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Title: Das höllische Automobil - Novellen
Author: Bierbaum, Otto Julius
Language: German
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*** Start of this LibraryBlog Digital Book "Das höllische Automobil - Novellen" ***


                           Otto Julius Bierbaum


                          Das höllische Automobil

                                 Novellen


               Bibliothek moderner deutscher Autoren Band 6


                    Wiener Verlag Wien und Leipzig 1905


               Der Verleger behält sich sämtliche Rechte vor

                         Umschlag von Richard Lux

    Druck der k. und k. Hofbuchdrucker Fr. Winiker & Schickardt, Brünn.



                              _Vita autoris._


                          =Otto Julius Bierbaum=

erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grünberg in
Niederschlesien als der Sohn eines eingebornen Konditors und einer
sächsischen Bergmannstochter. In der väterlichen Familie waren zwei
Berufszweige erblich: Ein süßer: die Zuckerbäckerei, und ein saurer: die
protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen besonders
starken Gemütseinschlag von der mütterlichen Familie her (in der einmal,
zur Zeit Napoleons, ein französischer Tambour eine Gastrolle gegeben
haben soll) und so fand in ihm weder die süße noch die saure
Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm Zeit seines Lebens
von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn für bessere Kuchen und
Edelmetalle im Blute, ohne daß er ihn indessen immer befriedigen konnte.
Dieses Unvermögen kommt aber eben daher, weil er, statt das Süße oder
das Saure oder sonst was Ordentliches zu lernen, sich von Jugend auf
dem Laster des Versemachens und Fabulierens hingegeben hat. Was hat er
davon? --: Ein immer zweifelhaftes Budget und die Ungnade des
Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar -- O, daß doch dieses
gewiß gräßliche, aber leider nicht unverdiente Schicksal abschreckend
auf alle unerfahrenen Jünglinge und Jungfrauen wirken möchte, die
in dem Wahne leben, das Dichten sei eine einträgliche Beschäftigung
und mache wohlgelitten bei ernsten Kunstwärtern und gelehrten
Literaturbeaufsichtigern! In Wahrheit führt es, wenn man sich ihm nicht
auf der Basis einer =sehr= anständigen Rente hingibt, direkt ins
Versatzamt und erregt, wenn es nicht so vorsichtig ausgeübt wird, daß
alles Vergnügen daran zum Teufel geht, nur Unwillen.

Dieser Unwillen steigert sich zur Empörung, wenn der Unbesonnene, der
ihn hervorgerufen hat, statt sich durch weise Beschränkung auf ein
bestimmtes Fach der Dichtkunst wenigstens zum Spezialisten auszubilden,
auch noch einen Mangel an =Charakter= offenbart, indem er halt- und
ziellos in allen Fächern der Poeterei herumfährt und, wie _iste_
O. J. B., außer Gedichten jeder Art und Unart auch noch Novellen, Romane,
Operntexte, Dramen, Balletts, Reisebeschreibungen, Märchen und allerhand
Aufsätze über allerhand Menschen, Dinge und Ideen von sich gibt. Dies
ist ein so grober Verstoß gegen das moderne Gesetz von der Teilung der
Arbeit, daß man nicht energisch genug dagegen Front machen kann. Warum,
so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit begnügt,
den 'Lustigen Ehemann' zu verfassen? Wie klar umrissen stünde
dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt, während es jetzt
unruhig und fatal hin- und herzittert in den verschiedensten Kapiteln
der Literaturkunde, vergleichbar den lebenden Photographien der
American-Biograph-Gesellschaft, G. m. b. H., Berlin.

Daß er auch noch Zeitschriften gründete, mag ihm verziehen werden, weil
sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schließlich, Gott
sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, daß die aufregenden
Nachrichten über seine schmachvoll hohen Redaktionsgehälter nur die
Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Köpfe waren. Auch seine
längere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man weiß,
daß sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist.

Über seine Mitschuld am Überbrettl gehen die Meinungen auseinander.
Einige Passagen im »Stilpe« belasten ihn zwar schwer, aber das Programm
seines Trianon-Theaters (einmal und nicht wieder!) wird immer als
besinnungslos rein lyrisches Entlastungsdokument angeführt werden
können.

Sonst ist O. J. B. harmlos. Sein Körpergewicht (81·5 Kilo, die
Kleider nicht mitgewogen), sowie seine untersetzte, deutlichen
Fettansatzes nicht ermangelnde Statur, reihen ihn unter die
Korpulenzen ein, die eher zum Phlegma, als zu kriegerischem
Angriffe neigen. Doch scheint er es sich nicht abgewöhnen zu können, über
gewisse Charaktereigentümlichkeiten erbost zu werden, als da sind: Neid,
Lügenhaftigkeit, Tratsch- und Verleumdungssucht und aufgeblasener
Dummstolz. (Woraus deutlich hervorgeht, daß man ihn mit Unrecht unter
die Humoristen rechnet.) Durch Radfahren und elektrische Massage
versucht er es übrigens, seine Taillenweite dem erwünschten Normalmaße
anzunähern, wie er denn auch den Fettbildner Alkohol mit einer
Konsequenz meidet, die ihm sonst nicht eigen ist. Lawn Tennis mußte er
leider wegen Mangels an englischen Sprachkenntnissen aufgeben. Die
Pflege des nationalen Skat hinwiederum ist ihm wegen eines
mathematischen Defekts versagt.

Hunde, Katzen, Blumen; Horaz, Shakespeare, Goethe; Gluck, das
'wohltemperierte Klavier', Mozart; Dürer, Ludwig Richter, Chodowiecki;
Büttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr. Schiller genießt er
einstweilen lieber in der Form Dehmel. -- Für die größten unter den
modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski, Nietzsche und Gottfried
Keller. -- Th. Th. Heine ist ihm lieber, als Max Klinger. -- Ein
rechtschaffenes Biedermeier-Kanapee zieht er ebensowohl einer _sella
curulis_ wie jeder streng modern konstruktiven Lösung des Sitzproblems
vor. Van de Velde verehrt er aus scheuer Entfernung und mit aller
gebotenen Vorsicht. Der wahrhaft aus modernem Bedürfnis und aus der
klaren Tiefe der Zeitseele geborene Nachttopf scheint ihm einstweilen
nur in ornamentalen Ansätzen von verdienstlichem Zielbewußtsein
vorhanden zu sein. An »Buchschmuck« hat er sich für eine Weile
sattgesehn, sowohl an dem botanischer, zoologischer und mineralogischer,
wie an dem rein geometrischer Herkunft. Seine Sünden auf diesem Gebiete
bereut er herzlich und hat sich dafür als freiwillige Buße die
vollkommenste Enthaltsamkeit von allen Kopf-, Rand-, Zwischenleisten,
Frontispicen, _culs de campe_ &c. &c. auferlegt. Doch zweifelt er
keineswegs daran, daß die Blütezeit des Jugendstiles noch eine hübsche
Zeit andauern wird. -- Was die moderne Musik angeht, so fühlt er keinen
Beruf, sich an dem Gesellschaftsspiele der Auslosung des neuen Messias
zu beteiligen. Er ist dazu musikwissenschaftlich nicht gebildet genug
und muß zufrieden sein, daß es ihm beschieden ist, zuweilen moderne
Musik zu hören, die ihm angenehm eingeht, ohne daß er zu sagen weiß
warum. Im Grunde ist er wohl auch zu frivol dazu, was schon daraus
hervorgeht, daß er nicht gerne eine Offenbachsche Operette versäumt.

Moderner Bücher liest er nicht gar viele, doch läßt er sich von
Liliencron, Dehmel, Wedekind und Gerhard Ouckama Knoop keines entgehen.
In alten Briefwechseln, Tagebüchern und Memoiren zu lesen ist ihm ein
großes Vergnügen. Den größten Genuß auf diesem Gebiete bereiten ihm die
Briefe und Tagebücher Friedrichs v. Gentz, den er überdies für einen der
besten Prosaisten in deutscher Sprache hält.

Seine Kenntnis der Weltvorgänge bezieht er aus den »Münchner Neuesten
Nachrichten« und dem »Simplizissimus«. Zu einem Abonnement auf die
»Woche« hat er sich noch nicht entschließen können, doch läßt er sich
eigens zu dem Zwecke allwöchentlich einmal die Haare kräuseln, um bei
seinem Friseur den Anschauungsunterricht zu genießen, den dieses
vorzügliche Organ der Volksaufklärung gewährt. Übrigens photographiert
er, wie jeder Kunst- und Naturfreund, selbst und hat es darin zu einer
Vollkommenheit gebracht, die ihm außer seiner Frau niemand bestreitet.

Religiös ist er Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen, vom
Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom
Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile der
sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schöne Pose des Sitzens auf einer
Lotosblüte, vom Konfuzianismus das Prinzip der großen Wurstigkeit, vom
Taoismus die höchst angenehme Mystik ahnungsvoller Wortverknüpfungen in
seine Privatkirche übernommen, deren Hauptlehre übrigens lautet: 'Halte
dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert dich, in deinen Himmel zu
kommen!'

Wollte man ihn nach seiner politischen Meinung fragen, so würde man ihn
in Verlegenheit setzen. Es kommt das vielleicht daher, weil er keine
Leitartikel liest und Bismarck tot ist.

Exlibris und Ansichtspostkarten sammelt er nicht; dafür alte
Vorsatzpapiere, Gläser und Fayencen; Autogramme gibt er nur in schwachen
Momenten ab; jungen Damen und Herren zu sagen, ob sie Talent zur
lyrischen Poesie haben, erklärt er sich für inkompetent.

Vorbestraft wegen Körperverletzung in idealer Konkurrenz mit einer
Übertretung ortspolizeilicher Vorschriften über das Halten von großen
Hunden.

                     *       *       *       *       *



                                  Inhalt

                Das höllische Automobil                  17

                Der mutige Revierförster                 63

                Patsch und Tirili                        83

                Die Weihnachtsbowle                     101

                Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot      123


                     *       *       *       *       *



                          Das höllische Automobil

                                Ein Märchen
  für sämtliche Alters- und Rangklassen nach einer Idee =Alf Bachmanns=.


Der Riese Rumbo konnte die Menschen nicht leiden, weil sie neben ihm so
lächerlich klein erschienen, aber doch klüger waren als er, und weil es
ihm, wegen seiner unmäßigen Größe und Ungeschlachtheit, nicht möglich
war, mit ihnen zusammen zu wohnen, -- was er doch von wegen Kartenspiel
und anderer Lustbarkeiten, die man nicht allein besorgen kann, ganz
gerne gemocht hätte. Wie hätte er aber mit jemandem Skat spielen oder
sonst etwas Vertrauliches treiben sollen, da er so groß war, daß er
selbst die größten Häuser der benachbarten Residenzstadt nicht einmal zu
Leibstühlen benützen konnte, weil sie dazu zu niedrig gewesen wären?

Daraus könnt ihr euch wohl ungefähr ein Bild machen, wie über alle
Maßstäbe und Begriffe ausgedehnt dieser Kerl war.

Mein Onkel, der doch auch ein Mann von gutem Gardemaße und überdies
Pfarrer, also gewöhnt war, seinen Blick immer aufs Höchste zu richten
hat mir mehr als einmal beteuert, daß Rumbo alle seine Begriffe von
Länge und Breite übertroffen habe. Übrigens ist es dieser mein Onkel,
der mir diese Geschichte erzählt hat, was zu bemerken ich nicht zu
ermangeln will, weil man sonst denken könnte, sie hätte keine Moral. Die
Wahrheit ist, daß sie mehr Moral hat, als selbst der aufmerksamste
Zuhörer beim ersten Male merken kann. Man muß sie sich also ein paarmal
erzählen lassen. Es verlohnt sich.

Ich selbst habe sie =sehr= oft gehört, nämlich immer, wenn mein Onkel
meinen Vater zu besuchen kam, um, wie er sagte, »nach dem Rechten zu
sehen.« Es scheint aber, daß das Rechte sich bei uns im Keller aufhielt.
Denn dorthin begaben sich bei solcher Gelegenheit die beiden Brüder
sogleich, wenn der ältere beim jüngeren zu Besuch angekommen
war. -- Dies nebenbei und ohne eigentliche Beziehung zu Rumbo.

Der war also nach der Überlieferung meines Onkels ein =über=gewaltiger
Geselle. -- Ich wünschte sehr, seine Größe in Metern angeben zu können,
aber in dieser Hinsicht hat es mein Onkel an Exaktheit fehlen lassen.
Statt einfach zu sagen: so und soviel Meter oder meinetwegen bayerische
Ruten war er lang, liebte er es, die Ausdehnung des Riesen durch
Vergleiche oder Bilder anzudeuten, wobei es mir nicht entging, daß dabei
nicht immer das gleiche herauskam. Machte ich ihn darauf aufmerksam, so
pflegte er zu sagen: »Mein lieber Junge, bei ganz großen Gegenständen
irrt sich selbst die Bibel. Für das, was das gewohnte Maß maßlos
überschreitet, haben wir Menschen nicht einmal die Fähigkeit, in Bildern
ordentliche Maßstäbe zu finden. Kehre dich nicht daran, wenn ich dir
=einmal= sage: Rumbos Beine waren so dick und lang wie die Türme der
Frauenkirche zu München, und ein =andermal:= Rumbos Nasenlöcher waren so
breit und lang wie der Tunnel durch den St. Gotthard. Das stimmt
freilich nicht; aber aufs Stimmen kommts auch nicht an, wo sichs um
Riesen handelt. Sei froh, zu wissen, und laß es dir genügen, daß Rumbo
auf alle Fälle erstaunlich groß war; -- wenn du Lust hast, seiner Größe
noch ein paar Kilometer hinzuzusetzen, so tu dir keinen Zwang an.
Meinetwegen kannst du ihn dir auch ein bißchen kleiner vorstellen, wenn
er dir dadurch näher kommt, aber, versteht sich, immer noch so riesig,
daß du dich selber darüber wundern mußt. -- =Darauf= kommt es an.«

Ich empfehle euch, es auch so zu halten.

Da Rumbo nicht unter Menschen wohnen konnte, lebte er ständig auf dem
Lande, und zwar in der Nähe der Stadt Knödelimkraut, die sich einer sehr
waldigen Umgebung erfreut. Dort war aber auch wirklich ein Mordstrum von
einem Walde, der für ihn paßte, als wenn er ihm angemessen worden wäre.
Tannen wuchsen darin, so dick, daß ein Mensch, der um eine hätte
herumgehen wollen, dazu eine gute Stunde gebraucht haben würde.
(Wirklich wahr!) Er hätte aber gar nicht drum herumgehen können, weil
die Wurzeln dieser Bäume wie Gebirge über die Erde hervorstanden, und
weil das Moos, das auf ihnen wuchs, selber wieder so hoch und dicht war,
wie das Gebüsch in einem gewöhnlichen Walde.

Für Rumbo aber war der Wald eben darum gerade recht; und er verließ ihn
nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, wo er sich seine Mahlzeit
holen mußte. Denn er aß nur einmal in der Woche, am Sonntag. Das kam
daher, weil für ihn eine Woche so viel war, wie für uns ein Tag.
(Inwiefern? -- das wußte sogar mein Onkel nicht zu erklären, dem doch
selbst in der Offenbarung Johannis keine Zeile dunkel war. -- Ihr tut
also gut, euch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was zu unterlassen
übrigens auch anderen Problemen gegenüber ratsam erscheint, da ein Kopf,
auch wenn er hohl ist, nicht eigentlich die Bestimmung hat, zerbrochen
zu werden. Und =eure= Köpfe, meine Lieben, sind überdies =nicht=
hohl, -- wie würdet ihr sonst =meine= Zuhörer sein?)

In der Hauptsache bestand seine Mahlzeit aus Gemüse. Birkenbäume waren
für ihn Spargel, Eichenbäume Spinat, aus jungen Tannen machte er sich
Sauerampferbrei. Kuchen und andere süße Speisen konnte er sich nicht
verschaffen, außer wenn er gerade einmal bei einem Bienenzüchter
vorbeikam. Da fraß er dann gleich sämtliche Bienenstöcke mit dem Honig,
aber auch mit den Bienen auf, und wenn ihn die Bienen im Munde und im
Magen stachen, sagte er: »Ei, das prickelt recht angenehm.« Sonst
bestand seine Nachspeise immer aus einem Menschen, und er meinte, das
Menschenblut sei süßer als aller Honig; nur schade, daß man nicht viel
davon vertragen könne, weil es dusselig mache. Soviel von seiner
Speisekarte.

Da Rumbo dumm war, war er auch faul, und so kam es, daß er meistens der
Länge lang auf dem Boden lag und schlief.

Wie er nun einmal so da lümmelte, fühlte er ein Jucken in seiner Nase
und mußte niesen; -- hatzi! flog ein Mensch aus seinem Nasenloch und
mitten auf die ganz mit zottigen Haaren bedeckte Brust.

»Hahaha!« lachte der Mensch; »da bin ich aber mal schön weich gefallen.«

»Was! Du lachst noch?« brüllte Rumbo, »dich werde ich übermorgen
fressen.«

»Mich?« rief der Mensch, -- »dazu bist du ja viel zu dumm. Ehe du mich
ergreifst, bin ich schon ganz wo anders.«

Und richtig, wie Rumbo nach ihm fassen wollte, saß der Mensch schon in
seinem linken Ohre und schrie hinein: »Du großer Esel!«

Rumbo begriff, daß das eine Majestätsbeleidigung war und wollte ihn sich
mit seinem kleinen Finger (Klein! -- Du lieber Gott! Er hatte die
Ausdehnung von Frau Klara Ziegler!) aus dem Ohre trillern, aber da war
der Mensch schon lange weg. Und wo saß er? Im Winkel des linken Auges
und kitzelte den Riesen.

»Geh weg!« schrie Rumbo, »das kann ich nicht leiden.« (Es war ihm, wie
wenn uns eine Mück ins Auge gekommen ist.)

Der Mensch aber sagte: »Nicht eher, als bis du mir versprichst, mich in
Ruhe zu lassen.«

»Ja doch, ja doch,« brüllte der Riese, »mach nur, daß du aus meinem Auge
'rauskommst. Das ist zu widerwärtig.«

»Siehst du wohl?« sagte der Mensch, »was Kleines kann auch unangenehm
werden«, und er setzte sich auf eine Warze, die sich wie ein mit Gras
bewachsener Hügel, über und über mit Haaren bedeckt, auf des Riesen
Nasenspitze erhob.

»Das ist ein angenehmer Aussichtspunkt,« sagte er, wie er dort saß,
indem er vergnüglich mit den Beinen baumelte und sich eine Zigarre
anzündete. »Ich habe zwei Seen vor mir, die von Tannen umgeben sind, und
dahinter ist ein Gebirge mit vielen Schluchten, und hoch oben ein Wald
von roten Bäumen. Diese Landschaft verdient einen Stern im Bädeker; ich
werde hier ein Aktienhotel gründen.«

»Na ja: Meine Augen, meine Stirne und mein roter Haarschopf,« sagte der
Riese geschmeichelt; »aber was ist dir denn eingefallen, daß du in meine
Nase gekrochen bist? Dort zieht es doch?!«

»Eben darum, es ist infam heiß heute und ich dachte es mir gleich, daß
in diesem Blasebalgfang ein guter Wind ginge«, antwortete der Mensch.

»Ja, hast du denn keine Furcht?«

»Vor wem denn?«

»Na, vor mir!«

»Vor dir? Dazu bist du mir zu dumm.«

Da merkte der Riese, daß dieser Mensch, wenn nicht gar ein Genie, so
doch ganz gewiß ein brauchbares Talent war, und er sprach:

»Du gefällst mir, Mensch, du kannst als Gehilfe bei mir eintreten. Wie
heißt du denn?«

»Frechdachs,« antwortete der Mensch.

