erleben, das laßt euch gesagt seyn."--"Mit Gunst" sagte da der
Fleischer und zog seine Mütze höflich ab, "wenn erlaubt ist zu fragen,
wird dieß Schloß, das über Nacht wie ein Pilz aus der Erde gewachsen
ist, von dem ehemaligen hiesigen Hühnerminister bewohnt?"
"Allerdings," erwiederte der Schweizer, "es ist bewohnt von ihm und
seiner Gräflichen Gemahlin Hinkel und Hochdero Töchterlein Gackeleia,
außerdem von zwei Kammerdienern, zwei Kammerfrauen, vier Bedienten,
vier Stubenmädchen, zwei Jägern, zwei Laufern, zwei Kammerriesen,
zwei Kammerzwergen, zwei Thürstehern, wovon ich einer zu seyn mir
schmeicheln kann, zwei Leibkutschern, sechs Stallknechten, zwei
Köchen, sechs Küchenjungen, zwei Gärtnern, sechs Gärtnerburschen,
einem Haushofmeister, einer Haushofmeisterin, einem Kapaunenstopfer,
einem Hühnerhofmeister, einem Fasanenmeister und noch allerlei
anderem Gesinde, welche alle zusammen hundert Pfund Kalbfleisch,
fünfzig Pfund Hammelfleisch, fünfzig Pfund Schweinfleisch, sechszig
Würste und dergleichen essen."--"Ach", schrie da der Metzger und
kniete beinahe vor dem Schweizer nieder, "ich recommandire mich
beßtens als Hochgräflicher Hofmetzger."  Und der Bäcker zupfte den
Schweizer am Aermel mit den Worten: "Seine Hochgräflichen Gnaden
nebst Familie werden doch das viele Fleisch nicht so ohne Brod in den
nüchternen Magen hineinfressen; das könnte ihnen unmöglich gesund
seyn."  "Ei behüte," sagte der Schweizer, "Sie brauchen täglich
dreißig große Weißbrode, hundert fünfzig Semmeln, hundert Eierwecken,
hundert Bubenschenkel und zweihundert und sechs und neunzig Zwiebacke
zum Kaffee"--"O so empfehle ich mich beßtens zum Hochgräflichen
Hofbäcker", rief der Bäckermeister.  "Wir wollen sehen", sprach der
Schweizer, "wer heute gleich das beßte liefern wird, kömmt ans Brett."
Da stürzten alle die Bäcker und Fleischer nach ihren Buden und
hackten und kneteten und rollten und glasirten die Eierwecken und
rissen die Läden auf und stellten Alles hinaus, daß es eine Pracht
war; und so gieng es nun auf allen Seiten von Gelnhausen; alle Krämer
und alle Krauthändler kamen, sahen, staunten und wurden berichtet und
waren voll Freude, daß sie so viel Geld verdienen sollten.

Gockel und Hinkel und Gackeleia aber liefen im Schloß herum und sahen
Alles an; alle die Dienerschaft setzte sich in Bewegung; man kleidete
sich an, man wurde frisirt, man putzte Stiefel und Schuh, man klopfte
Kleider aus, tränkte die Pferde, fütterte Hühner, frühstückte; es war
ein Leben und Weben wie in dem größten Schloß.  Die Bürgerschaft, um
ihre Freude zu bezeigen, kam mit fliegenden Fahnen gezogen, jede
Zunft mit dem Bild ihres Schutzpatronen auf der Fahne und schöner
Musik; sie standen Alle vor dem Schloße, feuerten ihre rostigen
Flinten in die Luft und schrieen: "Vivat der Herr Graf Gockel von
Hanau!  Vivat die Gräfin Hinkel und die Comtesse Gackeleia!  Vivat
hoch! und abermal hoch!"--Gockel und Hinkel und Gackeleia standen auf
dem Balkon am Fenster und warfen Geld unter das Volk.  Gockel warf
den Männern hundert Stück neue Gockeld'ors, Hinkel den Frauen hundert
Stück neue Hinkeld'ors, worunter auch eine große Anzahl Basler
Hennenthaler, und Gackeleia den Kindern hundert Stück neue
Gackeleid'ors aus.  Sie riefen dabei immer: "theilt untereinander aus,
laßt wechseln, Einer gebe dem Andern heraus!"  Weil aber damals der
Cours in Gelnhausen sehr hoch stand und das Gold sehr gesucht und man
mit Scheidemünze und Stübern und mit Waaren, z. B. Nüssen, Feigen,
Schellen und Kappen wohl assortirt war, so ward der Wechsel--und
Tauschhandel sehr lebhaft auf dem Markt.  Je mehr das Gold fiel,
desto höher stieg es; der Platz ward mit ausgetheilten, gewechselten,
ausgetauschten, vollwichtigen Nasenstübern, Kopfnüssen, Ohrfeigen,
Maulschellen und gestochenen Kappen überschwemmt und Alles mußte
losschlagen, weil Viele ganz unverzeihlich mit diesen Artikeln
schleuderten.  Man hat auch unter der Hand vertrauliche Informationen
eingezogen, daß damals das Haus: "Gebrüder Vatermörder", welches
später die Frankfurter Messe in Wachs poussirt bezog, den ersten
Grund zu seinem Renommee gelegt habe.--Als man sich nun bereits bei
den Haaren um das Gold riß, so daß Keiner mit einem blauen Auge davon
kam, der nicht Haare gelassen hatte, drehte Gockel den Ring Salomonis
und mit ihm den Kellermeister nebst einem Stück Faß Wein aus dem
Keller, und es ward eingeschenkt, jedem der trinken wollte und ein
Gefäß bei sich hatte.  Da liefen sie auseinander nach Haus und holten
Eimer und Kübel und Züber und Schöpfkellen und Kessel und Krüge und
was sie fanden, und tranken, da der Goldregen aufgehört, Gockels
Gesundheit am Weinfaß.

Der König von Gelnhausen wohnte damals nicht in der Stadt, sondern
eine Meile davon, in seinem Lustschloße Kastellovo, auf deutsch
Eier-Burg, denn das ganze Schloß war von ausgeblasenen Eierschalen
errichtet, und in die Wände waren bunte Sterne von Ostereiern
hineingemauert.  Dieses Schloß war des Königs Lieblingsaufenthalt,
denn der ganze Bau war seine Erfindung, und alle diese Eierschalen
waren bei seiner eigenen Haushaltung ausgeleert worden.  Das Dach der
Eierburg aber war in Gestalt einer brütenden Henne wirklich von
lauter Hühnerfedern zusammengesetzt, und inwendig waren alle Wände
eiergelb ausgeschlagen.  Gerade der Bau dieses Schloßes war schuld
gewesen, daß Gockel einstens aus den Diensten des Königs gegangen war,
weil er sich der entsetzlichen Hühner--und Eierverschwendung
widersetzte und dadurch den König erbittert hatte.  Täglich kam nun
der königliche Küchenmeister mit einem Küchenwagen nach Gelnhausen
gefahren, um die nöthigen Vorräthe für den Hofstaat einzukaufen.  Wie
erstaunte er aber heute, als er die ganze Stadt in einem allgemeinen
Bürgerfest vor einem nie gesehenen Palaste erblickte und den Namen
Gockels an allen Ecken ausrufen hörte.  Aber sein Erstaunen ward bald
in einen großen Aerger verwandelt; denn wo er zu einem Bäcker oder
Fleischer oder Krämer mit seinem Küchenwagen hinfuhr, um einzukehren,
hieß es überall: Alles ist schon für Seine Raugräflichen Gnaden
Gockel von Hanau gekauft.  Da nun endlich der königliche
Küchenmeister sich mit Gewalt der nöthigen Lebensmittel bemächtigen
wollte, widersetzten sich die Bürger und es entstand ein Getümmel.
Gockel, der die Ursache davon erfuhr, ließ sogleich dem Küchenmeister
sagen, er möge ohne Sorgen seyn, denn er wolle Seine Majestät den
König und Seine ganze Familie und Seine ganze Dienerschaft
allerunterthänigst heute auf einen Löffel Suppe zu sich einladen
lassen, und er, der Küchenmeister, möchte nur mit seinem Küchenwagen
vor seine Schloß-Speisekammer heranfahren, um ein kleines Frühstück
für den König mitzunehmen.  Der Küchenmeister fuhr nun hinüber, und
Gockel ließ ihm den ganzen Küchenwagen mit Kibitzeneiern anfüllen und
setzte seine zwei Kammermohren oben drauf, welche den König
unterrichten sollten, wie man die Kibitzeneier mit Anstand esse; denn
der König hatte seiner Lebtage noch keine gegessen.

Der Küchenmeister fuhr durch den Sand in gestrecktem Galopp mit
seinem Küchenwagen voll Eiern nach dem Lustschloß, ohne ein Einziges
zu zerbrechen, nur daß die zwei Mohren, wo es zu langsam ging,
manchmal absteigen und zu Fuß gehen mußten; sie kamen jedoch zugleich
in der Eierburg an.

Mit höchster Verwunderung hörte König Eifrasius die Geschichte von
dem Schloß und dem Gockel durch den Küchenmeister erzählen, und ließ
sich sogleich ein Hundert von den Kibitzeneiern hart sieden.  Als nun
die zwei schwarzen Kammermohren in ihren goldbordirten Röcken mit der
silbernen Schüssel voll Salz, in welches die Eier festgestellt waren,
hereintreten, und mit ihrer schwarzen Farbe so schön gegen den weißen
Eierpalast abstachen, hatte der König Eifrasius große Freude daran.
Er ließ seine Gemahlin Eilegia, und seinen Kronprinzen Kronovus zum
Frühstück berufen, und erzählte ihnen das große Wunder vom Palast
Gockels.  "Ach", sagte Kronovus, "da ist wohl die kleine Gackeleia,
mit welcher ich sonst spielte, auch wieder dabei."  "Natürlich",
sprach Eifrasius, "wir wollen gleich nach diesem Frühstück hinein
fahren und das ganze Spektackel ansehen.  Aber seht nur die kuriosen
Eier, die er uns zum Frühstück sendet; grün sind sie mit schwarzen
Puncten; man nennt sie Kibitzeneier, sie kommen weit aus Rußland und
werden so genannt, weil sie in Kibitken, einer Art von Hühnerstall
auf vier Rädern gefunden, oder gelegt, oder hieher gefahren werden."

Da sprach der eine Kammermohr: "ich bitte Eure Majestät um Vergebung,
man nennt sie Kibitzeneier, sie werden vom Kibitz, einem Vogel gelegt,
der ungefähr so groß wie eine Taube und grau wie eine Schnepfe ist,
und wie eine französische Schildwache beim Eierlegen immer Ki wi, Ki
wi schreit, wenn man dann: "gut Freund" antwortet, so kann man
hingehen und ihm die Eier nehmen, worauf er gleich wieder andere legt."
Den König Eifrasius ärgerte es, daß der Mohr ihn in
Eierkenntnissen belehren wollte, und sagte zu ihm: "halt er sein Maul,
er versteht nichts davon, sey er nicht so nasenweis."  Darüber
erschrack der Mohr wirklich so sehr, daß er ganz weiß um den Schnabel
wurde.  Der andere Mohr sprach nun: "der Raugraf Gockel hat uns
befohlen, Eurer Majestät zu zeigen, wie diese Eier jetzt nach der
neuesten Mode gespeist zu werden pflegen."  "Ich bin begierig", sagte
der König, "es zu sehen."  Da nahm jeder der Kammermohren eins von
den Eiern in die flache linke Hand, und nun traten sie mit
aufgehobener Rechte einander gegenüber und baten den König eins, zwei,
drei zu kommandiren.  Das that Eifrasius, und wie er drei sagte,
schlug der eine Mohr dem andern so auf das Ei, daß der gelbe Dotter
gar artig auf die schwarze Hand herausfuhr.  Dem König gefiel dieses
über die Massen, und sie mußten es ihm bei allen hundert Eiern da
Capo machen, wofür er ihnen beim Abschied beiden den Orden des rothen
Ostereies dritter Klasse ohne Dotter taxfrei zur Belohnung um den
Hals hängte.

Nun fuhr der König und seine Gemahlin und der Kronprinz mit dem
ganzen Hofstaat auf einer Wurst nach Gelnhausen zu Gockel, der ihm
mit Hinkel und Gackeleia an der Schloßthüre entgegen trat.  Die
Verwunderung über den Reichthum und die jugendliche Schönheit Gockels
konnte nur durch die außerordentliche Mahlzeit noch übertroffen
werden.  Alles war in vollem Jubel.  Kronovus und Gackeleia saßen an
einem aparten Tischchen und wurden von den zwei Kammerzwergen bedient,
und Musik war an allen Ecken.  Beim Nachtisch tranken Eifrasius und
Gockel Bruderschaft, und Eilegia und Hinkel Schwesterschaft, und
Kronovus und Gackeleia Spielkameradschaft, sprechend: "du bist mein
König und du bist meine Königin."  Eifrasius zog dann den Gockel an
ein Fenster und hieng ihm das Großei des Ordens des goldnen Ostereies
mit zwei Dottern und Petersilie um den Hals und borgte hundert
Gockeld'ors von ihm, worauf das Ganze mit einem grossen Volksfeste
beschlossen wurde.  So lebten Gockel und die Seinigen beinah ein Jahr
in einer ganz ungemeinen irdischen Glückseligkeit zu Gelnhausen, und
der König war so gut Freund mit ihm und seiner vortrefflichen Küche
und seinem unerschöpflichen Geldbeutel, und alle Einwohner des Landes
hatten ihn seiner grossen Freigebigkeit wegen so lieb, daß man
eigentlich gar nicht mehr unterscheiden konnte, wer der König von
Gelnhausen war, Gockel oder Eifrasius.  Auch wurde es unter beiden
fest beschlossen, daß einstens Gackeleia die Gemahlin des Erbprinzen
Kronovus werden und an seiner Seite den Thron von Gelnhausen
besteigen sollte.  Aber der Mensch denkt und Gott lenkt, und so kamen
auch über diese guten Leute noch manche Schicksale, an die sie gar
nicht gedacht hatten.

Alles hatte die kleine Gackeleia in vollem Ueberfluß, nur keine Puppe;
denn Gockel bestand streng auf dem Verbot, das er über sie bei dem
Tode des Alektryo hatte ergehen lassen, sie sollte zur Strafe niemals
eine Puppe haben.  Wenn sie nun um Weihnachten oder am St. Niklastage
alle Mägdlein in Gelnhausen mit schönen neuen Puppen herumziehen sah,
war sie gar betrübt und weinte oft im Stillen; eine solche Sehnsucht
hatte sie nach einer Puppe.  Merkte der alte Gockel aber, daß
Gackeleia, die er wie seinen Augapfel liebte, so traurig war, so that
er ihr Alles zu lieb, um sie zu trösten, zeigte ihr die schönsten
Bilderbücher, erzählte ihr die wunderbarsten Mährchen, ja er gab ihr
auch wohl manchmal den köstlichen Ring Salomonis in die Hände, der
mit seinem funkelnden Smaragd und den wunderbaren Zügen, die darauf
eingeschnitten waren, alle Augen erquickte, die ihn anschauten.

Einstens gierig nun Gackeleia in ihrem kleinen Gärtchen spazieren,
welches am Ende des Schloßgartens, dicht an der Landstraße lag.  Da
waren die zierlichsten Beete voll schöner Blumen, alle mit Buchs,
Salbei und Schnittlauch eingefaßt, und die Wege waren mit glitzerndem
Goldsand bestreut; in der Mitte war ein Springbrünnchen, worin
Goldfischchen schwammen, und über demselben ein goldener Käfig voll
der buntesten singenden Vögel; hinter dem Brunnen aber war eine
kleine Laube von Rosen und eine kleine Rasenbank.  Ein schönes
goldenes Gitter umgab das ganze liebe Gärtchen.  "Ach", dachte
Gackeleia, "wie glückselig wäre ich, wenn ich eine Puppe in meinem
schönen Garten spazieren führen könnte, so allein gefällt er mir gar
nicht, was hilft es mir auch, wenn ich mir aus meinem Taschentuche
durch allerlei Knoten eine Puppe zusammenknüpfe, sie ist doch nie
eine schöne Gliederpuppe, ganz wie ein Mensch, mit einem schönen
lakirten Gesicht--und der Vater hat mir selbst solche Puppen verboten."

Während Gackeleia so in schweren Puppensorgen auf ihrer Rasenbank saß,
hörte sie auf einmal eine angenehme summende, aber sehr leise Musik
ganz nahe hinter ihr vor dem Garten, der an einem Feldweg lag.  Da
guckte sie durch die Blätter und sah etwas Seltsames.  Dicht vor dem
Gitter saß ein Mann in einem schwarzen Mantel ohne Kopf an der Erde
zusammengehuckt, und unter dem Mantel hervor schnurrte die Musik.
Gackeleia beugte sich zur Erde, um zu sehen, wo nur in aller Welt die
feine Musik herkomme; wie war sie erstaunt, als sie da unten ein paar
allerliebste Puppenbeinchen in himmelblauen, mit Silber gestickten
Schnürstiefelchen ganz im Takte der Musik herumschnurren sah, sie
wußte gar nicht, was sie vor Neugier, die Puppe ganz zu sehen,
anfangen sollte.  Oft war sie im Begriffe, die Hand durchs Gitter zu
stecken und den schwarzen Mantel ein wenig aufzuheben, aber die
Furcht, weil sie an dieser Gestalt keinen Kopf sah, hielt sie immer
wieder zurück.  Endlich brach sie sich eine lange Weidenruthe ab,
steckte sie durch das Gitter und lüftete den Mantel ein wenig, da
schnurrte eine wunderschöne Puppe in den artigsten Kleidern, wie eine
Reisende geputzt, unter dem Mantel hervor, und rannte gerade auf das
Gitter des Gartens zu, stieß einigemale an die goldenen Gitterstäbe
und würde gewiß zu ihr hineingekommen seyn, wenn sich nicht eine
hagere Hand aus dem Mantel nach ihr hingestreckt und sie wieder in
die Verborgenheit zurückgezogen hätte, wo die kleine Puppe von einer
rauhen Stimme sehr ausgeschimpft wurde, daß sie sich unterstanden
habe, unter dem Mantel hervorzulaufen.

Gackeleia konnte nicht mehr länger zurückhalten, und rief einmal über
das anderemal: "bitte, bitte du schwarzer Mantel, zanke doch die
liebe schöne Puppe nicht so, lasse sie doch ein wenig heraus zu mir
in den Garten."  Da that sich auf einmal der Mantel auf, und ein
alter Mann mit einem langen weißen Bart richtete sich vor Gackeleia
auf und sprach: "ich bitte recht sehr um Verzeihung, daß ich meine
Puppe hier ein wenig unter meinen Mantel tanzen ließ und auf der
Maultrommel dazu spielte, ich habe nicht gewußt, daß das Comteßchen
zusah.  Ich wollte nur versuchen, ob sie mir auf der Reise nicht
melancholisch geworden sey; denn ich will sie hier in Gelnhausen für
Geld auf dem Rathhause tanzen lassen.  Sehen das Comteßchen nur, sie
ist ganz artig, jetzt ist sie in ihren Reisekleidern mit einem Mantel
und Reisehut und einem Blumenstrauß und einer Landkarte und einem
Nachtsack; aber die Schnürstiefelchen sind doch allerliebst, sie hält
gewaltig auf einen schönen Fuß, aber Comteßchen, sie hat eine viel
schönere Garderobe, sie kann sich verkleiden, in was sie will, bald
so, bald so, wenn das Comteßchen erlaubt, werde ich die Ehre haben,
Ihnen alle ihre Kleidchen und sieben Sächelchen zu zeigen, ich habe
mir hier um meinen Regenschirm sechszehn Silberglöckchen befestigt
und bei jedem Glöckchen ein anderes Kleidchen und was dazu gehört,
und wenn sie schmutzig sind, wäscht mir sie der Regen und im
Sonnenschein trocknen sie.  Lasse ich im Wetter tanzen, geschieht es
unter dem Schirm, da ist sie wie unter einem chinesischen Dach, Alles
ist einfach und kurz beisammen, man muß auf Alles denken."--Da rief
Gackeleia aus: "ach! zeige mir Alles, Alles, explicire mir Alles; o
wie artig ist die Puppe! wie wackelt sie mit dem Köpfchen, wie
schüttelt sie die Zöpfchen, wie reicht sie die Aermchen, ach gieb sie
mir nur ein klein Bischen zu betrachten."

Der Alte sagte: "Comtesse, das kann ich nicht, aber die Kleider will
ich Ihnen gleich zeigen und Alles expliciren."

Da steckte er die Puppe in den Gürtel, die anfangs mit dem Kopf
daraus hervorwackelte und nachher stille ward; dann spannte der alte
Mann einen großen Regenschirm aus, der am Rande mit vielen kleinen
Glöckchen und bei jedem mit allerlei niedlichen Puppenkleidchen und
Kleinigkeiten behängt war.  Zuerst drehte er den Schirm schnell herum,
daß die Schellen lieblich klingelten und die Puppenkleider bunt im
Kreise wehten, dann hielt er plötzlich den Schirm still und fing an,
mit einem Stäbchen deutend jedes Stück zu expliciren, wobei er halb
sprach, halb durch die Nase sang, und Gackeleia jedesmal antwortete.

  Der Alte sang: "Guck', hier bei dem ersten Glöckchen
  Dieses grüne, kurze Röckchen
  Zieht sie an als Gärtnerin,
  Möchte in dein Gärtchen hin;
  Hier dies Gießkännchen, zu gießen
  Alle Blümchen, die drin sprießen,
  Kriegt sie in die kleine Hand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Sie ist klein, kann ohne Bücken
  Mir die schönsten Sträußchen pflücken."

  Der Alte:
  "Guck', hier bei dem zweiten Glöckchen
  Dieses schwarze, seidne Röckchen
  Und das schwarze Schürzchen dran,
  Zieht sie als Scribentin an;
  Denn da giebt's leicht Tintenfleckchen.
  Sieh' das Tintenfäßchen klein
  Und das art'ge Federlein.
  Hier ist auch das Wochenblatt,
  Wenn sie es gelesen hat,
  Putzt sie dran die Feder rein,
  Alles muß hübsch sauber seyn.
  Ein Wachsstöckchen hängt auch hier
  Und ein niedliches Petschier
  Und ein Sieg'llakstängelchen,
  Grad wie für ein Engelchen.
  Und dies Briefchen mit Adresse,
  Alles voll Accuratesse,
  Kriegt sie dann in ihre Hand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant
  Wollen wir correspondiren,
  Invitiren, gratuliren!"

  Der Alte:
  "Guck', hier bei dem dritten Glöckchen
  Hängt ein grünes, krauses Röckchen
  Und ein Hut mit grünem Band,
  Goldne Fransen an dem Rand;
  Spielhahnfeder, Gemsenbart
  Stecket drauf, nichts ist gespart;
  Sieh' den Brustlatz goldgeschnürt,
  Alles, wie es sich gebührt,
  Rothe Strümpfe, goldne Zwickel,
  Ja, es fehlet kein Artikel,
  Wenn sie als Tyrolermädchen,
  Schmuck als wie ein Silberdräthchen,
  Zitherspielend zieht durch's Land."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Zimm, zimm, zimm so spielest du,
  Und ich singe Eins dazu."

  Der Alte:
  "Guck', hier bei dem vierten Glöckchen
  Hängt ein dunkelbraunes Röckchen
  Und ein Häubchen in der Ferne,
  Denn sie trägt es gar nicht gerne
  Und ein ABC-Büchlein,
  Wenn sie Lehrerin soll seyn,
  Auch von Christoph Schmidt nicht fehlen
  Die Histörchen, zum Erzählen.
  O, wie kann sie buchstabiren!
  Fast so gut als deklamiren;
  Und hier diese feine Ruthe
  Für die kleinen Thunichtgute
  Kriegt sie dann in ihre Hand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Nur die Ruthe nicht probiren,
  Ich will recht hübsch deklamiren."

  Der Alte:
  "Hier bei diesem fünften Glöckchen
  Blinkt ein luft'ges Flitterröckchen
  Ganz voll Troddeln, Quästchen, Fransen,
  Wenn sie soll als Tänz'rin tanzen;
  Sieh' die Goldpantöffelchen,
  Wie zwei Zuckerlöffelchen,
  Zieht sie an und mit dem netten
  Tamburin und Kastagnetten
  Schnurrt und rasselt ihre Hand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Schnurre, raßle, klappre nur
  Und wir tanzen nach der Schnur."

  Der Alte:
  "Guck', bei diesem sechsten Glöckchen
  Hängt ein schwarz und weißes Röckchen;
  Wenn sie soll ein Nönnchen seyn,
  Hüllt man ihr die krausen Löckchen
  Hier in dieses Schleierlein,
  Setzt ihr auf dies Dornenkränzchen,
  Und giebt ihr dies Rosenkränzchen
  In die kleine, fromme Hand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Sag' hast du auch Pfeffernüßchen,
  Bildchen, Blümchen, Leckerbißchen?"

  Der Alte:
  "Guck', hier bei dem sieb'ten Glöckchen
  Hängt ein feuerfarbig Röckchen
  Nach der Mode von Vadutz
  Zugestutzt, ein Zauberputz.
  Auf dem Gürtel schwarz auf weiß,
  Der zugleich der Zauberkreis,
  Groß das ganze Alphabeth
  Abera-Cadabra steht.
  Hier ist auch der Zauberstab,
  Wen er anrührt, geht in's Grab;
  Ist es heut nicht, ist es morgen,
  Keiner braucht darum zu sorgen.
  Und hier ist der Zauberspiegel,
  Wer hineinblickt, sieht das Siegel
  Seiner Thorheit im Gesicht,
  So bei Nacht als Tageslicht.
  Und hier ist das Zaubersieb,
  Wer es stiehlt, der kennt den Dieb;
  Doch sieh' hier ein Wunderding,
  Sieh' von Gold ein runder Ring,
  Wer ihn trägt, ist nicht ganz klug,
  Hat zu viel und nie genug.
  Lischt die Zauberlampe hier,
  Riecht der Docht gar übel schier,
  Zünde schnell den Wachsstock an,
  Weil man sonst nichts sehen kann.
  Dieses hier der Wünschhut ist,
  Wünsch dich hin, wo du nicht bist.
  Dies der Sack des Fortunat,
  Gold ist drin, so viel man hat.
  Aber hier dies Bäumchen heißt:
  Rüttel dich und schüttel dich,
  Schüttle, rüttle Herz und Geist,
  Leib und Seele über mich.
  Gieb mir Das und gieb mir Dies,
  Schönster Baum im Paradies;
  Wer dies sagt und rührt den Baum
  Hat, was ihm gebührt, im Traum,
  Schwer und leicht und seicht und tief,
  Links und rechts und grad und schief.
  Alles dies mit sauber'm Sinn
  Braucht sie, wenn als Zauberin
  Sie die Geister um sich bannt."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Rüttel dich und schüttel dich
  Liebes Bäumchen über mich."

  Der Alte:
  "Guck', hier bei dem achten Glöckchen
  Hängt ein grünes, kurzes Röckchen,
  Jägerhut und Jägertasche
  Und die fein umflocht'ne Flasche
  Und die Stiefelchen, die knappen,
  Um im Wald herum zu tappen;
  Alles dies wird angezogen,
  Wenn geschmückt mit Pfeil und Bogen
  Sie die flinke Jäg'rin spielt,
  Und nach Reh und Häschen zielt;
  Dann auch führt an einem Band
  Sie dies Windspiel an der Hand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Doch, das sollst du nicht mehr thun,
  Lass' nur Reh und Häschen ruhn."

  Der Alte:
  "Guck', hier bei dem neunten Glöckchen
  Ein ganz reputirlich Röckchen,
  Wenn sie ist ein Nähemädchen;
  Hier im Körbchen, Nähelädchen,
  Sind viel Zwirn--und Seidenfädchen,
  Nadeln, Scheerchen, Fingerhut
  Und noch viele Dinger gut.
  Nimmermehr ihr Finger ruht,
  Denn zuletzt noch zupfet sie
  Alle Restchen zur Charpie;
  Und nimmt dann die Kinderkäppchen,
  Flickelfleckt aus hundert Läppchen,
  All die Hemdchen, Röckchen, Jäckchen
  Und die Schürzchen mit zwei Säckchen,
  Ausgespitzt aus vielen Fleckchen,
  All' die art'gen Dingerchen
  Auf die feinen Fingerchen,
  Drehet sie mit Freudenblicken
  Und mit kind'schem Beifallnicken
  Appetitlich auf der Hand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Komm', ich hab gar schöne Läppchen,
  Komm', wir machen Kinderkäppchen."

  Der Alte:
  "Guck', hier bei dem zehnten Glöckchen
  Hängt für sie ein krauses Röckchen
  Und ein Hut mit Blumenstrauß,
  Geht als Sennerin sie aus.
  Sieh' im Korb die Blätter decken
  Viele reine Butterwecken;
  Fette Milch und frische Eier
  Trägt sie feil, ist gar nicht theuer,
  Jeder sie noch billig fand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Sennerin komm' und mess' geschwind
  Mir ein Schöppchen Milch für's Kind."

  Der Alte:
  "Guck', bei diesem eilften Glöckchen
  Hängt ein grob geflicktes Röckchen
  Und ein graues Futtersäckchen,
  Und hier in dem Wanderbündlein
  Trägt ein schreiend Wickelkindlein,
  Mit dem Lutscher in dem Mündchen,
  Sie als Pilgerin durch's Land;
  Hier ihr kluges, mag'res Hündchen,
  Das Septemberle genannt,
  Ist in aller Welt bekannt."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Armes Kindchen komm' zu mir,
  Deinen Lutscher füll' ich dir."

  Der Alte:
  "Guck', bei diesem zwölften Glöckchen
  Glänzt ein Purpur-Sammetröckchen,
  Breit verbrämt mit Hermelin,
  Und am Krönchen goldig, perlich,
  Und am Scepter blitzend herrlich
  Lacht Smaragd und glüht Rubin.
  Wenn sie sich als Königin
  Setzt auf's goldne Thrönchen hin,
  Und die goldgestickte Schleppe
  Niederhänget auf der Treppe,
  Küßt man still den goldnen Rand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Doch ich küsse ihre Hand,
  Denn ich bin vom Grafenstand."

  Der Alte:
  "Guck', hier bei'm dreizehnten Glöckchen
  Hänget bei dem braunen Röckchen
  Schäferhut mit breitem Rand,
  Rosen drauf und grünes Band,
  Und dazu auch Schäfertasche,
  Schäferstab und Kürbisflasche,
  Und dies Lamm an rothem Band
  Führt die Hirtin durch das Land."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Braucht mein Lamm nicht mehr zu seyn
  So allein, allein, allein!"


  Der Alte:
  "Guck', hier bei'm vierzehnten Glöckchen
  Hänget für das flinke Döckchen
  Ein garnirtes Kaffeebrett,
  Wenn sie schön die Wirthin macht;
  O, das kann sie gar zu nett!
  Sie nimmt Alles wohl in Acht,
  Trägt nicht hoch das feine Näschen,
  Stößt nicht um die kleinen Gläschen,
  Theilt den Kuchen ein so klug,
  Daß er reicht mehr, als genug.
  Flinker als ein Wassernixchen
  Präsentirt sie, macht ein Knixchen:
  "Bitte, bitte!" rings herum.
  Und kein Bischen kömmt je um,
  Alles, was da übrig blieb,
  Giebt den Armen sie aus Lieb',
  Oder streut's den Vögelein--
  Kann man allerliebster seyn!--
  Mit der milden, treuen Hand."

  Gackeleia:
  "O wie artig! wie scharmant
  Invitir ich sie zur Noth
  Gleich auf Thee und Butterbrod."

  Der Alte:
  "Guck', hier bei'm fünfzehnten Glöckchen
  Hängt ihr spiegelnd Panzer-Röckchen,
  Helm und Speer und Schwert und Schild
  Herrlich in der Sonne blitzt,
  Wenn sie für Minerva gilt
  Und das Eulchen bei ihr sitzt.
  Ich verstehe nichts davon,
  Doch ein hoher Kunstpatron,
  Der mir schuldet, leider, leider!
  Zahlte mich durch diese Kleider;
  Er ist Extheaterschneider
  Von Person und Condition,
  Giebt auch Kindern Lektion
  In der Mytholologie
  Und Demagogokolie.
  Er sprach: "Industrierende,
  Krieger und Studierende
  Rufen dir bei vollem Haus
  Ihre Göttin gern heraus."
  Wie er sprach, so ist's gescheh'n,
  Jeder will Minervchen sehn.
  Keiner weiß doch, was im Schild
  Führt das kleine Götterbild;
  Durch das Gitter aus dem Helm
  Lauscht sie wie ein schlauer Schelm.
  Hält sie's mit der Wissenschaft,
  Gleich um ihres Speeres Schaft
  Rosen, Myrthen und Gedanken
  Sich in buntem Wechsel ranken.
  Tritt sie krieg'risch in die Schranken,
  Eifersüchtig gleich ihr Schwert
  Jedes Listgeweb zerstört,
  Das der Mückchen heiter'm Leben
  Gift'ge Spinnen lauernd weben.
  Rächend, daß Arachne's Hand
  Sie einst webend überwand.
  Ich verstehe nichts davon,
  Sag' nur her die Lektion
  Von dem hohen Kunstpatron,
  Der wohl selbst sie nicht verstand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Kann die Spinnen nicht bedauern,
  Die so auf die Mückchen lauern."

  Der Alte:
  "Guck', hier bei dem letzten Glöckchen
  Hängt ein lust'ges, rothes Röckchen,
  Fallhut, Rassel, rothe Schuh'
  Und ein Püppchen auch dazu,
  An Figur und Art und Sitten,
  Wie ihr aus dem Aug geschnitten.
  Wenn sie spielt die Kinderrolle,
  Hüpft dies Püppchen hinter drein,
  Und sie neckt es: Molle, Molle!
  Weil es nicht wie sie so fein.
  Kind und Püppchen wetten dann,
  Wer von ihnen beiden kann
  Süßer: "bitte, bitte" sagen,
  Daß Mama nichts ab kann schlagen.
  Und dann spielt das Kind Verstecken,
  Mit dem Püppchen sich zu necken,
  Thut sich mit dem Schurz bedecken,
  Ruft: "Wu Wu", es zu erschrecken.
  Hierauf streut das noch verhüllte
  Kind, den Vöglein die Brosamen,
  Womit es die Säckchen füllte,
  Und sie rathen seinen Namen:
  Klandestinchen?  Schirosellchen?
  Penseröschen?  Hirondellchen?
  Kaschettinchen?  Allerleja?
  Und das Kind spricht: "Eja!  Eja!
  Gukuk! gukuk--nit da, nit da!"
  Läßt sie fressen aus der Hand."

  Gackeleia:
  "O wie artig, wie scharmant!
  Aber ich ruf', um zu necken,
  Girri, girri beim Verstecken."

Nun drehte der wunderliche Alte seinen Schellenschirm wieder klingend
im Kreis und machte ihn dann plötzlich vor den Augen Gackeleia's zu,
der das Herz flog vor Begierde nach der Puppe und all den schönen
Kleinigkeiten.--"Ach die Puppe, die Puppe, ach die schönen Kleider",
sagte sie einmal über das andremal, "ach dürfte ich sie nur ein
bischen haben, nur ein klein bischen! bitte, bitte, bitte!"

"Halten Sie ein Comteßchen," sagte der Alte: "halten Sie ein, es wird
mir so rührend, mein Herz läuft mir aus; ich kann das Lamentiren
nicht hören von einem so artigen Frauenzimmerchen; wollen Sie mir
eine kleine Freundschaft erweisen, nur ein bischen, ein bischen, so
sollen sie die Puppe und die schönen Kleidchen haben für immer, für
immer! bitte, bitte, bitte!"

"Die Puppe haben?" sagte Gackeleia mit großem Schmerz und rang die
Händchen, "ach edler Mann!  Gackeleia darf keine Puppe haben, nie,
nie!  Gackeleia hat Schurrimurri zu Gallina geführt, Gallina ward
erwürgt, und Gackeleia ward verurtheilt: nie, nie eine Puppe haben zu
dürfen--ach und ich hätte diese so gern! ach nur ein bischen, ein
bischen, bitte, bitte!"

Während Gackeleia so wehklagte, machte der Alte seinen Schirm bald
halb auf, bald wieder zu, so daß alle die schönen Kleidchen immer vor
den Augen des Kindes herumflatterten, und sagte dann: "ein grausames
Urtheil, ein hartes Wort, da müßte sich ein Stein erbarmen, wider die
Natur, wider die Menschheit, wider alle Sinnlichkeit für religiöse
Gefühle! ein Kind, ein so schönes, liebes Comteßchen soll keine Puppe
haben?--hat doch jed Hündchen sein Knöchelchen, hat doch jed Kätzchen
sein Mäuschen, womit es spielt!"--"Schweig still, schweig still",
sagte Gackeleia, "sag nichts von den Kätzchen, ach die Kätzchen sind
eben daran Schuld, daß ich keine Puppe haben darf!--aber es geht
nicht, es geht nicht, ich hätte diese doch gar zu gern, ach nur ein
Bischen, bitte, bitte!"  Da fieng Gackeleia an zu weinen, und der
gefühlvolle Alte, der unter einem rauhen Aeußern ein zartes
kindliches Herz im Busen zu tragen hatte, weinte, oder ich müßte mich
sehr irren, mit.

