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Title: Die schwarzen Brüder. II. (of 3) - Eine abentheuerliche Geschichte
Author: Zschokke, Heinrich, 1771-1848
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die schwarzen Brüder. II. (of 3) - Eine abentheuerliche Geschichte" ***

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by the Staatsbibliothek zu Berlin - PK,
digital.staatsbibliothek-berlin.de)



                                 Die
                           schwarzen Brüder.


                   Eine abentheuerliche Geschichte
                                 von
                               M. J. R.


                          Zweites Bändchen.
                                1793.



                                 An
                         Herrn und Madame
                               Beneke
                      zu Landsberg an der Warte.



Meine Lieben,

Sagt' ichs nicht gleich voraus, daß man mich misverstehen würde? -- Da
deutelt der eine über den Zwek meines Büchleins hierhin, der andre dahin,
und keiner hat mich recht verstanden und verstehen wollen. Was in diesen
Blättern mit deutschen, jedermann verständlichen Worten gesagt worden ist,
sehn die sonderbaren Leute für Hieroglyphen an, worunter ein verborgner
Sinn liegen müsse, der nun seyn mag, wer und wie er wolle.

Sie fragen mich: woher daß dieses komme? -- Ich antworte: daher, weil viele
der Herrn Märchendichter das mysteriensüchtige Publikum mit ihren
Plaudereien verwöhnt haben. Da spricht der eine von einer Gans, und will
darunter einen Fürsten verstanden -- der andre von einem Tyger, und will
darunter einen Kriminalrichter gedacht wissen. Das appliziren nun die Leute
allenthalben; und Gott weis es, was sie sich nicht alles schon unter meinem
Herzog _Adolf_, meinem _Florentin_, _Holder_, _Hello_ u. s. f. geträumt
haben.

Viele denken sich unter den _schwarzen Brüdern_ nichts geringers, als die
Herrn _Freimäurer_, andre wieder einen Orden aus _Kagliostros_ Fabrik; und
beide Theile habens doch nicht getroffen! -- --

Aber wissen Sie, was mich am meisten von verschiednen Lesern gefreut hat?
-- daß sie dies Buch nicht ohne Theilnahme gelesen, wohl gar zuweilen die
Richtigkeit meiner Empfindungen mit eignen Thränen bestätigt haben. O,
_der_ Lohn ist mir süsser, als jeder andre; denn die oben erwähnten
Kannegiessereien sind nur eine ärgerliche Belustigung! --

Ich wünsche, daß Ihnen dies Bändchen viel Vergnügen in einsamen Stunden
erwekke, und beherzigen Sie zulezt mit mir und _Florentin von Duur_ die
fürchterliche Wahrheit: »Selten ist der Mensch in der Gegenwart glüklich,
am meisten in der Vergangenheit und Zukunft, in der Rükerinnerung und
Erwartung!« --

Ja in der Rükerinnrung bin auch ich jezt glüklich! -- Wie gern vertauscht
ich jezt meine Feder mit der bunten Mahlerschürze, um _Burgheims_
originellen Pinselstrich zu belachen -- oder säß ich neben meiner Freundin
H**, um in ihrer Gesellschaft eine _Dachspizze_ zu betrachten, -- Behalten
Sie mich lieb und vergessen Sie nicht den

_Verfasser_.



Inhalt
des zweiten Bändchens.


Erster Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Seelengröße.                                        1
   Zweites Kapitel. Monolog eines guten Fürsten, Glossen darüber.
                    -- Abreise.                                        7
   Drittes Kapitel. O, die glükliche Nachwelt!                        13
   Viertes Kapitel. Abschied von der Sorbenburg.                      26
   Fünftes Kapitel. Eine schöne Erscheinung.                          29
   Sechstes Kapitel. Aufklärungen.                                    36
   Siebentes Kapitel. Ein Nachtstük.                                  44
   Achtes Kapitel. Freude -- Verdrus -- und Schauder.                 54


Zweiter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Kanella.                                           61
   Zweites Kapitel. Der Landesvater mit seinen Landeskindern.         67
   Drittes Kapitel. Gewitterwollen, die sich zerstreun.               74
   Viertes Kapitel. Das Haus im rothen Walde.                         81
   Fünftes Kapitel. Etwas für Republikaner.                           95
   Sechstes Kapitel. Die Eremitage.                                  101
   Siebentes Kapitel. Florentin in Kanella                           112


Dritter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Umfaßt einen Zeitraum von drei Jahren.            153
   Zweites Kapitel. Die Dachspizze.                                  157
   Drittes Kapitel. Florentins Verwandlung.                          169
   Viertes Kapitel. Neue Verwirrungen.                               185
   Fünftes Kapitel. Sturm und Liebesfreuden.                         197
   Sechstes Kapitel. Die schwarzen Brüder.                           214
   Siebentes Kapitel. Der Garten von Dosa.                           221
   Achtes Kapitel. Fortsezzung des vorigen.                          229
   Neuntes Kapitel. Sturm in Kanella.                                244


Vierter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Ruhe? -- für Florentin?                           257
   Zweites Kapitel. Mühvolle Jahre.                                  270
   Drittes Kapitel. Dulli und Ladda.                                 276
   Viertes Kapitel. Der große Florentin im Vaterlande.               284
   Fünftes Kapitel. Der Kirchhof.                                    289
   Sechstes Kapitel. Die Alpen. -- Epilog an den Leser.              299



Die schwarzen Brüder.



Erster Abschnitt.



Erstes Kapitel.
Seelengröße.


Ich riß den Faden meiner Erzählung im vorigen Bande da ab, wo unser
Delinquent entgeistert in des Herzogs Arme stürzte; ich knüpfe ihn wieder
an, die Geschichte weiter zu spinnen.

_Florentins_ Selbstbewustsein erwachte, aber es war ein fürchterliches
Erwachen -- das Erwachen zum Tode. Der Anblik der schwarzen Tapeten des
Zimmers, der matte Schimmer der Wachskerze, welcher zum Theil von den
düstern Wänden eingetrunken wurde, die schrekliche Stille dieser
Mitternacht, die Rükerinnerung an dasjenige Verbrechen, welches ihn hieher
gebracht -- alles das wirkte so sehr auf ihn, daß ihm wenig fehlte, um in
eine neue Entgeisterung zurük zu sinken.

Er fand sich von den Armen eines Mannes gehalten, drehte sich um und der
_Herzog_ lies ihn los.

»O, gnädigster Herr!« rief, er, und wollte sich auf die Kniee niederwerfen,
aber der _Fürst_ verhinderte es.

»Mensch, was haben Sie begangen?« fragte _Herzog Adolf_ nach einer Weile
mit fürchterlichen, majestätischen Ernst im Ton und Mienen.

»»Ich weis es,«« entgegnete der unglükselige _Graf_, der bleichen
Antlizzes, zur Erde gebeugten Blikkes, mit gefaltenen vor sich
niedergestrekten Händen da stand, als einer, über welchem das verdammende
Urtheil des Richters herniederdonnert: -- »»ich weis es gnädigster Herr,
ich läugne mein Verbrechen nicht.««

Herzog. Sonderbar, wie würden Sie das auch im Stande sein? Aber fühlen Sie
das ganze, schrekliche Gewicht desselben, Leichtsinniger?

Graf. Ich fühle es. -- Sie, der Sie mich zu den glänzenden Ehrenstufen, die
nur nur je die ausschweifendste Einbildungskraft vorzeichnen konnte, empor
halfen, Sie sind durch mich -- entehrt worden.

Herzog. Warum fühlten Sie das nicht früher, schlechter Mensch?

Graf. O, Durchlauchtigster Herr, es sind Stunden wo -- doch nein, ich kann
mich nicht entschuldigen.

Herzog. Nicht genug, daß Sie einen Fürstenstamm entehrten, welcher nur
gewohnt ist Königskronen auf seinen Nebenzweigen zu tragen; nicht genug,
daß sie jede Pflicht des Unterthanen vergessen; nicht genug, daß Sie die
Wohlthaten Ihres Gönners mit Niederträchtigkeiten bezahlten -- so haben Sie
auch auf ewig die so seltne häusliche Glükseeligkeit einer fürstlichen
Familie zerstört -- haben mich auf meine Lebenszeit misvergnügt, elend
gemacht, und meine Schwester, die ich sonst so sehr liebte, gleichfalls.

Graf. Ich bin strafwürdig -- ach, nicht so sehr Ihre Durchlauchte
Schwester. Lassen Sie mich unser beider Vergehen allein abbüßen, sammeln
Sie alle Strafen für mich allein!

Herzog. Elender, die Zeit ist vorüber, wo Ihre Bitten bei mir galten. Jetzt
bereiten Sie sich zu ihrem Urtheil. -- Ich werde Sie verlassen; haben Sie
noch in diesem Leben Ihrer Familie etwas zu vertrauen: so schreiben Sie. In
jenem Winkel liegen Papier, Dinte und Federn auf dem Tische. In zwanzig
Minuten müssen Sie fertig sein.

Der _Fürst_ verlies ihn wieder.

_Florentin_ rang die Hände; Schauer des Todes wehten ihn an.

»Ach, so ist denn das Ziel meiner Hoffnungen, meiner Arbeiten, meiner
schlaflosen Nächte? -- Ein unnatürlicher, früher, schändlicher Tod! --
Gott, und dahin konnte _ein_ wollüstiger Rausch führen? -- O mein guter
Oheim, meine Schwester und du mein Holder wüßtet ihr! -- wüßtet ihr! -- wo
Florentin stände! --«

Er gieng zum Winkeltischchen, zog die Taschenuhr hervor, legte sie neben
die Papiere, ohne in der Angst nach ihren Minuten hinzusehn, und schrieb
mit kalter bebender Hand:

Freunde,

Ich bin ein Verbrecher. -- Diese Nacht ist die letzte meines Lebens, ich
leide in ihr die wohlverdiente Strafe. -- Verzeiht mir, wie Gott mir
verzeihen wird, zu dem ich hoffe. -- Ich danke Euch für Eure Liebe.
Erinnert Euch noch zuweilen des unglükseeligen Florentins, wenn er lange
schon im Grabe vermodert ist. -- Bittet dem beleidigten, ehmals so
liebevollen, Herzog, nach meinem Tode noch, in meinem Namen um Verzeihung.
-- Nun lebt wohl, ich getröste mich der süssen Hoffnung, in einer bessern
Welt Euch wieder zu sehn. Lebt wohl.

Florentin.

Der _Graf_ schrieb so langsam, legte so oft die Feder nieder, setzte dann
wieder an, sprang auf, schwankte jammernd durchs Zimmer, setzte sich wieder
hin, um zu schreiben, daß er kaum das Billet beendiget hatte, als die
bestimmten 20 Minuten schon vorüber waren und der _Herzog_ ins Zimmer trat.

_Florentin_ stand auf, ergriff den Zettel, überreichte ihn dem Fürsten,
ohne eine Sylbe zu sprechen.

_Adolf_ wikkelte das Papier ungelesen zusammen, trat _Florentinen_ um einen
Schritt näher, nahm dessen Hand in die seine, und betrachtete so den
Unglüklichen lange Zeit mit wehmüthigen Blikken.

»Noch hab ich,« sagte er »_keinen Freund_ gehabt, wie dich, das heißt, ich,
habe noch keinen Mann so sehr geliebt, wie dich -- o Florentin, daß du mich
doch nicht so wieder lieben konntest! Der _Herzog_ spricht jetzt _nicht_
mit dir, sondern dein _ehemaliger vertrauter Freund_!«

Florentin. (mit stets niedergeschlagenen Blikken) Mein Fürst -- -- --

Herzog. Nicht dein _Fürst_, sondern dein _Freund_ spricht jezt mit dir, und
zwar in diesem Leben zum leztenmahle. Der _Herzog_ hat dich gerichtet, und
der _Freund_ nimmt von dir Abschied; -- kömmt, dir das lezte Lebewohl zu
sagen. -- Fühlst du gar nichts mehr für Adolfen?

Florentin. (bestürzt) Ich verstumme, wie ich --

Herzog. O lieber Florentin, es thut weh, sich trennen zu müssen von dem,
den unser Herz lieb gewonnen.

Die Stimme des guten _Fürsten_ zitterte bei den lezten Worten. _Florentin_
verwirrt durch die jähe Verwandlung des zürnenden Fürsten in den
mitleidenden Freund, schlug die Augen auf, und gewahrte Thränen auf der
Wange desselben. Der _Herzog_ drehte sich von ihm ab, gieng an ein Fenster
und rief: »ich bin noch zu jung, bin noch nicht eiskalt genug -- meine
Gefühle schweigend zu machen! Aber sag mir, sonderbarer Mensch, wie ist
dir? hast du deine Empfindung ganz verloren?«

Florentin. Ganz; nur das Gefühl meines Elendes meiner Reue ist mir
geblieben, und die Hoffnung, Gott werde sich meiner Seelen in der lezten
Erdenstunde erbarmen, -- und droben -- droben wirds besser sein.

Herzog. Du willst sterben?

Florentin. Ich bin bereit.

Herzog. Nein, dein Leben soll dir der Herzog nicht nehmen, aber -- --

Florentin. (erschüttert) Mein Fürst! (zu seinen Füssen stürzend) Mein
Fürst!

Herzog. Was machst du? steh auf.

Florentin. Ich kann nicht. Ich habe keine Gnade verdiene, und auch nie
Anspruch darauf gemacht.

Herzog. Bist nicht begnadigt. Du hattest das Leben verwirkt, aber theils
deiner Verdienste um Herzog und Land, theils der Geheimhaltung von der
Schwangerschaft der Prinzeßin Louise willen, wird dir das Leben geschenkt.
Noch weis niemand am Hofe und in der Stadt von der unglüklichen
Begebenheit. Die Prinzeßin heißt es, ist wegen ihrer Kränklichkeit auf
eines ihrer Landgüter gereiset, und du bist wichtiger geheimer Geschäfte
willen zu mir berufen. -- Deine Strafe ist -- -- _Landesverweisung_. Mehr
konnte die Freundschaft bei der Gerechtigkeit nicht auswirken. So lange
_Herzog Adolf_ lebt und regiert, sollst du nie wieder die vaterländischen
Fluren erblikken, im Auslande sollst du umherwandeln, von mir vergessen,
keine andere Strafe zu fürchten haben, als die, welche dir das zarte
Gewissen eines gefühlvollen Biedermanns auflegen wird.

_Florentin_ umarmte weinend, mit sprachlosen Danke, die Knieen des gütigen
Fürsten.

»Noch vier Wochen,« fuhr lezterer in seiner Rede fort: »noch 4 Wochen
hältst du dich in meiner Residenz auf, erscheinst du öffentlich am Hofe, um
dem Volke jeden Verdacht zu rauben, und damit du dich zur Abreise aus
deinem Vaterlande vorbereiten, wie auch die angefangenen Staatsgeschäfte
beenden kannst, -- so dann gehst du unter dem Vorwande, daß ich dich auf
Reisen schikke, fremde Länder, Einrichtungen, Sitten, und Verhältnisse zu
studieren, auf ewig aus deinem Vaterlande. Ließest du dich irgend einmahl
wieder in demselben gewahr werden: so stehe ich nicht für dein Leben. Und
nun, mein lieber ehemaliger Freund, leb wohl! So wie _wir uns jezt sahen_
und sprachen, sehn und sprechen wir uns _nie_ wieder in _dieser Welt_!«

_Florentin_ stand auf, der bewegte _Herzog_ sank dem Grafen um den Hals und
weinte. _Florentin_ von zu vielen Empfindungen bestürmt, empfand gar nicht.
Der grosmächtige Fürst verzieh ihm diese scheinbare Kälte sehr gern, denn
er wußte, daß _Florentin_ mehr denn zu gefühlvoll war.

»Komm, es ist schon spät in der Nacht. Mein Wagen wartet unten auf dich, er
soll dich zu deinem Hause bringen!« sprach _Adolf_ nach einer Weile, küßte
ihn noch einmal heftig, führte ihn selber die Treppen hinab, ließ ihn in
die Kutsche steigen und heimfahren.



Zweites Kapitel.
Monolog eines Fürsten, Glossen
darüber -- Abreise.


_Adolf_ hörte das dumpfe Donnern des Wagens über die Schloßbrükke;
wehmüthig flog er in sein Schlafkabinet, vermummte er sein Gesicht in das
Schnupftuch, um keinem lauschenden Ohre seine Seufzer, sein lautes
Schluchzen wahrnehmen zu lassen.

Die tiefste Stille wohnte im ganzen Schlosse -- der Mond schwebte gebrochen
hinter Wolkenstreifen, alles athmete Schwermuth, alles war von dem Pinsel
der Melancholie mit traurigen Farben überkleidet. Kein Wunder, wenn der
gefühlreiche Fürst die Mitternacht im Arme des seelnagenden Grames
überwachte.

»O wie ich so elend bin!« rief er: »ich habe alles verloren, denn ich habe
einen _Freund verloren_! -- da fuhr er bin, der unglükseelige Verbrecher,
von mir _verdammt_, der ich ihn doch _liebe_! -- Noch hab ich _keinen_
gehabt, welchen ich so liebte, und nun werde ich nie einen wieder erhalten!
-- O verdammt sei das schönlarvigte Gespenst, _Weiberliebe_, das sich in
den Zirkel unsrer Freuden schleicht, und jede derselben erwürgt! --
Florentin, warum mußt ich dich verlieren? --«

So klagte ein _Herzog_, und er hatte Recht zu klagen; denn Freundschaft ist
das schönste Blümchen, welches der Sterbliche am Lebenswege pflükken kann.
-- Man klage nie über die Seltenheit wahrer Freunde. Gotteswelt ist schön,
und faßt manches schöne Herz in sich; schwarze Seelen sind nur da, den
Glanz von jenem zu erhöhn. Wer die Seltenheit _ächter Freunde_ beklagt, der
nährt entweder ein überspanntes Ideal von der Freundschaft, oder ihm
mangelt selber das Wesentliche ein Freund sein zu können; ist eher
vielleicht im Stande Freundschaften zu _knüpfen_, als zu _erhalten_.
Freundschaft, die bei ihrem Entstehen heftig aufbraußet, tändelt, mit
Küssen spielt, und Umarmungen sich als das höchste Gut derselben
vorschwärmt, ist eben so bald verdünstet, als die, welche beim Weinglase
entspringt, und sich mit dem Rausche verliert.

Der _Fürst_ trauerte lange noch um Florentinen, da dieser schon Jahr und
Tag von ihm geschieden war; ein Beweis, daß seine Liebe gewis aus lautern
Quellen floß.

»Wenn denn _Adolf_ _Florentinen_ so sehr liebte, warum vergab er ihm sein
Verbrechen nicht ganz und behielt ihn nicht an seinem Hofe?« So mögten
einige meiner Leser fragen, denen ich zur Antwort gebe, der Fürst mußte,
als _Fürst_, so handeln, er darf mit den Gesezzen keinen Schleichhandel
treiben -- der Freund mußte als _Freund_, so handeln, wenn er seinem
Geliebten nicht eine noch schreklichere Zukunft bereiten wollte, weil
Florentins Verbrechen doch gewis einmal offenbart werden konnte, und die
herzoglichen Verwandten dann nicht geschwiegen haben würden. Der Bruder
mußte als _Bruder_, gegen seine Schwester so handeln, um eine Leidenschaft
in ihren Busen zu unterdrükken, die sie nie nähren dürfte. --
Landesverweisung war _Florentins_ Strafe, hart für ihn, aber doch milde!

Unser _Graf_ war einige Tage hindurch unpäslich -- die lezten Begebenheiten
des Lebens hatten gleich mächtig auf Seel und Körper gewirkt, beiden stand
eine auffallende Veränderung bevor. Kaum hatte er sich erholt, so erschien
er wieder am Hofe; der Herzog lächelte wiederum gnädig auf ihn hin, die
Damen kokettirten von neuem, die Hofschranzen schmeichelten wieder
öffentlich und verfluchten insgeheim. Alles gieng den ehmaligen Gang,
keiner von allen ahndete etwas von dem Vorgefallenen und Zukünftigen,
keiner wußte, daß Florentins Versendung auf Reisen eine _Landesverweisung_
sei.

Ein Tag vergieng nach dem andern, eine Woche nach der andern und ehe es
_Herzog_ und _Florentin_ vermutheten, rükte die lezte Woche heran.

Gram im Herzen, Gram im Blik nahm der _Graf_ von seinen Freunden Abschied;
er beurlaubte sich von der herzoglichen Familie -- jeder wünschte ihm mit
beklemmter Brust glükliche Reisen, jeder sich selber sein baldigen
Wiedersehn. Nur der _Herzog_ that Angesichts aller kalt, und keiner litte
mehr, als er, in seinem Herzen um _Florentins_ Verlust.

O wie schöne Thränen sah man izt an den seidnen Wimpern manches Mädchens
beben, deren schüchterne Liebe nie um Florentins Gegenliebe buhlte! wie
viel niedliche Lippen küßten hier den heftigsten Abschiedskuß, die sich
sonst spröde dem Munde liebender Jünglinge entzogen! -- der Neid selber
trauerte um Florentins Verlust, denn nun blieb ihm nichts mehr zu beneiden
übrig.

Der _Graf_ hatte seine Geschäfte in Ordnung gebracht, alles Ueberflüßige in
Geld umgewandelt, die Bedienten sammt und sonders abgedankt, ausser dem
alten, stummen _Badner_ und seinen Reitknecht, dem frohgelaunten
_Gotthold_.

Der _Graf_ hatte vom _Herzoge_ noch die Erlaubnis genommen, den Rest der
lezten, vierten Woche bei seiner Familie zu genießen. Der Morgen graute für
ihn zum leztenmale in der Residenz; die Pferde waren gesattelt, die Pilger
in ihr Reisegewand gehüllt.

Man wollte aufbrechen; eine große Menge Volks stand um den ehmaligen
Duurschen Pallast versammelt, den Besizzer desselben noch einmal zu sehen.

Und als _Florentin_ eben heraustrat, sank ein Greis vor ihm nieder, seine
Kniee umfassend. Ein Haufen Kinder drängte sich hinzu, seine Hände zu
küssen; einige Männer und Frauen schlossen sich näher an dieselben --
keiner sprach, aber in den Zügen ihrer Gesichter las man die unter allen
Zonen der Erde bekannte Sprache der _Empfindung_.

Bestürzt fragte der _Graf_: »was wollt ihr, lieben Leute?«

»Nichts, nichts!« stammelte der _Greis_: »Sie haben uns schon so viel
gegeben, wir wollen nichts mehr! -- aber -- sehn Sie nur, lieber Herr, ich
bin noch in meinen alten Tagen durch Sie recht froh, recht glüklich
geworden, und meine Kinder auch. Da kommen wir nun und wollen danken, und
Sie noch einmal recht ansehn, um Ihr Bildnis sobald nicht zu vergessen.
Auch, wir haben Sie so lieb, so lieb!«

»»Ja, so lieb! so lieb!«« lallten einige von den Kindern, die an seinen
Händen hiengen. »Ich bin nunmehro alt und schwach,« fuhr der _Greis_ mit
gebrochner Stimme fort: »der liebe Gott wird mich bald heimfodern zu sich
und da will ich an seinem Throne für Sie beten, und der liebe Gott wird
mich gewis erhören. -- Ach, sehn Sie doch um sich, sehn Sie diese Familien,
das sind da meine Kinder, die dort meine Enkel, und ich, ich bin ihr
Grosvater -- und wir alle freuen uns des Lebens, denn Sie habens ja so
herzlich gut mit uns gemeint. Und nun -- und nun ach! -- --«

Der _Alte_ schluchzte; die jungen Männer und Weiber verhüllten ihre Augen
in Tücher und Schürzen, die kleinen lärmten lustig an _Florentins_ Seite,
und _Florentin_ -- fühlte alles und nichts, stand da mit düstrer Stirn, sah
umher durch die Menge der Zuschauer, als suchte er einen Mittelsmann,
welcher ihn mit guter Art von diesem schönen Auftritte ablösen möchte.

Die erste traurige Spur von den Wirkungen seiner Schiksale auf sein Herz!
Er war nicht mehr der herrliche, blühende Jüngling, voll Hochgefühl für der
Natur erhabne Szenen; nicht mehr dürstend nach den Thränen des Dankes;
nicht mehr ringend nach Unsterblichkeit seines Namens. Misgestimmt stand er
da unter lieblich gestimmten Seelen, als verständ' er die Sprache der
Herzen nicht mehr. Das ehrerbietige Schweigen der Menge begeisterte ihn
nicht; das schwimmende Nas in Männer- und Weiberaugen belohnte ihn nicht,
das Lallen der Unmündigen war ihm keine Harmonie mehr. Er, ehmals mit dem
lieblich schwankenden Karakter, der nach allem sich hinewigte, von einem
Gefühl zum andern, von einer Leidenschaft zur andern überflog, hatte jezt
eine melancholische Festigkeit gewonnen.

»Lebt wohl!« rief er, ris sich los, schwang sich aufs Roß, sprengte die
noch schlummernden Straßen hinunter, _Gotthold_ und _Badner_ ihm nach, und
so zum Thor hinaus.

»Lebt wohl! lebt wohl!« riefen ihm einige hundert Stimmen nach: »lebt wohl!
Gott vergelts! glükliche Reise! Habt Dank! in der Ewigkeit wieder!« -- --
--



Drittes Kapitel.
O, die glükliche Nachwelt!


»Was soll denn der Küster, Onkelchen?« fragte _Rikchen_ den alten _Herrn
von Duur_, der sich voll heimlicher Freude, die Hände rieb.

»»Du wirsts ja sehn, du neugieriges Ding!«« antwortete der _Onkel_, und
schob sich die weiße Mütze tief über die schmunzelnden Augen herunter,
indem er gegen das Fenster gieng.

»Aber Sie haben ja heute schon dreimahl zu ihm geschikt?«

»»Ja, ja, das läßts vermuthen, daß ich jezt eine Sache von Wichtigkeit, die
auch dich interessiren, muß!««

»Auch mich, Onkelchen?«

»»Auch dich, gnädige Frau von Sorbenburg!««

Man klopfte an. Der _Küster_ des Dorfes Sorbenburg trat herein, mit drei
respektvollen Verbeugungen. Er war heut ungewöhnlich gepuzt; in seiner Hand
hielt er ein halbes Duzzend zusammengelegter Briefe.

»Habe die unterthänige Gnade, Ew. Hochgräflichen Gnaden, hier -- habe --
war -- ich machte -- Gnaden -- die Gevatterbriefe. --«

Der gute _Custos loci_, welcher sein erlerntes Kompliment so schmälig
vergessen hatte, stotterte, wurde blas, wurde roth, hielt die Papiere hin,
zog sie wieder zurück und kam darüber so ausser aller Fassung, daß wenig
fehlte und er wäre wieder zurück gelaufen, um das Kompliment besser
durchzustudiren.

»Gevatterbriefe?« fragte _Rickchen_, indem sie von der Seite sah und roth
wurde.

Onkel. (lächelnd) Freilich, Gevatterbriefe, freilich! -- es hätte mit ihnen
wohl noch ein paar Monate Zeit gehabt, aber das ist nun so einmahl mein
Fehler, daß ich die Zeit nie abwarten kann. Ich mußte sehn, wie sich dein
Name auf einem Gevatterbriefe präsentirt. -- Nun und du wirst ja wissen, ob
wir bald Gebrauch davon machen können. He, he, he, he!

Küster. (der sich inzwischen zu sammeln suchte) Verzeihen unterthänigst Ew.
Hochgräfl. Gnaden, daß wenn -- aber -- ich wollte -- hatte -- hier sind die
Gevatterbriefe.

Onkel. Was fehlt ihm denn, Herr Küster; Er bringt ja kein vernünftiges Wort
heraus? hat Er etwa schon auf baldige Kindtaufe seiner gnädigen Frau ein
Schnäpschen getrunken? bravo! geb Er die Briefe her.

Küster. (reicht sie dem Grafen) Ew. Hochgräflichen Gnaden
unterthänigstermaaßen aufwarten zu thun.

Onkel. (die Aufschriften lesend) »Sr. Wohl- und Hochgeboren dem Herrn,
Herrn von Bastholm« -- ha, ha, ha, der soll sich wundern! -- »Sr.
Gräflichen Hochgebornen Gnaden dem Herrn, Herrn von Duur, herzoglichen« --
-- allerliebst! nun geh Er, Küster, und laß Er sich vor der Hand ein Glas
guten Landwein geben.

Der _Küster_ gieng. _Onkelchen_ öffnete einen der Briefe und las: »Nachdem
es nun dem grundgütigen Gott gefallen, was maaßen er meine liebe Frau --«
Hier hielt ihm _Rikchen_ die Hand vor den Mund und stellte sich lächelnd
böse. Der frohe _Alte_ wollte lesen, _Rikchen_ hinderte es, erwischte die
Briefe und lief zum Zimmer hinaus.

»Wart! warte!« rief der _Onkel_, indem er aufstand, und sie so eilfertig,
als es seine Wohlbeleibtheit verstattete, verfolgte: »warte, das soll dir
durchgehen!«

Er schlenderte eben die Hausflur hinunter, als er zu seinem größten
Erstaunen die Briefe zerstreut auf dem Erdboden liegen sah. Er machte
Anstalten sie aufzulesen, als er _Florentins_ Namen unzählige mahle von
_Rikchens_ Lippen hörte. Frohe Ahndung durchzukte ihn -- rasch lief er der
Stimme nach, und sah -- o Wunder! -- sah den lieben _Florentin_ in den
Armen seiner holden _Schwester_ liegen.

Ihn umarmen, ihn küssen, ihm Vorwürfe machen, war Eins.

»Ei du Blizkammerherr, mußt du denn immer das Spiel der Ueberraschung mit
uns treiben?« rief der frohe Greis: »unvermuthet, verschwandst du vor
etlichen Wochen, und unverhoft stehst du wieder hier.«

Man begab sich in ein Zimmer. _Florentin_ erzählte die vorgeblichen
Ursachen seiner plözlichen Ankunft.

»Ein paar Tage nur willst du bei uns sein?« fragte der _Onkel_ und sah
ziemlich misvergnügt aus.

»Ein paar Tage nur,« sagte _Rikchen_, und es war ihr, als sollte sie
weinen.

»Doch nein!« hub der _Onkel_ wieder an, da er _Rikchens_ Stimmung gewahrte:
»Das ist recht! das ist brav, daß dich Sr. Durchlaucht auf Reisen schikt --
Donner, aus dir kann einmal ein ganzer Mann werden. Höre, Florentin, höre,
und hast du denn die lezte Ehrenstufe erklettert, gafft dich
verwundrungsvoll das ganze Herzogthum an, hast du recht viel braves gethan
und bist müde: dann nimm deinen Abschied und ein Weibchen, komm zu uns und
ruhe im Arme deiner guten Freunde von guten Thaten aus. Hörst du? -- o,
wenn ich doch nur die Seeligkeit noch erlebte, dann wollt' ich meinen Kopf
herzlich gern zur ewigen Ruhe niederlegen! --«

»Alter, guter Mann, wirst sie nicht erleben; wohl dir, daß du nicht
allwissend bist!« dachte _Florentin_ bei sich selber.

Man konnte sich nicht sobald müde schwazzen, aber weil _Holder_ noch
fehlte, so wollte man Boten ausschikken, ihn herbei zu rufen, denn er war
aufs Feld hinausgegangen. Allein Florentin brachte in Vorschlag, daß er
sich die Freude des Ueberraschens nicht rauben lassen, sondern ihn selber
aufsuchen wolle. Wer konnte ihm widerstehn? Er gieng.

_Florentin_, wie war dir, als du jezt vor dir hinwandertest, du zum Dorfe
hinaustratest, und in nachbarlicher Ferne das Duursche Schloß erbliktest,
die fröhliche Wohnstatt deiner Jugend? -- In schwermüthige Gedanken
verloren, gieng er unwillkührlich den Weg, welcher dorthin führte, und er
wäre vielleicht, ohne zu wissen wie, dort angekommen, hätte ihn nicht eine
bekannte Stimme aus seinen melancholischen Träumen erwekt. Er blieb stehn,
sah sich um und ward _Holdern_ gewahr, der seitwärts über eine Wiese zu ihm
herangelaufen kam.

_Florentin_ erschrak, ohne sich angeben zu können, warum?

»Nun, irrender, in Bann und Acht erklärter, vogelfreier Ritter, wie gehts?«
fragte _Holder_ mit einem traurenden Lächeln, und schloß den _Grafen_ in
seine Arme.

Florentin. (mit einem Seufzer) Wie du siehst, es geht alles nach Wunsche.

Holder. Es freut mich, armer _Landesverwiesner_, dich noch einmahl im
Vaterlande zu sehn.

Florentin. (bestürzt) Wie?

Holder. Warum so befremdend, da ich doch um dein Schiksal weis? Sei
zufrieden mit deinem Loose, es ist noch nicht das fürchterlichste.

Florentin. Fürchterlich genug!

Holder. Der Erdenball ist unser Vaterland; ein Weiser ist an allen Orten zu
Hause, denn allenthalben bietet ihm die Gelegenheit Stoff dar, wodurch er
sich um das Wohl seiner Brüder verewigen kann.

Florentin. Und allenthalben Stoff zu neuen Leiden.

Holder. Mensch, wer bist du geworden? Bist du noch Florentin von Duur, er
der ehmals versprach, jeder Gefahr lachend ins Auge zu sehn? Bist du der
Thatensüchtige Jüngling, der für das Wohl der Menschen sein Wohl opfern
wollte?

Florentin. (verdrüslich) Was willst du?

Holder. Was ich will? -- Erforschen will ich, wer du jezt bist? --
erforschen, ob ich mich schändlich in dir betrog? -- erforschen, ob du auch
der erhabne Mann im Unglükke bist der du im Glükke warst?

Florentin. (wie oben) Wozu das?

Holder. Um danach meine Freundschaft abzumessen? Große Menschen bedürfen
unsrer größten Freundschaft, kleine Seelen mögen sich mit einem Lächeln,
einem Händedruk, einem Kus begnügen.

Florentin. (ihn um den Hals fallend) O Bruder!

Holder. Laß uns nach Sorbenburg zurükkehren.

Florentin. Nein, noch nicht. Bleib noch! -- ein Viertelstündchen muß ich
mit dir allein sein!

Holder. Man wird sehnsuchtsvoll auf uns warten.

Florentins. Ich bitte dich, bleib. Ich habe vorher viel mit dir zu
besprechen.

Holder. Das ich nicht wüßte.

Florentin. Uebermorgen muß ich schon über die Gränze gehn.

Holder. Ich weis es.

Florentin. Du weißt es? -- ist dir alles bekannt, was zwischen mir und dem
Herzog -- --

Holder. Alles.

Florentin. (verwunderungsvoll die Hände faltend) Ist es möglich? -- Holder,
ich kenne dich noch nicht ganz. Räthsel löse dich mir endlich!

Holder. Laß uns weiter gehn, der Himmel bezieht sich mit Regenwolken.

Florentin. (ungeduldig) Bleib, wenn du mein Freund bist.

Holder. Rede, was willst du von mir?

Florentin. Aufschlus, und Rath!

Holder. Sprich deutlich.

Florentin. Holder, du der du mir sonst in allem zuvor kamst, Holder, du,
verstehst mich nicht?

Holder. Wie sollt' ich?

Florentin. (ihm näher tretend und ins Auge fassend) Julius, _Regent
Julius_, sprich, hat mich ein Traum belogen?

Holder. Ja, Vinzenz, und nein!

Florentin. (froh auffahrend) Nun, Gott seis gedankt, nein! -- nein, es war
kein Hirngespinnst, Wahrheit ists -- die _schwarzen Brüder_ sind vorhanden!
du bist nicht allwissend, wie wolltest du sonst wissen, was ich nur
_träumte_ und noch keinem Sterblichen verrieth? -- du bist der Regent der
Brüder, ich bin dein Genosse! --

Holder. (lächelnd) Bist du's?

Florentin. Spotte nicht, um Gotteswillen nicht! ich stehe izt von allen
Verhältnissen und Verbindungen abgerissen, werde aus meinem Vaterlande
verstoßen, habe keinen Freund, keinen Bruder. Mein Traum -- nein, Traum
wars nicht! -- hat mich noch gefesselt an diese Welt und an die Lust großer
Thaten. Nimm mir den Traum, und ich bin nichts! gieb mir ihn noch einmal
zurük und ich bin alles was du willst.

Holder. (mit sich aufklärender Miene) Ich spottete dein nicht. -- Bruder,
sei ruhig.

Florentin. Ich ruhe nicht; laß mich noch einmal den schreklichen, geliebten
Traum zurükträumen, ich fühl es, er würde mich wieder erquikken; würde
meinem Geiste den alten Schwung wiedergeben, und Kraft und Gefühl für das
Große. --

(beide schweigen lange.)

Florentin. Warum verstößest du mich? -- Bruder, es ist wahr, ich bin ein
Verbrecher, aber die _Unbekannten_ wußten darum, und fanden mich doch
würdig einer ihrer geringsten Diener zu sein. Und warum verstössest du
mich?

Holder. Laß uns davon abbrechen. Doch zum Troste sage ich dir dies: Du bist
des Landes verwiesen, und dies ist der erste Schritt für dich auf einer
gefährlichen Laufbahn zu einem glorvollen Ziele. Jeder andre, als du, würde
nun in die weite Welt hineingehn, und der Gelegenheit in Osten und Westen
nachlaufen, sich durch schöne Thaten zu vergrössern, aber sie nicht sobald
erhaschen. Für dich ist sie schon bestimmt. -- Das Gebiet großer Handlungen
liegt offen vor dir da, den nächsten Weg dahin zu gelangen findest du
folgendermaaßen. Ohnweit dem Städtchen _Mungenwall_ liegt ein kleines
Gehölz, der _rothe Wald_ genannt, dahin begieb dich am Tage des _heiligen
Urbanus_ von Mungenwall aus. In der Mitternachtsstunde mußt du an der
Landstraße links, ohnweit einem steinernen daselbst aufgerichteten Kreutze
sizzen; Es wird ein Mensch die Landstraße gen Mungenwall herauf kommen,
welcher einen Bündel Reiser auf dem Rükken trägt, und eine Axt unter dem
linken Arm hält. Grüßt er dich, so antworte: »Gott dank euch, Hugo!« fragt
er, warum du da sizzest? so entgegne: »Ich sizze zum Feste der Schwarzen.«
Nimmt er sodann die Axt und schlägt dreimal wider das steinerne Krucifix:
so folge ihm.

Florentin. Sonderbar.

Holder. Und von nun an, Florentin, falle kein Wort davon weiter, während
deines Aufenthalts in Sorbenburg, zwischen uns vor; komm zurük nun, es
regnet schon stark!

Schweigend eilten sie nach Sorbenburg, wo der _Onkel_ und _Rikchen_
indessen mit ängstlicher Ungedult beider Zurükkunft entgegen sahn.

Ach, wie seelig flog das schöne Paar dieser Tage vorüber! _Florentin_
selber glaubte sich heitrer zu fühlen, von seiner Schwermuth zu genesen --
als der lezte Abend über diese Glüklichen verdämmerte, und der Traum seiner
Freuden zugleich.

   Nur _Träume_ sind des Lebens Gold,
   Nur Träume, die die Brust des Sterblichen beleben,
   Und feuchte Wimpern heben,
   Von welchen noch des Harmes Zähre rollt;
   Nur Träume, die uns hold,
   Im frohen Augenblik vor unsrer Stirne schweben.

Es war der lezte Abend; man nahm sich vor, ihn recht innig zu genießen, und
genos ihn nicht. Man wollte fröhlich sein, und trauerte. Seufzer waren die
Aufmunterungen zur Freude; wehmüthige Blikke vertraten die Stelle des
Lächelns; die Weingläser standen gefüllt da, winkten zum Genus -- und
wurden nicht geleert.

In einer rührenden Gruppe sas das Vierblatt bei einander, welches sich mehr
mit Blikken, Seufzern, Händedrükken und Empfindungen über Florentins
Scheiden, als durch Wortgespräche unterhielt. Selbst der sonst so
wohlgemuthe _Onkel_ konnte nicht sich, nicht seine Lieben aufhellen. In
einem Lehnsessel ruhend, die Füsse übereinander geworfen, sas er da,
düsterstirnigt, mit bebender Lippe, als wollt er das Stillschweigen
unterweilen mit seinen gewöhnlichen frohen Einfällen brechen, und doch
wagte ers nicht. Oft zerpreßt' er mit den Wimpern eine Thräne, die ihm
unwillkührlich die Augenwinkel füllte. Sorgenvoll stüzte sich sein
graubeloktes Haupt auf die Linke, mit der Rechten hielt er des Neffen Hand
auf seinem Schoose fest. _Florentin_ sas in einer ähnlichen Attitüde, den
Kopf zurükgeworfen und nach einer seiner Schultern hingeneigt, die Augen
starr vor sich aufblikkend, als säh er träumend in die umnebelten Stunden
der Zukunft. _Rikchen_ drükte mit ihrer einen Hand die seinige an sich, mit
der andern umschlang sie _Holders_ Nakken, auf dessen Schoose sie sas, und
auf dessen Achsel ihre Stirn ruhte, an dessen Brust sie ihr nasses Antliz
verbarg. -- _Holder_ mit einem Arme sein Weib, mit dem andern seinen
Schwager umfassend, starrte ernsthaft vor sich hin, als überblikte er Pläne
des Schiksals. Zuweilen biß er mit den Zähnen zusammen, wenn Empfindung ihn
übermannte, ihms warm wurde um Herz und Angesicht und ein Thränenflor sein
Auge bewölkte.

So verfloß eine Stunde, wieder eine Stunde und keiner wagte Veränderung. So
hätte die Nacht sie überfallen können, wenn _Florentin_ nicht aufgestanden
wäre, um einiges wegen seiner Abreise zu verordnen.

»Wahr ists, und wahr bleibts,« rief der _Onkel_, und erhob sich: »'s ist
doch des Menschenelendes gar viel in diesem Leben. Und da hab ich mir das
so überdacht in der Stille, und habe gefunden, daß doch viele Leiden aus
der vermaledeieten Dependenz entspringen. Sie haben recht, lieber Holder,
die republikanischen Staatsverfassungen sind, mein Seel, die Besten. Hätten
wir unsre Hütte in einer Republik aufgeschlagen, so wollt' ich doch den
Herzog sehn, der uns Florentinen nehmen und auf Reisen schikken dürfte!«

»»Das würde freilich keiner!«« antwortete _Holder_, dem die Philosophie des
gutherzigen _Onkels_ ein Lächeln abzwang.

»Drum glaub ich auch,« kontinuirte jener: »daß unsre Nachkommen gewiß noch
alle Alleinherrschaften in Republiken umschmelzen werden.«

»»Despotien in Republiken!«« sagte _Holder_ mit einem bedeutenden Tone zu
_Florentinen_ hinblikkend.

»Ja, Despotien in Republiken umgemünzt, wirds eine gangbare Waare für die
freigeborne Menschheit!« rief _Florentin_, und ihm wars, als träumte er den
Traum von den schwarzen Brüdern, wo sich in seiner Seele das erste lebhafte
Gefühl für Freiheit, und schwarzer Groll wider Fürsten entwikkelte. -- Er
that einen freiern Athemzug -- ihm wars ungewöhnlich wohl. »Despotien in
Republiken!« schallte es immer noch in seinen Ohren: »und da würdest du
_Louisen_ ungestört lieben dürfen, würdest du nicht über die Gränze wandern
müssen, um einer frohen Nacht willen!« setzte er bei sich stillschweigend
hinzu, und ihn wandelte ein sonderbarer Schauer an; er fühlte sich in
seiner ganzen Größe, sein Odem flog schneller, seine Hände krallten sich
zusammen, sein Auge blikte funkelnd empor -- sein Geist schwebte auf
stürmendem Gefieder der ahndenden Fantasie.

»Ich sehe nur nicht ein, warum nicht jezt schon, das alles so ist, wie's
sein soll? warum sich erst künftige Jahrhunderte dieses Glüks erfreuen
sollen? -- O, die glükliche Nachwelt!« sagte der alte _Graf_ mit einer Mine
der bittersten Unzufriedenheit. Der _Onkel_, der seine Lieblingsgrille,
welche wir schon an ihm kennen[A], zum Stoff der Unterhaltung machte, als
die übrigen, schwazten und schwärmten so den Rest des Tages hinweg,
umarmten sich dann noch einmahl und eilten halb traurig und halb getröstet
ihren Betten zu.

[Fußnote A: Dem etwannigen kurzen Gedächtnis unserer Leser und Leserinnen
zu Hülfe zu kommen, zitirt der Verf. des _ersten Bändchen, 1. Abschnitt, 2.
Kapitel_.]

Man freute sich _Florentinen_ am folgenden Tage noch einige Stunden sehn zu
können, und schlief ruhig mit diesem Gedanken ein. Aber, -- Gott! wer
schildert den Jammer dieser liebenden, treuen Seelen, als sie _Florentinen_
am künftigen Morgen nicht mehr erblikten, der sich wahrscheinlich schon in
der Nacht mit seinen beiden Dienern aufgemacht hatte!



Viertes Kapitel.
Abschied von der Sorbenburg.


»Mein Bruder hat uns verlassen, ohne uns das Lebewohl zu sagen!« rief
_Rikchen_ ihrem _Onkel_ weinend entgegen, der ungewöhnlich früh aus den
Federn gestiegen war, um sich noch desto länger mit seinem Neffen
unterhalten zu können.

Dem _Alten_ fuhrs wie ein Donnerschlag durch die Ohren. »Uns schon
verlassen?« stammelte er, und sein Unwille sprach aus Blikken und
Gebehrden: »das war dumm!«

_Holder_, welcher noch die meiste Fassung hatte, suchte beide zu beruhigen.
Es gelang ihm nur schwer.

»Dumm ists!« rief der _alte Graf_: »und dumm bleibts. Ich sehe im Grunde
nicht ein, warum der Kammerherr so sehr mit seiner Reise eilt. Ich weis,
der Herzog würde gewis nicht böse sein, wenn Florentin noch einige Monate,
wenigstens einige Wochen, bei seinen Verwandten geblieben, wäre.«

Holder. Aber es war ja des Herzogs ausdrüklichster Befehl, daß Florentin
seine Reise je bälder je lieber antreten sollte. Serenissimus bedient sich
ihres Neffen höchst wahrscheinlich in ausserordentlich wichtigen
Angelegenheiten, welches daraus erhellt, daß der Zwek dieser Reise so sehr
geheim gehalten wird und der Termin der Abreise sobald angesezt ist.

Onkel. Die vermaledeiete Dependenz!

Holder. Und weil es denn einmahl geschieden sein sollte: so wollte sich und
Ihnen der gute Florentin die Trennung dadurch erleichtern, daß er plözlich
verschwand. Sie kennen ja seine Art in diesen Fällen!

Onkel. Jedes andre macht verzeihlich, nur heute nicht. O, mir ahndets, ich
soll ihn nicht wiedersehn auf Erden -- seine Heimkunft nicht erleben.

Rikchen. O doch, Onkelchen! und geben Sie acht, er holt sich gewis die
schöne Marinerin aus Italien[A] und feiert hier in Sorbenburg die Hochzeit.
Das ahndet _mir_!

Onkel. Gott weis es, wessen Ahndung trügen wird!

Der _Onkel_ schien so unrecht nicht zu haben, aber _Rikchen_ gewis auch
nicht. Und wenn unser fahrender Ritter auch das schöne Mädchen aus _St.
Marino_ nicht mitbrachte, könnte er nicht irgendwo für sich ein andres
holdes Weibchen auffinden!

Inzwischen verstrichen nach diesem traurigen Morgen Monate nach Monaten, es
wurde ein Jahr daraus; _Florentin_ kam nicht wieder heim in die
vaterländische Wohnung, und man _verschmerzte_ endlich seinen Verlust.
Zwei, drei, vier Jahre folgten dem ersten, doch man _vergas_ ihn _nicht_!

[Fußnote A: Siehe im _ersten Bändchen, Abschnitt III. Kap. 1_.]

Graf _Florentin von Duur_, den wir jezt auf seiner Abentheuerjagd begleiten
müssen, denn die Sorbenburgsche Familie werden wir nicht so bald wieder
besuchen können, war am Abend seines Abreisetags über die Gränze des
Vaterlandes mit seinen Gefährten _Badner_ und _Gotthold_. Es war ihm wehe
und wohl, wenn er hinter sich in die Vergangenheit, oder vor sich in die
Zukunft hinausblikte, sahe was er dort überstanden, und hier noch zu
erwarten hatte! --

Der Winter war vorüber, der Frühling begonnen, und die schönen Tage des
Maies erwachten; aber über seine Seele streute die liebliche Jahrszeit
keine Freuden. Ungewis und unbestimmt, mehr ernst, als froh, kreuzte er
etliche Wochen in den benachbarten Gegenden seines Vaterlandes umher; ohne
sich dessen klar bewußt zu sein, wurde er immer noch magnetisch
dahingezogen. Und so rükte der Tag des heiligen _Urbanus_ unvermerkt näher,
an welchem er sich in dem Städtlein _Mungenwall_ befinden sollte.