»Das ist ein schöner und passender Name für einen Menschen von dieser
Begabung,« meinte der Riese; »also, willst du?«

»Meinetwegen,« sagte Frechdachs, »wenn es nur was Ordentliches zu tun
gibt und nicht so gewöhnliche Hantierungen wie in der Stadt. Dort haben
sie nichts mit mir anfangen können und wollten mich deshalb ins
Gefängnis sperren. Ich bin aber ausgerissen.«

»Na, dann paßt du ja famos zu mir, Frechdachs!« sagte Rumbo. »Du sollst
dich nicht zu beklagen haben. Bei mir gibt's nur solche Sachen zu tun,
die in der Stadt verboten sind.«

»Das kann ich mir denken,« sagte Frechdachs, »denn du selber würdest in
der Stadt verboten werden, wenn sie dich verbieten könnten. -- Aber sag
mal, wozu brauchst du denn einen Gehilfen, du großer Schuft und
Schlagtot? Ein Kerl, wie du, braucht ja bloß irgendwo hinzufallen, und
gleich liegt rechts und links von ihm, was er braucht.«

»Das verstehst du nicht,« sagte Rumbo. »Ich bin =zu= groß. Erstens werd'
ich zu schnell bemerkt; dann sind meine Bewegungen zu langsam; und
schließlich kann ich so kleines Zeug, wie ihr Menschen seid, nicht gut
anfassen. Entweder zerquetsche ich so eine Made, oder sie rutscht mir
durch eine Fingergelenksfalte weg. Ich sage dir: ich müßte verhungern,
wenn ich mich von euch Marschiermücken nähren müßte. Zum Glück brauche
ich das zweibeinige Milbenvolk nur als eine Art süßer Verdauungspillen.
Aber dazu seid ihr Zappelgemüse mir unbedingt nötig. Und deshalb ist es
mir sehr angenehm, einen Menschen als Gehilfen zu haben, denn niemand
kann einen Menschen besser fangen, als ein Mensch. Im Grunde könnt ihr
ja auch nichts, als das. -- Ich habe darum von jeher und immer Menschen
als Gehilfen gehabt, aber leider, leider waren es regelmäßig
unvorsichtige Burschen, die allzubald auf irgendeine Weise bei mir
zugrunde gingen. Der eine fiel mir ins Ohr und brach das Genick auf
meinem Trommelfell; der andere verlief sich im Dickicht meiner Haare und
verhungerte; ein dritter ertrank in einem Schweißtropfen von mir; ein
vierter, der Korpsstudent gewesen war und sich das Trinken nicht
abgewöhnen konnte, hielt in der Betrunkenheit, als ich einmal gähnte,
meinen Mund für einen Weinkeller, lief hinein und erstickte, wie ich den
Mund zugemacht hatte, in einem hohlen Zahn; -- und so weiter, und so
weiter. Du siehst also, daß du gut aufpassen mußt.«

»Mir passiert so was nicht; verlaß dich darauf,« meinte Frechdachs; »ich
bin daran gewöhnt, aufzupassen, wie ein Luchs, denn ich gehöre zu den
Vogelfreien, die auch unter Menschen immer auf der Hut sein müssen. Bloß
die Käfigmenschen, die Mastgimpelnaturen, die den Freßkober stets bei
sich am Halse tragen, dürfen es sich erlauben, ohne besondere
Aufmerksamkeit ihrem Tagwerke nachzugehen. Wir, die wir nicht so
tugendhaft und stäte sind, sondern immer tapfer und resolut auf Taten
ausziehen, für die man früher geadelt wurde, jetzt aber ins Kittchen
gesperrt wird -- wir müssen immer die Ohren steif und die Augen offen
halten. Meinetwegen kannst du also ganz ruhig sein. -- Aber: Was krieg'
ich denn als Lohn?«

»Was? Lohn willst du auch noch?« brüllte Rumbo, der in seinem
Souveränitätsgefühle beleidigt war. »Sei froh, daß ich dich nicht zum
Nachtisch einnehme. Nein, mein Lieber, Lohn gibt's nicht. Höchstens
einen Titel. Wie willst du lieber heißen: General oder Hofmarschall?«

»Gar nichts will ich heißen,« sagte Frechdachs; »Lohn will ich haben.«

»Also, wie viel denn?« fragte Rumbo.

»Kein Geld,« antwortete Frechdachs, »das kann ich mir stehlen; du sollst
mich zu einem Riesen machen, wie du selber einer bist.«

»Das kann ich nicht,« sagte Rumbo.

»Doch kannst du's,« erwiderte Frechdachs, »mach keine Flausen; ich bin
nicht so dumm, wie du aussiehst, und weiß ganz gut, daß du's kannst.
Aber du willst nicht, weil du Angst hast, daß ich dich dann totschlage,
du Feigling.«

»Na, also gut, Frechdachs,« sagte Rumbo, dem bei so viel Intelligenz
angst und bange wurde, »ich mache dich zu einem Riesen, aber erst, wenn
du mir hundert Menschen gebracht hast.« ('Nach dem Neunundneunzigsten
freß ich ihn auf,' dachte er sich.)

»Abgemacht,« sagte Frechdachs. »Und was soll ich zuerst tun?«

»Hm, ja, warte mal,« überlegte der Riese eine Weile; »da ist drüben in
der Wassermühle der junge Müller Bartel Klippklapp, der ist weiß wie
sein Mehl vor lauter Fett und muß allerliebst nach Korn schmecken. Den
hol mir! Aber er ist schlau, weißt du. Du mußt es klug anstellen.«

»Wenn's weiter nichts ist,« sagte Frechdachs, rief seinen Rappen, der in
der Nähe weidete, schwang sich in den Sattel und ritt davon.

Schon nach fünf Stunden kam er wieder und schleppte den jungen Müller an
einem Stricke erwürgt hinter sich her.

»Sieh mal an!« lachte der Riese, »da hast du ja den Bartel Klippklapp,
der so schlau war. Bist wohl noch schlauer gewesen?«

Frechdachs antwortete: »Dazu hat nicht viel gehört. Der dumme Kerl stand
gerade in seinem Garten und las Raupen vom Kohl. 'Du, Bartel,' rief ich,
'was machst du denn da?' 'Raupen lesen,' sagte Bartel. 'Was machst du
denn mit den Raupen,' fragte ich. -- 'Was soll ich denn damit machen?'
antwortete er; 'tot machen tu' ich sie; sie fressen mir sonst meinen
Kohl.' -- 'Na, höre mal,' sagte ich, 'das ist aber lieblos; die armen
Tierchen wollen doch auch leben.' -- 'Bist du so ein Esel,' erwiderte
Bartel, 'daß du dir deinen Kohl von Raupen fressen läßt?' -- 'Nein,'
sagte ich, 'ich habe gar keinen Kohl, aber Hunger. Gib mir einen
Kohlkopf, Bartel.' -- 'Hast du Geld?' fragte der Müller. -- 'Nein,'
sagte ich, 'du sollst mir ihn schenken.' -- 'Du kannst meine Rückseite
bewundern,' rief er da, lachte und drehte sich um. -- 'Wart,' dachte
ich, 'alter Geizkragen, für meinen Meister Rumbo sollst du auch bald
eine Raupe sein,' warf ihm die Schlinge meines Strickes um den Hals,
zog sie fest an, und ritt hui, hussa, hop, galopp mit dem Anhängsel
davon. Da hast du den Mehlwurm!«

Der Riese war sehr zufrieden mit dieser Leistung und lobte seinen
Gehilfen, fand aber, daß der Müller zu mehlig schmeckte. -- »Bring mir
was Pikanteres das nächstemal,« befahl er.

Frechdachs machte sich auf und überlegte: 'Wen soll ich bringen? Pikant,
das ist leicht gesagt, aber wo gibt es heutzutage Menschen von pikantem
Geschmack, die noch =genießbar= sind? Wenn ich den Doktor Schwalbendreck
erwischte, dem vor Brotneid das Blut sauer geworden ist und der infolge
seiner krankhaften Begierde, üble Gerüchte zu verbreiten, einen netten
kleinen Herzkrebs von zweifellos schwefligem Geschmacke acquiriert hat,
so wäre das ja am Ende ein gefundenes Fressen für meinen Herrn und
Meister, der überdies, so viel ich weiß, noch keinen Dramatiker gegessen
hat, aber erstens wird es schwer sein, dieses Herren habhaft zu werden,
der sehr vorsichtig geworden ist, seitdem ihm jemand von ferne eine
Pistole gezeigt hat, und dann fürchte ich, daß er schließlich =zu=
penetrant schmeckt. Vergiften darf ich meinen verehrten Giganten doch
auch nicht gleich. Sonst brauchte ich ihm ja nur ein Gänseweißsauer von
verleumderischen Klatschbasen zu servieren, deren ich einige in der
Stadt Knödelimkraut recht gut kenne.... Halt! Wie wärs mit dem dicken
Literaten, der früher Pastor war!? In ihm vereinigt sich ein Restchen
pfäffischer Heimtücke mit journalistischer Giftdrüsenhypertrophie, --
eine angenehme Mischung, sollte ich meinen.... Aber diese Art Leute sind
schwer zu fassen. Es gibt keinen Strick, aus dem sie sich nicht zu
winden vermöchten. Ich spare ihn mir für ein andermal auf!' -- So ritt
Frechdachs in ziemlicher Verlegenheit durch Flur und Auen. Da begegnete
ihm in seiner Kutsche der Doktor Rasso Schneidebein, der zu einer armen
alten Frau gerufen worden war.

»He, Herr Doktor, Herr Doktor!« rief Frechdachs, »bitte, kommen Sie doch
gleich zu meinem Meister, der sich übergessen und Bauchkneipen hat, und
geben Sie ihm was ein.«

»Hat dein Meister Geld?« fragte Doktor Schneidebein.

»Na, ich danke,« sagte Frechdachs, »Geld wie Heu! Sie kriegen zehn
Taler.«

»Zehn Taler?« dachte sich der Doktor, »das ist ein hübsches Stück Geld,
und von der Alten krieg' ich bloß ein Vergeltsgott. Mag sie meinetwegen
ohne mich sterben!«

»Also schön,« sagte er, »ich komme mit; es muß aber auch etwas
Ordentliches zu essen geben.«

»Einen fetten Braten,« sagte Frechdachs und sah dabei den Doktor an, der
in der Tat sehr fett war.

Als sie in die Nähe des Waldes kamen, wo der Riese wohnte, wurde es dem
Doktor unheimlich zumute.

»Das ist ja der wilde Wald, wo der Menschenfresser haust,« rief er;
»bist du wahnsinnig, daß du mich dorthin führst?«

»Wieso denn,« sagte Frechdachs, »es ist ja der =Menschenfresser=, dem Sie
etwas eingeben sollen, weil er Bauchweh hat.«

»Um Gottes willen,« schrie der Doktor, »was soll ich denn dem Riesen
eingeben?«

»Sich selber sollen Sie ihm eingeben, denn Sie stecken ja voll von
Medizin,« sagte Frechdachs.

»Nein, nein, nein, das will ich nicht,« rief der Doktor; »ich muß zu
einer alten Frau, die im Sterben liegt. Umkehren, Kutscher, umkehren!«

»Das hättest du früher sagen sollen, alter Schuft,« rief Frechdachs,
schlug dem Doktor den Schädel ein, legte ihn quer vor sich auf den
Sattel und galoppierte davon, ehe der Kutscher seinem Herrn hätte zu
Hilfe kommen können.

Auch mit dieser Leistung war Rumbo sehr zufrieden, zumal der Doktor in
der Tat sehr pikant nach Karbol, Jodoform und anderen Medizinen
schmeckte.

»Du bist ein verflixter Kerl, Frechdachs,« sagte er, »und verstehst
Abwechslung in meinen Nachtisch zu bringen. -- Was gibt's denn =nächsten=
Sonntag?«

»Einen Pfarrer,« antwortete Frechdachs.

»Ah,« schmunzelte Rumbo, »einen Pfarrer! Das ist eine ganz herrliche
Idee! Such aber einen recht fetten aus, ja?«

»Ich weiß schon einen,« sagte Frechdachs, und dachte an den, der ihm in
der Christenlehre immer so heftig ins Gewissen geredet hatte, weshalb er
ihn aufrichtig haßte. Ging also zu ihm und sprach: »Lieber Herr Pfarrer,
ich soll Euch zu einer Gastmahlzeit bei meinem Herrn, dem reichen
Gutsbesitzer Jörg Maulvoll, einladen für nächsten Sonntag. Mein Herr
würde glücklich sein, einen so heiligen Mann nach Verdienst mit den
herrlichsten Speisen und Weinen zu bewirten.«

Und fügte noch viele grobe Schmeicheleien und Erzählungen hinzu, was für
schöne und gute Dinge es geben werde.

Der Pfarrer war aber wirklich ein frommer Mann und sprach: »Am Sonntag
habe ich keine Zeit, viel zu essen und zu trinken, da muß ich meine
Predigt halten. Komm du in meine Predigt, Bursche, und dein Herr auch,
das ist =meine= Einladung. Leb wohl!«

'Au weh,' dachte sich Frechdachs, 'bei dem bin ich schief angekommen.
Wenn die Pfarrer alle so sind, kann sich Rumbo den Mund wischen.'

Es waren aber nicht alle so. Schon beim nächsten glückte es.

»So,« sagte der, »gefüllten Truthahn, eingemachte Hammelnieren,
Erdbeeren mit Schlagrahm, Apfelsinentorte und Muskatwein? Hm, hm! Und
Herr Maulvoll ist ein Mann, der einen heiligen Lebenswandel schätzt?
Gut. Gut. Ich komme. Ich komme gleich mit.«

Während er sich reisefertig machte, kam ein Bote und meldete, daß ein
armer Taglöhner am Sterben sei und gerne noch mit dem Herrn Pfarrer
beten wolle.

»Ich habe eine wichtige Abhaltung,« sagte der Pfarrer; »so schnell
stirbt sich's nicht; er soll bis morgen warten.«

'Du wirst gleich sehen, wie schnell sich's stirbt,' dachte sich
Frechdachs, half dem dicken Pfarrer in die Kutsche, setzte sich auf den
Bock und fuhr los. Die Pferde liefen wie der Wind, die Kutsche sprang
und tanzte nur so über Stock und Stein.

»Nicht so schnell, nicht so schnell,« rief der Pfarrer; »das Essen wird
mir nicht bekommen, wenn ich so durchgerüttelt werde.«

»Aber mürbe wirst du werden!« rief Frechdachs.

»Mürbe? Wieso? Was heißt das?« keuchte der Pfarrer.

»Das heißt, daß du ein zäher Heuchler bist. Hü! Rappen! Hü! Rumbo hat
Hunger.«

»O Gott! O Gott! O Gott!« stöhnte der Pfarrer. »Der Teufel sitzt auf dem
Bocke.«

»Nein, des Teufels Küster sitzt in der Kutsche,« sagte Frechdachs,
kehrte die Peitsche um und schlug mit dem dicken Ende den schlechten
Pfarrer tot.

Wie Rumbo diesen dicken Mann sah, lief ihm das Wasser im Munde zusammen,
und er wollte sich gleich über ihn hermachen.

»Nein, Meister Rumbo, damit wollen wir noch ein bißchen warten,« sagte
Frechdachs. »Ich habe mir einen herrlichen Spaß ausgedacht. Den Pfarrer
soll der Teufel verspeisen, Ihr aber den Teufel!«

»Du bist selber des Teufels!« rief Rumbo. »Wo denkst du hin! Der Teufel
ist stärker als ich.«

»Ja, wenn er keinen Pfarrer im Leibe hat. Von dem da aber kriegt er das
Bauchgrimmen von wegen der Geweihtheit, und dann werden wir seiner fix
Herr.«

»Hm. Das läßt sich hören. Wie willst du aber den Teufel herbekommen?«

»Das laßt nur meine Sorge sein!«

Frechdachs, wie ihr wohl schon bemerkt habt, verstand sich auf
Teufeleien, und so ist es kein Wunder, daß er sich auch auf den
Charakter des Teufels und seiner Großmutter verstand.

Er ging zu einer Felsenspalte, wo, wie er wußte, der Teufel oft
herauskam, Kienäpfel zu suchen, die er zur Heizung der Hölle brauchte.

»He,« rief er da, »Herr Baron! Herr Baron!«

»We...we...wer ruft denn da?« meckerte es aus der Felsenspalte. »Mein
Enkel hat keine Zeit. Er macht sich eine Klaviatur aus Geizhalsknochen.«

»Ah,« rief Frechdachs, »hochwohlgeboren die Frau Teufelin-Großmutter!
Nein, was für eine schöne Stimme! Sie sollten die Königin der Nacht
singen! Ich hab' mein Lebtag keinen solchen Sopran gehört.«

Des Teufels Großmutter hatte ein Gefühl, als würde sie mit altem
Dachsfett eingerieben, so angenehm fuhr ihr diese Schmeichelei über die
runzelige Haut. Sie erschien sofort in der Spalte.

Jeder andere Mensch würde vor ihrer Häßlichkeit in Ohnmacht gesunken
sein. -- Ihre Nase war ein Schweinsrüssel; ihr Mund eine grüne gezackte
Furche, die von Ohr zu Ohr reichte; ihre Ohren aber waren zwei alte,
feuchte graugelbe Waschlappen. Von Zähnen hatte sie nur zweie, die aber
standen wie die Hauer einer Wildsau krumm empor, ganz braun, und der
eine wackelte. Ihre Augen saßen wie Krebsaugen an Stielen und waren gelb
und fransig wie Pfifferlinge. Anstatt Haaren hatte sie graugrüne
Tannenflechten, die mit schmutzigem Harz verklebt waren. Zwei gräßliche
braune, mit gelben Adern überzogene Kröpfe baumelten ihr wie große
Flaschenkürbisse am Halse. Als Kleidung trug sie lederne Hosen und eine
Jacke aus demselben Stoffe, beides Stücke der Ausrüstung eines eben in
der Hölle angekommenen Automobilisten, der als Klecks an einer
Gartenmauer geendet hatte, nachdem unter seinem Mordwagen zwanzig
Menschen umgekommen waren. Auch die Lärmtrompete dieses Straßenmörders
trug sie am Gürtel, und es machte ihr Spaß, zuweilen auf den Gummiball
zu drücken, daß es nur so tutete.

»Frau Baronin beherrschen auch noch dieses modernste aller
Musikinstrumente?« rief Frechdachs, den ihre Erscheinung durchaus nicht
außer Fassung gebracht hatte. »Nein, wie talentvoll Sie sind! Und wie
Sie aussehen! Wie Sie aussehen! Die ewige Jugend! Wirklich, es ist ein
Verbrechen, daß Sie sich der Bühne entziehen!«

Des Teufels Großmutter wand sich vor Entzücken, daß alle ihre Knochen
knackten, und sprach: »Sie haben viel Lebensart, mein Herr, und ich
hoffe, Sie bald bei uns begrüßen zu können. Aber was wünschen Sie
eigentlich?«

»Ach,« antwortete Frechdachs, »eine Kleinigkeit. Mein Meister, der
berühmte Rumbo, möchte eine Menschendörrmaschine anlegen, weil er das
rohe Fleisch nicht mehr verträgt, und da es dafür keine Installateure
gibt, möchte er den Herrn Baron, Ihren Enkel, bitten, die Anlage zu
übernehmen. Über den Preis werden sich der Herr Baron und mein Meister
schon einigen.«

»Gewiß, gewiß, mein Herr. Mein Enkel arbeitet zwar sonst seit den Zeiten
der Inquisition nicht mehr außer Hause, mit Ausnahme der
Automobilbranche, aber er wird mir zuliebe schon eine Ausnahme machen.
Was krieg' ich denn für meine Fürsprache?«

»Einen Kuß!« sagte Frechdachs, machte ohne Zaudern einen Schritt
vorwärts und küßte die Alte auf ihre grüne Furche.

Darauf mußte er, wieder zu Hause angekommen, sich zum erstenmal in
seinem Leben die Zähne putzen.

Ihr könnt euch denken, was für Augen Rumbo machte, als er hörte, daß der
Teufel selber ihn besuchen wollte. Er war außer sich vor Freuden
darüber, denn er zweifelte gar nicht mehr daran, daß es ihm gelingen
werde, den Teufel zu verspeisen.

