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Title: Wallenstein. II. (of 2)
Author: Döblin, Alfred, 1878-1957
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Wallenstein. II. (of 2)" ***

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                             Wallenstein


                                Roman
                                 von
                            Alfred Döblin


                             Zweiter Band



                                1920
                       S. Fischer/Verlag/Berlin



                       Erste bis dritte Auflage
        Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung
                   Copyright 1920 S. Fischer Verlag



Viertes Buch
Kollegialtag zu Regensburg


Durch die beiden Kristallfenster der schönen und reichen Kapelle zu München
in der Residenz schien die rote Wintersonne. Das schmale Gewölbe, weißer
polierter Gips, nahm purpurne Flecken und Linien an, als würde es
angehaucht. Über dem Pflaster von Jaspis und Achat auf Kniestühlen der
bayrische Hof, spanische Kostüme, gesenkte Schultern, niedergedrückte
Köpfe, grauhaarig, weiße Perücken, dunkle gezügelte Locken. Auf der Kanzel
zur Linken des großen Silberaltars mit den Reliquien und dem reitenden
Ritter Georg -- golden, drei Federbüsche am Helm mit Diamanten, Rubinen,
Smaragden -- sprach in schwarzem geschlossenen Jesuitenrock ein langer
glutäugiger Priester; seine Arme fuhren, ohne daß sie es sahen, über sie
weg in der drohenden Erregung:

»Es ist eher erlaubt, Gott zu hassen als zu lieben. Denn Gott steht uns zu
fern, zu hoch; es ist eine Sünde, sich ihm zu nahen, selbst in Gedanken. Zu
wagen, ihn zu lieben, wie dieses und jenes aus dem Alltag, ihn behängen mit
Putz Juwelen und Gold, ihm zarte Gefühle darzubringen: das heißt, ihn
erniedrigen. Es ist das Vergehen einer Beleidigung der Göttlichkeit.
Kriechen vor ihm, ihm ausweichen, ja ihm grollen: das mag einem Menschen
gut anstehen. Ihr habt schon Gott verleugnet in dem Augenblick, wo ihr ihn
nicht fürchtet. Er hat euch keine Freundlichkeit gegen sich erlaubt, ist
nicht euer Vater, eure Mutter, euer Buhle, euer Herzensbruder. Er ist nicht
einmal euer König und Fürst, er lehnt es ab, euer Richter zu sein; sein
Gericht ist euch nicht zugänglich; er vollzieht es, wann er will und gegen
wen er will. Es läßt sich nicht fassen und erforschen, wer er ist, und
darum heißt es nur, Grauen vor ihm empfinden -- und so habt ihr getan, was
Menschenpflicht ist.

Wehe denen, die glauben, Gott sei unser Vater; es ist fast kein weiterer
Schritt nötig, um Ketzerei zu üben. Es heißt: ihr sollt den Sonntag
heiligen, um Gottes willen; und Gott selber wollt ihr nicht heiligen?
Vergeßt nicht, wer ihr seid, von wo ihr stammt. Wißt ihr, wie die Erbsünde
euer Leben eingeleitet hat? Kennt ihr alle Laster, mit denen ihr euch seit
jenem Tage schleppt -- Glückstag oder Unglückstag? Seht die Niedrigkeit der
Menschen, die Erbärmlichkeit ihrer Begierden -- und ihr Gotteskinder! Seht
euren Tag an, gefüllt mit Arbeit, Sättigen des Leibes, mit hundertfachem
Verdruß, hundertfachem Vergnügen, hingeweht das Ganze, von nicht mehr
Gewicht als ein Farbenantlitz. Prozesse im Land, Mißgunst, Drang nach
Reichtum, Vorrang, Aufsässigkeit der Untertanen, das ist euer Leben, wenn
ihr erwachsen und alt seid. Bald mehr, bald weniger Spaß, Spiel, Männer,
Weiber, Weine, Biere, Tourniere, Hirsche, Eber, Musik, Bilder, Schlaf,
Stumpfheit, Behaglichkeit, Bitterkeit -- um nichts und ein bißchen.
Trübsinn und Greinen, wenn ihr gichtisch werdet und krumm, mit leeren
Kiefern hinter dem Ofen hockt und nur Brei schlucken könnt, Hüftweh,
Stuhlbeschwerden, Harndrang, Magenkrämpfe, dann Schlaf und Schlaflosigkeit.
Das ist das Leben von Kindern Gottes. Ihr schämt euch, ich fühl' es mit
euch allen; man braucht dies alles nur fassen, sich erinnern, vor Augen
halten. Ja, Besinnung, Erinnerung! Ruhe der Seele, Erlöschen der Begierden!
Nur ihn wissen, den Gott, das Recht haben, seinen Namen zu kennen, von
seinem Dasein zu hören: das ist genug und genug für uns. Das Recht haben,
Gott fürchten zu dürfen: seht, ich sprech' es aus.

Und ihr fühlt, daß ich die Wahrheit sage. Die Wahrheit ist mit mir. Wir
wiegen uns nicht in Gefühlen und Träumereien einer Magd. Uns ist das Leben
zu ernst; es ist uns gegenwärtig, wir kennen es, haben es erlitten, wissen,
was uns erwartet, heute, morgen. Es wird uns kein Engel begegnen, keine
Verheißung wird uns ausgesprochen. Lassen wir die Spiele den Kindern, den
lieben, und den Toren, den lieben.

Morgen wird die Glocke läuten, dann wird die Frühmesse sein, die Knechte
werden in die Höfe stampfen, die Vögte werden hoch auf den Pferden sitzen
mit Federhüten und Peitschen. Morgen früh wird die Glocke läuten: wir
werden uns im Halbschlaf auf den Rücken legen, dann auffahren, unser Gebet
verrichten; und das Geschrei der Kinder nach Milch und Pflege gellt in
unsre Ohren. Wir schlucken unsre Frühsuppe, sie kann dünn und kalt sein,
wir müssen die Gewölbe durchsehen, wo unsre Schätze und Waren stehen, die
Kisten zuschlagen, bald werden die Fuhrwerke über die Brücken knarren; es
muß alles verfrachtet und versiegelt sein; wir werden schimpfen mit den
Knechten, man wird uns am Fuhrlohn betrügen, wir werden uns wehren; die
Bauern schlurren herein.

Wenn morgen die Glocke läutet, hat eine Mutter ihr Kind geboren und freut
sich, ihr Mann freut sich und die Geschwister sehen sich das armselige Wurm
an. Und an vielen Orten hat sich in dieser Nacht eines verändert, eines ist
verhungert und erfroren am Brunnen, vor einer Stalltür, eines erschlagen
von Räubern, eines vom Fieber weggerafft, eines alt, siech, todesbedürftig
in der Kammer ausgelöscht. Unser Leben, unser Leben! Wie könnte man stolz
sein! Wie wagt es einer, stolz zu sein und den Namen Mensch mit Prahlerei
im Mund zu führen -- es sei denn, er bilde sich etwas ein, auf die Kraft
seiner Muskeln, die List seiner Gedanken, die Wildheit seiner Begierden!
Und welches Tier wäre ihm nicht da überlegen.

Unser Leben, unser Leben! Gestorben sind wir tausendmal, wenn wir erkannt
haben, wer wir sind, aus Stolz; und erhoben hat uns nicht der Kaiserhut,
der Kurfürstenhut, der auf unserm Haupt liegt, nicht die Bischofsmütze, die
Tonnen Gold, sondern das Grausen, das Entsetzen. Nicht besinnen können: nur
das tröstet uns. Die Vergessenheit, der Rausch trägt uns betrügerisch über
die Abgründe. Wofern wir sehen, rettet uns von Tod und Vernichtung nur die
Furcht.

Brecht, meine Knie! Mein Herz, laß deine Säulen zerfallen! Dach über mir,
zerschmettere mich! Kommt angefahren, hundert Rohre, hundert Kartaunen, auf
mich gerichtet, hier mein Herz, meine Augen. Ich bin gefroren. Ich kann
doch noch immer lachen über euch. In die Luft verpafft ihr euer Eisen und
Marmelstein. Ich kann beten, kann zittern!«

Der kranke alte Herzog Wilhelm war über seinen Stuhl nach vorn gefallen,
sein weißes Gesicht baumelte, sein Stuhl schwankte seitlich. Der Kurfürst
griff mit harter Miene nach links gegen ihn.

                   *       *       *       *       *

Wie der Pater die neue Feste herunterkam und unweit der Kunstkammer an den
weiten Stallungen vorüberging, berührte ein unbewaffneter Mann in der
Dämmerung seinen Ärmel und sprach ihn, als er sich umwandte und
stehenblieb, an, indem er ihn bat, scheublickend, er möchte nicht mit ihm
hier stehenbleiben vor den Augen der Passanten und fürstlichen Wächter.
Rasch bogen sie in eine Seitengasse. »Ihr seid der Pater, der in der
Frauenkirche gepredigt hat; ich habe Euch zugehört. Ich bin Tillyscher
Soldat, möchte Euch sprechen.« »Was wollt Ihr,« fragte der sehr rührige
Jesuit. Heiser, während er ihn aus samtenen Augen verzehrend ansah, bat der
untersetzte bärtige Mann, der von der rechten Stirn herunter bis an den
Mundwinkel eine blutrünstige Narbe trug, er möchte den Pater in einem
geschlossenen Raum, wo er wolle, sprechen über Dinge, die ihm am Herzen
liegen; er schwöre, keine Waffen zu haben, nichts Feindliches im Sinn zu
haben; er brauche Hilfe. Sie gingen auf Umwegen am Jesuitenkolleg vorbei,
stiegen von der Rückwand die Treppe des weiten Konventhauses hinauf. In der
dunklen Zelle steckte der Geistliche eine Kerze am Türpfosten an; es war
ein schmaler hoher Raum, völlig kahl; über einer Bücherreihe an einer
Längswand hing das Bild des heiligen Franziskus in der Wildnis. Der Fremde
setzte sich unter die Kerze, gab nach langem Zudringen des Paters Auskunft.
Er sei von protestantischen Eltern im Österreichischen geboren, vor Jahren
von einer Kommission bekehrt; seine Eltern seien verschollen oder getötet
bei den Aufständen; und dann kam er nicht weiter, irrte mit den Blicken
immer wieder zu dem großen Gemälde. Was dies Bild bedeute, wollte er dann
wissen. Der Pater gab ihm Antwort. Dann stieß der Fremde rasch und
hintereinander hervor: er käme -- ihm sei prophezeit worden, er werde in
diesem Jahr im Krieg umkommen in der Lombardei; er wolle ein Amulett, hätte
kein Zutrauen zu einem andern, sei verzweifelt, verzweifelt. Und dabei
knirschte der bärtige Mann mit den Zähnen, die Tränen standen ihm in den
Augen, er schluckte, schluchzte, blickte den Priester erbärmlich an.
Vorsichtig ein Lächeln unterdrückend, fragte der Priester, ob jener ihm
wirklich zugehört habe. »Ihr habt ein Amulett,« bettelte dumpf der andere,
immer den Franziskus anblickend, »Ihr wißt alles, ich habe Euch zugehört,
gebt mir eins. Denkt an einen andern.«

»Mein Lieber, wenn Euch bestimmt ist, wie Ihr sagt, zu sterben, so wird
Euch mein Amulett nichts helfen.«

»Ich will nicht sterben, Ehrwürden. Mein Vater und Mutter sind schon tot um
nichts. Ich hab' nichts verbrochen. Nur Kummer und Plag' hab' ich gehabt,
und jetzt soll ich sterben.«

»Lieber, Ihr müßt Euch das mit dem Zaubermittel aus dem Kopf schlagen. Das
ist verruchtes Soldatenwerk. Seid fromm, betet.«

Erwartungsvoll blickte ihn der gehetzte Mann unter der Kerze an: »Wird mir
Gott helfen?«

»Betet.«

»Aber wird er mir helfen?«

»Ihr habt nichts zu fordern.«

»Wozu soll ich beten, wenn es nicht hilft. Gebt mir ein Amulett.«

»Mann, geht Eurer Wege. Ich habe mit Euch nichts zu schaffen.«

Der Pater stand ruhig auf. Der Mann, die Fäuste ballend: »Ich bin doch kein
Narr und Lump, daß Ihr mich so wegschickt und mit Worten abspeist.«

»Ihr seid ein Narr. Und das ist noch wenig gesagt.«

Der Soldat zitterte an der Tür, hinter seinem Stuhle stehend: »Weil ich
nicht beten will? Es wollen andre auch nicht beten. Und mit ihnen springt
man nicht so um wie mit mir; sie brauchen nicht zu sterben.«

»Wer will aus deiner verruchten Gesellschaft nicht beten?«

»Wer? Das fragt Ihr noch? Eure eignen Schüler, die habt Ihr so weit
gebracht. Gewiß. Mein Herzensbruder war Novize bei Euch, hat mir geraten,
in Eure Andacht zu gehen. Ich hab's nicht bereut, hab' wohl gemerkt, daß
Ihr alles recht wißt und hab' Euch in allem recht gegeben. Und so speist
Ihr mich ab.«

Der Pater trat an den weinenden Mann, der sich den lumpigen Filzhut vor die
Augen hielt: »Wer hat Euch in meine Andacht geschickt?«

»Wer? Wer?« äffte der andere widerspenstig und grimmig nach; stülpte sich
nach kurzem Anstieren des Priesters den Hut auf, sprang mit zwei Sätzen auf
das Bild des Franziskus, riß es am Rahmen herunter, raste, den starr
stehenden Priester mit dem Bild wider die Brust stoßend, durch die
aufgerissene Tür davon; die Kerze schlug er im Vorüberfahren mit dem Holz
herunter, so daß er Finsternis hinterließ.

Nach einer Woche wurde dem Pater beim Betreten des Hauses vom Bruder
Pförtner gemeldet, daß ein junger Mann ihn vor seiner Zelle erwarte. Der
Pater konnte den zum Schutz begleitenden Pförtner gleich zurückschicken;
den jungen Menschen, der da stand, erkannte er sofort. Erst als sie in die
Zelle traten, bemerkte er, daß der gebräunte feingesichtige Mensch ein Bild
am Boden herzog. Der Pater blickte ihn starr an: »Du warst das?« »Ich habe
ihn nicht geschickt, Pater; er lief immer mit mir, er ist ein hilfloses
Geschöpf. Das Bild hab' ich ihm mit List abringen müssen. Hier habt Ihr's
wieder.«

»Ich danke dir. Hast du ein Anliegen? Stell' es nur an die Wand.«

»Ich muß nicht sterben wie mein ängstlicher Freund, aber Ihr seht: ich bin
hier.«

»Hast du ein Anliegen?«

»Ich will Euch nicht um ein Amulett bitten; kann ich Euch sprechen?«

Der Priester setzte sich an das Fenster, wo für Vögel Krumen gestreut
waren: »Eure Eltern haben sehr gejammert um Euch.«

Der andere vor dem Bücherpult lächelte streng: »Ich habe mir einen wahrhaft
geistlichen Beruf erwählt, sagt das, bitte, ihnen; ich bin Soldat geworden,
jetzt unter der dritten Fahne. Ich muß wie die Engel und Teufel um meine
Seele kämpfen; wer nicht stark ist, geht dabei unter.«

»Du dienst unter Tilly?«

»Fragt nicht nach mir, Pater. Was tut mir not, Pater?«

»Sprich dich aus, mein Sohn.«

»Ich hab' ein Dutzend schwere Bataillen mitgefochten, gefangen war ich, bin
entwischt. Ich hab' jahrelang mein Leben geführt, seit ich Euch
durchbrannte, wie's mir gut tat. Als mein Regiment Pikeniere aufgelöst
wurde, hab' ich gebettelt, gearbeitet, kein gut getan; und wie ich
unversehens hierher kam und Euch hörte, seht, Pater: da ist keiner gewesen
unter allen, die da saßen, der so gelechzt hätte nach Euren Worten wie ich.
Ihr müßt mir mehr sagen. Ich -- brauch es.«

Bitter sagte der Priester: »Ihr hättet nicht nötig gehabt zu lechzen. Aber
du bist ein junges Blut und bist gewiß, daß man dir verzeiht.«

»Sprecht mir von Gott.«

»Schlage du Menschen tot, Dänen, Schweden, und frage nicht nach Gott.«

»Wie steht es mit Gott? Als ich bei Euch lernte, aus Thomas und Aristoteles
las, habe ich ganz vergessen zu beachten, was sie sagten; ich nahm es ohne
Gedanken an. Jetzt brauch' ich es; wie steht es mit ihm?«

»Du hast doch Angst, mein Lieber.«

»Wie muß ich von ihm denken, wenn ich lebe, und meinetwegen, wenn ich
sterbe.«

Der Priester kauerte sich am Fenster, vor dem die Vögel sprangen, über
seinem Schoß zusammen: »Das einzige, was not tut, ist, den Hochmut brechen.
Du kannst nicht mehr tun, als Gott aus deinem Herzen reißen. Merk dir dies!
Nimm dies auf den Weg. Ja, Gott aus deinem Herzen reißen. Vor dem
ungeheuren ewigen Wesen hat jeder dumpfe freche Gedanke in dir zu
verstummen; jedes Auge erblindet. Es ist noch zu wenig, wenn geschrieben
steht: ihr sollt seinen Namen nicht mißbrauchen. Laß ihn mit deinem Sterben
zufrieden. Sein Name, dir sage ich es, soll aus Dir ausgerottet werden. Er
soll nichts sein als der Warnungspfeiler vor einem grauenvollen Abgrund:
»Bis hierher!« Der gähnende Abgrund! Die Menschen, weder lebend noch tot,
haben teil an ihm. Nichts ist uns von ihm gegeben. Wehe denen, die seiner
nur gedenken. Du tust ja recht, mein Lieber, hast nicht nötig, mich zu
fragen: tu, was dir beliebt, morde, raube, geh in die Kirche, schenke
Almosen, liebe, verheirate dich -- es ist ihm, ihm nicht dran gelegen. Wen
schert das etwas! Die Menschlein! Ich bin nicht sein Anwalt. Aber sei
gewiß: Gott lebt. Nur nicht unser.«

Der andre stemmte gebückt die Ellbogen auf die Knie, stützte das Kinn in
die Hände: »Nicht seiner gedenken! Wer aber hat uns dies denn in das Herz
gelegt? Wer dies getan hat, war ein Verbrecher am Menschen. Wenn -- Ihr
recht habt, Pater.«

Still stand der Priester auf: »Ich habe gesprochen, Vincenz.«

»Das hilft mir nicht, Pater, was Ihr mir sagt. Als ich bei Euch lernte,
hätte es mir vielleicht genügt. Jetzt brauch' ich etwas andres.«

»Nimm den heiligen Franziskus, wie dein Herzbruder.«

»Ihr schiebt mich nicht so leicht ab; ich denke doch, Ihr spottet nicht
über mich. Wozu braucht Ihr Heilige und den Heiland?«

»Der Heiland sagt aus, wie wir leben sollen.«

»Herr, wie kam der Heiland zu Gottes Wort?«

Der Priester, abgewandt, schwieg lange: »Wir sind Christen. Wir beten zu
Christus.«

»Ich weiß nicht, wovon Ihr redet.«

Das starre strenge Gesicht drehte der Priester ihm zu: »Da ist nichts
unklar. -- Der Hochmut ist zu brechen in den Menschen. Der Gott, den du in
dir hast, ist der letzte Rest des Heidentums. >Gott< sagt der Heide; es ist
gleichgültig, ob ein Gott oder mehrere Götter. Man hat euch so lange Ruhe
damit gelassen. Es ist Zeit.«

Er beobachtete finster den Soldaten: »Nicht wahr, du willst Heide werden?«

Unruhig, gequält, drohend gab der zurück: »Ich weiß nicht.«

»Was weißt du nicht?«

»Ob Ihr Christ seid.«

Mit kaltem Ausdruck lächelte der Jesuit, indem er den Kopf langsam
zurückbog. Der Soldat hob den Arm: »Ihr lacht!«

»Es ist niemand so Christ als ich.«

Dem an der Tür flammten die Augen: »Ihr wollt die Menschen der Verzweiflung
ausliefern. Ich habe gebetet, mich gefreut, mich fähig gefühlt zu allen
schweren Dingen -- durch Gott. Das soll mir alles genommen werden.«

Der Pater setzte sich ans Fenster, schwieg.

»Das soll mir alles genommen werden.«

»Ja.«

Mit schüttelnden Armen: »Und wozu? Wem zu gut?«

»Lieber, nun werde ich wirklich bald lachen. Ich bin Priester der Kirche;
was gehen mich Menschen an.«

»So geht doch hin, Pater, und sagt Eure Weisheit dem Papst, den Bischöfen
und Mönchen. Sie sind für uns Menschen da.«

»Es ist nicht nötig, sie wissen es schon.«

»Und was sagen Sie?«

»Ja, sie kümmern sich nicht um Gott. Denn sie sind fromm. Sie helfen den
Menschen, indem sie sie beschäftigen mit Andachten, Gebetübungen. Für das
Christentum sind erst die wenigsten reif.«

Der junge Soldat: »Ich nicht.«

»Nein.«

»Ich wollte Gott wieder in mir errichten. Zu ihm wollte ich beten, mich zu
ihm führen lassen. Zu ihm.«

»Nein.«

                   *       *       *       *       *

Wallenstein im Gespräch mit dem Venetianer Pietro Viko, der bei ihm
Kreuzzugsideen, gegen den Großtürken, propagierte.

»Will der Herr mir Neuigkeiten erzählen! Ich hab' in Gradiska für Ferdinand
gekämpft. Wittelsbach ist größenwahnsinnig, den Kaiser Ludwig, den Ketzer,
hat es nicht vergessen. Man hätte den Wittelsbacher zerschlagen sollen; nun
sitzt er an der Isar, der dunkle Mann, prunkt und protzt sich auf, geizt
und darbt. Ein Fürst!«

»Er wird dem Kaiser nicht übel zusetzen.«

»Ferdinand ist der beste Mann, ein Edelmann, ein Ritter. Er ist ein Kind.
Wenn Ihr daran zweifelt, so seht den Ausgang dieses Kriegsübels an. Den
guten Böhmen, meinen Vettern, sollte er den Schädel einschlagen. Er hätte
nur nötig gehabt, sein Kaiseramt auszuüben. Aber er war ein Kind. Ich kann
mir vorstellen, wie er damals glühte als Kaiser, mit dem Böhmersieg in der
Tasche. Und so vor den Bayern zu treten!«

»Ja, er war nicht gut beraten.«

»In der Löwenhöhle ein Kalb verzehren wollen! Warum ging er gerade damals
zu Maximilian? Weil München so am Weg lag. Versteht Ihr gut, die Wiener
Herren Räte? Er mußte dem Münchener Dank sagen, sich ihm vorstellen. Sie
konnten es nicht verhindern; die Herren hatten gerade etwas anderes zu
denken.«

»Und da hatte ihn der Max!«

»Die Maus kam ihm spaßhaft vor die Schnauze gelaufen.«

»Haha.«

»Sie fraß ihn. Einmal gepackt, herumgeworfen, dann in die Gurgel
geschnappt.«

Wallenstein sagte: »Herr, er hatte schon lange auf den Kaiser gewartet. Der
konnte ihm nicht entgehen. Er hatte geholfen, ihm den Kaisermantel umlegen,
aber nur um die Lust zu haben, ihn ihm herunterzureißen. >Zeig' mal, was du
anhast!< sagte der Max. Und als Ferdinand München verließ, hatte er schon
fast aufgehört, Kaiser zu sein.«

»Euer Liebden: es sind Zeiten, die erfreulicherweise längst vorbei sind.
Ihr werdet bald freie Hand für allerhand haben.«

Wallenstein lachte wieder grell: »Ich hätte in Wien sein mögen, als sie den
Ferdinand aus dem Wagen holten von dieser Reise. Begossen, lahm, stumm. Und
keiner wußte, was mit ihm war, und er hatte doch in Frankfurt gesiegt, war
Römischer Kaiser, und den böhmischen Sieg hatte er damit schon in der
Tasche. Was mögen sie sich gedacht haben in der Burg, die weisen Herren!
>Der Kaiser ist krank, er ist schwermütig,< haben sie geschrien, morgens
und abends, haben nach den Doktoren im ganzen Reich geschickt.«

»Es ist so.«

Maßlos lachte der Herzog: »Sie werden ihn weidlich zum Purgieren gebracht
haben. Gebüßt hat er es, daß er sich hat beglückwünschen lassen von seinem
Schwager Max.«

                   *       *       *       *       *

In das Dorf Bubna bei Prag, wo der Herzog eine Meierei besaß, kam eine
Truppe Schauspieler Zauberkünstler und Quacksalber gefahren. Erst riefen
sie ihre Künste bis nach Prag hin aus; dann schlugen sie einen Bretterzaun
auf, bauten eine tiefe Bühne. Vom Herzog auf sein kleines Sommerschloß
geladen, veranstalteten einige von ihnen unter großem Geheimnis eines
Nachmittags eine besondere Belustigung.

Ein großer Saal stand ihnen zur Verfügung; vornehme Herren und Damen
besetzten die Balkons und Galerien; Dienerschaft drängte sich an der
offenen Tür. Von den Balkons und Galerien führten Wendeltreppen in den
Saal; zu Beginn der Unterhaltung rief von der Tür ein maskierter
Schauspieler -- er hatte kothurnartige hohe Stiefel, ein griechisches
weißes Faltenkleid, trug einen mit Blitzen versehenen Keil in der
geschlossenen Rechten; der hoheitsvoll düstere Ausdruck des Zeus --, man
hätte davon abgesehen seitens der Truppe, sich am Spiel zu beteiligen. Man
möge heruntertreten in den Saal, wer Lust habe. Es werde absonderliche
Freude geben.

Im Saal herrschte eine ungeheure Hitze; blickte man von oben herunter, so
brodelte und wogte die Luft über dem gefügten Holzboden wie in einem Ofen
oder über einem Brand. Die aber unten gingen, merkten von Hitze nichts,
auch hatten sie keine Beklemmung der Brust. Aufrecht und übergroß
spazierten über die Diele zwei braune Schimpansen, die sich von Zeit zu
Zeit auf die Hände fallen ließen und dann rasch liefen; sie kletterten an
Säulen hoch, blickten spuckend mit weisen Gesichtern nach der Galerie
herüber, ließen sich wieder herab, zeigten vierfüßig jagend ihren hohen
Steiß. Woher sie gekommen waren, wußte man nicht. Unten tauchten immer neue
Wesen auf; es war nicht zu erkennen, woher sie kamen. Ein junges Fräulein
riß sich auf der Galerie von ihrer Begleiterin los, sie wollte sich die
kuriosen Affen in der Nähe ansehen. Wie sie die unterste Stufe der Treppe
betrat, der heiße Brodem des Saals gegen sie schlug, rannte stürmte sie
vorwärts: da lief ein nacktes Geschöpf, das auf der Stelle vor Übermut
sprang, sich um sich drehte und jauchzte. Sie ging mit ihren runden rosigen
Gliedern, prallem Leib langsam und ungeniert gegen den einen braunfelligen
Schimpansen an, der gerade wie auf einer Eisbahn über den Boden rutschte.
Ihr wuchs hinten aus dem Rückgrat ein armlanger peitschendicker schwarzer
Schweif heraus, mit dem schlug sie ihm vor die Nase; sie trug noch ihre
Silberschuh und bunten hängenden Strumpfbänder, ihre übervollen Brüste
schaukelten, ihr blondes lockengedrehtes Haar wogte wie eine Kapuze über
ihr stumpfnasiges vergnügtes Gesicht. Die beiden Affen balgten sich hinter
ihr, dann schlangen sie die Arme umeinander, begannen so, einer den andern
festhaltend, ihr zu folgen.

Dicht an der Treppe legte sich ein ernster kleiner Mann, nachdem er sich
unglücklich hin und her gewandt hatte, ruhig auf die Diele, zog sich mit
den Händen und Knien auf dem Bauch hin. Man trat ihn, schimpfte über ihn.
Er bat um Entschuldigung, kroch weiter zwischen den Füßen, unter den Füßen.
Bisweilen richtete er sich auf, verschnaufte ernst, sah wehmütig den andern
ins Gesicht, ging wieder an seine Arbeit. Niemand unter ihnen wunderte sich
über den anderen. Sie waren alle mit sich beschäftigt.

Eine ältere Dame mischte sich ein. Sie trug einen kostbaren Zobelpelz, den
sie auch in der Hitze nicht ablegte, aber ihre Hände rührten von Zeit zu
Zeit unruhig, während sie gespannt alle beobachtete, die Schnalle vorn an
ihrem Hals, die den Pelz zusammenhielt. Plötzlich schrie sie gräßlich,
dabei riß sie sich wie erstickend den Umhang auf. Und nun mit offenem Hals
stellte sie sich breitbeinig hin an dem Fleck, wo sie war, bog den Kopf
zurück, blähte den Hals auf, stieß hochroten Gesichts, während ihre hohe
graue Perücke wackelte, einen eselsartigen Trompetenruf aus, mit Blauwerden
der Lippen, Zittern der hochgehobenen Arme, die den Fächer fallen ließen.
Darauf ging sie rasch, den Fächer aufhebend, die seidenen Röcke wedelnd,
weiter, heftig atmend, gewissermaßen erleichtert. Um nach einigen
Rundgängen langsamer und zögernd werdend, nach Zausen an ihrem Pelz, wie
unter einer Eingebung das helle Geschrei von sich zu geben. Wobei ihr bald
von rechts und links, auch von den Zuschauern, heftiges Gelächter
antwortete, das sie mit Erblassen, entrüsteter Miene aufnahm.

Einem Offizier geschah, wie er sich in den Saal herunterbegab, ein großes
Unglück. Er hatte vor, mit seinem Degen und seiner Muskelkraft der Galerie
ein besonderes Schauspiel zu geben. Heimlich warf er sich die Treppe
herunter, die letzten Stufen glitt er ab, prallte auf den federnden Boden.
Und nun kam er nicht zur Ruhe. Er war wie ein kleiner holzgeschnittener
Mann mit zusammengeschlossenen Beinen anzusehen, zusammengeschlossenen
Händen, dickem Hals, dickem Kopf; er stürzte bald auf die Hände, da prallte
er hoch; stürzte auf den Rücken, da wippte er um; kam auf den Bauch, schoß
hoch, stand auf den Füßen, machte einen Schritt. Aber sein tretender Fuß
warf ihn hoch; er mußte sich Mühe geben, auf den anderen Fuß zu kommen, und
so schnellte er rechts und links meterhoch durch den Saal, immer bemüht,
unten ein freundliches Lächeln gegen die anderen, nach der Galerie herauf
zu machen, ihnen seinen Degen zu zeigen, seine gewaltigen Armmuskeln.
Sofort hatte der Saal sich gegen ihn gewandt, warf ihn auf die Knie,
schnellte ihn weiter.

Es kamen viel neue, überall aber war ersichtlich, daß die Situation Keime
zu Erregung und Zwistigkeiten barg und daß man einem bösen Wesen
gegenüberstand. Es wurde klar, als ein Geistlicher von oben sich
entschlossen unter Mitnahme eines Gebetbuches in das Treiben hineinwagte.
Auf der Treppe drückte er das Buch gegen seine Brust mit der Linken, mit
der Rechten hob er sein silbernes Brustkreuz vor sich. So dachte er bannend
in den Saal zu schreiten. In der Tat, sobald er erschien, geriet alles in
furchtbares Toben, das Geschrei nahm überhand, die Figuren fuhren toll
umeinander. Zugleich aber zog sich der heiße Brodem um ihn in sonderbar
spiralig schwebenden Wellen, rauchartig zusammen; wie er mit seinem Kreuz
schlug, hingen Flammen an den Spitzen; sein Gebetbuch öffnete er in
herausfordernder Ruhe, die Blätter kräuselten sich, wurden gelblich, an den
Rändern tief braun. Und jäh brannte das Buch; der erschreckte öffnete die
Hand, das Buch loderte am Boden. Wie er das zusammenrinnende bläulich
überlaufene Kreuz losließ und gegen die verbrannte Hand blies, seufzte er
aus tiefem Herzen auf; er streckte, die Augen schließend, schwarzhaarig,
langgewandig wie er war, die Arme sehnsüchtig aus: schon vergingen in den
scharfen Luftwellen um ihn seine Talarröcke, die weiten Ärmel. Er konnte
tanzartig gehen wie keiner im Saal, einen schmächtigen Jünglingsleib trug
er auf langen Beinen, die in Leinenhosen steckten. Aus unverschleierten
großen blauen Augen blickte er, er sang hymnisch. Hell trillernd, alle
siegreich übertönend, klang seine Stimme; so schön und freudig schmetterte
er, daß die auf den Galerien sich mit kleinen Augen scheu ansahen, von
gleichgültigen Dingen sprachen und das Beben in sich unterdrücken mußten.
Er hatte ein leicht albernes Jungengesicht mit Stuppnase. Einer der beiden
Schimpansen zog ihn bald an den Ohren hinter sich her, ängstlich folgte man
ihnen, von leisen Angstrufen wurde der Gesang unterbrochen.

Es wirkte verführerisch auf die Massen, die sich an den offenen Türen
drängten. Die Türmeister hielten die Stäbe vor, aber die Lockung war zu
groß. Man lief, während der Dunst des Saals schwoll, in kleinen Rudeln
hinein, hatte sich noch eben die Hände gereicht, war im Saal wie auf dem
babylonischen Turm, mit verrenkten Gliedern, hängenden Zungen, sonderbaren
Gebärden, fremd gegeneinander, von einer ungekannten Rastlosigkeit und
Befriedigung erfüllt. Man lief wie im Traum gegeneinander, prallte
voneinander ab, lief wieder gegeneinander, konnte sich darin nicht
sättigen. Sie sprangen, schoben sich mit irgendwelchen Begierden in den
Saal und dann waren sie jäh entgeistert, absonderlich verloren und
verwirrt. Ein paar edle Herren gingen streng durch die Menge, hoben die
Arme hoch, schrien den Hut schwenkend: »Hier ist der berühmte edle Soundso,
lobt ihn, ehrt ihn«; mit feierlicher Grimasse spazierten sie weiter. Fragte
sie einer: »Was kann der Herr?« antworteten sie: »Alles was man will;
nichts ist uns verborgen. Lobt uns, ehrt uns!« Sie breiteten die Arme aus,
nickten würdevoll.

Pferde tummelten sich unter den Menschen, auf denen Männer saßen. Hunde
sprangen lüstern umeinander, es war kein Hund in den Saal gekommen. Eine
Anzahl Herren blickten nach lauten Ausrufen ihre Umgebung an, dann
verunreinigten sie den Boden unter Gestank, wiesen darauf hin, schienen
hochentzückt, wieherten vor Lachen. Eine furchtbare Erscheinung zeigte ein
Mann, dem die Tränen aus den Augen troffen; ihm war der Kiefer bis auf das
Knie gesunken; ungeheuer schnappend mit klaffenden Lippen hing das Maul mit
armlangen Zähnen; der Schädel und das obere Gesicht stand trübselig klein
dahinter, die blicklosen Glotzaugen und das vertrocknete Bäuchlein mit den
Beinchen, die wie Stiele unten tripp-trapp liefen. Er hielt sich
bejammernswert an einer Säule auf; von Zeit zu Zeit trippelte er, schlürfte
schnaubte schnarchte grausig. Schnüffelnd sich einem Menschen nähernd,
faßte er den erstarrenden schreienden eisern bei den Händen, schlug den
Oberkiefer wie eine Zange über ihn, rang sich den gebückten strampelnden in
den Rachen, saugend, blauwerdend. Unter dem entsetzlichen Gekeif der
Zuschauer würgte er das Geschöpf in seinen anschwellenden Leib. Man schlug,
spie auf ihn, er heulte, schluchzte; Tränen und Speichel liefen
ekelerregend von ihm. Nach kurzen Minuten war das Treiben um den Stummen
wieder wie vorher. Nur bläuliche durchsichtige Schatten von Menschen
setzten sich neben ihn; das waren, die er verschlungen hatte: sie suchten
von Zeit zu Zeit in seinen Mund einzudringen, um ihre Leiber zu holen, aber
er sperrte krampfhaft die Kiefern, schnatterte grimmig gegen sie mit den
Zähnen.

Atemlos schweißbedeckt drängten manche in einer unsicheren Verzweiflung
zurück an die Treppe, an die Saaltür, hatten sogleich ihre alte Gestalt
wieder, lächelten lispelten ängstlich. Sie fragten, hatten ein Zittern an
sich, brachen in Gelächter aus, als man ihnen erzählte, was unten vorging,
drängten stürmisch fort. Manche waren, kaum bei sich, von einer Traurigkeit
befallen, saßen fassungslos da, bedeckten das Gesicht.

Unter der Hitze im Saale, dem wachsenden Andrang stieg der Lärm. Die
Menschen fielen sich gegenseitig an. Sie bemerkten sich allmählich. Wer
nicht fortgeschlichen war, fand sich in seiner neuen Heimat zurecht.
Plötzlich schwang sich der Hoppser, der unglückliche Offizier, mit einer,
dann einer anderen Dame in die Luft; sie schrie, er juchzte, improvisierte,
wenngleich nicht Herr seiner Sprünge, einen ungeheuerlichen klatschenden
Tanz über den Köpfen des Gedränges. Er riß dem Riesenmaul einmal einen
halberstickten aus den Zähnen; das Brüllen des Enttäuschten, das Keuchen
des Befreiten, der schlapp auf dem Arm des Springers durch den Raum
segelte. Die Hunde lagen verbissen im Kampf mit den Affen bald hier bald da
auf dem Boden. In einem rasenden Entschluß fiel der singende Jüngling,
plötzlich verstummend, die vorübertänzelnde Junge mit dem Pferdeschwanz an;
sie schlug ihm den Schweif um den Hals, er warf sie um; sie schrie
kläglich.

Eine Stimme rief, während grausig Massen von Tieren durch den Saal wogten,
Pferde, Kühe, Eber, während blitzartig manche Erscheinungen wechselten,
sich überkugelten, rief: »der Herzog, der Herzog.« Immer durchdringender
rief sie. Eine Feuersäule ging durch den Saal, sie sauste wie ein
Wasserstrahl, streckte sich langsam gegen die Decke auf; im Wandern
äscherte sie Menschen und Tiere ein, die nicht auswichen. Der beizende
Qualm wallte durch den Saal.

Da schlug man auf den Galerien und von außen am Saal die Fenster ein.
Erschütternd rasselte das Geschrei aus dem Saal und von oben. Die
Feuersäule bewegte sich nicht. Wie an den Füßen abgeschnitten brach sie
plötzlich zusammen. Der Rauch schwelte über die Diele, legte sich dick über
die Geschöpfe, die hilflos im Tumult kreischten und sangen. In Stößen drang
frische Tagesluft ein.

                   *       *       *       *       *

Nach diesem alarmierenden Vorfall erlebte die Bevölkerung um Prag und an
anderen Teilen Böhmens eine ganze Reihe Teufeleien. Zwei Teufel hatten sich
in der Hölle von ihren Ketten losgemacht und schweiften über den böhmischen
Boden. Sie suchten besonders die Gegend bei Aussig, an den Felsenwänden des
Ziegenberges, am Waltheimer Tal heim, ließen sich in der Abenddämmerung
blicken, scheuten bald frech das Tageslicht nicht. In den Monaten April Mai
sah man sie über die dreizipfligen Gipfel des Sperlingsteins mit den
Spießen im Rücken herumlaufen, langen wippenden mit Widerhaken versehenen
Stangen, die oberhalb der Hüften in ihrem Fleisch saßen, mit denen man aus
dem Höllenabgrund geworfen haben mußte, als sie entwichen. Sie taten in
diesen Monaten, als trügen sie wie müde Knechte der Artillerie ihr
Schanzzeug da hinten in einer Lederröhre am Leib und als mochten sie es
nicht von sich tun. Man entlarvte sie aber mehrfach, als sie leicht
berauscht am Schlosse Tetschen die Mäntel von sich taten und unversehens
die Bedienten der Losamente nach dem lustig schaukelnden Gestänge
zugriffen, um es davon zu tragen. Ein mordsmäßiges Geschrei, schrilles
Keifen und Jaulen erhob sich, die beiden Gevattern warfen die Arme hoch,
ihre Augen hingen ihnen wie Äpfel vor der Stirn, ihre Leiber bogen sich
nach vorn unter den schönen Westen zusammen, die Stangen zitterten,
klirrten metallisch auf den Dielen, jach sausten die Gesellen, Rauch um
sich schüttelnd, heulend in den Schornstein, von den Spießen lief grüner
Saft herunter, noch vom Dach klapperten und pfiffen sie. Gegen Ende Mai war
es aber in der ganzen Gegend, in der sie sich herumtrieben, schon zu
bekannt, daß sie entlaufene Teufel wären. Sie hatten einmal selbst davon
geplaudert, daß man sie bei einem Aufruhr in der Hölle nicht hätte bändigen
können, die Aufruhrsucht in der Hölle wüchse von Tag zu Tag, es werde alles
krank und ließe es auf Gewalt ankommen; sie seien nur die Vorläufer von
ganzen Scharen. Die beiden konnten sich darauf nirgends mehr sehen lassen,
und eines Abends bemerkten Viehtreiber an der Berghalde bei Bodenstedt ein
stumm ringendes Paar im Klee, das anscheinend mit Spießen sich zu Leibe
ging. Aber es waren Teufel, die geschworen hatten, sich umzubringen oder
sich von den Stangen zu befreien. Sie warfen sich in heißem Kampf rechts
und links; wie Schwänze, die hochgehoben waren, zappelten an ihnen die
Stangen; plötzlich hob der eine den andern, ein Knall, ein rasender Schrei,
Wimmern; der eine lag bleich bewegungslos auf dem Rücken, die Lanze dreißig
Schritt zersplittert vor ihnen, der Sieger kroch nach ihr, beschnüffelte
ihr Ende, von dem das grüne Satansblut troff. Er richtete den Bewußtlosen
auf, fuhr ihm mit dem Arm in den Rachen, holte die Zunge zurück, spritzte
ihm seinen brennenden Harn ein, wobei der andre würgte, sich wand und
wieder zu sich kam. Mit Baumrinde verpflasterten sie das sickernde Loch am
Rücken. Dann bellten sie wieder gegeneinander. Der Sieger lief heulend vor
Neid um den geraden schlanken andern; der nahm die abgebrochene Eisenlanze,
band seinen Gefährten an einen Baumstamm und fing an, lustig auf dessen
Stange zu klopfen, darauf ihn zu bespeien und, des Jammerns nicht achtend,
zu ziehen, bis er rückwärts stürzte, vom grünen Saft begossen, und jener
bald verreckt wäre. Entschlossen stemmte sich der andre an ihn, preßte,
Rücken gegen Rücken, die Wunde zu, verstopfte sie mit Pech, das ihm
zwischen den Zähnen hervorquoll, und mit dem Körper eines toten Kätzleins,
das gerade vor seinen Füßen lag.

So erschienen sie einmal unversehens zu zweit mittags vor der Wegkreuzung
bei Bodenstedt, als nackende buschige Teufel, mit trappsigen Pferdefüßen,
roten Fellen, stieren Glotzaugen, das schwarze Haar in Strähnen nach
rückwärts gestrichen, kaum größer als ein zehnjähriger Junge, rauh
miteinander schnatternd. Die Vögel auf den Feldern schwirrten vor ihnen
auf. Plötzlich schwirrten die Teufel selber als Raben hinter einer Magd
her, über deren Schultern sie fielen, hackend mit ihren spitzen Schnäbeln
in das blanke Fleisch. Das gräßliche Gebrüll der Weiber und Knechte; das
Geifern der scheugewordenen Ochsen, Flattern der Hühner und Quieken der
Schweine war grausig. Die Bauern verbarrikadierten sich in ihren Häusern,
läuteten Sturm. Nach einer reichlichen Stunde kamen zwei modisch gekleidete
edle Herren des Wegs, hatten Lehm an den seidenen bebänderten Schuhen,
schienen ermüdet. Sie sahen erstaunt auf der toten Dorfgasse um sich,
riefen sanft nach Menschen, nach einem Trunk Wein, spielten mit ihren
Degen. Zaghaft öffnete man die Laden; man fragte aus den Fenstern heraus,
ob sie nichts gesehen hätten. Aber die hatten nichts bemerkt; nur einen
abscheulichen Gestank hätten sie, wie sie verwundert erzählten, gespürt,
aber der könnte von verwesendem Vieh herrühren. Die Bauern hätten sich für
geäfft gehalten, wenn nicht die stumpfsinnigen Stalltiere auch jetzt noch
heftig um sich geschlagen hätten; das Loch in der Schulter der Magd
bearbeitete noch eben der Bader. Sie kamen heraus aus ihren Türen, erwiesen
sich beglückt, daß gerade jetzt zwei edle Herren des Weges kamen, denen sie
vertrauen könnten. Der eine der Herren betrachtete durch sein Brennglas mit
Grimm und Freude, die seine Lippen umwulstete, das Loch in der Haut der
Magd; die fuhr jammernd zurück, lief über die Gasse, es sei nicht richtig
mit denen, der eine sei der Teufel, der sie gehackt hätte. Allgemein
verspotteten die Bauern, die über die Gasse strömten, die Verletzte,
dienerten vor dem Besuch. Gerade auf die rabiate Magd hatte es aber der
eine Herr abgesehen; er ließ sich noch einmal die besalbte Wunde zeigen, er
wolle sie auf italienische Art kurieren. Das Mädchen weigerte sich, der
Herr wütete, lachte gell und drohend. Die beschämten und empörten Bauern
schoben in einem Häuschen die Widerstrebende ab, er wies stolz das andere
Gesindel hinaus. Da drin saß er mit der Magd allein, saß vor ihr, blickte
sie an, weidete sich an ihrer Angst. Und während er grinste und die Arme
hinter dem Rücken verschränkte, sich seine Nase lang herunterzog, hatte er
plötzlich einen dicken starken Schnabel, weitete hob sich sein loser Mantel
mit plusternden Federn, saß ein Rabe auf der Bank, stieß mit dem Schnabel
in die Wunde, pickte, hackte, riß. Er flatterte um sie, die aufgesprungen
war und unter entsetzlichem Geblök um sich schlug, drängte sie ab von der
Wand, aus einer Ecke heraus, fuhr ihr gegen die Stirn, vor den kreischenden
Mund, kratzte. Er krächzte und freute sich. Mit einem Bein krallte er sich
an ihrem Schürzenband über der Schulter fest, dann patschte er in die
spritzende Wunde hinein, hier verkniffen tastete er mit dem aufgebogenen
Bein ihren Mund ab, riß ihr von der Nase herunter Schramme auf Schramme.
Sein dicker fedriger Rumpf drängte sich an ihre erblichene Backe, der
Schnabel hackte; auf ihre Nase springend verteilte er nach rechts und links
auf die hochstoßenden Hände Hiebe zwischen die Haarwülste, die er
auseinanderzerrte, zerzupfte; die starken Flügel schlugen blendend vor ihre
Augen. So vertieft war er in den hitzigen Kampf, daß er das Klopfen nicht
wahrnahm. Erst als die Tür gesprengt platzte, ließ er wild von ihr. Die
draußen sahen noch den mächtigen Raben, seine Federn flogen. Aber schon
gleichzeitig saß da und kam ihnen entgegen der degenklingende Herr,
zornsprühend, blitzenden Auges, fest gegen sie geworfen: was sie sich
erfrechten, er sei eben dabei, den bösen Geist, der in sie gefahren, aus
ihr zu vertreiben; da lägen die Federn, nun sei er verschwunden; wüste
ungebärdige Tröpfe und Tölpel, die sie seien. Die Hände hatte er auf dem
Rücken; als er sie vorholte, waren sie bis an die Knöchel blutrünstig. In
ihrem Schrecken sagten sie nichts, ließen ihn durch, die Magd schlug
bewußtlos und schäumend um sich am Boden. Beim Wein in der Kammer des
Pfarrers beruhigten sich die beiden Herren; sie feierten lärmend den
Nachmittag über, bis gegen Abend der verwirrte Geistliche sich ermannte
nach der Spätmesse; er wolle sie examinieren, was ihm und dem Dorf die Ehre
brächte, von wannen des Weges sie kämen, dann --.

Und während er in der Küsterei nachdachte, war ihm schon, als wenn er
wuchs, als wenn etwas Geweihtes aus ihm sprach; fast zornmütig war er und
kaum zu halten, sich auf den Weg zu machen. Denn auch die andern Bauern
hatte ein Verdacht ergriffen, sie standen vor dem Kirchlein, munkelten
miteinander, fürchteten sich. Steckten die Köpfe in das Fenster des
Pfarrhauses, die Gäste waren ausgeflogen. Der eine von den beiden, der sich
im Hintergrund gehalten hatte, ging pfeifend in der Nachbarschaft herum,
hatte Interesse an den Kornhäusern Backöfen Vorratskammern Viehställen,
fragte rechts und links seine katzbuckelnden Begleiter, wovon sie meist
lebten, was sie am meisten quäle und betrübe. Es war Mißwachs im Jahr
gewesen, lange hatte der Regen gedauert, eine kurze Spanne, kaum eine Woche
schien die warme Sonne, und man mußte mähen und einbringen, das schwarze
Mutterkorn fiel über die Ähren. Der Edelmann, gänzlich unorientiert, sog
die Neuigkeiten ein. Seine eindringlichen Fragen waren kurios; wenn aber
welche aus dem Haufen über den Herrn lachen wollten und schon
daherpolterten, so sah er blitzrasch mit einem gräßlichen ins Herz
schneidenden, Blick an ihnen herunter; sie faßten sich an die Brust; es
schien, als ob kein Mensch so schnell die Augen bewegen könnte. Zischend,
leise, zum Boden schauend, fragte er nach seinem Freund, verschwand im
Augenblick um eine Ecke. Schon schoß er wieder gegen sie, scheltend, wo
also sein Freund wäre, ob sie ihm ein Leids angetan hätten, er wolle sich
beschweren bei der Landeshauptmannschaft, bei der Prager Statthalterei,
haderte, schrie, er wolle doch einmal wissen, wo sein lieber Geselle sei.
Eine schwarze Henne gluckerte vor ihnen auf einem Dach; er krähte, gackerte
sie höhnisch an, schlüpfte, über die Schulter weg den anwandernden Pfarrer
erkennend, ihm den Hut entreißend, in die offene Kirche, gackerte noch
grinsend an der Tür, er wolle seinen Freund suchen. Und schon schallte der
Raum innen wider vom Toben, Lachen, Klatschen. Gegen den Pfarrer höhnte er
hinter dem Altar: »Bring' mir mein Brüderlein«, jauchzte, lockte, der
Pfarrer suchte ihm den Hut zu entwenden, ein kalter Schleim sprühte ihn an,
er wich voll Ekels zurück, stürzte im Entsetzen die Turmstiege herauf, riß
das Glockenseil. Alarm läutete er über das Tal und die Nachbartäler. Die
Nachbardörfer antworteten, er gab nicht nach, unablässig unter dem
höllischen Krachen und Getobe unter sich riß er die Glocke und ließ sie
sausen. Vom Altar zu den Beichtstühlen hüpften sie, kauzten
schmutzverbreitend auf den Heiligensäulen Kruzifixen. Mit Wagen Äxten
Feuerspritzen Löscheimern knarrten und trabten die Nachbarn an, staubend
auf den Alleen. Der Pfarrer, angsterstarrt, sah und hörte im Regen und
Anspannen seiner Arme nichts mehr. Auf dem Turm stand er noch, als die
Glocke plötzlich hochanschwingend aus dem Stuhl flog, auf die Straße
wuchtete und berstend ein Schwein erschlug. Der gleiche Schwung riß ihn zur
Seite, er wehte der Glocke nach, zerknickte kopfaufgestellt. Der Raum
selbst der Kirche begann zu beben, sich zu dehnen, zu weiten, ein Dunst von
Kalk rann an ihren Wänden herunter, im Kirchturm klaffte plötzlich ein
Loch, daraus zwischen fallenden Steinen zwei kupferrote geschwänzte
Gestalten vorstießen im Zickzack. Aus der Luft meckerte es. In dem Tumult
unten fielen sich die Dörfler an; die Nachbarn glaubten sich gefoppt von
den Einheimischen, in rätselhafter Weise flammte bei den Leuten eine dunkle
Wut auf, sich zu zerfleischen und zerkratzen wie unter einem wilden
Juckreiz. Die Glocken der Nachbardörfer dröhnten; von Bergen herunter, die
Bäche entlang wälzten sich schreiende Menschen, gräßlich tieffaltige
Gesichter, dicke pralle Lippen, stöhnende Brüste, von der Arbeit, vom
Essen, vom Schlaf aufbrechend, wo sie standen und lagen. Unten an dem
geborstenen Kirchlein schlugen sich, zerrissen sich die verwirrten, sich
selbst nicht kennenden Männer und Frauen. In den Kessel mußten sie. Wie sie
stockten im Gedränge, schaute einer betrübt und leidend dem andern an den
Hals, griff ihm um die Kehle; es war die Not einer gräßlichen
zähneknirschenden umdampfenden Lust.

                   *       *       *       *       *

Die Bauern warfen ihre Pflüge hin, schickten die Weiber zum Vieh, saßen,
sich die Mäuler schleckend, finster vor ihren Häusern und Ställen. In
manchen Landschaften drängten sie zusammen, trollten über die Fluren,
fanden ein Behagen darin, sich wechselseitig zu sehen und zu befühlen.
Ziellos liefen sie in die Wälder ab, rotteten sich um die
Herrschaftshäuser, zerstoben wieder auf die Felder. Sie standen haufenweise
in einer stummen Gebanntheit, ratlos, mißtrauisch, mit stockenden Säften
vor den kleinen Holzstandbildern an den Wegen, den Kruzifixen. Hier jagte
sie keiner fort. Grimmig beschnüffelten sie das Holz. Verächtlich schrie
einer: »Wir haben keinen Grund, hier stehenzubleiben. Wir ziehen unserer
Wege.«

»Wir bleiben schon hier.«

Sie sahen sich prüfend an, schoben sich zusammen, fühlten wieder die Kraft
der Nachbarmuskeln, schoben sich dichter. Enger kreisten sie das Kruzifix
ein. Die hinten standen, fühlten sich ferngehalten, drängten heftiger, von
ihnen lief der Ruf nach vorn: »Das hat nicht auf unserm Acker zu stehen.«
Und dazu tönte grelles Lachen.

»Christus, Christus!« dumpften die vordern, schon fast die Säule berührend.

»Die Pfaffen haben ihn hingestellt.«

»Sie wissen, warum sie's tun.«

»Zieht die Mützen ab! Daß ihr wißt und nicht vergeßt, was man vor dem zu
tun hat. Der Herr Pfaff hat ihn hingestellt.«

»Das hat nicht auf unserm Feld zu stehen.«

In ihnen allen krampfte der Drang, etwas zu tun; von Muskel sprang es auf
Muskel.

»Werft es um.«

»Die Schandsäule um!«

»Schandsäule.«

Jeder Schrei hatte die Kraft, fünfzig neue nach sich zu ziehen. Wehrlos,
schaudernd wurden die vordersten, fast Anbetenden gegen die Säule geworfen;
mit ihren Gliedern brach die Menge den Holzstock entzwei, zerknisterte ihn.
Dann wußte man, was man wollte; man wogte weiter auf die nächsten
Kruzifixe; es war eine Jagd auf die Säulen des Gekreuzigten.

Aus den zurückliegenden Häuschen auf den gepflügten Berghängen sah man
ihnen vergrollt, vertattert zu, schloß sich in die Stuben ein: »Auch damit
ist es nichts! Sie schaffen's nicht.« Der graue Vikar der Gemeinde,
plötzlich angesteckt, zerknüllte seinen Talar, hatzte zu seiner Herde
herunter, hielt mit stürmischer Brust eine tobende Predigt: es sei
geistliches Werk, was sie täten, er nähme sich ihrer an, man hätte ihnen
Christus gestohlen, einen falschen untergeschoben. Die Menge verschlang
ihn; sie war nur Sturmbock, Stoßbock gegen die Holzsäulen. Aber immer
wieder machte er sich frei, von allen Seiten wuchs das Geschrei, man war
glücklich nachzustammeln: »Man hat uns Christus gestohlen. Das ist nicht
unser Christus. Das ist der Christus der Herren, der Fürsten, der Ritter.
Glaubt mir! Der falsche Christus. Zur Fron steht er hier. Sie haben Burgen
gebaut mit Kartaunen, Wällen, Gräben, Mauern, um uns zu unterjochen. Die
Kirchen sind Burgen. Der Heiland wollte uns befreien davon; sie haben ihn
in die Kirchen geführt, gefesselt, eingeschlossen. Auf den Äckern steht er,
damit wir wissen, daß wir dienen, daß wir Knechte zu bleiben haben. Kommt,
ihr Mühseligen -- hoho, kniet, ihr Mühseligen. In Rom steht er in der
Petersburg ganz aus Gold. Der Satan hat sich des Heilands bemächtigt. Er
hat ihn gestohlen!«

»Wir müssen ihn befreien!«

»Der Papst ist im Bunde!«

»In die Kirchen.«

»Rettet Jesum!«

Von Aussig und Tetschen kamen Männer und Frauen gelaufen, die Scharen
vergrößerten sich; die Masse gereizt, tatdurstig; dabei in der Tiefe
gepeinigt von dem Gefühl, falsch zu laufen, immer wieder stockend, sich
beruhigend. »Wir fordern das Evangelium Jesu, das die Herren uns geraubt
haben.«

»Betrüger! Schelme!«

Und doch lief man nicht wider die Herrschaftshäuser, auf die Edelgüter,
sondern durch die Dörfer gegen die Kirchen. Und unter dem Gefühl des
Irrlaufs wuchs die Wut. Sie schrien, gegen die Haustüren schlagend: »Machet
auf! Gebt Christus heraus! Sein Bild her aus den Häusern. Es ist der
Falsche.« Sie rissen Mistwagen aus den Ställen, spannten Ochsen davor,
stapelten Kruzifixe, Bilder, Gebetbücher darauf. An den Fenstern weinten
die Frauen, die Kinder erschraken vor ihren Vätern, die sie nicht ansahen.
Ein junger einäugiger Bauer aus Aussig, ein ehemaliger Mansfelder, weinte
brünstig, die Arme windend vor dem Stapel: »Besudelt hat man unsern Herrn
Jesum Christ. Du warst nicht unser Schild, denn wir haben dich nicht
gekannt. Es war nicht unsere Schuld, wir haben es nicht gewußt. Es war
nicht unsere Schuld, daß wir deiner so spät gedenk sind. Verzeih uns
Sündern!«

Viele brachen in der Nähe in die Knie nieder. Angstvolles Rufen: »Jesus,
Jesus!« »Verzeih uns!« »Erbarmen!« Die Starken, Grollenden ließen sich
nicht bewältigen: »Wir wollen ihn retten!« Einer drängte sich durch, mit
Schwimmerstößen gelangte er an den umzingelten Ziehbrunnen; als er am
Schwengel zu reißen begann, wich man rechts und links ab. Wie ein Tiger
schleppte er den vollen Eimer an den Wagen. Sie verfolgten aufmerksam seine
Bewegungen. Er goß im Schwung Wasser über die Kruzifixe, schreiend mit
wilder, überschlagender Stimme: »Die zweite Taufe. Es ist geschehen!«
Freudig, mit aufgehobenen Armen betrachtete er das triefende Gehäuf, auch
um ihn hob man dumpf sich hingebend die Arme. »In die Erde!« brüllte der
Täufer, fanatisch sich schüttelnd und erbleichend. Sie schoben, automatisch
gehorchend, den Wagen aus der Gasse; auf dem ersten Wiesenanger hieben sie
mit Piken ein Loch, versenkten die Kruzifixe, auch die schönsten mit den
milden Gesichtern und den weinenden Frauen am Fuß. »Sein Leib in die Erde.
Er selber auferstanden von den Toten, wohnt im Himmel über uns.« In das
Gewimmel, das sich weiterschob: »Nachdem uns alles so gut gelungen ist,
wollen wir zu Prag dem Statthalter sagen, was wir getan haben und was wir
denken?« Mit grimmig fletschenden Zähnen der berserkerhafte Täufer: »Wollen
wir nach Wien zum Kaiser und ihm sagen, daß wir die Herren nicht mehr
wollen und keine Gewalt wollen und nur Jesum Christum und den Römischen
Kaiser über uns anerkennen. Wir verlangen Verantwortung für die Schändung
unsers lieben Heilands, man soll uns Jesum wieder ausliefern. Und Buße
zahlen.« »Buße!« »Buße!«

Leute, die hinzu liefen, fragten: »Wo wollen wir hin?«

Von hinten, aus der Mitte: »Wo ziehen wir hin?«

                   *       *       *       *       *

Kaiser Ferdinand erlebte mit tiefem Glück, wie das deutsche Reich
unterjocht wurde. Es war sein Entschluß gewesen, der diese grausige
Maschinerie Wallenstein in Bewegung gesetzt hatte, er allein hatte
verhindert, daß man die Maschinerie hemmte, sie arbeitete weiter. Rechts
und links standen sie an seinem Hoflager auf, um seine Wonne zu schmälern,
er sah mit ungestörter Ruhe zu, zwinkerte mitleidig, hoheitsvoll. Fürst
Eggenberg war zu nüchtern auf Sicherheit bedacht, konnte nicht spielen,
nicht gewinnen; gut, daß er so war, man konnte sich seiner bedienen.
Trautmannsdorf hatte Mut, aber er trug an seinem Buckel, liebte es an der
Sonne zu liegen und behaglich aus dem Winkel zu kläffen. Freudig grunzte
der große Lamormain, roch den großen Braten, der der Kirche im Norden
bereitet wurde; damit war es genug, sonst hieß es mäkeln, ihm war niemals
recht geschehen. Herrn Meggau flossen die Gelder nicht rasch genug her,
Graf Strahlendorf ächzte über die fatale Armee, die nur halb katholisch
war, als ob eine Unterwerfung durch protestantische Hand weniger
nachdrücklich wäre als durch katholische. Und was machte in München der
entthronte Max, jetzt nicht mehr Kaiser im Reiche, sondern Fürst unter
vielen, ein zähneknirschender. Das Abenteuer hatte er in schon grauer Zeit
heraufbeschworen, ohne ihn wäre der Herzog von Friedland nicht in die Höhe
gekommen und angenommen als kaiserlicher General; der Kaiser war ihm Dank
schuldig, aber der Bayer war nicht froh über den Lauf der Dinge, es schien
so, es schien ganz so, ihm behagte nichts mehr im Reich, Opfer sein machte
keinen Spaß. Und Sieger sein dem Friedländer nicht. Den trieb es als sein
Verhängnis um, er hatte ein böses giftiges Blut in sich; wenn er
Niedersachsen erobert hatte, drängte es ihn nach Dänemark; wenn Dänemark
dalag, war Bethlen nicht ruhig; war Bethlen besänftigt, reizte der Türke;
der Friedländer war das heiße Schwert, das zu schneiden verlangte, man
mußte ihn halten, regieren. Ihm aber, dem Kaiser Ferdinand, war alles
durchsichtig; für seine Frömmigkeit hatte ihm die Mutter Gottes diese
Menschen und das unterjochte Deutschland verliehen. Der Kaiser, der in
diesen Monaten nach der Zerschmetterung der Dänen und Niedersachsen, noch
gelb vom Sumpffieber, in der Burg, in Wolkersdorf und Schönbrunn
herumwankte, blickte den Dingen scheu und mit einer kichernden Verliebtheit
unter die Augen, er empfing sie geheim und stumm wie ein Einsiedler, der
Hirsche Rehe in seine Hütte einläßt. Der Zermalmung der Feinde in Schlesien
schaute er mit einer schmerzlichen Gespanntheit zu, dann war plötzlich ein
Faden in ihm gerissen. Er war plötzlich hellsichtig geworden. Die
ungeheuern Märsche kamen, die Siege, er wußte sie vorher; ihm kam vor, er
wußte noch vielmehr; manchmal schien ihm, als ob Wallenstein sein
Vertrauter war, aber die kalten Meldungen zeigten ihm, daß der Herzog nicht
wußte, was vorging. Und so wälzte sich geheimnisvoll leise der Krieg ab vor
seinen Füßen; am Hofe tobten ekstatisch die Menschen über die Erfolge, die
lauten Glocken dröhnten über Holstein, Pommern. Ferdinand erfüllte sich mit
wachsender Ruhe und Scheu. Er wurde behutsam, stille; sein Schicksal sah er
draußen sich abspielen. Eine ungeheure Hand wurde sichtbar in diesen von
Kriegern Pferden Kanonen getriebenen Ereignissen, die Krieger wußten nicht,
was sie taten, warum sie fielen, die Pferde liefen und glaubten den
Lederzügeln und dem Kutscher zu gehorchen, die Kanonen waren aus Bronze und
keiner glaubte, daß mehr als die Geschicklichkeit der Bedienung die Stein-
Blei- und Kettenkugeln lenkte. Eine Hand schrieb für den Sehenden in den
niedersächsischen und holsteinischen Boden, Zug um Zug wurde die Schrift
deutlicher.

Die Kaiserin sollte daran teilnehmen. Ferdinand dachte wenig an sie, so
innig er auch mit ihr zusammen war, mit ihr spazierte, ausfuhr, ihr
Geschenke brachte. Er ging mit einer Schöpfung von sich um, einer sanften
aufsaugenden Frau, die nur Gewalt in der Inbrunst besaß; eine Gnade des
Himmels hat sie ihm zugeschoben, sie war der schwingende widertönende Raum
in seiner Seele. Jetzt zeigte er ihr, in der verschlossenen Sänfte mit ihr
über Maienhügel fahrend, mit kleinen Sätzen, wie sich draußen alles fügte.
Ferdinands Gesicht hatte sich von der Krankheit noch nicht hergestellt;
einen fast kahlen kleinen Schädel, von faltiger Haut überzogen, bewegte er
auf einem schlottrigen Hals, sein frierender eingefallener Leib verkroch
sich, eingeschnürt wie ein Igel, in die braunen und gesprenkelten
Pelzmassen, Hände und Füße tremolierten viel. Die weißblauen Augen ließen
es sich genügen, geradeaus zu blicken. Er flüsterte demütig: »Wir sind ein
Werkzeug des Allmächtigen. Die Gebete und Fürsprachen sind nicht umsonst
gewesen.«

Die Mantuanerin, aus allen ihren Zusammenhängen gelöst, ließ sich schon
fast willenlos treiben, das Gefühl einer tiefen Sündhaftigkeit wurde sie
nicht los. Knirschend beugte bog bäumte sie sich neben ihm zu der Rolle,
die er ihr zuschrieb; immer wieder vergewaltigte sie sich mit Graus und
Wonne, bog sich für ihn zurecht. Das lombardische Geträllere, süß, frei,
mit der Lust einer reinen, hellen Landschaft um sich, die Erinnerung an
ländliche Tänze, bunte Kleider, Feste mit sich tragend, vermochte sie nicht
mehr zu hören, oder mit einem Hohn, der ihr selbst schmerzlich war. Was die
Kirche war, daß es eine Kirche, eine seligmachende heilige Kirche geben
mußte, wurde ihr verständlich in ihrer Sündhaftigkeit, rettungslosen
Selbstentfremdung; in Gebeten schmiegte sie sich neben den Kaiser, es gab
eine reine und selige Gemeinschaft zwischen ihnen, die alles entsühnte, da
konnte sie ohne Zittern mit ihm wandern; wenn sie so bleiben konnte mit
ihm. Sie wurde Stifterin von neuen Orden; alte zerfallene lockte sie an
sich; der Gnadenschatz, den sie sich erwarb, mußte ihr das Leben
erleichtern, Dunkel über den Weg gießen, den sie ging. Sie entdeckte mit
selbstmörderischer Freude, daß ihr die härtere kühle Luft des Landes
zunehmend mehr behagte, daß sie in Straßen fuhr, als wenn sie hier zu Hause
wäre. Nur die Fremden, die aus Savoyen und Mantua sie besuchten und sahen,
fanden, daß sie mit ihren unnatürlich aufgerissenen Augen nicht mehr zu
erkennen war, daß sie wie vom Gram zerschnitten war, bezogen es auf ihre
Kinderlosigkeit.

Und wie der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches versunken in die Höhe
geschoben wurde von den Siegen, die ihm eine himmlische Macht zuwies,
drängten sich im Reiche seine Parteihalter zusammen, sich des Raubs der
Siegesbeute zu bemächtigen, wo er sich greifen ließ. Ihre heißen Augen
lagen auf den beiden Erzbistümern, zwölf Bistümern in Niedersachsen, mit
dem berühmten Magdeburg, Bremen, Halberstadt, Merseburg, Lübeck. Man konnte
sie jetzt anpacken, nach denen man solange lüstern war; die Hochstifte
waren die Zeugen des Niedergangs der katholischen Macht. Langsam, kaum
merklich waren sie in protestantische Hände abgeglitten. Die trüben Zeiten
waren vorbei. Unter den ligistischen Mitläufern des Kaisers hörte das
Geraune nicht auf, als das Gesicht des Krieges sich unverhüllt zeigte,
lächelnd gegen die Wallensteiner, finster gegen den Dänen. Man zog den
Kaiser nicht ins Geheimnis, plante mit Ansprüchen an ihn heranzutreten als
zu einer Kompensationsforderung bei seinem Machtzuwachs. Die feinhörigen
Herren in Wien fingen ihnen das Wasser ab, besänftigten die Wut und das
Widerstreben gegen das Vorgehen des Friedländers, indem sie die Rückgabe
jener Stifte als mögliches Zugeständnis des Kaisers in Aussicht stellten,
nach dem Siege, nach dem Siege. Sie wurden kirr; inzwischen konnte
ungehindert der Kriegswagen des eisernen Böhmen über Niederdeutschland
fahren. Wenn erst der Böhme und mit ihm der Kaiser in Glorie und
Furchtbarkeit flammen werde, werde die Verhandlung über jene Ansprüche ein
andres Ansehen bekommen, wie man wünschte: dachten die Räte.

Die geistlichen Herren traten einzeln und in Gruppen in Wien auf; vor dem
Reichskammergericht erschienen ihre Abgesandten, vor dem Reichshofrat.
Klein war ihr Rechtsgepäck, um so schwerer; es war sicher nach den
Friedenssatzungen des vergangenen Jahrhunderts, daß zahllose Güter Erz- und
Hochstifte sich in falschen Händen befanden, -- wenngleich inzwischen Land
und Herrschaft protestantisch geworden war. Aber der Kirche war ihr Besitz
entrungen, ihr war nach dem Buchstaben Unrecht geschehen, wie einem Kranken
Unrecht geschieht, der nicht essen kann und dessen Speisen unterdessen die
Gesunden schlucken. Erregter wurden die Forderungen der Prälaten, je mehr
der Hof an sich hielt; Prämonstratenser verlangten ihre Klöster im Erzstift
Magdeburg wieder, kaum wäre noch der kleinste Teil der Menschen dort
katholisch; Benediktiner regten sich. Unverzüglich, schrien sie in Wien vor
den Kammern -- und um so hitziger, als die Pracht um sie zeigte, welche
Summen aus den eroberten Ländern herflossen --, sogleich sollten jene
unbefugten Inhaber die Güter ausräumen und abtreten, samt allen noch
vorhandenen Fahrnissen; durch Nachlässigkeit der Geistlichen, durch List
und Gewalt der Ketzer sei ihnen ihre Habe entzogen, tausend Seelen um
ewiges Heil gekommen. Wie Gläubiger schwirrten sie um die Wiener Burg,
schnarrten vor dem ernsten träumenden Kaiser. Er verlangte sie nicht vor
sich, als ihm Fürst Eggenberg von dieser Bewegung unter den Altgläubigen
erzählte: »Ich bin nicht Kaiser für die Benediktiner und Prämonstratenser.«
Ein zähes Äbtlein, Kaspar geheißen, von dem Prager Kloster Strahow,
verstand es, sich einzuschmuggeln, prahlend von seinem verlorenen Kloster
Sankta Maria zu Magdeburg zu schwadronieren, auch von den Klöstern
Gottesgnad und Jericho im selben Erzstift, bis Ferdinand ihm seufzend ein
Zettelchen bot, das eine Anweisung auf den Geldbetrag dieser Klöster
darstellte. Damit war Kaspar nicht zufrieden; Prälaten, die davon erfuhren,
sahen darin nur ein Zeichen des kaiserlichen Widerstands. Abt Anton von
Kremsmünster war Benediktiner, wußte von säkularisierten Gütern seines
Ordens; er wandte sich an Eggenberg um Hilfe. Die beiden alten Freunde
lächelten sich an: »Ich will Euch nur wiederholen, was die Majestät zum
schlauen Kaspar sagte --, daß sie nicht bloß Kaiser der Mönchsorden sei.«
Antonius meinte, es könne doch niemand durch Ausführung von
Rechtsbeschlüssen gequält werden, die Leidtragenden seien Ketzer, Rebellen.
Eggenberg hob die Hand: »Er will nicht.« »Er wird wollen, Eggenberg. Man
kann es verschieden ansehen, man kann aber auch sagen: es ist nicht schön,
am vollen Tisch tafeln und andere hungern lassen.« »Es ist nicht so, Ihr
verkennt ihn.« »Ich weiß, es ist nicht so. Aber wir wollen tafeln.«

Und die andern schrien nicht mehr Hunger, sondern schon Rache an den
Protestanten für die Ablösung jener Stifter und Güter. Der hitzige Abt von
Strahow sprach offen aus: Die Kirche habe in der Agonie gelegen vor
Jahrzehnten, da sei das Luthertum über sie hergefallen und habe sie
ausgeplündert; Leichenraub sei geschehen; das Unrecht muß beseitigt werden,
Strafe muß folgen. Mit Strahow sprach ein Profoß der Jesugesellschaft in
Wien, sie gingen vor einem wachsenden Klosterneubau hin und her; der Jesuit
lobte den Eifer des Abtes, lobte seine Argumente, fand sie nur
unvollständig. Und den sehr erstaunten Abt beglückte und stärkte er mit dem
Hinweis, zum Leichenraub gehörten zwei, einer der stirbt, und einer der
lebt. Ist es ein Verbrechen des Luthertums gewesen, daß es damals lebte;
ist es ein Ruhm der heiligen Kirche gewesen, daß sie fast hin war? Wenn
Unkraut auf dem Acker überwuchert, kann das Korn nicht gedeihen; wenn das
Unkraut ausgerissen ist, findet das Getreide Platz: da ist Recht und
Unrecht. Nicht beim Unkraut und Korn, wohl aber beim Gärtner und Bauer. Die
Kirche hat Gärtner gehabt, die ihre Äcker nicht gepflegt haben. Jetzt werde
man alles nachholen und sich nicht hindern lassen. Heraus mit dem Unkraut;
Raum für das blühende Getreide.

Die Kirchenherren erreichten, daß der Abt von Meggau sich an den Herzog von
Friedland mit einem Schreiben wandte, was er der Majestät rate und welche
vermutlichen militärischen Folgen sich aus einem Zugeständnis ergeben
würden. Der Herzog saß in Wismar, organisierte eine deutsche Kriegsarmee
gegen Dänemark und arbeitete der drohenden schwedischen Invasion entgegen.
Er gab schriftlich von sich, daß man ihn nicht mit Politik befassen möge.
Herr von Strahlendorf, Fürsprecher der Rückgabe im Geheimen Rat, drang in
das Wismarer Rathaus ein. Was, fragte Friedland verärgert den edlen Herrn,
an dieser Angelegenheit denn so wichtig wäre, daß man einen besonderen
Befrager an ihn entsende. Als Strahlendorf mit Wärme dargelegt hatte,
welches Unrecht der Kirche geschehen sei, schloß der hagere General kurz
und den Herrn an die Tür drängend, die Kriegstage erlaubten ihm keine
langen Debatten; gehörten die fraglichen Güter der heiligen Kirche, so
würde das Reichskammergericht das Urteil fällen; er käme nur für die
Exekution in Frage. Erst bei den stockenden Bemerkungen des langen Grafen,
daß der Kaiser nicht recht für die Sache zu haben sei, wurde der General
aufmerksam, warf seinen schlauen stechenden Blick. Er ließ seinen Freund,
den jovialen Arnim von Boitzenburg, in das Zimmer rufen und fragte ihn, den
Protestanten, in Gegenwart des kopfsenkenden Grafen, ob er Lust hätte,
Magdeburg für die Katholiken zu erobern. Und auf das Erbleichen des Mannes
und sein unsicheres finsteres Hin- und Herblicken; gab er ihm die Hand:
dies sei ihm nicht zugedacht von ihm, dem Herzog, sondern -- irgendwoher,
wo man anscheinend Hunger hätte nach dem Rind, aber keine Leine, es zu
fangen. Er möge nicht beunruhigt sein, für dies Rind hätte er auch keine
Leine. Dies sei, schmähte er nach der Entlassung Arnims gegen Strahlendorf,
seine Antwort an ihn: der Krieg habe nichts mit Religion zu tun, man möge
nicht Schwierigkeiten machen. -- Aber er sei doch Katholik, hob nach langer
Pause der Graf den Kopf; ob er es nicht für billig ansehe, Vorteile, die
sich aus der Kriegslage für die Religion ergäben, zu benutzen. -- »Man
denkt vielleicht wieder«, sagte der General, »mir einen Knüppel zwischen
die Beine zu werfen. Wenn ich katholisch bin, ist es meine Sache; mag den
Herrn nicht scheren. Ich lause Rebellen in derselben Weise, ob sie
katholisch oder lutherisch sind.« Darauf wiegelte sehr ruhig Strahlendorf
ab, es sei nur eine Anfrage gewesen, die er nicht verübeln wolle; es gäbe
in einem Reich vielfache Interessen, regten sich viele Wünsche. Mißtrauisch
betrachtete ihn Wallenstein in der Nähe: »Der Kaiser ist wohl dem und jenem
zu stark geworden. Möchten ihn etwas zwicken. Möchte wohl auch der und
jener im Trüben fischen. Laß er sich nicht zum Werkzeug verkappter
Schelmereien machen.« Strahlendorfs Abschied war nicht gnädiger als sein
Empfang.

»Man will ihm an den Kragen,« streckte Friedland die Arme über sich am
Fenster, als Arnim nach Strahlendorfs Abschied wieder eingetreten war. »Sie
wollen ihn unter den päpstlichen Hut drücken. Er ist ihnen zu groß, schon
jetzt viel viel zu groß.«

»Fühle sich Herzogliche Gnaden nicht durch mich gebunden oder beengt in
ihren Entschlüssen. Arnim kann in Boitzenburg seinen Kohl bauen, oder bei
den Polen fechten.«

»Es liegt nicht an Euch, Herr Bruder. Hab' er vielen Dank. Man will ihm an
den Kragen, dem Kaiser. Das ist es.«

Er stieg durchs Zimmer: »Sieh da, sieh da, die Liga lebt noch. Man wird den
Herren den Kopf vor die Füße legen müssen.«

In Rom residierte im goldenen Vatikan ein Panther, Maffio Barberini, der
achte Urban. Man konnte nicht sagen, er verstünde seine Zeit nicht. Zur
Macht war er gekommen, indem er beim Konklave beiden Parteien schwor, er
sei der Todfeind des andern. Über den Eingang seines Theaters schrieb er,
er denke nur an die Sicherheit der Kirche. Vierzigtausend Mann konnte er
aus dem Rüstzeug des päpstlichen Arsenals bewaffnen. Das Castell Franco
baute er an der Grenze des Bolognesischen, armierte in Rom Sankt Angelo. In
Tivoli arbeitete seine Waffenfabrik. Er wollte statt marmorner Denkmäler
eiserne. Als jenseits der Alpen der Krieg auf die Höhe stieg, erneuerte er
die Nachtmahlsbulle in coena domini, verfluchend Ketzer, Hussiten,
Vicklifiten, Lutheraner, Zwinglianer, Calvinisten, Hugenotten, Trinitarier,
Wiedertäufer und die Meerpiraten. Zerschmettert sollten die deutschen
Ketzer werden, die gestohlene Habe ihnen wieder entrissen werden und der
Kirche zufallen.

Schon während der militärischen Aktion erklärten seine Gesandten am Wiener
Hofe, die Kirche verlange, wo die Macht des Kaisers, des Kirchenvogtes,
dazu ausreiche, daß Anstalten getroffen werden, ihr zu ihrem rechtlichen
Besitz wieder zu verhelfen. Witzige Gesellen am Hofe lachten: Wallenstein
sollte marschieren, um dem Papst Magdeburg Halberstadt und die anderen
deutschen Stifte wiederzuerobern. Es bedurfte nicht des Lamentos der
Ligisten, der entrüsteten Hinweise des bigotten Grafen Strahlendorf, um
einen Sonderlegaten nach Wien zu rufen, als die Glocken den Sieg in den
Straßen läuteten. Schon bereiste eine geheime päpstliche Kommission die
besetzten Gebiete und das übrige Deutschland, um für Urban die kommenden
Einkünfte abzuschätzen; er hatte vor, mit diesem Gelde die Grenzen des
Kirchenstaates vorzurücken, die Liga gegen den gefährlich übermächtigen
Kaiser zu unterstützen, Frankreich gegen Spanien zu helfen. Dem abreisenden
Nuntius blies Urban bei verschlossener Kammer in die Ohren: »Die Kirche hat
nie frömmere Fürsten gesehen als die deutschen und den Kaiser Ferdinand.
Das weiß ich. Aber es wäre schrecklich, wenn sie nicht die Frömmigkeit
besäßen. Schließlich rechtfertigt nur der Glaube ihre Entsetzlichkeiten und
schamlosen Räubereien. Der Kaiser mag uns bitten, die Stifter anzunehmen
und auf Ersatz der verlorenen Jahre zu verzichten; wir werden erwägen, ihm
einen Anteil am Ertrag, ihm und der Liga, zuzugestehen. Vergeßt nicht,
einmal die Bemerkung hinzuwerfen: Ihr hättet von mir das Wort gehört, die
Welt verlöre ihr Gleichgewicht ohne Frankreich, und damit verbeugt Euch vor
Habsburg; man wird Euch verstehen. Im übrigen liebe ich Frankreich nicht
mehr als Deutschland; der Tisch der Kirche ist groß genug für viele
Kinder.«

Und zu seinem Unwillen wurde Ferdinand aus Wolkersdorf durch Boten
Eggenbergs nach Wien berufen; es sei eine feierliche päpstliche Nuntiatur
eingetroffen, die in besonderer Sache empfangen zu werden begehre. Im
spanischen Saal, matt in den Armlehnen hängend, wie ein Wundervogel ohne
Begierde durch die Käfigstangen den Schnabel steckend, hörte Ferdinand
milde und still neugierig den vor großem Gefolge im Kardinalspurpur
gestikulierenden Italiener an. Noch einmal ließ ihm der Heilige Vater und
nun mündlich Glück zu dem Siege wünschen, dessen Gerüchte den Weltball
erschütterten. Es sei durch die Frömmigkeit und Tugend Habsburgs
vornehmlich geschehen, daß sich die trauernde Kirche aus ihrem Jammer
erhoben habe und nun majestätisch um sich blicke, die Braut Christi, die
ein süßes und dankbares Lächeln denen spende, die ihr Schwertträger gewesen
waren. Dies aller Welt zu verkünden in feierlich offener Audienz sei dem
Papst Urban Herzensbedürfnis. Mögen auch die noch nicht Unterworfenen und
unter das Schwert Gefallenen wissen, wessen sie sich zu vergewärtigen
haben, wofern sie in Starrsinn verharren. Die Heilige Kirche aber stehe
nicht an, ihre Freude zu äußern, wo sie ihre Kinder wieder um sich sammeln
wolle, die heimtückisch von ihrer Hand gerissenen Hochstifte und Klöster,
die sie mit Jubel an ihr Herz drücke, alles Vergangene vergessend. Sie
nehme sie entgegen aus der Hand des kaiserlichen Hauses, dem sie im Glück
ihrer Brust keinen Vorwurf über den erlittenen Verlust mache.

Zugegen waren bei dieser Audienz fast alle Herren des Geheimen Rats, die
Gesandten Bayerns, Kursachsens, die Vertreter der geistlichen Fürsten. Sie
hatten maskenhafte Gesichter, mit keiner Bewegung ihre Anteilnahme
verratend. In Ferdinand zog sich, während er zuhörte, ein gräßliches Gefühl
zusammen, das ihm den Mund verpappte, sich mit Hitze und Beengung auf ihn
legte. Er sollte überfallen werden. Man überfiel ihn: man wollte ihn vor
die vollendete Tatsache stellen, daß das Reich geplündert wurde. Ihn, den
Kaiser; sie wußten, daß er es nicht zulassen würde. Man wollte ihn zum
Erwachen bringen. Er war überflutet, nicht imstande, seitlich zu ihnen
hinzublicken. Bestürzt reichte er dem stolzen tönenden Kardinal die Hand.

»Was war das? Was war das?« flüsterte er, in sich verwirrt, auf den
Korridoren. Er saß kaum eine halbe Stunde, als Eggenberg und Trautmannsdorf
angemeldet wurden, während er selbst auf die Mantuanerin wartete. Der
Habsburger, noch im großen Ornat des Empfangs, in die Ecke eines Armstuhls
geschoben, über dessen Lehne Purpurmantel und Schärpen bauschig
herabfielen, als gehörten sie nicht zu diesem Manne. Seine Kammer halb
dunkel.

Als sie eintraten, machte er, ohne die Arme zu bewegen und sich
aufzurichten, ohne sie anzusehen, wagerechte Striche mit den bedeckten
Händen, hauchend: »Nicht sprechen. Nicht nötig. Der Besuch ist geschenkt.«
Die beiden, erschüttert, wie er im Audienzornat, wollten unter Verneigungen
auf dem Teppich näher treten; er winkte gleichmütig weiter: »Ihr stört
mich. Nehmt an, ich hätte euch schon angehört. Ich billige eure Argumente.
Es ist gut.« Eggenberg: »Wir haben keine Argumente. Wir wollten eine
Erklärung abgeben.« »Empfangen. Danke. Die Herren sind entlassen.« Der
schmerzbewegte Fürst: »Was haben wir verschuldet?« »Ich erwarte die
Kaiserin. Ich danke.« Er strich immer weiter vor sich in die Luft.
Trautmannsdorf grub sich die Nägel in die Handteller: »Auf die Gefahr, den
Zorn der Majestät herauszufordern: wir sind nicht schuld. Den Satz muß ich
gesagt haben.« Fast mitleidig drehte sich ihm der Kopf Ferdinands zu, die
linke Hand fuhr leicht in die Höhe: »Welchen Satz?« »Daß wir nicht schuld
sind. Der Kardinal hat uns bloßgestellt.« »Wie sonderbar.« »Eine feierliche
Danksagung an Eure Majestät, die Überbringung des päpstlichen Segens war
verabredet.« Wortlos, ohne seine Lage zu verändern, ließ der Kaiser
minutenlang von einem zum andern seine weißen Augen gehen: »Was wollt ihr
mir erzählen.« Eggenberg, mit tiefer, wutzitternder Stimme: »Es ist nötig,
beim vatikanischen Stuhl zu protestieren in aller Form, wie der Kardinal
hier verfahren ist. Gegen den Anstand, gegen Treu und Glauben.« »Das wollt
ihr mir erzählen.« Eggenberg standen die Tränen in den Augen; voll
Bitterkeit sah er auf den Boden. Der Ausdruck des Kaisers veränderte sich,
seine Stimme klang entspannter: »Graf Trautmannsdorf, es ist wahr, man hat
euch übertölpelt?« »Es ist ein schwacher Ausdruck für das, was vorgefallen
ist.« »Und ihr beide und andere?« »Vor uns hat der Kardinal geredet, ohne
daß wir uns dessen versehen konnten.« »Er wollte, er hat erreicht --« »Gut,
Graf Trautmannsdorf.«

Der Kaiser bog den Kopf zur Zimmerdecke, gerade auf das goldene hohe
Kruzifix, sein Gesicht wurde wieder gleichmütig; wie er den Kopf gegen die
Schulter ablegte, atmete er erleichtert. »Mich freut, daß ich nicht allein
überrascht bin und daß ihr meine Freunde seid. Daß ihr nichts gegen mich
gewollt habt. Wahrhaftig, Eggenberg, hättet ihr wieder mit mir so getan wie
vor einiger Zeit, so hätte ich« -- der Kaiser sprach sehr leise, versunken,
monologisch -- »kaum noch Lust gehabt zu irgend etwas. Es hätte mich genug
gedeucht hier. Ich dachte vorhin: dieser Tag, mich auf meinen Heiland zu
besinnen, sei heute gekommen. Gegrollt hätte ich euch nicht --, qualvoll
war es nur für einen Augenblick. Geht. Ich danke euch.«

Die Herren traten zögernd nach Verneigungen ein paar Schritt zurück. Dann
bat, hingewandt, Eggenberg um Vergebung; was man tun solle, sachlich; wie
sich die Majestät zum Heiligen Vater und zur Stifterfrage stellen werde. Es
sei genug, äußerte der Kaiser erst, den Kopf in die linke Hand gestützt.
Dann mit verhauchender Stimme: den Heiligen Vater respektiere er immer; er
habe ja Vollmacht, zu lösen und zu verdammen; worum handle es sich? Um die
Stifter --; er werde auch darüber nachdenken.

Dann kam sie hinter den Damen und ihrem Obersthofmeister, die sich
ehrfürchtig zurückzogen. Sie half ihm aus den schweren Prunkmänteln und
Schärpen heraus. Schwer ließ sie die Stoffe auf den Teppich rauschen. Er
saß noch erschöpft, die linke Hand den Kopf stützend, sprach wenig. »Ich
denke,« sagte er, als sie ihn bedrängte, »unser Leben ist nicht lang. Ich
wäre heute bald aller Schwierigkeiten Herr geworden.« -- »Ich wäre,«
flüsterte er später, »bald so gegangen, wie mein spanischer Vorfahr, der
fünfte Karl. -- So durchschauert hat es mich.« Bleich, langgezogen das
tieflinige Gesicht, aufgerissen Mund und Augen, suchte sie mit ihrer linken
Hand seine rechte, die zwischen seinen Knien hing, zu fassen: »Du wolltest
ins Kloster.« Sie krümmte sich auf ihrem Stuhl, sie schlug ringend die Arme
zusammen: »O, du hattest recht, Ferdinand. O, hattest du recht.« Sie
schlang ihren linken Arm um seine Schulter, er ließ sich zu ihr
herüberziehen, still sie anschauend, deren Augen fast delirierten: »Es gibt
nichts als den Himmel und Maria, Jesus, die Heiligen, Ferdinand. Wir können
nichts weiter tun, als uns zurechtmachen für die Seligkeit. O, wie freue
ich mich, daß du sie finden willst. Ich bin glücklich bei dir, mein Leben.«

Er ließ sie sprechen und stammeln. Seine innre, wie wartende Ruhe wurde in
diesen Tagen selten unterbrochen. »O, gib nicht nach, Ferdinand,« flüsterte
sie, sich über ihre Knie werfend, »sei da, wenn es dich ruft. Ich will bei
dir sein.«

Ferdinand zog das linke Augenlid höher. Er betrachtete sie von der Seite
her, rief sie an. Er rief sie nochmal an. Verloren schob sich die
Mantuanerin auf. »Eleonore, willst du mich anhören? Dies ist ja vorbei. Es
ist an mir vorübergegangen für jetzt. Man ist an mich herangetreten mit
Vorschlägen. -- Laß mich das überlegen mit dir.«

»Ich kann nicht. Verzeih' mir.«

»Was hat man von mir gewollt? Schlechtes und Niedriges sollte ich dulden.
Es könnte ihnen passen. Ja, ich gefalle ihnen nicht.«

»Willst du mir verzeihen, Ferdinand, daß ich dir nicht folgen kann. Rufe
den Beichtvater, oder, es soll ein päpstlicher Legat am Hof eingetroffen
sein: er wird dir helfen.«

»Er wird mir helfen! Warum ist er gekommen und hat diese Szene gemacht. Ich
will daran nicht denken. Er wollte Länder. Sie sind habsüchtig, wagen sich
an mich heran.«

»Der Papst hat von dir Länder verlangt? So gib sie ihm doch. Freue dich,
daß er sie verlangt.«

»Ich habe den Krieg gewonnen durch die Gnade des Himmels, durch tausende
Gebete und Fürsprachen. Jetzt soll ich zeigen, ob ich's verdient habe. Ist
er nicht wie der Versucher, der Papst? Ich habe meine Macht begründet durch
die göttliche Gnade, jetzt will er mich locken, ungerecht und ruchlos zu
sein.«

»Ferdinand, von wem sprichst du! So freu' dich! Gib! Gib mir, daß ich
schenken kann! Ferdinand!«

»Ich hab' ja nichts zu schenken, Eleonore. Ich besitze selbst nichts. Je
mehr ich Kaiser wurde, um so mehr wurde von mir genommen, liegt nun da. Ich
hab' es alles zu verwalten, gut zu versehen, recht abzugeben. Ja, ich
verfüge über nichts. Ich bin ganz arm, Eleonore.«

»Schenk' mir. Sprich nicht so. Ich brauch' es, ich bedarf es. Willst du
nicht meiner gedenken, bin ich nicht deine Eleonore, die du aus Mantua
geholt hast? Und ich will es ihm schenken, dem Heiligen Vater.«

»Bist du nicht die zweite Versucherin, Eleonore? Und dir würde ich noch
eher nachgeben.«

Sie saß plötzlich steif, spannte ihr Gesicht; klar und ernst: »Ich weiß, es
gibt einen Versucher, dem du nachgeben wirst, weil er dich zwingt. Das bist
du. Wenn es auf mich fiel, könnte ich nicht widerstehen. Wo es dich
getroffen hat, kannst du nicht anders. Ich weiß es.«

»Du weißt das?«

Abweisend artikulierte sie: »Ich weiß. Du kannst dich nicht entziehen. Du
hast sowenig eine Wahl wie ich.«

»Wir sind fromm. Wir haben nichts verbrochen. Warum sollte ich nicht wählen
können?«

»Versuche.«

Er fixierte sie, wie gestochen: »Ich -- regiere.«

»Versuche.«

»Wer kommt, um zu stehlen, findet mich und meinen Schwertträger.«

»Versuche.«

»Das heißt: ich sei noch nicht Kaiser?«

Sie drehte sich zu ihm, warf sich über sein Knie: »Es heißt, daß es damit
nicht genug ist. Sei Kaiser, sei nicht Kaiser: ich will dich so nicht. Komm
mit mir. Sei mein Begleiter -- zu Maria.«

Ferdinand hatte seine stille erwartende Miene wieder: »Du darfst mich nicht
verwirren, Eleonore. Wir dürfen uns nicht erregen. Man hat versucht, mir
Länder mit Gewalt zu entreißen. Daraus spricht ein schlechtes Gewissen. Ich
vergesse darum nicht, was ich der Heiligen Kirche schuldig bin und wieviel
ich ihr gerade zu danken habe.«

Sie hängte sich an ihn, als er mühsam aufstand und die Arme, als wenn sie
steif wären, schaukelte, zweifelnd ängstlich: »Gib mir nach. Bald.«

»Nein,« schrie sie bald darauf verzückt, »tu, wie du willst. Ich will dir
nicht raten. Nichts will ich geraten haben. Tu. Tu wie du willst.«

                   *       *       *       *       *

Während die Geheimen Räte warteten, was Ferdinand beschließen würde, wurden
sie überrascht von der Nachricht, daß Befehl zur Abreise von Wien gegeben
sei. Der Oberstallmeister bestätigte, von der Kaiserin selbst den Befehl
erhalten zu haben. Und so hatte sich Ferdinand in der Tat in einem Zustand
unbezwinglichen Grolls, zwangsartig sich steigernden Abscheus, dazu auch
einer Furcht entschlossen: wegzugehen von Wien, in Wolkersdorf sich
einzuschließen und nicht zuzugeben, wie er von dem Wege der Kaiserlichkeit,
auf dem er ging, abgedrängt würde. Er kniff die Augen zu, spie: er wollte
sie alle nicht. Er suchte instinktiv die Verdunklung wieder, in der er sich
befunden hatte; in dieser Dunkelheit ging sein Weg. Er sträubte sich
gleichermaßen gegen den Nuntius, wie gegen seine Räte, wie gegen dieses
Wien überhaupt, diese Dichtigkeit der Häuser um ihn, dieses Zudringen und
Bedrängen, diese Stimmen an allen Seiten der Burg.

Da wagte es der päpstliche Nuntius, ein Mann, der die Person des Kaisers
nur von der Audienz kannte, sich gegen die Warnungen in seine Kammer zu
begeben, nur gedenk seines Auftrages, und es gelang ihm, den Kaiser, der im
Reisemantel ihm befremdet entgegenblickte, zu bewegen ihn anzuhören.
Widerwillig, stumm setzte sich der Kaiser auf den Sessel, von dem er eben
widerwillig aufgestanden war, gedrängt, fast mit Pein, ließ er seinen
Körper auf das Holz nieder, von dem er sich eben freigemacht hatte, drückte
den hutbeschatteten Kopf auf die Brust, schob die Arme auf dem Schoß
gegeneinander, schwieg. Mit einer stummen Bereitwilligkeit harrte er,
horchte, was da gebraut wurde, blickte gelegentlich scheu den dozierenden
roten Menschen an, den Arm, der ihn hier zurückgedrückt hatte.

Er ließ ihn später wissen, er werde bald über den kaiserlichen Entscheid
informiert werden. Er war herausgefordert, er wollte sich entschließen. Man
sollte es fühlen, sie wollten ihn in ihre kleinlichen Zweifel einmengen. In
die Schreibstube seines Sekretärs ließ er sich fahren, Schrecken
verbreitend, diktierte augenblicklich, kaum eine Stunde nach der
Verabschiedung des Italieners, er begehre Gutachten vom Geheimen Rat und
Hofrat noch einmal über die Angelegenheit der Stifter. Sie sollten zeigen,
wer sie sind.

Dann in die Gemächer der Mantuanerin. Ihre Damen sahen sie neben dem
Habsburger, ihn belauschend, sich an ihn heftend wie eine Spinne an eine
graue Mauer. Er blieb in Wien.

Nach zehn Tagen wurden die klaren harten Worte des Herzogs durch den Oberst
Neumann vor ihn gebracht. Der Plan wurde darin als albern bezeichnet, man
solle ihn abweisen. Der stille Kaiser hielt das Blatt geknüllt stundenlang
vor sich, ohne es zu lesen. Der Nuntius des Papstes! Der Papst Urban! Die
Mönche! Die Kurfürsten! Was wollten die, was wußten sie! Gegen diesen,
gegen den Herzog! Da lag der Friedländer mit seiner Armee über dem Reich,
erdrückend ja, aussaugend ja, keine Gewalt sollte ihn daran hindern, so zu
tun wie er wollte: das Reich platt hinzulegen. Sie sollten alle
verschwinden, die gegen ihn meuterten. Wie ging der finstere Mensch, der
Friedländer, gnadenlos durch das Reich. Wie der Kaiser sich über seinen
Leib bückte, zerriß ihm die Lust die Eingeweide; es wogte über die Haut
seiner Hände, seines Rückens, ein kühler Schauer lief ihm über Wangen und
Mund; er zitterte, preßte sich zusammen und genoß es, was ihn schmerzhaft
wild überfiel. Er lachte heiß und gequetscht aus sich heraus. Er versteckte
das Papier Wallensteins an seiner Brust, ehe er aufstand und sich den
irrenden fragenden Augen der eingetretenen Mantuanerin darbot. Sie war
selbst so erregt über sein freudiges Gebaren, als er davonging, daß sie auf
dem roten Teppich hinkniend, allein in der Kammer, leise kreischte und
kicherte.

Es erfolgte damals der erste Versuch des Fürsten Eggenberg, die Macht des
Kaisers auf andre Schultern zu stützen als auf die Wallensteins; nach der
Überrumpelung durch den Nuntius begriff er rasch: man konnte mit dem
Geschenk der Stifter sich eine Zahl ligistischer Herren gewinnen und sie an
den Gefahren der Situation beteiligen. Eggenberg saß neben Ferdinand in den
anberaumten Besprechungen, den weißen kleinen Spitzbart an den steifen
Mühlsteinkragen andrückend, klein, die hohe Stirn steil runzelnd, das
weinrote Gesicht gestrafft, nicht gewillt nachzugeben. Er fühlte, daß man
dem Kaiser wehe tun mußte, aber es war ihm von Tag zu Tag seit den Siegen
mehr, als wenn nicht dieser gelbliche Herr unter dem blauweißen Baldachin,
sondern er verantwortlich wäre für die Dinge. Dieser Kaiser konnte sich
sträuben, das Haus Habsburg stand in Gefahr; ein liebes Kind war Ferdinand,
der Heiland möge geben, daß diesem Herrscher Schlimmes erspart bliebe. Er
war Ferdinand innig verbunden, sein Brautwerber und Vater war er gewesen;
er begriff die Fascination Ferdinands durch den monströsen Herzog. Das Haus
aber durfte durch den Kaiser nicht erschüttert werden. Die Räte, die
herumsaßen, stumm, lippenbeißend, hatte er für die Stiftersache gewonnen;
sie waren im Machtrausch, die Abgabe von Geschenken an den Papst und wen
sonst schien ihnen belanglos. Die Unterhaltung zog sich stockend hin, der
Kaiser ließ sich hinausführen.

»Welchen Rat gibst du mir?« fragte an der Tür ihrer Kammer Ferdinand die
Mantuanerin, die er umarmte, an der er sich versteckte. Glücklich bog sie
sich, erschauernd, an ihm; sie suchte ihm ins Gesicht zu blicken, aber er
drückte die Stirn noch tiefer vor ihr: »Du wirst es ja wissen, ich habe für
dich gebetet«, jubelte sie.

Scheuer betrachtete und betastete Ferdinand das zerknüllte Schreiben des
Friedländers, das er in seinem Gürtel trug. Er hatte seiner Gläubigkeit und
Frömmigkeit, der Fürsprache der Heiligen Kirche seine Macht zu verdanken.
Die Länder, die sie verlangten, unterlagen seiner Obhut, sie durfte er
nicht als Beutestücke weggeben, er sträubte sich dagegen, wütend, jäh, von
seiner Kaiserlichkeit einen Titel abzugeben. Aber sie gewannen ihm Boden
ab, indem sie sich mit den Generalen gleichstellten, die er auch beschenkt
hatte. Die Heilige Kirche verlangte ihren Sold. Wie ihn die Gesandten der
Liga und des Papstes bedrängten, fiel es immer schwarz in ihn: »Man will
mich schwächen, man will mich schwächen, ich seh' es.«

Und einmal fand er sich vor dem Papier, das die Worte »albern« und »frech«
enthielt, in einem zuckenden Schmerz; ein Flüstern in ihm: »Ich muß dir weh
tun, verzeih es mir, es muß geschehen, denke nicht schlimm von mir. Unser
Seelenheil verlangt es. Du weißt es nicht. Sei gut, sei gut.«

Dann legte er es vor Eleonore: »Sie sollen die Länder haben.«

Eleonore starrte ihn aus ihren inbrünstigen Augen an: »Wie ich dich
beneide, Ferdinand, daß dir diese Wahl gegeben ist.« Er lachte sie finster
an. »Ich danke dir herzlich.« Die Frau drängte sich unheimlich in seine
Seele, in seine Entschlüsse.

Der Kaiser aber, welk und tief gereizt, wie er dieses knisternde, aus allen
Balken brennende Leben neben sich fühlte, hatte das wilde Begehren, ihr
etwas anzutun, sie auflodern zu sehen, leiden zu machen. Der Wunsch, Böses
zu tun, war in ihm erwacht, der Zwang hatte in ihm das Gefühl der Rache
hinterlassen. Tosend gab er nach. Zwischen den Zähnen knirschte er; während
ihm der Schweiß auf die Stirn trat und die Augen in graue Höhlen
zurückfielen und er ihre linke dünne Hand rieb: »Ich will dem Heiland
zuliebe nichts versäumen; was ihm zu Ehren ist, wird mich leiten.« Sie
krallte sich an ihm fest und stöhnte. »Ja,« seufzte er, hingeworfen mit ihr
betete er, dann umschlangen sie sich.

In der Nacht ließ er einmal die Kaiserin rufen. Grimmig empfing er sie:
»Bin ich wieder so weit, daß ich nicht weiß, wen ich rufen soll? Meine
Narren, den blöden Grafen Paar? Blick mich nicht an.«

»Was ist?« weinte sie über seinem Bett.

»Daß du zu früh triumphierst. Es ist die Spekulation, daß ich es nicht
wage, den Friedländer zu rufen. Und ich rufe ihn, ich rufe ihn doch.«

»So tu es doch.« Sie war hilflos.

»Er soll kommen, sag' ich Euch. Die Augen werden Euch übergehen. Er soll
Euch in Eisen schlagen, weil Ihr Euch vergreift an mir.«

»Was hab' ich dir getan?«

Widerwillig legte er sich zurück: »Nichts, nichts, beim Heiland, nichts.
Ich bin verloren, verkauft. Weiter nichts.«

Das war wieder der Fremde. Sie stand auf. »Wohin willst du?« fragte er
höhnend.

Sie kniete vor seinem Kruzifix.

Tage gingen hin; täglich marterte sich lange Stunden der Kaiser im Gebet
neben der Mantuanerin. Lamormain, der große Beichtvater, trat an ihn heran.
Ferdinand erhob sich mühsam, verstört aus den Andachten. Lamormain pries
den Kaiser, daß er im Glanz des Siegerruhms den demütigen Glauben, den
kindlichen Gehorsam bewahrt habe. Die schmächtige Kaiserin lief, nachdem
sie rasch vor dem lächelnden hinkenden Jesuiten ein Knie gebogen hatte, aus
der Kammer mit stürmischer Atmung. Mit lahmen Füßen schleppte sich
Ferdinand an seinen Sessel, seine Hände zitterten. Dumpf, leise sagte er:
»Ich danke.« Hing an den Lippen des Jesuiten, bückte sich in sich, fiel
zusammen. Beichtete ihm.

Dem Beichtvater gab er am nächsten Tage den Entscheid über die Stifter: Er
sei mit sich zu Rat gegangen, habe Maria und die Heiligen fleißig und innig
angerufen. Durch die Gnade dieser Himmlischen sei ihm zuteil geworden, daß
ein furchtbar schwerer Feldzug beendet, der einen glücklichen Ausgang bis
zur Stunde genommen habe. Sein Thron sei gefestigt worden, der erst so
unsicher war wie sonst etwas Irdisches. Nun habe man ihn angegangen um
Wiederherstellung kirchlichen Eigentums, das im Laufe der Jahrzehnte
verlorengegangen sei. Er hätte sich schon früher dem nicht verschlossen,
daß den geistlichen Gewalten ein Recht auf diese Güter zustand. Aber
trotzdem hätte er sich gesträubt, um nicht neue Unruhen im Reich entstehen
zu lassen. Ihm sei gewiß, daß er nicht wohl daran tat, sich zu sträuben.
Die Kirche müsse belohnt werden für die unsagbare Hilfe der Gebete. Die
armen Seelen, die in jenen Stiftern den Ketzern anheimgefallen seien,
wiederzugewinnen, müsse er sich bemühen als gottergebener Mensch,
geschweige als Kaiser. Ihm, seinem Beichtvater, müsse er gestehen, wie er
geschwankt habe, sündig und zage. Er wolle von der Sünde befreit werden.
Der Pater lächelte: »Glücklich der Mensch, dem es verliehen wurde, seine
Macht zugunsten der Heiligen Kirche zu verwenden.«

Papst Urban der Achte, an seinem goldenen waffenklirrenden Hofe umgeben von
Artilleristen Ingenieuren Landmessern Intriganten von Legaten Vizelegaten
Notaren, nahm in Gegenwart des französischen Botschafters die Meldung
seines Nuntius mit Freude auf. Er bezeichnete es im übrigen als
Selbstverständlichkeit, daß diese Maßnahme des Restitutionsedikts getroffen
wurde, und schließlich als eine kaum verzeihliche Lässigkeit, daß sie erst
jetzt getroffen wurde. Die Franzosen beglückwünschten ihn im Auftrag des
dreizehnten Ludwig, dessen Gevatter der Papst war. In Urbans Namen erklärte
dem deutschen Gesandten Paolo Savelli der Kardinalstaatssekretär Franzesko
Barberini, der Papst fühle sich durchaus nicht bemüßigt, eine
Dankprozession angesichts der Verkündung der Restitution zu veranstalten,
auch lehne er strikte ab, dem Kaiser die erste Besetzung der verlangten
Bistümer zu konzedieren. Was dem Heiligen Stuhl zustehe, hielte er fest.

Eggenberg hatte mehr für den kaiserlichen Hof erhofft. Aber eisig kam aus
Rom die Nachricht, der Papst gedenke die Hälfte der Renten aus den neu
erlangten Stiftern der frommen Liga des bayrischen Maximilian zuzuweisen.
Fein lächelte darauf Trautmannsdorf den Fürsten an, auch der Abt von Meggau
sah auf den Boden; aber jetzt hielt Eggenberg alle Blicke aus. Sehr fest
äußerte er, ihn freue, ja freue die Nachricht; den Kaiserthron auf breiten
Fuß zu stellen, sei sein Bemühen; man werde mit Bayern zusammenarbeiten
müssen, auf Bayern sich stützen können. »Zu welchem Zwecke« -- Meggau
blickte vor sich -- »haben wir den Herzog von Friedland gerufen?«
Eggenberg: »Ihr werdet es einmal lobpreisen, was ich sage; der Kaiser ist
nicht vom Teufel befreit, um dem Beelzebub anheimzufallen.«

Die schmähenden Worte, die unverhüllten Drohungen, die aus den
mecklenburgischen Quartieren an den Hof drangen, gelangten nicht an den
Kaiser. In unbestimmten Wendungen überbrachte ihm Graf Strahlendorf die
friedländische Ansicht; verschleiert, ernst, mit stiller trächtig schwerer
Zärtlichkeit hörte Ferdinand den Bericht. Plötzlich fuhr er auf, warf
erregte Blicke, ging auf und ab: »Wer ist dieser Friedland? Wie kommt er
dazu, mich mit der Heiligen Kirche in Widerspruch zu bringen? Wie kommt
irgend etwas dazu, mir mein Seelenheil zu nehmen?« Er stand klein, mit
gequältem Blick vor dem sehr stolzen Grafen, schwitzte. Und wie als Buße
für Vergehen gab er doppelten und strengen Befehl, der Kirche nichts
vorzuenthalten, weder an Gut noch an Seelen.

In diesen Tagen gab er das Edikt heraus, daß in allen neu eingezogenen und
von kaiserlichen Truppen eroberten Gebieten der alte Grundsatz der
Glaubensfreiheit aufgehoben und beseitigt werde, als nicht vereinbar mit
kaiserlichen Pflichten gegen die Kirche; mögen die, die andern Glaubens
seien, die eingezogenen Länder verlassen, dies sollte ihnen freistehen. Die
herrscherliche Fürsorge und Verantwortung erfordere Anwendung des Satzes:
Wessen Land, dessen Bekenntnis; die Auswanderer hätten den zehnten Teil
ihres Besitzes zu hinterlassen.

Wie zur Sühne war das Edikt hingeworfen, und der Kaiser, von der fast irren
Freude der Mantuanerin umfaßt und gestachelt, sättigte betäubte sich in der
Übertreibung seiner Durchführung. Es dünkte ihm ein Glück, Vogt und Schwert
der Kirche zu sein. Und einen Triumph empfand er über Wallenstein: er hatte
sich über ihn erhoben, hatte ihn besiegt. Wallenstein war das Blinde,
Mechanische, das Schwert; der Herzog verstand nicht, daß es noch etwas
anderes gab als die Unterwerfung von Ländern. Er war Meister über ihn.
Herzlicher als vorher liebte er Wallenstein, der Gedanke an Wallenstein
machte seine Augen verschleiern, ein trunkenes Glücksgefühl schlug durch
seinen Leib; die Knie zitterten ihm manchmal, wenn er an Wallenstein
dachte. Er fühlte den Herzog sonderbarerweise noch fester an sich gebunden,
weil er ihn abgewiesen, gestoßen und verwundet hatte. Wie ein warmer Dunst
schwelte in ihm das angenehme Gefühl: der Herzog rast jetzt meinetwegen, er
ist bestial, er ist ja ein Untier, er flucht mir, er möchte mich zerreißen.
Zum Lachen schön war die Vorstellung.

Er ließ sich melden, welche Maßnahmen getroffen seien, welcher Stifter man
sich bemächtigt habe. Wieder zogen vor ihn jammernde Abordnungen einzelner
Städte und Hochstifter von protestantischer Religion, er nahm sie an, nur
um über ihren Schmerz zu triumphieren und demütig die Anerkennung aus den
Augen und Mündern der Jesuiten entgegenzunehmen. Die Mantuanerin war
zugegen bei dem kläglichen Schauspiel, sie genossen es gemeinsam als ihr
Werk.

Er hatte Maximilian von Bayern ganz vergessen. Er war der Kaiser, der es
sich gestatten konnte, im Reich das Vogtamt des Papstes zu vollziehen. Er
stand über Wallenstein, seinem Diener und Untertan.

In diesen Wochen stieg das Geschrei vertriebener Familien zu tausenden
Malen aus südlichen und nördlichen Teilen des Reiches zum Himmel auf. In
Ruhe dehnten sich die Heere des Wallenstein über die vielen Kreise; untätig
lagerten sie, zehrten die Habe der Landbevölkerung, das Vermögen der
Städter auf.

                   *       *       *       *       *

»Feiglinge, Lumpe, stinkige Jesuitenteufel«, waren die Schimpfworte, die in
Güstrow und Wismar von der friedländischen Tafel an die Wiener Adresse
gerichtet wurden. Der Herzog fluchte und haderte aber nach dem Edikt
auffallend wenig mit seiner Umgebung, die er sonst bei Verstimmungen stark
anfaßte. Der Vorfall arbeitete in der Tiefe in ihm. Er sah sich gereizt von
einer Clique, gegen die er nichts vermochte. Sie konnten ihm nichts
anhaben, er hielt den Kaiser in der Hand, aber sie waren da, sie wagten
sich sogar jetzt herauf, sie errangen etwas wie Erfolge. Ein schlimmes
Wesen, dieser Kaiser; schlapp bis zur Verächtlichkeit. Sie zogen und
zerrten an ihm. Man mußte auf der Hut sein vor dem Volk; und er grimmte,
daß er ihnen etwas abgeben sollte, was er nicht wollte.

Friedländische Truppen hielten die Seekante besetzt, Kurbrandenburg war mit
Einquartierung niedergezwungen, von der Wetterau her hielten Regimenter
Kurmainz in Schach, aus der Eifel wurde Trier eingeschüchtert, Köln war
ganz ohne Schutz, Sachsen fühlte den friedländischen Stachel in der
Lausitz. Seinen Freund, den Marschall Arnim, beruhigte der Herzog über den
Wisch, das Edikt; man solle den Maulwürfen und Schnapphähnen am Hofe den
billigen Triumph gönnen. »Der Kaiser ist schwach, er ist in der Hand der
Memmen und Schelmen, die sich gegen mich nicht herauswagen. Es wird ihnen
nichts fruchten.« Und zu einer fast komödienhaft schwachen Aktion stattete
er die gewünschte Aktion gegen Magdeburg aus, das er in Besitz nehmen
sollte; er gedachte an dem Feuer nur sein eigenes Süppchen zu kochen. Er
fragte noch einmal Arnim, ob er die protestantisch stolze Gemeinde für die
Katholiken erobern wolle; und in der Tat stellte er dann Regimenter in das
Expeditionskorps ein, die zum großen Teil lutheranische Offiziere führten.
»Sie fuchteln«, höhnte der Herzog, »mit ihrem Edikt in der Luft herum,
haben einen hölzernen Stiel und eine Klinge aus Pappe. Wir werden damit
spaßhafte Kriege führen.« Er verlangte von der Stadt die Einlagerung einer
Garnison; die Stadt lehnte es ab aus Furcht vor dem Edikt. Dann, nach
Verübung vielerlei Unbill, Scharmützeln zwischen Kroaten, Fischern und
Roßknechten, Aufbringung von zweitausend Schafen und allen Stadtschweinen,
Drohung mit Blockade, verhängte er eine Kontribution von zweihunderttausend
Talern, von denen ihm hundertfünfzigtausend sofort hinterlegt wurden; für
den Rest bürgte die Hansa. Die überraschten Syndici wurden bei einer
Unterredung versichert, das Edikt habe keinen Bestand, sie sollten sich
nicht fürchten, Wallenstein auch in Zukunft nicht die Besetzung des
Elbpasses verwehren; die Zeit der Religionskriege sei im Reiche endgültig
vorbei.

Dann zog er sich nach Mecklenburg zurück; das Geld war sein.

Der Herzog lag lang mit seinen Armeen an der nördlichen Seekante; er mußte
sich des baltischen Meeres bemächtigen. Sein eigner Besitz, Mecklenburg,
forderte es.

Die ungeheuren Güter, die Tag um Tag der graue Wasserrücken trug. Von
Livland Hanf bundweise, Flachs in Fässern, Getreide. Aus Riga Wachs in
Schiffspfunden für den Klerus, Wachs von der Wolga, Düna, über Smolensk und
Polozk. Aus den Steinbrüchen der finnländischen Küste Leichensteine. Aus
Rußland Pelzwerk von Zobel Wolf Marder Vielfraß Wiesel Hermelin Iltis
Biber. Garn aus Stettin, geknotetes Gut, hamburgische, brüggesche,
wittstocksche, ratzenburgische Laken. Auf diesem meilenweiten, scheinbar
leeren Wasser, das niemandes Land war, fuhren stündlich die kostbarsten
Waren der Welt, der Reichtum der Menschen: das riesig bezahlte Salz nach
Abo Wiborg Narwa; Travesalz, Salz aus Lüneburg, Oldesloe, grobes,
ungesottenes Bayernsalz, schottisches, französisches Salz; Fleisch Speck
Malz Tabak Messer Kartenspiele Leder Leinen; die Kriegsware: Waffen
Munition Pulver Blei eiserne Kugeln Schwefel Salpeter Harnische Panzer
Röhren Rapiere Dolche Schlachtschwerte. Ähnlich Sklavenschiffen mit
orientalischen Weibern brachten sie, erwartet von jung und alt, in Tonnen
eingeschlossen, die Bodengeister, das Aroma fremden fernen, glutvollen
Bodens: berauschende Weine, Alikante, kreischenden Korsiker, Malvasier,
betäubenden Portugieser, von Bordeaux, Porto, aus der Pikardie, von Ungarn,
von der Mosel, vom würzreichen Rhein. Aus den Kolonien vorüber in
Holzlatten geschlagen, gebändigt, Anis, kandierter Ingwer, Kaffee, Kubatee,
Kakao, Muskatblume, Paradieskörner, Manna, zwanzig dreißig Zuckersorten,
Datteln. Duftende ölige Hölzer für die Apotheken: Terpentin Kampescheholz
Pernambukholz. Metalle, Indigo, Weihrauch, Glas aus Rouen, Glas aus
Flandern, englische Scheiben, hessisches Glas in Kisten, Kacheln, Klinken.

Zum Herzog kamen der vielvermögende Herr von Michna und de Witte aus Prag,
über die Aufbringung der Geldsummen zu beraten, die unter Ausschluß
Spaniens zu den Meeresplänen nötig wurden. Wie Fische schwammen sie auf den
Köder, der sich ihnen an der fernen Seekante zeigte. Sie ritten durch
Sachsen und die Mark, im offenen Wagen fuhren sie unter Bedeckung durch
eine Rotte von Friedlands Leibgarde; mit Lust sahen sie überall kaiserliche
Besatzungen in den Städten, die Einquartierungen. Den Zügen bettelnder
Bauern, verbrannten Dörfern begegneten sie; es milderte ihre Lust nicht.
Michna kniff die Augen, Verzückung über Brust und Magen; was war Wuchern
Münzbetrug Kippen Wippen gegen dies: Krieg. De Witte erzählte von der
Dankbarkeit, die der Judenprimus Bassewi gegen den Herzog fühlte und die er
ihm in Güstrow äußern sollte mit der Versicherung grenzenloser Ergebenheit
der Prager Judenschaft.

Wallenstein stand ihnen im Jagdschloß zu Güstrow, zwischen den riesigen
Eichen- und Buchenwaldungen, im roten Mantel gegenüber, hager, hoch. Den
vorsichtig vorgetragenen Schrecken der Herren über das Stifteredikt
beruhigte er; auf die Wismarer Werft geführt, besahen die ausländischen
Herren das graue rollende Meer, ließen sich bewimpelte Ausleger und
Kaperschiffe zeigen, riefen den lübischen Bürgermeister Heinrich Brokes,
ein verschimmeltes schlitzäugiges Männlein herüber, das ihnen gelassen jede
Auskunft erteilte --, auch nebenbei, daß die Schonenfahrerkompagnie eine
Defensionskasse der Stadt Lübeck eingerichtet habe gegen jegliche
Überwältigung durch welchen Feind auch immer, durch Besteuerung aller
Güter, die auf der Achse ein- oder ausgeführt wurden; kein Laken käme
unbesteuert heraus.

Der graue träge Wasserrücken. Auf ihn geladen wie auf eine Tischplatte mit
wallender Decke der fuderhohe ganze blinkende Reichtum der Menschen. Hier
rann es wie in einem Engpaß vorüber, versucherisch; sie hingen am Fels
darüber. Die Ausdehnung der Länder war verschwunden; Livland die Wolga
Smolensk Stettin Wiborg Saragossa Ofen Venedig stießen aneinander. Und so
nah, so schutzlos, wie kichernde Weiber, die baden gehen und spritzen.

Das lag vor den Füßen der drei Böhmen, die unter breiten federlosen
Filzhüten, in langen weißen Mänteln am Strand neben dem gestikulierenden
mißtrauischen Lübecker über den Sand schurrten. De Witte und Michna
stampften erregt und fast betäubt von dieser Unterredung in das
friedländische Quartier; der Herzog blies bedenklich vor der Weinkredenz
die Backen, fächelte sich die Stirn mit einem Sacktuch. Ihr Schluß war, daß
man sich der Hansa zu versichern habe. Ihre Augen funkelten, als sie
schweigend hinter ihren Weingläsern phantasierten.

Neben Schwarzenberg, einem schmeerbauchigen Grafen vom Kaiserhofe, der auf
eigene Faust spanisch-deutsche Meerpläne trieb, die Lübecker Kaufherren und
Krämer mißtrauisch machte, tauchten in Lübeck die beiden Prager Herren,
Friedlands Vertrauensmänner, auf, der kühle Kaufmann und der
menschenkundige harte Serbe; sie nahmen Fühlung mit den einflußreichen
Familien, den von Höveln, Bröntsee, Kirchring. Sie wurden auffallend oft
von den höflichen Herren auf die Wälle geführt, die eben erst ein Italiener
vom Holstentor bis zum Burgtor gezogen hatte. Mächtig war alles bestückt.
Bei Travemünde stand ein steinernes Blockhaus für die Hafeneinfahrt;
überall warnende Bastionen. Versteckte Gräben.

Auf die kaiserlichen Anträge an die Hansa, eine Flotte zu bilden und dem
Admiral zu unterstellen zur Verteidigung gegen die dänische und schwedische
Gefahr, wurde ein Lübecker Tag einberufen, beschickt von Hamburg, Köln,
Bremen, Magdeburg, Braunschweig, Lüneburg, Rostock, Wismar, Stralsund.
Hitzig rangen Wallensteins beste Sendboten mit den Weinherren, den Ältesten
der Kompagnien, Frachtherren, Kaufleuten, Brüderschaften der Fahrwasser.
Kein Lärm war in der dunklen Hörkammer im Niedersten Rathaus, aber ein
unsichtbares, unnachgiebiges Schieben und Drängen, Überreden, Beschwören.
So wichtig schien dem Friedländer diese Sache, daß er alle paar Tage Boten
mit persönlichen Winken an die Deputierten herüberschickte. Der überreizte
großspurige Schwarzenberg aber mit den spanischen Plänen und dem
mörderischen Ungeschick, dazu das Edikt hatten die Luft in allen Trink- und
Ratsstuben verdorben. Es wurde deutlich, daß die Lübecker und eben jener
kleine Brokes sich schon längst mit den Generalstaaten verbunden hatten, in
Furcht vor dem seegewaltigen Spanien; man glaubte in Lübeck nicht mehr an
einen Krieg des Kaisers gegen das schon niedergeworfene Dänemark; man
fürchtete die friedländische Faust und fürchtete die Jesuiten.

Die ehrenfesten hochgelehrten hoch- und wohlweisen Räte der freien
Reichsstadt verneigten zuletzt sich vor den betroffenen Vertretern Wiens
und des Admirals, ihrer großgünstigen Herrn, bestimmt erklärend: man könne
sich nicht in einen Krieg einlassen mit den Potentaten, die Gewalt über die
Meere und Pässe besäßen, welche ihre Schiffe täglich befahren müßten. Dem
gräflichen Reichsboten verehrte der stolze Tag viertausend Taler und
beglich seine Kosten, ehe er, von Wallenstein mit Groll beworfen, zum
kaiserlichen Hoflager aufbrach.

Sie waren alle drei, die Böhmen, schon nicht mehr geldgierig. Sie waren an
ihrem Reichtum hochgewachsen und hatten ihn gemeistert. Friedland kannte
von je nur das Spiel, dessen Drang wuchs mit der Größe der Einsätze; er
kannte nur umsetzen, umwälzen, kannte keinen Besitz. Er war nur die Gewalt,
die das Feste flüssig macht. Er schauderte und zerbiß sich, wie sich ihm
etwas Festes entgegenstellte.

                   *       *       *       *       *

In den ausgesogenen sumpfigen Meeresgebieten, dem dürftigen Kurbrandenburg,
ließen sich die großen Truppenkörper nicht lange massieren. Zwar war genau
bestimmt, wieviel Bauer Bürger täglich zu entrichten hatte, es war Vorsorge
getroffen, daß ihnen nur soviel genommen wurde, daß sie dabei bestehen
konnten; aber trotz grausam strenger Feldpolizei und Feldgerichts häuften
sich die Beuteritte der Soldaten, kecke Erpressungen der Offiziere,
Unterschleif des Proviantkommandos. Der Widerwillen der Kontribuenten
wuchs; es half nicht viel, daß man halbe Dörfer einäscherte und Dutzende
der böswilligen Ackerer an ihren eigenen Obstbäumen aufknüpfte; die
Landschaften waren dürftig, ihre Pflege gering. Schon entliefen zahlreiche
Söldner, führten als Vaganten weiter südlich Krieg auf eigene Faust. Man
hatte in Wien und Prag an gewissen Stellen mit heimlicher Genugtuung von
der stolzen Feindseligkeit der Hansa vernommen; man hatte ein zwiespältiges
Gefühl.

Verbiestert, reglos lag der große Herzog von Friedland, der überreiche
Böhme, ausgestreckt am Meer. Er kaute an dem Bissen, den ihm die Hansa zu
essen gegeben hatte; langsam dämmerte ihm, was ihm geschehen war. Das Meer,
das Verhängnis. Nicht die Reichtümer; es war der Weg: das Land war nicht zu
halten ohne das graue, weißzottelige, schäumende Untier. Es rannte gegen
seine Feste an, brachte sie zum Schaukeln. Rasch hatte er Mecklenburg an
sich gerissen, konnte nicht hin und her. Wie zum Hohn verbrannten dänische
Orlogs ihm fünf Schiffe im Greifswalder Hafen.

Plötzlich lief das Stichwort: Ungarn! Ungarn! aus dem Hinterlande über die
Erblande. Täglich sah man klarer, was man zuerst nicht erkannt hatte -- die
Bayern sahen es, die Böswilligen in Wien, Strahlendorf und sein Anhang, das
entzückte Paris, der mächtige Papst Urban --, daß sich Wallenstein seine
Grube gewühlt hatte am Meer und daß es nicht ein endloser Siegeszug gewesen
war von Schlesien bis nach Jütland; die Spitze war schon der Sturz. Die
Hansa das Verhängnis. Er spannte sie nicht ein; nun konnte er am Meere
liegen bleiben und sein Heer verfaulen lassen oder vom Meer sich
zurückziehen, und der Däne stand wieder da! Christian, der Besiegte, der
wieder ein neues Heer sammelte. Es war, wie man hörte, vom Grafen
Pappenheim ein Kriegsplan ausgearbeitet worden auf Ersuchen des
kaiserlichen Hofkriegsrats; darin wurde die Verteidigung der
zweihundertfünfzig Meilen langen deutschen Küste als unmöglich bezeichnet;
man könne es machen, wie man wolle -- ziehe man die Truppen zusammen, lege
man sie dünn auseinander -- war das Land geöffnet für einen dänischen oder
schwedischen Einfall.

Die Jesuiten hatte Friedlands Widerstand in der Stifterfrage gereizt. Sie
hielten sich genötigt, ihn zu stacheln -- nicht zu stark, aber deutlich.

Fanatische Mönche, jetzt von den Jesuiten nicht gehindert, hielten in Wien
Predigten: es zeige sich wieder, wohin der Unglaube führe -- frech ein Heer
zu mischen aus Altgläubigen und Ketzern -- und damit gedenken mehr als
Eintagserfolge und Plündersiege zu erzielen.

Ungarn! Aus diesem Sumpfe werde er sich diesmal nicht ziehen.

Michnas Agenten arbeiteten in Mähren und Niederösterreich mit zäher Wut, um
Getreide für das Heer heranzuschaffen; sie trieben, von ihren Herrn gejagt,
die Preise in die Höhe. Michna erlebte es, wie eine zwei Wochen ihm
Geldsummen aus der Hand nahmen, die er in Jahren gerafft hatte, aber er
zögerte keinen Augenblick, alles hinzugeben. Schurken und Dummköpfe, dazu
Neidbolde waren diese alle, ihre Stunde würde schlagen, sie sollen gerupft
werden, wie sie sich nicht träumen ließen.

An der Spitze der böhmischen Landschaft stand im höchsten Vertrauen noch
der schöne eisige Slavata. Der Herzog hatte ausgemacht, daß dem Heere
ausreichende Getreidemengen aus Böhmen geliefert würden.

Die bösen, noch einflußlosen Kreise hielten den Augenblick, ihn zu
schwächen, für sehr günstig; als Wallenstein von Güstrow scharf monierte,
man hätte sich festgelegt auf zwanzigtausend Strich böhmischen Getreides
und geliefert seien zehn Fingerhüte, log die Landschaftskammer. Und wenn
auch der Herzog von Betrug offen redete, man hatte Zeit gewonnen, die Zeit,
die Zeit, die Friedlands Heer zerschmelzen mußte durch Hunger Unordnung,
wie einst Seuchen Durst im schrecklichen ungarischen Alföld.

Lange erfuhr niemand, was der Herzog unternahm, um sich zu retten. Wie
würde er sich wehren. Es sprach sich herum, daß, wie immer, wenn Friedland
in Gefahr war und einen neuen Schlag vorbereitete, der Jude Bassewi neben
Michna und de Witte mit ihm konferierte und nach der Residenz Güstrow
gereist war unter herzoglicher Eskorte.

Dann wurde offenbar, was geschehen war.

Während sich der Anblick der kriegerischen Maßnahmen im Reiche in nichts
änderte, die Musterungen von Monat zu Monat beschleunigt wurden,
Neueinstellungen im wachsenden Umfang erfolgten, besonders in dem
fränkischen Kreise, waren aus dem Güstrower Hauptquartier Unterhandlungen
mit dem Dänen angeknüpft.

Der Fuchs zog den Kopf aus der Schlinge.

Zug um Zug brachte den Herzog in Fühlung mit dem Dänen. Ein ruheloser
Kurier lief zwischen Wien und dem Hauptquartier. Der Kaiser und der Hof
wurden auf eine Probe gestellt. Sie hatten es in der Hand jetzt jeden Weg
zu gehen, den sie wollten. Der Feldhauptmann erklärte: man hätte gesiegt,
man hätte den niedersächsischen Kreis zur Ruhe gebracht, den Dänen zu Boden
geschlagen; darüber hinaus sei nichts möglich. Als man scheinbar entsetzt
gegenfragte, kam der Bescheid, ob man auf die Armeen für die Zukunft
verzichten wolle.

                   *       *       *       *       *

Der Kurfürst verbrachte seine Tage mit Rechnen und Drechseln. Er saß in der
Neuen Feste viel an der Drehbank zusammen mit dem Pater Adam Kontzen, einem
jugendlich heftigen kleinen Manne, den ihm sein alter Beichtvater, der
Lothringer Vervaux, zugeführt hatte. Kontzen, den das Raspeln des
Kurfürsten nicht störte, trug ihm eindringlich und fordernd politische
Grundsätze vor, die nach Ansicht des Paters das Mindestmaß darstellten, das
man von einem katholischen Politiker verlangen könnte. Der Kurfürst, dick,
blaß, leicht schwitzend, teilte seine Aufmerksamkeit zwischen den hastigen
Reden des Dialektikers und seinem Elfenbein. Zornig fuhr der Pater über die
Ketzerei her, die, wie er immer wieder drohte, in der Lasterhaftigkeit und
dem Atheismus wurzelte; Prälaten und Fürsten seien von ihr angesteckt. Wenn
der Fürst müde zu ihm aufsah, schleuderte er vor ihn ein Muß: alle Welt sei
einig darin, daß Laster und Gottlosigkeit auszurotten seien; ihm, dem Pater
Adam Kontzen, wurde zuteil, den Zusammenhang der Ketzerei mit Laster und
Anarchie und Atheismus zu erkennen; sie müsse, die Ketzerei, sie müsse
beseitigt mit Gewalt werden. In Sodom und Gomorrha hätten auch Menschen
gelebt. Gott hätte kein Erbarmen gekannt, er der Herr selber, habe Feuer
und Schwefel über die Sündenstädte gegossen. Dieses Beispiel der Heiligen
Schrift müsse man verstehen; stehe es dem Menschen an zu verzeihen, wo Gott
straft. Bekehrung oder Vernichtung: es bleibe nichts drittes. Und gerötet,
gereizt, ingrimmig blickte der Priester auf den Fürsten, leidend unter
seiner Ohnmacht, hier bitten und argumentieren zu müssen, wo er fordern
konnte im Namen der Heiligkeit. »Was soll geschehen,« fragte wie abwesend,
mit dem kleinen Finger an dem Elfenbeinstäbchen rührend, Maximilian, »wenn
wir nicht die Macht haben, zu zerstören oder zu bekehren.« »Sünde ist es,«
zischte gequält der Priester, »ja, es ist Sünde, nicht die Macht zu haben.
So lange wir leben, haben wir Macht in uns. Jedes Pünktchen davon gehört
Gott, nichts einer Aufgabe, sie sei welche auch immer. Die Pest ist nicht
so schlimm als der Gedanke, wir können nicht Gott dienen.« »Was soll man
mit Leuten tun, die Gott und der Kirche nicht dienen.«

Fassungslos der Priester: »Töten oder bekehren. Wir haben ja keine Wahl.«
»Würdet Ihr selbst, Pater, so handeln? Wenn Ihr einen Einzelfall vor Euch
hättet?« »Ich würde,« glücklich hob der Pater beide schwarzbehängten Arme,
»wie ich steh und sitze mich aufmachen und meine Pflicht erfüllen. Es gibt
nichts Größeres, als Fürsten zum Glauben zu bringen oder sie zu töten.«

Im Feilen lispelte der Kurfürst: »Kontzen ich danke Euch ja. Wenn nur alle,
oder nur viele so beseelt wären wie Ihr. Es ist schlimm, daß wir arbeiten,
arbeiten müssen und nur so wenig erreichen. Allmacht ist nur Gott gegeben.
Würde uns verliehen sein von Gott, Feuer und Schwefel zu regnen, so wäre
das Heilige Römische Reich längst wieder rein vom Übel.«

Maximilians Leibkammerdiener führte die kleine zögernde Gestalt des grauen
Tilly heran über den langen Läufer. Maximilians Unterhaltung mit ihm war
kurz. Der Pater Kontzen wollte sich entfernen, der Kurfürst aber schüttelte
den Kopf; es sei ihm angenehm, wenn der Pater da wäre; wieviel besser, wenn
immer. Er befragte den steif stehenden Grafen, der aus Wiesbaden
zurückgekehrt war, mit keinem Wort nach seiner Gesundheit. Orientierte ihn,
wie die Sachen nach den letzten Meldungen an der Weser, Elbe, Ems stünden.
Ob ihrer Liebden bekannt wäre, wie sich die Dinge bei der Armada der
friedländischen Durchlaucht entwickelt hätten. Kurz so -- ohne die Antwort
abzuwarten, aber der Pater möge nur dableiben, sich nicht gekränkt fühlen,
wenn sie militärische Sachen besprächen --, daß also es ganz zweckmäßig,
zweckentsprechend, wünschenswert wäre, wenn sich die ligistische Armee in
irgendeiner Weise als vorhanden erwiese. Vielleicht könne sie die
friedländische bald ablösen. Man stehe jedenfalls nach allem Trübsal und
offenbarem Unglück wieder vor Möglichkeiten. Er warf Werbungspläne hin,
verwies auf die vorhandenen Geldhilfen aus Umlagen.

Plötzlich fixierte er den Grafen; ob er sich nun gesund fühle: »Ihr wißt,
es wird mit den Dänen Friede geplant. Habt Ihr Verhandlungen aus Wiesbaden
mit ihm angeknüpft?« Verwirrt drehte der eisgraue General den Kopf zu dem
Pater, zum Fürsten zurück. »Ich weiß, Ihr habt es nicht getan. Es ist ja
nicht Eure Sache. Der Herzog von Friedland hat es getan und ist Euch
zuvorgekommen. Oder uns; denn wir waren doch bis Pinneberg mit im Krieg,
und unsere Artillerie hat noch in Jütland geschossen. Jedenfalls, Ihr sollt
für mich als Kommissarius an den Unterhandlungen teilnehmen, bei
standhaltender Gesundheit.« Der Graf, bis in die Ohren errötend, erklärte,
daß er sich feldfähig fühle und sich glücklich schätze, dieser Ehre für
würdig erachtet zu werden.

Der Kurfürst ließ, die Bohrinstrumente auf die Drehbank legend, vom
Kammerdiener die Fenster öffnen. Als sich nach einer Pause die Herren zum
Gehen anschickten auf ein Nicken des Fürsten, endete sehr laut Maximilian,
der Graf werde noch genaue Instruktionen erhalten. »Aber -- der Herr Graf
hat nicht den Frieden zu befördern. Versteh' Er recht. Laß Er sich das von
dem Pater hier erklären. Es hat keine Eile und keine Not, mit Ketzern
Frieden zu schließen. Es ist nur ein Notbehelf. Seh' Er zu, unsere Armee
stark zu machen. Mir -- merke sich der Herr Graf das, mir liegt nichts am
Frieden.«

In Boitzenburg, auf dem Gute seines Freundes Arnim, begegneten sich der
Herzog und der ligistische General, und wurden im Beisein kaiserlicher
Legaten furchtbare Friedenspropositionen für den geschlagenen Dänen
festgesetzt.

Der Wiener Hof im Überschwang seiner Stärke hatte von sich aus verlangt,
daß dem Besiegten die schwersten Bedingungen auferlegt würden. Er sollte in
Zukunft auf jede Einmischung in deutsche Angelegenheiten verzichten, sollte
die Ansprüche auf niedersächsische Stifter verleugnen, alle Kriegsschäden
vergüten, Kriegskosten an den Kaiser erstatten, und dann ganz Holstein,
Schleswig, Dithmarschen an das Reich abtreten, den Sund den Feinden des
Kaisers sperren, ihm und seinen Freunden öffnen.

Bei Pinneberg waren sich der ligistische ausgehöhlte Wicht und der gallige
verbogene Böhme unter dem Donner der Belagerungsgeschütze begegnet. Von Wut
zerfressen war der klappernde Tilly weggetragen worden; jetzt saßen sie
sich am Tisch gegenüber, Friedland erwartete die Trümpfe des Kleinen.

Der dänische Generalwachtmeister Schauenburg empfing in Güstrow aus des
Herzogs eigener Hand die Punktation; Friedland betonte, daß er den
kaiserlichen Forderungen seinerseits noch einiges hinzuzufügen für nötig
befunden habe. Es betraf die Entwaffnung der dänischen Armee, die unerhörte
Forderung der Auslieferung der Hälfte der dänischen Kriegsflotte.
Wallenstein trieb es zum Äußersten, er wollte Christian zur Verzweiflung
reizen, die Liga an die Seekante zwingen und ihr Heer massakrieren lassen.

Während der Generalwachtmeister erschreckt abzog, lobte in
hohnverschleierten Briefen nach Wien der Herzog die Proposition über alle
Maßen, bat den triumphierenden Grafen Tilly zu sich, um mit ihm gemeinsam
den Kriegsplan und die Heranziehung der Liga zu erörtern. Er war, wie er
lippenzitternd, ein Lachen verhaltend, erklärte, bereit, mit dem
bayerischen Kurfürsten und seinem General den Oberbefehl zu teilen und ihm
auch die Kräfteverteilung zu überlassen.

Aus Dänemark vernahm man durch die ernannten Kommissare von der tiefen
Bestürzung des geschlagenen Christian und der von Tag zu Tag wachsenden
Leidenschaft und Begeisterung des Volkes; die grausamen Friedenspunkte des
Friedländers waren das Signal zu einer ungeheuren nationalen Erhebung.

Die Prager Helfer des Herzogs hielten sich in dem Güstrower Schlößchen auf.
In dem verräucherten schmalen Speisesaal vor Arnim und schweigenden
Offizieren scholl der Lärm des Friedländers: »Der Krieg hat sich gewendet.
Wir haben gesiegt, aber zum Schluß muß ich mich mit dem giftigen Dänen
verbinden und über den Kaiser herfallen. Meine Freude, Ihr Herren!«

»Setze Euer Liebden den Wiener Hof her,« schmähte Arnim, die Fäuste ballend
und sich auf die Knie pressend, »soll er die Butter an der Sonne hart
erhalten.«

»Ich schmeiße den Säbel nicht hin zum Gefallen anderer. Aber meine Freude,
Ihr Herren! Täte der Spanier mit und wollte er uns nicht das Reich
verderben, so könnte ich das Meer halten. Indianisches Gold und Silber: in
dreißig Jahren regt sich nicht der Engländer noch Schwede noch Holländer.
Nichts. Basta. Sie werdens bezahlen. Ich kämpfe mit den Dänen gegen den
Römischen Kaiser. Es wird nötig, daß ich Offiziere nach Fünen schicke, um
das dänische Heer zu organisieren. Mein Herr Bassewi hat schon verraten, er
wisse, wohin er das nächste erhobene Geld schicken werde. Nach Kopenhagen.
So ist's.« Seufzte der fette de Witte: »Wofür, mit Verlaub, führt der Herr
denn Krieg? Um die Sache des Römischen Reiches? Wenn der Römische Kaiser
glaubt, seines Rates nicht mehr zu bedürfen und er Euch für überflüssig
hält.«

»Hat Er beinah' recht, Herr Vetter,« blinzelte auf seinem Faulbett der
General, dessen rechter Fuß in einem gepolsterten Eisenkasten steckte, der
von heißen Ziegeln getragen wurde, »Ulmer Zuckerbrot schmeckt besser als
ein Brieflein aus Wien.«

Wieder seufzte der fette de Witte, besah seine ringgeschmückten Finger:
»Wüßt' ich mir nachgrade etwas Besseres an Eurer Statt. Trüge nicht meine
Haut zu Markt. Ich vermeine, so wie die Sachen jetzt zwischen dem Kaiser
und Euch liegen. --« Da brüllte, keifte, röchelte der Herzog, der Schaum
wehte über seinen Kinnbart: »Was wißt Ihr von meinem Verhalten mit dem
Kaiser. Hab' ich Euch was davon aufgebunden. Wollen die Herren nicht die
Nase in meinen Topf stecken. Der Kaiser ist der Kaiser und mein
freundgnädiger Herr. Diene ihm und dem Reich treu. Laß nichts wühlen
zwischen ihm und mir.«

In Lübeck erschienen im Winter für den dänischen König des Reiches Kanzler
Christian Fries und Jakob Ulfeld, der Reichsrat Albert Skaal, der Kanzler
Levin Marschalk, Detlev und Heinrich Rantzau. Aus Wien war herübergefahren
der rechtskundige Rat Walmerode mit den Offizieren, auch der vielgewandte
Aldringen und Balthasar Dietrichstein. Tilly hatte abgeordnet den Rat
Ruepp, gelehrt wie sein Begleiter, der Graf Gronsfeld. Die Schlacht war für
Friedland gewonnen, als der weißbärtige straffe Walmerode die
Wallensteinschen Quartiere durchfuhr und bis in die sumpfigen Dithmarschen
geleitet war.

Die dänischen Kommissare, flanierend mit den lübischen Weinherren, zu Gast
bei der Gesellschaft der schwarzen Häupter in Riga, im Hause der
Schiffergesellschaft, hochangesehen als Vertreter des mächtigen Seestaates,
setzten Gerüchte in die Welt: nächst der zunehmenden Neuformation des
dänischen Heeres, das der wachsenden Interesse und Teilnahme des jungen
Schwedenkönigs Gustav Adolf für das unglückliche Brudervolk. Drohend vor
aller Welt spielte sich dazu im Pfarrhaus zu Ulfsbrück eine Zusammenkunft
der beiden Könige ab, die sich sonst nicht über den Weg trauten. Man erfuhr
nicht, daß der junge ehrsüchtige dicke Schwede vorhatte, den Dänen vor
seinen Wagen zu spannen, daß zum Schluß beim Trinken halbgefrorenen Weins,
der in den Gläsern klirrte, der gedemütigte Däne in die Worte ausbrach:
»Was haben Euer Liebden in Deutschland zu tun?« in Eifersucht giftend, daß
jener unternehmen und ausführen konnte, was ihm mißglückt war. Für die
Unterhändler in Lübeck war es klingende Münze: der Schwede beriet geheim
mit dem Dänen. Das Wort des todeswilden Christian kam herüber: seine
Kommissare mögen die Sachen rasch in Bausch abmachen; kämen sie zu einem
günstigen Frieden: recht; sonst möchten die Herren die Dinge liegen lassen
wie sie liegen.