Fünftes Kapitel.
Eine schöne Erscheinung.


Es war ein herrlicher Sonntagsmorgen, als unser _Graf_ mit seinen Kumpanen
ein niedliches Dorf unten im Thale vor sich erblikten. In angenehmer
Verwirrung lagen die braunen Strohhütten da zerstreut, jede von krausem
Gebüsche überwachsen und beschattet. Zur rechten und zur linken sahe man
Gärten in todte und blühende Hekken eingefaßt, und zur rechten und zur
linken tönte der süsse Gesang der Vögel fröhlich daher. In der Mitte des
Dörfchens ragte über alles in prachtloser Einfalt die spizze Kuppel des
Kirchenthurmes hervor, dessen hellschlagende Glokke mit silbernen Ton die
frommen Christen zur Andacht in Tempel rief.

_Florentin_ von dieser Gegend überrascht, hielt sein Pferd an, sein Auge
länger noch an dem Reiz der vollkommenen Natur zu laben. Seine Seele klärte
sich auf; die Stirn entfaltete sich und er wurde zum erstenmahle mit seinen
Gefährten gesprächig, denn bisher hatte man aus seinem Munde nur kaum ein
andres Wort, als das trockne: »Ja« oder »Nein« gehört.

»Wie heißt das Dörfchen da unten?« fragte er ein vorübergehendes junges
Bauermädchen und lächelte einmahl wieder seit langer Zeit freundlich.

»Gott grüß' euch, meine Herrn,« erwiederte die junge _Bäuerin_, ohne stehn
zu bleiben: »_Riedelsheim_!« --

»Wir wollen in die Kirche gehn, und Gott danken für den schönen Frühling!«
sagte der _Graf_ und trottete den Bergweg hinab ins Thal; _Gotthold_ und
_Badner_ ihm nach.

Leztere bestaunten den Einfall ihres Herrn, eine Dorfkirche zu besuchen;
aber man hatte kaum im Wirthshause gefrühstükt, so sahe man, daß es dem
_Grafen_ Ernst sei.

Der Pfarrer zu Riedelsheim bestieg in eben dem Augenblik die Kanzel, als
unser _Graf_ in die Kirche trat. Er sezte sich in einen Winkel auf ein
Bänkchen, um kein Aufsehn zu erregen; hörte andächtig dem lehrenden Greise
zu, fühlte sich durch den herzlichen Vortrag desselben bis zum Weinen
gerührt, und würde sehr erbaut von hinnen gegangen sein, wären seine Sinne
und Gedanken nicht mit einem mahle von aller Andacht hinweg und auf einen
andern Gegenstand -- eine weibliche Gestalt gezogen worden.

Er sah hinter einem Gitter, dreißig Schritt ohngefähr von sich entfernt,
ein Frauenzimmer sizzen, dessen Kleidung und Anstand dasselbe auffallend
von Dorfbewohnerinnen unterschied. Der Anzug dieser Schönen war einförmig,
aber doch mit Geschmack angeordnet; und so viel der obere Theil ihres
Körpers verrieth, denn mehr konnte man nicht von ihr erblikken, mußte sie
noch jung sein. Ihr Gesicht war leider verschleiert.

Ich weis selbst nicht, welcher Dämon _Florentins_ Augen auf die Dame
hinlenkte, da er doch seit der unglüklichen Liebe _Louisens_ beinahe einer
der ärgsten Misopyne geworden war, die nur je die Menschheit des weiblichen
Geschlechts bezweifelten.[A]

[Fußnote A: Mir kömmts vor, als sähen mich einige von meinen Leserinnen
mit großen Augen bei dieser Stelle an. Ja, ja, man war ehmals in der That
so kühn oder so verwirrt, wider die _Menschheit der Damen_ zu protestiren.
Schon ums Jahr 590 unsrer Zeitrechnung that dies im Ernste ein heilger Mann
und zwar ein _Bischof_, dem auch sogleich alle unglüklichen Liebhaber und
Hagestolze, geplagte Eheherrn u. s. w. so sehr applaudirten, daß dem neuen
Lehrer endlich ausdrüklich im dritten _Synodo Matisconense_ Schweigen
geboten werden mußte (S. _Osiander in Eccl. histor. Cent. VI. L. 4. C. 15.
p. 285._) Mit Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts that ein _Ungenannter_
abermals zum Schrekken der ganzen schönen Welt in einem ausserordentlich
gelahrten lateinischem Traktate, mit vielem philosophischen und
theologischen Argumenten die Nonhumanität der Weiber dar. Dieser seltsame
Mann, welcher, wie _Chr. Heerdreich_ in den _Pandect. brandenb. T. I. p.
33._ aus dem _Barthio_ und _Thuano_ erwies, der gelehrte Märker, Valentinus
Acidalius war, machte vieles Aufsehn, und ihn ganz besonders zu widerlegen,
warf sich der Churbrandenb. Hofprediger und nachmahlige Superintendent _D.
Simon Gediccius_ zum Verfechter des schönen Geschlechts auf, der das
_satanische_ _Scriptum_ schnurgeradehin als kezzerisch verdammte und zu den
_libris comestis_ schleuderte. Die Welt muß sehr wahrscheinlich in ihren
Gedanken vom Frauenzimmer schon ganz irre geworden sein, weil man die
Apologie des _Gediccius_ mit Gier verschlang, so daß sie mehr als einmal
aufgelegt wurde. »Ja, es haben dazumahlen die theologischen Fakultäten zu
_Leipzig_ und _Wittenberg_ die studierende Jugend vermahnt, jene verdammte
und lästerliche Schrift nicht einmal des Lesens würdigen, geschweige denn
das Frauensvolk im Scherze damit zu vexiren, _damit dasselbe nicht in
Zweifel wegen seiner Seeligkeit kommen mögte!_« (_Titius in litt. hist. p.
196._) Der Buchdrukker _Bärensprung_ zu Schwerin veranstaltete vor
verschiedenen Jahren eine Uebersezzung der Acidalischen Schrift, aber ihr
Verkauf wurde ihm unter der Hand verboten. Ah, _quel Conte_! mögte man
rufen.]

Unverwandt starrten seine Augen nach dem Gitterstuhle. Er zitterte, wenn
die Dame sich bewegte, und rükte ungeduldig hin und her, wenn sie stille
sas. -- Er selber wußte sich seine Empfindungen nicht zu erklären; er
wollte seinem Geiste die verlorne Andacht wiedergeben -- umsonst, seine
Augen glitschten immer von der Kanzel auf den Gitterstuhl zurük, von dem
Munde des Predigers auf den Schleier der Dame.

Eine sonderbare Ahndung überflog ihn. Er glaubte in der Gestalt, in den
Bewegungen der Dame im Gitterstuhle auffallende Gleichheiten mit Louisen zu
entdekken. Seine Fantasie wurde lebhafter; die Möglichkeit stieg in ihm zur
Gewisheit empor.

Plözlich schlug die _Unbekannte_ mit ihrer schönen Hand den Flor vom
Gesichte zurük -- -- o Himmel! und _Florentin_ sah _Louisen_. Ihm wurd' es
dunkel vor den Augen; eine Ohnmacht schien sein ganzes Wesen aufzulösen --
Noch einmahl sah er hin, und -- ach! der Gitterstuhl war ledig, _Louisens_
Bild verschwunden.

In einer süssen Betäubung sas er da. »Sie ists! sie ists!« rief sein Geist
in ihm; »dem Unglüklichen wird noch einmal das Glük die Geliebte zu sehn!«
--

Der Prediger prieß die Schönheiten der göttlichen Schöpfung; _Duur_
zergliederte sich _Louisens_ Reizze. -- Amen scholl es von der Kanzel, und
der Liebetrunkne stürzte zur Kirche hinaus. Er durchreiste das Dörfchen,
suchte das verschleierte Gesicht und -- fand es nirgends.

Hinter einer dichten Reihe hoher, breitlaubigter, finsterer Kastanienbäume
entdekte er am Ende den Dorfes ein im neusten Geschmack errichtetes,
zweistokhohes Gebäude, welches das ansehnlichste in Riedelsheim war. Er
blieb stehn, und maaß das Haus mit neugierigen Blicken. Gern wär er
hineingegangen, um auch da der geliebten Schwester des Herzogs
nachzuspüren, wenn es ihm nicht die Etikette verboten hätte.

Was sollt er thun? -- umkehren und _Riedelsheim_ verlassen, ohne Sie zu
sehn die geliebte Stifterin seines Unglüks? -- sie jezt nicht wiedersehn,
die er vielleicht dann nie, weder in diesem, oder jenem Leben wieder zu
erblikken glüklich genug sein könnte! -- Unmöglich, kein Liebender hätte
dies an _Florentins_ Stelle gethan, und _Florentin_ thats auch nicht.

Als er noch unentschlossen da stand, mit einem Stökchen im Staube malend,
zeigte sich seinen Augen ein junger, wohlgekleideter Mann, dessen Aeusseres
viel gutes ahnden lies. _Florentin_ machte sich sogleich an ihn und fragte
nach dem Besizzer des weißen Hauses.

»Sie sehen ihn vor sich!« antwortete jener und _Florentinen_ ward seltsam
zu Muthe durch diese Antwort, denn Mann und Stimme desselben waren ihm sehr
wohl bekannt. Kurz gesagt, die Gestalt und _der_ Ton gehörten in den Traum
von den schwarzen Brüdern hin, und zwar dem _Puppenspieler_, der im
Wirthshause die grausamliche Zerstörung Magdeburgs aufgeführt, und dessen
Kasten unser _Graf_ zertrümmert hatte. Daß _Florentin_ durch die frappante
Aehnlichkeit zweier so heterogener Personen etwas bestürzt gemacht wurde,
läßt sich denken.

»Wen hab' ich dass Glük zu sprechen?« fragte er.

»»Ich hin der *** Prinzenerzieher _Aellmar_, lebe hier durch die Gnade
meines Fürsten ein angenehmes Privatleben, und werde mich freuen, wenn Sie
in meiner Wohnung mit einer ländlichen Bewirthung vorlieb nehmen wollen.
Sie sind -- --?««

»Der Graf von Duur.«

»»Ich kenne Sie schon näher, wie mich däucht.««

»Und mir ists, als hätte ich ebenfalls schon das Glük gehabt Ihre Person
einmahl, aber Gott weis, wo und in welcher Verkappung, zu sehn. Ihre
Gesichtszüge -- ihre Stimme --«

»»Vielleicht haben Sie sich nicht geirrt.««

»Wär es möglich!«

»»Wie befindet sich Herr Holder von Sorbenburg? Wahrscheinlich haben Sie
ihn noch -- --?««

»So wahr ich lebe, Herr Aellmar, Sie und ein gewisser, schwarzer
Puppenspieler« -- --

»»Ganz recht, Vinzenz!««

»Gott, ich bin glüklich.«

»»Still, wir plaudern nachher mehr. Haben Sie die Güte mein Gast zu sein.««

»Haben Sie Fremde?«

»»Sie werden niemanden ausser dem Prediger _Leedri_, meinen Schwiegervater,
und seine Tochter, meine Agathe, antreffen.««

Wie gern folgte _Florentin_ der willkommenen Einladung des metamorphosirten
_Puppenspielers_! Hier hofte er gewis Aufschluß über das verschleierte
Frauenzimmer in der Kirche zu empfangen. Er unterlies auch nicht beiläufig
zu fragen, ehe sie das Haus erreicht hatten.

»Wahrscheinlich meine Frau!« antwortete _Aellmar_ und führte den halb
unzufriednen _Duur_ in ein Zimmer, worin sich der alte Pastor _Leedri_
allein befand. Man wurde bald bekannt mit einander; sprach, von diesem und
jenem; _Aellmar_ entfernte sich seine Gemahlin herbeizuhohlen, und
_Florentin_ exegisirte über das »Wahrscheinlich« des Aellmar.

»Wahrscheinlich ist doch nicht gewis; es läßt noch immer der Vermuthung
Raum, daß der Schleier eben so gut der Prinzeßin, als der Madame Aellmar
angehören konnte!« dachte er bei sich.

Die Thür eröffnete sich nach einiger Zeit. Die verschleierte Schöne, in
ihrem Anstande, ihrer Gestalt, ihrer Kleidung eben diejenige, welche im
Gitterstuhle sas, trat herein, schlug den gewebten Nebel hinweg von ihrem
Gesichte und machte dem Grafen ihr Kompliment. _Florentin_ der anfangs in
heftiger Bewegung da stand, ward noch verwirrter, als er hier eines der
liebenswürdigsten, sanftesten Weiber -- aber nicht das Idol seiner Seele
sah.

So gut es sich thun lies, verbarg _Florentin_ seinen Mismuth; er mußte es
nun einmahl geschehn sein lassen, daß er sich getäuscht hatte. Eine
freundliche, gewisse Unterhaltung bei Tische war die Würze der Speisen.
Sobald man von der Tafel aufgestanden war, suchte unser Pilgram, der noch
an eben dem Tage abreisen wollte, um zur rechten Zeit in _Mungenwall_
einzutreffen, den gastfreundlichen _Aellmar_ unter vier Augen zu sprechen.

Es gelang ihm.



Sechstes Kapitel.
Aufklärungen.


Der _Graf_ und sein _Wirth_ entfernten sich von dem alten _Leedri_ und
seiner Tochter, begaben sich in den naheliegenden Garten, wanderten hier
die sandigten Gänge, Arm in Arm, in wichtigen Gesprächen versenkt, einige
Viertelstunden auf und nieder, giengen dann, um desto unbelauschter zu
sein, in ein nettes, bequemes Gartenhäuschen, lagerten sich da auf ein
Sofa, und sezten ihre Unterhaltung fort.

»Ich bedaure,« sagte _Aellmar_ lächelnd: »Ich bedaure, daß Sie sich durch
den Schleier so verführen ließen, meine Frau für Ihre Durchlaucht die
Prinzeßin Louise zu halten. Zudem, wie sollt ich zu der Ehre gelangen, eine
fürstliche« -- --

Florentin. Aber wissen Sie gar nicht, wo sich die Prinzeßin befindet?

Aellmar. Wie sollt' ich? so viel ist gewis, und das wird Ihnen ja besser,
als mir bekannt sein, daß die Prinzeßin Louise, wegen ihrer Kränklichkeit,
auf einem ihrer Landgüter lebte. Die Aerzte haben es ihr gerathen;
Veränderung der Luft und des Aufenhalts soll sie bald wieder herstellen.
Die Prinzeßin, um sich zu gleicher Zeit ein seltneres Vergnügen zu
gewähren, macht inkognito, von wenigen Bedienten nur begleitet, kleine
Reisen durchs Herzogthum, so daß niemand eigentlich weis, wo sie sich
befindet.

Florentin. (rieb sich die Stirn.)

Aellmar. Dies ist alle Auskunft, die ich Ihnen geben kann, das heißt, ich
sage, was man allenthalben spricht. -- Doch lassen Sie uns davon abbrechen.
Sie wollen nach _Mungenwall_ reisen.

Florentin. Wie ich Ihnen gesagt habe.

Aellmar. Und wohin zielt von da Ihre Reise?

Florentin. Wohin mirs gelüstet. Des Herzogs Befehl bindet mich an keinen
Ort und keine besondern Geschäfte.

Aellmar. So würd ich mich in Ihrer Stelle um Menschen, Länder, Politik und
Volkskraft zu studieren, ohne Anstand nach _Kanella_ begeben, wo jezt Volk
und Fürst im Prozeß liegen, Komplote geschmiedet, Pläne entworfen und
zerrissen, Kabalen gespielt und Gährungen erregt und gedämpft werden.

Florentin. (zerstreut) Ich fänd' es selber nicht unangenehm.

Aellmar. Ich witterte diese Unruhen schon vor einigen Jahren, als ich mit
Holdern nach Italien reisen mußte, und wir zwei Monate in _Kanella_
hinbrachten.

Florentin. (aufmerksam) _Mußte_ Holder nach Italien reisen.

Aellmar. Er mußte, und zwar in Geschäften der schwarzen Brüder.

Florentin. Und Sie begleiteten ihn?

Aellmar. In einer _ähnlichen_ Angelegenheit.

Florentin. Darf ich um Holders Geschäfte in Italien wissen? Es intereßirt
mich zu sehr, um so seltsamer mir damahls seine Entschwindung vorkam, als
er -- --

Aellmar. Ich erinnere es mich noch sehr gut. -- Der Zwek der schwarzen
Brüder ist Verbreitung des Guten, Unterdrükkung des menschlichen Elends.
Wir waren es, welche die _Jesuiten_ aus Italien vertrieben hatten, ohne daß
diese eben so wenig, als die übrige ungeweihte Welt davon ahndeten. Unser
Triumpf war groß. Die Zerstörung der jesuitischen Hierarchie war eine
herrliche That unsers Bundes, lange schon beschlossen in unserm Rathe, und
so meisterhaft ausgeführt, daß niemand dabei unsern Einfluß ahndete --
Diese in Heiligenmasken verkappten Teufel aber schlichen sich bald wieder
an einigen italiänischen Höfen ein; ihre Fortschritte machten uns besorgen
zu frühzeitig triumfirt zu haben; sie hatten ihre Nezze so fein und so
stark gewebt, daß es eben so leicht möglich war, sich in ihnen zu
vergarnen, als unmöglich sich denselben wieder zu entwinden. Wir bekamen
Wind davon. Der Plan, die Gespinnste des Jesuitismus ganz zu zerreißen,
ward entworfen, ihn auszuführen bedurfte es einen Mannes mit dem
schärfsten, alles umfassenden Blik, mit der feinsten Politik, mit einer
ausserordentlichen Geistesgegenwart begabt. Alles beruhte auf diesen Mann
allein und -- Holder wurde erwählt.

Florentin. Sie sezzen mich in Erstaunen.

Aellmar. Holder lebte zu der Zeit auf dem Landgute ihres Oheims, wo er von
allem, was geschah, schriftlich und mündlich Notiz erhielt. An 6
verschiedne Herrschaften Italiens wurden einige schwarze Brüder verschikt,
die Jesuiten in der Nähe zu beobachten, Holder selber sollte sich dahin
begeben, um die mannigfachen Pläne des Ordens der schwarzen Brüder, die an
den verschiedenen Höfen realisirt werden sollten, harmonisch zu erhalten,
Maasregeln, die aus der Uebersicht des Ganzen entspringen mußten, zu
ertheilen, mit einem Worte alles zu dirigiren. Seine Abreise hing noch von
der Einwilligung eines deutschen Fürsten in einen gewissen Vorschlag in
Rüksicht der jesuitischgesinnten Italiäner ab. Alle hofften wir auf
Entscheidung. Auch ich wurde bestimmt mit Holdern zu reisen, um seinen
Befehlen zu gehorchen. Damahls lernt ich ihn kennen; ich sprach ihn
zuweilen in der Nacht in der Nähe des Duurschen Landgutes, wann er mir und
andern das Signal durch einen Büchsenschuß gab. Ich bewunderte schon in
diesen seltnen nächtlichen Konversazionen den schlauen, weisen, ehrwürdigen
Mann. Der deutsche Fürst lies uns lange hoffen, Holder wurde beinah
ungeduldig, er liebte Ihre Fräulein Schwester und hätte sich gern mit ihr
genauer verbunden, wenn nicht die Macht des Ordens auf eine Zeitlang
dawider gestanden. Plözlich erhielten wir Befehl aufzubrechen, ohne
Zeitverlust, ohne Schonung der Geldkosten, so schleunig, als möglich, weil
von unsrer baldigen Ankunft in Italien alles dependirte. Wir gaben Holdern
das Signal. Er erschien; unsre Nachricht dekontenanzirte ihn anfangs --
allein, weil wir schon seit eingen Monaten Befehl hatten, uns in jeder
Stunde zum schleunigsten Aufbruch bereit zu halten, so mußte er noch in
eben der Nacht mit uns. Rastlos gieng die Reise durch Deutschland. Wir
kamen nach Italien; zerstreuten uns, jeder an dem ihm vorbestimmten Posten.
Holder zeigte sich hier, als Meister. Er kam zurük zu den Brüdern in
Deutschland, die seine bewundernswürdige Thaten, seinen Eifer mit dem Stuhl
des Regenten belohnten. Glauben Sie mir, Herr Graf, es leben eben so viel
große Männer _unbekannt_, als bekannt! --

Florentin. Wahrlich ich bin stolz der schwarzen Brüder einer zu sein.

Der _Graf_ sprach dies in der That, nicht als ein Compliment, sondern als
Aeusserung derjenigen höhern Empfindung, welche aus dem süssen Bewußtsein
quoll, du bist auch einer derselben, die, wie die Gottheit, ungesehn
sichtbare herrliche Thaten üben. Wahr ists, das Schiksal hat mich eben so
sehr über gewöhnliche Menschen emporgehoben, als es mich sinken lies unter
denselben! --

»Und auch Sie, lieber Aellmar,« fuhr der _Graf_ nach einer Pause fort:
»auch Sie haben schon an der allgemeinen Glükseligkeit des
Menschengeschlechts gearbeitet -- und ich -- -- --«

Aellmar. Graf, Sie thaten schon ein Gleiches in ihrem Vaterlande. Schon
damahls waren Sie ein Werkzeug der schwarzen Brüder, schon damahls zur
Aufnahme bestimmt. Erinnern Sie's sich nicht mehr, wie sich die
_Unbekannten_ Ihnen schon lange bekannt machten? -- Haben Sie die Ihnen
zugesandten Briefe vergessen, welche -- --

Florentin. Wie sollt' ich!

Aellmar. So darf ich Ihnen nichts mehr erklären.

Florentin. Demungeachtet ist mir noch manche Aufklärung nöthig. Zum
Beispiel, woher es kam, daß man um meine Geheimnisse wußte, wußte, was in
meinem Herzen, und in meinen vest verwahrten Koffern und Schränken
vorgieng!

Aellmar. Ein Räthsel welches leicht aufzulösen ist, wenn Sie wissen, wie
ausgebreitet unser Orden ist, und daß der meisten Ihrer Bedienten und
Vertraute, so wie die Aerzte am Hofe u. s. f. zur Zahl der schwarzen Brüder
gehören.

Florentin. (bestürzt lächelnd) Ha!

Aellmar. Ich habe Ihnen nun so viel anvertraut, als ich darf, und Sie
bedürfen. Jezt erlauben Sie, daß wir hievon schweigen.

Florentin. Werd' ich nicht auch zu dieser Kenntnis alles dessen was im
Orden vorgeht, und wie es geschieht, gelangen?

Aellmar. Nicht früher, als Sie sich dazu würdig gemacht haben; sodann
gehört die Kenntnis des _was_ und _wie_? zu Ihren Belohnungen.

Hier brach _Aellmar_ das Gespräch ab, nöthigte den Grafen sich wieder zu
zerstreuen und -- heilige Verschwiegenheit zu beobachten.

Sie verließen das Gartenhaus.

Der _Graf_ sonderte sich von seinem neuen Freunde ab, wankte tiefsinnig mit
verschränkten Armen durch die Gänge des Gartens, und überdachte da die
Worte Aellmars.

Es stiegen sonderbare Empfindungen in ihm auf. Ihm wars, als wäre er zu
einer Klasse höherer Wesen gezählt -- er fühlte sich in ihrer Mitte zu
stehn, unwürdig und kleinlich, und wieder gros, wenn er der Thaten
gedachte, zu welchen der Orden ihm Bahn bräche. Seine Fantasie begann
lieblicher um ihn zu spielen; er warf sich halbträumend in den Schatten
eines Kastanienbaums.

»O, werd' ich einst ausgerungen haben, nennt mich die künftige Zeit gros,
rauschet der kühlende Lorbeer um meine glühnde Schläfe -- kehre ich heim
aus dem Felde der Thaten und begrüsset mich die vaterländische Flur wieder,
wo ich als Kind tändelte, als reifender Jüngling schwärmte, ruhe ich dann
aus in den heimischen Thälern in der Stille des väterlichen Hains, o wie
seelig wird dann mein Loos sein! -- Nein, ich fordre nicht zur Vergeltung
fürstliche Palläste, nicht die Freundschaft der Großen, nicht Anbetung vom
Volke und Vergötterung, -- nein ihr Gewaltigen, die ihr euren Arm in den
Mantel der Nacht verberget, gebt mir, wenn ihr es geben könnet, _Louisens_
Liebe in einem entlegnen Winkel der Erde, meinen Tod in Louisens Armen, an
Louisens Busen!«

So träumte der gute _Graf_ sich noch manchen angenehmen Traum, von
wehmüthiger Sehnsucht nach Ruhe durchwebt; denn Ruhe bedurfte sein
diefleidendes Herz, oder eine ungewöhnliche Zerstreuung.

Glüklich war _Florentin_ in der Mitte dieser ihn umwallenden Bilder, welche
die Fantasie erschuf; und so ist jeder glüklicher in der _Rükerinnrung_
oder Hoffnung, als im _Genuss_ selber!



Siebentes Kapitel.
Ein Nachtstük.


Es war ein schwüler Nachmittag; die Luft glühte, der Erdboden schmachtete,
kein Wind wehte Erfrischung; _Florentin_ entschlos sich also leicht,
_Aellmars_ Bitte zu erhören und erst am Abend dieses merkwürdigen Tages
seine Reise zu verfolgen.

Unterdes suchte _Aellmar_ seinem Gaste diese wenigen Stunden so sehr, als
möglich zu verannehmlichen. Weil der Graf, über dessen Seele ein ewger Gram
brütete, der nur selten und auch dann nur erzwungen, lächelte, jede
Gesellschaft ennuiant fand, wo Scherz und muntre Laune das Herz für Freude
stimmten, so unterhielten sich beide stets allein.

Unter andern führte _Aellmar_ seinen Freund in sein Studierzimmer, welches
rings herum mit vortreflichen Gemählden ausgeschmükt war. _Florentin_
heftete gleich beim Eintritte sein Auge auf einen männlichen Kopf. Er gieng
näher und erkannte bald, daß _Holder_ zu demselben das Original sei.

»Auffallend ähnlich!« rief der _Graf_: »dies hat ein Meister gemacht!«

»»Es ist sehr wohl gerathen.«« Erwiederte _Aellmar_ und stellte sich neben
Florentinen.

»Ganz seine freie stolze Stirn, welche der Gefahr trozt -- ganz sein
feierlich ernster, majestätischer Blik, der das menschliche Herz
durchspäht, und über die Entwürfe des Schiksals hinblikt, als lebte er mit
demselben in einem höhern Einverständnis. Sein Mund -- ganz eben der,
welcher sich immer nur zum Wohl des allgemeinen Ganzen zu öffnen scheint,
und nur das _Orakel_ der Weisheit sein kann. Dieser matte Zug um die
Lippen, diese matte Falten der Stirn, welche die stoische Kälte, den
strengen oft furchtbaren Ernst des Mannes so karakteristisch mahlt --
Aellmar, ich bin stolz, daß Holder mein Blutsverwandter ist, und hasse mich
selber, daß ich der Gelegenheiten so wenig vest hielt mich durch diesen
Ausserordentlichen und nach seinem großen Muster zu bilden.«

»»Ich schäzze den höher, welcher sich durch die Natur ausbilden läßt, und
nicht die Größe eines andern zu seinem Maasstabe macht. Erstere veredelt
den menschlichen Geist, so sehr es ihm seinem innern Gehalte nach möglich
ist, lezteres verzerrt denselben und bringt gewöhnlich Karrikaturen zur
Welt. Ich zweifle nicht daran, Herr Graf, daß auch Sie ein Holder werden
können, wenn sie in Verhältnisse gerathen, wie er; daß Sie in der Gefahr so
kalt bleiben, wenn Sie, wie er, zweimal in einem Meersturme scheidern,
oder, wie er, sich durch einen Haufen Banditen schlagen, oder unter
malthesischen Flaggen an einen türkischen Seefahrer entern --««

»Was sagen Sie mir da? -- Sie scheinen mehr von Holders ehemaligen
Lebensumständen zu wissen, als ich. Er hat sich in unsrer Familie selten
davon etwas verlauten lassen; nur so viel wissen wir, daß er von blutarmen
Eltern am Rheine geboren wurde.«

»»Im Orden, lieber Graf, werden Sie mehr darüber erfahren können. Nur so
viel ist gewiß, daß _Holder_ ein grösserer Abentheurer, als irgendein
_Bruder von der Küste_[A] geworden wäre, hätten die _schwarzen Brüder_ ihn
nicht in ihre Pläne verstrikt, unter ihre Zahl aufgenommen, und seinem
Genie eine edlere Bahn angewiesen.««

Vergebens bemühte sich _Florentin_ _Aellmarn_ mehrere Skizzen von _Holders_
Leben abzulokken, dieser wußte immer unter einem artigen Vorwande den
Versuchen des Grafen zu widerstehn.

Schon sank die Sonne mit aller ihrer Pracht hinter den Tannenwipfeln des
benachbarten Forstes unter; schon wurden die Lüfte kühler und graue
Dämmerung umflog die Landschaft; schon tönte vom Thurme von Riedelsheim die
späte Abendglokke, und das Geräusch der Menschen schwieg und die
Dorfbewohner suchten das Lager, um früher zur Arbeit aufzubrechen, als
_Florentin_ erst von _Aellmar_, dem alten Pastor _Leedri_ und dessen
Tochter _Agathe_ schied, um in der Nacht die versäumte Reise des Tages zu
ersezzen.

[Fußnote A: Siehe des Herrn von _Kozebu's verm. kleine Schriften_ 3ter
Theil. Geschichte der _Flibustier_ nach _Raynal_.]

Der _Graf_ mit seinen beiden Kumpanen trottete langsam zum Dorfe
_Riedelsheim_ hinaus, das Thal hindurch, die Hohlwege hinan. _Florentin_
war im Geiste noch immer um _Aellmar_, hörte ihn noch immer von _Holdern_,
oder der heiligen Bestimmung der schwarzen Brüder plaudern; sah noch immer
den verführerischen Gitterstuhl in der Kirche, oder die verschleierte
_Agathe Leedri_, Aellmars Weib, darinnen. So schlenderte sein Gaul ruhig
unter ihm den Weg hin, ohne daß es einmal die Spornen seines Ritters in den
Seiten fühlte, und _Gotthold_, nebst dem alten _Badner_, der, wie ich
anzumerken vergas, eben so bald zu seiner, des schwazhaften _Gottholds_ und
des _Grafen_ Freude die verlorne Sprache wieder gewann, als er über die
herzogliche Landesgränze hinaus war, ich sage _Gotthold_ und _Badner_
trabten, im Mondenscheine vertraulich mit einander plaudernd, bald voran,
bald zur Seite, bald hinterher.

»Kopf ab!« rief _Gotthold_ nach einer halben Stunde dem _Grafen_ zu, der
sich rasch niederdukte, um nicht mit den Baumästen über sich in Kollision
zu gerathen, und nun erst bemerkte, daß er sich in einem angenehmen
Wäldchen befände.

Dies sehn und den Entschluß fassen eine Strekke Weges zu Fuße zu wandern,
war eins. Er stieg ab, reichte _Gottholden_ den Zaum seines Rosses und
trabte frisch voran.

Die Nacht war angenehm, zum Schwärmen reizend, einladend zum Vollgenus
reinerer Empfindungen. Der _Graf_ gieng mit starken Schritten vorwärts,
schwärmte, genoß. Er war noch keine Viertelstunde gegangen, als ihn eine
weibliche Stimme, welche durch die tiefe Stille der Mitternacht seitwärts
ertönte, vom Wege ablokte.

Meine Leser, wenn Sie hier ein _gewöhnliches Waldabentheuer_ erwarten; so
täuschen Sie sich. Es geschah etwas sehr natürliches, was nur in
_Florentins_ Augen den Anstrich des Wunderbaren trug.

_Florentin_ gehörte eben nicht zu der Gattung neugieriger Lauscher, welche
das Sumsen einer Mükke aufmerksam macht. Es hätte vielleicht für ihn in
jeder andern Seelenstimmung die Weibesstimme süs oder sauer tönen mögen,
sie hätte ihn nicht von seinem Wege abgebannt, -- aber jezt. -- Doch um die
Ursachen recht einzusehn, welche ihn reizten den Fußsteig zu verlassen,
müssen wir sein unmittelbar vorhergehendes Gedankenspiel wissen.

Die Nacht, wie man weis, war schön;

   Ein wunderbar Gemisch von Licht und Schatten
   Verherrlichte den Wald mit unbekannter Pracht.
   Auf jedem Zweige sahe man die Nacht
   Sich mit des Mondes reinstem Silber gatten.
   Verworren schliefen Hain und Hügel in der Tracht
   Des alten Chaos -- Edens Nächte hatten
   Nicht solchen Reiz gesehn, und solcher Augenlust
   Sind sich die Heilgen kaum im Paradies bewußt.

Florentin knüpfte an das Bild dieser Nacht das Bild aller ehmals im
Vaterlande genossenen schönen Nächte; natürlich spielte in diesen auch
_Louise_ eine hervorstrahlende Rolle, und, was noch natürlicher war, die
Schönheit der nächtlichen Natur wurde in eben dem Augenblikke über die
Schönheit der angebeteten Auserwählten gänzlich vergessen.

   Nun schwamm ihm nur das magische Gebild
   Louisens vor der Stirne;
   Ihm malt der Bach, der von dem Felsen quillt
   In Silberringen seine Dirne.
   Süs haucht ein Zefyr von der hoch umbüschten Flur,
   Doch haucht er _ihren_ Namen nur,
   Nur _ihrer_ Wangen Roth zu zeigen
   Entknospen frühe Rosen sich,
   Vor _ihres_ Busens Blenden neigen
   Sich Lilien schamhaftiglich.
   Aus dichtverwachsnen Büschen schläget
   Vergebens schön die Nachtigall.
   In seinem tauben Ohr erreget
   Der Liebeswahn ihm süssern Hall!

Und in diesem Moment hört er einen Ton, der schlechterdings nur weiblichen
Lippen entfliehen konnte. »_Louise ists! Louise ists!_« rief ihm sein
liebendes Herz zu, und alles Blut stürmte wilder den Pulsen entgegen, seine
Wangen glühten, seine Augen leuchteten Freude und Hoffnung. »Ich muß sie
sehn!« dachte er bei sich und schlich behutsam durch das Dikkigt derjenigen
Gegend zu, von wannen ihm die Stimme des Frauenzimmers zugeweht war. Er
hatte kaum einige Schritte gethan, als er, wie angewurzelt, stehn blieb,
und ohnmächtig sich an eine hundertjährige Eiche lehnte.

Durchs Gebüsch sah er in einer mäßigen Entfernung ein schöngebildetes
Frauenzimmer. Zwar schien der Mond sehr hell, und des Gebüsches Schatten
traf kaum eine Falte vom weißen Gewande der _Dame_, demungeachtet hätte
jedes andre Auge nichts deutlich an derselben unterscheiden können, was der
Blik des sterblich verliebten _Grafen_, oder vielmehr seine dienstfertige
Einbildungskraft, sehr genau sah und unterschied. Und was _Florentin_
erblikte, oder doch zu erblikken glaubte, mußte seine Liebe doppelt
anfachen. Es hält freilich schwer das Fantom eines liebenden Sehers
nachzuzeichnen, indes will ichs einmal wagen, ob ich gleich gewiß bin, daß
ich mit meiner Beschreibung weit unter dem Ideal bleiben werde, welches der
trunkne Liebhaber sich vorschuf.

Denn nie war Sterblichen noch der Schönheit liebliches Urbild in der Hülle
eines sterblichen Weibes erschienen; nie bis dahin die Begeisterung
heiliger Barden aufgestiegen, und nie ein Bild dem Meißel entsprungen,
welches hier Louisen glich, die Florentin wahrzunehmen wähnte. Hier raubt
der zitternde Pinsel tausend Reizze mit jedem vermessenen Auge. Erröthend
schweigt die Muse vor dem Werke, welches nur einmal die Natur in ihrer
Zauberfülle geboren.

Regellos, doch schön umschwamm, in schimmernden Lokken, goldnes Haar der
Geliebten alabasternen Nakken. Sanft umfieng dasselbe die weiße blendende
Stirne in geziemende Gränzen. Ueber die zärtlichen blauen Augen, die der
Liebe begeisternde Sprache verstanden, majestätisch sich wandten, und ein
himmlisches Feuer in des Marmors Busen zu entzünden vermögend, wölbten
zartverrinnend sich zwei dunkele Bögen, welche die Schwermuth sich zu ihrem
Throne erlesen. Zwischen den rosig blühenden, schneeummaleten Wangen, von
dem ewigen, süssen Lächeln der Liebe umspielet, stieg, im feinsten
Ebenmaaße, lieblich erhöht die Nas' empor, und tiefer der schmalen,
purpurnen Lippen schönes elastisches Paar, verführend zum tändelnden Kusse.
Ihren Busen umfloß des Flores wallender Nebel, welcher in tausend Falten
dem entweihenden Blik des Weibes Heiligthum barg. Und um die göttliche,
weiche Bildung floß der Unschuld weisses Gewand, von dem schwarzen,
silbergestirnten Gürtel unter dem Busen geschlossen. -- Aber wer malet nun
den unaussprechlichen Liebreiz, welcher über diese hehre Gestaltung
gegossen? Jenen rührenden Zauber in der leichten Bewegung, der die Herzen
verwandelt, die Empfindungen auflößt, in die seligste Ohnmacht welche
Seelen verzükket und in öden Wüsten der Schönheit Altäre erbauet?

Unmöglich konnte _Florentin_ alles dies mit seinen beiden leiblichen Augen
sehn; das Bild lebte in seiner Fantasie, aber nicht vor seinen Blikken. Er
hatte schon einige Minuten dagestanden an der Eiche, als er erst inne ward,
daß die Erschienene unsichtbar geworden sei. Sie aufzusuchen wurde
beschlossen; denn in allen Fällen blieb es ein sonderbares Phänomen, wie
ein Frauenzimmer, es mogte nun sein, wie es wolle, zur Mitternachtsstunde
hieher in das Gehölz gerieth? Wäre dies in den Tagen des alten Roms oder
Graciens geschehn: so hätte man glauben müssen, _Diana_ habe sich verloren,
einen schlafenden _Endymion_ zu finden; lebten wir in den Tagen _Hüons_,
_Rolands_ oder _Doolins_: so wär es vielleicht die Königin der Elfen, oder
irgend eine gute, schöne Fee gewesen; oder wären wir abergläubig, so
muthmaaßten wir, _Louise_ habe sich in ihrer Todesstunde _geahndet_. Dies
alles konnte es nicht sein, doch was es mit der Erscheinung eigentlich vor
eine Bewandnis hatte, hegen wir auch nicht Hoffnung so bald zu erfahren,
weil sich dem guten Willen des liebenden _Duur_, die gewähnte _Louise_
auszuforschen, ein breites, sumpfigtes Gewässer entgegenstellte, welches
sich in die Länge umherzog, und ohne Brükke unmöglich passirt werden
konnte.

Eine gute Viertelstunde irrte er an dem morastigen Ufer des Sees oder
Baches umher, allein fruchtlos für seine Wünsche; fruchtlos rief er öfters
den Namen der Geliebten, er verhallte gebrochen in dem krausen Gewölbe des
Waldes und keine Antwort scholl zurük.

Müde endlich des vergeblichen Suchens, kehrte er misvergnügt, mit
gewachsener Sehnsucht im Busen, zu den harrenden Kumpanen heim; seufzend
schwang er sich aufs Roß und traurig suchte er wieder die reizenden
Geschöpfe seiner Einbildung auf, weil er um Realitäten betrogen war.

In der Liebe süsbethörende Träume verloren, flog nun trunken sein Geist
durch die Gefilde des Himmels. Feiernd sangen ihm die Harmonien der Sfären
_Louisens_ Namen entgegen durch die hallende Schöpfung. _Louisens_ Namen
malten flammend die irrenden Sterne an die blaue Tafel des unermeßlichen
Aethers.

Doch ermüdet senkte der Einbildung buntes Gefieder wieder herab sich in der
Wahrheit kalte Umarmung. Ach, da entzükte nicht sein Auge das Anschaun der
Geliebten, da umschwebte nicht das Gelispel geistiger Küsse sein Ohr und
nicht der harmonische Wohlklang, den die schöpfrische Lieb' um _Louisens_
Namen gewunden.

Doch ich befürchte, zulezt noch aus dem Märchenerzähler ein epischer
Dichter zu werden, wenn ich mich länger in Florentins Fantasien einträume.

Kurz und gut seis denn prosaisch gesagt, daß _Duur_ mit _Badnern_ und
_Gotthold_ nach acht Tagen im Städtchen _Mungenwall_ waren.



Achtes Kapitel.
Freude -- Verdrus und Schauder.


Die Empfindungen der Freude, des Verdrusses und des Schauders sind ziemlich
heterogen; es könnte schier glaublich werden, als habe mir ein muthwilliger
Freund diese Worte zum Text eines Kapitels gegeben, mein Erfindungsvermögen
zu taxieren. Aber nicht also! -- sondern, so wie sich täglich und stündlich
in unsrer Seele die entgegengeseztesten Empfindungen durchkreuzen: so wars
auch bei dem exilirenden _Florentin_.

Zuerst will ich umständlich erzählen, wie der Freudenlose endlich einmal zu
einer Freude gelangte.

Er lebte schon seit zwei Tagen im Städtlein _Mungenwall_ dem Tage des heil.
_Urbanus_ entgegen harrend, als eines Morgens an die Thür gepocht wurde und
der Briefträger hereintrat. _Florentin_ nahm den Brief, erkannte in der
Addresse eine Frauenzimmerhand, fertigte behende den Postboten ab und
erbrach neugierig das Couvert.

»_Lieber Graf_,«

»Also leben Sie noch? -- o, wohl mir und Ihnen; haben wir das Leben noch
nicht verloren, so ist nur wenig verloren! -- Sind Sie vergnügt? doch wie
sollten Sie das, Sie armer, vertriebener Mann? -- aber getrost, ruhig doch?
-- o ja, das müssen Sie sein; ich bins nun auch, ob ichs gleich vor einem
Monate nicht war. Aber so bald ich erfuhr, daß Florentin noch auf _einer_
Welt mit mir lebte, war ich zufrieden, war ich gesund. Bist Du's auch?
Florentin, bist Du's auch?« --

»Ach, lieber Einziger, ich könnte Dich trösten, und warum sollt' ichs
nicht? Warum soll sich die Gattin schämen vor -- ihrem Gatten? --
Florentin, lächelst Du nicht, wenn ich Dir sage, daß ich jezt Florentins
Ebenbild stündlich küssen, täglich an den -- -- _Mutterbusen_ drükken kann!
-- Ich werde so roth, indem ich schreibe, und finde doch keine Ursach dazu.
-- O Florentin, wärst du izt bei mir! doch, du darfst es nicht sein.«

»Ich habe Dich gesehen in der Kirche zu _Riedelsheim_. Ich traute meinen
Augen nicht, schlug den Flor vom Gesichte und sah Dich. Um mich, die ich im
strengsten Inkognito lebte, nicht zu verrathen, begab ich mich eilend in
meine Wohnung. Du kamst zu _Aellmarn_ -- o, hättest du's gewußt, daß wir in
den Mauern _eines_ Hauses beisammen waren -- --! nein, so ists besser. Du
hast mich also in der Kirche erkannt? denn warum drangen Aellmar und sein
gutes Weibchen so sehr in mich, daß ich dem leztern meinen Anzug leihen
mußte, um dich zu täuschen?«

»_Aellmar_ hat in einem angenehmen Lustwalde bei Riedelsheim ein schönes
Haus. Hierhin floh ich, damit Du mich nicht entdektest, aber meine Gedanken
begleiteten Dich stets. Ich fantasirte Dich zu mir her, meine
Einbildungskraft trieb ihr Spiel so hoch, daß ich zuweilen glaubte, Du
riefest mich laut bei Namen.«

»Das unstäte Herumreisen gefällt mir. Ich bin schon ganz wiederhergestellt;
in der andern Woche muß ich am Hofe erscheinen, aber, ach, Florentin, wie
öde ists dort, wenn Du nicht da bist! Mein Bruder, der Herzog soll sehr
niedergeschlagen sein -- ich wünschte die Hälfte Sehnsucht nach Dir, die
mich quält, in seinen Busen und er würde Dich gewiß mit Thränen der Reue in
sein Land heimrufen.« --

»Antworten mußt Du nie auf meine Briefe. Man hat mir aber versprochen, mich
von allem zu benachrichtigen, was sich mit Dir ereignet. -- Florentin liebe
mich -- bleib mir ewig gut! die Hand, die uns trennte, führt uns vielleicht
einst wieder zusammen. Erinnerst Du Dich noch eines Abends, da du im
Schloßgarten mir das Strumpfband applündertest?«

»Florentin lieb ewig

_Louisen_.«

»Geschrieben im Aellmarschen Waldhause bei Riedelsheim.«

Daß _Florentin_ beim Lesen und nach Lesung dieses Briefes in eine ihm jezt
sehr ungewöhnliche heitre Seelenstimmung versezt wurde, ist leicht zu
errathen. Er küßte das Blatt, welches _ihre_ Hände berührt, küßte die Züge,
welche _sie_ gezeichnet hatten.

Aber die Wonne des _Grafen_ war nicht das liebliche _Rosenroth_ auf die
_grüne Farbe_ der Hoffnung hingegossen, um mit Farben _Florentins_
Seelenzustand zu mahlen: sondern ein _düsteres Roth_ auf _schwarzem
Grunde_. Ein unwandelbarer Trübsinn dämpfte jedes aufwallende, frohe
Gefühl, und ließ im Freudestrahlenden Auge die Thräne der Schwermuth
blinken.

Gewöhnlich glaubt man, daß Entfernung von der Geliebten den Schmerz sie
nicht besizzen zu können, und am Ende die Liebe selber, mildert, auch der
brave Herzog _Adolf_ gieng wahrscheinlich von diesem Standpunkte aus, da er
_Florentinen_ und _Louisen_ mit weiser Vorsicht trennte -- aber hier fand
das Gegentheil statt. Seine Liebe wurde mit jeder Entfernung von dem
Gegenstande derselben heftiger, und er empfand die traurig angenehme
Wahrheit des _Owenischen_ Spruches an sich, daß

   Je mehr man dem Feuer der Liebe entfliehe,
   Je mehr es glühe.

Er hätte gern anizt die Pferde satteln und sich im sausenden Gallopp wieder
nach _Riedelsheim_ oder dem Aellmarschen Waldhause zurüktragen lassen, um
_Louisen_ zu sehn, zu umarmen, zu sprechen, um sein Ebenbild an das
Vaterherz zu drükken -- aber der _Urbanstag_ war nicht mehr weit, und die
_Prinzessin_, die sogar seine Briefe verbat, konnte vielleicht auf seine
Selbsterscheinung noch ungehaltner werden; überdem war ihr Aufenthalt
äusserst ungewiß.

Gezwungen also mußte er so weise sein, die in ihm aufsteigenden Wünsche
schweigen zu machen. Aber _Aellmarn_ konnte ers lange nicht vergeben, daß
er ihn so heimtükkisch hintergangen, und die Anwesenheit der Prinzeßin in
Riedelsheim nicht verrathen habe. -- Wäre _Aellmar_ nicht der schwarzen
Brüder einer gewesen, so fürchte ich, daß _Florentin_ blutige Rache an ihm
genommen haben würde.

»O!« rief der betrogne, tiefgekränkte _Graf_, mehr als einmahl mit wildem
Verdrusse aus: »fürwahr, spielt man doch mit mir, als einem Kinde. Nein, so
wahr ein Gott über uns lebt, so wahr ich frei bin und Mann bin, ich will
länger nicht sein der, welcher ich war. O, Freundschaft, Freundschaft, bist
doch nur eine schöne Puppe, welche man fühlenden, reinen Seelen, mit
Kindesunschuld begabt, auf eine Zeitlang zum Tändeln giebt! du selber
reizendes Ideal, Inbegrif jeder Tugend, hast dein Antliz abgewandt von der
entarteten Menschheit, dein Schatten nur schwebt noch auf der Geschichte
der Vorwelt und den Werken des Dichters!«

Ich glaube, der _Graf_ würde nicht unrecht gethan haben, wenn er das
beherzigt hätte, was wir oben (Seite 9.) über den Monolog eines Fürsten
gloßirten! --

Inzwischen hatte er weder Zeit genug seine Freude, noch seinen Verdrus
lange zu verfolgen, weil endlich der Tag des heiligen _Urbanus_ anbrach und
-- verdämmerte.

