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Title: Der Tunnel
Author: Kellermann, Bernhard
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Anmerkungen zur Transkription:

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      Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit ~ markiert.



DER TUNNEL

Roman

von

BERNHARD KELLERMANN



S. Fischer, Verlag, Berlin
1913

26.--35. Tausend.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.



Der Tunnel



Erster Teil



1.


Das Einweihungskonzert des neuerbauten Madison-Square-Palastes bildete
den Höhepunkt der Saison. Es war eines der außerordentlichsten Konzerte
aller Zeiten. Das Orchester umfaßte zweihundertundzwanzig Musiker, und
jedes einzelne Instrument war mit einem Künstler von Weltruf besetzt.
Als Dirigent war der gefeiertste lebende Komponist, ein Deutscher,
gewonnen worden, der für den einen Abend das unerhörte Honorar von
sechstausend Dollar erhielt.

Die Eintrittspreise verblüfften selbst New York. Unter dreißig Dollar
war kein Platz zu haben, und die Billettspekulanten hatten die Preise
für eine Loge bis auf zweihundert Dollar und höher getrieben. Wer
irgendwie etwas sein wollte, durfte nicht fehlen.

Um acht Uhr abends waren 26., 27. und 28. Straße und Madison Avenue
von knatternden, ungeduldig bebenden Automobilen blockiert. Die
Billetthändler, die ihr Leben zwischen den Pneumatiken von sausenden
Automobilen verbringen, stürzten sich, schweißtriefend trotz einer
Temperatur von zwölf Grad Kälte, Bündel von Dollarscheinen in den
Händen, tollkühn mitten in den endlos heranrollenden Strom wütend
donnernder Wagen. Sie schwangen sich auf die Trittbretter, Führersitze
und selbst Dächer der Cars und versuchten das Schnellfeuer der Motoren
mit ihren heiser heulenden Stimmen zu überbrüllen. »~Here you are!
Here you are!~ Zwei Parkettsitze, zehnte Reihe! Ein Logenplatz! Zwei
Parkettsitze ...!!« Ein schräger Hagel von Eiskörnern fegte wie
Maschinengewehrfeuer auf die Straße nieder.

Sobald ein Wagenfenster klappte -- »Hierher!« -- warfen sie sich
blitzschnell wie Taucher wieder zwischen die Wagen. Während sie aber
ihr Geschäft abschlossen, Geld in die Taschen stopften, gefroren ihnen
die Schweißtropfen auf der Stirn.

Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen, aber noch ein Viertel nach
acht warteten unabsehbare Reihen von Wagen darauf, bei dem in Nässe
und Licht schreiend rot leuchtenden Baldachin vorzufahren, der in das
blitzende Foyer des Konzertpalastes hineinführte. Unter dem Lärm der
Billetthändler, dem Knattern der Motoren und Trommeln der Eiskörner
auf dem Baldachin quollen aus den einander blitzschnell ablösenden
Cars immer neue Menschenbündel hervor, von den dunkeln Mauern der
Neugierigen mit stets neuer Spannung erwartet: kostbare Pelze, ein
funkelndes Haargebäude, aufsprühende Steine, ein seideglänzender
Schenkel, ein entzückender weißbeschuhter Fuß, Lachen, kleine
Schreie ...

Der Reichtum der fünften Avenue, Bostons, Philadelphias, Buffalos,
Chikagos füllte den pompösen, in Lachsrot und Gold gehaltenen
überhitzten Riesensaal, der während des ganzen Konzerts von Tausenden
von hastig bewegten Fächern vibrierte. Aus all den weißen Schultern
und Büsten der Frauen stieg eine Wolke betäubender Parfüme empor,
zuweilen ganz unvermittelt von dem nüchternen und trivialen Geruch
von Lack, Gips und Ölfarbe durchsetzt, der dem neuen Raum anhaftete.
Scharen und Aberscharen von Glühlampen blendeten aus den Kassetten
der Decke und Emporen über den Raum, so gleißend und grell, daß
nur starke und gesunde Menschen die Lichtflut ertragen konnten. Die
Pariser Modekünstler hatten für diesen Winter kleine venezianische
Häubchen lanciert, die die Damen auf den Frisuren, etwas nach hinten
gerückt, trugen. Gespinste, Spinngewebe aus Spitzen, Silber, Gold, mit
Borden, Quasten, Gehängsel aus den kostbarsten Materialien, Perlen und
Diamanten. Da aber die Fächer unausgesetzt vibrierten und die Köpfe
stets in leichter Bewegung waren, so glitt fortwährend ein Glitzern
und Flimmern über das dichtgedrängte Parkett, und hundertfach sprühten
gleichzeitig an verschiedenen Stellen die Feuer der Brillanten auf.

Über diese Gesellschaft, ebenso neu und prunkvoll wie der Konzertsaal,
fegte die Musik der alten, längst vermoderten Meister dahin ...

Der Ingenieur Mac Allan hatte mit seiner jungen Frau, Maud, eine kleine
Loge dicht über dem Orchester inne. Hobby, sein Freund, der Erbauer des
neuen Madison-Square-Palastes, hatte sie ihm zur Verfügung gestellt und
Allan kostete diese Loge keinen Cent. Er war zudem nicht aus Buffalo,
wo er eine Fabrik für Werkzeugstahl besaß, hierhergekommen, um Musik
zu hören, für die er gar kein Verständnis hatte, sondern um eine zehn
Minuten lange Unterredung mit dem Eisenbahnmagnaten und Bankier Lloyd,
dem mächtigsten Mann der Vereinigten Staaten und einem der reichsten
Männer der Welt, zu führen. Eine Unterredung, die für ihn von der
allergrößten Bedeutung war.

Am Nachmittag, im Zuge, hatte Allan vergebens gegen eine leichte
Erregung gekämpft, und noch vor wenigen Minuten, als er sich durch
einen Blick überzeugte, daß die Loge gegenüber, Lloyds Loge, noch leer
war, hatte ihn die gleiche sonderbare Unruhe angefallen. Nun aber sah
er den Dingen wieder mit vollkommener Ruhe entgegen.

Lloyd war nicht da. Lloyd kam vielleicht überhaupt nicht. Und selbst
wenn er kam, so war damit noch nichts entschieden -- trotz Hobbys
triumphierender Depesche!

Allan saß da, wie ein Mann, der wartet und die nötige Geduld dazu
hat. Er lag in seinem Sessel, die breiten Schultern gegen die Lehne
gedrückt, die Füße ausgestreckt, so gut es in der Loge ging, und sah
mit ruhigen Augen umher. Allan war nicht gerade groß, aber breit
und stark gebaut wie ein Boxer. Sein Schädel war mächtig, mehr
viereckig als lang, und die Farbe seines etwas derben bartlosen
Gesichts ungewöhnlich dunkel. Selbst jetzt im Winter zeigten seine
Backen Spuren von Sommersprossen. Wie alle Welt trug er das Haar
sorgfältig gescheitelt; es war braun, weich und schimmerte an den
Reflexen kupferfarben. Allans Augen lagen verschanzt hinter starken
Stirnknochen; sie waren licht, blaugrau und von gutmütig kindlichem
Ausdruck. Im ganzen sah Allan aus wie ein Schiffsoffizier, der gerade
von der Fahrt kam, vollgepumpt mit frischer Luft, und heute zufällig
einen Frack trug, der nicht recht zu ihm paßte. Wie ein gesunder,
etwas brutaler und doch gutmütiger Mensch, nicht unintelligent, aber
keineswegs bedeutend.

Allan vertrieb sich die Zeit, so gut er konnte. Die Musik hatte
keine Macht über ihn und anstatt seine Gedanken zu konzentrieren und
zu vertiefen, zerstreute und verflüchtigte sie sie. Er maß mit den
Blicken die Dimensionen des ungeheuren Saales aus, dessen Decken-
und Logenringkonstruktion er bewunderte. Er überflog das flimmernde,
vibrierende Fächermeer im Parkett und dachte, daß »viel Geld in den
Staaten sei und man hier so etwas unternehmen könne, wie er es im
Kopf hatte«. Als praktisch veranlagter Mensch unternahm er es, die
stündlichen Beleuchtungskosten des Konzertpalastes abzuschätzen. Er
einigte sich auf rund tausend Dollar und verlegte sich hierauf auf das
Studium einzelner Männerköpfe. Frauen interessierten ihn gar nicht.
Dann streifte sein Blick wiederum die leere Loge Lloyds und tauchte
in das Orchester hinab, dessen rechten Flügel er übersehen konnte.
Wie alle Menschen, die nichts von Musik verstehen, verblüffte ihn die
maschinelle Exaktheit, mit der das Orchester arbeitete. Er rückte ein
wenig vor, um den Dirigenten zu sehen, dessen stabführende Hand und
dessen Arm nur zuweilen über der Brüstung erschienen. Dieser hagere,
schmalschulterige, distinguierte Gentleman, dem sie für diesen Abend
sechstausend Dollar bezahlten, war Allan vollends ein Rätsel. Er
beobachtete ihn lange und aufmerksam. Schon das Äußere dieses Mannes
war ungewöhnlich. Sein Kopf, mit der Hakennase, den kleinen, lebendigen
Augen, dem zusammengekniffenen Mund und den dünnen, nach rückwärts
stehenden Haaren erinnerte an den eines Geiers. Er schien nur Haut und
Knochen zu sein und nichts als Nerven. Aber er stand ruhig inmitten
des Chaos von Stimmen und Lärm und ordnete es nach Belieben mit einem
Wink seiner weißen, anscheinend kraftlosen Hände. Allan bewunderte ihn,
etwa wie einen Zauberer, in dessen Macht und Geheimnisse einzudringen
er nicht einmal den Versuch machte. Dieser Mann schien ihm einer
fernen Zeit und einer sonderbaren, unverständlichen, fremden Rasse
anzugehören, die dem Aussterben nahe war.

Gerade in diesem Augenblick aber streckte der hagere Dirigent die Hände
in die Höhe, schüttelte sie wie in Raserei, und in den Händen schien
plötzlich eine übermenschliche Kraft zu wohnen: das Orchester brandete
auf und verstummte mit einem Schlag.

Eine Lawine von Beifall rollte durch den Saal, hohl tobend in der
ungeheuren Ausdehnung des Raumes. Allan rückte aufatmend zurecht, um
aufzustehen. Aber er hatte sich getäuscht, denn drunten leiteten die
Holzbläser schon das Adagio ein. Aus der Nebenloge drang noch das Ende
eines Gesprächs herüber.... »... zwanzig Prozent Dividende, Mann! Es
ist ein Geschäft, wie es glänzender ...«

Und Allan war gezwungen, wieder ruhig zu sitzen. Er begann abermals
die Konstruktion der Logenringe zu studieren, die ihm nicht ganz
verständlich war. Allans Frau dagegen, selbst angehende Pianistin,
ergab sich mit ihrem ganzen Wesen der Musik. An der Seite ihres
Gatten erschien Maud zart und klein. Sie hatte den feinen braunen
Madonnenkopf in den weißen Handschuh gestützt, und ihr transparent
leuchtendes Ohr _trank_ die Tonwellen, die von unten herauf, von oben
herab, von irgendwoher kamen. Die ungeheure Vibration, mit der die
zweihundert Instrumente die Luft erfüllten, erschütterte jeden Nerv an
ihrem Körper. Ihre Augen waren geweitet und ohne Blick in die Ferne
gerichtet. So stark war ihre Erregung, daß auf ihren zarten, glatten
Wangen kreisrunde rote Flecke erschienen.

Nie, so schien es ihr, hatte sie Musik tiefer empfunden, nie hatte
sie überhaupt je solche Musik gehört. Eine kleine Melodie, ein
unscheinbares Nebenmotiv konnte eine niegekannte Helligkeit in ihrer
Seele wecken. Ein einzelner Klang konnte eine unbekannte, verborgene
Ader von Glück in ihr anschlagen, daß es hell daraus strömte und sie
im Innern blendete. Und alles Gefühl, das diese Musik in ihr auslöste,
war reinste Freude und Schönheit! All die Gesichte, die ihr die Musik
entgegentrug, waren in Helligkeit und Verklärung getaucht und schöner
als jede Wirklichkeit.

Mauds Leben war eben so schlicht und einfach wie ihre Erscheinung.
Es gab weder große Ereignisse noch besondere Merkwürdigkeiten darin
und glich dem von Tausenden von jungen Mädchen und Frauen. Sie war
in Brooklyn, wo ihr Vater eine Druckerei besaß, geboren und auf
einem Landgut in den Berkshire-Hills von ihrer sie verzärtelnden
Mutter, einer gebornen Deutschen, erzogen worden. Sie hatte eine
gute Schulbildung genossen, zwei Sommer lang Vorlesungen an der
~summerschool~ von Chautauqua gehört, sie hatte eine Menge von Weisheit
und Wissen in ihren kleinen Kopf hineingestopft, um es wieder zu
vergessen. Obwohl nicht übermäßig musikalisch begabt, hatte sie sich
auf dem Klavier ausgebildet und ihr Studium in München und Paris bei
ersten Lehrern abgeschlossen. Sie war mit ihrer Mutter auf Reisen
gewesen (der Vater war lange tot), sie hatte Sport getrieben und mit
jungen Männern geflirtet wie alle jungen Mädchen. Sie hatte eine
Jugendschwärmerei gehabt, an die sie heute nicht mehr dachte, sie hatte
Hobby, dem Architekten, der sich um sie bewarb, einen Korb gegeben,
weil sie ihn nur wie einen Kameraden lieben konnte, und sie hatte den
Ingenieur Mac Allan geheiratet, weil er ihr gefiel. Noch vor ihrer
Verheiratung war ihre kleine, angebetete Mutter gestorben, und Maud
hatte bittere Tränen vergossen. Im zweiten Jahr ihrer Ehe hatte sie ein
Kind geboren, ein Mädchen, das sie abgöttisch liebte. Das war alles.
Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und glücklich.

Während sie in einer Art von herrlicher Betäubung die Musik genoß,
erblühte wie durch einen Zauber ein Reichtum von Erinnerungen in
ihr, einander scheinbar willkürlich ablösend, alle sonderbar klar,
alle merkwürdig bedeutungsvoll. Und ihr Leben erschien ihr plötzlich
geheimnisvoll, tief und reich. Sie sah die Züge ihrer kleinen Mutter
in unendlicher Vergeistigung und Güte vor sich, aber sie empfand
keine Trauer dabei, nur Freude und unaussprechliche Liebe. Als weile
die Mutter noch unter den Lebenden. Gleichzeitig erschien ihr eine
Landschaft in den Berkshire-Hills, die sie als Mädchen häufig auf dem
Rade durchquert hatte. Aber die Landschaft war voll geheimnisvoller
Schönheit und von einem merkwürdigen Glänzen erfüllt. Sie dachte an
Hobby, und im gleichen Augenblick sah sie ihr Mädchenzimmer, das
vollgestopft mit Büchern war, vor sich. Sie sah sich selbst, wie sie
am Klavier saß und übte. Aber unmittelbar darauf tauchte Hobby wieder
auf. Er saß neben ihr auf einer Bank am Rande eines Tennisplatzes, der
schon so dämmerig war, daß man nur die weißen Streifen der Courts noch
unterscheiden konnte. Hobby hatte ein Bein übergeschlagen und klopfte
mit dem Rakett auf die Spitze seines weißen Schuhs und plauderte. Sie
sah sich selbst, und sie sah, daß sie lächelte, denn Hobby sprach
nichts als verliebten Unsinn. Aber eine heitere, übermütige, ein wenig
spöttische Passage wehte Hobby hinweg und rief ihr jenes fröhliche
Picknick ins Gedächtnis zurück, bei dem sie Mac zum erstenmal gesehen
hatte. Sie war zu Besuch bei Lindleys in Buffalo, und es war im Sommer.
Im Wald standen zwei Autos, und sie waren im ganzen wohl ein Dutzend,
Damen und Herren. Jedes einzelne Gesicht erkannte sie deutlich wieder.
Es war heiß, die Herren waren in Hemdärmeln, und der Boden brannte.
Nun aber sollte Tee gekocht werden und Lindley rief: »Allan, wollen
Sie das Feuer anmachen?« Und Allan antwortete: »~All right!~« Und
Maud schien es jetzt, als habe sie schon damals seine Stimme geliebt,
seine tiefe, warme Stimme, die im Brustkorb resonierte. Da sah sie
nun, wie Allan das Feuer zurechtmachte. Wie er still, unbeachtet von
allen, Äste zerbrach, zerknackte, wie er _arbeitete_! Sie sah, wie er
mit aufgestülpten Hemdärmeln vor dem Feuer kauerte und es behutsam
anblies, und plötzlich entdeckte sie, daß er auf dem rechten Unterarm
eine blaßblaue Tätowierung trug: gekreuzte Hämmer. Sie machte Grace
Gordon darauf aufmerksam. Und Grace Gordon (dieselbe, die neulich
den Eheskandal gehabt hat) sah sie erstaunt an und sagte: »~Don't
you know, my dear?~« Und sie berichtete ihr, daß dieser Mac Allan
der »Pferdejunge von Uncle Tom« war und erzählte das romantische
Jugenderlebnis dieses braunen, sommersprossigen Burschen. Da kauerte
er, ohne sich um all die schwätzenden, fröhlichen Menschen zu kümmern,
und blies das Feuer an, und sie liebte ihn in diesem Augenblick. Gewiß
tat sie es, sie wußte es nur nicht, bis heute. Und Maud überließ sich
nun ganz ihrem Gefühl für Mac. Sie erinnerte sich an seine merkwürdige
Werbung, an ihre Trauung, die ersten Monate ihrer Ehe. Dann aber kam
die Zeit, da ihr Mädchen, die kleine Edith, zur Welt kommen sollte und
zur Welt kam. Nie würde sie Macs Fürsorge vergessen, jene Zärtlichkeit
und Ergebenheit in dieser Zeit, die für jede Frau ein Maßstab der Liebe
des Mannes ist. Es zeigte sich plötzlich, daß Mac ein fürsorgliches,
ängstliches Kind war. Nie würde sie diese Zeit vergessen, in der sie
sah, wie wahrhaft gut Mac war! Eine Welle von Liebe strömte durch Mauds
Herz und sie schloß die Augen. Die Gesichte, die Erinnerungen versanken
und die Musik trug sie fort. Sie dachte nichts mehr, sie war ganz
Empfindung ...

Ein Getöse, wie von einer einstürzenden Mauer, brach plötzlich an Mauds
Ohr und sie erwachte und holte tief Atem. Die Symphonie war zu Ende.
Mac war schon aufgestanden und reckte sich, die Hände auf der Brüstung.
Das Parkett brandete und toste.

Und Maud stand auf, ein wenig schwindlig und benommen, und begann ganz
plötzlich wild zu applaudieren.

»So klatsche doch, Mac!« jubelte sie außer sich, das Gesicht glühendrot
vor Erregung.

Allan lachte über Mauds ungewöhnliche Aufregung und klatschte einigemal
laut in die Hände, um ihr eine Freude zu machen.

»Bravo! Bravo!« rief Maud mit ihrer hellen, hohen Stimme und beugte
sich mit vor Erregung feuchten Augen weit über die Logenbrüstung.

Der Dirigent trocknete sich das magere, vor Erschöpfung bleiche Gesicht
ab und verbeugte sich wieder und wieder. Als aber der Beifall nicht
enden wollte, deutete er mit ausgebreiteten Händen auf das Orchester.
Diese Bescheidenheit war offenbar geheuchelt und erweckte Allans
unausrottbaren Argwohn gegen Künstler, die er nie für volle Menschen
nehmen konnte und, offen herausgesagt, für unnötig hielt. Maud aber
schloß sich dem neuen Beifallssturm hingerissen an.

»Meine Handschuhe sind geplatzt, sieh, Mac! Was für ein Künstler! War
es nicht wunderbar?« Ihre Lippen waren verzückt, ihre Augen leuchteten
hell wie Bernstein, und Mac fand sie ungewöhnlich schön in ihrer
Ekstase. Er lächelte und erwiderte, ein wenig gleichgültiger als er
wollte: »Ja, das ist ein großartiger Bursche!«

»Ein Genie ist er!« rief Maud und klatschte begeistert. »In Paris,
Berlin, London habe ich nie so etwas gehört --« Sie brach ab und wandte
das Gesicht der Türe zu, denn Hobby, der Architekt, trat in ihre Loge.

»Hobby!« schrie Maud, immer noch klatschend, denn sie wollte, wie
tausend andere, den Dirigenten nochmals herausrufen. »Klatsche, Hobby,
er muß nochmals heraus! Hip! Hip! Bravo!«

Hobby hielt sich die Ohren zu und ließ einen ungezogenen
Gassenbubenpfiff hören.

»Hobby!« schrie Maud. »Wie kannst du dich unterstehen!« Und sie
stampfte empört mit dem Fuß auf. In diesem Moment ließ sich der
Dirigent, schweißtriefend, das Taschentuch im Nacken, nochmals sehen,
und sie klatschte von neuem rasend.

Hobby wartete, bis der Lärm nachließ.

»Die Leute sind vollständig verrückt!« sagte er dann mit einem hellen
Lachen. »So etwas! Ich habe ja nur gepfiffen, um Lärm zu machen, Maud.
Wie geht es dir, ~girl~? ~And how are you, old chap?~«

Erst jetzt hatten sie Muße, sich richtig zu begrüßen.

Die drei verband in der Tat eine aufrichtige und selten innige
Freundschaft. Allan kannte recht wohl die früheren Beziehungen Hobbys
zu Maud, und obwohl nie ein Wort darüber gesprochen wurde, verlieh
dieser Umstand dem Verhältnis zwischen den beiden Männern besondere
Wärme und einen eigenen Reiz. Hobby war noch immer ein wenig in Maud
verliebt, war aber taktvoll und klug genug, es sich nie merken zu
lassen. Allein Mauds sicherer weiblicher Instinkt ließ sich nicht
täuschen. Sie genoß Hobbys Liebe mit leisem Triumph, der zuweilen
in ihren warmen braunen Augen zu lesen war, und entschädigte ihn
mit einer aufrichtigen schwesterlichen Zuneigung. Sie hatten sich
alle drei in verschiedenen Lebenslagen, voller Freude, sich nützlich
sein zu können, Dienste erwiesen, und besonders Allan fühlte sich
Hobby gegenüber zu großem Danke verpflichtet: hatte doch Hobby ihm
vor Jahren zu technischen Versuchen und zur Errichtung seiner Fabrik
fünfzigtausend Dollar verschafft und für diese Summe persönliche
Bürgschaft geleistet. Hobby hatte ferner in den letzten Wochen Allans
Interessen vor dem Eisenbahnkönig Lloyd vertreten und das bevorstehende
Rendezvous vermittelt. Hobby hätte alles für Allan getan, was überhaupt
möglich war, denn er bewunderte ihn. Schon in der Zeit, da Allan nichts
geschaffen hatte als seinen Diamantstahl Allanit, pflegte Hobby zu
all seinen Bekannten zu sagen: »Kennen Sie übrigens Allan? Der das
Allanit erfand? Nun, Sie werden noch hören von ihm!« Die Freunde sahen
einander jährlich einigemal. Die Allans kamen nach New York oder Hobby
besuchte sie in Buffalo. Im Sommer verlebten sie regelmäßig drei Wochen
zusammen auf Mauds bescheidenem Landgut Berkshirebrookfarm in den
Berkshire-Hills. Ein jedes Wiedersehen war für sie ein großes Ereignis.
Sie fühlten sich um drei, vier Jahre zurückversetzt, und alle jene
fröhlichen und vertrauten Stunden, die sie zusammen verbracht hatten,
wurden irgendwie lebendig in ihnen.

Diesen ganzen Winter hindurch hatten sie sich nicht gesehen, und
ihre Freude war um so lebhafter. Sie musterten einander von oben bis
unten wie große Kinder, und beglückwünschten sich in heiterem Ton zu
ihrem Aussehen. Maud lachte über Hobbys dandyhafte Lackschuhe, die
auf den Kappen wahre Rhinozeroshörner aus glänzendem Leder trugen,
und Hobby begutachtete wie ein Modekünstler Mauds Kostüm und Allans
neuen Frack. Wie bei jedem Wiedersehen nach längerer Zeit mischten
sie hundert rasche Fragen und rasche Antworten durcheinander, ohne
über irgend etwas eingehender zu plaudern. Hobby hatte, wie immer, die
sonderbarsten und unglaublichsten Abenteuer erlebt und deutete das eine
und das andere an. Dann kamen sie auf das Konzert, Tagesereignisse und
Bekannte zu sprechen.

»Wie gefällt euch übrigens der Konzertpalast?« fragte Hobby mit einem
triumphierenden Lächeln, denn er wußte schon, was die Freunde antworten
würden. Allan und Maud hielten mit ihrem Lob nicht zurück. Sie
bewunderten _alles_.

»Und das Foyer?«

»~Grand~, Hobby!«

»Nur der Saal ist mir ein wenig zu prunkvoll,« warf Maud ein. »Ich
hätte ihn gern intimer gehabt.«

Der Architekt lächelte gutmütig. »Natürlich, Maud! Das wäre richtig,
wenn die Leute hierher kämen, um Musik zu hören. Fällt ihnen gar nicht
ein. Die Leute kommen hierher, um etwas zu bewundern und sich bewundern
zu lassen. >Schaffen Sie uns eine Feerie, Hobby,< sagte das Konsortium,
>der Saal muß alles bisher Dagewesene totschlagen!<«

Allan stimmte Hobby bei. Was er aber in erster Linie an Hobbys Saal
bewunderte, war nicht die dekorative Pracht, sondern die kühne
Konstruktion des freischwebenden Logenringes.

Hobby blinzelte geschmeichelt. »Das war keineswegs einfach,« sagte er.
»Es machte mir viel Kopfzerbrechen. Während der Ring genietet wurde,
schwankte die ganze Geschichte bei jedem Schritt. So ...« Hobby wippte
sich auf den Fußspitzen. »Die Arbeiter bekamen es mit der Angst --«

»Hobby!« rief Maud übertrieben ängstlich aus und trat von der Brüstung
zurück. »Du erschreckst mich.«

Hobby berührte lächelnd ihre Hand: »Keine Angst, Maud. Ich sagte den
Burschen: wartet nur, bis der Ring ganz geschlossen ist -- keine
Macht der Welt, höchstens Dynamit ist noch imstande ... hallo!« rief
er plötzlich ins Parkett hinab. Ein Bekannter hatte ihn durch das
zusammengerollte Programm wie durch ein Sprachrohr angerufen. Und Hobby
führte eine Unterhaltung, die man durch den ganzen Saal hätte verstehen
müssen, wenn nicht gleichzeitig überall Gespräche in dem gleichen
ungeniert lauten Ton geführt worden wären.

Allenthalben hatte man Hobbys auffallenden Kopf erkannt. Hobby
hatte die hellsten Haare im ganzen Saal, silberblonde, glänzende
Haare, die peinlich gescheitelt und glattgestrichen waren, und ein
leichtsinniges schmales Spitzbubengesicht von ausgesprochen englischem
Typus, mit einer etwas aufwärts gebogenen Nase und nahezu weißen
Wimpern. Im Gegensatz zu Allan war er schmal und zart, mädchenhaft
gebaut. Augenblicklich richteten sich von allen Seiten die Gläser auf
ihn, und aus allen Richtungen klang sein Name. Hobby gehörte zu den
populärsten Erscheinungen New Yorks und zu den beliebtesten Männern
der Gesellschaft. Seine Extravaganzen und sein Talent hatten ihn rasch
berühmt gemacht. Es verging kaum eine Woche, ohne daß die Zeitungen
eine Anekdote über ihn brachten.

Hobby war mit vier Jahren ein Genie in Blumen, mit sechs ein Genie in
Pferden (er konnte in fünf Minuten ganze Heere rasender Pferde aufs
Papier werfen) und nun war er ein Genie in Eisen und Beton und baute
Wolkenkratzer. Hobby hatte seine Affären mit Frauen gehabt und mit
zweiundzwanzig Jahren ein Vermögen von hundertundzwanzigtausend Dollar
in Monte Carlo verspielt. Jahraus, jahrein stak er bis über seinen
weißblonden Scheitel in Schulden -- trotz seinem enormen Einkommen --
ohne sich eine Sekunde darüber zu bekümmern.

Hobby war am hellichten Tag auf einem Elefanten durch den Broadway
geritten. Hobby war jener Mann, der vor einem Jahre »vier Tage
Millionär spielte«, in einem Luxuszug nach dem Yellowstonepark fuhr,
um als Viehtreiber heimzufahren. Er hielt den Rekord im Dauer-Bridge,
achtundvierzig Stunden. Jeder Trambahnführer kannte Hobby und stand mit
ihm nahezu auf Du und Du. Unzählige Witze Hobbys wurden kolportiert,
denn Hobby war Spaßvogel und Exzentrik von Natur. Ganz Amerika hatte
über einen Scherz gelacht, den er anläßlich der Flugkonkurrenz New York
-- San Franzisko in Szene setzte. Hobby hatte den Flug als Passagier
des bekannten Millionärs und Sportmanns Vanderstyfft mitgemacht und
über alle Menschenansammlungen, die sie in einer Höhe von achthundert
oder tausend Meter passierten, Zettel ausgestreut, auf denen stand:
»Komm herauf, wir haben dir was zu sagen!« Dieser Scherz hatte Hobby
selbst derart entzückt, daß er ihn während der ganzen Reise, zwei Tage
lang, unermüdlich wiederholte. Vor wenigen Tagen erst hatte er New
York wiederum durch ein ungeheures, ebenso geniales wie naheliegendes
Projekt verblüfft: New York -- das Venedig Amerikas! Er, Hobby, schlug
nämlich vor (da der Boden im Geschäftsviertel einfach nicht mehr zu
bezahlen war), in den Hudson, East River und die New York-Bai riesige
Wolkenkratzer, ganze Straßen auf Betonquader zu stellen, die mit
Klappbrücken verbunden waren, so daß die großen Ozeanfahrer bequem
passieren konnten. Der »Herald« hatte Hobbys faszinierende Zeichnungen
veröffentlicht und New York war von dem Projekt berauscht.

Hobby ernährte allein ein Schock Journalisten. Er war Tag und Nacht bei
der Arbeit, für sich zu »tuten«; er konnte nicht existieren ohne die
ununterbrochene Bestätigung seines Daseins in der Öffentlichkeit.

So war Hobby. Und nebenbei war er der begabteste und gesuchteste
Architekt New Yorks.

Hobby brach sein Gespräch mit dem Parkett ab und wandte sich wieder den
Freunden zu.

»So erzähle doch, was die kleine Edith treibt, Maud?« fragte er,
obschon er sich schon vorher nach dem Kinde, dessen Pate er war,
erkundigt hatte.

Mit keiner Frage konnte man Mauds Herz mehr berühren. In diesem
Augenblick war sie von Hobby »ganz einfach entzückt«. Sie errötete und
sah ihn mit ihren warmen braunen Augen schwärmerisch und dankbar an.

»Ich sagte dir ja schon, daß Edith mit jedem Tage süßer wird, Hobby!«
antwortete sie mit zärtlichem, mütterlichem Ton in der Stimme und ihre
Augen standen voll Freude.

»Das war sie doch immer.«

»Ja! Aber -- Hobby, du kannst dir keinen Begriff machen -- und wie klug
sie wird! Sie fängt schon an zu sprechen!«

»Erzähle ihm doch die Geschichte von dem Hahn, Maud,« warf Allan ein.

»Ja!« Und Maud erzählte strahlend und glücklich eine kleine drollige
Geschichte, in der ihr Mädchen und ein Hahn die Hauptrolle spielten.
Alle drei lachten wie Kinder.

»Ich muß sie bald wieder sehen!« sagte Hobby. »In vierzehn Tagen komme
ich zu euch. Und sonst war es langweilig in Buffalo, sagst du?«

»~Deadly dull!~« versetzte Maud rasch. »Puh, todlangweilig, Hobby,
zum Sterben!« Sie zog die feinen Brauen in die Höhe und sah einen
Augenblick aufrichtig unglücklich aus. »Lindleys sind nach Montreal
übergesiedelt, das weißt du ja.«

»Das ist sehr schade.«

»Grace Kossat ist schon seit dem Herbst in Ägypten.« Und Maud schüttete
Hobby ihr Herz aus. Wie langweilig doch so ein Tag sein könne! Und wie
langweilig ein Abend! Und in scherzhaft vorwurfsvollem Ton fügte sie
hinzu: »Was für ein Gesellschafter Mac ist, das weißt du ja, Hobby!
Er vernachlässigt mich noch mehr wie früher. Manchmal kommt er den
ganzen Tag nicht aus der Fabrik. Nun hat er sich zu all den hübschen
Dingen noch ein Heer von Versuchsbohrern angeschafft, die Tag und Nacht
Granit, Stahl und Gott weiß was bohren. Diese Bohrer pflegt er wie
Kranke, genau wie Kranke, Hobby! Er träumt nachts von ihnen ...«

Allan lachte laut auf.

»Laß ihn nur machen, Maud,« sagte Hobby und blinzelte mit seinen weißen
Wimpern. »Er weiß schon, was er will. Du wirst mir doch nicht auf ein
paar Bohrer eifersüchtig werden, ~girlie~?«

»Ich hasse sie ganz einfach!« antwortete Maud. »Glaube auch nicht,«
fuhr sie errötend fort, »daß er mit mir nach New York gefahren wäre,
wenn er nicht Geschäfte hier hätte.«

»Aber Maud!« beschwichtigte Allan.

Hobby dagegen hatte Mauds lächelnd geäußerter Vorwurf an das
Wichtigste erinnert, was er Allan hatte sagen wollen. Er sah plötzlich
nachdenklich aus und faßte Allans Frack.

»Höre, Mac,« sagte er etwas leiser, »ich befürchte, daß du heute
umsonst von Buffalo hierhergekommen bist. Der alte Lloyd ist nicht
wohl. Ich habe vor einer Stunde Ethel Lloyd angeklingelt, aber sie
wußte noch nicht, ob sie kommen würden. Das wäre in der Tat fatal!«

»Es muß ja nicht gerade heute sein,« entgegnete Allan, ohne seine
Enttäuschung zu verraten.

»Auf jeden Fall bin ich wie der Satan hinter ihm her, Mac! Er soll
keine ruhige Stunde mehr haben! Und nun adieu einstweilen!«

Im nächsten Augenblick tauchte Hobby schon mit lautem Hallo in einer
Nachbarloge auf, in der drei junge rothaarige Damen mit ihrer Mutter
saßen.

Der Dirigent mit dem mageren Geierkopf stand plötzlich wieder am Pult
und ein fein anschwellender Donner stieg aus den Kesselpauken empor.
Die Fagotte intonierten ein fragendes, süß klagendes Motiv, das sie
wiederholten und steigerten, bis die Geigen es ihnen entrissen und in
ihre Sprache übertrugen.

Maud überließ sich wieder der Musik.

Allan aber saß mit kühlen Augen in seinem Sessel, die Brust geweitet
vor innerer Spannung. Er bereute nun, hierher gekommen zu sein! Lloyds
Vorschlag zu einer kurzen Besprechung in der Loge eines Konzertsaales
hatte bei der Wunderlichkeit des reichen Mannes, der nur äußerst selten
jemand in seinem Hause empfing, nichts Merkwürdiges an sich, und Allan
war ohne zu zögern darauf eingegangen. Er war auch geneigt, Lloyd
zu entschuldigen, im Falle er wirklich krank war. Aber er forderte
für sein Projekt, dessen Größe ihn zuweilen selbst überwältigte, den
allergrößten Respekt! Er hatte dieses Projekt, an dem er fünf Jahre
lang Tag und Nacht arbeitete, bisher nur zwei Menschen anvertraut:
Hobby, der ebensogut zu schweigen verstand, wenn es sein mußte,
als er schwatzen konnte, wenn man ihm die Zunge nicht festband.
Sodann Lloyd. Nicht einmal Maud. Er verlangte, daß Lloyd sich in
den Madison-Square-Palast _schleppte_, wenn es irgendwie anging! Er
verlangte, daß Lloyd ihm zum mindesten eine Nachricht schickte, ihm ein
anderes Rendezvous vorschlug! Versäumte Lloyd dies -- nun, so wollte er
nichts mehr mit dem launenhaften, kranken, reichen Mann zu tun haben.

Die von vehement bebender Musik, von Parfümen, blendenden Lichtfluten,
dem Glitzern von Edelsteinen erfüllte Treibhausatmosphäre, die ihn
umfieberte, steigerte Allans Gedanken zu höchster Klarheit. Sein Kopf
arbeitete rasch und präzis, obwohl ihn plötzlich eine starke Erregung
ergriffen hatte. Das Projekt war alles! Mit ihm stand oder fiel er! Er
hatte für Versuche, Informationen, tausend vorbereitende Arbeiten sein
Vermögen geopfert und mußte, klar gesagt, morgen von vorn anfangen,
sobald das Projekt nicht ausgeführt wurde. Das Projekt war sein Leben!
Er rechnete seine Chancen durch wie ein algebraisches Problem, bei dem
jedes einzelne Glied das Resultat der vorhergehenden Resultate ist. In
erster Linie konnte er den Stahltrust für sein Projekt interessieren.
Der Trust hatte in der Konkurrenz mit dem sibirischen Eisen den
kürzeren gezogen und lag in einer unerhörten Flaute still. Der Trust
würde sich auf das Projekt stürzen -- zehn gegen eins gewettet! --
oder aber Allan konnte mit ihm einen Krieg bis aufs Messer führen. Er
konnte das Großkapital, die Morgan, Vanderbilt, Gould, Astor, Mackay,
Havemeyer, Belmont, Whitney und wie sie alle hießen attackieren. Den
Ring der Großbanken unter Feuer nehmen. Er konnte endlich, wenn alles
fehlschlagen sollte, sich mit der Presse verbünden.

Er konnte auf Umwegen sein Ziel erreichen; klar gesehen, brauchte er
Lloyd gar nicht. Aber mit Lloyd als Verbündeten war es eine gewonnene
Attacke, ohne ihn ein mühsames Vordringen, bei dem jeder Quadratfuß
Terrain einzeln erobert werden mußte.

Und Allan, der weder sah noch hörte, arbeitete hinter unerbittlichen,
halbgeschlossenen Augen seinen Feldzugsplan bis in die kleinsten
Einzelheiten aus ...

Plötzlich aber ging etwas wie ein Schauer durch den Saal, der ohne Laut
unter der Hypnose der Musik lag. Die Köpfe bewegten sich, die Steine
begannen stärker zu flimmern, Gläser blinkten. Die Musik floß gerade in
sanftem Piano dahin, und der Dirigent wandte irritiert den Kopf, da man
im Saale flüsterte. Etwas mußte geschehen sein, das größere Macht über
das Auditorium hatte als die Hypnose der zweihundertundzwanzig Musiker,
des Dirigenten und des unsterblichen Komponisten.

In der Nebenloge sagte eine gedämpfte Baßstimme: »Sie trägt
den Rosy Diamond ... aus dem Kronschatz von Abdul Hamid ...
zweimalhunderttausend Dollar Wert.«

Allan hob den Blick: die Loge gegenüber war dunkel -- Lloyd war
gekommen!

In der dunkeln Loge war Ethel Lloyds bekanntes Profil schwach
sichtbar, zart, delikat gezeichnet. Ihr goldblondes Haar war nur an
einem unbestimmten Flimmern zu erkennen, und an der linken Schläfe
(die dem Publikum zugewendet war) trug sie einen großen Edelstein von
blaßrötlichem Feuer.

»Sehen Sie diesen Hals, diesen Nacken,« raunte die gedämpfte Stimme des
Herrn nebenan. »Haben Sie jemals solch einen Nacken gesehen? Man sagt,
daß Hobby, der Architekt -- ja, der Blonde, der vorhin nebenan war ...«

»Nun, das läßt sich denken!« flüsterte eine andere Stimme mit rein
englischem Akzent und ein leises Lachen drang herüber.

Der Hintergrund von Lloyds Loge war durch einen Vorhang abgetrennt,
und Allan schloß aus einer Bewegung Ethels, daß Lloyd dahinter saß. Er
beugte sich zur Seite und flüsterte Maud ins Ohr: »Lloyd ist nun doch
gekommen, Maud.«

Aber Maud hatte nur Ohr für die Musik. Sie verstand Allan gar nicht.
Sie war vielleicht die einzige im Saal, die noch nicht wußte, daß
Ethel Lloyd in ihrer Loge saß und den »Rosy Diamond« trug. In einer
momentanen seelischen Aufwallung, die die Musik in ihr entfachte,
streckte sie ihre kleine Hand tastend nach Allan aus. Und Allan nahm
ihre Hand und streichelte sie mechanisch, während tausend rasche, kühne
Gedanken durch sein Gehirn jagten und sein Ohr Bruchstücke von dem
Geklatsch aufnahm, das die Stimmen nebenan raunten und flüsterten.

»Diamanten?« fragte die flüsternde Stimme.

»Ja,« erwiderte die raunende Stimme. »Man sagt, so fing er an. In den
australischen Camps.«

»Er spekulierte?«

»Auf seine Weise. Er war Kantinenwirt.«

»Er hatte keine Claims, sagen Sie?«

»Er hatte seinen eigenen Claim.« (Leises inneres Lachen.)

»Ich kann Sie nicht verstehen.«

»Man sagt es. Seine eigene Mine, die ihm keinen Cent kostete ... die
Arbeiter werden, wie Sie wissen, genau untersucht ... verschlucken
Diamanten.«

»Das ist mir ganz neu ...«

»Lloyd, so sagt man ... Kantinenwirt ... er tat etwas in den Whisky ...
daß sie seekrank wurden ... seine Mine ...«

»Das ist unglaublich!«

»Man sagt es! Und jetzt gibt er Millionen für Universitäten,
Sternwarten, Bibliotheken ...«

»Ei ei ei!« sagte die flüsternde Stimme, vollkommen totgeschlagen.

»Dabei ist er schwerkrank, menschenscheu -- meterdicke Betonwände
umgeben seine Wohnräume, damit kein Laut hereindringt ... wie ein
Gefangener ...«

»Ei ei ei ...«

»Pst!« Maud wandte empört den Kopf und die Stimmen verstummten.

In der Pause sah man den lichtblonden Hobby in Lloyds Loge treten und
Ethel Lloyd wie einer vertrauten Bekannten die Hand schütteln.

»Sie sehen, daß ich recht hatte!« sagte laut die tiefe Stimme in
der Nachbarloge. »Hobby ist ein Glückspilz! Da ist allerdings noch
Vanderstyfft da --«

Dann kam Hobby herüber und steckte den Kopf in Allans Loge.

»Komm, Mac,« rief er, »der alte Mann wünscht dich zu sprechen!«



2.


»Das ist Mac Allan!« sagte Hobby, indem er Allan auf die Schulter
klopfte.

Lloyd saß zusammengekauert mit gesenktem Kopf in der halbdunklen Loge,
von der aus man einen blendenden Ausschnitt des Logenringes voll
lächelnder, schwätzender Damen und Herren überblicken konnte. Er sah
nicht auf und es schien, als habe er nicht gehört. Nach einer Weile
aber sagte er bedächtig und trocken, mit heiseren Nebengeräuschen in
der Stimme: »Ich freue mich aufrichtig, Sie zu sehen, Herr Allan! Ich
habe mich eingehend mit Ihrem Projekt beschäftigt. Es ist kühn, es ist
groß, es ist möglich! Was ich tun kann, das wird geschehen!« Und in
diesem Moment streckte er Allan die Hand hin, eine kurze, viereckige
Hand, lasch und müde und seidenweich, und wandte ihm das Gesicht zu.

Allan war von Hobby auf diesen Anblick vorbereitet worden, aber er
mußte sich trotzdem zusammennehmen, um das Grauen zu verbergen, das ihm
Lloyds Gesicht einflößte.

Lloyds Gesicht erinnerte an eine Bulldogge. Die unteren Zähne
standen ein wenig vor, die Nasenlöcher waren runde Löcher und die
tränenden, entzündeten kleinen Augen standen wie schräge Schlitze in
dem braunen, ausgetrockneten und bewegungslosen Gesicht. Der Kopf
war vollkommen haarlos. Eine ekelhafte Flechte hatte Lloyds Hals,
Gesicht und Kopf zernagt und ausgetrocknet und die tabakbraune Haut
und die eingeschrumpften Muskeln über die Knochen gespannt. Die
Wirkung von Lloyds Gesicht war fürchterlich, sie ging vom Erbleichen
bis zur Ohnmacht und nur starke Nerven vermochten den Anblick ohne
Erschütterung zu ertragen. Lloyds Gesicht war der tragikomischen Larve
einer Bulldogge ähnlich und verbreitete gleichzeitig den Schrecken
eines lebendigen Totenkopfes. Es erinnerte Allan an Indianermumien,
auf die sie bei einem Bahnbau in Bolivia gestoßen waren. Diese Mumien
hockten in viereckigen Kisten. Ihre Köpfe waren eingetrocknet, die
Gebisse erhalten, hinter den verschrumpften Lippen grinsend, die
Augen mit Hilfe von weißen und dunklen Steinen grauenhaft natürlich
nachgeahmt.

Lloyd, der die Wirkung seines Gesichtes recht gut kannte, war zufrieden
mit dem Eindruck, den es auf Allan machte, und orientierte sich mit
seinen kleinen feuchten Augen in Allans Zügen.

»In der Tat,« wiederholte er dann, »Ihr Projekt ist das kühnste, von
dem ich je hörte -- und es ist möglich!«

Allan verbeugte sich und sagte, er freue sich, Herrn Lloyds Interesse
für sein Projekt erweckt zu haben. Der Augenblick war entscheidend
für sein Leben, und doch war er -- zu seinem eigenen Erstaunen --
vollkommen ruhig. Noch beim Eintreten erregt, war er nun imstande,
Lloyds kurze, präzise Fragen klar und sachlich zu beantworten. Er
fühlte sich diesem Mann gegenüber, dessen Aussehen, Karriere und
Reichtum tausend andere verwirrt haben würde, augenblicklich sicher,
ohne daß er einen bestimmten Grund dafür hätte angeben können.

»Sind Ihre Vorbereitungen so weit gediehen, daß Sie morgen mit dem
Projekt vor die Öffentlichkeit treten können?« fragte Lloyd zuletzt.

»Ich brauche noch drei Monate.«

»So verlieren Sie keinen Augenblick!« schloß Lloyd in bestimmtem Ton.
»Im übrigen verfügen Sie ganz über mich.« Hierauf zupfte er ein wenig
an Allans Ärmel und deutete auf seine Tochter.

»Das ist Ethel Lloyd,« sagte er.

Allan wandte Ethel, die ihn während des ganzen Gespräches betrachtet
hatte, den Blick zu und grüßte.

»~How do you do~, Mr. Allan?« sagte Ethel lebhaft und reichte Allan mit
der ganzen Natürlichkeit und Freimut ihrer Rasse die Hand, wobei sie
ihm offen ins Gesicht blickte. »Das also ist er!« fügte sie nach einer
kurzen Pause mit feinem, ein wenig schalkhaftem Lächeln hinzu, hinter
dem sie ihr Interesse für seine Person zu verbergen suchte.

Allan verbeugte sich und wurde verwirrt, denn mit jungen Damen wußte er
gar nichts anzufangen.

Es fiel ihm auf, daß Ethel übermäßig stark gepudert war. Sie erinnerte
ihn an ein Pastellgemälde, so zart und weich waren ihre Farben, das
Blond ihrer Haare, das Blau ihrer Augen und das feine Rot ihres jungen
Mundes. Sie hatte ihn wie eine große Dame begrüßt und doch klang aus
ihrer Stimme etwas Kindliches, als sei sie nicht neunzehn (das wußte er
von Hobby), sondern zwölf Jahre alt.

Allan murmelte eine Höflichkeitsphrase; ein leicht verlegenes Lächeln
blieb auf seinem Munde stehen.

Ethel betrachtete ihn immer noch aufmerksam, halb wie eine
einflußreiche Dame, deren Interesse eine Huld ist, und halb wie ein
neugieriges Kind.

Ethel Lloyd war eine typisch amerikanische Schönheit. Sie war schlank,
geschmeidig und dabei doch weiblich. Ihr reiches Haar war von jenem
seltenen zarten Goldblond, das die Damen, die es nicht besitzen,
stets für gefärbt erklären. Sie hatte auffallend lange Wimpern, in
denen Spuren von Puder haften geblieben waren. Ihre Augen waren
dunkelblau und klar, erschienen aber infolge der langen Wimpern leicht
verschleiert. Ihr Profil, ihre Stirn, das Ohr, der Nacken, alles war
edel, rassig und wahrhaft schön. Aber auf ihrer rechten Wange zeigten
sich schon die Spuren jener entsetzlichen Krankheit, die ihren Vater
verunstaltet hatte. Von ihrem Kinn aus zogen hellbraune, vom Puder
fast zugedeckte Linien, wie Fasern eines Blattes, bis zur Höhe des
Mundwinkels, einem blassen Muttermal ähnlich.

»Ich liebe es, mit meiner Tochter über Dinge zu plaudern, die mich
lebhaft interessieren,« begann Lloyd wieder, »und so dürfen Sie es mir
nicht übelnehmen, daß ich mit ihr über Ihr Projekt gesprochen habe. Sie
ist verschwiegen.«

»Ja, ich bin verschwiegen!« versicherte Ethel lebhaft und nickte
lächelnd mit dem schönen Kopf. »Wir haben stundenlang Ihre Pläne
studiert und ich habe mit Papa so lange darüber geplaudert, bis er
selbst ganz begeistert war. Und das ist er jetzt, nicht wahr, Papa?
(Lloyds Maske blieb bewegungslos.) Papa verehrt Sie, Herr Allan! Sie
müssen uns besuchen, wollen Sie?«

Ethels leicht verschleierter Blick haftete an Allans Augen und ein
freimütiges junges Lächeln schwebte über ihren schöngeschwungenen
Lippen.

»Sie sind in der Tat sehr liebenswürdig, Fräulein Lloyd!« erwiderte
Allan mit einem leisen Lächeln über ihren Eifer und ihr munteres
Geplauder.

Ethel gefiel sein Lächeln. Ganz ungeniert ließ sie den Blick auf
seinen weißen starken Zähnen ruhen, dann öffnete sie die Lippen, um
etwas hinzuzufügen, aber in diesem Augenblick setzte das Orchester
rauschend ein. Sie berührte flüchtig das Knie ihres Vaters, um ihn um
Entschuldigung zu bitten, daß sie noch spreche -- Lloyd war ein großer
Musikfreund -- und flüsterte Allan wichtigtuerisch zu: »Sie haben eine
Bundesgenossin an mir, Herr Allan! Ich gebe Ihnen die Versicherung, ich
werde nicht erlauben, daß Papa seine Meinung ändert. Sie wissen, er tut
das zuweilen. Ich werde ihn zwingen, daß er alles in Fluß bringt! Auf
Wiedersehen!«

Mit einem höflichen, aber etwas gleichgültigen Kopfnicken, das Ethel
einigermaßen enttäuschte, erwiderte Allan ihren Händedruck -- und damit
war das Gespräch zu Ende, das über das Werk seines Lebens und eine neue
Epoche in den Beziehungen zwischen der Alten und Neuen Welt entschied.

Funkelnd und stark im Innern unter dem Anprall von Gedanken und
Empfindungen, die dieser Sieg in ihm auslöste, verließ er mit Hobby die
Loge Lloyds.

Vor der Türe stießen sie auf einen Mann von kaum zwanzig Jahren, der
gerade noch Zeit gehabt hatte, zurückzutreten und sich aufzurichten,
bevor er überrannt wurde. Offenbar hatte er versucht, an Lloyds Loge zu
lauschen. Der junge Mann lächelte, womit er seine Schuld eingestand und
um Entschuldigung bat. Er war ein Reporter des »Herald« und hatte den
gesellschaftlichen Teil des Abends zu bearbeiten. Ungeniert vertrat er
Hobby den Weg.

»Herr Hobby,« sagte er, »wer ist der Gentleman?«

Hobby blieb stehen und zwinkerte gut gelaunt. »Sie kennen ihn nicht?«
fragte er. »Das ist Mac Allan, von den Allanschen Werkzeugstahlwerken,
Buffalo, Erfinder des Diamantstahls Allanit, Championboxer von Green
River und der erste Kopf der Welt.«

Der Journalist lachte laut heraus: »Sie vergessen Hobby, Herr Hobby!«
erwiderte er, und indem er mit dem Kopf gegen Lloyds Loge deutete,
fügte er flüsternd und ehrerbietig neugierig hinzu: »Gibt es etwas
Neues, Herr Hobby?«

»Ja,« antwortete Hobby lachend und ging weiter. »Sie werden staunen!
Wir bauen einen tausend Fuß hohen Galgen, an dem am 4. Juli alle
Zeitungsschreiber New Yorks aufgehängt werden.«

Dieser Scherz Hobbys stand tatsächlich am nächsten Tag in der Zeitung,
zusammen mit einem (gefälschten) Porträt von Mr. Mac Allan, Erfinder
des Diamantstahls Allanit, den C. H. L. (Charles Horace Lloyd) in
seiner Loge empfing, um mit ihm über eine Millionengründung zu
verhandeln.



3.


Maud schwelgte noch immer. Allein sie war nicht mehr imstande, mit
jener heiligen Andacht zu lauschen wie vorher. Sie hatte die Szene
in Lloyds Loge beobachtet. Sie wußte wohl, daß Mac damit beschäftigt
war, etwas Neues auszuarbeiten, eine »große Sache«, wie er sagte.
Irgendeine Erfindung, ein Projekt, sie hatte ihn nie darüber gefragt,
denn nichts lag ihr ferner als Maschinen und technische Dinge. Sie
begriff auch, wie wertvoll für Mac eine Verbindung mit Lloyd sein
mußte, aber sie machte ihm stille Vorwürfe, daß er gerade diesen Abend
für eine Besprechung gewählt hatte. Den einzigen Abend des Winters,
an dem er mit ihr zusammen ein Konzert besuchte. Sie verstand nicht,
wie es ihm möglich war, während eines solchen Konzerts an Geschäfte
zu denken! Zuweilen kam ihr der Gedanke, als ob sie nicht recht in
dieses Amerika hineinpasse, wo alles Busineß war und nur Busineß, als
ob sie glücklicher geworden wäre da drüben in der Alten Welt, wo sie
noch Erholung und Geschäft zu trennen verstanden. Aber nicht das allein
beunruhigte Maud, der feine, ewig wache Instinkt der liebenden Frau
ließ sie befürchten, daß jene »große Sache«, diese Lloyds und wie sie
hießen, mit denen Mac nun zu tun haben würde, ihr noch mehr von ihrem
Gatten rauben würden, als die Fabrik und seine Tätigkeit in Buffalo es
jetzt schon taten.

Über Mauds fröhliche Laune war ein Schatten gefallen, und sie legte
die Stirn in Falten. Dann aber glitt plötzlich eine stille Heiterkeit
über ihr Gesicht. Eine fugenartige, tändelnde und heitere Passage
hatte ihr -- dank einer rätselhaften Ideenverbindung -- ganz plötzlich
ihr Kind deutlich und in den reizvollsten, eine Mutter beglückenden
Situationen ins Gedächtnis gerufen. Es verlockte sie, in der Musik eine
Prophezeiung des Lebens ihres kleinen Mädchens hören zu wollen, und
anfangs ging alles herrlich. Ja, so glücklich sollte ihre Edith werden,
so sollte Ediths Leben sein! Aber die spielerische, sonnige Heiterkeit
ging unvermittelt in ein schweres, schleppendes ~majestoso sostenuto~
über, das Beklommenheit und böse Ahnungen erweckte.

Mauds Herz klopfte langsamer. Nein, nimmermehr sollte das Leben ihres
kleinen süßen Mädchens, mit dem sie wie ein Kind spielte und das sie
wie eine erfahrene alte Frau pflegte, dieser Musik ähnlich werden.
Welch ein Unsinn, mit solchen Einfällen zu spielen! Sie breitete sich
in Gedanken über die Kleine, um sie mit ihrem Körper gegen diese bange,
schwere Musik zu decken, und nach einiger Zeit gelang es ihr auch,
ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben.

Die Musik selbst kam ihr zu Hilfe. Denn plötzlich riß die Brandung der
Töne sie wieder fort zu einer unbestimmten Sehnsucht, die heiß und
herrlich war und alle Gedanken erstickte. Sie war Ohr, wie vorher.
Mit einer atemlosen, rasenden Leidenschaftlichkeit jagte die Musik
dahin, von heißen, verführerischen Stimmen angeführt, und Maud war wie
ein loses Blatt im Sturmwind. Plötzlich aber brach sich die wilde,
keuchende Leidenschaft an einem unbekannten Hindernis, so wie die Woge
an einem Felsen zerschellt, und die donnernde Brandung zerflatterte in
schreiende, wehklagende, zitternde und ängstliche Stimmen. Maud war
es, als ob sie plötzlich still stehen müsse und gezwungen sei, über
etwas nachzudenken, was unbekannt, geheimnisvoll und unergründlich
für sie war. Die Stille, die dem heißen Sturm folgte, war so bannend,
daß plötzlich alle vibrierenden Fächer im Parkett stehen blieben. Mit
einer Dissonanz setzten die Stimmen da drunten wieder unsicher, zögernd
ein (die Fächer bewegten sich wieder), und diese zusammengepreßten,
gequälten Töne, die sich nur schwer und mühselig zur Melodie
durchkämpften, stimmten Maud nachdenklich und traurig. Die spottenden
Fagotte drunten sprachen zu ihr, und die Celli, die ganz ehrlich
litten, und es schien Maud, als ob sie plötzlich ihr ganzes Leben
verstünde. Sie war nicht glücklich, trotzdem Mac sie anbetete und sie
ihn abgöttisch liebte -- nein, nein, es war da irgend etwas, was
fehlte ...

In diesem Augenblick, gerade in diesem Augenblick, berührte Mac ihre
Schulter und raunte ihr ins Ohr: »Entschuldige, Maud -- wir fahren am
Mittwoch nach Europa. Ich habe noch viel vorzubereiten in Buffalo. Wenn
wir jetzt gehen, können wir den Nachtzug noch erreichen. Was denkst du?«

Maud antwortete nicht. Sie saß still und regungslos. Das Blut stieg ihr
über Schultern und Nacken ins Gesicht. Ihre Augen füllten sich langsam
mit Tränen. So vergingen einige Minuten. Sie war in diesem Augenblick
Mac bitterböse im Herzen. Es erschien ihr roh, sie mitten aus dem
Konzert zu reißen, nur weil seine Geschäfte drängten.

Allan sah, daß sie schwer atmete und ihre Wange rot geworden war. Seine
Hand lag noch auf ihrer Schulter. Er machte eine liebkosende Bewegung
und raunte begütigend: »Nun, so bleiben wir, Liebling, ich machte nur
den Vorschlag. Wir können auch recht gut den Frühzug morgen nehmen.«

Maud aber war die Laune gründlich verdorben. Die Musik quälte sie
jetzt und machte sie bang und unruhig. Sie schwankte noch, ob sie
nachgeben sollte oder nicht. Da sah sie zufällig, daß Ethel Lloyd ganz
ungeniert das Glas auf sie gerichtet hatte, und augenblicklich schickte
sie sich an zu gehen. Sie zwang sich zu einem Lächeln, damit Ethel
Lloyd es sähe, und Allan war sehr erstaunt über ihren zärtlichen (noch
feuchten) Blick, mit dem sie sich an ihn wandte. »Gehen wir, Mac!«

Es freute sie, daß Mac ihr zuvorkommend beim Aufstehen behilflich war,
und heiter lächelnd, anscheinend in der glücklichsten Laune, verließ
sie die Loge.



4.


Sie erreichten Central-Station gerade, als der Zug aus der Halle zog.

Maud vergrub die kleinen Hände in die Taschen ihres Pelzmantels und
lugte aus dem aufgestülpten Kragen zu Mac hin. »Da fährt dein Zug,
Mac!« sagte sie lachend und gab sich keine Mühe, ihre Schadenfreude zu
verbergen.

Hinter ihnen stand ihr Diener, Leon, ein alter Chinese, den alle Welt
»Lion« rief. Lion trug die Reisetaschen und sah mit stupidem Ausdruck
seines welken, faltigen Gesichtes dem Zuge nach.

Allan zog die Uhr und nickte. »Es ist zu schade,« sagte er gutmütig.
»Lion, wir fahren ins Hotel zurück.«

Im Auto erklärte er Maud, daß es ihm gerade ihretwegen unangenehm sei,
daß sie den Zug versäumt hätten; sie habe gewiß noch eine Menge mit dem
Packen zu tun.

Maud lachte leise. »Weshalb?« sagte sie und sah an Mac vorbei. »Wieso
weißt du, daß ich überhaupt mitfahre, Mac?«

Allan sah sie erstaunt an. »Du wirst schon mitkommen, denke ich, Maud?«

»Ich weiß wirklich nicht, ob es angeht, mit Edith im Winter zu reisen.
Und ohne Edith gehe ich auf keinen Fall.«

Allan blickte nachdenklich vor sich hin.

»Daran dachte ich im Augenblick gar nicht,« sagte er nach einer Weile
zögernd. »Freilich, Edith. Aber ich denke, es ließe sich trotzdem
machen.«

Maud entgegnete nichts. Sie wartete. So leicht sollte er diesmal nicht
davonkommen. Nach einer Pause setzte Allan hinzu: »Der Dampfer ist ja
genau wie ein Hotel, Maud. Ich würde Luxuskabinen nehmen, damit ihr es
bequem hättet.«

Maud kannte Mac genau. Er würde nicht weiter in sie dringen,
mitzukommen, sie nicht bitten. Er würde nun kein Wort weiter sagen und
es ihr auch gar nicht übelnehmen, wenn sie ihn allein reisen ließe.

Sie sah ihm an, daß er sich jetzt schon mit diesem Gedanken abzufinden
suchte.

Er blickte nachdenklich und enttäuscht vor sich hin. Es kam ihm gar
nicht in den Sinn, daß ihre Absage nichts als eine Komödie war, ihm,
der nie in seinem Leben Komödie spielte und dessen Wesen so einfach und
aufrichtig war, daß es sie immer von neuem überraschte.

In einer plötzlichen Aufwallung ergriff sie seine Hand. »Natürlich
komme ich mit, Mac!« sagte sie mit einem zärtlichen Blick.

»Ah, siehst du!« erwiderte er und drückte ihr dankbar die Hand.

Die Überwindung ihrer schlechten Laune machte Mauds Herz plötzlich froh
und leicht, und sie begann rasch und heiter zu plaudern. Sie sprach von
Lloyd und Ethel Lloyd.

»War Ethel sehr gnädig, Mac?« fragte sie.

»Sie war wirklich sehr nett zu mir,« entgegnete Allan.

»Wie findest du sie?«

»Sie kam mir sehr ungekünstelt vor, natürlich, ein wenig naiv sogar,
fast wie ein Kind.«

»Oh!« Maud lachte. Und sie begriff selbst nicht, weshalb Macs Antwort
sie wieder leicht gegen ihn verstimmte. »Oh, Mac, wie du dich auf
Frauen verstehst! ~Lord~! Ethel Lloyd und natürlich! Ethel Lloyd und
naiv! Hahaha!«

Nun mußte auch Allan lachen. »Sie kam mir in der Tat so vor,«
versicherte er.

Maud aber ereiferte sich. »Nein, Mac,« rief sie aus, »ich habe doch
nie so etwas Komisches gehört! So seid ihr Männer! Es gibt kein
gekünstelteres Wesen als Ethel Lloyd, Mac! Ihre Natürlichkeit ist
ihre größte Kunst. Ethel ist, glaube mir das ruhig, Mac, eine ganz
raffinierte, kokette Person und alles an ihr ist Berechnung. Sie möchte
euch Männer alle behexen. Glaube mir das, ich kenne sie. Hast du ihre
Sphinxaugen gesehen?«

»Nein.« Allan sagte die Wahrheit.

»Nicht? Aber sie sagte einmal zu Mabel Gordon: ich habe Sphinxaugen,
alle Leute sagen es. Und du findest sie naiv! Sie ist ja so schrecklich
eitel, dieses hübsche Geschöpf, oh, du mein Gott! Jede Woche mindestens
einmal erscheint ihr Bild in der Zeitung. Ethel sagt: --! Sie macht
Tag und Nacht Reklame für sich, genau wie Hobby. Sogar mit ihrer
Wohltätigkeit macht sie Reklame.«

»Vielleicht hat sie aber wirklich ein gutes Herz, Maud?« warf Allan ein.

»Ethel Lloyd?« Maud lachte. Dann sah sie Mac plötzlich in die Augen,
während sie sich an den Nickelgriffen des sausenden, schleudernden
Autos festhielt. »Ist sie wirklich so schön, Ethel?«

»Ja, sie ist schön, Maud. Aber, Gott weiß, weshalb sie sich so stark
pudert!«

Maud sah enttäuscht aus. »Hast du dich in sie verliebt, Mac? Wie alle
andern?« fragte sie leise, mit geheuchelter Angst.

Allan lachte und zog sie an sich. »Du bist ein kleiner Narr, Maud!«
rief er aus und drückte ihr Gesicht an seine Wange.

Nun war Maud wieder ganz zufrieden. Wie kam es doch, daß sie heute jede
Kleinigkeit irritieren konnte? Was ging Ethel Lloyd sie an?

Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie in aufrichtigem Ton: »Es kann
übrigens sein, daß Ethel wirklich ein gutes Herz hat, ich glaube es
sogar.«

Aber gerade, als sie dies ausgesprochen hatte, fand sie, daß sie im
Grunde nicht recht an das gute Herz Ethels glaubte. Nein, heute war
nichts mit ihr anzufangen.

Nach dem Diner, das sie sich auf dem Zimmer servieren ließen, ging Maud
gleich zu Bett, während Allan im Salon blieb, um Briefe zu schreiben.
Allein Maud konnte nicht sofort einschlafen. Sie war seit dem frühen
Morgen auf den Beinen gewesen und übermüdet. Die trockene, heiße Luft
des Hotelzimmers versetzte sie in ein leises Fieber. Alle Aufregungen
des Tages, die Reise, das Konzert, die Menschenmenge, Ethel Lloyd,
alles erwachte wieder in ihrem übermüdeten Kopf. Sie hörte wieder
Konzert und Stimmen in ihren Ohren klingen. Drunten schwirrten die
Autos. Es tutete. In der Ferne rauschten die Hochzüge. Gerade als sie
einschlummern wollte, weckte sie ein Knacken in der Dampfheizung. Sie
hörte, daß der Lift im Hotel emporstieg und leise sang. Die Spalte an
der Tür war noch hell.

»Schreibst du noch immer, Mac?« fragte sie, fast ohne die Lippen zu
öffnen.

Mac erwiderte: »~Go on and sleep~.« Aber seine Stimme klang so tief,
daß sie, im leichten Fieber des Halbschlafes, lachen mußte.

Sie schlief ein. Aber plötzlich fühlte sie, daß sie ganz kalt wurde.
Sie wachte wieder auf, voller Unruhe und seltsamer Angst, und dachte
nach, was sie erschauern hatte lassen. Sofort fiel es ihr ein. Sie
hatte geträumt: sie kam in Ediths Zimmer, und wer saß da? Ethel Lloyd.
Ethel Lloyd saß da, blendend schön, den Diamanten auf der Stirn und
bettete die kleine Edith sorgfältig ein -- ganz als sei sie Ediths
Mutter ...

Mac saß in Hemdärmeln in der Sofaecke und schrieb. Da knackte es an der
Türe und Maud erschien in ihrem Schlafkleid, schlaftrunken ins Licht
blinzelnd.

Ihr Haar glänzte. Sie sah blühend und jung aus, wie ein Mädchen, und
Frische strömte von ihr aus. Aber ihre Augen flackerten unruhig.

»Was hast du?« fragte Allan.

Maud lächelte verwirrt. »Nichts,« entgegnete sie, »ich träume solch
dummes Zeug.« Sie setzte sich in einen Sessel und strich das Haar
glatt. »Weshalb gehst du nicht schlafen, Mac?«

»Die Briefe müssen morgen mit dem Dampfer fort. Du wirst dich erkälten,
Liebling.«

Maud schüttelte den Kopf. »O nein,« sagte sie, »es ist im Gegenteil
sehr heiß hier.« Dann sah sie Mac mit wachen Augen an. »Höre, Mac,«
fuhr sie fort, »warum verschweigst du mir, was du mit Lloyd zu tun
hast?«

Allan lächelte und erwiderte langsam: »Du hast mich nicht danach
gefragt, Maud. Ich wollte auch nicht darüber sprechen, solange die
Sache noch in der Luft hing.«

»Willst du es mir jetzt nicht sagen?«

»Doch, Maud.«

Da erklärte er ihr, worum es sich handele. Zurückgelehnt ins Sofa,
gutmütig lächelnd und in aller Ruhe setzte er ihr sein Projekt
auseinander, ganz als ob er nur eine Brücke über den East River bauen
wolle. Maud saß in ihrem Schlafkleid da und staunte und verstand nicht.
Aber als sie anfing zu verstehen, staunte sie immer mehr, und ihre
Augen wurden immer größer und glänzender. Ihr Kopf wurde ganz heiß!
Nun begriff sie plötzlich seine Tätigkeit in den letzten Jahren, seine
Versuche, seine Modelle und seine Stöße von Plänen. Nun begriff sie
auch, weshalb er zur Abreise gedrängt hatte: er hatte keine Minute Zeit
zu versäumen! Nun begriff sie auch, weshalb all die Briefe mit dem Boot
morgen fort mußten. Es erschien ihr fast, als träume sie wieder ...

Als Allan zu Ende war, saß sie mit großen glänzenden Augen da, die
nichts als Strahlen und Bewunderung waren. »Nun weißt du es, kleine
Maud!« sagte Allan und bat sie schlafen zu gehen. Maud trat zu ihm und
umschlang ihn, so fest sie konnte und küßte ihn auf den Mund.

»Mac, mein Mac!« stammelte sie.

Als aber Allan sie nochmals bat, sich niederzulegen, gehorchte sie
augenblicklich und ging hinaus, noch ganz trunken im Kopf. Es war ihr
plötzlich der Gedanke in den Sinn gekommen, als ob Macs Werk ebenso
groß sei wie jene Symphonien, die sie heute gehört hatte, ebenso groß
-- nur ganz anders.

Zu Allans Erstaunen kam sie aber nach einigen Minuten wieder herein.
Sie brachte eine Decke mit, und während sie flüsterte: »Arbeite!
Arbeite!« bettete sie sich zusammengerollt neben ihm aufs Sofa. Den
Kopf an seinen Schenkel gelegt, schlief sie ein.

Allan hielt inne und sah sie an. Und er dachte, daß sie schön und
rührend sei, seine kleine Maud, und er sein Leben tausendfach für sie
hingeben würde.

Dann schrieb er eifrig weiter.



5.


Am folgenden Mittwoch schiffte sich Allan mit Maud und Edith auf dem
deutschen Drei-Tage-Boot nach Europa ein. Hobby begleitete sie; er »kam
auf acht Tage mit«.

Maud war in wunderbarer Stimmung. Sie hatte ihre heiterste Laune --
ihre Mädchenlaune -- wiedergefunden, und diese Laune hielt während der
ganzen Fahrt über den winterlichen und ungastlichen Ozean an, obwohl
sie Mac nur bei den Mahlzeiten und am Abend zu Gesicht bekam. Lachend
und fröhlich plaudernd stapfte sie, in Pelze eingehüllt, in dünnen
Lackschuhen auf den eisigen Verdeckkorridoren hin und her.

Hobby war der populärste Mann auf dem Boot. Von den Kabinen der Ärzte
und Zahlmeister an bis hinauf zur geheiligten Kommandobrücke war er zu
Hause. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend gab es keine Stelle auf
dem Schiff, wo man nicht seine helle, etwas nasale Stimme gehört hätte.

Von Allan dagegen hörte und sah man nichts. Er war den ganzen Tag
über beschäftigt. Zwei Typistinnen des Schnellbootes hatten während
der ganzen Reise alle Hände voll zu tun, seine Briefe abzuschreiben.
Hunderte von Briefen lagen fertig und adressiert in Allans Kabine. Er
traf die Vorbereitungen zur ersten Schlacht.

Die Reise ging zuerst nach Paris. Von da nach Calais und Folkestone,
wo der Tunnel unter dem Kanal im Bau war, nachdem England seine
lächerliche Angst vor einer Invasion, die mit einer einzigen Batterie
verhindert werden konnte, überwunden hatte. Hier hielt sich Allan
drei Wochen auf. Dann gingen sie nach London, Berlin, Essen, Leipzig,
Frankfurt und wieder zurück nach Paris. Allan blieb an all diesen Orten
einige Wochen. Am Vormittag arbeitete er für sich, nach Tisch hatte
er täglich Konferenzen mit Vertretern großer Firmen, Ingenieuren,
Technikern, Erfindern, Geologen, Geographen, Ozeanographen,
Statistikern und Kapazitäten der verschiedensten Fakultäten. Eine Armee
von Gehirnen aus allen Gegenden Europas, aus Frankreich, England,
Deutschland, Italien, Norwegen, Rußland.

Am Abend speiste er allein mit Maud, wenn er nicht gerade Gäste bei
sich hatte.

Mauds Laune war noch immer ausgezeichnet. Die Atmosphäre von Arbeit und
Unternehmungen, die Mac umgab, belebte sie. Sie hatte vor drei Jahren,
kurz nach ihrer Heirat, fast genau die gleiche Reise mit Mac gemacht,
und damals hatte sie ihm nur schwer verzeihen können, daß er die meiste
Zeit mit fremden Menschen und unverständlichen Arbeiten verbrachte.
Nun, da sie den Sinn all dieser Konferenzen und Arbeiten begriff, war
alles natürlich ganz anders geworden.

Sie hatte viel Zeit und sie teilte sich diesen Überfluß an Zeit
sorgfältig ein. Einen Teil des Tages widmete sie ihrem Kinde, dann
besuchte sie Museen, Kirchen und Sehenswürdigkeiten, wo sie auch immer
sein mochten. Auf ihrer ersten Reise war sie nicht oft zu diesen
Genüssen gekommen. Mac hatte sie natürlich überallhin begleitet, wenn
sie es wünschte, aber sie hatte bald gefühlt, daß ihn diese herrlichen
Gemälde, Skulpturen, alten Gewebe und Schmuckstücke nicht besonders
interessierten. Was er gerne sah, das waren Maschinen, Werke, große
industrielle Anlagen, Luftschiffe, technische Museen, und davon
verstand sie ja nichts.

Nun aber hatte sie Muße und sie entzückte sich an all den tausend
Herrlichkeiten, die ihr Europa so teuer machten. Sie besuchte Theater,
Konzerte, so oft es anging. Sie sättigte sich für Amerika. Sie
bummelte stundenlang in alten Straßen und engen Gassen umher und
machte photographische Aufnahmen von jedem kleinen Kaufladen, den sie
»entzückend« fand, und jedem krummen alten Hausgiebel. Sie kaufte
Bücher, Reproduktionen aus den Museen und Ansichtskarten von alten
Häusern und neuen. Diese Ansichtskarten waren für Hobby bestimmt, der
sie darum ersucht hatte. Sie gab sich ehrliche Mühe, ihr Material
zusammenzubekommen, aber für Hobby, den sie liebte, war ihr keine
Arbeit zu viel.

In Paris ließ Allan sie acht Tage allein. Er hatte in der Nähe von
Nantes, bei Les Sables an der biskayischen Küste mit Geometern und
einem Schwarm Agenten zu tun. Dann schifften sie sich mit Geometern,
Ingenieuren und Agenten nach den Azoren ein, wo Allan über drei Wochen
auf den Inseln Fayal, San Jorgo und Pico beschäftigt war, während
Maud mit Edith den herrlichsten Frühling genoß, den sie je erlebt
hatte. Von den Azoren fuhren sie mit einem Frachtdampfer (als die
einzigen Passagiere, was Maud entzückte!) quer durch den Atlantik
nach den Bermudas. Hier, in Hamilton, trafen sie zu ihrer großen
Freude Hobby, der eine kleine Reise herüber gemacht hatte, um sie zu
erwarten. Die Geschäfte auf den Bermudas waren rasch erledigt und im
Juni kehrten sie nach Amerika zurück. Allan mietete ein Landhaus in
Bronx, und die gleiche Tätigkeit wie in London, Paris und Berlin begann
nun in Amerika. Täglich konferierte Allan mit Agenten, Ingenieuren,
Wissenschaftlern aus allen Städten der Staaten. Da er häufig lange
Besprechungen mit Lloyd hatte, so begann die Öffentlichkeit aufmerksam
zu werden. Die Journalisten schnüffelten in der Luft wie Hyänen, die
Aas riechen. Gerüchte von den abenteuerlichsten Gründungen schwirrten
durch New York.

Aber Allan und seine Vertrauensmänner schwiegen. Maud, die man
aushorchen wollte, lachte und sagte kein Wort.

Ende August waren die Vorbereitungsarbeiten beendet. Lloyd ließ an
dreißig der ersten Vertreter des Kapitals, der Großindustrie und
Großbanken Einladungen zu einem Meeting ergehen; diese Einladungen
hatte er eigenhändig geschrieben und durch Spezialkuriere aushändigen
lassen, um die Bedeutung der Konferenz zu betonen.

Und am 18. September fand diese denkwürdige Konferenz im Hotel
Atlantic, Broadway, statt.



6.


New York briet in diesen Tagen in einer Hitzwelle, so daß Allan sich
entschloß, die Versammlung auf dem Dachgarten des Hotels abzuhalten.

Die Geladenen, die größtenteils auswärts wohnten, waren im Laufe des
Tages und einige schon gestern eingetroffen.

Sie kamen in riesigen, staubbedeckten Tourencars mit Frauen, Töchtern
und Söhnen angerollt aus ihren Sommerresidenzen in Vermont, Hampshire,
Maine, Massachusetts und Pennsylvania. Die Einsamen und Schweiger
flogen in Extrazügen, die glatt jede Station ignorierten, von St.
Louis, Chikago und Cincinnati herbei. Ihre Luxusjachten dockten am
Hudson-River. Drei Chikagoleute, Kilgallan, Müllenbach und C. Morris,
waren mit dem Expreß-Luftliner, der die 700 Meilen von Chikago nach New
York-Centralpark in acht Stunden durchschneidet, angekommen, und der
Sportmann Vanderstyfft war im Laufe des Nachmittags auf dem Dachgarten
des Atlantic mit seinem Eindecker gelandet. Andere wieder trafen als
ganz unscheinbare Reisende, zu Fuß, mit einer bescheidenen Tasche in
der Hand, vor dem Hotel ein.

Aber sie kamen. Lloyd hatte sie in einer Angelegenheit von allererster
Bedeutung gerufen, und jene Solidarität, die das Geld in weit höherem
Maße als das Blut erzeugt, erlaubte ihnen nicht zurückzustehen. Sie
kamen nicht allein, weil sie ein Geschäft witterten (es war sogar
möglich, daß sie bluten mußten!), sie kamen in erster Linie, weil sie
erwarteten, ein Projekt mit starten helfen zu können, dessen Bedeutung
ihren Unternehmungsgeist befriedigte, der sie groß gemacht hatte. Lloyd
hatte jenes mysteriöse Projekt in seinem Sendschreiben »das größte
und kühnste aller Zeiten« genannt. Das genügte, um sie aus der Hölle
herauszuholen; denn das Schaffen neuer Werke war für sie soviel wie
leben selbst.

Die Bewegung so vieler Häuptlinge des Kapitals war natürlich nicht
unbemerkt geblieben, denn jeder einzelne war von einem ausgearbeiteten
Alarmsystem umgeben. Am Morgen schon war die Börse von einem leichten
Fieber geschüttelt worden. Ein zuverlässiger Tip jetzt bedeutete ein
Vermögen! Die Presse verkündete die Namen all der Männer, die im
Atlantic abgestiegen waren, und vergaß nicht hinzuzufügen, wieviel
jeder einzelne wert war. Nachmittag um fünf Uhr ging es schon hoch in
die Milliarden. Auf jeden Fall stand etwas Ungewöhnliches bevor, eine
Riesenschlacht des Kapitals. Einzelne Zeitungen taten so, als kämen sie
gerade vom Lunch bei Lloyd und seien bis zum Halse mit Informationen
geladen, Lloyd aber habe ihnen einen Knebel zwischen die Zähne
getrieben. Andere gingen weiter und veröffentlichten, was ihr Freund
Lloyd ihnen beim Dessert anvertraut hatte: es handele sich um nichts
Besonderes. Die elektrische Einschienen-Schnellbahn sollte von Chikago
weiter bis San Franzisko geführt werden. Das Netz des Luftverkehrs
sollte über die ganzen Staaten erweitert werden, so daß man nach jeder
beliebigen Stadt genau so fliegen könnte, wie heute nach Boston,
Chikago, Buffalo und St. Louis. Hobbys Idee: New York, das Venedig
Amerikas, stände dicht vor ihrer Realisierung.

Die Reporter umschnupperten das Hotel wie Polizeihunde, die auf der
Spur liegen. Sie traten mit den Absätzen Löcher in das zerweichte
Asphalt des Broadways und starrten an den sechsunddreißig Stockwerken
des Atlantic empor, bis die gleißende Kalkwand ihnen Halluzinationen
ins Gehirn spiegelte. Ein ganz Gerissener kam sogar auf den genialen
Einfall, sich als Telephonarbeiter ins Hotel zu schmuggeln, und nicht
nur ins Hotel -- bis in die Zimmer der Milliarden, wo er an den
Zimmertelephonen herumbastelte, um etwa ein Wort aufzuschnappen. Aber
der Manager des Hotels entdeckte ihn und machte ihn höflich darauf
aufmerksam, daß alle seine Apparate in Ordnung seien.

Umfiebert von glühender Hitze und Erregung stand das kalkweiße
Turmhaus da und schwieg. Es wurde Abend und es schwieg noch immer.
Der Gerissene von heute nachmittag kehrte in seiner Verzweiflung mit
einem Schnurrbart im Gesicht als ein Monteur Vanderstyffts zurück, der
an der Maschine oben auf dem Dach etwas nachzusehen habe. Aber der
Manager erklärte ihm mit höflichem Lächeln, daß Herrn Vanderstyffts
Marconi-Apparat ebenfalls in Ordnung sei.

Da trat der Gerissene auf die Straße und zerplatzte: er war plötzlich
irgendwohin verschwunden, um etwas Neues zu ersinnen. Nach einer
Stunde erschien er als Globetrotter in einem Automobil voll beklebter
Koffer und forderte ein Zimmer im 36. Stock. Da das 36. Stockwerk
aber von Hotelbediensteten bewohnt wurde, so mußte er sich mit
Zimmer Nummer 3512 begnügen, das ihm der Manager mit zuvorkommender
Geschäftsmiene anbot. Hier machte er einem chinesischen Boy, der zur
Dachgartenbedienung gehörte, ein bestechendes Angebot, wenn er einen
unscheinbaren Apparat, nicht größer als ein Kodak, in irgendeines
der Kübelgewächse da droben schmuggele. Allein er hatte nicht damit
gerechnet, daß Allanit ein Hartstahl war, den kein Geschoß durchschlägt.

Allan hatte seine genauen Instruktionen gegeben, und der Manager
verbürgte sich dafür, daß sie eingehalten wurden. Sobald alle Geladenen
den Roofgarden betreten hatten, durfte der Lift nicht weiter als bis
zum 35. Stock geführt werden. Die Boys der Bedienung durften den
Dachgarten nicht eher verlassen, als bis der letzte Gast sich entfernt
hatte. Nur sechs Vertretern der Presse und drei Photographen war der
Zutritt erlaubt (Allan brauchte sie ebenso wie sie ihn) -- allein gegen
die ehrenwörtliche Versicherung, während der Konferenz nicht mit der
Außenwelt in Verbindung zu treten.

Einige Minuten vor neun Uhr erschien Allan selbst auf dem Dachgarten,
um sich zu überzeugen, ob man all seine Anordnungen genau befolgt
habe. Er entdeckte augenblicklich den eingeschmuggelten drahtlosen
Telephonapparat im Geäst eines Lorbeerbaumes, und eine Viertelstunde
später hatte ihn der Gerissene wieder als ein hübsch verschnürtes und
versiegeltes Expreßpaket auf Nummer 3512 -- ohne überrascht zu sein,
denn er hatte deutlich in seinem Empfangsapparat gehört, wie eine
Stimme etwas unwillig sagte: »Schaffen Sie das Zeug weg!«

Von neun Uhr an begann der Lift zu spielen.

Die Geladenen tauchten schwitzend und pustend aus dem Hotelblock empor,
der trotz den Kühlanlagen in allen seinen Poren glühte. Sie kamen aus
der Hölle ins Fegfeuer. Jeder einzelne, der aus dem Lift stieg, prallte
vor dieser Mauer von Hitze zurück. Dann aber legte er augenblicklich
den Rock ab, nicht ohne die anwesenden Damen vorher höflich um
Erlaubnis gebeten zu haben. Diese Damen waren Maud -- heiter, blühend,
schneeweiß gekleidet -- und Mrs. Brown, eine alte, kleine, ärmlich
aussehende Frau mit gelbem Gesicht und dem argwöhnischen Blick
schwerhöriger Geizhälse: die reichste Frau der Staaten und berüchtigte
Wucherin.

Die Geladenen kannten einander ohne Ausnahme. Sie hatten sich auf
verschiedenen Kriegschauplätzen getroffen, sie hatten jahrelang
Schlachten Schulter an Schulter oder gegeneinander geschlagen. Ihre
gegenseitige Hochachtung war nicht allzu groß, aber sie schätzten
sich immerhin. Sie waren fast alle schon grau oder weiß, ruhig,
würdig, abgeklärt und besonnen wie der Herbst, und die meisten hatten
gutmütige, freundliche, ja kindliche Augen. Sie standen in Gruppen
beisammen und plauderten und scherzten oder gingen zu Paaren auf und
ab und flüsterten. Die Einsamen und Schweiger saßen schon still in den
Klubsesseln und blickten kühl, nachdenklich und mit etwas übelgelauntem
Gesichtsausdruck auf den persischen Teppich, der über den Boden
gebreitet war. Zuweilen zogen sie die Uhr und warfen einen Blick auf
den Lift: immer noch kamen Nachzügler ...

Drunten brodelte New York und das Brodeln schien die Hitze zu
verdoppeln. New York schwitzte wie ein Ringkämpfer nach getaner Arbeit,
es pustete wie eine Lokomotive, die ihre dreihundert Meilen hinter
sich hat und in einer Bahnhofhalle verschnauft. Die Autos, die im
zerweichten Asphalt der Straße klebten, surrten und brummten in der
Broadway-Schlucht dahin, die einander drängenden Züge der elektrischen
Cars hämmerten ihre Glockensignale; irgendwo, ganz fern, gellte eine
schrille Glocke: ein Feuerlöschzug, der durch die Straßen fegte. Es
war ein Summen wie von riesigen Glocken in der Luft, untermischt mit
fernen Schreien, als würden irgendwo in der Ferne Haufen von Menschen
abgeschlachtet.

Ringsum standen und funkelten Lichter in der tiefblauen, heißen
Nacht, von denen man auf den ersten Blick nicht sagen konnte, ob
sie dem Himmel oder der Erde angehörten. Vom Dachgarten aus sah man
einen Abschnitt der zwanzig Kilometer langen Broadway-Schlucht, die
ganz New York in zwei Teile spaltet: einen weißglühenden, klaffenden
Schmelzofen, in dem farbige Feuer schwangen und auf dessen Boden
mikroskopische Aschenteilchen entlang trieben: Menschen. Eine
Seitenstraße in nächster Nähe blendete wie ein Strom flüssigen Bleis.
Aus ferner gelegenen Querstraßen dampften lichte Silbernebel. Einzelne
Wolkenkratzer erhoben sich gespenstisch weiß im Lichtscheine eines
Platzes. Wiederum aber standen Gruppen von eng aneinander gedrängten
Turmhäusern dunkel, schweigsam, wie riesige Grabsteine, die über die
eingesunkenen verschwindenden Zwerghütten von zwölf und fünfzehn
Etagen emporragten. In der Ferne am Himmel ein Dutzend Stockwerke
mattblinkender Fensterscheiben, ohne daß das geringste von einem Haus
zu sehen gewesen wäre. Da und dort vierzigstöckige Türme, auf denen
matte Feuer lohten: die Dachgärten von Regis, Metropolitain, Waldorf
Astoria, Republic. Rings am Horizont glommen schwüle Feuersbrünste:
Hoboken, Jersey City, Brooklyn, Ost-New York. In der Spalte zwischen
zwei dunklen Wolkenkratzern zuckte jede Minute ein doppelter
Lichtstrahl auf, wie elektrische Funkennähte, die zwischen den Mauern
übersprangen: die Hochbahn der sechsten Avenue.

Rings um das Hotel flimmerte das Feuerwerk der Nacht. Unaufhörlich
schossen Lichtfontänen und farbige Strahlengarben aus den Straßen
empor zum Himmel. Ein Blitz zerriß ein Turmhaus von unten bis oben und
setzte einen riesigen Schuh in Brand. Ein Haus ging in Flammen auf
und in den Flammen erschien ein roter Stier: Bull Durham Rauchtabak.
Raketen jagten zur Höhe, explodierten und bildeten beschwörende Worte.
Eine violette Sonne kreiste wie irrsinnig hoch oben in der Luft und
spie Feuer über Manhattan, die bleichen Lichtkegel von Scheinwerfern
tasteten nach dem Horizont und beleuchteten kalkweiße Häuserwüsten.
Hoch oben am Himmel über dem blitzenden New York aber standen blaß,
unscheinbar, elend, geschlagen, die Sterne und der Mond.

Von der Battery herauf kam ein Reklameluftschiff mit weichem Surren der
Propeller und zwei großen Augen, eulenhaft. Und auf dem Bauch der Eule
erschienen abwechselnd die Worte: Gesundheit! -- Erfolg! -- Suggestion!
-- Reichtum! -- Pinestreet 14!

Drunten aber, sechsunddreißig Stockwerke tief unten, wogte ein Heer
von Hüten um den Hotelblock, Reporter, Agenten, Broker, Neugierige --
in der blendenden Lichtflut _alle ohne Schatten_ -- schwirrend vor
Spannung, die Augen auf die Lichtgirlanden des Dachgartens gerichtet.
Durch das fiebernde Stimmengewirr, das das Hotel umbrandete, drangen
deutlich die Rufe der Broadway-Ratten, der Zeitungsausrufer, herauf:
»Extra! Extra!« Die »World« hatte im letzten Moment ihren letzten
und besten Triumph ausgespielt, mit dem sie alle anderen Journale
überstach. Sie war allwissend und kannte das Projekt genau, das die
Milliarden, die da droben schwitzten, vom Stapel ließen: eine submarine
Postbeförderung! ~A. E. L. M.! America-Europe-Lightning-Mail~! Genau
wie heute die Briefe durch Luftdruck in unterirdischen Röhren von New
York nach San Franzisko gepreßt wurden, sollten sie durch gewaltige
Röhren, die wie Kabel gelegt werden würden, nach Europa geschossen
werden. Über die Bermudas und Azoren! In drei Stunden! (Man sieht, die
»World« hatte Allans Reiseroute genau feststellen lassen.)

Selbst die ruhigsten Nerven hier oben konnten sich dem Eindruck der
fiebernden Straße, des brodelnden und glitzernden New Yorks und der
Hitze nicht entziehen. Alle wurden, je länger sie warteten, mehr oder
weniger erregt und empfanden es wie eine Erlösung, als der blonde
Hobby, der sich sehr wichtig gebärdete, die Versammlung eröffnete.

Hobby schwenkte ein Telegramm und sagte, daß C. H. Lloyd bedaure,
durch sein Leiden abgehalten zu sein, die Herrschaften persönlich
zu begrüßen. Er habe ihn beauftragt, ihnen Herrn Mac Allan, den
langjährigen Mitarbeiter der Edison-Works-Limited und Erfinder des
Diamantstahls Allanit, vorzustellen.

»Hier sitzt er!« Hobby deutete auf Allan, der neben Maud in einem
Korbstuhl saß, in Hemdärmeln wie alle andern.

Herr Allan habe ihnen etwas zu sagen. Er wolle ihnen ein Projekt
vorschlagen, das, wie sie wüßten, C. H. Lloyd selbst das größte und
kühnste aller Zeiten genannt habe. Herr Allan besäße Genie genug, das
Projekt zu bewältigen, für die Ausführung aber brauche er ihr Geld. (Zu
Allan:) »~Go on, Mac~!«

Allan stand auf.

Aber Hobby machte ihm ein Zeichen, noch einen Moment zu warten, und
schloß, indem er einen Blick in das Telegramm warf: Er habe vergessen
... für den Fall, daß die Versammlung auf Mac Allans Projekt eingehe,
beteilige sich C. H. Lloyd mit fünfundzwanzig Millionen Dollar. (Zu
Allan:) »~Now, my boy!~«

Allan trat an Hobbys Stelle. Die Stille wurde schwül und drückend.
Die Straße drunten fieberte wirrer und lauter. Alle Augen richteten
sich auf ihn: das war also er, der behauptete, etwas _Ungewöhnliches_
zu sagen zu haben! (Mauds Lippen standen vor Spannung und Angst
weit offen!) Allan drückte seinem Auditorium durch nichts seine
Wertschätzung aus. Er ließ den Blick ruhig durch die Versammlung
wandern, und niemand hätte ihm die große Erregung angemerkt, von der
er im Innern geschüttelt wurde. Es war keine Kleinigkeit, diesen
Leuten den Kopf in den Rachen zu stecken, und sodann: er war alles,
nur kein Redner. Es war das erstemal, daß er vor einer größeren und
distinguierten Versammlung sprach. Aber seine Stimme klang ruhig und
klar, als er begann.

Allan sagte zunächst, daß er, nachdem C. H. Lloyd die Erwartungen so
hoch gespannt habe, befürchte, die Versammlung zu enttäuschen. Sein
Projekt verdiene kaum größer genannt zu werden als der Panamakanal oder
Sir Rodgers Palk-Street-Bridge, die Ceylon mit Vorderindien verbindet.
Es sei, recht besehen, sogar einfach.

Hierauf zog Allan ein Stück Kreide aus der weiten Hosentasche und warf
zwei Linien auf die Tafel, die hinter ihm stand. Das sei Amerika und
das sei Europa! Er verpflichte sich, im Zeitraum von fünfzehn Jahren
einen submarinen Tunnel zu bauen, der die beiden Kontinente verbinde,
und Züge in vierundzwanzig Stunden von Amerika nach Europa zu rennen!
Das sei sein Projekt.

In diesem Augenblick flammte das Licht der Photographen auf, die ihr
Schnellfeuer eröffneten, und Allan machte eine kurze Pause. Von der
Straße herauf kam wirres Geschrei: sie wußten, daß die Schlacht da
droben begonnen hatte.

Es schien zunächst, als ob Allans Projekt, das eine Epoche in
der Geschichte zweier Kontinente bedeutete und selbst für diese
vorgeschrittene Zeit nicht alltäglich war, nicht den geringsten
Eindruck auf die Zuhörerschaft gemacht habe. Manche waren sogar
enttäuscht. Es schien ihnen, als hätten sie dann und wann schon gehört
von diesem Projekt, es lag in der Luft wie viele Projekte. Und doch
hätte es niemand noch vor fünfzig -- wie sagst du? -- vor zwanzig
Jahren aussprechen können, ohne daß man darüber gelächelt hätte. Es
gab hier Leute, die, während sie die Uhr aufzogen, mehr verdienten,
als die Mehrzahl der Menschen in einem Monat, es gab hier Leute,
die keine Miene verzogen, wenn die ganze Erde morgen wie eine Bombe
explodierte, aber es gab hier keinen einzigen, der erlaubte, daß man
ihn _langweilte_. Und davor hatten sie sich alle am meisten gefürchtet,
denn, bei Gott, C. H. Lloyd konnte auch einmal versagen! Es wäre ja
möglich gewesen, daß dieser Bursche irgendeine alte Sache auskramte,
etwa, daß er die Wüste Sahara bewässern und fruchtbar machen wolle,
oder sonst etwas. Sein Projekt war wenigstens nicht langweilig. Das
war schon sehr viel. Besonders die Einsamen und Schweiger atmeten
erleichtert auf.

Allan hatte keineswegs erwartet, sein Auditorium durch sein Projekt
niederzustrecken, und war mit dem Eindruck, den seine Ankündigung
machte, vollkommen zufrieden. Mehr konnte er vorläufig nicht verlangen.
Er hätte ja seine Idee langsam abbrennen können, aber er hatte sie
absichtlich wie eine Kartätsche gegen seine Zuhörerschaft abgeschossen,
um diesen Panzer einer scheinbaren Indifferenz, die jeden Redner hätte
entmutigen können, diesen Panzer aus Phlegma, Schulung, Ermattung,
Berechnung und Abwehr auf einen Schlag zu sprengen. Er mußte diese
sieben Milliarden zwingen, ihm zuzuhören. Das war seine erste Aufgabe,
das und nichts anderes. Und es schien, als ob ihm dies gelungen sei.
Die ledernen Sessel knirschten, einige lehnten sich bequem zurecht, sie
zündeten sich eine Zigarre an. Mrs. Brown nahm den Hörapparat zu Hilfe.
Wittersteiner, von der New York-Central Bank raunte I. O. Morse, dem
Kupfermann, etwas ins Ohr.

Und Allan fuhr ermutigt und sicherer fort.