Der Kaiser mußte aus seinen Träumen gestürzt werden. Walmerode reiste nach
Wien. Schwer drang er zu Audienzen bei Eggenberg und Meggau. Er stellte den
widerwillig Zuhörenden das ganz Unbegreifliche der Friedensbedingungen vor;
das Heer war das kaiserliche; es würde nutzlos aufgerieben. Meggau,
zugänglicher als der Fürst, erklärte offen eines Nachmittags auf einer
Schlittenfahrt: niemand in Wien, der den Herzog kenne, glaube recht an die
Jeremiade von der zerfließenden Armee; man fürchte ein politisches Manöver
des Friedländers gegen die Liga. Und dies -- nun: der Wind hätte sich am
Hof gewandt; bei aller Ehrfurcht vor des Herzogs Genie, in solche wilden
revolutionären Experimente hätte doch niemand Lust sich einzulassen. Ob es
wahr wäre, fragte sehr ernst Meggau, als sie unter Schneegestöber zwischen
den Stämmen des Praters klingelten, daß der Herzog an offener Tafel in
Güstrow erzählt hätte, man müsse nach französischem Muster verfahren; ein
Land, ein König?

»Wie entsetzlich, Euer Liebden, Herr Walmerode. Wir sind in Scham fast in
den Boden gesunken vor dem sächsischen Gesandten, der danach anfragte.
Solche Bemerkung kann uns teurer zu stehen kommen als eine verlorene
Schlacht. Ich fasse es nicht.«

»Wir stehen gut mit allen Ständen des Reiches,« glaubte auch Herr Eggenberg
Walmerode warnen zu müssen. »Wie lange, meint Ihr, soll der dänische Krieg
noch dauern?« »Sagt und meldet seiner herzoglichen Gnaden: so lange, wie
Kaiserliche Majestät ohne Einbuße an Macht und Reputation bestehen bleiben
kann.«

Walmerode reiste ab. Er sah nach Gesprächen mit der Umgebung des Kaisers in
Wolkersdorf: es bestand keine Möglichkeit, ihm mit den Wünschen des Herzogs
zu kommen. Seinem fast unirdischen Machtgefühl hatte er das Zugeständnis
des Stifteredikts abringen lassen; daß er gesiegt hatte über die Rebellen,
in Böhmen, Süddeutschland, Niedersachsen, Dänemark war der Pfeiler seines
Fühlens, seiner kaiserlichen Erhabenheit. Keiner seiner Umgebung hätte
gewagt ihm zu sagen: der Krieg muß Hals über Kopf beendet werden, ein böses
Ende drohe, keiner hätte es geglaubt.

Da, während Hungermeutereien in Holstein und Pommern unter den Söldnern
stattfanden, als die Verhandlungen mit Tilly sich zerschlugen, baute
Wallenstein selbst ab. Etwas Unerwartetes Kaltblütiges Feindseliges
geschah.

Von Jütland her in langen Zügen marschierten die Truppen landeinwärts; in
Pommern ballten sie sich bis auf kleine zurückbleibende Garnisonen
zusammen. Es waren noch tausende über tausende, hinter denen das verlassene
Land rauchte und verwüstet lag. Halbverhungert und von dem untätigen
monatelangen Lungern verwahrlost strömten sie im niedersächsischen Kreis
zusammen, fielen über Kurbrandenburg, standen da, bereit, das Reich zu
überziehen. Der Herzog, des Kaisers Generalobrister Feldhauptmann schien
die Gewalt über sie verloren zu haben. Die kaiserlichen Legaten vernahmen
angstvoll in Lübeck das Gerücht, Friedland ziehe die Truppen zu einem neuen
Offensivstoß zusammen. Sie liefen umeinander, die Kuriere jagten nach
Güstrow.

Der Herzog reise, nach Berlin, Frankfurt, hieß es da; man traf ihn nicht.
Sein Schwager Harrach hatte ein Handschreiben von ihm, das im geheimen Rat
verlesen und besprochen wurde; es sprach von beliebigen privaten Dingen;
dann zum Schluß: er gehe jetzt auf Berlin; der Soldat sei eine Bestie, wenn
er hungere friere und nichts zahlen könne. Er bürde denen die Verantwortung
für das Geschehene und Kommende auf, die auf ihn nicht gehört hätten.

In der Bestürzung fand man sich. Der Friede mußte geschlossen werden. Es
war nicht klar, ob das Heer wirklich zusammenschmolz, oder was der Herzog
vorhatte. Der Kaiser war zu verständigen. Man wandte sich an den
Obersthofmeister, an den der Kaiserin, man verzagte.

Bis der Beichtvater der Kaiserin die hohe Frau informierte und sie den
Kaiser aufklärte. Sie nahm es als ein vermutetes Glück hin, daß man mit
dieser Aufgabe kam; sie hörte, der Entschluß müßte gefaßt werden, trotz
aller Bitterkeit. Sie dachte an die Entzückungen und Zerknirschungen, die
der Stifterhandel mit sich gebracht hatte; der Kaiser mußte wieder opfern.

Aber kaum sie zaghaft die Situation erläutert hatte, lächelte sie Ferdinand
an. Es geschah etwas Unglaubliches. Der Kaiser hatte ein Übermaß von Lasten
über den unglücklichen Dänen gehäuft, es war sicher, daß er sich mit der
Mantuanerin weidete an den Leiden der befallenen Landstriche. Fast
überhörte er alles, was ihm an Demütigendem gesagt wurde. Er hörte nichts;
er hörte nur, es sollte der Friede gemacht werden. Er nickte; unberührt
schenkte er alles weg, wie er zuletzt die Stifter weggegeben hatte, aus der
Fülle seiner kaiserlichen Macht. Er war versteift in seine Majestät. Er
ließ sich nicht noch einmal, wie durch den Zwischenfall der Stifter, aus
seiner Starre bewegen. Jetzt rüttelte man vergeblich an ihm, alles
veränderte sich vor seinem Blick. Die Mantuanerin war leicht enttäuscht.

Sie klagte, um ihm einen Schmerz zu entlocken, sich eine Hemmung zu
bereiten: der dänische Übeltäter solle einen guten Frieden bekommen nach
solchen Untaten und nach solchen Niederlagen? Das sei es ja, fand
Ferdinand, mit dunklen weichen Blicken nach langem Besinnen, man könne ihm
Frieden geben: man hätte es in der Hand. Er stockte wieder, nun völlig
genesen, in einer dunklen genießerischen Trunkenheit. Man solle den Herzog
tun lassen, gab er von sich; er hätte die Schlachten durchgefochten. Von
weitem erinnerte er sich der Stifteraffaire; ein feiner kurzer Schmerz
wirbelte durch ihn; in einer traumhaften Abwehrbewegung sagte er: nein, man
solle den Herzog tun lassen; wenn er könnte, würde er ihm noch größere
Ehren zuteil werden lassen. Und schließlich müsse man auch dankbar sein
gegen den König Christian von Dänemark, an dem man sich so habe erheben
können.

Er war mit leichter Schlaffheit und viel Fett aus dem letzten Anfall seiner
Krankheit herausgekommen, langsam hatten sich die Prunkmähler und Bankette
in Bewegung gesetzt, im üppigen Verschleudern fand er sich wieder, eine
fast dankbarkeitgesättigte innere Freude am Menschen und allen Dingen hatte
er. Er schenkte, schenkte.

Sie sah sich, die ekstatische Kaiserin Eleonore, wieder einem ganz anderen,
aber ebenso wunderbaren, quellenden, blutenden, sprießenden,
blütenrauschenden Wesen gegenüber. Er betete wie ein Kind mit hellen
neugierigen Augen, freundlich, mit jedem vertraut, Priester, Abt,
Chorknabe; zur Kirche ließ er sich sanft wie das Tier zu einer Krippe
führen. Sie staunte, bog errötend den durchstürmten Kopf, hing sich an ihn.

König Christian hatte mit seinen gefräßigen Orlogs Kopenhagen verlassen,
war in die Wismarische Bucht gedrungen, zum Hohn auf die deutschen
Admiralsgelüste. Er erschien auf der Reede von Travemünde, in der Nähe des
Verhandlungsortes Lübeck; seine Unterhändler, Jakob Ulfeld und Levin
Marschalk, segelten zu ihm heraus, geschwollen gingen sie nachher in der
Hörkammer des Niedersten Rathauses einher, die Kaufherren buckelten vor
ihnen, die Kaiserlichen kniffen den Schweif ein, der Wind hatte
umgeschlagen. Der Böhme fragte mit grausamer Ruhe an, welche
Friedensbedingungen er nunmehr stellen solle. Die Küste war bis auf den
Mecklenburger und einen kleinen pommerschen Streifen schon gänzlich
entblößt, ohne Schwertstreich konnte alles dem Dänen wieder zufallen, was
ihm nur die stärkste Heeresmacht wieder entreißen konnte. Niemand wußte, wo
Friedland sich aufhielt und was er vorhatte.

Man gebärdete sich in der Hofburg verzweifelt. Es kamen Tage, wo man in
Scham den Kaiser ohne Nachricht der Vorkommnisse ließ.

Christian aber war gar nicht mehr begierig, Krieg in Deutschland zu führen.
Wenn er an Mitzlaff dachte, hatte er Tränen; er wünschte das Kapitel
»Deutscher Krieg« zu beenden. Er saß mit seinen Trinkgenossen und lieben
Frauen auf den Schiffen, schweifte in den Küsten und Häfen des Heiligen
Römischen Reiches, jeden Tag von neuem die Segel hissend, wie ein
Ausgestoßener, der bereut, einen Winkel zum Schlafen sucht. Der böse
Ehrgeiz des jungen Schwedenkönigs, die schlimmen Absichten Gustavs auf das
Festland, machten ihm das alte Heilige Reich noch lieber. Ungläubig las er
die neuen Friedenspropositionen, die ihm der Herzog von Friedland durch
Schaumburg übersandte. Angewidert vernahm er, daß drei schwedische Gesandte
in Lübeck aufgetaucht waren und versucht hätten, sich in die Verhandlungen
einzudrängen, vielleicht nichts weiter vorhatten, als einen Kriegsvorwand
für ihren Herrn zu suchen. Sein Nachfolger war sichtbar, sichtbar auf der
deutschen Bühne erschienen.

Er wollte Frieden, er wollte Frieden.

Man gab ihm alle seine Provinzen wieder, verlangte keinen Schadenersatz.
Die Bayern rebellierten in Wien, aber nur schwach. Auch sie waren in nicht
geringer Furcht vor Friedland. Christian war von seinen Schiffen
heruntergestiegen. In vieler Berauschtheit und halber Sinnlosigkeit irrte
er in Schleswig herum mit einer kleinen Mannschaft, die den Resten der
Wallensteiner unter seinem Befehl Treffen lieferte, je nach Laune auch die
Bevölkerung überfiel, strafend für ihren angeblichen Abfall, oder mit ihnen
ein glückliches Wiedersehen feierte. Die üppige Christine Munk begleitete
ihn auf einem Maulesel; sie war schwanger. Als er auf dem Gute Kjärstrub
auf Taasinge jubelnd und tränenströmend die Urkunde in Händen hielt, die
Dänemark seine Krone ungeteilt beließ, als er aus dem verwirrten Stammeln:
»Mein Dänemark! Mein Dänemark!« nicht herauskam, Siewert Grubbe ihn zum
erstenmal unter den Tisch trank, konnte sich die dralle schwarze Wibeke
Kruse, ein Fräulein der schwangeren Christine, nicht enthalten; sie bat die
eigene Mutter Christinens, sie möchte sie dem König zuführen; täte sie es
nicht, würde sie die schwangere Frau umbringen. Mit dem unbändigen Grubbe,
der schwangeren Christine und der Wibeke taumelte der König in das neue
Frühjahr hinein.

                   *       *       *       *       *

Alleingelassen der Pfälzer Kurfürst, der schöne Friedrich. Saß wieder im
Haag, im Asyl der Hochmögenden. Der grausame Krieg in Deutschland vorbei.
Die Not in seinem Quartier. Verschuldet war er.

Der Hochmut verließ ihn und die leidenschaftliche Elisabeth nicht. Man
beugte sich zu jeder Stunde vor ihnen als den böhmischen Majestäten. Wenn
sie zusammenfallen wollten, umkreiste sie zornwütig die kleine Bremse
Rusdorf.

Langsam gewöhnte sich Friedrich wie ein geheiligter Stein über Europa zu
ragen: die Welt veränderte sich rasend um ihn; die Säule schrie »Recht,
Recht«; zum Stein war er geworden, konnte nicht mehr kämpfen.

Er wartete, daß ihn einer nahm, auf einen Wagen lud, siegte.

                   *       *       *       *       *

Wie ein Schiff, das den Anker lichten kann nach langer beschwerlicher
Hafenruhe, nahm der Böhme sein Heer zusammen und fing an, es über das Reich
zu werfen.

In diesem Augenblick des Lübecker Friedensschlusses geriet das ganze Reich
in einen Zustand atemloser Erwartung. Der Böhme war von seiner Kette
losgebunden, das Reich lag vor ihm.

Seine Pläne waren gänzlich unbekannt; man wußte nur, daß er vorhatte, das
Reich, wie er sich ausdrückte, auf einen sicheren Boden zu stellen.

Der Rest der Regimenter marschierte aus Schleswig hervor; die Hauptpässe
der Küste und des angelagerten Inlandes wurden mit Garnisonen versehen.
Alsdann zogen an fünfzehntausend Mann unter Arnim nach Polen; sollten dort
schwedische Kräfte binden; der gefährliche Gustav Adolf kämpfte gegen
Polen. Arnim rückte mit seinen vier Regimentern zu Fuß und dreitausend
Pferden bei Neustettin über die polnisch-preußische Grenze, grollend, daß
ihm diese Aufgabe in dem feindlichen Lande gegeben war.

Der Infantin in Brüssel wurden siebzehntausend Mann zur Verfügung gestellt
gegen die Generalstaaten.

In das Magdeburgische wanderten sechstausend ab.

Zwölftausend Mann deckten die Seekante.

Unverändert im Reich die Regimenter.

Aus Niedersachsen her neue Regimenter nach Franken und Schwaben.

Der Herzog selber in Mecklenburg lagernd mit vier Kompagnien, die Merode
unterstellt waren. Sie mußten aus Schwaben unterhalten werden.

In wenigen Wochen wurden acht neue Regimenter errichtet; bei Erfurt
stellten sich drei zu Fuß auf.

Der Winter war vorbei, das Frühjahr da. Konfiskationen begannen an
liegenden und fahrenden Gütern der Rebellen des letzten Krieges durch
kaiserliche Kommissarien, unter Zuteilung des gesamten Erlöses an die
Kriegsarmada. Die Hand der in Güstrow tagenden Finanzkommission wurde
sichtbar.

Tillys Heer wurde bei der vulkanartig erfolgenden Ausdehnung der
kaiserlichen Armada in einen Winkel Ostfrieslands gestoßen. Der ungeheure
Reichtum, der in Friedlands Regimentern zutage trat, lockte ligistische
Offiziere und Söldner in Scharen an, dazu das Konfiskationsdekret, der
stolze Ton im Heer.

Lorenzo de Maestro, der Oberst, verließ Tilly. Dem ligistischen Obersten
Gallas versprach Wallenstein das Patent als Generalwachtmeister; Tilly
wollte ihn in Arrest werfen, aber Gallas ließ sich nicht einschüchtern.
Graf Jakob von Anholt, der vorher in Jever und Oldenburg mit seiner Frau
silberne Becher und goldene Ketten geplündert hatte, brauchte keinen
schweren Entschluß fassen. Unverhüllt erging an Tilly und Pappenheim selbst
die goldene Reizung; vierhunderttausend Taler waren Tilly zugesprochen für
den entscheidenden Vorstoß über die Elbe; er sollte mit dem welfischen
Fürstentum Kalenberg, Pappenheim mit Wolfenbüttel abgelöst werden.

Dann geschah nichts.

Im Sommer nichts, im folgenden Winter nichts.

Wallenstein und das kaiserliche Heer war da. Das Heer wechselte seine
Standorte, schob sich aus unruhigen in ruhige Gegenden, aus abgegrasten in
frische. Fatamorganahaft geschahen Wunder: ein Regiment, zwei Regimenter
wurden aufgelöst, die Reiter tauchten an anderen Orten, bei fremden
Regimentern auf, die auf das doppelte anwuchsen.

Wallenstein reiste nach Prag, Gitschin, vergrößerte sein Herzogtum
Friedland durch den Ankauf der böhmischen Herrschaften Waldschütz,
Sentschitz, halb Turnau, Forst, Chotetsch, Petzka. Durch kaiserliches
Privileg war dem Herzogtum ein besonderes Recht und Tribunal verliehen, das
es staatsrechtlich unabhängig vom Königreich Böhmen machte, befreite von
der schweren ferdinandischen erneuerten Landesordnung im Erbkönigreich;
Wallenstein traf Anstalten, eine eigene Landesordnung abzufassen. Die Pläne
für Gitschin, das seine Hauptstadt werden sollte, wurden ausgearbeitet,
Scharen von Handwerkern herangezogen. Der Ausbau der Klöster, gestifteten
Schulen und Seminare wurde angegriffen.

Nach Polen war der biedere Arnim mit friedländischen Regimentern
marschiert; er sollte den Schweden festbinden. Die Polen aber haßten die
Deutschen; widerwillig war er in die barbarische Landschaft gegangen; nach
rechts und links sich schlagend nahm Hans Georg seinen Abschied; der Herzog
konnte ihn nicht bändigen, der Marschall vergrub sich grollend in
Boitzenburg. Die friedländischen Regimenter rückten in das Reich ein. Die
Armada war um fünfzehntausend Mann gewachsen. Einschnurrten die
ligistischen Truppen.

Den Kreis Schwaben überflutete der Herzog plötzlich so, daß die
ligistischen Regimenter Kronberg und Schönberg abgeführt werden mußten.

Stumm wartend das Reich; hielt an wie ein Stier, dem ein Schlag bevorsteht.
Sichtbar war eine Diktatur über dem Heiligen Römischen Reich errichtet,
deren Gesicht und Ziele unkenntlich waren.

Leise begann ein Schaukeln in den Ländern: die verarmenden Bezirke, Städte
wurden unruhig, die Erregung erforderte stärkere Truppenmassen, der Druck
stieg, die sich herausfordernden Mächte klatschten leise aneinander.
Geschützgießereien, Gewehrfabriken stiegen aus der Erde; mit Schrecken
sahen die Bezirke langsam das Bild ihres Landes sich verändern.

Mehr und mehr wagten sich die Offiziere, Beamten des Heeres in die Städte,
in die Stuben der Bürgermeistereien, auf die Rentämter, fragten mit ihren
Kontributionszetteln nach Einkünften der Bezirke, rechneten, schickten
Kontrolle in die Häuser, waren nicht zu vertreiben. Sie nahmen, ohne zu
fragen, Einblick in die landesfürstlichen Bezüge, in Brandenburg, in
Schwaben. Erst wurden große zusammenhängende Erhebungen in das
friedländische Hauptquartier geschickt, von da nach Prag, Hamburg, an die
Fachmänner weiter geleitet, dann stellte auf Wallensteins Befehl Michna
eine Zahl geschulter, meist böhmischer, Vertrauensmänner auf, die aus ihren
Wohnorten verreisten, in die fremden Verwaltungen eindrangen, nicht
davongingen, von einem festen Standort die Gegend überblickten. Die reichen
fränkischen Bistümer Bamberg Würzburg wurden kontrolliert, das Gebiet der
freien Reichsstadt Nürnberg, Bayreuth, das Fürstentum Ansbach, der
württembergische Herzog, der Mainzer Erzbischof. Da der Breisgau dem
österreichischen Kreis angehörte, auch das Gebiet von Rottweil, so lag die
Hand des Herzogs von Friedland über dem ganzen südlichen Deutschland
außerhalb Bayerns. Das Gebiet des Kurbrandenburgers war von Besatzungen
nicht verlassen worden, Pommern Mecklenburg Braunschweig-Lüneburg Kalenberg
Grubenhagen Wolfenbüttel durchsetzt.

Und während die Truppenmassen abwanderten, ergänzt, verstärkt wurden, neue
zufluteten, bildete sich nach den Leitsätzen des Generalissimus von Woche
zu Woche schärfer die Konstitution des Heeres heraus, Hand in Hand mit
einem System der Schutzmaßregeln für das Volk. Edikte verkündeten an
Landstraßen Märkten Dörfern den Grundsatz gegenseitiger Achtung des
kaiserlichen Heeres und des Volkes deutscher Nation; beiden Parteien war
Sicherheit zugesagt, Lebensberechtigung; man hätte im Hinblick auf die
Wohlfahrt des bedrohten Heiligen Römischen Reiches sich zu stützen. Das Maß
der Leistungen war für die Bevölkerung auf das ausreichende Minimum
beschränkt; Obersten und Intendanten hatten im Einvernehmen mit den
Zivilbehörden die Sätze zu bestimmen. Eine Befragung der Landesbehörden war
nicht vorgeschrieben. Die Zeit der wilden Plünderer und Exzedenten sollte
vorbei sein; Prag spie mit der Unzahl der Erlasse, die das
Kontributionssystem regelten, Feldgerichte Oberstschultheiß
Regimentsschultheiß Weibel Schreiber Profoß über alle Musterplätze
Quartiere. Lorenzo de Maestro als Generalquartiermeister inspizierte die
Plätze; die wildesten Auswüchse wurden beseitigt. Aber weiter vegetierten
die Ausbeutereien: Obersten, die ihren Stab auf drei Orte verteilten,
Kontribution für drei volle Stäbe erhoben, Offiziere, die Wohnung an zwei
Orten nahmen; immer wieder Salvaguarden, Schutzbriefe, die unnötig waren
und den Inhabern gegen hohes Entgelt aufgedrängt wurden für jedes Tor,
jeden Wagen, jede weidende Gänseherde. In zollreichen Gegenden begünstigten
Gemeine und Offiziere den Schmuggel, übten ihn selber, indem sie ganze
Schiffsladungen an Korn als Proviant durchbrachten. Die Stände hatten sich
nicht dazu verstehen können, dem Kaiser und dem Reich Steuern zu zahlen;
mußten jetzt neben sich, über sich Offiziere Generalkommissare der
friedländischen Armada dulden.

Unmerklich schlang sich eine kräftige Pflanze um ihren Stamm. Dies waren
nicht mehr die verachteten verächtlichen Geschöpfe, der Abschaum Flanderns
Böhmens Ungarns. Ein neuartiges herrisches hartes Wesen trugen alle diese
Männer zur Schau, die als Offiziere der Armada durch die Städte und
Landschaften ritten; gaben an Stolz den eingesessenen Patriziern nicht
nach, hatten eine deutliche Nichtachtung gegen die Bürger, ehrten Besitz
nicht. Setzten in Zweikämpfen Gefechten ihr Leben aufs Spiel; bewegten sich
im Lande als Soldaten des Herzogs von Friedland, der als böhmischer
Edelmann begonnen hatte, als reichsunmittelbarer Fürst vor der Römischen
Majestät bedeckt bleiben konnte. Stärker strömten ihnen zu Söhne aus
Patrizierhäusern, adligen Geschlechtern.

Im Lande wucherten Gerüchte über die Pläne des Herzogs; tolle Worte aus dem
Munde von beliebigen Offizieren wurden kolportiert von Zunftstube zu
Zunftstube, in die Ratshäuser, die Antikameren der Fürsten.

Von Zeit zu Zeit ließ der Herzog selbst über die hilflos fragenden Köpfe
Gerüchte aufklingen von nahen Türkenkriegen. Plötzlich grellte durch die
duldenden schlaffen Landschaften das Geschrei von Fortschritten, grausigen
Siegen des Ofener Pascha; ängstlich, aufmerksamer sah man die sich
sättigenden Söldner und Offiziere an, fürchtete für Kinder und Weiber,
vielleicht mästete man die Armada dafür. Dann verhallte alles wieder; die
Maschine zog straffer an.

In das Staunen Murren der Leute kamen andere Töne. Langsam übernahmen die
Fiedler Schnurrer Bänkelsänger die ruhmredigen Lieder der Söldner. Sangen
von der gebissenen halbaufgefressenen Ratte, dem Dänen, von Wallenstein,
den der Kaiser schickte, der im Sieg zum Herzog aufstieg. Die Bürger gingen
wie Mäuse an den Speck. Es gab geheime Dinge zu sprechen, gegen, die
löbliche Ehrbarkeit Richter und Ratsmannen Geschlechter zu konspirieren,
Korporäle Kornetts in den Trinkstuben zu empfangen. Es war eine
dunkelgärende Rebellion, die wie eine Wolke über die Bezirke flog. Was bei
Helmschmieden Pfeilschnitzern Plattnern Schwertfegern Ringlern Nadlern
gepflogen wurde, blieb kein Geheimnis den Haffnern Mehlmessern Wildpretlern
Wollschlägern Lebküchlern den Fellfärbern Mäntlern Joppern, in
Reichsstädten, Bischofssitzen, Grafenresidenzen. Eben war es nur eine
Belebung ihrer zünftlerischen Zusammenkünfte, bald eine unsicher tastende
Bewegung, deren Stichwort noch nicht gesagt war.

Die stummen apathischen Massen der Edlen, die Patrizier, Gelehrten,
katholische, protestantische. Sie bewegten sich. Was vorging, floß in sie
wie ein elektrischer Schlag, der sie erzittern ließ. Der alte
Barbarossatraum von dem freien großen deutschen Reiche lebte hier.
Leidenschaftlich wollten einige wissen: Die Zeit sei erfüllt. Die Fiedler
sangen so lieblich. Die Dinge aber enthüllten sich. Wallenstein zeigte sein
grausiges Gesicht: »Ein einiges deutsches Reich, eine einige Knechtung.«
Söldner breitbeinig durch die Gassen, über die Märkte, Trommeln und Pauken
hinterher. Die Sprache des neuen Herrschers Armut Entrechtung Versklavung.
In Tierställe verwandelten sie das Heilige Reich. Aus ohnmächtiger Pein
stiegen Bittschriften an den Kaiser. Die bezwungenen Landesherren schickten
ihre Vertrauensmänner unkenntlich auf die Dörfer und Flecken, in die
besetzten Städte, die Stimmung zu erforschen, Mut zu machen, aufzureizen.
Da fanden sie wenig Liebe. Auf dem Lande wirtschafteten die Bauern, die
Nachkommen jener stolzen, die vor hundert Jahren zu tausenden eingekesselt
und niedergemetzelt waren von den Vorfahren der Edlen, die sie jetzt
angingen. Sie fanden Grimm und Furcht nach beiden Seiten gegen Kaiserliche
und Fürsten. Mißtrauisch, leidend sahen die Bauern auf die Musketiere und
Reiter, mißtrauisch auf die flötenden bettelnden Abgesandten ihrer
Herrschaften.

Nur ein Volk kicherte beim Anblick der finsteren Leiden Deutschlands: die
Böhmen. Sie sahen die Rache sich vorbereiten, hörten das Knacken in dem
Bogen des Kaisers, die Stücke der zerbrechenden Waffe würden ihm in Brust
und Kopf eindringen. Sie jubelten, der Sieg konnte allein ihnen nicht
entgehen. Wie ein Symbol über der Verderbnis des Herzog von Friedland, die
Pest, in ihrem Lande geboren.

Zdenko von Lobkowitz war tot; seine Stelle als Oberstkanzler von Böhmen
hatte ein leiser Mann eingenommen, Graf Wilhelm von Slavata. Man kannte
seine Feindschaft zum Herzog; er hatte leidend das Amt angenommen, das man
ihm anbot als einem Verwandten und Feind des großen Herzogs. Slavata
stopfte sich gequält die Ohren, als man ihm erzählte von den Karlsbader
unerhört glanzvollen Reisen des Herzogs; »was haben ihm die Juden dazu
gezahlt, wieviel hat er erpreßt, was hat er gewuchert.« Wallenstein zwang
ihn zur Feindseligkeit immer wieder aus seiner menschenfremden Ruhe heraus.
Er war sehr fein, mit Trautmannsdorf tauschte er skeptisch überlegene Worte
aus, aber vermochte nicht wie der bucklige Graf dem schreckensvollen
Experiment Wallenstein mit Neugier zuzuschauen und dem Herzog aus Interesse
zuzustimmen. Die Maske zog er nicht vom Gesicht. Verschwiegen studierte er
den Herzog, in dessen neuem Palast auf dem Hradschin er bisweilen erschien.

Eines Tages empfing der bayrische Geheimrat Richel den Besuch eines
Kapuziners, der sich als Böhme legitimierte und einen schriftlichen
Geheimauftrag vorwies: wonach er die Kurfürstliche Durchlaucht in einer
Angelegenheit von höchster Wichtigkeit um die Entsendung eines Agenten nach
Prag ersuchen sollte. Der achselzuckende Kapuziner wollte weder den
Schreiber des Briefes nennen noch die Angelegenheit umschreiben; seine
Legitimation stammte von dem sehr namhaften Abt des Klosters. Ein
bayrischer Geheimagent, Alexander von Hales, Italiener, selbst Kapuziner,
reiste mit dem Ordensbruder nach Prag ab. Ihm wurde von dem Abt der Eid
abgenommen, daß er die Person, der er vorgestellt werde, nicht nach ihrem
Namen fragen werde, wenn sie sich selbst nicht nenne, daß er ferner nicht
niederschreiben werde, was er erfahre, jedenfalls nicht vor seiner Ankunft
in München.

Dann saß der Italiener in der gewölbten Zelle des Abtes an der Ofenbank
gegenüber einem ehrerbietig begrüßten, rot maskierten Herrn, der Ringe und
Armbänder trug, sich, während er sprach und nachdachte, auf dem
übergeschlagenen Knie aufstützte. Slavata sprach italienisch. Der
Abgesandte möchte nach München von der Natur, dem Vorgehen, den Plänen des
jetzt florierenden Friedländers einige Informationen bringen. Als der Agent
erklärt hatte, er werde erst dann unterbrechen, wenn er glaube, sein
Gedächtnis werde versagen, setzte Slavata hinter der Maske seine Worte hin,
als wenn er mit sich spräche, langsam, sich wiederholend, einschränkend.

Er verglich den Charakter Wallensteins, mit dessen Zeichen er sich viel
beschäftigte, mit dem Attillas, Theoderichs, Berangers, Desiderius, welche
von Haus aus Herzöge waren, durch Verleihung auch Königreiche erwarben und
Kaiserreiche erstrebten. Er ist von einer ungemeinen Arglist und
Verschlagenheit, nur Gott durchdringt seine Gedanken, er verbirgt hinter
seiner Barschheit weitausschauende Pläne. Schon sein böhmisches Einkommen
ist höher als das der Majestät. Er ist von Natur zur absoluten
Alleinherrschaft geneigt; nur den Bayernfürsten haßt er, denn dieser
erscheint ihm als der einzige, der ihn in seinen Plänen hindern kann. Er
beabsichtigt, die katholische Liga zugrunde zu richten, um alsdann als
einziger Bewaffneter im Reich dazustehen. Das Spiel ist ihm schon zu zwei
Dritteln geglückt. Sein Verfahren ist einfach: Bestechung des kaiserlichen
Beichtvaters und der Geheimen Räte, Verlegung der Truppen in die
kaiserlichen Erbländer, um dem Hause Österreich, das im Kriege völlig
verarmt, einen Zügel anzulegen. Er kennt keine Achtung; vor dem spanischen
Botschafter hat er den katholischen König einen Tropf genannt, ebenso den
König von Polen; man darf nicht wiederholen, was er am Papst gefunden hat;
es seien in Rom auch fünfundzwanzig Kardinäle, die man nach seinem Wunsche
auf die Galeeren schmieden sollte.

Nach diesen Mitteilungen saß die rote Maske schweigend, drehte sich um, ob
noch jemand im Raume sei, ging mit einer Verbeugung hinaus, dem Kapuziner
winkend, dazubleiben.

Einen Monat später sprach die hohe Persönlichkeit den Kapuziner im selben
Zimmer zum zweiten Male; der Agent durfte an sie einige Fragen stellen;
zwei Entwürfe zog der Redner aus dem hohen weißen Stiefelschafte: einen
Diskurs über Friedlands Absicht mit dem kaiserlichen Heere, eine
Untersuchung über die Möglichkeiten, dem geplanten Umsturz im Reich
entgegenzutreten. Nach diesen Entwürfen, über die die Persönlichkeit
weichstimmig berichtete, plante der Herzog sich in Niederdeutschland
festzusetzen; er hatte vor, im Reich die aristokratische Verfassung zu
verändern zugunsten einer absoluten Monarchie. Er wollte zeigen, welche
große Kraft Deutschland innewohne, wenn es ein einziges Haupt habe. Der
Umwandlung Deutschlands konnte man nach der Untersuchung nur
entgegenwirken, durch ein mächtiges ligistisches Heer, das unter Führung
eines Gewalt nicht scheuenden Fürsten steht. Wallenstein rechnet mit der
friedlichen Gesinnung des Bayernfürsten und Tillys, offener: er spekuliert
auf ihre Ahnungslosigkeit.

Gefragt, wie der Kaiser sich verhalte, antwortete die Persönlichkeit:
Ferdinand lasse nichts an sich herankommen, und was herankomme, schüttele
er ab, um nicht aus seiner Ruhe geschreckt zu werden; es sei vom Kaiser
nichts zu erwarten, er werde in seiner Unschlüssigkeit verharren.

Als Alexander von Hales Prag verlassen wollte, wurde er vom spanischen
Botschafter am kaiserlichen Hof, der zufällig den Herzog aufgesucht hatte,
angehalten. Der sehr stolze Mann wollte Empfehlungen und Briefe an seine
Bekannten in München mitgeben; zwischendurch gab er eitelkeitsstrotzend von
sich: die Dinge im Heiligen Reich nähmen ein rasendes Tempo an; es freue
ihn, daß man sich der alten Beziehung mit Spanien besinne, Friedland
verstünde die Zeit; er hätte davon gesprochen, wie ihm Graf Slavata
vertraulich unterbreitete, bei einem Widerstand gegen seine Pläne und bei
einem vorkommenden Thronwechsel zuerst an Spanien zu denken; man werde
wieder in die alte gesegnete Verbindung kommen.

                   *       *       *       *       *

Drei Stunden Ritt bei München, in Schleißheim, hauste der Bayer in seiner
Sommerresidenz auf der Schwaig; die kleine Mosach rieselte durch einen Hof,
trieb ein Mühlrad, durch einen andern Hof das geschwätzige Wässerchen der
Wurn. Breite, geblökerfüllte Stallungen, Wiesen an sanften Abhängen,
Ährenfelder, Müller, Viehmeister, Schweizer, Allgäuer.

Sankt Urbanstag; im grauen Regenwetter schlugen im Dorf die Kinder ein
Holzbildchen des Papstes. Im inneren Hof der Schwaig klopfte der Maienregen
auf das Bretterdach einer kleinen Spielhalle; drin drängten sich auf ihren
Sesseln hinter dem frierenden Kurfürsten -- blauer Samtmantel bis auf die
gelben Handschuhe, blauer aufgeschlagener Samthut mit Perlenschnur, altes
gefälteltes schlaffes Gesicht -- der übergroße glotzäugige schwere Fürst zu
Hohenzollern, Obersthofmeister und Geheimer Rat, der gestrenge und
hochgelehrte Herr Bartholomäus Richel, der greise spitzbärtige
Oberstkämmerer Kurz von Senftenau, Knecht der Jesuiten, Kämmerer
Maximilians, der Marchese Pallavicino, der Signor Cavalchino, der
elastische hohe Graf Maximilian Fugger, Johann Verduckh, sein Guarderobba,
die Geheimsekretäre Rampeckh und Schlegel, Kriegskommissare, Bildhauer. Sie
saßen stumm vor der niedrigen schmalen engen Holzbühne, auf deren
teppichbelegten Brettern sich zwei Menschen, nackt bis zum Gürtel, boxten,
im trüben Nachmittagslicht hin und her sprangen. Leibwache mit Kopfhaube
Hellebarde Schwert breitbeinig in Doppelreihe an beiden Längsseiten der
Halle.

Der eine der Ringer, schwarzhaarig, breit, den Unterkiefer vorstreckend,
ging im Hintergrund der Bühne wild, mit ängstlich verzerrtem Lächeln
einher, zog meckernd hinter dem unbeweglichen braunen nach vorn, spazierte
an der Rampe entlang, nach rückwärts schielend, nach vorwärts schielend,
gegen den Saal sich unter Öffnen der Arme verbeugend. Er wartete vorn im
Winkel, die Arme höhnisch übereinanderschlagend, den braunen unbeweglichen
imitierend. Grinste keck, schlenderte drei Schritt gegen den anderen. Mit
seinem rechten Knie berührte er das vorgebogene Knie des andern, schob,
drückte gegen das Knie. Er stieß, der andere stieß. Sie holten ihr freies
Bein heran. Der Braune schlank, kopfhöher als der Schwarzhaarige, aus einem
Traum geweckt, drängte plötzlich heftig mit dem spitz vorgekeilten Knie,
rot überflammt, daß sie aneinander vorbeirutschten, auseinander taumelten,
der Kleine mit den Händen den Boden berührte. Wie er sich aufrichtete,
umdrehte, funkte ein höllischer Schlag ihm in die Schläfe, daß er, wie
verwundert, sich hinsetzte, den Kopf senkte. Er wollte wieder höhnisch,
vertraulich dem Saal zulächelnd, hochklettern, als der Braune eine Fußsohle
ihm auf die nackte Schulter legte von hinten und ihn leicht wippte. Mit
verändertem Gesicht riß er seinen Rumpf beiseite, stand atemlos blaß auf
den Füßen, stieß einen Arm krümmend hervor: »Mach' nur Herrchen, immer
mach' nur. Ich zahl' wieder.« Der Braune hob reizend wieder den Fuß. »Komm
nur heraus. Ich zahl' jeden Schlag. An dich.« Stammelnd näherte er sich dem
Braunen, sabbernd, mit weiten Augen; der legte ihm, ehe er, wie geplant, in
sein Bein hatte beißen können, zwei schwere Hiebe über die Schultern, daß
der Schwarze umknickte, wie mit Säcken über den Achseln nach rechts
schlich, nach links schlich, sich gegen die Rampe wandte, sich duckte, um
die Beine vom Podium herunterzulassen. Vier Leibwächter liefen klirrend an
mit gefällten Hellebarden; der Kleine brach in lautes Lachen aus, stellte
sich schwankend vorn hin: »Ich fordere dich heraus, Herrchen. Glaubst mich
zu besiegen, mit deinen plumpen Schlägen. Da steh' ich. Schlag. Ich wehr'
mich nicht. Ich krieg' dich schon.« Der Braune mit dicken, knöchernen
Fäusten gegen ihn. »Ich krieg' dich. Du bezahlst mir jeden Hieb, entgehst
mir nicht.« Sie wechselten mit leichten Berührungen Stöße. Über den
Schwarzen war plötzlich ein farbenstreuendes Summen, Dröhnen gefallen; halb
besinnungslos lehnte er an der Seitenwand, murmelte: Ȇberleg' dir, was du
tust. Du richtest dich zugrunde.« Versuchte zu lachen nach einem grausamen
Hieb gegen seine Oberlippe: »Ich weiß nicht, wie du das wirst aushalten
können. Das -- haha -- das ist entsetzlich. Das ist ja tödlich. Bist ja ein
Mordsverbrecher.« Hin und her wankend wälzte er sinnlos seine Arme wie
Schlägel um seinen Kopf, dem ausweichenden Braunen nachschleifend. »Mein
Gott,« greinte er an der Hinterwand, ohne zu wissen, daß er nur mit einem
Auge sah, »ich wußte nicht, mit wem ich mich einließ. Pfui, das bist du. Es
war nötig, dich aufzudecken vor der Welt. Da sitzen die Zeugen, die hohen
Herren. An dir soll keine Gnade geübt werden.« Der schlanke Braune raste:
»Was verleumdest du mich. Willst du schlagen, willst du nicht schlagen,
Hundsfott?« »Du spuckst mich nicht an. Ich warte, bis du dich ganz ruiniert
hast an mir. Wir werden alle sehen, wie weit du gehen kannst.«

Tierartig hing der Lange über ihm, rammelte an dem schwankenden
kopfverbergenden Körper; in den Pausen schluckte und schluchzte der unten:
»Mann. Mann. Ja. Schlag weiter. Zwanzig. Wenn du fertig bist, ist die
Abrechnung fertig. Ich zähl' jeden Schlag. Unterhalten wir uns nicht;
schlag' nur weiter. Möchtest der Rache entgehen.« Der Braune faßte den über
den Boden gekrümmten von oben um die Hüften, hob ihn, schwenkte ihn.
Einmal, zweimal sauste gerissen der Schwarzhaarige kopfabwärts, strampelnd
herum. Am Boden, hingepoltert, spuckte er Blut, rollte, wackelte, blind,
blöde auf: »Hähä. Weiter. Zwanzig.« Der ruderte fünfmal durch die Luft;
knapp an der Rampe krachte er, losgelassen, hin. Als er den Kopf drehte
nach einer Weile, lispelte sein verquollener Mund: »He du. Eitler Hahn.
Gearbeitet. Zwanzig. Ist noch nicht fertig. Wollen sehen, wann er fertig
ist.« Der Braune kreischte wie gebissen, kniete vor dem liegenden Schwarzen
und nun, die Augen zukneifend, alle Gesichtsmuskeln zusammenreißend,
schmetterte er, würgte, wühlte, klopfte, rollte, malmte an dem weichen
Körper vor sich. Der richtete sich einmal, blau, japsend, auf, wollte die
Augen aufreißen, brach einen Strom Blut, legte sich seitlich um. Der
Braune, noch hingekniet, packte den Schwarzen mit beiden Fäusten beim Hals,
zog den Rumpf lang am schlaffen Hals hoch, ließ ihn auf das Gesicht zu
klappen. Wütend spie er sich in die blutbeschmierten Handteller. Unten
lachte man schallend über sein böses Gesicht.

Der schmeerbäuchige Fürst zu Hohenzollern wechselte mit dem aufgestandenen
Kurfürsten einige Worte. Die Wache formte sich zum Spalier. Maximilian
sprach erregt auf Richel ein. Sie verließen die Halle. Leuchter wurden von
Pagen in das Haus getragen.

Im kleinen Singvogelsaal bemerkte Maximilian, ohne den Jesuiten Kontzen
oder Richel anzusehen: »Jedenfalls soll der Musketier belohnt werden und
die ganze Patrouille, die den Boten abgefangen hat. Es war mir eine
Genugtuung, diese Aufklärung zu erhalten.«

Richel auf dem Schemel: »Leider geht aus dem Handschreiben Meggaus nicht
hervor, wie lange der Hof schon Geld für den Kaiser aus Kontributionen
bezieht. Oder ob es nur eine einmalige Zahlung war.«

»Das Tüpfelchen auf dem I? Mir genügt es.«

Richel, den geschwollenen Zeigefinger an der Nase: Dieser Brief wiege so
viel wie eine gewonnene Schlacht. Maximilian wechselte häufig die Farbe, er
hatte die Knöpfe seiner Lederweste geöffnet, hauchte stark, von Hitze
überströmt. Es dürfe nicht davon gesprochen werden, er werde selbst und
allein mit dem Kaiser darüber verhandeln. Es kam zu keinen weiteren
Debatten. Die Herren merkten, dies war eine Angelegenheit der Fürsten.
Richel wurde entlassen.

Der Jesuit wurde mit funkelnden Augen gefragt, welche Treue ein Kurfürst
seinem Kaiser schuldig sei. Kontzen sprang an: »Dem Kaiser alle Treue, dem
Nichtkaiser keine.« Des näheren ergab sich: Ferdinand der andere ist nur,
und besonders nach dem eben aufgedeckten Vorgang, nur dem Namen nach
Kaiser. Er hat die Machtfunktion an seinen General abgetreten. Man hat also
keinen Kaiser, den man verraten könnte, und an dem Herzog von Friedland
kann man keinen Verrat begehen. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder der
Kaiser billigt willensfrei den Friedland oder er wird genötigt von ihm; im
ersten Fall hat er sich seiner Herrscherattribute begeben; oder er steht in
friedländischer Sklaverei. Man muß den letzten Fall bei seiner christlichen
Frömmigkeit annehmen. Verrat an diesem Verratenen heißt ihm, als dem
Kaiser, beistehen. Er konkludierte: Wie die Dinge liegen nach der
Kapuzinerrelation und dem aufgefangenen Schreiben Meggaus ist es Pflicht
jedes Deutschen, besonders jedes Fürsten, den Kaiser von seinem
Vergewaltiger zu befreien.

Maximilian fragte leise: »Auch wenn die Befreiung des Kaisers mit
Unterstützung fremder, ausländischer Mächte geschähe?« Kontzen solle nicht
gleich antworten, er möchte sich gut besinnen.

Wozu man, erhielt Maximilian zur Antwort, das Beispiel der Heiligen Kirche
habe; ob sie Unterschiede zwischen den Nationen mache, ob es ihr nicht
einzig auf die Sache ankäme.

Max ihn aus seinen kalten, traurigen Augen lange betrachtend: »Wenn meinen
Untertanen meine Regierung nicht gefällt und sie zu meiner Beseitigung die
Türken oder Schweden ins Land rufen, tun sie dann Recht?«

»Nur insofern tun sie Unrecht, als sie sich wahrscheinlich mit dem
türkischen Einfall selber ins Fleisch schneiden; im übrigen --«

Der Kurfürst unverwandt den Jesuiten betrachtend: »Ich darf die Türken ins
Land rufen oder ins Reich, wenn ich das Reich damit aufrichte?« »Das ist
nicht fraglich.« Lächelnd schloß Kontzen aufstehend, es seien doch wohl
nicht die Türken.

Wie ein Jäger seinem Hund pfeift, so hatte der sanfte Kardinal Richelieu
seinem Volke das Signal gegeben, es hieß Habsburg. Deutsches und spanisches
Blut lockte, duftete herüber; sich einwälzen, sich überkugeln, die
Uneinigkeit vergessen!

»Wir müssen uns in Metz befestigen,« sang er ihnen vor, »wir müssen nach
Straßburg vordringen, um ein Eingangstor nach Deutschland zu erlangen.
Geduld, Geduld! Ich will Euch nicht aufspießen lassen. Gebt mir noch Zeit,
seid zart; ich werde mit süßer, offener Miene voranschreiten.«

Die Zähne seines Rades griffen in die Vertiefungen von Wallensteins Rad. Zu
den Hanseaten, zum Dänen, Schweden, zu den Generalstaaten waren die
verführenden Reden und Goldstücke gerollt, klirrten lauter in das Reich von
Westen und Süden her ein.

Die Gesandten erhielten die Instruktion vom Kardinal: »Die Kraft Habsburgs
ist der Herzog von Friedland; die Gegenkraft die Kurfürsten. Sie streiten
sich um das Heilige Reich. Wir müssen sie streiten lassen, bis sie uns das
Reich öffnen. Jetzt ist Habsburg stärker; reizt, stärkt die Kurfürsten.«

Wie eine sanfte Eingebung glitten die breiträdrigen Reisewagen mit dem
großäugigen vornehmen Herren Marcheville, dem entschlossenen Soldaten
Charnacé, Säbel über die Knie, über die hüglige Reichsgrenze, über den
Rhein, in das Heilige Reich. Kaum beachtet in dem Lärmen der Durchzüge,
schweigend, höflich wandten sie sich nach Süden und Osten, näherte sich
Marcheville der Stadt Mainz, die Anselm Kasimir beherrschte, dem Gebiet
Philipp Christophs von Trier, Köln unter dem Kurfürsten Ferdinand, in
Dresden trat er vor Johann Georg.

Marquis von Charnacé war unterwegs von Fontainebleau, als Maximilian den
Wunsch äußerte, einen Geheimvertreter des Königs Louis zu sprechen. Man
hatte in Fontainebleau nichts versäumt; Charnacé trug Instruktionen mit
sich.

Der Bayer saß unter einem Baldachin in der Ritterstube der Neuen Feste, saß
vor einer langen ungedeckten Holztafel, an der der hochgelehrte Herr
Bartholomäus Richel neben Kontzen schrieb und in Faszikeln blätterte, als
Charnacé, ein unansehnlicher häßlicher Mensch mit rotem Gesicht und
schielenden Augen von dem hohen Fürsten zu Hohenzollern hereingeführt
wurde. Die Unterhaltung, bei der Charnacé es immer wieder ablehnte, sich
vor der Kurfürstlichen Durchlaucht zu setzen, wurde fast allein zwischen
dem Kurbayern und dem Marquis geführt; später holten die Räte Dokumente zu
Hilfe, ein Sekretär des Franzosen im Vorraum durfte eintreten, das
Akkreditiv des Gesandten diesem zur Vorlage überreichen, ferner eine große
Blankourkunde mit der Unterschrift des katholischen Königs. Charnacé wurde
vom Kurfürsten nach seinem kurzen Arm befragt; er erzählte in bescheidenem
Ton von seinen Gefechten in Polen, dann: er käme auch von Larochelle.
Näheres von dem Fall dieser Stadt, worauf Maximilian drängte, wollte er
nicht hergeben; er erklärte streng, die hugenottische Angelegenheit sei ein
Bruderzwist in Frankreich gewesen, sie sei erledigt. Es würde insbesondere
der neu erstarkten gallischen Nation eine Freude und Genugtuung sein,
Gelegenheit zu erhalten, ihre Macht und Einheit nun nach außen zu zeigen
unter Führung des glorreichen dreizehnten Ludwig. Er sprach die Freude
seines Souveräns aus, daß die Verhandlungen mit Bayern, die auf eine
Beendigung des deutschen blutigen schreckvollen Krieges zielten, nun in
rascheren Fluß kommen sollten.

»Ich habe,« flüsterte Maximilian, der während der Unterhaltung müde an
seinem Hut rückte, »seinerzeit den Herrn von Marcheville gefragt, was
Frankreich in Deutschland für Ziele verfolge. Wollt Ihr mir darauf
antworten.« Charnacé, den Degen fest in der Linken, die Augen auf dem
Teppich; ein Souverän hätte zum Ziel, und dies müsse er festhalten, die
Zustände im Reiche, wie sie durch Reichsgrundgesetze, Goldene Bulle,
Wahlkapitulation festgelegt seien, erhalten zu sehen; er möchte keinen
gefährlichen revolutionären Nachbarn; er erblicke in der weiteren
Ausbreitung der augenblicklichen inneren Gewaltvorgänge in Deutschland eine
Bedrohung der französischen Grenze. Maximilian flüsterte nach einigen
Worten: »Weiter.«

»Wir haben ein Interesse daran, im Reich eine Macht wie die Liga und einen
Fürsten wie die bayrische Durchlaucht zu wissen, die den Stand des Reiches
gewährleistet. Wir sind daher bereit, die Kraft der Liga auf jede
erdenkliche Weise zum Schutz gegen den gewalttätigen ungesetzlichen Umsturz
zu stützen -- soweit man es von uns begehrt. Wenn ich genauer sagen soll,
führen wir durch solch Vorgehen einen Präventivkrieg gegen das Reich.
Unbedingt erkennt der katholische König daher die Kurfürstenwürde der
gegenwärtigen bayrischen Durchlaucht an.« Plötzlich endete der Franzose und
fühlte sich auch durch den forschenden Blick des Fürsten nicht bewogen,
weiter zu sprechen.

Richel rückte seinen Stuhl, überreichte herantretend dem Kurfürsten eine
Note, auf eine Stelle mit dem Zeigefinger weisend. Ohne hinzusehen, nahm
Maximilian das Blatt mit der Linken, mit der Rechten Mund und Kinn
zudeckend, immer den Gesandten fixierend, der ruhig wartete. Dann
Maximilian sehr bestimmt, keinen Ton lauter: »Der Herr kennt die
Verhältnisse im Reich. Der Bericht des Kapuziners Alexander aus Prag soll,
wie mir berichtet wurde, ihm vertraut sein. Ich habe wegen dieser uns
überwältigenden Zustände den katholischen König ins Vertrauen gezogen,
meinem Pariser Gesandten fleißige Korrespondenz mit den königlichen
Funktionären befohlen. Die Liga, deren Oberster ich bin, hat kein
Interesse, bei treuster kaiserlicher Gesinnung, diese Zustände hinzunehmen
oder gar zu befördern. Sie wünscht Abschaffung der drückenden Fronden. Dies
ist dem Herrn bekannt.« Der verneigte sich. »Ich will nur angeben,«
präzisierte Maximilian, »welche Wege gemeinsamer Art denkbar sind. Es
genügt die Erklärung der Liga, in kommenden Angriffskriegen des Kaisers
sich neutral beiseite zu stellen, bei der Bewahrung der Neutralität aber im
schlimmsten, ernstesten Fall der Hilfe Frankreichs gewiß zu sein.« Hierzu
seine Zustimmung zu geben, erklärte der Botschafter wieder gesprächig,
hätte er Vollmacht und ausdrückliche Instruktion. Es läge dem katholischen
König daran, ihre Friedensziele, die so segensreich für die Menschheit und
die katholische Christenheit wären, auf eine möglichst sichere Basis zu
stellen. Man werde glücklich sein in Frankreich, am glücklichsten am Hofe
des Königs, eine katholische Phalanx mit der deutschen Liga geschaffen zu
haben, die der Welt Friedensgedanken aufzwänge und die Rechtgläubigkeit
unangreifbar machte. »Ich will,« wiederholte nach einigem Abwarten
Maximilian, »dann die Neutralität der Liga bei einem weiteren Angriffskrieg
des Kaisers durchsetzen. Die bayrische Absicht ist weiter: Verteidigung
gegen die Umsturzbewegungen im Reich, Verteidigung der Reichskonstitution,
Verteidigung der heiligen Kirche; die französische Absicht darf dem in
keinem Punkt widersprechen.« Als Charnacé das Wort Bündnis hinwarf, hob
Maximilian ablehnend beide Hände. Man möge nicht wie ein Holzfäller bei ihm
eindringen. Die Not im Reich sei groß; dies vor dem kundigen Gesandten zu
verhüllen, hätte er keinen Anlaß. Jedoch sei er deutscher Kurfürst und
werde durch keine Vergewaltigung sich von der geschworenen Treue gegen die
Römische Majestät abbringen lassen. Bei allen Einzelheiten sei
festzuhalten: keine Präjudiz gegen Reich Kaiser und Kurfürstenkolleg. Die
Räte sahen auf; Maximilian war erglüht, hatte die Zähne wie in Scham
zusammengebissen; Charnacé blätterte gleichmütig in seinen Papieren:
Durchlaucht werde freie Hand gegeben, sich der Hilfe des katholischen
Königs nach Belieben zu bedienen; bei der Herzlichkeit der Gefühle Louis
und Richelieus für das aus tausend Wunden blutende Deutschland sei ein
Mißbrauch des Bündnisfalles unmöglich. Friede, Friede die gemeinsame
Parole; geboren aus Erwägungen der Menschlichkeit Christlichkeit und
Selbsterhaltung.

Weich schlich Maximilian in die Wilhelminische Residenz herüber in das enge
Stübchen zu seinem Vater, dem Herzog.

Der Alte, im schwarzen Wollröckchen am Ofen, rieb seinem großen Sohn die
Hand. Sie hockten über die Mittagsstunde zusammen. Den Kaiser Ferdinand
bewarf Maximilian mit Bitterkeit. Dem Kaiser hat ein Satan diesen
Wallenstein geschickt. Und nun floriert das Haus Habsburg und wirft seine
Ketten und Schergen aus; es wiehert brünstig vor Glück, und er, der
Wittelsbacher, muß es hinnehmen. Schande, Schande: er, ein Deutscher, müsse
sich mit dem französischen König verbünden. Er sei gezwungen, mit Zähnen
und Klauen und brüllender Offenheit den Stier, den Teufel anzufallen. Das
Reich, das Heilige Reich, das er liebe, müsse er zerstören, weil es der
Habsburger, der tolle, der Schalk, denn wolle. Nun käme es auf nichts an,
als auf Habsburg und Wittelsbach! Die Masken, die lange festgeklammerten,
endlich, endlich herunter! Zertrampelt das Römische Reich. Es gibt nicht
mehr Kaiser, es gibt nicht mehr Kurfürsten; in den Abgrund alles.

Das graue Männlein ging neben ihm am Ofen hin und her, streichelte dem
schmerzvoll Zerrissenen demütig die Hand, dankte innerlich Gott für seinen
Sohn. Möge das Heilige Römische Reich sich selbst anschuldigen, schäumte
der leichenblasse, die Tischplatte knetende Kurfürst, wenn es breit gewalkt
werde, wenn die Sintflut der Ketzerei anwüchse, wenn die Grenzen
durchbrochen würden. Es muß geschehen. Der Hüter des Reichs, der Vogt der
Heiligen Kirche, der Mehrer des Reichs: Schande, Schande.

Den schieläugigen wartenden Charnacé behandelte er in seiner eigenen
Kammer, das Degengehenk zu Boden werfend, sehr heftig. Ein Ende mit dem
Gerede von dem mächtigen einigen siegreichen Frankreich. Er sei deutscher
Kurfürst, Bayern und die Liga seien stark, er solle nach dem Haag gehen,
sich vom Pfälzer darüber ein Lied singen lassen. Was habe Frankreich im
Elsaß vor, was wühle es in Straßburg; der Bischof von Straßburg sei
Mitglied der Liga; er werde keinen Angriff und Überfall da dulden. Er war
erbittert und höhnisch. Man glaube nicht, sich die Not Deutschlands zunutze
machen zu können und im Trüben zu fischen. Was habe Frankreich in Holland
vor und plane mit den Generalstaaten. Nein, nein, Frankreich und der
katholische König mißverständen ihn, den Bayern, gänzlich; er sei nicht der
alberne Knecht, der in der Nacht die Tür zum Haus offen läßt, damit die
Räuber einfallen können. Man wage es nicht, ihm so zu kommen. Da sei ihm
der böhmische Schelm noch lieber.

Charnacé focht sicher. Er fühlte, der Kurfürst wünschte von ihm über
Schwierigkeiten geleitet zu werden. Dunkle Punkte wurden im Dunkeln
gelassen, helle beleuchtet. Maximilian wurde gegen den Schluß still.

Man kam so weit, über die Zahl der beiderseits aufzustellenden Söldner zu
verhandeln. In dem Vertragsdokument war nach Maximilians Willen nichts zu
vermerken von der Neutralität Bayerns und der Liga; das sollte brieflich
abseits fixiert werden. Schweigend, ohne besondere Huld, wurde Charnacé
abgedankt.

Maximilian fuhr in sechsspänniger Karosse auf den Berg Andechs. Der Heiland
trug die bunte Wunderkrone der Heiligen Mechthilde. Wallfahrten zogen mit
ihm, Prozessionen von Kindern mit farbigen Kreuzen, mit Geißeln, Speeren.
Ungeheure, armdicke Kerzen wurden voraufgetragen; an seidenen, grell
bemalten Fahnen kleine Glöckchen. Umschlungen von Kranken Gebrestigen der
Pfahl mit dem Marienbilde vor der Kirche; sie lagen, von Priestern
umgangen, in Krämpfen davor. Mütter hoben ihre Kinder hoch gegen das Bild,
tasteten die Schmerzstellen der Kinder ab. Dabei sangen sie. Wie Balken
stürzten einige hin, eben den freien Platz erreichend, schnellten
übereinander; Kuttenträger beschworen die bösen Geister.

Selig Maximilian: Habsburg, nicht er hat das Römische Reich zerrissen.

Die Macht der Heiligen Kirche zu vermehren, war ihm, ihm und seinem
Geschlecht zugedacht von den Himmlischen. Es sollte an ihm nicht fehlen.

                   *       *       *       *       *

Von der grauen windgefegten Meeresplatte bis auf Postenstellungen
zurückgezogen, schob sich das Gros der Armee mit wachsender Stärke in das
Zentrum Deutschlands und nach Süden. Es legte einen dichten Schleier über
die kaiserlichen Erblande, stieg die Grenzberge hinauf.

Als die Fühlungnahme der Fürsten und Stände begann, die Proteste gegen die
Anwesenheit und das grenzenlose Wuchern dieses Armeekolosses in allen Gauen
schrillten, glomm im Süden plötzlich ein Funke auf, der sich im Augenblick
zur Lohe entwickelte.

Ein Reichslehen jenseits der Alpen, Mantua, war durch den Tod seines
Inhabers erledigt, die Nachfrage umstritten. Der Großneffe des
Verstorbenen, ein junger Herzog von Nevers, glaubte nicht der Belehnung
durch den Kaiser und Entscheidung des Rechtsstreites zu bedürfen. Da nahm
der römische Kaiser, Ferdinand der Andere, Mantua und das zugehörige
Montferrat in Sequester, und der Oberst eines Infanterieregiments, Graf
Johann von Nassau, wurde als sein Sequestrationskommissar nach Mantua
geschickt. Der junge Herzog leistete dem kaiserlichen Kommissar nicht
Folge, gehetzt von Richelieu, der hinter ihm stand und einen Sprung in die
Lombardei tun wollte. Der Römische Kaiser fragte in diesem Augenblick den
Generalfeldhauptmann, ob er zu einem Zug nach Oberitalien bereit wäre, zur
Exekution gegen Mantua.

Die Armee wurde formiert. Geschwollen fuhr es aus dem Prager Hauptquartier
über das Reich, das Klagen dunstete wie eine Wiese in der Morgendämmerung:
Man habe Krieg, möge jeder still sein, Kaiser und Reich sei beleidigt. Die
alte Armee wuchs wieder; der Herzog brauchte zwei Armeen, eine zum Kampf,
eine zu Kontributionen. Regimenter aus Schwaben marschierten südwärts,
besetzten die Pässe der Graubündener Alpen, hingen wie eine Wetterwolke
über Italien. Über das Meer war man nicht herübergekommen; die Alpen
konnten nicht aufhalten. Und wie der junge Nevers noch schwankte, erschien
der französische König Ludwig selbst mit einem starken Heer, rückte gegen
die Stadt Susa und besetzte sie. Sie überschritten, eine neue Kriegsmacht,
die Brücke der Doria; Richelieu, der schmächtige kinnbärtige Mönch, von
allen Waffengattungen bejubelt, ließ im grellen Märzsonnenschein am
Brückenkopf sein geharnischtes Roß voltigieren, zwei Pistolen trug er am
Sattelbug, das lange Schlachtschwert an der Seite, den wallenden blauen
Federhut. Pinerolo fiel, die Alpenpässe wurden geöffnet, das Heer stürzte
an, zehntausend Mann, gejagt von ihren Marschällen Krequi, Schomberg, La
Force.

Losgelassen die Kaiserlichen hinterher, unter dem Grafen Kollalto. »Der
Herr Bruder ziehe Menschen an sich,« schrieb der Böhme, »das Reich hat
genug, ich vermag nicht zu bewältigen, was zu mir kommt. Je mehr ich
aufnehme an kräftigen Männern, um so sicherer wird der Widerstand im Lande
hinschmelzen; vor dem Knurren und Keifen alter Weiber und Kanaillen fürchte
ich mich nicht.«

Kompagnienweise wurden die Söldner bei den ersten Scharmützeln
verschlungen. Aus Wallensteins Quartier flogen der Kriegskommissar Metzger
und der Rittmeister Neumann her; ein neues Lied hatte angefangen. Sie
drängten gewaltig den schlachtengierigen strategielüsternen Kollalto zu
Attacken; hielten verschlagen mit Artillerie und Harnischen zurück. Sie
reizten durch verräterische Meldungen den Franzosen zu Angriffen; worauf
die deutschen Verluste wuchsen.

Und Ludwig, wie er triumphierte über die albernen vielgerühmten
Wallensteiner. Er machte sich anheischig, sie in fünf Monaten mit Stumpf
und Stiel in Italien auszurotten. Und so gewiß war er seiner Sache, daß der
noch ängstliche junge Herzog von Nevers, der Prätendent, die kaiserliche
Fahne in Casale einzog. Die friedländischen Regimenter, deren Verluste
furchtbar waren, meuterten nicht; die Landschaft blieb üppig, Ortschaft um
Ortschaft wurde ihnen zur schonungslosen Plünderung mit Gütern und Menschen
preisgegeben, zur Reizung und Betäubung.

In Prag wiegte sich Wallenstein; Patente für neue Truppenkörper flogen aus
seiner Kanzlei; er hieß sie, für einige Monate die Zügel im Reich etwas
schlaffer halten, der Kaiser brauche ein Heer, der italienische Krieg
verschlinge Massen, man müsse locken, locken. Mit rasendem Pfeifen,
Heerpauken durchzogen die Werber die Landschaften, fuhren Wagen voll des
besten Geldes, jagten in die Wälder zu den neuen Siedelungen der
Vertriebenen; schlugen eine gute Musik, bunte Schärpen, wilde Hüte, Macht
über Männer und Weiber. Möchte lieber wer von den Verkommenden arm und
Knecht sein. Der Krieg in der italienischen Ebene war ein Schlund, er
schluckte und spie in die Gräber.

Bassewi ging den harten Herzog an. Der gab zurück: »Jammere er nicht,
Bassewi. Er hat keinen Grund, über diesen Tod zu klagen, wo kein Deutscher
einen Finger aufheben würde, wenn sein ganzer Stamm an einem Tage
weggerafft würde. Wir kommen von der Stelle. Oder zweifelt er?« Der
weißhaarige Jude schüttelte mit weiten starren Augen den Kopf: »Ich werde
nicht zweifeln, daß dem Herzog von Friedland irgendein Erfolg ausbleiben
wird. Ich werde nicht daran zweifeln. Ich würde glauben, wenn der Herzog
von Friedland ein Jude wäre, würde die arme Judenschaft morgen nach
Palästina wandern können und das Reich Salomos neu begründen.« Wallenstein
lachte kräftig: »Hinbringen könnte ich Euch schon; aber der Großherr in
Konstantinopel würde Euch verspeisen. Es wäre kein so schlechter Gedanke
eines Christen, Euch hinzubringen.« Der Jude runzelte die Stirn: »Bewahre
mich Gott. Ich bin zufrieden, daß Ihr uns wohlgesinnt seid.«

Zwischen seinen grellgeputzten Vogelhäusern und Fischteichen spazierte
Friedland mit seiner schönen Frau, im Vergnügen über das milde
Winterwetter.

Sein Vetter, der klobige Oberst Graf Max Wallenstein führte neben der
Herzogin ein Bologneserhündchen an der Leine. Friedland stand auf dem Kies,
seinen Stock vor sich am Boden einstampfend: »Hätt' ich geglaubt, daß die
Dinge bei Mantua solchen Verlauf nehmen. Der Mund wird denen im Reich
gestopft. Schaff' mir Leute heran, Max; die Deutschen gehören nach Italien.
Hast du bemerkt, was der Franzose macht. Er will ein Feind Deutschlands
sein. Der! Richelieu, der überfeine, glaubt, uns in der Tasche zu haben.
Sein Pater Joseph, der Kapuziner, er und der Tölpel Ludwig haben uns schon.
Eine Freude! Er bringt unsere Feinde um, jeden Tag hundert mehr; wie gut
sich die Menschen eignen zu unserer Bedienung. Und wir -- wir haben jeden
Tag ein Stückchen Sorge weniger.« Gepeinigt pfiff die Herzogin ihrem
tanzenden Hündchen; sogar Graf Max sah betroffen an seinem Zobelpelz
herunter. Wallenstein prahlte, mit seiner knöchernen Linken heftig
gestikulierend: »Wir werden stärker; aber er kriegt den Kaiser nicht
herunter. Er kann es anstellen, der besessene Seidenspinner, wie er will,
er tut uns einen Dienst. Die Franzosen, Max -- die haben mir gefehlt.« Er
zotete vor der erblassenden Herzogin von der vortrefflichen
Franzosenkrankheit, die sein Heer befallen hätte. Sprudelnd zog er die Arme
der zu Boden blickenden Frau an sich.

In dem kleinen astronomischen Kabinett, in einem Flügel seines Palastes,
mußte bei Fackelschein der paduanische Astronom Argoli, mit seinem
sanftmütigen schmeichelnden Schüler, dem Johann Baptist Zenno, die
Aussichten des Feldzugs berechnen. Pläne auf Pläne legte er ihm vor, sie
hatten die glückbringenden Tage anzugeben. Die unermeßliche Nacht blickte
zu ihnen herein. Erregt, vor sich murmelnd, ging Friedland unter der
Bronzetafel, in die sein eigenes Horoskop eingegraben war: »Tiefsinnige,
melancholische Gedanken macht Saturn, die menschlichen Gebote werden
verachtet. Jupiter folgt. Der Mond steht im Zeichen der Verworfenheit.«
Friedland stellte sich unter Knurren und Lachstößen neben Argolis Fernrohr:
»Ich bin ein frommer Christ, Argoli. Du weißt, was ich gestiftet habe. Man
wird mich nicht für teuflisch halten, weil du mir die Geheimnisse Gottes
deuten sollst.«

Die unaufhaltsam über die Lombardei niederströmende Menge breitete sich
aus. Von der Schweizer Grenze blühend Gebiet neben Gebiet, das Herzogtum
Savoyen, Piemont, das spanische Mailand, die große Republik Venedig von
Bergamo bis Belluno, Gradiska. Was geneigt war, sich aufzubäumen, bäumte
sich auf. Im Süden der Staat des gewaltigen von Civitavechio bis zum
Kastelfranko herrschenden Papstes Urban.

Er hatte mit Ruhe den deutschen Krieg toben sehen; jetzt brüllte er über
das Vordringen der Männer aus dem fluchwürdigen Lande, das die Ketzerei
geboren und großgezogen hatte. Der brutale spanische Botschafter Gasparo
Borgia fuhr stolzgebläht zur Audienz beim Heiligen Vater, der ihn nicht
zuließ; aber feierlich holte der Kardinalstaatssekretär Franzesko
Barberini, der Nepot, die bayrische Kreatur Krivelli aus seinem Quartier ab
zum Papst.

Der Papst schnob gegen ihn: das Haus Österreich ist der Kirche abtrünnig
geworden, daß es keinen Fürsten mehr achte; maßlos übermütig, mischt es
sich in die Verhältnisse Italiens ein, mit gräßlichen Massen des Abschaums
aller Nationen bewirft es den blühenden Boden der Lombardei; die Züchtigung
Gottes wird nicht ausbleiben; von solchem Treiben des Hochmuts wendet sich
der Gerechte ab.

Mit donnernder Stimme warnte er vor Eingriffen in seinen Machtbereich; der
Papst sei vom Heiligen Geist selbst auf den Stuhl gehoben, er habe die
Pflicht, die Gerechtsame Gottes wahrzunehmen. Die Verbrecher würden es so
lange treiben, bis das Breve der Verdammung an den Kirchentüren
angeschlagen werde und er alle Kreatur gegen sie aufrufe.

Der Gesandte des Wiener Hofes wagte sich zum Protest in den Vatikan. Der
achte Urban, auf seinem Stuhl sitzend, ein ungeschlachter graubärtiger
bäurischer Mann in weißseidener Soutane, einen roten breitkrämpigen Filzhut
auf dem glühenden Kopf, übergoß ihn mit ätzenden Worten: »Die höchste
Richtergewalt liegt beim Kaiser. Wie aber kann ich richten, kommt nicht
mein Amt und Richterspruch von Gott? Wie kann ich mich vergreifen, wie darf
ich es an Gottes Geschöpfen? Denn diese Menschen sind vielleicht
kaiserliche Untertanen oder kaiserliche Unterworfene, aber sie sind auch
Gottes Geschöpfe. Und wir wissen doch, daß wir im letzten Augenblick gleich
sind vor dem himmlischen Herrn, gleich die Richter und Gerichteten. Sie
werden beide nicht leicht zu schleppen haben. Fürchten sich die Herren
dieser Welt, daß sie sich nicht gar zu viel aufbürden! Der Triumph des
Rechtes wird nicht ausbleiben.«

An das umstehende Kolleg wandte er sich, sich schüttelnd vor Abscheu, den
Gesandten keines Blickes mehr würdigend: »Es gibt Menschen, die ihre
Machtgelüste auf das schamloseste, auf das tiefste beleidigend maskieren.
Sie wagen es mit dem Schein der Frömmigkeit sich zu schmücken. Es ist
schwer zu verstehen, wodurch sich diese Menschen, wenn sie richten, von
Mördern unterscheiden und von Dieben, von Räubern. Die lombardische Erde
wird davon zeugen. Ich will nicht mehr davon sprechen, es ist uns ein
grausiges Geschick, daß dies in die Zeit unseres Wirkens hineinschlägt.«

Wie er sich wand, seine Flüche auswürgte, die Befestigungen an seiner
nördlichen Grenze beschleunigte, Söldner anwarb, klangen die herrischen
Wünsche aus dem Reich herüber: der Kaiser Ferdinand der Andere, der
geliebte Sohn der Kirche, begehre sich krönen zu lassen vom Heiligen Vater;
Urban möge ihm entgegenziehen bis Bologna oder Ferrara. Auch sollten die
Lehensrechte des Kaisers über Montefeltro und Urbino untersucht werden. Das
Schrecklichste an Drohung, was man im Vatikan vorausgesehen hatte, kam aus
dem Hauptquartier des übermächtigen Böhmen: man möge sich nicht sperren in
Italien; Rom sei vor hundert Jahren schon einmal geplündert worden,
inzwischen wäre es noch viel reicher geworden.

Und während alles an der Nord- und Ostgrenze des Reiches ruhig blieb, die
Armada bändigend mit eisernen Netzen über Deutschland lag, Italien
aufschäumte, wurde im Triumph in die Wiener Hofburg der uralte
Karmeliterpater Dominikus a Santa Klara eingeholt, der in der
Entscheidungsschlacht am Weißen Berge den Siegeswillen der Ligisten
hochgehalten hatte. Er wollte daran erinnern, daß alle Macht und Übermacht
des Kaisers nur errungen sei durch die Kirche, die Fürsprache ihrer Gebete.
Der Kaiser sollte ehrerbietig sein und ablassen von dem Mordversuch auf die
heilige Mutter. Nach wenigen Tagen erkrankte der schwache Mönch, von der
langen Reise angegriffen, starb unter Ferdinands Augen. Abends fand das
Leichenbegängnis von der Hofburg nach dem Karmeliterkloster statt unter den
Klängen aller Glocken; Ferdinand und seine Familie warteten in der
Karmeliterkapelle.

An diesem Abend suchte durch den langen unterirdischen Gang der Kaiser seit
langem wieder den Fürsten Eggenberg in seinem Hause auf. Er erklärte, es
sei bei der überwältigenden Wendung der Dinge, bei dieser sichtbaren
Erhebung des Hauses Habsburg durch Gott und die allerseligste Jungfrau
notwendig, an die Sicherung des Erreichten zu denken. Er sei ein Mensch,
hinfällig. Er wolle seinen Sohn neben sich sehen. Eggenberg möge die
Nachfolgerfrage, die Wahl zum römischen König, in Angriff nehmen.

                   *       *       *       *       *

Es gab in den europäischen Ländern unzählige Orden von Männern und Frauen,
die das Wunder des Jesus von Nazareth vereinte. Die erneuerten alten Orden
der Dominikaner, Franziskaner, Benediktiner, die Kapuziner, Theatiner, die
Kampforganisation der Jesukompagnie. Die Feuillantinen, Frauen, die
maßlosen Bußübungen oblagen, so daß sie zu Massen hinstarben und der Papst
einschreiten mußte, Nonnen und Mönche, die Tag- und Nachtwache sich
auferlegten, Stillschweigen, unaufhörliches Anbeten des Mysteriums der
Eucharistie. Die Nonnen von der Schädelstätte, die die Regel des Benediktus
beobachteten: durch unausgesetztes Beten am Fuße des Kreuzes Buße zu tun
für die Beleidigungen, die dem Heiland angetan waren, sie auszulöschen,
wenn sie je auszulöschen waren. Der Orden von der Heimsuchung des Franz von
Sales und Chantal, der vor Entzückungen warnte; man müsse durch Arbeit
beten. Die Ursulinerinnen, die Männerkongregation von Sankt Maur. Über
allen schwebte ein Hall des Schreis, der am Tiber von den fürstlichen
Anhängern des Barberini und dem römischen Pöbel ausgestoßen wurde beim
Gerücht, daß der deutsche Kaiser sich nach Rom durchkämpfen wolle, um sich
vom Papst salben zu lassen, und daß ein neuer Ferdinand römischer König
werden sollte: »Ghibellinen! Ghibellinen!« An den Moles Hadriani, den
neronischen Wiesen, an der neuen Mauer Urbans am Kapitol, Lateran, an den
Thermen des Diokletian und des Karakalla, von der Skala santa, am Palazzo
Caffarelli, Massini, Farnese. Wühlen in allen Gliedern der Kirche: man
wolle dem Papst zu Leibe, es ginge wider den Vatikan. Wutausbrüche des
gestachelten Urban, umgedeutet in ängstliche Klagen um den Bestand der
Kirche.

Ein Fanal war der vom Papst genehmigte Raub der Asche der großen Gräfin
Mathilde aus Mantua, die eine Freundin Gregors im Kampf gegen den
sächsischen Kaiser Heinrich war: man werde sich wehren, sich nicht
totquetschen lassen.

Und aus tausend Rinnsalen quoll nach Deutschland der Haß. Wallenstein
schickte Truppen durch Graubünden, schwere Belagerungsartillerie ließ er
mit Mauleseln herüberschleppen. Eines Tages riefen in Rom Mönche und Laien
aus, was in Prag und Wien allen bekannt war. Daß der Herzog von Friedland
sich selbst an die Spitze der italienischen Armee zur Aufrechterhaltung der
Kaiserlichen Hoheit in Italien stellen werde. Sie kreischten frenetisch in
Rom: »Die Barbaren kommen! Die Goten!« Man stellte sich dem tollwütigen
verfinsterten Papst für Schanzwerk Geschützguß Kugelguß zur Verfügung. Er
reiste mit dem Kardinalstaatssekretär und dem venetianischen Botschafter an
die nördliche Grenze seines Gebiets. Hundert römische Edle, gewappnet in
leichten Eisenpanzern, die Pferde unter klirrenden Plättchenpanzern, ritten
seiner Karosse vorauf; eine starke Rotte schweizer Gardisten, blaue Wämser,
Piken, Birnenhelm mit aufgebogener Krempe aus blauem Eisen, prächtige
Offiziere in rotem Samt umringten ihn. Außerhalb Roms sprengte der Papst,
auf seinem schwarzen riesigen Gaul ragend unter einer goldgestachelten
Stahlkappe, in einem schwarzen Panzerhemd mit Samtkragen und
Ringpanzerbeinkleid, Bronzeplatten vor dem gewölbten Leib, vor den Knien
Platten mit Stacheln, seine Stimme tobte, er drängte vorwärts. Französische
Offiziere trafen aus Grenoble ein.

                   *       *       *       *       *

Sie krochen aus Erdhöhlen herauf, lehmbraune Männer, verkniffene ängstliche
Mienen, schmierige Bauernkittel, suchten mit den blinzelnden Augen die
flach unter ihnen abfallende Ebene ab, die grünen windgeschüttelten
Gebüsche, winkten, pfiffen rückwärts. Kinder arbeiteten sich hoch,
lichtscheu, verschüchtert, Weiber, langzopfig, mit sandigen Hauben,
schüttelnd die braunen Röcke in der grauweißen Morgenluft. Der hohe
Waldrand belebte sich, das Dickicht zwischen Kiefern und Buchen wurde
durchbrochen; leise Pfiffe. Kleine weiße Zelte in Doppelreihen hinten in
der Ebene, dünne, hohe Lanzen die Dorfhäuschen überragend; das Steinkreuz
am Fuße der Berglehne umgestürzt; Pferdewiehern, einzelne Schüsse; Qualm in
trüber Schicht unbeweglich über einigen Schindeldächern, weit am andern
Ende des Dorfes Wägelchen die Allee aufwärts gezogen. Links am Horizont der
Kirchturm von Zittau. Oben schleppten die Männer Spaten und Beilpiken aus
dem Wald, wühlten einen angebrochenen Graben auf, tiefer, breiter, zogen
ihn, immer still sich bückend, halblaut sich anrufend im Zickzack über den
Hang durch lange Stunden. Vieh blökte im Wald; Weiber Kinder waschend
kochend am Feuer, dessen Rauch durch breite hochüberspannte Rinderfelle
verteilt zwischen den Baumwipfeln in losen Zügen sich verlor. Kleine
Männertrupps, in der Mittagsstunde, verstreut, sich abwärts lassend, das
Dorf umschleichend, umfaßten von zwei Seiten einzelfahrende Wagen, schlugen
die Söldner nieder, schleiften die Säcke in die nahen Verstecke, stahlen
sich abends wieder hoch.

Bäume gefällt, Pallisaden gezogen. Höhlenquartiere, Waldquartiere in der
Lausitz. Gemeinden von rachsüchtigen Kompagnien angegriffen, zerschlagen,
auf der Flucht bei andern unterkriechend. Aus der Lausitz, in Böhmen
sammelten sich wandernde zigeunerartige Scharen, stiegen suchend die
Felsgewände der Elbe entlang, zwischen den Rebenpflanzungen, den blühenden
Feldern mit Hopfen, Raps, Rüben. Machten offene Städte unsicher, plünderten
die Obstwälder bei Leitmeritz; auf den weidenbepflanzten Auen bei Melnek
lagen Leichen von Verhungerten; viele Weiber, Kinder blieben in Dörfern
zurück. Durch das finstere Moldautal drängten die Massen, ziellos, in einem
leidenden Trieb. Dreitausend umschwärmten die Tore Prags. Man wußte nicht,
was sie dort wollten. Die Bürgermeister der Alt- und Neustadt schickten
Brot in Körben heraus, Wegweiser durch Böhmen. Das Gedränge gab sich nicht;
sie wollten herein nach Prag; sie redeten sich ein, der Kaiser wäre da. Als
der Verkehr an den Toren erheblich gestört wurde, eine Anzahl Boote auch an
der Hatzinsel anlegten, bis vor die große Brücke vordrangen, befahl der
Oberst der Garnison, sie zu verjagen. Die Flüchtlinge hatten sich durch
ihre Weiber und Kinder verstärkt, wurden durch Peitschenhiebe Hellebarden
Salven scharfer Schüsse auseinandergesprengt. Die großen Massen, bestürzt,
ohne Fassung, ratlos verloren sich; nach zwei Tagen fand man im Umkreis
Prags keine Rotte mehr. Im Judenviertel der Stadt jubelten manche bei den
Schüssen, man stand in starker Hut; die meisten aber schlossen sich in
ihren Häusern ein, viele bedeckten weinend die Gesichter.

Eine Welle verlief sich, andere kamen. Sie drängten zum Kaiser um Rettung.
Rotten tasteten sich hungernd im Land herum vom Harz her bis nach Schwaben;
während manche sich stumpf forttrieben, verfielen andere einem
Götzendienst, flüchteten verwildert zu Wald- und Flurgeistern, Kobolden,
Marzabilla, Waldschützen, Moosweibchen, schlichen gedrückt um
Kreuzessäulchen. Wo das Gesindel in die Städte hereinverschlagen wurde,
wurde es wieder herausgepeitscht. Gerüchte von Kreuzschändung, Ausübung
todbringender Malefizien schleppten sie mit sich; man hing es ihnen an,
aber vor manchen Städten wurden viele belauert, umstellt, nach kurzem
Verhör aufgeknüpft, auch gerädert.

Wie anklagende Chöre erschienen Menschenscharen immer häufiger vor den
Toren der größeren Städte; hinter ihnen her ritten Abgesandte ihrer
Bischöfe Herren Fürsten, drohend, sie sollten an ihr Werk gehen, auf die
Äcker, an die Mühlen, in die Bergwerke, warnend vor der Abwanderung. Sie
wollten immer zum Kaiser, wußten nicht wozu. Der Kaiser war mächtig, seine
Armada mächtig, er solle Frieden machen. Unterwegs sagten sie sich vor, was
sie bedrückte: Kriegslasten auf ihren Schultern, Getreideabgaben, Abgaben
für Fallholz, Schweinehafer, Kapaun, Kleinvieh, der dritte Pfennig vom
Gemeindeholz, der kleine Zehnt, Salzsteuer, Brennöfen, Mühlen, Wegzoll,
Jagdgeld, Marktgeld, Siegelgeld, Heiratsabgaben. Lachten, der Kaiser ist
mächtig, er wird noch mehr können als dies. Im Brandenburgischen erschienen
sie mit Fahnen, bald tausend stark, demütig in Ehrbarkeit, Schöffen,
Ratsmannen und Richter um Speisen bittend, man möchte ihnen nichts antun,
sie wollten zum Römischen Kaiser mit Bittschriften. Man gab ihnen, schob
sie ängstlich ab. Viele verdarben am Wege. Als sie sich der bayrischen
Grenze näherten, ließ sie der Kurfürst durch seinen Kriegskommissar fragen,
ob sie dem Bauernaufgebot, den Landfahnen, eingereiht werden wollten.
Antworteten, sie kämen gerade des Krieges wegen, dessen Beseitigung ihnen
am Herzen liege, sie hätten so viel Kontributionen zahlen müssen an Freund
und Feinde, dazu den großen Zehnt, den kleinen Zehnt, den Schweinehafer,
Salzsteuer, Brennöfen, Wegzoll, Kleinvieh, Kapaun. Darauf wurden sie von
einer kleinen Söldnerrotte und fünfzig Pferden mühelos versprengt,
gefangen, in die Büsche gejagt. In Klöstern fanden manche Zuflucht. Da
erfuhren sie, daß der Kaiser alles bewältigen und niederschmettern wolle,
Kaiser und Friedland sei ein und dasselbe, auch den Papst wollten sie
beseitigen, man müsse beten zur himmlischen Jungfrau, daß der Papst die
Oberhand behalte und dazu die ergebenen Fürsten des Reiches.

                   *       *       *       *       *

Die Kaiserin war mit dem rebellischen Herzog von Nevers verwandt. Sie war
an Ferdinand, als die Stifter der Kirche zurückgegeben werden sollten,
herangegangen wie Flamme an Holz, hatte um ihn unbändig gewallt. Jetzt
erschrak sie. Ein geheimer Stich; von Tag zu Tag stach es tiefer. Sie mußte
sich zurückziehen. Was hatte sie getan, wie hatte sie gelebt. In welche
Verderbnis trieb sie der Mann neben ihr, in brütender Besessenheit rührte
er an Italien. Sie war ihm nichts. Von Mantua fühlte er nichts. Sie keuchte
aus dem Schlaf auf, ekelte sich vor schwarzen Männern, die in großen
Mänteln nach ihr liefen, hinter ihrem Bett mit Messern und Federhüten
vortauchten. Die ekstatische Frau war plötzlich aus ihren Fiebern gerissen.
Erkühlt unter dem unfaßbaren Schrecken, die Horden Friedlands, des
Schlächters, könnten über ihre süße Heimat kommen. Sie besann sich mit
hereinbrechendem Wohlgefühl auf ihre sonnenklare Jugend; es war ein Blick
durch den Spalt eines finsteren Zimmers.

Widerstrebend strich sie um Ferdinand, näherte sich ihm. Sie zwang sich ab,
zu betteln für ihren Vetter Nevers und ihre Stadt. Lauschend kniete sie vor
Ferdinand, dem dunklen Mann, horchte gepeinigt in ihn hinein. Es war keine
Frage um Mantua, sondern um ihn.

Ferdinand in sakraler Ruhe verstand nichts. In eherner Überlegenheit hing
er über den Parteiungen in seiner Umgebung, sah grau auf das Gezänk
herunter, mißtrauisch, gefühllos. Er schenkte, schenkte. Was für Jesuiten
geschah, betäubte die Patres selbst. Cäsarisch duldete er nicht, daß man
ihm danke. Er sagte aus seiner Starre heraus der Mantuanerin, der junge
Herzog werde zu seinem Recht kommen, nach erfolgtem Spruch und nicht früher
werde die Belehnung erfolgen. Sie flehte, seine braune schlaffe Hand
küssend: »Du hast den Patres so viel gegeben, deine Räte sind reicher als
ich.« »Haben meine Räte und die Väter von mir Geschenke erhalten? Ich weiß
nichts davon. Sie mögen sich nichts anmaßen.« Sie betrachtete ihn, das
goldene Vlies über der Brust, von unten herauf, der graue zitternde Bart,
hörte das rauhe Murmeln. Das war der unverständliche Barbar, der sie durch
den galanten Eggenberg aus der Lombardei geholt hatte. Durch ihren Kopf
irrte, sie wußte nicht wie, plötzlich und hartnäckig die Erinnerung an ein
fremdes Gespräch rechts von ihrem Fenster: »Hast du mich gern, tanze morgen
Nacht mit mir.« Es waren lustige Kavaliere mit ihren Damen gewesen, die so
zueinander sprachen; warum ihr das zarte Geflüster einfiel. Aufgewühlt
verließ sie den schnalzenden Kaiser, der ihr wie eine Pagode nachblickte.

                   *       *       *       *       *

Vor einem lärmendem Vogelhaus, nahe der Brunnenstube ihres Schlosses
Schönbrunn, saß Eleonore in einer Rosenlaube; in Mantel und schwarzen
Schleiern gingen zwei italienische Damen draußen auf und ab, Paula Maria a
Jesu und Maria Theresia von Onufrio. Sie sagte zum alten Eggenberg: sie
habe Zutrauen zu ihm, sie bitte ihn bei der Liebe Gottes, den edlen Frieden
zu befördern, soweit er vermöchte. Er fragte sie, vor ihr stehend, bei
aller Ehrfurcht mitleidig ihr zuhörend, was sie befehle. Warum man ihn so
selten sehe, beim Quintanrennen nicht, bei keinem Reiterkarussell, bei
keiner Hetzjagd; er scheine eine Abneigung zu haben gegen sie oder den
Kaiser. -- Ach, er sei krank. -- Nicht so sprechen, ob sie noch Zutrauen zu
ihm haben könne: sie bange um ihre Heimatstadt; der Krieg sei ungerecht vom
Zaun gebrochen, der junge Nevers sei von Frankreich verführt worden: mein
Heiland, und es könne doch nicht so gehen, daß man Italien verwüste, wie
man Niedersachsen oder Böhmen verwüstet habe; man könne doch nicht mit
aller Welt Krieg führen, mit dem Heiligen Vater; warum denn, warum denn
nur.

Da stand im Schatten am Pfosten der Laube Hans Ulrich Eggenberg; auf den
Stock stützte er die linke Hand mit dem blausamtenen Hut; auf dem hohen
steifen Mühlsteinkragen bewegte sich sein weißbärtiger Kopf wie auf einem
platten Teller; das spanische goldene Vlies über der Brust blitzte unter
dem Spiel des Sonnenlichts; er lächelte für sich still, seinen Stock
entlang blickend; er hätte sich niemals unterfangen, gefährliche
kriegerische Praktiken anzuspinnen; die Dinge hätten den schweren Lauf
selbst genommen; wie schwer sei es, ihnen zu gebieten.

Sie saß gerade auf ihrem Stuhl, die Augen zwinkernd; die schwarzen Haare
gescheitelt, zu einem Knoten in den Nacken herabfallend, aus dem senkrecht
nach oben eine mächtige vornübersinkende Reiherfeder stieg. Sie ballte die
Hände in den weißen Reithandschuhen über den zusammengedrückten Knien; ihr
gelbes Kleid lag in vielen Falten lose weit um sie: er hätte sie geholt aus
Mantua, ihm sei sie in Vertretung des Kaisers angetraut; an ihn hänge sie
sich. Habe man Glauben, um an der Gerechtigkeit und dem Glück zu zweifeln;
es müsse verhindert werden, daß aus ihrer Geburtsstadt eine Trümmerstätte
werde; sie könne es nicht zugeben, und wenn sie --. Dabei bückte sie sich,
hob eine Hand vor das Gesicht, richtete sich rasch hoch, sah starr seitlich
in einen Winkel. Als wenn sie ein Kind wäre, studierte Hans Ulrich ihr
Gesicht, die trotzig aufsteigende Feder über den hilflosen zerrissenen
zitternden Mienen; rasch, geschäftsmäßig erklärte er: es sei nicht Schuld
des Kaisers, wenn es zu diesem Krieg gekommen wäre, lose Stücke hätte noch
kein Habsburger unternommen. Schlimm sei es, daß der junge Nevers sich habe
von Frankreich zu respektloser Haltung erregen lassen; vielleicht sei es
möglich, ihn von Frankreich zu trennen. -- Sie wolle, äußerte sie, nicht
von Schuld und Unschuld reden; man möchte ihr nicht ihre Geburtsstätte
nehmen; sie habe, brach sie aus, so viel opfern müssen, als sie Italien
verließ, man möge doch an sie denken. Stand auf, reichte ihm, der seinen
Hut fallen ließ, die eisige Hand, blieb vor ihm stehen. Er lächelte
herzlich, erwiderte ihren Händedruck; es sei schwer, rasche bindende
Versprechungen zu geben, es sei allen im Lande schmerzlich, den Heiligen
Vater gegen sich zu sehen; er nehme Gott zum Zeugen, daß er den edlen
Frieden nach Kräften fördern werde; Frieden müsse werden, schrecklich wüte
die Christenheit gegeneinander, vielleicht arbeite man für niemand anders
als den Großtürken in Stambul. Sie freute sich, heftiger seine Hand
umklammernd. »Mir ist ja nicht mehr gegeben,« flüsterte sie, schon den Rock
raffend, »als Euch meine Wünsche zu sagen.«

                   *       *       *       *       *

Die durch den kaiserlichen Wunsch auf Wahl seines Sohnes zum römischen
König entstandene Sachlage wurde im hohen Rat erörtert.

Da saßen die, die verzaubert waren vom Herzog zu Friedland, und lachten.
Man solle den Herzog lassen, sagten sie, und den Papst und Frankreich; es
sei das beste, was der Geheime Rat jetzt tun könne; das Spiel sei
vorzüglich im Gange; sie hätten den Vorteil, gänzlich außerhalb der Partie
zu stehen, einzugreifen, wenn es ihnen gutdünke. Welche Entwicklung aber
die deutschen Dinge durch ihn nehmen würden, das sei geradezu phantastisch
abzusehen, ja phantastisch. Sie spiegelten sich in diesen Gedanken.
Friedlich saß der verwachsene Graf, gelbweiß von Gesichtsfarbe, mit den
Fingern spielend im Lehnstuhl, lächelte überlegen, gähnte viel. Die Wahl
zum römischen König würde ihnen wie eine Frucht zufallen.

Der lange Strahlendorf brauchte mit Hinweis auf Trautmannsdorf die Wendung
vom friedländischen Anhang am Hofe; schreiend, der Wagen sei verfahren, er
hätte genug dagegen rebelliert; wälze die Verantwortung dafür ab. »Wofür?
Wofür?« spöttelte der Bucklige, »für den Sieg Habsburgs?« Brüsk warf sich
der steife glattrasierte Mann im Stuhl zurück.

Im violetten Seidenmantel, das schwermütige olivfarbige Gesicht mit den
starken Brauen auf die beringte weiße Hand gestützt, blickte Slavata gegen
den Ofenwinkel, der mit einem blaugrünen Gobelin verhängt war. Seine blauen
Augen schweiften zu Trautmannsdorf, der sich in seinen Stuhl verkroch,
gingen oft hin; er sprach anders: es bestände keine Aussicht, den
kaiserlichen Wunsch auf legale Regelung der Nachfolge durchzuführen, denn
die Kurfürsten seien über die Gewalttätigkeiten im Reich, die Verarmung,
den drohenden Umsturz erbittert. Dennoch müsse die Nachfolge des Kaisers
gesichert werden. Man müsse also die Kurfürsten eventuell zwingen.

Strahlendorf lachte höhnisch: »Wie denn, Herr Graf?«

»Durch dieselbe Gewalt, die sie zur Erbitterung gebracht hat.« Dazu
klatschte leise der Bucklige, dem Böhmen zuwinkend, Beifall.

Es sei wohl auch das Beste, so zu verfahren, höhnte Strahlendorf weiter, in
anderer Hinsicht. Man käme dann zur Klarheit überhaupt über die
Herrschaftsverhältnisse im Reich; zum Beispiel in Pommern, in Brandenburg,
in den meisten Kreisen mit kleinen Landesfürsten. Da würde sich
herausstellen, wer herrsche. Trautmannsdorf jubelte fast: natürlich, so sei
es, es würde fesselnd bis zum äußersten werden; Konsequenzen über
Konsequenzen könnten noch gezogen werden: wie notwendig -- er wandte sich
armeausstreckend an alle Herren -- nicht einzugreifen, um nichts zu
verderben oder zu komplizieren; das beste, diese Frage der Nachfolge nur in
die öffentliche Diskussion werfen, an diesem Punkt könnte sich der Streit
auf das bequemste entzünden: nun hätte man den Zankapfel in der
konzentriertesten Form, alle Kräfte würden aufgerufen, um -- nun, man würde
sehen.

Ihm fehle, klammerte stolz Strahlendorf seinen Degen zwischen die Knie, die
Munterkeit und der leichte Sinn, um Angelegenheiten des Kaiserhauses in
solcher Weise zu behandeln. Slavata hob sein dunkelblondes Haar mit der
Linken von den Schultern ab, als wenn er seinen Nacken kühlen wolle; er
betrachtete sinnend einen Sprecher nach dem andern, lief gebunden dem
Gespräch nach: man hege doch gleichmäßig die schuldige Treue und Liebe
gegen den Kaiser; nun möge man sich auch nicht trennen in den Mitteln, die
Treue zu erweisen. »Ich schlage vor,« sagte er gedämpft, »einen
Kurfürstentag einzuberufen zur Königswahl. Im übrigen dem Herzog freie Hand
zu lassen, wie man es bisher getan hat. Weigern sich die Kurfürsten, den
jungen Ferdinand zu wählen, so nimmt der Kaiser dies zur Kenntnis, wie er
anderes zur Kenntnis genommen hat. Aber ignoriert es.«

»Liebster,« legte sich Trautmannsdorf vor, »wie kommt Ihr zum Ziele. Der
junge König von Ungarn wird nicht römischer Kaiser vom Ignorieren.«

Still legte Slavata beide Hände in den Schoß, senkte den Kopf, seine braune
Haut wurde blasser, seine Augen funkelten einen Moment, bevor sie sich auf
die Finger richteten: er schob Silbe um Silbe zwischen Zähnen durch und
stellte die Gegenfrage an alle Herren, was wohl dann geschehe, wenn der
Kaiser dem Herzog von Friedland freie Hand wie bisher lasse und die
Kurfürsten die Königswahl ablehnten; die löblichen Kurfürsten können
belfern und keifen, die Zähne sind ihnen ausgebrochen!

Rasch wandte sich Slavata mit einem eigenartigen Lächeln an Trautmannsdorf,
das sei der Streit auf der Höhe und -- er flüsterte -- noch mehr: der Sieg
Habsburg auf der Höhe. Vielleicht ernenne dann der Kaiser den neuen König.

Strahlendorf donnerte mit der Faust auf den Tisch, zitterte am ganzen Leib,
blickte mit verzerrten Mienen gräßlich auf den böhmischen Grafen; der
Bucklige warf sich bewundernd, den Mund offen, den Kopf schüttelnd, hin und
her im Sessel; der dicke Questenberg blies mit menschenfresserischen
Grimassen glücklich unter seinen struppigen Schnurrbart, saß geschwollen,
glotzäugig, als hätte ihn einer gestreichelt, am kurzen Quertisch.
Strahlendorf jappste: »Das nennt Ihr das Y und X im Friedländischen Abc.
Wir sind erst in der Mitte. Kurfürsten ohne Kur ist noch lange nicht das
Letzte, den römischen König schüttelt er so aus dem Ärmel, wie er die
mecklenburger Herzöge verjagt hat; dann kommt -- der Kaiser selber. Wer
soll den wählen, als derselbe einzige Kurfürst -- Wallenstein. Herr
Slavata, Ihr dachtet auch einmal anders über Euren Vetter. Dann kommen die
Schwerter gegen den geheimen Rat, dann ist das Abc zu Ende.«

Questenberg knurrte bissig gegen ihn her: »Will man uns den Braten
versauern, soll es doch nicht gelingen. Kommt sein Schwert gegen uns, so
wird es sich nur bestimmte Hälse suchen.« »Es wird sie suchen, Herr
Questenberg, Euren und meinen, wie die liebe Sonne, die über Gerechte und
Ungerechte scheint.«

Ganz unhörbar hatte Eggenberg seinen Stuhl zurückgeschoben; lautlos klemmte
er seine ungehefteten Faszikel unter den Arm, stieg hinter der Stuhlreihe
auf Zehen vorbei. Wie ihn Trautmannsdorf sich umwendend, anstarrte, bei der
Hand faßte, wehrte er ab; es gelang ihm weiterzugehen, bis der Querbaum der
Questenbergschen dicken kurzen Arme sich vor ihn legte. Hans Ulrich schien
seinen Gram beiseite tragen zu wollen. Leidend bat er Questenberg: »Lieber,
laßt mich.« Sie standen um ihn; er blieb einsilbig dabei, wolle gehen.

An dem kleinen Treppengeländer bedrängten sie den freundlich behäbigen
Fürsten, der den Kopf schüttelte: »Wir werden uns alle besinnen müssen. Wir
werden unsere Gutachten schriftlich vorlegen. Die Zeit drängt. Der Kaiser
wird eine höhere Instanz um Einsicht bitten müssen. Das ist alles.« Was der
Verwachsene, der seine Einfälle nicht zügeln konnte, nicht gefährlich fand;
es sei schließlich allemal das beste und das letzte, den lieben Gott um
Einsicht zu bitten; sie seien, lächelte er fast frivol, ja nicht
verpflichtet, als Geheimer Rat den Himmel überflüssig zu machen. »Wie denkt
Ihr, Slavata?« Eggenberg wollte sich mit kurzem Nicken verabschieden, da
drückte ihn Questenberg auf einen Stuhl, setzte sich neben ihn. »Weh unserm
kaiserlichen Herrn,« stöhnte matt zusammenfassend Eggenberg, »er wird sich
verlassen sehen von uns allen, mag der Schutzgeist Habsburgs ihn nicht
vergessen.« Und bezwungen von seinem Gefühl kniete er, Hut und Faszikel vor
sich auf die Diele legend, neben seinen Stuhl hin, betete, während auch die
anderen die Köpfe senkten, das Rosenkranzgebet. Sie bekreuzigten sich,
standen nebeneinander. Auf der kleinen Treppe Eggenberg: »Habsburg hat eine
schwere Stunde vor sich. Was war es für ein Geist, der unserem gnädigen
Herrn dies eingegeben hat, an sein Ende zu denken und die Nachfolge zu
bestimmen. Ich weiß es nicht. Ich kann nicht bei euch bleiben, liebe
gestrenge Herren.«

Slavata, mit Trautmannsdorf und Questenberg allein, sanft höhnend: »Der
Kaiser schütze sich vor seinen Freunden. Man will ihn um den Sieg, um das
lauterste gerechteste Symbol des Siegs bringen.«

Sie gingen. Trautmannsdorf schlang ihm einen Arm um die zuckende Hüfte: »So
ist mein Herr Slavata von seinem alten lästerlichen Haß ins friedländische
Lager abgeschwenkt. Ich hör: mit Pfeifen und Flöten.«

»Mit Pfeifen und Flöten. Noch vergnügter, noch üppiger. Warum sollt ich's
leugnen. Ob ich ihn liebe, weiß ich nicht. Aber es kränkt mich, wenn ich
sehe, wie man ihn kränken und hindern will.«

Und heftig atmend, gequält den Arm Trautmannsdorfs duldend, ging er mit den
schwatzenden zweien. Zum Äußersten herausfordern hatte er Friedland wollen.
Er wollte ihn locken, er wollte sein Teil daran haben, an der Entwicklung
dieses Geschicks. Dunkel wie Wunder, halb Glück, halb Entsetzen, bewegten
sich Gefühle in ihm, hoben sich, senkten sich, verrauschten. Er wies sie
ab, verbarg sie sich. Sie drangen ihm manchmal über die Lippen und trieben
ihn zu Handlungen. Er fühlte, daß er sich einem Strudel näherte, aber er
konnte dem Geheimnis nur folgen, dieser Sehnsucht zu Wallenstein.

Der Weg, den Fürst Eggenberg in der Stifterfrage beschritten hatte, mußte
weitergegangen sein. Vergänglich Ferdinand, vergänglich Friedland. Habsburg
bestand. In seiner Bibliothek hielt Eggenberg eine bunte Chronik in den
Händen, ein Buch, das er liebte; las von den Staufenkaisern, wie ihre Welt
riesenhaft aufgebaut und mit ihnen zusammengesunken war. Die vergeblichen
Kriege mit dem Papst. Ecclesia triumphans. Unmerklich sicher hatte sich
Habsburg ausgedehnt. Reichtümer fielen ihm wie einem spielenden Kinde zu.

Der Kaiser machtgeschwollen. Er konnte das Haus in den Abgrund reißen.
Eggenberg wiegte das alte Buch zwischen den Knieen. Zurückdrücken den
Kaiser.

Die Gutachten durchlas der Kaiser, forderte dann den Fürsten Eggenberg vor
sich.

Er faßte es als ein himmlisches Zeichen auf, daß der Kaiser ihn trotz der
Einhelligkeit der anderen Gutachten rufen ließ. Zum Nachgeben den Kaiser zu
bewegen, war keine Möglichkeit. Eggenberg sah, daß diesem Mann gegenüber
kein Argument verfing. Und mit seherischer Klarheit gab Eggenberg selber
plötzlich nach.

Der Regensburger Tag sollte stattfinden.

Aber als Ferdinand den Alten, der ihn starr ansah, umarmte und freundlich
an sich drückte, ihn vielfach lobte und über die vermeintliche Niederlage
wegtäuschte, mußte sich der Fürst seufzend entziehen. Scham füllte ihn ganz
aus. Ein Verräter, ein giftiger Judas war er. Denn der Kaiser sollte zur
Schlachtbank. Er würde keinen Triumph erleben. Er würde alles selbst
entscheiden müssen -- den ungeheuren Entscheid im Streit der Kurfürsten
gegen Friedland, und er wird -- nachgeben. Wie er in München vor Jahren dem
Bayern nachgegeben hat. Das war dem alten Eggenberg, während er den
lächelnden Kaiser, seinen Freund, starr anblickte, klar.

Die Kurfürsten werden kommen, das alte Reich muß zerstört werden: er wird
es nicht befehlen können.

Friedland wird sich über die Kurfürsten werfen, der Kaiser wird sich neben
die Fürsten stellen.

Rasch mußte sich Eggenberg von dem herzlich bewegten Kaiser, der ihn mit
Konfekt beschenkte, verabschieden.

Jubel im Geheimen Hofrat.

Ein kurzer grimmiger Ligatag fand in Mergentheim statt. Die Herren und ihre
Gesandten sahen sich nach eintägiger wütender Klage über das Zugrundegehen
des Reichs einem kaiserlichen Vertreter gegenüber, der von ihnen
Einberufung und Beschickung eines Kollegialtages zwecks Wahl eines
Römischen Königs verlangte.

Sie gellten ihm ihr Nein und ihre Verzweiflung entgegen. Sie gellten von
dem eigenmächtig begonnenen italienischen Krieg, von seinen grenzenlosen
Menschenopfern, Kosten. Frankreich würde sich gereizt im Westen
Deutschlands erheben.

Bis sie auf einen Schlag plötzlich verstummten; es war die Parole
aufgetaucht: zustimmen der kaiserlichen Einladung und nicht zustimmen dem
Wunsch, einen Habsburger zu wählen.

»Den Kaiser fassen, gegenschlagen.«

Wie sie sich von einander verabschiedeten, wußten sie: entweder sehen wir
uns auf dem nächsten Tag als Sieger wieder, oder dies war unsere letzte
Tagung.

Die Finsternis dieser Beratungen verbreitete sich nicht nach München. Der
Bayer hatte eine gute Stunde. »Der Kaiser will seinen Gegnern im Reich den
Siegel seiner Macht aufdrücken; noch eine Stunde und er bedarf der
erlauchten Kurfürsten nicht mehr.« Maximilian hing vor Richel in seinem
Sessel, bedeckte seine Augen mit den Händen: »Ich danke der himmlischen
Jungfrau für die Gnade jetzt und immer; sie will uns wieder Freiheit geben
und uns den Entschluß erleichtern.« Dann: »Jetzt, du mußt verstehen,
Richel, jetzt hat sich der Kaiser in unsere Hände gegeben. Er drängt sich
selbst an den Ort des Gerichts hin. Denn wir werden seinen Sohn nicht
wählen. Bis wir sicher sind, daß er klein beigibt.« Als Richel nach einigem
Stillschweigen den Namen Wallenstein aussprechen wollte, stand Maximilian
auf. Und Richel erkannte diesen Mann. Er sah in dem marmorfeinen Gesicht
denselben höllischen Ausdruck, den es getragen hatte, als Kaiser Ferdinand,
von der Frankfurter Krönung in München eingekehrt, neben Maximilian die
schöne und reiche Kapelle verließ; im fast schweigenden Hin und Her wurde
dann dem Kaiser die Führung im kommenden Krieg abgerungen. Und als der
Kaiser unterschrieben hatte, war es an einem Montag, dem herzoglichen
Gerichtstag gewesen, daß der Kaiser eine volle Stunde in der Sommerstube
eingeschlossen mit Max verweilte. Die flüsternde, beschwörende Stimme des
Habsburgers; die knappen, befehlerischen Sätze Maximilians, Hinfallen eines
Degens. Jähe Abreise des gebrochenen Kaisers.

Ordonnanzen gingen an die französische Gesandtschaft. Charnacé traf ein. In
größtem Geheim wurden unter ständiger Korrespondenz mit Fontainebleau
Verabredungen getroffen.

                   *       *       *       *       *

Eine schwere Erregung bemächtigte sich in diesen Tagen, in denen die
Einberufung eines Kollegialtages zu Regensburg beraten wurde, des ganzen
Volkes. Die Professoren der Tübinger Universität beobachteten nächtliche
Schlachtordnungen am Himmel, beschrieben das Kriegsgetümmel, hörten das
Rasseln der ansprengenden Kürassiere. Bauern verbreiteten Gerüchte, sie
hätten Kämpfe einzelner deutscher Stämme und Fürsten gegeneinander gesehen
am Himmel, Wagen mit Stangen seien gefahren, Sturmleitern wurden geworfen.
In Dillingen trug ein Rechtsbakkalaureus sein Traumgesicht vor: der Kaiser
ermordet von Wallensteinschen Kroaten.

Vom Reichserzkanzler, dem Mainzer Erzbischof Anselm Kasimir, wurde auf das
Drängen des Kaisers das Ausschreiben zu einem Kollegialtag nach Regensburg
erlassen. Da fuhr der Bayer wieder auf den heiligen Berg Andechs in einer
unbezwinglichen Spannung. Auf die nackten Altarstufen hingepreßt, betete er
in einer krampfhaften Aufwühlung; er dachte an die Schweißtropfen Christi
auf dem Ölberg, der Dornen, die sein heiliges Haupt umgaben, der Schläge,
die er in der Geißelung litt, der heißen Zähren, die er vergoß, der
Seufzer, die er tat, der süßen Rosen seiner fünftausend Wunden. Er flehte,
geknechtet verwirrt auf den Bahnen des Gebets laufend, Herr Jesus möchte
durch die flüsternden, perlenden, quirlenden Brunnen, die aus all seinen
heiligen Wunden sprudelten, so reichlich, seine arme durstige Seele zu
erquicken geruhen.

Schwarz stand im Schatten auf einem Seitenaltar das mannshohe Kreuz mit dem
sinkenden Heiland: anblicken sein verwundetes Herz, ringen um die Erlösung;
anblicken die rechte Hand, die Sünden zu erkennen gab; anblicken die linke,
den rechten Fuß, den linken Fuß, Barmherzigkeit, Buße, Gerechtigkeit.
»Gnade, Herr Jesus!« Maximilians Pferde jagten wieder herunter nach
München. Stöhnend saß der Kurfürst vor dem Jesuiten Kontzen, wischte sich
den Schweiß von der Stirn, beruhigte sich nicht. Und während Kontzen den
Entschluß des Bayern, die Franzosen an sich zu ziehen, maßlos lobte,
durchzuckte den Kurfürsten der Gedanke: mit Wallenstein selbst in
Verbindung treten! Wallenstein im letzten entscheidenden Augenblick vom
Kaiser abziehen, ihm Mecklenburg und was er sonst hatte anerkennen. Ihm
Reichsfürstenwürde zugestehen!

Sich Wallensteins bemächtigen!

Woher diese Verwirrung! Woher diese Befehle, dieser Zwang!

Maximilian erblaßte unter der Raserei dieser Gedanken. Sie waren
wahnwitzig; seine Augen wurden matt. Halb ohnmächtig sank er seitlich über
die Lehne seines Sessels. Und dann, als der ängstliche Jesuit ihn
aufrichtete, drückte der verwirrte Fürst seinen Arm. Er ließ sich von
Kontzen hochziehen, und wie er auf den unsicheren weichen Füßen stand, fiel
er umarmend gegen die Brust Kontzens, mit den Zähnen klappernd, wimmernd,
an allen Gliedern zuckend. Schritt um Schritt führte Kontzen den verzerrt
blickenden Kurfürsten in die Nachbarkammer vor den kleinen Marienaltar. Da
beruhigte sich der Fürst; der Leibkammerdiener konnte gerufen werden,
Kontzen wurde mit einem unverständlichen Lächeln entlassen. Der Fürst
wankte in die Schlafkammer.

In derselben Nacht besprach Maximilian mit dem Pater im tiefsten Vertrauen
das Notwendige. Staunend, ergriffen hörte der Pater die Pläne des Bayern.
»Rede Ehrwürden sanft mit dem Böhmen. Er ist jähzornig. Warte Er einen
guten gleichmäßigen Tag ab. Melde Er der herzoglichen Durchlaucht meine
Zuneigung und Wohlmeinung. Wenn sich Irrungen und Zwietracht gelegentlich
zwischen unseren Heeren gehalten haben, so werde das in Zukunft sich
beheben lassen. Wage Er sich offen damit heraus, daß der Franzose sich an
mich herangemacht hat. Die friedländische Partei ist in Kürze verloren. Wir
haben beide Macht, ich und der Böhme. Es wird sein Schade nicht sein, wenn
wir uns gut im Reich miteinander verhalten.« Erst frühmorgens, als es im
Hof der Burg von den Wagen des abreisenden Jesuiten rasselte, legte
Maximilian sich auf dem Bett zurück. Fast augenblicklich verfiel er in
einen betäubten Schlaf. Nicht einmal die Zeit fand er, den Rosenkranz aus
der Hand zu legen; der klapperte neben dem Bett auf die Diele.

Die Freudigkeit, Glückseligkeit, Munterkeit des Fürsten, die langen
folgenden Tage; eine Bräutigamsunruhe und zwangsartige Rastlosigkeit. Seine
Drechseleien ließ er liegen, er gedachte seiner verflossenen Italienfahrt,
ihn trieb es aus München fort. Die feierliche Donnerstagsprozession machte
er noch mit, selbst barhäuptig im Zuge mit einer brennenden Kerze vor dem
ganzen Hofstaat; dann wurde Alexander Abondius, der Florentiner Bildhauer,
in die Residenz befohlen; der Kurfürst reiste mit ihm ins Land, Verduckh,
der Kunstkämmerer und Guardarobba folgte, eine Handvoll Hatschiere. In
Nürnberg stand das neue Pellerhaus, reiche Front, prächtig die vier
Stockwerke, Fenster bei Fenster, hoch die Giebelfassade; Galerien des
Hofes, Säulengänge. Sie ritten in der heißen Augustsonne, von Ratsmännern
geleitet, durch die langen Gassen, über Märkte und Plätze. Teppiche von den
farbig bemalten Balkons, Stockwerk vor Stockwerk sich herausschiebend,
überschattend die tieferen Fenster, Dächer von Zinnen umgeben, vorgeragte
Ecktürmchen. Das Nassauerhaus. Der junge Abondius lobte den Herkulesbrunnen
zu Augsburg, die Nymphen, Wasserspeier. Der Wittelsbacher fragte nach
Kurieren, drängte, von Süßigkeit und Schrecken erfüllt, zurück.

Wie sie vor München am Isartor erschienen, meldete der starke Torwächter,
es seien gestern nacht fünf kaiserliche Obersten angekommen, die der
wohledle gestrenge und hochgelehrte Herr Bartholomäus Richel empfangen und
in ihr Quartier zum Goldenen Kreuz geleitet habe. Mit Staunen sah sich
Maximilian am nächsten Morgen in seiner Audienzkammer sitzen,
Ehrengeschenke des Herzogs von Friedland in den Händen drehen, die
metallenen Schalen und Krüglein befühlend, hinstellend, ihnen an die Kehle
fassend. Er hielt, während die Offiziere Abschied nahmen, einen Arm über
die Metallwölbung, zwei Finger in die Höhlung hinein; es schien ihm,
zwischen Entsetzen und Gelächter schwebend, als ob er mit Wallenstein
spräche. Und sonderbar war ihm dabei, als ob er in einer Unwirklichkeit
lebe, hier säße; ihn mußte etwas verzaubert haben, eine leise Angst
schwelte über ihm: wenn das Spiel erst zu Ende wäre. Und während die Türen
geöffnet wurden, Kammerdiener, Oberstkämmerer erschienen, ihn zur Messe
einzukleiden und abzuholen, passierte ihm, daß er gedankenlos dastand,
nicht wußte, was er dachte, nicht einmal, was mit ihm geschah. Saß gebannt
in seiner Residenz; wie in Scham vermochte er nicht hinüber zu seinem
Vater; ließ viele Stunden am Tag unbesetzt, man wußte nicht zu welchem
Zweck. Die Depeschen kamen. Kontzen meldete übergroße Freundlichkeit des
Generals, dabei die gänzlich fehlende Geneigtheit, das geringste von
Maximilians Plan zu verstehen; er, Kontzen, müsse natürlich aufs äußerste
vorsichtig sein und sich vor direkter Deutlichkeit bewahren; der Herzog sei
ergötzt von dem Zugeständnis in Sachen Mecklenburgs, aber bisher hätte sich
nicht einmal eine Andeutung des bayrischen Plans ermöglichen lassen; nun
wolle er noch nicht verzagen vor diesem absonderlich treuen Diener des
Kaisers. Gleich hinterher ritten aus dem friedländischen Hauptquartiere
zwei Offiziere ein: sie sollten vertraulich verhandeln über das Verhalten
der Armeen zueinander; wie weit die Liga abzurüsten gedenke; die beiden
Herren waren sehr aufgeräumt, schienen die Auffassung aus Gitschin
mitzubringen, die Kurfürsten täten den ersten Schritt zur Unterwerfung.
Richel bearbeitete sie kühner, wagte gleichnisweise von einer Abschwenkung
Friedlands von Habsburg zu reden, da Wallenstein selbständiger Reichsfürst
sei, auf der Fürstenbank mit den andern säße und sich wie sie seiner Haut
zu wehren hätte. Taube Ohren, Unwillen über das ärgerliche Beispiel. Richel
verblüfft vor dem Kurfürsten: er stände vor einem Rätsel; man könne es
Treue nennen, es sei auch Borniertheit. Oder Friedland sei auf noch Höheres
aus, etwa gegen den Kaiser.

Weich glitt es von Maximilian ab, trübe Augen, ein stumpfes mattes Gefühl
behielt er zurück. Schläfrig dankte er Richel; er möge in dieser Sache
nichts weiter unternehmen. Er saß eine, zwei Stunden dämmernd auf demselben
Stuhl, allein in seiner Kammer; eine Hilflosigkeit hielt ihn befangen; er
räkelte sich, seufzte. Ja, nun werde er wieder zu Hause sein, zurück von
der Reise. Da lag auf dem Tische die Rolle Torquato Tassos, die der Dichter
ihm in Italien gewidmet hatte. Neue Briefe seiner Bundesverwandten, vom
Kölner, vom Bischof von Bamberg. Sie wollten Hilfe; die alte Last, die
alten Ketten. Ein glühendes Weh überflutete mitleidlos seine Brust, Gram,
tiefer Widerwillen. Wie er an den Kaiser und Friedland dachte, ballte er
die Fäuste vor Schmerz, spannte sich auf seinem Sitz hoch, rang sich zur
Ruhe.

Maximilian ließ den Wallensteinschen Offizieren erklären, er müsse über die
angeregten Punkte mit seinen Bundesverwandten korrespondieren; eisig, wie
sonst, gab er Richel den Auftrag, die Herren mit Geschenken zu
verabschieden. Sie ritten schmähend ab, die Bayern hätten sie nur
aushorchen wollen.

Vervaux, Maximilians Beichtvater, war über Land; Eilboten mußten ihn
zurückholen. Der alte Herzog Wilhelm, Maximilian, Vervaux saßen zusammen
beim Essen; die stille, gespannte Runde; sie gingen mit dem Kurfürsten auf
sein Kapellenzimmer. Der Kurfürst sprach mit einer lieblichen Stimme, die
grauenhaft aus seinem leblos sitzenden Körper klang; er bitte sie beide,
ihn zu fragen. Er antwortete dann anders als sonst; während er sonst die
Worte in seinem Munde sich ansammeln ließ, bis sie vereist und gefroren
waren, stürzte er sich auf jede Frage und gab blindlings, lechzend
Bescheid, gesangreich. Er wußte zuerst nicht, was er vom Friedländer
gewollt hatte, er schien von der Erinnerung gepeinigt zu sein, dann äußerte
er, er hätte sich mit einem verächtlichen Menschen eingelassen, mit einem
Knecht, einem toten Leibeigenen des Kaisers; ein satanischer Trieb habe ihn
plötzlich bewegt, dem er nicht hätte widerstehen können. Er schien eine
Bestätigung dafür von ihnen zu verlangen. Ein Ekel vor sich selbst erfüllte
sichtlich den Kurfürsten, als hätte er etwas Tiefgemeines berührt. Er bat
um Strafe. Vervaux sprach zu ihm. Während der Pater und der alte Herzog
sich voreinander verneigten, der Herzog in Glückstränen über seinen Sohn,
stand der schnaubend in seinem Schlafzimmer, ließ Läden und Vorhänge
schließen. Eine einzige Wandkerze brannte neben der Tür. Der Oberstkämmerer
nahm dem stummen Fürsten Seitengewehr Gurt Barett Überkleid Mantel ab; zwei
Kämmerer nestelten an dem Wams, zogen es ab; Schuh Hosen Leinenhosen
streiften sie herunter, als er auf der gepolsterten Truhe saß; sie
schleiften hinaus mit den Sachen. Flüsternd mühte sich der Leibkammerdiener
um ihn, zog ihm das Schlafhemd über die zwinkernden Augen. In seidenen
Pantoffeln; er schüttelte den Kopf, als der Leibbarbier eintrat, ihn mit
Tüchern zu frottieren. Unbeweglich, allein stand der bärtige Mann eine
Zeitlang im leeren Zimmer im Hemd, vom Bett auf den Boden blickend, vom
Boden auf das Bett. Ließ das Hemd auf die Hüften herab, band es mit den
Ärmeln zusammen. Auf dem kleinen polierten Tisch neben seinem Bett stand
ein schwarzes viereckiges Kästchen. Mit ruhigen kalten Fingern, während er
tönend, fast schluchzend zu atmen anfing, zog er das Schlüsselchen hervor,
das in einem Seidenbeutel an seinem Hals hing. Einen ledernen Stachelgürtel
griff er bei den Enden, schlang ihn um die Weichen, zog, sich gegen die Tür
schleppend, die brennenden Augen auf das Mariengesicht unter der Kerze
gerichtet. Geriet in Atem, stöhnte, sein Mund blieb weit offen stehen. Er
konnte sich nicht genug tun. Seine Blicke blind, erloschen; schnürte den
Gürtel fest. Nach der kleinen Peitsche mit den Stahlkügelchen tastete er
zitternd mit der Linken, die Zähne verbissen, schwarz hüllte sich alles um
ihn ein. Klatschend schlug er links herum auf den Rücken. Und während er
schlug, flossen ihm die Tränenwasser aus den Augenhöhlen über den Mund auf
den Teppich. Von den Flanken rieselte Blut. Es wurde ihm, als ob ein
anderer ihn schlug, diese Arme eines Fremden, gewalttätige, unbarmherzige,
unerbittliche Werkzeuge, unter denen sich sein Körper leidend bog; ächzte,
wühlte, bäumte sich, wich aus, fuhr zurück; die Arme ließen nicht nach,
ohne Gefühl. Und da war die Hand in der Luft erstarrt, der Hand in der Luft
die Peitsche plötzlich entfallen, die Peitsche lag da, er zuckte zurück,
zuckte, zitterte; und bevor er erkaltete, wühlte er um sich auf dem
schlüpfrigen Teppich, bis seine Finger das lange, feine, vergiftete Stilett
in der Scheide berührten, das er immer suchte in der Verzweiflung des
Geißelns, auf der Höhe, um das Verderben von sich abzuwenden, um sich zu
beruhigen, zur Besinnung zu bringen. Er drehte es, die Scheide löste sich,
fiel herunter, er drehte, suchte es durch die Tränen zu erblicken; drehte
es. Er hielt es liebevoll an der Brust, drückte es an seinen bloßen Hals,
an die gekräuselten Barthaare; lag stöhnend, schnaubend, sich wälzend auf
dem Boden; der Stachelgürtel löste sich, krampfartig erbitterte Stöße
fuhren durch seinen Leib. Dann schob er sich schnaubend, verwüstet,
besudelt, ein Winseln unterdrückend, unmenschlich auf die Knie, in die
Höhe, wackelte blutäugig auf dem Schemel. Klingelte später nach Wein.

                   *       *       *       *       *

Der dicke Rambold von Kollalto, Herr von Pirnitz, Deutsch-Rudolatz,
Tscherner hielt Mantua blockiert. Er selbst lag schlemmend, trotz seiner
Kehlkopfschwindsucht, zu Marignan am Lago maggiore; seine Untergenerale
Gallas und Aldringen regierten die Armee. Der spanische Feldherr Ambrosius
Spinola, ein alter Mann, stieß gegen Montferrat, vertrieb die Franzosen,
jagte sie in Casale zusammen.

Der Krieg blühte. Neue Truppen führten französische Marschälle heran.

Da wurde dem Herzog zu Friedland, der in Karlsbad zur Kur war, die
Nachricht von Wien überbracht, daß zu Regensburg ein Kollegialtag
stattfinden werde, da des Kaisers Majestät die Wahl seines Sohnes zum
deutschen König fordern werde. Der Friedländer riß in seiner Ritterstube
sich den Hut ab, trampelte darauf herum: Den Kopf müsse man den Kurfürsten
vor die Füße legen. Sie zusammenrufen zu einem Tag! Auseinanderpeitschen
die Verschwörer. Er wütete. Man mußte ihm von Wien Kuriere schicken; die
Botschaft sollte aufgeschoben werden. Niemand hatte Neigung, die Sache zu
betreiben. An Ferdinand selbst schrieb er, zweimal mit stärkster
Dringlichkeit, erreichte nichts, als daß der Kaiser lächelnd sagte: »Der
Krieger! Er will nichts als Soldaten und Schlachten. Und schon ist ihm
nicht wohl, wenn wir andern uns friedlich und verwandtschaftlich
zusammentun.«

Die Kur in Karlsbad brach der Friedländer ab, tobend über die kaiserlichen
Räte: »Sind nicht genugsam mit Dukaten gestopft, die Herren. Sind sie nicht
schlechte Lumpe, so sind sie trunkene Bärenführer. Der deutsche König! Sie
erbetteln ihn bei den Pfennigfuchsern. Aber ich will ihnen allen die Suppe
versalzen.«

Er verschwur sich, trotz Kaisers und Wiener Räte sollte den Schelmen das
Spiel verdorben werden, daß sie seufzen und Tränen vergießen würden. Er
bestimmte augenblicklich die Stadt Memmingen, südlich der Donau, nicht weit
von Ulm und nicht gar zu weit von Regensburg gelegen, zu seinem
Hauptquartier und Truppensammelplatz. Mit größter Beschleunigung, hieß es,
sollten alle Regimenter, die aus dem schwäbischen und fränkischen Kreis
abkömmlich waren, aufbrechen hierhin. Transporte nach der Lombardei wurden
umgewendet; verbreiten ließ er, sie sollten dort in einem Zentralpunkt
rasch verfügbar stehen gegen französische Aspirationen auf das Elsaß und
als Reserve des italienischen Heeres Kollaltos.

Er selbst machte sich, um alles selbst in die Hand zu nehmen, ungesäumt von
Karlsbad auf den Weg. Der italienische Krieg hatte plötzlich für ihn kein
Interesse mehr. Er war tief erregt.

Siebzehn Sechsspänner trieb er mit sich, siebenundzwanzig Kaleschen zu zwei
und vier Pferden, sechzig Gepäckwagen, hundertundfünfzig Berittene; allen
voraus sein Kanzler Elz mit hundertundzwanzig Leibrossen, sechsundzwanzig
Sechsspännern und Gepäckwagen. Die Gelder für die Reise wurden in
Mecklenburg durch Kontribution erhoben. Der Herzog rastete in Nürnberg, wo
er die Bitte des Magistrats um Ermäßigung der monatlichen Abgabe von
zwanzigtausend Gulden abschlug; in Ulm wurde ihm als Ehrengabe gereicht ein
Silberpokal, ein Samtbeutel voll Goldstücke, eine silberne Handkanne und
Handbecken, ferner ein Wagen Wein und achtundvierzig Hafersäcke. Sein
Quartiermeister bestimmte als täglichen Verbrauch für den Hofstaat schwere
Abgaben: neben zahllosen Laib Brot, Schock Eiern Weizenmehl, Roggenmehl,
zwei gute Ochsen, zwanzig Hammel, zehn Lämmer, vier Kälber, ein Schwein,
zwei Speckseiten, eine Tonne Butter, fünfzehn alte und vierzig junge
Hühner, dazu Rheinwein, Franzwein, Kümmel, Koriander, Anis, Zimt, Ingwer.
Nach Memmingen streiften Arkebusiere vorauf; sie trieben alles brüllende
und blökende Vieh aus der Stadt, schossen Hähne und Singvögel ab, legten
Leimruten für Spatzen aus; die Glocken auf den Kirchtürmen banden sie fest.
Der Herzog mit seinem Hofstaat, Leibgardisten, Kanonen, astrologischem
Gerät rückte an.

Die Kuriere liefen; der Herzog stellte fest, welche Gesinnung der Wiener
Hof, der Kaiser selbst hätten; große Summen wurden durch de Witte
angewiesen an den Kaiser selbst, den Abt von Kremsmünster und andere. In
aller Stille versammelte sich im Gelände um Memmingen ein großes Heer.

Der Kaiser Ferdinand befahl gegen die Mitte des Jahres Anstalten zum
Aufbruch nach Regensburg zu treffen. Vom Herzog zu Friedland, von den
niederösterreichischen Ständen, vom Erzbischof zu Salzburg, aus Böhmen
wurden Darlehen erhoben; der Antrieb an Ochsen, Kälbern, Lämmern, Schweinen
aus Ungarn begann. Ferdinand nahm die Mantuanerin und seinen Sohn mit, den
blassen, ehrgeizigen König von Ungarn, der eifersüchtig auf Wallenstein
war.

Wie ein Schnitter, der die Ernte einbringen will, ging der Kaiser, Eleonore
sollte mit, weil ein Kaiser mit einer Kaiserin fährt -- und sie war maßlos
finster und prächtig, sollte jeden der Fürsten beschämen; er wollte sie an
seiner Seite mitbringen, die Tochter des Landes, um das er Krieg führte.

Sie fuhr, bezwungen, mit ihm in dem Prunkschiff, verschlossenen Gesichts,
aber auf freudig straffen Gliedern, gedachte dem schweigenden Menschen
neben sich in Regensburg eine schwere Niederlage zu bereiten. Sie hoffte
auf Eggenberg. Von dem Groll der Fürsten auf den Friedländer hatte sie
gehört. Ihr Beichtvater hatte sie ganz aufgerichtet. Reitend, in Karossen,
auf Schiffen gezogen hinter ihnen zwischen dem lustigen, erregten Hofstaat
Geheimräte, kummervoll seufzend, in aller Munterkeit und dem Glanz
bedrückt, zu einander fliehend, heimlich mit einander murmelnd, mit jeder
Stunde beklommener.

Der Kaiser hatte nicht abgelassen, auf den Regensburger Tag zu dringen,
sein Sohn sollte gewählt werden, es hatte nicht verhindert werden können,
obwohl das Drängen und Drohen der Kurfürsten anzeigte, warum sie kommen
wollten: nicht seinen Sohn wählen, aber ihn selbst zur Verantwortung
ziehen, den Herzog zu Friedland beseitigen; sie drängten auf Abrechnung.
Und was hatte man von Wallenstein zu gewärtigen; wie würde der rasende
Böhme sich benehmen; man hatte schon schwer Beunruhigendes von seinem
Vorhaben in Memmingen gehört. Der weinrote kleine Eggenberg selbst, Triumph
der Slavata und Trautmannsdorf, hatte den Stein zur Konferenz aus dem Weg
geräumt. Er war umgefallen. Sie wußten nicht, was er tat, Slavata und
Trautmannsdorf so wenig wie Ferdinand selber. Als die Kurfürsten und Stände
so bereitwillig der Tagung in Regensburg zustimmten, begriff er, daß er
klar gesehen hatte. Und er wich nicht; er führte den Kaiser auf die
Schlachtbank.

Wie Eggenberg dies geleistet hatte, den Kaiser auf das Schiff nach
Regensburg zu bringen, brach er zusammen. Auf der Fahrt schon befielen ihn
körperliche schwere Beklemmungen und Ohnmachten. Die Tat war größer als er.

Er verabschiedete sich unterwegs von Ferdinand. In einem Grauen reiste er
nach Wien. Die leere Stadt besserte ihn nicht. Nach Luft ächzend fuhr er
weiter. Nach Krumau auf sein Gut Worlik. Die Angst vor dem Kommenden wuchs.
Er fuhr, um sich zu verstecken, nach Dunio in Istrien. Es war weit, Kuriere
würden ihn nicht finden. Dürften ihn nicht finden.

Inmitten ungeheurer Viehherden, Wagen voll Bier und Weinfässern,
marschierender Söldnerfähnlein näherte man sich Regensburg, dem
Höllenkessel. Noch zuletzt protestierte die Stadt selber; sie hatte
angstvoll von den Memminger Gerüchten und sonderbaren Vorkehrungen
vernommen; sie schützte ihren beschwerlichen Zustand, ihre Armut vor, eine
derart prächtige und riesige Versammlung könne ihr Rahmen nicht fassen. Der
Kaiser gab nicht nach; die Kurfürsten gaben nicht nach.

Der Kaiser und sein riesiges Gefolge tauchten in den gefährlichen Bannkreis
Regensburgs ein. Die Kurfürsten kamen lange nicht. Sie erschienen auf dem
Tag wie unschuldig Verurteilte, die vor aller Welt Schande über ihre
Richter bringen wollten. Und wenn er sie auch erwürgte und aufs Rad
flöchte, sie wollten es ihm nicht schenken. Mit Entsetzen und dann mit
ingrimmigem Vergnügen hatten sie gehört, wie sich Wallenstein auf den Tag
rüstete; sie verbreiteten es nach allen Seiten; die Notlage des Reiches lag
vor allen Augen. Mit geringer Begleitung stießen sie nacheinander an in den
blühenden Junitagen, gehässig und verzweifelt wie magere Wölfe, wollten
schlingen oder erschlagen werden.

Der Kurfürst Ferdinand von Köln, der jüngere Bruder des Bayern, fuhr ein,
klein, dünn, listig blickend, mit den Lippen und hängenden bebenden Wangen
des Schlemmers. In einem bedeckten Reisewagen, achtspännig, der
Reichskanzler Anselm Kasanio der Kurmainzer, gebücktes graugesichtiges
Männlein, den breiten dünnen Mund spannend, das harte Kinn, mühsam gehobene
Augenlider. Das violette Käppchen weit rückwärts auf dem nackten
erbärmlichen Schädel. Neben ihm gewaltig im Wagensitz unter dem
Bischofshut, golddurchwirkte Schnüre an der Krämpe schaukelnd, der
phlegmatische Kurtrierer, Philipp Christoph, glotzäugig, mächtige
Halswampen, der breite Gürtel über einem gequollenen Leib; die Beine steif
vor sich ausgestreckt, ein unerschütterlich schwerer Körper. Der Bayer fuhr
an. Er hatte sich gesträubt zu gehen; Herzog Wilhelm hatte ihm weinend
abgeraten. Um ihn ging eine starke Leibwache; bayrische Regimenter waren
seit Wochen bei Kehlheim Fürth Cham Rain auf Kriegsfuß gebracht,
marschfertig; es war besiegelt, daß ihm auf seinen Ruf fünfzigtausend
Franzosen zur Seite stehen würden. Mit Maximilian zog Tilly in Regensburg
ein, sein Feldmarschalleutnant, dessen Offiziere die Gegend
rekognoszierten, der weißbärtige Zwerg, der nicht erlosch.

Ins Quartier des Erzkanzlers, der die Bundesverwandten bei sich hatte,
wurden auch die acht Beauftragten des Kurfürsten von Brandenburg und des
Sachsen geleitet. Ruhig erklärten die Herren, daß ihre Fürsten nicht kommen
würden; die Kriegsnot ließe sie nicht aus ihren Ländern; sie selbst hätten
Instruktion, sich an den Beratungen zu beteiligen.

Auf die Frage Maximilians stellte sich heraus, daß sie nicht ermächtigt
waren, einer Absetzung Wallensteins zuzustimmen; auch über Bedrängnis
protestantischer Stände durch das ligistische Heer klagten sie; Protest
sollten sie über die Einziehung evangelischer Güter erheben. Scharf wandte
sich der Bayer an die geistlichen Herren: »Man sieht, wir sollen den Herren
die Kastanien aus dem Feuer holen. -- Und wenn man euren Fürsten den Kurhut
vor die Füße wirft?« »Der evangelische Glaube wird nicht untergehen. Wir
werden Hilfe finden.« Max höhnte, als sie gegangen waren, die Hände gegen
die Herren erhebend: »Sie erhoffen Hilfe von dem Schweden. Der Satan hole
die Ketzer.«

                   *       *       *       *       *

Streng übergab Ferdinand in Gegenwart der zitierten Kurfürsten und
Gesandten dem Reichserzkanzler die versiegelten Propositionen in der
Ritterstube der bischöflichen Burg. Er vermißte den sächsischen Kurfürsten,
mit dem er sich über Jagden unterhalten wollte; er hätte sich so lange vom
Waidwerk fernhalten müssen. Mit jedem sprach er einzeln, auf dem roten
weichen Teppich neben dem Eichentisch gingen sie bedeckt hin und her. Man
lachte über den Schweden, von dessen munteren Angriffsgelüsten man gehört
hatte. Mitten in der Unterhaltungen tönte von draußen vor der Stiege
Blasmusik; der Habsburger freute sich über die Verwunderung der Herren, er
hatte seinen Johann Valentin mitgebracht; man setzte sich wieder, trat an
die Fenster, hörte schweigend zu. Die Herren flüsterten verwundert; neben
dem Bayern stand Ferdinand am Fenster, legte seinen weißgekleideten Arm
freundschaftlich auf die Schulter des erbebenden Wittelsbachers. Der
Geheimsekretär Doktor Frey erhielt vom Kaiser einen Blick, öffnete die Tür
zur Antikamera. Ferdinand begleitete die Kurfürsten, denen sich ihre
Kanzler anschlossen, durch das lange blinkende Spalier der Hatschiere an
die Stiege, wo man eine Weile die Kapelle anhörte und die warmen Windstöße
fühlte.

                   *       *       *       *       *

Man hatte sich noch nicht zurechtgefunden von der Begegnung, als der
Mainzer in seinem Quartier aus den Propositionen vorlas. Der Kaiser
erwähnte die Königswahl nicht, fragte, was mit dem landesflüchtigen Ächter
Friedrich von der Pfalz endgültig geschehen solle, dann wie man Holland
Schweden Frankreich im Einmischungsfalle abweisen solle, zuletzt an fünfter
Stelle die Mängel des Kriegswesens anlangend: man möge angeben, wie und
welchergestalt eine bessere Ordnung geschaffen werden solle.

Hitzig warf am Schluß sogleich der rotäugige Kölner auf, sein Käppchen auf
dem Knie wippend: »Sauber disponiert! Der zu Friedland hat sich recht
tapfer versteckt.«

Der fettwamstige Christoph Philipp von Trier ächzte: »Wir haben dem Kaiser
nichts entgegenzusetzen, wir haben keine Armee.« »Nein,« lachte grell
Maximilian. Der Erzkanzler milde: »Wir werden ihm unsere Klagen vortragen,
wir werden nicht nachlassen zu drängen, er ist ein Mensch, ein frommer
katholischer Christ, es wird seine Wirkung auf ihn nicht verfehlen.« »Die
Lutherischen singen: ein' feste Burg ist unser Gott,« spottete Maximilian.
Ruhig der Mainzer: »Unsere Gebete werden erhört werden, Durchlaucht.«

Trotz Zagens und Remonstrierens des Mainzers, der versöhnlich bleiben
wollte, ging der Beschluß durch, daß in zwei Schritten der ganze Weg
durchschritten werden sollte. Man sah sich auf einem Vulkan, Friedlands
Armee bei Memmingen wuchs. Sie erklärten: »Die übermäßigen Werbungen im
Reich, Abdankungen Abmarsch Rückmarsch Kontribution Einquartierung haben
die Wohlfahrt des Reiches untergraben; das Vermögen des Heiligen Reiches,
seine Kraft und Stärke, wodurch es sich bei seinem hohen Stand und
christlichen Glaubensbekenntnis gegen Türken und Heiden bisher vor allen
andern Königreichen der Welt erhalten hat, ist ganz verzehrt, verwüstet,
seine Habe in fremdes Land geführt, vornehme Länder und Provinzen, die eine
Zier und Vormauer des Reichs gewesen sind, sind verheert. Die Kurfürsten
und Fürsten, gänzlich allen Ansehens beraubt, haben sich den kaiserlichen
Kommandanten, die sich mit ihnen im Stande nicht vergleichen können, zu
unterwerfen und müssen unzählige Drangsale stillschweigend über sich
ergehen lassen. Das kurfürstliche Kollegium, kraft getroffenen einstimmigen
Kollegialbeschlusses, will deshalb nicht allein aus treuem Herzen ihrer
kaiserlichen Majestät geraten haben, sondern auch untertänigst und
ernstlich darum bitten, hier Verbesserung zu schaffen, der kaiserlichen
Armada ein solches Haupt vorzusetzen, das im Reich sitzt, ein ansehnliches
Mitglied des Reiches ist, dafür auch von anderen Ständen geachtet und
erkannt wird, zu dem Kurfürsten und Stände ein gutes zuversichtliches
Vertrauen haben. Dieser Feldherr möge in allen vorfallenden wichtigen
Sachen ermahnt sein, gemäß den Reichskonstitutionen getreulich zu
disponieren und sich mit den Kurfürsten zu verhalten, möge sich nicht
anmaßen, im Reiche zu dominieren, weil solches nicht Herkommen noch
zulässig ist.« Wenn aber ihre Kaiserliche Majestät in ihren Erbkönigreichen
und Landen ein besonderes Heer halten wollte, daran wollte man sie nicht
hindern noch ihr Maß geben, so lange es ohne Gefahr, Schade und
irgendwelche Beeinträchtigung von Kurfürsten und Ständen geschehen kann.
Kontributionen sollten niemals mehr direkt, sondern nur durch Anrufung und
Vermittlung der Reichs- und Kreisversammlungen erhoben werden, Durchzüge
und Musterplätze nur mit deren Zutun Genehmigung und Mithilfe.

                   *       *       *       *       *

Während die deutschen Kavaliere die Reitbahn und Tummelgarten bei den
Barfüßern frequentierten, Räte Dompröpste Dechanten Kanzler verschwiegen
beim Postmeister einkehrten, Geld in ein Lotto einlegten -- an der Wand war
mit Kreide gemalt italienisch: Wer das Kleid nicht schätzt, dessen Leben
dauert länger als das Kleid -- Stände sich im Bischofshof versammelten, in
die Antikamera geführt wurden, tauchten schon die fremden auffälligen
reichen Gestalten in den Gassen auf. Die Herren trugen einen ungeheuren
Putz mit sich herum, sie ertranken in den Gewändern, die sie mit sich
schleppten; so viel des Zobels, der Bordüren Aufschläge Spitzen Besätze,
der überfallenden Stulpen Wehrgehenke Schärpen. Das raschelte und knisterte
an ihnen; ihre gebrannten Haare verkrochen sich unter den Umhängen oder
blähten sich duftend im Wind auf. Damen begleiteten sie, in bequemen Wagen
fahrend, mit Regenschleiern über Kopf und Schulter, mit flachen
Stirnmützchen, von denen der Staubmantel nach rückwärts wallte. Bei klarem,
warmem Wetter gingen sie über die Wiesen, bei der Grube kaum verschleiert,
mit tief entblößten Schultern, so einfach, als stiegen sie eben aus dem
Wasser mit ihrem glatten, am Hals sich lockenden Haar; weißes und rosa
Leuchten der Übergewänder; über den Knieen wichen die Oberstoffe rückwärts;
golddurchwirkte Untergewänder mit hingehauchtem Blau wurden von den
Bewegungen angestrafft, in weißen Schuhen bewegten sie sich leicht und
völlig graziös. Es waren die Welschen, die von Grenoble vor drei Wochen
aufgebrochen waren, über Solothurn, Konstanz Ulm erreicht hatten, zu Schiff
anlangten. Sie fanden Quartier bei der Grube. Herr von Brulart führte sie,
der braune kuttige Kapuziner, der ihn begleitete, schmalschultrig,
kurzsichtig, blaß, mit einer starken Nase, war der Pater Joseph, François
du Tramblay, die Seele des Kardinals Richelieu. Sie mischten sich unter die
andern. Kavaliere und Damen küßten sich, wenn sie sich begegneten, auf den
Mund. Sie hatten viel Berührung mit dem bayrischen Hofstaat, aber auch mit
den vier sächsischen Herren und ihrem Anhang.