Schon vorher hatte der _Graf_ von einem Mungenwallischen Wirthe nöthige
Kunde über den rothen Wald, die Heerstraße, das steinerne Kreuz und
dergleichen mehr eingezogen, wovon ihm _Holder_ sagte, so daß er jezt
unmöglich irren konnte, da er gegen Abend zum Mungenwaller Thore
hinauswanderte, und dem vor ihm liegenden Gehölz entgegen.

Er trat hinein in den sogenannten _rothen Wald_, der an sich jedem andern
_grünen_ Walde gleich war, nur daß mit Anfang des Gebüsches auch der
Erdboden in Berg und Thal sich zu verändern anfing, und _Florentins_ Straße
sich in ewgen Krümmungen um Hügel, durch Thäler, grausenvolle mit hohen
Rüstern überwölbte Hohlwege eine gute halbe Meile hinschlängelte.

Die Mitternachtsstunde nahte. _Florentin_ sah links das steinerne Kreuz auf
einer mit Sträuchern wildumwachsenen Anhöhe. Er lagerte sich am Fuße
derselben, harrend der Dinge, welche kommen sollten.

Der Himmel war mit Wolken bezogen; hie und da funkelte ein Stern herab;
dann und wann trat der Mond aus den Nebeln hervor, übrigens herrschte
Todesstille im Walde.

Der _Graf_ hatte noch Zeit genug vor sich seine Begebenheiten zu
überdenken, die ihn hieher gebracht hatten.

»Wie wunderbar das Verhängnis mit uns spielt!« -- dachte er bei sich: »wie
hätt' ich je glauben sollen, daß ich einmal in diesem Walde um Mitternacht
liegen würde, Abentheuern entgegen zu gehn? -- Sollte man nicht beinahe des
Menschen freien Willen für ein Selbstgespinst seiner Fantasie halten? Ich
kam an den Hof eines Fürsten, wurde sein Vertrauter. Seine Schwester war zu
schön, daß ich nicht Liebe für sie hätte empfinden sollen und Sie liebte
mich wieder. Eine glükliche Nacht war die Quelle vieler Unglüksfälle. Ich
würde verloren gewesen sein, hätte mich nicht die Güte unbekannter Männer
erhalten; ich wäre nicht durch diese so glüklich gewesen, hätte ein
Ungewitter und ein rother Mantel nicht Holdern mit meinem Onkel verbunden.
Ich stand dem Tode nahe, wurde gerettet -- war dies nicht vielleicht nur
Plan der schwarzen Brüder? -- Ungewiß über mein künftiges Leben schweif ich
umher. Ich komme in ein Dorf; der heitre Morgen reizt mich in die Kirche zu
gehn, und dieser Gang ist eine neue Ursach von tausend angenehmen und
widrigen Empfindungen. Könnte der Geist des Menschen die Folgen jeder, auch
der kleinsten, That überschaun, würd' er wohl je Thorheiten begehn?«

Florentin hörte jezt den Fußtritt eines Wandelnden durch das stille Gebüsch
hallen. Er horchte; es kam näher. Ein Mensch wie ihn _Holder_ beschrieben
hatte, gieng die Landstraße nach Mungenwall; einen Bündel dürrer Reiser auf
dem Rükken, eine Axt unterm linken Arm tragend. Es war hell genug einander,
wiewohl nur schwach, wahrzunehmen. _Florentin_ wußte, was jezt geschehn
würde.

Der _Fremde_ gieng hart an ihm vorüber, ward seiner gewahr und sprach:
»Seid gegrüßt!«

»Gott dank Euch, Hugo!« antwortete der _Graf_ und lauschte.

»»Es ist kalt, und nicht mehr weit von Mungenwall, warum verweilet Ihr am
Wege hier?««

»Ich sizze zum Feste der Schwarzen.«

»»Gut! gut! ich verstehe!«« erwiederte der _Holzträger_, gieng an das
steinerne Kreuz und schlug mit dem Rükken der Axt dreimahl mit solcher
Energie wider das Kruzifix, als wollt' ers mit jedem Schlage zermalmen. --

»Was bedeutet dies?« fragte _Florentin_, indem er aufstand.

»»Man soll uns erwarten und verstehn wie wir uns erwartet und verstanden
haben. Folgt mir!««

Der seltsame _Holzträger_ wanderte frisch voran, _Florentin_ ihm nach. Sie
giengen einen wenig betretenen Fußsteig rechts ins Gehölz hinein, verloren
denselben, drangen durch Buschwerke, sprangen über Graben, giengen neue
Wege, verloren sie wieder, bis sie nach anderthalb Viertelstunden vor einem
Hause standen, wo man eben niemanden zu erwarten, sondern wo vielmehr alles
ausgestorben zu sein schien. Der _Holzträger_ klopfte dreimahl an. Es wurde
aufgethan.



Zweiter Abschnitt.



Erstes Kapitel.
Kanella.


Unter andern sagte _Aellmar_ zum Grafen _Florentin von Duur_, während der
Anwesenheit des leztern im Dorfe _Riedelsheim_:

»Volk und Fürst liegen jezt zu _Kanella_ mit einander im Prozesse. Um
Menschen, Hofkreaturen, Politik und Volkskraft zu studieren, ist das für
jezt die beste hohe Schule.«

Ich zweifle gar nicht, daß sich meine Leser dieser Worte so gut, als ich
mich, zu erinnern wissen. -- Die politischen Romane so wohl, als die
politischen Schauspiele und Staatsakzionen sind ziemlich aus der Mode
gekommen, ich finde auch kein Behagen sie wieder in den alten Flor zu
bringen, aber so viel es zu der Erzählung unsrer Geschichte gehört, muß ich
doch der Kanellesischen Unruhen erwähnen.

_Piedro_, Fürst von Kanella, war schön gewachsen, in den besten
Lebensjahren, hatte ein niedliches Gesicht, viel Galanterie und hinreißende
Swade. Dieß aber war die ganze Summe seiner Tugenden! er war der
angenehmste Gesellschafter und der elendeste Regent. Wie man nach
gewöhnlicher Art den Fürstenpöbel erzieht, war er erzogen; Stupidität,
Wollust, Aberglaube, Prachtliebe, Bigotterie, und Selbstsucht gaben die
Grundlinien seines Karakters an. Er regierte nicht, sondern diejenigen,
welche seine Einfalt vergötterten, seine Leidenschaften küzzelten; und
regierte er: so war er Despot.

Ein unglükseeliges Volk, welches ein solches Unhaupt zum Haupte hat!

Die _Kanelleser_ fühlten _Piedros_ eisernen Zepter und murrten; sein
Prachtaufwand war groß, groß wie ihre Armuth -- sie murrten lauter; ihr
Gewissen selber wurde als dependent von der Laune des Fürsten erklärt, die
Freiheit ihres Geistes in Fesseln geschlagen und dies war das Signal zu
thätigen Erklärungen des Volks wider den Fürsten.

»Vergeuden will er mit seinen Konkubinen unser Hab und Gut!« rief hier mit
Thränen ein Bürger aus, der einen Theil seines Silbergeräths zu Gelde
gemacht hatte, um die vielen Steuern und Abgaben zu entrichten: »mit
Lekkerbissen und Weinen aus allen Welttheilen herbeigeführt, will er sich
und seine Hofschranzen mästen, indeß wir seine Bürger mit unsern Weibern
und Kindern an Brodrinden knauern und Quellwasser trinken sollen! Nein,
Piedro, fürwahr du treibst es nicht lange so!«

»Ha, des fürchterlichen Schlaukopfs!« schrie dort ein andrer: »wir sind ihm
zu klug, er will uns umschaffen zu Dummköpfen, damit wir ruhiger seine
Tükke dulden, seine Pläne nicht sobald durchschauen, und gewahren, wo uns
die Ketten schaben. Darum verdammet er die Aufklärung, darum giebt er uns
bigotte Religionslehrer, darum dürfen die Gelehrten auf der hohen Schule
nicht mehr sprechen, wie sie wohl wollten, und die Schriftsteller nicht
mehr schreiben, wie sie gern mögten. O Piedro, es wird dir doch nicht
gelingen!«

So dachte man und sprach man leise und laut im ganzen Gebiete Kanellas;
täglich erschienen Pasquille auf dem Fürsten, seine Lieblinge und
Ministers, wöchentlich traten heimlich gedrukte Schriften über die
Regierung ans Licht, welche dieselben vor den Augen des ganzen lesenden
Volks in ihrer Blöße darstellten.

_Piedros_ Aufwand überstieg beiweiten seine Einnahmen; alle Mittel wurden
hervorgesucht, und waren es die abscheulichsten, um die zerrütteten
Finanzen wiederherzustellen. Eine auswärtige große Macht, welche schon seit
etlichen Jahren in einen schweren Krieg verwickelt war, verlangte vom
Kanellesischen Hofe Truppen gegen Bezahlung einiger Millionen. Wem konnte
dies Anerbieten willkommener geschehn, als dem _Piedro_? -- die Regimenter
wurden kompletirt, exercirt und in marschfertigen Stand gesezt. Die
Kanelleser murmelten zwar manches von Unrecht, Widersezzen, Aufsagung des
Gehorsams und dergleichen mehr, aber wer hörte auf sie? -- Doch gab dies
den ersten Anlaß zum öffentlichen Ausbruch des allgemeinen Misvergnügens.

Der Kardinal _Benedetto_, _Piedros_ Favorit und Universalminister, hatte
durch seine Spione manches erfahren, was allerdings für den Hof nicht
allzugünstig ablaufen konnte, begab sich also zum Fürsten, und zwar am Tage
vor dem Abmarsch der Regimenter.

Er fand den Landesvater in den Armen der schönen Gräfin _Rosaffa_,
wollüstig in ihren schwarzen Haarlokken tändelnd. Der _Kardinal_ wollte
zurüktreten.

»Nicht doch, Herr Kardinal,« rief ihm die Geliebte _Piedros_ zu: »kommen
sie herein, wir werden nicht gestört.«

Piedro. (lachend) Nein, nein, wir werden nicht gestört! ha, ha, ha!

Kardinal. Ich habe Ew. Durchlaucht nur _ein_ Wort, aber ein wichtiges Wort
zu sagen.

Piedro. So? reden Sie; Donna Rosaffa darfs ja wohl hören.

Rosaffa. (einen intressanten Blik auf den Kardinal werfend.) Ich bitte
selber darum.

Kardinal. (sie anlächelnd) Ich muß gehorsamen.

Piedro. Was verlangen Sie denn?

Kardinal. Daß der Prinz Moriz nicht mit den Truppen Ew. herzogl.
Durchlaucht abgehe -- --

Piedro. Sondern?

Kardinal. Noch eine zeitlang in Kanella bleibe, weil das Volk unruhig
geworden ist.

Piedro. (auffahrend) Unruhig?

Kardinal. Wegen des Abmarsches unsrer jungen Mannschaft.

Rosaffa. Die Burschen werden ihre Mädchen nicht verlassen wollen.

Piedro. Dem ersten, der da mukst eine Kugel vor den Kopf! -- Was soll aber
Moriz hier?

Kardinal. Er ist vom ganzen Volke gefürchtet; ich habe Proben davon
erfahren, die unglaublich scheinen. Er wird am besten Ordnung zu erhalten
wissen -- befehlen Ew. Durchlaucht, daß er zurük bleibe.

Piedro. Meinethalben.

Rosaffa. Moriz ist ein fürchterlicher Mann; ich glaube seine trozzige Miene
allein schon kann eine Armee in die Flucht jagen.

Piedro. Sind die Unruhen von Bedeutung?

Kardinal. Noch nicht, könntens aber werden. Alles die traurigen Folgen der
Freigeisterei und eingerißnen Aufklärungssucht. Wehe, wehe dem Staate, wo
diese herrschen! -- doch ich denke ja mit der Hülfe des Himmels und Ew.
Durchlaucht bald die Kezzereien auszurotten, und Ihre Unterthanen in ein
sanftes, frommes, gottgefälliges Volk umzubilden. Ei, ei, ei, Dero
Durchlauchte Vorfahren haben das Uebel schon zu tief -- --

Piedro. Verbessern Sie, Herr Kardinal. Und, wie gesagt, jedem
widerspenstigen Buben die Kugel oder den Galgen.

Rosaffa. Wenn marschieren die Soldaten aus?

Piedro. Wir sehen sie morgen vor unserm Pallast durchziehen. (er flüstert
der Gräfin etwas ins Ohr.)

Rosaffa. (beleidigte Schaamhaftigkeit affektirend) Nicht doch!

Kardinal. (empfiehlt sich)

Prinz _Moriz_ empfieng noch an selbigem Tage vom Hofe Befehl in _Kanella_
zu bleiben, weil hier seine Anwesenheit vonnöthen sei. Zwar war ihm dies
eine sehr ungelegne Ordre; doch einige Zeilen von _Benedettos_ Hand
beruhigten ihn, machten ihn sogar zufriedner mit seinem Heimbleiben, als
seiner determinirten Abreise.

Ich darf den Karakter _Morizens_ meinen Lesern nicht erst schildern;
wahrscheinlich kennen Sie den Mann noch, nebst seinem getreuen _Flimmer_,
aus seinen Händeln mit den schwarzen Brüdern und den Grafen _Duur_ in
Herzog _Adolfs_ Residenz. Hier am Hofe zu _Kanella_ wurde er, wie man
sieht, ungemein geschäzt. Besonders bediente sich seiner _Benedetto_
treflich, weil dieser schlaue Mönch durch ihn manches Plänchen zu
realisiren wußte, welches nur durch einen so wilden, rauhen _Moriz_
realisirt werden konnte; denn ausser diesem war das ganze Hofvolk ein Heer
entnervter Wollüstlinge, Sodomitten und Tribaden.



Zweites Kapitel.
Der Landesvater mit seinen Landeskindern.


Am folgenden Tage war es schon früh in den Straßen von _Kanella_ lebhaft.
Soldaten und Bürger, Männer und Weiber, Hohe und Niedrige rannten
durcheinander, sagten sich das Lebewohl, wünschten sich das baldige
Wiedersehn. Die Rosse schnoben, die Fahnen und Standarten wehten, die
Waffen klirrten, die Trommeln wurden gerührt, man sties in die Trompeten,
die Compagnien stellten sich, alles zog sich auf dem großen _St.
Dominikusplaz_ zusammen.

Es war ein rührendes Schauspiel anzusehn, wie sie da standen die Greise,
Männer und Jünglinge unter ihren Waffen. Verzweiflung und Schmerz malte
sich in ihren Mienen -- ein gebrochnes Jammergetön durchdrang die Luft --
keiner aber sprach. Die Männer, welche vorübergingen, riefen ihnen ein
banges: »Gott mit euch!« zu und verbargen die heimlichen Thränen, welche
sich aus ihren Augen stahlen. Aber die Krieger verbissen ihren Schmerz --
still lächelten sie und drükten einander wehmüthig die Hände.

Mit einemmahle sahe man einen langen Zug von Weibern dem _Dominikusplaz_
entgegen wanken; jedes beinahe führte ein Kind an der Hand. Es waren die
Weiber und Kinder der scheidenden Krieger. -- Diese sahen sich, vom Anblik
dieser Szene durchbohrt, an, jedem zitterte eine Thräne vom männlichen Auge
und jeder nahm vom Weibe und Kinde den lezten Abschied. »Lebet wohl, mein
Vater!« riefen die unmündigen Kleinen. -- »Lebet wohl!« lallte ein
weinender Greis und stämmte sich auf seine Flinte: »lebet wohl, ihr kleinen
Engel!«

Die Weiber umschlangen ihre Gatten, stammelten ihnen tausend heiße Wünsche,
und jeder Wunsch wurde von einer Flut von Thränen und Küssen erstikt.

»Gott ziehe mit dir, mein Einziger!« rief ein junges Mädchen und sank
ohnmächtig an den Hals des geliebten Jünglings, und der Jüngling
erwiederte: »Tröste dich unser Gott, meine Traute, wenn ich nicht
heimkomme! In der Ewigkeit sehn wir uns wieder!«

»Ja in der Ewigkeit sehen wir uns wieder und da soll Gott der Gerechte
richten!« heulten einige Weiber, und der Jammer ward allgemein.

Plözlich schwieg alles; Todesschauer faßte jeden und jede, denn es hieß:
»_Moriz_ kömmt! _Moriz_ kömmt!«

Der _Prinz_ kam wirklich von einigen seiner Offizieren begleitet zu Pferde
herbeigesprengt.

»Allons, weg Weiber und Mezzen von den Soldaten; Memmen sinds ohnedem!«
rief er.

»Wären nicht Memmen!« replizirte hierauf einer der Senatoren von Kanella,
der unter dem Volke stand, so deutlich, daß es _Moriz_ hören mußte, wenn er
nicht im dem Augenblik mit Taubheit geschlagen gewesen: »nicht Memmen,
sobald man sie wider die Feinde ihres Vaterlandes ausschikte!«

_Moriz_ stuzte; sein Stolz der hier Angesichts des Volks beleidigt wurde,
wiegelte seinen Zorn auf. Mit fürchterlichem Blik sah er um sich und
fragte: »Wer spricht das?«

Der alte Senator trat aus dem Gedränge hervor und antwortete: »Borsellino,
Prinz, ein edler Kanelleser.«

»»Elender Graukopf, hüte dich!««

»Vor wem? ich bin sicher.«

»»Ich will dir den Lohn deiner Kanellesischen Frechheit auszahlen lassen.««

»Prinz, ich bin ein Bürger Kanellas!«

»»He, Wache herbei!««

»Herr, ich bin der Senatoren einer!«

»»Wache!««

Das Volk stürzte zusammen; der Lärmen ward grösser, zwölf junge Edelleute,
verwandt und unverwandt mit dem Hause _Borsellinos_, umringten den Greis,
ihn gegen Gewaltthätigkeiten zu beschirmen.

Die Wache kam. _Moriz_ befahl _Borsellino'n_ zu ergreifen und wegzuführen.
Die zwölf Kanellischen Edeln baten für ihn, umsonst. Sie drohten; _Moriz_
wurde wüthend.

Der neugierige Pöbel sammelte sich näher; einige im Volle schrieen:
»Borsellino darf nicht angetastet werden, er ist der Senatoren einer!« und
plötzlich riefen mehrere Stimmen: »Wehe, wehe dem, der den braven Bürger
Kanellas mishandelt!« und so grif der Tumult um sich, der Pöbel lärmte,
alles schrie: »Bürgerrechte werden zertreten! steht Borsellino'n bei! wer
thut ihm Gewalt?«

_Moriz_ sas etliche Minuten durch dies ungewohnte Schauspiel versteinert da
auf seinem Rosse; seine Lebensgeister waren entflohen, aber bald kehrten
sie wieder bei ihm ein und wie es schien in Furien umgewandelt. Er rollte
die Augen fürchterlich umher, knirschte laut mit den Zähnen, schäumte,
sties gräsliche Flüche wider die Kanelleser aus und kommandirte das
nächststehende Regiment die Gewehre scharf zu laden und auf seinen Wink
unter das Volk zu feuern.

Beinahe der ganze Adel von Kanella, welcher ausser dem Hofe lebte, war jezt
herbeigeeilt, Morizens Befehl wirkte anfangs allgemeine Bestürzung und
Stille. Aber diese Stille verwandelte sich bald wieder in leises Flüstern
und Murren, das Geflüster in lauteres Murmeln, das Murmeln wurde stärker
und stärker und endlich das vorige Schreien und Toben.

Der alte _Borsellino_ inzwischen glich einem Rasenden. Er hörte _Morizens_
Kommando die Gewehre zu laden und Feuer zu geben; dies sezte ihn ausser
sich, er war seiner nicht Mann, zog den Degen, und versuchte sich durch den
Haufen der Edelleute zu drängen. »Ungeheuer!« rief er mit glühendem
Gesicht: »Ungeheuer! ists erhört, das Blut der Bürger von Kanella zu
vergießen? -- Ungeheuer, wag es, _einen_ Schuß wage! He! will das unser
Landesherr? -- Ungeheuer, wird das Piedro wollen?« --

Man bemühte sich den jähzornigen _Borsellino_ zu überlärmen, zu
besänftigen, aber er ruhte nicht. »Laßt mich hin zu ihm, laßt mich!
Bürgerblut will er vergießen -- hört ihrs denn nicht? Ists nicht genug, daß
man uns zu Sklaven machen will, zum Viehe sollen wir noch herabgewürdigt
werden, das man morden darf, nach Herzenslust! -- Laßt mich, laßt mich! --
Heda, verdammter Fremdling, mit dem Leben der Kanelleser willst du spielen?
ho! ho! -- Bürgerblut! Bürgerblut! -- Männer von Kanella ihr schweigt? --
ho! hindurch!«

Der _Prinz_ sah den schnaubenden _Borsellino_, hörte seine Worte, hörte des
Volkes verwirrtes Geschrei, aber fühlte nicht, daß _er_ es gewesen sei, der
den schlummernden Funken des allgemeinen Unwillens zur lodernden Flamme
angeblasen hatte -- und wurde ob dieser unerhörten Vermessenheit eines
Kanellesischen von Adel dreimahl wilder, als zuvor. Sein Gefolge stämmte
sich ihm entgegen, aber Zwang empört den Zorn, stillt ihn nicht.

Es war ein entsezlicher Anblik, die beiden Wüthenden gegen über, jeder von
den seinigen umringt und zurükgehalten. Aber unmöglich konnte man
_Borsellino'n_ länger widerstehn, er, in dem die Wuth Riesenstärke und
Feuer der Jugend ausgegossen hatte. Er stürmte hervor und sties blindlings
das gezukte Schwerd bis an den Heft dem Rosse des Prinzen in den Leib, und
in eben den Augenblik stürzte _Morizens_ Klinge auf _Borsellinos_ Schädel
herab.

»Gebt Feuer!« schrie der _Prinz_, indem sein Pferd unter ihm sank: »Feuer
auf die Hunde!« und von verschiedenen Seiten fielen -- einzelne Schüsse.

Dies that Wirkung, wie sie _Moriz_ hoffte. Der Pöbel flüchtete; alles wurde
still. -- --

_Borsellino_ lag ohnmächtig, in eignen Blute sich badend, in den Armen
seiner Freunde. Man trug ihn fort. _Moriz_ gab eiligst Befehl zum Aufbruch
der Soldaten. Es flogen die Rosse, die Fahnen und Standarten wehten, die
Waffen klirrten, die Trommeln wurden gerührt, man sties in die Trompeten
und so gieng der Marsch durch die Straßen von Kanella, an das herzogliche
Palais vorüber.

_Piedro_, _Rosaffa_, _Benedetto_ mit verschiedenen Herrn und Damen des Hofs
standen auf den Gallerien und Altanen vertheilt, dem Zuge zuzuschaun.

Aber ehe die verkauften Landeskinder mit klingendem Spiel und fliegenden
Fahnen herankamen, erschien in trauriger Prozeßion der blutende
_Borsellino_, getragen von den Vornehmsten von Adel. Nicht ohne Absicht
schleppte man den Verwundeten, der sich etwas erholt hatte, hier vorüber.

Der _Fürst_ hatte den Lärmen und später nachher das Schießen gehört, und
von einem Adjutanten aus _Morizens_ Suite Nachricht darüber empfangen.

»Wer ist der, welchen Ihr da unten traget?« fragte der _Herzog_ mit Neugier
und heimlichen Schaudern.

»»Der edle Borsellino!«« scholl die Antwort zurük.

Der Verwundete richtete sich mit dem Leibe empor, schlug die Augen auf,
sammlete alle Kräfte und sprach mit matter Stimme: »Herzog Piedro, dein
Landeskind! -- Piedro dein Landeskind, erschlagen von dem Fremdling der
nach dem Blute deiner guten Bürger dürstet! -- Piedro, Rache und Recht,
wenn du Landesvater bist!«

_Piedro_ war erschüttert. -- _Rosaffa_ schrie hinunter: »Schaffet den
abscheulichen Anblik aus unsern Augen!« und _Piedro_ das Echo seiner
_Rosaffa_ intonirte sogleich: »Schaft ihn fort!«

_Borsellino_ seufzte; die ihm umgebenden Edelleute murmelten unwillig unter
sich, und gehorchten der Mätresse ihres Herrn.

Die Truppen marschirten bald darauf vorbei.

»Es lebe Piedro! -- es lebe Piedro, die Lust seines Volkes!« schrien die
Soldaten, wenn sie nahe am Schlosse waren, und wischten zu gleicher Zeit
die Thränen vom Auge, und der _Landesvater_ lächelte huldreich auf sie
herab.



Drittes Kapitel.
Gewitterwolken, die sich zerstreun.


Seit diesen Auftritten herrschten in _Kanella_ tiefe Stille und Ruhe; es
kam nirgends zu öffentlichen Händeln. Aber diese allgemeine Stille glich
der vor einem Gewitter; sie ist schreklich. Die Volksfeste wurden nicht
mehr so lebhaft, als sonst gefeiert; in den Tabagien und Gasthöfen lärmte
nicht mehr der frohe Muthwille; die schönsten Spaziergänge wurden seltner
besucht. Gram und Mismuth war auf jedem Gesichte zu lesen; Armuth wohnte
unter den meisten Dächern, Unthätigkeit, Ekel der Arbeit in den meisten
Werkstuben.

Nichts ist für einen Staat unglükweissagender, als _solche_ Phänomene!
Armuth gebiert Muthlosigkeit, Misvergnügen, Widerwillen gegen alle Arbeiten
beim gemeinen Mann, weil er noch nur das wenigste von dem durch seinen
Fleis Gewonnenen für sich behält, sondern den größten Theil seines Erwerbs
den Pächtern, Monopolisten, Zöllnern, Steuern- und Acciseeinnehmern für den
Fürsten u. s. f. entrichten muß. Träger Müssiggang ist der Vater
gefährlicher Projekte und Träume, wo man sich denn durch irgend ein Wagstük
in die ehmaligen Glüksumstände wieder hinauf zu schwingen hofft.

Der habsüchtige _Benedetto_, der schwelgerische _Piedro_ argwöhnten von
diesem Erfolg ihrer Unternehmungen zur Verbesserung der Finanzen nicht das
geringste. Nothdurft, -- so machiavellisirten sie -- ist das Triebrad im
Staate, welches Industrie, Künste und Handwerke befördert. Reichthum der
Landeseinwohner macht sie frech, luxuriös, träge. Der Unterthan ist ein
Esel, der nur mit Zwang seine Pflichten erfüllt.

Ob _Piedro_ und sein _Universalminister_ richtig argumentirten, wird uns
der Erfolg mit Thatsachen belegen können. -- Nur so viel war jezt schon
gewiß, daß das Gebiet von _Kanella_ um diese Zeiten ungleich mehr verarmte
Familien, Bankeroteurs, Bettler, Beitelschneider, Straßenräuber, und andres
unnüzzes Gesindel aufzuzeigen hatte, als irgend sonst.

Mehr gährte es in den Köpfen des so oft beleidigten, oft ungerecht
herabgewürdigten Senats und Adels. Der erstere hatte kein anderes
Gesezbuch, als die Laune des _Kardinals_, des _Prinzen Moriz_ und der
_Gräfin Rosaffa_, lezterer keine Anwartschaft durch Verdienste sich
emporzuschwingen; Mittel waren nur etwa die Schürze einer fürstlichen
Beischläferin, oder eine Börse gepreßt voller Goldstükken.

_Borsellinos_ Schiksal machte neue Sensazion; dieser unglükliche Greis
starb an seinen Wunden. Vor seinem Ende schrieb er noch an den jungen
_Giovanni_, seinen Sohn, der sich damahls in _Rom_ befand, einen
beweglichen Brief, worin er ihn bat nach _Kanella_ zurükzukommen, um den
Prozeß auszuführen, welchen sein Mörder wider ihn anhängig gemacht hatte.
-- _Giovanni_, dem der ganze Karakter seines Vaters angeerbt war, kam --
und fand _Borsellinos_ Leichnam im Sarge.

»Oh!« rief er, und warf sich über den entseelten Vater, hin: »ich bin zu
spät gekommen! -- Gott, mein Gott, daß ich ihn verlieren könnte, das wußt
ich wohl -- aber so ihn zu verlieren, das vergebe ich dem Mörder nie, wenns
auch der Himmel könnte! -- Erschlagen, meuchelmörderischerweise erschlagen
mein Vater -- nein, das hat er nicht verdient um Kanellas Wohl!« --

Es waren viele Edle und Senatoren in dem Trauerzimmer versammelt -- alle
bemitleideten in den zärtlichsten Ausdrükken den leidenden _Giovanni_.

»Nein, nein,« unterbrach er sie: »tröstet mich nicht, _das_ Werk der
Barmherzigkeit will ich an mir selber verrichten. Das Blut des Mörders
löschet meine Wuth früh oder spät! -- O, namenloser Verbrecher, o Mörder!
Mörder, verflucht seist du vor dem Schöpfer und der Kreatur, verflucht sei
dein Schlaf und dein Wachen, verflucht der Becher, den du leerst, verflucht
sei der Bissen, welcher dich sättigt. -- Es rüttle dich aus
mitternächtlichem Halbschlummer Borsellinos Geist, es verjage dir die
Freude des Tages Borsellinos Gespenst! -- Mörder, entsezlicher Mörder,
sichre dich, denn die Rache schläft nicht. -- Verflucht will ich sein vor
dem Weltrichter ewig, wenn ich nicht die Blutsünden abwasche -- verflucht
sei der Gedanke, welcher sich in meine Seele hineinstiehlt, ohne daß Rache
ihm dieselbe aufschloß -- es verdorre meine Hand, die sich dir friedlich
darreicht, es verblinde mein Auge, wenn es dich anlächelt. Drükke ich einst
den lallenden Säugling an mein Vaterherz, so sei das erste Gebet, welches
ich ihn lehre, der gräslichste Fluch über dich und deine dann vermoderte
Asche! -- Oh! oh!« --

Der ganze Senat, unzähliche vom Adel, zahlloses Volk begleiteten den Sarg
zum Grabe, in einem feierlichen Zuge, desgleichen in Kanella noch unerhört
war.

Was _Giovanens_ Prozeß betraf: so wurde vom _Fürst_ dahin entschieden, daß,
weil _Borsellino_ einen frevelhaften Aufruhr begonnen, derselbe das Leben
gerichtlich hätte verlieren müssen, da aber der natürliche Tod seiner
Strafe zuvorgekommen; so würden die Erben des Delinquenten verbunden sein,
drei Viertel vom Vermögen desselben, als Strafgebühren, zu entrichten. _Von
Rechtswegen_.

_Giovanni_ liebte die schöne _Laura_, Tochter des edeln Kanellesers _Eo_.
Viele Wochen verflossen, ehe _Giovanni_ zu seiner Geliebten ging. Er fand
sie das erstemahl, als er sie wieder erblikte, in Thränen. »Nun, trautes
Mädchen, wirst du nie Giovannens Weib -- was soll dir ein armer Edelmann?«
sagte er. _Laura_ war untröstlich; der junge _Borsellino_ unerschöpflich an
Witz, das arme Mädchen zu foltern. »Ich sehe dich gern leiden, denn dein
Leiden quält mich zum Ziele hin, das mir vorgestekt ist. Morizens lezte
Nacht sei unsre Hochzeitnacht! verstehst du mich?«

»»Ich hab' Euch verstanden, edler _Borsellino_,«« sagte der alte _Eo_,
indem er ins Zimmer hereintrat, und von mehrern Edelleuten begleitet wurde:
»»seht hier Eure Freunde, die Euch zur baldigen Hochzeit helfen wollen.««

_Giovanni_ war bestürzt; er bat um Erklärung des Räthsels und man gab sie
ihm mit den Worten: »Wir alle arbeiten an Morizens Fall -- arbeiten an
Aufrechthaltung des Senats, des Adels und der Bürgerrechte. Piedro ist ein
schwacher Fürst, es gilt _eine_ gewagte That! -- Ihr seid unser Genosse?«

»»Mit Herz und Hand!«« erwiederte glühend _Giovanni_ und warf sich den
Männern in die Arme.

In öftern Zusammenkünften entwarf man den Plan, aber die Meinungen waren
beständig getheilt. Einige drangen nur auf Morizens Wegräumung, andere auf
allgemeine Reform der Regierung.

Man suchte beides zu verbinden -- es gelang; es wurde die lezte nächtliche
Zusammenkunft bestimmt, in welcher die Rollen vertheilt werden sollten.

Die Nacht erschien und jeder der Verschwornen mit ihr im Pallast des _Eo_.
Ihre Zahl war vierzig. Die folgende Nacht wurde zur Ausführung des
patriotischen Entwurfs geweiht. Zehn Edelleute sollten nach Mitternacht in
Morizens Schloß eindringen und ihn ermorden oder lebendig fangen. Eben so
viel sollten sich des Fürsten und des Kardinals zu gleicher Zeit
versichern; dann sollte mit den Glokken gestürmt, das Volk versammelt und
Freiheit ausgerufen werden. Im Fall einer Widersezzung der
Fürstlichgesinnten, müsse jeder der Verschwornen Sorge tragen, eine gewisse
Anzahl Bürger bereit und unter Waffen zu halten.

Der Plan war in der That sehr unreif, doch die Rache- und Freiheitdurstigen
achteten es für Feigheit länger zu projektiren und die Unternehmung
aufzuschieben.

»Auf!« rief der begeisterte _Giovanni_: »laßt uns in dieser lezten Nacht
den Bund besiegeln mit Eiden -- Leben für Leben, Tod oder Freiheit und
Rache!«

»»Leben für Leben! Kanella frei, oder wir verderbt!«« schrien alle, und
wilde Schwärmerei umfaßte sie.

Die Weinbecher wurden gefüllt und geleert. »Borsellinos Geist umschwebt
uns!« rief _Giovanni_: »er sieht wohlgefällig unsern Bund! wohlan, laßt uns
gehn und ringen, als Brüder oder sterben mit Brudertreue. Heda, wir trinken
Bruderschaft, nicht etwa in Wein, sondern in unserm Blute. Auf, folgt mir
nach!«

Er ergrif ein Messer, sties es sich in die linke Hand, daß das rauchende
Blut in seinen Pokal stürzte. Jeder that ein gleiches; ging durch einander
her, lies jedem von seinem blutigen Becher kosten, und trank von des andern
Blut.

Aber mitten in dem Rausch dieser Begeisterung öffneten sich die Thüren --
es blizten Gewehre herein -- die Verschwornen erstarrten, die Leibwache
Piedros besezte rings das Zimmer und rief: »ergebt euch auf Gnade und
Ungnade!«



Viertes Kapitel.
Das Haus im rothen Walde.


»Es ist unverzeihlich, daß wir _Florentinen_ so lange verließen, ohne uns
zu bekümmern, wem das Haus im Walde angehörte, wer die Thür öfnete, wen
_Florentin_ hier erblikte und welche Miene er annahm, als er wieder
herausging? Was interessirte uns der wollüstige, Kabalensüchtige Hof zu
Kanella? was jenes unzufriedne feige Volk, das nicht Muth genug hatte seine
Ketten abzuwerfen? was die _Borsellinos_, _Giovanni's_, _Lauren_ und
_Eo's_?«

Machen Sie mir keine Vorwürfe, meine Leser! Es ist nun einmal meine
Absicht, mich ungenirt auf meinem wilden Pegasus _Fantasie_ herum zu
tummeln, und ohne mich nach den Launen und der Neugier meiner Beobachter zu
richten, bald in Osten, bald in Westen, bald unter guten, bald unter
schlechten Menschen, bald in den lieblichen Revieren ländlicher Einfalt und
Unschuld, bald an Höfen, wo Kunst die Natur verstümmelt und verzerrt, bald
auf schauerlichen Wahlpläzzen, wo ein leidendes Volk verzweiflungsvoll nach
Freiheit ringt, zu schwärmen.

Doch, ohne uns länger die edle Zeit mit Gezänken zu verderben, laßt uns mit
_Florentin_ in die ehrwürdige Provinzialversammlung der _schwarzen Brüder_
treten. Wahrscheinlich erhält mancher Leser, welcher nach Aufklärung über
das Wesen derselben dürstet, mit dem gräflichen Novitz, Befriedigung.

»Wer hauset hier?« fragte _Florentin_ den Bruder Holzhakker.

»»Der Forstmeister _Blattrabe_, ein Schwarzer!«« antwortete _Hugo_. Dieser
führte seinen Mann in ein Zimmer, kleidete ihn da in ein schwarzes Gewand,
öffnete darauf eine Nebenthür und lies den frohbestürzten _Duur_
hineintreten.

Florentin sah sich wieder in der Mitte der Unbekannten, wieder in seinen
Traum zurükgesezt. Es war ein großer, prächtiger Saal, erleuchtet von
unzähligen Wachskerzen, angefüllt von einer ansehnlichen Menge schwarzer
Herrn. Viel derselben eilten ihm sogleich entgegen, umarmten ihn, wünschten
ihm Glük zur Aufnahme in den Bund der schwarzen Brüder, sprachen mit ihm
von gewissen Szenen seines Lebens so bekannt, so vertraut, als wären sie
Zuschauer und Theilnehmer derselben gewesen.

Man mischte sich brüderlich untereinander, füllte die Weingläser, sang
feierliche Bundesgesänge; trank Gesundheiten und rief mehr als einmahl: _es
lebe republikanische Freiheit_.

Aber _Florentin_ wußte sich eigentlich noch nicht in diesen Wirrwarr zu
finden; sein Herz sehnte sich nach dem, was _Holder_ ihm verheissen hatte,
und welches er gewiß hier antreffen sollte. Doch es vergiengen anderthalb
Stunden, ehe man Miene machte, die Nacht mit etwas anderm, als Singen,
Trinken, freundschaftlichen und politischen Diskursen hinzubringen. -- --
--

Mit einemmahle änderte sich die Szene. Jeder riß den Faden des Gesprächs
ab; dieser sezte das schon zum Trinken aufgehobne Weinglas nieder, jener
verzog sein Lächeln in die Falten des Ernstes. Aufmerksam wandte sich jedes
Angesicht zu einem erhabnen Stuhle, welchen ein Greis so eben in Besiz
genommen hatte.

Einige Minuten herrschte eine ungewöhnliche Stille, wie in einer
Todtengruft; alles schien sich zu einer merkwürdigen Sache vorzubereiten.

»Nun, Vinzenz,« sprach der _Greis_ vom Stuhle herab, indem er dem _Grafen_
mit der Hand winkte: »nun tretet mir näher.« _Florentin_ gehorchte; er ging
näher zu dem Manne, dessen Anstand, Gebehrden, Sprache und Gesichtszüge
ganz dem Ideale entsprach, welches sich unsre Einbildungskraft von
Ehrfurcht erwekkender persönlicher Majestät zu machen gewohnt ist.
_Florentin_ hatte vor Fürsten gestanden, aber nie einen solchen Grad der
Hochachtung empfunden als izt.

»Wir haben Euch werth gefunden ein Glied in der Kette der schwarzen Bruder
zu werden!« fuhr der Mann fort, welcher Verehrung abzwang: »Euer Wunsch sei
Euch gewährt. -- Bruder, unser aller Bruder, bedenket wohl, zu welcher
Menschengattung Ihr gerathen seid! Bedenket wohl, daß von nun an das
allgemeine Glük des Menschen euch näher liegt, als sonst -- daß Ihr nicht
mehr so sehr für Euer Interesse allein arbeiten dürfet -- daß klippenvolle
Umwege künftig Eures Lebens Pfade, Gefahren Eure Führerinnen, Mühe und
Sorgen Eure Erholungen, und Undank der Menschen Eure Belohnungen sind! --
Noch einmahl dürfet Ihr wählen: bleibt und seid unser Bruder, oder gehet,
und schweiget von dem was zwischen uns vorgefallen ist.«

Florentin. (stark) Ich bleibe, bin Euer Bruder.

Greis. Du hast gewählt, von nun an ist jeder Rüktritt unmöglich. Du bist
und bleibest unser im Guten und Widrigen; nie werden wir dich verlassen,
aber nie wirst du auch, als Verräther, unserm Arm entwischen können, es sei
denn, durch die Pforten des Todes. Hörst du, du bist unser! _ganz unser!_
zerbrochen hast du jezt alle Ketten, die dich an andre Verhältnisse binden,
-- sei _treu_, Vinzenz, um deiner _Wohlfarth_ willen, sei treu! Und bist du
in der Treue bewährt -- dann mache Ansprüche auf unsere Vergeltung deiner
Thaten. Und vergelten wollen wir, so wahr Gott allgegenwärtig ist, der
unser Versprechen hört, und den Bruch desselben rüge in Zeit und Ewigkeit!
-- Auch träume nicht, Vinzenz, schon jezt die _höchste Stufe_ in unserm
Orden erstiegen zu haben, dahin erheben dich erst _Verdienste_. Doch so
viel du als Bundesglied erfahren darfst in deinem Range, wollen wir dir
nicht verheelen.

Der _Greis_ winkte. Einer der _schwarzen Brüder_ trat hervor, wandte sich
zum _Grafen_ und redete also:

»Unser Bruder! treue Freundschaft ist die Quelle unsers Glüks. Disharmonie
zerstört Staaten. Dies war von jeher der Grund, auf welchen alle Systeme
irrdischer Glükseeligkeit erbaut wurden. Banditen und Räuber verbanden sich
mit einander auf die Ruinen fremden Glüks das ihrige zu gründen. Aberglaube
und Schwärmerei verbrüderten sich auf das Elend der Zeitgenossen das große
Gebäude einer allgemeinen Hierarchie zu errichten -- warum sollten sich nun
nicht auch _brave_ Männer mit _denkenden_ Köpfen vereingen, dem allgemeinen
Unwesen, welches die Menschheit unter tausenderlei Verkappungen verheert
und elend macht, _entgegen -- zu arbeiten_? -- Soll ich Euch das
menschliche Elend in seiner ganzen, schauerlichen Größe malen? soll ich
Euch die mancherlei Klassen öffentlicher und heimlicher Bösewichter vom
Thron herab bis zum Bettler durch alle Stände schildern? -- Fordert Ihrs;
so trage ich Mitleid mit Eurer wenigen Kenntniß der Welt, und Eurer
_Stubenweisheit_; Ihr wärt kein Mann für uns.«

»Nur Leute vom erprobtesten guten Herzen und gutem Kopfe werden in unsern
Bund aufgenommen, und diese befördern wir nach allen Kräften zu _den
vorzüglichern Aemtern_ des Staats, damit sie für _ihr_ Herz und _ihren_
Kopf den ausgebreitetsten Wirkungskreis auf das _Wohl des Ganzen_ erhalten.
Der Staat gewinnt dadurch Männer in seine Aemter, wie sie sein _sollten_;
Dummköpfe, die durch Geld, Familienansehen oder andre Schleichwege nach
glänzenden Posten trachten, werden zurükgedrängt. Und finden wir einen
herrlichen Mann auf dem Wege zu solchem Amte; so helfen _wir_ ihm _selber_
empor, und ist er noch der schwarzen Brüder keiner, so wird ers dann
_jedesmahl_. -- Daher kömmts, daß wir jeden schäzbaren Mann, er lebe im
Staate wo und in Dunkelheit gehüllt, wie er wolle, auf _unsrer Liste_
führen und bei Gelegenheit hervorziehn. Auch geringere Leute stehn in
unsern _Sold_, an uns gekettet durch die festesten Banden, und dieß sind
unsre Spione, nothwendige Helfershelfer -- sie wissen nichts von dem, was
unter uns _Höhern_ vorgeht, und erscheinen seltner in unsern Synoden.«

»Ungeachtet aber wir einander selber unser zeitliches Wohl befördern: so
sind Menschen doch immer _Menschen_, oft von schwachen Grundsäzzen, oder
voll unglaublicher Verstellung. Verschwiegenheit und Treue zu beobachten
werden die Novizen mit einem _Eide_ verpflichtet. Wen Wort und Versprechen
nicht mehr bindet, verdient nicht Mitglied im Orden der redlichen
Menschheit, geschweige in unserm Bunde, zu sein. Doch wollte ein _solcher_
auch nachtheilig für uns werden, uns _verrathen_: so wird er doch nur
Kleinigkeiten auszuschwazzen wissen, denn er kennet wenige Mitglieder, von
den meisten nur den _angetauften Ordensnamen_ der Bündner und Städte. Das
Noviziat dauert nach Beschaffenheit der Verhältnisse länger oder kürzer --
Treue, Eifer und große Thaten weihen erst zum Anschaun tieferer Misterien
ein. Wehe aber dem _Verräther_! unmittelbare Strafe folgt ihm auf dem Fuße
nach, die um so furchtbarer ist, je _ausgedehnter_ die Macht des Bundes, je
_unsichtbarer_ die _Rächer_ sind!«

»Von Seiten der Verrätherei haben wir also wenig nur zu befürchten. Jezt
hört mehr! Ihr seid künftighin verbunden, wie jedes andre Glied unsrer
Kette _vierteljährige_ Nachrichten von Euern _Plänen, Thaten,
Familienumständen, Veränderungen des Aufenthalts, neuen Bekanntschaften u.
s. f._ ohne Heuchelei und Trug an den _Ordensregenten_ Eurer Provinz
einzuliefern, das heißt, der _Ordensprovinz_, in welcher Ihr Euch befindet.
Die Regenten haben unter sich wiederum einen _Obern_, der uns allen
unbekannt ist, die wir nie auf dem Regentenstuhle saßen. An diesen Obern
fließen die merkwürdigsten Gegenstände aus der Geschichte des Bundes in
Auszügen von den Regenten aus ihren Provinzialmemoiren geliefert. Dieser
_Obere_ überblikt das _Ganze_; _unbekannt_ wirkt er auf alle; theilt den
Regenten Entschlüsse mit; formt Staaten um und hat Kunde von den
Kabinettsgeheimnissen aller Mächte in Norden, Süden, Westen und Osten, --
wo denn _ein_ Federzug von ihm, sobald es der Menschheit heilsam ist,
Kriege, Aufrühre, Staatsumwälzungen und Friedensschlüsse verursacht. Er ist
ein _Gott_, welcher über die Fürsten dieser Welt durch die ausgebreitetste,
fein- und festgewebteste, ehrwürdigste Verbindung der besten Köpfe und
Karaktere jedes Reichs, _erhaben_ steht; welcher Potentaten lenkt am
unsichtbaren Faden seiner Macht; ihnen beglükende Pläne zuspielt, oder
schlechte zerreißt. Ihr staunet? -- Ha, _Vinzenz_, es ist schmeichelhaft,
die Laienwelt unvermerkt hinzudrängen zum Ziele alles Strebens, zum
_allgemeinen Wohl_! -- Es ist schmeichelhaft, mit seinen Augen die Zukunft
guten Theils schon jezt durchschauen zu können; Entwürfe in unsern
_Archiven_ zu erblikken, welche diesem oder jenem Monarchen vorgeschrieben
wurden, die er ausführte oder noch vollenden soll. Noch ists nicht die
Zeit, aber einst wird sie tagen, wo wir _Urkunden über die Motive mancher
ehmaligen Begebenheiten_ ausstellen, und die neuere Geschichte der Welt
fürchterlich _reformiren_ werden. Wer, meint Ihr, Vinzenz wars, der die
_Jesuiten_ entthronte? wer, der die Befreiung _Nordamerikas_ beschlos und
vollenden half? wer, durch dessen Arm Künste und Wissenschaften in die
nördlichern unkultivirten Gegenden des Erdbodens verpflanzte? wer, der den
Geist des Freidenkens und Aufklärens über _Deutschland_ ausgoß? -- O,
könnte mancher _Todte_, dürfte mancher _Lebende_, von dem man es am
_wenigsten_ erwarten sollte, _reden_! -- Vinzenz -- doch ich schweige!
Aber, wer _Ohren_ hat zu hören, der _höre_! wer _Augen hat zu sehen, der
sehe nun!_ -- Es kann noch kein Jahrhundert verfließen: so wird man nie
geträumte Verwandlungen in den Staatsverhältnissen Europens wahrnehmen;
_Kanella, Holland, Brabant, Frankreich, Pohlen, Ost- und Westindien_ werden
unter den Händen der schwarzen Brüder neue, dem menschlichen Geschlechte
wohlthätige Formen gewinnen. -- Ihr zweifelt?«

»»Ich erstaune!«« rief _Bruder Vinzenz_, und schlug die Hände zusammen.