Der Tunnel sollte hundert Kilometer südlich von New York von der Küste
New Jerseys ausgehen, die Bermudas und Azoren und Nordspanien berühren
und an der biskayischen Küste Frankreichs emporsteigen. Die beiden
ozeanischen Stationen, die Bermudas und Azoren, waren vom technischen
Standpunkt aus unentbehrlich. Denn mit ihnen, zusammen mit der
amerikanischen und den zwei europäischen, waren fünf Angriffsstellen
für die Tunnelstollen gegeben. Ferner waren die ozeanischen Stationen
für die Rentabilität des Tunnels von größter Bedeutung. Die Bermudas
würden den gesamten Personenverkehr und die Post des mexikanischen
Beckens, Westindiens, Zentralamerikas und des Panamakanals aufsaugen.
Die Azoren den gesamten Verkehr Südamerikas und Afrikas an sich reißen.
Die ozeanischen Stationen würden Angelpunkte des Weltverkehrs werden
von der Bedeutung New Yorks und Londons. Es war ohne jeden Kommentar
einleuchtend, welche Rolle die amerikanische und die europäischen
Stationen in Zukunft auf dem Erdball spielen würden! Die einzelnen
Regierungen würden gezwungen sein, ihre Zustimmung zum Tunnelbau
zu erteilen, ja, er, Mac Allan, würde sie zwingen, die Papiere des
Tunnel-Syndikats an ihren Börsen zuzulassen -- wenn anders sie nicht
gesonnen waren, ihre Industrien um Tausende von Millionen zu schädigen.

»Der Tunnel der Behringstraße, der vor drei Jahren in Angriff genommen
wurde,« sagte Allan, »der Dover-Calais-Tunnel, der in diesem Jahr
seiner Vollendung entgegengeht, haben zur Genüge bewiesen, daß der Bau
submariner Tunnel der modernen Technik keine Schwierigkeiten bereitet.
Der Dover-Calais-Tunnel hat eine Länge von rund fünfzig Kilometern.
Mein Tunnel hat eine Länge von rund fünftausend Kilometern. Meine
Aufgabe besteht demnach lediglich darin, die Arbeit der Engländer und
Franzosen zu verhundertfachen, wenn ich auch keineswegs die größeren
Schwierigkeiten verkenne. Aber ich brauche es Ihnen nicht erst zu
sagen: wo der Mensch von heute eine Maschine aufstellen kann, da ist
er _zu Hause_! Finanziell hängt die Ausführung des Projektes von Ihrer
Zustimmung ab. Ihr Geld brauche ich nicht -- wie Hobby sagte -- denn
ich werde den Tunnel mit amerikanischem und europäischem Geld, mit
dem Geld der ganzen Welt bauen. Das Projekt technisch in der Zeit von
fünfzehn Jahren zu bewältigen, ist allein von meiner Erfindung bedingt,
die Sie kennen, dem Allanit, einem Hartstahl, der der Härte des
Diamanten nur um einen Grad nachsteht, die Bearbeitung des härtesten
Gesteins ermöglicht und es erlaubt, eine unbeschränkte Anzahl von
Bohrern in beliebiger Größe äußerst billig herzustellen.«

Das Auditorium folgte. Es schien zu schlafen, aber gerade das war
ein Zeichen, daß es seine Arbeit aufgenommen hatte. Die meisten
der grauen und weißen Scheitel hatten sich gesenkt, nur zwei, drei
schweißglänzende Gesichter waren nach oben zum Himmel gerichtet, wo die
Sterne wie Scherben glitzerten. Jemand drehte eine Zigarre zwischen den
gespitzten Lippen und blinzelte zu Allan empor, ein anderer nickte,
das Kinn in der Hand, nachdenklich vor sich hin. Fast aus allen Augen
war der gutmütige und kindliche Ausdruck gewichen und hatte einem
nachdenklichen, verschleierten oder gespenstisch wachen Blick Platz
gemacht. Mrs. Brown hing an Allans Lippen und ihr Mund zeigte einen
scharfen, höhnischen, fast bösartigen Ausdruck. All die Gehirne
der dreißig Sklavenhalter, in die Allan seine Ideen und Argumente
hineinhämmerte, daß sie wie Keile festsaßen, waren in Schwung gekommen.
Das Geld dachte, das Eisen, der Stahl, das Kupfer, das Holz, die Kohle.
Diese Sache Allan war nicht gewöhnlich. Sie verdiente, daß man sie
überlegte und erwog. Ein Projekt wie dieses fand man nicht täglich auf
der Straße. Und diese Sache Allan war nicht leicht! Es handelte sich
hier nicht um ein paar Millionen Bushel Weizen oder Ballen Baumwolle,
nicht um tausend King-Edward-Mines-Aktien, Australien. Es handelte
sich um weit mehr! Für die einen bedeutete die Sache Allan einen Berg
von Geld ohne besonderes Risiko für das Eisen, den Stahl, die Kohle.
Ihr Entschluß war kein Kunststück. Für die andern bedeutete sie Geld
bei großem Risiko. Aber es hieß Stellung nehmen. Stellung! Denn es
handelte sich hier um noch etwas, es handelte sich hier um Lloyd und
um keinen andern als Lloyd den Allmächtigen, der wie ein goldenes
Gespenst, schaffend und vernichtend, über den Erdball schritt! Lloyd
wußte recht wohl, was er tat, und dieser Allan wurde geschoben und
glaubte zu schieben. In den letzten Wochen waren in Wallstreet große
Transaktionen in Montanwerten und Papieren der schweren Industrie vor
sich gegangen. Nun wußten sie, daß es Lloyd war, der seine Armeen durch
Strohmänner hatte vorschieben lassen! Es lag auf der Hand, Lloyd, der
jetzt in seinem Tresor saß und seine Zigarre lutschte, hatte schon seit
Wochen losgeschlagen, und dieser Mac Allan war seine Faust! Immer war
Lloyd der erste, immer hatte er die besten Claims schon besetzt, wenn
der allgemeine Rush kam. Allein noch wäre es ja Zeit, den Vorsprung
einigermaßen einzuholen. Man brauchte nur heute abend noch seine
Depeschen über die Welt zu jagen, sofort nach dem Meeting. Morgen früh
allerdings wäre es schon viel zu spät.

Es galt Stellung zu nehmen ...

Einzelne, deren Gehirne sich heißgelaufen hatten, unternahmen den
Versuch, dem Problem dadurch beizukommen, daß sie Allans Person unter
die Lupe nahmen. Während sie genau hörten, was Allan über den Bau des
Tunnels sagte -- wie er die Stollen vortreiben, ausbauen, belüften
wolle -- studierten sie ihren Mann von den Patentlederschuhen an --
seine schneeweißen Flanellhosen, seinen Gürtel, sein Hemd, seinen
Kragen und seine Binde -- bis hinauf zu den soliden Stirnknochen, über
die sich sein glatter, kupferrot schimmernder Scheitel spannte. Das
Gesicht dieses Mannes glänzte im Schweiß wie Bronze, aber es zeigte
jetzt, nach einer Stunde, nicht die leiseste Abspannung. Im Gegenteil,
es war markanter und wacher geworden. Die Augen dieses Mannes hatten
kindlich und gutmütig ausgesehen, als er begann, nun aber, schwimmend
in Schweiß, waren sie kühn und klar, stählern und blinkend wie jenes
Allanit, das dem Diamanten nur um einen Grad an Härte nachstand. Und
es war gewiß, daß dieser Mann sich nicht oft so in die Augen blicken
ließ! Wenn dieser Mann Nüsse aß, so brauchte er auf keinen Fall
einen Nußknacker. Die Stimme dieses Mannes hämmerte und rauschte im
Brustkasten, bevor sie herauskam. Allan warf eine Skizze auf die Tafel,
und sie studierten seinen gebräunten Unterarm mit den tätowierten
gekreuzten Hämmern, es war der Arm eines trainierten Tennisspielers
und Fechters. Sie studierten Allan wie einen Boxer, auf den man setzen
will. Der Mann war gut, ohne Zweifel. Man konnte auf ihn verlieren und
brauchte sich nicht zu schämen. Es war Lloyds Blick! Sie wußten, daß
er mit zwölf Jahren Pferdejunge in einer Kohlengrube war und daß er
sich im Laufe von zwanzig Jahren aus einer Tiefe von achthundert Metern
unter der Erde bis empor auf den Roofgarden des Atlantic gearbeitet
hatte. Das war etwas. Es war auch etwas, dieses Projekt auszuarbeiten,
aber das weitaus Schwerere und Bewunderungswürdigere war, daß er es
fertiggebracht hatte, dreißig Menschen, für die ein Tag ein Kapital
bedeutet, zu einer bestimmten Stunde hierher zu beschwören und sie
zu zwingen, ihm bei einer Temperatur von neunzig Grad Fahrenheit
zuzuhören. Vor ihren Augen schien sich das seltene Schauspiel
abzuspielen: einer kam den Glasberg herauf zu ihnen, gesonnen, seinen
Platz zu beanspruchen und zu verteidigen.

Allan sagte: »Zur Verwaltung der Stollen und für den Betrieb brauche
ich eine Stromstärke, die etwa jener der gesamten Niagara-Power-Works
gleichkommt. Der Niagara ist nicht mehr zu haben, so werde ich mir
meinen eigenen Niagara bauen!«

Und sie erwachten aus ihren Gedanken und sahen Allan ins Gesicht.

Noch etwas fiel ihnen an diesem Burschen auf: er hatte während
des ganzen Vortrages weder gelächelt noch einen Scherz gemacht.
Humor schien nicht gerade seine Sache zu sein. Nur einmal hatte
die Gesellschaft Gelegenheit gehabt zu lachen. Das war, als die
Photographen ein wütendes Zwischengefecht eröffneten und Allan sie
anherrschte: »~Stop your nonsense!~«

Allan las am Schluß die Gutachten der ersten Kapazitäten der Welt,
Gutachten von Ingenieuren, Geologen, Ozeanographen, Statistikern,
Finanzgrößen aus New York, Boston, Paris, London, Berlin.

Das größte Interesse erweckte Lloyds Resümee, der die Finanzierung
und die Rentabilität des Projektes ausgearbeitet hatte. Allan las
es zuletzt, und die dreißig Gehirne arbeiteten mit ihrer größten
Geschwindigkeit und Präzision.

Die Hitze schien sich urplötzlich verdreifacht zu haben. In Schweiß
gebadet lagen sie alle in den Sesseln und das Wasser rann ihnen über
die Gesichter. Selbst die Kühlapparate, die hinter den Gebüschen und
Sträuchern aufgestellt waren und ununterbrochen kalte, ozongesättigte
Luft aushauchten, schufen keine Linderung mehr. Es war wie in den
Tropen. Chinesische Boys, in kühles, schneeweißes Linnen gekleidet,
glitten lautlos zwischen den Sesseln hindurch und reichten Limonade,
~horses-neck~, ~gin-fizz~ und Eiswasser. All das half nichts. Die Hitze
stieg in Schwaden von der Straße herauf und wälzte sich als glühender
Brodem, den man mit den Händen greifen konnte, über den Dachgarten.
New York, aus Eisenbeton und Asphalt, war wie ein vieltausendzelliger
Akkumulator, der die Glut der letzten Wochen aufgespeichert hatte und
sie jetzt ausspie. Und ununterbrochen gellte und schrie die fieberige
Broadway-Schlucht tief unten. New York, von den Menschen zwischen
3000 Meilen Ozean und 3000 Meilen Kontinent aufgetürmt, dieses
kochende, schlaflose New York selbst schien zu fordern, zu beschwören,
anzupeitschen zu immer größeren, immer unerhörteren Anstrengungen.
New York selbst, das Gehirn Amerikas, schien zu denken, einen
Riesengedanken hin und her zu wälzen, zu gebären ...

In diesem Augenblick hörte Allan auf zu sprechen. Fast mitten im Satze.
Allans Rede hatte gar keinen Schluß. Es war eine umgekehrte Rede, deren
Steigerung am Anfang lag. Der Schluß kam so unerwartet, daß alle in der
gleichen Lage sitzen blieben und ihre Ohren noch arbeiteten, als Allan
schon gegangen war, um sein Projekt der Diskussion zu überlassen.

Das Reklameluftschiff kreuzte über dem Dachgarten und trug die Worte
über Manhattan dahin: »25 Jahre Lebensverlängerung! -- Garantie! -- Dr.
Josty, Brooklyn!«



7.


Allan fuhr mit Maud bis zum zehnten Stock ab, um zu dinieren. Er war
vom Schweiß derart durchnäßt, daß er sich vollständig umkleiden mußte.
Aber selbst dann schlugen augenblicklich wieder die Schweißperlen aus
seiner Stirn. Seine Augen waren noch geweitet und blicklos von der
großen Anspannung seiner Kräfte.

Maud trocknete ihm vorsorglich die Stirn und kühlte seine Schläfen mit
einer Serviette, die sie in Eiswasser getaucht hatte.

Maud strahlte! Sie plapperte und lachte vor Erregung. Was für ein
Abend! Die Versammlung, die Lichtgirlanden, der Dachgarten, das
zauberische New York ringsum, nie würde sie diesen Anblick vergessen.
Wie sie alle im Kreise saßen! Sie, die _Namen_, die sie seit ihrer
frühesten Jugend tausendmal gehört hatte, deren bloßer Klang eine
Atmosphäre von Reichtum, Macht, Genie, Kühnheit und Skandal erzeugte.
Und sie saßen und hörten ihm zu, Mac! Maud war unendlich stolz auf Mac.
Sein Triumph begeisterte sie, sie zweifelte keinen Augenblick an seinem
Erfolg.

»Welch schreckliche Angst ich doch hatte, Mac!« sprudelte sie hervor
und umschlang seinen Nacken. »Aber du hast gesprochen! Ich traute
meinen Ohren nicht! Guter Gott, Mac!«

Allan lachte. »Ich hätte lieber zu einer Herde von Teufeln gesprochen
als zu diesen Burschen, Maud, das kannst du mir glauben!« entgegnete er.

»Wie lange wird es nun dauern, denkst du?«

»Eine Stunde, zwei Stunden. Kann sein, die ganze Nacht.«

Maud öffnete überrascht den Mund.

»Die ganze Nacht --?«

»Kann sein, Maud. Auf jeden Fall werden sie uns Zeit lassen, ruhig zu
Abend zu essen.«

Allan war nun wieder vollkommen ins Gleichgewicht gekommen. Seine Hände
zitterten nicht mehr und in seine Augen war der Blick zurückgekehrt.
Er erfüllte seine Anstandspflicht als Gatte und Gentleman und legte
Maud das schönste Stück Beef vor, so wie sie es liebte, die schönsten
Spargel und Bohnen, und machte sich hierauf selbst ruhig an die Arbeit,
während ihm der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand. Er
fand, daß er außerordentlich hungrig war. Maud dagegen plauderte so
eifrig, daß sie kaum zum Essen kam. Sie ließ die ganze Gesellschaft
der Geladenen aufmarschieren. Sie fand, daß Wittersteiner einen
wunderbaren und bedeutenden Kopf habe. Über Kilgallans jugendliches
Aussehen wunderte sie sich, und John Andrus, den Minenkönig, verglich
sie mit einem Nilpferd; C. B. Smith, der Bankier, dagegen kam ihr wie
ein kleiner, grauer, schlauer Fuchs vor. Und diese alte Hexe Mrs. Brown
habe sie in der Tat gemustert, als sei sie ein Schulmädchen! Ob es wahr
sei, daß diese Mrs. Brown aus purem Geiz nie Licht zu Hause brenne ...?

Mitten in der Mahlzeit kam Hobby ins Zimmer. Hobby, der es gewagt
hatte (und es sich leisten konnte), in Hemdärmeln im Lift des Atlantic
herunterzufahren.

Maud sprang sofort erregt auf. »Wie steht es, Hobby?« schrie sie.

Hobby lachte und warf sich in einen Sessel.

»So etwas habe ich noch nicht erlebt!« rief er aus. »Sie liegen sich
in den Haaren! Es ist wie in Wallstreet nach den Wahlen! C. B. Smith
wollte gehen -- nein, das müßt ihr hören! Er will gehen, sagt, die
Sache sei ihm zu gewagt und steigt in den Lift. Aber sie sind hinter
ihm her und ziehen ihn mit aller Gewalt an den Rockschößen wieder aus
dem Lift heraus! Keine Lüge! ~Ye gods and little fishes!~ Kilgallan
steht in der Mitte und schwingt die Gutachten, Mac, und schreit wie ein
Ausrufer: Dagegen können Sie nicht ankommen, dagegen können Sie nichts
sagen!«

»Natürlich Kilgallan!« warf Allan ein. »Er hätte nichts dagegen!«
(Kilgallan war das Haupt des Stahltrusts.)

»Und Mrs. Brown! Es ist nur gut, daß Photographen da sind! Sie sieht
aus wie eine Vogelscheuche in Ekstase! Sie ist verrückt geworden, Mac.
Sie hat Andrus fast die Augen ausgekratzt. Sie ist außer sich und
schreit fortwährend: Allan ist der größte Mann aller Zeiten! Es wäre
eine Schande für Amerika, wenn sein Projekt nicht ausgeführt würde!«

»Mrs. Brown?« Maud war starr vor Erstaunen. »Aber sie brennt ja nicht
einmal Licht vor lauter Geiz!«

»Trotzdem, Maud!« Hobby brach von neuem in helles Gelächter aus. »Der
Teufel kennt die Menschen, ~girl~! Sie und Kilgallan, die zwei werden
dich durchsetzen, Mac!«

»Willst du nicht mit uns essen, Hobby?« fragte Allan, der einen
Hühnerschenkel zwischen den Zähnen bearbeitete und Hobby aufmerksam
zuhörte.

»Ja, komm doch her, Hobby!« rief Maud und stellte Teller zurecht.

Aber Hobby hatte keine Zeit. Er war weitaus erregter als Allan, obwohl
ihn die ganze Sache wenig anging. Er stürzte wieder hinaus.

Von Viertelstunde zu Viertelstunde kam er wieder, um über den Stand von
Allans Sache zu berichten.

»Mrs. Brown hat zehn Millionen Dollar gezeichnet, Mac! Es beginnt!«

»Mein Gott!« schrie Maud mit schriller Stimme und schlug vor
Überraschung die Hände zusammen.

Allan schälte eine Birne und wandte sich ruhig an Hobby: »Na, und?«

Hobby aber war zu erregt, um sich setzen zu können. Er lief hin und
her, nahm eine Zigarre aus der Tasche und biß die Spitze ab. »Sie
zieht also einen Notizblock aus der Tasche,« begann er, während er mit
fliegenden Händen die Zigarre in Brand steckte, »einen Block, den ich
nicht mit der Feuerzange anfassen möchte, so schmutzig ist er -- und
zeichnet! Stille! Alles ist starr! Und nun greifen die anderen in die
Tasche und Kilgallan geht herum und sammelt die Zettel ein. Kein Wort
wird mehr gesprochen. Die Photographen arbeiten mit Hochdruck! Mac,
deine Sache ist gemacht, ~I will eat my hat~ ...«

Dann ließ sich Hobby lange nicht mehr sehen. Eine ganze Stunde verging.

Maud war still geworden. Sie saß aufgeregt da und lauschte mit Ohren
und Augen, ob sich nichts rege. Je länger es dauerte, desto verzagter
wurde sie. Allan saß im Sessel und rauchte still und nachdenklich die
Pfeife.

Endlich vermochte Maud nicht länger an sich zu halten, und sie fragte,
ein wenig kleinlaut: »Und wenn sie sich nicht entschließen können, Mac?«

Allan nahm die Pfeife aus dem Mund, hob den Blick mit einem Lächeln
zu Maud und erwiderte ruhig und mit tiefer Stimme: »Dann fahre ich
wieder nach Buffalo und fabriziere meinen Stahl!« Aber mit einem
festen, sicheren Nicken des Kopfes fügte er hinzu: »Sie werden sich
entschließen, Maud!«

In diesem Augenblick klingelte das Telephon. Es war Hobby. »Sofort
heraufkommen!«

Als Allan wieder auf dem Dachgarten erschien, kam ihm der
Stahltrustmann Kilgallan entgegen und klopfte ihm auf die Schulter.

»~You are all right~, Mac!« sagte er.

Allan hatte gesiegt. Er händigte dem rotgekleideten Groom einen Stoß
Telegramme ein und der Groom versank im Lift.

Einige Minuten darauf war der Dachgarten leer. Jeder einzelne ging
unverzüglich an seine Arbeit. Hotelbedienstete schafften die Gewächse
und Sessel fort, um Platz für Vanderstyffts großen Vogel zu machen.

Vanderstyfft kletterte in die Maschine und schaltete die Lampen ein.
Der Propeller prasselte, ein Sturmwind fegte die Hotelbediensteten in
die Ecke, der Apparat lief ein Dutzend Schritte vorwärts und stieg
in die Luft. Und der große weiße Vogel zog den Lichtnebeln New Yorks
entgegen und verschwand.



8.


Zehn Minuten nach dieser Sitzung spielte der Telegraph nach New Jersey,
Frankreich, Spanien, den Bermudas und Azoren. Eine Stunde später
hatten Allans Agenten für fünfundzwanzig Millionen Dollar Ländereien
aufgekauft.

Diese Ländereien befanden sich in der für den Tunnelbau denkbar
günstigsten Lage; Allan hatte sie schon vor Jahren ausgewählt. Sie
bestanden aus dem schlechtesten und billigsten Boden: Dünen, Heiden,
Moräste, kahle Inseln, Riffe, Sandbänke. Der Preis von fünfundzwanzig
Millionen Dollar war ein Spottgeld, wenn man bedenkt, daß die
Ländereien zusammen das Gebiet eines Herzogtums umfaßten. Einbegriffen
war ein ausgedehnter, tiefer Komplex in Hoboken, der mit einer Front
von zweihundert Metern an den Hudson stieß. Die aufgekauften Gebiete
lagen alle entfernt von größeren Städten, denn Allan brauchte diese
Städte nicht. Seine Heiden und Dünen waren berufen, in Zukunft selbst
Städte zu tragen, die die Umgebung verschlangen.

Während die Welt noch schlief, flogen Allans Telegramme durch die Kabel
und durch die Luft und überrumpelten sämtliche Börsen der Welt. Und am
Morgen erbebte New York, Chikago, Amerika, Europa, die ganze Welt, bei
dem Wort: »_Atlantic-Tunnel-Syndikat_«.

Die Zeitungspaläste waren die ganze Nacht tageshell erleuchtet.
Die Rotationspressen der Druckereien arbeiteten mit ihrer größten
Geschwindigkeit. Herald, Sun, World, Journal, Telegraph, all die in New
York erscheinenden englischen, deutschen, französischen, italienischen,
spanischen, yiddischen, russischen Zeitungen hatten erhöhte Auflagen
gedruckt, und Millionen von Zeitungsblättern gingen mit dem erwachenden
Tag über New York nieder. In den sausenden Aufzügen, auf den rollenden
Trottoiren und kletternden Treppen der Hochbahnstationen, auf den
Perrons der Subway, wo sich der allmorgendliche Kampf um einen Platz in
den vollgestopften Waggons abspielte, auf den Hunderten von Ferrybooten
und in den Tausenden von elektrischen Cars -- von der Battery
angefangen bis hinauf zur Zweihundertsten Straße wurden förmliche
Schlachten um die nassen Zeitungen geschlagen. In allen Straßen stiegen
Fontänen von Extrablättern über Menschenknäuel und ausgestreckte Hände
empor.

Die Nachricht war sensationell, unerhört, kaum faßbar, kühn!

Mac Allan! -- Wer war er, was hatte er getan, woher kam er? Wer war der
Bursche, der über Nacht vor die Front der unbekannten Millionen trat?

Einerlei, wer er war! Er hatte es fertiggebracht, das Tag um Tag
gleichmäßig dahinsausende New York aus den Geleisen zu werfen.

Die Augen saugten sich fest an den Ansichten prominenter
Persönlichkeiten, die ihre Meinung über den Tunnel im Telegrammstil
veröffentlichten:

C. H. Lloyd: »Europa wird ein Vorort Amerikas werden.«

Der Tabakmann H. F. Herbst: »Du kannst einen Waggon Waren von New
Orleans nach St. Petersburg schicken, ohne umladen zu müssen.«

Der Multimillionär H. I. Bell: »Ich werde meine Tochter, die in Paris
verheiratet ist, anstatt dreimal im Jahr, zwölfmal sehen können.«

Verkehrsminister de la Forest: »Der Tunnel bedeutet für jeden
Geschäftsmann ein geschenktes Lebensjahr an ersparter Zeit.«

Man verlangte ausführliche Nachrichten und man hatte ein Recht, sie
zu verlangen. Vor den Zeitungspalästen stauten sich die Menschen,
so daß die Führer der elektrischen Wagen mit den Stiefeln auf den
Glockenknopf hämmern mußten, um ihre Trains durchschieben zu können.
Stundenlang waren die Augen des kompakten Menschenblocks auf die
Projektionsfläche im zweiten Stock des »Herald-buildings« gerichtet,
obgleich seit Stunden die gleichen Bilder erschienen: Mac Allan, Hobby,
die Gesellschaft auf dem Dachgarten.

»Sieben Milliarden sind vertreten!!« »Mac Allan verkündet sein
Projekt.« (Kinematographisch). »Mrs. Brown zeichnet 10 Millionen.«
(Kinematographisch). »C. H. Smith wird aus dem Lift gezerrt.«

»Wir sind die einzigen, die Vanderstyffts Ankunft auf dem Roofgarden
bis zur unmittelbaren Landung zeigen können. Unser Photograph wurde von
der Maschine niedergerissen.« (Kinematographisch). New Yorks weiße,
mit Fenstern punktierte Wolkenkratzer, aus denen dünner, weißer Dampf
steigt. Ein weißer Schmetterling erscheint, ein Vogel, eine Möwe, ein
Monoplan! Der Monoplan saust über den Roofgarden hinweg, beschreibt
eine Kurve, kommt zurück, senkt sich, ein Riesenflügel schwenkt heran.
Schluß. Ein Porträt: Mr. C. G. Spinnaway, unser Photograph, den
Vanderstyffts Maschine zu Boden schleuderte und schwer verletzte.

Neueste Aufnahme: Mac Allan verabschiedet sich in Bronx von seiner Frau
und seinem Kind, um in die Office zu fahren.

Und wieder beginnt dieselbe Serie von Bildern.

Plötzlich -- gegen elf Uhr -- stockt die Serie. Etwas Neues?! Alle
Gesichter sind nach oben gerichtet.

Ein Porträt: Mr. Hunter, Broker, 37. Straße 212 East, buchte soeben
sein Billett für die erste Fahrt New York--Europa.

Die Menge lacht, schwingt die Hüte, schreit!

Die Telephonämter waren überarbeitet, die Telegraphen und Kabel konnten
die Arbeit nicht mehr bewältigen. In all den Tausenden von Bureaus New
Yorks riß man den Hörer vom Apparat, um mit Verbündeten die Lage zu
besprechen. Ganz Manhattan fieberte! Die Zigarre im Mund, den steifen
Hut im Nacken, in Hemdärmeln, schweißtriefend, saß und stand man und
schrie und gestikulierte. Bankiers, Broker, Agenten, Clerks. Offerten
ausarbeiten! Es galt, seine Stellung einzunehmen, so rasch, so günstig
wie möglich! Eine Riesenkampagne stand bevor, eine Völkerschlacht des
Kapitals, bei der man niedergeritten wurde, wenn man sich umsah. Wer
würde das Riesenunternehmen finanzieren? Wie würde es geschehen? Lloyd?
Wer sagt Lloyd? Wittersteiner? Wer wußte etwas? Wer war dieser Teufel
Mac Allan, der für fünfundzwanzig Millionen Ländereien über Nacht
aufkaufte, deren Bodenwert sich verdreifachen, verfünffachen, -- wie
sagst du! -- verhundertfachen mußte?

Am erregtesten ging es in den vornehmen Geschäftsräumen der großen
transatlantischen Schiffahrtskompanien zu. Mac Allan war der Mörder
des transatlantischen Passagierverkehrs! Sobald sein Tunnel fertig
war -- und es war ja recht wohl möglich, daß er eines Tages fertig
sein würde! -- konnte man die viermalhunderttausend Tonnen, die man
schwimmen hatte, einschmelzen lassen. Man konnte in Luxusschiffen
Reisende zu Zwischendeckpreisen befördern, man konnte die Kähne in
schwimmende Sanatorien für Lungenkranke umbauen oder sie nach Afrika
zu den Schwarzen schicken. Innerhalb von zwei Stunden hatte sich ein
Anti-Tunnel-Trust zusammentelephoniert und -telegraphiert, der eine
Interpellation an die verschiedenen Regierungen entwarf.

Von New York aus verbreitete sich die Erregung über Chikago, Buffalo,
Pittsburg, St. Louis, San Franzisko, während das Tunnelfieber drüben in
Europa London, Paris, Berlin zu ergreifen begann.

New York flimmerte und glitzerte in der Mittagshitze und als sich
die Leute wieder auf die Straße wagten, donnerten ihnen von allen
Straßenecken riesenhafte Plakate entgegen: »Hunderttausend Arbeiter!«

Endlich erfuhr man nun auch den Sitz des Syndikats:
Broadway-Wallstreet. Hier stand ein blendendweißes, halbfertiges
Turmgebäude, dessen zweiunddreißig Etagen noch von Handwerkern
wimmelten.

Schon eine halbe Stunde, nachdem das Riesenplakat New York überschwemmt
hatte, drängten sich auf den mit kalkbespritzten Brettern belegten
Granitstufen des Syndikatgebäudes Scharen von Arbeitsuchenden
zusammen, und das gesamte Heer der Arbeitslosen, das zu jeder Zeit
gegen Fünfzigtausend beträgt, wälzte sich durch hundert Straßen nach
Downtown. In den Parterreräumen, wo noch Leitern, Böcke und Farbkübel
herumstanden, stießen sie auf Allans Agenten -- kalte, erfahrene
Burschen mit dem raschen Blick von Sklavenhändlern. Sie sahen durch
die Kleider hindurch das Knochengerüst ihres Mannes, seine Muskeln und
Sehnen. An der Stellung der Schultern, an der Beuge der Arme erkannten
sie seine Kraft. Eine Pose, Schminke und gefärbte Haare, waren vor
ihren Augen sinnlos. Was grau war und schwächlich, was die mörderische
Arbeit New Yorks schon ausgesogen hatte, das ließen sie liegen. Und ob
sie auch Hunderte von Menschen in wenigen Stunden sahen -- wehe, wenn
einer einen zweiten Versuch machte: ihn traf ein eiskalter Blick, daß
ihm das Rückenmark gefror, und der Agent sah ihn hierauf überhaupt
nicht mehr.



9.


Noch am gleichen Tage erschienen auf allen fünf Stationen, an der
französischen, spanischen und amerikanischen Küste, auf den Inseln
Bermuda und San Jorgo (Azoren) Truppe von Männern. Sie kamen in
Wagen und Mietsautomobilen an, die sich langsam den Weg durchs
Gelände suchten, in Sümpfe einsanken und über Dünen humpelten.
Bei einer gewissen Stelle, die sich nicht im geringsten von der
Umgebung unterschied, kletterten sie von den Sitzen herab, schnallten
Nivellierapparate, Meßinstrumente, Bündel von Markierungsstäben vom
Wagen und machten sich an die Arbeit. Mit ruhiger Konzentration
visierten, maßen, rechneten sie, ganz als gälte es nur einen Garten
anzulegen. Der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn. Sie steckten einen
Streifen Landes ab, der in einem genau festgelegten Winkel gegen das
Meer deutete und rückwärts weithinein ins Land lief. Bald waren sie
zerstreut an verschiedenen Punkten tätig.

In der Heide tauchten einige Wagen auf, beladen mit Balken, Brettern,
Dachpappen und verschiedenen Gerätschaften. Diese Wagen schienen
ganz zufällig hierhergekommen zu sein und nicht das geringste mit
den Geometern und Ingenieuren, die nicht einmal aufsahen, zu tun zu
haben. Sie hielten. Balken und Bretter prasselten auf die Erde. Spaten
blitzten in der heißen Sonne, die Sägen kreischten, Hammerschläge
dröhnten.

Dann kam ein Auto angeholpert und ein Mann stieg aus und schrie und
gestikulierte. Der Mann nahm ein Bündel Meßstangen unter den Arm und
stapfte zu den Geometern hinüber. Er war schmal und hellblond, es war
Hobby, der Chef der amerikanischen Station.

Hobby schrie Hallo! lachte, wischte sich den Schweiß ab -- er war in
Schweiß _gebadet_ -- und rief:

»In einer Stunde kommt ein Koch! Wilson schafft wie ein Wilder in Toms
River.« Dann steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff.

Von den Wagen herüber kamen vier Männer mit Meßstangen auf den
Schultern.

»Hier, die Herren werden euch ~chaps~ sagen, was ihr tun sollt.«
Und Hobby kehrte wieder zu den Wagen zurück und sprang mitten in den
Holzhaufen hin und her.

Dann verschwand er in seinem Auto, um nach den Arbeitern in Lakehurst
zu sehen, die mit dem Bau einer provisorischen Telephonlinie
beschäftigt waren. Er schrie und schimpfte und fuhr weiter, am
Bahnkörper Lakehurst-Lakewood entlang, der das Gelände des Syndikats
durchschnitt. Mitten auf der Strecke, in einer Viehweide, auf der
Kühe und Ochsen umherstanden, hielt ein qualmender Güterzug von zwei
Lokomotiven und fünfzig Waggons. Hinter ihm her kam ein Zug mit
fünfhundert Arbeitern. Es war fünf Uhr. Diese fünfhundert Arbeiter
waren bis zwei Uhr mittags angeworben worden und hatten um drei Uhr
Hoboken verlassen. Sie waren alle heiter, gutgelaunt, aus dem kochenden
New York heraus zu sein und eine Beschäftigung in freier Luft gefunden
zu haben.

Sie stürzten sich auf die fünfzig Waggons und warfen Bretter,
Wellbleche, Dachpappen, Kochherde, Proviant, Zelte, Decken, Kisten,
Säcke, Ballen auf die Viehweide. Hobby fühlte sich wohl. Er schrie,
pfiff, kletterte rasch wie ein Affe über die Waggons und Bretterhaufen
und heulte seine Befehle. Eine Stunde später waren die Feldküchen
installiert und die Köche an der Arbeit. Zweihundert Arbeiter waren
beschäftigt, in aller Eile Baracken zusammenzuschlagen für die Nacht,
während die übrigen noch ausluden.

Als es dunkel war, empfahl Hobby seinen »~boys~« zu beten und sich aufs
Ohr zu legen, so gut es ging.

Er fuhr zurück zu den Geometern und Ingenieuren und telephonierte
seinen Rapport nach New York.

Dann ging er mit den Ingenieuren hinunter an die Dünen zum Baden.
Und hierauf warfen sie sich in den Kleidern auf den Bretterboden der
Baracke und schliefen augenblicklich ein, um mit dem Grauen des Tages
wieder ihre Tätigkeit aufzunehmen.

Um vier Uhr morgens trafen hundert Waggons Material ein. Um ein halb
fünf tausend Arbeiter, die die Nacht im Zug geschlafen hatten und
hungrig und erschöpft aussahen. Die Feldküchen arbeiteten schon im
Grauen des Tages mit Hochdruck und die Bäckereien standen unter Dampf.

Hobby war pünktlich zur Stelle. Die Arbeit machte ihm Vergnügen, und
obwohl er nur wenige Stunden geschlafen hatte, befand er sich in seiner
besten Laune, die ihm sofort die Sympathie seines Arbeiterheeres
gewann. Er hatte sich ein Pferd zugelegt, einen Grauschimmel, auf dem
er den ganzen Tag unermüdlich hin und her galoppierte.

Neben der Bahnstrecke häuften sich ganze Berge von Material an. Um
acht Uhr traf ein Zug von zwanzig Waggons ein, der nur Schwellen,
Schienen, Karren, zwei zierliche Lokomotiven für eine Schmalspurbahn
enthielt. Und um neun Uhr kam der zweite. Er brachte ein Bataillon von
Ingenieuren und Technikern mit, und Hobby warf tausend Mann auf den
Bau des schmalen Bahnkörpers, der zur drei Kilometer weit entfernten
Baustelle führen sollte. Am Abend traf ein Zug mit zweitausend eisernen
Feldbetten und Schlafdecken ein. Hobby wetterte ins Telephon und bat um
mehr Arbeiter, und Allan sagte ihm zweitausend Mann für den nächsten
Tag zu.

In der Tat trafen beim Morgengrauen zweitausend Mann ein. Und hinter
ihnen her schleppten sich endlose Züge mit Material. Hobby fluchte das
Blaue vom Himmel herunter. Allan begrub ihn buchstäblich! Dann aber
ergab er sich in sein Schicksal: er erkannte _Allans Tempo_! Es war
das an sich höllische Tempo Amerikas und dieser Zeit zur _Raserei_
gesteigert. Und er respektierte es, obwohl es ihm den Atem benahm, und
potenzierte seine Anstrengungen.

Am dritten Tage hatte die Feldbahn, auf der gerade ein Zug fahren
konnte ohne umzustürzen, die Baustelle erreicht, und am Abend des
dritten Tages noch pfiff eine kleine Feldlokomotive, die mit lautem
Hurra begrüßt wurde, mitten im Camp. Sie schleppte endlose Karren
voller Bretter, Balken und Wellblech herbei, und zweitausend Arbeiter
waren in fieberhafter Hast beschäftigt, Baracken, Feldküchen, Schuppen
anzulegen. Aber in der Nacht kam ein Gewittersturm und fegte die ganze
Stadt Hobbys durcheinander.

Hobby hatte für diesen Scherz nur einen langen gehaltvollen Fluch. Er
bat Allan um vierundzwanzig Stunden Frist, aber Allan nahm nicht die
geringste Rücksicht und sandte einen Materialzug nach dem andern, so
daß es Hobby schwarz vor den Augen wurde.

An diesem Tag kam Allan selbst abends um sieben Uhr im Auto mit
Maud heraus. Und Allan fuhr umher, wetterte und fluchte und nannte
alles eine Bummelei und sagte, das Syndikat bezahle und verlange
angestrengteste Arbeit, und fuhr wieder ab und hinterließ ein
Kielwasser von Staunen und Respekt.

Hobby war nicht _der_ Mann, der sich rasch entmutigen ließ. Er war
entschlossen, das fünfzehnjährige tolle Rennen durchzuhalten und fuhr
nun wie ein Teufel dazwischen. Das Allansche Tempo riß ihn mit fort!
Ein Arbeiterbataillon war mit dem Bau eines Bahndammes nach Lakewood
beschäftigt; für reguläre Züge; eine rostrote Staubwolke zeigte den
Weg seiner Arbeit. Ein zweites stürzte sich auf die ankommenden
Materialzüge, um in gepeitschtem Tempo die Güter abzuladen und
aufzustapeln, Schwellen, Schienen, Kabelmaste, Maschinen. Ein drittes
wühlte beim »Schacht«; ein viertes zimmerte die Baracken. All diese
Bataillone wurden von Ingenieuren befehligt, die an nichts erkennbar
waren als dem unaufhörlichen Geschrei und den erregten Gestikulationen,
womit sie die Arbeiterrotten antrieben.

Hobby, auf seinem Grauschimmel, war allgegenwärtig. Die Arbeiter
nannten ihn »Jolly Hobby,« wie sie Allan »Mac« getauft hatten und
Harrimann, den Chefingenieur -- ein stiernackiger düsterer Mann, der
sein ganzes Leben auf den großen Baustellen aller Kontinente verbracht
hatte -- einfach »Bull.«

Zwischen all diesen Menschenknäueln aber bewegten sich die Feldmesser
mit ihren Instrumenten, als ob sie der ganze Tumult nichts angehe, und
übersäten das ganze Gelände mit buntfarbigen Pflöcken und Stangen.

Drei Tage nach dem ersten Spatenstich war die Tunnelstadt ein
Minen-Camp gewesen, dann ein Feldlager und eine Woche später eine
ungeheure Barackenstadt, in der zwanzigtausend Menschen kampierten,
mit Schlachthäusern, Molkereien, Bäckereien, Basaren, Bars, Post,
Telegraph, einem Hospital und einem Friedhof. Abseits von ihr stand
schon eine ganze Straße fertiger Häuser, Edisonsche Patenthäuser, die
an Ort und Stelle gegossen wurden und innerhalb von zwei Tagen fix und
fertig waren. Die ganze Stadt war dick mit Staub bedeckt, so daß sie
fast weiß erschien; die wenigen Grasbüschel und die vereinzelten Büsche
waren zu Zementhaufen geworden. Die Straßen waren Eisenbahnschienen
und Schwellen, und die flachen Baracken versanken in einem Wald von
Kabelmasten.

Acht Tage später erschien inmitten der Barackenstadt ein schwarzer,
heulender und gellender Dämon: eine riesige amerikanische
Güterzugmaschine auf hohen roten Rädern, die einen endlosen Zug von
Waggons nachschleppte. Sie stand fauchend in dem Trümmerfeld, stieß
eine schwarze, hohe Rauchwolke in die grelle Sonne empor und sah um
sich. Alle blickten auf sie und schrien und heulten begeistert: es war
_Amerika_, das in die Tunnelstadt gekommen war!

Am andern Tag waren es Rudel und eine Woche später waren es Schwärme
dieser schwarzen, rauchenden Dämonen, die die Luft mit der bebenden
Ausdünstung ihrer Leiber erschütterten, ihre Saurierknochen schwangen
und aus Kiefern und Nasenschlund Dampf und Rauch stießen. Die
Barackenstadt sah aus, als ginge sie in Qualm auf. Oft war der Qualm so
dick, daß sich in der verdunkelten Atmosphäre elektrische Entladungen
vollzogen und bei schönstem Wetter Donner über die Tunnelstadt
hinrollte. Die Stadt tobte und schrie, sie pfiff, schoß, donnerte,
gellte.

Aus der Mitte dieser tobenden, rauchenden, weißen Schuttstadt aber
stieg eine ungeheure Staubsäule empor, Tag und Nacht. Diese Staubsäule
bildete Wolkenformationen, ähnlich jenen, die man bei Vulkanausbrüchen
beobachtet. Pilzförmig, von den oberen Luftschichten zusammengedrückt,
und Wolkenfetzen zogen von ihr aus mit den Luftströmungen.

Es kam ganz auf den Wind an. Aber die Dampfer haben diesen Staub auf
dem Meere beobachtet als eine viele Kilometer umfassende, kalkweiße
schwimmende Insel, und zuweilen siebte der Tunnelstaub über New York
herab wie ein feiner Aschenregen.

Die Baustelle war hier vierhundert Meter breit und zog sich fünf
Kilometer schnurgerade ins Land hinein. Sie wurde in Terrassen
abgebaut, die tiefer und tiefer stiegen. An der Mündung der
Tunnelstollen sollte die Sohle der Terrassen zweihundert Meter unter
dem Meeresspiegel liegen.

Heute eine sandige Heidefläche mit einer Heerschar von buntfarbigen
Pflöcken, morgen ein Sandbett, übermorgen eine Kiesgrube, ein
Steinbruch, ein ungeheurer Kessel aus Konglomeraten, Sandsteinen,
Tonen und Kalk, und zuletzt eine Schlucht, in der es wimmelte wie von
Maden. Das waren Menschen, winzig von oben gesehen, weiß und grau vom
Staub, graue Gesichter, Staub in den Haaren und Wimpern und einen Brei
von Staubmasse zwischen den Lippen. Zwanzigtausend Menschen stürzten
sich Tag und Nacht in diese Baugrube hinein. Wie ein See glitzert, so
glitzerten drunten die Picken und Schaufeln. Hornsignale: Staub wirbelt
empor, ein steinerner Koloß neigt sich vornüber, stürzt, zerfällt, und
Knäuel von Menschen wälzen sich in die Staubwolke, die emporjagt. Die
Bagger kreischen und jammern, die Paternosterwerke winseln und rasseln
unaufhörlich, Krane schwingen, Karren sausen durch die Luft, und die
Pumpen drücken Tag und Nacht einen Strom von schmutzigem Wasser durch
mannsdicke Röhren empor.

Heere von winzigen Lokomotiven schießen unter den Baggern hindurch,
schleppen sich zwischen Geröll und über Sandhaufen. Aber sobald sie
das freie Land und solide Schienen erreicht haben, fliegen sie wild
pfeifend und mit gellenden Glockensignalen zwischen den Baracken
dahin nach den Baustellen, wo man Sand und Steine braucht. Hier haben
die Züge Berge von Zementsäcken angefahren, und Arbeiterscharen sind
beschäftigt, große Kasernenbauten zu errichten, die vierzigtausend Mann
beherbergen sollen und zum Winter unter Dach sein müssen.

Fünf Kilometer vom »Schacht« entfernt aber -- wo die Trasse sich in
sanftem Winkel zu neigen beginnt -- stehen in einer Wolke von Öl, Hitze
und Rauch vier finstere Maschinen auf funkelnagelneuen Schienen und
warten und qualmen.

Vor ihren Rädern blitzen Schaufeln und Picken. Schweißtriefende
Rotten heben den Boden aus und füllen ihn auf mit Steinblöcken und
Schottersteinen, die aus Kippwagen die Böschung herunterpoltern. In
die Steine betten sie Schwellen, die noch kleben vom Teer, und wenn
sie eine Leiter von Schwellen gelegt haben, so schrauben sie die
Schienen darauf fest. Und wenn sie fünfzig Meter Schienen gelegt
haben, so pusten und zischen die vier schwarzen Maschinen und bewegen
die Stahlgelenke, drei-, viermal, und schon sind sie wieder bei den
blitzenden Schaufeln und Picken angelangt.

So wandern die vier schwarzen Ungeheuer jeden Tag vorwärts, und
eines Tages stehen sie tief zwischen hohen Geröllbergen, und eines
Tages stehen sie tief unter den Terrassen in einem Kamin von steilen
Betonwänden und starren mit ihren Zyklopenaugen auf die Felswand
vor ihnen, wo im Abstand von dreißig Schritten zwei große Bogen
angeschlagen sind -- die Mündung des Tunnels.



Zweiter Teil



1.


Wie in der Tunnelstadt auf amerikanischem Boden, so fraßen sich
Armeen schweißtriefender Menschen in Frankreich, Finisterre und auf
den ozeanischen Stationen in die Erde hinein. Tag und Nacht stiegen
an diesen fünf Punkten des Erdballs ungeheure Rauch- und Staubsäulen
empor. Das hunderttausendköpfige Arbeiterheer rekrutierte sich aus
Amerikanern, Franzosen, Engländern, Deutschen, Italienern, Spaniern,
Portugiesen, Mulatten, Negern, Chinesen. Alle lebenden Idiome
schwirrten durcheinander. Die Bataillone der Ingenieure bestanden zum
größten Teil aus Amerikanern, Engländern, Franzosen und Deutschen. Bald
aber strömten Scharen von Volontären aller technischen Hochschulen der
Welt herbei, Japaner, Chinesen, Skandinavier, Russen, Polen, Spanier,
Italiener.

An verschiedenen Punkten der französischen, spanischen und
amerikanischen Küste, der Bermudas und der Azoren erschienen Allans
Ingenieure und Arbeiterhorden und begannen wie an den Hauptbaustellen
zu wühlen. Ihre Aufgabe war es, die Kraftwerke zu bauen, Allans
»Niagara«, dessen Gewalt er brauchte, um seine Züge von Amerika nach
Europa zu jagen, die ungeheueren Stollen zu beleuchten und zu belüften.
Nach dem verbesserten System der Deutschen Schlick und Lippmann ließ
Allan ungeheure Reservoire anlegen, in die das Meer zur Zeit der
Flut strömte, um von da in niedriger gelegene Bassins zu donnern,
niederschießend die Turbinen zu drehen, die aus den Dynamos den Strom
schlugen, und bei Ebbe ins Meer zurückzukehren.

Die Eisenhütten und Walzwerke von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma,
Kentucky, Colorado, von Northumberland, Durham, Südwales, Schweden,
Westfalen, Lothringen, Belgien, Frankreich buchten Allans ungeheure
Bestellungen. Die Kohlenzechen beschleunigten die Förderung, um
den erhöhten Kohlenbedarf für Transport und Hochöfen zu decken.
Kupfer, Stahl, Zement erlebten eine unerhörte Hausse. Die großen
Maschinenfabriken Amerikas und Europas arbeiteten mit Überschichten. In
Schweden, Rußland, Ungarn und Kanada wurden Wälder niedergemäht.

Eine Flotte von Frachtdampfern und Segelschiffen war ständig
zwischen Frankreich, England, Deutschland, Portugal, Italien und den
Azoren, zwischen Amerika und den Bermudas unterwegs, um Material und
Arbeitskräfte nach den Baustellen zu transportieren.

Vier Dampfer des Syndikats, mit den ersten Kapazitäten (zumeist
Deutschen und Franzosen) an Bord, schwammen auf dem Ozean, um die
Maße und Lotungen der nach den bekannten ozeanographischen Messungen
projektierten Tunnelkurve auf einer Breite von dreißig Seemeilen zu
kontrollieren und nachzuprüfen.

Von all den Stationen, Arbeitsstellen, Dampfern, Industriezentren aus
liefen Tag und Nacht Fäden nach dem Tunnel-Syndikat-Building, Ecke
Broadway-Wallstreet, und von hier aus in eine einzige Hand -- Allans
Hand.

In wenigen Wochen angestrengtester Arbeit hatte Allan die große
Maschine in Schwung gebracht. Sein Werk fing an, die Welt zu umspannen.
Sein Name, dieser vor kurzem noch gänzlich unbekannte Name, leuchtete
wie ein Meteor über den Menschen.

Tausende von Journalen beschäftigten sich mit seiner Person und nach
geraumer Zeit gab es keinen Zeitungsleser in der Welt mehr, der nicht
ganz genau Allans Lebensgeschichte kannte.

Diese Geschichte aber war keineswegs alltäglich: Von seinem zehnten bis
dreizehnten Jahr gehörte Allan zur Armee der unbekannten Millionen, die
ihr Leben unter der Erde verbringen und an die niemand denkt.

Er war in den westlichen Kohlenbezirken geboren, und der erste
Eindruck, der in seinem Gedächtnis haften geblieben war, war _Feuer_.
Dieses Feuer stand nachts an verschiedenen Stellen am Himmel, wie
feurige Köpfe auf dicken Leibern, die ihn schrecken wollten. Es kam
aus Öfen gegenüber heraus in der Gestalt glühender Gebirge, auf die
glühende Männer von allen Seiten Wasserstrahlen richteten, bis alles in
einer großen weißen Dampfwolke verschwand.

Die Luft war voll von Rauch und Qualm, dem Geschrei von Fabrikpfeifen,
es regnete Ruß, und zuweilen brannte nachts der ganze Himmel lichterloh.

Die Menschen erschienen immer in Haufen in den Straßen geschwärzter
Backsteinhäuser, sie kamen in Haufen, sie gingen in Haufen, sie waren
immer schwarz und selbst am Sonntag hatten sie Kohle in den Augen. In
allen ihren Gesprächen kehrte stets das eine Wort wieder: Uncle Tom.

Vater und Fred, der Bruder, arbeiteten in Uncle Tom, wie alle
Welt ringsum. Die Straße, in der Mac aufwuchs, war fast immer mit
glänzendschwarzem Morast bedeckt. Danebenher floß ein seichter Bach.
Die wenigen Gräser, die an seinen Ufern wuchsen, waren nicht grün,
sondern schwarz. Der Bach selbst war schmutzig und meist schwammen
buntschillernde Ölflecken darauf. Hinter dem Bach standen schon die
langen Reihen der Koksöfen, und hinter ihnen erhoben sich schwarze
Eisen- und Holzgerüste, auf denen unaufhörlich kleine Karren liefen.
Am stärksten aber fesselte den kleinen Mac ein großes, richtiges Rad,
das in der Luft hing. Dieses Rad stand zuweilen auf Augenblicke still,
dann begann es wieder zu »schnurren«, es wirbelte so rasch, daß man die
Speichen nicht mehr sah. Plötzlich aber sah man die Speichen wieder,
das Rad in der Luft drehte sich langsamer, das Rad stand still! Und
darauf begann es wieder zu »schnurren«.

In seinem fünften Lebensjahre wurde Mac von Fred und den übrigen
Pferdejungen in das Geheimnis eingeweiht, wie man ohne jegliches
Anlagekapital Geld machen könne. Man konnte Blumen verkaufen,
Wagenschläge öffnen, umgefallene Stöcke aufheben, Autos herbeiholen,
Zeitungen aus den Trams sammeln und wieder in den Handel bringen.
Voller Eifer nahm Mac seine Arbeit in der »City« auf. Jeden einzelnen
Cent lieferte er an Fred ab und dafür durfte er die Sonntage mit
den Pferdejungen in den »~saloons~« verbringen. Mac kam nun in das
Alter, wo ein witziger Junge den ganzen Tag fährt, ohne einen Cent
zu bezahlen. Wie ein Parasit lebte er auf allem, was rollte und ihn
vorwärtsbrachte. Später vergrößerte Mac sein Geschäft und arbeitete auf
eigene Rechnung. Er sammelte leere Bierflaschen in den Neubauten und
verkaufte sie, indem er sagte: »Vater schickt mich.«

Aber er wurde abgefaßt, jämmerlich verprügelt und damit war das
blühende Geschäft zu Ende.

In seinem achten Lebensjahr bekam Mac von seinem Vater eine graue
Kappe und große Stiefel, die Fred getragen hatte. Diese Stiefel waren
so weit, daß Mac sie mit einem einzigen Schlenkern des Fußes in die
nächste Stubenecke befördern konnte.

Der Vater nahm ihn an der Hand und führte ihn nach Uncle Tom. Dieser
Tag machte auf Mac einen unauslöschlichen Eindruck. Noch heute
erinnerte er sich deutlich, wie er, erschreckt und aufgeregt, an der
Hand des Vaters durch den lärmenden Zechenhof schritt. Uncle Tom war
mitten im Betrieb. Die Luft bebte von Geschrei, Pfeifen, Kärrchen
sausten durch die Luft, Eisenbahnwaggons rollten, alles bewegte sich.
Hoch oben aber schwirrte die Förderscheibe, die Mac schon jahrelang aus
der Ferne gesehen hatte. Hinter den Koksöfen stiegen Feuersbrünste und
weiße Rauchwolken empor, Ruß und Kohlenstaub sank vom Himmel herab, es
surrte und zischte in mannsdicken Röhren, aus den Kühlanlagen stürzten
Wasserfälle, und aus dem dicken, hohen Fabrikschlot quoll unaufhörlich
pechschwarzer Qualm in den Himmel empor.

Je näher sie aber den rußigen Backsteingebäuden mit den geplatzten
Fensterscheiben kamen, desto lauter und wilder wurde das Getöse. Es
schrie in der Luft wie tausend gemarterte kleine Kinder; die Erde
zitterte.

»Was schreit so, Vater?« fragte Mac.

»Die Kohle schreit.«

Nie hatte Mac gedacht, daß die Kohle schreien könne!

Der Vater stieg die Treppe eines großen bebenden Hauses empor, dessen
Wände Risse zeigten, und öffnete die hohe Tür ein wenig.

»Tag, Josiah! Ich will dem Jungen deine Maschine zeigen,« rief er
hinein, und dann wandte er sich um und spuckte auf die Treppe. »Komm,
Mac!«

Mac lugte in den großen reinlichen, mit Fliesen belegten Saal. Der Mann
namens Josiah wandte ihnen den Rücken zu. Er saß in einem bequemen
Stuhl, hatte die Hände an blanken Hebeln und starrte regungslos auf
eine Riesentrommel im Hintergrunde des Saales. Ein Glockensignal
ertönte. Da bewegte Josiah einen Hebel und die großen Maschinen links
und rechts begannen ihre Schenkel zu schwingen. Die Trommel, die Mac
haushoch vorkam, lief immer rasender, und um sie herum sauste ein
schwarzes armdickes Drahtseil.

»Der Korb geht nach Sohle sechs,« erklärte der Vater. »Er fällt rascher
als ein Stein. Er wird gerissen. Josiah arbeitet mit achtzehnhundert
Pferden.«

Mac war ganz wirr im Kopfe.

An einer weißen Stange vor der Trommel stiegen Pfeile auf und ab, und
als die Pfeile in nächster Nähe waren, bewegte Josiah wieder einen
Hebel und die sausende Trommel wurde langsamer und stand still.

Mac hatte nie etwas so Gewaltiges gesehen wie diese Fördermaschine.

»~Thanks~, Josiah!« sagte der Vater, aber Josiah wandte sich nicht um.

Sie gingen um das Maschinenhaus herum und stiegen eine schmale
eiserne Treppe empor, auf der Mac in seinen großen Stiefeln nur
mühsam vorwärtskommen konnte. Sie stiegen dem schrillen, winselnden
Kindergeschrei entgegen, und hier war der Lärm so groß, daß man kein
Wort mehr verstehen konnte. Die Halle war riesig, dunkel, voller
Kohlenstaub und rasselnder eiserner Karren.

Macs Herz war beklommen.

Gerade da, wo die Kohlen winselten und schrien, übergab ihn der Vater
den geschwärzten Männern und ging davon. Da sah Mac zu seinem Erstaunen
einen Bach von Kohlen! Auf einem meterbreiten langen Band liefen
unaufhörlich Kohlenstücke dahin, um endlich durch ein Loch im Boden wie
ein endloser schwarzer Wasserfall in Eisenbahnwaggons hinabzustürzen.
Zu beiden Seiten dieses langen Bandes aber standen geschwärzte Knaben,
Knirpse wie Mac, und griffen hastig in den Kohlenstrom hinein und
suchten bestimmte Brocken heraus, die sie in eiserne Karren warfen.

Ein Junge schrie ihm ins Ohr, er solle zusehen. Dieser Knirps hatte
ein geschwärztes Gesicht und erst nach einer Weile erkannte ihn Mac an
einer Hasenscharte. Es war ein Junge aus der nächsten Nachbarschaft,
mit dem er erst gestern noch eine Schlägerei gehabt hatte, weil er ihm
seinen Spottnamen »Hase« nachrief.

»Wir suchen die Berge heraus, Mac,« schrie der »Hase« mit gellender
Stimme in Macs Ohr, »wir dürfen die Steine nicht mit verkaufen.«

Am nächsten Tage schon sah Mac so gut wie die andern, was Kohle war und
was Stein war, am Bruch, am Glanz, an der Gestalt. Und acht Tage später
war es ihm, als sei er seit Jahren in dieser schwarzen Halle voller
Lärm und Kohle gewesen.

Über den ewig gleitenden Kohlenbach gebeugt, mit den schwarzen Händen
nach den »Bergen« fahrend -- so stand Mac zwei volle Jahre, jeden Tag,
an seinem bestimmten Platz, der fünfte von oben. Tausende von Tonnen
Kohlen glitten durch seine kleinen raschen Hände.

Jeden Sonnabend holte er seinen Lohn, den er an den Vater (bis auf
ein kleines Taschengeld) abgeben mußte. Mac war neun Jahre alt und
ein Mann geworden. Wenn er am freien Sonntag in den »Saloon« ging, so
trug er einen steifen Hut und einen Kragen. Eine Pfeife hing zwischen
den Haifischzähnen; er kaute Gummi und hatte allezeit ein reichliches
Reservoir von Speichel zwischen Zunge und Gaumen. Er war ein Mann,
sprach wie ein Mann und hatte nur die helle, gellende Stimme eines
Knaben, der die Woche in einem lärmenden Arbeitsraum verbringt.

Das war die Kohle über der Erde, und er, Mac, kannte sie und wußte
in allen Dingen Bescheid -- besser als der Vater und Fred! Es gab
hier Dutzende von Knaben, die nach einem Jahr keine Ahnung hatten,
woher die Kohle alle kam, dieser endlose Strom von Kohlenblöcken,
die in die Waggons polterten. Tag und Nacht klirrten die eisernen
Türen des Schachtes und der triefende Förderkorb spie Tag und Nacht,
ohne Pause, vier eiserne Hunde voll Kohlen aus, fünfzig Zentner auf
einmal. Tag und Nacht rasselten die Hunde über die Eisenplatten der
Halle, Tag und Nacht drehten sie sich an einer bestimmten Stelle über
einer Öffnung am Boden (wie Hühner am Spieß!) und schütteten die Kohle
hinunter und liefen leer davon. Von da unten aber stieg die Kohle
auf einem Paternosterwerk herauf und wurde auf großen Sieben hin
und her gerüttelt und hier _schrie_ die Kohle. Die große Kohle, die
Förderkohle, ging in die Waggons und fort. Ja, ~well~, das wußten auch
die anderen Jungen, aber mehr nicht! Mac hatte sich schon nach einem
Monat gesagt, daß die Hunde, die durch die Halle polterten, unmöglich
all die Kohle bringen konnten! Und so war es. Täglich kamen Hunderte
von Waggons an -- von Uncle Tom II, Uncle Tom III und Uncle Tom IV
-- und sie alle kamen zu Uncle Tom I, weil hier die Wäschereien und
Kokereien und der »chemische Betrieb« waren. Mac hatte sich umgesehen
und wußte alles! Er wußte, daß die Kohle, die durchs Sieb fiel, durch
ein Paternosterwerk in die Wäscherei transportiert wurde. Hier lief
sie durch Kessel, in denen das Wasser die Kohle fortspülte, während
die Steine sanken. Die Kohle aber lief in eine Riesentrommel aus fünf
Sieben, mit verschieden großen Löchern; hier ging sie herum, rasselnd
und scharrend und wurde sortiert. Und die einzelnen Sorten liefen durch
Kanäle zu verschiedenen Trichtern und fielen als Stückkohle, melierte
Kohle, Nuß I, II, III, in die Eisenbahnwaggons und gingen fort! Die
Feinkohle aber, all die Splitter und der Staub -- die warf man fort,
glaubst du? Nein! Frage Mac, den zehnjährigen Ingenieur, und er wird
dir sagen, daß man die Kohle »aussaugt«, bis nichts mehr von ihr da
ist. Dieser Kohlenschutt lief eine eiserne, durchlöcherte Treppe empor.
Diese ungeheure Treppe voll grauen Schmutzes schien stillzustehen,
aber wenn man genau hinsah, so sah man, daß sie sich langsam -- ganz
langsam bewegte. In genau zwei Tagen lief jede Stufe hinauf, kippte um
und schüttete den Staub in ungeheure Trichter. Von da kam der Staub in
die Koksöfen, wurde Koks, und die Gase wurden in den hohen schwarzen
Teufeln niedergeschlagen und Teer, Ammoniak und alles mögliche daraus
gemacht. Das war der »chemische Betrieb« von Uncle Tom I und Mac wußte
alles.

In seinem zehnten Jahr bekam Mac vom Vater einen dicken Anzug aus
gelbem Tuch, eine wollene Halsbinde, und an diesem Tage fuhr er zum
erstenmal ein -- dahin, wo die Kohle herkam.

Die eisernen Schranken klirrten, die Glocke schlug an, der Korb stürzte
ab. Zuerst langsam und dann rasend rasch, so schnell, daß Mac glaubte,
der Boden, auf dem er saß, breche durch. Es wurde ihm einen Augenblick
schwarz vor den Augen, sein Magen schnürte sich zusammen -- dann aber
hatte er sich zurechtgefunden. Mit einem gellenden Lärm sauste der
eiserne Korb achthundert Meter tief hinab. Er schlug schwankend gegen
die Führungsschienen, daß es klirrte und krachte, als springe er in
Stücke. Das Wasser klatschte auf sie herab, die triefende schwarze
Bretterverschalung des Schachtes flog im Schein ihrer Grubenlampen
an den offnen Türen des Korbes in die Höhe. Mac sagte sich, daß es
so sein müsse. Zwei Jahre lang hatte er täglich beim Schichtwechsel
die Hauer und Bergleute mit ihren Lämpchen -- die wie Glühwürmchen in
der dunklen Halle tanzten -- aus dem Korb steigen sehen und mit dem
Korb versinken, und nur zweimal war etwas passiert. Einmal war der
Korb gegen das Dach gefahren und die Leute hatten sich die Schädel
eingeschlagen, das andere Mal war das Seil gerissen und zwei Steiger
und ein Ingenieur waren in den Sumpf gestürzt. Das konnte vorkommen,
aber es kam nicht vor.

Plötzlich hielt der Korb und sie waren auf Sohle 8, und es war auf
einmal ganz still. Ein paar bis zur Unkenntlichkeit geschwärzte,
halbnackte Gestalten empfingen sie.

»Du bringst uns deinen Jungen, Allan?«

»~Yep!~«

Mac befand sich in einem heißen Tunnel, der, beim Schacht schwach
erleuchtet, sich rasch in Finsternis verlor. Nach einer Weile
schimmerte in der Ferne eine Lampe, ein Schimmel erschien, Jay,
der Pferdejunge -- den Mac schon lange kannte -- an der Seite, und
hinterher rasselten zwanzig eiserne Hunde voller Kohlen.

Jay grinste. »Hallo! Da ist er ja!« schrie er. »Mac, ich habe gestern
noch drei ~drinks~ im Pokerautomaten gewonnen. ~Hej, hej, stop Boney!~«

Diesem Jay wurde Mac beigegeben und einen ganzen Monat lang stapfte er
wie ein Schatten an Jays Seite, bis er angelernt war. Dann verschwand
Jay, und Mac besorgte die Arbeit allein.

Er war auf Sohle 8 zu Hause und dachte gar nicht daran, daß ein Junge
von zehn Jahren etwas anderes sein könne als ein Ponyboy. Anfangs hatte
ihn die Finsternis und mehr noch die unheimliche Stille hier unten
bedrückt. Ja, was für ein ~fool~ war er doch gewesen, zu glauben, daß
es hier unten von allen Seiten picken und klopfen würde! Es war im
Gegenteil totenstill, wie in einer Gruft, aber man konnte pfeifen,
verstehst du? Nur beim Schacht, wo der Korb lief und ein paar Leute
die Hunde einschoben und herauszogen, bei den Flözen, wo die Hauer,
zumeist unsichtbar für Mac, eingeklemmt zwischen dem Gestein hingen
und die Kohle schlugen, war ein wenig Lärm. Eine Stelle aber gab es
auf Sohle 8, wo ein furchtbarer Lärm war. Dort arbeiteten die Bohrer.
Zwei Männer, die längst taub sein mußten, preßten die pneumatisch
betriebenen Bohrer mit den Schultern gegen den Felsen, und hier war
kein Wort zu verstehen.

Auf Sohle 8 arbeiteten einhundertundachtzig Menschen -- und doch sah
Mac selten jemand. Zuweilen einen Steiger, den Schießmeister, das
war alles. Es war stets ein Ereignis, wenn irgendein Lämpchen im
finsteren Stollen auftauchte und ein einsamer Wanderer angestapft kam.
Seine ganze Schicht lang fuhr Mac in diesen öden, schwarzen, niedern
Gängen hin und her. Er sammelte die Kohlenkarren bei den Flözen und
Bremsbahnen und fuhr sie zum Schacht. Hier hängte er sein Pferd vor
den fertigen Zug, leere Hunde, Hunde mit Gestein zum Ausfüllen der
abgebauten Flöze, mit Stempeln, Balken und Brettern zum Verzimmern
der Stollen, und brachte die Wagen an die betreffenden Stellen. Er
kannte das ganze Labyrinth der Stollen, jeden einzelnen Balken, den
der hereindrückende Berg geknickt hatte, alle Flöze, sie mochten
heißen George Washington, Merry Aunt, Fat Billy oder wie immer. Er
kannte die Wettervorhänge, aus denen schwere Grubengase stiegen. Er
kannte jeden »Sargdeckel«, ins Gestein eingesprengte kurze Säulen,
die plötzlich herausfahren können, um dich an die Wand zu nageln. Er
kannte die Wetterführung genau, Türen, die der stärkste Mensch nicht
öffnen konnte, bevor er nicht die dagegenpressende Luft durch ein
kleines Fenster in der Türe hatte ausströmen lassen -- dann pfiff die
Luft wie ein eisiger Sturmwind. Und wieder, da gab es Stollen voll
dumpfer, heißer Luft, daß einem sofort der Schweiß vom Gesicht stürzte.
Hundertmal in der Schicht durchquerte er diese eisigen und kochenden
Stollen, ganz wie es tausend Pferdejungen in diesem Augenblick tun.

Nach der Schicht fuhr er aus mit den Kameraden im aufwärtsschießenden,
klirrenden Korb, aus und wieder ein, ohne sich dabei etwas zu denken,
genau wie ein Clerk den Lift nimmt, um in seine Office und von der
Office auf die Straße zu kommen.

Da drunten auf Sohle 8 machte Mac die Bekanntschaft von Napoleon
Bonaparte, gekürzt Boney. So hieß sein Schimmel. Boney hatte Jahre da
unten in der Dunkelheit zugebracht und war halb blind. Sein Rücken war
gebogen und der Kopf bis zum Boden gesenkt, von dem ewigen Bücken in
den niedrigen Stollen. Boney hatte sich in den Pfützen zwischen den
engen Schienen die Hufe breitgetreten, so daß sie wie Kuchen waren.
Er war aus den besten Jahren heraus und die Haare gingen ihm aus. Um
die Augen und die Nüstern hatte er fleischrote Ringe, die nicht hübsch
aussahen. Dabei aber ging es Boney prächtig, er war dick und fett und
phlegmatisch geworden. Er ging stets im gleichen Trott. Sein Gehirn
hatte sich auf diesen Trott eingestellt und er konnte jetzt nicht mehr
anders. Mac konnte mit der Bürste (von ihr wird gleich die Rede sein)
vor ihm hertanzen -- Boney ging nicht rascher. Mac konnte ihn schlagen
-- da tat dann Boney, der alte Schwindler, als werde er eifriger,
er zeigte seinen Willen, nickte rascher mit dem Kopf, klatschte
nachdrücklicher in den Schmutz -- aber er ging nicht rascher.

Mac behandelte ihn nicht besonders zärtlich. Wenn er Boney zur Seite
haben wollte, so rannte er ihm den Ellbogen in den Wanst; anders tat
es Boney nicht, denn obwohl er sah, daß er Platz machen sollte und die
Ohren spitzte, ließ er es erst zu Rippenstößen kommen. Wenn Boney
einschlief, was häufig vorkam, so schlug ihn Mac mit der Faust auf die
Nase -- denn Mac mußte fördern und flog hinaus, wenn er seine Karren
nicht bewältigte. Er konnte keine Rücksicht nehmen. Trotz alledem waren
sie gute Freunde. Zuweilen -- wenn Mac sein Repertoire abgepfiffen
hatte -- klopfte er Boney auf den Hals und plauderte mit ihm: »~He, old
Boney, how are you to-day, old fellow? All right, are you?~« --

Nach halbjähriger Bekanntschaft fiel es Mac auf, daß Boney schmutzig
war. Er sah nur hier in der Finsternis, bei der Lampe, wie ein Schimmel
aus. Hätte man ihn ans Tageslicht gebracht -- ~holy Gee!~ -- wie hätte
Boney sich schämen müssen!

Mac nahm einen Anlauf und kaufte einen Striegel. In Boneys Kopf war
keine Erinnerung mehr an diesen Komfort, das sah Mac, denn Boney wandte
den Kopf. Das tat er aber selbst dann nicht, wenn neben ihm gesprengt
wurde. Dann schwang Boney seinen dicken Hängebauch vor Vergnügen hin
und her, um die Wollust des Bürstens auszugenießen. Mac versuchte es
auch mit Wasser, denn er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Boney
schneeweiß herzurichten. Aber sobald Boney Wasser spürte, zuckte seine
Flanke, als fahre ein elektrischer Strom durch ihn, und er wechselte
unbehaglich die Füße. So blieb es beim trockenen Striegeln. Und wenn
Mac lange genug striegelte, so streckte old Boney plötzlich den Hals
vor und ließ ein tremulierendes, weinerliches Hundeheulen hören -- die
Ruine eines Gewiehers. Dann lachte Mac, daß der Stollen hallte. --

Mac hat Boney geliebt, ohne Zweifel. Noch heute spricht er zuweilen von
ihm. Er hat ein außergewöhnliches Interesse für alte, krummrückige,
fette Schimmel, und manchmal bleibt er stehen und klopft den Hals eines
Schimmels und sagt: »So sah Boney aus, Maud, siehst du, genau so!«
Aber Maud hat so viele verschiedene Boneys schon gesehen, daß sie an
der Ähnlichkeit mit dem old Boney zweifelt. Mac versteht nichts von
Gemälden und hat nie einen Cent dafür ausgegeben. Aber Maud entdeckte
einen primitiv gemalten, alten Schimmel unter seinen Sachen. Sie war
übrigens schon über zwei Jahre mit Mac verheiratet, als ihr seine
Sympathie für alte Schimmel auffiel. Einmal, in den Berkshirehills,
hielt er plötzlich das Auto an.

»Sieh dir mal den Schimmel an, Maud!« sagte er und deutete auf einen
alten Schimmel, der am Weg vor einem Bauernkarren stand.

Maud mußte laut heraus lachen. »Aber Mac, das ist ein alter Schimmel,
wie es Tausende gibt.«

Das sah Mac natürlich ein und er nickte. »Das mag schon sein, Maud,
aber ich hatte einmal genau den gleichen Schimmel.«

»Wann?«

»Wann?« Mac sah an ihr vorbei. Es gab nichts, was ihm schwerer wurde,
als von sich selbst zu sprechen. »Das ist schon lange her, Maud. In
Uncle Tom.«

Noch etwas hat Mac aus Uncle Tom mitgebracht. Das ist ein gellender
Raubvogelschrei -- hej! -- hej! -- den Mac unwillkürlich ausstößt, wenn
ihm jemand vor den Reifen des Autos herumläuft. Diesen Schrei hat er in
Uncle Tom gelernt. Damit trieb er Boney an, wenn er abfahren wollte,
und damit stoppte er Boney, wenn ein Wagen aus den Schienen gesprungen
war.

       *       *       *       *       *

Mac war fast drei Jahre auf Sohle 8 und hatte den halben Erdumfang
in den Stollen von Uncle Tom zurückgelegt, als die Grubenkatastrophe
eintrat, an die sich heute noch viele erinnern. Sie kostete
zweihundertundzweiundsiebzig Menschen das Leben, aber sie sollte Macs
Glück werden.

In der dritten Nacht nach Pfingsten, um drei Uhr morgens, ereignete
sich eine Explosion schlagender Wetter in der untersten Sohle von Uncle
Tom.

Mac brachte seinen Zug leerer Hunde zurück und pfiff einen Gassenhauer,
den gegenwärtig der Phonograph in Johnsons »Saloon« jeden Abend
brüllte. Plötzlich hörte er durch das Gerassel der eisernen Hunde
hindurch ein fernes Donnern und blickte sich ganz mechanisch um, immer
noch pfeifend: da sah er, wie die Stempel und Balken wie Streichhölzer
knickten und der Berg hereinbrach. Er riß Boney mit aller Gewalt
am Halfter und gellte ihm in die Ohren: »Hej, hej! ~Git up -- giit
up!~« Boney, der erschrak und die Stempel hinter sich krachen hörte,
versuchte einen Galopp, old Bonaparte streckte seinen plumpen Leib,
daß er ganz flach lag, warf die Beine hinaus zu einem verzweifelten
~finish~ -- dann verschwand er unter dem stürzenden Gestein. Mac lief
wie besessen, denn der Berg kam hinter ihm her. Es galt! Aber zu
seinem Entsetzen sah er, daß die Stempel und Balken vor ihm ebenfalls
knackten und die Decke sich senkte. Da drehte er sich ein paarmal
im Kreise, wie ein Kreisel, die Hände an den Schläfen und stürzte
in einen Seitenverschlag. Der Stollen brach donnernd zusammen, der
Seitenverschlag krachte, und gehetzt von stürzendem Gestein flog Mac
dahin, rasend und flink. Endlich lief er nur noch im Kreise, die Hände
am Kopf, und schrie!

Mac zitterte an allen Gliedern und war ganz ohne Kraft. Er sah, daß er
in den Pferdestall gelaufen war, was Boney ebenfalls getan haben würde,
wenn ihn der Berg nicht erfaßt hätte. Er mußte sich setzen, da ihn die
Knie nicht mehr trugen, und da saß er nun, betäubt vom Schrecken, und
dachte eine Stunde lang gar nichts. Endlich beschäftigte er sich mit
seiner Lampe, die ganz winzig brannte, und leuchtete die Umgebung ab;
er war vollkommen eingeschlossen von Geröll und Kohle. Er versuchte zu
denken, wie es gekommen war, aber es fiel ihm gar nichts ein.

So saß er lange Stunden. Er weinte aus Verzweiflung und Verlassenheit,
dann raffte er sich zusammen. Er nahm ein Stück Kaugummi und seine
Lebensgeister kehrten zurück.

Es war eine Schlagwetter- oder Kohlenstaubexplosion, das stand fest.
Boney hatte der Berg erschlagen -- und ihn, nun ihn würden sie wohl
herausgraben!

Mac saß neben seiner kleinen Lampe am Boden und begann zu warten. Er
wartete ein paar Stunden, dann überschlich ihn eine eisige, kalte
Angst, und er fuhr erschrocken auf. Er nahm die Lampe und ging in die
Stollen links und rechts hinein und leuchtete das Geröll ab, ob kein
Weg offen sei. Nein! Es blieb also nichts übrig, als zu warten. Er
untersuchte die Futterkiste, setzte sich auf den Boden, und ließ die
Gedanken in seinem Kopfe tun, was sie wollten. Er dachte an Boney, an
Vater und Fred, die mit ihm eingefahren waren, an Johnsons Bar. An das
Lied des Phonographen. An den Pokerspielapparat in Johnsons Bar. Und in
Gedanken spielte er eine unendliche Serie von Spielen: er warf seine
fünf Cent ein, drehte die Kurbel, ließ los -- und merkwürdig, immer
gewann er: ~full hand~, ~royal flush~ ...

Aus diesem Spiel erweckte ihn ein eigentümlicher Laut. Es zischte und
knackte wie im Telephon. Mac lauschte angestrengt. Da hörte er, daß er
nichts gehört hatte. Es war die Stille. Seine Ohren schliefen ein. Aber
diese schreckliche Stille war unerträglich. Er steckte die Zeigefinger
in die Ohren und schüttelte sie. Er räusperte sich und spuckte laut
aus. Dann saß er, den Kopf gegen die Wand gelehnt und sah vor sich hin
auf das Stroh, das für Boney da war. Schließlich legte er sich auf das
Stroh, und mit einem jämmerlichen Gefühl der größten Hoffnungslosigkeit
schlief er ein.

Er erwachte (wie er glaubte nach einigen Stunden) infolge von
Nässe; die Lampe war ausgegangen und er plätscherte mit den Füßen
im Wasser, als er einen Schritt machte. Er war hungrig, nahm eine
Handvoll Hafer und begann zu kauen. Er setzte sich auf Boneys Barren,
zusammengekauert, in die Dunkelheit blinzelnd und kaute Korn um Korn.
Dabei lauschte er, aber er hörte weder Klopfen noch Stimmen, nur das
Rieseln und Tröpfeln von Wasser.

Die Dunkelheit war furchtbar, und nach einer Weile sprang er herab,
knirschte mit den Zähnen und raufte sich das Haar, während er toll
vorwärtsrannte. Er stieß gegen die Mauer, rannte zwei-, dreimal den
Kopf dagegen und hieb sinnlos mit den Fäusten aufs Gestein ein. Seine
verzweifelte Raserei dauerte nicht lange, dann tastete er sich den Weg
zum Barren zurück und fuhr fort, Hafer zu kauen, während er die Tränen
laufen ließ.

Stundenlang saß er so. Nichts regte sich. Sie hatten ihn vergessen!

Mac saß, kaute Hafer und dachte. Sein kleiner Kopf begann zu arbeiten,
er wurde ganz kühl. In dieser furchtbaren Stunde mußte es sich zeigen,
was an Mac war. Und es zeigte sich!

Plötzlich sprang er wieder auf den Boden und schwang die Faust in der
Luft: »Wenn ~those blasted fools~ mich nicht holen,« schrie er, »so
werde ich mich selbst ausgraben!«

Aber Mac begann nicht sofort zu wühlen. Er nahm wieder auf dem Barren
Platz und dachte lange und sorgfältig nach. Er zeichnete sich im Kopf
den Plan der Sohle beim Pferdestall. Im Südstollen war es unmöglich!
Wenn er überhaupt herauskam, so konnte es nur durch Merry Aunt,
Pattersons Flöz, sein. Die Abbaustelle dieses Flözes lag siebzig,
achtzig, neunzig Schritte vom Stall entfernt. Das wußte Mac ganz genau.
Die Kohle in Merry Aunt war schon durch den Druck des Gebirges brüchig
geworden. Das war von großer Wichtigkeit.

Noch um ein Uhr hatte er zu Patterson hinaufgeschrien: »He, Pat,
Hikkins sagt, wir fördern nur noch Dreck!«

Pats schwitzendes Gesicht war im Lichtkreis der Lampe erschienen und
Pat hatte wütend geheult: »Hikkins ~shall go to the devil~, sag' ihm
das, Mac! ~To hell~, Mac! Merry Aunt ist nichts als Dreck, der Berg hat
sie zerdrückt. Hikkins soll das Maul halten, Mac, sag' ihm das, sie
sollen besser versetzen!«

Pat hatte das Flöz mit neuen guten Stempeln solid gestützt, denn er
hatte befürchtet, daß ihn das Gebirge totschlagen werde. Das Flöz war
steil, zweiundfünfzig Meter hoch und führte über eine Bremsbahn auf
Sohle 7.

Mac zählte die Schritte ab, und als er siebzig gezählt hatte, wurde ihm
eiskalt, und als er fünfundachtzig gezählt hatte und ans Gestein stieß,
jubelte er hell auf.

Eiskalt vor Energie, mit harten Sehnen und Muskeln machte er sich
sofort an die Arbeit. Nach einer Stunde hatte er -- knietief im
Wasser stehend -- eine große Nische aus dem Geröll geschlagen. Aber
er war erschöpft und wurde in der schlechten Luft seekrank. Er mußte
ausruhen. Nach einer Pause arbeitete er weiter. Langsam und besonnen.
Er mußte die Steine oben und zu beiden Seiten abtasten, um sich zu
sichern, nicht verschüttet zu werden, Steinsplitter und Steine zwischen
gefährlich hängende Brocken treiben, Stempel und Bretter aus dem Stall
zum Stützen holen und die Felsstücke herauswälzen. So arbeitete
Mac stundenlang, keuchend, kurz und heiß atmend. Dann war er total
erschöpft und schlief auf dem Barren ein. Sobald er erwachte, lauschte
er, und als er nichts hörte, machte er sich wieder an die Arbeit.

Er grub und grub. Mac grub auf diese Weise einige Tage -- und im ganzen
waren es doch nur vier Meter! Hundertmal hat er später geträumt, daß er
gräbt und gräbt und sich durchs Gestein wühlt ...

Dann fühlte er, daß er an der Mündung des angeschlagenen Flözes war.
Er fühlte es deutlich an dem feinen Kohlenstaub, der da lag von den
abgerutschten Kohlen. Mac füllte sich die Taschen mit Hafer und stieg
in das Flöz ein. Die meisten Stempel standen, der Berg hatte nur wenig
Kohle hereingedrückt, und Mac jauchzte und zitterte vor Freude, als
er merkte, daß sich die Kohle leicht wegschieben ließ, denn er hatte
zweiundfünfzig Meter vor sich. Sich von Stempel zu Stempel schiebend,
stieg er das schwarze Flöz in die Höhe. Zurück konnte er jetzt nicht
mehr, denn er verschüttete sich selbst den Weg. Plötzlich spürte er
einen Stiefel und am rauhen, abgeschürften Leder erkannte er sofort
Pattersons Stiefel. Old Pat lag da, verschüttet, und der Schrecken und
das Entsetzen lähmten Mac derartig, daß er lange Zeit untätig kauern
blieb. Noch heute wagt er es nicht, an diese grauenhafte Stunde zu
denken. Als er wieder zu sich kam, kroch er langsam höher. Dieses Flöz
war in normaler Verfassung leicht in einer halben Stunde zu besteigen.
Aber da Mac erschöpft und schwach war, die Kohle in ganzen Tonnen
wegräumen mußte und vorsichtig erst zu untersuchen hatte, ob die
Stempel noch standen, so dauerte es lange bei ihm. Schweißtriefend,
zerschlagen erreichte er die Bremsbahn. Diese Bremsbahn führte von
Sohle 8 direkt zur Sohle 7.

Mac legte sich schlafen. Er erwachte wieder und kletterte langsam die
Gleise hinauf.

Endlich war er oben: Der Stollen war frei!

Mac kauerte sich nieder und kaute Hafer und leckte seine nassen Hände
ab. Dann machte er sich auf den Weg zum Schacht. Er kannte die Sohle 7
so genau wie die Sohle 8, aber verschüttete Stollen zwangen ihn immer
wieder, den Weg zu ändern. Er wanderte stundenlang, bis das Blut in
seinen Ohren rauschte. Zum Schacht mußte er, zum Schacht -- die Glocke
ziehen ...

Plötzlich aber -- als er schon zitterte vor Angst, nun _hier_
eingeschlossen zu sein -- plötzlich sah er rötliche Lichtfunken:
Lampen! Es waren drei.

Mac öffnete den Mund, um zu schreien -- aber er brachte keinen Ton
heraus und brach zusammen.

Es ist möglich, daß Mac doch geschrien hat, obschon zwei von den
Männern schworen, nichts gehört zu haben, während der dritte
behauptete, es sei ihm gewesen, als habe er einen leisen Schrei gehört.

Mac fühlte, daß ihn jemand trug. Dann fühlte er, daß er sich im
ausfahrenden Korb befand, und zwar erwachte er, weil der Korb so
langsam ging. Dann fühlte er, wie man Decken über ihn breitete und ihn
wieder trug -- und dann fühlte er nichts mehr.

Mac war sieben volle Tage im Berg eingeschlossen gewesen, obschon er
glaubte, es seien nur drei gewesen. Von allen Leuten auf Sohle 8 war
er der einzig Gerettete. Wie ein Gespenst kam der Pferdejunge aus der
zerstörten Sohle herauf. Seine Geschichte ging seinerzeit durch alle
Blätter Amerikas und Europas. Der Pferdejunge von Uncle Tom! Sein Bild,
wie man ihn hinaustrug, zugedeckt, und seine geschwärzte kleine Hand
hing herab, wie er im Hospital im Bett aufrecht saß, erschien in allen
Journalen.

Die ganze Welt lachte gerührt über Macs erste Bemerkung, als er
erwachte. Er fragte den Arzt: »Haben Sie nicht etwas Kaugummi, Sir?«
-- Diese Bemerkung war aber ganz natürlich. Macs Mundhöhle war
ausgetrocknet, er hätte ebensogut um Wasser bitten können.

Mac war in acht Tagen gesund. Als man ihm auf seine Frage nach Vater
und Fred ausweichend antwortete, schlug er die mageren Hände vors
Gesicht und weinte, wie ein Knabe von dreizehn Jahren weint, der
plötzlich allein auf der Welt steht. Sonst aber ging es dem kleinen Mac
vorzüglich. Er wurde gefüttert, alle Welt schickte ihm Kuchen, Geld,
Wein. Damit aber wäre Macs Erlebnis zu Ende gewesen, wenn nicht eine
reiche Dame in Chikago -- gerührt durch das Schicksal des verwaisten
Pferdejungen -- sich seiner angenommen hätte. Sie leitete fortan seine
Erziehung.

Mac kam es nicht in den Sinn, daß man etwas anderes werden könne als
Bergmann, und so sandte ihn seine Patronesse auf eine Bergakademie.
Nach beendetem Studium kehrte Mac als Ingenieur nach Uncle Tom zurück,
wo er zwei Jahre blieb. Darauf ging er in die Silbermine Juan Alvarez
in Bolivia -- in eine Gegend, wo ein Mann genau wissen mußte, wann
der richtige Moment für einen gutsitzenden Faustschlag gekommen
war. Die Mine verkrachte und Mac leitete hierauf den Bau der Tunnel
der Bolivia-Anden-Bahn. Hier war ihm seine »Idee« gekommen. Die
Durchführung seiner Idee hing von verbesserten Gesteinsbohrern ab --
und so machte sich Mac an die Arbeit. Der Diamant der Diamantbohrer
mußte durch ein billiges Material von annähernder Härte ersetzt werden.
Mac trat bei den Versuchswerkstätten der Edison Works Limited ein und
versuchte einen Werkzeugstahl außerordentlicher Härte zu schaffen.
Nachdem er zwei Jahre mit Zähigkeit gearbeitet hatte und seinem
Ziele nahe war, schied er aus den Edison Works aus und machte sich
selbständig.

Sein Allanit machte ihn rasch wohlhabend. Zu dieser Zeit lernte er Maud
kennen. Er hatte nie Zeit gehabt, sich um Frauen zu kümmern und machte
sich nichts aus ihnen. Maud aber gefiel ihm auf den ersten Blick! Ihr
zarter brauner Madonnenkopf, ihre warmen, großen Augen, die in der
Sonne bernsteinfarben aufleuchten konnten, ihre ein wenig versonnene
Art (sie trauerte damals um ihre Mutter), ihr rasch entzündetes und
entzücktes Wesen, all das machte einen tiefen Eindruck auf ihn.
Besonders ihr Teint tat es ihm an. Es war die feinste, reinste und
weißeste Haut, die er je gesehen hatte, und er begriff nicht, daß sie
nicht beim kleinsten Luftzug zerriß. Es imponierte ihm, wie mutig sie
ihr Leben in die Hand nahm. Sie gab damals Klavierunterricht in Buffalo
und war von früh bis nachts tätig. Er hörte sie einmal über Musik,
Kunst und Literatur sprechen -- lauter Dinge, von denen er gar nichts
verstand -- und seine Bewunderung ihres Wissens und ihrer Klugheit war
grenzenlos. Er verschoß sich regelrecht in Maud und beging die gleichen
Dummheiten wie alle Männer in dieser Lage. Anfangs hatte er gar keinen
Mut, und es gab Stunden, da er ehrlich verzweifelt war. Eines Tages
aber entdeckte er einen Blick in Mauds Augen -- was für ein Blick war
es doch? -- und dieser Blick gab ihm Mut. Kurz entschlossen machte er
ihr einen Antrag, und einige Wochen darauf heirateten sie. Hierauf
widmete er drei weitere Jahre rastloser Tätigkeit der Ausarbeitung
seiner »Idee«.

Und nun war er Mac, ganz einfach Mac, den die Volkssänger in den
Concerthalls der Vorstadt besangen.



2.


In den ersten Monaten sah Maud ihren Gatten sehr selten.

Sie erkannte schon nach den ersten Tagen, daß seine jetzige Arbeit von
ganz anderer Art war als seine Tätigkeit in der Fabrik in Buffalo, und
sie war klug und stark genug, Macs Werk ohne viele Worte ihr Teil zu
opfern. An vielen Tagen bekam sie ihn überhaupt nicht zu Gesicht. Er
war auf der Baustelle, in den Versuchswerkstätten von Buffalo, oder
er hatte dringende Konferenzen. Allan begann seine Arbeit morgens um
sechs Uhr und sie hielt ihn häufig bis spät in die Nacht hinein fest.
Vollkommen ermüdet, zog er es zuweilen vor, auf der Ledercouch seines
Arbeitsraumes zu übernachten, anstatt erst nach Bronx zu fahren.

Auch darein fügte sich Maud.

Damit er wenigstens einigen Komfort für diese Fälle habe, richtete sie
ihm ein Schlafzimmer mit Bad und ein Speisezimmer im Syndikatgebäude
ein, eine richtige kleine Wohnung, in der er Tabak und Pfeifen, Kragen,
Wäsche, kurz alles, was er brauchte, fand. Sie überließ ihm Lion, den
chinesischen Boy, zur Bedienung. Denn niemand vermochte so gut mit Mac
umzugehen wie er. Lion konnte mit asiatischem Gleichmut hundertmal
nacheinander sagen -- immer mit einer kleinen angemessenen Pause
dazwischen --: »~Dinner, sir -- Dinner, sir.~« Er verlor weder die
Geduld noch hatte er Launen. Er war immer da und man sah ihn nie. Er
arbeitete lautlos und gleichmäßig wie eine gutgeölte Maschine und doch
war stets alles in peinlicher Ordnung.

Nun sah sie Mac allerdings noch seltener, aber sie hielt sich tapfer.
Solange es die Witterung erlaubte, arrangierte sie am Abend kleine
Diners auf dem Dach des Syndikatgebäudes, das einen berückenden
Blick über New York gewährte. Diese Diners mit einigen Freunden und
Mitarbeitern Macs machten ihr große Freude und sie verwandte den ganzen
Nachmittag auf die Vorbereitung. Es verdroß sie auch nicht, wenn Mac
zuweilen nur auf einige Minuten kommen konnte.

Die Sonntage aber verbrachte Allan regelmäßig in Bronx bei ihr und
Edith; und dann schien es, als wolle er alle Versäumnisse der Woche
wettmachen, so ausschließlich widmete er sich ihr und dem Kinde, heiter
und harmlos wie ein großer Knabe.

Manchmal auch fuhr er an den Sonntagen mit ihr nach der Baustelle in
New Jersey, um »Hobby etwas Dampf aufzusetzen«.

Es kam ein ganzer Monat voller Konferenzen mit den Gründern und
Großaktionären des Syndikats, mit Finanzleuten, Ingenieuren, Agenten,
Hygienikern, Baumeistern. In New Jersey waren sie auf große Mengen
Wassers gestoßen, in »Bermuda« verursachte der Bau des Serpentintunnels
unerwartete Schwierigkeiten. In »Finisterra« war das Arbeitermaterial
minderwertig und mußte durch besseres ersetzt werden. Und dazu häuften
sich die laufenden Arbeiten von Tag zu Tag mehr und mehr.

Allan arbeitete zuweilen zwanzig Stunden nacheinander, und es war
selbstverständlich, daß sie an solchen Tagen keine Ansprüche an ihn
erhob.

Mac versicherte ihr, daß es in einigen Wochen besser sein werde. Wenn
der erste Rush vorbei sei! Sie hatte Geduld. Ihre einzige Sorge war,
daß Mac sich überarbeiten könne.

Maud war stolz, die Frau Mac Allans zu sein! In einer stillen
Begeisterung ging sie umher. Sie liebte es, wenn die Zeitungen ihn den
»Eroberer der submarinen Kontinente« nannten und die Genialität und
Kühnheit seiner Entwürfe priesen. Übrigens hatte sie sich noch nicht
ganz daran gewöhnt, daß Mac nun plötzlich ein berühmter Mann geworden
war. Sie betrachtete ihn zuweilen voller Staunen und Ehrfurcht. Aber
dann fand sie, daß er ganz genau so aussah wie früher, schlicht, gar
nicht ungewöhnlich. Sie befürchtete auch, daß sein Nimbus in der
Öffentlichkeit verblassen würde, wenn die Leute wüßten, wie simpel sein
Wesen im Grunde genommen sei. Eifrig sammelte sie alle Aufsätze und
Zeitungsnotizen, die sich auf den Tunnel und Mac bezogen. Zuweilen trat
sie auch in ein Kinotheater, wenn sie gerade vorbeikam, um sich selbst
zu sehen, »~Mac's wife~«, wie sie in Tunnel-City aus dem Automobil
stieg und ihr heller Staubmantel flatterte im Winde. Die Journalisten
nahmen jede Gelegenheit wahr, um sie zu interviewen, und sie lachte
sich tot vor Vergnügen, wenn sie am nächsten Tag in der Zeitung einen
Artikel fand: »Macs Frau sagt, er ist der beste Gatte und Vater New
Yorks.«

Obwohl sie es sich nicht eingestand, schmeichelte es ihr, wenn die
Leute in Geschäften, wo sie Einkäufe machte, sie neugierig anstarrten,
und ein großer Triumph ihres Lebens war es, als Ethel Lloyd ihren Wagen
am Union-Square abstoppen ließ und sie ihren Freundinnen zeigte.

An den schönen Tagen fuhr sie Edith in einem eleganten Korbwägelchen
im Bronx-Park spazieren und dann besuchten sie stets den Tiergarten,
wo sie sich beide stundenlang vor den Affenkäfigen amüsieren konnten,
und zwar amüsierte sich Maud nicht weniger als ihr Kind. Als aber der
Herbst kam und Nebel aus dem feuchten Boden von Bronx stiegen, hatte
dieses Vergnügen ein Ende.

Mac hatte versprochen, an Weihnachten drei Tage ganz und gar -- ohne
jede Arbeit! -- mit ihnen zu verbringen, und Mauds Herz jubelte schon
Wochen vorher. Es sollte genau so werden wie ihr erstes gemeinsames
Weihnachtsfest. Hobby sollte am zweiten Feiertag kommen und sie wollten
Bridge spielen, bis sie umfielen. Maud hatte ein endloses Programm für
die drei Tage ausgearbeitet.

Den ganzen Dezember hindurch bekam sie allerdings ihren Gatten fast
nicht zu sehen. Allan war tagtäglich von Beratungen mit Finanzleuten
in Anspruch genommen, da sie die Vorbereitungen für die finanzielle
Kampagne trafen, die im Januar eröffnet werden sollte.

Allan brauchte -- vorerst! -- die hübsche Summe von drei Milliarden
Dollar. Aber er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er sie bekommen
würde.

Wochenlang war das Syndikatgebäude von Journalisten belagert gewesen,
denn die Presse hatte mit der Sensation glänzende Geschäfte gemacht.
Auf welche Weise sollte der Tunnel gebaut werden? Wie verwaltet?
Wie sollten sie da drinnen mit Luft versorgt werden? Wie war die
Tunnelkurve berechnet worden? Wieso kam es, daß die Tunnelkurve, trotz
kleiner Umwege, um ein Fünfzigstel kürzer werden würde als der Seeweg?
(»Stich eine Nadel durch einen Globus und du weißt es!«) Das waren
alles Fragen, die das Publikum wochenlang in Atem hielten. Am Schluß
hatte man nochmals die Fehde um den Tunnel, einen neuen »Tunnelkrieg«
in den Zeitungen entfacht, der mit der gleichen Erbitterung und dem
gleichen Lärm geführt wurde wie der erste.

Die gegnerische Presse führte wiederum ihre alten Argumente ins
Feld: daß niemand diese ungeheure Strecke aus Granit und Gneis
herauszubohren imstande sei, daß eine Tiefe von 4000 bis 5000 Metern
unter dem Meeresspiegel jede menschliche Tätigkeit ausschließe, der
ungeheuren Hitze und dem enormen Druck kein Material standhalten
würde -- daß aus all diesen Gründen der Tunnel ein klägliches Fiasko
erleiden würde. Die freundlich gesinnte Presse aber machte ihren
Lesern zum tausendstenmal die Vorzüge des Tunnels klar: Zeit! Zeit!
Zeit! Pünktlichkeit! Sicherheit! Die Züge würden so sicher laufen wie
die Züge auf der Erdoberfläche -- ja, sicherer! Man sei nicht mehr
vom Wetter, vom Nebel und Wasserstand abhängig und setze sich nicht
der Gefahr aus, irgendwo auf dem Ozean von den Fischen gefressen zu
werden. Man erinnere sich nur an die Katastrophe der »Titanic«, bei der
sechzehnhundert Menschen das Leben verloren, und an das Schicksal der
»Kosmos«, die mit ihren viertausend Menschen an Bord mitten im Ozean
verscholl!