Trautmannsdorf forschte Brulart aus über den Grad der Einheit in der
französischen Nation, welchen Stämmen die mitgebrachten Kavaliere
angehörten. Der Welsche fand die Frage erstaunlich: »Eine Nation hat in
unserem Königreiche keinen Platz. Franzosen sind die Leute, die dem Sehr
Katholischen König Ludwig untertan sind. Bisher hat keine Regierungsakte
Kenntnis von dem Wort Nation oder Volk genommen. Und ich wußte nicht, wovon
ich reden sollte, wenn ich französische Völker oder Stämme sagte; mit König
Ludwig ist alles gesagt.«

»Man würde hierüber im Reich klagen, der Deutsche würde gleich den Verlust
seiner Freiheit argwöhnen.«

»Es ist ja nichts ehrenvoller,« zog der Welsche die Augenbrauen hoch, »als
dem König leibeigen zu sein. Wenn am Himmel die Sonne scheint, so nimmt
alles freudenvoll die Helligkeit und die Farben der Sonne an; die Franzosen
werden königlich; jedem ist, als ob das Auge des Königs auf ihm liegt, er
bemüht sich, ihm zu gefallen. Er sieht seine Kleider, die Tracht des Hofes,
hört den Ton des Gesprächs. Hat es ihm geschadet? Es scheint, als ob uns
fremde Völker nachahmen.«

»O man achtet auf eure Kavaliere und Damen; ich fürchte, man wird noch
schärfer auf sie achten müssen.«

Stolz der Franzose ablenkend: »Man achtet überall auf die Art Ludwigs. Man
wird seine Sendboten überall mit Freude aufnehmen.«

Brulart und Pater Joseph wurden in der mantuanischen Sache vom Kaiser
empfangen, ihre Legitimation war nicht vollständig, der Kaiser wollte
dennoch sehr gnädig verhandeln. Pater Joseph durfte in Gegenwart des großen
Lamormain lange zu ihm von geistlichen Dingen sprechen. Man redete über das
Mysterium des göttlichen Erdenwallens; Pere Joseph, hinreißend sich
ergehend, war in seinem Fach. Er drang auf Vereinigung der Seele mit Gott,
ihr Eintauchen und Plätschern in Gott; alle irdischen Leidenschaften, die
sich zwischen Gott und uns stellen, müßten abgelegt werden, die Liebe müßte
den Verstand lehren, ihn im Gehorsam und der Demut des Glaubens gefangen
halten, die Liebe müßte den Verstand zwingen, zu glauben, was er nicht
sieht, zu bewundern, was er nicht versteht. »Immer muß man an die Taten des
Heilands denken, seine Göttlichkeit durchleuchten sehen, ihn umarmen in
seinem Wesen. Man muß den Mund nicht gemein öffnen, als wenn man essen
will, muß nicht demjenigen gleichen, der lange hastig gelaufen ist nach
einem Ziel, das er zu erreichen strebt und der ganz außer Atem ist. Nicht
öffnen den Mund, wie um zu essen, innere Süßigkeiten zu empfangen, nicht
sich erholen wollen von innerer Erstickung. Das ist Notdurft, Zwang, das
ist nicht vollkommene Gottesliebe. Man muß herausstoßen aus sich das Leben
der Eigenseele. Aufeinander der Mund Gottes und unser Mund, um die Seele
fließen zu lassen über die königliche Tür seiner Lippen.« Oft wiederholte
er auf Fragen Lamormains: »Einschlummern im Dunkel des Geistes und der
Natur.«

Ferdinand hielt Lamormain bei sich fest; was er von dem Kapuziner hielte;
er selbst müsse als Tölpel gestehen, er besitze so geringen Verstand, daß
es keines Zwanges mehr bedürfe, um zu glauben; wie groß müsse der Verstand
des Pere Joseph sein, daß er solcher Gewalttätigkeiten bedürfe, und
vielleicht auch wie ungläubig sei der Pere. »Welch ein Glaube,« staunte er
dann wieder, »dieser Mund Gottes, dieses Begeisterte, Absonderliche.«

Eleonore wurde gerufen; sie setzte sich erst kalt in der feierlich strengen
Tracht an das Tischchen, die sie in Regensburg immer trug. Dann hörte sie
zu, fragte abwesend, von wem die Rede sei, begehrte erregter und mit einem
dunklen Blick den Franzosen kennenzulernen. Ferdinand lächelte schwer: »Du
wirst sehen, er redet dir die Gedanken aus dem Hirn; man hört ihn besser
nicht oft.«

                   *       *       *       *       *

Die Besprechung der kurfürstlichen Forderungen in der Wohnung des
erkrankten Grafen Strahlendorf, -- zugegen war neben anderen auch der junge
König Ferdinand, -- erhielt durch das unangemeldete Erscheinen und das
Eingreifen der Majestät einen sehr ernsten Charakter. Die pointierte
sächsische Schrift mit ihrem Jammer. Das unter lautloser Stille von Doktor
Frey vorgelesene gräßliche Register des Herzogs Bogislaw von Pommern,
vierundfünfzig schauerliche Punkte dem Mehrer des Reichs vortragen, von
Eltern, die das Fleisch ihrer Kinder verzehren, von Leichen im Lande, die
ungekochtes Gras im Munde hatten. Der Kurbrandenburger: zwanzig Millionen
Gulden seien seinem Land erpreßt. Die ligistische Schrift endend: »Nachdem
die Reichsfeinde, der Pfalzgraf, Mansfelder, Halberstädter, Baden-Durlach
geschlagen, die dänische Armada zerstreut, fast kein Feind mehr vorhanden
ist, hat man einen Feldhauptmann ohne Vorwissen und Einwilligung der
Stände, ohne Geldmittel mit einer so ungemessenen absoluten Gewalt ins
Reich verordnet, daß er nun alles nach eigenem Gutdünken regelt.«

Der junge König: »Wenn es richtig ist, was eine Schrift besagt, es seien
von Friedland zweihundertvierzig Millionen Reichstaler an Kontributionen
erhoben, so wird man den Herzog um Verrechnung ersuchen müssen. Wohin sind
diese Summen gekommen? Sind sie wirklich nur zur nötigen Abfindung des
Heeres und der Obersten benutzt und wer hat von ihnen profitiert?«

Peinliches Stillschweigen. Strahlendorf: »Das Gefährliche der Vorgänge
liegt in der Verbindung der katholischen mit den protestantischen
Kurfürsten.«

Der Kaiser: »Sie kommen mir mit Dingen, an denen jeder Erwählte Römische
Kaiser zu beißen hat. Das Reich führt Krieg, man gewährt ihm keine Mittel.
Der Ächter Friedrich hat das Reich angegriffen, man hat mir keine Mittel
zur Gegenwehr gestellt. Der Herzog nimmt, was mir zusteht. Sind Vergehen
vorgefallen, werde ich Strafe vollziehen lassen.«

Trautmannsdorf: »Das Reich bequemt sich zur Ordnung. Es ist ein Unverstand,
mit Sätzen zu kommen, wie: Kontributionen nur durch die Kreise. Daran
scheitert der Krieg.«

Der Kaiser griff seitlich nach den beschriebenen Bogen, warf sie auf den
Boden: »Sie wollen kaum ein Reich. Jammern zum Schein. Sie wollen das Reich
nicht.«

Der junge Ferdinand: »Wozu aber wählen sie einen Kaiser?«

Der Kaiser: »Sie tun es noch heute und morgen. Eines Tages werden sie
versuchen, es nicht zu tun.«

Leise Trautmannsdorf: »Der Herzog zu Friedland war vielleicht zu stark. Man
empfehle ihm größere Behutsamkeit.«

Graf Strahlendorf begründete angesichts der Erbitterung Ferdinands
vorsichtiger als sonst die Fürstenlibertät, warnte davor, den ganzen
Reichskörper gegen das Oberhaupt sich einen zu lassen; es sei schon nicht
mehr die Frage nach der Wahl des jungen Ferdinand, sondern nach dem Abfall
aller Kurfürsten vom Reich; er glaubte, historisch kommen zu müssen, sprach
vom Beispiel Karls des Dicken, Heinrichs des Vierten, Wenzeslaus.

Am Tisch sitzend mit bald gelangweiltem, bald drohendem Gesicht Ferdinand:
»Ich habe nicht vor, den Herzog fortzuschicken. Man wird mich durch alle
Treibereien nicht irre machen.«

Trautmannsdorf: »Danach ist ein Riß wahrscheinlich.«

Der Kaiser ließ die Augen aufleuchten, lächelte den Grafen warm an.

Der Geheimsekretär: »Welche Antwort soll formuliert werden auf die Replik
der Kurfürsten?«

Die Herren durften sprechen.

Strahlendorf: »Hinhalten. Wenn der kaiserliche Standpunkt so bleibt,
versuchen, die Kurfürsten zu drücken, sie auf die Unmöglichkeit ihrer
Forderungen hinweisen, die Erfüllung des Möglichen zusagen.«

Trautmannsdorf: »Die Majestät wird sich den Eingriff in ihre Autorität und
Präeminenz verbitten. Die Schuld für einen Riß muß von vornherein der
kurfürstlichen Maßlosigkeit zugeschoben werden.«

Der Kaiser dankte. Nach langer, scheinbarer Besinnung dankte er nochmals;
es sei besser, auf diese Replik nicht zu antworten. Er antworte nicht. Er
gäbe den Kurfürstlichen Durchlauchten, die in einem Jähzorn gehandelt
hätten, Zeit sich zu besinnen.

                   *       *       *       *       *

In das Refektorium der Karthause wurde eines regnerischen Abends Pater
Joseph gerufen; es wolle ihn eine hohe Person sprechen. Zwei Damen in
Schleiern, auf deutsche Art gekleidet saßen da; die eine sprach ihn
italienisch an, es war die Kaiserin. Er möchte ihr von seinem Orden
erzählen.

Und als er gesprochen hatte, glühten hinter ihrem Schleier ihre Augen,
Gräfin Khevenhiller trat an das Fenster hinter eine Säule.

Sie freue sich, solche Stimme der Gottesinbrunst zu hören, man vernehme es
so selten in diesem Lande.

Ob er Italien kenne. Und dann plötzlich, kaum das Schluchzen unterdrückend:
so weit sei es gekommen, daß man nicht Anstand nehme, ihre Heimatstadt zu
belagern. Er meinte tröstend, so sei Politik der Deutschen. »Helft Ihr
mir,« bat sie, »ich habe Briefe von meinen Freundinnen, Geschwistern; was
ich Euch tun kann, sollt Ihr haben.« »Wenn unsere Heere siegen werden.«

»Sprecht mit dem Kaiser, mit Lamormain. Ich bin eine Frau; kann man keine
Rücksicht auf ein Frauenherz nehmen; bin ich hier nichts.«

Kopfschüttelnd Joseph: »Es ist nicht der Kaiser oder Lamormain. Es ist der
Herzog von Friedland.«

Sie keifte leise: »Schickt ihn fort; ich hasse ihn, sein Name ist mir
zuwider, der falsche Böhme.«

»Man kann ihn nicht fortschicken. Es ist leichter für ihn, uns alle
fortzuschicken.«

Sie wütete mit ihren Fäusten gegen ihren Schleier: »Ihr habt es gehört. Es
ist unsagbar, wir sind seine Gefangenen. Man soll ihn entlassen.«

»Wer ist Kollalto bei Mantua? Seine Puppe. Der Herzog ist das oberste
Gericht im Reich. Wir spielen hier in seinem Schatten. Der Kaiser fühlt es
nicht.«

Sie sah ihn erstarrt, weitäugig an: »Und dies ist wahr, der Herzog macht
mit uns, was er will?«

Joseph lächelte traurig: »Es ist schon keine Neuigkeit mehr, Majestät.
Fragt Euren Schwager, die bayrische Durchlaucht.«

Die Kaiserin stand von der Bank auf: »Ich will den Kaiser befragen, er soll
hören, wie man spricht.«

»Fahrt lieber zum Herzog; er residiert in Memmingen, nicht weit von Ulm. Er
wird Euch helfen, wenn Ihr dringlich bittet um Mantua. Aber sprecht nicht
von mir zum Kaiser. Die Deutschen lieben nichts Fremdes.«

»Oh, sprecht Ihr wahr, Ehrwürden; ich danke Euch.«

»Dankt nicht, Majestät. Auch mein Land leidet. Der Herzog von Nevers ist
ein Franzose.«

Solche Auseinandersetzung hatte Ferdinand noch nicht mit der Mantuanerin
gehabt. Die Frau war unnachgiebig, bitter, verächtlich gegen ihn. Sie hätte
geglaubt, Kaiserin zu sein. Sie sei Italienerin. Dulde man in Deutschland
solches, so sei das deutsche Art. Sie nehme es nicht an, sei nicht
herübergekommen als Vasallin des emporgekommenen Friedländers. »Zu essen
von seinem Geld, zu leben hinter seinem Rücken, das nehme ich nicht an; ich
bleibe die Tochter des Herzogs von Mantua.« Er war nur erstaunt, welcher
Narr ihr das beigebracht habe. Etwas Haßartiges war in ihr aufgestiegen.
»Narr? So wahr ich selbst Narr bin, sind dies Narren, die mir das
beigebracht haben. Du bist versunken, du träumst. Mir sind die Augen
aufgegangen. Der von Wallenstein muß weg.« »Ich träume, ich bin versunken.
Er dient mir, wie es beinah nicht mehr menschlich ist. Sie beneiden mich um
ihn und beneiden ihn selber, den ich hochgehoben habe.« »Der Giftspritzer,
der Unband, der Teufel. Das gesegnete Geschenk, der von Wallenstein.« »Sie
beneiden ihn, wie sie mich beneiden.« »Keiner wird an unsern Tisch sich
setzen wollen, nur der Teufel. Der Heilige Vater wird seinen Fluch über uns
aussprechen.« »Dir bangt um Mantua.«

Sie schrie und überschrie sich: »Ja, mir bangt um Mantua. Und ich will zu
befehlen haben, daß mir nicht darum bangt. Ich bin Kaiserin, es ist meine
Heimat. Ein Hund soll nicht hingehen können und sie zerreißen.«

Sie warf sich in einen Stuhl: »Ich lebe nicht mehr, wenn dies geschieht.«

Diese hatte er einmal geliebt.

                   *       *       *       *       *

Ein unscheinbares Brieflein wurde bei dem Meßgang dem Kaiser übergeben, in
dem Wallenstein auf die Truppenmassen aufmerksam machte, die dem Kaiser
zwischen Memmingen und Regensburg zur augenblicklichen Verfügung ständen.

Und plötzlich sah Ferdinand, daß die Entscheidung ganz bei ihm lag. Er
konnte träge noch einen Tag nach dem andern hinziehen, die Wirklichkeit war
nicht wegzuschlafen. Kein Kollegium eines Hohen Rates bedrängte ihn. Sie
hatten sich in den Hintergrund gezogen, wagten sich nicht an den Wurf; der
tapfere gute Eggenberg lag krank irgendwo in Istrien.

Er fühlte, in der Nacht sich aufrichtend, daß er satt war, daß er Sieger
war, Kaiser durch Wallenstein, und daß er sich wenden könne, nach welcher
Seite auch immer, es war die rechte Seite. Es stand in seiner Gewalt, zu
wählen, es konnte auf keine Weise fehlgehen. Und darauf legte er sich
zurück und schlief wieder ein.

Finstere Gestalten umgaben ihn bei Tag. Die Mantuanerin sah er nicht; er
freute sich, sie wollte ihr Spielzeug.

Der Mainzer und Maximilian saßen stumm und äußerlich voll Ehrfurcht an
seiner Tafel. Mit großem Auge betrachtete sie der Herrscher, vertiefte sich
in ihre Gedanken.

Brulart saß da, er dachte an nichts, als die Spanier aus Italien zu
vertreiben.

Der Herzog von Doria, Gesandter Philipps saß da; dachte an nichts, als die
Welschen aus Italien zu jagen.

Über Memmingen, glanzvoll von Wallenstein empfangen, langte als päpstlicher
Legat der Kardinal Rocci an.

Da hielt es Ferdinand in einem tief aufsiedenden Gefühl der Verachtung für
angezeigt, die Verbrennung zweier Juden, die verurteilt waren, zu befehlen
und sich an ihrem Anblick zu weiden.

                   *       *       *       *       *

Ein Jude, ein getaufter, war mit drei anderen beim Diebstahl erwischt,
darauf von ihnen beschuldigt worden, nur zum Schein übergetreten zu sein,
mehrmals die Hostie geschändet zu haben, indem er sie in einen stinkenden
Ort versenkte. Das Geweihte, der Leib Christi, wurde von dem Büttel, in ein
Sacktuch gewickelt, aus einem Unratkübel seines Wohnhauses gefischt, der
Malefiziant wurde zum Tode verurteilt. Als der Jude aus dem Stock eines
Tages mit den drei anderen, die der Strang erwartete, abgeholt werden
sollte, stellte sich dann heraus, daß nicht er, sondern sein Weib sich hier
befand und sich zur Strafe erbot. Aus Kreuzverhör Folter ergab sich der
Aufenthalt des Verurteilten; er wurde aus seinem Verstecke in der Stadt, in
Böttchertracht, herangeschleppt.

Der Scharfrichter schleifte auf einer Stierhaut hinter zwei Mähren einen
schwächlichen Mann auf den Rathausplatz, Wams und Hose in Lumpen, die Hände
über den Kopf zusammengebunden, samt dem Ochsenschwanz am Zaumzeug der
Mähren mit Riemen befestigt; er wälzte sich auf Gesicht Rücken unter den
Stößen der Steine. Sechs Henkersknechte, scharlachrot wie ihr Herr, ritten
vorauf, bliesen Schalmeien, schlugen das Kalbsfell. Abgeschnallt, auf die
Beine gestellt von den Schergen, den abgefallenen Hutkegel aufgestülpt,
wurde der fahle, ins Licht zwinkernde Wicht vor die Schrannenstiege
gestoßen.

Auf dem Esel rückwärts reitend, hinter ihm, herabsinkend, wer prangte so
herrlich! Die Frau in den gebändigten Reizen des Südens, die Farben der
Wangen bronzebraun, die eisenschwarzen Haare in Strähnen über kleinen
Ohrmuscheln, folgte mit schmachtenden Blicken dem wankenden Schächer; neben
dem Grautier an seinem Hals schauerte ihr zierlicher Leib, die Zähne
schlugen schnarrend im Mund zusammen.

Mit rotem Tuch waren die Schrannen ausgeschlagen, das Stadtgericht saß oben
mit bloßem Schwert; der Schächer kniete zwischen den Spießen der Schergen
an der Stiege. Eine monotone Stimme machte sich laut durch die Unruhe des
Marktes, ließ sich verschlingen von dem Lärm der Zuströmenden, der
holzschleppenden Schinderknechte, dem Scharren Wiehern Hufschlagen der
kaiserlichen Pferde neben der Stiege. Das Verbrechen verlesen, das Urteil
verlesen, ein schwarzer Stab über den Juden gebrochen, geworfen. Der
Unterrichter bestieg sein Pferd.

Sie hielt sich am Nacken des Eselchens, wandte sich still rückwärts mit
hochgezogenen Augenbrauen, schmerzvertieften Linien um den gepreßten Mund,
gegen die Menschenmenge, die tausendäugig um sie wimmelte, Mönche Priester
Jesuiten Soldaten Kinder Studenten Edelfrauen Handwerker Bettler Franzosen;
ließ ihre Arme fallen, blickte auf ihre gelben Schuhe. Sie trug, wie ihr
gestattet war, ein schwarzes, loses, hoch geschnürtes Seidenkleid, mit
Perlen bezogen, die Ärmel bis zum Ellenbogen pludernd. Ein durchsichtiges
schwarzes Seidentuch war rückwärts über den Scheitel gesunken, unter dem
Kinn geknotet. Und über den glühenden erstarrenden Augen die Stirnspange
mit grünen, blauen Steinen. Trug es, man wußte nicht warum; es war, weil
sie so ihrem Mann am lieblichsten erschien. Einen Gürtel aus den gleichen
grünen, blauen Steinen hatte sie an, daran hingen Kettchen mit
Kinderzähnen. Alles bewegte sie an sich, wies es ihm, ließ es lebendig
sein.

Er stieg auf die weite Holzbühne; man band ihn an einen Pfahl; an einen
Pfahl am andern Ende der Bühne band man sie.

Der Scharfrichter riß ihm Wams und Hemd herunter, die Hose band er mit
einem Strick fest. Drei Knechte schleppten den rauchenden Kohlentiegel
herauf; der Scharfrichter griff an den Enden die glühweiße Zange. Ihre
beiden geöffneten Kiefern ließ er an den Oberarm des wimmernden Gesellen
hauchen, biß zu; steil aufsteigend scharf der Geruch, schwarzrot das Loch
im Fleisch. Biß, ließ nicht los. Den Mund riß der Gefolterte auf, weiter,
stürzte gegen den Arm hin, bog den Kopf zurück, grölte, während seine
gebundenen Füße rückwärts am Stamm hochzuklettern versuchten. Die Zange
ließ los, der Henker griff eine neue, wischte sich die Nase; ließ
spielerisch den Gluthauch des Eisens über den ganzen Arm laufen, bis er
einschlug. Schweißverklebten Haars der Schächer in seinen Stricken, die
Spinne biß, sog, sog, sog, sog -- es lief aus dem Kopf, aus den Augen her,
aus dem Mund, hin zu ihr, hin zu ihr. Weg aus den Knien, weg aus den Ohren,
die Wolken, der blaugraue Himmel. Murren des Marktes. Klebrig löste sich
die Zange ab, brauste in den Tiegel.

Die Hälse unten reckten sich, die Nasen schnüffelten aufmerksam. Dritte
Zange. Mit einem Griff gehoben, geschwungen, angesetzt. Wuchtig
geschmettert gegen den anderen Arm, gepreßt in das aufzischende, schmierig
sich blähende Fleisch. Und wie mit einem Satz die Zange ansprang, sprang
der Malefiziant ihr entgegen, wühlte, krampfte, zuckte um sie herum, mit
blassen Blicken, weißen, speicheltriefenden Lippen, verzehrend, in einem
Strudel dünn, blind, taub, überschäumend herumgewirbelt. Bis ein kleiner
schwarzer Punkt größer am Himmel wurde, Kreise sich bildeten, größere
hereinschwangen, weißer wurden.

Die letzte Zange: ein inniges, Zahn in Zahn vergrabendes, tobsüchtiges
Wiedersehen, Zotteln, Schleudern rechts, links, atemloses Schaudern und
Verkeuchen, Backenaufblasen, helles Pfeifen aus den tiefsten Luftröhren.

Der Kopf baumelnd vor der Brust. Der Scharfrichter triumphierend beiseite.
Ein Knecht bespritzte den Stöhnenden aus einem Bottich. Der Kopf hob sich
unsicher, sank auf eine Schulter, hob sich unter neuen Wassersalven.

Aus seinem Ledergurt zog der Scharfrichter ein kurzes Messer, wetzte es an
der Schuhsohle. Gleichgültig schwankte, wie eine welke Blüte, der Kopf des
Schächers, da schnitt ihm blitzschnell der Henker zwei lange, breite Bänder
aus der Brusthaut, ritsch, ritsch, riß sie heraus, ein queres Band über den
Leib, hinten zwei lange, breite Bänder aus dem Rücken. Schwang sie,
blutfließende weiße Riemen, in der Linken hoch vor dem kaum atmenden Volk,
gab sie dem Gehilfen, der das Bündel dreimal grinsend schwenkte, bevor er
es in den Bottich klatschte.

Sie kreischte angstvoll.

Das Volk mäuschenstill. Er ließ den Mann stehen, nahte ihr.

Mit weiten Pupillen, irren Augen, die neugierig erschienen, begleitete sie
ihn; dann glitten ihre Augen zu dem blutenden traumverlorenen Schächer; sie
schrie, den Kopf an den Pfahl legend, von neuem. Der Scharfrichter wusch
sich, breit gebückt über dem Bottich, die Hände vor ihr. Plötzlich, weit
ausholend, knallte er seinen nassen Handrücken um ihr Gesicht. Sie behielt
den Mund offen, ein feiner Blutstreifen rieselte über das Kinn; von unten
schmetterte er ihr die Zähne zusammen. Sie blickte ihn wirr an, begann mit
den Knien heftig zu zittern, am Platz zu treten.

Er beäugte einen Moment ihre Stirnspange, hob sie vorsichtig ab; das
seidene Kopftuch blieb daran hängen. Lippenspitzend, nachdem er die Spange
dem Knecht in die Hand gedrückt hatte, öffnete er den feinen Gürtel, zog
ihn ab, wog ihn in der Hand.

An der Tuchlaube standen fünfzig schwarzgewandige Zöglinge des
Jesuitenkonvents hinter ihrem Profoß; Rosenkränze spielten in den Händen;
mit wissenschaftlicher Kälte folgten Scholaren und Patres dem Gebaren des
Scharfrichters, prüfend, nachdenkend, erwägend.

Ein Pater kniete neben einem Scholar, der in den Schlamm gefallen war; sie
blickten sich schweigend an; der blasse junge Theolog senkte beschämt sein
Gesicht. Nach einer Pause sagte der andere: »Du mußt an Gott, Jesus und
Maria denken. Du hast an die Menschen gedacht, nicht wahr?« »Ja,« flüsterte
der, »mir wurde schlecht, ich habe an die Menschen gedacht.« »Der Heiland
war Gott, und jene haben ihn an das Kreuz genagelt in ihrer Bosheit. Seinen
heiligen Leib, seine wonnige Mutter, den Quell unseres Lebens, haben sie
beschimpft; dafür haben sie zahlen müssen und werden noch mehr zahlen. Was
ist ein Leib, was sind tausend Menschenleiber! Wie können die Juden danken,
daß man sie nicht samt und sonders erwürgt. Wer weiß, ob wir gut daran tun,
daß wir sie dulden; wie wir uns versündigen am Heiland.«

Bürger, Zünftler, Gewerker, in Scharen um den Brunnen nahe dem Heringshaus,
viele auf den Knien. Aus ihren Haufen fuhren die Drohungen gegen die beiden
Judenmenschen über den Markt, immer von den Rufen und Spießen der Schergen
niedergehalten. Weiber rotteten sich beim finsteren Linnengäßchen vor dem
Haus zum »Silbernen Häslein«, mit Abscheu, mit Widerwillen die Verbrecher
betrachtend, ihre Kinder zwischen sich versteckend, bei jedem Zangenbiß und
Schnitt heulten sie auf, die Tränen liefen ihnen über die Backen, manche
erbrachen, manche blieben bei einem stummen Zittern, konnten sich nicht von
der Stelle bewegen.

Nonnen, braune Minoriten, weißkuttige Dominikaner über das Pflaster
geworfen, stundenlang unbeweglich, die Lippen auf den kleinen Kruzifixen,
durchschauert von dem unausdenkbaren Verbrechen am Leib Jesu; Gnade,
Verzeihung erbettelnd, ringende Zerknirschung ohne Ende.

Der Hof auf fliegenumwehten Rossen, edle Herren unter der Balustrade der
Stadtschrannen, ernste, müde, feierliche, seidebehängte Männer,
verächtliche Blicke auf die Delinquenten, manche freudig die Masse
musternd, sich anhebend unter bewundernden Mienen.

Ferdinand auf dem Balkon des Stadtrichters; erhöhter Sitz; der Beichtvater
im schwarzen Jesuitenkleid neben ihm, kalt saßen sie, halb abgewandt von
der Bühne. Zerstreut hörte der Kaiser auf die Belehrung des alten Mannes.
Wie kam es: Dighby fiel ihm ein, die Saujagd bei Begelhof, der Graf Paar.
Wo war Dighby? Übermüdet gähnte der Kaiser, verkniff den Mund unter dem
faden Geschmack aus dem Magen.

Ein lateinisches Lied hoben die Scholaren zu singen an.

Der Scharfrichter tastete den biegsamen Leib des Weibes ab, zog sich
zusammen, flüsterte etwas; er beugte sein Ohr gegen ihren Mund; sie flehte
wie ein Kind: »Ist jetzt gut? Ist jetzt gut?«

Inzwischen war der blutrieselnde, gebrannte Schächer aus seiner Ohnmacht
erwacht; den Kopf mit Gewalt hochstemmend, krähte er, wühlte mit den
Gliedern in den Stricken. Wildes Gelächter erhob sich bei den Zünftlern,
pflanzte sich zum Hof fort; exaltiert schüttelten sich die Weiber, schrieen
sich mit übertriebener Freude zu, küßten ihre Kinder, rafften die Röcke.
Gekräh erscholl aus dem Hahnengäßlein, am Brunnen. Leicht wogte der Markt.
Die Schergen gaben nach, man wallte hinunter, herüber zwischen Arkebusen
und Stangen. Die süße Angst der Weiber hatte zugenommen, sie konnten sie
mit allem Lärm nicht bewältigen, drängten zu den Männern. In grausiger
Ruhe, wie Grabsteine, lagen Mönche und Nonnen am Boden.

Im weiten Halbkreis schichteten Henker und Gehilfen unter dem Pfahl des
Mannes Holz; seine Stricke waren ihm gelöst worden, Säckchen von Salz und
Pfeffer wurden von weitem gegen seine Wunden gestäubt; er ging an einer
Eisenkette um den Pfahl, drehte die Kette kürzer und kürzer, rollte sie
wieder ab; rieb seine Wunden an dem Pfahl, bedeckte seine Arme, spie,
bespeichelte seine Brust. Die Frau zog ihre Kette lang, sie rannte zu ihm,
bis die Kette sie hielt, blieb armstreckend stehen, klirrte mit den
Kinderzähnchen, rief zärtlich, unverständlich, kam unvermerkt,
vorschreitend, abirrend, in einem zärtlichen Schritt, sich selbst mit ihrem
Gurren und Zwitschern begleitend. Die Arme wiegte sie, das Atlaskleid
schleifte sie keusch, die Augen, zwischen Husten und ersticktem Luftringen,
erstarrt auf ihn dort, jenseits, in den Flammen, die Backen
tränenüberströmt, auf Sekunden lächelnd hinschmelzend, wieder versteinert.

Die Menschen, die andrängten, schob man zurück; ein Qualm erhob sich aus
dem Holzhaufen. Als sich nach Minuten der Rauch verzog, stand der Schächer
fest am Pfahl, das blaurot gedunsene Gesicht mit den gepreßten Augenlidern
nach dem Platz, sperrangelweit den Rachen, gebläht und schwingend die
Nüstern, als wenn er niesen wollte, die Knie übereinander, den Bauch hohl
eingezogen. Plötzlich blies er die Luft von sich, zog die Arme voneinander,
atmete, schnappte gierig. Langsam begann um ihn die Luft einen Wellenschlag
anzunehmen, er wurde sichtbar in kleinen zitternden Bewegungen, wirbelte
flüchtig nach oben, schief und verzogen wurden die Erscheinungen hinter
ihr. Er tanzte, sprang rückwärts, seitlich. Die Arme hatte er frei, er trug
sie wie Fühler vor sich, raffte sie wieder an sich. Kleine Quellchen
sprudelten aus seinen Wunden, spritzten aus der Brust im Strahl ins Feuer.
Wer es unten sah, schrie: »Schelm! Schelm! Er will löschen«. Da langte ein
kaum sichtbarer, blau in weiß vorschwebender Flammenarm von hinten nach
ihm. Er wirbelte herum, torkelte zur Erde, kletterte in die Höhe, seine
Lumpen flammten, er nahm den Kampf auf; war fast nackt. Die letzten Lumpen
wollte er sich vom Bauch, von den Lenden reißen, sie saßen fest, schwarz
verbacken, verklebt mit der Haut; er schauerte mit den Ellenbogen dagegen.
Auf seinem Kopf standen keine Haare mehr, runde Kohleballen, die abrollten,
die er sich über das Gesicht schmierte, über die großen platzenden Blasen.
Er blies über die Handteller, die Brust, die Asche stäubte, die
Lumpenfetzen bröckelten. Auf die Zehen stellte er sich, den Körper
hochgezogen; schluckte die Luft mit vollen Blasebalgbacken, in
leidenschaftlichen Zügen von oben ab. Schwarzrot, durchlöchert, aufgebläht
raste er suchend um den Pfahl, hingeschleudert von der Kette tauchte er zum
Boden, schnappte die Luft über den heißen Brettern. Die brodelnde blaßblaue
Luft ging dicht an ihn.

Sie sah es, bedeckte mit den Händen das Gesicht. Plötzlich schrie er auf;
eine glühende Zange lag da, die dem Scharfrichter aus dem Tiegel gefallen
war. Der, hinblickend, brüllte: »Die Zange her! Wirf die Zange herunter,
Hund«, tobte gegen die Knechte, warf einen Kloben Holz, brüllte: »Zange!«
Der Schächer wich zur Seite. Eimer auf Eimer goß der Scharfrichter vor sich
in die Flammen, drang vorwärts, schlug mit einem Haken nach der Zange. Irr
sah der oben den schwarzen Haken sich nähern, griff danach, stürzte
gestoßen um, kroch zurück. Wallend der dünne Feuerschleier zwischen ihm und
den Menschen. Und wenn der Schleier fiel, frohlockte das Volk, daß es ihn
sah, das wilde, tanzende Geschöpf, das hüpfende, das schwarz und rot, immer
ähnlicher dem Satan wurde. Er atmete, rannte dicht vor, soweit die Kette
ließ, haarlos, stumm, nackt. Die Flammen wälzten sich in Ballen hinter ihm,
jäh hob sich vor ihm der rotweiße, glühe Vorhang.

Da durchdringender Schrei, drei, vier, fünf, Knäuel von Schreien, wieder!
Schreie auf Schreie! Jache Stille. Schwarzer dünner Qualm. Wütendes
Bersten, Prasseln.

Jetzt griffen ihn die Flammen umsonst an; wie aus Holz lag eine
menschenähnliche Gestalt, den Kopf auf den Balken gedrückt, inmitten der
Glut; kleine Feuerchen spielten um seinen Schädel, strichen an seinen Leib.
Rasch lief eine braunschwarze Haut über ihn, als überzöge sie ihn mit einem
Lederkleid. Dampf aus der Nackengegend. Er ließ sich ruhig umfassen von der
Hitze. Kippte um; die Beine angezogen, schaukelte er auf dem Rücken; die
Beine zogen sich fester an den Leib, in dem Knarren und Wühlen des Feuers,
während in der Nähe ein leises Puffen, wie Erbsenspringen, zu hören war,
feines Knallen, und neben ihm sich Bächlein Rinnsale bildeten.

Er kräuselte sich schwarz, wurde kleiner.

Sie blickte nicht mehr nach rechts.

Jetzt war ihr Geliebter geschwunden.

Sah eine kleine Minute in Gedanken vor sich. Das Haar auf ihrem Kopf
loderte auf. Sie kreischte, duckte sich. Lief an den Pfahl, wich nicht, als
wäre sie angeschmiedet. Als die Kleider um sie aufflammten, kauerte sie
hin, beugte sich über ihre Knie, ein verzagtes Hündchen. Einen Augenblick
erkannte man zwischen dem wütenden Ineinander der Flammen ihr dunkelrotes,
aufgehobenes Gesicht, den Markt mit erstorbenen Blicken anstierend. Der
lodernde Pfahl stürzte über sie, die Bühne krachte mit den beiden Toten
ein.

Der Kaiser war schon früher mit dem Hofe aufgebrochen.

                   *       *       *       *       *

Der Pater Mutius Vitelleschi mußte die kochende Kampagna durchfahren. Urban
nahm seine Entschuldigung, daß er hinfällig sei, nicht an. In Kastelfranko
sagte ihm in einem Soldatenzelt der schwarzbärtige Mann: »Dieser Säufer,
der Kollalto, macht unerhörte Fortschritte auf Mantua; gegen die Sintflut
von Menschen, die der Kaiser über die Alpen warf, ist man machtlos.« Er
fing an, scheußliche Schimpfworte auf Ferdinand zu werfen, den er nur den
Idioten nannte, und auf Wallenstein, auf dessen Kopf er Millionen setzte;
Priester müßten ihn vergiften oder niederstoßen, wo sie ihn träfen. Der
weißgesichtige General machte fragend auf die Ergebenheit des Kaisers, die
Freigebigkeit Wallensteins aufmerksam. Der Papst raufte sich mit wilden
Blicken den Bart: ergeben sei der Kaiser den Jesuiten, freigebig gegen die
Jesuiten; ob man die heilige alte Kirche mit der jungen Jesugesellschaft
verwechsle; gegen ihn sei weder Kaiser noch Feldherr freigebig; ihn bettle
man an, suche seine deutschen Einnahmen zu kürzen; nun breche man noch in
Italien ein, damit die Spanier den Fuß auf ihn setzen könnten.

Mit sehr großer Strenge setzte er dem schweigenden General die Sachlage
auseinander: in diesen endlos wütenden Kriegen der europäischen Menschheit
sei die Heilige Kirche die einzige Gewalt, die das Spiel der Menschheit im
Auge behalte. Der europäische Erdteil biete den Anblick eines Höllenpfuhls.
Und dies, weil die Herrschaft Roms längst übergegangen sei an beliebige
Menschen mit irgendwelchen Machtmitteln und Geburtsdaten wie Philipp,
Ferdinand dem andern, Wallenstein; von den Ketzern zu schweigen. »Sofern es
eine Würde der Menschheit gibt, muß sie aus dem Kothaufen aufgehoben
werden, in den sie tobsüchtige Weltlichkeit, verruchte Gewalttätigkeit und
Ketzerei gestoßen haben. Es kann uns in diesen Tagen begegnen, daß wir, die
Christi Stellvertreter auf Erden sind, unsere letzten ärmlichen Kräfte
verlieren; wir können nicht die Menschheit regieren, nicht erheben, zur
Besinnung rufen, sondern müssen spurlos verschwinden und dem Wunder Gottes
ihre Rettung überlassen. Wir, das heilige süße Wort Christi verwaltend,
machen Platz Schakalen, Untieren; man wird die Schönheit, Reinheit, den
Glanz eines Menschengesichts nur noch aus frommen Bildern kennen. Nach
solchen tausendjährigen Triumphen der Kirche verzagen, wie ich.«
Vitelleschi erbat die Erlaubnis, zu sprechen: er bittet um Verzeihung, daß
er geglaubt hat, wegen seiner Hinfälligkeit mit der Reise zögern zu dürfen;
er hat den Umfang des Unglücks nicht vorausgesehen. Nördlich der Alpen ist
ein Land, das die Kirche schon oft in die tiefste Betrübnis versetzt hat,
es ist schwer, das rohe Volk dort zu einer Haltung zu bewegen, die sich
ertragen läßt. Dort ist auch derjenige Luther geboren, von dem seine
eigenen Zeitgenossen sagten, er ist kein Mensch, sondern der Teufel selbst
unter menschlicher Gestalt.

Laut rief der Papst aus: »Wir unterwerfen uns nicht kampflos. Wir haben
rechtzeitig erkannt, daß die Vorbedingung der Wirksamkeit des göttlichen
Wortes unsere Unabhängigkeit von den tierischen Mächten ist. Wir haben ein
Land, in dem wir residieren, mit dem wir den blinden Naturmächten zeigen,
welche Gewalt den göttlichen Ideen innewohnt. Jeder Pfennig, der uns
zugeht, wird zu nichts benutzt werden, als unser Land eisern zu machen, zu
einem unerschütterlichen Wall. Wir sind keine Phantasten. Wir sind keine
Dichter. Wir sind für die Erde eingesetzt auf unserm Stuhl, man wird uns
nicht in die Luft blasen. Wollt Ihr mich verstehen?« Darauf verwies Urban,
die Meldung eines Artilleristen auf später verschiebend, den
Jesuitengeneral bei dem geschworenen Gehorsam auf die verfügbaren
Machtquellen Deutschlands, auf die Lehrer Professen und Scholaren aller
Grade, die das Volk meistern und im Notfall es widersetzig machen sollten,
vorerst auf die Beichtväter der Fürsten.

Pater Lessius, gerade anwesend in Rom, erhielt von Vitelleschi Instruktion
und Auftrag, sich nach Deutschland zu begeben. Er besaß die Kühnheit, die
Route über Memmingen zu nehmen und nach Durchbrechung des tobenden
militärischen Gürtels um die Stadt in die totenstille Ortschaft
einzudringen, die auf jedem gangbaren Weg fußhoch mit Stroh belegt war. Der
Herzog nahm ihn an, inmitten eines riesigen Zulaufs von Kriegsoffizieren
Kurieren. Es war dem Jesuiten wunderbar, vom General dieselben
Gedankengänge zu hören, die er gegen ihn in Regensburg ausspielen sollte:
der Krieg der Christen gegeneinander müsse aufhören, man müsse sich auf
Konstantinopel werfen. Der General schien ihm ein listiger, gefährlicher
Gegner zu sein; er behandelte seinen Gast mit ausgesuchter
Liebenswürdigkeit; undurchdringlich wünschte er ihm gute Verrichtung in
Regensburg, wohin er leider selbst aus Zeitmangel nicht reisen könne.

Lamormain wurde in einer Halle des Karthäuserklosters vor der Stadt von
Lessius belehrt. Ein fürstlicher Beichtvater nimmt sich ohne weiteres,
indem er sich des geistigen Wohls seines Beichtkindes annimmt, des
kirchlichen Wohls an. Über das kirchliche Wohl befindet der Papst. In
politische Dinge hat sich der Beichtvater nicht zu mischen. Hat aber das
fürstliche Beichtkind Interessen, die das päpstliche berühren, so ist das
Beichtkind auf den maßgebenden päpstlichen Weg zu führen. Dies erhellt ohne
weiteres.

Schwer schlug auf den Luxemburger die Kunde ein, daß der Papst sich auf
einen Kampf auf Tod und Leben mit dem Kaiser gefaßt mache, daß die heilige
Kirche bedroht sei von dem übermächtigen Wallenstein, der die Spanier
unterstütze. Wieder nahe eine Entscheidungsstunde der Kirche. Der
Luxemburger fing leise an von der Grundlosigkeit der päpstlichen Sorge zu
sprechen; Lessius blieb taub. Sie kamen auf das Thema: wie weit muß der
Papst im Besitz weltlicher Macht sein und hat er sich an anderer weltlicher
Macht zu messen. Die Antwort lautete: der Papst ist von Haus aus Führer der
Menschheit, daher höchster Erdenkönig, der Städte und Staaten zerstören
kann. Die Schwertgewalt hat sich ihm zu unterwerfen oder zu dienen.

Lamormain fragte gebeugt, wie lange Lessius in Regensburg verweilen wolle.
Bis Lamormain den befohlenen Auftrag ausgeführt hätte.

                   *       *       *       *       *

Am begrasten Ufer der breiten, schnellfließenden Donau ritten die
Majestäten auf hochbeinigen Tummelpferden, langsam, ohne Gespräch. Das Ufer
wurde steiniger, schmaler. Sanfte Berge erhoben sich rechts und links. Bald
war der Weg durch kleine Steinblöcke verlegt. Felsige Wände fielen in den
Fluß ab. Man bog oberhalb des Ufers auf Hügel und Waldwege ein.

Die Mantuanerin, in weiß und grünem Jagdkleid wie die Herren auf dem
Schimmel hängend, streckte die Linke mit der goldenen Peitsche aus: »Wie
schön ist das Land.« »Es ist schön. Wir wollen öfter hierher.« »Ich möchte
nach Hause.« »Wohin, Eleonore?« »Nach Wien.« »Ich möchte mit dir.« »So
komm. Tu mir ein Liebes an. Das Land ist so schön. Komm nach Laxenburg.
Nach Wolkersdorf.« »Ich will nicht lange mehr bleiben, Eleonore. Die Tagung
wird nicht mehr lange dauern. Mich hält hier nichts mehr.« »In Wien haben
die Kapuziner unsere Gruft gegraben. Ich möchte einmal sehen, wo ich
begraben werde.« »Wie sprichst du.« »Regensburg verpestet mir das Blut,
Ferdinand. Die Leute sehen mich an, als wenn sie etwas von mir wüßten.« Und
obwohl er verstand, was sie sagte, bewegte sich in ihm nichts. Von Zeit zu
Zeit drehte sie ihm ihr strenges zuckendes Gesicht zu; die weiße Hutkrempe
warf sie sich mit einem Ruck an die Stirn; sie konnte vor Grauen vor ihm
vergehen. Er hatte einen vertieften Ausdruck. Wie fremd sah er auf sie. Der
Mann ist gestorben, fühlte sie. Er schlug sein Tier.

Hinterher ritt der spanische Sondergesandte, der Herzog von Doria, und Graf
Trautmannsdorf. Der Herzog lachte viel, daß es zwischen den Bäumen scholl.
Schön sei das Wetter und die Wege breit, bequeme Wälder zum Rasten,
schattig. Welch prächtiges Terrain für Soldaten; hier könne sich Kavallerie
nach Lust ergehen. »Welche Kavallerie meint Euer Liebden?« »Es wird nicht
mehr lange dauern, daß wir hier spazieren reiten. Wallenstein ist schon
gespannt wie eine Arkebuse. Das alte Holz birst, wenn es zu lange
malträtiert wird.« »Glaubt Ihr. Ich habe schon die Hoffnung aufgegeben, den
Herzog zu Friedland kriegerisch in meiner Nähe zu sehen.« »Geduld, Ihr
Leckermäulchen. Die Katze wird kommen, wenn die Milch schön kühl geworden.
Dann wird ein Schlürfen anfangen, daß man es bis nach München und Paris
hört.« »Der Kaiser besinnt sich sehr lange. Der Friedländer wartet und
wartet.« Der Herzog von Doria, dickwamstig, wie er auf dem Hengst saß,
brüllte vor Lachen so, daß man sich vorn umsah und sie seitwärts reiten
mußten: »Leckermäulchen. Leckermäulchen. Wartet nur mit. Seid nur so
gnädig. Bringt Euch nicht um vor Gier. Kuriosa von Regensburg. Wallenstein
ist auf dem Sprung nach Norden, Süden, Westen; springt er auf Italien,
Elsaß oder Regensburg? Mantua steht vor dem Fall, Casale auch. Die
Kurfürsten werden dann die Schwänze einziehen. Es wird ihnen übel ergehen.
Sie werden anbeten in Regensburg.« »Wir werden's sehen.« »Wir werden's,
Leckermäulchen.«

Als auch die Kaiserin Eleonore durch ihre italienischen Begleiterinnen
erfuhr, daß die Einnahme Mantuas bevorstände, tat sie im Karthäuserkloster
einen Fußfall vor Pater Joseph und flehte ihn um Hilfe und Schutz an. Sie
war unordentlich gekleidet; nur ihre Kämmerin ging hinter ihr und stand
abgewandt an der Tür. Der leise Franzose tat die Läden zur Hälfte vor die
Fenster, damit die Kaiserin sich nicht plötzlich im Hellen ihres Zustands
schämte. Sie schluchzte den Boden um seine Füße naß, stammelte, winselte:
»Mantua hin, Mantua hin«, und weiter brachte sie nichts hervor. Und er
dachte, während er sitzend ihr zuredete, nach, was sie mit diesem Mantua
hätte; es könne doch nicht Mantua sein. Wie er vom Kaiser sprach, rauschte
sie mänadenhaft auf, feindselig schlug sie die Fäuste gegeneinander, ohne
mehr zu rasseln als: »Er, er, er«, stürzte vor seinem Blick wieder wie
abgebrochen hin.

Er riet ihr, ihren Scheitel berührend, eine Weile Regensburg zu verlassen.
Nach einer Weile war sie ruhiger, drehte sich noch kniend nach der Dienerin
um, wies sie kurz hinaus. Sie trocknete sich das Gesicht ab, ging zu seiner
Verwunderung zum Fenster, bat, die Läden zu öffnen. Da atmete sie ihre
Brust ruhig. Sie war ganz die Kaiserin Eleonore, schien keine Scham über
ihren Zustand zu haben, erwog sanft und ehrerbietig mit ihm die Lage. Der
Welsche genoß verschwiegen und entzückt ihre hüllenlose Gelassenheit; sie
bewegte sich keusch vor ihm, als wäre er das Wasser, in dem sie badete. Sie
sollte Regensburg und den Kaiser verlassen, bis er von seinem sündhaften
Vorhaben abgegangen wäre. Ohne Trauer, sicher, mit gesenkten Augen,
verabschiedete sie sich von dem Priester, der das Zeichen über sie machte.

Vier Tage darauf wurde Ferdinand, als er nach ihr schickte, zugetragen, daß
sie und ihre Kämmerin nicht zu finden seien. Er las in ihrem leeren
Empfangssaal, in dem die Luft vom Qualm der ganz abgebrannten hohen Kerzen
erfüllt war, -- über einem Stollenschränkchen im Winkel sorglich
hingebreitet die Schärpe mit seinem Namenszug, die er ihr vor der Hochzeit
geschenkt hatte --, daß sie den schweren Ereignissen des Augenblicks und
der Zukunft an einem stillen Platz auswiche. Sie werde versuchen für den
Frieden auch seiner Seele zu beten.

Er dachte vor der Schärpe an ihre Begegnung in der Hofkirche zu Innsbruck.
Vor dem Altar sahen sie sich, von Priestern einander zugeführt. Er, nach
den würgenden Griffen des bayrischen Maximilian, gramzerrissen,
hilfesuchend, unter den ungeheuren Prunkmänteln, den Agraffen Spitzen
Bordüren, das verquollene ältliche Wesen, versteckt in der Schale,
mißtrauisch und leidend. In hochrotem Kostüm sie; die Perlenkrone auf dem
braunen spröden Haar hatte nicht mehr Farbe als ihr kleines Gesicht mit den
drolligen dicken Augenbrauen und dem unentwickelten Mund. Wie sich sein
Herz vor ihr in Haß leise zusammenzog. Vor Eleonore. Unter der Monstranz
saß Maria und die Engel sangen. Jetzt lief das Kind vor ihm weg, hatte sein
Spielzeug nicht bekommen. Durch irgendein Städtchen, ein Kloster lief sie
klagend, gedachte ihm wehe zu tun. Ihm wehe zu tun.

Die Stirn gerunzelt, stand er vor dem Stollenschränkchen. Neulich war der
Jude und sein Weib verbrannt worden. Wie ein Funken vom Dach lief die
Erinnerung durch ihn und erlosch. Je mehr er die Schärpe ansah, war er
lieblich von ihr befangen. Seine Finger nahmen sie zart an den Enden hoch.
»Was ist es für eine schöne Purpurfarbe,« dachte es in ihm. Es gibt Dinge
in der Welt von großer Schönheit und Dinge von minderer Schönheit: das
erfüllte ihn. Die Schärpe legte er sich sanft, fast kokett um die Hüfte
über seinen Silbergurt. Die Damen blickte der Herr unter dem weißen
Reiherhut schelmisch an; ob es nicht ein prächtiges Stück sei, diese
Schleife. Ein guter Einfall der Kaiserin, sie einmal herauszuhängen. Hängte
sich das Band an den Gurt, lud, den Mantel zusammenziehend, sanft die Damen
zu einem außerordentlichen Karussell ein.

                   *       *       *       *       *

Dumpfes Wiegen der Parteien. Dumpfes Warten und Verharren der geistlichen
Kurfürsten. Die kaiserlichen Räte, auf Regensburg mit Widerwillen gezogen,
immer stärker der Verwirrung und dem Schrecken der Situation erliegend. Sie
fühlten schon, daß sie sich zwischen zwei Feuer begaben, als sie das Schiff
in Wien bestiegen. Sie fühlten, daß es biegen oder brechen hieß; sie
sollten es entscheiden, wichen leidend, ratlos, zerrissen zurück. Ihr
Entsetzen über die Krankheit Eggenbergs; es war wie eine Rache des alten
Fürsten; er hatte ihnen den Teller mit der Giftsuppe zugeschoben, die sie
sich bereitet hatten. Man schickte Briefe, Kuriere nach Eggenberg, er hatte
in Wien vor der gräßlich sich erhebenden Machtprobe gewarnt, er war ihr
Haupt, dem Kaiser lieb; jetzt schoben sich zweideutige Welsche und
Jesuväter an seinen Platz. Eggenberg war nirgends zu finden; er reiste,
hieß es. Sie mußten in allen Ratsstuben herumhorchen, bezahlten Spione in
den fürstlichen Kanzleien. Vergessen der glanzvolle Plan der Königswahl.
Die Stunde mußte kommen, wo man -- unausdenkbar -- kapitulierte vor den
Kurfürsten, oder -- niemand faßte sich das Herz -- die Kroaten herrief,
damit sie das Kollegium aufhoben, die Kurfürsten gefangennahmen. Sie
barmten und fluchten. Der Bayer hielt die Kurfürsten eisern gefesselt; sie
mußten bleiben. Er ließ sie täglich durch den Brabanter Grafen besuchen,
kontrollieren; die geistlichen Herren bemerkten, ohne es gegeneinander
auszusprechen, daß sie die Wahl hatten, Gefangene des Kaisers oder des
Wittelsbachers zu sein. Sie besprachen sich, um sich aus ihrer Lage zu
befreien, mit dem päpstlichen Legaten Rocci, der ihnen die sicherste
Gewißheit geben wollte, daß in Kürze, in nächster Kürze alles zum Guten
gewendet werde. Einzeln und gemeinsam fragten sie beklommen den Franzosen
nach seiner Auffassung. Er versicherte sie der innigsten Teilnahme des
französischen Königs, der sich überall der Unterdrückten annahm, wie es
Christenpflicht sei; sie flehten ihn in aller Heimlichkeit an: ob sie sich
auf seine Hilfe verlassen könnten.

Brulart hatte inzwischen noch einen andern Gast: den Pfälzer Vertreter
Rusdorf, der mit einer kleinen Begleitung eingetroffen war. Rusdorf sah
sich neugierig in dieser Umgebung um, bemerkte zu seiner Verwunderung, daß
die gehaßten Bayern ihm freundliche Worte gaben. Er attachierte sich an die
welsche Opposition. Marquis de Brulart und Pater Joseph berichteten ihm mit
Vergnügen von der Unordnung im deutschen Lager; Rusdorf tuschelte entzückt
geheime Neuigkeiten von dem Schweden: »Drängt sie nicht, Exzellenz. Laßt
sie zanken: warum wollt Ihr Wallenstein verjagen? Laßt Wallenstein und
Tilly sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Inzwischen trifft der Schwede
ein.« Entzückt schrieb Rusdorf nach dem Haag von der kostbaren deutschen
Situation; die Geier schlügen sich um die Beute, man wolle dem andern an
den Leib. Er säße mit den Franzosen behaglich dazwischen; sie keiften
rechts, wimmerten links, hetzten weidlich, daß der Satan dabei grunze.

Die Ankunft des jesuitischen Abgesandten fiel in der Stadt nicht auf.
Schwallartig füllten sich zu bestimmten Stunden Gassen und Plätze, zu
Andachten Märkten Gerichten Komödien. In den Hallengängen der einstöckigen
Häuschen lungerten Händler vor ihren Auslagen, hielten Passanten fest.
Fürkäufer, die vor den Toren den Bauern die Ware abgekauft hatten, wurden
vom Büttel getrieben. Unter den zu- und ablaufenden Fremden vor den
Gasthäusern walteten die städtischen Gewaltboten mit Visitationen
Inquisitionen. Die Leibwachen der hohen Fürsten patrouillierten mit
Hellebarden nahe ihren Herbergen, verjagten Krüppel und Bettler. Morgenlich
fuhren sehr langsam in Prachtkutschen sechs- und zehnspännig die Herren in
die Kirchen. Die Spieße der Berittenen vorauf und hinterdrein; der Kaiser
in die Pfarrkirche zu unserer lieben Frau, auf deren reichen Altar ein
Beutestück prangte: das goldene Marienbild, auf der Brust ein Herz aus
Rubin geschnitten; die Hoheiten und Durchlauchten und ihr Gefolge bei den
Augustinern, Barfüßern, im Spital. Neben den Kutschen zu Fuß die
Geistlichen, durch den tiefen Kot, zwischen den gackernden Hühnern,
manchmal getriebenem Vieh ausweichend. Bischöfe, Domherren, Kapläne,
Vikare, die schwarzseidenen Hüte quastenschwenkend rechts und links,
violette Hüte. Priester schwatzend in schwarzen Sutanen, weißen Chorhemden,
auf dem gesenkten Kopf das schwarze Solidarkäppchen. Schwärme von eiligen
Chorknaben in weißen Umhängen, klappend mit ihren Rosenkränzen.
Gelegentlich durch das Geschrei der Zuckerküchler Kesselflicker Kaminfeger
in offener Sänfte ein schwarzäugiger Kardinal; den breitrandigen flachen
Hut mit mächtigem Quastenbehang trugen Diener voraus; er selbst blickte mit
runzligem Gesicht um sich in purpurner Sutane.

Sie beschlichen ihn im Bischofshof, die Jesuiten, Dominikaner, Franzosen,
Spanier.

Durch einen gewaltigen Schwung, den der Kaiser sich gab, bekam das Leben an
seinem Hofe einen prächtigen geräuschvollen Zug. Als wollte er zeigen, wer
er war, schüttelte er den Druck, der auf ihm und seiner Umgebung lag, ab,
begann in Regensburg zu residieren, als hätte er vor, hier jahrelang zu
hausen. Zu den ungeheuren Massen von Bedienten mußten noch Baumeister
Tapezierer Maurer Schreiner und andere Gewerke aus Niederösterreich
herüberkommen, eine Zahl Nachbarhäuser, die der Magistrat dem Hof vermietet
hatte, für seine Zwecke herrichten als Gemäldegalerie, Kunstkammer,
astrologisches Kabinett. Er ließ sich seine Vogelsammlung anfahren. Man
baute die Fundamente für ein großes Aquarium, eine Schauspielbühne.
Alchimisten aus Wien wurden eingeladen; der alte polnische Taschenspieler
und Alchimist Sendiwoy von Skorski, ein Günstling Kaiser Rudolfs, schweifte
an. Die Lust am Bankettieren wurde rege. Und nun erst kamen die Prunktafeln
zu Ehren, die die Stadt im Bischofspalast in der Abtei der Karthaus Prüll
aufgestellt hatte. Die schmetternden Musikkapellen ritten hinaus an die
Spitze des Hofes.

Die Kurfürsten wurden nacheinander eingeladen; sie erschienen
herausfordernd, in ärmlichem Aufzug, Ferdinand pokulierte mit ihnen vor dem
ganzen Hofe. Er ignorierte ihre steifen widerspenstigen Manieren.

Und nach langen Bemühungen, zahllosen Sonderkurieren glückte es ihm, den
Herzog von Friedland herüber nach Regensburg, in seine neue Residenz zu
ziehen. Die Stadt schwang vor Erregung unter der Ankunft des Feldherrn.
Zweihundert bis auf die Zähne bewaffnete Leibwächter eskortierten ihn. Der
Weg wimmelte von leichten Kroaten; eine leere kaiserliche Prunkkarosse
empfing ihn am Tor. Erstorben die Stadt, die geistlichen Herrn in ihren
Quartieren; die Welschen lachten höhnisch. Wie Eroberer zogen die
Friedländischen ein, einen halben Tag dauerte der Besuch. Ferdinand zeigte
dem Herzog seine Anlagen, schmauste mit ihm. Zur Linken des Generals saß
der glückberstende fette Herzog von Doria.

Die Jesuiten beschlichen den Kaiser im Bischofspalast. Zu ihrer
Verwunderung wurden sie vom Kaiser mit großem Verlangen angenommen; sie
glaubten, er sei weich geworden durch die Flucht der Mantuanerin; er ließ
sich stundenlang von ihnen erzählen, was sie wollten, ruhte unter ihren
Gesprächen aus. Sie stellten fest, daß er nicht gequält wurde durch das,
was sie vorbrachten. Er schien sich unter ihren Sätzen gesättigt und
dankbar zu strecken; stärker und gelassener erhob er sich von diesen
Gesprächen.

Dann setzte sich langsam, fast hoffnungslos der große Lamormain in
Bewegung. Es konnte nicht sein, daß er den Gehorsam verweigerte; die Welt
konnte untergehen, das Befohlene war zu vollziehen. Er kannte, wie er
seinen viereckigen Hut haltend, stockgestützt vor Ferdinand stand, nicht
den Kaiser Ferdinand, den Papst, den Pater Lamormain; die vier Gelübde
hatte er abgelegt, seine Mission erfüllte er, der eisern konstruierte
Apparat. Bitter hatte er sich bei seinen abirrenden Spaziergängen dem
Dunstkreis der klingelnden jubelnden Stadt wieder genähert; die Sommerzelte
der Dienerschaften passierte er, kleine Truppenbiwaks, Massen von Herden,
Heuwagen. Bitter näherte er sich dem weithin abgesperrten Bischofspalast.
Er atmete beim Anruf der ersten Wachen auf; als wenn eine Kapsel in ihm
aufsprang und sich wieder schloß, war ihm; noch starrer zog er sich hoch,
streckte sich in seinem gewaltigen Leib.

Er prüfte im Beichtstuhl den Kaiser, sein Hochmut war sicher, läßliche
Sünden traten hervor; er bestrafte ihn mit nächtlichen Bußen. Ferdinand,
noch schwach von seiner Krankheit, bat um Nachlaß; der Pater schlug es ab.
Als nach einigen Tagen Ferdinand, weißer als sonst, aber aufrecht lächelnd
gemahnt hatte, er hätte auf diesem Kongreß große Aufgaben zu lösen, er
fürchte, ihnen nicht gewachsen zu sein, beschied ihn der Pater, ob er
meine, die Aufgaben gegen den Himmel ließen einen Aufschub zu und die
Pflichten gegen den Kongreß seien belangvoller als die gegen Gott. Auch er
sah zu seiner Verwunderung, daß der Kaiser, obwohl ihm die Ausführung der
Bußen schwer fiel, sich in sie demütig, zustimmend einfand, ja sich ihrer
bemächtigte und durch sie in nichts erniedrigt werden konnte. Lamormain, an
dem Kaiser tastend, fand einen anderen Menschen vor, als den, den er nach
dem Münchener Unglück unterworfen hatte. Sein Erstaunen über diesen
Menschen war so groß, daß er eine Unruhe in sich fühlte, öfter den Wunsch
hatte, mit dem scharfen Lessius über die schreckliche Sachlage zu sprechen,
wenn er sich nicht geschämt hätte und ihm nicht klar geworden wäre, daß er
nur zu gehorchen hatte.

In der Kirche der Jesuiten wie im Kloster sah man niemand um diese Zeit so
lange sitzen und beten, als den grauen riesigen Pater Lamormain. Wie ein
Kind, das nach langer Abwesenheit, reif und klug und überraschend schon
zurückkehrt, oder wie ein Kirschbaum, der nach einem Mairegen plötzlich
sich in einen weißen lieblichen Blütenträger verwandelt, so war dieser
Habsburger geworden und gegen diese Zartheit sollten Waffen erhoben werden.
Der Pater war glücklich, sich mit dem Gehorsam abzublenden. Zu Lessius ging
er hinaus: er werde wohl, wenn ihm mit Gottes Hilfe dieses Werk gelungen
sei, bitten, ihm sein Amt beim Kaiser abzunehmen. Der schwarze Lessius
unbewegt: dies zu prüfen sei Sache des Generals Vitelleschi.

Durch den geschwätzigen Kardinal Rocci erfuhren der Kurfürst Maximilian und
Pater Joseph, daß die Jesuiten sich ihnen angeschlossen hätten; sie
jauchzten, die mächtigen Jesuiten werden Ferdinand völlig brechen. Brulart
meldete nach Paris, der deutsche Kaiser sei wie ein Wild jetzt von den
Hunden gestellt; sie hätten auch ihr Teil an dem Jagdverlauf, wie erst
mündlich berichtet werden könne. Und Spione trugen die gefährliche
Nachricht nach Memmingen.

Aber Pater Lamormain ging mit Ferdinand um, wie der Arzt mit einem Kind,
dem man keine Schmerzen bereiten will bei der notwendigen Operation, mit
Sanftheit und über alles hinwegtäuschend. Er ging mit dem Kaiser in einer
Weise liebreich um, daß der Kaiser in seinen eigenen Willen aufnahm, was
der Pater ihm zutrug, und meinte von sich aus alles zu finden und von sich
aus den Weg zu gehen, den man ihn zwang. Lamormain leise begehrend, aber
nicht fähig, von sich abzuwälzen, was ihm aufgetragen war, wünschte innig,
sein Beichtkind an sich ziehend, den Triumph seiner Gegner nichtig zu
machen und hier nichts zu ändern. Ein Brieflein des Vitelleschi war ihm
gebracht worden, darin hieß es: »Der Papst Urban ist uns nicht gnädig, denk
daran, Bruder Lamormain, du frommer Christ.« Wie Irrlichter kreuzten seinen
täglichen Weg zum Kaiser die buntgemäntelten französischen Kavaliere, die
bösen verschwiegenen Herren; er erschrak vor ihnen.

Er widmete sich inniger dem Kaiser. Morgens und abends aber las ihm ein
junger Scholar den Brief vor: »Der Papst Urban ist uns nicht gnädig; denk
daran, Bruder Lamormain, du frommer Christ.«

Mariä Himmelfahrt; mit Körben voll Obst und Kräutern gingen hinter Fähnchen
und bunten Figuren die weißen Kinderscharen in die Kirchen; viele trugen
Birnen- und Apfelzweige, auf denen Holzvögel saßen. Kavaliere ritten
barhäuptig neben den Sänften ihrer Damen. Studenten fuhren neugierig auf
Troßwagen durch Gassen, über Märkte vorüber an den breitbeinigen
Trabantenwachen der Römischen Majestät und geistlichen Kurfürsten. Pfeifer
und Flötenspieler zwischen ihnen, bald nach rechts, bald nach links
herunterblasend. Franzosen traten mit Fächern aus ihren Quartieren, wichen
zurück, wie die Studenten höhnend und drohend ihre schweren Säbel
schwangen.

Weit war aller Verkehr von dem Bischofspalast abgedrängt, seit dem Kaiser
von seinen Beratern eine Entscheidung nahegelegt war. Er verließ meist die
saalartigen Wohn- und Empfangsräume. In einem schmalen Musikzimmer nach dem
Garten zu fand man ihn bei Tag. Der Fußboden einfach gedielt, der Raum wild
ornamental verschnörkelt. Flammenräder in gelb und rot an die Wand gemalt,
eins neben dem andern. Flammenräder, deren Achsen Strahlen warfen. Die
Strahlen fuhren aus immer neuen grellbunten Rädern über die Wände; inmitten
der Längswand gebannt in Ruhe ein Viereck in Gold von byzantinischer
Strenge; große gotische Buchstaben mahnten rot an die Stille des
himmlischen Reiches. Darüber ein schwarzes Kreuz, zu seinen Füßen die
Ebenholzfiguren Marias und Johannes. Ein einziges riesiges Fenster in die
Gegenwand gebrochen, breit das dicke Mauerwerk durchdringend. Im Raume
unter dem Kruzifix eine breite gepolsterte Sitzbank, mit Decken belagert,
eine geschnitzte Truhe neben der Tür. Gedämpft klangen die Stimmen in dem
gewölbten steinversenkten Zimmer.

Mit Herzlichkeit sah sich Lamormain an dem heißen Tage empfangen, Ferdinand
zog ihn ernst an sich. »Es ist nicht möglich«, sagte er, »in Dingen solcher
Wichtigkeit nur mit weltlicher Vernunft auszukommen. Wo so Ungeheures und
Ernstes auf dem Spiel steht, muß ich den Heiland und die Jungfrau bitten,
daß sie mir Hilfe bei den Entschlüssen leihen.« Sie plauderten von
Ferdinands Erziehung in Ingolstadt und von seinen Lehrern, Gregor von
Valencia, dem berühmten Mann, dem Historiker Gretser.

Ferdinand öffnete träumend den Mund zum Oval; er hätte es leicht gehabt,
auf den rechten Weg zu gelangen, seiner Mutter hätte der Glaube am Herzen
gelegen; es sei ihm in Erinnerung, daß sie oft erzählte, wie Khevenhüller,
der Gesandte in Madrid, ihr einprägte, es hinge ewiges wie zeitliches Wohl
der Kinder davon ab, wem ihre Erziehung anvertraut werde; Leute müßten es
sein, die innerlich wie äußerlich untadelige Katholiken seien. »Ich habe es
darin gut getroffen; wie haben mich Gregor und Gretser geführt; dann Pater
Bekanus, mein würdiger entschlafener Beichtvater, Dominikus a Santa Maria,
der nun auch in Gott ruht. Nun habe ich Euch, Pater Lamormain. Ich sehe auf
Schritt und Tritt, daß Gott mich segnet.«

Lamormain, sein krankes Bein ausgestreckt, saß gebeugt und verwirrt auf der
Truhe. Das Trillern der Studenten, Rufen der Hatschiere klang herein. Er
hätte, brachte er leise hervor, das Amt eines Beichtvaters des Kaisers
zögernd angenommen; hätte in Ruhe im Cimetarium des heiligen Klixtus
Ausgrabungen gemacht von heiligen Leibern, die den Jesuitenkollegien Schutz
und Segen geworden seien; am Schluß der Romreise, wo er den achten Urban
gesprochen hatte, den er schon als Kardinal Barberini kannte, hatte er
seine acht Exerzitien gemacht, um sich den Studien und der Lehre der Syntax
und Rhetorik zu widmen: da bestimmte ihn der Pater Vitelleschi zum
Beichtvater; eine große Auszeichnung und ein schweres Amt, einen Fürsten
geistlich zu führen, eine Aufgabe, die man kaum bewältigen kann. Es gab
einen frommen Pater Klaudius, der fünfte General der Gesellschaft Jesu, der
schrieb aus dem Drang seines Herzens und seiner Besorgnis einen
Beichtspiegel für die Geistlichen der Fürsten; und überließ letzten Endes
doch alles sich selbst. Denn wo soll man im Leben eines Herrschers zwischen
Politik und geistlichem Gebiet scheiden.

Ferdinand, halb liegend, den Kopf über den verschränkten Armen, hörte
aufmerksam zu. Er redete, sich oft mit Lächeln unterbrechend und eine
Antwort des Paters abwartend. Vielleicht sei es nicht unzweckmäßig, was
jener Beichtspiegel den geistlichen Beratern empfehle; er bedaure, daß ihm
dies gewiß sehr interessante Buch nicht zugänglich sei; aber es gäbe
sicherlich genug Fürsten, die grausig eigensinnig seien; sie erinnerten ihn
an Narren, die ein Bein mit einer Menschenhose bekleideten, das andere mit
Vogelfedern und Krallen. Er sei nicht mehr jung genug zu solchen Scherzen
oder sogenannten strengen Trennungen; ja, es freue ihn, daß Lamormain
erkenne, wie schwierig, wie unmöglich die Trennung von Politik und
geistlichem Gebiet sei. »Denn seht, Pater Lamormain, wozu haben wir die
langen Jahre in Ingolstadt verbracht und warum hat man uns so unsäglich
behütet vor der Ansteckung der Ketzerei: nur damit wir fleißig und
sorgfältig zur Messe gehen, zur Vesper, beichten? Es hätte dazu der großen
Mühe nicht bedurft. Ich bin kein Kaiser von der Art der grimmigen Sachsen,
Ihr entsinnt Euch, die gegen die Päpste Sturm liefen. Was will man
eigentlich. Die Masse des Lebens, auch des politischen, mit dem Geiste der
christlichen Kirche durchdringen; eine größere Aufgabe kann ich mir nicht
denken.«

»Eure Majestät haben mir meine Aufgabe nie schwer gemacht.«

Ernst flüsterte der Kaiser, einen Finger hebend, gegen Lamormain, ganz
hochgestützt: »Pater, ja ich muß Euch verraten, was ich schon bisweilen
geträumt habe, in jüngster Zeit. Daß wir Nebenbuhler sind, der Papst und
ich. Aber anders, als man es sonst meint. Ich meine im Geistlichen. Ich bin
nicht sein Vogt, sein Schwert. Ich will die Kirche nicht neben mir haben,
darum habe ich die Jesuiten zu mir gerufen, so viele sollen kommen, als
erzogen werden, sie sind besser als Soldaten für mich. Das Heilige Reich
muß selbst eine große Kirche sein.«

»Der Heilige Vater würde sich sehr freuen, eine so fromme Gesinnung von
Euch zu hören. Er weiß, welche Hilfe die Vorsehung ihm in Euch gegeben
hat.«

»Und Ihr, Pater, was denkt Ihr über die schwebenden Dinge? Ihr haltet so
zurück. Mißtraut Ihr mir -- noch immer.« Ferdinand lächelte ihn an.
Lamormain senkte den Kopf. Ferdinand leise, fast zärtlich: »Ich bin Euch ja
zu so vielem Dank verpflichtet.«

»Es ist die Furcht oder die Beklemmung, sich auf einem Wege zu sehen, von
dem man nicht weiß, ob man ihn mit Recht betritt.«

Erregt drehte Ferdinand gegen ihn, die Arme hebend: »Ich kenne solche Wege
nicht, die ich gehe und die Ihr nicht gehen dürft. Ich habe es Euch gesagt.
Ich will sie nicht kennen.«

»Warum wollt Ihr mich hören?«

»Seht, Pater Lamormain, ich will mir nicht Unrecht tun. Ich brauche Euch
nicht, weil ich unsicher bin oder weil ich mich fürchte. Aber ich -- habe
Euch hier, Eure Stimme ist mir wie eines Vaters. Wollt Euch nicht
zurückhalten, versagt Euch mir nicht. Es ist mir eine Wohltat, Eure Seele
diese Dinge berühren zu sehen.«

»Ich weiß, daß es mein Amt ist, Eure Seele zu führen. Wenn ich lange
schwieg, -- so geschah es, um Euch nicht zu betrüben.«

Der Kaiser bat, er möchte weiter sprechen. Der Pater, sich
zusammenkrampfend, nahm einen Anlauf. Er öffnete den Mund und ließ es
schnurren. Wie die Worte klangen. Er hörte sich wie ein Fremder zu. Er
schämte sich und blickte nicht auf. Was war ihm aufgelegt. Es sei nicht
viel zu sprechen. Diese grauenvolle Verwüstung in Deutschland, diese
Schrecken, die sich über die Alpen wälzen, Zwist im Reich, der Kaiser
einsam: man müsse betrübt sein, wenn man an christlichen Frieden denke.

»So ratet, Pater. Ich habe nicht gelacht über diese Zeit.«

»Frieden. Frieden. Der Heiland, als er noch auf Erden wandelte, hat gesagt:
gebet Gott, was Gottes ist. Man redet zu viel: gebt dem Kaiser, was des
Kaisers ist. Davon sind die Gassen und Plätze voll. Wer den Lärm in der
Welt hört, denkt wohl an das Wort: des reifen Getreides ist viel, der
Arbeiter aber sind wenige, bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter auf
sein Erntefeld schicke.«

Die Fältchen an Ferdinands Augenwinkel zitterten, er drückte die Handteller
zusammen, in der Ecke der Bank sitzend: »Ratet, Pater.«

»Du wahnsinniger Mensch,« schrie der Pater sich innerlich an, »du schlimmer
Mensch. Du kannst dich nicht so schänden. Bruder Lamormain, der Heilige
Vater denkt schlecht von uns.«

»Gebt mir Antwort, Majestät, wie Ihr selber hierüber denkt.«

Da wurde Ferdinand, nachdem er dem Pater einige Zeit in die blitzenden
Räder gestarrt hatte, unruhig, stand auf: »Ich hab' es Euch gesagt, man
soll mich nicht für einen Gewaltherrn und römischen Cäsar verschrein.«

»Wenn Ihr kein Gewaltherr sein wollt, so ist es Euch bitter ergangen, daß
alle Welt Euch verkennt und Euch für nichts als dies, für nichts als dies
ansieht. Und wenn Ihr das weltliche Papsttum gründen wollt, so wird es wohl
auch Euch bedünken, daß im Augenblick die Welt sehr anders blickt: aus
Augen voll Grauen. Wie wollt Ihr dies vereinen: so mächtig dazustehen, daß
man Euch wahrhaft Kaiser nennen muß, und so wenig das zu können, was Ihr
wollt. Seht, nicht einmal so viel, wie die Herrscher vor Euch, die viel
schwächer waren.«

Dies mußte Lamormain alles sagen und hinlegen.

»Pater, der Heiland hat dies gesagt, was Ihr nanntet. Er hat aber auch
gesagt, was Ihr selbst uns gepredigt habt, daß er nicht nur gekommen sei,
Frieden auf Erden zu bringen, sondern Vater, Sohn, Mutter, Tochter und
Schwieger gegeneinander zu erregen.«

»Wohl, so spricht Lukas: Zwietracht. Um das himmlische Feuer auf die Erde
zu werfen.«

Ferdinand legte sich halb auf der Bank zurück; er sagte nichts. Nach einer
langen Pause Lamormain: »Eure Majestät schweigt.«

Tonlos: »Ihr seht, daß ich schweige.«

Wie sich Ferdinand wieder zwischen den Teppichen zurecht geschoben hatte,
rieselte seine tonlose langsame Stimme: »Worauf sollen wir hinaus?«

»Es scheint, als ob Ihr etwas Irriges gemeint habt bis jetzt. Ihr glaubtet
--«

»Ja, war ich kein Christ?«

Vor diesem weißen Blick, dieser langsamen erschütternden Stimme fand der
Pater lange keine Antwort. Dann legte er viele Wärme und Herzlichkeit in
seine Sprache und mußte sich sehr bezwingen, um sich nicht völlig
bewältigen zu lassen: »Ihr wart die langen Jahre mein Beistand, Majestät;
Ihr wart ein guter katholischer Christ. Als ich die kirchlichen Wünsche
Eurer entschlafenen Gemahlin, der seligen Maria Anna, durchführte, bin ich
Euch gefolgt in Eurer Gottesfurcht.«

»Seht Ihr Maria Anna an. Würde ich mit ihr so lange glückliche Jahre haben
leben können ohne den rechten Glauben.«

»Ihr wart fromm.«

»Was ist?«

»Ich mache dem Menschen Ferdinand von Habsburg keine Vorwürfe. Der römische
Kaiser, der deutsche König Ferdinand der Andere glaubte sich rühmen zu
können, ein Nebenbuhler des Papstes zu sein. Inzwischen glaubt es niemand,
sieht es niemand. Die katholischen Kurfürsten selber stehen gegen ihn.«

Er legte all das fragend hin; ein Wind hätte gegen ihn blasen können und er
wäre verstummt. Aber Ferdinand drängte zart immer weiter.

Nachdem der Kaiser sich fest mit dem Rücken gegen die Banklehne gedrückt
hatte, schlug er mit mildem Ausdruck die Arme über der Brust zusammen,
blickte mit zusammengezogenen Mienen auf die Gegenwand: »Indem mir dies Amt
überkommen ist, habe ich es übernommen, die Geschäfte des Heiligen Reiches
gewissenhaft zu versehen. Das ist meine Bibel, die mir an die Hand ging.
Neben mir stand die Wahlkapitulation, das Reichsgrundgesetz, die Goldene
Bulle. Man hat mich hergesetzt und mir vertraut. Das Weitere kommt von mir,
die Macht und Verantwortung.«

Rotes Abendlicht zuckte sich ausbreitend über das sich rasch verdunkelnde
Zimmer; der große Luxemburger stand vor der Truhe, den Kopf tief vor der
Brust, die Hände gefaltet. So sei es und nicht wie vorhin die Rede war. Wo
sei jetzt von Christentum die Rede. Dann als Ferdinand den bestimmten
sicheren Ausdruck des schwingenden Gesichts nicht aufgab: der Kaiser möge
überlegen, wie es mit ihm stünde. Als er den Kaiser verließ, saß der noch
unentwegt mit der gleichen Miene vor der rotbestrahlten Wand, über der wild
die grellen Flammenräder rasten.

Und mit derselben bestimmten klaren Miene empfing ihn gleich nach der Messe
am nächsten Vormittag der Kaiser. Ferdinand, von gesünderer Farbe als
sonst, bedauerte, gestern abgebrochen zu haben, er könne den Pater noch
nicht dispensieren von diesem Thema. Darauf schüttelte er ihm die Hand,
hieß ihn freundlich sich setzen. Es sei gewiß, daß er es sich überlegen
müsse, wie es mit seinen Sachen stände. Gewiß müsse sich dies aber auch der
Pater überlegen. Damit blickte er frei forschend den Luxemburger an: »Ich
bleibe dabei, Ehrwürden, lieber Vater, mir sind nur Bulle, Reichsgesetz,
Wahlkapitulation gegeben. Ihr meint, ich verfehle den christlichen Weg als
Kaiser. Geht mir zur Hand.«

In großer Freude verneigte sich der Luxemburger, seine Stimme tief
ehrerbietig. Diese Aufforderung und Bitte hat er erwartet; er weiß, daß der
Kaiser nicht allein dies leisten kann; der Kaiser mußte es erst erkennen.
Langsam erwog der Kaiser: »Ich habe es in der letzten Nacht selbst wieder
angestaunt, Pater. Ich will es Euch nicht verheimlichen. Daß Kaiser und
Kirche so aneinander vorbeiregieren. Der Kaiser hat seinen Palast, seine
Burg, dazu Edle, Berater, Offiziere, Heere; der Papst hat die
Geistlichkeit, den Vatikan, die Peterskirche, tausend Kapellen, Klöster und
Kirchen. Der Papst gibt seine Gesetze, ich, meine Landesfürsten ebenso. Wir
regieren dieselben Völker. Und -- wir haben keine Berührung miteinander.
Nun erst, in solchem einzelnen Augenblick kommen wir zusammen. Um uns zu
tadeln. Es ist kein gesundes Verhältnis.« Und dann legte Ferdinand,
heimlich und inständig zu ihm redend, die Umstände dar, die zu diesem
Kollegialtag führten, die gefährliche Situation, die heraufbeschworen sei.
»Und ich habe die Entscheidung. Lehne ich sie ab: wißt Ihr, was geschieht?
Wie wenn ein Pfeil abgedrückt wird, schießt von Südwesten mein
Feldhauptmann herauf, schlägt die Kurfürsten nieder, das Reich hat ein
neues Gesicht. Ich will Euch gestehen, ich bange nicht, ich bin in
keinerlei Sorgen. Wer Sorgen haben muß, sind die Kurfürsten des Reichs, die
ich niederdrücken kann, wenn ich will. Ich kann sie hinlegen lassen, als
wenn sie an Armen und Beinen gefesselt sind. Ich habe die Macht dazu.«

»Wie beschließt Ihr?«

»Nichts, noch nichts. Ich lasse die Herren warten. Ich kann mich ohne Zwang
nach beiden Seiten entscheiden. Ich will ihnen kein Unrecht antun. Ich will
mich ganz auf mich besinnen. Den Augenblick abwarten.«

»Wie große Macht hat Euch der Herr des Himmels verliehen. Wenn sich ein
gemeiner Mann, ein Edler auf sich besinnen will, kann er in einen Winkel
oder in die Kirche gehen; das Gespräch mit sich und Gott ist alles, was er
vollbringt. Ihr habt so viel Freiheit, daß Eure Selbstbesinnung über
Millionen Seelen verfügt.«

»Ich würde dies nicht wagen, wäre ich nicht Christ.«

»Majestät, mein Beichtkind, ich bin bei Euch in diesem Augenblick. Ich bin
glücklich, daß Ihr mich ruft. Habt Ihr Furcht oder Beklemmung, den Herzog
zu entlassen?«

»Nein. Ich bin ihm dankbar. Aber ich verfüge über ihn.«

»Ist es Euch schlimm, die Kurfürsten zu unterdrücken?«

»Ihnen soll kein Unrecht geschehen. Sie werden mich durch ihr Gebaren nicht
zum Unrecht verleiten. Wenn es muß, werden sie beseitigt werden.«

»Sie sind fromme Männer, darunter Bischöfe der Kirche.«

»Mein Feldhauptmann hat mich wieder in den Besitz meiner Erbkönigreiche und
Länder gebracht. Er hat das Heilige Römische Reich vergrößert und mächtig
gemacht wie keiner dieser Kurfürsten.«

»So laßt ihn hermarschieren, die Kurfürsten verjagen oder in Eisen legen.«
»Wenn es gut ist, daß dies geschieht, soll es den Kurfürsten bereitet
werden.«

Der Pater schüttelte langsam und lange den Kopf, studierte seine
Handteller, rieb sich die Schläfe; plötzlich legte er die Hände zusammen.

Jetzt, fühlte der Pater, war er im Begriff, den Kaiser zu schänden. Jetzt
konnte er die Zertrümmerung vornehmen. Ferdinand setzte sich nicht zur
Wehr. Das reine Gesicht konnte er verwüsten.

Und plötzlich war es ihm in die Seele gelegt, das Geschick zu versuchen. Er
hatte gebetet, ihn vor Sünde zu bewahren. Aber er ging schon führungslos
den Weg. Und während er zitterte, kam aus ihm heraus: »Ich finde keinen
Gesichtspunkt.« Und fühlte dabei, seinen Kopf duckend, die Stirn von einem
nassen Schauer überzogen, daß er in einer Krise stand und daß ihm weiter
nichts mehr übrigblieb. Er flehte und sündigte in einem Atem. Lächelnd
weitete sich das Gesicht des Kaisers, er breitete gegen ihn die Arme aus:
»Nun, lieber Vater Lamormain, so werde ich wohl keine große Schuld begehen
können.«

»Sprecht Ihr selbst,« drängte angstgetrieben der andere, »haltet Euch nicht
zurück. Kommt heraus.«

In Ferdinand wallte es, seine mageren Wangen zitterten, sein Blick wurde
stier: »Ihr wollt mich versuchen. Ich habe nichts mit Wallenstein und
nichts mit den Kurfürsten. Es soll sich keiner von beiden anmaßen, daß ihm
Unrecht von mir geschehen soll. So ruhig wie einer einen Würfelbecher
umstülpt und die Kugeln zählt, wird mein Entschluß folgen. Wißt Ihr --« er
flüsterte geheimnisvoll, »warum ich dies kann? Weil ich die Macht habe. Ich
kann den Augenblick abwarten. Sie wird mir nicht genommen werden.«

Wie durch ein Bad von Pein wurde der Leib des Paters gezogen, er konnte
sich nicht rühren, in ihm schrie es, die Bannung möchte weichen.

»Seht Pater, so unumschränkt verfüge ich in dieser Sache, daß ich mich
versucht fühle, die Entscheidung von einer Kinderei abhängen zu lassen: ich
rufe meinen Kammerdiener und tritt er mit dem linken Fuß über die Schwelle,
hat Wallenstein gesiegt, mit dem rechten die Kurfürsten.« Da preßte
Lamormain hervor, dunkel hörte er sich seufzen: »Lästerung.«

Langsam wankte Ferdinand auf ihn, griff seine linke Hand, die er sich an
die Brust zog und drückte: »Ihr seid mein Freund. Ihr werdet nicht
verraten, was ich unternehmen will. Es wird bald ruchbar sein, ich möchte
es einige Zeit bei mir behalten. Wißt Ihr, warum? Um mich daran zu weiden.
Denn sobald ich es herausgesetzt habe, wird man es umgehen und erklären und
wird seine Torheiten und Roheiten über meinen Entschluß häufen. Ich will
ihn einige Tage bei mir behalten. Ihr werdet zugeben, daß ich Grund dazu
habe. Ihr sollt Euch mit mir freuen daran, mein lieber Freund.«

Der Kaiser schien zu delirieren. Seine Brust wogte auf und ab. Er schien
sich mit den Händen des Paters beruhigen zu wollen. Seine Augen konnten
sich an keinem Punkt befestigen. Sein Mund schnappte wortlos, die Lippen
von Wasser überflossen; dabei knickten seine Knie häufig ein. In ihm
strömte es dumpf: ich folge, ich folge, ich halte mich nicht zurück.

Der Jesuit stöhnend, in großer Furcht: »Welche Lösung Ihr auch findet, ich
flehe Euch an, daß Ihr in diesem Augenblick nichts beschließet. Ich rufe
Euch an, Majestät.«

Schreiend, lachend, die Last aus sich wälzend, der Kaiser: »Mir sollt Ihr
es nicht verwehren, in diesem Augenblick zu sprechen. Wann soll ich zu
einem Entschluß kommen, wenn nicht jetzt. Wie soll das aussehen, was ich
meinen Entschluß nennen soll, als was ich jetzt in mir habe.«

»Ich will es nicht hören, laßt davon ab.«

»Doch müßt Ihr hören, Pater, doch. Ihr sollt mir sagen, was Ihr denkt. Ihr
seid der einzige, der daran teilhaben soll, und könnt Euch mir nicht
verschließen.«

Der riesige Mann rang mit dem Kaiser, suchte ihn an die Bank zu führen. Der
wollte mit den fliegenden Augen vergeblich ihm ins Gesicht sehen: »Wie seid
Ihr, Pater.«

»Setzt Euch. Besinnt Euch. Wollt Ihr Wein?«

»Hört einmal. Laßt meinen Wams. Liebster Pater.«

»Ich will Euch nicht hören, Majestät.«

Ferdinand auf die Bank gedrückt, blickte sprachlos an dem schwarzen Rock,
dem strengen Kinn hoch; erzitterte stark. In seinem Gesicht stand ein
verzerrtes, unklares, fragendes Lächeln, er hauchte: »Was ist das? Was hab'
ich verbrochen?«

»Der Satan bewältigt Euch.«

»Ich weiß alles, was kommen wird.«

»Seid still. Herr, führe uns nicht in Versuchung.«

»Pater, leibhaftig steht vor mir, was kommen wird, wie Ihr.«

»Herr, führe uns nicht in Versuchung. Schließt die Augen, seht nicht um
Euch. Betet mit mir.«

Als er gemurmelt hatte, haftete der starre helle Blick Ferdinands an der
Stirn des Jesuiten: »Es ist noch alles wie vorher. Ich kann mich kaum
bezähmen, zu Euch zu sprechen.«

Lamormain, in der furchtbaren Angst über die Dinge, die er heraufbeschwören
mußte, hielt sich kniend für sich, preßte den Rosenkranz an seine Lippen.
Die Strafe raste über ihn. Von rückwärts berührte ihn der sehr stille
Ferdinand: »Ich weiß: Eure Aufgabe ist schwer. Eure Qual ist groß. Ich will
Euch gehorchen. Was habe ich zu tun?«

Da brachte der Pater in der Bitterkeit der Verzweiflung hervor, fast
brüllend stieß er es aus sich heraus: »Ihr müßt den Herzog verabschieden,
nicht behalten.«

Über die Schulter des Knienden beugte sich der Kaiser von rückwärts, ganz
naiv und erstaunt, streichelte seinen Arm.

Ja, dies hätte er beschlossen: ob wohl der Papst etwas anderes beschlossen
habe?

Und als sich Lamormain entsetzt herumwarf, murmelte Ferdinand, die Arme
verschränkend, so hätte der Pater selbst gesagt, was ihm, dem Kaiser, nicht
gestattet war.

»Ihr werdet Euch des Herzogs begeben? Der Krieg um Mantua soll aufhören?«

»Seht Ihr, wie Ihr alles wißt. Und jetzt sagt Ihr selbst alles.« »Mein
Heiland, Ihr! Ihr! -- Wie wird Euch der Heilige Vater loben, wie werden
Euch die Fürsten loben.«

»Seht Ihr«, lächelte Ferdinand völlig ruhig und freudig stolz wie ein
beschenktes kleines Mädchen. »Und warum durfte ich es nicht sagen?«

Um Mittag kam der Luxemburger, noch immer fassungslos und verstört sich
zerknirschend, in das bischöfliche Musikzimmer. Dem Kaiser sagte er, er
käme sich zu weiden an seinem Beschlusse.

»Leise, leise«, warnte der andere.

Ferdinand bog sich über den Fensterrahmen; es zirpte von unten herauf,
Fasanen stürmten über den Sand. Ja, man könne froh sein; das sei nun eine
Säule in ihm und die sei nicht umzustürzen. »Ich freue mich, Pater, daß Ihr
mich hören wollt. Es ist geschehen in meiner grenzenlosen Liebe zu beiden,
zum Herzog und zu den Fürsten. Jedem habe ich ein Liebes angetan. Jeden an
seinen Platz geführt.«

Der Jesuit saß ratlos ungläubig vor den mysteriös gesprochenen Worten. »Ihr
wolltet ein Unglück vermeiden«, fragte er gequält. Er hatte kaum ein Ohr
für das, was er hörte. Er war in seiner Verwirrtheit hierher getrieben
worden, um sich zu beruhigen. Was soll mit mir geschehen, fragte er sich.
Er verzerrte sein Gesicht: »Ich freu mich ja mit Euch.« Er suchte ein
freundliches Wort vom Kaiser zu erbetteln, und daß Ferdinand ihn anblickte,
ihn erkannte, ihm half.

Der Kaiser blieb still. Er hatte einen milden nachdenklichen Ausdruck,
hielt den Kopf leicht auf die rechte Schulter geneigt: »Sie dachten mich
mit Anwürfen zu reizen, die Kaiserin grollt mit mir, weint irgendwo. Der
Herzog war auf dem Sprung, es fehlte nur mein Signal. Wozu dies alles.
Kommt jedes zu seiner rechten Stunde.« Und dann wandten sich seine sehr
ruhigen, ganz hellen Augen dem sitzenden Pater zu; er lächelte ihn an:
»Seid froh, daß Ihr nicht die Verantwortung habt. Ihr hättet Euch nicht
regen können vor der Gewalt, die man Euch antäte.« Er faßte den Pater bei
den Händen, zog ihn hoch, legte, neben ihn tretend, seinen rechten Arm
unter den linken Lamormains: »Aufgeregt seid Ihr, Lamormain! Ihr blickt
noch ganz wirr. Laßt es fallen. Nur sinken lassen. Es geht schon. Kommt.«

Sie gingen zusammen in den Garten. Wie ein krankes Kind ließ sich Lamormain
führen. Er fror, war demütig und fühlte, daß ihm verziehen werde.

Sie gingen zusammen zwischen den Beeten. Der Fürst blinzelte die Reseden
und Hühner an. Er freute sich seiner Blindheit.

                   *       *       *       *       *

Als der Kaiser vier Tage hatte verstreichen lassen, während derer er mit
sich und seinem Entschluß umging, ließ er noch einmal das Theater der
Beschuldigungen, Bedingungen, des Grolls, der Wildheit an sich passieren.
Es geschah, um sich noch einmal zu kontrollieren. Als er merkte, daß keine
Feindseligkeit in ihm entstand, schien es ihm gut, seine Räte zu sich zu
bescheiden. Obwohl die Einladungen in größtem Geheim erfolgten, verbreitete
sich ein Wispern in der Stadt. Die Spannung im Quartier der Kurfürsten und
Fremden war auf das höchste gestiegen; vor dem Hause des Grafen Tilly
hielten zehn Berittene Tag und Nacht, gesattelt, mit Mundvorrat; er selbst
verließ sein Haus nicht. Man hatte es verstanden, nahe der Stadt, am
Donauufer, leichte Kanonen mit Artilleristen zu verstecken; es war
vorauszusehen, daß, ehe die geringste feindliche Belästigung erfolgte, die
Stadt in ligistische Hände fiel. Die Franzosen gingen hin und her, gaben
ihre Ratschläge. Man schwirrte um den Pater Joseph, um die Jesuiten, den
Kardinal Rocci. Der Beichtvater war unsichtbar.

In der Konferenz in der bischöflichen Ritterstube, die in Gegenwart
Lamormains und des jungen Königs von Böhmen stattfand -- er saß
weißgekleidet, schmächtig, mit sehr mürrischem, hochmütigem Ausdruck neben
seinem aufgeräumten Vater -- wurde der unveränderte gefährliche Stand der
Dinge vom Grafen Strahlendorf resümiert. Dann äußerte sich der Kaiser; es
sei ihm nicht fremd, daß die Fürsten geneigt wären, es auf das Äußerste
ankommen zu lassen; man werde ihm auch einen Entschluß, nachzugeben, als
Schwäche ausdeuten. Das sei ja schlimm. Aber ihm sei das Wichtigste, daß
mit Glimpf bei der zur Beruhigung des Reiches notwendigen Abdankung des
Herzogs von Friedland vorgegangen werde. Mit aller Deutlichkeit solle ihm
zu erkennen gegeben werden, daß er nicht, wie es Blinden scheine, als ein
Opfer der Kurfürsten falle, sondern daß die Reichsinteressen von ihm dies
Opfer verlangen; er täte mit seinem Rücktritt dem Reich einen Dienst, wie
wenn er eine Schlacht gewönne. Unendlich sei das Reich ihm dankbar.

Der König beschränkte sich auf ein paar Redensarten; er fand sich sichtlich
mit dem kaiserlichen Entscheid nicht zurecht, obwohl er Wallensteins
Abdankung verlangt hatte. Über der ganzen Versammlung der Geheimen Räte lag
Verblüffung; der Entschluß war da, den man selbst nicht hatte fassen
können, der so oder so hatte fallen müssen.

Einsam saß Lamormain. Man blickte von ihm weg. Dieser hatte gesiegt. Die
Jesuiten herrschten.

Strahlendorf fragte, was man tun wolle, wenn der Herzog den Oberbefehl
nicht niederlege. Darauf schwiegen die anderen; der Kaiser hielt die Frage
für gegenstandslos.

Der kleine Abt von Kremsmünster fuhr in raschestem Tempo mit Trautmannsdorf
in dessen Quartier. »Wir sind geschlagen, Graf. So hat Eggenberg auch von
Istrien her gesiegt. Eggenberg hat seinen Willen. Was wird Slavata sagen.
Wollen wir unsere Ämter niederlegen.« Kremsmünster von Minute zu Minute
entsetzter; die ungeheuren Schulden des Hofes bei Wallenstein, es sei
unausdenkbar, der Beschluß müsse rückgängig gemacht werden. Der verwachsene
Graf kam nicht aus dem Staunen heraus, er gab zu, daß er den Kaiser
bewundere. »Dies ist ein anderer Mann als der in München. Er fürchtet uns
auch nicht.« Der Abt schrie, Wallenstein dürfe nicht nachgeben. »Herr,«
wiegte der Graf den Kopf, »der Kaiser weiß, was er tut. Der Herzog gibt
nach.« »Er tut es nicht. Ihr werdet sehen.« Und plötzlich in Kremsmünsters
Kammer war Trautmannsdorf ganz erschrocken: »Nun hat Eggenberg recht
behalten; der Kaiser will sich nicht mehr auf den Herzog stützen. Was hat
er aber vor?« Der kleine Abt todblaß und wild: »Wir haben diesen Kongreß
auf dem Gewissen. Er war verkehrt. Wir sind ärmer als vor dem Münchener
Vertrag.« Bis Trautmannsdorf nach langem Hocken hinter einer Harfe von sich
gab: »Jetzt wird es wieder Zeit, sich zu regen. Wahrhaftig, ich komme mir
übertölpelt vor. Wir waren im Taumel, als wir zu dem Kongreß rieten. Der
Kaiser muß bezahlen, was wir verschuldet haben. Verdammte Logik. Wir haben
nicht darum den Kaiser von dem Bayern befreit. Wir werden den Herzog von
Friedland versöhnlich halten müssen. Jetzt laß ich mich nicht binden. Wir
wollen ihn nicht loslassen.«

Lamormain machte sich um dieselbe Zeit schwermütig auf nach der Karthaus zu
Lessius. Stumm saß er eine Weile dem gegenüber; der fürchtete einen bösen
Ausgang, fragte nicht, blieb sehr kalt. Sein Mißtrauen verließ ihn nicht
ganz, als der Pater das Ergebnis der Unterredungen berichtet hatte. Er
fragte, ob den Pater ein persönlicher Kummer bedrücke und ob er ihm etwas
zu sagen hätte. Lamormain, unfähig, vor dieser gelassenen Stimme zu
sprechen, brachte heraus, das Unternehmen hätte ihn sehr angestrengt. Der
Gesandte lächelte mitleidig, fast geringschätzig: die Sache hätte sichtlich
in Gottes Hand gelegen. Von einer Nachbarzelle wurde geklopft; Lessius
stand auf; eine französische Konversation mit entzückten Ausrufen begann
drin. Hemmungslos laut stöhnte Lamormain, gräßlich riß es an seiner Kehle,
als er Lessius nebenan einem welschen Emissär den Ausgang der
Streitigkeiten berichten hörte.

Am Nachmittag strömten in sein Quartier gegenüber dem Bischofspalast die
Besucher; Kardinal Rocci umarmte ihn mit hahnenmäßigem Geschrei, zuletzt
bewegte sich der kleine Pater Joseph herum. In Widerwillen schleuderte
gegen ihn Lamormain heraus: er hätte seine Hände nicht dabei gehabt, der
Beschluß sei fertig bei Ferdinand gewesen. Worauf sich Joseph mit
Freudenschreien zurückzog, in seiner Kurzsichtigkeit gegen die Tür stoßend:
das sei ja herrlich, der Kaiser sei also von sich aus den Franzosen
geneigt.

Lamormain beichtete bei den Jesuiten; er war verbrannt. Er nahm sogleich
Abschied vom Kaiser, um seinem Drang zu folgen, den kranken Fürsten
Eggenberg in Göppingen aufzusuchen, dessen Seele er mit dem Bericht von dem
Entscheid Ferdinands erquickte.

Nach Göppingen war Eggenberg gefahren, die Todesstille in Istrien war ihm
unerträglich; in der letzten Woche hatte er sich unter der Qual der
Ungeduld, Sorge, ja Reue zwingen müssen, nicht nach Regensburg zu reisen.
Lamormain traf den grämlichen alten Mann in Reisevorbereitungen. Und so
tief erquickte der Pater ihn, daß er weinte. Er pries das Geschick des
Hauses Habsburg; der gute Genius sei nicht entschwunden und habe den Kaiser
berührt. Erst als er gebetet hatte, wollte er Lamormain weiter anhören,
sprudelte aber selber glückselig, welche Gefahr vom Erzhause abgewendet
sei. Immer wieder warf er sich auf die Knie, betete, jubelte, umarmte den
stillen Pater: »Ich hab's gewagt. Gott war mit mir.« Nun werde bald der
allgemeine edle Friede kommen, nach dem sich Kaiserhaus und Fürsten und
nicht zuletzt das arme ausgesogene Land sehnten.

Erst an den nächsten Tagen merkte der Fürst Eggenberg, daß der alte
Jesuitenpater zerstreuter und unruhiger als sonst war, von ihm Tröstliches
einsog. Und als er tagelang neben ihm spaziert war zu dem Quell und durch
die Felder, erfaßte der Fürst, daß der stammelnde Lamormain um sich selbst
in Angst war. Stöhnend, fast wie ein Tier, brachte im Walde Lamormain eines
Abends hervor, daß er das gütige nachgiebige und machtbewußte Gesicht des
Kaisers nicht vergessen könne; er hätte ihn verführen wollen. Der Kaiser
hätte ihn beschämt, verächtlich beiseite gelassen. Er schäme sich. Wie ein
Begnadeter hätte er ihn, den Sünder, angeblickt.

                   *       *       *       *       *

Über die hügeligen bewaldeten Straßen die Donau entlang brausten die
Kroatenschwärme des Isolani. Von Regensburg her kam das Rufen,
Fahnenschwenken, rastlose Trommeln; erst einzelne Patrouillenreiter, dann,
mitgerissen, Wachen, halbe Fähnlein. Überall schrien sie sich zu, winkten
mit den Händen. Aufbruch! Bagage warfen sie auf den Boden; Heuschober
angezündet als Signale für die zerstörten Fouragemacher. Hinter ihnen der
Schwall des Staubs und die Öde. Wie ein Igel wulstete sich der Schwarm ein,
stülpte sich südwärts um. In stummem Bangen ließen sie die leeren Dörfer
zurück, halb erloschene Lagerfeuer, brüllendes, angebundenes, weidendes
Vieh. An Kaufwagen, Händlern, Reisenden, die nach Regensburg wollten,
flogen sie vorbei; Wiehern, Peitschenknallen, Klappern der Waffen im Nu
verschollen. Hinüber ins Augsburgische. In einer Herberge in den Waldrand
gedrückt, dicht vor den Augsburger Toren, Oberst Max Wallenstein. Um den
Wald ballte es sich tobend zusammen, Isolani drang mit triefendem
verwüstetem Gesicht zu ihm hinein, der Oberst lag, ohne Stiefel, betrunken
in seiner Kammer, lallte, geiferte, plötzlich ernüchtert den Kroaten an,
schlug sich vor Stirn und Brust. Aufgesprungen, die Schreibtafel des
Isolani nahm er an sich, band sie sich um den Hals. Zum Kroaten und seinem
Leutnant: sie wollten zusammen reiten. Käme er nicht durch, sollten sie die
Tafel zum Herzog tragen, ihn liegenlassen wo er liege und wenn's in einem
Wassertümpel wäre. Gestiefelt, Hut und Wehrgehenk, aufgesessen.

Max wippend auf dem Pferde rechts, links, in die Höhe wie ein Korkstück auf
brodelndem Wasser; bald nur in einem Schimmer von Bewußtsein; stumpf
lernten seine Lippen: »Es ist vorbei, wir sind hin.« Pferdewechsel. Die
Nacht durchrast. »Es ist vorbei, wir sind hin.« Vormittags durch die weiten
lärmenden Truppenansammlungen in Memmingen hinein. Gezogen vor den Herzog:
»Es ist vorbei, es ist hin.«

Während Max schlafend fiel, als er die Tafel abgegeben hatte, ächzte
Isolani, ob sie absatteln sollten. Dann erst sah der Herzog den
schnarchenden Obersten unten an, schrie: »Raus!« Der ließ sich forttragen.

Sieben Tage lang ließ Wallenstein alle Arbeit liegen. Gelähmt vor Wut an
Armen und Beinen. Er hätte alles erwarten müssen, denn Zenno hatte diesen
Ausgang berechnet, aber er hatte es nicht geglaubt. Und als Zenno zu ihm
kam, um wieder eine Berechnung vorzutragen, schoß der Herzog eine Pistole
hinter ihm ab. Jetzt trampelte er nicht auf seinen Hut, sondern zerriß ihn.
Er war völlig blind. Die Truppen auf Regensburg werfen, den Kollegialtag
gefangen nehmen, den Kaiser aufheben. Er traf mit Neumann und Max einige
lahme Vorbereitungen. Bis er selbst alles hinwarf, die Herren davonjagte.
Er war dem unheimlichen, zu plötzlichen Gedanken nicht gewachsen.

Sie hatten ihn. Zum zweiten, dritten Male. Nachdem er ihnen das Reich
wiederhergestellt hatte. Zum Zerknirschen des eigenen Gebeins und
Eingeweides.

Er hatte nie etwas Persönliches für den Kaiser empfunden. Der war der
erwählte Regierer des Heiligen Römischen Reiches, dem er diente. Das riß
jetzt an ihm; der Damm geborsten; der Kaiser war etwas, das ihn angriff. Er
konnte sich dazu nicht finden. Er mußte, er mußte den Kaiser und das ganze
Pack schlagen, wenn er leben wollte.

Und wie er reglos in seiner Kammer saß und sich zusammenhielt, heulte es in
ihm, daß sie ihm noch Hunderttausende, Millionen schuldeten. Und es labte,
labte ihn. Noch Millionen. Sie waren ihn nicht los. Sie konnten sich ihm
nicht entziehen.

Oder sie -- konnten -- auch das wagen. Er fletschte die Zähne. Es wäre das
richtigste. Er würde es tun in ihrer Lage. Dem Feind den Knebel in den Mund
stecken. Ihn noch bezahlen lassen. Werden sie es?

Werden sie es?

Und während sie nacheinander im Hauptquartier eintrafen, die Trzkys,
Bassewi, Michna, De Witte, seine sanfte Frau, wurde ihm zugetragen, daß die
heftigen Kämpfe in Regensburg, von denen man ihn ausgeschlossen hatte, noch
anhielten; die Fürsten betrieben seine Beseitigung aus Mecklenburg,
verlangten Schadenersatz, Rechnunglegung. Die Stadt Memmingen war still,
aber brüllend wie eine Kirchenglocke Wallenstein. Sein Zustand
lebensgefährlich, die Aderlässe gegen die schrecklichen Kongestionen
blieben fruchtlos, man konnte nur auf halbe Stunden an sein Bett, neben dem
die Frau Isabella demütig saß und nicht zu weinen wagte. Der Kaiser mußte
angegriffen werden; er war dem ungeheuerlichen Gedanken nicht gewachsen.
Der lange magere Herzog war ein sterbendes Untier zwischen seinen Laken und
Kompressen, den Tod wünschte er sich herbei, zerreißen wollte er den
Bayern, den Kaiser, die Jesuiten, die Franzosen. An seinen dünnen
Unterschenkeln brachen Gichtgeschwüre auf, das erleichterte ihn; seine
Augen verschwollen rot und liefen; sie standen wie Beulen zwischen den
fleischlosen Wangen, neben der hohen Nase. »Sie haben mich am Spieß, sie
werden mich wie einen Juden brennen«, wälzte er sich.

Als der Bescheid eintraf, er werde mit Glimpf entlassen, eine Deputation
des Wiener Hofes werde zu ihm gesandt werden, riß er sich, halbtot wie er
war, auf, schleppte sich ins Freie vor sein Haus, wurde sogleich ohnmächtig
die Stufen wieder zurückgetragen. Am nächsten Tag erhob er sich wieder,
erst auf Stöcken wandernd, dann zwischen den Schultern zweier Trabanten
hängend: »Der geile Mansfelder ist auch nicht im Bett gestorben. Und ich
sterbe noch nicht.«

Vom Regensburger Hofe kamen Trautmannsdorf und Questenberg; sie hatten
diese Mission übernommen, um ihn milde zu stimmen; sie brachten Ferdinands
gnädiges Schreiben. Sie unterhielten sich freundlich; zwei Kutschzüge mit
sechs Pferden schenkte er dem Grafen; Questenberg ein neapolitanisches
Tummelpferd. Friedland sah und sollte sehen, es gab Männer seines Anhangs
am Hofe. Sie waren Besiegte; der Kummer stand auf ihrem Gesicht.

Damit stieg der Herzog aus dem furchtbaren Angriff, den man gegen ihn
unternommen hatte, und schüttelte sich. Sie waren zu dumm. Hatten ihn leben
lassen, nicht einmal die Federn hatten sie ihm gerupft.

Er ging noch viele Wochen nicht aus Memmingen. Er ließ aus dem Reich
beitreiben, was ihm noch zustand. Allerorts wurden jetzt noch schwere
Kontributionen erpreßt. Täglich hatte er mit Michna und De Witte
Verhandlungen, ihre Aufstellungen waren genau, Wallenstein stachelte sie
an; sie sollten nichts verlieren. Er lud sie ein, bei ihm zu bleiben, sie
sollten ihn nicht verlassen, ohne völlig befriedigt zu sein. Die drängten,
er ließ sie nicht. Michna und De Witte kamen auf die Vermutung, der Herzog
werde doch nicht klein beigeben und irgend etwas Unversehenes versuchen;
Bassewi äußerte skeptisch, der Friedländer sei krank, noch ein zwei Monat,
so werde er froh sein, sein Getreide eingefahren zu haben. Als Graf Trzka
sich freute, daß Friedland zögerte mit dem Abschied, es sei ein heilsamer
Schreck für den Kaiser, dachte Friedland einen finsteren Augenblick nach:
»Für den Bayern ein heilsamer Schreck; der hat noch nicht gewagt, seine
Truppen nach Hause zu schicken. Die Landfahnen kommen nicht zur Ernte; ein
mageres Jahr für Bayern.« Aber er ließ keine hetzenden Reden aufkommen,
hatte keinen Sinn für Kindereien. Es sei bald Zeit. Er wolle nach Prag. Das
Heer solle der Bayer übernehmen oder der alte Tilly. Wallenstein stand
straff, blickte böse und drohend: er hinterlasse ein vortreffliches Heer;
man werde einen spaßhaften Krieg jetzt führen; vielleicht brächten die
Jesuiten den Frieden vom Himmel.

Der Herbst war schon da, als er dem Hofe schrieb, daß er nunmehr die
Geschäfte dem Grafen Tilly übergebe, selbst nach Prag übersiedle.

Durch ein klagendes Heer fuhr er von Memmingen aus. Straßen hinter Straßen
standen die ruhmreichen Regimenter mit Fahnen und Regimentsspiel Spalier.
Der Herzog saß düster in seinem roten Mantel; er hob von Zeit zu Zeit vor
den Obersten, die heranritten, den Hut, winkte den und jenen heran, gab ihm
die Hand. Er fuhr lange und fuhr in kaltem Behagen: diese Regimenter hatte
er zusammengeführt, sie würden auseinanderfallen, wenn sie in fremde Hand
kämen. Der Weg ging über Ulm, zu Lande weiter; es ging nicht nach Gitschin.
Der Herzog drängte auf Prag. Und alle, die mit ihm ritten und fuhren, waren
von großer Freude erfüllt: der Herzog lebte, wollte noch leben. Man fuhr
keinen Toten des Wegs.

Über Nürnberg zogen sie, vierhundert Mann der Leibgarde, zahllose Wagen und
Pferde. Und so groß war die Bestürzung in der Stadt bei dem Gerücht, daß er
verabschiedet sei und sich nähere, daß der Große Rat der Stadt
zusammenlief, in Eile Geschenke beschloß, die auf dem Ansbacher Weg
entgegengeschickt wurden, eine Maßnahme, die man später nicht verstehen
konnte. Als Friedland über das Bayreuther Gebiet kam, war die Nachricht von
den Regensburger Vorkommnissen schon allgemein; tiefe Beklemmung und
Bangigkeit hatte sich weithin verbreitet.

Nur wenige tausend Menschen sahen den prächtigen stillen Zug sich
schwerfällig über die Äcker, zwischen den Wäldern winden. Aber das ganze
Heilige Reich hing mit geistigen Augen an seinen Bewegungen. Man sah, wie
eine grauenvolle Unverständlichkeit im Reich es dahin gebracht hatte, daß
dieser Drache, dieser Herzog zu Friedland, der Wallenstein, sich offen vor
aller Blicke in seine Höhle zurückzog, sich versteckte und als
entsetzliches Geschick für die ruhigen Landschaften auf seinen Augenblick
wartete. Aus kleinsten Flecken wurden die schutzflehenden Deputationen
hervorgequetscht; sie berieselten seinen Weg; er grollte nur über die
Kanaille, die ihm den Weg versperrte. Seine Garde hatte nicht nötig auf
Requisition auszugehen. Mann und Pferd wurden unter einer Flut von
Beteuerungen und Heimlichkeit das Zehnfache von Fourage gebracht. Bei den
Begleittrupps, den Kriegsoffizieren, stellte sich eine Neigung heraus,
selber das Glück zu versuchen, sahen die Furcht und Untertänigkeit rechts
und links, wurden mit Gewalt gebändigt. Sie fanden Wallensteins Rückzug
ebenso sonderbar steif wie einflußreiche andere Männer.

Aber alles veränderte sich, als man sich Eger näherte und die böhmischen
Grenzen überschritt. Hier war das dunkle zerrissene Land, aus dem er
gekommen war. Er kam zurück. Mit Weltruhm, dem größten Reichtum Europas,
von Memmingen. Ohne Amt. Im Berge Blanik schlafen die Wenzelsritter bei
Wlasin. Es heißt, daß es dort eines Tages trommeln wird, ein Getöse erhebt
sich, die Baumwipfel werden dürr, aus den Quellen werden Flüsse, Blut
fließt in Strömen von Strähow bis zur Prager Brücke; Wenzel tötet alle
seine Feinde. Das Land sog ihn ein. In zahllosen Krümmungen floß die
bräunliche Eger, über Moorwiesen kamen sie, hinter ihnen strahlten tagsüber
die Schneegipfel des Riesengebirges. Das hüglige Land ließ sie von einem
Rücken auf einen andern gleiten. Aus dem Egerland und Ascher Gebiet, von
Grünberg, dem Kennerbühl fuhren und ritten die Bauern über seine Straße,
begierig ihn zu sehen, wie er aussehe, wie er blicke, der den Dänenkönig
zerschlagen hatte und den der mißgünstige Habsburger nach Hause schickte.
Ei, mit Kaisern und Königen Kirschen essen! Zwitscherten und geiferten
untereinander: »Er hat den Kaiser schön geschoren. Seht die silbernen
Partisanen, die Tummelpferde. Hat's dem Kaiser nicht hinterlassen, war
nicht dumm.« Sie waren nicht feindselig, wie sie auf den Wiesen und Hügeln
standen, zogen klirrend die Kappen, fuhren Heu und Stroh an.

Hinein fuhr er, aufwühlend wie mit einem Schiffskiel in die fassungslosen,
ihrer Sinne nicht mächtigen, die in den Konventikeln, den ansässigen Adel,
Utraquisten, zwangsweise Konvertierten. Die Rache, die wonnige, die
ungeahnte Fürsorge des Geschicks. Abgeschüttelt der Verräter von seinem
Herrn, heimatlos, sippenlos. Sollten sie ihn fasten lassen; sollen wir ihn
kommen lassen. Die grunzende Inbrunst der Zusammenkunften, Jubel, der
wohlig quietschte, wirbelte: Wallenstein gezwungen, ihre Partei zu halten
oder als Privatmann zu verrecken!

Mütterchen Prag am Hradschin sah schweigend, nicht fragend den
menschenumschwärmten Zug nahen.

Die Moldau floß unter der grauen Brücke. In seinem orientalisch reichen
Palast stieg Friedland ab. Er wohnte abgeschlossen für sich. Nach Sachsen,
Brandenburg flogen die leisen Botschaften. Als italienische Maler
anfragten, wann sie die Bilder in den Sälen vollenden sollten, kam aus dem
Palast der Bescheid, überall hin kolportiert: »Die Herren sollen warten,
bis ich davon bin. Glauben die Herren, der Palast werde mein Sarg sein?«

Hinbrütende Demut vor dem verlorenen, wiedergekehrten Sohn, Hin- und
Herschlüpfen der Juden, Berater. Wie Paukenschläge einige schwelgerische
Feste, dann kühle Empfänge der Sippenverwandten, Worte, als hätte sich
nichts ereignet, ein Brief von Eggenberg, einer vom Kaiser, Ärzte.

Wer war das, der in dem neuen Palast hauste?

                   *       *       *       *       *

In der Stille des Sonnabends wurde der Kardinal Rocci vor das bayrische
Quartier getragen; der Kurfürst war von einer Jagd noch nicht zurück. In
der Vorkammer schwatzte der kleine Kardinal mit jedem Ankömmling von dem
großen neuen Sieg, den die heilige Kirche errungen hätte; der Priester
vergab sich etwas, indem er Bediensteten und Kämmerern auf die Schultern
klopfte; wenn er allein saß, lachte er laut: »Sie ziehen ab, der
Wallenstein und der Spanier. Ist bald die ganze Lombardei leer und
gesäubert.«

Als der kreischende Purpurträger Maximilian mit der Neuigkeit entgegenlief,
war dem Bayern einen Augenblick, als zischte vor ihm ein Blitz nieder. Er
saß mit Rocci nieder, fahlblaß von der Jagd und der Erregung, mit dicken
Schweißtropfen um den gespitzten Mund; lächelte gedankenlos zustimmend zu
dem Geschwätz des Italieners.

Als der ihn verließ, blieb er, die geöffneten Hände auf den Knien, mit
gerunzelter Stirn, Bitterkeit in der Kehle, sitzen. Richel trat ein,
freudig bewegt. Kalt tönte die weiche klare Stimme Maximilians: »Habt Ihr
etwas anderes erwartet?« »Ich freue mich, daß die Römische Majestät
nachgegeben hat.« »Er hat immer nachgegeben, Richel, wo man etwas von ihm
wollte. Es war kein Entschluß von ihm. Mein Schwager kennt keine
Entschlüsse. Er schickt den Friedländer weg, weil man ihn drängt und wird
ihn wieder holen, wenn man ihn drängt.« »Der Herzog hat ja nicht gewollt zu
uns stehen.« Der Kurfürst aufrecht, fest: »Der Vorfall ist lehrreich. Ich
werde den Vorfall verstehen. Diesmal besser und erbarmungsloser als voriges
Mal. Er hat die Situation verstanden. Wir werden sie ihn weiter fühlen
lassen. Wir haben unser Äußerstes anwenden müssen, um dies herbeizuführen.
Ich versteh' jetzt weiter keinen Spaß mit ihm.« Er schlenderte an Richel
vorbei, setzte sich wieder, den Zeigefinger steif ausstreckend: »Die
freundschaftliche Maskerei werde ich in Zukunft nicht dulden. Mir, uns
allen ist der Kaiser diese Rechenschaft schuldig. Er hat geglaubt zu
versuchen, die Tyrannei uns aufzulegen. Es ist jetzt nicht damit genug,
wenn er erklärt, er stehe davon ab. Weil es ihm nämlich nicht geglückt ist.
Ich verlange Sühne.« Der Kurfürst sprach den Rat mit feurigen seltsamen
Augen an: »Verträge brechen und dann ein Dank schön verlangen, wenn man
bereit ist sie wieder zu halten.«

Maximilian ging mit raschen Schritten an die Tür, an der er rüttelte; er
prüfte, ob die Fenster geschlossen waren; er schrie leise: »Wir nehmen dies
nicht an. So füttert man hungriges Vieh. Wer sind wir. Ich bin deutscher
Kurfürst, dem übel mitgespielt wurde von ihm.«

»Und was gedenkt Kurfürstliche Durchlaucht vom Kaiser zu verlangen?«

»Ich lege eins zum andern. Der Berg reicht bald an den Himmel.« Vor der
schmerzlichen Erregung seines Herrn sah Richel, seinen Degen schaukelnd,
auf den Teppich; ruhig sagte er nach einer Weile, als sich der Kurfürst im
Sessel reckte: »Vielleicht wird es nötig sein, nunmehr zu
Präventivmaßregeln zu schreiten und sich vor Schwierigkeiten in Zukunft zu
schützen.«

»Ihr erklärt den Wiener Herren, ich könnte mich mit dem Entscheid nicht
zufrieden geben. Ihr habt keine Spur von Freude zu zeigen und verbreitet es
auch den Kämmerern und anderen. Wir haben keinen Grund zur Freude. Wir
verlangen den Schutz des Reiches und der Kurfürstenlibertät vor
Übergriffen, wie sie vorgefallen sind. Die Armee ist jetzt ohne Haupt. Wir
verlangen nunmehr Übergang des Generalats an uns.« Richel blickte groß;
scharf fuhr Maximilian fort: »Was denkt Ihr? Sie werden dazu nicht lachen.
Ich glaube das. Ich habe auch nicht gelacht, als der Friedländer General
wurde. Das Lachen wird ihnen vergehen. Es wird keine Ruhe im Reich sein,
bis die Kurfürsten die Armee führen. Ich werde mich mit den geistlichen
Herren noch verständigen. Es wird keine Ruhe, bis der Kaiser auf seine
Erbländer zurückgedrängt ist.«

»Die Armee im Reich wird vom Kaiser und dem Kurfürstenkolleg dirigiert.«

»Sie wird von mir geführt. Ich bestehe darauf. Die Protestanten haben sich
selbst ausgeschlossen.«

»Es wird schwer halten, hier den Gewaltstandpunkt zu verheimlichen.«

»Man hat ihn mir gegenüber nicht verheimlicht.«

Bei der Zusammenkunft der katholischen Fürsten im Mainzer Quartier war der
Bayer isoliert. Die Herren waren siegestoll, von Jubel beherrscht. Sie
hatten sich nicht nehmen lassen, vor Beginn ihrer eigenen Besprechungen
durch eine Hinterpforte den Marquis de Brulart und den Pater Joseph zu sich
einzulassen und deren Glückwünsche entgegenzunehmen. Die Franzosen taten
sehr beschämt, als der Trierer, dem sie eine Pension zahlten, und der sehr
geldbedürftige Ferdinand von Köln ihnen allen Verdienst zuschoben an dem
fast unglaublichen Ausgang. Der Kaiser, radebrechten französisch die beiden
rheinischen Herren, wisse, welche starke katholische Macht hinter der Liga
stünde. Der Trierer insbesondere tat, als wäre König Ludwig sein spezieller
Bundesgenosse.

Maximilian, das Gebaren seiner Freunde ignorierend, lenkte in Gegenwart der
stolzen Welschen die Unterhaltung auf das kaiserliche Heer. Die Franzosen
hörten mit Staunen den bayrischen Plan; sie fühlten den Stoß, hielten es
für gut, zu verschwinden. Die Fürsten zappelten gespießt an Maximilians
Vorschlag, das Generalat in Zukunft ihm, dem Ligaobersten, zu übertragen.
Sie bissen und drehten sich. Grämlich sahen sie, daß sie zustimmen würden.
Und ehe sie's dachten, hatten sie zugestimmt. Sie wollten den Antrag
unterschreiben. Verfechten mochte ihn der Kurbayer selbst.

Und dann ließen sie ihren Grimm los und ließen ihn poltern vor Maximilian,
vor dem sie ihre Ohnmacht verstecken wollten. Sie wollten Rache und
Schadloshaltung. Der glotzäugige schwerleibige Philipp Christoph von Trier,
breitbeinig auf zwei Sesseln ausgestreckt, ließ aus der Kehle quellen, die
Lider wenig hebend, zweihunderttausend Taler versudele der Böhme an Küche
und Keller und sei dabei dürr wie ein Faden; Halberstadt habe ihm ein
wöchentliches Tafelgeld geben müssen von siebentausend Gulden. Er keuchte:
»der Tropf!« Das harte graugesichtige Männlein unter dem violetten
Käppchen, der Reichserzkanzler, kläffte mit seinem breiten gnadenlos dünnen
Mund, es hätten sogar in vielen Landesteilen die Leute sich selber
auffressen müssen. Auch er hätte mit Mühe gegen solche Fälle einschreiten
müssen und geradezu mit Gewalt das für seine Tafel, den Unterhalt der Küche
Nötige, und für die Abgabe an Rom beitreiben müssen. Vorgebückt der
verlebte Ferdinand von Köln rieb sich unruhig die dünne rote Nase; sein
Bruder schwieg so lange; dann konnte er sich nicht zähmen, lispelte,
gestikulierte: mit Glimpf zu entlassen den Herzog, das sei ein Betrug an
allen Landesfürsten. Und darauf murrten knurrten sie zu dritt, bäumten
sich, und ihr Groll war nur gerichtet auf den neben ihnen sitzenden feisten
kurzleibigen Bayern.

Der gab von sich, daß man sich hier nicht einmischen wolle. Man möge es auf
sich beruhen lassen. Denn daß Wallenstein mit Ehren entlassen würde,
versöhnte ihn leise mit dem kaiserlichen Entschluß; er begriff, daß
Ferdinand diesen Mann nicht so wegschicken wollte. Wenigstens fürstlich
hatte Ferdinand gehandelt, den er als Kaiser hinnehmen mußte.

                   *       *       *       *       *

Im bischöflichen Garten unter den kaiserlichen Gemächern lief der Abt mit
dem verwachsenen Grafen. Sie rupften im heftigen Gespräch eine kleine Buche
rundherum kahl. Der Abt knallte wieder Blätter vor dem Mund auf. Der Graf
Trautmannsdorf schwang die Arme, schlug die Hände vors Gesicht: also es
finge alles wieder von vorne an; alles sei umsonst gewesen. »Es ist so, es
ist so«, der Abt drückte fast besinnungslos Trautmannsdorfs Arm. »Wozu sind
wir da?« sie stöhnten, stampften den Boden.

Der Kaiser sah sie von oben. Er schickte seinen Leibkämmerer herunter, sie
möchten ihn erwarten. Dann kam er barhäuptig, der Diener trug Reiherhut
Handschuh und Wehrgehenk hinter ihm. Er freute sich, frisch blickend; die
Herren, sie möchten es sich recht bequem machen in Regensburg, man sei zwar
über den höchsten Berg hinweg, aber es gebe noch allerlei Schwierigkeiten;
das würde viel Zeit beanspruchen. Als er die zerknüllten Blätter in den
Händen des Abtes sah, meinte er, mit ihnen vorwärts schlendernd, er wisse
schon, daß es sowohl vor dem Schiff als auch hinter dem Schiff Wellen gebe.
Er plauderte noch allerhand, bis der hagere Graf Strahlendorf, der
hinzugetreten war, von einem Besuch Richels begann. Die Herren drängten vor
den Kaiser, um sein Gesicht zu sehen. Er riß die kleinen Augen auf,
befragte lebhaft den frommen Grafen nach der Sache, dann auch die beiden
anderen Herren. Dann schüttelte er mit freudig überraschtem Ausdruck in das
Gras blickend den Kopf: »Was! Was! Wünscht er das? Wünscht mein Schwager
das? Will er eine so enge Verbindung zwischen mir und ihm? Mein Schwager
hätte alles Mißtrauen gegen mich aufgegeben?« Auf die starre verlegene
Zustimmung Strahlendorfs, -- die beiden andern senkten die Köpfe, --
drängte Ferdinand mit größter Heftigkeit gegen den langen Grafen, ihn am
Wams berührend: »Was, das hat Euch der Richel aufgebunden! Er geht hin und
her, mißversteht hier und dort.« Jetzt stammelte mit rauher Stimme
Strahlendorf, nein, Richel hätte von Dienst- und Amtswegen ein quasi
Verlangen, um nicht zu sagen Anspruch Bayerns auf die Generalatstelle
angemeldet. »Ein Verlangen. Ein Anspruch. Wißt Ihr, daß dies beinah
undenkbar ist! Bayern wird sich damit ruinieren. Es soll versuchen in dies
Wespennest zu stechen, Obersten mit großen Gehältern, verwöhnte Soldaten
und Reiter, diese Überzahl an Menschen ernähren, kleiden, bezahlen, und --
dabei keinem Unrecht tun. Nein, sagt meinem Schwager, es sei sehr lieb von
ihm, aber ich könne es nicht von ihm verlangen. Es ist auch nicht richtig,
sagt doch!« Strahlendorf Trautmannsdorf gingen fast träumend neben und
hinter dem Herrn. Wie aus einer andern Welt kam es Trautmannsdorf selbst
vor, als er sich genötigt fühlte zu sagen, daß Habsburg diesen Vorschlag
ablehnen müsse, da es sonst machtlos werde. Mitleidig lächelnd zog ihn
Ferdinand, ihn um die Hüfte fassend, an sich: »Ist mein treuer
Trautmannsdorf, der Edelstein in meiner Krone, noch so rückständig. Sind
die Zeiten vom Haß zwischen Wittelsbach und Habsburg noch immer da.
Wittelsbach hat gesehn, wie gewaltig, unnahbar gewaltig ein Kaiser sein
kann. Seht doch um Euch, Herr Graf; nicht so historisch gedacht. Habsburg
braucht sich vor keinem Haß mehr zu fürchten. Schon lange nicht mehr.« »Ich
sehe es nicht«, murmelte Trautmannsdorf. »Aber ich,« lachte die Majestät,
»bald werde ich Euch auf den Thron erheben und mich zum Berater anbieten.«
Er ließ den Grafen los; in einem Rosenrondell stand er tiefsinnig, die Arme
verschränkt, da vor den Herren; ein junger Fuchs sprang spielend neben
einer Buche an seiner Kette herum. »Der Papst macht Schwierigkeiten mich zu
krönen. Inzwischen hat mein lieber treuer General Wallenstein, der Herzog
zu Friedland, mich zum Kaiser gekrönt. Das kann mir keiner strittig machen.
Was grabt Ihr die alten Märchen aus.« »Nein,« brach er ab, »vorläufig
glaub' ich nicht ganz an den Ernst meines Schwagers, das Kommando meiner
Armee zu übernehmen. Was sagt Ihr, Ehrwürden von Kremsmünster, zu meinen
Rosen. Wenn sie Euch gefallen, will ich es dem Gärtner bestellen lassen.
Euer Lob ist ihm eine Erhebung in den Adelsstand.«

Den sich bäumenden Widerstand der Herren drückten ganz nieder der Fürst
Eggenberg und der Beichtvater, die aus Göppingen hereinkamen; beide noch
erschüttert von dem Ereignis, das sich vollzogen hatte, und in Erwartung
der bayrischen Übergriffe. Als Kremsmünster die Frage der Zuziehung des
Erzherzogs Leopold aufwarf, war schon klar, daß man einer andern Situation
als früher gegenüberstand. Der Beichtvater, bleich und schwer sich
erhebend, erklärte seine Hände von allem, was geschehen sei, abzuziehen; er
sagte offen, er vermöge gegen den Kaiser nichts anzustiften und zu
unternehmen. Eggenberg las ihm vom Gesicht, daß er von dem jüngsten
Erlebnis noch geblendet war. Lamormains Gesicht gab deutlich das Gefühl
wieder, das sie alle unsicher hatten, daß mit dem Kaiser eine neue
rätselhafte Gewalt unter ihnen aufgestanden war. Man wußte nicht, ob man
sich dieser Gewalt anvertrauen konnte. Dann vor der feierlich traurigen
Figur des Beichtvaters wurde man ruhiger. Der Kaiser, der neue Kaiser
wirkte.

Langsam stellten sie ihre Gedanken auf ihn ein; langsam erinnerte sich
Trautmannsdorf des Satzes Ferdinands, es seien neue Zeiten da. Und als
Trautmannsdorf, der kühnste, am meisten elastische von ihnen zögernd
fragte: »Und wenn es wirklich so wäre, wenn er die Dinge richtig sähe und
einen Weg aus der deutschen Zwietracht wüßte?«, da bezwangen sie sich alle.
Sie fühlten sich bewegt, der Gedanke vom Staatsstreich beschämte sie. Sie
hatten sich feurig und erschüttert zusammengesetzt; nachdenklich trennten
sie sich.

»Was sind das für Zeiten,« flüsterte erstaunt der verwachsene Graf zum Abt,
als sie an dem stumm daliegenden Bischofspalast vorübergingen, der
Beichtvater sich zum Kaiser begab, »ich hielt mich noch für jung und bin
schon verbraucht, verstehe kaum etwas.« »Ach,« seufzte Kremsmünster, »es
ist eine Zeit der Experimente. Hätten wir nur den Herzog noch.« »Denkt
Euch, ach denkt Euch, der Kaiser will Frieden im Reiche machen, er steckt
das Schlachtschwert ein, er will so, so Wittelsbach entwaffnen. Der
Gedanke, der Gedanke!« »Gebe Gott und alle Heiligen, daß uns nichts
widerfährt.« »Denkt Euch, es sah aus, wie ein drohender Kampf zwischen
Kaiser und Fürsten, Bayern und Friedland bis aufs Messer, und jetzt, -- hat
der Kaiser den Sieg an sich genommen, ohne auch nur den Degen berührt zu
haben. Er hat den Wittelsbach nicht einmal an sich herankommen lassen und
schon war er besiegt. Ohne Friedland! Denkt Ehrwürden.« »Phantasien, lieber
Graf. Der Kaiser denkt es und Ihr denkt es.« »Wer kennt die Wege des
Schicksals. Warum sollte nicht einmal eine neue Methode versucht werden.
Unsere heilige Kirche, Ihr seid mir nicht böse, ist stark im Hintergrunde;
Urban soll auch viel Artillerie im Kopf haben. Da besinnt sich der Kaiser
auf sein Herz.« »Hättet Ihr doch Recht.« »Nein, nicht bloß auf sein Herz,
auf unser Herz. Es könnte so sein, es könnte doch wenigstens in der
Phantasie so sein. Und mit einem winzig kleinen, ameisenkleinen
Phantasieaufwand hat der Kaiser unsere gewaltigen Schwierigkeiten behoben.
Bah, stehen die Kanonen da, bah, wissen die Generäle nicht, was mit ihnen
ist.« »Phantasie, Phantasie.« »Das eine Heilige Römische Reich.« »Ach, es
ist ja zum Lachen, Graf Trautmannsdorf. Ich möchte in Friedland und den
Bayern gucken.«

So stolz und entschlossen war Maximilian, daß er nach wenigen Tagen sich
selbst im Bischofspalast eine Audienz erbat und den Kaiser um Erledigung
der schwebenden Heeresfrage anging. Ferdinand hatte noch einmal mit seinen
Herren beraten; es waren sonderbarerweise alle Einwände verstummt, gegen
die Bestellung des ligistischen Generals Tilly zum kaiserlichen Feldherrn
wußte in halber Beschämung niemand etwas zu sagen; ja man hatte sich
gewundert unter den Suggestivreden Trautmannsdorfs, wie glatt diese
einfache Lösung war und wie fruchtbar sie sein konnte.

Ferdinand ging sanft dem Bayern, der trübe blickte, an die Tür entgegen:
»Wie, lieber Schwager, Ihr solltet Euch wirklich zu diesem Opfer
entschließen? Ihr wollt Frieden im Reich stiften? Wißt Ihr, es ist ein
Einfall von Euch, der so den Kern meiner Erwägungen und innerlichen
Beschlüsse trifft, daß ich noch jetzt erschrocken bin. Ja, wie kann diese
Tagung besser geschlossen oder gekrönt werden, als indem Ihr oder Euer
General meine Armee in die Hand nehmt. Jeder Streit entfällt. Eure
militärische Tüchtigkeit ist ohne Zweifel. Und, nein --« Er strich des
Bayern Ärmel und lachte ihn herzlich an. Maximilian, finsterer im Anhören
geworden, fragte ihn nach dem Lachen. Ferdinand schritt mit ihm in den
Saal; nun werde einmal der Bayer alle Sünden auszubaden haben, und in ein
zwei Jahren werde es einen Tag zu Regensburg mit vertauschten Rollen geben.
Der Bayer, unsicher die anwesenden Herren Eggenberg und Trautmannsdorf
fixierend, drängte fort, um sich durch seine Unterhändler der Wirklichkeit
der kaiserlichen Erklärungen zu versichern. Er fühlte sich seiner Sinne
nicht mächtig, hielt sich mit Zwang von neuem zurück, um wieder zu hören,
mit welcher befremdenden Leichtigkeit der Kaiser sprach. Und die seriösen
Räte waren zugegen! Zu Boden geschmettert war er; das Geplauder des Kaisers
regnete auf ihn.

Dann saß er in der Karosse, nahe in ein nervöses Schluchzen auszubrechen.
Unklar kam er sich besiegt vor. Wie ein Mann, der einen Anlauf nimmt, um
eine schwere Last fortzustoßen, blind losgerannt ist und die leere Luft
zerrissen hat. Unfaßbar das Benehmen des Kaisers; was war das, was war das.
Der träge freche Stolz dieses Mannes, diese hochmütige trächtige Liebe. Das
Sicherste war in Maximilian gelockert; wie eine Handvoll Bohnen, zwischen
Granit geworfen, quellend die Quadern hebt. Maximilian blies die Luft von
sich. In dem Logement mit Richel und dem Fürsten von Hohenzollern speisend,
betäubte er sich durch klangreiches Reden. Triumphgeschrei rechts und
links. Boten von Brulart herüber, Boten an die geistlichen Kurfürsten. Die
fuhren am nächsten Morgen vor. Übernächtig genoß Maximilian ihre Angst, die
sich nicht äußern durfte, ihr verlogenes Schmeicheln und Jubeln. Maximilian
fühlte, er war aus seiner Bahn geworfen; es war ein Zustand, wie in den
heißen Tagen, als er mit Wallenstein sich verbinden wollte. Wallenstein,
dieser klägliche überschätzte Mensch, dieser Lump und Knecht, der sich von
seinem Herrn wegschicken ließ, und der auch ging, ohne zu murren,
wahrscheinlich froh über die Tonne Gold, die er davonschleppen durfte. Heiß
rollte der Triumph durch den Kurfürsten. Er hatte das fürstliche Spiel
gewonnen. Die Franzosen wurden angemeldet. Maximilian fertigte sie
hochmütig ab, und plötzlich haßte er sie, weil sie ihn an seine Angst
erinnerten. Abstoßen! Ob sie ihn wohl knebeln zwirbeln und pressen wollten.
So früh und rasch erscheinen, um wie Juden Schulden einzutreiben. Schulden,
Schulden! Bei der erstaunlichen Szene war Fürst von Hohenzollern zugegen,
der nicht daran zweifelte, daß der Kurfürst in einem Schwermutsanfall
sprach und die beleidigten Herren zum formlosen Weggehen bewegte. Ihn aber,
den Hohenzollern, überfuhr der noch unausgeleerte Kurfürst mit wilden und
höhnischen lustgeschwollenen Rufen: ja, es sei nicht nötig, diese Herren
sanft fortzukomplimentieren. Man sollte sie aufheben auf deutschem Gebiet
oder sie in die Donau stürzen, weil er sie durchschaue, die neidischen, die
streitsüchtigen. Sie sollten ihre Finger vom Reich lassen.

Bacchantische und kulinarische Exzesse überschwemmten wieder den Hof. Die
Majestät gab sich nach langer Enthaltsamkeit den Ausschweifungen hin. Es
wurde erzählt, der Morgen beginne mit Bordeaux, der Abend sinke mit
Likören; was in der Mitte flösse, sei auch kein Wasser. Gepränge an den
Tafeln mit den geistlichen Herren. Mit der wieder eingetroffenen
Mantuanerin. Mit Welschen Spaniern Italienern. Schiene es doch, als sei
ganz Regensburg aus dem Häuschen und der Kaiser feire die Leiche Friedlands
weg. Es wurde erzählt, Ferdinand wolle Frieden um jeden Preis; die
Mantuanerin bedränge ihn; was Lamormain leiste, würde bald offenbar werden.
Und da griff Maximilian zu. Er war auf bekannter Fährte: Ferdinand, der
freche Säufer und Fresser! Das war ja das dicke Wildschwein, auf dessen
Jagd er sein ganzes Leben über war. Und sein inniges atemloses Gelächter.

Der Kaiser hatte die Kurfürsten an sich gerissen, als wenn er nach ihnen
verdurste. Zusammengerufen und einzeln konnte er von ihnen nicht genug
haben. Und von den Welschen, den Spaniern, Italienern. Und sie kamen. Der
Riß in Regensburg war beseitigt. Nach Maximilian rief er am heftigsten, und
freudig, heftig gereizt, innerlich brüllend vor Gelächter, machte sich
Maximilian auf die Füße. Er sah darüber hinweg, daß dieser Glanz erpreßter
Reichtum deutscher Kreise war; es machte ihm heißes, unter Spott wucherndes
Vergnügen, daß der Kaiser ihnen allen diesen Glanz hinhielt, als wüßten sie
nichts, ahnungslos leichtherzig wie einer. Ferdinand, der Kaiser blieb,
weil ihm keiner ernsthaft böse wurde. Und der seinen Feldherrn geopfert
hatte, wahrhaftig, aus keinem andern Grunde, als um Frieden zu haben, mit
ihnen allen, und -- wieder ruhig zu pokulieren.

Und dieser selbe Gedanke stieg in einem andern stillen Teilnehmer der Feste
auf, Lamormain, wie Maximilian auf Suche nach der Gebärde Ferdinands, den
Kaiser betastend; den Kaiser anbetend, sich vor ihm kasteiend. Er wurde von
dem allgemeinen Erstaunen über den verwandelten Herrscher mitgerissen.

Dieses Zwitschern Fragen Horchen am Hofe. Herübergeholt die Meisterküche
aus Wien, mit dem Stab der Pastetenbäcker, Zuckerküchler, Erbauer der
Riesentorten; auftauchte die Schar der Truchsesse Vorschneider Mundschenke
Kredenzer. Mit dem schwarzen Stab spazierte zur Musik herein der
Oberstabmeister vor den dunstumhüllten Speiseträgern. Auf den Tafeln vor
den zerreißenden Menschenzähnen das getötete Getier des Waldes, das
singende fliegende tänzelnde, Auerhahn Schwan Pfau weißer Reiher Kranich
roter Fasan. Zuckerbrot Marzipan Sülzen. Inmitten der überflutenden
Leckereien auf der Tafel die weiße Pyramide, um die die vier Elemente
saßen; Fortuna goldgelockt, purpurgekleidet auf einer Kugel, die unter
ihren spitzen Zehen rollte. Gemisch der Nationen an den Tafeln, erfreute
Münder, erbitterte Stirnen; der Deutsche vertreibt den Schmerz, der
Italiener verschließt den Schmerz, der Spanier beklagt den Schmerz, der
Franzose besingt den Schmerz. Musik: wer weiß was Schmerz oder Freude ist.
Feuerwerk Ballett Stechen Jagden Frühstück.

Entsetzt der schwarze hinkende Lamormain hinter dem aufgeblähten
glückvollen Kaiser: »Den Herzog hat er verstoßen, als war es nichts. Er hat
ihm seine Königreiche gerettet. Jetzt weiß er nichts mehr davon. Er hat es
vergessen. Er hat den Friedländer schon vergessen.« Ein gräßliches Gefühl
durch den Pater. Wie ein Kind sah Fürst Eggenberg den Habsburger sich
zwischen den schlemmenden Herren und Fürsten bewegen; er zuckte die
Achseln: »Wohl uns, wir sind über den Berg.« Unvermerktes Abreisen der Räte
Trautmannsdorf und Kremsmünster aus Regensburg vor dem erschreckenden
Anblick ihres Herrn.