»Wenn Ihr wißt, daß wir aus unsrer Mitte die Männer liefern, welche die
interessantesten Rollen im Staate zu spielen haben; die Räthe zum
christlichen Ministerio, Konsisiorio, Militair, Schulwesen, und so liefern;
wißt, daß Schriftsteller, Hofleute, Aerzte, Bischöffe, Lehrer,
Prinzenerzieher, Buchhändler, Kapitalisten, Kriegsleute, Schauspieler unsre
Genossen sind, die _eine Kette_ in _vielen_ aneinanderhängenden _Gliedern_
ausmachen, so denke ich, werdet Ihr nicht mehr zum Erstaunen Ursach haben.«

»»Aber wie,«« entgegnete bestürzter, als je, der _Graf_: »»wie ists
möglich, daß Männer von so verschiednen Talenten und Launen für den
schwarzen Bruderbund gewonnen, festgehalten, und an _einem_ Ziele
hingestimmt werden können?««

»Eben ihre _Talente, Schiksale_ und _Launen_ sind es, deren wir uns
bedienen, sie an uns zu ziehn, und festzuhalten!« erwiederte der _Redner_:
»Denket an _Euch_! _Holder_ ließ Euch einen Traum von zween Tagen träumen;
ein Schlaftrunk brachte Euch in unsere Gewalt; berauschende Getränke
schlossen uns Euern Karakter ganz auf; wir gaben Euch durch mancherlei
Maschienerien diejenige Seelenstimmung, welche wir wollten; wir enthüllten
Euch, so viel Ihr anfangs wissen dürftet, um lüstern nach mehrern
Offenbarungen zu werden. Euer Traum war vorbei. Wir beobachteten Euch nach
demselben; Ihr gewannet unsern Beifall, Euer Schiksal an Adolfs Hofe machte
Euch ganz zu unserm Eigenthum. Jezt seid Ihr unser, so wie wir Euer, Ihr
werdet gern zur Ausführung unsrer wohlthätigen Absichten für die Menschheit
stimmen, wenn Ihr anders das Biederherz in der That besizzet, welches Ihr
zu besizzen durch mehr, als eine, Handlung zu verrathen gabet. -- Und so,
Vinzenz, wie _Ihr_, auch _tausende_. Glaubt mir, _es ist nichts leichter,
als Menschen zu erobern und an Entwürfe festzuschmieden, wenn man ihr
Temperament zur Kette für sie macht!_«

Florentin. Aber wie mag nun dieser ungeheure Koloß zur Bewerkstelligung
_einer einzigen_ großen Absicht hingeleitet werden? Sollten nie
Uneinigkeiten unter Euch herrschen? sollte in Eurem Bunde das Sprüchwort
zum erstenmahle lügen: viel Köpfe, viel Sinne?

Redner. Uneinigkeiten sind nach der Einrichtung unsere Bundes _unmöglich_.
Die weisesten, edelsten, leidenschaftslosesten Männer machen das kleine
Corps unserer Obern aus -- und wo die Leidenschaft _schweigt_, findet sich
das _Gute_ und die _Wahrheit_ bald. Sodann gehn die Befehle von dem Munde
der Regenten an die einzelnen Bündner, und zwar so, daß jeder _Kopf_ etwas
_seinem_ Sinne behagliches zur Ausführung empfängt. Jeder Befehl ist weiter
nichts, als die _besondre_ Aufmunterung zu einer _jezt vorzüglich
nothwendigen guten That_. Jeder _Kopf_ wirkt nun nach seinem _Sinn_ wie wir
es wünschen im Staatsrathe, in dem Sinedrio, in Parlamenten, in
Reichsversammlungen, Landtägen, Kirchen, Schulen, Schriften, Schauspielen
-- kurz von allen Seiten her wirkt alles nun nach _einem_ Mittelpunkt hin.
--

Florentin. (begeistert) Man sagt in der gewöhnlichen Welt; der Flug des
menschlichen Geistes sei in unsern Tagen kühn und erhaben, aber, bei Gott,
hier däucht mir jede große That, wie Knabentändelei gegen das Werk eines
Riesen.

Redner. Ihr scheint außer Euch zu sein, Vinzenz, schon berauscht zu sein
vom ersten flüchtigen Abschlürfen des Bechers, welchen wir Euch reichen --
wie wird es werden, wenn Ihr ihn ganz auszuleeren Erlaubnis und Macht
empfanget?

Florentin. Also harrt meiner noch eine Zeit, welche viel grössere
Geheimnisse abschleiern kann?

Redner. Wohl harrt sie Eurer!

Florentin. Ihr stürzt mich von einem Erstaunen ins andre; ich komme nicht
zu mir selber.

Redner. Glaubet mir, Bruder, daß zwischen Erd und Himmel noch _Wahrheiten_
und _Möglichkeiten_ im geheimnisvollen Dunkel wohnen, noch _Sinne_ für
_gewisse Dinge_ vorhanden sind, von welchen der großen Schaar hochgelahrter
Akademisten und Stubengelehrten noch nicht die flüchtigste Muthmaaßung
angeschwebt ist! -- Doch vor izt habet Ihr genug erfahren; große Handlungen
bahnen Euch den Weg zu erhabnern Einsichten. Amen!

_Florentins_ Bestürzung läßt sich unmöglich beschreiben. Man hörte auf zu
ihm allein zu reden, sondern die Unterhandlung wurde wie vorher,
gemeinschaftlicher, lebhafter. Nur _Florentin_, mit unter einander
geschlagnen Armen, in tiefer Betrachtung herabgesenktem Haupte, stand
unbeweglich da auf seiner Stelle, und achtete nicht auf das, was um ihn her
vorging.

Einer der _Schwarzen_, der höhern Ranges im Bunde zu schien, schlos sich
jezt an ihn:

»Die Zeit unsers Beisammenbleibens ist kurz; vergrabet Euch nicht in Euch
selber, Vinzenz, sondern benuzzet die flüchtigen Minuten!«

Florentin. Gott! sollt' es möglich sein alles das, was ich so eben gehöret
habe? -- Ist die Gewalt unsers Bundes in der That so groß?

Ein Schwarzer. Unstreitig.

Der Redner. Jeden Zweifel in Eurer Brust zu tödten ist unsre und Eure
Pflicht; unbegränztes Vertrauen auf die Macht der schwarzen Brüder ist Euch
nothwendig. Fordert deswegen von dem Orden ein Beweisstük dessen, was ich
Euch im Namen der Brüder vortrug.

Florentin. (zurükgezogen) Ich fodre nicht, -- ich zweifle nicht mehr.

Der Redner. Ihr sollt durch Thatsachen überführt werden, daß wir nur
Wahrheit reden und nicht prahlen können. Wünschet!

Florentin. Ich -- doch nein, jeder Wunsch würde beleidigenden Verdacht
äussern müssen.

Viele Brüder. Verlanget! wünschet! wir bitten Euch.

Florentin. (stokkend) Führt mir die liebenswürdige Schwester des Herzog
Adolf, und wenn auch nur auf eine kurze Zeit, zu.

Der Greis. (lächelnd) Mehr nicht?

Florentin. (staunend) Ich befürchtete, um eine Unmöglichkeit gebeten zu
haben.

Der Greis. Ihr habt jezt, weil Ihr von allen andern Verbindungen durch Eure
Landesverweisung abgerissen seid, für den Orden, in Sachen der
_menschlichen Freiheit_, eine ansehnliche, baldige Reise vor Euch. Diese
läßt sich unmöglich aufschieben -- aber auch in fremden, ziemlich
entfernten Landen soll Euch Euer Wunsch gewährt werden.

Florentin. Wann -- wann soll ich die Prinzessin Louise sehn?

Der Greis. Dann, Vinzenz, wann Euch Erquikkung nach der Arbeit noth ist. --
Dies könnte wohl bald geschehn!

Florentin. In einem entlegnen Lande die Prinzeßin wiederfinden? Ist das
möglich?

Der Greis. (ihm die Hand drükkend) Vertrauet uns!

Einige der Schwarzen. Der Morgen graut! laßt uns zum Ziele eilen!

Der _Greis_ nahm sogleich seinen Thronsessel von neuem ein; die schwarzen
Brüder stellten sich um denselben schweigend hin und der _Redner_ führte
abermals den _Grafen_ vor den _Greis_ und die Versammlung.

»Laut Nachrichten, die wir von dem Obern empfangen,« begann der _Redner_:
»beläuft sich die Zahl der schwarzen Brüder in Kanella nicht hoch. Es sind
ihrer nur zehn; seit dem Tode Borsellinos noch _neun_. Die Zahl derselben
muß vermehrt, und Kanellas despotische Regierungsform umgeschmolzen werden.
Die Bürger Kanellas bedürfen eines Anführers, um frei zu werden,
loszuschütteln die angelegten Ketten, zu zerschmettern den Thron, um
welchen die Elenden, als Sklaven kriechen. -- Vinzenz, wir haben Euch
geprüft! Ihr seid zum Befreier Kanellas berufen?«

Florentin. (den Redner anstarrend) Ich _berufen_?

Redner. Verhüllt Eure Talente, Eure Wissenschaften, Euern unternehmenden
Geist nicht vor uns in den unnüzzen Mantel der Bescheidenheit -- Kanella
hofft von Euch Freiheit.

Florentin. Werd _ich_ sie dem unglüklichen Staate geben können? -- An Muth
mangelts dieser Brust nicht, ein solches gefährliches Wagstück zu wagen;
schon der Gedank' ist begeisternd, es zu unternehmen, was nur die größten
Männer je unternahmen, wenn auch eignes Unglük nothwendig an das Glük
Kanellas gebunden läge -- aber -- -- --



Fünftes Kapitel.
Etwas für Republikaner.


Ich weis nicht, ob ich nicht mancher meiner Leser -- ermüden würde, wenn
ich ihm von den politischen Plänen der schwarzen Herrn vorplauderte; ich
weis aber auch nicht, ob ich manchem gefallen könnte, wenn ich die Gründe
des schwarzen Bundes zu Staatsreformen verschwiege -- beiden also ein
Genüge zu thun, widme ich diesem Stoffe ein eignes Kapitelchen, welches nun
nach Belieben zu lesen oder zu überblättern ist.

_Florentin_, der düstre, wilde _Florentin_, welcher so unglüklich war,
Alles zu verlieren, was ihm hienieden Seeligkeit war, eine Geliebte, viele
Freunde und Freundinnen, Verwandte, Vaterland, Aussichten in ein
Thatenreiches Leben zu verlieren; _Florentin_, dessen brennender,
unersättlicher Durst nach Ruhm und großen Handlungen aus jeder seiner
ehmaligen Absichten zu erkennen war, und welcher jezt in der Mitte von
Männern, die mit ihm so sehr in diesem Punkte harmonirten, doppelt anwuchs;
_Florentin_, der jedes, auch das geringste Elend des Menschen so innig
mitfühlte, der aus jenem erkünstelten, wachendgeträumten Traum einen
fürchterlichen Haß wider alle fürstliche Despotie eingesogen hatte --
dieser _Florentin_, sage ich, konnte unmöglich länger einem Antrage
widerstehn, der so sehr allen Gefühlen, Affekten und Leidenschaften in ihm
schmeichelhaft klang.[A] -- Er hätte lieber aufjauchzen mögen im Hoch- und
Frohgefühl seiner Seele, bei dem Zuruf der _Schwarzen_: »seid Kanella's
Retter!« als einen unnatürlichen Widerwillen oder Gleichgültigkeit zu
simuliren. -- Er konnte nicht lange diese Maske tragen; er warf sie ab und
alle Anwesende riefen ihm Beifall und Glükwünsche.

[Fußnote A: Hier hatte der Orden praktisch bewiesen, daß nichts leichter
sei, als jemanden am Zaum seiner Neigungen zu einem beliebigen Ziele
hinzuleiten!]

Der _schwarze Redner_ aber reichte ihm ein versiegeltes Paket Schriften,
welches fernerweitige Instrukzionen des Ordens bei dieser seiner Operation
enthielt, welche der _Graf_ zu sich nahm, und worauf jener so eine Apologie
dieser Handlung des Ordens anhub:

»Brüder, der Zwek unsers alten Bundes wars immer: Beförderung menschlicher
Glükseligkeit, sie zu bewachen in einzelnen Personen und im Ganzen. Der
feinsten Moral wird durch diesen Grundsaz nicht wehe gethan, eben so wenig
durch die Mittel denselben anwendbar zu machen!«

»Und wenn nun ein ganzes Volk unterm Tyrannenjoche seufzend, seine Rechte
zertreten, seinen Handel und Gewerbe blütenlos, seine Freuden vernichtet
sieht -- sollte solch ein Gegenstand, welcher das Gefühl jedes Menschen
empört, nicht auch unser Erbarmen rege machen? Freiheit ist nun einmahl der
Natur schönstes Vermächtnis an den Sterblichen, darf ein Mensch dieses dem
andern gewaltsam oder listigerweise rauben? Sklaverei ist der Tod alles
irdischen Glüks! --«

»Zwar hat das Volk seinem Fürsten gewisse Rechte zuerkannt, aber nie das
Recht der allgemeinen Freiheitsräuberei. Das Volk ist nicht um des Fürsten
willen, sondern der Fürst um des Volkes willen vorhanden.«

»Jeder Staat ist an sich eine Republik; bürgerliche Ordnung und Sicherheit
zu erhalten mögen _mehrere_, oder _einer_ die Aufsicht über das gemeine
Wesen haben, -- gleichviel, wenn nur die Beschüzzer der Ordnung und Ruhe
ihre Pflicht erfüllen, daß Gott und Menschheit zufrieden sein dürfen. Wie
aber, wenn das Gegentheil eintritt? soll da das Volk verzweifeln und
schweigen? soll der zertretne Wurm sich nicht krümmen dürfen unter den
eisernen Fersen der Grausamkeit? soll das freigebohrne Volk seine geraubte
Freiheit nicht wiederfodern dürfen?«

»O, es müssen viele Szenen vorangehn, ehe die Nazionen sich auflehnen, ehe
die Liebe zu ihren Beherrschern ausgetilgt wird! Nur die _Verzweiflung_
wagt erst einen solchen Schritt, aber dieser ist dann auch desto
_fürchterlicher_!«

»Nur erst, wenn jede andre Hoffnung dem bedrängten Volke entschwindet, wenn
eine ganze Reihe von Tyrannen und Tyranneien die Geduld desselben ermüdete,
wenn neue Neronen zum Ruin des Landes ausgebildet, die traurigste Aussicht
in die Zukunft darstellen, nur dann erst ist das Volt berechtet,
eigenmächtige Veränderungen in seiner Regierung vorzunehmen.«

»Brüder, sehet auf manche Staaten Europens -- und fühlet Ahndungen. Nicht
vergeblich hat der Orden der schwarzen Brüder allenthalben und durch
mannigfache Mittel den Geist der Freiheit auszubreiten gesucht -- nicht
umsonst sind dadurch hie und da kleine Revolten entsprungen; alles dies
geschah die Landesherrn aufmerksamer auf ihr, ihnen vom Volke anvertrautes,
Amt zu machen, wehe ihnen, wenn sie diese unsre Winke mißverstehen!«

»Hätten alle Nazionen nur _Josephe_, _Friedriche_, und _Wilhelme_ auf ihren
Thronen, o, so würde nie ein Miston in die Hymnen derselben auf ihre
Fürsten einschleichen! Aber mancher Staat ist unglüklich genug, einen
_Piedro_, einen _Ludwig_ als seinen Landesvater verehren zu müssen,
unglüklich genug noch eine ganze Reihe von _Piedronen_ und _Ludwigen_
erwarten zu müssen, -- darum, Freunde habet auf die Folgen wohl acht!«

»Auf, Vinzenz, flieget nach Kanella, feuert den Genius des Volkes wieder
an, groß und liebenswürdig zu sein, wie ehmals; durchspähet die Intriguen
der Mittyrannen Piedros, wiegelt Volk und Fürsten gegen einander auf,
verlieret eher Euer Leben, als Euern Muth. Freilich ist der Kampf zwischen
Sklaverei und Freiheit schreklich, er wird mit Bürgerblut verbunden sein;
aber der Staat laborirt an einer Todeskrankheit, Ihr seid der Arzt; laßt es
immer hin zur furchtbaren Krisis kommen, die Krankheit muß sich brechen.
Eilet hin, _Piedros_ Grausamkeiten ein Ziel zu sezzen, -- ein andrer soll,
später oder früher _Ludwigen_ ein Gleiches thun![A]«

»Aufklärendes, herrliches Jahrhundert, du erschienst den Erdbewohnern in
einem glänzenden Gefolge -- führst du uns nicht auch die goldne
republikanische Freiheit zu? -- Geht, Vinzenz, wir sehen im Geiste einen
schönen Ausgang Eurer Unternehmungen zuvor. Und sollte Euer Muth
erschlaffen: so suchet in den Jahrbüchern der Welt die seligsten Perioden
der meisten Völker auf, Ihr werdet sie finden unter der Rubrik:
_republikanische Staatsverfassung_. Forschet dann nach den traurigsten
Zuständen der meisten Völker, Ihr findet sie größtentheils unter der
Regierung monarchischer Despoten. _Rom_ und _Griechenland_ sanken, als sie
nicht mehr frei waren, die _nordamerikanischen Freistaaten_ stiegen empor,
da sie frei wurden!«

[Fußnote A: Die _schwarzen Herrn_ sind fürchterliche Worthalter; wem ist
Frankreichs jezzige Lage, _Ludwigs_ mislungene Flucht aus seinem Reiche
unbekannt?]

»Gegen einen _Numa, Titus, Mark Aurel, Alraschid, Nusirvan, Heinrich_ IV.
_Friedrich_ II. _Joseph_ II., _Fr. Wilhelm_ II. findet Ihr immer zehn
_Alexanders, Solimanne, Tarquine, Neronen, Kaligulas, Herodesse,
Genserichs, Christierne, Mulei Ismaels, Karl_ XII., _Philippe_ II. u. s. w.
Gelüstet Euch zur Belustigung von _Bluthochzeiten_, oder Greueln eines
_Alba_ zu lesen: so forschet in den monarchischen Regierungen nach. Und
erwacht dann nicht Euer Muth, empört sich dann nicht Euer Herz, erglühet
dann nicht Euer Busen vom Thatensüchtigen, Hülfe und Rettung suchenden
Erbarmen: so habt ihr nie an den Brüsten einer Sterblichen gesogen! -- Auf,
es lebe die Freiheit, sei es in Demokratien, oder weisen Monarchien![A]«

Der _Redner_ riefs, und die Versammlung der _schwarzen Brüder_ stimmte
Tutti ein: es lebe die Freiheit! die Gläser wurden geschwänkt, Gesänge der
Freiheit wurden gesungen, und, trunken von lieblicher Schwärmerei schied
man beim Anbruch des Morgens auseinander. In einer Chaise des Forstmeisters
_Blattrabe_ traf _Florentin_ an eben dem Tage wieder zu _Munchenwall_ ein.

[Fußnote A: Meints der schwarze Redner _so_, wer wird da nicht freudig
mitrufen: es lebe die Freiheit!? -- Und wenn er mit dem vorigen sagen will,
daß Laune eines Fürsten oft _tausende_, dahingegen die Laune eines
republikanischen Volkes nur _einzelne_ Bürger elend machen kann: so wird
ihm niemand Unrecht geben.]



Sechstes Kapitel.
Die Eremitage.


Keiner war lustiger, als der ehrliche _Badner_, da er seinen Herrn
wiederkommen sah.

»Wars mirs doch schon gewaltig bang' um Sie!« rief er ihm entgegen: »ich
dachte, hohl' mich, straf mich! unser gnädiger Herr hat ein unglükliches
Abentheuer gehabt, siehst ihn gewis nicht vergnügt wieder!«

»»Du hast dich diesmahl unnöthig geängstet!««

»Hab ichs? nun, meiner Sixt! das freut mich.«

Der alte, gute Mann lief jezt Trepp an, Treppe nieder, seinem Grafen alle
Wünsche zu erfüllen, die er nur aus dessen Blicken zu lesen glaubte.
Nachdem sichs _Florentin_ bequem gemacht, und _Badner_ die Schokolate
besorgt hatte, mußte sich der leztre zu ihm niedersezzen.

»Höre, Badner,« _Florentin_: »bezahl' unserm Wirthe die Rechnung, sorge für
alles, was zu einer ziemlich langen Reise nothwendig ist, pakke ein, und
halte alles bereit, damit wir Morgen in der Frühe Munchenwall verlassen
können.«

Badner. Gehts wirklich schon fort? -- scharmant! mir behagts auch meiner
Treu in diesem Neste nicht mehr.

Florentin. Aber wirds dir auch dort behagen, wohin ich jezt reise, und wo
ich wahrscheinlich mehr als ein Jahr zubringen werde?

Badner. Das ist --?

Florentin. In Kanella.

Badner. Hu, so weit vom deutschen Vaterlande?

Florentin. Meine Pflicht ruft mich dahin.

Badner. Gnädger Herr, Sie wissen doch daß es dort in jezzigen Tagen ein
unsichers Leben ist?

Florentin. Ich weis es.

Badner. Der Herzog soll ja, wie die Zeitungen lauten, ein leibhaftiger
Behemot sein!

Florentin. Eben deswegen.

Badner. Wie? Sie werden sich doch nicht in die Händel dort hineinmengen
wollen?

Florentin. Vielleicht.

Badner. Ei! ei!

Florentin. Willst du mit mir? willst du da Glük und Unglük einige Jahre mit
mir theilen?

Badner. (sich hinter den Ohren krauend) Wenns nur im heiligen deutschen
Reiche wäre -- aber, meiner Sixt, die Kanelleser sind heuer gar nicht
aufgelegt, einem das Leben angenehm zu machen.

Florentin. Zwingen will ich dich nicht, mir zu folgen. Willst du bleiben im
Vaterlande, so widerstehe ich dir nicht, ich bezahle dir meine Schuld, gebe
dir Empfehlungen, so viel ich geben kann, und scheide von dir, als Freund.

Badner. (bieder) Nein, gnädiger Herr, ich folge; und wenn sie zu den
Hottentotten gingen, ich folgte. Verlassen will und kann ich Sie nicht. --
Wollen Sie mich behalten?

Florentin. Eine unnöthige Frage, lieber Badner!

Badner. Na, so bin ich der Ihrige mit Seel und Leib bis an mein seelges
Ende. Ich gehe in Gottes Namen mit Ihnen aus Deutschland, -- zurükbringen
werden Sie mich wohl nicht wieder.

Florentin. Frag Gottholden, ob er Lust hat nach Kanella zu gehn, weigert er
sich, so zahle ihm seinen vollen Lohn aus.

Badner. O, der bleibt bei uns! -- na, allons, eingepakt, 's geht risch nach
Kanella!

Der _Alte_ entfernte sich froh gelaunt; _Florentin_ erbrach das Paket,
welches er in der nächtlichen Versammlung der schwarzen Brüder empfangen
hatte und las mit Begierde alles darin, was lesbar hies.

Was für uns beinahe nicht weniger Interesse darunter haben könnte, als für
_Florentin_, theile ich mit. Erstlich ein Empfehlungsschreiben Sr. Herzogl.
Durchlaucht, _Adolfs_, an den Hof zu Kanella. Dies hatten die _schwarzen
Brüder_ vom Herzog _Adolf_ für den Grafen von _Duur_ ausgewirkt.
_Florentin_ verwunderte sich bas ob dieser Erscheinung, denn dies schien
offenbar zu verrathen, daß auch sein ehmaliger fürstlicher Freund unter die
fürchterliche Anzahl der schwarzen Brüder gehöre. Und überdies war es an
sich nichts Unmögliches, weil _Adolfs_ politisches Interesse durch eine
solche Verbindung schlechterdings Nuzzen gewann. Und warum hätten die
Schwarzen nicht einen so guten Fürsten unter sich aufnehmen sollen, und
können, da sie hier eine wichtige Stüzze erhielten, und es nicht grössere
Mühe kostet einen Fürsten in ein gewisses Interesse zu verspinnen, als
einen andern Menschen? Kurz, es war ungemein wahrscheinlich! -- Das
Empfehlungsschreiben mußte zu seiner Zeit die gewünschte Wirkung
hervorbringen, um so mehr, da _Adolf_ mit dem Geblüte _Piedros_ weitläuftig
verwandt war.

Ich könnte hier noch die besondern Instrukzionen des Ordens erwähnen, oder
der Wechselbriefe, welche Florentinen im Fall der Noth zum Herrn
ansehnlicher Summen machen konnten; aber ich schlüpfe über das alles
stillschweigend hin, weil die Folgen der Instrukzion und Wechsel vielleicht
künftig sichtbar werden werden, und gehe zu einem Briefe über, den Freund
_Holder_ aus Sorbenburg geschrieben, und mit zwei Miniaturgemälden,
_Holdern_ und _Louisen_ vorstellend, beschwert.

»_Lieber Graf!_«

»Ich bin izt von einer kurzen Reise heimgekommen, setze mich sogleich hin
und schreibe dir, weil ich wünsche, daß dich dieser Brief noch in
Munchenwall antreffen mögte. -- Du gehst also nach _Kanella_? Glük zu,
Bruder! ich denke du wirst dort in deinem Elemente leben, denke, daß die
Zerstreuungen daselbst dich von den melancholischen Anfällen des etwannigen
Heimwehs heilen werden.«

»Die Rolle, welche du zum Spiel übernommen, ist gefahrvoller, als die
gefährlichste bisher gespielte. Siehe, dich vor; bewache dein Leben, wenn
du noch lüstern bist, mit mir nach einigen Jahrhunderten wiederum einmahl
diese Erdenwelt zu bewandern -- und nirgends steht dein Leben mehr dem Tode
nahe, als zu Kanella. -- Hüte dich!« --

»Gott, wenn wir alle hier in Sorbenburg dich einst, als den Befreier
Kanellas umarmen sollten! -- kannst du dir mit der üppigsten Fantasie eine
wollustvollere Szene vorträumen? -- Geh, junger Mann, sei gros! mußt du
gleich einen wichtigen Theil deiner schönsten Lebensfreuden einbüßen, mußt
du gleich fern von einer angebeteten Fürstin, fern von dem guten Rikchen,
fern von dem braven Onkel und deinem Holder wohnen, o so wird doch die
Nachwelt, werden auch die Zeitgenossen dich seegnen, der du lieber selber
ein Leidender warst, um die Leiden eines Volkes zu enden! --«

»Aellmar schrieb mir, daß du mein Bildnis zu besizzen wünschtest -- ich
schikke dirs, und noch ein andres, welches dir gewis tausendmahl angenehmer
sein muß -- _Louisens_ Bild. Ich habe sie gesehn; Florentin, nein, du bist
kein Sünder, daß du sie liebtest und liebst! Sie ist zurükgekehrt an den
herzoglichen Hof und wieder, wie einst, die Seele, desselben geworden.
Aber, wie mich dünkt, ists nicht mehr das feurige lachende Mädchen, -- eine
sanfte Schwermuth wohnt in ihrer Seele, strahlt aus ihren Blikken, aus
ihren liebezeugenden Mienen hervor. Weißt du's schon -- doch wie solltest
du nicht? -- daß sie -- daß sie von einem Knaben entbunden worden, dessen
Vater du Ueberglüklicher bist? -- Ich habe das Kind gesehn -- Florentin,
ich glaube dich in einen jungen Abkömmling der Menschheit verwandelt zu
erblikken. Es ist dir ganz ähnlich, und blüht in voller Gesundheit. -- Wenn
du einst heimkehrst über Jahr und Tag, o Bruder, und der Knabe (_Karl_
heißt er) dir entgegenspringt, und dein Onkel, und ich mit meinem Weibchen
dich auf immer in unsre Mitte aufnehmen -- wenn wir dann wieder da liegen
auf dem bekannten Hügel, wo wir sonst den Sonnenaufgang und Untergang
betrachteten, oder wir im Garten, wo du unter dem Fliederbaum so gern
träumtest, umherwandeln, -- -- nein, Florentin, ich breche ab, -- die
Freude über deine noch so entfernte einstige Wiederkunft macht mich
schwärmen. Leb wohl! -- wir alle sind gesund hier, und glüklich, so sehr
wir es ohne dich sein können. Noch einmahl, mein Bruder, leb wohl. Die
Zeitungen und Journale werden mir wahrscheinlich bald von dir mehr sagen,
als deine Briefe. -- Nun, es lenke der Arm des Schiksals alles wohl,
gedenke oft deines

_Holder_«

Wie wär' es möglich gewesen, daß _Florentin_ diesen Brief hätte lesen
können, ohne von den traurigsten und schmeichelhaftesten Empfindungen
gequählt und entzükt zu werden? Mit heisser liebender Inbrunst drükte er
wechselsweis _Louisens_ und _Holders_ Bildnisse an seine Lippen, er dachte
sich nun alle Szenen zurük, welche ihm in der Gesellschaft dieser schönen
Seelen verflossen waren, dachte hinaus in die Zukunft, wo er sie vielleicht
nicht wieder genießen würde, und übermannt von Lust und Wehmuth entquollen
seinen Augen ein paar sprechende Thränen.

Am folgenden Tage verließ der _Graf_ mit seinen Getreuen das interessante
Munchenwall. Ohne Verzug strich man quer durchs deutsche Land, und gesund
langte man auf die äussersten Gränzen desselben an.

_Badner_ hielt seinen Gaul an, schob sich den runden Hut von der Stirn, und
nahm mit seinen Blikken rührenden Abschied von den geliebten
vaterländischen Gegenden. Die Sonne sank unter; die Landschaft war
romantisch schön. Dies bewog auch den _Grafen_ still zu halten,
abzusteigen, einen Felsen hinanzuklettern und da unter einer Fichte sich
hinzulagern, in deren Wipfel feierlich der Abendwind säuselte. _Badner_
that desgleichen, kroch zu seinem Herrn hinauf und legte sich neben ihm
nieder. _Gotthold_ blieb allein unten.

»Ade, ade! deutsches Mutterland; habs nicht geglaubt, daß ich noch hinaus
wandern würde im Alter über deine Gränzen, -- aber das Schiksal hat oft
wunderliche Launen!« rief _Florentins_ Reisegesell, und murmelte noch
einige Worte vor sich nieder.

Florentin. Sei ruhig, Badner, lacht nicht Gottes Sonne allenthalben schön?
-- Sieh doch hinaus, wie prachtvoll sich jene Gegenden vor uns hinlagern,
jene Gegenden, in denen wir bald heimisch sein werden! Sieh dort die
niedlichen Berggruppen, die schwarzen, buschreichen Thäler, und droben über
den kühn himmelangethürmten Felsen das rothflammende Wolkengebürge
schweben.

Badner. Ach, gnädiger Herr, ich bitte Sie, sehn Sie doch hinter sich die
Straße hinab, welche wir daherzogen -- das ist noch deutsches Land!

Florentin. Eine traurige, weitläuftige, die Augen ermüdende Ebne, sandigt
und dürr -- nirgends ein Wäldchen, nirgends ein Hügel, nirgends -- --

Badner. Ja, ja, Sie haben recht! aber, dort hinten ragt ein einsames
Gesträuch hervor, und da muß sichs doch schön drunter ruhen lassen; bei
Gott, schöner als in jenen fremden, buschigten Thälern. Der angenehme
deutsche Strauch würde mir angenehmere Kühlung verleihen, es würde mir
drunter sein, wenn der Wind durch ihn spielte, als spräche er zu mir: ruh
aus alter Badner, du bist ein Sohn meines Landes, schläfst hier sicher! --
bei Gott, so würde mirs sein.

Florentin. Wir werden wieder heimkehren ins Vaterland.

Badner. Werden! -- und wann?

Florentin. Zu seiner Zeit.

Badner. Zu seiner Zeit! (ernstvoll) zu seiner Zeit!

Indem sie noch mit einander dies und das plauderten, und sie einander ihre
Seelen unwillkürlich trüber stimmten, wurden sie gewahr, daß _Gotthold_ mit
einem fremden Manne sprach. Sie sahen, daß _Gotthold_ nach ihrem Felsen
herauf zeigte, daß er heftig mit den Händen gestikulirte, drohte und mit
dem Fremden in einem unangenehmen Wortwechsel verwikkelt sein müsse.

Jach sprangen _Florentin_ und _Badner_ auf; so eilend, als möglich stiegen
sie hinab, nun flogen sie hin zu ihrem Reisegefährten.

»Was ist hier?« schrie _Florentin_, indem er herbei kam.

Gotthold. Ein Räuber!

Fremder. (zugleich) Ein Bettler und Grobian!

Gotthold. (aufgebracht) Der Kerl macht Ansprüche auf unsre Mundprovisionen.

Fremder. Ich bat darum.

Gotthold. Wills uns mit Gewalt abnehmen.

Fremder. (trozzig) Wird und muß geschehn, wenn man mirs nicht giebt, was
ich will.

Florentin. (mit Ernst) Mensch, was treibt dich uns auf der Landstraße
anzugreifen?

Fremder. Herr, der Hunger.

Florentin. (zu Gotthold) Reich ihm von unserm Speise- und Weinvorrath.
_Hunger_ ist ein fürchterlicher Treiber. Wes Landes bist du?

Fremder. Kanella's.

Florentin. Verstehst du kein andres Gewerbe, als Menschen anzufallen?

Fremder: (mit großer Eßlust die dargebotnen Speisen verschlingend) Ich habe
Hunger.

Der _Graf_ lächelte über die Sonderbarkeit des Menschen, welcher ihm seine
unzeitigen Fragen so trokken verwies, lies ihn sich sättigen und fuhr in
seiner Unterredung fort mit ihm.

»Ich war ehmahls,« erzählte der _Kanelleser_: »ich war ehmals ein Bürger,
in einer von den Vorstädten Kanellas ansässig, hatte mein Haus und Gut und
ein herrliches Mädchen zur Braut. Die vielen und ewigen Abgaben brachten
mich zurük, ich verlor dadurch einen ansehnlichen Theil meines Vermögens;
ein Kammerdiener des Fürsten verführte meine Verlobte, -- sie wurde
schwanger, und ich bei der ersten Nachricht davon rasend. Der Schurke,
welcher mir meine _Ladda_ geschändet hatte, kam mir einst auf der Straße
entgegen; jach fuhr ich mit der Hand in die Tasche, riß ein Messer hervor,
und schnitt dem Buben den Anfangsbuchstaben, meiner _Ladda_ ins Gesicht.
Ich wurde gefänglich eingezogen, mein Vermögen verprocessirt, und ich nach
jahrlangem Gefängnis, als ein Bettler, entlassen. So wollten mich meine
Verwandte nicht mehr kennen, -- was sollt ich thun, um nicht vor ihren
Thüren betteln zu gehn? -- ich verlies das heillose Kanella, siedelte mich
hier in der Nachbarschaft an, wo ich nun vom Vogelfangen, Quirlschneiden
und Korbmachen lebte. Ein kümmerliches Leben, -- oft fehlt' mirs trokne
Brod, und dann bettl' ich. Heut bettelte ich, bekam nichts, und um nicht
Hunger zu sterben, mußt ich Gewalt drohen. Das ist meine Geschichte und
mein Name _Dulli_.« --

Der edle _Duur_ mit seinen Dienern hörten mitleidig die Geschichte des
Unglüklichen an; jeder von ihnen zog die Geldbörse hervor und jeder gab, so
viel er geben konnte.

»Ho!« rief _Dulli_: »was fehlt mir nun noch? womit soll ich danken?«

Florentin. Daß du uns den nächsten Weg zum bequemsten Wirthshause zeigest.

Dulli. Wenn Ihr nicht die Nacht hindurch traben wollet; so werdet Ihr
ausser einigen elenden Dörfern 3 Meilen in der Runde nichts Gutes finden.
Doch, still, behagts Euch, so nehmt bei mir Herberge in meiner Einsiedelei.
Eßlust soll Euch da die Speisen würzen, Müdigkeit und eine weiche Streu
Euern Schlaf. Für die Pferde ist Grasung noch vorhanden, und für Eure
Unterhaltung meine Person und die lustige Thalgegend.

Florentin nahm nach einigem Bedenken das Anerbieten an; man sezte sich zu
Pferde und folgte dem Eremiten zu seiner Eremitage nach, die in der That
angenehm umgegnet war, wenn mir der Ausdruk erlaubt ist.



Siebentes Kapitel.
Florentin in Kanella.


Der Abend war schön, die Landschaft begeisternd unterm Rosenscheine, --
_Florentins_ Seele hochgestimmt zu lieblichen Empfindungen; darum blieb er
lange bis in die sinkende Nacht mit dem sonderbaren _Dulli_ vor dessen
Hütte sizzen.

Ihr Gespräch bezielte vornämlich die ewigen Unordnungen in Kanella;
_Florentin_ suchte vom _Dulli_ den Geist der Kanelleser zu studieren; er
lies sich Adel und Volk durch einzelne Anekdoten karakterisiren, und erfuhr
aus alle dem so viel, daß jenen Unglüklichen, welche vom Druk einer ganzen
Reihe Despoten schier zu allem Großen entnervt waren, nur ein schlauer,
kalter Wagehals mangelte, um die Ketten zu sprengen, das Joch abzuwerfen,
den Tyrannen zu stürzen.

Florentin. Dulli, begleite mich dahin.

Dulli. (ihn angaffend) Nach Kanella?

Florentin. Nach Kanella.

Dulli. Mag ich nicht. Habt Ihr denn noch nicht genug gehört, um Abscheu
wider Kanella zu fassen?

Florentin. Nein, ich bin nur doppelt gereizt dahin zu eilen.

Dulli. Bei Gott, das versteh' ich nicht.

Florentin. Kehr' in meinem Gefolge nach deiner Vaterstadt zurük.

Dulli. Nein. Ich hasse die Stadt. Meine Ladda lebt noch!

Florentin. Desto besser.

Dulli. Desto schlimmer.

Florentin. Vielleicht bist du im Stande deinem seufzenden Vaterlande zu
helfen.

Dulli. Helfen? -- hi, hi! schaden würd' ich, schaden! rächen würd' ich
mich, wo mir die Gelegenheit auch nur einen Finger, statt der Hand, böte.

Florentin. Desto besser, wenn du mit solchem Plan und solchem Muth nach
Kanella kämest.

Dulli. Was?

Florentin. Mir scheints, als würd' es bald zu großen Auftritten kommen, als
werde bald Blut vergossen werden, um die alte Freiheit wieder zu erringen.

Dulli. Sagt lieber, um den Strik fester zu drehen, welchen man der Freiheit
an den Hals legt.

Florentin. Ich stehe den Kanellesern wider ihre Tyrannen bei. -- Ich sage
dir, Dulli, komm mit mir!

Dulli. (lachend) Meint Ihr?

Florentin. Ein Mann deines Schlages fehlt mir.

Dulli. Nein, nein, schleppt mich nicht wieder zurük zu jener Schädelstatt
Kanella!

Florentin. Aber wenn du nun hören wirst, wie sich der Staat frei gemacht
hat, wie Piedro, wie Benedetto, wie Moriz und der ganze fürchterliche
Anhang geschlagen worden sind -- wenn du nun das hören wirst! -- --

Dulli. Das sollte mich doch ärgern, wär ich nicht dabei gewesen.

Florentin. Hast du Muth?

Dulli. Gebt mir ein Messer und ich schlage mich wieder zwei, drei Degen.

Florentin. Bist du treu?

Dulli. Wie Euch Euer Schatten.

Florentin. (ihm auf die Achsel schlagend) Kanella wird frei! (steht auf)

Dulli. (aufspringend) Herr, ich gehe mit Euch.

Diese Worte sprach _Dulli_ mit halben Jauchzen. Seine ganze Seele
schilderte sich in seinen Tönen. Er sprang auf; lief in die Hütte; sammelte
seine Kleinigkeiten; schnürte ein Bündel daraus; suchte sein verrostetes
Jagdmesser hervor, schliff es blank auf einem Steine und konnte die ganze
Nacht nicht ruhen.

Der Morgen brach endlich an. _Florentin_, _Badner_, _Gotthold_ und _Dulli_,
welchem man in dem ersten Dorfe ein Pferd erhandelte, sezten ihre Reise
fort.

Ich halte mich nicht mit der Erzählung von tausend kleinen Merkwürdigkeiten
auf, die abwärts vom Plan meiner Geschichte führen, sondern eile so sehr
als möglich dem kühnen Grafen nach, der, unterstüzt durch seine schwarzen
Bündner angeflammt durch die große wohlthätige Sache, es über sich nahm,
einem Auslande Rettung und Freiheit zu verschaffen, das bis jezt noch nicht
an sich selber im Stande war, ihm solche fürchterliche Verpflichtung
aufzulegen. In der That, es ist noch nicht so gros gehandelt, wenn
Patriotismus, Selbstrache, eignes Elend, und Elend seiner Vertrauten einen
Mann zu dem Entschluß führt, solche Riesenthat in begehen, als wenn Ehre,
Gefühl und Mitleid für die leidende Menschheit einen Fremdling dazu
auffodert und wirken macht. -- Verzweiflung ist gewöhnlich die Mutter aller
Revolutionen, nur hier war sie's nicht, sondern _Florentins_ ungewöhnliche
Geistesgröße und Empfindsamkeit für alles was Noth duldet, was den Stempel
des Guten trägt.

Und doch zweifle ich sehr, ob je unser guter _Graf_ sich je einer solchen
gefährlichen Arbeit unterwunden hätte, wenn nicht seine Schiksale eben die
dazu erforderliche Stimmung der Seele in ihm erschaffen, nicht mannichfache
Gefahren ihn furchtlos vor denselben, nicht unzählige Leiden ihn zum
wilden, schwärmerischen Starrkopf gebildet, nicht Erziehung und verlorner
Genuß des allgemeinen Ruhmes ihn dürstiger nach demselben gemacht hätten.

Als er eines Tages mit seinem Gefolge eine Anhöhe erreicht hatte, von
welcher man meilenweit umherschauen konnte; als _Dulli_ plözlich und mit
heilsamen Grausen ausrief: »dort! seht dort die Thürme von Kanella!« -- als
alle bei diesen Worten standen, ihre Augen hinwandten nach der Gegend und:
»Kanella!« leise stammelten -- da blizte ihm frohe Hoffnung durch die
Seele, die Szenen der Zukunft gruppirten sich prophetisch vor ihm hin, und
er fühlte sich stark genug für sie. Wer den Mann in diesem Augenblik gesehn
hätte, wie er da stand Kanellas Schuzgott, der Freiheit herbeifliegender
Genius, wie seine ganze Seele sich wiederspiegelte in seinen Mienen, wie
die Sonne Glanz der Verklärung über ihn herabgoß, seine Haarlokken
stürmisch im Winde rollten; -- fürwahr der würde ihn mit einem Helden der
Vorwelt verwechselt, für einen _Scipio_, oder _Tell_ gehalten haben.

Sie schritten die Anhöhe jenseits hinunter und fanden am Fuße derselben
einen Zug von Reisenden, die ihnen theils auf Pferden, theils in Wagen
entgegen kamen, bald darauf, ohnweit einem Wirthshause an der Landstraße
still hielt und sich da voneinander trennen zu wollen schien. Man sahe ein
rührendes seltsames Schauspiel, indem sich Männer und Damen wechselseitig
unter einander umarmten, einige laut weinten, andre wieder fluchten und die
Degen zogen und hochschwangen. Ein junges Frauenzimmer sank ohnmächtig
zwischen einem Greise und einem Jüngling nieder.

_Florentin_ gab seinem Pferde den Sporn und flog dem Auftritt näher. Er
grüßte die Personen, welche wir, meine Leser und Leserinnen, schon
größtentheils einmal irgendwo gesehn haben, aber niemand erwiederte
_Florentins_ Gruß.

»Hilf Himmel!« rief _Dulli_ mit einemmale indem er sich einem jungen Manne
nahte: »seh' ich recht? Giovanni Borsellino!«

Der _Jüngling_ drehte sich um; mit rothgeweinten Augen starrte er den
Frager an.

»Kennt Ihr mich nicht mehr?« fuhr _Dulli_ fort.

»»Ah, wie sollt' ich nicht, Dulli?««

»Ihr steht ja so verwildert da? was macht der alte Borsellino, Euer
herrlicher Vater?«

»»Er schläft unter der Erde -- Moriz hat ihn erschlagen, und die feigen
Kanelleser sahen dem ruhig zu.««

»Und Ihr?«

»»Und ich und jene dort sind Landesverwiesene jezt.««

»Landesverwiesne!«

»»Wo willst du hin?««

»Nach Kanella.«

»»Und wer ist dein Herr dort?««

»Ein deutscher Graf, genannt Florentin von Duur, der Geschäfte am Hofe
Piedros hat, werth ist Euer Freund zu sein und vielleicht Eure und Eures
Vaters Schmach rächt.«

Borsellino und die übrigen hörten nicht sobald _Piedros_ interessante
Worte, als sie sich unserm _Grafen_ näherten, ihn begrüßten, sich in
Unterredung mit ihm einließen und ihn liebgewannen.

»Ich dächte,« sagte der alte _Eo_: »wir träten auf ein paar Augenblikke in
jenes Haus. Bei einem Glase Wein ließe sich so manches verhandeln, und Ihr,
Graf Fiorentino, ob wir gleich mit Euerm Herzen noch gar wenig vertraut
sind, Ihr dürftet es vielleicht nicht bereuen, uns kennen gelernt zu
haben.«

Alle stimmten dem Landesverwiesnen _Eo_ bei, und _Florentin_ willigte ein.

Gewiß gereuete dem _Grafen_ dieser Gang nicht, so wenig derselbe für ihn
auch anfangs bedeutend schien; denn nicht genug, daß er hier eine kleine
Anzahl merkwürdiger Männer kennen lernte, welche auch selber in ihrem Exil
auf Kanella's Wohl und Weh Einflus haben konnten; nicht genug, daß er die
Lage dieses verunglükten Staats von ganz neuen Seiten zu betrachten
Gelegenheit hatte; nicht genug, daß er schon das Volk zu einer großen
Regimentsumwälzung vorbereitet fand, und daß allen Entwürfen zu derselben
bisher nur feinere Politur, Reife, und Abwartung eines Zeitpunktes
gemangelt hatte, um sie mit Glük auszuführen: so lernte er jezt auch einen
für die Folge wichtigen Menschen kennen -- nämlich einen adlichen
Kanelleser, _Borghemo_.

_Borghemo_, welcher nicht selber Exulant war, sondern nur die verwiesnen
Freunde begleitete, wußte durch sein Aeusseres einem jeden zu gefallen. Er
war ein schöner, junger Mann; stark gebaut und nervigt, wie ein Herkules;
war der Stolz des Kanellesischen Adels, der Liebling der meisten Damen. --
_Borghemo_ wäre vielleicht allein im Stande gewesen mit seinem Kopf eine
Revoluzion zu bewirken, Piedros Minen wider ihn selber aufzusprengen, und
den fürstlichen Bösewicht mitten unter seinen Schaarwachen zu züchtigen,
hätte nicht dieses Halbmuster männlicher Vollkommenheit durch einen eben so
vortreflichen als verhaßten Karakter sich selber und seinem Vaterlande
geschadet. Stolz war der Grundzug desselben; nur diesem ein Opfer zu
bringen, war er heut ein Engel, morgen ein Teufel; liebte er heute, haßte
er morgen. Die sprödesten Vestalinnen waren das Ziel seiner Eroberungen,
die Gefahr hieß seine Favorite, Tugend und Laster waren seine Bediente.

Sehr natürlich, daß dieser Mann unserm _Grafen_ auffiel, daß er sich
vorzüglich mit ihm unterredete, und um seine Freundschaft buhlte.

»Fiorentino!« rief _Borghemo_ und zog ihn mit sich zum Zimmer hinaus, durch
den Hausgarten in ein dicht daran stoßendes Gebüsch.

»Fiorentino, seid wer Ihr wollt, treibt mit unserm Afterfürsten Geschäfte,
welche Ihr wollt -- Ihr seid ein Deutscher und das ist genug für mich. Ich
kann mich unmöglich überreden, daß Ihr ein Schurke seid, nicht mein Freund
werden werdet. Hört mich an! -- Ihr habt jezt den wakkern _Eo_, den jungen
_Borsellino_ gesehn, und die andern, welche heut über die Gränze wandern
werden. Sie zettelten, Kanella von einem Ungeheuer zu erlösen, eine
Konspirazion unter sich an, die mehr ihrem unternehmenden Geiste, als ihrer
Ueberlegung Ehre macht, denn sie wurden verrathen in einer ihrer
Zusammenkünfte sämmtlich aufgehoben, als Staatsverräther und Rebellen
angeklagt, und, weil sie hartnäkkig läugneten, aus lauter Gnaden von
Piedro, Moriz und Konsorten nur aus dem Kanellesischen Gebiete verwiesen.
-- Aber, bei Gott, sie werden dort nicht müssig _Piedros_ Tyranneien
zuschaun, und ich nicht müssig in Kanella umherwandern. Ich -- ich sezze
das begonnene Werk fort! Sagts dem Piedro und seinen Orakeln wieder, ich
stürze ihn, oder er mich! -- Seid ihr mein Freund? -- redet! redet, hat
mich Euer Vaterland und Euer Gesicht belogen?«

»»Ich hoff es nicht!«« erwiederte _Florentin_.

_Borghemo_ führte den _Grafen_ in einen abgelegnen dunkeln Winkel, zog ein
Blatt aus seiner Brieftasche, starrte seinen Mann an und schien eine
wichtige Frage vorräthig zu haben.

