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Title: Die schwarzen Brüder. I. (of 3) - Eine abentheuerliche Geschichte
Author: Zschokke, Heinrich, 1771-1848
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die schwarzen Brüder. I. (of 3) - Eine abentheuerliche Geschichte" ***

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by the Staatsbibliothek zu Berlin - PK,
digital.staatsbibliothek-berlin.de)



                                 Die
                          schwarzen Brüder.


                   Eine abentheuerliche Geschichte
                                 von
                               M. J. R.


                         Berlin und Frankfurt,
                       bei Johann Andreas Kunze.



                                 An
                         Friedrich Behrends
                              in M***.



Mein Vetterchen,

Und fragen Sie tausendmal warum ich nichts bessers, nichts
allgemeinnüzzigeres, als einen Roman geschrieben habe, so bekommen Sie doch
immer eine und eben dieselbe Antwort, daß ich nämlich just einen _Roman_
schreiben wollte, er mögte so abentheuerlich werden, als er es wolle.
Zweitens, weil der größte Theil heutiger Leser nur nach dieser Waare am
liebsten zu fragen gewohnt ist, und sie theils in Privatbibliotheken,
theils in Lesezirkeln, theils in Lesebibliotheken aufnimmt. Drittens, weil
doch auch ein Roman, wenn er nur irgends seinen Mann zu unterhalten weiß,
seinen Nuzzen haben kann, aut negative aut positive.

Frage: wie so? -- Antwort: weil er, erstlich, hin und wieder auf einen
guten Akker ein gutes Saamenkorn streuen kann. Zum andern dient er
wenigstens als ein Etwas wider die traurige Langeweile. Ein fetter Landrath
vergißt vielleicht über das Lesen einen neuen Anschlag auf die Kasse seiner
reichen Bauern, welchen er in langweiligen Minuten ausgegrübelt hatte. Eine
verliebte Donna besinnt sich vielleicht in Rüksicht ihres Galans, der
unmöglich ihr ehelicher Gemahl werden könnte, eines bessern. Ein runder,
orthodoxer Beisizzer des hohen Sinedriums läßt vielleicht, vertieft in
meine Plaudereien, einen braven freidenkenden Schriftsteller
durchschlüpfen, dessen zum Druk bestimmtes Manuscript sehnlich nach einem
vidi von der Hand des Zensors schmachtet. -- Eine alte zänkische Tante
sieht vielleicht einem liebenden Mädchen durch die Finger zu, und willigt
von Herzen in Verlobung und Hochzeit, indem sie hoft, der arme Bräutgam
werde mit Gottes Hülfe doch auch noch einmal ein Herr von Sorbenburg. --
Ein junger Autor nimmt sich vielleicht beim Lesen meines Romans vor ein
unsterblicheres Werk hervorzubringen, als das meinige ist. -- Ein Rezensent
erwirbt sich vielleicht, um die deutsche Litteratur ein unendliches
Verdienst, wenn er meinen armen, abentheuerlichen Roman zum
abentheuerlichsten Popanz, zum Vögelscheu und furchtbaren Merkzeichen für
alle und jede macht, welche sichs einfallen lassen mögten ein Romänchen zu
verfertigen. -- --

O sehn Sie doch wie viel _Vielleichts_! wie einen großen Nuzzen mein Buch
bewirken _kann_! -- Doch der größte ist und bleibt, daß ich Gelegenheit
habe Ihnen auch hier zu sagen, wie sehr Sie liebt, bewundert und achtet.

_Der Verfasser._



Inhalt dieses Bändchens.


Erster Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Der rothe Mantel.                               1
   Zweites Kapitel. O, der glücklichen Nachwelt.                   6
   Drittes Kapitel. Der Onkel beweis't, daß er Graf sei.          16
   Viertes Kapitel. Und -- das ist Liebe! -- -- --                28
   Fünftes Kapitel. Ein langes Gesicht.                           36
   Sechstes Kapitel. Der Onkel in der Komödie.                    45
   Siebentes Kapitel. Ein Adelsbrief -- Ein Rittergut --
                      Verlobung und -- --                         51


Zweiter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Auch Prinzessinnen haben Herzen.               55
   Zweites Kapitel. -- -- Und wen? -- --                          64
   Drittes Kapitel. Der arme Florentin!                           69
   Viertes Kapitel. Einige Damen werden behorcht.                 75
   Fünftes Kapitel. Das Strumpfband.                              82
   Sechstes Kapitel. Ein sonderbares Phänomen.                   100
   Siebentes Kapitel. Eine Schäferstunde.                        106


Dritter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Hofnungen von Italien her.                    115
   Zweites Kapitel. Das Wort an einen Fürsten.                   123
   Drittes Kapitel. Supplement zum Vorigen. -- Ein Schrek.       136
   Viertes Kapitel. Wer so stirbt, der stirbt wohl!              143
   Fünftes Kapitels Schwärmereien Augustens von Gülden.          152
   Sechstes Kapitel. Der Donner aus der Ferne.                   162
   Siebentes Kapitel. Das Gewitter zieht näher heran.            172
   Achtes Kapitel. Eine Episode.                                 183


Vierter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Holder erscheint wieder.                      187
   Zweites Kapitel. Ein Traum.                                   195
   Drittes Kapitel. Zeitungen -- Thränen, Flüche, Marionetten.   205
   Viertes Kapitel. Der Traum hat ein Ende.                      210
   Fünftes Kapitel. Gute Nacht, Florentin. --
                    Auch ein Postscriptum an den Leser!          227



Die schwarzen Brüder.



Erster Abschnitt.[A]



Erstes Kapitel.
Der rothe Mantel.


Es war ein fürchterlicher Abend; ein Donnerschlag verjagte den andern; der
Sturm pfif über die Felder und entwurzelte Eichen, der Regen schos so dicht
und häufig, daß es ein Wolkenbruch zu sein schien.

[Fußnote A: In einer Gesellschaft von Freunden und Freundinnen erzählte
ich einmal die Geschichte, welche izt vor den Augen meiner Leser liegt,
aber ich wußte meist, daß ein _Teufel_ mich belauschte, welcher so boshaft
war, das Schema meiner Erzählung in seinem im Januar dieses Jahres
erschienenem Buche, dem _Schriftstellerteufel_, als eine ungeheure
Wichtigkeit wiederzuplaudern. Dies nur für manchen Kritiker. Uebrigens mögt
ich doch den Herrn Verf. obengenannter satyr. Schrift näher kennen lernen,
denn solch ein Behemotsgesicht, als seinem Buche vorgestochen ist, hab' ich
nie unter meinen Freunden und Feinden erblikt.]

»Mein Gott!« keuchte der alte _Graf von Duur_, der sich auf der Jagd
verspätet hatte, vom Sturm Regen und Donnerwetter plözlich überfallen war,
und nun um alles in der Welt gern auf seinem Landschlosse zu sein wünschte:
»Mein Gott, das stürmt ja alles auf mich armen Schach ein, als bräche der
jüngste Tag auf! -- Mein Odem ist weg, mein Seel, ich erstikke, wenn ich
nicht bald zu dem verwünschten Schlosse komme!« Der Leser mus wissen, daß
der alte Herr etwas schwer vom Leibe war.

»Verwünscht, daß ich auf die Jagd hinauswatschelte; aber wer konnte das
leidige Ungestüm riechen? und obendrein keinen Sperling geschossen! was der
_Bastholm_ nun lachen wird!«

Der gute, alte Mann hatte nämlich mit dem benachbarten Gutsbesizzer, dem
Herrn von _Bastholm_, um zehn Flaschen Tokaier gewettet, wer den Tag das
meiste von der Jagd heimbringen würde.

Und die arme _Friedrike_! was das Mädchen sich ängstigen wird, wenn sie
mich nicht zurükkommen sieht in dem Ungewitter! »Hätt' ihr wohl die Sorge
ersparen können.«

_Friedrike_ war die Niece des alten Grafen; Er erzog sie selbst, liebte sie
mehr als eine Tochter; denn er war ohne Kinder, und Friedrike ohne Eltern.

»Ah, poz Henker und was mir da einfällt, _Florentin_ kömmt ja, nach seinen
Briefen, heut von der Universität zurük! He, Alter 's war ein erzdummer
Streich mit deiner Jagd! da ist der Junge vielleicht schon in meinem
Zimmer, da liegt er wohl schon dem Mädchen in den Armen, die sich nicht
satt sehen und satt küssen kann an ihrem Bruder! -- 's ist doch der Mensch
manchmahl zu erzdummen Streichen geboren! --«

Er verdoppelte jezt seine Schritte, um spornstreichs seinem Neveu in die
Arme zu fliegen, aber er rannte sich bald ausser Athem, und war gezwungen
mitten im Regen seinen gemächlichen Spazierschritt beizubehalten. Hier soll
er zum erstenmahl auf seinen stattlichen Bauch böse geworden sein.

»Länger halt ich's nicht aus! es ist zu arg, bin nas am ganzen Leibe und
die Straße ist ein wahrer Mordweg! -- Meine Perükke ist, Gott sei bei uns,
auch --« --

Hier schwieg er plözlich still, denn er gewahrte einer Gestalt, die dicht
hinter ihm herschritt. Ihm kam ein Grausen an. Es blizte -- er sah sich in
eben dem Augenblik um, und erblikte den hinter ihm Wandelnden von oben bis
unten blutroth.

Seine Angst vermehrte sich bei jedem Athemzuge, er sprang in einen
Nebenweg, den er entdekte, und der fremde Bluthrothe sprang ihm nach. --
»Hier soll's irre gehn, ich hab's oft gehört!« dachte er bei sich, und
dehnte seine Füße von einander zur Flucht. Kaum war er vier Schritt
gelaufen, so glitschte er auf dem schlammigten Fußsteig aus und fiel.

Es blizte. Die Gestalt stand neben ihm, faßte ihm mitleidig unter die Arme
und hob ihn auf.

»War der Fall hart?« fragte der Fremde.

»Ich fühle nichts!«

»Ist nicht ein Wirthshaus, oder ein Dorf in der Nähe wo man untertreten
könnte?«

»Ich denke -- ich denke nicht weit.«

»Es ist ein grimmiger Regen, doch bin ich solcher Witterung vielleicht mehr
gewohnt, als Sie. Sie dauern mich, Kann ich mit meinem Mantel aufwarten!«

»Wo wollen Sie hin?«

»Kann ich mit dem Mantel aufwarten?«

»Er -- oder Sie brauchen ihn ja selbst!«

»Wenn Sie ihn wollen, nicht mehr.«

Sprachs, und ihn dem seufzenden Edelmann um, der tausendmahl dankte.

»Nun werden Sie ja nas.«

»Meine Kleider verderben nicht!«

So dialogisirten sie sich eine ziemliche Strekke Weges fort. Dem Grafen war
die Gespensterfurcht verschwunden, und der Fremde hatte nun einen
Leitsmann. -- Mit einemmale hörten sie einen Wagen auf sich zu fahren.

»He da! guter Freund, wohin?« rief der nunmehrige Mantelträger dem
Fahrenden zu.

»Ach Gott, gnädiger Herr, sind Sie's selbst. Steigen Sie doch ein, ich hin
schon eine halbe Stunde lang herumgefahren, um Sie zu suchen und nach Haus
zu bringen!« antwortete der Kutscher. --

Keiner segnete den Himmel hierum mehr, als der alte Graf. Er stieg ein, und
zog den Fremden hinter sich her. »Sie haben mir, sagte er, Ihren Mantel
geliehen, izt leih' ich Ihnen meine Kutsche. Hurtig herein!«

Sie fuhren beide fort, und in wen'ger Zeit stiegen sie im Schlosse ab. Der
Graf zog den Fremden immer hinter sich her; schleppte ihn in sein
Schlafzimmer, ließ durch den Bedienten zwei Schlafrökke, Pantoffeln, Mützen
u. s. f. bringen; sie kleideten sich um und nun schob der Alte den Fremden
in das Visitenzimmer.



Zweites Kapitel.
O, der glüklichen Nachwelt!


Hier war eine kleine, angenehme Gesellschaft vorhanden welche voller
Ungedult auf den braven _von Duur_ wartete. Nun trat er herein, und mit
einem wilden: »O, mein Onkel!« stürzte ein schlanker Jüngling ihm um den
Hals, indessen der Alte freudelallend tausendmahl stammelte: »Mein
_Florentin_!« -- Fräulein _Friedrike_ war mit den andern Gesellschaftern
näher getreten; stillschweigend standen sie alle um die Gruppe des _Onkels_
und des _Neffen_, die lange unbeweglich in eins zusammengekettet blieben.
Dem Jüngling flossen einige Thränen vom Auge; der Alte fühlte es, ihm brach
das Herz, und er weinte; die Zuschauer wurden gerührt.

»Nehmt's mir nicht übel,« hub der Greis an, indem er die grauen Wimpern
troknete, und sich zur Gesellschaft wandte: »nehmt's mir nicht übel, alte
Leute sind so leicht, als Kinder zum Weinen zu bewegen. Ich hab' den Jungen
nun seit drei Jahren nicht gesehn; hab ihn nicht früher sehn wollen, um
meine Freude zu vergrößern -- aber nun, wahrhaftig nun ist sie zu gros.«

Worte machen das Herz leicht und Thränen; man sah ein, daß es nicht wohl
anging den ganzen Abend in dieser Attitüde zu verbleiben -- also wurden
einige Komplimente gewechselt und Entschuldigungen hervorgebracht.

»Unser freundschaftlicher Kreis ist unvermuthet heute vermehrt worden,«
sagte nachher der _Graf_, und trat zu dem Fremden, der indes still an der
Thür stehen geblieben war: »Seht hier Kinderchen, einen neuen Gast, einen
Reisenden, den ich unterwegs im Donnerwetter, oder vielmehr, der mich
antraf, und so brav dachte, mir altem Manne seinen Mantel aus freien
Stükken anzubieten, um mich wider den Sturm zu schüzzen. Es ist, mein Seel,
brav gedacht!«

Der _Fremde_ trat näher unter einigen modischen Verbeugungen, und stammelte
seine Entschuldigungen. Es war, beim Lichte betrachtet, ein edelgebauter,
sogar schöner, junger Mann von ohngefähr sieben und zwanzig Jahren. Sein
Anstand verrieth Erziehung, seine Sprache Geist und Welt. Ein
unvergänglicher Ernst wohnte auf seiner Stirn, schimmerte selbst durch sein
freundlichstes Lächeln. Friedrike meinte, es wäre Melankolie.

Gemach wurde der Ton lebhafter, die Gesellschaft gemischter: den _Fremden_
nahmen zwei ältliche Damen in ihre Mitte, _Friedrike_ hing an ihrem Bruder
_Florentin_, und der _alte Papa_ kapitulirte scherzend mit dem Herrn von
Bastholm wegen des Tokaiers.

»Nun, und was haben Sie denn geschossen, Herr von _Bastholm_ zu
Bastholmshausen? Ha, ha, ha!«

»Immer doch mehr, gnädiger Herr Graf von _Duur_ zu Duurshausen, ha, ha, ha,
doch immer mehr, als Sie!«

»Nun, mein Seel, ich hab' ja keinen Mükkenflügel geschossen -- und das
Gewitter -- --«

»Den Tokaier aus dem Keller!«

»In Ernst, Brüderchen, sag mir doch, was hast Du denn ergattert?«

»Wie gesagt, immer mehr, als Du. -- Sieh doch her -- eine Schnepfe! ha, ha,
ha!«

»Ha, ha, ha, ha! ja, dann hab ich freilich die Wette verlohren!«

Beide lachten sich beinahe ihrer Wette und Jagd willen krank. Inzwischen
war die Tafel gedekt; man sezte sich und as.

»Apropos,« fing der _alte Graf_ an, dem nichts lästiger war, als lange
schweigen: »der Postmeister hat doch die Zeitungen schon herübergeschikt,
Rikchen?«

»Ja. Nur gelesen hab ich sie noch nicht.«

»Höre Bruder _Bastholm_, der Erbprinz ist total kurirt, reitet schon wieder
aus und manövrirt mit seinen Soldaten!«

»Weis wohl, lieber Graf; aber daß die dasigen Aerzte sich durch einen
vorbeireisenden Fremdling mußten beschämen lassen, das ist doch 'ne
schrekliche Blame für sie.« --

»Nicht so sehr Blame,« flüsterte ein _junger Landedelmann_ über die Tafel
herüber: »Wenn die Ärzte schon das meiste gethan hatten, konnte der
Reisende wohl sein Heil versuchen.«

»Um Verzeihung,« rief der _Graf_: »der Prinz verschlimmerte sich täglich,
und die Mediciner gaben, laut den Zeitungen, schon sein Leben auf. Und dazu
kömmt noch, daß der Heiland des Prinzen sehr jung gewesen sein soll!«

»Ein alter, steinalter Mann war's,« flüsterte jener: »ich hab's aus
Briefen. Er heißt _Ludwig Holder_. Sie sehen, ich weiß es genau.«

»Oho!« fing eine der ältlichen Damen an, »ein _Bürgerlicher_, der Sr.
Durchlaucht kurirte? unmöglich, daran sieht man's! wenns die Hof- und
Leibärzte, der Herr von _G**_, der Herr von _F**_ nicht im Stande waren --
--«

»Ganz recht, gnädige Frau,« brummte eine Basstimme von der andern Seite des
Tisches; »ganz recht! überhaupt, sollte man solchen herumstreichenden
Quaksalbern nie das Leben einer fürstlichen Person anvertrauen, und die
Renommée der übrigen Aerzte verderben lassen. Wenn ich Herzog wäre, so --
--«

»So würden Sie lieber sterben,« fiel _Florentin_ der Basstimme ins Wort:
»als sich von einem unanseßigen Arzt retten lassen! da thäten Sie, wenn Sie
Herzog wären, sehr wohl daran!«

Alle lachten, der _Baßist_ selbst lachte, auch der _Onkel_, der den bittern
Scherz gern mit einem drohenden Finger bestraft hätte, wenn ihm nicht der
Junge noch zu lieb und zu neu gewesen wäre.

Man stand auf. Die Spieltische wurden vorgerükt; die Pfeifen angezündet;
das Fortepiano geöfnet. Jeder suchte seinen Gesellschafter: alles mischte
sich von neuem durch einander. _Florentin_ unterhielt einige Damen mit
städtischen Moden, und sezte sich zugleich zum L'Hombre nieder; _Bastholm_
und der _Onkel_ spazierten auf und ab; _Friedrike_ spielte ein Lied von
_Reichard_, und der _Fremde_ stand horchend hinter ihr auf den Stuhl
gelehnt. -- Kaum war der lezte Silberton des Gesanges verhallt: so lispelte
der _Unbekannte_ ihr ein: »Sie spielen vortrefflich!« zu. Das gute Mädchen,
das Modell zu einem weiblichen Bilde der Unschuld, erröthete, und
erwiederte sehr naiv das Kompliment. Der _Unbekannte_ bat sie weiter zu
spielen, und das Mädchen konnt' es ihm nicht versagen.

»Er ist ja fremd,« dachte sie bei sich: »und blos, weil er fremd ist, darf
ich ihm nichts abschlagen, warum er mich auch bäte.« Sie spielte; alles
wurde still im Zimmer; die mehrsten, welche in kein L'Hombre verflochten
waren, umringten den _Fremden_ und die Fortepianospielerin. Die Blike des
_Fremden_ ruhten auf des Mädchens Angesicht, und der alte _Onkel_
beantlizte indessen sehr gemächlich den neuen Gast.

»Hören Sie,« sagte der _Greis_, da _Friedrike_ ausruhete: »hören Sie, Sie
müssen mir die Neugier nicht böse deuten: -- darf ich fragen, wie Sie
heißen?«

Der _Fremde_ ward verlegen und stokte.

»Sehen Sie nur, der Himmel hat uns so wunderbar durch den _rothen Mantel_
einander bekannt und verbindlich gemacht, daß es unverzeihlich wäre wenn
ich nicht einmal nach Ihrem Namen fragte. -- Na, ich bitte Sie, wie beißen
Sie?«

»Ludwig Holder.«

»I, Mordhimmeltausend noch einmahl! _Ludwig Holder_? Sie sind doch nicht --
--«

»Ich bins.«

Alles war nun in eben der Minute aufgeflogen und um den _Fremden_ gedrängt.

»Um Gotteswillen!« rief _Florentin_ in eben dem Moment: »laßt mich durch,
er ists! eben der Holder ists, der mir das Leben gerettet hat!« sprachs,
und hing dem erstarrten _Fremdling_ am Halse.

»Der Teufel, was ists denn?« rief die bewußte Basstimme, und kam näher
heran.

Jeder stierte mit Augen der Verwunderung den _Unbekannten_ an -- alle
standen groß und klein in einem Kreise um ihn gedrängt, und man konnte auf
den Lippen eines jeden ein Duzzend bescheiden unterdrükter Fragen lesen.

»Nun was hast Du denn mit Herrn _Holder_ zu schaffen gehabt? -- das Leben,
sagst Du, hat er Dir gerettet?«

»Das hat er:« gab _Florentin_ dem _Onkel_ zur Antwort: »und hören Sie nur,
wie? -- Im Winter vor zwei Jahren lokten mich einige gute Freunde auf das
Eis hinaus, um in ihrer Gesellschaft auf Schlittschuhen den zugefrornen
Fluß hinunter nach einem benachbarten Dorfe zu laufen. Ich schlug es nicht
ab, allein eben dieses gefährliche Vergnügen, welches so mancher Jüngling
schon mit seinem Leben bezahlt hat, kostete auch mir das meinige beinahe.
Als die andern schon ins Dorf gegangen waren, kreuzte ich nur allein noch
auf den Spiegelflächen des Eises umher, bald links bald rechts. -- Mit
einemmahle fühlte ich das Eis unter mir einbrechen, und sah ich von allen
Seiten durch die Spaltungen das Wasser hervorquellen. Ein Schauder überfiel
mich, meine ganze Besinnungskraft war verlassen -- ich sah ängstlich nach
Rettung umher, und gewahrte in der Ferne einen Menschen auf dem Eise, --
ich wollte ihm zuwinken, ihn um Hülfe anrufen, aber ich war schon
untergesunken und in dem Augenblik bewußtlos. Und dieser Holder sah mich
sinken, mit der Gefahr seines Lebens erhielt er das meinige; kaum hatte er
aber dies gethan, als er sich entfernte, dem Dank auszuweichen. Aber izt
dank ich ihm in der Mitte meiner Verwandten, die mich durch ihn,
zurükempfangen.«

Der _Onkel_ sprachlos vor Erstaunen und Freude umarmte den wohlthätigen
_Unbekannten_, jeder folgte ihm darin nach, die Damen lispelten ihm etwas
Verbindliches und Rikchen drükte ihm sogar die Hand.

»Nu, was zu bunt ist, ist doch zu bunt!« rief der alte Graf, nachdem der
erste Taumel vorüber war. »Wir müssen mehr davon plaudern; allons, Stühle
zusammengerükt und die Pfeifen wieder angezündet! -- I, i, in aller Welt,
wie hätt' ich mir das träumen lassen können!«

»Mich wundert's nur,« sagte die ältliche Dame; »daß Sr. Durchlaucht den
Herrn _Holder_, wegen der glüklichen Kur, nicht in den _Adelstand_ zu
erheben geruht haben.«

»Ja wohl,« sprach der Onkel treuherzig: »in den _Grafenstand_ hätt' ich den
wohl erhoben, der mir das Leben gefristet hätte. Das nenn' ich mir doch
Undankbarkeit!«

»Was und wozu Adel- und Grafenstand?« rief _Florentin_ enthusiastisch
dazwischen: »all das Flittergepuz kann doch den Mann von Talenten nicht um
ein Haar größer machen. Ich gäbe meine gräflichen Insignien mit tausend
Dank obendrein hin, wenn ich mir auf solche Art Welt und Nachwelt
verpflichten könnte. _Holder_ fühlt sich gewiß schon darum belohnt, weil
er, und kein andrer, _Holder_ ist. Und was es am Grabe unaussprechlich süß
sein muß wenn man sagen kann: _die Welt ist mir mehr, als ich ihr
schuldig!_ --«

»Wie der Junge nun da schwärmen kann!« fing der _Onkel_ an: »aber trösten
Sie sich, Herr _Holder_, die Welt anjezt ist einmal so undankbar, so arg --
wir machen uns bei der Nachwelt Schande über Schande. Nicht dumm, nicht
eigensinnig war das XVIII. Jahrhundert, werden unsre Nachkommen sagen:
sondern schnurgeradehin toll war's. Wenn ich's so recht bedenke, mein Seel,
so ärgert's mich, daß ich nicht vier, fünf hundert Jahre später lebe --
dann muß es doch alles ganz anders geworden sein. O, die _glükliche
Nachwelt_!«

So schwazte man den Abend hin; bis die Gesellschaft aus einander schied,
und jeder sich in die weichen Arme des Schlafes warf.



Drittes Kapitel.
Der Onkel beweiß't daß er Graf sei.


_Florentin_ schlief seit drei Jahren zum erstenmahle wieder in den
väterlichen Zimmern, wo er die Freuden seiner Jugend empfand, als Kind mit
der Puppe spielte, als Knabe den Nepos las, und als Jüngling hohe
schwindelnde Entwürfe in seinen Träumen realisirte.

Als das Morgenroth durch die zitternden Gardinen seines Fensters spielte,
sprang er auf vom Lager, wikkelte sich in seinen Schlafrok und öfnete den
Flügel eines Fensters.

Wie schön die Natur nun da ausgegossen lag vor seinen Bliken, erquikt durch
das vergangne Gewitter. Eine Sonne emporschwimmend hinter den fernen,
blauen Waldeswipfeln; eine Sonne an jedem bethauten Hälmchen! -- Jeder
Strauch, jeder Baum, jedes Geländer war ein alter Bekannter; jedes Thal,
jeder Hügel, jedes umbüschte Bächlein ein Mitkundiger seiner vergangner
Freuden.

      Nein, denkt er, nirgends scheint doch unsers Herrgotts Sonne,
   So mild, als da, wo sie zuerst mir schien.
   So lachend keine Flur, so frisch kein andres Grün!

      Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen,
   Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand,
   Sei immerhin unscheinbar, unbekannt,
   Mein Herz bleibt ewig doch vor allen dir gewogen,
   Fühlte überall nach dir sich heimlich hingezogen,
   Fühlt selbst im Paradies sich doch aus dir verbann![A]

Jezt schmiegten sich an die rosigen Bilder seiner Kindheit die Szenen von
gestern. _Onkel_, _Rikchen_, und der unbekannte _Holder_! -- Alles alte
Bekannte und alte Lieblinge seines Herzens, und ihm izt noch so neu, so
lieb, als hätt' er gestern erst mit diesen schönen Seelen den Liebesbund
geschlossen. --

Der _Fremde_ ging über ihm schon auf und nieder; _Florentin_ säumte also
keine Minute, zu ihm hinauf zufliegen, und den wärmsten Morgengruß zu
grüßen.

Florentin. Sie sind schon früh auf?

Holder. Nicht sehr früh -- ich habe seit einer halben Stunde aus dem
Fenster gesehen.

Florentin. Nicht wahr, ist es nicht ein schöner Morgen und eine schöne
Landschaft?

Holder. Sie haben recht; besonders wenn die Seele so hell, als dieser
Morgen, und so erquikt und heiter, als diese Landschaft ist. -- Ich empfand
sehr viel, als ich die prächtige Natur so in ihrem Erwachen belauschen
konnte. -- Und dennoch, glaub ich, nahmen meine Empfindungen einen ganz
andern Weg als die Ihrigen; -- ich bin _traurig_ geworden.

[Fußnote A: Der Oberon, neue Aufl. v. 1789, Stanze 21 und 22, Gesang IV.
Seite 75.]

Florentin. Kann Freude die Mutter des Schmerzes sein?

Holder. O wie so leicht, Herr Graf! -- Warum, dacht ich, leben in einer so
schönen Welt so häßliche Seelen? Warum sind doch mit der größten
Vollkommenheit die größten Mängel verbunden! --

Florentin. Eben dies gehört vielleicht mit zur Vollkommenheit -- und sind
diese Mängel Unvollkommenheiten, nun wohl, so dürfen wir hoffen daß sie, so
wie tausend Mängel vor uns, auch noch nach uns ausgemerzt werden. Wir
stehen zwischen Tag und Nacht -- die Nacht ist vergangen, der Morgen graut
schon, und den Genossen des künftigen, spätern Zeitalters ist's vielleicht
aufbehalten den Mittag in vollem Glanze zu sehn. --

Holder. Sie kommen auf die gestrige Idee Ihres gutmüthigen Onkels, da er in
Entzükkung rief: o, die glükliche Nachwelt! -- Es ist eine angenehme
Grille, daß die Bewohner des Erdenrundes sich noch gänzlich ihren
Unvollkommenheiten entreissen könnten, -- dennoch aber bin ich überzeugt,
daß ein Jahrhundert so glüklich und unglüklich, als das andere sein werde,
es sei früh, oder spät in der Weltgeschichte vorhanden! -- Doch ich bitte,
fahren Sie in ihrer schönen Schwärmerei fort Herr Graf!

Florentin. Vielleicht was wir izt Traum, Schwärmerei nennen, daß dieses
einst Wahrheit ist! -- Dann herrschen gute Fürsten über gute Unterthanen,
beide durch einander glüklich gemacht. Die Staaten blühen allesamt,
Gerechtigkeit wird gehandhabt, wie sie es werden soll; Richter lassen sich
dann nicht vom Golde das Auge blenden, wenn es Schuld und Unschuld
erforschen soll. -- Fürsten haschen dann nicht mehr nach dem Flitterglanz
kriegrischer Ehre; Städte, friedsame Dörfer, lachende Saaten zu verheeren,
nennt man Schandthat; wer Länder und Familien unglüklich macht, tausende
hinmorden läßt, um einen Titel oder vergeßne Ansprüche der Vorfahren auf
einen Strich Erde geltend zu machen, der heißt ein _gekrönter Mordbrenner_,
sein Lohn harrt auf ihn in jenen Tagen, welche jenseits des Grabes dämmern.
-- Den Landmann seh ich freudig hinter seinem Pflug hertreiben, ohne daß
Aberglaube über den Nakken desselben die tirannische Geißel schwingt. --
Denk- und Drukfreiheit herrschen, nur von den Schranken gesunder Vernunft
begränzt. -- Kein neidischer Zensor unterdrükt Schriften, die er, besser zu
verfertigen, nicht wagt. -- Der Biedre darbt nicht mehr, weil er bieder
ist; die Unschuld wird nicht gekränkt, weil sie hülflos dasteht, und dem
trauernden Bürger saugen keine Jahrlange Prozesse das Mark aus. -- Der
Edelmann sucht nicht mehr durch die Thaten der Ahnen zu glänzen, sondern
durch sich; schnellt nicht den armen Gläubiger mehr um Hab und Gut, und
glaubt nicht geboren zu sein, in diesem und jenem Leben die bürgerliche
Kanaille zu scheren.[A] -- Niedrigdenkende Pfaffen schleichen nicht mehr im
Dunkeln umher, sich um Beichtkinder und Seelen zu betrügen, denn ihres
Amtes heilige Würde ist ihnen wohlbekannt; über dergleichen Pöbellaster
sind ihre Herzen erhaben. -- Die Psalmen _Klopstoks_ werden vom heiligen
Lehrstuhle gebetet werden; keine tolle Ostergelächter werden fürder das
Gotteshaus entweihen; das Volk wird von der Kanzel und Bühne Religion
hören. -- Wollust, Knabenschänderei und Selbstschwächung werden allgemein
verflucht; und Schamhaftigkeit und Ehre eines Mädchens ist Männern und
Jünglingen heilger und werther, denn die köstlichste Mitgift. --
Leibeigenschaft ist des Staates Fluch; jeder Mensch, auch der ärmste von
allen ist reich, denn sein ist der Gottheit goldnes Geschenk -- _Freiheit!_
geblieben. -- Unbärtige Junker, welche noch oft der Ruthe bedürfen, können
nicht mehr den Stoizismus der sklavischen Soldaten mit der Fuchtel
ermessen; denn _Soldatenstand_ ist nicht _Sklaven-_ sondern _Ehrenstand_.
-- Jünglinge beziehen Akademien und kehren nicht mit Lastern und Seuchen,
sondern mit Weißheit bereichert in das Haus der Eltern heim; erhalten
Aemter dem Staate zu nützen, die nicht auctionis lege den Meistbietenden
verfeilscht werden. -- Gelehrte, welche Sanftmuth und ewigen Frieden
predigen, zanken sich eben so wenig zum Skandal vom ganzen zuschauenden
Publikum über _leere Hülsen_, als Fürsten privilegirte Diebe, durch
Huldigung des Nachdruks, machen! -- O _Holder_! _Holder_! mein Onkel hat
Recht, wenn er ausruft: _glükliche Nachwelt!_

[Fußnote A: Der Sohn eines M***schen von Adel gab seinem Diener einst aus
adlicher Laune eine Ohrfeige. Dieser klagts der gnädigen Frau, und die
andächtige Dame tröstet den Beohrfeigten damit, daß wir dereinst im
Himmelreiche alle einander gleich sein würden. -- Der Diener wars
zufrieden, und als der Junker ihm zum zweitenmale eine erschütternde
Maulschelle spendete, brachte ers sogleich an Mann: »Junker, das soll so
lange nicht währen, im Himmel sind wir uns alle gleich!« -- »Was?« schrie
der Knabe, indem er zum Papa lief: »im Himmel wären wir uns alle gleich?«
-- »_Nein, mein Sohn,_« antwortete derselbe pochend: »_das leidet die
Ritterschaft nicht!_«]

Holder. (ihm froh die Hand drükkend) Sie sind ein vortreflicher junger
Mann, nicht Ihre Schwärmerei, aber das durch diese Schwärmereien
hervorschimmernde gute Herz macht Sie liebenswürdig -- Graf, bei Gott, Sie
verdienen -- ich weis Ihren ganzen Lebenslauf, all Ihre schöne Thaten. --
--

Florentin. (erröthend zurüktretend) Holder! -- schmeicheln Sie mir nicht,
ich bin ein junger Mensch! -- Könnt ich mir durch schöne Thaten etwas
verdienen, so wünscht' ich die Bewohner der Erde über fünf hundert Jahren
noch einmal zu sehn.

Holder. (in glühender Ekstase) Bei dem Ewigen, Heiligen, Verborgnen,
schwör' ichs, -- handle schön, handle schön, junger Mensch, und über fünf
hundert Jahren siehst Du mich wieder in Deutschland! --

Florentin sah bestürzt den Unbekannten an; sah sein glänzendes Auge
hochstarren bei dem fürchterlichen, seltsamen Schwur; sahe seine Lippen
beben, seine ernsten Gesichtszüge sich in himmlische Entzükkung verwandeln
-- und konnte sich nicht erklären, wer dieser _Holder_ sei, ob eine
Gottheit in menschlicher Gestalt, oder ein alltäglicher Enthusiast.

Eine unbekannte Simpathie zog beide aneinander; _Holder_ lag um _Florentin_
und _Florentin_ um _Holder_ -- die sanfte Morgenstille, das auf beider
Antlizzen schwimmende Osten-Roth verfeierlichte die Szene.

Der erste der sich aus dem Taumel der Empfindungen ris, war der Fremde;
denn _fremder_ wurde dieser Mann dem Florentin in jeder Minute; je länger
er ihn betrachtete, je räthselhafter derselbe erschien. Florentin warf sich
auf ein Sofa hin; Holder pakte zusammen und warf sich in seinen Reisehabit.

»Graf, ich habe Dir viel versprochen,« rief er nochmals dem träumenden
Jüngling zu: »aber bei der Wahrheit dessen der da ist und war und sein
wird, ich halte mein feierliches Wort, über Jahrhunderte siehst Du mich in
Deutschland wieder!«

In eben dem Augenblikke wurden sie beide zum Kaffeetische gerufen.

Sie fanden den _Onkel_ schon bei seiner Tasse, indem er das Morgenpfeifchen
mit Behaglichkeit rauchte. Friedrike fast neben ihm, in einem häuslichen
Negligée, welches das schlanke Mädchen noch dreimal schlanker machte. --
Der _Onkel_, der den _Fremden_ in Müzze, Pantoffeln und Schlafrok
erwartete, verwunderte sich mächtig, als er ihn im weißen Ueberrok, dem
runden Hute, gestiefelt und gespornt sah.

»Was Teufel, da fehlte ja wohl nur noch der rothe Mantel, und Sie wären
_reisefertig_! Oho! so haben wir nicht gewettet, Herr _Holder_!«

»Ich will Ihnen nicht länger beschwerlich fallen!«

»Was _beschwerlich_ fallen? Ein Mann, von dem man sogar in _Zeitungen_
schreibt, der kömmt nicht sobald wieder von mir, wenn er einmal in meiner
gräflichen Gewalt ist. -- Na trinken Sie!«

_Holder_ trank. Der _alte Graf_ eiferte fort.

»Mit einem Worte, Sie bleiben bei mir, so lange es mir gefällt, und mir
wirds lange gefallen, Sie mögen nun wollen oder nicht; Sie müssen!«

»Verzeihen Sie, Herr Graf, ich kann --«

Der Alte ließ _Holdern_ nicht ausreden, sondern stand auf, sezte seine
Tasse unausgetrunken nieder, winkte _Florentinen_, und marschirte
stillschweigends mit ihm zur Thür hinaus.

Friedrike. (in einer Weile, nachdem sie bald auf Ihre Tasse, bald auf den
Fremden gesehn.) Warum aber wollen Sie uns denn verlassen, Herr _Holder_?

Holder. (verwirrt) Warum?

Friedrike. (wieder nach einer Pause.) Gefällt es Ihnen bei uns nicht?

Holder. (Rikchens Hand nehmend.) Ach, sowohl! sowohl -- aber (mit
niedergeschlagenen Augen) ob ich auch Ihnen -- Ihnen -- und Ihrem Onkel und
Ihrem Bruder gefalle! --

Friedrike. Je mein Gott -- warum sollten Sie denn nicht?

Holder. (ihr ins Auge blikkend.) Sollt ich wohl, liebes Fräulein!

Friedrike. (von der Seite sehend.) Ganz gewiß!

Holder. Wenn es wahr wäre! wenn es wahr wäre, so wünscht' ich, wohl ewig
hier zu sein!

»Ich glaub es Ihnen leicht!« erwiederte das unschuldige Mädchen, und über
ihr ganzes Gesicht schwamm die liebenswürdigste Röthe.

Mit einemmale hörte man einen fürchterlichen Tumult im Schloshofe; man
rannte durch einander her; die Thore wurden zugemacht; ein ewiges,
verworrnes Fragen und Rufen, und Klirren der Klingen wie Degenklingen,
füllte die Luft.