Die Luftschiffe kämen überhaupt niemals für einen Massenverkehr in
Betracht. Und zudem sei es bis heute erst zwei Luftschiffen gelungen,
den Atlantik zu überfliegen.

In jener Zeit konnte man keine Zeitung oder Zeitschrift in die
Hand nehmen, ohne auf das Wort »Tunnel« und auf Illustrationen und
Abbildungen zu stoßen, die sich auf den Tunnel bezogen.

Im November wurden die Nachrichten spärlicher und schließlich erloschen
sie ganz. Das Pressebureau des Syndikats hüllte sich in Stillschweigen.
Allan hatte die Baustellen gesperrt und es war unmöglich, neue
Illustrationen zu veröffentlichen.

Das Fieber, das die Zeitungen im Volk entfacht hatten, verflog, und
nach einigen Wochen war der Tunnel eine alte Geschichte, für die
man kein Interesse mehr übrig hatte. Etwas Neues stand momentan im
Vordergrund: internationaler Rundflug um die Erde!

Der Tunnel aber war vergessen.

Das war Allans Absicht! Er kannte seine Leute und wußte recht gut, daß
diese ganze erste Begeisterung ihm keine Million Dollar eingebracht
hätte. Er selbst wollte, wenn er den richtigen Zeitpunkt für gekommen
wähnte, eine zweite Begeisterung entfachen, die nicht allein auf
Sensation beruhte!

Im Dezember ging eine ausführlich kommentierte Nachricht durch die
Zeitungen, die geeignet war, eine Ahnung von der Tragweite des
Allanschen Projektes zu geben: die Pittsburg-Smelting and Refining
Company erwarb für die Summe von zwölfeinhalb Millionen Dollar das
Anrecht auf alle im Verlauf des Baus zutage geförderten Materialien,
die sich hüttentechnisch verarbeiten ließen. (Die Aktien der P. S. R.
C. waren im sechsten Baujahr um 60 Prozent gestiegen!) Gleichzeitig
erschien die Notiz, daß die Edison-Bioskop-Gesellschaft für eine
Million Dollar das alleinige Recht erworben habe, photographische und
kinematographische Aufnahmen vom Tunnel während der ganzen Bauzeit zu
machen und zu veröffentlichen.

Die Edison-Bio verkündete in grellen Plakaten, daß sie »das ewige
Denkmal des Tunnelbaus, vom ersten Spatenstich an bis zum ersten
Europa-Flyer schaffen wolle, um den kommenden Geschlechtern die
Geschichte des größten menschlichen Werkes zu überliefern.« Sie
beabsichtige, die Tunnelfilme alle zuerst in New York vorzuführen,
um sie von da aus über dreißigtausend Theater des ganzen Erdballs zu
schicken.

Es war unmöglich, eine bessere Reklame für den Tunnel zu ersinnen!

Die Edison-Bio begann ihre Arbeit am gleichen Tage und ihre zweihundert
Theater New Yorks waren bis auf den letzten Platz besetzt.

Edison-Bio brachte die bekannten Szenen auf dem Dachgarten des
Atlantic, sie zeigte die fünf gewaltigen Staubsäulen der einzelnen
Baustellen, die Steinfontänen, die das Dynamit emporjagt, die
Abfütterung von hunderttausend Menschen, den Anmarsch der
Arbeiterbataillone am Morgen, sie zeigte den Mann, dem ein Felsstück
den Brustkorb eingeschlagen hat und der noch leise atmet, bevor er
stirbt. Sie zeigte den Friedhof der Tunnelstadt mit fünfzehn frischen
Hügeln. Sie zeigte Holzfäller in Kanada, die einen Wald für Allan
niederschlagen -- sie zeigte die Heere von beladenen Waggons, die alle
die Buchstaben A. T. S. trugen.

Dieser Film, der zehn Minuten lang dauerte und den schlichten Namen
»Eisenbahnwagen« trug, machte den stärksten und in der Tat einen
überwältigenden Eindruck. Güterzüge, nichts sonst. Güterzüge in
Schweden, Rußland, Österreich, Ungarn, Deutschland, Frankreich,
England, Amerika. Züge mit Erzen, Holzstämmen, Kohlen, Schienen,
Eisenrippen, Röhren, endlos. Ihre Maschinen qualmten und alle rollten
vorüber -- alle rollten! -- ohne Aufhören rollten sie vorüber, so daß
man sie schließlich rollen und rauschen _hörte_.

Zum Schluß kam noch ein kurzer Film: Allan geht mit Hobby über die
Baustelle in New Jersey.

Jede Woche brachte die Edison-Bio einen neuen »Tunnelfilm«, und am
Schluß erschien Allan stets in irgendeiner Situation in eigener Person.

Während Allans Name früher kaum mehr gewesen war als der Name eines
Rekordfliegers, der heute bejubelt wird und morgen das Genick bricht
und übermorgen vergessen ist, so verband die Menge jetzt mit seinem
Namen und seinem Werk festgefügte und klare Vorstellungen.

Vier Tage vor Weihnachten waren New York und alle großen und kleinen
Städte der Staaten mit möbelwagengroßen Plakaten überschwemmt, vor
denen sich die Menge trotz dem Geschäftsfieber der Weihnachtswoche
ansammelte. Diese Plakate zeigten eine Feenstadt, einen Ozean
von Häusern, aus der Vogelperspektive gesehen. Nie hatte ein
Mensch etwas Ähnliches gesehen oder erträumt! In der Mitte dieser
Stadt, die in lichten Farben gehalten war (ganz wie New York an
einem dunstigen sonnigen Morgen erscheint), lag eine grandiose
Bahnhofanlage, im Vergleich zu der Hudson-River-Terminal, Central- und
Pennsylvania-Station Kinderspielzeuge waren. Ein Delta tiefliegender
Trassen ging von ihr aus. Die Trassen, ebenso die Haupttrasse, die zu
den Tunnelmündungen führte, waren von unzähligen Brücken überspannt,
von Parkanlagen mit Fontänen und blühenden Terrassen eingesäumt. Ein
dichtgedrängtes Gewimmel tausendfenstriger Wolkenkratzer scharte sich
um den Bahnhofsquare: Hotels, Kaufhäuser, Banken, Officebuildings.
Boulevards, Avenuen, in denen die Menge wimmelte, Autos, elektrische
Bahnen, Hochbahnen dahinschossen. Endlose Reihen von Häuserblöcken,
die sich im Dunst des Horizonts verloren. Im Vordergrund links waren
märchenhafte, faszinierende Hafenanlagen zu sehen, Lagerhäuser, Docke,
Kaie, auf denen die Arbeit fieberte, voller Dampfer, Schornstein an
Schornstein, Mast an Mast. Im Vordergrund rechts ein endloser, sonniger
Strand voller Strandkörbe, und dahinter riesige Luxusbadehotels. Und
unter dieser blendenden Märchenstadt stand: »Mac Allans Städte in zehn
Jahren.«

Die oberen zwei Drittel des Riesenplakates waren sonnige Luft. Und ganz
oben, am Rande, zog ein Aeroplan, nicht größer als eine Möwe. Man sah,
daß der Pilot etwas mit der Hand über Bord warf, das anfangs wie Sand
aussah, dann aber rasch größer wurde, flatterte, sich ausbreitete zu
Zetteln wurde, von denen einzelne dicht über der Stadt so groß waren,
daß man deutlich lesen konnte, was darauf stand: »Kauft Baustellen!«

Dieser Entwurf stammte von Hobby, der nur an den Kopf zu klopfen
brauchte und die großartigsten Dinge kamen heraus.

Am gleichen Tag lag das Plakat in entsprechendem Format allen großen
Zeitungen bei. Jeder Quadratfuß New Yorks war damit bedeckt. In allen
Bureaus, Restaurants, Bars, Saloons, Zügen, Stationen, Ferryboats,
überall stieß man auf die Wunderstadt, die Allan aus den Dünen stampfen
wollte. Man belächelte, bestaunte, bewunderte sie, und am Abend kannte
jedermann Mac Allans City ganz genau: ganz New York glaubte schon in
Mac Allan City gewesen zu sein!

In der Tat, dieser Bursche verstand es, von sich reden zu machen!

»~Bluff! Bluff! Fake! The greatest bluff of the world!~«

Aber unter zehn, die »Bluff« schrien, sah man immer einen, der die
Hände rang, die andern an den Schultern schüttelte und sich blau schrie:

»~Bluff?~ ~Nonsense~, Mann! Nimm deinen Kopf zusammen! Mac macht es!!!
Wir sehen uns wieder! Mac ist ein Kerl, der alles macht, was er sagt!«

Waren diese Riesenstädte in Zukunft überhaupt wahrscheinlich und
möglich? Das war die Frage, an der man sich die Köpfe einstieß.

Schon am nächsten Tage brachten die Zeitungen die Antworten
der berühmtesten Statistiker, Nationalökonomen, Bankiers,
Großindustriellen. ~Mr. F. says~: --! Sie stimmten alle darin überein,
daß allein schon die Verwaltung des Tunnels und der technische Betrieb
viele Tausende von Menschen erfordern würde, die an und für sich
respektable Städte füllten. Der Passagierverkehr zwischen Amerika
und Europa würde sich nach Ansicht der einzelnen Kapazitäten zu drei
Vierteln, nach jener anderer zu neun Zehnteln dem Tunnel zuwenden.
Heute waren täglich rund fünfzehntausend Menschen zwischen den
Kontinenten unterwegs. Mit der Eröffnung des Tunnels würde sich der
Verkehr versechsfachen, ja -- nach einigen -- verzehnfachen. Die
Ziffern konnten ins Unfaßbare emporschnellen. Ungeheure Menschenmassen
würden täglich in den Tunnelstädten eintreffen. Es war sogar möglich,
daß diese Tunnelstädte in zwanzig, fünfzig und hundert Jahren
Dimensionen annehmen würden, die wir Menschen von heute mit unseren
kleinlichen Maßstäben gar nicht auszudenken vermochten.

Allan führte nun Schlag auf Schlag.

Am nächsten Tag gab er die Bodenpreise bekannt!

Nein, Allan war nicht so schamlos, die gleichen Unsummen zu
verlangen, die man in Manhattan forderte, wo man den Quadratmeter
mit Tausend-Dollarnoten auslegen mußte, nein, aber trotzdem waren
seine Preise unverschämt und machten den stärksten Mann mundtot. Die
Real-Estate-Agenten tanzten, als ob sie Gift genommen hätten. Sie
machten Bewegungen, als hätten sie sich Finger und Mundwerk verbrannt.
Oh, hehe! Sie schlugen Beulen in ihre steifen Hüte: Mac! Wo war er,
dieser Schurke, der ihre Hoffnungen zerschmettert hatte, in einigen
Jahren ein Vermögen zu verdienen! Woher nahm er das Recht, alles Geld
in die eigenen Taschen zu schieben?

Es lag haarklar auf der Hand: dieser Fall Allan war die größte und
kühnste Bodenspekulation aller Zeiten! Allan, dieser Schurke, hatte
Sandhaufen hektarweise eingekauft und verzapfte sie in Quadratmetern!
-- In der billigsten Zone seiner verfluchten Schwindelstädte -- die
noch gar nicht existierten! -- verhundertfachte, in der teuersten Zone
vertausendfachte er sein Geld!

Die Spekulation versteinerte! (Aber die einzelnen Spekulanten behielten
einander argwöhnisch im Auge. Sie witterten geheime Attentate, Truste,
Konzerne!) Wie eine feindselig geschlossene Phalanx stand sie Allans
unverschämten Forderungen gegenüber. Allan hatte noch dazu die Nerven,
zu verkündigen, daß er dieses »günstige« Angebot nur drei Monate offen
lassen werde. Sollte er! Es würde sich ja zeigen, ob es Liebhaber gab
für seine Schmutzpfützen -- hoho! -- Narren, die einfaches Wasser für
Whisky bezahlten -- -- --

Und es zeigte sich!

Gerade jene Schiffahrtskompagnien, die Allan mit Feuer und Gift auf
den Leib gerückt waren, sicherten sich die ersten Baustellen, Kaie,
Docke. Lloyds Bank schluckte einen ungeheuren Brocken, das Warenhaus
Wannamaker folgte.

Nun mußte man! Man mußte! Jeden Tag veröffentlichten die Zeitungen neue
Ankäufe -- sinnlose Summen für nichts als Sand, Geröll -- in einer
Bluffstadt! -- aber man mußte, wollte man nicht zu spät kommen. Es gab
Geschichten in der Welt, deren Ausgang man nie voraussagen konnte.

~Nearer my God to thee~, -- es gab kein Zurück mehr ...

Allan machte keine Pause. Er hatte die Öffentlichkeit auf die nötige
Temperatur gebracht und er wollte von dieser Temperatur profitieren.

Am vierten Januar lud er die Welt auf einer Riesenseite in allen
Zeitungen zur Zeichnung der ersten drei Milliarden Dollar ein, von
welcher Summe zwei Drittel auf Amerika und ein Drittel auf Europa
entfallen sollten. Eine Milliarde sollte durch Aktien, der Rest durch
Shares aufgebracht werden.

Die Subskriptionseinladung enthielt alles Wesentliche über Baukosten,
Eröffnung des Tunnels, Rentabilität, Verzinsung, Amortisation.
Dreißigtausend Passagiere täglich angenommen, würde sich der Tunnel
schon rentieren. Es sei aber ohne Zweifel täglich mit vierzigtausend
und mehr zu rechnen. Dazu kämen die enormen Einnahmen für Fracht,
Post, pneumatische Expreßpost und Telegramme ...

Es waren Zahlen, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte! Verwirrende,
beschwörende, unheimliche Zahlen, die einem Atem und Verstand raubten!

Die Zeichnungsaufforderung war von den Gründern und Großaktionären
des Syndikats, den blendendsten Namen der Staaten, den führenden
Banken unterzeichnet. Als Chef des finanziellen Ressorts tauchte zur
größten Überraschung New Yorks ein Mann auf, der aller Welt als »Lloyds
~right-hand-man~« bekannt war: S. Woolf, bisher Direktor von »Lloyds
Bank.«



3.


Lloyd selbst hatte S. Woolf an die Spitze des Syndikats geschoben, und
damit war S. Woolfs Name für ewige Zeiten mit dem Tunnel verknüpft.

Sein Porträt erschien in den Abendblättern: ein würdevoller, ernster,
etwas fetter Gentleman von orientalischem Typus. Wulstige Lippen, eine
starke, gekrümmte Nase, kurzes, schwarzes, gekräuseltes Haar und kurzer
schwarzer Bart; dunkle hervorquellende Augen von leicht melancholischem
Glanz.

»Beginnt als Händler mit alten Kleidern -- jetzt finanzieller Leiter
des A. T. S. mit zweihunderttausend Dollar jährlich. Spricht zwölf
Sprachen.«

Die Sache mit den alten Kleidern war ein Märchen, das S. Woolf selbst
einmal scherzweise in die Welt gesetzt hatte. Aber ohne Zweifel kam S.
Woolf von »da unten« herauf. Bis zu seinem zwölften Jahre hatte er als
Samuel Wolfsohn den Schmutz eines ungarischen Nestes, Szentes, an den
Füßen herumgeschleppt und sich von Zwiebeln ernährt. Sein Vater war
Leichenwäscher und Totengräber. Mit dreizehn Jahren kam er als Lehrling
in eine Bank nach Budapest, wo er fünf Jahre blieb. Hier in Budapest
begann ihn zuerst »der Rock zu zwicken,« wie er sich ausdrückte.
Ausgehöhlt von Ehrgeiz, Verzweiflung, Scham und Machtgelüsten war er,
krank von tollen Wünschen. Er sammelte sich zu einem verzweifelten
Sprung. Obacht, nun kam er! Und Samuel Wolfsohn schuftete Tag und
Nacht, die Zähne zusammengebissen, mit wütender Energie. Er lernte
Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch. Und
siehe da, sein Gehirn saugte diese Sprachen ohne große Schwierigkeiten
auf wie ein Löschblatt die Tinte. Er machte sich an Teppichhändler,
Orangenverkäufer, Kellner, Studenten, Taschendiebe heran, um sich in
der Aussprache zu üben. Sein Ziel war Wien! Er kam nach Wien, aber auch
hier zwickte ihn der Rock. Er kam sich wie mit tausend Riemen gefesselt
vor. Sein Ziel war Berlin! Samuel Wolfsohn ahnte die Marschroute. Er
nagelte noch weitere hunderttausend Vokabeln in sein Gedächtnis und
lernte die ausländischen Zeitungen auswendig. Nach drei Jahren gelang
es ihm, gegen einen Hungerlohn als Korrespondent bei einem Börsenmakler
in Berlin anzukommen. Aber auch in Berlin zwickte ihn der Rock! Hier
war er plötzlich _Ungar_ und _Jude_. Er sagte sich, daß der Weg über
London führen müsse und bombardierte die Londoner Bankhäuser mit
Offerten. Ohne Erfolg. Die in London brauchten ihn nicht, aber er,
Samuel Wolfsohn, wollte sie zwingen, ihn zu brauchen. Sein Instinkt
wies ihn auf Chinesisch hin. Sein Gehirn saugte auch diese schwierige
Sprache auf; die Aussprache übte er mit einem chinesischen Studenten,
dem er als Entgelt Briefmarken verschaffte. Samuel Wolfsohn lebte
elender als ein Hund. Er gab nie einen Pfennig Trinkgeld, er hatte
den Mut, die frechste Schnauze eines Berliner Kellners zu überhören.
Er nahm nie eine Elektrische, sondern schleppte sich heroisch auf
seinen elenden, schmerzenden Plattfüßen, die voller Hühneraugen waren,
dahin; er gab Sprachstunden für achtzig Pfennig, er übersetzte.
Geld! Seine tollen Wünsche schüttelten ihn, sein Ehrgeiz knirschte,
die kühnsten Verheißungen blendeten sein Hirn. Keine Pause, keine
Erholung, kein Schlaf, keine Liebelei. Demütigungen und Züchtigungen,
die das Leben über ihn verhängte, konnten ihn nicht mürbe machen,
er krümmte den Rücken und richtete sich wieder auf. Entweder, oder!
Plötzlich aber setzte er alles auf eine Karte! Er kündigte seine
Stellung! Er bezahlte einem Zahnarzt dreißig Mark für eine Plombe und
das Reinigen seines Gebisses. Er kaufte elegante Schuhe, ließ sich
bei einem ersten Schneider einen englischen Anzug bauen und dampfte
als Gentleman nach London. Nach vierwöchigen fruchtlosen Bemühungen
stieß er hier bei Tayler and Terry, Bankers, auf einen Wolfsohn, der
schon die Metamorphose hinter sich hatte. Dieser Wolfsohn sprach
genau so viele Sprachen wie er und machte sich einen Spaß daraus, dem
jungen Schwung das Genick zu brechen. Aber er brach es nicht. Es war
der größte Erfolg seines Lebens. Der arrivierte Wolfsohn ließ einen
chinesischen Dolmetsch kommen und versteinerte, als er hörte, daß die
beiden eine regelrechte Unterhaltung führten. Drei Tage später war
Samuel Wolfsohn wieder in Berlin, aber -- ~if you please!~ -- nicht,
um dazubleiben! Er war nun Mr. S. Wolfson (ohne h) aus London, sprach
ausschließlich Englisch und fuhr am selben Abend als nobler Reisender,
der die Bedienung des Schlafwagens tyrannisierte, nach Schanghai
weiter. In Schanghai fühlte er sich schon wohler. Er sah Luft, den
Horizont. Aber immer noch zwickte ihn der Rock ein wenig. Hier war
er _kein Engländer_, so peinlich genau er auch seine Klubgenossen
kopierte. Er ließ sich taufen, wurde Katholik, obgleich es niemand
von ihm verlangte. Er machte Ersparnisse (der alte Wolfsohn konnte
seine Leichenwäscherei aufgeben) und ging nach Amerika. Endlich konnte
er frei atmen! Er hatte endlich einen weiten Rock an, in dem er sich
wohlfühlte. Die Bahn war frei, alle Geschwindigkeitsenergien, die er in
sich aufgespeichert hatte, konnte er entfesseln. Resolut stieß er die
Endsilben seiner Namen ab, wie eine Eidechse den Schwanz, und nannte
sich Sam Wolf. Damit aber niemand auf den Gedanken kommen sollte, er
sei ein _Deutscher_, schob er noch ein o ein. Er verleugnete seinen
englischen Akzent, ließ sich den englischen Schnurrbart rasieren und
sprach durch die Nase; er gebärdete sich laut und gutgelaunt, er war
der erste, der den Rock auszog und in Hemdärmeln über die Straße ging.
Er lag wie ein Vollblutamerikaner im Thronsessel der Schuhputzer. Damit
war aber die Zeit vorbei, da man ihn in jede beliebige Form pressen
konnte, dreieckig, viereckig, kugelförmig, wie es sein mußte. S. Woolf
stoppte ab. Er hatte diese Verwandlungen nötig gehabt, um er selbst
zu werden. Punktum! Einige Jahre schuftete er an der Baumwollenbörse
in Chikago, dann kam er nach New York. Ausgerechnet von hinten her,
um den Erdball herum, war er dahin gekommen, wohin er gehörte. Seine
Kenntnisse, sein Genie, seine unerhörte Arbeitskraft brachten ihn rasch
in die Höhe, und nun preßte er mit seinen Patentsohlen fest und gehörig
auf die Schultern unter ihm, genau so, wie man ihn gepreßt hatte. Er
legte den lauten Brokerton ab, er wurde würdevoll, und zum Zeichen,
daß er arriviert sei und tun könne, was er wolle, schaffte er sich ein
individuelles Gesicht an: er ließ sich einen kurzen Backenbart stehen.

In New York widerfuhr ihm ein zweites Mal ein ähnliches Glück wie vor
Jahren in London. Er stieß auf einen zweiten S. Woolf, aber auf einen
S. Woolf von ungeheurem Kaliber. Er stieß auf Lloyd! Damals war er
bei der Union-Exchange, keineswegs in erster Stellung. Aber das Glück
wollte es, daß er ein kleines Manöver gegen Lloyd einzuleiten hatte. Er
machte ein paar geschickte Schachzüge, und Lloyd -- beschlagen in allen
Eröffnungen dieser Art von Schachspiel, ein Kenner -- fühlte, daß er
es hier mit einem Talent zu tun hatte. Das war nicht die Taktik W. P.
Griffith' und T. Lewis', nein -- und als Lloyd anklopfte, kam S. Woolf
heraus, und er sicherte sich dieses Talent. S. Woolf stieg und stieg
-- sein Auftrieb war so gewaltig, daß er nicht stillstehen konnte,
bevor er nicht ganz oben war. So landete er im Alter von zweiundvierzig
Jahren -- etwas fett schon und asthmatisch, hartgebrannt vom Ehrgeiz --
im Atlantik-Tunnel-Syndikat.

S. Woolf hatte auf seinem Weg nur einmal eine kurze Pause gemacht, und
sie war ihm teuer zu stehen gekommen. Er hatte sich in Chikago in eine
hübsche Wienerin verliebt und sie geheiratet. Aber die Schönheit der
Wienerin, die seine Sinne entzündete, war bald verblüht, und nichts war
geblieben als eine zänkische, arrogante, kränkelnde Ehefrau, die ihn
mit ihrer Eifersucht bis aufs Blut peinigte. Genau vor sechs Wochen
war diese Frau gestorben. S. Woolf trauerte ihr nicht nach. Er brachte
seine zwei Söhne in eine Pension, nicht nach Europa etwa, sondern
nach Boston, wo sie zu freien, gebildeten Amerikanern erzogen werden
sollten. Er richtete einer lichtblonden Schwedin, die Gesang studierte,
ein kleines Appartement in Brooklyn ein -- und dann nahm er einen
tiefen Atemzug und begann seine Tätigkeit im Syndikat.

Am ersten Tag schon kannte er Namen und Personalien seines ungeheuren
Stabs von Subdirektoren, Prokuristen, Kassierern, Buchhaltern, Clerks,
Stenotypistinnen, am zweiten Tag hatte er sämtliche Zügel in die Hand
genommen und am dritten Tage war es, als ob er diesen Posten schon seit
Jahren bekleidete.

Lloyd hatte S. Woolf empfohlen als den bedeutendsten Finanzpraktiker,
den er in seinem Leben kennen gelernt habe, und Allan, dem die
Persönlichkeit S. Woolfs fremd und wenig sympathisch war, mußte schon
nach wenigen Tagen gestehen, daß er, wenn nicht mehr, zum mindesten ein
bewundernswerter Arbeiter war.



4.


Die Subskriptions-Einladung war veröffentlicht, und der Tunnel begann
zu schlucken!

Die Aktien lauteten auf tausend Dollar. Die Shares auf hundert, zwanzig
und zehn Dollar.

Die kahle Riesenhalle der New York-Stock-Exchange erdröhnte am Tage der
Emission von ungeheurem Lärm. Seit vielen Jahren war kein Papier mehr
auf den Markt gekommen, dessen Zukunft sich so wenig vorherbestimmen
ließ. Sie konnte unerhört glänzend sein, sie konnte keinen Cent
Wert haben. Die Spekulation fieberte vor Erregung, verhielt sich
aber abwartend, da niemand den Mut aufbrachte voranzugehen. Aber S.
Woolf hatte schon Wochen vorher in Schlafwagen zugebracht und die
Stellung sondiert, die die schwere Industrie, die das größte Interesse
am Tunnel hatte, dem Syndikat gegenüber einnahm. Er ratifizierte
keinen Auftrags-Vertrag, bevor er sich nicht überzeugt hatte, daß
sein Mann ihm sicher war. So kam es, daß die Agenten der schweren
Industrie Punkt zehn Uhr einen Rush starteten. Sie erwarben für rund
fünfundsiebzig Millionen Dollar Aktien.

Der Damm war gebrochen ...

Allan aber war es in erster Linie um das Geld des Volkes zu tun. Nicht
eine Rotte von Kapitalisten und Spekulanten sollte den Tunnel bauen, er
sollte Eigentum des Volkes, Amerikas, der _ganzen_ Welt werden.

Und das Geld des Volkes ließ nicht auf sich warten.

Die Menschen haben stets die Kühnheit und den Reichtum bewundert. Die
Kühnheit ist ein Triumph über den Tod, der Reichtum ein Triumph über
den Hunger, und nichts fürchten die Menschen mehr als Tod und Hunger.

Selbst unfruchtbar, stürzten sie sich von jeher auf fremde Ideen, um
sich daran zu erwärmen, zu entflammen und über die eigene Dumpfheit und
Langeweile wegzutäuschen. Sie waren ein Heer von Zeitungslesern, die
dreimal täglich ihre Seele mit den Schicksalen unbekannter Menschen
heizten. Sie waren ein Heer von Zuschauern, die sich stündlich an
den tausendfältigen Kapriolen und tausendfältigen Todesstürzen ihrer
Mitmenschen ergötzten, in dumpfem Grimm über die eigene Ohnmacht und
Bettelarmut. Nur wenige Auserwählte konnten sich den Luxus leisten,
selbst etwas zu erleben. Den andern fehlte Zeit und Geld und Mut, das
Leben ließ ihnen nichts. Sie wurden fortgerissen von dem sausenden
Treibriemen, der um den Erdball fegte, und wer das Zittern bekam und
den Atem verlor, stürzte ab und zerschmetterte und niemand kümmerte
sich um ihn. Niemand hatte Zeit und Geld und Mut, sich um ihn zu
kümmern, auch das Mitgefühl war Luxus geworden. Die alten Kulturen
waren bankerott und die Masse war kaum der Beachtung wert: etwas
Kunst, etwas Religion, Christian Science, Heilsarmee, Theosophie und
spiritistischer Schwindel -- kaum genug, um den seelischen Bedarf einer
Handvoll Menschen zu decken. Ein bißchen billige Zerstreuung, Theater,
Kinos, Boxkämpfe und Varietés, wenn der sausende Treibriemen auf ein
paar Stunden stillestand -- um das Schwindelgefühl zu überwinden. Aber
viele hatten alle Hände voll zu tun, ihren Körper zu trainieren, damit
sie Kraft genug hatten, die Reise morgen wieder mitmachen zu können.
Dieses Training nannten sie Sport.

Das Leben war heiß und schnell, wahnsinnig und mörderisch, leer,
sinnlos. Tausende warfen es fort. Eine neue Melodie, wenn wir bitten
dürfen, nicht die alten Gassenhauer!

Und Allan gab sie ihnen. Er gab ihnen ein Lied aus Eisen und
knisternden elektrischen Funken, und sie verstanden es: es war das Lied
ihrer Zeit und sie hörten seinen unerbittlichen Takt in den rauschenden
Hochbahnzügen über ihren Köpfen.

Dieser Mann versprach keine Claims im Himmel, er behauptete nicht,
daß die menschliche Seele sieben Etagen habe. Dieser Mann trieb
keinen Humbug mit endgültig vergangenen und unkontrollierbaren
zukünftigen Dingen, dieser Mann war die Gegenwart. Er versprach etwas
Handgreifliches, das jeder verstehen konnte: er wollte ein Loch durch
die Erde graben, das war alles!

Aber trotz der Einfachheit erkannte jedermann, wie unendlich kühn das
Projekt dieses Mannes war. Und: es war umblendet von Millionen!

Zuerst floß das Geld des »kleinen Mannes« nur spärlich, dann aber in
Strömen. Durch New York, Chikago, San Franzisko, ganz Amerika schwirrte
das Wort »Tunnel-Shares.« Man sprach von den Viktoria-Rand-Mine-Shares,
den Continental Radium-Shares, die ihren Mann reich gemacht hatten.
Die Tunnel-Shares konnten alles bisher Dagewesene glatt hinter sich
lassen. Man konnte --! O, ~go on~, ja, und man brauchte es! Es handelte
sich nicht um tausend Dollar mehr oder weniger, es handelte sich darum,
sich den Rückzug ins Alter zu decken, bevor einem die Zähne aus dem
Kiefer fielen.

Wochenlang wälzte sich ein Strom von Menschen über die Granittreppe
des Syndikatgebäudes. Denn obwohl man die Shares an hundert anderen
Orten ebensogut kaufen konnte, wollte sie doch jedermann frisch aus
der Quelle haben. Es waren Kutscher, Chauffeure, Kellner, Liftboys,
Clerks, Ladenmädchen, Handwerker, Diebe, Juden, Christen, Amerikaner,
Franzosen, Deutsche, Russen, Polen, Armenier, Türken, alle Nationen
und Schattierungen der Haut, die sich vor dem Gebäude des Syndikats
zusammenknäulten und erhitzten durch Gespräche über Shares, Minen,
Dividende, Gewinn. Ein Geruch von Geld lag in der Luft! War es nicht,
als ob solides Geld, solide Dollarnoten aus dem grauen Winterhimmel
über Wallstreet herabregneten?

An manchen Tagen war der Andrang so groß, daß die Beamten gar nicht
die Zeit hatten, das einkassierte Geld zu ordnen. Es war, bei Gott,
wie in den fernen Tagen des Franklin-Syndikats, den Tagen des seligen
»520% Miller.« Die Beamten warfen das Geld einfach hinter sich auf den
Boden. Sie wateten bis an die Knöchel im Geld, und unaufhörlich waren
Diener beschäftigt, das Geld in Waschkörben wegzuschleppen. Diese Flut
von Geld, die nicht abnahm, sondern stetig wuchs, zauberte einen Glanz
wahnsinniger Gier in die Augen der Köpfe, die sich in die Schalter
zwängten. Eine Handvoll -- soviel als sie mit einer Hand packen
konnten! -- und sie, die Nummern, Motoren, Automaten, Maschinen,
waren: Menschen. Schwindlig im Hirn wie nach Ausschweifungen gingen sie
weg, berauscht von Träumen, Fieber in den Augen; wie Millionäre.

In Chikago, St. Louis, Frisko, in allen großen und kleinen Städten der
Staaten spielten sich ähnliche Szenen ab. Es gab keinen Farmer, keinen
Cowboy, keinen Miner, der nicht in A. T. S.-Shares spekulierte.

Und der Tunnel schluckte, der Tunnel trank das Geld, wie ein
Riesenungeheuer mit vorsintflutlichem Durst. Auf beiden Seiten des
Ozeans schluckte er.



5.


Die große Maschine lief mit ihrer vollen Geschwindigkeit, und Allan
sorgte dafür, daß sie das Tempo beibehielt.

Sein Prinzip war, daß man alles in der Hälfte der Zeit tun könne, die
man zu brauchen glaubt. Alle Menschen, die mit ihm in Berührung kamen,
nahmen unbewußt sein Tempo an. Das war Allans Macht.

Der zweiunddreißigstöckige menschliche Bienenkorb aus Eisen und Beton
roch von den Tresors im Souterrain bis hinauf zur Marconi-Station auf
dem flachen Dach nach Schweiß und Arbeit. Seine achthundert Zellen
wimmelten von Beamten, Clerks, Stenotypistinnen. Seine zwanzig Lifts
schossen den ganzen Tag auf und ab. Es gab hier Paternosteraufzüge,
in die man hineinsprang, während sie vorbeiflogen. Es gab Lifts, die
nicht bis zum zehnten, zwanzigsten Stockwerk hielten, D-Lifts, es gab
einen Lift, der bis zum obersten Stockwerk durchsauste. Kein einziger
Quadratmeter der zweiunddreißig Etagen lag brach. Post, Telegraph,
Kassen, Zentralen für Hochbau, Tiefbau, Kraftwerke, Städtebau,
Maschinen, Schiffe, Eisen, Stahl, Zement, Holz. Bis spät in die Nacht
hinein stand das Gebäude wie ein feenhaft beleuchteter Turm im bunten,
klingenden Gewimmel des Broadway.

Über die ganze Breite der obersten vier Etagen spannte sich ein
enormes, von Hobby entworfenes Reklametableau, das aus Tausenden von
farbigen Glühlampen gebildet war. Eine Riesenkarte des atlantischen
Ozeans, umrahmt von den Farben der stars and stripes. Der Atlantik
blaue, ewig bebende Wellenlinien, links Nordamerika, rechts Europa mit
den britischen Inseln, kompakte, blitzende Sternhaufen. Tunnel-City,
Biskaya, Azora, Bermuda und Finisterra Klötze rubinfarbiger Lichter,
die wie Scheinwerfer blenden. Auf dem Ozean, etwas näher zu Europa,
ein Dampfer, getreu in Lichtern nachgeahmt. Dieser Dampfer aber kommt
nicht von der Stelle. Unter den blauen Wellenlinien ist mit roten
Lampen eine sanfte Kurve gezeichnet, die über die Bermudas und Azoren
nach Spanien und Frankreich führt: der Tunnel. Durch den Tunnel aber
jagen unaufhörlich feurige Züge zwischen den Kontinenten hin und
her. Züge von sechs Waggons, in Abständen von fünf Sekunden! Ein
Lichtnebel steigt aus dem glitzernden Tableau empor, das getragen
wird von ruhigen, selbstbewußten, breiten, milchweißen Riesenlettern:
Atlantik-Tunnel.

Je erregter die Luft um Allan fieberte, desto wohler fühlte er sich.
Seine Laune war ausgezeichnet. Er sah stets heiß und angeregt aus,
kräftiger und gesünder denn je. Sein Kopf saß noch freier auf den
Schultern und diese Schultern waren noch breiter und stärker geworden.
Seine Augen hatten den kindlichen, gutmütigen Ausdruck verloren,
ihr Blick war bestimmt und gesammelt. Selbst sein Mund, früher
zusammengepreßt, war erblüht, gesättigt von einem unmerklichen und
undefinierbaren Lächeln. Er aß mit gesundem Appetit, schlief tief
und traumlos und arbeitete -- nicht überstürzt, aber gleichmäßig und
ausdauernd.

Maud dagegen hatte eingebüßt an Glanz und Frische. Ihre Jugend war
vorbei, sie war aus einem Mädchen eine Frau geworden. Ihre Wangen
zeigten nicht mehr die alte frische Röte, sie waren etwas fahler und
schmaler geworden, gespannt, aufmerksam, und ihre glatte Stirn war
nachdenklich gefaltet.

Sie litt.

Im Februar und März hatte sie einige herrliche Wochen verlebt, die sie
für Langeweile und Leere des Winters entschädigten. Sie war mit Mac
auf den Bermudas, Azoren, und in Europa gewesen. Besonders während
sie auf See waren, hatte sie Macs Gesellschaft fast den ganzen Tag
über genießen können. Nach der Heimkehr aber war es ihr um so schwerer
geworden, sich wieder in Bronx einzugewöhnen.

Mac war wochenlang unterwegs. Buffalo, Chikago, Pittsburg, Tunnel-City,
Kraftwerke an der Küste. Er lebte in D-Zügen. In New York aber
erwartete ihn schon wieder ein Berg von Arbeit.

Zwar kam er nun häufiger nach Bronx, wie er versprochen hatte, aber
fast immer, und selbst an den Sonntagen, brachte er Arbeit mit, die
keinen Aufschub erlaubte. Häufig kam er nur, um zu schlafen, zu baden,
zu frühstücken, und wieder war er fort.

Im April stand die Sonne schon hoch am Himmel und einige Tage waren
sogar drückend heiß. Maud promenierte mit Edith, die nun schon tapfer
an ihrer Seite einhertrippelte, im Bronx-Park, der von modernder Erde
und jungem Laub herrlich roch. Wie im vorigen Sommer stand sie wieder,
mit Edith auf dem Arm, stundenlang vor dem Affenkäfig und lachte.
Die kleine Edith ritt, rotglühend vor Vergnügen, auf einem zierlichen
Shetlandpony, sie warfen den Bären, die mit aufgesperrten Rachen an den
Gittern hockten, Brotstücke in die Mäuler, sie besuchten die Löwenbabys
-- so verging der Nachmittag. Zuweilen wagte sich Maud auch mit ihrem
Kind in die lärmende, staubende City hinein; sie hatte das Bedürfnis,
das Leben zu spüren. Gewöhnlich landete sie dann in den Anlagen der
Battery, wo die Hochbahnzüge über den Köpfen der spielenden Kinder
dahindonnern. Von dem ganzen endlosen New York liebte Maud diese Stelle
am meisten.

Neben dem Aquarium standen Bänke und hier nahm Maud Platz und träumte
über die Bai hinaus, während ihr Mädchen mit bunten Geschirren im
Sand spielte und vor Anstrengung und Aufregung laut schnaufte. Die
weißen Ferryboote pendelten unaufhörlich zwischen Hoboken, Ellis
Island, Bedloes Island, Staaten-Island und New York-Brooklyn hin und
her. Die milchige, weite Bai und der Hudson wimmelten von ihnen, oft
konnte sie dreißig zur gleichen Zeit zählen. Auf allen bewegte sich
ein weißer, doppelarmiger Hebel, dem Wagbalken einer Wage ähnlich,
ohne Pause auf und ab. So sah es aus, als marschierten die Dampfer
in Siebenmeilenstiefeln dahin. Die Central of New Jersey Ferry
kam beladen mit Eisenbahnwagen vorüber, Tugs und kleine Zollboote
schossen aufgeregt durch das Wasser. Fern im Sonnennebel stand die
lichte Silhouette der Freiheitstatue, und es schien, als schwebe sie
auf dem Wasser. Dahinter zog ein blauer Streifen, das war Staaten
Island, schon kaum mehr zu sehen. Aus den Kaminen der Dampfer schoß
ein weißer Dampfstrahl und nach einer Weile hörte man Tuten und
Pfeifen. Die Bai war voller Stimmen, vom schrillsten Winseln der
Tugs bis zum tiefen Brummen der Ozeandampfer, das die Luft weithin
erschütterte. Unausgesetzt rasselten Ketten und in der Ferne wurde
Eisen gehämmert. Der Lärm war so vielstimmig und mannigfaltig, daß er
wie ein sonderbares Konzert wirkte und Träumereien und Nachdenklichkeit
erzeugte.

Plötzlich tutete es ganz nahe: ein riesiger Schnelldampfer schob sich
in der Sonne durch das schmutziggrüne Wasser des Hudson; die Kapelle
spielte an Bord, alle Verdecke waren mit Menschenköpfen punktiert und
im Hinterschiff stand die schwarze Masse der Zwischendecker.

»Winke, Edith, winke dem Dampfer!«

Und Edith sah auf, schwang den kleinen Blecheimer und schrie -- genau
wie die Pfeife der Tugs.

Wenn sie aufbrachen, so wollte Edith stets zum Vater gehen. Aber Maud
erklärte ihr, daß sie Vater nicht stören dürften.

Maud nahm wieder eifrig ihr Klavierspiel auf. Sie übte fleißig und
nahm wieder Unterricht. Wieviel sie verlernt hatte! Ein paar Wochen
lang besuchte sie alle großen Konzerte; sie spielte selbst an zwei
Abenden im Monat im Heim der Verkäuferinnen und Blusenarbeiterinnen.
Aber das Entzücken, das ihr mit der Musik ins Blut strömte, mischte
sich mehr und mehr mit einer quälenden, dumpfen Sehnsucht, so daß
sie nach einiger Zeit immer seltener musizierte und es schließlich
ganz aufgab. Sie besuchte Vorträge über Kindererziehung, Hygiene,
Ethik und Tierschutz. Ihr Name erschien sogar unter den Komiteedamen
von Vereinigungen für Invalidenfürsorge und Waisenerziehung --
jene modernen Ambulanzen, wo die Wunden verbunden werden, die die
unbarmherzige Schlacht der Arbeit schlägt.

Aber es blieb eine Leere in ihr zurück, eine Leere, in der es brodelte
von Groll und Verlangen.

Gegen Abend klingelte sie Mac regelmäßig an, und sie fühlte sich schon
ruhiger, wenn sie seine Stimme hörte.

»Wirst du heute abend zu Tisch kommen, Mac?« fragte sie und lauschte
schon gespannt auf seine Antwort, während sie noch sprach.

»Heute? Nein, heute ist es unmöglich. Aber morgen komme ich, ich richte
es ein. Wie geht es Edith?«

»Besser als mir, Mac!« Aber sie lachte dabei, um Mac zu täuschen.

»Kannst du sie an den Apparat bringen, Maud?«

Und Maud, glücklich darüber, daß er an ihr Kind dachte, hob die Kleine
in die Höhe und Edith mußte irgend etwas in das Telephon plappern.

»Nun adieu, Mac! Es schadet ja nichts, daß es heute nicht geht, aber
morgen kenne ich keine Gnade -- hörst du?«

»Ja, ich höre. Morgen bestimmt. Gute Nacht, Maud!«

Später aber kam es häufig vor, daß es Lion nicht gelang, Mac an den
Apparat zu bringen, da er unmöglich abkommen könne.

Und Maud, unglücklich und zornig, warf den Hörer heftig hin und kämpfte
mit den Tränen.

An den Abenden las sie. Sie las ganze Bücherschränke aus. Aber sie
fand bald, daß die meisten Bücher nichts als Lüge waren. ~No, my
dear~, das Leben war ganz anders! Zuweilen aber fand sie ein Buch,
das ihr ihren Jammer in seiner ganzen Größe bestätigte. Sie ging
unglücklich, mit Tränen in den Augen, in den leeren, stillen Zimmern
hin und her. Schließlich kam sie auf die großartige Idee, selbst ein
Buch zu schreiben. Ein ganz eigenartiges Buch -- und damit wollte sie
Mac überraschen! Die Idee berauschte sie. Einen ganzen Nachmittag lief
sie in der Stadt umher, um ein Buch aufzutreiben, wie sie es im Kopfe
hatte. Endlich fand sie, was sie wünschte. Es war ein Tagebuch, in
Alligatorhaut gebunden, mit feinem gelblichen Papier. Gleich nach Tisch
begann sie ihre Arbeit. Sie schrieb auf die erste Seite: Leben meines
kleinen Töchterchens Edith und was sie sagte.

  Niedergeschrieben von ihrer Mutter Maud.

»Gott möge sie beschirmen, die süße Edith,« schrieb sie auf das zweite
Blatt. Und auf dem dritten fing sie an.

»~To begin with my sweet little daughter was born ...~«

Das Buch sollte Mac zu Weihnachten bekommen. Die Arbeit entzückte sie
und vertrieb ihr viele einsame Abende. Jede Kleinigkeit aus dem Leben
ihres jungen Töchterchens buchte sie gewissenhaft. Alle drolligen
Aussprüche und alle naiven und weisen Fragen, Bemerkungen und Ansichten
ihres Kindes. Zuweilen schweifte sie auch ab und verlor sich in ihre
eigenen Sorgen und Gedanken.

Sie lebte vom Sonntag auf den Sonntag, da Mac sie besuchte. Die
Sonntage waren ein Fest für sie. Sie schmückte das Haus, sie entwarf
einen besonderen Speisezettel, der Mac für die ganze Woche entschädigen
sollte. Aber zuweilen konnte Allan auch am Sonntag nicht abkommen.

An einem Sonntag wurde er plötzlich in die Stahlwerke nach Buffalo
gerufen. Und am folgenden Sonntag brachte er Herrn Schlosser, Chef
der Baustelle auf den Bermudas, mit nach Bronx und Maud hatte so gut
wie nichts von ihm, denn die beiden benutzten den Tag zur Erörterung
technischer Fragen.

Da erschien Maud eines Nachmittags zu ungewöhnlicher Stunde im
Syndikatgebäude und ließ Mac durch Lion sagen, daß sie ihn sofort zu
sprechen wünsche.

Sie wartete im Speisezimmer, das an Macs Arbeitssaal stieß und hörte
eine rasselnde, fettige Stimme eine Reihe von Banken nennen.

»-- Manhattan -- Morgan Co. -- Sherman --«

Sie erkannte die Stimme von S. Woolf, den sie nicht ausstehen konnte.
Plötzlich brach er ab und Mac rief: »Sofort, sage sofort, Lion.«

Lion trat ein und gab flüsternd Bescheid.

»Ich kann nicht warten, Lion!«

Der Chinese blinzelte verlegen und schlich lautlos hinaus.

Gleich darauf trat Mac ein, heiß von der Arbeit, in bester Laune.

Er fand Maud, das Gesicht in das Taschentuch gedrückt und heftig
weinend.

»Maud?« fragt er bestürzt. »Was gibt es? Etwas mit Edith?«

Maud schluchzte lauter. Edith! Edith! An sie dachte er gar nicht.
Konnte nicht mit ihr etwas sein? Ihre Schultern schüttelte das Weinen.

»Ich halte es ganz einfach nicht mehr aus!« schluchzte sie und preßte
das Gesicht noch tiefer ins Taschentuch. Immer heftiger weinte sie. Sie
konnte nun gar nicht mehr aufhören, wie ein Kind, das zu weinen anfing.
All ihr Groll und Kummer mußte heraus.

Mac stand eine Weile ratlos. Dann berührte er Mauds Schulter und sagte:
»Aber höre doch, Maud -- ich konnte ja nichts dafür, daß uns Schlosser
den Sonntag verdarb. Er kam von seiner Station herüber und konnte
unmöglich länger als zwei Tage bleiben.«

»Das ist es ja gar nicht. Dieser eine Sonntag --! Gestern nun war
Ediths Geburtstag ... ich habe gewartet ... ich habe gedacht ...«

»Ediths Geburtstag?« sagte Allan verlegen.

»Ja. Du hast ihn vergessen!«

Da stand nun Mac beschämt da. »Wie konnte ich nur?« sagte er. »Noch
vorgestern dachte ich daran!« Nach einer Pause fuhr er fort: »Höre,
kleine Maud, ich muß soviel im Kopf haben in diesen Tagen; es ist ja
nur, bis der Anfang gemacht ist --«

Da sprang Maud auf und stampfte mit dem Fuße und sah ihn zornrot
an, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. »Das sagst du immer
-- seit Monaten sagst du das! -- O, was für ein Leben!« schluchzte
sie und warf sich wieder in den Stuhl und bedeckte das Gesicht mit
dem Taschentuch. Mac wurde immer ratloser. Er stand da wie ein
ausgescholtener Schulknabe und errötete. Noch nie hatte er Maud so
aufgebracht gesehen.

»Nun, höre doch, Maud,« begann er wieder, »es gibt mehr Arbeit, als
ein Mensch annehmen konnte -- aber das wird bald besser werden.« Und
er bat sie, noch eine Weile Geduld mit ihm haben zu wollen, sich zu
zerstreuen, zu musizieren, Konzerte, Theater zu besuchen.

»O, das habe ich alles schon versucht, es ist langweilig -- es wächst
mir zum Hals heraus -- und immer zu warten und zu warten --!«

Mac schüttelte den Kopf und sah hilflos auf Maud.

»Ja, was sollen wir mit dir tun, ~girlie~ -- was sollen wir mit dir
anfangen?« fragte er leise. »Vielleicht gingst du besser einige Wochen
aufs Land? Nach Berkshire?«

Maud hob rasch den Kopf und sah ihn mit nassen, blanken Augen an.

»Willst du mich ganz los sein?« fragte sie mit offenem Mund.

»Ach, nein, nein. Ich will nur dein Bestes, liebste Maud. Du tust mir
leid -- ja, aufrichtig --«

»Ich will nicht, daß ich dir leid tue, nein ...« Und von neuem
schüttelte sie dies heftige, dumme Weinen.

Mac nahm sie auf den Schoß und bemühte sich, sie durch Liebkosungen zu
beruhigen, während er auf sie einsprach. »Ich komme heute abend nach
Bronx!« sagte er schließlich, als sei damit alles wieder in Ordnung
gebracht.

Maud trocknete ihr schwimmendes Gesicht ab.

»Gut. Aber wenn du später als halb neun Uhr kommst, so lasse ich mich
_scheiden_ von dir!« Und sie wurde plötzlich tiefrot im Gesicht, als
sie dies sagte. »Ich habe oft daran gedacht -- ja, Mac, lache nur,
das ist keine Art, seine Frau zu behandeln, das sage ich dir.« Sie
umschlang Mac und preßte ihre heiße Wange an sein braunes Gesicht und
flüsterte: »O, ich liebe dich so, Mac! Ich liebe dich ja so!«

Ihre Augen glänzten, als sie die zweiunddreißig Stockwerke im Lift
abstürzte. Sie fühlte sich wohl und heiß im Herzen, aber schon schämte
sie sich ein wenig. Sie dachte an Macs Bestürzung, den Kummer in
seinen Augen, seine Ratlosigkeit und das versteckte Erstaunen, daß
sie so wenig verstände, wie notwendig all diese Arbeit war. >Wie eine
dumme Gans habe ich mich benommen< -- dachte sie -- >so töricht! Was
wird Mac nun wohl von mir denken? Daß ich keinen Mut, keine Geduld
und kein Verständnis für seine Arbeit habe -- und wie dumm war es ihm
vorzulügen, daß ich schon oft an Scheidung gedacht hätte.< Das war ihr
erst in diesem Augenblick eingefallen.

»Ja, in der Tat, wie eine Gans -- ~a real goose!~ -- habe ich mich
benommen,« sagte sie halblaut, als sie in den Wagen einstieg und lachte
leise, um sich über die beschämende Empfindung, sich töricht betragen
zu haben, wegzuhelfen.

Allan gab Lion den Auftrag, ihn ein Viertel vor acht aus dem Bureau
zu werfen. Pünktlich! Ein paar Minuten vor acht eilte er rasch in ein
Geschäft und kaufte eine Menge Geschenke für Edith und einige für Maud,
ohne lange zu wählen, denn von diesen Dingen verstand er nichts.

>Sie hat recht, Maud,< dachte er, während er im Auto die sechs Meilen
lange schnurgerade Lexington Avenue hinaufschnurrte, und er grübelte
angestrengt darüber nach, wie er es künftighin einrichten wolle, um
sich seiner Familie mehr widmen zu können. Aber er kam zu keinem
Resultat. Die Wahrheit war die, daß die Arbeit von Tag zu Tag mehr
anschwoll, anstatt weniger zu werden. >Was soll ich tun?< dachte er.
>Wenn ich einen Ersatz für Schlosser hätte, er ist zu unselbständig.<

Dann erinnerte er sich, daß er einige dringliche Briefe in der Tasche
hatte, überlas sie und setzte den Namen darunter. Beim Harlem-River war
er damit fertig. Er ließ halten und die Briefe einwerfen. Es war noch
zehn Minuten bis halb neun.

»Nimm Boston Road, Andy, ~let her rip~, aber überfahre niemand.«

Und Andy fegte Boston Road entlang, daß die Passanten taumelten und ein
Berittener ihre Verfolgung im Galopp aufnahm. Mac legte die Füße auf
den Sitz gegenüber, zündete sich eine Zigarre an und schloß übermüdet
die Augen. Er war nahezu eingeschlafen, als das Auto mit einem Ruck
hielt. Das ganze Haus war festlich erleuchtet.

Maud rannte wie ein Mädchen die Treppe herab und fiel Mac um den Hals.
Noch während sie durch den Vorgarten lief, rief sie: »Oh, ich bin eine
solche Gans, Mac!«

Sie kümmerte sich nicht darum, daß der Chauffeur es hörte.

Ja, nun wollte sie aber Geduld haben und nie mehr klagen.

»Ich schwöre es dir, Mac!«



6.


Maud hielt Wort, aber es wurde ihr nicht leicht.

Sie beklagte sich nicht mehr, wenn Mac am Sonntag ausblieb oder so
viele Arbeit mitbrachte, daß er ihr kaum eine Minute widmen konnte.
Mac hatte eine übermenschliche Arbeit übernommen, das wußte sie, eine
Arbeit, die andere vollkommen verzehrt haben würde, und es war ihre
Sache, ihm dazu nicht noch eine weitere Bürde aufzuladen. Im Gegenteil,
sie mußte versuchen, ihm die wenigen Feierstunden so schön wie möglich
zu gestalten.

So war sie heiter und guter Dinge, so oft er zu ihr kam, und verriet
mit keinem Wort, daß sie sich all die Tage lang unsinnig nach ihm
verzehrt hatte. Und merkwürdig -- er, Mac, fragte nicht danach, es kam
ihm gar nicht in den Sinn, daß sie leiden könnte.

Der Sommer kam, der Herbst, Bronx Park bekam gelbe Blätter und aus
den Wipfeln vor dem Haus fiel das Laub in Bündeln herab, ohne daß ein
Windstoß es berührte.

Mac fragte sie, ob sie nicht etwa nach Tunnel-City übersiedeln wolle?
Sie verbarg ihr Erstaunen. Ja, er habe wöchentlich ein paarmal dort zu
tun und beabsichtige für die Sonntagvormittage eine Art Audienzstunde
einzurichten, in der jedermann, Ingenieur wie Arbeiter, ihm seine
Wünsche und Beschwerden vortragen könne.

»Wenn du es wünschst, Mac?«

»Ich denke wohl, es wäre das beste, Maud. An und für sich will ich ja
meine Bureaus nach Tunnel-City verlegen, sobald es angeht. Freilich
fürchte ich, daß es etwas einsam für dich sein wird --?«

»Es wird nicht schlimmer sein als in Bronx, Mac,« antwortete Maud
lächelnd.

Die Übersiedlung sollte im Frühjahr stattfinden. Aber während Maud die
Vorbereitungen traf, hielt sie oft inne und dachte: >Mein Gott, was
soll ich in dieser Zementwüste anfangen?<

Sie mußte etwas beginnen, etwas, das sie beschäftigte und die törichten
Gedanken und Träumereien vertrieb.

Schließlich hatte sie eine wundervolle Idee und sie machte sich
voller Eifer an ihre Verwirklichung. Diese Idee belebte sie, und ihre
Laune war so heiter und ihr Lächeln so geheimnisvoll, daß es sogar Mac
auffiel.

Maud ergötzte sich eine Weile an Macs Neugierde, dann aber konnte sie
ihr Geheimnis nicht mehr länger bei sich behalten. Ja, die Sache sei
die: sie müsse etwas zu tun haben, eine solide Beschäftigung, eine
richtige Arbeit. Keine bloße Spielerei. Nun sei sie auf den Gedanken
gekommen, im Hospital von Tunnel-City zu arbeiten. »Untersteh' dich
nicht zu lächeln, Mac!« Ja. Es sei ihr ernst damit. Sie habe übrigens
schon den Kursus begonnen. In der Kinderklinik von ~Dr.~ Wassermann.

Mac wurde nachdenklich.

»Hast du wirklich schon angefangen damit, Maud?« fragte er, immer noch
ungläubig.

»Ja, Mac, vor vier Wochen. Wenn ich nun im Frühjahr nach Tunnel-City
komme, so habe ich eine Beschäftigung. Anders geht es nicht mehr.«

Nun aber war Mac ganz Verblüffung, Nachdenklichkeit und Ernst. Er
blinzelte vor Überraschung und fand nicht sogleich die Sprache wieder.
Maud amüsierte sich ganz großartig! Dann nickte er ein paarmal mit dem
Kopf. »Vielleicht ist es ganz gut, wenn du etwas arbeitest, Maud!«
sagte er breit und nachdenklich. »Ob es aber gerade das Hospital sein
muß --?« Plötzlich aber lachte er belustigt auf. Er sah seine kleine
Maud im Kostüm einer Krankenpflegerin vor sich. »Verlangst du eine hohe
Gage?« Maud aber ärgerte sich ein wenig über sein harmloses Lachen.

Er nahm ihren Plan für eine Laune, eine Spielerei. Er zweifelte an
ihrer Ausdauer. Er begriff gar nicht, daß es für sie eine Notwendigkeit
geworden war, zu arbeiten. Es kränkte sie, daß er sich so geringe Mühe
gab, sie zu verstehen.

>Früher kränkte mich so etwas ganz und gar nicht,< dachte sie am
folgenden Tag. >Demnach muß ich anders geworden sein.< Und Maud, die
sich Tag und Nacht quälte, aus dem einfachen Grunde, weil sie die
Gewißheit ihres Glückes verloren hatte, fing an zu verstehen, daß eine
Frau mehr wünscht als Liebe und Anbetung.

Am Abend war sie allein, es regnete herrlich und frisch draußen und sie
machte Eintragungen in ihr Journal.

Sie notierte einige Aussprüche der kleinen Edith, die deutlich die
naive Grausamkeit und den kindlichen Egoismus ihres vergötterten
Töchterchens verrieten. Eigenschaften, die allen Kindern eigen sind,
was Maud nicht vergaß hinzuzufügen. Dann spann sie ihre Gedanken
weiter aus: »Es scheint mir,« schrieb sie, »daß nur Mütter und
Gattinnen wahrhaft selbstlos sein können. Kindern und Männern ist
diese Eigenschaft nicht gegeben. Die Männer haben vor den Kindern nur
das eine voraus: sie sind selbstlos und aufopferungsvoll in kleinen,
äußerlichen, ich möchte sagen, unwesentlichen Dingen. Ihre tiefsten und
wesentlichen Regungen und Wünsche werden sie aber nie zugunsten einer
geliebten Person aufgeben. Mac ist ein Mann und ein Egoist wie alle
Männer, ich kann ihm diesen Vorwurf nicht ersparen, obgleich ich ihn
von ganzem Herzen liebe.«

Sie überzeugte sich, daß Edith schlief, nahm einen Schal und trat auf
die Veranda. Hier setzte sie sich in einen Korbsessel und lauschte dem
Rauschen des Regens. Im Südwesten stand eine düstere Feuersbrunst: New
York.

Als sie in ihr Schlafzimmer gehen wollte, fiel ihr Blick auf das
aufgeschlagene Buch am Schreibtisch. Sie las ihr Aperçu, und während
sie vorhin im Grunde ihres Herzens sogar ein wenig stolz gewesen war
auf all ihre Weisheit, schüttelte sie jetzt den Kopf und schrieb
darunter: »Eine Stunde später, nachdem ich dem Rauschen des Regens
gelauscht habe. Mache ich Mac nicht ungerechte Vorwürfe? Bin nicht ich
es, die egoistisch ist? Verlangt Mac etwas von mir? Oder verlange nicht
ich von Mac, daß er Opfer bringt? Ich glaube, daß alles, was ich vorher
geschrieben habe, kompletter Nonsens ist. Heute kann ich das Rechte
nicht mehr finden. Schön rauscht der Regen. Er gibt Frieden und Schlaf.
-- Maud, Macs kleiner Narr.«



Dritter Teil



1.


Unterdessen hatten sich Mac Allans Bohrmaschinen an den fünf
Arbeitszentralen schon meilenweit in die Finsternis hineingefressen.
Wie zwei schauerliche Tore, die in die Unterwelt hinabführen, sahen
diese Tunnelmündungen aus.

Tag und Nacht aber, ohne jede Pause, kamen endlose Gesteinszüge im
Schnellzugstempo aus diesen Toren heraufgeflogen, Tag und Nacht, ohne
Pause, stürzten sich Arbeiter- und Materialzüge in rasendem Tempo
hinein. Wie Wunden waren diese Doppelstollen, brandige schwarze Wunden,
die immerzu Eiter ausspien und frisches Blut verschlangen. Da drinnen
aber, in der Tiefe, tobte der tausendarmige Mensch!

Mac Allans Arbeit war nicht jene Arbeit, die die Welt bisher kannte,
sie war Raserei, ein höllischer Kampf um Sekunden. Er _rannte_ sich den
Weg durchs Gestein!

Die gleichen Maschinen, das gleiche Bohrermaterial vorausgesetzt,
hätte Allan mit den Arbeitsmethoden früherer Zeiten zur Vollendung des
Baus neunzig Jahre gebraucht. Er arbeitete aber nicht acht Stunden
täglich, sondern vierundzwanzig. Er arbeitete Sonn- und Feiertage.
Bei den »Vortrieben« arbeitete er mit sechs Schichten; er zwang seine
Leute, in vier Stunden das zu leisten, was sie bei langsamem Tempo in
acht Stunden geleistet haben würden. Auf diese Weise erzielte er eine
sechsfache Arbeitsleistung.

Der Ort, wo die Bohrmaschine arbeitete, der Vortrieb, hieß bei den
~tunnelmen~ die »Hölle«. Der Lärm war hier so ungeheuer, daß fast
alle Arbeiter mehr oder weniger taub wurden, trotzdem sie die Ohren
mit Watte verstopft hatten. Die Allanschen Bohrer, die den Berg
perforierten, setzten mit einem klirrenden Schrillen ein, der Berg
schrie wie tausend Kinder auf einmal in Todesangst, er lachte wie ein
Heer Irrsinniger, er delirierte wie ein Lazarett von Fieberkranken
und endlich donnerte er wie große Wasserfälle. Durch den kochend
heißen Stollen heulten fünf Meilen weit schreckliche, unerhörte Töne
und Interferenzen, so daß niemand es gehört haben würde, wenn der
Berg in Wirklichkeit zusammengestürzt wäre. Da das Getöse Kommando
und Hornsignale verschluckt hätte, so mußten alle Befehle auf
optischem Wege gegeben werden. Riesige Scheinwerfer schleuderten ihre
grellen Lichtkegel bald gleißend weiß, bald blutrot in das Chaos von
schweißüberströmten Menschenknäueln, Leibern, stürzenden Steinen, die
selbst wieder Menschenleibern ähnlich sahen, und der Staub wälzte
sich wie dicke Dampfwolken im Lichtkegel der Reflektoren. Mitten in
diesem Chaos von rollenden Leibern und Steinen aber bebte und kroch ein
graues, staubbedecktes Ungetüm, wie ein Ungeheuer der Vorzeit, das sich
im Schlamm gewälzt hatte: Allans Bohrmaschine.

Von Allan ersonnen bis auf die kleinste Einzelheit, glich sie einem
ungeheuren, gepanzerten Tintenfisch, Kabel und Elektromotoren als
Eingeweide, nackte Menschenleiber im Schädel, einen Schwanz von Drähten
und Kabeln hinter sich nachschleifend. Von einer Energie, die der von
zwei Schnellzugslokomotiven entsprach, angetrieben, kroch er vorwärts,
betastete mit seinen Fühlern, Tastern, Lefzen des vielgespaltenen
Maules den Berg, während er helles Licht aus den Kiefern spie.
Bebend in urtierischem Zorn, hin- und herschwankend vor Wollust des
Zerstörens fraß er sich heulend und donnernd bis an den Kopf hinein ins
Gestein. Er zog die Fühler und Lefzen zurück und spritzte etwas in die
Löcher, die er gefressen hatte. Seine Fühler und Lefzen waren Bohrer
mit Kronen aus Allanit, hohl, mit Wasser gekühlt, und was er durch die
hohlen Bohrer in die Löcher spie, war Sprengstoff. Wie der Tintenfisch
des Meeres, so änderte er plötzlich seine Farbe. Aus seinen Kiefern
dampfte Blut, seine Rückennarbe funkelte böse drohend, und unheimlich
wie der Tintenfisch des Meeres zog er sich zurück, in roten Dunst
eingehüllt -- und wieder kroch er vorwärts. Vor und zurück, Tag und
Nacht, jahrelang, ohne Pause.

Sobald er die Farbe wechselt und sich zurückzieht, stürzt sich eine
Rotte Menschen die Gesteinswand hinauf und windet fieberhaft die Drähte
zusammen, die aus den Bohrlöchern hängen. Und wie vom Grauen gepeitscht
jagt die Rotte zurück. Es grollt, donnert, dröhnt. Der zerschmetterte
Berg rollt den Fliehenden drohend nach, ein Steinhagel jagt vor ihm her
und prasselt gegen die Panzerplatten der Bohrmaschine. Wolken von Staub
wälzen sich dem roten Glutatem entgegen. Plötzlich blendet er wieder
grellweiß und Horden halbnackter Menschen stürmen in die brodelnde
Staubwolke hinein und stürzen den noch rauchenden Schutthaufen hinauf.

Das gierig vorwärtsrollende Ungetüm aber streckt Freßwerkzeuge
schauerlicher Art aus, Zangen, Krane, es schiebt seinen stählernen
Unterkiefer vor und in die Höhe und _frißt_ Gestein, Felsen, Schutt,
den hundert Menschen mit verzerrten Gesichtern, glänzend von Schweiß,
ihm in den Rachen werfen. Seine Kiefer beginnen zu mahlen, zu
schlingen, der bis zum Boden schleifende Bauch schluckt und zum After
kommt ein endloser Strom von Felsen und Steinen heraus.

Die hundert schweißtriefenden Teufel da oben taumeln zwischen dem
rollenden Gestein, zerren an Ketten, schreien, brüllen und der
Schuttberg schmilzt und sinkt sichtbar unter ihren Füßen zusammen.
Fort, das Gestein muß aus dem Wege, das ist die Losung!

Schon aber meißeln und bohren und wühlen schmutzgetigerte
Menschenklumpen unter den Freßwerkzeugen des Ungeheuers, um ihm den
Weg zu ebnen. Männer mit Schwellen und Schienen keuchen heran, die
Schwellen werden gebettet, die Schienen festgeschraubt, und das
Ungeheuer wälzt sich vorwärts.

An seinem schmutzbedeckten Leib, seinen Flanken, seinem Bauch, seinem
gewölbten Rücken hängen winzige Menschen. Sie bohren Löcher in Decke
und Wände, den Boden, in hervorstehende Blöcke, so daß sie jederzeit im
Augenblick mit Patronen gefüllt und abgesprengt werden können.

So fieberhaft und höllisch die Arbeit vor der Bohrmaschine wütete, so
fieberhaft und höllisch tobte sie hinter ihr, wo der endlose Strom von
Gestein herausquoll. Eine knappe halbe Stunde später mußte die Maschine
zweihundert Meter rückwärts freie Fahrt haben, um das Sprengen abwarten
zu können.

Sobald das Gestein auf dem ewig wandernden Rost unter dem Bauch
der Maschine hervorkam, sprangen herkulische Burschen darauf und
versicherten sich der großen Blöcke, die Menschenkraft nicht heben
konnte. Während sie auf dem Rost, der zehn Schritte hinter die Maschine
reichte, mitwanderten, befestigten sie die Ketten, die um die großen
Blöcke geschlungen waren, an den Kranen, die aus der Rückwand der
Maschine starrten und die Blöcke hoben.

Der ewig wandernde Rost aber schüttete die Gesteinsmassen prasselnd
und krachend in niedrige, eiserne, verbeulte Karren, den Hunden in den
Kohlengruben ähnlich, die, ein endloser Zug, vom linken Schienenstrang
auf den rechten mit Hilfe eines halbkreisförmigen Verbindungsgeleises
geführt wurden und gerade so lange hinter dem Rost stockten, als
nötig war, um Gestein und Blöcke aufzunehmen. Sie wurden von einer mit
Akkumulatoren gespeisten Grubenlokomotive gezogen. Klumpen von Menschen
mit bleichen Gesichtern, einen Brei von Schmutz auf den Lippen,
taumelten um Rost und Hunde, wühlten, wälzten, schaufelten und schrien,
und das grelle Licht der Scheinwerfer blendete unbarmherzig auf sie
hernieder, während die Luft der Wetterführung wie ein Sturmwind in sie
hineinpfiff.

Die Schlacht bei der Bohrmaschine war mörderisch und täglich gab es
Verwundete und häufig Tote.

Nach einer vierstündigen Raserei wurden die Mannschaften abgelöst.
Vollkommen erschöpft, gekocht in ihrem eigenen Schweiß, bleich und halb
bewußtlos vor Herzschwäche, warfen sie sich auf das nasse Gestein eines
Waggons und schliefen augenblicklich ein, um erst über Tag zu erwachen.

Die Arbeiter sangen ein Lied, das einer aus ihren Reihen gedichtet
hatte. Dieses Lied begann:

    Drinnen, wo der Tunnel donnert
    In der heißen Hölle, Brüder,
    Gee, wie ist die Hölle heiß!
    Einen Dollar extra für die Stunde,
    Für die Stunde einen Dollar extra
    Zahlt dir Mac für deinen Schweiß ...

Zu Hunderten flohen sie die »Hölle« und viele brachen nach kurzer Zeit
für immer zusammen. _Aber es kamen immer neue_!



2.


Die kleine Grubenlokomotive aber rasselte mit den beladenen Hunden
kilometerweit durch den Tunnel, bis dahin, wo die Eisenbahnwaggons
standen, die die Hunde an Kranen in die Höhe zogen und entleerten.
Waren die Waggons gefüllt, so fuhren die Züge ab -- in jeder Stunde
ein Dutzend und mehr -- und neue, mit Material und Menschen standen an
ihrer Stelle.

Die amerikanischen Stollen waren gegen das Ende des zweiten Jahres
fünfundneunzig Kilometer weit vorgetrieben worden und diese ganze
mächtige Strecke entlang fieberte und tobte die Arbeit. Denn Allan
peitschte unaufhörlich zur größten Kraftanspannung an, täglich,
stündlich. Rücksichtslos verabschiedete er Ingenieure, die ihre
geforderten Kubikmeter nicht bewältigen konnten, rücksichtslos entließ
er Arbeiter, die den Atem verloren.

Wo noch die eisernen Hunde rasseln und der zerfetzte Stollen von Staub,
Steinsplittern und einem donnernden Getöse erfüllt ist, sind Bataillone
von Arbeitern beim Schein der Reflektoren beschäftigt, Balken und
Pfosten und Bretter zu schleppen, um den Stollen gegen hereinbrechendes
Gestein zu sichern. Eine Schar von Technikern legt die elektrischen
Kabel und provisorischen Schläuche und Röhren für Wasser und zugepumpte
Luft.

Bei den Zügen stürzen Horden von Menschen hin und her, um das
Material abzuladen und über die Strecke zu verteilen, so daß man nur
hinzugreifen hatte, wenn man es brauchte: Balken, Bretter, Klammern,
Eisenträger, Schrauben, Röhren, Kabel, Bohrer, Sprenghülsen, Ketten,
Schienen, Schwellen.

Von dreihundert zu dreihundert Metern aber wütet ein Trupp schmutziger
Gestalten zwischen den Pfosten mit Bohrern gegen die Stollenwand. Sie
sprengen und schlagen eine Nische so hoch wie ein Mann und sobald ein
Zug gellend vorbeikommt, flüchten sie zwischen die Pfosten. Bald aber
ist die Nische so tief, daß sie sich nicht mehr um die Züge zu kümmern
brauchen, und nach einigen Tagen klingt die Wand hohl, sie stürzt
ein und sie stehen im Parallelstollen, wo die Züge vorbeifliegen wie
drüben. Dann marschieren sie ihre dreihundert Meter weiter, um den
neuen Querschlag in Angriff zu nehmen.

Diese Querschläge dienen zur Ventilation, zu hundert anderen Zwecken.

Ihnen auf den Fersen aber folgt ein Trupp, dessen Aufgabe darin
besteht, diese schmalen Verbindungsgänge kunstgerecht auszumauern.
Jahraus, jahrein tun sie nichts anderes. Nur jeden zwanzigsten
Querstollen lassen sie stehen wie er ist.

Weiter, vorwärts!

Ein Zug rauscht heran und hält bei dem zwanzigsten Querschlag. Eine
Schar geschwärzter Burschen springt von den Waggons, und Bohrer,
Spitzhacken, Eisenträger, Zementsäcke, Schienen, Schwellen wandern über
ihre Schultern blitzschnell in den Querstollen hinein, während hinten
schon die Glocken der aufgehaltenen Züge ungeduldig gellen. Weiter! Die
Züge rollen. Der Querstollen hat die geschwärzten Burschen verschluckt,
die Bohrer schrillen, es knallt, das Gestein birst, der Stollen wird
breiter und breiter, er steht schräg zu den Tunneltrassen, Eisen und
Beton sind seine Wände, seine Decke, sein Boden. Ein Geleise führt
durch ihn hindurch: eine Weiche.

Diese Weichen haben den ganz unschätzbaren Wert, daß man von sechs
zu sechs Kilometern nach Belieben die ewig rollenden Material- und
Gesteinszüge des einen Stollens auf den anderen überführen kann.

Auf diese höchst simple Weise ist eine Strecke von sechs Kilometern
isoliert für den Ausbau.

Der sechs Kilometer lange Wald von Kronbalken, Pfosten, Stempeln,
Riegeln verwandelt sich in einen sechs Kilometer langen Wald aus
Eisenrippen und Eisenfachwerk.

Wo es eine Hölle gibt, da gibt es auch ein Fegfeuer. Und wie es beim
Tunnelbau »~hellmen~« gab, so gab es »purgatorymen«, denn diese
Baustelle hieß »~purgatory~«.

Hier ist freie Bahn und ein Meer von Waggons wälzt sich in diesen
Stollenabschnitt und Trauben von Menschen hängen an den Waggons.
An hundert Orten zugleich beginnt die Schlacht: Kanonenschüsse,
Hornsignale, das Blitzen der Scheinwerfer. Der Stollen wird zur
erforderlichen Breite und Höhe ausgesprengt. Es dröhnt, wie wenn
Geschosse in ein Panzerschiff einschlagen. Eisenträger und Schienen,
die auf den Boden donnern. Mennigrotes Eisen überschwemmt den Stollen,
Rippen, Platten, gewalzt in den Werken von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma
und Kentucky. Die alten Schienen werden aufgerissen, das Dynamit
und Melinit schlitzt die Sohle auf, Pickel und Schaufeln wirbeln.
Achtung! Es heult und keucht, verzerrte Mäuler, geschwollene Muskeln,
zuckende Schläfenadern, wie Nattern geringelt, Leib hinter Leib:
sie schleppen die Sohlenstücke heran, mächtige Doppel-~T~-Träger,
die bestimmt sind, die Schiene der Tunnelzüge (denn die Tunnelbahn
wird als Einschienenbahn gebaut) zu tragen. Rudel von Ingenieuren
mit Meßinstrumenten und Apparaten liegen am Boden und arbeiten mit
Anspannung all ihrer Nerven, während der Schweiß ihre halbnackten
Körper mit Schmutzstreifen tigert. Das Sohlenstück, vier Meter lang,
achtzig Zentimeter tief, an den Enden leicht aufwärts gebogen, wird in
Beton gebettet. Wie der Kiel eines Schiffes gelegt wird, so reiht sich
Sohlenstück an Sohlenstück und ein Betonstrom flutet ihnen nach, so daß
sie darin versinken. Schwellen. Wie hundert Ameisen einen Strohhalm
schleppen, so schleppen hundert keuchende Männer mit eingeknickten
Knien die mächtigen, dreißig Meter langen Schienen heran, die auf
den Schwellen befestigt werden. Hinter ihnen kriechen andere mit den
schweren Teilen der Rippen, die das ganze Tunneloval als Eisenfachwerk
umschnüren sollen. Zusammengesetzt haben diese Rippen die Gestalt einer
Ellipse, die an der Sohle etwas flach gedrückt ist. Vier Teile bilden
eine Rippe: ein Sohlenstück, zwei Seitenstücke (die Widerlager) und
ein Deckenstück, die Kappe. Diese Stücke sind aus zolldickem Eisen,
und durch starkes Fachwerk untereinander verbunden. Die Nietmaschinen
prasseln, der Stollen dröhnt. Rippe reiht sich an Rippe. Ein Gitterwerk
von mennigrotem Eisen umschnürt den Stollen. Schon aber, da hinten,
klettern die Maurer im Eisenfachwerk, um den Mantel des Tunnels
auszumauern, einen meterdicken Panzer aus Eisenbeton, den kein Druck
der Welt sprengen kann.

Zu beiden Seiten der mächtigen Schiene werden in angemessenem Abstand
Röhren in allen Dimensionen gelegt, verschweißt, verschraubt. Röhren
für Telephon- und Telegraphendrähte, für Stromkabel, ungeheure Röhren
für Wasser, mächtige Röhren für die Luft, die die Maschinen draußen
über Tag ohne Pause in die Stollen pressen sollen. Besondere Röhren
für die pneumatische Expreßpost. Sand, Schotter bedeckt die Röhren;
Schwellen und Schienen für die gewöhnlichen Materialzüge werden darüber
gelegt, solide Geleise, die den Material- und Gesteinszügen erlauben,
mit Schnellzugsgeschwindigkeit dahinzurasen.

Kaum haben sie da vorn die letzte Rippe genietet, so sind auch schon
die Geleise für die Strecke von sechs Kilometern fertig. Die Züge
werden hereingeleitet und fliegen dahin, während die Maurer noch im
Eisenfachwerk hängen.

Dreißig Kilometer hinter dem Vortrieb, wo die Bohrmaschine donnerte,
war der Stollen schon fertig ausgebaut.



3.


Das aber war nicht alles. Tausend Dinge mußten vorgesehen werden!
Sobald die amerikanischen Stollen mit den Stollen zusammenstießen,
die sich von den Bermudas aus durch den Gneis fraßen, mußte die ganze
Strecke betriebsfähig sein.

Allans Pläne lagen seit Jahren bis auf die letzten Kleinigkeiten fertig
vor.

Von zwanzig zu zwanzig Kilometern ließ er kleine Stationen in den Berg
schlagen, in denen die Streckenwärter hausen sollten. Alle sechzig
Kilometer plante er größere Stationen und alle zweihundertvierzig
Kilometer große Stationen. All diese Stationen waren Depots für
Reserveakkumulatoren, Maschinen und Nahrungsmittel. Die größeren und
großen Stationen sollten Transformatoren, Hochvoltstationen, Kühl- und
Luftmaschinen aufnehmen. Es waren ferner Seitenstollen nötig, in denen
abgeleitete Züge Platz fanden.

Für alle diese Arbeiten waren verschiedene Arbeiterbataillone
ausgebildet worden und all diese Horden fraßen sich in den Berg und
schlugen Lawinen von Gestein heraus.

Wie ein Vulkan in höchster Raserei spien die Tunnelmündungen Tag und
Nacht Gestein aus. Unaufhörlich, dicht hintereinander flogen die
vollen Züge aus den gähnenden Toren hervor. Mit einer Leichtigkeit,
die das Auge entzückte, nahmen sie die Steigung, um oben angelangt
einen Augenblick zu halten. Was aber nur Gestein und Schutt schien, das
bewegte sich plötzlich auf den Waggons und geschwärzte, beschmutzte,
unkenntliche Gestalten sprangen herab. Der Gesteinszug aber wand sich
über hundert Weichen und schoß davon. Er fuhr in einem großen Bogen
durch »Mac City« (wie die Tunnelstadt in New Jersey allgemein hieß),
bis er auf eins der hundert Geleise am Meer einlenkte, wo er entladen
wurde. Hier am Meer waren sie alle laut und heiter, denn sie hatten die
»leichte Woche«.

Mac Allan hatte zweihundert Doppelkilometer Gestein herausgeschafft,
genug um eine Mauer von New York nach Buffalo zu bauen. Er besaß den
größten Steinbruch der Welt; aber er verschwendete keine Schaufel
voll. Er hatte das ganze ungeheure Gelände zweckmäßig nivelliert. Er
hatte das Gestade, das mählich abfiel, geebnet und das seichte Meer
kilometerweit hinausgedrängt. Dort draußen aber, wo das Meer schon
tiefer war, versanken täglich Tausende von Waggonladungen Gestein im
Meer und langsam schob sich ein ungeheurer Damm ins Meer hinaus. Das
war einer der Kaie von Allans Hafen, der die Welt auf dem Plan der
Zukunftsstadt so verblüfft hatte. Zwei Meilen entfernt davon bauten
seine Ingenieure den größten und gleichmäßigsten Badestrand, den
irgendein Ort der Welt besaß. Hier sollten riesige Badehotels errichtet
werden.

Mac City selbst aber sah aus wie ein ungeheures Schuttfeld, auf
dem kein Baum, kein Strauch wuchs, kein Tier, kein Vogel lebte.
Es flimmerte in der Sonne, daß die Augen schmerzten. Weithin war
diese Wüste mit Geleisen bedeckt, übersponnen mit fächerförmig sich
nach beiden Seiten ausbreitenden Geleisen, den magnetischen Figuren
ähnlich, zu denen sich Eisenfeilstaub bei den Polen eines Magnets
ordnet. Überall schossen Züge dahin, elektrische, Dampfzüge, überall
qualmten Lokomotiven, heulte, schellte, pfiff und klingelte es.
Draußen im provisorischen Hafen Allans lagen Scharen von qualmenden
Dampfern und hohen Seglern, die Eisen, Holz, Zement, Getreide, Vieh,
Nahrungsmittel aller Art von Chikago, Montreal, Portland, Newport,
Charleston, Savanah, New Orleans, Galveston hierhergebracht hatten.
Und im Nordosten stand eine dicke Mauer von Rauch, undurchdringlich:
der Materialbahnhof.

Die Baracken waren verschwunden. Auf den Terrassen des
Trasseneinschnittes blitzten Glasdächer: Maschinenhallen,
Kraftstationen, an die turmhohe Bureaugebäude stießen. Mitten in der
Steinwüste erhob sich ein zwanzigstöckiges Hotel: »Atlantic-Tunnel«. Es
war kalkweiß, nagelneu und diente als Absteigequartier für die Scharen
von Ingenieuren, Agenten, Vertretern großer Firmen, und für Tausende
von Neugierigen, die jeden Sonntag von New York herüberkamen.

Gegenüber hatte Wannamaker ein vorläufig zwölf Stockwerke hohes
Warenhaus errichtet. Breite Straßen, vollkommen fertig, liefen
schnurgerade durch das Schuttfeld, Brücken spannten sich über den
Trasseneinschnitt. An der Peripherie der Steinwüste aber lagen
freundliche Arbeiterstädte mit Schulen, Kirchen, Spielplätzen, mit Bars
und Saloons, die von ehemaligen Preisboxern oder Rennfahrern geleitet
wurden. Fernab, in einem Walde kleiner Zwergföhren, stand einsam,
vergessen und tot ein Gebäude, das einer Synagoge ähnlich sah: ein
Krematorium mit langen leeren Kreuzgängen. Nur ein Gang enthielt schon
Urnen. Und sie alle trugen die gleiche Inschrift unter den englischen,
französischen, russischen, deutschen, italienischen, chinesischen
Namen: Verunglückt beim Bau des Atlantic-Tunnels -- beim Sprengen --
verschüttet -- von einem Zug überfahren: wie die Inschriften gefallener
Krieger.

Nahe am Meere lagen die weißen neuen Hospitäler, nach modernsten
Prinzipien erbaut. Hier unten, etwas abseits, stand in einem
frischangelegten Garten eine neue Villa: Mauds Haus.



4.


Maud hatte soviel Macht als möglich in ihren kleinen Händen
zusammengerafft.

Sie war Vorsteherin des Rekonvaleszentenheims für Frauen und Kinder von
Mac City geworden. Ferner gehörte sie einem aus Ärzten und Ärztinnen
gebildeten Komitee an, dem die Hygiene der Arbeiterwohnungen, die
Pflege von Wöchnerinnen und Säuglingen oblag. Aus eigener Initiative
hatte sie eine Handarbeits- und Haushaltungsschule für junge Mädchen
gegründet, einen Kindergarten und einen Klub für Frauen und junge
Mädchen, in dem an jedem Freitag kleine Vorlesungen und musikalische
Vorträge stattfanden. Sie hatte reichlich zu tun. Sie hatte ihre
»Office«, genau wie Mac, und beschäftigte eine Privatsekretärin und
eine Stenotypistin. Eine Schar von Pflegerinnen und Lehrerinnen --
übrigens Töchter der ersten Familien New Yorks -- stand ihr zur Seite.

Maud tat niemand etwas zuleide, sie war rücksichtsvoll, freundlich,
sonnig, ihr Anteil an fremden Schicksalen war aufrichtig, und so kam
es, daß alle Welt sie liebte und viele sie verehrten.

Sie hatte in ihrer Eigenschaft als Mitglied des Hygienekomitees
fast alle Arbeiterhäuser betreten. Im italienischen, polnischen und
russischen Viertel hatte sie eine energische und siegreiche Kampagne
gegen den Schmutz und das Ungeziefer ausgefochten. Sie hatte es
durchgesetzt, daß alle Häuser von Zeit zu Zeit desinfiziert und von
oben bis unten ausgefegt wurden. Die Häuser waren fast ganz aus Zement
und ließen sich auswaschen wie eine Waschküche. Ihre Besuche hatten sie
den Leuten nahe gebracht und sie stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite,
wo immer sie konnte. Ihre Wirtschaftsschule war bis auf den letzten
Platz besetzt. Sie hatte ausgezeichnete Lehrerinnen engagiert, für
die Küche sowohl als die Schneiderwerkstätte. Maud versäumte es nicht,
zu kontrollieren und zu inspizieren, um ihre Institute fortwährend im
Auge zu behalten. Eine ganze Bibliothek der einschlägigen Literatur
hatte sie durchstudiert, um sich die nötigen theoretischen Kenntnisse
anzueignen. Und es war ihr, bei Gott, nicht leicht geworden, alles
so vortrefflich und gut zu schaffen, zumal sie von Natur aus keine
besonderen organisatorischen Talente besaß. Aber es ging. Und Maud war
stolz auf das Lob, das die Zeitungen ihren Einrichtungen spendeten.

Das Feld ihrer hauptsächlichen Tätigkeit aber war das
Rekonvaleszentenheim für Frauen und Kinder.

Das Heim lag dicht neben ihrer Villa, sie brauchte nur zwei Gärten zu
durchqueren. Sie erschien täglich Punkt neun Uhr morgens, um ihren
Rundgang zu machen, interessierte sich für jeden einzelnen ihrer
Schützlinge und half häufig aus eigener Kasse, wenn das Budget des
Hospitals erschöpft war. Mit ganz besonderer Sorgfalt umgab sie die ihr
anvertrauten Kinder.

Sie hatte Arbeit, Freude, Erfolge, ihre Beziehungen zu den Menschen und
zum Leben waren fruchtbarer und reicher geworden, aber Maud war ehrlich
genug sich einzugestehen, daß all das zusammen nicht imstande war, ihr
das eheliche Glück zu ersetzen.

Zwei, drei Jahre lang hatte sie im reinsten Glück mit Mac gelebt -- bis
der Tunnel kam und ihn ihr entriß. Mac liebte sie ja noch, ja! Er war
aufmerksam, liebenswürdig, gewiß, aber es war nicht mehr wie früher --
keine Lüge!

Sie sah ihn jetzt häufiger als in den ersten Jahren des Baus. Er hatte
wohl seine Bureaus in New York beibehalten, sich aber Arbeitsräume
in der Tunnelstadt eingerichtet, wo er oft wochenlang mit kurzen
Unterbrechungen blieb. Darüber hätte sie nicht klagen können. Aber
Mac selbst hatte sich verändert. Seine Harmlosigkeit, sein naiver
Frohsinn, die sie im Anfang ihrer Ehe so überrascht und entzückt
hatten, verschwanden mehr und mehr. Ernst wie in der Arbeit und in der
Öffentlichkeit war er auch zu Hause. Er gab sich Mühe, so heiter und
gutgelaunt wie früher zu erscheinen, aber es gelang ihm nicht immer.
Er war zerstreut, absorbiert von der Arbeit, und aus seinen Augen wich
nicht jener scheinbar geistesabwesende Ausdruck, den die Konzentration
auf ein und dieselbe Idee erzeugt. Seine Züge waren auch magerer und
härter geworden.

Die Zeiten waren vorüber, da er sie auf den Schoß nahm und liebkoste,
er küßte sie, so oft er kam und ging, sah ihr in die Augen,
lächelte -- aber ihr weiblicher Instinkt ließ sich nicht täuschen.
Merkwürdigerweise hatte er, gehetzt von der Arbeit, all die Jahre
hindurch nie mehr einen der »wichtigen Tage« vergessen, wie Ediths oder
ihren Geburtstag, ihren Hochzeitstag, Weihnachten. Aber Maud sah einmal
zufällig, daß in seinem Taschenbuche diese Tage rot angestrichen waren
-- sie lächelte resigniert: er merkte sie sich mechanisch, nicht mehr
mit dem Herzen, das ihn täglich daran erinnerte.

Es ging ihr nicht anders wie den meisten ihrer Freundinnen, deren
Männer den Tag über in Fabriken, Banken und Laboratorien schufteten,
sie anbeteten, mit Spitzen, Perlen und Pelzen behingen, sie
zuvorkommend ins Theater führten, aber mit den Gedanken doch bei der
Arbeit waren. Das Leben war nicht anders, aber sie, Maud, fand es
entsetzlich, wenn es nicht anders war. Lieber wollte sie arm sein,
unbekannt, fern von der Welt -- dafür aber forderte sie ewige Liebe,
ewige Zärtlichkeit. Ja, so wünschte sie es sich, obschon ihr das
zuweilen töricht erschien.

Maud liebte es, nach getaner Arbeit bei einer Handarbeit zu sitzen und
ihren Gedanken nachzuhängen. Dann kam sie immer auf die Zeit zurück,
da Mac um sie warb. Er erschien ihr in der Erinnerung unendlich jung
und naiv. Völlig unbewandert im Umgang mit Frauen, war er nicht auf
originelle Gedanken verfallen, ihr seine Liebe zu verstehen zu geben.
Blumen, Bücher, Konzert- und Theaterbillette, kleine Ritterdienste --
ganz wie der banalste Mensch. Und doch gefiel ihr das an ihm, jetzt
mehr als damals. Ganz unerwartet hatte er sein Benehmen aber dann
geändert und war mehr jenem Mac ähnlich geworden, den sie jetzt kannte.
Eines Abends hatte er ihr nach einer ausweichenden Antwort bestimmt
und fast unhöflich gesagt: »Denken Sie darüber nach. Ich lasse Ihnen
bis morgen um fünf Uhr Zeit. Wenn Sie sich dann noch nicht entschieden
haben, so sollen Sie nie wieder ein Wort von mir darüber hören. ~Good
bye!~« Und siehe da, Punkt fünf Uhr hatte er sich eingestellt ...! Maud
erinnerte sich stets mit einem Lächeln an diese Szene, aber sie hatte
auch nicht vergessen, mit welcher Bangigkeit sie die Nacht und den Tag
darauf verbracht hatte.

Je weiter der Tunnel ihr Mac entführte, desto hartnäckiger, mit desto
größerer Beharrlichkeit, die gleichzeitig wohltat und schmerzte,
verweilten ihre Gedanken bei ihren ersten Spaziergängen, Gesprächen
und harmlosen und doch so bedeutungsschweren kleinen Erlebnissen ihrer
jungen Ehe. Sie hatte einen Groll gegen den Tunnel im Herzen! Sie haßte
den Tunnel, denn er war _stärker_ gewesen als sie! Ach, die kleine
Eitelkeit der ersten Zeit war längst verflogen. Es war ihr einerlei,
ob man Macs Namen in fünf Kontinenten kannte oder nicht. Wenn nachts
der gespenstische Widerschein der brennenden Tunnelstadt in ihr Zimmer
drang, so war ihr Haß dagegen oft so stark, daß sie die Läden schloß,
um ihn nicht zu sehen. Sie hätte weinen mögen vor Groll, und zuweilen
weinte sie auch, still und ungesehen. Wenn sie sah, wie die Züge sich
in die Stollen stürzten, so schüttelte sie den Kopf. Es war Tollheit!
Für Mac aber schien es nichts Selbstverständlicheres zu geben. Trotz
alledem aber -- und diese Hoffnung hielt sie aufrecht! -- hoffte sie
darauf, daß Mac wieder mit seinem Herzen zu ihr zurückkehren würde.
Eines Tages mußte ihn der Tunnel doch wieder _freigeben_! Wenn der
erste Zug lief ...

Aber, o guter Gott, das waren noch Jahre! Maud seufzte. Geduld, Geduld!
Vorläufig hatte sie ihre Tätigkeit. Sie hatte ihre geliebte Edith, die
sich zu einem kleinen Dämchen entwickelt hatte und mit neugierigen,
klugen Augen ins Leben blickte. Sie hatte Mac öfter als früher. Sie
hatte Hobby, der fast täglich bei ihr speiste, allerhand Schnurren
erzählte und mit dem es sich so wunderbar plaudern ließ. Auch ihr
Haushalt stellte größere Ansprüche an sie als früher. Denn Mac brachte
häufig Gäste mit, berühmte Leute, deren Name so gewichtig war, daß
ihnen Mac den Zutritt in den Tunnel erlaubte. Maud freute sich über
jeden derartigen Besuch. Diese Berühmtheiten waren meistens ältere
Herren, mit denen es sich leicht verkehren ließ. Denn alle hatten
eine Eigenschaft gemeinsam: sie waren sehr einfach, um nicht zu sagen
schüchtern. Es waren große Gelehrte, die geologische, physikalische
und technische Fragen zu Mac führten und die oft wochenlang mit ihren
Instrumenten in einer Station tausend Meter unter dem Meeresspiegel
hausten, um irgend etwas herauszufinden. Mac aber verkehrte mit diesen
Berühmtheiten ganz wie er mit ihr oder mit Hobby verkehrte.

Aber wenn sich diese großen Tiere verabschiedeten, so verbeugten sie
sich vor Mac und drückten ihm die Hand und konnten ihm nicht genug
danken. Und Mac lächelte sein bescheidenes und gutmütiges Lächeln und
sagte: »Allright, sir!« und wünschte ihnen gute Reise. Denn diese Leute
kamen meist von weit her.

Einmal kam auch eine Dame zu ihr heraus.

»Mein Name ist Ethel Lloyd!« sagte diese Dame und hob den Schleier in
die Höhe.

Ja, es war Ethel, in der Tat! Sie errötete, denn sie hatte keinen
eigentlichen Anlaß, Maud einen Besuch zu machen. Und Maud errötete
ebenfalls -- weil Ethel errötete, und weil ihr der Gedanke durch den
Kopf schoß, daß Ethel sehr unverfroren sei, und weil sie dachte, Ethel
müsse diesen Gedanken in ihren Augen lesen.

Ethel faßte sich aber sofort. »Ich habe soviel von den Schulen gelesen,
die Sie ins Leben riefen, Frau Allan,« begann sie, gewandt und fließend
sprechend, »daß ich zuletzt den Wunsch hatte, Ihre Einrichtungen kennen
zu lernen. Ich stehe ja persönlich ähnlichen Bestrebungen in New York
nahe, wie Sie wissen werden.«

Ethel Lloyd trug einen angeborenen Stolz und eine natürliche Würde
zur Schau, die nicht unangenehm wirkte, eine natürliche Offenheit
und Herzlichkeit, die entzückte. Sie hatte das Kindliche, das
Allan seinerzeit vor Jahren aufgefallen war, verloren und war eine
vollkommene Dame geworden. Ihre früher etwas süßliche und zarte
Schönheit war reifer geworden. Hatte sie vor Jahren den Eindruck eines
Pastellgemäldes erweckt, so erschien jetzt alles an ihr klar und
leuchtend, ihre Augen, ihr Mund, ihr Haar. Sie sah stets aus, als käme
sie gerade aus ihrem Toilettezimmer. Die Flechte an ihrem Kinn hatte
sich unmerklich vergrößert und war um eine Nuance dunkler geworden,
aber Ethel suchte sie nicht mehr durch Puder zu verdecken.

Maud mußte aus Höflichkeit persönlich die Führung übernehmen. Sie
zeigte Ethel das Hospital, die Schulen, den Kindergarten und die
bescheidenen Klubräume des Frauenklubs. Ethel fand alles ausgezeichnet,
ohne aber nach Art junger Damen übertriebenes Lob zu spenden. Und
schließlich fragte Ethel, ob sie sich irgendwie nützlich machen könne?
Nein? Es war Ethel auch so recht. Zu Hause plauderte sie so reizend mit
Edith, daß das Kind augenblicklich Zuneigung zu ihr faßte. Nun überwand
Maud ihre unerklärliche und durch nichts begründete Abneigung gegen
Ethel und bat sie, zum Diner zu bleiben. Ethel telephonierte an ihren
»Pa« und blieb.