Auf Wagen Pferden neben dem Kaiser die Mantuanerin. Die Sicheln der
schwarzen hochgeschwungenen Augenbrauen, die brennenden Blicke, die
straffen glatten Wangen. Um sie reitend auf weißen Gäulen anmutige
Franzosen, die rechte Hand in die Hüfte gestützt, mächtige Goldschärpen.
Beim ersten festlichen Empfang der Fürsten im Bischofspalast schritt sie
neben dem Kapuziner Joseph durch die Säle spitzfüßig auf weißen Schuhchen,
den gelben Rock mit beiden Händen vorn gerafft, daß das purpurne Unterkleid
schimmerte; bis über die Knöchel entblößte sie ihre Füße, die weißen
Strümpfe. Goldgelbes Kostüm bis zu den Achseln ausgeschnitten, Perlen um
den Hals in fünffacher Reihe; feine gelenkige ebenmäßige Büste, die Arme in
weißen weiten Atlas geschlagen. Das Haar schwankte in Locken seitlich über
den Hals, aus dem Nackenknoten stieg schwer eine tellergroße Sonnenblume.
Der siegreiche strenge Mund. Der Herr gab ihr nach, daß für Italien die
Friedensverhandlungen begannen. Sie hatte nicht genug daran, Kasale stand
vor dem Fall. Sofort mußte der Waffenstillstand beschlossen werden. Mit
Flüchen auf die Welt gehorchte der alte Spanier Spinola, nach drei Tagen
war er wahnsinnig, bald tot. Die Kaiserin erschauerte vor Wonne. Ihrem
Oberstkämmerer sagte sie, dem Pater Joseph schrieb sie: »Meldet Kollalto,
er belagere Mantua und mit Mantua meine Seele. Ich werde ihm goldene
Ketten, Land und alle Auszeichnungen verschaffen, wenn er mir und meiner
Stadt wieder Freiheit verschafft. Er möchte nach Wien kommen, er soll es
sich nicht überlegen, wir erwarten ihn.«

Nur noch gelegentlich wurden in der Sommerhitze Verhandlungen gepflogen,
die Kurfürsten baten um Aufhebung des Kollegialtages. Man schaffte die
Ernte in die Scheuern. Tilly, der eisgraue kleine fromme Mann aus Brabant,
war Feldherr der beiden Heere. Das kaiserliche Heer vermindert wie das
ligistische. Friede im Reich und bald Friede an allen Grenzen.

Vor den Quartieren der Kurfürsten standen die breiten Reisewagen. Die Räder
hoch, tief hängende Kästen, mit Kronen an den Schlägen und über den Decken.
Der Lärm der Bankette in der Stadt ging weiter. Hinein stieg seufzend der
schwere Trierer, sah sich müde um, schlief ein. Hinein behaglich grunzend
der pergamentene Erzkanzler; der Wagen rollte. Widerstrebend der lüsterne
Kölner, den das Klirren und Juchzen der Stadt hielt. Mit starken Sprüngen
Maximilian, Richel neben sich, der Wagen geschlossen, die Vorhänge zu; mit
Frankreich al pari, die kaiserliche Macht in seiner Hand.

Die Franzosen hielt es lange in Regensburg, sie konnten sich vor dem
unglaublichen Anblick dieses deutschen Untiers nicht losreißen. Die
hoheitsvolle Maske des Kaisers, des Schlemmers, neigte sich täglich über
sie; sie schworen ihm, keinen Feind des Reiches zu unterstützen.

Seine Augen waren wie die eines Schielenden; man wußte nicht, ob man ihn
ansah.



Fünftes Buch
Schweden


Über die Wogen der graugrünen Ostsee kam die starke Flotte der Schweden
windgetrieben her, Koggen Gallionen Korvetten. Bei Kalmar unter Öland, bei
Westerik, Norreköping, Nöderköping hatten sie die gezimmerten Brüste und
Bäuche auf das kühle Wasser gelegt, schwammen daher. Die bunten langen
Wimpel sirrten an den Seilen und Gestängen. Voran das Admiralsschiff Merkur
mit zweiunddreißig Kanonen, dann Westerwik mit sechsundzwanzig, Pelikan und
Apollo mit zwanzig, Andromeda mit achtzehn; dreizehn auf Regenbogen, zwölf
auf Storch und Delphin, zehn auf Papagei, acht auf dem Schwarzen Hund. Der
Wind arbeitete an der Takelung, die Segel drückte er ein, die breiträumigen
Schiffe bogen aus, stießen vor, glitten wie Wasser über Wasser. Dann griff
der wehende Drang oben an, sie beugten sich vor, schnitten, rissen
schräg-wirre sprühende Schaumbahnen in die glatte fließende Fläche,
stellten sich tänzelnd wieder auf. Die tausende Mann, die tausende Pferde
auf den Planken. Das Meer lag versunken unter ihnen. Die Schiffe rannten
herüber aus Elfsnabben, dem weiten Sammelplatz, nach einem anderen Land. Da
stand die flache deutsche Küste. Wie Urtiere rollten torkelten watschelten
die brusthebenden geschwollenen Segler, tauchten, hoben sich rahenschlagend
aus dem herabrieselnden Wasser. Als die flachen Boote, die Kutter Briggen
Schoner vom Ufer anschwirrten, erschien der weiße Strand. Triumphierend
leuchteten die nassen bemalten Gallionen und Koggen. Auf den stillen
verlassenen Strand stiegen Menschen nach Menschen, fremdländische Rufe.
Drohend schlugen von den Schiffskastellen Kanonensalven über das Land.

Die Männer aus Swealand und Götland, von Söderhamm Örebro Falun Eskilstima,
Fischer Meerfahrer Bergmänner Ackerer Schmiede, die starkbeinigen kleinen
Menschen aus dem seenreichen Finnland, die noch mit den Bären und Füchsen
zu kämpfen hatten, in Waffen geübt, schwärmten in Eisen und Stahl, Pferde
Wagen und Kanonen führend über die wehrlose Insel. Hinter ihnen kleine
schwarzhaarige scheue Männer, behende Lappen, mit Pferden Pfeil und Bogen.
Sie führten Faschinen Körbe, schleppten Brot und Bier.

Sie liefen Schloß Wolgast an; überschwemmten es im Nu. Die Oder floß breit
und ruhig in die Ostsee; an ihr lag die Stadt des Pommernherzogs Boguslav
Stettin. Er hatte jahrelang die Aussaugung und Bedrückung der
friedländischen Truppen geduldet, war an die Kurfürsten gegangen, an den
Kaiser in Regensburg. Weißhaarig mit einer kleinen Leibwache stand er auf
dem Bollwerk, zitterte trotz der Wärme in seinem silbergestickten Röckchen.
Im blauen Wams mit plumpem Wehrgehenk verhandelte ein schwedischer Kapitän
mit ihm in der Sonne drei Stunden. Währenddessen fuhren langsam die
achtundzwanzig Kriegsschiffe näher, Merkur mit zweiunddreißig Kanonen,
Westerwik mit sechsundzwanzig, Apollo, Pelikan mit zwanzig, Andromeda mit
achtzehn, Regenbogen mit dreizehn, Storch Delphin mit zwölf, Papagei mit
zehn, Schwarzer Hund mit acht. Hinter und zwischen ihnen schwankten die
riesigen Transportschiffe. Da zog sich der Herzog, den Hut lüpfend, einige
Minuten in ein Zelt zurück, das man hinter ihm aufgestellt hatte und sprach
mit seinem Oberst Danitz, der Pommerns Neutralität mit den Waffen der
Bürger zu verteidigen schwur. Boguslav schüttelte ihm, Tränen in den Augen,
die Hand; es sei zuviel, erst die Kaiserlichen, dann die Schweden. Ging,
nachdem er sich geschneuzt hatte, gebrochen zu dem stolz wartenden
Parlamentär hinaus. Nach ihrer Unterhaltung zogen sich die Kriegsschiffe
zurück, ließen den Transportern Platz; hunderte auf hunderte Schweden
bestiegen das Bollwerk; der Herzog stand noch starr vor seinem Zelt, wurde
nicht beachtet. Viertausend Mann nahm Stettin auf; die Bürgerfahnen
zerstreuten sich ängstlich.

Nach fünf Tagen saß der Herzog im Stettiner Schloß mit dem beleibten
blonden Gustaf Adolf an einem Tisch; der erklärte ihm, während er schlaff
zuhörte, sie hätten gemeinsame Interessen, die sie auch schriftlich
formulieren müßten; der römische Kaiser sei ihrer beider Feind. »Es ist
mein Kaiser,« sagte Boguslav, »dem ich Treue als Reichsfürst schuldig bin.«
So einigten sie sich nach Gustafs mitleidigem Lächeln; demütig unterschrieb
der Herzog, daß er sich mit dem Schweden zu gemeinsamer Verteidigung gegen
die Landesverderber verbünde; »unbeschadet Kaiserlicher Majestät«, das
setzte der Herzog selber zärtlich hin. Die pommerschen Stände fanden sich
im Schloß ein; ihre große Not erörterte der König beredt vor ihnen; er
suchte ihren Zorn auf den Kaiser zu entfachen. Nach einer Konferenz mit
ihrem Herzog fanden sie sich bereit, dem schwedischen Ansinnen entsprechend
zweihunderttausend Taler zu zahlen und eine dreiprozentige Hafenzollabgabe
zu gewähren.

Wie die Schweden aus der traurigen Stadt, in der sie eine Besetzung
zurückließen, hinausritten und marschierten, stießen sie in ein leeres
Land. Die wenigen Bauern liefen erstaunt um die fremden starken Scharen,
die Lappen mit den Bogen, hörten durch Dolmetscher, daß diese Männer alle
über die Ostsee gekommen seien, um sie zu beschützen in ihrem Glauben und
gegen die Bedrückungen der Kaiserlichen. Sie verbreiteten das Gerücht von
der anschwemmenden Menschenwelle weiter, retteten ihre Pferde und Vorräte
an feste verborgene Orte. Durch Vorpommern verbreiteten sich die Fremden,
zehntausend Infanteristen, zweitausendfünfhundert Reiter, in völliger
Einsamkeit, bei Damgarten wippten sie über die Mecklenburger Grenze. Wie
rann es durch die erwartungsvolle Seele des Königs und seiner Umgebung, daß
dies das Land des gigantischen böhmischen Mannes war, das wehrlos vor ihnen
lag.

Das Wort ließ der König wieder schwellend aus seinem Munde los, Trommler
trugen es über die Dörfer: er sei der schwedische König, ein Bekenner der
lutherischen Lehre, der mit seinen Männern zu Schiff herübergekommen sei,
weil er von der Not seiner Glaubensverwandten gehört hätte. Er hätte es
kühnlich gewagt herüberzukommen und die Löwenhöhle zu betreten, wenn auch
ihn das Untier anspringen sollte. Sie aber seien zu seiner Verwunderung vom
alleinseligmachenden Glauben abgefallen und in des bösen Wallensteins
Dienste getreten. Sie sollten achtgeben. Wenn sie seinem Rufe nicht
nachkämen, Hab und Gut mehr achteten, als ihre Seligkeit, so wolle er sie
als Meineidige, Treulose, Abtrünnige, ja ärgere Feinde und Verächter Gottes
als die Kaiserlichen mit Feuer und Schwert verfolgen und bestrafen.

Vor dem harten Geschrei der Eindringlinge grinsten die Leute. Das
Stillschweigen und Lächeln verbreitete sich wie ein Luftraum um das
marschierende Heer, bis sie auf Savelli stießen, den kaiserlichen
Feldmarschall, vor dessen stumm wartenden Massen sie grollend und fauchend
zurückwichen, zurück durch den Paß von Ribnitz nach dem ausgemergelten
Pommerland. Die prunkvollen Orlogs, die breiten Transporter schaukelten auf
der Oder bis nach Dievenow; die Wochen aber schlichen hin. Untätig
lungerten die Fremden auf dem pommerschen Boden, ihr feister König stieg
mit seinem Sekretär, dem hinkenden Lars Grubbe, durch die Lager, sprach
ihnen, äußerlich sorglos, zu, lachte gezwungen, wenn sie ihm nachriefen
»Dickkopf, Schmerbauch«, gab, sich gemein machend, ihnen ihren Ton wieder.
Sie duzten ihn: »Monsieur König, wenn du so streng bist, schaff uns auch
Schuhe.« Er zog sich auf der Lagergasse seine hohen Stiefel aus, ging
barfüßig weiter; sie schwenkten auf Stangen die Stiefel und warfen sie
hinter ihn: »Zahl uns Sold!« Es hieß kurzen Prozeß machen; man konnte nicht
in Pommern verkommen. Aus Preußen kamen schwedische Reiter herüber, man
wartete auf sie in den eisigen Winter hinein.

Dann zogen sich die Schweden aus Stettin und Pommern, von den Schiffen aus
den Inseln, zusammen wie ein Geschwür, das aufgehen will, belauerten vor
Damo ein paar Wochen die Kaiserlichen, die drüben in Greifenhagen in Massen
verdarben unter Schaumburg, dem Nachfolger des toten Torquato Konti, der
das Land verelendet hatte. Am Weihnachtmorgen um fünf Uhr begann drin das
Läuten, die Kanonenschläge aus Eisen Kartätschen und Granaten legten sich
über das gräberübersäte Vorgelände, die armseligen Häuschen draußen, in die
verzweifelte Söldner aus der Stadt geflüchtet waren, schoben sich blitzend
über Mauern und Kirchen, sprangen mit Geröll und Gekrach auf die
verriegelten Tore. Die gingen auf nach Süden, und ehe eine Bresche
geschlagen war, ergossen sich die armseligen Söldner über die Brücke, ihr
Leben rettend durch die Flucht, wateten durch die mörderische Kälte des
Stromes, trollten klagend durch den Schnee, viele ohne sich umzublicken,
bis die Kanonen hinter ihnen verhallten, auf Frankfurt zu.

Zersprengt die ruhmreichen Regimenter Sparr Wallenstein Götz Altsachsen. In
der Mauer ein Loch so groß, daß zwanzig Wagen einfahren konnten. Hindurch
warfen sich im Schwung die Schweden, sprengte die schnaubende Kavallerie,
weg über die Toten im Mist, über die Häuser hin, über die Bewohner, an
deren Leib und Gut sie sich sättigten, bis die Trompeten bliesen. Geschrei
Geächz Gejubel zum Himmel auf am Tage der Geburt des heiligen Christkindes.

Das Tosen der Fremden hielt tagelang an, ganz Pommern hatten die Deutschen
geräumt. Wie ein Tänzer, der auf der Zehenspitze steht und sich wie zum
Hinstürzen schräg nach vorn fallen läßt, um im wilden Wirrwarr
davonzurasen, so blieben die Männer von Götaland eine Woche in Garz und
Greifenhagen; dann riß es sie über den pommerschen Boden, die flache breite
Tenne.

Und in einem Sturz herunter nach Brandenburg. Der apathische Kurfürst Georg
Wilhelm flehte, an seinem Land sei nichts mehr als Sand und Kiefern. Gustav
richtete Kanonen auf Berlin. Den schwächlichen Schloßherrn ließ er zu sich
in einer Kutsche ins Lager holen, dankte ihm für die endlich gefundene
Entschlossenheit, und er werde ihm Gelegenheit geben, sich an dem Kampf für
die evangelische Sache zu beteiligen, mit dreißigtausend Talern monatlicher
Abgabe.

Der König erhob sein Herz. Sein Hauptquartier schlug er in Bärwalde auf.
Sein Gesicht bekam Farbe. Er suchte Parteigänger.

Im Schlosse zu Upsala hatte er zwei Jahre zuvor zu acht Männern gesprochen:
»Der Stein ist auf uns gelegt, daß wir den Kaiser entweder in Kalmar
erwarten oder in Stralsund begegnen. Nun muß mein letztes und höchstes Ziel
sein ein neues Haupt der evangelischen Christenheit, das vorletzte eine
neue Verfassung unter den evangelischen Ständen, das Mittel dazu der Krieg.
Zugrunde gerichtet muß der Katholik werden, sonst kann der Evangelische
nicht bestehen; ein Vergleich oder Mittelding besteht nicht.« Er hatte
Männer und Kapital aus seinem Reich genommen, daß die Menschen in Ost- und
Westgothaland und Swealand sich von Baumrinde und Eicheln nährten; den
Alleinverkauf von Getreide, ein Kupfer- und Salzmonopol hatte er an sich
genommen, den Münzstand verwildert. Sein hahnenlautes Gekräh in Bärwalde:
»Der König von Schweden ist hier«, lockte einen schuldenverkommenen
verluderten deutschen Fürsten an, einen Landgrafen von Hessen-Kassel. Der
verschwur sich, breitbeinig und feige vor dem lauernden König sich bückend,
ihm seien seine Prozesse verdorben und verloren durch die Parteilichkeit
des Kammergerichts gegangen; kein Recht hätte mehr der Evangelische im
Reich. Der König, die Verlogenheit des bramarbasierenden Schlemmers vor
sich erkennend, versprach mit tränenden Augen, empört zitternder Stimme,
sich des Hilfeflehenden anzunehmen zur Ehre Gottes und zur Verteidigung
unschuldig bedrängter Christen. Sie gingen nicht auseinander, ohne daß der
Landgraf einen Geldvorschuß vom Schweden annahm unter ehrfürchtigem
Speicheln vor dem ritterlichen Amt des Eindringlings, dem er versprach, das
Hessenvolk gegen den Kaiser rebellisch zu machen. Wogegen ihm der
leutselige Fremde das Fürstbistum Paderborn, Höxter, das Eichsfeld,
Hersfeld, in baldige Aussicht stellte. Trunken zog der Hesse ab.

Eine geängstigte Sondergesandtschaft der alten Stadt Magdeburg lief ihm auf
dem Wege unversehens zwischen die Beine; er führte sie im Triumph selbst in
das Haus des schmerbäuchigen frommen Schweden, von dessen Lippen noch
einmal Lobsprüche ableckend, ehe er sich in sein Land verkroch.

Den Magdeburgern hatte der Hesse das Herz schon mutiger gemacht mit seinem
verführenden Jubelpreisen des Messias aus dem Norden; lecker rückten sie an
vor ihm, der noch seinen Zorn ausschrie über das Unrecht, das der Hesse
erfahren hatte. Sie standen zu fünf nebeneinander. Und nun erst, wo sie die
sanfte unverständlich sprudelnde Sprache der Türhüter, des einführenden
Kämmerers hörten, fuhr ihnen ein kaltes peinliches Gefühl über die Haut.
Sie verloren ihre Angriffskraft und brachten es auf das Zureden des listig
sie anblickenden mächtigen Mannes auf dem Sessel nur zu matt gezimmerten
Wendungen. Nur einem unter ihnen, einem jungen Habenichts, gelang es, über
sein Unbehagen hinwegzukommen; er floß über von Scheltreden auf die
Ligisten, den weiland Friedländer und sein Pack, stimmte ein, als jener
liebreich nach dem Römischen Kaiser fragte, daß der nichts sei als ein
gierig weites Maul, und das sündhafte Restitutionsedikt das
Tranchierbesteck, mit dem er sich den Braten zurecht machen wolle.

Die Worte fand der rot werdende Gustaf verständig, schrie wieder des
Hessischen Unrecht aus, und nach zehn Minuten standen da im hitzigen sich
steigernden Wechselgespräch die fünf Männer mit geschwollenen Köpfen,
schmähend auf den Römischen Kaiser, den blinden Hund, schändlichen
volksverräterischen Papisten, gestikulierend, triefend vor Genugtuung, sich
gegenseitig anrufend ermahnend, und ihnen korrespondierte das aufgewühlte
schwerblütige Geschöpf aus Schweden, der überseeische König, der gierig den
Kaiser schwur anzupacken gerade wie ein Hund den andern, bei der Schnauze,
der Flanke, ihm die Seite aufzureißen, den Kiefer zu brechen für alle
Schmach, die er der evangelischen Brüderschaft angetan habe. Ihre brühende
Hingerissenheit verdampfte und sie spuckten noch; der König freute sich
satt. Er dankte ihnen. Sie würden voneinander nicht lassen. Er schickte
ihnen einen gewandten jungen Menschen mit, der ein unwiderstehliches
Mundwerk hatte, Stallmann, der die alte Stadt Magdeburg in den Rausch der
nahenden Befreiung setzen sollte. Die fünf zogen mit ihm, wie königlich
belohnt, ab.

Gustaf Adolf saß noch am Abend, wie sie ihn verließen, mit dem hinkenden
blassen Grubbe und einem kahlen Riesenschädel, Oxenstirn, dem Kanzler,
zusammen, prustete, schäumte. Sein Werk gedieh. Die Magdeburger wollte er
nicht lassen. Lachte, grölte: trefflich hätte der Kaiser sie malträtiert,
das Diversionswerk Magdeburg sollte geschmiedet, die halbe kaiserliche
Armee daran gebunden werden, inzwischen werde er sich auf Frankfurt werfen.
Auch Oxenstirn hegte volles Vertrauen auf die evangelische Festigkeit der
Magdeburger, seufzte hoffnungsfreudig über Stallmann.

Noch in diesen Tagen beschlich den König in Bärwalde der Mann, den er lange
erwartet hatte, der glotzäugige rotbäckige aus Bayern flüchtige Charnacé.
Der Franzose fuhr ihm mit einem Jubelschrei an die Brust; nun sei endlich
die Stunde da, wo er auf dem Boden des verruchten heimtückischen
gewalttätigen Deutschland neben einem anderen Fremden stehe. Ja, sie
stünden hier im Deutschen Reiche; der Kaiserliche sei von seinem Boden
geflohen und er sei glücklich und freue sich, freue sich. Und er wiegte
sich in den Hüften, öffnete liebevoll demütig die Hände vor dem König. »Ich
bin,« tat Gustaf grimmig, »nicht wie eine Maus an diese Scheuer gekrochen,
um drin fremdes Korn zu beknabbern, sondern Ordnung zu schaffen und
zerrissenen Glaubensverwandten zu helfen.« »Unermeßlich ist die Grausamkeit
Habsburgs, Mörder und Totschläger sind seine verhungerten Soldaten. Wir
wollen helfen, das Reich von dieser Plage zu befreien. Rechnet auf uns.«
»Ihr seid katholisch. Hä! Ich mag die Katholischen nicht.« »Wir lieben
Euch, Majestät von Schweden. Ich kann nur jubeln vor Euch, seht mich an.
Was kommt es jetzt darauf an, ob katholisch oder evangelisch. Ihr steht in
Pommern; wir betrampeln deutschen Boden, ohne daß es uns einer verwahren
kann. Wir schlucken ihre Luft. Wenn Ihr Trompeterkorps Trommler habt, laßt
sie schmettern und schlagen, schwedische Weisen; ich will Franzosen
heranholen, daß sie blasen, man soll hören: Fremde sind im Heiligen
Römischen Reich; der Habsburger sitzt in Wien: er soll kommen, uns
verjagen.« Gustaf staunte: »Habt Ihr einen abgründigen Haß, Herr.«

Dann begann das Feilschen; Soldaten hatte der Franzose nicht, aber Geld. Er
leitete die Unterhandlungen ein mit dem grinsenden Hinweis auf seine
Schlauheit; es sei ja im Regensburger Vertrag geschrieben, Frankreich dürfe
keinen Feind des Kaisers unterstützen. Und er täte es doch. »Aber«, dabei
lachte er wie ein Narr, »heimlich!« Wenn er sagte »hunderttausend
Reichstaler«, schrie der König »nicht genug«. Sagte er
»zweihunderttausend«, »nicht genug«. Gustaf Adolf neben dem Riesenschädel
Oxenstirns trieb den Franzosen höher und höher, schwur, er verkaufe seine
Seligkeit nicht so billig, wenn er einen Papisten an sich hänge, müsse mehr
haben dafür. Auf vierhunderttausend Reichstaler kam der Franzose. Da hatte
der Schwede genug. Soviel sollte ihm der Franzose, lachte er mit Wonne,
jährlich beisteuern, damit er den Götzendienern den Garaus machen könne und
zuletzt vielleicht ihm selber, dem zarten Franzosen. Er wolle
dreißigtausend Mann zu Fuß bereit halten, dazu sechstausend Reiter. In
lärmender Freude, Hohn im Herzen schied man voneinander.

Und wie der Hesse die Magdeburger geführt hatte, lockte der Welsche die
Holländer hinter sich. Fast versprach sich Charnacé, als er mit der
holländischen Deputation tuschelte: »er ist ein Tölpel,« wollte er sagen,
»man muß ihn vorsichtig nehmen, er ist verbissen in seinen evangelischen
Aberwitz, man darf ihn nicht stören.« Dann fiel ihm ein, daß er
Protestanten vor sich hatte, und schaukelte sich vergnügt neben ihnen: auf
ganze vierhunderttausend Reichstaler hätte ihn stolz der Schmerbauch
getrieben; fünfhunderttausend, nein, eine Million hätte er bieten können.
Seien sie gewarnt. Sie dankten mürrisch, mißtrauisch ließen sie ihn nicht
zu den Verhandlungen zu; die Hochmögenden im Haag zahlten dem Schweden
soviel sie vermochten, weil es ihr Glaubensverwandter war.

                   *       *       *       *       *

Die Schweden hatten bei Greifenhagen am Sieg gelutscht, Stiefeln Brot Bier
Geld strömte ihnen zu, man hatte nicht Lust zu verweilen, schob sich über
Neu-Brandenburg, Klempenau, Treptow auf Demmin an der Mecklenburger Grenze,
zwischen Morasten gelegen. Der römische Herzog Savelli, der den päpstlichen
Dienst quittiert hatte, schlemmte hier. Den Bauern pflegte er die Pferde
vom Pflug zu nehmen, um die Haut an den Schinder zu verkaufen. Nach drei
Tagen Kapitulation. Der Schwede sagte lustig im Zelte dem Italiener, er
bedaure, daß er zu Rom seinen herrlichen Posten verlassen habe. Dann,
nachdem er trompetenblasende Abordnungen mehrerer Regimenter versammelt
hatte, ließ er den eleganten Herzog mit goldenen Ketten, langem Zobelpelz,
prächtigem ins Gesicht gezogenen Federhut vor einen Pflug spannen; ein
aufgegriffener Bauer mußte ihn anzäumen. Die Soldaten trommelten, Hunde
sprangen über den keuchenden Herzog, eine Pferdehaut mit Hufen und Schwanz
wurde von rückwärts über seinen Prunk gebunden, er stürzte zusammen. Der
König stand auf, die Knechte schwangen die Peitschen: »Mag sich das Fell
seiner erbarmen. Pflüge! Pflüge!«

Auf das Gerücht von dem landfreundlichen Vorgehen des überseeischen
Söldnerführers sammelten sich an der Brandenburger Grenze, aus der Gegend
von Schwedt und dem Finowkanal, Bauern, zogen in dichten Rotten und Fahnen
dem König nach, den sie bei Anklam im Schneesturm mit seinem jubilierenden
Heere stellten. Er wollte wieder südwärts, auf Kurbrandenburg. Die zehn
alten Männer, die mit drei buntbemalten Fahnen demütig vor ihm standen,
blickte von seinem ungeheuren Streitroß Gustaf freudig an, gedachte eine
evangelische Gesandtschaft zu begrüßen. Er war so ungeduldig, zu hören was
sie hatten, daß er ihnen nicht nachgab, sie im Quartier anzuhören, sondern
sofort auf durchwehter kahler Landstraße zwischen dem Rollen des Trains und
dem Flöten und Klappern der Soldaten. Sie mußten mehrfach die Plätze
wechseln, weil der König sie nicht verstand, Dolmetscher dazwischen liefen,
der Schnee ihnen in den Mund stäubte. Wenn der fremde König denn sich so
der Bauern annähme, wie er vor Demmin an dem Landesverderber Savelli
gezeigt hätte, so möchte er an sie denken. Und dann zählten sie ihre Leiden
auf; das Pferd des Königs bäumte sich, Gustaf tauschte zornige Blicke mit
seinen Begleitoffizieren. Mit einem Fluch warf er seinen Reitstock auf den
Boden. Er zwang sich zur Ruhe, bückte sich herunter, als man ihn wieder
aufhob, schrie dicht bei ihnen, ob sie evangelischen Glauben wirklich
hätten, wie sie vorgäben, ob sie ihn nicht belögen, nicht wüßten, daß der
Heiland für sie am Kreuz gestorben sei, aber nicht, damit sie das heilige
Bekenntnis wie ein faules Stück Fleisch wegwürfen. Sie beteuerten, sie
seien fromme lutherische Christen, aber sie verkämen, verhungerten mit Weib
Kind und Vieh, wenn noch ein Heer in ihr Land fiele; baten mit aufgehobenen
Händen ihn um ihres gemeinsamen Glaubens willen um Verschonung mit dem
kriegerischen Einfall. Er wütend und speiend, sie umkreisend. Sie
verstanden nicht, was er sagte, im Toben stotterte er mit gedunsenem
Gesicht schwedisch; er hätte sein Volk geplündert, um den
alleinseligmachenden Glauben zu bewahren, für sie an erster Stelle, und sie
bettelten bei ihm. Sein Pferd sprang um sich; er ließ sie nicht von der
Stelle. »Herr, wir sind fromme evangelische Christen, der Krieg verdirbt
uns.« Da nahmen sich die Offiziere der Wut ihres Herrn an, der sich von
ihnen nicht losreißen konnte; sie ritten auf die Bauern los, schlugen mit
flachen Klingen auf ihre Köpfe. Gustaf selbst, sich befreiend, riß sein
Pferd herum; und sein schweres kettenschaukelndes Tier zu langsamem Schritt
gebändigt, stampfte zwei Bauern an; andere warfen sich in den Schnee. Er
ritt davon, die Herren hinterdrein. Kreischend beluden sich die Bauern mit
den getretenen Männern, die Fahnen zerschlugen sie: »Das ist kein
Evangelischer, das ist kein Evangelischer.« Kreischend marschierten sie Tag
und Nacht durch die Dörfer. Jubilierend das schwedische Heer hinterher.

Der kleine eisgraue Brabanter war von Regensburg wie ein Glücksbetäubter
aufgebrochen. Er hatte vor der Kriegsbühne gestanden, an dem Spiel
neiddurchwühlt gemäkelt; durch einen Vorgang wie im Traum war er von seinem
Platz bewegt, er, der Tilly, mitten ins Spiel gestellt. Der klagende
strenge uralte Marbliß von Tilly regierte die ungeheure Szene von dem
weithin sichtbaren Platze, gegen den sich eben Kurfürsten und Stände
erhoben hatte. Er wollte nicht mehr Tilly sein, der dem quälenden
bayrischen Maximilian unterstellt war; verwischt, versenkt der fabelhafte
Feldzug in Ungarn, die Jagd hinter Mansfeld, gnadenlose Vertilgung der
Rebellen, Verschlingen der Dänen. Die Taten Wallensteins liefen wie Doggen,
die man tritt, neben ihm; eines Tages werden sie verrecken. Heimlich
schwellte es ihn, als er nach Norden zum Heere fuhr, das ihm von
Wallenstein überkommen war; die prächtigen sechzehnspännigen Karossen
Wallensteins trabten durch sein Gedächtnis, rotjuchtenüberzogene Troßwagen
in langer Reihe, silberne Partisanen der Leibgarde. Es labte ihn; dabei
stieg hinterrücks ein unheimliches Gefühl der Ohnmacht über ihn, er suchte
ihm bang auszuweichen.

Und wie er nach Norden vorstieß, wehten wilde Gerüchte um ihn; es wurde
deutlicher: das schwedische Heer hatte sich spielend der Außenforts des
Reichs bemächtigt, auseinandergestoben die Regimenter des Savelli. Das
konnte wahr sein. Tilly rang mit sich. Seine Nächte waren durchtobt vom
keuschen sorgenvollen Widerstreben gegen seinen Ehrgeiz, die Sehnsucht. Es
hieß Farbe bekennen. Er war tief verstrickt in diesen Kampf. Die Gerüchte
wehten an ihm vorbei. Er wollte ein frommer Christ bleiben, nicht
rebellieren, wie es auch kam.

Und zittrig schwur der alte Wicht eine Stunde, sich im Zaum zu haben,
schüttelte in der nächsten Stunde den Friedländer am Kragen, schwitzte vor
Freude, war matt und arm.

Draußen unter den Schneestürmen begann es von Tag zu Tag lebendiger zu
werden. Der Lärm war kriegerisch, Reiter, Wagen, schreiende Marketender;
einmal kämpfte die Begleitung des Brabanter mit bewaffneten Wegelagerern.

Da mußten die Vorhänge des Wagens geöffnet werden. Auf der Chaussee, auf
den Feldern: es hatte sich etwas begeben!

Da lag nicht nur Schnee! Zertrümmerte Fähnlein schamlos unter ihren Führern
vorbei! Bauernhöfe, vor denen Kanonen standen, riesige Rohre auf Wagen, um
die sich keiner kümmerte. Diese Welt; es hatte sich etwas begeben. Der
Schwede hat sich der Außenforts des Reichs bemächtigt, er steht bei
Frankfurt.

Wo stehen die Wallensteiner? Wo ist Savelli?

Überall Verhungerte, aufgelöste Verbrecherbanden. Sie wollen ins Reich;
hier ist alles kahl gefressen; der Schwede ist hinter ihnen. Den Herzog
Savelli hat der Schwede bei lebendigem Leib geschunden, aus Rücken und
Brust Riemen geschnitten. Bei Stettin steht kein Wallensteiner mehr, in
Mecklenburg haust der Schwede, aus Brandenburg läuft alles davon.

Die Vorhänge blieben offen. Wimmelnde Felder. Rotten von versprengten
Wallonen, Musketiere, die ihre Gewehre verkaufen. Sie gehorchen nicht;
Weiber -- wessen Frauen und Töchter --, Kühe, Ziegen treiben sie, die
verruchten Wallensteiner. Schwappen, wie er sie angreifen will, ins Reich
zurück, an ihm vorbei. Wie Sand durch Fugen, sind nicht zu stopfen. Als
hätte der teuflische Friedländer, bevor er das Haus verließ, alle Balken
eingesägt, Fundamente mit Pulver gelockert, Wände durchstoßen. Der
Brabanter, mit Abscheu Entsetzen gefüllt, wurde von seiner Karosse in diese
brandenburgischen Gegenden gerissen, vor das widrige Zerstörungswerk des
bösen ungeheuerlichen Menschen. Die Schweden auf Usedom; Stettin
eingenommen, Schaumburgs Truppen in Görz, Greifenhagen verjagt; Demmin,
Bärwalde. Nichts von Savelli, Torquato Konti, Schaumburg, die er anspannen
wollte vor seinen Wagen.

Die Karosse, vom Strom der Flüchtenden zur Seite getrieben bei Brandenburg,
hielt. Er sah: das war das Ende, stand im Schnee, war allein, der
Feldhauptmann des Kaisers und der Liga. Vor dem sich Europa beugen sollte.
Zerrissen lag er einige Tage im Brandenburger Schloß. In schwerer
Erschütterung trug er sich herum; inwendig ausgekühlt unter der
Niedertracht des Böhmen. Er suchte sich zurück. Kaum ein einziges Regiment
fand er kriegsbrauchbar; die Verwüstung der alten Armee, seiner Armee, war
bis ins einzelne gegangen. Noch sangen sie rechts und links Lieder vom
Friedländer.

Er begann sein altes kleines Handwerk. Um Truppen zu haben, schleppte er
seine eigenen herauf; drei Regimenter aus Oldenburg und Ostfriesland,
sechshundert Reiter. Stumpf erwartete er sie. Und wie sie anrückten, war
keine Nahrung für sie, kein Futter für die Pferde da. Kaum seiner Sinne
mächtig, schrieb er; seine sehr matten Hände schrieben dem Bayern, dem
bayrischen Maximilian Briefe wie früher; die Bundeskasse mußte um Hilfe
angegangen werden; abgezählte zweihunderttausend Gulden schickte man
herauf. Die Maschinerie arbeitete wieder, die Truppen waren da, da lagerten
sie, sie wollten Futter Heu Brot. Aus Mecklenburg war nichts zu holen:
Wallenstein, kam es zurück, hatte in sein Herzogtum Beamte seiner
böhmischen Verwaltung geschickt, die an sich nahmen, was nicht niet- und
nagelfest war; es konnte ihn keiner mehr beerben.

Vom Zorn angestachelt fand der Brabanter seine alte Zähigkeit und Klarheit
wieder; er wollte hier im Eis nicht zum Gespött verkommen. Mit Sack und
Pack rückte er gegen den König vor, reizte ihn zum Kampf. Der König wich
aus, wich nach Pommern zu. Tilly gab nicht nach. Es mußte gefochten,
geschlagen werden.

                   *       *       *       *       *

In der alten festen Stadt Magdeburg verpesteten Stallmann und der neu
entsandte Falkenberg, Gustafs Hofmarschall, die Luft mit Lästerungen des
Kaisers, Triumphliedern auf den Erretter Gustaf Adolf, solange, bis alles,
was evangelisch und eigensinnig in der Stadt war, zu den Schweden schwor
und ihnen glaubte: der König kommt bald.

Der Raufbold Graf Pappenheim, dessen Gesicht eine einzige Narbe war, der in
der Schlacht am Weißen Berg für tot unter Leichenhaufen gelegen hatte,
umzingelte die Stadt, knirschte sie in seine Arme hinein. Sie weigerte
sich, kaiserliche Besatzung aufzunehmen. Der Graf vermochte allein nichts
gegen die Stadt; er rief nach seinem Herrn. Der Brabanter ließ den
Schweden. Er schwenkte. Langsam trollte er auf Magdeburg. Man sollte nicht
über ihn spotten. Warnte voraus die Stadt im guten: »Man hat fremde
undeutsche Potentaten ins Reich gelockt. Sie treten auf unter einem
glänzenden Vorwande, als wenn sie Glaubensgenossen Beistand leisten, die
deutsche Freiheit und Libertät verteidigen wollten. Und was dergleichen
Redensarten sind. Sie suchen nichts als eigene Herrschaft; werfen Fürsten,
Herren und Städten das Joch der Knechtschaft über den Hals.« Drin änderte
sich nichts. Rückte mit vielem Geschütz und großer Macht vor die Stadt;
nach sieben Tagen waren alle Schanzen vor der Stadt im Sturm erobert,
oberhalb Magdeburg eine Brücke geschlagen. Ein kaisertreuer Alter Rat
drängte zu kapitulieren, in der Stadt hielten sich Innungen und Gilden bei
den Hälsen; eisern arbeiteten Stallmann und Falkenberg gegen den sinkenden
Mut; auf die Kirchtürme lockten sie zweifelnde Räte, zeigten in der Ferne
Feuer und Rauchwolken, die vom Schwedenlager aufsteigen sollten, lasen in
den Stuben erlogene Briefe des Königs vor, mieteten zum Schein schon
herrliches Quartier für ihn. Denn ihre Order lautete: die Stadt muß den
kaiserlichen Feldherrn fesseln, bis der König mit Brandenburg fertig
geworden ist und genugsam Truppen hat; jeder Tag ist gewonnen.

Stallmann, ein listiger langleibiger Mensch, machte sich rechtzeitig an die
verwilderte Gilde der Schiffer und Fischer heran, die rebellisch in der
Stadt herumlungerte, von ihm Lohn empfing. Er stachelte sie damit: die
Reichen seien wankelmütig, wollten nur ihr verruchtes Regiment vom Kaiser
stärken lassen, fürchteten die Gerechtigkeit des Schweden. Da fand man
täglich Drohbriefe an gewissen Häusern, Überfälle, Totschläge fanden statt.
Stallmann hatte die Stadt in der Hand; Falkenberg redete pathetisch im Rat:
»Haltet aus! Habt Geduld!«

Prangend die alte feierliche Stadt am mächtigen Elbstrom, von einem starken
begrasten Wall hinter dem Graben umgeben. Vom Sudenburger Tor quer durch
die Stadt der köstlich gezierte Breite Weg, an den hohen Türmen des
Kröckentors endend; zu beiden Seiten Gewimmel von Gassen und Märkten
entlassend. Nahe dem Sudenburger Tor und der düsteren Pforte der riesige
Neue Markt, an dem sich die Gewalt der Domkirche erhob, die königlich
hinüberblickte zu den Spitzen der andern Kirche Sankt Sebastian, Peter
Paul, Sankt Katharina, Sankt Jakob, Sankt Peter, Sankt Johannes, Sankt
Ulrich, Sankt Nikolai.

Und als Stallmann und Falkenberg sahen, daß ihr König nicht herankam, weil
er gebunden war in Brandenburg, faßten sie, abgesperrt von ihm, aber seinen
Gram mitfühlend, den Entschluß, ihm zu helfen wie sie konnten. Magdeburg
war nichts, die deutschen Bürger jämmerlich verzagtes Lumpenpack. Sie
sollten nicht die Freude haben, sich und die schwedische Sache an den
kampflüsternen Tilly zu verkaufen, so daß alles umsonst wäre, alle Hoffnung
ihres Königs, ihrer Männer, umsonst wäre Schweden geplündert worden,
umsonst Borke von Bauern verschlungen von guten Schweden. Solche
Erbärmlichkeit sollte dem kläglichen Gesindel, das sich Sonntags
evangelisch gebärdete, nicht gestattet werden.

Am Elbstrom, dicht vor dem Kirchhof von Sankt Johannes, lag das
Fischerbollwerk und Fischerufer mit den Häuschen der Gilde. Den
gefährlichsten unbotmäßigen Gesellen von ihnen, den kahlköpfigen heiseren
Hartmann Wilke, kaufte Stallmann. Sie wurden Brüder; seine eigene
Magdeburger Liebste, ein ehrsames Fräulein, zwang Stallmann, sich dem rohen
Wilke in die Arme zu werfen. Wilke hatte bald seinen Spaß daran, daß die
Stadt sich nicht würde halten können; hereinkommen sollten nur die
Kaiserlichen, verwüsten sollten sie, was die reichen Stände
zusammengeschart hatten: er würde sie nicht daran hindern; aber er und
seine Gildeverwandten, dazu die wilden Brüder aus der Diebshenkergasse,
würden helfen. Unmittelbar am Bollwerk beim Breittor waren die Pulvermassen
im Pulverhof aufbewahrt; es vergingen nicht acht Tage, Tage der zunehmenden
Verwilderung unter den Städtern, daß zahllose Tonnen Pulver verschwanden
aus den Magazinen, die Vorräte verteilt an die entschlossensten
gehässigsten Gesellen.

Ein blauer süßer Maientag kam heran. Der Himmel prangte in Sanftheit, alles
war zum Leben hingebreitet. Da trug sich vom Neuen Werk her bei Sankt Jakob
das knurrende Untier aus der unkenntlichen Finsternis der
blütendurchhauchten trunkenen Nacht an den Wall heran, zerbrach mit den
Klauen Pfoten Bollwerk und Rondells, klatschte mit Ruck und Schwung seinen
bunten prallen Leib mitten auf die morgenlich leeren Straßen, in denen hie
und da einer gähnend die Fensterladen aufstieß, ein Mädchen im Vorgarten
seine Blumen begoß. Mitten auf die Straßen.

Minutenlang lag es wie verzaubert still, öffnete dann das Maul zu dem
herzlähmenden vereisenden Gebrüll. So daß die Menschen ihre Stunde wußten.

Nach wenig Zeit sollten sie alle bis auf einen kleinen Rest, Männer Frauen
Kinder Kaisertreue Wankelmütige Herzhafte Alter und Neuer Rat als sonderbar
stille Kadaver auf der Erde, in den Stuben Kellern liegen mit trüben
fragenden lächelnden bittenden verzweifelten Grimassen, in tollen
ungekannten Stellungen, nachdem ihnen ihre Seelen entrissen waren, wie man
einem Hahn den Kopf abreißt. In die Elbe gestürzt auf Karren Betten Wagen,
was nicht auf Böden und zwischen Hafentrümmern faulte.

Als der riesige Kürassier Pappenheim, Todesverächter seitdem er Mensch war,
mit den Regimentern Gronsfeld, Wenglas, Savelli das Neue Werk auf Leitern
erstiegen hatte, durch das Stücktor in die große Lakenmachergasse gestürzt
war, blies der Küster auf Sankt Jakob Sturm, hängte eine schwarze Fahne
heraus. Mit Springstöcken liefen schon kaiserliche Pikeniere, rote
Feldbinden, die Lakenmachergasse herunter, über den Weinberg, durch die
Gärten. Ihr Geheul, blutdürstige Gesichter: »All gewonnen, all gewonnen!«

Die Türen sprangen auf; die ersten Menschen niedergestoßen. Der Strom der
Kaiserlichen wurde von rückwärts gespeist; in kochender Lavaflut überwallte
er die Straßen. Vom Alten Markt zogen ihm fünfhundert kaisertreue Bürger,
die rote Feldbinde schwingend, Weiber und Kinder in der Mitte, entgegen.
Waren im Augenblick von Kroaten und Wallonen bäuchlings rücklings seitlings
hingestreckt und zertreten.

Sie ritten schon, schwangen von oben die Klingen. Am Neuen Markt fluchte
Falkenberg unter dem Sturm von Sankt Jakob auf die schreienden Räte und
Innungsmeister, die über ihrem Gezänk die Gräben hätten vertrocknen lassen.
Sein Knecht schnallte ihm, während er ungeduldig stand und sich bewegte,
Halsbrünne und Beinschienen um; den eisernen Topfhelm riß ihm Falkenberg
aus der Hand, er entglitt ihm, klirrte auf die Steine. Der Schwede
wechselte, die Faust gegen sie aufhebend, zehn leise Worte seitlich mit dem
langen springfertigen waffenlosen Stallmann. Wie Falkenberg mit hundert
Reitern gegen die Kaiserlichen vorstieß, hallte schwedisches Feldgeschrei
unverhüllt und stolz im Breiten Weg. Viermal rannte er an, tausend
Kaiserliche wurden erschlagen, nahe dem Stücktor krachte er stöhnend unter
Musketenschüssen vom Pferde; das Tier bockte, schleifte ihn im Steigbügel
im Kreis herum. Sein Herz im Sterben erzitterte vor Freude, weil er sah,
wie an der Mauer die bettelnden Bürger gespießt wurden und ein dünner Qualm
von allen Seiten wehte.

Denn zwischen schweren Reitern Pikenieren Musketenträgern flitzte vom
Fischerufer und Fährgarten massenhaft lumpiges unheimliches Pack, kleine
Säcke und Taschen auf Schultern Armen, erbrachen Häuser, ehe die Sieger
eindrangen, stießen mit Dolchmessern beiseite, was sich in den Weg stellte,
schütteten in die leeren Dachböden, in die Keller Pulver. Feuer, kleine
Explosionen in allen Stadtteilen.

Flammen, Flammen, Flammen, Flammen, Flammen.

Stallmann schlug sich keuchend mit Wilke durch Bürger und Soldaten, Pulver
werfend, die Kirchen sollten nicht vergessen werden. Raublüsterne
Dragonerfähnlein rauschten prasselten durch die Straßen: »All gewonnen, all
gewonnen!« Die splitternden aufgeschmetterten Türen.

Rauch, beizender brodelnder unendlicher Rauch. Unter dem blauen Himmel,
gegen den Himmel auf eine trübe weit auseinanderquellende Last, von Feuer
durchzuckt. Der Qualm zischte schwarz auseinander, fiel in die Stadt
zurück.

Vor der Domkirche lagen hundert Zentner Pulver; Wilke spannte die
Zündschnur: ein Rittmeister stieß ihm den Säbel von hinten durch den Hals,
daß das Blut neben der Kehle aus ihm stürzte und er nach kurzem Zucken auf
den Mund fiel. Stallmann, gebückt mit der brennenden Lunte, wurde von
Pferdehufen getroffen; wurde umgeworfen, von Kroaten gefaßt wurde er mit
Stricken gefesselt, um vor den Profoß geschafft zu werden. In ein Haus am
Neuen Werk geworfen sägte er den Strick an den Händen mit einem
Glasscherben an, den er zwischen den Zähnen packte; ein glimmender Balken
sengte den Rest durch, bis ins Fleisch brennend.

Am Abend plauderte Gustaf Adolf vor seinem Zelt mit Lars Grubbe. Mit
wachsendem Staunen den feierlich übergluteten Himmel betrachtend. In der
Nacht drang Stallmann zu ihm. Der König bei der Kienfackel aufstehend küßte
ihn stumm, als er verwirrt geredet gejammert und geflucht hatte. Und wie
sie vor dem Zelt standen, die Röte immer ungeheurer stieg, weinte Gustaf
Adolf; in Wut schwur er: »Ich hoffe den Geier noch beim Aas zu ertappen und
ihn zu packen, wenn ich gleich meinen letzten Soldaten dransetzen sollte.«

Pater Wiltheim ging mit Ordensbrüdern nach zwei Tagen durch das glimmende
Sudenburger Tor in den Mauritiusdom. Wimmernde splitternackte Kinder,
halbtote Frauen hingen auf den hohen geschnitzten Stühlen vor dem Chor, am
Altar, im Schiff. Er wies sie, ein Dankgebet im Ornat sprechend, auf die
Heiligenbilder, die allerseligste Jungfrau, den heiligen Mauritius, mahnte
sie an ihren Abfall. Alle sprachen ihm den englischen Gruß nach. Soldaten,
goldene Ketten um den Hals, Becher Schinken Kleider in Säcken, halbnackte
Weiber treibend, grölten zum offenen Tor herein: »Vor Jahren hat die alte
Magd dem Kaiser einen Tanz versagt, jetzt tanzt sie mit dem alten Knecht,
geschieht dem alten Mädchen recht.«

                   *       *       *       *       *

Plötzlich saßen die evangelischen Kurfürsten und Stände in Leipzig und
jubelten über ihre Stunde. Das Reich war bedroht vom Schweden, von einem
fremden Einbrecher, der Kaiser in Gefahr, sie wollten ihre Rache nehmen.
Mit ihren Hoftheologen zogen sie an, ihre eigenen Streitigkeiten begrabend.
Der sächsische Prediger Hoe von Hoennegg eröffnete den Konvent mit den
schallenden Worten des Psalmisten Assaph wider die Feinde Israels: »Gott
mache sie wie einen Wirbel, wie Stoppeln vor dem Winde.« Man blies die
Backen auf; mit dem Schweden sollte der Kaiser gezüchtigt werden für seinen
Übermut, das Restitutionsedikt, die Pression der friedländischen
Soldateska. Man hatte keinen, keinen Grund, sich dem Schweden
entgegenzustellen. Das war ein Krieg zwischen dem Kaiser und Gustaf Adolf;
die Stunde der Rache war da.

Von Leipzig gingen entschlossene Briefe nach Wien: sie wollten von den
großen unerhörten und ganz unerträglichen Drangsalen des Krieges befreit
sein, wollten in Zukunft Kontribution Einquartierung Durchzüge nicht
dulden. Man kicherte in Leipzig: wie soll der Kaiser Krieg führen, wenn man
ihm Quartier und Kontribution abschlägt? Gegen die katholischen Kurfürsten
hoben sie die Hände auf, warnten mit Kriegsvolk sie zu beschweren, unter
welchem Vorwand auch immer. Man umarmte sich in Leipzig: dies hieße reinen
Wein einschenken. Der Brandenburger und Sachse waren da mit vielen Ständen,
man trank in allen Quartieren so viel, daß der schwedische Gesandte aus dem
Lachen nicht herauskam. Die Deutschen aber saßen auf ihren Bänken und
ließen sich bewundern wegen ihrer stolzen Briefe an den Kaiser.
Wiederholten unter schwedischem Applaus nach Wien: was die Liga könne,
könnten sie auch; wollten keinen, keinen in ihr Land lassen, würden sich
ihrer Haut wehren.

Und damit gaben sie sich mutig eine Kriegsverfassung. Kursachsen begann ein
Heer auf die Beine zu stellen. Viele Lobsprüche ernteten sie von Gustaf
Adolf. Am Tage Palmarum redete noch einmal Herr Hoe von Hoennegg, mit
Geschmetter preisend die tapferen Entschlüsse des Konvents, zeigend auf das
gräßliche Geschick Magdeburgs, der stolzen evangelischen Hochburg, die der
Papist eingeäschert habe in unbezähmbarer Wut. Umsonst aber werde er die
Krallen auf die sächsische und brandenburgische Brust legen. Der
hochbetrübten Kirche würden glückliche Stunden nahen. Dem allgemeinen
lieben Vaterlande deutscher Nation sei der ewige Friede in Aussicht.

                   *       *       *       *       *

Zwei Sätze machte der Feldherr des Kaisers: einen nach Thüringen, den
zweiten auf Sachsen.

Den ersten von Magdeburg auf Thüringen. Stadt und Land war kahlgefressen,
brandverwüstet. Tilly suchte Entschädigung, weidete sein Heer in Thüringen.
Jetzt erhob er schwere Kontribution, sah die Freude seiner Soldaten, wies
die klagenden Bürger ab. Er kaiserlicher Feldherr. War schon verwittert,
daß ihn der Fluchname Brandstifter nicht berührte; ja wehrte das Wort nicht
ab; es labte ihn heimlich, weil niemand zu merken schien, welch Unglück ihn
in Magdeburg betroffen hatte durch schwedische Infamie. Nicht einmal der
Triumph der Eroberung Magdeburgs war ihm zugefallen. Kirrte in Thüringen
den Landgrafen von Hessen, der einen großartig burlesken Widerstand gegen
ihn inszenierte. Geschwollen rollten die vierundzwanzigtausend Mann auf
Sachsen, hielten an der Grenze.

Tilly sah die Entscheidung kommen. Das eitle trotzige Benehmen des dicken
sächsischen Bierkönigs reizte ihn. Wenn der Sachse so bliebe, er würde ihn
binden. Von Süden strömten ihm neue guterhaltene Truppenmassen zu. Mit
vierzigtausend Mann fing er über die Grenze eine Unterhaltung mit dem
Sachsen an; hatte Vollmacht den Kurfürsten zur Vernunft zu bringen. Er
fragte, wie es wäre mit den Reden, die am Tage Palmarum in Leipzig gehalten
wären, wer die Stoppeln und der Wirbel wären. Der Kurfürst stammelte, man
möchte gut zu ihm reden, sei des Heiligen Römischen Reiches Kurfürst.

Wer, fragte Tilly, kaiserlicher Feldherr, zurück, die Stoppeln und der
Wirbel wären: wenn drüben des Reiches Kurfürst rede, ob hier nicht des
Römischen Reiches Feldherr Wörtlein zu sagen habe.

Zu sagen, zu sagen! Er sei ein sanfter Landesvater, wolle sein Volk und
Land vor den Pressuren und Qualen des Krieges bewahren; man verdenke es ihm
nicht.

Sein Land ist Reichsland, wir müssen hinein. -- Er möchte es nicht darauf
ankommen lassen; man habe ein Heer, er wisse es vielleicht schon,
aufgestellt, um sich zu schützen.

Her mit den Soldaten; es sind kaiserliche; der Kurfürst hat kein Recht auf
Truppen.

Da zog sich Johann Georg Socken über die Füße, tapste nach Torgau. Klagte
und plärrte unterwegs viel; sei der treueste Reichsfürst, ihm tue man dies
an; was ihn die Händel des Kaisers mit dem Schweden scherten, wolle sie
gewiß nicht stören. Und dieser Gedanke rührte ihn so, daß er noch einmal
zurücklief an die Grenze Tilly gegenüber, ihm dies zu verkünden. Als wäre
es eine Erleuchtung bedeutete er den Feldherrn; ihre ganze Unterhaltung sei
verkehrt gewesen, vorbeigeschossen; denn worum drehe es sich? Doch nicht um
den Kaiser und ihn, den untertänigen Sachsen. Sondern um den Kaiser und den
Schweden. Den Schweden. Hallo, große mächtige Reichshändel zwischen der
Römischen Majestät und der königlichen Würde aus Schweden.

Und? -- Und? Vermöchte er, der beliebige Fürst, sich anzumaßen, sich in die
Händel solcher Potentaten einzumischen und ihnen in den Weg zu treten.

Gewiß nicht, grunzte es von drüben. -- Warum also wolle man es ihm
verargen, wenn er seiner Wege gehen wolle.

Was, was wolle er mit seinem Heere. -- Man lasse das doch mit seinem
armseligen, unglückseligen Heerchen, es wäre ihm lieber, er hätte es nicht.

Also gebt mir euer Heer. --

Wieder wartete der Sachse, ob er mehr hörte. Zog sachte, ängstlich plärrend
auf Torgau. Gustaf Adolf hatte sich mit kleiner Kavalkade da eingefunden,
er empfing schmunzelnd in seinem Quartier den alten betrübten Herrn. Der
jammerte, dies sei der Dank dafür, daß er sich neutral habe halten wollen.
-- »Habt Ihr das wollen?« drohte mit einer sehr lauten Stimme der
riesenhafte Schwede. »Nicht doch, nicht doch. Nur sozusagen, vor dem
Kaiser. Wißt doch, was ich meine.« Ratlos winselte der betrübte Mann.

Gütig gab ihm der Schwede zu verstehen, es sei das beste, gerade Wege zu
gehen; man könne nicht dem Kaiser dienen und der evangelischen Kirche
Beschützer sein wollen. -- »Er hat mich nie angegriffen.« Grob der Schwede:
»Also rund: was hat der Herr vor?« Nach langem Drücken brachte der Sachse
seinen Kummer heraus: ob Gustaf schon vernommen habe, daß der Kaiser ihm
Meißen, Naumburg, Merseburg abnehmen wolle auf Grund des
Restitutionsedikts. -- Kalt bejahte der Schwede. Die Finte stammte von
seinen Unterhändlern. -- Traurig legte Johann Georg seinen Kopf auf den
Tisch, weinte. Er saß rechts und links in der Klemme.

Man brachte Bier, um ihn zu besänftigen. Er schwur Stein und Bein, daß er
treu zum Kaiser gestanden habe und dies nicht verdient habe. Vom Schweden
und seinen zudringenden Begleitern wurde ihm auseinandergesetzt, daß Tilly
nichts weiter vorhabe im Augenblick, als ihm die Stifter wegzunehmen. Lange
zögerte Johann Georg. Man gab ihm viel zu trinken, um ihm den Entschluß zu
erleichtern. Plötzlich stand er auf: Zum Schaden den Spott wolle er nicht
tragen; er wolle später nicht mit Schimpf in der Geschichte seines Hauses
genannt werden; man solle ihm noch einmal sagen, was der Kaiser von seinem
Besitz fordere. Wortlos schüttelte darauf lange Minuten der Sachse den
dicken Kopf unter der Pelzkappe, während er starr vor sich glotzte: »Es
soll ihm nicht gelingen!« Den begleitenden Herren seines Hofes rief er zu,
ob sie gehört hätten; ihr Vaterland sei in Gefahr; die evangelische Sache
werde bedroht. Lebzelter brachte ihn zu Bett.

Am nächsten Morgen schloß er, den die Unruhe um seine Treue zum Kaiser und
um seine Stifter die Nacht schlecht hatte schlafen lassen, mit dem Schweden
einen Vertrag. Mit resignierten Blicken erklärte er seinen Räten: es sei
dahin gekommen, daß er sein Haus gegen den Römischen Kaiser verteidigen
müsse. Sie bestätigten es; Gustaf Adolf hatte ihnen goldene Ketten und Geld
geschenkt.

»Wie ein Mann wollen wir zusammenstehen«, sagte Johann Georg zum Schweden,
als sie sich die Hände reichten. Rührungstränen vergoß der weiche Sachse,
segnete beim Abschied den Schweden.

Der stand mit Oxenstirn, einem kümmerlichen Menschengestell, das ein
Schädelmonstrum auf dem Hals vorsichtig balancierte, und dem hinkenden
Grubbe, seinem Sekretär, hinter der abfahrenden sächsischen Karosse.
Schaute die beiden abwechselnd an, perplex. »Ist es wahr oder ist es nicht
wahr? Der Kursachse hat sich mir verschworen? Ist es wahr?« Und dann ins
Haus steigend: »Ich hätte eher geglaubt, der Bayer verbündet sich mit mir
als der Sachse. Was hat er denn für einen Vorteil davon?« »Aber Meißen,
Naumburg, Merseburg!« »Mein Gott, Allmächtiger. Er fragt nicht einmal nach
beim Kaiser, er glaubt es mir!« Grubbe grinste: »Eure Majestät wirken sehr
überzeugend.« »Oxenstirn, was sagt Ihr dazu. Er glaubt das mit Meißen. Ist
die Welt verrückt?« »Wir können ruhig sagen, Eure Majestät ist von Gott
gesegnet. Ihr könnt füglich noch ganz andere Sachen sagen, man wird sie
glauben.« »Da fährt er hin. Erlaubt, Herren, ich muß mich erst beruhigen.«
Grubbe kraute sich am Kinnbart: »Wenn man es recht ansieht: was bleibt dem
Sachsen weiter übrig als Euch zu glauben. Wir hätten ihm die Insel Bornholm
anbieten können; er hätte es glauben müssen.« Der Schwede staunte noch: »Um
dreier Stifter willen fällt ein deutscher Kurfürst von seinem Kaiser ab und
verrät ihn. Was für ein Reich.« »Längst reif, von schwedischen Händen auf
seine Baufälligkeit geprüft zu werden.« »Oxenstirn, der Sachse macht mir
Mut. Es ist eine Freude, im Reich zu sein. Melde nach Haus: unsere Sachsen
stehen gut, -- besser als ich ahnen konnte.« Sie stiegen in ihre Wagen,
lachten Tränen zu dritt als Oxenstirn meinte: »Es läßt sich schön arbeiten
in dem Wald, wo die Bäume laufen und betteln: Holz uns doch ab.«

Es waren heiße Sommertage. Dem Brabanter entgegen wälzte sich mit
vollkommener Ruhe Gustaf Adolf. Über Frankfurt nahm er seinen Weg, in der
Stadt verschüttete er an einem Tage sieben kaiserliche Regimenter zu Fuß,
eins zu Pferde. In seine Hände fielen einundzwanzig Kanonen,
sechsundzwanzig Fahnen, neunhundert Zentner Pulver, zwölfhundert Zentner
Blei, siebenhundert Zentner Lunte, tausend eiserne Kugeln. Siebzehnhundert
Leichen waren zu begraben.

Er war schon kein schwedischer König mehr. Seine Stimme ertönte metallisch
von dem Religionskrieg, den er führte. Man möge zu ihm kommen wie der
Sachse Brandenburger und Pommer gekommen wäre. Die Stunde der Abrechnung
mit dem katholischen Übermut war gekommen. Herrisch trieb seine Stimme,
trieb zu Wut und Angst. Den Nahesitzenden, Geistlichen und Weltlichen jagte
er Schauer von Zorn über. Sie wurden, erst fade lächelnd, dann verstört
schwankend aus ihren Höhlen gescheucht, legten die Hände suchend an ihre
Degen, mühten sich den Rumpf gerade zu halten und ihm entgegenzugehen.
Gerächt würden werden die Menschen -- dröhnte es von drüben --, die
armseligen, die in Magdeburg dem Feuertod durch Tilly übergeben seien. Die
Pfälzer, deren Land verwüstet sei. Die beklagenswertesten aller Geborenen,
die Böhmen, die gefoltert und gepeinigt würden, ihre Habseligkeiten
verloren, ihre liebe Heimat verlassen mußten, Böhmen. Man werde als
evangelischer Christ dies Land nicht vergessen, solange es einen reinen
Glauben gebe, werde des Scheusals nicht vergessen, das sich der Kaiser aus
diesem Land gezogen habe, damit er das Reich zu einem Höllenpfuhl mache,
des Friedländers, der bis nach Dänemark seine Untaten trieb.

Mehr und mehr kamen aus den Höhlen, schwankten in sein Lager.

Wie er sich auf Wittenberg schob, hatte sein Heer dreißigtausend Mann zu
Fuß und fünftausend Reiter. Und zahllose davon waren Deutsche. Liefen mit
dem Schweden, weil er viele Städte erobert hatte, mit gutem französischen
Geld zahlte.

Er war so dick und schwer in seiner Rüstung, daß es im ganzen Heere nicht
fünf Pferde gab, die ihn tragen konnten. Streng und bigott war er.
Bigotterie gehörte zu seiner Geradheit, Entschlossenheit, Wucht. Er dachte
nicht nach, glaubte an Luther und das Evangelium so stier wie an die
Festigkeit seines Streithammers. Kannte keine Furcht vor irgend einer
Überlegenheit.

Aber auch der gespenstige kleine Brabanter, der die Saale überschritt gegen
ihn her, kannte sie nicht. Er hatte einen tiefen Ekel vor dem Mann, der die
Religion ohne Unterlaß im Munde führte und ohne Unterlaß den frommen
katholischen Glauben schmähte, er, der Kriegsmann, den es anwiderte, daß
der andere kein ehrlicher Krieger war. Er sehnte sich, ihn zu beseitigen,
drängte heftig vor. Nie hatte er, in keiner früheren Schlacht, solch
heftiges Verlangen gehabt, seinen Gegner zu schlagen. Wie er einfältig nach
Wien berichtete: dies sei kein rechter Feind. Genoß die Freude, seinem
Herzensdrang ungesäumt nachzugeben.

Die Höhen nördlich Breitenfeld bezog er unter Trommelschlag und klingendem
Spiel mit seinen Massen. Sechzehn Regimenter zu Fuß, sechzehn zu Pferd zog
er hinauf. Der Schwede und Sachse kamen an.

Sie konnten nicht rasch genug ihr Blut mischen.

Von morgens neun bis mittags vier wurden achttausend zu Leichnamen aus
Tillys Soldaten, fünftausend aus den schwedischen und sächsischen gemacht.
Unter den schweren Kürissern zerriß sich vor Kriegswut Gustaf Adolf, sein
ungeheurer Gaul mochte ihn tragen wohin er wollte. Ihm war die Welt
versunken. »Gott mit uns«, schrie er automatisch, sein Schwert raste, hatte
teil an seiner Bestimmung. Das Leben der Leichen stieg stürmisch in ihn
über, machte sein Gehirn trübe und trunken, dehnte ihn zum Klagen und
Platzen. Er prustete im Schlachten, wieherte wie ein Hengst. Sein Schwert
kämmte, er kämmte die Kaiserlichen, war ein Barbier. »Gott mit uns«,
brüllte er. Die Leben blühten ihm erstickend zu, er konnte sich ihrer nicht
erwehren, es war zuviel. Kanonenkugeln sausten über ihm; eine fegte ihm den
weißen Hut mit der dicken grauen Feder ab; er atmete tief den Luftzug, der
mit ihr kam; wenn bald wieder einer käme.

Sie schlachteten sich mit großer List ab, suchten sich den Wind abzufangen,
um den andern vom Staub blenden zu lassen. Als ein einziger mächtiger Klotz
auf spanische Art gefügt, stand Tillys Heer da, das Treffen zehn Glieder
tief, gespalten in sehr große tiefe Vierecke. Der Feind kam an, Livländer
Kurländer Finnen Schweden Sachsen, den Wind im Gesicht, den breiten
Loberbach überschreitend, sein Gestrüpp durchbrechend, bewegliche Brigaden,
auf den Flügeln Reiter mit Musketieren wechselnd. Seine Kavallerie sprengte
drei Reihen hoch, schoß, wie sie das Weiße im Auge sah, zwei Salven, zog
den Degen.

Tillysche Regimenter gaben eine Salve ab. Die Sachsen warfen das
Hasenpanier auf, Fahnen und Geschütze lassend. Tobend sprangen die
Kaiserlichen in die Lücke, drehten die sächsischen Kanonen um auf die
schwedischen Regimenter. Die klammerten sich an den aufgerissenen Boden,
massierten sich dichter von Minute zu Minute.

Und wie ein Trompeter nach langem Ziehen aus tiefster Brust einen endlosen
schmetternden Schrei von sich gibt, der sich wie eine Schwalbe in den
Wolken verliert, so stießen die Schweden aus vierundfünfzig Geschützen eine
Feuerwoge über die Deutschen, eine viertel Stunde, eine halbe Stunde, eine
Stunde, zwei Stunden, die Luft anfüllend mit Fünfpfündern Zehnpfündern,
anwachsend und nicht nachgebend mit halben Kartaunen, stampfend stampfend
mit ganzen Kartaunen. Wie eine Mauer, im Fundament erschüttert, brach lange
an sich haltend schwer das deutsche Heer über das Schlachtfeld hin. Stürzte
die Reiterei, wurde begraben das Geschütz, das Fußvolk.

Auf die rieselnde staubende menschenstreuende Flucht nahm Regiment Kronberg
den verlorenen Brabanter mit. Das Morden in ihrem Rücken ging weiter. Sie
hörten den frenetischen König im Dunkel Viktoria auf dem Felde schießen. Er
schrie schweißtriefend, halb besinnungslos lachend, nach allen Seiten
winkend: »Gott ist lutherisch geworden, Gott ist lutherisch geworden.« Tote
wurden in der hereinfallenden Nacht weit und breit gesät, die Schweden
blieben an der Arbeit.

Tilly floh, floh, tat nichts als fliehen.

Hinterher marschierten die Regimenter Starrschädel schwarzgelb, Löser
rotweiß, Klitzing blauweiß, Arnim rotschwarz, Schwalbach rotgelb,
Ställhanske, Wunsch, Tott, Westgotland, Smaland, Ostgotland.

                   *       *       *       *       *

Als von den Wiesen und vom See her weiße Nebelschwaden unter den Brücken
gegen die Stadt zu schwammen, die östlichen Straßenzüge Mantuas
durchwanderten, stieg fröstelnd der Kaiser, weißgekleidet aus dem Wagen, um
an die Häuser zu treten. An der Karmeliterkirche, bei der Brücke Sankt
Giorgio, wo sie als Mädchen die erste Kommunion empfangen hatte, wollte ihn
die Kaiserin in ihrem Wagen erwarten. Die voranreitenden Hatschiere suchten
unter den Ruinen; an einer abschüssigen Gasse sah man unten einen Wagenzug,
Reiter voraus, sechsspännige kaiserliche Wagen, Türen geschlossen. Die
Hatschiere Ferdinands gaben den kaiserlichen Trompetenruf; die Türen
blieben geschlossen. Langsam wanderte Ferdinand die verödete morastige
Gasse herunter; wie er den ersten Wagenschlag öffnete, schluchzte es drin.
Er hatte es erwartet, setzte sich neben Eleonore.

Die Tiere zogen an; sanft sagte er, die Schulter der Schwarzverschleierten
umfassend: »Bei den Karmeliterinnen habe ich dich gesucht. Aber du konntest
wohl das Kloster nicht finden.« »Hast du es gefunden?« kam nach langem
leisen Weinen unter dem Schleier hervor. »Die Stadt sieht schlimm aus,
Eleonore. Was ist dies für ein Glück Krieg führen. Dein Vetter hätte es
besser gehabt, wenn er zugegriffen hätte bei meinem Friedensantrag. Nun
liegt alles verderbt da; er muß die Franzosen bitten, seine Schulden zu
bezahlen.« »Mir ist an meinem Vetter nichts gelegen. Du hast Frieden mit
ihm gemacht; warum ist Mantua nicht geschont worden.« »Er kam meinen
Generalen zu spät, Eleonore, mit seiner Nachgiebigkeit.« »Und ich? Und ich?
Warum hast du mir das angetan?« »Weine nicht. Ich will dir alles wieder
aufbauen.« »Ich will es nicht. Es ist geschehen. Du hast es getan. Es nützt
nichts mehr. Es ist geschehen.« Er blieb still: »Wie sollte es anders
kommen. Ich konnte es nicht mehr aufhalten.« »Du hattest es in der Hand,
doch und dennoch. Du hast in Regensburg deinen Feldherrn entlassen, es lag
bei dir.« »Ihm ist kein Unrecht geschehen; Nevers hat kindisch gehandelt,
er wollte mit mir spielen, ich war es meinem Amt schuldig, Eleonore, nicht
nachzugeben.« »Deinem Amt? Nein dir, dir. Und mir? Mir bist du nichts
schuldig. Mir wird meine Heimat zerschlagen, wie man eine Ketzerstadt
zerschlägt, wie man Magdeburg zerschlagen hat.« »Auch in Magdeburg haben
Frauen und Kinder geweint. Ich hab' es vorher gewußt.« Sie hatte ihren
Schleier zurückgeworfen, ein weißglühendes Gesicht bot sie ihm, der Wagen
hatte angezogen, sie fuhren langsam über Schutt. Dicht saß sie an ihm,
beide Hände an ihren Schläfen, flüsternd: »Versteh mich doch recht,
Ferdinand. Wenn in Magdeburg die Frauen weinen und du dennoch befohlen
hast, die Stadt zu verwüsten, -- ich fasse es nicht. Und wenn die Frauen
weinen, meinetwegen, sag', es sind beliebige Frauen. Aber ich, Mantua, sieh
doch, Mantua, wohin du mit mir reist.« »Ich muß trauern, mein Kind, gewiß,
mit dir. Um diese schöne Stadt und für dich.« Sie stierte ihm lange ohne
Verständnis in die ruhigen wehmütigen Augen; sagte dann zögernd: »Weißt du,
Ferdinand, böse sein von Natur ist ein Unglück, der Mensch ist wohl dann
wehrlos gegen seine Mitgift. Aber wie du, böse sein wollen, wissen daß man
böse ist, das ist mehr als schlecht und sündhaft.« »Wie ist es dann?«
»Grausig, du fragst noch? Das willst du auch wissen? Ekelhaft. Ich hab's
gesagt.«

Ihre Augen brannten gegen ihn, sie riß den Schleier wieder herunter. Sie
fuhren schweigend in einem Nebelmeer. Er fing an: »So ist mein Amt, so bin
ich durch mein Amt geworden. Es gab einmal eine Zeit, wo ich dich in jedem
Punkt verstanden hätte, als ich diesen Wallenstein nach Ungarn hinter den
Mansfeld geschickt hatte und mir Schandtaten gemeldet wurden. Damals wollte
ich ihn wegschicken. Er bot es selbst an, meine Zweifel erschienen ihm
komisch. Alle Räte widersprachen mir, die frommen Patres. Ich habe mich
gewöhnt daran. Jetzt kenne ich nichts anderes.«

Beim Kloster der Ursulinerinnen vor der Stadt hielten sie im Nebel. Nach
einer Weile stiegen sie aus. Durch ein Seitentor traten sie in die Kapelle.
Der langgedehnte dunkle Raum, schwankendes Licht von brennenden Kerzen am
Altar vor aufblinkenden bunten Bildern. Seitlich von oben tönte eine
männliche tiefe Stimme. Die Nonnen kniend, kopfgebeugt, Reihe hinter Reihe.

»Ihr fühlt, es graut euch, ihr seid ausgestoßen, weil ihr Weiber seid. Ja,
ihr ängstigt euch, der Fluch liege auf euch. Der Teufel treibt sein Spiel
mit euch; gegen wen Satanas am grimmigsten seine Zähne fletscht, dem hält
er ein Weib vor; so wäre es das beste, man rotte das ganze weibliche
Geschlecht auf einmal aus.

O, verzagt nicht, christliche Schwestern, o gedenket, daß ihr Menschen
seid. Gedenket dessen, der für uns alle am Kreuze hing.

Seine Mutter war Maria. Ja, Jesus hatte eine Mutter. Stündlich seht ihr
Christum, den Herrn, am Kreuze hängen, seht seinen klagenden Mund, seine
brechenden Augen, ihr weint über die Löcher, die in seine heiligen Glieder
gerissen sind, ihr seht den strömenden Blutquell aus seiner Seite, mit dem
er die Welt begleiten kann.

Ihr seht Jesum hängen.

Maria habt ihr nicht gesehen.

Es ist nicht ihr Bild, das glückselige Lächeln der Mutter, die
Hingestrecktheit vor dem Kreuze, der Graus, die Erstarrung unter dem, was
ihrem Sohn geschah.

Die goldenen Haare, die wonnigen Lippen, die Brust, mit der sie ihn einmal
stillte, die Arme, mit denen sie ihn einlullte, der Schoß, in dem sie ihn
trug, die Füße, auf denen sie mit ihm herumwandelte. Maria habt ihr nie
gesehen.

Sie hing nicht am Kreuze wie ihr Sohn. Ehe ihr Sohn geboren war, war sie
fast vernichtet worden, hatte sie schon alles durcherlebt. Allen Schmerz,
den ihr Sohn grausend und zu unserm Heil durchfühlen mußte, hatte sie
vorgefühlt. Denn in ihres Leibes Fleisch fraß die Liebe Gottes, die
zehrende, zerreißende, schmelzende. Gottes Liebe zu Maria ist nicht wie das
Blatt einer Rose, das über ein Gesicht fällt und streifend einen Duft
hinterläßt, unter dem sich die Augen glückselig betäubt schließen. Es ist
kein Flötenhauch, Sommerfaden vor dem Wind. Wen Gott berührt, der weiß nur,
was Sterben heißt. Bitter, so bitter voller tötender Stacheln ist seine
Wonne. Wen Gott berührt, der weiß nicht, daß dies die Berührung Gottes ist.
Er kennt keine Beruhigung. Wer so empfangen wird, dem kann nur Tod und
Ewigkeit mitgegeben sein auf seinen Weg und kann nicht lange auf dieser
Erde verweilen. Als Gott Maria berührte, wurde für Jesu das Kreuz
aufgerichtet. Er ist der Sohn seiner Mutter; das Entsetzen der Menschheit
aus der Berührung mit Gott trug er mit sich in sein Leben und in unser
Dasein. Siedendes Berühren von Feuer und Wasser; sein Leben nichts als ein
Rauch, eine schmerzensreiche Flucht aufwärts.

Maria!

Maria! Mutter Christi!

Laßt sie uns lobpreisen. Von allen Frauen sie die erwählte, von allen
Menschen die erwählte, unsere Fürsprecherin beim ewigen Thron, unsere
Besinnung, unsere Befreiung, Befriedigung, Beseelung. Himmlisch war sie, zu
unserem Glück, daß sie Gottes Blick auf sich zog, sie das Wunder der Welt.
Der Wein ihres Bräutigams, seine seufzerquellende Traube. Maria! Du
Schönste, du Süßeste, du Herrlichste, Gottes erschlossener Garten. Der
Wohllaut der Erde.

Aus ihrem Körper quillt alle Stärke, ihre Adern dehnen sich aus und senken
sich in unser Herz, in das Herz der Erde, wie Wurzeln. Das Lebende, Sonne
und Gestirne zieht sie an sich. Ihr Herz drängt sich hoch, uns zu tragen,
alle, Schwestern euch, Brüder uns. Ihr Leib wälzt und wühlt sich. Ihre Füße
zittern und schlagen wie ein Frost unter ihren Kleidern. Sie blutet, sie
gebiert unser Glück.

Laßt uns weinen, liebe Schwestern, weinen und beten zu Maria. Laßt uns auf
sie hoffen und uns freuen.«

Durch das Bistum Brixen, über Lienz, Judenburg kehrte der Kaiser langsam
nach Wien zurück. In der Hofburg begannen die Empfänge; Adlige und Stände
wollten den zurückgekehrten Kaiser begrüßen.

Man machte einen ungeheuren Saal für sie auf. Wer auf die glatte
weitquadrierte Fläche hinblickte von der Tür, wurde hilflos, Schwindel
erfaßte ihn. Die Decke war ein Urwald von Quadraten, Rechtecken, Achtecken,
Balken um Balken, schwarze, überwuchert von Bildern, die über ihren Rahmen
hinausgriffen, über die halbe Decke fluteten, plötzlich abrissen. Und dicht
unter der Decke, an den Pfeilern, der von zwanzig Fenstern aufgerissenen
Längswandungen spießten Hirschgeweihe hervor, Pfeiler um Pfeiler gekrönt
von ungeheuren Hirschköpfen, wild herausblickend aus gemaltem Rankenwerk
von Blättern, Blumen, Ästen, oft noch Tierbeine auf die Wand aufgesetzt.
Riesige Tafelbilder von den Wänden herunter, die Stirn nach vorn senkend,
knapp über dem Boden aufgestellt. Aus dem niedrigen Prunktor der
Schmalwand, das von steinerngrauen lanzentragenden Römern bewacht wurde,
über dem sich bis zum Plafond ein wimmelndes Schlachtengemälde auswirkte in
greller Buntheit, aus dieser dunklen engen Spannung quoll der farbige
Hofstaat.

Auf der purpurbezogenen Thronbank unter dem goldenen glatten Holzbaldachin
saßen hutbedeckt nebeneinander Kaiser und Kaiserin. Helles weißes
Morgenlicht aus den zwanzig Bogenfenstern. Da kamen über den Parkettboden
die Männer und Weiber angeschritten, die schloßentstiegene fröhliche
Erdenherrlichkeit. Sie schritten wie bei einer Hochzeit zum Fackeltanz, die
schmuckreichen Paare, wehende Bärte, schaukelnde Röcke. Ein Balken über dem
Tore, durch den Aufbau eines silbernen Ritters Georg, von Löwen besprungen,
geteilt; abwechselnd klangen Stimmen von einer Seite, bliesen aus langen
goldenen Posaunen von der anderen Seite rotgekleidete Männer herunter. Die
weitröckigen seidenbeschuhten Damen, Kornähren im Haar der blonden
lachenden Gestalten. Stolze nackenbiegende Köpfe, zähneentblößend, Hälse
von Ketten umspielt, gedeckt die Schultern von Hermelin, die
fleischstrotzenden Arme nackt, offen im breiten Ausschnitt die geschwellten
Brüste wiegend. Die Knie langsam fügsam wechselnd unter den fließenden
Atlasvorhängen, Schleppen hinter sich lassend, wie Hündinnen ihren Geruch.
Die weißen Arme, peitschen- und zügelgewöhnt, schleppten rafften die Masse
der Kleiderpracht. Auf dem Postament der starken Schenkel trugen sich
biegsam mit der Posaunenmusik die feinhäutigen gepflegten duftgebadeten
Leiber, in denen sich bewegte wie in einem Zauberkessel das verwöhnte
begierige Herz, die tiefatmenden Lungen, der weinsüchtige Magen, der lange
weiße Darm gesättigt und gestopft mit Pasteten, Pfirsichen, gebratenen
Kramtsvögeln, die heißen kostbaren Verstecke und Wege der Zeugung. Die
Augen, die offen sind für prunkende Bilder Maskeraden Schlittenfahrten,
pürschende Hunde, Tänze in gedrängten Sälen, die Münder, die befehlen beten
küssen, Lieder singen, Ohren, die offen sind für glückliche Worte. In
Atlaskleidern, gebändigt von weißen sinkenden Armen. Das kniewiegende
stolze Chaos heranschreitend, das der Sonne, der Luft, den Blumen,
Gewittern trotzt.

Gebückt auf der Purpurbank sitzend, den graubärtigen Mund leicht geöffnet,
empfing der Kaiser ihren Anblick, warf ihnen Hände entgegen. Sein Kopf
versank zwischen den hochgedrängten Schultern, der hohe weiße
Hermelinkragen schob sich über den Nacken und hinter die Ohren herauf.
Seine Beine breit nebeneinander gestellt schoben seinen Körper hoch. Er
wand die manschettengeschmückten Arme aus dem schweren Thronmantel. Sie
rauschten sicher an ihm vorbei, ihre starken lächelnden Leiber beugten sie
vor ihm, er schwang stumm, wie er ihnen entgegenstrahlte als einer
glücklichen Selbstverständlichkeit, beide Arme seitlich zu der herrischen
trauervollen Frau neben ihm, als wenn er sagte: Nicht mir. Sie lächelte,
und als wenn sie sich an der schmetternden stoßenden Musik und der
herangeführten Menschenpracht wärmten, verdunkelten sich ihre Augen und
schwammen in Feuchtigkeit.

Immer erneut die festen Münder zum Essen Trinken Beten Singen,
knierauschende Atlaskleider, von weißen bloßen Armen gebändigt, ohne Scham
auf den wandernden Postamenten das begierige Herz, der weinsüchtige Magen.
Die goldenen Posaunen bliesen, das Tageslicht verfinsterte sich unter
Wolken, es wurde in dem ungeheuer durchschrittenen Saal keinen Augenblick
bemerkt.

Die Kaiserin, von blauem Samt lose umflossen, an ihrem goldenen Brustkreuz
spielend, saß auf einem überdeckten Balkon die Füße auf eine niedrige Bank
ausgestreckt. Die stumpfgesichtige Gräfin Kollonitsch, vollbusig milde,
lehnte sich über das marmorne Balkongitter, einen Arm um das Bein einer
Amourette, blickte freudig und erschöpft in das grüne Blättergewühl des
Parkes trällernd: »Wem siehst du nach?« fragte die Kaiserin. »Ich? Wem sah
ich nach? Ich sah in die Bäume.« »Wer läuft da? Ich höre doch jemand
laufen.« »Im Park, Lore?« »Ja, wo denn. Wer läuft da?« Die Gräfin noch in
Atlas, dunkle Nelken in dem hochfrisierten Haar, gegen den Stuhl der
Kaiserin, die sich auf dem linken Ellenbogen hochstemmte, sah zu ihr
fragend herunter.

Wie die sich ganz aufgerichtet hatte, gespannt nach dem Park hinhorchend,
klang von unten ein unsicheres Scharren, absatzweise, als riebe jemand an
einem Baume, als fiele ein Ast, glitte einer vorsichtig über Sand. Im Nu
war die Kaiserin auf den Füßen. Blick, Mienen, Hände rasten: »Hörst du
nicht, wer ist da. Da unten geht einer.« Die junge Kollonitsch wich
ängstlich gegen die Balkontür, die Kaiserin scharf herunteräugend, wo nur
grüner Park und Kieswege waren, sprang zurück, suchte an der Gräfin: »Was
hast du da. Hast du keinen Stein oder ein Messer.« Sie lief in das Zimmer,
die Gräfin wollte zur Tür, die Wache rufen, die Kaiserin hielt sie mit
wildem Ausdruck fest: »Ganz still.« Riß eine Pike, ein kleines Handbeil von
der Wand; die Pike ließ sie neben sich fallen, mit dem Beil stürzte sie an
das Balkongitter, nach kurzem Suchen schleuderte sie die angehobene
aufblitzende Waffe zwischen die Bäume. Horchte herunter; als alles still
blieb, lief sie an der sprachlos stehenden Gräfin vorbei wieder in das
Zimmer, zerrte die Pike hinter sich, keuchte, suchte den riesigen Schaft
auf das Gitter zu ziehen.

Und als er da oben lag, keuchte sie sich hochrot: »Komm hilf.« Die kam
langsam an, faßte, immer die Kaiserin anblickend, den Schaft mit an. Einen
Moment streifte die Kaiserin ihr bewegungsloses fragendes Gesicht mit einem
Blick, blieb dann an ihrem Gesicht hängen, Hand an Hand mit ihr den Schaft
haltend. Sie sahen sich an.

Die Kollonitsch fragte bittend, leise: »Was machen wir?« Die andere schob
noch an dem Schaft, suchte unten zwischen den Blättern, heftete sich ruhig
an die ratlosen Mienen der Gräfin, ließ mürrisch, verlegen, noch fliegend
von der Stange: »Sieh, wer da unten ist.« Die Gräfin stand steif: »Es kann
doch niemand in deinem Park sein.« Lange sah die Kaiserin, leicht am ganzen
Körper zitternd, vom Balkon herunter; dann sich zurückwendend: »Denk, wenn
das ein Mensch gewesen wäre, wäre er tot.« Die Kollonitsch schleifte die
Stange ins Zimmer; wie sie bei der anderen stand, sich die Handteller rieb,
hauchte sie: »Es ist ja keiner unten gewesen.« »Laß mich, laß mich«, wehrte
die Kaiserin ab, die sich heftiger zitternd und sehr blaß, seufzend auf
ihren Sessel fallen ließ, um ihre Fußbank bat. Sie wiederholte mit grellen
Blicken gegen den Balkon: »Denk, ich hätte ihn umgebracht, wenn es ein
Mensch gewesen wäre.«

Nach kurzem Besinnen setzte sich die schwarze Kollonitsch, die Schleppe
heraufwerfend, neben sie: »Aber ich habe ganz vergessen, dich nach dem
Empfang zu fragen. Es waren so viele, weil wir dich trösten wollten. Und
nun sag', hat es dich erfreut.« »Ihr seid freundlich und lieb. -- Was war
das eben nur? Verstehst du es. Ich hab' mich erschreckt, nicht wahr?« »Ich
hab' mich selbst erschreckt, Leonore. Es war nichts. Also: es hat dich
erfreut.« »Eins aber sag' ich dir, Angelika,« damit beugte sich die
Kaiserin vor, drehte den Kopf, runzelte drohend die Stirn, »ich habe nichts
dazu getan, wenn es einen getroffen hätte. Ich habe mich erschreckt, und --
wie sonderbar, ich bin eine Frau und kam auf den Einfall, ihn
totzuschlagen.« Sie zitterte wieder heftiger, ihr Kleid raschelte.

»Es war herrlich, wie der Chor sang.« Die Kaiserin schüttelte den Kopf,
träumte mit wandernden Augen: »Ja, Angelika.« Später: »Ich bin besessen,
Angelika, ich fürchte mich. Sag es nicht weiter. Wenn es der Bamberger
Bischof erfährt, der Philipp Adolf, macht er einen Hexenbrand aus mir.
Lache nicht. Wie ist es möglich?«

Sie nahm, als die Kollonitsch gegangen war, gedankenlos den kleinen Spiegel
vom Tisch. In einem sechseckigen Elfenbeinrahmen stand er; ihn umgaben
Menschen, Männer und Frauen, nacktleibig sich um seine geschliffene Randung
hebend, schwimmend gegen die Höhe, auf der der Weltenrichter Christus
thronte mit dem Schwerte, angebetet kniefällig von zwei Gestalten. Ohne
sich zu sehen, hielt sie ihn vor ihr Gesicht; dann erblickte sie sich,
bedeckte den Spiegel mit der Hand: »Wie kann ich ihn verwünschen, wenn ich
selber so bin. Ich bin vom Teufel besessen. Ich bin's. Er ist in mich
gefahren und hat mich.«

                   *       *       *       *       *

Aus Halberstadt am vierten Tag nach der Schlacht machte sich der blasse
deutsche Leutnant Regenspurger mit einem Brief des verwundeten frommen
Generals auf. Wurde in Wien sogleich vor den Fürsten Eggenberg geführt. Die
Girlanden wanden sich am Plafond des langen rechteckigen Raumes in dem
Kerzenlicht; dem jungen Reiter, der zu erzählen anfing, träufelten die
Tränen aus den Augen. Der alte Fürst behielt ihn bei sich. In vollster
Bestürzung bat er seine Freunde Trautmannsdorf und den Abt Anton zu sich.
Sie fanden ihn, als sie nach Stunden eintrafen, noch auf demselben Stuhl
sitzen, auf dem er den Leutnant angehört hatte, grau im Gesicht, vergrämt
das Kinn aufstützend. Er sei, gab er kopfschüttelnd von sich, keines
Gedankens mächtig, sie möchten selber lesen, was des Feldmarschalls Tilly
Liebden geschrieben habe von der Schlacht mit dem König aus Schweden.

Und während sie lasen, jammerte er, er könne nicht denken, er werde gehen,
er müsse sich zurückziehen vom Hofe. Im seidenen blauen Schlafrock
schlürfte er über den Teppich; sie sprachen unter sich; er saß da, spielte
mit seinen kalten blauen Händen, hörte nicht zu und plötzlich blickte er
sie kläglich nacheinander an, horchte, was sie redeten, als wenn er sein
Urteil erwarte.

Der bucklige Graf sezierte mitleidlos, die Augen klein kneifend: jetzt
könne jedenfalls das Reich auseinanderfallen, auch mit den Kurfürsten; man
hätte sich ja vorher gefürchtet, ohne sie zu bestehen. Der Fürst wandte
sich fast verzweifelnd an den Abt, der ihn traurig ansah: aber er hätte ja
gerade die Kurfürsten gewählt, weil sie ihm sicher schienen für das Reich,
sicherer als der Friedländer. Trautmannsdorf schob frostig die Arme
aneinander, beschnüffelte den Brief: man habe sich eben getäuscht,
getäuscht, getäuscht. »Was nun?« flehte der Fürst. Abt Anton strich ihm die
Hände, Trautmannsdorf blieb dabei, die Hauptsache sei, zunächst zu sehen,
daß man sich getäuscht habe. Eggenberg winselte: »Was wollt Ihr von mir.
Ihr wißt, wie ich mich dem Erzhause und Kaiserhause gewidmet habe, wie ich
es gemeint habe mit dem Kaiser von seiner Jugend auf. Ich habe mich
getäuscht, Ihr hättet es verhindern können. Rettung, seid gnädig,
Trautmannsdorf.« Anton stellte sich hinter den Fürsten, sanft sprechend
neben seinem Ohr: »Ihr tut ihm ja Unrecht, Fürst. Er will Euch nicht
quälen, er will nur Klarheit. Ihr kennt ihn doch.« Trautmannsdorf:
»Schlüsse zu ziehen aus der Situation ist ganz überflüssig. Man braucht nur
die Ausgangsdaten nebeneinander zu stellen, so ergeben sich die Schlüsse
von selbst.« Angstvoll hing Eggenberg an seinem ruhigen Gesicht, drängend:
»Wie also?« Der Graf trommelte nervös, er wolle seine Weisheiten schon dem
Fürsten nicht aufdrängen, geschweige denn die Trivialitäten. »Was denn, was
denn?« bettelte der Fürst. Auf den vorwurfsvollen Blick Antons wurde der
Graf herzlicher, sprach leise, las mit ihnen den Brief noch einmal durch
und erklärte: einrenken sei die richtige Behandlung. Wenn man ein Glied,
mit dem man bisher gut gegangen sei, ausgerenkt habe, in der Hoffnung noch
besser zu gehen, nun, so renke man es wieder ein, wenn man den Schaden
bemerke. Der Fürst war aber viel zu verwirrt. Er verfiel in ein
verzweifeltes Selbstanklagen, man mußte ihn beruhigen, dann beteuerte er
wieder seine Unschuld.

Tags drauf empfing ihn der Kaiser; der Leutnant Regenspurger war zur
Audienz geladen, erstattete zaghaft seinen Bericht. Milde erkundigte sich
Ferdinand nach seinen Eltern und wo er in der Schlacht gefochten habe,
sprach seine Freude aus daß er entronnen sei. Er ließ seinen
Obersthofmeister rufen: man möchte den Leutnant bei Hof gut unterhalten,
ihm hundert Taler zum Dank für seine Meldung verabfolgen, und der Leutnant
möchte sich vor seiner Abreise noch melden.

Dann, allein mit dem Fürsten, der noch kaum gesprochen hatte, betrachtete
der Kaiser lange seinen unglücklichen alten Freund. Was in ihn gefahren
sei, wie er aussehe, ob er sich wieder krank fühle; er hätte sich dann
hinlegen mögen; warum habe er sich in diesem Zustand bemüht. Eggenberg nach
langem Schlucken gab nach, stürzte dem Kaiser, der vor seiner
Schreibkommode stand, zu Füßen, weinte schluckte und schnarchte hilflos.
Verwundert trat Ferdinand zurück: was er denn wollte. Dann stammelte
Eggenberg, der jede Haltung verloren hatte, um Verzeihung. Ja, wofür, ob er
die Schlacht bei Breitenfeld gegen den schrecklichen Ketzer verloren hätte;
ob sich sein lieber alter Eggenberg einbilde, der liebe Gott zu sein, der
alles füge; und schließlich, »wir müssen uns fügen und nachdenken, wie
alles zusammenhängt.« Der kleine Fürst stand mit blutrotem Gesicht auf;
Ferdinand lächelte, wie er an seinen Spitzenmanschetten zupfte,
nähertretend: aber krank sehe Eggenberg aus und er sei doch damals beim
Regensburger Tag nicht folgsam genug in Istrien geblieben. Eggenberg
hauchte aufblickend: er hätte nicht ruhen können aus Sorge um das
kaiserliche Haus.

Der Kaiser, dem Geläut von Sankt Stefan lauschend, setzte sich auf seinen
breiten Stuhl, einen Abtstuhl, dunkles Buchsholz, über Armlehnen,
Rückenlehnen, braune stille Figuren, die sich gegen Hand und Nacken des
Sitzenden bewegten, faltenwerfende Männer, betende Frauen, singende
haarflechtende Mädchen. Frauen mit Säuglingen an der Brust, segnende
stabgestützte Bischöfe. Er hätte es sich gedacht, gab er von sich, sie
drängten ihn, drängten ihn, wollten die Gewalt in ihren Händen haben und
nachher könnten sie sie nicht meistern. Nun stünden sie da wie arme Sünder
und es sei ihnen kläglich ums Herz.

Ferdinand hatte die Knie übereinandergelegt, seine Hand befühlte einen
Säugling, der am Bein der Mutter herunterrutschte. Am meisten jammere ihn
sein Vetter Maximilian, der stolze Mann; ein unerbittlicher Feind stünde
nicht weit vor seinen Grenzen. Daß man sich nicht niederdrücken lasse von
dem Zufall, daß man dem Bayern gleich ausreichende Hilfe gewähre. »Wir sind
ungerüstet, Kaiserliche Majestät; wir wissen jetzt nicht, wie uns unserer
Haut wehren.«

»Schreibt ihm, er solle unbesorgt sein. Wenn er sich fürchtet um seinen
Vater, solle er ihn herschicken zu mir. Sie sollen bei mir als Gäste
wohnen.«

»Majestät, wir wissen nicht, wie wir uns unserer eigenen Haut wehren. Der
König aus Schweden rückt mit einer so furchtbaren Macht heran; die
Kurfürstliche Gnaden von Sachsen hat sich ihm angeschlossen. Tillys und
unsere eigenen Truppen sind auf der Flucht.«

»Bewahre Gott, lieber Eggenberg, Ihr wäret jetzt auf meinem Platz. So wäre
das Erzhaus verloren. Seid doch wieder munter; listenreicher Odysseus. Wie
seid Ihr gedrückt, Eggenberg. Warum?«

Der bewegte seine zittrigen Arme nach vorne, ließ sie fallen; freundlich
winkte der Kaiser ab, sich die Augen bedeckend: »Laßt, lieber Freund. Was
ist die Lage leicht für uns. Friedland ist als Freund von uns geschieden.
Die Fürsten werden ihren Widerspruch gegen ihn aufgeben. Wir können uns
alle auf ihn verlassen, er war schon schwereren Lagen als jetzt gewachsen.«

Und so, leicht und beruhigend sprach der Kaiser, der sich wohlig schwer
zurücklegte, daß Eggenberg den Eindruck hatte, die Sache ginge ihm nicht
nah, ginge ihn nichts an. Mit weißlichhellen Augen blickte Ferdinand leicht
zerstreut auf den kleinen Geheimrat, in den Raum hinein, seitlich auf die
bernsteinbesetzten Fächer seines Schreibkabinetts.

Ferdinand brachte seine irrenden Blicke einen Augenblick zur Ruhe, heftete
sie weich auf das ängstliche fragende Geschöpf, das ihn liebte: »Eggenberg,
treuer Eggenberg, was seid Ihr verstört. Hat Euch der Regenspurger solche
Furcht gemacht. Geht hin zum Friedländer. Er ist unser Schwert. Nehmt es
nur wieder.« Vergnügt fuhr er fort: »Ich weiß zwar nicht, ob er jetzt
zarter zugreift als die vergangenen Jahre. Auch wird er sich einen guten
Lohn im Reich holen. Dafür ist er unser alter werter Friedländer. Holt ihn
nur. Er soll wieder kommen. Er wird sich freuen, daß es ohne ihn nicht
gegangen ist.«

Und als der alte Mann sich verneigte, verabschiedete er ihn zwischen Summen
und Pfeifen, sich tiefer zwischen die faltenwerfenden Männer, die betenden
Frauen, singenden Mädchen drängend.

Ohne Mantel Hut Wehrgehenk kam abends Ferdinand der Mantuanerin an der Tür
seiner Antikamera entgegen; man schloß die Türen. Eleonore raffte ihr
goldfarbenes Kleid vorn, drückte ihn, auf ihn rauschend, auf die
Fensterbank, drückte auf seine Schultern mit den Füßen, das Gesicht an
seine stopplige Wange reibend: »Tu mir das nicht an. Nimm ihn nicht. Ich
will es nicht haben.« Dann: »Willst du mich ermorden, nimm ihn. Was hast du
es auf mich abgesehen?« Dann: »Ich laß es nicht zu. Niemals, niemals. Und
wenn ich dich wieder und ganz verlassen sollte.« Das Gesicht von ihm
entfernend, ihn anstierend: »Mann, du, wer bist du, daß du das alles
anhörst. Daß du hier so sitzt. Vor mir. Nein, ich laß es nicht zu. Ich
siedle mich auf den Trümmern von Mantua an. Bei den Ursulinerinnen, und
zeige der Welt: so geht es einem Weib, einer Ehefrau, der angetrauten Frau
des deutschen Kaisers.« Er ließ sie gewähren, zog sie an der Hüfte neben
sich, an ihrer langen Perlenkette spielten seine Finger, leise begütigte
er: »Du warst schon in Regensburg so wild. Ich muß überall herumgehen und
trösten. Ich hatte noch nie soviel gutzumachen und zu besänftigen wie
jetzt. Eben erst unseren guten Eggenberg.« Und er ging zum Nachtmahl. Sie
begleitete ihn nicht.

Hinterher schmauste und pokulierte er im langen spanischen Saal, wo die
ganze Wand quadratisch gefeldert war und aus jedem Holzquadrat ein
Fürstenbildnis des Pietro Rosa aus Brescia herblickte. Sechzig Fürsten
blickten in der Runde, wie Ferdinand, zwischen seinen lustigen Kämmerern,
Offizieren, Gästen Bären Tannenzapfen, Windmühlen Lastwagen Schiffe als
Trinkgeschirre vor sich anfahren ließ und sie im Kreise fuhren; wie man
Hund und Katze zusammen ans Bein eines fetten Schweins band, das der Kaiser
mit seinem goldenen Degen durch den Raum jagte. Ein Affe, brauner
kurzschwänziger, saß in der Mitte der Tafel, trank in Kannen, stieß sie im
Sprung um. Der Kaiser war alle Abende von gleichmäßiger unbeweglicher
Heiterkeit.

                   *       *       *       *       *

An Maximilians Hofe hielt man ein kleines mißwachsenes menschliches
Geschöpf als Narren, ein Wesen von einer unglaublichen Gefräßigkeit. Meist
lungerte er um die Küchen Keller Tafeln Bankette, -- wie er sagte, den Mist
prüfen, auf dem sein Spargel wuchs. Er verabscheute ehrlich die Fresser und
Saufer, sie hatten mit ihm nichts zu tun. Bäuche von Schweinen,
Kälberknorpel, der schön gedämpfte und gepfefferte Rindermagen bedeutete
ihm mehr als Leibesfüllung. Wie ein Pferd beim Klingen der Musik ins
Tänzeln gerät, so bewegte sich sein schlaffaltiges blaurotes altes Gesicht,
sein Herz belebte sich, seine Hände griffen zum Gabelrapier, wenn die
würzigen Gerüche in sein Näslein zogen.

Er ging den Speisen wie ein Kämpfer entgegen. Mit seiner Beute hockte er
sich beiseite hin, hielt sie wie einen noch nicht bezwungenen Widersacher
unter sich. Er liebte es, daß man ihn allein ließ, ihm nicht zusah. Knurrte
wie ein Hund beim Essen. Lang ließ er die dicke wulstige Zunge über die
Zähne hängen, die Hände hoben die Speise, der Mund schnappte ihr entgegen.
Wenn die Vertilgung der Speisen vor sich ging, die Soßen wie Blut aus den
Mundwinkeln rannen, fing das Schnalzen Schmatzen Knacken Knuspern Reißen
Schlürfen Knirschen an. Hier wurde nicht gefressen und geschlungen, sondern
völlig vernichtet und restlos einverleibt. Und dies war der Vorgang, der
ihn berauschte. Er konnte es nicht unterlassen, wüste Bemerkungen dabei
auszustoßen, obwohl er bisweilen halbtot dafür geschlagen wurde; er
lästerte von dem neuen besseren Meßopfer, das er vollzog, jetzt werde er
Kalb mit dem Kalb, Schwein mit dem Schwein, Fisch, Kapaun. Er vollziehe das
Meßopfer nicht zum Himmel herauf, sondern nach unten herunter.
Rachedürstige Äußerungen stieß er aus, ihnen die frommen Gedanken zu
besudeln, widerstandlos von der Inbrunst des Wütens und Wühlens
geschleudert. Und so empfing er bisweilen, wenn er böse gelaunt war,
irgendwelchen Edlen vor der Kirche oder der Neuen Kapelle, würdevoll
gespreizt einen Rinderknochen mit einem Fähnlein auf seinem Spieß vor ihnen
tragend, wie ein Chorknabe Räucherbecken oder Kruzifix, keifend, näselnd:
»Auf zum Gebet vor dem Rehbraten. Auf zum Speikübel und Nachttopf. Auf,
meine lieben Herren, lasset nicht nach, nicht nach im Eifer. Gehet in
euch!«

An diesen Tagen waren die Herren und Damen an der Tafel sehr empfindlich
gegen Lärm, man mochte ihn nicht hören. Der Zwerg wurde unter dem Tisch aus
seinem Winkel hervorgezogen; wie schlaftrunken hing er, kauend speichelnd
stöhnend knurrend, in den Händen der Pagen, die ihn schüttelten. Er schlug
um sich, wußte, daß er nicht wie ein Hund knacken und knirschen sollte.
Gestäupt und wieder eingelassen schleppte sich das gebückte klingelnde
Mißgeschöpf an den Tafeln entlang in seine Ecke, bald schweigend in Wut,
bald die Tische mit einem Wust von Giftigkeiten überquasend, ruckweise
anhaltend, unter seinem Asthma keuchend, beschämend mit Zoten und Unflat
die jungen Hansen und Pagen, die wartenden Kämmerer.

»Er tut es gern, das Knirschen, er tut es gern,« schrie triumphierend der
jesuitische Beichtvater, nach hinten blickend auf ihn, wie er
vorbeigetrieben wurde. Mit Abscheu sah der Zwerg, wie die Herren vor den
vollen Schüsseln speisten, sanft gedankenlos die erlesenen Gerichte in die
Münder steckten, sich leise unterhielten, der Musik lauschten. Der Verrat
an den Speisen; die Lumpen vor diesem Braten. Er taumelte vor die Tür. Der
seidenbehängte Oberstkämmerer wandte sich angewidert über seinen Teller.

In den Grottenhof der Residenz wurde am Nachmittag der Zwerg geführt. Da
ging eben hinaus der alte langbärtige Angermeyer, Elfenbeinschreiner,
traurigen Gesichts; einen ganzen Tisch mit Elfenbeinmustern trugen ihm zwei
Gehilfen nach. Zwischen ausgebreiteten Kartons und Wandteppichen stand
inmitten des blumigen Hofes der üppige schwarzlockige Hans von der Biest,
Maler; Maximilian hörte ihm nicht zu. Neben dem Kurfürsten, der im knappen
spanischen Kostüm am Springbrunnbecken saß, stützte sich der junge Kuttner,
der Rat, auf den silbernen Kavalierdegen, sein Gesicht zuckte. »Ich will
mich ekeln«, spielte Maximilian mit dem Messer; der Maler zog sich auf
Kuttners Handbewegungen unter stolzen Verbeugungen zurück.

»Kuttner, der Arzt hat mir befohlen, ich soll mich ekeln. Das helfe mir am
raschsten.« »Ich weiß, Kurfürstliche Gnaden. Das ist der Narr.« »Fang an«,
stieß Maximilian hervor. »Was soll ich?« schrie der angetriebene Narr
bleich. »Fang an, Bärenhäuter.« »Was soll ich anfangen?« »Willst du
anfangen, Schelm!« »Was schimpft Ihr mich Schelm, Schuft, Bärenhäuter.
Reißt doch Euer Maul selbst auf und sagt was Ihr wollt.« Müd drehte
Maximilian den Kopf zur Seite leise: »Sprecht Ihr mit ihm, Kuttner. Macht
es kurz.« Kuttner, der feine junge Mensch, stolz, französisch, elegant,
ging, den Degen in der Hand, auf den Narren mit den weiten Nasenlöchern
los, wispernd: »Mach' deine Späße, Hund; du weißt, wozu du da bist.« »Der
Hund, wozu der da ist? Zum Fressen, du geleckter Welsche.« »Du, du bist
Narr, weißt nicht, was du zu tun hast.« Kuttner schwenkte zornig die
Klinge; er kam aus Paris, lebte wenig am Hof, wußte nicht, was die Künste
des Geschöpfes waren. Der Kurfürst blickte beiden stier und erbittert zu;
so apathisch war er, daß er nicht imstande war zu sprechen: »Fang an,
fängst du an!«

Von der Terrasse stieg ein zahmer Storch mit seinen hohen roten Stelzen
feierlich näher, von Zeit zu Zeit wuchtig in den sumpfigen Boden hackend;
er ging dem Wasserlauf nach, der zu dem Springbrunnen führte. Kuttner
begann in seiner Ohnmacht den Zwerg mit der flachen Klinge zu prügeln.
Maximilian, die Fäuste ballend, verfolgte die Szene. Der Zwerg sprang
erbost unter dem Hageln der Hiebe herum. »Friß. Er soll fressen«, schrie
Maximilian. Der Zwerg machte sich heulend los: »Was soll ich fressen? Was
soll ich fressen? Bringt mich nicht um.« Unter den steifen Blicken
Maximilians, den in den Sand spritzenden Schlägen Kuttners stürzte er sich
kreischend, verzweifelt die Arme aufwerfend, in den Saal vor dem Becken.

Und da kam mit gravitätischem Schritt der langbeinige Schnabelträger her.
Wie der Zwerg das Geräusch hörte, zuckte er zusammen. In Todesangst kroch
er hoch und nun warf er sich auf den Storch. Er war nicht höher als die
Beine des Vogels waren. Mit den Armen packte er nach der Brust des Tiers,
das krächzend flügelschlagend zurückwich, sich schüttelte, sogleich gegen
das kleine Wesen losging. Es hieb wie ein Drescher mit dem Schnabel auf den
Zwerg herunter, der ungeschützt einen Hieb dicht unter dem Hals empfing.
Seine Kappe zerriß, er knickte auf die Knie; schien aber sonst nichts zu
bemerken. Nur auf die federbesetzte Brust des großen Vogels starrte er,
schon hing er mit beiden umschlingenden Armen an seinem Hals, der sich
wand, drehte, sich zu entziehen versuchte. Seine Beine zappelten unten, das
starke Tier stand krächzend krächzend einen Augenblick, bis es vornüber
sank. Der Narr wälzte sich mit dem Storch im Sand. Sein Gesicht war nicht
zu sehen, es war in die Brust des schreienden fast menschlich kreischenden
Tieres vergraben. Er spie Federn, kaute und biß an der zähen Haut, dem
krampfhaft zuckenden Fleisch; sein eigenes Blut lief unter ihn; das
Tierblut leckte und schlürfte er. Und nun, noch eben in der Angst der
Degenhiebe, vergaß er, wer hinter ihm stand, wer auf dem Stuhl sitzend
vornübergebeugt mit langgezogenem Gesicht ihm zusah; er fing an seine
Kiefern zu bewegen und erst mit Widerwillen, dann mit wilder Besessenheit
zu fressen, zu vernichten, das zuckende schreiende Tier zu vernichten. Der
Storch auf der Seite liegend suchte wie ein gefallenes Pferd den Hals
reckend mit den Beinen ausschlagend hochzukommen. Das schwere Gewicht des
malmenden Zwerges zerrte ihn herunter. Wie der Vogel einen hellen
durchdringenden Trompetenschrei ausstieß, verlangte der Kurfürst, daß
Kuttner, der seitwärts schielend dastand, mit seinem Degen spielte, den
Zwerg abrisse. Kuttner bückte sich herangehend, packte den Zwerg am Rücken.
Der verbissen ließ das Tier nicht los. Als Kuttner ruckartig an dem
Geschöpf zog, ließ der Zwerg die Arme vom Hals des Tieres los, aber in
gräßlicher Weise hing er mit dem Gesicht wie verwachsen im roten klebrigen
Sudel an der Brust des Vogels; rechts und links lief und spritzte hellrotes
Blut den Boden. Mit einem Fluch klemmte der Kavalier seinen Degen zwischen
die Beine, laut hörbar wurde das brünstige Mahlen, Knurren, Schlürfen,
Schlucken des Zwerges, der mit den Armen wieder versuchte, nach dem Hals
des Vogels zu hangeln; der Storch hielt den Hals senkrecht über ihn,
entsetzliche Hiebe mit dem Schnabel fuhren blitzschnell auf die Waden und
Rücken des Mörders, dazwischen die schrecklichen hohen Schreie. Kuttner
griff zu, die Beine des Menschen packte er, ein Zug, er schwang den Zwerg
um sich, ließ ihn ins Beet absausen. Der Vogel schwankte mitgerissen,
krächzte, stand im Augenblick auf den Beinen, von oben troff das Blut,
flügelschlagend macht er kehrt, taumelte davon. Aus dem Blut kam der
grauenvoll beschmierte Zwergenkopf hervor; Wutgeheul, Tränen. Der Kurfürst
ging rasch an ihm vorbei; er nahm Kuttners Degen, stieg ausspeiend auf das
Beet zurück, spießte senkrecht von oben stechend den anstrebenden Zwerg mit
dem rechten Oberschenkel am Boden an.

In der Kunstkammer vor einer kostbaren Truhe, Stuckrelief mit
keulenschwingenden Kentauren, die vergeblich andrangen gegen die sanfte
Menschengruppe der Gerechtigkeit Weisheit Stärke Mäßigkeit, standen sich
Maximilian und Kuttner im Halbdunkel eines Pfeilers gegenüber. Maximilian
hieß ihn sich seinen Degen holen; der Zwerg zeterte noch. Als Kuttner mit
der blutigen Klinge wiederkehrte, saß der Kurfürst nahe einem Fenster. Sie
hörten dem sich entfernenden Gejammer zu. In der Stille schüttelte sich der
auf der Truhe, Maximilian: »So sollte mein Arzt schreien.« Stieß ein
hitziges Lachen aus, seine Augen blitzten erregt. »Wißt Ihr, Kuttner, was
heute für ein Tag ist?« »Michaelstag, Durchlaucht.« »Sankt Michael. Das ist
der Schirmherr der Deutschen. Wir haben eben gut gekämpft; er wird uns
loben.« Maximilian lachte sanfter und erschöpft. Kuttner bog seinen
frauenhaften weichen Leib vor, hob die langfingrigen Hände vor die
spitzenbesetzte Brust: »Der Narr war ein Vieh, Euer Durchlaucht. Wo gibt es
so etwas in der Welt.« »Wir haben beide tapfer gefochten. Sankt Michael hat
im Lande Moab dem Satan die Leiche Moses abgerungen. So habt Ihr gerungen.
Ich bin matt, Kuttner, und fühle mich besser.« Der lächelte verbindlich,
schwieg. »Ihr seid mir der liebste Mensch am Hofe, Kuttner; Euch vertraue
ich wie fast keinem.« Plötzlich hob, nach einigem Suchen, Maximilian
leidenschaftlich die Arme, hauchte aufflammend: »Kuttner, was soll
geschehen!« Er zog den anderen an der Hand zu sich herunter: »Ich bin
verloren. Ich --« Er stammelte. »Vor dem wüstesten Menschen der Erde liege
ich, vor diesem Goten. Er wird sich eine Freude daraus machen, mich zu
beschimpfen. Heiland, mein Heiland, wohin sind wir geraten.« Der Fürst
schien vor einem Tränenausbruch, jammernd und zähnekrachend sah er zu
Kuttner auf. Verlegen wich der mit den Augen aus; es gäbe himmlischen
Schutz für Deutschland. »Sagt mir das noch einmal, Kuttner. Ihr seid soviel
jünger als ich. Wenn es keinen himmlischen Schutz für uns gibt: ich sehe
keine Rettung. Ich hab' mich übernommen. Es war zuviel für mich. Setzt Euch
neben mich. Habt keine Scheu. Laßt mich an Euch anlehnen. Ich habe keine
Frau, keinen Freund. Mein Vater ist krank. Ich will mich aussprechen, Ihr
werdet mich nicht verraten. Regensburg ist mir nicht geschenkt worden. Ich
bin wie ein Lump, der alles verwettet hat. Ich kann nur greinen.« Nun
weinte er wirklich, Kuttners Schulter umfassend.

Der hatte seine Scheu rasch überwunden; er kannte die Krankhaftigkeit des
Kurfürsten, gab nach: »Was soll dies für ein Michaelstag in Deutschland
sein, wo Eure Durchlaucht zerknirscht ist. Wir geben nicht nach, der Satan
wird unserer nicht Herr werden und wenn er sich mit den ledernen Kanonen
der Finnen und allen schwedischen Neuigkeiten bewaffnet.« »Mir wär' wohl,
Kuttner, ich hätte diesen Tag nicht erlebt. Wie hab' ich mich hoch über
meinen Vater gefühlt, der mir das Land hat abgeben müssen, weil es fast
ruiniert war. Aber ich! Aber ich! Seht hin, nein, seht nicht hin. Sehe
keiner hin. Es ist ein Grauen. Wir haben den Krieg über die Pfalz und
Böhmen getragen; es hat uns nichts ausgemacht die brennenden Dörfer, die
Leichen auf den Straßen haben uns eine Freude gemacht, wir sind als Sieger
durchgezogen. Was haben wir gesehen. Wir waren Sieger. Kuttner, jetzt soll
Bayern, mein Land, für das wir gesorgt und gegeizt haben, alles dulden. Ich
hab' mich lästern lassen als Geizkragen und schlechten Filz; seht hin, wie
alles gediehen ist, wie alles prangt und wohl ist. Für dies Land hab' ich
alles eingesetzt, mich selbst mit, mein Haus, die Ehre meines Namens, den
Ruhm der vergangenen Geschlechter. Wißt Ihr, was nun kommen wird, wer das
ist. Ein dicker roher plumper Mann, der die lutherischen Schimpfworte vom
Morgen bis Abend wie einen Wohlgeschmack im Mund führt. In unseren reinen
reichen Kirchen wird er sich wälzen wie ein Schwein. Meine gehegten
geliebten Städte, o Ihr kennt sie ja, er wird drin herumschnüffeln, Feuer
wird er auf sie werfen, arm wird er sie erpressen. Ich werde nicht da sein,
ich werde irgendwo mit dem Hof sitzen. O ich will nicht. Ihr Menschen, was
ist über mich verhängt. Wie hab' ich das versündigt.« Den jungen Gesandten
hatte er losgelassen, sein Kopf hing seitlich über der Brust, er
schluchzte, stammelte.

Kuttner kniete vor ihm, streichelte sein Knie: »Sprecht nicht so laut,
gnädiger Herr; man könnte Euch hören. Seht doch mich an, hebt Euren Kopf,
wo ich bin. Ich bin Euer Gesandter in Paris. Erinnert Euch des Königs
Ludwig. Laßt Eure Seele nicht so im Sumpf. König Ludwig will Euch wohl, er
braucht Euch. Graf Tilly ist bei Leipzig nicht vernichtet. Der Schwede wird
aufgehalten werden.« »Das glaubst du, Kuttner? Freu' dich. Ich bin schon
halb auf der Flucht. Ich jammere schon und beklage meine armen Münchener,
die frommen Klöster, die ganze Herrlichkeit. Es gibt keine Rettung.« »Man
rechnet in Paris auf Eure Durchlaucht. Man hofft, Ihr werdet den Augenblick
verstehen.« »Was ist, Kuttner.« »Ihr seid kein Freund Habsburgs, glaubt man
zu wissen, und sicher kein Freund Spaniens, weil es Euch die Pfalz
mißgönnt. Man meint in Paris, Ihr werdet nach dem Leipziger Schlage
begreifen, worum es sich dreht. Ihr werdet irgendwie mit dem Schweden
paktieren. Frankreich hat es schon getan.« Der Kurfürst wischte sich das
Gesicht; abgewandt bat er: »Setz' dich neben mich, Kuttner. Knie nicht da.
Erzähle.« »Ich hab' Euch nur zu melden: der Pater Joseph sagte mir, als die
Nachricht von Breitenfeld einlief: ich sollte verhindern, daß mein
kurfürstlicher Herr sich von diesem Unglück getroffen fühlt. Das
kaiserliche Heer sei geschlagen. Es sei eine Warnung über den Regensburger
Weg hinauszugehen -- nach Wien; ein Wink für Eure Kurfürstliche
Durchlaucht, nicht mit der falschen Partei zu halten.« »Ich bin nicht
geschlagen, ich bin nicht geschlagen.« »Vielmehr meinte der so gelehrte und
weltkundige Pater: Ihr hättet sozusagen einen Vorteil errungen. Ihr hättet
es in der Hand, den Kaiser wissen zu lassen, wie es steht und wie Ihr es
auffaßt. Schließlich habt Ihr nicht Pommern und Niedersachsen zu
verteidigen. Die Liga ist nicht gegründet, um Pommern zu befreien.« Mit
gezwungenem Lächeln betrachtete Maximilian ihn von der Seite: »Du, lieber
Kuttner, meinst, ich bin nicht besiegt. Es wird alles wieder gut.«
»Kurfürstliche Gnaden, Eure Stunde kommt. Ich spreche, was mir der Kardinal
und der Pater oft eindringlich nahegelegt haben: Ihr solltet Mut haben. Der
Kaiser ist gerichtet. Alle deutschen Stände wenden sich nach den
friedländischen Untaten, die er begünstigt hat, von ihm ab. Greift zu.
Jetzt seid Ihr in Notwehr. Es geht um Euer Land und Euer edles Haus.« »Was
hat Richelieu gesagt?« »Stellt Euch dem Schweden nicht in den Weg. Haltet
es wie der allerchristlichste König: begünstigt ihn und sucht Euren
Vorteil. Frankreich rät Euch das. Es rät Euch das, weil Ihr sein
Bundesgenosse, sein natürlicher Bundesgenosse im Kampf gegen Habsburg seid.
Frankreich hat einen Vorteil von Euch; es wird Euch nicht Schlechtes
raten.«

Maximilian, den Arm auf der Schulter des schlanken Jünglings, blieb still,
sein Gesicht wurde länger, seine Nase rümpfte sich, leise: »Glaubst du, daß
er den Storch umgebracht hat?« Leicht verwirrt Kuttner: »Sehr tief war die
Wunde nicht.« »Ein ekler Mensch. Laß dich doch ansehen. Das ist also ein
Mensch, der mich nicht aufgibt. Ich muß mich wohl an dich halten. Und wie
hat Richelieu gemeint, Kuttner, besänftige ich den Schweden am besten?«
»Besänftigen, Durchlaucht -- ich rede mit aller Offenheit, die Ihr erlaubt
--, es ist ja nicht nötig. Wer, glaubt Ihr, sei der Schwede. Ich habe mir
viel von ihm erzählen lassen. Er rechnet wie Ihr und ich. Er hat seinen Haß
wie ein dummer Lutheraner, aber das verwirrt seine Rechnung nicht. Zuerst
Eure Liga aus dem Spiel: seid gewiß, Ihr braucht ihn nicht mehr mit Worten
zu besänftigen.« »Daß ich so wie von einem Fall gelähmt bin. Mir liegt --
ich habe ein dumpfes Gefühl -- eine ziehende Angst in den Knochen. Bin ich
nicht in einem wilden gräßlichen Traum, der mich nicht losläßt.« »Also
hätte Eure Durchlaucht nur darüber anzuordnen: wie sich Graf Tilly
verhalten soll. Befehlt ihm, Waffenruhe anzubieten.« »Ich wäre nicht
besiegt, ich wäre nicht geschlagen, meint Richelieu.« »Ein Entschluß hilft
Eurer Durchlaucht.« »Es ist nicht denkbar. Mein Arm, meine Knochen.« »Die
Lage hat sich zu Euren Gunsten gewandt; Ihr könnt eine entscheidende Rolle
spielen.« »Nun will ich aufstehen. Du hilfst mir, Kuttner, und begleitest
mich auf meine Kammer. Ich freue mich. Es geht mir besser.« Maximilian
schwankte am Arm des schlanken sanften Kuttner durch die lange Kunstkammer.
Sie gingen über den Hof. Dem Fürsten schauerte es in der Herbstluft. Er sah
lächelnd seinen Begleiter an. Der Oberstkämmerer erwartete ihn auf der
großen Freitreppe. Der Kurfürst hatte das Gefühl, bald froh zu schlafen wie
lange nicht. Nur als er in der finsteren Nacht erwachte, fühlte er auf dem
Rücken liegend die fremdartige Geschlagenheit, Zerbrochenheit, Zermalmung
in seinen Gliedern. Er flüchtete, mit ihr ringend, in den Schlaf.

Der französische Gesandte Charnacé, der rothäutige Soldat, und Kuttner, am
nächsten Tage vom Kurfürsten und seinen Geheimen Räten gemeinsam empfangen,
reisten zu Gustaf Adolf ab. Sie brauchten nicht weit zu reisen. Jenseits
des Thüringer Waldes stand er in Erfurt, nachdem er Leipzig Halle und
Erfurt überzogen hatte. Vierzehntausend Schweden bevölkerten die Stadt. Der
König wohnte im Gasthof zur Hohen Lilie. Er nahm die Gesandten auf einem
Umritt mit; auf dem Petersberg, wo das Jesuitenkloster stand, fingen sie
ihre Gespräche an. Der dicke König war von deutschen Fürsten umringt, er
war lärmend freundlich zu ihnen, sie kamen zu keinem Ende. Er lud sie bei
seinem Aufbruch, als sie mißmutig ihre Lage bedachten, ein, ihm noch einige
Tage zu folgen.

Über Gotha und Schmalkalden in einem Haufen, über Arnstadt und Schleusingen
im andern schob sich das Schwedenheer durch den Thüringer Wald. Während
dieses Marsches ließ der König und keiner seiner Umgebung sich sprechen;
die Gesandten wurden herrlich verpflegt; mit Jammern und Schmerz sah der
weiche Kuttner, mit welcher Schnelligkeit man südlich kam, Charnacé
erklärte fluchend, er werde nach zwei drei Tagen das Lager verlassen. Ihm
graute auch; er sagte: zwei drei Tage, konnte sich aber von dem betäubenden
Vormarsch nicht trennen; er mußte sehen, wohin das ging, ob es gar gegen
Westen auf den Rhein zu ging. Vor ihnen ergab sich die Würzburgische
Festung Königshofen auf das Anblasen der Trompeter. Mit stiller Trommel
wich die kleine kaiserliche Besatzung aus Schweinfurt. Der panische
Schrecken lief dem Schwedenheer voraus. Würzburg näherte man sich, der
reichen Stadt des Fürstbischofs Franz von Hatzfeld. Die Stadt kapitulierte
auf den Trompetenruf. Am linken Mainufer auf steilabfallendem Felsen das
feste Schloß Marienberg: der Kommandant übergab es nicht. In der Nacht
wurde es gestürmt innerhalb einer einzigen Stunde, keiner von der Besatzung
entkam.

Man besichtigte die Beute: Reliquien, silberne vergoldete Brustbilder
Ornate Kelche Kirchenschätze. Alles ritt in die Stadt ein; aus der
fürstlichen Silberkammer wählte Gustaf, den Franzosen mit seiner plumpen
Hand einzelnes weisend, für sich Edelsteine Perlen Gold und Silbergerät
aus; die Hauptmasse stellte er seinen Offizieren zur Verfügung. Da war noch
die berühmte fürstbischöfliche Bibliothek, für die der hochgelehrte Echter
von Machspalbrunn jahrzehntelang gesammelt hatte; an ihr ritt man vorbei;
der König gab Befehl, sie und die Bibliotheken der Universität und des
Jesuitenkollegs in Ruhe einzupacken für den Transport nach Upsala.

Endlich ließ im Zeughaus der Schwede sich zu einer Unterhaltung mit den
beiden fremden Herren herbei; Charnacé sprach erst für sich mit dem König.
Der setzte sich auf den Rand einer Pauke, schlug vergnügt mit dem
Seitengewehr auf das brummende Fell, umarmte Charnacé, brüllend: »Zu
saufen, Marquis, zu saufen, zu saufen. Was hat uns unsere Freundschaft
soweit geholfen. Laßt sie uns begießen.« Man trug auf das Rufen des Königs
Wein in Kannen und Becher her; flau trank Charnacé; er hoffe noch größeren
Gewinn des Feldzugs und worauf der König hinauswolle. Das wollten sie alle,
schluckte Gustaf, von ihm wissen; wisse es selbst nicht so genau; die
Fortuna des Kriegs sei die Meisterin. Er tat dann, als verstünde er den
Welschen nicht, wie weit er gegen den Rhein wolle; zeigte ein übermütig
joviales Verhalten; nur nebenbei konnte der andere anbringen, daß sein
König auf Metz gezogen sei, das ja seit Jahrzehnten unter französischem
Schutz stünde, und daß er die Bevölkerung dort, die ihn gerufen habe,
beruhigen wolle. Schmetternd lachte der Schwede und freute sich; ja er
wüßte, daß sie ihn fürchten, sei wohl der Gottseibeiuns für sie, fräße und
verschlucke sie, es sei ein Spaß. Er war nicht zu fassen.

Beim Hinzutritt des Bayern wurde der Schwede, der sich in übertriebenen
Komplimenten erging, noch lärmender. Nun mußten Stühle und Bänke
herangeschleppt werden; Grubbe und Oxenstirn sollten mit ihnen festieren
hier im Zeughaus, wo alles sich so freue. Kuttner mußte vorbringen, daß er
um besonderes Gehör mit seinem französischen Freund bäte. Das fand Gustaf
kostbar und auch sehr schön. So würden sie denn zu dritt hier sitzen,
miteinander schwatzen; er, der Kuttner, von dem er schon gehört habe, sei
ja ein prächtiger junger Herr; wie spaßhaft: man könnte glauben, der Herr
sei ein Edelfräulein, so schön und vornehm sei er; darum sollte er auch
doppelt festlich aufgenommen werden von ihm und seinem Hofquartier, nach
echt schwedischer Art. Nun fing Kuttner, der blaß und traurig war, da der
fremde König nicht auf sein Geleis biegen wollte, mitten im prahlenden
Gewäsch und Gekicher sein leises Vorbringen an; Gustaf veränderte sein
Gehaben nicht, sie sollten nur abblasen, dieses hier, dieses
außerordentlichen Weins zu verschmähen; aber Kuttner solle sich nicht
stören lassen, er sei ein prächtiger junger Herr, er höre ihm mit
wirklichem Behagen zu. Und so mußte Kuttner, vorsichtig von Charnacé, der
neben ihm saß, sekundiert erzählen, was sein Herr ihm aufgetragen hatte:
von dem bayrischen Wunsch, den gewaltigen Siegeslauf des Schweden nicht
aufzuhalten und in Neutralität zu treten. Gustaf schrie, sich von der Pauke
erhebend und seinen Becher absetzend, das sei ja ein Glückstag, ein
unerhörter Glückstag; was sei ihm denn lieber als mit anderen Menschen in
Frieden zu leben. Er streckte, gewaltig im Lederwams mit der Riesenschärpe
stehend, zu beiden Seiten seine Arme in die Höhe: so möchten zerschmettert
werden, die Feindschaft und Tod durch ihr gehässiges tyrannisches Gebaren
in die Welt trügen; er freue sich über alles Maß, daß alles so käme, wie er
sich gedacht habe. Er umarmte den errötenden Kuttner; Charnacé lächelte
melancholisch. So umarme er mit ihm den bayrischen Kurfürsten. Und darauf
rülpste er stark. Sie sollten bald Bescheid erhalten. Er verabschiedete
sich herzlich und immer wieder menschenfresserisch lachend und schmetternd
von ihnen, die er seinem Kanzler empfahl.

An der Würzburger Domkirche vor den Gittern unterhielten die schwedischen
Soldaten vier offene Spieltische; Säcke mit Talern und Dukaten standen
neben ihnen; auf dem großen Platz brüllte zusammengetriebenes Vieh; für
einen Reichstaler wurde die Kuh losgeschlagen, ein Schaf für einige Batzen.
Wie in dem allgemeinen Lärm der Regimentsmusiken Spieler Tiere die
Gesandten nach einigen Tagen über den Domplatz ritten, kam der königliche
Kurier hinter ihnen her mit einem Brief. In ihrem Quartier lasen sie dann
den schrecklichen schwedischen Bescheid. Neutralität des Bayern nähme der
König herzlich gern an, jedoch müsse die Liga ihre herzliche Gesinnung
ihrerseits auch beweisen, so, indem sie ihre Truppen auf zehntausend Mann
vermindere, natürlich auch alles zurückgebe, was sie Evangelischen genommen
habe, den König in allem Besitz lasse, den er okkupiere und okkupieren
werde. Dafür werde der König Bayern nicht überziehen; er gewähre einen
vierzehntägigen Stillstand zur Überlegung.

Nur dies war Kuttner sicher, daß er sogleich aus Würzburg aufbrechen
wollte; wohin, wußte er nicht. Er klagte: »Ich kann nicht zu meinem Herrn
mit diesem Bescheid.« Ihm stand vor Augen der ernste Abschied von
Maximilian. »Kommt!« lockte Charnacé; den reizte die Begegnung mit dem
Bayern, der sich so lange gegen das Bündnis mit Frankreich gesträubt hatte,
»Ihr müßt hin.« »Helft mir, Marquis, ach unterstützt mich vor ihm.« »Habt
Ihr Furcht vor Eurem Herrn? Ihr habt Eure Sache so gut gemacht.«

Maximilian nahm den Franzosen nicht an; vor Kuttner hingesunken stöhnte er:
»Es ist eine Rettung; vierzehn Tage Zeit; ich kann es noch abwenden. Oder
es ist eine Folter: ich muß es vierzehn Tage hinziehen und es muß doch
geschehen, ich muß mein Land und mich vernichten lassen, wenn ich in Ehren
bestehen soll. Verratet mich bei meinem Vater nicht, Kuttner; bleibt bei
mir die Wochen. Es könnte doch sein, daß sich alles ändert. Glaubst du
nicht, daß sich noch alles wenden kann. Es kann doch nicht wirklich sein,
was mir jetzt passiert.«

Kuttner weinte, wie er allein war.

                   *       *       *       *       *

Unter der Annäherung der fremden Eroberer entstanden Revolten bei den
bayrischen Landfahnen; viele flüchteten, suchten ihre Habe zu verstecken,
sich und die Angehörigen in Sicherheit zu bringen. In dem straff regierten
Lande ereignete es sich zum erstenmal, daß die Landstände gegen die neu
auferlegten Kriegssteuern protestierten, auf der einberufenen Versammlung
in München fehlten viele: Aufrührer gingen durchs Land. Vor Preising
stellte sich ein kurzer Kerl hin, das Gesicht wie ein Waldmensch umwachsen,
die Leute liefen ihm zu, predigte vom Schindeldach eines Häusleins:

Da käme der Schwede und juch, sie hätten den Krieg im Land. Würde ihnen das
behagen! Der Krieg ist Sache der großen Herren. Bevor man ihnen nicht die
Köpfe abschnitte, verharrten sie dabei, den Krieg auf die kleinen Leute zu
jagen. »Der Kurfürst in München hat es in der Hand Frieden zu machen; es
wird ihm nicht passen; er hat Pferde und ist bald davon. Legt die Fürsten
lahm, alle zu Hauf. Es geht um eure Haut, ihr habt nichts weiter zu
verlieren. Wollt ihr Lumpen und Hundsfötter werden, bis der gnädige Herr
euch beim Schopf hat? Bis er euch gepreßt hat mit Weibeln, Profossen,
Korporalen und seiner ganzen Teufelsgarde, daß ihr ihm dient im Krieg als
seine Söldner und totgeschlagen und geschunden werdet, während der Schwede
euer Vieh frißt, eure Scheunen ansteckt, euer Weibsvolk verschändet, die
Kinder ins Feuer wirft. Des Kurfürsten Korporale werden mit euch ihr Spiel
treiben, seht euch vor. Träges faules Volk ihr. Was ist denn ein Fürst, ein
Herr, ein Kurfürst und großgewaltiger Kaiser. Macht einen krummen Buckel
vor ihm und er ist euer Kaiser. Zeigt ihm den Steiß alle zusammen und ihr
werdet sehen, wie lange er noch Kaiser ist. Er ist ja nur mächtig, weil ihr
Furcht habt und Angsthasen seid. Er hat keine Macht. Aber seht eure
Hosenböden an, da findet ihr sie. Betrug und Einbildung ist die Regiererei,
auf dem niedrigsten und höchsten Thron. Ihr seid schuld daran, ihr alle,
daß es uns so geht, man müßte euch mit Knüppeln totschlagen, daß ihr so
dasteht und die Mäuler aufreißt. Der Krieg täte euch gut, damit ihr seht
und fühlt und schmeckt, was ihr für gottvergessene Schurken und Hundsfötter
seid. Was ihr versündigt habt durch Dummheit und Narrheit, wird kein
Heiland gutmachen; er könnte zu euch kommen und ihr würdet ihn noch nicht
ansehen, wenn er euch helfen will. Durch eure Dummheit und Furcht regieren
die Fürsten, in eurem Kopf steht ihr Thron, für ihre Schandtaten und ihren
Übermut bürgt ihr. Eure Jämmerlichkeit ist so groß, daß ich ein Maul wie
der babylonische Turm haben müßte, um sie zu beschreiben. Es ist ja an der
ganzen gefürchteten Macht der Fürsten und Tyrannen nicht viel mehr als an
einem Traumschrecken, einem eingebildeten Alb. Feige Schufte haben die
Fürsten groß werden lassen. O ihr jammerbaren Schufte und Klötze. Die
Fürsten sind eine Schande, sie sind eure Schande. Sind die leibhaftigen
Teufel und ihr seid des Teufels Mutter und Großmutter. Bald wird der
Schwede da sein und ihr werdet sehen, wie sich der Teufel seine Gehilfen
ausgesucht hat zum Dank, daß ihr ihn so dick gemästet habt. Lauft nach
München. Da sitzt einer auf dem Thron, den ihr ihm gebaut habt, damit er in
Ruhe Riemen aus eurer Haut schneiden kann. Sagt, es wird Krieg, Herr
Kurfürst! Kommt der Schwede herein oder kommt er nicht herein. Helft uns.
Er wird euch totschlagen lassen für sich. Tut euch zusammen zu einem
Gewalthaufen. Nehmt eure Messer. Und wenn er nicht sagt, was euch gefällt,
so könnt ihr eine Freude haben: die Fürsten haben einen Hals zwischen dem
Kopf und den Schultern; macht euch einen Spaß. So ein Mann spritzt nicht
mehr Blut wie ein Kalb.«

                   *       *       *       *       *

Über den Thüringer Wald herüber auf Königshofen, Würzburg. Westwärts
mainabwärts durch den winterlichen fränkischen Kreis. »Die Goten kommen,
die Vandalen kommen!«

In Würzburg inthronisierte sich der Schwede als Herzog von Franken; die
Stiftsangehörigen, geladen auf den Markt von Statthalter Kanzler und Räten,
schwuren betäubt mit handgebender Treue einen Eid zu Gott und auf das
aufgeschlagene Evangelium, niemanden anders als die Königliche Majestät von
Schweden, deren Nachkommen und Regierung als alleinige Landes- und
Erbherrschaft anzuerkennen. In dem Tosen des Marktes feierte ein
schwedischer General, von einer Freitreppe radebrechend, die Würzburger,
die die Köpfe senkten, als seine neuen Landsleute und gute Schweden.
Ausschwärmend nahm der Schwede von dem Land Besitz. Abteien und Klöster
Frankens fielen seinen Generalsoffizieren zu. Es gab nur herrenloses Land,
Menschen und Gut. Dem ehemals schwedischen General Herzog Georg von
Lüneburg wurde die Stadt Minden, das mainzische Eichsfeld zuteil. Die freie
Reichsritterschaft schickte huldigend ihren Direktor, den großmäuligen Adam
von Rotenhan, samt zwei Grafen von Erbach; sie erhielten hingeworfen die
Benediktinerabtei Amorbach. »Der evangelische Glaube siegt!« brüllten die
beladenen Finnen, die Schweden auf ihren keuchenden Beutepferden; es durfte
niemand ihnen etwas verwehren, sich und seine Habe verschließen. Sie übten
Gerechtigkeit mit Feuer Schwert und Torturen, in schmachvoller Knechtschaft
hatte das Reich bis da gelegen, den Papisten durfte es nicht gut ergehen,
den Lutherischen nicht besser: so stachelten sich die Fremden.

Immer mehr Deutsche schlichen um den leckeren Tisch. Dem Grafen
Löwenstein-Wertheim stopfte man den Rachen. Der Rat der Reichsstadt
Schweinfurt verbeugte sich vor den Knechten Offizieren Generalen und der
königlichen Würde selber; vierzehn würzburgische Dörfer, dazu Güter des
Hauses Echter und Klöster waren für die Stadt zu haben. Nürnberg lag im
Rücken, man ließ es nicht vorbei, es sollte sich entschließen; die Korona
der städtischen Hochgelehrten und Genannten beriet sich, der schreckliche
Herzog von Franken fragte sie dringend durch seinen Unterhändler nach ihrer
Gesinnung; sie unterwarfen sich, versprachen zu liefern, was er wollte. Der
ganze Kreis, mit Peitschenhieben und Sporenstößen angefahren, gelobte
zweiundsiebenzig Römermonate für das gemeine evangelische Wesen zu
bewilligen. Zu Regensburg hatten die drei geistlichen Kurfürsten das große
Heilige Reich mitordnen helfen, sie hatten das gewaltige Tier Wallenstein
von seiner Armee gejagt, die Armada zerblasen. Ihre Macht waren jetzt
Buchstaben, geschrieben auf brennbarem Papier; Reichsgrundgesetze,
kaiserliche Wahlkapitulation: der König der Schweden Goten und Vandalen
wollte nicht lesen. Er fragte nach der Zahl ihrer Knechte. Dann fragte er,
ob sie seine Freunde wären, und sie sollten ihm für diesen Fall monatlich
vierzigtausend Reichstaler zahlen, Proviant liefern, ihre Festungen
überlassen. Sonst werde er ihre Städte verwüsten, und wenn sie
rebellierten, das Kind im Mutterleibe nicht schonen. Die geistlichen Herren
spien.

Er zog mit zwölftausend Mann auf Frankfurt am Main, zum Bockenheimer Tor
hinaus auf Höchst. Kastell, Bingen und Mäuseturm in seiner Gewalt. Eisiger
Winter. Er bedurfte schon keiner Truppen mehr zum Sieg. Acht schwedische
Reiter überfielen die Stadt Eberbach am Neckar, nahmen sie ein; Beute
machten sie, die Behörden ließen sie einsperren. Mit sechstausend Mann zu
Fuß, dreitausend Reitern, dabei vielen Engländern richtete sich das Heer
auf Mainz. Das steckte nach zwei Tagen die weißen Fahnen heraus; von
Wittenhorst saß drin, mit Sack und Pack, Ober- und Seitengewehr, zwei
Feldstücken zog er aus nach Luxemburg.

Dann saß die schwedische Majestät, die aus Upsala über die Ostsee mit
Schiffen gefahren war, Pommern und Brandenburg unterworfen, bei Breitenfeld
Tilly den kaiserlichen Feldherrn beiseite geschleudert hatte, in der Sankt
Martinsburg und überwinterte. In Ruhe, barbarischer Lust breiteten die
Schweden sich in der Stadt aus. Furchtbare Summen wurden der Geistlichkeit
und Bürgerschaft auferlegt. Die Brandschatzung konnte nicht gezahlt werden,
da liefen die Fremden in die Kirchen Klöster Kollegien, versteigerten zum
Fenster hinaus die Ausstattung an Bürger aus Frankfurt und Hanau. Die
Schatzung der Bürger wurde auf sie häuserweise verteilt, die Häuser der
Schuldner niedergerissen straßenweise, das Holzwerk verkauft. Rasch ging
man ans Schanzen, riß Klöster und Kapellen nieder, die Kirchen verwandelten
sich in Ruinen für Festungswerke. Beim Abbruch sang man den Katholischen
zum Hohn: »Ein feste Burg ist unser Gott«, die Sankt Albanskirche streckte
man hin als Schanze Gustafsburg an der Einmündung des Mains; so half sie,
sagte der schwedische General, Gott loben.

Der Schwedenkönig ruhte monatelang in Mainz. Er lag in dem grellen Licht
des Schreckens. Die Deutschen liefen um ihn. Von drüben, von Schweden hörte
er nicht viel. Einsilbig waren die Nachrichten, klagend über den schweren
Druck, der auf dem Lande liege, grollend über das verzehrende deutsche
Wesen: daniederliegt der Handel, kein Silber im Land, die Kupfermünzung
betrügerisch; unerhörte Teuerung, verödet ganze Bezirke, Kirchspiele ohne
einen kräftigen Arm. Der König fragte vorsichtig an um sechs Regimenter zu
Fuß, der Reichsrat bewilligte knapp drei. Es kam in der Antwort heraus: so
wild eroberisch sei der deutsche Krieg nicht gedacht gewesen. Seinen Ärger
blies Gustaf von sich; so war die Sache nicht gedacht, aber er hatte
Deutschland, sie würden sich ändern. Er wollte die evangelische Vormacht in
Europa an sich nehmen und sich dem Kaiser, dem Haupt der Papisten, starr
gegenübersetzen als Haupt des evangelischen Wesens.