"Comteßchen", sagte er, "ich halte das Mitleid nicht länger aus, mir
wird wie der große Dichter in der Poesie sagt:

  Liebes Kind! was soll mir das?
  Wein' nicht so, du wirst ganz naß,
  Ich muß lachend dir gestehen,
  Gleich werd' ich dich trocken sehn."

"Comteßchen, wischen Sie sich die Augen, putzen Sie sich die Augen,
putzen Sie sich das Näschen an die Schürze, aber an der innern Seite,
damit man's nicht sieht; Heimlichkeit, Verborgenheit sitzt ganz still
und kömmt doch weit.  Jetzt geben Sie acht: verbietet uns der Herr
Doctor das Bier, so trinken wir Gerstensaft, die Aepfel, essen wir
süße Pomeranzen, das Brod, essen wir Kuchen--verstehen Sie Comteßchen,
jed Ding will sein Sach haben, man muß dem Beil einen Stiel suchen
und dem Kind ein Püppchen."-"Ach! ich darf aber keine haben",
jammerte Gackeleia, "gewiß, gewiß, ich darf keine Puppe haben"!--"Ganz
gut", sagte der Alte, "bei Leibe nicht!  Gehorsam muß seyn, aber
können das Comteßchen lesen? schauen Sie da oben auf die Inschrift
über meinem chinesischen Sonnenschirm, was steht da geschrieben? denn
man muß immer sehen, was geschrieben steht."  Da fieng Gackeleia an
zu buchstabiren: k. e. i. kei, n. e. ne keine u.s.w.--keine Puppe,
sondern nur eine schöne Kunstfigur--und sie guckte den Mann und dann
wieder die Puppe in seinem Gürtel mit großen Augen an und sprach:
"wie, das wäre keine Puppe? keine Puppe?"

Nun nahm der Alte die Puppe aus seinem Gürtel in seine Hand und sagte:

  "Mit Verstand sind wir erschaffen,
  Menschen haben nicht, wie Affen,
  Alles nur gleich nachzumachen;
  Zu begründen sind die Sachen.
  Und so werd' ich auch beweisen,
  Daß dies nicht kann Puppe heißen,
  Daß Comteßchen ohne List
  Sie darf haben, denn es ist
  Keine Puppe, sondern nur
  Eine schöne Kunstfigur
  Nach der Schnur und nach der Uhr,
  Und ein Mäuschen von Natur.
  Eine Puppe steht ganz starr,
  Aber hier der liebe Narr,
  Hat da an dem Kettchen fein
  Zu der Uhr ein Schlüßelein.
  Ich zieh' auf--horch--knirr, knirr, knirr!
  Sieh', schon geht sie in's Geschirr!
  Wackelt mit dem klugen Köpfchen,
  Schüttelt ihre Seidenzöpfchen,
  Regt die Aermchen hin und her,
  Bis die Stund vorüber wär'.
  Alles, Alles nach der Schnur,
  Alles, Alles nach der Uhr
  Thut kein Püppchen, sondern nur
  Eine schöne Kunstfigur."

"Ja", sagte Gackeleia, "das ist einmal richtig, keine Puppe, sondern
nur eine schöne Kunstfigur"; und der Alte fuhr fort:

  "Eine Puppe kann nicht laufen,
  Man muß stäts herum sie schleppen,
  Diese rennt auf Flur und Treppen
  Jede Puppe über'n Haufen.
  Eine Puppe kann nicht hören,
  Diese hier ist leicht zu stören,
  Niemand hört sie, doch sie hört,
  Wenn ein Blumenblatt sich kehrt,
  Wenn ein Holzwurm leise pickt,
  Das Figürchen um sich blickt,
  Spitzt die Oehrchen und erschrickt;
  Und wenn gar die Katze maut,
  Schaudert ihr die zarte Haut,
  Bang ist ihr, es könnt' die Katze
  Halten sie für eine Ratze,
  Und sie hielt' mit einem Satze
  Sie in ihrer scharfen Tatze;
  Und gleich sucht sie eine Ecke,
  Daß sie sich darin verstecke.
  Keine Puppe, so thut nur
  Eine schöne Kunstfigur,
  Die trotz Uhr und die trotz Schnur
  Ist ein Mäuschen von Natur;
  Darum bitt' ich um die Güte,
  Daß man sie vor Katzen hüte."

Da sprach Gackeleia:

  "Ach ich hüt' mich schon davor,
  Vater schrieb mir's hinter's Ohr!"

Der Alte fuhr fort:

  "Eine Puppe kann nicht essen,
  Die Figur hat's nie vergessen,
  Ißt zu der bestimmten Stund'
  immer sich hübsch satt und rund;
  Braungebackne Semmelrinde
  Knuppert sie gern ab geschwinde,
  Könnte auch nach ihrem Magen
  Speck und Schinken wohl vertragen,
  Was sie aber niemals that,
  Denn sie ist zu delikat,
  Daß des Morgenlands Gesetze
  Sie durch solche Kost verletze,
  Drum lass' ich steinharten Kuchen
  Sie belohnend oft versuchen.
  Andern gönnt sie stäts das Beste,
  Und sich selbst läßt sie die Reste,
  Was so übrig ist geblieben,
  Ganz demüthiglich belieben.
  Zuseh'n läßt sie sich nicht gerne,
  Wenn sie ißt, sonst wär's gar leicht,
  Daß man menschlich essen lerne
  Und nicht mehr den Thieren gleicht.--
  Ja ich zweifle, ob Comtessen
  Jemals zierlicher gegessen."

Bei diesen Worten des Alten hob Gackeleia ihr Köpfchen mit einigem
Selbstgefühl in die Höhe, denn sie wußte wohl, daß sie eine Comtesse
sey, und daß sie sehr anständig nach den Tischregeln zu essen gelernt
hatte; ja sie bildete sich etwas darauf ein; daher sprach sie zu dem
Alten etwas in verweisendem Tone:

  "Wie Comtessen essen, weiß ich,
  Denn ich übe mich gar fleißig.
  Die Erzmundwischmeisterin,
  Comteß Torschon de Popin,
  Lehrte mich, wie stäts bei Tische
  Jeder anders, ländlich, sittlich,
  Appe--und unappetitlich,
  Standsgemäß das Maul sich wische.
  Denk', die große Lektion
  Vom Maulwischrecht kann ich schon;
  Als ich mit Gefühlsbetonung
  Sie bei Hof hab' deklamirt,
  Wischt' die Königin, gerührt,
  Mir das Mäulchen zur Belohnung."

Dann wendete sich Gackeleia gegen die Puppe und erzählte ihr, was ihr
vom anständigen Betragen bei Tisch gelehrt worden war:

"Hör'--nicht Puppe, sondern nur
Allerschönste Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und du Mäuschen von Natur!
Hör', was sittlich und dezent
Nach dem Tischzuchtreglement,
Alles, Alles sag ich dir.
Meine Meist'rin sprach zu mir:
"Alle Prinzen und Prinzessen,
Alle Grafen und Comtessen,
Alle Junker, alle Fräulchen
Wischen sich so Mund als Mäulchen,
Dupse-Däumchen, Fingerlein
An der Serviette rein.
O Comtesse, nie vergesse,
Wie ein Kind von deinem Adel
Mit Delikatesse esse--
Gackeleia ohne Tadel!
Schluck' nicht große Brocken ein,
Spuck' hübsch aus die Pflaumenstein';
Alles esse mit Manier,
Ohne Trägheit, ohne Gier,
Doch mit angeborner Zier;
Prüfe, ordne jeden Bissen
Recht mit zartestem Gewissen,
Ja mit feinem Skrupel schier.
Schiebe mit der Gabelspitze
Zierlich Alles, was nichts nütze,
Nicht an Reinheit ebenbürtig,
Nicht an Feinheit speisewürdig,
Daß du's über's Herzchen bringst
Und in's Mägelchen verschlingst,
Zähe Adern, harte Flechsen,
Harte Fasern von Gewächsen,
Schiebe solche Dingerchen
Leis auf deines Tellers Rand,
Heb' das kleine Fingerchen
Fein dabei an rechter Hand,
O, das steht dir ganz scharmant!
Niemals hör' ein Mensch dich schmatzen
Wie die Teller-Lecker-Katzen,
Die unehrbar unter'm Tisch
Hörbar fressen Fleisch und Fisch.
Nein, mit stäts geschloss'nen Lippen
Mußt du knuppern, und bei'm Trinken
Läßt du sanft die Aeuglein sinken,
Mußt du wie ein Vöglein nippen.
Wie man leckt und schmeckt und kaut,
Werde nie durch einen Laut
Irgendjemand anvertraut,
Eben so, wie man verdaut--
Alles still, gleich wie es thaut.
Gar Nichts lass' zu Grunde geh'n,
Was nicht soll zum Munde geh'n,
Jedes Krümchen noch so klein,
Streue aus den Vögelein!"

Gackeleia hatte ihre Lektion hergesagt und erwartete eine Antwort von
der Puppe, indem sie fortfuhr:

  "Wie ich esse sagt' ich dir,
  Wie du ißt, auch sage mir,
  O! du Puppe, o du nur
  Eine schöne Kunstfigur
  Nach der Uhr und nach der Schnur
  Und ein Mäuschen von Natur!"

So plauderte Gackeleia mit der Puppe, welche mit Kopf und Aermchen in
der Hand des Alten wackelte.  Der Alte aber sagte: "Comtesse
Gackeleia, sie wird es Ihnen nicht sagen, Sie sollen sie auch nicht
fragen, ich habe es nie gewagt; es giebt Geheimnisse im
kunstfigürlichen Herzen, es ist gefährlich da eindringen zu wollen
nach den Worten des großen Abulfeda:

  "In's Inn're der Natur dringt kein erschaffner Geist,
  Zu glücklich, wem sie nur die äußre Schaale weis't.
  Zum Kern der Kunstfigur, zu wissen wie sie speis't,
  Dringt jener Frevler nur, den in die Nas' sie beißt."

"Sehen kann man es nicht, aber hören sollen Sie es gleich!"-"Hören?"
sagte Gackeleia, "sie schmatzt doch nicht, das wäre nicht artig!
"--"Geduld," sagte der Alte, "geben mir das Comteßchen ihr Körbchen,
haben Sie nichts zu naschen?"--"O ja", sagte Gackeleia, "da sind
Knackmandeln von Jungfer Widder, der Schuljungfer, sie hat sie nach
ihrem Bräutigam geworfen, und Prinz Kronovus hat sie aufgelesen und
mir geschenkt."-"Herrlich," sagte der Alte, "aber eine ist genug,"
und er that die Figur in den Korb und die Knackmandel dazu und den
Deckel darüber, und nun stellte er den Korb dicht ans Gartengitter
und sagte: "Jetzt horchen Sie, wie die Kunstfigur krustilliret.
"-Gackeleia hielt das Ohr an den Korb und hörte die Kunstfigur bald
so artig mit den Zähnchen knuppern, daß sie freudig ausrief:

  "Knupper, Knupper Kneischen,
  Du knupperst ja im Häuschen,
  O du schöne Kunstfigur!
  Wie ein Mäuschen von Natur."

Dann nahm der Alte die Kunstfigur wieder heraus, zog das Uhrwerk auf
und sagte: "Jetzt wird ihr zur Verdauung ein Spaziergang gesund seyn,
sonst schläft sie uns ein:

  Denn nach Tische soll man stehn,
  Oder tausend Schritte gehn,
  Sagt der würdige Galen."

Die Puppe aber wackelte mit Kopf und Händchen und da er sie an den
Boden setzte, lief sie gar geschäftig am Gartengitter hin und her,
nickte und winkte und stieß manchmal ans Gitter, weil sie durch
wollte in den Garten, aber nicht konnte, denn die Oeffnungen waren
nicht groß genug.

Gackeleia außer sich vor Freude rief. "ach sie winkt mir, sie winkt
mir, sie möchte zu mir in den Garten--ach lieber alter Mann sage mir
geschwind, was ich dir zu Gefallen thun soll, daß du mir die
Kunstfigur giebst!"--Da steckte der Mann die Kunstfigur wieder in
seinen Gürtel und sprach: "O Comteßchen! es ist nur eine Miniatur von
einer Kleinigkeit von einer Bagatelle; ach! ich bin ein armer,
betrübter, verlassener Mann, ich habe nicht Vater nicht Mutter, nicht
Schwester nicht Bruder, nicht Kind nicht Rind, nicht Kuh und nicht
Kalb, nicht ganz und nicht halb, mir fehlet Alles, was man nicht
begehren darf, seines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Ochs, Esel und
Alles, was sein ist, ach! ich habe selbst keine Puppe, sondern nur
diese schöne Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur und ein
Mäuschen von Natur; aber mein Kummer ist so groß, daß auch sie mich
nicht trösten kann.  Doch Sie können es, o Exzellenzchen, daß ich
lustig werde wie ein Lämmerschwänzchen."

Nach diesen Worten fieng der wunderliche Alte so zu weinen und zu
wimmern an, daß Gackeleia mit Thränen in den Augen zu ihm sprach:
"ach weine nur nicht so, du armer Mann! ich will dir ja Alles thun,
was dich trösten kann, wenn du mir die schöne Kunstfigur giebst; sage
mir doch um Gotteswillen, was dich trösten kann."--Da erwiederte der
Alte:

  "Dein Vater hat ein Ringelein
  Mit einem grünen Edelstein,
  Der hat gar einen schönen Schein,
  Laß mich nur einmal sehn hinein,
  So werd ich gleich durch Mark und Bein
  Froh wie ein Lämmerschwänzchen seyn,
  Dann soll das Kunstfigürchen fein
  Zu dir ins Gärtchen gleich hinein;
  Es bleibt mit allen Kleidern sein
  O lieb Comteßchen! immer dein,
  Damit die Gackeleia klein
  Nicht so allein, allein, allein!"

"Ei!" sagte Gackeleia",den Ring kenne ich wohl, er hat auch mich
manchmal schon fröhlich gemacht, wenn ich ihn ansehen durfte.  Gehe
nur ein bischen weg, gleich wird mein Vater in einer nahen Laube sein
Mittagsschläfchen halten, da will ich den Ring schon auf ein Weilchen
kriegen.  Aber, daß du mir gleich wieder da bist, wenn ich den Ring
bringe."

"Ganz gewiß", sagte der Alte, "ich will Ihnen die Kleider der
Kunstfigur als ein Pfand gleich hier lassen, Sie können sie alle
hübsch glatt streichen und in ihr Körbchen legen, sie sind an dem
Schirm ein bischen aus der Façon gekommen."  Da gab er ihr die
Kleider und Kleinigkeiten, die er von dem Schirme ablöste, und
verließ dann mit der Kunstfigur die kleine Gackeleia, die ihm immer
nachrief "aber daß du nur auch ganz gewiß kömmst, der Ring soll dich
recht anlachen!"  "Ja, ja ganz gewiß", rief der Alte und verschwand
hinter den Hecken.  Gackeleia aber setzte sich in ihre Laube,
musterte und ordnete alle Kleider der Puppe, und dachte schon, wie
die kleine Gärtnerin bei ihr zwischen den Blumenbeeten herumlaufen
würde, und konnte sich zum Voraus vor Freude gar nicht fassen.

Aber schnell bewahrte sie die Kleider in ihrem Korb, da sie den Vater
Gockel auf seinem Stuhle in der Laube schnarchen hörte.  Sie schlich
hin, setzte sich zu seinen Füßen, hatte seine Hand in der ihrigen und
sah in den grünen Stein des Ringes.  Als sie nun den Stein berührte
und vor sich sagte: "ach wenn ich den Ring nur leise von seinem
Finger herunter hätte!" da that der Ring seine Wirkung.  Gockel
schlief fest und schnarchte, und der Ring fiel in das Händchen der
Gackeleia, welche geschwind wie der Wind nach ihrem Gärtchen lief, wo
der alte Mann vor Begierde nach dem Ring sein mageres Gesicht mit dem
Barte schon wie ein alter Ziegenbock über das Gitter herüber streckte.
Gackeleia hielt ihm den Ring entgegen und sprach: "die Kunstfigur
her! die Kunstfigur her! sieh hier ist der Ring; aber ich gebe ihn
nicht, bis du mir erkläret hast, wie man die Figur aufzieht und wie
ich sonst mit ihr umgehen muß, damit sie mir nicht krank wird, und
bis ich sie in den Händen habe, dann kannst du geschwind in den Ring
gucken, denn ich muß ihn schnell in die Laube zurück bringen, ehe der
Vater aufwacht."

Der Alte, der nach dem Ring noch gieriger hin sah, als das Kind nach
der Puppe, nahm diese, steckte ihr das Schlüßelchen, welches sie
anhängen hatte, in das Ohr und sagte: "Comteßchen! links müssen Sie
leise drehen, bis Sie Widerstand fühlen, sonst könnte die Figur
überschnappen.  Sie müssen sich nicht wundern, daß man die Kunstfigur
durch das Ohr aufzieht, man zieht ja auch die Kinder auf durch das
Gehör.  Man schraubt auch die Jugend auf und verschraubt sie eben so
leicht, daß kein Uhrmacher mehr helfen kann, nur knarrt es ein
bischen mehr bei der Kunstfigur.  Aber ich hoffe, die Comtesse werden
ihr dieses wegen anderer trefflicher Eigenschaften zu Gute halten.
Wenn ich nun aufgezogen, knirr, knirr, knirr, nickt sie ein Weilchen
gar lieblich mit dem Kopf und winkt mit den Händchen, ja läuft auch
auf ebenem Boden, weil aber Berg und Thal zusammen kommen, so wird
ihr das Laufen beschwerlich, und muß darum die Natur der Kunst zu
Hülfe kommen, wie umgekehrt bei Menschen die Kunst der Natur oft
nachhelfen muß.  Was nun die Kunst dieser Figur betrifft, so lassen
ihr die Comtesse, so sie harthörig würde, manchmal ein Tröpfchen
Mandelöl ins andere Ohr laufen; dann geht sie wieder wie geschmiert.
Was die Natur betrifft, habe ich schon gesagt, was sie gern ißt:
braune Semmelrinde, auch hartes Zuckerbrod und Knackmandeln; ich
rathe nicht zu vielen fetten Speisen, weil sie sich leicht dadurch
ihre Garderobe beflecken könnte.  Sie trinkt nicht viel, und setzt
Comteßchen ihr alle Tage ihr Fingerhütchen voll Wasser in den Korb,
ist es zum Trinken, Mundausspühlen und Waschen genug.  In das
Körbchen machen Sie ihr Bettchen, Sie brauchen sie nicht schlafen zu
legen, sie legt sich von selbst.  Morgens den Fingerhut und was zu
knuppern, Mittags, Abends eben so.  Die Kleiderchen halten Sie hübsch
reinlich, und verbleichen sie, so lassen Sie sie färben.  Hüten Sie
sie vor Ungeziefer, besonders vor Spinnen und vor Allem vor Katzen.
Ihre Stiefelchen und Tanzschuhe halten Sie besonders in Ordnung, denn
sie hält viel darauf und hat Hühneraugen; darum bitte ich, ihr nicht
auf die Füße zu treten; sie ist sehr empfindlich.--Hören Sie, um Sie
ganz zu überzeugen, daß sie keine Puppe ist, will ich Ihnen ihr
Stimmchen hören lassen."  Da zwickte der Alte die Figur an der Spitze
des Füßchens, und sie piepte wie ein Mäuschen, so daß Gackeleia laut
aufschrie: "ach dem Klandestinchen nicht weh, weh thun!" der Alte
aber sagte: "nicht wahr Comteßchen, schreien kann doch

  Keine Puppe, sondern nur
  Eine schöne Kunstfigur
  Nach der Uhr und nach der Schnur
  Und ein Mäuschen von Natur."

"Gewiß", sagte Gackeleia und sprach diese Worte mit.  Der Alte aber
sagte noch: "Sie müssen ihr nicht beim Essen und Trinken zusehen;
wenn sie heraus ist, lassen Sie sie ruhig laufen, aber nicht wo es
ganz offen ist, sonst läuft sie Ihnen davon."  Dann gab er die Puppe
der Gackeleia, und sie gab ihm den Ring, mit dem er sich unter seinem
Mantel verbarg, wo er ihn eifrig zu betrachten schien.

Gackeleia setzte die Puppe in dem Gärtchen nieder und tanzte voll
Entzücken vor ihr her, die ihr überall artig nachschnurrte; Gackeleia
patschte freudig in die kleinen Hände, der Alte aber patschte in
seine großen Hände.  "Ach!" rief ihm Gackeleia zu, "gelt, du hast
dich in dem Ring schon recht lustig geguckt?  O gieb ihn geschwind,
geschwind zurück, ich höre den Vater schon in der Laube gähnen."-"O
mir ist schon ganz fröhlich", sagte der Alte, "bald werde ich noch
lustiger seyn!"  Nun gab er ihr den Ring zurück und wünschte ihr mit
einem häßlichen Gelächter viel Glück zu der schönen Kunstfigur,
worauf er sich in das Gebüsch verlor.

Gackeleia hatte bereits alle Kleiderchen in ihr Körbchen gelegt, sie
legte nun die Kunstfigur oben drauf und deckte den Deckel hübsch
darüber.  Das Körbchen am Arm lief sie schnell in die Laube und
setzte sich zu den Füßen Gockels, der wieder eingeschlafen war, und
leise, leise schob sie ihm den Ring wieder an den Finger.  Es war ihr,
als hätte sie einen Stein von dem Herzen.

Gackeleia saß nicht so lange zu den Füßen Gockels, als man braucht,
um ein Ei zu sieden, da ertönte in der Ferne ein Oratorium von sechs
Posthörnern von der Composition des Cospetto di Bacco, und von der
berühmten Agatha Gaddi ward darin eine Fuge Solo gesungen nach den
tiefsinnigen Worten des Königlich Gelnhausenischen
General-Ober-Hofpostamts-Dichters, der, seinen Namen zu verschweigen,
aus übertriebener Bescheidenheit allzufrüh mit Tod abgegangen ist:

  "Fahr', fahr', fahr' auf der Post,
  Frag', frag', frag' nit, was's kost,
  Spann' mir sechs Schimmel ein,
  Ich will der Postknecht seyn,
  Fahr', fahr', fahr' auf der Post!"

Gleich erwachte Gockel und sprach: "ei, es ist schon vorgefahren, gut,
daß du da bist Gackeleia, geschwind laß uns einsteigen, die Mutter
sitzt gewiß schon in der Alamode-Barutsche, wir sind von Eifrasius
auf die Eierburg zum Eiertanz eingeladen."  "Ich habe es gewußt",
sagte Gackeleia, "ich bin schon ganz geputzt und habe Alles bei mir.
"--Da eilten sie vors Schloß, wo bereits Frau Hinkel breit in der
Barutsche saß, die mit sechs Schimmeln bespannt war, auf welchen
sechs Postillone das Oratorium bliesen.  Die Signora Agatha Gaddi
gieng, die Fuge Solo singend, mit einem Teller unter den versammelten
Bäckern und Metzgern herum und nahm Heller und Pfennige ein, als sie
aber Gockel kommen sah, legte sie ein variirtes Hahnengeschrei in
ihre Partie ein, und Gockel warf ihr eine brilliantene Repetir-Uhr
mit Schnupftabackdosen von Lava besetzt, worauf der Adler des Gesangs,
den Ganymed des Gefühls zum Himmel hinreißend, in Stein gehauen war,
in die Schürze, dabei rief er: "bravissimo! da capissimo! cito
citissimo!"--hob Gackeleia in die Barutsche und sprang mit gleichen
Beinen hinter ihr drein; Alles das zugleich, und die Postillone
knallten ein Finale mit den Peitschen, und sie kamen gerade auf der
Eierburg an, als die Signora ihren Danktriller geendet, der bis zum
Pfarrthurm hinauf stieg. Wir haben es aus seinem Munde vernommen.
--Das heiße ich mir gefahren!--Bei der Eierburg waren viele Menschen
auf einer grünen Wiese versammelt, wo getanzt und gespielt wurde um
Eier; denn es war Ostern, und das große Ordensfest des
Ostereierordens.  Man lief und sprang um die Wette nach aufgestellten
Eiern, man warf mit Eiern nach Eiern, man stieß mit Eiern gegen Eier,
und wessen Ei eingeknickt wurde, der hatte verloren.  Die Kinder von
ganz Gelnhausen suchten Eier, welche der große königliche geheime
Oberhof-Osterhaas in versteckten Winkeln ins hohe Gras gelegt hatte;
kurz die Freude war allgemein.  Bei Gockels Ankunft war das Volk in
einem weiten Kreis unter dem Baume versammelt, auf welchem die
königlichen Hofmusikanten und die Gelnhausener Stadtpfeifer einen
herrlichen Tanz aufspielten, nämlich den Eiertanz, den die königliche
Familie mit der Raugräflichen in höchsteigener Person tanzen wollte.
Auf einem köstlichen Teppich wurden hundert vergoldete Pfaueneier,
immer zehn und zehn, in Reihen gelegt.  Nun trat die Königin Eilegia
zu Gockel und verband ihm die Augen mit einem seidenen Tuch, und er
that ihr dasselbe; eben so verbanden der König Eifrasius und Frau
Hinkel, und der Prinz Kronovus und Gackeleia sich die Augen und
wurden nun von den Hofmarschällen auf den Eierteppich geführt, auf
welchem sie mit den zierlichsten Schritten, Sprüngen und Wendungen
zwischen den Eiern herumtanzen mußten, ohne auch nur Eines mit den
Füßen zu berühren.  Die Zuschauer sahen mit gespannter Aufmerksamkeit
ganz stille zu, und bewunderten die erstaunliche Agilität der hohen
Herrschaften.

Aber nicht weit davon in einem Gebüsche saßen ein paar alte Männer,
die hatten keine Freude an dem Tanz und guckten mit unabgewendeten
Augen nach dem Fußsteige, der aus der Stadt herlief, ob ihr Geselle,
der dritte, nicht bald komme, und ehe sie sichs versahen, stand er
mitten unter ihnen.  "Hast du, hast du?" schrieen sie dem
Neuangekommenen entgegen und machten Finger so spitz wie Krallen
gegen seine festgeschlossene Faust, und er erwiederte: "Ja ich habe
glücklich den Ring durch Gackeleia's Puppensucht ertappt, ich habe
ihr einen ganz ähnlichen mit einem falschen grünen Glasstein gegeben,
welchen Gockel jetzt am Finger hat.  Jetzt können wir uns an ihm
rächen, daß er uns bei dem Hahnenkauf betrogen und uns in die
Wolfsgrube hat fallen lassen, wo wir elend verhungert wären, wenn uns
die Bauern nicht herausgeholten hätten."

So sprachen die drei alten morgenländischen Petschierstecher, die
Gockel hatten anführen wollen, und die er angeführt hatte.  Sie
hatten sich doch durch ihre List in den Besitz des Ringes gebracht
und wollten jetzt gleich seine Wunderkraft versuchen.  Sie faßten
alle drei an den Ring und sprachen zu gleicher Zeit die Worte:

  "Salomon du weiser König,
  Dem die Geister unterthänig,
  Mach' den Gockel wieder alt,
  Zumpig, lumpig, mißgestalt,
  Mach' Frau Hinkel wieder häßlich,
  Zänkisch, ränkisch, griesgram, gräßlich,
  Mach' die Gackeleia schmutzig,
  Ruppig, stuppig, zuppig, trutzig.
  Nehme ihnen Gut und Geld,
  Schloß und Roß und Hof und Feld,
  Jag' sie wieder Knall und Fall
  In den alten Hühnerstall.
  Aber uns drei Petschaftstechern,
  Bau' ein Haus mit goldnen Dächern,
  Mache uns zu Hofagenten,
  Hoffactoren, Consulenten,
  Rittern und Kommerzienräthen,
  Commissären und Propheten.
  Gieb uns Gold und Geld und Glanz,
  Stell' uns hoch in der Finanz,
  Mach' uns schön wie Davids Sohn,
  Den scharmanten Absalon,
  Mach' uns glücklich ganz enorm,
  Orden gieb und Uniform!
  Ringlein, Ringlein dreh' dich um,
  Mach' es schön, wir bitten drum.

Während sie so am Ring drehten, entstand lautes Murren und Lachen und
Schimpfen unter dem versammelten Volk.  "Ei, seht den alten Bettler,
die alte schmutzige Bettlerin, das schmutzige freche Kind, nein das
ist unverschämt; jagt sie fort, pratsch, pratsch, wie sie die Eier
zertreten!"--und bald ward das Geschrei und Getümmel so allgemein,
daß der König Eifrasius und die Königin Eilegia und der Prinz
Kronovus ihre Binden von den Augen rissen, und wie erstaunten sie
nicht, als sie den Raugrafen Gockel und die Frau Hinkel und Fräulein
Gackeleia, die vorher so schön und jung, und prächtig gekleidet
gewesen waren, in eine alte, häßliche, zerrissene Bettlerfamilie
verwandelt sahen, welche alle Eier auf dem köstlichen Teppich
zertreten hatten; auf ihr unwilliges Geschrei rissen nun auch diese
Unglücklichen die Binden von den Augen, und fiengen an, bitterlich zu
weinen und zu klagen über ihren verwandelten Zustand, denn sie
erkannten sich kaum mehr wieder.  Gockel griff nach seinem Ring
Salomonis und drehte, aber der falsche verwechselte Ring vermochte
nichts; da sah er den Ring an und erkannte, daß er ausgetauscht war,
und schrie laut aus: "o weh mir! ich bin verloren, ich bin um den
Ring betrogen!"

Er wollte eben dem König Eifrasius zu Füßen fallen und ihm sein
Unglück klagen, aber dieser stieß ihn zurück, zog sein Schwert und
stieß einen Schwur aus, auf welchen seine Adjutanten, ihn in jedem
Falle zurückzuhalten, perennirenden Befehl hatten, damit er nicht das
Alleräußerste thue.  Die Königin Eilegia war so entsetzt, daß sie
unter Glucksen und Schluchsen in Nerven-Zuund Umstände und in die
Arme der Ober--und Unter-Eiermarschallin ohnmächtig sank.  Gockel und
Hinkel welche diese Erscheinungen theils aus früherer Erfahrung,
theils aus den Annalen der leidenden Menschheit kannten, nahmen die
Beine auf die Schultern und liefen davon, um so mehr und schneller
aber, als die Mitglieder der k.  Hofkapelle erstaunliche Leistungen,
mit Eiern nach ihnen werfend, gegen sie zu Stande brachten, worin sie
von der hochlöblichen Gelnhausener bürgerlichen
Scharfschützen-Compagnie patriotisch unterstützt wurden, nachdem der
wachsame Stadthürmer zu Hülfe geblasen hatte.

Das hoffnungsvolle Prinzchen Kronovus allein statuirte abermals ein
Exempel seines standhaften Charakters.  Als Gackeleia die Eltern alt,
häßlich und verlumpt fliehen und sich selbst schmutzig und zerrißen
sah, schrie sie weinend: "ach Kronovus, ach wie bin ich so schmutzig
und wa wa geworden! wer hat mich so schmutzig gemacht?" da reichte
mit schöner Fassung ihr Kronovus sein Schnupftuch mit den Worten: "da
Gackeleia wische dich schön ab und putze dir die Nase tüchtig, so--so,
das ist brav, da hast du auch dein Körbchen, ich hab dirs beim
Tanzen aufgehoben."--dann warf er ihr noch einen Thaler in die
Schürze--"da hast du mein Taschengeld.  Samstag Abends hinten am
Entenpfuhl, wo die Vergißmeinnicht stehen, sollst du immer ein Ei
finden, worauf Vivat Gackeleia steht, und worin mein Taschengeld
steckt, das hole dir!"--dann zog er eine Bretzel hervor und sagte:

"ziehe!"--da zogen sie, und jedes riß ein Stück davon;--und einen
Bubenschenkel und sprach: "reiße!" und jedes riß die Hälfte davon;
dann sprach er: "jedes von uns bewahre seinen Theil, und wenn wir uns
wieder sehen und jeder bringt seinen Theil wieder, und die Stücke
passen noch hübsch zusammen, dann sind wir recht brave, treue
Spielkameraden gewesen, und ich schwöre dir, wie du mir, bei dem Grab
des alten Urgockels, von dem du mir erzählet hast, daß wir dann immer
beisammen bleiben wollen!"--da hoben sie beide die Hände auf und
schworen.--Gackeleia weinte in dem feierlichen Momente und wollte
Kronovus umarmen, da rief Gockel: "Gackeleia tummle dich geschwind,
der Bettelvogt kömmt!"--worauf Kronovus diesem zurief: "halte er sich
zurück, Meister Schelm, ich werde das Comteßchen selbst fortführen";
in demselben Augenblicke kam aber ein Adjutant des Eifrasius,
forderte dem Prinzchen seinen Degen ab und führte ihn fort in das
königliche Oberhof-Ofenloch.  Kronovus aber sagte vorher noch dem
Bettelvogt: "daß er sich nicht untersteht, meine liebe Spielkamerädin,
das Comteßchen anzurühren!" reichte ihr die Hand und sprach: "leide
geduldig, aber jetzt laufe, was du kannst!" da lief Gackeleia, was
giebst du, was hast du? ihren Eltern mit ihrem Körbchen nach, und der
Bettelvogt begleitete die unglückliche Familie, mehr um sie mit
seinem ausgespannten Regenschirm gegen den Regen von Eiern zu
schützen, welchen die unartigen Gassenbuben auf sie schleuderten, als
daß er sie fortgetrieben hätte.  Auf dem Eiercirkus war große
Verwirrung eingetreten; der König Eifrasius war allzusehr außer sich,
die Königin Eilegia allzusehr inner sich gekommen.  Eifrasius hatte
sein Schwert gezogen, er wollte dem Gockel ans Leben, er strampelte
mit allen vier Füßen, da er aber den allerhöchsten Familienschwur
ausstieß: "in Kraft sechzig destillirter Eierschnäpse, ich fresse den
Kerl auf einem Butterbrod!" so faßten ihn der Kommandant der
Leibgarde unter den Armen und der Obrist des Garde-Zwergen-Korps
hielt ihm ein Bein fest, bis die erste Courage beruhiget und die
Außersichkeit wieder nach Haus gekommen war.  Die Königin Eilegia
forderte noch größere Anstrengung, um sie aus ihrer Innerlichkeit
wieder ans Tageslicht zu bringen; sie war in sich selbst, wie in
einen tiefen Ziehbrunnen, vor Schrecken hinabgestürzt.  Die Nerven,
an welchen bekanntlich der goldene Eimer hängt, in dem die Seele des
Menschen sitzt, waren bei Eilegia von so großer Zartheit und Feinheit,
daß sie vor Schrecken zerrissen und die hehre Seele mit sammt dem
goldenen Eimer tief, tief, tief in ihr schönes Gemüth hinunter
plumps'te.  Eilegia war unter einem lauten Schrei: "horreur! welche
Bettelbagage!" der Oberhof-Eiermarschallin ohnmächtig in die Arme
gesunken.  Nur den vereinten Anstrengungen der Akademie der
Rettungswissenschaften für Verunglückte, welche sogleich eine
außerordentliche Sitzung hielt, gelang es, die theure Innige wieder
zurückzurufen; die geheime Kammer-Schnürdame schnürte sie auf, um
ihrem hehren Gemüthe mehr Luft zu geben; der so ganz fürs Vaterland
glühende Oberhof-Osterhaas legte sinnig in kürzester Bälde ein
frisches Osterei mit der Inschrift: "Vivat Eilegia!", mit welchem die
Ohnmächtige angestrichen ward; und der für das Beßte der leidenden
Menschheit immer auf dem Sprung stehende Leibchirurg und
Aderlaßschnepper rief die Seele der edeln, sinnigen, innigen Eilegia
durch eine, mit eben so viel Geschmack, als Wirkung, mit eben so viel
Grazie als Präzision geleistete Blutentlassung wieder aus der innern
Tiefe ihres herrlichen Gemüthes auf ihr edles Antlitz zurück--ach!
--und ihr erstes schönes Thun war, ihre geliebten Gelnhausener
anzulächeln.  Die Hofkapelle spielte eine patriotische Dankgallopade,
unter welcher Eifrasius und Eilegia in zwei Portchaisen sitzend in
die Eierburg zurückwalzten, um sich ganz zu erholen; Prinz Kronovus
aber mußte die Nacht im Oberhof-Ofenloch bei Bisquit-Torte und süßem
Wein einen strengen Arrest aushalten.