In eben der Minute trat der _Graf_ mit seinem _Neffen_ sehr ernsthaft
herein; er wandte sich zu _Holdern_ und sprach »jezt will ich Ihnen
beweisen, daß ich ein _Graf_ bin! kommen Sie her ans Fenster und sagen Sie
ob es Ihnen noch gelüstet zu echapiren!«

Sie traten alle ans Fenster -- Knechte, Mägde, Hirten und Bauern standen
bewafnet da, mit verrosteten Hirschfängern, alten Flinten, Sensen, Stangen,
Prügeln und Aexten, und sahn ängstlich bald aufs Schlos, bald auf die
verriegelten Pforten, als befürchteten sie eine förmliche Belagerung. Der
Verwalter lies sich als Kommendant unter ihnen sehn; er hatte in der Eil
den Degen an die rechte Seite geschnallt, und lief in seiner Angst auf und
nieder. Ein alter Bauer fragte ihn, was es zu bedeuten hätte, daß sie hier
stehn müßten? »Je, mein Gott, rief der Kriegesmann, und klapperte mit den
Zähnen vor Bangigkeit: bedenkt nur, ein rother Mantel will zum Thorwege
hinaus!« -- Ein _rother Mantel_? stammelte der ehrliche Bauer: den regiert
ja wohl, Gott sei bei uns, der Kobolt! -- »Das ist eben der Teufel, ich
begreifs selbst nicht!«

Mit Wohlgefallen lächelte der _alte Graf_ auf sein Kriegesvolk hinab, und
ließ dann _Holdern_ ein forschendes _Nun_ hören.

»Herr _Holder_ bleibt -- gern bei uns, Onkelchen!« sprach _Friedrike_ und
schmiegte sich freundlich an den Alten.

»So bald mich nicht fremde Verhältnisse zu einem andern Vorsaz hinzwingen,«
sezte _Holder_ hinzu: »bleib ich, so lange Sie mir erlauben!«

»Nun das war doch ein Wort;« entgegnete der Alte, mit einem herzlichen
Händeschütteln: »so muß man's machen wenn man was erpressen will! --
Allons, ihr tapfern Kriegesleute da unten, macht die Thore auf, und geht in
eure Ställe mit Frieden; der Rothmantel kömmt nicht!«



Viertes Kapitel.
Und -- das ist Liebe! -- -- --


_Holder_ blieb nun. Je länger man seines Umgangs genoß, je interessanter
wurde der Mann, je mehr man ihn kennen lernte, je weniger wußte man sich
aus ihm zu finden.

Er bat sich auf seinem Zimmer Schreibmaterialien aus; er erhielt sie. Mit
frühstem Tagesanbruch saß er schon in Papieren vergraben; zuweilen
arbeitete er in der Nacht; keiner aber erfuhr woran, oder worin! Er schikte
viel Briefe ab; und erhielt noch mehr zurük. -- _Florentin_ fand einst ein
zerrißnes, von seiner Hand beschriebnes Blättchen, aber die Schriftzüge
darinnen waren ihm unbekannt.

Den Tag über unterhielt sich _Holder_ mit dem _alten Grafen_ bald, und bald
mit _Florentin_, oder dessen _Schwester_. Bisweilen durchirrte man Arm in
Arm die Saaten; sah den geschäftigen Landleuten in ihrer Arbeit zu; -- oder
man ging in den Wald, oder auf einen benachbarten Hügel, von welchem sie
oft alle viere der Sonne prächtiges Untersinken anschauten. In trüben,
regnichten Tagen saßen sie in einem Zimmer beisammen; _Florentin_ oder
_Holder_ lasen vor. Die Bücher gehörten meistens in _Friedrikchens_
Bibliothek, die sie von ihrem Bruder während seiner Universitätsjahre
erhalten hatte. --

Bald las man _Wielands Simpathien_; bald schwärmte man in den neblichten,
wilden Thälern der alten Schotten umher, und hörte _Ossians_ Harfe zu
_Fingals_ Thaten tönen; bald war _Kronegk_, bald _Gellert_, bald _Klopstok_
oder _Geßner_ ihrer Unterhaltung Stof.

Nach einigen Wochen mußte sich der junge _Florentin_ von diesem
liebenswürdigen Zirkel trennen, an welchem sein ganzes Herz hing; mußte die
benachbarten Edelleute, entlegen wohnende Tanten und Basen besuchen, welche
ihn nun wieder einmal nach drei Jahren zu sehen wünschten.

Man pakte alles Nothwendige für ihn ein; _Rikchen_ stekte in jedem leeren
Winkel seines Mantelsaks kleine Naschwaaren, von welchen sie wußte, daß
_Florentin_ sie gern hatte; der Onkel beschwerte sein Gedächtniß mit
hundert Grüßen und beiläufigen Bestellungen an Verwandte und Bekannte, und
_Holder_ ermahnte seinen Freund eingedenk jenes schönen Morgens zu sein,
und eingedenk der Worte: »_handle edel!_«

Es war ein dunkler, trüber Morgen, als Florentin von seinen Freunden
schied. Alle standen um ihn her in geheimer Wehmuth; jeder sah den guten
Jungen mit feuchten Augen an -- es war, als schwebte um ihnen eine dumpfe,
verborgne Ahndung. -- _Holder_ konnte sich lange nicht von dem
liebenswerthen Jüngling trennen, »leb wohl! lispelte er ihm, nach einem
Kusse, leise ins Ohr: vielleicht findest du mich nicht mehr, wenn du
zurükkömmst!«

_Florentin_ selber wurde zulezt weichmüthig. Er stieg mit Thränen auf sein
vorgeführtes Pferd, und ritte mit seinem Knecht von hinnen. Noch, da er
schon funfzig Schritt entfernt war, rief er mit gebrochnen Tönen zurük:
»Ihr Lieben, laßt mir _Holdern_ nicht fort -- _ich muß ihn wiederfinden!_«
--

Alle riefen ihm ein lautes _Ja_ nach, und in dem Augenblikke verschwand er
aus ihren Blikken.

Jeder schlich bis in das Innerste bewegt zurük; dem _Onkel_ schmeckte den
ganzen Vormittag das Pfeifchen nicht; Rikchen konnte nicht strikken, nicht
lesen; -- _Holder_ wühlte in den dumpfen Molltönen des Fortepiano's. --

Das Mittagsessen schmekte nicht; mismüthig sezte man sich zum Kaffee
nieder.

»Aber sagt einmal,« hub endlich der _Onkel_ an; »sind wir nicht recht große
Narren, daß wir da kopfhängrisch, jeder in seinem Winkelchen, sizen? Der
Junge kömmt ja in vier, sechs, acht Wochen wieder, und die vergehen bald;
wozu denn nun gemault? -- Was wird nicht endlich _dann_ geklagt, geseufzt,
geeinsiedlert werden, wenn ich ihn auf _Reisen_ schikke? 's mus doch so
sein!«

Die Vorstellungen des _Alten_ gewannen Eingang bei den jungen Leuten; man
suchte sich zu zerstreuen, die Gesichter und Seelen wieder aufzuklären.

»Ich verliere;« fuhr der Onkel fort: »ich verliere bei seiner kurzen
Abwesenheit so wenig, als ihr. Kömmts auf einen seelenvollen Discours an,
je nun, so hab ich einen Mann, von dem die Zeitungen sogar reden. Und will
sich Herr _Holder_ nicht mit einem alten Manne länger unterhalten, so sucht
er _Rikchen_, und du, Rikchen, und du, wirst, denk ich, mit uns beiden auch
wohl zufrieden sein dürfen. Nun also, was verlangt ihr mehr?«

_Holder_ und _Rikchen_ warens zufrieden; sie stimmten völlig dem _Onkel_
bei, und wünschten dem Bruder _Florentin_ eine glükliche Reise.

_Holder_ hatte in der Zeit, welche er auf dem Duurschen Schlosse zugebracht
hatte, das unschuldige, schöne Mädchen genug kennen gelernt, um sie -- zu
lieben, und _Rikchen_ war dem Herrn _Holder_, troz seines immer ernsten
Gesichts, schon in den ersten paar Tagen nicht böse gewesen. Also? -- --

»Ach,« sagte Rikchen in der Dämmrungsstunde des Abends, da ihr Oheim noch,
wie gewöhnlich, auf der Jagd war: »ach, Herr _Holder_, warum hat Sie das
Ohngefähr nicht früher zu uns gebracht! Sie glauben gar nicht, wie mir doch
manchmal die Zeit lang, und alles so leer, so unangenehm geworden ist?«

Und izt nicht mehr, liebes Fräulein?

»Gewiß nicht mehr. Es ist mir, als hätte sich alles, alles hier, seit Ihrer
Ankunft, verwandelt. Jedes Zimmer, jeder Spaziergang, jede Tageszeit ist
mir izt angenehmer. Man sollt es sich nicht vorstellen, wie es möglich
wäre, daß eine neue Gesellschaft auch alle Gegenstände verneuen könnte!«

_Holder_ wurde roth, er laß in dem Herzen des Mädchens; sie aber bemerkte
es nicht, denn es war dunkel.

»Und wie das Ohngefähr so sonderbar spielt! just der rothe Mantel mußte Sie
zu uns bringen.«

Dafür ich dem Ohngefähre nicht genug danken kann.

»Ist das Ihr Ernst?«

Mein vollkommner Ernst.

»Ach, wenn _das_ wäre! aber Sie sagen das gewis nur aus Höflichkeit. Denn
was könnten Sie bei uns Intressantes antreffen, was Sie, ich sage, ein
Herr, wie Sie, nicht allenthalben antreffen sollten?«

O doch, Fräulein, doch manches, was ich nicht allenthalben gefunden habe.

»Zum Beispiel?«

So gute, liebenswürdige Karaktere -- eine solche schöne Freundin, wie --
Sie.

»Wie mich? Sie scheuen; haben Sie noch gar keine Freundin gehabt?«

Gehabt? o ja, _gehabt!_ aber eine Freundin, von der ich wünschte, daß sie
immer die meinige wäre, noch nie!

»Wünschen Sie das auch im _Ernst_?« _Holder_ nahm _Rikchens_ Hand in die
Seine, und drükte sie schüchtern; Sollten Sie zweifeln können?

»Nun gut, so -- so will ichs sein, aber« -- --

Aber?

»Aber ich wünsche auch, daß Sie immer mir -- Freund blieben.«

So wahr ein Gott über uns waltet, ja, ich werd es bleiben! -- -- O Fräulein
-- o Rikchen -- doch werden Sie auch nicht böse, wenn ich Sie so
vertraulich nenne?

»Wer über solchen _Namen_ böse wird, ist gewis noch nicht gut gewesen.«

Sie lieben -- lieben mich also? ist es gewis?

Rikchen erschrak bei dem Worte lieben. Ihr _Onkel_ hatte ihr oft gesagt;
Rikchen, liebe keine Mannsperson, ohne mein Vorwissen, oder du machst dich
unglüklich. Freundin kannst du jedem, nur nicht jedem Geliebte sein! Dabei
malte der alte Mann ihr das Ding _Liebe_ mit so fürchterlichen Farben vor,
daß das unschuldige Mädchen mit Hand und Mund gelobte, nie die Sünde der
Liebe zu begehen.

»Lieben?« stammelte sie _Holdern_, und wollte das Händchen zurükziehn, und
konnt es nicht.

»Und -- das ist _Liebe_?« -- -- --

Verzeihen Sie, Fräulein, ich habe Sie beleidigt, mit ahndet es -- verzeihen
Sie mirs! sagte _Holder_, ließ ihre Hand selber loß, stand auf, und wollte
fortgehen.

Rikchen lief hinter ihm her, faßte ihn mit beiden Armen um, ihn
festzuhalten, und freilich, solche Banden waren zu fest für ihn, als daß er
sich so leicht hätte loßreissen können.

»Was wollen Sie denn? Sie haben mich ja nie beleidigt, aber wenn Sie von
mit gehn, so« -- --

Ich bleibe.

»Und sind doch nicht böse?« sagte sie in langsamer, bittendem Tone, indeß
sie ihn noch immer in der Umarmung festhielt.

Nicht böse! -- gab er zur Antwort und sank an ihren Hals. Sein Herz pochte
in süßer Angst; seine Hände zitterten, welche das Heiligthum umfaßten;
seine ganze Seele war Gefühl der Liebe. Seine Stirn ruhte auf ihrer Achsel,
und ihr Mund war seiner Wange zu nahe, um nicht einen leisen Kuß auf
dieselbe drükken zu sollen.

_Holder_ fühlte auf seiner Wange die Lippen des Mädchens; er bog sich
zurük, begegnete ihrem Munde -- die Dämmrung des Abende, die Stille der
Einsamkeit machten ihn kühn -- er küßte, wurde wieder geküßt, und seine
Seeligkeit begränzte die Seeligkeit der Engel.

Unter den tausend unglüklichen Schiksalen welche das menschliche Leben
verherben, weiß ich keines das _traurigste_ von allen zu nennen, aber von
den hundert frohen Loosen, welche wir aus der Urne des Fatums ziehen, ist
das schönste das _Loos der Liebe_, die Anzahl der Leiden ist groß, aber die
geringere Anzahl unsrer Freuden überwiegt dennoch jene am _innern_ Gewicht!



Fünftes Kapitel.
Ein langes Gesicht.


_Holder_ und _Rikchen_ hörten des _Onkels_ Stimme. Hurtig flogen sie
auseinander und dem Alten entgegen; der so eben ins Zimmer hereintrat.

»Und noch so im Dunkeln? _Rikchen_, kommandire Licht!«

Der _Onkel_ sprachs, _Riekchen_ hüpfte zur Thür hinaus, und _Holder_ half
dem _Grafen_ beim Ausziehen.

»Es darf Ihnen nicht gereuen, _Holderchen_, daß Sie heut zu Hause blieben;
hab' mein Seel nichts, als eine wilde Ente geschossen!«

Ich bedaure Sie.

»Ja, sehen Sie, Freundchen, das mus sich ein Jägersmann, wie ich, nun schon
gefallen lassen. Nun, Sie haben doch keine Langeweile gehabt?«

Im geringsten nicht, Herr Graf.

»Nun, ich denke auch. Wovon haben Sie mit dem Mädel geschwazt? darf ichs
wissen?«

_Holder_ war verlegen. Ich habe, sagte er; wir sprachen von -- von, wie
soll ichs nun gleich nennen, von -- von -- -- einer ziemlich
philosophischen Materie.

»Philosophischen Materie? Poz Bliz, weiß denn Rikchen da mitzuplaudern? 's
ist ja nur ein Mädchen! -- doch nicht etwan davon, worüber wir uns gestern
beim Kaffee stritten, und da ich Recht behielt, von den Menschen im Monde?«

Ich bitte um Verzeihung, der Stof war ganz neu.

»Je, was Sie sagen! nun und der war?« --

Eine Hypothese, von der Sie sich, Herr Graf, und kein Philosoph, so lange
es Philosophen gegeben hat, etwas träumen ließ. --

_Holder_ suchte hierdurch Zeit zu gewinnen, sich auf etwas zu besinnen, und
des _Grafen_ Neugier wurde immer mehr gespannt. --

»Nun so sagen Sie doch!«

Ich behauptete, daß unser Erdenball und wir lebendige Geschöpfe auf
demselben, nicht sowohl um _unsrer selbst_ willen von der Gottheit
geschaffen waren, sondern daß wir vielleicht _höherer Wesen_ willen
vorhanden sein könnten!

»Wie war das? was? warten Sie, ich muß das noch einmal durchdenken. -- Aber
warum denn für höhere Wesen?«

Daß dergleichen höhere Geschöpfe vorhanden sind, ist so gewiß, als unsre
Unsterblichkeit -- das heißt, sie sind _höchst wahrscheinlich_. Daß diese
Wesen edlere Freuden geniessen, und nicht wie wir, an bloße Sinnlichkeit
gebunden sein müssen, folgt schon uns dem Begriff _höherer Wesen_; es ist
also leicht möglich daß wir ihnen das sind, was uns unsre Schauspieler
sind. Wir lernen von den selben Moral und gute Sitten, _sie_ von uns höhere
Einsichten in die Natur der Welt, der Gottheit, des Geisterreichs, _wie_
sie dies lernen, ist uns bei unsern kleinlichen, armseeligen Ideen eben so
unbekannt, als manchem lüderlichen Komödianten, daß man durch das
Schauspiel ein besserer Mensch werden könne.

»Wir wären also für andre geschaffen? wir nicht unsrer selbst wegen?«

Sollt' es nicht möglich sein?

»Das wäre mir aber sehr ungelegen.«

Und wenn es das ist, was wollen wir machen? wir sind ja zu schwach; wir
können uns ja so wenig wider den Schöpfer unsers Daseins auflehnen, als der
Wurm im Staube wider uns sich empören kann, wenn wir Laune haben, ihn zu
zertreten. -- Und warum lies uns Gott jene Gegenden jenseits des Grabes
dunkel? weil wir auf solche Art derselben gar nicht bedürften. --

»Das wäre aber, mein Seel, schreklich!«

Freilich wenn wir positive Gewisheit davon hätten; aber so müssen wirs uns,
nach dem Willen des grösten Wesens, gefallen lassen, im dunkeln zu
schwanken, und die Hofnung zu unsrer Trösterin zu nehmen.

»Aber könnt' ich nicht murren, könnt' ich nicht sagen? Warum schufst Du
mich zur Glükseeligkeit andrer Wesen, o Gott, warum machtest Du mich nicht
auch zu einem von ihnen? Du bist nicht der Allgütige! könnt' ich so nicht
sprechen?«

Nein, Herr Graf, weil Ihnen doch immer die Gewisheit fehlt, weil Sie sich
doch von Ihrer Fantasie eine andre Hofnung geben lassen, und Ihre Klagen
Ihnen über dies eben so wenig nützen würden, als dem Bauer, dem Bettler,
welcher beweint, daß er nicht König geworden. Die Weisheit Gottes hat es so
angeordnet, daß wir, auch wenn sich die Sache, wie oben gesagt, verhielte,
doch zufrieden mit unsrer Lage sein können, so wie der Vogel in der Luft
mit der seinigen.

Ein Bedienter brachte izt Licht; _Friederikchen_ tanzte hinter ihm, ging
zum _Onkel_ und zerstörte durch ein Duzzend Fragen beinahe die ganze
Aufmerksamkeit und Gegenminirung des gräflichen Philosophen, hätte dieser
nicht gleich bei der ersten Silbe seine Hand auf ihren Mund gelegt.

»Rikchen wir sprechen izt von den ernsthaftesten Dingen, zu welchen
Nachdenken erfodert wird -- also, sei ein Weilchen still, und stopf' mir
indeß eine Pfeife -- Sie aber, reden Sie doch weiter.«

Das Fräulein stopfte den Meerschaumkopf und schielte nach _Holdern_;
_Holder_ sammelte neue Gedanken und der _Onkel_ starrte sinnend vor sich
hin.

In dieser Hypothese, fuhr _Holder_ fort, lassen sich die philosophischen
Systeme vieler alten und neuern Selbstdenker vereinigen. Einige läugnen,
zum Beispiel, die _Freiheit unsers Willens_, und wie sichs von so großen
Männern nicht anders vermuthen läßt, nicht ohne Gründe. Nur auf die
wichtige Frage, _zu welchem Ende sind wir Marionetten?_ wußten sie wenig
oder gar nichts zu antworten. Allein obige Muthmassung, daß wir nicht für
uns existiren, lößt alles auf.

»Wahrhaftig, da haben Sie wieder Recht!«

Andre verwerfen die _Unsterblichkeit_ der Seele. Man sezt ihnen wichtige
Argumente entgegen, aber sie wehren sich durch; nur auf die Frage; wo
bleibt beim Mangel der Unsterblichkeit _Plan der Schöpfung, Weisheit
Gottes_, höchste _Vollkommenheit_? verstummen die Herren gewöhnlich. Nimmt
man aber meine Hypothese an, so ist, auch wenn unsre Seelen sterblich sind,
dennoch Plan in der Schöpfung --

»Hören Sie, _Holderchen_, vor izt sollen Sie Recht haben, aber nach dem
Essen nicht mehr, dann werde ich wider Sie und Ihre Hypothese streiten,
darnach richten Sie sich ein.«

Der _Onkel_ zündete die Pfeife an und Rikchen trippelte näher.

»Aber,« hub der Graf von neuem an: »wie haben Sie sich denn über solchen
kritischen Gegenstand mit Rikchen unterhalten können?«

Holder. Wir sprachen nur eine kurze Zeit darüber.

Onkel. Kannst Du denn so was begreifen, Mädchen?

Rikchen. Wovon _Sie_ sprachen nicht ein Wort; wovon aber _wir_, (sie zeigte
auf Holdern) sprachen, ja. Wenn _Sie_ sonst von der Liebe redeten,
Onkelchen, da verstand ich nichts, aber -- --

Onkel. (nimmt die Pfeife vom Munde) Was? _Liebe?_

Holder. (hustet)

Rikchen. Aber mit Herr _Holdern_ läßt sich darüber viel deutlicher
sprechen.

Holder. (hustet stärker.)

Onkel. Nun, sag mir nur, was soll denn das?

Rikchen. (sich anschmeichelnd) Sie -- sind doch nicht böse? Sie lieben ihn
ja auch, und ich bin auch -- auch -- --

Onkel. (legt die Pfeife hin) Was denn?

Rikchen. (ihr Gesicht an des Onkels Brust verbergend.) Verliebt.

Des _Grafen_ Gesicht verlängerte sich bei diesem Worte; mit ofnem Munde und
gefaltnen herabhangenden Händen stand er da und konnte keine Silbe
hervorbringen. _Rikchen_ blieb in ihrer vorigen Attitüde, und _Holder_
zupfte an seinen Manschettenspizzen.

»Du bist verliebt?« brachte endlich der Graf nach einer minutenlangen
Stille hervor; er war in der grösten Verlegenheit mehr zu sagen, denn auf
einer Seite schäzte er _Holdern_ zu sehr, als daß er ihn vor den Kopf
stoßen sollte, ob er gleich _Holdern_ nicht in seine adliche Familie
heurathen lassen wollte, auf der andern Seite befürchtete er bei seiner
Pflegetochter alle Autorität für die Zukunft zu verlieren, wenn er zu einer
Sache schwiege, die er ihr so oft verboten hatte. Er sah bald das Mädchen,
bald den jungen Mann an und beschlos vors erste klüglich seine Verlegenheit
auf die andern beiden zu wälzen: »Nun, Herr _Holder_.

Die Sache betrift Sie ebenfalls, und Sie schweigen?«

Holder. Gnädiger Herr, wenn mich das Fräulein liebt, dafür kann ich nicht,
und Sie verzeihen es mir, daß ich gegen _Friederikchens_ Reiz nicht
unempfindlich bleiben konnte. Nur eins bleibt mir übrig, wenn mich diese
That in ihren Augen verhaßt macht, Sie und Ihre Niece zu verlassen. Ich
fühle es, daß es mir traurige Tage und traurige Jahre machen wird, aber ich
fühle es auch, daß ich Mannes genug bin, endlich zu überwinden.

Rikchen. (schwermüthig zum Grafen heraufblikkend.) Und Sie wollten ihn von
uns lassen?

Onkel. Aber mein Gott -- --

Holder. Ich darf hier nicht Einrede wagen, ich darf auch nicht bitten. --
Sie entscheiden und Ihrem Befehl muß ich mich untergeben.

Onkel. (in großer Verlegenheit) Aber was soll denn mit dem Lieben am Ende
werden?

Rikchen. Gar nichts, gar nichts, verlassen Sie sich darauf.

Onkel. Ich kanns doch nicht machen, wie Onkels in der Komödie. -- --

Rikchen. Wie machens denn die?

Onkel. Euch die Hände in einanderlegen und sagen: der Himmel segne eure
Liebe, seid glüklich und damit holla.

Rikchen. Je, warum denn nicht?

Holder. (ernsthafter) Ich verstehe Sie.

Man ging zum Abendessen. Der _Graf_ schwieg über Tische. _Holder_
ebenfalls. _Rikchen_ fragte verschiednes und erhielt keine Antwort. Zulezt
standen sie auf; das gute Mädchen sezte sich in einen Winkel und weinte,
_Holder_ entfernte sich in sein Zimmer, und der _Onkel_, der seinen
Liebling nicht weinen sehen konnte, ging frühzeitig schlafen.



Sechstes Kapitel.
Der Onkel in der Komödie.


Wie die lieben Leutchen nach diesem Auftritte geschlafen haben mögen,
können sich die Leser leicht vorstellen. Der gutherzige _Alte_ kalkulirte
die halbe Nacht hindurch, entwarf hundert Pläne, und verwarf sie wieder,
und konnte keinen festen Entschlus fassen.

Um ein Uhr in der Nacht hörte er drei Pistolenschüsse fallen. Sie geschahen
oberwärts in _Holders_ Zimmer; man wars von ihm schon seit einigenmalen
gewohnt, und er gab vor, daß er das Echo bemerken, oder nach Vögeln
schiessen wollte. Der _Onkel_ lies sich nicht stören und schlief ein.

Das arme _Rikchen_ wagte auch beim Frühstük folgenden Morgens nicht viel zu
sagen; der Graf blies nachdenkend seinen Kanasterdampf von sich und lies
oft seine Tasse kalt werden. _Holder_ war noch nicht erschienen.

Mit einemmale hörte man Pferde in den Schloshof hereinsprengen. »Wenns doch
_Florentin_ wäre!« rief der Alte, und stand auf; »wenn ers doch wäre!«
sagte das Fräulein lebhaft, und flog und ris das Fenster auf.

Der Graf. (eilig) Ist ers?

Rikchen. (traurig.) Ein Knecht mit zwei Reitpferden. (Pause) Ach, Gott!
_Onkelchen_, er fragt nach _Holdern_! --

Der Graf. (bestürzt) Nach _Holdern_?

Rikchen. (mit Thränen im Auge) _Holder_ will fort!

Holder. (der zur Thür völlig angezogen hereintritt) Ja, das will ich, muß
ich. -- Guten Morgen, Herr _Graf_, guten Morgen, gnädiges _Fräulein_! (küßt
ihr die Hand.)

Der Graf. (bewegt) Herr _Holder_ -- --

Holder. Herr _Graf_, dürft' ich Ihnen für Ihre bisherige Freundschaft und
meine gütige Bewirthung hundert Thaler anbieten, _einigermaaßen_ wieder zu
vergelten, so thät' ichs. Allein Sie schlagen es aus, und ich darf nur mit
Worten danken. Es thut mit weh -- o sehr weh -- --

Rikchen. Herr _Holder_, lieber Onkel, hat geweint, seine Augen sind roth --
--

Holder. Mag ihnen beiden dies ein Beweiß sein, wie lieb mir dieser
Aufenthalt gewesen, wie ungern ich ihn verlasse. Ich habe in Ihrer
Gesellschaft seelige Stunden gehabt, wer weiß, ob ich sie jemals schöner
geniessen werde, denn ich war, wie in einem väterlichen Hause; all meine
Wünsche starben, all meine Hofnungen gab ich auf, meine weit hinaus
gehenden Entwürfe ließ ich vergessen, um ganz Ihnen zu leben, oder vielmehr
in Ihren Armen meines Lebens froh zu sein. Izt hört dies alles auf, und ich
schränke mein ganzes Glük nur darauf ein, daß Sie mich nicht vergessen
mögen.

Rikchen. (weinend seine Hand nehmend) Wir Sie vergessen?

Der Graf. (immer mehr gerührt) Hätt' ichs doch nimmer erfahren daß Ihr Euch
geliebt hättet, -- vielleicht -- wärs besser gewesen.

Rikchen. _Onkelchen_, ja, Sie haben Recht, izt seh ichs; Liebe macht
unglüklich, o _sehr unglüklich_! könnt es nur dießmal, dies _einzige mal_
gut gemacht werden, ich wollte auch _nie_ wieder lieben.

Holder. Trösten Sie sich, gnädiges _Fräulein_, ein Jahr -- und ich bin
vergessen.

Rikchen. Ein _Jahr_? ach, in dem Jahre weint' ich mich tod. Freilich würd'
ich Sie dann vergessen müssen, denn im Tode, sagt man, hören all unsre
Freuden und Leiden auf.

Holder. (küßt ihr die Hand, indem er seine Augen abtroknet) Und nun,
Fräulein -- --

Rikchen. (reißt sich los von ihm und wirft sich dem Grafen um den Hals) O,
bester, lieber Onkel, lassen Sie _Holdern_ nicht, oder ich sterbe -- --
haben meine Bitten je bei Ihnen etwas vermogt, haben Sie je meine Thränen
gerührt: so hören Sie mich izt, so -- so erbarmen Sie sich Ihren
_Rikchens_!

Der Graf. (wehmüthig stammelnd) Kind, laß mich doch --

Rikchen. Nein, nein, Ihr _Rikchen_ wird nie ruhig werden, wird sich unter
die Erde grämen, wenn es izt verstossen ist. Sie werden mich nicht lange
mehr haben, gewis nicht lange! -- O _Holder_, einziger, liebster _Holder_,
bitten Sie doch!

Holder. Ich halt' es nicht aus! (schließt sie in seine Arme und küßt sie)
Himmlischen Mädchen, lebe wohl! -- noch einmal lebe recht wohl!

Rikchen. Wollen Sie _dennoch_? Sie _selber_? --

Holder. O Gott!

Rikchen. Sie _selber_? ach, Sie haben mich nicht lieb gehabt -- können mich
nie geliebt haben!

Holder. (mit Schmerz-gebrochener Stimme) Fräulein, Sie sehen nicht in mein
Herz, aber Gott sieht es! -- Herr _Graf_, leben auch noch _Sie_ wohl! (will
ihn umarmen.)

Der Graf. (indem er Holders Hände drükt, und ihn mit nassen Augen
anstarrt.) _Holder_, _Holder_: was machen Sie? warum wollen Sie von uns?
Wer hat Sie beleidigt? that ichs, that ichs, thats mein gestriges Schweigen
so bitt ich um Verzeihung. Sehen Sie, die Sache war zu unerwartet, und da
ists doch wohl einem alten Mann, der für das Wohl seines Lieblings sorgt,
leicht zu übersehen, wenn er die Begebenheit recht überlegte.

Holder. Allein, sollten Sie izt, durch des _Fräuleins_ Thränen bis zur
Schwachheit gerührt etwas einwilligen, was Sie bei kälterm Blute -- --

Der Graf. Nicht Schwachheit, nicht Uebertäubung! nein, Sie sind mir zu lieb
geworden, als daß ich Sie von mir lassen könnte. Ihr Karakter ist mir
unverholen, darum befürcht' ich von Ihrer Liebe zu _Friedriken_ nichts. Und
Sie wissen ja selber, wie nothwendig Sie mir geworden sind; wollen Sie also
nicht, daß sich das arme Mädchen krank harmet, wollen sie nicht, daß ich
alter Mann mir ewige Vorwürfe machen, mir selber mein Restchen Leben
verbittern soll, so bleiben Sie.

Rikchen. Null, lieber _Holder_? nun?

Der Graf. Da, nehmen Sie das Mädchen hin, nehmen Sie sie hin, ich will denn
nun einmal der Onkel in der Komödie sein, aber bleiben Sie.

Holder. (umarmt und küßt den Grafen) Wohl, es sei; ich widerstehe nicht.

So lößte, sich der Auftritt in allgemeine Freude auf; _Holder_ bestellte
den Reitknecht ab; _Rikchen_ sprang umher und küßte dem frohen Alten Hand
und Mund; man sezte sich wieder zum Frühstük und fühlte nun ganz, wie sehr
man an einander gekettet sei.

Was wären unsre Freuden, wo kein Harm ihren Werth erhöhte? Ein Edelgestein
ohne Folie, ermüdendes Einerlei!



Siebentes Kapitel.
Ein Adelsbrief -- ein Rittergut -- Verlobung
und -- --


In der Nachbarschaft des Grafen von Duur lag ein ansehnliches Rittergut, zu
welchem das Dorf _Sorbenburg_ und eine vortreffliche Jagd gehörten. Der
Besizzer des Gutes war schon seit etlichen Jahren gestorben; die Erben
hatten seit eben so langer Zeit diesen Landsiz verpachtet und zulezt zum
Verkauf ausgeboten.

Unser _Onkel_ machte Spekulation darauf, aber er fand es immer zu theuer.

»Herr Graf,« sagte _Holder_ an einem Tage zu ihm; »wenn _Sorbenburg_ mein
wär, und ich hielt um _Rikchens_ Hand an, würde sie mir abgeschlagen
werden?«

Der Alte schmollte und sagte: »Mein Seel, wäre _Sorbenburg_ Ihnen, so trüg
ich Ihnen meine Niece selber an.«

»Ein Mann, ein Mann, ein Wort, ein Wort!« erwiederte _Holder_; nun mus ich
meine Baarschaft einmal nachzählen!

Jezt arbeitete Holder ämsiger auf seinem Zimmer, als je. Täglich versandte
und bekam er Briefe, und weder der _Graf_ noch _Rikchen_ erfuhren wohin,
warum und mit wem er so stark korrespondirte. Zuweilen war _Holder_ sehr
schwermüthig; weder die Naivetäten des _Fräuleins_ noch die Laune des Alten
waren vermögend ihm ein Lächeln abzugewinnen, in sich verschlossen saß er
dann da, theillos an den Gesprächen und Scherzen der übrigen, und grübelte.
Fragte man ihn deswegen, so erhielt man jedesmal zur Antwort: mein Glük und
mein Unglück fließt aus einer Quelle, die ich niemanden offenbaren kann.

Indessen diese Launen, oder wie man es nennen soll, waren selten, der
größte Theil der Tage verfloß im Duurschen Schlosse heiter. _Florentin_
wäre gern Theilnehmer derselben gewesen, allein zum Unglük, oder soll man
es Glück nennen? wurde er so schnell nach der Residenz berufen, um dort dem
_Herzog_ vorgestellt zu werden, daß er nicht einmal einige Tage Zeit hatte,
nach Hause zu reisen.

Dieser _Herzog_ war erst seit einem Monate an der Regierung; es war eben
derjenige Prinz, welchen _Holder_ vom Tode gerettet, hatte, ein Herr von
sieben und zwanzig Jahren. _Florentin_ gefiel ihm, und er gab ihm den
Karakter eines Kammerherrn. _Florentin_ meldete seiner Familie dies
unerwartete Glük; der _Onkel_ jauchzte, sah seinen Neveu schon als ersten
Minister am Herzoglichen Throne, _Rikchen_ hüpfte, küßte bald den _Onkel_,
bald den lieben _Holder_ -- alles war Freude.

Der _Graf_ stellte nach seiner Art ein kleines Fest an; der benachbarte
Adel wurde dazu eingeladen, und ein halbes hundert Burgunder- Champagner-
und Ungerflaschen waren bestimmt an dem feierlichen Tage auf _Florentins_
Wohlsein geleert zu werden.

Auch _Holdern_ war der Tag merkwürdig, denn der Fürst hatte sich seiner
erinnert, und ihn aus Dankbarkeit in den Adelstand erhoben, nebst
Verleihung des Gutes _Sorbenburg_. _Holder_ war bestürzt, der _Onkel_ noch
mehr. _Rikchen_, aber glaubte izt ihn weniger rükhaltend lieben zu dürfen,
und überließ sich deßwegen ganz dem süßen Glükke.

»Nun halt' ich Wort,« sagte der _Onkel_ im Zirkel der ganzen Gesellschaft:
»Nun halt' ich Wort, und gebe dem Herrn von _Sorbenburg_ die Gräfin von
Duur zur Gemahlin!« -- --

_Rikchen_ stand hocherröthend, neben ihrem Geliebten, in jungfräulicher
Schaamhaftigkeit. Sie hörte die Worte, hörte sie gern und senkte den
liebeschwimmenden Blick zu Boden. _Holder_ dankte dem Grafen, _Rikchen_
küßte ihm die Hand, die Gesellschaft der übrigen Herrn und Damen stattete
ihre Glükwünsche ab.

Ich mahle die einzelnen Scenen dieses wonniglichen Festes nicht, ich sage
nur dies, daß es eines der frölichsten in der Duurschen Familie war, daß
jeder erst spät in der Nacht von Wein und Freude berauscht zu Bette ging,
und daß am folgenden Tage -- ach! _Holder_ verschwunden war.

Man hatte um die Morgendämmrung die gewöhnlichen Pistolenschüsse wieder
gehört, sodann einigen Tumult auf _Holders_ Zimmer, aber nicht weiter
darauf geachtet. Er war und blieb verschwunden; vergebens streifte man zu
Fuß und Pferde durch die ganze Gegend, man fand keine Spur von ihm. Sein
Zimmer war von innen verriegelt; ein Fenster nach dem Felde zu stand offen;
alles lag auf der Stube verwildert durch einander geworfen, an der Erde,
auf Stühlen und Tischen; einen Zettel fand man auf welchem die flüchtig
geschriebnen Worte standen: »_Leben Sie wohl, ich komme wieder!_«

Man wartete ein halbes Jahr auf ihn, und er sollte noch wiederkommen. -- --



Zweiter Abschnitt.



Erstes Kapitel.
Auch Prinzessinnen haben Herzen.


Die Schwester des Herzog _Adolf_, an dessen Hofe sich _Florentin von Duur_
befand, war ein schön gebautes, reizendes Frauenzimmer. Neunzehn Frühlinge
blühten kaum auf ihren Wangen; sie war feurigen, schwärmerischen
Temperaments; liebte gern und sah sich gern wieder geliebt und angebetet.
--

_Florentin_ war kaum am Hofe erschienen, als seine vorzügliche empfehlende
Gestalt die Damen aufmerksamer machte. Prinzessin _Louise_, so hieß des
Herzogs Schwester, sah ihn zum erstenmale auf einem Balle, welchen ihr
Bruder gab; der _Herzog_ unterhielt sich oft mit ihm, dies war genug ihm
allenthalben Kredit zu gewinnen, -- auch bei der _Prinzessin_. Durch ein
beabsichtetes Ohngefähr kam sie ihm näher; sie fächelte sich mit einem
seidnen Tuche, lies ihn von ohngefähr fallen, der _junge Graf_ hob ihn auf,
überreichte ihn, und der _Herzog_ nahm Gelegenheit der _Prinzessin_ seinen
_Kammerherrn_ vorzustellen.

_Louise_ erlaubte dem _Grafen_ einen Handkus, und sie war so gnädig, doch
nur wie durch ein Ohngefähr, _Florentins_ Fingerspizzen zu drükken.
_Florentin_ empfand die Allgewalt dieser schönen Ohngefährs; eine liebliche
Röthe ergos sich über sein Gesicht; er blikte der _Prinzessin_ schüchtern
in die Augen, und _sie_ entfernte sich, ohne aber der Röthe des jungen
Mannes, und des Blikkes zu vergessen.

Man ist am Hofe nicht immer so glüklich, als im bürgerlichen Leben, wo man
seinen Mann zu sehen öftere Gelegenheiten findet. Die _Prinzessin_ fühlte
diesen Mangel nur zu sehr, und ihn einigermaaßen zu vergüten, erlaubte sie
ihrer Fantasie jede verliebte Ausschweifung.

Kein Wunder also, wenn der schöne _Florentin_ ihr zuweilen in Träumen vor
die Augen trat, sie da ihres fürstlichen Ranges vergaß, einen blühenden
Jüngling an ihren liebevollen Busen drükte, und eine Wollust ahndete,
welche kein Traum ihr gewähren konnte.

»Nicht wahr, liebe Auguste,« sagte sie an einem Morgen zum _Fräulein von
Gülden_, ihrer Kammerdame und Favorite: »nicht wahr, du hast auch schon
geliebt?«

Frl. v. Gülden. (sanft erröthend) Ich geliebt?