»Denke dir bloß,« sagte er zu Frechdachs, indem er sich fortwährend die
wulstigen Lippen mit seiner breiten Zunge ableckte, »ich werde den
Teufel als Nachtisch genießen, als Pille einnehmen, als Bonbon
schlucken! Das wird nicht bloß ein großes Vergnügen für mich, sondern
das erste Verdienst sein, das ich mir um die Menschheit erwerbe. Paß
auf, sie werden mir in einer schönen Hurrah-Allee neben lauter Kaisern,
Königen, Herzogen, Prinzen, Generalen und Diplomaten ein zuckerblankes
Denkmal setzen und darauf schreiben: 'Ihrem großen Wohltäter Rumbo, der
den Teufel gefressen hat, die hochachtungsvoll dankbare und ganz
ergebene Menschheit.' -- Ha, und wie er nach Pech und Schwefel schmecken
und wie heiß sein Blut sein wird! Wahrhaftig, Frechdachs, du bist ein
Hauptkerl! Komm her, ich muß dir einen Kuß geben!«

»Lieber nicht!« sagte Frechdachs, »es könnte leicht passieren, daß du
mir vor lauter Zärtlichkeit dabei den Kopf abbissest, und ich habe mir
sagen lassen, daß das ein unangenehmes Gefühl ist. Wir wollen uns lieber
darüber einigen, wie hoch du mir den Teufel anrechnest. Denn das ist
doch wohl klar, daß er mehr gilt als ein Mensch.«

»Das versteht sich,« sagte Rumbo, »alles, was recht ist: Der Teufel muß
mehr gelten, als ein Mensch. Darüber sind sich die Gelehrten einig.«

»Na, das freut mich, daß du das einsiehst, obwohl du viel dümmer bist
als lang und breit,« meinte Frechdachs, den seine Erfolge noch
unverschämter gemacht hatten als er von Natur schon war, »aber nun
wollen wir mal sehen, ob du dir auch einen Begriff machen kannst, =um wie
viel= der Teufel mehr gelten muß als der Mensch.«

»Ich glaube,« sagte Rumbo nach einigem Nachdenken, »wir können ihn für
fünf Menschen rechnen.«

»Warum gerade für fünf?« fragte Frechdachs.

»Wenn fünf Menschen ihren Verstand zusammentun,« antwortete Rumbo, »sind
sie imstande den Teufel zu betrügen.«

»Das ist richtig,« sagte Frechdachs, »aber der Verstand ist auch des
Teufels schwächste Seite. Du mußt mehr sagen, Rumbo!«

»Hm,« sann der nach, »hm, warte mal: Sagen wir zehn!«

»Warum zehn?« fragte Frechdachs.

»Wenn zehn Menschen,« antworte Rumbo, »ihre Bosheit zusammentun, ist es
so viel Bosheit, wie der Teufel allein besitzt.«

»O,« meinte Frechdachs, »da irrst du dich. Wenn es auf die Bosheit
ankäme, brauchten wir den Teufel nicht höher zu berechnen als einen
Menschen, denn ein Mensch hat für sich allein mehr Bosheit im Leibe als
der Teufel und seine Großmutter zusammen. Trotzdem ist aber zehn eine zu
=niedere= Zahl; du mußt schon noch was drauf legen.«

»Hör mal,« sagte Rumbo, »du bist doch wirklich ein Frechdachs. Du tust
gerade so, als wenn ich ein kleiner Junge wäre, und ich säße bei dir in
der Rechenstunde. Sage mir lieber gleich, wie hoch ich dir den Teufel
anrechnen soll.«

»Du sollst ihn mir,« sagte Frechdachs, »für =hundert= Menschen anrechnen,
denn der Teufel ist hundertmal =ehrlicher= als ein Mensch.«

»Ich denke, er ist der Vater der Lüge?« meinte Rumbo.

»Das schon,« erwiderte Frechdachs, »aber er leugnet das auch gar nicht.
Er lügt immer und ewig, nur in einem nicht. Er sagt nicht: 'Ich bin die
Wahrheit,' wie er auch nicht sagt, 'ich bin die Liebe,' oder: 'ich bin
die Güte.' Nein, der Teufel ist die Lüge, der Haß, die Bosheit, aber das
bekennt er auch, während die Menschen sich immer besser stellen, als sie
sind, und keiner treffgenau das ist, was er scheinen möchte. -- Aber, um
das zu kapieren, bist du wirklich zu dumm, Rumbo, denn nicht einmal die
Menschen, die doch im allgemeinen klüger sind, als du, wollen das
einsehen. Gib dir weiter keine Mühe, das Rechenexempel zu fassen, und
nimm es einfach für richtig an. So hast du am wenigsten Schererei und
darfst dabei die angenehme Empfindung haben, an eine große Wahrheit
wenigstens zu =glauben=, wenn du sie auch nicht begreifst.«

Von diesen Bemerkungen ward es dem Riesen in seinem dürftigen Gehirne
schwindelig, und er sagte, um nicht weiter denken zu müssen: »Also ja,
meinetwegen, lassen wir ihn für hundert gelten. --«

Am nächsten Sonntag machte Frechdachs aus dem Pfarrer ein schönes
Ragout, das er, da er den Geschmack des Teufels kannte, sehr stark
pfefferte. Rumbo aß nichts davon, weil er sich den Geschmack nicht
verderben wollte, denn, sagte er sich, ein schlechter Pfarrer ist zwar
ein Teufelsbraten, aber der Teufel selber ist doch noch eine größere
Delikatesse.

Punkt zwölf Uhr kam der Teufel in einem feuerroten Automobil angefahren,
das aber nicht mit Benzin betrieben wurde, sondern mit der Speiwut
verleumderischer Menschen, deren Seelen im Kraftbehälter eingesperrt
waren und einander gegenseitig zum Explodieren brachten. Infolgedessen
lief das Automobil in der Stunde tausend Kilometer, doch stank es dafür
auch noch hundertmal mehr als ein gewöhnlicher Motorwagen. Es hatte vorn
eine große und etwas weiter hinten an der Seite zwei etwas kleinere
Laternen. Die vordere brannte so entsetzlich stechend grün und grell,
daß alle Blumen, die ihr Schein traf, verwelkten. Es war nicht Azetylen,
was darin leuchtete, sondern der Neid. Die rechte Seitenlaterne hatte
ein rotes zuckendes Licht, das eine große fressende Hitze ausstrahlte.
Es war der Haß, der in ihr brannte. Die linke Seitenlaterne gab ein
fahles, blaues, kaltes Licht, in dem alles tot, erbärmlich, winzig
aussah. Dieses Licht war die Verkleinerungssucht. -- Als Bremsleder
hatte der Teufel unzählige übereinandergepreßte Häute von solchen
Menschen verwendet, die, auf kein anderes Recht fußend, als das der
Majorität der herrschsüchtigen Dummköpfe, Zeit ihres Lebens mit Erfolg
bestrebt gewesen waren, die Arbeit heller und heiterer Köpfe zu stören.
Diese Bremsleder funktionierten mit unfehlbarer Sicherheit; doch hatten
sie einen Nachteil: sie schnurrten und brummten entsetzlich, wenn sie in
Tätigkeit waren. -- Luftschläuche verwandte der Teufel an den Rädern
seines Automobiles nicht. Er hatte sich aus den Gehirnen von Höflingen
und Demagogen eine Masse konstruiert, die so elastisch und nachgiebig
war, daß sie jeden Stoß aufhob. -- Die Laufmäntel aber waren aus einer
Paste geknetet, die im wesentlichen aus dem Rückenmark von Menschen
bestand, die während ihres Lebens keine höhere Wollust gekannt hatten,
als sich aus trotzigem Eigensinn beharrlich gegen jede bessere Einsicht
zu sperren. Es war eine überaus zähe Paste, mit der man ruhig über
Granitsplitter fahren konnte. -- Als Polster auf den Sitzen seines
Laufwagens verwandte der Teufel Luftkissen, die aber nicht mit
gewöhnlicher Luft, sondern mit dem blauen Dunste utopistischer Ideen
gefüllt waren. Besonders bequem saß sich auf dem einen Kissen, das der
Teufel das Egalité-Kissen nannte.

Der höllische Baron sah in seinem Chauffeurkostüm sehr schick, also sehr
scheußlich aus. Er trug, das Fell nach außen, einen zottigen, rostroten
Gorillapelz als Joppe und schwarze Bockslederhosen, die unten von
Elchledergamaschen umschnürt waren. Seine Fahrbrille hatte natürlich
rote Gläser, und in seiner Mütze waren zwei Löcher für die Hörner
angebracht, welche sich für das Automobilfahren als besonders praktisch
erwiesen, weil sie ein Sturmband ersetzten. Statt der Hubbe benützte der
Herr Baron von Pechheim auf Schwefelhausen eine der Posaunen des
jüngsten Gerichtes, die bei ihm in Versatz gegeben sind bis zu dem
Augenblick, wo man ihrer benötigt.

»All Unheil!« rief der Teufel, als er angekommen war, »da bin ich! Ich
komme direkt aus der Mandschurei, wo ich jetzt los bin. Viel Zeit habe
ich nicht; da oben gibt's jetzt alle Hände voll für mich zu tun. -- Aber
zuerst was zu essen, wenn ich bitten darf; dann will ich gleich den
Menschendörrapparat aufstellen. Übrigens haben die Menschen schon selber
genug solcher Apparate konstruiert, in Fabriken, Bureaus, Schulen und so
fort, aber ich sehe ein, Sie brauchen einen, der schneller arbeitet. --
Also schnell, schnell, einen Happen-Pappen!«

Frechdachs rannte in die Küche und trug, die Serviette unterm Arm, das
klerikale Ragout auf.

»Was ist das, wenn ich fragen darf?« sagte der Teufel.

»Ein kleines _Ragout fin aux fines herbes pastorales_ als Vorspeise,«
antwortete, die Schüssel präsentierend, Frechdachs, während Rumbo, auf
dem Bauche liegend, den Teufel so mit seinen Blicken verschlang, als
genösse er ihn in der Phantasie bereits leibhaft.

Die ganze Szene war von Frechdachs so arrangiert, daß Rumbo in der Tat
bloß zuzuschnappen brauchte, -- wohlgemerkt, wenn der Teufel vorher
gefesselt war, und zwar =kreuz=weis, denn so lange der Teufel nicht das
Zeichen des Kreuzes in fester Verknüpfung von hanfenen Seilen an sich
spürt, ist er von niemand zu fassen und zu fangen. 'Ihn kreuzweise zu
fesseln,' dachte sich Frechdachs aber, 'wird nicht weiter schwer sein,
wenn erst das Magenweh nach genossenem _filet de curé_ eingetreten ist.
Der Teufel wird sich an den Leib fassen, sobald ihm von dem geweihten
Fleische übel wird, und in diesem Augenblick der Schwäche werde ich ihm
kreuzweise die Schlinge über Hände und Bauch werfen. Und dann, hurra!
hinein mit dem Schwefelfritzen in den offenen Rumborachen.' (Denn die
Tafel stand direkt vor dem Maule Rumbos, mit der angenehmsten Aussicht
auf das Dolomitenpanorama der Zähne des Riesen.)

Man sieht, alles fußte auf der Voraussetzung, daß den Teufel, da er ja
kirchlich Geweihtes durchaus nicht vertragen kann, vom Fleische des
Pfarrers Übligkeit und Schwäche anwandeln werde. (Ist es ja doch
bekannt, daß allein der Wind, der durch das Umblättern eines Meßbuches
entsteht, ihn tausend Meilen weit wegzutreiben vermag, und wenn er sich
gleich in einen zwei Zentner schweren Viehhändler verwandelt hätte!)

Indessen: Frechdachs hatte eines vergessen: daß nämlich der von ihm
erschlagene Pfarrer ein ganz gottloser und schlechter Pfarrer war, bei
dem die Weihe lediglich am priesterlichen Gewande, nicht aber an der
Person haftete. So kam es, daß der Teufel das Ragout bis auf den letzten
Rest verspeiste, ohne das mindeste Bauchweh zu verspüren. Wischte sich
mit Behagen den Mund und sprach: »Gut gewesen, das Ragoutchen; ein
bißchen weichlich zwar und mit einem ganz leisen, etwas widerlichen
Geschmacke wie Weihrauch, aber sonst: mein Kompliment! Nun, bitte, die
nächste Platte!«

Frechdachs stand fassungslos hinter des Teufels Stuhle, das Seil, zum
Wurf bereit, in der Hand, und stammelte: »Gleich, Herr, gleich ...
ich ...«

»So wirf doch,« brüllte Rumbo, »wirf doch! Ich halt's nicht mehr aus.«
Und er klappte seine Kiefer zu, daß es nur so krachte; riß sie aber
gleich wieder auseinander in höchster Freßbegierde.

'Holla!' dachte sich der Teufel, 'da ist was los!' drehte sich um, sah
Frechdachs hinter sich mit dem Seil stehen, und lachte: »Gucke mal an!
Das Bürschchen da wollte den Teufel fangen. Respekt! Und das große Maul
da wollte ihn vermutlich fressen? Ausgezeichnete Idee! Ihr zweie gefallt
mir. Ihr sollt der Ehre gewürdigt sein, auf eine noch nie dagewesene
Manier von mir geholt zu werden. -- Na? Ihr bettelt ja gar nicht?«

»Wenn es einige Aussicht auf Erfolg hätte, würde ich es gewiß tun,«
sagte Frechdachs, der schon wieder seine Fassung gewonnen hatte. »Aber
so weit bin ich denn doch in die Geheimnisse der Dämonologie
vorgedrungen, daß ich weiß: Betteln hilft nicht bei Seiner höllischen
Majestät; es macht ihm zwar Vergnügen, es anzuhören, aber er steckt
einen doch in seinen Wurstkessel. Bitte sich zu bedienen! Ich stehe dem
Herrn Baron zur Verfügung. Bin neugierig, auf was für eine neumodische
Manier er mich holen wird.«

Diese Frechheit imponierte dem Teufel.

»Du gefällst mir, Halunke!« sprach er. »Deine Seele ist so ausgepicht,
daß es mir schwer fallen dürfte, dir höllische Überraschungen zu
bereiten. Du hast ganz das Zeug dazu, ein Dienstteufel zu werden. Ich
mache dich zu meinem Leibchauffeur. Einige Unbequemlichkeiten sind mit
dem Amte ja immerhin verbunden, denn mein Verfluchter-Seelenmotor hat
manchmal seine Mucken, und du wirst beim Umdrehen oft genug Gelegenheit
haben, zu bereuen, daß du dich bei Lebzeiten zu schlecht aufgeführt
hast, als daß du nach dem Tode der bequemen Ehre hättest gewürdigt
werden können, als Tugendtenor in der himmlischen Vokalmusik
mitzuwirken.« -- Damit gab er Frechdachs einen Tritt in die Magengegend.
Frechdachs stöhnte: »Verdammt nochmal!« und war tot. Der Umstand, daß er
nicht oben, sondern unten die Probe auf das Exempel der Unsterblichkeit
machen sollte, äußerte sich darin, daß seine Seele ihren Ausweg nicht
durch ein oberes, sondern durch ein unteres Körperventil suchte und
fand, und daß sie dem entsprechend nicht nach Lilien duftete, wie es der
Fall beim letzten Entweichen tugendhafter Seelen ist. Der Teufel machte
eine Bewegung, als finge er eine Fliege in der Luft, und da hatte er die
Frechdachsische Seele auch schon. Statt sie aber in sein Portemonnaie zu
stecken, wie er sonst zu tun pflegte, rieb er die Leiche des
verschiedenen Frechdachs in der Nabelgegend damit ein, worauf dort wie
in blauer Tätowierung das Monogramm des Teufels (er benutzt neuerdings
eines in van de Veldescher Unleserlichkeit) erschien und Frechdachs als
Dienstteufel zu einem neuen Leben erwachte. Es war ihm in den paar
Minuten auch schon ein niedliches Hörnerpaar aus der Stirnwand
gesprossen, was sich gar nicht übel ausnahm, und hinten wackelte
dienstbeflissen schmeichlerisch ein kleines, recht artiges Schwänzchen,
das den Hosenboden offenbar ohne viel Mühe perforiert hatte. In einem
Dialekte, der wie englisch ausgesprochenes Latein klang, aber das
Höllenvolapük war, sprach er: »Befehlen Eure Satanität, daß ich den
Motor andrehe?«

»Ja, tu das, mein Sohn,« antwortete der Teufel durchaus freundlich,
»aber erst sag mir mal: Was ist denn mit diesem Rumbo los, daß er immer
noch mit offenem Maule daliegt? Hat er etwa =auch= keine Angst?«

»Aber Meister!« sprach Frechdachs, »seid Ihr wirklich ein so schlechter
Psychologe? Ihr solltet Euch auf Seelen doch von Berufs wegen verstehen.
So dumme Kerle haben natürlich =nie= Angst. Die Stupidität ist durch
passive Courage vor allen anderen Lebewesen ausgezeichnet.«

»Bei meinem Schwanz! Das hatt' ich ganz vergessen,« sagte der Teufel.
»Und es ist doch, weißderhole, eine Wahrheit von vielen Karaten.
Indessen soll dieser Held der Dämligkeit einmal keinen Orden kriegen für
seinen heroischen Mangel an Einsicht, sondern in seinem letzten
Stündchen doch noch lernen, daß Kreaturen nicht zum Vergnügen auf der
Welt sind. Wir wollen in seinem Rachen ein bißchen Automobil fahren.«

Rumbo hatte in der Tat durchaus nicht begriffen, was los war. Die
Einbildung, daß er dazu auserlesen sei, den Teufel als Pille
einzunehmen, hatte so fest von ihm Besitz ergriffen, daß ein anderer
Gedanke jetzt unter keinen Umständen bei ihm Eingang finden wollte. Er
lag also noch immer auf dem Bauche, das Maul weit aufgerissen, die Zunge
lechzend lang heraushangend.

Diesen Umstand machte sich der Teufel zunutze.

»Jetzt paß auf,« sagte er zu Frechdachs, der den Motor nach
dreitausendsechshundertundfünfundachtzig Kurbelumdrehungen endlich zum
Laufen gebracht hatte (wobei auch sein Schweiß, sowie sein Zungenwerk
ins Laufen geriet, denn er triefte und fluchte dabei erklecklich) »jetzt
paß auf: Du sollst gleich das erstemal ein kleines Meisterstückchen im
Fahren leisten dürfen. Du siehst diese von zu vegetarischer Kost etwas
belegte und infolge von Appetitsphantasmagorien reichliche Feuchtigkeit
absondernde Zunge des gewaltigen Hohlkopfes aus dem Rumbonischen Maule
gleich einer Zugbrücke auf das Erdreich niederhangen. Diese glitschige,
aber sonst keineswegs glatte, vielmehr von unzähligen Furchen
durchzogene Brücke müssen wir hinauffahren. Es ist keine kleine Sache,
Frechdachs, denn die Steigung ist beträchtlich; und sie wird, weil das
Terrain, wie ich schon bemerkte, feucht und uneben ist, doppelt schwer
zu nehmen sein. Es wird sich nur mit der kleinsten Geschwindigkeit
machen lassen, und du darfst ja nicht vergessen, beide Rücklaufstreben
hinunter zu tun, sonst rutschen wir womöglich rückwärts, und das wäre,
Gott verdamme mich noch einmal, nicht bloß gefährlich, sondern auch
blamabel.«

»Machen wir!« rief Frechdachs, trat den Gehhebel nieder, und
töff -- töff, sauste die Explosionskarre los, scharf auf die
Zungenspitze Rumbos zu. --

'Ah! Ich soll alle =zweie= haben?' dachte sich der und bekam vor
unaussprechlicher Wollust butterig glänzende und gleich riesigen
Kirschen heraustretende Augen.

Indessen fuhr des Teufels Laufwagen unter angestrengtem Gekeuche des
Motors, dem in der Tat ein bißchen =sehr= viel zugemutet wurde, die Zunge
hinauf, daß der Speichelsaft des Riesen rechts und links nur so
wegspritzte. Frechdachs hatte alle Hände und Füße voll zu tun, da er
bald einer Furche auszuweichen, bald ein Ausglitschen zu parieren, bald
eine andere Geschwindigkeit einzuschalten hatte, aber es ging ganz
gut, -- bis zu dem Augenblick, wo sie schon ganz nahe am Zäpfchen Rumbos
waren, das gleich einem umgekehrten Kirchturm herabhing und den Eingang
zum Schlund versperre. Dort aber war der Motor am Ende seiner Kräfte
angelangt. Er hustete, rasselte, rumpelte noch, vermochte jedoch den
Wagen weder weiter zu ziehen, noch auch nur auf der erreichten Höhe
festzuhalten. Kein Zweifel, daß das höllische Automobil sofort
zurückgerutscht wäre, wenn sich jetzt nicht die beiden riesigen eisernen
Rücklaufstreben mit ihren ankerscharfen Widerhaken tief ins
Zungenfleisch des Riesen gebohrt hätten, der seinerseits bisher nur
deshalb nicht zugeschnappt hatte, weil er felsenfest glaubte, das
Automobil werde von selbst seine Insassen in seinem Magen abladen. Wie
er aber die beiden eisernen Haken in seiner Zunge spürte, brüllte er
tobend auf: »Das kratzt ja!« und schnappte in sinnloser Wut zu.