Alles Volk zog nach Gelnhausen lärmend zurück, um Gockels Palast zu
plündern und dem Boden gleich zu machen, aber sie kehrten unterwegs
so oft in den Wirthshäusern ein, daß sie erst in tiefer Nacht auf dem
Markte ankamen, wo ihnen der Nachtwächter entgegen sang:

  "Hört ihr Herrn und laßt euch sagen,
  Die Glocke hat zwölf Uhr geschlagen,
  Aber das ist noch gar nicht viel
  Gegen ein Schloß, das in Staub zerfiel;
  Hier hat's gestanden lang und breit,
  Wir leben in wunderbarer Zeit;
  Der Markt ist leer als wie zuvor,
  Die Kuh steht wieder vor dem alten Thor,
  Schaut an ihr Herren dieses Wunder
  Gieng schnell, wie es entstanden, unter;
  Bewahrt das Feuer und das Licht,
  Daß nicht der Stadt selbst Unglück g'schiecht,
  Und lobet Gott den Herrn."

Wirklich war auch das herrliche Schloß Gockels und alle seine Gärten
und Alles, was darin war, mit Mann und Maus verschwunden; auf dem
Markte plätscherte der alte Stadtbrunnen, als wenn er gar nichts
wüßte.  Die guten Bürger giengen nach Hause, nachdem sie lange in die
leere Luft geschaut hatten, und überlegten, wo sie mit allen ihren
Semmeln und Braten hin sollten, da der große Hofstaat Gockels nicht
mehr bei ihnen einkaufen würde.--Die guten Gelnhausener konnten aber
doch nicht viel schlafen, denn der Bürgermeister hatte von der
Eierburg bis auf das Rathhaus eine lange Reihe von Nachtwächtern
aufgestellt, welche sich einander zubliesen, wie Eifrasius und
Eilegia sich befänden, was der Leibarzt alle Viertelstunden auf der
Schloßwache melden ließ, und was die Nachtswächter sich in der ganzen
Stadt wieder zuflüsterten, wozu die unzähligen Metzgerhunde bellten
und heulten und alle Hähne krähten.  Es war eine beispiellos
angestrengte, theilnahmvolle, schlaflose, patriotische Nacht für
Gelnhausen.  Kaum hatten die Bürger die Schlafkappen aufgesetzt, als
plötzlich alle Nachtwächter an den Fensterladen pochten und ausriefen:

  "Patriotisches Gelnhausen jubilire,
  Deine Fenster gleich all' illuminire,
  Hochlöbliche städtische Metzgerschaft
  Beurkunde jetzt deiner Treue Kraft;
  Liefre Schweinsblasen viel und billig,
  Zeig' edles Gelnhausen dich willig,
  Lass' donnern den hehren Feierknall,
  Erfülle die Nacht mit Freudenschall;
  Eifrasius und Eilegia theuer
  Geruhen harmonisch ungeheuer
  Zu ruhen, zu schlafen und zu schnarchen,
  Wer kanns ihnen unterthänigst verargen?
  Es war ja, was ich schier heiser sag,
  Wohl gestern fürwahr ein heißer Tag.
  Prinz Kronovus im Oberhof-Ofenloch
  Ist ganz wohl auf und singt munter noch:
  "Gackeleia, liebste Gackeleia mein,
  "Wann werden wir wieder beisammen seyn."
  Postskriptum.
  "Jetzt allgemeine Illumination,
  Nebst großer Blasendetonation;
  Morgen früh vor dem Hanauerthor
  Große Parade vom Nachtwächterchor,
  Dann nach Eierburg Deputation
  Vom weißgekleideten Bataillon
  Der Mädchen, Blumen zu streuen,
  Sie können heute Nacht noch heuen
  Im Mondschein auf städtischer Weide;
  Daß keinen Schaden doch leide
  Die Au bürgermeisterlicher Schafe
  Wird geboten bei fünf Gulden Strafe."

Auf diese Bekanntmachung hatten schon mehrere Bürger ihre
Nachtlichter ans Fenster gestellt, da kam ein anderer Befehl:

  "Der Patriotismus soll sich noch fassen
  Und alles Obige unterlassen;
  Nach einem ärztlichen Consulte
  Sind zu vermeiden alle Tumulte.
  Ein Genesungsfest in leisester Stille
  Ist Eifrasii allerweisester Wille."

Die guten Bürger waren so müd und schläfrig, daß sie ihren
Patriotismus diesmal beruhigen ließen, und ganz Gelnhausen in das
tiefe Schnarchen der Eierburger einstimmte.--Auf dem Markt am
folgenden Tag stieg der Eierpreis um 3 und 7/87 Procent.  Der arme
Gockel, die arme Frau Hinkel, die arme Gackeleia zogen wieder wie
ehedem durch den wilden Wald nach dem alten Schloß; aber sie waren
viel trauriger und redeten kein Wort, ja Frau Hinkel hatte gar die
Schürze über den Kopf gehängt, weil sie sich schämte, so häßlich
geworden zu seyn.  Als sie auf einer Höhe angekommen waren, wo man
Gelnhausen noch einmal sehen konnte, drehte sich Gockel um, und
sprach: "unseliger Ort, wo ich um den köstlichen Ring Salomonis
betrogen ward; abscheulicher, undankbarer Eifrasius, wie schändlich
hast du mich in meinem Unglück verstoßen, und hast nicht daran
gedacht, mir die hundert Stück neue Gockeld'ors wieder zu geben, die
du in glücklicher Zeit von mir geborgt."  Frau Hinkel aber rief aus:
"o Königin Eilegia! wie manches indianische Vogelnest sammt den Eiern
habe ich dir zum Geschenk gemacht, wie viele Eierspeisen habe ich
dich bereiten gelehrt, wie viel hundert Ostereier habe ich dir mit
schönen Blumen und Blättern bunt gesotten, die schönsten Muster zu
Hauben und Garnituren a l'öff de Puffpuff habe ich dir mitgetheilt,
und nun, da wir den Ring verloren und arm geworden, lässest du
Undankbare mich zerlumpt und hungernd über die Gränze führen!"--Nun
erhob auch Gackeleia ihre Stimme und sprach: "Ach du herzliebes
Prinzchen Kronovus, du bist doch der Beste von Allen, du hast mir
deinen Thaler geschenkt und dein Taschentuch gereicht, daß ich mich
abwischen konnte; du willst mir dein Taschengeld alle Sonnabend am
Entenpfuhl bei den Vergißmeinnicht in ein Ei verstecken; ach, du bist
doch mein guter Kronovus geblieben und hast die arme, schmutzige
Gackeleia nicht von dir weggestoßen.  Ach, es thut mir recht leid,
daß ich in der Angst vergessen, dir meine herrliche Puppe zum
Andenken zu schenken."

Kaum hatte Gackeleia das Wort Puppe ausgesprochen, als Gockel zornig
nach ihr blickte und sprach: "du unseliges Kind! du hast eine Puppe?
welche Puppe? woher hast du die Puppe? weißt du nicht mehr das
Urtheil bei dem hochnothpeinlichen Halsgericht wegen der Ermordung
Gallina's, daß du von nun an und nimmermehr keine Puppe haben darfst!
--ach, ich ahnde die Ursache meines Verderbens!"  Und da er hierauf
die kleine Gackeleia ergreifen wollte, lief sie vor dem erzürnten
Vater nach dem äußersten Rande eines Felsens hin, der über einen
schroffen Abhang hinausragte.  Frau Hinkel schrie: "um Gotteswillen,
das Kind fällt sich zu Tode!" und hielt Gockel beim Arme zurück.
Gackeleia aber kniete auf dem äußersten Rande des Felsens, breitete
ihre Aermchen gegen den Vater aus und sprach:

  "Vater Gockel ach verzeih',
  Mutter Hinkel steh' mir bei,
  Oder Gackeleia klein
  Springt und bricht sich Hals und Bein!"

Da bat die Frau Hinkel den Gockel sehr, er solle dem Kind verzeihen,
und Gockel sagte: sie solle nur Alles erzählen, was sie angestellt,
er werde sie nicht umbringen.  "Erzähle Gackeleia", sagte die Mutter,
"wo hast du eine Puppe herbekommen?"  Da war Gackeleia in großer
Angst, denn der Vater riß während der Erzählung an einer Birke, die
bei dem Felsen stand, dann und wann ein Zweiglein ab, und es sah so
ziemlich aus, als wenn er, wo nicht einen Besen, doch wenigstens eine
Ruthe binden wolle; aber was half Alles, das Kind mußte sprechen und
sprach:

  "An mein Gärtchen kam heut Morgen
  Ein alt Männchen ganz voll Sorgen,
  Ließ vor mir im Tanz sich drehn
  Ach! ein Püppchen, wunderschön."

"Da haben wir es", rief Gockel und riß ein starkes Birkenreis ab, "da
haben wir die saubere Bescheerung, eine Puppe, o es ist
himmelschreiend!"  Gackeleia aber sagte geschwind:

  "Keine Puppe, es ist nur
  Eine schöne Kunstfigur,
  Eine kleine Gärtnerin,
  Lehrerin und Tänzerin,
  Wirthin, Hirtin und so weiter,
  Jede hat besondre Kleider."

"Abscheulich, abscheulich!" sagte Gockel, aber Gackeleia fuhr fort:

  "Allerliebst, kaum auszusprechen,
  Mir wollt' schier das Herz zerbrechen
  Nach dem schönen Wunderding;
  Als es an zu laufen fieng,
  Als die Räder in ihm knarrten,
  Wollt' es zu mir in den Garten,
  Lief am Gitter hin und her,
  Als ob es lebendig wär'.
  Und ich glaubt' des Alten Schwur,
  Daß es eine Kunstfigur,
  Daß es keine Puppe sey,
  Dacht' nichts Arges mir dabei."

"Schöne Ausreden", sagte Gockel unwillig und riß wieder ein
Birkenreis ab; Gackeleia gefiel das gar nicht, und sie sagte:

  "Vater, bitte, bitte schön,
  Laß das Birkenreis doch stehn,
  Ach ich sorg' vor Angst verwirrt,
  Daß es eine Ruthe wird."

Da sprach Gockel ernsthaft:

  "Gackeleia glaub' du nur,
  Daß es eine Kunstfigur,
  Daß es keine Ruthe sey,
  Denk' nichts Arges dir dabei."

Da sagte Gackeleia:

  "Kunstfigur von Birkenreis?
  Ach du machst mir gar zu heiß!"

Und Gockel sagte:

  "Kunstfigur für Kunstfigur,
  Ruthe für die Puppe nur."

Da ward Gackeleia wieder sehr betrübt und schrie wieder ganz
erbärmlich:

  "Vater Gockel ach verzeih',
  Mutter Hinkel steh' mir bei,
  Oder Gackeleia klein,
  Springt und bricht sich Hals und Bein!"

Frau Hinkel bat sehr, und Gockel sagte: "ich werde sie nicht
umbringen, sie soll nur erzählen, was der Alte weiter gesagt hat, und
was sie ihm für die Kunstfigur gegeben hat."  Da fuhr Gackeleia fort:

  "Ach der Alte weinte sehr,
  Hätt' nicht Vater, Mutter mehr,
  Bruder nicht, noch Schwesterlein,
  Keinen Sohn, kein Töchterlein,
  Keinen Vetter, keine Base,
  Nichts als eine lange Nase,
  Einen Bart ganz weiß und lang,
  War betrübt und angst und bang."

"Der alte Schelm", rief da Frau Hinkel aus und riß nun auch ein
starkes Birkenreis ab, "der alte Schelm ist schuld, daß ich auch
wieder eine so häßliche lange Nase habe."  Und Gockel sagte: "Schau,
Frau Hinkel, jetzt merkst du auch, was wir ihm zu danken haben, du
die Nase und ich den Bart. O unglückselige Kunstfigur, was sind wir
für abscheuliche Figuren durch dich geworden.  Aber erzähle weiter
Gackeleia, was wollte er für die Puppe"?  Da erwiederte Gackeleia mit
großer Angst:

  "Für die schöne Kunstfigur
  Wollt' in deinen Ring er nur
  Einmal ein klein bischen blicken,
  Seinen Kummer zu erquicken."

"O du abgefeimter Gaudieb", rief Gockel aus, "o du unseliges,
leichtsinniges, spielsüchtiges Kind!--und da zogst du mir den Ring im
Schlafe ab, und gabst dem Schelmen den Ring, sprich, sprich, hast du
das gethan? sprich gleich, oder ich werfe dich auf der Stelle vom
Felsen hinab."  Da rief Gackeleia wieder in großer Angst:

  "Vater Gockel ach verzeih',
  Mutter Hinkel steh' mir bei;
  Ja als Vater Gockel schlief,
  Mit dem Ring ich zu ihm lief,
  Doch er sah nicht lang hinein,
  Gab zurück den Edelstein,
  Den ich schnell zurückgebracht,
  Eh' der Vater aufgewacht.
  Ach ich will's nicht wieder thun,
  Einmal ist das Unglück nun
  Durch mich böses Kind geschehn.
  Werdet ihr die Puppe sehn--
  Nein nicht Puppe, es ist nur
  Eine schöne Kunstfigur,
  Ganz natürlich nach dem Leben--
  Ach ihr müßt mir dann vergeben."

Und nun nahm sie die Puppe aus ihrem Körbchen, das sie am Arm hängen
hatte, zog das Uhrwerk auf, und die kleine Reisende schnurrte so
artig zwischen dem Thymian auf dem Felsen herum, daß Gackeleia ihr,
in die Hände patschend, nachlief.  Da erwischte der alte Gockel das
Kind beim Arm und sagte: "Nun habe ich dich, habe ich dir nicht
tausendmal verboten, meinen Ring ohne meine Erlaubniß anzurühren?  Du
hast ihn aber dem alten Betrüger gegeben, und der hat ihn mit einem
andern vertauscht, der keinen Heller werth ist, und so hast du deine
Eltern und dich in Schande und Armuth gebracht durch deine Begierde
nach einer elenden Puppe".  Da schrie Gackeleia ganz erbärmlich:

  "Keine Puppe, es ist nur
  Eine schöne Kunstfigur.
  Vater, Vater laß mich los!
  Ach sie läuft durch Stein und Moos
  Von dem Fels in vollem Lauf,
  Mutter Hinkel halt' sie auf!
  Daß sie nicht den Hals zerbricht;
  Denn sie kennt die Wege nicht."

Die kleine Puppe lief auch ganz wie toll den Felsen hinunter, und
Frau Hinkel wollte sie aufhalten, aber glitt auf dem glatten Rasen
aus und rutschte ein ziemlich Stück Weg hinab.  Darüber wurde der
alte Gockel noch viel ungeduldiger und sagte: "nun sieh, das Unglück,
deine Mutter bricht noch schier ein Bein über der abscheulichen Puppe.
Recht muß seyn, du hast unverzeihlich gefehlt; jetzt wähle
Gackeleia: entweder kriegst du hier recht tüchtig die Ruthe, oder du
läßt die Puppe laufen", und da Gackeleia wieder schrie:

  "Keine Puppe, es ist nur
  Eine schöne Kunstfigur,
  Nach der Uhr und nach der Schnur,
  Und ein Mäuschen von Natur."-legte Gockel sie über das Knie und gab
  ihr tüchtig die Ruthe mit den Worten:

  "Keine Ruthe, es ist nur
  Eine Birken-Kunstfigur,
  Und du kriegst sie nach der Schnur,
  O du Nichtsnutz von Natur!"

Und Gackeleia schrie:

  "Mutter halt', o Jemine!
  Halt' sie auf, sie thut sich weh."

Und Gockel schlug immer zu und schrie:

  "Fitze, fitze, Domine
  Thut die ganze Woche weh!"

Er hätte auch noch länger zugeschlagen, aber Frau Hinkel schrie so
erbärmlich, sie könne nicht wieder herauf, daß Gockel das Kind los
ließ und hinabgieng, ihr zu helfen.  Kaum aber war Gackeleia los, so
rüttelte und schüttelte sie sich über die fatale Kunstfigur, die sie
empfunden hatte, und lief ihrer flüchtig gewordenen schönen
Kunstfigur nach, die sie eben unten im Thale über den Steg eines
Baches laufen sah; die Puppe lief, als ob sie vier Beine hätte, über
den Steg und links um und in den Wald hinein und Gackeleia immer
hinter ihr drein.

Gockel hatte indessen Frau Hinkel durch einen Umweg wieder auf die
Höhe hinauf gebracht, und sie klagten sich unterwegs einander, wie
der Schelm, der sie durch Gackeleia's Spielsucht um den köstlichen
Ring Salomonis gebracht, gewiß einer von den alten Petschierstechern
sey, die ihn einst um den Hahn Alektryo hatten betrügen wollen.  Als
sie unter solchen Reden auf den Fels zurückkamen und die Gackeleia
nicht mehr sahen, riefen sie nach allen Seiten nach dem Kinde, aber
nirgends hörten und sahen sie etwas von ihr.  Da ward ihr Kummer um
allen ihren Verlust in eine große Sorge um ihr Kind verwandelt, sie
liefen hin und her und schrieen durch den Wald: "Gackeleia, Gackeleia!"
und wenn das Echo wieder rief.  Eia, Eia! glaubten sie, das Kind
antworte, und so verirrten sie sich immer tiefer in der Wildniß, bis
sie endlich beide, ach aber ohne Gackeleia, sich bei ihrem
Stammschlosse wieder fanden.  Die Vögel wachten alle auf und flogen
wie alte Bekannte um sie her und grüßten sie, aber Gockel und Hinkel
riefen immer in alle Büsche hinein:

  "Gackeleia, komm doch nur,
  S'ist ja eine Kunstfigur,
  Komm' es soll dir nichts geschehn,
  Wenn wir dich nur wieder sehn."

Aber keine Antwort von keiner Seite.  Da saßen die zwei armen Eltern
auf der Schwelle des alten Hühnerstalles nieder und weinten die ganze
Nacht bitterlich, und alle Vögelein weinten mit.  Am Morgen aber
schnitt sich Gockel einen tüchtigen Knotenstock und gab auch der Frau
Hinkel einen und sagte: "Liebe Frau! wir sind arme Leute geworden;
aber es gebührt einem Raugrafen Gockel von Hanau und einer Raugräfin
Hinkel von Hennegau nicht, im Unglücke zu verzweifeln; laß uns auf
Gott vertrauen und unser Fräulein Tochter Gackeleia durch die weite
Welt suchen, und sollten wir unterwegs Hungers sterben.  Geh' du
links, und ich geh' rechts.  Alle Monate kommen wir hier wieder
zusammen und sagen uns einander, was wir entdeckt haben, dabei können
wir zugleich dem Dieb unsers Ringes nachforschen."  Frau Hinkel war
das zufrieden, sie umarmten sich beide unter bitteren Thränen und
wanderten dann auf getrennten Wegen, Herr Gockel rechts, Frau Hinkel
links.  Und wenn sie in die Dörfer oder Städte kamen, sangen sie vor
allen Thüren:

  "Habt ihr nicht ein Kind gesehn?
  Ein klein Mägdlein wunderschön,
  Blaue Augen, rothe Backen,
  Zähnchen weiß zum Nüsseknacken,
  Einen rothen Kirschenmund,
  Frisch und froh und dick und rund,
  Glänzend wie ein Mandelkern,
  Hüpft und spielt und singt so gern.
  Es hat einen blonden Zopf,
  Einen Strohhut auf dem Kopf,
  Trägt auch eine alte Juppe
  Und läuft hinter einer Puppe
  Her und schreit, es sey ja nur
  Eine schöne Kunstfigur.
  Barfuß läuft es ohne Schuh,
  Fragt man es, wie heißest du?
  Sagt es gleich ganz freundlich: "Eja
  Ich bin Gockels Gackeleia."
  Ach das Kind hab' ich verloren
  Und hab' einen Eid geschworen,
  Nicht zu ruhn, bis ich das Kind
  Gackeleia wieder find'!"

Aber immer sagten die Leute:

  "Wir haben so kein Kind gesehn,
  Ihr armer Mensch müßt weiter gehn;
  Da habet ihr ein Stücklein Brod,
  Gott helfe euch in eurer Noth!"

Da nahmen sie dann das Brod, die armen Eltern, und assen es mit
Thränen und setzten ihren Stab traurig weiter.

So waren sie schon dreimal wieder in dem alten Schloße ohne Gackeleia
zusammen gekommen, hatten mit großem Jammer im alten Hühnerstall
geschlafen, und sich ihre vergeblichen Nachforschungen einander
mitgetheilt.  "Ach Gott", sagte Frau Hinkel, "das arme Kind ist gewiß
umgekommen, hättest du es doch nicht so hart wegen der Puppe
behandelt."  Da erwiederte Gockel: "Und hättest du besser auf sie
Acht gegeben, so hätten wir den Ring und das Kind nicht verloren;
nichts ist leichter zu sagen, als--hättest du.  Lasse uns lieber auf
dem Grabe des Alektryo in der Kapelle recht herzlich beten, daß wir
das Kind morgen zum viertenmale nicht vergebens suchen mögen."
Hierauf giengen sie nach der Kapelle und beteten recht eifrig, legten
sich dann auf ihr Mooslager und schliefen einen gar süßen Schlaf und
träumten von Gackeleia.

Gegen Morgen hörte Gockel noch halb im Schlafe etwas um sich her
rasseln, es war noch sehr dunkel in dem Stalle; aber er sah etwas an
der Erde hinlaufen und verschwinden, er stieß Frau Hinkel und sagte:
"Mir war gerade, als wenn die fatale Puppe der Gackeleia vorüber
gelaufen wäre."  Da sprach eine Stimme:

  "Keine Puppe, es ist nur
  Eine schöne Kunstfigur."

Gockel meinte, Frau Hinkel habe das gesagt, und verwies ihr, daß auch
sie so eigensinnig wie Gackeleia spreche.  Frau Hinkel hatte
schlaftrunken die Worte gehört und behauptete, er habe es selbst
gesagt.  Sie wollten eben zu zanken anfangen, als sie leise an der
Thüre pochen hörten.  Sie fuhren ordentlich vor Schrecken zusammen,
wer das wohl seyn könne, der in dem wüsten zerstörten Schlosse so
leise anpoche.  Da es aber zum drittenmale pochte, fragte Gockel laut:
"Wer ist draus?" und es antwortete eine männliche Stimme: "ich bitte
allerunterthänigst um Verzeihung, Herr Graf, daß ich so früh störe,
aber die Eseltreiber lassen mir keine Ruhe; sie sagen, daß ich ihnen
drei Zentner Käse aus der gräflichen Käsefabrik auf ihre Thiere
packen soll, nun wollte ich doch den Befehl des Herrn Grafen selbst
abholen."

Gockel wußte auf diese Rede gar nicht, wo ihm der Kopf stand; "drei
Zentner Käse", sagte er, "aus der gräflichen Käsefabrik, hast du
gehört Hinkel?"  "Ja", sagte Frau Hinkel, "was kann das seyn? ich
weiß nicht, ob ich träume oder wache."  Da der Mann aber immer von
neuem pochte und um die Erlaubniß bat, die Käse abzuliefern, schrie
Gockel heftig: "bist du, der da pochet, toll oder ein Spötter, der
einen armen Greis zum Narren haben will? so nehme dich in Acht, oder
ich komme mit dem Knotenstock über dich.  Wo habe ich denn Käse oder
eine Käsefabrik?  Gehe von dannen und gönne den Armen ihr einziges
Gut: die Ruhe und den Schlaf."  Da antwortete die Stimme wieder:
"Gnädigster Graf, vergebet mir, daß ich euch erweckte, ich sehe wohl,
daß ihr den Leuten die Käse nicht abliefern lassen wollet, ich werde
sie abweisen!"

Nun hörte Gockel draußen auf dem Hofe sprechen und hin und wieder
gehen, und seine Verwunderung, was das zu bedeuten habe, wuchs immer
mehr.  "Ach", sagte er zu seiner Frau, "ich fürchte fast, es ist
irgend eine Nachstellung von unsern Feinden aus Gelnhausen, die uns
ermorden wollen."  "Das wäre entsetzlich", erwiederte Frau Hinkel und
drückte sich in der Angst dicht an ihn.  Da pochte es wieder an der
Thüre, und Gockel rief zwar erschrocken, aber doch ziemlich laut:
"Wer da?"  Da antwortete eine andere Stimme: "Eurer Hochgräflichen
Gnaden unterthänigster Küchenmeister fragt an, ob er einen Zentner
Schinken aus der gräflichen Rauchkammer abliefern darf, welche auf
den drei Eseln, die vom König Sissi angekommen sind, abgeholt werden
sollen?"  Gockel, dem bei diesen Reden zu Muthe ward, wie einem Hahn
ohne Kopf, rief aus: "Warte, ich will dir Schinken geben, du
nichtswürdiger Spötter!" indem er aufsprang und nach seinem Stocke
suchte.  Als er aber ganz klar und deutlich drei Esel vor der Thüre
schreien hörte, rief er und Frau Hinkel zugleich: "Herr Jemine, die
Esel sind wirklich da."  Es war noch dunkel in dem Stalle, der kein
Fenster hatte, und dessen verschlossene Thüre nur durch einen Spalt
einen Schimmer des Tages hereinfallen ließ.  Gockel tappte an der
Wand nach seinem Knotenstock herum, und plötzlich wurde er von ein
paar zarten Armen herzlich umschlossen, so daß er laut aufschrie: "um
Gotteswillen, wer ist das?"  Aber die Unbekannte hörte nicht auf, ihn
mit den zärtlichsten Küssen zu bedecken, und als Frau Hinkel auch
dazu kam, gieng es derselben nicht besser; und da sie sich in diese
Liebkosungen gar nicht finden konnten, sagte endlich das unbekannte
Wesen mit einer wohlbekannten Stimme zu ihnen: "Ach! kennt ihr denn
euer Töchterlein Gackeleia gar nicht mehr?"-"Du, Gackeleia?" riefen
Beide aus, "nein das ist nicht möglich, du bist ja eine erwachsene
Jungfrau."--"Ach, groß oder klein", antwortete es, "ich bin doch eure
Gackeleia", und da riß sie die Thüre auf, und es fiel zu gleicher
Zeit so viel Fremdes und Wunderbares in die Augen des alten Gockels
und der Frau Hinkel, daß sie sich einander in die Arme sanken und
weinen mußten.

Erstens sahen sie wirklich die ganze Gackeleia vor sich, aber nicht
mehr als ein kleines Mädchen, sondern als eine blühende, wunderschöne,
allerliebst geputzte Jungfrau; und zweitens sahen sie sich selbst
beide nicht mehr alt und in Lumpen, sondern als zwei schöne
wohlbekleidete Leute in den besten Jahren; und drittens sahen sie
durch die Thüre nicht mehr in einen verfallenen, mit Schutt und
wildem Unkraut bewachsenen Burghof hinaus, sondern in einen schön
gepflasterten, reinlichen Hof von schönen Schloßgebäuden, Ställen,
Gärten und Terrassen umgeben; in der Mitte des Hofes aber, an einem
plätschernden Springbrunnen, sahen sie drei verdrießliche alte Esel
mit langen Ohren angebunden, welche die Köpfe zusammendrückten, als
ob sie sich schämten.  Auch sahen sie allerlei Bediente in schönen
Livreen geschäftig auf und niedergehen, die immer, so oft sie am
Hühnerstall vorüber kamen, tiefe Verbeugungen machten und schönen
guten Morgen wünschten.

"Ach, was ist das, es ist nicht möglich, woher alle diese Wunder?"
rief Gockel aus; da reichte Gackeleia ihm ihre schöne Hand und sah
ihm freundlich lächelnd in die Augen, und Gockel schrie mit lautem
Jubel aus: "ach der Ring, der köstliche Ring Salomonis ist wieder da,
den du durch die Puppe verloren!"  Da sagte aber Gackeleia gleich
wieder:

  "Keine Puppe, es ist nur Eine schöne Kunstfigur",

und Gockel sagte: "meinetwegen, ich will dir die Ruthe nicht mehr
geben, du bist auch zu groß dazu, und Alles ist ja wieder gut."
"Aber wie hast du nur Alles angefangen?" sagte Frau Hinkel, welche
immer um die schöne, prächtige Jungfrau herumgegangen war, sie zu
betrachten und zu küßen und zu drücken, "um Gotteswillen,
Herz-Wunder-Gackeleia, erzähle!"  "Ja, erzähle", rief Gockel und
drückte sie herzlich an seine Brust.  Gackeleia aber erwiederte:
"lobet mich nicht zu sehr, geliebter Vater, denn all unser neues
Glück haben wir allein Euch selbst zu verdanken."  "Mir?" fragte
Gockel, "das müßte seltsam zugehen; ach ich habe ja nichts thun
können, als vor den Häusern nach dir suchend herumbetteln."  Da sagte
Gackeleia: "schon gut, Ihr sollt Alles hören; folgt mir nur an einen
andern Ort, wir wollen das wieder hergestellte Stammschloß unsrer
lieben Vorfahren einmal ein wenig durchmustern, wir werden gewiß ein
Plätzchen finden, wo es uns besser gefällt, als in dem alten
Hühnerstall, in dem wir ohnedieß dem Federvieh Platz machen wollen,
das gleich wieder hinein muß."  Da drehte Gackeleia den Ring und
sprach:

  "Salomon, du weiser König,
  Dem die Geister unterthänig,
  Fülle gleich den Hühnerstall,
  Lass' die bunten Hühner all'
  Gackeln, scharren, glucken, brüten,
  Und vom hohen Hahn behüten;
  Alle soll er übersehen,
  Stolz mit Spornen einhergehen,
  Kamm und Sichelschweif hoch tragen,
  Streitbar mit den Flügeln schlagen;
  Krähen wie ein Hoftrompeter,
  Daß bei seinem Anblick jeder
  Ganz mit Wahrheit sagen kann:
  "Das ist recht ein Rittersmann."
  Bringe uns auch schöne Pfauen,
  Die bei ihren grauen Frauen
  Gold'ne Augenräder schlagen,
  Abends nach der Sonne klagen.
  Gieb uns dann auch wälsche Hahnen,
  Zornig schwarze Indianen,
  Solch' hoffärtige Gesellen,
  Denen roth die Hälse schwellen,
  Die sich kollernd neidisch blähen,
  Wenn sie rothe Farben sehen,
  Aufgespreitzt mit Hofmanieren
  Um die Hennen her turniren.
  Schenk' uns Enten bunt und prächtig,
  Weiße Gänse, die bedächtig
  Nach dem Wolkenhimmel sehn
  Und auf einem Beine stehn,
  Oder auf der Wiese gackeln,
  Bis sie in das Wasser wackeln.
  Lasse auch schneeweiße Schwäne,
  Rein, wie blanke Silberkähne,
  Ernst und klar mit edlem Schweigen
  Schwimmen in den Spiegelteichen.
  Auf dem Dache lass' sich drehen
  Tauben, schimmernd anzusehen,
  Um den Hals mit gold'nen Strahlen,
  Schöner, als man sie kann malen.
  Alles sey recht auserlesen,
  Wie's im Paradies gewesen.
  Ringlein, Ringlein dreh' dich um,
  Mach's recht schön ich bitt' dich drum."

Kaum hatte Gackeleia dieses gesagt, als aus dem Hühnerstalle, den sie
verlassen hatten, ihnen eine Schaar der buntesten Hühner, Pfauen,
Puter, Enten, Gänse und Schwäne nachströmte, und auf dem Dache Alles
von Tauben wimmelte.  Gockel und Hinkel hatten die größte Freude an
dem herrlichen Federgeviehzel und folgten, nachdem sie Alles einzeln
bewundert hatten, der Gackeleia in das Schloß.  Freudig und neugierig
betrachteten sie eine Reihe von Gemächern und Sälen, welche alle mit
dem prächtigsten alten Hausrath versehen waren, und traten endlich
oben auf einer Terrasse heraus, von welcher sie herab in den
Hühnerhof. links auf das Schloß und vor sich hin Gärten und Wald in
die Ferne bis nach Gelnhausen und Hanau sahen.

"Hier ist es gar schön", sagte Gackeleia, "seht wie die schönen
Tauben neben uns schweben, und der Pfau sieht auf der Spitze des
Thurmes der Sonne entgegen; hier will ich Euch Alles erzählen, wie
ich den Ring wieder erhalten habe, aber wir wollen auch etwas
frühstücken."  Kaum hatte sie dieses gesagt, als ein alter Diener
einen großen Präsentirteller mit Früchten und kaltem Fleischwerk und
feinem Gebackenem und Wein und Milch über die Treppe heraufbrachte,
und als er Alles vor sie niedergesetzt hatte, nochmals fragte:
"sollen die drei Esel mit dem Käse und den Schinken bepackt werden!"
"Ja", sagte Gackeleia, "und daß nur Alles recht gut und ausgesucht
sey; ich werde hernach das Weitere selbst befehlen."  Gockel und
Hinkel waren sehr begierig nach ihrer Erzählung und baten sie zu
beginnen.  Da erzählte sie Folgendes:

"Lieber Vater, als meine Puppe--nein, meine schöne Kunstfigur--so
weit vor mir vorausgelaufen und eure Ruthe--nein, eure häßliche
Kunstfigur--so dicht hinter mir her war, zappelte ich mit Händen und
Füßen, von euerm Knie herunter auf die Beine zu kommen, um meinem
lieben Klandestinchen nachzueilen, welche bergab lief, wie sie noch
nie gelaufen war; da ließest du mich los und eiltest den Felsen hinab
der Mutter zu Hülfe, ich aber raffte mein Körbchen auf und rannte
über Hals und Kopf der Kunstfigur nach, die einen guten Vorsprung
hatte.  Da wir aber in den dichten Wald kamen, hinderten sie öfter
Gras und Gesträuch im Lauf, und ich war ihr endlich so nah, daß ich
die Hand ausstreckte, sie zu ergreifen, aber in demselben Augenblick
entschlüpfte sie zwischen zwei Felsstücken in eine kleine Höhle.--Ich
war in der größten Betrübniß, ich konnte ihr nicht nach; ich kniete
vor der Oeffnung nieder und rief zu ihr hinein: "Klandestinchen,
Klandestinchen! wie handelst du so undankbar gegen mich, ich habe
dich so lieb, so lieb, daß ich lieber die schimpflichste Strafe über
mich ergehen ließ, als dich zu verlassen, und jetzt versteckst du
dich vor mir, als wenn ich deine ärgste Feindin wäre."

"Als ich diese Worte gesprochen hatte, fiel mir auch erst ein, wie
sehr weit ich von Euch, liebe Aeltern, fortgelaufen war; ich sah die
Sonne bereits sinken und war außer allem Weg und Steg. Weinend schrie
ich in den Wald hinein: "Vater Gockel, Mutter Hinkel!" aber Alles war
vergebens, nur das Echo antwortete mir.  Dann fiel mir ein, daß jetzt
die Stunde sey, wo der alte Mann gesagt, daß die Puppe etwas müsse zu
knuppern haben; ich holte etwas Zuckerbrod aus meinem Körbchen und
legte es auf ein reines Blatt vor die kleine Höhle und füllte meinen
Fingerhut in einem nahen Quell und stellte ihn aufrecht in den
feuchten Sand gedrückt darneben, dann rief ich in das Höhlchen hinein:
"Klandestinchen, wenn's gefällig ist, es ist servirt."--Ich dachte,
der Alte hat von ihrem guten Appetit gesprochen, sie hat Bewegung
genug gehabt, es sollte ihr wohl schmecken, wenn sie merkt, daß
aufgetragen ist.  Ich selbst hatte Hunger, und nahm ein Stück hartes
Brod aus meinem Bettelsack, tauchte es ins Wasser und aß in einiger
Entfernung, weil ich gehört hatte, daß sie sich nicht gern beim Essen
zusehen lasse.--Ach ich war so müd, so müd, Hände und Füße zuckten
mir, ich lag im Gras, der Schlaf krabbelte mir den Rücken herauf und
machte mir die Augendeckelchen zu, denn das Sandmännchen kam und
wollte mir Sand hinein streuen, und das wäre nicht gut gewesen, aber
ich raffte mich noch einmahl auf und wusch mich ein bischen am Bach,
weil ich so viel Staub und Schmutz im Gesicht und an Händen und Füßen
hatte, denn ich habe nie vergessen, was die Mutter mich gelehrt, man
soll nie ungewaschen und ungebetet zu Tische gehen, aufstehen und
schlafen gehen.--Ich setzte mich also ins weiche Moos, und war so müd,
so müd und wußte nicht, sollte ich mich rechts, sollte ich mich
links legen, und sagte alle meine Kindergebetchen durch einander her:

  "Guten Abend, gute Nacht,
  Von Sternen bedacht,
  Vom Mond angelacht,
  Von Engeln bewacht,
  Von Blumen umbaut,
  Von Rosen beschaut,
  Von Lilien bethaut,
  Den Veilchen vertraut;
  Schlupf' unter die Deck'
  Dich reck' und dich streck',
  Schlaf' fromm und schlaf' still,
  Wenns Herrgottchen will,
  Früh Morgen ohn Sorgen
  Das Schwälbchen dich weck'!"