»Fiorentino, hört mich -- wenn -- nein -- doch es ist möglich! -- könnt Ihr
diese Zeilen lesen? Sie sind in einer abgestorbnen Sprache mit fremden
Lettern geschrieben.«

Florentin nahm das Blättchen, las, erstaunte freudig und fuhr mit der
flachen Hand plözlich gegen seine Stirn, _Borghemo_ ward aufmerksam:

»Wahrhaftig, ein Schwarzer?«

»»Ein Schwarzer!«« antwortete _Duur_ leise und zeichnete mit dem Stokke
sieben verschiedne Züge in den Sand. --

_Borghemo_ lag in _Florentins_ Armen.

Das stille Entzükken der neugebornen Freundschaft durchwärmte sie, drängte
ihre hochklopfenden Busen aneinander, lies ihre Arme sich in einander
verschränken, glühende Lippen an glühenden Lippen sinken und ihre
glänzenden von einer leichten Thräne gebrochnen Augen aufstarren in
seeligen Taumel. Sie empfanden beide das süße Vorrecht zarter,
gefühlreicher Seelen, den Kelch der Freude da ganz ausschlürfen zu können,
wo andere nur nippen dürfen.

»Heilig, heilig ist das Band!« rief _Borghemo_: »heilig das Band, welches
uns zusammenführte und uns umschlang, ehe wir gegenseitige Ahndung von
unserm Dasein in der Welt empfanden! Heilig ist der Bund der schwarzen
Brüder!«

Sie drükten sich noch einmahl Brust an Brust, und kehrten wieder, Arm in
Arm, zur Gesellschaft zurük. Hier herrschte eine traurige Stille; nur
_Giovanni Borsellino_ schien von allen Exulanten noch der zufriedenste zu
sein, weil er an der Seite der geliebten _Laura Eo_ Kanella verlassen
konnte. Jezt bestieg man wieder Pferde und Wagen; die Trennung war
schmerzhaft, die Verwiesnen zogen über die Gränzen des unglüklichen
Vaterlandes; _Borghemo_ mit seinen Freunden aber und _Florentin_ mit
_Gotthold_, _Badner_ und _Dulli_ trafen spät in der Nacht zu _Kanella_ ein.



Dritter Abschnitt.



Erstes Kapitel.
Umfaßt einen Zeitraum von drei Jahren.


»Von drei Jahren!« hör ich mir meine Leser unwillig zurufen. -- Freilich,
meine Lieben, eine ansehnliche Lükke, oder vielmehr ein großer Sprung über
tausend Tage hinweg; doch vergessen Sie auch nicht, daß ich nur ein
unterhaltender Erzähler, mit nichten aber ein gewissenhafter Historiograph,
sein will. Dieser würde über die meisten von mir hocherwähnten
Begebenheiten, als Bagatellen, hinübergegangen sein; ich hingegen vergesse
alle chronologische, politische, statistische Notizen, die _ihn_
mehrentheils beschäftigen, und suche mir aus der bunten Menge der Szenen
nur diejenigen hervor, in welchen sich menschliche Karaktere am
deutlichsten wieder gespiegelt haben.

Florentin von Duur befand sich, wie Sie wissen, in _Kanella_; vermöge eines
gewissen fürstlichen Empfehlungsschreibens gelang es ihm an Piedros Hofe
eingeführt zu werden. Sein Aeusseres mußte nothwendig den Kanelleserinnen
ersten Ranges gefallen, und gewis würde er im Zirkel derselben eine
glänzende Rolle gespielt haben, wenn nicht sein ernstes Wesen, seine
unzerstörbare Melancholie, welche durch all seine Blikke, Mienen, Gespräche
und Handlungen hervorschien, eben so sehr zurükgestoßen hätte, als sein
männlicher Reiz anzog. Daher floß die natürliche Folge, daß er am Hofe
Kanellas weniger bemerkt wurde; daß ihn die Damen bewunderten, aber nicht
liebten; daß ihn _Piedro_ zwar seiner Staatskunde und Einsichten in die
Volksregierung willen achtete, nicht selten auch seinen Rath annahm, aber
ihn doch nur ausserordentlich selten hervorzog; daß Prinz _Moriz_ und der
Kardinal _Benedetto_ ihn kaum ihrer Aufmerksamkeit würdigten, besonders, da
er sich in Rüksicht dieser beiden Halbungeheuer, stets nach aller
Hofetikette leidend und unterthänig verhielt.

Hiezu kam noch, daß _Florentin_, da er kaum ein halbes Jahr in Kanella
figurirt hatte, von einer Krankheit überfallen wurde, die ihn viele Monate
unthätig machte. Nur seine Jugend rettete ihn vom Tode, dessen
Pfortenschwelle er schon betrat. --

Mit einem Worte drei Jahre waren ihm verschwunden wie drei Tage.

Allein müssig konnte ein _Florentin von Duur_ in dieser Epoche nicht sein.
Einen verdorbnen Staat zu reformiren, dazu bedarf es mehr, als
oberflächicher Kenntnis desselben. Sich ganz in diesen neuen, unbekannten
Verhältnissen zu orientiren, alle geheimliegende, verstokte, oder
vergiftete Quellen, aus welchen so vieles Wehe über Kanellas Bürger quoll,
aufzuspüren; sich Freunde in der Noth, Anhänger inner- und ausserhalb der
Kanellesischen Gränzen anzuwerben -- dazu waren mehrere Jahre nur kaum
hinlänglich.

Anfänglich versuchte der biedre _Graf_, mit Hülfe des geringen Einflusses,
welchen er sich auf eine verstekte, schlaue Weise in die Regierung zu
verschaffen gewußt hatte, das Schiksal Kanellas erträglicher zu machen. Es
gelang ihm einigermaaßen; und hiedurch kühn gemacht, schöpfte er, jedoch
viel zu voreilig, die befriedigendsten Hofnungen für die Folgezeit.

Allein, alles war vergebens, dem unglüklichen Landeseinwohner die ihm
auferlegte Bürde zu erleichtern; vergebens jede Stunde, auf diese Art
aufgeopfert für das Wohl der leidenden Menschheit. Was _Florentin_ mit
unsäglicher Mühe für Kanellas Heil errang, zerstörte ein einziges Machtwort
des stürmischen _Moriz_, ein einziges Achselzukken des listigen Pfaffen
_Benedetto_, ein einziger buhlerischer Kuß _Rosaffens_.

Drei Jahre waren vorübergeflogen, und die Kanelleser noch um keinen Schritt
durch den Grafen dem Ziel ihrer Wünsche und Hofnungen näher geführt.
_Borghemo_ raste; _Dulli_ fluchte, _Giovanni Borsellino_ bestürmte den
edeln Duur mit Vorwürfen in wöchentlichen Briefen; denn alle hatten unsern
Mann jezt genauer kennen gelernt, sich seinen großen Geist vertrauter
gemacht, ihr unbegränztes Vertrauen auf ihn gesezt -- und alle glaubten
sich in ihm getäuscht zu finden, rechneten seine Langsamkeit, sein
Verzögern einer heimlichen Feigheit zu.

Aber wie gesagt, _Florentins_ Zaudern war Weisheit, sein
thatenlosscheinendes Leben eine ewige Kette von Arbeiten. Die Zahl der
_schwarzen Brüder_, in _Piedros_ Staat, hatte sich unter ihm zu einer
furchtbaren Menge vermehrt, die er nach dem Modell, der deutschen Logen in
obere und untere Klassen eingetheilt hatte, deren lezte die Brüder der
obern nicht kannte, und zu welcher der _Graf_ auch den wilden _Borghemo_,
wegen seines unsteten Karakters gesellt hatte, so sehr er auch sonst diesen
Mann zu achten wußte. Jezt durfte nur noch eine bequeme Stunde schlagen und
Piedros _Despotie_ hatte ihre Endschaft, Kanella die ersehnte Freiheit, und
der Wunsch tausend guter Bürger seine Erfüllung erreicht.

Und die erwartete Stunde näherte sich!



Zweites Kapitel.
Die Dachspitze.


Ein herrlicher Mondscheinabend lokte _Florentinen_ hinaus zu einer
Wanderung durch die Straßen der Residenz. _Dulli_ begleitete ihn. Der
_Graf_, versenkt in seelige Träumereien von der geliebten Sorbenburg und
seiner Louise, schlenderte hierhin, _Dulli_ mit dem Bilde seiner Ladda,
welche sich nicht mehr in Kanella befand, beschäftigt, schlenderte dorthin.
Beide hingen ungestört ihren Gedanken nach. Es war eine traurige Stille in
allen Gassen der Stadt; die meisten Familien saßen in ihren Zimmern
verkerkert, um sich gemeinsam einander ihre Noth zu klagen; viele
schlummerten schon, um sich von Träumen das vergüten zu lassen, dessen sie
sich wachend beraubt sahen.

Unsre Nachtwandler hatten aber kaum eine kleine Viertelstunde mit ihren
Streifereien hingebracht, als sie durch einen ziemlich laut gehaltnen
Dialog aufmerksam gemacht und zum Stillstehn und Lauschen bewogen wurden.

Sie bemerkten einen jungen Menschen, welcher neben einem Mädchen im
Mondscheine saß. Beide schienen für einander dasjenige Feuer zu fühlen,
welches Jüngling und Mädchen von Anbeginn der Welt zu empfinden pflegten,
-- beide umschwebte die heilige Tugend mit ihrer Begleiterin, der Grazie
Schüchternheit. -- _Florentinen_ wurd es bang und wohl beim Anschaun dieser
Gruppe; »o Louise!« dachte er: »einst waren wir auch so glüklich!« -- --
»»Einst waren wir auch so glüklich, schwache, gesunkene Ladda!«« murmelte
_Dulli_ ärgerlich, und ballte die Faust zusammen und drehte das Gesicht
hinweg.

Die Liebenden tändelten froh mit einander, und befürchteten keine
Belauschung.

»Gianetta, schöne Gianetta!« rief der Jüngling: »nimm herab deinen Hut vom
Kopfe mit den stolzen, schattenden Federn. Am Tage steht er dir schön, aber
Abends verdunkelt er dein holdes Gesicht. Nimm ihn herab, und laß den Mond
auf dein Antliz schimmern!«

Gianetta lächelte, und lies sich den Hut nehmen. Der Jüngling sezte ihn
sich selber auf und schmiegte sich kosend an das Mädchen, indem er mit
einem Handkus Verzeihung erflehte. _Gianetta_ drängte ihn sanft zurük. Der
junge Mann erschrak.

»Du scheinst,« sagte _Gianetta_ nach einer Weile: »du scheinst sehr
vergnügt zu sein diesen Abend? Bist du's, Enriko?«

Enriko. Wie sollt' ichs bei dir nicht?

Gianetta. Bist du's wirklich?

Enriko. Zweifle nicht, Gianetta.

Gianetta. Was macht dein Vater?

Enriko. (stokkend) Er seufzt im Gefängnis.

Gianetta. Wie lange schläft deine herrliche Mutter den Todesschlaf schon?

Enriko. (niedergeschlagen) Seit fünf Wochen.

Gianetta. Junge, bist du vergnügt diesen Abend?

Enriko. (wehmüthig aufblikkend zu ihr) Gianetta!

Gianetta. (inniger) Bist du vergnügt bei mir?

Enriko. (ihre Hand von seinen Augen drükkend) O, Gianetta!

Gianetta. (kalt) Geh!

Enriko. (weich) Du liebst mich nicht? -- (sie schweigen beide, -- nach
einer Pause) Sieh mich nur noch einmahl an, dann will ich gern gehn!
(abermahliges Stillschweigen unter beiden) Liebst du mich nicht schönes
Mädchen? -- soll ich dich verlassen, Gianetta?

Gianetta. (ein Seufzer hebt ihren Busen. -- Sie sieht den Bittenden an und
spricht langsam, mit zitternder Stimme, zu ihm) Wohin willst du gehn?

Enriko. Von dir hinweg. Will die Nacht durch Stadt und Feld umherschweifen
-- ich muß mich zerstreuen -- ich kann nicht schlafen.

Gianetta. (ihm die Hand drükkend) Ich bin dir gut.

Enriko. Ach, schöne Gianetta, wäre das wahr?

Gianetta. Gewis, lieber Enriko.

Enriko. (sich niederwerfend vor ihr und ihre Knien umschlingend) O, sags
mir -- sag's mir noch einmahl, daß du mir gut bist!

Gianetta. (schmeichelnd den Arm um seinen Hals legend) Lieber Enriko.

Enriko. (sein glühendes Gesicht in ihr Gewand verbergend) Gott, mein Gott!

Gianetta. Empfindsamer Junge, bist du allenthalben so? Ich liebe diesen Ton
und diesen Karakter -- ich mögte dich darum küssen! -- Steh doch auf.

Enriko. (sezt sich neben ihr nieder, schmiegt sich dicht an sie) Gianetta!

Gianetta. (ernsthaft) Wie gehts dem Sekretair _Flimmer_?

Enriko. O, des abscheulichen Bösewichts, ihm wirds nie wohlergehen!

Gianetta. Warum sagst du nicht: _soll's_ nie wohlergehn? das klingt doch
männlicher, und giebt dir wenigstens den Schein, als würdest du dich wider
ihn zum Rächer deiner unglüklichen Eltern aufwerfen.

Enriko. Ja, kann ich damit deine Huld erwerben, siehe, so erschlag ich ihm
auf öffentlichem Marke, und den Moriz dazu und selbst den verdammten
Piedro, wenn du willst.

Gianetta. (lächelnd) Fürchterlicher Herkules!

Enriko. Du spottest?

Gianetta. Ich bezweifle deine Tollkühnheit nicht -- aber gewis, du würdest
das Opfer für Kanellas Wohl werden, würdest -- nein, eher billige ich in
Aufruhr und Verschwörungen! --

Enriko. Wohlan denn, die Zahl meiner Freunde ist gros -- Verschwörung und
Rebellion! -- Gianetta, wünsche nur den leisesten Wunsch und ich weihe mein
Leben dir und der Freiheit. In einigen Monaten ist der Staat umgestürzt,
oder -- ich ruhe neben meiner Mutter!

Gianetta. (schwärmerisch) Und ruhst du neben deiner guten Mutter, Enriko,
dann folg' ich dir! Enriko dann siehst du mich droben wieder, wo wir nicht
schmachten dürfen in Armuth, nicht zittern dürfen vor Piedros Einfällen!

Enriko. (mit aufgewandten freudeglänzenden Augen) Gianetta, du willst?

Gianetta. Sei vorsichtig!

Enriko. Die Hand der Vorsehung führe mich!

Gianetta. Der Tag, an welchen Kanellas Volk seine wieder eroberte Freiheit
feiert, feiern wir unsre Vermählung! -- (nimmt ihn in ihre Arme) Da, nimm
bis dahin den lezten Kuß! Stirbst du, Enriko, -- mein Enriko, so sterb' ich
mit dir! --

(beide umarmen sich -- schweigen lange)

Enriko. (sich loswindend) Ade, Gianetta, ade! doch, gieb mit ein Zeichen,
bei dessen Anblik ich stets dieses heiligen Abends eingedenk sei. Nenn' es
-- sieh umher -- wär es auch nur die Dachspizze deines väterlichen Hauses.

Gianetta. (scherzhaften Tones) Gern hätt ich dir mich selber genannt, --
aber du sollst mich von nun an selten, oder gar nicht sehen! -- Wohl -- die
Dachspizze!

Enriko. Ade, schöne Gianetta! --

Der Jüngling flog davon. Das Mädchen sah ihm lange nach, entfernte sich
dann. _Florentin_ und _Dulli_ kehrten schweigend um und begaben sich nach
Hause.

Der _Graf_ war kaum einige Minuten in seinem Zimmer umhergegangen, als
_Dulli_ hereintrat.

Florentin. Woher, Dulli, so spät in der Nacht?

Dulli. (schlägt die Arme unter einander, seufzt und schweigt.)

Florentin. Gieb Antwort! -- quält dich die Erinnerung an deine Ladda?

Dulli. Quält mich, und quält mich nicht, ich habe sie halb vergessen. --

Florentin. Was willst du?

Dulli. Fort von Euch, heim in meine Eremitage.

Florentin. (verwundert) Mensch!

Dulli. In allem Ernst Herr.

Florentin. Was hat dich auf den Einfall gebracht?

Dulli. (mit einem tiefen Seufzer) die Dachspizze.

Florentin. Wie? -- bist du Zeuge von jenem Auftritt gewesen, dem ich vor
einigen Augenblikken begegnete?

Dulli. Ich bins gewesen.

Florentin. Und willst darum Kanella verlassen?

Dulli. Ja und heim in meine Eremitage.

Florentin. Doch nicht aus Furcht vor _Enrikos_ gedrohter Empörung?

Dulli. Aus Furcht vor der Nichterfüllung der Eurigen! -- O, Herr, warum
habt Ihr mich herausgelokt aus meiner Ruhe, wo ich längst schon Kanella,
Tyrannen und Tyrannisirte vergessen hätte? -- Warum habt Ihr mich lüstern
gemacht nach Dingen, die eher ein berauschter Liebhaber, -- eher der Knabe
Enriko erfüllen wird, als Ihr? -- Bei Gott und dem heiligen Petrus, Herr,
Ihr solltet nur den Jammer nur das Herzeleid sehn, in welchem Kanella
verstoßen liegt; -- solltet nur das Winseln brodbettelnder Kinder, und das
ohnmächtige Fluchen der Erwachsenen hören, die kein Brod geben können, und
ich will des Todes sein, wenn Ihr nicht Augen und Ohren zupressen und Euch
nach andern Gegenden umsehn würdet, wie ich.

Florentin. (kalt) Leicht möglich.

Dulli. Nein, unwidersprechlich wahr! -- aber Ihr, gnädger Graf, nehmts mir
nicht übel, wenn ichs dürr heraussage -- Ihr seid schon leider verpestet
von Piedros Hofluft und Eure prangenden Wünsche sind elendiglich
eingetroknet am Strahl seiner Majestät. O, da, auf den glänzenden
Assembleen und Redouten, und Bällen und Maskeraden, und wie die höllischen
Freuden des Hofes mehr heißen, -- da gehts lustig her! da hört man vorm
Pauken- und Geigenschall das Aechzen der Hungrigen nicht, da sieht man die
Blutthränen des Unterthanen nicht vor den Reihen der blanken Tänzer und der
geschwungnen Weinbecher! Gott erbarms! -- Ihr seid verpestet!

Florentin. (warm) So wahr ich lebe, Dulli, noch bin ichs nicht!

Dulli. (freudig) Seid _Ihrs noch nicht_? -- wahrlich _noch nicht_? O dann,
Herr, dann steht meinem Vaterlande bei; -- Ihr könnts! Um Gotteswillen,
hastet Euch. -- Seht, sinds nicht schier vierzig Monate, daß wir hier
leben? Habt Ihr Euch in vierzig Monaten noch nicht auf das _Wie_? besinnen
können? -- O es ist ja so leicht zu erfinden, wenn Ihr nur ein
warmschlagendes Herz besizt! -- Seht, nehmt einen Dolch und stoßt ihn in
Piedros Wanst, erwürgt seinen Spürhund Benedetto, seinen Mordhund Moriz,
wenn sie von griechischen Weinen benebelt sind, oder sie an der Tafel vom
Mark des Unterthans schwelgen, oder sie am Busen ihrer Huren wollüsteln! --
Es ist ja kinderleicht! -- und dann lauf' ich hin auf den Dominikusplaz,
und schreie: Kanella du bist frei! und Tausende werden Freiheit mit mir
rufen und Tausende mit mir ihre Kniee vor Euch beugen! -- Nun, Herr?

Florentin. (ihm die Hand drükkend) Du bist ein vortreflicher Kerl! --

Dulli. Aber -- --?

Florentin. (geht nachdenkend durchs Zimmer, kehrt schnell zurük) Ueberwarte
noch drei Monate, und bist du dann nicht mit mir zufrieden, so nimm alles,
was ich habe und zieh in deine Wüste damit!

Dulli. (bedenklich) Noch drei Monate -- noch _zwölf_ ganze Wochen, Gott
weis es, wie viel _hundert Tage_ dazu gehören! -- -- doch ich harre sie
aus.

Florentin. Rufe morgen die alte Wahrsagerin zu mir -- Es ist ein verwegnes
Weib, sie soll Lärmen unter dem gemeinen Volk machen!

Dulli. (horchend) Ein altes Weib muß zu Euern Plänen -- --

Florentin. Alte Weiber und Pamfletenschmierer gehören zu den wohlthätigsten
Uebeln in dieser untermondischen Welt. -- Geh!

Dulli ging mit hoher Verwunderung ab; der _Graf_ aber mas noch lange das
Zimmer mit seinen Schritten. Es kämpfte seine Seele einen schweren Kampf --
und er siegte ob.

»So geh es denn, wie es wolle!« dachte er bei sich, als zum Resultate
seiner Ueberlegungen: »Gute, und schlaue Sanftheit sind vergebens
angewandt, die Hyder auf Kanellas Thron zu zähmen -- sie falle nun! --
Befördre _ich_ die Rebellion nicht, so werden es mehrere _Enrikos_ und
vielleicht unglüklicher, als ich, weil sie im Sturm der Leidenschaft
handeln. Es sei; Kanella, ich reiße dir das Joch ab, freigeborne
Menschheit, fühle dich frei und gros. -- Bürgerblut wird vergossen werden,
aber auch das Blut der Tyrannen!« --

»Und du, allgegenwärtiges Wesen, du siehst jezt das Gewebe meiner Gedanken
und Empfindungen, stehe du mir bei, und denen die dich anrufen? Gott, du
siehst ja deiner Kinder Thränen, hörst ihr flehendes Wimmern -- erbarme
dich ihrer. Verstoße sie nicht aus dem Gebiet der Freude, laß sie nicht
ewig schmachten in Verzweiflung. O, Gott, mein Gott -- es ist für die
schwache Menschheit ein fürchterlicher Gang, -- verlaß uns nicht!«

So dachte, so betete _Duur_ in stiller, mitternächtlicher Stunde. Seine
Seele fühlte sich beruhigt; sein Auge glänzte von einer Thräne. Er spürte
heilige Glut durch seine Adern fliegen; ihm wars, als riefe sein Schuzgeist
ihm leise ins Ohr: »auf, es wird der guten Sache wohlgelingen!« --

In solcher Stimmung sezte er sich nieder, um den Plan der Staatsumwälzung
zu entwerfen.



Drittes Kapitel.
Florentins Verwandlung.


»Wie gesagt, ich begreife ihn nicht!« antwortete vierzehn Tage später der
Sekretair _Flimmer_ dem Prinzen _Moriz_.

»»Ei nun,«« erwiederte dieser: »»er wird doch endlich zur Vernunft kommen.
_So_, wie jezt, ist der Kerl auf dem sichersten Wege sein Glük zu
poussiren.««

Doch ehe ich die beiden Herrn weiter plaudern lasse, muß ich meinen Lesern
sagen, daß _Florentin von Duur_ der Gegenstand ihrer Unterhaltung war.
Dieser durch so manche Erfahrung gewizte, durch so manche Fatalität stolzer
und kühner gemachte, Hofmann hatte in einem Zeitraum von wenigen Tagen,
(nur wenigen wars bekannt, durch welchen Talisman,) sich dermaaßen im
Kredit der _Piedronen_, _Benedetten_ und _Morizze_ emporzuschwingen gewußt,
daß man aus wichtigen Gründen für seine Tugend und ehmalige
Rechtschaffenheit hätte zittern können. --

Alle Thüren standen ihm offen; kein Kammerdiener, keine Leibwache hielt ihn
von den Kabinetern der Großen zurük; unangemeldet trat er zum Herzoge und
dessen Favoriten ins Zimmer, in deren Gesellschaft er sich von nun an
täglich befand.

Einige riethen hier hin, andere dorthin, um _Florentins_ plözliches Steigen
beim Hofe zu erklären; die meisten deuteten alles auf _Rosaffen_ hin,
welche den schönen _Grafen_ vielleicht genauer ins Auge gefaßt, und ihn
liebenswürdig gefunden haben konnte. Die Leute hatten in so fern nicht
unrichtig gedeutelt, aber die eigentliche Schnellfeder des Duurischen
Hofglüks war ihnen doch unbekannt geblieben.

Was _Rosaffen_ betrift: so hatte sie in der That _Florentinen_ izt erst
schöner gefunden, als ers ihr bis dahin geschienen. Alle übrige Damen des
Hofes bemerkten in diesen Tagen am _Grafen_ ein Gleiches. Er war bei weitem
nicht mehr der sonstige, schüchterne, zurükhaltende, misantropische
Sauertopf, sondern gefälliger, kekker, tändelnder, unterhaltender, als
irgend ein unter dem Panier der Venus graugewordner Ritter -- Wo er
hintrat, erschien neben ihm die muthwilligste Freude, wo er einen Zirkel
verlies, schlich die gähnende Langeweile mit allen ihren Foltern ein.

Die schöne, wollustathmende _Rosaffa_, welche noch die alten Launen unsers
Grafen kannte, wußte jezt ihre Schwächen und Fehler so reizend in die
Glorie der Tugend zu verhüllen, daß sie dreimahl schöner, als vorher war;
Oeffentlich hing sie freilich an _Piedro_; aber wer konnte ihrs verwehren
im Geheimen nach den _Grafen_ hinzuschielen, oder ihm unvermerkt die Hand
zu drükken, oder ihm unterweilen einen von tiefen Seufzern gehobnen Busen
erblikken zu lassen? -- So listig, so erfahren wie sie in der Kunst war
Nezze für Männerherzen zu strikken, waren nur wenige, und eben dies lies
gewis den herrlichsten Sieg über _Florentin_ für sie hoffen. Und als sie
schon liebebekennende Erwiedrungen ihrer Blikke, ihrer Händedrükke, ihrer
Seufzer spürte -- o, welches weibliche Herz hätte da noch von
fehlgeschlagnen Wünschen träumen können?

So wie in der Damenwelt der Name: _Fiorentino_! _Fiorentino_! allenthalben
die Losung geworden war, eben so auch in der männlichen und vorzüglich
politischen Welt Kanellas. Ich wag' es nicht zu bestimmen, von welcher
Seite er mehr geliebt und geschmeichelt wurde. Aber so viel ist gewis, daß
Florentin bei den Kanellesischen Volkspressern ursprünglich und am meisten
sein Glük gegründet hatte.

So unwichtig er auch bisher in den Augen des Hofes gewesen war: so zeigte
man sich ihm denn doch mehr, als kaltblütig und gleichgültig, weil er im
Verdacht stand, als hielt er sich mehr zur Volksparthei, denn zum Hofe.
Allein nun war auch der geringste Argwohn von ihm in dieser Rüksicht
verschwunden, denn er hatte eine neue, goldhaltige Quelle für Piedros
Finanzen aufgefunden, die freilich im Herzen des Volks aufgeschlagen werden
mußte, aber auch um deswillen desto ergiebiger floß.

Bald darauf rükte er mit mehrern Plänen hervor, die so fein ausgearbeitet
waren, und so lieblich nach Machiavellis Kompendium der Staatskunst
schmekten, daß Piedro, Moriz und Benedetto dem erfinderischen Kopf
schlechterdings ihre Bewunderung nicht versagen konnten. Kurz, er hatte
aller Beifall gewonnen; -- eine fürchterliche Art Freunde zu erlangen, wenn
das schon gemärterte Volk unter diesen neuen Foltern noch mehr leiden und
Weh' und Jammer über solchen Bund schreien muß!

Auf alles dies, meine Leser, bezog sich nun das Gespräch des Prinzen
_Moriz_ mit seinen Getreuen. -- _Flimmer_, der vorher nicht wenig
argwöhnisch auf den _Grafen_ gewesen war, wurde es durch dessen jähe
Metamorphose noch mehr. Nur _Moriz_, der um die ganze Sache genauer zu
wissen glaubte, schäzte _Florentinen_, doch heißt das _a la Moriz_!

»Ich traue ihm nicht!« rief _Flimmer_ einmal über das andere des Prinzen
tauben Ohren zu.

»»Du bist ein Narr!«« war die gewöhnliche Replik darauf.

Flimmer. Und gebt acht, gnädigster Herr, gebt acht, daß Euer Flimmer, der
sich noch so selten betrogen, sich auch diesmahl nicht hintergeht.

Moriz. Sprich, du Erzhase, du furchtsamer Teufel sprich -- hast du je,
binnen der Zeit, daß er sich in Kanella befunden, eine einzige schiefe
Handlung von ihm observirt?

Flimmer. Ich muß es eingestehn, keine einzige, ungeachtet ich ihn schärfer
beobachtet habe, als der Satan eine arme Sündersseele -- aber -- --

Moriz. (lachend) Ich kenne meinen Mann von innen und von aussen -- wenn
mancher wüßte, was ich weis -- ha, ha, ha! er kettet sich nicht so leicht
wieder von uns los -- zum Glük, daß er mir diesmal mit seiner
Gipspuppengestalt nicht wieder ins Gehege fällt! -- Na, trink ein Glas
Zyprier! Ich hab' heut Laune.

Flimmer. (trinkt)

Moriz. Kannst dich dem Teufel darauf ergeben, daß er sich so sehr vergarnt
hat, -- -- doch, trink! --

Flimmer. (gießt ein und trinkt)

Moriz. Weißt du sonst irgend etwas aufzutischen? Wie bin ich beim Volke
akkreditirt?

Flimmer. (lächelnd) Wird darum sich ein _Moriz_ kümmern?

Moriz. Ich hab' heut Laune, und frage danach.

Flimmer. Akkreditirt? -- hm, mehr als der Landesherr selber.

Moriz. Und der Kardinal? -- Fülle den Becher und trink!

Flimmer. (grinsend) Sr. Eminenz? -- hm, wird allgemein -- -- gehaßt.

Moriz. (sich mit der Hand übers Gesicht fahrend, um ein Lächeln zu
verwischen) Wirklich? (zukt die Achseln.) Doch von etwas andern. -- Sag
mir, befindet sich noch der alte, stumme Schurke beim Grafen, der ihn
einmal vor Jahr und Tag aus der Welt befördern sollte?

Flimmer. Freilich! freilich!

Moriz. 's ist mir doch lieb, daß mein damahliges Projekt mit dem Gifttrank
scheiterte. Duur soll und wird mir mit seinem Kopf noch wichtige Dienste
leisten.

Flimmer. Aber eben der Badner, und der mit dem Grafen zurükgekommne
verwegne Dulli, dessen Geschichte mit der Ladda -- --

Moriz. Ich weis es ha, ha, ha!

Flimmer. Ich sage, eben diese odieuse Gesellschaft des Grafen erregt in mir
so viel Besorgnisse! --

Moriz. Schweig mit deinen ewigen Besorgnissen! Gesezt auch, der _Graf_
führe etwas Hinterlistiges im Schilde: so müßten du und ich den Kopf
verloren haben, wenn wir nicht bald davon Wind bekämen -- und dann läßt man
ihn gefänglich einziehn, oder schikt ihn auf die Galeere, oder geradenwegs
in die andre Welt. --

Flimmer. (am Fenster) Sein Wagen hält jezt, unten am Schlosse -- er springt
heraus -- --

Moriz. Sein Besuch ist mir willkommen; Ich habe Laune. -- Geh du!

Ehren-Flimmer entfernte sich, halbbenebelt von Zyprier. Der _Prinz_ war
noch keine Minute allein, als _Florentin_ ziemlich eilfertig hereintrat.

»Nun, lieber Graf! das gefällt mir; Ihr vergeßt mich doch nicht unter so
vielen andern, die von Euch nicht vergessen sein wollen! Sezt Euch neben
mir nieder und seid vertraulich, wie mit Eurem Busenfreunde.«

Florentin. (höflich) Ew. Hoheit machen mich stolz. -- Doch wer würde sich
solcher Gnade und einer solchen Busenfreundschaft weigern?

Moriz. Na, ich denks auch. Sezt Euch doch. Ich hasse die steife,
vermaledeiete Etikette unter vier Augen. Dort stehn dreierlei Sorten des
kostbarsten Weines -- wählt! -- sezt Euch her und trinkt!

Florentin. (gehorchend) Ihr überhäuft mich mit Gnadenbezeugungen,
gnädigster Fürst.

Moriz. Nicht doch. Hört, Ihr habt des Herzogs Beifall, und da könnt' Ihr
des meinigen leicht vergessen.

Florentin. (mit einem Blik voller Sprache) Prinz -- Ihr fühlt Euern Werth,
wisset, _wer_ im Lande dominirt -- und das macht Euch so sprechen!

Moriz. (füllt die Gläser) Ha, ha, ha! Schelm! (er klingelt. Ein Lakai tritt
herein, zu welchem er sagt) Ich befinde mich nicht wohl -- bin in einigen
Stunden nicht zu sprechen -- selbst wenn Sr. Eminenz der Kardinal, -- oder
des Herzogs Durchlaucht schikt. (der Lakai entfernt sich) Nun, Fiorentino,
wir sind ungestört. Eure Miene schien mir so etwas zu weissagen -- laßt uns
plaudern.

Florentin. Ich bringe Euch dazu einen wichtigen Stoff.

Moriz. Nun?

Florentin. Es herrschen furchtbare Gährungen im Volk.

Moriz. Volk! Volk! -- pah, was will der Wurm?

Florentin. Es läßt sich alles zu einer allgemeinen Empörung an. --

Moriz. (kalt) So?

Florentin. Die Sache ist für uns um so bedeutender, je geheimer sie
gehalten wird.

Moriz. Woher habt _Ihrs_ denn? (trinkt)

Florentin. Von meinen Spionen. Ja, noch mehr. Einer derselben bringt mir
eine Liste mit den Namen derer, die, im Fall einer Rebellion, massakrirt
werden sollen. Der Eurige steht oben an.

Moriz. (sezt gleichgültig das Glas hin) Ehre dem Ehre gebührt!

Florentin. (mit Nachdruk) Im Raum dreier Monate soll unsre jezzige
Regierung umgeworfen sein!

Moriz. (die Stirn faltend) Und wer soll herrschen?

Florentin. Das Volk.

Moriz. (bitter) _Wer_?

Florentin. Das Volk!

Moriz. Wer -- _wer_ soll herrschen, wenn Piedros Unvermögen zum Regieren
öffentlich anerkannt worden? -- _Wer_? --

Florentin. (kalt) das Volk!

Moriz. (aufspringend) Und das wird nicht geschehn! oder Moriz müßte von
einer _Bettlerfamilie_ stammen -- müßte nicht in Kanella sein.

Florentin. (steht auf und geht durchs Zimmer, indem er sich auf den Finger
beißt, und eine Miene zieht, als einer, welcher diebischerweise ein
Geheimnis entwendet.)

Moriz. Verdammt! -- da sollts auf diese Gefahr zu einer Rebellion kommen,
und Ihr Schurken von Demokraten solltet _Morizen_ kennen lernen!

Florentin. (sich umdrehend) Ja, gnädigster Prinz, ich zweifle, nicht, --
besonders wenn Ihr dies an der Spizze von wenigstens zehn bis zwanzig
tausend Mann sagtet!

Moriz. (starrt lange vor sich nieder, geht dann rasch zum Grafen, legt
vertraulich seine Hand auf dessen Achsel; seine Mienen sprechen, aber --
sein Mund schweigt. Er dreht sich wieder um und pfeift -- geht zum Tisch
und klingelt.)

Florentin. (beobachtet den Prinzen mit scharfen Blikken unverwand, so sehr
er sich auch den Schein des Gleichgültigen giebt)

Moriz. (zum hereintretenden Lakai) Schampagner!

Florentin. (mit Theilnehmung und Ernst) Prinz!

Moriz. (zerstreut) Was ist?

Florentin. Ihr scheint ein großes Geheimnis in Eurer Seele zu führen;
scheinet -- (abspringend) doch, Ihr kennet mich noch zu wenig, Prinz, ich
verarg' es Euch nicht.

Moriz. (mit untergeschlagenen Armen dicht vor ihm hintretend) Mensch!

Lakai. (sezt den Wein auf, und entfernt sich)

Moriz. (mit verstellter Lustigkeit) Hier die Flasche laßt uns umstürzen;
sie wird köstlich sein! (er füllt zwei Becher) Trinkt, Graf! --

Florentin. (schmeichelnd) Gnädigster Herr, Ihr seid ein Räthsel, von dessen
Auflösung die Kunst des erfahrensten Menschenkenners zu Schanden wird.

Moriz. (zufrieden lächelnd) Wirklich? -- (den Becher hebend) Auf, es blühe
lang die Schönheit Rosaffens!

Florentin. (sich verwirrt stellend) Sie blühe! (beide trinken)

Moriz. (lachend) Rosaffa! ha, ha, ha!

Florentin. (nimmt den Becher von neuem auf) Es lebe hoch Sr. Durchlaucht
Herzog Moriz von Kanella! (Zerstreuung simulirend) O, verzeiht, ich vergas
mich, ich weis nicht mehr, was ich spreche.

Moriz. (sezt bestürzt das Glas nieder) Was war das?

Florentin. (angenehm) Vielleicht ein gutes Prognostikon!

Moriz. (strenge) Graf, äfft mich nicht! -- (beide schweigen und beobachten
sich lange)

Moriz. Graf, Ihr gäbet den Mahlern einen treflichen Heiligenkopf ab -- mit
Lust würde man dazu Eure Mienen kopiren, denn man würde den Heilgen in
Euch, ohne Heilgenschein, erkennen. -- Lüget Euer Gesicht nur nicht?

Florentin. (lächelnd) Ich antworte kein Ja, oder Nein, um wenigstens den
_Mund_ nicht lügen zu lassen.

(abermahlige Pause)

Florentin. Wie ists, mein gnädigster Fürst, wie ists mit Euerm Entschluß
die Volksgährung betreffend? -- Laßt uns den Aufrührern beizeiten
entgegenarbeiten!

Moriz. Fürchtet Ihr denn Gefahr?

Florentin. Allerdings, in so fern weder Ihr, noch des Herzogs Durchlaucht
hinlängliche Sicherheit besizt, noch Kraft einem rebellischen Volke
entgegenzustehn.

Moriz. Woher?

Florentin. Wegen Mangel an Soldaten. -- Es ist nothwendig, daß ein Corps
errichtet werde, welches Eure Superiorität bewacht.

Moriz. (nach einiger Stille) Ja, ja, es muß eine große Werbung angestellt
werden. Das ganze Land soll kontributiren. Wir haben jezt kaum tausend Mann
auf den Füssen.

Florentin. Ist Munition genug vorhanden?

Moriz. Das Kriegskollegium soll mir morgen ein genaues Verzeichnis davon
einliefern. In allen Fällen muß ausser Landes eingekauft werden. --
Wenigstens müssen in zwei Monaten zehntausend Mann da stehn.

Florentin. Und zwar aus Landeskindern gesammelt; denn auf Ausländer ist in
solchen kritischen Zeitpunkten nicht sicher zu rechnen.

Moriz. Aber es ist unmöglich aus eitel Landeskindern in so kurzer Zeit
zehntausend Mann herbei zu schaffen; der Staat ist von keiner übermäßigen
Größe, in welchem überdies mehrere Städte ein ausschließendes Recht haben,
von allen Werbungen frei zu sein.

Florentin. Was kümmert uns dies? -- Sie sollen ihre Dokumente und Urkunden
vorweisen, diese müssen erst untersucht werden und ich wüßte nicht, welcher
Dämon seine Hände im Spiel hätte, wenn wir nicht vermögend wären Worte zu
verdrehn und zu verdeuteln und ihnen einen verlornen Prozeß an den Hals zu
spielen.

Moriz. (mit geballter Faust auf den Tisch schlagend) Warum haben wir uns
beide nicht früher kennen gelernt! -- (seine Hand ergreifend) Fiorentino!
Fiorentino! Ich hätte Euch noch manches -- manches noch zu vertrauen, aber
-- --

So gut als wir, verstand auch _Florentin_ das mistrauische _Aber_, und er
wandte seine ganze Kunst daran den geringsten Argwohn aus dem Gemüthe des
Prinzen zu vertreiben. Ob er glüklich, ob er unglüklich darin war, mag die
Folge aufklären. Was ihre fernern politischen Unterredungen betrift: so
find' ichs nicht behäglich meine Leser dieselben länger anhören zu lassen;
doch die Resultate derselben äusserten sich nach etlichen Wochen im Lande.
-- Hatte man vorher geseufzt, so schrie man jezt über Ungerechtigkeiten; wo
man ehmahls weinte, verzweifelte man jezt. Und _Florentin_, der von seinen
Freunden scharf bewacht wurde, dessen kleinste That ihnen nicht unbemerkt
vorüberschlüpfte, wurde denselben mit jedem Tage ein dunkleres Räthsel.

_Borghemo_ vorzüglich war um deswillen äusserst empfindlich. Er suchte
täglich den _Grafen_ in seinem Hause auf, wo er ihn aber nie fand;
aufgebrachter, als vorher, kehrte er dann gewöhnlich heim und fluchte über
das Schiksal und heuchlerische Menschenbrut. -- Dulli nahm sich seines
Herrn noch am meisten an; denn der alte _Badner_ spielte, seit er mit
_Florentin_ in Kanella war, wiederum die Rolle eines Stummen und sogar
Halbtauben, um einen desto geschiktern Horcher abgeben zu können.

»Gieb deinem Herrn diesen Brief;« sagte eines Abends _Borghemo_ zu _Dulli_:
»vergiß es nicht! sobald er in der Nacht zu Hause kömmt!«

»»Ihr zürnt noch immer auf meinen Herrn?««

»Mit Recht!«

»»Ihr irrt Euch in ihm!««

»So irren sich tausende und du allein betrügst dich nicht?«

»»Freilich!««

»Narr!«

»»Ich verzeih' Euch!««

»Nun, Schurke, was hältst du denn vom Grafen?«

»»Daß Ihr seine Größe nicht fasset, und ich seine Pläne nicht durchschaun
kann.««

»Gieb ihm den Brief!«

Der _Graf_ erhielt den Brief, der nichts geringers, als eine Herausfoderung
zum Duell enthielt. _Florentin_ konnte sich des Lächelns nicht erwehren;
_Dulli_ und _Badner_ gaben auf sein Mienenspiel Acht. Er schrieb noch in
der Nacht ein Billet, welches sogleich an Ort und Stelle gebracht wurde;
zwar nicht an _Borghemo_ selbst ging, aber doch die Widerlegung desselben
betraf. --

»Was spricht man von mir in Kanella?« fragte er _Dulli'n_ und _Badner'n_,
welche ihm vorm Schlafengehn die Geschichte des Tages zu rapportiren
pflegten. Beide bezeugten, wie mit einem Munde, daß sein Kredit noch der
alte sei, nur daß man vielerlei über seine Rolle am _Hofe_ kannengiessere.
-- -- -- -- --



Viertes Kapitel.
Neue Verwirrungen.


»O!« rief _Borghemo_ am folgenden Tage in wilder Wuth, als er sich auf dem
in seinem Billet Florentinen genannten Kampfplazze eingefunden und schon,
seinen Gegner erwartend, einige Gänge auf und ab gemacht hatte: »O,
Freundschaft, Redlichkeit, Freiheit -- was seid ihr? Doch nur Ideale,
todte, unnüzze Ideale, dem Gehirn der Dichter in schwärmerischen Stunden
entsprungen, welche das schönste Thier in der Schöpfung bewundert, aber in
sich zu realisiren weder Muth noch Kraft hat! -- Daß ich so belogen werden
konnte, so -- so von einem _Duur_! -- -- Nein, erschien mir jezt ein Engel
vom Himmel, ich würde seiner Larve und seinen Worten nicht mehr trauen. --
Freundschaft! ist dies nicht heuer ein Modegedanke, worin sich verkrüppelte
Seelen verstekken, wie häsliche Gestalten hinter ihren Puz? -- O, verdammt,
von solchem Abentheurer betrogen zu werden!« -- --

Borghemo schlug sich mitgeballter Faust vor die Stirn -- ging einige
Schritte vorwärts -- blieb stehn, -- sah nach der Uhr und lachte gräßlich
auf: »Er kömmt noch nicht! pfui, des elenden Feiglings! er, -- er eine
Revoluzion bewirken? -- ha, ha, ha, wahrscheinlich unter den Weibern des
Hofes! er die despotische Regierungsform zerstören, die mit tausend Klingen
verfochten werden dürfte, er, der sich vor der meinigen allein schon
fürchtet? --«

So tobte er eine Viertelstunde hindurch, ohne zu bemerken, daß der Plaz,
auf welchem er sich befand, der zwar ein schöner Spaziergang vor der Stadt
war, aber doch nur selten besucht wurde, jezt, und zwar zu einer sehr
ungewöhnlichen Stunde, denn es war früh nach Sonnenaufgang, ziemlich
lebhaft geworden. Ueberall, wohin er um sich her sah, erblikte er zu seiner
unaussprechlichsten Verwunderung bekannte und unbekannte Männer, höhern und
niedern Ranges, einzeln und in Gruppen lustwandelnd.

Er blieb eine Weile, wie versteinert, stehn: ging dann zu dem nächsten, ihm
bekannten Mann, um sich über diese Szene Licht zu verschaffen. Kaum daß er
sich diesem näherte, so zogen sich auch alle übrige Personen, wie nach
einem verabredeten Signal, um denselben zusammen. _Borghemo's_ Erstaunen
wuchs immer mehr, und noch mehr, da ihm der bekannte Mann folgendes sagte:

»Edler Borghemo, Ihr erwartet den Grafen, aber vergebens, denn seine Zeit
ist jezt zu köstlich, als sie mit Euch hier zu versplittern, und die
Gesundheit seiner Gliedmaßen ihm für den Tag der Revoluzion zu theuer, als
daß er sie hier Eurer Laune und Eurer aufbrausenden Hizze opfern sollte.
Gesezt, daß er bei dem nahen Aufruhr sein Leben nicht einbüßt, so steht er
euch gleich den folgenden Tag darauf zu Diensten. Dies ists, was er Euch
durch mich sagen läßt.«

»»Aber ich begreife nicht -- --«« stotterte _Borghemo_ und warf seine Augen
auf die ihn umgebenden Männer.

»Leicht möglich!« antwortete man ihm: »Was die lieblosen Beschuldigungen
betrift, welche Ihr ihm gestern in dem bewußten Billette machtet, so hört
dies darauf zur Erwiederung: Duur verdient sie nicht. Daß er Eure
Freundschaft _der_, gegen den unglüklichen Staat, hintenansezt, werdet Ihr
ihm hoffentlich verzeihen; daß er, wie Ihr ihm vorwerfet, seine großen
Versprechungen in Absicht der Befreiung Kanella's vergessen, darüber werdet
Ihr in Kurzem vom ganzen Staat die Antwort hören; und daß er schon viel
gethan hat, und nicht wenig Anhänger besizt, -- davon könnt Ihr Euch durch
uns überzeugen lassen, indem jeder von diesen bereitwillig ist, sich statt
seiner mit Euch um Leben und Tod zu schlagen, wenn Ihr anders noch nicht
hinlänglich vergewissert seid, wie sehr Ihr dem Grafen _Fiorentino_ Unrecht
gethan habt.«

Der gute _Borghemo_ war noch nicht ganz zu sich selber gekommen, und er
stand nahe dabei, alles das, was er sah und hörte, für ein Gaukelspiel
seiner Einbildungskraft zu halten.

»Fiorentino!« sagte er: »du hast in der That bewiesen, welch' ein
ausserordentlicher Mann du bist; -- ich will gehn und deine verborgnen
Pläne im Stillen bewundern!«

»»Wohl!, Fiorentino vermuthete diesen Entschlus von euch,«« antwortete
einer aus der Menge: »»kommt mit uns; wir haben Befehl Euch zu uns zu
sammeln.««

Wie ein gedankenleerer Träumer folgte _Borghemo_ -- -- den _schwarzen
Brüdern_ nach.

Sehnsuchtsvoller selbst als vom rachsüchtigen _Borghemo_ wurde _Duur_ an
eben dem Morgen von Sr. Eminenz, dem _Kardinal_ erwartet, welcher den
_Grafen_ und sein politisches, raffinirendes Genie nicht weniger zu
schäzzen verstand, als der rauhe _Moriz_. Der Favorit ließ sich lange
vergebens erwarten. _Benedetto_ war sehr unruhig. Er ging von Zimmer zu
Zimmer; bald hinaus auf den Altan; bald hinaus in den Garten. Es war dieser
Tag für ihn von großer Wichtigkeit, denn er hatte bei sich beschlossen heut
gegen Florentinen mit einem wichtigen Projekt hervorzurükken. -- Er, der
sonst nie zitterte, der sonst keines Menschen Gewalt befürchtete --
zitterte jezt bei jedem Rauschen der Thüren seines Pallastes. Er wünschte
_Duurs_ baldige Erscheinung und doch machte ihm sein böses Gewissen diesen
Mann furchtbar.