Und in der Tat: wenn er schon gläubig gewesen war, nach seinen Siegen ließ
er Taten sprechen. Gnadenlos fielen in diesem Winter alle fremden
Gotteshäuser und Kapellen; er sagte: es solle, soweit er gebieten könne,
kein Spott mit dem Namen Gottes getrieben werden. So gewalttätig fest er
war, hier fürchtete er, etwas zu versehen. Oxenstirn selbst wunderte sich,
wie wahnsinnig die Augen des Königs flackerten, wenn Flüche um ihn laut
wurden, wie er mit eigener Hand gottlästernde Knechte den Profossen übergab
und sich nicht eher beruhigte, bis er sie am Galgen sah. In der Martinsburg
sprach er zu Weihnachten die Herren aus Nürnberg an, wies ihnen eine
Schrift, das Buch eines Archidiakonus zu Rochlitz, von dreifachem
schwedischen Lorbeerkranz und der triumphierenden Siegeskrone; darin nannte
man ihn Josua, Gideon, Matathias; man berief sich auf die Apokalypse,
sprach davon, er solle nach Rom gehen und die Stadt zerstören. Um die
nürnbergischen Herren wogte der Schrecken, sie hörten demütig zu. Der
schmerbäuchige Riese stand vor ihnen mit einem mächtigen schmucklosen Hut,
unwiderstehlich sicher wie Lämmern blickte er ihnen ins Gesicht: was Bayern
und die katholischen Erblande früher vermocht hätten! Wenn sich alles
zusammentäte: Pommern, Mecklenburg, Ober- und Niedersachsen, die Pfalz,
Franken, Schwaben, Reichs- und Hansastädte. Sie waren froh, entlassen zu
werden.

Und wie vor den ausruhenden Löwen immer neue Gesandte der deutschen
verängstigten Stände zogen, bündnisbeladen, kontributionspflichtig
abrückten, der Herzog von Celle, Bischof von Minden, Graf von der Wetterau
und vom Westerwald, Räte der Stadt Braunschweig, Ulm, Lübeck, Lüneburg,
Bremen, der vertriebene Herzog von Mecklenburg, da nahm auch der schöne
feine Friedrich von der Pfalz Abschied von den Hochmögenden im Haag. Der
Stein sollte wieder auf einen Wagen gehoben werden. Die ganze Versammlung
stand auf von den Bänken, als er an der Tür erschien, den buntfedrigen Hut
zog, sein schlaffes leicht gedunsenes sehr ernstes Gesicht bot und den
linken Arm schwenkend über sie mit strengen blauen Augen blickte, die wie
Glocken läuteten. Nun gehe er glücklichen Zeiten entgegen, nickte schwer
der greise Vorsitzende, der, den Hut auf dem Kopfe, sitzen blieb; sie
freuten sich, seine Wirte, ihren Gast und Freund so nahe an der Erfüllung
seiner Wünsche zu sehen; wer ausharre werde gekrönt. Friedrich bewegte
stumm die Lippen. Er war mit den Gedanken nicht anwesend, nickte nur;
hörte, daß man ihm eine Ehrengabe von fünfzehntausend Talern zudachte.
Niederländische Reiter nahmen ihn, die englische jubeljauchzende Elisabeth
und den Hof in ihre Mitte; bis in das wintervergrabene Hessen gaben sie das
Geleit. Das war Hessen, das war Frankfurt, das war Mainz. Die Karossen
fuhren hinter den Trompetern in die Stadt. Vor der fahnenschwingenden
teppichbehängten Martinsburg, zwischen den Ruinen der Häuser, wimmelnden
Schweden und Finnen auf einem gepanzerten Pferd der ungeheure Gelächter
abprotzende Gustaf Adolf. Schnee fiel über ihre Schultern. Am Arm der
schwedischen königlichen Würde kletterte die aufblühende üppige Engländerin
in den weiten Speisesaal, auf dessen Kredenzen der Raub deutscher
Landschaften prunkte. Hinterher schleifte verschwiegen und wehrlosen Blicks
der schlanke Winterkönig, die gehobenen Finger einer mageren langen Frau
berührend, hektische Wangen, purpurnes schweres Brokat, die von Minute zu
Minute vor Hysterie schrie, das Weib des Fremden.

Ein leichter Schwindel befiel den Pfälzer bei Tisch, als der Fremde ihn
»Majestät« nannte. Woran wurde er erinnert; man reichte Waschbecken und
Handtuch, der Fremde wollte sich erst nach ihm waschen, der König aus
Schweden: warum tat er das? Man wollte ihn mit Kunst lebendig machen.
Maskenball. Pechfackeln auf vier Ecksäulen in allen Sälen; Halbdunkel in
der Flucht der geöffneten Säle. Geigenmusik von bischöflichen Kapellen,
Trompetenbläser, Hatschiere. Der König tanzte im russischen Kleid plumpe
Nationaltänze; sein Kaftan aus Goldstoff, sein Kopf unter der weißen
eiförmigen Mütze versank im hohen Zobelkragen, die Füße traten und
stampften in stumpfen roten Schuhen, vorn mit Perlen besetzt; die Arme warf
er nach rechts und links, sie steckten in röhrenförmigen weiten Ärmeln. Die
pfälzische Dame sprang als türkischer Krieger daneben, wies ihre dicken
Beine in schwarzsamtenen Strümpfen, geschlitzten Schuhen; bis auf die Knie
fiel ihr weitfaltiger violettgeblümter Rock; der grüne Turban schlang sich
um die Ohren; man sah die blonden Haare nicht, nur das sprühende glührote
volle Gesicht. Unkostümiert mattäugig der Pfälzer, trinkend in einem
dunklen Erker, allein einen Tisch rundum umfassend. Der kleine spitze
Rusdorf trat grüßend an. »Rusdorf! Was willst du, Rusdorf? Tanz mit,
Rusdorf!« »Ich bin nicht geladen, Kurfürstliche Gnaden.« »Ksss--s, tanz!
Der König ist auch nicht geladen, er tanzt auch.« »Der König? Der König ist
Wirt.« »Laß mich in Ruhe. Er ist nicht geladen.« Rusdorf hielt seinen Herrn
für betrunken, suchte ihm über den Tisch ins Gesicht zu sehen. »Ihr hetzt
mich, Ihr hetzt mich, Ihr laßt mir keine Ruhe.« »Der Herr Kurfürst ist so
allein, ich rufe die durchlauchtige Frau.« »Ich sag's dir laut: ich lebe
und sterbe als der ich bin. Das hättest du hier mir nicht zeigen sollen,
dazu hättest du mich nicht holen sollen, daran hab' ich kein Teil.« Leise
Rusdorf: »Dann blieb Euch nichts als Euch dem Kaiser zu unterwerfen.«
»Hätt' es sollen. Ihr habt es mir nicht geraten.« »Der König!« flüsterte
Rusdorf; die Schwedenmajestäten näherten sich. Friedrich trank, trank,
stöhnte; seine Augen begannen zu glitzern.

                   *       *       *       *       *

Nicht einmal, als die erschütternden Nachrichten aus dem Westen kamen
konnten sich die Wiener Räte zu der Wiederberufung des Friedländers
verstehen. Man nahm zu der Schreckensnachricht von Mainz die Botschaft hin,
daß sich der Trierer Philipp Sötern unter den Schutz des Franzosenkönigs
gestellt, die Festungen Koblenz und Ehrenbreitenstein aus Entsetzen vor dem
Schweden den Franzosen übergeben hatte. Eine tief beschämende Kunde lief
ein aus Köln; dorthin hatten sich die Fürstbischöfe von Mainz Würzburg
Osnabrück Worms geflüchtet; sie versicherten durch den Mund des Kölner
Ferdinand, in kaiserlicher Devotion zu verharren. Aber der Kaiser sei weit,
ihre Lande, die Kirche, ihr eigenes Leben in furchtbarster Gefahr; sie
hätten, ohne die kaiserliche Zustimmung abwarten zu können, sich
entschlossen, den Allerchristlichsten König Ludwig um Hilfe anzugehen. Ihre
Vertreter seien nach Paris unterwegs.

»Was kann uns noch geschehen?« fragte Trautmannsdorf, »wir sind in
Deutschland ein wurmstichiger Apfel; Habsburg ist faul, der Schwede ist der
Wurm und der Franzose ist der Wurm. Hilft nur schneiden.« »Was bleibt von
dem Apfel übrig.« »Es wird uns bald nichts übrigbleiben, mein lieber Freund
Eggenberg, als der Schwedentrunk oder ein schmerzloser Schwertschlag durchs
Genick von unserem alten Gönner Wallenstein.« »Ich weiß, daß Ihr den
Friedländer wollt und der Kaiser ist nicht abgeneigt. Und wie lange dauert
es, bittet der bayrische Maximilian ihn wieder zu bestallen. Wir werden ihn
holen müssen. Es ist kein Gut daran, Trautmannsdorf.« »Nun dacht' ich, mein
liebwerter Freund sei von seiner Abneigung durch das Breitenfelder Treffen
befreit.« »Der Friedländer ist stark wie der Teufel; ich hab' es von
Anbeginn gewußt. Wir hätten gewiß den Schweden nicht gehabt, wir hätten
aber ein anderes Unheil gehabt. Wer weiß, ob der Kaiser noch in Wien säße,
ob Ihr und ich uns über Reichsangelegenheiten unterhalten könnten.« Der
Graf lachte: »Wär' es ein Schade? Ihr meint, der Friedländer säße dann
hier. Ihr wißt, ich konnte mich auch nicht dafür begeistern. Aber ich
meine: ist es angenehm, den Schwedentrunk hier zu schlucken? Angenehmer als
sich vom Friedland den Kopf schmerzlos abschlagen zu lassen?«

Es blieb Rettung bei Spanien und dem Papst zu suchen. Spanien war zu jeder
Leistung bereit. Zum Papst Urban reiste aus Preßburg Pazmany, der
Erzbischof von Gran, die Leuchte des Glaubens. Liebevoll hatte Ferdinand
seinen alten Ratgeber Eggenberg empfangen, hatte angehört, was er
unternehmen wollte, den Brief gelesen, den er für den Heiligen Vater
entworfen hatte. »Wir werden verlassen von denen, deren Sache mit der
unsrigen gleich sein sollte. Und nicht bloß das: der König, der den Namen
der >Allerchristlichste< führt, gibt dem Schweden Geld und andere Mittel,
uns zu bekriegen. Es betrifft nicht nur uns, sondern den Bestand der Kirche
und damit Eurer Heiligkeit. Zu Eurer Heiligkeit strecken die Angehörigen
der Kirche in Deutschland um Hilfe flehend die Hände empor. Wir bitten, daß
Euer Heiligkeit den Allerchristlichsten König abmahne von dem schwedischen
Bündnis, das er geschlossen hat wider den Regensburger Vertrag, und ihn
auffordere gegen den Zerstörer der Kirche an unsere Seite zu treten.«

»Wie könnt Ihr schöne Briefe schreiben, Eggenberg. Schön stilisieren!
Schlau setzen. Welcher Advokat ist an Euch verlorengegangen.« »Unsere Not
ist groß, gnädigster Herr, sie ist ungeheuerlich, kaum aussprechbar. Das
Reich war noch nie in solcher Gefahr.« »Und ist es nicht recht beschämend
für uns, dem Heiligen Vater solchen Brief zu schreiben.« »Nur eins bitte
ich Eure Kaiserliche Majestät, mir diesmal willfahren zu wollen.« »Warum so
ernst, Eggenberg; will Euch ja gern willfahren.« Und als Eggenberg ihm nur
stumm die Feder hinhielt: »Sieh da, wie Ihr zittert!« Steif hielt Eggenberg
die Feder, wortlos schrieb Ferdinand nach einer Weile.

Und lautlos, als er unterschrieben hatte, stand Ferdinand, wie von einer
Eingebung berührt, von seinem Stuhle auf; das rieselnde Gewimmel der
geschnitzten Männer und Frauen an den Lehnen sank hinter ihm herunter, sein
Gesicht gesenkt, von einem Lächeln der Spannung verzogen, seine Stimme hoch
leise fragend: »Es ist gut, daß ich dies unterschrieb. Der Weg ist gut,
Eggenberg. Ich billige ihn. Ich bin dabei. Ihr wollt den Heiligen Vater
befragen. Es soll mir eine Freude sein ihn zu hören. Ich möchte eine Stimme
von ihm hören.« Und dann als Eggenberg dankbar antwortete: »Eggenberg, dies
hat dir die Jungfrau eingegeben. Woher hast du das? Du willst den Heiligen
Vater befragen. Siehe da, wir werden den Heiligen Vater sprechen hören. Wir
werden ihn hören.« »Er wird uns nicht im Stich lassen.«

Ferdinand hob den linken Arm, streckte den Zeigefinger in die Höhe: »Die
Frage wird an ihn herantreten. Er wird ihr nicht aus dem Weg gehen können;
sein Geist wird antworten müssen. Ein Versuch. Eine Versuchung.« Mit den
Händen rückwärts den Stuhl abtastend ließ er sich nieder; er lachte wieder
gutmütig und zerstreut, den Kopf auf den Tisch über dem Schriftstück
aufstützend: »Ich weiß, wie er antworten wird, Urban der Achte in Rom.«

Der große Pazmany hatte sich auf den Weg gemacht, den Heiligen Vater zum
Schutz des alleinseligmachenden Glaubens im Römischen Reiche zu bewegen.
Einen Monat reiste er aus Ungarn, während der schreckliche Schwede seine
Verwüstungen weiter trug. Ehre erweisend kamen ihm römische Edle und
Kardinäle vor Rom entgegen. Den Kardinalshut verlieh ihm der Papst, ehe er
sprechen durfte. Dann suchte ihn der Papst zurückzuschrecken, indem er ihn
warnte, sich zum Gesandten herzugeben, ein Kardinal, der im Rang eines
Königs stände. Die Nachgiebigkeit Pazmanys ebnete alles; der Papst konnte
nicht ausweichen.

Wohin der Heilige Vater es kommen lassen wolle in seiner Furcht vor
Habsburg; ob die vielen Millionen frommer rechtgläubiger deutscher Seelen
es bezahlen sollten mit ihrer Seligkeit, wenn der Ketzer über sie käme. Da
verbat sich der Italiener, nervös die Zähne fletschend, die vulgäre
Rhetorik. Pazmany gab nicht nach, obwohl ihn schauerte; er dachte an das,
was ihm Lamormain vom Kaiser gesagt hatte; mühte sich für den Kaiser. Der
Papst, starkknochig herumwandernd um den stehenden Ungarn, grollte
heftiger, je mehr er fühlte, daß der Fremde ihn bloßlegen wollte; er schrie
drohte höhnte wurde giftig. Bei der zweiten Begegnung kam es wie erwartet
zu keiner Unterhaltung; Urban, seinen Schnauz- und Backenbart reibend, gab
schmatzend und wohlgelaunt von sich, was er den Bescheid nannte; ein
Zettelchen, auf dem er die Punkte notiert hatte. Den Franzosenkönig
abziehen vom schwedischen Bündnis? Er hätte König Ludwig immer für einen
frommen Katholiken gehalten, versehe sich von ihm nur Gutes für den
Glauben, werde ihn ermahnen. Ein Bündnis mit Spanien und Habsburg? Nein; er
kämpfe so wenig gegen Habsburg wie gegen Frankreich. Geldunterstützung? Er
hätte kein Geld. »Genug; weiter kein Wort. Ihr seid als Kardinal hierher
gekommen, ich habe genug von Euch als Gesandten gehört; entwürdigt Euch
nicht, raubt Euch nicht selbst kostbare Zeit.« Sitzungen, Feiern, Messen.

Und dann in seinem Rücken der ausbrechende Jubel des Adels auf dem Kapitol:
»Der Kaiserliche zieht ab! Gottes Rache! Gottes Rache! Gottes
Barmherzigkeit hat sie ihr Ziel nicht erreichen lassen. Jetzt werden sie
Rom nicht plündern.«

In Scham fuhr der große Lehrer Pazmany ab; der päpstliche Pomp begleitete
ihn eine Strecke. Scham und Erschütterung; es war erwiesen, daß die Kirche
nicht einte. Die Fahrt ging ihm zu schnell, er wollte zwei Monate drei
Monate reisen. Und nach drei Monaten war nichts gebessert; er wollte
schneller hin, alles ablegen, sich in die Bücher verstecken. Die Schmach
vor den Ketzern.

Wie ein feuersprühender Drache stand der unscheinbare kleine so freundliche
Eggenberg vor ihm: »Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen. Ich weiß, Ihr
habt getan, was ein Mensch tun kann. Dieser da in Rom hat nicht getan wie
ein Mensch. Das ist der Ruin. Das ist der Verrat am päpstlichen Stuhle. Wir
in Not, unser Land mit Millionen Katholiken, und an Politik gedacht! Wir am
treusten ihm anhängig, am reichsten der Kirche spendend, und er kann uns
nicht unterstützen, hat keine Waffen und kein Geld.« Trauervoll besänftigte
ihn Pazmany; Eggenberg wurde bitterer, stand vernichtet. »Dies heißt, der
Papst legt uns Wallenstein auf. Befiehlt uns, selber Hand an uns zu legen.
Ein niederer, o so niederer falscher Zug. Das hat ihm Richelieu
zugeflüstert; es ist so unmenschlich schlau, ich weiß nichts dagegen. Sie
haben wohl schon alles beredet mit dem Friedländer, es läßt sich mit ihm
leicht regieren. Sie werden sich täuschen. Wie er über das Reich und über
Habsburg fallen wird, so über den Papst und Frankreich. Sie werden bereuen,
was sie uns angetan haben. Daß sich die Waffe nicht gegen sie wende, daß
sich das Verbrechen gegen sie selber richte.« Stundenlang sprach Pazmany
auf seinen verstörten kleinen Freund ein, dann Abschied mit verwirrten
Worten, Hals über Kopf aus Wien; nach Ungarn.

Eggenberg zog sich mit Riemen am nächsten Tag vor Ferdinand, jeden Schritt
bezahlte er mit einem Entschluß. Wie Ferdinand ihn kommen sah, richtete er
sich mit demselben sonderbar gespannten Ausdruck aus dem Stuhl auf ihn,
hauchend: »Seht, seht, da kommt Ihr.« »Nun, was werdet Ihr mir berichten.«
Eggenberg berichtete, Pazmany sei erzürnt zurückgekehrt aus Rom, wo er den
Papst gesprochen habe. Der Kaiser immer stehend: »Seht, er hat den Papst
gesprochen. Und der Papst, ja, was hat er gesagt?« »Er hat nichts
Schriftliches mitgegeben. Hat auf einem Zettelchen sich drei Punkte notiert
und das hat er dem Kardinal vorgelesen.« »So ist es. Dies hat er
vorgelesen.« »Es soll nicht möglich sein mehr Geld zu steuern an uns wie
jetzt; es ginge nicht an, den französischen König scharf zu verwarnen oder
an unsere Seite zu verweisen, und uns anschließen könnte sich der Papst gar
nicht.« »Es ist nicht möglich Geld zu steuern und sich mit mir zu
verbünden.« »Er kann den König Ludwig nicht scharf verwarnen.« »Seht Ihr!
Seht Ihr!«

Fassungslos heulte der alte Eggenberg an seinem Kaiser, die Tränen liefen
ihm in die breitgezogenen Mundwinkel; er weinte, ohne das Gesicht
abzuwenden, wiegte in Schauder und Schmerz den Kopf hin und her.
Gleichgültig spielte Ferdinand mit seiner Schärpe, schlenkerte das Goldene
Vließ. Als wenn es nichts wäre, meinte er, Eggenberg möchte doch nicht
weinen. »Weinen. Wer wird weinen. Was im Leben alles geschieht. Sind wir
denn verlassen? Was einem begegnet.«

Und er gähnte, während sein Blick plötzlich, schielend abwich. Aufstehend
und blaß tiefsinnig an seinen Gamaschen heruntersehend rekelte er sich:
»Das war also diese Geschichte. Vom Papst. Man muß nicht alles tragisch
nehmen.« Legte heruntersteigend, munter schwatzend seinen Arm von rückwärts
um Eggenbergs Leib, zog ihn: »Ich weiß etwas. Wißt Ihr, wie spät es jetzt
ist? Bald vier. Es ist Schneewetter, daher diese Trübe. Kommt mit, mein
Freund, Schlittenfahren.« Und er pfiff und sang: »Wer läßt sich Lasten auf
die Schultern legen, die er nicht mag.« »Ich bin noch glücklich,« lächelte
abwesend verlegen, plötzlich dunkel bestürzt der Rat, »daß Majestät es
leicht nehmen.« »Ach, wenn Ihr wüßtet, was einem für Dinge über den Weg
laufen.«

Ferdinand gähnte laut an der Tür, rollte seinen Rumpf plötzlich welk
zusammen. Er seufzte, aus sich klagevoll und irre heraus, sagte sanft etwas
zu sich selbst.

Verabschiedete sich schwärmerisch zärtlich, heiter gespannt, stolzierend
wie ein Schauspieler von seinem Besucher, dem er die Hände drückte und vor
die Brust klopfte.

                   *       *       *       *       *

Auf dem baumbestandenen Hradschin über der breitfließenden Moldau kauerte
der Böhme. Michna, der fette kurzatmige Riese, wie er ihn so sitzen sah,
wollte sich vor ihm retten; die friedländische Herrlichkeit war erloschen,
er wollte sich losreißen und fuhr nach Wien. Mit Wonne empfingen ihn die
Herren; Abt Anton schnurrte wie eine Katze um ihn; der würde sie vom
Friedländer loskaufen. Wie sich Michna zurechtmachte, einen Teil seiner
Güter zu verkaufen, um sich am Kaiserhofe mit Darlehen festzusetzen, traf
ihn Wallensteins Schlag. Er hatte den Böhmen für tot und abgetan gehalten,
sein Platz schien ihm frei zu sein; da sauste die Hand des andern gegen
ihn. Die Güter waren verkauft, der größte Teil seines Vermögens; ehe aber
die neuen Besitzer zahlten und das Land übernahmen, rückten Gewalt
brauchend Wallensteiner, Musketiere und Kürisser, die in Prag auf Kosten
des Herzogs hausten, über den Boden, besetzten ihn, ließen, einen
unerhörten Rechtsbruch begehend, nicht davon, obwohl aus der Kanzlei des
böhmischen Gouverneurs Schreiben über Schreiben bei ihnen und dem Herzog
einliefen.

Michna, am Wiener Hofe tobend, glaubte leichtes Spiel gegen den abgedankten
General zu haben. Aber die Kriegsräte wollten unerwarteterweise mit
Maßnahmen nicht heran. Michna forderte Truppen, die Schweden zogen alle auf
sich. Die Räte legten sich darauf, den Herzog zu bitten, die Söldner
zurückzuziehen. Vom Hradschin herunter kam erst kein Bescheid und dann:
Wallenstein vermöge nichts über ausschreitende Kompagnien. Man mußte biegen
oder brechen; die Räte baten den Serben, die betrübliche Sache nicht weiter
zu verfolgen, er kenne die Notlage des Reiches, den Zerfall des Heeres;
schließlich: sie könnten nichts gegen den Herzog von Friedland unternehmen,
man könne es nicht wagen; ob sich denn versöhnlich nichts in der Sache
machen ließe. So sah sich Michna, im Begriff, ins Nest des Friedländers zu
fliegen, genötigt, mit ihm zu verhandeln.

Mußte zurück von Wien, mußte nach Prag, mußte, als Briefe und Kuriere nicht
angenommen wurden, auf den Hradschin und wurde auch nicht angenommen. Jeder
Tag verminderte seinen Reichtum, die Soldaten verpraßten seine Habe,
verschleuderten seine Geräte, trieben die Verwalter heraus. Eine halbe
Woche lang lief Michna im Hut durch die Gassen, stand besinnungslos in
seiner Stube, wartete an der Tür. Als er auf dem Hradschin empfangen wurde,
zählte Wallenstein, der leise sprach, die Silben, gab ihm einen Teil der
Güter wieder heraus, aber nur einen Teil. Auf einem Zettel hatte der Herzog
vor sich ein Verzeichnis der freigegebenen Güter; Michna, seufzend und ohne
Gedanken, tastete nach der Feder, um das Verzeichnis durch seine
Unterschrift anzuerkennen. Er blieb in Prag.

Der Vorfall lockte den gewaltigen de Witte in die Stube des
niedergeschlagenen Mannes. Mit stummer Neugier und Kopfschütteln hörte er
die Einzelheiten; man müsse vorsichtig sein, warnte er, aus dem Ereignis
ginge hervor, daß der Herzog das Spiel nicht verloren gebe und daß man sich
in Wien vor ihm fürchte. Auf der Hut müsse man sein, es werde von allen
Seiten gesagt, der Herzog plane etwas. Michna möge sich aufrichten; es sei
im Reich noch immer der Friedländer, durch den man zu Besitz komme; er
lächelte: »Der Schlüssel zu allen Schränken.« Mit breitem grämlichen Mund
Michna: »Ich mag nicht mehr.«

Der Herzog wartete auf dem Hradschin. Spielerische höfliche huldvolle
Briefe des Habsburgers kamen an; die Kuriere wurden verschwenderisch
belohnt, die Briefe mit immer größerem Behagen gelesen. Auf dem Schloß
stellte sich häufiger der Schwager aus dem Hause der Trzka von Lipa ein,
der Graf Adam Erdmann, ein fröhlicher blondbärtiger Mensch, der einen
kollernden Baß sprach, im Tanz seine süße Maximiliane herumführte, mit
ihrer Schwester, der Frau des Herzogs, ein sanftes Getue Kosen und Lärmen
trieb. Der Herzog sah es gern, er liebte seinen Schwager. Die böhmischen
Vettern, die den Herzog aufhetzen wollten, die Rebellion in Böhmen zu
organisieren, half der Trzka lustig verjagen. Nicht aus dem Hause nach
Dimerkur, seinem Sitz, wollte ihn der leidende Friedländer lassen; auch die
Herzogin bat ihn zu bleiben.

In eine sonderbare Verfassung war Wallenstein geraten. Er alterte
furchtbar. Sein hartes Gesicht war mit Runzeln übersät. Die Haare über den
Ohren wurden weiß, standen in Büscheln ab, die Augenhöhlen waren zu weit
für die kleinen Augäpfel, ganz im Grunde lagen sie da hinter ihren Häuten,
im Begriff, völlig in den Kopf zu schlüpfen. Die Breitenfelder Affäre war
in dem kritischen Augenblick über ihn gestürzt, als er mit de Witte plante,
nach Hamburg zu gehen, seine gesamten böhmischen Liegenschaften zu
verkaufen, von dieser Ecke des Reiches zusammen mit den Hansastädten,
vielleicht dem sehr still gewordenen Dänen Christian etwas zu unternehmen.
Der Kurier, der die Breitenfelder Nachricht brachte, sah -- er glaubte wie
alle, dem Herzog etwas Freudiges zu melden -- bestürzt den verabschiedeten
Generalissimus, der im herbstlichen Gartenhaus neben Trzka auf einer Bank
saß und mit Muscheln vor sich warf, tief erblassen, die dünnen Lippen sich
öffnen. Die scharfen Äuglein irrten zitternd von Lidwinkel zu Lidwinkel,
wichen schielend auseinander; sachte rutschte der lange Oberkörper die
Lehne herunter über die Bank, hing mit baumelnden Armen zum Parkett
herunter.

Nach einer Stunde stand Friedland, torkelte am Arm des Trzka vor den
Bogenfenstern seines Pfeilersaales auf und ab, schob den Kiefer vor, kaute
gräßlich: »Er ist mir zuvorgekommen, der dicke Schwede. Ich habe es mir
gedacht. Hat den Tilly zerschlagen. Er kommt über den Kaiser. Sie sind
wehrlos. Für den Schweden hab' ich gearbeitet, für das Großmaul aus
Upsala.« Er spie, fuchtelte höhnend, mordsüchtig mit der Faust: »Aber der
Tilly. Der gute Alte. Gute Alte. Der Spaniole. Gedachte mich zu beerben.
Beim heiligen Blut Jesu, ich hätte ihn gern verenden sehen. Der Schwede
wird glauben, er könne kommen, das Reich liege da, es warte nur auf ihn. Wo
steht der Schwede. Du mußt hin zu ihm, zu Arnim. Ich bin noch nicht tot.«

Krächzend, laut brüllend, jammernd: »Zottel nicht herum. Setz' mich ab. Wo
der Schwede steht. Mich schlägt er selber tot. Wie lange sind wir noch in
Böhmen. Wir sind ja wehrlos. An jedem Tag rückt das Vieh vorwärts; und ich
kann mich nicht regen.« Wimmernd von Wut betäubt ließ er sich auf seiner
Fensterbank gegen die Rückenlehne schieben: »Mit mir ist es aus für alle
Welt. Der lutherische Lump, nun hat er sich den Augenblick ausgesucht,
schluckt den Braten. Du wirst sehen, er schluckt ihn. Mich mit.« Er suchte
mit seiner schüttelnden schlagenden Hand in den Taschen seines grünseidenen
Schlafrocks, ein Papier knisterte: »Der Ferdinand. Mich hat er
beschwichtigen wollen, damit ich ihm nichts tue. Nun kommt der andere. Dem
schreibt er keine Briefe. Ich -- ich -- ich kann nicht denken.« Er wollte
verzerrt lachen, wieder wurden seine Lippen weiß. Trzka hielt ihn fest,
schrie nach Wein. Sie trugen ihn auf seine Schlafkammer.

Nach Zuziehung des Rittmeisters Neumann besprachen sie sich in die Nacht
hinein. Da kam heraus, daß der Friedländer durch verschwiegene Leute längst
mit dem Schweden angebunden hatte; der Herzog hatte um eine Zahl Regimenter
nach Böhmen gebeten, wollte mit dem Schweden gemeinsam über den Kaiser
fallen; der Schwede hatte heimtückisch die Sache hingezogen; wie sich gar
Johann Georg mit seinen sächsischen Regimentern anschloß, schwieg sich der
Satan ganz aus. Der Herzog ballte die Fäuste auf der Decke: »Er hat mich
betölpeln wollen und hat's getan. Glaubt jetzt sein Spiel gewonnen. Der
Tilly hat mit der Schlacht seinen Ruhm und Ehre verloren. Ich nicht minder,
wenn ich mich nicht rühre.«

Frühmorgens war der verschüchterte Kurier in Trzkas Kammer geschlichen, bat
um Urlaub; seine Schlafkammer lag über der des Herzogs, er hatte die ganze
Nacht gehört, wie der Friedländer ihn schmähte, ihm die Pestilenz
anwünschte. Das Gebrüll war erst vor einer Stunde verstummt.

Hinter dem Kurier war schon der Reisewagen Trzkas angefahren. An den Toren
trennten sie sich; der Graf galoppierte mit seinen vier Pferden auf Tod und
Leben nach Norden. Im Wagen neben ihm saß ein armseliger glutäugiger
Schächer in einen Winkel gedrückt, eine federlose Pelzkappe auf dem
struppigen Tschechenhaar, Jarosla Raschin, Exulant, einer der Geheimboten
Wallensteins an den Schweden, der unter Lebensgefahr aus Sachsen verkleidet
zum Herzog drang. Hinter Teplitz nahmen sie Pferde, ritten über das Gebirge
durch die nebligen Tage. Allein schlug sich Raschin weiter, rief den Arnim,
jetzt sächsischen Feldmarschall, nach Chemnitz.

Ob, fragte Graf Trzka, Arnim den Herzog zu Friedland hasse oder bereit
wäre, mit ihm über Dinge des Gemeinwohls zu verhandeln. Dann: ob der
Feldmarschall bereit wäre, augenblicklich und gänzlich ohne Zögern zum
Besuch des Herzogs zu Friedland auf Schloß Raudnitz, zwischen Pardubitz und
Prag, aufzubrechen. Die leidenschaftliche Dringlichkeit der beiden Männer
bestimmte den Arnim, Wagen und Pferde mit ihnen gemeinsam zu bestellen. So
überfallen war er von der Plötzlichkeit ihres Verlangens, daß er erst
hinter Chemnitz den Befehl an seinen Leutnant abgab und in einem unsicheren
Vorgefühl schriftlich anordnete mit jeder erdenklichen Deutlichkeit, nichts
und gar nichts von den Anordnungen des schwedischen Hauptquartiers
durchzuführen, das ihm nicht zu Gesicht gekommen wäre. Dann saß der
Uckermärker unter den Massen der Schafpelze zwischen den beiden, ließ sich
gebirgwärts rasen, dachte mit zunehmender Bedrücktheit an seine Lage. In
ihm schwang frisch angestoßen ein heftiges Gefühl der Anhänglichkeit an den
einsamen Herzog. Sein Herzog rief ihn, sie hatten sich seit den glückshohen
Augenblicken nicht gesehen, wo Friedland ihn nach Polen schickte. Der große
Friedland brauchte ihn; beschämt und fast gequält machte er den Weg über
das Gebirge. Wallenstein war noch nicht auf Raudnitz, als sie ankamen. Der
Marschall nahm einen Gaul; mit Raschin traf er den Herzog in der langsamen
Sänfte auf der Landstraße. Ein wehes Stechen in der Kehle und hinter dem
Brustbein fühlte der Marschall beim Anblick seines alten Herrn; der winkte
aus der Sänfte, lachte ihn verrunzelt an, den Kopf hervorstreckend,
wünschte ihm gurgelnd Glück zu den neuen Ereignissen: »Ich wollte doch teil
daran haben, darum ließ ich Euch bitten.« Und er kollerte in seiner alten
verschmitzten Weise.

In seiner schon geheizten teppichbeladenen Schlafkammer stieg Wallenstein
am spanischen Rohr rastlos herum. Vor Arnim stand ein Tischchen mit Wein.
Der lange Herzog: »Es weiß niemand, daß ich von Prag abgereist bin. Mein
Arzt sitzt in meiner Stube. Sie glauben, ich bin krank, ich liege im Bett.
Ich habe lange genug im Bett gelegen. Findet Ihr nicht auch, Arnim? Ist
eine herrliche Zeit jetzt. Ein prächtiger Mann, Euer Schwede. Bringt Wind
in die Welt.« Flüsternd: »Und er hat ihn am Schopf. Der Tilly ist gelaufen.
Ihr seid tapfere Kerle. Hat mich gefreut. Ihr wollt mich gar rächen an
ihnen. Muß mich bedanken.« Arnim, um seine Erregung zu verbergen,
berichtete Lobendes von Gustaf Adolf. Ein stechender Blick Wallensteins.

Als er schweigend rasch das Zimmer durchstiegen war: »Er hat Euch auch im
Sack, Arnim? -- Wir wollen Ruhe schaffen in Deutschland. Macht der Metzelei
ein Ende. Der Augenblick ist günstig, ich wollte Euch das sagen. Ihr dürft
nichts versäumen. Und Ihr dürft Euch nicht vom Schweden mißbrauchen lassen.
Mich freut, daß Ihr beim Kursachsen in Gunst steht. Denkt daran, daß Ihr
auch mir ein Teilchen davon verdankt. Es heißt jetzt kurz und gründlich
handeln. Nach rechts und links entschlossen sein. Das wollt' ich Euch
sagen.« Nachdem er Arnim über seine Pläne ausgeforscht hatte, brachte er
hervor: der Kaiser und die Liga seien in größter Schnelle vor ein Ultimatum
zu stellen; Friede oder völlige Niederlage mit gnadenlosen Bedingungen. Er
verlangte zum Erschrecken Arnims von ihm den Einmarsch in Böhmen. Gab sehr
genaue Zahlen über die Truppen des sehr wenig aufmerksamen Marradas, der
jetzt in Böhmen kommandierte; der sächsische Einmarsch werde das Signal des
böhmischen Aufstandes sein, der Kaiser umklammert. Er stand vor Arnim, der
sich auch erhoben hatte. Redete stoßweise dicht am Gesicht des andern, die
Augen niedergeschlagen, mit dem Knöchel des Zeigefingers auf den Tisch
klopfend. Nur beim Abschied blickte er lange scharf seinen ehemaligen
Untergebenen an. Der hatte leidend zugehört; unverhüllter schmerzvoller
Rachedurst schien sich vor ihm zu entblößen. Die Angaben Wallensteins über
Böhmen, er kannte die Zahlen ungefähr, waren wahr; der Herzog setzte bei
dem geforderten Einmarsch seine eigenen riesigen Güter aufs Spiel. In einer
Mischung von Besorgnis Erregung Freude Verwirrung reiste er ab mit Raschin,
der ihn leidenschaftlich auszuforschen suchte: »Ist es soweit?« Es war die
Frage, die täglich von den böhmischen Vertriebenen im Hauptquartier
gestellt wurde.

Friedland und Trzka rasselten trompetenblasend in den Hof des verschneiten
Palastes auf dem Hradschin. Seine liebe anlaufende Herzensfreundin begrüßte
mit Küssen der glückliche leicht gedämpfte Trzka. Den Herzog selber faßte
die weiche Elisabeth bei den Händen, führte ihn umfassend und vorsichtig in
den Flur. Wie sie alle schauerten unter seiner wilden kalten Stimme. Sie
hatten sie viele Monate nicht gehört. Mit wem gingen sie da, wer führte die
weiche Herzogin an den Händen. Wer hinkte da und erzählte lachend von der
erfreulichen Begegnung mit seinem alten Arnim. Die Herzogin ließ die Hände
los, aber nur für einen Augenblick, dann zog sich ihr Herz in einer
beseligenden Erinnerung zusammen: wie sie, das höfische Fräulein, vor
langen Jahren zum erstenmal unter dieser Stimme gebebt hatte und dann
diesem als Unmenschen verschrienen Böhmen verfallen war, der durch sie, wie
man warnte, nur Hofbeziehungen suchte. Zaghaft nahm sie die Hände wieder,
die sie küßte. Sie hörte wonnevoll und demütig die schnarrende metallische
Stimme an. Und schon an der Tür zu seinem Empfangszimmer drehte sich der
Herzog, seinen Pelz abwerfend, zu Trzka und seinen Begleitern um, beugte
sich schief herunter, listig ihnen zuflüsternd: das Schäkern hätte nun bald
ein Ende in diesem schönen Schloß; sie müßten mit allen sieben Sachen
wandern, eher heute als morgen; trara, bläst der Postillon, und wer sagt,
wohin es geht. Und zu der rasch erblaßten Elisabeth: aber sie führe diesmal
mit, er stürbe ihr auch nicht so leicht weg, wie sie fürchte; sie müßten ja
fliehen, ob sie's nicht wüßten; vor wem doch?

Zu aller Schrecken befahl er in der Tat noch am Abend, und der ernste
straffe Rittmeister Neumann verbreitete sehr geheim den Befehl, zu packen,
was man Wertes und Wichtiges besäße. Die weitere Dienerschaft wurde nicht
benachrichtigt. Von Tag zu Tag fuhren nun unauffällig ein zwei Wagen stark
bedeckt aus dem Palasthofe. Nach Mähren, hieß es. Nach einigen Wochen war
eines späten dunklen Winterabends der Herzog mit seinem Anhang abgereist.
Dies war, während der Schwede in Kurmainz thronte, zwei Tage vor dem
Einfall Arnims mit den sächsischen Truppen in Böhmen.

Denn unter dem maßlosen Wehegeschrei der Landbevölkerung trieben schon die
Sachsen Arnims heran. Marradas stand als Oberkommandierender in Prag;
Wallenstein hatte ihm noch, als die Gefahr sichtbar geworden war,
achselzuckend geraten, Widerstand zu leisten. Aber bei dem rasenden Tempo
des Anmarsches war kein Widerstand möglich. Plötzlich, als wenn sie einen
Traum erlebten, sahen die Böhmen die Kaiserlichen aus der Hauptstadt
flüchten; tags drauf scholl der Gesang der Sachsen auf dem Altstädter Ring,
vor der Theinkirche.

Auf den Zinnen des Altstädter Brückentors ragten an Stangen und Spießen
verdorrte Menschenköpfe, denen die Rümpfe abgeschlagen waren. Sie hießen,
als sie noch lebten, Kaplir, Budovak, Dovorecky, Bila, Otto von Loos,
Valentin Kochan, Tobias Steffek, Michalovik, Kober, Heimschild, Jessenius.
An diesem Freudentag der Sachsen war den Finken kein Spaß bereitet; ihre
Nester in den Mündern und auf den Köpfen der Rebellen wurden zerstört.
Prächtige Särge wurden gefertigt. Hinein wurden gelegt die Köpfe samt den
Stangen, auf denen sie gesteckt waren und die ihnen in der langen Zeit zum
zweiten Leib geworden waren. Aus der blendenden Helle gingen die müden
Gesichter in die stillen Kammern unter der Erde.

Plötzlich war die Schlacht am Weißen Berge -- nicht geschlagen.

Plötzlich war das Land -- frei.

Der Gouverneur flüchtig.

Friedland, der Hauptverbrecher, flüchtig.

Die Bürger liefen aus den Häusern, besahen sich den Ring, liefen auf die
Brücke. Sie stand, wie sie stand, die Köpfe waren weg. Sollte man sich
freuen. Und vor der königlichen Burg stand eine unwahrscheinliche Gestalt,
von der man sich erzählte, an die man nicht mehr glaubte: der weißbärtige
Graf Thurn. Stand da, im Getümmel johlender frenetischer Böhmen auf dem
wasserflutenden Hradschinplatz unter den verhängten Fenstern der Burg, die
Libussa und Wladislaus gebaut hatten; die Schutztürme Daliborka und
Mihulka. Matthias, der Kaiser, Rudolf, der Kaiser wohnten nicht mehr hier;
wohnte der blinde Hund Ferdinand, der Idiot, noch in Wien? In den
kaiserlichen Zimmern hauste der Böhme Thurn und der schützende sächsische
Feldmarschall Arnim von Boitzenburg. In dem erstickenden Jubel dieser
Wintertage wurden die Türen der Geheimkonventikel gesprengt, die Träger der
alten gefeierten Namen rannten auf die Gassen und Plätze; ungeheure Umzüge
spontan wachsend in allen Stadtteilen. Sie stiegen in glorreichen Gedanken
vor die Stadtkanzlei, wehten unter Gebrüll und Gesang die alten Fahnen, vor
sich die Fenster der Landtagsstube, aus denen von den Männern der Befreiung
die Verräter Martinitz Slawata Fabricius in die Wallgrube geworfen waren.
Im Wladislaussaal, im alten Huldigungssaal der Burg, standen sie vor Thurn
und faßten es nicht. Einmal stürzte ein tumultuarischer Zug in den
Veitsdom, marschierte hüte- und waffenschwenkend in die reiche
Wenzelkapelle; ein Priester aus ihrem Haufen griff nach dem Bronzering an
der Kapellentür. Sich biegend vor Hingerissenheit jubelte er weitäugig; an
diesem Ring hatte sich ihr Wenzel sterbend und unverzagt in Altbunzlau
gehalten. Schon wollten die lüsternen und rachedurstigen Massen in der
Stadt und auf den Ländereien plündern. Da besetzte Arnim eine Anzahl der
verlassenen Häuser und Schlösser; die friedländischen zuerst; seine Söldner
patrouillierten mit Pike und Muskete die Straßen ab. Erschießungen von
Plünderern fanden statt.

Ein Schreck fuhr in die Menge. Graf Thurn suchte besänftigend einzugreifen.
Die Adligen, ihr wirres Gefolge bezichtigte ihn des Verrats, weil er nicht
den Sturm auf die Häuser der Kaiserlichen befahl. Man hatte recht, Rache zu
üben. Er wies auf die Sachsen hin, die es nicht dulden wollten. Nicht die
Böhmen hatten das Land erobert. Sie verlangten sofortige Berufung und
Bewaffnung der Emigranten und Verjagten aus Sachsen, Herstellung ihrer
Habe. Entschädigung. »Gerechtigkeit, Rache!« tobte es vor der Burg. Thurn
warf vor Wut und in Zerrissenheit seinen Hut aus dem Fenster, verfluchte
die Stunde, die ihn nach Prag zu ihnen geführt hatte. Man ließ ihn nicht
weitersprechen, Steine und Waffen krachten durch die Luft. Draußen führten
der prahlende Sohn des Berka, der sich aus der Gefangenschaft nach der
Prager Schlacht befreit hatte, und Saul von Hodojewski. Sie waren als
Jünglinge aus ihrer Heimat geflohen, keine Freude hatten sie gehabt in
Sachsen, die ihnen nicht durch Sehnsucht nach dem Mütterchen an der Moldau
getrübt war; sie klirrten als ungezügelte entschlossene Männer gepanzert
vor den Haufen einher, die sich so wenig wie sie einschüchtern lassen
wollten. Die Waffen wurden ihnen abgenommen, sie selbst in der Burg in
Eisen geworfen.

In den Häusern schwoll die Enttäuschung, rachsüchtig schlugen die
Konventikel die Türen hinter sich zu. Es mußte zu einem Ausbruch kommen.
Die Sachsen waren froh, als das randalierende Volk die ersten Angriffe auf
die Judenstadt machte.

                   *       *       *       *       *

In Znaim nahm der Herzog Privatlogis; die Bewohner von fünf Häusern mietete
er aus. Doktor Ströpenius sah mit Verwunderung, wie die Gichtknoten an
Wallensteins Händen, den Ohrläppchen Zehen aufbrachen, der Herzog hellere
Farben bekam, rastlos durch die Zimmer ging, in denen Raum neben Raum rasch
für besondere Zwecke eingerichtet waren, wie der Herzog nur abends keifte,
auf den Kammerdiener losschlug, in der alten gehässigen Weise ihn selbst
mit dem Tod bedrohte, weil er ihn verderben ließe. Briefe und Kuriere
liefen wieder täglich aus.

Der Herzog bat vertraulich die Obersten der in der Nähe stehenden
Regimenter zu sich, dann weiter entfernte. Er stellte fest, wie es sich mit
der Auffüllung ihrer Truppen verhielt, mit Armierung Verproviantierung
Kriegslust; wies sie an, Mut auf Werbung und Ausbildung zu legen, seiner
Kasse gemäß nichts zu versäumen. Das Reich liege in Nöten; wenn der Kaiser
sie nicht rufen würde oder nicht für sie aufkommen könne, er würde nicht
verschlossenen Mundes zusehen, wie der Schwede sein Höllenspiel auf
deutschen Gassen zu Ende führen würde. Möchten sich im schlimmsten Fall um
ihn, den Reichsfürsten und Herzog zu Mecklenburg, stellen.

Aus den Äußerungen der Herren, die einzeln, dann in kleinen Rotten sich in
den dürftigen Znaimer Häusern versammelten, klang, gelockt von diesem
Anruf, hervor, wie sie die Niederlage unter dem Schweden empfanden und den
Kaiser anklagten, das Heer in die Jauche gedrückt zu haben.

»Es ist kein Gut am Grafen Tilly,« schrien sie an der klirrenden Weintafel,
an der sie mit dem langen Herzog saßen, »er hat den evangelischen Obristen
die Patente abgenommen. Die Ligisten sind Mucker. Wir sind keine
kaiserliche Armee mehr. Wer regiert? Seine Knausrigkeit die Durchlaucht von
Bayern.« »Wir beten zu Jesus und Maria. Aber unsere protestantischen
Kameraden sind tapfer und brav. Man hätte sie nicht davonjagen müssen, als
wären sie Heiden.« »Man hat getan, als führten wir einen Krieg für die
Mönche. Wir sind Soldaten. Wer uns Ehre gibt und wacker zahlt, ist unser
Mann. Tilly ist geschlagen, wir sitzen im Mauseloch und knabbern an
Strohhalmen. Das walt' die Sucht.« »Haben bei der Durchlaucht zu Friedland
getreulich gestanden; hat uns die Schnödigkeit seines Loses genugsam
gejammert. Sitzen als seine Gäste, um ihm nicht bloß zu versaufen, was er
uns vorsetzt; wollen auch bekennen, daß wir seiner mit Verlangen denken.«
»Haben ihn nicht davongehen heißen, die Durchlaucht zu Friedland. Haben
Tränen nach ihm vergossen, als wäre uns Mutter und Vater an einem Tage
gestorben und wir selbst an den Bettelsack geraten. Da wir ihm einmal mit
Handschlag und Mund die Treue gelobt als Feldhauptmann des Römischen
Kaisers, wollen wir ihn, wenn uns keiner mag, in seinem Gram nicht
verlassen. Sei er unser gewiß.« »Sei er auch unser gewiß.«

Im Geschrei und erhitzten Stampfen und Tischschlagen -- der lange Friedland
im braunen Lederkoller ließ still hockend und Blicke werfend die Reden um
sich gehen, als säße er wie ein Rabe auf dem Ast, der Wind schaukelt ihn
spielerisch und bläst ihm unter die Federn -- stieg ein
schärpenschleppender breiter hoher Mann mit glattgeschorenem kleinen Kopf
auf seinen Schemel, hatte ein glühendes geschwollenes Gesicht, hielt seinen
Becher im Stehen noch dicht vor seinen bärtigen Mund, schwieg, als ihn
schon alle anriefen. Dann keifte, krähte er unter Gesten der linken Hand:
»Der Schwedenkönig steht im Reich. Bis Mainz steht er jetzt. Der Sachse
steht in Böhmen. Mit wieviel Mann? Mit sechstausend. Wo sind unsere Armeen?
Sie sind weggelaufen. Wo steht Konti, Savelli? Weggelaufen. Marradas?
Weggelaufen. Wir sind Hunde. Wir sind zum Krepieren reif. Ich lasse die
Herren wissen, wir sind für den Schinder reif. Das bitte ich nicht zu
vergessen, wenn man von uns spricht.« Stieg vom Stuhl, kaute mit leerem
Mund, trank stierend an seinem Becher.

Zuerst bezogen die Obersten der in Mähren gelegenen Regimenter vom Herzog
zu Friedland Geld, Darlehen, Winke für die Werbung, den Proviant. Dann zog
er rasch, sich ihrer bedienend, die entfernten Regimenter in seinen
Bereich. In seinen Zimmern zu Znaim arbeiteten die aufgetriebenen Beamten
seiner früheren Verwaltung. Er erklärte mit dem Kaiser in dauernder
Korrespondenz zu stehen; sei ermächtigt, mit Umgehung der Wiener Herren den
Obersten mit Rat und Tat beizustehen, wie er als Privatperson von
Sachkenntnis und Vermögen fähig wäre. Was niemanden quälte.

Die Gräfin Trzka, spät abends mit dem Grafen und der Schwester antanzend,
erhielt einen raschen Schlag auf die Hand, als sie den Herzog vom
krachenden Schreibkabinett wegziehen wollte. Seufzend zog er sich am Arm
des Rittmeisters Neumann hoch: »Trzka, du stehst nicht auf, wenn du Würfel
spielst und im Begriff bist zu verlieren. Du wirst es nicht tun, wenn du
anfängst zu gewinnen.«

Er gluckste zwischen den beiden Frauen hinaus, den Kopf zwischen den
Schultern einziehend: »Weißt du, weißt du, herzliebes Weib, wer ich bin?«
»Aber ich weiß, mein herzlieber Gemahl, wer du bist.« »Willst du mir
Botschaft geben?« »Mein herzlieber Gemahl.« »Ich bin ein Mensch, der einen
Kopf auf dem Rumpf trägt und auf den zwei Beinen steht, die ihm seine
Mutter in der Geburt mitgegeben hat. Hä. Sie werden es merken. Die
jesuitischen Stinkböcke, die verzagten schulfuchsigen Herzen. Und der dicke
Schelm. Äußert Euch unbeschwert, sagt unverhohlen, daß Ihr mir kein
Vertrauen schenkt, Ihr.« Er fuchtelte gegen Abwesende: »Jetzt springt
links, jetzt dreht Euch. Es heißt bezahlen. Müßt heran, ob Ihr wollt oder
nicht. Bezahlen heißt es. Siehst du, herzliebe Elisabeth. Hä. Sie werden
bezahlen. Sachte, sachte will ich ihnen das Pfötchen bieten und an das
Hälschen gehen.«

Seine Tafeleien und Verhandlungen mit den Obersten ließ er in die Welt
schreien. An den Wiener Hofkriegsrat schickte er, Briefe des Kaisers lässig
beantwortend, einen Kurier mit der Frage, ob die Kammer wüßte, daß sein
Mecklenburger Herzogtum, dazu sein böhmischer Besitz, Friedland Sagan
Großglogau, alles hin und verloren seien, und was man ihm, dem
Reichsfürsten, an die Hand gebe, sich vor unverschuldeter Armut zu
schützen. Dann drohte zwei Wochen darauf ein zweiter Kurier: man schweige
sich aus, der Erwählte Kaiser des Heiligen Reiches ließe ihn im Stich; er
sitze in Znaim auf der Flucht, nur mit dem Notdürftigsten versehen. Sei das
Reich zerbrochen? Müsse er sich selbst schützen? Man möge es sagen. Er
warte, träfe Anstalten, sich seiner Haut zu wehren, wie es ihm geblieben
sei.

Graf Trzka bekam den Auftrag: ihm gäbe er, sagte Friedland, mit auf die
Reise seine beiden blauen Augen und die treue Miene. Damit solle er sich
vor den Schweden oder Oxenstirn stellen, sie fangen und sagen, er, der
Friedländer, sei im Begriff, ein meuterndes kaiserliches Heer an sich zu
ziehen und damit nach Belieben zu verfahren. Ob ihm das Königreich Böhmen
garantiert werde? Ferner wieviel schwedische und sächsische Truppen rasch
zu ihm stoßen könnten im Augenblick des Losbruchs. Den Bescheid möchte er
sich schriftlich von Oxenstirn oder dem Schweden selbst geben lassen.
Möchte sich beeilen.

Trzka war einen Augenblick erschreckt und unsicher. Friedland schrie:
»Lacht nicht. Behaltet Euer Gesicht im Zaum.« Stieß ihn drohend mit den
hageren Armen zur Tür hinaus.

                   *       *       *       *       *

Unter dem niederdrückenden Bescheid des Kardinals Pazmany, den Nachrichten,
die die Gefahr einer Umklammerung greifbar nahelegten, getrieben von
stöhnenden Briefen des Kurfürsten Maximilian, trat Fürst Eggenberg mit dem
Hohen Rat in der Burg zusammen.

Maximilians Lage war ihnen allen klar. Er hatte in der furchtbaren Not nach
der alten Verbindung mit den Franzosen gegriffen, diesmal aber nicht, um
Habsburg Paroli zu bieten, ja er hatte sich durchzuschlagen versucht, indem
er den Schweden selbst erweichte: nicht anders konnte ja sein neulicher
Waffenstillstand gedeutet werden. Und dann sah der Bayer ein, daß er kein
Erbarmen von dem Vandalen aus Skandinavien zu vergewärtigen hätte, daß es
doch nur ein kleiner Aufschub war. In einer Verzweiflungstollheit war
Tilly, ehe noch der Stillstand ganz beendet war, losgebrochen und hatte in
dem Entscheidungskampf dieses neuen Jahres als erster auf den
menschenmordenden Schweden losgeschlagen, auf den Mann, der ohne Erbarmen
trompetete: er werde keinen Pakt zwischen Evangelischen und Katholiken
zulassen, es müsse einer von beiden in das grüne Gras beißen.

Der kleine Fürst Eggenberg, gebückt und übermüdet hinter seinem Schemel
stehend, verkündete mit schmerzlichem Kopfnicken den anderen Herren, daß
jetzt, zum ersten Male vielleicht, kein Zweifel an der Gutwilligkeit des
Bayern möglich sei, und der Bayer selbst ließe die qualvollsten Briefe, die
heftigsten Bitten durch seinen Gesandten an den kaiserlichen Hof ergehen:
zu helfen, nicht zuzusehen, wie man, Kaiser und Liga, vor das äußerste, die
glatte Kapitulation gestellt würde. Es sei das Schreckliche, kaum
Wiedererzählbare Wirklichkeit geworden, daß der Mann, der jetzt auf dem
Thron des Stellvertreters Christi säße, den Fischerring trüge, daß eben der
Mann, Barberini, sich in einer Kälte, die an Hohn grenze, apathisch für das
Interesse des katholischen Glaubens gezeigt habe. Er habe es in seiner
Gewalt gehabt, was katholisch in der Welt sei, zu einigen gegen den
unheimlichen alles verheerenden Ansturm des Ketzerkönigs aus dem Norden.
Man habe ihm den vertrauenswürdigsten Menschen zur Unterhandlung geschickt,
den Erzbischof von Gran, den Primas von Ungarn; beschämt, zerschmettert sei
der von Wien nach dem Bericht abgereist, habe nichts seinem Bericht
zugesetzt, als: er wünsche sich in Zukunft nur seinen Arbeiten zu widmen.
Und nun ist es zu allem Unglück auch noch geschehen, daß die letzte Säule
des Hauses Habsburg, der gewesene Feldhauptmann zu Friedland, zu wanken
beginne. Unter dem überraschenden Einmarsch der Sachsen habe er fliehen
müssen; wieviel an seinen Gütern, die seinen Reichtum ausmachen, noch
unversehrt ist, könne er nicht feststellen. Der Herzog sitze mit seiner
Familie und Anhang in Znaim. Das Wetter zieht auch über ihn herauf. »Woran
sollen wir uns halten?«

Aus der gespannten beieinander sitzenden Gesellschaft fand Questenberg, der
kurzbeinige schnäuzbärtige, ein Wort; das Unglück habe dann wenigstens das
mit sich gebracht, daß bis da zweideutige Freunde sichere Freunde geworden
seien, ob sie wollten oder nicht; man könne sich auf den Bayern und den
Friedländer verlassen; ja der Friedländer müsse sich glücklich preisen,
wenn Habsburg mit ihm zur Erlangung seines Besitzes gemeinsame Sache machen
wolle.

Stillschweigen.

Um die Unterhaltung weiterzuführen, beugte sich der verwachsene Graf gegen
Questenberg hin; freilich habe dieser Friedländer, wie auch seine Briefe
zeigten, nun auch nichts und warum solle also dann Habsburg mit ihm
gemeinsame Sache machen. Und indem er forschend den welk in seinem
Armsessel ruhenden Fürsten Eggenberg anblickte: man habe vielleicht
Interesse daran, dem Herzog nicht zu helfen; Friedland spräche auch jetzt
sonderbar drohend. Er sondierte: bekanntlich ist es gut und zweckmäßig,
Schlangen, die man fürchtet, die Giftzähne auszubrechen, um des Heilands
willen ihm keine neuen einsetzen.

Eggenberg hielt die Augen des anderen fest; leise, pointiert tropfend; das
sei der entscheidende Punkt: wie denke man sich ohne Wallenstein die
Situation? Die Faust setzte Questenberg auf den Tisch: »Wir brauchen
Wallenstein zum zweiten Male und dauernd, bis Ruhe ist.«

Am Tisch im weißen Mühlsteinkragen der schlanke Fechter, der Spanier
Ognate; er hob den Zeigefinger: »Wir bieten eine Million Gulden, wenn
Wallenstein das Heer organisiert.«

»Seht Ihr«, breitete Eggenberg gegen Trautmannsdorf den Arm aus.

»Nichts sehe ich, als daß wir vermutlich auch noch das Fell des Löwen
verteilen, bevor wir ihn haben; zunächst steht es ja nicht fest, daß der
Herzog zurück will.«

Ognate: »Er will. Er will.«

»Ja, wie er will.«

Ognate einfach: »Als Generalfeldhauptmann wie vorher, zugleich als Haupt
der spanischen Armee im Reich.«

»Mein Gott, wißt Ihr denn, Graf Ognate, von wem Ihr redet? Seine Briefe
sind sonderbar. Es könnte sein, daß er in der Situation, in der er sich
jetzt befindet, nach Schwund seines Vermögens, bereit ist zum Kommando.
Vielleicht. Vielleicht hat er auch etwas anderes vor. Der Wallenstein! Er
wird schnappen! So groß wird kein Rachen eines Wolfes sein wie seiner, wenn
er schnappen wird. Er freut sich unserer Lage; sie verspricht ihm viel. Was
meint Ihr, Eggenberg und Ihr, Graf: wird es nötig sein, daß Ihr Euch noch
retten laßt von ihm? Er wird Euch retten, soweit es ihm Spaß machen wird,
und von dem Braten speisen, mit Fettsoße, Zwiebeln, Gemüse und Pastete,
soviel er mag. Das Reich wird anders aussehen nach dieser Rettung als
vorher. Ich wünsche Euch guten Geschmack -- für ihn.«

Eggenberg: »Was ratet Ihr?«

»Mit Schweden paktieren. Rasch.«

Eggenberg: »Nein sagt, Graf Trautmannsdorf, laßt dies einen Augenblick: ist
der Herzog nach Eurer Meinung so gefährlich?«

»Euer Feind. Weiter nichts. Gewiß nicht meiner. Er kann Euch jetzt
vielleicht nicht viel scheren; Ihr müßt damit zufrieden sein. -- Ihr wißt
übrigens, daß ich ihn liebe und hochschätze. Die Dinge haben es leider
dahin gebracht, daß er mit dem Erzhause verfeindet wurde.«

Trautmannsdorf war traurig und stützte den Kopf. Wieder Stillschweigen. Am
Tisch saß neben Questenberg der Beichtvater, der große Lamormain. Man müsse
sich der Menschen bedienen, wie sie sind. Man hätte Machtmittel in der Hand
gegen den Herzog. Friedland scheine sich schon jetzt zu irgendeinem Schlag
zu heben. Er sei offenbar noch kräftig. Man müsse sich seiner in beliebiger
Weise bemächtigen.

Questenberg bitter gegen Trautmannsdorf: ob der Herr Graf wisse, daß der
Friedländer fast alle Obersten Mährens und Niederösterreichs an sich
gezogen habe, die kaiserlichen Obersten? Zerschmettert die Armeen,
verzweifelt, schlecht entlohnt, in ihrem Ehrgefühl gekränkt die Offiziere.
»Es kann geschehen, daß unsere Regimenter zu Wallenstein übergehen, ohne
daß wir etwas dagegen ausrichten können; wir sind ja nichts. Wir sind
Geschlagene, schlechte Politiker, da wir ihnen diesen Wallenstein
weggenommen haben. Und er: er ist imstande, nimmt die Regimenter, die Juden
zahlen, was er braucht; er erobert sich seine Güter, verträgt sich mit dem
Schweden. Es ist alles möglich. Läßt man ihn, ist man vor nichts sicher.«

»Und wer ist schuld daran?« Trautmannsdorf zog brüsk die Arme vom Tisch,
schrie: »Ihr. Er war nicht unser Feind. Ihr habt ihn dazu gemacht. -- Aber
ich will davon nicht sprechen.« Er preßte sich erglühend in seinen Stuhl:
»Wenn es wahr ist, daß der Papst diesen Bescheid dem ungarischen Primas
gegeben hat, so wird man diesen Bescheid den geheimsten Geheimbüchern des
Erzhauses einverleiben müssen. Man wird es nicht nur in die kaiserlichen
Erinnerungsbücher für die Richtung der kommenden Politiker schreiben,
sondern für jeden im Reich und außerhalb des Reichs, der Interesse am
katholischen Glauben hat. Es ist unmöglich und zum Himmel schreiend, daß
die grausige Not, vor der sich Bayern und Österreich, alle Königreiche und
Erblande krümmen, blinde Augen beim Heiligen Vater findet. Er hat es
abgelehnt, das in höchster Not schwebende und fast zu gänzlichem Untergang
neigende Römische Reich aufzurichten. Er wird seine Schuld vor dem zu
verantworten haben, dessen Stellvertreter er ist. Und nicht ist. Die Schuld
liegt auch bei Euch, Fürst Eggenberg. Es war alles unnötig. Wir waren in
Macht, wir saßen im Sattel, dann kam der böse Anzetteler, der treulose
baumstarke Verderber des Reiches, der Bayer. Er hat die Kurfürsten gegen
Habsburg aufgewiegelt; wir hätten stark bleiben können und sollen. Statt
dessen hattet Ihr Furcht. Von Anbeginn. Ich sage Euch: Friedland war treu
bis zu dem Augenblick in Memmingen, wo wir ihn fallen ließen und wo er sah:
dem Kaiser liegt nichts an ihm. Er wurde nach solchen Diensten für uns wie
ein räudiges Tier zur Tür hinausgestoßen. Kaum daß die Kaiserliche Majestät
selber in ihrer persönlichen Liebe für den General ihn vor dem Äußersten
bewahrte: vor der offenen Infamie, der Degradierung, Absprechung der Titel
und Besitztümer. Warum? Die Herren wissen alle: um nichts. Wegen des alten
Hasses des Bayern, der hinter Habsburg wie die Bremse ist und in den
Wahnsinn stachelt. Was wäre geschehen? Fast wäre Deutschland ein
Kaiserreich geworden. Nun sitzen wir da, winseln vor dem Papst, werden vor
dem Herzog winseln. Jetzt hat er Rebellisches vor, ich zweifle nicht daran.
Er macht sich unsere Not zunutze. Wär' er doch ein Seraph, wenn er's nicht
täte. Er haßt uns alle, wie wir hier sitzen. Ich kann meine Liebe zu ihm
nicht verbergen und ihm nur recht geben. Ich muß es tun. Ihr seid schuld,
Fürst Eggenberg. Ihr habt einen Keil in uns getrieben und uns schwach
gemacht. Ihr habt uns und dem Kaiser den Mut genommen, daß wir in
Regensburg nicht sprechen konnten. Das Reich wird es Euch nie vergessen
dürfen. In hundert und tausend Jahren nicht.«

Verzweifelt lächelnd blickte der kleine Fürst auf seine zitternden kalten
Finger: »Wollt mir doch wenigstens das auch nicht vergessen, daß ich das
Beste gewollt habe, daß wir alle doch schon so schwer gebüßt haben.« »Noch
nicht genug. Der Schwede wird noch andere Register ziehen. Es ist soweit
gekommen, Fürst Eggenberg, daß ich ein offenes Wort hier sprechen muß. Ihr
hättet Euren Kopf dem Kaiser nach der Breitenfelder Schlacht anbieten
müssen. Sie war das Resultat Eurer Politik. Ihr habt die Versöhnungstaktik
dem Kaiser geraten. Habt Ihr das getan?«

Gedankenlos blöde lächelte ohne Aufblick der Fürst: »Liegt Euch soviel an
meinem Kopf?«

»Habt Ihr ihn dem Kaiser angeboten?«

Der Fürst fahl, eingefallen, einen Moment die Augen beschattend: »Nun will
ich Euch sagen, Trautmannsdorf, daß das, was Ihr mit mir tut, anfängt
unertragbar zu werden. Was habt Ihr mit mir vor?«

»Sollen wir nicht das Recht haben, über Euch zu Gericht zu sitzen und seid
Ihr hier nicht Rechenschaft schuldig?«

»Was ich getan habe, verantworte ich. Ihr seid in Eurer Liebe zu
Wallenstein ohne Verstand.«

»Meine Liebe zu Wallenstein. Ich will nicht nur Rache nehmen dafür, daß ich
gezwungen wurde, gegen ihn aufzutreten. Ich muß Protest erheben gegen die
Verwüstung der stärksten Position in der Welt, die das Reich hatte.
Friedland hätte das habsburgische Reich halten können. Nun ist er zunichte
geworden, verschandelt, in einen gräßlichen Dämon verwandelt, vor dem wir
zittern müssen. Aber eins gegen das andere: ist Wallenstein nichts und ist
Habsburg nichts: ist es da recht, daß Ihr etwas seid, der beide zu nichts
gemacht hat. Das sag' ich hier am Tisch: ich liebe Habsburg und hänge
unserer Kaiserlichen Majestät an -- aber Ihr, Fürst Eggenberg, tätet gut,
Euch jetzt und für alle Zukunft zu verstecken, weil Ihr und kein anderer
schuld seid an diesem vermaledeiten Regensburger Tag.«

»Die Herren werden alle einsehen, daß diese Debatte nicht so fortgehen
kann. Ich habe stets alles frei aufgenommen, was hier beraten wurde und dem
Kaiser berichtet. Er kennt alle Standpunkte und Gesichtspunkte. Man hat es
hier mehr auf meinen Kopf als auf etwas anderes abgesehen. Ich will Euch
einladen, Graf Trautmannsdorf: kommt mit vor den Kaiser.«

»Wozu soll das? Der Kaiser ist jetzt machtlos.«

»Er ist Richter.«

»Was soll das?«

»Kommt mit. Ich bin Euch Genugtuung schuldig für Euren Wallenstein. Ich
begehre es von Euch.«

»Was soll das?«

»Ich bin Euch wohlgesinnt. Ich versteh', was Ihr fühlt.«

                   *       *       *       *       *

Der Kaiser in dem menschenfließenden Abtstuhl: »Das ist wohl eine Art
Gericht. Ihr seid der Ankläger und Fürst Eggenberg der Malefizer. Oder
umgekehrt.«

Eggenberg: »Ich möchte wissen, was die Kaiserliche Majestät urteilt.«

»Was, Urteil, Eggenberg?«

»Ich habe viel gelitten unter den letzten Ereignissen. Majestät weiß davon.
Aber die Dinge sind in der Tat so ungeheuerlich in ihren Folgen,
Nebenumständen, können verhängnisvoll werden, daß ich mich nicht mit einer
bloßen Besänftigung und Hinnahme begnügen kann, sondern rund um ein Urteil
bitte. Ich habe alles verschuldet. Es muß mir abgenommen werden. Oder der
Kopf, der die Erinnerung an das alles aufbewahrt, muß herunter.«

Der Kaiser: »Und dies scheint auch die Meinung unseres Trautmannsdorf zu
sein?«

Trautmannsdorf: »Ich habe den Fürsten, meinen alten Freund, nicht hierher
gezogen.«

Der Kaiser: »Jedenfalls -- steht es wahrhaft um uns so?«

Beide Herren sahen zu Boden.

»Und an dieser Lawine begehrt mein guter Eggenberg schon wiederum schuld zu
sein? Regensburg, Abdankung des Generals. Schweden, Breitenfeld und so
weiter?«

»Ich nehme die Abdankung des Generals auf meine Kappe.«

Der Kaiser sich hochstemmend schleifte herum um die grüne Marmorsäule:
»Schon gut. Ich dachte es eigentlich anders.« Er legte die leichten Hände
auf Eggenbergs Schulter mit dunklen Blicken leise redend: »Sprecht nicht
von Regensburg. Laßt das. Ihr seid nicht daran schuld. Ich hab' mit Euch ja
gar nicht darüber gesprochen. Da ist nichts von Schuld. Wollt das nicht
bemäkeln.«

Eggenberg öffnete den Mund, der Kaiser fuhr fort: »Sprecht nicht. Es ist
wie ich sage. Man soll an den Dingen nicht deuteln und sich nicht
versündigen.« Streckte die Arme von sich breit nach beiden Seiten:
»Frieden, ihr Herren.« Er ließ seine Arme sinken. Sah sein Spiegelbild über
die Säule fließen. Ging gegen die hohe Tür; die beiden Herren betrachtete
er; seine Miene nahm etwas Überdrüssiges, Feindseliges an. Das verließ ihn
erst langsam, wie er wieder im Stuhl saß. Da lachte er in kleinen leisen
Stößen, streckte die Arme von sich breit nach beiden Seiten: »Frieden, ihr
Herren. Wir sind nur Werkzeuge, wer weiß in wessen Händen. Ich hoffe, in
Gottes, Marias und der Heiligen.«

Die beiden Herren blickten aneinander vorbei.

Der Kaiser träumerisch herumwandernd, an den Puscheln seines Schlafrocks
spielend: »Es nimmt alles so guten Verlauf. Wenn ich nur wüßte, wovon ihr
redet.«

Eggenberg: »Der Schwede --«

Der Kaiser: »Ah der Schwede. Ihr werdet ihm, ich sagte es schon, den
Wallenstein entgegensetzen müssen. Ich -- möchte diesen Wallenstein gern
wieder sehen. Seht, wie gut, daß ich den Wallenstein nicht von mir reißen
ließ. Das hab' ich gut gemacht, nicht wahr?«

Er dachte vor ihnen angestrengt nach: »Also, bringt ihn vor mich. Ich
möchte ihn sehen.«

Als sich der Fürst und der höchst betretene Graf voneinander trennten,
waren sie übereingekommen, sich umarmend, sich drückend und einander alles
abbittend, angesichts der erschreckenden unfaßbaren Apathie des Kaisers
sich nicht voneinander zu trennen und alle Entschlüsse gemeinsam zu fassen;
für den Augenblick den, das Generalat Wallensteins zu erneuern, als
Gegengewicht aber sich des Bayern und Spaniens zu versichern.

                   *       *       *       *       *

Die Ankündigung des Besuches Eggenbergs wirkte auf den Herzog, der in
ruhelosem Konspirieren begriffen war, so erschreckend, daß er im Zimmer des
Rittmeisters Neumann einen Nervenanfall erlitt. Er schluchzte eine halbe
Stunde, auf dem Stuhl am geöffneten Fenster sitzend, nach dem öden Garten
zu sitzend, hatte eine wachsfarbene schmale Nase, griff oft nach seiner
Brust, war nach seinen leeren Blicken nicht ganz bei Besinnung. Nachher
schmähte er noch schluchzend auf den Rittmeister, auf seine Ärzte. In
seiner Schlafkammer saß er weitäugig, verstört, schlaffrückig neben
Elisabeth, flüsterte: »Ich bin nicht mehr der alte, Elisabeth. Irgendwie
bin ich wurmstichig. Irgendwie haben sie mich wurmstichig gemacht.« Und
wütend aufstehend, brüllte er, fäusteschüttelnd, tierisch herumtrampelnd:
»Sie haben mich wurmstichig gemacht. Sie haben mir die Federn ausgerissen.
Das haben sie erreicht. Sie sollen es bezahlen. Wenn es im Himmel einen
Gott gibt, wenn Maria die Mutter Gottes ist, wenn mich die Heiligen
beschützen, bei meiner Seligkeit und Ehre, ich will ein Erztropf und
Schindhund sein, wenn sie es mir nicht bezahlen mit allem, was sie haben.
Daß sie die Hand Gottes rühre.« Vor dem Bildnis des Christophorus, der die
Fluten überschreitet, stehend, schäumte er gierig unter Anschwellen der
Venen an dem dürren glühen Hals, mit beiden Unterarmen gegen die Tapete
trommelnd: »Galgenschelme, Galgenschelme.« Kreischte heiser. Elisabeth ließ
ihn, weinend das Kinn auf die Brust legend, stehen.

Am späten Abend saß er nach Verabschiedung der Herren in seiner kleinen
Gaststube mit ihr allein vor der unabgedeckten Tafel, lächelte plötzlich,
sich zusammenziehend, grimmig haßvoll, mit glückstrunken funkelnden Augen:
»Gott hat sie mir in die Hand gegeben. Ich werde sie wie einen Floh
zwischen den Nägeln zerknacken.«

Sie drückte sich an ihn; sie konnte sich nicht erwehren, sie liebte ihn in
seinem Unglück von Tag zu Tag mehr, schämte sich unklar ihrer Liebe.

Der Herzog ging an seinem spanischen Rohr dem Fürsten Eggenberg auf der
gefrorenen Znaimer Landstraße einige hundert Schritt entgegen. Sie sprachen
über ihr gemeinsames Podagra. Drin wurde der Herzog der Freude des Kaisers
über seine alte unveränderte Anhänglichkeit versichert, Wallenstein bot,
ohne sich zu binden, die Aufstellung einer Armee von vierzigtausend Mann
an, die er allmählich auf hunderttausend bringen wolle. Aber er lehnte jede
Abmachung über seinen Eintritt in das Generalat ab, klagte über seine
Hinfälligkeit.

Und Eggenberg, der gefaßt die Verhandlung führte, mußte zugeben, wie er den
langen gelben Mann hohläugig vor sich im überweiten Lederkoller fuchteln
und stöhnen sah, daß es gut sei, mit solchem Mann nicht gar zu lange
Verträge zu machen. Und in Eggenbergs Seele kam ein leichtes unsicheres
Staunen und wehe Müdigkeit, wie sonderbar unerwartet sich die Dinge
gestalteten. »Wir müssen alle sterben«, seufzte Eggenberg, über sich
sinkend. Der Herzog zog, den Kopf zurückbiegend, spöttisch die Mundwinkel
herunter, ließ von oben einen lauernden freudigen Blick über den andern
spielen.

Man wollte am Hof wissen, welche Forderungen der Herzog gestellt habe. Der
alte Fürst gab schwermütig von sich, sie sollten sich erst den Herzog
ansehen, er werde bald kommen.

Und nach Wien eingeladen kam der Herzog. Nicht wie beim Antritt des ersten
Generalats, mit zwanzig Karossen; versilberte Partisanen der Vorreiter,
Zaumzeug und Schabracken, wie der Kaiser sie führte, Lakaien und Pagen in
feinsten französischen Stoffen, eine halbe kriegsstarke Kompagnie voraus,
eine halbe hinterher.

Sondern geräuschlos mit zwanzig Mann Bedeckung und drei Leibwagen. Er
führte auf der eisigen Stiege seines Znaimer Häuschens noch ein murmelndes
Gespräch mit dem heißblütigen jungen Sesima Raschin und seinem Trzka.
Keinen Augenblick sollten sie sich durch die Änderung in seiner Stellung
zum Kaiser in ihren Aufgaben stören lassen; jede erreichbare Bindung an den
Schweden und den Sachsen für ihn erstreben. Es solle alles so weitergeführt
werden, als geschehe nichts. Gab keine schriftlichen Vollmachten von sich;
er mache sich nicht, räusperte er sich aus dem Fenster des Wagens heraus,
bevor er die Decke vorzog, zum Sklaven des Kursachsen oder Gustafs. Sie
begriffen, der Herzog, der langsam auf der Landstraße fuhr, hatte etwas
Besonderes mit dem Kaiser vor.

In dem schneidend klaren Januarlicht stellte sich der Böhme, am Stock
herangeschleift, hoch und mager vor dem Kaiser auf, der ihm selbst einen
Sessel heranrückte.

Beide fanden in der gräßlichen Deutlichkeit des Tages, daß der Tod den
andern an Auge, Nase, Mund, ja an den Händen gezeichnet habe. Beide wußten
es nur von dem andern.

Ferdinand las in seiner Verwirrung dem Herzog einen Brief der Mantuanerin
vor, den er eben erhalten hatte aus Schönbrunn, worin sie ihre baldige
Rückkehr nach Wien anzeigte. Währenddessen und nach den ersten heiseren
Worten des Herzogs veränderte sich dessen Bild vor ihm und in ihm tauchte
wieder auf der unersättliche regsame Lindwurm, der kriechende
langschweifige tausendfüßige Leib. Den hatte er einmal gefürchtet. Nun war
es klar. Es sollte wieder etwas wie Krieg geben; er mußte sich einen
Augenblick wirklich besinnen, gegen wen; dachte im ersten Moment an den
Bayern. Also jetzt ist der Schwede an der Reihe. Dieser Herzog hat es auf
den abgesehen. Er wird ihn wahrscheinlich besiegen. Vielleicht wird ihn
auch gelegentlich der Schwede besiegen; diese Dinge sind unübersehbar. Eine
sonderbare Sache.

Der Herzog sprach von den schon getroffenen Maßnahmen zur Aufstellung eines
Heeres, und daß in der Tat der Schwede und Kursachse alle Vorteile haben.
Heiser schrie er; wie seine böhmischen Augen dabei feucht schillerten.

Man braucht solche Menschen hier. Sache des Kaisers ist es sie zu belohnen.
Sie hungern zu lassen und zu füttern, je nach den Umständen, um sie desto
willfähriger zu haben. Das ist das Geschäft des Kaisers. Die Aufgabe der
Krone. Es ist in allen Ländern so. Man verliert die Krone ohne dies Spiel.
Man sollte vielleicht diese Menschen auf den Thron lassen, das wäre wohl
das Richtigste, das Glatteste.

Als sie ihr Gegenüber beendet hatten, ließ der Kaiser, ohne den Platz zu
wechseln, stumm den Fürsten Eggenberg kommen, fragte ihn, was er nun zu tun
hätte. Plötzlich war es dem Kaiser geworden, als ob er die Balance verlor,
schwindlig wurde und in einer kichernden bewußtlosen Freude nicht wußte,
was heute war, was morgen sein wird, in welchen Zimmern er ging, in wessen
Zimmern er ging. Ja, das große Geheimnis, das ihn tief beglückte, wollte er
dem Fürsten Eggenberg nicht verraten, vielleicht aber der Mantuanerin, die
bald kommen mußte: daß er manchmal nicht wußte, in wessen Kleidern er hier
herumging, er auf zwei hebenden fühlenden Beinen, mit einem beweglichen
Kopf; daß ihn die Unterschriften tief fesselten, die seine eigenen Hände
zogen; manu proprio hieß es, mit eigener Hand. Sieh da, sieh da, der
Ferdinand.

Und Eggenberg wurde von ihm umarmt, Ferdinand scherzte mit ihm, daß er sich
von Trautmannsdorf nicht habe in den Tod jagen lassen. Nun werde er wohl
auch wissen, was mit dem Herzog zu geschehen habe, wie man ihn belohnen und
abfinden müsse; nun sei doch der Geheime Rat ganz beruhigt. Friedland sei
bei ihnen, der Schwede werde bald nicht mehr auf der Landkarte zu finden
sein.

Der Fürst kniff schwermütig die Augen zu; ob man den Herzog werde abfinden
können, wisse keiner, er schwiege sich aus. Man wisse nicht, womit nach der
Aufstellung der Armeen der Herzog kommen werde; nicht viel geben, nicht
viel geben sei der gemeinsame Wunsch aller Herren. Auf seiner Schreibtafel
stand, als er sich verabschiedete, die Bestätigung des Herzogs als
Reichsfürsten zu Mecklenburg, ein Geschenk des Kaisers von
vierhunderttausend Reichstalern, soviel der Friedländer noch für gekaufte
Güter der böhmischen Kammer schuldete; man gedachte ihm schließlich
pfandweise für die Auslagen das schlesische Herzogtum Großglogau zu
überlassen.

Als am folgenden Nachmittag die Mantuanerin den Kaiser nicht aufgesucht
hatte, obwohl ihre Ankunft am letzten Abend gemeldet war, ließ sich der
Kaiser zu ihr hinüberfahren. Sie war nicht in ihren Zimmern, nicht auf den
Höfen, nicht in den Gärten. Mit ihrem Fräulein Kollonits war sie vor
kurzem, hieß es bei der Wache, zu Fuß, tief verschleiert zur Burg
hinausgegangen. Daß ihn solche Sehnsucht nach ihr erfaßte. In einer
herzlichen Trauer lag er allein eine halbe Stunde in seiner Kammer, ließ
sich dann umziehen mit brauner Kniehose, glatter Jacke, weiter loser Hose,
wie ein gewöhnlicher Mann, ein Handwerker, ein Bieranstecher; farbige
Strümpfe und fliegende Bänder trug er, eine braune niedrige Kappe stülpte
er sich gedankenlos auf; der Leibkammerdiener folgte ihm nach wenigen
Minuten, hinterher in zwanzig Schritt Entfernung wie eine Magistratsperson
wandernd mit kleinem Degen, in einem hohen braunen Filzhut; der einfache
Anzug gelb, die mageren Waden in roten Strümpfen.

Der Handwerker, eine Weide in der Hand, irrte erst vor der Burg hin und
her, schritt am Zeughaus vorbei, an der niederösterreichischen Kanzlei,
kehrte wieder um. Es war ein regnerisches Wetter, der Kot lag hoch, es war
neblig, bald mußte es dunkel werden.

Wie Ferdinand das schwerfällige Gebäude der Minoriten passierte, sah er
jemand laufen. Und eine unerklärliche Bewegung zwang ihn zu folgen. Sie bog
in Gäßchen auf Gäßchen ein, blieb in Torwegen stehen, nestelte an sich.
Durch den Kohlenmarkt zum Graben. Zurück; man ging, durch Sänften und
Karren getrennt, über eine lange schmale Holzbrücke. Eine Scheu bedrückte
ihn, sie könnte eine Dirne sein; er zögerte. Die Kirchtürme von Sankt
Niklas. Da ging sie in das kleine Schwesternhäuschen neben der Kirche. Die
Türe fiel zu. Er stand draußen. »Wie sonderbar, daß ich hier stehe. Und daß
ich nicht weggehe.« Er hob den Klöppel der Glocke, fragte, wer eben
gekommen sei; ein Mädchen hatte geöffnet; man schrie entfernt: »Man hat
geschickt.«

Über den dunklen Gang lief etwas an, sah ihm ins Gesicht, stand zitternd
da. »Was ich will? Eleonore, ich weiß selbst nicht, was ich will. Ich weiß
nur, ich möchte mit dir gehen.«

»Siehst du. Jetzt holst du mich. Jetzt bereust du deinen Starrsinn.« Er
hing an ihrem Arm, sie wickelte den Schleier um den Hals. »Ich weiß nicht,
wovon du sprichst. Eleonore. Wir wollen davon nicht reden. Es ist weiter
nichts, als daß ich gern mit dir gehe.«

Über die Brücke. »Versprich mir. Ich will nichts von Mantua reden und
nichts von dir. Versprich mir, du wirst den Teufel von Herzog nicht wieder
holen.« »Sprich weiter.« »Wenn du ihn brauchst, wirst du ihn zwingen,
Ferdinand. Du mußt ihn wie einen Knecht, einen schlechten Demütigen, in der
Hand haben, dem man nicht traut.« »Sprich nur weiter.« »Machst du dich
lustig über mich?« »Nein, ich gehe gern mit dir.«

Stumm kamen sie vor die Burg. Im Regen gingen sie durch eine Seitentür, die
ihnen der Diener aufschloß. »Komm zu mir, Eleonore.« »Weiter nichts?« Sie
weinte.

Er leise: »Eleonore. Ich weiß selbst nicht, was ist. An mich kommt nichts
heran. Alles beglückt mich. Deine Stimme beglückt mich, dein Weinen
beglückt mich, dein Klagen beglückt mich. Als wenn ich um mich eine Schale
zugemacht hätte.«

Sie weinte weiter. Er: »Könnte ich dich nicht auch erfreuen?«

                   *       *       *       *       *

Vom Main her südwärts schwoll verendend die Armee des unglücklichen Grafen
Tilly.

Mit dem Rest seiner Truppen, zwölftausend Mann, dazu achttausend gepreßten
Bauern, griff er in der Schärfe des Winters den schwedischen General Horn
an, trieb ihn in die Stadt Bamberg hinein. Drin ließ er die Schweden bis
auf den flüchtigen Rest massakrieren.

Da hatte sich der mordgewaffnete König schon aus seinem Mainzer Lager
erhoben, ließ den Rhein los. Hinter ihm blieben ein junger Herzog Bernhard
von Weimar und der Pfalzgraf von Birkenfeld.

Und wie der Schwede anschnob, wich Tilly erzitternd aus Bamberg, wich die
geschwollene Regnitz entlang, durch das Ansbachische, an Nördlingen vorbei
auf Donauwörth. Wollte sich hinter die Donau verstecken.

Der Tritt des Schwedenkönigs tapprig schwer hinter ihm, langsam. Rechts
schlürfte er, links fraß er; er kaute, spie, schnüffelte. Er legte sich
über Nürnberg; der Hohe Rat wischte eingezogenen Schweifs zu ihm heraus vor
das Tor, goldene Trinkgefäße auf den kalten Händen tragend. Sie kreischten
und pfiffen: »Der Makkabäer!« »Gideon!« »Josua.« Er rollte die Augen und
ließ es sich, da es ihn kitzelte, wohlgefallen.

»Es war ein schöner Winter dies Jahr,« gönnte er den Ratsherren, »gebe
Gott, daß auch der Sommer gut wird. Ich predige euch das Evangelium auf
eine Weise, wie ihr nicht wieder hören werdet.« Er setzte die Beine
vorwärts, Staub und Dampf von sich gebend: »Seid fromm, daß Gott weiter
hilft.« Hinter sich ließ er die Besatzung. Hunderttausend Taler stopften
sie ihm bei, wie er wanderte.

In Donauwörth konnte Tilly nicht bleiben; der Kurfürst warf Boten nach
Boten gegen ihn: wie weit er denn fliehen wolle, wie weit noch München
entfernt sei. »Ich will schon nicht mehr fliehen, als ich muß,« knirschte
die Augen verdrehend der kleine General, das Papier in den Händen
zerreibend, »ich will mich schon stellen. Nur Ruhe, Ruhe.«

Aber der Schwede plumpte, murrte, knurrte, trampste näher. »Ich will
stehenbleiben.« Und zitternd in einem unsäglichen Hinschmelzen gab er schon
wieder den Befehl nach rückwärts. Hinter die Donau, über die Lechbrücken.
Schwindlig, den Mund weit offen, stand er da auf den Stoppelfeldern, Bayern
lag in seinem Rücken. Schwindlig mit verwehenden Gedanken sagte er,
lächelte er, die Zähne kaum entblößend, zu seinen Offizieren: »Wir werden
hier nicht weggehen. Der Schwede kommt heran. Wir werden Bayern schützen.«

Es wurde befohlen, auf Ingolstadt Truppen zur Verteidigung zu werfen, die
Zugangsstraßen von Augsburg und Ingolstadt mit vierzehn Kompagnien zu
sperren. Dann lagerte das Heer sich hinter dem Lech in einem dichten Wald.
Und wie Tilly das rückwärtige Terrain besichtigte, stoben Alarmreiter an,
Alarmreiter, Alarmreiter. Flüchtende Bauern. Flüchtende Bauern. Auf
Wagenreihen Dörfer, Dörfer, ganze Dörfer. Als hätte der Schwede sie
entwurzelt, warf sie ein Orkan mit Sack und Pack vor sich. Tag und Nacht,
Tag und Nacht. Es regnete Städte.

Der geborstene Tilly hielt sich steif. Lief, ein schallendes
Knochengestell, flach mit Muskeln Sehnen Nerven gepolstert; der Bauch, die
Brust, der Schädel breit geöffnet. Hervorquoll seine blutbegossene Seele
selbst. Geschrei, Kreischen, Brüllen, Knirschen, Knurren, dünnes Piepsen
umging ihn. Seine Gedanken schlugen wie überlange nasse Haare über sein
Gesicht, über Stirn und Augen, blendeten ihn.

Er lächelte süß, in bewußtloser Hingerissenheit, hin und her dunkel
flutender, sich hebender Verzweiflung. Er betete und erreichte sich nicht.
Er war ein Mensch, den man mit Pech bestreicht und in Federn wälzt; ganz
hinter seinen Taten verschwunden. Keine Gedanken an Wallenstein hatte er
mehr. Er suchte zu umdenken sein Leben, seine Oberkommandantin Maria, mit
der er jeden Tag seines Lebens angefangen hatte; knickte zusammen. »Ich bin
ein frommer Katholik gewesen all meine Zeit«, winselte er vor seinem
Feldkaplan, der verwundert vor ihm stand, ihm tönend zusprach.

Als die ersten Kanonenschüsse fielen, sauste er auf den Feldern herum,
suchte von irgendwoher zu hören, ob er sich nicht noch auf Ingolstadt
zurückziehen sollte. Fürchtete sich, fürchtete sich: begriff mit einmal,
daß er sich fürchtete. »Ich bin ein alter Mann, habe keine Messe versäumt«,
zuckte es staunend in ihm.

Zweiundsiebenzig Geschütze ließ Gustaf auffahren gegen den Wald, in dem die
Kaiserlichen lagen. Unter grausamem Krachen und Prasseln barsten die
Stämme. Als die Feinde eine Insel bei Oberndorf fanden, die schrecklichen
Finnen, schwammen sie Trupp auf Trupp wie Wasserratten an. Man schlug
einige tot, es kamen neue. Schwedische Kanonen fuhren über einer Brücke
auf, die niemand über Nacht hatte entstehen sehen. Ein heulender
zähnefletschender lehmwühlender Kampf halb im Wasser, halb auf der Erde
fing an. Die Schweden Finnen, es waren keine Menschen. Kaum gab es Tiere,
die ihnen glichen, wie sie schlammbedeckt, graubraune Hautfarbe,
tangtriefend, armschwenkend sich aus dem Wasser erhoben, krumm anwateten,
schluckten, kauten, spritzten, pfiffen. Sie waren so schlecht, so ekel, so
totschlagwürdig, daß erst zaghaft die Kaiserlichen, die Bauern auf sie
eindrangen, geführt, gelockt, dann von dem Grimm und der Scham, dem
Entsetzen gerufen geworfen: »Um des Heilands willen.«

Sie schrien zu Hunderten und Tausenden, die Kaiserlichen, auf dem
überhöhten Ufer des Lech, als sie das beispiellose kotige regsame Grauen
aus dem Wasser auf sich zukommen sahen. Es gab wenige unter ihnen, die
nicht in diesen Augenblicken die blinde Entschlossenheit angewandelt hätte,
zu sterben oder diese Unwesen sich aus dem Gedächtnis zu wischen. Sie
drangen herab auf die Fratzen.

Mörderisch tobten die Kanonen in ihrem Rücken; Sprengen Klatschen Reißen
von stöhnender unterirdischer Gewalt. Aber Tilly auf seinem hochbeinig
tanzenden Schimmel irrte zwischen den Fremden und den Kanonen hin und her;
träumte, ohne zu wissen, was, lachte wimmerte. Die Fragen seiner Offiziere
beantwortete er nicht. Seine bis zur Weiße aufgerissenen Augen wurden immer
wieder von den silbernen brandenburgischen Aufschlägen angezogen an seinem
eigenen linken Ärmel. Um diese Aufschläge war ein Geheimnis. Bei jedem
Kanonenschuß zuckte er zusammen, duckte sich, sah um sich. Das Wort »Maria«
mahlte er zwischen den Zähnen, während seine Augen suchten auf dieser
Holzbrücke, in dem plantschenden Wasser. Wie an einem vom Himmel
herabhängenden Faden zog sich seine Sehnsucht und Ratlosigkeit in die dünne
Höhe. Ein Dreipfünder, dessen Abschuß er nicht einmal gehört hatte, warf
seinen Schimmel um, zerschmetterte ihm selbst den rechten Schenkel über dem
Knie. Er dachte und träumte lange nichts.

Aus der bodenlosen Schwärze tauchte er auf; es schneite. Abend, ein
Troßwagen, wühlender Schmerz im Bein. Wagenknarren, Getümmel um ihn. Im
Stroh neben ihm hockend der Feldscher. Tonlos auf durchbluteten Wolldecken
der General: was sei, wo man sei. Bei Ingolstadt; der Widersacher habe
versucht, sie von Bayern abzuschneiden, es sei mißlungen, der König selber
hätte beinah sein Leben dabei gelassen.

»Was, was!« Tilly, der Totenkopf, furchtbar erregt, »abschneiden, was ist!«
Und dann ächzte er, ließ seine Offiziere kommen, die in der Nähe ritten.
Sie krochen einzeln herein, wiederholten ihm, der halb taub schien, dutzend
Male die Ereignisse. Er rieb sich die Nase, die Stirn, fragte ängstlich von
neuem, stöhnte: »Regensburg! Regensburg!« faßte sie bei den Händen,
bittend. Dann erst bemerkte er die lähmungsartige Schwere, diese sonderbare
dumpfe, in allen Gelenken, tief in den Knochen, in die Därme, Lunge, die
Schultern aufsteigend; die Dürre in seinem Mund.

Der Kaplan kauerte neben dem Feldscher. Der Wagen ratterte über die
Chausseelöcher, oft legte er sich schief auf die Seite. Aus der bodenlosen
Schwärze wieder auftauchend, langsam, nicht ganz entlassen: »Der Kaplan!
Ah, Regensburg, das Heer auf Regensburg führen.« Der Kaplan. Dies waren die
Sterbesakramente. Jetzt daran festhalten, fest einbeißen. Maria, der
Himmel, die Heiligen; das waren nur leere Worte, man konnte sie sprechen,
sie ließen sich nicht denken. Das Bohren, Sägen, Drehen im Bein, das
wogende Unbehagen den Leib hinauf, die alles überflutende zurückebbende
wieder anschwemmende Lähmung, diese verdunkelnde knochenfüllende
knochenzerknackende wirbelverschiebende tödliche Lähmung. Jetzt hieß es
sich entscheiden. Aus dem Wege alles. Maria, Jesus. Er spie, rollte die
Augen; hier ist nicht die Rede vom Schweden. Der Kaplan hielt seine Hände;
Tilly bat, ihm Maria zuzurufen, wenn ihm das Bewußtsein schwinden wolle.
Scharf blies der Schneestaub in den Wagen. Er weinte in sich: »Ich habe
mein ganzes Leben Maria gedient, ich will sie jetzt halten, ich darf sie
nicht verlieren. Der Kaplan hat mir Absolution erteilt, es wird alles gut.«

Die Wellen der Lähmung und Verdunklung rollten stürmischer an, mit kaltem
Schmerz gemischt. Alle Glieder fielen von ihm ab. Und er fing an zu ringen.
Zwischen jeder Welle schrie er »Maria!« Der Kaplan im Wechselruf: »Maria!«

Schlagartig rollte es heran. Aus gelben grasgrünen braunen Wolken fuhren
die Stöße gegen Bein und Leib. Sie knatterten zwischen die Schulterblätter
in den Hals. Die Wolken waren widrig, schwammig feucht, wühlten ineinander.
Es waren die Finnen, die anwateten, die aus Blutschande gezeugten. Er spie,
schrie heftiger, kreischte, röchelte vor Entsetzen.

Der Kaplan rief: »Maria!« Tilly sah entsetzt, wie er die Lippen bewegte.

Furchtbare Hammerhiebe aus den Wolken. Mit jedem Hiebe zuckte er zusammen.
Den Atem benehmend; er war der Amboß. Was sagte der Kaplan. Er mußte
wissen, was der Kaplan sagte.

Dumpf wetternd, zermalmend, niederklafternd.

Niederklafternd.

Zusammengezogen lag er, auf die Seite gestoßen.

Verröchelte, die Arme schützend vor der Brust.

Da löste sich das Gespensterheer von dem warmen blutsickernden kleinen
Körper. Zappelnde Rümpfe der gemetzelten Türken Franzosen Pfälzer, die
jaulenden hängenden zertretenen Hunde, kletternden Pferde, die mit den
Hufen sich an ihn hielten. Zwischen ihnen gezogen matt, noch naß, seine
eigene erstickte Seele.

Verknäult flogen sie unaufhörlich rufend durch die verschneite Luft, ihrem
dunklen Ort zu.

                   *       *       *       *       *

Hinter dem toten Tilly zog der Schwedenkönig, Torstenson auf dem linken
Lechufer mit schwerem Geschütz deckend. Er stieß auf Nürnberg. In sein
Lager zu Fürth schleppte man täglich sechsunddreißigtausend Pfund Brot und
hundert Eimer Bier. Er klatschte sich den Leib vor Freude, als er durch das
Laufertor ritt. Die Ratsherren boten ihm eine silberne Erd- und
Himmelskugel, zwei Fuder Wein und zwei Fuder Hafer: »Ich hätte mich eher
des jüngsten Gerichts versehen, als nach Nürnberg zu kommen.« Nichts hielt
mehr vor ihm. Aus seiner herrlichen Residenz scheuchte er den
Bayernfürsten, der hinter sich ließ, woran er sein Leben über gebaut hatte.
Der Schwede wußte, daß bei diesem Gedanken an München sich das Herz des
Bayern in Todesschmerz zusammenziehen würde. Nach Freising waren ihm
entgegengeritten der Münchener Bürgermeister Friedrich von Ligsalz, die
Patrizier Barth und Parstorffer, ihm die Schlüssel ihrer Stadt zu bieten.
Er hob auf der musikschallenden Landstraße den Degen: den Schlüssel habe er
schon; was machten sie für Scherze; er werde sie mit einer halben Million
Talern beschweren. Und so ritt er, eskortiert von drei Infanterie- und
Kavallerieregimentern, an der Spitze von Dutzenden deutscher Fürsten in die
Stadt ein, deren Kirchen er durch seinen Besuch schändete.

Es war warmes sprießendes Frühjahr geworden; die Jesuiten berief der König
in den Garten ihrer Kirche zusammen, verächtlich grob sprach er zu ihnen:
»Es ist Frühjahr geworden, die Macht der katholischen Kirche neigt ihrem
Ende zu. Wie Strohhalme sind ihre Säulen geknickt, der Kaiser und der
bayrische Kurfürst. Seid friedlich und besinnt euch. Ihr seht selbst, Gott
ist nicht wider mich.« Erst dachte das schwedische Heer an Plündern und der
Kriegsrat kam stundenlang nicht zur Entscheidung; denn von hier war
unermeßlicher Haß gegen den evangelischen Glauben in das Reich ausgegangen.
Satt erklärte der König, man solle sich mit dem Betrag von
dreihunderttausend Gulden begnügen. Einen kleinen Teil der Summe verehrte
er den ihn begleitenden Fürsten, besonders dem Pfälzer Friedrich.

Der blonde Friedrich überwand seine Melancholie nicht. Er spazierte in der
Stadt des anderen Wittelsbachers herum, dem er sein Unglück verdankte.
Nicht einmal nach Prag zu gehen in das ihm entrissene Königreich hatte der
Schwede den Pfälzer vermocht. Am Schönen Schrannenplatz residierte Gustaf.
In einer verschwiegenen Resignation folgte der noch immer schöne stark
gedunsene Mann dem König, folgte ihm wie seinem Schicksal, gesenkten Kopfes
und ohne Widerstreben. Die unzerstörte Üppigkeit seiner Frau ging,
erschreckend unberührbar, menschenunähnlich neben ihm, riß ihn manchmal zu
Orgien mit. Rusdorf, der Kleine, lockte ihn, sich zu freuen. Zu freuen! zu
freuen! Wo gab es auf dem Festland soviel Siege wie bei dem Schweden!
Gingen sie nicht hinter dem König wie hinter einer Feuersäule.

Sporenklirrend wanderte, die Hände auf dem Rücken, der Pfälzer mit seinem
Rat den langen runden Gang in der Neuen Feste entlang, dessen Wände mit den
Bildnissen der Wittelsbacher tief behängt waren. Er sah das Gemälde
Esthers, die verzweifelt Ahasver um Gnade für ihr Volk bat. Schweigend
hörte er den Rat schwatzen. »Ihr habt recht, Rusdorf,« brachte er heraus,
sein schlaffes Gesicht mit den Händen bedeckend, »und ich bin verloren. Ich
bin verloren. Ich muß mich gewiß freuen, wie Ihr sagt.« Später: »Ich tadle
Euch gewiß nicht. Ich will Euch in Eurem Eifer nicht lähmen, Rusdorf.
Wahrscheinlich werden meine Nachfahren Euch wie einem Held danken. Ich? Wir
verkommen alle samt und sonders. Ich wie der Kurfürst von Brandenburg und
Sachsen. Wie der Maximilian von Bayern, der meinen Kurhut trägt. Wir werden
zu nichts. Die schwedische Zeit bricht an für das Deutsche Reich. Ich --
ertrag' es nicht. Wie ich Euch sagte: ich bin verloren.« Dann hielt er an
einer Fensternische den kleinen Rat fest: »Eins sage ich, Rusdorf,« dabei
blitzten seine blauen großen Augen heiß, »wer mir das widerraten hat, den
Kaiser in Regensburg um Verzeihung zu bitten, den Kniefall vor ihm zu tun,
der hat nicht gut an mir getan. Wißt Ihr! Ich hätte gebüßt, es wäre mir
manches verlorengegangen. Jetzt sitz' ich in der Falle. Ich bin zum Bettler
und zum Fremdenknecht, zu einem Verräter geworden: ja, so steh' ich vor
mir. Glaubt Ihr, ich könnte vor diesen Wittelsbachern meines Hauses gehen,
ohne mich zu schämen, bis in meine Nächte?« Die Beruhigungen des Rates
nutzten nichts; Friedrich legte den Arm um die Schultern des kleinen
tiefbedrückten Mannes, leise sprechend: »Die Welt ist noch nicht zu Ende.
Glaubt Ihr nicht, daß der Schwede noch eines Tages geschlagen wird? Gott
läßt die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Ich warte, ich weiß, was ich
tue.« »Was?« »Der Kaiser ist ein gütiger Herr. Er wird mein Unglück
mitfühlen. Meine Reue ist tief. Ich bin jung und kenntnislos gewesen. Er
wird mir verzeihen.« Und er wanderte leise weiter mit Rusdorf. Zwischen den
hängenden Bildern der Wittelsbacher auf und ab.

Und Rusdorf erfuhr nicht und konnte nicht verhindern, daß Friedrich im
größten Geheim einen eigenhändigen Brief an den flüchtigen Maximilian
schickte, in dem er um Verzeihung bat, daß er sich ohne seine Einladung zum
Besuch in München aufhielte. Nicht er hasse Maximilian; sie seien
Wittelsbacher, von einem Blut; Max möge gewiß sein, daß nichts an seinen
Bildern und Gebäuden zerstört würde. Nicht er hätte den Schweden in das
Deutsche Reich geführt. Nein, er sei es nicht gewesen. Und fast demütig bat
er ihn, bei Kaiserlicher Majestät zu versichern, daß er sich unverändert
als des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation treu anhänglicher Sohn
fühle.

Dies war ein Brief, nach dem er sich wohler als in vielen Jahren fand; es
klang in seinen Ohren gut: »Als des Heiligen Römischen Reiches deutscher
Nation anhänglicher Sohn.« Rusdorf hatte es nicht leicht in diesen Wochen,
ihn beim schwedischen Herrn zurückzuhalten. Seine Fluchtneigung gelangte
sogar an den König, der gutmütig bei Tisch meinte: »Laßt ihn. Deutschland
ist ein Kranker, der nur durch starke Mittel gesund wird. Ich bin erst im
Beginn der Kur.«

Nach Warschau verkündete Gustaf dem Reichstag durch Boten: er gedenke die
Krone Polens, die ihm zustehe, in nicht zu ferner Zeit mit der Böhmens und
Ungarns zu vereinigen. Venetianer, die mit Briefen und Geschenken vor ihn
traten, führte er an dem stummgrüßenden Pfälzer vorbei durch die Residenz.
Im Vierschimmelsaal setzte er sich zum Verschnaufen. Er danke ihnen; die
Signoria solle gewiß sein, daß das Haus Österreich auch in Italien noch
heute lache und morgen nicht mehr.

So mächtig war, bis über die Donau, bis nach Straßburg vorgedrungen, das
schwedische Heer, daß die Herren in Paris ins Zittern gerieten. Ein
unerträglicher Anblick war dieser Gotenkönig, wie er über das gefürchtete
Riesenreich ähnlich einem mittelalterlichen Belagerungsturm hinschwankte,
Pechströme und Bomben werfend; der alberne schlaue Klotz aus Upsala. Sie
fingen beim Kurfürsten von Sachsen zu stechen an, ob es sein deutsches
Selbstgefühl ertrage, dem Schweden Bütteldienste zu leisten, und ob man in
ihm oder Gustaf Adolf das evangelische Oberhaupt des Reiches zu sehen habe.
Sie irrten unruhig von protestantischem Hof zu Hofe. Die katholischen fast
verzweifelten Herren beschworen sie fest zu bleiben.

Der gereizte König Ludwig konnte seine Nervosität nicht zähmen, weder der
Kardinal noch der Pater Joseph konnten ihn mehr zurückhalten. Seine Furcht,
der Schwede würde ihm im Elsaß und am Rhein zuvorkommen. Man ließ ihn.

Das Heer in der Hand stieg er auf Metz, nahm Moyenvik, Pont à Mousson. Es
befriedigte ihn noch nicht. Da war Nancy. Er mußte rasch, rasch an den
Rhein, ehe Gustaf in Bayern fertig war. Er mußte auf Trier. Es war alles
reif für ihn.

                   *       *       *       *       *

Indessen mit aller Ruhe der Friedländer sein ungeheures Heer in Mähren auf
den Fuß stellte. Die Klagen des Bischofs von Bamberg, der Reichsstadt
Regensburg, des flüchtigen Bayern, die Rufe aus dem Elsaß, den
westfälischen Stiftern fanden ihn taub. Er sammelte, ließ im Reich
geschehen, gab nicht eine Kompagnie ab.

Seine Güter besetzt. Die Geschäftsfreunde zögerten keinen Augenblick mit
ihrem Vertrauen. Die Börse in Hamburg, Bankhäuser in Augsburg gewährten ihm
und dem Herrn de Witte und Bassewi alle geforderten ungeheuren Kredite. Auf
Schleichwegen wurden aus Prag von der verzweifelten Judenschaft mächtige
Barren Gold und Silbergefäße in gewöhnlichen Heuwagen in sein Quartier
gefahren.

Das Reich barst. Er schob sein Heer in die Winterquartiere. Sie sollten ihn
nicht bedrängen, sagte er nach Wien; drei Monate brauche er zum Sammeln des
Heeres.

Der alte Apparat war wieder in Funktion. Seine Werbepatente galten für das
Reich Spanien und die Staaten Italiens. Obrigkeiten wurden im Augenblick
für die Zweige des Heeres geschaffen, Generalkommissare bestimmt für
Böhmen, darunter der Graf Michna von Weizenhofen, der wie vom Blitz
getroffen war, als ihm die Ernennung zuging; für Schlesien Stradeli von
Montain, für Mähren Oberst Miniati, für Niederösterreich Questenberg. Holk
wurde Kapo der Reiterjustiz, Obristschultheiß Ludwig von Sestoch. Das
Generalvikariat füllte aus der Pater Florius von Cremona. Des Herzogs
Generalleutnant nach Kollalto, der bei Mantua hingerafft war, wurde Gallas,
der Welschtiroler, mit Aldringen in spanischen Diensten aufgewachsen.

Die Trümmer, die Tilly hinterlassen hatte, zehntausend Mann, übernahm er,
ein mißmutiges geschlagenes fast waffenloses Heer. Etwas Rasendes,
Zerbrechendes war jetzt in der Art des Böhmen, sich über die Dinge zu
werfen. Er hatte in dem Augenblick, wo er sich den Arbeiten näherte, etwas
von einer Flamme an sich, die aus einem langen Schornstein gequalmt hat und
nun heulend den Schornstein am Boden umbricht, wütend in die entsetzte Luft
hineintobt. Die Vertreter der Banken, die sich in seinen Kammern bewegten,
staunten über die Verwendung des Geldes, das sie heranbrachten. Es lief
scheffelweise von ihm, verdampfte an ihm; er schien es nicht rasch genug
unter die Menschen werfen zu können. Seine Glut, sagten die einen, stamme
daher, daß er sich bei seinem eingetretenen Verfall das letzte Leben
auspresse; die andern spotteten, er sei zu gierig nach seinem verlorenen
Besitz.

Seine nahe Umgebung aber fühlte längst, daß er sich veränderte, wilder und
brutaler als je, daß er etwas Unklares leidenschaftlich betrieb. Er hatte
kein Wort des Interesses oder Trauer über seine Güter verloren. Sie wußten
auch, daß etwas Besonderes mit diesem Verlust an den Hans von Arnim war,
der diese Güter und Schlösser wie seine eigenen schonte. Die Fremden an
Wallensteins Hauptquartier schwankten zwischen Schrecken und Widerwillen;
so arbeitete ein Größenwahnsinniger. Daß Wallenstein in den dänischen
Feldzug mit zahllosen Karossen und Juchtenwagen gezogen war, war
weltbekannt. Jetzt standen die Karossen und der Marstall verwahrlost in
Prag, er kümmerte sich nicht um sie und um keinen anderen Prunk.

Die Sturmtruppen waren mit Piken und Bruststücken auszurüsten; in Pardubitz
wurden ganze Straßen von Holzschuppen gebaut für die Unzahl der
angeforderten Waffen. Es wurde bekannt, daß Wallenstein jede kalkulierte
Zahl eines Bedürfnisses mit zwei und drei multiplizierte und dann noch
unbefriedigt war und hinzuforderte. Abenteuerliche Mengen Pulver lagerten
entlang der böhmischen Grenze; bei Pardubitz waren alle Brotfrüchte Böhmens
aufgespeichert, die mit Steuerabschlag verrechnet wurden. Wallenstein hatte
erklärt, das Heer auf eine begrenzte Zahl bringen zu wollen; er schien aber
keine Grenze zu finden. Oberst auf Oberst wurde ernannt; auf die Frage des
erschöpften Hauptquartiers, wieviel Patente annähernd noch ausgegeben
würden, bekam man den Bescheid, soviel sich bis März vergeben ließen. Die
Träger der Namen Fugger, Kolloredo, Holk, Merode, Chiesa erschienen wieder
an einem Hauptquartier des Herzogs zu Friedland, der zuletzt in Memmingen
furchtdrohend nach Italien und dem Elsaß residiert hatte und von ihnen
gegangen war wie das Licht, das die Erde verläßt. Sie ritten selig zu ihm,
der sie zu Merode, Chiesa, Kolloredo gemacht hatte, zu ihrem wahren Vater.
Sie standen betroffen in seiner Nähe wie die anderen vor dem Prasseln und
geradezu höllischen Verderb und Wachsen. Einige Vertreter der Börsen
reisten Hals über Kopf ab, unfähig, diesen Weltuntergang, der sich um den
Herzog vollzog, mit anzusehen. Michna konnte sie nicht beruhigen, sie
verstanden das Lachen dieses klugen Mannes und gar Bassewis nicht, welche
beteuerten, so sei es immer um den Friedländer. Die Obersten schwammen
flossenschlagend in ihrem Element, schluckten, atmeten die besondere
lichtbrechende Luft, die um den Herzog schwebte, erlebten die blitzartige
Versengung und Verkohlung aller Besorgnis, die Verzauberung. Sie zogen nach
sich Montard von Noyal, Pychowicz, Korpasz, Wiltberg, Lambry, Gissenberg,
Filippi Corrasco.

Im frühen März, als Monate um waren, seit die ligistischen Scharen mit dem
toten Tilly anrollten, hielt Friedland, mürrisch gegen den Wind die Augen
kneifend, seine schärpenprunkenden Herren ignorierend, mit Ordonnanzen
scheltend, bald in der Sänfte, bald zu Fuß, bald auf dem Pferde, Heerschau
zu Rackonitz auf dem Hügel ab. Zweihundertvierzehn Reitergeschwader,
hundertzwanzig Fußkompagnien, vierundvierzig Feldstücke, zweitausend Wagen
mußten vorbei. Er hielt nur einige Stunden aus; nach fünf Tagen war man
fertig.

Dann wollte er sich verabschieden. Und als die kaiserlichen Herren, Ognate
und Eggenberg, ihm den Brief Ferdinands gaben, er möchte bleiben und den
Oberbefehl im Kriege führen, nörgelte er erst, erhob dann das alte heisere
Geschrei: ob sie ihm noch nicht genug getan hätten, von Ungarn ab bis
Regensburg, ob sie ihn für einen Verurteilten oder Verrückten hielten; er
wolle seiner Wege gehen, vor ihnen sicher sein. Er machte, wie er hinkte,
am Stock durch das Zimmer in Rackonitz schlich, einen verbrauchten
Eindruck.

Die Herren hatten nichts anderes erwartet; sie saßen, warteten. Fürst
Eggenberg wußte, daß er als Geschlagener vor dem häßlichen Sieger saß und
im Begriff war, die schrecklichen Bedingungen entgegenzunehmen. Es tat ihm
wohl, an die früheren guten Zeiten erinnert zu werden; er wurde hart dabei,
konnte sich wappnen. Es wurde klar, daß der Herzog vorhatte, an ihnen eine
unerhörte Grausamkeit zu verüben; Eggenberg und Ognate wollten sich nicht
wehren, der Herzog würde an ihnen erlahmen. Das Keifen zu Ende, fragte
Wallenstein, gehässig und listig auf sie blickend, was sie ihm brächten; es
klang: wie sie sich denn freikaufen wollten. Dies war der Augenblick, wo
sich die beiden zum Abschied erheben konnten, um zu sagen, sie sähen in
ihrem Quartier seinen schriftlichen Vorschlägen entgegen; er möge in aller
Muße den Kreis seiner Wünsche aufzeichnen.

Sie nahmen dann ohne weiteres an, was Wallenstein in dem überbrachten
Schreiben forderte, das Ungeheuerlichste, was ein Mensch von einem Kaiser
des Heiligen Reiches verlangen konnte, ohne ihn zu töten: Absolutes
Generalat, Bestallung als Generalissimus des Hauses Österreich und Spanien,
Konfiskationsrecht im Reich ohne Einspruch des Hofrats, der Hofkammer und
des Kammergerichts, Versicherung auf die Erblande als Rekompensation,
Lieferung aller begehrten Unkosten; die Erblande stehen ihm zum Rückzug
beliebig offen, er muß in die Friedensverhandlungen eingeschlossen werden.
Dies unterschrieben schaudernd die beiden Unterhändler, nachdem sie es
gelesen hatten, im Namen des Kaisers, von dem sie Blankovollmacht hatten.
Waren dabei von einer wütenden Lust erfüllt: sie hatten ihn entlarvt, nun
sah man, woran man war. Hier verhandelte kein Feldherr wegen seiner
Anstellung, sondern ein Tyrann, der seine Rachsucht befriedigen wollte.

Auf der Rückfahrt erwogen sie: der Schwede wird in seinem Vormarsch
aufgehalten werden, Böhmen befreit, Bayern befreit werden; dann kann sich
die Liga erholen, ein spanisches Heer kann vom Elsaß erscheinen. »Wenn er
sich nicht mit den Widersachern verbindet, mit Schweden und Sachsen«,
murmelte der Spanier. »Er wagt nicht,« dachte Eggenberg nach, »zunächst
folgt ihm die Armada dazu nicht. Für den nächsten Augenblick haben wir das
nicht zu fürchten.« »Wer weiß«, murmelte Ognate. »Und dennoch! Und
dennoch!« jubelte Trautmannsdorf, als sie in Wien vor Wallensteins
Kapitulation saßen und nichts sprachen. Er streichelte liebevoll tröstend
dem alten Fürsten die Hände unter dem Tisch und drückte ihn an sich.

Sofort brach der Herzog die Verhandlungen mit Gustaf und dem Sachsen ab.
Ohne Zeitversäumnis alarmierte er seine Armada, bat durch Eilboten Arnim zu
sich, den Führer des sächsischen Heeres in Böhmen. Der Herzog war gegen
seinen Freund in Znaim kalt und entschlossen: »Arnim, Ihr müßt aus Böhmen
heraus mit Euren Sachsen. Ihr werdet das einsehen; es bleibt zu fragen, was
soll dann geschehen.« »Ich werde mich in Sachsen verteidigen.« Darauf war
der Herzog erregt; das sei eine trotzige verkehrte und verbohrte Denkweise.
Was wollte er denn in Sachsen verteidigen? Wen? Ob sie Erzlappen seien, daß
sie sich die Köpfe zerschmissen für nichts. Auf Arnims Frage, was denn
weiter geschehen solle und ob Arnim etwa vor dem Herzog auf schimpfliche
Weise samt seiner Armee das Gewehr ins Korn werfen sollte, schnitt
Wallenstein die Unterhaltung ab: Arnim möchte sich überlegen, was er, der
Herzog, eben gesagt habe; es sei ihm lieb, drüben bei den Widersachern ihn
zu haben. Er werde begreifen, daß dieser Krieg nicht so weiter gehen könne,
diese Schmach, diese Gaukelei für Affen. Verteidigung in Sachsen! Nach
weiteren Schimpfworten auf den Schweden und auf die Wiener Politik
verabschiedete der Herzog den andern, der fluchte, sich einen Tölpel
nannte, über das Gespräch nicht ins klare kam.

Wallenstein gab ihm einige Wochen Zeit. Dann warf er das Heer, das sich an
Ort und Stelle nicht mehr ernähren konnte, nach Böhmen, die Sachsen liefen
auseinander. Friedland stürzte vom weißen Berg über Prag her. Die Stadt war
wieder kaiserlich.

Arnim, noch zweifelnd, ob der Herzog wirklich etwas Ernstes vorhatte,
suchte sich in Leitmeritz zu halten. Zu seinem Schrecken, der sich mit
Widerwillen mischte, umzingelte ihn Friedland und schien ihn vom Heer
abschneiden zu wollen. Da raffte er, was er an Truppen hatte, zusammen,
bereitete den Friedländern Schaden rechts und links, schlug sich von Ort zu
Ort. Böhmen mußte er ganz aufgeben.

Die Juden lachten. Die unterdrückten Böhmen höhnten, warteten. Thurn, der
alte Graf, Arnim nachkriechend, flüchtete vergrämt nach Dresden. Und ein
Angstschauer lief über Sachsen, als Friedland in Böhmen nicht haltmachte,
sich dem Erzgebirge mit weit ausgebreiteten Armen näherte, an die
Überwältigung des Erzgebirges ging.

Plötzlich wandte er sich auf Bayern. Keiner wußte, ob er etwas gegen den
Kurfürsten oder den Schweden vorhatte.

Der Schwedenkönig, sich mästend am südlichen und westlichen Deutschland,
hatte nur zwanzigtausend Mann bei sich; am Rhein, Main, nördlich und
südlich standen vier Armeen unter Baner, Tott, dem Weimarer Herzog, dem
hessischen Landgrafen, verwüsteten das Land, trieben ihr Spiel mit der
Bevölkerung.

Erst war der feiste König nur verblüfft, wie Wallenstein als
Generalhauptmann des Kaisers auftrat, wartete ab, wessen er sich von dem
verschlagenen Mann zu versehen haben würde, machte sich Vorwürfe, daß er
ihm bei den Unterhandlungen nicht mehr entgegengekommen war. Er hoffte
noch. Dann erfolgte der Angriff auf den Hradschin, die unglaubliche
treulose Umzingelung Arnims. Ein Sturm von Unruhe ging durch Gustaf. Ehe er
noch mit dem Herzog Fühlung nehmen konnte, hatte der sich erklärt.
Wallenstein hatte kehrt gemacht. Front gegen ihn selbst. Das Spiel war
klar. Wallenstein wollte Gewalt mit ihm reden.

Der König stieß nach Osten, um den Friedländer nicht mit dem Bayern
zusammenströmen zu lassen. Zu spät. Bei Eger nahm Friedland die Trümmer des
ligistischen Heeres auf. Von Weiden und Eger stieg die feindliche
Heeresmacht herunter, schob sich auf Tirschenreuth. Der Friedländer wollte
mit ungeheurer Überlegenheit ihm seinen Willen aufzwingen. Tief
erschrocken, an Haß erkrankend, über Friedland erstaunend, gab der König
nach, und Flüche auf Deutschland werfend, setzte er sich in Nürnberg fest.
Der Herzog hatte ihn bei den Ohren; wenn er wollte, konnte er ihn
zerschmettern, so schwach war er. Von Pegnitz zu Pegnitz zog der Schwede in
gewaltigem Bogen Schanzen. Die Stadt wurde angerufen, den evangelischen
Glauben zu verteidigen; mit leichter Unsicherheit, nur seinen nächsten
auffallend, hielt der König eine seiner schmetternden Ansprachen an den
Rat. Es glückte; der Rat schwur, wie Magdeburg zur evangelischen Fahne zu
stehen bis zum Verderben.

Mit viertausendachthundert Söldnern, dreihundert Reitern stellte sich
Nürnberg in seinen Dienst, dreitausend Bürgersoldaten kamen hinzu, alle
Waffenfähigen vom fünfzehnten bis vierundzwanzigsten Jahr. Sie wollten Gott
und dem wahren Glauben dienen. Vierundzwanzig Abcfähnlein ließen sie
fliegen; der König musterte sie trübe. Auf den Fähnlein stand: »Dies
Fähnlein fliegt zu Gottes Ehr, fürs Gewissen, frei und reine Lehr.« »Saul,
Saul, was verfolgst du mich? Laß ab, laß ab und bessre dich!« Der König
hatte kein Gefühl von Dankbarkeit für sie; mit einer sonderbaren ihm
fremden Rachsucht griff er in diesen Wochen Deutsche an, erging sich
unaufhörlich bei festlichen Tänzen in der Stadt in Schmähungen über die
deutschen Fürsten; sie müßten hart hart kuriert werden. Auch der Pfälzer
war zugegen, als er sich so ausließ bei einem großen Bankett in Ayrmans
Saal beim Laufertor. Friedrich verließ offen den Saal mit dem Markgrafen
Christian, der das Bankett veranstaltet hatte. Der flehte draußen auf der
dunklen Stiege den Pfälzer mit Tränen in den Augen um Verzeihung. Sie
umarmten sich; »keine Rettung«, schluckte der Markgraf. Friedrich:
»Manchmal denke ich, der Friedländer könnte uns helfen.«

Schanzen, Redouten, Palisaden, Gräben, Batterien wurden um die Stadt in den
warmen Junitagen aufgeworfen, die Vorstädte Wöhrd und Gostenhof mit
einbezogen. Das Lager ließ sich der König errichten vor Wöhrd bis auf den
Gleishammer, das Weicherhaus und den Lichtenhof; bei Lichtenhof stellte er
das stärkste Werk hin. Er rückte ein mit vierundneunzig Kornettreitern,
hundert Fahnen Fußvolk, achtunddreißig Geschützen, zweitausend Wagen.

Von Tirschenreuth nahte über Sulzbach der Kaiserliche. In das wandernde
Volk geriet Oberst Taupadel mit Dragonern und vier Kompagnien des
schwedischen Regiments Sperreuter hinein und wurde zermalmt. Sie umgingen
wandernd Nürnberg, schoben sich zu beiden Seiten des blanken glatten
Flüßchens Bibart an Zirndorf heran. Da in der lieblichen von grauen
Schafherden begangenen Landschaft fanden sie eine niedrige Hochfläche, von
Wiesen eingenommen, die rückwärts in einen kühlen dichten Wald führten. Nur
wenige Kilometer von dem Schweden entfernt machten sie halt, setzten sich
hin und verschanzten sich.

Der bayrische Maximilian von Kuttner begleitet ritt täglich durch das
Lagergewühl zum Herzog herüber, nicht vom Hals seines Schimmels aufsehend.
Er war ein Gefangener und ging seine Gefangenschaft beenden. Friedland
wohnte mitten im Lager in einem erbeuteten rosaroten Türkenzelt, das weiß
und blau orientalisch bestickt war. Einen riesigen viereckigen Raum
bedeckte es; darüber erhob sich eine wimpelgeschmückte Leinwandkuppel. Am
Eingang hielten Reihen von Bambusrohren einen goldbefransten Baldachin. In
dem teppichbeladenen Empfangsraum nahm ihn der Herzog inmitten der Obersten
und Generalspersonen an, selten sprachen sie sich allein.

Der Herzog sollte angreifen, war der Tenor der bayrischen Reden; er zeigte
auf die ungeheure Überlegenheit, die man im Augenblick besaß und in zwei
drei Wochen verliere. Erst kam der Herzog, zwischen tausend Geschäften,
trinkend, ihn mißachtend, mit allgemeinen Einwänden; man müsse die Stärke
des Schweden noch besser erkunden; eine Schlacht sei leicht begonnen und
schwer beendet. Der Kurfürst hörte nicht das Gespött des Friedländers
hinter ihm: »Nun habe ich den Maximilian so weit gebracht, daß er mir nicht
allein gehorsamen, sondern mit der Pike auf der Schulter aufwarten muß.«
Wie der Bayer zäh drängte -- mit jedem Tag wurde sein Land verwüstet, er
durfte nicht sagen, daß eine kaiserliche Niederlage ihm Land und Leben
kosten würde -- traten die Obersten des Herzogs mit den Resultaten ihrer
Beratungen hervor. Der Refrain lautete: wir sind zahlenmäßig überlegen,
aber man kann nicht auf den Mut der Söldner bauen; sie müssen sich erst an
Gefechte gewöhnen; es genügt, den Schweden zu stören, ihn zu zwacken und
beuteln. Dabei blieb es. Sie zogen es hin; sein Land verdarb. Aus dem
Kreise dieser Herren, die in alter friedländischer Üppigkeit lebten und
fürstlich satt stolzierten, kam einmal die hochmütige Frage, ob man im
bayrischen Lager vermeine besser Krieg zu führen als der Herzog; man habe
bei Breitenfeld Gelegenheit gehabt sich zu beweisen. Hindurch durch die
fünffachen Spaliere der Leibwache des Herzogs, starre Reihe der
aufgestellten niederländischen Helmbarten, riesig ausgezogene Spießklingen
mit Quasten und Kugeln am Klingenansatz, gräßliche Totenköpfe und hackende
Schnäbel eingeätzt. Durch das Getümmel der ausschwirrenden ungarischen und
polnischen Reiter, auf den Pferden am Sattel die kupfernen Kesselpauken;
sie ritten über den aufgerissenen Wiesengrund, schneller, schneller, die
Münder gespitzt, grell wirbelnd das Schlagfell aus Menschenhaut.

»Was hat der Herzog vor?« fragte der Kurfürst seine Räte, die er aus
Regensburg kommen ließ. »Er säumt.« »Er säumt nicht«, der Kurfürst mit
leeren Augen.

Die Widersacher lagen sich Wochen um Wochen gegenüber. Der Juli zog herauf,
August; brünstige Hitze fiel hernieder. Sumpfig war der Wiesengrund von
Friedlands Lager, das Wasser der Pegnitz nur mit Kampf erreichbar. Sie
fochten täglich um das Wasser, schickten ihre Kranken und Verbrecher immer
zuerst voraus, ließen sie abschießen, später erst stürmten sie vor unter
dem Schutz der abgefeuerten Musketen. Fünfzehntausend Weiber strömten in
das Lager, zu den Menschen kamen dreißigtausend Pferde. Mensch und Getier
hatte nur die Aufgabe: zu liegen, zu liegen, dem Schweden die Fourage
abzujagen, ihn zu ermatten. In des Schweden Lager stürzten die Scharen der
Flüchtlinge ein. Nürnberg lief voll von ihnen. Wie eine Geißel umlauerten
die Kroaten und Ungarn des Böhmen die Stadt, rissen das Lebendige nieder.

Heimlich betrieb Friedland seine Sachen. Gab Arnim keine Ruhe. Aus Böhmen
sei er mit seinen Sachsen verjagt; die Kurfürstliche Durchlaucht von
Sachsen möge gewarnt sein; sie sollten sich verständigen. Aus Sachsen kam
Bescheid: der Kurfürst gedenke in Treue sich nicht von seinem schwedischen
Bundesgenossen zu trennen. Da lösten sich Kavalleriemassen aus dem
Zirndorfer Lager, erst Hunderte, dann Tausende. Holk mit seinen Kroaten
setzte sich in Bewegung auf das offene Vogtland. Sie machten unterwegs
Vaganten Versprengte Gesindel beritten; sollten um sich ein solches noch
nicht gesehenes Verderben anrichten, daß man ihre Kraft erkenne. Unter dem
von Plauen und Zwickau her einsetzenden Lodern der Städte und Dörfer, den
Abschlachtungen und Schändungen der Menschen flüchteten selbst Arnim und
der Kurfürst. Die bodenzerstörenden Unholde verkündeten hinter ihnen, sie
seien nicht lange allein; Graf Gallas käme mit einer Schar doppelt so groß
wie sie.

Bei Nürnberg lagen sich die Widersacher gegenüber.

Im Schwedenlager mußten die Pferde trockenes Gras rupfen. Eine Pest schlich
unter den Menschen. Der Schwede auf Verstärkung wartend predigte Mut
Manneszucht. Blaß und zornig ritt er täglich die Palisaden entlang, blickte
herüber. Dies war kein Feldherr, kein Krieger, der zehnfach überlegen sich
nicht zur Schlacht zu stellen wagte. Der hatte etwas Unmenschliches vor:
Ermattung. Wenn erst Baner da wäre, sollte es ihm bezahlt werden. Und
täglich fraß der dicke Gustaf an seinem Widerwillen. Die deutschen Fürsten
wichen vor ihm, der Pfälzer betrieb offen seine Abreise.

Da hatte der Schwede an sich gezogen, was er suchte. Regimenter des
Oxenstirn vom Rhein, Baner und Herzog Bernhard mit Truppen aus
Oberschwaben, viertausend Hessen, der Herzog Wilhelm mit sechstausend Mann.
Sie trafen bei Windheim zusammen. Der vergrauste Sachse, seine ganze
Hoffnung auf den Schweden setzend, warf sieben Regimenter zu Fuß, zwei zu
Pferd herüber. Sie drangen gemeinsam in die Stadt Nürnberg ein, die von
Leichen stank, in der man sie mit Weinen und Schreckensgeschrei empfing,
daß man nun vor Hunger ganz zugrunde gehen müsse. Und so bitter war die
Not, so grausig schmolzen unter der Pest die Menschen zusammen, so
wutgespannt war der König, daß auch nicht ein Tag mit der Entscheidung
gewartet wurde.

Sein Heer hob sich gegen die Nordseite des kaiserlichen Lagers. Die Sachsen
überschwemmten die Schanzen. Eine so furchtbare Artillerie arbeitete gegen
sie mit brüllenden Salven, daß die Baumwipfel des Waldes in Dampf
verschwanden, die Hochfläche des Lagers in Feuer und Rauch begraben wurde.
Zwölf Stunden rannten die Schweden an. Als sie den östlichen starken
Ausläufer des Höhenzugs, den Burgstall, hatten, regnete es; sie konnten die
Geschütze nicht hinaufziehen. Bis in die Nacht wühlten die Massen
ineinander, zweitausend Schweden blieben liegen. Finsternis und strömender
Regen. Der Schwede ließ los.

Lag wieder in Nürnberg.

Tastete nach Verhandlungen, dachte, der andere habe auch genug. Keine
Antwort. Ließ nach drüben gelangen: man solle ihm Mecklenburg lassen; der
andere möge sich Franken nehmen. Verbissen und finster gab Gustaf das
Signal zum Aufbruch. Von sechzehntausend Mann war die schwedische
Kavallerie auf viertausend gesunken; die Fußkompagnie hatte statt
hundertfünfzig Mann nicht sechzig. Die meisten deutschen Fürsten, auch der
Pfälzer, hatten ihn in den letzten Tagen verlassen. An der Nordseite des
Lagers marschierte er vorbei; noch einmal forderte er durch Kanonenschüsse
den Feind zur Schlacht heraus. Drin rührte sich nichts. Eine Handvoll
Weiber lief vergnügt an das unverteidigte Wasser. Johlten durch die hohlen
Hände: »Wir haben dem Kaiser eine Schanze gebaut und haben dem Schweden den
Paß verbaut.« Sogar das Gepäck ließ der Friedländer unbehelligt passieren.
Eine kleine Besatzung war in der Stadt geblieben; der Friedländer nahm von
ihr keine Kenntnis. Wie der Schwede westwärts zog, langsam, unter großer
Sicherung, dachte er, der Herzog werde folgen. Der blieb bei Zirndorf
liegen. Brach erst nach fünf Tagen sein Lager ab; seine Vorhut fühlte
nordwärts auf Forchheim vor.

Noch einmal wurde der träg hinziehende geschlagene Schwedenkönig von einem
wilden Angriffsdrang befallen, als er sah, daß Friedland sich nicht um ihn
kümmerte. Er verteilte seine Streitkräfte, machte plötzlich mit elftausend
Mann kehrt, wandte sich auf den alten sieggezeichneten Weg südwärts nach
Donauwörth, über die Donau. Nur den Bayern zog er vom Herzog ab, der sein
Land schützen wollte, eine armselige Schar mit sich führte. Der Herzog
blieb starr. Maximilian hatte es nicht erreichen können, daß Friedland sich
Bayerns annahm. In den bayrischen Regimentern wußte man, daß der Kurfürst
bei seiner letzten Bitte an den Herzog um Truppen von ihm angeschrien
wurde. Maximilian suchte seine Räte über die Situation mit schmerzlichem
Lächeln wegzutäuschen: »Nun sind wir alle froh, daß er uns entlassen hat.
Er hätte uns noch alle umgebracht.«

Sie brauchten dem Schweden nicht lange folgen. Es war nichts als eine
qualgeborene Selbsttäuschung Gustafs gewesen, daß er noch Entschlußfreiheit
habe. Inzwischen meldeten alle Kundschafter, daß der ungeheure Wallenstein
weiter nach Norden marschiere. Es war klar, er ging nach Sachsen, wollte
nach den Untaten Holks den Kurfürsten knebeln, wollte ans Meer, die
Schweden von ihrer Basis abschneiden.

Bei Donauwörth stand Gustaf, krampfhaft erregt auf eine Tat aus, die ihn
aus der Verstrickung löse, als ihn diese erschütternde Nachricht traf. Zwei
arme sanfte Tage ruhte sein Heer in der bergigen Sommerlandschaft. Hier war
Friede, kein Feind in der Nähe. In ein Wäldchen zog sich der König zurück,
lag wie ein Kranker vor einem geöffneten Zelt. Lautlos gingen in weitem
Bogen um sein Zelt die Wachen; sie trugen die einheimischen braunen langen
Röcke; sicher saßen auf ihren runden blonden Köpfen die hohen blauen
rotgeränderten Mützen. Von Zeit zu Zeit schlichen Weiber flüsternd über das
weiche Gras an sie heran; die schönen blonden Haare, Zöpfe bis zur Brust,
märchenrote grelle Mützen aufgesetzt; kaum bewegten sie ihre faltigen
blauen Röcke. Das war Schweden.

Der König wollte mit jemand sprechen. Der blanke kolossale Schädel
Oxenstirns; Grubbe, sein Sekretär, mit stiller diskreter Miene. Gustaf
hatte sich aufgesetzt. Es sei kein Grund zu verzagen; was sie meinten. Als
sie sich geäußert hatten, schwieg der große schwere Mann, dessen Gesicht
bleigrau und schweißbedeckt war; er sagte in Scham, während der Kopf
zwischen die Schultern einsank: »Die Sachsen sind ja nicht mehr mein. Was
werden unsere Frauen sagen?« Auf ihre Berechnungen: »Ich bin zu groß daher
gefahren. Es hat dem Herrn nicht gefallen. Ich war eitel. Ich habe seine
Sache nicht rein erhalten. Wenn das Licht im Innern Finsternis ist -- welch
eine Finsternis! Niemand kann zwei Herren dienen. Schweden war mir alles.
Jetzt kommen die Deutschen daher. Darum wollen sie mich vertreiben. Darum
wird der Sachse und Pommer und Brandenburger nicht mehr bei mir halten.
Hätt' ich nicht dem Götzen gedient, wären sie bei mir geblieben. Wäre der
Herr über mir geblieben. Mein Auge taugt nichts mehr. Darum ist der Pfälzer
davongegangen.«

Sie blieben, während er grübelnd den Tag und die Nacht über mit sich rang,
in seiner Nähe. Am nächsten Morgen war es heller, er zog sich sein
Kettenhemd an, gab Befehl zum Aufbruch, predigte selbst seinem Leibregiment
über das Matthäuswort: »Häuft auch keine Schätze an auf Erden, wo Motten
und Rost zerstören, wo Diebe einbrechen und stehlen; sammelt euch aber
Schätze im Himmel.«

Die Herren erfuhren von ihm, der straff zwischen ihnen ritt: »Hochmut taugt
nicht. Man muß sich nicht vermessen, alle Dinge meistern zu wollen. Wir
werden eine klare Linie ziehen müssen zwischen dem, was erforderlich, und
dem, was überflüssig und schädlich ist. Der Friedländer wird in Kürze von
uns eine Bataille zu bestehen haben, die ihm zeigen wird, auf welcher Seite
Gott steht. Noch müssen wir Gott erringen und auf unsere Seite zwingen.
Gedenkt auch ihr daran, wie ich daran denke. Wenn wir Gott zu uns gezogen
haben, sind wir unbesiegbar.«

Auf diesem Rückmarsch nach Norden, den die Truppen mit Drohen und Murren
antraten, gab es kein Ausreiten, wildes Fouragieren, Plündern. Der König
war selbst Tag und Nacht unterwegs.

                   *       *       *       *       *

Nach Wolkersdorf war der Kaiser aufgebrochen zur Jagd, die Mantuanerin
hatte er in der Burg zurückgelassen.

Das Sausen und Schütteln des mächtigen Herbstwindes gegen seine schmale
holzgebaute Schlafkammer. Er stand, während die Kerze von dem einströmenden
Luftzug flackerte und erlöschen wollte, mit nackten Füßen auf dem Teppich,
an dem losen Schlafmantel zerrte er, die Mütze lag am Boden. Arbeitete mit
den Armen: »Gebt Raum!«

Schnaufend, schnaufend. Glänzend vor Lachen sein Gesicht, inbrünstig
stampfend seine Beine, vorwärts drängend. Mit den Ellbogen seitwärts
ausschlagend, als arbeite er durch Gestrüpp. »Gebt Raum!« Lange Zeit.
Erschöpft in den Sessel sinkend, lachend.

Bei Tag kamen Eggenberg und Trautmannsdorf herüber. Sie lobten den Herzog
Friedland und daß alles ein besseres Aussehen gewinne. Bei Nürnberg habe
sich der Schwedenkönig gewaltig die Hörner eingerannt, laufe jetzt hinter
dem Friedland her, der ihm bald den Rest geben werde.

Der Kaiser dachte: der Schwede und der Friedland, diese werfen sich jetzt
übereinander; sie zerfleischen sich, dann werden sie voneinander lassen.
Ruhig und freudig besprachen die beiden vor ihm, daß man hoffe, auch den
Friedland in der Gewalt zu behalten.

Was war das? Bald den besiegen, bald den besiegen. Jetzt wieder den
Friedland. Jeder will die Macht haben.

Der Kaiser fragte nach dem Friedland und was sie da Sonderbares besorgten.

Er hätte zuviel Gewalt an sich genommen; man müsse bei seiner Leidenschaft
auf der Hut vor ihm sein.

Auch das. Auf der Hut vor dem Friedland. Wie sich die Welt rasch verändert,
wenn man sie nicht dauernd im Auge behält.

Die Herren fragten sonderbar, ob die Majestät lange in Wolkersdorf zu
bleiben gedenke, und ob die Majestät ihnen für dringliche Fälle Vollmacht
gebe.

Sie sahen ihm etwas an? Wollten die Hunde den Erzherzog Leopold wieder
hervorziehen? Wie in den wonnesamen Tagen. »Ich weiß noch nicht«, brachte
Ferdinand heraus, seine Augen bedeckend. Er grollte; es war nicht
entschieden in ihm. Er zitterte, wie er sich den beiden, die ihn
beobachteten, gegenüber sah; sie kamen ihm wie Inquisitoren vor. Er entließ
sie leise drohend und abweisend. Sah, wie sie gegangen waren, den Saal noch
im Nebel. Entwich auf die Jagd.

Sie fanden auf der Rückfahrt, man müsse Lamormain gegen den Kaiser
vorschicken. Der Kaiser versinke in unheimlicher Weise in sich; beide
dachten, ohne es auszusprechen, an den geisteskranken Kaiser Matthias.

Wie es Abend wurde und der Mond aus dem Birkengehölz trat, stand der Kaiser
mit nackten Füßen auf seinem Teppich, schnaufend, arbeitend: »Gebt Raum,
gebt Raum!« Inbrünstig lachend, stampfend; ein lakenweißes mondgetauchtes
kleines Menschenwesen. Alles war wieder klar vor ihm. Er erschöpfte sich
nicht. Pelzschuhe zog er sich an, einen wattierten grünen Mantel warf er um
die Schultern. Träumend, gierig, fast lüstern legte er sich in das offene
schmale Fenster, sah in die scharf gezackte raschelnde Blättermasse.

An ihm sauste es vorbei. Aus dem Zimmer heraus. In das Zimmer hinein. Über
den Schultern, neben den Ohren. Ungeniert ging es hin und her. Sauste mit
Schwung, klirrend in den strahlenden Kiesboden. Schlich warm dicht neben
seinem Hals, neben seinen Armen hinaus, eine große Katze, ein langes
behaartes geschwänztes Tier. Wesen, die ihn kannten. Vielerlei Wesen, die
hier ihren Aufenthalt hatten, keine Notiz von seiner Anwesenheit nahmen. Er
war gerade zwischen sie geraten. Schwindlig und müde machte es ihn in der
ziehenden Aufgeregtheit, daß er den Kopf fallen ließ und die Augen schloß.

Die Kammer war zu ebener Erde. Er fühlte sich gedrängt, einen Sessel zu
nehmen und über das Fensterbrett ins Freie zu steigen. Sie halfen ihm
rechts und links steigen. Faßten ihn bei den Händen, wie er herunterstieg.
Er ging ein paarmal zwischen den schwarzen Bäumen. Lief plötzlich, um es zu
machen wie sie, rasch laufen, weich andrängen, sich anheben, fliegen. Sie
schwirrten in Äste und Gipfel, stürzten ab, blieben klatschend liegen. Man
konnte sie zertreten, sie zerflossen wie Schatten in die Erde. Dieses
Anrufen, Lärmen, plötzliches Verstummen.

Ein Teufel, dessen Größe er im Dunkel nicht erkennen konnte, legte ihm die
Hand auf die Schultern, fragte ihn, wo er entlang gehen wolle, sagte mit
sonderbar schluchzender Stimme immer wieder: »Lieber Ferdinand, lieber
Ferdinand.« Der führte ihn riesengroß wie er war an sein Fenster zurück,
hob ihn auf das Fensterbrett, so daß er herunterglitt. So groß war der
Rücken des Teufels, daß das ganze Fenster schwarz war.

»Gebt Raum«, lispelte Ferdinand angezogen auf dem Bett, schlief.

»Ich muß zu einem Priester gehen«, sagte er sich, als die Hähne krähten.
Und wunderte sich, daß er gar keine Angst vor Lamormain hatte. »Wenn ich
einen Priester sprechen könnte. Ich muß wissen, wie es bei Gott ist.«
Tiefsinnig dachte er es, ohne sich über seine Gedanken Rechenschaft
abzulegen.

Man ließ ihn an den jagdfreien Tagen ungestört sich in den Waldungen
ergehen. Er ging im weißen und grünen Rock hinaus. Langsam spazierte er,
versuchte an Wallenstein zu denken. Daß man die Macht über so ungeheure
Tiere hatte; er wollte sie gar nicht. Er wollte nur tiefer in den Wald
gehen.

Während er tiefsinnig dachte, führte man ihn rechts und links. Nicht
schneller gingen sie als er, breite behagliche Tiere, eins an der rechten
Hand, eins an der linken. Er ging mit.