Darauf hatte der Teufel nur gewartet. In diesem Augenblick suggerierte
er den im Bassin befindlichen Neider- und Verleumder-Seelen, sämtliche
Parlamente der Welt hätten beschlossen, die Unanständigkeit der üblen
Nachrede mit Prügelstrafe zu belegen, und brachte sie dadurch in eine
solche Wut, daß sie, einander überrasend, eine Gesamtexplosion aller
Niedertrachtsgase erzeugten. Diesem Knalleffekte war auch das Interieur
und die knochige Umwandung des Rumbomaules nicht gewachsen: Es platzte.
Gleichzeitig fuhren sämtliche schuftige Seelen in den Magen des Riesen
und erfüllten ihn so mit Gift und Stank, daß auch er entzweiging.
-- Rumbo war tot.

Seinem linken Nasenloche entstieg der Teufel, dem rechten Frechdachs.
Sie waren über und über voll von Ruß und fanden, daß das ihnen sehr gut
stünde.

'Schade, daß das Automobilchen mit hin ist,' meinte der Teufel, 'aber
ein guter Spaß ist's doch gewesen. Ich werde mir jetzt eins mit einem
Konfessionszankmotor made in Germany konstruieren. Der wird noch
rasender gehen. -- Fürs erste wollen wir jetzt nur noch schnell die
Seele des großen Lümmels fangen. Da bei ihm alles langsam vonstatten
gegangen ist, wird sie eine gute Weile zum Entweichen brauchen.'

Es dauerte auch noch richtig eine Viertelstunde, bis sich aus der Gegend
von Rumbos Hinterquartier eine Art gelben Staubdunstes erhob, wie von
einem zertretenen Bovist.

Der Teufel fing das Zeug in die hohle Hand, betrachtete es aufmerksam,
roch daran und sprach: »Zu schlecht für meine Domäne.« Dann blies er es
von seiner Hand weg mit den Worten: »Nichts als Dummheit, Gefräßigkeit
und blöder Dünkel, aber guter Kunstdünger für künftige Ernten an Bosheit
und Niedertracht. Sie sind mir sicher.«

Der gelbe Dunst flog nach allen vier Windrichtungen auseinander.



                         Der mutige Revierförster


König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber
immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der
mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe
Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel Mühe
und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte.

Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte,
weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein,
nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes,
sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur solcher Leute, die sich
durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe oder
durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem Charakter in
der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme des Titels von
Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner ernsthaften
Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich Reputierliche
besaßen. Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge
wohl bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und
die Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der
Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, dem
Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist.
Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen und
Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien den
älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und Kunstprofessoren
als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung.

Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für
sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften
Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem in
Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht auch
noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines Lebens die
meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte ließen,
hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden wie
vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die
Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des
Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein
ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit
ein scharmanter König geworden war.

Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des Untertanen
den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und Tritt zu
folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung jener
ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten Bäder, die
die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im schneekühlen
Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von denen sich
keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der Wasserscheue
sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter allen Umständen
gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu folgen.

Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche,
kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten
Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht
keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und
die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt
zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch
ist schwach.

Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender
Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der
genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren,
seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu
Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder nur
von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme durch
allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu
bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem
angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den
kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr.

Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen, wenn
der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen
Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache
auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche
Gefühl zu verletzen, um einen _dolus eventualis_ auf dem besonders heiklen
Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt sich doch
immer einer den gewissen Ruck, nimmt den Betreffenden (in den meisten
Fällen ist es ein alter Professor oder ein Dichter) beiseite und
flüstert (wenn er das Wort »geradezu« im Wappen führt): 'Sie, Ihr
Hosentürl ist offen,' oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen
orientierenden Blicke: 'Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.' Ja, es
gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu frivolen
Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: 'Sie, verlier'n
S' sei' nix!'

Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man kann
=nicht=! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus
keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die
es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über
welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt
eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen
höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister
Baron von Belodeur, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete
höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die
schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als
königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben,
erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten, dieser Fall sei von einer
Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge, sondern der
Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte er mit
anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie über das
königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin (er liebte
dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht entgehen, und
sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu beheben, ohne daß
sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen brauche.

-- »Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von
Ressorts wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,«
bemerkte der Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen
Schüttelfrostes jetzt sehr heiß zumute wurde, »aber sie müßte =äußerst=
schnell eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses
Berges eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter
vier weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein
Huldigungsgedicht auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die
Jungfrau aus dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die
derangierte Gegend fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem
höchsten Herrn sämtlich, ich sage Ihnen: =sämtlich= nicht ins =Gesicht=
sehen, sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist
von einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir
sonst dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir
müssen =selber= handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie
sofort versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall
bedrohte Würde des Königtums zu retten! _Hic Rhodus! Hic salta!_ Walten
Sie Ihres Amtes!«

Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte, in
Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die
plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser
grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die ganze
furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation
aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung
wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem
inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der
Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig
zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine Stellung
auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel gehörte in
=sein= Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war.

Sollte er vielleicht doch?... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem
Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König
heran treten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: 'Majestät
haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die ...'

Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das =geht= ja doch nicht! Niemals
noch, so lange es Zeremonienmeister gibt, haben Zeremonienmeisterlippen
derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt.

In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee,
zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor Seine Majestät
postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom,
=scheinbar= die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung
tatsächlich unterlassen hatte.

Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt
hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person
Hand anlegend, den Mangel _brevi manu_ reparieren können, -- eine
Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen
wäre.

Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem
Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der
Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die
immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund
klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle dieser
unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er seine Blicke
von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu lassen. --

Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde?

An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz aussichtslos,
das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber vielleicht einer
dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch sonst zu seinem
Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen, mußte doch einer
zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder einen Auftrag oder
schließlich den persönlichen Adel versprach, das unerhörte, kaum
auszudenkende Wagstück unternahm.

Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach
schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der
Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft,
-- nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche
Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen.

Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste
Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen.
Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum
saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war.

Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im
Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts
trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem er
sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas
Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen
Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke,
allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu
retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen
Punkt ...

»Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!« meinte Meier.

»Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,« flüsterte
der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen
Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären ... »Sie müssen
durch die Blume gewissermaßen ... von hinten herum sozusagen ...
abstrakt ...« Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu
weit weg von seinem Ressort.

»Versteh schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseite
heranpürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus
fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in =der= Art,
daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl!...
Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.«

Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß
seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen
Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig nachdenkt
und zu allem entschlossen ist.

Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der
Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis machen
werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter ihm zu
wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und führte
ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, das
irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er bemerkte,
daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle Schrecken
der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen Schleier,
einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab.

Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus seinen
katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins
Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün
gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er
seinen Hut wieder auf und stand stramm.

Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König
Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund in
etwas Besonderem haben müsse, und er fragte mit dem huldvollen Tone, der
das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine Mühe
und Übung scheut:

»Na, Meier, was gibt's?«

(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen
Ruck, und er sah sich direkt vis-a-vis dem Rachen des Ungeheuers, das
ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein
überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre in einer unangenehm
schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch den Atem.
Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von dem er
schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.)

Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen
Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt: »Ich
möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.«

Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein
Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: »Fragen Sie nur zu,
Meier.«

Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: »Wie wär's
denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln
zumachten?«

Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn dieser
rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte dann so
herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte, es sei
durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte. Und da es
zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes,
dröhnendes, herzerfreuendes Lachen.

Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten
mit Hämmern inne und lachten mit.

Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des
Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei,
in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre ihm
nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und
verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze seiner
Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren Vergleich
gewählt.

König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre
anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß
sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten
aufbewahrt): »Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie nicht
in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren,« und damit wandte
er sich zu den übrigen: »das Volk, das Volk!... Es ist eine schöne
Sache um das Volk!...«

Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen
versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in
weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte:

                    Wir jauchzen laut mit Herz und Mund
                    In dieser gnadenvollen Stund',
                    Wo uns das Glück geschieht,
                    Daß seinen König Leberecht
                    Das biedre Landvolk, treu und echt,
                    In seiner Nähe sieht.

                    Es steht sein hochberühmter Thron
                    Seit mehr als tausend Jahren schon
                    In unserer Mitte fest.
                    Drum lieben wir ihn auch so sehr,
                    Wie wenn er unser Vater wär',
                    Der keinen je verläßt.

                    Er weiß, daß in der Landwirtschaft
                    Beruht des Staates stärkste Kraft,
                    Drum liebt ihn für und für
                    Der schwergeprüfte Bauersmann
                    Und hält als treuer Untertan
                    Ihm =offen jede Tür=.

Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine Ideenassoziation
ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur Folge hatte, woraus alle
anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die Überzeugung gewannen, daß
der hohe Herr nach wie vor den Interessen des Nährstandes seine
besondere Huld zuwendete.



                             Patsch und Tirili


Als ich Patsch das erste Mal bestieg, erfüllte mich ein Hochgefühl. Das
ist doch Rasse, sagte ich mir; man spürt die adlige Herkunft und sichere
Tradition; kein aufdringliches Geräusch, kein saloppes Wackeln; alles
sitzt fest, hat die richtige Spannung, aber auch die entsprechende
Federkraft; er gehorcht dem leichtesten Druck mit ebensoviel Folgsamkeit
wie Intelligenz; was etwa noch fehlt, wird ihm ein bißchen Erziehung
sicher beizubringen wissen.

Ich hatte damals freilich nur böse Erfahrungen hinter mir. Das klapprige
Ding, dem ich mich als banger Eleve hatte anvertrauen müssen, war durch
schlechte Behandlung völlig verdorben und um alle Seele gebracht worden.
Man hätte es eine Maschine nennen können, wenn es nicht zuweilen doch
noch Spuren von Charakter gezeigt hätte. Freilich von schlechtem. Es war
boshaft, heimtückisch, niederträchtig. Im allgemeinen heuchelte es
Phlegma -- wenn es nicht einfach Faulheit war -- und tat so, wie wenn
es nichts könnte, als stumpfsinnig seinen Trott gehen, geduldig,
sanftmütig, schwerfällig, aber verlässig. Doch plötzlich, während man
sich keiner Überraschung versah, fiel es ihm ein, Mätzchen zu machen.
Wie von einem bösen Geist besessen, begann es zu rennen, zu rasen und
hörte mit diesen infamen Tücken nicht eher auf, als bis es mich gegen
eine der Säulen, die recht überflüssiger Weise in der Radfahrschule
herumstanden, geworfen hatte. Dann lag es wie ein Bild hilfloser
Unschuld neben mir, und nur seine Pedale zitterten vor innerem
Triumphgefühl über den glücklich gelungenen Streich.

Dabei will ich gar nicht davon reden, daß es ein wahres Jammerbild und
in jeder Hinsicht verkommen war. Ich finde zu seiner Kennzeichnung nur
das eine Wort: gemein, und man wird es verstehen, wenn ich bekenne, daß
ich dieses Wesen aus voller Seele gehaßt habe. Es war besserer Gefühle
ebensowenig würdig wie fähig. Genug von ihm.

Ich sagte schon, daß Patsch mir nach dieser Kreatur, deren Namen ich
nicht einmal weiß, einen blendenden Eindruck machte. Da er von guter
Herkunft, Cleveland, Mittelsorte, ist, so kann das nicht weiter in
Erstaunen versetzen.

Das Jahr 1898 war überdies ein besonders guter Jahrgang für die
Clevelands. Aber das will im allgemeinen doch nicht viel sagen. Gewiß,
der Durchschnitt dieser Rasse ist immer gut, trefflich, in einem
gewissen Sinn tadellos -- aber auch nicht mehr. Die Clevelands sind im
allgemeinen wie gut gedrillte Soldaten; sie leisten das und das, und
zwar nicht wenig, was ihnen eben beigebracht worden ist, immer ungefähr
einer wie der andere ohne viel individuelle Einzelzüge -- es sind
Amerikaner. Selten, daß ein niederträchtiges Subjekt unter ihnen
vorkommt, selten aber auch, daß besondere Persönlichkeiten hervorragen.
Ich halte das natürlich für einen Vorzug der Rasse, aber immerhin, nicht
wahr, wenn einem gerade ein besonders begabtes Individuum zufällt, so
ist das nicht unerfreulich.

Nun! Patsch war so ein Individuum. Er war entschieden über den
Durchschnitt begabt, und ich würde vielleicht überschwenglicher über ihn
urteilen, wenn ich nicht das unerhörte Glück gehabt hätte, nach ihm
Tirili zu erwerben.

Ich hätte Patsch nicht aufgegeben, wenn ihm nicht ein Malheur passiert
wäre, an dem eine Schwäche von ihm schuld war, die ich längst erkannt
hatte: seine Bremse taugte nicht viel. Es war so eine geistlose, platte
Druckbremse, an der nichts bewundernswert war, als die Prätension, ein
laufendes Rad zum Stehen bringen zu wollen. Also gut! Ich fuhr eines
schönen Tages auf ihm am badischen Ufer des Untersees entlang, und zwar
war die Situation so: ich kam aus einem Walde heraus, der hochgelegen
war, und fuhr eine Weile planeben, wie mir schien; in Wahrheit aber fiel
der Weg bereits ein wenig, was ich aber nicht bemerkte, weil ich eben
eine Siziliane dichtete, eine Strophe, die italienischer Herkunft ist,
weshalb sie immer zwei Reime mehr erfordert, als man im Deutschen leicht
findet. Nun können Sie sich denken, daß man nicht zugleich Reime fangen
und auf den Weg achtgeben kann, und mir war natürlich der Reim
wichtiger, als der Weg -- denn es gibt überhaupt nichts Wichtigeres auf
der Welt als gute Reime. So kam es denn, daß ich, just als ich meinen
Reim gefunden hatte, die Pedale verlor, weil es plötzlich in einem ganz
unmöglichen Winkel bergab ging. Ich fühlte deutlich, wie Patsch von
einem Todesschrecken durchrieselt wurde, als seine Pedale keine Leitung
mehr fühlten und sich in einem wahnsinnigen Tempo wirbelig drehten, und
ich selbst hatte auch die deutliche Empfindung, daß ich in wenigen
Sekunden irgendwo in der Tiefe fragmentarisch anlangen würde. Also
_ultima ratio_: die Bremse. Lächerliche Illusion! Zwar verbreitete sich
augenblicks ein penetranter Geruch von heiß gewordenem Kautschuk, aber
das Tempo der Abfuhr verminderte sich so gut wie nicht. Dafür kam mir
ein Ochsenfuhrwerk gemächlich, aber sicher entgegen, und ich vermochte
mir, phantasievoll wie ich nun einmal bin, mit Blitzesschnelle
auszumalen, wie in fünf Sekunden Patsch an der Gabeldeichsel, ich aber
am Horn eines der Ochsen hängen würde. Mein letzter Gedanke war der eben
gefundene Reim: Karbatschen, den ich als Befähigungsnachweis für die
Seligkeit mit in die Ewigkeit hinübernehmen wollte, die sich meinen
angstvoll aufgerissenen Augen wie ein Tor mit durcheinanderkreisenden
Feuerrädern auftat -- da machte Patsch einen Riesensatz nach rechts und
raste auf einen Steinhaufen los. O du Patsch der Pätsche, o du Wunder
von einem Patsch! Das war meine Rettung, aber dein Ruin. Der brave
Cleveländer hatte sich, ein leuchtendes Beispiel von Dienertreue, für
mich aufgeopfert. Er nahm den Steinhaufen, torkelte noch ein Stück der
dahinter liegenden Böschung hinan, dann fiel er erschöpft und ohnmächtig
um, und ich lag, die Hände in seine Speichen gekrampft, auf ihm. Wie es
sich gebührt, sah ich erst nach, was ihm fehlte. Nun: er hatte seinen
Knacks weg. Das eine Pedal war ganz ab, das andere baumelte nur noch;
die Lenkstange hatte sich völlig verdreht; die Pneumatiks waren
zerschlitzt.

Der arme Kerl tat mir furchtbar leid, obwohl ich vollkommen Ursache
hatte, mir selbst leid zu tun, denn auch meine Pedale, sowie die
vorstehenden Teile des Gesichtes befanden sich in einem mehr
pathologischen als ästhetischen Zustande. So hinkten wir beide nach
Hause.

Bei Patschs guter Clevelandkonstruktion versteht es sich von selbst, daß
er wiederhergestellt werden konnte. Und er wurde wieder hergestellt.
Aber er blieb für mein Gefühl doch ein Krüppel, ein mißliebiger Anblick.
So sind wir Menschen. Dankbarkeit und Treue sind bei einem anständigen
Subjekt von Rad öfter zu finden, als bei uns. Ich beschloß, ihm zwar das
Gnadenöl zu geben, mir aber doch ein neues Rad anzuschaffen.

Ich hätte für diese Herzlosigkeit verdient, ein ganz niederträchtiges
Wesen aufgehängt zu bekommen, das sein Geschlecht an mir mit tausend
Tücken gerächt hätte, und siehe da -- was ist das für eine
Weltordnung! -- ich bekam, als sollte meine Gemütsroheit auch noch
prämiiert werden, das Rad der Räder, das Überrad: Tirili.

Auch Tirili entstammt der Clevelandfamilie, doch gehört sie deren
adeligem Zweig an, der Baronlinie der Luxusmodelle. Es wäre
Vermessenheit, wollte ich versuchen, ihr Äußeres zu schildern. Sie ist
einfach ein Erzengel an Schönheit und dabei hat sie einen Kettenschutz
aus Hartgummi und ölt sich selbst.

Ich will Ihnen lieber eins der Begebnisse erzählen, die ich in letzter
Zeit mit ihr erlebte; daraus werden Sie am besten ersehen, welch edle
Seele ihr innewohnt, welch adlige Eigenschaften sie besitzt, von welcher
Fülle aller Reize sie umflossen ist. Der alte, gute, treue Patsch
erscheint mir neben ihr ganz einfach als Omnibus -- ich kann mir nicht
helfen, so frevelhaft undankbar das auch klingen mag.

Gewiß, er überragte den Durchschnitt; er war ein Talent; aber Tirili ist
unendlich viel mehr, Tirili ist ein Genie, ein Wunder. Man sollte von
ihr nur in Versen reden oder, besser noch, man müßte nur Herrn Stephan
George darüber in Versen reden lassen, denn nur das erhabene Lallen ist
die kongeniale Ausdrucksweise für Tirili.

Nun lächeln Sie natürlich alle und finden, daß ich überschwänglich bin.
Aber Sie werden gleich anders denken, wenn Sie hören, was mir kürzlich
mit Tirili passiert ist.

Es war ein schöner Herbstmorgen und die Luft so klar, daß die bayrischen
Alpen wie zum Greifen nahe vor mir lagen. Trotzdem gedachte ich nur ins
Dachauer Moos hinaufzufahren, wo, wie Sie wissen, die Wiege des
malerischen Münchner Naturalismus stand, weshalb einige Pietät und ab
und zu eine Radpartie wohl geboten erscheint. Gleichzeitig wollte ich
bei dieser Gelegenheit den letzten Akt eines Dramas dichten, das Sie
hoffentlich nicht aus Empörung über diese Geschichte auspfeifen werden,
wenn es aufgeführt wird. Denn ich dichte immer, wenn ich auf Tirili
sitze, es sei denn, daß mir durchaus nichts einfiele. Sie meinen: ich
sollte lieber lenken? Da kennen Sie Tirili schlecht. Das gute Mädchen
würde es als eine Beleidigung auffassen, wollte ich die Lenkstange auch
nur angreifen. Sie liest offenbar Gedanken, denn bis jetzt hat sie mich
immer dorthin geführt, wohin ich wollte, oder wohin meine Gedanken sich
richteten.