Louise. Warum nicht? -- du unschuldige Seele wirst ja so roth? Gewiß du
hast auch schon geliebt!

Frl. v. Gülden. Ich bitte um Verzeihung, noch nicht!

Louise. Hi, hi, hi! noch nicht? o, Kind, man erräth, daß du noch nicht
lange am Hofe gewesen bist, denn du weißt dich herzlich schlecht zu
verstellen.

Frl. v. Gülden. Warum sollt ich mich verstellen? gegen _Sie_ verstellen?

Louise. Da thust du Recht, liebes Mädchen. Allein offenherzig, hast du --
-- oder -- oder du liebst vielleicht izt.

Frl. v. Gülden. Eben so wenig. (wendet sich weg)

Louise. So? nun da wirst du mir freilich eine schlechte Rathgeberin sein.

Frl. v. Gülden. Ich bitte -- vielleicht --

Louise. Nun, auf dein _vielleicht_ will ich es wagen; also zur Sache. Ich
liebe, und zwar so heftig, als ich noch nie geliebt habe.

Frl. v. Gülden. (lächelnd) haben Sie also schon -- --

Louise. O schon so oft geliebt, daß ich meine Eroberungen und Amouretten
nicht mehr zählen kann. Ich bin doch wenigstens achtzehn Jahr alt, und --
wie mir mein Spiegel sagt, auch nicht häßlich, folglich. -- -- Doch sag
mir, Kindchen, räthst du mir diesmal zu?

Frl. v. Gülden. Zu lieben? warum nicht? denn unglüklich, ungeliebt werden
Sie nicht sein, und ich kenne kaum eine angenehmere Stimmung der Seele; als
eine solches -- Ich hatte vor Jahr und Tag einen jungen Freund, -- Freund,
nicht _Geliebten_ -- es war eine herrliche Seele, gut, unbefangen und
zärtlich. Der liebenswürdige _Gustaf_ war vierzehn Jahr alt; die Knospe der
Jünglingsschönheit brach izt schon auf bei ihm; ich sahe ihn gern und der
Knabe mich; ihm war nur wohl, wenn er mich sahe, meine Hand drükken durfte.
O, Prinzessin, ich gewann ihn lieb, und kann ihn noch izt nicht vergessen.

Louise. Erzähle doch weiter; ich lasse mir gern von Liebe und Liebenden
vorplaudern.

Frl. v. Gülden. Jene Zeit war die glüklichste meines Lebens, ob ich gleich
Stunden hatte, wo er mir fehlte, wo ich traurig umher wandelte, wohl gar
heimlich weinte. Aber eine solche Thräne, die damals von mir verweint
wurde, gewährte mir mehr Wollust, als die rauschende Freude eines Balls.
Wenn ich in stillen Sommerabenden unter den Linden lag, vor dem
Landschlosse meinen Vaters, und der schlanke _Gustaf_ allein neben mir sas
und mit meinen Schleifen tändelte, oder mit meiner Hand, wie mirs da so
wohl war! dann schlang ich wohl meine Arme um seinen Leib, drükte ihn
heftig an mich und küßte seine blühenden Wangen -- oft glaubte ich mich in
diesen Küssen satt zu schwelgen, aber meine Sehnsucht forderte noch immer
und war nie gestillt.

Louise. Und das nennst Du _Freundschaft_, _Augusta_? dann mögt' ich doch in
aller Welt wissen, was Du _Liebe_ nenntest?

Frl. v. Gülden. Ich habe schon gesagt, _Gustaf_ war erst vierzehn Jahr alt,
-- zu jung um zu lieben und Gegenstand der Liebe zu sein. Und nennen Sie es
immerhin Liebe; so wars die unschuldigste, reinste, die man je gekannt bat.
Ich liebte _Gustafen_, bewunderte den schönen Knaben, und hegte zugleich
eine gewisse Ehrfurcht vor ihm, die sich nicht beschreiben läßt. -- Einst
saß er am Abhang eines Hügels neben mir, beim Sonnenuntergange. Er sprach
viel Angenehmes, ich schwieg, aber meine Gedanken antworteten ihm. Ich
wollte mich einmal böse stellen, und wußte nicht warum? vielleicht daß ich
ihn gern schmeicheln sehn wollte. Die gute Seele ließ sich täuschen, er
glaubte daß ich auf ihn zürne, und sah betrübt vor sich nieder. Nach einem
langen Schweigen, da ich schon meine Verstellung zu bereuen anfing, sah er
endlich zu mir auf -- eine Thräne schwamm in seinem Auge, die untergehende
Sonne in ihr -- sein Antliz glänzte in der Abendröthe, -- es war eine
_Verklärung_. »Du bist böse, Auguste?« fragte er mit der Stimme einen
Engels und ich schauerte froh und beklommen zusammen: »bin nicht böse!« gab
ich zur Antwort, aber wagte es nicht ihn zu küssen. Ich schien mir eine
Sünderin neben einem Geliebten Gottes.

Louise. (lächelnd) Du Schwärmerin!

Frl. v. Gülden. Bald darauf wurde _Gustaf_ krank, sehr krank. Ich saß an
seinem Lager und sah ihn verwelken. -- O, Prinzessin, er war noch immer
schön; selbst als er so blaß da lag, und sein Blik nur matt an dem Meinen
hing. Aber es jammerte mich -- ich weinte viel, sehr viel, nur an seinem
Bette lächelte ich. -- Er küßte mich einst, und in dem Kusse entfloh sein
Geist --

Louise. Arme Auguste!

Frl. v. Gülden. Lieben Sie nur, Prinzessin, es ist süß zu lieben.

Louise. Ich selber bin deinen _Gustaf_ gut geworden, wenn er doch noch
lebte!

Frl. v. Gülden. (zeigt mit dem Finger gen Himmel) O, ja, erlebt noch!

Louise. Und seit der Zeit hast du nie wieder geliebt?

Frl. v. Gülden. So nie.

Louise. Auch an unserm Hofe findest du deinen _Gustaf_ nicht ersezt?

Frl. v. Gülden. _Gustafen_ nicht.

Louise. Du bist vielleicht zu sehr für das Bild eines Geliebten
enthusiasmirt, der nur noch in Deiner Einbildungskraft lebt; überdem hab
ich mir sagen lassen, daß man den Werth verlorener Schäzze mit jedem
Gedanken an sie versteigre. Doch las es sein. Was hältst Du vom Grafen
Duur?

Frl. v. Gülden. (die Prinzessin anstarrend) Vom Grafen _Duur_? --

Louise. Nicht wahr, ein Meisterstük männlicher Schönheit? er hat mich
bezaubert.

Frl. v. Gülden. Sie geruhen zu scherzen.

Louise. _Scherzen?_ wie so? findest Du ihn nicht schön?

Frl. v. Gülden. Könnten Sie ihn lieben?

Louise. Warum nicht? _Können?_ sonderbar, ich bin ja ein Mädchen, liebe
_Auguste_, wie Du? Dich entzükte Dein vierzehnjähriger _Gustaf_ und mir
sollte der Graf nicht gefallen? --

Frl. v. Gülden. Eine Fürstin aus herzoglichem Geblüt und ein Graf!
Prinzessin, bedenken Sie wohl! -- Lieben _können_, ja, da hab' ich unrecht
gefragt, aber lieben _dürfen -- dürfen_!

Louise. Ich verstehe Dich; allein Du mußt wissen, daß der Graf nicht mein
Gemahl, sondern mein Geliebter werden soll. Da man mein Herz nicht befrägt,
wenn meine Hand dem Staatsinteresse aufgeopfert wird; warum sollte mein
Herz fragen, wenn es sich zu verschenken Lust fühlt! Und das Herz sieht
nicht auf den Rang, sondern mißt seine Hochachtung nach der innern und
äußern Schöne den Gegners.

Frl. v. Gülden. Freilich wohl.

Louise. Mein einstiger Gemahl wird nie so blödsinnig sein können _Liebe_
von mir zu verlangen, wenn ich sie nicht geben kann, so wenig als ich sie
in gleicher Lage von ihm fodern würde. Wir sind deswegen aber nicht
verpflichtet den Freuden der Liebe zu entsagen. -- -- Nun, _Auguste_,
findest Du den Grafen liebenswürdig?

Frl. v. Gülden. (ernsthaft) O, sehr.

Louise. Und Du wirst mir doch zu einigen Entrevüen tapfer beistehn.

Frl. v. Gülden. Sie befehlen.

Louise. Das so trokken hingesprochen?

Frl. v. Gülden. Haben Sie denn auch schon Beweise von des Grafen
Gegenliebe?

Louise. (ihrem Spiegel zulächelnd) Und wenn auch noch nicht.

Frl. v. Gülden. Ich halt' es doch aber für nothwendig.

Louise. I nun, wärst Du mit einem schüchternen, verworrenen, unendlich viel
sagenden Blik des schönen Mannes zufrieden?

Frl. v. Gülden. Wie sollt' ich nicht?

Louise. Oder mit einem Erröthen desselben, wenn er Dir die Hand küßte?

Frl. v. Gülden. (unruhig) Erröthete er wirklich?

Louise. Nun ja.



Zweites Kapitel.
-- -- Und wen? -- --


_Florentin_, von einer _Prinzessin_ geliebt, von einem _Fürsten_ geachtet
und hervorgezogen, befand sich am Hofe, wie man leicht erräth, vollkommen
zufrieden. Man kannte ihn allgemein als den Favorit des neuen _Herzogs_,
und eben deßwegen liebkosete ihn der Neid selber.

Aber ach! seine Freude war nicht ungetrübt, denn aus einem Briefe seines
guten _Onkels_ erfuhr er _Holders_ Verschwinden, und die vorhergehenden
Szenen der Liebe, Verlobung, des neuen Adels und Rittergutes. _Holder_ war
ihm zu lieb; er konnte nie jenes Morgens vergessen, da derselbe den
sonderbaren Eid schwur; er wünschte ihn izt, als Zeugen seines Glükkes und
nun war er verloren. Daß _Holder_ ein ausgemachter Sonderling war, blieb
_Florentinen_ nicht unverholen, aber jezt schien ihm das Spiel doch etwas
zu weit getrieben, oder es mußten schlechterdings geheime, wichtige
Ursachen den Mann zwingen sich aus den Armen eines _Mädchens_, das er nach
seiner Aussage über alles liebte, aus den Armen des _alten Grafen_, der ihn
seinen Sohn nannte zu reissen.

Am meisten war das arme _Rikchen_ zu bedauern, welche sich über den Verlust
ihres _Holders_ wenig trösten lies. Sie verbarg umsonst ihrem _Oheim_ die
Thränen, welche sie weinte; denn die verschwindende Rosenfarb' ihrer
Wangen, die halberstikten Seufzer, die rothgeriebenen Augen, das seltne,
melancholische Lächeln, das einsame Umherwandeln sagten ihm genug, und er
litt doppelt, um den Gram seines _Rikchens_ und um den Verlust seines
_einzigen Freundes_.

Er suchte Zerstreuung und fand sie selten; auf der Jagd fehlte ihm der
sonstige, angenehme Begleiter, in frohen Gesellschaften sein liebster
Gegner. Dazu kam es, daß die Geschichte allgemein bekannt geworden war, und
die alten und jungen Damen und Herrn in ihren Konversationen oft sehr übel
darüber meditirten.

_Florentin_ suchte durch seine Briefe tropfenweis Linderung auf diese Wunde
zu giessen, aber umsonst; sie verharschte schwer und blutete leicht wieder
auf. _Rikchens_ Briefe an ihren Bruder waren rührend; noch nie hatte die
leidende Liebe naiver geklagt, zärtlicher getrauert.

»Wie gern mögt ich sterben, sagte sie, und mich trösten lassen vom Tode!
aber dann würde unser _Oheim_ ganz verlassen sein, ohne seinen _Holder_,
ohne sein _Rikchen_! Er soll sich nicht grämen; ich will leben und weinen,
ach Gott, wer weiß es, wie lange noch! O _Florentin_, hätte ich nie geliebt
und des Onkels Gebot befolgt -- aber was konnt ich thun um _Holdern_ nicht
zu lieben? -- Es war ja unmöglich, und die Unmöglichkeit selber war mir
angenehm, ist mirs noch izt, da ich dies unter Thränen schreibe. Aber weist
Du was mich beruhigte -- Unser Prediger sagte neulich, daß Gott die Liebe
selber wäre; wenn nun der alte Mann nicht Unrecht hätte, denn das mus er
doch wohl aus der Erfahrung wissen: so wird Gott mir meinen _Holder_
wiedergeben! -- _Holder_ mir wieder! _Holder_! o _Florentin_, ich mus in
den Garten hinausfliegen und mich erst müde freuen, eher ich Dir weiter
schreiben kann.«

So schwärmte das gute _Mädchen_ immerfort, und der _alte Graf_ mit ihr.
Nach Wochen und Monden konnte _Rikchen_ nicht mehr weinen; der heftige
Schmerz verwandelte sich in eine süße Schwermuth, und diese umnebelte mit
ihrem Schleier die Bilder der Vorzeit. Alle Leiden.

      -- All die namenlosen Wonnen
   Sie waren izt in der Erinnrung Traum zerronnen,
   Und -- -- -- dieser noch ist schön;
   Denn ihm verschwistert sich die traute Hofnung gerne,
   Sie läßt dem Trauernden in öder Ferne
   Der bessern Zukunft Paradise sehn.

Der alte Graf und seine Nichte lebten izt wieder das ehmahlige, einfache
Landleben, wie es vor _Florentins_ Ankunft und _Holders_ Bekanntschaft war.
Außerdem daß _Florentin_ sie unterweilen einmahl besuchte, waren ihrer
Freuden wenig, so wie ihrer Leiden.

Nur _Florentins_ Leben war nicht mehr das stille, friedsame; hineingezogen
in die große Welt, suchte er sich nun an alle ihre Sonderbarkeiten zu
fügen; Von einem _Herzoge_ Liebling, wagte ers seine ehmahligen,
schmeichelhaften Ideale in Wirklichkeit zu sezzen. Er wünschte sich völlig
gleich bleiben zu können; er sann darauf nicht _sich_ höfisch gros zu
machen, sondern große _Thaten_ zu thun, denn an Gelegenheiten zu erhabnen
Dingen ist die Zeit niemals arm. Vor allen Dingen bemühte er sich die Gnade
seines Fürsten mehr zu verdienen, sich demselben immer unentbehrlicher zu
machen. Es geschah. _Der Herzog_ kettete sich täglich fester an den Grafen;
Beide sah man stets beisammen; sie betrachteten sich zulezt nicht mehr, als
Obrigkeit und Unterthan, sondern, als Freunde und Brüder.

Seliges Volk, dessen Fürst nicht an den Launen einer _Pampadour_ gefesselt
ist, welche mit einem wollüstigen Blik die ganze Tugend eines Landesvaters
verzehren, mit einem erkünstelten Seufzer den biedern Verdienstvollen um
Hab und Gut und zum Kerker bringen, durch eine buhlerische Thräne ein
ganzes Land entgütern kann!

Der _Herzog_ liebte alles, was von _Florentin_ gethan wurde; er nahm in
vielen Stükken dessen Prinzipe an und er fand sich dabei und sein Volk
glüklich. -- Bis izt kannte dieser Fürst den Werth deutscher Schriftsteller
nur wenig, der Graf lehrte ihn denselben schätzen; in kurzer Zeit besas er
eine geschmakvolle Bibliothek der vorzüglichsten deutschen Werke; sowohl
Statistiker, Philosophen, als Dichter, wurden seine Lektüre. Aber nicht
jene alltägliche Lektüre, welche die Langeweile einger Stunden vertreiben
soll, war die des Prinzen, sondern die, sich durch gute Schriften gut zu
bilden, sich aufzuklären, und denken und handeln zu lernen. Das Land
empfand die wohlthätigen Folgen, welche nothwendig daraus entspringen
müssen, und segnete seinen Vater.

Unterdessen der edle _Graf_ so seine Stunden für das Wohl des Ganzen
widmete; unterdessen er von tausend Zungen vergöttert wurde, nagte ein
geheimer Wurm an seinem Herzen, welchen er nur zu wohl kannte, aber um
seines Glükkes willen nie verrathen dürfte.

Er liebte -- und wen? -- --



Drittes Kapitel.
Der arme Florentin!


Der alte herzogliche Geheimerathspräsident _von Hello_, ein Mann von
namenlosem Stolze, und eben so großer Bigotterie, kam aus einer Seßion, als
ihm unterwegs ein Gedanke beifiel, welcher seine nähere Aufmerksamkeit zu
verdienen schien; und dieser betraf nichts geringers; als daß er den Grafen
zu seinem Schwiegersohne erwählen wollte.

_Agathe_, sein Fräulein Tochter, hatte oft des _Grafen_ sehr wohlwollend
erwähnt, bald seinen angenehmen Wuchs, bald seinen männlich-schönen Teint
gelobt, da sie übrigens sehr ungern etwas gutes und liebenswürdiges außer
ihrer kleinen, etwas misgewachsnen Person zu finden glaubte.

Sie war das einzige Kind des _Präsidenten_, und hatte übrigens alle
Lebensmaximen desselben geerbt, mit welchen sie eine halbvertuschte
Coquetterie verband; der Vater liebte sie daher mit Affenliebe, ihre
Gebrechen verwandelten sich in seinem schonenden Auge zu Schönheiten, die
Summe aller Tugenden seiner Ahnen und Ahninnen glänzten ihm von seiner
Tochter wieder entgegen.

»Du scheinst mir, sagte er lächelnd, Du scheinst mir den Grafen von Duur
nicht zu hassen, Agathchen?«

Agathe. Wie fallen Sie auf _den_?

Präsident. Heut zum erstenmahl zog ich seine Person genauer in Betrachtung.

Agathe. Und?

Präsident. Ich fand einen feinen, gesitteten Mann, der da Ehre zu geben
weis, dem Ehre gebührt.

Agathe. Ein geringes Verdienst, wahrhaftig!

Präsident. Er benuzte meine Laune und unterhielt sich mit mir über eine
halbe Stunde.

Agathe. Viel, sehr viel von einem herzoglichen -- Mignon!

Präsident. Unter andern fragt' er mich um Dein Befinden.

Agathe. Ergebne Dienerin!

Präsident. Nun sag mir, Agathe, sag mir, was urtheilst Du von diesem
Kavalier?

Agathe. Daß er -- daß er -- sehr artig ist -- daß er zu leben weis.

Präsident. Blutwenig; allein er ist von sehr altem, unvermischten Adel.

Agathe. Zählt er über die _Hello's_ hinaus?

Präsident. Ueber unsre Ahnenzahl? Bestes Agathchen, Du bist unterweilen
mehr beissend, als wizzig! ha, ha, ha! über die Hello's hinaus! ha, ha, ha!
-- Doch, beiseite dies; er gefällt mir; und _Dir_ --?

Agathe. (den Kopf zurükwerfend) Hm, ein andres ist es den Herrn, ein andres
den _Damen_ gefallen; -- indessen -- wie Sie wollen; nun ja, er mag mir
gefallen.

Präsident. So? -- nun, was hältst Du von -- ich rede offenherzig zu Dir --
war hältst Du von einer Mariage zwischen -- --

Agathe. (sinkt aufschreiend in einen nahestehenden Sessel.) Mon Dieu! --
ein Riechstäbchen!

Präsident. (geht kaltblütig und summend das Zimmer auf und nieder.)

Agathe. (halbe Ohnmacht affektirend.) O, Himmel! -- nehmen Sie -- mir
alles, nur meine -- Freiheit nicht -- nur den elenden -- Grafen nicht zu
meinem Gemahl! --

Präsident. (lächelnd.) Wer dringt Dir denn den Graf auf? Der Graf, sagte
ich, wird sich mit einer unsrer Verwandtinnen, dem Fräulein _Aldenau_
vermählen.

Agathe. (erschrokken. Doch Heiterkeit heuchelnd.) Mit -- mit dem Fräulein
_Aldenau_? -- Ist das sicher?

Präsident. So, daß ich nicht daran zweifle.

Agathe. Es ist unmöglich, sag ich Ihnen.

Präsident. Wie so?

Agathe. Eine _Aldenau_? -- Graf _Duur_ _eine Aldenau_ wählen? wahrhaftig
ich hätte seiner Delikatesse mehr getraut; und überdem --

Präsident. Ueberdem? --

Agathe. Kenne ich den Graf zu wohl; auf der lezten Redoute, als er mich von
einer Angloise zurükführte, lies er einige vielsagende Worte fallen. Die --

Präsident. Nun?

Agathe. Von seinem edeln Geschmak zeugten. -- Er wich selten von meiner
Seite; sprach viel Süßes -- und -- --

Präsident. (lächelnd.) _Agathchen_, gefällt Dir der Herr _von Duur_?

Agathe. Ist Ihre Nachricht von der _Aldenau_ gegründet?

Präsident. Völlig gegründet.

Agathe. Unerhört! sollte man je die Möglichkeit eines so pöbelhaften
Einfalls träumen können? o, erlauben Sie, ich mus auf mein Zimmer; mir wird
es -- ich befinde mich nicht ganz wohl.

Präsident. Wir haben heut Gesellschaft; man wird Dich doch sehen?

Agathe. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Präsident. Der Graf selber wird uns die Visite machen.

Agathe. O weh, desto schlimmer! erlauben Sie, daß ich mich in die
Einsamkeit retirire; ich will Aesops Fabel vom Fuchs und dem leeren
Statüenkopf lesen.

Präsident. Und (schlau lächelnd.) Die Geschichte mit dem Fräulein von
_Aldenau_ ist so gut, als ein Märchen.

Agathe. (mit plözlich aufgeklärter Miene.) Wie, sagen Sie, _wie_? ein
_Märchen_? -- (kalt und stolz.) Doch seis auch, was intereßirts mich?

Präsident. Schade, Schade, daß Dir nicht wohl ist!

Agathe. Ich hoffe, es wird vorübergehn.

Präsident. Nein, nein, liebes _Agathchen_, hab wohl auf Dich Acht; opfre
Deine zarte Gesundheit nicht um der Gesellschaft willen auf!

Agathe. (schmeichelhaft) Nicht doch, Papachen, es würde ja manchen
beleidigen, wenn ich in der Gesellschaft fehlte; erlauben Sie mirs nur; --
ich erscheine.

Präsident. He, he, he, he! und wer ist denn der _Manche_? he, he, he! wer
ist denn der _manche_?

Der _alte Präsident_ wollte wizzig, und _Agathchen_ gern roth werden, aber
Beiden gelang es nicht.

Es wurde Abend; die Karossen rollten herbei; der _Graf_ kam; _Agathchen_
ermangelte nicht anwesend zu sein. _Der Präsident_ sprach hin und wieder;
_Florentin_ horchte, verstand es nicht und lächelte. _Agathchen_ warf eben
so oft in süßer, jungfräulicher Schaam den Fächer vor die Augen und
_Florentin_ verstand mehr; und scherzte wie in einem Scherze. Der _alte
Minister_ nannte den _Grafen_ zuweilen _Söhnchen_; _Florentinen_ ging ein
Licht auf und er -- rieb sich die Stirn.



Viertes Kapitel.
Einige Damen werden behorcht.


Ich habe einen berühmten Pädagogen gekannt, dessen Schriften über das
Erziehungswesen mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden, dessen eigne
Kinder aber Taugenichtse waren.

Einer unsrer größten Schriftsteller über die Oekonomie und Landwirthschaft
wußte selber so wenig wirthlich zu leben, daß er bankerotirte.

Es ist also ein sehr alltäglicher Fall, daß große Leute in ihrem Hause
selber öfters die kleinsten sind, und daß sie von ihrer häußlichen
Unordnung auf das abstrahiren, war _besser_ sein _könnte_. Eben so ging's
auch dem in vieler Hinsicht sehr einsichtsvollen Staatsmann,
_Geheimerathspräsidenten v. Hello_. Er, der oft mit so vieler Schlauheit
fremden Höfen das wahre Interesse seines Fürsten zu verbergen wußte, beging
den großen Fehler seinen Freunden zu verrathen, daß der _Graf v. Duur_
Absichten auf das liebenswürdige Fräulein _Agathe_ geäussert habe,
wenigstens zu äussern schiene, und daß Fräulein _Agathe_ so wenig, als _Sr.
Excellenz_, diesen Absichten entgegen zu arbeiten, geneigt wären.

Am folgenden Tage war die Residenz von dieser Novelle voll.

»Der schöne Graf die _Agathe v. Hello_?« hiess es in bürgerlichen und
adlichen Gesellschaften; -- der »_Graf_ die _Agathe v. Hello_? Die beiden
Extreme der Natur, Schönheit und Häßlichkeit verknüpfen sich mit einander?«
dachten die verheuratheteten und unverheuratheten jungen Damen bei sich in
der Stille, und sagten es zum Theil auch wohl laut. »Er opfert seine
Delikatesse der Politik auf!« gaben einige weltkluge Herrn sehr weislich
an. »Vielleicht schließt der _Graf_ diese Heurath aus Liebe zum Kontrast!«
wizzelten einige Wizjäger.

Das _Fräulein v. Gülden_ erfuhr diese Nachricht, ging in ihr Kabinet und --
weinte.

»Ich habe geliebt, sagte sie vor sich, ich habe geliebt, und werde nie
wieder lieben! o, was ein Mädchen unglüklich ist, welches seine Liebe nie
verrathen darf! Er hat mich kaum bemerkt, seit er am Hofe ist; und wie
konnt er das, er der von allen Vergötterte? hat mich kaum bemerkt, und ich
habe ihn so sehr geliebt! -- Ja, ich habe ihn geliebt, liebe ihn noch; und
wäre _Agathe v. Hello_ zehnfach reicher denn _Auguste v. Gülden_, und wäre
_Agathe v. Hello_ die Tochter einen Kaisers, sie könnte ihn nicht heftiger,
als ich, lieben. -- Aller Weiber Blikke buhlten um den seinen, nur der
_meinige nie_, und, ach, ihre Coquetterie trägt den Sieg davon! --
Vielleicht wär ich glüklich gewesen, hätt ich ihn mehr aufgesucht, und alle
die Reize aufgespannt, welche _Agathe_ aus ihren Romanen kennen gelernt
haben mag. -- Ein schmachtender, oder ein wollustbietender und
wollustverlangender Blik wirkt mehr auf Männerherzen, als das schaamvolle
zu Boden gesenkte Auge. -- Unseelige Erfahrung, die mich zu spät weise
macht!« -- --

»Doch nein, ich bin zufrieden in meinem Unglük; ich verachte den Sieg, wozu
die Sünde Waffen bietet. (sie zieht ein Miniaturgemälde aus dem Busen,
sieht es mit nassen Augen an und drükt einen Kus darauf.) _Gustaf_,
seeliger _Gustaf_, sei _Du_; bleib _Du_ mein Geliebter! -- wie sehr diese
Züge den Zügen des _Grafen_ gleichen! -- Eben diese Harmonie ist die Quelle
meines Leidens. Zürne nicht, lieber schöner _Gustaf_; _Duur_ konnte dich
nicht aus meinem Herzen verdrängen, aber wohl hätte ich dich allein nur in
ihm geliebt. -- Du bist mein, und dieses Bildniß soll mich ewig begleiten.
-- Lieg' ich einst im Sterbebette, seh ich die Träume dieses Lebens gemach
verschwinden, fühl ich mein Auge brechen, dann will ich das Heiligthum noch
einmal betrachten, und es mit sterbenden Lippen küssen!« --

So schwärmte das Mädchen noch ein Weilchen hin, nahm dann ein Buch und las.
-- In eben dem Augenblikke trat die _Prinzessin Louise_ zur Thür herein;
das _Fräulein_ legte das Buch zur Seite, und ging ihrer Gebieterin
entgegen.

Pr. Louise. Ich störe doch nicht, _Auguste_?

Frl. v. Gülden. Wie könnten _Sie stören_?

Pr. Louise. Du hast ja geweint, liebes Mädchen? -- warum so schwermüthig?
sehnst du Dich fort von hier nach den Landgegenden um deines Vaters
Schlosse? oder bist du beleidigt worden? sprich doch!

Frl. v. Gülden. (die Thränen weglächelnd) Keines von allen. Ich habe
gelesen.

Pr. Louise. So? ist denn das Buch so herzbrechend? -- laß doch etwas daraus
hören, ich mögte auch wohl einmal weinen.

Frl. v. Gülden. Sie werden sich -- --

Pr. Louise. Nichts; nichts! ich will mich hieher sezzen am Fenster und du
sollst mir etwas vorlesen. -- Es kömmt darin doch auch von _Liebe_ vor.

Frl. v. Gülden. (mit angenommenem scherzhaften Tone) Allerdings, was könnte
sonst interessiren.

Pr. Louise. Ich denke auch. Also -- --

Frl. v. Gülden. (lesend) »Es war einmal eine Zeit, wo ich sehr glüklich
war; es war einmal eine Zeit, wo mir alle Menschen Heilige, diese Welt ein
himmlisches Gefilde, dieses Leben ein schöner Morgentraum schien! -- Es ist
süß, sich noch an vergangnen, glüklichen Tagen zu weiden, seelige Szenen in
das treue Gedächtniß heimzurufen. O, kommt zurük ihr heiligen Stunden
meiner Kindheit und umgaukelt meine kranke Seele mit euern bunten Farben!
lebt auf ihr frohen Augenblikke, die ich an den Ufern eines Baches
verträumte, und ihr verwelkten Jasminlauben blüht auf, die ich einst für
mich und den Geliebten hinpflanzte! -- Ihr seid verwelkt; ich welke mit
euch hin. Dieses Leben ist mir noch eine einsame Zelle, worin ich vergangne
Freuden beweinen muß.«

»Du trauerst, mein Liebling, und seufzest aus der Ferne zu mir herüber? --
Kettengeklirr wekt Dich aus dem mitternächtlichen Schlummer? -- O, am Tage
des großen Weltgerichts wird Deine Unschuld ohne Schleier offenbar werden;
schöne Stunden blühen für uns in einer bessern Welt! Harre bis dahin und
dulde; hier verweinte Thränen werden dereinst Rosen in Deinem Kranze. --
Lächle, lächle! mag die furchtbarste Stunde Dir erscheinen, sie wird Dich
nicht schaudern machen; denn Unschuld wandelt ja heiter über sinkende
Welten; die schwarze Gefahr geht liebkosend ihr vorüber; in schauerlichen
Mitternächten ist sie sich selber ein leuchtendes Gestirn!« -- --

Pr. Louise. (gähnend) Höre auf, höre auf, wenn Du mich wachend haben
willst. -- Mein Gott wohin denken denn unsre heutigen Büchermacher; ist es
doch, als kämen sie alle aus dem Bildervollen Morgenlande gewandert. Willst
Du lesen, Auguste, so komm zu mir; ich gebe Dir die _Gedichte im Geschmak
des Grecourt_. Weißt Du nichts Neues?

Frl. v. Gülden. Wenig, und vielleicht etwas unangenehmes für Sie.

Pr. Louise. (sinnend) Unangenehm? doch nichts vom Grafen _Duur_?

Frl. v. Gülden. Eben von ihm.

Pr. Louise. (ängstlicher) Nun was ists?

Frl. v. Gülden. Daß er -- erklärter Bräutigam -- des Fräuleins von _Hello_
ist.

Pr. Louise. (ausgelassen lachend) Ha, ha, ha! wer band Dir das Märchen auf?

Frl. v. Gülden. Ich bitte um Verzeihung, kein Märchen.

Pr. Louise. Wahrheit? -- lustig, liebes Mädchen, so ist es noch besser!

Frl. v. Gülden. (erstaunend) Wenn ich fragen darf, wie so?

Pr. Louise. Du, Sonderbare, wie könnte der Graf die ekelhafte Puppe lieben?
Heurathen wird er sie, doch ohne Liebe; diese bleibt mir übrig! -- Freue
Dich!

Frl. v. Gülden. Sie sind Ihres Sieges so gewis über ihn?

Pr. Louise. Du fragst sehr beleidigend?

Frl. v. Gülden. (seufzend) Verzeihen Sie?

Pr. Louise. Warum seufzest Du? -- meinst Du vielleicht daß ich zürne? nicht
doch, wie könnt ich das? komm, küsse mich!

Frl. v. Gülden. (sie küssend) O, Prinzessin!



Fünftes Kapitel.
Das Strumpfband.


Es war an einem schönen Sommerabend, als die ganze herzogliche Familie in
dem Schlosgarten offne Tafel hielt. Unter den anwesenden Hofleuten befand
sich, wie man leicht erwartet, auch der Graf _v. Duur_, und das _Fräulein
von Gülden_ mit ihrer Gebieterin.

Der _Graf_ war ungemein heiter; eine liebliche Ahndung umschwebte ihn; er
wandelte bald einsam unter den hohen, finstergewölbten Linden, durch welche
das Licht der Abendröthe zitterte, bald nekte er die Damen.

Es wurde später; die hohe Gesellschaft entfernte sich, der Herzog sowohl,
als seine Frau Mutter, und der Schwarm von Räthen, Kammerherrn, und
Hofdamen. Nur _Florentin_ blieb, und wußte nicht warum? er fühlte sich
seeliger, als je, und wußte nicht warum? -- --

Sinnend ging er durch die Alleen, an den Kanälen umher, unter den duftenden
Orangerien; oder er bestieg die Terrassen, verweilte bei den Fontainen,
oder besuchte das Chor der im Mondglanz schimmernden Marmorstatuen. Und
überall, wo er ging, wo er stand, umschwebte seine Seele ein süsser Name,
ein süsses Bild, welches beides er um kein Fürstenthum gern verloren hätte.
-- Er liebte, liebte vielleicht glüklich; die ernste Vernunft wagte es
freilich wider diese Empfindung zu streiten, aber blieb gegen ihren Zauber
zu schwach.

_Florentin_ liebte die schöne Schwester seines Herzogs, die Prinzeßin
_Louise_.

»Wehe Dir, Florentin!« rief oft sein _Genius_ ihm ins Ohr: »Deine Liebe
wird schreklich enden. Warum schwindelst Du vermessen über Stand und Würden
hinweg? Wie manches Mädchen, gleich schön, wie _Louise_, und ganz zur Liebe
gebaut, wie sie, Dir im Range gleich, öfnet ihre Arme Dir entgegen? --
Warum wählst Du von allen Wegen den Gefahrvollsten? -- Dein Herabsturz wird
eben so schreklich sein, als Dein Emporsteigen dir izt schmeichelhaft ist!«

_Florentin_ hörte die Stimme des warnenden Geniusses; aber der dazwischen
tönende Name _Louisens_ füllte Ohr und Seele und lies für alles übrige
keinen Raum. Jedes im Abendwinde zitternde Laub schien ihn zu lispeln;
jeder Strahl des Mondes ihn auf die rinnende Welle mit Goldschrift zu
mahlen; jedes Blumenbeet absichtlich in einem _L._ die schönsten Blumen
blühen zu lassen.

Nein, nein, es ist nicht die Willkühr des Menschen in der Liebe, sondern
die Hand des Verhängnisses, welche gewaltsam die Fäden unsers Schiksals
zerreisst und an einander knüpft, und Seelen Seelen entgegenführt. Wer kann
dem Fatum widerstehen, und besonders wenn dasselbe uns in so weiche Fesseln
schlingt! -- -- Spreche doch keiner vom freien Willen; wer ist wohl frei in
der Wahl eines zu liebenden Gegenstandes und frei, wenn er liebt, der
süssen Leidenschaft zu entsagen?

_Florentin_, Dein schwarzer Dämon ruft Dir das Wehe! zu, ich spreche: Heil
Dir, der Du izt in angenehme Träumerein verstrikt, die ganze Seeligkeit des
Lebens fühlst, und in banger Wollust Freuden ahndest, welche die Freuden
des Himmels begränzen. -- Deinen trüben Stunden kannst Du doch nicht
entrinnen!

Es war neun Uhr vorüber, und der Abend viel zu schön, als daß die rasche,
feurige _Louise_ sich schon in ihr Kabinet hätte einkerkern sollen.
Ueberdies erfuhr sie durch ein Ohngefähr, daß der _Graf von Duur_ im
Schlosgarten geblieben sei, wo man ihn noch vor einer Viertelstunde gesehen
haben wollte. Dieser Zufall hatte mächtigern Reiz, als alle übrige
Lokkungen des schwülen Sommerabends. Einsam war sie; der Flügel des
Palasts, den sie bewohnte, sties an den Garten, -- nichts war hier also ein
Hindernis um ungestört dahin fliegen zu können; und eine sonst unbescholtne
Person _ihres_ Ranges ist über niedrigen Verdacht erhaben.

In einem leichten Nachtgewande, eine Enveloppe um sich geworfen, ging sie
hinaus;

      Und wie ein Paradies, in rätselhafter Helle,
   Lag ihren Blikken izt der Garten ausgespannt;
   Ein süsser, wonnesamer Blütenregen
   Schlug ihr im Zug der Abendluft entgegen.

      Rings säuselts feierlich. Der Bäume schwarzes Grün
   Lies sich auf Zefyrs Schwingen wiegen;
   Von keinem Fus berührt, krümme sich in schönen Zügen
   Der breite, sandge Pfad durch Hekken von Jasmin.
   Von ferne murmelte, mit Golde überflogen,
   Der prächtigen Fontainen halber Bogen,
   Und in der Luft zerflos ein süsser Hall
   Der einsam flötenden Nachtigall.

Schüchtern wie die Unschuld, wenn sie auf unbekannten, verrufnen Pfaden
gehen mus, und eben so sorglos, als sie, trat die _Prinzessin_ in dies
angenehme Revier hinein, indem sie sich nach allen Seiten umblikte, den
_Geliebten_ zu entdekken. Bald wandelte sie im hellen Mondenschein, bald
entwich sie in den Schatten der Orangerien und Hekken, je nachdem ein oder
der andre Gedanke sie lenkte. Bald wünschte sie von ihm erblikt zu werden;
es ist die sicherste Probe, dachte sie bei sich, wenn er dann durch
Winkelzüge, oder grade Wege sich Dir nähert, ob Du Eindruk auf ihn gemacht
hast. Weicht er aus, so -- -- doch nein, das kann er nicht! Aber wenn er es
thäte? still, halt Dich verborgen, und lausche umher, bis er sich zeigt;
dann spiele Dich ihm von ohngefähr in den Weg, daß er unmöglich entkommen
kann. -- Allein wird er nicht argwöhnen, daß -- Du ihn aufgesucht habest?
wird er nicht daraus schliessen, daß Du ihn liebest? -- Pfui! doch mag ers
immerhin, mag er dich verstehen, wenn er nur Gleiches mit Gleichem
erwiedert! --

Indem sie so hin und her schwankte und bald durchs Dunkle und bald durchs
Helle schlich, störte sie mit einemmahle ein sehr geringfügiger Umstand in
ihren verliebten Betrachtungen -- ein _Strumpfband_.

Dieses unbedeutende Stükchen in der Damenkleidung, welches schon so manche
wichtige Rolle gespielt hat, und sogar schon Gelegenheit zu einem bekannten
englischen Orden gab, wurde _Louisens_ schönem Kniee treulos, löste sich
mit jedem ihrer kleinen Schritte mehr auf, machte auch den seidnen Strumpf
von seinem Dienste abspenstig, so daß beide ganz unbemerkt, und sanft, als
möglich, über die niedlichste Wade hinabschlüpften, bis zum Knöchel hin.