Als er wieder zu Hause war, meldete ihm ein Bericht Questenbergs den
näheren Verlauf des Nürnberger Treffens und wie der Herzog zu Friedland
jetzt vorhabe, dem König den Weg zum Meere abzuschneiden, nachdem er ihm
schon den Weg nach Süden abgeschnitten hatte.

»Kostbar«, sagte in sich der Kaiser.

Und plötzlich schüttelte er sich; erinnerte sich des dicken Tausendfußes,
des Drachens Wallenstein; umpackten sich diese zwei da, an den weißen
Hälsen, an den Knien, den glatten widrigen Bäuchen. Ihn ekelte so, daß das
Wasser ihm im Schwall aus dem Mund hervorquoll.

Zaghaft schlich er vor das hohe silberne stehende Kruzifix, legte sich
still und sehr langsam davor hin. Wartete, hob den Kopf, sah es an.
Seufzte.

                   *       *       *       *       *

Der Kurfürst Maximilian war ohne Lärmen in das leere München eingezogen.
Über die Höhe der gezahlten Kontributionen wurde ihm Bericht erstattet.
Gebeugt saß er in seiner Neuen Feste. Die reichen Bauten Münchens waren ihm
ein zu weites Kleid; der Herzog zu Friedland ging das Reich erobern. Ihn
hatte er kujoniert. Keine Hilfe bei den geistlichen Kurfürsten; die lagen
in französischen Armen. Vom Kaiser hieß es, er werde abdanken, hätte keinen
Sinn mehr für das Reich. Doktor Leuker meldete vertraulich aus Wien, der
König in Spanien habe ein starkes Heer für Deutschland ausgerüstet, es
werde für spanisch-niederländische Zwecke dienen, aber eine Reserve bilden,
die das Kaiserhaus gegen jede, jegliche Gefahr, auch vor Friedland schützen
sollte. Man könnte mit Spanien zusammen gehen, von Richelieu war nichts zu
erwarten. Es tröstete den hilflosen Kurfürsten, daß er sich an Richelieu
rächen könnte, indem er die spanische Partei nahm.

Aber alles lag noch in weitem Felde. Man hörte, der Herzog rücke weiter
nach Norden; noch ein Schlag für den Schweden wie Nürnberg, und niemand
konnte an Friedland heran. Er würde die Despotie über Deutschland
errichten. Maximilian fühlte, er konnte sich nicht rühren. So verlassen wie
jetzt war er noch nie. Eine so schaurige Gefahr drohte ihm.

                   *       *       *       *       *

Hinter Holk kam Gallas, über Wunsiedel Hof.

Hinter Gallas der Herzog. Durch Forchheim, Bamberg, die Grafschaft Reuß,
ins Land Meißen, das gebrandschatzt wurde. Auf die Saale zu. Die
Flußübergänge sollten gesperrt werden.

Dem Heere liefen voraus die Boten auf dampfenden Pferden an Arnim, der in
Schlesien stand, durch Sesyma Raschin an den Grafen Thurn: der Kursachse
solle, solle sich von dem Schweden trennen. Es solle müsse und werde Friede
gemacht werden, ob er sich sperre oder nicht. Und Johann Georg, schwer
verzagt über den Landesverwüster Holk, beim Aufbruch des entsetzlichen
Schwarms von Nürnberg, schlug sich die Brust, er werde Frieden machen,
sonst werde es ihm gehen wie dem Pfälzer. Er werde wandern müssen mit
leerem Säckel hinter dem Schweden her, der Deutsche, das Haupt der
Evangelischen. Und schon hatte sein Rat ein Angebot an den Friedländer und
den Römischen Kaiser ausgefertigt, als eigene Kuriere Gustafs den
Kurfürsten hießen, Ruhe zu bewahren. Gustaf renne hinter dem Herzog her, er
werde helfen, es geschehe nichts, er werde ihn nicht weit kommen lassen.
Arnim selbst meldete Eilmärsche aus Schlesien. Wütend, alles Widerspruchs
überdrüssig, erklärte Johann Georg im Kabinett: »Friede muß sein.
Irgendwie. Befehlen soll mir keiner etwas. Bringt der Schwede keinen,
bringt ihn der Kaiser. Wir sind alle Christenmenschen, kein Vieh, das so
unsäglich leiden muß. Dies Mal noch. Ich hab's satt.«

Quer über Sachsen warf sich krachend der Herzog, in Leipzig nahm er
Quartier, auf Torgau stieß er. Bald war der Schwede da. Die Pässe bei
Hildburghausen und Schleusingen hatte ihm in rasenden Kavallerievorstößen
der Herzog Bernhard von Weimar offengehalten, den Thüringer Wald
durchbrauste der König; er mußte zurück in die Nähe seines ersten
entscheidenden Sieges über den toten von der Erde weggewälzten Tilly. Durch
Arnstadt Kösen Naumburg. Verzweifeltes hilfeflehendes Volk lag geworfen auf
den Straßen, an den Wegen. »Was wollen sie von mir,« zuckte zähneknirschend
der König die Achseln, »ich tue meine Pflicht, Gott muß sie erretten.« Er
gedachte wie bei Nürnberg sich erst zu verstärken, bis er angriff.

Als aber Friedland seinen General Pappenheim ausschickte, um Hans von
Arnim, der sich ausgeschwiegen hatte, schon auf dem Marsche
zurückzuschlagen, hielt der Schwede, von feierlicher Sicherheit
durchströmt, seinen Augenblick für gekommen. Er wollte nicht warten, bis
der Winter hereinbrach, er hatte keine Zeit bis zum Frühling: »Der
Friedländer ist in meine Hand gegeben«, fühlte er, als er von dem Abritt
Pappenheims auf Halle hörte.

Um ihn wimmelte es von Menschen, den Männern aus Smaland, Ost- und
Westgotland, den Leuten Horns, Baners, Totts, Stallhanskes, Klitzings,
Lösers, Bernhards; sie werden zermalmt sein wie ein Ameisenhaufen von einem
Fußtritt, sah er, wenn sie nicht siegen. Sie haben den rechten Glauben;
Schweden, ganz Schweden hat seine Habe hierhergegeben, sie werden nicht
unterliegen. Während er besessen die Augen schloß, dachte ihm dies.

»Wir werden siegen,« beschloß er. Er ritt befehlend in den nebligen
Herbstabend. »Sie werden keinen besseren Markt haben als der Tilly bei
Breitenfeld.« Inbrünstig ging er das Werk schmieden.

Widerwillig kam der Friedländer. In seinem Hauptquartier war, wie sie den
rachedürstigen Schweden nahen sahen, die Parole ausgegeben: nicht siegen,
den Widersacher schwächen, schrecken, gedeckter Abmarsch, sobald die
eigenen Verluste stark werden. Nach Pappenheim rief man: der Herr solle
alles stehen und liegen lassen und herwärts jagen. Um die Steigbügel des
Pferdes Wallensteins, der reiten wollte, wurden Seidenbäusche gewickelt.

Regimenter der Schweden: Karberg, Herzog Bernhard, Wrangel, Dieshauen,
Kourville, Stechnitz, Stenbach, Brandenstein, Anhalt, Löwenstein, Hofkirch.
Dann Ußlar, der hessische Landgraf, Burlacher, Goldstein, Wolf von Weimar,
das gelbe Leibregiment, das blaue Regiment unter Wrangel, Generalmajor Graf
Brahe.

Regimenter der Deutschen: Savelli, Gallas, Holk, achtundzwanzig Schwadronen
Ungarn und Kroaten mit Isolani, vierundzwanzig Schwadronen Kürassiere mit
Oktavio Pikkolomini, Strozzi, Gonzaga, Koronino.

Vom nebligen Herbstmorgen bis zum Abend acht Stunden zerhieben sich die
Heere zwischen dem dünnen Mühlgraben und Floßgraben bei Markranstädt und
Lützen; der Galgenberg buckelte dazwischen mit vierzehn Riesenhaubitzen
Wallensteins. Am Abend und in der Nacht standen die beiden Heere noch auf
dem Feld und rissen aneinander.

Tot war Gustaf Adolf und Tausende aus allen Regimentern der Schweden und
der Kaiserlichen.

Den Grafen Pappenheim donnerte eine Drahtkugel in den Tod.

Unbekümmert um die Nachrede schnurrte der Herzog davon, nach Leipzig
zurück, aus Sachsen heraus.

                   *       *       *       *       *

Die Schweden tasteten ihm auf dem Schlachtfeld nach. Vor Schwäche konnten
sie sich nicht rühren. Tage vergingen. Sie lagen in Angst. Kroaten, die
Kanonen rauben wollten, verscheuchten sie. Was um Gustaf gewesen war,
schwur sich nicht zerreißen zu lassen. Oxenstirn nahm die Zügel in die
Hand. Die Armee sollte Bernhard von Weimar führen. Der Winter sollte sie
nicht verderben, sie wollten sich keine Furcht anmerken lassen.

In das winterliche Prag zog Wallenstein ein, hielt Gericht. Geschenke bis
fünfundachtzigtausend Gulden fielen über den Grafen Merode, den Marquis de
Grana, das Komargische Regiment, Brenners.

Vor dem Rathaus in Prag, auf der mit schwarzem Tuch behangenen Bühne,
wurden hingerichtet elf Offiziere aus den vornehmsten Familien, die meisten
vom Regiment Sparr. Eine Anzahl wurde an einen neuen Galgen gehängt,
einigen der Degen unter dem Galgen zerbrochen, sie selbst für Schelme
erklärt, die Namen von vierzig flüchtigen Offizieren an den Galgen
geschlagen.

Die Finnen, das braune Rattengewimmel Tillys, Reiter des Stalhanske, fanden
den schwerleibigen Gustaf Adolf, das abgelebte breitgequetschte Gesicht an
die Erde angedrückt. Vierhundert smalandische Reiter, den Palasch gezogen,
der Rest des Regimentes, an dessen Spitze er gefallen war, eskortierten ihn
über Weißenfels nach Wittenberg, nach Wolgast, wo die Totenfeierlichkeiten
erfolgten an dem Meere, über das er gefahren war mit Koggen Gallionen
Korvetten, das Admiralsschiff Merkur mit zweiunddreißig Kanonen, dahinter
Westerwick, Pelikan, Apoll, Andromeda, Regenbogen, Storch, Delphin,
Papagei, Schwarzer Hund.

Hier am salzigen ruhelosen Meer, unter dem Tosen der Winterstürme, hatte
sich eine stumme Gesellschaft aus Metall Holz Tuchen versammelt, um den
verwesenden ausgeweideten Leib zu erwarten: hohe silberne Gueridans,
florumwickelte Wachskerzen, ein Trauergerüst in der Kirche, der Katafalk,
das Schmerzenspult. Lebende Menschen und Tiere wogten um die bewußtlosen
Gegenstände, den bei Lützen vor Monaten zuletzt fühlenden Leib, der jetzt
nicht mehr war als die Gegenstände, die für ihn geschnitzt, genäht,
geschmiedet wurden. In einen Zypressensarg war die verhüllte triefende
Zentnermasse von Fleisch und Knochen geschoben, auf einen samtbeschlagenen
Leichenwagen gestellt. Den bloßen Degen unter dem Arm gingen die
Leibgardisten voran, das Bataillenpferd folgte, die Blutfahne, Hoffouriere,
Marschälle, Trabanten mit verkehrten Gewehren, Herolde, Pauker, das Wappen.
Die Zipfel der Sargdecke trugen Offiziere Kavaliere in stumpfen Tüchern,
ohne Handschuh neben dem schleppenden Wagen, Trabanten mit umgekehrten
umflorten Partisanen. Hinter dem Wagen Marschälle mit Stäben, Minister,
Hofkavaliere, Beamte, geführte schleierübergossene Frauen, deren Schleppen
man trug. Die Königin, grau und weiß gekleidet.

Ihr war noch kein Sarg gezimmert wie dem toten Gemahl. Mit Entsetzen ging
sie in dem Zug. In einem Zypressensarg vorn unter einer schwarzen
Samtdecke, an der Offiziere zerrten, lag eine gedunsene dicke Masse,
zerfließend, die ein blauschwarzes Gesicht hatte, an der Arme und Beine
hingen, etwas das an Fleisch erinnerte und das Gustaf Adolf, der starke
singende jähzornige Mann, der Vater ihrer springenden kleinen Tochter, sein
sollte. Es ekelte, graute sie; sie konnte nicht entrinnen, man führte sie;
eine Brechneigung stieg in ihr auf; sie wurde hier vergewaltigt; blind
taumelte sie am Arme ihrer Hofdamen, Zittern in den Beinmuskeln.

In das dunkle hochgeweitete Kirchenschiff hinein. Trompeter bliesen vorn:
»Mit Fried' und Freud' ich fahr' dahin.«

Hinter dem kostbaren Trauergerüst riesengroß in sich bäumender Bewegung ein
metallener Schmerzensmann am Kreuz; angenagelte Hände und Füße, Stöhnen aus
dem offenen Mund, Blutrinnsale vor den Ohren, keuchend zusammengepreßte
Rippen, muldenhaft eingezogener Leib.

Gebrüll der Kanonen.



Sechstes Buch
Ferdinand


Wallenstein ging nicht aus Böhmen. Die Bitten, die der Wiener Geheime Rat
aussprach, schon als er auf dem Marsch über Leipzig war, nicht nach Böhmen
zu kommen, die Lande des Kaisers zu schonen, waren erfolglos geblieben. Es
erfolgte keine Antwort, bis das ganze Heer sich über Böhmen ausgebreitet
hatte, und dann eine ungenügende: es sei hier am sichersten, man könne am
besten den Feind beobachten, sich selbst am raschesten wiederherstellen.
Das Reich bot bessere Kreise zu Quartieren als das Erbland Böhmen; aber der
Herzog lehnte Verhandlungen ab. Er dehnte sogar die Quartiere über Mähren
aus. Niemand in Wien hatte etwas anderes erwartet; man erschrak doch, als
es eintrat. Der Herzog war so logisch wie ein Verhängnis geworden. Er
wollte auf die rascheste Weise den Kaiser unter die Sohlen nehmen. Die
Einnahmen des Kaisers, seine einzigen aus den Erblanden wollte er zum
Schrumpfen bringen, aus der schweren Verschuldung eine förmliche Armut
machen. Der grausame Wucherer und Geldeintreiber stand über ihnen.

Bittreisen nach Prag und Gitschin traten der Abt von Kremsmünster, Breuner
und dann persönlich Trautmannsdorf im Winter an. Trautmannsdorf war der
Gast des Feldhauptmanns in der heiligen Zeit der zwölf Nächte; sie hatten
gemeinsam Spaß an den ländlichen Gewohnheiten. Die Kinder liefen mit
geschwärzten Gesichtern vor die Häuser, holten sich Gebratenes. Ernsthaft
stiegen Männer von Baum zu Baum auf den Chausseen, umwickelten sie mit
Stroh, um sie vor dem Bösen zu bewahren. Trautmannsdorf horchte an dem
Herzog wie an einem interessanten Naturgegenstand herum, unternahm es dann,
ihn zu verlocken, ihm gütlich zuzusprechen, damit doch diese sonderbare
große Erscheinung Wien nicht verloren ginge. Es sei unendlich schade, sagte
er offen, daß sie nicht Freunde sein könnten; es seien Fehler vorgekommen,
Mißverständnisse; man könnte erwägen, die Dinge zurückzubiegen und auf ein
vernünftiges Geleis zu kommen. Er redete sich, klug phantastisch wie er
war, in eine Wärme hinein, die beinah herzlich war, aber leicht in eine
respektvoll beobachtende Entfernung zurückging. Er sah darauf nichts am
Herzog; es schien ihm nur, als ob er den Friedland reize; sie sahen sich
tagelang nicht; bei neuen Begegnungen war der Herzog wie er immer war --
höflich, falsch, zu Drohungen geneigt, undurchdringlich. An der Maßnahme
der Belegung Böhmens und Mährens wurde nichts geändert. Der Böhme hielt
fest, es sei nach den Abmachungen sein Recht, sich in die Erblande
zurückzuziehen. Trautmannsdorf erkannte, daß also Wallenstein schon früher
diesen Plan gehabt hatte, staunte den Böhmen an.

Da er angeblich für neue Rüstungen nicht flüssig sei, verlangte der
Friedländer die rasche Eintreibung bestimmter Beträge durch den
Reichshofrat. Bevor sich Abt Anton zu dieser schlimmen Maßregel entschloß,
wandte er sich an den spanischen Botschafter, was man antworten solle nach
Prag. Der erklärte sehr geheim, man sei in Madrid gewiß geneigt und habe es
den drängenden Herren Eggenberg und Trautmannsdorf versprochen, den Kaiser
gegen etwaige friedländische Übergriffe zu schützen, aber bisher sei doch
die Lage nicht dringend; unbotmäßig sei der Herzog nicht; man wolle einmal
sehen, wie er sich gegen das spanische Heer für die Niederlande verhalten
werde, das bald aus Mailand heranrücken werde.

Seufzend sah der kleine Abt, daß Spanien wieder nur seine Interessen
vertrat; die Beträge mußten eingetrieben werden. Schatz- und Säckelmeister
bekamen Befehl, die Auflagen an den Friedländer zu zahlen. Nieder- und
Oberösterreich mußten steuern in einer nicht gekannten Weise: Karossen- und
Kutschensteuern wurden eingeführt, Schlittensteuern; jeder Eimer Ungarwein
schlug für den Kaiser mit fünfzehn Kreuzer auf, Bankiers und Juden
entrichteten eine zweiprozentige Vermögensabgabe, fünf Gulden hatten in
allen Erblanden zu zahlen Baumeister, Organisten, Schulmeister, Musikanten,
Spielleute, Meßner, Rauchfangkehrer; zweiundfünfzigtausend Gulden
monatliche Kontribution die Bauernschaft in Oberösterreich. Und wie man
nicht wußte, woher noch mehr nehmen, als die Beträge für den kaiserlichen
Hofstaat und die herzoglichen Ansprüche nicht reichten, kam aus Gitschin
die höhnische Anregung: Vermögenskonfiskationen aus religiösen Gründen
vorzunehmen. Anton und andere Herren rebellierten; nur die Jesuiten bissen,
wie sie es hörten, scharf an. »Wie hat sich der Herzog geändert,« lachten
sie heftig, »wie hat er sich gesträubt bei der Restitution der kirchlichen
Güter.« Die Kalamität in einigen Hofämtern wurde unmittelbar dringend; man
ließ sich stoßen.

Ein kaiserliches Patent im Beginn des neuen Jahres bestimmte für das
Herzogtum Österreich unter der Enns, daß jede adlige Person, die nicht der
heiligen römischkatholischen alleinseligmachenden Religion zugetan sei,
binnen vierzehn Tagen bei Verlust ihrer adligen Freiheiten, bei Vermeidung
kaiserlicher höchster Ungnade, Leib- und Geldstrafe sich in Person durch
den Hofkammer-Türhüter anmelden lassen solle. Wer sich nicht bequemte,
wurde verwiesen, oder hatte einen Revers zu unterschreiben, in Kürze das
Land zu verlassen; von seinem Vermögen fiel ein Teil an den Kaiser.
Nichtkatholische fremde Kaufleute wurden ohne weiteres Landes verwiesen
unter Konfiskation ihrer Handelsware und eines beliebigen Teils ihres
Geldbesitzes.

Den meisten Räten wurde flau bei der Maßnahme; vor den Berechnungen der
Finanzleute wichen sie zurück. Nur einige am Hofe wußten, daß man schon in
Verhandlungen stand mit reichen Männern, getrieben von Wallenstein, um
Städte zu verkaufen, in Ungarn und anderswo, die sich unter kaiserlichen
Schutz gestellt hatten, kaiserliche Schutzstädte, ein tiefbeschämendes
Vorhaben, vor dem man immer wieder zurückzuckte.

Aus Nürnberg war von dem Schweden der Mann abgewichen, den er »Majestät«
»Königliche Würde von Böhmen« nannte, der Pfälzer Friedrich. War gegangen,
weil es ihn nicht reizte, noch mehr von der schwedischen Herrschaft zu
sehen. Mit der englischen Elisabeth reiste er gemächlich auf Frankfurt.

Seltener wurden die schwedischen Streifkorps; er wurde ruhiger, gewann es
manchmal über sich, seine Frau anzublicken. Die klagte viel, daß man den
Schweden verlassen habe und welche Irrwege Friedrich jetzt gehen wolle, wo
er nicht mehr jung war. Sie fuhren durch die traurige Herbstlandschaft in
den offenen Karossen; Friedrich lag nach rückwärts über die Ohren in Pelze
gehüllt; sie blickte aufrecht sitzend rechts und links, machte ein
schnippisches enttäuschtes Gesicht, gähnte viel, klopfte mit den Füßen. »In
Frankfurt wird es besser sein«, lächelte Friedrich.

Und sie war auch beruhigt, als in dem schönen Quartier, das die reiche
freie Stadt ihnen zur Verfügung stellte, ihr alter Freund, der galante
graubärtige Ludwig Kamerarius, der lange in Hamburg und Stockholm gewohnt
hatte, vorsprach. Er hatte wohl einen dringenden Auftrag schwedischerseits,
sich des Pfälzers zu versichern und dafür Sorge zu tragen, daß er der
schwedischen Sache nicht abtrünnig werde. Ein lächelnder spöttischer Herr,
klug und überall interessiert, liebevoll, bewegte er sich um seine
pfälzische Herrschaft, zeigte ihnen frankfurtische Kuriosa, kaufte Pferde
für die Dame, trieb von unbekannter Seite für sie Gelder auf, sorgte für
Pracht im Quartier, arrangierte Unterhaltungen für die Damen des Gefolges.
Inzwischen bewachte er mit dem kleinen entschlossenen Rusdorf die
Korrespondenz des Pfälzer Kurfürsten, besonders als es schien, daß
Friedrich, ohne ein Wort davon zu verlautbaren, an mehrere Verwandte
schrieb, denen er lange nicht geschrieben hatte, Männer, die mit dem
Kaiserhof in einiger Verbindung standen.

Rusdorf war außer sich: »Die schwedische Majestät ist daran schuld. Der
Kurfürst war dem König in allen Dingen freundwillig. Da hat der König den
Bogen überspannt. Der Kurfürst verdenkt dem Schweden nicht, daß er sich
einige Genugtuung für seine Auslagen und Opfer im Reiche verschafft, aber
es scheint um mehr als bloße Genugtuung und Kostenersatz zu gehen.« »Wie
könnt Ihr das sagen«, Kamerarius lächelte zurückhaltend. »Zunächst wird ja
gefochten und der Friedenskongreß ist noch in weitem Felde.« »Und er wird
uns niemals beschert sein, wenn der Eigennutz und die Selbstsucht in so
gräßlicher Weise triumphiert. Die sächsische Durchlaucht hat längst
gerochen, worauf der Schwede hinauswill: uns deutsche Protestanten unter
seinen Hut zu bringen. Und das will unser gnädiger Herr nicht. Und sagt
selbst, Kamerarius, hat er nicht recht.« »Der Krieg ist noch lange nicht zu
Ende. Es kommt alles in ein Gleichgewicht. Man soll nicht das Gute aufgeben
um das Bessere zu suchen.«

Rusdorf trat dicht an Kamerarius, der an seinem Stuhl stand und sich den
grauen Bart strich, flüsterte erregt: »Ich habe nicht weniger Geld von
Schweden bekommen als Ihr. Gewiß. Ihr braucht nicht staunen. Ich weiß, daß
er Euch zahlt. Mich zahlt er längst. Viel behalte ich nicht. Ich wäre ein
reicher Mann, wenn ich alles hätte, was unser gnädiger Herr mir schuldig
ist. Ich nehme es für nichts weiter an. Ich weiß ja auch, daß Ihr daran
denkt, wenn Ihr schwedisches Geld empfangt; es ist unser Herr und wir sind
nicht so unglücklich wie er. Aber Ihr übertreibt: Ihr habt darum nicht
nötig, so dem Schweden zu dienen. Was wir nicht verhindern können, können
wir nicht verhindern. Sucht der Kurfürst Anschluß an den Kaiser und ist der
Kaiser gnädig: mit Gott! Wir haben genug geduldet; Ihr seid grau wie ich
geworden.« Kopfschüttelnd schritt der andere durch das Zimmer, untersuchte,
ob die Türe fest geschlossen war: »Schon gut. Wir sind einer Meinung. Er
wird den Anschluß nicht finden.« Die Fäuste ballend Rusdorf: »Und ist dies
richtig, was der Schwede in Nürnberg erklärte als sein erstes und letztes
Wort?« »Was ist das?« »Wieviel er vom kurpfälzischen Besitz am Rhein
erhalten wird?« »Nun?« Er bedrängte den anderen, bis der den Mund auftat:
»Wir werden nicht mehr hergeben als wir müssen. -- Vielleicht ist es nicht
so töricht, wenn wir unserem Herrn eine kleine Korrespondenz mit dem Kaiser
gestatten. Und davon etwas verlauten lassen.« Sprühend Rusdorf: »Wir sind
in Wucherhänden beim Schweden.« »Seid nicht so laut.« »Es ist Zeit laut zu
werden. Er ist nicht besser als die britischen Herren, die uns kujoniert
haben, mich und Pavel.« Kamerarius drückte ihm die Hand: »Einigkeit,
Rusdorf.«

Aber kaum schrieb der Kurfürst, kaum öffnete er einen Brief. Er freute sich
der Stadt, trank viel, war herzlich mit seiner Frau Elisabeth. Dann erlag
das pfälzische Quartier der Nachricht vom Tode Gustafs in Sachsen. Im
Augenblick fiel alles in Zuckungen: ratlos schweifte man umeinander. Die
Kurfürstin drängte, weiter zu reisen, nach dem Haag, verlangte fort nach
England, schmähte das Reich.

Da begann Friedrich lebhafter die Wiener Korrespondenz aufzunehmen.
Ungestört festierte er in seinem Quartier, die Engländerin betäubte ihre
Erregtheit in heftigen Vergnügungen, pompösen Reitereien, Schlittenfahrten
und Späßen, die sie zum Getuschel der Stadt machten.

Gegen Weihnachten wollte eines Abends Friedrich seinen Trinkkumpanen in
einem sonderbar heftigen Drange seine Ansicht über den toten Gustaf, über
die Kriegsdinge und allerlei sonst sagen. Es kam aber niemand, sie waren zu
Festlichkeiten in der Stadt verstreut. Er saß allein mit seinem Narren, der
auf dem Stühlchen bald einschlief. »Ich habe so heftig und herzlich ihnen
allerlei zu sagen«, dachte Friedrich; er wußte nicht, was; alles nahm
solchen guten Verlauf, er kam zum Reich zurück; er hatte ein großes
Ungestüm in sich.

Wie dann der nächste Morgen graute, setzte er sich in den ungeheuren Saal,
in dem Becher Hüte Degen herumlagen, zog eine Kanne an sich, fing zu
trinken an. Die anderen würden schon kommen, er würde auf sie warten. Er
trank. Auf einem Thronsessel saß er, den er sich in einen Winkel geschoben
hatte. In die Ecke geduckt saß er.

Die Sonne schien hell, als Elisabeth hinten die Tür öffnete. Die kurze Nase
von Kälte gerötet, die schwarze hohe Pelzmütze über die Ohren gezogen,
blonde Stirnlöckchen zwischen die Augen fliegend. Sie stolperte über einen
schlafenden Lakaien; drei Tabourets standen auf dem Kopf; die Matten auf
dem Parkett waren zu Türmen verschoben. Das perlenbezogene silbergraue
Seidenkleid mit beiden Händen anhebend strich sie zu dem Thronsessel
herüber, an dessen Außenseite eine Hand baumelte. Sein Gesicht -- sie hatte
ihn seit Tagen nicht gesehen -- blickte sie ernst und klar an, so daß ihr
Herz freudenvoll erbebte. Sie zog ihre weißen Handschuhe aus, wischte ihm
das weinbespritzte Haar ab, wischte ihm den fetten schweißbestandenen Hals
unter der zerknickten spanischen Krause, und faßte ihn, wie er sie nur
stumm ernst anblickte, am Kinn, um ihn auf den Mund zu küssen. Sein Nacken
war weich und schwer, der Kopf wich an der Rückwand des Sessels leicht
links ab. Vornübergebeugt zu ihm, die pelzbezogene Wange an seinem Gesicht,
rief sie nach rückwärts: »Tischwart, Schenk, Wein.« Da wehrte es ab:
»Nicht, nicht«, aus dem Munde vor ihr, aus dem Körper vor ihr. Der Körper
hob sich wenig, sie abdrängend, auf die Füße. Er strahlte sie innig,
armhebend an, blieb starr mit dem Blick auf sie. Sein Mund ging auf, er
schien lachen zu wollen oder zu weinen oder trübselig zu klagen. Die Nase,
die Oberlippe hob sich in einem Weh. Er plumpte schwer zurück. Sein Hals,
sein Kopf lief rotblau an, schwoll unter leisen, dann heftigen Zuckungen
der Wangenmuskeln, rollte, während sich die blauen Augen trübten, von der
rechten Schulter auf die Brust. Die Beine standen eingeknickt unter dem
Sessel, der Körper schien herabrutschen zu wollen. Lautes Schnarchen, der
linke Arm griff abwärts in die Luft neben einem Sesselbein. Die Fürstin
schrie angstvoll mit zusammengebissenen Zähnen auf. Dann torkelte der Kopf
mit einem brüsken Stoß wieder auf die Schulter, die Wange zuckte noch, die
weißlichen Augen stellten sich blicklos in eine Ecke, der ganze Körper
wiegte sich leicht in einigen Wellen.

Sie stand da, ging nicht weg, biß sich auf die Finger, watete langsam durch
den Saal zurück, immer mit gedankenlos bebenden Bewegungen der Arme, erst
an der Türe sich umdrehend, als es hinten dröhnte und polterte und der Mann
in der Ecke kopfaufschlagend auf das Parkett rutschte. Sie ging ohne zu
sehen über den Hof, indem sie sich den Nasenrücken rieb, den Schnee von
ihrer Schleppe schüttelte. Bei jedem vierten fünften Schritt blickte sie
rückwärts, an sich herunter, schüttelte die Schleppe.

Ein Roßbube sah sie vom Stall aus gehen, pfiff zwei aus dem Fenster
schauenden Damen, wie stirnrunzelnd auf die langsam wandernde Frau. Die
zitternden weißen Damen legten die Hände an ihre fortzuckenden Arme. Sie
schrie auf, knirschte mit den Zähnen, stürzte wälzte sich nach einigem
Stöhnen in sie hinein.

                   *       *       *       *       *

In Wien wuchs nach dem Tode Gustafs und des Pfälzers die kriegerische
Stimmung. Nicht einmal die Wissenden an der Spitze taten ihr Einhalt. Die
Waffenerfolge der kaiserlichen Armada schollen durch Europa.

Der Heilige Vater in Rom, der eben Wien kalt abgewiesen hatte, hatte es
fast zu einem Bruch auch mit Spanien kommen lassen, als ihn der brutale
spanische Gesandte Borgia, der Kardinal, unverblümt im Konsistorium der
Herzlosigkeit und Saumseligkeit gegen katholische Interessen zieh. Urban,
der große buschbärtige Kriegsmann, wußte, daß das Schlachtenglück wechseln
könne. Hielt, den Kardinal aus Rom verjagend, mit einem letzten Entschluß
an. Nun kirrte den Goten dieser andere Barbar, der Friedländer, der Mantua
hatte verwüsten lassen; es schien fast, als ob er der Lage in Deutschland
Herr werden würde. Ein Breve Urbans traf in Wien ein, der Nuntius las in
der Burg dem Kaiser Ferdinand und seinem stolzen feierlichen Hofe vor, was
der Papst unter dem Fischerringe im zehnten Jahre seines Pontifikats
verkündete; welche Wohltat allen verliehen sei durch den Tod Gustafs. Dem
Sitz Seiner Heiligkeit hätten sich die Klagen und der Jammer seiner Söhne
genähert und wären seinem Gemüt zu beständiger Trauer vorgeschwebt. Der
ganze christliche Erdkreis empfände Genugtuung, der mit Schrecken vernommen
habe, daß ein König als Feind des katholischen Namens, trotzend auf seine
Waffenmacht und seine Siege, von den Ufern des baltischen Meeres bis zum
Fuß der Alpen alles mit Feuer und Schwert verwüstend sich rühmen durfte,
den ganzen Landstrich mit höchster Schnelligkeit unterworfen zu haben.
»Darum haben wir in der Kirche der allerseligsten Jungfrau Maria dell'
Anima der deutschen Nation mit hoher Freude das heilige Meßopfer
dargebracht und zugleich mit unseren geliebten Söhnen, den Kardinälen der
heiligen Kirche, und dem stark zugeströmten römischen Volke für die große
Wohltat Gott unseren Dank dargebracht.«

Ferdinand, freundlich still auf seiner purpurbezogenen Bank dem kloßigen
Redner zuhörend, küßte ihm aufstehend die behaarte Hand. Schweigend, als
wenn er sich besinne, sanft stand er eine kleine Weile vor dem verbindlich
wartenden Mann, um langsam von sich zu geben: »Lasset uns in Demut
voranschreiten und in Ergebung Gott die Sachen befehlen.«

Hinter ihm Siegeslärm. Mit Unruhe bemerkte der Nuntius, der eine klägliche
Rolle spielte, welche Wellen die Erregung schlug; er sah sich genötigt,
abzureisen. Die Väter vom Orden Jesu verlangten, wo sie sich am Hofe sehen
ließen, Krieg bis zur Vernichtung des schwedischen Heeres. Die traurigen
Meldungen aus Bayern hatten sie in äußersten Zorn gebracht; sie ließen an
allen Stellen, die ihnen zugänglich waren, beim Beichtvater des Kaisers,
der Kaiserin, des ungarischen Königspaares, bei den anwesenden Herren des
Zivilstaates, besonders beim Grafen Schlick, dem Präsidenten des
Hofkriegsrats, erklären, daß in allen eroberten Gebieten als Schadenersatz
die höchsten erträglichen Kontributionen eingetrieben werden müßten; jeder
protestantische Besitz dort müsse der Konfiskation verfallen. Des Herzogs
von Friedland, der die religiösen Vermögenskonfiskationen angeraten hatte,
fühlten sie sich gar nicht sicher. Sie gedachten jetzt ihn mit Gewalt zu
sich zu zwingen und ihre Position auszunützen. Bei Regensburg hatte er ihre
Macht gefühlt; er sollte nicht glauben, jetzt seiner unberechenbaren Laune
und bloß militärischen Politik folgen zu dürfen. Die Herren am Kolleg
formierten eine Spezialdeputation aus sich, bestehend aus dem Provinzial,
einigen Rektoren und Präfekten, die in einer Schrift niederlegten, wie der
Krieg zum Ruhme der katholischen heiligen Kirche zu einer Entscheidung
geführt werden müsse, wobei weder Gut noch Blut eine Rolle spielen dürfe.
Wie ihre Beteiligung und Eingreifen nicht in solchem Augenblick als
anmaßlich gelten könne, besonders wenn man mit Azorius, Kornelius a Lapide,
Santarelli der Auffassung sei, daß die Menschheit ein übernatürliches Ziel
habe und die Geistlichen Vertreter des höchsten Erdenkönigs, des Papstes,
seien. Sie sprächen aus dem Sinne ihres Generals. Und wenn dies, was sie
erwähnt hätten über die Beendigung des Krieges, schon sicher sei, so noch
mehr, was die sächsischen Punkte anlange. Und nun folgte ein zornsprühender
Erguß über den Herzog von Friedlands Liebden Verhandlungen mit dem
Kursachsen, einem Häuptling und der Stütze der Ketzer im Reich neben dem
von Gott und der Jungfrau weggerafften und in das Höllenpech verstoßenen
schwedischen König.

Aus Residenzhäusern Bursen Kollegien quollen die gelehrten Streiter,
scharfe Gesichter, breite langsame Menschen, heiße Augen, strenger Blick,
entschlossene Münder. Lange schwarze Kleider, offenes Obergewand, sehr
weite Ärmel, Unterkleider talarartig mit offenen Überröcken, flachrandige
Krempenhüte, Krempen mit Schnüren rechts und links hochgebogen, schwarze
viereckige Mützen. In die große Aula des Profoßhauses flossen sie ein; von
weißem Stuck war sie ausgekleidet, phantastische Heiligensonnen waren in
üppigen Farben auf den meterbreiten Wandbildern gemalt, Maria stand
überlebensgroß mit goldenem Gesicht, weißen Seidenkleidern,
schmucküberladen, unter einer rubinbesetzten Krone auf einer getigerten
Marmorsäule hinter dem Katheder an der Wand. Sie sangen ein Lied zum Preis
Marias, als sie sich nebeneinander barhäuptig auf die knarrenden Bänke
gesetzt hatten.

Der schwammige Beichtvater der Königin von Ungarn sprach: Wohin Jesuiten
kämen im Reich, sollten sie auf die Gefahren hinweisen, vor Fürsten und
Untertanen, in denen das Reich schwebe. Die höchste Gewalt, hatte der große
Mariane erklärt, liege beim Volk, das einen rechten Gebrauch von seiner
Einsicht machen müsse. Führer und Herrscher könnten so irren wie jeder
Mensch und ebenso in Sünde verfallen. Die Armeen sind nicht zum Dienst der
Herrscher und Heerführer, sondern des ganzen Volkes. Nur dann darf sich der
Heerführer ihrer ungestört bedienen, wenn er des Vertrauens des Volkes
sicher sein kann. Wenn er aber gegen den Willen und das Glück des Volkes
handelt, muß sich das Volk und ebenso das Heer von ihm abwenden und ein
Fluch über ihn ausgesprochen werden. Ein doppeltes Gesicht, wie der
heidnische Götze Janus, habe der kaiserliche Oberste Generalfeldhauptmann
von Wallenstein, der Herzog zu Friedland; eins blicke liebreich der
Heiligen Kirche und ihren geweihten Söhnen in die Augen, die Hände
verschwenden Gaben an sie wie wenige Fürsten. Das andere Gesicht aber ließe
Hauer aus dem Maul herabstoßen, blicke und grinse gierig und gehässig; die
Hände dieser Seite ringen mit denen der anderen, und wem hier ein Scheffel
Korn geschenkt sei, rauben diese wütigen eisernen Arme zwei drei. Dieser
liebreiche Mund spricht das Ave und den Rosenkranz, dieser Kopf senkt sich
fromm bei der beseligenden Darbringung des Opfers -- jenes grimmige Maul
hat nur Freude an dem Trübsinn der Ketzer, lobt ihre bösen Begierden und
Ansprüche, und der Kopf ist von Anschlägen auf die Freiheit und Macht der
süßen katholischen Kirche voll. Solch Mensch sei er, entstanden auf
böhmischem Boden, mit Sorgen hätte man ihn dem falschen Glauben entrissen,
aber nicht entschlossen genug das widrige Unkraut mit der Harke gejätet.
Der zum Schmerz aller Frommen mit dem sächsischen Kurhut bedeckte trunkene
Ketzer, Johann Georg benannt, glaubt Anspruch auf Güter und Gebiete zu
haben, die er und seine Vorfahren der katholischen Kirche in ihrer
einstigen Schwäche gestohlen haben. »O, grenzenlos war der Schmerz, als uns
diese Stifter, Klöster und Güter geraubt wurden, viele verzagten an dem
Glück unseres Schiffleins. Grenzenlos ist unser Frohlocken, wo uns unsere
Habe wieder zufallen soll auf den Spruch eines weisen gerechten frommen
herrlichen Kaisers. Aber der doppelgesichtige Mann hat unser Verderben vor.
Er will sich mit dem Ketzer in Dresden über den Raub verständigen und sich
mit seinem eigenen Gewinn rechtzeitig aus dem Krieg schleichen. Ihm liegt
nicht an Sieg und Niederlage. Wir hören es von allen Seiten. Ja er will
Frieden, und wenn der Friede auch die Ohnmacht und Schmach unserer heiligen
Kirche besiegeln soll.«

Darauf sangen sie ein lateinisches Lied, indem sie aufstanden. Sie sprachen
in Gruppen. Der große hinkende Luxemburger, Beichtvater der Römischen
Majestät, trat während der Rede in den Saal, blieb an der Tür stehen,
mischte sich horchend in die Gruppe. Er hatte ein unentschlossenes müdes
Gesicht und sprach kein Wort.

Als sie sich niedergesetzt hatten, sank ihr Tuscheln vor der scharfen
aufreizenden Stimme eines jungen Rektors. Wie Fanfaren fing er an:
»Ecclesia militans! Ecclesia militans. Das sind die Diener der
Jesusgesellschaft. Wir, wir. Ein Fähnlein hat uns unser geheiligter Stifter
genannt, die Sturmkompagnie des Papstes sollen wir bilden zum Kampf gegen
Heiden im Ausland und in der Christenheit. Kein Frieden! Kampf unser Ruf,
bis zum Sieg des Papstes. Wir stehen dem ungeheuersten Geschick gegenüber:
der gewaltige Krieger des Kaisers will uns zum Frieden zwingen. Wir sollen
aufhören zu sein. Die Kirche soll verkrüppeln. Wir werden nicht aufhören zu
leben, sein Reichtum soll uns nicht töten, Armut wird das Bollwerk unserer
Kompagnie sein. Es sind Boten aus Sachsen zu uns gekommen, Boten aus
Böhmen, die erkennen lassen, daß der Kampf auf Bestehen und Vergehen jetzt
entbrennen soll; der Krieger des Kaisers hat ihn uns angesagt. Er will das
Reich einigen. Wir sind katholisch und bleiben katholisch. Daran scheitert
alle Einigkeit. Die Lauheit seines Religionsfriedens entlarven wir: sie
deckt die Niederlage des allein seligmachenden Glaubens. Ecclesia militans!
Provinzial, Professoren, Magister, Adjutoren: die Armeen des böhmischen
Wallenstein marschieren gegen uns. Ich rufe auf: wollt ihr weniger sein als
seine Feldzeugmeister, Wachmeister, Obersten, Hauptleute, Leutnants und
Kornetts. Der Geist gegen Waffen! Die Seligkeit gegen Politik! Im Zeichen
des heiligen Ignaz: wir werden des Friedländers Herr werden.«

Sie murmelten freudig, bildeten gestikulierend Gruppen, von den Bänken
aufstehend. Der bayrische Doktor Leuker war in Wien, von dem jungen Kuttner
begleitet. Maximilian hatte seinen jungen Gehilfen ungern gehen lassen. Der
vermochte das hilflose Herumsitzen in den kaiserlichen Räumen des Münchener
Palastes nicht zu ertragen, konnte die schreckliche Vereinsamung, in der
sich sein Herr befand, nicht ansehen, und ohne zu bedenken, daß er seinem
Herrn die einzige Fröhlichkeit der langen langen Wochen war, riß er sich
los, reiste nach Wien, zu Leuker, um auf eigne Faust etwas zu unternehmen.
Der Jesuitenspektakel gefiel ihm, die Väter begriffen den Augenblick, waren
nicht mächtig genug. Er suchte aufzustöbern, wer Bayern helfen wollte. Wie
Doktor Leuker, ratlos wie er, herumwanderte bei den Herren des engeren
Konferenzrates, des Hofkriegsrates und der Kammer, fand der scharf
beobachtende Resident, daß man ihn zu Klagen über den Generalissimus
förmlich anregte. Als wenn man eine Genugtuung darin fand, solche Klagen zu
hören. Man wollte etwas auch von ihm, als geheimen Verbündeten gegen irgend
jemand. Er sah rechts und links: es ging etwas am Hof gegen den Herzog vor.
Man wurde nicht deutlich.

In diesen Tagen begegneten sich in den Burgkorridoren der bayrische
Resident und der böhmische Oberstlandmeister Wilhelm Slawata. Langsam
schritten sie durch die Höfe in die Stadt. Der Graf zog den Bayern mit
sich. Er sprach Gleichgültiges, suchte die Gesinnung des anderen zu
erforschen. Sie trieben im Gedränge der inneren Stadt hin und her, umgingen
mehrmals die Pestsäule am Graben, in schwere Pelze gemummt; wichen vor den
Gesellen des Rumormeisters, die auf sie aufmerksam wurden, nach dem Hohen
Markt, zwischen dessen Krämergeschrei sie verschwanden.

Wie die Kurfürstliche Durchlaucht zu Bayern ihre schweren Verluste
verwunden habe, fragte der schöne Slawata, und was sie weiter zu tun
vorhabe. Der Bayer klagte heimlich: das sei ja das Unglück; Bayern sei
verbündet mit Habsburg und so sei alles glatt; aber wer könne denn
verschweigen, daß dieses Bündnis zum Lachen wäre. Im Ernst: niemals sei es
dem Kurfürsten Maximilian so schlimm gegangen wie in dem Feldzug des
verflossenen Jahres; alle die ihn vor Nürnberg begleitet hätten, hätten
darüber lamentiert. Er begann die Zahl der Kränkungen weitläufig
aufzuzählen, die der Friedländer dem Kurbayern bei Zirndorf und schon
vorher, von Eger her, angeboten hätte; halbtot, hätte Maximilian seinem
Vater gesagt, sei er von dem rachsüchtigen Mann gequält worden. Ja, es sei
ein Unglück, meinte verstohlen lächelnd der andere, in die Hände seines
Feindes zu fallen, denn man könne es ja dem Friedländer nicht verdenken,
wenn er den Regensburger Konvent nicht so leicht vergesse.

Indem sie über den Lobkowitzer Markt zwischen den Hühnerkörben streiften,
begegnete ihnen der lustig durch den Schnee schlürfende Kuttner, der in
einfacher federloser Kappe und ohne Degen ging und lachend gestand, er sei
auf Diebeswegen und wolle in die Rotenturmstraße, wo es den schönsten
Honigtrank in einem Methkeller gebe. Der dunkel blickende Slawata wurde zum
ersten Male des rotwangigen Menschen ansichtig. Sie reichten sich die
Fingerspitzen. Nach kurzem Plaudern wollte Kuttner weiter. Da schlug
Slawata einen gemeinsamen Weg nach der Rotenturmstraße vor; Leuker nahm
nach einigem Wandern Urlaub, da der böhmische Herr wesentlich mit dem
jungen unbedeutenden Fant sprach. Der Böhme hatte sich an Kuttner verhakt.
Etwas lockte ihn an dem Knaben.

Vor der Wirtshaustonne mit Meth gab der gesprächige Kuttner Schnurren von
sich; wie er zuerst von dem sonderbaren Zwergenprofessor, dem Genueser
Licetius, hierher geführt sei, der ihm allerlei Taschenkunststücke
vorgemacht habe und so weiter. Nach Maximilian gefragt, wurde er stiller,
äußerte sich dann in heftigem Schmerz; wie er den Kurfürsten verlassen
habe, daß solch Unglück über den frommen klugen tiefen Mann habe
hereinbrechen können. Nun säße er wieder in München; wie lange, und die
Schweden seien von irgendeiner Seite wieder da; wer könne dies mit ansehen,
er sei fast davongelaufen. Das nahm im dunkeln Winkel sitzend, den Pelz
über den Knien, Slawata mit niedergeschlagenen Augen entgegen; mit seinen
stumpfen samtnen Blicken betrachtete er gelegentlich rasch den erhitzten
Jüngling. Er drängte den anderen auf den Weg, den er wollte, und als der
nicht weiterfand, meinte er zweideutig vor sich lächelnd, an einem
Lebküchel spielend, man sei eben so weit wie vor Jahren in Regensburg;
Karthago müsse zerstört werden. Kuttner fand das fast naiv, von der Art der
Jesuitenväter; unwillig fragte er, ob man nichts Konkretes zur Abhilfe
wisse. Noch einmal, Karthago müsse zerstört werden. Gutmütig gab der Bayer
zu, es könne auch das Haus Habsburg abgesetzt werden; was solle zunächst
geschehen. -- Soll also Karthago zerstört werden oder nicht? Nun ja; der
Bayer lachte und trank; aber zur Sache. Darauf wollte aber der zähe sehr
langsame Vornehme nicht eingehen; sie müßten sich erst über das Prinzip
einig sein. Und da erst, auf diese unbeirrbare Dringlichkeit und Gewißheit,
wurde Kuttner unsicher, hörte auf an seinem Becher zu ziehen, betrachtete
den feinen kopfsenkenden Mann vor sich genau. Was also.

Slawata merkte den Umschwung in dem andern, blickte ihn von unten fest an;
wie es nunmehr mit Karthago stände. Man kann es vielleicht zerstören; es
scheint, als ob auch der bayrische Herr das wünscht. »Man kann« und
»vielleicht« und »es scheint«, die bayrische Durchlaucht hat nichts
Sehnlicheres als dies; man kann nicht, man wird, und wird müssen. Oder?
»Ihr denkt, Ihr kluger junger Herr, sogar ein Oder. Dieses Oder, das etwas
von einer Sintflut an sich hat. Wißt, ich denke nicht im Schlaf an dieses
Oder. Mir ist es nicht von Gott verliehen, so weit zu denken.« »So, meint
Ihr, steht es.« »Es wird ja schon von vielen begriffen; sie warten aber so
lange und freuen sich so lange am Begreifen, bis es nichts mehr zum
Begreifen gibt.«

Kuttner über die Tonne gebückt, tippte mit dem Zeigefinger der linken Hand
eine Weile rhythmisch auf das Holz. »Weiter«, brachte er heraus. Slawata
erhob sich, warf ein Silberstück auf den Schanktisch; sie trabten durch die
schnell sich verdichtende Dunkelheit.

Als der Böhme allein auf sein Quartier zog, wunderte er sich über dieses
plötzliche Winterabenteuer, das Sitzen in einer Methstube, den kecken
eigentümlich herzlichen und kindlichen Kuttner. Wie war er plötzlich in
dieses Gespräch mit dem Knaben hineingezogen worden. Er hatte etwas Schönes
Süßes Lyrisches an sich; es zwang ihn hinein und jetzt schwang noch das
Freudige rätselhaft Belebende davon in ihm. Als wenn er selbst junge
glückliche Wege schwebte. So dachte er im dunklen Erker sitzend. Es hat
beinah nichts mit dem Friedländer zu tun, dachte er in sich, sich zärtlich
betrachtend; es ist für sich genug. Während sein Gesicht im Dunkeln ein
Lächeln war, dachte und träumte er: ich werde den Friedländer mit dem
jungen Knaben umwinden; er ist meine Waffe. Was habe ich denn für Waffen
gegen den Friedländer. Ich bin auch nur eine Nachtigall, die um den Löwen
fliegt. Was wird das für ein sonderbarer Tod des Löwen werden, wenn ich ihn
töte. Und er freute sich an dem schönen weichen Vorgang. Und was will ich
auch von dem gelben starken Löwen; was tut er mir. Wieviel fehlt dazu, daß
ich ihn anbete. Aber ich bin dabei und bin im Begriff, ihn zu töten. Es ist
sonderbar, die Dinge sind in dem Laufe, gerade in diesem Laufe.

                   *       *       *       *       *

Zur Fastnacht wurde im friedländischen Palast eine Maskerade abgehalten.
Türken Ungarn wilde Männer Kobolde drängten sich, der Satan schlich in
rotem Kostüm mit entsetzlich schlagendem Schwanz dazwischen. Bei dem
Narrengericht auf einer Bühne im geheizten Treppenflur wurde gegen einen
grünhaarigen Wassermann verhandelt, der sich weigerte, die Ehe unter
Menschen anzuerkennen und schließlich unter Toben und Gewieher verurteilt
wurde, sich mit einem schmierigen dicken Wiesel zu verheiraten. Darauf
führte der ungarisch verkleidete Graf Trzka den schweren Grafen Schlick,
den Präsidenten des Hofkriegsrats, der aus Wien sich eingestellt hatte,
Friedland zu. Der Herzog schrecklich anzusehen, ein Produkt seiner
furchtbaren Leiden und der Rastlosigkeit, bewegte sich hinter einer
Palmengruppe, ausgemergelt lang und gebeugt, auf zwei Stöcken, die kurzen
Haarstoppeln schneeweiß, der spitze Kinnbart grau und weiß gemischt, über
blauroten Augensäcken die kleinen spielenden Augen mit peitschenden
Blicken, die Nase herabgezogen auf die dicken Lippen. Die Herzogin und
einige Vornehme saßen auf Polsterstühlen um einen Tisch. Der Herzog zog den
Fremden neben sich.

Während sie lebhaft sprachen, trat ein wüster Mensch aus dem Saal an ihre
Gruppe heran, mit langem blonden Bart, den wilden Haarwuchs bis über die
Schultern. In steifen braungelben Schäften bis an die Hüften stieg er, die
Muskete trug er in der Rechten, stellte sie aufstoßend vor sich wie einen
Totschläger. Er hatte sich mit dem mächtigsten weißen Kragen geputzt und
einen ungeheuren Federhelm aufgesetzt, eine braune Dogge zog er mit der
linken Hand beim Nacken. Er griff nach einem Becher, trank ihn aus. Dann
legte er unmittelbar vor dem Tisch seine Muskete in die Gabel und schickte
sich trunken lachend an, einen Schuß auf den Herzog oder den Grafen zu
lösen. Mit einem Fußtritt warf im Augenblick Trzka die Gabel um.

Mit dem Menschen, der grunzte lachte gluckste, tschechisch stammelte,
balgte er sich eine Minute, dann krachte ausrutschend der Strolch zwischen
die Palmen hin, die sich auf dem Parkett in ihren Riesenbehältern rückwärts
auseinanderschoben und raschelten. Die Herzogin in ihrem weiten roten Rock,
dem weißen Mühlradkragen war aufgesprungen, hatte geschrien. Masken
schwankten an. In ungestümen Sprüngen riß sich mit den Partisanen schlagend
die Saalwache Raum, brach durch, räumte sich immer verstärkend einen Kreis
um die herzogliche Gruppe. Zwei Pikeniere schleppten den juchzenden
Betrunkenen, der nach seinem Köter greifen wollte und rückwärts die Masken
anlachte.

Der Herzog stand mit den Stöcken da, brüllend mit glitzernden Augen:
»Vorbeigeraten! Graf Schlick, ha! Seht Ihr, vorbeigeraten.« Der murmelte
etwas. »Seht. Wer steckt dahinter. Man wollte kommen. Sie haben es nicht
gekonnt. Haha.« Friedlands wildes verzerrtes Gesicht; er schnaubte schwer,
tastete sich zu einem Satz, blickte alle an. Der halbe Saal war vor ihnen
gesperrt.

Schlick, der ungeheuer schwere Mann, der Kopf war ihm abwärts zwischen die
Schultern gerutscht, saß da, betrübt, mit langem weißen Bart, buschigen
schwarzen Augenbrauen, die sich hoch sträubten: die Arme lagen ergeben auf
dem Schoß; stumpf verwittert grau saß er wie aus porösem Stein. Er brummte
beruhigend, wie stark die herzogliche Leibgarde sei. Wallenstein, beide
Hände auf die stehenden schweren Stöcke, noch atemknapp, bissig; man müsse
sich gründlich vorsehen, im Haus nicht weniger wie im Feld; man könne nicht
wissen, von welcher Seite man angegriffen würde. Ob übrigens Graf Schlick
glaube, daß der schwedische König, was man sich erzähle, von seinen eigenen
bestochenen Leuten erschossen sei. Der Gast nickte; vielleicht haben die
Schweden oder ein Deutscher ihn beseitigt; es sei keine schlechte
Kriegsmethode, den Führer zu erschlagen; das spart Kanonen. Er, knurrte
Wallenstein, möge die Methode nicht; es sei doch etwas Verruchtes darin. Er
schickte Trzka fort, beim Obersten der Leibgarde nachzuforschen, was man
von dem Betrunkenen ermittelt habe. Noch höher hob Schlick die Schultern:
ruchlos oder nicht, wer will die Mittel wählen; überall entstehe die
weltliche Gewalt niedrig, durch Mord und Waffen; man wisse ja, daß die
Fürsten erst mittelbar von Gottes Gnaden seien. -- Was? der Herr billige
solchen Mord am eigenen Herrn und Fürsten. -- »Nicht doch; ich sage, solch
Mord ist unvermeidlich. Bisweilen. Wenn der heilige Glaube es verlangt.« --
Wallenstein kniff aufmerksam die Augen, fixierte den versunkenen
Fleischblock lange: so, so; der Herr Bruder sei Anhänger der frommen
Jesuväter; das freue ihn zu hören, denn auch er hielte zu ihrer heilsamen
Lehre. -- Ja, kam aus dem schweren Block, die Gewalt entstehe überall
niedrig; man müsse sich an das Bessere anlehnen überall, um sich zu
rechtfertigen. -- Abbrechend begann der trinkende Herzog, der sich ganz
beruhigt hatte, auch die verlegene Isabella zum Tanzen hinausschickte, von
Bernhard von Weimar zu sprechen, der nach dem dänischen Krieg beim Kaiser
wieder anklopfte, ein tapferer junger Fürst, und jetzt hinge er am
Oxenstirn. Es sei leicht von Verrat zu sprechen. Schlick möchte am Hof
dafür sorgen, daß man Leute nicht zur Verzweiflung treibe durch
starrsinniges Behaupten von Gehässigkeiten. -- Was der Herr Bruder meine.
-- Das Aufflackern der religiösen Politik. Man müsse die Protestierenden
anerkennen im Reich. Er hätte davon gehört. Man müsse nicht alte Dinge
aufrühren. -- Verbrechen verjähren nicht. -- Damit komme man nicht
vorwärts. Sie hätten einen kaiserlichen und keinen katholischen Krieg zu
führen. Sollen die Jesuiten den Sack selber tragen, statt einen Esel
treiben zu wollen. Und als Schlick nicht antwortete, rückte Wallenstein
lippenbeißend von ihm ab: die Lügen der Federfuchser; ob Schweden nicht
mehr vorhanden sei, Frankreich nicht abseits warte. -- Schlick lächelte zum
erstenmal: der Herr Bruder möge die Jesuiten wohl nicht recht. -- Friedland
kaute an seinem Schnurrbart. -- Stumpf blickte der graue Mensch vor sich:
jedenfalls werde, den Bernhard anlangend, ein Reichsfürst wissen, was
Verrat sei.

Friedland schob, die Stöcke gegen die Tischkante fallen lassend, die Arme
an seinem Säbel nach vorn: nun, auch er sei Reichsfürst. Er habe ehrlich
und legitim die Gewalt vom Kaiser erhalten, vertrete, wie man ihm ja
nachschreie, die Monarchie und habe in Regensburg verspürt, was die
Reichsfürsten könnten. Am eigenen Leibe habe er ihre, ihre Kraft verspürt.
Und so singe er mit aller Ehrerbietung auch dieses Lied: es möchte ihm
keiner zu nahe treten und seine Reichsfürstenschaft für nichts achten; es
sei begründet: das Reich ist nichts ohne den Kaiser, aber auch nichts ohne
die Fürsten. -- Als Wallenstein nach langer Pause nichts zufügte, sagte
Schlick, der Herzog habe in der Tat früher anders gesprochen; er wünsche
ihm, daß er sein Herzogtum Mecklenburg bald von dem Schweden erobere. --
Dies oder ein anderes werde ihm durch kaiserliche Gnade zufallen; er dränge
auf den Frieden, nichts, nichts sei wichtiger. Sie wollten gemeinsam daran
denken, dem lieben Frieden näher zu kommen.

Die Herzogin und ihre Schwester schlüpften von Trzka geführt heran, hatten
noch Gesichtsmasken vor, kicherten von den Späßen im Saal. Der Herzog griff
nach einem Stock, schrie im ersten Augenblick: »Fort mit euch!«

Finster saß er nach Schlicks Abgang neben Isabella: »Sie zahlen es mir
heim. Feinde, Feinde, immer mehr Feinde. Und so soll ich zum Ende kommen.«
Im Gefühl der Schwäche senkte er den Kopf, blinzelte: »Du hältst mich für
böse, Isabella. Ich sehe es dir an. Ich habe Schlimmes in meinem Leben
getan. Gott wird viel Gnade an mir üben müssen. Ich will meine Bosheit
jetzt eine gute Zeit fahren lassen und den Frieden für die gequälte Welt
befördern.«

Er ließ das Frühjahr anbrechen, den April vergehen, ohne sich aus Böhmen zu
rühren. Es hieß, daß er seine Geldgeber und sich selbst bis zum letzten
erschöpfte. Man wußte, daß die Börsen erzählten, so könnten die Rüstungen
nicht lange fortgehen; alles dränge auf den Ruin des Reiches; der Herzog
werde versuchen einen entscheidenden Schlag zu tun und dem Krieg eine
entscheidende Wendung zu geben, weil er die Verhältnisse überblicke und
weil besonders das Haus Habsburg vor dem nahen Bankerott stehe; er werde
sich dann mit seiner gebietenden Macht als Reichsfürst und finanzielles
Oberhaupt des Kontinents zurückziehen, so oder so. Dies war bekannt von ihm
wie von seinen Freunden Michna und de Witte und den hinter ihnen stehenden
mächtigen Geldhäusern, die gedachten dem Krieg den Faden abzuschneiden
durch Verweigerung der Kredite. Der Druck, den diese Finanzleute mit den
befreundeten Börsen ausübten, sollte die Friedensneigung zum Durchbruch
bringen; in ungeheurer Spannung sahen die Informierten den Dingen des
Jahres entgegen; es hieß allgemein, die Würfel würden fallen. Und die
Spannung wuchs um so mehr, als die Jesuitenpartei am Hofe ihren Einfluß
täglich vermehrte, mit ihrem Drang dem alleinseligmachenden Glauben zum
Sieg zu verhelfen, und der Abneigung gegen Kompromisse. In Hamburg und
London sagte man sich: es wird dem Herzog zu Friedland nichts nutzen zu
siegen, er wird sich mit dem kaiserlichen Hofe auseinandersetzen müssen --
oder der Hof wird es mit ihm tun; das Jahr wird die Absetzung des Herzogs
oder den Frieden bringen.

Einflußreiche Männer und Bürgerschaften großer Städte suchten sich der
verhängnisvollen Entwicklung entgegenzuwerfen. Fromme katholische Männer
Mitteldeutschlands, Bischöfe traten miteinander in Korrespondenz, faßten
den verwegenen Plan, dem Jesuitentreiben am Hofe das Wasser abzugraben.
Massenhaft Broschüren und Bilderbogen warfen sie unter das Volk, ließen sie
an die Söldner verteilen, schickten sie den Regenten und herrschenden
Körperschaften, Schriften, die Versöhnlichkeit atmeten, die Kriegsnot
beklagten, mit glühenden Worten die Verantwortlichen beschworen, das Reich
nicht das Letzte, den Satz des Kelches trinken zu lassen; das Verderben
stünde vor der Tür; es sei die Stunde, wo Beelzebub sich zum Triumph
anschicke. Die Bischöfe, die es wagten nach Wien zu reisen und die Väter
aufzusuchen, wurden von ihnen herzlich aufgenommen, darauf mit andeutenden
Worten der Tölpelei, des Micheltums geziehen. Vor der überlegenen Dialektik
der Väter wichen sie; ihre Wärme kam nicht auf neben dem sengenden Feuer
der Fanatiker; manche der Reisenden wurden in ihrer eigenen Auffassung
wankend. Die Jesuväter kannten nur dies Ziel: reiner Glauben; sie waren
schrecklich in ihrer Folgerichtigkeit, man konnte sie nicht von der Erde
wegleugnen, sie zogen betörend auf allen Wegen Menschen an sich,
Christentum ihre Parole: wie konnte man sich vor ihnen retten. An vielen
Orten vergruben sich die Kundigen: jammernd über Deutschland, auf dessen
Boden diese furchtbare Entscheidung gesucht werden sollte, und heimlich das
Land segnend, dessen Menschen in sich den Drang fühlten, diesen großen
Kampf auszutragen.

Träge erhob sich im Mai der Herzog aus Prag; prunkhaft wie früher: vierzehn
sechsspännige Galawagen, für ihn vierzig Hofkavaliere, hundertzwanzig
neulivrierte Diener; Packwagen; zehn Trompeter vorauf mit silbervergoldeten
Trompeten. Bei Königgrätz musterte er die Armada: sechzig Regimenter mit
vierhundertfünfundachtzig Kompagnien. Dann schob sich alles unversehens
ostwärts, nordostwärts; eine kleine Armee deckte das nordwestliche Böhmen.

Nach Schlesien schob sich die Armee, auf Glatz zu. Dort hielten Kaiserliche
unter Matthias Gallas, gegen eine feindliche Armee, der Kern Kursachsen,
von Hans Arnim von Boitzenburg kommandiert, bei ihm der weißköpfige
Böhmenführer Thurn, Oberst Düwall.

Stumm ruhte Friedland ihnen gegenüber. Laues Scharmützeln, Geplänkel.

Nach zehn Tagen unterschrieben Parlamentäre in Heidersdorf einen
Waffenstillstand.

Die ungeheure Maschine stand still.

                   *       *       *       *       *

Gellendes Gekreisch, vielstimmig, in Wien.

Sie bogen sich wie Weiden zusammen, schnellten pfeifend hoch. Da stand er,
stand, in Schlesien, ein Gigant an Kraft, zahllose Kompagnien, Massen von
Artillerie Munition, bezahlt aus den Steuern der gepreßten Stände, rückte
sich nicht, zuckte nicht, nicht einmal vor Schande über das, was geschah.
Es war bewiesen: er wollte nicht, ging eigene Wege. Ein Hundsfott Verräter
an allen Erbländern, an jedem Einzelnen, am Habsburger Hause, am Reich, am
katholischen Glauben. Man mußte ihn strafen, zwingen. Mußte ihm die Armee
wegnehmen. Es mußte ein neues Haupt über die Armee gesetzt werden. Der
Friedländer, der Erzschelm mußte weg.

Mit grenzenlosem Tosen erfüllten die Jesuväter die Ämter, liefen grade und
ungrade Wege, die Ruhe war aus ihren Konventen entfernt. Niemand unter
ihnen, der nicht blitzartig begriffen hätte, daß in Heidersdorf auch für
ihn die Würfel geworfen wurden: der Friedland mußte ihnen jetzt oder später
an den Leib. Es gab keinen Ausgleich zwischen ihm und ihnen. Wie er
dastand, der Koloß, entlarvt, war er ihnen scheuseliger und bedrohlicher
als Schweden und Sachsen und alle Protestierenden. Sprünge der Jesuiten in
ihrer Aufregung: sie suchten sich des Mannes zu versichern, der dem
Friedland die Beichte abnahm, aber es kam heraus, daß er keinen ständigen
Beichtvater hatte. Boten durch ihre Freunde im schlesischen Lager dem
Doktor Ströpenius, Wallensteins Arzt, Geld, große geistliche
Versprechungen, wenn er ihm die Sorgen der Kirche vorhielte und wie die
heilige Kirche in Gefahr schwebe. Erreichten nichts, als daß sie den
kleinen schon ängstlichen Arzt noch unsicherer vor dem Herzog machten und
daß er beim Beginn mit dem geistlichen Sermon ein heftiges Gelächter seines
Patienten auslöste.

Sie brandeten vor den Mann, den sie für den kompetentesten hielten, den
Präsidenten des Kriegsrates, Kollaltos Nachfolger, den plumpen Schlick. Der
wie ein Stier gläubig fragend sie anblickte. Er stimmte ihnen bei, es kam
kein Leben in ihn. Was er tun sollte; der Herzog werde Gründe angeben. --
Er muß herbeigezogen werden, es muß jemand ins Lager. -- Schmerzlich
runzelte sich die Stirn des Mannes in breite Querfalten: ihn herbeiziehen;
es könnte sein, daß er käme -- mit der gesamten Armee; sie durchschauten
die Verhältnisse nicht. -- Sie drangen tiefer in ihn; er wies sie reglos an
den Abt von Kremsmünster und Breuner, die Finanzkammer. Die sagten ihnen
vieles. Und mit dieser Beute zogen sie knirschend raschelnd ab, planend,
sich betäubend, aufstachelnd, begierig nicht nachzugeben, von neuem
ausschwärmend; fielen über die Herren des zivilen Hofstaates. Die wollten
sich nicht einreden lassen, daß sich der Herzog gegen Wien selbst wende,
wichen von den Vätern, die ihnen folgten. An die Herren des Geheimen Rates
wagten sich die Jesuiten nicht. Eisiges Schweigen um die Herren. Ein paar
böse Worte warf Fürst Eggenberg hin: er werde sich von den Vätern nicht das
Heft aus der Hand winden lassen.

Ein Schauern ging durch die kontinentalen Hauptstädte, als der Herzog
unbeweglich der sächsischen Armee gegenüber lag. Der Herzog hatte den Kampf
aufgenommen. Der letzte Akt des Stückes hatte begonnen.

                   *       *       *       *       *

In ganz loser Fühlung mit dem kaiserlichen Hofe hatte der Friedländer den
Feinden einen förmlichen Friedensvorschlag zugehen lassen. Er werde
verhandeln, hatte er nach Wien melden lassen, nicht was wie warum. Auf
diese erschütternde Selbständigkeit war niemand vorbereitet. Im Kirchlein
zu Heidersdorf Arnim begegnend enthüllte Wallenstein: die Feindseligkeiten
zwischen kursächsischem und kaiserlichem Heer sollen aufhören; beide werden
vereint die Waffen gegen den richten, der sich unterfange das Reich weiter
zu stören und die Religionsfreiheit zu hemmen. Sie saßen mit Trzka auf der
vordersten Kirchbank nebeneinander; Arnim machte Notizen auf seiner
Schreibtafel. »Der Herr Bruder sieht das Heer, das ich aus Prag mitgebracht
habe, und das des Feldmarschalls Gallas. Er weiß, wie es Sachsen im vorigen
Jahre ergangen ist. Ich kann ihn heute und morgen zerschlagen. Er kennt, da
er mein Freund ist, meine Meinung; daß ich zum Frieden kommen will. Der
Kaiser läßt sich von Pfaffen anführen.« Noch einmal: sich zusammenwerfen,
rasch und ohne Lärm; jeden fesseln, der Friedensverhandlungen widerstrebe.
Im Gespräch rührte Arnim mit keinem Wort an Friedlands Stellung zum Kaiser.
»Ich habe keine Lust,« sagte der Herzog, mit steifem Kreuz am
veilchenbestellten Marienaltar entlangschleichend, »nur einen Heller und
einen Soldaten noch für fremde Interessen zu opfern. Sagt der
Kurfürstlichen Durchlaucht in Sachsen und in Brandenburg: meine Vollmacht
ist ausreichend groß, ich tue kein Unrecht; ich habe gewußt, was ich
festsetzte, als ich mein Kommando übernahm.« Später wagte der Herzog einen
Vergleich mit dem Bernhard von Weimar: »Seit ich Reichsfürst bin und vor
dem Römischen Kaiser mich bedecke, bin ich selbstherrlich. Ich stehe dem
Reich bei, nicht mehr und nicht weniger als meinen Absichten entspricht.
Zwischen mir, Bernhard und dem Bayern, der dem König in Schweden
Neutralität angeboten hat, ist kein Unterschied, Hundsfott, wer mir das
bestreitet.« Auf diesen Punkt, erklärte Arnim, wolle er nicht eingehen.

Bei der Tafel an diesem Tage, zu der Arnim und der Oberst Düwall zugezogen
war, verfolgte Wallenstein noch zäh diesen Gedanken. Sowohl der schwedische
Oberst wie Arnim hatten, soweit sie bei der schallenden Trompetenmusik
verstehen konnten, den Eindruck, daß sich der Herzog festbiß in seiner Wut
auf den kaiserlichen Hof. Während die anderen den Luxus des herzoglichen
Tisches speisten, saß der Herzog selbst hinter gerösteten Semmeln,
bröckelte daran, schluckte mit angewiderter Miene einen Brunnen, den man
ihm eingoß. Er bohrte an dem schwachen Punkt der kaiserlichen Politik, die
habsburgischen Hausmachtinteressen; das Reich sei verfehlt konstruiert,
werde darum verfehlt regiert. Man soll offen sagen, ob man ihn mit dem
Titel eines Reichsfürsten zum Besten habe. Er werde wie ein Löwe um seine
Rechte kämpfen. Wenn es sein sollte, schlüge er sich auf schwedische Seite.
Der Oberst Düwall wurde beauftragt, den Herzog dem Bernhard von Weimar zu
empfehlen: »Ein forscher Herr; ich bedaure, daß er nicht bei mir ist.« Die
Obersten, die am Tische saßen, akklamierten dem Herzog lebhaft.

Arnim reiste nach Sachsen. Darauf lagen sich die Heere ruhig gegenüber,
aber es war ein. Beißen, Ringen, Niederdrücken. Sie verstärkten sich, bogen
sich, warfen sich herum, verschoben sich. Eine unruhige Bewegung machte das
sächsische Heer, schon riß sich Holk drohend los, mit seinen Reitern
hinfahrend auf Sachsen. Als gäbe es keine Verhandlungen, begann er das
Plündern und Morden. Diesmal brach die Pestilenz unter seinen Regimentern
aus. Vor Adorf verendete Holk selber mit tausenden seiner Leute. Der Herzog
stöhnte eine Woche, der Tote war sein Liebling, er fluchte auf den Krieg.
Heftiger drückte er auf das sächsische Heer.

Breslau war nicht weit; da sollten gute Astrologen hausen. Zenno wurde aus
Gitschin berufen; welche Chancen man für bestimmte Eventualitäten im
Augenblick oder bald danach hätte; er sollte sich mit den Breslauern in
Verbindung setzen. Eine Woche war Zeit für Berechnungen.

Zenno kam ins Lager zurück mit einem der Sterndeuter, der unter dem Merkur
geboren schien: ziegenäugig, schwärzlich, schlank. Mit dünner Stimme
berichtete der: der unheildrohende Saturn sei eben im Eintritt in das Haus
der Zwillinge begriffen; die Situation war für Maßnahmen nicht schlecht, da
der Stern zum Horoskop in keinem wirksamen Aspekt stand; sie sei auch nicht
einladend.

Im letzten Augenblick schlug der Herzog, durch das wochenlange Warten auf
Arnim aufs höchste gereizt, eine Verbindung zu Oxenstirn, den er um einen
Unterhändler bat. Es traf ein Generalwachtmeister ein, mit dem er allerhand
vor dem offenen Feldlager besprach; er wollte die Sachsen in die Zange
nehmen. Um die Vertraulichkeit der Verhandlungen zu erhöhen fuhr der Herzog
mit dem Unterhändler, der von Haus ein böhmischer Emigrant war, nach
Gitschin. Keine Ruhe werde im Reich herrschen, solange Habsburg regiere,
erklärte der schwedische Sendling. Der Herzog warnte vor dem Wankelmut
Sachsens; er werde Sachsen Geld schwitzen lassen, wenn es sich nicht dem
friedlichen Ansinnen füge. Zurück mit dem Unterhändler nach Nimptsch
kehrend, ließ er sich von ihm um den Mund gehen mit Versprechungen der
Krone Böhmens.

Der Sommer ging schon um. Da schleppte sich müde und langsam Arnim mit
seinem Trompeter an. Der Herzog saß im Nimptscher Schlosse. Arnim bat ihn
viel um Entschuldigung, klagte über den lauen Mut der beiden Höfe.
Friedland gab grollend und böse lachend zurück, also man traue ihm nicht,
er solle erst Beweise bringen. Er dem Sachsen. Ob er das nötig hätte. Wer
ihn gezwungen hätte hier in Schlesien Monat um Monat still zu halten. Sei
ihnen das nicht als Beweis erschienen. Er forschte Arnim stärker aus. Er
bekam es fertig den Sachsen den Tod seines Holk in die Schuhe zu schieben.
Während der Unterhaltung kam der Herzog erst allmählich dazu, die Tragweite
der Antwort zu überblicken. Die Evangelischen hofften noch auf einen Sieg
Schwedens. Die Evangelischen waren wie die Jesuiten; sie hatten es mit
ihrem Glauben zu tun. Blödsinnige Kinder; die Eselsköpfe. Die Evangelischen
waren noch nicht reif, sie waren zu stolz. Plötzlich faßte er den
Feldmarschall am Wehrgehenk, stierte ihn an: so wollten sie zusammen ihr
Geschäft abmachen. Es sollte nicht gegen den Kaiser gehen, dem wolle man
Zeit geben, sich zu besinnen; aber gegen die Schweden. Gleichviel gegen wen
von ihnen: Düwall, Thurn oder wen. Arnim konnte sich knapp aus dem Schloß
retten. Friedland verlangte tollwütig Antwort in vierundzwanzig Stunden.
Und hinterher ein friedländisches Ultimatum durch einen Oberst: »Die
Schweden werden in drei Tagen angegriffen oder vom Heer des Herrn Bruders
bleibt nicht ein Mann neben dem andern.« Dicht bei Strehlen auf dem Wege zu
seinem Lager war Arnim in Gefahr von Kroaten gefangengenommen zu werden;
der Herzog hatte sie hinter ihm hergeschickt. Der Küster in Strehlen auf
seinem Dache mit dem Ausnehmen von Taubennestern beschäftigt sah den
Schwarm, gab durch Steinwürfe vom Turm herab dem Feldmarschall und seinem
Trompeter Winke; sie entkamen.

Das friedländische Heer war im Augenblick losgebrochen. Graf Gallas auf
Sachsen, Arnim hinterdrein. Wallenstein schob sich nach, bei Goldenberg
warf er die Kroaten unter Isolani nach Sachsen, schwenkte nach Osten,
packte, auf die Oder zugehend das Schwedenlager des Grafen Thurn an,
siebzig Kanonen auf das Lager richtend; sechstausend Mann ergaben sich,
traten in seinen Dienst, Thurn und Düwall hatte er in Händen. Thurn gab er
frei, Düwall ließ er entkommen. Glogau Krossen fielen. Zurück von der Oder
auf die Lausitz hin; Görlitz geplündert, Bautzen. Nach Brandenburg das
Heer; Frankfurt ohne Schwertstreich besetzt, Landsberg, bis Pommern
Kroaten. Wallenstein stand vor Dresden.

Bernhard von Weimar mit dem Schweden lag in seiner Flanke. Vorbei, in
Friedlands Rücken brauste er.

Und dann die Schweden wie von einer abschüssigen Ebene gegen die Donau
vorrollend, Regensburg angegriffen, erobert, Bayern bedroht, die Erblande
in Gefahr.

Verblüfftes Stocken, Schnüffeln des Herzogs. Er ließ Sachsen los. In zehn
Sturmtagen marschierte er von Leitmeritz über Rackenitz Pilsen auf Fürth.
Zuletzt war er langsamer geworden, in Fürth stand er, mürrisch, sich
besinnend. Er griff den Schweden nicht an.

Wortlos machte er Kehrt. Das Jahr war vorgerückt. Nach Böhmen ging er in
Winterquartiere.

                   *       *       *       *       *

Keiner wußte, was das war.

Sechs ein halb Regimenter zu Fuß, dreizehn zu Pferde hatte der Bayer, dazu
im letzten Augenblick Truppen des Aldringen, die aber auf Befehl des
Generalissimus nichts riskieren durften. Die Schweden hingen, wieder und
wieder die Schweden, wie Schmeißfliegen an faulem Fleisch an seinem
unglücklichen Land. Maximilian schrie nach Wallenstein. Es entspannen sich
beispiellose Szenen in Braunau, wohin er wieder floh, der Kurfürst
beschuldigte seine Räte Geschäftsträger des Verrats, der Faulheit. Er hätte
durch sie jeden Einfluß auf die Wiener Hofkreise verloren. Wie hätte er
dagestanden vor einigen Jahren, Wien hätte gezittert vor München, die
Mißlaune des bayrischen Gesandten wäre ein politisches Ereignis gewesen,
Verträge hatte er mit dem Kaiser gemacht, die ihm, ihm die Oberhand
gewährten. Als Böhmen abfiel, die Dänen sich zeigten, immer hieß es: die
Liga, Bayern. Jetzt Flennen Kriechen Speichellecken.

Gerüchte über Revolten bei den bayrischen Landfahnen traten auf, die sich
bestätigten; Hinrichtungen in der Zahl von sechshundert setzte der Kurfürst
an. Eines Freitag mittags meldete ihm der verzagte schneeweiße Marchese
Pallavicino, sein Kämmerer, die dringliche Audienzbitte einiger Herren vom
Landschaftshaus. Es erschienen vom großen Ausschuß Valentin von Selbitz,
Hugo Beer, Rieter von Kornburg, Hans Hundt. Sie könnten nicht durchhalten,
furchtbares Unglück breche über sie her, sie müßten allesamt verderben. Er
ließ sie nicht weiterreden, fragte, wer sie seien. Und rief dann, sich vom
Sessel erhebend, gegen die Tür: man solle den Abt von Tegernsee, von
Metten, den Propst von Vilshofen, die Dekane hereinlassen. Die Herren erst
stumm, dann wispernd einige, während sich in Maximilians Gesicht nichts
verzog: es sei niemand mehr da. Aufstampfend der Kurfürst in Ungeduld und
Erregung: man möchte nachsehen, auf den Gängen, auf dem Hof. Ging, während
sie zurücktraten, rasch hinaus; höflich zu den Verwunderten: sie möchten
sich gedulden, er würde gleich wiederkommen. Nach knapp einer Viertelstunde
stand er vor dem Sessel, blickte unter die Herren, zischte sehr leise:
»Nein, nein.« Seine Augen halb geschlossen, der Mund verzerrt. Wer sie
seien. -- Vertreter der Vierundsechzig. »Ihr seid der Landschaftsausschuß
und Ihr da und Ihr da? Wer ist die Landschaft von Euch? Wer hat Euch
zusammenberufen?« Er hielt ihr Audienzgesuch in den zitternden nassen
Händen: »Ihr seid nicht die Landschaft. Ihr seid der Herr Hundt und der
Herr Kornburg, Selbitz. Ihr habt die Form zu wahren. Ihr habt nicht meine
Verordnungen mit Füßen zu treten. Ich bin es, der die Landschaft beruft.
Meine Berufung, wo habt Ihr sie, Herr Hundt, Herr Selbitz, Ihr.« Er rief
sie in steigender Wut, wie sie wachsbleich vor ihm zurückwichen, bei Namen.
»Es ist nichts da,« schrie er, »Kämmerer, Signor Pallavicino, die Herren
haben Euch belogen. Das soll die Landschaft sein, es sind Lügner. Jagt sie
fort, sperrt sie ein.« Pallavicino öffnete mit kläglichem Lächeln die Tür;
Leibwache mit Musketen rissen die Herren, die keinen Ton von sich gaben,
auf den Flur.

Er drohte offen nach Wien, jetzt nicht mit den Franzosen, sondern daß ihm
die Verzweiflung gebiete, alles auf eine Karte zu setzen. Entscheide man
sich dort nicht rasch, setze er seine ganze Armee in Bewegung -- gegen
Wien. Mit den Schweden.

Dazwischen gellten seine Briefe mit dem trostlosen Geheul: er sei im Stich
gelassen von dem Kaiser, werde verraten.

Da nahm Kuttner, zitternd im Gedanken an das Gesicht Maximilians, unfähig
der Aufforderung nach Braunau zu folgen, dem hilflosen Leuker die Führung
aus der Hand. Neben Kuttner ging der schöne aufgeblühte vergnügte Slawata,
die Augen wenig aufgeschlagen, den Arm des Jünglings umschlingend. Die
blonden Haare schaukelten dem Bayern in den Nacken; sie standen im
Wintergarten von Slawatas Quartier. Kuttner mit dem Degen im Kies spielend
dachte an den Zwerg Maximilians und seinen Zweikampf mit dem Storch: »Ich
soll mich ekeln«, sagte Maximilian. Slawata setzte sich auf eine Bank:

»Ihr werdet nichts schaffen mit euren Petitionen Querellen und Deputationen
beim Römischen Kaiser und seinen Räten. Bin ich doch selber ein Rat, will
Euer besonderer Bayrischer, Kuttnerscher sein. Der Kaiser ist weit. Ich
weiß nicht wie weit. Wir hatten uns geeint, daß Karthago zerstört werden
muß. Unsere Ratssitzung kann beginnen, oder seid Ihr zerstreut?« Von der
Seite her über die lange weiße Nase kamen große leicht sentimentale Blicke
zu ihm: »Die Sitzung kann beginnen. Ich dachte an meinen gnädigen Herrn,
wie schuldlos er dieses Unglück trägt.« »Da, seht Ihr, Karthago nicht im
Augenblick zerstört werden kann, ist es gut, Karthago zu schwächen und uns
zu stärken. Laßt nur euren Degen; denkt nicht an München und doch mehr an
München; gehen wir. Habt Ihr Durst? Uns kommen die spanischen Wünsche
genehm. Wir haben seit lange geplant, uns der Spanier zu bedienen, wenn sie
einmal von Mailand heraufkommen wollen. Ihr werdet mitmachen müssen.« »Was
könnten wir tun?« »Mitmachen; ich sagte schon. Denkt an München. Träumt
nicht davon, Kuttner. Habt Ihr mir wirklich zugehört? Ich sagte: Spanier
kommen von Mailand herauf, oder sie wollen, sie möchten gern. Sie wollen
nach den Niederlanden. Sie haben nichts Böses gegen Bayern. Der Herzog zu
Friedland will sie aber nicht dulden, er will sie nicht auf dem
Kriegsschauplatz, auch nicht für den Durchzug; sie sollen sich eben ihm
unterstellen. Ihr seht, Kuttner, Kompetenzschwierigkeiten, Eifersucht,
Ehrgeiz: das alte Lied.« Kuttner lächelte: »Vielleicht fürchtet Friedland
die Spanier für sein Spiel, von diesem Rivalitätsstreit wird mein Kurfürst
nicht satt.« »Nun also setzt Euch dahinter, daß ihm der Braten mundet. Er
muß erst angerichtet werden. Wenn man Karthago zerstören will, braucht man
nichts als Feuer und Holzscheite. Diese Speise erfordert Geschicklichkeit,
Talente. Nicht zu große. Sagt etwa: Ihr schert Euch nicht um Habsburg. Ihr
hättet vor eigenen Schmerzen keine Neigung zur Rücksichtnahme auf Wien. Ich
hab' doch übrigens gehört, die Briefe Eures Herrn seien auf diesen Ton
gestimmt. Auf einen schlimmen Ton; Fürst Eggenberg klagte; er sagte, der
Bayer ginge schon fast zu weit. Nun wollen wir auf keinen Fall den Spanier
hier haben, wir dürfen ihn nicht wollen; es ist uns gleich, es muß uns als
kaiserlichen Räten pflichtgemäß gleich sein, ob ein Infant oder der
Mailänder Gouverneur kommandiert. Wir sind nun einmal an unsern Herzog zu
Friedland gebunden. Wir dürfen ihm nicht die Laune verderben.« »Es ist ein
Elend. Warum greift Ihr nicht durch.« »Seht Ihr. Ich bin so schlau: ich bin
kaiserlicher Rat; das sollt Ihr für mich tun, das Durchgreifen. Mir sind
die Hände gebunden.« »Ihr habt ihn doch angestellt. Ich bitte Euch, Graf
Slawata.« »Wir haben ihn angestellt, er hat uns angestellt; wir kommen
damit nicht weiter. Ihr paßt jetzt übrigens lobenswert auf, mein
zerstreuter Kavalier.«

Kuttner stellte sich dem Grafen Slawata gegenüber auf, stützte sich mit
beiden Händen auf den Degen, seine rotseidenen Ärmel fielen über den
Degenknauf, er lachte offen dem Böhmen ins Gesicht: »Meinen Segen zu Eurem
Plan. Wir sollen die Spanier rufen. Ihr werdet dazu schweigen. Die werden
kommen, und wir werden Krieg führen nach hinten mit den Schweden, nach vorn
mit Wallenstein, nach links mit den Sachsen. Habt Ihr guten Weizen auf
Eurer Mühle.« »Einem jungen Menschen steht Lachen immer gut. Wer Euch
lachen hört, wird nie Euer Feind sein.«

Er führte den feingesichtigen Mann vor eine junge Zypresse, die hinter
einer Marmorbank aus einem riesigen Kübel im schwarzen Erdboden wuchs:
»Kennt Ihr meine junge Zypresse. Ich habe sie so lieb wie ein Hündchen. Was
glaubt Ihr, wie sie gepflegt werden muß. Wir setzen uns hier. Wenn man
einen jungen Samen pflanzt, wird man ihn nicht bald verlassen. Wenn man
einen jungen Gedanken pflegt, wird man ihn nicht bald hinfallen lassen. Der
Weizen auf meiner Mühle ist nicht schlecht, wollt ihn mir herzhaft kosten.«
»Graf Slawata, Ihr meint es gut mit mir. Ihr seid uns Bayern hold, der
Kurfürst sprach gut von Euch, Leuker lobt Euch, sooft ich ihn sehe. Darauf
können wir aber nicht beißen. Der Herzog ist uns jetzt wenigstens der Form
nach Freund. So bekommen wir ihn zum Feind und sind dann wirklich verloren.
Ihr, Ihr und Ihr seid unsere Hilfe. Er ist Euer General. Wir sind Eure
Verbündeten.« »So kostet doch erst meinen Weizen. Ihr sollt den Spanier
verlangen. Ihr sollt es tun, wenn es sein muß, über unseren Kopf weg. Was
denkt Ihr denn, junger Kavalier, was wir tun? Ihr meintet schweigen. Das
ist schon möglich. Der Herzog zu Friedland hielt das immer für besser, den
Menschen auf die Faust statt auf das Maul zu sehen.« »Ihr würdet also --«
»Den Mund halten. Zum wenigsten. Gewiß.«

Sie blickten sich lange still an; ihre Blicke wiegten sich. »Denkt an meine
Zypresse«, fing der Graf an. »Wenn man einen Gedanken pflanzt, läßt man ihn
nicht bald vergehen. Ihr seid in Not. Wie Ihr in Not seid, wißt Ihr selbst.
Ihr könnt tun, was Euch einfällt. Ich weiß, Eggenberg und Trautmannsdorf
denken nicht anders. Keiner darf das Euch jetzt verwehren. Der Spanier
wartet auf eine deutsche Einladung.« »Wißt Ihr das sicher?« Slawata
lächelte fein: »Ich habe mich orientiert. Ihr könnt jeden Gebrauch von
Eurer Entschlußfreiheit machen. Wir werden Euch jedenfalls nicht hindern.«

Ein breitkrämpiger brauner Samthut saß auf Kuttners langsträhnigem
Blondhaar weit in der Stirn. Vom linken Krämpenrand hing ein goldener Stern
mit einer Kugel, gegen die die angehobene linke Hand rhythmisch mit den
Fingerkuppen schlug. Er träumte wieder; mit schmerzlicher Weite des
seitwärts gedrehten Blicks traf er den dunklen Böhmen: »Die Spanier sind
fromme Katholiken; sie werden meinen gnädigen Herrn verstehen, wenn er sie
um Hilfe bittet.« »Denkt in welcher Lage Ihr seid. Wißt,« er näherte sich
flüsternd dem Kopf des andern, »wir warten auf Euch.« »Wieder? Wieder auf
Bayern?« Das Gesicht des jungen leuchtete auf. »Seht Ihr«, flüsterte
Slawata.

In seinem roten Wams mit den losen Purpurhosen, die weiße Spitzen trugen,
beugte der schlanke Bayer vor ihm ein Knie: »Wenn Ihr meinem gnädigen Herrn
beistehen wollt.« »Wir werden Euch nicht verlassen.«

                   *       *       *       *       *

Der Bericht des Herzogs Feria, Mailänder Gouverneurs der Spanier, gelangte
gleichzeitig an den Hofkriegsratpräsidenten, den Grafen Schlick, den
Fürsten Eggenberg und den Botschafter Ognate. Der Mailänder meldete: ihm
seien durch besondere Bevollmächtigte des Bundesobersten der Liga
Nachrichten zugekommen, die erkennen ließen, daß dieser um die gemeinsame
Sache so hochverdiente Fürst in die äußerste Kriegsnot geraten ist.
Angewiesen auf eine Truppe von nur wenig Regimentern, unterstützt von nicht
kampfbereiten kaiserlichen Regimentern unter der Führung seiner Liebden,
des Generalwachtmeisters Aldringen sehe sich die Liga der gesamten
Heeresmacht der Schweden gegenüber. Und dies zu einer Zeit, wo es im
bayrischen Lande gäre, wo die rheinischen Hilfsquellen der Liga durch
feindliche Besetzung verstopft seien und der kaiserliche
Generalfeldhauptmann Friedland sich mit seiner gesamten Armee in Böhmen
eingeschlossen habe. Bei Erwägung dieser Sachlage und seiner eigenen
zugekommenen Nachrichten, die ihm vom deutschen Kriegsschauplatz geworden
seien, käme er zu dem Schluß, daß es in naher Zeit sowohl um die
kaiserliche wie die gemeinsame Sache bänglich bestellt sei. Weswegen mit
der Herrüstung des geeigneten Widerstandes nicht gar so lange gefackelt
werden dürfe. Er, der Herzog Feria, sei nun, wie dort bewußt, gemäß
erteiltem Befehl der Spanischen Majestät längst im Begriff und im Zuge, in
das Römische Reich aufzubrechen, um Truppenkörper nach den Niederlanden zu
überführen, wo die Infantin Isabella Hoheit auf den Tod daniederliege und
tägliches Ableben zu gewärtigen sei. Begehre er selbst und schlage vor, der
dortigen Not Abhilfe zu tun mit seinen spanischen und italienischen
Regimentern. Er beschrieb dann noch den Weg, den er nunmehr sogleich
einzuschlagen gedachte, endete nicht, ohne vorher auf die eingetretenen und
voraussichtlichen Schwierigkeiten der Befehlsgewalt hinzuweisen, die seiner
Tätigkeit Eintrag tun könnten und die behoben werden müßten.

»Ich habe es meinem gnädigen Herrn geraten,« jubelte Kuttner, die beiden
Hände Slawatas pressend, »Doktor Leuker war nur zaghaft dabei. Ihr laßt
mich nicht im Stich.« »Ihr werdet alles von mir erfahren, was Ihr braucht,
meine junge Zypresse.«

In den dunklen Korridoren der Burg drängte sich der Graf Slawata mit den
Vätern der Jesugesellschaft, die den Grafen Schlick täglich heimsuchten,
ihren Affilierten: er solle entschlossen den Friedländer anfassen. Den
Grafen Slawata widerten die Jesuiten an; es war ihm zuwider, daß sie sich
an Wallenstein, seinem Wallenstein vergriffen; er ließ sich mit ihnen in
keine Gespräche ein. Sie sahen ihn süß vertraut an; er ekelte sich, dachte
oft die Angelegenheit fallen zu lassen, aber immer wieder wurde er von
einer schwebenden Bewegung in sich veranlaßt nachzugeben. Er hatte das
Gefühl, diese Sache zu Ende bringen zu müssen, dazu vorbestimmt zu sein; er
suchte sich ihr zu entziehen, sie fiel ihn wieder an, es war ein Spiel
zwischen ihm und der Sache, er war daran verloren. Lächelnd ging er zum
Grafen Schlick, dachte, wie sonderbar einfach es sei, ein Werkzeug der
Fügung zu sein und daß er eigentlich nichts mit Wallenstein zu tun habe.
Schlick, der Papist, schwer und träge in seinem Stuhl, erklärte, er könne
das Vorgehen Spaniens nicht verhindern. Der graue Mann schien es dann für
einen wertvollen eigenen Einfall zu halten, daß man die Situation gegen den
Herzog ausnützen könne.

Die einsetzende geheime Ratsdebatte legte die Schwierigkeit der Situation
und die Zerrissenheit der Auffassung bloß. Questenberg wollte empört über
Bayern fallen. »Da Bayern offenbar hinterrücks den Spanier gerufen hat,
soll man gegen Bayern verfahren. Es ist ein unerhörtes Vorgehen,
beleidigend gegen das Kaiserhaus im Äußersten. Es grenzt an Verrat.
Freilich ist man es von Bayern gewohnt.« Was er also gegen Bayern tun
wolle. »Wir haben einen Generalfeldhauptmann; der Spanier hat sich ihm
sogleich zu unterstellen und seine Befehle entgegenzunehmen. Dies müssen
wir anordnen.« »Ja, wir können es anordnen«, lächelte Trautmannsdorf.
Schlick: »Möglicherweise müssen wir es sogar anordnen, denn es steht in
seinem Vertrag, im Vertrag des Herzogs.« Eggenberg: »So wäre ja alles in
bester Ordnung. Wir sind uns einig, daß angeordnet werden muß, der
Mailänder Gouverneur mit seiner Armee unterstellt sich dem Befehl
Friedlands.« Questenberg unterstrich das Verlangen durch Wiederholung.

Schlick nickte gleichmütig. Slawata und Trautmannsdorf, die beiden, die
gern miteinander plauderten, tauschten Blicke, lächelten. Plötzlich wie auf
Signal, sahen sie voneinander weg. Gähnend meinte Schlick, er werde das
Schreiben, welches ihren Standpunkt charakterisiere, gleich verfassen;
bliebe nur die Frage, wer sich zur Überbringung des Briefes und mündlichen
Diskussion mit Friedland bereit erkläre. Alle fixierten Questenberg.

Plötzlich war der durch die Einhelligkeit unsicher geworden; er blickte zur
Erde, suchte nach Worten; er wolle natürlich gern den Auftrag übernehmen;
wozu aber übrigens -- das schloß er nach überlegender Pause an -- wozu eine
mündliche Diskussion da noch benötigt werde, der Brief werde doch wohl rund
und nett den hier vorgetragenen Standpunkt wiedergeben; ein Kurier könne
dasselbe tun. Trautmannsdorf vorsichtig sanft vor Questenberg; nicht doch,
ein Kurier, das sei nicht besser als ein Bote, ein Mensch, der nichts weiß,
nichts hört, nichts spricht; und der Herzog wird fragen; er zweifle nicht,
daß Friedland wird fragen wollen. -- Was denn. -- Etwa, wie sich der Hof
dazu stelle. -- Nun, das sei doch einfach; der Brief ist darin doch von
genügender Deutlichkeit; der Hof verlangt völlige Unterstellung des
Mailänders unter Friedland. -- Eifrig bestätigte das Trautmannsdorf;
plötzlich fing er wieder einen Blick Slawatas auf, er fragte: »Warum
lächelt Ihr mich an, Slawata?« »Weil Ihr so eifrig seid. Ich sehe, Ihr seid
selbst noch immer so bequem wie früher.« Eggenberg und Schlick hörten
schweigend die Debatte an.

Da fühlte sich der etwas verwirrte, sogar bestürzte Questenberg genötigt,
sich an jeden einzelnen zu wenden und ihn zu fragen, ob es denn nun so wäre
wie man besprochen habe und wo denn da eine Schwierigkeit zu erwarten sei.

Wie dieses Wort fiel, »Schwierigkeit«, und wie Questenberg so fragte, wurde
es ernst und streng in der Kammer. Fest erklärte Schlick: »In dieser
Hinsicht habt Ihr den Friedländer darüber aufzuklären, daß er unsere
einzige Stütze sei und daß wir keine Machtmittel besitzen den Mailänder zu
zwingen, falls der etwa, wie es scheint, seiner Wege gehen will.« »Es
versteht sich auch von selbst,« fuhr Eggenberg feindselig fort, »daß wir
ohnmächtig den Bestrebungen Bayerns gegenüberstehen, sich ausländische
Hilfe zu verschaffen. Es liegt bei Bayern ebenso wie bei den rheinischen
Städten: wir können ihnen nicht helfen, wir dürfen ihnen darum auch nicht
einmal böse sein, wenn sie sich selbst nach Hilfe umsehen. Immerhin könnt
Ihr in diesem Zusammenhang dem Friedland bemerken, daß die Schuld an dem
Auftreten Bayerns auf ihn selbst falle. Denn er war auch gedacht als Schutz
für Bayern; er ist der Befehlshaber eines Reichsheeres.« Fade lächelte
Questenberg: »Ich glaube, ich werde das nicht so sagen.« »So sagt es
anders. Aber irgendwann wird einmal unser Standpunkt hervortreten müssen,
Ihr werdet da nicht herumkommen. Was tut denn jetzt Friedland, was hat er
im Sommer getan, wofür sind unsere eigenen Steuerquellen in Anspruch
genommen worden? Die Herren wissen alle, daß ich kein Fürsprecher
bayrischer Politik bin. Nicht von mir hat Maximilian den Kurhut erhalten;
aber jetzt haben wir mehr als zurückgezahlt an ihn. Wir fangen alle an, uns
des Kurfürsten Maximilian zu erbarmen.« »Ihr werdet mir noch einen mitgeben
müssen; es wird sich leichter verhandeln lassen.« Eggenberg,
herumspazierend, überhörte ihn; er redete laut und scharf: »Wir reden gewiß
davon, was uns eigentlich selbst mit all dem von Friedland geschehen ist.
Wie uns dies ins Herz schneiden muß, daß ungefragt, ungebeten eine
spanische Truppenmacht sich in Bewegung setzt und ins Reich eindringt. So
gräßlich liegt das Reich und Habsburg danieder. Wir sind machtlos gegen
Friedland, wir wissen es selbst. Er soll es aber nicht bis zum Äußersten
treiben. So machtlos sind wir hier nicht, daß wir uns widerstandslos
ergeben.« Dröhnend fiel Schlick ein: »Ich billige ganz, was Ihr sagt, Fürst
Eggenberg. Ich werde den Herrn von Questenberg in das Lager Friedlands
begleiten. Wir sind nicht so machtlos, daß wir schweigen müssen.«

Trautmannsdorf bat, die Augen leuchtend, um die Erlaubnis reden zu dürfen:
was man mit alledem denn vorhabe, worauf es hinausginge. Schlick übernahm
die Antwort: »Wir haben es über zu schweigen. Wir haben es nicht nötig zu
schweigen.« »Ihr habt es nicht nötig?« »Nein, Euer Liebden. Wenn es sein
muß, haben wir Bayern und Spanien mit uns. Wir werden uns auch des
Friedlands erwehren können, nachdem wir mit Böhmen und anderen fertig
geworden sind.«

Zurückweichend pfiff der verwachsene Graf: »Also Kampf.« »Nein,
Entscheidung. Kampf haben wir seit zwei Jahren.« Betroffen Trautmannsdorf,
sich einen Sitzplatz suchend: »Verzeiht, wenn ich Euch in Anspruch nehme.
Ihr redet von einem Mann, den ich verehren gelernt habe. So rasch lerne ich
nicht um. So rasch hab' ich mir das alles nicht gedacht. Ihr zeigt mir
gütigst die Notwendigkeit, diese sogenannte Entscheidung zu suchen.« Schwer
über sich hängend Schlick, aus großen schlaffen Augensäcken um sich
blickend, den Stuhl erdrückend: »Ich sag' Euch gern meine Meinung. Ich
halte Friedland für einen Verräter. Er ist nicht besser als Bernhard von
Weimar, aber schlauer.« Trautmannsdorf lachte, er saß, ihm war schwindlig:
»Das sagen die Jesuväter auch. Sie predigen es schon lange. Was ist damit
gesagt.« Eggenberg leise, unterbrechend: »Ich halte ihn nicht für einen
Verräter. Er ist uns aber gefährlich. Er muß sich entscheiden.« »Tut das
nicht«, bat Trautmannsdorf. »Was?« fragte fast zärtlich Eggenberg neben
ihm. »Schickt jedenfalls nur Questenberg allein. Graf Schlick bleibt besser
hier. Was soll bei alledem herauskommen.« Schlick: »Wir werden Klarheit
finden.« »Und,« bettelte Trautmannsdorf, »Ihr werdet durch Euer Auftreten
Klarheit in ganz falscher Richtung schaffen. Klarheit, die ohne Euch gar
nicht so geworden wäre.«

Sie kamen dann, da Schlick nicht nachgab, überein, Schlick dem Questenberg
beizugeben und sie beide zu verpflichten, nicht über eine Aufklärung
hinauszugehen. Zuletzt entschied man sich noch, an den Herzog schriftlich
mitzugeben, was etwa erforderlich sei, und mit der Reise in das Pilsener
Lager noch etwas, jedoch nicht gar so lange zu zögern. Man wollte erst
warten, ob es Ernst war mit dem Anmarsch der Spanier.

Schwebend ging Slawata hinaus, an Trautmannsdorf hängend. »Was meint Ihr,«
fragte der Böhme, »Ihr weint ja fast. Der Herzog lebt noch. Er ist noch
nicht tot.« »Sie werden ihn umbringen. Sie wollen ihn beseitigen. Graf
Schlick ist kein Mensch. Er ist ein Untier. Es wäre besser, Friedland
regiere hier, ganz, schrankenlos, und nichts bewegte sich gegen ihn.«
»Meint Ihr,« seufzte Slawata und hing dem Gedanken träumerisch nach, »warum
wollen wir so Unmögliches bedenken. Es schickt sich in der Tat alles gegen
Friedland. Es hat etwas Elementares an sich.« »Slawata, Ihr seid mein
Freund,« Trautmannsdorf wandte sich plötzlich an den anderen, »wollen wir
uns zusammentun. Wir wollen dem Herzog helfen. Ich kann es nicht mit
ansehen. Seit Monaten geht es so gegen ihn, Schlick hat alles in der Hand,
Eggenberg sagt nicht nein, der Weg ist fast schon vorgezeichnet.« Ein
glückliches Gefühl ging durch Slawata; es war so schön, was der andere
vorschlug; kurios war es, daß grade ihm dieser Antrag wurde, aber warum
sollte er nicht einmal dem Herzog helfen, helfen, ihn retten. In ihm
winselte, zwitscherte es: ich will mit dem Grafen dem Herzog helfen, wir
spielen zusammen mit ihm, ich muß ihn doch beseitigen.

Und erst in diesem Augenblick war ihm flammend klar und durchrieselte ihn
mit Wonne und Seligkeit, daß er wahrhaft vorhatte, den Herzog zu töten.
Riesenhoch lohte es durch ihn: ich will ihn töten, er labte sich an dem
Feuer, wuchs stolz daran hoch.

Voll Dank drückte er dem kleinen Grafen den Arm; ihm sei nichts Lieberes
begegnet den Tag als dieses Wort des Grafen Trautmannsdorf, man solle den
Herzog nicht dem Grafen Schlick überlassen; nein sie wollten sich selbst an
ihn heranmachen. Trautmannsdorf starrte ihn an; Slawata in seiner halben
Berauschtheit merkte es erst spät: »Was stiert Ihr so.« »Wir wollen uns
selbst an ihn heranmachen.« Slawata sah ihn an; das hatte sein Mund gesagt,
er erinnerte sich nicht; was tat sein Mund. Launisch, gefaßt lachte er: »So
will ich meinen Mund schlagen, der sich auf eigene Füße stellen will. Was
sagte er. Er ist ein Kalb. Ich möchte mich an den Herzog heranmachen, ihm
die Gefahren schildern, ihn führen.« »Das will ich doch so gern. Wollen wir
ihm helfen.«

Und Slawata sog den aufrichtigen Schmerz und die Sorge des andern wie einen
starken leidenschaftlichen Geruch ein.

Wie er vor seinem Schreibkabinett saß, schrieb er. Er teilte dem Friedland
die Machenschaften am Hofe mit, daß Schlick mit den Jesuiten den Ton
angebe, Eggenberg aus Angst mitmache; daß viele gegen ihn seien; bald werde
Schlick und Questenberg ihn zur Rede stellen; wichtige Personen am Hofe
hätten ihn im Verdacht des Verrats, wichtige entscheidende Personen. Er
überlegte sich nicht einmal, als er dies schrieb, wie er seine Teilnahme
für den Herzog begründen sollte und was der Herzog dazu sagen würde.

                   *       *       *       *       *

Der Kaiser hielt sich in der Burg auf. Er beobachtete mit argwöhnischen
Mienen, was um ihn vorging. Ein sonderbares Vibrieren hatte noch in
Wolkersdorf in ihm begonnen. Es trieb ihn seine Umgebung zu beschnüffeln.
Man hatte ihm von den Befürchtungen um Friedland berichtet: das waren
dieselben Worte, die sie zu ihm gesprochen hatten, ehe man ihm das
Generalat übertrug. Der Schwede war hin, jetzt mußte man auf der Hut vor
dem General sein. Sie sagten es. Er gab die Jagden auf. Eine Beängstigung
Befremdung wuchs in ihm. Er verschwieg sich, daß er vor den Heiligenbildern
und Kruzifixen nicht stillstehen konnte, daß er gepeinigt davon
fortgetrieben wurde. Er wollte fort aus Wolkersdorf. Er war eines Morgens
fast nach Wien geflohen. Er verlangte bald den, bald den Herrn zu sich zum
Vortrag. Sein Geheimsekretär wurde von ihm herumgeschickt, dann befragte er
ihn ruhelos. Etwas Ängstliches hielt ihn neuerlich in der Burg fest. Mit
Widerwillen Widerstreben verharrte er. Die Kaiserin, die fast ein
Witwendasein in tiefer Religiosität abgeschlossen in ihrem Flügel führte,
kam näher an ihn. Sie tauschten Worte über einige Ordensdinge. Sie war
beglückt, daß er nun selbst Schmerz über diesen Wallenstein empfand und
damit rang; auch zu ihr waren diese Dinge gekommen durch ihren Beichtvater;
auf den Kaiser zu wirken hatte sie aber abgelehnt. In ihr zuckte es wieder,
sich ganz neben ihn zu stellen; die Trauer um Mantua lichtete sich etwas;
der Mann neben ihr sah gequält aus.

Plötzlich bemerkte sie, daß je mehr sie sich änderte, er von ihr abwich. Er
erstaunte über sie; er fühlte: sie bemerkte, daß er den Halt verlor; sie
wollte ihm helfen, er wollte es nicht, fand es schamlos, fand sich
bloßgestellt, seine Unruhe vertieft; wich, hörte sie trübe an. Sie warb
weiter um ihn, es geschah ab und zu, daß er sie wieder ansah.

Eleonore von Mantua, die in Regensburg vor ihm geflohen war. Sie hatten
einmal nebeneinander gestanden vor der golden blinkenden Monstranz, die den
Baum des Lebens darstellte. Ihr hochrotes Kostüm, die Perlenkrone auf ihrem
spröden braunen Haar, dunkle dicke Augenbrauen, die Schleife an ihrer Hüfte
mit seinem Namen. Dann hatte er sich hineingestürzt in sie; sie waren, wie
sonderbar, auseinandergekrochen wie zwei grüne Kröten, plätscherten
nebeneinander. Verwirrt hielt er sich jetzt in manchen Augenblicken an sie
fest, sie umschlangen sich, er war glücklich und besinnungslos, in ihr
blieb die Freude und die Sehnsucht. Sie hatte nicht mehr in Erinnerung das
verquollene leidende Wesen, das ihr in der Innsbrucker Kirche begegnet war,
mißtrauisch aus seiner Schale blickend, das stumme machtgeschwollene
Ungeheuer von Regensburg. Er verwandelte sich wieder; er blickte sie an.
Sie wußte jetzt nur, aus ihrem Witwenzimmer schleifend, daß er ihr
Vaterland war. Mantua war verloren: da ging, da schlich -- Mantua! Wie sie
aus ihrem Witwenzimmer zu ihm gefunden hatte, hatte sie nur dies Gefühl; es
lebte zwangsartig in ihr; sog sich in ihr fest.

Nachdem der Kaiser sich bei vielen über die schwebenden Dinge orientiert
hatte, lockte es ihn einmal in Gegenwart der Kaiserin den großen
Luxemburger, den hinkenden Jesuiten zu sprechen. Ein undeutliches Gefühl
hatte ihn bewogen in Gegenwart der Kaiserin und Lamormains die Dinge auf
sich wirken zu lassen, mit ihnen gemeinsam die Dinge zu übernehmen. Hilflos
fühlte er sich, von Woche zu Woche mehr. Man sah am Hofe: seine große
Hoheit war einer Müdigkeit gewichen; er wußte sich keinen Platz, fühlte
sich beirrt, gehindert, gereizt, in einer unnatürlichen Lage. Das wehte
launenhaft über ihn und breitete sich mehr aus, zerriß seine Einheit.
Triebartig hatte er in manchen Stunden das Verlangen, die ganze Last und
den Wust von sich abzuschütteln, um wieder zu seiner Macht zu finden. Seine
alte Neigung, Schwierigkeiten durch die Flucht zu entgehen, erwachte
gelegentlich.

Es drängte ihn jetzt leise zu Menschen, zu Eleonore. Sie sollte alles mit
ihm dulden. Was würde sie sagen. O er wollte sich fesseln lassen. Er
fürchtete sich, fürchtete sich vor dem, was ihm bevorstand.

Wie Lamormain anschlich, erinnerte ihn Ferdinand, sich in seinen Abtstuhl
senkend, an die Ruhe der Tage in Regensburg und wie die Ereignisse gräßlich
geworden wären, gräßlich durch das Wanken aller menschlichen Beziehungen;
was hätten sie aus seinem Wallenstein gemacht, dies sei kein Verräter, oft
hätte er Lust den Herzog zu rufen und mit ihm alles zu klären; Mißtrauen,
Übelwollen, daraus sei das jetzige Ungemach geboren, es mußte auf ihrer
Seite viel verschuldet sein. Lamormain, mit seinem Stock den Boden
zeichnend -- sie saßen in einer glasgeschlossenen geräumigen Galerie, die
den Blick auf einen Hof gestattete, Gemälde Skulpturen an der
seidenbespannten Längswand, bunte Ampeln hingen herunter, der Hof
versammelte sich hier oft -- auch Lamormain dachte an Regensburg; Maria
Himmelfahrt, die gelbroten Flammenräder fuhren über die Wände des
Musikzimmers im stillen Bischofspalast; wie ein Begnadeter legte dieser
Kaiser alle Macht von sich, legte ihre Schwäche und Kleinheit bloß. Jetzt
saßen die Hunde, die er losgelassen hatte, an ihm, fielen den Jäger an.
Matt der Pater: Eggenberg hätte sich viel bemüht Schwierigkeiten und
Konflikte zu vermeiden, die Dinge nähmen aber einen Verlauf, der fast
vorauszusehen war. Gereizt Ferdinand, an seinem grauen Kinnbart rupfend:
der Priester möchte das nicht sagen, man möchte nicht Wallenstein schlimme
Neigungen zuschreiben, er glaube das nicht, der Verlauf werde ihm
vorgezeichnet. -- Sein Beichtkind, das flattrig leidend im Stuhl sich
bewegte, umfaßte Lamormain mit einem langen herzlichen Blick; er sah auch
auf die Kaiserin, die das Kinn auf der Hand, den Arm auf die Sessellehne
aufgestützt hatte, leicht vorgebeugt, beide beobachtend: so hätte die
römische Majestät es vielleicht richtig genannt; wenigstens zu einem Teil
werde dem Herzog ein gefährlicher Weg von außen vorgezeichnet; seit
Regensburg könne man das mit Recht sagen. Und als die Kaiserin den
aufmerksamen Kopf hob, ihn fragend anblitzte, den Arm sinken ließ: ja, seit
Regensburg, seit seiner Entlassung; seit da sei dem Friedland nicht mehr zu
trauen; er verirre sich immer mehr. »Seit seiner Entlassung«, hauchte die
Mantuanerin errötend, legte sich im Sessel zurück; »man durfte ihn doch
wohl entlassen.« Ernst Lamormain: gewiß, er sei vom Kaiser angestellt und
nicht auf Lebenszeit, aber die Menschen seien nun einmal im Grunde ihres
Herzens eigentümlich, ein Gefühl für die Rechtsverhältnisse sei nicht da;
da kümmere sich einer nicht darum, ob jener Kaiser sei und er Kämmerer; er
will seine Begehrlichkeit befriedigen, er läßt sich nicht fortschicken.

»Was ist das?« Ferdinand fest angelehnt, die linke Hand vor dem Mund:
»fortgeschickt. In Regensburg. Der Herzog zu Friedland ist mein Freund
gewesen. Sein Grimm, wenn er da ist, hat mit Regensburg nichts zu tun.« --
Lamormain: man erzähle sich, er datiere seit Regensburg. -- Ferdinand: in
Regensburg sei das Reich geordnet worden; der Streit der Kurfürsten sei
beendet worden; das Reich habe sich gefestigt wie niemals. Friedland hat
auf Festigung und Sicherung des Reichs gedrungen; was komme man mit
Regensburg; wie solle Regensburg ihn, gerade ihn schlimm beeinflußt haben.
Mit demselben tiefen herzlichen Blick nahm Lamormain, gebückt über sich
sitzend, seine Worte an, traurig die Stirn runzelnd; leise vorsichtig: »Er
ist in Regensburg entlassen worden.« »Von wem redet Ihr, Ehrwürden.« »Vom
Herzog zu Friedland.« »Eben. Es ist doch kein Lakai oder Barbier entlassen
worden. Es ist der Herzog zu Friedland.« »Was macht es.« »Nun sprecht doch,
Ehrwürden, um Jesu willen.« »Er ist von der Römischen Majestät mit Glimpf
entlassen worden. Er war Generalfeldhauptmann der kaiserlichen Armada,
hatte den dänischen König geschlagen, den niedersächsischen Kreis
beruhigt.« »Ich habe ihn mit mehr als Glimpf entlassen. Ich habe ihm
Geschenke geschickt, es ist keine Woche vergangen, daß ich ihm nicht ein
freundliches Wort gab, er war mir immer mein oberster Feldhauptmann, ich
war ihm stündlich gnädig und huldvoll.« »Ihr wohl, Kaiserliche Majestät.
Ihr wart ihm huldvoll und gnädig. Aber er nicht der Kaiserlichen Majestät.
Denn er war der Friedländer, der Herzog zu Friedland, Wallenstein; oh, wer
das ist, Wallenstein. Und er ist beleidigt worden, er hat gehen müssen, hat
der kurfürstlichen Durchlaucht in Bayern weichen müssen.« »Wir reden im
Kreis. Das Reich hat es erfordert. Der Herzog weiß es. Ich habe ihm nicht
übel gewollt.« Immer still der Priester; er hätte, sagt man, dem Kurfürsten
in Bayern weichen müssen.

Flammend blickte, beide Arme schräg über die Lehne legend, Eleonore den
Kaiser an, dessen Gesicht klein in seiner Gequältheit erschien; etwas
Drohendes in ihrer Stimme: man erzähle sich überall; es sei nicht der
Kaiser, sondern der Bayer gewesen, der den Herzog abgesetzt habe.
Durchbohrend Ferdinand vorgebeugt: »Denkst du das auch?« Sie legte sich
angstvoll zurück: »Ich fragte doch.« Heiser Ferdinand: »Frage nicht,
Eleonore. Du denkst zuviel an Mantua.« Sein Ausdruck wechselte, wie er sie
fixierte; dann sanfter: »Du weißt nicht, wie es zugegangen ist. Ich habe
Italien nie übel gewollt. Friedland auch nicht. Ich hätte dir gern Freude
gemacht, Eleonore.« Sie hauchte, fast zärtlich, sich über ihren Schoß
errötend breitend: »Ich weiß, Ferdinand. Verzeih mir.«

Sie schwiegen. Die Schloßwache marschierte mit langsamem Gesang über den
Hof, das helle Winterlicht erfüllte bis in die Winkel den warmen weiten
Raum. Eleonore anscheinend zuhörend: »Welche schönen weltlichen Lieder es
gibt.« Der Kaiser, der gebrütet hatte, auffahrend, als wenn er etwas
abwürfe: »Also es sieht aus, als wenn ich schuld an der Lage bin. An den
Verwicklungen. Vielleicht, nein, ich bin schuld an dem sogenannten Verrat
Wallensteins. Das alles leuchtet mir nicht ein. Ich sage es zehnmal. Und
wenn man mir zehnmal und zwanzigmal widerspricht.« Nach einer Pause hitzig
mit Gesten gegen Lamormain, der sich hochgesetzt hatte: »Und wenn ich
Schuld habe. Wir reden jetzt nicht davon. Wie lange ist Regensburg her. Ich
kann es schon gar nicht mehr denken. Regensburg ist schon fast nur eine
Einbildung. Was kommt man mit Regensburg. Wenn ich den Herzog entlassen
habe, dann ist alles wieder gutgemacht. Wenn er beleidigt war: er ist
Feldhauptmann geworden; er hat, was er will. Was will er?« Die Mantuanerin
drückte ihren langen Fächer auf seinen fuchtelnden Arm; er solle sich nicht
erregen, die Dinge würden bald wieder ausgeglichen sein. -- »Ausgeglichen.
Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was das Ganze soll. Was dahinter
steckt.« Eleonore behutsam: »Wohinter.« »Nun versteh doch, Eleonore. Ihr
versteht mich gewiß, Ehrwürden. Höre doch einmal. Es ist ja gar kein Grund
für den Herzog vorhanden gegen mich zu sein. Ich habe ihm keinen Anlaß
geboten. Er ist Haupt des Heeres mit der ungeheuersten Vollmacht. Wir
bestreiten sie ihm nicht.« Seufzend Eleonore: »Er will nicht.« Bittend
Ferdinand mit gespanntem Gesicht: »Was ist, Pater. Was wißt Ihr.« Nichts,
als daß dem Herzog nicht genug sei an den Vollmachten und an dem Heer; daß
er nicht zufriedenzustellen sei. -- Was er denn wolle. -- Er vergißt nicht,
daß man ihn bei Regensburg weggeschickt hat. Er läßt das nicht liegen, es
ist ihm wichtig für sein Handeln wie irgend etwas. Und nun gibt es keine
Ruhe. -- »Wir haben ihn nicht besänftigt mit dem neuen Kommando?« -- »Den
Herzog?« »Nun?« Lamormain lachte freundlich, tauschte Blicke mit der
Kaiserin, die lächelte: »Kaiserliche Majestät. Ich will kein Beispiel
geben. Es sollte mir auch schwer sein für den Herzog ein Beispiel zu
finden. Im Grunde braucht man nur zu sehen, -- wenn ein Stein auf einen
Marmorboden geworfen wird -- eine Kante von dem Stein bricht ab: diese
Kante ist nun in alle Ewigkeit ab, sie kann nur durch einen Entschluß
Gottes wieder am Stein befestigt werden.« -- »Nun?« »Der Herzog weiß, wer
er ist. Er hat es in Regensburg gemerkt. Es paßt ihm nicht. Er verzeiht es
nicht, daß er so ist, unser, der Kaiserlichen Majestät Feldhauptmann, und
weiter nichts.« Ferdinand biß mit gerunzelter Stirn an seinem Handknöchel,
er arbeitete mit dem Zeigefinger an seiner Unterlippe, brachte hervor:
»Seht einmal, Lamormain. Ist es Euer Eindruck -- hat man dem Herzog irgend
etwas in den Weg gelegt.« »Nicht doch«, lachte behaglich Lamormain. »O
warum lacht Ihr denn,« Ferdinand seufzend, flehend, »sagt mir doch, was
ist.« Mit großer Weiche der Jesuit: »Majestät wollen wissen, was man dem
Herzog in den Weg gelegt hat. Nichts. Es hätte keiner wagen können. Er hat
ja die ganze Macht allein.« Erleichtert Ferdinand: »Nun also.« Lamormain
mußte ein anspielendes Lächeln unterdrücken: »Es genügt ihm nicht.«
Unsicher Ferdinand, an seinem Gesicht, an seinen Händen hängend, die ganze
schwarze starke Gestalt des Jesuiten mit den Augen verschlingend: »Es ist
ihm nicht genug.«

Und im Hintergrund fühlte er sich etwas regen, ganz unerwartet sich aus dem
Grauen Tiefen schieben, etwas mit tausend Füßen, das lief, lief, das ihm
entgegenlief, dem er entgegendrängte, gegen das er sich stemmte. »Puh,
puh«, spie er. Das wieder. Dahin, dahin wieder.

Er stand aus dem Sessel auf; das Kleid Eleonores rauschte neben ihm, es
duftete stark neben ihm; sie war, wie der Ekel sein Gesicht entstellte, zu
ihm gedrängt. Sie gingen nebeneinander Arm in Arm über die Teppiche der
Galerie. Lamormain stellte sich an die Brüstung der Galerie. »Es ist ihm
nicht genug«, flüsterte Ferdinand, als sie an Lamormain vorbeizogen, hielt
etwas an. Sein ausgerenktes Gesicht. Er hielt Eleonore an beiden Armen vor
sich fest. Die Mantuanerin halb weinend: »Er ist ein Teufel.« Von der Seite
Lamormain schwer traurig: »Kein Teufel. Ein armer Mensch.«

Er hielt noch die Mantuanerin umfaßt, stierte ihre Augen an wie
Fremdkörper, ihre verkräuselten Haare, ihren auseinandergezogenen Mund,
ihre abwärts gesenkten Mundwinkel, einen Finger hob er: »Dies ist es. So
sind die Menschen. Der Pater hat es gesagt.«

Und wieder wimmelten über ihn die tausend kleinen krebsartigen Füßchen, der
schuppentragende langgestreckte Leib; der Leib war so dicht über ihm, er
hatte Neigung sich zu bücken.

»Was sagst du dazu?« Sie mit tränenerfüllten Augen, gebrochener Stimme, ihn
im Gehen fortziehend; sie suchte ihrer Stimme einen leichten Ton zu geben:
»Es wird nicht schwer sein etwas gegen ihn zu tun. Wir brauchen darum nicht
zu sorgen. Wir werden morgen den Fürsten Eggenberg und unseren lieben
Schlick bitten. Sie werden uns erzählen, was zu tun ist.«

Der Kaiser ließ sich, ihren Arm ablösend, in seinen breiten Armstuhl
nieder; die geschnitzten Menschen empfingen ihn, über die Lehne fließend,
Männer Kinder Frauen, abgleitend, sich hebend, er fragte Lamormain:
»Ehrwürden?« Der trat seitlich, mit dem Stock stampfend, plump hervor,
pflanzte sich hinter seinem Stuhl auf, die Lehne angeklammert: »Dies alles
ist uns nichts Neues. Die Kirche kennt seit lange die Menschen. Wir rechnen
mit diesen Menschen. Wir müssen sie brechen auf irgendeine Weise.« Ein
Zittern hatte den Kaiser befallen: »So sind die Menschen. Ihr habt recht.
So bin ich wohl auch. Wir können es nur ändern, wenn wir uns der heiligen
Kirche unterwerfen.« Der Priester redete leise: »Die Menschen sind böse.
Sie haben teil an der Erbsünde.« An Eleonore wandte sich, zu ihr aus der
Tiefe des Sessels die Arme ausstreckend, der Kaiser hauchend: »Siehst du.
Wir sind davon befallen.« »Ich weiß es, Ferdinand.«

Das schuppentragende lange Reptil schurrte, rauschte klapperte über ihn;
Entsetzen lag auf Ferdinands Gesicht.

»Der Friedländer zahlt mir's heim. Was bin ich anders. -- Wir werden morgen
den Fürsten Eggenberg zu uns bitten.« Lamormain lächelnd, die schwere Faust
hebend: »Wir brauchen keine Sorge haben. Er wird bewältigt werden, der
verräterische Mann.« »Seht Ihr, seht Ihr, wie gut«, hauchte zitternd,
zaghaft zu ihm aufstehend der Kaiser, der ihn und Eleonore mit weißlichen
Blicken übergoß. Dabei kaute er an seinem Schnurrbart. Durch ihn fuhr, er
erlitt es, es machte seine Schultern schwach, füllte seinen Mund mit lauem
Speichel: daß er die Worte eines andern sprach, daß ihn dies alles gar
nichts anging. Er war durchkreuzt; der Friedländer war ein starker
Feldherr; was tun solche Feldherrn: er konnte seine Gedanken nicht daran
annageln. Halbe Minuten dachte er: die Kurfürsten werden sich zufrieden
geben, ich werde den Friedland entlassen. Er war ja in Wien, in Wien. Er
kaute wieder an seinem Schnurrbart.

Vor seinem Bett stand er nachts in seinem Schlafmantel, hob die Arme vor
die Stirn, stieß mit den Ellbogen beiseite, schnob, daß der
Leibkammerdiener aufhorchte: »Gebt Raum, gebt Raum.« Er durchmaß den fast
finsteren Raum, rieb das Gesicht am metallenen Leib Christi, keuchte,
drohte. Er schlug mit beiden Fäusten gegen die nackte Brust, als wenn er
seine Besinnung herrufen wollte.

Wie er am nächsten Tage in Wolkersdorf war, zog er seine schmutzige
Handwerkertracht an, gab seinem Kämmerer Bescheid; sie spazierten ziellos
durch den Wald. Aber es war ersichtlich, daß der Kaiser einen Weg suchte.
Sie kamen zu einer Kohlenbrennerei, und als sie ein Stück weiter gegangen
waren, begegneten ihnen drei Männer, zwei dicke Bauern, die Ferkel im Sack
auf dem Buckel trugen, und ein lustiger Dominikaner. Die beiden Männer
schlossen sich ihnen an. Der Mönch erzählte lange muntere Geschichten, bis
bei einer Gelegenheit herauskam, daß seine beiden bäurischen Begleiter
Neugläubige waren. Da wand er sich, bekreuzigte sich, schlug die Hände
zusammen. Sie gaben trotzig lustige Antwort, setzten ihm auf jede Schulter
ein weißes quiekendes Ferkelchen, daß die Tierchen sein Lamento
überschrien. Der Kämmerer redete ihnen gütlich zu; der Dominikaner, ihm
dankend, wandte sich eifrig, hochrot an die Bauern, ob sie denn nicht
geneigt wären in dieser schönen freien Gottesnatur wenigstens ihn
anzuhören, ihn sprechen zu lassen. Es gab eine Debatte über das Recht der
Ferkelchen, sich auch vernehmen zu lassen. Sie versenkten dann die Tierchen
wieder in den Sack. Der Dominikaner sprach auf sie ein. Er sprudelte.

Was sie denn nur wollten. Warum passe ihnen der alte Glaube nicht. Hätten
sie sich ihn ausgewachsen, den alten Wams. Ei, und er paßte doch so gut.
Warum denn nur die albernen neuen Moden. Wüßten denn auch die Bauern, wie
die frommen Bürger und Edlen in der Stadt französisch aufgeputzt daher
marschierten. Welche Äfferei. Sie, wackere Bauern, Ferkelchen im Sack, und
Neugläubige! Wenn sie es nicht sagten, würde man nicht glauben. Sie möchten
doch einmal die Ferkelchen fragen, ob sie einen anderen Glauben hätten als
ihre Eltern und Ureltern und weitere Voreltern und Ahnen bis in die Arche
Noahs hin. Bei Jesus, solch Tierchen ist den weisen, weisen Menschen über.
Man wirft nicht Dinge holterdiepolter in die Asche. Immer sachte, immer
vorsichtig, taugt noch alles was. Wer wird so lumpen, einen neuen Glauben,
wenn der alte noch ganz gut ist. Hä, und ist er nicht gut?

Da gaben die beiden nur zum Bescheid, er rede so flink und glatt daher.
Solle er nur weiter reden, sie hörten gern zu. Der Kammerdiener nickte.

Ja, es gäbe nichts, was nachsichtiger wäre als der wohltemperierte, allen
angemessene alte katholische Glauben. Sie könnten schon immerhin, wenn sie
sonst etwas glaubten, es glauben. Störe sie niemand darin; wer wird gleich
schimpfen, wer wird einem Menschen nicht erlauben ein bißchen zu glauben,
was ihm beliebe. Der katholische Glaube sei wie ein Lämmlein oder wie ein
Geblendeter, den man am Bändchen führt; er folge völlig den Menschen. Seht
hin, ich zeig' euch, wie das Lämmlein lagert und fromm spielt. Das
katholische Christentum wollte nichts vom Menschen, keinen Zwang, kein
bißchen Gewalt. Aber die lutherischen Prädikanten schwatzen großwichtig
daher von »Überzeugung« und dem »inneren Glauben« und was noch, das das
Christentum verlange. Verlangen könne man schon, aber wer soll das leisten.
Wer hätte denn Zeit für all das Zeug? Wieviel Menschen hätten denn Lust,
sich soweit mit diesen hohen und gar schweren Sachen abzugeben; müßten sich
ja fürchten, sich daran zu vergreifen in ihrer Einfalt. Da wollte das gute
fromme katholische Christentum von seinen Gläubigen nichts als ein bißchen
Händefalten, einen sonntäglichen Spaziergang, Geflüster, einen Kniefall.

»Und ist das schwer. Es ist fürwahr nicht so schwer wie diese Säcke zu
tragen und daheim sich mit seinem Hauskreuz herumzuplacken. Ein kleiner
Spaziergang, o jeh, wieviel mehr verlangen die Herren Richter, die Lehrer
in der Schule von einem Kind; solch Kind wird gequält. Ja freilich, man muß
manchmal fasten. Das laß ich gelten, es ist nicht jedermanns Sache; aber
zehn Heller, zwanzig Heller: ein anderer fastet für dich, oder der Priester
erläßt es dir. Das katholische Christentum erlaubt jedem, der ihm anhängt,
sich in der erhabensten Gesellschaft der Märtyrer und Heiligen einheimisch
zu fühlen. Kein Betrüger kann ein einfacheres und wirksameres Mittel
erfinden, um hoch und höher zu kommen; und keiner kann sich ein Ziel
stecken, das höher ist. Welche großmächtige Gewalt besitzt die katholische
Heilige Kirche. Und gibt es eine Gewalt, die ihre Macht sanfter gebraucht;
sie kann im Diesseits und Jenseits die meisten Menschen spießen, sieden,
brennen, schmoren lassen. Statt dessen stellt sie ihnen schöne Bilder hin
in hohen Gotteshäusern und man braucht sie nur anzugucken. Sie tut Orgeln
und die geübtesten feinsten Sänger auf die Chöre, und man braucht sich nur
hinsetzen und zuhören; währenddessen hat man nichts nötig als sich das
Fluchen und Gotteslästern zu verkneifen, das auch sonst nicht schön klingt.
Alles liefert die Kirche den Menschen, sie setzt ihnen reiche, ja
königliche Häuser hin. Wenn man es recht betrachtet, was ist denn die
Kirche anders als ein Fürstenhof, an dem alle, Bauern Bettler Edle Ritter
und Grafen Barone bis zum römischen Kaiser hinauf gleichmäßig geladen sind,
um sich zu ergötzen. Jeder kann an ihren Vergnügen teilnehmen, jeder kann
sich als Fürst vorkommen, er ist in seinem Haus. Ihr Törichten, was wollt
ihr. Ihr braucht nicht beten, braucht euch nicht bemühen. Alles wird euch
abgenommen. Wir sind die Schlosser, und die Haustür: Ihr braucht uns nur
bitten, wir machen auf. Das Himmelreich kann euch nicht entgehen. Wir haben
soviel Gnade geerbt, die Märtyrer haben uns davon hinterlassen, daß wir und
unsere Gläubigen bequem Jahrtausende davon in dulci jubilo leben können.
Und haben dabei gar nicht nötig, arg Haus zu halten. Wohin sollen wir nur
hin mit den ganzen Scheuern der Gnade. Wir werden ja manchmal Lust
bekommen, so einem armseligen Protestantlein, das unter dem Tisch hockt,
ein Knöchelchen hinzuwerfen. Und Ihr -- Ihr könnt nur immer tun, was Ihr
wollt. Wer katholisch ist, kann ruhig inzwischen auf Erden seines Weges
ziehen. Für ihn ist gesorgt. Es ist alles vorbereitet; er braucht sich
nicht drum zu bemühen. Geht hin, wohin Ihr wollt, es nimmt Euch keiner was
weg. Ihr habt zu pflügen, zu düngen, das Vieh zu füttern, die Pferde zu
striegeln, von den Kindern ist eins bockig, Euer Nachbar zankt mit Euch. Es
gibt für Euch soviel schöne und wichtige Sachen, Wein Musik Tanz kleine
gelustige Fräuleins Kartenspiele Hahnenschlagen Kirmes. Und die Raufereien
und dem Nachbarn die Zähne zeigen. Wir werden Euch nicht stören dabei. Wir
hüten schon Euren himmlischen Besitz.«

Der Dominikaner wackelte vergnügt mit dem Finger: »Gell, eine feine
Religion? Was sagt ihr zu meiner Religion?« »Läßt sich hören«, sagten die
beiden Bauern. Sie setzten sich zu fünf in eine Mulde des Waldbodens; die
Bauern zogen Schinken und Brot hervor. Während die Bauern schmatzend den
Dominikaner hießen, noch mehr Späße oder Frommes zu erzählen, schlichen die
beiden Männer davon.

Sie kamen in eine öde Gegend.

Einen singenden Bettler fragte der Kaiser, während der andere zurückblieb
nach allerhand. Der Bettler führte den Kaiser, nahm, als sie einen kleinen
Bergpfad erreicht hatten, Abschied, trabte singend weiter. Den Kopf gesenkt
zog Ferdinand des Wegs. Bäume traten auf, ratlos sah der Kaiser zwischen
die Stämme. Er erwartete den anderen; wo die Höhle des Einsiedlers, des
frommen Jeremias sei, wußte er nicht. Sie setzten sich auf den Boden. Ein
kleines Mädchen mit einem Körbchen kam an. Sie gingen ihr nach, eine
Waldschneise hinauf. Sie lief über einen Steinhaufen. Als sie zurückkam,
gab ihr der Kaiser eine Handvoll Heller; sie möchte dem frommen Jeremias
sagen, ein armer Mann begehre zu ihm. Sie lief, und als sie wiederkam
meinte sie, der fromme Einsiedler hätte gesagt, er sei selbst ein armer
Mann und brauche kein Geld. Ihren kleinen Kopf streichelte Ferdinand; sie
möchte die Heller behalten; möchte sie doch noch einmal zu dem Einsiedler
gehen; er begehre nach seinem Wort.

Darauf erschien drüben hinter dem Steinhaufen barhäuptig ein schlanker
jüngerer braunbärtiger Mann, der lange schweigend ihnen gegenüberstand. Er
blinzelte eine geraume Zeit gegen das Licht, hatte eine schrecklich tiefe
Blässe des mageren Gesichts. Die Steine rollten; leise fragte er, als sie
herangekommen waren, unsicher zwischen beiden hin und her blickend, was sie
wollten. Ferdinand stammelte etwas. Der Kammerdiener ging zurück.

Und wie Ferdinand seinen versunkenen Blick zu dem Mann hob, war dessen
rechtes Ohr und halbe Wange abgefressen; Stumpfen und Löcher, Geschwüre und
Hautfetzen, tiefdunkelrot mit schmierigen Belägen; die Nase des Mannes
fein, an einer Nüster angefressen. »Laßt nur,« winkte Ferdinand, als ihn
der Einsiedler vor die stallartige Höhle geführt hatte, »ich will hier
sitzen und Euch zusehen.« Der Einsiedler, nach einigen unschlüssigen
Bewegungen, gab ihm einen Rosenkranz in die schlaffe Hand; Ferdinand setzte
sich auf die bloße Erde, während ihm die Perlen entrollten. Mit trüben
Augen, müdem Ausdruck stand der junge Einsiedler vor ihm, verschwand
wortlos in dem Dunkel, aus dem bald ein leises, heftiger werdendes, wieder
abschwellendes Gemurmel und Ächzen kam.

Nach zwei Stunden trat der Diener an Ferdinand heran. Der Mönch schoß aus
der Höhle hervor. Sie verabschiedeten sich. Voll Wehs suchte der Mönch die
Augen des anderen, dessen Mienen sich nicht entspannt hatten. Er gab ihm
den Rosenkranz mit, bekreuzigte sich hinter ihm, kniete betend an die
Stelle hin, wo jener gesessen hatte.

Der Kaiser kehrte langsam durch die Schneise zurück in den Wald.

Plötzlich war mitten auf breitem Waldpfad ein starkes Flügelschlagen hinter
ihm. Er schloß die Augen, blieb stehen, hielt den Kopf steif nach vorn.

Flügelschläge, mächtige Flügel, Flügelpaare, die den Sand peitschten,
wehenden Wind vor sich warfen. Er wurde fast nach vorn gehoben.

Er erduldete es einige Sekunden. Zögernd schritt er weiter. Noch einmal gab
es ein Wehen, Flügelschlagen von riesigen niedersausenden, sich steil
aufstellenden Adlern hinter ihm. Ihm stand das Herz still.

Wie er zehn Schritt weiter gegangen war, sah sich sein völlig versteintes
Gesicht nach dem Diener um. Der pendelte ruhig einige Meter über den Weg.
Arm in Arm ging er mit dem bestürzten Mann. »Das ist mehr als ein Mensch
ertragen kann.«

                   *       *       *       *       *

Die schwedischen Heere über das Reich verstreut. Oxenstirn hielt sie im
Zaum. In Thüringen Wilhelm von Weimar, in Bremen Verden Lesley, in
Magdeburg Lohausen, in Schlesien Oberst Düwall. Oberrheinischer
kurrheinischer Kreis Georg von Lüneburg, Feldmarschall Horn Elsaß und
schwäbischer Kreis. Geschleudert war in die Flanke Wallensteins, als er
sich regte, der junge Fürst, der einmal Oberst von Gustafs Leibregiment zu
Pferde war, Bernhard von Weimar, als Friedland ihnen den Rücken kehrte und
glaubte, sie seien in Vergessenheit versunken. Wie die Kaiserlichen hinter
den böhmischen Gebirgsmauern verschwanden, fingen die schwedischen
Obersten, Offiziere und Gemeine an deutsches Land zu schlucken. Von Bayern,
der herrenlosen Kur, Würzburg, Bamberg wurden Stücke abgetrennt, ihnen als
Rekompens zugeteilt; Schweden behielt sich die Oberherrlichkeit vor. Dem
hochfahrenden Bernhard fiel aus Bamberg und Würzburg ein Herzogtum Franken
zu als rechtes Mannlehen der Krone Schweden; er schwur eine ewige und
unwiderrufliche Konföderation mit Schweden.

Friedland lag stumm in Böhmen. Da zwang sich, ungewandelt, Oxenstirn die
vier oberländischen Kreise unter. Der Sachse, bitter der fremden Herrschaft
im protestantischen Direktorium widerstrebend, suchte die oberdeutschen
Reichskreise zu sich herüberzureißen, aber Oxenstirn behielt die Oberhand.
Zu Heilbronn mußten die Deutschen geloben, die notwendigen Armeen für den
Schweden zu unterhalten; Oxenstirn, ein Schwede, setzte sich hin als
Direktor des Bundes und oberste Entscheidung in allen Kriegssachen.

Geführt von dem französischen Gesandten, von englischen Herren begleitet,
erschien auf diesem winterlichen Kongreß zu Heilbronn eine schwarz
verschleierte Frau, glühende Augen, lässige Fülle; sie setzte sich mit
Feuquieres auf eine besondere Bank, hörte den Beratungen zu. Dann sprach in
langer entschlossener Rede ein kleiner Mensch für sie, Rusdorf. Er
schilderte das Schicksal des Pfälzer Kurfürsten, erwählten Böhmenkönigs
Friedrich, der wie das Gewissen dieses Krieges gelebt habe. Sein Unglück
habe mit dem Prager Treffen begonnen, sei geendet bald nach dem Tod des
gottseligen Schwedenkönigs. Er habe gelebt und sei gestorben als guter
Deutscher und protestantischer Kurfürst. Seine Sache dürfe und werde nicht
mit ihm welken. Dieser Konvent werde nicht umhin können, eine Entscheidung
über seine Sache herbeizuführen. Es dürfe nicht scheinen, als hätte man
sich des Kurfürsten Friedrich bedient zu eigenen Zwecken, wie die
Widersacher verleumderisch in die Welt setzen. In allen, die protestantisch
im Römischen Reiche seien, lebe auch fort die hoheitsvolle Gestalt seines
Herrn, der am ersten die Schlange beim Kopf gepackt hätte und von ihrem Biß
nicht gesundet wäre.

Er blickte, als er sich setzte, die Dame neben sich an. Sie stand
kopfsenkend auf, schob den Schleier beiseite. Die evangelische Elisabeth
lächelte freundlich und schelmisch verlegen; sie hatte rote runde Wangen
wie immer. Sie sagte, ein Kichern kaum unterdrückend, der gelehrte Herr
Rusdorf habe wohl und genugsam gesprochen; sie freue sich, die Herren
wiederzusehen, die ihrem seligen Gemahl nahegestanden hätten und oft ihre
Gäste gewesen wären. Darauf, schweigend und von unten blickend stärker in
den Saal lächelnd, weil sie einzelne Edle erkannte, drückte sie plötzlich
seitlich gewandt, die Rechte ausstreckend, dem Feuquieres die Hand, der
verständnisinnig nickte, nach ihr sich erhob und eine feine prahlende
sentimentale Rede losließ, die den tapferen Friedrich feierte und als ein
Hauptziel des Krieges bezeichnete sein Haus wieder einzusetzen und sein
Schicksal zu rächen.

Trotz schwedischen Widerstrebens kam nach tagelangem Diskutieren ein
Beschluß zustande, besonders auf Drängen des Franzosen, der den Schweden
nicht das Zuviel an Macht gönnte. Die deutschen Stände verlangten, von
Rusdorf gejagt, diesen Beschluß; sie wollten auch irgend etwas erreichen.
Dem Gefolge Oxenstirns war bekannt, daß hinter diesem ganzen Überfall mit
dem Erscheinen der Kurfürstin und dem Eingreifen des Franzosen nur Rusdorf
steckte; Rusdorf wußte, daß sein Leben bedroht war, aber tapfer agitierte
das ergraute Männchen hinter den Deutschen, trug den vornehmen Franzosen
jeden neuen Winkelzug zu. Es wurde den Schweden abgerungen die eroberte
Rheinpfalz; sie war sofort dem Hause Friedrichs zu übergeben. Nicht
entringen ließen sich die Schweden die Kontrolle über die Festungen und
über das Kirchenwesen. Laut sagte Rusdorf bei der Verkündung des
Beschlusses, daß er ihn als Vertreter des pfälzischen Hauses annehme. Für
den Augenblick gebe man sich damit zufrieden. Er werde aber nicht ruhen,
bis auch die letzten Einschränkungen gefallen seien. Als er im Begriff war
zu erklären, daß der Beschluß bei dem Widersacher ein hämisches Lachen über
die Uneigennützigkeit der Fremden auslösen werde, drückte ihn begütigend
Feuquieres auf die Bank; die Schweden hatten ihn schon verstanden.