Also gut. Ich tätschelte Tirili freundlich sowohl auf die vordere als
auf die hintere Pneumatik, freute mich, wie drall und prall das alles
war, und heidi ging es hinaus, die Nymphenburger Allee entlang. Schon
am Fenster der hübschen Nähmamsell links kam der Geist über mich, und
ich begann ein so heißes Dichten, daß ich weder vorwärts, noch rechts
und links, sondern nur immer in mich hineinsah, wo sich der letzte Akt
meines Dramas glatt und _con amore_ abspielte. Dieses Schauspiel
interessierte mich riesig, und ich sah nicht eher aus mir heraus, als
bis die Heldin so tot war, wie es nur eine Heldin sein kann, die es nach
göttlichem und menschlichem Recht verdient, tot zu sein. Wer beschreibt
aber mein Erstaunen, als ich, wie ich mich nun befriedigt umsah, mich
nicht etwa in Dachau, sondern auf dem Gipfel eines Berges erblickte, den
ich dank meiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium sofort als die
Zugspitze erkannte? Du lieber Gott, sagte ich zu mir, die Zugspitze ist
doch 2974 Meter hoch und ganz voll Eis und Schnee, und der Arzt hat mir
ausdrücklich verboten, größere Steigungen zu nehmen und mich Erkältungen
auszusetzen -- da ging es auch schon wieder abwärts, und nur mit Hilfe
der wunderbaren Röllchenbremse gelang es mir, einige Wände ohne Unfall
hinabzukommen. Aber bei allem Bremsen mußte ich doch in einem ganz
unerhörten Tempo begriffen sein, denn nur dies vermag den Umstand zu
erklären, den ich Ihnen sofort und ohne viele Worte berichten will.

Ich sause also hinunter und komme plötzlich in eine Klamm, die, rechts
und links von senkrecht aufragenden Felsen eingeschlossen, nur oben Raum
für einen ganz schmalen, überdies völlig beeisten Weg bot. Ich hatte
meine Beine auf die Lenkstange gelegt und hielt die Arme verschränkt,
wie ich immer zu tun pflege, wenn ich mir sagen muß: hier kann nur
Tirili allein helfen.

Da, denken Sie sich meinen Schreck, sah ich am Ende der Klamm einen
dicken Bauern auf mich zukommen, dessen breite Figur den Weg völlig
einnahm. Einen Moment kam mir der idiotische Gedanke, zu läuten, aber da
war ich auch schon -- ja, wie soll ich nun sagen: über den Bauern weg
oder durch den Bauern durchgefahren? Ich muß unbedingt an die letztere
Möglichkeit glauben, denn ich bin mir durchaus nicht bewußt, daß wir,
Tirili und ich, über ihn weggesprungen sind. Andrerseits war freilich an
mir und dem Rad nicht das geringste zu sehn, das darauf hätte hindeuten
können, daß wir durch einen leibhaftigen Bauern hindurchgefahren waren.
Aber, wenn Sie die Schnelligkeit bedenken, mit der dies offenbar
geschehen war, so ist dieser Nebenumstand ja nicht weiter verwunderlich.
Auf alle Fälle ersuche ich Sie, nicht auf die Idee zu verfallen, ich
hätte den Bauern überfahren. Einen so häßlichen Gedanken müßte ich auf
das bestimmteste zurückweisen; ich überfahre nie jemand, sei es Bürger,
Bauer oder Edelmann.

In weniger Zeit, als Sie gebraucht haben, dieses kleine Abenteuer
anzuhören, befand ich mich danach auf der Landstraße zwischen Planegg
und München, und zwar der Stadt schon sehr nahe. Tirili verlangsamte
ihre Gangart, und wir bummelten in dem Tempo dahin, das ich immer für
das beste zum Dichten von Elegien erfunden habe. Ich begann sofort eine
in sechsfüßigen Jamben auf das goldene Haar meiner Geliebten. Schon war
ich am Ende des Gedichts angelangt, an diesem höchst wirkungsvollen
Schluß, wo ich es mir als seligsten Tod wünsche, mich an diesen goldenen
Strähnen aufzuhängen -- da kommt mir dieselbichte Geliebte höchstselbst
entgegen, und zwar auf einem schneeweißen Zelter -- ich darf in diesem
Zusammenhang dieses poetische Wort anwenden. Sie können sich meinen
süßen Schrecken denken! Aber kaum hatte ich sein holdes Rieseln durch
das Rückenmark gekostet, da kam ein gallebitterer Schrecken hinterdrein:
Hölle und Teufel -- ein Galan ritt neben ihr, ein schwarzes,
hakennasiges Herrchen in einer grünen Weste auf einem riesigen Fuchs.
Meine Eitelkeit zischelte mir zu: welche Figur wirst du neben der
Hakennase spielen, die auf einem hohen Gaul sitzt, während du auf einem
Rad hockst, und wäre es auch Tirili, die Unvergleichliche. Und ich
gedachte, mich rechts in die Büsche zu schlagen. Aber da waren die
beiden auch schon da, und ich mitten zwischen ihnen, und ich reichte
meiner Königin die Hand.

Wie ist das nur möglich, dachte ich mir, daß ich diese holde Hand im
grauen Reithandschuh von Tirilis Sattel aus so leicht erreichen
konnte -- da merkte ich, daß ich mich mit der Hakennase in gleicher Höhe
befand, und das Herrchen sagte etwas von einer famosen Isabelle, auf der
ich ritte. Der Mensch sah Tirili für eine falbe Stute an! Das muß von
der Farbe der Spelgen Tirilis herkommen; anders kann ich es mir nicht
erklären. Aber die Höhe! Die Höhe! Und Tirili kann doch nicht wiehern!
Mir war zumute, wie wenn ich der Held in einer Geschichte von E. T. A.
Hoffmann wäre, und ich freute mich, als die beiden sich mit den Worten
verabschiedeten: »Mit Ihnen kommt man ja doch nicht mit!« Kaum waren
diese Worte verklungen, da sah ich, daß ich an meinem Hause angekommen
war. Es war genau eine Stunde seit Beginn meiner Ausfahrt vergangen, und
man sah Tirili durchaus nicht an, daß wir auf der Zugspitze gewesen
waren.

Sind Sie paff? Ich bin es nicht. Ich erlebe täglich solche Sachen mit
Tirili. Pegasus mit den Gänseflügeln war ja zu jenen zurückgebliebenen
Zeiten ein ganz passables Reitpferd für Dichter, aber wenn Pindar heute
nochmals geboren würde -- auch er würde einen Cleveländer vorziehen.
Meine Tirili kriegt er aber nicht.



                            Die Weihnachtsbowle


Graf Beisersheim, ein Herr von unbestimmbarem Alter dem Äußeren nach,
der aber nur ein paar Sätze zu sprechen brauchte, um allen, die ihm
zuhörten, die Überzeugung beizubringen, er müsse wenigstens zweihundert
Jahre alt sein, -- so angefüllt mit wohlabgelagerter Kenntnis der Welt
und der Menschen war seine Rede, -- Graf Beisersheim hatte sich in einer
Anwandlung von seltsamer, gewissermaßen hautgout-rüchiger
Sentimentalität einen Christbaum angeputzt.

Sich und einigen Freunden, die er nun zur »Bescherung« einlud.

Das Haupt- und Mittelstück davon, ja wohl der eigentliche Sinn der
ganzen Veranstaltung war eine ostpreußische Bowle von vielen Graden, vor
der selbst Willibald Stilpe, der doch (siehe das dritte Kapitel des
dritten Buches seiner lehrreichen Lebensbeschreibung) in alkoholischen
Dingen eine anerkannte Autorität war, ein Gefühl von Respekt empfunden
haben würde. Burgunder, Sekt, Sherry, Porterbier, Rum vereinigten sich,
nach den besten Grundsätzen gemischt, in der gewaltigen silbernen
Terrine, aus der das erlauchte Geschlecht der Beisersheims schon seit
Jahrhunderten seine schwersten Räusche bezog, zu einem neuen
Kraftorganismus, der imstande war, einen Vollmatrosen auf Anhieb unter
den Tisch zu strecken. Nicht aber auch den Grafen, der ihn ins Leben
gerufen hatte und trotz seines knickebeinigen, kontrakten Gestelles, das
kaum einem ordentlichen Novemberwind standzuhalten vermochte, im Kampf
mit alkoholischen Gewalten so widerstandsfähig war, wie nur irgendeiner
seiner in Eisen geschienten Vorfahren auf dem Turnier- oder
Schlachtfelde.

Seine Freunde, zumeist Schriftsteller und Künstler oder Angehörige von
Kreisen, die aus geschäftlichen oder anderen Interessen engere oder
weitere Beziehungen zu Literatur und Kunst pflegten, waren zwar auch
trinkfeste Herren, einer so kräftigen Ostpreußin aber doch nicht
vollkommen gewachsen.

Es dauerte nicht gar lange, und der redelustige Graf verschwendete
seine aufs schärfste geschliffenen, in tausend Facetten von Witz und
geistreicher Schnödigkeit blitzenden Bosheiten an eine Korona von
Schlummernden. Gleich ihnen, die in den breiten ledernen Klubstühlen
mehr lagen als saßen, waren auch die Christbaumkerzen in sich
zusammengesunken, und nach und nach löschte eine nach der anderen
knisternd aus, als letztes Zeichen einer verglühten Existenz einen
dünnen Rauchfaden in das grüne Geäst sendend. Schließlich erhellten nur
noch die dicken Wachslichter in den breiten messingenen, mit dem
Beisersheimschen Wappen gezierten Wandleuchtern den von Zigarren- und
Zigarettenrauch massig durchschwadeten Raum, dessen Luft schon so voll
von Alkoholdünsten war, daß man allein davon einen ansehnlichen Rausch
hätte bekommen können.

Der Graf, der es in seinen Dramen (denn auch er hatte ein Verhältnis mit
der Muse der Dichtkunst, und noch dazu ein ernsthaftes, das nicht ohne
Folgen geblieben war) aus prinzipiellen Gründen von unerschütterlicher
Festigkeit nie über sich gewonnen hätte, eine seiner Personen in
Monologen reden zu lassen, wandte seine künstlerischen Prinzipien im
Leben selber insoferne nicht an, als er, gewohnt und geschickt, viel und
witzig zu reden, in gewissen Zuständen auch dann sprach, wenn niemand da
war, der ihm hätte zuhören und antworten können. In einen solchen
Zustand geriet er jetzt, als er langsam Glas auf Glas der schweren
ostpreußischen leerte und eine russische Zigarette nach der anderen dazu
rauchte.

»Eine sehr stimmungsvolle und durchaus dem Sinne des Festes
entsprechende Weihnachtsfeier,« bemerkte er, indem er seine kleinen,
grau-grünen Augen über die Reihe der Schlafenden schweifen ließ. »Nur
schlafend können sie das Fest der Liebe feiern, denn, wenn sie wach
wären, würden sie reden, und wenn sie redeten, würden sie irgendeine
Reputation zerreißen.«

In diesem Augenblick tat ein rot und gelb bemalter Nußknacker, der am
Baume hing und einem engeren Konkurrenten des Grafen, auch einem
dramatischen Schriftsteller (dem er übrigens ähnlich sah), zugedacht
war, die hölzernen Kinnladen auseinander und sprach in einem aus
erklärlichen Gründen etwas harten Dialekt, wie folgt: »Und du? Warum
schläfst dann =du= nicht? Du hast es doch besonders nötig?! Jungchen,
Jungchen! Du denkst natürlich an meinen neuen Herrn. Aber so boshaft wie
du, Menschenskind, ist nicht einmal er.«

»Pih, pih,« machte da eine kleine Balleteuse, die sich der Graf selber
geschenkt hatte und die, ein niedliches Figürchen aus Porzellan und über
und über mit Spitzen und Rüschchen bedeckt, unter dem Nußknacker hing,
»pih, pih, reißt der das Maul auf! So schreien kann ich freilich nicht,
aber das möchte ich denn doch bemerken: Der Unterschied zwischen meinem
und deinem Herrn besteht bloß darin, daß meiner mit Geist boshaft ist
und deiner bloß mit Grobheit. Denn meiner ist ein Graf und deiner ein
Bauer.«

Während sie dies mit einer süßen, aber doch etwas spitzigen
Porzellanstimme sprach, warf sie recht zierlich bald das eine, bald das
andere Bein über sich, daß ihr seidenes Tanzröckchen nur so raschelte
und ein jeder sowohl ihre Waden wie ihren Mechanismus bewundern konnte.

Der Nußknacker geriet außer sich, denn er besaß an Stelle von Beinen,
mit denen er hätte schlenkern können, nur einen gespaltenen Stumpf, der
seinen Kinnladen die Knackekraft verlieh. Dieses Umstandes aber bediente
er sich aufs heftigste und schrie: »Mein Herr ist ein Dichter mit
Tantiemen, Sie leichtfertige Ratte, Sie! Wenn Sie nur eine Spur von
Ehrfurcht in Ihrer flitterhaften Psyche hätten, würden Sie von einem
Manne, der selbst von seinen durchgefallenen Stücken leben könnte,
während Ihrem Herrn nicht einmal seine erfolgreichen etwas Ordentliches
einbringen, mit =Respekt= reden. Aber natürlich, wer nichts als Grazie
besitzt, wie könnte der für ernsthafte Werte Sinn haben?!«

Die Balleteuse wollte sogleich replizieren, aber in diesem Augenblicke
erwachte der Herr des Nußknackers für ein paar Sekunden und sprach:
»Machen Sie keinen Unsinn, Mann -- fünfzehn Prozent, oder ich schließe
mit Ihrem Konkurrenten ab!«

Jetzt aber fuhr die Balleteuse los, indem sie vor Erregung Chahüt
machte: »Mein Graf hat das Dichten überhaupt nicht nötig. Mein Graf ...«

»I, du verflixte Mamsell!« rief der dazwischen, der sich gar nicht zu
wundern schien, daß das Christbaumvolk sich so unwahrscheinlich
gebärdete, »willst du wohl aufhören, auf meiner Grafenkrone
herumzureiten? Überhaupt sind das recht unpassende Gespräche. Redet doch
lieber ein bißchen von der Menschenliebe heute. Dafür ist dieser Tag
reserviert.«

Kaum, daß er diese Worte gesprochen hatte, erhob sich aus der dunkelsten
Partie des Christbaumes ein unendlich zartes und mitleiderregendes
Gewinsel, wie von einem ganz, ganz kleinen jungen Hunde, und
gleichzeitig kleckerten winzige Wachströpfchen durch die Zweige auf das
Tischtuch herab. Der Graf erhob sich, um zu sehen, was denn los sei, und
entdeckte, daß das Gewinsel von einem schwarzen Chenillepudel herrührte,
der seinem wehvollen Herzen aber nicht nur phonetisch Ausdruck verlieh,
sondern auch dadurch, daß er Wachs weinte. Denn seine treuen Hundeaugen
waren aus gelben Wachskugeln hergestellt.

Der Graf begriff sofort, daß das eine verhängnisvolle Art zu weinen sei,
und er bemerkte daher: »Es ist zwar anerkennenswert und verdient Lob,
wenn ein Pudel aus Chenille Gemüt zeigt und es seinem Schöpfer, dem
Menschen, nachzutun trachtet, indem er Tränen vergießt; wenn aber dabei
das einzige an ihm, das nicht Chenille ist, sich auflöst und kaput geht,
so muß doch gesagt werden, daß das eine unökonomische Manier ist, Trauer
an den Tag zu legen. Wenn unsere Augen dabei kaput gingen, Freund Pudel,
würden wir Menschen gewiß keine Tränen vergießen. Wir leisten uns diese
effektvolle Ausscheidung nur, weil sie uns nichts kostet.«

Aber der Chenillene hörte nicht auf, Wachs zu weinen; doch zu winseln
hörte er auf. Denn er sprach (wie Weinende zu sprechen pflegen, unter
häufigem schluchzenden Aufstoßen): »Und wenn meine Augen mir auch ganz
davon rinnen und fürderhin in meinem Antlitze nichts Gelbes mehr
abstechen soll gegen das glänzende Schwarz meiner Chenille: Ich werde
doch nicht aufhören, Tränen zu vergießen über das tragische Geschick,
daß ich mich meines Schöpfers nicht als eines =vollkommenen= Wesens
erfreuen soll. Das hat mir, der ich kein wirkliches Knochengerüst
besitze, bisher eine Art ideellen Rückgrates gegeben, daß ich des festen
Glaubens lebte, meine Götter, diese machtvollen Wesen, die selbst
Chenillepudel zu erschaffen vermögen, seien reine, fleckenlose
Lichtgestalten, lebend und webend in einem ewigen Glanze von allgütiger
Liebe, und nun muß ich es erfahren, daß sie für diese höchste Tugend nur
einen Tag unter dreihundertfünfundsechzig reserviert haben, und auch den
augenscheinlich nicht immer ganz in diesem Sinne hinbringen. Wenn ich
nicht schon aufgehangen wäre, würde ich mich jetzt aufhängen. Denn ein
Idealist, der selbst seine Götter als mangelhaft erkannt hat, kann sich
begraben lassen.

Bei diesen Worten rann das letzte bißchen Wachs aus seinen Augenhöhlen,
und er war so ausschließlich nur noch Chenille, daß Graf Beisersheim mit
Recht bemerken durfte: »Jetzt, mein pudelnärrischer Ideologe, bist du
nur noch als Tintenwischer zu gebrauchen, und nichts mehr an dir wird
deinen Herrn, den vielgebietenden Theaterdirektor, daran gemahnen, daß
es Ideale auf der Welt gibt. Schade. Gerade er hätte einen Idealisten in
seiner Umgebung so nötig gehabt.«

Mit diesen Worten begab er sich zu seinem Stuhl zurück und verschwand
wie ein Häufchen Pergament in dem gepolsterten Leder.

Nur seinen Kopf, der in dieser schummerigen Beleuchtung ganz wie ein
verwelktes Haupt Blumenkohl aussah, hob er etwas in die Höhe, als jetzt
vom Wipfel des Christbaumes eine dünne Blechtrompetenfanfare
erklang -- so dünn und jämmerlich, daß daneben das Winseln des Pudels
vorhin ein walkürisches Hojotohoh hätte genannt werden können.

Es war der ferkelrosig geschminkte Weihnachtsengel, der also musizierte
und dabei seine beiden mit Rauschgold überzogenen Papierflüglein
erzappeln ließ. Wie er sein trübseliges Blechgeschmetter beendet hatte,
sang er mit einer stark belegten und ganz schadhaft gewordenen
Phonographenstimme billigster Nummer: »Friede auf Erden! Friede auf
Erden! Friede auf Erden!«

Aber nicht einmal der Chenillepudel applaudierte. Es herrschte vielmehr
ein höchst beklommenes Schweigen, das erst nach einer Weile der Graf mit
der tiefsinnigen Bemerkung unterbrach: »Das kommt davon, wenn ein Engel
durchs Zimmer geht oder die Trompete bläst. Wir sind keine Engel mehr
gewöhnt.«

»Hören Sie mir, bitte, von Engeln auf,« ertönte hier in schnellem
Einfall eine volle Männerstimme. »Ich bin, glaube ich, neben meiner Frau
der einzige Mensch, der wirklich mit einem Engel in fühlbare Berührung
gekommen ist, und ich denke, meine Frau ist in diesem Falle einmal
meiner Meinung, wenn ich erkläre: Wir haben dabei die fatalsten
Erfahrungen gemacht. Gelt, Eva?«

»Na, das will ich meinen,« erwiderte eine angenehme Frauenstimme: »eine
Roheit war's. Mich hat er alleweil mit seinem Säbel in den Rücken
gepufft.«

»Aha,« sagte der Graf. »Adam und Eva werden auch munter. Ich bin doch
gespannt, ob sie im Stile ihres neuen Herrn immer aneinander vorbeireden
werden. (Die beiden Buchsbaumfiguren waren nämlich das Geschenk für
einen Dichter, dessen Spezialität in einem Dialog bestand, dessen
Gegenreden sich nie berührten, sondern einander wie zwei Parallelen erst
im Unendlichen trafen -- worauf man aber im Verlaufe eines Theaterabends
nicht warten kann.)