Mac brachte Hobby mit zu Tisch. Hobbys Anwesenheit gab Ethel eine
große Sicherheit, die sie nie und nimmer gefunden haben würde, wenn
nur der stille und schweigsame Mac dagewesen wäre. Sie führte die
Unterhaltung. Hatte sie am Nachmittag Mauds Institute sachlich gelobt
-- nicht nach Art junger Damen übertrieben --, so lobte sie sie jetzt
überschwenglich. Mauds Argwohn wurde wieder wach. >Sie hat es auf Mac
abgesehen,< sagte sie sich. Aber zu ihrer größten Befriedigung schenkte
ihr Mac kaum mehr als höfliches Interesse. Er betrachtete die schöne
und verwöhnte Ethel mit denselben gleichgültigen Augen wie er etwa eine
Stenotypistin betrachtete.

»Die Bibliothek im Frauenklub scheint mir noch etwas dürftig zu sein,«
sagte Ethel.

»Sie soll im Laufe der Zeit ergänzt werden.«

»Es würde mir große Freude machen, wenn Sie mir erlaubten, einige
Bücher beizusteuern, Frau Allan. Hobby, nehmen Sie meine Partei.«

»Wenn Sie einige Bücher übrig haben,« sagte Maud --

In den nächsten Tagen sandte Ethel ganze Ballen von Büchern, gegen
fünftausend Bände. Maud dankte ihr herzlich, aber sie bereute ihr
Entgegenkommen. Denn seitdem kam Ethel öfter herausgefahren. Sie tat,
als sei sie innig befreundet mit Maud und überhäufte die kleine Edith
mit Geschenken. Einmal fragte sie Mac, ob sie nicht gelegentlich in den
Tunnel einfahren könne?

Mac sah sie erstaunt an, denn es war das erstemal, daß eine Dame diese
Frage an ihn stellte.

»Das können Sie nicht!« antwortete er kurz und fast etwas schroff.

Aber Ethel war gar nicht gekränkt. Sie lachte herzlich und sagte:
»Aber, Herr Allan, habe ich Ihnen Anlaß gegeben, ärgerlich zu werden?«

Seitdem kam sie etwas seltener. Und Maud hatte nichts dagegen. Sie
konnte Ethel Lloyd nicht lieben, so sehr sie sich auch Mühe dazu gab.
Und Maud gehörte zu den Leuten, die nur mit jemand verkehren können,
wenn sie ihm aufrichtig zugetan sind.

Aus diesem Grunde war ihr Hobbys Gesellschaft so angenehm. Er verkehrte
täglich in ihrem Hause. Er kam zum Lunch und Diner, einerlei ob
Allan da war oder nicht. Es kam dahin, daß sie ihn vermißte, wenn er
ausblieb. Und das selbst in Zeiten, da Mac bei ihr war.



5.


»Hobby ist immer bei so prächtiger Laune!« sagte Maud des öfteren.

Und Allan erwiderte: »Er war von jeher ein wunderbarer Bursche, Maud.«

Er lächelte dazu und ließ sich nicht merken, daß er aus Mauds häufigem
Hinweis auf Hobbys gute Laune einen leichten Vorwurf heraushörte. Er
war nicht Hobby. Er hatte nicht Hobbys Talent zur Fröhlichkeit, nicht
Hobbys leichten Sinn. Er konnte nicht wie Hobby nach zwölfstündiger
Arbeit Niggertänze und Songs zum besten geben und allerlei lustige
Dummheiten inszenieren. Hat jemand Hobby schon anders gesehen als
lachend und scherzend? Hobby grinst über das ganze Gesicht, Hobby
rollt die Zunge im Mund und eine witzige Bosheit kommt heraus. Wo
Hobby hinkommt, macht sich alles schon zum Lachen bereit, Hobby ist
verpflichtet, witzig zu sein. Nein, er war nicht Hobby. Das einzige,
was er konnte, war, kein Spielverderber zu sein und er gab sich alle
Mühe dazu. Viel schlimmer aber war es, daß sein Verhältnis zu Maud im
Laufe der Jahre an Innigkeit eingebüßt hatte. Er belog sich nicht. Es
schien ihm, als ob es für einen Mann wie ihn besser wäre, keine Familie
zu haben -- trotzdem er Maud und sein Töchterchen innig liebte.

Hobby tat seine Arbeit und war fertig. Er aber, Allan, war nie fertig!
Der Tunnel wuchs und die Arbeit wuchs mit ihm. Und dazu hatte er noch
seine besonderen Sorgen, über die er mit keinem Menschen sprach!

Schon jetzt zweifelte er daran, den Tunnel in fünfzehn Jahren fertig
bauen zu können. Nach seinen Berechnungen wäre es im _günstigsten_
Falle möglich gewesen. Er hatte kaltblütig diesen Termin angesetzt, um
für sein Unternehmen die öffentliche Meinung und das Geld des Volkes
zu gewinnen. Hätte er zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre angegeben, so
würde man ihm nicht das halbe Geld gegeben haben.

Kaum die Doppelstollen Biscaya-Finisterra und Amerika-Bermuda würde er
in dieser Zeit bewältigen können.

Am Ende des vierten Baujahrs waren die Stollen der amerikanischen
Strecke zweihundertvierzig Kilometer weit von der amerikanischen
Küste aus vorgetrieben, achtzig Kilometer von Bermuda aus. Auf der
französischen Strecke waren rund zweihundert von Biscaya aus, siebzig
von Finisterra aus gebohrt. Von den atlantischen Strecken dagegen war
noch nicht der sechste Teil fertiggestellt. Wie sollten die gewaltigen
Strecken -- Finisterra-Azora, Azora-Bermuda -- bewältigt werden?

Dazu kamen finanzielle Schwierigkeiten. Die Vorbereitungsarbeiten, die
Serpentinen auf Bermuda hatten weitaus größere Summen verschlungen,
als er in seiner Kalkulation angenommen hatte. Vor dem siebten
Baujahr, frühestens dem sechsten, war aber unter keinen Umständen an
die zweite Drei-Milliarden-Anleihe zu denken. Er würde bald gezwungen
sein, den Tunnel auf große Strecken vorläufig einstollig fortzuführen,
wodurch die Arbeit unendlich erschwert wurde. Wie sollte es bei der
einstolligen Bauweise möglich sein, das Gestein herauszuschaffen,
dieses Gestein, das wuchs und anschwoll und die Stollen heute schon
zu ersticken drohte. Überall lag es, zwischen den Geleisen, in den
Querschlägen und Stationen und die Züge keuchten unter der Last.

Allan verbrachte Monate im Tunnel, um raschere Arbeitsmethoden
ausfindig zu machen. In den amerikanischen Stollen wurde jede einzelne
Maschine, jede neue Erfindung und Verbesserung ausprobiert, bevor
sie an den übrigen Arbeitsstellen Verwendung fand. Hier wurden die
Mannschaften geschult, die »Höllen-Männer« und »Fegfeuer-Leute«, um
sodann nach den anderen Stationen als Pacemaker verpflanzt zu werden.
Ganz allmählich mußten sie an das rasende Tempo und die Hitze gewöhnt
werden. Ein untrainierter Mann wäre in der ersten Stunde in der »Hölle«
niedergebrochen.

Jeden noch so unscheinbaren Handgriff suchte Allan mit dem geringsten
Aufwand an Kraft, Geld und Zeit zu leisten. Er führte eine bis ins
minimale gehende Arbeitsteilung ein, so daß der einzelne Arbeiter
jahraus, jahrein dieselben Funktionen zu erfüllen hatte, bis er
sie automatisch und immer schneller verrichtete. Er hatte seine
Spezialisten, die die Kolonnen schulten und drillten, bis sie
_Rekorde_ schufen (z. B. im Abladen eines Waggons) und diese Rekorde
wurden als _normale_ Arbeitsleistung gefordert. Eine verlorne Sekunde
war _nie_ mehr einzuholen, _nie_ mehr, und kostete ein Vermögen an
Zeit und Geld. Wenn ein Mann in der Minute nur eine Sekunde verlor, so
machte das bei einem Heer von 180000 Mann, wovon ununterbrochen 60000
tätig waren, an einem Arbeitstag 24000 Arbeitsstunden! Von Jahr zu Jahr
hatte Allan die Arbeitsleistung um fünf Prozent zu steigern vermocht.
Trotz alledem ging es zu langsam!

Besonders der Vortrieb machte Allan große Sorgen. Es war absolut
unmöglich, mehr Menschen in die letzten fünfhundert Meter zu werfen,
wenn sie sich nicht gegenseitig die Kniescheiben einrennen sollten.
Er experimentierte mit den verschiedensten Sprengstoffen, bis er ein
Mittel fand -- »Tunnel 8« --, das den Berg in ziemlich gleichmäßige,
leicht wegzuräumende Blöcke zerriß. Er hörte stundenlang die Vorträge
seiner Ingenieure an; ohne je zu ermüden, diskutierte er ihre
Vorschläge, prüfte, erprobte.

Unerwartet, wie aus dem Meer gestiegen, erschien er auf den Bermudas.
Schlosser flog. Er wurde in die Konstruktionsbureaus nach Mac City
gesandt. Ein junger, kaum dreißigjähriger Engländer namens John Farbey
trat an seine Stelle. Allan rief die Ingenieure, die schon atemlos
waren von dem jetzigen Arbeitstempo, zusammen und erklärte ihnen, daß
sie ihre Arbeit um ein Viertel beschleunigen müßten. Müßten! Denn er,
Allan, müsse seinen Termin einhalten. Wie sie das täten, sei ihre
Sache ...

Unerwartet erschien er auf den Azoren. Es war ihm gelungen, für diese
Baustelle einen Deutschen, Michael Müller, zu gewinnen, der einige
Jahre eine leitende Stelle beim Bau des Kanaltunnels eingenommen hatte.
Müller wog zwei Zentner fünfzig Pfund und war allgemein unter dem
Namen »der fette Müller« bekannt. Er war beliebt bei seinen Leuten --
zum Teil lediglich dank seiner Fettleibigkeit, die Anlaß zur Komik
gab -- und ein unermüdlicher Arbeiter! Müller drang gegenwärtig mit
seinen Stollen sogar rascher vor als Allan und Harriman in New Jersey.
Müller, dieser ewig lachende, rasselnde Fettberg, wurde förmlich vom
Glück verfolgt. Seine Baustelle war geologisch die interessanteste
und produktivste und bewies zur Genüge, daß diese Teile des Ozeans in
früheren Perioden trocken lagen. Er war auf mächtige Kalilager gestoßen
und auf Eisenerze. Die Pittsburg-Smelting and Refining Company, die
seinerzeit das Verhüttungsrecht für alle geförderten Materialien
erworben hatte, verdankte seinem Glück, daß ihre Papiere um 60 Prozent
gestiegen waren. Die Förderung kostete sie dabei keinen Cent, ihre
Ingenieure hatten lediglich die betreffenden Waggons zu bezeichnen und
sie wurden ausrangiert. Und täglich, stündlich bebte sie vor Aufregung,
es könnten ihr unerhörte Schätze in den Schoß fallen. In den letzten
Monaten war Müller auf ein Kohlenflöz von fünf Meter Mächtigkeit
gestoßen, »prächtige Kohle«, wie er sagte. Das aber war nicht alles.
Dieses Flöz lag ausgerechnet in der Achse der Stollen und hatte kein
Ende. Müller schoß durch den Berg. Sein einziger Feind, sein Erzfeind,
war das Wasser. Seine Stollen lagen nun achthundert Meter tief unter
dem Meeresboden und doch troffen sie von Wasser. Müller hatte eine
Batterie von Mammut-Kreiselpumpen stehen, die unaufhörlich einen
_Strom_ schmutzigen Wassers ins Meer preßten.

Allan erschien in Finisterra und Biscaya und erklärte hier wie auf
den Bermudas, daß er seinen Termin einhalten müsse und beschleunigte
Arbeit fordere. Den Chefingenieur der französischen Baustelle,
Monsieur Gaillard, einen weißhaarigen, eleganten Franzosen von großen
Fähigkeiten, sägte er ab und ersetzte ihn durch einen Amerikaner,
Stephan Olin-Mühlenberg, ohne sich um das Geschrei in der französischen
Presse zu kümmern.

Wie aus dem Boden gewachsen, erschien Allan in den einzelnen
Kraftstationen, und es entging ihm nichts, nicht das geringste, und
die Ingenieure atmeten auf, wenn er wieder fort war und sie noch ihren
Verstand behalten hatten.

Allan erschien in Paris und die Zeitungen brachten spaltenlange
Artikel über ihn und zusammengelogene Interviews. Acht Tage später
wurde bekannt, daß eine französische Gesellschaft die Konzession
erhalten habe, eine Schnellbahn Paris-Biscaya zu bauen, so daß also
die Tunnelzüge direkt bis Paris laufen konnten. Gleichzeitig wurden
alle großen europäischen Städte mit Plakaten überschwemmt, die eine
von Hobbys Zauberstädten zeigten: die Tunnelstation »Azora«. Hobbys
Feenstadt erregte ein ähnliches ungläubiges Kopfschütteln, eine
ähnliche Begeisterung auf der anderen Seite, wie seinerzeit die
Zauberstadt in Amerika. Hobby hatte wiederum seine Phantasie spielen
lassen. Besondere Verwunderung aber rief eine Skizze in einer Ecke des
Riesenplakats hervor, die den ursprünglichen Bestand an Grund zeigte
und den zukünftigen. Das Syndikat hatte einen Streifen der Insel
San Jorgo erworben, dazu ein paar kleine Inseln und eine Gruppe von
Sandbänken. In wenigen Jahren aber sollte sich der Grund vervierfachen.
Die Inseln waren durch enorme, breite Dämme miteinander verbunden,
die Sandbänke mit dem Hauptkomplex verschmolzen. Man dachte im ersten
Augenblick nicht daran, daß Allan an dieser Baustelle viertausend
Doppelkilometer Gestein (und mehr, wenn er wollte) ins Meer stürzen und
somit recht gut diese merkwürdig geformte große Insel schaffen
konnte ...

Wie in der amerikanischen Phantomstadt gab es in dem zukünftigen
»Azora« einen ungeheuren, herrlichen Hafen mit Dämmen, Molen,
Leuchttürmen, und besonders fiel die zauberhafte Badestadt ins Auge:
Hotels, Terrassen, Parks, ein unübersehbarer Strand.

Die weitaus größte Bewunderung, um nicht zu sagen Bestürzung erregten
aber die vom Tunnel-Syndikat geforderten Bodenpreise. Sie waren für
europäische Verhältnisse exorbitant! Das Syndikat aber hatte seine
Blicke kühl und unbarmherzig auf das europäische Kapital geheftet, wie
die Schlange auf einen Vogel. Es war ja leicht einzusehen, daß Azora
den gesamten Personenverkehr Südamerikas verschlingen würde. Es gehört
auch nicht viel Verstand dazu, um zu begreifen, daß Azora -- von Paris
in vierzehn, von New York in sechzehn Stunden zu erreichen -- der
berühmteste Badeort der Welt werden mußte, das Rendezvous der vornehmen
Welt Englands, Frankreichs und Amerikas.

Und das europäische Kapital kam. Es bildeten sich Ringe von
Terrainspekulanten, die große Gebiete kauften, um sie in zehn Jahren in
Quadratruten zu verschachern.

Aus Paris, London, Liverpool, Berlin, Frankfurt, Wien floß das Geld und
strömte in S. Woolfs große Tasche, in S. Woolfs »big pocket«, die im
Volke sprichwörtlich geworden war.



6.


S. Woolf strich dieses Geld ein, wie er die drei Milliarden des
Kapitals und des Volkes einstrich und die Summen, die Bermuda, Biscaya,
Finisterra und Mac City brachten. Ohne Danke zu sagen. Es hatte
seinerzeit nicht an Warnern gefehlt, die eine Lawine von Bankerotten
prophezeiten, wenn ein solch ungeheurer Strom von Geld einer Seite
zuflute. Diese Prophezeiungen von Finanzdilettanten hatten sich nur zum
allergeringsten Teil erfüllt. Ein paar Industrien waren trocken gelegt
worden, hatten sich aber in kurzer Zeit wieder erholt.

Denn S. Woolfs Geld rostete nicht. Kein Heller rostete! Es begann
augenblicklich wieder den alten Kreislauf, kaum daß es in seine Hände
gelangt war.

Er sandte es um den ganzen Erdball.

Die Springflut von Gold rollte über den Atlantik nach Frankreich,
England, Deutschland, Schweden, Spanien, Italien, die Türkei, Rußland.
Sie übersprang den Ural und rollte hinein in die Wälder Sibiriens, in
die Berge des Baikal. Sie flutete über Südafrika, Kapland, Oranje, über
Australien, Neuseeland. Sie flutete nach Minneapolis, Chikago und St.
Louis, in die Rocky Mountains, nach Nevada, nach Alaska.

S. Woolfs Dollar waren Milliarden rasender kleiner Krieger, die sich
mit dem Geld aller Nationen und aller Rassen schlugen. Sie waren alle
kleine S. Woolfs, mit S. Woolfschem Instinkt bis zum Hals gefüllt,
deren Losung: Money! war. Sie stürzten sich in Heeren durch den
Draht auf dem Grund des Meeres, sie flogen durch die Luft. Sobald
sie aber den Kampfplatz erreicht hatten, verwandelten sie sich! Sie
wurden zu kleinen stählernen Hämmern, die Tag und Nacht prasselten
vor Gier, sie wurden zu flinken Weberschiffchen in Liverpool, sie
rutschten als Hottentotten über die Sandflächen der Diamantfelder
Südafrikas. Sie wurden zu einer Pleuelstange an einer Maschine von
tausend Pferdekräften, zu einem Riesenschenkel aus blankem Stahl, der
vierundzwanzig Stunden jeden Tag wütend den Dampf besiegte und stets
vom Dampf zurückgeschleudert wurde. Sie wurden zu einem Zug voll
Eisenbahnschwellen, der von Omsk nach Peking unterwegs ist, zu einem
Schiffsbauch voller Gerste, von Odessa nach Marseille. Sie stürzten in
Südwales im Förderkorb achthundert Meter in die Tiefe und rasten mit
Kohlen herauf. Sie hockten auf tausend Gebäuden der Welt und wucherten,
sie mähten Getreide in Kanada und standen als Tabakpflanzen in Sumatra.

Sie kämpften! Auf einen Wink Woolfs wandten sie Sumatra den Rücken und
pochten Gold in Nevada. Sie verließen Australien im Fluge und fielen
als ein Schwarm in der Baumwollenbörse Liverpools ein.

S. Woolf gönnte ihnen keine Ruhe. Tag und Nacht hetzte er sie durch
hundert Verwandlungen. Er saß im Sessel seiner Office, kaute Zigarren,
schwitzte, diktierte gleichzeitig ein Dutzend Telegramme und Briefe,
den Telephonhörer am Ohr, nebenbei ein Gespräch mit einem Prokuristen
führend. Er lauschte mit dem rechten Ohr auf die Stimme im Apparat,
mit dem linken auf den Rapport des Beamten. Er sprach mit einer Stimme
zu dem Beamten, schrie mit einer zweiten in das Telephon hinein. Er
übersah mit einem Auge seine Stenographen und Typewriter, ob sie auf
die Fortsetzung warteten, mit dem anderen sah er auf die Uhr. Er
dachte, daß Nelly nun schon zwanzig Minuten auf ihn warte und ein
Gesicht schneiden würde, wenn er so spät zum Diner käme, er dachte
gleichzeitig, daß der Prokurist im Falle Rand Mines ein Idiot sei,
im Falle Garnier frères aber weitsichtig denke, er dachte -- ganz
im Hintergrund seines haarigen, dampfenden Schädels -- an die große
Schlacht, die er morgen an der Wiener Börse schlagen und gewinnen würde.

Jede Woche hatte er über eineinhalb Millionen Dollar flüssig zu machen
für Löhne und an den Quartalen für Zinsen und Abschreibungen Hunderte
von Millionen. An diesen Zeitpunkten kam er tagelang nicht aus seiner
Office heraus. Dann war die Schlacht in vollem Gange und S. Woolf
erkaufte sich den Sieg mit einem großen Verlust an Schweiß und Fett und
Atem.

Er rief seine Armeekorps zurück. Und sie kamen, jeder Dollar ein
kleiner heroischer Sieger, der Beute gemacht hatte, acht Cent oder
zehn, zwanzig Cent. Viele kehrten als Krüppel heim und manche waren auf
der Walstatt gefallen -- das war der Krieg!

Diesen atemlosen, rasenden Kampf focht S. Woolf seit Jahren aus, Tag
und Nacht auf der Witterung nach dem günstigsten Angriff, Überfall
und Rückzug. Stündlich gab er seinen Befehlshabern in fünf Erdteilen
Befehle und stündlich prüfte er ihre Schlachtberichte.

S. Woolf leistete erstklassige Arbeit. Er war ein Geldgenie, er roch
das Geld auf Meilen Abstand. Er hatte ungezählte Millionen Aktien
und Anteilscheine nach Europa geschmuggelt, denn des amerikanischen
Geldes glaubte er sicher zu sein, wenn er seine goldenen Reservearmeen
unter Waffen rufen mußte. Er hatte Prospekte verfaßt, die sich wie
Gedichte Walt Whitmans lasen. Er verstand es wie kein anderer, zur
rechten Zeit das rechte Trinkgeld in die rechte Hand zu drücken. Dank
dieser Taktik machte er in weniger zivilisierten Ländern (wie Rußland,
Persien) Geschäfte, die fünfundzwanzig und vierzig Prozent abwarfen
und die nur im Finanzleben für erlaubt gelten. Bei den jährlichen
Generalversammlungen ging er aufgerichtet durchs Ziel und das Syndikat
hatte im Lauf der Jahre sein Gehalt auf dreihunderttausend Dollar
erhöht. Er war unersetzlich.

S. Woolf arbeitete, daß seine Lungen rasselten. Jedes Blatt Papier, das
er in die Hand nahm, zeigte den fetten Abdruck seines Daumens, trotzdem
er hundertmal am Tage die Hände wusch. Er schied ganze Tonnen Talg aus
und wurde trotzdem immer fetter. Sobald er aber den schweißfeuchten
Kopf unter kaltes Wasser gesteckt, Haare und Bart gebürstet, einen
frischen Kragen umgelegt hatte und die Office verließ, war er ein
würdevoller Gentleman, der nie Eile und Hast verriet. Er bestieg
bedächtig seinen eleganten pechschwarzen Car, dessen silberner Drache
wie das Nebelhorn eines Ozeandampfers brummte und rollte den Broadway
hinab, um den Abend zu genießen.

Das Diner nahm er gewöhnlich bei einer seiner jungen Freundinnen ein.
Er liebte es, gut zu speisen und ein Glas starken, kostbaren Weins dazu
zu trinken.

Jeden Abend um elf erschien er im Klub, um zwei Stunden zu spielen.
Er spielte besonnen, nicht zu hoch und nicht zu niedrig, schweigsam,
zuweilen mit den roten, wulstigen Lippen in seinen schwarzen Bart
plusternd.

Im Klub trank er stets eine Tasse Kaffee, nichts sonst.

S. Woolf war das Muster eines Gentleman.

Er hatte nur ein Laster und er verbarg es sorgfältig vor der Welt.
Das war seine außerordentliche Sinnlichkeit. Seinen dunkeln, tierisch
glänzenden, schwarzbewimperten Augen entging kein schöner Frauenkörper.
Das Blut begann in seinen Ohren zu knacken, sobald er ein junges
hübsches Mädchen mit runden Hüften sah. Er kam jedes Jahr viermal
mindestens nach Paris und London und in beiden Städten hielt er ein
oder zwei hübsche Mädchen aus, denen er luxuriöse Wohnungen mit
spiegelverschalten Alkoven eingerichtet hatte. Er gab einem Dutzend
junger süßer Geschöpfe Sektsoupers, bei denen er im Frack erschien
und die Göttinnen in ihrer schönen schimmernden Haut. Häufig brachte
er von seinen Reisen »Nichten« mit, die er nach New York verpflanzte.
Die Mädchen mußten schön, jung, schwellend und blond sein; besonders
Engländerinnen, Deutschen und Skandinavierinnen gab er den Vorzug.
S. Woolf rächte auf diese Weise den armen Samuel Wolfsohn, den die
Konkurrenz gutgebauter Tennisspieler und großer Monatswechsel vor
Jahren bei allen schönen Frauen aus dem Felde geschlagen hatte. Er
rächte sich an jener hochmütigen blonden Rasse, die ihn früher mit
dem Fuß ins Gesicht trat, indem er jetzt ihre Frauen kaufte. Und er
entschädigte sich vor allem für eine entbehrungsreiche Jugend, die ihm
weder Zeit noch Möglichkeit ließ, seinen Durst zu stillen.

Von jeder Reise brachte er eine Anzahl Siegestrophäen mit, Locken und
Strähnen, vom kühlen silbrigen Blond bis zum heißesten Rot, die er in
einem japanischen Lackschrank in seiner New Yorker Wohnung aufbewahrte.
Aber davon wußte niemand etwas, denn S. Woolf schwieg.

Auch aus einem anderen Grunde liebte er seine trips nach Europa. Er sah
seinen alten Vater, an dem er mit einer sonderbaren Sentimentalität
hing. Zweimal im Jahre kam er auf zwei Tage nach Szentes und Telegramme
flogen vor ihm her. Ganz Szentes war in Aufregung. Der große Sohn des
alten Wolfsohn! Der Glückliche! Dieser Kopf! Er kam.

S. Woolf hatte seinem Vater ein hübsches Haus gebaut und einen schönen
Garten anlegen lassen. Fast wie eine Villa. Musikanten kamen und
fiedelten und tanzten, während ganz Szentes sich gegen das eiserne
Gartengitter drängte.

Der alte Wolfsohn wiegte sich hin und her und wackelte mit dem kleinen,
abgemagerten Kopf und vergoß Freudentränen.

»Groß bist du geworden, mein Sohn! Wer hätt' gedacht! Groß, mein Stolz!
Ich danke Gott jeden Tag!«

S. Woolf aber war ob seines freundlichen Wesens in ganz Szentes
beliebt. Mit hoch und niedrig, jung und alt verkehrte er mit der
gleichen amerikanisch-demokratischen Einfachheit. So groß und so
bescheiden!

Der alte Wolfsohn hatte nur noch einen Wunsch, bevor ihn Gott abrief.

»Ihn möchte ich sehen!« sagte er. »Diesen Herrn Allan! Was für ein
Mann!«

Und S. Woolf entgegnete darauf: »Du wirst! Kommt er wieder nach Wien
oder Berlin, und er kommt, so telegraphiere ich dir. Du gehst ins
Hotel, sagst, du bist mein Vater, er wird sich freuen!«

Der alte Wolfsohn aber streckte die kleinen Greisenhände empor und
schüttelte den Kopf und weinte: »Nie werd' ich ihn sehen, diesen Herrn
Allan. Nie werd' ich es wagen, bei ihm vorzusprechen. Die Füße trügen
mich nicht.«

Der Abschied fiel jedesmal beiden sehr schwer. Der alte Wolfsohn
schlürfte noch ein paar kleine Schritte mit eingeknickten Füßen neben
dem Salonwagen seines Sohnes einher und jammerte laut, und S. Woolf
rannen die Tränen übers Gesicht. Sobald er aber das Fenster geschlossen
und die Augen getrocknet hatte, war er wieder S. Woolf, dessen dunkler
Rabbinerschädel auf keine Frage Antwort gab.

S. Woolf hatte seine Bahn durchmessen. Er war reich, berühmt,
gefürchtet, die Finanzminister großer Reiche empfingen ihn mit Achtung,
er war, von dem bißchen Asthma abgesehen, gesund. Sein Appetit und
seine Verdauung waren vorzüglich und sein Appetit auf Frauen ebenso.
Und doch war er nicht glücklich.

Sein Unglück war, daß er alle Dinge analysieren mußte und daß er
Zeit gehabt hatte nachzudenken, in Pullmancars, in Steamerchairs. Er
hatte an alle Menschen gedacht, denen er im Leben begegnet war und
die sein Gedächtnis kinematographiert hatte. Er hatte diese Menschen
untereinander verglichen und sich selbst mit diesen Menschen. Er war
klug und kritisch. Und er hatte zu seinem nicht geringen Schrecken
herausgefunden, daß er ein _ganz alltäglicher_ Mensch war! Er kannte
den Markt, den Weltmarkt, er war ein Kursbericht, ein Börsentelegraph,
ein Mensch mit Zahlen angefüllt bis unter die Nägel seiner Zehen
-- aber was war er sonst? War er, was sie eine Persönlichkeit
nannten? Nein. Sein Vater, der zweitausend Jahre hinter ihm zurück
war, war trotz allem mehr Persönlichkeit als er. Er aber, er war
Österreicher geworden, Deutscher, Engländer, Amerikaner. Bei all
diesen Verwandlungen hatte er Haut gelassen und nun -- was war er
nun? Ja, der Teufel hätte sagen können, was er nun eigentlich war!
Sein Gedächtnis, dieses abnorme Gedächtnis, das auf Jahre hinaus
mechanisch die Nummer eines Eisenbahnwaggons behielt, in dem er von San
Franzisko nach Chikago gefahren war, dieses Gedächtnis war wie ein ewig
waches Gewissen. Er wußte, woher er diesen Gedanken hatte, den er als
originales Produkt vorführte, diese Art, den Hut zu ziehen, diese Art,
zu sprechen, diese Art, zu lächeln und diese Art, jemanden anzusehen,
der ihn langweilte. Sobald er all dieses erkannt hatte, begriff er,
weshalb sein Instinkt ihn gerade zu jener Pose geführt hatte, die die
sicherste war: Ruhe, Würde, Schweigsamkeit. Und selbst diese Pose war
aus Millionen Elementen zusammengesetzt, die er von anderen Menschen
entlehnt hatte!

Er dachte an Allan, Hobby, Lloyd, Harriman. Sie alle waren Menschen!
Bis auf Lloyd hielt er sie alle für beschränkt, für Leute, die
nur »viereckig« denken konnten, die überhaupt _niemals_ dachten!
Aber trotzdem waren sie Menschen, originelle Menschen, die man --
selbst wenn man es nicht definieren konnte -- als selbständige
Persönlichkeiten empfand! Er dachte an Allans Würde. Worin lag sie?
Wer konnte sagen, weshalb er würdig erschien? Niemand. Seine Macht,
der -- Schrecken, den er einflößte? Worin lag es? Niemand konnte es
sagen. Dieser Allan hatte keine Pose, er war stets natürlich, einfach,
er selbst und er wirkte! Er hatte oft Allans braunes, sommersprossiges
Gesicht beobachtet. Es drückte weder Adel noch Genie aus und doch
konnte er seinen Blick nicht sättigen an der Einfachheit, der Klarheit
dieser Züge. Wenn Allan etwas sagte, nur leichthin, so genügte das
schon. Niemand würde auch nur daran gedacht haben, seine Anordnungen zu
ignorieren.

Nun, S. Woolf war nicht der Mann, der sich Tag und Nacht mit diesen
Dingen beschäftigte. Zuweilen nur gab er sich damit ab, wenn der
Zug durch die Landschaft glitt. Dann aber geriet er stets in eine
unbehagliche und gereizte Verfassung.

Bei diesen Betrachtungen stieß er immer auf einen Punkt: das war sein
Verhältnis zu Allan. Allan achtete ihn, er behandelte ihn zuvorkommend,
kollegial -- aber er behandelte ihn doch nicht wie die anderen, und er,
S. Woolf, bemerkte das wohl.

Er hörte, wie Allan fast alle Ingenieure, Chefingenieure und Beamte
einfach bei ihren Namen rief. Warum aber nannte er ihn stets »Herr
Woolf«, ohne sich je zu versprechen? Aus Respekt? O nein, mein Sohn,
dieser Allan hatte nur vor sich selbst Respekt! So lächerlich es S.
Woolf auch selbst erschien, es war einer seiner intimsten Wünsche,
daß Allan ihn eines Tages auf die Schulter klopfte und sagte: »Hallo,
Woolf, ~how do you do~?« -- Aber er wartete seit Jahren darauf.

Dann wurde es S. Woolf stets klar, daß er Allan _haßte_! Ja, er haßte
ihn -- ohne jeden Grund. Er wünschte, Allans Sicherheit erschüttert
zu sehen, Allans Blick sollte einmal flackern, Allan sollte einmal
abhängig von ihm sein.

S. Woolf war ganz heiße Leidenschaft, wenn er diese Gedanken erwog.
Es war ja auch recht wohl möglich! Es konnte ein Tag kommen, da er,
S. Woolf --! Weshalb sollte es nicht möglich sein, daß seine Stellung
eines Tages einer absoluten Beherrschung des Syndikats gleichkäme?

S. Woolf legte die orientalischen Augendeckel über seine schwarzen,
glänzenden Augen und seine fetten Wangen zitterten.

Das war der kühnste Gedanke, den er in seinem Leben gedacht hatte, und
dieser Gedanke hypnotisierte ihn.

Er brauchte ja nur eine Milliarde Aktien im Rücken zu haben -- und dann
sollte Mac Allan sehen, wer S. Woolf war.

S. Woolf zündete sich eine Zigarre an und träumte seinen ehrgeizigen
Traum.



7.


Edison Bio machte immer noch glänzende Geschäfte mit ihrem wöchentlich
neuen Tunnel-Film.

Sie zeigte die schwarze Wolkenbank, die ewig über dem Materialbahnhof
in Mac City steht. Sie zeigte die unübersehbare Armee von Waggons,
die von tausend qualmenden Lokomotiven aus allen Staaten Amerikas
hierhergeschleppt wurden. Verladebrücken, Drehkrane, Laufkatzen,
Hochbahnkrane. Sie zeigte das »Fegfeuer« und die »Hölle« voll rasender
Menschen, der Phonograph gab gleichzeitig den Lärm wieder, wie er, zwei
Meilen hinter der »Hölle« durch die Stollen tobte. Obwohl durch einen
Dämpfer aufgenommen, war der Lärm so überwältigend und entsetzlich,
daß das Auditorium sich die Ohren zuhielt.

Edison Bio zeigte die ganze Bibel der modernen Arbeit. Und alles mit
einem bestimmten Ziel: dem Tunnel!

Und die Zuschauer, die sich vor zehn Minuten an einem schauerlichen
Melodrama ergötzt hatten, fühlten, daß all die bunten, rauchenden und
dröhnenden Bilder der Arbeit, die die Leinwand zeigte, nichts anderes
waren als Szenen eines weitaus größeren und mächtigeren Dramas, dessen
Held ihre Zeit war.

Edison Bio verkündete das Epos des Eisens, größer und gewaltiger als
alle Epen des Altertums.

Eisengruben in Bilbao, Nordspanien, Gellivara, Grängesberg Schweden.
Eine Hüttenstadt in Ohio, die Luft ein Aschenregen, die Schlöte dicht
wie Lanzen. Flammende Hochöfen in Schweden, Feuerzacken ringsum am
nächtlichen Horizont. Inferno. Ein Eisenhüttenwerk in Westfalen.
Paläste aus Glas, Maschinen, vom Menschen ersonnen, Mammute mit
ihrem zwerghaften Erzeuger und Lenker zur Seite. Eine Gruppe dicker
Teufel, turmhoch, schwelend, die Hochöfen, umschnürt von Eisengürteln,
zuweilen Feuer gegen den Himmel speiend. Die Erzkarren sausen hinauf,
der Ofen wird beschickt. Die Giftgase brausen durch die Bäuche der
dicken Teufel und erhitzen den Wind auf 1000 Grad, so daß Kohle und
Koks von selbst zu glühen beginnen. 300 Tonnen Roheisen schmilzt der
Ofen am Tage. Das Stichloch wird angestochen, ein Bach von Eisen
schießt in die Gießhalle, die Menschen glühen, ihre Totengesichter
blenden. Die Bessemer- und Thomasbirnen, geschwollene Spinnenleiber,
Stockwerke hoch, bald stehend, bald liegend, vom Druck des Wassers
bewegt, Luft durch das Eisen blasend, Feuerschlangen und Funkengarben
weit hinausspeiend. Glut, Hitze, Hölle und Triumph! Die Martinsöfen,
die Rollöfen, die Dampfhämmer, die Walzwerke, Rauch, Funkentänze,
brennende Menschen, jeder Zoll Genie, Sieg. Der Eisenblock glüht und
knistert, läuft über die Walzenstraße zwischen den Walzen hindurch,
streckt sich wie Wachs, wird länger, länger, läuft zurück durch das
letzte Profil und liegt da, heiß und schwitzend, schwarz, besiegt,
fertig: »Krupp, Essen, walzt eine Tunnelschiene.«

Zum Schluß: Ein Stollen in einem Kohlenbergwerk. Ein Pferdekopf, ein
Pferd, ein kleiner Junge in hohen Stiefeln, der daneben hergeht,
ein endloser Zug von Kohlenkarren dahinter. Ewig nickt das Pferd
mit dem Kopf, stapft der Junge, bis er ganz nahe ist und mit seinem
geschwärzten, fahlen Gesicht ins Publikum grinst.

Der Konferencier: »Solch ein Kohlenjunge war Mac Allan, der Erbauer des
Tunnels, vor zwanzig Jahren.«

Ein ungeheurer Jubel bricht los! Der menschlichen Energie und Kraft
jubelt man zu -- sich selbst, seinen eigenen Hoffnungen!

In dreißigtausend Theatern führte Edison Bio die Tunnelfilme täglich
vor. Es gab kein Nest in Sibirien und Peru, wo man die Filme nicht sah.
So war es natürlich, daß all die Höchstkommandierenden des Tunnelbaus
ebenso bekannt wurden wie Allan selbst. Ihre Namen prägten sich dem
Gedächtnis des Volkes ein wie die Namen von Stephenson, Marconi,
Ehrlich, Koch.

Nur Allan selbst hatte noch nicht Zeit gehabt, sich den Tunnelfilm
anzusehen, obgleich die Edison Bio wiederholt versucht hatte, ihn an
den Haaren hineinzuziehen.

Denn die Edison Bio versprach sich einen besonderen Erfolg von dem
Film: »Mac Allan sieht sich selbst im Edison Bio.«



8.


»Wo ist Mac?« fragte Hobby.

Maud hielt im Schaukeln inne.

»Laß sehen! -- In Montreal, Hobby.«

Es ist Abend und sie sitzen beide auf der Veranda im ersten Stock
des Hauses, die auf das Meer hinausgeht. Der Garten liegt schweigend
unter ihnen im Dunkel. Die müde Dünung des Meeres rauscht und zischt
gleichmäßig, und fern braust und klingt die Arbeit. Sie haben vor Tisch
vier Games Tennis geklopft, zu Abend gegessen und nun ruhen sie noch
ein Stündchen aus. Das Haus liegt ganz ruhig und dunkel.

Hobby gähnt müde und klopft sich dabei auf den Mund. Das gleichmäßig
feine Zischen des Meeres schläfert ihn ein.

Maud aber saß und schaukelte sich und ihre Augen waren ganz wach.

Sie betrachtete Hobby. In seiner hellen Kleidung, mit seinen
lichtblonden Haaren, sah er in der Dunkelheit fast weiß aus, und nur
sein Gesicht und sein Schlips waren dunkel. Wie ein Negativ. Maud
lächelte, denn sie erinnerte sich an die Geschichte, die ihr Hobby
beim Essen erzählte -- eine Geschichte von einer der »Nichten« S.
Woolfs, die S. Woolf verklagte, weil er sie auf die Straße setzte. Von
der Geschichte kam sie aber sofort wieder auf Hobby selbst zurück.
Er gefiel ihr. Selbst seine Albernheiten gefielen ihr. Sie waren die
besten Kameraden, hatten keine Geheimnisse vor einander. Zuweilen
wollte er ihr sogar Dinge erzählen, die sie gar nicht wissen wollte
und sie mußte ihn bitten, den Mund zu halten. Hobby und Edith waren so
herzlich und vertraut miteinander wie Vater und Kind. Und oft sah es
aus, als ob Hobby der Herr des Hauses wäre.

»Hobby könnte ebensogut mein Mann sein wie Mac,« dachte Maud und
fühlte, wie sie heiß und rot wurde.

In diesem Augenblick lachte Hobby leise vor sich hin.

»Warum lachst du, Hobby?«

Hobby dehnte sich, daß der Sessel knirschte.

»Ich habe eben gedacht, wie ich die nächsten sieben Wochen leben werde.«

»Hast du wieder verloren?«

»Ja. Wenn ich full hand in der Hand habe, so werde ich doch halten? Ich
habe sechstausend Dollar verpulvert. Vanderstyfft gewinnt, die reichen
Kerle gewinnen immer.«

Maud lachte.

»Du brauchst ja nur ein Wort zu Mac zu sagen.«

»Ja, ja, ja --« erwiderte Hobby und gähnte wieder und klopfte sich auf
den Mund. »So geht es, wenn man ein fool ist!«

Und beide hingen wieder ihren Gedanken nach. Maud hatte einen Trick
ersonnen, wie sie mit dem Schaukelstuhl vorwärts und rückwärts wandern
konnte, während sie schaukelte. Bald war sie einen Schritt näher, bald
einen Schritt ferner. Und immer behielt sie Hobby im Auge.

Ihr Herz war voller Verwirrung, Resignation und Verlangen.

Hobby hatte die Augen geschlossen und Maud fragte plötzlich dicht neben
ihm: »Frank, wie wäre es geworden, wenn ich dich geheiratet hätte?«

Hobby öffnete die Augen und war sofort ganz wach. Mauds Frage hatte ihn
aufgeschreckt und der Klang seines Vornamens, mit dem ihn seit Jahren
niemand mehr angesprochen hatte. Er erschrak, denn Mauds Gesicht war
ganz nahe und doch war sie vor einem Augenblick noch zwei Schritt fern
gewesen. Ihre weichen, kleinen Hände lagen auf der Lehne seines Stuhles.

»Wie kann ich das wissen?« entgegnete er unsicher und versuchte es mit
einem leisen Lachen.

Mauds Augen standen dicht vor ihm. Ein goldener Glanz leuchtete warm
und flehend aus ihrer Tiefe. Ihr Gesicht schimmerte bleich und schmal,
wie vergrämt, aus dem dunkeln Scheitel.

»Warum habe ich dich nicht geheiratet, Frank?«

Hobby holte Atem. »Weil dir Mac besser gefiel,« sagte er nach einer
Weile.

Maud nickte. »Wären wir zusammen glücklich geworden, Frank?«

Hobbys Verwirrtheit steigerte sich, zumal er sich nicht regen konnte,
ohne Maud zu nahe zu kommen.

»Wer weiß es, Maud?« Hobby lächelte.

»Hast du mich früher wirklich geliebt, Frank, oder tatest du nur so?«
flüsterte Maud.

»Ja, wirklich!«

»Wärst du glücklich mit mir geworden, Frank, glaubst du?«

»Ich glaube es.«

Maud nickte und ihre feinen Brauen zogen sich träumerisch in die Höhe.
»Ja?« flüsterte sie, noch leiser, voller Glück und Weh.

Hobby ertrug die Situation nicht länger. Wie konnte es Maud nur in den
Sinn kommen, an diese alten Dinge zu rühren? Er wollte ihr sagen, daß
das alles Nonsens sei, er wollte einlenken. Ja, zum Teufel, Maud gefiel
ihm immer noch und er hatte seinerzeit böse Tage gehabt ...

»Und nun sind wir gute Freunde geworden, Maud, nicht wahr?« fragte er
in so harmlosem alltäglichen Tonfall, als er es in diesem Augenblick
vermochte.

Maud nickte, ganz unmerklich. Sie sah ihn immer noch an und so saßen
sie eine, zwei Sekunden und sahen einander in die Augen. Plötzlich
geschah es! Er hatte eine kleine Bewegung gemacht, weil er nicht länger
stillhalten konnte -- ja, wie war es doch gekommen? --: ihre Lippen
berührten sich wie von selbst.

Maud fuhr zurück. Sie stieß einen kleinen, erstickten Schrei aus, stand
auf, stand eine Weile regungslos da und verschwand im Dunkel. Eine Türe
ging.

Hobby kletterte langsam aus dem Korbsessel und sah mit einem
verwirrten, geistesabwesenden Lächeln ins Dunkle hinein, während er
noch Mauds Mund auf seinen Lippen fühlte, weich und warm, und seine
Arme vor Müdigkeit abzufallen drohten.

Dann fand er sich zurecht. Er hörte plötzlich die Dünung wieder zischen
und einen Zug in der Ferne klingeln. Er zog gedankenlos die Uhr und
ging durch die dunklen Zimmer in den Garten hinunter.

»Nie wieder!« dachte er. »~Stop, my boy!~ Maud wird mich sobald nicht
wieder sehen.«

Er nahm den Hut vom Nagel, zündete sich mit zitternden Händen eine
Zigarette an und verließ das Haus, immer noch erregt, beglückt,
verwirrt.

»Ja, zum Teufel, wie kam es nur?« dachte er immer wieder und hielt den
Schritt an.

Unterdessen saß Maud zusammengeduckt in ihrem dunklen Zimmer, die Hände
im Schoß, blickte mit erschrockenen Augen vor sich auf den Boden und
flüsterte: »Die Schande -- die Schande -- o Mac, Mac!« Und sie weinte
still und zerknirscht. Nie mehr würde sie Mac in die Augen sehen
können, nie mehr. Sie mußte es ihm sagen, sie mußte sich scheiden
lassen, ja, das mußte sie! Und Edith? Sie konnte wirklich stolz auf
ihre Mutter sein, in der Tat!

Sie erschrak. Hobby ging drunten. Er geht so leicht, dachte sie, sein
Schritt ist so leicht. Ihr Herz pochte im Hals. Sollte sie aufstehen,
rufen: »Hobby, komm --!« Ihr Gesicht glühte und sie rang die Hände. O
Himmel, nein -- die Schande -- was war über sie gekommen? Den ganzen
Tag über hatte sie schon törichte Gedanken im Kopf gehabt und am Abend
die Augen nicht von Hobby losreißen können und gedacht -- ja, nun
wollte sie schon ganz ehrlich sein! -- wie es wäre, wenn er sie
küßte ...

Maud weinte noch im Bett vor Kummer und Reue. Dann wurde sie ruhiger
und faßte sich. »Ich werde es Mac sagen, wenn er kommt, und ihn bitten,
mir zu verzeihen, ihm schwören ... Laß mich nicht so allein, Mac, werde
ich sagen. Übrigens war es doch schön -- Gott, Hobby erschrak bis ins
tiefste Herz hinein. Schlafen, schlafen, schlafen!«

Am andern Morgen, als sie mit Edith zusammen badete, spürte sie nur
noch einen kleinen Druck im Herzen, der auch blieb, wenn sie gar nicht
an den gestrigen Abend dachte. Es würde alles wieder gut werden, gewiß.
Es kam ihr vor, als habe sie Mac nie heißer geliebt. Aber er sollte sie
nicht so vernachlässigen! Nur manchmal versank sie in Nachdenken und
sah mit blickleeren Augen vor sich hin, von heißen, raschen, unruhigen
Gedanken erfüllt. Wenn sie nun aber Hobby wirklich liebte ...?

Hobby kam drei Tage nicht. Er arbeitete am Tage wie ein Teufel und
abends war er in New York und spielte und trank Whisky. Er borgte sich
viertausend Dollar und verlor sie bis auf den letzten Cent.

Am vierten Tag sandte ihm Maud eine Note, daß sie ihn bestimmt erwarte
am Abend. Sie habe mit ihm zu reden.

Hobby kam. Maud errötete, als sie ihn sah, empfing ihn aber heiter und
lachend.

»Wir wollen nie wieder eine solche Dummheit begehen, Hobby!« sagte sie.
»Hörst du? O, ich habe mir solche Vorwürfe gemacht! Ich habe nicht
geschlafen, Hobby. Nein, nie wieder. Ich bin ja schuldig, nicht du, ich
lüge mich nicht an. Zuerst dachte ich, ich müsse es Mac beichten, nun
aber bin ich entschlossen, ihm nichts zu sagen. Oder meinst du, ich
sollte?«

»Du kannst es ja gelegentlich tun, Maud. Oder ich --«

»Nein, du nicht, hörst du, Hobby! Ja, gelegentlich -- du hast recht.
Und nun wollen wir wieder die alten, guten Kameraden sein, Hobby!«

»~All right!~« sagte Hobby und nahm ihre Hand und dachte, wie hübsch
ihr Haar glänze und wie hübsch ihr diese leichte Röte und Verwirrtheit
stehe und wie gut und treu sie sei, und daß ihn dieser Kuß viertausend
Dollar gekostet habe. ~Never mind!~

»Die Balljungen sind da, willst du spielen?«

So waren sie wieder die alten Kameraden, und nur Maud konnte dann und
wann nicht umhin, Hobby durch einen Blick daran zu erinnern, daß sie
ein Geheimnis zusammen hätten.



Vierter Teil



1.


Mac Allan stand wie ein geißelschwingendes Phantom über der Erde und
peitschte zur Arbeit an.

Die ganze Welt verfolgte voller Spannung das atemlose Rasen unter dem
Meeresboden. Die Zeitungen hatten eine stehende Rubrik eingeführt, auf
die sich alle Augen zuerst richteten, wie auf die Nachrichten von einem
Kriegschauplatz.

In den ersten Wochen des siebten Baujahres aber wurde Allan vom
Geschick eingeholt. In den amerikanischen Stollen ereignete sich die
große Oktoberkatastrophe, die sein Werk ernstlich gefährdete.

Kleinere Unglücksfälle und Störungen waren alltäglich. Es wurden
Arbeiter von niederbrechendem Gestein verschüttet, beim Sprengen in
Stücke gerissen, von Zügen zermalmt. Der Tod war im Tunnel zu Hause
und holte sich die Tunnelmänner ohne viele Umstände heraus. In allen
Stollen waren wiederholt große Mengen Wasser eingebrochen, die die
Pumpen nur mit Mühe bewältigen konnten, und Tausende von Menschen
liefen Gefahr zu ertrinken. Diese Tapferen standen zuweilen bis an die
Brust im Wasser. Und oft waren diese einbrechenden Wasser kochend heiß
und dampften wie Geiser. Allerdings ließen sich große Wassermengen in
den meisten Fällen vorherbestimmen, so daß man seine Maßnahmen treffen
konnte. Mit besonders konstruierten Apparaten, den Sendeapparaten der
drahtlosen Telegraphie ähnlich, wurden nach einem von Doktor Lövy,
Göttingen, zuerst angeregten Verfahren elektrische Wellen in den Berg
gesandt, die, sobald Wassermengen (oder Erzlager) vorhanden waren,
reflektiert wurden und mit den ausgesandten Wellen in Interferenz
traten. Wiederholt waren die Bohrmaschinen verschüttet worden und bei
diesen Unfällen ging es nicht ohne Tote ab. Denn wer in der letzten
Sekunde nicht flüchten konnte, wurde zermalmt. Kohlenoxydvergiftung,
Anämie waren alltägliche Erscheinungen. Der Tunnel hatte sogar eine
neue Krankheit hervorgerufen, ähnlich jener, die man bei den Arbeitern
in den Caissons beobachtet, der Caissonkrankheit; sie wurde im Volk
»~the bends~«, die »Beuge«, genannt. Allan hatte am Meer ein eigenes
Erholungsheim für diese merkwürdigen Kranken eingerichtet.

Alles in allem aber hatte der Tunnel in sechs Jahren nicht mehr
Opfer gefordert als andere technische Großbetriebe. In Summa 1713
Menschenleben, eine verhältnismäßig niedrige Ziffer.

Der zehnte Oktober des siebten Baujahrs aber war Allans schwarzer
Tag ...

Allan pflegte alljährlich im Oktober eine Generalinspektion der
amerikanischen Baustelle vorzunehmen, die mehrere Tage in Anspruch
nahm. Bei den Ingenieuren und Beamten hieß sie das »jüngste
Gericht«. Am 4. Oktober inspizierte er die »City«. Er besuchte die
Arbeiterhäuser, Schlachthäuser, Bäder und Hospitäler. Er kam auch
in Mauds Rekonvaleszentenheim, und Maud war den ganzen Tag über in
Aufregung und wurde purpurrot über das Kompliment, das er ihrer
Leitung machte. Er besuchte in den nächsten Tagen die Bürogebäude,
Materialbahnhöfe und Maschinenhallen, in denen in endloser Reise die
Dynamos schwangen und knisterten, die Expreß- und Drillingspumpen,
Grubenventilatoren und Kompressoren arbeiteten.

Am nächsten Tag fuhr er mit Hobby, Harriman und Ingenieur Bärmann in
den Tunnel.

Die Tunnelinspektion dauerte mehrere Tage, denn Allan kontrollierte
jede Station, jede Maschine, jede Weiche, jeden Querschlag, jedes
Depot. Sobald sie an einer Stelle fertig waren, stoppten sie durch
Signale einen Zug ab, schwangen sich auf einen Waggon und fuhren ein
Stück weiter.

Die Stollen waren dunkel wie Keller. Zuweilen huschten Lichtschwärme
vorbei: Eisengerüste, Menschenleiber, die in den Gerüsten hingen;
eine rote Lampe blendete, die Glocke des Zuges gellte und Schatten
flüchteten zur Seite.

Die dunkeln Stollen rauschten von den Zügen, die dahinflogen. Sie
knackten und krachten, gellende Schreie flatterten in der fernen
Finsternis. Es heulte irgendwo wie Wölfe, es blies und schnob wie ein
Nilpferd, das auftaucht, dann hörte man mächtige, rauhe Stimmen von
Zyklopen wütend streiten und man glaubte selbst einzelne Worte deutlich
zu verstehen. Ein Gelächter kollerte durch die Stollen und schließlich
vereinigten sich all diese sonderbaren und unheimlichen Laute, der
Tunnel mahlte, rauschte, gröhlte und ganz plötzlich fuhr der Zug in
ein Donnerwetter von Gellen und Getöse hinein, daß man sein eigenes
Wort nicht mehr vernahm. Vierzig Kilometer hinter der Bohrmaschine
dröhnte der Tunnel wie ein riesiges Widderhorn, in das die Hölle stieß.
Hier gleißten die Arbeitsstätten von Licht und Scheinwerfern wie
weißglühende Schmelzöfen.

Die Nachricht, daß Allan im Tunnel war, hatte sich wie ein Lauffeuer
verbreitet. Wo er hinkam -- unkenntlich von Staub und Schmutz und doch
sofort erkannt -- begannen die Rotten »das Lied vom Mac« zu singen:

    »~Three cheers and a tiger for him!~
    Nehmt die Kappe ab vor Mac,
    Mac ist unser Mann!
    Mac ist ein Bursche, der alles kann,
    ~God damn you, yes~, solch ein Kerl ist Mac,
    ~Three cheers and a tiger for Mac!~«

Auf den Gesteintransporten saßen die abgelösten Mannschaften und die
Züge ließen in dem Rollen und Grollen des Stollens ein Echo von Gesang
zurück.

Mac war populär und -- soweit es der fanatische Haß zwischen Arbeiter
und Kapital zuließ -- bei seinen Leuten beliebt. Er war einer wie sie,
aus ihrem Stoffe, wenn auch von hundertfältiger Kraft.

»Mac --!« sagten sie, »ja, Mac ist ein Bursche --!« Das war alles, aber
es war das höchste Lob.

Besonders seine »Sonntagsaudienzen« hatten viel zu seiner Popularität
beigetragen. Auch über sie gab es ein Lied, das diesen Inhalt hatte:
»Schreibe eine Zeile an Mac, wenn du Sorgen hast. Er ist gerecht und
einer von uns. Besser noch, geh zur Sonntagsaudienz. Ich kenne ihn, er
wird dich nicht fortschicken, ohne dich gehört zu haben. Er versteht
das Herz des Arbeiters.«

Im »Fegfeuer« prasselten und surrten die elektrischen Nietmaschinen,
wie Propeller bei Vollgas, das Eisen dröhnte. Auch hier sangen die
Leute. Das Weiße der Augen blinkte aus den schmutzigen Gesichtern, die
Mäuler öffneten sich gleichmäßig, aber man hörte keinen Ton.

Die letzten dreißig Kilometer des vorgeschobenen Südstollens mußten sie
fast ganz zu Fuß zurücklegen oder auf langsam rollenden Materialzügen.
Hier war der Stollen ein Wald roher Pfosten, ein Gerüst von Balken,
erschüttert von einem unfaßbaren Getöse, dessen Wucht man immer wieder
vergaß und stets neu erlebte. Die Hitze (48° ~C.~) zerriß Pfosten
und Balken, trotzdem sie häufig mit Wasser bespritzt wurden und die
Wetterführung unaufhörlich frischen, gekühlten Wind hereinschleuderte.
Die Luft war schlecht, verbraucht, eine elende Grubenluft.

In einem kleinen Querschlag lag ein ölbeschmutzter halbnackter
Leichnam. Ein Monteur, den der Herzschlag getroffen hatte. Umtobt von
Arbeit lag er da und eilige Füße stiegen über ihn hinweg. Nicht einmal
seine Augen hatte man geschlossen.

Dann kamen sie in die »Hölle«. Mitten in den heulenden Staubwirbeln
stand ein kleiner, erdfahler Japaner, bewegungslos wie eine Statue, und
gab die optischen Befehle. Bald rot, bald weiß, blendete der Lichtkegel
seines Reflektors und zuweilen schoß er einen grasgrünen Lichtstrahl in
eine Rotte wühlender Menschen hinein, so daß sie wie Leichen, die noch
schufteten, aussahen.

Hier beachtete sie niemand. Kein Gruß, kein Gesang, völlig erschöpfte
Menschen, die halb bewußtlos rasten. Vielmehr mußten sie hier auf die
andern achten, um nicht von einem Pfosten, den keuchende Männer übers
Geröll schleppten oder von einem Steinblock, den sechs Paar nervige,
zerschundene Arme auf einen Karren schwangen, niedergeschlagen zu
werden.

Der Stollen lag hier schon sehr tief, viertausendvierhundert Meter
unter dem Meeresspiegel. Die glühende Atmosphäre, von Staubsplittern
erfüllt, riß die Luftwege wund. Hobby gähnte unaufhörlich aus
Lufthunger und Harrimans Augen traten aus seinem roten Gesicht
hervor, als ersticke er. Allans Lungen aber waren an sauerstoffarme
Luft gewöhnt. Die donnernde Arbeit, die hin- und herstürzenden
Menschenhaufen machten ihn lebendig. Unwillkürlich bekamen seine Augen
einen herrischen und triumphierenden Ausdruck. Er ging aus seiner Ruhe
und Schweigsamkeit heraus, glitt hin und her, schrie, gestikulierte
und sein muskulöser Rücken glänzte von Schweiß.

Harriman kroch mit einer Gesteinsprobe in der Hand zu Allan und hielt
sie ihm vor die Augen. Dann legte er die Hände vor den Mund und heulte
in Allans Ohr: »Das ist das unbekannte Erz!«

»Erz?« tutete Allan auf dieselbe Art zurück. Es war ein rostbraunes,
amorphes Gestein, das sich leicht brechen ließ. Geologisch die erste
Entdeckung während des Tunnelbaus. Das unbekannte Erz, das den Namen
Submarinium erhalten hatte, war stark radiumhaltig und die Smelting and
Refining Co. erwartete jeden Tag, daß man auf große Lager stoßen würde.
Harriman heulte das Allan ins Ohr.

Allan lachte: »Das könnte ihnen passen!«

Aus der Bohrmaschine schlüpfte ein rothaariger Mensch von ungeheurem
Knochenbau, mit langen Gorillaarmen. Eine Säule von Dreck und Öl,
grauen Staubbrei auf den schläfrigen Augendeckeln. Er sah wie ein
Gesteinschlepper aus, war aber einer der ersten Ingenieure Allans,
ein Irländer namens O'Niel. Sein rechter Arm blutete und das Blut
vermischte sich mit dem Schmutz zu einer schwarzen Masse, wie
Wagenschmiere. Er spie unausgesetzt Staub aus und nieste. Ein Arbeiter
überspritzte ihn mit Wasser, wie man einen Elefanten duscht. O'Niel
drehte und bückte sich im Wasserstrahl, vollkommen nackt, und kam
triefend zu Allan heran.

Allan gab ihm die Hand und deutete auf seinen Arm.

Der Irländer schüttelte den Kopf und strich mit den großen Händen das
Wasser aus den Haaren.

»Der Gneis wird grauer und grauer!« tutete er Allan ins Ohr. »Grauer
und härter. Der rote Gneis ist ein Kinderspiel dagegen. Wir müssen jede
Stunde neue Kronen auf die Bohrer setzen. Und die Hitze, pfui Teufel!«

»Wir gehen bald wieder in die Höhe!«

O'Niel grinste. »In drei Jahren!« heulte er.

»Habt ihr kein Wasser voraus?«

»Nein.«

Plötzlich wurden sie alle grün und gespenstisch fahl: der Japaner hatte
seinen Lichtkegel auf sie gerichtet.

O'Niel schob Allan ohne weiteres zur Seite, die Bohrmaschine kam zurück.

Allan wartete drei Ablösungen ab, dann kletterte er auf einen
Gesteinszug und fuhr mit Harriman und Hobby zurück. Sie schliefen
augenblicklich erschöpft ein, aber Allan empfand, obschon er schlief,
noch lange Zeit jede Störung, der der Zug auf seiner vierhundert
Kilometer langen Reise nach oben begegnete. Die Bremsen schlugen an,
die Waggons stießen zusammen, daß Steine auf die Geleise rollten.
Gestalten kletterten herauf, Rufe, ein rotes Licht blendete. Der Zug
schleppte sich über eine Weiche und hielt lange Zeit. Allan erwachte
halb und sah dunkle Gestalten, die über ihn stiegen.

»Das ist Mac, tritt nicht auf ihn.«

Der Zug fuhr, hielt, fuhr wieder. Plötzlich aber begann er zu rasen
und es schien Allan, als flögen sie dahin und er fiel in einen tiefen
Schlaf.

Er erwachte, als das grelle, grausame Licht des Tages wie ein
gleißendes Messer nach seinen Augen stieß.

Der Zug hielt vor dem Stationsgebäude und Mac City atmete auf: Das
»jüngste Gericht« war vorüber und es war glimpflich abgelaufen.

Die Ingenieure gingen in den Baderaum. Hobby lag wie schlafend in
seinem Bassin und rauchte eine Zigarette. Harriman dagegen plusterte
und zischte wie ein Nilpferd.

»Kommst du mit zum Frühstück, Hobby?« fragte Allan. »Maud wird schon
wach sein. Es ist sieben Uhr.«

»Ich muß schlafen,« erwiderte Hobby mit der Zigarette im Mund. »Heute
nacht muß ich wieder hinein. Aber ich komme bestimmt zum Abendessen.«

»Schade, dann bin ich nicht hier.«

»New York?«

»Nein, Buffalo. Wir probieren einen neuen Bohrertyp, den der fette
Müller erfunden hat.« Hobby interessierte sich nicht sehr für Bohrer
und so sprang er auf den fetten Müller über. Er lachte leise.
»Pendleton hat mir gestern aus Azora geschrieben, Mac,« sagte er
schläfrig, »dieser Müller soll ja schrecklich saufen!«

»Diese Deutschen saufen ja alle wie die Stiere,« warf Allan ein und
behandelte seine Füße mit der Bürste.

»Pendleton schreibt, er gibt Gartenfeste und säuft alle unter den
Tisch.«

In diesem Augenblick ging der kleine Japaner an ihnen vorbei,
geschniegelt und gebügelt; er hatte schon die zweite Schicht hinter
sich. Er grüßte höflich.

Hobby öffnete ein Auge. »~Good morning, Jap!~« rief er.

»Das ist ein tüchtiger Kerl!« sagte Allan, als der Japaner die Türe
hinter sich zuzog.

Vierundzwanzig Stunden später war der tüchtige Kerl schon längst tot.



2.


Am nächsten Morgen, einige Minuten vor vier Uhr, ereignete sich die
Katastrophe.

Der Ort, an dem die Bohrmaschine des vorgetriebenen Südstollens an
diesem unglückseligen 10. Oktober den Berg zermalmte, war genau
vierhundertundzwanzig Kilometer von der Mündung des Tunnels entfernt.
Dreißig Kilometer dahinter arbeitete die Maschine des Parallelstollens.

Der Berg war soeben geschossen worden. Der Scheinwerfer, mit dem der
kleine Japaner von gestern die Befehle erteilte, blendete kreideweiß
in das rollende Gestein und die Rotte halbnackter Menschen, die den
rauchenden Schuttberg emporjagte. In diesem Augenblick streckte einer
die Arme empor, ein zweiter stürzte hintenüber, ein dritter versank
urplötzlich. Der rauchende Schuttberg rollte rasend schnell vorwärts,
Leiber, Köpfe, Arme und Beine verschlingend wie eine wirbelnde Lawine.
Der tobende Lärm der Arbeit wurde verschlungen von einem dumpfen
Brummen, so ungeheuer, daß das menschliche Ohr es kaum noch aufnahm.
Ein Druck umklammerte den Kopf, daß die Trommelfelle zerrissen. Der
kleine Japaner versank plötzlich. Es wurde schwarze Nacht. Niemand
von all den »Höllenmännern« hatte mehr gesehen als einen taumelnden
Menschen, einen verzerrten Mund, einen sinkenden Pfosten. Niemand hatte
etwas gehört. Die Bohrmaschine, dieses Panzerschiff aus Stahl, das die
Kraft von zwei Schnellzugslokomotiven vorwärts bewegte, wurde wie eine
Wellblechbaracke aus den Schienen gehoben, gegen die Wand geschleudert
und zerdrückt. Die Menschenleiber flogen in einem Hagel von Felsblöcken
wie Projektile durch die Luft, die eisernen Gesteinskarren wurden
weggefegt, zerfetzt, zu Klumpen geballt; der Wald aus Pfosten krachte
zusammen und begrub mit dem niedergehenden Gestein alles unter sich,
was lebte.

Das geschah in einer einzigen Sekunde. Einen Augenblick später war es
totenstill und das Dröhnen der Explosion donnerte in der Ferne.

Die Explosion richtete auf eine Entfernung von fünfundzwanzig
Kilometern Verwüstungen an und der Tunnel brüllte achtzig Kilometer
weit auf -- als donnere der Ozean in die Stollen. Hinter dem Gebrüll
aber, das wie eine große eherne Kugel in die Ferne rollte, kam die
Stille, eine _fürchterliche_ Stille -- dann Staubwolken -- und hinter
dem Staub Rauch: der Tunnel brannte!

Aus dem Rauch kamen Züge gerast, mit Trauben von entsetzten Menschen
behangen, dann kamen unkenntliche Gespenster zu Fuß angestürzt, in der
Finsternis, und dann kam nichts mehr.

Die Katastrophe trat unglücklicherweise gerade bei Schichtwechsel ein
und in den letzten zwei Kilometern waren rund zweitausendfünfhundert
Menschen zusammengedrängt. Mehr als die Hälfte war in einer Sekunde
zerschmettert, zerfetzt, erschlagen, verschüttet und niemand hatte
einen Schrei gehört.

Dann aber -- als das Dröhnen der Explosion in der Ferne verhallte --
wurde die Totenstille des nachtschwarzen Stollens von verzweifelten
Schreien zerrissen, von lautem Jammern, von wahnsinnigem Gelächter,
von hohen winselnden Tönen des letzten Schmerzes, von Hilferufen,
Verwünschungen, Röcheln und tierischem Gebrüll. An allen Ecken begann
es zu wühlen und sich zu regen. Geröll rieselte, Bretter splitterten,
es rutschte, glitt, knirschte. Die Finsternis war entsetzlich. Der
Staub sank wie dicker Aschenregen herab. Ein Balken schob sich zur
Seite und ein Mensch kroch keuchend aus einem Loch heraus, nieste und
kauerte betäubt auf dem Schutthaufen.

»Wo seid ihr?!« schrie er, »In Gottes Namen!!« Fortwährend schrie er
dasselbe und nichts antwortete ihm als wilde Schreie und tierisches
Stöhnen. Der Mensch aber brüllte lauter und lauter vor Entsetzen und
Schmerzen und seine Stimme klang immer schriller und irrsinniger.

Plötzlich aber schwieg er still. In der Finsternis flackerte ein
Feuerschein. Eine Flamme leckte aus der Spalte eines hausähnlichen
Trümmerhaufens und plötzlich schoß eine schwelende Feuergarbe
empor. Der Mensch, ein Neger, stieß einen Schrei aus, der in ein
entsetztes Röcheln überging: denn -- Gott sei mir gnädig! -- mitten
in der Flamme erschien ein Mensch! Dieser Mensch kletterte durch die
Flamme empor, ein qualmendes Bündel mit gelbem Chinesengesicht, ein
schreckenverbreitendes Gespenst. Das Gespenst kroch lautlos höher
und höher, so daß es haushoch oben zu hängen schien, dann rutschte
es herab. In diesem Augenblick stellte sich eine Erinnerung in dem
verstörten Hirn des Negers ein. Er erkannte das Gespenst.

»Hobby!« brüllte er. »Hobby!«

Aber Hobby hörte nicht, antwortete nicht. Er taumelte, stürzte in die
Knie, klopfte sich die Funken von den Kleidern, röchelte und schnappte
nach Luft. Eine Weile kauerte er betäubt am Boden, ein dunkler Klumpen
im Feuerschein. Es sah aus, als wolle er fallen, aber er fiel nur auf
beide Hände und begann nun langsam, mechanisch, vorwärts zu kriechen,
instinktiv der Stimme entgegen, die unaufhörlich seinen Namen schrie.
Unerwartet stieß er auf eine dunkle Gestalt und hielt inne. Der Neger
hockte mit blutüberströmten Gesicht da und brüllte. Bald blinkten ihn
zwei weiße Augen an, bald eines. Das kam daher, weil das Blut immer
wieder ein Auge des Negers anfüllte und er es krampfhaft aufreißen
mußte.

Sie hockten einander eine Weile gegenüber und sahen sich an.

»Fort!« flüsterte dann Hobby, ohne Sinne, und richtete sich automatisch
auf.

Der Neger griff nach ihm.

»Hobby!« heulte er entsetzt. »Hobby, was ist geschehen?!«

Hobby leckte sich die Lippe ab und versuchte zu denken.

»Fort!« flüsterte er dann wieder mit heiserer Stimme, immer noch
betäubt.

Der Neger klammerte sich an ihn und wollte sich aufrichten, stürzte
aber schreiend zu Boden. »Mein Fuß!« heulte er. »Großer Gott im Himmel
-- was ist mit meinem Fuß --?!«

Hobby vermochte nicht zu denken. Ganz instinktiv tat er, was man tut,
wenn ein Mensch niederfällt. Er versuchte den Neger aufzuheben. Aber
sie stürzten beide zu Boden.

Hobby fiel mit dem Kinn gegen einen Balken, so heftig, daß sein Schädel
krachte. Der Schmerz rüttelte ihn auf. In seiner Betäubung war es ihm,
als habe er einen Schlag gegen den Kiefer erhalten, und er richtete
sich, halb bewußtlos, zu einer verzweifelten Gegenwehr. Da aber --
da aber ging etwas Merkwürdiges mit ihm vor. Er sah keinen Gegner,
seine Hände hatten sich im Schutt geballt. Hobby wurde wach. Plötzlich
_wußte_ er, daß er im Stollen war und daß etwas Furchtbares geschehen
sein mußte --! Er begann zu zittern, all seine Rückenmuskeln, die sich
nie in seinem Leben so bewegt hatten, zuckten konvulsivisch wie die
Muskeln eines erschrockenen Pferdes.

Hobby verstand.

»Katastrophe ...« dachte er.

Er richtete sich halb auf und sah, daß die Bohrmaschine brannte. Zu
seinem Erstaunen sah er Haufen nackter und halbnackter Menschen in
den erschreckendsten Verrenkungen auf dem Schutt liegen und sie alle
regten sich nicht. Er sah, daß sie überall lagen, neben ihm, rings
umher. Sie lagen mit offenem Mund, lang hingestreckt mit zermalmten
Köpfen, eingeklemmt zwischen Pfosten, aufgespießt, in Stücke zerfetzt.
Überall lagen sie! Hobbys Haare flogen. Sie lagen verschüttet bis zum
Kinn, zusammengerollt zu einem Knäuel, und soviele Steinblöcke, Balken,
Pfosten und Karrentrümmer es hier gab, ebenso viele Köpfe, Rücken,
Stiefel, Arme und Hände starrten aus dem Schutt. Mehr! Hobby schrumpfte
ein vor Grauen, es schüttelte ihn, daß er sich festhalten mußte, um
nicht hinzuschlagen. Jetzt verstand er auch die sonderbaren Laute, die
nah und fern den halbdunklen Stollen füllten. Dieses Miauen, Greinen,
Winseln, Schnauben und Brüllen wie von Tieren -- diese unerhörten, nie
gehörten Laute --: das waren Menschen! Seine Haut, sein Gesicht und
seine Hände erstarrten wie vor Kälte, seine Füße waren gelähmt. In
seiner nächsten Nähe saß ein Mensch, dem das Blut aus dem Mundwinkel
lief wie aus einem Brunnen. Der Mensch atmete nicht mehr, aber er
hielt die hohle Hand darunter und Hobby hörte das Blut plätschern und
rieseln. Es war der kleine Japaner. Er erkannte ihn. Plötzlich sank
seine Hand herab und sein Kopf neigte sich, bis er aufschlug.

»Fort, fort!« flüsterte Hobby, vom Grauen geschüttelt. »Wir müssen fort
von hier!«

Der Neger griff nach Hobbys Gürtel und half mit seinem unverletzten
Fuß nach, so gut es ging. So krochen sie zusammen durch das Gewirr von
Pfosten und Leichnamen und Gestein, den Schreien und tierischen Lauten
entgegen.

»Hobby!« stöhnte der Neger und schluchzte vor Angst und Entsetzen.
»Mister Hobby, ~the Lord bless your soul~ -- verlassen Sie mich nicht,
lassen Sie mich nicht hier! O, ~Lord, mercy~ --! Ich habe eine Frau und
zwei kleine Kinder draußen -- verlassen Sie einen armen Nigger nicht. O
Barmherzigkeit!«

Die brennende Bohrmaschine warf grelle, böse Lichtzacken und schwarze
flatternde Schatten in das dunkle Chaos und Hobby mußte darauf
achten, nicht auf Gliedmaßen und Köpfe zu treten, die aus dem Geröll
hervorragten. Plötzlich tauchte zwischen zwei umgeworfenen Eisenkarren
eine Gestalt auf, eine Hand tastete nach ihm und er fuhr zurück. Da sah
er in ein Gesicht, das ihn mit idiotischem Ausdruck anstarrte.

»Was willst du?« fragte Hobby, zu Tode erschrocken.

»Hinaus!« keuchte das Gesicht.

»Geh weg!« antwortete Hobby. »Das ist die falsche Richtung!«

Der Ausdruck des Gesichts änderte sich nicht. Aber es zog sich langsam
zurück. Und ohne jeden Laut verschwand die Gestalt, wie verschluckt vom
Schutt.

Hobbys Kopf war klarer geworden und er versuchte seine Gedanken zu
sammeln. Die Brandwunden schmerzten ihn, sein linker Arm blutete, aber
sonst war er heil. Er erinnerte sich, daß Allan ihn zu O'Niel mit einem
Auftrag geschickt hatte. Zehn Minuten vor der Explosion hatte er noch
bei den Gesteinskarren mit O'Niel, dem roten Irländer, gesprochen. Dann
war er in die Bohrmaschine geklettert. Weshalb, wußte er nicht mehr.
Er hatte die Maschine kaum betreten, als er fühlte, wie plötzlich der
Boden unter ihm schwankte. Er sah in ein Paar erstaunter Augen -- dann
sah er nichts mehr. Soweit wußte er alles, aber es war ihm rätselhaft,
wie er wieder aus der Bohrmaschine herausgekommen war. Hatte ihn die
Explosion herausgeschleudert?

Während er den stöhnenden und jammernden Neger hinter sich herzerrte,
überdachte er die Lage. Sie schien ihm nicht hoffnungslos zu sein.
Wenn er den Querschlag erreichte, in dem gestern der tote Monteur
lag, so war er gerettet. Dort gab es Verbandzeug, Sauerstoffapparate,
Notlampen. Er erinnerte sich deutlich, daß Allan die Lampen probiert
hatte. Der Querstollen lag rechts. Aber wie weit entfernt? Drei Meilen,
fünf Meilen? Das wußte er nicht. Gelang es ihm nicht, so mußte er
ersticken, denn der Rauch wurde mit jeder Minute stärker. Und Hobby
kroch verzweifelt vorwärts.

Da hörte er dicht in der Nähe eine Stimme seinen Namen keuchen. Er
hielt inne und lauschte mit fliegenden Lungen.

»Hierher!« keuchte die Stimme. »Ich bin es. O'Niel!«

Ja, O'Niel, der große Irländer war es. Er, dessen Knochen sonst
soviel Platz wegnahmen, saß eingerammt zwischen Pfosten, die rechte
Gesichtshälfte von Blut überströmt; grau, wie mit Asche bedeckt sah er
aus und seine Augen waren rote schmerzhafte Feuer.

»Ich bin fertig, Hobby!« keuchte O'Niel. »Was ist geschehen? Ich bin
fertig und leide schrecklich. Erschieße mich, Hobby!«

Hobby versuchte einen Balken zur Seite zu schieben. Er nahm alle Kraft
zusammen, stürzte aber plötzlich auf unerklärliche Weise zu Boden.

»Es hat keinen Wert, Hobby,« fuhr O'Niel fort. »Ich bin fertig und
leide! Erschieße mich und rette dich!«

Ja, O'Niel war fertig, Hobby sah es. Er nahm den Revolver aus der
Tasche. Die Waffe wog zentnerschwer in seiner Hand und er konnte den
Arm kaum heben.

»Mach' die Augen zu, O'Niel!«

»Warum sollte ich, Hobby --?« O'Niel lächelte ein verzweifeltes
Lächeln. »Sage Mac, ich habe keine Schuld -- danke, Hobby!«

Der Rauch beizte, aber der Feuerschein wurde immer schwächer, so daß
Hobby hoffte, er werde erlöschen. Dann gab es keine Gefahr mehr.
Da aber ertönten zwei kurze, heftige Detonationen. »Das sind die
Sprenghülsen,« dachte er.

Gleich darauf wurde es heller. Ein hoher Pfosten brannte lichterloh
und leuchtete weithin durch den Stollen. Da sah Hobby, wie einzelne
sich auswühlten und andere langsam, Schritt für Schritt vorwärts
kletterten, nackte, schmutzige Rücken und Arme, schwefelgelb im
Feuerschein. Es winselte und schrie aus dem Gestein, Hände ragten
heraus und winkten mit verkrampften Fingern, und dort hob sich der
Boden ruckweise in die Höhe, aber die Schuttlage sank immer wieder
herab.

Hobby kroch stumpf weiter. Er keuchte. Der Schweiß tropfte aus seinem
Gesicht und er war halb bewußtlos vor Anstrengung. Er achtete nicht auf
den Arm, der aus dem Schutt ragte und ihn am Fuß festhalten wollte,
apathisch kletterte er durch eine Traufe von Blut hindurch, die von der
Decke herabkam. Wieviel Blut ein Mensch hat! dachte er und nahm seinen
Weg direkt über einen Toten hinweg, der auf dem Bauche lag.

Der Neger, den ihm das Schicksal in dieser schrecklichen Stunde
zugeteilt hatte, klammerte die Arme um seinen Nacken und heulte und
weinte vor Schmerzen und Angst und zuweilen küßte er seine Haare und
flehte ihn an, ihn nicht zu verlassen.

»Mein Name ist Washington Jackson,« keuchte der Neger, »ich stamme aus
Athens in Georgia und heiratete Amanda Bell aus Danielsville. Vor drei
Jahren nahm ich den Tunnel-Job, als Steinträger. Ich habe zwei Kinder,
sechs und fünf Jahre alt.«

»Halt's Maul, Boy!« schrie Hobby. »Klammere dich nicht so fest.«

»O, Mister Hobby,« schmeichelte Jackson, »Sie sind gut, man sagt es --
o, Mister Hobby --« und er küßte Hobbys Haar und Ohr. Plötzlich aber,
da ihn Hobby auf die Hände schlug, überfiel ihn eine wahnsinnige Wut:
er glaubte, Hobby wolle ihn abschütteln. Mit aller Kraft schraubte er
die Hände um Hobbys Hals und keuchte: »Du meinst, du kannst mich hier
verrecken lassen, Hobby! Du meinst -- ach!« Und er fiel mit einem
lauten Schrei zu Boden, denn Hobby hatte ihm die Daumen in die Augen
gedrückt.

»Hobby, Mister Hobby,« flehte er winselnd und weinte und streckte die
Hände aus, »verlassen Sie mich nicht, bei Ihrer Mutter, Ihrer guten,
alten Mutter --«

Hobby rang nach Luft. Seine Brust schraubte sich zusammen, er wurde
steif und lang und glaubte, es gehe nun dahin mit ihm.

»Komm!« sagte er, als er wieder Atem bekam. »Du verfluchter Teufel! Wir
müssen unter diesem Zug durch! Wenn du mich wieder drosselst, so schlag
ich dich nieder!«

»Hobby, guter Mister Hobby!« Und Jackson kroch wimmernd und stöhnend,
mit einer Hand an Hobbys Riemen hängend, hinter Hobby her.

»~Hurry up you idiot~!« Hobbys Schläfen waren nahe am Zerspringen.

       *       *       *       *       *

Der Stollen war in einer Länge von drei Meilen nahezu vollkommen
zerstört, von Pfosten und Gestein verschüttet. Überall kletterten
Gestalten, blutig, zerfetzt, schreiend, wimmernd, wortlos, und
keuchten so rasch wie möglich vorwärts. Sie kletterten über Gesteins-
und Materialzüge, die aus den Schienen gehoben waren, sie krochen
Schutthaufen hinauf und hinunter, zwängten sich zwischen Balken
hindurch. Je weiter sie vordrangen, desto mehr Gefährten begegneten
sie, die alle vorwärts hasteten. Hier war es ganz dunkel und nur ein
fahler Lichtzacken leckte zuweilen herein. Der Rauch drang vorwärts,
beizend, und sobald sie ihn in der Nase spürten, schlugen sie ein
verzweifeltes Tempo an.

Sie stiegen brutal über die Leiber der langsam kriechenden Verletzten
hinweg, sie schlugen einander mit den Fäusten zu Boden, um einen
einzigen kleinen Schritt zu gewinnen, und ein Farbiger schwang sein
Messer und stieß jeden blind nieder, der ihm in den Weg kam. Bei einer
engen Passage zwischen einem umgestürzten Waggon und einem Gewirr von
Pfosten gab es eine richtige Schlacht. Die Revolver knallten und die
Schreie der Getroffenen vermischten sich mit dem Wutgeheul jener, die
einander drosselten. Aber einer nach dem andern verschwand durch die
Spalte und die Verwundeten krochen stöhnend nach.

Dann wurde die Strecke freier. Hier standen weniger Züge im Wege und
die Explosion hatte nicht sämtliche Pfosten eingerissen. Aber hier
war es vollkommen dunkel. Keuchend, zähneknirschend, schweiß- und
blutüberströmt rutschten und kletterten die Fliehenden vorwärts. Sie
rannten gegen Balken und schrien auf, sie stürzten von einem Waggon
und suchten. Vorwärts! Vorwärts! Die Wut des Selbsterhaltungstriebes
ließ langsam nach und allmählich erwachte wieder ein Gefühl der
Kameradschaft.

»Hierher, hier ist der Weg frei!«

»Geht es hier durch?«

»Rechts an den Waggons!«

       *       *       *       *       *

Drei Stunden nach der Katastrophe erreichten die ersten Leute aus
dem zerstörten Holzstollen den Parallelstollen. Auch hier war die
Lichtleitung zerstört. Es war finstere Nacht und alle stießen ein
Geheul der Wut aus. Kein Zug! Keine Lampen! Die Mannschaften des
Parallelstollens waren längst geflüchtet und alle Züge fort.

Der Rauch kam und das wahnwitzige Rennen begann von neuem.

Die Rotte glitt, lief, stürzte eine Stunde lang durch die Finsternis
vorwärts, dann brachen die ersten erschöpft zusammen.

»Es hat keinen Sinn!« schrien sie. »Wir können nicht vierhundert
Kilometer laufen!«

»Was sollen wir tun?«

»Warten, bis sie uns holen!«

»Holen? Wer soll kommen?«

»Wir verhungern!«

»Wo sind die Depots?«

»Wo sind die Notlampen?«

»Ja, wo sind sie?«

»Mac --!«

»Ja, warte Mac --!«

Und plötzlich flammte ihre Rachegier auf. »Warte Mac! Wenn wir
hinauskommen --!«

Aber der Rauch kam und sie stürzten wieder vorwärts, bis abermals ihre
Knie wankten.

»Hier ist eine Station, hallo!«

Die Station war dunkel und verlassen. Die Maschinen standen, alles war
von der Panik hinausgerissen worden.

Die Horde drang in die Station ein. Mit den Stationen waren sie
vertraut. Sie wußten, daß hier plombierte Kisten mit Nahrungsmitteln
standen, die man nur zu öffnen brauchte.

Es krachte und knackte in der Finsternis. Niemand war eigentlich
hungrig, denn das Entsetzen hatte den Hunger verscheucht. Aber
inmitten der Vorräte erwachte in ihnen ein wilder Instinkt, sich den
Magen anzufüllen, und sie stürzten sich wie Wölfe auf die Kisten.
Sie stopften die Taschen voll Nahrungsmittel. Noch mehr, sinnlos vor
Entsetzen und Wut verstreuten sie Säcke von Zwieback und getrocknetem
Fleisch, zerschlugen sie Flaschen zu Hunderten.

»Hier sind die Lampen!« schrie eine Stimme.

Es waren Notlampen mit Trockenbatterien, die man nur einzuschalten
hatte.

»Halt, nicht andrehen, ich schieße!«

»Warum nicht?«

»Es könnte eine Explosion geben!«

Dieser Gedanke allein genügte, um sie erstarren zu lassen. Vor Angst
wurden sie ganz still.

Aber der Rauch kam und wieder begann die Jagd.

Plötzlich hörten sie Geschrei und Schüsse. Licht! Sie stürzten durch
einen Querschlag in den Parallelstollen. Und da sahen sie gerade noch,
wie in der Ferne Haufen von Menschen um einen Platz auf einem Waggon
kämpften, mit Fäusten, Messern, Revolvern. Der Zug fuhr ab und sie
warfen sich verzweifelt auf den Boden und schrien: »Mac! Mac! Warte,
wenn wir kommen!«



3.


Die Panik fegte durch den Tunnel. Dreißigtausend Menschen fegte sie
durch die Stollen hinaus. Die Mannschaften in den unbeschädigten
Stollen hatten augenblicklich, als sie das Brüllen der Explosion
vernahmen, die Arbeit eingestellt.

»Das Meer kommt!« schrien sie und wandten sich zur Flucht. Doch die
Ingenieure hielten sie mit Revolvern in der Faust zurück. Als aber eine
Wolke von Staub hereinblies und verstörte Menschen angestürzt kamen,
hielt sie keine Drohung mehr zurück.

Sie schwangen sich auf die Gesteinszüge und jagten davon.

Bei einer Weiche entgleiste ein Zug und die nachfolgenden zehn Züge
waren plötzlich aufgehalten.

Die Horden drangen in den Parallelstollen ein und hielten hier die Züge
auf, indem sie sich mitten auf die Schienen stellten und schrien. Die
Züge waren aber schon gehäuft voller Menschen und es gab erbitterte
Kämpfe um einen Platz.

Die Panik war um so größer, als niemand wußte, was sich ereignet hatte
-- man wußte nur, daß etwas ganz Schreckliches geschehen war! Die
Ingenieure versuchten die Leute zur Vernunft zu bringen, als sich aber
immer mehr Züge voll entsetzter Menschen heranwälzten, die schrien:
»Der Tunnel brennt!« -- und als der Rauch aus den finstern Stollen
hervorkroch, wurden auch sie von der Panik ergriffen. Alle Züge rollten
auswärts. Die einfahrenden Züge mit Material und Ablösungsmannschaften
wurden durch das wilde Geschrei der vorbeijagenden Menschenhaufen
abgestoppt und begannen hierauf ebenfalls auswärts zu fahren.

So kam es, daß zwei Stunden nach der Katastrophe der Tunnel auf hundert
Kilometer vollkommen verlassen war. Auch die Maschinisten in den innern
Stationen waren entflohen und die Maschinen standen still. Nur da und
dort waren ein paar mutige Ingenieure in den Stationen zurückgeblieben.

Ingenieur Bärmann verteidigte den letzten Zug.

Dieser Zug bestand aus zehn Waggons und stand im fertigen Teil des
»Fegfeuers«, wo die eisernen Rippen genietet wurden, fünfundzwanzig
Kilometer hinter dem Ort der Katastrophe. Die Lichtanlage war auch hier
zerstört. Aber Bärmann hatte Akkumulatorenlampen aufgestellt, die in
den Rauch hineinblendeten.

Dreitausend Mann hatten im »Fegfeuer« gearbeitet, zweitausend etwa
waren schon fort, die letzten tausend wollte Bärmann mit seinem Zug
befördern.

Sie kamen in Truppen angekeucht und stürzten sich toll vor Schrecken
auf die Waggons. Immer mehr kamen. Bärmann wartete geduldig und
zäh, denn manche »Fegfeuerleute« hatten drei Kilometer bis zum Zug
zurückzulegen.

»Fahren! Abfahren!«

»Wir müssen auf sie warten!« schrie Bärmann. »~No dirty business now!~
Ich habe sechs Kugeln im Revolver!«

Bärmann war ein ergrauter, kleiner Mann, kurzbeinig, ein Deutscher, und
verstand keinen Spaß.

Er ging hin und her, am Zug entlang, und wetterte und fluchte zu den
Köpfen und Fäusten hinauf, die sich droben im Rauch aufgeregt bewegten.

»Keine Schweinereien, ihr kommt alle hinaus!«

Bärmann hatte den Revolver schußbereit in der Hand. (Bei der
Katastrophe zeigte es sich, daß alle Ingenieure mit Revolvern
ausgerüstet waren.)

Zuletzt, als die Drohungen lauter wurden, postierte er sich neben
dem Maschinisten der Führungsmaschine auf und drohte ihm, ihn
niederzuschießen, wenn er ohne Befehl abfahren sollte. Jeder Puffer,
jede Kette des Zuges hing voller Menschen und alle schrien: »Fahren,
fahren!«

Aber Bärmann wartete immer noch, obschon der Rauch unerträglich wurde.

Da krachte ein Schuß und Bärmann schlug zu Boden und nun fuhr der Zug.

Horden verzweifelter Menschen rannten ihm nach, rasend vor Wut, um
endlich atemlos, keuchend, Schaum vor dem Mund, stehenzubleiben.

Und dann machten sich diese Horden der Zurückgebliebenen auf den
vierhundert Kilometer langen Weg über Schwellen und Schutt. Und je
weiter sie sich wälzten, desto drohender wurde der Ruf: »Mac, du bist
ein toter Mann!«

Hinter ihnen aber, weit hinter ihnen, kamen noch mehr, immer noch mehr,
immer andere.

Es begann das schreckliche Laufen im Tunnel, dieses Laufen um das
Leben, von dem später die Zeitungen voll waren.

Die Horden wurden wilder und toller, je länger sie liefen, sie
zerstörten die Depots, die Maschinen, und selbst dann, als sie die
Strecke erreichten, wo noch das elektrische Licht brannte, nahm ihre
Wut und Angst nicht ab. Und als der erste Rettungszug erschien, der
alle, für die gar keine Gefahr mehr bestand, hinausbringen sollte,
kämpften sie mit dem Messer und dem Revolver, um zuerst auf den Zug zu
kommen.

       *       *       *       *       *

Zur Zeit als sich tief drinnen im Tunnel die Katastrophe ereignete, war
es noch Nacht in Mac City. Es war düster. Das schwere massige Gewölk
des Himmels glomm düsterrot im hellen Nachtschweiß der schlaflosesten
Stadt dieser schlaflosen Zeit.

Mac City fieberte und lärmte wie am Tage. Bis zum Horizont war die
Erde bedeckt von ewig bewegten glühenden Lavaströmen, aus denen
Funken, Feuerblitze und Dampf stiegen. Myriaden wimmelnder Lichter
schossen hin und her, wie Infusorien im Mikroskop. Die Glasdächer der
Maschinenhallen auf den Terrassen des Trasseneinschnittes funkelten wie
grünes Eis in einer mondhellen Winternacht. Pfeifen und Glocken schrien
gierig und ringsum hämmerte das Eisen und die Erde bebte.

Die Züge schossen hinab, herauf, wie sonst. Die ungeheuren Maschinen,
Dynamos, Pumpen, Ventilatoren spielten und klangen in den blitzblanken
Hallen.

Es war kühl und die Mannschaften, die aus dem backofenwarmen Tunnel
kamen, rückten frierend zusammen und stürzten, sobald der Zug hielt,
zähneklappernd in die Kantine, um heißen Kaffee oder Grog zu trinken.
Dann sprangen sie laut und polternd in die elektrischen Cars, die sie
nach ihren Kasernen und Häusern brachten.

Schon wenige Minuten nach vier Uhr ging das Gerücht um, daß im Tunnel
ein Unglück passiert sei. Ein Viertel nach vier Uhr wurde Harriman
aufgeweckt und erschien verschlafen und fast zusammenbrechend vor
Müdigkeit im Zentralbüro.

Harriman war ein energischer und entschlossener Mann, hart geworden
auf den Schlachtfeldern der Arbeit. Gerade heute aber befand er sich
in einer elenden Verfassung. Er hatte die ganze Nacht über geweint.
Denn ein Telegramm hatte ihn abends erreicht, daß sein Sohn, das
Einzige, was ihm aus seinem Leben geblieben war, in China dem Fieber
erlegen sei. Schwer und schrecklich hatte er gelitten und schließlich
eine doppelte Dosis Schlafpulver genommen, um einschlafen zu können.
Er schlief jetzt noch, während er in den Tunnel hineintelephonierte,
um näheres über die Katastrophe zu erfahren. Niemand wußte etwas
und Harriman saß apathisch und teilnahmlos im Sessel und schlief
mit offenen Augen. Zur selben Zeit wurde es Licht in Hunderten von
Arbeiterhäusern in den Kolonien. Stimmen sprachen und raunten in den
Straßen, jenes erschreckte Raunen, das man sonderbarerweise im tiefsten
Schlaf hört. Weiber liefen zusammen. Von der Süd- und Nordkolonie her
bewegten sich dunkle Truppe von Weibern und Männern den funkelnden
Glasdächern der Terrassen entgegen zum Zentralbureau.

Sie sammelten sich vor dem nüchternen, hohen Gebäude an und als sie ein
großer Haufe geworden waren, begann dieser Haufe ganz von selbst zu
rufen. »Harriman! Wir wollen wissen, was geschehen ist!«

Ein Clerk mit aufreizend gleichgültiger Miene erschien.

»Wir wissen selbst nichts Bestimmtes.«

»Fort mit dem Clerk! Wir wollen keinen Clerk! Wir wollen Harriman! --
Harriman!!«

Immer mehr sammelten sich an. Von allen Seiten krochen die dunkeln
Bündel heran und vereinigten sich mit der Menge vor dem Bürogebäude.

Harriman erschien endlich selbst, bleich, alt, müde und verschlafen und
Hunderte von Stimmen schrien ihm die Frage entgegen, in allen Sprachen
und Tonarten: »Was ist passiert?«

Harriman machte ein Zeichen, daß er sprechen wollte, und es wurde ganz
still.

»Im Südstollen hat bei der Bohrmaschine eine Explosion stattgefunden.
Mehr wissen wir nicht.« Harriman vermochte kaum zu sprechen, die Zunge
lag ihm wie ein metallner Klöpfel im Mund.

Ein wildes Geheul antwortete ihm. »Lügner! Schwindler! Du willst es uns
nicht sagen!«

Harriman stieg das Blut ins Gesicht und seine Augen traten aus dem Kopf
vor Zorn; er besann sich, wollte sprechen, aber sein Gehirn arbeitete
nicht. Er ging und schlug die Tür hinter sich zu.

Da flog ein Stein durch die Luft und zertrümmerte eine Scheibe im
Parterre. Man sah, wie ein Clerk sich erschrocken davonmachte.

»Harriman! Harriman!«

Harriman erschien wieder in der Türe. Er hatte sich kalt gewaschen
und war etwas wacher geworden. Krebsrot sah sein Gesicht unter den
grauweißen Haaren aus.

»Was für ein Unsinn ist das, die Fenster einzuschmeißen?!« schrie er
laut. »Wir wissen nicht mehr, als ich sagte! Seid vernünftig!«

Stimmen schrien durcheinander.

»Wir wollen wissen, wie viele tot sind. Wer ist tot? Namen!«

»Ihr seid ein Pack von Narren, ihr Weiber!« schrie Harriman zornig.
»Wie soll ich das jetzt schon wissen.« Und Harriman drehte sich langsam
um und ging wieder ins Haus zurück, einen Fluch zwischen den Zähnen.

»Harriman! Harriman!«

Die Weiber drängten nach.

Es hagelte plötzlich Steine. Denn das Volk, das sich sonst der Justiz
ohne zu denken unterwirft, schafft sich in solchen Augenblicken aus
eingeborenem Rechtsgefühl eigene Gesetze und bringt sie augenblicklich
an Ort und Stelle in Anwendung.

Harriman kam wieder, voller Wut. Aber er sagte nichts.

»Zeig uns das Telegramm!«

Harriman blieb stehen. »Telegramm? Ich habe kein Telegramm. Eine
telephonische Nachricht hatte ich.«

»Her damit!«

Harriman verzog keine Miene. »Gut, ihr sollt sie haben.« In einer
Minute kam er wieder zurück, mit einem Zettel von einem Telephonblock
in der Hand und las laut vor. Weithin vernahm man die Worte, die er
hervorhob: »Bohrmaschine -- Südstollen -- Explosion beim Schießen -- 20
bis 30 Tote und Verletzte. -- Hobby.«

Und Harriman übergab den Zettel den Zunächststehenden und ging ins Haus
zurück.