Unter diesen Gebetchen kehrte ich mich nach einer Seite, zuckte noch
einige Male und schlief ein.

Da träumte mir, ich sehe Clandestinchen die schöne Kunstfigur aus der
Höhle kommen, sie verzehrte das Zuckerbrod, sie trank aus dem
Fingerhut, und kam nachher zu meinem Bettchen und sagte: "Herzkind,
Gackeleia, schlaf nur süß fort, denn nur im Schlaf kannst du mich
verstehen; sag, süß Lieb! darf ich wohl ein bischen zu dir kommen? o
nimm dein Püppchen in den Arm an dein lieb Herzchen, meine Füßchen
sind ganz wund vom vielen Laufen, auch ist mir gar nicht wohl, ich
muß mich verkältet haben, ach Kind nimm die Puppe zu dir"--da sagte
ich ganz erschrocken:

  Darf nicht, darf nicht, denn ich schwur,
  Keine Puppe, sondern nur
  Eine schöne Kunstfigur,
  Nach der Uhr und nach der Schnur
  Und ein Mäuschen von Natur.

"Ach Gackeleia", sprach sie, "das bin ich alles, und noch mehr, ich
weiß kaum mehr, was ich bin, ich will dir ja Alles erzählen, nimm
mich doch, ich bin ja gewiß keine Puppe."--Hierauf schlupfte sie zu
mir und ich hielt sie schlummernd im Arm an meinem Herzen, wobei ich
sagte:

  Zu Bett, zu Bett,
  Die ein Püppchen hätt,
  Die keines hätt',
  Muß auch zu Bett!

Und da ich mein Schürzchen uns Beiden gegen den Nachtthau übers
Gesicht deckte, ward mir ganz weich ums Herz und ich wiegte das
Klandestinchen ein bischen, daß es schlafen sollte, und sprach:

  Eia popeia popolen!
  Unser Herr Gottchen mag uns nur holen,
  Kommt er mit dem goldenen Lädchen,
  Legt uns hinunter ins Gräbchen,
  Ueber mich Kräuterlein,
  Ueber dich Blümelein,
  Bis wir beisammen im Himmelreich sein.

Da sagte die Figur: " Das ist alles gar schön, und man mag die Puppe
und die Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur in einem goldenen
Lädchen immer ins Grab legen, nur das Mäuschen von Natur, muß ich
bitten, damit zu verschonen, denn es muß für Gatte und Familie, für
Volk und Vaterland noch lange leben; drum Gackeleia bitte ich dich um
Gotteswillen, mache mir das fatale Drathgürtelchen los, womit mich
der böse Alte unter die verschraubte Kunstfigur festgeschnürt hat,
ich habe solches Leibschneiden, ich hab' mich überlaufen, ich hab'
mich übergessen, es ist mir zum Sterben, geschwind, geschwind hilf
dem Mäuschen von Natur, denn ich bin keine Puppe, keine Kunstfigur,
ich bin die unglückliche Mäuse-Prinzessin Sissi von Mandelbiß, der
dein Vater einmal das Leben gerettet hat."  Da sah ich gleich nach
und fand wirklich das schönste weiße Mäuschen von Natur mit einem
Drath zwischen kleine Räder befestigt, die an den Füßchen der Puppe
angebracht waren, ich machte die arme Prinzessin los, die mir freudig
dankte und sagte: "Schlaf fort Herz-Gackeleia, gleich komm ich wieder,
ich muß mich nothwendig ein bischen bewegen und durch das thauichte
Gras laufen, um mich zu waschen und zu erfrischen, gleich komme ich
wieder zu dir"--und husch war sie fort."

So weit hatte Gackeleia erzählt, da sah Gockel nach den beiden Mäusen,
die sich in ein Stück Kuchen eingefressen hatten und ruhig darin
schliefen, und sprach: "Es ist doch eine kuriose Theater-Prinzessin,
die Sissi von Mandelbiß; wo die überall herum kömmt, die kann auch
mehr als Brod essen!  Aber erzähle weiter, wie ist sie nur mit der
Kunstfigur zusammengekommen?"

Da fuhr Gackeleia fort: "Als Sissi wieder kam, schlupfte sie mir
dicht ans Ohr, versteckte sich warm in meine Haarlocken und erzählte
mir alles ganz ausführlich, und ich war so neugierig, daß ich sie nie
unterbrach.  Sie sagte: "dein Vater Gockel hat mich und meinen Gemahl
Prinz Pfiffi von Speckelfleck vor der Katze Schurrimurri gerettet und
uns wieder nach Haus befördert; der Mord der Gallina durch dieselbe
Katze und die Hinrichtung der Katze und der edle Tod Alektryos ward
uns durch Musterreiter unsers Volkes erzählet, wir wollten Gallina
und Alektryo ein Mausoleum auf dem Mauskirchhof setzen lassen, und da
ich mit Prinz Speckelfleck wegen unserer Rettung eine Wahlfahrt nach
dem Mausthurm bei Bingen gelobt hatte, gedachten wir damit eine
Kunstreise zu verbinden und uns mit den schönsten Mausoleen in
Kirchen und auf Kirchhöfen bekannt zu machen.  Prinz Speckelfleck
meinte, wir müßten incognito wie gemeine Mäuse nur in geringen
Häusern einkehren;--ich folgte, aber nie thue ichs wieder, denn was
man da erwischen kann, ist nichts werth, und am Ende wird man noch
selbst erwischt.--So waren wir in Friedberg neben drei alten
schmutzigen Männern mit langen Bärten im Stroh eingekehrt.  Pfiffi
schlupfte zur Thüre hinaus, mir etwas zu essen zu suchen, und ich war
so unbesonnen dem Geruch von gebranntem Speck in meiner Nähe nach zu
gehen, ach schon nagte ich ein bischen--klapp that es einen Schlag,
die Falle schloß sich zu, und ich war gefangen.  Meine Verzweiflung
kannst du dir denken.--Der Schlag der Falle hatte die drei Alten auf
dem Stroh erweckt; sie liefen mit der Falle ans Fenster, der Tag
brach schon an.  "Da haben wir, was wir brauchen", sagte der eine,
"eine schöne, große weiße Maus hat sich gefangen; die befestige ich
mit einem Drathgürtel unter der Kunstfigur, die wir in Nürnberg
gekauft haben; das Räderwerk ist zu schwach, die Puppe kann nicht
lang laufen, da kann die Maus als Vorspann dienen, damit sie von der
Stelle kömmt.  Geschwind zünde ein Licht an, sagte er zu dem Andern,
ich will mich gleich an die Arbeit machen."  Da schlug der Andere
Licht, und der Alte hatte mich bald mit einem Drath an die kleine
Puppe befestigt, die er aus seinem Schnappsack holte; dann zog er das
Uhrwerk in der Puppe auf und setzte sie an den Boden, und ich lief
von dem Saum des seidenen Puppenkleides bedeckt an der Erde in großer
Angst umher; da ich aber aus Begierde zu entfliehen, in allen Ecken
anstieß, ergriff er mich mit der Puppe und sagte mit einem
widerlichen Zorn zu mir: "ich muß andre Saiten mit dir aufspannen,
höre Madame weiße Maus, wenn du mir so toll herum rennst, lasse ich
dich hungern, daß du schwarz wirst, oder ich gebe dich der Katze, die
soll dich besser tanzen lehren."--Vor dieser Drohung hatte ich einen
solchen Respekt, daß ich mir vornahm, Alles zu thun, was der Alte nur
wollte.  Er sprach aber noch allerlei wunderliche Worte Abracadabra
über ein Stückchen harten Kuchen, das er mich zu essen zwang, es muß
das ein Zauberwerk gewesen seyn; denn nun mußte ich Alles thun, was
er nur wollte, bald laufen, bald hüpfen, bald so, bald so, wie er
verlangte, und auf alle Namen, die er mir gab, hörte ich, wie ein gut
abgerichtetes Hündchen.--"Nun", sagte er zu den Andern, "reisen wir
nach Gelnhausen, ich zeige die Puppe der kleinen Gackeleia und
schwätze ihr leicht den Ring Gockels dafür ab; ich habe schon einen
ähnlichen nachmachen lassen, und haben wir den Ring, so haben wir für
nichts mehr zu sorgen."--Nach diesen Worten steckte er mich mit der
Puppe in seinen Gürtel, und sie zogen nach Gelnhausen.  O ich war
froh, zu dir, Gackeleia, zu kommen, ich machte die artigsten Sprünge
vor dir, ich dachte, wenn du schlafen würdest, dir Alles zu sagen,
und durch die Großmuth deines Vaters nochmals gerettet zu werden;
--das Uebrige weißt du, liebste Herzgackeleia!--Jetzt aber werde ich
dich bald aufwecken, wir sind nicht weit von der Residenz meines
Herrn Vaters, Alles ist gewiß noch in großer Trauer um meinen Verlust,
du sollst die Freude sehen, wenn ich wieder komme.  Ich muß dir nur
noch sagen, daß unsre Stadt nicht ist wie eure Städte, Alles ist
ländlich, sittlich; du könntest nicht bequem bei uns wohnen, es ist
alles zu eng.--Sieh unsre Stadt ist gegründet worden auf einem
ehemaligen Schlachtfeld; der Proviantwagen der Marketenderin und
allerlei andere Bagage wurden zerschlagen und geplündert, und das
zwar in einer einsamen unwegsamen Gegend.  Meine Vorältern waren als
freiwillige Mäuse mit den Proviantwagen gezogen, und da nun alles
zerstört und die Soldaten fort waren, ließen sie sich dort nieder,
sammelten noch andere edle Mäuse, richteten Alles in eine vollkommene
Stadt ein, und es wird jetzt von dort aus ein großes Mäusereich
regiert.  Du wirst dein blaues Wunder an den herrlichen,
geschmackvollen Anlagen sehen.  Sobald wir dort sind, lasse ich dir
ein Blumenbettchen auf unserm Maifeld machen, da legst du dich gleich
nieder und schläfst und kannst dann Alles verstehen, was ich sagen
und thun werde, um deinem Vater Gockel den Ring Salomonis wieder zu
verschaffen.--Jetzt erschrick nicht, ich beiße dich ein bischen ins
Ohr, damit du aufwachst; dann nehme ich einen leuchtenden
Johanniswurm in den Mund und laufe vor dir her nach meiner Heimath,
da folgst du mir, wie einer Fackelträgerin.  Glück auf Gackeleia!"
Nun biß die Prinzessin Mandelbiß mich ins Ohrläppchen, und ich
erwachte.

Schnell packte ich die Kunstfigur und alles Andre wieder in mein
Körbchen und rüstete mich zum Abmarsch.  Die Mäuseprinzessin machte
die lustigsten Freudensprünge mit dem leuchtenden Johanniswürmchen
vor mir her durch das Gras, was gut war; denn da der Mond noch nicht
aufgegangen, so war es im dichten Wald noch sehr dunkel und ich wußte
weder Weg, noch Steg. Ich folgte dem Lichte; aber sie eilte so sehr,
daß ich sie oft aus dem Gesichte verlor.  Wenn ich dann ängstlich
rief: "Mandelbißchen, laß mich nicht im Stiche!" pfiff sie laut und
sprang mit dem Lichtchen vor mir hoch aus dem Gras auf, wodurch ich
mich wieder zurecht fand.

Als wir ungefähr eine halbe Stunde gegangen waren, hörte ich ein
großes Gepfeife und sah um einen Hügel herum die Residenz des
Mäusekönigs im Sternenschein liegen, die ich euch gleich beschreiben
will.  Kaum hatte die Prinzessin sich am Thore der Stadt gezeigt, als
es weit aufflog, und ein freudiges Gepfeife durch die ganze Stadt und
das oben liegende Schloß sich verbreitete, aus welchem viele weiße
Mäuse ihr entgegenstürzten und sie mit großem Jubel empfingen.  Sie
wollte aber nicht in das Schloß hinein, sondern drehte sich
abwechselnd gegen mich und die Ihrigen, welchen sie von mir zu
erzählen schien, so, daß alle die Mäuse bald ihre Köpfchen gegen mich
aufhoben und allerlei pfiffen, was ich nicht verstand.  Da sagte ich
zu ihnen: "ihr lieben Mäuse, gleich will ich mich schlafen legen,
damit ich eure Gespräche verstehen kann," und kaum hatte ich das
gesagt, als sie auch zu Tausenden anströmten und das zarteste Moos an
einem reinen Plätzchen zwischen Blumen zusammen trugen.  Ich sah wohl,
das dieß ein Bettchen für mich werden sollte, und betrachtete
unterdessen die schöne Mäuse-Stadt.  Oben auf dem Hügel lag das
königliche Schloß, von grossen holländischen Käsen erbaut, die alle
auf das reinlichste ausgenagt waren.  Alle Thüren und Fenster waren
zwar etwas nach altem Geschmack, und nicht ganz gleichförmig
vertheilt; doch hatte die Burg ein sehr ehrwürdiges Ansehen; sie war
pyramidalisch im perspektivischen Stile erbaut, und ich kann noch
nicht begreifen, wie es Mäuse-möglich war, ein so kühnes Werk zu
Stande zu bringen.

Rings um das Schloß her und selbst auf seinen Dächern waren die
schönsten Gärten von Schimmel angelegt, den ich nie höher und
feuchter gesehen habe.  Thürme von ausgehöhlten Commisbroden, mit
Kuppeln von Flaschen-Kürbissen schmückten das mit Bretzeln und
dergleichen verzierte Schloß.  Die neuern Häuser der Unterthanen
bestanden aus hohlen Kürbissen und Melonen, die sie früher selbst mit
Mühe herangewältzt, in der neuern Zeit aber, bei zunehmender Bildung
und Industrie, an den Stellen gepflanzt und, wenn sie groß waren,
ausgehöhlt hatten.  Aeltere adelige und Patrizier-Geschlechter
bewohnten alte Reiterstiefel, Patrontaschen, Tornister,
Pistolenhulfter, Mantelsäcke, Filzhüte und Lederhelme und was auf dem
Schlachtfelde liegen geblieben war; jedoch schienen diese Gebäude der
Reparatur zu bedürfen.  Einen alten Reutersattel sah ich als Thor
oder Triumphbogen zwei Stadttheile verbinden.  Alle Gebäude der etwas
sehr unregelmäßigen Stadt wurden durch größere und kleinere Anlagen
von Schimmel, Pilzen und vielerlei andern Pflanzen umher verschönert.
Auch bemerkte ich viele Höhlen in die Erde hinein, die theils Keller
und Vorrathskammern waren, theils von einem eigenen Stamm der
Feldmäuse bewohnt wurden.

Das Schönste aber von allem war Folgendes: herrlich und kunstreich
schaute von einer Höhe eine große gothische Kirche auf die ganze
Stadt wie ein Hirt auf seine Heerde herab; ihr Schiff bestand aus
einem großen alten Koffer, worüber ein zerrissener Flaschenkorb stand,
die beiden Thürme waren aber zwei weißgebleichte Pferdeschädel,
welche das Gebiß noch im Maule hatten.  Leider war, wie bei den
meisten solchen Werken der Stil nicht ganz gleichartig, denn das eine
Gebiß war eine Trense das andre eine Stange.  Die Thurmspitzen selbst
waren mit tausend kleinen Knochensplittern verziert und verspitzt; um
die Kirche her breitete sich der Kirchhof aus, Grab an Grab schön
geordnet, und mitten darauf ein Beinhaus von lauter Mäusegerippen und
Beinchen, weiß wie Elfenbein, in schönster Ordnung zusammengelegt.
Etwas tiefer als die Kirche lag ein Bauwerk, das zu den sieben
Wundern der Welt gezählt wird, es bestand aus einem Trinkhumpen, der
gekrönt von einem Reuterhelm in einer Trommel stand.  Man nannte es
das Mausoleum, denn hier ist der erste König dieses Volkes Namens
Mausolus I. begraben, und seine Gattin Artemisia I. hat es ihm
errichtet.  Alles das konnte ich nicht genug bewundern, und der Mond
schien so hell in die kleine wimmelnde Welt, daß es eine Lust war
hinein zu schauen.

Während dem hatten die Mäuschen mein Bettchen und neben mir eines für
die Kunstfigur von dem weichsten Moose zwischen Blumen fertig gemacht.
Die meisten giengen ihrer Wege, einige konnten aber gar nicht
fertig werden, mir gute Nacht zu sagen, und ich war doch von den
vielen Anstrengungen so müde, daß ich schier vergessen hätte, wie ich
hier bei weltfremden Leuten war; ja, lieber Vater! ich war so in der
Empfindung des Schlafes, daß ich glaubte, ich sey bei Mutter Hinkel
in Gelnhausen, und ich rieb mir die Augen und hatte schon angefangen,
mit weinerlicher Stimme zu sagen: "Mutter, Mutter, Gackeleia ins
Bettchen legen, Gackeleia ist müd, müd!"--Da ich aber die Worte der
Mutter nicht hörte:

"ja, schlafen gehen, das Kind ist müde, das Sandmännchen kömmt
angeschlichen", besann ich mich und schaute um mich, und sprach mit
majestätischer Stimme: "Ich habe die Ehre, Ihnen sämmtlich eine
geruhsame Nacht zu wünschen, lassen Sie sich etwas recht Schönes
träumen.  Sie würden mich unendlich verbinden, wenn Sie sich
zurückziehen wollten, damit ich mich schlafen legen kann."  Da aber
die dummen Mäuse immer noch verwundert da standen, jagte ich sie
endlich mit meiner Schürze nach Haus.  Es ist mir nichts Peinlicher,
als das lange unentschiedene Zaudern, und doch war ich nun, da ich
mich zum Schlafen niederlegte, längere Zeit beunruhiget, daß ich die
armen Schelmen so hart angefahren hatte und bat sie in meinem Innern
herzlich um Verzeihung.  Kaum war ich entschlafen, so versammelte
sich die königliche Mäusefamilie mit ihrem Ministerium um mich her,
und ich hörte alle die schönen Reden, die sie hielten, an denen
nichts auszusetzen war, als daß die kurzen zu langweilig und die
langen zu kurzweilig waren.  Die Hauptsache war, wie sie der
Raugräflich Gockelschen Familie nun schon zweimalige Rettung
verdankten.  Prinz Pfiffi sagte, als seine Gemahlin in die
Gefangenschaft unter die Kunstfigur gekommen, sey er den drei
Petschierstechern gefolgt, habe gesehen, wie sie sich den Ring
verschafft und sich zu vornehmen, schönen, jungen Leuten gemacht, den
Graf Gockel und seine Familie aber in arme Bettler verwünscht hätten.
Kurz er wußte Alles, und wollte morgen allein ausziehen, mir den
Ring wieder zu verschaffen, was ihm wegen der Uneinigkeit der
Besitzer sehr leicht schien.  "Nein, nein" rief da die Prinzeß Sissi,
"ich will dabei seyn, du bist viel zu ungestüm, wir wollen es
zusammen versuchen, und Gackeleia soll auch mitgehn."  Da sprach ich:
ja, ja, das wollen wir, und ich verspreche euren königlichen Eltern,
wenn ich den Ring wieder erhalte, einen Zentner der schönsten
holländischen Käse und einen Sack der besten Knackmandeln, um ihre
Residenz neu erbauen zu können, und dazu noch einen Zentner der
beßten Schinken zur allgemeinen Belustigung der Nation, und sonst
Alles, was dem edeln Volk der Mäuse lieb und angenehm seyn kann.
"--"Ach", rief der alte König aus, "meine liebe Gemahlin sagt mir so
eben, daß sie vor ihr Leben gerne einmal Königsberger Marzipan und
Thornischen Pfefferkuchen und Jauersche Bratwürste und Spandauer
Zimmtbretzeln und Nürnberger Honigkuchen und Frankfurter Brenten und
Sachsenhauser Kugelhupfen und Mainzer Vitzen und Gelnhauser
Bubenschenkel und Koblenzer Todtenbeinchen und Liestaller Leckerli
und Botzner Zelten und dergleichen patriotische Kuchen essen möge."

"Alles das sollt ihr im Ueberfluße erhalten", sagte ich, "sobald ich
den Ring besitze."--"Wohlan", sprach der König, "so mögt ihr morgen
mit Tagesanbruch auf das Abentheuer ausziehen.  Jetzt aber soll
gleich, sobald unsre Rathsitzung geschlossen ist, in die Kirche
gezogen werden, um den Segen des Himmels zu erflehen; die fliegende
Gensdarmerie soll gleich die nöthigen Anstalten treffen."--Nach
diesen Worten des Königs Mausolus VIII. sah ich viele Fledermäuse
geschäftig durch die Stadt hin- und wiederfliegen.

Jetzt trat noch ein fataler Schmeichelredner auf, um den Muth
herauszustreichen, mit welchem ich die Ruthe für Prinzessin Sissi
ertragen hätte.  Ein alter Pair aber unterbrach ihn mit den Worten:
"Ehre, dem Ehre, Ruthe, dem Ruthe gebührt!  Sie litt nicht weil sie
eine Mäusefreundin, sondern eine Spielratze und einst eine
Katzenfreundin war; wer weiß, ob sie nicht noch jetzt deren Spionin
ist"--dieser Verdacht schnitt mir durchs Herz, so daß ich im Schlafe
wie eine Katze zu miauen begann, worauf dem Redner das Wort in der
Kehle stecken blieb, und das ganze Parlament über Hals und Kopf
auseinanderlief und sich in alle mögliche Wohnungen und Löcher
verkroch.

Die Prinzessin von Mandelbiß hatte nach ihrem Zartgefühl mich wohl
verstanden, sie blieb bei mir und sagte: "liebe Gackeleia, du hast
die Sitzung etwas schnell aufgehoben, aber ich hätte es an deiner
Stelle auch gethan; jetzt will ich gleich verkünden lassen, woher das
Katzengeschrei kam, dann fällt Alles auf den undelikaten Redner.
Vorher muß ich dich bitten, mir die Kunstfigur als Königin gekleidet
aufzubinden, denn ich will mit derselben die Prozession begleiten,
das wird eine so große Wirkung thun, als das Trojanische Pferd;--ich
bringe sie dir nachher wieder, wenn wir nach der Feierlichkeit auf
die Eroberung des Ringes ausziehen."  Schnell kleidete ich die Figur
nach ihrem Verlangen, heftete sie ihr wieder auf den Rücken und zog
die Uhr in ihr auf.  Da lief sie so schnell durch die Gassen hin, daß
die Mäusekinder, welche sich schon vor der Thüre des Schulmeisters
zur Prozession versammelt hatten, nicht wenig über sie erschracken.

Ich war froh, endlich ein wenig Ruhe zu haben, und kauerte mich recht
auf meinem Lager zusammen; aber es dauerte nicht lange, da gieng
wieder was Neues los.  Die Kirchenmäuse liefen auf die Thürme der
Kirche und riefen das Volk zum Gebet; sie hatten keine Glocken, und
ich glaube darum, daß sie eine Art türkischer Religion haben.  Die
Fledermäuse, eine Art fliegender Nachtwächter-Gensdarmerie, schwebten
über der Stadt hin und wieder und verkündeten, das gehörte
Katzengeschrei sey nur im Traume geschehen, die Prozession finde
Statt, Prinzeß Mandelbiß trage die schöne Kunstfigur als Königin
dabei durch die Strassen u.s.w.  Nun hörte ich ein fernes Singen
immer näher und näher kommen; endlich verweilte der Gesang in der
Nähe meines Lagers, und ich hörte, daß Prinz Speckelfleck ausrief:
"hier wird das ganze Lied sanft wiederholt, um der Comtesse Gackeleia
den Schlaf zu versüßen."--Ich hörte nun das folgende Lied, welches
von Zeit zu Zeit von dem Chor der vorüberziehenden Mäuseprozession
unterbrochen ward.

Kein Thierlein ist auf Erden
  Dir lieber Gott zu klein,
  Du ließt sie alle werden,
  Und alle sind sie dein.
  ####Zu dir, zu dir
  ####Ruft Mensch und Thier;
  ####Der Vogel dir singt,
  ####Das Fischlein dir springt,
  ####Die Biene dir brummt,
  ####Der Käfer dir summt,
  ####Auch pfeifet dir das Mäuslein klein:
  ####Herr, Gott, du sollst gelobet seyn.
  Das Vöglein in den Lüften
  Singt dir aus voller Brust,
  Die Schlange in den Klüften
  Zischt dir in Lebenslust.
  ####Zu dir, zu dir u.s.w.
  Die Fischlein, die da schwimmen,
  Sind, Herr, vor dir nicht stumm,
  Du hörest ihre Stimmen,
  Vor dir kömmt Keines um.
  ####Zu dir, zu dir u.s.w.
  Vor dir tanzt in der Sonne
  Der kleinen Mücken Schwarm,
  Zum Dank für Lebenswonne
  Ist Keins zu klein und arm.
  ####Zu dir, zu dir u.s.w.
  Sonn, Mond geh'n auf und unter
  In deinem Gnadenreich,
  Und alle deine Wunder
  Sind sich an Größe gleich.
  ####Zu dir, zu dir u.s.w.
  Zu dir muß Jedes ringen,
  Wenn es in Nöthen schwebt,
  Nur du kannst Hülfe bringen,
  Durch den das Ganze lebt.
  ####Zu dir, zu dir u.s.w.
  In starker Hand die Erde
  Trägst du mit Mann und Maus,
  Es ruft dein Odem: "werde",
  Und bläst das Lichtlein aus.
  ####Zu dir, zu dir u.s.w.
  Kein Sperling fällt vom Dache
  Ohn' dich, vom Haupt kein Haar,
  O theurer Vater wache
  Bei uns in der Gefahr!
  ####Zu dir, zu dir u.s.w.
  Behüt' uns vor der Falle
  Und vor dem süßen Gift
  Und vor der Katzenkralle,
  Die gar unfehlbar trifft.
  ####Zu dir, zu dir u.s.w.
  Daß unsre Fahrt gelinge,
  Schütz' uns vor aller Noth,
  Und hilf uns zu dem Ringe
  Und zu dem Zuckerbrod.
  ####Zu dir, zu dir u.s.w.

Nach diesem frommen Gesang hielten sie eine kleine Pause, dann
stimmten sie in einem rascheren Takt folgende drei Verse an:

  Vivat! beim höchsten Schwure
  Nicht Puppe, sondern nur
  Nach Uhr und nach der Schnure
  Die schöne Kunstfigur!
  ####Von ihrer Zier
  ####Spricht Mensch und Thier
  ####Das Vögelein singt,
  ####Das Fischelein springt,
  ####Das Bienelein summt,
  ####Das Käferlein brummt,
  ####Auch pfeifen alle Mäuselein:
  ####Die Kunstfigur ist schön allein.
  Vivat! du feine gute
  Prinzessin Mandelbiß,
  Die sich mit Heldenmuthe
  Aus schlimmem Handel riß.
  ####Von ihr, von ihr
  ####Spricht Mensch und Thier
  ####Das Vögelein singt,
  ####Das Fischelein springt,
  ####Das Bienelein brummt,
  ####Das Käferlein summt,
  ####Auch pfeifen alle Mäuselein:
  ####Prinzeß Sissi ist superfein.
  Vivat! hoch Gackeleia,
  Singt ihr ein Wiegenlied,
  Singt Heia und Popeia,
  Das Kind ist müd, so müd!
  ####Von ihr, von ihr
  ####Spricht Mensch und Thier,
  ####Das Vögelein singt,
  ####Das Fischelein springt,
  ####Das Bienelein brummt,
  ####Das Käferlein summt,
  ####Auch pfeifen alle Mäuselein:
  ####Schlaf' Gackeleia popeia ein!

Ich erwachte über dem schönen Gesang und hatte schon im Sinn
aufzustehen und für die Nachtmusik zu danken, aber ich fürchtete,
dann möchten sie kein Ende in ihren Gegenkomplimenten finden, und so
hielt ich mich dann mäuschenstille und schien wie eine Ratze zu
schlafen, bis die Sänger weiter gezogen waren; dann aber richtete ich
mich auf und sah die schönste Procession ein wenig an.  An der Spitze
gieng die schöne Kunstfigur, umgeben von der königlichen Familie und
dem ganzen Hofstaat.  Unter den Hoffräulein sah ich eine viel zu
große, kuriose Person mitgehen, sie war wie eine Riesin unter ihnen,
tanzte mehr als sie gieng, und ihre Stimme paßte gar nicht in den
Gesang.  Hierauf folgten mehrere fremdartige Mäuse, sie unterschieden
sich nicht nur durch Gestalt, Größe und Farbe, sondern auch leider
meistens durch ihr nicht sehr erbauliches Betragen; sie guckten viel
umher und flüsterten immer sehr angelegentlich unter einander. ich
erfuhr später, wer sie waren.  Auf sie folgten alle adelichen
Geschlechter, worunter das schöne Geschlecht meistens aus weißen
Mäuschen von hoher Zartheit und Delikatesse bestand.  Alle, von
welchen ich bis jetzt gesprochen, trugen Fackeln, aus leuchtenden
Johanniskäfern bestehend, welche ihnen die herumschweifenden
Fledermäuse hatten einfangen müssen.  Hierauf folgten nun die
Bürgerlichen und endlich die Landmäuse, alle in ihren National--und
Naturalfarben; diese bedienten sich der Splitter von leuchtendem
faulem Holze als Fackeln, welche sie im Vorübergehen an einem alten
Weidenstumpf abbissen.  Ich kann euch gar nicht sagen, wie feierlich
sich der Zug der vielen kleinen Lichter durch die Straßen der
wunderlichen Mäusestadt den Hügel hinan in den ehrwürdigen Dom hinein
schlängelte--es war, als wenn die Funken an einem verglimmenden
Zunderlappen hinlaufen; weißt du noch Vater, du sagtest mir manchmal
in Gelnhausen am Kamin, "das sind die Studentchen, die aus der Schule
laufen", ich dachte noch an diese deine Rede.  Vor der Thüre der
Kirche empfieng eine sehr elegante Maus an der Spitze der andern
Kirchenmäuse die schöne Kunstfigur und den Hof und geleitete sie in
den Dom, den ich nun aus allen seinen Oeffnungen erleuchtet sah; dann
vernahm ich einen sanft pfeifenden Gesang, worauf es mäuschenstille
ward.--Da nun Alles in der Kirche, und die ganze Stadt todt und
stille war, warf ich noch einen Blick auf die seltsamen Gebäude im
Sternenlicht.  Ach, da wuchs mir das Herz; die Welt ward zu enge,
weit ward es um die Seele, meine Locken schienen mir Gefühle und
Wünsche, die sich sehnten, im Winde zu spielen, und ich gab sie ihm
hin; denn, horch', jetzt kam auch ein Wehen und regte die Wipfel des
Hains auf; sieh, und das Ebenbild unsrer Erde, der Mond, kam da
geheim nun auch; die schwärmerische, die Nacht kam, trunken von
Sternen und wohl wenig bekümmert um uns glänzte die Erstaunende dort,
die Fremdlingin unter den Menschen, über Gebirgsanhöhen traurig und
prächtig herauf!--Ach! da dachte ich nichts mehr, als wäre nur Vater
und Mutter hier, und wenn selbst nur Kronovus hier wäre, daß ich
mittheilen könnte, was ich fühle!--ja liebe Eltern, es giebt
Eindrücke, die ein armes Kind nicht allein fassen kann, wo es sich
anklammern möchte an ein vertrautes festeres Wesen, wie an einen Fels,
einen Baum des Ufers, wenn der Strom der Empfindung anschwillt und
uns reißend ins weite Meer der Begeisterung dahin tragen will!
--nirgends aber ist dieses mehr der Fall, als bei großer Architektur
im Mondschein"--da hielt Gackeleia ein wenig in der Erzählung ein,
Frau Hinkel schloß sie ans Herz und sagte: "O das ist eine sehr
poetische Stelle, o das ist aus meinem Herzen, ja du bist mein Kind,
mein herz--und seelenvolles Kind, auch mich hätte einst zu Gelnhausen
im Pallast Barbarossa's im Mondschein der Strom der Empfindung ins
Meer der Begeisterung reißend dahin getragen,--aber Vater Gockel war
bei mir und so einerlei, daß ich nicht so allerlei empfinden konnte.
"-"Bleibe bei der Wahrheit", sagte Gockel, "du hast doch zweierlei
empfunden, du hast an die Fleischerladen und Bäckerladen gedacht und
den Schnupfen bekommen.  Dir aber Gackeleia, sage ich: ich müßte mich
sehr irren, oder du bist eine Schwärmerin mit deinen verschimmelten
Käsen, Kürbißen, alten Reuterstiefeln, Sätteln, Patrontaschen und
gothischen Kirchen im Mondschein--auch finde ich deine Gefühle im
Mondschein nicht kindlich genug ausgesprochen, wärst du damals schon
so groß gewesen, als jetzt, so wären dergleichen Redensarten zu
verzeihen, aber so warst du ja kaum vor einigen Stunden der Ruthe
entlaufen."--"Vater", erwiederte Gackeleia, "entschuldiget mich, ich
bin durch den Ring Salomonis jetzt wie eine erwachsene Jungfrau und
kann nicht mehr Alles so wie eine kleine Gackeleia vorbringen, ich
sage als Jungfrau, was ich als Kind gefühlt, und gewiß, Vater, als
Kind habe ich nur anders gesprochen."

"Gott, lasse dich immer weise, immer ein Kind zugleich seyn," sagte
Gockel, "aber erzähle weiter, damit wir aus der kuriosen Stadt
herauskommen--jetzt, wo du den Ring Salomonis hast, brauchst du in
dem sehnsüchtigen Strom der Empfindung nicht mehr herum zu
patschen--jetzt heißt es, dreh' den Ring, und du wirst so viel Bäume
am Ufer der Sehnsucht haben, daß du Kohlen daraus brennen kannst und
zuletzt ausrufen mußt: "ach, es ist Alles, Alles einerlei! o
Eitelkeit der Eitelkeiten und Alles Eitelkeit, spricht der weise
Salomo selbst und sein Siegelring wird ihm nicht widersprechen"--aber
erzähl weiter Herz Gackeleia!"

"Ja", fuhr Gackeleia fort, "wie ich mein Herz so groß, meine Seele so
weit fühlte, erkannte ich wohl, daß jedes Geschöpf der Eitelkeit
unterworfen begehret und verlanget und immerfort seufzet und sich
quält; so gieng ich umher und schaute in alle Winkel, ob gar kein
Wesen da sey, dem ich mein Herz auspacken könne, und sang dabei
stille vor mich hin:

  "Mutter-seelig ganz allein,
  Wie der stille Mondenschein
  Schauet in die Stadt hinein,
  Muß die Gackeleia klein
  In der weiten Welt noch seyn,
  Wie ist Alles klar und rein,
  Wie ist Alles licht und fein,
  Wie ist Alles im Verein
  Zwei und zwei, und mein und dein;
  Aber ich, ich bin allein,
  Mutterseelig ganz allein!"

Da hörte ich einige Schritte von meinem Moosbettchen entfernt einen
dumpfen Ton, wie von leisem, verstecktem Katzengeschrei, was mich für
die frommen Mäuse sehr besorgt machte; ich schlich mich leise hinzu
und fand, von Distel und Dornen überwachsen, eine alte, leere
Pulvertonne dort liegen, das Spundloch war gegen mich gekehrt, der
Mond schien hinein--ich guckte auch hinein--ach liebe Eltern! ich sah
etwas so Entsetzliches, daß mich der Schrecken wie mit einer
Gänsehaut überzog; in der alten Pulvertonne, deren einer Boden fehlte,
saßen fünf junge Kater, in welchen ich zu meinem größten
Schrecken--ach, sie waren mir nur zu bekannt geworden:--die fünf
Söhne Schurrimurri's, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog, erkannte.
Sie waren also der Hinrichtung entgangen--ihre Mutter Schurrimurri
aber hatte ihre Strafe erlitten, denn sie saßen um deren Todtenkopf
herum, der in einer alten Alongeperücke lag.--Mack schien eine
heftige Rede zu halten, aber nur leise, leise, alle machten große
Buckel, spreitzten die Haare, und schlugen einander den Pelz mit
ihren Schweifen, daß Feuerfunken umher flogen; manchmal konnten sie
ihren Grimm nicht ganz unterdrücken und ließen ein dumpfes Murren und
Wimmern, wie ein unterirdisches Erdbeben, hören, wobei sie ihre
weitvorgestreckten Krallen auf dem Todtenkopf, wie Dolche, wetzten.
Das Ganze hatte vom Monde im Faß beleuchtet etwas höchst Gräuliches,
Tückisches; mir war, als sehe ich in die Hölle, und unwillkührlich
kam mir in die Seele, das ist eine Verschwörung, eine Meuterei, rette
deine Freunde, die frommen Mäuse!  Diese Verbrecher sind schon
gerichtet, sie dürfen ihrer Strafe nicht entgehen.--Ich besann mich
nicht lang, erwischte das Fäßchen beim hinteren Ende und stellte es
aufrecht, so daß es wie eine Glocke über der ganzen Verschwörung
stand; das junge Katzenellenbogen war gefangen, und das Spundloch
stopfte ich mit einem Stück Rasen zu.  Ich legte noch soviel Steine
auf das Faß, als ich in der Eile rings finden konnte, damit die
Gefangenen es nicht umwerfen möchten, und begab mich mit dem Gefühle,
eine edle Handlung gethan zu haben, nach meinem Moosbettchen; ich
horchte noch ein Bischen nach dem Faße hin, aber sie hielten sich
ganz stille, und so deckte ich mein Schürzchen über die Augen, zuckte
ein Bischen und schlief einen süßen Schlaf ein.