Trauerreich und glückvoll war die Einreise der Kurfürstin und des Bruders
Friedrichs, eines phlegmatischen Philipp Ludwig von Simmern, in die schöne
sanfte Pfalz. Und als sie zum erstenmal den Neckar mit seinem blanken
flachen Spiegel wiedersah, an die prunkvolle Fahrt mit Friedrich in dem
Brautschiff dachte, und an das jäh sich erhebende niederknatternde Unglück,
Prag, Dänen, Schweden, Krieg, endloser Krieg, sie alle gepreßt, jahrelang
gewalzt, verblichen der feine von ihr fast übersehene Friedrich, da weinte
sie hysterisch, wollte stundenlang nicht weiter fahren, verlangte nach
England, zu ihrem Bruder, dem König Karl. Sie wollte nichts wissen von
diesem Deutschland. Auch Rusdorfs Herz war erbebt beim Anblick der dunklen
Platte des sich hinschlängelnden stillen Neckars. Er besänftigte sie;
erzählte sich bezwingend von den schönen Gemächern, die sie erwarteten. Mit
Mühe konnte er sie später abbringen vom Jammern um die zerschossenen
eingeäscherten Flügel des Schlosses. Er selbst in Freude erweichend, lief
über die Dörfer, setzte die Amtsleute ein, knüpfte alle Fäden. Schrieb an
seinen alten leidenden Freund Pavel, der in den Niederlanden saß, lud ihn
zu kommen, des Grams ein Ende zu machen; bald werde die Kurpfalz von allen
Fremden befreit sein. Er lobte neckisch seine eigene Zähigkeit, die er mit
der Art einer Bremse verglich.

Genau einen Monat nach seiner Rückkehr auf Heidelberg wurde er an der Tür
seines Quartiers angenagelt gefunden. Er lebte noch, als man ihm unter
furchtbaren Schmerzen die Nägel aus den Handtellern gezogen hatte; die aus
den Füßen konnte man nicht herausreißen, sie waren durch die Knochen
getrieben. Es war schwedische Arbeit, wie er sterbend angab; er bat, die
Sache nicht zu verfolgen, sie sei aussichtslos. Pavel fand ihn nicht mehr
lebend vor. Die Beisetzung seines Freundes übernahm er. Viele hohe Herren
der rheinischen Kreise, auch fremde, waren zugegen; sie lobten den kleinen
entschlossenen Mann, beklagten seinen überraschenden Tod. Die Gerüchte über
die Todesart wurden unterdrückt.

Pavel bat sich die Tür aus, an der sein Freund gehangen hatte. Er überlegte
lange, ob er der Kurfürstin und dem Administrator nachgeben sollte und
Nachfolger Rusdorfs werden. In den Papieren Rusdorfs fand er dann
Aufzeichnungen, aus denen hervorging, daß Rusdorf selbst es war, der ihn
damals in Wien fast ermordet hatte, aus Scham und in Sorge um ihre Aufgabe.
Aus Briefen mit einem Prädikanten, den der Tote eingeweiht hatte, ging
hervor, daß er lange verfolgt war von dem wahnhaften Gedanken, Pavel
wirklich ermordet zu haben, und dagegen Hilfe suchte.

Den Kopf senkend erklärte sich Pavel bereit, an die Stelle des Toten zu
treten.

                   *       *       *       *       *

Die Gerüchte, daß der Herzog zu Friedland an der Spitze einer großen Armada
plane vom Kaiser abzufallen, überall verbreitet, erregten die böhmischen
landflüchtigen Exulanten und die Unruhigen in Prag und auf dem Lande.
Niemand verstand diesen Mann, der offenbar die Sachsen ins Land gelockt
hatte, sie dann heraustrieb, mit Graf Thurn konspirierte, ihn gefangennahm,
freiließ. Von dem Dresdener Komitee wurde Sesyma Raschin, der
schwarzhaarige Fanatiker, zum Herzog beordert. Er traf in Prag die
wohlbekannte Situation an: das Heer ringsherum in Winterquartieren, im
Hauptquartier scharfe Tätigkeit für neue Werbungen, Finanzpläne. Eine
Anzahl neuer Gesichter in der Umgebung Friedlands; Schweden Franzosen
Sachsen im Palast aus- und einkehrend.

Raschin wurde vorgelassen; mißtrauisch horchte ihn der Herzog aus. Er hatte
geglaubt, der Kundschafter käme vom sächsischen Hofe; als er von Böhmen
hörte, schimpfte er; ob wohl der alte Narr Thurn, das Großmaul, dahinter
stecke. Wieder und wieder versicherte Sesyma, daß im Lande alles
vorbereitet sei, gespannt auf ihn warte, daß die Schweden ihm behilflich
sein würden; man hätte gute Kunde von Bernhard von Weimar, daß er dem
Herzog zu Friedland wohl vergönne, sich in den Besitz Böhmens zu setzen.
»Ihr Schelme allesamt,« keifte Wallenstein, der nur aus einem Auge blickte;
das andere, gichtisch entzündet, war mit schwarzem Tuch dick verbunden,
»ihr haltet mich für eine Leiche, daß ich euch für alle Gaunereien gut
genug dünke. Macht eure üblen gefährlichen Geschäfte allein; seid wohl
schon tief im Morast, daß ich euch herausziehen soll.«

Sesymas Audienz war kurz; als er sogleich, schwer gekränkt und enttäuscht
abziehen wollte, wurde er vom Grafen Trzka und einem Grafen Kinsky am Arm
gefaßt und im Schloß festgehalten. Sie erwiesen sich als orientiert über
das Vorhaben Raschins, schienen auch genaue Kenntnis über die
friedländischen Pläne zu haben, baten ihn, zu verweilen, sei alles im Fluß,
es dränge dem Frieden zu, er möchte nicht Mißstimmung unter die Böhmen und
nach Sachsen tragen. Graf Kinsky erzählte heimlich dem jungen aufhorchenden
Böhmen, er möchte nicht darüber sprechen. Auch von französischer Seite habe
man dem Herzog das Königreich Böhmen angetragen, Sesyma möchte sich im
Hintergrund halten, der Herzog schwanke, man wisse nicht genau, womit er
umgehe. Daß er dem Kaiser böse wolle wegen seiner Absetzung sei sicher; es
drehe sich nur darum, ihn, den Herzog in die Zange zu bekommen, daß er sich
nicht rühren könne, ihn aus seinen Zweifeln zu lösen. Die Stunde der
Schilderhebung rücke näher. Sesyma war über diese Neuigkeiten sehr
beglückt, fragte, wie man denn den Herzog in die Zange kriegen werde. Das
sei nicht einfach, meinte Kinsky, der ein schlauer eitler älterer Kavalier
mit blassem bartlosen faltigen Gesicht war, es gehe darum -- nun, dem
Herzog zu helfen; Friedland schwanke, das müsse man ausnutzen, man muß es
dahin bringen, daß die kaiserliche Sache für ihn ganz unannehmbar werde,
dann gäbe es kein Besinnen mehr. Raschin merkte auf; staunend äußerte er,
das sei aber ein hohes Spiel. Selbstgefällig Kinsky kichernd: was hohes
Spiel; er sei in Paris zu Hause, in Fontainebleau ginge er aus und ein;
beim Pater Joseph und dem großen Kardinal würde ganz anders gespielt,
schlau, mutig und -- gottlos. Darüber freute er sich sehr: gottlos, ja so
seien die französischen Diplomaten, aber das sei die wahre, rechte, die
einzige Schule. Und er gab dem Böhmen den Rat, sich nicht zu oft vor
Wallenstein blicken zu lassen, am Hof zu bleiben, in Böhmen und Sachsen
ruhig alles weiter betreiben, als werde der Herzog ihnen zufallen. Beim
Abschied flüsterte Kinsky, die Augen aufreißend und drehend, er könne ihm
noch nicht alles verraten, aber der Herzog sei ihnen sicher; »sucht Euch
schon jetzt ein Stück aus Niederösterreich oder Steiermark aus; was haltet
Ihr von Graz? Appetitlich, appetitlich, gelt?«

Kinsky, der ein Schloß in Teplitz besaß, verbannt war, zwischen Pirna und
Paris vagierte, die französischen Verhandlungen Wallensteins führte, machte
es sich zum Ehrgeiz vor den Herren in Fontainebleau seine Sache zu einem
glänzenden Abschluß zu bringen. Reich wie er war, steckte er sich die
französischen Dukaten ohne Dank in die Tasche; seine Arbeit war mit nichts
zu hoch bezahlt. Den Herzog vom Kaiser abbringen: eine famose Aufgabe, und
dabei gar nicht schwer; er war nur ein Glückspilz, daß ihm das zugefallen
war. In den Konventikeln der konspirierenden Edlen ließ er sich feiern; hin
und her geschleudert war man von den Ereignissen; man rüstete, opferte für
Waffen und heimliche Anwerbung große Summen; der Augenblick des großen
Schlages rückte näher, der Bezwinger der Dänen und Schweden, Friedland,
hatte ihre Sache zu seiner gemacht.

Als der Herzog Kinsky den sonderbaren Brief Slawatas gab, wonach dem Herzog
von Wien Gefahr drohte -- Wallenstein nickte finster: »vielleicht hat mein
Vetter selbst etwas gegen mich vor« -- erwog Kinsky für sich: es wird schon
etwas dran sein an dem, was ihr alter Freund Slawata schrieb. Er kam,
liebäugelnd mit seinen Gedanken, auf den genialen Einfall, mit dem Grafen
Slawata, kaiserlichen Geheimen Rat, eine private Korrespondenz zu beginnen,
ihre alte Bekanntschaft zu erneuern. »Ich treibe meine eigene Politik«,
sagte er entzückt zu sich, als er den ersten schwadronierenden Brief nach
Wien losließ, erklärte sich für einen besonderen Intimus des
Generalissimus. Er gedachte Tropfen um Tropfen Gift in Slawatas Ohr zu
träufeln, bis er den Herzog unmerklich soweit hatte wie er wollte und der
Herzog gebunden wäre. »Wir werden sie kriegen,« seufzte er glückstrahlend
sich in seinem Klingenbeschlag spiegelnd, »wir werden sie kriegen. Die
Herren an der Seine werfen sich zu sehr in die Brust. Es ist nicht nötig.
Es ist überflüssig, meine Herren; habt nur etwas Geduld.« Lautsprechend
erhob er sich von seinem Schreibkabinett, schneidender Ton in der Stimme:
»Der Kardinal von Richelieu, Armand de Plessis, der Pater Joseph! Sieh da,
wohlan, sieh da.«

In dem Augenblick, wo der Herzog seine Neigung offenbart hatte, mit den
Widersachern in eine nicht genauer bestimmte Verbindung zu kommen, hatte es
in seiner Umgebung zu wallen begonnen. Aus bloßen Dienern und
Schleppenträgern wurden Akteure, die sich mit Röllchen und Röllchen nicht
begnügten, Lust bekamen, sich zu emanzipieren und um sich Zirkel zu bilden.
Man trat von außen an sie heran, lockte sie, das Geld lockte, die Eitelkeit
lockte, der Wunsch einander den Rang abzulaufen. Immer stieß der
Friedländer mit gewaltiger Faust dazwischen; rasch wie nach einem
Platzregen ebnete sich wieder die Erde, der Schwarm schloß sich, wogte um
ihn. Er brauchte sie, keine geschriebene Zeile gab er von sich, die
Menschen schwatzten.

Der blonde naive Graf Trzka hatte sich erhoben; er riß in diesem schweren
schwingenden Winter an Arnim, dem sächsischen Feldmarschall. Erst saß er in
Arnims Quartier, suchte ihn zu verlocken, zum Herzog überzugehen, ohne den
Kursachsen zu befragen, da Wallenstein vorhatte vom Kaiser abzuziehen.
Davon wollte Arnim gar nichts wissen; er ruhe im Vertrauen seines
kurfürstlichen Herrn und werde es nicht täuschen; und dann fand er, daß
Friedlands Verhalten im vergangenen Sommer und Herbst nah an Betrug
gegrenzt habe; es sei alles schon leidlich im Wege gewesen, als Friedland
Zwang üben wollte. Sachsen habe er verwüstet; die kursächsische Durchlaucht
habe einen Eid von einigen tausend Sakramenten geschworen nach den
geschehenen Untaten, sie wolle nichts mehr von solchen betrügerischen
Traktaten wissen. Als Trzka überlegen lächelte, den Kopf schüttelte,
geschickt die letzten Daten zusammenstellte, wonach Wallenstein fast nichts
übrig bliebe als vom Kaiser abzufallen, nichts übrig, ja, daß Wallenstein
entschlossen, vielleicht gezwungen sei in Kürze mit offenen Karten zu
spielen, erklärte sich Arnim, immer dem Herzog im Innern anhängend und ihn
verehrend, bereit, Trzka weiter zuzuhören und faßte ihn fast ängstlich bei
der Hand.

Er möchte, bat der Böhme, doch dem Herzog als erster nachgeben. Man stehe
sich zweifelnd gegenüber, könne nicht von der Stelle; peinvoll sei die
Situation des Herzogs, wenn er den ersten Schritt tun solle, der doch für
ihn der einzige wäre: zum Sachsen gehen, die Heere zusammenwerfen. Hinter
Wallenstein stünde nichts, kein ererbtes anhängendes Land; er sei im Moment
vogelfrei; man müsse sich in ihn versetzen, und wer kenne nicht seine Wut
auf Wien.

Leidenden Herzens folgte Arnim dem geschickten Unterhändler, suchte seinen
Kurfürsten auf. Vor dem jovialen dicken Herrn und seinem spitznäsigen
Kammerdiener keine Andeutung von den friedländischen Machenschaften. Arnim
hätte alles riskiert; ein Untergebener, der mit seinem Gehorsam spielt, war
Johann Georg ein abscheuliches verächtliches aberwitziges Vieh.
Unaufrichtig brachte Arnim vor, was er wollte: er fühlte sich gezwungen und
verstrickt in das friedländische Netz. Nach Ringen und Würgen gewährte
mißlaunig Johann Georg ein neues Verhandlungsrecht; aber daß Arnim das Heer
nicht in mißliche Position brächte. Ihn hatte das brutale Vorgehen der
Schweden in Heilbronn, die Übervorteilung der wehrlosen Pfälzerfamilie
heftig gekränkt; er wollte ab von Schweden. Wieder hoffte er, mit seinem
gnädigen Herrn, der erwählten Römischen Majestät, in fürstlich treue
Verbindung zu kommen.

»Her, her!« schrie Wallenstein, der völlig blind auf einer Bank inmitten
der Ritterstube saß, die verdunkelt war; beide Augen lagen unter heißen
Tüchern, die der stille Doktor Ströpenius sehr oft am Ofen wechselte; »seid
Ihr allein, Arnim, wer ist mit Euch?« Da war noch der rotbäckige muntere
Oberst Burgsdorff, ein Brandenburger. Das erfreute den Herzog; er nannte
sich ein geblendetes Huhn, das auf einmal zwei Körner gefunden habe. »Aber
will Eure fürstliche Gnaden uns picken?« -- Nein, er vermöchte zur Zeit
nicht gut den Schnabel zu führen, die Schelmereien säßen ihm in den Augen
und Füßen; ob sie nicht wüßten, daß der Kaiser vorhabe, ihm einen Strick um
das Bein zu legen, damit er nicht zu ihnen schwenke. -- Sie kamen auf die
Friedensbedingungen, die Wallenstein entworfen hatte. Rittmeister Neumann
las vor: die böhmischen Aufständischen sollten amnestiert und entschädigt
werden, die Jesuiten heraus aus dem Reich, Religionsfreiheit, Rekompens an
die schwedische Krone.

Burgsdorff, Arnim anstoßend: das sei recht schmackhaft, aber man sei nicht
sicher, daß so aufgetafelt werde. -- Warum nicht. -- Wegen des katholischen
Satzes: dem Ketzer sei keine Treue zu halten. »Gottes Schand'. Wie bin ich
den Hundsfotten, den Jesuiten gram, die das Wort aufgebracht haben. Ich
wollte, der Teufel hätte sie geholt, wollte sie ihm nicht aus dem Rachen
ziehen. Gott soll kein Teil an meiner Seele haben, Ihr Herren, wenn ich
anders meine. Und will der Kaiser nicht Frieden, so will ich ihn dazu
zwingen. Und der Bayerfürst hat das Spiel angefangen. Ihm soll das Land
ruiniert werden, daß weder Hahn noch Henne noch Mensch drin zu finden ist.
Denn ich will einen ehrlichen beständigen aufrichtigen Frieden im Reich
stiften.«

Das befriedigte sie beide sehr. Sie fixierten gemeinsam mit Neumann,
rittlings auf ihren Schemeln sitzend, die Punkte auf ihren Schreibtafeln.

Friedland bot indessen, den Ströpenius am Hals umschlingend, mit ihm durch
den Saal tappend, ein sonderbares Bild. Er schien, den grauen
unordentlichen Kopf vorgebeugt, durch die Tücher gierig sehen zu wollen. Es
machte auf die beiden fremden Herren einen schrecklichen angsterregenden
Eindruck, wie er an den Wänden entlanggeführt, den Unterkiefer
herabgefallen, sich nach dem Schall orientierte, den vorgestreckten Kopf
hindrehte. Man sah ihm in den roten Mund, fast in den Rachen; die
geschwollene Zunge lag und wälzte sich im nassen Speichel. Er sprach mit
schwerer schnarchender Stimme; sein Gesicht lang, Mulden an den Schläfen
Wangen. An den Tisch geführt, stehend an der Kante sich haltend, fragte er
stolz und hämisch knurrend, was die Herren von seinen Vorschlägen hielten.
Sie gaben schreibend zurück, es sei gutes Fahrwasser. -- Das solle es wohl
sein. »Machen wir uns keine Sorge, was die andern denken. Wer viel fragt,
kriegt viel Antwort.« So blieb er stehen, horchte wie sie schrieben. »Was
haltet ihr von den Türken,« fing er plötzlich an; »man soll sie nicht aus
den Augen lassen. Wir zanken uns hier alle auf dem Ätna. Dem Schweden ist
der Türke nicht grün gewesen, wie er einen Gesandten hingeschickt hat. Die
Römische Majestät fand ihren Gesandten auch nicht besser empfangen. Der
Großherr ist uns allesamt nicht grün. Der hat seine Lust an unseren
Kriegen.« Und dann marschierte er wieder herum mit Ströpenius,
schwadronierte von der gemeinsamen Christenfront gegen den Sultan; das
würde ein Spaß werden; die Kreuzzüge seien der europäischen Christenheit
noch immer im Leibe; er warf mit Angriffsplänen um sich. Wie sie sich
verabschiedeten, forderte er Trzka vor sich.

»Bist du da, Trzka?« tastete er sein Gesicht. »Die Bürschchen, die
Bürschchen. Dem Ketzer ist keine Treue zu halten. Dazu ist es Not Ketzer zu
sein. Es geht sogar gänzlich ohne Taufe, hoho. Das sind Helden. Wir führen
Krieg, ich stell' ihm ein Bein, und das ehrbare Fräulein seufzt: >das
schickt sich nicht; ich hab's nicht so gelernt; bei der Muhme Ulricke
ging's anders zu<.« Trzka wollte Neumann entfernen; Wallenstein, der es
merkte, donnerte: »Das ist mein Blut, laß ihn, befiehl ihm nichts. Setz'
mich, Ströpenius. Was willst du sagen, Trzka.« Er donnerte in falscher
Richtung.

                   *       *       *       *       *

Das Lager bei Pilsen. Um die Mauern Holzhütten Zelte Höhlen Gehöfte, in die
Nachbardörfer übergehend, meilenweit ausgedehnt, Stoppelfelder Gehölze
zwischen sich fassend. Nahe der Stadt von Sümpfen umgeben, durch Gräben
Wolfsfallen abgegrenzt, nur auf Brücken zugänglich die Artillerie, lärmende
qualmende Schmieden, wandernde Posten, Kanonenrohre auf Wagen, auf Heu, von
Segeln überspannt, einsam schwarze Kugelhaufen. Vor den Hütten kriechende
schleppende reitende Söldner, über die Ziehbrunnen schwärmend, schimpfend,
Ochsen und Schweine treibend. Übende Fähnlein von Musketieren; Weiber vor
Hütten und Erdlöchern an Feuern, kochend, lachend, im Geschrei mit Kindern.
Hohe breite Reisewagen, leinenüberzogen, von Reitern eskortiert, über die
Äcker in der Anfahrt auf Pilsen, mit Offizieren.

In der kalten Morgensonne trugen schläfrige Stückknechte auf den Schultern
Bandhacken, langstielige Ladeschaufeln, Hebebäume nach dem Artilleriepark
herüber. In kleinen Verschlägen klöppelten Tischler an Spannbänken für die
Sehnen der Armbrüste. Von Zeit zu Zeit wütendes Gekläff, gelle
Menschenrufe.

Musik; Kompagniefeldspiel im langsamen Schritt von der Stadtmauer herüber;
baßtiefe Soldatenstimmen: »Wir zogen in das Feld, wir zogen in das Feld, da
hatten wir weder Säckel noch Geld. Wir kamen vor Siebentor, wir kamen vor
Siebentor, da hatten wir weder Wein noch Brot. Wir kamen vor Friaul, wir
kamen vor Friaul, da hatten wir allesamt leeres Maul. Strampe de mi,
strampe de mi, alla mi presente, al vostro signori.« Der Fähnrich spazierte
neben dem federwallenden Hauptmann, die Rennfahnen am Gürtel vor dem Bauch
aufgestemmt, lange Stange mit steifem Blatt, darauf das bunte Wappen des
Hauptmanns, junge Vögelchen aus einem Neste die Hälse reckend. Der
Hauptmann ging in ein kleines Haus am Weg, die Kompagnie löste sich.

Drei Musikanten spielten vor dem Häuschen weiter, Schellenspieler Trommler
Pfeifer, zierlich die Beine lüpfend, bekleidet mit bauschigen Hosen bis zu
dem Knie, mit langen seitlich fallenden Schleifen bebändert; an den Füßen
spitze Schuhe mit Band und Schnalle. Sie trugen auf den Köpfen große
breitrandige Hüte mit Puscheln. Kinder und Hunde liefen um sie.

Dem Trommler hing über der rechten Schulter der knopfbeschlagene Ledergurt,
daran die Trommel vor dem linken Bein. Während die eine Hand lässig auf dem
blitzenden Trommelrand lag und fein, wie unwillkürlich, Wirbel rollte,
lauter leiser wie eine gurrende Nachtigall, hob sich die andere rechte
elastisch mit wippenden Bewegungen, warf knappe Schläge hin. Unentwegt die
linke; die rechte schloß ihren langziehenden Wirbel manchmal an, wie
mitgerissen, dann prasselte rasselte sie über das Fell, daß der Trommelsarg
über dem angehobenen folgsamen Knie schütterte und ihm bis in die Zehen der
Wirbel drang. Er lächelte, seine Augen zuckten. Der Schellenspieler war ein
blitzjunger Mensch. Er hielt die linke Hand sanft in die Hüfte gestemmt.
Die fliegende Seidenschärpe wehte nach rückwärts um ihn. In der rechten
Hand trug er den meterhohen Stock, an der Spitze ein blinkender Stern mit
Glöckchenbehang. Er sah, als wenn er vor niemandem spielte, schweifend über
die Kinder, schien von nichts gefesselt zu werden. In einer Pose, in die er
sofort mit Anmut versank, stand er fest, nichts bewegte sich an ihm, nicht
Kopf, Fuß, Rumpf, nur zwei Augen, ihre Lider und der rechte Arm. Und auch
der war meist an den Rumpf gedrückt, der Unterarm angehoben; spielendes
Handgelenk. Mit den kleinsten Rucken Drehungen wußte er den Schellenbehang
zum Zwitschern Klingen Klappern, stolzen lockenden Schmettern wie aus
tausenden Vogelschnäbeln zu bringen; und wenn er seinen Stock wie eine
Fahnenstange hochschwang, die Beine wechselte, senkte er den Kopf, blickte
trotzig auf seine Schuhspitzen. Der Pfeifer führte sie. Am Bandelier zur
Rechten hing ihm die Gabel herab. Er ruhte nicht, folgte selbst seiner
Melodie. Sein Mund, seine laufenden Finger ergingen sich, spreizten sich,
drückten sich an das runde Rohr. Sie erregten, besänftigten es liebevoll
wie ein Tier. Schmachtend blickte er aus schwarzen Augen.

Unter trübem Regen- und Schneewetter kamen nach Pilsen gefahren Graf
Schlick und Questenberg. Sie hatten am ersten Tage einen Besuch des
liebenswürdigen Grafen Trzka und Rittmeisters Neumann zu überstehen, die
sich im Auftrage des Generalhauptmanns nach Quartier und Befinden,
ersichtlich auch nach ihrem Vorhaben erkundigen sollten. Vor den
Generalhauptmann von Trzka geführt hatten Schlick und Questenberg die
gleiche schreckliche Empfindung wie einmal Kaiser Ferdinand: daß dieser
Mann gegen den Tod rang, der ihm schwere Gewalt antat. Jede Bewegung stieß
eine Hemmung nieder; wund die Gelenke, trocken der Körper; Wein und Wasser
schüttete der Herzog in sich hinein; es verdampfte wie auf einer heißen
Pfanne. Aber keine Spur von Hilflosigkeit, Verbitterung; nur häufiger als
sonst Wut und knirschende Ausfälle. Questenberg sah erschüttert, wie er
seinem alten Gönner die knochige schwache Hand drückte und streichelte, daß
Wallenstein blind war für das, was ihm geschah.

Der trübe bigotte Schlick gesackt in lauernder Stumpfheit auf dem
eigentümlich hohen Schemel, den man ihm zugeschoben hatte. Ein holländisch
gebautes Gemach in dem Pilsener Wohnhaus; mattes Tageslicht aus vielen
niedrigen Fenstern, weißrote Steinfliesen am Boden, Schiffsbilder über der
dunkelbraunen Wandtäfelung, auf dem viereckigen grünverdeckten Tisch Äpfel
und Weintrauben in Glasschalen. Im Hintergrund in die Wand verschoben
niedrig riesig ein Bett, darüber ein grünseidener flacher Himmel. Vor dem
Bett der Herzog, verwittert, zittrig, Wein im Becher neben sich, allein auf
der Bank. Er vor dem Bett erkundigte sich, seine Lippen auffallend schlaff
und lang, die Augen rot und vorgetrieben, mit alter geräuschvoller
Heftigkeit nach dem Befinden der Herren, ihrer Reise, der Römischen
Majestät, der er bald wieder eine Aufwartung zu machen gedächte. Und ob es
wahr sei, daß die Majestät sich von den politischen Geschäften
zurückzuziehen gedächte. Schlick sprach von einfältigen Geschichtenträgern.
-- Der Herzog sich anlehnend: so, der Kaiser betriebe also die Geschäfte
wie zuvor, bekümmere sich, nähme an den Beratungen teil. -- Schlick sehr
ruhig: wie sonst. -- Das sei herrlich. Denn er hätte sich Gedanken gemacht,
wie sie einem kommen könnten, der weit vom Schuß sei. Es sei auch Art der
Römischen Majestät gewesen, an ihn persönlich ein Brieflein mitzugeben,
wenigstens sonst -- oder trügen sie es vielleicht noch bei sich und hätten
es vergessen. -- Nein, sie hätten vom Kaiser keinen Brief; es sei alles
mündlich beredet. -- Darauf langes Schweigen, Graf Trzka trat neben die
Bank des Herzogs. Der blitzte den Grafen Schlick an. Nach Austausch eines
Blickes mit Schlick erörterte Questenberg die schwierige finanzielle Lage
des Erzhauses; fast demütig schließlich die Frage: ob sich das Heer nicht
besser etwa in Thüringen finden würde, damit die Erblande sich etwas
erholen könnten. -- Ob dies vom Kaiser stamme. -- Es sei in mehreren
Beratungen des Hofkriegsrats und des Geheimen Rates besprochen worden. --
Der Herzog ohne die Augen zu erheben: also welche Quartiere sie für ihn
vorhätten. -- Wie gemeldet, Thüringen. -- Sie wüßten, es stünde ihm frei
nach seinem Vertrage sich die Erblande zum Rückzug zu nehmen. -- Es sei ein
Wunsch, sie wüßten es. -- Man habe nicht vor an dem Vertrag zu rütteln? Er
fixierte beide scharf. -- Keineswegs; ein Wunsch. -- »Man wird mich nicht
mit einem Vertrag aufs Glatteis locken und im entscheidenden Augenblick mir
ein Bein stellen.« Darum: er werde es sich überlegen. -- Schlick immer
gleichtönig: es käme nicht auf vierundzwanzig Stunden an; sie könnten
einige Tage in dem artigen Städtchen verweilen. -- Wallenstein: er werde
ihnen im Lager Unterhaltungen verschaffen, italienische Sänger,
Schlittenfahrten, wenn das Wetter es gäbe. -- Schlick kalt: er sei ein
alter Mann; führe nur Befehle aus. Und es sei ihnen schließlich nicht
unangenehm, einige Tage im Lager zu verweilen. Sie hätten Lust die neuen
Offiziere kennen zu lernen, welcher Geist in den jüngeren Generationen
stecke; man belebe sich gern an ihnen. -- Questenberg spie plötzlich,
aufstehend; er hasse den Schreibbetrieb aufs Blut; wolle nicht gar so tief
in das Lager blicken; bekäme vielleicht Lust, wieder die Pike auf die
Schulter zu nehmen. -- Der Herzog knurrte ihn freundlich, leicht höhnisch
an: wem ginge es nicht so; aber schließlich seien schon bald dreizehn Jahre
um, daß man sich herumbalge. Werde er nun sehen und sich angelegen sein
lassen, den Krieg zu beenden. -- Questenberg freudig: dazu möchte Gott
seinen Segen geben.

Runzelte Schlick seine niedrige Stirn, schob den Kopf in die Höhe, den Hals
reckend, wie ein Laternenträger, der das Licht an der Stange anhebt: so
reiche sein Verstand nicht soweit, er sähe noch kein Ende des Krieges;
würden alle Schlachten geschlagen sein, damit am Schluß die Feinde
triumphierten und sich freuten, so gut davongekommen zu sein. -- O, o,
lächelte der Herzog, der Herr Graf sei schon lange nicht an der Spitze
einer Armee gestanden. -- Er denke schon, saß Schlick da, daß seine
Erfahrungen ausreichten. Der Krieg gestern sei nicht anders als der
vorgestern. -- Nein -- der Herzog -- nur die Bleiplatten an den Sohlen, mit
denen man zur Schlacht gehe, seien schwerer geworden. -- Mit Bleiplatten,
Schlick stärker grollend, könne man auch am Fleck stehen bleiben. Mit
Bleiplatten könne man ein Heer zu Hause behalten. Mit Bleiplatten brauche
man kein Heer. -- Immer abgekühlter freundlich der Herzog: Es sei auch
unter Umständen das Beste. -- Dann brauche man eben kein Heer. -- Eben. --
Dann, dann -- Schlick mit sich ringend, zum Wutausfalle bereit -- sei ja
alles überflüssig, alles. -- Ihr meint, ich auch. -- Wartend der andere,
dumpf erregt, ihn anglotzend. -- Wallenstein stieß ein Lachen heraus:
»Wovon wir da reden. Was meint ihr, Questenberg, Trzka. Wir sind
Schuhmacher; wir reden von Bleiplatten an den Sohlen.«

Der mit Silber und Samt ausstaffierte sporenrasselnde Trzka warf an den
kleinen Fenstern wandernd erregt seine Locken; lachte mit unnatürlich
starrem Gesicht und feuchten Augen, den Herzog willkürlos nachahmend: die
Bleiplatten; er kenne ein Märchen, ob er es erzählen dürfe.

Mit fast gehässigem Blick auf ihn sank Schlick in sich. Wallenstein
schluckte Wein, krächzte: nur reden sollte er; die Herren würden es gern
verstatten. Müßte aber spaßig sein.

»Es gibt einen Schwarzspecht, man findet schwer den Baum, wo er nistet. Hat
man den Ort gefunden, so muß man ihn sich merken und warten, bis das
Vöglein brütet. Und wenn die Brutzeit vorbei ist, soll man hinauf, wenn der
Vogel aus ist, die Öffnung verspunden. Der Specht kommt wieder, und sobald
er merkt, die Öffnung ist verspundet, fliegt er fort, halbe Tage lang und
sucht und findet einen Ort, da wächst ein Kraut, das heißt Springwurzel,
und bringt es. Rasch soll man auf eine Leiter vor das Nest, ein rotes Tuch
vors Gesicht gebunden, einen kleinen grünen Wedel in die Faust, und immer
nicken, nicken damit und mit dem Fuß klappen, als täte er's selbst am Baum.
Dann erschrickt der Specht, weil er glaubt, es seien seine Jungen ein so
närrisches entartetes Volk, und es gehe ein Zauber um, schreit, läßt die
Springwurzel fallen, schreit nochmal, flattert davon. Das Kraut aber soll
man mit dem roten Tüchel vom Boden aufheben und sorgsam bewahren und
einwickeln, man kann damit verschlossene Türen öffnen, Geleimtes Gelötetes
lösen, Ketten sprengen.«

Trzka lachte heiser, erregt nach vorn gebeugt zum Grafen Schlick herüber:
»Ich bin schon fertig.« Wallenstein: »Habt Ihr solch Kraut, Trzka?« »Nein,
Eure Durchlaucht. Ich nicht. Vermute aber, des Grafen Schlick Liebden sei
in solchem Besitz und Vermögen. Hat er doch etwas mit den Bleiplatten vor,
die Eure Durchlaucht an den Füßen tragen.« Schallender Lachausbruch Trzkas,
zusammentönend mit Friedland und Questenberg. Trzka stammelnd: »Und da ich
soviel von solchem Wunderkraut gehört habe, hätte ich gern gesehen, wie es
sich besieht und befühlt. Muß gar artig und klein sein, da es schon solch
winzig Tier im Schnabel führen kann. Möcht' gar sehr darum bitten, es mir
zu zeigen, wenn Ihr's im Sack tragt.« Stöhnend hielt Wallenstein im Lachen
sich die Rippen; dann mit den Armen abwinkend: »So laßt den Herrn Bruder zu
Wort, so redet nicht. Ich bin gar begierig.«

Das phlegmatisch schwere Wesen schien von der Unterhaltung wenig berührt.
Er wüßte nicht, worauf des Herzogs Durchlaucht so begierig wären; hätte er
und Questenberg schon alles berührt, was sich sagen ließe; vermißten sie
doch nur das Wort Wallensteins. Trzka fast triumphierend: »Ihr habt es
berührt, daß die Armee sich nicht genug schlage.« »Berührt, gesagt, als
Auftrag und als eigene Meinung.« »Das ist es ja. Und so müßt Ihr doch die
Wurzel bei Euch haben, mit der Ihr den Herzog, meinen Schwager, springen
machen wollt.« Schlick stand drohend auf: »So muß ich Herzogliche
Durchlaucht fragen, mit wem ich verhandle, ob mit dem Generalfeldhauptmann
oder mit dem Herrn Grafen, des Herrn Schwager.« Da hatte Wallenstein einen
langen scharfen Blick auf Trzka und den Grafen Schlick gerichtet. Leise bat
er seinen Schwager die Possen zu lassen. »Die Auffassung in Wien ist,«
Schlick, »daß die Kaiserliche Majestät ein großes Unrecht tat, als sie den
bayrischen Kurfürsten hilflos im Stiche ließ gegen den Schweden. Es hat
sich das Gewissen bei uns geregt, stärker und stärker, in Anbetracht der
großen uns von Wittelsbach zuteil gewordenen Wohltaten, die im ganzen Reich
bekannt sind, daß wir nicht zusehen können, wie er die Beute des Feindes
wird. Er hat dem Erzhause in Böhmen und bei tausendfältiger Gelegenheit
anderer Art geholfen aus dringender Lebensgefahr. Das soll von einem edlen
Kaiser unvergessen bleiben. Auch der Geheime Rat hat sich diesen Bedenken
nicht entziehen können. Und so ist nach vieler Überlegung beschlossen
worden, unverzüglich Eurer Herzoglichen Durchlaucht Entscheid auf
Beschleunigung der Kriegshandlungen herbeizuführen.« Leise Wallenstein:
»Genug, Herr Bruder. Was wollt Ihr.« »Die Winterquartiere müssen
abgebrochen werden; Euer Heer ist kaum geschwächt; der Abbruch des Angriffs
auf Regensburg hat die ganze Welt verblüfft, man lacht über die Maßnahmen
der Armee unserer Kaiserlichen Majestät.« -- »Wer wird das wohl sein, der
lacht; wer war verblüfft.« -- »Die Italiener spotten, die Spanier. Herr
Bruder, lassen wir das, was hat er vor, sprech er sich aus, sollen wir den
Bayern vergehen und verderben lassen.« »Die Italiener und Spanier. Was
haben die Väter der Jesugesellschaft gesagt. Sie haben doch nicht
geschwiegen.« -- »Lassen wir das, Herr Bruder. Sprech er sich aus.« -- »Die
Herren von der Jesukompanie haben sich dahinter gesteckt und nachdem sie
die Heilige Kirche regieren, glauben sie auch ein Heer und die Politik
regieren zu können. Wir werden aber selbst wissen, wie wir zu marschieren
haben.« --

Questenberg wollte sprechen; Friedland wischte an seinen roten Augen, aus
denen es troff, senkte seine Stimme, schob ihnen Wort für Wort hin: »Es ist
genug gekriegt im Reich. Verludert und vernichtet ist genug. Es kann sich
jeder damit zufrieden geben, Soldat und Geistlicher. Sei den Herren gewiß:
mir liegt nicht an der ewig fortwährenden Verwüstung. Wär ja ein Instrument
des Satans, wenn ich's täte. Es bleibt dabei: wir steuern auf den Frieden
zu. Wenn man auch und wer auch zetert.«

Questenberg: »Soll uns doch nichts willkommener sein.«

»Herr Questenberg. Sind andere kriegerischer als wir Soldaten. Ich werde
einen Krieg um den Frieden zu führen haben.«

Questenberg milde: »Graf Schlick hat gezeigt, woran uns liegt und was uns
herführt. Wir wollen erfahren, was Euer Durchlaucht im Sinn haben,
verkennen gewiß nicht die Schwierigkeit der Lage.« »Das weiß ich. Fragt
aber einmal den Herrn Bruder hier, was die Väter der Jesugesellschaft
begehren.« Schlick hochgestemmt, brüllend: »Ich bin im Auftrag der
Kaiserlichen Majestät da. Wir haben kaiserliche Aufträge abzulegen.«

»Und ich sitze hier, Herr Bruder, im Auftrag derselben Kaiserlichen
Majestät. Habe schon lange ein kaiserliches Heer geführt und Siege
errungen. Zeige mir der Herr Bruder seine Vollmacht.« »Was soll das
heißen.« »Daß ich weiß, daß nicht Ferdinand der Andere sie unterzeichnet
hat, sondern -- vielleicht der Herr Bruder selber, oder mein alter Freund
Eggenberg oder Trautmannsdorf.« -- »Meine Vollmacht wird der Herr Bruder
sehen. Die Kaiserliche Majestät hat sie gezeichnet.« »Werde mir mein Urteil
über Euren Auftrag zu bilden wissen. Setze sich der Herr Bruder. Es tut mir
leid ihn zu kränken.« Als sie eine geraume Zeit geschwiegen hatten, brachte
wieder stumpf und ruhig der graue Schlick, der die Augen nicht von den
Steinfliesen hob, hervor, daß sie sich bereithalten würden die nächsten
Tage, die Antwort des Herzogs auf das noch schriftlich anzubringende
Ersuchen entgegenzunehmen. Die Herren verabschiedeten sich feierlich.

Wo Friedland gesessen hatte, fanden Trzka und Neumann, die die beiden
Herren auf die Diele begleitet hatten, als sie zögernd zur Türe
hereintraten, einen bekleideten Körper auf der Bank vor dem Bett, rückwärts
gelehnt, den Kopf, das ausgehöhlte Gesicht zurückgebogen. Er brüllte vor
Gelächter. In grenzenlosem Schwall. Der Raum tönte, der Herzog erfüllte ihn
wie ein Tier mit seinem Geräusch und saß mitten in dem Lärm, den er
erzeugte. Fremdartig, monologisch war das Gelächter, daß sie erschreckt und
in peinlicher Beschämtheit zur Türe zurückgriffen. Der Kammerdiener brachte
den Herzog zu Bett.

Sie setzten sich, wieder eingelassen, um den grünverdeckten Tisch. Aus dem
Bett rollte es: »Habt Ihr verstanden, was vorgeht. Sie greifen an die
Wiederkehr von Regensburg. Und weil es nicht so leicht geht mit dem
Absetzen, ein anderes Plänchen: die Armee ruinieren. Was ist er, der
Friedland, wenn er keine Armee hat.« Trzka, sich quer auf die Bank vor dem
Bett setzend: »Der Plan soll ihnen vergehen. Es ist der Bayer, der dahinter
steckt.« »Recht, Trzka, die Jesuiten und der Bayer, der Hundsfott. Er will
wieder hochkommen. Beißen will er mich, weil ich ihm nicht pariert habe. In
Zirndorf. Soll ihm der Schwede das Land verwüsten. Nicht Hahn noch Henne
soll er drin lassen.« Neumann flehentlich: »Wird Euer Durchlaucht wieder
nachgeben?« Er hatte Tränen in den Augen; der Anblick seines Herrn griff
ihn an. »Was wieder?« »Vermeine wie zu Regensburg.« Der Herzog böse
lachend: »War nicht nachgegeben zu Regensburg. War aufgeschoben bis zum
nächsten Male. Bis ich sie haben würde. Der Bayer hatte den Kaiser
untergekriegt. Und jetzt ist er eben dabei. Ich -- -- gebe nicht nach, und
wenn mich darüber der Satan mit Zangen in die Hölle holt.« Neumann leise:
»Die Armee bleibt, wo sie ist«; sein Gesicht leuchtete. »Ja, eher schmeiße
ich sie mit dem Schweden zusammen und wir überziehen gemeinsam den
Uranfänger des Krieges, den schlimmen Bayern; es wäre meine Lust.«

Da hatte Trzka einen gesiegelten Bogen an der Tür aufgehoben, der ihm
vorher in der Eile aus dem Arm gerutscht war, brachte ihn pfeifend an: »Ah
sieh da. Lest vor, Neumann. Questenberg gab es mir vorhin, er hätte es
versäumt bei der Unterhaltung.« Es war die schriftliche Fixierung des
kaiserlichen Ansuchens an den Herzog. Klagen über den schlimmen Verlauf des
Sommerfeldzuges, über das traurige Schicksal Bayerns, dann Hoffnungen auf
baldige Befreiung Regensburgs, die Verlegung der Winterquartiere.
Schließlich ein Nachtrag betreffend den Mailänder Gouverneur Feria und die
spanischen Truppen: der Herzog zu Feria rücke nach den Niederlanden, wo die
Infantin Isabella Hoheit auf den Tod daniederliege und tägliches Ableben zu
erwarten sei. Des Herzogs zu Friedland Durchlaucht wurde ersucht, dem
heraufziehenden Mailänder und seinen spanischen Truppen nichts in den Weg
zu legen und ihn in jeder Weise zu befördern, wenn er auf dem
Kriegsschauplatze erscheine. Der Spanier würde einem Wunsch des Königs
Philipp zufolge sich dem bedrohten Kurfürst von Bayern attachieren; man
wünsche, Aldringen mit den kaiserlichen Truppen möge nunmehr völlig dem
Bayern unterstellt werden.

Wallenstein aufgesetzt, den Kopf eingezogen, der Ausdruck wechselnd
zwischen Hohn und Freude. »Wir haben sie bei den Ohren, die tapferen
Kriegshelden. Sie haben nicht gewagt, es abzugeben. Es hätte mich zu arg
gebissen meinen sie. Bei den Ohren. Mein alter Questenberg, sieh da.«

Trzka: »Ein trauriges außerordentliches Schelmenstück.«

»Ich will mit den Bestien einmal reden. Witzig genug will ich sein; sie
wissen bald nicht, wohin sie den Kopf stecken sollen.«

Der blonde Trzka schmetterte seinen Degen über den Tisch: »Der Spanier den
verruchten Bayern beigesellt. Aldringen dazu.«

»Die Jesuiten wissen, was sie vornehmen. Wenn's übel ausgeht, finden sie
ein anderes Kollegium, der Kaiser aber kein anderes Land. Trzka, du wirst
dein kleines Weibchen eine Weile nach Kaunitz schicken müssen. Wir werden
einige heiße Wochen bekommen. Sieh an, sie zwingen mich. Sie setzen uns den
krummen Feria auf die Nase. Es ist mir keine Freude, ich hatte es anders
vor. Ein Wunsch des Königs Philipp, den giftigen Bayern zu unterstützen:
haha, das setzen sie mir vor. Der Feria soll sich nicht mißbrauchen lassen,
er ist mir unterstellt, er mag es mit mir aufnehmen.« Der Herzog diktierte
im Bett den Befehl an den Mailänder, sich seiner Wege zu scheren und nicht
unaufgefordert sich in deutsche Kriegshändel zu mischen. Es werde ein
deutsches Fähnlein ihm entgegengesandt werden, um ihn den richtigen Weg
durch Deutschland und aus Deutschland heraus zu führen. Friedland legte
sich zurück: »Die Jesuitenkanaille riecht den Braten.« Neumann, die
Schreibtafel ablegend: »Ilow trifft heute ein aus den Quartieren; wir
werden ihn orientieren müssen.« »Heiße Wochen, Neumann. Ilow soll das Lager
kommandieren.« »Ilow wird sich freuen.«

Der Herzog stellte den beiden Fremden Schlitten zu Fahrten zur Verfügung.
Sie machten davon keinen Gebrauch; sie fürchteten, daß sie von den Fahrten
nicht lebend heimkommen würden. Theaterspiele lehnten sie ab, suchten,
unmerklich von Spionen des Herzogs umgeben, Berührung mit den hohen
Offizieren des Lagers. Es erregte die Freude Trzkas und auch des Herzogs,
als es schien, die Herren näherten sich besonders dem Grafen Gallas, dem
strengen würdigen Mann, der von dem Herzog hochgeehrt war; an ihn ließen
sie ihn gern heran. Gallas konnte dem spionierenden Trzka dann aber nichts
Rechtes von den Unterhaltungen berichten; die beiden Fremden hätten ihn nur
über Lagerzucht und wie fest die Kriegsoffiziere und Obersten zu ihrem
Feldhauptmann stünden ausgeholt.

Graf Gallas vermeldete nicht, was die beiden kaiserlichen Gesandten ihm auf
Zetteln, da sie nicht zu reden wagten vor Lauschern, zugetragen hatten: daß
man den zu Friedland einer zweifelhaften Gesinnung zeihe angesichts
gewisser zugekommener Nachrichten. Daß man befürchte, er werde sich des
Heeres in kaiserfeindlichem Sinne bedienen. Ob man vertrauen könne, daß
sich Graf Gallas seines Eides besänne. Diese Zettel waren ein Werk
Schlicks, das er zum knirschenden Widerstand Questenbergs unternommen
hatte. Wie ein Kind wurde von dem harten engstirnigen Schlick der dicke
Questenberg durch das Lager gezerrt; jeder Besuch enthüllte Questenberg mit
Schrecken, daß ein feindlicher Geist im Lager und in Pilsen wehte; die
sonderbar fremde beobachtende Haltung Trzkas Neumanns Kinskys, besonders
dieses Kinskys, der herausfordernd offen in Pilsen sich bewegte, obwohl er
verbannt war und der Herzog ihn in Eisen schlagen mußte. »Wir haben einen
Unsinn angerichtet, der Herzog wird kopfscheu vor uns gemacht«, stöhnte
Questenberg, als der Boden ihm unter den Füßen versank; er sann jemanden zu
Hilfe zu rufen, Trautmannsdorf oder Eggenberg. Aber Schlick ging rasch und
gnadenlos vor. Dem war alles klar, der kannte nicht Wallenstein, trieb wie
ein losgerissenes Floß im Strom, riß Brückenpfeiler ab, schrammte das Ufer,
kippte Boote.

In seiner Not um Friedland brachte es Questenberg über sich, den harmlosen
freundlichen Grafen Trzka zur Rede zu stellen und insgeheim vieles mit ihm
zu durchsprechen. Er gab seiner innigen Liebe zu Friedland Ausdruck; es
läge ihm daran alles ins gleiche zu bringen, man möchte ihm helfen dabei;
Trzka sähe doch selbst, daß sich ein Abgrund zwischen dem Herzog und dem
Kaiserhause auftun müsse, wenn jedes auf seinem Schein bestehen bliebe. Der
andere war auch wirklich gerührt von dem herzlichen Ton des Gesandten, bat
nichts zu unternehmen, was den Konflikt verschärfen könnte, er werde sich
an den General wenden. Dann aber, wie Trzka schleppend auf dem Weg zu
Friedland war, schämte er sich; die Aufgabe war sehr peinlich, er fühlte
sich schwach. Dem Questenberg gegenüber schämte er sich seiner Untätigkeit,
faselte von Friedlands Geneigtheit nachzugeben; der Kaiserliche freute
sich, dankte überströmend; Trzka log sich die Aufgabe vom Leibe.

Und so ließ Questenberg, im Vertrauen auf die vorgehende Versöhnungsaktion,
dem bösen wilden Schlick freie Hand, auch gegen Gallas. Er bekam es fertig,
hoheitsvoll über diese Aktionen zu lächeln und sich in Vertrauen auf seine
Gegenaktion zu wiegen. So von ihm befreit wütete der stiernackige Schlick
im Lager des Friedländers.

Die kühne nacktgesichtige lange Panthergestalt des Feldmarschalls von Ilow
ritt aus den böhmischen Landquartieren in Pilsen ein. Die beiden Fremden
wichen dem unerhört groben Gesellen aus. Er hatte am gleichen Tag heraus,
was im Lager vorging; wollte die beiden beim Kragen nehmen. Das
Reiterrecht, protzte er gegen Trzka ab, solle über sie entscheiden.

Der Generalissimus befahl nach seiner Ankunft, die Obersten und anwesenden
Generalspersonen zusammenzurufen, unter dem Vorsitz von Ilows über das
kaiserliche Ersuchen betreffend Verlegung der Winterquartiere und
sofortigen Angriffskrieg zu beraten. Der Befehl machte sogar den frechen
von Ilow blaß. Sein verschnürter Oberleib hing über dem Bett Friedlands;
Ilow stammelte, die Obersten werden sich nicht trauen. Friedland: »Die
Herren wissen, daß niemand ihnen an den Leib kann als ich und mein
Reiterrecht.« »Der Beschluß wird dem Grafen Schlick gemeldet?« »Mir, Herr
Bruder. Ihr sollt aber dabei sein, wenn ich den Präsidenten damit abfinde.«

Lange Sprünge Ilows zu Trzka. Zweistimmiger herrischer Jubel, Händedrücken,
tanzende Umarmung.

Gallas war mehr Zuschauer bei der abendlichen Beratung und der erfolgenden
Ablehnung des kaiserlichen Plans.

In der Abschiedsaudienz ließ Schlick kein Wort von der unerhörten
Beleidigung des Kaisers über die Lippen. Einsilbig höflich, scheinheilig
freundlich, verabschiedeten sich die Gesandten von Wallenstein, der lag,
und seinen steifen herausfordernden Herren. Über den Spanier werde
Friedland den Hofkriegsrat schriftlich bescheiden.

Sie hörten nicht, aber sie fühlten, Schlick mit Freude, Questenberg
gebrochen, daß der Herzog hinter ihnen den Kopf vom Kissen hob: »Die Herren
von der Federprofession werden nicht noch einmal von Wien herüberkommen.«
Und wie die Herren meckerten und die Degen bewegten.

                   *       *       *       *       *

Der spanische Botschafter Ognate ließ nicht die Hand vom Würfelbecher. Er
spielte mit den edelsten Herren des Hofes, dem Grafen Wratislaw von
Fürstenberg, dem Kammerherrn und Verwalter der kaiserlichen Finanzen Baron
Brauer, der niemals Rechnung legen brauchte. Der Hofkanzler Werda von
Werdenberg, Graf Johann Baptist, der italienische Emporkömmling fanden sich
gelegentlich im spanischen Quartier ein. Der geschmeidige Ognate verlor
große Summen. Er hatte auf das ihm zugekommene Schreiben des Gouverneurs
von Mailand keinerlei Schritte getan, legte, zu stark von seiner
Leidenschaft okkupiert, der ganzen Sache kein Gewicht bei. Feria hatte
seinen Befehl aus Madrid, das übrige war militärischer Kleinkram.

Doktor Jesaias Leuker auf die Kunde, daß sich spanisch-italienische
Regimenter von Mailand in Bewegung gesetzt hatten, bedrängte den Marquis,
daß er dem noch unsicheren Mailänder Mut mache und beschleunigten Anmarsch
befehle. Leukers plumpe Methode, dem scharfen hochmütigen Spanier Abneigung
gegen den Friedländer durch Zuträgereien einzuflößen, verfing nicht; der
große Herr ließ sich von ihm Vortrag im Bad und beim Messeweg halten,
durchschaute ihn, hielt ihn schweigend hin. Nur einmal wurde er wild, als
Leuker zutraulich von einem spanisch-bayrischen Bündnis anfing; da konnte
sich der sehr zeremonielle Mann nicht beherrschen: ob der Rat Leuker ihn
für gedächtnisschwach hielte, möchte er doch unter seine Pasteten nicht
solche Mucken wirken, er litte genug Strafe, daß er ihn anhören müßte. Der
Feria sei ein Narr, daß er sich hier einmische; er werde es ihm bedeuten.
Die Durchlaucht in München bedürfe wohl gerade des Mitleidens und
Erbarmens, und dazu sei die Krone Spaniens gut genug, ihn aus lächerlichem
Flennen zu ziehen. Hinge doch sonst so herzlich am König Ludwig, liebte
doch früher in Brüssel solch Bündnis nicht. Pfui des Prahlens und der
Aufschneiderei. Ein Dutzend Kinder könnten sich an solcher Säugamme
vergiften.

Worauf der Bayer klein abzog. Nach Leuker wollte sich der junge Kuttner an
die Sache begeben. Er war ganz in der Hand Wilhelms von Slawata, der ihn
nur für Tage und halbe Wochen aus Wien fortließ zur Berichterstattung bei
Maximilian. Der elegante junge Mensch wollte es von sich aus übernehmen,
diese kühne Aufgabe zu lösen: Ognate zu beherrschen und den Schlag gegen
Wallenstein zu forcieren. Slawata schwankte lange, ob er ihn an den Spanier
heranlassen sollte; es war möglich, daß die eigentümliche Süßigkeit
Kuttners Ognate verführte ihn anzuhören; aber der Spanier war vom Spiel in
diesen verhängnisschweren Tagen ganz hingerissen. Es waren keine Versuche
mehr zu machen; der schöne vornehme Slawata setzte sich selbst am
Würfeltisch dem Spanier gegenüber.

Sie spielten ohne die Mienen zu verändern um steigend hohe Summen. Sofort
setzte Slawata mit großen Beträgen ein, er sah, daß sein Partner
lethargisch in das Spiel versunken war, daß er spielte, spielte, und nur
durch Ungeheuerliches aufzureißen war. Die eigentümliche Genußstimmung, in
der er diese Wintermonate über war -- Kuttner war ihm begegnet, den Hof
wollte er nicht verlassen, sein Herz war gefesselt -- verstärkte sich jäh
vor diesem hageren Gesicht mit den winklig hoch aufgestellten schwarzen
Augenbrauen; »erwecken, erwecken!« flutete drängte es in ihm, »wir
spielen.«

Als die Würfel immer schlecht für den Böhmen fielen, rang sich der Spanier
das Wort ab: »Warum strengt sich Euer Liebden so an? Ihr seid im Nachteil.«
»Ich kann in Vorteil kommen.« Ernst der Marquis: »Wie der Herr will.« Wie
die Einsätze Slawatas in die Tausende gingen, begann der Spanier zu zögern;
er war in Brand, unsicher fragte er den andern: »Was ist mit Euch? Spielen
wir oder nicht?« Slawata hörte kaum, was er für Zahlen sagte; er
beobachtete nur die Wirkung auf das Gesicht seines Gegners; entzückt
lächelte er: »Ich hab' noch mehr.« Die Lippen sich leckend, zum Sprung
gerüstet der Spanier: »Eure Sache, Herr Slawata. Ich bin nicht Euer
Vormund.« »Was denkt Ihr von Spanien?« fing Slawata an. »Was ist mit
Spanien?« »Es muß schön bei Euch sein. Ich möchte spanischer Botschafter
sein.« »Slawata, Herr, was tätet Ihr da anderes als ich?« »Was?« »Spielen.«
»Das weiß ich nicht so genau. Also dreitausend.« »Also dreitausend, Herr
Slawata. Ihr verspielt Euren Kopf. Da, fünfzehn, Ihr habt verloren.« »Was
macht das. Ich verrate meinen Heiland darum nicht. Aber ich wüßte, was ich
täte, wenn ich spanischer Botschafter wäre.« »Wieviel?« »Setzt Ihr.«
»Dreitausend.« »Dreitausend. Marquis seid überzeugt, ich säße nicht hier.
Keine Minute litte es mich hier.« »Die Böhmen sind allesamt sonderbare
Käuze.« »Ich achtete hier auf den Hof.« »Ich achte auf Euch schon gut.«
»Was ist auf mich zu achten. Ich verliere so tapfer an Euch. Nein seht,
diesmal Ihr.« »So hab' ich doch recht.« »Eine Ausnahme, Marquis. Also
fünftausend.« »Das nehm' ich nicht an.« »Spielt, Herr Ognate. Gerüttelt,
geschüttelt.« »Fünftausend!« »Keinen Heller mehr. Ihr müßt auf den Hof
achten, da werdet Ihr noch öfter staunen. Ihr werdet hier nicht mehr lange
sitzen.« »Graf Slawata wird nicht dafür sorgen, wo der spanische
Botschafter sitzt, an den er selbst sein Geld verliert.« »Fünftausend.«
»Ich spiele nicht fünftausend.« »Also sechstausend, Marquis.« »Ich spiele,
Herr Graf, ich versichere, ich spiele.« »Was seid Ihr erregt um meine Habe.
Ich bin doch ein Bettler.« »Was ist das?« »Was, Herr Ognate?« »Daß Ihr
Bettler seid?« Slawata lachte freundlich: »Ach Ihr meint, ich hätte
schlechtes Gold, oder langes. Nein. Es kommt nur nicht drauf an, ob ich
etwas noch habe.« »Es bleibt bei sechstausend? Sechstausend Gulden?«
»Taler, Marquis.« Ognate ließ den Würfelbecher aus der schlaffen linken
Hand unter den Tisch fallen: »Nein.« Ernst, melancholisch der Böhme: »Ich
hab' Euch zu verraten, daß ich spiele. Ich liebe meine Habe nicht wie ein
Jüngling, der eine verschleierte Geiß für eine Jungfrau anspricht. Ich bin
schon ein Bock zu meiner Geiß.« Mit tiefer Stimme, sich vorbeugend der
Spanier: »Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch so weit verlockt habe.«

Und wie Slawata ruhig ablehnte und weiterzuspielen begehrte, saß der
Spanier sehr nachdenklich da, nahm zögernd den Becher wieder auf und fragte
ganz heimlich, wieviel also der Herr setzen würde und worauf. Und würfelte
dann, ohne den andern sehen zu lassen, auf einer Tischkante, rasch die
Hohlhand über die Würfel deckend; stand momentan auf, mit einer traurigen
Miene: »Wir wollen abbrechen.«

Ein sonderbares Geschick fügte es, daß am nächsten Tag Slawata am selben
Ebenholztisch im selben Maße Zug für Zug verlor, derart, daß er erschrak,
wild und tief erschrak und zur Beschaffung von Geld aufbrach und am Hofe
Urlaub nehmen mußte; er konnte nicht am Hofe erraten lassen, was er trieb.
Auf der Fahrt erst kam dem Böhmen die Ungeheuerlichkeit seines Verlustes zu
Bewußtsein und betäubte ihn; er mußte in Kürze seinen Stand verlieren. In
trüben Gedanken ging er nach Prag und verschaffte sich Gelder; ziellos hing
er einige Tage hier, grollte matt sich, dem Friedländer. Er lahmte einmal
zu einem Konvent des Adels; wie er die Türklinke berührte, empfand er aber
in sich einen Schlag, dunkel stand er vor der Schwelle, sein Kopf hing vor
der Brust; er fühlte sich fortgetrieben, gestoßen von der Klinke. Hier war
nicht seine Sache, er trieb sein eignes Spiel. Er ging, mußte seinen Wagen
nehmen, reiste schon ab; es kam ihm vor, als ob er wieder zu sich käme;
mußte seinen Körper nach Wien fahren. Und unterwegs erwachte er. Es erhob
sich in ihm wieder, er fühlte sich gefüllt, ein Leben flutete über seine
Brust und Arme. Es gab Kuttner, Ognate, den riesigen Herzog Friedland. Er
langte in Wien beim Spieltisch des Marquis an. Er war glücklich dazusitzen
und sich ganz zu finden. Als gleich die ersten Züge das Unglück des Grafen
anzeigten, suchte der Marquis, zum erstenmal während eines Spiels
aufstehend, den ruhigen anderen zu einem Spaziergang oder einer Fechtübung
einzuladen.

Ognate setzte sich dann nicht wieder mit Slawata an den Ebenholztisch. Sie
wechselten die Tische, die Plätze, er suchte ihn ganz vom Spiel
abzubringen. Slawata duldete alles in einer eigentümlichen bittersüßen
Beklommenheit. Er fühlte: er fuhr.

Er hatte es bald sehr leicht bei dem Spanier. Slawata sah sich wie ein
Kranker behandelt und beschenkt. Er hatte sein halbes Vermögen an den
Spanier verspielt, ein dunkles Geschick hatte das vollzogen.
Lockenschüttelnd entzückt sah der Böhme den Spanier mit dem olivenfarbenen
Gesicht vor sich stehen und über den Tisch aus seinem grünen Beutel
klingelndes Gold schütteln, das er ihm aufdrängen wollte. Er konnte es
sanft vom Tisch wischen mit dem Unterarm, hatte es nicht darauf abgesehen,
der Spanier war schon im Begriff zurückzuzahlen.

Sie sprachen vom Friedländer; er entblößte sich, es war rasch geschehen.
»Ihr haßt den Friedländer auch«, fragte mit aufleuchtenden Augen
zähnefletschend der Spanier; und Ognate begann von dem schamlosen
Bestechungsversuch vor Jahren zu reden, ihn auszuforschen. Er gestand
lächelnd an einer Auffassung der Situation durch die Beteiligung Bayerns
gehindert zu sein. Aber man müsse sich wohl auf die Sprünge machen, wenn es
so stehe, und dabei pfiff er schon durch die Zähne. Er hatte mit dem ihm
wohlgefallenden vornehmen Böhmen noch öfter Unterredungen; es freute ihn
mit dem Böhmen übereinzustimmen, daß Friedland ein böses gefährliches Tier
sei, dessen man sich vielleicht von Zeit zu Zeit mit Umsicht bedienen
dürfe. Er war sehr begierig Slawata zu Diensten zu sein.

Nun wurde er mit Leichtigkeit von den Jesuiten belauert, vom Grafen Schlick
angegriffen. Der Mailänder Gouverneur erhielt mit einmal, wie er schon
zögernd durch die Lombardei marschierte, die leidenschaftlich erregte
Anweisung vom spanischen Geschäftsträger in Wien, seinen Weg so zu nehmen,
wie ihm vom Grafen Schlick, als dem kaiserlichen Kriegsratpräsidenten,
vorgeschrieben werde, insbesondere gute Verbindung mit dem stark
gefährdeten bayrischen Kurfürsten zu suchen, auch jeglichen anderen Befehl
abzuweisen. Große Beschleunigung der Reise wurde ihm ans Herz gelegt.

Die spanische Armee erklomm in wenigen Tagen das Vorgelände der Alpen, sie
durchzog die Pässe bei strengem Frost; die angeworbenen Neapolitaner litten
sehr. Nach drei Wochen hatten sie die Paßhöhen überwunden, stiegen nach
Deutschland herunter.

                   *       *       *       *       *

Die schwarzrockigen Herren, die in den Kammern der Kaiserlichen Burg
herumgingen und in deren Mündern die Namen Azorius Vitelleschi Bellarmin
die entscheidenden waren, berieten viel über die äußerlichen Zeichen der
Ketzerei. Ein Theologe namens Eymerckus hatte angegeben, bleiche
Gesichtsfarbe kennzeichne den Ketzer, wilde Blicke den Zauberer. Man erwog
die vorbildliche General- und Spezialinstruktion des bayrischen Kurfürsten
für den Hexenprozeß: es dürfe keiner, der einmal bekannt hatte unter der
Folter, zum Widerruf zugelassen werden; man fand nicht genug Worte für
diese weise Verfügung. Denn wie sinnlos sei es, nachdem mit der Gewalt der
Folter der Widerstand des Fleisches endlich überwunden sei, das besessene
Fleisch mit dem Nachlaß des Drucks noch einmal reden und natürlich
widerreden zu lassen. Wie würde der Teufel über solche Albernheit wiehern:
das seien Kämpen, die ihm gegenüberstünden!

In ihrer Gesellschaft fanden sich jetzt mehr hohe Herren des Hofes; auch
Eggenberg tastete um sie. Der alte Mann kam zu keinem Entschluß. Was der
Graf Schlick berichtete aus Pilsen und Questenberg gezwungen bestätigte,
stellte Habsburg vor eine gräßliche Aufgabe. Man hatte den Herzog zu
Friedland großgezüchtet, hatte sich fast an ihm vergangen, als man ihm die
übermenschlichen Vollmachten und Gewalten gab. Nun war die Krise da: die
Ehrfurcht vor der Majestät hatte der Friedländer abgestreift, der Chronos
sollte von seinen eigenen Kindern verschluckt werden. Müde war Eggenberg,
viel grübelte er, dachte hoffnungslos an die Schreckenstage in Regensburg
bei Wallensteins Absetzung. Damals war man mit Bangen und Zagen, er selbst
fast verschlungen von Entsetzen, um das Schlimmste herumgekommen; Friedland
hatte sich nicht gesträubt. Jetzt mußte man auch an dies heran. Müde war
er; das bodenlos schwere Schicksal des Reiches, das immer erneute
Heranrollen an den Abgrund ermattete ihn. Wie lange würde man sich
hinschleppen. Hinter den Jesuvätern schlich er. Hier war Optimismus und
Tatkraft; er wollte sich ein wenig von ihnen tragen lassen. Trautmannsdorf
suchte er in seiner Unsicherheit mit sich zu ziehen. Sie verhandelten lange
zusammen. Der verwachsene Graf erklärte; seitdem der Friedländer den neuen
fürchterlichen Vertrag aufgestellt habe, wüßte man woran man mit ihm sei;
jetzt käme unerbittlich die Krise. Eggenberg gestand: er hätte manchmal
seit der Musterung des Heeres bei Rakonitz mit Wallenstein daran gedacht,
aber er hätte auch gedacht, es käme vielleicht alles ganz anders;
vielleicht stürbe Wallenstein, vielleicht stürbe er, Eggenberg, selber, und
nun gibt das Geschick erbarmenlos nicht nach.

Wie sie auf den Grafen Schlick zu sprechen kamen, wurde Trautmannsdorf
heftiger, man ließe dem Herrn zuviel freie Hand, er beneide den Herzog.
Alles Reden brachte sie nicht darüber weg, daß man in einer Sackgasse war:
der Herzog führte keinen Krieg, er kämpfte nicht, hatte Dinge vor, die man
nicht übersah; unerträglich zog er den Krieg hin, statt den Feind zu
schlagen, man konnte ihn nicht halten. Fast weinend gestand Trautmannsdorf,
daß man ja selbst keine freie Hand mehr habe, seitdem der Bayer so
gnadenlos im Stich gelassen worden sei, seitdem auch Spanien sich gegen
Wallenstein ausgelassen habe. Und so suchten sie beide die Fußstapfen der
Jesuiten und Schlicks, Eggenberg widerstrebend, der Bucklige mit heftigem
Abscheu. Ihnen schauerte und sie konnten nicht los.

Sie bildeten mit dem kleinen Abt Anton eine Kommission, die in höchster
Verschwiegenheit die Sache des Friedländers behandeln sollte. Sie fühlten
sich so zerrissen, daß sie auch den Spanier Ognate hinzuzogen, gelegentlich
auch Lamormain. Schlick schlossen sie aus. Es sollte und durfte nichts
geschehen, setzten sie von vornherein dringend und mit aller
Entschiedenheit und Angst fest, was sie nicht bestimmt und gebilligt
hatten. Sie erklärten auch, daß Graf Schlick nicht autorisiert war bei
seiner Reise nach Pilsen, Generalspersonen und Kriegsoffiziere wegen ihrer
Anhänglichkeit an Friedland zu sondieren; der peinliche Beschluß
Friedlands, die Obersten über kaiserliche Weisungen beraten zu lassen,
könne dadurch provoziert sein. So schwankend sei die Lage, daß nichts
Unvorsichtiges und Heftiges geschehen dürfe. Sie veranlaßten die
Kriegskanzlei freundliche ehrerbietige Briefe nach Pilsen zu schicken;
sogar der Kaiser, dem man damit noch eine Freude zu machen gedachte, wurde
bewogen, als läge nichts vor, an seinen großen General zu schreiben. Ognate
drang mit seiner Wildheit nicht durch; man horchte ihn nur aus, band ihn
entsetzt fest an die Konferenzen.

Mit dem Baron Breuner pflog der kleine Abt Anton stille und
leidenschaftliche Unterhaltungen, von denen er nichts in die Kommission zu
tragen wagte. Die Schuldenlast des Erzhauses war unerhört gestiegen; mit
gräßlicher Beredtheit wies Breuner, der nicht zur Schlickpartei gehörte,
ein ruhiger edler Kavalier, darauf hin, daß ja die Einnahmequellen des
Hauses von Wallenstein planmäßig verstopft würden; er brächte nichts mehr
an Kontributionen wie früher ins Land hinein, aber lagere sich in Böhmen
Mähren; man müsse Österreich schröpfen -- für ihn, für ihn; und dafür müsse
man ihn angehen um der notwendigsten kaiserlichen Bedürfnisse willen. »Er
hat uns beim Schopf,« winkte Breuner, »er ist kein Esel. Zu guter Letzt
kann er uns wegwerfen wie nichts, so faul leer und leicht sind wir.« Anton,
der keine Blumen bei sich hatte und dessen Finger die weichen Blüten
vermißten, ging jammernd herum, zupfte an den Vorhängen des kleinen
Zimmers. Was bliebe, höhnte Breuner, dann übrig, als daß man die
Kronjuwelen eines Tages verpfände an ihn, die Erblande sind schon seine
Sicherheit. »Ich wette, eines Tages zieht er an mit zehn zwölf Regimentern,
verlangt Bezahlung, wenn wir ihm zu stark zusetzen.« »Ja, das ist es, man
darf ihm nicht stark zusetzen. Wir wissen nicht, wohin wir ihn treiben
können.« »Mehr als auf den Thron setzen kann er sich ja nicht.« »Mein
Gott«, stöhnte Anton. »Mein Gott, Herr Abt; unser Herrgott verlangt
Zugreifen. Wir müssen wissen, was unseres Amtes ist. Schrecklich,
schrecklich sind wir im Sumpf, kaum ahnt es einer. Fürst Eggenberg will es
nicht glauben. Ihr wißt es ja selbst. Bassewi war einmal unser Gehilfe.
Jetzt hat ihn der Friedländer im Sack. Die Judenschaft läßt uns im Stich.
Sie wollen dem Kaiser nichts geben. Wir können nicht weiter.« Anton
stöhnte: »Wir haben nichts.«

»Was,« brüllte Breuner, »wir haben nichts? Der Herzog hat uns ausgeraubt.
Wir sind betrogen und geplündert worden.« Anton rieb unglücklich die
Handteller aneinander. »Jetzt -- in diesem Augenblick ist Habsburg wirklich
besiegt.«

»Er hat uns im Sack. Er läuft uns nicht so davon;« Breuner knirschte und
tippte den Abt auf die Brust, »er ist der ruchloseste schamloseste Mensch.«
»Was wollt Ihr. Er ist in allem ein Unhold.«

Was sie tun sollten. -- Was sie tun sollten? Mit ihm? Niederschlagen. --
Geduldig, bettelte Abt Anton, der Herr Baron solle sich doch
zusammennehmen, was käme bei solchem Schmähen heraus. -- »Ihr kennt mich
als ruhigen Menschen. Ich hab' es mir lang überlegt. Wir sind in der
Notwehr. Wir können uns nicht behaupten. Wir sind die Herren, er der
Diener; das Wasser steht uns schon am Kinn. Sind wir darum das Haus
Habsburg, daß wir uns von ihm wie von einem Strolch hinwerfen lassen und
zum Schluß noch den Hals hinhalten.« »Habsburg hat Jahrhunderte durch
geblüht. Es hat das Christentum verbreitet. Es ist undenkbar, daß es
untergeht.« »Es wird nicht untergehen, Ehrwürden. Uns ist nicht mehr viel
geblieben; wir sind aber nicht ganz waffenlos. Wir werden uns mit den
Zähnen verteidigen.«

Anton: ob der so erregte Baron es nicht für möglich halte, daß der Herzog
auf erstickende Machtmittel verzichtet; daß er vielleicht herausgebe, was
ihm nicht zukomme. -- Dieser Dialekt ist dem Friedländer unbekannt. -- Aber
er müsse es herausgeben; er müsse sehen, daß Habsburg und das Haus
Friedland sich nicht darum zanken könnten, wie die Dinge einmal liegen; es
sei ja Wahnsinn. -- Möge der Herr Abt hoffen; er, der Breuner, sage voraus:
dieser böhmische Adlige pfiffe auf den Rang und die Jahrhunderte des Hauses
Habsburg; und er hätte, im Vertrauen gesagt, Recht damit: denn man könne
auf einen pfeifen, der einen leeren Säckel habe und den man über den Haufen
schießen könne. »Euch fehlt der Mut im Hohen Rat, Herren; Ihr könnt auch
schlecht sehen. Pappelt weiter, beratet, der Friedländer wird Euch gut
bedienen. Verwehrt es andern nicht, daß sie das Haus Habsburg und die
Heilige Kirche für mehr als eine Diskussionsangelegenheit halten. Es mag
gegen ihn vorgegangen werden, wie er mit uns vorhat.«

Seufzend wankte der Abt ab. Tappelte später wieder zu Breuner, zaghaft und
ängstlich-begierig wie Fürst Eggenberg zu den Jesuiten. Und immer kam
Breuner darauf zurück, es bliebe nichts übrig; sie seien rettungslos
verloren, und selbst wenn Wallenstein nichts verbräche, sie müßten seiner
Herr werden und ihn hernehmen. »Wir können seiner nicht schonen; Ihr mögt
ihn lieben wie Euer eigenes Kind; er muß ob heute oder morgen mit Hab und
Gut daran glauben. Ihr müßt Euch entscheiden, Ihr seht doch alles klarer
als der Fürst Eggenberg oder Trautmannsdorf oder der Pater Lamormain. Er
tut uns den Gefallen, daß er selber die Frage aufwirft: Habsburg oder
Friedland. Er wirft die Frage auf; doch. Aber, Ehrwürden, täte er es nicht,
es hülfe uns nichts: wir müssen ihn fangen auf irgendeine Weise. Wir müssen
ihm eine Falle stellen.« Entsetzt Anton: »Aber wenn der verdienstvolle Mann
nichts verbricht?« »Wir müssen ihn reizen dazu; er muß ins Garn.«

Ein Jesuit orientierte den Baron Breuner: es sei unsinnig, Gleichheit vor
dem Gesetz. Wenigstens vor dem moralischen Gesetz seien die Menschen
keineswegs gleich. Es käme auf den Stand, die Person an. Unter Umständen
könne ein Edelmann töten, vielleicht hätte ein Bürger dazu kein Recht. Eine
edle Gesellschaft, die in Gefahr schwebe, kompromittiert zu werden, könne
der Bloßstellung oder Beschimpfung durch Ermordung des Bösen zuvorkommen.
Wer werde Hinterlist tadeln. Von einem sehr Starken von vorn angefallen zu
werden, ist Tapferkeit; wenn aber ein Nichtstarker töten müsse, solle er
darauf verzichten, weil er nicht von vorn angreifen kann? Etwa weil er dem
Volke später nicht als tapfer, als Held erscheine? Welches Hängen und
Kleben an Silben. Wer werde so billigen Urteilen nacheilen.

Schlick und die Jesuväter wurden durch Spione auf dem laufenden erhalten
über das eigentümliche Konspirieren im Pilsener Lager, zuletzt über
verstärkten Botenverkehr mit Sachsen. Der dicke breitnasige Italiener
Pikkolomini, Wallensteins ehemaliger Leibgardenkapitän, zuletzt General der
Kavallerie, ein schweißduftendes hitziges Tier, hielt sich in diesen
Wintertagen in Wien auf, um mit Schlick über seine Beförderung Fühlung zu
nehmen. Er bot sich bei einem Spazierritt um die Basteien, als Schlick auf
die gespannten eigenartigen Verhältnisse hinwies, selbst zu Diensten an;
dem Wallenstein trug er nach, daß er ihn dem dänischen Günstling, dem Holk,
unterstellt hatte; Stimmen sprachen davon, daß Holk in Sachsen nicht ohne
Mitwirkung dieses haarumwallten Herzogs von Amalfi umgekommen sei, und zwar
durch ein bequemes Gift. Das trübäugige Untier, der schwere bigotte Schlick
gab ihm im Morast des Unteren Wöhrd den Auftrag, die sächsische
Korrespondenz des Friedländers zu überwachen und zu stören; es mußte auf
alle erdenkliche Weise verhindert werden, daß Wallenstein Machtzuwachs
erhielt; isoliert sollte er niedergedrückt werden. Schlick verbot dem
General, bevor sie sich der Stadt näherten, mit irgend jemand am Hofe in
Verbindung zu treten; es herrsche hier ein lauer unentschiedener Geist;
durch die Lauheit sei das Übel erst gewachsen.

Der Italiener erhielt, bevor er abreiste, von dem einsilbigen Präsidenten
des Hofkriegsrats das Dekret mit seiner Ernennung zum kaiserlichen
Marschall in die fleischigen Hände gedrückt, dazu den Geheimbefehl bis zum
verabredeten Augenblick Verschwiegenheit über die Ernennung zu bewahren.
Schon nach fünf Tagen konnte der Italiener nach Wien melden, daß er durch
eine kleine zuverlässige Schar seiner Landsleute zwei der sächsischen
Kuriere habe meucheln lassen; es hätten sich bei ihnen Chiffrebriefe für
den Grafen Trzka gefunden, die er mitschickte.

Mit Gewalt mußte Graf Schlick den Ansturm des spanischen Ognate und einiger
jesuitischer Herren abweisen, die ihn zu sofortiger Niederwerfung
Wallensteins drängten; er deutete ihnen die Schwierigkeit der Situation an.
Man könnte nur Schritt für Schritt vorgehen, man riskiere, den Herzog vor
der Welt als Märtyrer hinzustellen. Man müsse ihn bequem ganz herauskommen
lassen, im Augenblick die Zeit zur Unterminierung seines Bodens ausnutzen.

Um diese Zeit verließ Graf Slawata, der noch immer schöne blühende Mann,
Wien, den Hof und Kuttner, um nach Prag zurückzukehren. Kuttner begleitete
ihn einen halben Tag Wegs. »Vergesse der Herr nicht unsere Geschäfte«,
lächelte Slawata, als der Jüngling ruhig weiter neben seinem Wagen reiten
wollte; »in Prag gibt es keine Lorbeeren zu gewinnen, aber Wien hat ein
üppiges Klima dafür.« »Ich will beten, daß, wenn der Herzog zu Friedland
fällt, Ihr die Krone von Böhmen bekommt. Ihr seid der beste Mann des
Landes.« »Nach Hause! Kuttner! Rasch! Sorgt, daß man mich nicht am Kragen
kriegt. Es wird heftig zugehen. Weg, lieber Kuttner, der bayrischen
Durchlaucht bester elegantester schönster Diener. Es ist keine Zeit für
verträumte Kinder auf der Straße.« Kuttner ließ noch lange seine Hutbänder
auf der geschwenkten Degenspitze wehen.

Slawatas Wagen aber machte plötzlich eine Wendung. Rasselnd schlug er die
Richtung auf Pilsen ein.

                   *       *       *       *       *

In der grünen heißen Kammer der Kaiserin hob sich rauschend die
blutrotgekleidete Vortänzerin und tanzte langsam vor der Mantuanerin im
Zimmer herum. Sie forderte mit den winkenden Händen, den lockenden
ringreichen Fingern die zweite zitronengelbe auf, die neben der Mantuanerin
hockte. Sie faßten sich an den Händen, um die Hüften, sich schlingend,
schleiften sich über den Teppich. Am Ofen sang eine feine helle Stimme: die
dralle Gräfin Kollonits, den sinnenden schwarzen Kopf an der Tapete, beide
Hände vor den Augen.

Und als sie zu Ende getanzt hatten, sang sie einsam am Ofen weiter:
»Vionetus von Engelland, ein König mächtig sehr, seine Tochter Ursula
genannt, der Jungfrauschaft ein' Ehr. Weil sie mit Christi Blut erkauft und
durch des Höchsten Will' getauft, hat sie Christus erwählt allein, in
Keuschheit stets zu dienen sein.«

Vom Boden, wo die Mantuanerin lag, stieg wie dünner Rauch immer das Seufzen
auf: »Wie schön! Singt es noch einmal.« »Wie schön, noch einmal.« »Ich will
nicht soviel singen,« bat die Gräfin, »des Kaisers Majestät sitzt in der
Kammer und wartet.« »Was du drängst.« »Kommt mit«, lockte die Mantuanerin,
die den Arm ihrer Dame nahm, die beiden Damen.

Ferdinand lächelte ihnen staunend entgegen: »Ich habe gehört, wie gesungen
wurde. Aber ich habe teil an der höllischen Passauer Kunst.« Die zitternde
Frau ließ sich in einen Sessel führen. »Ich bin ganz und gar gefroren. Es
kommt nichts an mich heran. Hab' ich es nicht schon einmal gesagt,
Eleonore. Danke, meine Damen, rot wie die brennende Liebe, gelb wie Neid.
Wo ist Grün vor Minne?« Und wie die Damen hinaus waren, faßte er sie bei
der Hand an: »Ich habe Trautmannsdorf zu mir gebeten; er wollte mich
unterhalten.« »Kommt herein,« er zog den verwachsenen Grafen aus der
Vorkammer zu sich, »ja lacht. Ich predige Euer Lob. Ihr seid mein
Gesellschafter.«

Die Kaiserin suchte Trautmannsdorfs Blick zu erhaschen, um ihn in ihre
Gewalt zu bekommen; sie lächelte in halber Verzweiflung: »Wie kann denn die
Welt so schlecht sein. Wir sind ja alle Christen. Die Welt ist ja zweierlei
jetzt, die alte sündige Welt und Jesus, und der Heiland. Man mag nicht so
viel von dem Bösen reden.« Ferdinand näherte sich ihr, strich ihr freudig
die Schulter: »Wie gut du das sagst, Eleonore.«

Sie brach fast zusammen unter ihrem Schmuck. Die Augen angezündete Kerzen,
schaukelnde Windlichter, in hypnotisierender Weiße.

Da fing Trautmannsdorf an; man solle nicht von dem Bösen reden und man
könne nicht von ihm schweigen, wenn man ihn überwältigen wolle. Das Böse
selbst redet nicht, es ist da, handelt, verändert, verwirrt. Der Heiland
ist an dem Bösen nicht vorübergegangen; das Böse hat ihn an die Welt
gelockt. Ferdinand: »Es ist so. Sprecht, Trautmannsdorf. Setzt Euch.«
»Warum muß ich hier zuhören, Ferdinand?« »Willst du nicht, Eleonore?« Nach
langer Pause sagte sie: »Ich will« und suchte wieder ihren flehenden Blick
an Trautmannsdorfs kühle Augen zu drängen.

Der kleine Graf sprach von den politischen Dingen. Ferdinand hinhorchend,
hineindrängend wurde von dem Wagen der Ereignisse fortgeschleift, hing nach
rückwärts, Hände und Kopf aufschlagend.

Der Graf Ognate, endete Trautmannsdorf, sei von den Vorgängen -- der Kaiser
hob abwehrend die Hände -- orientiert, die katholische Majestät wünsche im
habsburgischen Interesse das rascheste und entschlossenste Ende der
gefährlichen Wirren. Das rascheste und sicherste Ende, wiederholte mit den
Fingern am Gurt spielend der kühle Graf; der Kaiser und die Mantuanerin
hielten die Gesichter einander zugewandt, suchten, klopften, rissen
aneinander.

Die Mantuanerin fragte rauh den Grafen, warum er ihr die Antwort schuldig
bleibe: die Welt sei zweierlei, Jesus Christus sei für die Welt geboren,
zur Unterwerfung des Bösen; ohne den Heiland seien sie ja nicht Christen.
»So sprecht«, winkte Ferdinand. Da seufzte Trautmannsdorf, sie seien schon
genötigt sich auch dann für Christen zu halten, wenn sie Verrat oder
drohenden Verrat abwehrten, mit Gewalt, da es so erfordert werde. Ich muß
hören, dachte es in Ferdinand, was hier alles auf der Welt vorgeht. »Ihr
müßt denken,« Eleonore streng aufgestellte Augenbrauen, »keinen Verrat
aufkommen zu lassen, der Euch zu entsetzlichen Dingen nötigt. Jesus braucht
nicht gelebt zu haben, wenn Ihr nichts weiter könnt, als auf eine Untat so
zu antworten.« »Ich weiß, ich weiß. O wie gut empfinden Majestät das. Ist
doch die Aufgabe des Staatsmannes und Politikers nicht besser als eines
Scharfrichters oder Schindknechtes. Ich habe nur den Trost, daß das
Evangelium nicht ganz den Stab über uns bricht; es hat auch den Satz:
>Gebet Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist.<« »Ihr
seid schlau, Graf Trautmannsdorf. Ein schlimmes Gewerbe habt Ihr.« »Wir
haben nicht den Wunsch, gegen den Herzog zu Friedland schlimm zu verfahren.
Er wird sich biegen lassen. Wie schlimm stand es auf dem Kollegialtag zu
Regensburg. Wir beten, daß Gott uns nicht verläßt.« »Ich aber«, hob
Ferdinand langsam beide Hände gegen ihn, »will Euch fragen, Trautmannsdorf,
warum wir denn schlimme Gewalt anwenden müssen, wenn uns der Herzog
verrät.« Da schwieg der Graf. »Könnt Ihr es beantworten, Trautmannsdorf.«
Der stammelte, versuchte zu lächeln, blickte auf die fahle Mantuanerin:
»Ja, nein, ich kann schlecht verstehen.« »Besinnt Euch, Trautmannsdorf.«
»Ich weiß schwer, was ich antworten soll.« »Wenn uns der Herzog verrät,
müssen wir ihm gehorchen?« Eleonore saß aufrecht; Ferdinand sah sie und den
Grafen triumphierend an. Stammelnd errötend Trautmannsdorf: »Ich bedaure,
daß unser alter Fürst Eggenberg nicht zugegen ist; er weiß vielleicht
rascher als ich Antwort.« »Ich weiß; ich habe Euch gebeten, ohne ihn; ich
will Euch hören.« »Eure Majestät wird den Thron verlieren, wenn sie nicht
dem Herzog gehorcht.« »Trautmannsdorf, achtet auf, du auch, Eleonore, achte
auf. Diese Antwort hat eben Fürst Eggenberg, mein lieber Freund gegeben.
Jetzt wird Trautmannsdorf sich äußern: wem ist der Kaiser untertan?« »Nur
Gott.« »Dem Herzog zu Friedland nicht?« Der Graf schwieg. »Und ferner: bin
ich dem Throne untertan? Denn ich soll den Thron verlieren.« Auch Eleonore
hing gespannt an ihm. »Wenn ich aber Kaiser bin, bin und nicht Lust habe zu
gehorchen?«

Mitleidig senkte der kleine Graf den grauen Kopf; leise und langsam:
»Versuche Eure Majestät es einmal, so -- ungehorsam zu sein. Ich sagte
schon, der Erfolg wird uns nicht behagen. Der Herzog wird über Wien fallen,
wir werden in Wien sitzen, vielleicht im Kerker; vielleicht liegen wir
unter der Erde.« Ferdinand hob die Hände: »Ich werde nicht unter der Erde
liegen.« Eleonore bitter: »Wie spricht der Herr Graf. Es soll nicht erlaubt
sein, solche Gespenster an die Wand zu malen.« Fast höhnisch
Trautmannsdorf: »Gespenster werden wir sein.«

Hauchend Ferdinand: »Sieh an -- das hat schon Lamormain gesagt. Und so hat
es ein Witz gefügt, daß ich jetzt Krieg gegen den Mann führe, dem ich mein
Leben, die Krone und noch manches verdanke. Denn ich wäre doch schon längst
Gespenst nach Eurer Theorie, wenn er uns nicht geschützt hätte.« »Wir
wollen«, der Graf mit leichter Verbeugung, »nur dem Kaiser geben, was des
Kaisers ist.« »Mir?« zuckte Ferdinand; seine Stimme schwoll an; er schrie,
»soll das meinetwegen geschehen? Meinetwegen? Eleonore, meinetwegen! Der
Herzog hat uns befreit von -- ich sage nicht welchen Ketten, er hat uns
getragen und hochgehoben. Ich werde nicht unter der Erde liegen. Dahin ist
es gekommen! Wodurch, wodurch!«

Der Graf war zurückgetreten, Ferdinand leichenfarben, zitternde Knie,
brüllte vor ihm: »Ich -- will -- nicht.« Trautmannsdorf sehr leise:
»Majestät befehlen.« Die Arme hochhebend über seinen Kopf Ferdinand: »Ihr
werdet nicht auf mich hören. Ich gehorche nicht. Man wage nicht, mich ins
Spiel zu ziehen. Ich werde es nicht zugeben. Ich werde mich auf seine Seite
stellen, wenn Ihr etwas wagt. Ich -- bin -- der Kaiser.« Die Mantuanerin
umschlang ihn weinend: »Geht, Herr Graf!«

Ferdinand ließ die Arme nicht herab: »Nicht -- mei--net--wegen!« Sie
stellte sich vor ihn; Ferdinand über sie weg: »Wodurch werde ich zu solchem
Wahnsinn getrieben. Nichts soll meinetwegen geschehen. Jetzt vergewaltigen
sie mich zu Schande und Erbärmlichkeit.« Die Kaiserin flehte nach
rückwärts: »Geht, Herr Graf.« Sie führte ihn rasch an die Tür.

»Ernüchtert ist er,« höhnte der Kaiser mit anklagendem Ausdruck am Fleck
stehenbleibend, »hinaus. Hinaus. Was haben sie im Kopf, das ich alles muß.
Von mir bleibt nichts übrig. Was habe ich früher mich gewunden, daß ich vor
dem bayrischen Maximilian betteln mußte. Aber das!«

Er brüllte: »Dienen! Dienen! Ich -- will -- nicht!« Dröhnend.

An den Wagen mit den Füßen gebunden, über Steine und Äste schleifend, Hände
und Kopf aufruckend, niederklappend.

-- Nach Wolkersdorf. In den Wald. Wie auf Wellen, gleitend, sinkend,
gehoben. Die Füße rasselnd gegen Steine. An der Kohlenbrennerei vorbei;
zwischen den kahlen Stämmen irrend durch Stunden.

Laues tauiges Wetter. Die Waldschneise. Der braunbärtige Einsiedler, dessen
rechte Gesichtshälfte aus tiefen Geschwüren eiterte, fragte vor der Höhle,
was er wolle. »Euch zusehen.« Aber diesmal waren die Augen des fremden
Handwerkers so begehrend, daß der Fromme vor der Höhle blieb und unter dem
Vordach murmelnd betete.

Nach langer Zeit fragte er: »Was ist Euch geschehen?« »Sprecht, sprecht,
guter Mann. Erleichtert Euch.« »Es ist nicht nötig, daß ich spreche. Ich
komme zu Euch. Will Euch hören. Euer Gesicht ist zerfressen; seid Ihr
deswegen aus der Welt gegangen?« »Nein.« Der Einsiedler hockte vor ihm,
faßte ihn am Kinn, vertiefte sich in sein Gesicht, das er mit den Augen
fast aufwühlte und umpflügte. Ferdinand griff inbrünstig nach seinen
Händen. Der Einsiedler zog ihn in die Höhle.

Drin ließ ihn Ferdinand kaum auf das hohe Strohlager sich setzen, so
stammelte, ächzte er: »Was, was, ist es, sagt mir, was ist es mit dem
Satan?« »Du hältst mich für einen Teufelsbanner?« »Nein, nein.« »Du
glaubst, daß ich mich ihm verschworen habe, weil ich gezeichnet bin.«
»Nein.« »Warum fragst du. Ich gehöre zu seiner Synagoge, glaubst du, ich
habe mich vor euch versteckt, habe eine Salbe, laufe als Wolf herum. Darum
kommst du hierher. Du bist Soldat, ich soll dir helfen.« »Nein.« »Wo ist
der Schatz, den ich für dich heben soll.« Sein Knie berührte Ferdinand.
Während sich die Augen anfunkelten, verzerrte sich das Gesicht Jeremias,
ein hoher Ton wie das Piepsen eines kleinen Vogels kam aus seiner Kehle:
»Du bist ihm begegnet. Ich sehe es ja; du bist besessen. Du kennst ihn.«
»Ich weiß nicht.« Flüsternd Ferdinand: »Bruder. Was ist mit ihm.« Der
lachte verzerrt, redete hastig: »Kein Gott kann so grausam sein wie das
ist, was die Welt gemacht hat. Weißt du das?« »Ja.« »Siehst du, siehst du,
du sagst ja, du wagst nicht nein zu sagen.« »Ich werde dich nicht
verraten.« »Bruder, du wirst mich nicht verraten. Es ist alles Teufelswerk.
Du brauchst keine Angst vor dir zu haben. Es gibt nur einen Teufel. Gott
gibt es nicht. Den Teufel gibt es. Er ist so sichtbar, für alle Augen
erkenntlich wie etwas. Alle Zeichen, die für den Bösen gelten, sind
erfüllt. Die Verblendung ist unermeßlich.« Ferdinand warf sich auf den
nackten Boden, zitterte: »Das weißt du. Und die heilige Kirche.« »Sei
stark, wenn du suchst, Bruder. Wir müssen es ertragen. Ermatte nicht zu
rasch.« »Ich höre.« »Jesus Christus hat es gewußt, Bruder. Ihn hat nicht
Maria zur Welt gelockt und die Liebe Gottes: er hat das Böse vorausgefühlt
und den Menschen dazu und wollte uns die Last tragen helfen. Sieh, Jesus
ist dagewesen; er hat sich erbarmt, niemand kann die Fülle seines Erbarmens
fassen. Er hat die Menschen gesehen, die Sünde gesehen, der Satan selbst
ist an ihn herangetreten; man muß darüber mit Raschheit hinweggehen, was
Jesus mit dem Satan besprochen hat. Niemand weiß es, es hat uns niemand
gesagt. Sein Leben unter den Aposteln blieb in Dunkel gehüllt. Er ist
schnurstracks seines Wegs gegangen und keiner hat sein wahres Gesicht sehen
können. Niemand weiß es. Ich -- Bruder --« »Was ist dir?«

»Komm neben mich. Ich kann zu dir sprechen. Ja, du bist auch besessen. Du
wirst mich nicht verraten. Willst du mir etwas glauben, willst du mich
nicht für einen Schelm oder Trottel halten.« »Ich bin zu dir gekommen.«
»Ich will dir erzählen. Wie meine Wange hier einsank, war es eine Angst,
die ich hatte, plötzlich eine Stunde, einen halben Tag, einen gräßlichen
höllensiedenden langen Tag. Ich -- habe -- sein -- Gesicht gesehen, Jesus,
des Gesalbten Gesicht --.« Er zeigte flüsternd, die Augen aufreißend an der
halbfinsteren Hinterwand der braunen Höhle einen lose herausragenden
Wurzelstock: »Hier ist eine Wurzel; faß sie an, hier. Du kannst sie sehen,
wenn deine Augen sich gewöhnt haben. Es ist dunkel hier. Ich bin Einsiedler
und brauche die bunten Farben nicht. Hier ist es gewesen, eines hellen
Tages, als die Sonne auf den Getreidefeldern lag, als ich ahnungslos hier
eintrat. Das heitere Zirpen der Meisen. Da war er da.« Er faßte wild
ächzend die Wurzel an, um sie hingen Stricke und Kettchen und ohne sich um
den Gast zu kümmern, wie gezwungen, entblößte er Brust und Arm;
kraterförmig tiefe Geschwürsflächen unter dem Hals, über der halben Brust;
er fing an sich zu schlagen, die Arme vor der Brust verschränkend, rechts
herüber, links herüber peitschend, saß bald in der völligen Finsternis der
Höhle, schob sich stürmisch gegen sich arbeitend immer weiter zurück.

Nach einer Weile hörten die Schläge auf, er rutschte mit geschlossenen
Augen neben Ferdinand. Blut quoll an den Schultern aus dem groben Hemd, er
saß still und keuchend neben ihm. Dann: »Hörst du mich?« »Ja.« »Ich will
dir erzählen, Bruder. In einem Sonnenfleck da über der Wurzel. Bleib hier,
du brauchst dich nicht fürchten.« »Ich fürchte mich doch«, flüsterte
Ferdinand. »Nein, du brauchst dich nicht fürchten. Ich erzähle dir ja nur.
Gib mir deine Hand. Er ist ja jetzt nicht da. Er war hier in der Höhle. Es
war so hell; meine Augen waren noch geblendet von dem Sonnenschein draußen,
wie ich mich bückte, um hereinzukommen. Da bemerkte ich ein Loch in dem
kleinen Lichtfleck, eine Höhlung, eine Vertiefung, als wäre Erde aus der
Wand herausgefallen oder hätte ein Tier von innen gewühlt. Ich sehe drauf
hin, das Licht geht nicht weg, warum rollt der Sand von der Wand, um das
Loch herum, da bewegt sich etwas. Ich halte es für ein Tier, ein
langfüßiges schwarzes, vielleicht eine Riesenspinne; es läuft so über das
Licht. Das Rieseln und Zittern ließ nicht nach, der ganze Kreis, es kommt
mir vor, weißt du Bruder, als ob er sich hebt, als ob es eine Metallscheibe
ist, die sich beult. Ich traute mich nicht den Kopf zu bewegen. Mit einmal,
als wenn mir die Augen herausgerissen würden, erkannte ich -- sein
Gesicht.« »Wessen.« »Seins, Bruder. Nicht doch. Du verstehst nicht. Es war
so dunkel mit Haaren, Ohren, Augen, Kinn in der Helligkeit; die dünnen
schwarzen Wangen zitterten ihm, als wenn er fröre oder verhindert würde den
Mund zu öffnen oder die Lider hochzuziehen.« »Bruder, wessen Gesicht hast
du gesehen.« »Und dann lief etwas Schreckliches um seinen Mund. Ich kann es
nicht mehr sehen; ich kann seitdem diese Stelle nicht verlassen. Es ist
kein Schwur, den ich getan habe, es ist -- daß ich an diesen Ort genagelt
bin. Ich möchte mich hängen an die Wurzel nur um zu leiden, zu leiden.«

Seine Haare hatten sich gesträubt, ihm strömten die Tränen aus Augen und
Nase: »Bruder, du bist mir nicht gram, du wirst mich nicht verachten, weil
ich gottlos bin. Ich leide, ich stranguliere mich, ich lege mich zum Rösten
in die Sonne, um zu vergessen. Um ihn zu vergessen. Den da.« Entgeistert
wackelte der Braunbärtige auf seinem Platz, er bibberte, stotterte: »Oder
mich vor ihn werfen; wenn mich nur einer zerreißen wollte.«

Ferdinand zitterte wie er: »Es war Christus.« »Er hat Satan gesehen, ich
ahne ihn nur; ich sehe die Welt, rieche ihre Verwesung -- aber er kannte
auch die Menschen, die Seelen. Der hat sich für uns geopfert. Er wußte, daß
uns nichts überzeugen könnte als sein schmerzensreicher gräßlicher Tod.
Christus Jesus hat sich verstellt für uns. Für dich und mich. Die größte
Seele, er hat sich in die Wagschale werfen müssen.« »Gegen den Satan.« »Es
hat ihn an den Satan herangetrieben, alle Freiheit, alle Selbständigkeit,
die Lust des Lebens hat er von sich hingeworfen. Ihn wollte er von uns
verscheuchen, von Mensch und Getier. Und --.« »Was ist.« »Du weißt ja
allein weiter, Bruder, was ist.« Er durchbohrte mit den Blicken den Kaiser,
schrie: »Es hat nichts genutzt. Der Satan wiegt schwerer. Nicht einmal sein
Andenken ist aufbewahrt, man weiß nichts mehr von ihm. Man weiß nichts mehr
von ihm. Die Kirche hat ihn verschlungen.« Ferdinand hielt sich die Hände
vor die Augen: »O Bruder, was du sprichst.« »Ihr braucht nicht ratlos sein.
Ihr seid gut dran. Ich weiß. Man mißbraucht seinen Namen. Aber du weißt es
ja auch anders. Du wirst mich nicht verraten.« »Was tust du hier?« Der
Einsiedler warf sich dicht an ihn heran: »Du brauchst nicht glauben, was
ich sage. Ich hab' dir doch nichts Neues gesagt. Bleibe draußen. Sei fromm.
Bist du mein Bruder?« Ferdinand zog die Hände vom Gesicht.

Wie Ferdinand im Wald an einer niedergebrochenen Buche stand und von dem
schweren Gefühl heimgesucht wurde: zwei Adler standen auf hohen Füßen
hinter ihm, schlugen ungeheuer mit den Flügeln, Wind vor sich treibend,
krachte sehr nahe ein Schuß. Die Stimme des Dieners: »Schützt Euch, Herr,
schützt Euch.«

Es raschelte um sie im Wald, von den Stämmen lösten sich Menschen; in
Sprüngen kam ein älterer säbelschwingender Geselle näher, stolperte über
seine eigene Säbelscheide, griff Ferdinand an die Brust, riß ihn herum, sah
ihm ins Gesicht. Einer mit einem Feuerrohr lief dicht hinter ihm; von allen
Seiten sprangen sonderbare Kerle mit Pistolen und Knütteln an. Der Ältere,
der Anführer, ein Mann mit einem kühnen Gesicht, fragte den Kaiser, wo die
anderen wären. Ferdinand war sehr ruhig. Die Bande suchte in der Umgebung
alles ab. Die Debatte zeigte, daß man sich vergriffen hatte; wer ergriffen
werden sollte, erfuhr der Kaiser und sein mit Stricken gebundener Diener
nicht. Man durchsuchte sie, wollte sie wieder laufen lassen.

Da fühlte Ferdinand plötzlich die tiefe Ruhe, die sich seiner während des
Überfalls bemächtigt hatte.

Die Höhle des Einsiedlers.

Die Spinne. Was war das. Es kam ihm meilenweit vor, jahrelang fern.

Er konnte sich nicht trennen. Dem Anführer, der sich in einem Hinterhalt zu
einigen gesattelten Pferden begab, folgte er trotz der Anrufe der anderen.
Er fühlte, daß ihm befohlen war, mit dem gewalttätigen Kerl zu sprechen,
der seine Wut an einigen Bauern ausließ, die bei den Pferden standen und
offenbar mitgeschleppt wurden. Bei Wolkersdorf wüßte er einen Grafen, der
morgen oder übermorgen zu einer großen Reise die Ausfahrt mache, er nannte
einen beliebigen Namen, war glücklich, als der andere anbiß. Der Diener
wurde von der Bande nicht losgelassen, Ferdinand nahm tuschelnd von ihm
Abschied, der an ein Pferd gebunden war.

Als Ferdinand allein in der Höhle der Kohlenbrennerei war -- wußte er
nicht, was er vorhatte. Dachte kaum. Fühlte nur, daß ihm ein Glück zuteil
geworden war. Ein sonderbares Glück.

Als wenn er eine glatte eingeseifte Bahn herunterrutschte. »Ich gebe nicht
nach«, seufzte er noch im Scherz, und rutschte schon weiter den bekannten
Weg, den er oft irgendwo gefallen war. Es war eine Freiheit, die ihn mit
wachsender Stärke entzückte. Als wenn er das Ende einer Stange ergriffen
hätte, an der er sich ruhig, mit geschlossenen Augen, entlang bewegen
konnte.

                   *       *       *       *       *

Die Armeen, die der zu Friedland angesammelt hatte, standen massiert in
Böhmen, starke Detachements hielten unter dem von Aldringen bei den Bayern;
gegen Schlesien und die Mark waren Regimenter vorgetrieben unter
Schaffgottsch, nach Süden gegen Budweis und Tabor beobachteten Abteilungen
unter Marradas. Eine tiefe Lethargie hatte sich der Truppen bemächtigt. Ein
eigentümliches Mißtrauen ging unter den Offizieren um. Man hatte seit dem
heißen Leipziger Treffen, bei dem die Königliche Würde von Schweden ihr
Leben lassen mußte, nichts getan, was Ruhm und Freude brachte. Märchenhaft
weit lagen die Tage von Nürnberg zurück; die Söldner kamen und sangen von
dem Burgstall bei Zirndorf, den der Bernhard von Weimar gestürmt hatte,
wieder abgeben mußte und Hunderte seiner Knechte verlor. Von Wallenstein,
der den König von Dänemark über Jütland weg in die Ostsee gejagt hatte, und
den Mansfeld, den Bastard, den Durlacher und den Halberstädter ergriff, daß
sie zerbrachen und sich nicht retten konnten. Italienische Fähnlein zogen
herauf, einstmal von dem weinseligen toten Kollalto vor Mantua angeworben
zur friedländischen Fahne: sie hatten Mantua geplündert, der Herzog von
Nevers hatte nicht standhalten können. Nun lungerten sie seit Monaten herum
auf schlesischem Boden, vor den sächsischen und schwedischen Heeren,
verlagen.

Die Meister der Artillerie häuften die Kugeln an zu Bergen, verkauften sie
heimlich an fremde Unterhändler. Die Stückknechte und Büchsenmeister
wüteten widerwillig gegen Rost und Staub. Der Arkebusier trug ein
Schußgewehr und zwei Pistolen, die Offiziere schrien, wenn sie den Degen
umlegten; warum sollte man sich mit dem schweren Gewehr und Pistolen
schleppen. Konstabler Schneller Schanzbauern Granatiere Minatoren
Bergknappen Pontoniere Petardierer schleiften ihre Füße durch den Lehm des
Artillerielagers, ließen untätig die Mäuler hängen, verfluchten Granaten
Petarden Lunte Ladungskapseln. Schlichen davon zum Schweden, Sachsen.
Fragten wo Krieg sei. Immer noch liefen Neugeworbene an; wurden zu
besonderen Fähnlein zusammengeschlossen, nach einundzwanzig Kommandos wurde
die Pike exerziert, neunundneunzig Tempi brauchte das Feuern und
Wiederladen, hundertdreiundvierzig Kommandos die Musketen; die Alten
standen dabei, grinsten und zogen mürrisch weiter. Auch in die Jungen wurde
Mißtrauen gelegt, die Strafen stiegen, Wippgalgen, hölzerne Esel wurden
überall vermehrt. Die alten Söldner freuten sich mit Grimm: es war das
einzige, das sie an die früheren Jahre erinnerte. Heiß wurde draußen
geworben, die Agenten ließen trommeln: hundert Gulden Werbegeld, für den
Tag zwölf Kreuzer. Während die Rotten zuströmten, schmolzen innen die Heere
aus, zogen die neuen in den Schwund hinein; das leckende Rinnsal war nicht
zu stopfen.

Heftigkeiten kamen vor. Gegen Artilleristen, die an sächsische und
schwedische Händler Munition und Stückkugeln verkauften, verbanden sich
Freifähnlein von Kürissern, legten sich in Hinterhalt, nahmen den Betrügern
das fremde Geld ab; stießen einige nieder; sie selbst erzwangen sich
Aufsicht über größere Waffenlager; ihre heimliche Verpfändung und
Verschleuderung betrieb man dann im Verein. Offiziere wurden in solche
Affären mit hineingerissen, gegen die Generalspersonen wurden die Vorfälle
geheimgehalten, Mannschaften und Offiziere riskierten Posten und Leben. An
der bayrischen Front und nach Schlesien hin brachen Fähnlein und Rotten
aus, führten auf eigene Faust Krieg. Durch die schärfsten Mandate war
Aldringen wie Graf Schaffgottsch bedeutet, jeden Kampf zu verhindern,
Plänkeleien und Provokationen zu bestrafen. Die Truppen waren nicht zu
halten, die Obersten mußten froh sein, wenn die Abteilungen von ihren
wilden Exkursionen zurückkamen und sich den vorsichtig sanften Strafen
beugten und nicht einfach beim Feind blieben. Die Offiziere gewöhnten sich,
Spione und Vertrauensleute bei den einzelnen Regimentern zu halten, um
jedem Ausbruch von vornherein zuvorzukommen; es war ein gefährliches
Mittel, das sich oft gegen die Offiziere selbst richtete. Denn bisweilen
verrieten sich die Spitzel, wurden erkannt, gegen die Offiziere wurden
Anfälle unternommen, die Truppe wankte, die Führer mußten gewechselt
werden.

In Böhmen gärte es am wildesten; hier waren keine Feinde, gegen die man
sich wenden konnte; das Gros der Offiziere lagerte in Städten und Dörfern
unter den Truppen, die Aufsicht war schärfer als an den Außenfronten. Um
seine Soldaten fest in der Hand zu halten, hatte der Herzog zu Friedland
den eisernen erbarmungslosen Christian von Ilow zum obersten Inspekteur
ernannt. Ilow war aufgeklärt worden vom Kanzler Elz, dem Rittmeister
Neumann, zuletzt aufs intensivste vom Grafen Trzka: mit aller Macht müsse
das Heer bei der Disziplin erhalten werden; der Herzog brauche es parat und
schlagfertig, dürfe keine eigene Regung in den Truppen aufkommen, sei jeder
widerspenstige Offizier zu entfernen, revoltierende Regimenter aufzulösen
und unter zuverlässige zu stoßen. In Ilows Händen lag das Amt des
Inspekteurs gut, er hatte keine Ohren für die Klagen vieler Obersten:
Truppen seien kein toter Körper, kein Stock oder keine Muskete, die man
nach Belieben an die Wand stellt oder vorzieht; die Truppen brauchten
Bewegung, Aufgaben. Man durfte nicht ohne Gefahr so zu dem langen
Feldmarschall sprechen, er war rasch mit Roheiten da, drohte mit Profoß und
Reiterrecht. Lethargisch bissen die Offiziere in den Eisenzaum, den man
ihnen hinhielt; inzwischen zuckten die Tumulte weiter durch die Truppen.
Böhmen wurde das Opfer hunderter kleiner Banden, die sich aus dem
Heeresverbande loslösten, bisweilen eingefangen und zusammengeschossen
wurden. Einzelner wurde man nicht habhaft; sie tauchten immer wieder bei
den Regimentern unter, wie es hieß, gedeckt von den Offizieren selbst.

Um die furchtbare Neujahrszeit schien das ganze Land wie auf Signal von
einem tobenden revoltierenden Truppenschwarm bedeckt zu sein. Zu Plünderung
und Vergewaltigung ganzer Ortschaften kam es. Eine Reise Ilows mit
Wallensteins Leibgarde mußte das Heer noch einmal in ein brütendes
schreckvolles Schweigen zurückdrücken. Kurz darauf stießen aber Rotten aus
Marradas Regimentern bei Budweis gegen abgeirrte spanische Truppenkörper
vor, sie kämpften mit ihnen aus keinem anderen Grunde, als damit, wie sie
sagten, keiner mehr zu ihnen käme; sie seien schon genug; die Spanier
wurden empfindlich geschwächt. Die Entwaffnung der Meuternden bereitete
wegen der Mißlaune der Truppen große Schwierigkeiten; es kam hinzu, daß
Marradas nur bestimmten Kontingenten Waffen anvertraute, daß er aber,
heimlich vor dem Pilsener Hauptquartier, nach Wien sich begab und
flehentlich um Remedur der Verhältnisse bat. Es müsse eine Änderung in der
Kriegführung eintreten, das Heer brauche kriegerische Ablenkung.

Er war nicht der einzige, der in diesen Wochen verschwiegen die Truppe
verließ und nach Wien fuhr. Generalspersonen Obersten Kriegsoffiziere
fühlten, daß der Boden unter ihnen schwankte. Ihrer selbst hatte sich zu
einem großen Teil eine schlecht verhehlte Verdrossenheit bemächtigt. Um den
Herzog scharte sich eine Elite von hohen Personen, seine Vertrauten, ein
Geheimzirkel.

Ein Kern alter Offiziere war da, die unter dem Herzog alle deutschen
Schlachtfelder abgegangen waren. Es kamen zahlreiche besonders italienische
Herren, auch spanische dänische schottische, die der europäische Ruf
Wallensteins angelockt hatte, die den Krieg kennenlernen, den
entscheidenden Schlag Habsburgs gegen die schwedische Koalition miterleben
wollten, für sich auf Abenteuer und Karriere ausgingen.

Sie wurden vom Herzog mit Geld gefüttert und dabei blieb es. Von
Wallenstein selbst sahen sie nichts. Es hieß nur, er sei krank. Gerüchte
liefen, daß er seine Widersacher diplomatisch am Kragen halte und im
Begriff sei sie abzumurksen. Man erlebte keine ruhmreichen Schlachten,
nicht die ergiebigen Kontributionszüge, von denen sich ganz Europa
erzählte, aber ein verworrenes Herumlungern in Schlesien, einen
erschöpfenden Lauf nach Fürth herunter gegen den Weimarer Herzog, dann
Verstecken und Versinken in Böhmen, Winterquartiere Winterquartiere, wie
vorher Sommerquartiere Sommerquartiere.

Da verfluchten viele Offiziere wie die Knechte den kaiserlichen Krieg und
schlugen sich zu Bernhard. Die meisten aber blieben an der Futterkrippe
hängen, und wie sie blieben, bildeten sie ruinöse Herde der Mißstimmung,
der heftigen und ruhelosen Skepsis.

Hier schweiften herum und randalierten die Obersten Montard von Noyal,
Sebastian Kossatzky, Petrus von Lossy, Männer, die der Herzog mit
Vorschüssen für ein Regiment, andere, die er sogar mit Lehen versehen
hatte, kritisierten Politik Taktik Strategie des Generalissimus. Er galt
für überlebt, von seiner Krankheit gelähmt, für halb verrückt und verbohrt.
Wallenstein war nur eine Ruine; Narren waren sie, daß sie ihm zuliefen, der
nur den Namen des »Wallenstein« trug. Es gab bei den böhmischen Truppen
eine Anzahl Offiziere, die einen tiefen Haß auf den Herzog warfen, weil sie
ihm angehangen hatten und er sie jetzt, in Politik und Diplomatie
versunken, wilden aufgeblasenen Gesellen wie dem von Ilow aussetzte, die
irgendwie seine Gunst ergattert hatten.

Trzka und Ilow erfuhren die steigenden Widerstände im Heer. Den Herzog
suchten sie nach Möglichkeit darüber hinwegzutäuschen, und wo er etwas
merkte, trieb er sie zu blutiger Entschlossenheit an; er haßte nichts so
als Disziplinlosigkeit, sie war ihm zum Ekel. Aber unter dem Druck wuchs
der Gegendruck, die Offiziere wechselten ihre Standorte, anderswo flackerte
das Feuer auf, oder sie verschwanden und hetzten heimlich tückisch und
rachsüchtig.

Schon früher waren der Friedländer und die hohen Generalspersonen
Attentaten von heißblütigen Mannschaften oder Offizieren ausgesetzt. Jetzt
seit dem Einmarsch in die böhmischen Winterquartiere flogen Pfeile in ihre
Fenster und Zelte. Warnende Briefe fanden Ilows und Wallensteins Trabanten
häufig in den Vorzimmern oder Gaststuben, wo sie nur von Offizieren
hingelegt sein konnten. An klaren kalten Tagen ließ sich Friedland durch
das Pilsener Lager in seiner Sänfte tragen, besichtigte Fähnlein, hielt bei
exerzierenden Rotten, rief Knechte an, befragte unbekannte Offiziere. Es
herrschte kein Mangel im Lager, Friedland trieb die Intendanten an, noch
mehr von allem herbeizuschaffen: der Soldat, der ruht, müsse gemästet
werden, sonst rebelliere er. Und dutzendmal fragte er Ilow und Trzka, als
ob er mehr wüßte als sie, ob nicht die Offiziere, die jungen, älteren, über
ihn herzögen. Er sah seinen Herren unter die Augen; nun, sie könnten über
ihn herziehen, neben Profoß und Reiterrecht gäbe es noch eine wirksame
Macht: das Geld, das Spiel, der Wein, die Weiber; daß man die Herren nicht
verkommen lasse, das Heer verdiene sich das Prassen reichlich. Er erhöhte
Sold und Gehälter, seine Sätze waren fast doppelt so hoch als bei einem
anderen Heere. Ohne daß die Gärung nachließ und die Neigung, von ihm
abzufallen.

Man wußte, er betreibe leidenschaftlich den Friedensschluß, er brauche das
Heer so wie es hier war; und seine Umgebung erfuhr auch, wie das Heer,
besonders die ausländischen Truppen, darüber dachten: eines Morgens wehte
vor Friedlands Quartier in der Sachsengasse in Pilsen eine Fahne mit den
Kirchenfarben, darauf war gemalt: »Wallenstein, der Friedenspapst.« Einmal
hing quer über dem Tor seines Hauses an einem Tau eine abgehäutete blutige
Katze; darunter ein Fetzen Zeltleinwand mit der Schrift: »Wir haben kein
Fell mehr, wir können nicht kratzen, wir hängen hier gut.«

Nur Neumann, Friedlands Sekretär, erfuhr von dem gräßlichen Getümmel, das
in Wolfegg bei Pilsen entstand, als eine von Ilow herbeigerufene Kompagnie
hier eingerückt war. Die unruhigen Truppen lockten eine Anzahl der
herkommandierten Neulinge in eine mächtige Scheune, angeblich zu einem
solennen Begrüßungstrunk. Dann war aber in dem Saal nirgends gedeckt und
aufgetafelt, dicht stand Mann bei Mann; die neuen verschwanden völlig unter
den andern. Sie erhoben, indem sich an mehreren Stellen zwei drei
übereinanderkletterten, auf den Schultern ritten, von diesem Podium in der
Scheune ihre Stimme, schmähten, verlangten Aufklärung. Ihnen gegenüber
schwangen sich die Meuterischen hoch. Die sonderbaren Menschengestelle
rückten und wanderten in dem durch Strömungen zerrissenen Gedränge
gegeneinander, kamen voneinander ab, schwangen die Arme, Degen
gegeneinander. Man hatte sich jäh aneinander entzündet. Das Gebrüll auf die
herkommandierten »Verräter!« wurde allgemein. Wie sie oben fochten, schrie
man, sie sollten entwaffnet werden. Man stürzte die wandernden fechtenden
schlagenden Menschensäulen, im Gedränge stieß man sie nieder. Schweden
seien die Leute Ilows, wurde gerufen, sie seien Lumpen und Hundsfotte,
wollten auf Kosten der andern sich fett machen, man brauche keine Mörder
und Profosse mehr. In der sinnlosen Erregung brachen die Meuterer den
größten Teil der Scheune ab, zündeten die Balken an und warfen die Waffen,
Musketen, Piken, Partisanen der überwältigten fremden Kompagnie hinein,
machten sich daran, geradewegs in die Stadt zu stürmen, um zum Herzog zu
dringen.

Neumann, von der Lagerwache alarmiert, ließ die Stadttore stark besetzen,
Feldgeschütz dahinter auffahren. Er selbst mit kleiner Begleitung fing die
tumultuösen Truppen mitten im Lager auf; er war ins Lager hineingeritten,
um der drohenden Gefahr einer Ausbreitung des Lärms bis zum Herzog zu
begegnen. Ein dunkles Gefühl sagte ihm, daß im Lager jede signalgebende
Erregung momentan niedergehalten werden müßte. Er tat, während ihn die
Meuterer mit Fackeln auf freiem Stoppelfeld umstellten, als überhöre er
ihren Ton und sähe nicht die durchstochenen Hüte und herausfordernd auf
Stangen getragenen Wehrgehänge entwaffneter Ilowscher; er wandte sich
scheltend an die fünf gefangen mitgeführten Leutnants und Fahnenjunker
jener Kompagnie: was sie sich ankommen ließen in Wolfegg zu erscheinen.
Ihre Antwort, es sei ihnen befohlen, überdonnerte er. Sie sollten
fortmachen, ihre Eigenmächtigkeit würde sie teuer zu stehen kommen. Seine
eigene Begleitung nahm die gefangenen Offiziere in die Mitte und führte sie
in die Stadt ab. Eine Handvoll Mannschaften der Torbesatzung hatte den
sofortigen Abmarsch der neuangerückten Kompagnie zu überwachen. Unter
triumphierendem Geschrei zogen die Rebellen zurück. Neumann ritt finster in
die Stadt, weihte nur Ilow ein.

Der Vorfall hatte sich kurz nach Schlicks und Questenbergs Besuch in Pilsen
abgespielt. Die Vertrauten des Herzogs wußten, daß von kaiserlicher Seite
das schwelende Feuer geschürt wurde, ohne daß sie Bestimmtes feststellen
konnten. Unter ihnen war man einer Meinung, daß lange der Zustand nicht in
der Schwebe bleiben könne; es könnte dahin kommen, daß Meutereien auf das
ganze Heer übergriffen. Ilow verlangte einen großen Aderlaß für die Armee,
und auch Trzka war dieser Meinung, nur müsse es auf dem Wege eines
Feldzuges geschehen. Als Ilow achselzuckend und ärgerlich sagte, der Herzog
wolle doch nun einmal keinen Krieg, lächelte Trzka bedeutsam; auch Neumann
lächelte: es käme eben nur darauf an, gegen wen. Nämlich, um es kurz zu
sagen, gegen den Sachsen zu kämpfen, vielleicht auch gegen den Schweden
hätte der Friedländer wenigstens zur Zeit gar keine Lust. Aber da bliebe
noch allerhand Feindliches, ein Feind, von dem man nicht viel rede, dem es
der Herzog aber so gern antun möchte wie einem Schlangenwesen, daß er gegen
ihn sogar selbst auf das Pferd steigen werde. »Und dieser geheimnisvolle
Feind?« Das sei nicht schwer zu erraten. Und als Ilow noch nicht ihr
Lächeln durchschaute, wies Trzka ihn auf den Grafen Schlick hin, auf
Questenberg, und was sie im Lager vorgebracht hätten, und wie sie dem
Herzog die Waffen stumpf machen wollten.

Da blieb auch dem langen von Ilow erst der Mund offen. Er pfiff dann, ging
sehr langsam herum; also gegen Wien, das sei aber ein verteufeltes Manöver.
Oha! Und er konnte sich lange nicht beruhigen. Er kreischte dann leise
lachend, dicht vor Trzka, den anstoßend: »Sie sind ja wehrlos! Wir können
sie ja überrennen!« »Nun ja.« »Wir brauchen ja gar nicht kämpfen! Trzka,
wir brauchen ja nur marschieren, Marradas kippt auf die Nase!« »Um so
besser!« »Ein Witz, eine Komödie. Wer hat sich das ausgeheckt? Oha, ist das
ein Spaß.«

Neumann aber, nachdenklich seinen aufgehobenen Degen betrachtend, erklärte
drohend, es sei kein Spaß, man müsse von Tag zu Tag mehr auf dem Sprung
sein, man scheine im Augenblick noch der Angreifer zu sein, bald werde
einem nichts weiter übrigbleiben als sich verteidigen.

Im Lager und in der Umgebung Friedlands rief es keine Bestürzung hervor,
als immer bestimmter die Gerüchte verlauteten, ein größeres Heer,
hauptsächlich aus Italienern, von Spanien geworben, hätte die Alpen von
Mailand kommend überschritten und ziehe in starken Märschen in das Reich.
Auch an dem Herzog sah man keine Erschütterung; mit größter Anspannung
beobachtete er die Vorgänge.

Der Mailänder Gouverneur mit einer nicht kleinen Armee hatte sich den
ligistischen und aldringischen Regimentern angeschlossen. Es war das
eingetreten, was man erwartet hatte; fast lautlos, während er in Böhmen
saß, hatte sich die neue Phalanx gebildet. Gegen ihn. Die Phalanx, die er
erwartete.

Und bald meldeten Spione aus Wien, eine hohe Deputation sei abermals im
Begriff, den Hof in der Richtung auf Pilsen zu verlassen, um nunmehr
bestimmte unausweichbare Befehle zu überbringen. Gleichzeitig wurde
offenbar, daß es eine unsichtbare hohe, sehr hohe Stelle war, welche die
Wühlerei unter den Lagertruppen unterhielt. So nahe an den höchsten Plätzen
mußte diese Stelle sein, daß Trzka selbst Warnungsbriefe von anscheinend
treuer Seite zugetragen wurden; er war ganz ängstlich und verwirrt, als er
die Papiere aufknüllte und las, die höhnisch ihn selbst als Kaiserspion
bezeichneten. Affären, wie die der Vertreibung einer sicheren Kompagnie,
wurden aufgebauscht. Es wurde erzählt, eine Anzahl hoher Offiziere mit
bestimmten Truppen unterschlügen Sold und Kontributionen und verteilten sie
unter sich. Daß der Herzog vorhabe Frieden mit Schweden und Sachsen zu
machen, um sich von ihnen mit Böhmen beschenken zu lassen und sich rasch
seiner Verpflichtungen gegen das Heer zu entledigen, das er an den armen
Kaiser verweisen wollte. Das eigentümliche gefährliche Element von
Unsicherheit wuchs und wogte im Heere.

Da traf Trautmannsdorf und Questenberg in Pilsen ein. Niemand als
Trautmannsdorf hatte sich zu dieser Mission bereit erklärt, er hatte nach
dieser Aufgabe mit der Ruhe seiner besten Stunden gegriffen; Questenberg
wollte er bei sich haben, um ein vertrautes Gespräch mit einem sicheren
Mann führen zu können. Als Trautmannsdorf in Pilsen einfuhr, ließ von Ilow
den Zutritt zum Lager auf allen Seiten sperren, jeglicher fremden Person
war der Eintritt verboten; hinter Trautmannsdorf und seinen Begleiter
hängte er eine Ehrenwache von zehn jungen ungarischen Kornetts. Neben die
Wiener Herren stellte er sich selbst und zum Wechsel Trzka und Neumann. Den
beiden Gästen sollte kein unbelauschtes Wort gelingen. Der verwachsene Graf
war gegen die kriegerischen Herren von einer beleidigenden souveränen
Kühle, man drängte ihn rasch vor den Herzog, als er keinen Blick für das
imposante vor ihm aufgerollte Bild großer Kavalleriemanöver hatte.

Friedland ging in diesen strengen Wintertagen im Obstgarten seines
Quartiers viel spazieren, erfreute sich seiner wiedergewonnenen
Beweglichkeit. Der kleine Graf gedachte ihm fremd zu begegnen als
Beauftragter des Kaisers, vermochte sich aber nicht zu behaupten, als der
Herzog, im langen roten Mantel, auf das spanische Rohr gestützt, ihn
herzlich begrüßte, nach dem Kaiser, Eggenberg fragte, bedauerte, daß man
durch die Kriegsnöte persönlich auseinandergekommen sei. Und ehe
Trautmannsdorf seinen Auftrag beginnen konnte, verwickelte ihn der Herzog
in ein langes, von Späßen und Traueräußerungen unterbrochenes Gespräch über
den alten Harrach, über die Hofärzte und anderes. Dann erst, immer dieselbe
breite kahle Obstallee entlangspazierend, warf Friedland einen Blick auf
den stummen dicken Questenberg und bemerkte kurz, er hoffe, der Herr habe
den neulichen Besuch gut überstanden.

Das darauf eingetretene Schweigen war das Signal für Trautmannsdorf. Er
knüpfte an diesen neulichen Besuch an, schilderte mit übertriebener
Zaghaftigkeit die eigentümliche Situation des Kaiserhauses gegenüber
Spanien und der Herzog möchte das angekündigte und nun erfolgte
Heraufziehen des Spaniers auf den Kriegsschauplatz recht verstehen als eine
Maßnahme, die ohne Zutun des Kaiserhauses erfolgt sei und die man auch
nicht ohne schwere Komplikationen hätte verhindern können. Er fuhr dann
fort: die Armee des Mailänders sei zwar leidlich stark und wohl bewaffnet,
jedoch nicht stark genug, um jeder zu erwartenden Truppenmacht Trotz bieten
zu können. Man möchte deshalb von vornherein jeden feindlichen Anschlag
unmöglich machen, indem man die recht kleine Aldringische Schar auf eine
entsprechende Größe brächte und ihr die vom Augenblick gebotene
Beweglichkeit gäbe. Es möchte also des Herzogs Durchlaucht sich bequemen
und bereit finden, solange er nicht die Winterquartiere verlassen könne,
eine ausreichende Zahl von Regimentern dem von Aldringen zur Verstärkung
und Verwendung zu gestatten.

»Es ist mir unmöglich«, erklärte freundlich der Herzog. Er wandte sich an
den nachfolgenden Neumann, erbat sich ein Verzeichnis der Truppenstärke,
wies, als es in Kürze kam, die Zahlen dem kleinen sehr ernsten, kaum
hinblickenden Grafen: »Der Herr Graf wird sich selbst überzeugen. Zudem ist
der Mailänder von mir angewiesen, rasch den Kriegsschauplatz zu verlassen
oder nach Pilsen zu stoßen. Der Kurbayer muß Geduld haben; er wird nicht
verlorengehen.«

Der Graf war nicht zu beruhigen; man müsse zunächst andere Dinge
hintanstellen, die Notwendigkeiten des Kaiserhauses und so weiter.
Trautmannsdorf, immer den Kopf vor der Brust, knaute und kam nicht heraus.
Ruhig und sicher lachte der Herzog, der auf ein Trompetensignal gehorcht
hatte; darum möge sich der Graf keine Sorgen machen; er erkenne sie wieder,
den alten freundlichen Eggenberg und ihn, wie sie sich quälten, vielleicht
wäre auch ein Finanzmann im Bunde, um sie zu vexieren; bei ihm läge der
Kaiser und das Erzhaus wie in Abrahams Schoß. Er werde sich nicht
verläppern. Der Friede sei näher als sie glaubten. Auch als Trautmannsdorf,
der schwer beklommen war, ganz schwieg, blieb Wallensteins Ton freundlich;
er stellte sich vor die beiden Herren, zog sie an den Gurten zusammen: »Nun
wollen wir zusammen beraten, mein Herr Questenberg und Euer Liebden. Ich
will mich wie ein rechtschaffener Angeklagter vor Euch, kaiserliche
Vertreter, aufstellen und Ihr sollt schelten, was versehen ist.«
Questenberg nahm sich mit Gewalt zusammen: »Wir möchten Durchlaucht bitten,
uns dies zu ersparen. Wir sind ja auch ganz und gar nicht als Ankläger
hier.« »Nun seht Ihr,« unterbrach Wallenstein, der ihre Gürtel nicht
losließ, »ernsthaft könnt Ihr nichts anklagen. Es soll euch auch bei Jesu
schwer fallen. So gebt doch den Bayern frei. Was setzt man euch in die
Ohren. Den Herren scheint es unbekannt zu sein, wie es der Bruder des
bayrischen Kurfürsten, der Kölner, mit den Franzosen hält; Maximilian ist
da nicht weit vom Schuß.« Finster gab der Graf, der peinlich Wallensteins
Hand am Gürtel fühlte, zu, daß man davon gehört hätte. »Nun,« tönte der
Herzog, seinen Stab schwingend, zurück, »das bedeutet nichts?« Gezwungen
lächelte der Graf, der ein paar Schritte machte, um den Herzog vom Fleck zu
bewegen; schwerfällig folgte er auch; es schiene ja bald so, rang sich der
Graf ab, daß nicht Wallenstein, sondern sie hier als Angeklagte ständen.
»So nehmt doch Vernunft an, Herr Graf. Ihr seht meine Daten. Ihr antwortet
nichts zur Sache. Greift mich an. Ihr gebt mir fast zu, was ich sage. Oder
-- seid Ihr nicht allein hier?« »Was?« warf Trautmannsdorf den Kopf herum.
»Ich meine, Herr Graf, Ihr steht hier, ich kann Euch wohl sehen und
sprechen hören. Aber hier sind noch einige mit Euch, die ich nicht sehen
kann. Die sich vielleicht nicht -- hergewagt haben.« »Eure Durchlaucht
kennen mich.« »Ich weiß, es gibt schon Geister in Wien, die mich lieber am
Morgen als am Mittag verspeisen möchten. Einige von ihnen tragen viereckige
Hüte und schwarze Röcke. Es könnte auch sein, daß sie einen Mann wie den
Trautmannsdorf zu Fall bringen.«

Der Graf kühl: »Ich habe mir die Regeln meines Denkens in der guten Schule
des Aristoteles geben lassen.« »Ich weiß, ich weiß, aber so antwortet doch.
Ihr seid weder bestechlich noch dumm.« »Ich will Eure Durchlaucht nur
bitten zu bedenken, für wen wir in diesem Augenblick sprechen. Questenberg
und ich. Wir haben die Majestät zu vertreten oder Weisungen von ihr
abzugeben. So wollten wir Eure Durchlaucht bitten, und ich besonders --
denn Euer Durchlaucht weiß, wie ich Euch anhänge, wie ich Euch nach
Vermögen am Hof alle Wege geebnet habe, und daß mich keiner zu Bosheiten
gegen Euer Durchlaucht anzustoßen vermöchte -- ich wollte Euch bitten, gebt
uns einen Augenblick nach. Wenn wir auch keine Krone tragen, so sind doch
unsere Weisungen da -- und was sind wir alle? Vor der kaiserlichen
Majestät?« Hart der Herzog: »Braucht nicht einen darüber aufzuklären, der
sein Leben lang für den Kaiser gefochten hat.« »Der Kaiser weiß, was er
Euch zu verdanken hat.« »Es scheint aber, andere wissen es nicht.« »O wir
--« »Macht mir nichts, ob Ihr es wißt. Macht nichts.« »Wir sind allesamt
--« »Kommt nicht darauf an. Meinem Herrn diene ich billig und begehr' es
allezeit zu tun nach seinem Willen. Die anderen lassen die Finger von mir.
Jeder Verständige kann begreifen, daß ich nicht geneigt bin von meinem
Vertrag abzugehen. Soll keiner mit mir Schindluder treiben. Mein gnädiges
Erbieten an Euch zu verhandeln wird verachtet und für nichts angesehen.«

Die Herren schwiegen.

»Ihr sollt mir antworten, Herr, was Ihr gegen meine Gründe zu sagen habt
über das spanische und bayrische Ersuchen. Ich kann die kaiserliche Armee
nicht schwächen lassen.« Sie standen immer an einem Fleck; der Herzog
wandte sich jetzt, winkte ihnen, ging in das Haus voran.

Und auf dem Weg tauschte der kleine Graf keinen Blick mit Questenberg,
dessen Augen er trostlos an sich fühlte. Er hatte die schwere entscheidende
Sache mit sich allein abzumachen; die Kiefer biß er zusammen, seine
Stiefelspitzen stießen vor, blieben stehen, stießen vor, blieben stehen.
Sand, eine Matte, die Schwelle kam. Es galt nicht nachzugeben, nichts hören
-- sprechen, ein Horn vorstrecken; er sagte sich: »Mach dich steif, du
kleiner Trautmannsdorf, denk' an nichts, dies muß geschehen, du neigst zu
Späßen, dies muß geschehen, höre nichts, dies muß geschehen.«

Die niedrige stark geheizte Ritterstube, Wallenstein ohne Hut und Mantel,
mit hoher Stirn, weißbärtig, Platz anweisend, selbst auf der Bank an dem
kleinen bunten Fenster. Dem Trabanten, der den Mantel hinaustrug, schrie er
nach: »Türen schließen.« Trautmannsdorf, dem andern ein Schweigezeichen
gebend, beruhigte sich und hielt sich mit den Blicken fest an einer nach
rückabwärts ragenden Hirschgeweihspitze der Krone an der Decke. Sanft und
ohne sich von den funkelnden starren Augen des Herzogs beirren zu lassen,
setzte Trautmannsdorf auseinander, daß vor der Kaiserlichen Majestät, wenn
man sich ihr nicht widersetzen wolle, wenigstens in einem Punkt alle
Unterschiede verschwinden müßten: man sei vor ihr Untertan oder
Privatperson. Er führte das bezwingend aus. Der Herzog ließ ihn reden. Er
sei Reichsfürst, und dies sei das eine. Und dann sei sein geschriebener und
gesiegelter Vertrag da. Man habe schon in einem Punkte seinen Vertrag ohne
ausreichenden Einspruch durchlöchert: indem Feria in Deutschland erschien,
ohne von ihm dahin beordert zu sein, dann indem sich derselbe Feria seiner
vom Kaiser verliehenen Befehlsgewalt entzogen und einen ganz unnützen
Posten bei der bayrischen Durchlaucht einnahm. Er werde nicht nachgeben und
tun, was unsachverständige Leute, ohne ihn zu fragen, beschlössen.
Heimtückische Hiebe gegen seine Friedensbemühungen werde er zu parieren
verstehen.

Da löste Trautmannsdorf seine Augen von der Geweihspitze. Ihm gegenüber auf
der Fensterbank saß ein kalter Mensch, stützte sich auf ein spanisches
Rohr, redete entschieden und unwidersprechlich. Er konnte da ohne
Schwierigkeit aus seiner Gürteltasche ein geschlossenes gefaltetes
Schriftstück ziehen und daraus vorlesen, daß dem Herzog zu Friedland,
Seiner Majestät getreuen Feldhauptmann, ernstlich vorzuhalten sei, daß er
durch seine Maßnahmen im letzten Feldzug die Sicherheit des Kaiserhauses,
der Erblande und des Reiches sehr gefährdet habe, und daß die Majestät sich
nunmehr auf Rücksprache mit ihren erfahrenen Ratgebern veranlaßt gesehen
habe, zwei ihrer vertrauten Räte, den von Trautmannsdorf und von
Questenberg, dazu dem Feldhauptmann bekannt und zugetan, zu ihm zu schicken
und sie zu ermahnen, mündlich mit ihm die bayrische und spanische Affäre
zur Zufriedenheit des Kaisers beizulegen. Sollte aber der Humor der
herzoglichen Durchlaucht einer friedlichen Beilegung auch weiter nicht
geneigt sein, so müsse ihr bedeutet werden, daß die Kaiserliche Majestät
ihrem Feldhauptmann diesen Befehl gebe und in Ansehung des Ernstes der
Umstände über den Kopf des Generalissimus den Obersten Anweisungen geben
werde.

Diese kaiserliche Instruktion gab Trautmannsdorf dem Herzog, der sie, ohne
sie zu lesen, eine Weile schweigend in der Hand wog. Dann las er sie
aufstehend; legte sie, zu ihnen tretend, auf den Tisch. Als die beiden
aufstanden, drückte Wallenstein dem kleinen ihn scharf fixierenden Grafen
die Hand: »Ihr seid besser als der da.«

Wie sie sich, da sie den Eindruck hatten, er wolle die Sache bedenken, zu
weiterer Gunst, Lieb' und Gnad' verabschieden wollten, meldete seine leise
bestimmte Stimme, daß er sogleich ihnen seinen Willen vorhalten wolle. Er
werde dem kaiserlichen Begehren nicht stattun, aber er werde es auch nicht
verhindern. Er werde resignieren. Sie möchten einige Tage in seinem
Hauptquartier verbleiben, um seine schriftliche Resignation mit auf die
Reise zu nehmen.

Dem erschütterten Grafen drückte er noch einmal stark die Hand; er werde
ihm den erwiesenen Dienst zu Gutem nicht vergessen.

Weder Trzka noch Kinsky wurde darauf von ihm, als sie nach einigen Stunden
ihn aufsuchten, eingeweiht. Er ging in aller Ruhe mit ihnen und dem
herbeigerufenen Neumann die Liste der Generalspersonen und Offiziere durch,
um sich genaue Angaben über alle machen zu lassen. Er traf ein Grundgefühl
bei ihnen, als er erklärte, es sei jetzt das Wichtigste die Schafe von den
Böcken zu trennen und alles Unzuverlässige rasch abzustoßen. Über Aldringen
lautete das Urteil schlecht, es war recht, daß er hinten in Passau oder
sonstwo stand. Für Gallas sagte der Herzog gut; Fürst Pikkolomini, der
treue ehemalige Kapitän seiner Leibwache stand außerhalb jeden Verdachts;
man ging schrittweise die Listen durch. Über einige Männer, erklärte der
sehr nachdenkliche aufmerksame und zugängliche Herzog, werde er sich noch
informieren müssen. Er werde auch Zenno befragen, seinen Astrologen, über
den und jenen. Das sagte er zum Schluß leise. Es machte auf die anwesenden
Herren einen starken Eindruck: der sonderbar suchende Ton und mitten in den
geschäftsmäßigen Beratungen der Astrologe Zenno. Sie fühlten: er trug sich
mit etwas Außerordentlichem; er war bewegt, er sagte nichts, vielleicht
mißtraute er ihnen auch.

Gegen Abend dieses Tages erklärte er nach der Tafel gegen Trzka, er
resigniere. Man sei am Hof, anscheinend mit Einschluß des Kaisers, der
Meinung, daß er Habsburg und das Reich verrate, es gäbe wohl Narren Schelme
und Verleumder auch in seiner Umgebung, die geflissentlich so gefärbte
Nachrichten nach Wien kolportierten. Man dränge ihm nun unmögliche Befehle
auf, um eine Entscheidung herbeizuführen; er danke ab. Die weitere
Durchführung der Listen erübrige sich also.

So bestürzt war Trzka, daß er dem Lagerkommandanten von Ilow nach einer
Viertelstunde ohne Besinnung in die Arme fiel, in Ilows Wohnung, die er
gedankenlos aufgesucht hatte. Das Faktum der Mitteilung hatte ihn
widerstandslos getroffen, obwohl der Ton der vorangegangenen Unterhaltung
Friedlands Entschluß schon angedeutet hatte.

Der mächtige von Ilow war keinen Augenblick bewegt. Nachdem er seinen Gast
mit einem starken Wein beruhigt hatte, kam ohne weiteres aus ihm heraus,
während seine gefleckten Augen auseinanderirrten, wie immer, wenn er sich
entschloß: der Herzog brauche sie, er sei hilflos ohne sie, die Reihe sei
an ihnen, einzugreifen. Später: daß Friedland von Abdankung rede, geschehe,
um sie herauszufordern; er wolle wissen, woran er mit ihnen sei.

Das half Trzka auf die Beine; er fluchte, es sei schmählich, so vor Schlick
zurückzuweichen. Dann hielt Ilow fest, die Kriegsoffiziere, einschließlich
Generalspersonen und Obersten müßten alarmiert werden; Wallenstein sei der
Entschluß, zu gehen, bei ihrer Listendurchsicht gekommen, sein Glaube in
die Zuverlässigkeit der Truppen schwanke.

Die rücksichtslos in der Dunkelheit hereingerufenen und im Moment befragten
Obersten, fünf, sechs, waren bis zur Verwirrtheit erschrocken und gaben
eine Äußerung mehr oder weniger kläglich von sich: wie es mit ihren
Gehältern werde und mit ihren Ausständen beim Kaiser, für die Wallenstein
gebürgt habe und mit den Vorschüssen, die sie von ihm erhalten hatten.

Von Ilow, Trzka, Neumann und Kinsky besorgten durch Briefe und Besuche am
grauenden Tag die Herbeirufung und Orientierung der Generalspersonen und
Obersten der in der Nähe liegenden Regimenter. Bei der dann am Abend
stattfindenden Besprechung im Pilsener Stadthaus berichtete Neumann, in
feinen Franzosenschuhen auf einen wackligen Tisch steigend: der Entschluß
sei offensichtlich dem Herzog nach einem beleidigenden Ansinnen der
kaiserlichen Delegierten gekommen; es handle sich um dieselben Punkte, über
die die Herren Obristen schon einmal auf Geheiß ihrer Durchlaucht beraten
hätten: Abmarsch aus den Winterquartieren, die Spanier und wie und unter
welcher Eskorte der Nachfolger der niederländischen Infantin aus Mailand
nach Brüssel reisen sollte. Schon da schrien einige Offiziere: »Das kennen
wir schon!« »Er soll in Mailand bleiben.« Es handle sich eben um Abgabe von
Truppen, setzte nach beruhigenden zustimmenden Handbewegungen der kluge
Neumann fort, sich auf seinem Tisch ausbalancierend. Diese Frage könne
nicht am grünen Tisch in Wien entschieden werden. Ob etwa der Pater
Lamormain neuerdings auch für Strategie kompetent sei. Unter dem Gelächter
kam es einige Zeit nicht zum Fortgang der Erörterung, sämtliche dem Herzog
Ilow und Trzka verbundenen Obersten waren zugegen. Ihr Urteil war bald
fertig, es handle sich um eine der üblen Hofschikanen gegen den Herzog. Die
nicht kleine Zahl derjenigen, die eine Änderung der Heeresverhältnisse
wünschten, war ohne Zusammenhang; ihr Widerstreben -- sie wagten sich nicht
hervor -- war auch rasch gemildert, als von Ilow tobend ausstieß, daß die
Truppenabgabe im selben Augenblick vor sich gehen solle, wo der Herzog
einen großen, noch nicht anzudeutenden Schlag vorhabe. Allgemein
ausbrechender Lärm, Fragen, Jubel, Durcheinander. Freches Lächeln Ilows.