»Ach, du lieber Gott,« antwortete darauf der schöne Adam, »das brauchten
wir nicht erst von dem zu lernen. Das ist bei uns vom Anfang an so
gewesen. Denn, red' ich hüh, so red't sie hott, und sprech' ich von
Kindererziehung, so spricht sie von einem neuen Hut, und bring' ich das
Gespräch auf den bewußten Apfel, so biegt sie in das Gebiet des
Frauenstudiums ab. Das ist sogar schon vor der Apfelspeise so gewesen.
Dazu war nicht einmal der sogenannte Sündenfall nötig. Man sollte
meinen, sie wäre aus der Rippe von jemand ganz anderem gemacht. Ich hab'
so meine Gedanken darüber.«

»Gedanken hat er!« rief die rundliche Eva aus und bewies damit, daß sie
doch auch auf Adams Worte einzugehen wußte, wenn's ihr gefiel.
»Gedanken! Als ob ein Mann jemals Gedanken hätte! Die Gedankenarbeit
fängt überhaupt erst jetzt an, seitdem wir studieren dürfen. Ich
schreibe jetzt an einer Geschichte des Paradieses, Herr Graf, und ich
will nicht Eva heißen, wenn ich nicht quellenmäßig nachweise, daß dieser
Tolpatsch da an dem ganzen Unglück schuld ist. Nämlich, wissen Sie, die
Schlange und ich, wir hatten uns die Geschichte so gedacht ...«

»O Gott, o Gott, o Gott, jetzt fängt =das= wieder an,« rief Adam voller
Schrecken. »Ich bitte Sie, Herr Graf, schenken Sie meiner Frau was
Hübsches um den Hals, damit sie auf andere Gedanken kommt, sonst kriegen
wir ihre ganze Doktordissertation zu hören.«

Der Graf, galant wie alle seines illustren Hauses, erhob sich, so schwer
es ihm auch wurde, sogleich, brachte das windschiefe Wrack seiner
Leiblichkeit nach einigen erfolglosen Bemühungen schließlich wirklich in
Bewegung, daß es in einem skurrilen Zickzack zum Christbaum hinüber zu
kreuzen vermochte, und legte sein goldenes Armband um den Hals der
niedlichen Eva, die von nun an ganz in der Betrachtung des Geschmeides
aufging und kein Sterbenswörtchen mehr sprach.

Dafür bemerkte der Graf zu Adam: »Sie müssen ein guter Kunde für die
Goldschmiede sein, Herr von Adam!?«

»Ach Gott, ja,« erwiderte der, »die Hauptsache aber sind doch
Goldschmiede=worte=. Sehen Sie: die Frauen, wir wollen es uns nur
gestehen, sind doch das Beste, was wir auf dieser Erde haben, seitdem
man es für richtig befunden hat, uns aus dem Paradiese auszuweisen -- wo
es übrigens, nebenbei bemerkt, lange nicht so amüsant war, wie sich das
die Theologen vorstellen. Die Frauen, fürs Eskamotieren von Natur aus
begabt, haben auch aus dem Paradiese das Wertvollste eskamotiert: so
einen gewissen Abglanz, oder wie soll ich nur sagen: eine Art
Versprechen und Zuversicht des Vollkommenen, Ursprünglichen, Kindlichen.
Wir legen ihnen davon vielleicht etwas mehr unter, als sie wirklich
haben -- aber etwas davon ist doch in ihnen. Jedenfalls reizen sie uns
immer, es in ihnen zu suchen und es durch die Verbindung mit ihnen zu
gewinnen. Aus diesem Reize kommt und in dieser Verbindung ist aber die
Liebe. Und dafür, Herr Graf, nicht wahr, für diesen ewigen, aller Wunder
vollen Schatz müssen wir ihnen wohl viel nachsehen, was uns, weil wir ja
so anders sind, als sie, manchmal an ihnen geniert, und dafür müssen wir
ihnen mit dem danken, was ihnen das Wertvollste an uns dünkt: mit immer
bereiter, nie ermüdender Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, Gütigkeit. Es ist
fast, als ob ihnen der äußere Ausdruck, das Zeigen der Liebe wertvoller
erschiene, als deren Vorhandensein selbst. Zu wissen, daß der Mann sie
liebt, genügt der Frau nicht, sie will die Liebe fortwährend, und auch
im Kleinsten, immer und immer wieder dokumentiert sehen. Wir können ja
vielleicht finden, daß das etwas äußerlich ist, und wir sind manchmal
geneigt, uns sehr großartig vorzukommen, weil wir es uns im Grunde am
Bewußtsein der Liebe genügen lassen, aber eigentlich ist es doch sehr
gut, daß die Frauen so -- äußerlich sind. Denn schließlich ist aus dieser
weiblichen Art ein gut Teil unserer Gesittung entstanden.«

Der Graf, der, wie die meisten Leute, die mehr Geist als ihre Umgebung
haben, auf artiges Zuhören nicht trainiert war, bemerkte: »Was muß ich
denn =Ihnen= schenken, damit ich um =Ihre= Dissertation herumkomme?«

»Man sieht,« erwiderte Adam, »daß Sie ein Junggeselle sind, denn sonst
würden Sie sich mehr für diese goldenen Grundregeln der andauernden
Liebe interessieren. Überdies komme ich aber jetzt auf einen Punkt, der
zu dem Feste, das Sie auf so absonderliche Art feiern, eine sehr nahe
Beziehung hat. -- Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum der Tag
vor dem Christfeste Adam und Eva heißt?«

»Ich weiß nicht einmal, daß das so ist,« antwortete der Graf etwas
schläfrig.

Adam aber erwiderte: »Und doch ist das ein sehr glücklicher Einfall der
Kirche, wenn wir ihm auch besser eine andere Auslegung geben, als es
nach ihrem Wunsche sein mag. Sie, die überhaupt nicht gut auf uns zu
sprechen ist, weil wir uns nicht haben kirchlich trauen lassen und bloß
ziviliter verheiratet sind, meinte, mir und meiner Frau mit dieser
Postierung vor das Christfest eins auszuwischen. Sie hat diese nämlich
in dem Sinne vorgenommen: direkt vor die Erlösung das zu rücken, wovon,
nach ihrer Meinung, die Menschheit zu erlösen war: die Erbsünde. Sie
werden es mir nachfühlen, wenn ich diesem Gedankengange, der mich und
meine Eva zu Schwerverbrechern stempelt, wo wir doch bloß taten, was ihr
uns alle so gerne nachmacht, nicht gerne folge und es vorziehe, die
Sache anders auszulegen. Nämlich so: Ich meine, es ist damit ganz
einfach die irdische und die himmlische Liebe kalendarisch benachbart
worden als ein Sinnbild dafür, daß der Mensch die eine so nötig hat wie
die andere. Denn selbst Sie, Herr Graf, der Sie doch eigentlich nicht
mehr ganz komplett sind, kommen ohne ein bißchen Erbsünde nicht aus, ganz
zu geschweigen von Ihren Kameraden da, die in diesem Punkte allen
Ansprüchen vollkommen genügen. Ich gönne es Ihnen und ihnen, freue mich
darüber und möchte nur wünschen, daß sie (und Sie!) auch sonst mehr nach
mir geraten wären. Denn, abgesehen davon, wie Sie (und sie!)
aussehen, -- =das= möchte ich Ihnen bei dieser Gelegenheit doch bemerken:
=Ich= habe =niemals= Theaterstücke geschrieben und nie Leute ausgerichtet!«

»Weil du kein Talent dazu hast und keine Leute da waren,« warf Eva
schnippisch ein.

»Was?!« rief Adam aus, »ich kein Talent? Ich, der ich täglich zwölf
Gedichte auf dich gemacht habe, damals, als ich noch nicht wußte, wie du
dich auswachsen würdest? Und »keine Leute?« Ist der liebe Gott etwa
nichts? Hätte ich nicht den lieben Gott ausrichten können und dich und
die Schlange? Ich sage dir, mein Kind, diese Herrschaften hier würden,
wenn jeder von ihnen allein auf der Welt lebte, ihren Stiefelknecht
verleumden, ihrer Zahnbürste ein schmutziges Verhältnis mit ihrer
Seifenschale andichten und ihrem Sacktuche unehrenhafte Handlungen
nachsagen.«

Der Graf, weit entfernt davon, Widerspruch zu erheben, bemerkte
seelenruhig: »Sie sind von Ihrem Thema abgekommen, Herr von Adam.«

»Richtig«, antwortete der, »und das tut mir leid, denn ich wollte von
=guten= Dingen reden; und =das= wars, was ich sagen wollte: Ihr solltet am
heutigen Tage recht fleißig auch an Adam und Eva denken, und der Gedanke
wäre, obwohl die Beiden, Gott sei Dank, keine Heilige waren, so wenig
sündig wie der Gedanke an Raffael oder Mozart oder Goethe oder sonst
einen der Herrlichen, die die Erde mit ihrem Leben und Schaffen
geschmückt haben. Denn der Gedanke an uns leitet auch in diesem Sinne
hinüber zu dem Gedanken an den, dessen Tag dem unseren folgt, -- nicht
wie der Tag der Nacht, sondern wie ein Feiertag dem anderen Feiertag.«

                     *       *       *       *       *

Der Graf war schon lange eingeschlafen, als Adam sein letztes Wort
sprach. Auch die Kerzen in den Wandleuchtern verlöschten. Die Dichter
und ihre Verleger und Theaterdirektoren schnarchten in einer Harmonie,
die sonst selten zwischen ihnen bestand.



                    Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot

                         Eine Studentengeschichte


Franz Zoller und Karl Jost waren Freunde von Kind an.

Selten sind solche Freundschaften. Denn es war bei ihnen viel mehr als
Gewohnheit. Sie hatten sich wirklich von Wesensgrund aus gern. Schon die
Zuckertüte des ersten Schulgangs teilten sie miteinander.

»Ich habe lauter Schokolade, Franz,« sagte Karl, »und ich lauter
Zuckerzeug,« entgegnete der, und sogleich schütteten sie Zucker und
Schokolade zusammen und zählten ab und teilten.

In der Bürgerschule sowohl wie im Gymnasium machten sie Klasse für
Klasse miteinander durch, hielten sich auch durchweg auf derselben Bank,
ja zumeist nachbarlich zusammen, gewissenhaft auch darin abwechselnd,
daß bald der eine, bald der andere den höheren Platz einnahm, denn, wie
sie einander in der Begabung die Wage hielten, so auch im Fleiße.

Im Charakter ähnelten sie sich gleichfalls.

Es waren beide gute, muntere, aufrichtige Jungen, harmonisch angelegte
Naturen von einer glücklichen Mischung der Gemütsgaben: Nicht
überbegehrlich nach irgendeiner Richtung hin, aber auch in keinem
Betracht stumpf und den jeweiligen Genußmöglichkeiten des Lebens
abgewandt. Nicht etwa geradezu Musterknaben, aber durchaus wohlgeratene
Burschen. Niemals Spielverderber, auch dann nicht, wenn es sich um
verbotene Spiele handelte, aber immer maßsicher dabei. Und dies nicht
etwa aus Berechnung oder frühreifer Lebensklugheit, sondern ganz von
Gnaden eines unbeirrbaren Instinkts für die gute Mitte, die überhaupt
das wesentliche an ihnen war.

Kein Wunder, daß ihre Eltern rechte Freude an ihnen hatten.

Franz war der Sohn des ersten Arztes der Stadt, Karls Vater
war ein pensionierter Offizier, der sich aus Liebhaberei mit
kriegsgeschichtlichen Studien beschäftigte. Beide Familien waren
wohlhabend, nicht reich, und jede hatte außer dem einen Sohn noch eine
jüngere Tochter.

»Unser Quartett,« sagten die Alten, wenn sie die vier beieinander
sahen -- und die beiden Mütter dachten sich wohl noch etwas Extras dazu.

Eigentlich waren die Eltern erst durch die Kinder einander nahe
gekommen, obwohl sie Haus an Haus draußen in der kleinen Villenvorstadt
des Städtchens wohnten. Denn im Grunde stand mancherlei einer
Freundschaft zwischen dem Doktor Zoller und dem Rittmeister a. D. Jost
entgegen.

Vornehmlich der Unterschied in der politischen Meinung.

Der Doktor war ein alter Achtundvierziger, was er noch immer durch einen
Heckerbart mit dazu gehörigem breiten Schlapphut auch äußerlich an den
Tag legte; der ehemalige Rittmeister aber pflegte sich »konservativ bis
in die Knochen« zu nennen.

Diesen politischen Standpunkten entsprachen die Universitätserinnerungen
der beiden Herren.

Über dem Schreibtisch des Doktors hing ein schwarz-rot-goldenes Band,
über dem des Rittmeisters, der erst nach einer ziemlich fröhlichen
Studentenzeit ins Heer getreten war, ein grünweiß-rotes, das Zeichen
seiner Angehörigkeit zu einem Korps der benachbarten Universitätsstadt.
Und sonderbar: Die politische Meinungsverschiedenheit gab nicht so oft
Anlaß zu Mißhelligkeiten, wie der Unterschied in ihren Sympathien für
die verschiedenen Universitätsverbindungsrichtungen.

»Sie sind und bleiben ein verbohrter Büxier, Doktor; mit Ihnen ist
überhaupt nicht zu reden; Sie sind durch die Buxenschaft heillos
verdorben!« pflegte der Rittmeister immer auszurufen, wenn sie über
irgend etwas miteinander ins Gestreite gekommen waren. Und:
»Korpserziehung, das ist's, was Ihnen fehlt; stramme Zucht und das
Gefühl für die notwendigen Schranken. Aber natürlich: Eine Verbindung,
die ein politischer Debattierklub ist -- daraus wird immer bloß
Jakobinertum«.

Der Doktor aber ließ sich solche Belehrungen nicht willig eingehen,
sondern riß an seinem wilden Bart und replizierte kräftig genug: »Daß
ich nicht lache! Korpserziehung! Ah bäh kann am Ende jeder Idiot auch
sagen und Stege an den Hosen (er dachte an seine Zeit) sind schließlich
auch nicht die Gipfel der Kultur. Erziehung zur Freiheit,
Mannhaftigkeit, Überzeugungstreue, Vaterlandsliebe, das ist mehr wert,
als den jungen Leuten beizubringen, daß ein glatter Scheitel und glatte
Redensarten bei den Vorgesetzten beliebt machen. Der Korpsier ist die
Karikatur des deutschen Studenten, von dem =wir= sangen: Frei ist der
Bursch!« --

Nach solchen Diskursen schieden die beiden mit roten Köpfen voneinander
und pflegten zu ihren Eheliebsten zu bemerken: »Schade um den guten
Zoller (oder Jost); er ist im Grunde ein prächtiger Mensch, aber sein
ewiges Buxentum (oder seine ewige Korpssimpelei) ist ganz und gar
unausstehlich. Das eine aber weiß ich: Unser Junge wird Burschenschafter
(oder Korpsstudent)!«

Die beiden Jungen aber, wenn ihre Alten ihnen auch, als sie sich der
Prima des Gymnasiums näherten, oft genug ihre schwarz-rot-goldenen oder
grün-weiß-roten Ideale predigten, hatten und zeigten wenig Sinn dafür.

»=Ich= springe mal =nicht= ein, Karl,« erklärte Franz, und Karl pflichtete
bei:

»Sollte mir gerade einfallen, mich als Korpsfuchs schurigeln zu lassen.«

Diese Abneigung gegen das studentische Couleurwesen kam einesteils
daher, daß beide einander viel zu gern hatten, als daß sie es hätten
wünschen können, auf der Universität die feindlichen Brüder zu spielen,
dann aber war sie auch eine Folge gewisser anderer Neigungen, denen sich
die beiden Gymnasiasten schon von Obersekunda an mit gleicher Stärke
hingaben.

Sie waren durch einen Kameraden, dem sie neidlos höhere Begabung
zuerkannten und durch dessen Belesenheit in moderner Literatur sie sich
gerne imponieren ließen, auf die Beschäftigung mit der zeitgenössischen
Dichtung hingeführt und so in einen Anschauungskreis gebracht worden, in
dem kein Raum für die üblichen Burschenideale war. Nicht, als ob sie
sich von gewissen, zwar verbotenen, aber darum erst recht ausgelassen
lustigen Zusammenkünften der übrigen ferngehalten hätten, in denen
verschiedene Prärogative des Studententums feuchtfröhlich vorweggenommen
wurden, aber sie bildeten dabei mit noch einigen eine Art stilleren
Extrawinkels für sich, und schließlich tat sich dieser zu einem
»literarischen Kränzchen« zusammen, in dem man die damals gerade
einsetzende moderne literarische Bewegung aufmerksam verfolgte und nicht
weniger laut über Naturalismus und Idealismus debattierte, als es in den
damals florierenden Literaturkampfblättern geschah. Wenn sich Franz und
Karl dabei, auch hierin einmütig wie sonst, für M. G. Conrad,
Liliencron, Conradi erhitzten und in einem gewaltigen Abscheu vor Paul
Heyse erglühten, so konnten sie unmöglich noch Elan genug für Korps oder
Burschenschaft aufbringen.

Im übrigen lagen sie nach wie vor ihren von der Schule gebotenen Studien
fleißig ob und begannen auch nach und nach der Frage ihres zukünftigen
Universitätsstudiums näherzutreten.

Dabei stellten sich aber schon Schwierigkeiten mit den beiderseitigen
Eltern ein. Der alte Rittmeister wünschte seinen Sohn einmal als
Juristen in Amt und Würden zu sehen, der Doktor konnte sich den seinen
nur wieder als Mediziner denken, aber die beiden Literaturverehrer
fanden, daß nur ein irgendwie literarisches Studium imstande sein werde,
sie ganz auszufüllen.

Franz gedachte sich für romanistische, Karl sich für germanistische
Philologie zu entscheiden.

»Dummes Zeug,« erklärten die beiden Väter, die sich hier einmal in
vollster Harmonie der Meinungen trafen und auch oft gemeinschaftlich
miteinander zu Rate gingen, was wohl am besten zu tun sei, um die beiden
Jungen, die sich jetzt zum erstenmal schwierig zeigten, auf den rechten
Weg zu leiten.

Das war zur Zeit, als die beiden in Unterprima saßen und der Wohltat der
ersten Tanzstunde teilhaft wurden.

Um diese Zeit begab es sich, daß Franz die Bemerkung machte, er sei in
Karls Schwester Anna verliebt, und Karl gegenüber Klara, der Schwester
Franzens, derselben Gefühle inne wurde.

Zuerst gestanden sie es einander und erteilten einander sogleich auch
den brüderlichen Segen.

Sodann ging ein jeder zu seiner Schwester, des Freundes Brautwerber zu
machen.

Und es ergab sich alles (woran auch keiner gezweifelt hatte) nach
Wunsch. Das Quartett der heimlichen Liebe war fertig und stimmte aufs
beste.

Die Alten taten, als merkten sie nichts, freuten sich aber im stillen
herzhaft über die heimliche Hausmusik, von der sie ja ganz sicher sein
konnten, daß sie nichts Unziemliches üben und produzieren würde.

Die beiden Mütter, bisher in den Meinungsverschiedenheiten zwischen
Vater und Sohn zuwartend neutral geblieben, aber im Innern durchaus der
Überzeugung sicher, daß das klügere Alter ganz gewiß nicht bloß das
Rechte wollte, sondern auch erkannte, fanden es nun an der Zeit,
ihrerseits sanft leitend einzugreifen, und zwar eben im Hinblick auf das
gute Zusammenspiel des Quartetts. Denn sie sagten sich mit mütterlicher
Psychologie: Jetzt, wo die Jungen ein Geheimnis mit sich herumzutragen
glauben, von dem sie nicht wissen, welchen Eindruck es hervorbringen
wird, wenn sie es einmal enthüllen müssen, jetzt werden sie fügsamer
sein als je.

Und sie irrten sich nicht.

Wie die Jungen merkten, daß von ihrem Nachgeben bei der Wahl des
zukünftigen Studiums es abhinge, ob die gestrengen Alten in der Wahl der
zukünftigen Braut Nachgiebigkeit an den Tag legen würden, waren sie bald
entschlossen, die romanistische und germanistische Philologie zu opfern
und in die sauren Äpfel der Juristerei und Medizin zu beißen, wenn ihnen
dafür die süßen Äpfel aus dem Liebesgarten in greifbare Nähe gerückt
würden.