Das _liebeathmende Mädchen_ ahndete diese kleine Verrätherei so wenig, daß
sie eben so unbefangen, als je, forttrabte. Allein ein buhlerischer Zefyr
flatterte bald um die entkleidete Schönheit, und ein hervorragender Zweig
der benachbarten Hekke, welcher wahrscheinlich noch nie die unverhüllte
Wade einer schönen Prinzessin gesehen, schlang sich um dieselbe, und wekte
durch seine kühle Umarmung Louisen aus ihren Ueberlegungen.

Sie sezte ohne Zaudern den Fuß auf eine dabei stehende Rasenbanke, schürzte
das seidne Rökchen in die Höhe und war so eben im Begrif die kleine
Unordnung wieder herzustellen, als -- o weh! der _Graf_ unverhoft aus einem
mit hohen Hekken besezten Seitenweg hervortrat, und vor ihr, wie
versteinert, stehen blieb.

_Louise_ war eben so bestürzt, als der _Graf_, und war eben so wenig
vermögend ihre Attitüde, so sehr sie auch gegen alle Decence stritt, zu
verändern, als der _Graf_ seine Augen von dem schönen, seltnen Schauspiel,
von der weissen, sanftgeründeten Wade, von dem entblößten Knie, u. s. w. u.
s. w. wenden konnte.

In allen Fällen ist ein solcher Auftritt zwischen einer Dame und einem
jungen Manne mit mehreren Annehmlichkeiten, als Widrigem verknüpft, sobald
wenigstens nur einer von beiden Theilen der Sache eine vortheilhafte
Wendung zu geben weiß. Allein ob der _Graf_, welcher sich und die
Prinzessin aus der peinigenden Verlegenheit retten wollte, sich hier zum
besten nahm, laß ich unentschieden. Er lag nämlich nach einigen
Augenblikken zu _Louisens_ Füßen und -- bat um Verzeihung sie überrascht zu
haben.

Mögten alle Damen so tolerant sein, als hier es _die unsrige_ war. Es ist
doch einmal geschehen, dachte sie, er liegt nun einmal zu meinen Füßen,
mein Knie meine Wade kann ich nicht ungesehn machen -- folglich mag es ihm
verziehen sein. --

Sie zupfte den Rok etwas tiefer hinab und sagte lächelnd: »Sie haben Ursach
um Vergebung zu bitten!«

Liebe macht kühn, und das _Halbdunkel_ der Nacht verwegen. Er drükte einen
brennenden Kus der Dankbarkeit auf ihre Hand, welche sie, absichtlich ober
nicht, wegzog, so daß seine Lippen auf dem Orte ruhten, welchen Band und
Strumpf unbedekt gelassen hatten.

»Erlauben Sie mir doch nur das Band umzubinden!« sagte sie in einem Ton,
der gar nicht böse klang; allein der verzauberte _Florentin_ gehorchte
diesmal nicht, denn alle seine Sinne waren auf den Gegenstand seiner Küsse
hingezogen.

»Sie werden mich aufbringen, _Graf_!« sagte sie nach einer langen Pause, in
welcher sie wohlgefällig auf den schönen Liebetrunkenen hinabgesehen hatte;
»Sie werden mich aufbringen und ich mich über Sie beschweren.« -- -- Diese
Worte flossen schon viel schneller und klangen schon zorniger, obgleich
noch immer die Stimme viel Bittendes hatte.

Schnell und besonnen sprang der _Graf_ auf, stammelte einige
Entschuldigungen und entfernte sich schüchtern indem er wieder in den
Seitenweg zurükging.

_Louise_ sah ihn nicht so bald verschwinden, als sie auf sich selbst böse
ward, weil sie besorgte zu hart gesprochen zu haben. Sich selbst
vergessend, das verhaste Knieband noch in der Hand, eilte sie zum Eingang
des Nebenweges und rief ihn halblaut nach: »Kommen Sie doch her, _Graf_!«

Nie gehorchte _Florentin_ lieber, als izt.

»Ich hoffe Sie werden die Achtung, die sie auch dem geringsten Frauenzimmer
schuldig sind, nicht vergessen und weder Wort noch Wink von der vergangnen
Szene fallen lassen. Daß Sie Ihre Bescheidenheit vergassen, vergeb ich
Ihnen.«

Er konnte nichts hierauf erwiedern, als eine stumme, ehrfurchtsvolle
Verbeugung.

»Geben Sie mir doch Ihren Arm!«

Er gab ihn. Die Hofnung regte sich wieder in ihm und lies ihn Muth fassen;
doch wagte ers nicht sobald ein Wörtchen zu sprechen. Neben einer zürnenden
Geliebten gehn, wie so quälend und doch wie so angenehm!

Beide wandelten, versunken in bangen Gefühlen der Liebe, schweigend durch
die hin und wieder vom Mondschein durchbrochne Dämmerung der Alleen; beide
schmachteten so lange nach diesem Augenblik, und izt entfloh er ungenüzt;
beide wünschten sich ihrer Seele Geheimnisse zu entfalten und vermogten es
kaum ein schaales Wetter Gespräch anzuknüpfen.

Louise. (leisen Tones) Ich hätte Recht auf Sie zu zürnen -- aber -- izt,
glaub ich gar, sind Sie mir böse?

Graf. (ängstlich stotternd) Ich Ew. Durchlaucht böse sein?

Louise. Warum gehn Sie so stumm neben mir?

Graf. Ich weis nicht, ob ich darf -- --

Louise. Weswegen nicht? -- -- Nicht wahr, es ist ein göttlicher Abend?

Graf. Ein göttlicher Abend! -- es ist angenehm so in der Stille dieser
einsamen Schlosgegend seinen Gedanken einen freiern Flug zu erlauben; sich
aus einer Welt, die doch manches, -- manches Bittre in sich faßt, mit
Adlers-Flügeln emporzuheben und seine Seele in glüklichen Träumen zu
erquikken.

Louise. Verzeihn Sie also, wenn ich Sie unschuldiger Weise darin störte.
Ich weis es, es ist süs _allein_ zu schwärmen, aber _gesellschaftlich_ mit
einer harmonirenden Seele diese geistigen Ausflüge zu wagen, ist zehnfach
süsser. Ich bedaure Sie, Graf, daß Ihnen heut die Gesellschafterin fehlt,
wohl gar durch mich.

Graf. Mir fehlt, und durch _Sie_? Ich bitte um Verzeihung, sie hat mir
_nie_ gefehlt und heut just am _wenigsten_.

Louise. Es ist wahr, wie könnte sie jemals fehlen, da eben _sie_
gewöhnlich, vielleicht auch bei Ihnen, den ganzen Himmel ausmacht, zu dem
sich die empfindsamen Werthers hinanschwärmen.

Graf. (etwas bedeutend) Halten Sie mich für solch einen _Werther_?

Louise. Ihre _Lotte_ wenigstens ist mir nicht unbekannt.

Graf. Meine _Lotte_? Sie scherzen.

Louise. (sanft) Scherzen? nein doch, ich bin sehr ernsthaft, oder es wäre
denn, daß die _ganze Stadt_ scherzte.

Graf. (verwundert) Die ganze Stadt?

Louise. Was hilft hier allen Läugnen? kurz gestehen Sie nur:

   Der Liebe süsses Bildnis
   Umschwebt uns im Elysium,
   Umschwebt uns in der Wildnis.

Graf. Ich bitte um Aufschlus dieser ewigen Räthsel?

Louise. Wie Sie sich doch verstellen können! -- nu, der Aufschlus sei eine
Gratulation zu Ihrer, ich hoffe sehr baldigen, Vermählung mit dem schönen
Fräulein _v. Hello_.

Graf. Dem Fräulein _v. Hello_? Ihr Spott ist bitter. Wenigstens hab ichs
nie gewagt meinen Stolz zu dem Besiz dieses Fräuleins hinanschwindeln zu
lassen.

Louise. Vielleicht sind Sie ein Freund der _platonischen_ Liebe.

Graf. Ohne der Tochter eines Geheimerathspräsidenten wehe zu thun, kann ich
betheuren, niemals eine Liebe mit ihr geträumt zu haben.

Louise. Sie werden zu ernsthaft. Ich will glauben daß mich ein falsches
Gerücht getäuscht habe; will es, wenn Sie es fodern, mir sogar einbilden,
daß Sie ein erklärter Feind der Damen sind. -- --

Graf. Vielleicht wäre lezteres allenthalben möglich, nur aber unmöglich an
einem Hofe, an welchem eine Prinzessin _Louise_ glänzt.

Louise. Schade daß die Prinzessin _Louise_ den geliebtern Namen einer
_Unbekannten_ verkappen muß!

Graf. Die mir gewiß eben so unbekannt, als Ihnen, ist.

Louise. Meine, vielleicht nur durch den Rang erhobne, Wenigkeit wäre in der
Residenz also nur die _Einzige_?

Graf. (ihren Arm dichter umschliessend) Nur die Einzige!

Louise. Wahrhaftig, Graf, sie treiben Ihre Galanterie auf Unkosten der
ganzen Damenwelt zu weit. -- Sie haben doch wahrscheinlich schon geliebt?

Graf. O, der Name _Liebe_ begreift viel in sich! doch so ganz geliebt, was
sich _lieben_ nennen läßt, noch nicht.

Louise. Sie bürden meiner Leichtgläubigkeit zu viel auf. -- Und Sie kommen
hieher an den Hof, wollen hier noch keinen Gegenstand Ihres Gefühls
gefunden haben -- nennen mich noch als den einzigen -- --

Graf. Der von allen -- -- allen geliebet wird.

Louise. Das Wort Liebe, faßt viel in sich, bedenken Sie ihr Gesagtes wohl!

Graf. Vielleicht wäre: _angebetet_ besser gesprochen.

Louise. (indem sie um sich her sieht) Aber, _Graf_, wohin haben Sie mich
geführt? Mir graut in dieser Wildniß, lassen Sie uns nach dem Schlosse
zurükgehn.

In der That waren beide jezt in einem zum Schloßgarten gehörigen Wäldchen,
das allein für die Schwärmereien der Liebe oder Andacht da hingepflanzt zu
sein schien.

Vor ihren Füßen dehnte sich ein kleines Thal; dessen Anhöhen von allen
Seiten mit hohen und niedern Gebüschen bedekt waren. Zur rechten hob sich
im Schimmer des Mondes eine Eremitage, auf deren mit Tannenreisern
bestreutem Giebel ein Kreuz glänzte.

Eichen, Fichten und Eschen sumsten im Abendwinde feierlich ihre eintönige
Melodie; eine Nachtigall hüpfte im nahen Hollunderbusche von Zweig zu Zweig
und sang den Gesang der Liebe.

Der _Graf_ und die _Prinzessin_ standen still, beide einander gegenüber,
Auge in Auge gesenkt, Hand in Hand geschlossen. -- Sie verstanden sich. Der
_Graf_ fühlte _Louisens_ Liebe in dem sanften Druk ihrer Hände, welche halb
die seinigen einschlossen; ein leiser, kaum gewagter Gegendruk verrieth an
_Louisen_ Gegenliebe. Sie sprachen nicht; ihre Blikke waren getreuere
Dollmetscher ihrer Empfindungen. -- _Florentins_ Odem flog immer schneller;
sein Herz schlug heftiger; es wurde ihm alles zu eng. _Louisens_ Busen
stieg und sank, von der süßen Leidenschaft empört, welche sekundenweis
durch Einsamkeit und Anschaun des schönen geliebten Jünglings wuchs.

Ein halbunterdrükter Seufzer entschlüpfte ihr; sie lehnte sich vertraulich
an den Grafen und sprach mit lispelnder Stimme, indem sie mit unnennbarer
Anmuth zu ihm heraufsah: »ich bin ermüdet!« _Duur_ breitete ein seidnes
Taschentuch über ein benachbartes Bänkchen und nöthigte sie zum
Niedersizzen. Die Banke, durch Alter und mannigfach Witterung vermorscht,
war nur halb zum Gesäß tauglich, und ließ dem _Graf_ keinen Platz übrig. Er
sezte sich also auf die Erde zu _Louisens_ Füßen nieder, ergrif ihre Hand
und ließ die seine auf ihrem Schooße ruhen.

»So saß ja wohl _Hamlet_, hub sie lächelnd nach einer Weile an, neben
_Ophelien_?«

»»Eben damals, erwiederte _Duur_, eben damals als er sagte: hier ist ein
Magnet der stärker zieht. -- Oh, daß ich nicht _Hamlet_ bin, oder was er
war!««

»Warum?«

»»Ihnen statt dieser Bank einen Thron anbieten zu dürfen.««

»Wahrhaftig, die galanteste Naivetät, welche mir je vorgekommen ist. Aber
wie wenn ich, zufrieden mit der Bank, den Thron ausschlüge?«

»So wäre auch ein königlicher Thron für Sie nicht belohnend; der Kaiser mag
es mir daher in Gnaden vergeben, wenn ich _seinen_ Thron Ihnen feil biete.«

»Graf, Graf, warum sind Sie so verschwenderisch mit Königreichen, und warum
erlauben Sie mir nicht das schmale Plätzchen dieses Bänkchens? Macht denn
Titelpracht und Goldglanz seelig? Das sollten Sie doch wissen, wenigstens
von mir nicht glauben. Sehn Sie, diesen schönen Abend, die reinen
Empfindungen welche in mir die lieblichste Stimmung der Seele
hervorbrachten, und diesen Siz, vor welchem sich mir die reizendsten
Naturszenen entfalteten, würd' ich um den Namen einer Königin nicht
vertauschen.«

»Wie glüklich Sie sein müssen mit solch einem Herzen! und wie glüklich wär
ich, wenn ich mir schmeicheln dürfte, auch ein Etwas zu Ihrer Zufriedenheit
beigetragen zu haben. -- _Darf_ ich hoffen?«

»Vielleicht!«

Unter diesem Gespräche hatte _Duur Louisens_ Hand in die seinen
geschlossen; er drükte sie oft an seine Lippen, und die _Prinzessin_
duldete es.

»Könnte Sie der vorige Wunsch nicht glüklich machen, so würd' ichs wagen
ihn umzukehren: wären Sie doch minder erhaben, wenigstens mit gleicher!
ach, dürfte ich die _Durchlaucht_ mit dem süssern Namen _Louise_
verwechseln!«

»Ein Wunsch der mir schon der Neuheit willen gefällt. Ich weis nicht ob er
mich glüklicher machen würde; wäre es indessen bei Ihnen der Fall, so kann
ich ihn Ihnen leicht gewähren. Nennen Sie mich immerhin da Louise_,_ wo uns
kein fremdes Ohr belauscht.«

Florentin. (schwärmerisch zu ihr hinanblikkend) _Louise_, o _Louise_,
_Louise_!

Louise. (lächelnd) Ein sonderbarer Geschmak der sein Vergnügen in der
Ausrufung eines leeren Namens findet.

Florentin. O nicht wahr, Sie sind _nur_ _Louise_; nicht mehr, nicht _jezt_
die Schwester eines _Herzogs_ -- nur allein, die sanfte, liebenswürdige
_Louise_ sind Sie?

Louise. (den Blik von der Seite wendend) Nun ja, ich will es ja sein!

Florentin. Hören Sie izt, schöne _Louise_, ein Bekenntnis, welches die
Fürstin, die herzogliche Schwester nicht wissen darf -- ich verehre die
Prinzessin mehr, als einer ihrer Unterthanen, aber -- _Louisen_ --
_Louisen_ _liebe_ ich. --

Louise. (die Hand zurükziehend) Graf!

Florentin. (sie wiedernehmend) O, _Louise_, hat es die _Prinzessin_ gehört,
was ich _Ihnen_ nur sagte.

Louise. Graf!

Florentin. Wird die _Fürstin_ zürnen, daß ich -- _Louisen_ liebe? --

Sie antwortete nicht, so gern sie wollte. _Duur_ lag auf seinen Knien vor
ihr; sie starrte ihn mit schwimmenden Augen an, und neigte ihre Stirn gegen
die seine.

Ihre linke Hand ruhte auf seiner Schulter, die rechte hielt er fest in die
seinige geschlossen; Er wartete einer Antwort entgegen und sie kam nicht.
Seine Lippen berührten ihre Wangen -- er küßte -- und fühlte einen leisen
Gegenkus. --

_Amor_ siegte und schwang sich lächelnd über das liebende Paar empor; er
sah eine Prinzessin in den Armen eines Grafen liegen, und das
wollustathmende Mädchen und der liebeglühende Jüngling kannten keinen Rang,
keinen Unterschied.

Gefühllosen Seelen würd ich mit dem Ausmahlen dieser glüklichen Situazion
Langeweile erregen, und denen, die glüklich geliebt haben, oder noch
lieben, rathe ich, um mir Raum zu ersparen, ähnliche Szenen die sie selber
empfanden, dieser unterzuschieben.

Es wurde später. Berauscht an allen ihren Sinnen merkten sie nicht den
Anzug der Mitternachtsstunde; nur das Ohngefähr einer dem Mond
vorübergleitenden Regenwolke, die plözlich daraus entstehende allgemeine
Düsternheit scheuchte die _Prinzessin_ in ihrem Liebestaumel auf.

_Florentin_ war indeß Meister von dem Strumpfbande geworden, welches
_Louise_ noch immer in der Hand gehalten hatte. Sie verlangte es zurük,
_Duur_ aber versagte es schmeichelnd; er bat es sich als ein theures
Angedenken dieses Abends aus, oder wünschte es mit eignen Händen selber dem
schönen Knie umwinden zu dürfen, dem es zugehörte.

»Behalten Sie es denn, sagte sie, bis ich Ihnen eine Stunde bestimme, in
welcher ich Ihnen auch das _leztere_ erlauben werde.«

Und sie schieden auseinander.



Sechstes Kapitel.
Ein sonderbares Phänomen.


Eine Woche verstrich nach der andern, ohne daß die _Prinzessin_ die seelige
Stunde angab, nach welcher _Florentin_ izt seufzte. Inzwischen konnte sie
ihre Liebe dem Hofe wenig verbergen; jedes Fest, in dem der _Graf_
mangelte, war für sie ennuiant; nur seine Gegenwart erhöhte ihren Reiz,
ihre Lebhaftigkeit, ihre fröhliche Laune.

Am Herzoglichen Hofe hielt sich um diese Zeit Prinz _Moriz_ auf, ein
appanagirter Herr, der ehemals einer kriegführenden Macht im Felde gedient
hatte.

Sein Aeusseres entsprach dem Innern vollkommen. Denken Sie sich, meine
Leser, einen langen hagern Mann, der in den Zeiten des Faustrechts höchst
wahrscheinlich eine glänzende Epoche gemacht haben würde. Er hatte grosse
graue Augen, die sich gewöhnlich so majestätisch von der Seite wälzten, daß
man Geld dafür gegeben hätte, die Majestät der Augen nie gesehn zu haben.
Sein Gesicht war braun und von starken, groben Zügen; seine Nase bei den
Augenwinkeln tief eingebogen; seine Stirn klein, und von einigen Büscheln
schwarzer Haare überschattet. Seine Stimme rauh und herrisch.

Er hatte eine geraume Zeit in Italien gelebt und sein Karakter einen
merklichen Anstrich von dem der Italiäner gewonnen. Er war tükkisch, und
verschlagen. Sanfter Empfindungen war seine Seele selten gewohnt; einen
vollen Pokal und ein Freudenmädchen nannte er die Seeligkeiten des
Friedens.

Und eben dieser Mann spielte am hiesigen Hofe den Liebhaber der _Prinzeßin
Louise_, aber, wie es sich leicht ahnden läßt, äußerst unglüklich.

Der Kredit des _Grafen von Duur_ bei der _Prinzessin_ blieb ihm nicht
unbekannt; ein einziger Blik, welchen sie nachläßig von der Seite auf jenen
warf, war genug _Morizens_ Argwohn zu entzünden, ein unbedeutendes Lächeln
genug, seine Eifersucht in Flammen zu sezzen.

Plötzlich verwandelte sich der rauhe, wilde _Moriz_ in einen Sanftmüthigen,
Herablassenden. Er suchte die nähere Bekanntschaft des Grafen, liebkosete
ihn, machte ihm fürstliche Geschenke, gab allen seinen Bitten Gehör, seinen
Plänen und Rathschlägen Beifall.

_Florentin_ fand sich durch _Morizens_ Gnade geehrt, er suchte mit warmen
Herzen der Huld dieses Prinzen werth zu werden; ja, er verweigerte es sogar
nicht, um _Morizen_ ganz gefällig zu leben, sich unterweilen mit demselben
ein Räuschchen zu trinken.

_Moriz_ hatte nicht umsonst diese auffallende Metamorphose mit sich
vorgenommen, war nicht umsonst wider seine Natur zuvorkommend, schmeichelnd
gegen den Grafen geworden; er suchte gewisse Absichten durchzusezzen,
welche noch jedermann unbekannt waren; suchte besonders bei einem
Saufgelage vors erste _Florentinen_ um gewisse Geheimnisse zu bringen, um
welche nur dieser allein und die Prinzeßin _Louise_ wußten.

Das lezte schlug fehl. _Florentins_ Weinrausch war zänkisch und
verwegenartig; Der _Prinz_ mußte demnach andre Mittel ersinnen den schönen
Nebenbuhler sich durch sich selbst verrathen zu machen. Eine fürchterliche
Gefahr schwebte über _Duurs_ Haupt; er sah sie nicht, sondern taumelte aus
einem Arm der Freude in den andern.

Sein _guter Dämon_ zeigte sich ihm abermahls; er warnte und warnte zum
andernmahle vergebens.

_Florentin_ ging nämlich eines Abends aus dem Schauspielhause nach seiner
Wohnung zurük, als ihm in einer schmalen, menschenleeren Gasse ein Kerl in
den Weg trat.

»Sind Sie der Graf _von Duur_?«

Ich bins. Was ists?

»Im Namen des bekannten _Ludwig Holder_ diesen Zettel an Sie.«

_Florentin_ nahm das Papier und in dem Augenblik war der _Ueberbringer_
verschwunden.

Der _Graf_ stand bestürzt da, das Billet unbeweglich in der Hand haltend.
Der Name _Holders_ betäubte ihn mit Freude und Schrek; er wollte den
_Briefträger_ zurükrufen, dieser aber war schon längst entwischt.

Er ging, oder flog vielmehr nach seinem Hause, erbrach den Brief mit
zitternden Händen und las mit dem größten Erstaunen folgende Zeilen.

»Graf!«

»Im Namen des Euch wohlbekannten _Ludwig Holders von Sorbenburg_ erinnern
wir Euch. -- Hütet Euch vor den Nachstellungen des _Prinzen Moriz_ noch
mehr vor der Liebschaft mit einer wollüstigen Prinzeßin! Im Namen _Ludwig
Holders von Sorbenburg_«

_Florentin_ las das Briefchen drei, viermahl, und gerieth immermehr in
Verlegenheit. Er legte das Blatt langsam vor sich nieder; sank in einen
Sessel; schlos die Arme in einander und suchte sich seiner quälenden,
ängstlichen Verwirrung zu entreissen.

Bald fiel er darauf, daß sich _Holder_ wo nicht in der Residenz, doch gewis
in der Nähe derselben aufhalten müsse; aber dieser Einfall hatte zu viel
Unwahrscheinlichkeiten wider sich, um Glauben zu erhalten.

Und doch im Namen des _wohlbekannten_ _Ludwig Holders_! -- Vielleicht hatte
jemand einen Scherz mit diesem Namen treiben wollen, den _Grafen_ zu
erschrekken. Aber das Erschrekkende lag ja nicht ist _Holders_ _Namen_,
sondern in dem _Mitwissen_ um eine Liebe, welche _Florentin_ selber als das
heiligste Geheimnis betrachtete, und vor der er jezt von dem oder denen
Unbekannten gewarnt wurde. Und Prinz _Morizens_ Nachstellungen! -- Hier war
für ihn eben so viel Licht, als Nacht.

Er rieth lange hin und her, wer der Schreiber des Zettels sein könnte, aber
errieth es nie. Sorgenvoll legte sich der _Graf_ zu Bette; sorgenvoll stand
er am folgenden Tage wieder auf.

Er beschlos endlich dem unbekannten Warnenden eine schriftliche Antwort
zuzuspielen, welche er zu dem Entzwek immer bei sich führte; er unterlies
nicht oft am Tage und des Abends die bekannte Strasse zu durchtraben, in
der Hofnung, daß sich wieder einmahl der Bote des Unbekannten sehen lassen
würde, er besuchte sie aber acht Tage lang ohne Frucht.

Die Zeit verwischte endlich all die ängstlichen, wenn auch wohlthätigen
Besorgnisse aus _Florentins_ Seele; er war nach kurzem wieder derselbe
Heitre, Harmlose, Liebende; nur, daß er _Morizen_, troz aller wiederholten
Liebkosungen desselben, zu fürchten anfing.

Der _Prinz_ beobachtete diese Veränderung des _Grafen_ mit schlauem Auge
und änderte diesemnach auch manches in seinen Plänen.



Siebentes Kapitel.
Eine Schäferstunde.


Es war spät des Abends; das _Fräulein von Gülden_ sas noch einsam auf ihrem
Zimmer in düstre Schwermuth vergraben und las. -- Des kleinen _Gustafs_
Bildnis lag vor ihr, sie sah es oft mit nassen Augen an und las weiter:

»Unsre Seelen liebten sich. _Seelenschönheit_ verwischt nicht der
Thränenschleier des Grams; welkt nicht in den Händen der Jahre, stirbt
nicht auf Todtenbaaren mit der verwesenden Hülle. Ewig ist ihre Schönheit
und ewig ihre Liebe. Des Lebens Strauch verduftet bald und welkt, aber mit
dem Leben verblühen noch nicht die Hofnungen unsrer Liebe. -- --
Vorangegangen bist Du, o wäre ich mit Dir! -- Hand in Hand mit Dir zum
Tode; Leiche an Leiche mit Dir zum Grabe, Verklärung neben Verklärung
dereinst am Tage des Weltgerichts!«

»Oh!« rief das _Fräulein_ schluchzend aus, indem sie sich von ihrem Stuhle
erhob: »es ist zuviel! -- _Gustaf_! _Gustaf_ und _Florentin v. Duur_! ich
habe euch geliebt, und unglüklich geliebt! -- Ich bin doch nicht so _sehr_
häslich, mein Spiegel müßte mir denn schmeicheln, meine Freunde müßten
lügen, -- und doch bin ich unglüklich und Liebe wird mir nicht mit Liebe
vergolten. Armes Mädchen, wohl Dir, wenn Du unter der Erde ruhst, wo kein
Harm Deinen Frieden stört, wo keine Thränen über Deine Wangen herabbrennen,
wo Du vergessen von allen liegst, und Du alle und alles vergessen hast, wo
Du den, welchen Du Dir zur Liebe auserwähltest, nicht Deiner Nebenbuhlerin
zuführen darfst!«

Jezt störte sie das Klingeln der _Prinzessin_, sie troknete ihre Augen und
ging mit verstellter Heiterkeit zu _Louisen_.

»Aber sag mir, liebes Mädchen,« rief ihr diese beim Eintritt in das Zimmer
entgegen; »Du siehst ja immer blässer und kränklicher? -- Was ist Dir? Ich
habe Dich zu meiner geheimsten Vertrauten gemacht, erwiedre mir Gleiches
mit Gleichem!«

Frl. v. Gülden. Sie quälen sich mit vergeblichen Sorgen, theure Prinzeßin;
mir ist wohl, sehr wohl. Vielleicht daß eine kleine Unpäslichkeit -- --

Louise. O die wandelt bald vorüber. -- Wieviel ist die Uhr?

Frl. v. Gülden. Auf dem Schlage eins; es liegt alles im Schlosse in dem
festesten Schlummer.

Louise. Desto besser! herrlich! -- Tummle Dich liebe, beste, einzige
_Auguste_; _Duur_ kann nicht mehr lange verzögern, er mus gleich da sein.
-- Hurtig geh, und besonders sieh von unten nach meinen Fenstern, ob das
Licht durch die herabgelassnen Gardinen sichtbar wird. -- -- Verriegle das
Pförtchen nachher wohl!

Das _Fräulein_ ging und harrte des Glüklichen an einer abseitsgelegnen
Thür. Es verging eine Viertelstunde, ehe er erschien, und tausend
schwermüthige Gedanken durchkreuzten indes ihre Seele.

Im Thurm der Schloskirche schlug es endlich ein Uhr, und von fernen her
wankte eine Gestalt, immer näher und näher.

»Er ists!« sagte das _unglükliche Mädchen_ bei sich selber und zitterte.
»Er ists! -- o daß er nie gekommen wäre! Doch nein, _Louise_ würde
unglüklich sein, und ich vielleicht nicht glüklich! -- -- Mag er doch
kommen, ich will leiden und dulden!«

_Florentin_ schlich im Mondschatten, an den Mauern entlang, näherte sich
der Pforte, sah die weisse weibliche Gestalt, hielt sie für die
_Prinzessin_ selber und flog an ihren Busen.

Beide wagten es nicht zu reden; er bestürmte sie mit Küssen, sie bebte in
seinen Armen, wagte kaum den leisen Gegenkus, sondern strebte zurük, und
offenbarte ihm die Täuschung.

Er erschrak, bat um Verzeihung; aber sie lächelte unter Thränen, führte
ihn, indem sie zitternd seine Hand faßte, durch verschiedne dunkle Gänge
und verschiedne Treppen hinauf zum Gemach der _Prinzessin_.

»Hier,« sagte sie mit gebrochner Stimme: »treten Sie hinein. --«

Er ging. Sie eilte auf ihr Zimmer, warf sich lautweinend auf das Lager und
klagte.

»O _Duur_!« -- »O _Louise_!« riefen sich die Liebenden entgegen und
stürzten einander in die Arme.

Nie war _Louise_ schöner gewesen, als in diesem Augenblik; und nie war ein
Frauenzimmer reizender zu den Freuden der Liebe geschaffen, als sie. Ihren
schlanken Wuchs, ihren schöngeformten Busen wußte sie durch die Magie der
geschmakvollsten Bekleidung doppelt schöner zu bilden.

Ihr lichtbraunes Haar, angenehm derangirt, flos in lieblicher Verworrenheit
über den schönen Hals und die schmalen Achseln herüber. Den Busen wußte sie
schlau hinter den nachlässig umgeworfnen Flor, so zu verstellen, daß seine
Schönheiten mehr verrathen, als verberget wurden. Um ihren Leib schmiegte
sich ein leichtes, tafentnes Korsettchen;

      Nie wird die Bildnerin Natur
   Ein göttlicher Modell zu einer Venus bauen,
   Als diesen Leib. Sein reizender Contour
   Flos wellenhaft, dem feinsten Auge nur
   Bemerklich, zwischen dem genauen
   Und überflüßigen, so weich, so lieblich hin;
   Schwer wars dem kältsten Josefssinn
   Sie ohne Lüsternheit und Sehnsucht anzuschauen!

Das leichte, flüchtige Rökchen wogte bei jeder Bewegung auf, oder schmiegte
sich so dicht und ungefaltet an, daß man ohne Fleis die glatteste Ründung
der Schenkel errathen konnte.

      So jung, so schön, so ganz aus Liebeszunder
   Gewebt, wer kann sie sehn und nicht vor Sehnsucht glühn?
   Wo sah man je so frische Wangen blühn,
   Je Augen funkelnder und Lilienarme runder?

Dicht in einander verschlungen, der Geist, aufgelöst im reinsten Entzükken,
hingen sie sprachlos um sich.

»O Gott!« sagte _Florentin_: »daß ich je so seelig werden konnte -- ich
hätte es nie geträumt! Louise, _Louise_ _liebt mich_!«

»Sprich leiser, Brausender!« erwiederte sie mit einem unnachahmlich süssem
Ton: »Ja, _Louise_ liebt Dich! -- und Du -- --«

»Ob ich Dich liebe? Einzige, ob ich Dich liebe?«

Er antwortete mit Küssen, und zog sie neben sich auf einen Sofa nieder.

Florentin. O dies Strumpfband, (indem er es hervorzieht) sei mir eine
ewige, heilige Reliquie!

Louise. Dein Recht daran ist izt verfallen. Ich fodre es zurük.

Florentin. Nein, ich kann es nicht wiedergeben.

Louise. Wie leicht könnte unsre Liebe dadurch verrathen werden! eben das
Band, das uns zusammenführte, würde uns auch wieder trennen.

Florentin. Trennen?

Louise. Gesezt es verlöre sich aus Deinen Händen. Mein Name ist darin
gestikt, und mehrern bekannt; denn das Fräulein _v. Gülden_ ist die Weberin
desselben, sie zeigte es schon vorher vielen Freundinnen, ehe sie mirs zum
Geschenk brachte.

Florentin. Ich will es unter drei Schlössern verwahren!

Louise. Dein eigner Stolz würde die drei Schlösser wieder zerbrechen, was
vielleicht keine Gewalt des Diebes vermögte. Oh, ich weis es, wie sehr es
euch, ihr jungen süssen Herrchen, küzzelt, mit den Trophäen zu prahlen, um
die ihr die armen, besiegten Weiber geplündert habt. -- Und Dir, lieber
Graf, würde ich es kaum verdenken, wenn Du endlich der Versuchung
unterlägest; denn eine Prinzeßin besiegt zu haben, ist zu schmeichelhaft.

Florentin. (ernsthafter) Und so verkennt mich _Louise_ selber?

Louise. Ich lasse nicht ab. Ich verlange es zurük; es sei unter welchen
Bedingungen es wolle, ich verlange es zurük. -- Willst Du daß ich Dir
tausend freiwillige Küsse dafür gebe?

Florentin. (sie sanft an sich drükkend.) O, _Louise_, die erhalt' ich
umsonst!

Louise. Fodre.

Florentin. Wohl, ich gebe es. Aber darf ich es selber um seine Stelle
binden?

Louise. (schamhaft zurükstrebend.) Beileibe!

Florentin. (schmeichelnd) O doch![A]

   Der Kampf der Liebe begann -- -- --

      Mit immer wilderm Ungestüm
   Umschlingt er sie, und sie, so seelig und beklommen,
   Ach! sie verweigert ihm,
   Was er vorher mit leichter Müh genommen.
   Und beiden, übermannt von süsser Lust
   Wallt enger, immer enger nun die Brust,
   Mit zärtlich schwimmenden Blikken sehen
   Sie sich einander an, und weigern stumm und flehen.

      Verloren in entzükkenden Gefühlen,
   An _Arabellens_ Brust, ruht _Lyonnel_ geschmiegt;
   Er wagt es kühner schon in seltnern Reizen zu wühlen,
   Und unbekannt in _Amors_ schlauen Spielen
   Fühlt sie sich zwar zu früh, doch gern besiegt.
   Sie giebt den Kuss zurük -- er zupft indes den losen
   Durchsichtigen Schleier hinweg, der ihren Busen umfliegt;
   Küßt bald den lanen Schnee, und bald der jungen Rosen
   Geheimes Paar, das sich auf Marmorhügeln wiegt.

      Sie kämpft, doch ach! ihr Kampf führt schneller nur zum Ziele,
   Das ihm die Liebe vorgestekt.
   Ermattet schwankt sie. Er erwekt
   Die Reizende zum wollustvollerm Spiele!
   Und, o! der keusche Gürtel schlingt
   Sich selber auf -- die arme Tugend ringt
   Zum leztenmahle und erlieget,
   Von ihrem schönen Feind besieget.

      Allmählich schwimmt der Kahn des Mondes seinem Porte
   Gen Abend näher zu, und immer blässer strahlt
   Er auf die Erdenwelt: _Aurorens_ Morgenpforte
   Eröffnet sparsam sich und hin und wieder mahlt
   Ein Wölkchen sich in ihrem Rosenschimmer
   Als unser liebend Paar, noch immer
   Im süssen Rausche dicht verschränkt,
   Nicht an den herbern Scheidekus gedenkt.

      Doch _Arabell_' ermannte sich des halben Schlummers
   Zuerst mit lieblicher Verworrenheit
   Und suchte ihren Puz, der überall zerstreut
   Am Boden lag, voll jungfräulichen Kummers;
   Wand hocherröthend dann um ihren schlanken Bau
   Das Gürtelband; Herr _Lyonnel_ indessen
   Verhüllt' den Busen ihr, doch wußt' er schlau
   Noch hie und da ein Küschen hinzupressen

      Sie standen endlich da, und sahn
   Sich beide bald mit schwimmenden Blikken an
   Bald auf das Bett, bald auf den Boden wieder,
   »Ach, Lyonnel, was haben wir gethan!«
   Seufzt tief das holde Kind und schlägt die Augen nieder,
   Und spielt gedankenvoll an ihrem losen Mieder:
      »Daß wir just heute uns und hier uns sahn --
      O _Lyonnel_, was haben wir gethan!«

[Fußnote A: Danken Sie meine junge Leser und Leserinnen einem würdigen,
Ihnen unbekannten, Mann in der Stille, der mir hier die Hand vor den Mund
legte, als ich die üppigste wollüstigste Szene zu erzählen anhub, und der
Ihnen statt dessen ein Paar Stanzen aus einem noch ungedrukten
episch-romantischen Gedichte zu lesen giebt, welche füglich Lükkenbüsser
sein können. _Der Verf._]

Eine in _der_ Lage sehr _gewöhnliche_ Frage der Damen; hätte lieber manche
manchen gefragt: »o Lyonnel, was _wollen_ wir thun?« es wäre vielleicht
besser gewesen; doch das ist zu _ungewöhnlich_!

Was unser liebendes Paar betrifft, so dient zur Nachricht; daß sie sich
bald zu trösten wußten, und Freund _Florentin_ wohlgemuth zum
Nebenpförtchen hinaus, nach Hause schlüpfte, ohne von einem Auge bemerkt zu
werden.



Dritter Abschnitt.



Erstes Kapitel.
Hofnungen von Italien her.


_Duur_ war noch in mehreren Nächten bei _Louisen_ glüklich, ohne daß der
Hof etwas davon erfuhr; und um sich dieser Liebe ganz würdig, seinem Herzog
sich immer werther, beim Volke sich immer beliebter zu machen, unternahm er
izt eine für das ganze Land interessante Arbeit; nemlich Druk- und
Denkfreiheit einzuführen.

So lange der Minister _von Hello_ am Staatsruder gesessen hatte, durfte
kein Buchhändler es wagen aufklärende Schriften über Religion und Staat zu
verlegen, kein Prediger auf seinem heiligen Lehrstuhl nur auf _gute Werke_
und _rechtschafnen Lebenswandel_ dringen, ohne den alten, theologischen
Wort- und Sach-Schlendrian beizubehalten, keine öffentliche Schulanstalt
eine Reformazion in Rüksicht des Unterrichts, der Bildung jugendlicher
Herzen, und äussern Sitten vornehmen. Ja, mancher ehrliche Mann, der hier
zum Besten seiner Untergebnen, dies und das geändert hatte oder geändert
wissen wollte, verlor durch _Hello's_ Orthodoxie Amt und Brod und Ehre.