»Was hilfts?« sagte endlich der heilige Mann zu sich trostvoll, indem er
seine dürre Gestalt über ein Faulbett hinlagerte: »Es reife endlich, was
reifen soll; längerer Verzug ist der Tod meiner Hofnungen. Ob nun der Graf
meine Vorschläge acceptiren, meine Entwürfe gemeinsam mit mir ausführen
wird -- das entscheide dieser Tag. Seine Treue, sein Karakter ist seit drei
Jahren und länger der Gegenstand meiner Beobachtungen gewesen, ich hab ihn
ächt befunden, täuschen, konnt' er mich nicht! -- Und gesezt, daß er -- --
nein, unmöglich! Er ist durch Rosaffen zu fest an mein Interesse geknüpft,
er liebt sie, und sie ist ja, was sie ist, durch mich geworden; sie ist mit
meinen Plänen halbvertraut; ihr ekelt vor Piedro schon und sie kennet ja
seine Untüchtigkeit zur fernern Regierung! --«

Indem _Benedetto_ also kalkulirte, fand sich _Duur_ ein. Mit welcher
ungewöhnlichen Gnade er von dem feinen Mönch aufgenommen wurde, wie
geschmeidig diese steife Eminenz war, wie huldreich lächelnd und
vertraulich dessen sonst ernste, zurükschrekkende Mienen sich zeigten, ist
beinahe unbeschreiblich.

Die Unterredung dieser beiden Hofleute wurde bald sehr intrikant; jeder
horchte, jeder forschte, beide handelten aber aus verschiedenen Absichten.

»Ich läugn' es nicht, Fiorentino, ich preis' Euch glüklich!« sagte
_Benedetto_ unter andern, als Replik auf vorhergehende Reden.

Florentin. Darum, daß mich die Gräfin Rosaffa wieder liebt?

Kardinal. Eben darum! Es ist noch etwas Niegeschehnes, daß Rosaffens Herz
für irgend einen Mann wärmer geschlagen, als für den andern. Ihr seid der
erste, und fürwahr seid auch der Einzige. -- Sie ist schön, der Liebe des
schönsten Mannes in Europa würdig; sie ist reich und vom Range. Und nun
denkt Euch im Besiz eines solchen allbeseeligenden, entzükkenden Weibes --
--

Florentin. (einfallend) Im Besiz?

Kardinal. Sie liebt Euch ja!

Florentin. Liebt mich? -- Sei es, ich bezweifle die Wahrheit Eurer Worte
nicht -- aber Besiz? -- Wer besizt sie? Wer? --Ist sie nicht Piedros?

Kardinal. (mit Besinnung) Es ist wahr! --Ich bedaure Euch und -- die
unglükselige Gräfin. -- Was seztet Ihr wohl daran Rosaffen zu befreien? --

Florentin. (verwirrt) Eine verfängliche Frage, die ich kaum zu beantworten
weis. -- Doch -- -- Ihr wißt, ich liebe sie heftig.

Kardinal. (die Achsel zukkend) Piedro -- -- -- --

Florentin. (mit einem Seufzer) O Gott!

Kardinal. (mitleidig, ernst und ausspähend) Piedro -- --

Florentin. Ich bitt Euch, nennt mir diesen Namen nicht; raubt mir nicht die
lezte elende Hofnung.

Kardinal. Euer Leiden thut mir weh. Könnt' ich helfen -- könnt' ichs --
doch aus Liebe für Euch, mein Bester, wag ich alles. (Er steht auf und geht
umher, indem er sich nachdenkend stellt.)

Florentin. (seufzt ohngefähr so laut, daß es den Ohren Sr. Eminenz nicht
unbemerkt bleiben kann.)

Kardinal. (rasch zurükkehrend) Fiorentino, Rosaffa sei die Eure!

Florentin. (aufsprengend mit Aeusserungen des Entzükkens) Wär es möglich?

Kardinal. Wie viel wagt Ihr daran?

Florentin. So viel die verzweifelnde Liebe wagen kann!

Kardinal. (lächelnd) Es soll nicht Tod und Leben gelten, sondern daß Ihr,
nächst Rosaffen, mir Eure ganze Zuneigung schenket.

Florentin. O, die war die Eure, ehe ich Rosaffen liebte, und ist noch die
Eure und zwar in solchem Grade, als Ihr es vielleicht selber nicht von mir
erwartet. Ich könnte Euch gewisse Proben davon vor Eure Augen legen -- ich
sage Proben -- -- -- doch davon zu seiner Zeit.

Kardinal. Ich bewunderte von jeher Eure Offenherzigkeit und zugleich Eure
Verschwiegenheit. Wendet diese beiden Tugenden von nun an zu meinem
Interesse an; denn an meiner Glükseligkeit liegt die Eurige durch Rosaffen
unauflöslich gefesselt.

Florentin. (mit einem Blik voller Rührung) Benedetto!

Kardinal. (ihm die Hand und den Mund reichend) Seid mein! -- Jezt bin der
Eurige!

(sie küssen sich)

Kardinal. Und nun zuerst, Fiorentino sag mir, -- bei unsrer Freundschaft
beschwör ich dich -- sag mir, zu welchem Entzwek läßt Moriz im ganzen Lande
werben? Ich befürchte Nebenabsichten!

Florentin. (geheimnisvoll) Mit Recht!

Kardinal. Wär es möglich?

Florentin. Dem Herzoge und wahrscheinlich auch Euch ist ein fremder Zwek
vorgespiegelt.

Kardinal. Mir hat man von einer bevorstehenden Revoluzion in Kanella
gesagt, welche Verstärkung der Truppen nothwendig mache.

Florentin. Mir der Revoluzion hat es seine Richtigkeit; in der That muß
sich das Volk in einigen Monaten empören, wovon man die untrüglichsten
Spuren vorgefunden. -- Allein Moriz trift keine Gegenanstalten, sondern --
-- doch Euch sind ja Morizens Kabinetsgeheimnisse so wohl, als mir bekannt.

Kardinal. (sich vertraulich an ihn schließend) Er will die Regentschaft von
Kanella an sich reißen, wenn das Volk im Aufruhr Piedron minorenn am
Verstande und der Regierung unfähig erklärt.

Florentin. Ihr habts getroffen.

Kardinal. (hämisch lachend) Ha, ha, ha, ha! (er geht zu einem Pulte und
zieht verschiedene Papiere hervor, die er dem Grafen überreicht.) Seht
hier! Piedros Untüchtigkeit zur Staatsverwaltung ist allgemein bekannt --
der Aufruhr des Volks mag vor sich gehn; er ist nothwendig -- aber Kanellas
Heil liegt meinem Herzen zu nahe. Seht hier, und leset, wie lange ich
deswegen schon mit dem Römischen Hofe korrespondirt habe.

Florentin. (durchfliegt mit froher Bestürzung die Blätter) Ich bin ausser
mir!

Kardinal. (wohlgefällig lächelnd) Und seht nun hier das Finale -- eine
Bulle Sr. päbstlichen Heiligkeit, die mich zum Regenten Kanellas ernennt.

Florentin. (liests) Bei Gott, ja! -- Wohlan, ich sprach vorhin mit Euch von
gewissen Proben meiner Liebe, welche ich aufzuzeigen hätte. (Er zieht
Papiere aus dem Busen) Seht hier -- leset dies Bittschreiben von beinah
hundert der vornehmsten Bürger Kanellas eigenhändig unterschrieben und an
Ew. Eminenz gerichtet.

Kardinal. (wird beim Lesen aus Freuden halb ohnmächtig -- er reißt das
Fenster auf, lehnt sich lange hinaus, troknet sich die Thräne der freudigen
Ueberraschung vom Auge und fällt dem Grafen um den Hals) So hat man mich
denn in der That lieb? verlangt mich in der That an Kanellas Staatsruder?
-- o Fiorentino, Fiorentino! steh mir bei, ich bin zu schwach solche Last
zu ertragen! Aber Moriz?

Florentin. Laßt ihn werben, er wirbt vor Euch.

Kardinal. Die guten Bürger sollen in weniger Zeit eines großen Theil ihre
ungeheuern Abgaben überhoben werden. Ich wills dahin bringen; notifizirt
ihnen das; sagt ihnen, daß es Benedetto nie anders, als wohl mit Kanella
gemeint habe und meinen werde. Ich will mich den Kanellesern von der
blendensten Seite zeigen.

Florentin. Um alles zu verderben?

Kardinal. Wie?

Florentin. Drängt vielmehr die Kanelleser bis zu des Elends äussersten
Gipfel hinan, daß sie revoltiren müssen, desto eilender gelangt Ihr zum
Ziele. Güte beruhigt die Leute und zerstört Eure Pläne.

Kardinal. Verzeiht, verzeiht! Ihr habt Recht, die Freude machte mich
wirbeln. Und doch -- o, wär es möglich, daß ich jezt ganz Kanella für mich
einnehmen könnte!

Florentin. Kanella verehrt Euch wie seinen Vater, aber haßt den Prinz
Moriz.

Kardinal. Ihr schmeichelt. Aber unterlaßt auch ja nicht, den vertrauten
Umgang mit Moriz fortzusezzen. Es ist uns nothwendig!

Florentin. Sehr natürlich. Selbst die Morizischen Werbungen empören das
Volk nicht wenig, in eingen Dörfern ist es schon zum Aufstande gekommen.

Kardinal. (applaudirend) Bravo! bravo! -- Laßt uns alles zur Beförderung
und Beschleunigung der Revolte beitragen. Ich werde Euch die dazu
erforderlichen Geldsummen anzeigen.

Florentin. Ich hege keinen Zweifel am -- glüklichen Ausgang dieser
fürchterlichen, verworrenen Händel!

Kardinal. Und Euer ist Rosaffa, Euer das schönste Weib von ganz Kanella,
sobald Piedro enttrohnt ist und Benedetto an seiner Statt herrscht.

Florentin. (im Ausbruch der Freude die dürre Kardinalshand küssend)
Benedetto!

Kardinal. (gnädig lächelnd) Fiorentino!

Florentin. (auf die Knie niederstürzend vor ihm) Gebt mir -- gebt mir
Rosaffen!

Kardinal. (hebt den Grafen liebreich auf) Ihr seid ausser Euch!



Fünftes Kapitel.
Sturm und Liebesfreuden.


Inzwischen die Kabale und Intrigue heimlich den Hof in Partheien
zertrennte, und Wollust und Zeremoniel ihn öffentlich zu einem harmonischen
Ganzen machte; inzwischen _Piedro_ mit seinem Mädchen und Hofbuben lustig
schwelgte und nichts minder als eine baldige Störung seiner Feste ahndete;
indessen _Rosaffa_ um Florentins Wiederliebe buhlte; _Benedetto_ mit dem
Vatikan wegen seiner Regentschaft briefwechselte, _Moriz_ sich kriegerisch
rüstete, die heimlich unterstüzte Rebellion zu seinem Vortheil zu lenken,
und beide der _Prinz_ und _Kardinal_ _Florentin_ zu ihrem vertrautesten
Vertrauten machten -- unterdessen Bälle, Assembleen, Karnevals,
Geburtsfeste beständig am Hofe abwechselten und alles in einer frohen
nichtsbesorgenden Stimmung erhielten, wüthete Verzweiflung und Hungersnoth
im Volke; zogen sich die Elenden immer genauer an einander; stimmte alles
immer inniger zu einem totalen Aufruhr zusammen; fachten die schwarzen
Brüder, im ganzen Lande verstreut, das glimmende Gefühl für die geraubte
Freiheit immer mehr an, und bestimmte man zulezt einmüthig den Abend des
ersten Septembers zum Termin der bisherigen Sklaverei und der zu
erringenden Volksfreiheit. Die Verschwörung der Kanelleser beschäftigte
mehr das Herz, als die Lippen; so verschwiegen war noch keine Konspirazion,
und so geheim noch keine Vorbereitung zu derselben gehalten worden. Alles
trug um so mehr den Anschein eines glüklichen Erfolgs, da selbst _Moriz_
und _Benedetto_ von allem wußten, selbst den ersten Septemberabend kannten
und dennoch, statt zu verhindern, Unterstüzzung leisteten.

Piedro! Piedro! hättest du Augen gehabt zu sehn, du würdest nicht länger,
hinter Weibern und Flaschen verschanzt, sardanapalisirt haben! denn der
August begann sich allmählig seinem Ende entgegen zu neigen und das ehmals
trauernde Volk lies nun eine zu rasche Veränderung spüren. Geduldig ließen
die Richter ihre Rechte verhunzen von Hofschranzen, denn sie sahen den
ersten Septemberabend schon im Geiste grauen, der ihnen alles zurükgeben
sollte; Städte ließen sich ohne Murren um ihre lezten Freiheiten plündern,
denn sie hofften in etlichen Wochen sie mit Wucher zurük zu gewinnen;
verarmte Familien aßen ihr schimmlichtes Brod, ohne es noch mit Thränen des
Kummers zu nezzen, die Hofnung strahlte auch ihnen trostvoll entgegen,
welche sie glauben machte, bald ein besseres Schiksal zu empfangen.

Viele von den Großen Kanella's und der Parthei des Herzogs wurden dieser
Phänomene frühzeitig genug inne. Ihre Spione brachten ihnen aus allen
Gegenden der Republik Nachrichten, eine furchtbarer, als die andre; sie
fingen sogar an argwöhnischer auf den so fahrläßig scheinenden Kardinal zu
werden, und ehe man es erwartete, zogen drei tausend Mann ausländischer
Soldaten, von einem benachbarten kleinen Fürsten gemiethet, in Kanellas
Gebiet. Hier handelte _Piedro_ einmahl ohne Mitwillen seiner Beherrscher,
das heißt des _Prinzen_ und des _Kardinals_, sondern nach dem Einfall
einiger andern ihm getreuen Räthe. Aber dieser Schritt wurde ihm sehr
natürlich von den beiden Universalministern gewaltig verübelt, und
gemisdeutet. »Der Schaz ist größtentheils erschöpft,« hieß es und lies man
im Volke aussprengen: »demungeachtet beruft er fremde Soldaten ins Land,
welche den Einwohner noch mehr aussaugen müssen; Er marchandirt mit seinen
Landeskindern, verkauft seine Regimenter, um sich fremde Truppen wieder zu
miethen! o des fürstlichen Dummkopfs!« --

_Piedros_ Ansehn litte dadurch ungemein, wozu _Moriz_ und _Benedetto_ das
meiste unter der Hand beitrugen. Der Muthwille des Pöbels ging so weit, daß
sich eines Tages tausende vor dem Herzoglichen Pallast versammelten und
unter fürchterlichen Drohungen dem _Piedro_ geboten, die Miethssoldaten aus
dem Lande zu schaffen. Allein ein Detaschement derselben zerstreute das
aufgebrachte Volk, und dieses lies sich willig auseinander treiben, denn
noch war der erste Septemberabend nicht erschienen!

Niemand aber von allen rang und arbeitete mehr, als _Florentin von Duur_,
niemand bedürfte mehrerer Erquikkung und Anfrischung, und niemanden wurde
weniger von derselben zu Theil. Die einzige Erhohlung, welche er sich
gewährte, war die, daß er sich oft Abends hinausschlich aus dem Gewühle des
Hofes und der Stadt, hinaus in einen an die Stadt gränzenden Park, welcher
dem _Herzoge_ zugehörte, aber wegen der seltnen Besuche ganz verwildert
war. Hier lagerte sich dann der ermüdete Held entweder in dunkle Nischen
dichtverflochtenen Gebüsches, oder an eine kleine Quelle, oder er begab
sich in ein niedliches Landhaus, welches in der Tiefe eines Thales lag und
von einem Paar alter Eheleute bewohnt wurde. Seine Thaten mit froher Seele
überschauend, hinausblikkend in die belohnende Zukunft, wars ihm hier nur
allein wohl, und genos er nur hier die lieblichsten Stunden seiner Tage in
Kanella.

Wer ihn im Park belauscht hätte, würde _Florentinen_, den großen,
höfischen, verwegnen _Florentin_, den ernsten, hochgeachteten Bündner der
schwarzen Brüder nicht erkannt, sondern einen sanften, liebesiechen,
schwärmenden jungen Mann gefunden haben. Da stand er oft und schnizte den
Namen, seiner _Louise_ in die Rinde junger Linden; oder er drükte _Holders_
Bildnis an seinen Mund, oder er rief den Namen seiner Schwester
_Friederike_ mit brüderlicher Wehmuth aus.

Ungestört hatte er hier bisher sich so manchen schönen Abend selber leben
können, aber -- ein schwarzer Dämon raubte dem guten _Duur_ auch diese
lezten Freuden.

Einsmahls lag er seiner Gewohnheit nach in seiner Lieblingsnische; der
Abend war einer der schönsten des Augusts, die Gegend durch denselben so
reizvoll geworden, das Abendroth zitterte wie in goldnen Tropfen am Halm
und Laub, die Vögel gossen Melodien durch das Gehölz. Plözlich schlug der
Saitenton einer nahen Guitarre sein Ohr; bald darauf mischte sich eine
süsse, klagende Weiberstimme dazu. _Florentin_ horchte betroffen; er hörte
folgenden Sang:

   Dich zu sehn, und dich zu lieben,
   Einziger in der Natur,
   Allgewaltsam hingetrieben
   Auf der Liebe Dornenspur --
   Eine That vom Augenblik
   War mein Leiden, war mein Glük.

   Dürft' ich, Trauter, dir bekennen,
   Was mein wundes Herz gefühlt,
   Wie mir Herz und Wangen brennen,
   Nie vom Troste angekühlt --
   O, du würdest hold und schön
   Auf mein Leid hernieder sehn.

   Würdest weinend mitempfinden,
   Was ich weinend schon empfand;
   Würdest mir verzeihn die Sünden,
   Daß, wenn Gott und Welt verschwand,
   Du vor mir in Liebespracht
   Meine Seele angelacht!

   Daß in stillen Mitternächten
   Mir dein süsses Bild erschien,
   Um die Stirne Sternen flechten,
   An den Busen -- Rosmarin;
   Aber ach! ich sah genau
   Auf den Zweigen Thränenthau!

   Daß des Mondes Silberstrahlen,
   Aus des Himmels lichten Höhn,
   Immer mir dein Bildnis malen
   In den Glanz der Heiligen,
   Und ich dann im trüben Weh
   Auf zu dir anbetend seh'!

   Ach, du lächelst, thust den Himmel
   Mir in deinen Blikken auf;
   Aus der großen Welt Getümmel
   Ziehst du mich zu dir hinauf --
   Trinkend Paradieseslust,
   Ruhe ich an deiner Brust.

   Selige Gefühle keimen
   Aus der Seele düsterm Raum;
   Dürft' ich, Jüngling, ewig träumen
   Meiner Liebe schönen Traum? --
   Aber, ach, zu bald, zu bald
   Ist dies Lustgebild verwallt.

   Warum sah' ich dich, mein Leiden
   Namenloser zu erhöhn?
   Warum konnt' ich dich nicht meiden,
   Mußt' ich deine Schönheit sehn?
   O des Schiksals Eisenhand
   Schlang um uns dies Zauberband!

   _Liebe_ heilet nur die Wunden
   Meines Herzens wieder zu,
   Gieb mir, was du mir entwunden,
   Gieb mir die verlorne Ruh':
   Liebe, Theurer, liebe mich,
   Gott erschuf mich ja für dich! --

Florentins seltsame Verwirrung läßt sich unmöglich beschreiben. Ihm wars,
als lebte er in jenen Zeiten des Schäferlebens, wo eine schüchterne Grazie
einsam fantasirend dem Echo und den Winden ihre unglükliche Liebe
entgegenklagte, oder in jenem romantischen Zeitalter, welches _Wieland_ mit
so unnachahmlichen Schönheiten ausschmükte, wo ein schmachtendes Mädchen in
ihrem bezauberten Thurm dem abwesenden Geliebten Liebe bekennt, die sie ihm
in seiner Anwesenheit läugnet.

Dem _Grafen_ war die Stimme der schwermüthigen Sängerin nicht unbekannt,
nur daß er des Liedes Inhalt eher von einer liebenden Nonne, als -- einer
fürstlichen Mätresse erwartet hätte. So unwillkommen ihm diese
Ueberraschung war, mußte er sich dennoch der Etikette unterwerfen, sich
wiederum in den täuschenden Mantel der Verstellung vermummen und --
_Rosaffen_ aufsuchen.

Schön wie eine Halbgöttin, reizend wie eine Griechin gekleidet, trat sie
jezt aus dem Gebüsch ihm entgegen. Sie schien ihm nicht so nahe beahndet zu
haben, denn sein Anblik jagte all ihr Blut hinauf um Wangen und Busen.
_Florentin_ selber bebte zurük; so gewaffnet mit allem Zauber des Schönen,
glaubte er sie noch nie gesehn zu haben, wozu nicht wenig ein gewisses
schwermüthiges Etwas, welches in ihren Lineamenten und Tönen und Bewegungen
lag, beitrug. Zwar war die _Gräfin_ nichts weniger, als zur Mislaune
gestimmt; allein sie kannte _Florentinen_ zu genau und den Geschmak
gewisser Männer, welche lieber ihre Damen schwärmen und empfindeln, als
natürlich froh sehn. Sie wußte zu gut, wie viel ein solches Madonnengesicht
bewirke; wie leicht die Saite des Mitleids in männlichen Seelen
anzuschlagen und wie klein der Sprung vom Mitleid zur Liebe sei.

Drum hatte sie, welche die geheime Retirade des Grafen in diesen Park
ausgeforscht, und sich, Gott weis es, unter welchem Vorwande, auf den
Fittigen der sehnsuchtsvollen Liebe hieher führen lassen, den Rath des
Dichters benuzt, der da sagte:

   Gern seh ich das Mädchen in Wollust und Scherz,
   Doch lieber die Liebe im weinenden Schmerz,
      Ein Thränchen im schwimmenden Blaue;
   Denn lächelt die Sonne nicht hinter dem Flor
   Verschleiernder Nebel noch schöner hervor,
      Nicht schöner die Rose im Thaue?

»So ward Ihr, schöne Gräfin, die angenehme Sängerin selber?«

Rosaffa. (sich an seinem Arm stüzzend) Schmeichler, war Euch Gesang oder
Sängerin angenehmer?

Florentin. Hätt' es das Lied ohne die Sängerin sein können?

Rosaffa. Vielleicht doch!

Florentin schwieg; _Rosaffens_ Hand schmiegte sich um die seine -- langsam
schlenderten sie fort, und immer tiefer in das liebliche Gehölz hinein; der
bange _Florentin_ bebte an Rosaffens Arm; sie war zu schön.

»Wir verirren uns,« sagte er: »laßt uns einen geebneten Fußsteig
aufsuchen.«

»»Um Gotteswillen nicht, damit mich nicht ein Verräther in diesem Park und
Eurer Gesellschaft allein erblikt.««

»Vor wem darf eine _Rosaffa_ zittern?«

»»Ah, Fiorentino, wär Euch der ganze Umfang meines Elends bekannt! -- Doch,
wir wollen den Fußsteig vermeiden; lenkt hier rechts ein.««

»Seht, wie uneben dieser Weg für Eure zarten Füsse, die solcher Wanderungen
nicht gewohnt sind!« »»Wohl, so ruhen wir auf diesem Rasenhügel aus. Man
wird uns hier nicht beobachten können.««

Sie sprachs, und sezte sich nieder. Der _Graf_ gehorchte, halb mit Grauen,
halb mit Lust ihren Wink, und warf sich neben ihr hin.

Sie sprachen lange kein Wort, aber ihre Hände fanden sich unvermerkt wieder
zusammen.

»Sag mir, Fiorentino, wie ists möglich, daß Ihr so langes Wohlgefallen an
dem Aufenthalt in Kanella hegen könnet, in Kanella, wo der Sammelplaz so
vieler Unruhen und Unannehmlichkeiten ist?«

»»Hat nicht jeder Plaz auf der Erde sein Angenehmes und Widriges?««

»Wohl, so frag ich bestimmter: wie ists möglich, daß Kanella mehr Reizze,
als Unangenehmes für Euch haben kann?«

»»_Ihr_ solltet dies nicht fragen, nur _Ihr_ nicht; -- jeder andre könnte
es vielleicht, und vielleicht antwortete ich jedem darauf.««

»Mir nicht? wie so?«

»»Rosaffa, so unwissend seid Ihr nicht!««

»Aber wie, wenn ichs nun bin?«

»»So dürft' ich der Geliebten des Herzog Piedros nicht antworten.««

»Ihr seid grausam. Warum laßt Ihr -- Ihr es mich und just es jezzo fühlen,
wer ich Unglükliche bin?«

»»Rosaffa!««

»Fiorentino, bei Gott, ich hab es nicht ganz, und am mindesten um Euch
verdient!«

»»Ich verstehe Euch nicht.««

»So verstand ich Euch besser, als Ihr es wolltet.«

»»Verzeiht mirs, schöne Gräfin, wenn ich Euch unwissend kränkte!««

»Unwissend? o, Fiorentino, heuchelt dies einer andern! -- Unwissend? --
also nur Euch wär' es unbekannt, an welches Ungeheuer mich das Schiksal
verkaufte? Euch nur unbekannt, wie Rosaffa leidet in eines elenden
Wollüstlings Riesenarmen? -- Eines Herzogs Geliebte! ach Fiorentino, hättet
_Ihr_ nie diese Worte ausgesprochen!«

»»Eben dieser stolze Name, um welchen Euch alle Kanelleserinnen beneiden
--««

»Eben dies ists, was mein Leiden vermehrt. Die einzige Thräne eines
mitleidigen Freundes ist in der Noth köstlicher, als die Bewunderung von
der halben Welt.«

»»Ihr seid unglüklich?««

»Daß Ihr dies fragen könnet!« -- (_Rosaffa_ schwieg lange still; Thränen
stiegen in ihren Augen auf; sie suchte dieselben zu verbergen.) »Denkt
Euch, Fiorentino, denkt Euch ein junges, unerfahrnes Mädchen, welches noch
nichts von den Gefühlen der Liebe kannte, welches nur zu tändeln, sich zu
schmükken und zu gefallen verstand; ein Mädchen, welches von seinen eignen
Eltern, von Verwandten und Fremden ihrer Schönheit willen geschmeichelt,
von Dichtern unzählig oft besungen, von Malern und Bildhauern zu Modelen
ihrer Göttinnen erhoben wurde. Denkt Euch solch ein Mädchen und sagt mir,
wessen war die Schuld, wenn dasselbe so bald verdorben wurde? -- Dieses
Mädchen, angebetet von allen Jünglingen, wurde der Gegenstand von der Liebe
eines Fürsten. Er warb um ihr Herz, um ihren Besitz. O, Fiorentino, und
hätte auch der Werber selber nicht Reize genug besessen ein schwaches Weib
zu fesseln, wie viel verführerische, allgewaltige Mittel sind zu einem
solchen Zwek nicht in den Händen der Fürsten? wie könnte da ein
eitelgebildetes Mädchen länger widerstreben, wo die Eltern es selbst zu dem
reizenden Schritte zwingen? Fiorentino, hasset mich nicht, denn ich rede
von mir selber.«

_Duur_ wußte nicht wie ihm wurde. Stiller Mitschmerz beklemmte seine Brust;
er rükte _Rosaffen_ näher, und sah ihr mit weichern Blikken ins Auge.

»Wenn nun endlich der Geist des betrognen Mädchens erwacht;« fuhr _Rosaffa_
fort: »wenn es sichs nun seiner Unschuld, wie in einem Traum, entrissen
findet; wenn nun das reine Feuer der Liebe für einen Liebenswürdigen zum
erstenmahle in ihrem Busen aufzulodern beginnt -- ach, und keine gütige
Hofnung ihren Wünschen wohlthut; wenn -- -- doch ich breche ab! --
Fiorentino, ich frage dich, zweifelst du noch, ob ich unglüklich sei?«

»»Ihr habt mich gerührt!««

»Kalter, Gefühlloser -- nur gerührt? -- o Fiorentino!« (mit diesen Worten
sank sie nieder in seinen Arm, und blikte schwimmenden Auges zu ihm auf.)

»»Rosaffa!«« stammelte er und drükte sie an sich.

»Ich -- liebe dich, Fiorentino! -- bist du diesem Geständnis böse?«

»»Wie könnt' ich das?««

»Liebst du Rosaffen -- kannst du Rosaffen lieben?«

»»Herzog Piedro«« -- -- --

»Nur ein einziges, armseliges Ja, oder Nein antworte mir!«

»»Der Herzog -- -- --««

»Ha, verdammt, mit deinem Herzoge!« rief sie und sprang auf: »Sich mich an,
Mensch, verblüht bin ich noch nicht, und noch nicht deines Ekels werth!«

_Florentin_ bestürzt und verwirrt stand auf, und suchte dies gefährliche
Mädchen zu besänftigen; aber die Kanelleserin hörte ihn nicht. Sie ging
seufzend auf und ab. »Nein,« sagte sie: »du liebst mich nicht, denn die
Sprache des Liebenden tönt anders, als die deine. Und doch, Fiorentino, o
Fiorentino, wär' es nicht möglich, daß du mich einst -- -- Aber nein; nur
ausforschen wollt' ich dich -- Mehr wollt' ich nicht. Ein Wort von dir
konnte mir schon zu viel sagen!«

Der _Graf_ wollte reden, aber sie hörte ihn nicht. Die weibliche Schaam
bestürmte sie mit hundert Vorwürfen; ihr Stolz empörte jeden Tropfen Bluts
in den Adern; sie wollte sich fassen und vermogt' es nicht. So dauerte es
lange.

»Ich bin unglüklich!« sagte sie nach einer Pause, in welcher der Graf in
keiner geringen Verlegenheit dagestanden: »ich bin sehr unglüklich, dem
Himmel seis geklagt! -- Geht, und laßt niemanden eine Spur von dem, was
unter uns vorfiel, wittern, oder, bei Gott, Ihr lernt eine _Kanelleserin_
kennen! -- Geht, und, um alles in der Welt, _bemitleidet_ mich nur nicht.
Euer Mitleiden ist mir entsezlich; hütet Euch! Hütet Euch, sagte ich, oder
ich mache Euch in eingen Tagen zum Gegenstand des _allgemeinen_ Mitleids
und Bedauerns. Mir sind gewisse Geschichten bekannt, welche Euch um den
Kopf bringen dürften, wenn sie bekannter würden; gewisse Pläne von
Aufruhren, Enthronungen und so mehr! -- Ich wette, Euer ganzer Anhang
dürfte sich in kurzer Zeit auf dem Schaffot wälzen! -- Kennt Ihr mich nun?«

»»O, so wahr ich lebe,«« rief _Duur_ plözlich wider das Weib angeflammt mit
einer wilden, schreklichen Miene: »»Kanelleserin, ich kenne Euch! -- Aber
bei dem gegenwärtigen Gott seis Euch furchtbar geschworen, der erste
mordsüchtige Gedanke, welcher in Eurer schwarzen Seele aufschießt, soll
Euch mit selbiger Münze bezahlt werden. Gelüstets Euch den Grafen Duur
kennen zu lernen, so erprobt ihn!««

Er sprachs, wandte sich um und lies sie betäubt allein dastehn.

So hatte _Rosaffa_ noch nie den _Grafen_ gesehn, noch nie hatte so ein Mann
in Kanella wider sie gestanden. -- Sie bebte; ihr Gewissen schauderte; sie
sah den Fürchterlichen zwischen den Bäumen verschwinden; Fieberfrost in den
Gliedern und Rache im kochenden Busen verlies sie den Park.



Sechstes Kapitel.
Die schwarzen Brüder.


Aber ein schreklicher Tumult erhob sich eines Morgens im herzoglichen
Pallast; alles lief blas und verwirrt durcheinander hin; _Piedro_ rasete
von Zimmern zu Zimmern; der _Kardinal_ und _Moriz_ wurden eiligst
herbeigeschaft; die Hofdamen weinten, und ermannten sich von Ohnmachten, um
in neue zu fallen -- alles lies die größte Bestürzung blikken. --

_Rosaffa_ war ermordet.

Schwimmend in geronnenem Blute, einen Dolch in der Brust fand man sie
entgeistert in ihrem Bette, als sie von ihren Zofen früh besucht wurde. Auf
der Erde lag eine Pergamentrolle, darauf stand mit großen, lesbaren Zügen
geschrieben:

»Sie trat das Recht öffentlicher Richter mit Füssen, drum ward sie von uns
gerichtet. -- Auf ihr ruhte das Verderben des Staats; auf ihr der
unschuldige Tod manches Biedern, auf ihr das Elend der Verwiesnen und
Verarmten -- sie ward am Ende dem allgemeinen Wohl gefährlicher noch, darum
ward sie hingerichtet vom

Gericht der _Unbekannten_.«

Niemand war entnervter bei dieser Szene, als der schwache _Piedro_, niemand
ob dieses Zettels bestürzter, als der Prinz _Moriz_, und niemand
verzweiflungsvoller, als -- _Duur_. Mit Grausen standen sie alle da um
_Rosaffens_ Bett, anstarrend die Ueberreste einer so gewaltsam zernichteten
Schönheit. Sie, deren Lächeln noch vor zwölf Stunden den ganzen Hof
entzükken, deren finstre Stirn einen Fürsten zittern, ein Herzogthum
schaudern machen konnte, -- sie war jezt ein machtloses, zerstörtes,
unnüzzes Prachtstük.

Königlich waren die Anstalten zu ihrem Begräbnis; drei Tage stand ihr
Leichnam hindurch in einem kostbaren Sarge zur Schau -- aber niemand, auch
kaum ein neugieriges altes Weib, schlich sich herbei die Ermordete zu sehn.
Meister der harmonischen Tonkunst führten am Tage ihrer Beerdigung
öffentliche Trauermusiken auf, aber -- kein Auge näßte sich. Kanellas
Dichter besangen die Hingesunkene, und keiner las die schwarzberänderten
Blätter.

Elendes Loos der im Leben vergötterten Bosheit! -- der Seufzer _eines_
Edeln über dem Grabe des Guten ist unendlich köstlicher, als die
kunstgebildete Thräne eines Marmorbildes über des Sünders Gruft, welche die
Flüche der Unglüklichen umrauschen!

_Moriz_, dessen Gedächtnis die ehmahlige Korrespondenz der _Unbekannten_
mit ihm, und die fatale Begebenheit mit den maskirten Kerln, welche ihn auf
der Straße so unsanft zugesprochen[A], noch nicht verloren gegangen war,
befand sich jezt in keiner angenehmen Lage.

Freilich waren es bis zum entscheidenden Abend des _ersten Septembers_ nur
etwa noch acht Tage hin, -- aber wie viel Querstriche konnten ihm nicht in
dieser Zeit noch von den verwünschten _Unbekannten_ durch seine Pläne
gezogen werden? -- Jezt fing er sich an vor _Florentinen_ zu fürchten, denn
um seinetwillen hatten die _Unbekannten_ ihn ehmals an Herzog Adolfs Hof so
übel mitgenommen, und seit _Florentin_ in Kanella etwas merkwürdiger
geworden, hub sich auch sogleich das alte Unwesen wieder an.

[Fußnote A: Siehe des ersten Bandes dritten Abschnitts, Kap. 8. S. 183.]

_Morizens_ Gewissen pochte; es war sich keiner schönen Thaten bewußt,
welche sonst die beste Arzenei in kritischen Augenblikken wider das
Herzklopfen sind; überdies hatte _Florentin_ die sämmtlichen Papiere von
Sr. Hoheit in den Händen, worin das ganze Gewebe der schlummernden
Verschwörung und des drohenden Aufruhrs gar deutlich angegeben stand, --
und wie leicht konnte der _Graf_ auf einen bösen Einfall gerathen! -- Der
einzige Trost für ihn waren die glüklich ablaufenden Werbungen, indem jezt
schon nicht mehr, als funfzehn tausend Mann auf den Beinen standen, die
theils in der Residenz, theils in der Nachbarschaft quartirt waren. Zur
größten Sicherheit verstärkte er die Wachen um seinen Pallast.

Aber man denke sich sein Entsezzen, als _Flimmer_ an Rosaffas Begräbnistage
mit der Botschaft zu ihm hereintrat, daß er aus sicherm Munde erfahren
habe, Sr. Eminenz der _Kardinal_ _Benedetto_ wisse nicht nur umständlich
von _Morizens_ Anschlägen, von der Bestimmung der angeworbnen Mannschaften,
von der am Septemberabend bevorstehenden Landesrebellion, sondern habe auch
schon, im Fall der Aufruhr nach Wunsch ablaufe, eine Bulle von Sr.
päbstlichen Heiligkeit in Bereitschaft, vermöge welcher er sich zum Vormund
des Piedro und Interimsregenten des Staats aufzuwerfen die Vollmacht habe.

Dem _Prinzen_ wurd' es bei dieser Post dunkel um die Augen; sein braunes
Gesicht wurde blasgelb, und es fehlte wenig, daß er vor Schrekken
umgesunken wäre.

Was blieb ihm bei solchen Umständen zu thun übrig? -- Hiergegen fruchtet
keine Verstärkung der Leibwache, und _eine_ Bulle konnte leicht dreisig
tausend Mann schlagen!

Flimmer fragte den Prinz etliche mal, aber gewann keine Antwort; erst nach
einer halben Stunde kam dieser wieder zu sich selber. Einige Flüche machten
ihm erstlich Luft, dann war seine sehr natürliche Frage: »Was soll ich
thun?«

»Eben das ists, was ich schon längst gern von Euch erfahren möchte!«
entgegnete der _Sekretair_.

»Ich werde unsinnig!«

»»Freilich, es ist schmerzhaft solchen Streich leiden zu müssen -- erfahren
zu müssen, daß, wo man am sichersten mit seinem Schiffe zu seegeln wähnt,
Klippen, Sandbänke und Untiefen den augenbliklichen Untergang drohn. Und
doch ists besser noch zur rechten Zeit die gefährliche Situazion zu
entdekken, als dem Schiffbruch unwissend mit vollen Seegeln
entgegenzustürzen.««

»Da hast du Recht, aber das beruhigt mich nicht!«

»»Ihr habt ja einen so wakkern Piloten, gnädigster Herr, einen Duur, der
Euch leichtlich retten könnte!«« sagte _Flimmer_ und grinsete teuflisch
dazu.

»Ah, verdammt! wer weis, ob nicht der Schurke selbst mein ganzes Verderben
zubereitet hat!«

»»Aber Ihr selber, mein Prinz, Ihr selber habt mir ja oft die Unmöglichkeit
dargethan, daß Duur so handeln könne.««

»Und du elender Bube, willst meiner auch noch spotten?« --

»»Ihr versteht mich nicht.««

»Augenbliklich schikke einen Boten zum Grafen, daß er sogleich zu mir
komme.«

Der Bote ging; der Bote kam und brachte statt des _Grafen_ Entschuldigungen
zurük.

Jezt faßte _Morizens_ Argwohn Wurzel, und seine Wuth wurde fürchterlich.
_Flimmer_ stand rath- und thatlos da, und grübelte und spannte seinen Wiz
auf die Folter, und erfolterte nichts.

»Was sinnst du da, Narr!« redete ihn _Moriz_ an, der auf ihm zuging und ihn
so vertraulich an die Schulter anpakte, daß er gern hätte laut aufschreien
mögen: »Was sinnst du? -- Wenn die Noth am größten ist, wird doch _Moriz_
nur allein Rath zu schaffen und zu helfen wissen. Sei ruhig, sei ruhig,
armer Gauch! der Kardinal soll sich betrogen haben, entsezlich betrogen
haben. Das sagt _Moriz_! Ich stehe wider den ganzen Sturm; mag er nur
entgegenbrausen -- ich will stehn. Siehe, wenn mein Kopf erkrankt, meine
Autorität im Volke stirbt, meine funfzehn tausend die Flucht ergreifen,
wenn alles verloren geht, alles: -- so geht auch ein Kardinalsleben zur
Neige. Verstehst du mich? -- Es ruhen schrekliche Mittel in meiner Macht;
ich kann einen Staat umstürzen, wenn auch nicht wieder aufbauen; ich kann
mir Wege über Leichen bahnen, wo Lebende mir die Huldigung versagen; ich
will über Trümmern wohnen, wo man mir den Besiz des Pallasts abschlägt.
Folge mir in mein geheimstes Kabinet, vorher aber befiehl, daß binnen drei
Stunden kein Mensch sich in der Nachbarschaft desselben gewahren lasse.«



Siebentes Kapitel.
Der Garten von Dosa.


Noch war an eben diesem interessanten Tage die Sonne nicht untergangen, als
auch _Florentin_ unruhiger war. -- _Badner_ hatte ihm nämlich einen Brief
gebracht, der abentheuerlich genug klang und in folgenden Worten abgefaßt
war:

»_Vinzenz_,«

»Habt Dank von uns, daß Ihr unsre Hoffnungen nicht zu täuschen vermochtet;
Heil Euch, Ihr seid der größten einer im Bunde! -- Beharrt Euern Plan
getreu. Verherrlicht Euch in der nahen erhabnen That; ein lieblicher Glanz
wird von Euch auf unsern Bund zurükfallen. Wir sind Eurer wohl eingedenk;
den Beweis davon findet Ihr im Städtlein _Dosa_, an der Kanellesischen
Gränze. Dahin eilet straks nach Empfang dieser Zeilen, es wird Euch nicht
gereuen. Euer Quartier sei das Wirthshaus zum _goldnen Dorn_. Eilet!«

»_Die schwarzen Brüder von Deutschland_.«

So wahr, als jeder meiner Leser, durch solchen Brief in Florentins izzigen
Verhältnissen mit Kanella, in Verlegenheit gerathen wäre, eben so gerieth
auch _Florentin_ nach Lesung des Schreibens in eine der unangenehmsten. Was
sollt' er thun? -- Kanella verlassen, zu eben der Zeit, da sich der Staat
der lezten, entscheidenden Krisis genahet? Kanella verlassen und zwar in
einem Zeitpunkt wo seine Gegenwart unausbleiblich nothwendig, wo noch einer
der gefährlichsten Streiche in Rüksicht des Prinzen und des Kardinals zu
vollführen war? --

Er schwankte.

»Was hab' ich in Dosa mit den schwarzen Brüdern aus Deutschland zu
schaffen?« fragte seine Neugier oft, und die thätige Fantasie wußte
tausenderlei _Vielleichts_ zu entgegnen. Das lieblichste war Florentinen
das angenehmste, und dieses lies nichts geringers muthmasen als _Holdern_
in Dosa zu finden.

»Holder in Dosa!« sprach er dann zu sich selber in halbem Entzükken:
»Holder in Dosa! o, mein Gott, da ihn nach so langer Trennung wieder zu
finden, wieder zu umarmen! -- Was wird er mir alles zu sagen, ich ihm alles
zu erzählen haben! -- Da werd' ich von dir hören, göttliche Louise, da von
meinem Erstgebornen, meinem _Karl_! -- da von Schwester _Rikchen_, vom
guten _Onkel_. -- Ach, Gott, ja! ich muß dahin, ich lasse die seligste
Stunde meines Lebens so nicht entstreichen!«

Sogleich wurden einige Billette geschrieben, versiegelt und an die
schwarzen Brüder in Kanellas verschikt, welche sich um Mitternacht in
Florentins Garten, der an seinen Pallast stieß, zu versammeln eingeladen
wurden. _Gotthold_ und _Dulli_ richteten alles zur schleunigen, geheimen
Abreise ein; der _Graf_ selber arbeitete bis um Mitternacht. Er siegelte
zwei ansehnliche Pakete von Schriften und Briefen ein, beide an Sr.
Durchlaucht, dem Herzog _Piedro_ von Kanella addreßirt, höchst eigenhändig
von demselben zu erbrechen.

Eine fürchterliche Mine sollte zum Wohl der Republik gesprengt, der
Kardinal _Benedetto_ und Prinz _Moriz_ morgendes Tages von ihrer
gefährlichen Höhe herabgestürzt und zur Revoluzion am ersten Septemberabend
kraftlos gemacht werden.

Lange hatte der _Graf_ hieran gearbeitet; denn nicht umsonst war er in die
Geheimnisse dieser beiden Staatsmänner eingedrungen, hatte er einen schönen
Theil seines Lebens in den ekeln Gesellschaften des Hofes vergehn lassen,
hatte er die unsichre, gefahrvolle Protheusrolle gespielt und oft sein
Leben daran gewagt.

Inzwischen hatten sich die _schwarzen Brüder der höhern Ordnung_ im
gräflichen Garten versammelt, wohin sie durch eine abgelegne Hinterpforte
unvermerkt gelangen konnten. Es war finstre Nacht, der Himmel umwölkt,
mond- und sternlos. _Florentin_, den Brief der schwarzen Deutschen in der
Hand, trat jezt unter ihnen hin.

»Freunde,« sprach er: »entschuldigt bin ich durch diesen Brief, worin ich
von den deutschen Verwandten unsers heiligen Bundes gen Dosa beschieden
worden, ich sage, entschuldigt bin ich durch ihn, daß ich Euch auf eine
Stunde im nächtlichen Schlummer störte und hier versammelte.«

»»Ihr nach Dosa? -- jezt nach Dosa? verlassen wollt Ihr uns jezt in der
Noth?«« so schollen etliche Stimmen verworren aus der Menge hervor,
indessen andre der Versammelten beim Laternenschein Florentins Brief lasen.

»Ja, ich muß Euch verlassen, muß dem Bunde gehorchen; ehe noch der Morgen
graut bin ich ausser Kanellas Mauern. Dosa ist von hier nicht allzu
entlegen; es wird die Reise von etlichen Tagen sein. Der erste September
sieht mich wieder hier.«

»»Warum wollt Ihr jezt hinweg, da die Gefahr vor der Thür liegt?«« schollen
die vorigen Stimmen, aber schon weniger laut zurük.

»Ihr habt meine Antwort gehört!« entgegnete _Duur_ mit ernsterm Ton:
»Glaubt Ihr, daß ich aus Furcht zu entfliehn, oder mich von der nahen
furchtbaren Szene zu entfernen gedenke? Ha, Brüder, kann man mich _einer_
feigen Schurkerei bezüchtigen unter Euch? Sezt ich nicht oft schon
Gesundheit und Leben öffentlichen und verborgnen Gefahren um Kanellas Wohl
aus? -- Ich kehre zurük, um am Abend des ersten Septembers an Eurer Spizze
zu stehn, kehr zurük, und wär es auch zum Opfertode für Eure Freiheit.« --

»»Ihr seid entschuldigt!«« riefen einige.

»Verlangt Ihr, daß ich durch einen Eid zeitliches und ewiges Wohl
verpfände?«

»»Ihr seid gerechtfertigt! Ihr seid gerechtfertigt!«« riefen mehrere.

»Oder will jemand meinen Muth auf dieser Stätte in diesem Augenblick mit
seiner Degenklinge messen?«

»»Still! still! still!«« riefen alle: »»kein Mistrauen unter uns!««

»Wohlan!« erwiederte mit sanfterer Stimme der _Graf_: »so laßt mich ziehn,
und beweiset nun auch Ihr während meiner Abwesenheit Muth und Geistesgröße.
Habt Acht! kaum werde ich in Dosa angelangt sein, so stürzen zwei Männer
von ihrer schwindlichen Höhe hernieder, die der Volksfreiheit die
gefährlichsten waren. -- _Moriz_ und _Benedetto_, diese Riesen werden
fallen!«

»»Wie ist es möglich!««

»Diese Männer wußten allein am Hofe um die große Verschwörung; sie wußten
um alles durch mich. Sie selber mußten die Hände anlegen die Schlinge
wieder aufzuknüpfen, welche sie despotisch um den Hals der Kanelleser
geworfen hatten; sie selber mußten Waffen und Geldsummen liefern, damit wir
den großen Plan mit Nachdruk ausführen könnten. Ohne ihre Hülfe würden wir
nichts vermogt haben, darum verzettelt' ich sie selber in das Komplot, und
hielt ich sie fest darin durch falsche Vorspieglungen. Jezt aber ist es
Zeit sie wieder von uns auszustoßen; sie gruben der Nazion eine Grube,
darum stürz' ich sie selber hinein. Ihre wichtigsten Papiere, und selbst
Benedetto's päbstliche Bulle, welche ihn zum Vormund Piedros und Kanellas
Regenten erkohr, sind in meinen Händen, und morgen lieset sie der Herzog!
-- Morgen sind Moriz und Benedetto Staatsgefangne! --«

Ein frohes, verworrnes Gemurmel erhob sich; die Männer drängten sich näher
um den Edeln.