Im Nu war der Zettel in hundert Stücke zerrissen, so viele wollten ihn
gleichzeitig lesen. Die Menge beruhigte sich für einige Zeit. 20 bis 30
Tote -- das war gewiß schrecklich, aber keine große Katastrophe. Man
konnte wieder hoffen. Es war ja nicht gesagt, daß gerade _er_ bei der
Bohrmaschine gearbeitet hatte. Am meisten beruhigte der Umstand, daß
Hobby die telephonische Nachricht gesandt hatte.

Und doch gingen die Weiber nicht nach Hause. Merkwürdig! Ihre alte
Unruhe kam zurück, ihre Augen flackerten, ihre Herzen schlugen. Ein
Druck lastete auf ihnen und sie wechselten scheue Blicke.

Wenn Harriman log --?

Sie fluteten hinüber zur Station, wo die Züge heraufkamen, und warteten
zitternd, frierend, in Tücher und Decken eingehüllt. Von der Station
aus konnte man die Trasse hinab bis zur Tunnelmündung sehen. Die nassen
Geleise glänzten im Licht der Bogenlampen, bis sie zu dünnen Linien
zusammenschmolzen. Ganz unten gähnten zwei graue Löcher. Ein Licht
erschien in einem Loch, es blitzte unbestimmt auf, ein Feuerschein fuhr
heraus und plötzlich sah man das blendende Zyklopenauge eines Zuges die
Trasse herauffliegen.

Die Züge verkehrten noch ganz regelmäßig. In gleichen Abständen
liefen die Materialzüge hinab, in unregelmäßigen Zwischenräumen, wie
gewöhnlich, jagten die Gesteinszüge herauf, oft nur einer, oft drei,
fünf, zehn hintereinander, wie sie es seit sechs Jahren Tag und Nacht
taten. Es war das gleiche Bild, wie sie es alle tausendmal gesehen
hatten. Und doch starrten sie mit wachsender Spannung auf die Züge, die
heraufkamen.

Brachten sie Mannschaften mit, so wurden die Ankommenden umdrängt, mit
Fragen bestürmt. Aber sie wußten nichts, sie waren ja schon auf der
Ausfahrt gewesen.

Es ist unerklärlich, wie das Gerücht kaum zehn Minuten nach der
Katastrophe schon über Tag umgehen konnte. Ein unvorsichtiges Wort
eines Ingenieurs, ein unwillkürlicher Ausruf am Telephon -- es war
bekannt geworden. Nun aber hörte man gar nichts mehr, gar nichts, die
Nachrichten wurden sorgfältig gehütet.

Bis sechs Uhr fuhren die Materialzüge und Mannschaften regelmäßig ein.
(Sie wurden laut Order bis zum 50. Kilometer geführt!)

Um sechs Uhr wurde den bereitstehenden Mannschaften mitgeteilt, daß
ein Materialzug entgleist sei und die Strecke erst geräumt werden
müsse. Sie hätten sich aber bereitzuhalten. Da nickten die erfahrenen
Burschen und warfen einander Blicke zu: Es mußte da drinnen bös
aussehen! Lord!

Den Weibern wurde befohlen, die Station zu räumen. Aber sie kamen dem
Befehl nicht nach. Sie standen unbeweglich, festgeschraubt von ihrem
Instinkt zwischen dem Netz von Geleisen und starrten die Trasse hinab.
Immer größere Truppe gesellten sich zur Menge. Kinder, halbwüchsige
Burschen, Arbeiter, Neugierige.

Der Tunnel aber spie Gestein aus, immerzu, ohne Aufhören.

Plötzlich beobachtete die Menge, daß die Materialzüge seltener
einfuhren und ein wirres Durcheinander von Stimmen schwirrte auf. Dann
fuhren überhaupt keine Materialzüge mehr ein und die Menge wurde noch
unruhiger. Niemand glaubte das Märchen, daß ein entgleister Zug die
Strecke blockiert habe. Alle wußten, daß es täglich vorkam und die Züge
sich trotzdem in der gleichen Anzahl in den Tunnel hinabstürzten.

Nun war es Tag.

Die Zeitungen New Yorks machten bereits mit der Katastrophe Geschäfte:
»Der Ozean in den Tunnel eingebrochen! 10000 Tote!«

       *       *       *       *       *

Kalt, blinkend, kam das Licht übers Meer her. Die elektrischen Lampen
erloschen mit einem Schlage. Nur weit draußen auf dem Kai, wo plötzlich
der Qualm der Dampferschornsteine sichtbar wurde, drehte sich noch das
Blinkfeuer, als habe man vergessen, es abzustellen. Nach einer Weile
erlosch es auch. Schrecklich nüchtern lag die blitzende Märchenstadt
plötzlich da: mit ihrem kalten Schienennetz, ihrem Meer von Zügen,
Kabelmasten und vereinzelten hohen Häusern, über die sich graue Wolken
schleppten. Die Gesichter sahen alle gelb und übernächtig aus,
erstarrt und blaugefroren, denn vom Meer kam mit dem kalten Licht ein
eisiger Luftstrom und kalter Sprühregen. Die Weiber schickten ihre
Kinder nach Hause, Röcke, Tücher, Decken zu holen. Sie selbst aber
rührten sich nicht von der Stelle!

Die Gesteinszüge, die von jetzt an heraufflogen, waren alle mit
Mannschaften besetzt. Ja sogar die erst vor kurzer Zeit eingefahrenen
Material- und Arbeiterzüge kamen wieder zurück.

Die Erregung wuchs und wuchs.

Aber alle Mannschaften, die heraufkamen, waren völlig im unklaren über
die Ausdehnung der Katastrophe. Sie waren nur ausgefahren, weil alle
hinter ihnen ausfuhren.

Und wieder starrten die Weiber voller Unruhe und schrecklicher Angst
auf die zwei kleinen schwarzen Löcher da unten, die in die Höhe
blickten wie zwei heimtückische zerfressene Augen, aus denen das Unheil
und das Grauen selbst starrte.

Gegen neun Uhr kamen die ersten Züge, auf denen _Mann neben Mann_ saß,
die alle erregt gestikulierten, bevor nur der Zug hielt. Sie kamen aus
dem Innern des Tunnels, wohin die Panik gerade ihre ersten Schrecken
geworfen hatte. Sie schrien und heulten: »Der Tunnel _brennt_!«

Ein ungeheures Geschrei und Geheul stieg empor. Die Menge wälzte sich
vorwärts, hin und her.

Da erschien Harriman auf einem Waggon und schwenkte den Hut und schrie.
Im Morgenlicht sah er wie ein Leichnam aus, fahl, ohne Blut, und
jedermann führte sein Aussehen auf das Unglück zurück.

»Harriman! Ruhe, er will reden!«

»Ich schwöre, daß ich die Wahrheit spreche!« schrie Harriman, als sich
die Menge beruhigt hatte, und dicke Dunstwolken stießen bei jedem Wort
aus seinem Mund hervor. »Es ist ein Unsinn, daß der Tunnel brennt!
Beton und Eisen kann nicht brennen. Infolge der Explosion sind ein paar
lausige Pfosten hinter der Bohrmaschine in Brand geraten und daraufhin
ist eine _Panik_ entstanden. Unsere Ingenieure sind schon bei der
Arbeit zu löschen! Ihr braucht nicht --«

Aber man ließ Harriman nicht ausreden. Ein wildes Pfeifen und Schreien
unterbrach ihn und die Weiber hoben Steine auf. Harriman sprang vom
Waggon und kehrte in die Station zurück. Er sank kraftlos in einen
Stuhl.

Er fühlte, daß alles verloren sei und nur Allan allein eine Katastrophe
hier oben verhindern konnte.

Allan aber konnte nicht vor dem Abend hier sein!

Der nüchterne, kalte Stationssaal war voll von Ingenieuren, Ärzten
und Beamten, die herbeigeeilt waren, um sich zur Hilfeleistung
bereitzuhalten.

Harriman hatte einen Liter schwarzen Kaffees getrunken, um die Wirkung
der Schlafpulver aufzuheben. Er hatte sich übergeben und war zweimal
ohnmächtig geworden.

Ja, was sollte er tun? Das einzig Vernünftige, was er gehört hatte, war
eine Botschaft Bärmanns, von einem Ingenieur in Bärmanns Namen von der
sechzehnten Station aus telephoniert.

Nach Bärmanns Ansicht seien die Pfosten im verzimmerten Stollen
infolge der Hitze von selbst in Brand geraten und das Feuer habe die
Sprenghülsen zur Explosion gebracht. Das war vernünftig, aber dann
konnte doch die Detonation nicht so heftig gewesen sein, daß man sie
bis zur zwölften Station hörte?

Harriman hatte Rettungszüge hineingeschickt, aber sie waren
zurückgekommen, da die Züge aller _vier_ Gleise nach auswärts liefen
und sie zurückpreßten.

Harriman hatte dreißig Minuten nach vier Uhr an Allan telegraphiert,
den die Depesche im Schlafwagen New York-Buffalo erreichte. Allan
hatte geantwortet, daß er mit einem Extrazug zurückeilen werde.
Eine Explosion sei ausgeschlossen, da die Sprengstoffe im Feuer nur
verbrannten. In der Maschine selbst sei die Menge der Sprengstoffe auch
äußerst gering. Rettungszüge! Alle Stationen mit Ingenieuren besetzen!
Den brennenden Stollen unter Wasser setzen!

Allan hatte gut reden. Es war ja gar nicht möglich, vorläufig einen
einzigen Zug in den Tunnel zu bringen, obgleich Harriman augenblicklich
die reguläre Ableitung der Züge auf die nach außen führenden Geleise
angeordnet hatte.

Niemand telephonierte mehr, nur in der fünfzehnten, sechzehnten und
achtzehnten Station waren noch Ingenieure, die angaben, daß alle Züge
vorbei seien.

Die Geleise wurden aber nach einiger Zeit frei und Harrimann sandte
vier Rettungszüge hintereinander in den Tunnel.

Die Menge ließ die Züge finster passieren.

Einzelne Weiber stießen gemeine Schimpfworte gegen die Ingenieure aus.
Die Stimmung wurde von Minute zu Minute erregter. Dann aber, gegen zehn
Uhr, kamen die ersten Züge mit Arbeitern aus dem »Fegfeuer« an.

Nun bestand kein Zweifel mehr, daß die Katastrophe schrecklicher war,
als jemand hätte ahnen können.

Immer mehr Züge kamen und nun kamen Mannschaften, die schrien: »Alles
in den letzten dreißig Kilometern ist tot!!«



4.


Die Männer mit den beschmutzten gelben Gesichtern, die aus dem Tunnel
kamen, wurden umringt und mit tausend Fragen bestürmt, die sie nicht
beantworten konnten. Hundertmal mußten sie erzählen, was sie von dem
Unglück wußten, und es war doch mit zehn Worten zu sagen. Frauen, die
ihren Gatten fanden, warfen sich ihm an den Hals und zeigten ihre
Freude ganz offen den andern, die noch in entsetzlicher Ungewißheit
schwebten. Die Angst irrte in ihren Zügen, sie wiederholten hundertmal
die Frage, ob man ihren Mann nicht gesehen habe, sie weinten still,
sie liefen hin und her und schrien und stießen Verwünschungen aus, und
wieder standen sie still und starrten die Trasse hinab, bis sie die
Angst von neuem umhertrieb.

Man hoffte noch immer; denn daß »alle in den letzten dreißig Kilometern
tot waren,« hatte sich schon als Übertreibung herausgestellt.

Endlich kam auch jener Zug herauf, dessen Abfahrt Ingenieur Bärmann so
lange verhindert hatte, bis man ihn niederschoß. Dieser Zug brachte den
ersten Toten mit, einen Italiener. Aber dieser Italiener hatte nicht
bei der Katastrophe sein Leben eingebüßt. Er hatte mit einem Landsmann,
einem ~amico~, ein verzweifeltes Messergefecht um einen Platz auf einem
Waggon geführt und den Landsmann niedergestochen. Der stürzende ~amico~
hatte ihm den Leib aufgeschlitzt und auf der Ausfahrt war er gestorben.
Immerhin war er der erste Tote. Der Photograph der Edison Bio kurbelte.

Als der Tote in das Stationsgebäude getragen wurde, ereignete sich eine
seelische Explosion in der Menge! Die Wut flammte auf! Und plötzlich
schrien alle (genau wie die Leute im Tunnel): »Wo ist Mac? Mac muß
bezahlen!« Da bahnte sich eine hysterisch schreiende Frau den Weg durch
die Weiber und rannte dem Toten nach, während sie sich die Haare in
Büscheln ausriß und den Bettkittel zerfetzte.

»Césare! Césare --!« Ja, es war Césare.

Als die erregten Arbeiterhorden des Bärmannschen Zuges (zumeist
Italiener und Neger) aber erklärten, daß kein Zug mehr käme -- wurde es
ganz still ...

»Kein Zug mehr?«

»Wir sind die letzten!«

»Was seid ihr?«

»Die letzten!! Wir sind die letzten!«

Es war, als sei ein Hagel von Kartätschen über die Menge
niedergegangen. Alle stürzten hin und her, sinnlos, verstört, die Hände
an den Schläfen, als seien sie in den Kopf getroffen.

»Die letzten!! Sie sind die letzten!!«

Weiber fielen zu Boden und jammerten, Kinder weinten; bei andern
flammte aber sofort die Rachgier auf. Und plötzlich setzte sich die
ganze ungeheure Menge in Bewegung und eine Wolke von Geschrei und Lärm
zog über ihr her.

Ein dunkelhäutiger viereckiger Pole mit martialischem Schnurrbart stieg
auf einen Steinblock und brüllte: »Mac hat sie in einer Mausefalle
gefangen -- in einer Mausefalle -- Rache für die Kameraden!«

Der Haufe tobte. In jeder Hand befand sich plötzlich ein Stein, die
Waffe des Volkes, und Steine gab es hier genug. (Einer der Gründe,
weshalb man in Großstädten gerne asphaltierte Straßen anlegt!)

In den nächsten drei Sekunden war kein Fenster des Stationsgebäudes
mehr ganz.

»Heraus mit Harriman!«

Aber Harriman ließ sich nicht mehr sehen.

Er hatte nach der Miliz telephoniert, denn die paar Polizisten der
Tunnelstadt waren machtlos. Nun saß er bleich und keuchend in einer
Ecke und vermochte nicht mehr zu denken.

Man stieß Schmähungen gegen ihn aus und machte Miene, das Haus zu
stürmen. Da aber hatte der Pole einen anderen Vorschlag: Die Ingenieure
alle zusammen waren ja schuld! Man sollte ihnen die Häuser über dem
Kopfe anzünden und ihre Weiber und Kinder verbrennen!

»Tausende, Tausende sind tot!«

»Alle müssen sie hin werden!« schrie die Italienerin, deren Mann
erstochen worden war. »Alle! Rache für Césare!« Und sie rannte voran,
eine Furie aus Kleiderfetzen und zerzausten Haaren.

Die Menge wälzte sich über das Schuttfeld in den grauen Regen hinein,
umheult von wirrem Lärm. Die Gatten, die Ernährer, die Väter tot --
Not, Elend! Rache! Aus dem Lärm klangen Fetzen von Gesang, Rotten
sangen an verschiedenen Stellen gleichzeitig die Marseillaise, die
Internationale, die Union-Hymne. »Tot, tot, Tausende tot!«

Eine blinde Wut zu zerstören, niederzureißen und zu töten war in
dem erregten Volkshaufen entflammt. Geleise wurden aufgerissen,
Telegraphenstangen niedergemäht, die Wächterhäuser weggefegt. Sobald es
krachte und splitterte, brandete ein wilder Jubel empor. Die Polizisten
wurden mit Steinblöcken bombardiert und ausgepfiffen. Es schien, als
hätten alle in der Wut plötzlich ihren Schmerz vergessen.

Voran aber stürmten die wildesten Rotten, wildgewordene fanatische
Weiber, den Villen und Landhäusern der Ingenieure entgegen.

Zu dieser Zeit aber ging das verzweifelte Rennen unter dem Meer weiter.
Alle, die das stürzende Gestein, Feuer und Rauch am Leben gelassen
hatten, rannten unaufhörlich vorwärts, vor den Zehen des Todes her,
der seinen beizenden Atem vorausschickte. Einzelne Wanderer gab es da
drinnen, die zähneklappernd, mit gesträubten Haaren vorwärtsstolperten,
Paare, die schrien und weinten, Horden, die mit pfeifenden Lungen
hintereinander herkeuchten, Verwundete, Krüppel, die um Barmherzigkeit
bittend am Boden lagen. Manche blieben stehen, gelähmt von der
Angst, daß niemand diese ungeheure Strecke zu Fuß zurücklegen könne.
Manche gaben es auf. Sie legten sich hin, um zu sterben. Es gab aber
gute Läufer, die ihre Schenkel wie Pferde schwangen und die andern
überholten, beneidet, verflucht von den Erschöpften, deren Knie wankten.

Die Rettungszüge ließen die Glocken gellen, um zu signalisieren, daß
sie kämen. Aus der Dunkelheit stürzten Menschen auf sie zu, schluchzend
vor Erregung, gerettet zu sein. Da der Zug aber in den Tunnel
_hineinfuhr_, so wurden sie nach einer Weile von der Angst geschüttelt
und sprangen ab, um den zweiten Zug zu Fuß zu erreichen, der, wie man
ihnen sagte, fünf Meilen entfernt wartete.

Der Rettungszug kam nur langsam vorwärts. Denn die entsetzten
Mannschaften der letzten ausfahrenden Züge hatten, um Platz in den
Waggons zu gewinnen, viel Gestein hinausgeworfen, so daß die Strecke
erst freigelegt werden mußte. Und dann kam der Rauch! Er ätzte,
beizte, das Atmen wurde schwer. Aber der Zug fuhr vorwärts, bis die
Scheinwerfer die Mauer von Qualm nicht mehr zu durchdringen vermochten.
Auf diesem Rettungszug befanden sich kühne Ingenieure, die ihr Leben
in die Schanze schlugen. Sie sprangen vom Zug, eilten mit Rauchmasken
versehen weiter in den verqualmten Stollen hinein und schwangen
Glocken. In der Tat gelang es ihnen, kleine erschöpfte Truppe, die
schon jede Hoffnung aufgegeben hatten, zu der letzten Anstrengung, noch
tausend Meter bis zum Zug zurückzulegen, anzupeitschen.

Dann mußte auch dieser Zug weichen. Eine ganze Anzahl dieser Ingenieure
erkrankte an Rauchvergiftung und zwei starben über Tag im Hospital.



5.


Maud schlief an diesem Tag sehr lange. Sie hatte eine verreiste
Pflegerin im Hospital vertreten und war erst um zwei Uhr zur Ruhe
gegangen. Als sie erwachte, saß die kleine Edith schon aufrecht in
ihrem Bettchen und flocht, um sich die Zeit zu vertreiben, ihr hübsches
blondes Haar zu dünnen Zöpfchen.

Kaum hatten sie zu plaudern begonnen, als die Dienerin eintrat und
Maud ein Telegramm überreichte. Im Tunnel habe sich ein großes Unglück
ereignet, sagte sie mit unruhigen Augen.

»Warum bringen Sie mir das Telegramm erst jetzt?« fragte Maud etwas
unwillig.

»Der Herr hat mir telegraphiert, Sie ausschlafen zu lassen.«

Das Telegramm war von Allan unterwegs aufgegeben worden. Es lautete:
»Katastrophe im Tunnel. Haus nicht verlassen. Ich komme gegen sechs Uhr
abends.«

Maud erbleichte. Hobby! dachte sie. Ihr erster Gedanke galt ihm. Er war
nach dem Abendessen in den Tunnel eingefahren; heiter und scherzend
hatte er sich von ihr verabschiedet ...

»Was ist, Mami?«

»Es ist ein Unglück im Tunnel geschehen, Edith.«

»Sind viele Menschen tot?« fragte die Kleine leichthin, mit singender
Stimme, mit schönen kindlichen Gesten die Zöpfchen flechtend.

Maud antwortete nicht. Sie blickte vor sich hin. War er um diese Zeit
tief drinnen in den Stollen gewesen?

Da schlang Edith die Arme um ihren Nacken und sagte tröstend:

»Du brauchst nicht traurig zu sein. Papa ist ja in Buffalo!«

Und Edith lachte, um Maud zu überzeugen, daß Papa in Sicherheit war.

Maud schlüpfte in den Bademantel und telephonierte in das Zentralbüro.
Erst nach geraumer Zeit bekam sie Anschluß. Aber sie wußten nichts oder
wollten nichts wissen. Hobby? Nein, von Mr. Hobby sei keine Nachricht
da.

Tränen traten in Mauds Augen, rasche Tränen, die niemand sehen durfte.
Beunruhigt und aufgeregt nahm sie mit Edith das Bad. Dieses Vergnügen
genossen sie jeden Morgen. Es machte Maud ebenso kindliche Freude wie
Edith, im Wasser zu plätschern, zu lachen und zu rufen im Badezimmer,
wo die Stimmen so voll und merkwürdig widerhallten, die dampfende
Brause sprühen zu lassen -- und dann wurde sie kälter und kälter und
die kleine Edith lachte, als ob man sie kitzle, weil es so eisig kalt
wurde. Dann kam die Morgentoilette und dann das Frühstück. Das war
Mauds schönste Stunde, die sie sich nicht nehmen ließ. Edith ging nach
dem Frühstück in die »Schule«. Sie hatte ihr eigenes Schulzimmer mit
einer schwarzen Tafel -- so wünschte sie es -- und einer richtigen
kleinen Schulbank, denn sonst wäre es ja keine Schule gewesen.

Heute machte Maud das Bad kurz und mit dem Vergnügen war es nichts.
Edith versuchte die Mutter auf alle erdenkliche Art aufzuheitern und
ihre kindlichen Bemühungen rührten Maud fast zu Tränen. Nach dem Bad
telephonierte sie wieder ins Zentralbüro. Endlich gelang es ihr,
Harriman zu sprechen, und er deutete ihr an, daß das Unglück leider
größer sei, als man bis jetzt angenommen habe.

Maud wurde immer unruhiger. Nun erst fiel ihr Macs merkwürdige Weisung
auf. »Das Haus nicht verlassen!« Weshalb? Sie verstand Mac nicht.
Sie ging durch die Gärten ins Hospital hinüber und unterhielt sich
flüsternd mit den diensttuenden Pflegerinnen. Auch hier Unruhe und
Bestürzung. Sie plauderte ein wenig mit ihren kleinen Kranken, aber sie
war so zerstreut, daß ihr nichts Rechtes einfiel. Schließlich kehrte
sie nur unruhiger und erregter in ihr Zimmer zurück.

»Warum soll ich das Haus nicht verlassen?« dachte sie. »Es ist nicht
recht von Mac, mir das Ausgehen zu verbieten!«

Sie versuchte es wieder mit dem Telephonieren, aber ohne Erfolg.

Dann nahm sie ein Tuch. »Ich will nachsehen,« sagte sie halblaut zu
sich. »Mac kann sagen, was er will. Warum soll ich zu Hause bleiben?
Gerade jetzt! Die Frauen werden in Angst sein und brauchen gerade jetzt
jemand, der ihnen zuredet.«

Aber sie legte das Tuch wieder weg. Sie holte Macs Telegramm aus dem
Schlafzimmer und las es zum hundertstenmal.

Ja, warum denn? Warum denn eigentlich?

War die Katastrophe so groß?

Ja, aber gerade dann durfte sie unmöglich zurückstehen! Es war ihre
Pflicht, den Frauen und Kindern beizuspringen. Sie wurde geradezu
zornig über Mac und entschloß sich zu gehen. Sie wollte wissen, was
eigentlich geschehen war. Aber doch zögerte sie noch immer, Macs
sonderbare Weisung zu verletzen. Und dann war eine geheime Angst in
ihr, sie wußte nicht warum. Endlich schlüpfte sie entschlossen in den
gelben Gummimantel und band das Tuch übers Haar.

Sie ging.

Aber an der Türe überkam sie plötzlich ein unerklärliches Angstgefühl,
daß sie heute, gerade heute, die kleine Edith nicht allein lassen
dürfe. Ach, dieser Mac, all das hatte er angestiftet mit seiner dummen
Depesche!

Nun holte sie Edith aus der »Schule«, hüllte sie in ein Cape und
stülpte der vergnügten Kleinen die Kapuze über das blonde Haar.

»Ich komme in einer Stunde wieder!« sagte Maud und sie gingen.

Über den nassen Gartenweg hüpfte ein Frosch und Maud erschrak, da sie
beinahe auf ihn getreten wäre.

Edith jauchzte. »Hui, der kleine Frosch, Mama! Wie naß er ist! Warum
geht er aus, wenn es regnet?«

Der Tag war elend, mißmutig und häßlich.

Auf der Straße wurde der Wind heftiger, es blies und der Regen stob
schräg und kalt herab. »Und gestern war es noch so heiß,« dachte Maud.
Edith amüsierte es, mit großen Schritten über die Pfützen wegzustapfen.
Nach wenigen Minuten sahen sie die Tunnelstadt liegen; mit ihren
Bürohäusern, Schlöten und dem Wald von Kabelmasten lag sie grau und öde
im Regen und Schmutz. Es fiel Maud sofort auf, daß keine Gesteinszüge
liefen! Seit Jahren war es das erstemal! Aber die Schlöte qualmten wie
immer.

Es ist ja gar nicht wahrscheinlich, daß er gerade am Ort der
Katastrophe war, dachte sie. Der Tunnel ist so groß! Trotzdem aber
irrten wirre und drohende Gedanken in ihr.

Plötzlich blieb sie stehen.

»Horch!« sagte sie. Edith lauschte und sah dabei zur Mutter empor.

Ein Gewirr von Stimmen drang hierher. Und nun sahen sie auch Leute,
eine graue tausendköpfige Menge, die sich bewegte. Es war aber im Dunst
gar nicht zu erkennen, welche Richtung sie nahmen.

»Warum schreien die Leute?« fragte Edith.

»Sie sind wegen des Unglücks beunruhigt, Edith. Wenn die Väter all der
kleinen Kinder in Gefahr sind, so sind die Frauen natürlich in großer
Sorge.«

Edith nickte und nach einer Weile sagte sie: »Es ist wohl ein _großes_
Unglück, Mama?«

Maud schauerte zusammen.

»Ich glaube, ja,« antwortete sie, in Gedanken. »Es muß ein großes
Unglück sein! Wir wollen rascher gehen, Edith.« Maud schritt aus, sie
wollte -- ja, was wollte sie? Sie wollte handeln ...

Plötzlich sah sie einigermaßen erstaunt, daß die Leute näher kamen! Das
Geschrei wurde lauter. Sie sah auch, daß eine Telegraphenstange, die im
Augenblick noch aufrecht gestanden hatte, umsank und verschwand. Die
Drähte über ihr zitterten.

Sie achtete nicht mehr auf Ediths lebhafte Fragen, sondern eilte rasch
und erregt vorwärts. Was taten sie? Was war geschehen? Ihr wurde ganz
heiß im Kopf und einen Augenblick dachte sie daran, umzukehren und sich
ins Haus einzuschließen, wie Mac ihr befohlen hatte.

Aber es erschien ihr feige, unglückliche Menschen zu fliehen aus Angst
vor dem Anblick fremden Unglücks. Wenn sie auch nicht viel nützen
konnte, so konnte sie doch gewiß etwas tun. Und alle kannten sie ja,
die Weiber und die Männer und grüßten sie und erwiesen ihr kleine
Dienste, wo immer sie erschien! Und Mac? Was würde Mac getan haben,
wenn er hier wäre? Mitten unter ihnen würde er stehen ...! dachte Maud.

Die Menge wälzte sich heran.

»Weshalb schreien sie denn nur so?« fragte Edith, die ängstlich zu
werden begann. »Und warum singen sie, Mama?«

Ja, in der Tat, sie sangen! Ein heulender, wirrer Gesang kam mit
ihnen näher. Schreie und Rufe drangen daraus hervor. Es war ein
ganzes _Heer_, verstreut über das graue Schuttfeld, Kopf an Kopf. Und
Maud sah, daß eine Rotte eine kleine Feldlokomotive mit Steinwürfen
demolierte.

»Mama --?«

»Was war das? Ich hätte nicht ausgehen sollen,« dachte Maud und blieb
erschrocken stehen. Nun aber war es zu spät umzukehren ...

Man hatte sie entdeckt. Sie sah, daß die vorderen die Arme gegen sie
reckten und plötzlich ihren Weg verließen und auf sie zukamen. Zu ihrem
Schrecken bemerkte sie, daß sie liefen und rannten. Aber sie faßte
wieder Mut, als sie sah, daß es meistens Frauen waren. »Es sind ja nur
Frauen ...«

Sie ging ihnen entgegen, plötzlich von grenzenlosem Mitleid für diese
Armen erfüllt. Oh, Gott, es mußte etwas Grauenhaftes geschehen sein!

Der erste Trupp der Weiber keuchte heran.

»Was ist denn geschehen?« rief Maud und ihre Anteilnahme war
ungeheuchelt. Aber Maud erbleichte, als sie die Gesichter der Frauen
sah. Sie sahen alle irrsinnig aus, verstört, triefend vom Regen, nur
halb angekleidet, und ein wildes Feuer brannte in all den hundert Augen.

Man hörte sie nicht. Man antwortete ihr nicht. Die verzerrten Mäuler
heulten triumphierend und schrill.

»Alle sind tot!« gellten ihr Stimmen entgegen, in allen Tonarten, in
allen Sprachen. Und plötzlich schrie eine Frauenstimme: »Das ist Macs
Weib, schlagt sie tot!«

Und Maud sah -- sie traute ihren Augen nicht -- daß ein zerlumptes Weib
mit zerfetztem Kittel und vor Wut schielenden Augen einen Stein aufhob.
Der Stein schwirrte durch die Luft und streifte ihren Arm.

Sie zog instinktiv die kleine, blasse Edith an sich und richtete sich
auf.

»Was hat euch denn Mac getan?« rief sie und ihre Augen irrten voller
Angst umher. Niemand hörte sie.

Die Rasenden hatten sie erkannt, das ganze wilde Heer von tobenden
Menschen. Ein Geheul, das wie ein einziger Schrei klang, brandete
empor. Steine schwirrten plötzlich von allen Seiten durch die Luft und
Maud zuckte zusammen und zitterte am ganzen Körper. Nun sah sie, daß
es Ernst war! Sie wandte sich um, aber überall waren sie, alle in zehn
Schritt Abstand, sie war umzingelt. Und in all den Augen, in die ihr
irrender entsetzter Blick hilfesuchend tauchte, brannte dieselbe Glut:
Haß und Wahnsinn. Maud begann zu beten und der kalte Schweiß schlug aus
ihrer Stirn: »Mein Gott -- mein Gott -- beschütze mein Kind!«

Unaufhörlich aber gellte eine Weiberstimme, wie ein schrilles Signal:
»Schlagt sie tot! Mac soll bezahlen!«

Da traf ein Steinblock Ediths Brust, so heftig, daß sie wankte.

Die kleine Edith schrie nicht. Nur ihre kleine Hand zuckte in Mauds
Hand und sie sah erschrocken zur Mutter empor, mit verwunderten Augen.

»O Gott, was tut ihr?« schrie Maud und kauerte sich nieder und
umschlang Edith. Und die Tränen stürzten ihr vor Angst und Verzweiflung
aus den Augen.

»Mac soll bezahlen!«

»Mac soll wissen, wie es tut!«

Ho! Ho! O, all diese rasenden Körper und unbarmherzigen Augen. Und die
Hände schwangen Steine ...

Wäre Maud feige gewesen, hätte sie sich in die Knie geworfen und die
Hände ausgestreckt, vielleicht hätte sie im letzten Augenblick noch in
diesen rasenden Menschen ein menschliches Gefühl entfachen können. Aber
Maud, die kleine sentimentale Maud, wurde plötzlich mutig! Sie sah, daß
Edith aus dem Mund blutete und totenbleich geworden war, die Steine
hagelten, aber sie flehte nicht um Gnade.

Sie richtete sich plötzlich rasend auf, ihr Kind an sich gezogen, und
schrie mit funkelnden Augen in all diese haßerfüllten Gesichter hinein:
»Ihr seid Tiere! Gesindel seid ihr, schmutziges Gesindel! Wenn ich
meinen Revolver hätte -- niederschießen würde ich euch, wie Hunde! O,
ihr Tiere! Ihr feigen, gemeinen Tiere!«

Da traf Maud ein mit großer Wucht geschleuderter Stein an die Schläfe
und sie stürzte, mit den Händen ausgreifend, ohne Laut über Edith
hinweg zu Boden. Maud war klein und leicht, aber es klang, als sei ein
Pfahl niedergestürzt und das Wasser spritzte empor.

Ein wildes Triumphgeheul erscholl. Schreie, Gelächter, wirre Rufe: »Mac
soll bezahlen! Ja bezahlen soll er, am eigenen Leibe soll er fühlen --
in der Falle fing er sie -- Tausende --«

Nun aber wurde kein Stein mehr geschleudert! Die rasende Menge zog
plötzlich weiter. »Laßt sie liegen, sie werden schon von selbst
aufstehen!« Nur die fanatische Italienerin beugte sich noch mit ihren
entblößten hängenden Brüsten über die am Boden Liegenden und spie
nach ihnen. Und nun die Häuser der Ingenieure! Fort, vorwärts! Alle
sollten sie daran glauben! Aber die Wut war nach dem Überfall auf Maud
abgekühlt. Alle hatten das dumpfe Gefühl, daß hier etwas geschehen
sei, das nicht in Ordnung war. Truppe lösten sich ab und verstreuten
sich über das Schuttfeld. Hunderte blieben unauffällig zurück und
stolperten quer über die Schienen. Als die wütende Kopfgruppe, von der
Italienerin angeführt, die Villen der Ingenieure erreichte, war sie so
zusammengeschmolzen, daß ein einziger Polizist sie in Schach halten
konnte.

Sie zerstreute sich nach und nach.

Und nun brach wieder der Schmerz aus, das Elend, die Verzweiflung.
Überall liefen Frauen, die in die Schürze weinten. Im Regen liefen sie,
im Wind, sie stolperten und achteten nicht auf den Boden.

       *       *       *       *       *

Alle hatten sich rasend, grausam und schadenfroh, fortgerissen von
einem dunkeln Massenwahnsinn, von Maud und Edith entfernt und die
beiden lagen eine lange Zeit im Regen, mitten im Schuttfeld, von
niemand beachtet.

Dann kam ein kleines Mädchen von zwölf Jahren mit herabhängenden roten
Strümpfen zu ihnen. Sie hatte mit angesehen, wie man »Macs wife« mit
Steinen beworfen hatte. Sie kannte Maud, denn sie war im vorigen Jahr
lange Wochen im Hospital gelegen.

Dieses Mädchen wurde von einem schlichten menschlichen Impuls
hierhergetrieben. Da stand sie nun mit ihren herabhängenden Strümpfen
und wagte sich nicht heran. In einiger Entfernung standen ein paar
Frauen und Männer, die sich ebenfalls nicht heranwagten. Endlich ging
das Mädchen etwas näher, bleich vor Angst und da hörte sie ein leises
Wimmern.

Sie wich erschrocken zurück und begann plötzlich rasch zu laufen.

Das Hospital lag wie ausgestorben im rieselnden Regen und das Mädchen
wagte nicht zu klingeln. Erst als jemand aus der Türe kam, eine
Aufwärterin, trat das Mädchen ans Gitter und sagte, in die Richtung der
Station deutend: »Sie liegen da drüben!«

»Wer liegt da drüben?«

»~Macs wife and his little girl!~«

Drunten in den Stollen liefen sie aber zu dieser Zeit immer noch ...



6.


Allan erfuhr bei seiner Ankunft in New York durch eine Depesche
Harrimans, daß Maud und Edith vom Pöbel attackiert worden seien. Nicht
mehr. Harriman besaß weder den Mut noch die Grausamkeit, Allan die
ganze schreckliche Wahrheit zu sagen: daß Maud tot war und sein Kind im
Sterben lag.

Als der Abend dieses entsetzlichen Tages dämmerte, kam Allan im
Automobil von New York an. Er steuerte selbst, wie immer, wenn er eine
außerordentliche Geschwindigkeit fuhr.

Sein Wagen flog in einem Höllentempo mitten durch die unabsehbare Menge
von Weibern, Tunnelmännern, Journalisten und Neugierigen, die ihre
Regenschirme aufgespannt hatten, zum Stationsgebäude. Jedermann kannte
seinen schweren, staubgrauen Car und das Knarren seiner Hupe.

Im Augenblick war der Car von einer erregten Menge umringt. »Da ist
Mac!« schrien sie. »Da ist er! Mac! Mac!«

Aber als Allan sich erhob, schwiegen sie plötzlich still. Der Nimbus,
der seine Person umgab, dieser Nimbus aus Karriere, Genie, Kraft
erblaßte auch jetzt nicht und flößte der Menge Scheu und Achtung ein.
Ja, nie erschien ihnen Allan achtunggebietender als in dieser Stunde,
da ihn das Schicksal zerschmetterte. Und doch hatten sie, als sie da
drinnen im Rauch um ihr Leben liefen, geschworen, ihn niederzuschlagen,
wo sie ihn auch träfen.

»Macht Platz!« schrie Allan mit lauter Stimme. »Es ist ein Unglück
geschehen, das bedauern wir alle! Wir werden retten, was zu retten ist!«

Nun aber schwirrten von allen Seiten Stimmen auf. Es waren die gleichen
Ausrufe, die man schon seit heute morgen ausstieß. »Du bist schuld ...
Tausende sind tot ... in einer Falle hast du sie gefangen ...«

Allan blieb ruhig, den Fuß auf dem Trittbrett. Mit einem ungehaltenen,
kühlen Blick begegnete er den erregten Stimmen, während sich sein
breites Gesicht verfinsterte. Plötzlich aber -- als er die Lippen
öffnete zu einer Erwiderung -- zuckte er zusammen. Ein Ruf hatte sein
Ohr getroffen, der höhnische Wutschrei einer Frau, und dieser Schrei
schnitt durch seinen ganzen Körper und er hörte die anderen Stimmen gar
nicht mehr. Nur diesen einen gleichen Schrei, der wieder und wieder
unerbittlich und furchtbar an sein Ohr hämmerte:

»Sie haben deine Frau und dein Kind erschlagen ...«

Allan wuchs, streckte sich, als wolle er weiter sehen, sein Kopf
machte eine hilflose Drehung auf den breiten Schultern, sein dunkles
Gesicht wurde plötzlich fahl und sein gesammelter Blick zerrann in den
Augen und flackerte entsetzt. In allen Augen ringsum las er, daß diese
schreckliche Stimme die Wahrheit sagte. Alle Augen schrien ihm das
Entsetzliche zu.

Da verlor Allan die Herrschaft über sich. Er war der Sohn eines
Bergmanns, ein Arbeiter wie sie alle, und sein erstes Gefühl war nicht
Schmerz, sondern Wut.

Er warf den Chauffeur zur Seite und ließ den Wagen anspringen, bevor er
noch hinter dem Steuerrad saß. Der Car stürzte sich mitten in die Menge
hinein, die sich schreiend und entsetzt zur Seite warf.

Dann sahen sie ihm nach, wie er in die regengraue Dämmerung hineinschoß.

»Da hat er es nun!« schrien höhnende Stimmen durcheinander. »Nun weiß
er, wie es tut!«

Einzelne dagegen schüttelten den Kopf und sagten: »Es war nicht recht
-- eine Frau, ein kleines Kind ...«

Die rasende Italienerin aber schrie höhnend und gellend: »Ich habe die
ersten Steine geworfen. Ich! Ich habe sie an die Stirn getroffen! Ja,
hin mußten sie werden.«

»Ihn hättet ihr erschlagen sollen! Mac! Mac ist schuld! Aber seine
Frau? Sie war ja ein so gutes Mädchen!«

»Erschlagt Mac!« schrie die Italienerin, nach Luft ringend, im höchsten
Diskant ihres schlechten Englisch. »~Kill him!~ Schlagt ihn tot wie
einen Hund!«

Das Haus lag verlassen in der elenden Dämmerung. Allan sah es an und
wußte genug. Während er über den knirschenden Kiesweg des Vorgartens
schritt, drängte sich ihm ein Erlebnis in den Sinn, das er vor Jahren,
beim Bau der Bolivia-Anden-Bahn, gehabt hatte. Damals bewohnte er mit
einem Freund eine Baracke zusammen und diesen Freund hatten Streikende
erschossen. Er, Allan, kam ahnungslos von der Arbeit zurück, aber ganz
rätselhafterweise machte die Baracke, in der der ermordete Freund lag,
einen fremden, unerklärlich veränderten Eindruck auf ihn. Die gleiche
Atmosphäre umlagerte sein Haus.

Im Vestibül roch es nach Karbol und Äther. Als er Ediths weißen kleinen
Pelzmantel hängen sah, wurde es plötzlich dunkel vor seinen Augen und
er wäre fast zusammengebrochen. Da hörte er eine Dienerin schluchzend
rufen: »Der Herr -- der Herr --!« und bei dem Klang des Schmerzes und
hilflosen Jammers dieser fremden Stimme faßte er sich wieder. Er trat
in das halbfinstere Wohnzimmer, wo ihm ein Arzt entgegenkam.

»Herr Allan --!«

»Ich bin vorbereitet, Doktor,« sagte Allan halblaut, aber mit solch
ruhiger, alltäglicher Stimme, daß ihm der Arzt mit einem raschen Blick
verwundert in die Augen sah. »Auch das Kind, Doktor?«

»Ich befürchte, es ist nicht zu retten. Die Lunge ist verletzt.«

Allan nickte stumm und ging zur Treppe. Es war ihm, als wirbele
das helle klingende Gelächter seines kleinen Mädchens durch das
Stiegenhaus. Oben stand eine Schwester, an Mauds Schlafzimmer, und gab
Allan ein Zeichen.

Er trat ein. Es brannte nur eine Kerze im Zimmer. Maud lag auf dem
Bett, langgestreckt, sonderbar flach, wächsern, starr. Ihr Antlitz war
schön und friedevoll, aber es schien, als ob eine kleine, demütige
und bescheidene Frage in ihren blutleeren Zügen stehen geblieben sei,
ein leises Erstaunen auf ihren halb geöffneten fahlen Lippen. Der
Spalt ihrer geschlossenen Augen glänzte feucht, wie von einer letzten
kleinen Träne, die zerflossen war. Nie in seinem Leben vergaß Allan
dieses feuchte Glänzen unter Mauds fahlen Lidern. Er weinte nicht, er
schluchzte nicht, er saß mit offenem Mund neben ihrem letzten Lager und
sah Maud an. Das Unbegreifliche hatte seine Seele gelähmt. Er dachte
nichts. Aber die Gedanken gingen blaß und wirr in seinem Kopfe hin und
her, er achtete ihrer nicht. Das war sie, seine kleine Madonna. Er
hatte sie geliebt, er hatte sie aus Liebe geheiratet. Er hatte ihr, die
aus einfachen Verhältnissen herauskam, ein glänzendes Leben geschaffen.
Er hatte sie behütet und ihr täglich gesagt, auf die Automobile acht
zu geben. Er hatte immer Angst um sie gehabt, ohne es ihr je zu sagen.
Er hatte sie in den letzten Jahren vernachlässigt, weil ihn die Arbeit
verschlang. Aber er hatte sie deshalb nicht weniger geliebt. Sein
kleiner Narr, seine gute, süße Maud, das war sie nun. Verflucht sei
Gott, wenn es einen gab, verflucht sei das hirnlose Schicksal!

Er nahm Mauds kleine, runde Hand und betrachtete sie mit hohlen,
verbrannten Augen. Die Hand war kalt, aber sie mußte es ja sein, denn
sie war tot, und die Kälte schreckte ihn nicht. Jede Linie dieser Hand
kannte er, jeden Nagel, jedes Gelenk. Über die linke Schläfe hatte man
den braunen seidigen Scheitel tiefer gestrichen. Aber er sah durch das
Gespinst des Haares hindurch ein bläuliches, unscheinbares Mal. Hier
hatte der Stein sie getroffen, dieser Stein, den er Tausende von Metern
tief unter dem Meere hatte aus dem Berge sprengen lassen. Verflucht
seien die Menschen und er selbst! Verflucht sei der Tunnel!

Ahnungslos war sie dem bösartigen Schicksal begegnet, als es blind und
weitausschreitend vor Wut des Weges kam. Warum hatte sie seine Weisung
nicht befolgt? Er hatte sie ja nur vor Schmähungen beschützen wollen.

_Daran_ hatte er nicht gedacht! Warum war er nicht hier, gerade heute?

Allan dachte daran, daß er selbst zwei Menschen niedergeschossen
hatte, als sie damals die Mine Juan Alvarez stürmten. Er hätte, ohne
sich zu besinnen, Hunderte niedergeschossen, um Maud zu verteidigen.
Er wäre ihr ins tiefe Meer gefolgt, keine Phrase, er hätte sie gegen
hunderttausend wilde Tiere verteidigt, solange er noch einen Finger
bewegen konnte. Aber er war nicht hier ...

Die Gedanken irrten in seinem Kopf, Liebkosungen und Flüche, aber er
dachte gar nichts.

Da pochte es zaghaft an der Tür. »Herr Allan?«

»Ja?«

»Herr Allan ... Edith ...«

Er stand auf und sah nach, ob die Kerze fest im Leuchter stecke, damit
sie nicht etwa umfalle. Dann ging er zur Tür und von hier aus sah er
Maud nochmals an. In seinem Geiste sah er, wie er sich selbst über die
geliebte Frau warf, sie umschlang, schluchzte, schrie, betete, sie um
Verzeihung bat für jeden Augenblick, da er sie nicht glücklich gemacht
hatte -- in Wirklichkeit aber stand er an der Tür und sah sie an.

Dann ging er.

Auf dem Wege zum Sterbezimmer seines kleinen Mädchens holte er seine
letzten Kräfte aus der Tiefe seines Herzens herauf. Er wappnete
sich, indem er sich alle schrecklichen Augenblicke seines Lebens ins
Gedächtnis zurückrief, all jene Unglücklichen, die das Dynamit zerfetzt
und Gesteinssplitter perforiert hatten; jenen einen, den das Schwungrad
mitnahm und an der Wand zerquetschte ... Und als er über die Schwelle
trat, dachte er: »Denke daran, wie du einst Pattersons abgeschabten
Stiefelschaft im verschütteten Flöz gespürt hast ...«

Er kam gerade noch recht, um die letzten erlöschenden Atemzüge seines
kleinen süßen Engels zu erleben. Ärzte, Pflegerinnen und Dienstboten
standen im Zimmer umher, die Mädchen weinten und selbst die Ärzte
hatten Tränen in den Augen.

Aber Allan stand stumm und trocknen Auges da. »Denke, im Namen der
Hölle, an Pattersons abgeschabten Stiefel, denke und schlage nicht hin
vor den Leuten.«

Nach einer Ewigkeit richtete sich der Arzt am Bett auf und man hörte
ihn atmen. Allan dachte, die Leute würden das Zimmer verlassen, aber
sie blieben alle.

Da trat er ans Bett und streichelte Ediths Haar. Wäre er allein
gewesen, so hätte er gerne nochmals ihren kleinen Körper in den Händen
gefühlt, so aber wagte er nicht mehr zu tun.

Er ging.

Als er die Treppe hinabstieg, brach plötzlich lautes, jammerndes
Geschrei über seinem Kopf zusammen, aber es war in Wahrheit ganz still
bis auf ein leises Schluchzen.

Unten stieß er auf eine Pflegerin. Sie blieb stehen, da sie sah, daß er
ihr etwas zu sagen wünschte.

»Fräulein,« sagte er endlich mit großer Mühe, »wer sind Sie?«

»Ich bin Fräulein Evelin.«

»Fräulein Evelin,« fuhr Allan fort, fremd, flüsternd, weich klang seine
Stimme, »ich möchte Sie um einen Dienst bitten. Ich selbst will es
nicht, ich kann es nicht -- ich möchte eine kleine Strähne Haar von
meiner Frau und meinem Kind gern aufbewahren. Könnten Sie das besorgen
für mich? Aber niemand darf es wissen. Wollen Sie mir das versprechen?«

»Ja, Herr Allan.« Sie sah, daß seine Augen voll Wasser standen.

»Ich werde Ihnen mein ganzes Leben lang dankbar sein, Fräulein Evelin.«

Im dunklen Wohnzimmer saß in einem Sessel eine Gestalt, eine schlanke
Frau, die leise weinte und das Gesicht ins Taschentuch preßte. Als
er vorbeikam, stand die Frau auf und streckte ihm die blassen Hände
entgegen und flüsterte: »Allan --!«

Aber er ging vorüber und erst viele Tage später fiel ihm ein, daß die
Frau Ethel Lloyd gewesen war.

Allan ging in den Garten hinunter. Es schien ihm schrecklich kalt
geworden zu sein, tiefer Winter, und er wickelte sich fest in den
Mantel. Eine Weile ging er auf dem Tennisplatz hin und her, dann
schritt er zwischen nassen Büschen hinab zum Meer. Das Meer leckte
und rauschte und warf gleichmäßig atmend seine Gischtkrausen über den
nassen, glatten Sand.

Allan blickte über die Büsche und sah auf den Giebel des Hauses. Dort
lagen sie. Und er blickte nach Südosten über das Meer. Dort unten lagen
die andern. Dort unten lag Hobby, mit verkrampften Fingern und dem
zurückgebogenen Hals der Erstickten.

Es wurde immer kälter. Ja, ein schauerlicher Frost schien vom Meer
herzukommen. Allan war ganz aus Eis. Er fror. Seine Hände erstarrten
genau wie in größter Winterkälte und sein Gesicht wurde steif. Er sah
aber ganz deutlich, daß nicht einmal der Sand gefroren war, obwohl es
knisterte, als zertrete er feine Eiskristalle.

Allan ging eine Stunde im Sand auf und ab. Es wurde Nacht. Dann ging er
durch den vereisten, gefrorenen Garten hindurch und trat auf die Straße.

Andy, der Chauffeur, hatte die Lampen eingeschaltet.

»Fahre mich zur Station, Andy, fahre langsam!« sagte Allan, tonlos und
heiser, und stieg in den Wagen.

Andy wischte sich die Nase am Ärmel ab und sein Gesicht war naß von
Tränen.

Allan vergrub sich in den Mantel und zog die Mütze tief über den Kopf.
»Es ist merkwürdig,« dachte er, »als ich von der Katastrophe hörte,
habe ich zuerst an den Tunnel gedacht und dann erst an die Menschen!«
Und er gähnte. Er war so müde, daß er keine Hand rühren konnte.

Die Menschenmauer stand wie vorher, denn sie wartete auf die Rückkehr
der Rettungszüge.

Niemand schrie mehr. Niemand schwang die Faust. Er war ihnen ja jetzt
ähnlich geworden, er trug am gleichen Schmerz. Die Leute machten von
selbst Platz, als Allan hindurchfuhr und ausstieg. Nie hatten sie einen
Menschen so bleich gesehen.



7.


Allan betrat das kalte Beratungszimmer der Station, für gewöhnlich ein
Wartsaal.

Auf den Baustellen gab es weder Zeremoniell noch Formalitäten. Niemand
fiel es ein, den Hut abzunehmen oder sich irgendwie stören zu lassen.
Heute aber verstummten augenblicklich die erregten Gespräche, und jene,
die die Müdigkeit in einen Stuhl geworfen hatte, erhoben sich.

Harriman ging Allan mit verstörtem, erschöpftem Gesicht entgegen.

»Allan --?« sagte er, lallend wie ein Betrunkener.

Aber Allan unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Später, Harriman.«

Er ließ sich aus der Kantine eine Tasse Kaffee bringen, und während er
den Kaffee schlürfte, hörte er den Rapport der einzelnen Ingenieure an.

Er saß mit geducktem Kopf, sprungbereit, sah niemand an und schien kaum
zuzuhören. Sein Gesicht war wie erstarrt vor Kälte, farblos, die Lippen
bläulich angelaufen und weiß an den Rändern. Die bleigrauen Lider waren
über die Augen gesunken, das rechte, das zuweilen nervös vibrierte,
tiefer als das linke. Seine Augen aber hatten keinen menschlichen Blick
mehr. Sie sahen aus wie Glasscherben, die böse glitzerten. Manchmal
zitterten auch seine unrasierten Wangen und seine Lippen bewegten sich,
als zerbeiße er Körner zwischen den Zähnen. Bei jedem Atemzug zuckten
seine Nasenflügel, obgleich er lautlos atmete.

»Es steht also fest, daß Bärmann erschossen wurde?«

»Ja.«

»Und von Hobby hat man nichts gehört?«

»Nein. Aber man sah, daß er zum Vortrieb fuhr.«

Allan nickte und öffnete den Mund, als müsse er gähnen. »~Go on!~«

Der Tunnel war bis zum 340. Kilometer vollkommen in Ordnung und die von
Ingenieuren bedienten Maschinen im Gang. Robinson, der die Rettungszüge
führte, hatte telephoniert, daß der Rauch ein Vordringen über den 370.
Kilometer hinaus unmöglich machte. Er kehre mit 152 Geretteten zurück.

»Wieviele sind demnach tot?«

»Nach den Kontrollmarken müssen es ungefähr 2900 sein.«

Lange, tiefe Pause.

Allans blaue Lippen zuckten, als kämpfe er gegen ein krampfhaftes
Weinen. Er senkte den Kopf tiefer und schlürfte gierig den Kaffee.

»Allan!« schluchzte Harriman.

Aber Allan sah ihn erstaunt und kühl an. »~Go on!~«

Robinson habe ferner telephoniert, daß Smith, der in der Station
am 352. Kilometer arbeite, behaupte, es müsse tiefer drinnen eine
Luftpumpe arbeiten, die telephonische Verbindung sei aber gestört.

Allan sah auf. »Hobby?« dachte er. Aber er wagte es nicht, diese
Hoffnung auszusprechen.

Dann kam Allan auf die Ereignisse über Tag zu sprechen. Harriman
spielte keine glänzende Rolle. Müde, den schmerzenden Kopf in die Hand
gestützt, saß er da, ohne einen Blick in den verquollenen Augen.

Als aber die Ausschreitungen und Zerstörungen erörtert wurden, wandte
sich Allan mit einem plötzlichen Ruck an Harriman.

»Und wo waren Sie denn, Harriman?« fragte er schneidend und voller
Verachtung.

Harriman zuckte zusammen und hob die schweren Lider.

»Glauben Sie mir, Allan,« schrie er erregt, »ich tat, was ich tun
konnte! Ich versuchte alles. Ich konnte doch nicht etwa schießen!«

»Das sagen _Sie_!« rief Allan und seine Stimme wurde drohender. »Sie
hätten sich den rabiaten Leuten entgegenwerfen müssen, wenn sie Ihnen
auch ein paar Löcher in den Kopf geworfen hätten. Sie haben doch Fäuste
-- oder? Sie hätten auch schießen können -- ja, zum Teufel, weshalb
nicht? Ihre Ingenieure standen da, Sie hatten nur zu befehlen.«

Harriman wurde purpurrot. Sein dicker Nacken schwoll an. Der drohende
Ton Allans ging ihm ins Blut. »Was reden Sie, Allan!« erwiderte er
aufgebracht. »Sie haben die Leute nicht gesehen, Sie waren nicht hier.«

»Ich war nicht hier, leider! Ich habe geglaubt, mich auf Sie verlassen
zu können. Ich habe mich getäuscht! Sie werden alt, Harriman! _Alt_!
Ich brauche Sie nicht mehr. Gehen Sie in die Hölle!«

Harriman fuhr auf und stellte die roten Fäuste auf den Tisch.

»Ja, gehen Sie in die Hölle!« schrie Allan nochmals brutal.

Harriman wurde weiß bis in die Lippen und starrte konsterniert in
Allans Augen. Diese Augen blendeten vor Verachtung, Unbarmherzigkeit
und Brutalität. »Sir!« keuchte er und richtete sich tief beleidigt auf.

Da sprang auch Allan auf und pochte mit den Knöcheln auf den Tisch,
daß es prasselte. »Verlangen Sie jetzt keine Höflichkeiten von mir,
Harriman!« schrie er laut. »Gehen Sie!« Und Allan deutete zur Türe.

Harriman schwankte und ging. Sein Gesicht war vor Schmach grau
geworden. Es ging ihm durch den Sinn, Allan zu sagen, daß sein Sohn
gestorben sei und er den ganzen Vormittag gegen eine doppelte Dosis
Schlafmittel angekämpft habe. Aber er sagte nichts. Er ging.

Wie ein alter, gebrochener Mann ging er die Treppe hinunter, die Augen
auf den Boden gerichtet. Ohne Hut.

»Harriman ist geflogen!« höhnten die Leute. »Der Bull ist geflogen!«
Aber er hörte es nicht. Er weinte leise.

Nachdem Harriman das Zimmer verlassen hatte, ging Allan noch mit fünf
Ingenieuren ins Gericht, die ihre Posten verlassen hatten und mit den
fliehenden Mannschaften ausgefahren waren. Er entließ sie auf der
Stelle.

Es blies ein verflucht scharfer Wind heute und die Ingenieure
erwiderten kein Wort.

Hierauf verlangte Allan Robinson telephonisch zu sprechen. Ein Beamter
rief die Stationen an und befahl ihnen, Robinsons Zug zu stoppen. Allan
studierte unterdessen den Plan des zerstörten Stollens. Es war so
still, daß man durch die zerschlagenen Scheiben den Regen hereintropfen
hörte.

Zehn Minuten später stand Robinson am Apparat. Allan führte ein langes
Gespräch mit ihm. Nichts von Hobby! Ob er, Robinson, es für möglich
halte, daß noch Leute in den verqualmten Stollen lebten? Das sei nicht
ausgeschlossen.

Allan gab seine Befehle. Nach ein paar Minuten flog ein Zug aus drei
Waggons mit Ingenieuren und Ärzten die Trasse hinab und verschwand im
Tunnel.

Allan führte selbst und der Zug raste in einem so tollen Tempo durch
den dröhnenden leeren Tunnel, daß Allans Begleiter, die an große
Geschwindigkeiten gewöhnt waren, unruhig wurden. Nach einer knappen
Stunde begegneten sie Robinson. Sein Zug war voller Menschen. Die Leute
auf den Waggons, die Allan Rache geschworen hatten, murrten laut, mit
finstern Mienen, als sie ihn in der Finsternis beim Schein der Lampen
erkannten.

Allan fuhr weiter. Er bog bei der nächsten Weiche auf Robinsons Geleise
über, weil er sicher war, es frei zu finden, und verminderte sein
rasendes Tempo erst, als sie mitten im Rauch waren.

Selbst hier in den verqualmten Stationen arbeiteten Ingenieure. Sie
hatten die eisernen Schiebetüren zugezogen, an denen sich der Rauch wie
ein Gebirge zusammengeballter Wolken vorüberwälzte. Aber die Stationen
waren trotzdem so sehr mit Rauch angefüllt, daß ein längerer Aufenthalt
nur möglich war, weil die Maschinen fortwährend neue Luft einpreßten
und genügend Sauerstoffapparate vorhanden waren. Wie für Allan war der
Tunnel für die Ingenieure ein Werk, für das sie Gesundheit und Leben
einsetzten.

In der Station am 352. Kilometer trafen sie Smith, der hier mit zwei
Maschinisten die Maschinen bediente. Er wiederholte, daß eine Luftpumpe
tiefer im Tunnel in Gang sein müsse, und Allan dachte wieder an Hobby.
Wenn ihm das Schicksal doch wenigstens den Freund erhalten hätte!

Er drang sofort tiefer in den Stollen ein. Aber der Zug kam nur langsam
vorwärts, denn häufig versperrten Steinblöcke den Weg. Der Rauch war
so dick, daß der Lichtkegel der Scheinwerfer wie von einer Mauer
abprallte. Nach einer halben Stunde wurde der Train von einer großen
Menge Leichen aufgehalten. Allan stieg ab und ging, die Rauchmaske vor
dem Gesicht, in den Rauch hinein. Im Augenblick war seine Blendlampe
verschwunden.

Es war vollkommen still um ihn. Kein Laut, nur das Ventil seines
Sauerstoffapparates knackte leise. Allan stöhnte. Hier hörte ihn ja
niemand. Seine Brust war eine einzige tobende Wunde. Stöhnend und
knirschend wie ein verwundetes Tier wanderte er vorwärts und zuweilen
wollte er zusammenbrechen unter der ungeheuren Last seines ungeheuren
Schmerzes.

Alle paar Schritte stieß er auf Körper. Aber wenn er sie ableuchtete,
so waren es stets unzweifelhaft tote Menschen, die ihn anstarrten aus
gräßlich verzerrten Gesichtern. Hobby war nicht unter ihnen.

Plötzlich hörte er ein Keuchen und hob die Lampe. Gleichzeitig
berührte eine Hand seinen Arm und eine keuchende Stimme flüsterte:
»~Sauvé!~« Ein Mensch brach vor ihm zusammen. Es war ein junger
Bursche, der nur eine Hose trug. Allan nahm ihn auf die Arme und trug
ihn zurück zum Zuge und er erinnerte sich, daß ihn einst ein Mann in
ähnlicher Situation durch einen dunklen Stollen getragen hatte. Die
Ärzte brachten den Ohnmächtigen rasch ins Bewußtsein zurück. Er hieß
Charles Renard, Kanadier, und erzählte, daß die Wetterführung drinnen
funktioniere und er diesem Umstand sein Leben verdanke. Ob er noch
Zeichen von Leben in den Stollen beobachtet habe?

Der Gerettete nickte. »Ja,« sagte er, »ich habe zuweilen Gelächter
gehört.«

»Gelächter??« Sie sahen einander entsetzt an.

»Ja, Gelächter. Ganz deutlich.«

Allan verlangte telephonisch Züge und Ablösungen.

Augenblicklich drang er wieder vor. Die Glocke gellte. Es war eine
mörderische Arbeit und der Rauch trieb sie häufig zurück. Gegen Mittag
gelang es ihnen, bis in die Nähe des 380. Kilometers vorzudringen und
hier vernahmen sie plötzlich ein schrilles, fernes Lachen. Dieser Laut
in dem schweigenden, rauchenden Stollen war das Entsetzlichste, was sie
je gehört hatten. Sie erstarrten und niemand atmete. Dann eilten sie
weiter. Das Lachen wurde immer deutlicher, es klang wild und irrsinnig,
so wie es die Taucher zuweilen aus verunglückten Unterseebooten gehört
haben, in denen die Besatzung erstickte.

Schließlich erreichten sie eine kleine Station und drangen ein. Da
sahen sie im Dunst zwei, drei, vier Menschen, die sich am Boden
wälzten, tanzten unter schauerlichen Verrenkungen und dabei fortwährend
ein schrilles, delirierendes Gelächter ausstießen. Die Luft pfiff
aus der Wetterführung in die Station, so daß die Unglücklichen
am Leben geblieben waren. In ihrer nächsten Nähe befanden sich
Sauerstoffapparate -- unberührt.

Die Unglücklichen aber schrien vor Entsetzen auf und wichen zurück, als
sie plötzlich Licht sahen und Menschen mit Masken vor dem Gesicht. Sie
flohen alle in eine Ecke, wo ein toter Mann ausgestreckt und still lag,
beteten und winselten vor Angst. Es waren Italiener.

»Ist hier jemand, der italienisch spricht?« fragte Allan. »Nehmen Sie
die Masken ab.«

Ein Arzt trat vor und begann, vom Husten erstickt, mit den Wahnsinnigen
zu sprechen.

»Was sagen sie?«

Der Arzt konnte vor Entsetzen kaum reden.

»Wenn ich sie richtig verstehe, so glauben sie, sie seien in der
Hölle!« sagte er mit Anstrengung.

»So sagen Sie ihnen in Gottes Namen, wir seien gekommen, sie in den
Himmel zu führen,« rief Allan.

Der Arzt sprach und sprach und endlich verstanden sie ihn.

Sie weinten, sie knieten, sie beteten und streckten flehend die Hände
aus. Als man sich ihnen aber näherte, begannen sie zu rasen. Sie mußten
einzeln überwältigt und gebunden werden. Einer starb auf der Ausfahrt,
zwei kamen in eine Anstalt, der vierte aber erholte sich rasch und war
gesund.

Allan kehrte von dieser Expedition halb bewußtlos nach Smiths Station
zurück. Wollte das Entsetzen kein Ende nehmen? Er saß da, rasch atmend,
vollkommen erschöpft. Er war nun sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf.

Aber die Ärzte drangen vergebens in ihn, auszufahren.



8.


Der Rauch kroch vorwärts. Langsam, schrittweise, wie ein bewußtes
Wesen, das erst tastet, bevor es einen Schritt macht. Er leckte in die
Querschläge hinein, in die Stationen, schlüpfte an der Decke entlang
und füllte alle Räume aus. Die Grubenventilatoren saugten, die Pumpen
preßten Millionen von Kubikmetern frische Luft hinein. Und endlich,
ganz unmerklich, begann der Rauch dünner zu werden.

Allan erwachte und blickte mit schmerzenden, entzündeten Augen in
den milchigen Dunst hinein. Er wußte nicht sofort, wo er war. Dicht
vor ihm lag eine niedrige, langgestreckte Maschine aus blankem Stahl
und Kupfer, deren Mechanismus lautlos spielte. Das halb in den Boden
versenkte Schwungrad schien still zu stehen, aber als er es länger
betrachtete, entdeckte er auf und ab gleitende Glanzstreifen: es machte
neunhundert Umdrehungen in der Minute und war so genau gearbeitet, daß
es den Eindruck des Stillstehens hervorrief. Da fiel ihm auch ein, wo
er sich befand. Er war noch immer in Smiths Station. Eine Gestalt wogte
im Nebel.

»Sind Sie es, Smith?«

Die Gestalt kam näher und er erkannte Robinson.

»Ich habe Smith abgelöst, Allan,« sagte Robinson, ein langer, magerer
Amerikaner.

»Habe ich lange geschlafen?«

»Nein, eine Stunde.«

»Wo sind die andern?«

Robinson berichtete, daß die andern die Strecke freizumachen
versuchten. Der Rauch verteile sich und werde erträglicher. In der
neunzehnten Station (380. Kilometer) befänden sich noch sieben Menschen
am Leben.

Immer noch Lebende? Barg dieser schauerliche Stollen immer noch
Menschen?

Und Robinson berichtete weiter, daß in der neunzehnten Station ein
Ingenieur namens Strom die Maschinen bediene. Er habe sechs Menschen
aufgenommen und alle befänden sich wohl. Die Ingenieure hätten sie noch
nicht erreichen können, die telephonische Verbindung aber hergestellt
und mit der Station gesprochen.

»Ist Hobby unter ihnen?«

»Nein.«

Allan blickte zu Boden. Und nach einer Pause sagte er: »Wer ist das --
Strom?«

Robinson zuckte die Achseln.

»Das ist das Sonderbare. Niemand kennt ihn. Er ist kein
Tunnelingenieur.«

Da erinnerte sich Allan, daß Strom ein Elektrotechniker war, der auf
einem der Kraftwerke auf den Bermudas arbeitete. Später stellte sich
folgendes heraus: Strom hatte lediglich den Tunnel besichtigt. Er
war zur Zeit der Explosion in Bärmanns Bezirk gewesen und hatte die
neunzehnte Station etwa drei Kilometer hinter sich. Diese Station hatte
er vor einer Stunde besichtigt, und da er der Bedienungsmannschaft
dieser Station kein großes Vertrauen schenkte, so war er sofort
zurückgekehrt. Strom war der einzige, der in den Tunnel _hinein_
wanderte, anstatt auswärts zu fliehen.

Ein paar Stunden später traf ihn Allan. Strom hatte achtundvierzig
Stunden lang gearbeitet, aber niemand sah ihm eine Erschöpfung an. Es
fiel Allan besonders auf, wie ordentlich sein Haar noch gescheitelt
war. Strom war nicht groß, schmalbrüstig, kaum dreißig Jahre alt, ein
Deutschrusse aus den baltischen Provinzen, mit magerem bewegungslosen
Gesicht, dunkeln kleinen Augen und schwarzem Spitzbart.

»Ich wünsche, daß wir Freunde werden, Strom!« sagte Allan zu dem jungen
Mann, dessen Kühnheit er bewunderte, und drückte ihm die Hand.

Aber Strom veränderte keine Miene und machte nur eine kleine höfliche
Verbeugung.

Strom hatte sechs verzweifelte Läufer in seiner Station aufgenommen.
Die Türritzen gegen den Stollen hatte er mit ölgetränktem Werg
verstopft, so daß die Luft verhältnismäßig erträglich war. Strom hatte
ununterbrochen Luft und Wasser in den brennenden Stollen gepumpt. Er
hätte seine Position aber höchstens noch drei Stunden halten können,
dann wäre er elend erstickt -- und er wußte es ganz genau!

Von dieser vorgeschobenen Station aus mußten sie zu Fuß vordringen.
Über entgleiste, umgestürzte Waggons, Gesteinshaufen, Schwellen und
geknickte Pfosten kletterten sie Schritt für Schritt vorwärts, in den
Rauch hinein. Hier lagen die Leichname in Haufen! Dann kam eine freie
Strecke und sie schritten rasch aus.

Plötzlich blieb Allan stehen.

»Horch!« sagte er. »War das nicht eine Stimme?«

Sie standen und lauschten. Sie hörten nichts.

»Ich hörte deutlich eine Stimme!« wiederholte Allan. »Lauschen Sie, ich
werde rufen.«

Und in der Tat, auf Allans Ruf antwortete ein feiner, leiser Ton, so
wie eine Stimme ganz fern in der Nacht klingt.

»Es ist jemand im Stollen!« sagte Allan erregt.

Nun glaubten auch die andern einen feinen, fernen Ruf zu vernehmen.

Rufend und aufhorchend suchten sie den finstern Stollen ab. Zuletzt
stießen sie in einem Querschlag, in den die Wetterführung wie ein
Sturmwind hineinpfiff, auf einen _Greis_, der am Boden saß und den Kopf
gegen die Wand lehnte. Neben ihm lag ein toter Neger mit einem runden
offenen Mund voller Zähne. Der Greis lächelte schwach. Er machte den
Eindruck eines Hundertjährigen, abgemagert, welk, mit schneeweißen
dünnen Haaren, die im Luftzug flatterten. Seine Augen waren unnatürlich
aufgerissen, so daß rings um die Pupillen die weiße Hornhaut sichtbar
war. Er war zu erschöpft, um sich noch bewegen zu können, er vermochte
nur noch zu lächeln.

»Ich wußte ja, Mac, daß du kommen würdest, um mich zu holen!« flüsterte
er kaum verständlich.

Da erkannte ihn Allan.

»Das ist ja Hobby!« rief er erschrocken und erfreut aus und zog den
Greis empor.

»Hobby?« sagten die andern ungläubig, denn sie erkannten ihn nicht
wieder.

»Hobby -- --?« fragte Allan, der seine Freude und Rührung kaum
verbergen konnte.

Hobby machte eine matte Bewegung mit dem Kopfe. »~I am all right~,«
flüsterte er. Dann deutete er auf den toten Neger und sagte: »Der
Nigger machte mir viele Arbeit, aber zuletzt ist er mir doch
gestorben.«

Hobby schwebte wochenlang im Hospital zwischen Tod und Leben, bis ihn
seine kräftige Natur durchriß. Aber er war nicht mehr der alte Hobby.

Hobbys Gedächtnis war gestört und er konnte nie sagen, wie er bis zu
diesem vorgeschobenen Querschlag gekommen war. Tatsache war nur, daß
er Sauerstoffapparate und Lampen bei sich hatte, die aus jenem kleinen
Querschlag stammten, in dem am Tage vor der Katastrophe der tote
Monteur gelegen war. Jackson, der Neger, war übrigens nicht erstickt,
sondern vor Hunger und Entkräftung gestorben.

Vereinzelt kamen die Züge aus dem Tunnel, vereinzelt stürzten sie sich
hinein. Die Bataillone der Ingenieure schlugen sich drinnen heldenhaft
mit dem Rauch. Der Kampf war nicht ungefährlich. Dutzende erkrankten
schwer an Rauchvergiftung und fünf starben, drei Amerikaner, ein
Franzose und ein Japaner.

Die Arbeiterheere selbst blieben untätig. Sie hatten die Arbeit
niedergelegt. Zu Tausenden standen sie in langen Reihen auf den
Terrassen und sahen zu, was Allan und seine Ingenieure trieben. Sie
standen und regten keine Hand. Die großen Lichtmaschinen, Ventilatoren
und Pumpen wurden von Ingenieuren bedient, die vor Ermüdung kaum die
Augen offen halten konnten. Und unter die frierenden Arbeiterhorden
mischten sich die zahllosen Neugierigen, die die Atmosphäre des
Schreckens angezogen hatte. Stündlich spien die Züge neue Scharen
aus. Die Strecke Hoboken-Mac-City machte glänzende Geschäfte. Sie
nahm in einer Woche zwei Millionen Dollar ein; das Syndikat hatte
sofort die Fahrpreise erhöht. Das Tunnelhotel war angefüllt mit
Reportern der Zeitungen. Tausende von Automobilen rollten durch die
Schuttstadt, vollgepackt mit Damen und Herren, die einen Blick auf
die Stätte des Unheils werfen wollten. Sie plauderten und schwätzten
und brachten reichhaltige Frühstückskörbe mit. Alle aber starrten mit
geheimem Grauen auf die vier Rauchsäulen, die unausgesetzt aus den
Glasdächern dicht über der Tunnelmündung in den blauen Oktoberhimmel
emporwirbelten. Das war der Rauch, den die Ventilatoren aus den Stollen
saugten. Und doch waren da drinnen Menschen! Stundenlang konnten diese
Neugierigen warten, obschon sie nichts sahen, denn die Leichname wurden
nur in der Nacht herausgebracht. Ein süßlicher Geruch von Chlorkalk
drang aus dem Stationsgebäude.

Die Aufräumungsarbeiten nahmen viele Wochen in Anspruch. In dem zum
größten Teil ausgebrannten Holzstollen war die Arbeit am schwersten.
Man konnte nur schrittweise vorwärtsdringen. Die Leichen lagen hier in
Haufen. Sie waren meistens schrecklich verstümmelt und zuweilen war es
schwer zu unterscheiden, ob man einen verkohlten Pfosten oder einen
verkohlten Menschen vor sich hatte. Sie waren überall. Sie lagen unter
dem Schutt, sie hockten hinter angekohlten Balken und grinsten den
Vordringenden entgegen. Die Mutigsten selbst überkam Furcht und Grausen
in dieser entsetzlichen Totenkammer.

Allan war immer an der Spitze, unermüdlich.

In der Totenhalle und in den Sälen der Hospitäler spielten sich jene
erschütternden Szenen ab, die sich nach jeder Katastrophe ereignen.
Weinende Frauen und Männer, halb wahnsinnig vor Schmerz, suchen nach
ihren Angehörigen, erkennen sie, schreien, werden ohnmächtig. Die
meisten Verunglückten konnten aber nicht festgestellt werden.

Das kleine Krematorium abseits von Mac City arbeitete Tag und Nacht.
Priester der verschiedenen Religionen und Sekten hatten sich zur
Verfügung gestellt und erfüllten abwechselnd das traurige Zeremoniell.
Viele Nächte hindurch war das kleine Krematorium im Wald tageshell
erleuchtet und noch immer standen endlose Reihen von Holzsärgen in der
Halle.

Bei der zerschmetterten Bohrmaschine allein waren vierhundertachtzig
Tote gefunden worden. Im ganzen verschlang die Katastrophe
zweitausendachthundertsiebzehn Menschenleben.

       *       *       *       *       *

Als die Trümmer der Bohrmaschine weggeräumt waren, wurde plötzlich ein
gähnendes Loch sichtbar. Die Bohrer hatten einen ungeheuren Hohlraum
angeschlagen. Im Lichte des Scheinwerfers zeigte es sich, daß der
Hohlraum etwa hundert Meter breit war; die Höhe war gering; ein Stein
brauchte fünf Sekunden bis er aufschlug, was einer Tiefe von fünfzig
Metern entsprach.

Die Ursache der Katastrophe ließ sich nie sicher feststellen. Aber die
bedeutendsten Autoritäten waren der Ansicht, daß der durch chemische
Zersetzung entstandene Hohlraum mit Gasen angefüllt gewesen sei, die in
den Stollen eindrangen und beim Sprengen explodierten.

Allan ging noch an diesem Tage an die Erforschung des angeschlagenen
Hohlraumes. Es war eine Schlucht von knapp tausend Meter Länge,
vollkommen trocken. Grund und Wände bestanden aus jenem unbekannten,
lockeren Erz, das die Geologen Submarinium getauft hatten und das stark
radiumhaltig war.

Die Stollen waren in Ordnung gebracht, die Ingenieure befuhren
regelmäßig die Strecke.

Die Arbeit aber stand still.



9.


Allan veröffentlichte eine Bekanntmachung an die streikenden Arbeiter.
Er gab ihnen drei Tage Bedenkzeit, die Arbeit wieder aufzunehmen,
andernfalls seien sie entlassen.

Ungeheure Meetings fanden auf den Schuttfeldern von Mac City statt.
Sechzigtausend Menschen drängten sich Kopf an Kopf und von zehn
Tribünen (Waggons) wurde zu gleicher Zeit gesprochen.

Unaufhörlich schallten die gleichen Worte durch die kalte dunstige
Oktoberluft: der Tunnel -- der Tunnel -- Mac -- Katastrophe --
dreitausend Mann -- das Syndikat, und wieder der Tunnel -- der
Tunnel ...

Der Tunnel hatte dreitausend Menschen verschlungen und flößte den
Arbeiterheeren Schrecken ein! Wie leicht hätten sie selbst drinnen in
der glühenden Tiefe verkohlen und ersticken können -- und wie leicht
war es möglich, daß sich eine ähnliche Katastrophe, eine größere
vielleicht noch, ereignete! Der Tod konnte auf noch gräßlichere Art
über sie herfallen. Sie schauderten zusammen, wenn sie an die »Hölle«
dachten. Eine Massen_angst_ trat ein. Diese Angst griff auf die
Baustellen auf den Azoren, Bermudas und in Europa über. Auch dort ruhte
das Werk.

Das Syndikat hatte einzelne Arbeiterführer gekauft und schickte sie auf
die Rednertribünen.

Die Gekauften traten für die sofortige Wiederaufnahme der Arbeit ein.
»Wir sind sechzigtausend!« schrien sie. »Mit den andern Stationen und
Nebenwerken sind wir hundertachtzigtausend! Der Winter steht vor der
Tür! Wo wollen wir hin? Wir haben Frauen und Kinder. Wer wird uns zu
fressen geben? Wir werden sämtliche Löhne des ganzen Arbeitmarktes
drücken und man wird uns verfluchen!« Das sah jeder ein. Sie wiesen
auf die Begeisterung hin, die man dem Werke entgegengebracht habe,
auf das gute Verhältnis zwischen den Arbeitern und dem Syndikat,
auf die relativ hohen Löhne. »Im >Fegfeuer< und in der >Hölle< hat
mancher seine fünf, sechs Dollar täglich verdient, der sonst kaum
zum Schuhputzen und Straßenkehren taugte. Lüge ich oder nicht?« Sie
deuteten in die Richtung der Arbeiterkolonien und schrien: »Seht eure
Häuser, eure Gärten, eure Spielplätze. Bäder habt ihr und Lesehallen.
Mac hat Menschen aus euch gemacht und eure Kinder wachsen rein und
gesund auf. Geht nach New York und Chikago und die Wanzen und Läuse
fressen euch auf.« Sie betonten, daß sich in sechs Jahren kein
größeres Unglück ereignet habe und die allergrößten Vorsichtsmaßregeln
vom Syndikat ergriffen werden würden, um einer zweiten Katastrophe
vorzubeugen.

Dagegen war nichts zu sagen, nein! Aber plötzlich kam die Angst wieder
über sie und keine Worte der Welt konnten etwas ausrichten. Man schrie
und pfiff und bewarf die Redner mit Steinen und erklärte ihnen ins
Gesicht hinein, daß sie vom Syndikat bestochen seien.

»Niemand soll mehr eine Hand rühren für den _verfluchten_ Tunnel!«
Das war der Tenor der übrigen Redner. »Niemand!« Und ein donnernder
Beifall, der meilenweit hörbar war, drückte die allgemeine Zustimmung
aus. Diese Redner zählten alle Gefahren des Baus auf. Sie sprachen von
all den Opfern, die der Tunnel schon vor der Katastrophe gefordert
hatte. 1800 rund in sechs Jahren! War das nichts? Dachte niemand an
die 1800, die überfahren, zerschmettert, zerdrückt worden waren? Sie
sprachen von der »Beuge«, an der Hunderte wochenlang gelitten hätten
und manche ihr ganzes Leben lang leiden würden.

»Mac ist durchschaut!« heulten diese Redner. (Zum Teil waren sie von
den Schiffahrtsgesellschaften bestochen, die die Vollendung des Tunnels
möglichst hinausschieben wollten.) »Mac ist kein Freund der Arbeiter!
Nonsens und Lüge! Mac ist der Henker des Kapitals! Der größte Henker,
den die Erde je trug! Mac ist ein Wolf im Schafspelz! 180000 Mann
beschäftigt er! 20000 in seiner höllischen Arbeit niedergebrochene
Menschen pullt er jährlich in seinen Hospitälern auf, um sie dann zum
Teufel zu jagen -- Krüppel, fertig für immer! Mögen sie auf den Straßen
verfaulen oder in Asylen verrecken, Mac ist das egal! Ein ungeheures
Menschenmaterial hat er in diesen sechs Jahren vernichtet! Schluß! Mac
soll sehen, woher er Leute bekommt! Er soll sich Schwarze aus Afrika
kommen lassen, Sklaven für seine >Hölle< -- er soll die Sträflinge
und Zuchthäusler von den Regierungen kaufen! Seht euch die Reihe von
Särgen da drüben an! Zwei Kilometer lang ist die Reihe, Sarg an Sarg!
Entscheidet euch!«

Tosen, Toben, Heulen! Das war die Antwort.

Tagelang tobte der Kampf in Mac City hin und her. Tausendmal wurden
dieselben Argumente wiederholt, für und wider.

Am dritten Tage sprach Allan selbst.

Er hatte vormittags Maud und Edith eingeäschert und am Nachmittag --
noch betäubt von Trauer und Schmerz -- sprach er stundenlang zu den
Tausenden. Je länger er sprach und je lauter er durch das Sprachrohr
schrie, desto mehr fühlte er seine alte Kraft und seinen alten Glauben
an sein Werk zurückkommen.

Seine Rede, die von meterhohen Plakaten angekündigt worden war, wurde
gleichzeitig an verschiedenen Stellen des Schuttfeldes in deutscher,
französischer, italienischer, spanischer, polnischer und russischer
Sprache ausgeschrien. In hunderttausenden von Exemplaren wurde sie
über den Erdball geschleudert. Sie wurde zur selben Stunde in sieben
Sprachen in Bermuda, Azora, Finisterra, Biskaya durch das Sprachrohr
über die Arbeiterheere ausgetutet.

Allan wurde mit Schweigen empfangen. Als er sich seinen Weg durch
die Menge bahnte, machte man ihm Platz und manche griffen sogar an
die Mützen. Kein Laut war vernehmbar und eine Gasse eisiger Stille,
in der jedes Gespräch erfror, zeigte seinen Weg an. Als er auf dem
Eisenbahnwaggon inmitten des Meers von Köpfen erschien -- derselbe
Mac, den sie alle kannten, mit dem jeder schon gesprochen hatte, dem
jeder schon die Hand gedrückt hatte, dessen starkes, weißes Gebiß jeder
kannte -- als er erschien, der _Pferdejunge von Uncle Tom_ -- ging eine
ungeheure Bewegung durch das Feld, eine elementare Verschiebung der
Massen, ein Krampf des großen Heeres, das sich zusammenzog, wie Keile,
die von hydraulischen Pressen nach einem Mittelpunkt getrieben werden:
aber kein Laut wurde hörbar.

Allan schrie durch das Megaphon. Er tutete jeden Satz in die vier
Richtungen der Windrose. »Hier stehe ich, um mit euch zu reden,
Tunnelmen!« begann er. »Ich bin Mac Allan und ihr kennt mich! Ihr
schreit, ich hätte dreitausend Menschen getötet! Das ist eine Lüge! Das
Schicksal ist stärker als ein Mensch. Die Arbeit hat die dreitausend
getötet! Die Arbeit tötet täglich auf der Erde Hunderte! Die Arbeit ist
eine Schlacht und in einer Schlacht gibt es Tote! Die Arbeit tötet in
New York allein, das ihr kennt, täglich fünfundzwanzig Menschen! Aber
niemand denkt daran, in New York die Arbeit aufzugeben! Das Meer tötet
jährlich 20000 Menschen, aber niemand denkt daran, die Arbeit auf dem
Meer aufzugeben. Ihr habt Freunde verloren, Tunnelmen, ich weiß es!
Auch ich habe Freunde verloren -- genau wie ihr! Wir sind quitt! Wie
in der Arbeit sind wir auch im Verlust Kameraden! Tunnelmen ...« Er
versuchte wieder die Begeisterung zu entfachen, die die Arbeiterheere
sechs Jahre lang zu einer für unmöglich gehaltenen Arbeitsleistung
angetrieben hatte. Er sagte, daß er den Tunnel nicht zu seinem
Vergnügen baue. Daß der Tunnel Amerika und Europa verbrüdern solle,
zwei Welten, zwei Kulturen. Daß der Tunnel Tausenden Brot geben würde.
Daß der Tunnel nicht zur Bereicherung einzelner Kapitalisten geschaffen
werde, sondern dem Volk ebensogut gehöre. Gerade das sei seine Absicht
gewesen. »Euch selbst, Tunnelmen, gehört der Tunnel da drunten. Ihr
seid selbst alle Aktionäre des Syndikats!«

Allan spürte, wie der Funke von ihm auf das Meer von Köpfen übersprang.
Ausrufe, Geschrei, Bewegung! Der Kontakt war da ...

»Ich selbst bin ein Arbeiter, Tunnelmen!« tutete Allan. »Ein Arbeiter
wie ihr. Ich hasse Feiglinge! Fort mit den Feiglingen! Die Mutigen aber
sollen bleiben! Die Arbeit ist nicht ein bloßes Mittel, satt zu werden!
Die Arbeit ist ein Ideal. Die Arbeit ist die Religion unserer Zeit!«

Geschrei.

Alles stand gut für Allan. Als er sie aber aufforderte, die Arbeit
wieder aufzunehmen, da wurde es plötzlich wieder eisig still ringsum.
Die Angst kam wieder über sie ...

Allan hatte verloren.

Am Abend hielten die Führer der Arbeiter ein Meeting ab, das bis zum
frühen Morgen dauerte. Und am Morgen erklärten ihre Abgesandten, daß
sie die Arbeit nicht wieder aufnehmen würden.

Die ozeanischen Stationen und die europäischen schlossen sich den
amerikanischen Kameraden an.

An diesem Morgen entließ Allan hundertachtzigtausend Mann. Die
Quartiere sollten innerhalb achtundvierzig Stunden geräumt werden.

Der Tunnel ruhte. Mac City war wie ausgestorben.

Nur da und dort standen Milizsoldaten, das Gewehr im Arm.



Fünfter Teil



1.


Edison-Bio verdiente in diesen Wochen ein Vermögen. Sie zeigte sogar
die Katastrophe im Tunnel selbst(!), das Laufen ums Leben in den
Stollen. Sie brachte die Versammlungen. Mac spricht. Alles.

Auch den Zeitungen fielen unschätzbare Summen in den Schoß und
die Verleger blähten die Bäuche. Katastrophe, Bergungsarbeiten,
Riesenmeetings, Streik -- das waren Kanonenschüsse, die das nach
Schrecken und Sensationen lüsterne Riesenheer der Zeitungsleser, das
den Globus bevölkerte, aufschreckte. Man riß sich um die Blätter.

Die Arbeiterpresse der fünf Kontinente zeichnete Mac Allan als das
blut- und schmutzbesudelte Gespenst der Zeit mit Menschenköpfen im
Maul und gepanzerten Geldschränken in den Händen. Er wurde täglich von
den Rotationspressen aller Länder zerfleischt. Sie brandmarkten das
Tunnelsyndikat als die schamloseste Sklaverei aller Zeiten, als die
unerhörteste Tyrannei des Kapitalismus.

Die entlassenen Arbeiter nahmen eine drohende Haltung an. Aber
Allan hielt sie in Schach. An allen Baracken, Straßenecken und
Kabelmasten erschien eine Proklamation, die folgenden Wortlaut hatte:
»Tunnelmen! Das Syndikat wird sich keine Schraube nehmen lassen, ohne
sie zu verteidigen. Wir erklären, daß in allen Syndikatgebäuden
Maschinengewehre aufgestellt sind! Wir erklären ferner, daß wir nicht
spaßen!«

Woher hatte dieser Mac plötzlich Maschinengewehre? Es kam heraus, daß
diese Geschütze schon seit Jahren im geheimen aufgestellt worden waren
-- für alle Eventualitäten! Dieser Mac war ein Bursche, dem nicht
beizukommen war!

Genau achtundvierzig Stunden nach der Entlassung gab es in den
Arbeiterkolonien weder Licht noch Wasser mehr. Es blieb nichts anderes
übrig als zu gehen, wenn man es nicht zu einer Schlacht mit dem
Syndikat kommen lassen wollte.

Aber so ohne Sang und Klang wollten die Tunnelmänner nicht abtreten!
Sie wollten der Welt zeigen, daß sie da waren, sie wollten sich sehen
lassen, bevor sie gingen.

Am folgenden Tag begaben sich 50000 Tunnelmen nach New York. Sie
fuhren in 50 Zügen ab und um 12 Uhr waren sie -- ein Heer! -- in
Hoboken angekommen. Die Polizei hatte keinen Anlaß, diesen Massen den
Eintritt in New York zu verbieten: jedermann, der nach New York wollte,
konnte kommen. Aber die telephonischen Apparate der Polizeistationen
waren ununterbrochen in Tätigkeit, um die Bewegung dieses Heeres zu
überwachen.

Hudson-River-Tunnel war zwei Stunden lang nahezu für jeden Verkehr
gesperrt. Die Tunnelmen durchwanderten ihn, eine endlose Schlange von
Menschen, und der Tunnel donnerte von ihren Tritten und Gesängen.

Gleich nach dem Austritt aus dem Tunnel ordnete sich das Heer zur
Parade und schwenkte in die Christopher Street ein. Voran schritt
eine Musikkapelle, die einen barbarischen Lärm machte. Dann kamen
Bannerträger mit einer Flagge, die in roten Lettern die Aufschrift
trug: »Tunnelmen.« Hierauf folgten Scharen von roten Bannern der
Internationalen Arbeiterliga, dahinter über den Köpfen Hunderte
von Flaggen aller Nationen der Welt: voran das Sternenbanner der
Vereinigten Staaten, der Union Jack, dann die Flaggen Kanadas, Mexikos,
Argentiniens, Brasiliens, Chiles, Uruguays, Venezuelas, Haitis,
Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Dänemarks, Schwedens, Norwegens,
Rußlands, Spaniens, Portugals, der Türkei, Persiens, Hollands, Chinas,
Japans, Australiens, Neuseelands.

Hinter dem bunten Wald von Flaggen trotteten Horden von Negern. Diese
Neger hatten sich teilweise in eine Wut hineingeschauspielert und
rollten die Augen und schrien sinnlos, teilweise aber waren sie gute
schwarze Burschen geblieben, die ihre weißen Zähne zeigten und den
»~ladies~«, die sich sehen ließen, nicht mißzuverstehende Liebesanträge
machten. In ihrer Mitte wanderte ein Plakat mit Riesenlettern:
»~Hell-men!~« Dann kam eine Gruppe, die einen Galgen schleppte. An dem
Galgen baumelte eine Puppe: Allan!

Er war gekennzeichnet durch eine feuerrote Perücke auf dem runden Kopf,
der aus einem alten Sack gemacht war, durch weiße Zähne, die mit Farbe
ausgemalt waren. Ferner hatte man aus einer Pferdedecke einen weiten
Mantel zusammengeschneidert, der Macs bekanntem rehfarbenen Ulster
ähnlich sah.

Ein Riesenplakat wanderte vor dem gehenkten Allan her, worauf stand:

    »Mac Allan, Mörder von 5000.«

Über der Flut von Köpfen, Kappen, Mützen und verbeulten steifen Hüten,
die durch Christopher- und Washingtonstreet dem Broadway zutrieb,
schwankte eine ganze Reihe derartiger Vogelscheuchen.

Hinter Allan baumelte Lloyd am Strick.

Der Kopf der Puppe war nußbraun angestrichen, Augen und Gebiß
schreckenerregend aufgemalt. Das Plakat, das diesem indianischen Totem
voranwandelte, lautete:

    »Lloyd, Milliardendieb.«
    »Frißt Menschenfleisch.«

Dann kam Hobby mit blonder Strohperücke, so jämmerlich dünn, daß er wie
eine Flagge hin- und herwehte. Sein Plakat lautete:

        »Hobby.«
    »Dem Teufel knapp entronnen, gehenkt.«

Es folgte S. Woolf! Er trug einen roten Fez auf dem Kopf, hatte
wulstige, rote Lippen und faustgroße schwarze Augen. Um seinen Hals
hing eine Anzahl von Kinderpuppen an Bindfäden.

        »S. Woolf mit Harem!«
    »Jude und Champion der Schwindler!«

Dann kamen bekannte Finanzgrößen und die Chefingenieure der
verschiedenen Stationen. Unter ihnen erregte besonders der fette Müller
von Azora großes Aussehen. Er war rund wie ein Ballon, als Kopf trug er
nur einen alten steifen Hut.

    »Ein fetter Bissen für die Hölle!«

Zwischen den trottenden Menschenhaufen marschierten Dutzende von
Musikbanden, die alle gleichzeitig spielten und die Schlucht des
Broadways mit einem Geplärr und Klirren anfüllten, als zerschellten
gleichzeitig Tausende von Fensterscheiben auf dem Asphalt. Die
Arbeiterhorden johlten, pfiffen, lachten, alle Mäuler waren verzerrt
von der Anstrengung, Lärm zu machen. Einzelne Bataillone sangen
die Internationale, andere die Marseillaise, andere sangen wirr
durcheinander, was sie wollten. Den Unterton des ungeheuren Lärmes aber
bildete das Trappen und Stampfen der Schritte, ein dumpfer Takt der
schweren Stiefel, der stundenlang das gleiche Wort wiederholte: Tunnel
-- Tunnel -- Tunnel ...

Der Tunnel selbst schien nach New York gekommen zu sein, um zu
demonstrieren.

Eine Gruppe in der Mitte der Prozession erregte großes Aufsehen. Ihr
voran wanderten Flaggen aller Nationen und ein Riesenplakat:

    »Macs Krüppel.«

Die Gruppe bestand aus einer Schar von Männern, denen eine Hand oder
ein Arm fehlte, oder ein Bein; Stelzfüße, und selbst solche, die sich
an zwei Krücken vorwärts schwangen wie Glocken. Hinter ihnen trotteten
Männer mit gelben, kranken Gesichtern. Das waren die, die an der
»Beuge« litten.

Die Tunnelmänner marschierten in Reihen von zehn zu zehn und die
Prozession war über fünf Kilometer lang. Ihr Schwanz schlüpfte gerade
aus dem Hudson-River-Tunnel, als der Kopf Wallstreet erreichte. In
vollkommener Ordnung wälzte sich das Heer der Tunnelmänner durch den
Broadway, und die Straßen, die es passierte, diese von den Reifen der
Autos blankgeschliffenen Straßen, waren noch am nächsten Tag getüpfelt
mit den Abdrücken von Schuhnägeln. Der Verkehr war unterbunden. Endlose
Züge von Trams, Wagen, Automobilen warteten auf das Ende des Zuges.
Alle Fenster und Auslagen waren von Neugierigen besetzt. Jeder wollte
die Tunnelmen gesehen haben, die mit ihren gelben Grubengesichtern,
ausgearbeiteten Händen und gekrümmten Rücken in den schweren Stiefeln
dahintrotteten. Sie brachten aus dem Tunnel eine Atmosphäre von Grauen
mit. Sie alle waren ja da drinnen in den dunklen Stollen gewesen,
wo der Tod ihre Gefährten niedergemacht hatte. Ein Rasseln von
Ketten stieg aus ihren Reihen empor, ein Geruch von Sträflingen und
Entrechteten.

Die Photographen visierten und knipsten, die Kinematographen drehten
die Kurbel. Aus den Läden der Barbiere stürzten eingeseifte Kunden,
die Serviette am Kinn, aus den Schuhläden Damen mit einem Schuh, in
den Kleidermagazinen standen Kunden in Hemdärmeln und selbst solche
in Unterhosen. Die Verkäuferinnen, Arbeitsmädchen und Kontoristinnen
der Waren- und Geschäftshäuser lagen rot vor Aufregung und zappelnd
vor Neugierde beängstigend weit über die Simse gebeugt in den Fenstern
vom ersten bis zum zwanzigsten Stockwerk. Sie schrien und quiekten
und schwenkten die Taschentücher. Aber die Woge von Lärm, die von der
Straße heraufschlug, trug ihre hellen Schreie mit nach oben, so daß man
sie nicht hören konnte.

In einem unscheinbaren Privatauto, das mitten in dem brandenden
Menschenstrom unter Hunderten von andern Gefährten wartete, saßen Lloyd
und Ethel. Ethel bebte vor Erregung und Neugierde. Sie schrie in einem
fort: »~Look at them -- just look at them -- look! look!~« Sie pries
den glücklichen Zufall, der sie mitten in die Parade hineingeraten ließ.

»Vater -- sie bringen Allan! Hallo! Siehst du ihn?«

Und Lloyd, der im Hintergrund des Wagens zusammengekauert saß und durch
ein Guckloch blickte, sagte gleichmütig: »Ich sehe ja, Ethel!«

Als Lloyd selbst vorbeigetragen wurde, lachte sie hell auf, außer sich
vor Vergnügen.

»Das bist du, Papa!«

Sie verließ ihren Sitz am Fenster und umarmte Lloyd. »Du bist es,
siehst du denn?«

»Ich sehe, Ethel.«

Ethel klopfte an das Fenster, als die »Höllenmänner« vorbeikamen.
Die Nigger grinsten sie an und drückten die abscheulich ziegelroten
Innenflächen der Hände gegen die Scheibe. Aber sie konnten nicht stehen
bleiben, denn die Hintermänner traten sie auf die Hacken.