Nach einer Weile träumte mir, die Prinzeß Mandelbiß komme wieder mit
der schönen Kunstfigur zu mir und sage mir ins Ohr: "Gackeleia, mache
mich los und lege die Kunstfigur neben dich in ihr Bettchen, sie wird
wohl so müde seyn wie ich, ich will mich in deine Locken an dein
Oehrchen legen und dir alles erklären, was du bei der schönen
Prozession gesehen hast und wie unser Hofredner Muskulus so herrlich
gesprochen hat."

Ich that halb träumend, wie sie verlangte, dann legte sie sich in
meine Locken und plauderte mir wie ein Schlafkamerädchen ins Ohr; da
habe ich dann Alles folgende gehört: Die große, seltsame Person, die
mir unter den Hoffräulein der Prinzeß Sissi so sehr gefallen, war
eine vornehme Bergmaus, die Marquise Marmotte, welche, aus der
Gefangenschaft eines Savoyardenbuben entflohen, hier bei Hof eine
anständige Gelegenheit abwartete, wieder in ihr Vaterland
zurückzureisen.  Sissi war nicht gut auf sie zu sprechen, denn Prinz
Speckelfleck hatte sich zu oft nach ihr umgeschaut und sie allzusehr
gelobt, was sie bei keinem Menschen recht leiden konnte.  Er
bewunderte ihren Tanz, ihre schönen Träume und vor Allem ihre artigen
Vorderpfötchen.--Sissi, blind für alle diese Vorzüge, sagte:

"Vorderpfötchen! es ist mir schier lächerlich! in allen
Naturgeschichten steht von den Murmelthieren: ihre Vorderfüße haben
vier Zehen und einen sehr kurzen Daumen, die Hinterfüße fünf; aber,
daß dieses schön sey, das steht nirgends!--Wie mag sie sich nur eine
Maus nennen? ihrer Größe nach könnte sie eben so gut Bergbär als
Bergmaus heißen; diese Marquise Marmotte hat einen großen, runden
Kopf, Nase und Lippen wie ein Hase, Haare und Klauen wie ein Dachs,
unbedeckte Zähne wie ein Biber, einen Schnurrbart wie eine Katze,
Augen wie ein Siebenschläfer, Pfoten wie ein Bär, einen kurzen
Schweif und gestutzte Ohren.  Wenn man ihr schön thut, so knurrt sie
wie ein Hündchen.  Was ist Schönes hieran? ihr Tanzen und Purzeln ist
ihr von dem Savoyarden mit Hunger und Schlägen eingequält, und
schläft man, wie sie, vom Oktober bis in den April, so hat man
allerdings Zeit, sich etwas Schönes träumen zu lassen."  Jene, welche
ich in der Prozession so viel umherschauen und untereinander plaudern
gesehen, waren die Abgesandten von mancherlei fremden und
ausländischen Mäusegeschlechtern und Arten, welche sich hier am Hofe
befinden, Bündnisse abzuschließen, Gratulationen abzustatten und sich
Erfahrungen mitzutheilen, wie den Katzen, Eulen, Geiern und andern
Mäusefeinden zu entgehen sey, auch theilten sie sich Warnungen vor
gelegtem Gift und Gegenmittel und Nachrichten von neu erfundenen
Mausfallen mit.  Eine unter diesen Standespersonen hatte der Prinzeß
Sissi ganz besonders gefallen, er war mit einem Schiffe über See sehr
weit her, von den Antillen gekommen, um zu hohen und allerhöchsten
wohlthätigen Zwecken eine Collekte zu machen, er hatte die Gestalt
einer großen Ratte, trug einen schwarzen Frack und weiße Unterkleider.
Er hieß Herr Piloris, und Sissi behauptete, er habe durch seinen
Moschusgeruch die ganze Prozession erbaut und sehr wohlthätig auf
ihre schwachen Nerven gewirkt.  Die übrigen Abgesandten waren von den
Spitzmäusen, Bergmäusen, Waldmäusen, Wurzelmäusen u. dgl.  Sie
plauderten in der Kirche und bei der Prozession von der Rettung der
Prinzeß Sissi und besonders von der Hinrichtung der Katze
Schurrimurri und ihrer Jungen, äußerten sich alle aber sehr
bedenklich über ein umlaufendes Gerücht, daß die fünf verwegenen
Söhne der Schurrimurri der Hinrichtung durch Einverständniß mit den
Söhnen des Scharfrichters entgangen seyn und unter dem Nahmen des
jungen Katzenellenbogens eine höchst gefährliche Verschwörung,
angeblich zur Rache ihrer Mutter, eingegangen haben sollten; ihre
Absicht aber sey eigentlich gegen das edle Mausgeschlecht, gegen
Hühner und Vögel; die Eulen seyen bereits für sie gewonnen, ebenso
die Füchse, mit den Wieseln unterhandelten sie, man müsse sehr auf
seiner Hut seyn u.s.w.--Sissi erzählte mir dieses Gerede der
ausgezeichneten Staatsmäuse mit großer Bangigkeit;--o wie froh war
ich, ihr versichern zu können, obgleich jenes Gerücht gegründet, sey
dennoch gar nichts von diesen Verschwörern zu befürchten.  Sissi
erzählte mir auch noch den Inhalt der Rede, welche der edle Hofredner
Muskulus im Dome gehalten.  Er sprach über Mann und Maus, Menschheit
und Mausheit, Menschlichkeit und Mäuslichkeit, Menschenmöglichkeit
und Mäusemöglichkeit.  Er erwähnte den Verstand der Mäuse, welche
stäts von jeder Speise das beste Theil erwählen; ihre Großmuth, weil
sie trotz ihrer Blödigkeit vor allen Thieren ein sehr großes Herz
haben; ihre Dankbarkeit, wie sie den Löwen aus dem Netze befreit;
ihren Heldenmuth, weil sich der Elephant fürchtet, sie möchten ihm in
den Rüssel schlüpfen; ihren prophetischen Geist, weil sie ein Haus
verlassen, ehe es zusammenstürzt.  Er sprach von der Ehrfurcht der
Ratzen gegen ihre Eltern, welche, wenn sie alt sind, von den Jungen
gefüttert werden.  Er erwähnte die große Nächstenliebe der Mäuse,
welche, wenn eine in eine Grube gefallen ist, sich einander in die
Schwänze beißend, eine Kette bilden, um ihre verunglückte Nebenmaus
aus der Grube zu ziehen.  Er sagte, wie thöricht bei all diesen
großen Eigenschaften die Fabel sey: ein Berg habe gebären wollen, und
eine lächerliche Maus sey hervorgekommen; er führte die Mäuse als
Werkzeuge Gottes in den Aegyptischen Plagen, und bei dem geitzigen
Hatto von Mainz an, den sie gefressen, obschon er sich auf den
Mausthurm mitten in den Rhein geflüchtet.  Er sprach auch von der
Holdseligkeit der Mäuse, daß sogar die Menschen ihre artigsten Kinder:
"kleine Maus, liebes Mäuschen," nennen.  Er erwähnte, daß die Mäuse
das feinste Gehör außer den Eseln haben.  Aber auch vom Uebermuth der
Mäuse sprach der edle Muskulus, er sprach: wenn die Maus satt ist,
schmeckt ihr das Mehl bitter.  Er sprach von gefährlichen Zeiten, und
daß die Mäuse, welche auf dem Tische herumtanzten, wenn die Katze
nicht zu Hause sey, sich nicht so mausig machen, sondern bedenken
sollten, daß die Katze das Mausen nicht lasse.  Dann flehte er noch
den Segen des Himmels auf das edle Vorhaben der Prinzessin Mandelbiß
und des Prinzen Speckelfleck herab und forderte sie auf, das
Sprichwort wohl zu überlegen:

  "Zu bedauern ist die Maus,
  Kennt sie nur ein Loch im Haus;
  Aber ins Verderben rennt
  Jene, die gar keines kennt,"

und nun setzte der gelehrte Muskulus hinzu, wie er bei seinen Studien
eine halbe Bibliothek durchfressen und wie trefflich ihm endlich die
schöne Stelle des heidnischen Komödienschreibers Plautus geschmeckt
habe:

  "Bedenk' die Weisheit der kleinen Maus,
  Sie hat viel Thüren in ihrem Haus,
  Sperrst du ihr einen Schlupfwinkel zu
  Flieht sie zum andern und sitzt in Ruh'."

Als der Klingelbeutel in dem Dom herumgieng, hielt der edle Muskulus
noch eine rührende Auslegung des tiefsinnigen Wortes: "er ist so arm
wie eine Kirchenmaus," welche den ganzen Klingelbeutel mit
Waitzenkörnern so reichlich füllte, daß die Marquise Marmotte genug
zu thun hatte, ihn herum zu schleppen, wenn gleich der duftende Herr
Piloris ihr dabei den Arm gab.

So erzählte mir Prinzeß Sissi Alles, daß ich es eben so gut wußte,
als wenn ich in der Rede des edlen Muskulus geschlafen hätte.--Ich
dankte ihr herzlich dafür und sagte ihr: "Liebste Sissi, ich bin
glücklich, daß sich unsre Herzen gefunden haben und daß wir uns du
nennen--ach so kann ich auch alle meine Leiden in deinen
schwesterlichen Busen ausschütten; ach ich muß dir zu meiner großen
Beschämung gestehen, es ist mir so sehnsüchtig um's Herz, ich sehne
mich nach einem Gegenstand, den ich freßlieb haben könnte, es ist mir
so leer, so leer, ich möchte Alles verschlingen; ich müßte mich sehr
irren, oder ich habe einen ganz abscheulichen Hunger, denn seit ich
das Birkenreis geschmeckt, habe ich nichts mehr über mein Herz
gebracht, als einige Wald-Erdbeeren; Sissi, schaffe mir etwas zum
schnabelieren, oder ich sterbe aus Sehnsucht."--Da erwiederte Sissi:
"Herz Gackeleia! du hast ja noch eine halbe Bretzel und einen halben
Bubenschenkel in deinem Körbchen;" aber ich entgegnete: "das sind
Dokumente, und ich wollte eher verhungern, als Dokumente essen."
"Wohlan," sagte Sissi, "ich will sehen, was ich dir auftreiben kann,"
da pfiff sie einige Mal, worauf eine Fledermaus zu ihr heranflog,
welcher sie den Auftrag gab: die reinsten Schulmauskinder sollten
augenblicklich Beeren pflücken und auf grünen Blättern mir zu Füßen
legen--eben so solle sie den anwesenden Geschäftsträger der
Haselmäuse, den wohlriechenden Chevalier Muscardin in ihrem Namen um
eine Portion Haselnüße bitten und diese hieher besorgen, überhaupt
möge sie Alles, was sie von menschlichen Eßwaaren auftreiben könne,
ohne großes Aufsehen zu machen, so schnell als möglich herbeischaffen.
--Die Fledermaus machte ihr unterthäniges Kompliment und flog von
dannen.--Schon nach einigen Minuten bemerkte ich eine große
Thätigkeit: die Mäuse schleiften ein altes, rund genagtes Trommelfell
auf den Rasen in meine Nähe und deckten mehrere große Pilze, die wie
kleine Tische umherstanden, mit Blättern und trugen allerlei Eßwaaren
darauf zusammen.

Nun sprach ich zu Sissi: "Höre mich an, du bist besonnen und klug,
was ich dir sage ist wahr, was ich verlange, mußt du thun, sonst seyd
ihr Alle verloren, Aufsehen muß vermieden werden, damit kein
unnöthiger Schrecken das schüchterne Volk verwirrt.  Sieh dort die
kleine Pulvertonne aufgerichtet und mit Steinen belegt: Mack, Benack,
Gog, Magog und Demagog, die fünf Rädelsführer des jungen
Katzenellenbogens, welche darin in einer Alonge-Perücke ihre Krallen
auf einem Todtenkopf zu eurem Untergange gewetzt haben, wurden von
mir darunter gefangen, ich habe ihre Loge gedeckt und die
Pulververschwörung, das Spundloch der Hölle, verstopft.  Gehe gleich
mit deinem Gatten, Prinz Speckelfleck, zu deinem königlichen Vater
Mausolus VIII., zeige es ihm an, und sage ihm, er solle eilend
befehlen, daß alle Mäuse und den Mäusen Befreundete ohne Ausnahme
Lehm, Erde und Rasen zu dem Fasse hintragen und es rund damit umgeben,
bis es ganz ummauert eine Pyramide wird.  So eingeschlossen werden
sie einander selbst zerreißen und ihr werdet euch durch euer frommes
Gebet gerettet finden.--Dem Volke soll gesagt werden, das Ganze sey
ein Monument zum Andenken meiner Anwesenheit und deiner Rettung und
heiße Gackeleioeum, ein Gegenstück zu dem Mausoleum.  Er soll nur
sein Volk, aber keine Maurer daran arbeiten lassen, denn die da
drinnen dürften nur einmal rufen: "Mack," und die draußen antworten:

"Benack," so wäre Alles verrathen.--Eile, es ist keine Zeit zu
verlieren, der Bau muß fertig seyn, wenn ich deinem Vater die
versprochenen patriotischen Backwerke schicke, welche bei der
Einweihung das Fest verherrlichen können.  Mache deinen Bericht kurz
und kehre schnell mit Prinz Speckelfleck zurück, damit wir inkognito
fortreisen."

Ich bewunderte die Gemüthsfassung der hochherzigen Prinzessin Sissi:
ein Blick des Entsetzens gegen die Pulvertonne, ein Blick des Dankes
gegen mich, ein Blick der Hoffnung gegen den Himmel war alles, was
sie erwiederte, und sogleich lief sie in der größten Eile zu dem
königlichen Käsepallast hinauf.  Der Hunger weckte mich nun, ich
näherte mich der von den Mäusen zusammengetragenen Mahlzeit, da fand
ich auf dem Trommelfell eine kleine Melone, welche die Marquise
Marmotte selbst herangewälzt hatte; der Chevalier Muskardin hatte
nicht nur ein halb Hundert der schönsten Haselnüße eigenmaulig
heraufgetragen, sondern auch aufgeknackt; die Schuljugend hatte einen
Haufen Erdbeeren und Heidelbeeren herbeigetragen und in Nußschaalen
sehr artig angerichtet, eine Speckmaus hatte einen gewaltigen Flug
gethan und mir einen ganzen frischen Bubenschenkel aus einem
Bäckerladen und ein Würstchen aus einem Fleischerrauchfang von
Gelnhausen gebracht, Dank dem edlen, biedern, deutschen Herzen! an
ihm wird die alle edlen Anstrengungen so sehr beachtende Familie der
Mausoleer das Sprichwort wahr machen: "dem Verdienste seine Kronen."
Ach! wie rührend war es, als nun noch ein gemüthvoller, junger Igel
von der schönsten Haltung zu mir heran rasselte, wie ein ganzer
Rüstwagen; er hatte sich in einem benachbarten Ort unter den
Borstorfer Aepfelbäumen gewälzt und alle herabgefallenen Aepfel auf
seinen Stacheln aufgespießt, die ich ihm dankbar herabnahm, worauf er
sich schweigend empfahl.  Er war etwas melancholisch, denn er war
verkannt, sein Geschlecht gehört zu den Feinden der Mäuse, aber er
hatte seine Natur besiegt und lebte in einsamer Betrachtung als
philosophischer Wohlthäter und Mäusefreund unter ihnen von dem
schönen Herzen der geistvollen Prinzessin Sissi geschätzt.  Ich aß
nun im Zwielicht (denn der Mond war untergegangen und es dämmerte im
Osten) ohne große Wahl, was mir unter die Finger kam, lustig hinein,
Alles, Alles schmeckte köstlich--o da kam erst das Beste!--ach es
raschelte etwas neben mir und es rollte etwas in mein Schürzchen, ich
fühlte, es war ein Ei, ich hielt es neugierig dem ersten Strahle des
Tages entgegen--es war schwarz mit einem schönen Vergißmeinnicht
bemahlt, ringsum standen die Worte: "Vivat Gackeleia," ich schüttelte
es, ach es rasselte Geld darin; wie ein Blitzstrahl durchfuhr es
meine Seele: es ist das Ei meines lieben Kronovus, das er für mich
alle Wochen mit seinem Taschengeld hinten an den Entenpfuhl
verstecken wollte! meine Freude war unaussprechlich--aber wer ist der
wohlthätige Sterbliche, der mir diese höchste Freude gemacht? dachte
ich und sprang auf und rief aus: "o mein heimlicher Wohlthäter
entziehe dich meinem Danke nicht!" aber ich hörte es fern weg eilen,
und ein wundersüßer Moschusgeruch drang mir entgegen.  Da wurde es
mir klar, und ich rief ihm nach: "du bist es edler Piloris, fernher
pilgernden Menschenwohlbezwecker im schwarzen Frack und weißen
Unterkleidern, der Wohlgeruch deiner schönen Handlungen verräth dich!"

"Ja, liebe Eltern," unterbrach sich hier Gackeleia, "ich hatte mich
nicht geirrt, diese edle Moschusratte Piloris war es gewesen.  Sissi,
der ich von dem Ei des Kronovus erzählte, hatte ihm schon in der
Kirche zugeflüstert, welche große Freude es ihr machen würde, wenn
sie meine Wohlthaten gegen sie mit diesem Eie belohnen könnte.
Piloris, so hohes Interesse er auch an der Rede des edlen Muskulus
hatte, verließ sogleich den Dom und eilte, ohne sich umzusehen, nach
der Eierburg an den Entenpfuhl und brachte dies Ei, welches Kronovus
seinen Worte getreu mit 1 Gulden 30 Kreuzer beschwert dort hin
versteckt hatte."

Gockel und Hinkel sahen das Ei mit großer Rührung an, die beiden
Mäuschen kamen herbeigelaufen und tanzten lustig umher, als gäben sie
ihren Beifall.  Frau Hinkel aber sagte: "erzähle weiter Gackeleia,
damit du einmal von all dem Ungeziefer wegkömmst" und Gackeleia fuhr
fort:

Gleich werde ich davon weg seyn, um zu noch viel ärgerm Ungeziefer zu
kommen.  Ich hatte mich pumpsatt gegessen, ich packte die Puppe--nein
die nur eine schöne Kunstfigur--in mein Körbchen, ich legte mein
liebes Ei, einige Aepfel und Haselnüße und den halben Bubenschenkel,
der noch übrig, hinein und auch das Würstchen und von dem Moos meines
Lagers; kaum war ich fertig, da kam Prinz Speckelfleck und Prinzeß
Mandelbiß und hüpften in das Körbchen und pfifferten allerlei, was
ich nicht verstand--aber es mußte wohl heißen, daß meine Sendung
ausgerichtet sey, denn ich sah das Andringen von unzähligen Mäusen
mit Erde und Rasen durch alle Straßen und Schluchten in solcher Menge,
daß ich mich auf die Höhe vor den Dom retirirte, um keinen der
Arbeiter zu zertreten.  Es war ein wunderbarer Anblick, viele
strömten gegen die Pulvertonne hin und bissen die Dornen und Disteln
rings weg, andere wühlten Erde und Lehm auf, andere benetzten sie und
machten Klumpen daraus, dann legten sich Ratzen und Mäuse auf den
Rücken und faßten die Erde mit den Füßen, und die andern zogen sie
bei den Schweifen wie beladene Wagen fort.  Vor allen zeichnete sich
die Marquise Marmotte aus, sie hatte einen Klumpen Rasen, größer als
ein Backstein, zwischen ihren Pfoten, der Chevalier Muskardin und der
edle Piloris spannten sich vor und zogen sie bis an die Pulvertonne;
der edle Igeljüngling war auch mit Rasenstücken bedeckt und trug sie
hinauf.--Ich segnete die liebe Mäusestadt und eilte mit meinen zwei
Mäuschen und sieben Sächelchen im Korbe dem Walde zu.

Ich zog über Berg und Thal und fragte vergebens nach euch, liebe
Eltern; manchmal ließ ich bei Bäckerläden meine Kunstfigur vor den
Kindern herumtanzen und der Bäcker gab mir gern ein Brödchen zur
Belohnung.  So fristete ich mein Leben.  Wir zogen um Gelnhausen
herum, denn ich fürchtete den Bettelvogt, Meister Schelm; da ich aber
die Hahnen dort krähen und auf den Thurmspitzen in die Ferne blinken
sah, ward mir es recht schwer ums Herz, und wenn etwas im Gebüsch
raßelte, guckte ich um und meinte immer das Prinzchen Kronovus käme
vielleicht auf seinem Schimmelchen zur Jagd geritten.  Aber, wer
nicht kam, das war er.  Da ich nun einige Stunden weiter, nahe bei
einer ganz herrlichen Stadt, reisemüd an einem Bächlein niedersaß und
mich im Wasser beschaute, mußte ich mich recht schämen, ich hatte
vergessen, mich am Morgen meiner Abreise und am folgenden Abend zu
waschen und sah nun, daß ich Mund und Nase ganz schwarz von den
vielen Heidelbeeren hatte, die ich in der Mäusestadt im Dunkeln
gegessen hatte.  Nun wußte ich erst, warum die Kinder überall mich
ausgelacht hatten, und ich war recht froh, daß Kronovus mich nicht so
schmutzig gesehen hatte.  Geschwind wusch ich mich und erfrischte
mich durch und durch.  Ich aß auch ein Bischen mit meinen Mäuschen,
und da es sehr heiß gewesen, war ich schläfrig und legte mich vom
Gebüsch versteckt auf den weichen Rasen und schlief.  Da kam Prinz
Speckelfleck an mein Ohr und sagte mir:"Wir sind am Ziel unserer
Reise, wir haben die herrliche Hauptstadt Urbs des Weltreichs Orbis
vor uns.  Hier ist der Ring deines Vaters, hier wohnen die
morgenländischen Petschierstecher; als sie mir Sissi entführt, bin
ich ihnen bis hieher gefolgt, wo sie hingiengen, weil Alles, was Salz
lecken kann, hier frei und ungestört leben darf.  Sie sind immer in
Angst vor allen Menschen und vor einander selbst.  Sie fürchten des
Ringes halber getödtet zu werden; damit man nun nicht merken möge, wo
ihr großer Reichthum herkömmt, haben sie hier die großen
Salzbergwerke gekauft und sind Salzverschwärzer, Salzversilberer,
Salzjunker und endlich Salzgrafen geworden; sie haben sich einen
salzgräflichen Pallast erbaut, sie sagen, daß sie Gold machen können;
aber Alles ist durch den Ring Salomonis.  Trage mich und Sissi nur
gleich in die Kirche und bete einstweilen, daß Gott uns hilft, so
wollen wir den Ring bald erwischen.  So gern ich und Sissi und alle
Mäuse Salz lecken, brauchen wir doch kein Scheffel Salz mit diesen
kuriosen Grafen zu essen, bis wir sie kennen lernen."

Nach diesen Worten wachte ich auf und trug die Mäuschen geschwind,
geschwind in meinem Korb in die Kirche nach Urbs; der Gedanke, dem
lieben Ring so nah zu seyn, lehrte mich so schnelle zu laufen, als da
ich die Puppe und mich die Ruthe verfolgte.--O liebe Eltern, welche
Kirche! welches Wunder der Architekto-Natürlichkeit, der ungeheure
große gothische Säulenwald mit unzählichem Schnitz-, Spitz-, Glitz-,
Blitz-, Ritz-, Kritz--und Spritzwerk im vorgothischen und
hintergelnhausenschen Spitzbubenschenkel-Katzenellenbogen-Styl
übertraf das Unerhörte.--Alles, alles war von Salz, die Kirche war
ein Salzkrystall, die Fenster waren Salzscheiben, die Kanzel war ein
Salzfaß; das Merkwürdigste aber war die Erbauung dieser Kirche: ein
eifriger Mann hatte hier vom Krystalismus predigend gesagt: wer die
Hand an den Pflug gelegt, der solle sich nicht mehr umschauen, die
Weiber sollten an Loths Weib denken, die durch das Umschauen in eine
Salzsäule verwandelt worden; "ach!" rief er aus, "wollte Gott ein
Wunder zur Erbauung der Kirche thun, an eurem Umschauen fehlt es
nicht, so hätten wir einen Wald von Säulen, ehe man sich umsieht, um
eine Kirche darauf zu stützen."  In demselben Augenblick kam die Frau
Salzinspektorin mit einem neuen Hut in die Kirche, da schauten sich
um alle Fräulen und dienten verwandelt in Säulen zur allgemeinen
Erbauung der Kirche im gothischen Styl, denn in diesem Styl war der
Hut der Frau Inspektorin.  So wurde die Kirche zwar sehr schnell,
aber doch nicht, ehe man sich umsah, erbaut.  Als ich in das
Salzmünster hineintrat, verließ eben nach der Nachmittags-Predigt der
Redner die Kirche, aber ich versäumte nichts, die Kirche ist
echoistisch gebaut, der Redner braucht nur ein paar Worte zu
verlieren, so werden sie sogleich von Frau Echo, der
unverbesserlichen Widerbellerin, aufgeschnappt und eine halbe Stunde
lang zwischen den Säulen herumgehetzt und geschleudert, und so lief
auch jetzt zwischen allen Salzsäulen die Rede umher: "so gut auch das
Salz sey, wäre es doch mißlich, wenn es dumm werde, man habe Nichts,
um es zu salzen und es mache weder das Feld noch den Mist besser.
"--Ich kniete in ein Winkelchen und betete herzlich um die Hülfe
Gottes; nicht weit von mir kniete eine prächtig geputzte Köchin, und
neben ihr stand ein von Makaroninudeln geflochtener Gemüskorb, auf
welchem mit goldenen Buchstaben stand:
"salzgräflich-Salomon-Salabonischer Salatkorb."  Sissi und Pfiffi
merkten gleich, daß dieses die Köchin der drei morgenländischen
Petschierstecher sey, sie schlupften in den Korb und ließen sich von
ihr in den salzgräflichen Pallast tragen.  Als ich nun in der Kirche
einsam und allein war, vernahm ich durch das geschäftige Echo jedes
Gebet, jedes Flüstern und Seufzen der Umherknieenden; der Eine betete:
"ach Gott! befreie uns von dem Hoffaktor Salzgraf Salathiel Salaboni,
er ist schuld, daß das Salz so dumm und theuer geworden;" der Andere:
"befreie uns von dem Commerzienrath, Salzgraf Salomon Salaboni, er
ist schuld, daß die Salzkukummern so kümmerlich schmecken und so
klein sind;" der Dritte seufzte: "ach hilf uns aus dem Salz des
Elendes, befreie uns von dem Hoflieferanten, Salzgraf Salmanasser
Salaboni, er versalzt uns alles Leben, füllt unsere Augen mit
gesalzenen Thränen und fegt unsre Beutel aus dem Salz!"--Da betete
ich dann auch so recht von Herzen, Gott möge mir wieder zu dem Ringe
helfen, weil die drei Morgenländer doch keinen Menschen damit
glücklich machten.--Da es aber in der Kirche so hübsch stille und
kühl war, überfiel mich ein leiser Schlummer, und ich hatte schier so
lange geschlafen, daß mich der Küster in die Kirche eingesperrt hätte;
aber Sissi kam gerade zur rechten Zeit und flüsterte mir in die
Ohren: "geschwind Gackeleia, geh mit mir aus der Kirche; hörst du?
der Küster rasselt schon mit den Schlüsseln; geh mit mir, du sollst
selbst sehen, wie wir den Ring erwischen, wir haben die beste
Hoffnung."  Fröhlich nahm ich nun die kleine Maus in mein Körbchen
und gieng mit ihr nach dem Schlosse der Petschierstecher.  Als wir an
die Gartenmauer kamen, sprang Sissi an die Erde und zeigte mir den
Weg. Die Sonne war im Begriff unterzugehen.  Ich gelangte hinter ein
artiges Lusthaus, Krystalline genannt, wo ich auf den Kübel eines
Orangenbaumes stieg und durch eine Spalte im Fensterladen Alles sehen
und hören konnte, was im Gartenhaus vorgieng.

Die drei Salzgrafen saßen jung und glänzend mit wohlakkomodirten
Perücken in verschiedenen alamodischen kuriosen Uniformen um einen
Tisch, in dessen Mitte der köstliche Ring Salomonis lag und stritten
miteinander, wer den Ring am Finger tragen und wünschen sollte; sie
nannten sich Commerzienrath, Hoffaktor, Hoflieferant untereinander
und jeder wollte nicht mehr so heißen, jeder wollte den
Salzgrafentitel haben; der Eine schrie: "einer muß der Erste seyn,"
die Andern schrien: "das geht nicht, wir sind Drillinge, wir sind
eine große Merkwürdigkeit, keiner geht vor dem andern;" da schrie der
Eine wieder: "ich habe die Maus gefangen und unter die Puppe geheftet,
wodurch wir der Gackeleia den Ring abgelockt, ich muß ihn haben, wem
ich was wünschen soll, der bringt mir einen vollwichtigen Gockelsd'or,
da wünsche ich ihm Etwas, wie gerade der Kurs steht."--"Wie kömmst
du mir vor?" sprach der Andere, "habe ich doch den falschen Ring
gemacht, der für den ächten dem Gockel an den Finger gesteckt ward,
ich muß den Ring haben!"--"Was soll mir das?" schrie der Dritte,
"habe ich doch die Puppe gekleidet und tanzen lassen und die große
Arie gedichtet und abgesungen von der großen Garderobe, habe ich doch
der Spielratze die Puppe aufgeschwätzt, den Ring abgeschwätzt und
euch den Ring gebracht, mein muß er seyn!"  Da sie aber gar nicht
einig werden konnten und lange geschrieen und gezankt hatten, weil
immer der Eine fürchtete, der Andere möge ihm den Tod anwünschen,
wenn er den Ring am Finger habe, griff endlich der Eine mit solcher
Heftigkeit nach dem Ring, daß er den Tisch umstieß, und dieß machte
sich der Andere zu Nutz und ertappte den an die Erde gefallenen Ring,
steckte ihn an den Finger und drehte und schrie:

  "Salomon du weiser König,
  Dem die Geister unterthänig,
  Mach' zwei Esel aus den Beiden,
  Die in diesem Garten weiden,
  Ringlein, Ringlein dreh dich um,
  Mach's geschwind, ich bitt dich d'rum."

Während er dieses mit der größten Eile hergeschnattert hatte, rissen
die Beiden Andern ihn hin und her; aber es währte nicht lange, so
waren sie Beide zwei dicke, häßliche Esel, und er nahm einen Prügel
und trieb sie aus dem Gartenhaus hinaus, das er hinter ihnen
verschloß.  Sie schrieen und bissen sich unter einander noch eine
Weile, fiengen aber bald an, sich in ihre neue Natur zu schicken und
Trauben und Disteln durcheinander zu fressen.

Ich guckte wieder in das Gartenhaus, da wollte sich der, welcher den
Ring hatte, schier bucklicht lachen, weil er seine Gesellen endlich
so sauber angeführt.  "Gott sey Dank," sagte er, "nun kann unser eins
doch einmal ruhig ausschlafen, ohne die Gefahr, daß der andre ihm den
Tod wünscht."  Nach diesen Worten schaute er sich lachend im Spiegel
an und hängte seinen Federhut auf die Spitze einer wunderbaren
Kaktuspflanze, die an der Wand blühte.  Der Ankaufspreis stand auf
dem Topf.  Die Perücken und Hüte der zwei andern lagen noch an der
Erde, wie auch ihre Stühle.  Nun lehnte er sich breit in seinen
Prachtstuhl, stellte die Füße auf einen Schemel und sprach: "reich
zum zahlen, klug zum prahlen, schön zum malen--was fehlt mir noch,
ich will berühmt werden--da fällt mir was ein--ich will den Namen
Pictus, Salzgraf von Orbis annehmen, und will einen neuen Orbis
Pictus herausgeben, da sollen alle unbefriedigten Wünsche der Welt
nach dem ABC darin abgemalt werden, und ich will sie mir alle mit dem
Ring befriedigen von A bis Z--aber Alles, Alles mit Geschmack und
Kunstgefühl--poetisch, sympathetisch, magnetisch"--und nun fieng er
an, bald tüchtig zu schnarchen.

Nun ist es Zeit, dachten Pfiffi und Sissi und schlupften beide durch
ein Loch in das Gartenhaus.  Ich wendete kein Auge von dem
Schlafenden und dem Ring an seinem Finger; ach, er hatte eine Faust
gemacht, und der Ring schien sehr schwer zu bekommen; aber Sissi
nahte sich seinem Ohr und sang mit der süßesten Stimme nichts als das
Verslein:

  "Louisd'ore und Dukaten
  Aechte Perlen, Diamant,
  Ritterorden, Ihro Gnaden,
  Hohe Bildung, Ordensband,
  Witz und Wesen, scharf und zart,
  Gänsefett und Backenbart."

Kaum hatte der Schlafende diesen Vers gehört, als er die Hand so
öffnete, als wolle er nach all den schönen Sachen greifen.  Nun biß
ihn Prinz Pfiffi in den Ringfinger; er wachte auf und sagte: "ein
scharmanter Traum, aber der Ring drückt mich und weckt mich auf, wer
kann ihn mir hier nehmen? die zwei Esel grasen draußen nach dem
besten Appetit; was brauchen sie mehr? ungebildete Menschen kennen
keine höheren Bedürfnisse.  Sie sollen nicht einmal die Ehre haben
unter den dreihundert weißen Mauleseln zu seyn, die ich mir wünschen
werde, um die Schlüssel meiner Schatzkammer zu tragen.  Ach, der
schöne Traum! ich will versuchen, ob ich ihn wieder träumen kann;
Psyche, das angenehmste Frauenzimmerchen aus der klassischen
Literatur, rührte mich an der Nase mit einer Blumenzwiebel an und
beleuchtete mit einer hetrurischen Lampe das Traumbild meiner
Wünsche--ich will nochmals gerührt werden, ich will gerührt seyn, der
Ring soll mich nicht wieder stechen, ich lege ihn, bis ich erwache,
auf den Tisch."  Nun zog er den Ring ab und schlief wieder ein, indem
er flüsterte:

  "Psyche rühr'! und nicht vergebens!
  Führ', was ich im Schilde führ',
  Führ' das Traumbild meines Lebens,
  Mir empor dort an der Thür!"

Kaum aber schnarchte er, als Sissi ihm wieder ins Ohr sang:

  "Louisdore und Dukaten,
  Aechte Perlen, Diamant,
  Ritterorden, Ihro Gnaden,
  Hohe Bildung und Verstand,
  Witz und Wesen scharf und zart,
  Gänsefett und Backenbart."

Da lächelte er so süß wie ein Topf voll saurer Milch und antwortete
mit schmachtender Stimme im Traume:

  "Psyche rührt und nicht vergebens,
  Seh' das Traumbild meines Lebens,
  Seh', was ich im Schilde führ"
  Ich im Wappen an der Thür,
  Von dem Goldsack blasonirt,
  Mit Papieren kraus verziert,
  Grand-Kordon und Lorbeerkron,
  Huldigung, Dedikation,
  Und weil ich gemalt seyn muß,
  Seh' ich dort mich als Modell
  Vor dem kühnsten Genius,
  Der sein eigner Pegasus,
  Der sein eigner Musenquell,
  Schöpfer schier, kaum Kreatur,
  Alles lernte von Natur.
  Ja, ein solcher Geist haucht nur
  Treu in ganzer Positur
  Und ursprünglicher Figur
  Meiner Grazie Formenzauber
  Auf die Leinwand zart und sauber;
  O wie duftig! wie moelleux!
  Kunst, das ist die höchste Höh!"

Hierauf breitete er die Arme mit großer Innigkeit aus und sprach:

  "Seyd umschlungen Millionen,
  Diesen Kuß der ganzen Welt!
  Schönste Psyche, o verschonen
  Sie doch mein, ich hab' kein Geld,
  Bin gerührt und alterirt,
  Denn die Schildwach' präsentirt!"

Da brachte mir Sissi den Ring Salomonis durch das Loch heraus, ich
steckte ihn in tausend Freuden an den Finger, drehte ihn und sagte
voll Neugier:

  "Ringlein sag' mir unversäumt,
  Was der Petschaftstecher träumt!"