Der Lärm verhinderte fast, daß eine Deputation unter von Ilow, bestehend
aus dem Obersten Bredow, Henderson, Losy und Mohr vom Wald gewählt wurde,
die sich stracks zum Herzog in die Sachsengasse begaben. Sie wurden von ihm
in der Schlafkammer, wo er mit Zenno konferierte, angenommen und unter Dank
abgewiesen, da sein Entschluß gefaßt sei.

Am frühen Morgen aber, als sich noch Trzka selbst der erregten Deputation
angeschlossen hatte und mit tränenden Augen unter den andern vor Friedlands
Bett stand, gab Friedland still einen nach dem andern prüfend und lauernd
anblickend, jedem langsam die Hand -- sie durften sie nur an der Spitze der
Finger berühren, er konnte sie schwer anheben -- er vernähme ihr Verlangen,
ihn bei sich zu behalten, gern, er denke an ihr Geld und ihre Zukunft; so
werde er die Last weiter tragen und sie noch diese schlimme Zeit durch
führen.

Von der Deputation wurde auf dem klirrenden Heimgang durch das schlafende
Pilsen ein feierliches Freudenbankett beschlossen. Es geschah, daß auf ihm
nachmittags von mehreren gar nicht sonst vertrauten Obersten im Überschwang
der Erregung die Anregung kam, gemeinsam wie man hier sei, der durch
Krankheit verhinderten Durchlaucht, ihrem weltberühmten Obersten
Feldhauptmann, den sie sich wiedergewonnen hätten und der sie weiter zu
Sieg und Ehre führen werde, ihren Dank für seine Sinnesänderung und Gnade
aussprechen und durch einen gewandten Schreiber aufzeichnen zu lassen, daß
sie zu ihm stünden. Das Schriftstück wurde von dem glücklichen Neumann, dem
vor Freude weinenden Trzka während des tosenden Banketts verfaßt. Sie
gebrauchten die stärksten Worte: gelobten statt eines körperlichen Eids
alles zu befördern, was zu des Herzogs und der Armada Erhaltung gereichte
und sich für ihn bis auf den letzten aufgesparten Blutstropfen einzusetzen,
sie wollten jeden unter sich, der treulos und ehrvergessen wäre, verfolgen
und sich an seinem Hab und Gut, Leib und Leben rächen, als wären sie selbst
verraten. Mit einem einzigen riesigen Freudengebrüll, Säbelschlagen,
Zerschmettern von Trinkgeschirr wurde das Elaborat in dem Bankettsaal
aufgenommen.

In seinem Erker wurden zwei Tische übereinandergestellt, auf dem untern
stand mit geschwungenem Degen der mächtige von Ilow; wer schreiben wollte,
mußte zu ihm herauf. Bei der zunehmenden Wildheit mußten bald vier
Trabanten mit gefällten Partisanen den Eingang zum Erker verwahren. Draußen
watete und wankte mähneschüttelnd der schmerbäuchige Pikkolomini zwischen
den Tischreihen, schrie italienisch, taumelte Arm in Arm mit Diodati zum
Erker, brüllte: »O traditore!«, ohne daß man wußte, wen er meinte; Isolani
hatte sich drei fremde Pelzmäntel über den Kopf gezogen, stürmte auf den
Obersten Losy, der ihn höhnisch einen savoyardischen Affenführer genannt
hatte, bedrohte ihn mit einer Tischplatte. Auch Trzka hatte das Bankett zu
einer vollen Mette werden lassen, er ging mit gezücktem Degen einher,
wollte jeden niederstechen. Der Erker war gedeckt, es unterschrieben Julius
Heinrich von Sachsen, Morzin, Suys, Gonzaga, Lambry, Florent de la Fosse,
von Wiltberg, Montard von Noyal, Pychowicy, Rauchhaupt, Kossatzky --
dieser, nachdem er zweimal vom Tisch gefallen war und nachdem ihm die
Saalwachen mit Hellebarden den Rücken gestützt hatten --, Gordon, Markus
Korpaß, Silvio Pikkolomini, Johann Ulrich Bissinger, von Teufel, Tobias von
Gissenberg, Juan de Salazar -- er ritt mit seinem elefantisch massiven
Landsmann Filippi Korrasko --, Lukas Notario, genannt nach seinem Gebaren
das Wiesel, der finstere Schotte Walter Buttler, als letzter. Der
schmächtige sanfte Christoph Peukher, der nackt, von allen Seiten mit Wein
begossen, umherlief, um zu beweisen, daß er ein Mann sei; man vertrieb ihn
mehrfach vom Erker, schließlich ließ man ihn zu; von Ilow warf ihn selbst
aus dem Fenster in einen Schneehaufen, wie er sagte, um einen Schlußpunkt
dem Elaborat zu geben. Die Offiziere drängten an die Fenster, bombardierten
ihn mit Bechern und Schemeln im Schneehaufen.

Dem Grafen Trautmannsdorf und Questenberg wurde nach höflichem Empfang und
freundschaftlichem Gespräch vom Herzog unter Achselzucken bedeutet, es
hätten unvorhergesehene Zwischenfälle seinen bekannten Entschluß, zu
resignieren, durchkreuzt. Er sehe sich tatsächlich seinem ganzen Lager,
seiner ganzen Armee gegenüber und wüßte nicht wie aus dieser Schlinge
heraus. Was die Detachierung eines Truppenkommandos für die Spanier
anlange, so hätten sich die Offiziere gesträubt etwas anderes vorzunehmen,
als was sich strategisch im Augenblick rechtfertigen ließe. Dabei müsse es
denn sein Bewenden haben. Man werde es in Wien einsehen. Es sei auch nicht
einfach für ihn, sich von der Armee zurückzuziehen; er bürge den Obersten
und Offizieren für ihre Ausstände; wie die Finanzlage der Kaiserlichen
Majestät sei, wüßten die Herren.

Trautmannsdorf fragte: »Danach vertrauen die Herren Obersten mehr Eurer
Durchlaucht als der Kaiserlichen Majestät.« Der Herzog unwillig: es sei nur
der Unterschied einer räumlichen Entfernung, »ich bin ihnen näher.« »Und
die Befehle betreffend die spanische Verstärkung?« »Der Graf Trautmannsdorf
spielt mir Theater vor. Das ist ein großes Wort »Befehl«, und Euer Liebden
gebraucht es gern, es kleidet Euch auch gut. Vergeßt darunter nicht die
Tatsache, die ich Euch genannt habe. Mein Sekretär soll Euch einige
schriftliche Aufstellungen mitgeben; Graf Schlick mag noch einmal darüber
nachdenken.«

Hartnäckig Trautmannsdorf, in dem zum erstenmal Zorn gegen Wallenstein
aufwallte: »Aber die schriftlichen unausweichbaren Befehle der Kaiserlichen
Majestät?« Das überhörte der Herzog, der langsam vom Tisch, an dem sie
gesessen hatten, aufgestanden war und aus der offenen Truhe von der Wand
einen gerollten gesiegelten Papierbogen hervorholte. Sich wieder unter
Seufzen niederlassend, besah ihn Wallenstein mit undurchdringlicher Ruhe:
»Dies ist das Siegel, das größere Siegel meines Feldmarschalls Christian
von Ilow. Die Herren sollten Realitäten sehen und sehen wie es mit Worten
steht. Haben die Herren schon hiervon gehört?« Trautmannsdorf, mit
Questenberg Blicke wechselnd, sagte bissig »nein«. Dann aber, als der
Herzog ruhig vorlas, die Namen las, waren sie entsetzt und ihnen ging der
Atem aus. Es war klar, daß sich der Herzog durch dieses Schriftstück der
Offiziere versicherte für den Fall der Enthebung vom Generalat.
Trautmannsdorf stöhnte unwillkürlich vor Erregung, so daß sich der Herzog
unterbrach, ob er nicht weiter lesen sollte. Sie baten sich eine Abschrift
des Reverses aus, die Friedland bereitwillig zusagte. Sollte ihnen gewiß
kein Name unterschlagen werden. In eisigem Triumph geleitete sie der Herzog
auf die Diele. Außer sich vor Wut, von Scham gelähmt reisten sie tags
darauf ab.

An den nächsten Tagen nahm der Herzog selbst an Banketten teil, die man
Ilow, ihm und Gallas zu Ehren veranstaltete. Ein trotziges prahlerisches
Gerede ging bei dem Getafel um, Friedland beteiligte sich an jedem Umtrieb.
Das Frühjahr sei vor der Tür, man wisse wozu man lebe. Junge Offiziere, dem
Herzog zu schmeicheln, schrien, man werde den Wiener Intrigen Schach
bieten; die Spanier würde man nach Spanien jagen, den Wiener Hof
hinterdrein. Wallenstein aber fing von seinen Kreuzzugsideen an, als hörte
er nichts; er wolle alle Truppen der ganzen Christenheit einmal
zusammenfassen und sie gegen die Türken werfen; da sei ihm gleich recht
katholisch oder lutherisch, die Welt wolle erobert sein, ein Hundsfott, wer
jetzt die Fahne verlasse und die Wiedervereinigung der Christenheit störe.

In dem Erregungssturm, der das Pilsener Lager erfaßt hatte, arbeitete die
Umgebung des Herzogs mit größter Entschlossenheit. Graf Kinsky, der Böhme
und Franzosenfreund, in Pilsen herumgehend, brachte de la Boderie vor
Friedland, einen Attaché Feuquieres, der den Augenblick für einen tödlichen
Stoß gegen Habsburg gekommen hielt. Festlich wie immer schleppte der eitle
Kinsky sein Opfer an, einen flinken Mann, die Nase lang gezogen, die Spitze
gesenkt über den Mund. Beide erlebten, daß Friedland sie ganz anders
empfing, als sie erwartet hatten. Beleidigend kurze schneidende Fragen wie
an Bediente stellte er, Ablehnung jeder huldigenden und höflichen Phrase.
Das Gespräch wurde italienisch geführt, ging von de la Boderies Erbieten
aus, dem Herzog das Königreich Böhmen zuzusprechen, worüber Friedland mit
eisigen Wendungen hinwegging, um selber sechs Fragen an den Unterhändler
Feuquieres zu richten, vor allem: welche Sicherheit ihm Frankreich bei
einem Krieg gegen Habsburg gäbe, wie man sich zu Bayern, Frankreichs
Liiertem, stellen solle, worauf die Operationen gegen Habsburg hinausgehen
sollten.

Der chokierte, gut informierte unsichere Unterhändler übermittelte erst
nach Rücksprache mit Feuquieres, der in Dresden arbeitete, Antworten, daß
man Wallensteins Groll Bayern und den Kurfürsten Maximilian opfern wolle,
eine Million Livres jährliche Unterstützung ihm verspreche,
fünfhunderttausend im Augenblick, den Waffenschutz Frankreichs; es müsse
auf Wien losgestoßen werden. Einen persönlichen überfließenden längst
vorbereiteten Brief des Allerchristlichsten Königs Ludwig brachte de la
Boderie aus Dresden für den Herzog mit. Ein zufriedenes Knurren war die
Antwort Friedlands; er warnte den Franzosen, sich einzubilden, daß er vom
Kaiser abfalle. »Die Armee steht hinter mir,« sagte er, »ich bin nicht
gegen den Kaiser, ich will zum Frieden kommen, die Kriegspartei am Hofe
wird sich fügen. Aber es sieht aus, als ob nun die bayrische und
Jesuitenpartei herrscht am Hof, Spanien führt das Szepter. Bayern will
seinen Spott an mir üben. Ich bezahle ihnen für jetzt und für das
letztemal.« De la Boderie verabschiedete sich, verständnisvoll sich
verneigend, er wolle einen Vertragsentwurf aus Fontainebleau
herbeischaffen.

Kinsky wurde von dem grausam ihn anfunkelnden Herzog im Saal festgehalten:
ob er das dem Franzosen ins Ohr gesetzt habe, das mit Böhmen -- die
Franzosen wollten ihn mit dem Königreich Böhmen beschenken. Er zog den
verwirrten, sich krümmenden Grafen durch den Saal am Ohr: »Ich werde Euch
beseitigen lassen, wenn Ihr mich kompromittiert. Was hab' ich Euch von
Böhmen gesagt? Sagt mal! Ho, ja hi. Was habe ich Euch gesagt? Hat der Herr
Verlangen nach seinen Gütern? Hi, ja hi, hihi. Erobere er sie selbst.« Als
Kinsky sprechen wollte, wies ihn der Herzog kreischend hinaus und schlug
ihn in den Rücken.

Trzka fing den glühenden Kinsky schon an der Tür ab. Sie flüsterten
zusammen; ein besonderer Bote war vom Herzog an den sächsischen Kurfürsten
abgefertigt, Sesyma Raschin war aufgetaucht und hatte Aufträge für den
Schweden Oxenstirn mitgenommen.

Während es im Lager brodelte, klirrte es metallisch angespannt aus dem
herzoglichen Quartier.

                   *       *       *       *       *

Irrtümlich wurden von den Spähern Pikkolominis der Graf Trautmannsdorf und
Questenberg gefangengenommen und einige Tage als vermeintliche Geheimboten
Friedlands festgehalten. In Wien war mit dem Erscheinen Trautmannsdorfs und
Questenbergs die gemeinsame Front hergestellt. Die geheime Kommission, die
den Fall Friedland behandelte, gab in panischem Schrecken nach. Sie ging
mit fliegenden Fahnen ins Jesuitenlager über. Geängstigt, mit Widerstreben
zogen sie zu ihren Beratungen den brutalen Grafen Schlick hinzu; man hielt
es auch für gut, den jungen schmächtigen König von Ungarn zu informieren,
dessen hochmütige Abneigung gegen Friedland, den »anmaßenden
Emporkömmling«, sonst alle abstieß. Nach der Gehorsamsverweigerung, dem
offenen Rebellionsakt des Pilsener Schriftstückes war aber die Enthebung
vom Generalat unvermeidlich geworden. Das Generalat sollte auf Gallas
fallen, der in Pilsen saß und an den man nicht herankonnte; darum sollten
zunächst Aldringen in Bayern und Pikkolomini die erforderlichen
Absetzungsmaßnahmen in aller Heimlichkeit, Schnelle und Entschlossenheit
betreiben. Man schickte zum Kaiser Ferdinand, um die Unterschrift zu dem
Beschluß zu erlangen.

Inzwischen wurde auf die Kunde eines drohenden Angriffs in aller Eile die
Wiener Stadtgarde alarmiert. Den hohen Würdenträgern in der Kommission
krampfte sich die Brust zusammen, als sie die wenigen hundert Mann anrücken
sahen, ärmliche Leute, die bei Tag ihrem Beruf oblagen, rasch ausstaffiert
mit alten Waffen Musketen und Partisanen, die sie kaum zu handhaben wußten.
Unter ungeheurem Hallo und Zulauf fuhren sie noch fünf leichte
Feldgeschütze an, die Friedland im dänischen Feldzug erbeutet hatte und die
man zum Schmuck auf Brücken aufgestellt hatte. Das Volk lärmte und ritt
nebenher, Kinder schwangen sich auf die Lafetten, die Stadtsoldaten ließen
sich von Küfern und Lastträgern helfen. Unter großer Lust der angestauten
Masse wurden die Geschütze vor den Eingängen zur Burg in Stellung gebracht,
die Fähnlein zogen in die Burghöfe ein, wo sie Zelte aufschlugen, Feuer
machten und sangen. Es hieß unter ihnen, Zigeuner und die herumstrolchenden
Unzufriedenen aus Ungarn hätten einen Raubanschlag auf die Burg vor. Unter
den Herren oben wurde es wiedererzählt. Abt Anton flüsterte: »Wie wollen
diese Leute einer friedländischen Armee standhalten.« Eggenberg brach in
ein widerstandsloses verzweifeltes Weinen aus, greisenhaft plärrte er;
Trautmannsdorf schüttelte den Kopf, als er den hilflosen Mann in einer
Kammerecke sah. Trautmannsdorf wußte nicht, daß der alte Fürst auch weinte,
weil ihr Herr, der Kaiser, den er jahrzehntelang beraten hatte und dem er
anhing, sich so hoffnungslos von ihnen getrennt hatte.

In Wolkersdorf Todesstille. Der Kaiser auf tagelangen Ausflügen. Von Rom,
gewählt vom General der Jesukompagnie, war ein gebückter uralter Priester
angekommen, wartete auf Ferdinand. Lamormain, der sich nicht mehr fähig
fühlte, den Kaiser zu führen, hatte um Hilfe gebeten. Der schwarzröckige
Fremde tappte unermüdlich durch die Gänge, stieg die Treppen auf und ab,
nur vormittags schlief er einige Stunden. Lamormain schickte dem Greis zur
Gesellschaft einen vornehmen Novizen. Der Alte freute sich, redete viel.
Sie schlichen durch die Korridore, über die Treppen bis zum Dach, durch die
Dachräume, die Treppen herunter.

»Weißt du, Kind, was Jesus gesagt hat. Du mußt es dir merken. >Weide die
Schafe<; er hat es zu Petrus gesagt. Ist ein Schaf ein vernünftiges Tier?
Das mußt du dich fragen. Ein großer Mann, der unsrer gesegneten
Gesellschaft angehörte, hat viel darüber nachgedacht. Jesus hat nichts von
sich gegeben, was belanglos wäre. Die Schafe sind unvernünftige Tiere, sie
sind vielleicht die unvernünftigsten. Sie haben Triebe und Begierden und
weiter nichts. Du siehst, wie Jesus von den Menschen gedacht hat und welche
Aufgabe er der Heiligen Kirche zuerteilte. Wir sollen sie führen und
weiden, wir wollen wissen, wen wir vor uns haben; wir sollen also keine
Leithammel sein. Petrus nahm den Hirtenstab und übte das Hirtenamt. Weißt
du, mein Kind, wer wohl als Leithammel zu betrachten ist?« »Nein,
Ehrwürden.« »Nun,« er flüsterte, »wir sind ja nicht weit vom Schuß. Es sind
die Fürsten Könige und Kaiser. Sie sind der Kirche danach untertan, ja
eigentlich ihr Eigentum; denn was kann der Herde besser geschehen, als daß
der sachkundige Hirt sie besitzt. Aber es ist eine Verwirrung eingetreten,
die Gewalt triumphiert; kaum daß sich unser Heiliger Vater in seinem Land
gegen die wildgewordenen Lämmer behaupten kann. Ach, wir haben noch viel
Arbeit vor uns, mein Kind. Freu dich deiner jungen Knochen.«

Als der Alte seufzte, meinte der andre leise: »Lange bleibt der Kaiser
aus.« »Wir werden warten«, seufzte der Alte. Nach einer Weile: »Ein
sonderbarer Schlag Mensch, ein Fürst. Sie sind etwas für sich. Das Volk
spürt es. Als Priester wirst du deine besondere Meinung über sie haben,
Kind. Sie sind fast die Schlimmsten der Unvernünftigen. Es ist gewiß, daß
die Menschen von Natur frei sind. Ist ja doch jedes Lamm und Schaf, jeder
Hund frei; er kann laufen wohin er will. Und der Hirsch, die Wanze, der
Floh. Warum nicht der Mensch? Frei bleibt der Hirsch aber nur, solange es
keinen -- Jäger gibt. Eine Muskete überredet den Hirsch seine Freiheit
aufzugeben, eine Muskete hat große Überzeugungskraft. Was die Könige
Herzöge und Grafen in ihren Ländern tun, ist von dieser Art. Du wirst das
einsehen. Wenn ich einen Hirsch einsperre, so übe ich damit kein Recht,
sondern eine große Geschicklichkeit.« »Warum läßt Gott dies zu?« »Du bist
nicht töricht, mein Kind. Gott ist noch nicht an der Reihe. Weil die
Fürsten die Gewalt haben, glauben sie die Vernunft, den göttlichen Gedanken
entbehren zu können. Niemand ist so Verwirrungen ausgesetzt wie ein Fürst.
Sie verlieren den Boden unter ihren Füßen und rennen ins Leere. Ihre Völker
können sie mit sich ziehen. Wir müssen uns der Fürsten bemächtigen, und
wenn uns das nicht gelingt, der Völker. Wir dürfen nicht nachgeben und vor
nichts zurückschrecken. Nur die Heilige Kirche wird die Menschheit von dem
Abgrund zurückhalten.«

Vor einem hohen Wandbild blieben sie verschnaufend stehen; auf dem Schoß
der blaumanteligen Jungfrau spielte das heilige Kind mit einem goldenen
Buch. Sie stocherten weiter. Der Alte wies rückwärts mit dem Daumen auf das
Bild: »Das Buch. Das Buch. Damit glauben nun unsre Schäflein zu haben, was
sie brauchen. Jetzt sind sie die Herren. Wer lesen kann, hat Zugang zu
Gott.« »Das ist ja Ketzerei.« »Nun, hast du einmal nachgedacht darüber, wer
schuld ist an der Ketzerei? Luther? Huß? Ei was. Sie sind Betrogene. Es
sind alberne flache Köpfe; es reicht bei ihnen nicht zu einem Betrug. Das
Buch. Es war Sünde, uns ist es längst klar, die Schrift Laien preiszugeben,
sie überhaupt schreiben zu lehren. Die heiligen Worte heilig zu halten,
wäre wichtiger als alles andre gewesen. Die heiligen Worte hätten von Papst
zu Papst mündlich überliefert werden müssen, und niemand hätte von ihnen
hören dürfen, als die der Papst heranzog. Von diesem Baum der Erkenntnis
können einfache Menschen nicht essen. Nun ist das Unheil geschehen, und was
ist die Folge? Die Massenketzerei. Sie fußen auf der Bibel. Hast du das
einmal gehört von den Prädikanten: auf der Bibel? Diesen Tonfall? Das
klingt so stolz, als wenn einer sagt: das hat Lamez gelehrt, das hat
Vitelleschi gefordert. Sie können, mein Sohn, ebenso sagen, sie fußen auf
der Natur, der Tierwelt, den Sternen, auf den Kristallen, den Meerfischen,
dem Schindanger. Denn was ist gesagt mit: Bibel? Ein Manuskript voll von
Sätzen, von Silben, Buchstaben, Schriftzeichen, hebräisch griechisch
lateinisch. Meine Augen gleiten darüber hinweg, ich finde dieses Wort,
jenes, zähle zusammen l-o-g-o-s, es gehört schon ein Entschluß dazu, logos
zu sagen. Ich steige, kaum ich meine Augen bewege, ins Geistige und -- die
geschriebene Bibel verschwindet. Mein Geist herrscht.« »Ehrwürden hält
nichts von der Heiligen Schrift?« »Die Heilige Schrift nichts? Freilich.
Wenn du stark bist und nicht erschrickst, Kind; sie ist in gewisser
Hinsicht nichts.« »In gewisser Hinsicht?«

»Eine Papiersammlung, ha, du brauchst nur einen Indianer fragen, ob ich
nicht recht habe. Jeder Vogel wird es dir bestätigen. Male die Buchstaben
der Bibel auf eine Sammlung Lebkuchen, gieße sie mit weißem Zucker genau
nach dem Urtext; du wirst eine Kuh als natürliche Autorität hinzuziehen --
sie soll dir sagen, ob das die Bibel oder Lebkuchen ist. Sie frißt das
ganze Paket auf und du darfst dann kein Wunder von dem Tierdarm erwarten;
was die Kuh später von sich gibt, ist ein Kuhfladen wie jeder andre.
Verzeih -- ja du lachst, Kind -- ich will nur sagen, diese lutherische Kuh
hat brav gehandelt, aber sie ist auch trotz des lutherischen Bekenntnisses
unsre gute Kuh geblieben.« »Ich verstehe.« »Und machen wir erst diesen
Schritt, so machen wir alle. Dieser Buchstabenglaube, sag' ich dir, ist ein
Rückfall ins Judentum. Weh dem, der glaubt, weil er zwei Füße hat, er könne
auch allein aufstehen. Unser Glaube hat Freiheit, der Heilige Geist hat die
Evangelien diktiert, er ist mit dem Papst. Nur mit dem Heiligen Geist ist
die Freiheit. Wir werden ernstlich einmal daran gehen müssen, der Kirche
und dem Papst die Bibel wieder zu erobern; wir müssen die Schafe vor dem
Wahnsinn und dem Tod schützen.«

Gänge, Türen, Treppen. Sie stiegen ernst über die Holzdiele. Hinter den
Fenstern des Erdgeschosses saßen sie, blickten in den Wald hinaus. Sie
warteten. Ein Diener brachte ein niedriges Tischchen mit Äpfeln und
Zuckerwasser. Der Novize öffnete vor dem Priester ein Fenster. Erfrischende
Luftströme.

Ferdinand ließ sich vom Pferde helfen. Ein schnauzbärtiger älterer Mann bei
ihm, fingertiefe Narben in dem entschlossenen kleinen Gesicht, das unten
ein starker vorspringender Unterkiefer abgrenzte. Mit raschen Schritten an
dem Geistlichen vorbei. Der Leibdiener holte bald den grauen Pater; der
Kaiser dankte ihm, plauderte mit ihm; er wollte ihn abends empfangen.

In dem breiten, von Streben durchschossenen, wie von verschlungenen Armen
gestemmten Gewölbe stand Ferdinand, heftig und leise diskutierend mit dem
Schnauzbärtigen. Der trug zwei Pistolen im Gürtel, der Kaiser hatte ihn
nach dem Überfall bewogen, bei ihm zu bleiben. Jetzt verlangte Ferdinand,
weißgrau wie der andre gekleidet, in losen Kniehosen leicht schlotternd,
tiefrotes Gesicht, Böckel solle mit ihm weg. Der widerstrebte. Dann wollte
Ferdinand ohne ihn weg; man hätte etwas gegen ihn vor, einen Anschlag,
flüsterte er ängstlich, es sei nicht ausgeschlossen, daß man ihn einsperren
werde, um seiner sicher zu sein; gegen Kaiser Matthias und Rudolf sei auch
dergleichen geplant gewesen. Der wollte es nicht glauben. »Es ist so weit,«
verharrte Ferdinand, »sie wollten den Herzog zu Friedland beseitigen,
Friedland ist mein Freund, er hat mich hochgebracht; sie werden mich fassen
wollen; sie wissen, wie ich denke.« Der starke Böckel, der einen feisten
runden Rücken hatte, listig um sich schauend: also Ferdinand sollte sich
nichts vergeben, sie wollten mitnehmen, was sie tragen könnten. Gegen Abend
sollte es sein; er wolle hinaus zur Vorbereitung; er tuschelte noch: der
Kaiser solle sich keine Blöße geben bis da.

In ein Zimmer ging Ferdinand, den ein Schrecken beim Anblick des fremden
Geistlichen befallen hatte, dann nicht mehr, lungerte in der Nähe der Tür
herum, ritt angstvoll um das Schloß. Er mußte am späten Nachmittag noch mit
dem Fürsten Eggenberg durch die Gänge promenieren; das Absetzungsmandat
Wallensteins sollte unterschrieben werden. Zum erstenmal empfand Ferdinand
fiebernd einen Haß auf den Mann, der ihn jetzt bedrängte und quälte. Er sah
nicht die hündisch treuen Blicke des alten Menschen, er wartete, daß er
ging. Was Wallenstein, pfui, pfui, sie sollten ihn zu nichts kriegen.

Als man zur Abendmesse gehen sollte, hing Ferdinand schon auf dem Pferde.
Eine halbe Stunde lag Wolkersdorf hinter ihm.

Er dachte daran, wie ihn vor langer Zeit Graf Paar mit Gewalt entführen
wollte. In einem Talkessel lagerten Böckels Gefährten; Ferdinand umarmte
den eisenstarken Gesellen. Dann schrie er wie ausgelassen sinnlose Silben
aus voller Kehle in die Luft, die anderen lachten. Er warf sich auf den
bloßen Boden, zuckte mit den Armen und Beinen, knirschte, weinte, schäumte,
schrie. Er ließ aufgestemmt bestäubt den Kopf zu Boden hängen. Ferdinand
war schwindlig. Er glaubte ein Schlag träfe ihn. Man wollte ihn hindern,
aber er fing an sein Pferd abzuhalftern, zu füttern; schüttete dem Tier
Stroh und Heu auf, küßte es tränend zwischen die Nüstern, das ihn
fortgetragen hatte.

In dieser ersten Nacht, wo er in einer leeren Scheune neben seinem Pferd
zwischen den wilden Gesellen schlief, träumte er, er stünde wieder an
seinem Fenster in Wolkersdorf; es klatschte etwas gegen die Scheiben, er
stieg hinaus, sie nahmen ihn bei der Hand, liefen mit ihm durch den Wald.
Aber er lief rascher als sie, er lachte, ließ sie los, berührte kaum den
Boden mit den Füßen, nachschleppenden, flog und sank, und wieder lief er
mit ihnen, lachte, rollte, flog, balsamische Luft wehte über ihn. Er sah
auf, kein Tausendfuß, kein ekler Bauch war über ihm.

Er kicherte im Stroh, daß die andern aufhorchten und im Dunkeln sich seinen
Namen zuflüsterten.

                   *       *       *       *       *

Jubel in Dresden über Wallensteins Abfall. An den Börsen in Hamburg Bremen
Augsburg furchtbare Unruhe und Verhaltenheit; beklommenes Fragen nach dem
Verhalten der Prager Judenschaft, die stark engagiert war; man hörte nur,
daß weder der Primas Bassewi noch Graf Michna geflohen waren, daß sie also
Friedlands Sache nicht verloren gaben. Beschreibungen des Pilsener Banketts
liefen an den Höfen um; der Emissär Friedlands nannte prahlerisch in
Dresden die Namen der Obersten und Generalspersonen.

Die neuen Friedensbedingungen des Herzogs langten am sächsischen Hofe an:
Die spanische Herrschaft und Einmischung in Deutschland ist abzulehnen.
Frankreich ist über den Rhein zu werfen, die Pfalz wird wieder hergestellt;
der Herzog Bernhard von Weimar wird mit dem Elsaß oder einem Stück Bayern
entschädigt. Der Weg zum Frieden wurde vorgezeichnet: Vereinigung des
Herzogs mit Sachsen und Brandenburg; im Augenblick der Vereinigung kann dem
Kaiser und den Schweden der Friede diktiert werden. Der dicke Johann Georg
war störrisch zu nichts zu bewegen; er zwar wollte Frieden und ihm bangte
um sein schrecklich verwüstetes Land, aber den abtrünnigen Herzog nahm er
nicht an; das sei ein Bösewicht, ein Mann, der nichts bedeute, er wolle
immer und immer nur den Frieden mit dem Erwählten Römischen Kaiser. Sein
Feldmarschall Arnim rang entschlossen und hingegeben mit ihm und Kaspar von
Schönberg Tag um Tag. Der geschehene Abfall des Herzogs machte seine
Position schwieriger; nun war der Kaiser zwar machtlos, von Friedlands
eignem Heer ohne kaiserlichen Rückhalt aber dachte der schmerbäuchige Herr
niedrig; ja, in Johann Georg regte sich ein Gefühl, der schmählich
verratenen Kaiserlichen Majestät gegen solche Hundsfötterei beizustehen. An
die Zuverlässigkeit der friedländischen Armee glaubte er trotz des Reverses
nicht; wenn die rechte und natürliche Autorität fehle, der Kaiser, werde
die Ordnung im Heere verschwinden; auf Schlechtigkeit baue man keine Armee
auf. Der Kurfürst und auch sein Kaspar von Schönberg hatten vor, die
Situation in ihrem Sinn auszunützen; man werde dem Fuchs, der Sachsen
unsicher gemacht habe, seinen Raub heimzahlen. Die Lage wäre wie vor
Breitenfeld: Schweden und Sachsen sollten zusammengehen und diesmal dem
Friedland einen Schlag auf das Haupt versetzen.

Neben Arnim arbeitete für den Herzog der junge Herzog von Lauenburg, ein
schwärmerischer Verehrer Friedlands, in kursächsischen Diensten. Der fuhr,
um jeden sächsischen Anschlag auf den Generalissimus zu verhindern, zu
Bernhard; er weihte von seinem Vorhaben Arnim ein; Arnim knirschte und
fluchte mit ihm in verschlossener Kammer; sie würden die schlimmen
kursächsischen Pläne hintertreiben; sie dachten in Dresden schon den
Friedländer in der Falle zu haben. Aber bei Bernhard von Weimar, dem
lippenaufwerfenden überstolzen jungen General, begegnete er einer brutalen
Kälte; er glaubte nicht an einen vollzogenen Abfall, das Ganze sei eine
friedländische Finte, um sie ins Garn zu locken, prasselte ein Spottlachen
über den Lauenburger: »Es müßte mit merkwürdigen Stücken zugehen, wenn der
liebe Gott vorhätte, gerade mit diesem Friedland das Deutsche Reich zu
erretten.« Überdies fragte er, die Augen kneifend, was es auf sich habe,
daß er und Arnim hinter dem Rücken ihres Herrn solche Pläne betrieben.

Der schweißduftende Fürst Pikkolomini bemerkte mit Wut, daß die
Unterhaltung zwischen Pilsen und den beiden Feinden weiterging. Er schlug
dem Federfuchser Aldringen in Passau rasche Schritte vor. Der war
einverstanden. An Gallas, der im Pilsener Lager saß und vom Herzog nicht
losgelassen wurde, kam man noch immer nicht heran. Aldringen ersuchte den
Kurbayern, ihn mit einigen Truppen zur Exekutierung der friedländischen
Absetzung zu beurlauben.

Man konnte Maximilian lange nicht zum Entschluß bringen. Er war in Passau
anwesend, aber statt an den Beratungen der Herren teilzunehmen, betete er
stundenlang. Der entscheidende Schlag stand bevor. Er war unsicher und
zögerte die Handlung hin. Wenn man ihn bedrängte, brach Zorn und
Feindseligkeit aus ihm. Sein außerordentlicher Stolz war von Friedland tief
gedemütigt worden: jetzt sollte die Entscheidung kommen, die das Haus
Wittelsbach vernichten konnte. Der Gedanke, das Haus Wittelsbach könnte
vernichtet werden, dieser ungeheuerliche -- und Schweden, Bernhard von
Weimar oder Friedland könnten in Zukunft in Bayern schalten, lähmte sein
Gehirn. Kuttner war bei ihm im Passauer Rathaus. Mit der Härte von Slawatas
Gedanken setzte er dem schwankenden hilfesuchenden Kurbayern zu; es gelang
ihm auf Stunden in Maximilian die Furcht um Wittelsbach zu verdrängen. Er
lockte den Kurfürsten auf den alten Kampfgang gegen den Herzog. Da war
keine Unsicherheit, Wallenstein mußte herunter.

Und als Aldringen mit seinen Regimentern abgezogen war, saß Maximilian noch
im Passauer Rathaus starr auf dem Lehnstuhl am Fenster, hörte das Klappern
der Pferdehufe. Wittelsbach war in Gefahr, auf wen verließ er sich?
Friedland besaß ein großes Heer. Und diese hier! Kuttner hörte ihn
plötzlich ächzen; die Scham glühte über Maximilian; steif und wild blickte
der Kurfürst den andern hinter sich an, der sich umdrehte. Wie Kuttner
gemartert das Zimmer verlassen hatte, knickte Maximilian auf den Knien vor
dem Fenster zusammen; leidenschaftlich trieb er seine Gedanken hinter den
Regimentern her, bettelte bei den Schutzheiligen, sich der Truppen
anzunehmen, gelobte Geschenke Stiftungen, was es auch sein sollte. Er blieb
auf den Knien, als ob er eine Antwort erwarte. Öffnete das Fenster. Die
Straße war leer, Aldringen war weg.

Die Regimenter die Gebirgspässe überschreitend; über die Quellen der
Moldau. In Neterlitz bei grausigem Schneegestöber holte sie Pikkolomini
ein. Es konnte nicht gezaudert werden, die Obersten wurden eingeweiht;
Pikkolomini wies ein mit kaiserlichem Siegel versehenes Befehlsschreiben
vor, das alle Offiziere und Soldaten ihrer Pflicht gegen den bisherigen
obersten Feldhauptmann, den Herzog zu Friedland, enthob und sie an den
Grafen Gallas verwies, in Gallas Behinderung an ihn selbst, Pikkolomini und
Aldringen. Unterschrieben war das Schriftstück vom König von Ungarn und dem
Fürsten Eggenberg angesichts der Erkrankung des Römischen Kaisers. Ursache
der Veränderung sei eine ganz gefährliche und weitausschauende Konspiration
und Verbündnis des Friedländers, seine meineidige Treulosigkeit und
barbarische Tyrannei, die das kaiserliche Haus um Land und Leute, Krone und
Szepter zu bringen Vorhabens sei. Gewalt war die Losung, die der hitzige
Italiener ausgab; er wollte, schwur er, den Skorpion auf der Wunde
erdrücken; der schlaue ängstliche Federfuchser Aldringen ließ ihm seine
Regimenter, er selbst zog träge mit seinem Stab hinterdrein. Ohne Zögern
stießen die Regimenter unter Pikkolominis Führung auf Prag los. »Ich kann
nicht warten,« hatte der Italiener gespieen, »bis der Herzog in Prag ist.«
Die Stadt war gänzlich ahnungslos. Die Obersten der friedländischen Truppen
verstanden nicht, was der Generalwachtmeister im Sinn hatte, als er sie,
während seine Truppen in kriegsmäßigen Formationen mit Artillerie die
Brücken der Stadt und den Hradschin besetzten, zu sich in das Altstädter
Rathaus berief, das Enthebungsmandat vorlesen ließ, das gleichzeitig unter
Trommelschlag auf Gassen und Plätzen verkündet wurde, und an sie die
Aufforderung richtete, sich ihm zu unterstellen als dem Vertreter des
Generalissimus Gallas. Erst während seiner Rede erkannten die Herren in dem
dunklen Raum, daß Gefangene schwer gefesselt an der Wand hinter dem
Italiener lagen, stöhnten, Offiziere, die dem Herzog zu Friedland eng
verbündet waren, seine Lehnsträger. Den Wunsch zweier Obersten, sich über
die Sachlage zu besprechen, beantwortete Pikkolomini zustimmend, aber diese
Besprechung müsse bei der Gefährlichkeit der Lage in einigen Minuten zu
einem für den Kaiser nützlichen Ende geführt sein. Die übrigen erklärten
dem kaiserlichen Patent ohne weiteres Folge zu leisten. Sie kletterten
verstört hinaus. Ihre Regimenter waren draußen mit Fähnlein der
Aldringenschen Truppen untermischt; es wurde den Herren bedeutet, daß keine
Unbill gegen sie beabsichtigt würde, aber man wollte sie vor Konflikten
bewahren, sie möchten sich einige Tage von den Truppen fernhalten.

Im Anmarsch von Süden Marradas Truppen; überall lautete die Parole: »Wir
wollen den Kaiser nicht verlassen, wir wollen die Schweden und Welschen aus
dem Reich schlagen.« Und dann: »Der meineidige Wallenstein; er will dem
Kaiser Böhmen nehmen, mit Schweden und Franzosen will er sich verbinden;
wir wollen ihm den Paß verbauen.«

Im Moment schlug die Stimmung des friedländischen Heeres in den Prager
Quartieren um. Nach der ersten Verblüffung wirkte die Ankunft der fremden
Regimenter wie eine Befreiung. Man hatte sie mißbrauchen wollen. Die
Truppenkörper mischten sich; die neuen brachten unerhörte Nachrichten von
dem Betrug, den man an den böhmischen verüben wollte. Wallenstein, der
Gottseibeiuns und seine teuflische hochfahrende Sippe, der Nichtsnutz, der
sich mästen wollte, Böhmen stehlen wollte, während sie in mageren
Quartieren verkamen. Sie waren des Römischen Kaisers treue Soldaten; sie
wollten ins Reich hinaus, sich ihre Beute holen; Gallas würde sie an den
reichen Rhein führen; die Franzosen, ei, die Franzosen, in das schöne
Elsaß.

In das prunkvolle Friedländerhaus auf dem Hradschin zog Pikkolomini ein. Da
erst befiel ein Grauen die Stadt. Die Straßen leerten sich. Jeder
versteckte, verschleppte, vergrub seine Kostbarkeiten. In jedem Viertel
wurden die Gewölbe geschlossen, verbarrikadiert, ein großer Teil der
wertvollsten Sachen nahe der Moldau nachts in Kästen vergraben. Die Juden
bewaffneten sich. Keiner von den eingedrungenen Offizieren bemerkte, was in
der Stadt vorging. Der Adel beriet hinter verschlossenen Türen an allen
Teilen der Stadt und auf den nahegelegenen Gütern. Alle waren sicher: man
hatte hinter Wallenstein zu stehen. Heimlich wurden die jungen
Bauernburschen und Bürgersöhne, die sich bereit erklärt hatten, einem
Zeichen zu folgen, alarmiert; man verteilte Geld und Waffen, gab
Losungsworte aus. Eine Riesensumme wurde genannt als Preis für den Kopf des
Grafen Wilhelm Slawatas; eine instinktive Wut bezeichnete allgemein den
schönen Grafen als Hauptschuldigen an der erschreckenden Wendung; er war
seit Wochen abwesend, jetzt hatte er sein Ziel erreicht. Von der uralten
Gräfin Trzka erzählte man sich, sie sei auf die Kunde von dem Handstreich
des Italieners nach Prag gekommen und hätte Dutzende von goldenen Ketten
mitgebracht für den, der den Italiener ermorde. Überall lagen plötzlich
Waffen, die auf dem Land herangeschmuggelt wurden.

Während dieser stummen Tage fuhr auch eine unscheinbare Judengesellschaft
auf einigen Wagen aus Prag ab. Adlige der Landschaft machten ihnen selbst
durch Pässe und Salvegarden den Weg frei. Sie mußten ihnen schwören, der
friedländischen und böhmischen Sache hold zu bleiben. Da standen die
trauernden Gesellen mit den gelben Zeichen am Mantel in der Kammer der
Herren; ihr Herz war, seit Wallenstein lebte, mit ihm. Sie schworen, das
kleine schwarze Mützlein aufgesetzt, die rechte Hand bis an den Knorren auf
der Bibel beim dritten Gebot, verflucht auf ewig zu sein vor ihrem Gott
Adonai, vom Feuer verzehrt zu werden, das auf Sodom und Gomorra fiel, wenn
sie Untreue und Falsche brauchten. Der wahre Gott, der Laub und Gras und
alle Dinge schuf, solle ihnen nimmer zu Hilfe kommen. Sie fuhren erst nach
Norden, als ob sie auf den Markt von Brandeis fahren wollten, dann wandten
sie nach Südwesten. Einige jüngere aus den Juden nahmen dann bei Brandeis
Pferde, hetzten auf Pilsen zu.

Die Kuriere aus Prag mit ihrer freudevollen Meldung der Einnahme der Stadt
fanden einen totenstillen Hof. Der Kaiser verschwunden. Seine Leibdiener in
Eisen geworfen. Kein Anhalt über seinen Verbleib. Von der Kaiserin erfuhr
man nichts. Sie, die in einer schweren dunklen Erregtheit nach ihm
forschte, wurde nicht aufgeklärt; man versuchte sie zu beruhigen mit der
Erklärung, der Kaiser fürchte in diesen Tagen in Wien zu bleiben; man hätte
ihm empfohlen, sich ohne Aufsehen bei den Truppen des Marradas zu bewegen.
Die leidenschaftlich ausfahrende, brüsk sogar mit den Priestern
umspringende Erscheinung der Mantuanerin war in diesen schreckensreichen
Tagen dem Hohen Rat der furchtbarste Anblick. Lamormain konnte sich nicht
von ihrer Seite bewegen. Sie malträtierte ihn, forschte aus, was er von
Ferdinand wußte. Der Pater suchte vergeblich sie zum Beten Beichten und zur
Ruhe zu bringen. Das Flüstern Schreien Weinen Seufzen auf ihren Zimmern
nahm kein Ende.

Eggenberg kam nicht mehr hervor aus seiner Wohnung; er fürchtete die
Begegnung mit der Kaiserin; in einer dumpfen Geschlagenheit hockte er zu
Hause. Kein Besuch durfte zu ihm. Über seinen Kopf stürzte alles zusammen.

Allein von den herumwandernden Vätern der Jesukompagnie wurde die
freudevolle Prager Nachricht herumgetragen, und um sie herum merkte der
Hofstaat auf. Die Riesenbeute würde an den Kaiser fallen, und was an den,
und was an den. Die Kenner der herzoglichen Güter, des Prager Hauses,
Gitschins wurden ausgeforscht: und plötzlich ging man hitzig suchend herum,
belauerte sich, verteilte. Wer wollte urteilen, an wen sollte es fallen?
Der Kaiser war nicht da, der König von Ungarn unerfahren, Eggenberg hatte
sich von den Geschäften zurückgezogen. Nur Graf Schlick hatte noch eine
feste Hand. Es würden ungeheure Besitzmassen zur Verteilung kommen, man
würde nicht mit sich spielen lassen. Ansprüche wurden geltend gemacht.
Verdienste behauptet, bestritten. Die Väter schürten; jedes Wasser auf
ihrer Mühle war recht. Es gingen am Hofe verkappte und ehemalige sehr laute
Anhänger des Friedländers, Offiziere, die er hochgebracht hatte. In
Schmähungen erging man sich schon auf Pikkolomini und Aldringen; man
gedachte sie bald zu kirren.

                   *       *       *       *       *

Der Marsch auf Prag wurde in Pilsen beschlossen. Schaffgottsch sollte aus
Schlesien zur Unterstützung in jedem Fall herangezogen werden. Nach allen
Richtungen lief augenblicklich der Befehl Wallensteins an Obersten und
Generalspersonen zum Generalrendezvous der Truppen bei Prag. Er selbst
werde sogleich dahin aufbrechen.

Wie aber der Herzog am Morgen nach der Konferenz sich in einer Sänfte ins
Lager tragen lassen wollte, war die Stadt auffallend still, Straßen
friedlich ohne Posten und Patrouillen, die Tore unbesetzt.

Der lange Ilow am Stadtausgang auf nassem Pferd anklappernd,
herunterklirrend zur herzoglichen Sänfte, konnte nur melden, daß der Oberst
Diodati nachts in aller Heimlichkeit die Einquartierung Pilsens gesammelt
habe und in Richtung Prags abgezogen sei. Mit Diodati sei der
schmerbäuchige spanische Agent Navarro verschwunden, der seit einigen
Wochen in Pilsen herumpokulierte.

Am Abend dieses Tages, der den Befehl zum ungesäumten Abbruch des ganzen
Lagers brachte, wurden in der Sachsengasse beim Friedländer, der über
Diodatis Abzug die Achsel gezuckt hatte -- der Schwächling gefiel ihm nie
--, eine Gesellschaft Juden gemeldet, die sich schon seit Tagen in der
Stadt herumtrieb und nicht abzuweisen war. Da die Juden gebeten hatten,
allein mit Wallenstein zu sprechen, blieb nur Neumann in dem
kerzenerhellten Zimmer. Sie warfen sich, beschmutzt vom Straßenkot, adlig
gestiefelt und gespornt, sechs kräftige Männer auf die Knie, zwei ältere
weinten. Ihren Primas, den Bassewi, hätten sie nicht mitbringen können;
Bassewi sei gefahren, für den Herzog in Augsburg Geschäfte zu betreiben, er
wollte gerade jetzt keine Stunde versäumen. Und dann holte ein älterer aus
seiner grauen Kappe, die vor ihm auf der Matte lag, einen wunderlich
bekritzelten langen Papierstreifen hervor und las, auf das düstere Nicken
des Friedländers, das Absetzungspatent vor, während ihre langen Schatten
sich auf dem Boden bewegten, das in den Straßen Prags ausgetrommelt wurde,
als sie davonritten. Sie schlugen sich die Brust: der böse Pikkolomini sei
in das herrliche Friedländerhaus eingezogen, mit List und Gewalt sei er
über alle hergefallen; sie wollten dem Herzog Auskunft geben über alles und
jedes, was sie gesehen hätten, er solle wiederkommen, rasch, rasch. Mit
langem Schweigen hörte sie Wallenstein an. Er zitterte, getroffen auf
seinem Schemel, zischte: »Die Canaille, die Canaille.«

Neumann mußte die Daten aufnehmen, die die Juden zu melden hatten. Was die
Juden noch wollten, drohte der Herzog. Sie lagen wieder auf den Knien: er
hätte sich ihrer soviel angenommen; die böhmischen Völker warteten seiner;
sie hingen ihm an, er möchte sich ihrer erbarmen. Friedland schien ihnen
nicht zugehört zu haben, sein Gesicht hatte die Blässe und Verzerrung
zunehmender Wut, seine Augen wurden steif und abwesend; auf Neumanns Wink
flüchteten die Juden auf den Zehenspitzen aus der Stube. Sie durften ihn
auch am nächsten Tage nicht sprechen; Neumann riet ihnen, sich aus der
Sehweite Friedlands zu begeben. Die Nachricht von der Besetzung seines
Prager Hauses durch den schelmischen Italiener war tödlich heiß in
Wallenstein gefahren. Wie vor Brennesseln wich er vor den Juden zurück, als
er sie nahe dem Lagertor traf, wo sie in einem bittenden Haufen standen. Er
wußte nicht, was sie ihm sonst vorgetragen hatten; sein leidenschaftlicher
Schmerz.

Trzka küßte am Abend dem Herzog die Hände, schwur die Niedertracht an
Pikkolomini rächen zu wollen und wenn es sein Leben koste. Der Herzog
röchelte; er habe nie einen Menschen mit größerer Courtoisie traktiert als
ihn; er fragte nach seiner Frau und der Schwägerin; sie saßen beide in
Gitschin. Ilow sollte schleunigst ein paar Kroatenkompagnien auf Gitschin
werfen; im Falle der Gefahr sollten die Frauen ihm nach. Nachdem sie lange
stumm nebeneinandergesessen hatten -- draußen knarrten schon die Wagen des
aufbrechenden Heeres, der Lafetten; Pferde wieherten und stießen mit den
Köpfen gegen die Fensterläden -- gab Wallenstein dem kopfsenkenden Trzka
leise Auskunft über seinen Brief an Ferdinand. Oberst Mohr am Wald und
Brenner überbrächten ihn; er habe vor, sich außerhalb der Erblande an die
Peripherie des Reiches nach Hamburg oder Danzig zurückzuziehen; ihm bliebe
ja nichts mehr als zu sterben; seine Herzogtümer wollte er behalten. »Ist
es Euer Ernst?« flüsterte Trzka, ohne den Kopf zu heben. »Ich bin alt,
Trzka, das ist wahr, und ich lebe nicht mehr lange. Meinen Brief werde ich
überall veröffentlichen, sobald ich wieder Luft schöpfe. Er reißt ihnen die
Maske ab. Du wirst sehen: es liegt ihnen nichts daran, ich bin ihnen auch
in Hamburg im Wege. Die Jesuiten haben ein böses Gewissen, weil sie den
Frieden in Deutschland nicht aufkommen lassen wollen. Darum wollen sie mich
beseitigen. Der Kaiser will mein Geld, ich bin sein Gläubiger.« »Die
Herrlichkeit Pikkolominis in Prag wird nicht lange dauern.« »Ich kenne sie
in Wien. Sie scheuen die gröbste Ungerechtigkeit nicht, wenn sie ihnen in
ihren Kram paßt. Mit dem Pfälzer wurden sie rasch fertig. Solange ich auf
den Beinen stehe, werden sie ihre Not mit mir haben. Von Ungarn bis jetzt
habe ich, Trzka, unter ihnen mich ducken müssen. Jetzt reden wir ein
offenes Wort.« Trzka schüttelte die Fäuste, unwillkürlich knirschte er mit
den Zähnen: »Die ganze Armee steht hinter euch.« »Und wenn es nur die halbe
oder ein Viertel ist -- wenn ich selbst meine zwei Beine behalte. Sie
sollen keine frohe Stunde von mir haben. Trzka, alle Waffen sind im Kampf
erlaubt. Ich schwöre auf die Armee nicht. Diodati ist nicht allein. Nicht
geredet, lehr' mich Menschen kennen. Es wird nicht leicht halten. Du suchst
einige Kroaten aus, sie schleichen sich nach Prag, tausend Gulden für
jeden, der mitläuft, zehntausend Gulden, wer Pikkolomini vergiftet oder
erdolcht. Ich verlaß mich, daß Ilow sofort nach Gitschin reiten läßt und
die Frauen in Sicherheit bringt.«

Es war dann nicht nötig, daß die bestürzten Herren Maßnahmen zur
Heranziehung fremder Hilfe von sich aus trafen. Jetzt leitete Wallenstein
alles selbst, mit Umsicht und größter Schärfe. In Pilsen wurden alle Pferde
angespannt. Die Kriegskasse mitgenommen: Zehntausend Taler, sechstausend
Dukaten, siebzehn Goldketten. Den Kreishauptleuten nahm man zehntausend
Taler. Der Stadt Pilsen wurde vor dem Abmarsch noch eine Kontribution von
dreißigtausend Talern auferlegt. Schweden, Sachsen, Franzosen wurden noch
einmal mobilisiert, nach keiner Seite legte sich Wallenstein bloß; so
unerschüttert war er. Graf Trzka schrieb verzweifelt an den jungen Herzog
von Sachsen-Lauenburg, der sich noch um den Weimaraner bemühte: »Eile,
Eile, Eile!« Arnim wurde vom Herzog selbst aufgefordert, die entscheidenden
Entschlüsse ungesäumt zu fassen; es sei, drohte er, die Krisis für
Kursachsen; er selbst rücke zu einem Schlage auf Prag los. Der Kaiser werde
aus Österreich geschlagen werden.

Das ganze Heer, aufgebrochen, rückte nördlich. Eine Unruhe und Unsicherheit
war unter den Knechten aller Waffenarten und den unteren Chargen:
Generalrendezvous der Heere war bei Prag befohlen, aber Kroaten mit
leichter Artillerie flogen der Armee voraus, der Troß wurde kriegsmäßig
gesichert. Man rollte auf gefrorenen Chausseen ohne Hindernis vorwärts.
Plötzlich kamen Befehle von rückwärts aus dem Hauptquartier, das sich eben
in Bewegung setzte: es seien Gerüchte verbreitet von Meutereien in Prag;
allen wurde die strengste Zucht, widerspruchsloser Gehorsam befohlen, der
Generalprofoß bereise das marschierende Heer, an das Reiterrecht wurde
erinnert. Und kurz darauf: der Vormarsch sei zu beschleunigen, Prag werde
bei Widerstand zur Plünderung auf sechs Stunden preisgegeben.

Man rollte durch stille Dörfer; Pfarrer, die man befragte, erklärten
kleinlaut, von Prag seien sie angewiesen, auf allen Kanzeln Friedlands, des
gewesenen Generalfeldhauptmanns, Absetzung auszuschreien; es laufe ein
kaiserliches Mandat im Land um, er sei ein Verräter, darum sei ihm das
Kommando abgenommen. Man fing schon vereinzelte vorspürende Aldringensche
Reiter im Gelände, die wußten, daß sie den meineidigen Wallenstein hatten
aus Prag jagen sollen; die Friedländischen hätten ihn schon verlassen.
Trzkas Reiterei mit leichter Artillerie zehn Meilen südwestlich von Prag
wurde von einem starken Aldringenschen Dragonerregiment gestellt. Die
Dragoner fingen den Stoß auf, Trzkas Reiter wurden zurückgeworfen, sie
fluteten zurück. Trugen Bestürzung in die langsam marschierenden Massen.
Das ganze Heer, als wenn es gegen einen Wald von Piken liefe, wogte und
rollte. Kleine schwerbewaffnete Kürassierpatrouillen mit Profossen und
Henkern tauchten da bei allen Regimentern auf. Befehle kamen, den Marsch
einzustellen, zur Formierung einer Kampffront.

Helles frühlingmäßiges Wetter. Wasserlachen, schmelzender Schnee auf den
Chausseen. Anplantschend von allen Seiten lauschende Weiber, bekümmerte
Bauern: von Prag sei in wenigen Stunden der Anmarsch der Kaiserlichen zu
erwarten. Berichte von den Verlusten bei Trzkas Reiterei. Erschütterung,
Erbitterung lawinenartig flutend über die gestauten Regimenter. Geflüster
unter den Augen der Polizeipatrouillen: »Wir sind in den Winterquartieren.
Kaiserliche! Wir sind Kaiserliche! Was will man von uns! Wer betrügt uns.«
Die Truppen auf den Feldern, zwischen den Dörfern, die nichts hergaben:
»Vorwärts, vorwärts! Auf Prag. Wir warten nicht.« Es tobte hin und her
zwischen den Regimentern; vorwärts wollten sie alle, auf Prag, kein Kampf,
man führte keinen Krieg mit Kaiserlichen.

Beim Regiment de la Moully fing es an; die Fuhrknechte zweier
Hagelgeschütze hatten laut geschworen, sie würden noch morgen zum Heiligen
Sigismund in Prag am Schloßgrab beten; sie wären aufgeknüpft worden;
Korporale, Fouriere und einige Schlangenschützen waren über den Profoß und
seine Leute hergefallen, hatten sie niedergeschlagen; die nahende
Kürassierpatrouille schoß in den Haufen mit Pistolen. Darauf fiel die
geschlossene Kompagnie über sie, zerriß sie. Geschrei und Getümmel dehnte
sich über die nahen Regimenter aus, überall wurden die Patrouillen
angefallen, entwaffnet oder niedergemacht, Gerichtswebel, Schultheiß,
Stabhalter. »Nach Prag!« tobte es, beim Regiment Altmannshausen, Rodell,
Balbiano, Hamerl, Notario. Der geschlagene Vortrab ritt schon an mit
weißbewimpelten Lanzen. Obersten und Offiziere folgten willenlos; das Heer
schob sich vorwärts. Tumultartig überrannten sich Abteilungen, brachen
seitlich aus. Schwere Artillerie blieb auf den Feldern stecken.

Da scholl Lärm, Freudengeschrei vorn, Marradassche Aldringensche Reiter,
fast waffenlos, galoppierten unter den aufgelösten Verbänden! Sie hatten
Befehle an die kommenden Obersten bei sich, eine Ordonnanz des neuen
Generalissimus Gallas. Er drohte kraft des ihm erteilten kaiserlichen
Patents, bei Vermeidung kaiserlicher Ungnade: keiner der Herren wolle mehr
Ordonnanzen vom Friedländer Ilow und Trzka annehmen, sondern allein dem
nachkommen, was er befehlen werde oder Aldringen und Pikkolomini.

Auf den Feldern zwischen Pappelständen und den zahlreichen geschwollenen
Bächen gab es ein kurzes unordentliches Gefecht: fünf Kompagnien Trzkascher
Kürassiere, erlesene deutsche Truppen, schlugen sich nach Süden durch,
Wasser und Erde werfend.

                   *       *       *       *       *

Aus den südlich gelegenen böhmischen Sümpfen, aus ungarischen Salzfeldern
waren sieben Teufel losgebrochen; häuserhoch, baumlang die Arme an den
Schultern schleppend. Sie liefen geduckt im Frühlingswetter zwischen den
Wäldern. Von Wolfsart war ihr Fell; knietief schlugen sie ihre Hufe nachts
in die weichen nassen Äcker. Bei ihrem Trappeln, beim Trompeten ihrer Nasen
stürzten viele Menschen tot um. Manche wurden bei ihrem ungeheuren
horizontverdeckenden Anblick von der Lust ergriffen und davon bewältigt,
mitzulaufen, nachzurennen. Sprangen an, hingen sich an die dicken Zotteln,
krochen in dem Gedünst an ihnen hoch, grunzend und blasend wie sie, oft im
Lauf zerquetscht an Felsen oder bei Flußübergängen ertränkt.

In Böhmen und Mähren bemächtigte sich eine rätselhafte Panik der
Regimenter. Niemand wußte, woher der Schrecken kam. Immer lief ein Teufel
hinter dem andern; oft rannten sie ziellos im Kreis. Es hieß, sie wollten
durch das Reich an die russische See. Bei den Sachsen fingen die Fahnen an
den stillstehenden Stangen zu wehen an. Das Regimentsspiel klirrte bei
schwedischen Regimentern.

In den Wäldern hinter den schwedischen Linien, in der Oberpfalz, im
versengten Sachsen schwemmten die Massen; aus Erdlöchern Ställen Ruinen
Gräbern, wo sie sich verbargen, kamen sie. Halsfletschend: »Es gibt nur
Katholische und Lutherische, Kaiserliche, Schweden, Bayern; es gibt sonst
nichts auf der Welt. Schlagt uns tot.« »Es kommt nicht darauf an, ob wir
leben. Ein Bübchen, eine Weide, ein Wasser. Wir haben kein Recht zu leben.
Müssen zu Mist und Erde werden.« Sie schwemmten plündernd in Dörfer. »Ein
Hundsfott, der von Kaiser und Christus redet. Sie haben es verscherzt.«
Gebrüll. »Ich schwöre den Kaiser ab.« »Ich schwör' auf Totschlag und
goldene Münzen.« Sie rissen, wo sie es sahen, Wappenschilder, kaiserliche
Farben, Skapuliere, Rosenkränze, geweihte Ketten und Kreuze herunter.
»Schlagwasser ist besser, besprochenes Papier.« »Es ist ein Zähnchen von
meinem Kind.« »Es ist kein Zähnchen, Jungfer, Ihr habt es weihen lassen.«
Sie weinte: »Ich kann es nicht geben. Nehmt es mir nicht.« »Du willst uns
verraten.« »Nein, Jesus kann nichts dafür. Laßt nur meinen lieben Herrn.«
Sie schlugen auf sie ein. »Ich bin kein Verräter. Ich bete für Euch, Gott
wird Euch helfen. Glaubt mir, liebe Freunde. O wär' ich schon tot.«

                   *       *       *       *       *

Bleich gebückt, niedergebrochen ritt vor einem heubeladenen Troßwagen neben
dem starken Fuhrknecht ein Pilsener Bürger, ein etwas fetter Mann unter
einem schwarzen breiten Lederhut; den hatte der Fuhrknecht auf seine Bitten
mit auf den Weg nach Prag genommen. Wie die Verbände sich stauten
auflösten, die Aldringenschen Reiter durch die Reihen galoppierten, steckte
der Pilsener dem Knecht einen vollen Beutel in die Hand, löste das
Begleitpferd vom Wagen, sprengte rückwärts. Slawata, schwindlig
aufgewirbelt, hatte nur den Gedanken: wo ist der Herzog, wir verlieren ihn,
er entwischt. Er hatte ihn in Pilsen belauert, jetzt: wo war er.

Einen halben Tag durch Getümmel und Schlägerei. Ihn fangen, ihn nicht
entwischen lassen. Und dann der Jubel: Trzkas Kürassiere, Kompagnien, die
westwärts zogen, nördlich an Pilsen vor den Wäldern vorbei, in der Richtung
auf Mies.

Entlang dem Zug ritt Slawata: eine Doppelreihe langsam auf der Allee
schreitender Musketiere, in der Mitte Dragoner zu Pferde, dahinter eine
geschlossene Sänfte von zwei Pferden getragen. Berauscht ritt der ärmlich
gekleidete Mann auf den Feldern in großer Entfernung hintennach, löste sich
nicht von der geschlossenen Sänfte, deren Anblick ihm wohltat, die der Wind
umblies. »Ich habe dir ein gutes Grab bereitet,« flüsterte er vor sich,
streichelnde Blicke herüber, »es wäre schade um dich, du wärst irgendwo
gestorben in einem Bett und es wäre niemandem ein Glück damit geschehen.
Ich freu mich für dich.« Das Pferd stieß: »Es ist lustig, es spürt mich.
Komm nicht so wild. Du sollst ihn ziehen, wenn er unser geworden ist. Wenn
er so schön lang und still liegt.« Das Pferd wieherte lustig, ging ruhiger.

Ihn überfiel, wie er einsam durch den Lehm nachschleppte, die Freude, die
von rückwärts über das dunkelnde Feld über seinen Rücken herzuwuchs. Wie
sich alles so jäh gewandt hatte, als wenn die Vorsehung ihm in die Hand
spielte: das Heer zerrissen, keine Brücke zu Pikkolomini, die saßen drüben
in Prag, konnten nicht an ihn heran, schrieben Erlasse,
Proskriptionsmandate, Ächtungen, Vogelfreierklärungen: sie kamen nicht
heran an den Friedland! Er, er, er hatte ihn, hier ritt er, allein, im
Namen der ewigen Bestimmung. Drüben, wie schön, wie schön, trug man ihn in
einer Sänfte. Die guten beiden Pferde; daß sie ihn treu behüteten; die
Kürisser, daß sie ihn gut bewahrten. Er gehörte ihm. Er war ein Böhme, er
war sein Vetter. Es hatte keiner Anspruch auf ihn.

Er labte sich an den Gedanken in der rasch fallenden Dunkelheit. Von
magischer Sicherheit war er geführt.

Der Herzog bog in Mies ein. Und wie Slawata verzückt auf leerem Felde und
willkürlos den Lederhut abnahm, ihm nachsah, marschierten von Süden
Kompagnien an, klirrende, schwer gepanzerte Dragoner. Slawata mischte sich
erschreckt unter sie, da schwenkten sie in das Städtchen ein, geführt von
einer Trzkaschen Patrouille. Bis in die Nacht wartete der Böhme hinter dem
Hause, in dem der fremde Oberst einquartiert war. Als er vom Herzog
zurückkam, drang Slawata zu dem finsteren Mann fast unter Gewalt ein.

Er rang mit ihm zwei schwere Stunden. Dieser Oberst, der auf dem befohlenen
Marsch nach Prag zum Generalrendezvous gewesen war, war eben vom Herzog
unsicher gemacht worden durch das Angebot von zweihunderttausend Talern,
wenn er bei ihm verbliebe bis zur Ankunft von Verstärkung; nur eine kleine
Anzahl Truppen hätten angeblich gemeutert. Der Oberst, der das Pilsener
Papier unterschrieben hatte, hing nicht am Herzog; er wollte das
Proskriptionsmandat sehen, von dem ihm in der finsteren Kammer der Geheime
Rat Graf Slawata sprach. Es gelang dem Grafen den verschlossenen Mann zu
erregen und zum Fäusteballen zu bringen mit dem Hinweis auf das böse Gemüt
des Friedländers, der nun offen von der frommen katholischen Sache
abschwenkte zu den Sachsen und Schweden. Einen Bescheid, ob er sich des
Herzogs bemächtigen wolle, erhielt er von dem schwer beweglichen Iren
nicht. Der äußerte nur grimmig und einsilbig, er werde beim Herzog bleiben,
da die Vorsehung es einmal so gefügt habe, und böse Pläne werde er zu
verhindern suchen. Slawata flüsterte weggehend, dem Obersten bittend,
beinah inbrünstig die Hände küssend: sie seien allein: die Sache der
Heiligen Kirche und des Hauses Habsburg hinge von ihnen beiden ab.

Marsch von Mies in kühler, nebliger Luft auf Eger. Der Oberst hielt eisern
seine Dragoner zusammen; fünf altsächsische Reiterkompagnien, die sich
ihnen angeschlossen hatten, entwischten; zweihundert zu Fuß blieben.
Wippende Moorwiesen, Wassertümpel, dürftige Krüppelbäume. Da hob sich der
Grünberg, oben die Spitze der Sankt Annakapelle. Die Zitadelle von Eger.
Obertor, Untertor von Eger schlossen sich nachmittags hinter ihnen.

Der einsame schöne Böhme wanderte abends zur Kapelle hinauf, sah auf die
ruhige Stadt, lachte sich schauernd aus, wie er zurückschlenderte in der
Nacht: er war ein Opfer seiner Leidenschaft, gurgelte er, konnte nicht von
ihr lassen, wollte sich von ihr die Hände und Füße fesseln lassen. Nun kam
bald die geheimnisvolle Stunde, auf die er so lange gewartet hatte.

Die Dragoner lagerten auf freiem Feld, der Oberst mit den Fahnen in der
Stadt. Sie hinderten die herzoglichen Kuriere nicht aus- und einzulaufen.
Im Stadthaus des Bürgermeisters am Markt saß der Herzog zu Friedland. Im
Hof, eine Holzgalerie umlaufend; hinten quartierten sich ein Trzka Kinsky
Ilow.

Zerbrochen, unbrauchbar der blasse eitle Graf Kinsky; er zitterte, wußte
nicht, wie fliehen; schlich durch die Stadt, um das Haus, freundete sich
hier an, dort an. Störrisch und böse der lange Panther, der von Ilow; er
schlug sich mit dem Grafen Trzka herum, in den Stuben, beim Ritt: Trzka
hätte die Aldringenschen zurückwerfen sollen, hätte ausharren müssen; wie,
konnte er nicht sagen; Trzka gab nach, sie waren beide in einer verbissenen
Unruhe. Die Meuterei hatte sie wie mit einer Flut von jäher Betäubung
weggeschwemmt, sie waren verwirrt und verzagt aus Geheul und donnerndem
Lärm davongestürmt, hatten nicht einmal gedacht, sich mit dem
zurückbleibenden Herzog in Verbindung zu setzen.

Den erreichte Getümmel und allgemeine Panik erst, als blutende
Polizeitruppen an ihm vorbeiflüchteten. Er verließ die Sänfte, die
Steigbügel seines Leibpferdes wurden mit Seide umwickelt, führte im roten
allen bekannten Mantel selbst die Kompagnien um ihn zurück. Über den Weg
ließ er hinter sich in aller Raschheit einen niedrigen Wall aufwerfen, den
eine Handvoll Schützen deckten; aber es war nicht nötig, daß sie sich in
der klumpigen triefenden Erde eingruben; es dachte niemand von den Truppen
an Verfolgung, alles war nach Prag. Spät erst, nach vier Stunden Ritt,
legte er sich in seine Sänfte, eine Totenlarve hing ihm vor dem Gesicht. In
Eger im Pachhelbelschen Hause gingen sie mit Scheu um ihn; Scham und Pein
bei seinen Vertrauten. Er brach nicht in Wut aus. Aber sie sahen, daß er
grausam an sich hielt, keinen Vorwurf machte, daß er in furchtbarster
Gerichtsstimmung war, von seiner Rachsucht gegen die, die ihm das angetan
hatten, ganz verschlungen war.

Untereinander maßen sie sich; sie wollten es noch abwarten, konnten sich
vom Herzog nicht losreißen. Der junge Albrecht von Sachsen-Lauenburg,
sächsischer Marschall unter Arnim, ritt in Eger ein, er schmähte schon am
Tore auf Ilow und Trzka, deren Fahrlässigkeit das gräßliche Unglück
verschuldet habe, das alle Chancen verschlechtert habe; vor dem Herzog zu
Friedland lag er fast auf den Knien. Wallenstein, in schwarzem Pelzmantel
gebückt mit untergeschlagenen Armen sitzend, die kleinen Augen graublau
umrandet, spitze Backenknochen, trockener nackter Hals, die schlaffen
Lippen zuckend, gab ihm heiser auf, dem Bernhard von Weimar zu Regensburg
zu sagen, er verteidige sich hier in Eger mit den Truppen, die ihm
geblieben seien; er werde die von der Panik mitgerissenen Regimenter wieder
an sich ziehen. Bernhard möge gegen die böhmische Grenze vorrücken mit
Berittenen, so viel er frei machen könne, auch solle er Fußvolk hinterdrein
werfen, um die Artillerie zu schützen. »Sagt dem Herzog Bernhard,«
fausthebend Wallenstein, sein Blick hart und listig, »daß er sich ins
eigene Fleisch schneidet, wenn er sich nicht beeilt. Ich werde mich hier
verteidigen; man wird mich nicht zur Übergabe bringen, er wird mir glauben,
daß ich gegen Gallas und Pikkolomini mich werde schlagen können. In zwei
drei Wochen sieht die Armee des Kaisers anders aus und meine anders.«

Fiebernd nur von einem Pagen begleitet raste der Lauenburger fort, auf
Regensburg, noch einmal im Streit Trzka anfallend, ihm den Mantel
zerreißend.

Aus Eger erging ein Erlaß des Friedländers an alle seine Regimenter, von
einer Zahl fanatischer Böhmen getragen: darin forderte der Herzog kraft
seines Generalates und gemäß dem ganzen Respekt, durch den die Obersten an
ihn von Kaiserlicher Majestät gewiesen seien, die Obersten auf, sich
sogleich in Eger einzufinden, die Truppen in Laine. Er bediente sich zur
Begründung in dem Mandat der Wendung, es geschehe im Dienst der
Kaiserlichen Majestät und damit man dem Feind, wie er's verdiene und wie
sich's gebühre, begegnen und sein Attentat verhindern könne. Denn wie der
Herzog in Pilsen Juden vorgefunden hatte, so erwarteten ihn auf dem Wege
von Mies nach Eger Haufen über Haufen adeliger bewaffneter Böhmen, die sich
aus Prag und dem Egerland aufgemacht hatten, um sich mit dem Herzog zu
vereinen. Er hätte keinen Reiterschutz für die Reise nötig gehabt, die
Böhmen beobachteten alle Wege Wälder vor, hinter, neben ihm; sie traten
nicht in die Stadt ein, die die Truppen hinter sich verschlossen. Auf das
Bitten Sesyma Raschins ließ Wallenstein ein Dutzend von ihnen ein. Sie
boten sich an ihn persönlich zu schützen; er war befremdet, böse, fand, daß
die Herren in Prag sich nützlicher gemacht hätten, wenn sie Rebellion
erregten. Er wurde dann stiller, schien gar nicht geneigt sie anzuhören;
sie hörten, wie er im seitlichen Gespräch mit Trzka, der ihn beruhigen
wollte, gehässig zischte, die Herren wollten ihn für ihre Zwecke
mißbrauchen, suchten sich wohl einen König von Böhmen, er hätte mit dem
kindischen Pack nichts zu schaffen. Nach einer ganzen Weile erst trat er
wieder an sie heran mit gefährlicher Miene; sie sollten nicht meinen, daß
er ihnen Zugeständnisse in irgendwelchem Belang mache, er wolle sie für
allerhand Geschäfte annehmen. Smil von Hodojewsky, jetzt ein bärtiger
leiser Mann, der unzähmbare kleine Berka, der gramvergorene Daniel Lockhaus
stürzten vor ihm hin, küßten nacheinander dem Herzog die widerwillig
hingehaltene Hand. Auch als die drei hinausgegangen waren, sprachen sie
kein Wort. In einen Schuppen seitlich vom Hause zog Smil die anderen. Sie
sahen sich an, umarmten und drückten sich. Auf den Anblick der leidend
hochgezogenen Augenbrauen Daniels unterdrückte Smil das Schluchzen, das aus
der erfüllten Brust in ihm hochwogte; sie ließen Daniel allein weinen und
trösteten ihn. Sie würden Wallenstein erobern, noch jetzt, erst jetzt. Er
hatte sie angenommen. Auch er hatte erfahren, was Habsburg ist. Sie würden
ihn nicht verlassen. Eine gewählte Anzahl der Böhmen durfte in die Stadt
zum Verteidigungsdienst, die übrigen sollten im Land schleunigst Rebellion
vorbereiten und den Anmarsch eines gegen Eger ziehenden Heeres erkunden und
belästigen. Ilow und Trzka bekamen den Befehl, die Verteidigung Egers in
die Hand zu nehmen. Der Kanzler Elz wurde zu den nahewohnenden
protestantischen Herren und Grafen geschickt, sie aufzubieten, auch zu dem
Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach.

Der kam, ein vertrocknetes altes Herrchen selbst mit kleiner Begleitung
angefahren, um sich nach den Umständen zu erkundigen. Wallenstein drang in
den listigen zähen Gesellen ein, zu ihm sofort mit seinen hundert
Territorialtruppen zu stoßen und zu alarmieren, wer ihm zuverlässig
erschien. »Ich bin«, sagte der Herzog an diesem bleichen Morgen, »hierher
gekommen nach Eger, um nunmehr den Kampf mit dem Kaiser in aller Offenheit
aufzunehmen. Euer Liebden weiß, wie die Dinge im Reich stehen. Euer Liebden
sind Reichsfürst und Protestant. Wir unterwerfen uns alle der Kaiserlichen
Oberhoheit, aber nicht dieser. Ich habe sie gezwungen, in den letzten
Wochen, die Maske abzulegen. Es handelt sich um die Niederringung der
Religionsfreiheit und sie sind maßlos. Der Kaiser ist ihr Instrument; ich
habe Nachricht, daß man nicht weiß, wo der Kaiser steckt; ich weiß, man hat
den gütigen edlen Herrn beiseite gedrängt, als man gedachte vorzugehen.«
Dann: »Euer Liebden: die Reichsfürsten müssen sich besinnen; es ist hohe
Zeit. Ich weiß, Ihr werdet mir vorhalten, ich habe wenig Grund, das Euch
vorzuhalten, ich hätte selbst genug an den Reichsfürsten gesündigt als Kapo
einer kaiserlichen Armada. Da habe ich geglaubt, einem Kaiser zu dienen.
Ich bin gewaltsam vorgegangen wie ein Soldat, aber ich habe geglaubt dem
Frieden dienen zu müssen. Ich bin auch widerstandslos gegangen, als man
mich meines Generalates enthob. Jetzt hab' ich nicht mehr den Wahn, dem
Kaiser zu dienen. Ich habe die Zähne zu zeigen der eigensüchtigen
Kamarilla, den verbohrten Scheinkatholiken, denn das sind die Jesuiten, die
euch Protestanten die Treue absprechen und nicht als Menschen, geschweige
als Fürsten und Herren anerkennen.« Darauf knurrte der Kleine, er kenne
diese unflätigen Lehrer, die die Grausamkeit und Unversöhnlichkeit predigen
und die man totschlagen möge. »Ja totschlagen, Herr Markgraf. Da seht, wer
totschlagen kann. Mich haben sie hierher getrieben wie einen Räuber und
gedenken mich auch zu fangen wie einen Räuber. Wären mir die Regimenter nur
gefolgt, wären sie überführt ihrer Falschheit und Bosheit und das Reich
ginge der guten Beruhigung entgegen.« »Ihr seid machtlos,« krächzte später
erregt der Herzog, als der dürre Markgraf von einem neuen großen
protestantischen Bund redete, »laßt Eure Neuigkeiten, Ihr kommt nicht
weiter vor Hader, wir haben es gesehen an dem Bund von Bärwalde, in
Heilbronn. Schickt Soldaten zu mir, daß ich den Stoß der Kaiserlichen
auffangen kann. Ich verlasse mich auf den Feldmarschall Arnim, Bernhard
wird die Situation erfassen. Jetzt keine Eigenbrödeleien, Euer Liebden. In
acht Tagen entscheidet sich das Geschick des Reiches.« Der Kleine kaute:
»Mich wird man nicht ausrotten können.« Wild der Herzog: »Euer Liebden
können mir vertrauen, ich habe lange genug die Fäden in meiner Hand gehabt;
Ihr wißt, daß mein Name nicht ohne Klang ist. So will ich nicht Friedland
und von Wallenstein heißen, wenn nach diesem Krieg von Euch Reichsfürsten
mehr als ein Haufen von Edlen übrigbleibt, die jeder ausplündern kann. Das
Heilige Reich verblast Ihr --« »Was soll das?« »Gebt mir Truppen. Jetzt, im
Augenblick. Die Judasse, die das Reich verderben, kennt Ihr.«

Der alte Markgraf trabte ab; verärgert schimpfte er seinen Begleiter aus:
»Ich mach' seine Rebellion nicht mit. Das Mandat des Gallas paßt ihm nicht,
und er denkt mich zu beschwatzen. Er wird den Reichsfürsten noch aus der
Hand fressen, der Gernegroß, der böse Gewaltmensch. Sein großer Name: ha.«

In zwei Tagen hatte der Herzog, selbst ausreitend, die Kompagnien so in der
Hand, daß bei stürmischem Schneewetter das Aufwerfen von Schanzen in der
Stadt, die Aufstellung einer leidlich starken Knechtstruppe aus der Stadt
und den Dörfern in flottem Gang war. Gegen die Offiziere erging er sich in
groben Worten über die abgefallenen Regimenter, besonders über den
treulosen Grafen Gallas und das usurpierte Generalat; er würde, wenn es
sein müßte, gegen Wien marschieren und sie Mores lehren. Der lange Ilow und
Trzka arbeiteten wieder in leidenschaftlicher Anspannung. Jetzt erst
erschreckte Wallenstein, sein gräßliches marterndes Leiden mißachtend,
seine Umgebung durch die alten tobsüchtigen Ausbrüche. Er bäumte sich gegen
das Gefängnis dieser Stadt: der Kaiser müsse geworfen werden, das Reich in
Fetzen zerrissen. Er werde einmal seine Rache für alles nehmen, von Ungarn
angefangen bis Regensburg und Pilsen.

Er trug keine Schuh, in dicke weiße Verbände waren seine Füße
eingeschlagen, sein Pferd mußte geführt werden. Im Lederkoller, den weiten
roten Mantel unter seinem Federhut, der ihm zu weit geworden war, auf dem
schaukelnden Pferderücken. Er war mit Riemen angebunden; vor Schwäche sank
er oft nach vorn auf den Mund über die Mähne des Tiers und mußte
hochgehoben werden.

Im Haus drückte er sein dick gedunsenes Gesicht gegen das Fenster,
knirschend: »Sie haben es erreicht. Ich wollte Frieden machen. Da ist er.
Hin. Da lieg' ich.« Leise zu Trzka: »Ich sage dir: das Römische Reich ist
nicht zu retten. Ich konnt' es nicht. Ein anderer wird's auch nicht können.
Ich nehme Gott zum Zeugen, daß ich's versucht habe.« Seine Lippen baumelten
und zitterten.

Da hielt es Slawata in Gemeinschaft mit dem Oberst des abgefangenen
Regiments und angesichts des Zulaufs aus dem Land nicht mehr an der Zeit zu
warten. Er war durch die täglich zahlreicher andrängenden böhmischen
Freiwilligen -- schon waren fünf ganze Kompagnien vor den Mauern -- in
stündlicher Gefahr erkannt zu werden. Der gedungene Oberst Butler war des
Wartens schon lange überdrüssig. Als der Einfluß des Herzogs auf sein
eigenes Regiment sichtbar zu werden begann, als Trzka frohlockte, Bernhard
von Weimar rücke von Süden an, Arnim von Norden, das ehemalige
friedländische Heer sei noch in voller Unordnung, sie würden ein leichtes
Schlachten haben, kam Butler mit Slawata überein, augenblicklich in dieser
Nacht die Exekution vorzunehmen und den Herzog samt seinen Begleitern vom
Leben zum verdienten Tode zu befördern. Der Kommandant Egers mußte
eingeweiht werden, weil man vor Beginn der Nacht ein paar Dutzend
zuverlässige Dragoner, die draußen im Freien kampierten, einlassen wollte.
Man konnte diesen Mann, der entsetzt war, einen Obristleutnant Trzkas,
nicht gewinnen; er war nur bereit, diese Nacht das Kommando an Butler
selbst abzugeben. Aber sie konnten sich damit nicht abfinden; der
Kommandant mußte seine Wohnung in der Zitadelle zu einem Bankett hergeben,
mußte dem Bankett vorsitzen.

Es war des feinen Grafen Slawata letzte Bewegung in dieser Sache. Sie ließ
ihn, wie sie vor der Vollendung stand, los. Eine Schlaffheit befiel ihn, er
ging in Unruhe durch die Gassen; Ratlosigkeit, Mißtrauen höhlte ihn aus.
Vor einem verendenden Pferde stand er neben dem Karren des Schinders; übel
lief es ihm im Mund zusammen. Er bewegte sich zitternd fort. Aus der Stadt
weg verlangte ihn. Vor dem Pachhelbelschen Haus strich er; ob er mit Kinsky
sprechen sollte; worüber? An den Vorbereitungen zum Bankett nahm er nicht
Teil.

Die friedländischen Vertrauten gaben sich nach den schweren Erregungen der
Tage gern zu einem Fest her, in dieser düsteren Stadt, vor der ihnen
schauderte. Sie tauten auf, der gewalttätige Ilow, der blonde Graf Trzka,
Kinsky mit der unglücklichen Miene, der schmächtige trotzstarke Rittmeister
Neumann, unter der munter zusprechenden Gesellschaft. Sie tranken und
tranken; das herrliche Bankett im Pilsener Lager erstand vor ihren Augen.
Schon angetrunken, in himmlischer Stimmung gingen sie zur Durchsicht eben
abgegebener Depeschen in ein Nebenzimmer, ließen sich das Konfekt
nachtragen. Da folgten ihnen auf ein Zeichen irländische und italienische
Hauptleute und Oberstwachtmeister, voran ein gewisser Deveroux, gegen den
ein Haftbefehl wegen Erpressung und gemeiner Notzucht vom Herzog vorlag,
mit Piken, gezückten Degen und Pistolen in das abseits gelegene Zimmer,
stießen, sich anfeuernd, das Gebrüll: »Es lebe Ferdinand!« »Wer ist gut
kaiserlich?« »Viva la casa d'austria« beim Eintritt in das Zimmer aus.

Das Zimmer hatte nur eine Kerze, vor der die vier Herren lasen. Der
Kommandant nahm die Kerze vom Tisch; wie Kinsky, der heulend auf die Knie
sank, zwischen Hals und Kragen durchbohrt sich lang ausstreckte, stürzte
dem zitternden Kommandanten die Kerze aus der Hand. In einer Zimmerecke
wurden Ilow und Trzka, die rasend mit bloßen Armen schlugen, da sie im
Gedränge nicht an ihre Degen herankamen, durch Schläge der Piken, zahllose
Degenstöße im Finstern niedergemacht; sie wurden zerdrückt, daß man sie
kaum an Armen und Beinen aufheben konnte, als man sie zum Fenster auf den
Hof werfen wollte. Der Rittmeister Neumann entwischte im Dunkeln aus dem
Raum, auf dem Gang zum Bankettsaal lief er in die vorgehaltenen Partisanen
der Posten.

Deveroux, rasselnd mit dem metallbeschlagenen Mantel, torkelte unter
Gebrüll und Gejohl mit einigen Dragonern durch die mondhellen Gassen von
der Zitadelle in die Stadt, auf den Markt. Er schlug in seiner
Betrunkenheit mit seinem Degen Funken aus den Steinen vor Wallensteins
Haus, schmähte laut den Herzog, lachte, bis Butler ihn tief erschrocken
hereinzog. Die Wache an der fackelhellen Treppe zu Friedlands Zimmer wollte
der lauten Gesellschaft den Weg versperren; sie warfen den Posten die
Stufen herunter. Grölten, schoben sich gedankenlos von Stufe zu Stufe.

Da kreischte hinten einer, krachte die Treppe herunter, das Geländer
schwankte. Sie sahen sich vorne um. Ein schmächtiger rasender Mann drängte
sich, einen Dolch schwingend, durch sie herauf, zischte. Sie wichen
verblüfft seitlich. Oben schlug er Deveroux, der die Arme in den Hüften
aufgestemmt sich über das Geländer bückte, mit den Fäusten und dem
Dolchknauf ins Gesicht. Lief, wie der stöhnend den Kopf beiseite wandte,
vor ihm in den Gang zur Kammer des Herzogs.

Ein Kammerdiener stand da mit einer Kerze, der eben dem Herzog auf einer
goldenen Platte eine Arzenei in Bier bringen wollte. An der Tür der Kammer
schrie der leichenblasse Mensch mit dem Dolch -- seine schmutzige Kappe
fiel hinter ihn, die langen blonden Locken hingen ihm strähnig wild über
die Augen -- nach dem Oberst. Verzweifelt kreischte er: »Weg! Weg hier! Wo
ist Butler!« Heulend, mit schnarrenden Zähnen, bibbernd lag Slawata unten
im engen Gang auf den Knien, streckte bettelnd den Arm nach ihnen aus. Sie
hatten die Wämser zerrissen, die Stiefelschäfte herabgetreten, die Hosen
von Wein und stürzenden Speisen und Fisch besudelt; die blutbeschmierten
Gesichter streckten sich vor. Sein Mund öffnete sich weit, im Schuß stürzte
Erbrochenes heraus. Er stöhnte: »Holt den Oberst. Geht eurer Wege.« Als sie
über die Lache traten, tastete er sich hoch. Er wimmerte, raste in Haß und
Entsetzen. Seine Stimme überschlug sich, er schwang schützend vor der
antrampelnden Horde rechts und links seinen Dolch. Hinter ihm wurde die Tür
geöffnet. Er stürzte nach rückwärts lang vor die Kammer, von einem
entsetzlichen Partisanenhieb quer über den Kopf zertrümmert.

Dem Herzog, der im weißen Schlafhemd mit ausgespannten Armen neben Slawatas
zuckendem Körper stand, riß die Partisane die halbe Brust auf.

Die Worte: »Schelm, du mußt sterben!« tönten in der verwüsteten
Schlafkammer noch von den tosenden, als er schon längst ausgeblutet war.
Butler trat mit Peitsche und Pistole unter sie und jagte sie aus dem
Zimmer.

Von der verschneiten Zitadelle wurden Knechte befohlen, die Friedlands
Kanzlei besetzten. Sie ergriffen einige höfische Begleiter in den Betten.
Der Astrolog Zenno wurde aus seiner Stube geführt; er war im Begriff den
Zeitpunkt einer neuen Aktion zu bestimmen; man zog ihm viertausend Kronen
aus dem Beutel, die Friedland für Berechnungen vorausgezahlt hatte.

In vorgerückter Nacht sprengte man die Tür zur Stallung eines Privatmanns.
Die Kutsche wurde auf die Gasse gerollt. Soldaten spannten sich vor. Der
tote Friedland war in den roten bluttriefenden Fußteppich seines Zimmers
eingeschlagen. Holterpolter zerrten drei Mann ihn die Treppe herunter, zur
Haustür heraus. Ließen ihn beim Mondenlicht rasseln über die Steine, den
dünnen Schnee, die Frostschalen der Wassertümpel. Quer lag er im Wagen; der
Teppich hing zu beiden Seiten heraus.

Sie konnten an ihm tun, was sie wollten. Das war nicht mehr Wallenstein.

Ein gurgelnder Blutstrom war aus dem klaffenden Loch an seiner Brust
hervorgestoßen, wie von Dampf brodelnd. Mit ihm war er davon.

Wieder eingeschlürft von den dunklen Gewalten. War schon aufgerichtet,
getrocknet, gereinigt, gewärmt. Sie hielten ihn murmelnd, die starblinden
Augen zuckend, an sich.

                   *       *       *       *       *

Gegen Morgen wurde eine Treibjagd auf die Böhmen in der Stadt veranstaltet,
mit den Kompagnien vor der Stadt an den Schanzen war ein regelrechter Kampf
zu führen; zuletzt flohen sie und zerstreuten sich. Die Sieger fürchteten
sich dann in der Stadt und glaubten, die Schweden oder Arnim rücke bald
ein. Aber sie hatten die Freude den Herzog von Lauenburg abzufangen, der
glücklich von Regensburg kam, um dem Friedländer den baldigen Aufbruch
Bernhards zu melden; des Lauenburgers Page entkam nach Regensburg. Sie
hätten auch Arnim beinah abgefangen, der über Zwickau langsam und zweifelnd
anmarschierte; das Mordgerücht kam zu ihm. Gelähmt von Ekel und Entsetzen
blieb er liegen. Die flüchtigen Böhmen trugen die Nachricht ins Land
hinein.

Sie lief zugleich mit dem Gerücht herüber: Welsche, Italiener, dazu
Irländer hätten den Mord verübt in ihrer alten Abneigung gegen die
Deutschen. Es kam in dem noch schäumenden Lager von Prag unter Pikkolominis
Regimentern zu Revolten, Deutsche gingen gegen Welsche vor. Zwischen
Offizieren begann es mit tödlichen Duellen, die Knechte lauerten sich in
Fähnlein gegenseitig auf. Aldringens und bayrische Regimenter marschierten
gegen die Empörer heran, warfen alles gnadenlos nieder.

Wallender Siegesrausch in Wien. Bei den Kapuzinern und im Stephansdom
Dankgottesdienst für die Errettung des Hauses Habsburg und die Bewahrung
der Heiligen Kirche. Glückwünsche von dem tieferschreckten Papst Urban in
Rom zu der Erlegung des greulichen Untiers. »Was für Kraft in diesen
Deutschen steckt«, fragte er sich mit Abscheu.

Graf Schlick, die trübe kopfsenkende Masse, neben dem König von Ungarn
allwaltend am Wiener Hof, nahm mit dem Baron Breuner und dem Abt Anton die
Hinterlassenschaft Friedlands auf. Jeder der zwölf Dragoner, die zu
Wallenstein eingedrungen waren, erhielt hundert Reichstaler, die Offiziere,
die geführt und assistiert hatten, tausend und zweitausend, Deveroux auf
das Drängen wegen seiner Verwundung noch vierzigtausend Gulden, dazu
mehrere konfiszierte Güter. Im ganzen hatte Wallenstein an fünfzig
Millionen Werte aufgespeichert. Friedland Reichenberg wurden gegeben an
Gallas, Aldringen erhielt Teplitz, Pikkolomini Nachod. Ihm verlieh man auch
den Titel eines Grafen von Arragon. In sein Wappen nahm er eine Schildkröte
mit der Umschrift: »Schritt für Schritt.«

Stille Zimmer beim alten Fürsten Eggenberg. Der verwachsene Graf saß viel
bei ihm; schlaff beide. Eggenberg aus dem Bett flüsternd: »Was klagt Ihr
mich an, Trautmannsdorf?« Der Graf: »Ich klage Euch nicht an, ich bin nur
durch ihn hochgekommen.« Und dann erschüttert: »Ich bin nicht schuld daran.
Er sollte abgesetzt werden, wenn es sein mußte, mit Gewalt. Wir haben
niemanden zu der Bestialität autorisiert.«

»Wenn er lebte, Trautmannsdorf, und Euch hörte, würde er den Kopf
schütteln; man kann Gewalt nicht begrenzen.« »Ich bin nicht schuld, ich
weigere mich, ich bin nicht schuld. Wenn man ihm mit einer Partisane die
Brust aufgerissen hat, so bin ich nicht schuld daran. Solange ich lebe,
werde ich das nicht zugeben; Eggenberg Ihr seid alt und gerecht, Ihr werdet
das nicht auf mich legen.« Der eingefallene Mann im Bett matt lächelnd: »Er
ist ja tot.«

Das weiße Gesicht des verwachsenen Grafen verzerrte sich, er wetzte die
Zähne aneinander: »Was kommt Ihr mir damit. Er lebt von mir noch. Ihr habt
es in Regensburg zu dem Unglück kommen lassen, der Kaiser hat Euch gehört.
Ich habe es nicht vergessen.« »Ich weiß, ich weiß, Trautmannsdorf. Ihr habt
recht. Laßt es ruhn. Ich beuge mich. Was bin ich noch bei dem allen.« Sie
schwiegen, das Zimmer war lange still, der schwere große Luxemburger hinkte
herein. Da schwiegen sie zu dritt.

Man hatte das Geheimnis der Ermordung aufgedeckt: die Leiche des Grafen
Slawata, von dem Oberst Butler nicht gesprochen hatte, war erkannt worden.
Der sonderbare Familienhaß hatte die Hauptrolle bei dem Unglück gespielt,
es erleichterte sie alle. Lamormain erzählte von seinem Freund, dem Abt
Anton, der ihm aus dem Weg ginge, um bei aller Betrübnis seine Freude zu
verbergen, daß man jetzt aus der Schuldenwirtschaft herauskomme. »Es ist ja
ein Glück; der Herzog war ein Werkzeug des Himmels, um das Haus Habsburg
aus dem Elend herauszuziehen. Wir wollen das Gute bedenken. Das Haus
Habsburg, das die heilige Kirche beschützt, verdient es schon, daß sich
selbst ein ruhmreicher Feldherr für sein Gedeihen opfert.«

Trautmannsdorf abwinkend: »Laßt das, Pater. Ihr geht noch, noch zuviel zu
Euren Brüdern von der frommen Gesellschaft.« Und sehr leise weiter: »Was
habt Ihr vom Kaiser gehört?« Eggenberg richtete sich auf dem rechten Arm
um, blickte groß zu dem Pater herüber. »Nichts.« »Und -- Ihr habt auch
keinen Anhaltspunkt, keinen Wink?« »Ich glaube, Graf Trautmannsdorf, wir
werden lange nichts von unserem guten frommen Herrn hören.« »Und warum
meint Ihr das?« »Er wird sich in ein Kloster, in irgendeine abgelegene
Einsiedelei begeben haben. Er war so weit. Er war längst soweit. Ich dachte
es öfter.«

Im Bett wälzte sich Eggenberg; er zog die Decke über das Gesicht, darunter
schluchzte er leise. Nach einer kleinen Weile kam er hervor, suchte trübe
im Zimmer; abgerissen zu Trautmannsdorf: »Und -- warum jammert Ihr jetzt
nicht, Trautmannsdorf? Hier nicht?« »Um den Kaiser?« »An ihm ist Euch
nichts gelegen. Ich tadle ja Euren Friedländer nicht allzu scharf. Es mag
sein, daß er uns den Frieden gebracht hätte. Er hat vielleicht das Richtige
gewollt. Aber -- was war gegen ihn unser Kaiser. Ein gütiger Mensch. Ein
frommer Christ. Unser Fürst.«

Graf Trautmannsdorf senkte den Kopf: »Das war er. Ich hoffe, wir finden ihn
noch. Eggenberg.« »Ich hoffe es nicht. Nein, laßt nur. Laßt ihn auch nur.
Ihr müßt nicht nach ihm suchen, Pater. Was wollt Ihr denn von ihm. Was muß
auf ihn gedrückt haben. Mir ist es noch im Sterben ein tröstlicher Gedanke,
meinen gnädigen Herrn im Kloster zu wissen.«

In diesen Tagen warf sich die Kaiserin Eleonore, die Mantuanerin, aus dem
Fenster ihrer Schlafkammer in der Burg und zerschmetterte auf den Steinen
des Hofes. Man hatte sie, nachdem sie durch einen Zufall von der Flucht
Ferdinands erfahren hatte, wegen ihres tobsüchtigen Verhaltens einsperren
und bewachen lassen. Ihre liebe Gräfin Kollonits hatte sich eine Stunde von
ihr verleiten lassen, auf den Hof mit ihr hinauszuschauen; sie plauderten
wie früher; scherzend band die hinterhältige Mantuanerin der freudigen
Freundin einen blauen Schleier um den schwarzen Kopf, über die Augen, band
ihn, als die Gräfin lachte, fest und gewaltsam im Nacken zu. Mit aller Ruhe
rückte sie sich einen Sessel heran, während die Kollonits schreiend an dem
Knoten arbeitete, stand händefaltend auf dem Fenster, ließ sich, laut Maria
anrufend, vornüber auf das klagende Gesicht fallen.

                   *       *       *       *       *

Während der junge König Ferdinand mit dem Grafen Gallas das Heer
reorganisierte und unter den Reichtümern, über die man verfügte, sich alles
neu belebte, Truppen und Offiziere sich dem Grafen Gallas unterwarfen,
Schweden und Sachsen abwartend zurückwichen, begann eine sehr diskrete
Fühlungnahme des bayrischen Hofes mit Wien. Die Macht und der Einfluß
Maximilians in Wien waren außerordentlich, die herrschenden Parteien des
Hofes priesen ihn als das Rückgrat der katholischen Sache im Reich. Der
Bayer hatte keine Kinder, er war Witwer. Er hielt dafür sich noch einmal zu
verheiraten; von Ferdinand war eine junge eben herangereifte Tochter da;
der sehr gealterte Mann ließ sich nicht davon abbringen, die junge Maria
Anna zu fordern.

Im Innwinkel saß er bei seinen Truppen, da traf ihn die Nachricht von
Wallensteins Verderben. Der Kaiser Ferdinand war verschwunden, der
Schlemmer, der alberne heitere Mensch, wer weiß von wem verführt. Es war
zuviel für Maximilian. Er geriet unter die knechtende Raserei seiner
Gefühle; er wußte nicht, ob er weinen oder lachen sollte; keinen Schlaf
fand er vor der Marter des Glücks, das seine Brust Hände mit Feuer umgab,
über sein Gesicht flammte, seine Gedanken verdunkelte. Auf den Rat
Kontzens, vor den er sich hilflos völlig verändert und Schutz suchend warf,
hungerte er einige Tage, begann eine wilde Geißelung. Seinen zwangartigen
Drang, von sich wegzuschenken hinzugeben, durfte er durch Stiftungen an die
Heilige Kirche entladen. Gelegentlich stand er in völliger Verfinsterung
und war gelähmt.

Nun ging er eisig aus sich heraus, vorsichtig, langsam, Schritt für Schritt
sein Inneres zudeckend, zurückdrückend. Er bewegte sich zu Handlungen,
beschwichtigte sich. Kuttner, der schöne zarte, verstand nicht, was der
Kurfürst wollte, als ihm befohlen wurde, auf Wochen den Hof zu verlassen.
Aber er ging. Richel suchte dem trauervollen bitter lachenden Kavalier das
Herz zu erleichtern, indem er ihm eine neue Pariser Mission konstruierte.
Aber trotz aller Zucht konnte Maximilian, nach München zurückgekehrt, es
nicht verhindern, daß er einmal an der Drehbank, zwischen den subtilsten
Elfenbeinarbeiten, sich dem lodernden Gedanken gegenüber sah, Maria Anna,
die junge schöne fromme Tochter des flüchtigen Kaisers aus seiner ersten
Ehe zu seiner Frau zu begehren. Jach wie aus dem Munde stürzte ihm der
Gedanke; es war ein nicht zu beseitigendes Erlebnis. Er arbeitete, ging mit
den alten Methoden an sich heran. Und dann war es ihm plötzlich zuviel.
Keine Ruhe, keine Freude, kein Kuttner; er ließ sich los; es durchsetzte
ihn.

Maximilian hatte das Gefühl des Verbrecherischen; er hatte das zitternde
Gelüst in ein schwarzes offenes Fenster einzusteigen oben am Dach, die Hand
auszustrecken und zu rauben. Er hätte nie geglaubt, daß ein Verlangen so
stark sein könnte, -- wie dies: die junge Tochter des flüchtigen Ferdinand,
Maria Anna, aus Wien zu holen. Es züngelte in ihm; es war unendlich labsam,
hin und her werfend und dann wieder einschläfernd, gar keine Folter.

Er entschloß sich, als Kontzen nichts verbot, dem Gefühl nachzugehen; mit
einer Wonne, die er nie gefühlt hatte, machte er sich zum Vollstrecker
seines Gefühls.

Es war die letzte Tat des verfallenden Eggenberg, den Graf Trautmannsdorf
im Auftrag des Königs Ferdinand besuchte, die Antwort auf die Frage zu
formulieren, ob man dem Kurbayern Maria Anna zusagen sollte oder nicht. Das
stolze Auftreten der bayrischen Delegierten Richel und Wolkenstein hatte am
Hof trübe Erinnerungen geweckt. Eggenberg blieb dabei: »Geben, geben. Laßt
sie stolz sein. Wir sind beides Opfer. Gebt sie ihm; er betrügt sich mit
ihr.«

Die Prinzessin widerstrebte, Maximilian war alt und als hart verrufen, man
tröstete sie mit seiner Frömmigkeit.

Sie wurden zu München in der Augustiner Kirche kopuliert. Abends brannten
die Teertonnen und Scheiterhaufen auf den Plätzen. Auf dem Marktplatz vor
der großen Mariensäule waren geölte Gänse an Stangen gebunden; Burschen
jagten auf Pferden vorbei, suchten ihnen die Hälse abzureißen. In der
Residenz tanzten die Edlen den heiteren Tanz der Guillarde, die Sarabande,
Gavotte. Bankette auf dem großen Saal, Ballett, Ring und Quintanrennen.
Beim Aufzug zum Rennen wurde der goldüberladene Kurfürst und seine Braut
hinter Trompeten und Heerpauken, geführt von den Maestri de Campo, auf
einem Triumphwagen durch die Straßen gezogen, im blendenden
Frühlingssonnenschein von blumenstreuenden Nymphen umgeben. Zwei weiße
Pferde waren vor den Wagen gespannt, Maximilian lächelte starr. Sie lachte
erst, als auf dem schwarzen Blachfeld beim Armbrustschießen die schlechten
Schützen gepeitscht wurden und man die Hosen auf einer Stange herumtrug,
die die Stadt als Preis aussetzte. Und nach den Schwerttänzen der
Waffenschmiede küßte sie vor dem jubelnden Volk den strengen Menschen neben
sich auf dem Thronsessel. Er trug eine dreifache Perlenschnur um den Hut;
ein goldener Reiherkopf aufgelegt mit Diamanten, hoch wippend und
schwankend der weiße Reiherbusch. Sein fettes Gesicht war von einem dichten
graubraunen Vollbart eingerahmt. Eine Glutwelle hüllte seinen Kopf ein. Er
tauschte, die Augen lauernd vom Boden erhebend, einen verwirrten fast
schamvollen Blick mit dem seitwärts stehenden jungen Kuttner.

Auf dem Schrannenplatz, an der Stelle des alten Galgens, errichtete
Maximilian eine Mariensäule. Ihren Fuß umgaben mächtige geflügelte Engel
mit starken Waffen, sie kämpften gegen Untiere. Kontzen predigte an ihr
nach dem Psalmenwort: Du wirst über Nattern und Basilisken wandeln und
Löwen und Drachen zertreten.

                   *       *       *       *       *

Die Menschenmassen ließen sich nicht halten. Sie schwappten und rieselten
von Böhmen her nach Westen, von Norden gegen Thüringen, vom Rhein herunter.
Gurgelten unablässig. Aus Bayern schwollen sie an, gespeist aus allen
Teilen des Landes. Die Quellen fanden die tosenden Söldner, das Brunnenrohr
schlug die Einquartierung ein, Erpressung und Drangsalierung, Hungersnot
und Verzweiflung trieben die Wasser zum Anschwellen. Am Chiemsee floh die
Masse der männlichen Bevölkerung in die Wälder und Berge, dann sammelten
sie sich unter den Entbehrungen. Zwischen Alz und Inn, Inn und Isar zuckten
und zitterten die Kirchenglocken, gepeitscht von den metallenen Schwengeln.
»Aufstand!« bullerte es über die Dörfer, die in die Ebenen geglitten waren,
in den Bergen träumten, sich in dem Chiemsee spiegelten. Die Heere, Bayern
Maximilians des Hoffärtigen, Spanier und Italiener des Gouverneurs von
Mailand, Kaiserliche des speichelleckenden Aldringen, des glatten grausamen
Federfuchsers, wollten sie über die Isar werfen.

Sie liefen im Winter frierend über die dunstige Erde; auf den Bergen sah
man sie laufen und lief nach. Frauen und Kinder, Greise, Kranke im Zug. Sie
drangen plündernd in die Häuser der Grundholde ein, rissen die Tore der
Scheunen auf, hingen die Müller an den Mühlen auf, schleuderten die
Mehlsäcke, Mehlsäcke über Mehlsäcke auf die hungernde Straße. In Rosenheim
taten sie sich zusammen, erließen gegen den Kurfürsten Maximilian ein
Famosschreiben, nannten ihn Geizkragen Bestie Paternosterknecht. Die
Pfarrer warf man als seine Lakaien aus den Häusern, Jesuiten wurden
gepeitscht, hie und da ermordet.

Als sich die Grundherrn nach München wandten, schickte man ihnen Kapuziner,
die sollten die Bauern besänftigen; die Mönche wagten sich nicht an den
Herd heran. Das Regiment Kronberg stand bei Endorf und Prien am Chiemsee,
dann über Riederung und Sochtenau; die Kompagnien wurden einzeln
überfallen, zerstreut, die Pferde geraubt, die Waffen gesammelt;
allenthalben begann der Einbruch in die Schlösser und Depots, Waffen wurden
gesucht. Eine beherzte Mönchskommission machte sich auf zu den Rebellen;
sie sah in den Bauernlagern solchen Jammer, daß sie, ehe sie Maximilians
Mandat verlesen hatte, abzog; die Mönche verschluckten vor diesen Männern,
die sich vor Schwäche kaum auf den Beinen hielten, vor diesen hohlbäckigen,
den Gräbern, an die man sie führte, die zornige Warnung, ließen sich
gramvoll durch die leeren Dörfer zurückführen.

Generalwachtmeister Lindelo in Wasserburg erhielt den Auftrag, seinen Platz
zu halten. Spanisches Fußvolk aus Ferias Heer kommandierte Oberst Billehn,
Artillerie kam aus München, Fürstenberg führte seine Reiter heran. Bei
Ebersberg machten sie zweihundert Bauern still. Als das Dröhnen der
Kirchenglocken nicht aufhörte, schoß Artillerie die Dörfer in Trümmer. Die
ortskundigen Söldner machten Zeichnungen der Landschaft, man konnte ohne
Lärm große Massen der Bauern umzingeln, mit Feldstücken und einigen
Schlangen umlegen. Versprengte von Kronbergs Reiterei suchten Rache; den
Rädelsführer Michael Mauerberger faßten sie, er wurde ihnen vom Oberst
Billehn entrissen und da er gestand am Rosenheimer Famosschreiben beteiligt
zu sein, sogleich enthauptet, gevierteilt. Die zerhackten Stücke stellte
man aus, auch gegen die oberösterreichische Grenze, wo das Branden eben
begann.

                   *       *       *       *       *

In die wandernden Scharen der Landesflüchtigen, in die Verödung der
Landschaften geriet Ferdinand hinein. Er war dem Bandenführer entwichen,
der ihn zehn Tage gefesselt hatte, um ihn an den Wiener Hof gegen ein
Lösegeld wieder auszuliefern. Er strudelte mit den Bettelnden Hungernden
Plündernden. Ferdinand, längst schmierig wie sie, aß Fleisch von gefallenen
Pferden wie sie, lief vor hetzenden Hofhunden; Kaspar Weinbuch, der
vertriebene Müller von Bamsham, mit ihm. Sie hielten sich keine zwei Tage
an einem Ort auf; der Boden war lebendig, er hob sich auf, stieß sie von
sich. Ferdinand, dünn geworden, sein Gesicht knochenmager, überzogen von
einer schlaffen faltigen schmutzüberkrusteten Haut; er ging krummer,
rascher als sonst, sein hellblauer Blick bestimmt und sehr lebhaft. Redete
und fuchtelte nach rechts und links: »Kein Erbarmen! Kein Erbarmen! Gebt
nicht nach. Es sind Teufel in der Welt; wenn ihr sie nicht bezwingt, kommt
die Sintflut und was Lebensodem in der Nase hat, wird ausgerottet. Es kann
nicht anders geschehen. Der Herr kann sich nicht anders retten.« Seine
Parole wie Kaspar Weinbuchs, eines noch jungen einarmigen Menschen, der
seine Mühle angesteckt hatte, weil er für die Italiener mahlen sollte:
»Gebt nicht nach. Braucht Gewalt! Kein Mitleid! Braucht eure Arme, eure
Zähne. Sterbt nicht, sterbt nicht hin. Wo ist eine Rettung für die
Menschen, wenn ihr vergeht. Die Mühle, die die nächsten Geschlechter,
Kinder und Enkel und Enkelkinder zermahlen soll, steht schon da, unser
Blut, unsere Knochen hängen am Mühlrad. Sie muß brennen. Gebt nicht nach.
Sterbt nicht! Sterbt nicht!«

Sie plünderten viel, um leben zu bleiben, verteidigten sich, trugen Waffen;
Pferde konnten sie nicht halten, da der Hafer ausging. Obwohl sie sich oft
in leere Häuser einquartierten, litten sie furchtbar unter der Kälte.

Ferdinand legte sich den Namen Grimmer bei. Die hetzenden harten Reden
flossen aus seinem Munde; er wollte nicht sehen, wie sich Verzweifelte in
die Städte schlichen, sich satt zu essen und zu wärmen, ob man sie auch
totschlüge oder sich bei den verfluchten Söldnern anwerben zu lassen.
Grimmer, kaum an seinem Stock laufend, tröstete und reizte sie: »Fürchtet
Gott! Fürchtet ihn! Wisset, daß eine grausige Macht hinter der Welt ist,
der wir Verantwortung schulden. Gebt keine Nachsicht. Mordet, mordet!
Vergeßt ihn nicht!«

Was manche dieser Horden vor sich trugen, war das Schrecklichste, das die
umlaufende Bevölkerung gesehen hatte: Kreuze aus starken Baumästen, mit
Stricken zusammengebunden, daran hing ein wirklicher faulender Leichnam,
bald ein Mann, bald ein Weib, manchmal ein Weib und an jedem Querast ein
baumelndes Kind; den pestilenzialischen Geruch schienen, die das Kreuz
trugen, nicht zu merken.

Sie wurden allenthalben zersprengt. Über Fürth irrte Grimmer mit Kaspar
Weinbuch.

Es war Frühling geworden, als sie böhmischen Boden betraten. Fließender
Regen ohne Ende. Man ängstigte sich vor den hetzenden Gesellen, trieb sie
weiter. Eine alte Fischerin, die sie für Stunden aufnahm und beköstigte,
warnte sie, zeigte die Kinder ihrer Tochter, drei junge Geschöpfe, die sie
bei sich hatte; Vater und Mutter waren bei einer böhmischen Revolte
umgekommen: »O, was haben sie von den lieben Kindern. In der Erde, so jung,
so jung.« Böhmen hätte gelernt, sei still geworden. Während der bärtige
Müller finster lachte, streichelte Grimmer die Hände des alten Weibchens:
»Was willst du? Es ist ja alles wahr, was du sagst. Ich möchte es so gern
glauben. Es hilft aber nichts.«

Sie betrachtete ihn traurig: »Wie lange wirst du alter Mann noch
herumlaufen; wirst ruhig sein wie ich.« »Ach, es hilft nicht, Weibchen, was
du sagst. Du willst dich sterben legen. Alle wollen sich sterben legen.
Bleibt doch leben, haltet Euch steif.« »In der Bibel steht: meine Kraft ist
an dem Schwachen mächtig.« »Ihr wollt sterben. Ihr könnt nichts als
sterben.«

Der Müller riß ihn, der versunken in der Hütte saß, mit sich fort, brüllte
draußen: »Das Volk, Männer und Weiber, ist eins; träge und lahm. Wollt Ihr
sie gründlicher studiert haben als wir.«

Vor ihnen scholl das Gerücht: der Friedländer, des Kaisers Feldhauptmann,
sei in Eger erschlagen auf kaiserlichen Befehl, seine Freunde, die hohen
Offiziere mit ihm. In Mies sollte er begraben sein, auf dem Boden seines
ehemaligen Feldmarschalls von Ilow. In dem Ort suchte und suchte Grimmer,
er wollte zu ihm auf die bewachte Grabstätte im Franziskanerkloster. Sie
hielten sich lange hier auf. Und wie Weinbuch schon unwillig weiter
drängte, knarrten eines Mittags Reisewagen in das Dörfchen von Osten; eine
edle noch junge Frau stieg herunter in grauer Kleidung des Leides, um die
Stirn die Kreppbinde, vom Ärmel fiel der weiße Trauerstreifen; vier Frauen
hinter ihr; Isabella, das Weib des toten Friedländers. Da vermochte
Weinbuch den andern nicht von der Stelle zu bringen.

Eine kleine Bande Klopffechter, Sankt Markus- und Lukasbrüder trollte am
selben Tage in das Dorf ein, die Kunst des Fechtens mit allen Gewehren zu
zeigen; ein jovialer wohlgenährter Zahnbrecher und Steinbrecher war dabei,
die beiden herumlungernden düsteren Tröpfe wurden von ihm erblickt,
angelockt, zu seinen Schauprozeduren herangeholt; er fütterte sie.

Aus dem dumpfigen Boden wurde der Körper, der ehemals sich mit dem Herzog
Albrecht von Friedland, dem Böhmen von Wallenstein, bewegt hatte,
geschaufelt: zwischen zwei dünnen Kieferbrettern lag er geklemmt.
Dorfbevölkerung hatte die Witwe aufgeboten zur Begleitung der Leiche über
die Bannmeile; auf zwei Stangen trugen alte Bauern den Sarg, mit einer
grauen Decke war er überhängt, damit man nicht sähe, daß dem zu langen
Toten die Unterschenkel zerschlagen und umgebrochen waren.

Armselig hinter den vier Mönchen zwischen den Bittfrauen und
Groschenweibern die ganz verhängte Fürstin. Schritt, Schritt.

Von weitem folgte Ferdinand, auf zwei Stöcken, die Kappe in der Hand,
weinend, das vibrierende graue Gesicht von dem warmen Wasser gefühllos
überlaufen.

Weinbuch schimpfte über das Geplärr. Das Maul breitziehend ließ ihn der
Müller, schlug sich zu den andern, die auf Kosten der Fürstin den Tod im
Wirtshaus versoffen mit Bier und Rosmarinwein. Auf einen Leiterwagen lud
man an der Wegkreuzung den Herzog; die Witwe fuhr hinterdrein, auf Gitschin
zu, in die Karthause Walditz.

Grimmer, dem ein stoppliger Backen- und Kinnbart gewachsen war, war von dem
Tag an von einer sonderbaren Einsilbigkeit; sein Gesicht war unbeweglich.
Er stand, als ein kläglicher kleiner Zug Flüchtlinge vor ihnen vorbeizog
und der Müller die Arme ausstreckte und zu reden anfing, stumm und wartend
abseits. Der Müller jauchzte die alten lockenden wilden Worte: »Nicht
nachgeben! Beile genommen! Schlagt aus nach rechts, schlagt aus nach links!
Gehämmert in die Mauern!« Die Flüchtlinge reckten die Arme wie er.

»Was stehst du da?« fuhr ihn der Müller an, wie sie gingen, gefährlich.
Still und ohne Klage sagte der andere: »Ich kann's nicht. Ich bring' es
nicht heraus.« »Was bringst du nicht heraus.« »Ich kann nicht fluchen.«
»Was bist du für einer. Du bist selbst angefressen. Legst dich selbst zum
Sterben.« Es war mit Grimmer nichts anzufangen.

Ferdinand hatte sich, als er unter die flutenden Menschenmassen geriet,
überwältigen lassen. War dem Jammer, der ihm begegnete, unterlegen. In
Graus und Reue hatte er geschrien: »Beile genommen! Beile! Nicht
nachgeben!« Das schlief schmerzlich vor Wallensteins kläglichem Holzsarg
ein.

Und nun kam die Dunkelheit über ihn. Er wußte nicht, was wurde, aber er
wartete. Ein großes Bedürfnis nach Schlaf hatte er. Es wäre möglich
gewesen, daß er ohne Widerstand hinstarb. Und dann regte sich eine Bewegung
in ihm. Er seufzte und die Erinnerung trat in ihm auf: »Gebt Raum, gebt
Raum.« Sanftheit und Stille, worin er Platz nehmen wollte. Der Balken, an
dem er sich entlang tastete. Oft blickte etwas in ihm auf Wallensteins
Sarg. Er fühlte sich bewogen, viel hinter dem Sarg herzugehen, Hände zu
drücken, die gebrochenen Beine auf Watte zu schienen.

Die Fechtbrüder und der Zahnbrecher hatten Gefallen an ihm, nahmen ihn und
den Müller auf ihrem Wagen mit; er sollte für sie ausrufen. Sie gerieten in
Streit mit dem Müller, als der sich daran machte, in ihrer Weise sie zu
erregen. Als Weinbuch in seinem Zorn ihnen einmal zwei gute Degen mit einem
Stein zerbrach, prügelten sie ihn. Der Müller entwischte; den andern, der
mit ihm wollte, ließen sie nicht fort. In die Zone der Heere reiste die
Bande, um besseren Gewinn zu finden. Als die ersten Kompagnien in der
Gegend von Joachimstal an ihnen passierten, bettelte Grimmer, sie möchten
ihm das schenken, den Anblick der Söldner, er wolle fort von hier. Jubelnd
kam einmal der dicke Quacksalber an: er habe den andern mit dem braunen
Bart, den Kaspar, den Müller, gesehen. Wo, wolle er nicht sagen: hoch in
der Luft, an einem Soldatengalgen hänge er; hätte wohl das Maul sehr voll
genommen. Grimmer flammte: »Führt mich hinein. Führt mich hin. Ich will
ihnen alles sagen. Er ist einen guten Tod gestorben.« Und er schrie über
Weinbuch und weinte: »Laßt mich fort! Helft mir doch.« Sie lachten:
»Gewalt! Gewalt! Lauf mit deinen Krücken. Wir werden einen Hund gegen dich
jagen, daß er dich umrennt.« Er hob die Hände und zitterte: »Ihr könnt
nichts für eure Wildheit.«

In einem Birkenwald, der eben grünte, lag an dem Platze, wo sie ihr Lager
aufschlagen wollten, ein brauner Frauenschuh, und nicht weit kam ein ganz
feines Winseln zwischen den Stämmen her. Sie gingen dem Winseln nach. Da
lag entblößt und zerhackt ein zusammengebogener Frauenkörper und auf der
Erde hinter seinem Rücken streckte ein verpacktes kleines Kind die weißen
Beinchen in die Luft, schlug mit den blauen Händchen, winselte. Mit einem
markerschütternden Geheul, als hätte er die Sinne verloren, warf sich
Grimmer an die Erde, kroch auf den Knien vor die Frau, deren eisiges
Gesicht er bestrich. Sie rissen ihn von der Zerhackten los; er ließ den
Stock liegen, tastete nach dem Kind, hielt es fest. Sie vermochten nicht es
ihm aus dem Mantel herauszuziehen; er warf sich, als sie damit begannen,
auf das Gesicht und deckte das Kind. Sie bewogen ihn dann aufzustehen; das
Wesen schrie in seinem Mantel; er stand wie ein Bock; sie mußten ihm das
Geschöpf lassen; grausig brüllte er, er gäbe es nicht ab.

Die Bande stahl Frauen und erpreßte mit ihnen Geld, verkaufte unerlaubte
Hartmacherbriefe. Sie ließen den Grimmer mit seinem Kind nicht los, weil er
schon zuviel von ihnen wußte. Er besänftigte sich, folgte, war gut zu
ihnen. Aber es war etwas Gespanntes in ihm, wovor sie Furcht hatten. Das
Kindchen gab er einer Nonne ab. Er bohrte, bohrte, sie sollten ihn laufen
lassen. Welches Recht sie hätten, ihn zu halten. Er drohte; sie lachten.
Verzweifelt saß er stundenlang in einer Wagenecke, rang die Hände. Sie
ließen ihn im Stroh gackern. In ein rasendes Gezänk ließ er sich mit ihnen
ein; da er ihnen rachsüchtig schien, nahmen sie ihn nicht mehr auf die
Märkte, in die Dörfer hinein mit; sie wollten ihn schon kirre kriegen. Er
hatte in dieser Zeit die Aufgabe, mit einigen Roßbuben auf die Wagen zu
achten. Als die Buben berichteten, daß der Grimmer, statt sich um die Wagen
zu kümmern mit vorbeiziehenden Wallonen lange heimliche Gespräche führte,
daß auch einzelne Wallonen sich schon mehrfach in der Nähe des Quartiers
hätten sehen lassen, beschlossen sie sich seiner zu entledigen; sie waren
der Meinung, daß Grimmer an Flucht oder Verrat dachte.

Sie kamen bei Kaaden vorbei, wo ihnen das Kind eines Ratsherrn in die Hände
fiel. Die aus der Stadt aber hatten einige Reiter, die sich hinter ihnen
her machten. In ihrer Angst ließen sie das Kind auf der Landstraße zurück.
Als sich die Reiter damit noch nicht zufrieden gaben und nach ihnen
suchten, spannten sie die Pferde von den Wagen, ritten davon mit allem, was
sie schleppen konnten; den Grimmer ließen sie bei den Wagen. Er wurde von
den Reitern gefaßt, nach Kaaden gebracht und in der Stadtmauer eingesperrt.
Die Büttel, von den Angehörigen des Kindes noch bestochen, ließen ihre Wut
an ihm aus.

Ferdinand aber schien, seit er die Quälereien von der Fechterbande erfahren
hatte, ein vollkommener Narr geworden zu sein. Er war von einer flutenden,
stoßweise ihn durchrollenden Erregung heimgesucht. Wie ihn die Räuber auf
die Straße warfen und er gefangengenommen wurde, war er, als wäre er alle
Sorgen losgeworden. Er hatte schon die Wallonen im Wald nicht, wie die
Buben erzählten, aufgefordert, ihn zu befreien, sondern nur von sich
erzählt. Er sei in einem hohen Amt gewesen, hätte es aufgegeben. Denn das
Regieren hätte wenig Zweck. Es läuft alles von selbst. Es ist auch alles
gut, hätte er erkannt; man müsse nur wissen wie. Man könne mit ihm tun, was
man wolle, man täte ihm nicht weh. Er forderte die Wallonen geradezu auf,
ihm doch Hiebe zu versetzen, sie täten ihm Gutes damit an. Als ihm einer
dann einen Faustschlag gegen die Schulter gab, sank er in das Gras, wand
sich vor Schmerz, aber lächelte verzerrt: es machte nichts, es täte ihm
wohl; sie ließen ihn blaß, halb ohnmächtig sitzen. Im Stadtkerker wurde er
gemißhandelt, daß er meist seine Besinnung verlor. Sobald er aber frei war,
erzählte er wieder, er sei der Kaiser Ferdinand, der Römische Kaiser, es
ginge ihm jetzt besser. Wie gegen einen Klotz verfuhr man mit ihm; um ihm
Geständnisse zu erpressen, brannte man ihn an Stirn und Arm und streute
Salz in die Wunden. Er gab zu, was er von der Bande wußte, sich selbst
beschuldigte er nicht. In dem Keller stand er bei jeder Vernehmung vor dem
Richter und dem Henker, der gebückte graue Mann, bejammerte Richter und
Henker, beschwor sie an sich zu denken und nicht an das Gesetz und den
Kaiser; er sei Kaiser gewesen, er spräche sie frei von der Verpflichtung;
Mehrer des Reiches möchte er sein, und darum möchten sie davon ablassen,
ihn zu quälen: es helfe ihnen nichts.

Er rief sie an: »Ihr müßt euch freuen. Es ist Mai oder Juni. Es ist eine
schöne Zeit. Macht nicht so finstere Mienen. Euer Handwerk verdirbt euch,
es macht euch die Brust eng. Würde doch kein Tier so finster und trübe
leben wollen wie ihr. Lacht. Wenn man lacht, begrüßt man die anderen
Wesen.« Sogar nach einer peinlichen Prozedur des Streckens bat er matt:
»Ihr müßt nicht so strenge Mienen machen. Es ist ja alles in der Welt so
schön. An mir müßt ihr keinen Anstoß nehmen. Ich bin kein Schelm;
meinetwegen braucht ihr euch nicht zu erbittern. Und auch mit den anderen
könntet ihr fröhlicher fertig werden. Fröhlich, fröhlich. Ich bin es auch
und möchte darum leben.« Er glitt an seiner Stange entlang.

Sie lachten aber nicht. Und ganz finster wurden sie erst, als der Henker
eines Morgens Grimmers Zelle leer fand.

Die Klopffechterhorde hatte von seiner Einkerkerung gehört; sie gereute es
nicht gerade, ihn überliefert zu haben, aber sie wollten dem Ratsherrn
einen Possen spielen, nachdem sie um den Prellohn gekommen waren. Sie
überwältigten, da sie starke Menschen waren, eines Nachts die Posten der
Stadtwache vor dem Kerker, nachdem sie unbemerkt über die Mauer gestiegen
waren. Grimmer vom Fackellicht aufgeschreckt, blinzelte sie aus dem Stroh
an; sein Gesicht tieftraurig, er erkannte sie nicht. Dann als sie ihn
anhoben und mit einem Mantel bedeckten, begrüßte und streichelte er sie
flüsternd. Sie schleppten ihn mühselig über die Mauer, Ferdinand verbiß
jeden Schmerz. Während sie selbst vor Übermut kicherten, mußten sie seinen
Jubel dämpfen. Der dicke Steinschneider, der sein Pferd führte, fragte ihn,
als sie davon durch den sausenden Wald ritten, ob er nicht einen Priester
haben wollte. Ferdinand lachte: »Noch nicht. An meinen Heiland glaube ich.
Aber wenn ich Sünden bekennen sollte, ich wüßte nicht, welche ich bekennen
sollte.« »Du bist schlecht«, warnte der andere. »Nein, verzeih mir. Es hat
sich mir alles verwischt. Weißt du, wo ist Sünde und Tugend?«

Nach vierstündigem Ritt lagerten sie in einer Hütte, wo die anderen
Gesellen schon warteten, blieben dort ungestört einige Tage. Ferdinand
lobte sie für die Wohltat an ihm. Sie ließen ihn viel allein.

Als man zu dem tief gelbsüchtigen fiebernden Ferdinand, dessen Körper aus
vielen Wunden eiterte, einen Barfüßermönch schickte, weinte er heftig,
gestand: »Die Sünde, ja, das ist es.«

»Nun siehst du.«

»Ich kenne sie, ich weiß, was Sünde ist.«

»Siehst du.«

»Nur, ich kann sie nicht fühlen. Mir ist alles verwischt. Wer hat mir das
angetan?«

»Du bist krank, du frierst, du schüttelst dich im Frost.«

Aber Ferdinand blickte ihn ruhiger aus seinen hellen Augen an: »Ich bin
verzaubert. Ich kann nichts als mich freuen.«

Der Barfüßer sprach Gebete, segnete ihn, ging davon.

Ferdinand überwand das Fieber. Sehnsüchtig, wenn die Horde fortgerasselt
war, kroch er zur Tür hinaus auf allen Vieren in den grünen Wald. Es war
sonnig. Er suchte sich zu heilen.

Der Wald, der Grund eines weiten Meeres, Tag und Nacht durchwogt und
aufgewühlt. Die jungen und alten Bäume hielten sich mit Wurzeln an der Erde
fest; Geäst und Blattwerk, hungrig hochgeworfen, wurden am Schopf gefaßt,
nach unten gebogen, seitlich geschnellt, im Kreis geführt. Vielfarbige
Blumen wuchsen im versteckten Gras. Ferdinand zog sich an dünnen Stämmen
hoch, fühlte seine Knie; die Luft blies in seinen geöffneten Mund, der Atem
ging leise aus seiner matten Brust; er rutschte wie ein weicher Wurm ab auf
das Moos. Er pendelte und schwankte getrieben wie ein Ertrunkener in der
Luft. Wie dunkle Zauberworte klang manchmal in ihm auf: das Reich, der
Krieg, der Thron. Auf Minuten breitete er stöhnend die Arme aus: »Ich bete
nicht, Maria muß mir helfen, sie wird mir verzeihen.« Unversehens, wie er
lag, hatte ihn das pelzige Moos.

Kopfbeugend und mit Ungeduld ging und stand er, bis sich die Horde
verlaufen hatte, um sich zwischen den stummen Bäumen wieder einzufinden.

Auf einem Baum erwartete ihn ein sonderbares Wesen. Es saß zwischen starken
Ästen, steckte den kleinen braunschwarzen Kopf zwischen Blätterhaufen
hervor. Ein verwahrloster junger Mensch, stark am ganzen Körper behaart. Er
ließ die Äste zusammenschnellen, sah wieder herunter. Über Schulter und
Bauch hatte er sich einen fellartigen Lumpen gebunden; er stieß und
hangelte mit den affenartigen mageren Beinen. Der Kobold, die schwarze
knochige Brust nach einiger Zeit herunterbeugend, krächzte etwas
Wortähnliches, lief vorsichtig, wie er Ferdinand kriechen und liegen sah,
auf den Ästen um ihn herum, dann am Boden. Ferdinand winkte ihm. Er floh.

Von Tag zu Tag kam er dichter. Einmal schwang er sich zu dem Kranken, griff
schnell nach seinem Brot, aß im Fortlaufen. Er beobachtete Ferdinand aus
fliegenden grauen Augäpfeln, die rastlos in ihren flachen Höhlen spielten,
ohne daß sich die kleinen Lider bewegten. Schließlich betastete und
beschnüffelte er den sitzenden Mann, der ihm öfter die Hand hinstreckte. Er
wich ihr aber zuckend aus, zuletzt nahm er sie bei den Fingern, besah sie
dicht, drehte und hob sie, beschnüffelte sie, ließ sie los. Saß da, um
plötzlich auf ein Geräusch einen Baum anzuspringen und zu verschwinden.

Einmal, wie Ferdinand die Tür der Hütte aufließ, schlich das Geschöpf
hinein, kam rasch mit einem großen Stück Fleisch heraus, das er auf einem
Baum verschlang. Wie er wieder neugierig Ferdinand beobachtete, der sich an
seinem Stock hochschob und einige Schritt schleifte, stellte er sich neben
ihn, stützte ihn geschickt von hinten, indem er ihm unter den Arm griff;
dabei kicherte er mit demselben Krächzen, mit dem er sprach.

Ferdinand verstand rasch seine kindlichen Bezeichnungen. Einmal morgens --
Ferdinand hatte ihm wegen seines stechenden Geruchs verwiesen in die Hütte
zu gehen -- erwartete ihn das Geschöpf listig lauernd schon draußen. Es
winkte, lachte, gab zu verstehen, daß es etwas Schönes wüßte. Und dann
stürzte es Ferdinand unter einen Arm, zuletzt trug das kleine Geschöpf
keuchend den anderen eine Strecke bergigen Bodens auf dem Rücken. Von einer
nahen Anhöhe zwischen Gesträuch sahen sie herunter. Da war ein Fluß und an
ihm ein weites buntes klingendes Badehaus. Schwimmende Tische; auf den
Galerien gingen Damen mit geschlitzten Mänteln. Von oben warfen sie Blumen
herunter, die unten spannten ihnen Laken entgegen. Die lustigen Fräulein
streckten die Hände nach der Galerie um Geschenke aus, sie tanzten im Bad,
das Gewand schwamm obenauf. Flöten und Lauten spielten. Bälle mit
Glöckchenbehang flogen über dem Wasser. Der Waldmensch kreischte leise,
knirschte mit den Zähnen, hatte funkelnde Augen, leckte sich einen
hochspritzenden Tropfen wonnig vom Mund. Er hüpfte mit Ferdinand vorsichtig
zurück.

Ferdinand liebte das wilde Geschöpf außerordentlich. Er wunderte sich
selbst. Überaus stark griff ihn die Neigung, dieses sonderbare Verlangen zu
dem Tierwesen. Er war in vieler schmerzhafter Spannung, gesundete mehr;
sein Gesicht und Hände häuteten in der Sommerluft. Die Bande ließ sich oft
tagelang nicht sehen, er mußte mit Brot und Fleisch haushalten. Da war der
Waldmensch weg. Zwei Tage stellte er sich nicht ein. Es fehlte nicht viel,
daß Ferdinand, leicht erschöpflich wie er war, ihm nachging. Bis er eines
Mittags allein in der Hütte liegend von dünnen Rufen, dann einem knackenden
Geräusch und nahem Scharren überrascht wurde.

Vor einem Gestrüpp das braunschwarze Geschöpf. Es bückte sich über etwas
Weißem. Winkte krächzend lachend schnarrend Ferdinand mit Händen und
Blicken zu. Das Weiße hob sich. Es war ein junges rothaariges Fräulein, nur
leicht gekleidet. Er mußte sie aus dem Bad gestohlen haben. Das nicht
schöne pockennarbige Mädchen streckte aus seinem tödlich blassen Schrecken,
immer wieder ohnmächtig, Ferdinand die Arme entgegen. Der aber sah sie kaum
an. Der Waldmensch fletschte die Zähne, schleppte sie rückwärts, knurrend
fauchend und brünstig kreischend ins Gebüsch, nach Ferdinand, der
herausgetreten war, sich umschauend, hob ihr die Tücher ab, verging sich
glucksend und schlagend an ihr.

Ferdinand hatte mit hellen überweiten verglasten Augen in der Nähe
gestanden. Das Waldtier winkte ihn hervortauchend, kochenden Leibes, zu dem
Fräulein heran, fiel ihm grunzend und speichelnd um die Brust. Es hauchte
ihn hitzig an. Die wand sich im Gras, wollte weglaufen. Ferdinand zitterten
unten die Knie. Er konnte sich von diesem betäubenden Atem nicht losmachen.
Er drückte halb willkürlos den Waldmenschen an sich. Schaurig, fast
unerträglich strömte es über ihn bei der Berührung der zottigen Haut und
bei dem starken schweißgemischten Dunst. Er kannte kein Erbarmen mit dem
Fräulein unter der Aufpeitschung seines Innern. Er vermochte, wie es durch
ihn raste, die Arme fest um den Kobold zu schließen, verzehrt von Angst und
Hingenommenheit. Das Mädchen war fort. Das heiße Geschöpf lachte ihn an,
schüttelte sich losgelassen, knurrte, schnarrte, wie es das Fräulein nicht
sah, schwang sich davon.

Ferdinand saß mit flimmernden Augen in der dunklen Hütte, blinzelte. Sah
sich um, wußte nicht, wo er war. »Ich muß fort«, war ihm bewußt. Als er
zwei Stunden geschlafen hatte, war er schweißgebadet. Sein Kopf floß. Durch
seinen Traum hatte sich das Schaurige Betäubende gewaltig und fessellos
geschwungen.

Am nächsten Morgen kam die Bande. Den Abend zuvor hatte er noch mit Ästen
nach dem Waldmenschen geworfen, wie der sich ihm grinsend nähern wollte,
hatte die Tür vor ihm zugeklemmt.

Aber wie sie über Hügel und Felder fuhren, wurde er wieder eine Beute der
Betäubung. Klee Heckenrosen Lupinen zogen vorbei. Und so blieb es tagelang
in der Ruine, in deren Kellern sie sich versteckten und Ferdinand, der
leidlich gehen konnte, als Wächter beließen für die gestohlenen Pferde
Rüstungen Säcke, während sie draußen ihr Handwerk trieben. Hier
entschlüpfte Ferdinand, völlig modelliert von dem Erlebnis. Etwas
Geheimnisvolles lag über ihm. Im Schnappsack trug er Brot Käse und
Rauchfleisch mit sich. Grau und sehnig war er, das Gesicht noch gelb. Er
machte einen beunruhigenden Eindruck auf die Leute, die ihn beköstigten und
schlafen ließen. Wich ihnen aus.

Ihn trieb es, wie er auch widerstrebte und sich wand, nach dem Wald und der
Gegend des Koboldes. Er grollte und lobte sich in einem Gedanken, daß er
ihm ausgewichen war. Wie er eine Baumrinde berührte, fühlte er, wohin er
gehörte; er bekam die Hand, als friere sie fest, kaum los von dem Stamm.

Er näherte sich nach Tagen erregt dem Ort. Von Schreck durchzuckt fand er
die Hütte. Das niedrige Holzgestell, die groben braunen Latten. Es benahm
ihm den Atem. Einen Augenblick stand sein Herz still. Er ließ sich nieder.
War tief beglückt. Den ganzen Tag wartete er, schlief im Freien ein. Und
noch ein Tag. Er ging und bewegte sich wie in einem festen Schlaf. Wie er
im Morgengrauen aufwachte unter Gezwitscher, saß der braunzottige Kobold
neben ihm, betrachtete ihn von der Seite, lachte ihn an. Ferdinand
aufwallend blieb ernst, berührte ihn bittend. Der wies ihm den Buckel,
schien ihn schleppen zu wollen. Ferdinand legte die Hände an das Wesen,
genoß, im Innersten durchrieselt, die Berührung. Der quietschte, kratzte
sich, gab wegkriechend Zeichen auf die Hütte, schnarrte, lallte. Die
Hüttentür war offen. Der Mann ging sich duckend hinein. Eine Bande mußte
erst jüngst dagewesen sein; es lag Brot und Schinken unter dem Tisch, auf
den Bänken; sie waren übereilt abgezogen.

Ferdinand setzte sich hin, sah atmend dem Kobold zu, der alles
durcheinander warf, zuletzt mit einem Stück Brot davonrannte.

Sommerliches Rauschen im Wald, die Sonnenlichter spielten.

Der Waldmensch öffnete gegen Abend, wie es glührot geworden war, die Tür.
Ferdinand lag gestreckt auf der Bank. Das Geschöpf klopfte mit dem Finger
gegen die nackten Fußsohlen des Mannes. Der richtete sich auf.

Ein breites flaches Messer lag unter dem Tisch neben der Bank. Das Geschöpf
stieß mit den Zehen daran. Im Moment bückte es sich, faßte mit einem langen
behaarten Arm herunter. Seine Augen glitzerten.

Rittlings schwang es sich vor den Mann auf die Bank, drückte sich fest an
den erschauernden freudvoll blickenden, und senkte blitzschnell das Messer
von hinten in seinen Rücken. Mehrmals. Sie hielten sich Auge in Auge. Ein
leichtes Staunen kam in Ferdinands Ausdruck. Er erzitterte bis in die
Fußspitzen, legte sich seitlich um.

Das Geschöpf rutschte von der Bank, blickte das Messer an, sauste hinaus,
gab Stöße in den Grasboden, schleuderte das Messer von sich gegen die
Hütte.

Nach zwei Tagen schlich es herein, aß. Faßte den Körper, der unter dem
Tisch lag, an beiden Füßen, spannte sich wie ein Pferd vor, lief mit ihm
hinaus, zerrte ihn über das Gras. Der Kobold war so stark, daß er den
mageren Körper im Kreis um sich schwingen konnte. Er schnalzte kicherte
freute sich daran.

Lief mit ihm über Gebüsch Äste. Es war Regenwetter. Die Tropfen klatschten.
Ferdinand lag auf zwei sehr hohen Ästen. Das dünne kühle Wasser floß über
die hellen Augen. Der Kobold hatte kleine Zweige zu sich heruntergezogen,
er saß vom Laub gedeckt. Schaukelte den Körper auf den großen Ästen,
knurrend stirnrunzelnd.

                   *       *       *       *       *

Unter die aufmarschierenden Heere der Kaiserlichen Sachsen Schweden Bayern
gerieten von allen Seiten die losgelösten verzweifelten Volksteile. Viele
gingen zu den Truppen über, von Lohn und Nahrung verlockt. Was ihnen
störend in den Weg kam, zerklatschten die Heere.

Die Söldnermassen selbst brachen gegeneinander los, schlugen sich nieder,
verfolgten sich, metzelten sich von neuem, Kaiserliche Sachsen Schweden
Bayern. Im Westen hatten sich die Welschen gesammelt. Sie warteten in
frischer Kraft auf ihr Signal, um sich hineinzuwerfen.

Ende

Werke von Alfred Döblin

Die drei Sprünge des Wang-lun

Chinesischer Roman Achte Auflage

Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine

Roman Vierte Auflage

Der schwarze Vorhang

Roman von den Worten und Zufällen Dritte Auflage

Wallenstein

Roman Zwei Bände

Die drei Sprünge des Wang-lun

Dieser Roman ist ein Zeichen jenes Einfühlungsvermögens, das seit den
Schlegeln der deutschen Literatur gegeben ward. Das ist kein papierner
Hintergrund, bemalte Kulissen, das sind die wogenden Reisfelder, das ist
der breite gelbe Strom, das sind die engen erbärmlichen Händlergassen, das
Volk, das stiehlt, betrügt und betet; chinesische Märchen und Lieder
beschreiben es uns. Gleicher Ebenen Hauch, tausendjährige Kultur umweht uns
in diesem Buch, und manche Seite könnte vielleicht ebensogut in einem
chinesischen Werke selbst stehen.

(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)

Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine

Kein Zweifel, dieser Roman ist eine Leistung. Mit einem künstlerischen
Eifer, den man fast Ingrimm nennen möchte, werden hier Menschen
aufeinandergehetzt, wird ein Leben dargestellt, das nur in Arbeit, Kampf,
Hetzjagd, fahrig an sich gerafftem Genuß, Mißtrauen, Unrast, Feindseligkeit
besteht. Nach außen hin, da doch irgendeine Form gefunden werden muß, gibt
sich dies als eine Konkurrenz zwischen zwei Berliner Fabrikanten, einem des
älteren Systems und seinem Gegner, der ihn mit der Dampfturbine schlägt,
ihn übrigens auch zu Diebstahl, Fälschung von Papieren und ähnlichen
Existenznotwendigkeiten treibt. Wie Döblin dieses Buch, mag ein Gelehrter
sein Werk schreiben, auch nur mit dem Verstand, wohl mit innerer Teilnahme,
aber ohne Liebe, ohne Phantasie. Und trotzdem ermangelt es dieser natürlich
nicht, ebensowenig fehlt es an Geist und Erfindung.

(Die Zeit, Wien)

Der schwarze Vorhang

In diesem Frühwerk zeigt sich schon die ganze Kraft und Eigenart Döblins.
Er gestaltet auch hier schon ins Großzügige hinein. Zwar handelt es sich in
der Hauptsache um Empfindungen und Gefühle. Aber er formt sie schon in
mächtigen Zügen. Er hebt sie über das kleine, zerpflückende Alltägliche
hinaus und gibt ihnen Gewicht, Bedeutung und fast Ewigkeitsinhalt.
Allerdings stellt das Werk auch Anforderungen an den Leser. Es fordert
Geduld und Hingabe. Aber am Ende lohnt sich dies alles. Wenn auch wieder
der aufmerkende Leser nicht mit allen Schlüssen Döblins einverstanden sein
wird.

(Die Post, Berlin)

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig



Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden, zum Teil unter Hinzuziehung
späterer Ausgaben, korrigiert.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Wallenstein. II. (of 2)" ***

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