Das war freilich nicht sehr überzeugungstreu gehandelt und eigentlich
Felonie gegen das literarische Kränzchen, aber wenn man neunzehn Jahre
alt ist und im Feuer der ersten Liebe steht, darf man für solche
Abtrünnigkeit wohl mildernde Umstände zugebilligt erhalten.

»Weißt du, Franz,« erklärte Karl, als er, etwas zaghaft, seinen
Treubruch bekannt hatte, »ich mußte doch auch an deine Schwester denken,
und daß ich als Jurist viel bessere materielle Aussichten habe.
Jedenfalls können wir viel früher heiraten.«

Karl fand diese Überlegung durchaus weise und wurde durch sie der
Notwendigkeit überhoben, auch seinerseits Entschuldigungen vorzubringen.
Dafür bemerkte er, daß man ja auch als Arzt und Jurist der schönen
Literatur alle möglichen Opfer an Hingabe und Förderung bringen könne.

Nur vor ihrem literarischen Mentor, jenem Kameraden, der ihnen den
Geschmack an Literatur beigebracht hatte, hatten sie ein bißchen Angst.
Der aber zeigte sich, wie immer, auf der Höhe der Situation, indem er
äußerte: »Ihr konntet keinen vernünftigeren Entschluß fassen: Wenn
jeder, der sich für Literatur interessiert, Literat werden wollte, würde
die Literatur schließlich bloß noch Interessenten und kein Publikum
haben. Mir persönlich habt ihr überdies einen Stein vom Herzen genommen
durch eure Entschließung, denn ich habe mir schon manchmal Gedanken
darüber gemacht, ob ihr auch begabt genug dazu wäret, euch aktiv in
Literatur zu betätigen.«

Die guten Jungen fühlten sich durch dieses Verdikt sehr beruhigt und
begannen nun, wie es ihrer gesunden, resolut aufs Reelle gerichteten Art
entsprach, sich rechtschaffen mit ihrem ganzen Wesen auf ihren
zukünftigen Beruf einzustellen, indem sich ein jeder dessen schöne
Seiten und Möglichkeiten bewußt werden ließ.

Die Mütter triumphierten, und die Väter waren zufrieden.

Nun, so dachte ein jeder von ihnen für sich, werd' ich den Bengel schon
auch noch für meine alten Studentenideale einfangen.

Indessen, da wollte sich der gewünschte Erfolg durchaus nicht
einstellen. Allen noch so begeisterten Schilderungen, noch so
nachdrücklichen Zureden setzten die Jungen halsstarrig das eine
entgegen: Es gehe und gehe nicht, -- schon wegen ihrer Freundschaft. Sie
seien nun einmal ein Herz und eine Seele und wollten in allen Lagen des
Lebens immer und ausnahmslos bleiben, was sie von jeher waren:
Engverbundene Kameraden.

Vergeblich deklamierte der Doktor: Ehre! Freiheit! Vaterland! Vergeblich
wies der Rittmeister darauf hin, daß nur der zur Elite der
Studentenschaft gehöre, der Mitglied eines Korps sei. Vergeblich
betonten beide, daß es zu ihren innigsten Herzenswünschen gehöre, den
Sohn mit demselben Band geschmückt zu sehen, das sie einst selber
getragen hatten.

Es nützte alles nicht; die beiden Oberprimaner, deren Abgang von der
Schule schon in ein paar Monaten eintreten mußte, blieben standhaft bei
ihrem _non possumus._

Die Lage schien verzweifelt.

Da erschien wiederum der mütterliche Sukkurs auf dem Plan. Aber diesmal
mußte er sich einer komplizierteren Taktik bedienen, und die beiden
Hilfstruppen mußten gemeinsam vorgehen.

Sie pflogen Kriegsrat mit einander und einigten sich über die folgende
Gefechtsidee: Diesmal müssen wir die Mädels bange machen. Wenn ihr,
müssen wir sagen, euren Bruder dahin bringt oder wenigstens den Anschein
erweckt, als ob ihr ihn dahin gebracht hättet, nach Vaters Willen zu
handeln, so wird der, seid sicher, zum Dank dafür euren Herzenswünschen
so gewiß geneigt sein, wie er jetzt darin ungewiß ist. -- Nun werden die
Mädels freilich sagen: Der Bruder denkt ja gar nicht daran, auf uns zu
hören.

Dann müßte man eben das junge Volk ein bißchen auf eine andere
Möglichkeit stoßen.

Wofür sind wir die Alten, Erfahrenen? Es geht ja um einen guten Zweck,
und so dürfen wir wohl andeuten, daß, wenn auch der Bruder am Ende nicht
hören würde, der Freund des Bruders um so gewisser alle beide Ohren
aufmachen wird. Geschieht das nun aber auf beiden Seiten, so ist genau
das selbe erreicht, wie wenn ihr den Bruder überredet hättet, d. h. der
Vater ist zufriedengestellt.

Die mütterliche Doppelintrige, von den Töchtern sofort aufs gelehrigste
erfaßt und so geschickt ins Werk gesetzt, wie man es von jungen
verliebten Mädchen nur voraussetzen kann, führte noch kurz vor
Torschluß, nämlich in der Muluswoche der beiden Freunde, zum gewünschten
Ziele.

Natürlich handelten Franz und Karl im Einverständnis miteinander.

»Nun müssen wir also auch noch Komödie spielen wegen der Mädel,« so
faßte Franz die Sachlage in Worte. »Du mußt dich als Korpsier, ich mich
als Burschenschafter verkleiden, und wir müssen drei Semester lang so
tun, als verachteten wir einander grimmig. Es ist zum Totlachen! Wir
werden uns wie ein heimliches Liebespaar nur verstohlen treffen können
und auf der Straße aneinander vorüberschreiten, als kennten wir einander
gar nicht. Bloß in den Ferien wird Gottesfriede herrschen. Was wollen
wir aber dann auch miteinander vergnügt sein, Karl! Wie wollen wir dann
lachen über die Mummerei!« --

»Ja, das wollen wir,« war Karls Antwort, »aber, weißt du, die Sache hat
doch auch eine ernste und gerade darum erfreuliche Seite: Es ist die
erste Prüfung, die unsere Freundschaft zu bestehen hat. Ich zweifle
natürlich so wenig wie du daran, daß sie sie bestehen wird; das versteht
sich ganz von selber; aber immerhin, eine Probe aufs Exempel bleibt's,
und das ist gut.«

In dieser Stimmung traten sie ein jeder in die Verbindung ein, der sein
Vater früher angehört hatte. --

Sie hätten keine jungen deutschen Studenten sein müssen, wenn nicht das
mancherlei Schöne, Frische, Lustige auf sie gewirkt hätte, das dem einen
das Korps, dem andern die Burschenschaft bot. Franz war ein ebenso
forscher Arminenfuchs wie Karl, in _S. C._-Redeweise gesprochen, eine
brauchbare Korpsrenonce. Und wie jeder seine drei Mensuren hinter sich
hatte, wurde der eine wie der andere ein tadelloser Bursch, der es nach
dem besonderen Sinne seiner Verbindung an nichts fehlen ließ. Denn die
beiden zeigten sich auch hierin von dem guten Schlage, der allewege
ordentlich treibt, was er einmal übernommen hat.

Trotzdem gehörten sie mit ihrem innersten eigentlichen Wesen ihren
Verbindungen doch nicht an. Wie hätte Karl so ganz Korpsstudent sein
können, um z. B. auf jeden Burschenschafter wie auf einen minderwertigen
akademischen Bürger herabzublicken?

Und wie hätte Franz es vermocht, so ganz Burschenschafter zu sein, daß
er im Korpsstudenten schlechthin nichts gesehen hätte, als eine Art
studentischen Gecken von beschränktem Geist, aber unbeschränktem
Hochmut?

Nein, es blieb im Grunde doch eine Verkleidung, wenn sie sie beide auch
nach außen hin glänzend durchführten, und wenn auch schließlich gewisse
Eigenheiten des Korps- oder Burschenschaftsangehörigen an ihnen haften
blieben.

Ganz von selbst verstand es sich, daß sie alle Zeit, die ihnen das Korps
oder die Burschenschaft zur freien Verfügung ließ, miteinander
verbrachten -- in der Tat verstohlen wie ein heimliches Liebespaar.

Mütze, Band und Bierzipfel wurden abgelegt, ein Hut aufgesetzt, der
Rockkragen aufgeschlagen und, womöglich im Schutze der Dunkelheit, zum
Freunde geeilt.

Anfangs teilten sie einander noch ihre speziellen Verbindungserfahrungen
mit, erheiterten sie sich gegenseitig durch die Wiedergabe jener
Charakterisierungen, wie sie der Korpsstudent dem Burschenschafter, der
Burschenschafter dem Korpsstudenten angedeihen läßt, aber schließlich,
als sie nun doch ihren Verbindungen endgültig angehörten, ließen sie das
als unschicklich und eine Art Hinterlist sein und begnügten sich damit,
von Dingen zu reden und zu schwärmen, die ihnen beiden ganz gemeinsam
waren, vor allem von ihren Mädchen.

Denn aus der Primanerpoussasche war bei einem jeden eine rechte, feste
Studentenliebe geworden, von der der eine wie der andere herzlich gewiß
war, daß sie eine Liebe fürs Leben bleiben werde.

Auch unterlag es gar keinem Zweifel mehr, daß die beiderseitigen Eltern
einer späteren Verbindung der Liebespaare ihre Einwilligung geben
würden.

Eine Verlobung hatte, als zu früh einerseits, anderseits aber auch als
fürs erste überflüssig, nicht stattgefunden. Es bestand aber ein
stillschweigendes Einverständnis aller Beteiligten, wovon sich auch die
Väter nicht ausschlossen.

Der Rittmeister fand, daß der Burschenschafter Franz sich ganz wie ein
richtiger Korpsstudent ausnähme, und der Doktor erklärte, daß der
Korpsbursch Karl in seinem ganzen Gehaben einen so frischen,
ungekünstelten, heiteren Eindruck machte, daß man ihn ebensogut für
einen forschen Burschenschafter hätte nehmen können. Und so war, wie
innerlich bei den Söhnen, so äußerlich bei den Vätern das
schwarz-rot-gold dem grün-weiß-rot so nahe wie nur möglich gekommen, und
die Alten trafen sich recht oft in dem Gedanken, wie närrisch es doch
eigentlich von ihnen gewesen sei, jenen Unterschieden eine wesentliche
Bedeutung beizulegen: »Zwei Strömungen im deutschen Studentenleben, jede
in ihrer Art gleich bewußt und sicher, wenn auch unterschiedlich in
belanglosen Einzelheiten, demselben Ziele zustrebend, aus den jungen
Leuten in einer heiteren, formvollen Freiheit tüchtige Männer fürs Leben
zu bilden. Wirkliche Gegensätze bestehen eigentlich gar nicht zwischen
ihnen. Und so kreuzen sie sich ja auch schon längst nicht mehr.«

                     *       *       *       *       *

Just an demselben Abend und genau zur selben Stunde, als die beiden
Alten, die am nächsten Tag ihre Söhne zum Ferienbesuch erwarteten, in
diesem Sinne beim Wein miteinander redeten und die Gläser aneinander
klingen ließen mit einem: Prost das Korps! Prost die Burschenschaft!
begab sich in einer Bierwirtschaft der benachbarten Universitätsstadt,
die von Couleurstudenten nur nach Schluß des Couleursemesters besucht
werden durfte, folgendes.

In dem überfüllten, vollgequalmten Raum, in dem eine Biermusik einen
greulichen Lärm verübte, saß nahe der Tür eine Schar angetrunkener
Studenten, die das instrumentale Getöse der Kapelle mit nicht minder
turbulenter Vokalmusik begleiteten. Da öffnete sich die Tür, und ein
Schwarm anderer Studenten trat herein, nicht weniger betrunken als die,
an deren Tische sie vorbei mußten.

Der erste von den Eintretenden, dessen Augenglas von der Hitze des
geschlossenen Raumes angelaufen war, stieß im Vorbeiwanken an den
zunächst stehenden Stuhl und schob sich ohne Entschuldigung weiter.

Da wandte sich der, der mit dem Stuhle auch einen Stoß erhalten hatte,
halb um und rief, nach Art eines stark Angetrunkenen etwas lallend:
»Kann der Prolet nicht Pardon sagen?«

Kaum, daß diese Worte gefallen waren, fühlte er auch schon die Hand des
also Apostrophierten, der sich mit einem Ruck umgewandt hatte, auf
seiner Wange.

Seine Kameraden sprangen auf, er stürzte sich auf den, der ihn
geschlagen hatte, aber dessen Begleiter warfen ihn zurück.

Eine Weile Tumult, erhobene Arme, Geschrei, Kreischen der
Kellnerinnen, -- dann wurden die eben Angekommenen auf die Straße
geschoben, gefolgt von einem vom Tische des Geohrfeigten, der dessen
Karte dem, der den Schlag geführt hatte, übergab und dafür dessen Karte
erhielt.

»Na, Karlemann, da hättest du dir ja noch vor Torschluß die obligate
Pistolenkiste bestellt,« rief einer von dessen Begleitern, während
dieser die empfangene Karte vor die noch immer undurchsichtigen
Klemmergläser hielt.

»Spar dir die Lektüre zum Frühstück, Jostchen! Wie der Mann heißt, dem
ein Loch in die Hose geschossen werden soll oder muß, ist ohnehin
gänzlich irrelevant,« bemerkte ein anderer.

Karl Jost steckte die Karte in die Westentasche. Die Gesellschaft
entfernte sich unter Gelächter und dem Gesange: 'Kauf dir, mein Freund,
ein Pistolet!'

                     *       *       *       *       *

Als Karl am nächsten Morgen erwachte, gab sein wirrer Kopf zunächst
keine weitere Erinnerung her, als ein wüstes Durcheinander von
unzusammenhängenden Einzelheiten und ein Gefühl, daß irgend etwas
Dummes, ihm im höchsten Grade Fatales passiert sei.

Karl Jost hatte sich bisher, so gut es eben möglich gewesen war, auch
vor dem Zuviel im Trinken gehütet, und so genierte ihn schon der
Gedanke, besinnungslos betrunken gewesen zu sein. 'Franz wird mir eine
nette Pauke halten,' dachte er sich, 'wenn ich's ihm berichte. Aber
schließlich: Der erste Tag der Inaktivität!'

Denn es war der Abschied von den Korpsbrüdern gewesen, den man,
allerdings nicht ganz auf solenne Manier, gefeiert hatte, da Karl, mit
Schluß des Semesters inaktiv geworden, im nächsten Semester eine andere
Universität besuchen wollte.

Franz, der im gleichen Falle war, würde wohl auch entsprechend
gesündigt haben, tröstete er sich. Es war ja bisher fast immer so
gewesen, wenn einer dem anderen was zu beichten gehabt hatte, daß der
Beichtabnehmer an die Absolution selber auch eine Beichte fügen mußte.

Karl stand auf und begrüßte, wie immer, zuerst das Bild seiner Braut,
das drüben auf dem Schreibtische stand. Da fiel ihm ein weißes Kärtchen
in die Augen, das vor der Photographie lag, und sofort trat das
Geschehene in lebhafter Erinnerung vor ihm hin.

Das war ja die Karte des Menschen, den er geohrfeigt hatte!

Was für dumme Geschichten! Wie unwürdig und widerwärtig!

Und dazu die Konsequenzen, wenn der Geschlagene »honorig« dachte, was ja
durch die Auswechselung der Karten wahrscheinlich erschien....

Karl wurde ernst bei diesem Gedanken.

Er hatte durchaus nichts vom Raufbold in seiner Natur und hatte nie
anders als auf Bestimmung mit Angehörigen der anderen Korps gefochten.
Der Gedanke an einen ernsthaften schweren Ehrenhandel war ihm, der jede
Herausforderung sowohl wie jeden Anlaß, herausgefordert zu werden, immer
vermieden hatte, schon an sich zuwider, aber nun gar die sichere
Aussicht auf eine Pistolenmensur mit einem ihm ganz gleichgültigen
Menschen, von dem er nicht einmal wußte, wie er aussah, und gegen den er
sich tätlich vergangen hatte, ohne zu wissen, was er tat....

Karl hätte nicht der gesund empfindende und verständig denkende Mensch
sein müssen, der er war, wenn ihm das ruchlos Widersinnige einer solchen
Notwendigkeit nicht schwer auf die Seele gefallen und als eine absurde
Scheußlichkeit erschienen wäre. Trotzdem suchte er auch nicht eine
Sekunde der Überzeugung auszuweichen, daß, wie nun einmal der Ehrenkodex
in allen Fällen tätlicher Beleidigung bestimmte, nur ein Austrag mit der
Pistole erfolgen konnte. Er wußte, daß der _S. C._, für den Fall, daß
jener andere einer solchen Austragung würde ausweichen wollen, ihn sogar
moralisch dazu zu zwingen versuchen würde. An eine Möglichkeit für ihn,
Karl, die Sache auf vernünftige Weise durch eine Erklärung des
Bedauerns aus der Welt zu schaffen, war gar nicht zu denken, nach dem
unumstößlichen Satze aus der Logik der Ehre: Eine Realavantage kann (und
muß) man zwar immer bedauern, aber niemals zurücknehmen. Und auch der
Umstand der beiderseitigen Betrunkenheit konnte nicht »ziehen«, weil
durch die Auswechselung der Karten ja dokumentiert worden war, daß beide
die Tragweite des Geschehenen erkannt hatten.

Auch jetzt, wie Karl alles dies mit ernstem Bedauern bedachte, galt sein
nächster Gedanke dem Freund: 'Was wird Franz zu dieser heillosen
Geschichte sagen! Und wenn es tausendmal gegen den Komment verstößt: Das
kann ich nicht vor ihm geheimhalten!'

Er trat an den Schreibtisch und ergriff die Visitenkarte. Aber im selben
Augenblicke ließ er sie auch schon wieder fallen und griff sich mit
beiden Händen nach der Stirn. Auf der Karte stand: Franz Zoller, _stud.
med._ ...

»Aber um Gottes willen!« rief er laut aus, »das ist ja doch ...« und
tastete nochmals nach der Karte.

Dann fiel er auf einen Stuhl hin und starrte ins Leere.

Es war ihm unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Er fühlte nur immer
wieder das eine: Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn!

Da klopfte es an die Türe. Er öffnete: Im dunklen Flur stand Franz. Aber
im nächsten Augenblicke war er auch schon im Zimmer und lag dem Freunde
an der Brust.

Zum ersten Male geschah, was nie geschehen war bisher, sie küßten sich.
Dabei rollten Karl die großen Tränen über die Backen.

Franz aber lachte munter und sprach: »Aber Karl! Tränen? Von wegen ein
paar Pistolen?«

Karl riß die Augen auf und rief: »Ja denkst du denn, wir sollen uns
wirklich....?«

»Aber natürlich, Karl! Wir werden uns doch nicht exkludieren lassen und
am letzten Tage unserer großen Komödie aus der Rolle fallen?«

»Ich begreife dich nicht. Die Sache ist, weiß Gott, zu ernst, um Witze
zu machen.«

»Die Witze macht das Schicksal, nicht ich. Das Schicksal will, daß wir
unsere Komödie mit einem Knalleffekt schließen. Also: Knallen wir!«

»Franz, ich bitte dich!«

»Du scheinst mir einen netten Kater zu haben, mein Lieber, daß du
absolut nicht kapierst. Bitte, wozu ist die Natur da, wenn man nicht ein
paar Löcher hineinschießen kann? -- Na, siehst du wohl? -- Wirklich, es
ist das Einfachste und Schmerzloseste. Fordere ich dich nicht, werde ich
exkludiert. Nimmst du nicht an, wirst du exkludiert. Sentimentalitäten
-- gilt nicht. Aber Komödie spielen, das gilt. Wer A sagt, muß B sagen.
Sollen wir diese drei Semester so brav bei der Stange geblieben sein, um
genau im letzten Augenblicke durchzugehen? Unsinn! Wir sind nicht die
ersten, die mit ernsten Mienen die Atmosphäre durchlöchert haben. Die
Pistole ist das harmloseste Instrument von der Welt, wenn man einen
vernünftigen Gebrauch von ihr macht. Ich werde drei Meter hoch über
deine werte Schädeldecke weg ins himmlische Blau zielen, und du wirst
die Blümlein auf der Au mit dem todbringenden Blei lädieren. Vorher aber
bitte ich dich um eine Liebe.«

»Was denn?«

»Bitte, sage zu mir: Du alter, ekliger Prolet du!«

»Jetzt bist aber wirklich verrückt, mein Junge.«

»Ach so, du weißt wahrscheinlich gar nicht, daß ich dich einen Proleten
genannt habe?«

»Mein Gott, das hast du? Gottvoll!«

»Allerdings, das habe ich, und dafür muß ich gezüchtigt werden. Also,
los!«

»Na, ja! Du alter, ekliger Prolet du!«

»So, und jetzt gestatte, daß ich meinerseits, damit wir quitt werden,
dir eine kleine niedliche Ohrfeige verabreiche. Weißt du, nur, um mir
nicht sagen lassen zu müssen, daß mich ein Korpsstudent ungestraft
gemaulschellt hat.«

»Aber natürlich, bitte, bediene dich!«

Und Franz gab dem Freund einen leisen Patsch auf die Wange. Dann lachten
beide recht herzlich und verabschiedeten sich, weil jeden Augenblick
Franzens Korpsbrüder in der wichtigen Mission bei ihm erscheinen
mußten, die ihnen nun der Komment auferlegte.