Und gleich sah ich, daß dem Petschierstecher Alles, was er im Schild
führte, in einem prächtigen Wappen im Traume vorgestellt wurde.  Ein
Geldsack war der Helm, allerlei Papiere und Wechselbriefe die
Helmzierde, er selbst stand voll Anstand in der Mitte, ein Genius
krönte ihn mit Lorbeern, ein Andrer reichte ihm ein Ordensband, einer
huldigte ihm mit Kleinodien, einer dedizirte ihm ein Buch; auch war
das Sinnbild der Sternsehenden Wachsamkeit eine fette Gans vor seinen
Füssen.  Ganz unten aber im Wappen malte der geflügelte Genius der
Kunst selbst den Schönsten der Sterblichen, denn ein Anderer hätte
nie vermocht, einen so ursprünglichen Menschen aufzufassen.  Nun aber
öffnete sich plötzlich der purpurfarbichte Sammetkelch einer
Kaktusblüthe und zwischen den weißseidenen Staubfäden schwebte eine
feine Jungfer mit Schmetterlingsflügeln hervor an die Seite des
Wappens hin; in der einen Hand hatte sie eine Zwiebelpflanze, mit der
sie die Nase des Glücklichen berührte, in der andern trug sie eine
antike Lampe, womit sie das Wappen beleuchtete.  Er nannte sie Psyche.
--An der andern Seite des Wappens erschien ein Grenadier, der das
Gewehr präsentirte.--Ach, der gute Salzgraf träumte so selig, daß er
mich schier dauerte; aber ich konnte ihm nicht helfen, ich mußte ihm
aus dem Traum helfen;--ich drehte also den Ring mit den Worten:

  "Salomon du weiser König,
  Dem die Geister unterthänig,
  Lasse diesen, wie die andern
  Gleich als einen Esel wandern;
  Schaff' auch einen Eseltreiber,
  Der mir ihre faulen Leiber
  Mit dem Prügel tüchtig rührt,
  Und zum Vater Gockel führt.
  Ringlein, Ringlein dreh dich um,
  Mach's recht schnell ich bitt' dich drum."

Und sieh da, gleich war der Esel fertig, und der Treiber stand schon
bei ihm, trieb ihn mit einem Prügel aus dem Gartenhaus hinaus und mit
den beiden Andern hieher.  Ich aber drehte den Ring und wünschte bei
euch zu seyn.  Da war ich gleich hier in dem Hof und als ich euch in
dem alten Hühnerstall so klagen hörte, wünschte ich, daß das Schloß
wieder seyn möchte, wie es einst im höchsten Glanze bei unsern
Vorältern gewesen; auch wünschte ich euch als schöne Leute in den
besten Jahren und mich als eine schöne vernünftige Jungfrau, über die
Puppen--wollt' ich sagen Kunstfiguren-Jahre hinaus zu sehen; zürnet
nicht lieber Vater, aber der Gedanke an die Kunstfigur von Birkenreis
kann mich noch jetzt erbittern."--Gockel lachte und sagte: "Gackeleia
dreh' den Ring nur noch einmal, um verständig zu werden, es steckt
noch viel vom eigensinnigen Kind in der erwachsenen Jungfrau, du
willst die Ruthe noch nicht küßen!"--da küßte Gackeleia ihm die Hand
und fuhr fort: "Als nun Alles nach meinem Wunsche geworden war,
schlich ich zu euch in den Hühnerstall und drückte mich in einen
Winkel, um eure Ueberraschung recht zu genießen.  Sissi aber wollte
mit aller Gewalt unter die Puppe gebunden seyn, um euch zu wecken; da
lief sie über euer Stroh und als ihr aufriefet: "die Puppe! die Puppe!"
sagte ich:

  "Keine Puppe, es ist nur
  Eine schöne Kunstfigur."

  "Das Andre wißt ihr Alles."

Nach dieser Erzählung umarmten Gockel und Hinkel die Gackeleia unter
Freudenthränen und sagten: "Dank, tausend Dank, liebes Kind; du
sollst zum Lohne deiner Güte nun auch den Ring immer am Finger haben,
du sollst Alles wünschen, was du willst!"  Gackeleia sagte: "ich
nehme es an, vor Allem wollen wir die drei Esel, welche im Hofe
stehen mit Allem bepacken; was ich dem guten Mäusekönig versprochen
habe und dann sollt ihr sehen, wie vernünftig ich wünschen will."

Nun giengen sie hinab und wünschten, nachdem die Käse und die
Schinken den Eseln auf den Rücken gepackt waren, den Königsberger
Marzipan, den Thornischen Pfefferkuchen, die Jauerischen Bratwürste,
die Spandauer Zimmetbretzeln, den Nürnberger Lebkuchen, die
Frankfurter Brenten, die Sachsenhauser Kugelhupfen, die Mainzer
Vitzen, die Gelnhausner Bubenschenkel, die Koblenzer Todtenbeinchen,
die Liestaller Leckerli und die Botzener Zelten auch dazu, welche
sich ohne Verzug einstellten und die Esel so belasteten, daß sie
schier niederbrachen.

Als nun die Zeit kam, daß Prinz Speckelfleck und Prinzessin Sissi
Abschied nehmen wollten, drehte Gackeleia den Ring Salomonis mit dem
Wunsch, die Sprache der Mäuse zu verstehen, ohne grade zu schlafen,
und dadurch ward die Unterhaltung jetzt ganz leicht.  Gackeleia sagte:
"Meine liebsten durchlauchtigen Freunde!  Euer Abschied thut mir
sehr leid, wir verdanken euch Alles; ich will es euch belohnen.  Ihr
habt gesehen was der Ring vermag; die Petschierstecher hat er in Esel
verwandelt--so ihr es verlangt, soll er euch gleich in Menschen
verwandeln, und ihr könnt für immer hier bei uns bleiben."--Die
beiden Mäuschen schauten sich ernsthaft an und dann erwiederte Sissi:
"Gackeleia, du sagst ein großes Wort--aber lasse uns bleiben, was wir
sind, wir wollen uns nicht von unserm Volke trennen, wolltest du auch
unser ganzes Volk zu Menschen machen, wo wäre das Land, das sie
fassen und ernähren könnte? o es gäbe Mord und Todschlag und
Hungersnoth! nein, wir sind uns als Mäuse genug; uns bleibt Nichts
mehr zu wünschen übrig, als daß wir, glücklich nach Hause gekommen,
die Verschwörung Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog mit der
Pulvertonne in dem herrlichen Monumente Gackeleioeum auf ewig
eingemauert finden, daß wir unsre königlichen Eltern mit all den
köstlichen Leckerbissen erquicken können und daß weder Papa noch Mama
sich den Magen verdirbt.  O die Einweihung des Monuments wird
monumental werden!--o wie hinreißend wird Muskulus deklamiren! wie
süß wird der edle Piloris duften!"--da fiel Speckelfleck ein: "und
wie bezaubernd die holde Marquise Marmotte tanzen!"--Sissi aber that,
als wenn sie ihn nicht hörte; und Gackeleia erwiederte: "Sissi! du
sprichst sehr vernünftig, aber frage doch den anmuthigen jungen Igel,
ob er vielleicht ein Mensch seyn möchte, er scheint mir melancholisch;
--"ich glaube kaum," versetzte Sissi", aber ich will es thun."

Als hierauf Prinz Pfiffi und Prinzessin Sissi von ihren Freunden den
zärtlichsten Abschied genommen hatten, befestigte Gockel den falschen
Ring Salomonis dem Esel, der ihn nachgemacht hatte, als ein Andenken
in das Ohr, heftete ihm seine Pudelmütze auf den Kopf und setzte die
Mäuschen hinein, dann ließen sie durch die Treiber die drei Esel nach
dem Mäuseland hintreiben und recht viele schöne Grüße ausrichten.

Als sie fort waren, sagte Gackeleia: "jetzt wollen wir auch einmal in
unsre Schloßkapelle gehen und sehen, wie sie sich verändert hat."
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die Glocke zu läuten
anfieng und sie in die Kapelle rief.  Sie traten hinein und konnten
sich nicht satt sehen, wie Alles so reinlich und festlich mit Blumen
und Laubkränzen geschmückt war.  Alle Wände und Steinbilder, das
Grabmal des Urgockels und die Bilder aus seinem Leben waren wie neu,
rein und polirt.  Es war eine schöne Kanzel an der Seite und
gegenüber eine Orgel mit einem stattlichen Organisten und seinen
Blasebalgtretern.  Mehrere kleine Jungen läuteten am Glockenstrang
aus Leibeskräften.  Ein Anderer lief mit Wasser und Sprengwedel umher
und sprengte, daß es kühl sey.  An einer Seite streuten
weißgekleidete Mädchen Blumen, an der anderen standen Knaben hinter
großen Sträußern versteckt.  Aber es war doch keine rechte Kapelle,
der Altar war auch nicht, wie zu Urgockels Zeiten, da waren keine
Leuchter, keine Kerzen, kein Heiligthum.  Der Ring Salomonis hatte
sein Mögliches gethan; aber er kann nur Zeitliches, Natürliches,
Künstliches, Weltliches, aber nichts Ewiges und Geistliches geben.

Als sie Alles mit Freuden betrachtet hatten, wurden sie durch den
Anblick des Hahns auf dem Grabmal des Urgockels recht lebhaft an den
guten Alektryo erinnert.  Sie dachten an das Halsgericht, das Gockel
hier gehalten.  Frau Hinkel und Gackeleia schlugen die Augen nieder;
da spielte auf einmal der Organist eine sehr rührende Arie: "Wie sie
so sanft ruhn."  Es war ein gar feierlicher Moment.--"Ach der edle
Alektryo!" seufzte Gockel, "ich kanns nicht aushalten," schluchzte
Frau Hinkel, "ach wäre er nur wieder da!"--"Ei," dachte Gackeleia,
"dazu kann ich helfen" und drehte ganz still an ihrem Ring:

  "Salomo du weiser König,
  Dem die Geister unterthänig,
  Mache meine Eltern froh
  Durch den Hahn Alektryo;
  Ringlein!  Ringlein! dreh' dich um,
  Mach geschwind, ich bitt' dich drum."

Da hob sich ein Wölkchen auf der Stelle aus dem Boden, wo die Gebeine
Alektryo's verbrannt worden waren, und wirbelte und ballte sich
zusammen und ward wie ein Hahn und der Uralektryo auf dem Grabmal
rührte sich, streckte den Hals, schlug mit den Flügeln und krähte
durchdringend, und es fuhr wie ein Feuerstrahl aus seiner Kehle
sichelförmig zu der kleinen Wolke nieder, die im Augenblick der alte
kräftige Alektryo ward, auf Gockels Schulter flog, mit den Flügeln
schlug und mit ritterlichem Krähen dem steinernen Hahn antwortete,
worauf draußen in dem Hühnerhof alle Hahnen antworteten; es gieng wie
ein Zurufen der Schildwachen von Hahn zu Hahn das Krähen umher.

Aller Freude über Alektryo war sehr groß, er selbst aber war
tiefsinnig und nachdenklich, er meditirte.  Da nun von allen Seiten
die Hühner und Hahnen in die Kapelle hinein kamen, den Alektryo zu
sehen, benutzte dieser die durch seine Wiedergeburt erschütterten
Hahnenherzen und Hühnergemüther, schwang sich auf die Kanzel empor
und hielt eine ganz erstaunlich ergreifende Rede über Familienglück
und Kinderzucht, so daß auch kein Hühnerauge ohne Mitgefühl blieb,
all das unten zuhörende Federvieh schluchzte und piepte ganz
leise--der Organist accompagnirte gar lieblich mit einer
melancholischen Arie: "Ach Schwester! die du sicher u.s.w."  Auch die
raugräfliche Familie war sehr gerührt.

Als nun Alektryo am Schluße seiner Rede ausrief: "ist jemand unter
den verehrten Anwesenden, der feierliche Verlöbniß oder Hochzeit zu
halten wünscht?"--drehte Gackeleia den Ring, ohne zu wissen wie, und
sprach ganz heimlich, ohne zu wissen was:

  "Salomo du weiser König,
  Dem die Geister unterthänig,
  Bring' doch den Kronovus her
  So ganz, wie von ungefähr;
  Ringlein!  Ringlein! dreh' dich um,
  Mach' geschwind, ich bitt' dich drum."

Da ertönten plötzlich Jagdhörner im Schloßhof.  Gackeleia lief hinaus,
als ob ihr der Kopf brenne, und sah das Prinzchen Kronovus in einem
grünen Jagdröckchen von seinem Schimmelchen springen, und sie flogen
sich einander in die Arme mit dem Ausruf: "Ach wie bist du so groß,
bück dich!"--"Ach wie bist du so klein, streck dich!"  Gackeleia aber
drehte schnell den Ring hinter dem Rücken des Kronovus und wünschte,
daß er so erwachsen und verständig seyn möge, als sie selbst, und
sieh da, er ward es zusehends, worüber sie eine große Freude hatte.
Da eilte sie mit ihm in die Kapelle, sein Jagdgefolge aber blieb in
den Thüren stehen.

Gockel und Hinkel grüßten den Kronovus herzlich und dieser sagte
sogleich, da sein Herr Vater Eifrasius und seine Frau Mutter Eilegia,
das Zeitliche gesegnet hätten und mit Tod abgegangen seyen, erkläre
er ihnen, daß, so sie ihm die Hand ihrer Tochter Gackeleia geben
wollten, er sie zu seiner Königin von Gelnhausen zu machen Willens
sey.  Da alle Theile zufrieden waren, führten die Eltern das junge
Paar zu dem blumengeschmückten Altar.

Indessen spielte und sang der Organist die schöne Arie: "Schönstes
Hirschlein über die Maßen, hörst du nicht den Jäger blasen?"
Alektryo aber schrie dreimal hinter einander von der Kanzel:

  "Zum Verlöbniß hier sich melden
  Die Hochachtbar Wohlbestellten,
  Majestät Kronovus, König
  Von Gelnhausen, oberthänig,
  Mit der zarten Raugräfinn
  Gackeleia, unterthänig,
  Grafen Gockels Gau-Erbinn,
  Wend't Niemand was dawider ein,
  So sollen sie verlobet seyn!"

Kein Piepswörtchen von einer Einwendung ließ sich hören, als er aber
zum drittenmal fragte: "wer wendet was dawider ein?" erschallte eine
dumpfe Stimme, die alle erschreckte:

  "Ich Urgockelio sag: Nein!"

Alles schaute das Bild des Urgockels an, Kronovus aber zog grimmig
seinen Degen und schrie gegen den Grabstein:

  "Wer wagt's und spricht ein Wort darein?"

Urgockel aber schlug mit der Ruthe auf das steinerne Abc-buch, daß es
rasselte und sprach, die Augen wie ein erzürnter Schulmeister rollend:

  "Gleich steck' mir ein den Flederwisch,
  Sonst ich dich bei dem Fell erwisch'
  Und lasse dir die Kunstfigur
  Von Birkenreis recht tüchtig schmecken;
  Kennst du sie nicht? die Braut frag' nur,
  Sie wird dir, wie sie schmeckt, entdecken!"

Das plötzliche Reden des steinernen Urgockels brachte keine geringe
Störung unter die hohen Anwesenden und deren Federvieh, Gackeleia
hatte kaum das Wort "Kunstfigur von Besenreis" gehört, als eine
glühende Röthe ihre Wangen überzog; aber sie sammelte sich
augenblicklich und winkte dem Organisten, der in einem Spiegelchen
Alles sah, was am Altare geschah, und dieser ließ plötzlich alle
Pfeifen los und machte einen Tusch wie mit Paucken und Trompeten, so
daß die ganze Drohung Urgockels nicht gehört ward.  Indessen zog
Gackeleia die Kunstfigur auf, gab ihr einen kleinen Klingelbeutel in
die Händchen und ließ sie unter den anwesenden Hühnern herumschnurren,
mehrere junge Hahnen aber, welche kein kleines Geld bei sich hatten,
fiengen darüber zu schwätzen und endlich zu streiten an, und ein
kleiner Junge nahm einen Sprengwedel und spritzte unter sie, daß sie
mit großem Geschrei wegliefen, dazu schrie Alektryo fortwährend von
der Kanzel, und Gackeleia war herzlich froh, daß man über all dem
Spektakel die Worte Urgockels nicht gehört und Kronovus seinen Degen
wieder eingesteckt hatte.  Als es wieder etwas ruhig geworden, rief
Alektryo zum drittenmal:

  "Wendt Niemand was dawider ein,
  So sollen sie verlobet seyn!"

und aller Anwesenden Augen waren auf das Bild Urgockels gerichtete
welches sprach:

  "Ich segne euer Bündniß nur,
  Wenn ihr gehalten euern Schwur,
  Den ihr bei meinem Namen sprachet,
  Als ihr beim Fest die Bretzel brachet,
  Nur dann einander nie zu lassen,
  Wenn die gebrochnen Stücke passen!"

Urgockel hatte aber diese Worte kaum ausgesprochen, als auch
Gackeleia gleich aus ihrem Körbchen und Kronovus aus seiner
Jagdtasche, die Hälfte der Bretzel und des Bubenschenkels hervorzogen
und zusammenhielten; und die Bruchstücke paßten so scharf zusammen,
als ob sie eben jetzt erst gebrochen wären.--Sie entschuldigten sich
nicht, daß sie ihr Gelübde in der Freude des Wiedersehens vergessen
hatten, aber sie wurden bei den Worten Urgockels roth bis über die
Ohren und sahen ganz blöd vor sich hin, weil sie sich beschämt
fühlten.

Bei dieser feierlichen Handlung herrschte eine allgemeine Stille, man
hörte nichts als das Glöckchen am Klingelbeutel, den die Kunstfigur
herumtrug.  Urgockel aber streckte seine steinerne Hand hervor und
segnete Kronovus und Gackeleia mit den Worten:

  "Wie die beiden Hälften Eines,
  Trenne sich vom Andern Keines;
  Und in euren Wappenschilden
  Sollt in einem Myrthenkranz
  Ihr im goldnem Feld abbilden,
  Glänzend, unverletzt und ganz,
  Bretzel und auch Bubenschenkel
  Zum Gedächtniß später Enkel.
  Zwei gekrönte Mäuschen fein
  Sollen die Schildhalter seyn;
  Unter'm Schild am Ordensband
  Hänge als der Treue Pfand
  Des Kronovus buntes Ei,
  Worauf Vivat Gackelei.
  Auf des Schilds zwei Helmen stehen
  Königskrone, Grafenkrone,
  Und Alektryo mit Krähen
  Auf der Königskrone throne
  Und ein starkes Nest behüte,
  Worin Frau Gallina brüte.
  Auf der Grafenkrone Rand
  Schweb' in purpurnem Gewand,
  Hebend mit der kleinen Hand
  Hoch des Glückes Unterpfand,
  Salomonis Siegelring,
  Jenes liebe Wunderding,
  Keine Puppe, sondern nur
  Eine schöne Kunstfigur!"

Nach diesen Worten zog Urgockel seine Hand wieder zurück und war ein
unbeweglicher Grabstein wie zu vor.  Der Organist aber sang eine
schöne kunstfigurirte Arie, wozu Menschen und Federvieh einstimmten
und die Glocken läuteten--denn sieh, ein merkwürdiges Ereigniß hatte
den Bund bekräftiget, die beiden Stücke der Bretzel und des
Bubenschenkels waren fest und wieder Eins geworden, als seyen sie nie
getrennt gewesen.--Gackeleia aber drehte den Ring mit dem Wunsche das
Wappen möge nach dem Willen Urgockels fertig seyn und sogleich stand
es auf einer schönen Fahne neben der Orgel.  Schon wollte man sich
ordnen mit der vorgetragenen Fahne in den Speisesaal zu ziehen, als
Gackeleia an den goldnen Hahn, die goldne Henne, das Geschenk von
Salomo und der Königin von Saba gedachte, das sonst bei jeder
Hochzeit in Gockelsruh im Brautzug getragen worden.  Schnell drehte
sie den Ring und wünschte, dieses Kleinod möge sich im Schatze der
Kapelle befinden und in ihrem Zuge getragen werden.--Da trat ein
Jüngling und eine Jungfrau, beide in morgenländischer Tracht,
herrlich geschmückt in die Kapelle vor eine eiserne Thüre in der Wand,
die mit Rasseln aufsprang.  Da sah man die beiden Brautgeschenke
schimmernd stehen.  Sie nahmen sie heraus und präsentirten sie dem
Brautpaare, welche sie auf den Altare stellten und mit großer Freude
anschauten.--Indem nun Alektryo von der Kanzel das Bild der brütenden
Gallina in der goldnen Henne erkannte, schlug er mit den Flügeln und
krähte gar wehmüthig.  Gackeleia verstand seine Sehnsucht und drehte
den Ring, auch die gute Gallina möge wieder im Kreise ihrer Lieben
verweilen.  Da hob sich ein Wölkchen auf dem Grabstein, wo die
Gebeine Gallinas und ihrer Jungen verbrannt worden, wirbelte, drehte,
ballte sich und ward zum großen Erstaunen aller Anwesenden Hühner,
denen die Federn darüber zu Berge stiegen--Gallina; Alektryo
unterbrach seine ernste Rede und flog von der Kanzel zu seiner
Gefährtin nieder, die er freudig begrüßte; aber Alektryo besann sich,
flog wieder auf die Kanzel, bat die Anwesenden um Vergebung, daß er
von der Freude des Wiedersehens hingerissen, ihre ernsten
Betrachtungen unterbrochen habe und forderte abermals jene sich zu
melden auf, welche sich zu vereinigen gedächten.

Da trat die Primadonna von Gelnhausen in die Kapelle und da der
Organist eben die Fuge anstimmte:

  "Laurentia, schönste Laurentia mein,
  Wann werden wir endlich vereiniget seyn?"

wollte sie künftig die Fugen nicht mehr Solo singen, sondern mit ihm,
da sie aber sich immer mit dem Gesang einander flohen und nachließen,
ohne jemals sich zu vereinigen und ihr Zusammensingen eine Fuga
perpetua, eine immerwährende Flucht war, und da der gräfliche
Erztruchseß hereintrat, vermeldend, daß bereits servirt sey und bei
längerem Verziehen das Fett am Hammelsbraten leicht gerinnen könne,
so ordnete sich der Brautzug die Kapelle zu verlassen.

Man hatte die Wappenfahne bereits in Bewegung gesetzt, die Träger der
Braut-Henne und des Braut-Hahnes hielten bereits diese
Reichskleinodien auf purpurnen Sammtkissen vor ihrer Brust, und
Kronovus und Gackeleia wollten so eben von den Stufen des Altares
herabsteigen, als Urgockel auf dem Grabstein sich abermals sehr
heftig bewegte und mit drohender Stimme sprach:

  "Wohl ist das Sprichwort wahr gestellt:
  Undank ist stets der Lohn der Welt,
  Undank ward dem Alektryo,
  Undank dem Urgockelio.
  Ich habe euch den Ring geschenkt,
  Doch ist hier Niemand, der mein denkt,
  Ich muß euch Ringe wechseln sehn
  Und Keiner will den Ring mir drehn,
  Ich stehe hier auf meinem Stein--
  Verlassen, einsam, ganz allein,
  Und draußen bei der Linde ruht
  Mein edles Weib, Urhinkel gut,
  Sie wählte diesen Ort zum Grab,
  Weil ich sie dort errettet hab'.
  Drei Lilien stehn auf ihrer Gruft
  Und senden Weihrauch in die Luft;
  Wenn ein Geschick vorübergeht,
  Ihr Geist bei diesen Lilien steht,
  Mit denen er zum Himmel fleht'
  Und Gott erhöret ihr Gebet.
  Die Lilien leuchten dann zumal,
  Die Sterne senken Strahl um Strahl
  In ihre reinen Kelche ein;
  Auch schweben schöne Engelein
  In sie hinein und singen fein;
  Das höret Alles klar und rein
  Urhinkel an und stimmt mit ein
  Und läßt das weiße Schleierlein
  Im Sternenschein, im Mondenschein,
  Hin spielen in den Lüftelein;
  Ich aber muß hier einsam seyn
  Und recht in meines Herzens Pein,
  Wie's Kindlein nach dem Mütterlein,
  Nach dem Urhinkel draußen schrein:
  O laß doch den Urgockel dein
  Nicht so allein, allein, allein!
  Du plauderst draußen mit der Lilie,
  Vom Thau berauscht im Sternenschein,
  Mich hüllt hier trocken ohne Familie
  Der alte kalte Epheu ein.
  Urhinkel komm! ich rück' zur Seite,
  Du bist ja Bein von meinem Bein,
  Es ist vollkommen für uns Beide
  Raum, Licht und Luft auf diesem Stein."

Dann schaute Urgockel das Brautpaar sehr gebieterisch an und fuhr
fort:

  "Was euch ist recht, das ist mir billig,
  Ihr wollet zwei und zwei hier seyn,
  Und drum in Zukunft nicht mehr will ich
  Das ein mal eins hier seyn allein;
  Dreh, Gackelei den Ring und führe
  Die Ahnfrau her mit Sang und Klang;
  Bleibt Wahrheit immer vor der Thüre,
  Wird Zeit und Mährchen stäts zu lang."

Gackeleia, welche großes Mitleid mit dem Urgockel hatte, drehte den
Ring Salomonis schnell, schnell mit dem Wunsche, die Gebeine der Frau
Urhinkel möchten aus dem Grabe unter der Hennenlinde erhoben und
Alles bereit seyn, um sie in die Gruft Urgockels beisetzen zu können.
Als sie nun aus der Kapelle hinausgezogen waren, fanden sie Alles
folgendermassen geordnet; im Schatten der Hennenlinde um das
Hennenkreuz standen bei den Lilien drei schneeweiß gekleidete
Klosterjungfrauen und mitten zwischen ihnen schwebte der Geist der
Frau Urhinkel von Hennegau in einem schneeweißen, schimmernden Gewand;
ihr von langen schwarzen Locken umströmtes Haupt war über einem
weißen Schleier mit weißen Rosen gekrönt, auf ihrer Schulter saß eine
weiße Henne, in der einen Hand hielt sie eine goldne Spindel, in der
andern ein feines leuchtendes Brod.  Ihr Angesicht war nicht irdisch
schön, aber von einer himmlischen Liebe und Freundlichkeit übergossen,
man konnte nicht aufhören, sie anzuschauen, ihr Blick war eine
segnende Verbindung von Thau und mildem Sonnenlicht.  In kleiner
Entfernung von ihnen war das Grab der Ahnfrau eröffnet und stand
neben demselben ihr irdisches Kleid im Sarge auf einer Tragbahre;
nicht weit von diesem aber bei jenen Kräutern, die bei dem Begräbniß
Gallina's so großes Beileid bezeugt hatten, stand die Erscheinung von
acht altfränkisch festlich gekleideten Jungfrauen, sie waren mit
Kräutern bekränzt und mit einem Orden an amaranthfarbigem Band
geschmückt.  Eine jede trug ein schönes Huhn in einem Körbchen unter
dem Arm.  Sie blickten alle mit dem Ausdruck ernster Freude und
Rührung nach dem Geiste und dem Leibe der Ahnfrau und waren in einer
lieblich schwebenden Bewegung.  Sie schienen Etwas zu erwarten, die
Tragbahre war mit einer tiefrothen Sammtdecke, worauf das
Hennegausche Wappen in Gold gestickt, bedeckt.  Auf dieser Bahre
stand nun der offne Sarg, worin die liebste Frau Urhinkel ruhte; aber
welch ein seltsamer Sarg! es war ein langer Gitterkorb von Zypressen
und Myrthenzweigen geflochten und mit erstaunlich vielerlei Blumen
durchschlungen, welche durch ihre Namen und Bedeutungen ausdrückten,
wie sehr die Todte von den Armen geliebt worden war, die ihr den Sarg
geflochten und ausgeschmückt hatten und ihrer Leiche gefolgt waren.
Gackeleia hatte oft von dem Blumensarg ihrer Ahnfrau erzählen hören.
Es gab ein Mährchen davon in der Gockelschen Familie, das man den
Kindern erzählte, um ihnen Milde gegen die Armen einzuflößen.--Nun
sah sie diesen Blumensarg vor ihren Augen; aber er war ganz welk und
verdorrt.--Sie wollte um Alles in der Welt den Blumensarg wieder in
seiner ganzen Schönheit sehen.  So drehte sie dann den Ring Salomonis
mit den Worten:

  "Salomo, du weiser König,
  Dem die Geister unterthänig,
  Lasse neu den Sarg verzieren
  Mit des Dankes Blumengaben;
  Wolle uns vorüber führen
  Alle Armen, alle Kinder,
  Die den Sarg gewebet haben;
  All der Liebe Kränzewinder,
  Die in Blumen einst begraben
  Dieses Herz, den Trost der Kinder.
  Sende all die Kronenbinder,
  Jene Blumen einzusammeln,
  Jene Kräuter, jene Halmen,
  Deren Namen Wünsche stammeln,
  Deren Namen Dankespsalmen,
  Süße Grüße, Wohlgefallen,
  Wie unschuldige Kinder lallen.
  Um das Bettlein, wo in Frieden
  Ruht das ird'sche Kleid der Braut,
  Die vom Leib der Zeit geschieden,
  Ward dem ew'gen Geist getraut,
  Werde von dem Dank hienieden
  Neu ein Blumenzelt gebaut.
  Schmücket neu dies Herz mit Blüthen,
  Liebeswerke, die drin glühten,
  Daß die Blumen, Erdensterne,
  Zeitlich hier den Leib umkränzen,
  Wie des Himmels Blumen, Sterne,
  Ewig dort den Geist umglänzen;
  Ringlein!  Ringlein! dreh dich um,
  Schmück' den Sarg, ich bitt dich drum!"

Auf diese Worte Gackeleias ertönte ein leiser, ungemein reiner und
lieblicher Gesang von den drei Lilien her, welche zu Häupten des
Hennenkreuzes standen:

  "O Stern und Blume, Geist und Kleid,
  Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Nach diesen Stimmen nahte hinter der Linde hervor von beiden Seiten
eine gar rührende Prozession von Greisen, Männern, Frauen, Jünglingen
und Jungfrauen, Knaben und Mägdlein, ja Säuglingen auf den Armen der
Mütter.  Alle waren sie durch Kränze und Gewinde der manichfaltigsten
Blumen und Kräuter verbunden, die sie in der einen Hand hielten,
während sie in der andern an weißen Stäben schimmernde Fahnen trugen
und rings um Frau Urhinkel aufpflanzten.  Diese Fahnen aber bestanden
aus nichts anderm, als aus Hemden, Strümpfen, Röcken, Wämsern und
besonders aus vielen allerliebsten, kleinen Kindermützchen, welche
Frau Urhinkel mit eigenen Händen verfertigt hatte, um die Armen damit
zu bekleiden.  Alle die Kleidungsstücke schimmerten wie Silber und
Gold und was mit großem Fleiße, mit großer Liebe und Ueberwindung
genäht war, das war wie mit Edelsteinen und Perlen ausgeziert.  Es
waren die Werke der Frau Urhinkel, welche ihr nachfolgten.  Als nun
alle diese Siegsfahnen um die liebe Seele aufgepflanzt waren, zogen
die Geister der Armen, welche sie durch milde Austheilung der Gaben
Gottes vor Noth, Verzweiflung und Verbrechen gehütet und als dankbare
Kinder in das Haus des Vaters geführt hatte, hin zu dem Sargkorbe,
worin der Leib ihrer Wohlthäterin ruhte, und verwandelten ihn mit
allen ihren Laubgewinden durchflechtend in ein Schiff von Blumen.
Die guten, dankbaren Seelen schmückten das Ruhebettlein der Ahnfrau
mit allem Danke, aller Liebe, die sich durch Blumennamen aussprechen
lassen, und als der Blumensarg neu erblüht war, brach Gackeleia
freudig in die Worte aus:

"o das ist eine schöne Leichenrede, das sind keine rednerischen
Blumen, das ist eine Blumenrede, mir ist, als spräche ich selbst so,
wenn ich diese Blumengewinde ansehe; denn was die Blumen heißen, das
sind sie mir!"

"Ja, liebe Ahnfrau, da ist Augentrost für dich, welche alle Thränen
getrocknet, Liebäugelein für dich, weil du alle Arme so lieblich
anblicktest, brennende Liebe mit den granatrothen Blumen, weil dein
Herz von Nächstenliebe geglüht; Thymian, das gewürzige Demuthkraut
für dich du Demüthige; Ehrenpreis für dich du aller Ehren werthe;
Engelsüß und Engelblume sprechen: "du süßer milder Engel in aller
Noth!--O du Herzblümlein, du Herzenstrost, du Herzensfreude flüstern
drei andre Blümlein;--du Honigblümchen, je länger je lieber hatten
wir dich, sagen andre.--Wie viele stammeln mit Kinderaugen, "Vergiß
mein nicht."-Das Schlafkräutlein spricht: "schlummere süß"--und das
Fühlkraut: "rühr mich nicht an."--Das Mollenkraut, das Wunderbäumchen,
Palme Christi säußelt um dein Haupt.--Das Herrgottsbärtlein weht
durch deine Locken.--Die Passionsblume schaut dich an--ruhe sanft
lieb Denkeli--an deinem schattigen sonnigen Herzen, du Liebstöckel,
blühet dein Herzgespann, das demüthige Sophienkraut, das
Sonnenbräutlein, der Sonnenthau füllt ihm die Löffelchen seiner Hände,
im tiefsten Schatten, wie in glühender Sonne heilend und erquickend.
Dem lieben Herzen, dem es nahe ist, müssen die Feinde vergeben, wie
es ihnen vergiebt, alle müssen es lieben, kein Zauber kann es kränken,
selbst der eigne nicht.--O schlummre selig, der Engeltrank dir Wohl
verleih!--Sey Wohlgemuth, Gottes Gnade, Gottes Hülfe, Gottes Heil
sind mit dir.--Zum Himmel kehr dich du Sonnenwende.--Wandle träumend
durch den Himmelsthau zu dem Kreuzblümlein, dem Jesusblümlein.--Der
Heiland legt den Himmelsschlüssel in deine Hände--Du ewige Blume.
--Gotteshülfe sey dir ewig grün.--Tausendblättchen hast du reine,
feine Garbe voll Heilkraft--und Floramor, Tausendschön, die
purpursammtne Amaranthe schimmert dich an, daß dir das Herz lacht u.s.
w.--Wer kann alle Liebe aussprechen, welche die Blumen
stammelten?--Zu ihren Füßen deutete die Jerusalemsblume, die feurige
Liebe, die Mannstreue auf die Liebe und Treue Graf Gockels.  Alle
diese Blumen waren von vielen weißen Rosen durchflochten und an den
Ecken des Sarges ragten Lilien hervor, und beide wußten nichts
freudigeres zu sagen, als, "sie liebte uns."  In der Hand hatte die
liebe Todte einige Heilkräuter, einen Strauß von Schlüsselblumen,
Chamomillen, Melissen, weißen Nesseln, Lindenblüthe und
Orangenblättern.--Ein Monatröschen, das sie lange gepflegt, blühte in
einem Körbchen an ihrer Seite.--Die ganze sprechende Blumendecke des
Sarges war von einer immergrünen Epheuranke übersponnen, welche an
dem Kreuze zu Häupten des Sarges hinanrankend sagte: "immergrün ist
meine Treue, wer will mich trennen von meiner Liebe, ich halte ihn
und lasse ihn nicht.  Wer ist treuer als ich? selbst von der Wurzel
getrennt, lasse ich nicht von dem, was ich umarmte, und grüne und
lebe klammernd an meiner Stütze.  Mit ewigem Grün umschließet die
Treue die Asche der Todten und bindet die Scherben der Urne; denn
losgerissen würde sie sterben.  Selbst den gefallenen Stamm umgrüne
ich.  Seit ich lebe, ringe ich aufwärts, nicht aus eigener Kraft,
sondern getragen von zuvorkommender Gnade, die ich dankbar mit den
Wurzeln meiner Zweige erfaße.--Weil ich barmherzig den nackten Fels
bekleide, decket die ewige Liebe meine eigne Armuth und trägt mich
aufwärts mit den Barmherzigen, die sie selig spricht; auf daß ich
aufsteige aus der Wüste, gestützt auf den Geliebten überfließend von
Beglückungen."--Solches und vieles andere stammelten die Blumen und
Kräuter, womit die Geister der dankbaren Armen, denen Frau Urhinkel
alle Barmherzigkeit erwiesen hatte, ihren Sarg von neuem schmückten.
--Als sie den Sarg geschmückt hatten, zogen sie sich zu beiden Seiten
der Frau Urhinkel zurück, erhoben ihre Fahnen wieder und traten in
den Hintergrund.

Alles das sahen Gockel, Hinkel, Gackeleia und Kronovus ganz still mit
tiefer Rührung an und nun sprach Gackeleia: "das also ist der schöne
Blumensarg unsrer Ahnfrau von dem du mir so oft erzählt liebe Mutter,
daß die Engel die Blumen dazu im Himmelsgarten gepflückt?"--da
erwiederte Frau Hinkel: "Ja, und er ist noch viel schöner als ich
wußte, denn die Engel waren die Armen, die sie in den Himmel durch
ihre Liebe geleitet und der Himmelsgarten war der Garten ihres
liebvoll barmherzigen Wirkens und alle die Blumen und Kräuter waren
ihre Liebeswerke.  Sie hat mit der Gnade Gottes ihren Garten selbst
gebaut!"--Da sprach Gockel: "Hier kann man wohl sagen, unsere Werke
folgen uns, und wie man von Kummer und Bösem sagt, das ist ein Nagel
in meinen Sarg, kann man wohl von allen Werken der Liebe sagen, sie
sind Blumen auf meinem Grab, o wer sollte sich nicht einen solchen
Garten zu bauen wünschen!"--"Ach," sprach Kronovus, "du mußt helfen
Gackeleia, wir wollen fleißig im Garten arbeiten."  Gackeleia hatte
Thränen in den Augen und nickte still.