»»Seit ich am Hofe öfter und geliebter erschien, werdet Ihr, Brüder,
bemerkt haben, daß die Kanelleser zehnfach unglüklicher geworden, als sie
es vorher waren. Ihr schienet vor mir zu zittern, und mich geheim als den
Urheber dieser allgemeinen Noth anzuklagen. Ja, und ich wars. Ich wars, der
die empörendsten Ungerechtigkeiten wider Kanella übte; ich wars, der die
unseligen Werbungen im Lande veranstaltete; ich wars, der die ältesten
Rechte der Städte mit Füssen trat -- wars, der die elenden,
bejammernswürdigen Bürger oder Sklaven von Kanella bis zur Verzweiflung
trieb, in welcher sie sich izt befinden. Allein so weit mußt' es im ganzen
Lande gedeihen, verzweifeln mußten die Kanelleser, um fähig zu sein ihr
Joch abzuschütteln, denn Gefühl für Größe und Freiheit schlief unter ihnen.
Jezt ist eine allgemeine Revolte nothwendig; sie ist nicht mehr zu
verhindern. Ihr indessen wacht jezt mit verdoppelter Scharfsichtigkeit über
alles, was geschehn könnte; hütet das Arsenal, die Magazine; und was sonst
von importanten Pläzzen, Gebäuden und Wachthäusern in der Gewalt der
schwarzen Brüder ist, wohl; erhaltet Ordnung, und harret mit Kälte und
Geistesgegenwart dem ersten Septemberabend entgegen! -- Lebt wohl!««

Der _Graf_ sprachs und wünschte ihnen eine gute Nacht -- »Gute Nacht!«
riefen die Männer, und wer da konnte, drükte dem großen _Fiorentino_
dankbar die Hand.



Achtes Kapitel.
Fortsezzung des Vorigen.


Gewis war _Duur_ mit _Dulli_ noch nicht eingetroffen im Dosanischen
Wirthshause zum _goldnen Dorn_, als seine Weissagung zu Kanella schon in
Erfüllung gegangen. --

Es bedürfte eben keiner Thron- und Lebensgefahren um einen Schwächling, als
_Piedro_, aus aller Fassung hinauszustürzen. Ein mislungenes wollüstiges
Projekt, eine verdorbne Frisur, die Ohnmacht einer Dame, der Tod eines
Schooshundes war allein schon stark genug ihn aus dem Sattel seines
Gleichmuths zu heben. Und nun denke man sich die Lage dieses kleinherzigen
Prinzen beim Empfang der Florentinischen Briefe; denke sich sein Entsetzen,
Schaudern, Verzweifeln während des Lesens.

Er sank, wie vom Schlage gerührt, kraftlos auf das Sofa nieder; Todesblässe
floß über sein Angesicht, Todesschweis drang in kalten Tropfen aus allen
Poren hervor; die Hände zitterten wie in einer betäubenden, halben Lähmung,
die Knie schlotterten heftig.

So lag er da, ein Gegenstand des Mitleidens, der Erbarmung, lag er da, als
hätte ein Donnerschlag seinen Insektenmuth gänzlich vernichtet, und alle
Kraft aus Nerven und Gebeinen verzehrt. Nach Viertelstunden erwachte er
wieder wie von einem Todesschlaf -- Traum wars nicht gewesen, die
gräflichen Briefe widerlegten ihn, so gern er sich vom Gegentheil überredet
hatte. -- Er weinte.

Jezt erschien seinem Geiste _Florentin von Duur_ in der erhabensten Größe;
er bewunderte den Mann mit Thränen, eben den, welchen er einst so sehr
übersah. All sein Vertrauen warf er izt auf diesen Engel; er schikte zum
_Grafen_, wünschte ihn _privatissime_ zu sprechen, allein _Duur_ war längst
verschwunden.

Zum Erstaunen des ganzen _Kanella_ wurden der Prinz _Moriz_ und der
eminente _Kardinal_ an eben dem Tage unsichtbar; denn _Piedro_ hatte beide
hinterlistig zu sich gebeten, sodann von verschwiegnen, getreuen Offiziren
in abgelegnen Zimmern seines herzoglichen Pallastes gefangen halten und in
der Nacht heimlich auf ein Landschloß transportiren lassen. Ihre Palais
wurden stark bewacht, ihre Geräthschaften versiegelt und eine
Untersuchungskommißion wurde niedergesezt, die den beiden Staatsverräthern
den Prozeß machen sollten.

Wir lassen jezt _Morizen_ fluchen, _Benedetten_ anathematisiren und
_Piedron_ sich schmeicheln eine Verschwörung zerstört, einem nahen Aufruhr
vorgebeugt zu haben, und wenden uns zum _Grafen_, der kaum anderthalb Tage
in _Dosa_ war, als er die Ursach seiner Dahinberufung erfuhr.

Ein Mädchen trat an einem Vormittage in sein Zimmer, erkundigte sich nach
ihm und überreichte ihm ein versigeltes Handbriefchen. _Florentin_ stuzte,
erbrach das Billet und las:

»_Gnädiger Herr_,«

»Sie werden von einem Landsmanne ergebenst gebeten, diesen Nachmittag ein
Glas Wein mit ihm in seinem Garten vor Dosa zu trinken. -- Ich erwarte sie
gewis.«

»Ihr Freund.«

Der _Graf_ war etwas verlegen. Die _Zofe_ sah ihn unverwandt an und
lächelte.

»Wer ist denn dein Herr, liebes Mädchen?«

»»Er hat mirs verboten Ihnen seinen Namen zu nennen!«« antwortete sie in
deutscher Sprache.

»Wie? bist du eine Deutsche?«

»»Freilich; mein Herr hat mich aus Deutschland mit hieher genommen; ich bin
die Gesellschafterin seiner Tochter.««

»Seiner Tochter!« wiederhohlte _Florentin_ langsam, der noch immer im
süssen Wahne gestanden, daß _Holder_ ihm den Scherz spiele. Er besann sich
ein Weilchen.

»»Werden Sie hinauskommen?««

»Sag mir, mein Kind, ob dein Herr« -- --

»»Ich verrathe Ihnen gewis nichts.««

»Gesezt aber ich erriethe seinen Namen.«

»»Desto besser für Sie.««

»Heißt er etwan -- _Aellmar_?«

»»Mit nichten! -- aber werden Sie kommen?««

»Gewis. Wo liegt der Garten?«

»»Zum Südthore hinaus, eine Viertelmeile von der Stadt entlegen, am
Dosanischen Gehölz. Sie können ihn unmöglich verfehlen. Eine hohe
Kastanienallee führt Sie da links vom Wege ab; die Gartenpforte steht offen
und über derselben werden Sie drei Aloeblumen entdekken.««

»Das Geheimnisvolle deines« --

»»Ihre Dienerin!«« sagte lächelnd das Mädchen und hui schlüpfte sie hinaus
zur Thür.

_Duur_ stand lange verwirrt ob der seltsamen Erscheinung da, doch was sollt
er machen? mit Ungedult erwartete er den Nachmittag und bis dahin suchte er
sich die Langeweile, welche er bis jezt nur dem Namen nach gekannt zu haben
schien, so gut als möglich zu vertreiben, durch Musik und Träumereien.

Aber eben diese versezten ihn bald in eine mehr wehmüthige als ernste
Stimmung des Gemüths; der Nachmittag erschien, und mit halbem Widerwillen
lies er das Pferd satteln, schwang er sich auf und trabte er langsam der
angewiesnen Straße zum Garten am Dosanischen Gehölz nach. --

»Wann werd' ich Euch wieder erblikken, Gespielen meiner Jugend, ihr
Geliebten meines Herzens?« schwärmte er vor sich hin: »Wann werd' ich euch
wieder erblikken, ihr heiligen Gegenden meines Vaterlandes, worin ich
zuerst des Lebens Werth empfand? Ach, daß ich es dürfte, wie gern flög ich
Euch jezt entgegen! -- -- Onkel, mein alter guter Onkel, ich will ja gern
in deiner Umarmung alles, alles vergessen, was der Nachruhm herrliches hat;
Will gern bei deinen süssen Plaudereien, o Rikchen, das Jauchzen des
dankenden Volks vergessen; will bei dir, mein Holder, in seliger Ruhe aller
Pracht und Größe entsagen -- ach, ich opferte gern die Unsterblichkeit
meines Namens einigen frohen Augenblikken in eurer Mitte auf! -- O
Schiksal, Schiksal gieb mir Ruhe! -- und du, Bündnis der Schwarzen, wieviel
bist du mir zu geben schuldig!«

Inzwischen er so mit sich selber sprach, stand sein Pferd am Ende der
Kastanienallee vor der Gartenthür mit den Aloeblumen.

Er stieg ab, band das Ros an und trat in den einsamen Garten. War es
Ahndung, oder die von den vorigen Bildern aufgeregte Einbildungskraft,
welche in ihn wirkten, weis ich nicht. Ein heimlicher Schauer drang durch
seine Glieder; beklemmt und froh schlug sein Herz einem unbekannten Etwas
entgegen; seine Blikke durchflogen die liebliche Wildnis, wo halbe Kunst
und halbe Natur herrschten.

Niemand, ausser ihm, war im Garten. Er erstaunte. »Was soll ich hier?«
fragte er sich laut, und leise schien ihm eine innre Stimme zu antworten:
»Freund, nicht vergebens bist du hier!« -- Er schwankte vorwärts, halb
mißvergnügt, halb neugierig.

In der Ferne, hinter Gebüschen, schien etwas Weises vorüber zu schweben.
Mit einer unerklärlichen Unruhe eilte er dahin, je näher er dem Orte kam,
je mehr seine Schritte an Schnelligkeit verloren.

Er stand vor einer verschlossenen Laube. Plözlich flog ein Gewebe von
Ranken zurük, und -- o Gott! -- -- _Louise_ lag in seinen Armen.

»Louise! -- Louise! -- angebetete, geliebte Louise! --« rief er bebend;
Seine Knie brachen; er sank auf den Rasen nieder, und sie hieng in seiner
Umarmung fest.

»O Louise!« rief er, nach einer nur der Empfindung, nicht der Dichtkunst
heiligen Pause, und preßte seine Lippen auf ihren Mund: »Louise, träum' ich
dich!«

Aber _Louisens_ Lippen öffneten sich nicht zur Antwort. Da lag sie
mattathmend, aufgelöst in schmerzlicher Wollust, alles- und
nichts-empfindend in seinen Armen. Ihre schönen Augen starrten ihn
unabwendlich an, als wollten sie seine Züge für eine ewige Trennung
auffassen. Ihr Mund war verschlossen, ihre kippen vergalten keinen Kuß; ihr
Ohr schien den Ausrufungen seines Entzükkens taub; ihr ganzer, mit tausend
Reizzen geschmükter Leib schien Kraft und Leben verloren, ihr Geist
berauscht sich höhern Regionen entgegengeschwungen zu haben.

»Meine Louise!« rief der Liebende und seine Augen zerschmolzen in Thränen.
Er hob seufzend die schöne Leblose zu sich empor, und verbarg sein Antlitz
an ihrem Busen.

Lange verweilten beide in dieser Attitüde; keiner sprach; Seufzer traten an
die Stelle der Wörter.

So lohnt die Liebe. So lohnt sie nach überstandnen Leiden; sie schöpft ihre
Wonne aus himmlischen Quellen, und beut tröstend dem müden Sterblichen
ihren heiligen Kelch. Dann verliert die irdische Herrlichkeit ihren Werth;
dann verschwindet jeder Reiz dieser Erdenwelt, und die Seelen der Liebenden
schweben, entrückt des Staubes Hülle, über den Sternen hinaus.

Wiederfinden, Wiedersehn nach langer quaalvoller Trennung, wie lieblich
bist du! Bei dir zerschmilzt die heisse Sehnsucht in Ruhe; da zerlöst sich
der Harm in süsser Wehmuth; da vergißt die Sterblichkeit ihr Loos, und
zerfließt die Sinnlichkeit in Nichts. Da vermählen sich Seelen mit Seelen
unterm Seegensruf der Ewigkeit; da fühlen Geister ihren göttlichen
Ursprung, und die schweigende Natur feiert die hohe Empfindung. --
Wiedersehn, Wiederfinden nach langer quaalvoller Trennung, wie lieblich
bist du! --

»Ach, Florentin!« stammelte nach einer halben Stunde _Louise_, und ein
tiefer Seufzer erhob ihren Busen.

»»Bist es wirklich, Einzige! -- kein Traumbild, kein Fantom! Du bists. Es
ist deine liebende Stimme!««

»Unglüklicher Florentin, du liebst Louisen noch? -- Hast deine Liebe so
schwer büßen müssen!«

»»Ewig hängt meine Liebe an dir.««

»Hast viel gelitten um Deiner Louise willen.«

»»Unendlich viel! -- ich hatte ja alles verloren. -- Ach, seit du an meiner
Brust liegst, hab ich dreifach -- tausendfach mehr dafür wieder gewonnen.
Ich bin zufrieden. Meine Wünsche hören auf.««

»Florentin, so viel Liebe hab' ich nicht verdient.«

»»Hast sie verdient und mehr. -- Was war ich ehe du mich geliebt? ein
Geschöpf sonder Werth! -- durch dich wurd ich alles.«« -- --

Sie weinten beide. Ihre Sprache verlor sich. Sie umarmten sich lange.

»Ah!« lispelte _Louise_ und die Seligkeit ihrer Seele mahlten sich in den
schwimmenden Blikken, auf den erröthenden Wangen, in den lächelnden Zügen
ihres Angesichts wieder:

»Wer hätte es im herzoglichen Schloßgarten an jenem Abend von uns wähnen
sollen, daß wir uns hier wieder finden würden? Erinnerst du dich noch an
das Strumpfband?«

»»Wie könnt' ich den kleinen Urheber all meiner Freuden und Leiden
vergessen? -- Ach preise jene Stunden selig, da eine morsche Bank dein
Thron war und ich zu deinen Füssen lag und dir Liebe gestand. Ich preise
jene Stunden meines Lebens selig, denn ohne sie würd' ich dich hier nicht
besizzen.««

So sprachen, so koseten die _Liebenden_ lange miteinander. Alle frohe und
traurige Szenen der Vergangenheit wurden geschildert und wieder
geschildert; jede Kleinigkeit ward zur Merkwürdigkeit, ein hie und da
verloschnes Bild mit neuen Farben aufgefrischt.

Bald wandelten sie Arm in Arm, Hand in Hand verschränkt in einsamen Gängen
umher; bald ruhten sie wieder im Schatten hoher Bäume; bald genossen sie in
einer angenehmen Grotte Erquikkungen von den auserlesensten Speisen und
Getränken; bald schwiegen sie Viertelstunden hindurch, Hand in Hand, Blik
in Blik, Seufzer in Seufzer, Seel' in Seele, verloren. Und so entschwand
der Tag, so entfloh der schönste Abend wie die Fantasie eines Augenbliks.
Kein fremdes Auge belauschte die Glüklichen; nur die _Zofe_ Louisens, die
bewußte Briefträgerin, sorgte für die Bequemlichkeiten der geheimen
Liebenden.

Die Nacht zog am Himmel herauf; es war eine begeisternd schöne Nacht, war
gewis von allen angenehm durchwachten Nächten des _Grafen_ eine der lezten
für ihn auf Erden. Hingegossen lag er unter einem Pfirsichbaum; die
schwanweißen Arme um ihn geschlagen ruhte die _Fürstentochter_ neben ihm.
Ueber und um beiden webte ein Hollunderbusch die niedlichste Laube. Hell
funkelten die Sterne aus der wolkenlosen Luft herunter; verklärt im
Mondlicht schwamm der Garten; sanft rauschte der Abendwind durch die Wipfel
der Bäume.

»Was fehlt unserer Glükseligkeit noch?« fragte _Duur_ und küßte _Louisens_
Stirn.

Louise. Die Dauer der Ewigkeit.

Duur. (erschüttert) Du hast Recht. O, warum sind die Freuden des Lebens an
den Maasstab der Zeit gebunden? -- Ach, Louise, Louise, wie bald werden wir
uns trennen müssen! (Eine Pause. Er versucht es sich von dem traurigen
Gedanken loszuwinden. Indem er sich über Louisens Angesicht hinbeugt:) Du
bist mein Weib?

Louise. (schaamvoll zitternd) Ich bin noch -- dein Weib.

Duur. (ihren Worten nachsinnend) Ja, du bists, und wirst nie einem andern
werden.

Louise. (schmeichelnd) Mein Florentin.

Duur. Nie _einem andern_, Louise?

Louise. Florentin, warum fragst du so? -- O, du hast mich zum Weibe -- zur
Mutter gemacht.

Duur. Gott, es ist wahr, und ich konnte unsers Karlchens vergessen? -- wo
ist er -- Mutter, Mutter, wo ist er?

Louise. In Deutschland bei Holder von Sorbenburg. -- Ach, Florentin, wie
gern hätt' ich Ihn dir mitgenommen, aber -- ich konnte nicht, durfte nicht!
(schwärmerisch) Es ist ein göttlicher Bube, so schön, so klug, so
schmeichelnd -- Florentin, es ist dein Ebenbild Du solltest ihn sehn -- bei
Gott unter Tausenden würdest du ihn erkennen. Ich habe ihn oft auf meinem
Schoose getragen; habe oft mit dem verführerischen Knaben getändelt; habe
ihn den Mutternamen gelehrt und von seinem lieben Vater ihm erzählt. Wie
neugierig er dann nach dir fragte, wann du heimkommen würdest -- ach,
Florentin, die Freuden der Mutter kann kein Männerherz nachempfinden! --

Duur. Vortrefliche!

Louise. Du wirst ihn bald sehn können: so bald du es willst.

Duur. (entzükt) Meinen Karl sehn?

Louise. Mein Bruder Adolf hat dir verziehen. Schreib an den Herzog, nur
_eine Zeile_ schreib' ihm, und du darfst wieder in dein Vaterland
zurükkehren.

Duur. Friedensbotin, wie dank ich dir?

Louise. Ja, Adolf liebt dich unaussprechlich! er ist nie düsterer, als
dann, wann er an deinen Verlust erinnert wird. »Du, du hast ihn mir
geraubt, Schwester« sagte er mir oft, und so oft er mir dies sagte,
bemerkte ich Thränen in seinen Augen. Kehre zurük.

Duur. (betrübt) Bald vielleicht.

Louise. Gieb ihm die alte Fröhlichkeit wieder. Zwar ist er unterdes
vermählt; aber seine Gemahlin kann _die_ Wunde nicht heilen, die dein
Verlust seinem Herzen schlug.

Duur. Ich kehre zurük, so bald Kanella mich loßläßt. Ich habe dir meine
Lage geschildert; du weißt wie sehr ich an Kanellas Wohl gebunden bin, oder
Kanellas Wohl vielmehr an meinem Willen hängt. Du weißt, welch ein Tag mir
bald bevorsteht. -- --

Louise. (ihn inniger umschließend) Bedauernswürdiger Mann!

Duur. Doch sei's. Getrost geh ich meinem Schiksal entgegen. Aber hier, an
diesem Busen, will ich vorher ausruhn von meinen Thaten; von diesen Lippen
will ich mir erst Kraft und Feuer zu neuen sammeln. Hier will ich
Vergangenheit und Zukunft vergessen, um harmlos an der Gegenwart zu
schwelgen. -- O, Einzige, Liebliche, du bist ja mein, -- mein! mehr
verlange ich nicht aus der Fülle der Seeligkeiten.

Inbrünstig hingen die Lippen des seligsten Paars aneinander. Schön war die
Nacht, aber schöner war der nächtliche Triumf der Liebe.

Der Morgen erschien. Ein halber Tag entfloß; bald war ein ganzer dahin. Die
Stunde des Scheidens schlug -- von einander gerissen waren die noch vor
einigen Stunden die Glüklichsten der Erde, verweht wie ein Nebel, ihre
Freuden. _Duur_ glaubte aus einem Traum erwacht zu sein, als er sich nicht
mehr im Arm, am Busen _Louisens_, sondern auf seinem Rosse den Weg von Dosa
nach Kanella zurüktrabend fand.

»Gott, so habe ich nichts, nichts von der Freude genossen; ich habe mich
mit Schattenbildern ergözt!« rief er bekümmert aus.

»»Das ist's Menschenloos nun einmal so!«« gähnte _Dulli_, der hinter seinem
Herrn ruhig dahin trottete.

»Aber doch ist auch ein Traum schön! _Schwarzen Freunde_, ihr habt
ritterlich Wort gehalten, Florentin von Duur wird desgleichen thun.«

»»Morgen ist der erste September!«« brummte _Dulli_, und ein Schauder floß
kalt über seine Haut.



Neuntes Kapitel.
Sturm in Kanella.


»Ho, Gianetta, schöne Gianetta, es ist der Abend aufgedämmert! Gianetta,
die Erlösung Kanellas beginnt!« rief der liebetrunkne _Enriko_ vor dem
Gemach seiner Geliebten. Und die Thüren sprangen auf; der Jüngling flog in
die Arme der stolzen Republikanerin.

»Was willst du, Trauter?« fragte sie und ihr Auge wandte sich begeistert
von den Waffen des schwärmerischen Enriko hinweg.

»»Dich noch einmal sehn. O Gianetta, vielleicht, daß ich für die
Vaterlandsfreiheit mein Leben ausblute.««

»Küsse mich, schöner Junge; so liebte ich dich noch nie als in diesem
Augenblik!«

»»Ha, der Kuß, und dieser! -- o, noch eine Million derselben und ich fühle
Muth in mir den Erdkreis zu verwüsten! --««

»Ungestüm!«

»»Ha, bald schwärzt sich unsre Hochzeitnacht! Gianetta --!««

»Wie wenns Grab unser Brautbett würde? -- Enriko, mein Enriko, wie dann?«

»»Wehe, ich mag den Gedanken nicht denken! -- Und nun, ade, ich habe dich
gesehn! ade!««

»Bleib noch! -- Ist Florentin von Duur schon heimgekommen?«

»»Wahrscheinlich! weis es nicht! -- Ade!««

»Verweile noch!«

»»Horch, lautet man nicht in der Ignatiuskirche? -- hörst du, sie stürmen
mit den Glokken! es ist das Signal!««

»Man läutet zur Vesper. Bleib noch, Trauter, o, wie wirds mir so bang im
Herzen!«

»»Laß mich! -- still, das war Trommelschlag! horch, wies die Gasse
hinunterwirbelt. Es ist Zeit!««

»Ach, einen Augenblik noch! -- Es ist das Wirbeln der Pauken im
herzoglichen Pallast, beim Gastmahl!«

»Sieh, wie strömt das Volk zusammen! Waffen an Waffen! Gianetta, schöne
Gianetta, ade!«

Enriko entfloh.

Wohl stürmten die Glokken, wirbelten die Trommeln, rasselten die Waffen der
zusammenströmenden Kanelleser. _Borghemo_ hörte die seltne Musik. Jach
sprang er auf in einsamen Zimmer, haschte er sein Schwerd, und stekte die
Pistolen in seinen Gürtel.

»Freiheit! Freiheit, du kömmst?« rief er entzükt: »Ha schwarzen Brüder,
fürwahr jezt muß ich Eure Macht anerkennen. Borghemo ist Eures Bundes nicht
unwerth; schwarzen Brüder, ich leiste meine Pflicht! -- Aber du, großer
Fiorentino, du bist anbetungswürdig! -- o wie konnt ich dich einst
mißverstehen Fiorentino, ich wasche in dieser Nacht mit Blut mein Vergehen
rein; Fiorentino, ich streite, siege oder falle unter deinen Augen!«

Er riefs, drükte sich den Hut tief ins Angesicht und wollte hinausfliegen,
als sich plözlich die Thür öffnete und _Giovanni Borsellino_ mit mehrern
_Exulanten_ hereintrat.

»Heil unserm Vaterlande!« riefen die Kommenden, und der Jüngling
_Borsellino_ hing am Halse seines Freundes _Borghemo_.

Borghemo. (bestürzt) Wie? woher kommt Ihr Landesverwiesne?

Giovanni. Geradeswegs aus dem Exil. Ha Borghemo, sollt' ich Euch allein in
Kanella die Freiheit erkämpfen lassen? -- Erinnerst du dich nicht, daß die
Borsellinen von Anbeginn jedesmahl da standen, wo die Gefahr am
furchtbarsten war?

Borghemo. Wo ist der alte _Eo_?

Giovanni. An der Spizze aller Verwiesnen und Misvergnügten im
Kanellesischen Gebiet. Das ganze Land ist in Bewegung.

Borghemo. Herrlich, herrlich!

Giovanni. Bruder, wo find ich den Fiorentino von Duur? Ich muß den Mann
sehen, der die ganze Maschine des verdorbnen Staats mit seiner Riesenfaust
zermalmt.

Borghemo. Den Mann suche da, wo das Gemezzel am wüthendsten sein wird.

Einige Exulanten. Laßt uns den Helden aufsuchen.

Andre. Das müssen wir; bei Gott, das müssen wir.

Giovanni. Ich begebe mich nach dem Dominikusplaz.

Borghemo. Dort ists schon lebhaft

Einige Exulanten. Auf zum Fiorentino!

Giovanni. Geht, wohin Ihr wollt, ich eile zu der Stätte, welche mir in
dieser Nacht die heiligste ist. Kennt ihr nicht mehr den Dominikusplaz, wo
weiland mein Vater erschlagen wurde? -- da will ich seinem Schatten ein
blutiges Opfer bringen; da will ich morden, und meinen Vater versöhnen.
Borsellino! Vater Borsellino, es schwebe dein Geist um mich in dieser
Nacht.

Borghemo. Der Lärmen wächst mit jedem Pulsschlage draussen.

Giovanni. Hui! da fiel ein Schuß!

Exulanten. (stürmisch) Hinaus! hinaus!

(man hört rufen: »es lebe der Herzog Piedro!«)

Borghemo. Was?

Giovanni. (schreiend) Es sterbe der Herzog!

Alle. Es lebe die heilige Volksfreiheit!

Borghemo. Ho! wer stürmt in unser Haus?

Etliche. Leibwachen des Herzogs. Zieht die Klingen!

(Geschrei von aussen: »Verräther heraus, Rebellen heraus! es lebe Piedro!«)

Alle. (sich hinausdrängend mit bloßen Degen und Geschrei) Es sterbe Piedro,
es lebe die Freiheit! -- --

»Wo säumt denn Fiorentino?« sagte _Dulli_ ärgerlich und ungeduldig zu sich
indem er seine Klinge wezte: »hussah, wie sie haussen wimmeln und lärmen,
und ich darf nicht darunter wühlen; muß hier sizzen in der verdammten,
engen Stube und seiner warten. -- _Ladda, Ladda_! heut räch' ich deine
Schande! -- o, arme Ladda, sähest du in dieser Nacht deinen Dulli, du
würdest ihn liebgewinnen! -- Still! Was war das? riefen sie drunten nicht:
»es lebe Piedro?« (er lehnt sich zum Fenster hinaus) Es sterbe der Bluthund
Piedro und seine höllische Rotte! -- -- Hu, ein dunkler regnichter Abend --
desto herrlicher wird der Morgen anbrechen. Dulli, du erlebst einen Morgen
der Freiheit, oder siehst die Sonne nie wieder aufgehn. Ja, Dulli schwörts
bei seiner unglüklichen Ladda!«

Inzwischen dieser wilde, mordsüchtige Mann ungeduldig das Zimmer auf- und
ablief, und _Florentins_ Langsamkeit verwünschte, saß ruhig der _große
Fiorentino_ da -- und weinte.

»_Und weinte?_« -- Ja, meine Leser, er weinte; und Thränen, wie die seinen,
glänzen als Perlen, in der Ehrenkrone der Menschheit.

Er hörte das Stürmen der Glokken, Trommeln und Trompeten; er hörte den
wachsenden Tumult in der Stadt; er hörte das Klirren der Klingen für und
wider die Freiheit gezogen; hörte endlich auch das Angstgeschrei der Weiber
und unmündigen Kleinen -- und _er_, groß genug einen _Herzog_ vom _Thron_
herabzureißen, war auch gros genug alles Elend zu betrauern, welche diese
Rebellion über manche Familie verschütten mußte.

»Aufruhr! Kampf der Freiheit!« sprach er leise vor sich hin: »wie die
Wörter längst in meiner Seele brannten! -- Jezt beginnt das furchtbare
Schauspiel, und ich -- o dürft ich noch einmal den Vorhang fallen lassen!
-- Unerforschliche Hand des ewigen Schiksals, du warst es, die mich
hieherführte, du warst es, welche die schreklichen Knoten schürzte, so
diese Nacht auflösen soll -- dir vertrau ich, führe mich ferner durchs
Dunkel. -- O das Blut der Unschuld bedekke mich nicht; nicht mir gelte euer
Wimmern, lieben Kleinen; nicht mir euer Fluch in der Verzweiflung,
unglükliche Weiber! -- Ach, es ist so schreklich die Lebensfreuden der
Glüklichen zu morden -- und doch!« -- --

_Florentins_ Seele war bewegt. Er _liebte_, war kaum den Armen einer
Hochgeliebten entwunden -- kein Wunder, wenn er so zart empfand, wenn er
den einzelnen Unglüklichen, welche es durch ihn wurden, eine Thräne des
Mitleids weinte.

Aber bald ermannte er sich. Kaum daß er die Waffen angelegt hatte, traten
der _schwarzen Brüder_ zwanzig bis dreißig zu ihm herein.

»Fiorentino,« riefen sie halb verzweifelnd: »wir verlieren!«

Florentin. (kalt) Wer?

Ein Bündner. Wir, wir! des Herzogs Anhang ist gros.

Florentin. Wo stehn unsre Regimenter?

Ein Bündner. In den Straßen vertheilt nach Euerm Plan. Sie dekken die
Kirchen, das Arsenal, und die Stadtthore.

Ein anderer. Was ist zu beginnen?

Ein Dritter. Borghemo hohlt jezt aus den benachbarten Dörfern die dasigen
einquartirten Truppen! --

Florentin. Ihr scheint muthlos. Erlischt die Flamme des Patriotismus so
bald in Euch?

Alle. (durcheinander lärmend.) Bei Gott nicht! wer spricht das? -- wir
wollen sterben, wenn wir nicht siegen!

Florentin. Still! -- Ein Streich muß gewagt werden, der alles entscheidet.
Hört an!

Alle. Redet, wir hören.

Florentin. Ist Piedro noch nicht entschlüpft?

Einer. Die Thore sind gesperrt, und stark besezt, wie könnt' er?

Ein anderer. Tausend Mann stehn um seinen Pallast und verrammeln den Aus-
und Einweg.

Florentin. Feinde?

Alle. Feinde.

Florentin. Befehlt, daß man in der Gegend des Herzoglichen Schlosses laut
aussprenge, auf dem Dominikusplaz werde ein herzogliches Regiment in die
Pfanne gehauen; ruft Hülfe, lokt einen Theil der Wachen des Herzogs vom
Schlosse ab, sodann folgt mir nach; schleppt einige Kanonen herbei, die uns
durch die zurükgelaßnen Wachen einen Weg bahnen, und dringt dann mit mir
ins Schloß. Piedro muß unser sein. Auf, folgt mir.

Er sprachs.

Schon schwankten die Haufen der zurükgeschlagnen Bürger; schon scholl durch
Kanellas Straßen das wilde, jauchzende: »Piedro lebe!« schon strömte
Bürgerblut, und erlosch das Feuer der Freiheitssucht in ihm; schon
verzweifelten Mann und Weib den Morgen in einem republikanischen Staat zu
begrüssen -- als _Fiorentino_ erschien, und sein Hervortreten den Tumult
erneuerte, und seine Gegenwart neue Raserei verbreitete.

Es stürmte von den Thürmen, es stürmte durch die Straßen. Allenthalben Mord
und Flucht und Sieg. Die Freiheitskämpfer griffen abermals an; laut hallte
der Kanonen-Donner; Prinz _Morizens_ Palais gerieth in Flammen.
_Benedettens_ Schloß loderte ebenfalls auf; -- mit jeder Minute wurde das
nächtliche Spiel fürchterlicher.

Plözlich scholls: »Hülfe! Hülfe! getreue Kanelleser hin zum Dominikusplaz!
die Rebellen schlagen des Herzogs Regiment!« -- Ein Donnerschlag in den
Ohren der Herzoglichen. Alles stürzte verwirrt zum Dominikusplaz; halb
verlassen stand Piedros Burg.

Und jach flog _Florentin_ an der Spizze der schwarzen Helden hervor aus dem
Hinterhalte; zahllose Kanelleser umringten das Schloß; die Wachen strekten
das Gewehr -- die Pforten des Pallasts wurden gesprengt; der Graf mit
funfzig Schwarzen durchsuchten das Gebäude und zogen den Herzog, mehr einem
Todten als Lebenden ähnelnd aus seinem Schlupfwinkel hervor.

_Piedro_ schlug die Augen auf. Beim Schimmer brennender Fakkeln erkannte er
unter den ihn umgebenden Männern den _Grafen_.

Piedro. (zitternd -- athemlos) Graf Fiorentino.

Graf. Eure Tyrannei ist zu Ende, Herzog.

Piedro. (beweglich) Fiorentino, auch Ihr?

Graf. Seht, Herzog, seht hinaus; betrachtet draussen den Greuel dieser
Nacht; seht wie Bürger wider Bürger wüthen; hört das Aechzen der
Erschlagenen, hört das Winseln der Verwaisten -- Herzog, Landesvater, sieh
das Elend deiner Kinder und rechtfertige Dich.

Piedro. (entnervt) Nehmt -- nehmt alles hin, ich entsage allem -- nur
schüzt mein Leben wider die Rebellen.

Graf. Ich selber bin der Rebellen einer.

Piedro. Nein, Graf, unmöglich seid Ihr dies.

Graf. Ich bin mehr, bin der Rebellen Anführer.

Piedro. (zurüktaumelnd) Wehe, auch Ihr!

Graf. (mit Majestät) Piedro, vergeßt in dieser Nacht, daß Ihr vor fünf
Stunden noch Herzog waret, und unterwerfet Euch der Rache des Schiksals. --
Kanellas Bürger sind fortan nicht mehr Piedros Sklaven; hört Ihr's? nicht
mehr Eure Sklaven! -- -- Ihr bleibt inzwischen diese Nacht hindurch in der
Bewahrung dieser Männer, seid ruhig, wenn Ihrs sein könnet und fürchtet
nichts für Euer Leben. --

Piedro. (ergreift bebend die Hand des Grafen) Fiorentino -- --

Graf. (führt den Herzog an ein Fenster) Fakkeln leuchtet hinaus! -- Piedro,
ruft den Kanellesern zuerst ihre Freiheit zu!

Piedro. (sich zum Fenster hinauslehnend) Wehe, welch ein Anblik.

Einige der Schwarzen. (hinunterschreiend) Stille unter Euch! der Herzog
spricht! Ruhe! --

(Todtenstille von unten)

Piedro. (dreht sich vom Fenster ab) Fiorentino!

Graf. (mit furchtbaren Ernst) Ihr säumet? Hat Kanella noch nicht lange
genug in Euern Fesseln geschmachtet?

Piedro. (die Hände ringend) Gott!

Graf. Seht, so triumfirt die Freiheit an der Hand der Verzweiflung. Und
dies alles ist Euer Werk! -- (Pause) Das Volk schweigt.

Piedro. (lehnt sich abermahls zum Fenster hinaus; er ruft weinend) Lieben
Kanelleser, Euer Herzog verkündet Euch -- Freiheit!

»Freiheit! Freiheit!« schrieen tausend Stimmen durch die benachbarten
Gassen, und: »Freiheit! Freiheit!« scholls zurük von allen Gegenden der
Stadt.

Ueberwunden strekten die Herzoglichen Soldaten das Gewehr -- die Sonne ging
auf und beleuchtete einen neugebornen Freistaat.

»O Gianetta! Frei ist Kanella!« rief der heimkehrende _Enriko_, indem er
der Wohnung seiner Geliebten entgegen flog. Aber ach! -- im Blute
schwimmend, erschossen, lag die schöne Kanelleserin an der Thürschwelle
ihres Hauses.

»Gianetta! Gianetta!« stammelte seellos der arme Jüngling, und sank mit
diesen Worten auf den Leichnam seiner Angebeteten hinab. Er brannte tausend
Küsse auf ihren kalten Mund; aber umsonst, der schöne Geist der Geliebten
war entflohn; er durfte nicht heimkehren aus seinen neuen Wohnungen. Das
Volk umringte dieses unglükliche Paar, die Wuth der ergrimmten Rebellen
zerschmolz bei diesem Anblik in Mitleiden.

»Ach, so ists denn vergebens!« jammerte _Enriko_! »darf ich nicht hoffen
glüklich mit dir im freien Kanella zu sein? -- O Himmel und Erde, erbarmt
Euch mein -- ich habe sie verloren; meine Seligkeit, meine Hoffnungen, mein
Einziges verloren! -- Grausames Verhängniß, warum ein solches Spiel mit
mir!«

Er sank schmerzvoll zu Boden, sein plözliches Schweigen, sein dumpfes
Röcheln machte einige Männer aufmerksam; man eilte zu ihm; riß ihm vom
Boden auf und fand einen Selbstmörder.



Vierter Abschnitt.



Erstes Kapitel.
Ruhe? -- für Florentin?


Die Sonne war aufgegangen, den Triumf der Freiheit von Kanella zu
verschönern. Licht und Leben ergoß sich durch die große Natur; Licht und
Leben wohnten nach langen, düstern Zeiträumen endlich wieder im Busen der
Kanelleser.

Berauscht von der Freude, nun am längst erseufzten Ziele dazustehn,
schwärmte das Volk durch die Straßen, mit Jubelgeschrei. Entzükken glänzte
aus jedem Angesicht; neugeboren wankten Greise und Mütter und Väter hervor
sich, als freie Geschöpfe, am Strahl der Sonne zu erwärmen, zu jauchzen und
zu hüpfen unter Kindern und Kindeskindern; Hohe und Niedre umarmten sich
auf öffentlichen Pläzzen, uneingedenk des Ranges und der Würden, welche sie
sonst unterschied; was sich sonst haßte, liebte sich jezt; was sich sonst
nie gekannt, schlos jezt der Freundschaft heiligen Bund miteinander. Alles
war vereint, alles fühlte sich groß, und gut und edel.

»Ich bin frei!« lallten Greise verjüngt. »Ich bin frei!« riefen die Kranken
und genasen.

»Frei sind wir!« jubelten Männer und Weiber, und die Kinder auf den
Straßen.

_Duur_ aber befand sich noch immer im Pallast des verunglükten Herzogs.
Hier empfieng er von den schwarzen Brüdern aus dem ganzen Staate die
frohsten Nachrichten; hier ertheilte er ihnen seine Befehle; hier gab er
die ersten Gesezze zur Wiederherstellung der alten Ordnung; hier sezte er
vor den Augen Piedros die Stadtobern in ihre ehmahligen Rechte ein.

Freilich erlaubte sich der Pöbel, vom Freiheitsrausche benebelt, tausend
Ausschweifungen, lange noch nach diesem Tage dauerten dieselben fort, und
jeder zitterte, daß sich Kanellas Bürger durch eine fürchterliche Anarchie
in grösseres Elend stürzen würden, als dem sie so eben entronnen waren; --
allein _Florentin_ verzagte nicht. Er hatte es vorausgesehn, wie geschehn
würde, was geschah, und daher befremdete ihn die Wuth und Raserei den
trunknen Vollers nicht. Doch die höchste Gewalt in den Händen des Pöbels
ist Jupiters Donner in den Händen eines spielenden Kindes. Hier mußten
Vorkehrungen dagegen getroffen, mußten Schranken wieder aufgebauet werden,
und sie wurden getroffen, und die Schranken wurden erbaut.

Die Sonne gieng unter. Ermüdet von den zahllosen Arbeiten begab sich der
edle _Graf_ in seine Wohnung heim; in seinen Mantel vermummt, durch die
einbrechende Finsterniß gesichert, erkannten ihn die umherschwärmenden
Haufen nicht, wiewohl sein Name in der Sprache des dankbaren Entzükkens von
ihren Lippen oft erscholl. Er kam an, und _Dulli_ war der erste, so ihm auf
der Schwelle des Hauses entgegen trat.

Florentin. (freundlich) Guten Abend, lieber Dulli! nicht so, Kerl, _die_
Nacht und _der_ Tag spielen wohl in der Geschichte deines Lebens die
glänzendsten Szenen?

Dulli. (bebend, sprachlos sich vor ihm auf die Knie niederlassend) Graf!

Florentin. (verwundert) Was ist dir?

Dulli. (gerührt) Gott, Ihr fühlt nicht, was ich gern bekennen mögte? --
Graf, großer Graf! -- --

Florentin. Ich verstehe dich nicht, Lieber. Warum auf den Knien?

Dulli. Ach laßt mich doch noch lange in dieser Stellung verbleiben -- sie
thut meinem Herzen so wohl! -- -- Graf, ich zolle Euch meinen Dank! --

Florentin. (lächelnd) Du bist ein freier Kanelleser worden und _knieest_
dennoch?

Dulli. Ah, ich liege ja vor keinen Despoten -- ich verehre den größten
Menschen meiner Zeit! -- Laßt mich so liegen; Dulli dankt dem Erlöser
seines Vaterlandes! (eine Thräne tröpfelt aus seinen großen, emporgewandten
Augen.)

Florentin. Du bist ein sonderbares Geschöpf; so rauh, und so weich! -- Steh
auf!

Dulli. Nein, nein, beim heilgen Petrus, nein, noch kann ichs nicht! -- O
laßt mich so, so ist mirs wohl! -- Wenn ich nichts mehr sagen, nicht mehr
danken kann, dann will ich aufstehn, dann führ ich Euch zu einem andern
guten Freund.

Florentin. (neigt sich innig bewegt zu ihm herab, und küßt, ihn) Ich bin
dir gut!

Dulli. O, das ist auch mein schönster Lohn; nach ihm hab ich geschmachtet.
Ich sah Euch nur in der Nacht kämpfen; den ganzen Tag erwartete ich Euch
vergebens. Wohl schlich ich von Stunde zu Stunde um das herzogliche Schloß
Euch zu erblikken -- aber ich sah Euch nicht. Und nun -- nun bin ich
glüklich, Ihr habt den armen Dulli geküßt. Und (indem er vorn das Wams
aufreißt) seht hier meine Wunden! eins, zwei, drei, -- fünf Wunden -- und
_ein_ Kuß von Euch läßt mir ihren Schmerz nicht fühlbar werden. -- (er
steht auf.)

Florentin. Ist unser alter Badner auch daheim?

Dulli. Er ists. Er ist der gute Freund, zu dem ich Euch noch führen wollte.

Florentin. Ich bedarf der Ruhe; laß Badnern zu mir in mein Zimmer kommen;

Dulli. Nein, das kann der gute alte Mann nicht. Ihr müßt nun wohl zu ihm
gehn.

_Florentins_ Mienen schilderten seine Verwunderung über _Dulli's_ Worte; er
gieng, wohin ihn _Dulli_ führte; sein Herz weissagte nichts Angenehmes.

Er trat in _Badners_ Stube, und fand den guten Greis auf dem Bette liegend.
_Badner_ schien durch das Hereinwandeln der beiden aus einem leichten
Schlummer aufgestört zu, werden; durch Anstrengung all seiner Kräfte erhob
er sich mit dem halben Leibe, den Grafen zu bewillkommen.

»Lieber Badner, was ist dir geschehn?« fragte _Florentin_ ängstlich, indem
er sich dem Bette näherte.

Badner. (mit matter, oft abgebrochner Stimme) Mein Herr, -- mein lieber
Herr!

Florentin. Um Gotteswillen, wie siehst du so blaß, so elend aus!

Badner. Ach Gott, erinnert Ihrs Euch noch, was ich sprach, da wir über die
deutschen Gränzen ritten?

Florentin. Nein, Badner, so arg ist es noch nicht. Wirst nicht in Kanella
dein Begräbnis finden.

Badner. Ich werd es. -- Ach, lieber -- lieber Herr!

Florentin. (zu Dulli) Was ist ihm wiederfahren?

Dulli. Verwundet ist er in der Nacht, und wie ich glaube, gefährlich
verwundet. Halbtod schleppte man ihn hieher.

Florentin. Ist kein Wundarzt gerufen worden?

Dulli. Mehr, als einer.

Florentin. Und?

Dulli. (zukt die Achseln)

Badner. Sterben werd' ich, sagen sie. Oh, ich sterbe so gern! Hab ich Euch
doch noch einmal gesehn in dieser Zeitlichkeit, nun bin ich herzlich
zufrieden.

Florentin. (mit feuchten Augen) Nein, mein Badner, nein, du stirbst nicht.

Badner. Ich weis es, ich fühl es -- ich muß scheiden von Euch. -- Ich habe
noch eine Bitte eine große Bitte an Euch.

Florentin. Was bittest du denn?

Badner. Laßt meine Gebeine in der deutschen Muttererde verscharren. --
Wollt Ihr das?

Florentin. Ich will es. Aber -- --

Badner. Nun -- nun gute Nacht

Florentin. (sich mit Wehmuth über ihn hinbeugend) Mein einziger, lieber
Leidensgefährte, mein treuer Freund, du willst _gern_ von mir?

Badner. Ich _muß_, und darum -- _gern_. Meine Liebe zu Euch nehme ich mit
ins Grab, mit in jenes beßre Leben.

Florentin. Und willst deinen Gefährten allein da stehn lassen?

Badner. Ach, Lieber, Guter, Seelen, wie die Eurige, finden immer Verwandte
hienieden und droben. -- -- Lieber Herr, ich muß Euch noch Dank sagen für
Eure Freundschaft; o, wir haben wohl manche Noth, wohl manche frohe Stunde
mit einander brüderlich getheilt.

Florentin. (fühlte den nahen großen Verlust seines Badners und er weinte.)
Ich danke -- danke auch dir für deine namenlose Treue.

Badner. Nun -- Lieber -- gute Nacht! -- Wir haben nichts mehr mit einander.
-- Kommt Ihr jemahls heim ins deutsche Vaterland, so grüßet den braven
Holder von seinem verstorbnen Freund. -- Oh, oh! -- Eins noch -- Ihr -- --

Florentin. Ruhe, Lieber, ruhe! das Sprechen schadet dir -- --

Badner. (schwach) Wenn Ihr und Holder noch einst -- über fünfhundert Jahren
auf dieser Erde -- so -- so --

Wie ein öhlloses Lampenlicht verklimmt, wie der Hauch des Mundes verrinnt,
wie ein leiser Ton verhallt -- so verschwand Badners Lebenskraft. Er war
hinübergeflohn in jene Welt, zu der wir alle hinüber wandeln werden.

Dulli'n schossen Thränen ins Auge; _Duur_ warf sich schmerzvoll über die
Leiche seines treuen Dieners, und küßte unzähligemahl' die kalten Lippen
des Entschlafenen.

»Auch er ist dahin!« -- seufzte er: »auch mein Badner ist dahin! -- o, ich
glaubte ruhen zu können nach überstandnen Gefahren und Leiden -- aber, ach,
_Ruhe_! für Florentin -- nein sie scheint für mich bei der Unmöglichkeit zu
wohnen! -- Mein Badner, lebe wohl!«

Mit einemmahle scholl von der Straße auf ein feierlicher Gesang. _Dulli_
flog ans Fenster; er sah die Gassen von tausend Fakkeln erleuchtet und eine
zahllose Menge von Menschen um Florentins Hause versammelt. Der Gesang
stieg langsam und rührend-feierlich empor; Trompeten und Pauken begleiteten
ihn. -- Ein Kanellesischer Dichter hatte ihn längst schon auf die
wiederkehrende Freiheit angefertigt; er lautete so:

   Heilig ist Gott und groß!
   Heilig ist Gott und gnädig!
   Heilig ist Gott und gerecht!
      Hallelujah! Hallelujah!

   Ach seufzete das Land,
   Unter der Tyrannenwuth;
   Greise flehten, Kinder flehten:
      »Herr erbarme dich unser!«

   Aber des lachten die Tyrannen,
   Gott im Himmel und Tugend auf Erden
   Waren ihres Spottes Ziel.
   Blut floß an ihrem Schwerdte,
   Blut trof von ihren Händen,
   Und ihre Pfade waren Blut.

      Da schrie in dumpfen Klagen
   Die leidende Kreatur:
      »Herr, erbarm dich unser!«
      »Herr, erbarme dich unser!«
   Doch Gottes Langmuth, Gottes Güte
   Verzögerte der Frevler Tod.

      Des jauchzten die Tyrannen;
   Mit ungeweihten Händen;
   Zerstörten sie der Menschheit Heiligthum!
   Und ihrer Sünden Maas ward voll,
   Und ihre Bosheit unbegränzt!
   Da ächzte sterbend der Greis,
   Da ächzte sterbend der Säugling:
      »Herr, erbarme dich unser!«
      »Herr, erbarme dich unser!«
      »Herr, erbarme dich unser!«

   Und unser erbarmte sich Gott,
   Es rollte in Gewitterschnelle
   Sein Strafgericht hervor;
   Sie sahn's, die Mörder und erbleichten
   Und schaudernd stürzten sie nieder --
   Das Sklavenland ward frei!
      Hallelujah! Hallelujah!

Der Gesang schloß sich. _Dulli_ weinte Freuden- und Jammerthränen
vermischt; _Florentin_ hörte nichts, er saß an Badners Bette: starrte
schwermüthig den Leichnam seines Getreuen an und hielt die Hand seines
Lieblings fest in der seinigen verschlossen.