                     *       *       *       *       *

Schon am nächsten Morgen trafen sich die beiden Parteien in einem
Gehölze nahe der Stadt.

Die Forderung war auf einmaligen Kugelwechsel bei ziemlich weiter
Entfernung gestellt und angenommen worden, und die Sekundanten suchten
die Entfernung durch phantastisch große Schritte beim Abmessen noch zu
vergrößern.

(»Diese ganze Knallaktion geht ja nur vor sich, damit das Kind einen
Namen hat,« meinte Franzens Sekundant, um zu kennzeichnen, daß die Sache
nicht gerade um Tod und Leben ging.)

Immerhin merkte man allen Beteiligten eine gewisse Aufregung an.

(»Kurios,« meinte Karls Sekundant, »was so ein paar glatte Pistolenläufe
für eine Suggestion ausüben. So eine Pistolenchose macht sich doch immer
recht dekorativ.«)

Als die Gegner einander gegenübertraten und sich nach der Sitte mit
einer Neigung des Kopfes begrüßten, hätte ein genauer Beobachter
bemerken können, was für ein seltsames Leuchten in ihren Augen war.

Dieses Leuchten sprach einen ganzen Satz aus: »Du alter lieber Kerl
drüben, gelt, du fühlst wie ich, daß wir diese Komödie nicht um ihrer
selbst und aus einer frivolen Lust spielen, sondern, weil es uns nun
einmal von einem wunderlichen Schicksal bestimmt ist, einen Mummenschanz
zu treiben, damit ein paar gute alte Leute ihr Vergnügen haben. Dies
aber, gottlob! ist die letzte Szene der Komödie.«

                     *       *       *       *       *

Das Kommando fiel. Wie aus =einer= Pistole geschossen krachten
gleichzeitig zwei Schüsse.

Da, ... heiliger Himmel, ... was ist das?...

Karl sinkt in die Kniee, greift sich mit beiden Händen an den Leib und:
»Karl! Karl!« schreit Franz und stürzt hinüber, dicht neben ihn hin,
verzweifelten Antlitzes totenbleich dem Freunde in die Augen sehend, die
mit einem fürchterlichen Ausdrucke von Schmerz hin und her irren und
sich plötzlich verschleiern.

»Karl! Karl! Ich .... um Gottes willen .... was ist denn?.... Doktor,
Doktor!«

Karl, hinten vom Doktor gestützt, läßt den Kopf sinken.

»Tot? Tot?« Franz schreit, brüllt, ächzt es. Sein Sekundant, in einem
blöden Nichtbegreifen, will ihm zureden, ihn wegziehen.

Er stößt mit beiden Fäusten nach ihm und starrt nur immer in das
entseelte Auge des Freundes.

Wie aus einer unendlichen Ferne hört er, in einem seltsam höhnischen
Tonfall, so scheint es ihm, die Worte des Arztes: »Scheußlich! Die Kugel
muß von einem Stein abgeprallt sein; sie ist von unten, offenbar ganz
deformiert, in den Leib gedrungen; eine greuliche Fetzwunde. Hier ist
alles vorbei.«

Franz sinkt bewußtlos neben dem Freunde hin.

                     *       *       *       *       *

Die Burschenschaften und die Korps geleiteten zwei Tage später in einem
Zug vereint die Leichen der beiden Freunde zu Grabe.

Franz hatte sich noch am Abend des Duelltags erschossen.

                     *       *       *       *       *

Die beiden Alten nahmen ihre Verbindungsbänder von der Wand weg. Auch in
ihren Herzen waren fortan nicht mehr die Farben schwarz-rot-gold und
grün-weiß-rot. Aber sie schlossen sich noch enger aneinander, denn einem
jeden von ihnen war zumute, als könne er keinen Weg mehr ohne Stütze
gehen.

Und die armen Frauen....

Die Geschichte ist zu Ende.

                     *       *       *       *       *



Von $Otto Julius Bierbaum$ sind u. a. früher erschienen:


                                 $Romane.$

            $Pankrazius Graunzer.$ 6. Aufl.
            $Stilpe.$ 5. Aufl.
            $Die Schlangendame.$ 4. Aufl.
            $Das schöne Mädchen von Pao.$ 3. Aufl.


                                $Novellen.$

            $Studentenbeichten.$ _I._ Reihe. 5. Aufl.
            $Studentenbeichten.$ _II._ Reihe. 4. Aufl.
            $Kaktus und andere Künstlergeschichten.$ 2. Aufl.
            $Annemargreth und die drei Junggesellen.$ 2. Aufl.
            $Die Haare der heiligen Frigilla.$ 1.-3. Tausend.


                                $Gedichte.$

            $Irrgarten der Liebe.$ 26.-31. Tausend.
            $Das seidene Buch.$ 2. Aufl.


                              $Dramatisches.$

            $Lobetanz.$
            $Gugeline.$
            $Pan im Busch.$
            $Stella und Antonie.$
            $Zwei Münchner Faschingsspiele.$
            $Die vernarrte Prinzeß.$


                               $Sonstiges.$

            $Eine empfindsame Reise im Automobil.$
            $Franz Stuck.$
            $Hans Thoma.$

                     *       *       *       *       *


                            Hans von Kahlenberg

                                  Nixchen

     Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter. 50.-60. Tausend.

                          M. 1.50, geb. M. 2.50.

                 Dieses Buch ist in Deutschland verboten.

»$Der Tag$«: Gegen Hans von Kahlenberg schwebt ein Untersuchungsverfahren.
Grund: Eine in mehreren Auflagen erschienene Novelle »Nixchen«.

Nixchen ist die Tochter eines preußischen Geheimrates; »Beamter vom
alten Schlag, -- Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle.« Sie wohnen im
Berliner Westen; Geld ist knapp; Gesellschaften müssen sein; die Mädel
heiraten, wen sie kriegen; die eine einen Offizier; die andere einen mit
Draht; Nixchen, ehe sie den wohlhabenden Achim von Wustrow nimmt, einen
schwerfälligen Gutsbesitzer, erlustigt sich durch häufige Besuche bei
einem fesselnden Mann mit Glatze, der unterkittige Geschichten schreibt.
Sie gibt ihm .... _tout, excepte ça_ (wie die Formel in Frankreich heißt).
Und das wird beschrieben. Nixchen ist die ärgste nicht; denn ihre
Freundin Daisy Grimme ist weit ärger. Nixchens andere Freundin ist »die
Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges
Plaudertäschchen«. Also: Ein deutsches Seitenstück zu den _Demi-Vierges_
des welschen Windhundes Prevost. Das Ganze -- vielleicht nichts zum
Fortleben für die Literaturgeschichte; aber sehr unterhaltende
Sittenstudie. Mit großer Verve geschrieben, voller Leben. Und eine Masse
Ehrlichkeit drin, -- neben dem dicken Raffinement der etwas fatalen
Technik. Zwei Freunde schreiben einander Briefe, der Gutsbesitzer und
jener kahlköpfige Herbert; der eine schreibt: ich liebe einen Engel;
gleichzeitig der andere: ich habe zufällig gestern eine Bekanntschaft
gemacht; die Bekanntschaft ist natürlich der Engel. Und so Schritt vor
Schritt weiter, in grobem Parallelismus.... Aber es soll meine Tugend
sein, das lebendige Buch nicht übergenau zu rezensieren. Denn es handelt
sich nicht darum, ob sich künstlerische Einwände erheben lassen. Sondern
darum: Ob das Ganze als Kunstwerk zu betrachten ist (nicht als Machwerk
zur Verbreitung von Unzüchtigem). Die Antwort ist ein zweifelloses Ja.
Damit muß die Entscheidung des Prozesses gegeben sein. Kommt er
zustande, dann ist der Verfasserin (nach dieser sechsten Auflage) die
fünfundzwanzigste verbürgt. Sie hat Glück, daß sie -- schon vorher
gelesen -- nun eintritt in die Reihe der vordersten Bekanntheiten
unserer Literatur. Dem beamteten untersuchenden Cato hinwiederum sei
gesagt: Solche Prozesse haben bekanntlich stets einen Mißerfolg für den
Staat oder den Anwalt des Staates, der sie macht. Man kann zuletzt doch
nicht die deutsche Übertragung der Rousseauschen Bekenntnisse verbieten,
auch nicht den Dekamerone, und die Lucinde ist für zwanzig Pfennige zu
haben. Keine Darstellung aber mit Kunstmitteln kann so verführend wirken
wie Dinge, die jeder jeden Tag sehen kann. Mein Lieblingsargument ist
das blonde Mädel mit wehendem Haar, das über die Straße rennt, die Röcke
zusammenrafft. Der Staat müßte solche blonde junge Mädel verbieten, die
zum Bäcker laufen. Eher hören Regungen und Empfindungen nicht auf, die
schon unsere gottverdammten Väter gehabt, -- da sie unsere Väter geworden
sind. Schwieriger Fall! Wenn der Gerichtshof diesmal verdonnert, so wird
Norddeutschlands oberste Klasse, die vor »Nixchen« geschützt werden
sollte, doch wieder in der Verfasserin getroffen, -- als welche nicht
die Tochter eines Feldwebels ist, sondern eines lebenden preußischen
Oberstleutnants.

                                                          =Alfred Kerr=.

                     *       *       *       *       *


                             Arthur Schnitzler

                                  Reigen

         Zehn Dialoge. -- 20.-25. Tausend. M. 3.50, geb. M. 5.--.

»$Münchner Neueste Nachrichten$«: »Es ist das Buch der Saison, das
Schnitzler geschrieben hat. Es ist ein scharmantes Werk, voll Anmut und
Grazie.... Das scheint schon ein gewichtiges Lob und doch erklärt es
noch nicht, warum diesen zehn Dialogen ein Massenerfolg beschieden war.
»Reigen« ist ein gewagtes, ein »frivoles« Buch und sein Erfolg ist ein
Pikanterie-Erfolg. Damit soll beileibe nicht der Dichter getadelt
werden, sondern das Publikum. Die künstlerischen Qualitäten der
Gespräche haben mit dem Aufsehen, das sie erregen, nichts zu tun. Daß
sich hinter den erotischen Ereignissen dieser Szenen eine beinahe
überfeinerte Psychologie und eine vornehme lächelnde Menschenverachtung
bergen, merkt auch die in der Kunst stets am Stoffe klebende Menge
nicht. Wie wären sonst die zahlreichen Entrüstungen eifriger Moralisten
zu erklären, die es wagten, den Dichter als skandalsüchtigen
Zotenreißer hinzustellen! Es sei ohneweiters den nach Polizei
schreienden Tugendwächtern zugegeben, daß die Kühnheit der Dialoge
etwas Herausforderndes hat. Es sind zehn kleine Komödien des
Geschlechtstriebes, in deren Höhepunkten der Dichter stets zu schweigen
und die Interpunktion zu reden beginnt. Dirne und Soldat, Soldat und
Stubenmädchen, Stubenmädchen und der junge Herr, der junge Herr und die
junge Frau, die junge Frau und der Ehegatte, der Ehegatte und das süße
Mädel, das süße Mädel und der Dichter, der Dichter und die
Schauspielerin, die Schauspielerin und der Graf bilden einen Reigen, der
sich mit der Vereinigung des Grafen und der Dirne schließt. Die Vorhänge
der verschwiegensten Alkoven öffnen sich, und die geheimsten Geheimnisse
dürfen wir hören. Die Liebe in ihrer konkretesten Form ist das einzige,
zehnmal variierte Thema des Buches und trotz der außerordentlichen
Wahrhaftigkeit des Tones, in dem die Gespräche gehalten sind, fällt kaum
ein unzartes Wort. Vielleicht noch nie sind die femininen Listen
sicherer beobachtet und diskreter nachgezeichnet worden. Ein Chirurg der
Seele zeigt uns ihre verborgensten Verrichtungen und dringt hier in
Gebiete, die bisher der Kunst _terra incognita_ waren.«

                     *       *       *       *       *


                             Raoul Auernheimer

                      Rosen, die wir nicht erreichen

                           Ein Geschichtenband.

                    2. Auflage. M. 2.--, geb. M. 3.--.

»$Hamburger Fremdenblatt$«: Der »Wiener Verlag«, der uns bereits die
Kenntnis einer Anzahl wirklich guter und origineller Bücher vermittelt
hat, läßt mit seinen »Rosen, die wir nicht erreichen«, abermals ein
gediegenes Werk in die Öffentlichkeit hinausgehen. Der Erzähler dieser
kurzen Geschichten aus dem Leben erfreut sich einer Frische und
Selbständigkeit der Anschauung und dabei eines Stiles von so
bestrickendem Reiz, daß man den Autor ohneweiters in die erste Reihe der
modernen Erzähler zu stellen hat.

»$Berliner Nationalzeitung$«: (Welt am Montag.) Wer Raoul Auernheimer, der
jedem auf literarischem Gebiet Versierten wohl schon begegnet ist, noch
nicht kennt, der sollte diesen Geschichtenband zum Vermittler einer
zweifellos sehr genußreichen Bekanntschaft machen. Auernheimers
Geschichten werden alle ohne Ausnahme von einem feinen Humor und einer
noch feineren Satire getragen. Der Dichter schaut von hoher Warte auf
Welt und Menschen herab......

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                             Raoul Auernheimer

                                Lebemänner

                Novelle. 2. Auflage. M. 1.--, geb. M. 2.--.

»$Neues Wiener Tagblatt$«: Eine feine Studie aus dem Alltags- und
Liebesleben, deren Held Konrad Spreckelmayer heißt, seines Zeichens
Doktor ist und aus der altertümlichen Stadt Prag stammt. Das letztere
ist nicht unwichtig. Um in Wien den erotischen Entwicklungsgang zu
nehmen, der Spreckelmayer beschieden ist, muß man aus Prag kommen -- das
können manche bestätigen.

Und der Sprosse der wackeren Moldaustadt kommt nach Wien, aus einer Art
Bibelluft nach der Babel-Atmosphäre, und hier wird er auf dem
allergewöhnlichsten Wege ein »Lebemann«! Ihn und seine Kameraden
zeichnet nun Auernheimer in ebenso scharfer wie delikater Weise, mit
etwas Ironie, aber ohne Forcierung, ohne zolaistische Düsterheit, ohne
Schwermutsfrivolität, ohne bacchantische Hypertrophie. Das wirkt sehr
sympathisch an diesem Buche und wieder einmal haben wir -- wir wollen es
dreimal und öfter betonen -- Gelegenheit davon zu sprechen, daß das
junge, frische Wien (wenige Ausnahmen abgerechnet) viel dezenter ist als
das junge, greisenhafte Berlin. Da haben wir einen eleganten Satiriker
vor uns, der sich das Rückertsche Diktum stets vor Augen hält: »Ich
lehre dich, mein Sohn, nie über das, was über Maß das ist; denn überall
von Übel ist das Über!« Und solch eine Eigenschaft kann bei einem jungen
Autor nicht genug gerühmt werden!

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                               Felix Salten

                    Die Gedenktafel der Prinzessin Anna

                           Novelle. 3. Auflage.

                          M. 1.--, geb. M. 2.--.

Hofrat =Dr. Max Burckhardt= schreibt in der »$Zeit$«: Die soeben im Wiener
Verlag erschienene Novelle Saltens ist von einer ganz ungewöhnlichen
Frechheit. Sie ist aber nicht nur frech, sie ist auch gut, die Frechheit
sinkt nicht herab zur lüsternen Zote, sie erhebt sich zu blutiger
Ironie. Parabasco, Herzog von Riavenna, betritt, da er nächtlicherweile
eben selbst von einem Liebesabenteuer kommt, seine Schwester Anna, wie
sie heimlich aus einem Pförtchen des Palazzo Gembi huscht. Da er sich
überzeugen muß, daß der junge Gembi sein zartes Geheimnis nicht für sich
allein behalten hat, entschließt er sich resolut, allem geheimen
Gezischel und Getriebe dadurch vorzubauen, daß er eine Gedenktafel am
Palazzo Gembi anbringen läßt, auf der mit dürren Worten der
Öffentlichkeit mitgeteilt wird, was Prinzessin Anna in diesem Hause
erlebt hat. Welche Folgen diese Tat des Herzogs hat, wie insbesondere
das gute Volk die Prinzessin als Wohltäterin von Riavenna im Triumphzug
durch die Stadt führt und ihr angesichts der Gedenktafel eine
begeisterte Huldigung darbringt, und wie zum Schluß der Herzog an sich
selbst erfährt, welche Nutzanwendungen ein einfaches Mädchen aus dem
erhabenen Beispiele der verehrten Fürstin zieht -- das möge jeder in dem
Büchlein lesen. Es könnte in der besten Zeit der Renaissance geschrieben
sein.

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[Illustration: BIBLIOTHEK MODERNER DEUTSCHER AUTOREN]

   1. Bd.: $Arthur Schnitzler.$ Die griechische Tänzerin.
   2. Bd.: $Hugo von Hofmannsthal.$ Das Märchen der 672. Nacht.
   3. Bd.: $Georg Hirschfeld.$ Erlebnis.
   4. Bd.: $Otto Ernst.$ Die Kunstreise nach Hümpeldorf.
   5. Bd.: $Felix Salten.$ Der Schrei der Liebe.
   6. Bd.: $Otto Julius Bierbaum.$ Das höllische Automobil.
   7. Bd.: $Johannes Schlaf.$ Die Nonne.
   8. Bd.: $Anton v. Perfall.$ Er lebt von seiner Frau.
   9. Bd.: $Siegfried Trebitsch.$ Das verkaufte Lächeln.
  10. Bd.: $Hans von Kahlenberg.$ Jungfrau Marie.

                 Preis jedes Bandes M. 1.--, geb. M. 2.--.

                  Durch alle Buchhandlungen zu beziehen.

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Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), fett gedruckter
Text mit Dollarzeichen ($Text$) und Text in Antiqua mit Unterstrichen
(_Text_) markiert.

Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

  Kapitel Lebenslauf: zu Grüneberg -> Grünberg
  Kapitel Lebenslauf: befriedigen könnte -> konnte
  S. 22: der Stadt Knödelmkraut -> Knödelimkraut
  S. 24: bist du ja veil -> viel
  S. 32: Du, Bartl -> Bartel
  S. 32: sagte Bartl -> Bartel
  S. 35: »Also schön, -> schön,«
  S. 35: dorthin führst? -> dorthin führst?«
  S. 52: Ihn kreuzweise -> 'Ihn kreuzweise
  S. 52: zu fesseln, -> zu fesseln,'
  S. 52: wird nicht -> 'wird nicht
  S. 53: ich .. -> ich ...
  S. 69: Stil versag -> versagt
  S. 101: Weihnachts-Bowle -> Weihnachtsbowle
  S. 148: Sekunde der Uberzeugung -> Überzeugung
  S. 153: dekorativ.«). -> dekorativ.«)
  S. 155: und starrt unr -> nur
  S. 157: Zwei münchner -> Münchner
  S. 163: Gembi huscht -> huscht.
  Anhang S. 3:  in grobem Parallelismus... -> Parallelismus....





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