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Title: Slavische Volkforschungen - Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven
Author: Krauss, Friedrich S.
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Slavische Volkforschungen - Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven" ***

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                       SLAVISCHE VOLKFORSCHUNGEN

             Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte,
                        Sitten, Bräuche und die
                     Guslarenlieder der Südslaven


                Vorwiegend auf Grund eigener Erhebungen
                                  von
                        Dr. Friedrich S. Krauss.



                        Verlag von Wilhelm Heims
                             Leipzig 1908.



                        Alle Rechte vorbehalten.



Herrn Prof. Dr. KARL von den STEINEN zugeeignet von KRAUSS.


STEGLITZ-Berlin,
1 Friedrichstraße,
31. August 07.


Sehr verehrter Herr Krauss!

Sie wollen einem Ethnologen, und zwar einem »Amerika- und
Südseereisenden«, der sich bei den nackten und wilden Kindern der
Tropen am wohlsten gefühlt hat, Ihre »Slavischen Volkforschungen«
widmen? seinen Namen in ehrender Form mit dem Werk über ein Gebiet
verknüpfen, auf welchem Sie der anerkannte Meister sind und er in
völliger Unwissenheit befangen ist? Ich könnte mich dabei beruhigen,
daß symbolische Handlungen unter Kulturmenschen sinnlos sein dürfen.
Aber glücklicherweise ist das Trennende zwischen unseren Berufen nur
Schein — zumal in Anbetracht der Entstehungsgeschichte dieses Buches.
Die prächtigen Guslarenlieder und ein großer Teil der Aufzeichnungen,
die jetzt endlich in einem gewichtigen Bande herausgegeben werden
sollen, stellen Sammlungen dar, die Sie als junger, gänzlich
mittelloser Mann mit unglaublich zäher Arbeit und unter den
schwierigsten äußeren Bedingungen geborgen haben: Sie haben bei dem
Wandern unter Ihren Südslaven nach Lage der Dinge damals keine
geringeren materiellen Entbehrungen erlitten und sind zweifellos von
keinem geringeren wissenschaftlichen Idealismus getragen worden als der
vortrefflichste Forschungsreisende in irgend einem fremden Erdteil!
Auch in dem einen kennzeichnenden Punkt halten Sie den Vergleich mit
den echten Pfadsuchern unbekannter Länderstriche aus, daß Sie sich
Ihre Aufgabe selber geschaffen haben: Sie erkannten den hohen Wert
eindringlichster volkskundlicher Erhebungen im Dunstkreis der
europäischen Kultur zu einer Zeit, als die berufenen Würdenträger
der südslavischen Gelehrsamkeit noch keine Ahnung hatten von den
Schätzen, die sie umgaben.

Aber die wichtigere Übereinstimmung, die ich gegenüber Ihrem
Anerbieten empfinde, liegt in dem Objekt der Forschung. Wie Vieles ist
in dem letzten Vierteljahrhundert, seit Sie den Klängen der Guslen
nachgingen, zur Klarheit gediehen! Was von führenden Geistern
theoretisch bereits formuliert war, was aber durch induktive Beweise
erhärtet werden mußte und durch Beweise in endloser Fülle mit immer
neuen Überraschungen von allen Ecken und Enden der Welt erst in dieser
Periode erhärtet worden ist, die Wesensgleichheit der Volkskunde und
der Völkerkunde — sie ist heute ein selbstverständlicher Satz
geworden. Das psychologische Verständnis von Sitte und Brauch und
aller sozialen Tradition fließt aus denselben überreichen Quellen auf
den Höhen und in den Niederungen der Menschheit. Die künstliche
Scheidewand zwischen geschichtlichen und geschichtlosen Völkern ist
nicht mehr zu halten. Ja, ich gestehe, nicht ohne Neid und Furcht
betrachte ich den wachsenden Aufschwung folkloristischer und verwandter
Untersuchungen. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß die mit so vielen
feineren und zuverlässigeren Mitteln der sprachlichen und historischen
Analyse ausgestattete Wissenschaft, die von unseren komplizierten
Formen aus rückschließend die Anfänge zu erkennen strebt, in der
Erklärung selbst des primitiven Denkens einst noch einmal die
Ethnologie überflügelt, die heute leider immer und immer noch vor dem
Problem versagt, ob ein einfaches Erzeugnis mit Sicherheit — und an
der Sicherheit hängt alles! — den Ursprung oder die Verarmung
bedeutet. Vorläufig aber wollen wir uns freuen, daß wir uns als enge
Fachgenossen fühlen, mögen wir nun hier bei unseren Kulturnationen in
die tieferen Schichten graben oder fern bei einem Wildstamm den
gegenwärtigen Horizont festlegen. Dieselben Gesetze, dieselben
Phänomene, und, trotz Bastian, vielleicht auch die Kontinuität, gegen
die wir uns noch sträuben! In diesem Sinne kann ich die Patenschaft
annehmen und danke ich Ihnen herzlichst.


Ihr ergebener

Karl von den Steinen.



INHALT.