Der _Graf_ unterfing sich vieles, besonders da er den
_Geheimerathspräsidenten_ schlechterdings wider sich hatte; allein da er
das Herz des _Fürsten_ in seiner Hand trug, hofte er mit leichter Mühe
durchzudringen, und er freute sich schon im Stillen dieser guten That.

Allein ehe wir ihn zu diesem Werke begleiten, wollen wir vorher Theilnehmer
an einer großen Freude in dem ländlichen Wohnsiz des _alten Grafen von
Duur_ sein.

Dieser sowohl als sein _Rikchen_ versüßten sich die Tage ihrer Einsamkeit
wechselsweis, so sehr sie es vermogten. -- _Holder_ wurde noch eben so warm
und so innig geliebt, als ehmals, aber sein Verlust doch minder betrauert.
In der Dämmerungsstunde des Abends, wenn beide entweder in ihrem Zimmer
saßen, und von den kleinen Tagsgeschäften ausruhten, oder den
Sonnenuntergang von einem Hügel beschauten, oder wenn sie am Kaffetische
beisammen waren, erzählten sie sich einander von dem geliebten Sonderling;
jeder kleine Umstand von ihm war ihnen merkwürdiger, als der Untergang
eines großen Staates; jedes Wort, was er einmal gesprochen hatte, wurde von
ihnen mit freundschaftlichen Anmerkungen wiederholt; jede Handlung von ihm
war der Stof eines stundenlangen Gesprächs.

Wie die Reliquien eines Heiligen verwahrte _Rikchen_ alles, was von
_Holdern_ herrührte, alles, dessen er sich sonst vorzüglich bedient hatte.
-- Sie erinnerte sich, daß er seinen Kaffe gern ungezukkert trank; flugs
ahmte sie ihm nach, so schwer es ihr anfangs auch wurde, und zulezt glaubte
sie selber festiglich, daß das ungesüßte Levantegetränk süßer schmekte.

Auch _Florentins_ Glük am Hofe machte sie froh, und der _alte, gute Onkel_
bildete sich vorzüglich viel auf seinen weit über ihn erhabnen Neffen ein.
Der ganze benachbarte Landadel suchte izt die Freundschaft des gutmüthigen
Alten, keine Lustparthie wurde angestellt, von welcher nicht er und seine
schöne Nichte Theilnehmer waren. Allenthalben räumte man ihm die erste
Stelle ein; sprach er, so schwiegen die übrigen und hörten ihm zu.

»Onkel! Onkel! ein Brief!« rief _Friedrike_ eines Tage überaus freudig,
indem sie in den Garten hereinhüpfte, wo der _alte Herr_ sein Pfeifchen
unter einer Jasminlaube dampfte.

Der _Greis_ lächelte sanft und fragte: »worüber freust Du Dich, närrsches
Mädchen?«

»Ich weis es nicht; mir ist so wohl!« antwortete sie und flog den Garten
wieder hinaus dem Postboten zu bezahlen und etwas gütlich zu thun.

Der _alte Graf_ erbrach das Siegel -- las und bekam an Händen und Füssen
ein ungewohntes Zittern; er stand auf, warf die Pfeife hin, taumelte den
Gang zwischen den Hekken entlang zur Gartenthür, winkte einem Bedienten,
lies ihn das _Fräulein_ rufen, und schwankte ausser sich der Jasminlaube
wieder zu.

Ehe er sie erreicht hatte, stand _Rikchen_ schon neben ihm, und fragte.

»Erst in die Laube!« sagte er matt: »erst in die Laube, dann sollst du
etwas hören!«

Sie traten endlich herein. Der _Greis_ sank dem lieben _Mädchen_ um den
Hals, und küßte sie und lallte zu wiederholten malen mit Entzükken den
Namen _Holder_!

_Holder! Holder! Holder!_ rief _Rikchen_ und küßte den _Onkel_, und sprang
umher und jauchzte.

»_Holder_! ein Brief von _Holder_!« mehr konnten beide nicht im ersten
Ausbruch der Freude sprechen; sie fielen sich wieder um den Hals, küßten
sich, und riefen den Namen _Holder_, mit bethränten Augen unzählige mal
aus.

Nachdem der Rausch zum Theil verflogen war, sezten sie sich an ein Tischgen
und der _Onkel_ begann den Brief vorzulesen.

Bester, theuerster Herr _Graf_, Ewig geliebte _Friedrike_!

Ich schreibe Ihnen aus der Mitte von Italien, aus dem kleinen
republikanischen Gebiete _S. Marino_, um eine Pflicht zu erfüllen, die mir
so heilig ist, und die eher zu vollbringen, bis izt noch unmöglich war.

Zürnen Sie nicht über mich, und über meine dem Schein nach absurde
Aufführung; zürnen Sie nicht über meine plözliche Entfernung, welche, wie
ich leicht errathen, und nachher erfahren habe, Sie in die unangenehmste
Verlegenheit sezzen müssen. Halten Sie mich für keinen
Sonderlingssüchtigen, für keinen Leichtsinnigen, für keinen Bösewicht! Ich
bin das alles nicht, wenigstens gegen Sie nie gewesen. Ein _Bösewicht_
handelt nie ohne Intresse, er wiegt seine Schurkereien gegen den dadurch zu
hoffenden Gewinn ab, läßt nie das Gewisse fürs Ungewisse entschlüpfen. Und
sagen Sie mir, welche Vortheile hätt' ich wohl hier in Italien mit denen
bei Ihnen zu vertauschen gehabt? O der Liebende vertauscht die Geliebte
nicht gern, der Habsüchtige verliert sein Rittergut ungern! Eben so wenig
verlies ich Sie, meine Lieben, aus _Leichtsinn_.

Der Flatterhafte handelte immer nach Willkühr, ich nach den Gesezzen des
_Zwanges_. Hätten Sie mich doch früher ziehen lassen, vielleicht wär' es
uns allen besser gewesen! --

Ich sage, verurtheilen Sie mich nicht zu früh; es wird gewis eine Stunde
schlagen, wo ich Ihnen einen befriedigendern Aufschlus über das
Räthselhafte meines Betragens geben darf, wo Sie gern die zu früh
gesprochne Verdammung zurüknehmen werden! -- Für izt kann ich Ihnen zu
meiner Entschuldigung nichts mehr sagen, als daß ich in gewissen
Verbindungen stehe, welche in gewissen Stükken meinen freien Willen
beschränken. Mir obgelegene Pflichten sind mehrentheils erfüllt, und ich
sehe mit unaussprechlicher Sehnsucht dem Augenblik entgegen, welcher mir
die Freiheit wieder schenkt, die vaterländischen Gegenden zu sehn, und mich
Ihnen, vielleicht auf immer, in die Arme zu werfen.

Den Nachrichten zufolge, welche ich aus _Deutschland_ empfangen habe,
befinden Sie sich alle wohl, und Bruder _Florentin_ klettert muthig am Hofe
die steile Bahn des Glüks hinan. Unterlassen Sie nicht den jungen, feurigen
Mann auf seiner schlüpfrigen Bahn unterweilen an Vorsichtigkeit zu mahnen,
und besonders ihn für die Liebe erhabenerer Personen des andern Geschlechts
zu warnen. Ich weis es gewis, daß ihn die Prinzessin _Louise_ liebt, und
daß er für ihre Schönheit eine gleiche Leidenschaft fühlt. Noch einmal:
_warnen Sie Florentinen, wenn Sie ihn behalten wollen!_

Was mich selbst betrift: so lebe ich ein geschäftvolles, unruhiges,
ängstliches Leben. Aber wohl mir, daß ich so glüklich bin, es zu können; es
gilt das Wohl meiner Mitmenschen für welche ich arbeite; um des Glükkes
einiger Tausenden willen, kann ich ja wohl ein Weilchen des Lebens Freuden
entbehren! --

Und hab' ich mich denn oft den Tag hindurch müde gearbeitet; so verlaß ich
mein Zimmer, und trete aus meiner Wohnung hinaus in das freie Feld. Das
Häuschen welches ich jezt, und zwar erst seit vier Wochen bewohne, denn
vorher hielt ich mich einige Zeit in _Neapel_ und in _Rom_ auf, hat eine
romantische Lage. Es ruht an dem Fuße eines Hügels, von einem anmuthigen
Gebüsche verdekt. Zur Rechten sehe ich in der Ferne _S. Marino_. Wie
gesagt, die Gegend ist schön, nur _für mich_ nicht. Ich finde sie
einförmig, traurig, die _deutschen Winterlandschaften_ haben in meinem Auge
ungleich mehreren Reiz, als die unter einem ewigen Frühling blühenden
Felder von Italien.

Außer einigen abwechselnd zu mir kommenden Bekannten und zwei Kerln, welche
mich bedienen, habe ich niemanden, in dessen Gesellschaft sich meine Seele
aufheitern könnte. Ein niedliches braunes Mädchen aus _S. Marino_ kam
einstmals auf einem Spaziergange mit ihrem Vater in meine Hütte. Ihre
unschuldige Unterhaltung ist das einzige Vergnügen gewesen, welches ich
seit langer Zeit genossen. Nachmals besuchte mich die Marinerin noch
einigemale und auch sie blieb dann aus. -- Doch der Gedanke, Sie, meine
Lieben, bald vielleicht zu umarmen, mag mir Erquikkung genug sein.
Vergessen Sie mich nie, Ihren Sie ewig liebenden

_Ludwig Holder_.

Geschrieben im Landhause bei _Santo Marino_.

»Nie! -- nie vergessen!« riefen der _Onkel_ und _Rikchen_ zu gleicher Zeit,
nach durchlesnem Briefe aus, und wischten ihre Thränen vom Auge.

»'s ist doch ein braver, seelenguter Mann!« sagte der tiefgerührte, _alte
Graf_.

»Ja, aber die niedliche, braune_ Marinerin_!« hub das halb eifersüchtige,
liebende Mädchen mit einer bedeutenden Miene an.

»I, Du kleine Närrin, meinst Du denn, daß in _Santo Marino_ nicht auch
hübsche Mädchen leben können?«



Zweites Kapitel.
Das Wort an einen Fürsten.


_Florentin_ erhielt einige Tage darnach die Abschrift und einen Commentar
dieses Briefes vom _Oheim_; aber seine Freude erreichte beiweiten nicht den
Grad der Lebhaftigkeit, wie bei jenen guten Seelen. -- An eben dem Tage,
als er den Brief erhielt, war auch schon ein anderer im Namen _Ludwig
Holders_ eingelaufen, in welchem wiedrum von _unbekannter Hand_ vor
_Louisens_ Liebe und _Morizens_ Has gewarnt wurde. Das Schreiben schlos
sich mit den Worten: »fürchtet nichts von uns, wir sind Freunde. Das von
Euch in der wohlbekannten Nacht _wiedereroberte Strumpfband_ der Prinzeßin
_Louise_ ist in sichern Händen aufbewahrt.«

Der _Graf_ erschrak, ging zu seinem Schreibschrank, zog ein geheimes
Kästchen hervor, schlos es auf und sah das Heiligthum verschwunden.

»Was ist das?« sprach er in sich selber, indem er mit seinen Augen nach dem
leeren Orte des Kästchens hinstarrte: »treibt man mit mir sein Spiel?
herrscht hier _Zauberei_ oder _Spizbüberei_? Wer hat mir und _wie_ hat man
mir dieses Band entwenden können? Alle Schlösser sind heil und an dem Holze
ist keine Schramme zu erblikken. Wenn Geheimnisse selbst nicht mehr
Geheimnisse bleiben können, mein Eigenthum mir nicht mehr sicher ist, so
verwünsch ich das fröhlichste Leben. Und wer der diebische Unbekannte sein
mag, oder die Unbekannten? -- Es ist fatal! meine eignen Bedienten müssen
mir treulos gemacht worden sein!«

So monologisirte der Herr _Graf_ noch eine Weile hin; wurde immer
unwilliger, und schlos damit, seine Bedienten fortan zu verabschieden. Es
geschah; er nahm andre in Sold, unter denen sich besonders einer merkwürdig
machte. Dieser hies _Badner_, ein alter Held von vierzig Jahren, von der
ehrlichsten, biedersten Physiognomie wie auch mit den empfehlendsten
Zeugnissen versehen, -- der aber _stumm_ war. Diesen Mangel suchte er durch
sein gutes und schnelles Schreiben zu ersezzen. Er führte sich gleich im
Anfange so gut auf, daß _Florentin_ ihn mehr zu schäzzen anfing.

»Sind die _Unbekannten_« dachte _Duur_: »das wofür sie sich ausgeben; sind
sie brave Männer, so werden sie mit dem unglüklichen Strumpfbande keinen
bösen Gebrauch machen. Sie mögen es immerhin behalten, wieder erzwingen
kann ich es nicht.«

So sehr, als möglich, über diesen kritischen Punkt sich beruhigend, begann
er nun seinem vorliegenden Ziele, in Rüksicht der Druk- und Denkfreiheit
immer näher zu treten. Er hatte den _Herzog_ schon seit eingen Tagen
vorbereitet; noch schwankte derselbe ungewis hin und her, _Florentin_,
unermüdet, ging auf Befehl des Herzogs, endlich wieder zu ihm.

»Nun,« hub der _Graf_ nach einigen allgemeinen Gesprächen an: »wessen haben
sich Ew. Durchlaucht der bewußten Sache wegen entschlossen?«

Herzog. Offenherzig gesagt, noch bin ich eben so sehr dafür, als dawider;
ein Beweis, daß dergleichen Reformazion für mein Land eben nicht von
überwiegenden Vortheilen sein mus, und daß meine Unterthanen, auch bei
ihrer izzigen Verfassung, zufrieden sein können.

Graf. Verzeihen Sie, wenn meine Gründe für Druk- und Denkfreiheit bei ihnen
noch nicht die _Gegengründe_ überwogen haben, so liegt nicht die Schuld in
der Schwächlichkeit der erstern, sondern wohl mehr an mir, daß ich sie
nicht genau und einleuchtend genug darstelle.

Ich rede mit einem denkenden Fürsten, welcher nicht glaubt, ein ganzes Volk
sei für ihn, sondern er für das Volk geschaffen, welcher nicht glaubt, es
sei _Gnade_ von ihm, wenn er die Unterthanen glüklicher macht, sondern
_Pflicht_; -- eben deswegen werde ich so frei reden, als es die Liebe für
das Vaterlandswohl fordert, und die Ehrfurcht es erlaubt.

Eine Nazion ist noch nicht glüklich zu nennen, so lange sie, bei der
ansehnlichsten Wohlhabenheit ihrer Mitbürger, dumm, abergläubig, bigott
ist. Dann ist ja nur erst ihre _thierische Natur_ befriedigt, aber nicht
die erhabnere, _menschliche_, und sie unterscheidet sich, wenn sie auch im
Mittelpunkt Europens wohnt, durch nichts von den einfältigen
Indianerhorden, als durch die größere Menge ihrer Bedürfnisse und
Befriedigungsmittel derselben.

Herzog. Darin steh ich Ihnen bei, lieber _Graf_. Ein Fürst, welcher solch
ein wohlgemästetes, einfältiges Volk beherrscht, verliert nicht viel, wenn
man ihn mit irgend einem _Nabob_ vergleicht.

Graf. _Geistige_ und _sinnliche_ Vollkommenheit macht hienieden unsre
Glükseligkeit aus; beide müssen stets mit einander verknüpft sein, beide
sind von stetem gegenseitigen Einfluß; doch ist der Einfluß geistiger
Vollkommenheit ungleich größer auf das Wohl einzelner und vieler. Ein Sklav
kann nie äusserlich glüklich werden; ein Volk ohne Geistesfreiheit eben so
wenig. Der Monarch, welcher sein Volk um jede Freiheit bringt, es als ein
Sklavengesindel behandelt, herrscht ungerecht, ist ein offenbarer, vom
Volke nie zu duldender, Despot. Aber der Monarch, welcher den Geist des
Volks fesselt, sich zum Beherrscher den Gewissens aufwirft, den Unterthan
zum dummen Vieh erniedrigt, welcher Name gebührt dem? --

Ein freies, am Geist und äussern Wesen freies Volk wird sich nie wider
seinen Fürsten auflehnen, welcher durch die ihm vom Volke ertheilte
Autorität und durch Gesetze die ächte Nazionalfreiheit beschüzt; nur
Sklaven empören sich.

Welches sind denn die herrlichen Früchte des Glaubenszwanges, des Verbots
aller Neuerungen im Schul-, Prediger- und Schriftstellerwesens? Daß das
Volk um ein Jahrhundert in der Cultur des Geistes und seiner reinen
Vollkommenheit zurükbleibt? ein elender Nuzzen! -- oder daß die Leute nach
dem Tode von der Gottheit nicht verdammt werden mögten, weil sie hin und
wieder die Religion ihrer Väter verbessert haben? -- O, theuerster Herzog,
wird das erhabenste, _allgütigste Wesen_ den, mit so einem kleinlichen Gran
der Vernunft begabten, Menschen strafen können, wenn er Menschensazzungen
nach bessern Ueberzeugungen änderte? -- Ist denn auch die Religion unsrer
Väter _unverbesserlich_? ist es die reine unverfälschte Religion, wie sie
_Christus lehrte_ und wie er sie _selber übte_? Auch der orthodoxeste
Theologe wird nicht glauben können, daß Christus _göttliche Verehrung_
verlangt, Ewigkeit der Höllenstrafen gepredigt, oder andre Dinge geglaubt
habe, davon wir in den Urquellen des Christianism keine Spuren finden,
wovon wir im Gegentheil sicher wissen, daß es das Gemächte spätrer, an
Glauben und Schwärmerei starker, an Einsicht und Scharfsinn aber schwacher
Jahrhunderte sei. Christus eigne Religion und Symbolum war: »Liebet Gott
über alles, und eure Mitmenschen, als euch selbst!« Wer dieses Sazzes ganze
Würde fühlt und durch praktische Anwendung desselben im gemeinen Leben
beherzigt, der ist ein Christ, auch wenn er alle übrige Anhängsel spätrer
Zeiten verwirft. --

Ich sage nicht, daß man darauf dringen solle, durch Edikte und
obrigkeitlichen Zwang dergleichen hellere Begriffe einzuführen, dies wäre
eben so ungerecht, als jezt, da das Gegentheil geschieht; sondern daß man
einem jeden zu denken und zu glauben gewähren mögte, was er seiner
Ueberzeugung nach, für denk- und glaubwürdig hält.

Ein aufgeklärter Mann wird sich selten zu groben Lastern herabwürdigen,
öfters aber der unwissende, welcher durch ein andächtiges Abendgebet die
Sünden des ganzen Tags gut machen zu können sich einbildet. Woher kömmt es
denn, bester Fürst, daß sich ihre Landesuniversität noch so sehr vor vielen
andern deutschen hohen Schulen durch Rohheit, Brutalität und Ignoranz der
dasigen Studirenden auszeichnet? Daher, weil Denken und Geistesfreiheit in
Ihrem Staate eine unbekannte Sache ist, weil Unwissenheit und Trägheit des
Verstandes das Gefühl für wahre Grösse und Ehre verstimmt und die Mutter
der Barbarei ist.

Doch vergeben Sie mirs, meine andächtigen Leser und Leserinnen, daß ich
unsern _Grafen_ hier seine Apologie für die Freiheit in Geistessachen so
trokken hinschwazzen lasse, ohne zu bedenken, daß sie vielleicht da gähnen
mögten, wo _Florentin_ am nachdrüklichsten gesprochen zu haben meinte.
Ueberdies kann ich auch unmöglich glauben, daß dies Buch von irgend einem
gelesen werde, welcher die Sklavenkette seines Geistes liebte, welcher
nicht von den zahllosen Vortheilen einer allgemeinen Aufklärung überzeugt
wäre. Ich plauderte also unnüz; denn durch dieses Fragment einer Schuzrede
für die Freiheit des Geistes werde ich unstreitig niemanden bekehren,
wiewohl es mit _Florentinen_ ein andres Bewandniß hatte; denn Fürsten mögen
dergleichen Sachen gern etwas bequemlich überdenken.

Inzwischen gelob' ich feierlich, mich nie über einem solchen Fehler wiedrum
von den Lesern ertappen zu lassen, aber dafür sind diese auch so discret,
mir noch eine kleine Plauderei für gut zu halten, sie mögen sie nun
anhören, oder sich die Ohren verstopfen.

Das größte und eigenthümlichste Verdienst unsers Jahrhunderts ist, in
Rüksicht der _Religion_ und _Wissenschaften_, der allgemeine _Geist des
Selbstforschens_, ein Verdienst, welches in den leztern manches System
umwarf, und bei der erstern wichtiger ist, als die Stiftung einer neuen
Religion. Dieser Geist des Selbstforschens ist der Vater der _Aufklärung_,
deren Vortheile für die Menschheit so offenbar sind, daß es beinah
unbegreiflich ist, wie man darauf fallen konnte, sie zu hassen.

Theils ein unbekanntes, doch gewis sehr nichtiges Intresse der Grossen,
theils eine unmässige Vorliebe für die Klugheit der Alten wurden die
Ursachen, daß das Selbstforschen, vorzüglich in der Theologie zum
Verbrechen ward. Allein daß Aufklärung auch mit dem Interesse den Staates
bestehen könne, bewies _Friedrichs des Einzigen_ musterhafte Regierung und
daß der gröste Theil unsrer heutigen Denker und Halbdenker von dem
Vorurtheile zurükgegangen sei, welches das Alterthum über seinen Werth
erhebt, bezeugen zahllose Schriften. Was hindert demnach die Fortschritte
der Geistes in der Erkenntnis des Wahren und Nüzlichen?

Fast läßt es sich mit Gewisheit behaupten, daß unsre Nachkommen nicht da
stehn bleiben werden, wohin _wir_ sie führten, daß sie, unserm Vorspiele
getreu, ebenfalls weiter gehn, und der menschlichen Geistesvollkommenheit
so lange nachtrachten werden, bis sie zu dem Ziele gelangt sind, welches
die ewige Vorsehung, ihrem weisen Plane gemäs, der Menschheit vorgestekt
hat, wo man sodann entweder stille stehn, oder, um dem Reiz der Veränderung
zu folgen, zu den Irrthümern und Schwächen zurükkehren wird, welchen man
sich vorher mit vieler Mühe entriß. Wie gesagt, die Weisen des neunzehnten
und zwanzigsten Jahrhunderts werden sich unmöglich mit _dem_ genügen
lassen, was wir ihnen gewonnen haben; denn die Glükseeligkeit des Geistes
gründet sich eben auf Erweiterung seiner Erkenntnisse, als sinnliches
Vergnügen im stufenweisen Fortschreiten in den äusserlichen
Vollkommenheiten beruht.

Träges Verharren bei dem, was erworben ist, streitet wider die Natur des
Menschen und vermindert seine Freuden.

Wenn denn auch ein Fürst, oder sein Rath, verwöhnt durch mystische,
altgläubige, unvollkommene theologische Kenntnisse, welche man ihm schon in
frühen Kinderjahren einflößte, und die er, wegen Menge andrer Geschäfte,
nie Zeit und Gelegenheit hatte zu verdauen, im gutgemeinten Eifer die
fürchterlich geschilderte Freigeisterei durch öffentliche Verordnungen zu
unterdrükken sucht: wird er dadurch viel für sich erlangen? -- Bei der
_Nachwelt_ gewiß nichts, denn diese verwirft die Autorität der Vorwelt, und
bei den Zeitgenossen eben so wenig, ausgenommen, daß die Schriftsteller
_ihren_ und den Namen des _Drukorts_ auf dem Titel der Aufklärung
befördernden Werke weglassen. Ja dergleichen Befehle der Großen wider
Aufklärung und Selbstforschen erreichen gewöhnlich nicht nur nicht ihren
Zwek, sondern sind vielmehr dem Gegentheil behülflich.

Wenn ich nicht zuviel wage, so möcht' ich das iztentstehende _moderne
Christenthum_ in Rüksicht des erwähnten Verhältnisses, mit dem Entstehen
des _ersten Christenthums_ überhaupt vergleichen.

Freilich stehen den neuem Reformatoren der Staatsreligion keine
Verfolgungen von neuern _Deciussen_ und _Galeriussen_ bevor; aber
demungeachtet wird jeder Zwang eben dasselbe _hier_ bewirken, als Foltern
und Verbannungen bei den ersten Bekennern _ehmals_, das ist:
Standhaftigkeit bis zur Schwärmerei. Ein Querdamm wider den Strom fesselt
denselben nur auf eine Zeitlang, aber benimmt seinem Wachsthume nichts;
Und, wenn sich dann plözlich einmal ein _Constantin_ zum öffentlichen
Beschüzzer der izzigen Reformazion aufwürfe: so würde dieselbe vielleicht
eben so schnell, aus allen Zünften des Volks, von der obern bis zu der
niedern, Tausende der Bekenner aufstellen können.

Doch dies sind Muthmassungen, die, ob sie gleich die höchste
Wahrscheinlichkeit vor sich haben, immer doch nur leere Erwartungen sind,
und über deren Erfüllung oder Nichterfüllung die Zukunft richtet.

Der Streit für und wider _Aufklärung_,[A] für und wider die Rechte des
Fürsten in Glaubenssachen und besondere in Hinsicht der veralteten
symbolischen Schriften, scheint anizt lebhafter zu werden.

Nähern Anlaß gab hiezu die bekannte Schrift des Herrn _Rönnberg_ über
symbolische Bücher im Bezug aufs Staatsrecht, eine Schrift, welche
beiweiten nicht das zu bewirken im Stande, ist, weswillen sie der _Herr
Professor_ vielleicht drukken, und ein Rescript vom Hofe sie den
Geistlichen im Preußischen Lande kommunizieren ließ. --

Würdige, einsichtsvolle Männer schwiegen bisher über den berührten Punkt
nicht, besonders lesenswerth war Herrn Prof. _Trapps_ Untersuchung der
Gewalt protestantischer Fürsten in Glaubenssachen, und das früher
erschienene Werk über das Recht protestantischer Fürsten unabänderliche
Lehrvorschriften festzusezzen, und darüber zu halten, vom Hr. _Hufeland_.
Allein das _Rönnbergische_ Buch erregte ziemlich allgemeinen Unwillen wider
seinen Verfasser, und ich weiß nicht, ob der _alte Preußische
Landprediger_, welcher sich, in seinem Sendschreiben an den Hr. Hofrath
_Rönnberg_, in einen feurigen _jungen Mann_ verwandelt, ganz Unrecht hat,
wenn er dessen Schwächen, deren Anzahl nicht gering ist, mehr mit Wiz
angreift, als sie einer ernsthaften Prüfung werth zu halten.

[Fußnote A: Unter den vielen Definizionen von Aufklärung gefällt mir diese
am besten, daß sie die Fähigkeit des Verstandes ist, das Wahre,
Wahrscheinliche, Falsche, Nothwendige und Unnüzze der Begriffe zu
unterscheiden.]

Dies beiseite gesezt, wünscht jeder Biedre und Unpartheiische bei solchen
Zwisten unter den Gelehrten mehr Bescheidenheit, als Grobheit, mehr
Wahrheitsliebe, als Selbstsucht, und Toleranz auf beiden Seiten. Es entehrt
die Würde des deutschen Schriftstellers, Kriege zu führen, wie _Zimmermann_
und _Bahrdt_, welche das Uebel, statt zu verringern, nur vergrößern, und in
andrer Hinsicht verehrungswürdige Männer dem entehrenden Gelächter des
Pöbels preisgeben.

Noch sind wohl nie die Schriftsteller unsers Vaterlandes, noch wohl nie die
Schriftsteller andrer Nazionen, so tief von ihrer Würde herabgesunken, als
seit wenig Jahren die deutschen. Wer kann zum Beispiel das neulich
erschienene Pasquill: _Bahrdt mit der eisernen Stirne_, ohne Ekel und
Verdruß durchblättern? Fürwahr ein Zuchthäusler würde mehr Gefühl für
Schande und Ehre, als der Sudler dieser Skarteke haben. O _Fischart_ und
_Rabner_, lebtet ihr noch!



Drittes Kapitel.
Supplement zum Vorigen. -- Ein Schrek.


_Florentin_ verlies den _Herzog_. Nach acht Tagen wurde er wieder zu ihm
berufen, wo er von diesem zu seiner lebhaftesten Freude seinen Sieg erfuhr.
--

Jezt unterhielten sich beide über die zwekmäßigsten Mittel, das Volk zu
einem solchen wichtigen Schritt vorzubereiten; eine Unterhaltung, welche
nicht fruchtlos ablief.

Die erste Folge derselben war, daß die vakante Stelle eines Predigers an
der Hofkirche durch einen gelehrten, helldenkenden, beredsamen Mann besezt
wurde, dem die Freiheit gegeben war von dem bisherigen Schlendrian
abzuweichen, nur _Christusmoral_ und nicht polemische noch dogmatische
Säzze zu predigen.

Nach Verlauf eines Monats hatte er sein Amt angetreten, und von Neugier
oder beßrer Ueberzeugung hingerissen, eilte ein grosser Theil der
Residenzbewohner hin, die schönen Vorträge dieses Mannes anzuhören.

Plözlich stand die gesammte orthodoxe Geistlichkeit auf, den Landesherrn an
die alten Konstituzionen, Symbole und Confessionen zu erinnern, der
Geheimerathspräsident von _Hello_ suchte mit seinem ganzen Ansehn für die
Sache der Orthodoxie durchzudringen, aber alles vergebens. Der _Fürst_ war
Mann und blieb seinem Plane getreu.

Jezt hatte _Florentin_, ebenso viel Freunde, als Feinde; diese lästerten,
jene vergötterten ihn. -- Aber er hörte beide nicht, sondern ging seine
Strasse unerschütterlich fort, und fand sich durch die Güte seiner That
hinlänglich im Geheimen belohnt.

Weil er schon seit einiger Zeit der _Prinzessin_ weniger nächtliche Visiten
geben durfte, so blieb ihm auch Zeit genug übrig den einmal entworfenen
Plan gänzlich, und sich selbst zum Danke, auszuführen. Da wir nur den Roman
einiger merkwürdiger Personen erzählen; so überlassen wirs den
Statistikern, das bald darauf erschienene Religionsedikt, wie auch das
Edikt in Betracht der Denk- und Preß-Freiheit in den herzoglichen Landen,
zu notifiziren, wir aber erwähnen noch, daß _Serenissimus_, mit seinem
Vertrauten, oft die Häuser seiner begüterten Unterthanen, seine Fabriken
besuchte, oft auch in die Hütten der Armuth trat, und theils erkannt,
theils unerkannt half, und Wohlthaten und Freude verbreitete.

»Der _Duur_,« sagte der _Geheimerathspräsident von Hello_ zu seinem
Fräulein Tochter _Agathchen_, indem er die goldne Tabattiere unwillig auf
den Tisch hinwarf: »Der _Duur_ macht unsern Durchlauchtigsten Herrn zu
einem Atheisten, zu einem Fantasten, und jezt endlich ganz zu einem
_Romanprinzen_. Es ist ein Leiden, wenn solch ein gepuztes, eingebildetes
Fäntchen, wie der Graf, Fürst und Volk ins Verderben führt, und dann Leute
von Verdienst und grauem Haar nicht gehört werden, wenn sie die Stimme der
Warnung erheben. Pfui! -- ändert sich die Lage der Sachen nicht bald, so.«
-- -- --

Nein, guter _Hello_, fürchte nicht des Fürsten und des Volks Verderben,
wenn der Fürst fühlt daß er Mensch sei, und seinen Kindern sich, als Vater,
zeigt!

Es ist ein schwerer Beruf Fürst zu sein, und das Glük von tausenden zu
befördern. Nicht Assembleen, Redouten, kostbare Soupees und Dinees, Bälle
und Festen versüssen die bangen, mühsamen Stunden und Geschäfte der Grossen
genug, oft im fröhlichsten Gelächter ist ihr Herz ein Raub der Sorge, des
Verdrusses. Wo sollen sie sich belohnen, und belohnen lassen? in der Mitte
ihrer Unterthanen, auch der des niedern Standes.

Wie kann ein Vater, der seiner Stunden grösten Theil für das Wohl seiner
Familie hinopfert, ausser derselben Erquikkung finden? Die Freude seiner
Kinder, vom lallenden Säugling bis zum Erwachsenen, däucht ihm gewis
angenehmer, als anderwärtige, rauschende Vergnügungen.

Freilich bringen oft ganze Städte unter Triumfbögen ihren Landesherrn Oden
und Hymnen entgegen, die aber oft nur das Kompliment der Ehrerbietung sind,
nicht der Zufriedenheit herzlicher Dankesergus.

Herzog _Adolf_ wußte dies so gut, als wir, und achtete nicht des Helloschen
Geschwäzzes. -- Der Unterthan lernte ihn izt näher kennen, und ihn doppelt
lieben; man vergoß Freudenthränen, wenn er so unverhoft erschien, und
einsame friedliche Familien in ihren häuslichen Geschäften überraschte.

Oft stand er, dem Grafen zur Seite, in der Mitte kniender Dankbaren, welche
er oft durch ein Kleines aus schreklichen Labyrinthen gerissen hatte; dann
entschwand er ihnen, wie ein guter Engel, der Frieden vom Himmel in ihr
Haus gebracht hatte; man zeichnete sich die glüklichen Tage auf um noch
Kindern und Kindeskindern diese Ehre, welche ihren Voreltern wiederfahren
war, heilig zu erhalten.

Von einer solchen Wanderung kam _Florentin_ an einem Abend zu Hause, als
ihm gleich beim Eintritt der _alte Badner_ ein Billet entgegen brachte.
_Florentin_ erbrachs, erkannte die Federzüge der _Unbekannten_, und
schauderte.

Graf!

Ihr habt dem Lande wohlgethan, daß Ihr die Fesseln zerbrachet, welche der
Afterglaube für den freigebornen Geist der Menschen schmiedete, wir danken
Euch dafür im Namen _Holders_, im Namen unsrer und im Namen der Einwohner
dieses Herzogthums. -- Aber wie stehts mit der Prinzessin? warum
verseltnern sich eure Besuche bei ihr? warum erscheint sie nicht mehr so
oft am Hofe öffentlich? -- Ahndet Ihr nichts? -- Sie sieht bleich, ihre
Gesundheit ist nicht mehr die vorige; ihre Lebhaftigkeit ist verloren
gegangen, und -- -- -- _Graf! Graf!_ was habt Ihr angerichtet? sehet Euch
vor, wir rathen Euch, im Namen des wohlbekannten _Ludwig Holder_!

Der _Graf_ stürzte entnervt auf ein Ruhebette, eine fürchterliche Ahndung
umflog ihn. »Gott, Gott!« rief er beklommen aus: »sie ist -- sie ist« -- --

_Badner_ trat mit der treuherzigsten Miene zu ihm, und stieß seine
gewöhnlichen Töne: »Ho! ho! ho!« hervor.

»Heda, Kerl!« rief der _Graf_, und faßte den alten, erschroknen Mann vor
die Brust? »Wer war der Ueberbringer dieses verdammten Blattes?«

Badner. (den Kopf schüttelnd und die Hände auseinander werfend) Ho!

Florentin. Sag mir, hast Du's gelesen, weißt Du den Inhalt? gesteh's nur!

Badner. (verneinend und auf das Siegel deutend.) Ho! ho!

Florentin. Kennst Du den Briefträger?

Badner. (schüttelnd) ho!

Florentin. Mensch, warum hieltest Du ihn nicht fest?

Badner. (zukt die Schultern) Ho! ho!

Florentin. (ärgerlich) las mich allein.

Er wars. Nun las er das Brieflein der Unbekannten noch einmal, und fand
eben den schreklichen Sinn darin liegen, als zum erstenmal. Er suchte sich
zu fassen; ging mit starken Schritten das Zimmer auf und ab; nahm die
Flöte, welche ihm sonst so manchen Augenblik verschönerte, so manche Grille
hinwegtönte -- aber alles umsonst. Er warf die Flöte hin, bedekte mit
beiden Händen sein Gesicht und murmelte einzelne abgebrochne Silben: »Gott!
o Gott! -- verdammt! -- was soll nun werden?«

_Florentin_ gehörte zu denen, welche der erste Moment der heranziehenden
Gefahr entgeistert, die aber, wenn der erste Schrek vorübergangen ist,
muthiger dastehn, und deren Kühnheit sodann oft an Verwegenheit gränzt.

Wir wollen ihn seinen Ueberlegungen allein lassen; Kleinigkeiten sind
unfähig die Sicherheit großer Seelen zu zerstören, _Florentin_ zittert
wahrscheinlich also nicht vergebens.



Viertes Kapitel.
Wer so stirbt, der stirbt wohl!


Inzwischen alles dieses vorging, inzwischen _Florentin_ und _Louise_ bald
alle Seeligleiten, bald alle Leiden der Liebe empfanden, inzwischen
tausende sich im Vaterlande des braven Landesvaters freuten, welkte
unbemerkt, mit jedem Tage mehr eine schöne, vortreffliche Blume.

Fehlgeschlagne Hofnungen, zweimal unglükliche Liebe, Hang zur düstern
Schwärmerei, ewiger Harm, bestürmten lange die Gesundheit des
liebenswürdigen _Fräuleins v. Gülden_, die endlich erlag. Ein Heer von
Uebeln, eine Kette von Krankheiten schien sich wider das Leben dieses guten
_Mädchens_ verschworen zu haben; sie sah ihr nahes Grab, allein ohne Quaal.

Vier Wochen hütete sie schon ihr Krankenlager, abwechselnd mit dem Fieber
ringend, und noch hatte sie _Florentin_ nicht ein einziges Mahl besucht.
Dies schmerzte ihrem weichen Herzen mehr, als der Abschied von einer Welt,
welche doch auch für sie manchen Reiz gehabt hatte. Sie sah kalten Blikkes
die ehmahls blühenden Wangen verbleichen, ihre Schönheit verschwinden, ihre
Augen erlöschen, und murrte, klagte nicht. Freudenlos sah sie andre um sich
her glüklich; ungeliebt, fand sie andre sich liebend; am Rande des
schauervollen Grabes schwankend, erblikte sie die Welt noch einmahl in
ihrer ganzen Pracht, und so viele Freunde, so viele Freundinnen in ihr, die
da heimblieben -- und sie blieb ruhig.

Sie sah nicht gern Gesellschafter um sich; am meisten aber waren die
Prinzessin Louise und ihr alter, tiefgebeugter Vater, der Herr _von
Gülden_, an ihrem Lager. Am liebsten beschäftigte sie sich aber ausser den
Fieberschauern, mit des schönen, geliebten _Gustafs_ halbverwischtem
Portrait, oder mit _Lavaters_ Aussichten in die Ewigkeit, welche sie sich
vorlesen lies. Aufmerksam hörte sie dann jedes Wort an, und beruhigt und
erheitert schwang sich ihr schöner Geist im Gebet vor dem Thron des
Allerheiligsten empor.