»Öffne nur das Fenster nicht, Kind!« sagte Lloyd gleichmütig.

Aber bei »Macs Krüppeln« zog Ethel die Brauen in die Höhe.

»Vater!« sagte sie in verändertem Ton. »Siehst du sie?«

»Ich sehe sie, Kind.«

(Am nächsten Tag ließ Ethel zehntausend Dollar unter »Macs Krüppel«
verteilen.)

Ihre Freude war wie weggeblasen. Eine unerklärliche Bitterkeit gegen
das Leben stieg plötzlich in ihrem Herzen empor.

Sie öffnete die Klappe zum Chauffeur und herrschte ihn an: »~Go on~!!«

»Ich kann nicht!« antwortete der Chauffeur.

Aber Ethel fand ihre gute Laune bald zurück.

Über ein Bataillon von Japanern, die mit hastigen Schritten wie gelbe
Affen dahertrippelten, mußte sie schon wieder lächeln.

»Vater, siehst du die ~japs~?«

»Ich sehe, Ethel,« antwortete Lloyd stereotyp.

Lloyd wußte genau, daß sie in unmittelbarer Lebensgefahr schwebten,
aber er verriet sich mit keinem Wort. Er befürchtete nicht,
totgeschlagen zu werden, nein, aber er wußte, daß, sobald eine Stimme
rufen sollte: »Das ist Lloyds Wagen!« folgendes eintreten mußte: die
Neugierigen würden seinen Wagen umdrängen und zerdrücken. Man würde
sie (ganz ohne Arg!) herausholen und sie würden totgedrückt werden.
Im besten Fall hatten Ethel und er das Vergnügen, auf zwei Paar
Negerschultern die Prozession durch New York mitzumachen -- und das
war keineswegs nach seinem Geschmack.

Er bewunderte Ethel, die er stets bewunderte. Sie dachte gar nicht an
Gefahr! Sie war in dieser Beziehung wie ihre Mutter.

Er erinnerte sich an eine kleine Szene, die sich in Australien zutrug,
damals, als sie noch kleine Leute waren. Eine wütende Dogge stürzte
sich auf Ethels Mutter. Was aber tat sie? Sie bot der Dogge Ohrfeigen
an und sagte höchst indigniert: »~You go on, you!~« Und der Hund wich
aus irgend einem Grunde tatsächlich zurück. Daran dachte er, und seine
Haut legte sich in Falten, weil er lächeln mußte.

Plötzlich aber surrte der Motor und der Wagen setzte sich in Bewegung.

Lloyd streckte seinen ausgetrockneten Mumienkopf vor und lachte, wobei
seine Zunge stoßweise durch die Zähne fuhr. Er klärte Ethel über die
Gefahr auf, in der sie eben (eine Stunde lang) geschwebt hatten.

»Ich habe keine Furcht,« erklärte Ethel, und lachend fügte sie hinzu:
»Wie sollte ich überhaupt vor Menschen Furcht haben?«

»So ist es gut, Kind. Ein Mensch, der Furcht hat, lebt nur halb.«

Ethel war sechsundzwanzig Jahre alt, vollkommen selbständig, die
Tyrannin ihres Vaters, aber Lloyd behandelte sie immer noch als kleines
Mädchen. Und sie ließ ihn gewähren, denn am Ende tat er doch, was sie
wollte.

Als der rote Flaggenwald das Syndikatgebäude erreichte, fanden die
Tunnelmänner die schwere Türe des Gebäudes geschlossen und die beiden
ersten Stockwerke mit eisernen Läden versehen. Kein einziges Gesicht
zeigte sich an den vierhundert Frontfenstern. Auf der Granittreppe, vor
der schweren Eichentüre, stand ein _einziger_ Schutzmann. Ein riesiger
fetter Irländer in grauer Tuchuniform, das Lederband des grauen
Tuchhelmes unter dem rosigen Doppelkinn. Er hatte ein vollmondrundes
Gesicht mit rötlich goldenen Bartstoppeln, betrachtete mit blauen
lustigen Augen das heranflutende Arbeiterheer und hob beschwichtigend
und gutmütig lächelnd die Hand empor -- eine riesige Hand in einem
weißen Wollhandschuh, einer Schaufel voll Schnee ähnlich -- und
wiederholte mit einem fetten rasselnden Lachen immerfort: »~Keep your
shirt on, boys! Keep your shirt on, boys!~«

Wie zufällig rasselten in langsamem Tempo drei blanke Dampfspritzen
(mit dem Zeichen »heimkehrend«) durch Pine Street, und da sie sich
aufgehalten sahen, stoppten sie ab und warteten geduldig, während
dünner weißer Rauch aus ihren blitzenden Messingkaminen in die klare
Luft emporstieg und die Hitze über ihren Stahlleibern zitterte.

Es darf allerdings nicht verschwiegen werden, daß der gutmütig
lächelnde Irländer mit den großen weißen Händen, der nicht die kleinste
Waffe trug, nicht einmal einen Knüttel, eine Pfeife in der Tasche
hatte. Sollte er gezwungen sein, diese Pfeife trillern zu lassen,
so würden innerhalb einer Minute diese drei blanken, unschuldig und
höflich wartenden Dampfspritzen, die sich vor verhaltener Kraft leise
auf den Federn wiegten, 9000 Liter Wasser in der Minute in die Menge
abschießen; ferner würde sich jene vier Meter breite Rolle, die an den
Fenstersimsen des ersten Stockwerkes hing und die niemand beachtete,
aufrollen und in großen Lettern in die Straße hinausschreien: »Achtung!
Zweihundert Konstabler im Innern des Buildings. Achtung!«

Der riesige rosige Irländer hatte aber keinen Grund, nach der Pfeife zu
greifen.

Zunächst brandete ein ungeheures Geschrei an den vierhundert
Fenstern des Syndikatbuildings empor, ein wetternder Lärm, in dem der
wahnsinnige Radau der Musik glatt versank. Darauf wurde Mac gehenkt!
Er wurde unter tobendem Lärm einige Male am Galgen auf und abgezogen.
Dabei riß der Strick und Mac stürzte mit einer hilflosen Gebärde über
die Köpfe. Der Strick wurde wieder gebunden und die Exekution unter
gellenden Pfiffen wiederholt. Dann hielt ein Mann, auf zwei Schultern
stehend, eine kurze Ansprache. Keines seiner Worte, auch nicht ein
Laut seiner Stimme war in der Brandung von Lärm zu vernehmen. Der Mann
aber sprach mit dem verzerrten Gesicht, mit den Armen, die er in die
Luft warf, mit den Händen, in deren verkrampften Fingern er die Worte
knetete und sie über die Menge schleuderte. Er schüttelte, Schaum auf
den Lippen, beide Fäuste gegen das Syndikatbuilding und damit war seine
Rede zu Ende und jedermann hatte sie verstanden. Ein Orkan von Geschrei
fegte empor. Man vernahm diesen Aufschrei bis zur Battery.

Es wäre am Ende doch möglich gewesen, daß die Dampfspritzen in
Tätigkeit hätten treten müssen, denn die Erregung vor dem Building
steigerte sich zu wildem Fanatismus. Aber es lag in der Natur der
ganzen Demonstration, daß es nicht bis zu einem Ausbruch kommen
konnte, der den fetten Irländer plattgedrückt und die drei blanken
Dampfspritzen hinweggefegt hätte. Denn während zweitausend vor dem
Gebäude demonstrierten, drängten achtundvierzigtausend nach -- mit
einer automatischen, gleichmäßigen Energie. So mußte es kommen, daß
stets die Zweitausend, die sich angesichts des toten Gebäudes erhitzt
hatten, nachdem der höchste Punkt der Kompression erreicht war, wie ein
Bolzen in einem Luftdruckgewehr durch Wallstreet hinausgepreßt wurden.

Über zwei Stunden war das Syndikatbuilding von höllischem Lärm
umbrandet, so daß die Clerks und Stenotypistinnen es mit der Angst
bekamen.

Der Lärm zog durch die Pearlstreet, Bowery hinauf zur 3. und von da zur
5. Avenue, wo die geschmacklosen Paläste der Millionäre stehen. Die
Paläste lagen still, ohne Leben. Es war der dampfende, laute Schweiß,
der sich an den verschanzten und stillen Millionen vorbeiwälzte.
Vor Lloyds gelbem, etwas verwittertem Renaissance-Palast, den ein
Gartenstreifen von der Straße trennte, staute sich der Zug wieder,
da Lloyd »gehenkt« wurde. Lloyds Haus lag tot wie die andern. Nur im
Eckfenster des ersten Stockes stand eine Frau und sah heraus. Das war
Ethel. Aber da kein Mensch glaubte, daß jemand den Mut haben könnte,
sich zu zeigen, so hielt man Ethel allgemein für ein Dienstmädchen.

Die Prozession bewegte sich am Zentralpark vorbei nach Columbus-Square.
Von da zurück zum Madison-Square. Hier wurden die Puppen angezündet und
unter fanatischem Geschrei verbrannt.

Das war das Ende der Demonstration. Die Tunnelmen zerstreuten sich. Sie
verloren sich in den Saloons am East-River, und nach einer Stunde hatte
das große New York sie aufgesaugt.

Es war die Losung ausgegeben worden, sich um zehn Uhr vor der
Tunnelstation Hoboken wieder einzufinden.

Hier aber stießen die Tunnelmänner auf eine große Überraschung: die
Station war verschanzt hinter breiten Konstablerbrüsten. Da sie aber
erst nach und nach zusammenströmten, ihr Unternehmungsgeist durch das
lange Wandern, durch Schreien und Alkohol gebrochen war, so hatten sie
keine Stoßkraft mehr. Plakate verkündeten, daß unverheiratete Arbeiter
nichts mehr in Mac City zu suchen hätten. Nur die verheirateten würden
zurückbefördert werden.

Eine Schar von Agenten übte genaue Kontrolle, und in Abständen von
einer halben Stunde rollten Züge nach Mac City zurück. Früh um sechs
Uhr wurden die letzten abgefertigt.



2.


Während der Lärm das Syndikatgebäude umtobte, hatte Allan eine
Konferenz mit S. Woolf und dem zweiten finanziellen Direktor des
Syndikats, Rasmussen.

Die finanzielle Lage des Syndikats war keineswegs alarmierend,
aber auch nicht befriedigend. Für den kommenden Januar war die
zweite Milliardenanleihe vorbereitet gewesen. Unter den momentanen
Verhältnissen war natürlich nicht daran zu denken. Niemand würde einen
Cent zeichnen!

Das Dröhnen der Explosion im amerikanischen Südstollen, der Lärm des
Streiks war in allen Börsen der Welt widergehallt. Die Papiere stürzten
in wenigen Tagen um fünfundzwanzig Prozent, denn jedermann wollte sie
so rasch wie möglich loswerden und niemand hatte Lust, sich daran
die Finger zu verbrennen. Acht Tage nach der Katastrophe schien ein
Krach unvermeidlich. Aber S. Woolf warf sich mit einer verzweifelten
Anstrengung gegen den wankenden finanziellen Riesenbau -- und er stand
wieder! Er zauberte eine verführerische Bilanz vor die Öffentlichkeit,
er bestach ein Heer von Börsenberichterstattern und überschüttete die
Presse der alten und neuen Welt mit beruhigenden Communiqués.

Die Kurse zogen an, die Kurse blieben fest. Und S. Woolf begann die
mörderische Schlacht, die Kurse zu halten und wieder langsam in die
Höhe zu schrauben. In seiner Office im zehnten Stock des Buildings
arbeitete er mit verbissener Energie, schnaufend und rasselnd wie ein
Nilpferd, die Pläne dieser Kampagne aus.

Während die Horde drunten heulte, unterbreitete er Allan seine
Vorschläge. Die Kali- und Eisenerzlager des »fetten Müllers« sollten
ausgebeutet werden. Die elektrische Energie der Kraftstationen
verwertet. Das Submarinium der Unglücksschlucht gefördert. Nach den
Bohrresultaten lag es in einer durchschnittlichen Mächtigkeit von
zehn Metern -- ein Vermögen! S. Woolf hatte der Pittsburg Smelting
and Refining Co. Verträge unterbreitet. Die Company sollte die Erze
herausbrechen, das Syndikat würde die Förderung an Tag übernehmen.
Dafür forderte S. Woolf 60 Prozent vom Reingewinn. Die Company wußte
recht gut, daß das Syndikat »~hard up~« war und bot 30 Prozent. S.
Woolf aber schwor, daß er sich eher lebendig einmauern lasse, als auf
die Schamlosigkeit einzugehen. Er wandte sich sofort an die »American
Smelters« und die Pittsburg Co. kam zurück und bot 40 Prozent.

Woolf ging auf 50 Prozent herab und drohte, daß das Syndikat in
Zukunft überhaupt keine Handvoll Erz mehr fördern werde; es würde
einfach die Stollen unter den Lagern durchführen oder darüber hinweg,
einerlei. Endlich einigte man sich auf 46-1/3 Prozent. Um das letzte
Drittel kämpfte S. Woolf wie ein Massaikrieger und die Pittsburg-Leute
erklärten, sie hätten lieber mit dem Teufel zu tun als mit diesem
»~shark~«.

S. Woolf hatte sich in den letzten zwei Jahren auffallend verändert.
Er war noch fetter geworden und noch asthmatischer. Zwar hatten seine
dunklen Augen immer noch den leicht schwermütigen, orientalischen
Glanz und den Kranz schwarzer langer Wimpern, die stets gefärbt
erschienen. Aber ihr Feuer war verdüstert. S. Woolf begann stark zu
ergrauen. Er trug den Bart nicht mehr kurz geschnitten, sondern als
dicke Zotteln am Kinn und auf den beiden Backen. Mit seiner mächtigen
Stirn, den weitstehenden, vorquellenden Augen und der breiten gebogenen
Nase hatte er Ähnlichkeit bekommen mit dem amerikanischen Büffel --
ein Einzelgänger und Einsiedler, den die Herde ausgestoßen hatte, weil
er zu tyrannisch war. Diesen Eindruck verstärkte das blutunterlaufene
Auge. S. Woolf hatte in den letzten Jahren mit einem konstanten
Blutandrang gegen den Kopf zu kämpfen.

So oft das Geschrei drunten anschwoll, zuckte S. Woolf zusammen und
seine Augen bekamen einen flackernden Blick. Er war nicht feiger als
andere Menschen, aber das atemraubende Tempo der letzten Jahre war ihm
an die Nerven gegangen.

Und dann: S. Woolf hatte noch ganz andere Sorgen, _ganz andere_, die er
wohlweislich vor aller Welt verschwieg ...

Nach der Beratung war Allan wieder allein. Er ging auf und ab in
seinem Arbeitsraum. Sein Gesicht war abgemagert und seine Augen trüb
und elend. Sobald er allein war, überfiel ihn die Unruhe und er mußte
wandern. Tausendmal ging er hin und her und schleppte seinen Gram von
einer Zimmerecke in die andere. Zuweilen blieb er stehen und sann nach.
Aber er wußte selbst nicht, was er dachte.

Dann telephonierte er ins Hospital nach Mac City und fragte nach Hobbys
Befinden. Hobby lag im Fieber und niemand wurde zugelassen. Endlich
raffte er sich auf und fuhr aus. Am Abend kam er etwas erfrischt zurück
und nahm wieder seine Arbeit auf. Er arbeitete an verschiedenen
Projekten für den Ausbau der submarinen Schlucht. Eine große Station,
ungeheure Depots und Maschinenräume sollte sie aufnehmen. 80
Doppelkilometer Gestein konnte er in sie stürzen. Recht besehen, war
die Unglücksschlucht, in der der Tod Jahrmillionen auf die Tunnelmänner
gelauert hatte, von unschätzbarem Wert. Die Projekte beschäftigten ihn
und verdrängten düstere Visionen. Keine Sekunde durfte er an die Dinge
denken, die hinter ihm lagen ...

Spät in der Nacht legte er sich schlafen und er war froh, wenn er ein
paar Stunden ruhte, ohne von entsetzlichen Träumen gemartert zu werden.

Ein einzigesmal speiste er bei Lloyd zu Abend.

Ethel Lloyd sprach mit ihm vor Tisch. Sie zeigte einen solch
aufrichtigen Schmerz über den Tod Mauds und Ediths, daß Allan sie
fortan mit ganz anderen Augen betrachtete. Sie schien ihm plötzlich um
viele Jahre älter und reifer geworden zu sein.

Allan verbrachte einige Wochen ununterbrochen im Tunnel.

Eine Unterbrechung von einigen Wochen, die sich bei regulärem Betrieb
nur durch ungeheure finanzielle Opfer hätte ermöglichen lassen, war
ihm im Grunde genommen ganz erwünscht. Durch die atemlose jahrelange
Arbeit waren alle Ingenieure erschöpft und brauchten Ruhe. Dem
Arbeiterausstand legte er keine große Bedeutung bei. Nicht einmal dann,
als die Union, die Gewerkschaften der Monteure, Elektriker, Eisen-
und Betonarbeiter, Maurer, Zimmerleute die Sperre über den Tunnel
verhängten.

Vorläufig galt es, die Stollen zu verwalten, wenn sie nicht in kurzer
Zeit verwahrlosen sollten. Für diese Arbeit stand ihm ein Heer von
achttausend Ingenieuren und Volontären zur Verfügung, das er über die
einzelnen Strecken verteilte. Mit einer heroischen Anspannung der
Kräfte verteidigten diese achttausend das riesige Werk.

Monoton gellten die Glocken vereinzelter Züge durch den öden Tunnel.
Der Tunnel schwieg, und alle brauchten lange Zeit, um sich an die
Totenstille der Stollen zu gewöhnen, die früher dröhnten von Arbeit.
Die Truppe der Tiefbautechniker, Eisenkonstrukteure, Elektrotechniker,
Maschineningenieure fuhren die europäischen, atlantischen und
amerikanischen Stollen ab. Jede Schiene, jede Schwelle, jede Niete und
jede Schraube wurde sorgfältig revidiert und notwendige Korrekturen
und Verbesserungen gebucht. Geometer und Mathematiker prüften genau
Lage und Richtung der Stollen. Die Maße wichen nur um geringes von den
berechneten ab. Am größten waren die Abweichungen der atlantischen
Strecke des »fetten Müllers«, wo sie drei Meter in der Breite und
zwei Meter in der Tiefe betrugen -- Differenzen, die sich auf
Ungenauigkeiten der Instrumente, die von den enormen Massen von Gestein
beeinflußt wurden, zurückführen ließen.

In der verhängnisvollen Schlucht waren Tag und Nacht tausend
halbnackte, schweißtriefende Arbeiter der Cleveland Mining Co. mit
dem Bohren, Sprengen und Fördern des lockergelagerten Submariniums
beschäftigt. Die tropisch-heiße Schlucht heulte und brandete von
Arbeit, ganz als sei nie etwas geschehen. Die Tagesproduktion hatte
einen ungeheuren Wert.

Im übrigen aber war alles tot. Die Tunnelstadt war wie ausgestorben.
Wannamaker hatte sein Warenhaus geschlossen, das Tunnelhotel die
Pforten zugemacht. In den Arbeiterkolonien hausten Weiber und Kinder,
die Witwen und Waisen der Verunglückten.



3.


Das gerichtliche Verfahren, das gegen das Syndikat eingeleitet worden
war, wurde nach einigen Wochen wieder eingestellt, da es sich bei der
Katastrophe ganz offenbar um ~force majeure~ handelte.

Allan war solange in New York zurückgehalten worden. Nun aber war er
frei und reiste augenblicklich ab.

Er verbrachte den Winter auf den Bermudas und Azoren und blieb einige
Wochen in Biskaya. Zuletzt erschien er auf der Kraftstation Ile
Ouessant, dann verlor sich seine Spur.

Allan verlebte den Frühling in Paris, wo er unter dem Namen C. Connor,
Kaufmann aus Denver, in einem alten Hotel der Rue Richelieu wohnte.
Niemand erkannte ihn, obwohl jeder hundertmal sein Porträt gesehen
hatte. Er hatte dieses Hotel absichtlich gewählt, um jener Klasse von
Menschen zu entgehen, die er am meisten haßte: die reichen Müßiggänger
und lauten Schwätzer, die sich von Hotel zu Hotel durchschlagen und die
Mahlzeiten mit einer lächerlichen Feierlichkeit einnehmen.

Allan lebte ganz allein. Er saß täglich nachmittags vor dem gleichen
Boulevard-Café an seinem runden Marmortischchen, trank seinen Kaffee
und blickte still und gleichgültig in den lauten Strom der Straße.
Von Zeit zu Zeit wandte er den Blick empor zu einem Balkon im zweiten
Stock des gegenüberliegenden Hotels: dort hatte er vor Jahren mit Maud
gewohnt. An manchen Tagen erschien dort oben eine hellgekleidete Frau;
dann konnte Allan den Blick nicht von dem Balkon abwenden. Täglich
begab er sich in den Jardin de Luxembourg, in jenen Teil, wo die Kinder
zu Tausenden spielen. Dort stand eine Bank, auf der er einmal mit
Maud und Edith gesessen hatte. Und auf dieser Bank saß Allan jeden
Tag und sah zu, wie sich die Kinder um ihn her tummelten. Jetzt, nach
einem halben Jahre, begannen die Toten und der Schmerz allmählich eine
merkwürdige Macht über ihn zu bekommen. Im Laufe des Frühlings und
Sommers absolvierte er die gleiche Reise, die er mit Maud und Edith vor
Jahren unternommen hatte. Er war in London, Liverpool, Berlin, Wien,
Frankfurt, begleitet von düsteren und schmerzlich-süßen Erinnerungen.

Er wohnte in den gleichen Hotels und häufig sogar in den gleichen
Räumen. Oft hielt er den Schritt an vor Türen, die Mauds Hand einst
öffnete und schloß. Es fiel ihm nicht schwer, sich in all den fremden
Hotels und Korridoren zurechtzufinden. Die vielen Jahre, die er in den
finstern unterirdischen Labyrinthen der Bergwerke verbrachte, hatten
seinen Ortsinn geschult. Die Nächte verbrachte er schlaflos in einem
Sessel, im dunkeln Zimmer. Da saß er mit offenen, ausgetrockneten
Augen, ohne sich zu regen. Zuweilen richtete er an Maud halblaut kleine
Ermahnungen, wie er es zu tun pflegte, als sie noch lebte. »Geh jetzt
schlafen, Maud!« -- »Verdirb dir die Augen nicht.« Er quälte sich
mit Vorwürfen, daß er Maud an sich gefesselt habe, obgleich er doch
damals schon sein großes Werk plante. Es schien ihm, als habe er ihr
niemals seine Liebe ganz enthüllt, als habe er sie überhaupt nicht
genügend geliebt -- nicht so, wie er sie jetzt liebte. Voller Pein
und Selbstanklage erinnerte er sich daran, daß ihm Mauds Vorwürfe,
er vernachlässige sie, sogar lästig geworden waren. Nein, er hatte
es nicht verstanden, seine kleine süße Maud glücklich zu machen. Mit
brennenden Augen, überschattet von seinem Gram, saß er in den toten
Räumen, bis es Tag wurde. »Es wird schon Tag, die Vögel zwitschern,
hörst du?« sagte Maud. Und Allan erwiderte raunend: »Ja, ich höre sie,
Liebe.« Dann warf er sich aufs Bett.

Schließlich verfiel er auf den Gedanken, Gegenstände aus diesen
geheiligten Räumen zu erwerben, einen Leuchter, eine Uhr, ein
Schreibzeug. Die Hotelbesitzer, die Mr. C. Connor für einen spleenigen
reichen Amerikaner hielten, forderten schamlos hohe Summen, aber Allan
bezahlte, ohne zu feilschen, jeden Preis.

Im August kehrte er von seiner Rundreise wieder nach Paris zurück und
stieg wieder in dem alten Hotel in der Rue Richelieu ab, noch stiller,
trüber, ein düsteres Feuer in den Augen. Er machte den Eindruck eines
gemütskranken Mannes, der das Leben ringsum nicht mehr bemerkt und in
seine eigenen Grübeleien versunken ist. Wochenlang sprach er kein Wort.

Eines Abends ging Allan im Quartier latin durch eine krumme,
geschäftige Straße und plötzlich blieb er stehen. Jemand hatte seinen
Namen gerufen. Aber ringsum hasteten fremde gleichgültige Menschen.
Da sah er plötzlich seinen Namen, seinen früheren Namen, in riesigen
Lettern dicht vor den Augen.

Es war ein grellfarbiges Plakat der Edison-Bio: »~Mac Allan,
constructeur du »Tunnel« et Mr. Hobby, ingenieur en chef conversant
avec les collaborateurs à Mac City.~«

»~Les tunnel-trains allant et venant du travail.~«

Allan sprach nicht Französisch, aber er verstand den Sinn der Affiche.
Von einer merkwürdigen Neugierde getrieben, trat er zögernd in den
dunklen Saal. Er kam gerade mitten in ein Rührstück hinein, das ihn
langweilte. Allein in diesem Stück trat ein kleines Mädchen auf, das
ihn entfernt an Edith erinnerte und dieses Kind vermochte ihn eine
halbe Stunde in dem überfüllten Raume festzuhalten. La petite Yvonne
hatte die gleiche Art, wichtigtuerisch und mit dem Ernst erwachsener
Leute zu plaudern ...

Plötzlich hörte er den Conférencier seinen Namen nennen und in diesem
Augenblicke stand auch schon »seine Stadt« vor ihm. Flimmernd in Staub
und Rauch und Sonne. Eine Gruppe von Ingenieuren stand vor der Station,
lauter bekannte Gesichter. Sie wandten sich alle wie auf ein Signal
um, um ein Automobil zu erwarten, das langsam heranrollte. In dem
Automobil saß er selbst und neben ihm Hobby. Hobby richtete sich auf
und schrie den Ingenieuren etwas zu, worauf alle lachten. Allan wurde
von einem dumpfen Schmerz erfaßt, als er Hobby sah: frisch, übermütig
-- und jetzt hatte ihn der Tunnel vernichtet wie viele andere. Das
Automobil rollte langsam weiter und plötzlich sah er sich aufstehen
und zurücklehnen über den Wagen. Ein Ingenieur griff an den Hut, zum
Zeichen, daß er verstanden habe.

Der Conférencier: »Der geniale Konstrukteur gibt seinen Mitarbeitern
Befehle!«

Der Mann aber, der an den Hut griff, sah unvermutet forschend ins
Publikum, gerade auf ihn, Allan, als habe er ihn entdeckt. Da erkannte
er ihn: es war Bärmann, den sie am 10. Oktober erschossen hatten.

Plötzlich sah er die Tunnelzüge laufen: sie flogen die schiefe Ebene
hinab, sie jagten herauf, einer hinter dem anderen und eine Wolke von
Staub fegte über sie hin.

Allans Herz pochte. Er saß gebannt, unruhig, mit heißem Gesicht, und
sein Atem kam so gepreßt aus der Brust, daß man neben ihm lachte.

Die Züge aber flogen ... Allan stand auf. Er ging augenblicklich. Er
nahm ein Auto und fuhr ins Hotel. Hier erkundigte er sich bei dem
Manager nach dem nächsten auslaufenden Amerika-Schnelldampfer. Der
Manager, der Allan stets mit der zartesten Rücksicht behandelte, wie
einen Schwerkranken, nannte ihm den Cunardliner, der am nächsten
Vormittag von Liverpool in See ging. Der Abendschnellzug sei aber schon
abgegangen.

»Bestellen Sie augenblicklich einen Extrazug!« sagte Allan.

Der Manager sah Mr. C. Connor an, überrascht von Allans Stimme und Ton.
Was hatte diesen Menschen seit heute mittag so verändert? Ein ganz
neuer Mensch schien vor ihm zu stehen.

»Gerne,« erwiderte er. »Allerdings muß ich Mr. Connor um bestimmte
Garantien bitten ...«

Allan trat an den Lift. »Wozu? Sagen Sie, Mac Allan aus New York
bestellt den Zug!«

Da erkannte ihn der Manager und trat verblüfft zurück und verbarg sein
Erstaunen in einer Verbeugung.

Allan war wie umgewandelt. Er sauste dahin in einem vorwärtsstürmenden
Zug, der alle Stationen in einem Tempo passierte, daß die Luft klirrte,
und die Schnelligkeit der Bewegung allein brachte ihn wieder auf sich
selbst zurück. Er schlief vorzüglich in dieser Nacht. Zum erstenmal
seit langer Zeit. Nur einmal wachte er auf. Als der Zug durch den
Kanaltunnel donnerte. >Sie haben die Stollen viel zu klein gebaut,<
dachte er und schlief weiter. Am Morgen fühlte er sich frisch und
gesund, voller Entschlossenheit. Er sprach vom Zug aus telephonisch mit
dem Kapitän des Dampfers und der Direktion der Gesellschaft. Um zehn
Uhr erreichte er den Cunardliner, der, fiebernd vor Ungeduld, pfeifende
Wolken von Wasserdampf durch die Kamine ausstoßend, auf ihn wartete. Er
stand erst mit einem Fuß auf dem Schiff, als die Schrauben schon das
Wasser zu flüssigem Marmor peitschten.

Nach einer halben Stunde wußte das ganze Schiff, daß der verspätete
Passagier kein anderer als Mac Allan war.

Auf hoher See begann Allan fieberhaft zu depeschieren. Über Biskaya,
Azora, Bermuda, New York und Mac City ging ein Regen von Depeschen
nieder. Durch die finsteren Stollen unterm Meer zuckte ein belebender
Strom: Allan hatte das Steuer wieder in die Hand genommen.



4.


Allans erster Besuch galt Hobby.

Hobbys Landhaus lag etwas abseits von Mac City. Es bestand in der
Hauptsache aus Loggien, Balkonen und Veranden und stieß an ein Wäldchen
junger Eichen.

Niemand öffnete, als Allan klingelte. Die Klingel schien nicht zu
funktionieren. Das Haus machte den Eindruck, als sei es schon seit
langer Zeit verlassen. Aber alle Fenster standen weit offen. Auch
die Gartentüre war verschlossen, so daß Allan sich kurz entschlossen
über den Zaun schwang. Er stand kaum im Garten, als ein Schäferhund
angestürzt kam und ihn wütend kläffend stellte. Allan sprach auf den
Hund ein, und der Hund gab schließlich den Weg frei, wenn er ihn auch
nicht aus den Augen ließ. Der Garten war voll welker Eichenblätter und
verwahrlost wie das Haus. Hobby schien ausgegangen zu sein.

Um so größer war Allans Freude und Überraschung, als er Hobby plötzlich
vor sich sah. Er saß auf den Stufen, die in den Garten führten, das
Kinn in die Hand gestützt, in Gedanken versunken. Er schien nicht
einmal gehört zu haben, daß der Hund anschlug.

Hobby war elegant wie immer gekleidet, aber die Kleidung wirkte
stutzerhaft, denn es war die Kleidung eines jungen Mannes, und
der sie trug, war ein Greis. Hobby trug teure Wäsche mit farbigen
Streifen, Lackschuhe mit breiten Sohlen und koketten Seidenschleifen,
gelbseidene Strümpfe und eine hechtgraue Hose mit Bügelfalten und
Hüftenschnitt. Eine Jacke hatte er nicht an, obschon es empfindlich
kühl war.

Er saß in der Haltung eines gesunden, intelligenten Menschen und Allans
Freude wallte schon auf. Aber als Hobby den Blick zu ihm emporhob und
er seine entstellten kranken Augen sah und sein runzeliges fahles
Greisengesicht, wußte er, daß es mit Hobbys Gesundheit noch nicht zum
besten stand.

»Da bist du ja wieder, Mac,« sagte Hobby, ohne Allan die Hand zu geben
und ohne sich zu regen. »Wo warst du?« Und um seine Augen und seinen
Mund ordneten sich die Falten zu kleinen Fächern. Er lächelte. Seine
Stimme klang immer noch fremd und unrein, wenn auch Allan deutlich
Hobbys alte Stimme heraushörte.

»Ich war in Europa, Hobby. Und wie geht's, mein Junge?«

Hobby sah wieder vor sich hin wie vorhin. »Es geht besser, Mac. Auch
mein verfluchter Kopf arbeitet schon wieder!«

»Wohnst du denn ganz allein, Hobby?«

»Ja, ich habe die Dienstboten hinausgeworfen. Sie machten zu viel Lärm.«

Nun aber schien Hobby plötzlich zu begreifen, daß Allan da war. Er
stand auf und drückte ihm die Hand und sah erfreut aus. »Komm herein,
Mac! Ja, so geht es, siehst du!«

»Was sagt der Arzt?«

»Der Arzt ist zufrieden. Geduld, sagt er, Geduld.«

»Weshalb sind alle Fenster offen? Es zieht ja schauderhaft, Hobby.«

»Ich liebe den Luftzug, Mac!« entgegnete Hobby mit einem fremden
Lachen.

Er flatterte am ganzen Körper und seine weißen Haare flogen, als sie in
sein Arbeitszimmer hinaufstiegen.

»Ich arbeite schon wieder, Mac. Du wirst sehen. Es ist etwas ganz
Ausgezeichnetes!« Und Hobby blinzelte mit dem rechten Auge, ganz als ob
er den alten Hobby nachahme.

Er zeigte Mac einige Blätter, die mit zitternden wirren Strichen
bedeckt waren. Die Zeichnungen sollten alle seinen neuen Hund
darstellen. Aber sie waren kaum besser als Zeichnungen von Kindern
-- und ringsum an den Wänden hingen Hobbys großartige Entwürfe von
Bahnhöfen, Museen, Warenhäusern, die alle die Hand des Genies zeigten.

Allan machte ihm die Freude, die Skizzen zu loben.

»Ja, sie sind wirklich gut,« sagte Hobby stolz und goß mit bebenden
Händen zwei Gläser ~black and white~ zusammen. »Es beginnt wieder,
Mac. Nur werde ich rasch müde. Bald wirst du Vögel zu sehen bekommen.
Vögel! Wenn ich so dasitze, so sehe ich häufig die sonderbarsten Vögel
in meinem Kopf -- Millionen, und alle bewegen sich. Trink, mein Junge!
Trink, trink, trink.«

Hobby ließ sich in einen abgeschabten Ledersessel fallen und gähnte.

»War Maud mit in Europa?« fragte er plötzlich.

Allan schrak zusammen und erbleichte. Ein leichtes Schwindelgefühl
überkam ihn.

»Maud?« sagte er halblaut, und der Name klang merkwürdig in seinen
Ohren, als sei es ein Unrecht, ihn auszusprechen.

Hobby blinzelte und dachte angestrengt nach. Dann stand er auf und
sagte: »Willst du noch Whisky haben?«

Allan schüttelte den Kopf. »Danke, Hobby! Ich trinke nichts am Tage.«
Mit trüben Blicken sah er durch die herbstlichen Bäume hindurch hinaus
aufs Meer. Ein kleiner schwarzer Dampfer zog langsam südwärts. Er
beobachtete ganz mechanisch, daß der Dampfer plötzlich zwischen einer
Astgabel stehen blieb und sich nicht mehr rührte.

Hobby setzte sich wieder und eine lange Zeit waren sie ganz still. Der
Wind blies durch das Zimmer und schüttelte das Laub von den Bäumen.
Über die Dünen und das Meer liefen rasche Wolkenschatten hintereinander
und erweckten ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und ewig neuer Qual.

Dann begann Hobby wieder zu sprechen.

»So ist es zuweilen mit meinem Kopf,« sagte er, »siehst du? Ich weiß
natürlich alles, was geschehen ist. Aber manchmal verwirren sich meine
Gedanken. Maud, die arme Maud! Hast du übrigens gehört, daß Doktor Herz
in die Luft geflogen ist? Mit seinem ganzen Laboratorium. Er hat ein
großes Loch in die Straße gerissen und dreizehn Menschen mitgenommen.«

Doktor Herz war ein Chemiker, der an Sprengstoffen für den Tunnel
arbeitete. Allan hatte die Nachricht schon auf dem Dampfer erhalten.

»Es ist zu schade,« fügte Hobby hinzu, »diese neue Sache, die er da
hatte, muß sicher gut gewesen sein!« Und er lächelte grausam. »Zu
schade!«

Allan brachte hierauf das Gespräch auf Hobbys Schäferhund und eine
Zeitlang folgte Hobby. Dann sprang er wieder ab.

»Was für ein süßes Mädchen Maud doch war!« sagte er unvermittelt. »Ein
Kind! Und doch tat sie immer, als sei sie klüger als alle Menschen. Sie
war in den letzten Jahren nicht sehr zufrieden mit dir.«

Allan streichelte, in Gedanken versunken, Hobbys Hund.

»Ich weiß es, Hobby,« sagte er.

»Ja, sie klagte zuweilen, daß du sie so allein hier sitzen ließest.
Nun, ich sagte ihr: sieh, Maud, es geht nicht anders. Einmal haben wir
uns auch geküßt. Ich weiß es wie heute. Zuerst spielten wir Tennis und
dann fragte Maud alle möglichen Dinge. Gott, wie deutlich ich ihre
Stimme jetzt höre! Sie sagte >Frank< zu mir ...«

Allan starrte Hobby an. Aber er fragte nichts. Hobby sah in die Ferne
und sein Blick war erschreckend glänzend.

Nach einer Weile erhob sich Allan, um zu gehen. Hobby begleitete ihn
bis zur Gartentür.

»Nun, Hobby,« sagte Allan, »willst du nicht mit mir kommen?«

»Wohin?«

»In den Tunnel.« Da verfärbte sich Hobby und seine Wangen zitterten.

»Nein -- nein ...« erwiderte er mit einem scheuen, unsicheren Blick.
Und Allan, der seine Frage bereute, sah, daß Hobby am ganzen Körper
zitterte.

»Adieu, Hobby, morgen komme ich wieder!«

Hobby stand unter der Gartentür, den Kopf leicht geneigt, fahl, mit
kranken Augen, und der Wind spielte mit seinen weißen Haaren. Gelbe,
dürre Eichenblätter wirbelten um seine Füße. Als der Hund Allan wütend
nachbellte, lachte Hobby -- ein krankes, kindisches Lachen, das Allan
noch am Abend in den Ohren klingen hörte.

Schon in den nächsten Tagen trat Allan wieder mit der Arbeiter-Union
in Verbindung. Er hatte das Empfinden, als ob man jetzt zu einer
Verständigung geneigter sei. In Wirklichkeit konnte die Union die
Sperre über den Tunnel nicht länger aufrecht erhalten. Die »Farmhands«
kamen mit dem Eintritt des Winters zu Tausenden vom Westen und suchten
Beschäftigung. Die Union hatte im vorigen Winter ungeheure Summen für
Arbeitslose ausgeschüttet und dieser Winter würde sie noch teurer zu
stehen kommen. Seit die Arbeit im Tunnel still stand, war auch die
Beschäftigung in den Bergwerken, Eisenhütten und Maschinenfabriken
unerhört zurückgegangen und ein Heer von Menschen war auf die Straße
geworfen worden. Die Löhne sanken infolge des großen Angebots von
Arbeitskräften, so daß selbst die Beschäftigten nur ein karges
Auskommen fanden.

Die Union berief Meetings und Versammlungen ein, und Allan sprach in
New York, Cincinnati, Chicago, Pittsburg und Buffalo. Er war zäh und
unermüdlich. Seine Stimme rauschte wie ehedem durch den Brustkorb und
seine Faust sauste gewaltig durch die Luft, während er sprach. Nun, da
sich seine elastische Natur wieder aufgerichtet hatte, schien auch jene
alte Macht wieder von ihm auszuströmen wie früher. Die Presse hallte
wider von seinem Namen.

Seine Sache stand günstig. Allan hoffte die Arbeit im November,
spätestens Dezember wieder aufnehmen zu können.

Da aber zog sich -- für Allan ganz unerwartet -- ein zweites Ungewitter
über dem Syndikat zusammen. Ein Ungewitter, das weitaus verheerendere
Folgen haben sollte als die Oktober-Katastrophe.

Durch den finanziellen Riesenbau des Syndikats ging ein böses
Knistern ...



5.


S. Woolf fuhr mit der gleichen Würde wie früher in seinem 50 ~HP~.-Car
den Broadway entlang. Er erschien wie sonst Punkt elf Uhr im Klub zum
Poker und trank seine Tasse Kaffee. Er wußte recht wohl, daß nichts
die Welt argwöhnischer macht als eine Änderung der Lebensführung, und
so spielte er nach außen hin seine Rolle in allen Einzelheiten weiter.

Aber er war nicht mehr der alte. S. Woolf hatte seine Sorgen, die
er ganz allein tragen mußte. Das war nicht leicht! Es genügte ihm
nicht mehr, zur Erholung mit einer seiner Nichten und Göttinnen zu
Abend zu speisen. Seine überreizten Nerven brauchten Orgien, Exzesse,
Zigeunermusik und Tänzerinnen zur Betäubung. Nachts, wenn er zuckend
vor Übermüdung auf dem Bett lag, brannte sein Hirn lichterloh. Es kam
dahin, daß er sich Abend für Abend an schwerem Wein berauschte, um
Schlaf zu finden.

S. Woolf war ein guter Haushalter. Sein enormes Einkommen genügte
vollkommen zur Deckung seiner Extravaganzen. Das war es nicht. Aber er
war vor zwei Jahren in einen Mahlstrom ganz anderer Art geraten und
trotz seinen gewaltigen Schwimmstößen, mit denen er wieder das glatte
Wasser zu erreichen suchte, trieb er Monat für Monat dem kreisenden
Strudel näher.

S. Woolfs zottiger Büffelschädel hatte einen napoleonischen Gedanken
ausgebrütet. Er hatte mit diesem Gedanken gespielt, er war verliebt
um ihn herumgeschlichen. Er hatte ihn gepflegt und großgefüttert. Zu
seinem Vergnügen, in seinen Mußestunden. Der Gedanke war gewachsen
wie der Dschinn aus der Flasche, die der arabische Fischer fand,
ein Phantom aus Rauch. S. Woolf konnte ihm befehlen, wieder in die
Flasche zurückzukriechen und ihn in der Westentasche mit sich tragen.
Aber eines Tages sagte der Dschinn: »Stop!« Der Dschinn hatte sich
ausgewachsen zur normalen Größe, er stand da wie ein Wolkenkratzer,
blitzte mit den Augen und donnerte und wollte nicht mehr in die Flasche
zurück.

S. Woolf mußte sich entscheiden!

S. Woolf pfiff auf Geld. Die kläglichen Zeiten waren längst vorüber,
da ihm das Geld an sich etwas bedeutete. Er konnte es aus dem Schmutz
der Straße schöpfen, aus der Luft, es lag in seinem Hirn zu Millionen
angehäuft und er brauchte es nur herauszuschlagen. Ohne Namen, ohne
einen Pfennig in der Tasche, verpflichtete er sich, in einem Jahr ein
Vermögen zu schaffen. Das Geld war nichts! Nur Mittel zum Zweck. S.
Woolf war ein Trabant, der um Allan kreiste. Er wollte ein Mittelpunkt
werden, um den die andern kreisten! Das Ziel war erhaben, würdig, und
S. Woolf entschied sich.

Weshalb sollte er nicht dasselbe tun, was all die andern getan hatten,
diese Lloyds und Großmächte ringsum? Es war nichts anderes, es war
genau das gleiche, was der junge Wolfsohn vor zwanzig Jahren getan
hatte, als er alles auf eine Karte setzte, sich elegant kleidete,
dreißig Mark in sein Gebiß steckte und nach England abdampfte. Es war
sein Gesetz, das ihm eingeborene Gesetz, das ihn zwang, in bestimmten
Perioden gleich zu handeln.

S. Woolf wuchs in diesem Moment über sich hinaus, sein Dämonium
streckte ihn ins Überlebensgroße.

Sein Plan war fertig, eingraviert in seinen Schädel, haarscharf,
unsichtbar für andere Menschen. In zehn Jahren würde es eine neue
Großmacht geben, die Großmacht S. Woolf. In zehn Jahren würde die
Großmacht S. Woolf den Tunnel annektieren.

Und S. Woolf machte sich ans Werk.

Er tat, was Tausende vor ihm taten, niemals aber tat es jemand in
seinem ungeheuren Maßstab! Er ging nicht auf ein Vermögen. Er hatte
berechnet, daß er 50 Millionen Dollar für seinen Plan nötig hatte.
Und so ging er auf 50 Millionen Dollar. Er handelte kühn, kalt, von
Gewissensbissen und Vorurteilen verschont.

Er spekulierte auf eigene Rechnung, obgleich sein Vertrag ihm das
ausdrücklich untersagte. Nun, sein Vertrag war ein Stück Papier,
tot und nichtig, und diese Bedingung war gerade von jenen andern
Großmächten eingefügt worden, um ihm die Hände zu binden. Er kümmerte
sich nicht darum. Er kaufte die gesamte Baumwolle Südfloridas und
verkaufte sie eine Woche später und verdiente zwei Millionen Dollar.
Mit dem Syndikat im Rücken machte S. Woolf seine Geschäfte, ohne daß
er einen Dollar des Syndikats dazu benötigte. In einem Jahre brachte
er fünf Millionen Dollar auf seine Seite. Mit diesen fünf Millionen
ging er in geschlossener Reihe auf den westindischen Tabak los. Aber
ein Zyklon zerstörte die Tabakkulturen und die fünf Millionen waren
bis auf ein Bataillon von Krüppeln aufgerieben. S. Woolf gab den Kampf
nicht auf. Er versuchte es wieder mit der Baumwolle und siehe da, die
Baumwolle blieb ihm treu. Er gewann. Er geriet in eine Gewinnserie,
gewann immerzu und lieferte erstklassige Schlachten. Dann aber fiel er
unerwartet in einen Hinterhalt. Das Kupfer schlug ihn, das er umzingelt
hatte. Es waren unbekannte Kupfervorräte da, die ihm in den Rücken
fielen und ihn total aufrieben. Er verlor viel Blut und war gezwungen,
eine Anleihe bei den Reserven des Syndikats zu machen. Der Strudel
hatte ihn erfaßt. S. Woolf pumpte sich die Brust voller Luft und stach
in See -- aber der Strudel saugte. S. Woolf schwamm großartig, aber er
kam nicht von der Stelle. Blickte er zurück, so mußte er konstatieren,
daß er Terrain zugesetzt hatte. S. Woolf schwamm verzweifelt und schwor
sich, wenn er wieder ins glatte Wasser käme, vorläufig Luft schöpfen
und sich von weiteren Abenteuern fernhalten zu wollen.

Das waren S. Woolfs Sorgen, die ihm niemand abnehmen konnte.

Im vorigen Jahre war es ihm noch gelungen, eine befriedigende Bilanz
hinzuzaubern. Noch genoß er das volle Vertrauen des Syndikats.

Die Zeiten waren schlecht, die Oktober-Katastrophe hatte den Markt
verwüstet, und S. Woolf ergraute, wenn er an den kommenden Januar
dachte.

Es ging auf Leben und Tod.

Geld! Geld! Geld!

Es fehlten ihm drei bis vier Millionen Dollar. Eine Kleinigkeit
verhältnismäßig. Zwei, drei gelungene Coups und er hatte wieder Boden
unter den Füßen.

Es galt, und S. Woolf verteidigte sich heroisch.

Er stürzte sich vorerst in einen weniger gefährlichen Kleinkrieg, aber
als der Sommer kam und er nur schrittweise Boden gewonnen hatte, war er
gezwungen, ein großes Treffen anzunehmen. S. Woolf zögerte nicht, ins
Feuer zu gehen. Er versuchte es nochmals mit der Baumwolle und legte
seine Hand gleichzeitig auf das Zinn. Wenn diese Riesenspekulationen
nur einigermaßen gelangen, so war er gerettet.

Monatelang lebte er in Schlafwagen und Schiffskabinen.

Er bereiste Europa und Rußland, um nach Stellungen auszuspähen, die
einen Sturm lohnten. Seine persönlichen Ausgaben schränkte er nach
Möglichkeit ein. Weder Extrazüge noch Salonwagen mehr, S. Woolf
begnügte sich mit einem regulären Kupee erster Klasse. In London und
Paris kündigte er seinen Königinnen, die große Summen verschlangen. Sie
verteidigten ihre Festungen mit Schaum vor den bleichen Lippen. Allein
sie hatten nicht daran gedacht, daß sie mit S. Woolf kämpften, der mit
der Möglichkeit einer plötzlichen Auflösung seines Hofstaates seit
einem Jahr gerechnet hatte und die Göttinnen schon seit Monaten durch
Detektive beobachten ließ. Er wies ihnen mit vorzüglich gespielter
Empörung nach, daß sie am 10. Mai, 15. Mai, 16. Mai -- an dem und jenem
Datum -- mit Herrn X. und Z. da und da gewesen seien -- auf kleinen
»Erholungsreisen« -- er ließ aus Sprechmaschinen alle Gespräche, die
geführt worden waren, vor den Entsetzten wiederholen, er zeigte ihnen,
daß Böden und Decken angebohrt waren und an jeder Öffnung Tag und Nacht
ein Auge und ein Ohr gelauert hatte -- bis die Königinnen Herzkrämpfe
bekamen. Dann setzte er sie auf die Straße.

Er fuhr wie ein Rachegott über Europa hin und entließ eine Schar seiner
Befehlshaber und Agenten.

Er verkaufte die Zechen in Westfalen und die Eisenhütten in Belgien,
er zog sein Geld von der schweren Industrie zurück, wo immer es anging
und warf es auf andere Werte, die momentan mehr Aussichten hatten. Mit
brutaler Rücksichtslosigkeit stellte er die Grundstückspekulanten in
London, Paris und Berlin, die Bodenwerte in Biskaya und Azora besaßen
und infolge der Krise mit den Zahlungen in Rückstand gekommen waren.
Sie mußten den tiefen Sturz machen. Eine Menge kleiner Banken ging in
Splitter. S. Woolf kannte keine Gnade, er kämpfte um sein Leben. In
Petersburg hatte er gegen das hübsche Trinkgeld von drei Millionen
Rubel eine hundert Millionen Rubel Holzkonzession in Nordsibirien
erhalten, die sich mit zwanzig Prozent rentierte. Er verwandelte
das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft und zog die Hälfte des
Syndikatkapitals zurück. Aber unter solch gerissenen Bedingungen,
daß das Syndikat in Zukunft nahezu das gleiche Einkommen hatte. Die
Manipulationen streiften das Gesetzbuch -- aber für den äußersten Fall
hatte er seine Trinkgelder bei der Hand. Er schuf Geld, wo immer er
konnte.

Ein Mann wie S. Woolf kann sich -- bei einer ununterbrochenen
schärfsten Einstellung auf alle Erfahrungen, alles Wissen -- nur
auf seinen Instinkt verlassen. Wie ein Mathematiker in dem Wald
komplizierter Formeln verloren wäre, wenn er den Gedanken Herr über
sich werden ließe, daß am Anfang ein Fehler sei, so wurde ein Mann wie
S. Woolf nur durch die Überzeugung aufrecht erhalten, daß alles, was er
getan hatte, das einzig Richtige gewesen war. S. Woolf folgte seinem
Instinkt. Er _mußte_ siegen, er glaubte es.

Die europäische Hetzjagd ließ ihm zu nichts anderem Zeit. Aber er
konnte es nicht übers Herz bringen, nach Amerika zurückzukehren, ohne
seinen Vater besucht zu haben. Er gab ein dreitägiges Fest, an dem ganz
Szentes teilnahm. Hier in seiner Heimat, in dem gleichen ungarischen
Nest, in dem ihn eine arme Frau zur Welt gebracht hatte, sollten ihn
die ersten beunruhigenden Telegramme einholen.

Einige seiner kleineren Spekulationen waren mißglückt, die Vorposten
seiner Armee geschlagen. Das erste Telegramm schob er gleichmütig in
seine weite amerikanische Hosentasche. Beim zweiten hörte er plötzlich
die Sänger nicht mehr, als sei er für Momente taub geworden, und beim
dritten ließ er anspannen und fuhr zur Station. Er hatte kein Auge für
die in der Sonne röstende, wohlbekannte Landschaft, sein Auge sah in
die Ferne, bis New York, in Mac Allans Gesicht!

In Budapest erwartete ihn eine neue Hiobsbotschaft: der
Baumwollen-Corner war nicht länger ohne Riesenverluste zu halten und
der Agent wollte wissen, ob er verkaufen solle. S. Woolf zögerte. Er
schwankte, aber nicht aus Überlegung, sondern aus Unsicherheit. Vor
drei Tagen noch hätte er Millionen an der Baumwolle gewonnen und doch
hatte er keinen Ballen unter seinem Preis abgegeben. Warum? Er kannte
die Baumwolle, denn er hatte drei Jahre nur in Baumwolle gearbeitet.
Er kannte den Markt, Liverpool, Chikago, New York, Rotterdam, New
Orleans -- jeden einzelnen Broker -- er kannte das Gesetz der Kurse,
tauchte täglich in die Zahlenwälder der Börsen unter, er lauschte
mit seinem feinen Ohr über die Welt und empfing täglich ungezählte
drahtlose Telegramme, die durch die Luft gehen und die nur jene
aufnehmen und entziffern können, die mit den Chiffern vertraut sind.
Er war wie ein Seismograph, das die feinsten Erschütterungen und Beben
aufzeichnet, und registrierte jede Schwankung des Marktes.

In Budapest nahm er den Expreß nach Paris und erst in Wien gab er dem
Agenten in Liverpool Order zu verkaufen. Er verlor Blut dabei -- es war
eine aufgeflogene Festung! -- aber er hatte plötzlich nicht mehr den
Mut, alles zu riskieren.

Eine Stunde später schon bereute er diese Order, aber er konnte
sich nicht entschließen, sie zu widerrufen. Zum erstenmal in seiner
Tätigkeit _mißtraute_ er seinem Instinkt.

Er fühlte sich matt, schlaff wie nach einer Orgie, ohne Entschluß und
wartete auf etwas. Es kam ihm vor, als sei schwächendes Gift in sein
Blut gekommen. Böse Ahnungen durchschauerten ihn und zuweilen hatte er
leichtes Fieber. Er fiel in Halbschlaf, aber bald wachte er wieder auf.
Er träumte, er spreche durch seinen Officeapparat mit den Vertretern
der großen Städte und alle -- einer nach dem andern -- riefen ihm durch
das Telephon zu, daß alles verloren sei. Er erwachte, als die Stimmen
sich zu einem lamentierenden Unglückschor vereinigten. Aber was er
gehört hatte, war nichts als das Schleifen des Zuges, der bei einer
Kurve die Bremsen angeschlagen hatte. Er saß und starrte in die kalte
Lampe an der Decke des Abteils. Dann nahm er sein Notizbuch zur Hand
und begann zu rechnen. Während er rechnete, schlich sich eine Lähmung
durch seine Füße und Arme und kroch auf das Herz zu: er wagte nicht,
die Verluste in Liverpool mit nackten Zahlen hinzuschreiben.

>Ich darf nicht verkaufen!< sagte er zu sich. >Ich will telegraphieren,
sobald der Zug hält. Warum haben sie kein Telephon im Zug, diese
Hinterwäldler? Wenn ich jetzt verkaufe, so bin ich tot, im Fall das
Zinn nicht vierzig Prozent bringt und das ist unmöglich! Ich muß alles
riskieren, das ist die letzte Möglichkeit!<

Er sprach Ungarisch! Auch das war merkwürdig, denn gewöhnlich machte er
seine Geschäfte in Englisch, die einzige Sprache, in der man über Geld
richtig reden kann.

Als aber der Zug plötzlich stillstand, hielt ihn eine Lähmung auf
dem Polster zurück. Er dachte daran, daß seine ganze Armee mit allen
Reserven jetzt im Feuer stand. Und er glaubte nicht an diese Schlacht,
nein! Sein Kopf war voller Zahlen. Wo er hinblickte standen Posten,
sieben-, achtstellige. Zahlenstaffeln, Summen von enormer Länge. Diese
Zahlen waren alle akkurat gedruckt, kalt, aus Eisen geschnitten. Diese
Zahlen erschienen ganz von selbst, sie veränderten sich willkürlich,
sie schwenkten eigenwillig von der Debet- zur Kreditseite über, oder
sie verschwanden plötzlich, als seien sie erloschen. Ein verwirrendes
Kaleidoskop, in dem Zahlen rasselten. Wie Schuppenpanzer klirrten sie
nieder, winzig klein, oder sie glommen in gigantischer Größe einsam
und düster drohend im öden schwarzen Raum. Sie setzten ihn in kalten
Schweiß und er befürchtete, irrsinnig zu werden. So groß und grausam
war ihre Wut, daß er in seiner Hilflosigkeit weinte.

Totgehetzt von Zahlen kam er in Paris an. Nach einigen Tagen erst fand
er seine Ruhe einigermaßen zurück. Es ging ihm wie einem Mann, der
ohne jedes Anzeichen von Krankheit plötzlich auf der Straße umsinkt
und, obwohl nach einigen Stunden wieder hergestellt, doch nur mit
Bangen an dieses Symptom von Verfall denkt.

Eine Woche später erfuhr er, daß sein Instinkt ihn nicht betrogen hatte.

Der Baumwollen-Corner war, sobald er verkaufte, in andere Hände
übergegangen. Ein Konsortium hatte ihn an sich gebracht, eine Woche
gehalten und mit einem Millionengewinn verkauft.

S. Woolf schäumte vor Wut! Wenn er seinem Instinkt gefolgt wäre, so
wäre er jetzt auf solidem Grund!

Das war sein erster großer Fehler. Aber in den nächsten Tagen beging
er den zweiten. Er hielt das Zinn zu lange. Drei Tage zu lange und
verkaufte dann. Er gewann noch immer, aber vor drei Tagen hätte er
das Doppelte gewonnen. Er gewann zwölf Prozent, vor drei Tagen hätte
er fünfundzwanzig gewonnen. Fünfundzwanzig! und er wäre in Sicht des
Festlandes gewesen! S. Woolf wurde grau im Gesicht.

Was war es, daß er nun Fehler über Fehler machte? Die Baumwolle
verkaufte er eine Woche zu früh, das Zinn drei Tage zu spät! Er war
unsicher geworden, nichts sonst. S. Woolfs Hände waren fortwährend mit
Schweiß bedeckt und zitterten. Er taumelte zuweilen auf der Straße, von
einer plötzlichen Schwäche überfallen, und häufig fehlte ihm der Mut,
über einen Platz zu gehen.

Es war Oktober. Es war genau der zehnte Oktober, der Jahrestag der
Katastrophe. Er hatte noch drei Monate Zeit und es gab noch immer eine
geringe Möglichkeit, daß er sich rettete. Aber er mußte ein paar Tage
ruhen und sich erholen.

Er reiste nach San Sebastian.

Aber gerade als er drei Tage da war und sich sein Zustand schon soweit
gebessert hatte, daß ihn die Damen zu interessieren anfingen, erreichte
ihn ein Telegramm Allans: seine persönliche Anwesenheit in New York sei
unbedingt erforderlich. Allan erwarte ihn mit dem nächsten Dampfer.

S. Woolf nahm den nächsten Zug.



6.


Eines Tages im Oktober hatte sich zu Allans großer Verwunderung Ethel
Lloyd bei ihm anmelden lassen.

Sie trat ein und warf einen raschen Blick durchs Zimmer. »Sind Sie
allein, Allan?« fragte sie lächelnd.

»Ja, Fräulein Lloyd, ganz allein.«

»Das ist gut!« Ethel lachte leise. »Haben Sie keine Angst, ich bin
kein Erpresser. Pa schickt mich zu Ihnen. Ich soll einen Brief an Sie
abgeben, aber nur, wenn Sie allein sind.«

Sie zog einen Brief aus dem Mantel.

»Danke,« sagte Allan und nahm den Brief in Empfang.

»Es ist gewiß etwas merkwürdig,« fuhr Ethel lebhaft fort, »aber Pa ist
so sonderbar in manchen Dingen.« Und Ethel begann frisch und ungeniert,
wie es ihre Art war, zu plaudern und hatte Allan, der mit den Worten
sparsam umging, bald in ein Gespräch gezogen, dessen Kosten sie
größtenteils bestritt. »Sie sind in Europa gewesen?« fragte sie. »Ja,
wir haben eine wunderbare Sache diesen Sommer gemacht, zu fünft, zwei
Herren, drei Damen. Wir fuhren in einem Zigeunerwagen bis nach Kanada
hinauf. Immer in frischer Luft. Schliefen im Freien, kochten selbst, es
war wunderbar! Wir hatten ein Zelt mit uns und ein kleines Ruderboot
auf dem Dach des Wagens. -- Das sind wohl Pläne?«

Mit der ihr eignen Freimut ließ Ethel den Blick durch den Raum gehen,
ein nachdenkliches Lächeln auf den schöngeschwungenen, lebhaft rot
gefärbten Lippen. (Das war momentan Mode.) Sie trug einen seidenen
Mantel von der Farbe angereifter Pflaumen, einen kleinen runden Hut,
der eine Nuance heller war und von dem eine graublaue Straußenfeder bis
zur Schulter herabhing. Das matte, verwischte Graublau ihres Kostüms
ließ ihre Augen viel blauer erscheinen, als sie wirklich waren. Wie
dunkeln Stahl.

Allans Arbeitsraum war erschreckend nüchtern. Ein abgetretener
Teppich, ein paar Ledersessel, ohne die es nicht geht, ein Tresor. Ein
halbes Dutzend Arbeitstische mit Stößen von Schriftstücken, die mit
Bruchproben von Stahl beschwert waren. Regale mit Rollen und Mappen.
Ein Wust von Papieren, scheinbar willkürlich durch den Raum gefegt. Die
Wände des großen Raumes waren vollkommen mit riesigen Plänen bedeckt,
die die einzelnen Baustrecken darstellten. Mit den fein eingezeichneten
Meerestiefenmaßen und der angetuschten Tunnelkurve sahen sie aus wie
Zeichnungen von Hängebrücken.

Ethel lächelte. »Wie hübsch Sie Ordnung halten!« sagte sie.

Die Nüchternheit des Raumes enttäuschte sie nicht. Sie dachte an »Pa's«
Bureau, dessen ganze Ausstattung aus einem Schreibtisch, einem Sessel,
Telephon und Spucknapf bestand.

Dann sah sie Allan in die Augen. »Ich glaube, Allan, Ihre Arbeit ist
die interessanteste, die je ein Mensch ausführte!« sagte sie mit einem
Blick voll aufrichtiger Bewunderung. Plötzlich aber sprang sie entzückt
auf und klatschte in die Hände.

»Ja, Gott, was ist das!« rief sie begeistert aus. Ihr Blick war durchs
Fenster gefallen und sie sah New York liegen.

Aus tausend flachen Dächern stiegen dünne weiße Dampfsäulen empor in
die Sonne, schnurgerade. New York arbeitete, New York stand unter Dampf
wie eine Maschine, die aus allen Ventilen pfeift. Die Fensterfronten
der zusammengerückten Turmhäuser blitzten. Tief unten im Schatten
der Broadwayschlucht krochen Ameisen, Punkte und winzige Kärrchen.
Von oben gesehen sahen Häuserblöcke, Straßen und Höfe wie Zellen
aus, Waben eines Bienenstockes, und man wurde unwillkürlich zu dem
Gedanken gedrängt, daß die Menschen diese Zellen aus einem ähnlichen
animalischen Instinkt erbauten, wie die Bienen die Waben. Zwischen zwei
Gruppen von weißen Wolkenkratzern sah man den Hudson und darauf zog ein
winziger Dampfer, ein Spielzeug mit vier Kaminen, ein Ozeangigant von
50000 Tonnen.

»Ist es nicht herrlich!« rief Ethel wieder und wieder aus.

»Haben Sie New York noch nie von der Höhe aus gesehen?«

Ethel nickte. »Doch,« sagte sie, »ich bin zuweilen mit Vanderstyfft
darüber geflogen. Aber in der Maschine zieht es so, daß man immer den
Schleier festhalten muß und nichts sieht.«

Ethel sprach natürlich und schlicht und ihr ganzes Wesen strömte
Einfachheit und Herzlichkeit aus. Und Allan fragte sich, weshalb er
sich in ihrer Nähe nie ganz behaglich fühlte. Er vermochte es nicht,
ohne Rückhalt mit ihr zu plaudern. Vielleicht irritierte ihn nur ihre
Stimme. Im großen und ganzen gibt es in Amerika zwei Arten weiblicher
Stimmen: eine weiche, die ganz tief im Kehlkopf klingt (so sprach
Maud), und eine scharfe, etwas nasale, die sich keck und aufdringlich
anhört. So war Ethels Stimme.

Dann ging Ethel. Unter der Türe fragte sie Allan noch, ob er nicht
gelegentlich auf ihrer Jacht einen kurzen Ausflug mitmachen wolle.

»Ich habe gegenwärtig viele Verhandlungen, die meine ganze Zeit
beanspruchen,« lehnte Allan ab und riß Lloyds Brief auf.

»Nun, dann ein andermal! ~Good bye!~« rief Ethel fröhlich und ging.

Der Brief Lloyds enthielt nur ein paar Worte. Er war ohne Unterschrift:
»Haben Sie ein Auge auf S. W.«

S. W. war S. Woolf. Allan hörte plötzlich das Blut in den Ohren sieden.

Wenn Lloyd ihn warnte, so geschah es nicht ohne Grund! War es Lloyds
Instinkt, der Verdacht schöpfte? Lloyds Spione? Schlimme Ahnungen
erfüllten ihn. Geldgeschäfte waren nicht seine Sache und er hatte sich
nie um S. Woolfs Ressort gekümmert. Das war Sache des Verwaltungsrates
und es war all die Jahre ausgezeichnet gegangen.

Er rief sofort Rasmussen, den Vertreter S. Woolfs, zu sich. Ganz
unauffällig bat er ihn, eine Kommission vorzuschlagen, die zusammen
mit ihm, Rasmussen, den gegenwärtigen finanziellen Stand des Syndikats
genau festsetzen sollte. Er wolle die Arbeit bald aufnehmen und wissen,
welche Summen sich in nächster Zeit flüssig machen ließen.

Rasmussen war ein distinguierter Schwede, der seine europäischen
Höflichkeitsformen während eines zwanzigjährigen Aufenthaltes in
Amerika bewahrt hatte.

Er verbeugte sich und fragte: »Wünschen Sie die Kommission noch heute
vorgeschlagen zu erhalten, Herr Allan?«

Allan schüttelte den Kopf. »So eilig ist es durchaus nicht, Rasmussen.
Aber morgen vormittag. Werden Sie bis dahin Ihre Wahl treffen können?«

Rasmussen lächelte. »Gewiß!«

An diesem Abend sprach Allan mit Erfolg in der Versammlung der
Gewerkschafts-Delegierten.

An diesem Abend erschoß sich Rasmussen.

Allan erbleichte, als er es erfuhr. Er rief augenblicklich S. Woolf
zurück und ordnete sofort eine geheime Revision an. Der Telegraph
spielte Tag und Nacht. Die Revision stieß auf ein unentwirrbares
Chaos. Es zeigte sich, daß Veruntreuungen, deren Höhe sich im Moment
nicht feststellen ließ, durch falsche Buchungen und raffinierte
Manipulationen vertuscht worden waren. Ob Rasmussen oder S. Woolf
oder andere dafür verantwortlich waren, ließ sich nicht sofort
erkennen. Ferner fand es sich, daß S. Woolfs letztjährige Bilanz eine
Verschleierung war und der Reservefonds ein Minus von sechs bis sieben
Millionen Dollar aufwies.



7.


S. Woolf fuhr über den Ozean, ohne den leisesten Verdacht zu haben, daß
ihn zwei Detektive begleiteten.

Er war zur Überzeugung gekommen, daß es das beste war, Allan von den
Verlusten in Kenntnis zu setzen. Allein er fügte hinzu, daß sich
diese Verluste durch andere gewinnverheißende Transaktionen bis auf
eine Lappalie ausgleichen dürften. Danach fühlte er sich freier. Als
er funkentelegraphisch von Rasmussens Selbstmord hörte, überkam ihn
das Grauen. Er jagte eine Depesche hinter der anderen nach New York.
Er erklärte, daß er für Rasmussen einstehe und sofort eine Revision
anbahnen werde. Allan antwortete, er solle nicht weiter telegraphieren,
sondern ihn augenblicklich nach seiner Ankunft in New York aufsuchen.

S. Woolf ahnte nicht, daß das Messer für ihn schon bereit lag. Er
hoffte immer noch, die Revision persönlich leiten zu können und
einen Ausweg zu finden. Vielleicht war der tote Rasmussen sogar
seine Rettung! Er war, um sich aufs Trockene zu schwingen, zu allem
entschlossen -- wenn es sein müßte, zu einer Schurkerei. Und was er an
dem toten Rasmussen sündigte, das konnte er ja an der hinterbliebenen
Familie wieder gutmachen.

Der Dampfer hatte in Hoboken kaum festgemacht, als Woolf schon in
seinem Car saß und nach Wallstreet fuhr. Er ließ sich sofort bei Allan
anmelden.

Allan ließ ihn warten, fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde.
Woolf war befremdet. Und mit jeder Minute sank sein Mut, mit dem
er sich bis zum Hals vollgepumpt hatte. Als ihn Allan endlich
eintreten ließ, verbarg er seine erschütterte Sicherheit hinter einem
asthmatischen Schnaufen, das sich bei ihm ganz natürlich anhörte.

Den steifen Hut im Nacken, die Zigarre im Mund, trat er ein und begann
schon unter der Tür zu reden. »Sie lassen Ihre Leute warten, Herr
Allan, das muß ich sagen!« rasselte er vorwurfsvoll, mit einem fetten
Lachen, und nahm den Hut ab, um sich die Stirn zu trocknen. »Wie geht
es Ihnen?«

Allan erhob sich. »Da sind Sie ja, Woolf!« sagte er ruhig, ohne einen
verräterischen Klang in der Stimme, und suchte mit den Blicken etwas
auf seinem Arbeitstisch.

Der Ton Allans ermutigte Woolf wieder, er sah wieder Licht, aber
es fuhr ihm plötzlich wie ein eiskaltes Messer am Rücken entlang,
daß Allan ihn nur »Woolf« und nicht »Mr. Woolf« nannte. Diese
Vertraulichkeit war einst einer seiner intimen Wünsche gewesen, nun
aber schien sie ihm kein gutes Anzeichen zu sein.

Er warf sich ächzend in einen Sessel, biß eine neue Zigarre ab, daß
seine Zähne klappten, und setzte sie in Brand.

»Was sagen Sie zu Rasmussen, Herr Allan?« begann er, nach Atem ringend
und schwenkte das Streichholz, bis es erlosch, und warf es auf den
Boden. »Ein solch außerordentlich begabter Mensch! Schade um ihn! Er
hätte uns eine hübsche Sache zusammenmischen können, bei Gott! Wie ich
schon telegraphierte, ich stehe für Rasmussen ein!«

Er brach ab, denn Allans Blick hatte ihn getroffen. Dieser Blick war
kühl, nichts sonst. Er war so bar aller menschlichen Anteilnahme,
alles menschlichen Interesses, daß er beleidigend wirkte und S. Woolf
augenblicklich den Mund verschloß.

»Rasmussen ist ein Kapitel für sich,« entgegnete Allan in
geschäftsmäßigem Ton und nahm einen Stoß Telegramme vom Tisch, »wir
wollen keine Umwege machen und von Ihnen reden, Woolf!«

Um Woolfs Ohren pfiff ein eisiger Wind.

Er beugte sich vor, plusterte mit den Lippen und nickte, wie ein
Mensch, der einen Tadel entgegennimmt und seine Blamage zugibt. Dann
holte er einen tiefen Atemzug aus der Brust hervor und sagte mit einem
ernsten, glühenden Blick: »Ich habe Ihnen schon telegraphiert, Herr
Allan, daß ich diesmal keine glückliche Hand hatte. Die Baumwolle
verkaufte ich eine Woche zu früh, weil ich mich von meinem Liverpooler
Agenten, diesem Idioten, ins Bockshorn jagen ließ. Das Zinn zu spät.
Ich bedaure die Verluste, aber sie lassen sich wieder gutmachen.
Es ist kein Vergnügen, zugeben zu müssen, daß man Dreck im Kopfe
hatte, glauben Sie mir das!« schloß er und richtete sich ächzend im
Sessel auf und lachte leise. Aber das Lachen, das selbstanklagend und
nachsichtheischend klingen sollte, gelang ihm nicht recht.

Allan machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopfe. Er kochte
innerlich vor Wut und Empörung. Vielleicht hatte er nie einen Menschen
mehr gehaßt als diesen haarigen, fremdrassigen Asthmatiker in diesem
Augenblick. Nun, nach einem Jahre -- einem elendiglich verlorenen Jahre
-- da er mit äußerster Anstrengung alles wieder auf solide Geleise
gesetzt hatte, mußte dieser verbrecherische Börsenjobber ihm von
neuem alles über den Haufen werfen! Er hatte keinen Grund, ihn sanft
anzupacken, und so machte er seinen Mann schonungslos und rasch nieder.
»Darum handelt es sich nicht,« entgegnete er ruhig wie vorhin und nur
seine Nasenflügel blähten sich auf. »Das Syndikat wird keine Minute
zögern, Sie zu decken, wenn Sie im Dienste der Gesellschaft Verluste
erleiden. Aber --« und Allan ließ den Arbeitstisch los, an dem er
lehnte und stand aufrecht und sah Woolf mit Augen an, die nichts waren
als Pupille und beherrschte Mordgier -- »Ihre vorjährige Bilanz war
Humbug, mein Herr! Humbug! Sie haben auf eigene Rechnung spekuliert und
sieben Millionen Dollar unterschlagen!«

S. Woolf sank wie ein Baum. Er wurde grau wie Erde. Seine Züge
vermoderten. Er griff mit der fleischigen Hand an sein Herz und fiel,
nach Luft schnappend, zurück. Sein Mund stand fassungslos und läppisch
offen und seine blutunterlaufenen Augen quollen aus dem Kopf.

Allan wechselte die Farbe; er wurde blaß und rot vor Anstrengung, sich
zu beherrschen. Dann fügte er mit der gleichen Ruhe und Kälte hinzu:
»Sie können ja selbst nachsehen!« Und er warf den Stoß von Telegrammen
nachlässig vor Woolfs Füße, daß sie über den Boden flatterten.

S. Woolf lag noch immer nach Luft ringend im Sessel. Der Boden sank
unter ihm, seine Füße wurden zu Wolken, sein rasselnder Atem klang ihm
in den eigenen Ohren wie das Brausen eines Wasserfalls. Er war so
überrumpelt, so betäubt von diesem turmhohen Sturze, daß er für die
Beleidigung, die in dem nachlässigen Hinwerfen der Telegramme lag, gar
keine Empfindung hatte. Die grauen Lider senkten sich wie Deckel über
seine Augen. Er sah nichts. Er sah Nacht, kreisende Nacht, dachte, er
würde sterben, flehte den Tod herbei ... und dann erwachte er wieder
und fing an zu begreifen, daß es keine Lüge mehr gab, die ihn aufs
Trockene trug.

»Allan --?« stammelte er.

Allan schwieg.

S. Woolf tauchte wieder in den Strudel hinab, keuchte wieder empor
und schlug endlich die Augen auf, eingesunkene Augen, verfault wie
bei Fischen, die lange liegen. Dann setzte er sich keuchend aufrecht.
»Unsere Lage war verzweifelt, Allan,« stammelte er und seine Brust warf
sich stoßweise vor Luftmangel, »ich wollte Geld schaffen -- Geld um
jeden Preis --!«

Allan fuhr empört auf. Das Recht der Lüge hat jeder Verzweifelnde.
Aber er hatte kein Mitleid mit diesem Mann, er empfand nichts für
ihn, _nichts_, nichts als Haß und Wut. Er wollte kurzen Prozeß mit
ihm machen und dann fort mit ihm! Seine Lippen waren schneeweiß vor
Erregung, als er entgegnete: »Sie hatten bei der Budapester Bank
eineinhalb Millionen auf den Namen Wolfsohn deponiert, in Petersburg
eine Million und vorübergehend in London und an belgischen Banken zwei
bis drei Millionen. Sie haben Geschäfte auf eigene Rechnung gemacht und
sich zuletzt das Genick gebrochen. Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen abend
um sechs Uhr. Keine Minute früher und keine Minute später lasse ich Sie
verhaften.«

Woolf erhob sich taumelnd, leichengelb, um in einem instinktiven
Verteidigungsdrang auf Allan einzuschlagen. Aber er konnte keine
Hand heben. Er war am ganzen Körper lahm und zitterte schrecklich.
Plötzlich kehrte ihm für Sekunden ganz klar das Bewußtsein zurück. Er
stand schwer atmend, das fahle Gesicht mit Schweißtropfen punktiert,
und starrte zu Boden. Sein Auge nahm mechanisch die Namen einer Anzahl
europäischer Banken auf, die auf den Depeschen da unten standen. Sollte
er Allan sagen, weshalb er sich auf diese Spekulationen einließ?
Sollte er ihm seine Motive auseinandersetzen? Daß es ihm keineswegs
um _Geld_ zu tun gewesen war? Aber Allan war zu einfältig, zu simpel,
um zu begreifen, wieso ein Mensch nach _Macht_ verlangen konnte --
er, der die Macht besaß, ohne je nach ihr gestrebt zu haben, ohne
es zu wissen, ohne es zu wollen, der sie ganz einfach hatte! Dieser
Maschinenkonstrukteur hatte nur drei Gedanken im Kopf und nie über
die Welt nachgedacht und verstand nichts. Ja, und selbst wenn er ihn
verstand, selbst wenn, so würde er gegen eine Granitmauer rennen,
gegen die Mauer des bürgerlichen, hanebüchenen Ehrlichkeitsbegriffes,
der im kleinen berechtigt ist, aber im großen Dummheit, gegen diesen
Begriff würde er rennen und nicht durchkommen. Allan würde ihn nicht
weniger verachten und verdammen. Allan! Ja, wirklich derselbe Allan,
der fünftausend Menschen auf dem Gewissen hatte, Allan, der dem Volk
Milliarden aus der Tasche nahm, ohne sicher zu sein, ob er je seine
Versprechungen einlösen konnte. Auch Allans Stunde würde noch kommen,
er prophezeite sie ihm! Dieser Mann aber richtete ihn heute und glaubte
ein Recht dazu zu haben! S. Woolfs Kopf arbeitete verzweifelt. Einen
Ausweg! Rettung! Eine Möglichkeit! Er erinnerte sich an Allans bekannte
Gutmütigkeit. Warum packte er ihn mit Haifischzähnen an? Gutmütigkeit
und Barmherzigkeit waren verschiedene Dinge.

So tief dachte dieser verzweifelte Mensch, daß er sekundenlang alles
ringsum vergaß. Er hörte nicht, daß Allan seinen Diener rief und ihm
befahl, ein Glas Wasser zu bringen, da Herr Woolf sich nicht wohl
fühle. Und je länger er dachte, desto leichenfarbener und fahler wurde
er.

Er erwachte erst, als ihn jemand am Arm zupfte und eine Stimme sagte:
»Sir?« Da sah er, daß Allans Diener, Lion, ihm ein Glas Wasser reichte.

Er trank das ganze Glas aus, dann schöpfte er Atem und sah Allan
an. Es schien ihm plötzlich alles weniger schlimm zu sein. Wenn es
ihm gelänge, Allans Herz zu packen? Und er sagte, ganz gefaßt und
beherrscht, mit tiefer Stimme: »Hören Sie, Allan, das kann nicht Ihr
Ernst sein. Wir arbeiten nun seit sieben, acht Jahren zusammen, ich
habe dem Syndikat Millionen verdient ...«

»Das war Ihre Arbeit.«

»Gewiß! Hören Sie, Allan, ich gebe zu, es war eine Entgleisung. Es war
mir nicht um Geld zu tun. Ich will es Ihnen erklären. Sie sollen meine
Motive erfahren ... Aber es kann doch nicht Ihr Ernst sein, Allan!
Die Sache läßt sich ordnen! Und ich bin der _einzige_ Mensch, der sie
ordnen kann ... Wenn Sie mich fallen lassen, so fällt das Syndikat ...«

Allan wußte, daß S. Woolf die Wahrheit sprach. Die sieben Millionen
konnte seinetwegen der Teufel holen, der _Skandal_ aber war eine
Katastrophe. Trotzdem blieb er unerbittlich.

»Das ist meine Sache!« entgegnete er.

Woolf schüttelte den zottigen Büffelkopf. Er konnte es nicht begreifen,
daß Allan ihn tatsächlich aufgeben, stürzen wollte. Es war unmöglich.
Und er wagte es nochmals, sich in Allans Augen zu erkundigen. Aber
diese Augen schrien ihm in ihrer stillen Sprache entgegen, daß von
diesem Manne keine Nachsicht und Gnade zu erwarten war. Nichts! Gar
nichts! Plötzlich erkannte er, daß Allan ein Amerikaner war, ein
_geborener_ und er nur ein _gewordener_, und Allan war stärker.

Die leise Hoffnung, die er sich vorgelogen hatte, war eitel. Er war
verloren. Und von neuem überfiel ihn sein Elend.

»Allan!« schrie er plötzlich, von Verzweiflung gepackt, »das können Sie
nicht wollen. Nein! Sie treiben mich in den Tod! Das können Sie nicht
wollen!«

Er kämpfte jetzt nicht mehr mit Allan, er kämpfte mit dem Schicksal.
Aber das Schicksal hatte Allan vor die Front geschickt, einen kalten
Fechter, der nicht wich.

»Das können Sie nicht wollen, Allan!« wiederholte er wieder und wieder.
»Sie treiben mich in den Tod!« Und er schüttelte seine Fäuste unter
Allans Gesicht.

»Ich habe Ihnen alles gesagt.« Allan wandte sich zur Türe.

S. Woolfs Gesicht war von kaltem Schweiß wie mit Schleim überzogen,
sein Bart klebte.

»Ich werde das Geld ersetzen, Allan --!« schrie er wild und seine Arme
fuhren durch die Luft.

»~Tommy rot~!« rief Allan und ging.

Da schlug Woolf die Hände vors Gesicht und sank mit dumpfem Aufschlag
in die Knie, wie ein geschlagener Stier.

Eine Türe krachte ins Schloß.

Allan war gegangen.

S. Woolfs fetter Rücken zuckte. Er erhob sich halb betäubt. Seine Brust
wurde von einem tränenlosen Schluchzen erschüttert. Er nahm den Hut,
strich mit der Hand über den Filz und ging langsam zur Türe.

An der Türe blieb er nochmals stehen. Allan war im Nebenzimmer und
mußte ihn hören, wenn er rief. Er öffnete den Mund, aber er brachte
keinen Laut hervor. Es war auch einerlei. Denn es hatte keinen Wert!

Er ging. Er knirschte mit den Zähnen vor Zorn, Erniedrigung und Elend.
Tränen der Wut traten ihm in die Augen. Oh, wie er Allan jetzt haßte!
Er haßte ihn so sehr, daß er Blut auf der Zunge spürte ... Auch Allans
Stunde würde noch kommen ...!

Als toter Mann fuhr er im Lift ab.

Er stieg in den Car. »~Riverside-Drive!~«

Der Chauffeur, der kaum das Gesicht seines Herrn mit einem Blick
gestreift hatte, dachte: >S. Woolf ist fertig!<

Zusammengeduckt, grau, mit eingesunkenen Augen saß Woolf im Wagen,
ohne etwas zu hören, zu sehen. Er fror vor kaltem Schweiß und kroch in
seinen Mantel zurück, wie ein Tier in die Muschel. Dann und wann dachte
er, bittern Ekel auf dem Mund: »Er hat mich kalt niedergemacht. Er hat
mich _geschächtet_!« Etwas anderes vermochte er nicht zu denken.

Es wurde Nacht und der Chauffeur hielt an und fragte, ob er nicht nach
Hause fahren solle.

S. Woolf dachte angestrengt nach. Dann sagte er mit tonloser Stimme:
»Hundertzehnte!«

Das war die Adresse Renées, seiner momentanen Mätresse. Er hatte
niemand, mit dem er reden konnte, keinen Freund, keinen Bekannten, und
so fuhr er zu ihr.

Woolf befürchtete, sich vor dem Chauffeur verraten zu haben und riß
sich zusammen. Vor Renées Haus stieg er aus und sagte gleichmütig und
etwas herrisch wie immer: »Sie warten!«

Der Chauffeur aber dachte: >Trotzdem bist du fertig!<

Renée zeigte mit keiner Miene Freude darüber, daß er zurückgekehrt
war. Sie schmollte. Sie tat tödlich gelangweilt, sie tat unglücklich.
So sehr war sie mit ihrem hochmütigen, verzogenen und eigensinnigen
Persönchen beschäftigt, daß ihr seine Verstörtheit gar nicht auffiel.

Über diesen Grad von weiblichem Egoismus mußte Woolf laut auflachen.
Und dieses Lachen, das mit sehr viel Verzweiflung gemischt war, brachte
ihn auf den Ton zurück, in dem er mit Renée zu verkehren pflegte. Er
sprach Französisch mit ihr. Die Sprache schien einen andern Menschen
aus ihm zu machen. Auf Sekunden -- auf ganz kurze Sekunden -- vergaß er
zuweilen ganz, daß er ein toter Mann war. Er scherzte mit Renée, nannte
sie sein kleines verzogenes Kind, sein böses Püppchen, sein Kleinod
und Spielzeug und gab ihr mit seinen feuchten kalten Lippen einen Kuß
auf den schönen, schwellenden Mund. Renée war eine außerordentliche
Schönheit, eine rotblonde Nordfranzösin aus Lille, die er im vorigen
Jahr aus Paris importiert hatte. Er log ihr vor, daß er ihr ein Wunder
von einem Schal und die prächtigsten Federn aus Paris mitgebracht habe,
und ein Lichtschein glitt über Renées Mienen. Sie befahl den Tisch zu
decken und schwatzte von all ihren Sorgen und Launen.

Oh, sie haßte dieses New York, sie haßte dieses Volk von Amerikanern,
die eine Dame mit äußerster Rücksicht und äußerster Gleichgültigkeit
behandelten. Sie haßte es, auf »ihrer Etage zu sitzen« und zu warten.
~Oh, mon dieu, oui~, sie wäre viel lieber eine kleine Modistin in Paris
geblieben ...

»Vielleicht kannst du bald zurückkehren, Renée,« sagte Woolf mit einem
Lächeln, das unter Renées niedriger Stirn weiterarbeitete.

Bei Tisch vermochte er keinen Bissen über die Lippen zu bringen, aber
er trank große Mengen Burgunder. Er trank und trank, wurde heiß im
Kopf, aber nicht betrunken.

»Wir wollen Musik und Tänzer bestellen, Renée,« sagte er. Renée
telephonierte an ein ungarisches Restaurant im Judenviertel und nach
einer halben Stunde waren die Tänzer und Musiker da.

Der Primas der Kapelle kannte Woolfs Geschmack und hatte ein junges
schönes Mädchen, das direkt aus der ungarischen Provinz kam,
mitgebracht. Das Mädchen hieß Juliska und sang ein kleines Volkslied,
so leise, daß man sie kaum hörte.

Woolf versprach der Truppe hundert Dollar unter der Bedingung, daß auch
keine Sekunde Pause entstehe. Ohne Unterbrechung wechselten Musik,
Gesänge und Tänze ab. Woolf lag wie eine Leiche im Sessel, nur seine
Augen glänzten. Er schlürfte immerzu Rotwein und wurde doch nicht
trunken. Renée kauerte mit angezogenen Beinen in einem Fauteuil, in
einen prächtigen zinnoberroten Schal eingewickelt, die grünen Augen
halb geschlossen, wie ein roter Panther. Sie sah immer noch gelangweilt
aus. Gerade ihre beispiellose Indolenz hatte ihn gereizt. Kam man ihr
nahe, so wurde sie bösartig wie eine Idiotin, bis endlich die Hölle aus
ihr loderte.

Die schöne junge Ungarin, die der smarte Primas mitgebracht hatte,
gefiel S. Woolf. Er richtete häufig seinen Blick auf sie, aber sie
wich scheu mit den Augen aus. Darauf winkte er den Primas heran und
flüsterte mit ihm. Eine Weile später verschwand Juliska.

Punkt elf Uhr verließ er Renée. Er schenkte ihr einen seiner
Brillantringe. Renée liebkoste mit ihren Lippen sein Ohr und fragte ihn
flüsternd, weshalb er nicht bleibe. Er gebrauchte seine alte Ausrede,
er habe zu arbeiten, und Renée runzelte die Stirn und verzog das
Mündchen.

Juliska wartete bereits in Woolfs Wohnung. Sie zitterte, als er sie
berührte. Ihr Haar war braun und weich. Er goß ihr ein Glas Wein
ein und sie nippte gehorsam daran und sagte sklavisch: »Auf Ihre
Gesundheit, Herr!« Dann sang sie auf seinen Wunsch ihr kleines
melancholisches Volkslied, wiederum so leise, daß man sie kaum hörte.

~Két lánya volt a falunak~ -- sang sie -- ~két virága; mind a kettö úgy
vágyott a boldogsagra~ ...

Zwei Mädchen hatte das Dorf, zwei Blumen. Beide sehnten sich nach dem
Glück; die eine führte man zum Traualtar, die andere brachte man zum
Friedhof.

Hundertmal in seiner Jugend hatte S. Woolf das Lied gehört. Aber
heute drückte es ihn nieder. Seine ganze Hoffnungslosigkeit hörte er
daraus. Er saß da und trank und bekam Tränen in die Augen. Er weinte
aus Mitleid mit sich selbst und die Tränen liefen langsam über seine
wächsernen, schwammigen Wangen.

Nach einer Weile schnaubte er sich die Nase und sagte weich und leise:
»Das hast du gut gemacht. Was kannst du sonst, Juliska?«

Sie sah ihn mit traurigen, braunen Augen an, die an die Augen eines
Lamas erinnerten. Sie schüttelte den Kopf. »Nichts, Herr,« flüsterte
sie verzagt.

Woolf lachte nervös. »Das ist nicht viel!« sagte er. »Höre, Juliska,
ich will dir tausend Dollar geben, aber du mußt tun, was ich dir sage?«

»Ja, Herr,« antwortete Juliska ergeben und ängstlich.

»So kleide dich aus. Geh ins Zimmer nebenan.«

Juliska neigte den Kopf: »Ja, Herr.«

Während sie die Kleider ablegte, saß S. Woolf regungslos im Sessel und
starrte vor sich hin. »Wenn Maud Allan noch am Leben wäre, so hätte
ich eine Hoffnung!« dachte er. Und er saß und sein Unglück brütete
dunkel über ihm. Als er nach einiger Zeit aufblickte, sah er Juliska
ausgekleidet, halb in die Portiere gewickelt, unter der Türe stehen. Er
hatte sie ganz vergessen gehabt.

»Komm näher, Juliska.« Juliska trat einen Schritt vor. Die rechte Hand
hielt noch immer die Portiere fest, als wolle sie die letzte Hülle
nicht aufgeben.

S. Woolf betrachtete sie mit Kennerblicken und der nackte Mädchenkörper
brachte ihn auf andere Gedanken. Obwohl noch nicht siebzehn Jahre alt,
war Juliska doch schon ein Weibchen. Ihr Becken war breiter, als die
Kleider ahnen ließen, ihre Schenkel runde Säulen, ihre Brüste klein
und fest. Ihre Haut war dunkel. Wie aus Erde gebacken und in der Sonne
getrocknet war sie.

»Kannst du tanzen?« fragte S. Woolf.

Juliska schüttelte den Kopf. Sie sah nicht auf. »Nein, Herr!«

»Hast du nie bei der Weinlese getanzt?«

»Doch, Herr!«

»Hast du Tschardas getanzt?«

»Ja, Herr!«

»So tanze Tschardas!«

Juliska sah sich hilflos um. Dann tanzte sie, mehr aus Angst als um des
hohen Lohnes willen. Sie machte ungeschickt die Bewegungen der Arme und
Beine. Unbekleidet wußte sie mit ihrem Körper nichts anzufangen. Sie
trippelte, als ginge sie auf Scherben. Ihre Augen standen voll Wasser
und ihre Wangen brannten vor Scham. Ach, ihre Füße, ihre Füße, die
nicht ganz rein waren, wo sollte sie sie denn hin tun?

Sie war herrlich. Viele Jahre lang hatte S. Woolf diese rührende
Schamhaftigkeit nicht mehr gesehen. Er konnte sich nicht sättigen an
ihrem Anblick. »Tanze, Juliska!«

Und Juliska hob ungeschickt Beine und Hände und die Tränen tropften aus
dem zurückgeworfenen Kopf auf ihre Brust herab. Dann stand sie still
und zitterte.

»Wovor hast du Angst, Juliska?«

»Ich habe keine Angst, Herr!«

»So komm näher!«

Juliska kroch näher. >Jetzt wird er es tun!< dachte sie und sie dachte
an das Geld.

Aber S. Woolf tat es nicht. Er zog sie auf seine Knie. »Habe keine
Angst und sieh mich an.« Sie tat es, ihr Blick flackerte und brannte.
S. Woolf küßte sie auf die Wange. Er preßte sie an sich in einer
Aufwallung von väterlichem Gefühl und Tränen traten in seine Augen.
»Was willst du hier in New York tun?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wer hat dich hergebracht?«

»Mein Bruder. Aber er ist jetzt nach dem Westen gegangen.«

»Was tust du jetzt?«

»Ich singe mit Gyula.«

»Lasse Gyula fahren und singe nicht mehr mit ihm. Er ist ein Lump. Du
kannst auch gar nicht singen.«

»Nein, Herr.«

»Ich will dir Geld geben und du wirst tun, was ich sage?«

»Gewiß, Herr!«

»Gut. Lerne Englisch. Kaufe dir hübsche einfache Kleider und suche
dir eine Stellung als Verkäuferin. Gib hübsch acht, was ich dir sage.
Ich will dir zweitausend Dollar geben, weil du so _schön_ tanztest.
Davon kannst du drei Jahre leben. Besuche einen Abendkursus. Lerne
Buchführung, Stenographie und Maschinenschreiben. Das andere findet
sich dann von selbst. Willst du das tun?«

»Ja, Herr!« antwortete Juliska ängstlich, denn Woolf kam ihr unheimlich
vor. Sie hatte gehört, daß in New York viele junge Mädchen ermordet
würden.

»Kleide dich wieder an.« Und S. Woolf streckte Juliska eine Hand voller
Scheine hin. Aber sie wagte sie nicht zu nehmen. Sobald ich danach
greife, wird er mich niederschlagen, dachte sie.

»Nimm doch!« sagte S. Woolf lächelnd. »Ich brauche das Geld nicht mehr,
denn morgen abend Punkt sechs Uhr bin ich tot.«

Juliska erschauerte.

S. Woolf lachte nervös. »Hier hast du noch zwei Dollar. Nimm das erste
Auto, das du siehst und fahre nach Hause. Gib Gyula hundert Dollar und
sage ihm, mehr hätte ich nicht gegeben. Sage niemand, daß du Geld hast!
Die Hauptsache in der Welt ist, Geld zu haben -- aber die andern dürfen
nichts davon wissen! Nimm doch!« Er stopfte ihr die Scheine in die Hand.

Juliska ging, ohne Dank zu sagen.

S. Woolf war allein und seine Züge erschlafften sofort. »Ein blödes
Frauenzimmer,« murmelte er. »Sie wird ja doch untergehen.« Das Geld
reute ihn. Er rauchte eine Zigarre, trank einen Kognak und ging in
seinen Zimmern auf und ab. Er hatte sämtliche Lampen eingeschaltet,
weil er nicht das geringste Halbdunkel ertrug. Vor einem japanischen
Lackschränkchen blieb er stehen und öffnete es. Es war voller Locken,
blonder, goldener, roter Mädchenlocken. Jede Locke trug einen Zettel
wie eine Arzneiflasche. Ein Datum stand darauf. Und Woolf sah diese
Flut von Haaren und lachte voller Verachtung. Denn er verachtete und
verabscheute die Frauen, wie alle Männer, die sich viel mit käuflichen
Frauen abgegeben haben.

Aber das Lachen machte ihn stutzig. Es erinnerte ihn an ein Lachen, das
er einmal irgendwo gehört hatte. Da fiel ihm ein, daß sein Onkel so
gelacht hatte, genau so, und diesen Onkel hatte er am meisten gehaßt.
Das war merkwürdig.

Und wieder ging er auf und ab. Aber die Wände und Möbel erblaßten immer
mehr. Die Zimmer wurden größer, öder. Er ertrug das Alleinsein nicht
mehr und fuhr in den Klub.

Es war drei Uhr nachts. Die Straße lag verödet. Aber drei Häuser weit
entfernt stand ein Auto, das eine Panne hatte. Der Chauffeur kroch
unter dem Motor herum. Sobald aber Woolf abfuhr, rollte das Auto hinter
ihm her. Woolf lächelte bitter. Allans Spione? Beim Klub angelangt gab
er dem Chauffeur zwei Dollar Trinkgeld und schickte ihn nach Hause.

>Wie fertig er ist, ~Lord~!< dachte der Chauffeur.

Im Klub waren noch drei Pokertische in voller Arbeit und Woolf setzte
sich zu Bekannten. Es war merkwürdig, was für Karten er heute in die
Hand bekam! Karten, wie man sie sonst nie sah! >Da sind Juliskas
zweitausend Dollar wieder!< dachte er und steckte das Geld in die
Hosentasche. Um sechs Uhr wurde das Spiel abgebrochen und Woolf ging
den ganzen weiten Weg zu Fuß nach Hause. Hinter ihm her trotteten
plaudernd zwei Männer mit Schaufeln auf den Schultern. An seinem Hause
traf er einen angeheiterten Arbeitsmann, der an den Häusern entlang
rollte und leise und falsch wie ein Betrunkener sang.

»~Have a drink~?« redete ihn Woolf an.

Aber der Betrunkene reagierte nicht. Er hatte den Mund voll
unverständlicher Worte und torkelte vorbei.