Aber das Volk lärmte unaufhörlich fort, und wiederholte die Worte des
Gesanges: »das Sklavenland ward frei!« mit dem größten Enthusiasm. -- »Ja,
das Sklavenland ward frei!« hörte man einige rufen: »und frei durch den
Helden Fiorentino!« --

»»Großer Fiorentino wir lieben dich!««

»»»Freiheitsbringer, lebe lange!«««

»»»»Fiorentino, lebe hoch!««««

So schrie man verwirrt durcheinander und _Florentin_ -- achtete des nicht.
Am Lager des Verstorbnen sizzend, hatte sein Leben jeden Reiz verloren. Er
war nun einmal wieder so arm an aller Freude, so arm an aller Hofnung,
jemahls wieder froh werden zu können, als er es irgend schon einmahl war.

Freund, Blutsbruder, Vater -- oder welcher Name heiliger ist -- alles das
war ihm der ehrliche _Badner_ gewesen, und diesen sah er jezt für sich
verloren. -- Wer nun schon einen solchen Freund, Bruder und Vater verlor,
der male sich des armen Florentins Schmerz. Indem sich die Augen _eines
einzigen_ Freundes auf ewig verschließen, schließen auch tausend Götterchen
der Freuden die ihrigen zu.

»Hört Ihrs nicht, gnädiger Herr, wie das Volk Euern Namen ausruft« sagte
_Dulli_, indem er sich zum _Grafen_ wandte; aber er vermogte es nicht ihn
aus dem Strom seiner Empfindungen hervorzureißen.

»Die Kanelleser werden ungestüm, sie verlangen Euch zu sehn, Euch zu
huldigen!« fuhr _Dulli_ nach einiger Zeit fort, inzwischen das Volk auf der
Straße tobte und schrie.

»»O Kanelleser,«« erwiederte _Florentin_ traurig: »»und legtet Ihr mir die
herzogliche Krone zu Füssen -- jezt hüb' ich sie nicht auf. -- Geh, Dulli,
sage deinen Landesleuten, daß Sie auseinander gehn, und mich nicht stöhren
sollen in meinem Schmerz!««

Dulli. (zum Fenster hinunter) Freie Kanelleser, stöhret den Grafen nicht,
ihm ist sein Liebling ermordet für Eure Freiheit.

Stimmen von unten. Fiorentino! großer Fiorentino, die Bürger Kanella's
wünschen den Heiland ihres Staats zu sehn. Fiorentino tretet hervor!

Dulli. Fiorentino danket Euch für Eure Huld; aber erscheinen wird er nicht.

Stimmen des Volks. Fiorentino, erhöret uns!

Dulli. Gönnet ihm Ruhe, opfert ihm Eure Wünsche auf, da er seine Freuden
für Euch hingab.

Stimmen. Fiorentino! Fiorentino!

Florentin erschien. Mit nassen Augen stand er da, auf den erhabnen Stufen,
welche zum Eingang seines Pallastes führten. -- Man sahe ihn, und wie die
Erscheinung einen Gottes war die seinige; die Luft, vor einem Augenblik
noch vom verworrendsten Geschrei zerrissen, wurde jezt durch einen leisen
Odemzug erschüttert.

Fakkeln flogen herbei und umringten ihn; wie in einer himmlischen
Verklärung stand er da vor den Augen des Volks: die ihm nächststehenden
sanken nieder auf die Kniee um den entferntern Zuschauern den Anblik eines
Halbvergötterten nicht zu rauben; alle entblößten ihre Häupter in stiller
Ehrfurcht. --

Ruhig war die Nacht; sternenschwer der Himmel; der Mond stieg in dieser
Minute hinter einem Gebirge schimmernder Wolken hervor, die Szene zu
verherrlichen; kühl und leise hauchte der Nachtwind über die Menge des
Volks hin und goß ein heiliges Schauern über sie aus.

_Florentin_ von Wehmuth und Entzükken hingerissen, vermogte lange kein Wort
zu reden. Endlich sprach er:

»Brüder, -- meine Brüder, Ihr seid glüklich; aber ich bins nicht, kanns
nicht sein. Ich weis es, daß Ihr mich liebet, aber, -- was ich verlor,
könnt Ihr mir nicht wiedergeben. Darum laßt mich trauern; laßt mich
ungestört Mensch sein, und einem Freunde den lezten Zoll der Liebe --
Thränen um seinen Verlust entrichten. Nur der Gedanke an ihn gewährt mir
Trost. -- -- Gute Nacht, Freunde!«

»»Gute Nacht! unglüklicher Mann, gute Nacht!«« riefen ihm unzähliche
Stimmen in eine verschmolzen nach. Mitleid und Liebe erpreßten manchem Auge
Thränen, -- ach und diese Thränen waren das Herrlichste in diesem
nächtlichen Triumpfe _Florentins von Duur_!



Zweites Kapitel.
Mühvolle Jahre.


»Nur der Gedank' an ihn gewährt ihm Trost?« sprachen am folgenden Tage die
Kanelleser: »Laßt uns den großen Mann trösten, er hat ja _unsre_ Thränen
abgetroknet!«

Nach einigen Monaten wurde _Florentin_ lieblich überrascht. Eines Morgens
lehnte er sich, nach seiner Gewohnheit, zum Fenster hinaus, und o! wie
staunte er, da er seinem Hause gegen über eine in der vergangnen Nacht
errichtete Statüe erblikte. Es war _Badners_ Gestalt, _Badners_ Miene; mit
der rechten Hand winkte das Gebild zu ihm herauf, als riefe es leise:
»komm' zu mir!« -- Drunten standen in Goldschrift die Worte:

_»Badner, Liebling des großen Fiorentino_ _von Duur.«_

Anfangs wollte der _Graf_ seinen Augen nicht glauben; er rieb die Wimpern;
starrte wieder dahin, und gewahrte abermals Badners Gestalt, wie sie
winkend dastand.

»Dulli! Dulli!« rief er wonnetrunken, und _Dulli_ kam.

Florentin. (frohbebend) Ach, Dulli, sieh hinaus. Sage, was erblikst du?

Dulli. Beim heiligen Petrus, gnädiger Herr, Euern getreuen Badner, Gott
hab' ihn selig, wie er leibt und lebt!

Florentin. Nein, soviel hab' ich nicht an Euch verdient, Kanelleser! --
Sage mir, ist ers wirklich? täuscht sich mein Gesicht?

Dulli. Das Bildnis ist ja so gar weit nicht entfernt.

Florentin (ihn umhalsend) O Dulli!

Dulli. Gott, gnädiger Herr, wie Ihr nun da seid? Ihr habt Millionen
verspendet und das dankbare Völklein beut euch dafür einen Heller; -- Ihr
sehet wenigstens, wie werth Ihr den Kanellesern seid.

Florentin. Ich seh's, ich fühls, ich danke! -- Ja, Badner hat's verdient!
--

Dulli. Bei Gott, das hat er.

Florentin. War's noch nicht genug, daß man die Asche dieses Redlichen in
feierlicher Prozeßion durch Stadt und Land seinem Grabe in Deutschland
entgegenführte, mußte man ihm noch die Säule weihn?

Dulli. Gnädiger Herr, Ihr verdientet einen höhern Lohn, als einen
geschnizten Marmor, darum errichtete man Euch keine Statüe -- diese ist nur
für Eure Freunde gut.

Kaum eine halbe Stunde war verflossen, als das Volk haufenweis
herbeiströmte und neugierig die Bildsäule am Duurschen Pallast umringte.
Das Spiel _jener_ Nacht wurde wiederhohlt; wiederum der hehre
Freiheitsgesang:

»Heilig ist Gott und groß! &c.« angestimmt; wiederum Fiorentino's Wohl
ausgerufen und dergleichen mehr.

Angenehmer konnte kein Trost erfunden werden für des _Grafen_ leidenden
Seele; und kein Trost war auch für ihn von erwünschtern Folgen, als dieser.

Mit verdoppeltem Eifer bemühte sich _Florentin_, nebst den Großen von
Kanella, den errungenen Freiheitskranz nun unentreisbar zu befestigen.
_Moriz_ sowohl als _Benedetto_, welche sich in der ersten Septembernacht
der allgemeinen Verwirrung zu Nuzzen gemacht und die Flucht ergriffen
hatten, arbeiteten freilich an verschiednen mächtigen Höfen, _Piedro'n_
wieder auf den monarchischen Thron zu erhöhn, und die alte Staatsverfassung
zu restauriren; suchten freilich die Kanelleser unter einander zu entzwein,
und Contrerevoluzionen anzuspinnen, allein gleich einer unsichtbaren
Gottheit widerstand ihnen der _schwarzen Brüder_ heiliger Bund.

Vergebens fachten sie den Argwohn der ausländischen Potentaten an, daß die
Freiheitssucht, durch der Kanellesen glükliches Beispiel vergrößert, um
sich greifen und auch sie enthronen dürfte; vergebens streuten sie durch
elende besoldete Broschürenschmierer den Saamen der Zwietracht unter den
befreiten Bürgern aus -- die schwarzen Brüder, selber verschiedene
Staaten-Ruder regierend, löschten den aufglimmenden Funken des Argwohns im
Busen der Fürsten aus, und zertraten allgewaltig den versäeten Saamen der
Zwietracht, daß er nicht reifen konnte.

Aber es verflossen Jahre, ehe der Sturm ausgebrauset, die Gährungen sich
aufgelöset, und die Bewohner Kanellas ein neues Staatssystem aufgeführt
hatten. Doch die _schwarzen Freunde_ des menschlichen Wohles _wollten_, und
Kanella blieb frei! --

Und schon sank, die glänzende, hochgeschwungene Palme in seinen Händen, den
Frieden herab über ein neugebornes Volk; schon erndteten die Kämpfer ihres
Sieges Lohn ein; schon fühlten sich alt und jung, Hohe und Niedre selig auf
Erden -- da empfand Florentin, nun erst entlassen von den öffentlichen
Geschäften der Republik, mächtiger, als jemahls den süssen Hang,
heimzukehren ins geliebte Vaterland, auszuruhn im Arme der entfernten
Blutsverwandten von seinen Thaten.

Zwar hatte Kanellas Dankbarkeit eine große lebenslange Pension ihm und
seinen etwannigen Nachkommen ausgesezt; zwar hatte man ihm einen beinahe
fürstlichen Hofstaat eingewilligt, ihm den geschmackvollsten Pallast in der
Residenz geschenkt -- aber die Sorbenburg, das ländliche Schloß seines
Onkels lokte ihn mehr, als jede Herrlichkeit Kanellas. Ueberdies besaß er
schon seit einiger Zeit mehrere Briefe vom Herzog _Adolf_, in welchen sein
Exil gänzlich aufgehoben, förmliche Versöhnung angeboten war -- wie konnte
_Duur_, der weiche, zartfühlende Duur widerstreben?

Wir, meine Leer, begleiten ihn schon durch so viele Szenen, aber immer
erkannten wir in ihm einen und eben denselben. Jezt war er nicht mehr
Jüngling -- er war Mann in voller Blüthe, oder vielmehr Reife des Lebens.
Ausgebildet, groß, majestätisch an Körper und Geist stand er jezt da; aber
sein Karakter war noch immer der stolze, schwankende, schwärmerische,
welchen er den Kinderjahren abgeerbt hatte -- Jezt sehnte er sich nach
Ruhe. -- Ruhe nach so mühvollen Jahren, auch zu ihr wollen wir ihn
geleiten.

Vielleicht daß er sich nicht sobald entschlossen hätte den Kanellesischen
Pallast mit dem vaterländischen Landgute zu vertauschen, wenn ihn nicht ein
unerwartetes Schreiben -- (nicht _Holders_, oder des _Onkels_ oder
_Aellmars_, denn diese schwiegen, als wären sie ausgestorben) nein, ein
Schreiben _Louisens_, der herzoglichen Schwester, von Kanella
hinweggetrieben hätte.



Drittes Kapitel.
Dulli und Ladda.


»Ists möglich -- ewiger, barmherziger Gott, ists möglich!« schrie der
_Graf_, indem er _Louisens_ Brief fallen lies und die Hände
verzweiflungsvoll über sein Haupt zusammenschlug.

_Dulli_, der in einem Winkel des Zimmers gestanden und einen mitleidenden
Zuschauer von der Szene abgegeben hatte, da _Florentin_ den Brief las, und
von Minute zu Minute die Farbe des Gesichts änderte, trat jezt hervor und
wollte trösten.

Florentin. (sich ruhig stellend) Nein, lieber Dulli, es hat nichts zu
sagen; ich habe ihn längst erwartet diesen Streich des Schiksals.

Dulli. Desto besser, desto besser. -- Aber -- --

Florentin. Du willst sagen, ich sei sehr unglüklich -- nicht wahr? -- Du
hast wohl recht! --

Dulli. Und, gnädiger Herr, Euer Karakter! Ihr seid so zart empfindend; jede
Lust oder Unlust, die euch anweht, reizt Eure Nerven mehr, als her größte
Schmerz, oder das größte Glük einen andern. Und das ist eben die Quelle
Eures Leidens.

Florentin. (eine Thräne erstikkend) Freilich, freilich Philosoph. -- Gieb
Befehl, daß man alles zur Abreise anordne.

Dulli. (erschrokken) Im Ernst?

Florentin. Ich scherze nicht; Dulli, die Zeiten sind vorüber, da ich
scherzen durfte. --

Dulli. Ihr wollt uns verlassen? doch mich nicht gnädiger Herr! Ich folge
Euch nach, gnädiger Herr, beim heiligen Petrus, ich folge Euch nach.

Florentin. So lange du noch Hofnungen nährest hier in dein Vaterlande dein
Seelenglük zu finden, so bleib hier, warum willst du es unter einem fremden
Himmelsstrich suchen.

Dulli. Gnädiger Herr, ich würde, wenn ich Euch verlöre, nie wieder froh
sein können.

Florentin. Meinst du? -- doch, ich weis schon ein Etwas für dich, bei dem
Du mein vergessen kannst.

Dulli. (befremdet) Wie?

Florentin. Daß du während meiner Abwesenheit über dies Schloß und meine
Einkünfte verwaltest, ist das geringste, aber -- -- doch stille deine
Neugier! -- Geh und bereite alles zur Abreise nach Deutschland! --

Dulli. (sich traurig umwendend) Ich gehe.

Florentin. (weichmüthig) Dulli!

Dulli. Gnädiger Herr!

Florentin. Sei nicht so niedergeschlagen. Es steht in deiner Willkühr, ob
du mich in mein Vaterland begleitest.

Dulli. Werdet Ihr da glüklicher sein?

Florentin. (frohglänzenden Auges) Ja, gewiß!

Dulli. So bin ichs auch dort.

Florentin. Lade meine Freunde sammt und sonders auf übermorgen zu einem
Gastmahle und Ball ein.

Dulli. Ha, wie werden die Kanelleser bestürzt sein, wenn sie vom
Valetschmaus hören!

Florentin. Geh!

Dulli gieng. _Florentin_ hob zitternd den fatalen Brief auf und überlas ihn
noch einmal.

»Geliebter!«

»Diese Zeilen sind -- zittre nicht -- sind die lezten, welche Louise dir
schreibt. Ich liege zwar nicht auf dem Sterbebett; aber doch für dich bin
ich hinfort so gut, als verstorben. -- Begnüge dich mit den seligen
Stunden, welche meine Liebe dir einst erschuf, geize nicht mehrern nach. --
-- Vielleicht verstehst du mich nicht; vielleicht glaubst du, ich habe
aufgehört dich zu lieben; allein, wenn dieses wäre, so hätte ich mir ja
nicht die Mühe genommen dir noch zu schreiben. Nein, Louise wird die
Gemahlin des Erbprinzen von Z**, wird das Opfer des politischen Interesse.«

»Als wir uns vor einigen Jahren im Garten von Dosa sahn, damahls, mein
Lieber, reiste ich an den Hof, dessen Erbprinzeßin ich nun bald sein werde.
_Holder_, ein gewisser _Aellmar_, und ein alter Rath am Hofe meines Bruders
ließen mirs wissen, daß du mich noch mit aller Liebe liebtest, daß ich dir
in der Nähe vorüberreisen würde, daß ich dich an einem dritten Orte noch
einmal sehn, noch einmal sprechen könnte, -- ihnen also hast du unsere
Zusammenkunft in Dosa zu danken.«

»Und nun, Florentin, tröste dich. Ein Mann wie du findet leicht mehrere
Louisen, aber ich werde keinen Florentin wieder finden. Der Erbprinz besizt
zwar der männlichen Schönheiten manche, aber sie sind doch nur kaum ein
Schatten von den Deinigen. Und vielleicht -- vielleicht sind wir so
glüklich auch künftig noch unsrer geheimen Liebe Nahrung zu geben;
vielleicht darf dich auch noch einmal die Erbprinzeßin umarmen. Leb wohl,
sei heiter und vergiß -- oder vergiß nicht die ehmalige

geliebte _Louise_.«

»Ja, ich will deiner vergessen, ehmahlige Louise!« sagte der _Graf_: »denn
du hast meiner vergessen. -- Freilich wie konnt ich armer Thor es hoffen,
daß eine _Fürstin_ mir treue Liebe vergelten würde, und doch war diese
Hofnung so reizvoll für mich! -- Ach, auch _diese_ Freude ist mir genommen;
o, ich sehe eine Lebensperiode vor mir, die die schreklichste ist, welche
je ein Sterblicher durchwandeln mußte. -- Nun lebe wohl, Kanella, durch
mich glüklich gewordnes Kanella, lebe wohl; der dir dein Leiden abnahm,
wird elender als er zu dir gekommen, deine Gränzen verlassen!«

Nichts liessen die edlen Kanelleser unangewandt den bedauernswürdigen
_Grafen_ bei sich zu behalten. Vergebens boten sie ihm grössere Macht und
höhern Rang an; umsonst flehten ihn weinend die schönsten Damen der
Republik auf dem Balle im Florentinischen Pallast an, daß er zurükbliebe --
nichts vermochte bei ihm etwas. Er suchte Ruhe, Ruhe, die er nicht im
glänzenden, geräuschvollen Stande zu Kanella, aber vielleicht wohl in den
väterlichen Gegenden, in der Mitte seiner theuern Verwandten, finden
konnte. Hier glaubte er seiner Leiden vergessen, seines Herzens Wunden
heilen, seinen sonstigen Frieden wieder gewinnen zu können.

»Ah, wär ich ein Kind geblieben, seufzte er: so wär ich glüklich geblieben.
Nun wohlan, so laßt mich hinziehn in jene Thäler, wo ich den Morgen meines
Lebens durchtändelte; laßt mich hinziehn zu jenen Hainen, zu jenen Thälern,
wo ich unschuldsvoll am Mutterbusen der gütigen Natur hing und keinen
Schmerz, keinen Seelenharm kannte. Laßt mich wiederum werden wie ein Kind,
und meines Daseins Stunden in mir selber verleben. Ja, es ist wahr, und
abermahls wahr: selten, ist der Mensch in der Gegenwart glüklich, am
meisten in der Vergangenheit, und Zukunft, in der Rükerinnerung und
Erwartung!«

_Borghemo_, _Giovanni Borsellino_, der alte _Eo_, die _schwarzen Brüder von
Kanella_, da sie sahen, wie unabänderlich _Florentins_ Entschluß sei,
ergaben sich mit traurenden Herzen in seinen Willen -- alle nahmen sie den
wehmüthigsten Abschied. _Duur_, der sich so leicht an gleichgestimmte
Seelen kettete, litte ungemein, da er einen seiner Freunde nach dem andern
von ihm hinweg eilen sah. Nur _Dulli_ wollte nicht von seinem Herrn
ablassen; allein _Florentin_ selber fesselte ihn an sein Vaterland.

Einige Tage vor der Abreise rief ihn der _Graf_ zu sich. _Dulli_ trat
wohlgemuth ins Zimmer, aber erschrokken fuhr er drei Schritte zurük, da er
an der Seite des Grafen seine halbvergeßne _Ladda_ erblikte.

Sie sehen alle vergangne Szenen der Liebe wieder heim rufen in die Seele,
sprachlos ihr entgegen wanken, Vorwürfe und Verzeihung im Blikke tragen --
war das Werk einer Minute.

Florentin. Nun, Dulli? kennst du dies schöne Mädchen?

Dulli. (mit beklemmter Brust und Freudenthränen) Ach, Ladda!

Ladda. (indem das stürmische Steigen und Sinken ihres Busens die Gefühle
des Herzens verräth) Mein lieber -- lieber Dulli!

Dulli. Du hier?

Ladda. Ich suchte dich, und habe dich gefunden.

Dulli. Und hofftest von mir noch Liebe?

Ladda. (mit Seelenruhe im glänzenden Auge) Ich hoffe sie. -- (Pause. Sie
tritt ihm näher) Dulli! (sie ergreift seine Hand und drükt sie weinend an
ihren Mund) Mein Dulli!

Dulli. (ihr an die Brust sinkend) Ach, ja, Ladda, meine Ladda, Dulli liebt
dich noch! --

Mit unbeschreiblicher Wonne lagen sie beide lange einander in den Armen,
küßten sie sich der Versöhnung süssen Kuß, und vergaßen sie des _Grafen_,
der ein gerührter Zuschauer dieses schönen Schauspiels war. Selber ein
Unglüklicher in seiner Liebe ward er der Schöpfer fremden Liebes-Wohls. --

Viel zu fest waren die Banden, mit welchen _Dulli_ nun an Kanella gebunden
lag, als daß er sie hätte zersprengen und seinem geliebten Herrn folgen
können, der begleitet von den Ersten der Republik, Kanella verlies.



Viertes Kapitel.
Der große Florentin im Vaterlande.


Müd' und Thatensatt eilte _Duur_ in _Gottholds_ Gesellschaft der Heimat
entgegen. Sobald er die deutsche Gränze erreicht hatte, schrieb er sogleich
an seinen Onkel folgenden Brief:

»Mein Onkelchen!«

»Ihr Neffe, Ihr Florentin kömmt, um bei Ihnen, so lange Gott es will, zu
leben. Ich habe manches unterdessen erlitten, manche Thräne unterdessen
geweint, -- verfolgt vom Schiksal, fliehe ich in ihre väterlichen Arme
zurük; da werd' ich sicher ausruhn dürfen vom Sturm des Lebens. Nicht wahr,
Sie haben sich eben so oft nach mir gesehnt, wie ich mich nach Ihnen --
jezt werden unsre Wünsche erfüllt werden, wird uns beiden wohl sein. --
Höchstens in vier Wochen treffe ich auf Ihrem Landgute ein, höchstens in
vier Wochen küß' ich Sie und meine Schwester und meinen Holder! O, ich
zittre so bang, als würde ich die göttliche Stunde des Wiedersehns nicht
erleben. -- Wie viel werden wir da uns zu erzählen, wie viel uns da zu
klagen haben! -- Ich stelle mirs schon im Geiste vor, wie sie hervorstürzen
werden aus dem Schlosse, wenn Sie die Hufen meines Pferdes schlagen hören;
wie Rikchen weinend an meinem Halse hängen, Holder mich feurig umarmen
wird. Ich fühle schon alle Freude voraus, die dann -- ach, dann mir allein
angehören werden! --«

»Hat sich vieles während unsrer Trennung auf dem Schlosse verändert? --
lebt der alte Herr von Bastholm noch? Laden Sie ja ihn und den ganzen
benachbarten Adel ein, daß nichts in unserm Feste mangle, was ihm Reiz
gewähre. Leben Sie wohl indeß; leb' auch du wohl, geliebtes Rikchen, die
ich nun bald umarme; küsse deine Kinder -- wenn du Mutter bist, denn ich
weis ja noch gar nichts von Euern häuslichen Umständen, weil Ihr mir keine
Nachricht gegeben habet, ihr bösen Leutchen! -- und bleibt mir alle
gewogen, Euerm _Florentin_.«

Dieser Brief hatte kaum das Duursche Landgut erreicht, als auch unser
_Graf_ schon mit seinem _Gotthold_ daselbst anlangten.

Es war des Morgens. Die herbstliche Sonne hing hinter Nebeln verschleiert;
die Felder standen, ihrer Halme und Goldähren entmäht, kahl und reizlos;
die Natur schien sich allmählig, ihrer Arbeiten müde, zum Wiederschlafe zu
bereiten -- gelb und welk floß das Laub in kalten Morgenduft.

»Wir sind zur Stelle, Gotthold!« rief der _Graf_, indem er den krummen
Fahrweg zum Dorfe seines Onkels hinuntertrabte.

Gotthold. (freudig) Ja, ja! Sehn Sie nicht dort -- dort wo hinter den Ulmen
die graue Kuppel des Duurschen Schlosses hervorragt?

Florentin. Ich seh's! Laß uns hier die Pferde ein Weilchen anhalten! -- o
Gott, mein Blut wallt ungewöhnlich, ich bin ausser mir!

Gotthold. Ach, da meine Eltern noch in dem Dörfchen hier lebten, da war ich
wohl glüklich! Sehn Sie, gnädger Herr, hier rechts den Hügel hinter den
beiden Scheunen? Sehn Sie die hohe Fichte darauf? -- die hab ich als Knabe
dahin gepflanzt, weil mir der Berg und die Aussicht von ihm hinab so wohl
gefiel.

Florentin. Und bemerkst du nicht drunten den Bach? siehst du den Steig
hinüber? Da baut ich meine Kähne, als Kind und lies ich meine papiernen
Flotten aussegeln.

Gotthold. Ach, es waren schöne Zeiten.

Florentin. Waren schöne Zeiten, und sollten sie nicht wiederkehren? -- O,
gewiß! gewiß!

Gotthold. Aber es ist alles so still!

Florentin. Die Sonne ist kaum aufgegangen. Im Schlosse und Dorfe schläft
noch jedes Auge.

Gotthold. Wenn man wüßte, wie nahe Sie wären, gnädiger Herr -- --

Florentin. Ich kann unmöglich sogleich zu meinen Freunden fliegen -- ich
bin so verwirrt, so ängstlich, so froh -- ein Heer von Empfindungen
überwältigt mich. Ich will mich erhohlen. Reite voraus, Gotthold, erwekke
die holden Schläfer aus ihren Morgenträumen, deren Inhalt vielleicht ich
bin. Sag' ihnen meine Ankunft! -- tummle dich! -- --

Der Knecht spornte sein Ros an und flog zum Dorfe hinab, den Steindamm zum
Schloßhofe entlang.

Aber der _Graf_ rükte nicht um einen Schritt von der Stelle. Er zitterte.
Sein Blut stürmte ungestüm durch die Adern hin; der Purpur der Freude
schimmerte ihm auf den Wangen; seine Augen befeuchteten sich in
unwillkührlichen Thränen.

»Gott! mein Gott!« sprach er mit leisem Ton, hoher Andacht, glühender
Inbrunst: »gelobet sei dein Name, hochgelobet in Ewigkeit deine Güte! Ich
war ein Kind, und du gabest mir Kinderfreuden zu schmekken; ich war
Jüngling und du liessest mich schwelgen in deinen Seligkeiten auf Erden.
Ich bin Mann worden und du hast mich nicht vergessen. Ja, mein Vater im
Himmel, hast mich nicht vergessen, -- du hast mich reinern Freuden
aufgespart, deren Genuß mich nun erquikken soll. Vater, es danket dir dein
Kind; mit Thränen dank' ich dir und Seufzern, daß du mich nicht vergessen
hast!«

Mehr konnt er nicht lallen. Die Sprache verlor sich, aber die Seele betete
fort.

Einige Minuten verstrichen, ehe er zu sich selber kam; -- er sahe die graue
Schloßkuppel hinter den Ulmen und nun flog er der Erfüllung seiner
Jahrlangen Schwärmereien und Erwartungen entgegen. Laut pfiff die
Morgenluft durch seine Lokken, hoch hoben sich Staubgewölke um ihn her.

Er stand auf dem Schloshof -- sprang ab vom Pferde, hinauf die Stiege zur
offnen Pforte, wo _Holder_ ihm in die Arme sank.



Fünftes Kapitel.
Der Kirchhof.


»Noch einmahl sei Gott gelobet!« rief der Freudenberauschte _Graf_: »so hab
ich dich wieder!«

Holder. (mit bebender Stimme) Mein Florentin!

Florentin. (ihn heftig an sich pressend) Holder, Holder!

Holder. O Gott! -- die Freude tödtet mich!

Florentin. Nun hab' ich ausgerungen.

Holder. Ausgerungen?

Florentin. Nun will ich ausruhn von vielen Kämpfen, vielen Leiden! --
Holder, was macht Onkelchen? -- was dein Weibchen? -- wo ist mein Sohn,
mein Karl?

Holder. Sie schlafen.

Florentin. Sie schlafen? wir wollen sie erwekken, wollen ihnen den
Schlummer von den Wimpern abküssen, sie aus einem Traum in den andern
führen.

Holder. (lächelt schwermüthig) Wollen wir?

Florentin. Du siehst so blas, Holder, so kränklich! was fehlt dir?

Holder. Wenig -- und viel! -- doch davon ein andermahl.

Florentin. Auf -- wo sind die Lieben?

Holder. Du scheinst sehr heiter zu sein.

Florentin. (verwundert) das bin ich, wiewohl ichs sonst nicht war. Aber, um
Gotteswillen, wie geräthst du zu solchen Gedanken anjezt -- anjezt!

Holder. Ich sah deine blühende Gesichtsfarbe, dein muntres Wesen. So warst
du nicht vor Jahr und Tag, als ich dir den Weg zum rothen Walde vor
Munchenwall beschreiben mußte.

Florentin. Die Zeiten sind vorüber!

Holder. Sind vorüber?

Florentin. Was zaudern wir? laß uns die Schläfer erwekken. -- Dein kaltes,
trübsinnathmendes Schweigen macht mich zittern -- Holder, Holder, was ist
geschehn? -- ist einer von ihnen krank?

Holder. (ihm auf die Achseln klopfend) Keiner! -- folge mir -- doch eins
noch; wen verlangst du zuerst zu sehn; den Onkel, mein Weib oder deinen
Sohn Karl?

Florentin. (schwankend) Alle zugleich; führe mich zu allen. Und Karl --
Karl ist hier im Schlosse?

Holder. Ja wohl!

Florentin. O, so führe mich zu meinem Sohn!

_Holder_, der so gern die fürchterlichste Schwermuth hinter seinem Lächeln
und Scherzen verstekken wollte, ergrif die Hand des gerührten Vaters,
welcher jezt zum erstenmahl die Frucht seiner Liebe umarmen sollte, und
leitete ihn in ein bekanntes Kabinet, wo, halbnakt, blühend, schön und
unschuldig ein Liebesgott auf weichen Pflaum hingestrekt schlummerte.

»Dies ist dein Sohn!« sprach _Holder_ und zeigte mit der Hand auf das
schlafende Kind.

Der _Graf_ stand frohbestürzt an _Karlchens_ Bett; seine Augen wurden naß;
seine Lippen bebten von einem Segensspruch über den schlummernden Sohn;
bestürmt von den unaussprechlichen süssen Vaterfreuden sank er hin über den
schönen Knaben, ihn mit tausend Küssen erwekkend.

»Karl! mein Karl!« jauchzte _Florentin_ mit väterlichem Hochgefühl.

Ein großes liebliches blaues Augenpaar schlug der _Knabe_ auf,
hochverwundert ob der fremden Erscheinung.

»Oheim Holder!« rief er mit süsser, furchtsamer Stimme: »wer ist der Mann?«

»»Dein Vater!«« entgegnete _Holder_: »»dein von dir so lange erwarteter,
lieber Vater ists!««

»Mein Vater bist du?« sagte das _Kind_ mit dem anmuthigen Lächeln eines
Engels und wand sich so dicht mit Armen und Füssen um den wonnevollen
_Florentin_, als hätte es in der That den traurigen Zustand zu fühlen
gewußt, in welchem es sich bisher befand, da es weder seinen Vater noch
seine Mutter kannte.

»»Ja, theures Karlchen -- ja, mein Alles, mein Sohn, ja ich bin dein
Vater!«« erwiderte der _Graf_, der nicht wußte, wie ihm geschah, als ihm
der süsse Vaternamen zum erstenmahle von den Lippen des holdseligen Buben
entgegen scholl: »»Ich bin dein Vater, der dich nun nie wieder verlässet.««

Liebst du mich denn?

»Ja, Karl ist dir recht gut?«

»»Wie sehr liebst du mich denn?««

Das Kind antwortete nicht, sondern drükte sich schmeichelnd an seinen Vater
fest an.

Länger, als eine Stunde, tändelte _Duur_ mit dem Kinde, indem er selbst vor
Freuden zum Kinde ward. Bald wikkelte er die gelben Lokken des Knaben um
seine Hand; bald küßt er ihm Stirn', Augen, Mund und Wangen; bald suchte er
_Louisens_ Züge in _Karlchens_ Mienen auf, bald die seinen.

O, Väter und Mütter, die Ihr diese Blätter leset, Ihr nur verstehet mich,
Ihr nur wisset Florentins Tändeleien richtig zu beurtheilen, Ihr nur kennet
die Sprache des zärtlichen Gefühls. Mahlet Euch die Szene mit all den
weichen Farben aus, welche Eure Fantasie Euch beut -- ich schweige.
Schweige, damit nicht kalte Krittler mich langweilig finden, oder
unnatürliche Eltern mich nicht einen empfindelnden Schwäzzer schelten
mögen.

Wie gesagt, erst nach einer vollen Stunde fiel es dem _Grafen_ bei auch die
andern Geliebten zu sehen.

»Bringe mich zu ihnen!« sagte er zur _Holdern_.

»»Sie schlafen!«« entgegnete dieser.

»Lass' uns sie wach küssen.«

»»Wirst du es?««

»Ich werd' es. Fort, fort, ich zittre vor Ungeduld meinen alten Onkel,
meine Schwester zu, sehn!«

»»Komm!«« antwortete _Holder_, dessen Gesichtszüge sich plözlich verändert
fanden, dessen Augen in Zähren schwammen, dessen Sprache stokte.

»Was ist dir?« fragte der _Graf_.

»»Was soll mir sein?«« war die Gegenfrage.

_Holder_ führte seinen Freund zum Schlosse hinaus, durchs Dorf.

»Wohin bringst du mich? führe mich zum Bette meines Onkels und meiner
Schwester!« sagte _Duur_ ängstlich, indem er von schreklichen Ahndungen
angeweht, sich dichter an _Holdern_ schlos.

»»Ich führe dich dahin!«« antwortete dieser, indem er mit seinem Schwager
so eben in den Dorfkirchhof trat, und den guten _Duur_ vor einem
verwitterten Leichensteine stehn lies, an welchem geschrieben war:

   »Wandrer, stehe still!
   Allhier
   ruhen die Hüllen zweier guten, frommen
   Seelen, die Gebeine
   der
   edeln, vielgeliebten
   _Friederike von Sorbenburg_
   und
   des braven
   _Albertus Daniel von Duur_.
   Wandrer, der du Tugend liebest, weine, denn
   diese sind deiner Thränen
   werth!«

»Hilf mir Gott!« schrie _Duur_ erblassend und stürzte vom Schmerz
entgeistert auf einen Grabhügel.

Holder. (vor sich niederstarrend, mit verschränkten Armen) Florentin!

Florentin. (nach einer langen Stille in tiefsten Jammer ausrufend) Auch sie
sind dahin -- o mein Gott, auch sie!

Holder. Du bist ein Mann, ich darf dich nicht trösten!

Florentin. (ihn nicht hörend) Auch sie!

Holder. Steh auf, Bruder; die Theuern haben längst ausgelitten.

Florentin. Längst schon?

Holder. Kaum wars ein Jahr nach deiner Wanderung aus Deutschland, da starb
mein Weib in Kindesnöthen; der Onkel grämte sich um ihren Verlust zu Tode.

Florentin. Grausamer, warum erfuhr ich dies nicht schon lange?

Holder. Nenne mich _gütig_, nicht grausam; solch ein Unglük erfährt man
jedesmahl nur zu früh; auch die schwarzen Brüder verhinderten, daß dir
davon Nachricht ward, damit dich der Schmerz nicht großen Thaten entnervte.

Florentin. (jammernd) Schwester, Schwester, o meine Schwester, so seh' ich
dich nie wieder? O, mein alter, ehrwürdiger Oheim, so schläfst du ewig?
erwachst nie wieder, deinen unglüklichen Florentin noch einmahl zu segnen?

Holder. (schmerzvoll) Florentin!

Florentin. Ha, Leben, schrekliches Leben, schreklicher Traum, wann werd'
ich von dir erwachen? --

Holder. Hörst du die Stimme deines Holder nicht mehr?

Florentin. Ich höre nichts -- nichts mehr! für mich ist alles tod. Ich habe
keine Schwester mehr, habe keinen Vater, keinen Badner, keine Geliebte --
-- alles ist dem unglüklichen Florentin geraubt. Ausruhen wollt' ich, ach,
und ich darfs nicht. Ich wähnte im Hafen des Friedens gelandet zu haben,
wehe mir, und der Sturm des Schiksals schleudert mein zerbrechliches Schiff
weit in den Ozean zurük.

Holder. Deine Seele leidet viel.

Florentin. Leidet unaussprechlich viel; ach, die ganze, fürchterliche Summe
des menschlichen Elendes liegt auf sie allein hingebürdet.

Holder. Verzweifle nicht.

Florentin. Verliere deine Bluts- und Herzverwandten, verliere deine lezten
Aussichten, den lezten tröstlichen Hofnungsschein, die allerlezte Zuflucht,
verliere alles und fühle dieß alles -- und sprich dann zu dir: _verzweifle
nicht_! -- Oh, prahlerischer Bund der Schwarzen, ich habe deine Wünsche
gestillt, deine Entwürfe zur Wirklichkeit umgeschaffen -- wo ist mein Lohn?
wo sind die mir vorgespiegelten Freuden? -- tritt her, gesammter, großer
Bund, tritt her, in deiner ganzen Allmacht, und rufe meine Freuden aus dem
Grabe hervor! --

Holder. Wird dein Klagen die Entschlafnen wekken?

Florentin. Wirds freilich nicht! Aber laß mich hier liegen auf dem kleinen
Hügel, der die Asche meiner Ewiggeliebten verschließt -- ich bin doch
dieser Asche näher, fühle mich getrösteter. Bruder, o mein Bruder -- ich
bin ja ein Mensch!

Holder. Und bist ein Christ!

Florentin. (mit Bewegung) Ein Christ.

Holder. Und wirst wiedersehen die deiner Seele werth sind nach dieses
Lebens entflohnem Traum.

Florentin. (nachlallend) Werde sie wiedersehn!

Holder. Drum auf, ermanne dich, Florentin, um ein Kleines, und du wirst
Trost gefunden haben!

Florentin. (liegt in dumpfer Betäubung auf dem Grabe.)

Holder. Folge mir in unsre Wohnung; abgesondert von der Welt lebte ich dort
lange schon das Leben eines Einsiedlers. Du bist jezt mein Gefährt. --
Hörst du mich nicht?

Florentin. (schweigt)

Holder. Oeffne dein leidendes Herz für den Freund. Auf, folge mir nach.

Florentin. (antwortet nicht)

Holder. Vater, Vater, hörst du nicht die Stimme deines Kindes mehr? -- Karl
ruft! hörst du nicht, Florentin?

_Florentin_ sprang bei diesen Worten auf. Er wandte die Augen gen Himmel
und seufzte tief. _Holder_ führte den leidenden Mann heim.



Sechstes Kapitel.
Die Alpen. -- Epilog an den Leser.


Vergebens war _Holders_ tröstliches Zureden, vergebens _Karlchens_
kindisches Milleiden -- nichts heiterte den _Grafen_ wieder auf; seine
Seele war allen frohen Empfindungen verschlossen. -- Er hatte zu viel
verloren, zu viel Empfindsamkeit für seinen Verlust; er war zu sehr
getäuscht in Erwartungen, welche ihn ehemals zu den gefährlichsten
Wagstükken Muth und Flügel gaben -- kein Wunder, wenn er mit jeder Woche
düstrer wurde, da jede Kleinigkeit ihn an den traurigen Verlust erinnerte.

Nur _Holder_, dieser seltsame, ausserordentliche Mann blieb sich immer
gleich; er beschäftigte sich seit des Grafen Ankunft mehr, als sonst, mit
gewissen chemischen Operazionen, Briefwechseln, und dergleichen mehr.
_Florentin_ achtete nicht darauf. -- _Holder_ machte ein Testament in
seinen und Florentins Namen, worin er den Herzog _Adolf_, als Landesherrn
zum Erben der Sorbenburg und des ganzen Duurschen Vermögens, einige Legate
ausgenommen, einsezte. _Duur_ mußte das Testament eigenhändig
unterschreiben, doch keine Frage gieng aus seinem Munde, wegen des
sonderbaren Betragens seines Freundes -- _Holder_ lies Anstalten zu einer
großen Reise machen; _Florentin_ erkundigte sich um diese Zurüstungen
nicht.

Eines Tages trat der räthselhafte Mann vor dem _Grafen_ hin; mit vieler
Mühe gelang es ihm denselben in ein Gespräch zu verwikkeln.

Holder. Erinnerst du dich noch der Stunde, Bruder, da ich dir jenes Gelübde
that; du solltest mich über fünfhundert Jahren wiedersehn in Deutschland?

Florentin. Dunkel.

Holder. Die Welt scheint dir verhaßt zu seyn.

Florentin. So, daß ich einen Selbstmord begehn könnte.

Holder. Spare den Rest deines Lebens für ein andres Jahrhundert. Ich thue
desgleichen.

Florentin. Ich verstehe dich nicht.

Holder. Du sollst die Erde noch einmahl nach fünfhundert Jahren sehen.
Vielleicht blühen dann für uns mehr Freuden, vielleicht hat dann die
Vergessenheit einen Schleier über unsre vergangnen Leiden gewebt. Hast du
Muth genug in meiner Gesellschaft ein halbes Jahrtausend zu verschlafen?

Florentin. (ihn anstarrend) Mensch!

Holder. Vielleicht wähnst du, ich scherze, oder rase. Aber bei dem Ewigen,
du irrst.

Florentin. Ist es möglich?

Holder. Wann ertapptest du mich je auf einer Lüge? Klage mich vor dem
Richterstuhl Gottes an, wenn ich dich betrog. -- Hast du Muth?

Florentin. Aber mein Sohn Karl -- --

Holder. Wird, unbewußt was mit ihm vorgeht, mit uns schlafen.

Florentin. Ich begreife dich nicht. Wann wirst du dich mir endlich
enträthseln?

Holder. Nach fünfhundert Jahren, wenn du willst, dann will ich dir noch in
Deutschland erklären, was ich bin und wer ich war.

Florentin. O, es ist ein schöner Traum, die Bürger der Erde nach fünf
Jahrhunderten noch einmahl zu erblikken -- allein -- -- --

Holder. Wenn wir dann vielleicht in einer einsamen Hütte friedlich
beisammen sizzen und die neuen Menschen erblikken und die Hand Gottes
anstaunen, dann könnte ich dir vielleicht noch manchen Aufschlus über
manches geben, dann ließe es sich so schön von unsern vergangnen Freuden
und Leiden plaudern.

Florentin. Noch einmahl, Holder, du weißt mir mit jedem Augenblick
unerklärlicher? -- wie ist es möglich, daß Seel' und Körper ein halbes
Jahrtausend unverlezt und sich ihrer bewußtlos existiren? --

Holder. Hast du die Geheimnisse der Natur alle erforscht, vermöge welcher
der Körper auf Jahrtausende unverweslich erhalten, und das Band zwischen
denselben und der Seele gestählt werden kann? -- O Bruder, Hamlet hat
Recht, wenn er sagt, wohl liegen unter dem Monde noch gewisse Dinge
vorhanden, von denen sich das menschliche Geschlecht nichts träumen läßt!
--

Florentin. (bestürzt) Holder!

Holder. (mit unbeschreiblicher Majestät) Wisse, ich bin der Obern einer im
Bündnisse der schwarzen Brüder! -- Eben dies Bündnis sendet mich an die
Brüder nach fünf Jahrhunderten, um unsers Ordens heilige Statuten aufrecht
zu erhalten zum Wohl der Menschheit; Ich _mus_ -- _mus_ dahin! willst du
mich begleiten?

Florentin. Wohl, ich schlage ein; denn was hab ich in diesem Leben noch zu
verlieren, oder was noch zu gewinnen?

Holder. Ich habe jede Vorkehrung getroffen, daß wir, ohne Unordnungen zu
erregen, aus den jetzigen Verhältnissen heraustreten dürfen. Wir reisen nun
nach den Alpen.

_Holder_ hielt Wort. Nach Verlauf weniger Monate standen sie schon beide,
mit dem kleinen Karl, in einer der grausenvollsten, abgelegensten,
unbekanntesten Höhlen des Alpengebürges.

Ein heimliches Schaudern schüttelte allen die Haut. _Holder_ zündete Licht
an, welches durch seinen matten Schimmer diesen unterirdischen Aufenthalt
nur noch fürchterlicher machte. Sie suchten sich, jeder besonders, ihre
künftige Ruhestätt aus; dann langte der Obere des schwarzen Bundes eine
Flasche hervor, gefüllt mit einem unbekannten Getränk. Er goß davon eine
silberne Schaale voll und trank sie rein aus. Er füllte die Schaale zum
andernmahle, und bot sie dem Grafen. Der Graf schauderte und trank. Zum
drittenmahle floß das Getränk in den Silberbecher, und Karlchen, ohne die
seltsamen Wirkungen zu beahnden leerte das Gefäß.

»Jezt ists vollbracht!« rief _Ludwig Holder_ aus: »jezt ists vollbracht!
leb wohl für diesmahl, Welt, nach fünf Jahrhunderten sehe ich dein Licht
wieder!«

Sie umarmtem sich. Das brennende Licht verlöschte plötzlich. Alle sanken
aufgelößt um.

»Herr Gott, erbarm dich unser!« schrie der _Graf_.

»Vater! Vater!« lallte das Kind.

Und sie entschliefen! -- -- --

                   *       *       *       *       *

Sie scheinen zu erstaunen, meine Leser und Leserinnen! -- ich erstaune
nicht weniger als Sie selber. Indessen was wahr ist, bleibt wahr. --
_Florentin_ und _Holder_ schlummern ruhig den Morgen eines Tages vom Jahr
2300, nach Christi Geburt, entgegen.

Ich bin überzeugt, daß ein volles Drittheil meiner Leser, wo nicht alle, so
gern als Florentin von Duur dem wunderbaren Ludwig Holder von Sorbenburg in
die Alpenhöhle nachfolgen würden, wenn sie Gewißheit hätten, nach einem
gewissen Zeitraum wieder zu erwachen. Wie viel Veränderungen haben sich in
der Zeit nicht auf unserm Erdenplaneten ereignet! welche Revoluzionen in
der politischen und Schriftstellerwelt haben sich unterdessen angesponnen
und ausgebildet! -- Wie sehn dann die Staaten, wie sehn dann die Menschen
aus!

»Welche Moden werden dann herrschen?« fragt mich eine Dame.

»Was wird man dann von mir und meinen _operibus_ reden?« fragt mich ein
Autor.

»Wie stehts dann mit dem _Bunde der schwarzen Brüder_? und wird Florentin
mit Holdern und Karlchen glüklicher sein?«

»»Wir möchten um alles in der Welt gern Zuhörer von Holdern abgeben, wenn
er seinen Lebenslauf erzählt in der Hütte des vier und zwanzigsten
Sekulums!««

Sie haben sammt und sonders, meine Leser, gar nicht unrecht. Allein um
Ihren Zwek zu erreichen, ist es nothwendig, daß sie entweder mit Florentin
und Holder fünf Jahrhunderte später wieder auferstehn, oder daß Sie mich
und meine prophetische Muse bitten, damit wir Ihnen den schwarzen von der
Hand des Fatums gewebten Vorhang vor dem Allerheiligsten der Folgezeit ein
wenig lupfen, und Sie in den Gukkasten der Zukunft auf ein Weilchen
hineinblikken.

Geben Sie mir also ein gutes Wort: so erzähle ich Ihnen im folgenden
Bändchen Raritäten aus dem vier und zwanzigsten Jahrhundert nach Christi
Geburt! --

Nun? -- -- --

Wegen Entlegenheit des Drukorts vom Verfasser sind manche den Sinn
entstellende Drukfehler in den ersten Theil dieses Buches eingeschlichen.
Vorzüglich beliebe man zu verbessern:

Seite 231. _Zweihundert_, lies fünfhundert.

-- 233. _Federn_, lies Ideen.



Anmerkungen zur Transkription


Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des
Originales wurden unverändert beibehalten. Die Seitennummern im
Inhaltsverzeichnis stimmen nicht mit der Seitennumerierung im Buch
überein. Auch dies wurde wie im Original belassen. Lediglich
offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die schwarzen Brüder. II. (of 3) - Eine abentheuerliche Geschichte" ***

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