Wie süs ist doch der Lohn des Weisen oder des Dichters, der einem
Scheidenden von diesem Erdeleben die herbe Trennung versüßt, und dem ein
Sterbender noch Dank lallet! --

Sie fühlte das Herannahen der lezten Stunde, der Stunde, in welcher ihre
unsterbliche Seele einer Welt entsagen sollte, deren sie nur auf einige
Augenblikke genossen zu haben schien, eine neue Gegend des Unermeslichen
begrüssen sollte, wo ihr vielleicht kein Freund entgegenwandelte, wo nur
Gott ihr Bekannter war. Sie verlangte deswegen den Genus des Nachtmahls,
und trauernd wurde ihr die Bitte gewährt. Der _Herzog_, die Prinzessin
_Louise_, der _alte Herr von Gülden_ und einige Freundinnen waren Zuschauer
dieser feierlichen Szene. Sie umringten das Bett ihrer gemeinschaftlichen
Freundin, und weihten diese heilige Handlung mit ihren Thränen ein.

Der _Geistliche_ bot der Scheidenden alle Trostgründe dar, welche die
Religion verleiht; er beflügelte ihre Hoffnungen auf des künftigen Lebens
bessre Szenen; lies sie noch einmal einen Heimblik auf die vergangnen Tage
richten, und reichte ihr dann das Brod und den Kelch.

Ein Auftritt am Sterbebett ist die schönste Schule für Lebende; darum laßt
uns noch einige Augenblikke hier verweilen.

»Warum weinen Sie, Prinzessin?« sagte _Auguste_, die sterbende _Auguste_,
und lächelte ihre jammernde Freundin an.

»Sollt' ich nicht, liebe, beste _Auguste_?« _schluchzte_ _Louise_, und
faßte die matte Hand derselben, und drükte sie: »du wirst sterben, o
_Auguste_, du wirst sterben, dich trennen von mir, und Gott, der nur allein
die unbekannten Gegenden jenseits des Grabes kennt, Gott nur weiß, ob wir
beide einstens uns wiedersehn werden! -- -- Du warst meine Schwester, meine
Gespielin, mein alles; ich sollte nicht weinen, wenn ich das verliere, was
mich glüklich gemacht hat? Ich habe dich nicht so glüklich gemacht als du
mich.« -- --

»O doch!« sprach die fromme _Sterbende_ zu ihrer ehmaligen Nebenbuhlerin,
mit sanfter, tröstender Stimme.

»Nein, nein, _Auguste_, so ist es nicht. Ach, vergieb, vergieb! Du
verlierst an dieser Erdenwelt nicht viel, eine _schönere_ harrt deiner, da
findest du vielleicht den Geist deines _Gustaf_ wieder, da vielleicht alle
Seeligkeiten wieder, welche du hier zurükliessest. Aber ich -- werde dich
suchen, und finde deinen Grabstein!«

»Weinen Sie nicht!«

»_Auguste_. Und wenn Du -- wenn Du wüßtest! o Gott!«

»Nein, Prinzessin, wenn ich bitten darf, so schweigen Sie. Ich habe mich
losgerissen von allem was irrdisch ist, mein Blik ist auf die Pforten der
Ewigkeit gerichtet, meine Wünsche, meine Hofnungen streben nach jenem
Jenseits.«

Die Prinzessin schwieg. _Auguste v. Gülden_ sank in einen sanften
Schlummer.

Am folgenden Morgen fühlte sie sich so heiter, so erquikt, daß alle ihre
Genesung hoften.

»Nein,« sagte sie: »freut euch nicht; es ist nur das lezte Auflodern des
verglimmenden Lebenslichtes.«

Sie lies sich noch einmal zum Fenster hinführen, wo sie eine vortrefliche
Aussicht über einen Theil der Stadt und über den ganzen Schloßgarten hatte.

»Nun lebt wohl:« sagte sie, indem ihr schmachtender, matter Blik bei jeder
Staude, jedem winkenden Halme zu verweilen schien: »lebet wohl, ihr schönen
glüklichen Gegenden, an deren Reiz ich so oft mit trunkner Seele hing, die
ihr mich so oft in angenehme Hofnungen einwiegtet, mich so oft nach Leiden
und Thränen beruhigtet! -- ja, Gott ist die Quelle des Schönen, darum freue
ich mich des gelobten, bessern Lebens nach dem Tode! -- -- Alles, alles ist
schön! alles, alles gut!« --

Darauf ließ sich die _Liebenswürdige_ zu ihrer kleinen Büchersammlung
führen, wo sie fast jedes Buch noch einmal ansah und durchblätterte, dann
nahm sie einige Papiere aus dem Schreibepult, liess sich zu ihrem
Sterbelager tragen, wo sie denn von mehreren Freundinnen und Freunden den
zärtlichsten Abschied nahm, und jedem bei seinem Weggehn mit gebrochner
Stimme nachrief: »weinet nicht, denn Gott ist unser, unser ist das Loos der
Freundschaft; was bedarf es mehr, um den Traum des Lebens schön zu
träumen?«

Ihrem Wunsche zufolge, erschien auch nach einigen Stunden der _Graf
Florentin von Duur_. Sie hatte es so zu veranstalten gewußt, daß niemand
ausser ihrem _Vater_ bei dieser Szene zugegen war, und ihn mit den Worten
vorbereitet: »Wundern Sie sich nicht, lieber Vater, über das was Sie izt
hören werden.«

_Florentin_ trat herein -- sie sah den _Jüngling_, und ihre bleichen Wangen
färbten sich unter dem Rosenpinsel der Schaam und Liebe.

Er bat um Verzeihung einen nicht frühern Besuch abgestattet zu haben, aber
_Auguste_ selber entschuldigte ihn indem sie lächelnd sagte:

»Sollten Sie jeden Bekannten am Krankenbette besuchen müssen, so würden Sie
ja nie heiter werden. Aber mir verzeihen Sie es, daß ich Ihnen vielleicht
einige trübe Minuten verursache.«

Florentin. Sie beschämen mich, gnädiges _Fräulein_; meine Nachläßigkeit,
mein Leichtsinn sind mir kaum zu vergeben.

Auguste. Sehr gern zu vergeben, denn ich spielte eine unbedeutende Rolle in
der Geschichte Ihres Lebens; allein Sie in der meinigen eine größere, ohne
dass Sie darum wußten.

Florentin. Dürft' ich darum nicht wissen, vortrefliches _Fräulein_?

Auguste. Nein, so ist es und war es vielleicht besser. Aber ich hatt es mir
vorgenommen, Ihnen es einst -- und wär es auf meinem Todtenbette -- zu
bekennen, oder sollt' ich zu früh aus diesem Leben gegangen, sein, würden
es diese Papiere gethan haben.

Florentin. (verwirrt) Gnädiges -- -- Fräulein -- --

Auguste. Ich stehe am Rande des Grabes, getrennt von allen Freuden, allen
Leiden dieser Welt, ohne Gram, ohne Sehnen; kein Wunsch keine Hofnung
bleibt hier zurük, und deswegen red' ich offen zu Ihnen, wie ich mirs lange
schon vorbehalten hatte.

Florentin. Mögten sie noch lange mit uns bleiben!

Auguste. Nein, so ist es besser; meine Wiedergenesung würde mich nicht
glüklich machen können.

Florentin. Vielleicht doch. O, daß ich Sie nicht früher, nicht näher kennen
lernte!

Auguste (mit leiserer Stimme) Sehen Sie, Graf, _dies_ war der unglükliche
Punkt, welchen zu berühren Sie mir die Mühe überheben. -- (mit zitterndem
Tone) O Graf! vielleicht daß ich dann nicht hier -- nicht jezt -- --

Florentin. (mit Thränen) Gott!

Auguste. Nicht izt schon -- so früh -- --

Florentin. Können Sie mir auch das -- auch _das_ vergeben? -- -- (indem er
ihre Hand küßt) Können Sie das?

Auguste. (die Duurs Thränen auf ihrer Hand fühlt) Weinen Sie, Herr Graf? o,
zuviel für eine Sterbende, weinen Sie nicht! --

Florentin. Vielleicht -- vielleicht bin ich Ihres frühzeitigen Verwelkens
-- -- --

Auguste. Nicht doch! so entwarf die heilige Vorsehung ihren Plan, so mußten
Sie handeln, und so mußt ich empfinden. -- -- Alles unergründlich, mit
Leiden verwebt für mich, aber das Wesen, welches für uns eine so planvolle,
wunderbare, schöne Welt erschuf, sollte dies Wesen allein planlos in unsern
Schiksalen handeln?

Florentin. Ein fürchterlicher, trauriger Plan!

Auguste. Nein, Bester, glauben Sie es nicht! -- mir ist freilich noch izt
am Ende meiner Tage manches in denselben verworren und dunkel, allein
droben, droben erwarte ich Licht; warum sollte der Himmel unsern Eigensinn,
unsre Wißsucht zu befriedigen gegen die Ordnung der Natur und des Schiksals
sein?

Florentin. Unnachahmliche, Sie -- Sie sind meine Trösterin, da Sie selber
Trostes bedürfen.

Auguste. Nein, ich bedarf keines Trostes; ich habe meinen Zwek erreicht;
Sie sollten mich noch ganz kennen lernen, eh ich die Erdenwelt verliesse,
sollten mir Ihr Mitleid gönnen, da ich nicht _mehr_ hoffen dürfte; ich
glaubte in dieser gegenseitigen Entdekkung Beruhigung zu finden, und ich
fand sie.

Florentin. Daß ich mehr zu Ihrer Beruhigung hätte thun können!

Auguste. Genug gethan! -- wollen Sie noch eines, so bitt' ich Sie, diese
Blätter, welche ich zu Anfange meiner Krankheit unter ahndenden Gefühlen
des Todes schrieb, an _Sie_ schrieb, mir noch einmal vorzulesen, und
hernach, sie keinem andern Ohr und Auge, als den ihrigen anzuvertrauen. --
Es sind Träumereien, Schwärmereien, welche Sie als nichts mehr betrachten
dürfen. Aber indem ich mich meinen Empfindungen und meiner Einbildungskraft
überlies, war ich doch glüklich. -- --

_Florentin_, in die schwermüthigste Seelenstimmung versunken, entsiegelte
die Papiere, und begann zu lesen. Oft zitterte, oft brach seine Stimme,
aber die _Sterbende_ lächelte holdseelig auf ihn hin, und er fuhr im Lesen
fort.

Wer vielleicht aus ähnlichem Hang, vielleicht aus Neugier, oder wider die
Langeweile, der liebenswürdigen _Auguste_ Schwärmereien, mit _Florentin_,
zu lesen wünsche, wende sich zum folgenden Kapitel.



Fünftes Kapitel.
Schwärmereien Augustens von Gülden.


Ich will mich hieherstellen und den Vollmond ansehn, wie er schweigend über
den einsamen Thurm der Kirche hinschwebt; -- es ist ein feierliches
Schauspiel! die Gottheit erschuf diesen wiederleuchtenden Weltkörper, daß
er ewig und liebend uns umschwebe, und nie unsern Stern verlasse, sondern
ihn immer begleite in seinem Kreislauf.

Was hier _Gesez der Natur_ heißt, heißt bei den Menschen _Liebe_; aber ist
Liebe vorherbestimmtes Gesez, ist Liebe _Zwang_? Ich mag es nicht
ergründen, aber Heil mir daß ich diesen süssen Zwang, oder diese
beseeligende Willkühr meines Herzens empfinde!

Fragt nicht, wo ist Gott und was ist die Gottheit? -- sehet über euch die
zahllosen Gestirne, die liebend und treu sich umeinander hindrehn; sehet
die vernunftlosen Thiere, die Gewürme des Staubes welche sich mit einander
vereinen, und die Seeligkeit ihres Daseins in der Liebe finden. Dort ist
Gott und Gott ist hier, er webt und wandelt in und über den erhabnen Sfären
des Weltalls und webt und wandelt in und über den Blumen des Feldes. Gott
ist die Liebe; die Liebe ist Gottheit und allgegenwärtig!

Seid mir willkommen, ihr schmeichelnden, heiligen Gefühle, welche meinem
Herzen unbekannt waren, seit Gustaf heimkehrte zum Staube, woraus er
erschaffen war! Seid mit willkommen, ihr die ihr nicht mit seinem schönen
Geiste der Erdenwelt entflohn seid! Ich Unglükliche soll noch glüklich
sein; meine erstorbnen Freuden blühn wieder auf, meine melancholischen
Klagen lösen sich in frohe Gesänge der Hofnung und Sehnsucht auf, o darum
Heil der Liebe, Heil der Gottheit!

Noch weis, noch ahndet er nicht, daß ihn ein Mädchen liebt am Hofe; stolz
bieten ihm Rosen, und Tulpen sich an, an seiner Brust verblühn zu können;
wird er das unbekannte, einsame Veilchen verschmähen? -- Wird _Florentin_
_Augusten_ verschmähen?

O daß er mich belauschte, wenn die Thräne der Sehnsucht meinem Auge
entquillt; daß er mich belauschte, wenn ich sinnend die Züge seines schönen
Namens auf das Papier hinmahle; daß er mich belauschte wenn ich:
_Florentin! Florentin!_ seufze, und meine Wangen schaamvoll erröthen! -- --

Eine liebliche Ahndung umgaukelt meine Seele; die Hofnung strahlt mir
lächelnd entgegen: spät oder früh sinkt er an meinen Busen, spät oder früh
umschliessen den Geliebten meine Arme. -- Seelige, beneidenswürdige
Auguste, Dein Himmel wohnet auf Erden; Liebe wird Dir mit Liebe vergolten,
_Florentin_ Dir alles, und Du dem schönsten Jüngling alles werden; o Loos
der Liebe, wie seelig bist Du! --

                   *       *       *       *       *

_Gustaf_, _Gustaf_, warum erschienst Du mir im Traume dieser Nacht? warum
lächeltest Du mir so wehmüthig zu, und liessest Thränen über Deine
Engelswangen rinnen? -- Heiliger, Auserwählter, zürnest Du?

Ach nein, wie könnte ein Geliebter Gottes zürnen? Dein Lächeln war das
Lächeln der Freude, Deine Thräne, die Thräne der Wonne Deine _Auguste_ nach
langen Leiden glüklich zu sehn! -- o sieh herab auf mich, Verklärter, und
sieh _Augustens_ Glük! -- Ich bin Dir noch treu, treu, wie bei dem ersten
Kusse, welchen ich Dir, Engel, aufdrükte; und doch liebe ich einen
_Florentin_. Bin ich strafbar? nein, denn, wenn Liebe zum Verbrechen
geworden ist, so sind alle Meisterwerke der Schöpfung Sünde; im Hauch der
Liebe wurden sie erschaffen, und zur Liebe reizen sie wieder.

                   *       *       *       *       *

Hör' es, hör' es, wohlthätiger Geist der Liebe! hör' es Du ganze glükliche
Natur, hört es alle, ihr seeligen Geschöpfe auf Erden, daß ich unglüklich
bin! _Florentin_ liebet mich nicht! ach, Gott, er liebet mich nicht! --

Nun sinken sie alle ein, die schönen Fantome meiner hoffenden Liebe; nun
verdüstern sie sich, die lächelnden Paradiese, welche meine
Einbildungskraft in frohen Augenblikken hinzauberte. Nun ist für _Augusten_
keine Freude mehr! --

O _Louise_, Du hast ihn mir geraubt, Du, die sich meine Busenfreundin
genannt hat, ihn der den Traum meiner Tage allein versüssen, konnte: Hast
ihn mir geraubt, die Du so vieles besizzest, von einem Herzogthume
angebetet wirst, hast ihn mir Armen geraubt, die da nichts, als ein
weiches, empfindendes Herz zum Eigenthume hat. Bist Du nicht reich genug
gewesen, mußt Du auch die Bettlerin um ihren Schaz plündern?

Verlange nicht stolze Habsüchtige, daß ich Dich noch liebe; fordre nicht
Besiz eines Herzens, nach dem Du mit giftigen Pfeilen zieltest. O mit
räubrischen Händen entwandst Du mir ein Heiligthum, und ich soll Dich
lieben? -- Nein, nein, die kühnsten Widersprüche der Natur mögen sich in
Harmonien auflösen; der Raubvogel in den Lüften seiner Antipathie
vergessen; liebend neigen die Bewohner des Paradieses die Behausungen der
verdammten besuchen, nur nimmer wird meine blutende Seele der Deinigen in
Eintracht begegnen!

Ha, Fürchterliche, wisse, das Glük der Liebenden zerstören, heißt den
Grundstein der Schöpfung verderben. -- Heilige, reine Liebe konnte nimmer
in einem Herzen, wie das Deinige, ihre Wohnstatt aufschlagen, aber nimmer
müsse Dich auch ihr leisester Odem beseeligen. -- Nie umarme dich eine
liebende Gestalt; finde nie deinen Himmel auf den Lippen eines Jünglings.
Geh, geh, suche bei der ewigen Güte Erbarmen, und finde es nicht; geh, geh!
-- --

                   *       *       *       *       *

Nein gute _Louise_, vergieb, ich habe gesündigt; habe Dich gelästert und Du
bist eine Heilige! -- Ich bin so unglüklich, o, so, unglüklich, dein Zorn
mache mich nicht elender!

Wie doch alles so wunderbar im menschlichen Leben an einander gekettet, und
durch einander gewirrt ist! und das alles, alles ist weiser Plan des
weisesten Wesens? --

Ich bin ja eine Sterbliche; Leidenschaft und zartes Gefühl sind mir
angeschaffen, die Schönheiten der Welt sind ja auch für mich vorhanden; und
doch bin ich ausgestoßen aus der Zahl froher Wesen? -- die Freude und das
Jauchzen der wonneberauschten Kreaturen ist ein Lobgesang auf die Güte des
Himmels, verherrlichen meine Thränen den Himmel auch? -- was hat denn meine
Seele verbrochen, welches sie abbüssen müsste, warum bin ich so verlassen?

Ich ergründ es nicht, und werd' es nie ergründen!

Seid glüklich, ihr schönen Seelen, Auguste findet ihre Ruhe in den Thränen
der Schwermuth; euch umfasse ein blühender Busch, geheime Küsse zu
verbergen; mich verdekke ein sterbendes Gesträuch, das sein trauriges
Lispeln in meine Seufzer mischet.

Bricht das Licht des Morgens empor, so verscheucht es melancholische Träume
von meinen Augenwimpern, und ladet zum Weinen ein; umschleiert die Nacht
mich, so sink ich an ihren Busen um ungestörter zu jammern. -- Seid
glüklich, ihr meine Mitgeschöpfe, ich bin es im Leiden. Ewigkeit ist unser
Loos nicht; meine Thränen werden einst versiegen!

                   *       *       *       *       *

Nein, nein, ich will sie nicht mehr hören, jene bangen, furchtbaren
Ahndungen, ich will sie alle verbannen. Die Hofnung steigt vom Himmel
herab, lächelt und bringet mir Trost. Furchtlos sollen meine mattgeweinten
Blikke auf die Leiden hinsehn, die mir bestimmt sind, vergebens sollen sie
mich verfolgen. Eine Freistätte öfnet sich mir, eine Freistätte, an deren
Pforte die Furien des menschlichen Lebens zurükbeben, und die ihnen
entrinnende Beute unverfolgt lassen. -- O, Tod, dies ist dein Tempel!

Die Nebel zerrinnen, mit welchen die furchtsame Einbildungskraft der
Sterblichen deinen Vorhof umlagerte; eine wohlthätige Gottheit schwebst du
aus diesen Finsternissen hervor, und strekkest dem zitternden Verlaßnen
deine Arme entgegen. Mit ewigem Lichte ist dein Thron umringt, ihm zur
Seite glänzt die majestätische Wahrheit, die holde Ruhe, der liebenswürdige
Friede herrschen hier, und bieten dem schüchternen Ankömmling ihre
Zauberschaalen. Abgemattet von dem mühevollen Lebenslaufe trinkt der Mensch
den dargebotnen Trank, und weggeschwunden sind jeder Harm und selbst die
wehmüthige Erinnrung.

O Menschen, Sonderbare, Unerklärliche! warum mahlet ihr der Gottheit
süssestes Geschenk mit so schauerlichen Farben? -- So manche Noth drükket
euern Miterschafnen, geheimer Kummer nascht mit gefrässigem Zahn an der
Wurzel seines Lebens und ihr weinet über seinen Leichnam?

Freuet euch, meine Lieben, wenn der gefällige Tod des Lebens Bürde von mir
nimmt; bedekket meinen Leichnam nicht mit einem düstern Tuche, worin die
Hand des Künstlers das Bild der Verwesung gezeichnet hat. Zündet um meiner
Baare keine Todtenfakkeln an, deren blasser, zitternder Glanz, wenn er sich
mit grauenvoller Dunkelheit gattet, die Seele des Zuschauers beben macht.
Begleitet mich nicht in langen Trauergewändern, mit erdwärtsgesenkten
Blikken zu Grabe. -- Nein, umkränzet mir lieber das Haupt mit Blumen,
wünschet der Entschlummerten Glük, und senket mit Lobliedern auf den Tod
den Leichnam in die mütterliche Erde. So ehret ihr den Triumf eurer
Freundin! --[A]

                   *       *       *       *       *

_Louise_, Du fragst, warum _Augustens_ Wangen verblassen? -- verblassen sie
wirklich? wohl mir, dies ist der erste Kus des Todes. Ich fühl es, meine
Kraft ist vertroknet, meine Hofnungen glüklicher Lebensszenen sind
verloschen, _Gustaf_ winkt. --

[Fußnote A: Jakoby.]

Lebt wohl, ihr die ihr mich lieb hattet, lebt wohl. Und Du, _Florentin_,
sei glüklich. Dich nur liebt ich allein auf dieser Welt, -- Dich hatte ich
mir zum Ersaz vieler Thränen auserkohren Dich hätte ich nicht für die ganze
Pracht einer königlichen Krone vertauscht, und Dir entsage ich izt.

Sprach man von den schönsten Werken des ewigen Schöpfers, so dachte ich
deiner; sollte sich meine Andacht vor heiligen Altären zum höhern Fluge
beflügeln, so dachte ich deiner -- nannte man die Freuden eines künftigen
Lebens, _Florentin_, so dachte ich deiner, und dir sag ich izt das
Lebewohl! Nur einen Wunsch gewähre mir das Schiksal, daß _Florentin_ einst,
wenn ich schon von dem Irrdischen entfesselt, hinübergegangen bin in die
Wohnungen der Ruhe, diese Blätter lesen, mich noch mitleidig betrauern
mögte, oder daß er mir an meinem Sterbebette noch diese Klagen vorlesen,
und ich seine Wehmuth sehen dürfte! Oh, ich habe vielleicht zu viel
gebeten, vielleicht -- --

_Florentin_ konnte nicht weiter; er verhüllte schluchzend sein Gesicht; der
alte Herr _von Gülden_ zerfloß in Thränen und schaute in stiller
Verzweiflung auf sein Kind hin.

»Es ist erfüllt!« lallte _Auguste_ -- ihr Auge war gebrochen, jezt brach
ihr Herz. Der alte Vater stürzte sich über ihren Leichnam; _Florentin_
küßte die kalte Hand der Entschlummerten, und Jammer und Thränen wurden
allgemein.



Sechstes Kapitel.
Der Donner aus der Ferne.


»Ausgerungen hat die schöne Leidende; ihr Fus durchwandelt jezt seligere
Regionen; ihr Auge kennt jezt keine Thränen mehr; sie ruht vielleicht jezt
am Busen ihres _Gustaf_; ruht aus von überstandenen Leiden, indessen ich
Verlassne trüben Bliks ihrem Flug nachstarre!«

So sagte _Louise_ zu sich, als sie von dem Tode ihrer _Freundin_
benachrichtigt worden war; und in der That hatte sie Recht zu klagen.

Sie fühlte, ihre Lage sei, in jeder Hinsicht, schreklich, sie war in ein
Labyrinth verschlungen, aus welchem zu entkommen bis izt alle Möglichkeit
verloren schien. Und nun war sie auch ihrer Rathgeberin, Trösterin,
Mitweinenden -- ihrer Vertrauten, ihrer Schwester beraubt.

»O unglükseelige Liebe!« rief sie zu wiederholten Mahlen aus, indem sie
ihre Blikke zu Boden schlug und ängstlich die Hände rang: »Ich mus mich dem
unglüklichen Grafen entdekken, es koste was es wolle. Vielleicht findet er
einen Ausweg, den mein Auge bisher nicht wahrnahm; vielleicht -- o
_Florentin_, wehe Dir und mir, wir sind Beide verloren!«

_Augustens_ Tod war gleichsam das Signal, zu fürchterlichen Ungewittern,
die sich izt über unsre beiden Liebenden zusammenzogen.

_Louisens_ Freundin wurde feierlich begraben, und zwar so, wie sie es
ausdrüklich auf ihrem Sterbelager gewollt hatte.

Einige Tage vor der Beerdigung stand ihr Leichnam in einem braungebeizten
kostbaren Sarge öffentlich zur Schau, damit Freunde und Bekannte und
Unbekannte noch einmahl die schöne, zur Verwesung eingesunkne Hülle einer
noch schönern Seele sehen mögten. -- Sie war in ein weisses Gewand gehüllt,
hin und wieder mit jungen Rosen überstreut; ein Kranz von eben diesen
Blumen, mit Vergismeinnichten durchwebt, umflos ihre Stirn. Alles was
schauerliche Vorstellungen vom Tode und Grabe erregen konnte, war hier
verbannt, keine schwarz überschlagne Wände, kein langer Trauerflor, kein
Todtenkopf, waren hier zu erblikken.

Am Fusgestelle der Baare stand ein ovales, lebhaft umkränztes Bildnis
errichtet, in welchem die Verstorbne vorgestellt wurde, wie sie von ihrem
Genius geführt, den Hallen des Lichts entgegenschwebte. Die Erde lag mit
falbem Grün bekleidet, leblos und vernebelt unter ihren Fersen; ihr
Gesichte strahlte im Wiederschein der ätherischen Gegenden, und ein Seraf,
mit den Zügen des schönen _Gustafs_, schwebte ihr entgegen, mit der
glänzenden Palme.

Ehe der Sarg in die Gruft hinabgesenkt wurde, sezte man ihn nach alter
Sitte zuvor in der Gegend des Altars in der Schloskirche nieder. Hier
sprach der neue Hofprediger vom Wiedersehn in der Ewigkeit, und der
Wohlthat des Todes für die Sterblichen so vieles und so schön, daß die
Augen der Leidenden und Frohen, die bei dieser Szene versammelt waren, von
Thränen stiller Sehnsucht und Hoffnung glänzten; eine angenehme Ruhe wohnte
in jeder Brust, eine feierliche Stille herrschte überall, nur hin und
wieder hörte man die leisen Seufzer der trauernden Verwandten.

Plözlich erscholl _Klopstoks_

   Auferstehen wirst Du, auferstehen!

vom Chore herab; die Gemeinde stimmte mitempfindend in den herzerhebenden
Gesang; liebliche Wehmuth und Hoffnung vermischten sich in jeder Seele.

_Augustens_ Hülle wurde eingesenkt, unter den Gesängen unsrer besten
deutschen Dichter über Wiedersehn in der Ewigkeit, Auferstehung, und
Seeligkeit der Entschlummerten Gerechten. Bekannte und Unbekannte, Mädchen
und Jünglinge eilten unterdessen zum Grabe, Blumen herunter zu streun, auch
die Prinzessin _Louise_, mit einem Körbchen voll junger Rosen, stand unter
ihnen, und warf sie der Asche ihrer _Freundin_ nach.

Heiter kehrten sie alle zurük, und, halbgetröstet über den Verlust seiner
geliebten Tochter, auch der _Vater_ _Augustens_.

Man sprach noch lange von diesem Leichenbegängnis, und die einsichtsvollern
unter den Residenzbewohnern führten es bei sich ein, worauf auch der
gemeine Mann nicht länger anstand es nachzuahmen.

_Florentin_ blieb einige Tage darauf stets in seinem Zimmer verschlossen;
er war trostlos um Augustens Tod, als dessen Ursach er sich betrachtete,
aber bald wurde er durch einen neuen Auftritt aus dieser Schwermuth gewekt.

Er erhielt nämlich Befehl vor der _Prinzessin_ zu erscheinen.

_Florentin_ ging zur bestimmten Stunde, wurde vorgelassen und fand
_Louisen_ auf ihrem Sofa blas, schwermüthig, und wie aus tiefen Gedanken
aufgeschrekt, sizzen.

Er küßte zitternd ihre Hand und fragte um ihren Befehl. Sie schwieg eine
Weile, bat ihn sich nieder zu lassen, ging darauf schweigend in dem Zimmer
auf und nieder und warf unterweilen einen traurigen Blik auf ihn.

»Nicht wahr,« sagte sie endlich, indem sie am Fenster stehn blieb, mit
weggewandten Gesicht: »wir haben am Fräulein _v. Gülden_ viel verloren?«

Florentin. (einen Seufzer unterdrükkend) Ja, bei Gott unendlich viel.

Prinzessin. Wer wird jezt ihren Plaz ausfüllen können?

Florentin. Ich wüßte kein Mädchen von so sanftem liebenswürdigen Karakter,
von solcher Treue, solcher Verschwiegenheit.

Prinzessin. Sie haben Recht. Aber meinen Sie daß wir jezt einer solchen
Vertrauten entbehren könnten? meinen Sie Graf?

Florentin. Eher vielleicht das Geheimnis unsrer Liebe einer Verrätherin
offenbart würde, eher dächt' ich -- --

Prinzessin. Es wäre wenigstens zu wagen; denn bester Graf, in kurzem sind
wir Beide verrathen.

Florentin. (erschrokken) Verrathen?

Prinzessin. Erschrekken Sie nicht; erwarten Sie alles mit gefaßter,
männlichen Entschlossenheit, was Ihnen und mir auch begegnen mögte.

Florentin. (einen Schritt näher tretend) Um Gotteswillen. Theure, wozu
diese Vorbereitung?

Prinzessin. Leider daß man Sie vorbereiten mus!

Florentin. Verrätherei unsrer Liebe? -- o, hätten Sie mir gesagt, daß ich
in der folgenden Minute des unfehlbaren Todes wäre, es hätte mich nicht
erschüttert.

Prinzessin. Unsre Liebe wird verrathen werden, ich sage ja: _wird_; noch
_ist_ sie es nicht.

Florentin. _Wird_? o, gnädigste Prinzessin, sagen Sie mirs, durch wen?
_durch wen?_ -- ich bitte Sie um Gottes, um ihrer zeitlichen Wohlfahrt, um
alles Heiligen willen, _durch wen?_ --

Prinzessin. (die ihr Gesicht verhüllt.) Oh!

Florentin. _Durch wen?_ ich flehe; nur um des verhaßten Namens erste Silbe
flehe ich; und bei dem grossen, furchtbaren Gott, bei dem ewigen Geheimnis
unsrer Liebe beschwöre ichs, ich bringe den Verräther um. -- Sie wollen
nicht? wollen sich unglüklich machen, und mich? --

Prinzessin. (weinend) Verlassen Sie mich.

Florentin. Nein, ich ruhe nicht, bevor ich den Verräther entdekt habe. Sie
schweigen noch? o, Louise, gedenke jener seeligen Nächte, und bei diesen
sei beschworen: wer will --

Prinzessin. (seine Hand fassend und ihn zärtlich anblikkend) Eben -- eben
jene seeligen Nächte -- -- o, las mich nicht fortfahren.

Florentin. (sie anstarrend.) Eben jene seeligen Nächte, Louise -- --?

Prinzessin. (mit weiblicher Schaam an seine Brust sinkend) Oh, Florentin!

Florentin. Was ist das?

Prinzessin. Machten dich -- dich zum Entehrer des herzoglichen Geblüts,
Dich -- -- zum Vater! --

Florentin. (hinsinkend) Oh, Gott! Gott!

(eine lange, ängstliche Stille.)

Prinzessin. Nun, mein Florentin?

Florentin. (starrt düster vor sich hin)

Prinzessin. Quäle meine Seele nicht, Lieber. Wir sind unglüklich, nicht so?
ohne Rettung, ohne Hofnung unglüklich? --

Florentin. (schweigt, wie oben.)

Prinzessin. Hätten wir uns nie gesehen, hätten wir uns gehasset, statt zu
lieben, hätten wir nie, ach nie den giftigen Kelch der Wollust genossen! --
-- Florentin, sieh mich an. Sieh nicht so starr vor dir hin, presse nicht
die Lippen so zusammen, -- komm, heitre dich auf, lächle. Ich bin
unglüklich, aber doch nicht allein. Du bist elend aber es doch nicht
allein; zu jeder andern Stunde, ein fürchterlicher Trost, jezt aber
namenlos süs.

Florentin. (giebt keine Antwort)

Prinzessin. Ein unglüklicheres Loos konnte nicht auf mich fallen, als
gefallen ist. Wär' ich die ärmste Dörferin dieses Herzogthums, ich wäre
glüklicher; es würde sich ein mitleidiger Hirt finden, der mich Verstoßne
aufnähme; wir würden uns lieben dürfen, ohne daß die ganze Welt auf unsre
Liebe sähe; doch es ist geschehn.

Florentin. (sich ermannend) Es ist geschehn, theuerste _Louise_, es ist
geschehn. Ich stehe fest. Ich seh' es voraus, der Staat wird für diese
Liebe mein Blut fodern, ich will es ihm nicht verweigern; nur _Louisen_
mögt' ich nicht leidend wissen.

Prinzessin. Sonderbarer, zittre nicht für die Schwester eines Herzogs. --
Doch Du, Bester, Du --

Florentin. Ich bin jeder Gefahr gewärtig.

Prinzessin. (geht zu einem Schrank und zieht ein Kästchen hervor) Nimm dies
und entflieh.

Florentin. Nimmermehr.

Prinzessin. Entflieh!

Florentin. Nimmermehr; wo _Louise_ lebt, will auch ich leben, und soll ich
sterben, so will ich unter ihren Augen meinen Geist aufgeben. -- Ich fliehe
nicht, _Louise_ wäre denn mit mir: dann hin in die unfruchtbarsten
Wüsteneien, in die schauerlichsten Winkel eines Waldes, hin in entlegne
Welttheile, wo die Menschen noch Thiere sind, wo die Sonne nur halbjährlich
hinblikt, oder wo sie ewig glühend sich um ihren Mittelpunkt wälzt, --
allenthalben blühete dann ein Paradies für mich.

Prinzessin. (mit Stolz) Ich bin Fürstin. -- (schmeichelnd) Entflieh!

Florentin. Ich kann nicht. Las mich, wenn es sein soll, sterben, nur
entfliehen nicht. Ein leidender Verbrecher erregt wenigstens Mitleiden; der
glükliche Flüchtling schleppt den Has der Welt mit sich in alle Zonen
herum. Ich will bleiben.

Vergebens bat _Louise_ ihren Liebling mit Thränen; er widerstand mit
Hartnäkkigkeit. Lange dauerte der zärtliche Streit, bis die _Prinzessin_
mit heimlichem Schaudern in _Florentins_ Verlangen willigte. Er blieb in
der Residenz, bis zur Entwikkelung der Geschichte, sein Schiksal möge sich
dann entfalten, wie es wolle.

»O!« -- seufzt der unglükliche _Graf_, wie einst _Hüon_:

   -- -- -- Das allgemeine Loos
   Der Menschheit, schwach zu sein -- ist mein Verbrechen blos.
   schwer büß' ichs nun, doch klaglos, denn gereuen
   Des liebenswürdigen Verbrechens soll michs nicht!
   Ist Lieben Schuld, so mag der Himmel mir verzeihen.
   Mein sterbend Herz erkennt nun keine andre Pflicht.

Sie schieden von einander. In einer fürchterlichen Angst hing _Louise_ an
seinem Halse; noch einmal, unter zahllosen Thränen, unter zahllosen
Beschwörungen bat sie ihn, zu fliehn, er aber weigerte standhaft.

»Ich bleibe,« sagte er, und drükte einen Kuß auf ihre Lippen: »ich bleibe.
Und muß ich sterben, wohl so sterb' ich gern. Mein Tod wird meine Feinde
zum Mitleiden rühren, meine Flucht aber wäre ihr Triumf; alle wohlthätige
Anstalten, welche ich zum Besten meines Vaterlandes traf, würden vielleicht
dann ihren Werth verlieren, mein Tod kann aber noch eine Stüzze derselben
sein.«

Ohne noch ein Wort zu verlieren, entfernte er sich.



Siebentes Kapitel.
Das Gewitter zieht näher heran.


Prinz Moriz. (auf einem Ottomann) Es ist alles umsonst; indes kann ich mich
leicht darin ergeben. _Duur_, _Duur_ wir begegnen uns noch einmal auf einem
fürchterlichen Gange; doch der Kerl ist einer so langen Erinnrung nicht
werth. -- (er klingelt)

Ein Bedienter. (kommt herein)

Prinz Moriz. Geh zur Signora _Biondine_; sie darf mich heute zum Nachtessen
bei sich erwarten.

Bedienter. (geht ab.)

Pr. Moriz. Prinzessinnen und Sängerinnen sind beim ausgelöschtem Lichte
einander gleich. _Louise_ und _Biondine_! freilich eine gräßliche Kluft
zwischen beiden, aber _Biondine_ gehört zu den weichherzigen Seelen, und
das macht alle ihre Fehler gut.

Sekretair Flimmer. (tritt herein)

Pr. Moriz. Nun?

Flimmer. O vortreflich!

Pr. Moriz. Teufel, du lügst!

Flimmer. Haben Sie die Gnade mich zu hören. Ich besuchte während Ew. Hoheit
sich hier am Hofe aufhielten, nach meiner alten Gewohnheit zum Zeitvertreib
die Tabagien; man findet an solchen Oertern die schönste Gelegenheit
Menschengesichter zu beobachten, physiognomische und politische
Betrachtungen aufzustellen. Unter andern frappirte mich ein alter,
schlichter Kerl, aus welchem niemand eigentlich klug werden konnte. Man
wußte mir von ihm nicht mehr zu sagen, als daß er täglich in den
Weinhäusern herumläge, spielte, söffe und unserm Hergott die Tage abstöhle.
Dazu wollte man sich erinnern, das er ein verschmizter Gauch wäre, welcher
schon manchen dummen Streich begangen hätte. Das trolligste bei der ganzen
Sache ist, daß der alte Schelm stumm ist.

Pr. Moriz. So. Wie beißt der Tagedieb?

Flimmer. _Badner_. Ich bemerkte, daß er Geld zu verschwenden hatte, drum
währte es nicht lange, so saßen wir neben einander und tranken
Brüderschaft. Ich unterhielt mich öfters ganze Abende mit ihm; seine
Bleifeder diente ihm statt der Zunge.

Pr. Moriz. Nun?

Flimmer. Dieser sonderbare Taugenichts ging vor einiger Zeit zum _Grafen
Duur_ in Dienste; seine Börse ist bankerot, vermuthlich gedenkt er sie
durch die Freigebigkeit seines jezzigen Herrn wieder zu spikken. Allein
seit einigen Tagen schien er mit seinem Schiksale nicht recht zufrieden zu
sein; flugs machte ich mich an ihn, lokte ihn aus, und ich hatte den
küzlichen Flek richtig getroffen. Ich ließ einige Worte von Ihnen fallen,
von Ihrer Güte, Ihrer Mildthätigkeit. Der Kerl spizte die Ohren. Folgenden
Tages ließ ich ihn merken, dass Ew. Hoheit ihn wohl in Dienst zu nehmen
gedächten. Mein _Badner_ war wie ausser sich vor Freude. Am dritten Tage
sprach ich von einem Werke, wodurch er sich Ew. Hoheit sogar verbindlich
machen könne. Er fragte um nähere Umstände; ich konnte ihm weiter nichts
erwiedern, als daß Ew. Hoheit dem _Grafen von Duur_ nicht wohl wollten, und
daß, und so weiter. Und heut bring' ich Ihnen den Erzgauner, willig zu
jedem Bubenstük, her. Ein Wort von Ihnen selber kann ihn zum Vatermorde
stark machen. Er steht und wartet in der Antichambre.