»Allans Verwandlungen!«

Zu Hause trank er einen Whisky, der so stark war, daß es ihn
schüttelte. Er war nicht betrunken, aber er war in einen bewußtlosen
Zustand geraten. Er nahm ein Bad und schlief im Bad ein und erwachte
erst, als der Diener besorgt klopfte. Er kleidete sich vom Kopf bis
zum Fuß neu an und verließ das Haus. Nun war es lichter Tag geworden.
Gegenüber stand ein Auto und Woolf trat heran und fragte, ob der Wagen
frei sei.

»Ich bin bestellt!« sagte der Chauffeur und Woolf lächelte verächtlich.
Allan umgab ihn, Allan hatte ihn umzingelt. Aus einer Haustüre trat
ein Gentleman mit einer kleinen schwarzen Mappe unter dem Arm und
folgte ihm auf der andern Seite der Straße. Da sprang Woolf plötzlich
auf eine Tram und glaubte damit den Detektiven Allans entkommen zu sein.

Er trank Kaffee in einem Saloon und wanderte den ganzen Vormittag in
den Straßen hin und her.

New York hatte das Zwölfstundenrennen aufgenommen. New York _lag_ im
Rennen, von seinem Schrittmacher, der _Tat_, geführt. Autos, Cars,
Geschäftswagen, Menschen, alles schwirrte. Die Hochbahnen donnerten.
Die Menschen stürzten aus Häusern, Wagen, Tramcars, sie stürzten aus
Löchern in der Erde hervor, aus den zweihundertundfünfzig Kilometer
langen Stollen der Subway. Sie waren alle rascher als Woolf. >Ich
bleibe zurück,< dachte er. Er ging schneller, aber trotzdem überholten
ihn alle. Wie in Hypnose zappelten sie dahin. Manhattan, das große
Herz der Stadt, saugte sie an, Manhattan schleuderte sie durch tausend
Adern von sich. Sie waren Splitter, Atome, glühend durch gegenseitige
Reibung, und besaßen nicht mehr Eigenbewegung als die Moleküle aller
Dinge. Und die Stadt ging ihren donnernden Gang. Von fünf zu fünf
Minuten passierte ihn ein grauer elektrischer Riesenomnibus, der den
Broadway hinabfegte wie ein Elefant, der brennenden Zunder unter dem
Schwanz hat. Das waren die Frühstücksomnibusse, in denen ein Mensch
eine Tasse Kaffee und ein Sandwich hinunterschlingen konnte auf seinem
Weg ins Büro. Zwischen den kleinen dahinfliegenden Menschen aber
gingen große, freche Gespenster umher und schrien: Verdopple dein
Einkommen! -- Warum sollst du fett sein? -- Wir machen dich reich,
schreibe Postkarte! -- ~Easy Walker!~ -- ~Make your own terms~ -- ~Stop
having fits!~ -- ~Drunkards saved secretly~ -- Doppelte Kraft! --:
Plakate! -- Das waren die großen Dompteure, die diese zappelnde Menge
beherrschten. Woolf lächelte ein sattes, befriedigtes Lächeln. Er, der
die Reklame zur Kunst erhoben hatte!

Von der Battery aus sah er drei zitronengelbe Reklameaeroplane, die
hintereinander über der Bai kreuzten, um die Kunden abzufangen, die
auf dem Weg nach New York waren. Auf ihren gelben Flügeln stand:
»Wannamaker -- Restetag!«

Wer von all den Tausenden von wimmelnden Menschen um ihn her würde auf
den Gedanken kommen, daß er vor zwölf Jahren »das fliegende Plakat«
gründete?

Er klebte an New York, angesaugt von der Zentripetalkraft des mahlenden
Ungetüms. Den ganzen Tag. Er aß zu Mittag, trank Kaffee, nahm ein
Gläschen Kognak da und dort. Sobald er stehen blieb, überkam ihn ein
Schwindelgefühl und so ging er immer vorwärts. Um vier Uhr kam er
in den Centralpark, halb betäubt, ohne zu denken. Er passierte die
Luftschiffhallen der Chicago-Boston-New York Airship-Co. und ließ
sich von den Wegen ziehen. Es begann zu regnen und der Park war ganz
verlassen. Er schlief während des Gehens halb ein, aber plötzlich
weckte ihn ein heftiger Schreck: er war über seinen Gang erschrocken.
Er ging gebückt, schlürfend, mit eingebogenen Knien, ganz wie der alte
Wolfsohn dahinschlürfte, den das Schicksal zur Demut zugeritten hatte.
Und eine Stimme hatte in ihm geflüstert -- so deutlich: der Sohn des
Leichenwäschers!

Der Schreck weckte ihn auf. Wo war er? Centralpark. Weshalb war er
hier? Weshalb war er nicht fort, ja, zum Teufel -- weshalb war er nicht
über alle Berge? Weshalb klebte er den ganzen Tag an New York? Wer
hatte es ihm befohlen? Er sah auf die Uhr. Es war einige Minuten nach
fünf Uhr. Eine Stunde also hatte er noch Zeit, denn Allan hielt Wort.

Sein Kopf begann rasch zu denken. Er hatte fünftausend Dollar in der
Tasche. Damit konnte er weit kommen! Er wollte fliehen. Allan sollte
ihn nicht bekommen. Er blickte sich um -- niemand weit und breit! Es
war ihm also gelungen, Allans Detektive abzuschütteln. Dieser Triumph
belebte ihn und er begann blitzschnell zu handeln. In einem Barber-shop
ließ er sich seinen Bart abnehmen und während der Barbier arbeitete,
überlegte er seinen Fluchtplan. Er befand sich am Columbussquare. Er
wollte mit der Subway bis zur Zweihundertsten Straße fahren, etwas
gehen und dann irgendeinen Zug besteigen.

Zehn Minuten vor sechs Uhr verließ er den Barbierladen. Er kaufte noch
Zigarren und sieben Minuten vor sechs Uhr stieg er zur Subway hinunter.

Zu seiner Überraschung sah er auf dem Perron der Columbussquarestation
unter den Wartenden einen Bekannten stehen, einen Mitpassagier der
letzten Überfahrt. Der Mann sah ihn sogar an, aber -- Triumph! -- er
erkannte ihn nicht! Und doch hatte er mit diesem Mann täglich Poker
gespielt im Rauchsalon.

Auf den inneren Geleisen klirrte blitzschnell ein Expreßzug dahin und
füllte die Station mit Getöse und Wind. Woolf wurde ungeduldig und sah
auf die Uhr. Fünf Minuten!

Plötzlich aber konnte er den Passagier von vorhin nicht mehr sehen.
Als er sich umblickte, sah er ihn hinter seinem Rücken stehen, in
die Lektüre des Herald vertieft. Und gleichzeitig war Woolf an allen
Gliedern gelähmt. Ein entsetzlicher Gedanke erwachte in ihm! Wenn
dieser Passagier einer von Allans Detektiven wäre, der ihm schon --
von Cherbourg herüber gefolgt war --? Es fehlten noch drei Minuten bis
sechs. Woolf tat ein paar Schritte zur Seite und sah verstohlen nach
dem Passagier hin. Der las ruhig weiter, aber in der Zeitung war ein
Riß und durch diesen Riß starrte ein scharfes Auge!

In tiefster Herzensnot sah S. Woolf in dieses Auge hinein. Es war
vorbei! In diesem Augenblick flog der Zug herein und S. Woolf sprang
zum Entsetzen der Wartenden aufs Geleise hinunter. Eine Hand mit
gespreizten Fingern griff nach ihm.



8.


S. Woolf wurde zwei Minuten vor sechs Uhr von den Rädern der Subway
zermalmt und eine halbe Stunde später war ganz New York schon erfüllt
von erregtem Geschrei.

»~Extra! Extra! Here you are! Hýa! Hýa! All about suicide of Banker
Woolf! All about Woolf!~«

Die Zeitungsverkäufer rasten wie wilde Pferde dahin, und die Straßen,
die Woolf heute durchwandert hatte, hallten wider von seinem Namen.

»Woolf! Woolf! Woolf!«

»Woolf in drei Teile geschnitten!«

»Der Tunnel verschlingt Woolf!«

»Woolf! Woolf! Woolf!« Jedermann hatte hundertmal seinen 50 ~PS~-Wagen
den Broadway entlangrollen sehen, mit dem silbernen Drachen, der
wie ein Ozeandampfer brummte. Jedermann kannte seinen zottigen
Büffelschädel. S. Woolf war ein Teil von New York und nun war er tot!
S. Woolf, der das größte Vermögen verwaltete, das je ein Mensch unter
sich hatte! Die dem Syndikat günstig gesinnten Blätter schrieben:
»Unglücksfall oder Selbstmord?« Die feindlichen: »Erst Rasmussen! --
Jetzt Woolf!!«

»Woolf, Woolf, Woolf!« Die Zeitungsboys bellten den Namen hinaus und
stießen Rauchwolken in die neblige Straße. Es hörte sich an wie das
heisere Heulen von Wölfen, die ihre Beute zerfleischen.

Allan erfuhr Woolfs schrecklichen Tod fünf Minuten nach dem Vorfall.
Ein Detektiv sprach ihn durchs Telephon.

Verstört, unfähig zu arbeiten ging er in seinem Arbeitsraum hin und
her. Die Straßen waren angefüllt mit Nebel und nur die Wolkenkratzer
ragten über das Nebelmeer hinaus, von der sinkenden Sonne düster
beleuchtet. New York tobte und heulte in der Tiefe: _der Skandal war
im Gang_! Erst nach geraumer Zeit war es ihm möglich, mit dem Chef des
Pressebüros und dem interimistischen Leiter des finanziellen Ressorts
beraten zu können. Die ganze Nacht hindurch verfolgte ihn der letzte
Eindruck Woolfs, wie er leichenfarben, nach Atem ringend, im Sessel
lag ...

»Es ist der Tunnel!« sagte Allan zu sich. Er fühlte sich von Drohung
und Unglück umringt und fröstelte. Er sah eine hoffnungslose Zeit
kommen. »Nun wird es _Jahre_ dauern --!« dachte er und wanderte
schlaflos auf und ab.

Der Tod Woolfs hielt Tausende in dieser Nacht wach. Als Rasmussen sich
erschoß, war man nervös geworden, Woolfs Tod aber erschreckte die
ganze Welt. Das Syndikat wankte! Alle großen Banken der Welt waren
mit Milliarden am Tunnel beteiligt, die Industrie mit Milliarden, das
Volk, bis herab zu den Zeitungsverkäufern, mit Milliarden. Die Erregung
fieberte von San Franzisko bis Petersburg, von Sidney bis Kapstadt.
Die Presse aller Kontinente schürte die Besorgnis. Die Papiere des
Syndikats fielen nicht, sie stürzten! Woolfs Tod war der Beginn des
»großen Erdbebens«.

Die einberufene Versammlung der Großaktionäre des Syndikats dauerte
zwölf Stunden und glich einer erbitterten, höllischen Schlacht, in der
sich früher besonnene Menschen zerfleischten. Das Syndikat hatte am 2.
Januar Hunderte von Millionen Zinsen und Teilzahlungen zu entrichten,
Riesensummen, für die keine genügende Deckung vorhanden war.

Die Versammlung veröffentlichte ein Communiqué, worin sie erklärte,
daß die finanzielle Situation momentan wenig günstig sei, die Hoffnung
einer Sanierung aber nicht von der Hand gewiesen werden könne. Dieses
Communiqué enthielt in notdürftig verschleierter Form die ganze fatale
Wahrheit.

Am nächsten Tage konnte man Zehn-Dollar-Shares für einen Dollar
kaufen. Ein Heer von Privatpersonen, vor Jahren von der allgemeinen
Spekulationswut fortgerissen, war ruiniert. Über ein Dutzend Opfer
forderte dieser erste Tag. Die Banken wurden gestürmt. Nicht nur jene,
deren hohe Beteiligung am Syndikat bekannt war, auch viele, die gar
nichts damit zu tun hatten, wurden vom Morgen bis zum Abend belagert
und die Kunden hoben ihre Einlagen ab. Eine ganze Reihe von Instituten
sah sich gezwungen, die Schalter zu schließen, da die Barmittel
erschöpft waren. Die Krise von 1907 war ein Scherz gegen diese. Einige
kleine Bankhäuser krachten schon beim ersten Ansturm zusammen. Aber
selbst die Großbanken erzitterten von unten bis oben in der Brandung,
die gegen sie anlief. Vergebens versuchten sie die Öffentlichkeit durch
Bekanntmachungen zu beruhigen. New York City-Bank, Morgan Co., Lloyd,
American zahlten im Laufe von _drei_ Tagen Summen von schwindelnder
Höhe aus. Die Telegraphisten sanken um vor Erschöpfung. Die Bankpaläste
waren die ganze Nacht taghell erleuchtet, Direktoren, Kassierer,
Sekretäre kamen tagelang nicht aus den Kleidern. Das Geld wurde immer
teurer. Hatte die Panik von 1907 den Zinsfuß für tägliches Geld auf 80
bis 130 Prozent getrieben, so kostete es heute 100 bis 180 Prozent! Es
war zuweilen überhaupt unmöglich, tausend Dollar zu leihen. »New York
City« wurde von Gould gehalten, Lloyds Bank verteidigte sich selbst
bis aufs Messer, American erhielt Unterstützungen von der Bank of
London. Abgesehen von dieser Bank war kein Cent von europäischen Banken
zu erhalten: diese Banken setzten sich selbst in fieberhafter Hast
in Verteidigungszustand. An den Börsen von New York, Paris, London,
Berlin, Wien trat eine beispiellose Deroute ein. Ein Heer von Firmen
stellte die Zahlungen ein. Kein Tag verging ohne Bankerotte, kein Tag
ohne Opfer. Woolfs Todesart wurde epidemisch, täglich warfen sich
Ruinierte vor die Räder der Subway. Der Finanzkörper von fünf Erdteilen
hatte eine klaffende Wunde erhalten und drohte sich zu verbluten.
Handel, Verkehr, Industrie, die große Maschine der modernen Welt, die
mit Milliarden geheizt wird und Milliarden ausspeit, schwang nur noch
langsam und mühselig, so daß es den Anschein hatte, als werde sie
plötzlich, jede Stunde, ganz stehen bleiben.

Die Tunnel-Terrain-Gesellschaft, die sich mit dem Kauf und Verkauf von
Baugeländen der Tunnelstationen befaßte, krachte über Nacht zusammen
und erschlug Ungezählte.

Die Zeitungen waren in diesen Tagen Schlachtberichte.

»Der Tunnel verschlingt mehr und mehr!«

»Mr. Harry Stillwell, Bankier, Chikago, erschießt sich. -- Broker
Williamson, 26. Straße, ruiniert, vergiftet sich und seine Familie.
-- Fabrikant Klepstedt, Hoboken, wirft sich unter die Subway.« --
Die Nachricht, daß sich der alte Jakob Wolfsohn in Szentes erhängte,
verhallte vollkommen unbeachtet.

Es war die _Panik_! Sie sprang über nach Frankreich, England,
Deutschland, Österreich und Rußland. Deutschland wurde zuerst von ihr
ergriffen und war innerhalb einer Woche, wie die Vereinigten Staaten,
in Unruhe, Angst und Schrecken getaucht.

Die Industrie, die sich kaum von den Folgen der Oktoberkatastrophe
erholt hatte, geriet auf Grund. Ihre Papiere, vom Tunnel zu unerhörter
Blüte getrieben -- Eisen, Stahl, Zement, Kupfer, Kabel, Maschinen,
Kohle -- wurden von den stürzenden Tunnelaktien mit in die Tiefe
gerissen. Die Kohlenkönige und Hüttenbarone hatten am Tunnel enorme
Vermögen verdient, nun aber wollten sie keinen roten Heller riskieren.
Sie setzten die Löhne herab, führten Feierschichten ein und warfen
Tausende von Arbeitern auf die Straße. Die Beschäftigten erklärten
sich mit den Kameraden solidarisch. Sie traten in Ausstand, gesonnen,
diesmal bis zum letzten Atemzug zu kämpfen und sich nicht wieder durch
Versprechungen verlocken zu lassen, die diese Meineidigen brachen,
sobald die Sonne wieder schien. Waren die Zeiten gut, so waren sie gut
genug, die Millionen vermehren zu helfen, waren die Zeiten schlecht,
so warf man sie hinaus. Sollten die Zechen ersaufen und die Hochöfen
verschlacken!

Der Streik begann wie jeder andere. Er entflammte in den Becken von
Lille, Clermond-Ferrand und St. Etienne, wälzte sich hinüber ins
Mosel-, Saar- und Ruhrgebiet und nach Schlesien. Die englischen
Bergarbeiter und Hüttenleute von Yorkshire, Northumberland, Durham
und Südwales erklärten den Sympathiestreik. Kanada und die Staaten
schlossen sich an. Der gespenstische Funke sprang über die Alpen nach
Italien und über die Pyrenäen nach Spanien. Tausende der blutroten und
leichengelben Fabriken aller Länder standen still. Ganze Städte waren
tot. Die Hochöfen wurden gelöscht, die Grubenpferde aus den Schächten
gebracht. Die Dampfer lagen in ganzen Flotten, Schlot an Schlot, in
den Friedhöfen der Häfen. Jeder Tag kostete Unsummen. Aber da die
Panik auch den übrigen Industrien das Geld entzog, so schwoll das
Millionenheer der Arbeitslosen von Tag zu Tag mehr an. Die Lage wurde
kritisch. Eisenbahnen, elektrische Kraftzentralen, Gasanstalten waren
ohne Kohle. In Amerika und Europa lief nicht ein Zehntel der Züge mehr
und der atlantische Dampferverkehr war fast gänzlich unterbunden.

Es kam zu Ausschreitungen. In Westfalen prasselten die Maschinengewehre
und in London lieferten die Dockarbeiter der Polizei eine blutige
Schlacht. Das war am 8. Dezember. Die Straßen bei den West India Docks
waren an diesem Abend mit Toten, Arbeitern sowie Polizisten bedeckt. Am
10. Dezember erklärte die englische Arbeiter-Union den Generalstreik.
Die französische, deutsche, russische und italienische folgten und
zuletzt schloß sich die amerikanische Union an.

Das war der moderne Krieg. Nicht kleine Vorpostengefechte, es war
die Schlacht in vollem Umfang! In geschlossenen Fronten standen sich
Arbeiter und Kapital gegenüber.

Schon nach wenigen Tagen zeigten sich die Schrecken dieses
Kampfes. Die statistischen Ziffern der Verbrechen, der Kinder- und
Säuglingssterblichkeit stiegen ins Grauenhafte. Die Nahrung für
Millionen von Menschen verfaulte und verdarb in Eisenbahnwaggons und
Schiffsbäuchen. Die Regierungen nahmen das Militär zu Hilfe. Aber
die Truppen, aus Proletariern zusammengesetzt, leisteten passiven
Widerstand, sie arbeiteten und kamen nicht von der Stelle, und das
war nicht die Zeit zu strengen Repressalien. Gegen Weihnachten waren
die großen Städte, Chicago, New York, London, Paris, Berlin, Hamburg,
Wien, Petersburg, vollkommen ohne Licht und in Gefahr, ausgehungert
zu werden. Die Menschen froren in den Wohnungen und was schwach und
elend war ging zugrunde. Täglich gab es Feuersbrünste, Plünderungen,
Sabotage, Diebstähle. Das Gespenst der Revolution drohte ...

Die internationale Arbeiterliga aber gab keinen Fuß breit nach und
forderte Gesetze, die den Arbeiter vor der Willkür des Kapitals
schützten.

Inmitten dieser Unruhen und Schrecken stand das Tunnelsyndikat immer
noch aufrecht. Es war ein Wrack, durchlöchert, krachend in allen Fugen,
aber es stand!

Das war Lloyds Werk. Lloyd hatte eine Versammlung der Großgläubiger
einberufen und war persönlich erschienen, um zu sprechen, was er
seit zwanzig Jahren wegen seines Leidens nicht mehr getan hatte. Das
Syndikat durfte nicht fallen! Die Zeiten waren verzweifelt und der Fall
des Syndikats würde namenloses Unheil in die Welt bringen. Der Tunnel
sei zu retten, wenn man weise vorgehe! Würde man jetzt einen taktischen
Fehler machen, so sei sein Schicksal entschieden, ein für allemal, und
die Entwicklung der Industrie würde um zwanzig Jahre zurückgeworfen
werden. Der Generalstreik könne keine drei Wochen mehr dauern, da die
Arbeiterheere am Hungertod seien, das Geld käme zurück, die Krise
würde im Frühjahr ein Ende haben. Es müßten Opfer gebracht werden.
Die Großgläubiger müßten stunden, Geld vorschießen. Die Aktionäre
und Shareinhaber aber müßten am 2. Januar ihre Zinsen bei Heller
und Pfennig ausgezahlt erhalten, wollte man nicht eine zweite Panik
heraufbeschwören.

Lloyd selbst brachte als erster große Opfer. So gelang es ihm, das
Syndikat zu halten.

Diese Beratung war geheim. Die Zeitungen verkündeten am anderen
Tag, daß die Sanierung des Syndikats in die Wege geleitet sei und
die Gesellschaft am 2. Januar wie immer ihren Verpflichtungen gegen
Aktionäre und Shareinhaber nachkommen würde.

Der berühmte 2. Januar kam heran.



9.


Am 1. Januar pflegen alle Theater, Konzerthallen, Restaurants in New
York überfüllt zu sein.

Dieser 1. Januar aber war tot. Nur in einigen großen Hotels herrschte
Leben wie gewöhnlich. Die Trambahnen verkehrten nicht. Die Hochbahnen
und die Subway ließen nur vereinzelte Züge laufen, die von Ingenieuren
geführt wurden. Im Hafen lagen die verödeten Ozeanriesen mit gelöschten
Feuern in den Docken, eingepackt in Nebel und Eis. Die Straßen waren am
Abend dunkel, nur jede dritte Lampe brannte, und die Reklametableaus,
die sonst mit der Regelmäßigkeit von Leuchtfeuern aufblitzten, waren
erloschen.

Schon um Mitternacht stand eine dichtgedrängte Menschenkette vor dem
Syndikatgebäude, bereit die Nacht zu durchwachen. Sie alle wollten
ihre fünf, zehn, zwanzig, hundert Dollar an Zinsen retten. Es ging das
Gerücht, daß das Syndikat am 3. Januar die Pforten schließen werde, und
niemand war geneigt, sein Geld zu riskieren. Immer mehr kamen.

Die Nacht war sehr kalt, zwölf Grad Celsius unter Null. Ein feiner
Schnee siebte wie weißer Sand aus dem tiefschwarzen Himmel herab, der
die oberen Stockwerke der schweigenden Turmhäuser verschlang. Frierend
und zähneklappernd schoben sich die Wartenden zusammen, um sich zu
wärmen, und erregten einander durch Befürchtungen, Vermutungen und
Gespräche über das Syndikat, Aktien und Shares. Sie standen so eng, daß
sie recht gut im Stehen schlafen hätten können, aber niemand machte
ein Auge zu. Die Angst hielt sie wach. Die Türen des Syndikats könnten
am Ende doch geschlossen bleiben! Dann waren ihre Shares plötzlich
vollkommen wertlos! Mit blaugefrorenen fahlen Gesichtern, die Augen
voll von Angst und Besorgnis, harrten sie auf ihr Schicksal.

Das Geld! Das Geld! Das Geld!

Die Arbeit ihres Lebens, Schweiß, Mühe, Demütigungen, schlaflose
Nächte, graue Haare, eine vernichtete Seele! Noch mehr: ihr Alter, ein
paar Jahre Ruhe bis zum Tod! Wenn sie verloren, so war alles vorbei,
zwanzig Jahre ihres Lebens fortgeworfen, Nacht, Elend, Schmutz und
Armut ...

Die Angst und Erregung wuchs von Minute zu Minute. Wenn sie ihre
Ersparnisse einbüßten, so wollten sie Mac Allan, diesen Champion aller
Schwindler, lynchen.

Gegen den Morgen kamen immer größere Scharen. Die Kette stand bis
hinauf zur Warrenstreet. So kam der graue Tag heran.

Um acht Uhr ging eine plötzliche Bewegung durch die Menge: im
schweigenden, von rauchender Kälte umhüllten Syndikat-Building
leuchteten die ersten Lampen auf!

Um neun Uhr -- mit dem Glockenschlage! -- öffneten sich die schweren
Kirchentüren des Gebäudes. Die Menge wälzte sich hinein in das
prunkvolle Vestibül und von da aus in die gleißend hellen Kassenräume.
Ein Heer von frischgewaschenen, ausgeschlafenen Beamten wimmelte
hinter den kleinen Schalterfenstern. Die Einlösung der Kupons ging
blitzschnell vonstatten. An allen Schaltern wurden von fliegenden
Händen die Dollarnoten auf die Marmorplatte geblättert, das Kleingeld
klirrte. Alles wickelte sich ruhig ab. Wer bedient war, wurde von
selbst durch die nachschiebende Menge zum Ausgang hinausgepreßt.

Etwas nach zehn Uhr aber gab es eine Stockung. Drei Schalter schlossen
gleichzeitig, da ihnen das Wechselgeld ausgegangen war. Das Publikum
wurde unruhig und die Beamten der übrigen Schalter wurden von zehn und
zwanzig Ungeduldigen gleichzeitig bestürmt. Da ließ der Kassenvorstand
verkünden, daß die Schalter auf fünf Minuten geschlossen würden. Die
Herrschaften möchten Kleingeld bereithalten, da sich die Auszahlung
sonst zu sehr verzögere. Die Schalter schlossen.

Die Situation der Wartenden im Schalterraum war keineswegs angenehm.
Denn die Menge, von den Zeitungen auf 30000 geschätzt, drängte von
draußen gleichmäßig nach. Wie ein Baumstamm vom Mechanismus eines
Sägewerks in die Säge geschoben wird, so gleichmäßig wurde die
Menschenkette in das Syndikat-Building hineingepreßt und -- in Teile
aufgelöst -- durch den Ausgang nach Wallstreet gedrückt. Ein Mann
setzt den Fuß auf die erste Granitstufe. Nach einer Minute hebt ihn
die nachdrängende Menge in die Höhe, er steht mit beiden Füßen auf der
ersten Granitstufe. Nach zehn Minuten ist er oben und wird langsam
durchs Vestibül gemahlen. Nach weiteren zehn Minuten wird er in den
Schalterraum gedrückt. Er ist eine mechanische Figur ohne Eigenbewegung
geworden, und Tausende vor ihm und hinter ihm absolvieren genau die
gleichen Bewegungen in genau der gleichen Zeit.

Infolge der Stockung aber war der riesige Schaltersaal in wenigen
Minuten gedrückt voll. Die Leute im Vestibül wurden zum Teil die Treppe
zu den oberen Stockwerken hinaufgeschoben.

Die Wartenden an den Schaltern aber konnten die Position nicht länger
halten und hatten die hübsche Aussicht, nach zehnstündigem Warten an
den Schaltern vorbeigepreßt und gegen den Ausgang gedrückt zu werden.
Dann konnten sie sich wieder hinten anreihen.

Sie alle hatten die Nacht schlaflos verbracht, gefroren wie Hunde,
nicht gefrühstückt, sie versäumten Zeit, hatten Unannehmlichkeiten in
ihren Büros und Geschäften zu erwarten -- ihre Laune war die denkbar
schlechteste. Sie schrien und pfiffen, und der Lärm setzte sich durchs
Vestibül auf die Straße hinaus fort.

Eine ungeheure Erregung ging durch die Menge.

»Die Schalter werden geschlossen!«

»Das Geld ist ihnen ausgegangen!«

Und das Drängen wurde ungeduldiger und gewaltsamer. Kleider wurden
abgerissen, und Menschen, die keine Luft bekamen, schrien und fluchten.
Manche aber, die getragen wurden und bis zur Brust über die Köpfe
hinausragten, heulten laute Verwünschungen.

An den Schaltern stauten sich die Massen zum Ersticken. Schreie,
Flüche wurden laut. Ein Chauffeur schlug mit der Faust die Scheibe
des Schalters ein und schrie, dunkelrot vor Atemnot im Gesicht: »Mein
Geld, ihr Schwindler. Ich habe hier dreihundert Dollar! Gebt mir meine
dreihundert Dollar, ihr hundsgemeinen Diebe und Halsabschneider!«

Der Beamte drinnen sah den Schreihals bleich und abweisend an: »Sie
wissen genau, daß die Shares unkündbar sind. Sie haben Ihre Zinsen zu
fordern, das ist alles!«

Die Scheiben klirrten plötzlich an allen Ecken und Enden und die Clerks
begannen nunmehr wieder fieberhaft rasch Geld auszuzahlen. Allein es
war zu spät. Das Geschrei, das sich erhob, als die Auszahlung wieder
begann, wurde von dem zusammengepreßten Menschenhaufen im Saal und
Vestibül mißdeutet, und das Gedränge wurde noch schrecklicher.

Wer den Ausgang erreichen konnte, machte sich so rasch wie möglich
davon. Aber auch das gelang nur einzelnen. Plötzlich krachten die
Schaltertüren und die Menge wurde in den Kassenraum gepreßt. Die Clerks
und Beamten flüchteten, Bücher und Kassetten und Geld zusammenraffend,
so gut es ging. Die Menge brandete hinein und im Nu waren die eichenen
Schalterwände eingedrückt. Auf diese Weise war Luft entstanden. Die
Menge rannte durch alle denkbaren Türen hinaus. Aber nun wirkte
der Druck von hinten um so stärker, die Menschenhaufen wurden
hineingeschossen. Hier aber fanden sie zu ihrer größten Verblüffung
eine zerstörte und geplünderte Bank vor. Umgeworfene Pulte, verstreute
Papiere, ausgeschüttete Tinte und Haufen von Kleingeld und zertretenen
Dollarscheinen.

Eines aber war klar für sie: ihr Geld war verloren! Hin! Kaputt! Ihr
Geld, ihre Hoffnungen, alles!

Das ganze Gebäude heulte vor Wut und Empörung. Man begann zu
demolieren, was zu demolieren war. Fenster klirrten, Tische, Stühle
zerkrachten und ein fanatischer Jubel brauste auf, so oft es Trümmer
gab.

Das Syndikat-Building wurde gestürmt!

Dreißigtausend Menschen -- und nach manchen mehr -- drängten hinein und
wurden die Treppen empor in die oberen Stockwerke geworfen. Die wenigen
Schutzleute, die zur Ordnung da waren, waren vollkommen machtlos.
Die friedlich Gesinnten suchten irgendwo einen Ausweg, die Wütenden
aber suchten sich festzukeilen, wo immer es ging, und ihren Zorn zu
befriedigen.

Das Gebäude war an diesem zweiten Januar fast vollkommen verlassen
und die meisten Stockwerke gänzlich leer. Um Geld zu sparen hatte man
beschlossen, nur die notwendigsten Räume beizubehalten und die frei
werdenden Etagen zu vermieten. Die meisten Ressorts waren schon nach
Mac City übergesiedelt, andere im Umzug begriffen, die an Anwälte und
Firmen vermieteten Etagen aber heute noch nicht im vollen Betrieb.

Das zweite und dritte Stockwerk war angefüllt mit Ballen von
Briefschaften, Rechnungen, Quittungen, Plänen, die in den ersten Tagen
des Jahres nach den neuen Büros transportiert werden sollten.

Sinnlos in seiner Wut begann der Pöbel diese Ballen durch die Fenster
auf die Straße zu werfen und das Treppenhaus damit anzufüllen.

Bis hinauf zum siebenten Stockwerk sah man plötzlich Gesichter an allen
Fenstern.

Drei junge, freche Burschen, Mechaniker, kamen sogar bis zu Allan im
32. Stockwerk hinauf!

»Mac muß uns unser Geld geben! Hallo!« Das war eine bestrickende Idee!

»~Go on boy~ -- wir wollen zu Mac!«

Der Liftboy weigerte sich, die lauten Frechdachse zu fahren. Da warfen
sie ihn zum Lift hinaus und fuhren ab. Sie lachten und schnitten dem
Liftboy, der vor Wut heulte, Grimassen. Der Lift stieg und stieg -- und
plötzlich wurde es ganz ruhig! Vom zwanzigsten Stock an hörte man das
Getöse nur noch wie fernen Straßenlärm.

Der Lift flog an verödeten Korridoren vorbei. Sie sahen nur wenig
Menschen, aber die wenigen, die sie sahen, schienen nicht zu ahnen,
was da drunten, zwanzig und fünfundzwanzig Stockwerke tiefer vor
sich ging. Ein Beamter schloß gleichmütig die Tür seines Büros auf,
im 30. Stockwerk saßen zwei Herren mit der Zigarre im Mund auf einem
Fenstersims und unterhielten sich lachend.

Der Lift hielt, und die drei Mechaniker stiegen aus und brüllten: »Mac!
Mac! Mac, wo bist du! Heraus mit Mac!«

Sie gingen an alle Türen und pochten dagegen.

Plötzlich aber erschien Allan in einer Tür und sie starrten ihn, den
sie im Bild so oft gesehen hatten, eingeschüchtert an und konnten kein
Wort herausbringen.

»Was wollen Sie?« fragte Allan ungehalten.

»Unser Geld wollen wir!«

Allan hielt sie für betrunken.

»Geht in die Hölle!« sagte er und warf die Tür ins Schloß.

Da standen sie und starrten die Tür an. Sie waren gekommen, um aus Mac
unter allen Umständen ihr Geld herauszuschlagen, und nun hatten sie
keinen Cent erhalten und wurden noch dazu in die Hölle geschickt.

Sie berieten und entschlossen sich abzufahren.

In die Hölle gingen sie nicht, nein, aber durchs Fegfeuer mußten sie
doch! Im zwölften Stockwerk stürzten sie durch Rauch und im achten
sauste ein brennender Lift voller Feuer und Flammen an ihnen vorbei.

Verstört und halb wahnsinnig vor Schrecken erreichten sie das Vestibül,
wo die Woge der nach außen fliehenden Menschen sie mit auf die Straße
riß.



10.


Niemand wußte, wie es geschehen war. Niemand wußte, wer es tat. Niemand
sah es. Aber es war doch geschehen ...

Im dritten Stock stieg plötzlich ein Mann auf das Fenstersims. Dieser
Mann hielt beide Hände als Schalltrichter vor den Mund und gellte
unaufhörlich mit voller Kraft der Lungen auf das immer noch ins Gebäude
drängende Menschenheer hinab: »Feuer! Das Building brennt! Zurück!«

Der Mann war James Blackstone, ein Bankclerk, den die Menschenmasse in
den dritten Stock emporgedrückt hatte. Im Anfang hörte ihn niemand,
denn alles ringsum schrie. Aber als das Gellen sich automatisch
wiederholte, wandten sich mehr und mehr Gesichter in die Höhe und
plötzlich verstand die Straße, was Blackstone im dritten Stock schrie.
Sie verstand nicht alles, nur das einzige alarmierende Wort: »Feuer!«
Die Straße sah auch plötzlich, daß das, was wie neblige Kälte aussah,
dieser graue Dunst, in dem Blackstone stand, nicht Kälte war, sondern
Rauch. Der Rauch verdichtete sich und zog in breiten, trägen Streifen
zum Fenster hinaus, um über Blackstones Kopf rasch in die Höhe zu
wirbeln. Dann aber begann der Rauch rasch dichter zu werden, zu
rollen, zu puffen, und Blackstone verschwand fast gänzlich. Blackstone
aber verließ seinen Posten nicht. Er war ein mechanisch gellendes
Warnungssignal, das die mit enormer blinder Energie vorwärtsdrängende
Masse langsam zum Stillstand und endlich zum Rückzug zwang.

Blackstones Besonnenheit ist es zu danken, daß eine ungeheure
Katastrophe vermieden wurde. Sein gellender Schrei weckte die
Überlegung der sinnlos gewordenen Masse. Im Building befanden sich
zurzeit viele Tausende. Sie strömten den Ausgängen zu, stießen aber
hier auf eine Mauer von Menschen. Es schien zunächst, als ob die
Menschen auf der Straße neugierig zusehen wollten, was jetzt geschehen
würde. Endlich aber, aufgepeitscht durch Blackstones Schreie -- wandten
sie sich um und stießen hundertfältig Blackstones Warnungssignal aus:
»Zurück, das Building brennt!« Die Menge wurde in die Nebenstraßen
gepreßt, sie flutete ab.

Über die breiten Granittreppen des Gebäudes stürzte ein wilder
Wasserfall von Köpfen, Armen und Beinen und Strudeln von Menschen,
die auf die Straße rollten, sich aufrafften und entsetzt flohen. Sie
alle hatten sie gesehen, während sie die Treppen hinabhagelten -- da
drinnen -- die schrecklichen: die brennenden Lifts! Lifts, drei, vier,
angefüllt mit brennenden Papierbündeln, die in die Höhe schossen und
aus denen das Feuer herabtropfte.

Blackstone wurde plötzlich wieder im Rauch sichtbar. Er wurde rasch
größer und auf einmal kam er näher: er war gesprungen! Blackstone
stürzte in eine Gruppe Fliehender, und es ist sonderbar, daß niemand
verletzt wurde. Die Fliehenden spritzten auseinander wie Schmutz, in
den ein Steinblock fällt. Sie erhoben sich alle blitzschnell wieder und
nur Blackstone blieb liegen. Man trug ihn fort, aber er erholte sich
rasch, er hatte sich nur einen Fuß ausgerenkt.

Von Blackstones erstem Ruf bis zu seinem Sprung waren keine fünf
Minuten vergangen. Zehn Minuten später wimmelten Pinestreet,
Wallstreet, Thomasstreet, Cedar-, Nassaustreet und Broadway von
Löschzügen, qualmenden Dampfspritzen und Ambulanzen. Alle Depots New
Yorks spien Löschzüge aus.

Kelly, der Kommandeur der Wehr, erkannte augenblicklich die große
Gefahr, in der das Geschäftsviertel schwebte. Er rief sogar »Bezirk 66«
zu Hilfe, das heißt Brooklyn, was seit dem großen Brand des Equitable
Buildings nicht mehr geschehen war. Die Nordpassage der Brooklynbrücke
wurde gesperrt, und acht Dampfspritzen mit den zugehörigen Zügen
flogen über die gespenstisch im Winterdunst hängende Brooklyn-Bridge
nach Manhattan. Das Tunnelgebäude qualmte aus allen Fugen wie ein
32stöckiger Riesenofen. Es war umtobt von Schlachtsignalen, warnenden,
schauerlichen Hornrufen, gellenden Glockenschreien, trillernden Pfiffen.

Das Feuer war im dritten Stock und in den Lifts gelegt worden, die
man in die Höhe sausen ließ. Niemand konnte später sagen, wer diese
Teufelei verübt hatte.

Die brennenden Lifts stürzten ab, wie Bergsteiger, denen an einer
steilen Wand die Kräfte ausgehen, einer nach dem andern. Aus dem
Souterrain prasselte nach jedem Sturz eine Wolke glühenden Staubs
empor. Im Vestibül, im Liftschacht dröhnten Kanonenschüsse und
knatterte Schnellfeuer: die Hitze zog unter Krachen die Dielen der
Schachtverschalung aus den Schrauben. Der Liftschacht wurde zu einer
heulenden Säule von glühender Luft, die die brennenden Briefballen
mit nach oben riß. Sie durchschlug den Lichtdom, und eine Fontäne von
Funken stieß aus dem Dach empor. Das Building verwandelte sich in einen
Vulkan, der brennende Papierfetzen und glühende Briefballen ausspie,
die wie Raketen in die Luft stiegen und wie Geschosse über Manhattan
dahinsurrten.

Um den glühenden Krater da droben aber kreiste in tollkühner Nähe eine
Flugmaschine, wie ein Raubvogel, dessen Horst verbrannte: Photographen
der Edison-Bio, die das schneebedeckte Hochgebirge von Wolkenkratzern
mit dem aktiven Vulkan in der Mitte aus der Vogelperspektive
kinematographisch aufnahmen.

Von dem Liftschacht aus kroch das Feuer durch die Türen in die
einzelnen Stockwerke.

Die Fensterscheiben flogen mit einem hellen Knall heraus und
zerschellten an den gegenüberliegenden Gebäuden. Die eisernen
Fensterstöcke wurden von der Hitze gebogen, herausgeschleudert und
wirbelten mit dem hohlen surrenden Geräusch von Aeroplanpropellern
durch die Luft. Das Zink, mit dem Fensterbleche und Dachrinnen gelötet
waren, schmolz und prasselte als glühender Regen herab. (Für diese
Zinkklumpen zahlte man später hohe Preise!)

Kelly schlug eine heroische Schlacht. Er legte fünfundzwanzig Kilometer
Schlauchleitungen, aus hundertzwanzig Rohren schoß er Hunderttausende
von Gallonen Wasser in das brennende Gebäude. Im ganzen verschlang
dieser Brand fünfundzwanzig Millionen Gallonen Wasser und er kostete
der Stadt New York hundertdreißigtausend Dollar -- dreißigtausend mehr
als der große Brand des Equitable-Buildings 1911.

Kelly kämpfte mit dem Feuer und mit der Kälte zu gleicher Zeit. Die
Hydranten froren ein, die Schläuche barsten. Fußdick lag die Eiskruste
auf der Straße. Das Eis schlug einen dicken Mantel um das brennende
Gebäude. Pinestreet war fußhoch mit Eiskörnern bedeckt, denn der Wind
verwehte das Wasser und verwandelte es in Eislapilli, die auf die
Straße herabregneten.

Kelly hatte mit seinen Bataillonen den Feind umzingelt und schlug acht
Stunden lang alle Ausfälle zurück. Auf den Dächern ringsum fochten
Kellys Bataillone, halb erstickt vom Rauch, mit Eisklumpen bedeckt in
einer Kälte von zehn Grad Celsius. Zwischen ihnen schossen Journalisten
hin und her und die Kinematographen drehten mit erstarrten Händen die
Kurbel. Auch sie arbeiteten bis zur Erschöpfung.

Das Gebäude war aus Beton und Eisen und konnte nicht abbrennen, obwohl
es glühte, daß Legionen von Fensterscheiben in der Nachbarschaft
platzten. Aber es brannte vollkommen aus.



11.


Allan flüchtete über das Dach der Mercantile Safe Co., das acht
Stockwerke unter ihm lag.

Er hatte einige Minuten, nachdem ihn die Frechdachse durch ihr Geschrei
herausgelockt hatten, den Ausbruch des Feuers bemerkt. Als Lion
taumelnd vor Angst und Aufregung zu ihm geeilt kam, hatte er schon den
Mantel angezogen und den Hut auf dem Kopf. Er war dabei, Briefschaften
von den Tischen aufzuraffen und in die Taschen zu stecken.

»Das Building brennt, Sir!« keuchte der Chinese. »Die Lifts brennen!«

Mac warf ihm Schlüssel zu. »Öffne den Tresor und schreie nicht!«
sagte er. »Das Gebäude ist feuersicher.« Allan war gelb im Gesicht,
betäubt von dem neuen Unglück, das über ihn hereinbrach. »Das ist
das Ende!« dachte er. Er war nicht abergläubisch! Aber nach all den
Schicksalsschlägen drängte sich ihm der Gedanke auf, daß ein Fluch auf
dem Tunnel liege! Ganz mechanisch, ohne recht zu wissen, was er tat,
raffte er Zeichnungen und Pläne und Schriftstücke zusammen.

»Der kleine Stift mit den drei Zacken, Lion, flenne nur nicht!« sagte
er, und verwirrt und betäubt wiederholte er ein paarmal: »Flenne nur
nicht ...«

Das Telephon schrillte. Es war Kelly, der Allan sagte, er solle über
die Ostwand nach dem Dach der Mercantile Safe Co. absteigen. Von Minute
zu Minute schrillte das Telephon -- es sei höchste Zeit! -- bis Allan
den Apparat abstellte.

Er ging von Tisch zu Tisch, von Gestell zu Gestell und zog Pläne und
Schriftstücke hervor und warf sie Lion zu.

»Das muß alles in den Tresor, Lion! Vorwärts!«

Lion war halb irrsinnig vor Angst. Aber er wagte keine Silbe mehr zu
sagen, nur seine Lippen bewegten sich, als ob er einen alten Hausgott
anrufe. Mit einem Seitenblick hatte er sich überzeugt, daß ein Gewitter
im Gesicht seines Herrn stand, ein Hagelwetter, und er hütete sich, ihn
zu reizen.

Plötzlich klopfte es. Sonderbar! In der Türe erschien der Deutschrusse
Strom. Er stand in der Türe, in einem kurzen Mantel, den Hut in der
Hand, nicht unterwürfig und nicht aufdringlich. Er stand, als habe er
die Absicht, geduldig zu warten, und sagte: »Es wird Zeit, Herr Allan.«
Es war Allan rätselhaft, wie Strom heraufgekommen war, aber er hatte
keine Zeit, darüber nachzudenken. Es fiel ihm ein, daß Strom in New
York war, um mit ihm über die Verringerung des Heeres von Ingenieuren
zu sprechen.

»Gehen Sie voran, Strom!« sagte er unwirsch. »Ich komme schon!« Und er
wühlte weiter in den Stößen von Papieren. Draußen quoll der Rauch an
den Fenstern vorbei und in der Tiefe winselten die Signale der Wehren.

Da fiel Allans Blick nach einer Weile wieder gegen die Türe: Strom
stand immer noch still wartend, den Hut in der Hand.

»Sie sind noch da?«

»Ich warte auf Sie, Allan,« erwiderte der bleiche Strom bescheiden und
bestimmt.

Plötzlich drang eine Wolke von Rauch ins Zimmer und mit dem Rauch
erschien ein Offizier der Wehr mit einem weißen Helm auf dem Kopf. Er
hustete und rief: »Kelly schickt mich. In fünf Minuten können Sie nicht
mehr aufs Dach, Herr Allan!«

»Ich brauche gerade noch fünf Minuten,« antwortete Allan und fuhr fort,
Papiere aufzuraffen.

In diesem Augenblick wurde das Knipsen eines photographischen Apparates
hörbar, und als sie sich umdrehten, sahen sie einen Photographen, der
Allan aufs Korn genommen hatte.

Der Offizier mit dem weißen Helm wurde vor Erstaunen einen Schritt
zurückgeworfen.

»Wie kommen Sie hierher?« fragte er verblüfft.

Der Photograph knipste den verblüfften Offizier. »Ich bin hinter Ihnen
hergeklettert,« antwortete er.

Allan mußte trotz seiner Niedergeschlagenheit laut auflachen. »Lion,
Schluß, drehe ab! Nun, kommen Sie!«

Ohne einen Blick in sein Arbeitszimmer zurückzuwerfen ging er durch die
Türe.

Der Korridor war eine dicke, finstere Masse von ätzendem Qualm. Es war
höchste Zeit. Unter unausgesetzten Zurufen erreichten sie die schmale
Eisentreppe und das Dach, auf dem an drei Seiten graue Rauchmauern in
die Höhe wirbelten und die Aussicht benahmen.

Sie kamen gerade in dem Augenblick oben an, als der Glasdom einstürzte
und sich in der Mitte des Daches ein Krater öffnete, der Rauch,
Funkenregen, Feuerklumpen und brennende Papierfetzen ausspie. Dieser
Anblick war so entsetzlich, daß Lion laut zu jammern anfing.

Der Photograph aber war verschwunden. Er photographierte den Krater. Er
richtete die Linse über New York, hinunter in die Straßenschluchten,
auf die Gruppe auf dem Dach. Er geriet in eine Raserei zu
photographieren, so daß der Offizier sich schließlich gezwungen sah,
ihn am Kragen zu packen und zur Leiter zu schleppen.

»~Stop, you fool!~« schrie der Offizier wütend.

»Was sagen Sie: ~fool~?« antwortete der Photograph entrüstet. »Dafür
werden Sie bezahlen. Ich kann hier photographieren, solange ich will.
Sie haben gar kein Recht --«

»~Now shut up and go on!~« schrie der Offizier.

»Was sagen Sie: ~shut up~? Auch dafür werden Sie bezahlen. Mein Name
ist Harrisson vom Herald. Sie hören von mir.«

»Meine Herren, haben Sie Handschuhe? Das Fleisch bleibt Ihnen an den
eisernen Leitern hängen.«

Der Offizier befahl dem Photographen, als erster abzusteigen.

Aber der Photograph wollte gerade den Abstieg aufnehmen und
protestierte.

»Vorwärts,« sagte Allan. »Verlassen Sie das Dach. Machen Sie keine
Dummheiten!«

Der Photograph warf den Riemen über die Schulter und stieg über die
Brüstung.

»Sie haben ja allein das Recht, mich von Ihrem Dach zu weisen, Herr
Allan,« sagte er tief gekränkt, während er langsam versank. Und als
nur noch sein Kopf sichtbar war, fügte er hinzu: »Aber daß Sie von
Dummheiten reden, das bedaure ich, Herr Allan. Von Ihnen hätte ich das
nicht erwartet.«

Nach dem Photographen stieg Lion ein, der ängstlich unter sich blickte,
dann Strom, hierauf Allan und den Schluß machte der Offizier.

Sie hatten acht Stockwerke abzusteigen, rund hundert Sprossen. Der
Rauch war hier gering, aber weiter unten waren die Sprossen so dick mit
Eis bedeckt, daß man sie kaum mehr greifen konnte. Unaufhörlich stieb
Wasser über sie, das augenblicklich zu Körnern auf den Kleidern und im
Gesicht gefror.

Dächer und Fenster der Nachbarschaft waren von Neugierigen punktiert,
die dem Abstieg zusahen, der gefährlicher aussah, als er war.

Sie kamen alle wohlbehalten auf dem Dach der Mercantile Safe Co. an,
und hier erwartete sie schon der Photograph und kurbelte.

Das Dach sah einem Gletscher ähnlich und ein kleiner spitzer Eisberg
näherte sich Allan. Das war der Kommandeur Kelly. Zwischen den beiden,
alten Bekannten, wurden folgende Worte gewechselt, die am selben Abend
noch in allen Zeitungen standen.

Kelly: »~I am glad I got you down, Mac!~«

Allan: »~Thanks, Bill!~«



12.


Bei diesem Riesenbrande, einem der größten Brände New Yorks, verloren
wunderbarerweise nur sechs Menschen das Leben: Joshua Gilmor,
Kassendiener, mit Kassierer Reichhardt und Kassenvorstand Webster
in der Stahlkammer vom Feuer überrascht. Die Schutzgitter werden
durchsägt, gesprengt, Reichhardt und Webster gerettet. Als man Gilmor
herausziehen will, verschüttet eine Lawine von Schutt und Eis das
Gitter. Gilmor fror am Gitter fest.

Die Architekten Capelli und O'Brien. Springen vom 15. Stock ab und
zerspritzen auf der Straße. Feuerwehrmann Riwet, vor dessen Füßen sie
zerschellen, erleidet einen Nervenchok und stirbt drei Tage später am
Schrecken.

Commander Day. Von einem einstürzenden Fußboden des dritten Stockwerkes
mit in die Tiefe gerissen und vom Schutt erschlagen.

Der Groom Sin, Chinese. Bei den Aufräumungsarbeiten in einem Eisklumpen
eingeschlossen aufgefunden. Zum nicht geringen Entsetzen aller kommt,
als man den Klumpen zerschlägt, der fünfzehnjährige Chinese in seinem
hübschen blauen Frack zum Vorschein, die Mütze mit den Lettern ~A. T.
S.~ auf dem Kopf.

Heldenhaft war die Handlungsweise des Maschinisten Jim Buttler. Buttler
drang in das brennende Gebäude ein und löschte die acht Kesselfeuer
in voller Gemütsruhe, während über ihm das Feuer tobte. Er verhütete
eine Kesselexplosion, die verhängnisvoll hätte werden können. Jim tat
seine Pflicht und verlangte kein Lob. Aber er war nicht so töricht, das
Angebot eines Managers zurückzuweisen, der ihn bei einer Monatsgage
von 2000 Dollar durch ganz Amerika schleppte und ihn in ~concerthalls~
auftreten ließ.

Drei Monate lang sang Buttler jeden Abend sein kleines Lied:

    »Ich bin Jim, der Maschinist vom ~A. T. S.~
    »Die Flammen brausen über mir,
    »Ich aber sage: Jim, lösch deine Feuer ...«

New York war erfüllt von Feuerlärm und Brandgeruch.

Während sich noch der Qualm des Brandes über Downtown wälzte und
verkohlte Papierstücke aus dem grauen Himmel herabregneten, brachten
die Zeitungen das brennende Building, Kellys kämpfende Bataillone, die
Bildnisse der beim Brand Verunglückten, den Abstieg Allans und seiner
Begleiter.

Das Syndikat wurde totgesagt. Der Brand war eine Einäscherung erster
Klasse. Der Schade war trotz der Versicherungen enorm. Verhängnisvoller
aber war die Unordnung, die der rasende Pöbel und das Feuer angerichtet
hatten. Millionen von Briefen, Quittungen und Plänen waren zerstört.
Nach dem amerikanischen Gesetz müssen Generalversammlungen am ersten
Dienstag des Jahres abgehalten werden. Der Dienstag fiel vier Tage nach
dem Brand, und das Syndikat erklärte an diesem Tage den Konkurs.

Das war das Ende.

Noch am Abend der Konkurserklärung sammelte sich vor dem
Central-Park-Hotel, in dem Allan Wohnung genommen hatte, eine Rotte
von Gesindel an und pfiff und johlte. Der Manager fürchtete für seine
Fensterscheiben und legte Allan Briefe vor, in denen man drohte, das
Hotel auffliegen zu lassen, wenn es Allan noch länger beherberge.

Mit einem bitteren, verächtlichen Lächeln gab Allan die Briefe zurück.
»Ich verstehe!« Er siedelte unter fremdem Namen ins Palace über. Am
nächsten Tage aber mußte er auch das Palace wieder verlassen. Drei Tage
später nahm ihn kein Hotel in New York mehr auf! Dieselben Hotels, die
früher jeden regierenden Fürsten an die Luft gesetzt haben würden, wenn
Allan die Zimmer gewünscht hätte, verschlossen ihm die Tür.

Allan war gezwungen New York zu verlassen. Nach Mac City konnte er
nicht übersiedeln, da man gedroht hatte, die Tunnel-Stadt in Brand zu
stecken, sobald er sich dort sehen lasse. So fuhr er mit dem Nachtzug
nach Buffalo. Die Mac Allanschen Steel Works wurden polizeilich
bewacht. Allans Anwesenheit konnte indessen nicht lange geheim bleiben.
Man drohte die Steel Works in die Luft zu sprengen. Um Geld zu schaffen
hatte Allan die Werke bis auf den letzten Nagel an Mrs. Brown, jene
reiche Wucherin, verpfändet. Sie waren nicht mehr sein Eigentum und er
durfte sie nicht in Gefahr bringen.

Er ging nach Chicago. Aber auch in Chicago gab es Hunderttausende,
die am Tunnel Geld verloren hatten. Man vertrieb ihn auch hier. Die
Fensterscheiben des Hotels wurden in der Nacht eingeschossen.

Allan war in Acht und Bann. Noch vor kurzer Zeit war er einer der
mächtigsten Männer der Welt, von allen Souveränen mit Auszeichnungen
überschüttet, Ehrendoktor einer großen Anzahl von Hochschulen,
Ehrenmitglied aller bedeutenden Akademien und wissenschaftlichen
Gesellschaften. Jahrelang hatte man ihm zugejubelt und zuweilen nahm
die Begeisterung Formen an, die an den Personenkultus früherer Zeiten
erinnerte. Kam Allan zufällig einmal in einen Hotelsaal, so schrie
sofort irgendeine begeisterte Stimme: »Mac Allan ist im Saal! ~Three
cheers for Mac~!« Eine Meute von Journalisten und Photographen war ihm
Tag und Nacht auf den Fersen gewesen. Er konnte kein Wort sprechen,
keine Bewegung machen, ohne daß es die Öffentlichkeit hörte und sah.

Nach der Katastrophe hatte man ihn gedeckt. Es handelte sich ja nur um
dreitausend Menschenleben! Nun aber handelte es sich um _Geld_, die
Öffentlichkeit war ins Herz getroffen und zeigte ihm ihr geschliffenes
Gebiß.

Allan hatte dem Volk Millionen und Milliarden gestohlen! Allan
hatte für sein irrsinniges Projekt die Sparpfennige des kleinen
Mannes geplündert! Allan war nicht mehr und nicht weniger als ein
Highway-robber, ein Wegelagerer! Er und der saubere S. Woolf! Er
hatte ja die ganze Tunnelfarce lediglich zu dem Zweck inszeniert,
seinem Allanit einen Riesenabsatz zu schaffen -- jährlich eine Million
Dollar Reingewinn! Sieh dir heute die Allanschen Steel Works in
Buffalo an, ~my dear~: eine Stadt! Und gewiß hatte Allan sein Geld in
Sicherheit gebracht, bevor es zu krachen begann! Jeder Liftboy und
Trambahnkutscher schrie so laut, wie man es nur immer wollte, daß Mac
der größte Gauner aller Zeiten war!

Im Anfang gab es noch einzelne Zeitungen, die Allans Partei ergriffen.
Aber es regnete Drohungen und nicht mißzuverstehende Winke in die
Redaktionen -- und was mehr war: niemand kaufte diese Zeitungen mehr!
Ja, Tod und Teufel, man wollte doch nicht lesen, was man persönlich
nicht dachte und noch dafür bezahlen! Und die Zeitungen, die sich
verritten hatten, schwenkten ab und suchten aufzuholen. Es fehlte
S. Woolf, der ruhmlos Hinabgestiegene, dem die Gabe verliehen war,
Trinkgelder von richtiger Höhe in die richtige Hand zu drücken.

Allan tauchte in verschiedenen Städten auf, aber immer mußte er wieder
verschwinden. Er war der Gast Vanderstyffts in Ohio, aber siehe da,
einige Tage später gingen drei Speicher von Vanderstyffts Musterfarm in
Flammen auf. Die Prediger in den Betsälen nützten die Konjunktur aus
und nannten Allan den Antichrist und machten gute Geschäfte dabei.
Niemand wagte es mehr, Allan aufzunehmen. Auf Vanderstyffts Farm
erreichte ihn ein Telegramm Ethel Lloyds.

»~My dear Mr. Allan,~« depeschierte Ethel, »Papa bittet Sie, auf unserm
Gut Turtle-River, Manitoba, Wohnung zu nehmen, so lange Sie wollen.
Pa würde sich sehr freuen, wenn Sie sein Gast wären. Sie können dort
Forellen fischen und finden gute Pferde vor. Besonders Teddy empfehle
ich Ihnen. Wir kommen im Sommer zu Ihnen. New York fängt schon an
ruhiger zu werden. ~Well, I hope you have a good time. Yours truly
Ethel Lloyd.~«

In Kanada fand Allan endlich Ruhe. Niemand kannte seinen Aufenthalt. Er
war verschollen. Einige Zeitungen, die von sensationellen Lügen lebten,
brachten die Aufsehen erregende Nachricht, daß er sich getötet habe.

»Der Tunnel verschlingt Mac Allan!«

Aber jene, die ihn kannten und wußten, daß er sechs Leben habe wie der
Hai, prophezeiten, daß er bald wieder auftauchen werde. Und in der Tat
kehrte er früher nach New York zurück, als jemand geahnt hatte.

Der Zusammenbruch des Syndikats hatte noch Hunderte mit in die Tiefe
gerissen. Viele Privatleute und Firmen, die der erste Stoß erschüttert
hatte, hätten sich zu behaupten vermocht, wenn man ihnen ein paar
Wochen Frist gegeben haben würde. Der zweite Stoß rannte sie nieder.
Im großen und ganzen aber waren die Folgen des Bankrotts weniger
verderbenbringend, als man befürchtet hatte. Der Bankrott kam nicht
unerwartet. Sodann: die allgemeine Lage war so schlecht, daß sie kaum
noch schlechter werden konnte. Es war die traurigste und elendeste Zeit
seit hundert Jahren. Die Welt war um zwanzig Jahre in ihrer Entwicklung
zurückgeworfen worden. Der Streik begann abzuflauen, aber Handel,
Verkehr, Industrie lagen noch immer in einer tiefen Ohnmacht. Bis
hinauf nach Alaska, bis hinein in die Berge des Baikal und die Wälder
am Kongo war die Betäubung gedrungen. Auf dem Missouri-Mississippi,
dem Amazonenstrom, der Wolga, dem Kongo lagen Flotten von Dampfern und
Leichtern ohne Leben.

Die Asyle für Obdachlose waren überfüllt, ganze Stadtviertel in den
großen Städten verarmt. Jammer, Hunger und Elend überall.

Es war Torheit zu behaupten, Allan habe diese Lage verschuldet.
Wirtschaftliche Krisen aller Art spielten herein. Aber man behauptete
es. Die Zeitungen hörten nicht auf, Allan anzuklagen. Sie schrien Tag
und Nacht, daß er dem Volk mit falschen Vorspiegelungen das Geld aus
der Tasche gelockt habe. Nach siebenjähriger Bauzeit sei noch nicht ein
Drittel des Tunnels vollendet! Niemals, niemals habe er daran geglaubt,
den Bau in fünfzehn Jahren bewältigen zu können, und das Volk schamlos
belogen!

Endlich, Mitte Februar, erschien in den Zeitungen ein Steckbrief hinter
Mac Allan, Erbauer des Atlantic-Tunnels. Allan wurde angeklagt, das
öffentliche Vertrauen bewußt getäuscht zu haben.

Drei Tage später hallte New York wider von dem Geheul der
Zeitungsverkäufer: »Mac Allan in New York! Stellt sich dem Gericht!«

Die Konkursverwaltung des Syndikats bot eine ungeheure Kaution, ebenso
Lloyd, aber Allan wies beide Angebote zurück. Er blieb in den »Tombs«,
im Untersuchungsgefängnis der Franklinstreet. Täglich empfing er auf
einige Stunden Strom, in dessen Hände er die Verwaltung des Tunnels
gelegt hatte und konferierte mit ihm.

Strom hatte mit keiner Miene, keinem Wort sein Bedauern darüber
ausgedrückt, daß Allan in diese mißliche Lage gekommen sei, nicht mit
einem Lächeln seine Freude, ihn wiederzusehen. Er referierte, nichts
sonst.

Allan war angestrengt tätig, so daß ihm die Zeit nicht lang wurde.
Er speicherte ein Depot an Gehirn auf, das sich später (später!) in
Muskelkraft umsetzen sollte. Während seiner Internierung in den »Tombs«
arbeitete er die Baumethode für die einstollige Fortführung des Tunnels
aus. Außer Strom empfing er nur seine Verteidiger, sonst niemand.

Ethel Lloyd ließ sich einmal bei ihm melden, aber er wies sie ab.

Der Prozeß Allans begann am 3. April. Schon Wochen vorher war jeder
einzelne Platz des Verhandlungssaales belegt. Man bezahlte Unsummen für
die Vermittlung eines Platzes. Es kamen die frechsten und schamlosesten
Durchstechereien vor. Besonders die Damen gebärdeten sich wie toll: sie
alle wollten sehen, wie _Ethel Lloyd sich benehmen würde_!

Den Vorsitz führte der gefürchtetste Richter von New York, Doktor
Seymour.

Mac Allan standen die vier ersten Verteidiger der Staaten zur Seite,
Boyer, Winsor, Cohen und Smith.

Der Prozeß dauerte drei Wochen, und drei Wochen lang befand sich
Amerika in ungeheurer Erregung und Spannung. Der Prozeß war die
minuziöse Geschichte der Gründung des Syndikats, der Finanzierung, des
Baus und der Verwaltung des Tunnels. Auch sämtliche Unfälle und die
Oktober-Katastrophe wurden ausführlich erörtert. Die Damen, die bei der
Vorlesung vollendeter Dichtungen einschlafen, blieben bei all diesen
Einzelheiten, die niemand verstehen konnte, der nicht mit der Materie
genau vertraut war, gespenstisch wach.

Ethel Lloyd fehlte keine Stunde. Während der ganzen Dauer der
Verhandlung saß sie, aufmerksam lauschend, fast ohne Bewegung in ihrem
Sessel.

Allan erregte große Sensation und auch einige Enttäuschung. Man hatte
erwartet, ihn, auf dem das Schicksal herumhämmerte, gebrochen und müde
zu sehen, um ihn bemitleiden zu können. Aber Allan dankte, er sah genau
aus wie früher. Gesund, kupferhaarig, breitschulterig, genau dieselbe
Art, scheinbar zerstreut und gleichgültig zuzuhören. Er sprach dasselbe
breite, langsame, wortkarge westliche Amerikanisch, das zuweilen noch
an den Pferdejungen von Uncle Tom erinnerte.

Großes Aufsehen erregte auch Hobby, der als Zeuge zugezogen worden war.
Sein Anblick, seine hilflose Art zu sprechen, erschütterten. War dieser
Greis Hobby, der auf einem Elefanten durch den Broadway ritt?

Allan brach sich selbst das Genick. Zum größten Schrecken seiner vier
Verteidiger, die seinen Freispruch schon beschworen hatten.

Der Angelpunkt des ganzen Prozesses war natürlich die von Allan
angegebene Bauzeit von fünfzehn Jahren. Und am siebzehnten Tage des
Prozesses tastete sich Doktor Seymour vorsichtig an diesen heiklen
Punkt heran.

Nach einer kurzen Pause begann er ganz harmlos: »Sie verpflichteten
sich, den Tunnel im Laufe von fünfzehn Jahren zu bauen, also nach
Ablauf der fünfzehn Jahre die ersten Züge laufen zu lassen?«

Allan: »Ja.«

Doktor Seymour, leichthin, dabei rügend ins Publikum blickend: »Waren
Sie _überzeugt_, den Bau in dieser Zeit fertigstellen zu können?«

Alle Welt erwartete nun, Allan würde die Frage bejahen. Allan aber tat
es nicht. Seine vier Verteidiger rührte nahezu der Schlag, als er den
Fehler beging, die Wahrheit zu sagen.

Allan erwiderte: »_Überzeugt_ war ich nicht. Aber ich hoffte unter
_günstigen_ Verhältnissen den Termin einhalten zu können.«

Doktor Seymour: »Rechneten Sie mit diesen _günstigen_ Verhältnissen?«

Allan: »Ich war natürlich auf die eine oder andere Schwierigkeit
gefaßt. Der Bau konnte unter Umständen zwei, drei Jahre länger dauern.«

Doktor Seymour: »Also waren Sie _überzeugt_, den Bau nicht in fünfzehn
Jahren fertigstellen zu können?«

Allan: »Das sagte ich nicht. Ich sagte, ich hoffte es, wenn alles gut
ging.«

Doktor Seymour: »Sie gaben den Termin von fünfzehn Jahren an, um das
Projekt leichter starten zu können?«

Allan: »Ja.«

(Die Verteidiger saßen wie Leichname.)

Doktor Seymour: »Ihre Wahrheitsliebe macht Ihnen alle Ehre, Herr Allan.«

Mac sagte die Wahrheit und hatte sich die Konsequenzen selbst
zuzuschreiben.

Doktor Seymour begann sein »~summing-up~«. Er sprach von zwei Uhr
nachmittags bis zwei Uhr nachts. Die Damen, die bleich vor Zorn werden,
wenn sie in einem Geschäft fünf Minuten warten müssen, hielten bis zum
Schluß aus. Er rollte das ganze schaurige Panorama von Unheil auf, das
der Tunnel in die Welt gebracht hatte: Katastrophe, Streik, Bankrotte.
Er behauptete, zwei Menschen wie Mac Allan seien imstande, die ganze
wirtschaftliche Welt zu ruinieren. Allan sah ihn erstaunt an.

Am nächsten Tag um neun Uhr morgens begannen die Plädoyers der
Verteidiger, die bis spät in die Nacht währten. Die Verteidiger legten
sich flach über den Tisch und streichelten die Geschworenen unter dem
Kinn ...

Dann kam der Tag der größten Spannung. Tausende von Menschen umdrängten
das Gerichtsgebäude. Sie alle hatten durch Allan zwanzig, hundert,
tausend Dollar verloren. Sie verlangten ihr Opfer und sie bekamen es.

Die Geschworenen wagten es gar nicht, Allans Schuld zu verneinen. Sie
hatten keine Lust, mit einer Dynamitbombe in die Höhe zu gehen oder auf
der Treppe ihres Hauses niedergeschossen zu werden. Sie sprachen Allan
der bewußten Irreführung des Publikums, kurz des Betruges schuldig.
Wiederum fehlte S. Woolf, der ruhmlos Hinabgestiegene, dessen Hände
golden abfärbten.

Das Urteil lautete auf sechs Jahre drei Monate Gefängnis.

Es war eines jener amerikanischen Urteile, die Europa nicht fassen
kann. Es war unter dem Druck des Volkes und der momentanen Lage
gegeben. Auch politische Motive spielten herein. Die Wahlen standen
bevor und die republikanische Regierung wollte der demokratischen
Partei schmeicheln. Allan hörte das Urteil mit ruhiger Miene an und
legte sofort Revision ein.

Das Auditorium aber war einige Minuten völlig erstarrt.

Dann aber sagte eine empörte, bebende Frauenstimme: »Es gibt keine
Gerechtigkeit mehr in den Staaten. Die Richter und Geschworenen sind
von den Schiffahrtsgesellschaften bestochen!«

Das war Ethel Lloyd. Diese Bemerkung kostete sie ein kleines Vermögen
und dazu zehntausend Dollar für Anwälte. Und da sie während ihres
Prozesses, der enormes Aufsehen erregte, den Gerichtshof abermals
beleidigte, bekam sie drei Tage Haft wegen Ungebühr. Ethel Lloyd
bezahlte aber freiwillig keinen Pfennig. Sie ließ sich pfänden. Und
zwar übergab sie dem Gerichtsvollzieher zwei Paar Handschuhe mit
Brillantknöpfen.

»Bin ich mehr schuldig?« fragte sie.

»Nein, danke,« antwortete der Beamte und zog mit den Handschuhen ab.

Als aber die Zeit herankam, da Ethel ins Loch wandern sollte, hatte
sie keine Lust. Drei Tage ~jail~? ~No, Sir!~ Sie riß aus an Bord ihrer
Dampfjacht »Goldkarpfen« und kreuzte in zwanzig Meilen Entfernung von
der Küste, wo ihr niemand etwas anhaben konnte. Stündlich sprach sie
funkentelegraphisch mit ihrem Vater. Die Funkenstationen der Zeitungen
fingen alle Gespräche ab und New York amüsierte sich acht Tage lang.
Der alte Lloyd lachte Tränen über seine Tochter und vergötterte sie
noch mehr. Da er aber ohne Ethel nicht leben konnte, so bat er sie
schließlich zurückzukehren. Er sei nicht wohl. Sofort richtete Ethel
den Bug des »Goldkarpfens« gegen New York, und hier fiel sie prompt in
die Hände der Gerechtigkeit.

Ethel brummte drei Tage und die Zeitungen zählten die Stunden bis zu
ihrer Befreiung. Ethel kam lachend heraus und wurde von einem Park von
Automobilen empfangen und im Triumph nach Hause gebracht.

Unterdessen aber saß Allan im Staatsgefängnis von Atlanta. Er verlor
nicht den Mut, denn er nahm das Urteil nicht ernst.

Im Juni nahm die Revision des Prozesses ihren Anfang.

Der Riesenprozeß wurde abermals aufgerollt. Das Urteil aber blieb
unangetastet und Allan kehrte nach Atlanta zurück.

Die Sache Allan ging an den Supreme Court. Und nach drei weiteren
Monaten wurde der letzte Prozeß geführt. Es wurde Ernst und ging um
Allans Hals.

Die finanzielle Krise war unterdessen abgeflaut. Handel, Verkehr,
Industrie begannen sich zu erholen. Das Volk hatte seinen fanatischen
Haß verloren. Aus hundert Anzeichen merkte man, daß jemand an der
Arbeit war, Allans Sache zu ordnen. Man behauptete, es sei Ethel
Lloyd. Die Zeitungen brachten günstiger gefärbte Artikel. Die
Geschworenen waren ganz anders zusammengesetzt.

Allans Aussehen befremdete, als er vor dem Supreme Court erschien.
Seine Gesichtsfarbe war fahl und ungesund, seine Stirn von tiefen
Falten durchfurcht, die auch blieben, wenn er sprach. Er war grau
geworden an den Schläfen und stark abgemagert. Der Glanz seiner Augen
war erloschen. Zuweilen schien er ganz teilnahmlos.

Die Aufregungen der letzten Monate, die Prozesse hatten ihn nicht
niederwerfen können. Aber die Haft in Atlanta hatten seine Gesundheit
untergraben. Ausgeschaltet vom Leben und von Aktivität mußte ein Mann
wie Allan zugrunde gehen; wie eine Maschine zusammensackt, wenn sie zu
lange stillsteht. Er wurde ruhelos und schlief schlecht. Entsetzliche
Träume bekamen Gewalt über ihn, so daß er sich am Morgen gemartert
erhob. Der Tunnel verfolgte ihn mit Schrecknissen. Es donnerte in
seinen Träumen und das Weltmeer brach in die Stollen und Tausende
trieben wie ertrunkene Tiere zu den Tunnelmündungen hinaus. Der Tunnel
saugte wie ein Trichter: er verschlang Maschinenhallen und Häuser, die
Tunnelstadt glitt in den Schlund hinein, Dampfer, Wasser und Erde, New
York begann sich zu neigen und zu sinken. New York brannte lichterloh
und er flüchtete über die Dächer der zusammenschmelzenden Stadt. Er
sah S. Woolf in drei Teile geschnitten und alle drei Teile lebten und
flehten ihn um Gnade an.

Der Supreme Court sprach Allan frei. Der Freispruch wurde mit großem
Jubel aufgenommen. Ethel Lloyd schwenkte das Taschentuch wie eine
Fahne. Allan mußte unter Bedeckung zu seinem Wagen gebracht werden, da
man ihn in Stücke gerissen hätte, um ein Andenken zu haben. Die Straßen
rings um das Gebäude hallten wider: »Mac Allan! Mac Allan!«

Der Wind blies wieder aus der andern Richtung.

Allan aber hatte nur noch einen Gedanken, den er mit dem letzten Rest
von Energie verfolgte: Einsamkeit, keine Menschen ...

Er begab sich nach Mac City.



Sechster Teil



1.


Der Tunnel war tot.

Ein Schritt hallte weithin in den öden Stollen und eine Stimme
rumorte wie in einem Keller. In den Stationen sangen gleichmäßig
still Tag und Nacht die Maschinen, von schweigsamen, verbitterten
Ingenieuren bedient. Vereinzelte Züge klirrten hinein, hinaus. Nur
in der submarinen Schlucht wühlten noch immer die Arbeiter der
Pittsburg Refining and Smelting Co. Die Tunnelstadt war verödet,
verstaubt und ausgestorben. Die Luft, die sonst wetterte vom Mahlen
der Betonmischmaschinen und Hämmern der Züge, war still, die Erde
zitterte nicht mehr. Im Hafen lagen Reihen von toten Dampfern. Die
Maschinenhallen, die früher wie Feenpaläste glitzerten, lagen bis auf
einzelne in der Nacht schwarz wie Ruinen und ohne Leben. Das Blinkfeuer
des Hafens war erloschen.

Allan bewohnte das fünfte Stockwerk des Bürogebäudes. Seine Fenster
gingen auf ein Meer von Geleisen hinaus, die sich leer und staubbedeckt
hinzogen. In den ersten Wochen verließ er das Haus überhaupt nicht.
Dann verbrachte er einige Wochen in den Stollen. Er verkehrte mit
niemand außer Strom. Freunde hatte er nicht in Mac City. Hobby
hatte schon lange sein Landhaus verlassen. Er hatte seinen Beruf
aufgegeben und eine Farm in Maine gekauft. Im November hatte Allan
eine dreistündige Besprechung mit dem alten Lloyd, die seine
letzten Hoffnungen vernichtete. Entmutigt und bitter ging er noch am
gleichen Tage mit einem Dampfer des Syndikats in See. Er besuchte die
ozeanischen und europäischen Stationen und die Zeitungen brachten
kurze Notizen darüber. Aber niemand las sie. Mac Allan war tot wie der
Tunnel, neue Namen blendeten über der Welt.

Als er im Frühjahr nach Mac City zurückkehrte, kümmerte sich kein
Mensch darum. Nur Ethel Lloyd!

Ethel wartete einige Wochen auf seinen Besuch bei ihrem Vater. Als
er aber nichts von sich hören ließ, schrieb sie ihm ein kurzes,
freundliches Billett: Sie habe erfahren, daß er wieder hier sei. Pa und
sie würden sich sehr freuen, wenn er sie gelegentlich besuche. Tausend
Grüße!

Allein Allan antwortete nicht.

Ethel war erstaunt und gekränkt. Sie ließ den ersten Detektiv New Yorks
zu sich kommen und gab ihm den Auftrag, augenblicklich Informationen
über Allan einzuziehen. Am nächsten Tag erstattete ihr der Detektiv
Bericht: Allan arbeite Tag für Tag im Tunnel. Zwischen sieben Uhr
und zwölf Uhr abends kehre er gewöhnlich zurück. Er lebe vollkommen
abgeschlossen von der Welt und habe seit seiner Rückkehr keinen
Menschen vorgelassen. Der Weg zu ihm führe über Strom, und Strom sei
unerbittlicher als ein Gefängnisschließer.

Am gleichen Tage noch erschien Ethel gegen Abend in der toten
Tunnelstadt, um sich bei Allan melden zu lassen. Man sagte ihr, sie
möge sich an Herrn Strom wenden. Ethel, die damit rechnete, hatte schon
ihre Vorbereitungen getroffen. Mit diesem Herrn Strom wollte sie schon
fertig werden! Sie hatte Strom bei Allans Prozeß gesehen. Sie haßte und
bewunderte ihn zu gleicher Zeit. Sie verabscheute seine unmenschliche
Kälte und Menschenverachtung, aber sie bewunderte seinen Mut. Heute
würde er auf Ethel Lloyd stoßen! Sie hatte sich ausgesucht gekleidet,
Pelz aus sibirischem Silberfuchs, Fuchskopf und Pranken auf der Mütze.
Sie setzte ihre verführerischste und siegreichste Miene auf, überzeugt,
Strom augenblicklich zu blenden.

»Ich habe die Ehre, Herrn Strom zu sprechen?« begann sie mit ihrer
einschmeichelndsten Stimme. »Mein Name ist Ethel Lloyd. Ich möchte
gerne Herrn Allan besuchen.«

Strom aber verzog keine Miene. Weder ihr allmächtiger Name, noch der
Silberfuchs, noch ihre schönen lächelnden Lippen machten auf ihn den
geringsten Eindruck. Ethel hatte das demütigende Gefühl, daß ihr Besuch
ihn tödlich langweile.

»Herr Allan ist im Tunnel, Fräulein Lloyd!« sagte er kühl. Sein Blick
und die Frechheit, mit der er log, empörten Ethel und sie legte
augenblicklich ihre liebenswürdige Maske ab und wurde bleich vor Zorn.

»Sie sind ein Lügner!« antwortete sie mit einem leisen, empörten
Lachen. »Man hat mir soeben gesagt, daß er hier sei.«

Strom regte sich nicht auf. »Ich kann Sie nicht zwingen, mir zu
glauben, leben Sie wohl!« entgegnete er. Das war alles.

So etwas hatte Ethel Lloyd noch nie erlebt. Bebend und blaß vor Wut
erwiderte sie: »Sie werden noch an mich denken, mein Herr! Bis heute
hat es noch niemand gewagt, mich so unverschämt zu behandeln! Eines
Tages werde ich, Ethel Lloyd, _Ihnen_ die Türe weisen! Hören Sie!«

»Ich werde dann weniger Worte machen als Sie, Fräulein Lloyd,«
erwiderte Strom kühl.

Ethel sah in seine eisigen Glasaugen und sein totes Gesicht. Sie hatte
Lust, ihm geradeheraus zu sagen, daß er kein Gentleman sei, aber sie
beherrschte sich und schwieg. Sie warf ihm ihren verächtlichsten Blick
zu (ein Blick, guter Gott!) und ging.

Und während sie mit Tränen der Wut in den Augen die Treppe hinabstieg,
dachte sie: >Er ist ja auch wahnsinnig geworden, dieser Basilisk! Alle
machte der Tunnel wahnsinnig, Hobby, Allan -- sie brauchen nur ein paar
Jahre dabei zu sein.<

Ethel weinte vor Zorn und Enttäuschung, als sie in ihrem Wagen nach New
York zurückfuhr. Sie hatte sich vorgenommen gehabt, alle ihre Künste
gegen diesen Strom, hinter den sich Allan verschanzte, spielen zu
lassen, aber sein unverschämt kalter Blick hatte sofort ihre Überlegung
weggefegt. Sie weinte aus Wut über ihre schlechte Taktik. »Nun, dieser
Patron wird an Ethel Lloyd denken!« sagte sie rachsüchtig und lachte
zornig. »Ich werde den ganzen Tunnel kaufen, nur um diesen Burschen
hinauswerfen zu können. ~Just wait a little!~«

Bei Tisch saß sie an diesem Abend blaß und schweigsam ihrem Vater
gegenüber.

»Reichen Sie Herrn Lloyd die Sauciere!« herrschte sie den Diener an.
»Sehen Sie denn nicht?«

Und der Diener, der Ethels Launen recht wohl kannte, kam ihrem Befehl
nach und wagte keine Miene zu verziehen.

Der alte Lloyd blickte scheu in die kalten, herrischen Augen seiner
schönen Tochter.

Ethel ließ sich durch Hindernisse nicht abschrecken. Sie hatte ihr Auge
auf Allan geworfen. Sie hatte sich vorgenommen, ihn zu sprechen, und
sie schwor sich es zu tun, koste es, was es wolle. Um keinen Preis der
Welt aber hätte sie sich noch einmal an Strom gewandt. Sie verabscheute
ihn! Und sie war überzeugt, auch ohne diesen Strom, der kein Gentleman
war, ihr Ziel zu erreichen.

An den folgenden Abenden war der alte Lloyd in die üble Lage versetzt,
allein speisen zu müssen. Ethel ließ sich entschuldigen. Sie fuhr jeden
Tag um vier Uhr nachmittags nach Mac City und kam um halb elf Uhr mit
dem Abendzuge zurück. Von sechs bis neun Uhr aber wartete sie in einem
Mietsautomobil, das sie von New York nach Mac City beordert hatte, zehn
Schritte vom Haupteingang des Bürogebäudes entfernt. Eingehüllt in
Pelze saß sie im Wagen, zitternd vor Frost, eigentümlich abenteuerlich
erregt und gedemütigt durch die Rolle, die sie spielte, und spähte
durch die gefrorenen Scheiben, in die sie von Zeit zu Zeit Löcher
hauchen mußte. Trotz einiger Bogenlampen, die gleißende Höhlen in die
Nacht rissen, war es draußen tiefdunkel und nur das wirre Netz der
Geleise schimmerte matt. So oft sich etwas regte und jemand kam, machte
Ethel ihre Augen ganz scharf und ihr Herz pochte.

Am dritten Abend sah sie Allan zum erstenmal. Er kam mit einem Herrn
quer über die Trassen und sie erkannte ihn augenblicklich am Gang. Der
Herr aber, der ihn begleitete, war Strom. Ethel verwünschte ihn! Die
beiden gingen ganz nahe am Auto vorüber und Strom wandte das Gesicht
gegen das glitzernde, vereiste Fenster. Ethel bildete sich ein, daß er
erraten habe, wer im Wagen saß, und sie fürchtete schon, er werde Allan
auf das Automobil aufmerksam machen. Allein Strom ging weiter, ohne ein
Wort an Allan zu richten.

Ein paar Tage darauf kam Allan schon um sieben Uhr aus dem Tunnel
zurück. Er sprang von einem langsam fahrenden Zug ab und stieg ohne
Hast über die Geleise. Immer näher kam er, still und nachdenklich ging
er seiner Wege. Gerade als er den Fuß auf die Stufen des Eingangs
setzte, öffnete Ethel den Schlag des Autos und rief seinen Namen.

Allan blieb einen Moment stehen und sah sich um. Dann machte er Miene,
die Stufen hinaufzusteigen.

»Allan!« rief Ethel nochmals und eilte näher.

Allan wandte sich ihr zu und forschte mit einem raschen Blick unter
ihrem Schleier.

Er trug einen weiten braunen Mantel, ein Halstuch und hohe Stiefel, die
voller Schmutz waren. Sein Gesicht war mager und hart. Eine Weile sahen
sie einander schweigend an.

»Ethel Lloyd?« fragte Allan langsam, mit tiefer gleichgültiger Stimme.

Ethel wurde verlegen. Sie hatte Allans Stimme nur undeutlich in der
Erinnerung gehabt und nun erkannte sie seine Stimme wieder. Sie
zögerte, den Schleier hochzunehmen, da sie fühlte, daß sie rot geworden
war.

»Ja,« sagte sie unsicher, »ich bin es,« und schob den Schleier in die
Höhe.

Allan sah sie mit ernsten, klaren Augen an. »Was tun Sie hier?« fragte
er.

Aber da fand Ethel ihre Fassung. Sie sah ein, daß ihre Sache verloren
wäre, wenn sie in dieser Sekunde nicht den richtigen Ton träfe. Und sie
traf ihn, instinktiv. Sie lachte so froh und herzlich wie ein Kind und
sagte: »Es fehlte gerade noch, daß Sie mich auszankten, Allan! Ich habe
mit Ihnen zu sprechen und da Sie niemand vorlassen, habe ich Ihnen zwei
Stunden lang in diesem Wagen aufgelauert.«

Allans Blick änderte sich nicht. Aber seine Stimme klang nicht
unfreundlich, als er sie bat einzutreten.

Ethel atmete auf. Der gefährliche Augenblick war vorüber. Sie fühlte
sich froh und leicht und glücklich, als sie den Lift betrat.

»Ich habe Ihnen geschrieben, Allan?« sagte sie lächelnd.

Allan sah sie nicht an. »Ja, ja, ich weiß,« erwiderte er zerstreut und
blickte zu Boden, »aber, offen gestanden, hatte ich damals --« Und
Allan murmelte etwas, was sie nicht verstand. Im gleichen Augenblick
hielt auch der Lift. Lion öffnete die Tür zu Allans Wohnung. Ethel tat
sehr erfreut und überrascht, Lion wiederzusehen.

»Da ist ja unser alter Lion!« rief sie aus und streckte dem alten,
dünnen Chinesen wie einem lieben Bekannten die Hand hin. »Wie geht es,
Lion?«

»~Thank you~,« wisperte der verblüffte Lion kaum hörbar und verbeugte
sich schlürfend.

Allan bat Ethel, ihn einen Augenblick zu entschuldigen, und Lion führte
sie in ein großes, wohlgeheiztes Zimmer und entfernte sich sofort
wieder. Ethel knöpfte den Mantel auf und zog die Handschuhe aus. Das
Zimmer machte einen nüchternen und geschmacklosen Eindruck. Offenbar
hatte Allan die Möbel telephonisch bei einem Warenhaus bestellt und das
Arrangement einem Tapezierer überlassen. Dazu kam, daß die Vorhänge
gerade abgenommen waren und man die Fensterstöcke nackt erblickte,
schwarze Rechtecke mit drei, vier kalt glitzernden Sternen darin. Nach
geraumer Weile kam Lion wieder und servierte Tee und Toast. Dann trat
Allan ein. Er hatte sich umgekleidet und die hohen Stiefel mit Schuhen
vertauscht.

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Fräulein Lloyd,« sagte er ernst und
ruhig und nahm in einem Sessel Platz. »Wie geht es Herrn Lloyd?« Und
Ethel sah an seinem Gesicht, daß er sie _nicht brauchte_.

»Vater geht es gut, danke,« antwortete sie zerstreut. Sie konnte nun
Allan deutlich sehen. Er war stark ergraut und sah um Jahre gealtert
aus. Seine scharf gewordenen Züge waren vollkommen bewegungslos,
steinern, voll verborgener Verbitterung und stummem Trotz. Seine
Augen waren kalt, ohne Leben und erlaubten dem Blick nicht, in sie
einzudringen.

Ethel hätte nun, wenn sie überlegt gehandelt hätte, vorerst ein
belangloses Gespräch mit Allan geführt, um ihn und sich selbst mit der
Situation nach und nach vertraut zu machen. Sie hatte es sich auch
vorgenommen, sie wollte sogar über Strom Klage führen, aber als sie
Allan so verändert, fremd und abweisend vor sich sah, ließ sie sich von
ihrem Impuls fortreißen. Ihr Herz sagte ihr, daß es eine Möglichkeit
geben müsse, Allan zu packen und festzuhalten.

Und augenblicklich schlug sie einen herzlichen und vertrauten Ton an,
als seien sie früher die allerbesten Freunde gewesen. »Allan!« sagte
sie mit einem leuchtenden Blick ihrer blauen Augen und streckte ihm
die Hand hin. »Sie können nicht wissen, wie sehr ich mich freue, Sie
wiederzusehen!« Sie hatte Mühe, ihre Erregung zu verbergen.

Allan gab ihr die Hand, die rauh und hart geworden war. Er lächelte ein
wenig, aber in seinen Augen stand eine leise, gutmütige Verachtung für
diese Art weiblicher Sympathie.

Ethel kümmerte sich nicht darum. Sie war nun nicht mehr einzuschüchtern.

Sie sah Allan an und schüttelte den Kopf. »Sie sehen nicht gut aus,
Allan,« fuhr sie fort. »Das Leben, das Sie gegenwärtig führen, ist
nichts für Sie. Ich begreife recht wohl, daß Sie für einige Zeit Ruhe
und Abgeschlossenheit nötig hatten, aber ich glaube nicht, daß es für
Sie auf die Dauer gut ist. Seien Sie nicht böse, daß ich Ihnen das
sage. Sie brauchen Ihre Arbeit -- der _Tunnel_ fehlt Ihnen! Nichts
sonst!«

Sie traf die Wahrheit, sie traf Allan mitten ins Herz. Allan saß da
und starrte Ethel an. Er erwiderte kein Wort und machte auch nicht den
geringsten Versuch, sie zu unterbrechen.

Ethel hatte ihn überrumpelt und sie nützte seine Verblüfftheit nach
Kräften aus. Sie sprach nun so rasch und erregt, daß es überhaupt
unmöglich gewesen wäre, ihr, ohne unhöflich zu werden, ins Wort zu
fallen. Sie machte ihm Vorwürfe, daß er sich selbst von seinen Freunden
völlig zurückgezogen habe, daß er sich in dieser toten Stadt vergrabe;
sie schilderte ihm ihr Erlebnis mit Strom, sie sprach von Lloyd, von
New York, von Bekannten und kam immer wieder auf den Tunnel zurück. Wer
sollte denn den Tunnel vollenden, wenn nicht er? Wem würde die Welt
diese Aufgabe anvertrauen? Und ganz abgesehen von all dem, sie wolle
es ihm offen heraussagen: er würde zugrunde gehen, wenn er die Arbeit
nicht bald wieder aufnähme ...

Allans graue Augen waren dunkel und düster geworden, soviel Gram,
Schmerz, Bitterkeit und Verlangen hatte Ethel in ihm aufgewühlt.

»Weshalb sagen Sie mir all das?« fragte er, und ein unwilliger Blick
traf Ethel.

»Ich habe gar kein Recht, Ihnen das zu sagen, das weiß ich wohl,«
antwortete sie, »wenn nicht etwa das Recht einer Freundin oder
Bekannten. Aber ich sage Ihnen das, weil --« Jedoch Ethel konnte keinen
Grund angeben und fuhr fort: »Ich mache Ihnen nur Vorwürfe, daß Sie
sich in diesem gräßlichen Zimmer hier vergraben, anstatt Himmel und
Hölle in Bewegung zu setzen und den Tunnel fertig zu bauen.«

Allan schüttelte nachsichtig den Kopf und lächelte resigniert.
»Fräulein Lloyd,« entgegnete er, »Sie werden mir vollkommen
unverständlich. Ich habe ja Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und
ich versuche noch täglich das Mögliche. Vorläufig ist an die Aufnahme
der Arbeit nicht zu denken.«

»Warum nicht?«

Allan sah sie erstaunt an. »Wir haben kein Geld,« sagte er kurz.

»Wer soll aber Geld schaffen können, wenn nicht _Sie_?« versetzte
Ethel rasch, mit einem leisen Lachen. »Solange Sie sich hier
einsperren, wird Ihnen allerdings niemand Geld geben.«

Allan wurde des Gesprächs müde. »Ich habe alles versucht,« erwiderte er
und Ethel hörte am Ton seiner Stimme, daß sie ihm lästig wurde.

Sie griff nach den Handschuhen, und während sie in den linken Handschuh
schlüpfte, fragte sie: »Haben Sie auch mit Papa gesprochen?«

Allan nickte und wich ihrem Blick aus.

»Mit Herrn Lloyd? Gewiß!« entgegnete er.

»Nun, und?«

»Herr Lloyd machte mir nicht die geringsten Hoffnungen mehr!« erwiderte
er und sah Ethel an.

Ethel lachte, ihr leichtes, kindliches Lachen.

»Wann,« sagte sie, »Allan, wann war das?«

Allan dachte nach. »Das war im verflossenen Herbst.«

»Ja, im Herbst!« fuhr Ethel fort und tat erstaunt. »Papas Hände waren
damals gebunden. Jetzt liegt die Sache ganz anders --« und Ethel Lloyd
feuerte nun ihre Breitseite ab -- »Papa hat mir gesagt: ich würde
vielleicht den Bau übernehmen. Aber ich kann natürlich nicht an Allan
herantreten. Allan müßte zu mir kommen.« Das sagte sie ganz leichthin.

Allan saß still und in sich versunken da. Er erwiderte gar nichts.
Ethel hatte ihm mit dieser Eröffnung Feuer ins Herz geworfen. Das
Blut stieg ihm ins Gesicht. Plötzlich hörte er den donnernden Gang
der Arbeit in seinen Ohren. Sollte es möglich sein? Lloyd --? Seine
Erregung war so mächtig, daß er aufstehen mußte.

Er schwieg eine Weile. Dann sah er zu Ethel hin. Sie knöpfte ihre
Handschuhe zu und dieses Geschäft schien ihre ganze Aufmerksamkeit in
Anspruch genommen zu haben.

Ethel stand auf und lächelte Allan zu. »Papa hat mir allerdings nicht
den Auftrag gegeben, Ihnen das zu sagen, Allan. Er darf nie erfahren,
daß ich hier war,« sagte sie leiser und streckte ihm die Hand hin.

Allan sah sie mit einem dankbaren, warmen Blick an. »Es war in der
Tat sehr liebenswürdig von Ihnen mich aufzusuchen, Fräulein Lloyd!«
entgegnete er und drückte ihr die Hand.

Ethel lachte leise. »Bitte,« sagte sie, »ich hatte in diesen Tagen
nichts zu tun und da dachte ich, ich will doch sehen, was Allan treibt.
~Good bye!~« Und Ethel ging.



2.


An diesem Abend war Ethel während des Diners in so vorzüglicher Laune,
daß dem alten Lloyd das Herz aufging. Und nach Tisch schlang sie die
Arme um seinen Nacken und sagte: »Hat mein kleiner, lieber Pa morgen
vormittag Zeit, mit mir eine wichtige Sache zu besprechen?«

»Heute noch, wenn du willst, Ethel.«

»Nein, morgen. Und will mein lieber, kleiner Pa alles tun, worum seine
Ethel ihn bitten wird?«

»Wenn es mir möglich ist, mein Kind?«

»Es ist dir möglich, Pa!«

Am nächsten Tage erhielt Allan eine eigenhändig geschriebene, äußerst
freundschaftlich gehaltene Einladung von Lloyd, die deutlich Ethels
Diktion verriet.

»Wir werden ganz unter uns sein,« schrieb Lloyd, »nur wir drei.«

Allan fand Lloyd in vorzüglicher Laune. Er war noch mehr eingeschrumpft
und Allan gewann den Eindruck, als ob er anfange, etwas kindisch
zu werden. So hatte er Allans Besuch im vorigen Herbst vollkommen
vergessen. Er erzählte ihm wiederum alle Einzelheiten von Ethels
Prozessen und lachte Tränen, als er schilderte, wie Ethel der Behörde
ein Schnippchen schlug und auf dem Meere herumsegelte. Er schwatzte
über all die neuen Dinge, die im Laufe des Herbstes und Winters
geschaffen worden waren, über Skandale und Wahlen. Trotzdem sein
Gehirn zu verfallen begann, war er noch lebhaft, voller Interesse für
alles Neue, listig und bauernschlau. Allan plauderte zerstreut, denn
er war zu sehr mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Indessen fand er
keine Gelegenheit, die Sprache auf den Tunnel zu bringen. Lloyd legte
ihm Pläne zu Sternwarten vor, die er verschiedenen Nationen schenken
wollte, und als Allan gerade im Begriff stand, überzulenken auf das,
was ihm am Herzen lag, meldete der Diener, daß Miß Lloyd die Herren zum
Diner erwarte.

Ethel war gekleidet wie zu einem Hofball. Sie blendete. Alles an ihr
war Glanz, Frische, Hoheit. Ohne die entstellende, wuchernde Flechte
auf dem Kinn wäre sie die erste Schönheit New Yorks gewesen. Allan war
merkwürdig überrascht, als er sie sah. Denn er hatte nie gesehen, wie
schön sie war. Noch mehr aber verblüffte ihn das schauspielerische
Talent, das sie bei der Begrüßung entfaltete.

»Da sind Sie ja, Allan!« rief sie aus und sah Allan mit strahlenden,
aufrichtigen, blauen Augen an. »Wie lange haben wir uns nicht gesehen!
Wo in aller Welt steckten Sie nur die ganze Zeit?«

Lloyd sagte rügend: »Ethel, sei nicht so neugierig!«

Und Ethel lachte! Bei Tisch war sie in prächtigster Laune.

Sie speisten an einem großen, runden Mahagonitisch, der zwei Meter im
Durchmesser maß und den Ethel selbst täglich mit Blumen schmückte.
Lloyds Kopf erschien grotesk, wie ein brauner Mumienschädel, zwischen
den Bergen von Blüten. Ethel war unausgesetzt um den Vater bemüht. Er
durfte nur essen, was sie ihm erlaubte, und lachte kindisch, wenn sie
ihm etwas verweigerte. Alles, was ihm schmeckte, hatten ihm die Ärzte
verboten.

Sein Gesicht verzerrte sich vor Vergnügen, als ihm Ethel etwas
Hummermayonnaise vorlegte.