So standen sie und sahen den Leib der Ahnfrau an, der ernst und
ehrwürdig und doch so lieblich mit seinem Brautkleid in dem
Blumenbettchen ruhte.  Keine Spur von Verwesung entstellte die
rührende Gestalt.  Sie war ganz dieselbe, wie man sie in dem
Grafensaal in Gockelsruh als Braut gemalt sah, nur noch weiser, noch
reiner.  Das edle, kluge Haupt trug die Grafenkrone über einen Kranz
von Amaranthen, der die reichen mit Perlen durchflochtenen Locken
umfieng und ruhte mit geschloßnen Augen, wie das Antlitz eines
schlummernden Heldenkindes, auf einem runden goldnen, mit Rubinen
verzierten Polster, das sie gleich einem Heiligen Schein umleuchtete;
die eine Wange jedoch lehnte etwas zur Seite geneigt an einem Kissen
von der feinsten schneeweißen Leinwand.--"Kennst du das kleine
Kissen?" fragte Frau Hinkel die Gackeleia und diese antwortete: "o
gewiß, davon hast du mir ja auch erzählt, wie von dem Blumensarg; die
Gräfin Amey von Hennegau spann so fein, so fein, webte so fein, so
fein, und trocknete mit ihrem Linnen die Thränen der Armen; weil aber
noch so fein gesponnen, endlich doch kömmt an die Sonnen, so haben
ihr die Armen dieses Linnen an der Sonne mit Thränen des Dankes
gebleicht.  Sie theilte aber Alles mit ihnen und so auch dieses
Linnen; da haben dann die dankbaren Armen ihr aus ihrem Theil ein
Brauthemd und ein Todtenhemd genäht, und da noch ein Stückchen übrig
blieb, verfertigten sie dies kleine Kissen daraus und nähten den
Spruch darauf. "ein gutes Gewissen ist das ruhigste Kissen."  Es
kamen aber alle Vögelein, denen sie von Jugend auf ihre Brosamen
ausgestreut hatte, herangezogen, und rupften sich selbst aus
Dankbarkeit die zartesten Flaumfederchen aus der Brust in das Kissen,
bis es recht weich und reichlich gefüllt war.  Diese Gaben verehrten
sie der lieben Wohlthäterin als Brautgeschenk und sie nahm sie mit in
den Blumensarg."--"Du weißt Alles noch recht schön," erwiederte Frau
Hinkel, "sieh, zum Andenken dieses so ehrenvollen Ereignisses haben
auch alle Jungfrauen und Frauen unseres Stammes in ihrer Ausstattung
zwei solche Hemden und ein solches kleines Kissen, welche von den
Armen verfertigt werden müssen und dieser Theil der Ausstattung heißt
die Armen-Linnen-Spiegelgabe, weil wir uns an der Milde unsrer
Ahnfrau spiegeln sollen."

"Ach," sagte Gackeleia, "es ist schwer den Blick von dem lieben
Angesicht zu trennen, es ist so ehrwürdig, so ernst wie eine Sybille,
welche Schicksale träumt, so liebvoll sorgend und warnend wie eine
fromme Mutter, und auf der sinnenden Stirne ruht der Friede besiegter
Leiden, und wenn ich ganz bewegt bin und die Thränen mir in die Augen
treten wollen, lächeln mir ihre Wangen und ihre Lippen so kindlich
entgegen und es ist mir, als küße mir ein Kind die Thränen von den
Augen und streiche mir tröstend die Locken von der Stirne."--Da
sprach Gockel: "Kind, du hast ein gutes sicheres Aug, was du sagst,
muß wohl so gewesen seyn.  Sieh, darum hat das liebe Herz, die gute
Ahnfrau auch schon als Jungfrau den Hennegauschen Mägdlein-Orden der
freudig-frommen Kinder gestiftet, dessen höchster Grad hier im Sarge
ihre Brust bedeckt.  Es ist derselbe Orden, den Mutter Hinkel und
auch du jetzt trägst.

Es war in den Tagen der guten Ahnfrau im Lande Hennegau unter dem
weiblichen Geschlecht eine traurige tiefsinnige Andachtsweise
eingerissen; das Ei wollte klüger seyn, als das Huhn, und die Hühner
sprachen erstaunlich viel über umgelegte Eier.  Es war wie eine
Krankheit unter den Mägdlein des Landes geworden, aller weiblichen
Handarbeit und Pflege und ebenso aller Freude und Heiterkeit zu
entsagen und sich allein einem tiefsinnigen Hinbrüten zu ergeben,
wodurch manche auf sehr verkehrte Dinge kamen.--Da nun im Jahre 1310
Porette, eine Jungfrau aus Hennegau, welche die Gräfin Amey kannte,
durch diese Lebensweise auf so unsinnige Meinungen und Lehren kam,
daß sie in Paris zum Feuertode verurtheilt ward, nahm Gräfin Amey
sich dieses so zu Herzen, daß sie sich entschloß, dieser Verkehrtheit
durch ihr Beispiel entgegen zu arbeiten.  Sie errichtete deswegen für
Jungfrauen den Orden der freudigen frommen Kinder, in welchem sie
alle ihre Freundinnen verbindlich machte, mit Arbeit und Pflege für
die Armen, kindliche Freude und Andacht zu vereinigen.  Alles Gute
und Heilige hatte einen Altar in ihrem Herzen, alles Kindliche und
Heitere aber auch eine gastfreie Herberge darin; und so kam die liebe
Amey in ein recht liebes, natürliches Wesen.  Sie ward der Trost der
Armen und die Freude der Kinder, sie selbst nannte sich als
Großmeisterinn des Ordens das arme Kind von Hennegau.  Da begann eine
gute Zeit für die Kinder in Hennegau, welche durch die übertriebene
Selbstbeschauung ihrer Mütter und älteren Schwestern ganz
unbeobachtet, verwildert, schmutzig, zerrissen und zerlumpt geworden
waren.  Die liebe Amey errichtete große Ordensfeste und jede ihrer
Ordensgespielinnen mußte eine Heerde Kinder sauber und reinlich
gekleidet auf die Wiese bringen, wo getanzt und gespielt, gegessen
und getrunken und auch Gott gedankt wurde.  Alle edlen Jungfrauen
wollten in dem Orden der freudig frommen Kinder seyn, und die
weibliche Sitte erhielt eine neue schöne Wendung, so daß es ein
Sprichwort geworden: "Wie wohl wär mir, hätt' ich zur Frau ein' edle
Dirn aus Hennegau!"  Um aber die Verbindung der freudigen Frömmigkeit
und Kindlichkeit zu bezeichnen, um auszudrücken, daß die tiefste
Betrachtung es eben nicht viel weiter bringt, als ein lallendes Kind,
so besteht das Ordenszeichen aus einer Figur, welche auf der einen
Seite ein zur Sonne auffliegendes Lerchlein als das Bild freudiger
Betrachtung und auf der anderen Seite ein kleines, lächelndes
Wickelkind, das sich geduldig von einem Arm auf den andern nehmen
läßt, vorstellt.  Es wird dieser Orden aber an einem amaranthrothen,
mit allerlei Glöckchen und Quästchen und sieben Sächelchen behängten
Bande um den Hals getragen, weil die Amaranthe nicht verwelkt und
ihre tiefe, rothe Farbe auch getrocknet bewahrt.  Die Amaranthe ist
das Sinnbild treuer, beständiger Gottes--und Menschenliebe, und ein
Schmuck geliebter Todten, und es ward dem armen Kind von Hennegau
hier im Blumenbettlein die schöne Amaranthenkrone aufgesetzt, weil es
recht gewandelt ist.  Die Erde trägt eigentlich nur den Schatten
dieser Blume, der Himmel allein bringt sie in der Fülle ihrer ganzen
Bedeutung wirklich hervor, als ein unvergängliches, unbeflecktes,
unverwelkliches Erbtheil, das uns in ihm bewahrt ist.--Die Amaranthe
ist ein Sinnbild der unschuldigen Kindlein, weil diese durch das
Schwert vom Leben getrennt, in ihrem Blute im Himmel wie die
tiefrothen Amaranthen glühen, welche selbst von der Pflanze
abgeschnitten, ihre Farbe nicht verlieren.--Die Amaranthe ist das
Sinnbild der Beständigkeit, der treuen Ausdauer, und von ihr heißt es,
in Kälte und Hitze, auch getrennt beständig, nimmer welkend, in
Thränen erneuet.--Dieser Eigenschaften wegen trägt Gräfin Amey die
Amaranthen-Krone und den Orden am amaranthrothen Band; daß aber am
Saum dieses ernsten Bandes alle die kleinen artigen Spielsachen,
Quasten, Glöckchen, Troddeln hängen, deutet wieder auf unschuldige
Freude am Saum des ernsten Tagwerks, so wie die Beete eines Gartens,
den wir mühselig bauen, mit kleinen lieblichen Blumen eingefaßt sind.
Sieh Gackeleia, wegen der tiefen Bedeutung der Amaranthenfarbe hatte
die gute Ahnfrau auch wohl eine so tiefe Rührung bei ihrem Anblick,
denn sie konnte sich oft gar nicht zurückhalten, wenn sie diese Farbe
sah; oder entsprang die Macht dieser Farbe über sie aus einem
Vorgefühl des Schicksals, das ihr durch dieselbe bevorstand?--ich
kann es nicht entscheiden--nur muß ich dich ermahnen, liebe Gackeleia,
nie eine Hinneigung zu irgend einer Sache allzu heftig werden zu
lassen, damit sie dich nicht endlich überwältige; denn sieh--die gute
Ahnfrau wurde durch diese Farbe gefangen und aus Hennegau hieher nach
Gockelsruh entführt.  Die Räuber, welche wußten, daß sie dieser Farbe
nicht wiederstehen konnte, breiteten auf einer grünen Wiese, auf der
sie oft spazieren gierig, eine amaranthfarbige, seidene Decke aus,
und sangen ein Lied in der Nähe, das sie sehr liebte:

  "Feuerrothe Blümelein,
  Aus dem Blute springt der Schein,
  Aus der Erde dringt der Wein,
  Roth schwing ich mein Fähnelein."

Dieses Lied lockte Amey ans Fenster und als sie den tiefrothen Fleck
im Abendschein auf der Wiese funkeln sah, konnte sie der Begierde
nicht wiederstehen; sie mußte hineilen, und sich auf die Decke
niedersetzen, und so entschlummerte sie.  Da zogen die Räuber mit
verborgenen Schnüren plötzlich die Decke über ihr zusammen, banden
sie auf ein Pferd und entführten sie bis hieher unter die Hennenlinde,
wo Urgockel sie auf ihr Hülfsgeschrei befreite.--Sieh, sie ist ganz
in ein weites amaranthseidenes Gewand gehüllt, das deutet auf jene
Decke, in der sie entführt, gerettet und die Braut Urgockels ward.
"--"Es paßt recht schön," sprach nun Gackeleia, "daß sie diese Farbe
auch hier im Tode trägt, denn so ist sie auch in dieser Farbe von der
Erde entführt, und unter dem wahren Hennenkreuz gerettet, eine Braut
des Himmels und wie ein Küchlein unter die Flügel der Henne
versammelt worden.--Aber sage, warum haben denn die Räuber die liebe
Ahnfrau entführen wollen?--Sie sieht doch gar nicht so
reichgeschmückt aus wie andere Gräfinnen, die von funkelndem
Geschmeide strotzen, und ich habe mich schon über diese Armuth
verwundert, kannst du mir wohl sagen, warum hat sie denn gar keinen
andern Schmuck auf ihrem amaranthseidenen Brautkleid, als nur zwei
kleine Edelsteine auf den beiden Spangen, welche das weite Gewand auf
den Schultern zusammen fassen?"--Da schaute Gockel die Gackeleia
lächelnd an und sprach: "du bist ein rechter Schelm, du fragst mich
über Allerlei, was längst vergessen ist, und dann drehst du heimlich
den Ring Salomonis, damit mir Alles in den Sinn kommen soll, was ich
nie oder doch nur dunkel gewußt habe."--"Freilich mache ich es so,"
antwortete Gackeleia, "denn wie jede Speise ihr eigenthümliches Gefäß
hat, so sind solche alte Geschichten immer am schönsten, wenn sie der
Vater erzählt."--Da fuhr Gockel fort: "du fragst ganz recht wegen den
Räubern, die sie entführten und diesen einsamen Edelsteinen auf ihren
Achselbändern zugleich, denn wegen dieser wollten die Räuber, welches
böse Edelleute aus dem Turgau waren, sie entführen, und Kronovus mag
dich nur gut bewachen, sonst kann dir es auch so gehen; denn auch du
trägst solche zwei kleine Edelsteine auf den goldnen Spangen, welche
die Aermel deines amaranthfarbigen Brautkleides auf der Schulter
schürzen, und es sind diese Spangen deine eigentliche Morgengabe,
welche dir allein gehört.  Es sind die sogenannten heiligen
Lehns-Kleinode der Grafschaft Vadutz, deren Wappen darauf eingegraben
ist.  Vadutz mit seinen Felsenschlößern ist ein Frauenlehn und gehört
allen erstgebornen Gräfinnen von Hennegau, die mit diesen Spangen
auch alle Rechte einer Lehnshuldinn von Vadutz empfangen.  Es ist
eine alte geheimnisvolle Sage mit diesen Steinen verbunden; es heißt,
die wahren, heiligen Gnaden-Kleinode, habe schon Rebecka auf ihren
Schultern getragen, sie seyen wunderthätig, die Ahnfrau habe sie mit
ins Grab genommen, um ihre Nachkommen vor Gefahren zu hüten, und jene,
welche diese trügen, seyen gewöhnliche Edelsteine; das mag wohl auch
so seyn, denn Mutter Hinkel trug diese Kleinode auch, seit sie Gräfin
von Vadutz ward, aber ich habe sie dadurch nie Wunder wirken sehen.
Jedoch sind die Kleinode, wodurch die Gräfin Amey ihre Tochter zur
Gräfin von Vadutz weihte und welche nun bis auf deine Schultern
gekommen sind, an die ächten Edelsteine angerührt worden und mögen so
einen Strahl ihres Segens empfangen haben.  Die ächten heiligen
Lehns-Kleinode aber sehen wir hier auf den Spangen der lieben Ahnfrau,
und in dem großen Buche, welches hier neben ihr im Sarge liegt,
steht von dem Geheimniß dieser Steine, wir wollen es heute nach der
Hochzeitsmahlzeit lesen, jetzt aber sollt ihr mit der Nachricht
Vorlieb nehmen, wie diese Kleinodien und das Ländchen Vadutz an die
Gräfinnen von Hennegau gekommen sind.--Der Vater der lieben Ahnfrau
trug diese Kleinode selbst, er war ein Erb-Graf von Vadutz, vermählte
sich aber mit einer Gräfin von Hennegau, zog mit den Kleinoden nach
Hennegau und nahm dessen Namen an.  Er sehnte sich lange nach einem
Töchterlein; als nun seine Gemahlin die liebe Amey gebohren, war es
gerade Neujahrstag, der Graf von Hennegau war in der Schloßkapelle
und im Augenblick als man sang:

  "Uns ist geboren ein Kindelein,
  Sein Reich lehnt auf den Schultern sein."

kam ein Edelknab gelaufen, er solle geschwind zu der Frau Gräfin
kommen, so eben habe ihr der Klapperstorch ein allerliebstes
Töchterchen gebracht.  Da lief der Graf geschwind hinauf in das
Zimmer der Gräfin und sang den ganzen Weg:

  "Mir ist geboren ein Töchterlein,
  Sein Reich lehnt auf den Schultern sein,"

und als er hinauf kam, saß die Gräfin aufrecht auf ihrem Lager und
hatte das liebe, arme Kind von Hennegau am Herzen, und der Graf war
ganz außer sich vor Freude und lehnte sein Haupt auf die Schulter der
Mutter und sah dem Töchterlein in die lieben Augen und vergoß
Freudenthränen, dann nahm er seine Achselbänder, worauf zwei
Edelsteine, die Reichskleinode von Vadutz, befestiget waren und sagte
feierlich: "weil uns das liebe Töchterchen gerade bescheert worden
ist, da man das Verschen sang, so will ich ihm auch sein Reich auf
seine Schultern lehnen und zwar jetzt dir, als seiner treuen
Vormünderin."  Da heftete er seiner Gemahlin die Achselbänder mit den
Edelsteinen, worauf das Wappen von Vadutz eingeschnitten war, auf die
Schultern und sagte: "Ich belehne deine Erstgeborne durch dich und
alle erstgebornen Töchter ihrer Nachkommen mit dem Ländchen Vadutz,
es sey ein Frauenlehn, ein Kunkellehn in unsren Nachkommen, und
sollen den erstgebornen Töchtern der Grafen von Hennegau, sobald sie
die erste Kunkel des zartesten Flachses für die Armen, ohne den Faden
zu zerreißen, abgesponnen haben, diese Edelsteine auf die Schultern
geheftet und sie so mit dem Ländchen Vadutz belehnt werden."--Du nun,
liebe Gackeleia, trägst jetzt diese Kleinodien auf deinen
Achselbändern.  Der alte Graf von Hennegau sprach nichts von dem
Ursprung und den Gnaden dieser Kleinode, die bei seinen Vorfahren
schon in Vergessenheit gekommen waren, welche aber die Ahnfrau später
von drei Klosterfrauen erfuhr, denen sie zum Lohn ein Kloster
Lilienthal stiftete, es sind dieselben, welche dort neben den Lilien
bei ihr stehen.--Wegen diesen Kleinoden nun und dem Besitz der
Grafschaft Vadutz entführten einige Ritter, welche nicht vom Auslande
her regiert werden wollten, die Lehnshuldin und wurden hier von
Urgockel erschlagen."

Hierauf schwieg Gackeleia ein Weilchen, und da Gockel sie fragte,
"warum sprichst du nicht?" antwortete sie, in dem sie ihm eine
Spindel voll des feinsten Gespinnstes reichte: "Ei Vater, weil ich
jenen Rocken nicht abgesponnen, lehnte mir das Ländchen so schwer auf
den Schultern wie ungerechtes Gut, da drehte ich den Ring Salomonis
geschwind, geschwind am Finger wie eine Spindel und da hab ich sie
nun voll feinem Garn für die Armen und es ist mir wieder ganz leicht
auf den Schultern."

Da lächelten sie alle über die Gewissenhaftigkeit der neuen Königin
Gackeleia von Gelnhausen, Gräfin von Gockelsruh und Hennegau,
Lehnshuldin von Vadutz, und schauten die liebe Ahnfrau weiter an.
Die goldnen Armringe, welche einst die weiten Aermel fest
angeschlossen, waren los an den dürren Armen herabgesunken, die
feinen weißen Hände ruhten an beiden Seiten des Leibes.  Die Linke
hielt die obengenannten Heilkräuter, die Rechte ruhte auf einem
großen Buch und faßte acht lange amaranthfarbige, mit Perlen
gestickte Bänder, welche von dem ähnlichen Gürtel ausliefen, der das
weite Gewand über den Hüften umschloß.  An diesem Gürtel hingen auch
Schlüssel, und ein Löffel, Kinder zu speisen und eine Rassel, Scheere
und Aehnliches.  Die hagern feinen Füßchen schauten so arm und
rührend unter dem Saum des Gewandes hervor, als zitterten sie, und
die mit Perlen gestickten Goldpantöffelchen waren zu weit geworden,
und eines herunter gefallen, so daß der eine Fuß mit den weißen
schimmernden Zehen hervorsah.--Da kniete Gackeleia mit großer Liebe
und Rührung an dem Sarge nieder und küßte den Fuß und benetzte ihn
mit Thränen, mit den Worten: "du liebes armes Kind von Hennegau hast
ja dein Pantöffelchen verloren, o Mutter Hinkel sieh, wie muß das
liebe Ahnfrauchen zu den Armen im Schnee herumgepatscht seyn, die
Spitze des Fußes ist ganz braun, sie hat sich die Füße verfroren,
--wart, ich weiß, was ich thue, in der goldnen Gallina der Königin
von Saba ist eine Frostsalbe, hohle mir sie Kronovus!"--Gleich
brachte Kronovus die Salbe und sie pflegte den Fuß der geliebten
Todten damit und schaute mit Thränen den Vater an und sprach: "Vater
Gockel, das liebe, arme Kind von Hennegau ist schon lange todt, aber
ich darf es doch pflegen, nicht wahr Vater, das ist nicht ganz
unvernünftig? denn sieh, ich muß es thun aus Liebe und Dank und würde
mich schämen, so ich es nicht thäte, ich thue es mit dem Wunsche, es
ihr selbst zu thun, sie wird schon wissen, wozu sie es gebrauchen
kann, vielleicht kann sie jetzt, da ich ihr Liebe erwiesen habe, viel
lustiger im Paradiesgarten herumtrippeln, und dankt mir es."--Unter
diesen Worten küßte Gackeleia den Fuß, den sie gepflegt und nur einem
reinen Tüchlein verbunden hatte und steckte ihn wieder in das
Pantöffelchen, dann erhob sie sich und alle umarmten sie schweigend,
und es ertönte von dem Geiste der Frau Urhinkel mit inniger Freude
der Gesang her:

  "Mein Schmerz ward milder, tausend Dank!
  Lieb ewig heilt, was zeitlich krank,
  Nimm dir zu deiner Liebe Lohn
  Die ächten Steine von Vadutz;
  Im großen Buche findst du schon,
  Wie heilsam dieser Gnadenputz;
  O Stern und Blume, Geist und Kleid,
  Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Es war eine schimmernde Freude in der Erscheinung und den drei weisen
Nönnchen bei den Lilien, die süßer dufteten, als je.--Gackeleia aber
besann sich nicht lange, schnell vertauschte sie ihre Achselspangen
mit jenen des armen Kindes von Hennegau, und nahm zugleich das große
Buch aus dem Sarg und gab es dem Vater.--Gockel blätterte ein wenig
dann und sagte: "es ist kurios geschrieben von beiden Seiten nach der
Mitte zu.  Von einer Seite einhält es die Rechnungen der Grafschaft
Vadutz, von der andern ein Tagebuch.--Potz tausend! was stehen da für
Lehen und Zinsen darin, aber--aber irren ist menschlich, das Kind hat
sich auch da einmal verrechnet.  Hier auf diesem Blatt bei der
Almosen-Rechnung hatte sie subtrahiren sollen, 1 von 100 bleibt 99,
aber sie hat statt dessen gesagt, 1 von 100 kann ich nicht, 1 von 10
bleibt 9 und 9 von 9 geht auf,--das kann ja unmöglich eintreffen,
aber aufgegangen ist's doch, wie Saat im Garten der Armen.--In der
Orthographie war sie auch nicht ganz fest, hier in der täglichen
Haushaltungsrechnung steht immer, eine Maß Michl, ein Schoppen Michl,
immer Michl statt Milch; aber halt, da kömmt Etwas, das muß jetzt
verlesen werden, lies Gackeleia!" und er gab ihr das Buch und sie las:

Gräflich Hennegauische Hühner--und Menschensatzungen Zu der Sache
ewiger Gedächtniß.  Wir von Gottes Gnaden Gräfin Amey, Urhinkel von
Hennegau, allererste Lehnshuldin des Ländchens Vadutz, armes Kind von
Hennegau und des Ordens der freudigen frommen Kinder Stifterin,
erklären in hoher Pünktlichkeit, Komma cum Pünktlichkeit und
Duopünktlichkeit.--Als wir, der abgründlichen Untiefe übertriebener
Beschaulichkeit zu begegnen, unsern Orden errichteten, haben wir
unsern Namensverwandten und ersten Ordensgespielinnen bei
verschiedenen Veranlassungen, welche in den Tagebüchern des Jahres
1318 aufgeschrieben sind, mancherlei Gnaden und Rechte für sich und
ihre weiblichen Nachkommen verliehen, wogegen dem Brautzug und
Leichenzug jeder Gräfin von Hennegau eine Nachkommin dieser
Gespielinnen gottesfürchtig beizuwohnen und ein Huhn an dem
sogenannten Hühnerabend abzuliefern hat.  Auch sollen dieselben
solchen Brautund Leichenzügen mit ihren Namen bezeichnenden Blumen
geschmückt beiwohnen und derlei Blumen zu Füßen des Grabes erhalten,
mit der kindlichen Liebesmeinung, diese möchten dort statt ihrer
beten, wenn sie selbst nicht anwesend seyn könnten.--Eine jede
erstgeborne Tochter meiner Nachkommen nimmt mit ihren mündigen Jahren
das Amt der Ordensgeneralin und den Titel: "das arme Kind von
Hennegau" an und hat an ihrem Gürtel als Braut und als Leiche acht
Bänder von amaranthfarbigem Linnenband befestiget, welche die
Ordensgespielinnen anfassen, wenn sie dem Zuge folgen.  Sie gehen in
dem Grand Cortege dicht hinter den drei Klosterfrauen von Lilienthal.
--Sie haben dies Alles zu erfüllen bei Verlust ihrer Rechte.

Diese unsre Erklärung soll bei Braut--und Leichenzügen den
Ordensgespielinnen jedesmal vorgelesen werden.--Sodann sind die
Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal zu lesen und dieselben
aufzurufen, worauf die Ordensgespielinnen oder deren Lehnserben
aufgerufen und von ihnen die Pflichthühner abgeliefert werden sollen.
Gegeben in unserm Kabinetchen im Jahr, da man sang:

  "Gott grüß dich Mond und Sternenschein,
  Entlaubet ist das Fensterlein!"


Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal.  Als ich am Tage nach
Johanni des Jahres 1318 den drei Fräulein zur Lilien auf Gottes
höhere Mahnung und ihr dringendes Bitten das Kloster Lilienthal
gründete und ausstattete, wurde dieses Kloster Lilienthal
verpflichtet, den Braut--und Leichenzug jeder Gräfin von Hennegau und
Lehnshuldinn von Vadutz, welche das Kleinod auf den Schultern trägt,
von drei Klosterjungfrauen begleiten zu lassen und auf ewige Zeiten
drei weiße Lilien auf meinem Grabe zu erhalten.--Es sind aber diese
drei Klosterschwestern bei solcher Gelegenheit mit den Worten
aufzurufen:

  "Ihr Lilien im Garten
  Gedenket der Nacht,
  Gedenket der Zarten,
  Die bei euch gewacht;
  Gedenket der Gnade,
  Die auf euch gethaut,
  Und duftet am Pfade
  Der lieblichen Braut,
  Und bittet am Grabe,
  In dem sie nun ruht,
  Daß Friede sie habe,
  Die lieb war und gut."

Da neigten sich die drei weißen Klosterfrauen gegen die rechte
Schulter der Ahnfrau und man hörte die Worte wieder:

  "O Stern und Blume, Geist und Kleid,
  Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Hierauf nahte die Mutter Gackeleias dem Sarge und legte vier der acht
Amaranthbänder, die von dem Gürtel der Ahnfrau ausliefen, zur rechten
und vier zur linken Seite des Sarges heraus, und indem sie die weiten
Aermel ein wenig über den hagern elfenbeinernen Händen der Ahnfrau in
die Höhe zog, sprach sie: "sieh Gackeleia, da bewährt sich das
Sprichwort wieder--an der Klaue kennt man den Löwen und an der Hand
die Gräfin von Hennegau.--Wenn wir es auch nicht wüßten, so würden
uns diese Hände sagen, daß sie der Gräfin Amey von Hennegau gehören.
Sieh, Gackeleia, von ihr haben wir die sogenannten Hennegauischen
Dockadaumen oder Gnadendaumen geerbt."  Gackeleia küßte die Hände der
Ahnfrau ehrerbietig, indem sie den Vater fragte, woher denn der Name
Hennegauische Gnadendaumen komme; da erwiederte Gockel: "die ganze
Hennegauische Familie stammt mütterlicher Seite von einem römischen
Kaiser Curio und dessen Weib Docka her, die Christen geworden, nach
Deutschland gezogen und auch das Land Vadutz gegründet.  Es war aber
bei den heidnischen Römern eine grausame Belustigung, Männer mit
Schwertern auf Tod und Leben mit einander fechten zu sehen.  Wenn nun
einer der Kämpfer unterlag, setzte ihm der andere das Messer an die
Kehle und schaute umher, ob man ihn tödten oder begnadigen lassen
wolle; wer nun verlangte, der Ueberwundene solle leben bleiben, der
hob die Hände in die Höhe und schloß den Daumen fest in die Faust,
das war das Zeichen der Gnade; die Kaiserinn Docka soll gleich nach
ihrer Geburt schon die Händchen in dieser Stellung gehabt haben, so
daß die Mutter ausrief: "Ach mein liebes Kind du bist ein Gnadenkind!"
--Docka aber hielt bei jeder Gelegenheit, wo es Hilfe und Rettung
galt, von frühester Jugend auf ihre Händchen immer in dieser
Gnadenstellung, so daß ihre Daumen sich ganz danach bildeten und man
dieselben Gnadendaumen, Dockadaumen nannte, und von ihr ist diese
Handbildung auf alle Gräfinnen von Hennegau, mit der großen Neigung
zu begnadigen und zu vergeben, vererbt.--Sieh Gackeleia, daher kömmt
der Gebrauch, daß man sagt, halte mir den Daumen, wenn man verlangt,
ein anderer solle mit seiner ganzen Seele unser Glück wünschen."

"Nun wissen wir Alles," sprach Gackeleia, "so recht, wie man sagt,
bis auf den Fingernagel; wir wissen, warum die drei Lilien und die
drei weißen Klosterfrauen bei der lieben Ahnfrau unter der
Hennenlinde stehen; und warum dort bei den acht Pflanzen die acht
Ordensgespielen des armen Kindes von Hennegau festlich geschmückt
erscheinen und Hühner in Körbchen unter dem Arm tragen.  Sie kommen
zur Leichen-Uebertragung des ältesten armen Kindes von Hennegau und
zum Brautzug des jüngsten, und das bin ich!--Sie wollen ihre
Pflichthühner abliefern.--Geschwind, geschwind, laßt uns sie
empfangen, ich sehe, sie schwanken schon ein wenig ungeduldig
durcheinander.  Wohlan, ich rufe sie auf--"Im Namen Ihrer
Kindlichkeit der Gräfin Amey von Hennegau, ersten Lehnshuldin von
Vadutz und ersten armen Kindes von Hennegau mahne ich, Gackeleia
Königin von Gelnhausen, Gräfin in Hennegau und von Gockelsruh,
jüngste Lehnshuldin von Vadutz und jüngstes armes Kind von Hennegau,
--Euch, acht erste Ordensgespielen, die acht Pflichthühner
abzuliefern.--Zuerst rufe ich auf.  Fräulein Ornitogalia, für eine am
30. April 1318 empfangene Weide-Gerechtigkeit liefere ab ein
Hirtenhuhn!"

Auf diesen Ruf schwebte Ornitogalia, ein Kränzlein des Kräutleins
Hühnermilch auf den blonden Locken und ein schönes Huhn in einem
Körbchen tragend, zwischen den Sarg und Gackeleia.  Sie verbeugte
sich gegen den Geist der Ahnfrau, küßte dann knieend den Orden, den
der Leichnam im Sarge trug.  Hierauf erhob sie sich wieder, lehnte
ihr Haupt gegen das Kleinod der rechten Achselspange Gackeleias,
setzte sodann ihren Korb mit dem Hirtenhuhn zu ihren Füßen nieder und
nahm ihn wieder unter den Arm, worauf sie das erste der acht
amaranthfarbenen Bänder ergriff und ruhig an ihrer Stelle stehen
blieb.--Hierauf rief Gackeleia nach der Reihe die sieben folgenden
Fräulein auf.  Alle trugen sie Kränze von Kräutern ihres Namens und
den Orden der freudig frommen Kinder, und jede that wie Ornitogalia.
--Osterluzia lieferte für ein am 1. Mai empfangenes Stück Wald ein
Waldhuhn.--Kretellina brachte für das am 7. Mai erhaltene Recht, im
Wald zu grasen, ein Grashuhn.--Serpoleta gab für den am 14. Mai
verliehenen jährlichen Holzbedarf ein Rauchhuhn.--Morgelina hatte am
21. Mai das Recht erhalten, im Walde Laub zu sammeln und brachte ein
Laubhuhn.--Moskatellina entrichtete für ein am 28. Mai empfangenes
Kornfeld ein Aehrenhuhn.--Kornelia leistete ihre Lehnspflicht für
einen am 4. Juni empfangenen Rosengarten mit einem Gartenhuhn.
--Esparsetta entrichtete für ein am 13. Juni, Pfingstdienstag,
empfangenes Feldgut ein Pfingsthuhn.--Als alle Ordensgespielinnen
ihre Pflicht gelöst und die acht Bänder anfassend, zur Rechten und
Linken des Blumensarges standen, erhoben Gackeleia und Kronovus die
beiden vorderen, Gockel und Hinkel die beiden hinteren Stangen der
Tragbahre und zogen mit dem Blumensarge der Kapelle zu.--Der Geist
der Ahnfrau folgte seinem eignen Leibe zu Grab.--Es war ein Anblick
von der rührendsten Erhabenheit.--Hinter dem von den acht
Ordensgespielinnen umgebenen bunten Blumensarg, in welchem das
bleiche, arme Kind von Hennegau in tiefrothem Gewand gleich einem
elfenbeinernen ernsten Jungfräulein zu schlummern schien, schwebte
dessen eigner Geist zwischen den drei weißen Klosterfrauen, welche
Lilien trugen--selbst eine Lilie--in unaussprechlich rührender
Einfachheit, in schneeweißem, langem Gewand, Spindel und Brod tragend,
das verschleierte Haupt mit weißen Rosen bekränzt, mit lieblichem
Frieden im Angesicht über die Blumen und Grasspitzen dahin.  Eine der
drei Klosterjungfrauen, welche sie mehr, als die beiden andern zu
lieben schien, trug ihr demüthig die Schleppe.--Alle drei sangen:

  "Die reine Lilie prangt mit größrer Herrlichkeit,
  Als jemals Salomo in seinem Königskleid,
  Du trägst dies Brautgewand seit deiner Tauf' auf Erden,
  Du konntest herrlicher niemals geschmücket werden."

Worauf der Geist der Ahnfrau mit wehmüthiger Innigkeit wieder sang:

  "O Stern und Blume, Geist und Kleid,
  Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Nun aber folgte der ganze Zug der Geister der dankbaren Armen, welche
den Sarg geschmückt hatten, sie trugen die schimmernden Fahnen von
Röckchen, Hemdchen, Schürzchen, Jäckchen, Mützchen, die guten Werke
des armen Kindes von Hennegau.  Wer aber kam ganz, ganz zuletzt, so
daß gar nichts mehr hinter ihm kam?--Niemand Anders, als jene alte
Frau mit einer blauen Schürze, welche bei allen Prozessionen und
Leichenzügen zuletzt kommen muß--jene gesetzte, solide Person, die
nicht im Himmel ist, nicht auf der Erde ist und die selber nicht weiß,
wo sie ist und wer sie ist.  Alle Nachforschungen der so
ausgezeichneten geheimen Polizei von Gelnhausen haben doch keine
entschiedenere Auskunft über sie zu Stande gebracht, als, es heiße,
sie solle ein buckliches Fragezeichen hinter einer Leichenrede seyn,
man halte sie für eine Art Nachrede, sie gebe sich für ein gewisses
Gewissen aus u. dgl. mehr.--Man suchte ihrer auf alle Weise habhaft
zu werden, man stellte bei allen Blaufärbern Spionen auf, um sie zu
ergreifen, wenn sie etwa ihre Schürze neu wolle färben lassen; aber
sie ließ sie nicht färben.  Endlich ward sie von der
Verschönerungskommission, als geschmacklos und die künstlerische
Würde solcher Prachtzüge störend, und von der Aufklärungskommission
als ein abgeschmackter alter Aberglauben für null und nichtig in
Contumaziam erklärt.--Der Oberhof-Osterhaas schrieb eine gekrönte
Preisschrift gegen sie, worin er sie für eine optische Täuschung,
oder höchstens für das fünfte Rad am Wagen erklärte, welches, so oft
man seiner auch erwähne, doch eigentlich niemals da sey.--Unter der
Regierung des Kronovus aber ward, weil er sie selbst trotz aller
Null--und Nichtigkeits-Erklärung hinter dem Leichenzug seines Herrn
Vaters Eifrasius allerhöchstaugenscheinlich herschleichen gesehen,
alles Schreiben über sie verboten und eingeführt, bei ihrem Anblick
immer einem Armen eine neue blaue Schürze zu schenken; man hat
bemerkt, daß sie seitdem immer eine neue blaue Schürze trägt, und daß
die Blaufärberei in Gelnhausen einen solchen Aufschwung gewonnen hat,
daß sie der Bäcker--und Fleischerzunft gar nichts nachgiebt.