Prinz Moriz. (läßt sich eine Chatulle reichen.) Führ' ihn her.

Der alte Badner. (tritt nach einer Weile mit dem Sekretair herein.)

Pr. Moriz. Höre _Badner_, Du willst des Grafen Dienst verlassen?

Badner. (schüchtern mit dem Kopf winkend) Ho.

Pr. Moriz. So kannst Du in den meinigen treten, wenn Du ein ehrlicher
treuer Kerl bist. Ich bezahle meine Leute gut, aber sie müssen im Fall der
Noth auch wohl ihr Leben für mich in die Schanze schlagen können. Bist du
das auch gewillt?

Badner. (sich verbeugend) Ho!

Pr. Moriz. Schade alter Bursche, daß Dir das Maul vernagelt ist. (wirft ihm
eine Börse voller Geld entgegen) Da, nimms zum Handgelde. Wie lange wirst
Du noch beim Grafen bleiben?

Badner. (zieht eine Schreibtafel hervor und schreibt) Ein Monat noch.

Pr. Moriz. Ja, Bursche, das währt zu lange. Doch mein Sekretair wird Dir
schon einige Winke gegeben haben, wie Du Dich zu verhalten hast.

Badner. (winkend) Ho, ho!

Pr. Moriz. Wird Dir auch wohl von den hundert Louisd'oren und von diesem
Fläschchen gesagt haben, dessen Wasser Du -- --

Badner. (mit treuherziger Miene) Ho, ho!

Pr. Moriz. Du darfst dies Wasser nur unter seinen Wein, oder in eine Suppe
schütten. In ein, zwei, drei Wochen keucht das Junkerchen seinen
zukkersüssen Geist von sich, und Du empfängst noch funfzig Louisd'ors von
mir. Funfzig hältst Du jezt schon der Hand.

Badner. (schreibt) Ew. Hoheit erlauben mir aber bei Ihnen Dienste zu
nehmen?

Pr. Moriz. Nicht anders; so bald der _Graf_ das Wasser verschlukt hat,
meldest du dich wieder. (er reicht ihm das Fläschgen) Leb wohl. Mache dein
Probestük als Meister; mein Sekretair sage dir das übrige.

Flimmer und Badner. (entfernen sich)

Ein Bedienter. (bringt dem Prinzen einen Brief, worauf sich derselbe wieder
wegbegiebt.)

Pr. Moriz. (bricht auf und liest:)

Prinz!

Da Ihr unsre Warnungen verachtet, unsern Rath verlacht, unsre Stimme tauben
Ohren schallen lasset; so rufen wirs Euch zum leztenmale zu: seid auf Eurer
Hut, entgehet der Rache beizeiten, ehe sie Euch unverhoft überfällt. --
_Giftmischer_ werden auf deutschem Boden nicht geduldet, schlaget Euch zu
den Banditen in Welschland! -- Entfernet Euch binnen vierzehn Tagen aus dem
Herzogthum, eine Stunde, so Ihr über die gegebene Frist verzögert, bringt
Euch unfehlbaren Tod von dem Gericht der Euch _Unbekannten_.

Donner und Wetter was sollen die Mummereien? -- der dritte Brief schon den
mir die unbekanten Spione zuschikken und kann nicht erkunden von wem und
von wannen? -- Ists der _Herzog_ selber, der in dem richterlichen Tone zu
mir spricht und mir sein Land zum Aufenthalt versagt, oder ists der
vermaledeite _Graf_? -- Unmöglich, wie wußten diese um all meine
Geheimnisse? -- Hier ist Verrätherei! (er springt vom Ottomann auf) Hollah!
ho! Flimmer!

Flimmer. (kömmt.)

Prinz Moriz. (ihn hart anfahrend) Bösewicht, oder Dummkopf! sprich was bist
Du von beiden?

Flimmer. (erstaunt) Ew. Hoheit verzeihn -- --

Pr. Moriz. Schurke, ich bin verrathen durch Dich!

Flimmer. Verrathen? Wie so? auf welche Art? was denn?

Pr. Moriz. He, weißt Du nicht _mehr_ zu sagen? Ich bin verrathen, die
verfluchte Giftgeschichte -- alles ist bekannt!

Flimmer. (erblassend) Unmöglich!

Pr. Moriz. Wohl möglich! wohl möglich! -- He, Schurke, mache Dich
allmählich zum Strik gefaßt!

Flimmer. Ich bin ausser mir. Ich bitte unterthänigst mir zu sagen, wie kann
das verrathen sein? Badner ist nur jezt eben erst von mir gegangen; er
vermaas sich noch hoch und theuer, daß er binnen heut und morgen dem Grafen
das Gift beiringen, oder sein Leben einbüssen wolle. Eben, sag ich, ist er
erst fortgegangen, und Ew. Hoheit wollen schon so genau wissen, daß wir
verrathen sind?

Pr. Moriz. Nun da. (er hält ihm die Worte des Briefes dar.) Lies!

Flimmer. (ließt.) »_Giftmischer_ werden auf deutschen Boden nicht geduldet
-- schlaget Euch zu den Banditen in Welschland.« -- Gnädigster Herr --
dahinter stekt mehr, als gewöhnlicher Menschenwiz; das ist Hexerei, oder
der Satan äfft uns!

Pr. Moriz. Bedenke Dich, ob Du nicht hie oder da ein unüberlegtes Wort
hingeplaudert hast.

Flimmer. Ich darf Ew. Hoheit nicht an so viele tausend Streiche erinnern,
welche ich ausführte, und wodurch mir Ihre Gnade erwarb. Kein einziger
verrieth einen Dummkopf, einen Stümperer und dieser einzige, einer der
allerleichtesten von der Welt, dieser elende Streich sollte durch mich
selber verrathen worden sein? --

Pr. Moriz. Vielleicht hat Dich Dein Weinglas, oder Dein Freudenmädchen
plauderhaft gemacht. Besinne Dich!

Flimmer. Ich selber weis ja erst seit gestern um die Vergiftung; wie konnte
mich in dieser Zeit ein Mädchen auslokken, da ich den ganzen Tag in dem
Zimmer Ew. Hoheit Briefe schrieb, und mir nur ein Stündchen für _Badnern_
abmüssigte! und selbst Badnern lies ich nur halb den Plan Ew. Hoheit
errathen.

Pr. Moriz. Donner und Wetter, ich könnte rasend darüber werden! Wer hat
denn nun geschwazt? die Wände werden doch nicht horchen und es den fatalen
Briefschreibern wiederposaunen? -- Und werden die unbekannten Sittenrichter
nicht auch dem Grafen die ganze Geschichte schreiben und ihn warnen? -- Es
ist alles umsonst!

Flimmer. Fürchten Sie nichts, gnädigster Herr, fürchten Sie nichts; im
Nothfall sezz' ich meinen Kopf zum Pfande, daß der stumme _Badner_
demungeachtet seinem Herrn den _Tofanatrunk_ beibringen wird.

Pr. Moriz. Ich fasse Dich beim Worte. Geh auf Dein Zimmer, man soll Dich
nicht eher herauslassen, bis es mir gefällt.

Flimmer. (kriechend) Allein Ew. Hoheit -- --

Pr. Moriz. Fort! fort! der Teufel soll auf jeden Verräther und auf die
fürchterlichen Correspondenten fahren! fort, fort! -- --

_Florentin_ ahndete nichts von dieser Seite und blieb ruhig; allein seine
ganze Heiterkeit war verschwunden; düster und ernsthaft ging er vor sich
umher, verschlossen in seinen Zimmern lag er und sann er nach Rettung, aber
vergebens.

»Zum Richtplaz! -- zum Richtplaz! wohl denn, ich bin ein Mensch; der Tod
ist einmal mein gewisses Ziel; -- ich gehe!«

So sprach er oft bei sich, und fühlte in jeder Nerve kühne
Entschlossenheit. Nur ein Gedanke war fähig ihn um diese schauerliche Ruhe
des Geistes zu bringen, der Gedanke an seinen _Onkel_ und seine gute
_Schwester_. --

Zuweilen wieder dämmerte ihm der Hofnung liebliches Morgenroth durch die
Finsternis; _Holder_ lebte ja noch, und _Holder_ könnte vielleicht helfen.
Aber haben nicht _Holder_ und die, welche in seinem Namen schrieben, ihre
Pflicht erfüllt? warnten sie nicht oft genug, und, ach! nur zu spät? -- Wer
ist denn der Sonderling _Holder_, daß er retten dürfte? ein gemeiner
Unterthan des Herzogs, der für seine Cur an dem kranken Fürsten theuer
genug bezahlt worden ist! ein Flüchtling, ein Abentheurer, der in der Welt
umherschwärmt, und nun es sich belieben läßt aus Italien wieder nach
Deutschland zu wandern. -- Allein sein Karakter ist doch so edel, so schön!
wird er nicht alles für den verurtheilten Freund _wagen_? -- wagen? und was
denn? was liesse ein erbitterter Fürst wider sich wagen? O es ist alles
umsonst, und _Florentin_ in jedem Falle der baldige Gegenstand der Rache
eines beleidigten, tief beleidigten _Landesherrn_.

Indeß verzagte der _Unglükliche_ nicht ganz. Flucht hätte ihn vielleicht
vor dem Zorn des Richters sichern können, aber fliehn wollte _Graf Duur_
nicht. »Besser ein _beklagter Unglüklicher_ sein, rief er seiner Seele zu,
als ein _glüklicher_ Bösewicht!« --

_Badner_ trat zu ihm herein und grüßte freundlich. Noch nie sah der _Graf_
diesen Alten so vergnügt; es fiel ihm auf, und er fragte.

_Badner_ lächelte und winkte bedeutend mit dem Kopf, zog dann ein Gläschen
hervor, sezte es auf den Tisch vor seinem Herrn, zählte funfzig Louisdor's
daneben und schrieb in die Schreibtafel: »Das Gifttränklein für Sie, und
die Funfzig für mich.«

_Florentin_ starrte ihn verwundert an. _Badner_ lächelte und schrieb
weitet:

»So will es _Prinz Moriz_, aber _Badner_ wills anders.«

Hierauf öfnete der Alte das Fenster, zerschmetterte das Glas an das
Strassenpflaster, und strich das Geld triumfirend ein.

»Schikken Sie das Blutgeld an das Armenhaus, und bleiben Sie mir gut!«
schrieb er auf das Pergament.

_Florentin_ drükte gerührt seines treuen _Dieners_ Hand. »Ich danke dir,«
sagte er: »ich danke dir für deine Ergebenheit; bezahlen kann ich solche
biedre That nicht. Indessen hättest du _Morizens_ Befehl immerhin ausführen
können, ich würde dir auch gedankt haben, und du hättest mir vielleicht
gütlicher gethan.« --

_Badner_ schien sich verwundern.

»Nein, lieber Alter, verwundre dich nicht! Dein Herr ist unglüklich. In
einem Monate hast Du vielleicht mehr erfahren!«



Achtes Kapitel.
Eine Episode.


Es war des Morgens um vier Uhr, als _Pr. Moriz_ auf der Straße von vier
starken, verkleideten Kerlen angehalten wurde. Er kam so eben aus den Armen
der Signora _Biondina_, welche ihrem Galan eine seelige Nacht geschaffen
hatte.

»Hör' Er, Freund,« sagte einer von den Verkleideten, indem er den _Prinzen_
beim Arm faßte: »Er nimmts uns wohl nicht übel, daß wir so dreist sind, mit
ihm ein Paar Worte zu plaudern.«

Ein Andrer. Freilich, wir haben lange auf Ihn warten müssen.

Prinz. (einen Schritt zurüktretend) Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?

Verkleideter. Wer wir sind? das kann man Ihm nachher sagen. Was wir wollen?
eine Bestellung wollen wir an Mann bringen.

Prinz. Warum fallt Ihr mich auf der Strasse an?

Verkleideter. Bewahre Gott, _anfallen_! Banditen fallen Leute an.

Ein Andrer. Hör Er, wer Er ist, wissen wir nicht, aber daß Er beim Prinzen
_Moriz_ in Diensten steht, das wissen wir.

Prinz. (horchend) So ists; nun weiter? Ein Dritter. Wenn ich nicht irre; so
ist Er der Sekretair Flimmer.

Prinz. Ihr habts errathen.

Verkleideter. Grüss' Er seinen Herrn von uns unbekannter Weise.

Prinz. Soll gern geschehn, wenn ihm anders mit Eurem Grus gedient sein
wird.

Verkleideter. Gedient oder nicht gedient; das ist einerlei.

Prinz. Nur zur Sache, Schurken.

Verkleideter. Sehr Verbunden. Vors erste rathen wir ihm wieder zu erzählen
was ihm geschehen ist.

In dem Augenblik stürzten die vier _Bravo's_ auf ihn zu. Ehe sich der Prinz
besinnen konnte, ward sein Mund verknebelt, jeder seiner Arme von einem
Kerl gehalten, sein Couteau de Chasse aus der Scheide gezogen und ihm auf
die Brust gesezt.

Der Prinz strengte umsonst alle Kräfte an, sich loßzureissen, er war
ohnmächtiger, als ein Kind, und die _Kerls_ lachten. Der, welcher ihm den
Stahl auf die Brust hielt, fing an zu reden.

»_Prinz_!« sagte er: »wir kennen Euch wohl, nur zu wohl. Ihr habt dem
unglükseeligen _Grafen von Duur_ einen Gifttrunk zugeschikt; er hat ihn am
gestrigen Abend in einem Glase Brunnenwasser hinuntergeschlürft, und ihr
seid also sein Mörder. Ihr seid gewarnt von unbekannten Fingern, aber Ihr
habt gespottet, und in den Händen der Verspotteten seid Ihr jezt! -- Was
erwartet Ihr von denen, welche nach dem Rechte richten, und vor deren Stuhl
Titel und Bettlergewand keinen Unterschied machen?« -- --

Eine lange, schrekliche Pause erfolgte. Der _Prinz_ starrte den
fürchterlichen Mann an, der die Todesworte so kalt hinsprach, und
schauderte. Rings umher herrschte nächtliche Stille; die Sterne funkelten
traurig durch die Lüfte, und der Mond ging hinter einem Wolkengebirg unter.

»Blutsünden,« fuhr der _Mann_ fort, vor dem jezt ein _Prinz_ zittern mußte:
»Blutsünden können nur mit Blut wieder abgewaschen werden!« -- --

Der _Prinz_ versuchte eine Bewegung und stöhnte ängstlich.

»Jedoch wisset, daß Euch diese Schandthat vergeben ist. Vergeben ganz und
gar, ohne alle Rüge und Ahndung, sobald Ihr binnen _dreizehn_ Tagen ausser
den Gränzen dieses Herzogthums seid, mit Eurem ganzen Gefolge. _Eine
Stunde_ Verzug ist Euch gefährlicher, als dem Grafen das Giftfläschgen! --
Und nun _Prinz_ vergeßt bei jedem Plan der Bosheit nicht dieser Nacht zu
gedenken; vergesst nicht, daß es in der Welt auch Augen giebt, die ins
Verborgne eindringen. -- Gehabt Euch wohl!«

In dem Moment warf man ihm ein Pflaster über das Gesicht, ließ ihn loß und
verschwand.

_Moriz_ riß das Pflaster ab; entknebelte sich; sah mit funkelnden Augen
umher, und begab sich fluchend nach seinem Pallast.



Vierter Abschnitt.



Erstes Kapitel.
Holder erscheint wieder.


Ruhig wohnten der alte brave _Onkel_ und seine reizende Nichte _Friedrike
von Duur_ auf ihrem Landschlosse, indessen der arme _Florentin_,
hingeworfen in den großen Strom der Welt, auf ihren Wogen umhergewirbelt
wurde. Sie wußten nichts von dem unseeligen Geschik desselben, sie wähnten
ihn glüklicher, als sich, und ach, wie gern hätte _Florentin_ seine
glänzende Rolle mit der Rolle des unbedeutendsten Landjunkers vertauscht!
-- Wie gerne hätte er der Schmeicheleien des Hofs entbehrt, für die
zärtlichern Schmeicheleien seiner _Schwester_; wie gern hätte er den Kuß
einen _Herzogs_ mit dem väterlichen Kuße seines _Onkels_ verwechselt!
Allein jezt war alles zu spät; jeder Rüktritt Unmöglichkeit. Nur _einmal_
wünschte er noch die Fluren zu sehn, in welchen er den Traum der Kindheit
geträumt hatte; nur noch einmal die angenehmen Wildnisse zu durchirren, in
deren heiliger Dämmerung er oft begeistert in die Zukunft hinausstarrte,
und sich von tausend Zungen als den Wohlthäter des Vaterlands ausgerufen
hörte; nur einmal noch in der Mitte seiner Verwandten ehmalige Freuden
wieder zu fühlen.

Sein Wunsch wurde ihm eher gewährt, als ers glaubte. Er kam ein Brief vom
_Onkel_, welcher ihn ersuchte, _übermorgen_ in sein Schlos einzutreffen;
beileibe aber nicht _später_. Der Brief des guten Alten hatte so viel
Geheimnisvolles an sich, daß _Florentins_ Neugier nicht ungereizt bleiben
konnte. Er ging zum _Herzog_ und bat ihn um Erlaubniß seinen _Onkel_
besuchen zu dürfen.

Der _Fürst_ war ausserordentlich gnädig.

»Wenn eher darf ich denn hoffen Sie wieder bei uns zu sehn?«

Sobald es Ew. Durchlaucht befehlen.

»Befehlen? Pfui, _Graf_, Sie wissen, daß wir uns einander nicht befehlen.
Also, wenn darf ich Ihre Rükkunft hoffen?«

»Vierzehn Tage wenigstens würd ich mir ausbitten.«

»_Vierzehn Tage?_ nun ja; aber ich bitte Sie, auch nicht eine Minute
länger.«

Wenn Sie wollen, so unterlass' ich die Reise gänzlich.

»Nein, nein! das dürfen Sie auch nicht. Ihr Onkel und Ihr Fräulein
Schwester würden mir böse werden. Nur vierzehn Tage! die durchleben sich
leicht.«

Haben Sie noch einige Befehle!

»Vor ihrer Wiederkunft erfahren Sie nichts, allein nachher desto mehr. Ich
habe einen vortreflichen Anschlag, bei dessen Ausführung Sie mir
schlechterdings beistehn müssen. -- O Graf, Sie haben mich auf eine
vortrefliche Bahn geführt; reden dereinst die Jahrbücher der Welt auch
nicht von mir, als dem _Eroberer_, dem _Heiligen_, vergißt man mich auch,
weil ich keine auffallende Thaten that: so belohnt mich doch jezt schon die
Freude meines Volks.«

Nein, Theuerster; _Vater des Vaterlandes_ wird die Nachwelt Sie nennen, ein
Beiname, der unendlich schmeichelhafter klingt, als der Name des _Grossen_,
des _Weltüberwinders_.

»Ich thue auf den einen, so wie auf den andern Verzicht. Eine Thräne von
der Dankbarkeit geweint, ist belohnender, als aller Weihrauch von der
Nachwelt. Und nennt man mich: so nenne man auch Sie. Denn Sie haben
gleichen Antheil an der Vervollkommnerung meiner Unterthanen. -- Graf, noch
eins, warum seh' ich Sie seit einigen Tagen so ernst, so schwermüthig?«

Mich, gnädigster Herr?

»Nun ja; Ihr Lächeln dünkt mich so erzwungen, Ihre Freude so erborgt. Was
ist ihnen? sagen Sie mirs. So wahr ich Herzog bin, und so weit sich meine
Gewalt strekt, helf' ich ihnen! Ich mag kein trauriges Gesicht sehn, am
wenigstens von Ihnen.«

Verzeihn Sie, vielleicht ists Laune, vielleicht die Annäherung einer
Krankheit, vielleicht -- --

»Man hat Ihnen doch nicht einen Streich gespielt, wie dem Prinzen _Moriz_?«

Ich wüßte nicht welchen?

»Der Prinz wie Sie wissen, wird uns in kurzem verlassen, und zwar, weil er
in Gefahr steht umgebracht zu werden.«

Umgebracht zu werden?

»Ja, ja; so sagt ers selber. Vor einigen Abenden ist er von vier verlarvten
Kerln angehalten worden, die ihn um seine Börse plündern wollten.

Allein er hat sich durchgeschlagen, und da hat man ihm den Tod gedroht.«

Unerhört.

»Freilich unerhört. Indessen hab ich doch die Wachen verstärkt um
Sicherheit auf den Straßen zu erhalten. -- Er wußte überhaupt vielerlei
Klagen wider meine Polizei anzubringen, unter andern beschwerte er sich
über gewisse _Unbekannte_, die ihm zuweilen Briefe zuschikt, worin sie sich
das boshafte Vergnügen gemacht haben sollen, ihm seine heiligsten
Geheimnisse wieder zu erzählen. Auch muthmaßt er stark, daß ihm eben diese
unbekannten Briefsteller den Spaß mit den vier Kerln gespielt haben
mögten.«

Es ist sonderbar!

»Das ists. Ich weiß nicht, was ich hievon urtheilen soll; denn gesezt, daß
in der That einige Menschen sichs zur Absicht machten, im Dunkeln
umherzuschleichen: wie soll man ihnen beikommen? -- Ich erinnre mich, daß
schon vor einigen funfzig Jahren unter der Regierung meines Großvaters
solcher Unbekannten, als heimlicher Richter erwähnt sind. Man fand nemlich
eines Morgens einen Obristen ermordet, auf seiner Brust ein Blech; darauf
stand: Gericht der Unbekannten geschrieben, und in seiner Tasche einige
zusammengeheftete Bogen Papiers, worauf viel fürchterliche Handlungen des
Ermordeten aufgezeichnet waren. Die Sache des Obristen und die ihm
aufgebürdete Schuld wurde untersucht, und man fand leider alles gegründet.
Ich wünschte indessen doch nicht, daß das alte, heimliche Unwesen wieder
aufleben mögte.«

Der _Herzog_ sprach noch manches, umarmte sodann den _Grafen_, und
beurlaubte ihn.

_Florentin_ ging. »_Wenn_ werd' ich dieses Schlos wieder betreten, und
_wie_ werd ichs? -- O, Gott, wie er mich noch so brüderlich umschlos und
küßte! -- wehe mir, wenn aus ihm der _beleidigte Bruder, der entehrte
Herzog, der hintergangne Freund_ spricht. In Has verwandelte Liebe ist
schreklicher, als jeder Has, der aus andern Quellen fließt. -- Jezt sprach
der Freund zum Freunde, und einst, o bald! der richtende _Herzog_ zum
Verbrecher der beleidigten Majestät. -- Sei es, ich will meinem Schiksale
nicht entrinnen, wenn ich es gleich könnte!« --

Mit diesen Gedanken umgehend, kam der _Graf_ zu Hause. _Badner_ hatte alles
zur Reise fertig gemacht, und folgenden Tags in aller Frühe setzte
_Florentin_ sich in die Kutsche, _Badner_ ritte voran, so daß sie zum
andern Tage gegen Sonnenuntergang die Kuppeln des Duurschen Schlosses in
der Abendröthe schimmern sahen.

»Ho, ho, ho!« -- rief plözlich der _Vorreuter_, und wekte _Florentinen_ aus
ernsten Betrachtungen.

»Was ists?« fragte dieser, und lehnte sich zum Flügel der Kutsche heraus.
_Badners_ vorwärtsdeutender Finger gab die Antwort.

Ein Chor Musikanten, mit blasenden Instrumenten, traten aus einem Gebüsch
hervor, ihm folgten ein Trupp gepuzter Bauern und Bäuerinnen, welche
lachend und tanzend den Wagen umringten. Bald darauf hörte man sie ein
allgemeines, jauchzendes »Vivat!« rufen, wozu die Waldhörner einstimmten.

»Ja, es lebe mein Neffe, der Kammerherr!« --

»Ja es lebe _Florentin_, mein Bruder!«

»Es lebe lange _Florentin_, mein Freund!«

Froh-bestürzt sprang der _Graf_ aus dem Wagen, Vergangenheit und Zukunft,
alles war von ihm in diesem Augenblik vergessen, nur Thränen freudiger,
inniger Rührung, ach, vielleicht die lezten welche er vergoß! entquollen
seinen Augen -- er sprang aus dem Wagen, und o! -- in die Arme den
_Onkels_, _Rikchens_ und _Holders_!

»Mein _Florentin_! mein _Florentin_!«

»»Meine Lieben!««

Ueberrascht, verwirrt, gerührt, lagen sich diese Guten endlich nach langer
Trennung, nach vielen überstandnen Leiden einander in den Armen; sie
vergaßen alles; Liebe schwamm in jedem Auge; Freundschaft glühte auf ihren
Lippen; der Erde reinste Freude brannte in Ihrem Busen -- der Himmel schien
sie umfangen.

Im Triumf führte man den angekommenen Liebling in das väterliche Schloß;
unterwegs wurden tausend Fragen gefragt, tausend Glükwünsche gewünscht,
unterwegs erfuhr auch _Florentin_, daß _Holder von Sorbenburg_ mit Fräulein
_Friedriken von Duur_ morgenden Tags die Hochzeit feiern würde.

»Ja, ja!« sagte der _Onkel_, und lächelte schalkhaft dabei; »ja, ja, wir
müssen unsern Flüchtling für die Zukunft fester binden. Ha, ha, ha! er soll
uns diesmal, mein Seel, nicht entschlüpfen. -- -- Aber höre, _Florentin_,
Herzensjunge, -- nun Du nimmst doch den _Herzensjungen_ nicht übel, Herr
Kammerherr -- höre, wie gefiel Dir Deine feierliche Einholung? he? -- ja,
ja! der Spas kam von dem alten, guten Onkel! ha, ha, ha, ha!«



Zweites Kapitel.
Ein Traum.


Soll ich Ihnen, meine Leser, hier die förmliche Beschreibung eines
Vermählungsfestes liefern? Ihnen etwa erzählen, wie alles in trauter,
ländlicher Einfalt gehüpft, gescherzt, gesungen, geküßt, und gratulirt hat?
oder _wie_ und _was_ die Herrn vom Lande und von der Stadt beim Wein und
Knasterdampf kannegiesserten, philosophirten, und wizzelten, oder die
Damen, Tanten und Kousinen medisirten, beliebäugelten u. s. w. oder wie das
sanfte _Rikchen_ an diesem schönen Tage dreimal schöner als sonst war, und
wie sie um die Mitternachtsstunde erröthend mit _Holdern_ dem Schlafgemach
entgegentrippelte? --

»Um Gotteswillen nicht,« rufen die Leser und Leserinnen, welche sich nun
seit Jahr und Tag im Stande der heiligen Ehe befunden haben: »Sie machen
uns gähnen!«

»Beileibe nicht!« lispeln einige unverheurathete Leserinnen, und halten den
Tuch vors Gesicht: »Sie machen uns -- --«

»Vor der Zeit lüstern!« fallen die jungen unbeweibten Herrn ein.

Es sei denn. Nach vier Tagen war Saus und Braus vorüber, _Holder_ ein Mann,
_Rikchen_ eine Frau, das junge Ehepaar im Schloß _Sorbenburg_ eingezogen,
und der Onkel, dems jezt in seinem Hause zu leer geworden, bei ihnen. --

»O _Florentin_, sagte _Holder_ an einem Nachmittage zu seinem Freunde,
indem sie beide im Garten auf- und niedergingen; könntest Du izt doch mit
uns stets beisammen bleiben!«

Ja wohl, wollte es Gott, ich könnte! Allein es ist unmöglich. Ihr seid mit
einander in Eurer Ruhe beneidenswürdig! Mich ruft die Freundschaft meines
Herzogs in kurzer Zeit wieder in die große Welt zurük, wieder zurük zu
allen glänzenden Mühseligkeiten des Hoflebens. O, Bruder -- mein Bruder!

»Du wirst ja schwermüthig mit einemmale!«

Ehmals war ich glüklich wie Ihr. Ehmals durchschweifte ich diese reizenden
Gegenden mit sorgenloser Brust; da schwebte das Bild der Zukunft vor meinen
Augen, da war ich in der Einbildung glüklich. Jezt sind meine kühnsten
Erwartungen befriedigt, meiner Hofnung ist nichts mehr übrig geblieben zu
hoffen; ich bin der Liebling eines liebenswürdigen Fürsten, an Ehre, Rang
und Gewalt über jeden Nebenbuhler emporgestiegen -- ich bin alles, bin mehr
als ich als Jüngling träumte und bin -- unglüklich. Wohl dem der sich mit
geringeren Freuden sättigen läßt, desto armer ist er an Leiden. Wehe dem,
der alle Pokäle der Freude ausschlürft, denn für ihn stehn auch alle Becher
des Elendes gefüllt.

»Du bist also unglüklich? _Florentin_ kann _unglüklich_ sein, der einstmals
mit Schiller sagen dürfte: »_Aussendinge sind nur die Farbe des Geistes --
Ich selbst bin mein Himmel und meine Hölle!_« »Ist das _möglich_?«

Leider, sag ich Dir eine fürchterliche _Wirklichkeit_! Doch zu wem red'
ich? -- Du, Du selber, _Holder_, Du weißt meine schreklichen Verhältnisse
am Hofe so haarklein, als ich. Du selber warntest mich durch die Federn
Deiner Freunde und warntest mich fruchtlos -- und Du stellst Dich
verwundert? Freilich, spotte nur des Elenden, der die Stimme des Freundes
in den Armen des lieblichsten Weibes vergas, -- spotte nur; elender kann
ich ja doch nicht werden, als ich es bin. --

»Bei Gott, ich spotte Deiner nicht!«

Und fragest doch, da Du jedes meiner Geheimnisse kennst? --

»Hast Du nie Hofnung glüklicher zu werden?«

O, doch! binnen _drei Wochen_, denk ich!

»Willst Du entfliehn?«

O, pfui!

»Einen Selbstmord begehn?«

Noch weniger.

»Nun.«

Gehn wie mein Verhängnis mich führen wird.

»Gedenk aber Deines grauen Onkels, gedenke meiner Gattin, Deiner Schwester,
-- gedenke meiner, Bruder, ehe Du handelst!«

O es ist schreklich! ich fühl' es, aber ändern kann ich nichts. -- -- Noch
eins. Sage mir, wer sind die Unbekannten, die sich in meine Auftritte
mischen!

»Deine _Freunde_, sehr wahrscheinlich!«

_Wahrscheinlich_? -- nein, gieb mir _Gewisheit_ für dieses schwankende
_Wahrscheinliche_. Wer sind sie?

»Es sind _Unbekannte_. Ich darf sie Dir nicht näher nennen; thät' ichs: so
wären sie Dir nicht mehr das, was sie noch izt sind.«

O geh: Du bist einer von ihnen, und -- sie sind mehr, als Menschen.

»Wie lange wirst Du noch bei uns bleiben?«

Heut' ist der _elfte_ im Monat -- -- am _zwanzigsten_ verlasse ich Euch
alle.

»Zeit genug, Dir, über Deine Frage wegen der Unbekannten Licht zu geben. --
Du scheinst ja so schläfrig?«

Es ist wahr, ich bin ungewöhnlich müde. Der Tag war sehr heiß!

»Schlummre ein wenig, ich werde Dich in einem Stündchen wekken. Komm auf
Dein Zimmer!«

Hier in den Schatten des Fliederbaums will ich mich hinlagern. -- Nun und
wegen der Unbekannten?

»Sollst Du noch heute einige Notizen erhalten.«

Besorge mir doch beim Erwachen frische Milch. Willst Du?

»Es soll geschehn. -- Schlummre sanft, es wird Dich niemand stören.«

_Holder_ verlies ihn; der _Graf_ warf sich ermüdet unter den Fliederbaum
hin, und entschlief bald, eingewiegt von dem leisen Säuseln der über ihn
hernieder hängenden Zweige.

Einige Zeit darauf traten _Holder_, seine _Gattin_ und der biedre _Onkel_
herein. Sie stellten sich um den _schlummernden Geliebten_, und sahen
einige Zeit auf ihn gerührt herab.

»Nein,« sagte _Rikchen_: »es thut mir zu wehe um ihn, ich bitte Euch, ihr
Lieben, laßt es ungeschehn.«

»»Ei Poz!«« hub der Onkel an? »»ich sehe zwar den Nuzzen davon nicht ein,
aber sagts doch Freund _Holder_, und was der sagt, muß geschehn, was der
sagt, ist gut, weil er klüger ist, als ich und Du und der Kammerherr.««
_Rikchen_ schwieg; sie kniete neben ihrem _Florentin_ nieder, bog sich über
ihn und küßte ihn sanft.

»Fort! fort; kommandirte der _Onkel_! Weißt Du was Freund _Holder_ mir
sagte?«

»»Und was denn?«« fragte Rikchen, indem sie aufsprang, und neugierig zu
ihrem _Onkel_ trat.

»_Florentins_ Schiksal wäre krank, todkrank und verdiente daher eine
wirksame Arzenei.«

»»Verstehen Sie etwas von diesen Worten meines Mannes?««

»Nein, _Rikchen_, das nun wohl nicht, aber mir ists doch so _dämmernd_!«

_Holder_ lächelte, schlang seine Arme um Beide und führte sie aus dem
Garten.

Der _Graf_ schlief noch immer. -- --

Ihm wars, als säße er in einem Zimmer, von vielen Männern umringt, alle in
schwarzer Trauerkleidung. Es war Nacht. Einige Lampen brannten an den
Wänden, zwei Kerzen auf dem Tische, an welchem _Florentin_ saß und die
schwarzen Männer.

Der _Graf_ kannte das Zimmer nicht und keinen von denen, welche sich mit
ihm hier befanden. -- Ihm ward bange, doch faßte er sich, um zu sehn, was
geschehn würde.

Man hörte mit einemmale die Thurmglokke läuten, die _Männer_ kamen unter
sich in Bewegung und einer von ihnen sagte! »auf Brüder, laßt uns ihn
begraben, es eilt die Zeit!«

»Wessen Leichnam wollet Ihr begraben?« fragte _Florentin_.

»»Den Leichnam des alten _Grafen v. Duur_««

»Des alten _Grafen von Duur_? unmöglich, er lebt ja noch.«

»»Er ist gestorben.««

»Seit wenn?«

»»Seit dreien Tagen.««

»Es ist unmöglich sag ich Euch, er lebt noch.«

»»Der Dekkel des Sarges könnte aufgerissen werden, um Euch Lügen zu
strafen, allein es ist vor den Spionen des _Herzogs Adolf_ nicht zu
wagen.««

Die Leute gingen fort, ein _alter Mann_ blieb nach zurük. Der _Graf_ war
wie versteinert. Er hörte das dumpfe Getön von einem Sarge, lehnte sich zum
Fenster heraus, sah sich in der Mitte eines Waldes, und die Träger mit der
Todtenbaare, beim blassen Schimmer der Windlichter unter den vielen Bäumen
verschwinden. »Ras' ich oder träum' ich!« rief der Graf aus.

»»Wollte Gott, ihr träumtet -- dann träumt' _ich auch_, und ich hätte beim
Erwachen nichts verloren.««

_Florentin_ sah den Alten an und erkannte seinen treuen Diener _Badner_ in
ihm.

»Du auch hier, _Badner_? -- wie, und Du kannst reden? Du warst nie stumm?«

»Was wollt Ihr von mir, Herr?«

»Kennst Du mich nicht?«

»Ich habe Euch nie gesehn, die andern, welche anizt den seeligen Graf von
_Duur_ beerdigen, nannten Euch _Vinzenz_.«

»_Badner_!«

»Was wollt Ihr von mir?«

»Sag mir um Gotteswillen sag mirs, rase ich?«

»Euern wundersamen Fragen nach zu urtheilen, könnt' es wohl sein.«

»Ich sehe also nicht recht, höre nicht recht, fühle falsch, alle meine
Sinnen hab ich verloren! -- Der Zustand des Wahnsinns, hab' ich mir sagen
lassen, gehöre zu den angenehmen, bei mir aber ists nicht so. -- Sag nur,
wie überzeug ich mich von meiner Raserei? -- Nicht wahr, Du trauerst?«

»Wie Ihr sehet. Ja.«

»Und wer ist denn _Dir_ abgestorben?«

»Ihr thut ja so fremd, als hättet Ihr so eben erst das Licht der Welt
erblikt. -- Wißt Ihr denn nicht, daß die ganze Duursche Familie unglüklich
geworden?«

»Bei Gott, nein, ich weis nichts. Durch wen ward sie es?«

»Durch den Stolz, Leichtsinn und die Wollust des Grafen _Florentin von
Duur_, welcher die Prinzessin _Louise_, Herzog _Adolfs_ Schwester, entehrt
hat. -- Der unglükliche Graf hat schwer gebüßt: er ist heimlich
hingerichtet worden. Vorher aber schändete Sr. Durchlaucht aus Rache die
Schwester des Grafen, einen bildschönen Engel.«

»Wehe! wehe! Gott, Erbarmer, meine Schwester!«

»Was ficht Euch an?«

»Oh!« --

»Ihr habt Recht zu trauern; es geschieht doch so manches Unrecht in der
Welt, welches keine Obrigkeit rüget und rügen darf. Was hatten denn der
Oheim und die Schwester _Florentins von Duur_ begangen, daß sie um die
Sünden dieses stolzen Wollüstlings büssen mußten?«

Ich begreife den schnellen Wechsel dieser Schiksale nicht. Ich -- ich bin
doch _Florentin von Duur_, der Straffällige, aber noch nicht Hingerichtete;
ich hätte sterben sollen -- und ich entzog ja dem Schwerdte meinen Nakken
nicht!

»_Florentin von Duur_ ist heimlich hingerichtet worden.«

»Nun, so bin ich denn von den Todten erstanden.«

»Ich bedaure Euch, armer _Vinzenz_, um den Verlust Eures Verstandes.«

»_Badner_, und Du dieses Deinem Herrn?«

»Wir haben nie mit einander zu schaffen gehabt?«

»So stehe mir Gott bei, ich bin verwirrt!«



Drittes Kapitel.
Zeitungen -- Thränen, Flüche, Marionetten.


Der schreklichste, ängstigendste Traum, welcher je ein Menschenkind plagte,
quälte jezt den _Grafen_: Es war ein Gewebe von Wahrheit und Betrug,
welches sich nicht von einander trennen ließ.

Bald verließ ihn im Schlafe der Traumgott auf etliche Augenblikke, bald
reihten sich wieder andre fürchterliche Szenen vor ihm hin, wovon er Theils
Zuschauer, theils Mitspieler war; doch blieb immer ein merkwürdiger
Hauptfaden durch das Ganze geflochten, so daß alle untereinander
verschiedne Stükke einen gewissen Zusammenhang hatten.

So, zum Beispiel, behielt _Florentin_ immer den Namen _Vinzenz_; die
_schwarzen Herrn_ waren seine steten Gesellschafter, u. s. w.