»Heute wollen wir nicht so streng sein, Dad,« sagte sie, »weil Herr
Allan zu Gast ist.«

»Kommen Sie recht oft, Allan,« gluckste Lloyd. »Sie behandelt mich
besser, wenn Sie hier sind.«

Bei jeder Gelegenheit, die sich bot, gab Ethel Allan zu verstehen, wie
erfreut sie über seinen Besuch sei.

Nach Tisch nahmen sie den Kaffee in einem hohen Saal, der einem
Palmenhaus ähnlich sah. In einem kolossalen echten Renaissancekamin,
einem wundervollen, kostbaren Werk, glühten täuschend nachgeahmte große
Buchenscheite. Irgendwo plätscherte ein unsichtbarer Springbrunnen. Es
war hier so dunkel, daß man einander nur in den Umrissen sah. Lloyd
mußte seine entzündeten Augen schonen.

»Singe uns etwas, Kind,« sagte Lloyd und rauchte eine große, schwarze
Zigarre an. Diese Zigarren wurden speziell für ihn in Havanna
angefertigt und waren der einzige Luxus, den er sich erlaubte.

Ethel schüttelte den Kopf. »Nein, Dad, Allan liebt Musik nicht.«

Der braune Mumienschädel Lloyds wandte sich Allan zu. »Sie lieben Musik
nicht?«

»Ich habe kein Gehör dafür,« erwiderte Allan.

Lloyd nickte. »Wie sollten Sie auch?« begann er mit der bedächtigen
Wichtigkeit des Greises. »Sie haben zu _denken_ und brauchen keine
Musik. Bei mir war es früher genau so. Aber als ich älter wurde und
sich bei mir das Bedürfnis zu _träumen_ einstellte, da liebte ich sie
plötzlich. Musik ist nur für Kinder, Frauen und schwache Köpfe --«

»Pfui, Vater!« rief Ethel aus ihrem Schaukelstuhl.

»Ich genieße das Privilegium des Alters, Allan,« fuhr Lloyd schwatzhaft
fort. »Übrigens hat mich Ethel für die Musik erzogen -- meine kleine
Ethel, die nun dasitzt und über ihren Vater lacht!«

»Ist Papa nicht lieb?« warf Ethel ein und sah Allan an.

Dann -- nach einem kleinen, hitzigen Geplänkel zwischen Vater und
Tochter, wobei Lloyd jämmerlich geschlagen wurde -- begann Lloyd ganz
von selbst vom Tunnel zu sprechen.

»Wie geht es mit dem Tunnel, Allan?«

Aus all seinen Fragen war deutlich zu erkennen, daß Ethel mit dem Vater
vorher alles besprochen hatte und Lloyd es ihm leicht machen wollte,
»an ihn heranzutreten«.

»Die Deutschen wollen nun eine regelmäßige Luftschiffverbindung
einrichten,« sagte Lloyd. »Sie sollten sehen, daß es bald wieder
vorwärts geht, Allan!«

Der Augenblick war gekommen. Und Allan sagte klar und laut: »Geben Sie
mir Ihren Namen, Herr Lloyd, und ich beginne morgen!«

Darauf erwiderte Lloyd bedächtig: »Ich wollte Ihnen schon lange
Vorschläge machen, Allan. Ich dachte sogar daran, Ihnen ein Wort in
diesem Sinne zu schreiben, als Sie verreist waren. Ethel aber sagte
>Warte, bis Allan selbst zu dir kommt<. Sie erlaubte es nicht!«

Und Lloyd gluckste triumphierend, Ethel einen Hieb versetzt zu haben.
Unvermittelt aber zeigte sich in seinem Gesicht ein Ausdruck der
größten Bestürzung, denn Ethel schlug plötzlich empört mit der flachen
Hand auf die Lehne des Sessels, stand auf, bleich bis in die Mundwinkel
und rief mit blitzenden Augen: »Vater! Wie konntest du es wagen, so
etwas zu sagen!«

Sie warf die Schleppe herum und ging und schlug die Türe so heftig zu,
daß der Saal bebte.

Allan saß fahl und stumm: Lloyd hatte sie verraten!

Lloyd aber drehte bestürzt den Kopf hin und her.

»Was tat ich ihr denn?« stammelte er. »Es war ja nur ein Scherz! Es
war gar nicht so gemeint. Was sagte ich denn Schlimmes? O, wie böse
sie werden kann!« Er faßte sich und gab sich Mühe, wieder heiter und
zuversichtlich zu erscheinen. »Nun, sie wird ja wiederkommen,« sagte
er ruhiger. »Sie hat das beste Herz der Welt, Allan! Aber sie ist
unberechenbar und launisch, ganz wie ihre Mutter es war. Aber, sehen
Sie, nach einer Weile, da kommt sie dann zurück und kniet neben mir und
streichelt mich und sagt: >Verzeih, Pa, ich habe heute einen schlechten
Tag!<«

Ethels Stuhl schaukelte noch immer. Es war ganz still. Der unsichtbare
Springbrunnen rieselte und gluckste. Auf der Straße tuteten die
Automobile wie Dampfer im Nebel.

Lloyd blickte auf Allan, der schweigend dasaß, dann sah er nach der
Türe und lauschte. Nach einer Weile klingelte er dem Diener.

»Wo ist Miß Lloyd?« fragte er.

»Miß Lloyd ist auf ihre Zimmer gegangen!«

Lloyd senkte den Kopf. »Dann sehen wir sie heute nicht mehr, Allan,«
sagte er nach einer Weile leise und niedergeschlagen. »Dann sehe ich
sie auch morgen nicht! Und ein Tag ohne Ethel ist verloren für mich.
Ich habe nichts als Ethel!«

Lloyd schüttelte den kleinen, kahlen Kopf und konnte sich nicht
beruhigen. »Versprechen Sie mir morgen wiederzukommen, Allan, damit wir
Ethel besänftigen. Wer versteht so ein Mädchen? Wenn ich nur wüßte, was
ich Schlimmes getan habe?«

Lloyd sprach in traurigem Ton. Er war aufs tiefste niedergeschlagen.
Dann schwieg er und sah mit geneigtem Kopf vor sich hin. Er machte den
Eindruck eines unglücklichen, verzweifelten Menschen.

Nach einer Weile erhob sich Allan und bat Lloyd, ihn zu entschuldigen.

»Auch Ihnen ist die Laune verdorben durch meine Albernheit,« sagte
Lloyd und nickte und gab Allan die kleine Hand, die weich war wie die
eines Mädchens. »Sie hatte sich so gefreut, daß Sie kamen! Sie war in
so prächtiger Laune! Den ganzen Tag nannte sie mich Dad!«

Und Lloyd blieb allein in dem halbdunkeln Palmensaal sitzen, ganz
klein in dem großen Raum, und starrte vor sich hin. Er war ein alter,
verlassener Mann.

Unterdessen aber zerriß Ethel vor Zorn und Scham in ihrem Zimmer ein
halbes Dutzend Taschentücher und stieß unzusammenhängende Vorwürfe
gegen ihren Vater heraus. »Wie konnte Vater das sagen ... wie konnte er
nur ... was soll Allan jetzt von mir denken ...«

Allan hüllte sich in den Mantel und verließ das Haus. Auf der Straße
wartete Lloyds Automobil, aber er lehnte es ab. Er ging langsam die
Avenue hinab. Es schneite, der Schnee fiel in lautlosen, weichen
Flocken und Allans Schritt war unhörbar auf dem Schneeteppich.

Allan hatte ein bitteres, erstarrtes Lächeln auf den Lippen. Er hatte
verstanden! Sein Wesen war schlicht und offen und er dachte selten
über die Motive seiner Mitmenschen nach. Er hatte keine Leidenschaften
und so verstand er die Leidenschaften anderer nicht. Er war ohne
Raffinement und so vermutete er nicht Intrigen und Raffinement bei den
andern.

Er hatte nichts Besonderes darin gefunden, daß Ethel ihn in der
Tunnelstadt aufgesucht hatte. Sie hatte ja vor Jahren viel in seinem
Hause verkehrt und war mit ihm befreundet. Einen Freundschaftsdienst
hatte er darin erblickt, daß sie zu ihm kam und ihm verriet, daß Lloyd
zur Hilfe bereit sei. Nun aber durchschaute er Ethel plötzlich! Ihr
persönlich sollte er zu Dank verpflichtet sein! Er sollte den Eindruck
gewinnen, als ob sie, Ethel, ihren Vater zu großen finanziellen
Wagnissen überredet hätte. Mit einem Wort, von Ethel Lloyd sollte
es abhängen, ob er weiterbauen könne oder nicht -- aber Ethel Lloyd
stellte ihre Bedingungen! Er selbst war der Preis! Ethel wollte ihn!
Aber, bei Gott, Ethel kannte ihn nicht!

Allans Schritt wurde immer langsamer. Es war ihm, als versinke er in
Schnee, Nacht, Bitterkeit und Enttäuschung. Seine letzte Hoffnung war
Lloyd gewesen. Unter diesen Umständen aber war nicht daran zu denken!
Elend war seine letzte Hoffnung heute abend zugrunde gegangen ...

Am nächsten Morgen erhielt er ein Telegramm von Lloyd, worin ihn der
alte Mann dringend bat, zum Abendessen zu kommen. »Ich werde Ethel
bitten, mit uns zu speisen und ich bin sicher, sie wird nicht nein
sagen. Ich habe sie heute noch nicht gesehen,« telegraphierte Lloyd.

Allan depeschierte zurück, daß er diesen Abend unmöglich kommen könne,
da große Mengen Wassers im Nordstollen eingebrochen seien. Das war die
Wahrheit, aber seine Anwesenheit wäre keineswegs notwendig gewesen.

Tag um Tag war er in den toten Stollen und sein Herz hing an der
Finsternis da drinnen. Die Untätigkeit, zu der er gezwungen war, fraß
wie ein Gram in ihm.

Etwa acht Tage später, an einem klaren Wintertag, kam Ethel Lloyd nach
Mac City.

Sie kam in Allans Büro, gerade als er mit Strom konferierte. Sie
war ganz in schneeweißen Pelz gehüllt und sah frisch und strahlend
aus. »Hallo, Allan!« begann sie ohne Umschweife, als sei gar nichts
vorgefallen. »Wie reizend, daß ich Sie antreffe! Papa schickt mich, ich
soll Sie abholen!« Sie ignorierte Strom vollständig.

»Herr Strom!« sagte Allan, von Ethels Sicherheit und Ungeniertheit
verblüfft.

»Ich hatte schon die Ehre!« murmelte Strom, verbeugte sich und ging.

Ethel nahm nicht die geringste Notiz davon.

»Ja,« fuhr sie heiter fort, »ich komme um Sie mitzunehmen, Allan. Heute
abend konzertieren die Philharmoniker und Papa bittet Sie, mit uns ins
Konzert zu kommen. Mein Auto steht unten.«

Allan blickte ruhig in ihre Augen.

»Ich habe noch zu arbeiten, Fräulein Lloyd,« sagte er.

Ethel prüfte seinen Blick und tat betrübt.

»Mein Gott, Allan,« rief sie aus, »ich sehe, Sie zürnen mir noch wegen
neulich! Ich war gewiß unartig, aber hören Sie, war es denn nett von
Pa, so etwas zu sagen? Ganz als ob ich gegen Sie intrigierte? -- Nun,
Pa sagte, ich solle Sie unbedingt heute mitbringen. Wenn Sie noch zu
tun haben, kann ich ja warten. Das Wetter ist herrlich und ich fahre
unterdessen spazieren. Aber ich darf doch auf Sie rechnen? Ich werde Pa
sofort telephonieren ...«

Allan wollte absagen. Aber als er in Ethels Augen blickte, wußte
er, daß diese Absage ihren Stolz tödlich verletzen würde und damit
seine Hoffnungen für immer begraben wären. Aber auch zu einer Zusage
konnte er sich nicht entschließen und so antwortete er ausweichend:
»Vielleicht, ich kann das jetzt noch nicht sagen.«

»Bis sechs Uhr aber können Sie sich wohl entscheiden?« fragte Ethel
freundlich und bescheiden.

»Ich denke. Aber ich glaube nicht, daß es mir möglich sein wird.«

»Adieu, Allan!« rief Ethel heiter. »Ich werde um sechs anfragen und ich
hoffe, Glück zu haben.«

Punkt sechs stand Ethel wieder vor dem Hause.

Allan bedauerte und Ethel fuhr ab.



3.


Allan hatte die Brücken hinter sich abgebrochen.

Trotz der Hoffnungslosigkeit der Situation entschloß er sich aber,
noch einen letzten Versuch zu machen. Er wandte sich an die Regierung,
was er schon früher, ohne Erfolg, getan hatte. Er blieb drei Wochen
in Washington und war Gast des Präsidenten. Der Präsident gab ihm ein
Diner und man erwies ihm Achtung und Respekt wie einem abgesetzten
Monarchen. Allein an eine Beteiligung am Tunnel konnte die Regierung
vorläufig nicht denken.

Hierauf versuchte es Allan ein letztes Mal mit den Banken und
den Finanzgroßmächten. Gleich erfolglos. Einzelne Banken und
Großkapitalisten gaben ihm aber zu verstehen, daß sie sich eventuell
beteiligen würden, wenn Lloyd vorangehe. So kam Allan wiederum zu Lloyd
zurück.

Lloyd nahm ihn sehr freundlich auf. Er empfing ihn in seinem stillen
Arbeitszimmer. Er sprach mit ihm über die Börse und den Weltmarkt,
schilderte ihm haarklein das Petroleum, den Stahl, Zucker, die
Baumwolle und die Frachtsätze. Eine unerhörte Baisse nach einer
unerhörten Hausse. Die Welt war immer noch um zehn Jahre in ihrer
wirtschaftlichen Entwicklung zurück, so verzweifelt sie auch aufzuholen
versuchte.

Sobald es Allan möglich war, Lloyd zu unterbrechen, ging er geradeswegs
auf sein Ziel los. Er schilderte ihm die Haltung der Regierung und
Lloyd lauschte mit geneigtem Kopf.

»Das ist alles richtig! Man hat Ihnen nichts vorgeflunkert, Allan. Sie
können ja schließlich noch drei bis fünf Jahre warten.«

Allans Gesicht zuckte. »Ich kann das unmöglich!« rief er. »Drei bis
fünf Jahre! Ich habe meine Hoffnung auf Sie gesetzt, Herr Lloyd!«

Lloyd wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. »Es geht nicht!« sagte
er dann bestimmt und preßte die Lippen zusammen.

Sie schwiegen. Es war zu Ende.

Als Allan sich aber verabschieden wollte, bat ihn Lloyd, zum Diner zu
bleiben. Allan war unentschlossen -- aber es war ihm nicht möglich,
Lloyd jetzt zu verlassen. Trotzdem es vollkommen unsinnig war, log er
sich noch immer eine leise Hoffnung vor.

»Ethel wird vor Überraschung sprachlos sein! Sie ahnt ja nicht, daß Sie
hier sind!«

»Ethel -- Ethel ...« Nun, da Lloyd einmal den Namen seines Abgotts
genannt hatte, konnte er von nichts anderem mehr sprechen. Er schüttete
Allan sein Herz aus.

»Denken Sie,« sagte er, »Ethel war vierzehn Tage mit der Jacht fort,
gerade als das Wetter so schlecht war. Nun hatte ich den Telegraphisten
bestochen -- ja, bestochen, denn so muß ich es bei Ethel machen --
aber er telegraphierte nicht. Ethel hatte mich durchschaut. Sie ist in
schlechter Laune und wir haben uns wieder gezankt. Jeder Tag aber, da
ich Ethel nicht sehe, ist für mich eine Qual. Ich sitze und warte auf
sie. Ich bin ein alter Mann, Allan, und habe nichts als meine Tochter!«

Ethel war äußerst verwundert, als sie Allan plötzlich eintreten sah.
Sie runzelte die Stirn, aber dann ging sie ihm rasch entgegen und gab
ihm erfreut die Hand, während sie leicht errötete.

»Sie sind hier, Allan! Wie schön! -- Ich war nicht gut zu sprechen auf
Sie -- viele Wochen lang, das muß ich Ihnen sagen, wenn ich ehrlich
sein soll.«

Lloyd kicherte. Er wußte, daß Ethel nun wieder besser gelaunt sein
würde.

»Ich konnte damals nicht mit ins Konzert kommen.«

»Allan, Sie lügen doch nicht? Höre doch, Pa, wie Allan lügt. Er wollte
nicht! Sie wollten nicht, Allan. Sagen Sie es offen.«

»Nun -- ich wollte nicht.«

Lloyd machte ein erschrockenes Gesicht. Er fürchtete ein Ungewitter.
Ethel konnte einen Teller zerschlagen und aus dem Zimmer laufen. Er war
erstaunt, als Ethel nur lachte.

»Siehst du, Pa, so ist Allan! Er sagt stets die Wahrheit.«

Und Ethel war den ganzen Abend fröhlich und liebenswürdig.

»Hören Sie aber nun, Allan, mein Freund!« sagte sie, als sie sich
trennten. »Ein zweites Mal dürfen Sie nicht so häßlich zu mir sein --
ich würde es Ihnen nicht mehr verzeihen.«

»Ich werde mir alle Mühe geben!« antwortete Allan scherzhaft.

Ethel sah ihn an. Der Ton, in dem er dies sagte, gefiel ihr nicht. Aber
sie verriet sich nicht und sagte lächelnd: »Nun, ich werde sehen.«

Allan stieg in Lloyds Wagen und hüllte sich in den Mantel. Er sann vor
sich hin und sagte: »Der alte Lloyd wird _nichts_ ohne sie tun -- und
_alles_ für sie.«

Einige Abende später betrat Allan mit Ethel die Loge Lloyds im
Madison-Square-Palast.

Sie traten während des Konzerts ein und ihr Eintreten erregte solch
großes Aufsehen, daß die Egmont-Ouvertüre fast vollkommen verloren
ging.

»Ethel Lloyd und -- Mac Allan!!«

Ethels Robe repräsentierte ein Vermögen. Sie hatte die Phantasie der
drei ersten Bekleidungskünstler New Yorks angepeitscht. Die Robe war
ein Gewebe aus Silberstickerei und Hermelin und brachte ihren Hals und
Nacken herrlich zur Geltung. Im Haar trug sie einen Schopf Reiherfedern
an einer sprühenden Brillantagraffe.

Sie waren allein. Denn Ethel hatte es fertiggebracht, Lloyd, der schon
fürs Konzert angekleidet war, im letzten Augenblick zu bestimmen, zu
Hause zu bleiben, da er nicht wohl aussähe. Sie hatte ihn ~»my dear
little dad and pa«~ genannt, ~»my honey-father«~, so daß Lloyd in
seiner Affenliebe überglücklich war, drei Stunden im Sessel auf seine
Tochter zu warten.

Ethel wollte, daß man sie allein mit Allan sah, und sie wollte, daß die
Loge erleuchtet war. In der Pause richteten sich alle Gläser auf die
Loge und Stimmen wurden laut: »Mac Allan! -- Mac Allan!«

Allans Glanz kam in dem Augenblick zurück, da er sich an der Seite
einer Milliardärin zeigte. Er zog sich beschämt tiefer in die Loge
zurück.

Ethel aber wandte sich an ihn mit einem intimen Lächeln, das nicht
mißzuverstehen war, und dann beugte sie sich über die Brüstung und
zeigte ihre schönen Zähne und ihr schönes Lächeln und kassierte den
Triumph ein.

Allan überstand diese Szene nur mit Anspannung all seiner Kräfte. Er
dachte an jenen Abend, da er mit Maud in der Loge gegenüber saß und
darauf wartete, daß Lloyd ihn zu sich rief. Er erinnerte sich deutlich
an Mauds transparentes rosiges Ohr und ihre vor Erregung geröteten
Wangen, an den verträumten Blick, mit dem sie vor sich hinsah. Und
ebenso deutlich erinnerte er sich an die Stimme Ethels, als sie ihm zum
erstenmal die Hand reichte und sagte: »~How do you do, Mr. Allen?~« Er
fragte sich in Gedanken: Würdest du wünschen, daß Lloyd damals nicht
gekommen wäre, daß man den Tunnel niemals begonnen hätte? -- Und er
entsetzte sich über sich selbst, als sein Inneres antwortete: Nein! --
Selbst für Maud und Edith würde er nicht sein Werk hingeben.

Schon am nächsten Tage stiegen die Tunnelpapiere um sieben Prozent!
Eine unverschämte Zeitung brachte am Morgen die Notiz, daß Ethel Lloyd
sich im nächsten Monat mit Mac Allan verloben würde.

Am Mittag brachte eine andere Zeitung Ethels Dementi.

Miß Lloyd erklärte: »Der Mann, der diese Nachricht verbreitete, ist der
größte Lügner der Welt. Ich bin eine gute Freundin Mac Allans. Das ist
die Wahrheit, und ich bin stolz darauf.«

Aber die Zeitungsschreiber lagen im Hinterhalt. Nach einigen Wochen
ging die mit durchsichtigen Anspielungen gespickte Notiz durch die
Blätter, daß Mac Allan wieder nach New York übergesiedelt sei.

Das entsprach der Wahrheit, hatte aber nicht das geringste mit Allans
Beziehungen zu Ethel Lloyd zu tun. Allan richtete sich im Gebäude der
Tunnelstation Hoboken ein. Dieses Gebäude war noch im Bau und wurde
nach Hobbys Entwürfen ausgeführt. Es bestand aus einem Mittelbau von
dreißig Stockwerken bei einer Front von fünfzig Fenstern, den zu
beiden Seiten zehn Fenster breite Türme von fünfundzwanzig Stockwerken
flankierten. Mittelbau und Türme ruhten auf kolossalen Bogen, die
direkt in die Bahnhofhalle führten. Die Türme waren mit dem breiten
Mittelbau durch zwei Brückenpaare verbunden. Zur Abwechslung sollte das
Gebäude Säulen auf den Dächern tragen, lustige Dachgärten-Arkaden.

Das Gebäude war bis zum sechsten Stockwerk fertig -- und oben das
dreißigste und neunundzwanzigste. Dazwischen ragte das wirre
Gitterwerk der Eisenkonstruktion, in dem am Tage winzige Menschen
kletterten und hämmerten.

Allan bewohnte das erste Stockwerk, direkt über dem großen Mittelbogen
der Halle. Er hatte seinen Arbeitsraum in den großen Restaurationssaal
verlegt, der einen herrlichen Ausblick auf den Hudson und die
Wasserfront New Yorks gewährte.

Ethel hatte es sich nicht nehmen lassen, einiges zur Ausschmückung des
ungastlichen Riesensaales beizutragen, dessen bloßer Anblick einen
Menschen melancholisch machen mußte. Sie hatte Wagenladungen von
Zimmerpflanzen aus ihren Treibhäusern in Massachusetts kommen lassen.
Sie hatte persönlich Ballen von Teppichen im Auto herübergebracht.

Das Aussehen Allans mißfiel ihr. Seine Hautfarbe war fahl und ungesund.
Er ergraute rasch. Er schlief schlecht und aß wenig.

Ethel schickte ihm einen Koch ihres Vaters, einen französischen
Künstler, der aus dem Aussehen eines Menschen auf den Speisezettel
schließen konnte, der ihm zusagte. Sie erklärte ferner, daß ihm nichts
mehr nötig sei als frische Luft, da die Stollen sein Blut vergiftet
hätten. Ohne viele Worte zu machen, erschien sie jeden Tag Punkt sechs
Uhr mit ihrem elfenbeingelben Car und fuhr Allan genau eine Stunde
spazieren. Allan ließ sie gewähren. Sie wechselten auf der Spazierfahrt
zuweilen kein Wort.

Das Gerücht von der baldigen Verlobung tauchte wieder und wieder in
den Zeitungen auf. Die Folge davon war, daß die Papiere des Syndikats
zu steigen begannen. (Lloyd hatte in aller Stille für zehn Millionen
Dollar aufkaufen lassen, als man die Aktien nahezu umsonst bekam, und
verdiente jetzt schon ein Vermögen!)

Die Papiere der schweren Industrie zogen an. In allen Dingen -- den
kleinsten -- zeigte sich eine Besserung. Der bloße Umstand, daß Ethels
Car jeden Tag um sechs Uhr vor Hoboken-Station stand, beeinflußte die
_Weltbörse_.

Allan war der Komödie, die ihn peinigte und beschämte, überdrüssig und
beschloß zu handeln.

Bei einer Spazierfahrt machte er Ethel einen Antrag.

Ethel aber lachte belustigt und sah Allan mit großen, erstaunten Augen
an. »Sprechen Sie keinen Unsinn, Allan!« rief sie aus.

Allan stand auf und klopfte dem Chauffeur. Er war totenbleich.

»Was wollen Sie, Allan?« fragte Ethel erschrocken und ungläubig und
wurde rot. »Wir sind dreißig Meilen von New York!«

»Das ist ganz einerlei!« antwortete Allan brüsk und stieg aus. Er ging
ohne jeden Gruß.

Allan wanderte ein paar Stunden durch Felder und Wälder, knirschend
vor Grimm und Beschämung. Es war aus mit dieser Intrigantin! Aus! Nie
mehr, nie mehr in seinem Leben würde sie sein Gesicht sehen! Der Teufel
mochte sie holen ...

Schließlich stieß er auf eine Bahnstation und fuhr nach Hoboken zurück.
Mitten in der Nacht kam er an. Er bestellte sofort sein Auto und begab
sich nach Mac City.

Tagelang lebte er im Tunnel. Er wollte weder Menschen noch das Licht
sehen.



4.


Ethel Lloyd machte einen Trip mit ihrer Jacht und blieb acht Tage auf
See. Sie hatte Vanderstyfft eingeladen und quälte ihn, daß er nahezu
über Bord ging und heilige Eide leistete, Ethels Wege fortan nicht mehr
zu kreuzen.

Nach New York zurückgekehrt, fuhr sie noch am gleichen Tage bei der
Hoboken-Station vor und erkundigte sich nach Allan. Man sagte ihr, daß
er im Tunnel arbeite. Augenblicklich jagte Ethel eine Depesche nach Mac
City. Sie bat Allan, ihr zu verzeihen. Sein Antrag habe sie überrascht
und sie habe in ihrer Hilflosigkeit eine große Dummheit begangen. Sie
bitte ihn, morgen abend zum Diner zu kommen. Sie erwarte nicht einmal
Antwort und daraus möge er ersehen, daß sie bestimmt auf ihn rechne.

Allan kämpfte nochmals den schweren Kampf. Er erhielt Ethels Telegramm
im Tunnel. Er las es im Lichte einer verstaubten Glühlampe. Ein Dutzend
solcher Lampen sah er aus der Finsternis des Stollens glimmen, nichts
sonst. Er dachte an die toten Stollen. Er sah sie! Die amerikanischen,
europäischen und ozeanischen. Er sah all die tausend Maschinen, die
nutzlos liefen. Er sah die entmutigten Ingenieure in den einsamen
Stationen, erschöpft von der Monotonie der Beschäftigung. Viele
Hunderte hatten ihn schon verlassen, weil sie die einförmige Arbeit
nicht mehr ertrugen. Seine Augen brannten. Während er Ethels Depesche
zusammenfaltete, begann es plötzlich in seinen Ohren zu brausen.
Er hörte die Züge durch die Stollen donnern, die Tunneltrains, die
triumphierend von Amerika nach Europa fegten. Sie klirrten und
rauschten in seinem Gehirn und berauschten ihn mit ihrem rasenden
Takt ...

Ethel empfing ihn mit scherzhaften Vorwürfen: Er müsse doch wissen, daß
sie ein verzogener, launischer Fratz sei! -- Von diesem Tage an stand
ihr Car wieder Punkt sechs Uhr vor der Tunnelstation. Ethel änderte
nunmehr ihre Taktik. Sie hatte Allan vorher mit Aufmerksamkeiten
überschüttet. Das unterließ sie fortan. Dagegen verstand sie es, Allan
zur Erfüllung _ihrer_ kleinen Wünsche zu bewegen.

Sie sagte: »Die Blanche spielt morgen. Ich würde gern hingehen, Allan.«

Allan besorgte eine Loge und sah die Blanche spielen, wenn es ihn auch
langweilte, ein hysterisches Frauenzimmer von Wein- in Lachkrämpfe
übergehen zu sehen.

Von nun an sah New York Allan und Ethel Lloyd häufig zusammen. Ethel
fuhr fast täglich den Broadway entlang in Allans Car. Und Allan
steuerte selbst, wie in der Zeit, da seine Gesundheit noch nicht
gelitten hatte. Im Fond saß Ethel Lloyd, in Mäntel und flotte Schleier
gehüllt und blinzelte auf die Straße.

Ethel drängte Allan, sie einmal mit in den Tunnel zu nehmen. Allan
erfüllte ihr auch diesen Wunsch.

Als der Zug die Trasse hinabflog, schrie Ethel vor Vergnügen auf und im
Tunnel kam sie aus ihrer Verwunderung nicht heraus.

Sie hatte die ganze Tunnelliteratur studiert, aber ihre Phantasie war
in technischen Dingen nicht geschult genug, als daß sie sich eine klare
Vorstellung von den Stollen hätte machen können. Sie ahnte nicht, was
vierhundert Kilometer in einem nahezu dunkeln Tunnel bedeuten. Das
Donnern, das den Zug einhüllte und so stark war, daß man schreien
mußte, um sich zu verständigen, erschreckte sie angenehm. Die Stationen
rissen sie zu lauten Ausrufen der Bewunderung hin. Sie hatte keine
Vorstellung gehabt, welch ungeheure Maschinen hier standen und Tag und
Nacht arbeiteten. Das waren ja Maschinenhallen unter dem Meer! Und die
Wetterführung, pfeifend wie ein Sturmwind, der einen fast in Stücke
blies!

Nach einigen Stunden glühte ein rotes Licht wie ein Leuchtfeuer aus der
Finsternis.

Der Zug hielt. Sie waren bei der Unglücksschlucht angekommen. Beim
Anblick der Schlucht verstummte Ethel. Was bedeutete es für sie, wenn
sie wußte, daß die Schlucht sechzig bis achtzig Meter tief war, hundert
Meter breit und daß tausend Menschen Tag und Nacht Erz förderten.

Nun aber _sah_ sie, daß sechzig bis achtzig Meter eine schauerliche
Tiefe, eine zwanzig Stockwerktiefe waren. Tief unten in dem Staubnebel,
der den übersehbaren Teil der Schlucht anfüllte, zwanzig Stockwerke
tief unten glühten Scharen von Bogenlampen und unter ihnen wimmelte es
-- das waren Menschen! Plötzlich stieg eine kleine Staubwolke auf und
ein Kanonenschuß rollte durch die Schlucht, in den Tunnel hinein.

»Was war das?«

»Sie haben gesprengt.«

Darauf bestiegen sie den Förderkorb und fuhren ab. Sie stürzten an den
Bogenlampen vorbei und die Menschen schienen rasch senkrecht zu ihnen
emporzukommen. Sie waren unten und nun konnte Ethel nicht genug staunen
über die _Höhe_, aus der sie kamen. Die Tunnelmündung erschien wie ein
schwarzes, kleines Tor. Riesenschatten, Schatten von turmhohen Dämonen
bewegten sich an den Wänden hin und her ...

Ethel kam verwirrt und entzückt aus dem Tunnel zurück und erzählte
Lloyd den ganzen Abend, wie es da drinnen sei und daß die Schleusen des
Panama Kinderspielzeuge im Vergleich zum Tunnel seien.

Am nächsten Tag wußte ganz New York, daß Ethel mit Allan im Tunnel war.
Die Zeitungen brachten spaltenlange Interviews.

Am übernächsten verkündeten sie die Verlobung Allans und Ethels. Ihr
Doppelbildnis erschien.

Ende Juni fand die Hochzeit statt. Am gleichen Tage stiftete
Ethel Lloyd einen Pensionsfonds von acht Millionen Dollar für die
Tunnelleute. Die Hochzeit wurde mit fürstlichem Aufwand im großen
Festsaal des Atlantic gefeiert, desselben Hotels, auf dessen Dachgarten
vor neun Jahren das berühmte Meeting stattgefunden hatte. Drei Tage
lang gab die sensationelle Heirat den Zeitungen Stoff. Sunday Mirror
beschäftigte sich eingehend mit Ethels Trousseau. Zweihundert Paar
Schuhe! Tausend Paar Seidenstrümpfe! Ethels Wäsche war bis ins Detail
beschrieben. Und wenn Allan in diesen Tagen die Zeitungen gelesen
hätte, so hätte er erfahren, welch ungeheures Glück der ehemalige
Pferdejunge von Uncle Tom hatte, eine Ethel Lloyd heimzuführen, deren
Strumpfhalter mit Brillanten besetzt waren.

Seit Jahren hatte New York keine so glänzende Gesellschaft vereinigt
gesehen wie die Hochzeitsgesellschaft. Der menschenscheue, alte Lloyd
aber fehlte. Er war mit seinem Arzt auf dem »Goldkarpfen« abgedampft.

Ethel glitzerte. Sie trug den Rosy Diamond und erschien jung,
strahlend, heiter und glücklich.

Allan schien ebenfalls glücklich zu sein. Er scherzte und lachte sogar:
niemand sollte die allgemeine Ansicht bestätigt finden, daß er sich
_verkauft_ habe an Ethel. Aber er tat alles wie im Fieber. Seine große
Qual, diese Komödie spielen zu müssen, sah niemand. Er dachte an Maud,
und Gram und Ekel schnürten ihm die Brust zusammen. Niemand sah es. Um
neun Uhr fuhr er mit Ethel nach Lloyds Haus, wo sie die ersten Wochen
wohnen wollten. Sie sprachen kein Wort, und Ethel verlangte auch nicht,
daß Allan sprach. Allan lag im Wagen, müde und erschöpft, und blickte
mit halbgeschlossenen Augen teilnahmlos auf die wimmelnde Straße voll
tanzender Lichter hinaus. Einmal machte Ethel den Versuch, seine Hand
zu fassen, aber sie fand diese Hand eiskalt und ohne Leben.

Bei der dreiunddreißigsten Straße wurde ihr Car aufgehalten und mußte
eine Minute stoppen. Da fiel Allans Blick auf ein Riesenplakat, dessen
blutrote Lettern in die Straße leuchteten:

»Tunnel! Hunderttausend Mann!«

Er öffnete die Augen, seine Pupillen weiteten sich, aber trotzdem
verließ ihn nicht eine Sekunde die schreckliche seelische Müdigkeit,
die ihn lähmte.

Ethel hatte den Palmensaal beleuchten lassen und bat Allan, ihr noch
ein wenig Gesellschaft zu leisten.

Sie kleidete sich nicht um. Sie saß in ihrer glitzernden Hochzeitsrobe
in einem Sessel, den Rosy Diamond auf der Stirn, und rauchte eine
Zigarette und hob von Zeit zu Zeit die langen Wimpern, um verstohlen
nach Allan zu sehen.

Allan ging hin und her, als sei er allein, und besah sich, dann und
wann innehaltend, zerstreut Möbel und Blumen.

Es war sehr still im Saal. Der verborgene Springbrunnen plätscherte
und schwätzte. Manchmal raschelte geheimnisvoll eine Pflanze, die
sich dehnte. Man glaubte die Worte zu verstehen, die auf der Straße
gesprochen wurden.

»Bist du sehr müde, Mac?« fragte Ethel nach langem Stillschweigen. Sie
fragte es ganz leise und demütig.

Allan blieb stehen und sah Ethel an.

»Ja,« sagte er mit klangloser Stimme, während er sich gegen den
Kamin lehnte. »Es waren so viele Menschen!« Von ihm zu ihr waren nur
zehn Schritte zu gehen, aber doch war es, als seien sie meilenweit
voneinander entfernt. Nie war ein Hochzeitspaar einsamer.

Allan sah fahl und grau im Gesicht aus. Seine Augen waren glanzlos und
erloschen. Er hatte keine Kraft mehr, sich zu verstellen. Ethel aber
erschien er nun endlich ein Mensch geworden zu sein, wie sie einer war,
ein Mensch mit einem Herzen, das fühlen und leiden konnte.

Sie stand auf und ging näher. »Mac!« rief sie leise.

Allan blickte auf.

»Höre, Mac,« begann sie mit ihrer weichsten Stimme, »ich muß mit dir
sprechen. Höre zu. Ich will nicht, daß du unglücklich bist, Mac. Im
Gegenteil, ich wünsche von ganzem Herzen, daß du glücklich wirst -- so
gut es geht! Glaube nicht, ich sei so töricht anzunehmen, du habest
mich aus Liebe geheiratet. Nein, so töricht bin ich nicht. Ich habe
nicht das Recht, Ansprüche an dein Herz zu stellen und ich stelle
sie auch nicht. Du bist genau so frei und ungebunden wie früher. Du
brauchst dir auch keine Mühe zu geben, mich glauben zu machen, daß du
mich ein wenig liebtest, nein! Es würde mich beschämen. Ich verlange
nichts von dir, gar nichts, Mac. Nur das Recht, das ich schon seit
Wochen genoß, immer ein wenig in deiner Nähe sein zu dürfen ...«

Ethel hielt inne. Aber Allan sagte nichts.

Und Ethel fuhr fort: »Ich spiele jetzt nicht mehr Komödie, Mac. Das
ist vorbei. Ich mußte Komödie spielen, um dich zu bekommen, aber
nun, da ich dich habe, brauche ich es nicht mehr. Nun kann ich ganz
aufrichtig sein und du wirst sehen, daß ich nicht nur ein launenhaftes
und garstiges Geschöpf bin, das die Menschen quält. Höre, Mac, ich
muß dir alles sagen, damit du mich kennen lernst ... Du hast mir
gefallen, als ich dich zuerst sah! Dein Werk, deine Kühnheit, deine
Energie bewunderte ich. Ich bin reich, ich wußte es schon als Kind,
daß ich reich sei. Mein Leben sollte groß und wunderbar werden, so
dachte ich bei mir. Ich dachte es nicht klar, aber ich empfand es.
Mit sechzehn Jahren träumte ich davon, einen Prinzen zu heiraten
und mit siebzehn wollte ich mein Geld verschenken an die Armen. Das
war alles Nonsens. Mit achtzehn hatte ich schon keinen bestimmten
Plan mehr. Ich lebte genau wie andere junge Leute, die reiche Eltern
haben. Aber das wurde bald schrecklich langweilig. Ich war nicht
unglücklich, aber ich war auch nicht gerade glücklich. Ich lebte
von einem Tag zum andern, amüsierte mich und schlug die Zeit tot,
so gut ich es konnte. Ich dachte in dieser Zeit überhaupt nichts,
so scheint es mir wenigstens jetzt. Dann kam Hobby zu Pa mit deinem
Projekt. Aus purer Neugierde drang ich in Pa, mich einzuweihen, denn
die zwei taten sehr geheimnisvoll. Ich studierte mit Hobby deine Pläne
und tat, als verstände ich alles. Dein Projekt interessierte mich
außerordentlich, das ist die Wahrheit. Hobby erzählte mir von dir
und was für ein prachtvoller Mensch du seist und schließlich war ich
ungeheuer neugierig, dich zu sehen. Nun, ich sah dich! Ich hatte einen
solch riesenhaften Respekt vor dir, wie noch nie vor einem Menschen!
Du gefielst mir! So einfach, so stark und gesund sahst du aus. Und
ich wünschte: möchte er doch nett zu mir sein! Aber du warst ganz
gleichgültig. Wie oft habe ich an diesen Abend gedacht! Ich wußte, daß
du verheiratet warst, Hobby hatte mir ja alles erzählt, und es kam mir
auch gar nicht in den Sinn -- damals -- daß ich dir mehr werden könnte
als eine Freundin. Später aber fing ich an, auf Maud eifersüchtig zu
werden. Verzeihe, daß ich ihren Namen nenne! Wo man stand und ging,
hörte und sah man deinen Namen. Und ich dachte, warum könntest du nicht
an Mauds Stelle sein. Das wäre herrlich! Es hätte dann auch Sinn,
reich zu sein! Das war nicht möglich, ich sah es ein und ich wollte
mich zufrieden geben, wenn ich zu deinen Freunden zählen dürfte. Um
das zu erreichen, kam ich damals öfter zu euch hinaus, aus keinem
anderen Grund. Denn wenn ich auch verrückte Pläne schmiedete: wie ich
es anstellen könnte, dich in mich verliebt zu machen, so verliebt, daß
du Frau und Kind verließest, so meinte ich das doch nicht ernst und
glaubte selbst nicht daran. Aber auch freundschaftlich kam ich dir
nicht näher, Mac! Du verschlossest dich, du hattest weder Zeit noch
Gedanken für mich. Ich bin nicht sentimental, Mac, aber damals war ich
sehr, sehr unglücklich!

Dann kam die Katastrophe. Glaube mir, ich hätte alles hingegeben, um
das Schreckliche ungeschehen zu machen. Ich schwöre es dir! Es war
grausam und ich litt schrecklich damals. Aber ich bin ein Egoist,
Mac, ein großer Egoist! Und während ich noch weinte um Maud, kam es
mir zum Bewußtsein, daß du ja nun frei warst, Mac! Du warst frei! Und
von diesem Augenblick an trachtete ich dir näher zu kommen. _Mac,
ich wollte dich haben_! Der Streik, die Sperre, der Bankerott, all
das kam mir gelegen -- das Schicksal arbeitete mir plötzlich in die
Hände. Ich drang monatelang in Vater, sich für dich einzusetzen. Aber
Pa sagte: >Es ist unmöglich!< In diesem Januar bestürmte ich ihn von
neuem. Aber Pa sagte: >Es ist ganz unmöglich!< Da sagte ich zu Pa:
>Es muß möglich sein, Pa! Denke nach, du mußt es möglich machen!< Ich
quälte Pa, den ich liebe, bis aufs Blut. Tagelang. Endlich sagte er
zu. Er wollte an dich schreiben und dir seine Hilfe anbieten. Da aber
dachte ich nach. Was dann? dachte ich. Mac wird Pas Hilfe annehmen,
ein paarmal bei uns speisen -- und dann wird er sich wieder in die
Arbeit vergraben und du siehst ihn nicht mehr. Ich sah ein, daß ich nur
eine einzige Waffe gegen dich hatte -- und das war Pas Geld und Name!
Verzeih, Mac, daß ich so offen bin! Ich zögerte nicht, diese Waffe zu
gebrauchen. Ich verlangte von Pa, nur zu tun, was ich wollte, einmal in
seinem Leben, und nicht nach meinen Gründen zu fragen. Ich drohte ihm,
meinem kleinen, lieben, alten Pa, daß ich ihn verlassen würde und er
mich nie, nie mehr sehen sollte, wenn er mir nicht gehorchte. Das war
schlecht von mir, aber ich konnte nicht anders. Ich hätte Pa ja doch
nicht verlassen, denn ich liebe und verehre ihn, aber ich jagte ihn
ins Bockshorn. Mac, und das andere kennst du. Ich handelte nicht schön
-- aber es gab für mich keinen anderen Weg zu dir! Ich habe gelitten
darunter, aber ich wollte bis ans Äußerste gehn. Wie du mir im Car den
Antrag machtest, hätte ich gleich annehmen wollen. Aber ich wollte doch
auch, daß du dir ein wenig _Mühe_ um mich gäbest, Mac --«

Ethel sprach mit halblauter Stimme und oft flüsterte sie nur. Sie
lächelte dabei, weich und anmutig, sie zog die Wangen lang und legte
die Stirn in Falten, daß sie traurig aussah, sie schüttelte den schönen
Kopf, sie sah schwärmerisch zu Allan empor. Häufig hielt sie bewegt
inne.

»Hörtest du mich, Mac?« fragte sie nun.

»Ja!« sagte Allan leise.

»Das alles mußte ich dir sagen, Mac, ganz offen und ehrlich. Nun weißt
du es. Vielleicht können wir trotz allem gute Kameraden und Freunde
werden?«

Sie sah mit einem schwärmerischen Lächeln in Allans Augen, die müde und
vergrämt waren wie vorhin. Er nahm ihren schönen Kopf in beide Hände
und nickte.

»Ich hoffe es, Ethel!« erwiderte er und seine fahlen Lippen zuckten.

Und Ethel folgte ihrem Gefühl und schmiegte sich einen Augenblick an
seine Brust. Dann richtete sie sich mit einem tiefen Atemzug auf und
lächelte verwirrt.

»Eines noch, Mac!« begann sie nochmals. »Wenn ich dir schon das sagte,
muß ich dir alles sagen. Ich wollte dich haben und nun habe ich dich!
Aber höre nun: jetzt will ich, daß du mir vertraust und mich _liebst_!
Das ist nun meine Aufgabe! Nach und nach, Mac, hörst du, es soll meine
Sache sein, und ich glaube daran, daß es mir gelingen wird! Denn wenn
ich das nicht glaubte, so wäre ich todunglücklich. -- -- Gute Nacht
nun, Mac!«

Und langsam, müde, wie schwindlig ging sie hinaus.

Allan blieb am Kamin stehen und regte sich nicht. Während er mit müden
Augen durch den Saal blickte, in dem er ein Fremder war, dachte er,
daß sein Leben an der Seite dieser Frau am Ende doch weniger trostlos
werden würde, als er befürchtet hatte.



5.


    »Tunnel!«
    »Hunderttausend Mann!«

Sie kamen. Farmhands, Miner, Taglöhner, Strolche. Der Tunnel zog sie an
wie ein Riesenmagnet. Sie kamen aus Ohio, Illinois, Iowa, Wiskonsin,
Kansas, Nebraska, Colorado, aus Kanada und Mexiko. Extrazüge rasten
durch die Staaten. Aus Nord-Carolina, Tennessee, Alabama und Georgia
fluteten die schwarzen Bataillone herauf. Viele Tausende der großen
Armee, die einst der Tunnelschrecken verscheucht hatte, kehrten zurück.

Aus Deutschland, England, Belgien, Frankreich, Rußland, Italien,
Spanien und Portugal strömten sie den Baustellen zu.

Die toten Tunnelstädte erwachten. In den grünen, staubigen
Riesenglashallen glühten wieder die bleichen Monde; die Krane bewegten
sich wieder; weiße Dampfschwaden jagten dahin, der schwarze Qualm
brodelte wie früher. Im Eisenfachwerk der Neubauten kletterten
Schatten, es wimmelte von Menschen oben und unten. Die Erde bebte,
gellend und brausend spien die Schuttstädte wieder Staub, Dampf,
schwarzen Qualm, Licht und Feuer zum Himmel empor.

Die schlafenden Dampfer in den Friedhöfen der Häfen von New York,
Savannah, New Orleans und San Franzisko, von London, Liverpool,
Glasgow, Hamburg, Rotterdam, Oporto und Bordeaux stießen plötzlich
wieder dicken Rauch durch die Kamine, die Winden rasselten. Die
verödeten Hüttenwerke lärmten und tobten, bestaubte Lokomotiven
kamen aus ihren Schuppen und holten Atem. Die Förderkörbe der Zechen
klirrten mit erhöhter Schnelligkeit in die Schächte hinab. Die große
Maschine, die sich seit der Krise langsam dahingeschleppt hatte,
zog mit einem plötzlichen Ruck an. Die Asyle der Arbeitslosen, die
Säle der Hospitäler leerten sich, die Vagabunden verschwanden von
den Landstraßen. Die Banken und Börsen waren in lauter Erregung, als
platzten Granaten in der Luft. Die Industriepapiere kletterten in die
Höhe, Mut und Unternehmungslust kehrten zurück. Die Tunnelaktien kamen
wieder zu Ehren.

»Lloyd übernimmt den Tunnel!«

Lloyd ganz allein! Ein einzelner Mann!

Der Tunnel holte tief Atem. Wie eine Riesenpumpe begann er
Menschenleiber einzusaugen und auszuspeien und am sechsten Tage schon
arbeitete er mit seiner alten Geschwindigkeit. In den Stollen donnerten
die Bohrmaschinen, die glühenden, wütenden Nashörner aus Allanit rasten
wie früher trillernd und heulend ins Gestein. Die Stollen tobten,
lachten und delirierten. Die schweißtriefenden Menschenhaufen wälzten
sich wieder im gleißenden Licht der Scheinwerfer vor und zurück. Als
sei nie etwas geschehen. Streik, Katastrophe -- alles war vergessen!
Allan peitschte zu dem alten Höllentempo an und auch er dachte nicht
mehr daran, daß es einst anders gewesen war.

Die amerikanische Strecke war am leichtesten zu bewältigen. Die
Unglücksschlucht nahm achtzig Doppelkilometer Gestein auf. Tag und
Nacht ergoß sich eine Lawine von Gestein und Geröll in die Tiefe. Ein
dreihundert Meter breiter Damm überquerte sie. Er war übersponnen
von Geleisen und ohne Pause flogen die Gesteinszüge aus den Stollen
und stürzten ihren Inhalt hinab. Der nördliche Abschnitt war nach
einem Jahre ausgefüllt und planiert und trug riesige Maschinenhallen
mit Dynamos, Kühlmaschinen und Ozonapparaten. Fünf Jahre nach
Wiederaufnahme der Arbeit hatten sich die Stollen Amerikas und der
Bermudas einander soweit genähert, daß Allan drahtlos mit Strom, der
in Bermuda befehligte, durch den Berg telephonieren konnte. Er ließ
Richtungsstollen vortreiben und die ganze Welt wartete voller Spannung
auf den Augenblick, da die Stollen zusammenstoßen würden. Es gab
selbst in wissenschaftlichen Kreisen Leute, die bezweifelten, daß die
Stollen sich überhaupt treffen würden. Die ungeheuren Gesteinsmassen,
die Hitze, die enormen Massen an Eisen und elektrischen Energien
mußten die genauesten Instrumente beeinträchtigen. Aber schon, als
sich die Richtungsstollen bis auf fünfzehn Kilometer genähert hatten,
verzeichneten die Seismographen die Sprengungen in den Stollen.
Im fünfzehnten Baujahr stießen die Richtungsstollen zusammen. Die
Berechnungen ergaben eine Höhenabweichung von dreizehn Metern und eine
seitliche Abweichung von zehn Metern, Differenzen, die sich spielend
leicht ausgleichen ließen. Zwei Jahre später waren die Doppelstollen
Amerika-Bermuda durchgeschlagen und mit dem Eisenbetonmantel umspannt.

Das war von ungeheurem Vorteil: Die Züge konnten Eisen, Zement,
Schienen und Mannschaften nach den Bermudas befördern.

Die Tunnelaktien stiegen um zwanzig Prozent! Das Geld des Volkes kam
zurück.

Schwieriger gestaltete sich der Ausbau der französischen Strecke,
die Allan vorerst einstollig weiterführen ließ. Hier ereignete sich
im vierzehnten Baujahr ein großer Schlammeinbruch. Der Stollen war
auf eine der ozeanischen »Falten« gestoßen. Drei Kilometer des
gebohrten Stollens mußten preisgegeben werden mit kostbaren Maschinen
und Apparaten. Eine zwanzig Meter starke Mauer aus Eisenbeton wurde
gegen die eindringende Schlamm- und Wassermasse errichtet. Bei diesem
Schlammeinbruch verloren zweihundertzweiundsiebzig Menschen das Leben.
Der Stollen aber wurde in großem Bogen um die gefährliche Stelle
herumgeführt. Er stieß hier wiederum auf Schlammmassen, aber sie wurden
nach verzweifelten Anstrengungen bewältigt. Fünf Kilometer dieses Teils
der Strecke kosteten die ungeheure Summe von sechzig Millionen Dollar.
Der Stollen wurde im einundzwanzigsten Baujahr vollendet.

Mit der Fertigstellung der französischen und amerikanischen Strecke
verringerten sich die Baukosten ganz beträchtlich. Von Monat zu Monat
konnten Arbeiterbataillone abgestoßen werden. Aber trotzdem verschlang
der Tunnel noch Milliarden. Ethel hatte ihr ganzes ungeheures Vermögen
in den Tunnel geworfen, bis auf den letzten Cent! Sie war an dem Tage
bettelarm, an dem der Tunnel nicht vollendet wurde. Lloyd selbst war
am Bau so stark beteiligt, daß er seine ganze finanzielle Strategie
aufbieten mußte, um sich aufrechtzuerhalten.

Die schwerste Arbeit bereiteten die atlantischen Strecken mit
ihren enormen Ausdehnungen. Tag und Nacht, Jahre hindurch tobten
schweißbedeckte Menschenhaufen gegen das Gebirge. Je tiefer sie
vordrangen, desto schwerer wurden Transport und Verpflegung, zumal
auch diese Strecken vorläufig größtenteils einstollig gebaut wurden.
Hier war der Feind der Tunnelmen nicht das Wasser, sondern die Hitze.
Die Stollen stiegen hier bis zu einer Tiefe von sechstausend Meter
unter dem Meeresspiegel hinab. Die Hitze war so ungeheuer, daß zur
Verzimmerung nicht mehr Holz verwandt werden konnte, sondern nur noch
Eisen. Die Luft in dem heißen, tiefen und langen Stollen war um so
schlechter, als nur durch Doppelstollen eine einigermaßen genügende
Ventilation erzielt werden kann. Von zehn zu zehn Kilometern mußten
Stationen in den Berg geschlagen werden, in denen Kältemaschinen,
Ozonapparate und Luftpumpen Tag und Nacht arbeiteten.

Es war die schwerste und gigantischste Arbeit, die jemals Menschen
vollbracht haben.

Von zwei Seiten fraßen sich die Bohrmaschinen immer tiefer. Der »dicke
Müller« von den Azoren herüber, Strom von den Bermudas. Strom leistete
Übermenschliches. Er war nicht beliebt bei seinen Leuten, aber sie
bewunderten ihn. Er war ein Mensch, der tagelang ohne Essen, Trinken
und Schlaf sein konnte. Er war fast täglich im Stollen und leitete
stundenlang persönlich die Arbeiten am Vortrieb. Tagelang kam er
zuweilen nicht aus dem glühenden Stollen heraus. Seine Leute gaben ihm
den Namen »der russische Teufel«.

Täglich spien die Stollen viertausend Waggons Gestein nach Azora und
dreitausend Waggons nach Bermuda aus. Enorme Terrains waren geschaffen
worden. Klippen, Sandbänke, Untiefen, Inseln zu einem Kontinent
zusammengeschweißt. Es war vollkommen neues Land, das Allan geschaffen
hatte. Seine Hafenbaumeister hatten die modernsten Hafenbauten, Molen
und Wellenbrecher, Docke und Leuchtfeuer geschaffen. Die größten
Dampfer konnten anlaufen. Seine Städtebaumeister hatten neue Städte
aus dem Schutt gezaubert. Es gab Hotels, Banken, Warenhäuser, Kirchen,
Schulen -- alles ganz neu! Ein Merkmal aber hatten Allans fünf neue
Städte: sie waren ohne jede Vegetation. Auf Schutt von Gneis und Granit
standen sie, ein blendender Spiegel in der Sonne und eine Staubwolke
im Wind. In zehn Jahren aber würden sie ebenso grün sein wie andere
Städte, denn es waren Plätze, Gärten, Parke vorgesehen, wie London,
Paris und Berlin sie besitzen. Seine Baumeister importierten die Erde
in Schiffsladungen, Chile sandte den Salpeter, das Meer gab den Tang.
Seine Baumeister importierten Pflanzen und Bäume. Und in der Tat,
es gab da und dort schon gespensterhafte Parkanlagen zu sehen: mit
bestaubten Palmen und Bäumen und einer jämmerlichen Grasnarbe.

Allans Städte hatten dafür aber etwas anderes. Sie besaßen die
geradesten Straßen der Welt und die schönsten Strandanlagen aller
Kontinente. Sie glichen einander wie Brüder. Sie waren alle Ableger
Amerikas, vorgeschobene Forts des amerikanischen Geistes, gepanzert mit
Willenskraft und angefüllt mit Aktivität.

Mac City hatte gegen das Ende der Bauzeit schon über eine Million
Einwohner!

Wiederholt ereigneten sich kleinere und größere Unglücksfälle und
Katastrophen beim Bau. Aber sie waren nicht größer und häufiger als
bei anderen großen technischen Unternehmungen. Allan war vorsichtig
und ängstlich geworden. Er hatte nicht mehr die Nerven wie früher.
Am Anfang war es ihm nicht auf hundert Menschen angekommen, aber
jetzt lastete jedes einzelne Menschenleben, das der Tunnel forderte,
auf seiner Seele. Die Stollen waren voll von Sicherheits- und
Registrierapparaten, und beim geringsten Anzeichen, das zur Vorsicht
mahnte, verlangsamte er das Tempo. Allan war grau geworden, »~old gray
Mac~« hieß er jetzt. Seine Gesundheit war untergraben. Er schlief fast
gar nicht mehr und war jeden Augenblick in Unruhe, irgendein Unglück
könne sich ereignen. Er war ein einsamer Mann geworden, dessen einzige
Erholung darin bestand, am Abend eine Stunde allein in seinem Park
spazieren zu gehen. Was in der Welt vorging, interessierte ihn kaum
mehr. Schöpfer des Tunnels, war er zu seinem Sklaven geworden. Sein
Gehirn kannte keine anderen Ideenassoziationen mehr als Maschinen,
Wagentypen, Stationen, Apparate, Zahlen, Kubikmeter und Pferdekräfte.
Fast alle menschlichen Empfindungen waren in ihm abgestumpft. Nur
einen Freund hatte er noch, das war Lloyd. Die beiden verbrachten
häufig die Abende zusammen. Da saßen sie in ihren Sesseln, rauchten und
_schwiegen_.

Im achtzehnten Baujahr brach ein großer Streik aus, der zwei Monate
währte und bei dem Allan verlor. Nur der Kaltblütigkeit Stroms war
es zu danken, daß eine zweite Panik und Massenangst im Keim erstickt
wurde. Eines Tages stieg die Hitze im Stollen um volle fünf Grad. Die
Erscheinung war unerklärlich und mahnte zur Vorsicht. Die Arbeiter
weigerten sich einzufahren. Sie befürchteten, der Berg werde sich jeden
Augenblick öffnen und ihnen glühende Lava entgegenspeien. Es gab Leute,
die den unsinnigen Gedanken verbreiteten, der Stollen nähere sich dem
glühenden Erdinnern. Viele Wissenschaftler vertraten den Gedanken,
daß die Tunnelachse den Krater eines submarinen Vulkans tangiere. Die
Arbeiten wurden unterbrochen und genaue Forschungen der entsprechenden
Komplexe des Meeresgrundes angestellt. Die Temperatur am Meeresboden
wurde gemessen, aber von einem Vulkan oder heißen Quellen fand sich
keine Spur.

Strom wählte Freiwillige aus und blieb vier Wochen Tag und Nacht im
Stollen. »Der russische Teufel« gab es erst auf, als er ohnmächtig
zusammenbrach. Acht Tage später aber war er wieder in der »Hölle«.

Die Menschen arbeiteten hier vollkommen nackt. Wie schmutzige, ölige
Molche glitten sie da unten im Stollen hin und her, halb bewußtlos,
durch Reizmittel aufrecht erhalten.

Im vierundzwanzigsten Baujahr, da die beiden Stollenköpfe der
Berechnung nach sechzig Kilometer voneinander entfernt waren, gelang
es Strom, drahtlos mit dem »fetten Müller« von den Azoren durch den
Berg zu sprechen. Nach sechsmonatiger mörderischer Arbeit waren
beide Stollen soweit vorgetrieben, daß sie sich in nächster Nähe
voneinander befinden mußten. Aber die Seismographen registrierten keine
einzige Detonation, obwohl Müller täglich dreißigmal sprengte. Durch
alle Zeitungen ging die aufregende Depesche, daß die Stollen sich
verfehlt hätten. Die Ingenieure in den beiden Richtungsstollen waren
unaufhörlich miteinander in Verbindung. Die Entfernungen von Azora und
Bermuda waren bis auf den Meter bestimmt worden, über und unter dem
Meere. Es konnte sich also nur um wenige Kilometer Abstand handeln. Man
hatte eigens empfindliche Apparate, die der Hitze standhielten, gebaut,
aber die Apparate reagierten nicht.

Gelehrte aus Berlin, London und Paris eilten herbei. Einige von ihnen
wagten sich sogar bis in den kochenden Stollen hinein, ohne Erfolg.

Allan ließ Stollen schräg in die Höhe und schräg in die Tiefe treiben,
er ließ ein Netz von Seitenstollen bohren. Es war ein vollkommenes
Bergwerk. Die Arbeit ins Dunkle und Ungewisse hinein war höllisch
und erschöpfend. Die Hitze warf die Menschen nieder wie eine Seuche.
Wahnsinnsausbrüche kamen fast täglich vor. Obwohl die Pumpen
unaufhörlich gekühlte Luft in die Stollen drückten, blieben die Wände
doch heiß wie Kachelöfen. Blind von Staub und Hitze kauerten die
Ingenieure, vollkommen nackt, mit Staub und Schmutz bedeckt, in den
Stollen und beobachteten die Registrierapparate.

Es war das schrecklichste Stück Arbeit, das aufregendste, und Allan
fand keinen Schlaf mehr.

Sie suchten vier Monate lang, denn das Bohren der Seitenstollen
beanspruchte viel Zeit.

Die Welt lag in einem Krampf von Spannung. Die Tunnelpapiere aber
begannen zu sinken.

Eines Nachts jedoch wurde Allan von Strom angerufen, und als er durch
den Stollen kroch, kam ihm Strom entgegen, triefend von Schweiß,
schmutzig und kaum mehr menschenähnlich. Und zum erstenmal sah Allan
diesen kühlen Menschen in Erregung und sogar lächeln.

»Wir sind Müller auf der Spur,« sagte Strom.

Am Ende eines tiefgehenden Schrägstollens, wo die Luft durch den
Schlauch pfiff und kühlte, stand ein Registrierapparat unter einer
Grubenlampe und zwei geschwärzte Gesichter lagen daneben.

Der Registrierapparat verzeichnete zwei Uhr eine Minute eine
millimeterfeine Schwankung. Müller mußte in genau einer Stunde wieder
sprengen, und die vier hockten eine Stunde lang in atemloser Erregung
vor dem Apparat. Genau drei Uhr zwei Minuten zitterte die Nadel wieder.

Die Zeitungen gaben Extrablätter aus! Wäre Müller ein großer Verbrecher
gewesen, dessen Spur eine Meute von Detektiven aufstöberte, die
Sensation hätte nicht größer sein können.

Die Arbeit war von nun an leicht. Nach vierzehn Tagen stand es
fest, daß Müller unter ihnen sein mußte. Mac telephonierte ihm
»heraufzukommen«. Und Müller ließ den Stollen in die Höhe treiben. Nach
vierzehn weiteren Tagen waren sie einander so nahe, daß der Apparat
sogar das Arbeiten der Bohrer verzeichnete. Nach drei Monaten hörte man
mit eigenen Ohren den Knall des Sprengens. Ganz dumpf und fein wie ein
Donner in der Ferne. Nach weiteren dreißig Tagen hörte man die Bohrer!
Und dann kam der große Tag, da ein Bohrloch die beiden Stollen verband.

Die Arbeiter und Ingenieure jubelten.

»Wo ist Mac?« fragte der »fette Müller«.

»Hier bin ich!« antwortete Allan.

»~How do you do~, Mac?« sagte Müller mit fettem Lachen.

»~We are all right!~« antwortete Allan.

Diese Unterhaltung stand noch am Abend in allen Extrablättern, die über
New York, Chicago, Berlin, Paris und London niederregneten.

Sie hatten vierundzwanzig Jahre lang gearbeitet -- es war der
größte Augenblick ihres Lebens! -- und doch hatten sie keine Phrase
gesprochen! Eine Stunde später konnte Müller eine gekühlte Flasche
Münchner Bier an Allan schicken und am nächsten Tage konnten sie
durch ein Loch zusammenkriechen -- alle übermüdet, schwitzend, nackt,
schmutzig, sechstausend Meter unter dem Meeresspiegel.

Allans Rückfahrt durch den Stollen war eine Triumphfahrt. Die
Arbeiterbataillone, die hier in der Finsternis wühlten, schrien und
jubelten.

»Nehmt die Kappe ab vor Mac, Mac ist unser Mann ...«

Hinter Allan aber donnerten schon wieder die Bohrer gegen den Berg.



6.


Ethel war aus anderem Material als Maud. Sie ließ sich nicht an
die Peripherie der Arbeit drängen, sie siedelte sich im lärmenden
Mittelpunkt an. Sie absolvierte einen regulären Ingenieurkursus, um
»mitreden zu können«.

Von dem Tage an, da sie Allan die Hand gereicht hatte, verteidigte sie
in würdiger Weise ihre Rechte.

Es schien ihr genug zu sein, wenn sie Allan für den Lunch freigab. Um
fünf Uhr aber, Punkt fünf Uhr war sie da -- ob Allan in New York weilte
oder in der Tunnel-City, einerlei -- und bereitete still, ohne ein
Wort zu sprechen, den Tee. Allan konferierte mit einem Ingenieur oder
Architekten, darum kümmerte Ethel sich nicht im geringsten.

Sie wirtschaftete lautlos in ihrer Ecke oder im Nebenzimmer, und wenn
der Teetisch fertig war, so sagte sie: »Mac, der Tee ist fertig.«

Und Allan mußte kommen, allein oder in Gesellschaft, das war Ethel
einerlei.

Um neun Uhr stand sie mit dem Car vor der Türe und wartete geduldig,
bis er kam. Die Sonntage mußte er bei ihr verbringen. Er konnte Freunde
einladen oder ein Rudel Ingenieure bestellen, ganz wie er wünschte.
Ethel führte ein gastliches Haus. Man konnte kommen und gehen, wann
man wollte. Sie hatte einen Park von fünfzehn Automobilen zu ihrer
Verfügung, die jeden Gast zu jeder Stunde des Tages und der Nacht
hinbrachten, wohin er wollte. An manchen Sonntagen kam auch Hobby von
seiner Farm herüber. Hobby produzierte jährlich zwanzigtausend Hühner
und Gott weiß wie viele Eier. Die Welt interessierte ihn nicht mehr. Er
war religiös geworden und besuchte Betsäle. Zuweilen blickte er Allan
ernst in die Augen und sagte: »Denke an dein Seelenheil, Mac --!«

Wenn Allan reiste, so reiste Ethel mit ihm. Sie war mit ihm wiederholt
in Europa, auf den Azoren und den Bermudas.

Der alte Lloyd hatte ein Stück Land bei Rawley, vierzig Kilometer
nördlich Mac City, gekauft und dort ein riesiges Landhaus, eine Art
Schloß für Ethel bauen lassen. Das Land reichte bis ans Meer und lag
mitten in einem Park alter Bäume, die Lloyd von japanischen Gärtnern
hatte für die Verpflanzung präparieren und nach Rawley bringen lassen.

Lloyd kam jeden Tag, um sie zu besuchen, und von Zeit zu Zeit brachte
er ganze Wochen bei seiner abgöttisch geliebten Tochter zu.

Im dritten Jahre ihrer Ehe gebar Ethel einen Sohn. Dieser Sohn! Er
wurde von Ethel wie ein Heiland gehütet. Es war Macs Kind, Macs, den
sie liebte, ohne viele Worte zu machen, und er sollte in zwanzig
Jahren das Werk des Vaters übernehmen und vervollkommnen. Sie nährte
ihn selbst, sie lehrte ihn die ersten Worte sprechen und die ersten
Schritte tun.

In den ersten Jahren war der kleine Mac zart und empfindlich. Ethel
nannte ihn »rassig und aristokratisch«. Im dritten Jahre aber ging er
in die Breite, sein Schädel wurde dick und er bekam Sommersprossen.
Sein blondes Haar wurde brandrot: er verwandelte sich in einen
richtigen kleinen Pferdejungen. Ethel war glücklich. Sie liebte zarte
und empfindliche Kinder nicht, stark und kräftig mußten sie sein und
tüchtig schreien, damit die Lungen wuchsen -- genau wie der kleine Mac
es tat. Sie, die nie Angst gehabt hatte, lernte nun die Angst kennen.
Sie zitterte stündlich um ihr Kind. Ihre Phantasie war erfüllt von
Entführungsgeschichten, die sich zugetragen hatten, da man Kinder von
Millionären gestohlen, verstümmelt, geblendet hatte. Sie ließ eine
Stahlkammer, wie in einer Bank, in ihr Haus zur ebenen Erde einbauen.
In dieser Stahlkammer mußte der kleine Mac mit der Nurse schlafen. Ohne
sie durfte er nie den Park verlassen. Zwei auf den Mann dressierte
Polizeihunde begleiteten ihn und stets schnüffelte ein Detektiv die
Gegend drei Meilen im Umkreis ab. Nahm sie ihn mit sich, so fuhren zwei
Detektive im Wagen mit, bewaffnet bis an die Zähne. Der Chauffeur mußte
ganz langsam fahren, und Ethel ohrfeigte ihn einmal auf offener Straße
in New York, weil er »~hundred miles an hour~« fuhr.

Jeden Tag mußte ein Arzt den Kleinen, der prächtig gedieh, untersuchen.
Wenn das Kind sich nur räusperte, so depeschierte sie sofort nach einem
Spezialisten.

Überall sah Ethel Gefahren für ihr Kind. Aus dem Meer konnten sie
steigen, ja sogar aus der Luft konnten Verbrecher herabkommen, um den
kleinen Mac zu stehlen.

Im Park war eine große Wiese, die, wie Ethel sagte, »geradezu zur
Landung von Aeroplanen einlud«. Ethel ließ ein Rudel Bäume darauf
pflanzen, so daß jeder Aeroplan, der eine Landung versuchte, elend
zerschmettern mußte.

Ethel stiftete eine Riesensumme für die Erweiterung des Hospitals, das
sie »Maud Allan Hospital« taufte. Sie gründete die besten Kinderheime
der ganzen Welt in allen fünf Tunnelstädten. Schließlich war sie nahe
am Bankerott und der alte Lloyd sagte zu ihr: »Ethel, du mußt sparen!«

Die Stelle, wo Maud und Edith getötet worden waren, ließ Ethel umzäunen
und in ein Blumenbeet verwandeln, ohne Allan ein Wort davon zu
sagen. Sie wußte recht gut, daß Allan Maud und die kleine Edith noch
nicht vergessen hatte. Es gab Zeiten, da sie ihn des Nachts zuweilen
stundenlang auf und abgehen und leise sprechen hörte. Sie wußte auch,
daß er in seinem Arbeitstisch sorgfältig ein vielgelesenes Tagebuch
aufbewahrte: »Leben meines kleinen Töchterchens Edith und was sie
sagte.«

Die Toten hatten ihre Rechte und Ethel dachte nicht daran, sie ihnen zu
schmälern.



Schluß


Die Bohrmaschinen zermalmten den Berg in den atlantischen Stollen und
täglich kamen die Tunnelköpfe einander näher und näher. Die letzten
dreißig Kilometer waren eine Sträflingsarbeit. Allan war gezwungen, für
zwei Stunden zehn Dollar zu bezahlen, denn kein Mensch wollte hinein
in den »Krater«. Der Mantel dieser Stollenabschnitte mußte mit einem
Netz von Kühlröhren übersponnen werden. Nach einem Jahr furchtbarer
Arbeit war auch dieser Stollen bewältigt.

Der Tunnel war fertig. Die Menschen hatten ihn unternommen, die
Menschen hatten ihn vollendet! Aus Schweiß und Blut war er gebaut, rund
neuntausend Menschen hatte er verschlungen, namenloses Unheil in die
Welt gebracht, aber nun stand er! _Und niemand wunderte sich darüber._

Vier Wochen später nahm die submarine pneumatische Expreßpost den
Betrieb auf.

Ein Verleger bot Allan eine Million Dollar, wenn er die Geschichte des
Tunnels schreiben wolle. Allan lehnte ab. Er schrieb lediglich zwei
Spalten für den Herald.

Allan machte sich nicht bescheidener als er war. Aber er betonte wieder
und wieder, daß er nur mit Hilfe solch ausgezeichneter Männer wie
Strom, Müller, Olin-Mühlenberg, Hobby, Harriman, Bärmann und hundert
andern den Bau habe vollenden können.

»Ich muß indessen bekennen,« schrieb er, »daß mich die Zeit überholt
hat. Alle meine Maschinen über und unter der Erde sind veraltet und ich
bin gezwungen, sie im Laufe der Zeit durch moderne zu ersetzen. Meine
Bohrer, auf die ich einst stolz war, sind altmodisch geworden. Man hat
die Rocky-Mountains in kürzerer Zeit durchbohrt, als ich es hätte tun
können. Die Motorschnellboote fahren heute in zweieinhalb Tagen von
England nach New York, die deutschen Riesenluftschiffe überfliegen den
Atlantic in sechsunddreißig Stunden. Noch bin ich schneller als sie
und je schneller Boote und Luftschiffe werden, desto schneller werde
ich! Ich kann die Geschwindigkeit leicht auf 300-400 Kilometer die
Stunde steigern. Zudem fordern Schnellboote und Luftschiffe Preise,
die nur der reiche Mann bezahlen kann. Meine Preise sind populär. Der
Tunnel gehört dem Volke, dem Kaufmann, dem Einwanderer. Ich kann heute
vierzigtausend Menschen täglich befördern. In zehn Jahren, wenn die
Stollen alle doppelt ausgebaut sein werden, achtzig bis hunderttausend.
In hundert Jahren wird der Tunnel den Verkehr nicht mehr bewältigen
können. Es wird Aufgabe des Syndikats sein, bis dahin _Parallelstollen_
zu bauen, die relativ leicht und billig herzustellen sein werden.«

Und Allan kündigte in seinem schlicht und unbeholfen geschriebenen
Artikel an, daß er genau in sechs Monaten, am ersten Juni des
sechsundzwanzigsten Baujahrs, den ersten Zug nach Europa laufen lassen
werde.

Um diesen Termin einhalten zu können, peitschte er Ingenieure und
Mannschaften zu einem tollen Finish an. Monate hindurch rasten Züge
voll alter Schwellen und Schienen ans Licht. Die Geleise für die
Tunneltrains wurden instand gesetzt, Probefahrten in allen Stollen
ausgeführt. Ein Bataillon von Führern wurde ausgebildet, wozu Allan
Leute wählte, die an hohe Geschwindigkeiten gewöhnt waren: Automobil-
und Motorrad-Rennfahrer und Flugzeugführer.

In den Stationen Biskaya und Mac City waren in den letzten
Jahren gespenstische Riesenhallen emporgewachsen: die
Tunnel-Wagenbau-Fabriken. Diese Wagen riefen eine neue Sensation
hervor. Sie waren etwas höher als Pullmancars, aber nahezu zweimal so
lang und doppelt so breit. Panzerkreuzer, die auf einem Kiel von vier
Doppelpaaren dicker Räder liefen und Kreisel, Kühler, Behälter, Kabel
und Röhren, einen ganzen Organismus im Bauche hatten. Die Speisewagen
waren Prunksäle. (Kinematographische und musikalische Vorführungen
sollten die Reise durch den Tunnel verkürzen.)

Ganz New York stürmte Hoboken-Station, um in diesen neuen Wagen vorerst
wenigstens bis Mac City zu fahren. Die Tunneltrains selbst waren für
die ersten drei Monate bis auf den letzten Platz seit vielen Wochen
belegt.

So kam der erste Juni heran ...

New York hatte geflaggt. London, Paris, Berlin, Rom, Wien, Peking,
Tokio, Sidney hatten geflaggt. Die ganze zivilisierte Welt feierte
Allans erste Fahrt wie ein Völkerfest.

Allan wollte um Mitternacht die Reise antreten und um Mitternacht des
zweiten Juni (amerikanische Zeit) in Biskaya eintreffen.

Schon Tage vorher liefen Extrazüge von Berlin, London und Paris nach
Biskaya, von allen großen Städten der Staaten nach Mac City. Flotten
von Dampfern gingen nach den Azoren und Bermudas in See. Am ersten
Juni flogen von frühmorgens an stündlich zwanzig Züge nach Mac City,
vollgestopft mit Menschen, die mit eigenen Augen sehen wollten, wie
sich der erste Amerika-Europa-Flieger in den Tunnel hineinstürzte.
Die großen Hotels in New York, Chikago, San Franzisko, Paris, Berlin,
London veranstalteten Bankette, die um zehn Uhr ihren Anfang nehmen
und volle achtundzwanzig Stunden dauern sollten. Edison-Bio wollte in
allen diesen Hotels ihren Riesentunnelfilm vorführen, der sechs volle
Stunden dauerte. In den Varietés und Concerthalls traten Chöre von
früheren Tunnelmen auf, die die Tunnellieder sangen. Auf den Straßen
wurden Millionen von Postkarten mit Allans Porträt verkauft, Millionen
von »Tunnel-charms«, kleine in Metall gefaßte Gesteinsplitter aus den
Stollen.

Allan startete Punkt zwölf Uhr nachts. Die ungeheure Bahnhofhalle
von Hoboken-Station, die größte der Welt, war bis auf den letzten
Quadratfuß mit erregten Menschen angefüllt und alle reckten die Hälse,
um einen Blick auf den mächtigen Tunneltrain zu werfen, der zur Abfahrt
bereit stand. Grau war er wie Staub und ganz aus Stahl.

Der Zug, der mit dem Führungswagen aus sechs Waggons bestand, war hell
erleuchtet, und die Glücklichen, die nahe genug standen, blickten in
prächtige Salons. Es waren Salonwagen. Man vermutete, daß Ethel die
erste Fahrt mitmachen werde, denn trotz phantastisch hoher Angebote
waren Passagiere abgelehnt worden. Ein Viertel vor zwölf wurden die
eisernen Rolläden heruntergezogen. Die Spannung der Menge wuchs mit
jeder Minute. Zehn Minuten vor zwölf bestiegen vier Ingenieure den
Führungswagen, der an ein Torpedoboot mit zwei runden Augen am scharfen
Bug erinnerte. Allan mußte nun jeden Augenblick erscheinen.

Allan kam fünf Minuten vor zwölf Uhr. Als er den Perron betrat,
brandete ein solch donnerndes Geschrei durch die Halle, daß man hätte
glauben können, Hoboken-Station krache in sich zusammen.

Als junger Mann hatte Allan den Bau begonnen und nun stand er da,
schneeweiß, verbraucht, mit fahlen, etwas schwammigen Wangen und
gutmütigen, blaugrauen Kinderaugen. Mit ihm kam Ethel heraus, die den
kleinen Mac an der Hand führte. Hinter ihr ein kleiner gebückter Mann
mit aufgestülptem Mantelkragen und weiter Reisemütze, die tief übers
Gesicht sank. Er war kaum größer als der kleine Mac und man hielt ihn
allgemein für einen farbigen Groom. Es war Lloyd.

Die meterhohe Mumie gab Ethel und dem kleinen Mac die Hand und
kletterte behutsam in den Waggon: Lloyd also war der Passagier! Nicht
ein Kaiser oder König, nicht der Präsident der Republik, die Großmacht
Lloyd, das _Geld_, war der erste Passagier!

Ethel blieb mit ihrem Knaben zurück. Sie hatte den kleinen Mac von
Rawley herübergebracht, damit er diesen großen Augenblick miterlebe.
Allan verabschiedete sich von seinem Sohn und Ethel, und Ethel sagte:
»~Well, good bye, Mac. I hope you will have a nice trip!~«

Die Kreisel begannen zu rotieren und füllten die Halle mit einem
hohlen, pfeifenden Sausen. Die Stützbacken lösten sich automatisch,
als die Kreisel die erforderliche Tourenzahl erreicht hatten -- und
der Zug glitt unter dem tobenden Jubel der Menge aus der Halle. Die
Scheinwerfer schleuderten ihre bleichen Lichtkegel über Hoboken, New
York und Brooklyn, die Sirenen der Dampfer in den Docken, auf dem
Hudson, der Bai, dem East-River tuteten und heulten, die Telephone
klingelten, die Telegraphen spielten -- -- New York, Chikago, San
Franzisko brausten auf, der Jubel der ganzen Welt begleitete Allan auf
die Reise. Zur gleichen Zeit blieben alle technischen Betriebe der
Welt auf fünf Minuten stehen, alle Schiffsschrauben, die in diesem
Augenblick die Weltmeere peitschten, zur gleichen Zeit heulten und
tuteten die Pfeifen und Sirenen aller Eisenbahnzüge und Dampfer, die
unterwegs waren: ein brutaler, gewaltiger Schrei der Arbeit, die ihrem
Werk zujubelte.

Der alte Lloyd ließ sich entkleiden und legte sich zu Bett.

Sie waren unterwegs. --

In den Hotels hatten Tausende von Menschen um zehn Uhr diniert und
erregt über den bevorstehenden Start gesprochen. Musikkapellen
konzertierten. Das Fieber wuchs und wuchs. Man wurde exaltiert und
sogar poetisch. Man nannte den Tunnel »die größte menschliche Tat
aller Zeiten«. »Mac Allan hat das Epos vom Eisen und der Elektrizität
gedichtet.« Ja, Mac Allan wurde sogar im Hinblick auf seine Schicksale
in den fünfundzwanzig Jahren des Baus »der Odysseus der modernen
Technik« genannt.

Zehn Minuten vor zwölf flammte die Projektionsfläche der Edison-Bio auf
und darauf stand: »Ruhe!«

Sofort wurde alles vollkommen still. Und augenblicklich begann der
Telekinematograph zu arbeiten. In allen Weltstädten der Erde sah man
zur gleichen Sekunde die Bahnhofhalle von Hoboken-Station, schwarz von
Menschen. Man sah den gewaltigen Tunneltrain, man sah, wie Allan sich
von Ethel und seinem Sohn verabschiedete -- die Zuschauer schwingen die
Hüte: der Zug gleitet aus der Halle ...

Ein unbeschreiblicher, donnernder Jubel, der minutenlang währte,
erhob sich. Man stieg auf die Tische, Hunderte von Sektgläsern wurden
zerbrochen und zertreten. Die Musik intonierte das Tunnellied: »~Three
cheers and a tiger for him~!...« Aber der Lärm war so ungeheuer, daß
niemand einen Ton hörte.

Hierauf erschien eine Schrift auf der Leinwand: »Die fünfundzwanzig
Köpfe.« Allan, als er den Bau begann, Allan, wie er heute aussah. Ein
zweiter Orkan der Begeisterung brach los. Hobby, Strom, Harriman,
Bärmann, S. Woolf, der »fette Müller«, Lloyd. Dann begann der
eigentliche Film. Er begann mit dem Meeting auf dem Dachgarten des
»Atlantic«, dem »ersten Spatenstich«, er führte im Laufe der Nacht
mit Unterbrechungen durch alle Phasen des Baus, und so oft Allans
Bild erschien, erhob sich neuer, begeisterter Jubel. Der Riesenfilm
zeigte die Katastrophe, den Streik. Man sah wieder Mac Allan durch das
Megaphon zu dem Heer von Arbeitern sprechen (und der Phonograph brachte
Teile seiner Rede!), die Prozession der Tunnelmen, den großen Brand.
Alles.

Nach einer Stunde, um ein Uhr, erschien auf der Projektionsfläche ein
Telegramm: »Allan in den Tunnel eingefahren. Ungeheure Begeisterung der
Menge! Viele Menschen im Gedränge verletzt!«

Der Film ging weiter. Nur von halber zu halber Stunde wurde er durch
Telegramme unterbrochen: Allan passiert den hundertsten Kilometer --
-- den zweihundertsten -- Allan stoppt eine Minute. Ungeheure Wetten
wurden abgeschlossen. Niemand sah mehr auf den Film. Alles rechnete,
wettete, schrie! Würde Allan pünktlich in Bermuda eintreffen? Allans
erste Fahrt war zu einem Rennen geworden, zu einem Rennen eines
elektrischen Zuges und zu _nichts anderem_. Der Rekordteufel wütete! In
der ersten Stunde hatte Allan den Rekord für elektrische Züge gedrückt,
den bis dahin die Züge Berlin-Hamburg behaupteten. In der zweiten war
er den Weltrekorden der Flugmaschinen auf den Leib gerückt, in der
dritten hatte er sie geschlagen.

Um fünf Uhr erreichte die Spannung einen zweiten Höhepunkt.

Auf der Projektionsfläche erschien telekinematographisch übermittelt
die von greller Sonne durchflutete Bahnhofhalle der Bermudastation:
wimmelnd von Menschen und alle sehen gespannt in die gleiche Richtung.
Fünf Uhr zwölf taucht der graue Tunnelzug auf und fliegt herein. Allan
steigt aus, plaudert mit Strom, und Strom und Allan steigen wieder ein.
Fünf Minuten und der Zug fährt weiter. Ein Telegramm: »Allan erreicht
Bermuda mit zwei Minuten Verspätung.«

Ein Teil der Banketteilnehmer ging nun nach Hause, die meisten aber
blieben. Sie blieben über vierundzwanzig Stunden wach, um Allans
Fahrt zu verfolgen. Viele hatten auch Zimmer in den Hotels gemietet
und legten sich auf ein paar Stunden schlafen, mit dem Befehl, sie
augenblicklich zu wecken, »im Falle etwas passierte«. Über die Straßen
regneten schon die Extrablätter nieder. --

Allan war unterwegs.

Der Zug flog durch die Stollen, daß sie meilenweit vor und hinter
ihm dröhnten. Der Zug legte sich in den Kurven zur Seite wie eine
meisterhaft konstruierte Segeljacht: der Zug segelte. Der Zug stieg,
wenn es in die Höhe ging, gleichmäßig und ruhig wie eine Flugmaschine:
der Zug flog. Die Lichter im dunkeln Tunnel waren Risse in der
Dunkelheit, die Signallampen buntglitzernde Sterne, die sich in die
runden Bugfenster des sausenden Torpedoboots stürzten, die Lichter
der Stationen vorbeischwirrende Meteorschwärme. Die Tunnelmänner
(verschanzt hinter den eisernen Rolltüren der Stationen), feste
Burschen, die die große Oktoberkatastrophe trockenen Auges mitgemacht
hatten, weinten vor Freude, als sie »old Mac« vorüberfliegen sahen.

Lloyd ließ sich um acht Uhr wecken. Er nahm sein Bad, frühstückte und
rauchte eine Zigarre. Er lachte, denn hier gefiel es ihm. Endlich
war er ungestört, endlich war er fern von den Menschen und an einem
Ort, wohin niemand kommen konnte! Zuweilen promenierte er durch sein
lichterblitzendes Appartement, zwölf Gemächer, die die Maschine hinter
sich herschleppte und die von einer köstlichen, ozongesättigten Luft
erfüllt waren. Um neun Uhr telephonierte ihn Ethel an und er unterhielt
sich zehn Minuten mit ihr. (»~Don't smoke too much, Pa~!« sagte Ethel.)
Dann las er die Telegramme. Plötzlich hielt der Zug. Sie stoppten in
der großen Station im »heißen Stollen«. Lloyd sah durch ein Guckloch
und unterschied eine Gruppe von Menschen, in deren Mitte Allan stand.

Lloyd dinierte, schlief und wieder hielt der Zug und die Fenster seines
Salons waren geöffnet: er sah durch eine Glaswand hindurch auf ein
blaues Meer hinaus und auf der andern Seite über eine unübersehbare
Menschenmenge, die begeistert schrie. Azora. Sein Diener berichtete
ihm, daß sie vierzig Minuten Verspätung hätten, da ein Ölbehälter leck
geworden sei.

Hierauf wurden die Fenster wieder geschlossen. Der Zug stürzte sich
in die Tiefe, und der alte, vertrocknete, kleine Lloyd begann vor
Vergnügen zu pfeifen, was er seit zwanzig Jahren nicht getan hatte.

Von Azora an führte Strom. Er schaltete den vollen Strom ein und der
Geschwindigkeitsmesser stieg auf zweihundertfünfundneunzig Kilometer
die Stunde. Die Ingenieure wurden unruhig, aber Strom, dem die Hitze
in den heißen Stollen wohl die Haare abfressen konnte aber nicht die
Nerven, ließ sich nicht ins Handwerk pfuschen.

»Es wäre eine Blamage, wenn wir zu spät kämen,« sagte er. Der Zug fuhr
so rasch, daß er stillzustehen schien; die Lichter schwirrten ihm wie
Funken entgegen.

Finisterra.

       *       *       *       *       *

In New York wurde es wieder Nacht. Die Hotels füllten sich. Die
Begeisterung raste, als das Telegramm die ungeheure Speed meldete.
Würde man die Verspätung einholen oder nicht? Die Wetten stiegen ins
Unsinnige.

Die letzten fünfzig Kilometer führte Allan.

Er hatte vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, aber die Erregung
hielt ihn aufrecht. Bleich und erschöpft sah er aus, mehr nachdenklich
als freudig: viele Dinge gingen ihm durch den Kopf ...

In wenigen Minuten mußten sie ankommen und sie zählten Kilometer und
Sekunden. Die Signallampen fegten vorbei, der Zug stieg ...

Plötzlich blendete weißes, grausames Licht ihre Augen. Der Tag brach
herein. Allan stoppte ab.

Sie waren mit zwölf Minuten Verspätung in Europa eingetroffen.

_Ende_



                                _Werke
                                  von
                         Bernhard Kellermann_



Yester und Li

Die Geschichte einer Sehnsucht. (Fischers Bibliothek zeitgenössischer
Romane.) Geb. 1 M., in Leinen M. 1.25.


Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt --
einer zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden,
wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter,
ein Auserwählter unter den Menschen, zu einem auserwählten, seltenen,
wundervollen Weibe empfinden kann. -- Henri Ginstermann heißt er. Und
sie heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche Namen. Aber
was für Menschen! Ihre Seelen sind -- ein triviales Bild zu gebrauchen
-- wie äußerst verfeinerte phonographische Platten. Und zwischen diesen
beiden Menschen schwebt eine innige, keusche, unausgesprochene Liebe.
Beide wissen: sie ist hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trägt sie
jeder im Herzen, sorgsam, wie ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum,
einen köstlichen Schatz. In stummer Duldung klammert er sich an sein
jämmerliches Leben, das ihn, den um unbesonnener Jugendstreiche willen
Verstoßenen, Verfemten, so oft grausam geneckt. Seiner heiligen
Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und Wesen strömt in dies
eine große Gefühl zusammen. Er treibt einen Kultus mit dieser Frau.
Besingt sie in überschwenglichen, himmelhochjauchzenden Hymnen. Und
macht doch allem ein Ende durch einen leisen, müden Verzicht. Wunderbar
ergreifend ist dieser Schluß. Ein Dichter hat dies Buch geschrieben.
Ein wirklicher Dichter. Mit sanfter, zagender Hand sind die letzten
Hüllen von menschlichen Seelen gezogen. Und doch erscheint alles wie
durch zarte Schleier, von einem seltsamen matten Glanz umsponnen.
Letzte Menschlichkeiten werden aufgedeckt. Feines, Leises wird gegeben,
wie mit dem Silberstift gezeichnet.

                                      (Königsberger Allgemeine Zeitung)



Ingeborg

Roman. 18. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 5 M.


Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch -- Ingeborg --, diesen
zweiten Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die
Romantik. Und der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig
ein närrisches Buch, aber weise und klug bei aller Narretei, denn die
unerforschlichen, unabänderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung
ist es, ganz jung-jung, und das Blut macht es unruhig, es fiebert vor
Liebe. In einigen Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte,
habe ich es gelesen; mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube
nicht, daß der Föhn allein schuld war ... Mit einer kindlich zarten und
zugleich unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und
besten Dingen gesprochen. Von Gott, von der Liebe, vom Wald ... Ich
will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem möchte ich es in
die Hände drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen kann.

                                                       (Die Zeit, Wien)



Der Tor

Roman. 10. Auflage. Geheftet 5 M., gebunden 6 M.


Hier sind Menschen, eine Fülle Menschen, nicht nur scharf voneinander
geschieden und als Einzelgestalten deutlich in der Phantasie,
sondern in Bewegung, im Zusammensein, im Gespräch in einer Vielzahl
von Aktionen. Ich sehe alle, die im Eisenbahnkupee den Selbstmord
des Dienstmädchens erörtern -- wie hört man das Laute ihrer Reden,
die Heftigkeit ihrer Diskussion und Überzeugungssucht das Rasseln
und Knattern des Zuges übertönen! Der Liederkranzball, den fünf
Kapitel umschließen, bleibt wie ein Erlebtes unverlöschlich in der
Erinnerung: hier ist ein solcher Sturm, ein solches Getöse, ein solches
Ineinanderspielen von Tätigkeiten und Gesprächen, von Trunk, Spiel,
Streit und Hohn, ein solches Chaos bewegter Menschlichkeiten, aus dem
die Gestalten des Helden und seiner Geliebten leuchtend hervortreten,
ein solches Auf- und Abstürmen des lebendigsten Lebens, daß man im
Lesen den Atem anhält, von der Fülle und Intensität einer ganz nahen
Wirklichkeit bis an das eigene Fühlen wunderbar beherrscht ... Nicht
Vergangenes erzählt dieser Dichter, wie alle vor und neben ihm: er
trägt die Gegenwart. Sein Stil, knapp, rasch, ungeduldig, reißt hin.
Kurze Sätze jagen hintereinander her, überstürzen sich, erleuchten und
verdunkeln einander -- dann wieder langsam hintereinander schreitend,
lassen sie der Einbildungskraft Raum, das Bild, das sie halten, zu
betrachten, das Gefühl, die unsichtbare Gottheit, der sie dienen, zu
begreifen. Und wie sie dem Gefühl dienen! Jedes Wort, jeder Ausruf
glaubt sich stark genug, das Göttliche durch sich offenbaren zu
können, und ist doch so gering, daß alles nur hingestammelt wird,
bebend, flehend, erstickt, überwältigt. Alles ist da, ist Leben, ist
Augenblick. Geschehnis und Gedanke gehen ineinander über, eins aus
dem andern hervor. Eh man sich's versieht, biegt der Weg um: neue
Landschaft erschließt sich dem Staunenden -- man muß das Buch für
Augenblicke sinken lassen, um sich zurückfinden zu können.

                                              (Neue Freie Presse, Wien)



Das Meer

Roman. 10. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 5 M.


Diese Schilderung des Ozeans, des ewig unruhigen, brausenden, tobenden,
gefräßigen, gespenstischen Ozeans, ist so ungeheuer plastisch und
namentlich schon durch die Sprache so ausdrucksvoll, daß dem Leser
gleichsam aus den Zeilen fortwährend das Rollen und Grollen des Meeres
entgegentönt. Wie Wellen kommen die Sätze daher, häufen, übersprudeln
sich, stehen still, plötzlich nur zu einem oder zwei Worten verdichtet,
die gleich einem Kahn auf einer Wogenreihe tanzen, dann wieder in
heftige, rasend schnelle, bizarr verknäuelte Bilder sich auflösend
-- es ist eine Tonmalerei, die wie orchestrale Symphoniemusik wirkt.
Eine Sprachsymphonie: »Das Meer«! Und wir sehen und hören nicht nur
das Meer, an der bretonischen Küste -- nein! Mit einer grandiosen
Phantasie führt er uns auf den Boden der See, in die Geisterhöhlen
der Klippen, zwischen die Eisberge der nordischen Strömung, in die
chinesischen Baien. Das Meer in der Mondnacht, im Sturm, in der Stille,
den Schiffbruch des Dampfers und den Kampf des Fischerboots -- alles
zaubert dieser Poet mit vollendeter Kunst vor die staunende Seele. Dazu
die Leute dieser Insel. Urzeit. Menschen ohne Kultur, aber auch ohne
Kulturfäule. Prächtige, spitzbübisch-naive, tiertreue Menschen, die wie
Kinder dumm, morallos, vertrauensselig und heftig sind ... Es ist eine
Apotheose des Meeres, wie aus dem Munde heidnischer Priester. Gleichsam
die Apotheose alles Großen, Unbekannten, nie zu Enträtselnden, das wir
Natur nennen.

                                              (Augsburger Abendzeitung)



_Im gleichen Verlag ist erschienen_:

_Amerika Heute und Morgen_

_Reiseerlebnisse von Arthur Holitscher_

Fünfte Auflage.

Mit 69 Abbildungen. Geheftet 5 M., gebunden 6 M.


Das Beste des Buches liegt in der Unmittelbarkeit der Erlebnisse und
der Darstellung. Es geht über ein paar Weichen hinweg, daß uns manchmal
die Haare zu Berge stehen, aber die volle Fahrt ist doch das Besondere
an dem Buche. Man stutzt und möchte um Mäßigung bitten, aber schon
ist man bei der nächsten Sache, und wir treiben wirklich hingerissen,
gerührt, verführt, ergriffen und nur selten einer kühl nachdenklichen
Stimmung überlassen, mitten durchs Leben der Staaten, mitten durch
die weiten, zukunfthellen Ebenen Kanadas. In den Hauptstädten Kanadas
erleben wir die Ankunft der Kolonistenzüge mit ihren frisch vom
Schiff auf den neuen Boden gesetzten Insassen: irische Proletarier,
belgische Handwerker, slowakische und russische Bauern, denen nun ohne
Unterschied das Land, dem sie entgegenfahren, gehört von diesem Morgen
an. Der Reisende besucht die neuen Siedler auf ihren Heimstätten, auf
ihren Dörfern einsam draußen auf der Prärie. Und in den zauberischen
Städten der Westküste am glitzernden Meer erleben wir den Tummel einer
harten jugendlichen Bevölkerung, in die zum Überfluß noch die kleinen
Vorläuferscharen gelber und brauner Asiaten hineingemischt sind. Wir
lesen bei Holitscher Interessantes über Literatur und Theater in
Amerika, über die Frage der Juden, der Einwanderer, der Neger und
des Sozialismus, über alle die Probleme, die impulsive und unruhige
Menschen drüben mehr auf dem Weg der Revolte als der Staatskunst zu
lösen gedenken. Wir wissen, wie viele Dinge, die auch die unseren sind,
drüben doch ganz anders liegen und ebenso anders gelöst werden müssen
... Wir nehmen dieses neue Amerikabuch gern auf in unser Arbeitszimmer.
Es trägt uns, wie durch eine geöffnete Saaltür, den großen verworrenen
Schall der Gegenwart herein, aber wir lassen uns nicht hindern,
Europa nur noch mehr zu lieben, weil es, auf einen andern Kontinent
verpflanzt, auch eine andere Welt zu erzeugen vermocht hat.

                                                  (Frankfurter Zeitung)


_Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig_



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