So nun kam der Zug in die Kapelle, wo unter dem Vortritt Alektryos
und Gallinas alles anwesende Federvieh sich tiefneigend Spalier
machte.  Als sie mit dem Sarg vor den Altar kamen, drehte Gackeleia
den Ring, das Grab Urgockels öffnete sich, da sahen sie das Gerippe
des alten Herrn auch im reichen Grafenornat gar ehrbar unten ruhen.

Nun legten die acht Ordensgespielinnen, die acht Bänder in die Hand
der Ahnfrau im Sarge zurück und ergriffen die ähnlichen Bänder, die
zum Gürtel Gackeleias gehörten, und standen eine Weile um sie her.
Man senkte den Sarg neben den Sarg des Urgockels hinab, das Grab
schloß sich, die Jungfrauen stellten ihre Körbchen mit den Hühnern
darauf und legten alle ihre Kränze umher.--Der Geist der Frau
Urhinkel schwebte licht gegen den Grabstein Urgockels, die drei
Klosterfrauen mit den Lilien standen zu dessen Füssen.  Eine
Lichtwolke erfüllte die Kapelle und zog sich oben wie in einen offnen
Himmel hinauf, dahin schwebte der Geist der lieben Gräfin Amey von
Hennegau zwischen den drei Klosterfrauen.--Gackeleia sprach zu den
acht Jungfrauen um sich her: "segne euch Gott, liebe Gespielen, ich
danke eurer Treue, folget dem liebsten Herzen dahin, wo es noch
besser ist als hier in Gockelsruh!" da neigten sie sich gegen ihre
rechte Schulter und schwebten in die Lichtbahn des ersten Kindes von
Hennegau hinan, und die ganze Prozession der Armen zog hinten nach
und man hörte den Gesang:

  "O Stern und Blume, Geist und Kleid,
  Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

immer leiser und leiser, bis er zuletzt ganz verstummte und Alles in
der Kapelle wie vorher war; da sah man das Steinbild der Frau
Urhinkel mit der Urgallina auf der Schulter neben dem des Urgockels
an der Wand und unter demselben schauten drei weiße Lilien über dem
Altare hervor.  Auf dem Grab vor dem Altar hatten die Kränze der
Ordensgespielen Wurzel geschlagen und grünten alle die Kräuter, aus
denen sie bestanden.--Gackeleia übergab die verehrten Hühner dem
Alektryo, der sie sogleich in Eid und Pflicht nahm und nebst der
übrigen Hühnergemeinde in den Hühnerhof führte, wo ihnen ein
Hochzeitsschmaus von Waitzenkörnern, Brodsamen, allerlei Grünem,
Maikäfern, Regenwürmern und andern Delikatessen zubereitet war.
--Während allem diesem wurden fortwährend die Glocken geläutet, lief
die Kunstfigur immer mit dem Klingelbeutel umher und endeten der
Organist und die Primadonna ihre Fuge nicht.--Hierauf setzte sich der
Zug in Bewegung, den Wappenfahnen folgten die blumentragenden Knaben,
die blumenstreuenden Mägdlein, die Jünglinge mit den Geschenken
Salomos;--dann Kronovus und Gackeleia, welche die Kunstfigur im Arm
trug, und zuletzt Gockel und Hinkel, welchen, als sie die Thüre
verließen, Alektryo und Gallina auf die Schulter flogen.--So kam der
Zug in den herrlichen Raugräflich-Gockelschen Speisesaal, wo eine
vortreffliche Mahlzeit aufgetragen war.  Im ganzen Schlosse gieng es
lustig zu, viele gute Leute aus Gelnhausen, die sich damals über
Gockels Pallast so verwundert hatten, waren Extrapost hergefahren.
Der Herr Postmeister hatte nichts zu thun, als einzuspannen, der Herr
Schirrmeister schmierte unerschöpflich, die Herrn Postillone bliesen
sich schier den Athem aus.  Alles was in Gelnhausen kurfähig war,
wurde zur gräflichen Tafel gezogen, und sogar der geheime
Oberhof-Osterhaas, alle Ritter und Ritterinnen des hohen Eierordens;
auch viele reisende Künstler und Gelehrte und Standespersonen, welche
gerade zu der Frankfurter-Messe durchpassirten, benutzten die seltene
Gelegenheit, alle die Herrlichkeit mit anzusehen.--Es wurden der
Gäste so viel, daß Gackeleia alle Augenblicke den Ring drehen mußte,
um den Tisch zu verlängern.  Einen großen Tisch allein bedurfte der
Oberhof-Osterhaas, denn er hatte eine ihm empfohlene großmächtige,
breite Schottländerinn bei sich, deren Gefolge aus einem lebensgroßen
Lebkuchenfiguren-Kabinet und einem Leib-Lebküchler bestand, die Alle
mit ihr an einer Tafel saßen.--Der Oberhof-Osterhaas stellte sie den
hohen Herrschaften mit den Worten vor: "die sehr honorable Kounteß
Samsonia Molle Gothol, Meisterinn von St. Eduards Stuhl, auf welchem
die Könige von England gesalbt werden, eine Nachkomminn der
schottischen Könige, Gothol, Simon Breach, Fergus, Kenneth u.s.w.,
welche schon Jahrhunderte vor christlicher Zeit, auf jenem Steine
gethronet haben, auf dem Jakob bei Bethel Luz schlief und der jetzt
in St. Eduards Stuhl bewahrt wird, dessen Pflege ihr anvertraut ist.
Diese hohe Dame ist mir von der Akademie der old druidical
Superstitions dringend empfohlen, sie hat sich eine schwarze
Melancholie durch zu urälterliche und altvorderliche Studien
zugezogen, indem sie schon auf ihrem Kinderstühlchen vor St. Eduards
Stuhl bei dem darin bewahrten Steine Jakobs anfangs mit der Puppe
spielend zur Wache gesessen und dann durch stätes Brüten über die
Herkunft dieses Steins vor lauter Kindern Gottes und der Menschen und
den vielen Kindern Israels die eigne Kindheit verloren hat.  Nun aber
reist sie mit ihrem Kinderstühlchen umher, dieselbe wieder zu finden
und darauf zu setzen.  Da sie Alles vom Ei an ergründen muß, und von
meinen geringen Verdiensten als unwürdigem Oberhof-Osterhaas gehört
hat, hat sie gehofft, vielleicht in einem Osterei, den wahren
Kindskopf zu finden, aber leider vergebens!--Es ist ihr bei längerem
Aufenthalt in der Grafschaft Vadutz bekannt geworden, daß die
Lehnshuldinnen dieser Grafschaft die Achselspangen Rebekkas auf den
Schultern tragen, und weil sie weiß, daß diese Kleinode mit dem Stein
Jakobs zusammenhängen, so wünscht sie für ihre Studien eine nähere
Kenntniß dieser Alterthümer aus schriftlichen, gleichzeitigen
Urkunden zu erlangen.--Die bei ihr befindlichen Lebkuchen sind ihre
theils noch heidnische Vorfahren, die schottischen Könige Gothol,
Breach, Fergus, Kenneth und dergleichen.  Der sie begleitende
Leib-Lebküchler arbeitet mit lauter Honig aus dem Rachen des Löwen
Samsons, und da sie eine Vorstellung dieses ihres Namenspatrons, wie
er seine Feinde mit dem Eselskinnbacken erschlägt, in
Honigkuchenteich poussiren lassen will, hat sie ihn mitgenommen, um
Studien zu skitziren, was sehr unterhaltend ist; er hat mich schon
portraitirt, und es gleicht, wie kein Osterei dem andern.--Diese
würdige Märtyrin der Ernsthaftigkeit empfehle ich nun der
theilnehmenden Kind--und Kinds-Kindlichkeit der königlichen und
gräflichen Familie, allerunterthänigster, unwürdiger
Oberhof-Osterhaas."  Gackeleia empfand eine große Theilnahme für die
honorable Kounteß und wollte sie umarmen, sie war aber zu groß und zu
breit und wollte sich nicht bücken, da half sich Gackeleia mit dem
Ring und drehte die Kounteß herunter, daß sie gerade groß genug war
und schloß sie herzlich in ihre Arme, wobei dieser sehr wohl zu Muthe
ward, so daß sie lächelnd sagte: "Euer Kindlichkeit können auch mehr
als Brod essen!"-Gackeleia lächelte und drehte die Kounteß wieder in
ihre große, breite Gestalt zurück, worauf sich Alles zu Tisch
niedersetzte.--Daß Gackeleia mehr als Brod essen konnte, bewies der
Küchenzettel der hochzeitlichen Mahlzeit; denn aus Achtung für die
Kounteß verwandelte Gackeleia durch den Ring Salomonis die ganze
Gelnhausische Mahlzeit in eine Schottländische, und die Verwunderung
der auftragenden Bedienten und die Verlegenheit der Gelnhauser Gäste,
die nicht wußten, wie sie die fremden Gerichte anfassen sollten,
erlustigte das ganze Fest.--Besonders viel zur allgemeinen Freude
trug der Leib-Lebküchler der Kounteß Gothol bei.  Sie saß zwischen
den Bildern ihrer Vorältern, er neben dem Oberhof-Osterhaas unten an
und war in stäter Arbeit, daß ihm der Schweiß ausbrach, er hatte
einen großen Kübel Honigteich neben sich, und indem er mit großen
Appetit zu essen schien, knetete er mit Löffel, Messer und Gabel, das
Bild irgend eines Anwesenden aus Teig auf den Boden seines Tellers,
dann begehrte er einen frischen Teller und ließ den andern am Tische
von Hand zu Hand gehen, was ein großes Aufsehen unter allen Gästen
machte.  Als nun Gackeleias Bild zu Kronovus und des Kronovus Bild zu
Gackeleia kam, fanden diese sich so getroffen, daß sie sich freßlieb
gewannen, und das wurde auf einmal Mode am Tisch, Einer aß des Andern
Bild auf.  Da drehte Gackeleia, die melancholische Kounteß auch
wieder durch eine Artigkeit zu erheitern, den Ring Salomonis, daß
alle ihre Lebzelten-Vorältern neben ihr leben und mit ihr sprechen
möchten und eben so möchten die neugeformten Gesichter mit dem
Lebküchler thun.  Das gab nun einen seltsamen Spaß, die alten
Schottischen Könige fiengen an mit der Kounteß, und dann unter
einander von dem Stein Jakobs zu disputiren und zwar sehr heftig, die
Gesichter, welche der Künstler auf die Teller formte, schnitten
Gesichter und streckten ihm die Zunge heraus, er wurde unwillig
darüber, knetete ihnen die Mäuler zu, da bliesen sie dann die Backen
auf, kurz es ward eine stäte Abwechslung von Grimassen.  Da nun alle
die Könige anfiengen, dem Meth und Aepfelwein tüchtig zu zusprechen
und auch dem Lebküchler häufig zutranken, gab es Streit und sie
warfen sich die Teller ins Gesicht und modellirten sich ganz grandios
mit den Humpen auf den Köpfen herum.  Diese alten Schotten-Könige
hatten eine Art Bauernkrieg unter einander und bald war dieser bald
jener Trumpf,--und dazwischen wurde immer vom Stein Jakobs geschrieen,
ohne daß sie irgend einig werden konnten.  Alles das ward der guten
Kounteß ein Stein des Anstoßes, sie wußte gar nicht mehr, was sie von
ihren Altvorderen halten sollte, sie kam zitternd und bebend mit
ihrem Kinderstühlchen zu Gackeleia gelaufen und lehnte ihren großen
Kopf Hilfe suchend, da Gackeleia, um dem Streite zu zusehen, auf den
Stuhl gestiegen war, ganz bequem gegen das Achselband ihrer rechten
Schulter mit den Worten: "o mein Gott, welch ein Greul, o wo seyd ihr
hin, ihr schönen Tage meiner Kindheit!"--Gackeleia aber drehte den
Ring mit dem Wunsche, alle die Streitenden möchten sich in
unschuldige, belustigende Gegenstände verwandeln und alsbald wurden
die Könige und der Lebküchler zu Hollundermännchen, welche sich
einander auf den Kopf stellten und wieder auf die Füße purzelten, was
allgemeinen Beifall fand.  Die Ueberreste der Lebkuchen-Bilder wurden
theils von den Originalen, theils von Alektryo und Gallina verzehrt.
--Selbst die Kounteß lächelte darüber und sagte: "seit ich die
Achselspange der Rebecka berührt habe, ist mir ein solcher kindlicher
Friede, eine solche Lust ins Herz gekommen, daß es mir lächerlich
vorkömmt, wie ich so entsetzlich über den Stein Jakobs habe studieren
können, o jetzt habe ich keinen Wunsch mehr, als daß ich noch, wie
einst auf meinen Kinderstühlchen neben St. Eduards Stuhl sitzen und
meine Puppe darauf stellen könnte."--Diese Rede gefiel der ganzen
gräflichen Familie so wohl, daß Gockel ihr Kinderstühlchen auf den
Tisch und die Puppe daraufstellte, worauf er ihr den eignen Orden der
Kinderei, Kronovus den Orden des goldnen Ostereis mit zwei Dottern,
und Gackeleia den Orden der freudig frommen Kinder umhängten, sie
rückten zusammen und nahmen sie in die Mitte und tranken Gesundheiten
und Alles war voll Lust und Herrlichkeit.--Gockel aber nahm nun das
große Tagebuch der Ahnfrau, das vor ihnen bei den Geschenken Salomos
und der Königin von Saba auf dem Tische lag und überreichte es der
Kounteß mit der Bitte, da sie sich so sehr für schriftliche Urkunden
interessire und eine so schöne Aussprache habe, möge sie mit der
Vorlesung die Mahlzeit beschließen; wahrscheinlich werde dort zu
ihrer Freude auch etwas von den Spangen der Rebecka und dem Steine
Jakobs verzeichnet seyn.--Sie nahm das Buch, blätterte ein wenig
darin hin und her, wie ein Kind, das keine Lust zu lesen hat, und
sagte: "es sind gar keine Bilder darin, das ist Schade, es ist mir
auch jetzt ganz unleserlich zu Muthe; mir ist so lustig und kindisch,
daß ich mich ordentlich zusammennehmen muß, um mich nicht da auf den
Tisch hinauf auf mein Kinderstühlchen zu setzen und mit den Füßen zu
pampeln.  So lächerlich, ja unmöglich dieses bei meiner allzu
großmächtigen Figur nun scheint, muß ich dennoch leiblich dagegen
kämpfen; denn mein Seelchen sitzt wirklich schon darauf und läßt
jedermann seine schönen, neuen, rothen Schuhe bewundern.  Nein, jetzt
lese ich nicht--ich habe eine große Angst, wieder in die
Untersuchungen alttestamentarischer Antiquitäten zu fallen, mir ist,
als verstünde ich jetzt erst den Stein Jakobs recht, mir ist, als
stiege ich mit den Engeln auf der Himmelsleiter, die er auf diesem
Steine schlafend im Traume gesehen, auf und nieder, und wir spielten
zusammen und einer von ihnen hat mir gesagt: "sey ein frommes Kind,
laufe nicht in alle Gassen hinein, halte dich hübsch fest an der
Schürze der Mutter und trau den falschen Ammen nicht--die treuen
Kinder wird die Mutter gewiß zum lieben Vater bringen, und da giebt
es Kuchen und Herz, was verlangst du?"--seht, so ist mir--ich will
mir keine neuen Skrupel in den Kopf setzen; aber ich will Euch
hernach doch aus dem Buche lesen--jetzt nun hätte ich vor mein Leben
gern, daß die liebe Gackeleia mir und uns Allen das wünsche, was ihr
das Liebste und uns Allen das Nützlichste und Gott das
Wohlgefälligste, am Ende aber ein wenig plaisirlich für jedermann
wäre.--Wünsche, Gackeleia, wünsche, bitte, bitte, bitte!"--Die große
majestätische Schottländerin sagte dies so von ganzen Herzen, so ganz
wie ein unschuldiges Kind, das erst der Flamme des Lichtes mit den
Händchen winkt, und weil sie nicht gleich naht, unbesorgt hinein
greift, ja so ganz von Herzen, daß sie in ihrer jetzigen Aeußerung
einem schönen, schimmernden Schmetterling glich, der sich aus der
finsteren Hülle einer Puppe, wie aus einem Kerker hervorwindet; die
Flügel träumend entfaltet, und rührt und ruft: o Blumen her, Rosen,
Lilien, mich zu schauckeln!--o es war rührend, leicht hätte er das
Licht selbst für eine in der Nacht leuchtende Lilie halten und den
Tod darin finden können.--Gackeleia fühlte das Alles so tief, daß sie
die gute Samsonia Molle Gothol ans Herz drückte, mit den Worten:
"gewiß, gewiß, du bist die erste liebste Ordensgespielin des armen
Kindes von Hennegau!"--Da blickte Gackeleia den Kronovus und Vater
und Mutter und alle Gäste gar lieblich, schlau und kindlich lächelnd
der Reihe nach an und hob den Ring an dem Finger mit der Frage empor:
"wollt ihr von Herzen mit Allem zufrieden seyn, was ich wünsche?" und
alle riefen einstimmig: "ja, ja, von Herzen zufrieden, wünsche
Gackeleia, wünsche!"

Nun umarmte Gackeleia Vater und Mutter und den Kronovus und drückte
die schöne Kunstfigur ans Herz und reichte allen Gästen der Reihe
nach die Hand--dann schaute sie rings um aber das fröhliche Volk,
über Schloß, Hof und Garten, über die ganze freudige Umgegend und
sprach: "o wie ist Alles so einig und freudig umher! nur Eines bleibt
zu wünschen übrig--ich wünsche es," da drehte sie den Ring Salomonis
am Finger und sprach:

  "Salomo, du weiser König,
  Dem die Geister unterthänig,
  Setz' uns von dem stolzen Pferde,
  Ohne Fallen sanft zur Erde,
  Führ uns von dem hohen Stuhle
  Bei der Nachtigall zur Schule,
  Die mit ihrem süßen Lallen
  Gott und Menschen kann gefallen,
  Laß, das hohe Lied zu singen,
  Uns aufs Kinderstühlchen schwingen,
  Führ uns nicht in die Versuchung
  Unfruchtbarer Untersuchung;
  Nicht der Kelter ew'ge Schraube,
  Nein die Rebe bringt die Traube.
  Mach' einfältig uns gleich Tauben,
  Segne uns mit Kinderglauben.
  Lasse uns um jede Gnade
  Kindlich bitten, kindlich danken
  Und durch Dorn und Blumenpfade
  Treu gepflegt sie ohne Wanken,
  Freudig, doch mit frommem Zagen,
  Hin zum lieben Vater tragen.
  Laß die Engel bei uns wachen,
  Daß wir wie die Kinder lachen,
  Daß wir wie die Kinder weinen,
  Laß uns Alles seyn, nichts scheinen.--
  Mache uns zu Kindern Alle,
  Jedes sey nach seiner Art,
  Wie's dem lieben Gott gefalle,
  Einsam oder treu gepaart.
  Bricht ein Herz am andern Herzen,
  Mach ihm Blumen aus den Schmerzen,
  Daß mit duftendem Gewinde
  Seine Wunde es verbinde,
  Roth, wie Amaranthen blühe,
  Bis in Schmerzen es verglühe.
  Wessen Herz ein Anderes spiegelt,
  Der sey rein und stark geflügelt,
  Daß er heil empor es trage
  Zur Befriedung aller Klage,
  Zur Erlösung aller Frage,
  Aus der Nacht zum Herrn der Tage.
  Zieh'n schon Engel durch die Halmen,
  Wogt das Korn schon Well auf Welle,
  Naht der Schnitter unter Psalmen,
  Spielen Kinder auf der Schwelle
  Doch mit Blumen roth und blau,
  Die des letzten Tages Thau
  Bräutlich schmückt mit mildem Glanz
  Für des Festes Erndtekranz,
  Und sie singen: Uns liebt morgen,
  Der uns heut so treu geliebt,
  Ein fromm Kind braucht nicht zu sorgen,
  Wenn's noch Heut und Morgen giebt;
  Und kömmt erst die Ewigkeit,
  Halt ich reinlich nur mein Kleid,
  Bin ich fertig und bereit
  Und geh ein zur Herrlichkeit.
  Darum liebster Salomo!
  Mach uns heute groß und klein
  Gleich zu solchen Kinderlein,
  Knaben derb und Mägdlein fein,
  Die im Grase frisch und froh
  All in Kleidchen nett und rein
  Rings um den Alektryo
  Glücklich bei einander sitzen
  Und die Ohren horchend spitzen.
  Mach, daß Alles auf ein Häärchen
  Nichts ist, als ein altes Mährchen,
  Das der Hahn uns hübsch erzählt,
  Den wir lang darum gequält,
  Und die Puppe, nein--die nur
  Eine schöne Kunstfigur,
  Sey gleich eine ganz scharmante,
  Aprobirte Gouvernante,
  Schmeidig, wie ein Seidenfädchen,
  Zierlich, wie ein Silberdräthchen,
  Die mit zimperlichen Schritten
  Einen Kuchen schon zerschnitten,
  Weil das Beste kömmt zuletzt,
  Lächelnd vor uns niedersetzt.
  Und wir drängen uns um sie,
  Herzen und bekränzen sie,
  Und sie stimmet mit uns ein:
  "Bitte, bitte, artig seyn!"
  Und wir patschen in die Hände,
  Und das Mährchen hat ein Ende;
  Ringlein, Ringlein, dreh dich um,
  Mach es so, ich bitt dich drum!"

Während Gackeleia diese Worte theils mit tiefer Rührung, so daß ihr
die Thränen in die Augen traten, theils lächelnd mit gutmüthigem
Muthwill aussprach, drehte sie den Ring immer schneller, denn sie
ward immer ungeduldiger, wieder ein Kind zu seyn.  Kronovus hängte
sich an ihren Arm, er war ordentlich bang, sie würde ganz klein
werden und ihm endlich gar verschwinden; weil sich aber in seiner
Seele alles zugleich mit ihr veränderte, merkte er keinen Unterschied.
--Das verschiedene Betragen aller Gäste war lustig anzusehen, einigen
sehr soliden Standespersonen aus Gelnhausen war gleich anfangs schon
nicht recht wohl bei dem Handel zu Muthe, sie waren froh, die
Kinderschuhe ausgetreten zu haben, sie fürchteten, sie müßten wieder
in die Schule und besonders in die Kinderlehre gehen und würden sehr
beschämt werden, weil sie den Katechismus ganz vergessen hatten.
--Einige Damen dachten auch, man könne sich das Verjüngen bis auf
einen gewissen Grad wohl gefallen lassen, dann aber wollten sie sich
unter irgend einem Vorwand zurückziehen; so kam es dann, daß vielen
gleich anfangs übel ward, daß sie Nasenbluten bekamen, heftig zu
husten anfiengen und sich aus dem Staube machten.  Andere, welche
tüchtig gegessen und getrunken hatten, begannen zu gähnen und
schliefen ein oder fiengen an zu tändeln und zu spielen und ganz
kindisch vertraut allerlei Neckereien mit ihren Nachbarn zu treiben.
--Es kam viele Natur, viele Art und Unart, aber auch gar viel
verstecktes Liebes an den Leuten zu Tag.--Da nun Gackeleia mit ihrem
Wunsche fertig war, zog sie den Ring ab und legte ihn auf den Teller,
um ihn für immer dem Kronovus zu überreichen, aber Alektryo, der
neben ihr auf der Schulter Gockels saß, zuckte mit dem Schnabel
hervor nach dem Ringe und verschluckte ihn wieder, in demselben
Augenblicke gieng der Wunsch Gackeleias plötzlich in seine ganze
Erfüllung.--Die großmächtige Schottländerin hatte noch gerade so viel
Zeit, das große Tagebuch der Ahnfrau unter den Arm zu klemmen und ihr
Kinderstühlchen zu erwischen, denn sonst hätte sie mit den andern
Kindern auf der Erde sitzen müßen.--Mehr als drei dutzend Personen
waren gerade noch übrig, und diese waren auch richtig in eben so
viele gesunde vergnügte Kinder verwandelt, die auf einem schönen,
blumigen Grasplätzchen am Rande eines Kornfeldes um den Hahn Alektryo
herumsaßen, der ihnen die Geschichte erzählte, die ein altes Mährchen
war, welches er in seiner Kindheit von einem italienischen
Schokolademacher gehört, und um das sie ihn schon lange gequält
hatten.  Als er nun eben fertig war, kam das Beste zuletzt, nicht die
Puppe, sondern nur die allerschönste Kunstfigur war in eine wohl
aprobirte Gouvernante verwandelt und trippelte mit einem
Präsentirteller, worauf ein großer, schon getheilter Kuchen lag,
mitten unter die Kinder und ließ sich auf ein Knie nieder und setzte
den Kuchen auf den Rasen zwischen die Kinder.  Da war der Jubel
allgemein, die Kinder drängten sich um sie, umarmten sie,
schmeichelten ihr, setzten ihr Kränze auf, machten Musik, schrien
Vivat, und jedes that nach seiner Art, gesellt oder einsam; es waren
auch Kinder da, die schliefen, die gähnten, die aufwachten, die sich
neckten, versteckten, liebkosten, Kränzchen aufsetzten.--Sie hatten
ihre Lämmchen, Hündchen, Vögelchen u.s.w. bei sich.--Unter allen
diesen lustigen Kindern saß Eines ein wenig abgesondert, etwas
ernsthafter auf einem Kinderstühlchen, es hatte ein großes Buch unter
dem Arm, ein Schmetterling lebte und starb ihm auf dem Händchen.  Es
schien ein Bißchen tiefsinnig, wie träumend, als sey es einmal eine
sehr große breite Figur gewesen und könnte sich noch nicht in Alles
recht finden.  Ein Knabe auf dem Steckenpferd wollte es vorwärts
reißen, wodurch es sich noch mehr zusammennahm.  Es sah auf den
Kuchen hin, auf welchem seine Vorältern, als Hollundermännchen um
eine Puppe herumpurzelten.--Es lächelte kaum, denn es hörte in der
Ferne die ernsten Psalmen des Schnitters, es hörte das Wogen der
Aehren Welle auf Welle, und wenn es gleich freudig mit den andern
Kindern auf der Schwelle des Erndtefestes saß, so spielte es doch
nicht mit den blauen und rothen Blumen, die vom Thau des letzten
Tages schimmerten, sondern es gedachte dieses Tages und sah die Boten
der Erndte, zwei Engel aus dem Weizen hervortreten; der eine führte
ein armes verwaistes Kind, das lange keine Freude gehabt, hin auf die
Schwelle, wo die freudig frommen Kinder spielten, und zu dem Kuchen,
der da ausgetheilt ward.--Da sagte das nachdenkliche Mädchen auf dem
Kinderstühlchen vor sich: "ach und das Leben ist doch so ernst!
"--Gleich darauf sah es den zweiten Engel, sich aus dem Korn
hervorbeugend, mit einem andern Kinde in das Nest der Gallina schauen,
welche dort brütete; da sprach das ernste Kind:

  "Engel, die Gott zugesehn,
  Sonn und Mond und Sterne bauen,
  Sprechen: "Herr, es ist auch schön,
  Mit dem Kind ins Nest zu schauen!"

Darüber dachte es nun wieder nach, als der Knabe auf dem Steckenpferd
vorüber reitend es an der Schürze zupfte.

Als nun Alles so voll Freude und Jubel über die wohlaprobirte
Gouvernante und ihren Kuchen war, sagte diese, dem Ungestümm der
Kinder wehrend: "bitte, bitte, artig seyn, jetzt will ich austheilen."
Da patschten Alle so freudig in die Hände, und ich vor allen so
unmäßig, daß mir die Hände noch brennen, denn ich war auch dabei,
sonst hätte ich die ganze Geschichte ja nie erfahren und hätte keinen
Kuchen erhalten von der Puppe--nein der nur allerschönsten Kunstfigur
u.s.w.

***


  Alle patschten in die Hände
  Und das Mährchen schien am Ende
  Selbst ganz artig zugespitzt,
  Ja ein kleines Sternchen blitzt
  Unten an der Himmelsleiter
  Unter einem--und so weiter;
  Und dies heißt: der kleine Stern
  Plauderte noch gar zu gern;
  Denn, wie sichs versteht am Rande,
  Hat die edle Gouvernante
  All die Kinder heimgeführt,
  Und dann, wie es sich gebührt,
  Gleich die Schaar, daß sie gedeihe,
  Rein gewaschen, nach der Reihe
  Umgekleidet und gepflegt,
  Wie ins Bett man Kinder legt;
  Und weil Alles auf ein Härchen
  Mußte sein ein artig Mährchen,
  Kämmt' und flocht den Kinderköpfchen
  Allen sie die linden Zöpfchen,
  Sprengte dann mit Wassertröpfchen
  Noch die lieblichen Geschöpfchen,
  So wie Blumen man erquickt,
  Die man in die Kirche schickt,
  Und nun ist sie fromm mit Allen
  Auf die Kniee hingefallen,
  Hat mit ihnen süß gesungen,
  Daß zum Himmel es gedrungen:
  "Müde bin ich, geh zur Ruh,
  Schließe beide Aeuglein zu,
  Vater, laß die Augen dein
  Ueber meinem Bette seyn;
  Hab ich Unrecht heut gethan,
  Sieh es, lieber Gott, nicht an,
  Deine Gnad und Jesu Blut
  Macht ja allen Schaden gut;
  Vater hab mit mir Geduld
  Und vergieb mir meine Schuld,
  Wie ich Allen auch verzeih,
  Daß ich ganz in Liebe sey.
  Alle, die mir sind verwandt,
  Herr laß ruhn in deiner Hand,
  Alle Menschen groß und klein
  Sollen dir befohlen seyn.
  Kranken Herzen sende Ruh,
  Nasse Augen schließe zu,
  Laß den Mond am Himmel stehn,
  Und die stille Welt besehn!"--
  Alle sagten dann gut Nacht,
  Haben lieb sich angelacht,
  Zu einander nach der Reihe
  Sprachen sie: "verzeih, verzeihe,
  Morgen, läßt uns Gott erwachen,
  Wollen wir es besser machen."
  All ins Bettchen dann gesteckt
  Hat sie und hübsch zugedeckt.
  Als sie dann in sich gekehrt
  Suchte, was ihr Gott bescheert,
  Trat ihr Engel ihr entgegen
  Und gab ihr den Kindersegen,
  Und, was Alles sie geträumt,
  War mit Himmelsgold gesäumt.
  Nicht lang nach dem Abendlied,
  Als die Gouvernante schied,
  Alle Kinder einen tiefen
  Traum-durchblümten Schlummer schliefen;
  Eines nur verließ das Pfühlchen,
  Mit dem Buch und Kinderstühlchen
  Wollt's zum Mond in's Freie gehn
  Und die stille Welt besehn.
  Und ich folgt' ihm, sah im Traum,
  Wie es an der Aehren Saum
  Zwischen Lilien in dem Feld
  Vor Sankt Eduards Thronstuhl dicht
  Hat sein Stühlchen hingestellt.
  Aus dem Thronstuhl sind von Licht
  Dann zwei Pflanzen aufgeschossen,
  Blatt vor Blatt gleich Leitersproßen
  Waren wie das Blatt des Mohns
  Und des Siegels Salomons,
  Und sie wuchsen bis zum Mond.
  Oben in dem Strauße thront
  Mild ein Weib in ernster Feier,
  Thront die Nacht in weiter Hülle,
  Schauet, thauet durch den Schleier
  Mutterstille, Mutterfülle
  Träumerisch vom blauen Zelt
  Auf das goldne Aehrenfeld.
  Ihr zur Rechten, ihr zur Linken
  Auf des Mohnes Blumen winken
  Sterne, Kinder aller Launen,
  Die da sinnen, harren, staunen,
  Beten, sehnen, prophezeihen,
  Wenig wohl um uns bekümmert
  Schweigen und ins Herz uns schreien.
  Während oben es so schimmert,
  Blättert unten in dem Düstern
  Still das Kind im großen Buche,
  "Find' nicht," sprach es, "was ich suche,
  Hör, doch alle Blätter flüstern
  Von des Jakobs Schlummerstein
  Und Rebeckas Edelstein,
  Was zu lesen ich so lüstern;
  Stiegen doch die Engel wieder
  Auf der Himmelsleiter nieder,
  Brächten mir ein Bischen Licht!
  Denn trotz Mond und Sterngefunkel
  Ist's zum Lesen doch zu dunkel.
  Sieh, als kaum das Kind so spricht,
  Nahen auf der lichten Bahn
  Gleich zwei Engel sich geschwinde
  Mit zwei Sternlein und dem Kinde
  Zünden sie die Lilien linde
  Zu des Thronstuhls Seiten an,
  Und nun ist es hell zum Lesen
  Wie in einem Chor gewesen,
  Wo man wechselnd singt die Psalmen,
  Als das Kind hat intoniret,
  Haben auf des Mohnes Halmen
  Gleich die Sterne respondiret:
  "Stern und Blume, Geist und Kleid,
  Lieb, Leid, Zeit und Ewigkeit."
  Und den ganzen Wiederhall
  Sang das Lied der Nachtigall,
  Die da auf dem Thronstuhl saß
  Und kein Wörtchen je vergaß,
  Das das Kind im Buche las.
  Und ich sah das Kind im Singen
  Sich zum höhern Chor erschwingen,
  Wie es so emporgestiegen,
  Ließ sein Buch es unten liegen,
  Hat zu mir sich umgeschaut,
  Und sprach milde, wie es thaut:
  "War in Schottland einst geboren,
  Irrt in Irland lang verloren,
  Geh ins wahre Engelland
  An der lieben Engel Hand;
  Gieb mir Acht auf meine Sachen,
  Wenn die Kinder all erwachen,
  Lese ihnen aus dem Buch
  Von dem Segen, von dem Fluch,
  Von des Kleinods Heil und Noth,
  Von der Fahne weiß und roth,
  Von dem Wolfbrand Hammelstutz
  Und dem Hego von Vadutz;
  Jetzt gut Nacht, auf Wiedersehn!"
  Und da war's um mich geschehn,
  Kind gieng in den Himmel ein,
  Und ich blieb allein, allein!
  Rings die weite, weite Nacht
  Und der Sterne ernste Pracht,
  Keiner hat an mich gedacht,
  Keiner hat mich angelacht.
  In der Lilien Wunderlicht
  Sitz ich gleichsam vor Gericht,
  Und das liebe Kinderstühlchen
  Ward mein Armesünderstühlchen;
  In die Nacht hab ich gedichtet,
  Was gen Morgen wird gelichtet,
  Und gesichtet und gerichtet;
  Vor mir ruht das große Buch,
  Und ich harre auf den Spruch.
  Horch, wie ernst die Aehren wogen,
  Horch, der Schnitter kömmt gezogen!
  Träume thauen von dem Mohn
  Und vom Schlafe übermannt
  Sinkt das müde Haupt mir schon
  Auf des Thronstuhls harten Rand,
  Und mir träumt, wie zwei Jungfrauen
  Aus der frühen alten Welt
  Durch das reiche Aehrenfeld
  Mild zu mir herüberschauen;
  Und die Junge fragt die Alte:
  "Vreneli, was macht das Büblein?"
  "Amey," sprach die, "dicht am Grüblein
  Schläft es, o daß Gott sein walte!
  Seine Sache hats vollbracht,
  Und daß, wenn der Tag erwacht,
  In der Erndte es nicht darbe,
  Leg ihm milde in den Arm
  Eine kleine feine Garbe,
  Hart liegt's jetzt, daß Gott erbarm!"
  Und so that die liebe, gute,
  Daß mein Haupt nun friedlich ruhte,
  Flocht dann bei der Sterne Glanz
  Aemsig an dem Erndtekranz,
  Neben ihr die andere kniete,
  Betend: "Büblein ruh in Friede!"
  Aber ach! es wehrt nicht lange,
  Horch! es rührt sich auf der Stange
  Bei der Henne schon der Hahn;
  Morgenthau rührt mir die Wange
  Weckend, bald zerrinnt der Wahn;
  Und der erste Hahnenschrei,
  Wenn die Kinder auferstehen,
  Bricht den lieben Traum entzwei;
  Und sie werden dann verstehen,
  Wie mir also ist geschehen.
  Dann wird Alles vorgelesen,
  Und wird das, was es gewesen,
  Tretend aus dem trüben Schein
  Auch in vollem Lichte seyn;
  Ja dann ist selbst auf ein Härchen
  Dieses Mährchen mehr kein Mährchen;
  Und bis so das Mährchen aus,
  Sing ich in die Nacht hinaus:
  "O Stern und Blume, Geist und Kleid,
  Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gockel, Hinkel und Gackeleia" ***

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