»Was erzählen die Novellen?« fragte einer von den _Schwarzen_ den andern,
welcher einzelne gedrukte Blätter auf den Tisch warf, und den _Wirth_ in
einer Bierschenke vorstellte.

»Mancherlei!« gab der _Wirth_ zur Antwort, und sezte _Florentinem_ Wein
vor.

Florentin ergrif ein Blatt und las mit Erstaunen:

»Seit der Hinrichtung des _Kammerherrn von Duur_, und seiner Verwandschaft,
sind neue gräßliche Entdekkungen gemacht worden. Die Prinzessin L** hat
nämlich aus Eifersucht und Nebenbuhlerei das unlängst verstorbne Fräulein
von G** mit Gift umgebracht, indeß man vorgab, sie sei am Fieber eines
natürlichen Todes gestorben. Die Sache ist unterdrükt, und niemand ausser
dem Herzoge und dem Hofarzt hat anfänglich davon gewußt.« -- -- --

»Gott im Himmel!« rief _Florentin_ aus! »in was für eine Welt hast du mich
gesezt. Unerhörte, schwarze Thaten! die Unschuld wird gemordet, das Laster
wird gekrönt, Recht und Unrecht macht jezt keinen Unterschied mehr; die
Sünden der Großen werden gepriesen; die Tükke der Finsternis nicht
gebranntmarkt.« --

Unterdessen Florentin gelesen, und dies mit tiefem Unwillen gesprochen
hatte, waren mehrere _Schwarze_ hereingetreten; sie umringten ihn, und
schlugen ein gellendes Gelächter auf.

»O entehrt euch nicht durch dieses Lachen,« fuhr er fort und fühlte sein
Gesicht glühen: »entehrt seid Ihr genug, daß Ihr zum geschändeten Orden der
Menschheit gezählt worden seid. Allein bei dem lebendigen, furchtbaren Gott
über und um uns sei's geschworen, bei diesen meinen Thränen, bei der Asche
meiner Schwester, bei der Asche meines guten Oheims sei's feierlich
geschworen, ich will die entadelte Menschheit rächen, will Bandit werden
gekrönte Teufel zu morden, Aufrührer werden, die Kette zu sprengen, welche
die Tyrannei um meine Brüder schlang, Mordbrenner werden, die vom Vermögen
der Witwen und Waisen erbauten Palläste niederzustürzen, niederzustürzen
auf den Schädel der Blutigel des Vaterlandes! -- Oh! meine Schwester, mein
Oheim, -- oh!« --

Jezt trat ein Mann, schwarzgekleidet wie die übrigen, in das Wirthshaus. Er
trug einen Kasten auf dem Rükken und bat die Anwesenden, die Zeche für ihn
zu zahlen, wofür er ihnen die Künste seiner Marionetten zeigen wolle.

»Wein her! Wein her!« riefen alle aus einem Munde. Der _Wirth_ brachte dem
_Puppenspieler_ den Wein; dieser war sofort geschäftig sein Theater zu
arrangiren, worauf er den Vorhang öfnete.

»Schaut's, Ihr Herrn, schauts! die Strassen der Stadt _Magdeburg_, wie sie
brennen und auflodern in der Glut, welche die Kaiserlichen Feldherrn Tylli
und Pappenheim angeschürt. Schaut's welch ein fürchterliches Blutbad. --
Nun werdet ihr sehn, wie ein fliehendes Weib mit ihrem Töchterlein
auftritt.«

Weib. Hieher, Kindechen, hieher.

Mädchen. O, Mutter, wohin flüchten wir? siehst Du's wie dort unsre Wohnung
lichterloh brennt? Hu, wie da unten die Menschen durcheinander laufen --
da, da sind die Feinde; wie die Spiesse, und Gewehre und Degen am Feuer
blizzen!

Weib. Sei ruhig. Steh uns Gott bei.

Mädchen. Was haben wir beide aber dem Feind gethan, daß er uns umbringen
will?

Weib. Nichts, gute Unschuld, nichts. -- Aber siehst Du, die grossen Herrn
dieser Welt verzürnen sich, und dann müssen die armen Unterthanen für sie
bluten.

Mädchen. Ach, die bösen, grossen Herrn!

Weib. Aber über uns, über den Sternen wohnt ein Richter, vor dem auch die
Herrn dieser Weit erscheinen müssen. In dessen Händen schwebt eine
furchtbare Waagschaale, darin wiegt er die Thränen und Blutstropfen der
Unterthanen, und wehe den vergötterten Kriegshelden dort!

Mädchen. Ich habe auch viel Thränen vergossen; die thue der Richter dort
über den Sternen auch in die grosse Waagschaale!

Weib. (entfliehend) O, Wehe uns Unglüklichen!

_Florentin_ stürzte jezt vom Weine berauscht wüthend gegen den Kasten und
zertrümmerte ihn mit einigen Faustschlägen. »Nein!« brüllte er: »_wehe,
wehe den blutdürstigen Fürsten!_«



Viertes Kapitel.
Der Traum hat ein Ende.


In einem dunkeln Gewölbe, von keinem sterbenden Lichtstrahl erleuchtet,
befand sich _Florentin_ belastet mit Zentnerschweren Ketten. -- Ihm
hungerte, und er fand keinen Bissen Brodtes, ihm dürstete, und kein Tropfen
Wassers erquikte ihm die Zunge, welche am troknen Gaumen klebte. Er
versuchte es umherzutappen und fand sich angeschmiedet.

»O Gott,« sagte er; »Welch ein Wechsel meines Lebens! Hier im dumpfen
Kerker soll ich es enden? o, daß es längst beendet wäre!«

»Lange wirds wohl nicht dauern!« brummte eine _Stimme_ durch die Dunkelheit
herüber. _Florentin_ horchte hoch auf, und erstaunte hier nicht ohne
Gesellschaft zu sein.

»Wer bist Du?«

»_Vinzenz_; eben der, der Ihr seid; ich schrieb ein Trauerspiel wider den
Despotism der Fürsten, und Ihr, _Vinzenz_, Ihr _sprachet_ wider Fürsten --
beide sizzen wir also auf fürstliche Gnade, bis an unser Lebensende.«

»Fürstliche Gnade! Ha! _fürstliche Gnade!_ Gott erbarms, wir treffen sie
eher bei den Tigern. -- O, o! was hab ich in eingen Tagen erleben müssen?
Entlarvt liegt die Welt vor mir da; wo ehmals Elysium blühte, dampft mir
eine abscheuliche Mördergrube entgegen, in dem Busen der tauben lechzenden
Geierherzen; -- o Gott, Schöpfer, Vater und diese Welt -- diese Welt hast
du erschaffen? -- Philosophen nennen sie die _beste_? -- dieses Jahrhundert
ist das _aufgeklärte, verfeinerte_? ja doch, aufgeklärtes Jahrhundert, ich
erkenne dich, ah, wie fein du weißt deine Laster zu verkappen!«

»»Ihr seid sehr erbittert, Vinzenz.««

»Wenn mein Karakter nicht mehr derselbe ist: so bin ich nicht daran Schuld.
-- Ich bin fürchterlich umgestimmt, verwandelt, wie die Welt um mich her.
Ich mögte glauben daß ein Traum meine Seele äffe, aber ich fühle, empfinde
zu klar. Ein ängstlicher Wirrwarr, den ich nicht aufzulösen fähig bin!«

»»Leider kein Traum, -- alles _Wahrheit_, sag ich Euch! je nun wir wollen
und müssen uns in die Zeit schikken.«« --

»Wäre mein Schiksal nur entschieden; Tod oder Freiheit; diese Ohnmacht,
diese Sklaverei ist mir eine Hölle!«

»»Vielleicht begnadigt Euch der Fürst!««

»Wenn er es thäte, so löste er seinem Würgengel die Ketten. Ich würde nicht
ruhen bis die gemordete Unschuld gerächt wäre; das Schrekken der Großen
wollt' ich sein, ihre Geißel in der Hand Gottes.«

»»Ha, ha, ha, Ihr schwärmt, Vinzenz! seid Ihr denn so lüstern nach dem
Schnellgalgen, oder Euren Kopf und Rumpf auf das Rad geflochten zu wissen,
das wäre denn doch in jedem Falle das Finale Eurer glorwürdigen Thaten.««

Oh! oh!

»»Indessen tröstet Euch, die Rächer der Unschuld schlummern nicht. Aus dem
Dunkeln hervor handeln sie; und ihre Streiche treffen gewiß.««

»Wer sind die?«

»»Ihr kennt ja die _Unbekannten_!««

»Ha! die, die der Unschuld Rächer?« --

»Nun ja!«

»O so heb ich meine Hände empor zu Gott, der auch in diesen finstern
Gewölben wohnt, und danke ihm. Heil den Unbekannten, und gelobet seien ihre
Werke! -- daß sie mich würdigten der geringste unter ihnen zu sein, mein
ganzes Leben weihte ich ihren herrlichen Plänen!«

Der Graf weinte jezt, er sezte sich auf den Erdboden nieder, den Ellnbogen
auf das Knie, ließ er traurig seine Stirn auf die flache Hand sinken. --

Plözlich öfnete sich eine Thüre linker Hand, ein _ehrwürdiger_ Greis trat
herein und verkündete ihm seine Befreiung.

»Ich bin frei?« sagte _Florentin_ und umarmte zitternd den _Alten_, »ich
bin frei?«

Der _Alte_ erwiederte nichts, sondern führte ihn aus dem Kerker einige
Wendeltreppen hinan an die freie Gottesluft. -- Es war Nacht und freies
Feld um ihn her.

»Jezt entflieht!« hub der _Alte_ an, und reichte dem Grafen eine
Blendlaterne.

»Entfliehn? bin ich nicht durch die Gnade des Fürsten frei?«

»Nein, das wohl nicht!«

»Durch wen?«

»Durch die Unbekannten!«

»Durch die _Unbekannten_?«

»Wie Ihr höret. -- Auf entflieht!«

»Wohin?«

»Wohin Ihr wollt.«

»Eine Bitte vorher, lieber Alter!«

»Redet, Vinzenz!«

»Führet mich zu den Unbekannten, daß ich ihnen kniend danke!«

»Eures Dankes bedürfen die Edeln nicht.«

»Freilich nicht; aber sollte der Gottheit nicht das Lob des entkerkerten
Vögelchens gefallen, welches es in freier Luft zwitschert? wie nun
geschweige sterblichen, an Sinnlichkeit geflochtnen Menschen!«

»Gott hört den Lobgesang des Vogels in der Luft, und die _Unbekannten_
vernehmen auch Euern Dank hier, wo wir allein sind.«

»Führet mich zu ihnen, ich bitte Euch, ich will mich ihnen unterwerfen, ihr
Diener sein, ihre Pläne ausführen helfen.«

»Alles das waret Ihr schon und thatet Ihr schon, ehe Ihr vom Dasein der
Unbekannten wußtet.«

»Ich bitte Euch führet mich zu diesen wohlthätigen Schuzgeistern der armen
Menschheit.« --

»Seid Ihr einmal zu ihnen getreten: so hoffet Euer Lebelang nicht von
denselben wieder getrennt zu werden.«

»Wohl mir!«

»So kommt.«

_Florentin_ folgte dem Alten, und beide traten nach einer Weile in die Thür
eines Hauses.

Es war hier alles rabenfinstre Nacht; die Laterne des Führers warf nur
einen blassen Schein auf den Erdboden.

»Hier gehts hinunter!« sprach _Florentins_ Befreier und sties den _Grafen_
einige Stufen hinab. Das Licht der Laterne verschwand hier; der Fremde auch
und _Florentin_ stand auf einer finstern Wendelstiege allein.

Ein jeder andre würde Muth und Kraft an der Stelle unsers Freundes verloren
haben; er aber, ausser einigen leichten, unwillkührlichen Schauern, empfand
auch nicht die leiseste Anwandlung von Furcht; nun einmal gewöhnt an
ausserordentliche Dinge, konnte das Betragen des Mannes kaum eine
Verwunderung in seiner Seele erwekken; ergeben in seine Schiksale, welche
bunt genug durcheinander wechselten, stieg er in die Gruft hinab, sich und
seinem Muthe überlassen.

Es währte lange, ehe er das Ende der Schacht erreicht hatte; sodann mußte
er sich durch einen schmalen, ungemauerten Erdgang drängen, welcher sich in
unzählichen Krümmungen vor- und rükwärts und nach allen Weltgegenden
hindrehte. Zuweilen war der Gang kaum breit genug, daß er sich mit
angehaltnem Odem durchpressen konnte; zuweilen wieder so geräumig, daß er,
sich selbst verlierend, darin umhertaumelte.

Endlich fühlte er das Getön vermischter Stimmen an sein Ohr schlagen; dies
gab dem Erschöpften neue Kraft sich bald am Ziele zu finden. Das Geräusch
wurde immer lauter. Er unterschied von rauhen, gebietenden Männerstimmen
das ängstliche Wimmern Nothleidender, das Aechzen, Stöhnen und verbissene
Schreien gemarterter Menschen. Er hörte das dumpfe Gerassel verschiedner
Instrumente -- und das alles ihm so nahe zur Seiten, daß er fast jedes Wort
verstehen konnte.

Jezt flos ein kaltes Grausen über seinen Leib herab; er schwankte, ungewis
ob er vor- oder rükwärts gehn solle, eine Minute, und er verfolgte sodann
den, einmal gewagten, unterirrdischen Gang.

Unverhoft sties er bald auf eine eherne Thüre, die sich vor ihm aufthat und
wehend hinter ihm zuschlos. Er sah sich in einem kleinen Vorzimmer, in
welchem zwei grosse, schwarze Tafeln hingen, mit Namen beschrieben. Auf der
einen las er die Ueberschrift: »_Zum Tode Verurtheilte_,« auf der andern:
»_zum Glük Bestimmte_.« Unter den Namen der zweiten Tafel sah er auch den
seinigen halb verwischt.

Ueber den Eingang zu einem andern Gemach standen die Worte! »_Jesus sei
Dein Trost, Wahrheit Dein Hort_« mit goldnen Lettern, und darunter die
Jahrzahl 1054.

Weil der _Graf_ hier niemanden gewahrte, welcher ihn zurecht führen konnte,
so versuchte er es an sich selber. Er ging in ein zweites Zimmer -- in eine
_Todtenkammer_. Schädel, und Köpfe und verdorrte Menschengerippe lagen hier
auf der Erde schichtweis hingethürmt; alle Wände waren mit Skeletonen
behängt, auf deren braungelben, glänzenden Stirnknochen Namen und
Jahrzahlen standen. Das ältste derselben war bezeichnet: »_Bischop
Luytbrandt_, 1385.« das jüngste: »_Carolus XII. Rex 1718_.«

_Florentin_ fand kein Behagen lange in dieser schauerlichen Wohnstatt der
Verwesung zu zaudern, und begab sich nach einem daranstossenden andern
Zimmer, dessen Eingang: »_Blutkammer_,« überschrieben stand.

Er öfnete die Thür und prallte benützt vor dem gräßlichsten Anblik, welchen
je die tiefsten Märtergewölbe der Spanischen Inquisition darbieten können,
zurük. In allen Winkeln wimmerten Halbnakte; Foltern mancherlei Art waren
hier in Bewegung gesezt; dort wurde Pech gekocht, hier Eisen geglüht;
warmes Blut dampfte vergossen vom Boden auf. Todte und Halbtodte lagen in
schauderlichen Gruppen durch einander hingeworfen, und Unmenschen wühlten
mit blutigen Fäusten unter ihnen.

»Was ist das? wo bin ich?« rief erbleicht der Graf aus.

»_Vinzenz_!« antworteten die _Foltrer_: »Ihr seid in der Blutkammer der
_schwarzen Brüder_?«

»Wer sind die _schwarzen Brüder_?«

»Die Ihr unter dem Namen der _Unbekannten_ kennt!«

»Wes ist das Blut, das unter mir fließt?«

»Tyrannenblut, _Vinzenz_, Tyrannenblut und Blut der heimlichen Verbrecher!«

»Ha, Heil dem Gerichte der _schwarzen Brüder_!«

Einer der _Foltrer_ führte _Florentinen_ stillschweigends in ein
Nebenkämmerchen; hier lag ein schwarzer Habit, welchen der _Graf_ anzuziehn
bedeutet ward, darauf öfneten sich zwei Flügel einer Thür; _Florentin_
schritt hinein und stand wie durch ein Wunderwerk verzaubert plözlich in
dem schönsten, geräumigsten Saal, von tausend Lampen und Wachskerzen
erleuchtet, von lieblichen, romantischen Düften durchbalsamirt.

An den kostbaren Wänden standen symmetrisch einige Tische, mit
Erfrischungen besezt, welche _Florentinen_ am meisten lokten, weil ein
unbeschreiblicher Hunger, ein siedender Durst seine ängstlichen Lagen noch
ängstlicher gemacht hatte. Der, welcher ihn schwarz bekleidet hatte, gab
ihm auch die Erlaubnis zu Essen, wozu sich denn _Florentin_ nicht zweimal
nöthigen lies.

Die _erste süsse Empfindung_ nach langen, fürchterlichen Augenblikken --
die Stillung seines Durstes und Hungers, und zwar hier, in einem so
angenehmen, königlich-schönen Aufenthalte, sicher vor dem Zorn und der
Rachsucht des Fürsten! -- -- Eine kindische Freude bemannte sich in dieser
Minute des durch tausend Labyrinthe, tausend Schreknisse hieher geführten;
Thränen fielen in den Wein; ein gottdankendes Lächeln schwebte in seinem
Antlizze.

»Habet Dank, Ihr schwarzen Brüder! Ihr seid auch meine Brüder!« sagte er
und erhob sich vom Tische, gesättigt, erquikt und überströmt von den
süßesten Empfindungen. Mit einemmale traten von einer andern Seite _sieben
und siebzig_ Männer, alle in saubrer, einförmiger, schwarzer Kleidung, in
den Saal. Der Angesehenste unter ihnen bestieg einen fünf Stufen erhabnen
Thron, überschirmt von einem goldgestikten Baldachin, ausgeschmükt mit
einer Pracht, welche nie gesehen worden ist und werden wird, eine Pracht,
welche derjenigen nahe kömmt, die wir in _Wielands_ Feenwelten erblikken.

_Florentin_ staunte über diese neue Erscheinung nicht wenig, am meisten
aber, als er von ohngefähr das Gesicht dessen erblikte, welcher auf dem
prachtreichen Throne sas, und er in ihm -- seinen _Holder_ leibhaftig
erkannte. Allein er wagte es doch nicht sich ihm zu nähern.

Einer der Schwarzen, welcher unserm Grafen am nächsten stand, und ihn lange
vom Wirbel bis zu den Zehen mit seinen Augen gemessen hatt, trat dem Thron
näher und erhob seine Stimme zu dem Obersten in folgenden Worten:

»_Julius_, so lange die Menschen noch Menschen sind, werden die Fürsten
immer Despoten bleiben, und ihre Unterthanen, zitternd vor dem Gesez,
Sünden im Finstern treiben; nie wird die goldne Zeit tagen, in welcher
unser Gericht der Welt kein nüzze mehr ist. -- Doch sind auch unter den
Fürsten Edle, und unter den Unterthanen Männer, welche die Tükke hassen, so
in Finsternis gehüllt schleicht. Siehe, Regent, dort steht _Vinzenz_ der
sich mit uns verbrüdern will, ein Unglüklicher, der sich in unsre Arme
wirft.«

Der _Regent_ befahl dem _Vinzenz_ näher zu treten; _Florentin_ gehorchte,
und starrte sprachlos das Gesicht an, welches nicht dem _Regent Julius_
sondern seinem _Holder_ angehörte.

»Seid Ihr ein Unglüklicher?« sagte der _Regent_ zum _Grafen_: »wollt Ihr
Euch mit an die Kette der schwarzen Brüder schliessen?«

»Wohl bin ich ein Unglüklicher, und wenn Ihr diejenigen Unbekannten seid,
welche sich in meine Pläne mengten, meine Geheimnisse mit selber aufdekten,
und mir jene Warnungen zuriefen: so flehe ich Euch an, daß Ihr mich
aufnehmen wollet!«

Die _schwarzen Brüder_ schlossen jezt einen engem Kreis um den _Grafen_
oder _Vinzenzen_, und derjenige, welcher von allen übrigen nächst dem
_Regenten_ am meisten geachtet wurde, den sie _Anselmo_ nannten, eben der
welcher _Florentinen_ aus dem Kerker erlöset, und auf den Wendelstiegen
allein gelassen, nachmals ihn dem _Regenten_ vorgestellt hatte, dieser,
sage ich, trat aus den Siebzigen hervor gegen _Florentinen_ gewandt, und
redete ihn also an:

»_Vinzenz_, bei Gott, es ist kein Knabenspiel, wozu Ihr Euch jezt
verpflichtet, es verlanget Männer von ungewöhnlicher Art. Könnt' Ihr allen
Bequemlichkeiten des Lebens entsagen, könnt' Ihr Verwandten- Bruder-
Schwester- und Weiberliebe vernichten in Eurer Brust, könnt' Ihr der Gefahr
ins drohende Antliz lachen, und den Tod mit kaltem Blute erwarten: so seid
Ihr erst halb der Unsrige!«

»Seht, die Richter liessen sich, so wie heutiges Tages, auch ehmals durch
den Schimmer des Goldes verblenden; die Pfaffen führten Inquisizionen ein,
Reinigkeit des Glaubens zu erhalten, und sie selber waren, troz ihrer
Reingläubigkeit, unreinen Herzens, Volkstäuscher, kanonisirte Bösewichter;
die Fürsten gaben Gesetze und übertraten sie zuerst, sie raubten den
Menschen der Menschheit erstes und einziges angebornes Glük, raubten die
Geistesfreiheit, damit die dummköpfigen Vasallen und Sklaven ihrer
tyrannischen Kniffe nicht inne würden; die Weiber kokettirten und lenkten
Volk und Fürsten an _einem_ Zaum, Landstreicher und Avanturiers erschlichen
entweder Privilegien für ihre Quaksalbereien, oder sie machten in den
untersten Volksklassen den Geist des Fanatismus rege, oder sie
pasquillirten auf die gesunde Vernunft und guten Sitten, oder sie prellten
reiche Hohlköpfe mit Taschenspielerwundern, Goldmachereien, geheimen
Ordensvorspielungen und andern Schmarozzerkünsten. -- Kurz alles war es
einst, wie jezt, und darum traten schon früh Männer von Einsicht und Muth
zusammen; enthusiasmirt für Recht, und Wahrheit und Bruderglük, dem
geheimen und öffentlichen, von keiner Obrigkeit gerügten Unwesen zu
steuern. Zeloten nannte man sie in Christus Zeitalter, und späterhin in den
mittlern Jahrhunderten die Männer des heimlichen Gerichts.« --

»Meint Ihr, _Vinzenz_, die Zeiten des heimlichen Gerichts wären vorüber?
nein, _Vinzenz_, die Zeiten nicht und auch nicht das Gericht. Sehet diese
Siebenzige sind Mitglieder desselben aus einem Herzogthume; gehet hinaus in
die weite Welt und Ihr werdet sie finden an den äussersten Spizzen Europas.
Alle die Ihr um Euch stehn seht, sind Männer von der erprobtesten
Verschwiegenheit, dem rechtschaffensten Karakter, der tiefsten
Verschlagenheit, zerstreut in allen Gegenden unsers Vaterlands wohnhaft,
aus allen Ständen des Volks gehoben. Bediente, Aerzte, Prediger, Advokaten,
Schriftsteller, Buchhändler, Räthe, Generale, Offiziere, Landwirthe sind
hier Brüder, ohne Unterschied des Ranges.«

»Unsre Religion ist: thue Gutes und mache glükseelig, wo möglich, stets im
Verborgnen; opfre Dich im grossen Fall der Noth für die Glükseeligkeit des
Ganzen hin; liebe Gott über alles, Deinen Nächsten _mehr_ als Dich selbst!
Islamismus, Kalvinismus, Lutherthum, Katholizismus, Herrnhuterei -- sind
eins und dasselbe, sind nur Farben für den sinnlichen Menschen!« --

»Und habt Ihr Euch einst müde gerungen für Eurer Brüder Wohl, sodann dürfet
Ihr gerechte Ansprüche auf Ruhe und eignes Glük machen, welches Euch
gewährt wird, wie und wo Ihr es verlanget. Ein weiser findet sich nicht in
hohen Ehrenämtern belohnt, darum rechnen wir diese nicht zu den Arten einer
Dankbarkeit von uns; wir selber befördern uns zu den wichtigsten Posten um
wichtige Unternehmungen vollführen zu können.«

»Noch einmal, _Vinzenz_, bedenket wohl, daß Ihr Euch zu keinem Knabenspiel
verpflichtet. -- Reue ist nachmals zu spät und umsonst, und wird Euch mit
dem Tode vergolten. -- -- Gehet, ich bitte Euch, gehet zurük!«

»Nimmermehr!« entgegnete Florentin.

Alle. (rufend) Gehet, gehet zurük.

Florentin. (unerschüttert) Ihr grossen Männer, behaltet mich.

Anselmo. Spätre Reue ist Euer Tod!

Florentin. (flehend gegen alle gewandt) Ich bleibe Euch treu, Tod mir, wenn
ich diesen erhabnen Schritt je bereue.

Es erfolgte eine allgemeine Stille. Der _Regent_ stieg von seinem Throne
und entband dem Grafen eines schreklichen Schwurs. Der _Graf_ schauderte
und -- schwor.

Kaum war das Amen von seinen Lippen gehört: so trat der Regent ihm näher
und küßte ihn und weihte ihn zum _schwarzen Bruder_; alle übrige thaten ein
Gleiches und, o Wunder! auch der alte _Badner_ trat herzu.

Jezt wurde die Freude lauter, die Brüder wandelten durcheinander,
plauderten, lachten, tranken; _Florentin_ fühlte sich seeliger, als je, er
besprach sich mit allen, alle jubelten beim frohen Klange der Gläser ein,
»Vivat _Vinzenz_!« und unter diesem Lärmen -- -- -- -- _erwachte_
_Florentin_ von seinem Traume.

Hilf Himmel! wie erstaunte er, als er sich, nachdem er die Augen genug
gerieben, in dem _Garten_ noch liegen sah unter dem Schatten des
_Fliederbaums_.

_Rikchen_ trat in den Garten, lächelnd brachte sie ihrem Bruder die
verlangte _frische Milch_.

»Wie lange hab ich denn geschlafen?« fragte er und schwebte ungewiß, wie im
Traume.

»Zwei Stunden wohl!« antwortete seine reizende _Schwester_, die das
Milchnäpfchen neben ihm niedersezte.

»O Gott!« rief er entzükt aus, sprang auf und umarmte seine _Schwester_:
»du lebst noch!«



Fünftes Kapitel.
Gute Nacht, Florentin! -- Auch ein Postscript
an den Leser.


»Ei, ei,« sagte der _Onkel_: »ei, ei, Du mußt einen bösen, bösen Traum
erschlafen haben!«

»Freilich!« entgegnete _Florentin_, und zweifelte, ob er nicht eben jezt
träume?

»Nun, was hat Dir denn geträumt?« hub _Rikchen_ an zu fragen, allein sie
erhielt von ihrem Bruder eine unbestimmte Antwort. Er fürchtete ein Wort zu
sagen, denn der Eid schwebte ihm noch immer auf der Zunge, welchen er im
Angesichte der _schwarzen Brüder_ geschworen.

Nie hatte er ähnliche Qualen ausgestanden, und nie hatte er eine so reine
himmlische Freude gefühlt, als in diesem Traume. Eine stille Sehnsucht war
in seinem Herzen zurük geblieben nach den schwarzen Freunden; sich von
siebenzig uneigennüzzigen Männern umarmt zu sehn, welche Wonne für Seelen,
die den Werth der Freundschaft kennen! -- Er konnte seine Sehnsucht nicht
verbannen, sich nur noch einmal in ihrer Mitte zu sehn; der Gedanke, daß
Hunderte ihr Leben für ihn lassen würden, hatte zu viel Beruhigendes für
ihn. Wahrscheinlich trug hiezu seine jezzige, kritische Lage nicht wenig
bei; was hatte er dann vom Herzoge zu befürchten, wenn die Durchspäher
aller Geheimnisse sein Intresse zu dem ihrigen machten? --

»Und ists auch nur ein _Traum_, o so soll er mir dennoch heilig bleiben,
ich habe nie in der wirklichen Welt seeliger geathmet.«

So dachte er oft in sich, aber niemanden verrieth er das schauerliche,
schöne Meisterstük seiner Fantasie, welches den tiefsten Eindruk auf ihn
gemacht hatte.

Noch einige Tage blieb er in der Mitte seiner Lieben; die ihm vom Herzoge
gegebne Frist war ihm schneller verflossen, als das Hirngespinst von zween
Stunden.

Eines Abends, da der _Onkel_ schon und _Rikchen_ längst in den Federn
vergraben lagen, saßen _Florentin_ und _Holder_ noch spät auf. Sie
unterhielten sich über manche intrikante Materien, über die Reise des
leztern nach Italien, über das Verhältniß des erstern am Hofe, und endlich
auch über die Unbekannten.

Plötzlich, wurden sie durch ein lautes Pochen gestört. In wenigen Minuten
traten drei _Offiziere_ von der Herzoglichen Garde herein, die sich mit
drei Worten wegen ihres späten Besuches entschuldigten, und dem _Grafen_
ein versiegeltes Papier im Namen _Sr. Durchlaucht des Herzogs_
überreichten.

_Duur_ las und wurde blaß.

Holder. Was ist dir, daß Du Dich entfärbst?

Duur. (gab ihm den Brief, ging zur Thüre und rief nach Badner.)

Holder. (lesend) Gott im Himmel!

Badner. (hereintretend) Ho, ho!

Duur. Laß sogleich meinen Wagen anspannen, meine Sachen einpakken, und
alles binnen einer Viertelstunde zur Abreise fertig seyn.

Holder. Aber alles geschehe in der größten Stille; auch befiehl meinen
Bedienten, daß sie Wein und Speisen hieher bringen.

Badner. (entfernte sich hochverwundert.)

Holder. Sezzen Sie sich, meine Herrn.

Duur. In einer Viertelstunde reise ich mit Ihnen, belieben Sie indessen
einige Erfrischungen anzunehmen.

Ein Offizier. Wir danken Ihnen unterthänigst.

Ein Andrer. Sie verzeihn es uns, daß wir Sie, Herr Kammerherr, so schnell
und so früh aus den Armen Ihrer Freunde entführen.

Holder. (kalt) In vier Wochen wird uns der Herr Graf wieder besuchen
können.

Die _Offiziere_ tranken, _Holder_ und _Duur_ schwazten mit ihnen von
Neuigkeiten aus der Residenz. -- Die Viertelstunde war bald verflogen und
dem _Grafen_ immer weher ums Herz. _Badner_ trat endlich reisefertig herein
und bedeutete daß alles zum Abmarsch bereit wäre.

»Nun denn, meine Herrn!« sagte _Duur_ zu den _Offizieren_ und stand auf:
»wenn es Ihnen gefällt: so lassen Sie uns aufbrechen!« die Offiziere
entfernten sich.

Bebend wandte er sich zu _Holdern_, der vergebens seine Bestürzung
verbergen wollte.

Florentin. Nun _Holder_?

Holder. (gerührt) Mein _Florentin_.

Florentin. Weißt Du, wohin ich gehe?

Holder. Wohin, Bruder?

Florentin. Zum Tode.

Holder. (erstarrend) Bruder!

Florentin. Zum Tode!

Holder. Ists gewis?

Florentin. Unvermeidlich gewis. -- Jezt ist dem Herzog alles offenbar, und
ich bin seiner Rache Gegenstand.

Holder. Das ist schreklich!

Florentin. Kannst Du -- kannst Du mich noch retten?

Holder. Ich -- kann es nicht.

Florentin. Kannst Du mich noch retten.

Holder. Ich kann es nicht. Allein wir werden uns wiedersehn!

Florentin. Nach dem Tode?

Holder. Ja, in Deutschland über zweihundert Jahren! -- verlangst Dus noch
daß ich meinen Eid Dir halte? verlangst Du noch einmal ein Erdenleben zu
leben?

Florentin. Wunderbarer! Schwärmer!

Holder. Bei Gott, ich schwärme nicht!

Florentin. So seis. -- Leb wohl! (er umarmt ihn heftig.)

Holder. (mit gebrochener Stimme) Leb wohl!

Florentin. (indem er sich losreißt) Leb wohl! (er kehrt noch einmal um und
mit langsamen Schritten auf Holdern zu gehend) Regent -- Regent!

Holder. (unter Thränen) Was sprichst Du?

Florentin. (abgehend) Regent Julius! -- lebe wohl!

Holder. (nachrufend) _Vinzenz_, lebe wohl!

Die _Offiziere_ sassen schon auf ihren Pferden; der _Graf_ stieg in den
Wagen und so gings fort.

Als die Morgenröthe emporstieg langten sie in einem Städtchen an; hier
blieben sie den Tag über, in der Nacht verfolgten sie ihre Reise.

Mit Anbruch des zweiten Tages kamen sie in die Residenz. Der _Graf_ fuhr
nach seiner Wohnung und die _Offiziere_ verliessen ihn schon vor der Stadt.

An ihrer Stelle fand er einen andern in seinem Hause, welcher ihn bis zum
Abend bewachte, und sodann in der Dunkelheit zum Herzoglichen Palais
führte.

Bleich und entgeistert schwankte der _Unglükliche_ seinen Todesgang hin.
Man brachte ihn in ein schwarz ausgeschlagnes Kämmerlein, bis auf weitern
Befehl des Herzogs.

In fürchterlicher Angst durchirrte der _Graf_ das Zimmer, in welchem eine
Wachskerze brannte. Tausend Gedanken durchkreuzten seine Seele, der eine
schreklicher als der andre.

Eine Viertelstunde verging, die andre schlug, ohne daß sich jemand zeigte.
Mit immer größerer Unruhe ging er auf und nieder, rang er die zitternden
Hände, stellte er sich ans Fenster und zählte er mit Bangigkeit die
Minuten.

Düstre Bilder drängten sich um seine Seele, und entwafneten seinen Geist.
Nichts blieb ihm in der bangen Stunde übrig; jeder Strahl der Hofnung
erstarb; jeder Trost wich zurük, und jedes Grausen, welches die Natur in
ihrem Schooße trägt, lagerte sich vor ihm hin. Seine Knien schlotterten;
Fieberfrost rann ihm durch das erstarrende Geblüt; er strekte die
gefalteten Hände schweigend empor zum Himmel, aber seine Kräfte versagten
ihm den Dienst weiter.

Schaudernd stand er in einem einsamen Winkel, und warf seine Augen im
Geiste auf die nahen Pforten der Ewigkeit.

»O« lallte er mit gebrochnen Tönen! »der Tod ist furchtbar, vergebens mahlt
ihn die Fantasie schön; aber wir philosophischen Geschöpfe thürmen uns da
Systeme und Hypothesen hin, die unter einem leisen Hauch der wahren Natur
zusammenstürzen, all' unsre Weisheit ist Spinngewebe der Einbildungskraft,
aus leichten lokkern Federn zusammengesponnen.«

Es erfolgte eine lange, dumpfe Pause, in welcher er ernsthaft vor sich
hinschritt. Dann stand er wieder still und starrte zum Himmel auf:

»Gott, heilges, gerechtes, allgemeines Wesen, mit welchem Antlizze werd'
ich vor dir erscheinen? Als ein Missethäter sterb' ich; Menschen können mir
nicht verzeihen; -- Gnade gieb, o Erbarmer, wenn mir Gnade möglich ist!«

Indem der Graf noch betete, öfnete sich ein Seitenthüre. Die Prinzessin
_Louise_, todtenbleich, in ein Reisegewand verhüllt, trat herein. _Duur_
prallte zurük. Sie sprach kein Wort, sondern umhalste schluchzend den
geliebten Verbrecher, küßte ihn unzählige male, und eilte schweigend wieder
von ihm.

Kurz darauf vernahm _Duur_ das dumpfe Donnern einer fortrollenden Kutsche
-- er hörte es, stieß einen tiefen Seufzer aus, Dunkelheit umfloß sein
Auge, und ohnmächtig stürzte er -- dem _Herzog_ in die Arme.

Inzwischen träumten der alte, brave _Onkel_ und seine, liebenswürdige
_Nichte_ nichts weniger, als dieses entsezliche Schiksal ihres
_Florentins_. _Holder_ trat am folgenden Morgen nach seiner Wegführung zu
ihnen, und sagte mit erzwungnem Lächeln: »_Florentin_ hat Euch, um Thränen
zu ersparen, gestern Abend schon verlassen.«

»Gestern Abend ist er fortgefahren?« entgegnete erstaunt der _Alte_: »drum
wunderte ich mich noch über das späte Kutschieren. Hm, hm! der Blizjunge,
kömmt er mir noch einmal so, so werde ich ihm baß den Text lesen. Warte!
warte!«

»Und in der Nacht auch zu reisen!« sagte _Rikchen_ halb böse.

»Freilich, freilich!« erwiederte der _Onkel_: »er wird sich verkälten
wollen! -- doch las ihn; im Grunde genommen dauert mich der gute Junge, er
hats nicht böse gemeint. Na _Florentinchen_, wir vertragen uns wieder; ich
sage Dir gute Nacht, _Florentin_!« -- -- -- --

                   *       *       *       *       *

Und nun, meine _Leser_ und _Leserinnen_, hab' ich Ihnen für diesmal genug
vorgeplaudert; allein mich plagt doch eine kleine Neugier, zu wissen, wie
Ihnen meine Erzählung behagt hat.

»Sonderbar!«

Sonderbar sagen Sie? wie denn so?

»Kein Plan, kein Ganzes! wir wissen aus so manchen nicht klug zu werden;
zum Ueberflus führen Sie den Grafen von _Duur_ noch an die Schlachtbank und
lassen uns in einer quälenden Ungewisheit über seinen Tod.«

Ich sollte doch denken, meine Herrn und Damen, daß Sie mit dergleichen
Autorfinten schon bekannter sein müssen, als Sie es sich zu sein stellen
wollen.

»Unverzeihlich! indes werden wir Ihnen von ganzem Herzen verzeihn, wenn Sie
uns noch _dies_ und _das_ beichten wollten!«

Und was denn zum Beispiel?

»Wie es dem süssen _Florentin_ geht.«

»Und war für ein Bewandnis hat es denn mit den _schwarzen Brüdern_?«

»Wird _Holder_ nicht noch Anstalten zur Rettung seines Freundes machen?«

»Apropos, was that denn _Holder_ in _Italien_? nahm er etwa die Tonsur an?«

»Wohin ist denn die Prinzessin _Louise_ zur Nachtzeit gefahren? hat sie ihr
_Bruder_ etwa in ein Kloster gebracht?«

»Noch eins, eh wir auseinander gehen: werden Sie uns nicht den weitern
Verlauf der Sache erzählen?«

Alles das, meine Herrn und Damen, alles das im _folgenden Bändchen_ wenn
Sie wollen!



Anmerkungen zur Transkription


Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des
Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die schwarzen Brüder. I. (of 3) - Eine abentheuerliche Geschichte" ***

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