                                                                 Seite

I. Zur Einführung. Ansätze zu einem moslimisch-slavischen
Schrifttum. — Einflüsse des türkischen auf das slavische
Volktum. — Probestücke aus der handschriftlichen Literatur
bosnischer Moslimen                                                  1


I. Abteilung.

   II. Hexen                                                        31
  III. Die unheimlichsten Waldfrauen                                87
   IV. Rückkehrende Seelen                                         110
    V. Der Vampir                                                  124
   VI. Der Werwolf                                                 137
  VII. Die Mar                                                     145
 VIII. Menschenfleischessen                                        155
   IX. Liebezauber                                                 164


II. Abteilung.

    X. Guslarenlieder. Zur Einführung                              177
   XI. Vom wunderbaren Guslarengedächtnis                          183
  XII. Džanüms Heerzug                                             190
 XIII. Rákóczy’s Fall                                              225
  XIV. Wie Mohammed Köprülü Vezier geworden                        252
   XV. Die Russen vor Wien                                         277
  XVI. Die Mutter der Jugović                                      287
 XVII. Novak der Heldengreis                                       292
XVIII. Die Milchbrüder                                             306
  XIX. Wolf Feuerdrache                                            332
   XX. Der Yoga-Schlaf                                             335
  XXI. Die Menschwerdung des hl. Panteleimon                       349
 XXII. Echte und unechte Vilenkinder                               352
XXIII. Ein Heldengemetzel                                          361
 XXIV. Von einer Vila Zöllnerin                                    365
  XXV. Vilenpfeile (Drei Guslarenlieder)                           371
 XXVI. Das Heldenfräulein und die Blockhausvilen                   384
XXVII. Wie Vilen Ibrâhim Nukić heilten                             394

       Schlagwörterverzeichnis                                     405



ZUR EINFÜHRUNG.

    Ansätze zu einem moslimisch-slavischen Schrifttum. — Einflüsse
    des türkischen auf das slavische Volktum. — Probestücke aus der
    handschriftlichen Literatur bosnischer Moslimen.


Wir wollen einige merkwürdige Proben des orientalisch-slavischen
Schrifttums vorlegen, das sich in Bosnien und dem Herzoglande bei den
moslimischen Slaven entwickelt hat. Es sind dies Erzeugnisse einer gar
bescheiden auftretenden Kunstdichtung, wo die Kunst keine besondere
Dichtung und die Dichtung keine erhebliche Kunst zeigt. Die
Kunstdichtung gehört eigentlich nicht zur Ethnographie, sondern, wie
es sich von selbst versteht, hauptsächlich zur schöngeistigen
Literatur und will vornehmlich vom Standpunkte des Ästhetikers aus
betrachtet werden. Das gilt aber im allgemeinen von jeder literarischen
Schöpfung, im einzelnen können doch noch immer andere Gesichtpunkte
zur Geltung kommen. So muss z. B. gegebenenfalls der Ethnograph die
allerersten Ansätze zu einer Kunstliteratur, wo noch immer die
Individualität des schaffenden Dichters soferne unter der Menge
verschwindet, als sein geistiges Eigentum als blosser Ausdruck des
Fühlens und Denkens der breiten Menge angesehen werden kann, ganz
gewiss in den Kreis seiner Betrachtungen ziehen. Ein literarisch
gebildeter Dichter kann ins Volk hinabsteigen oder das Volk zu sich
emporheben, je nachdem er die Gabe besitzt, auf die Menge nachhaltig
einzuwirken. Erst die für einen beschränkteren Kreis des Volkes
berechnete literarische Produktion, die, um verstanden zu werden, beim
Zuhörer oder Leser eine nicht ganz alltägliche Auffassung und Bildung
zur Voraussetzung hat, soll man füglich der Kunstdichtung beizählen.

So legt die Kunstdichtung mittelbar dafür Zeugnis ab, dass in gewissen
gesellschaftlich bevorzugten Kreisen die lebendige Volküberlieferung
nicht mehr ausreiche, um das erwachte Bedürfnis nach geistiger Nahrung
zu befriedigen. Die Kunstdichtung mag, z. B. wie bei den Hebräern des
Altertums und den Hellenen, auf heimatlichem Boden unter günstigen
Umständen in Anlehnung an die Volküberlieferungen der illiteraten
Menge entstanden oder als ein Reisschössling aus der Fremde importiert
worden sein. Im ersteren Falle muss auch der Kunstliteratur ein
ungleich höherer, ethnographisch relativer Wert innewohnen, als im
letzteren, denn sie wird ihm mitunter wohl recht schätzbare
Aufschlüsse über das Volktum bieten. Die aus der Fremde verpflanzte
Literatur verleugnet dagegen höchst selten ganz ihren ursprünglichen
fremden Charakter; sie zu durchforschen wird für den Ethnographen nur
soweit von Belang sein, als er aus solchem Schrifttum beiläufig
entnehmen kann, in welcher Form und in welcher Art ein Volkgeist dem
anderen sich anbequemt, wie ein Volk die Gedanken eines anderen Volkes
geistig zu verarbeiten vermocht hat.

Die Kunstliteratur der moslimischen Slaven Bosniens und des
Herzoglandes besteht vorwiegend aus importierten und in slavischer
Sprache nachgebildeten türkischen und arabischen Geisterzeugnissen. Es
ist gewiss nicht wenig anregend, den Grundursachen nachzuspüren, die
die Entwicklung einer orientalisch-slavischen Literatur bei den
Südslaven begünstigt haben. Die Erscheinung ist ethnographisch um so
auffälliger und bemerkenswerter, als die Südslaven sich nicht bloss
einer alten klösterlichen Literatur, sondern auch einer überaus
reichhaltigen, sagen wir gleich, einer wunderbar herrlichen epischen
Volküberlieferung, der Guslarenlieder, berühmen können.

Kurz mag man die Frage so stellen: Wiefern sind die Südslaven, die
älteren Bewohner des Balkans, in ihrer geistigen Entwicklung von den
späteren Nachkömmlingen, von ihren Herren, den Türken, bestimmt
worden?

Über vierhundert Jahre lang herrschte der Halbmond über das weit
ausgedehnte, von Natur aus so eigentümlich gestaltete Gebiet der
Balkan-Halbinsel. Hier suchten die Türken festen Fuss zu fassen, weil
sie vom Balkan aus die vitalen Interessen ihres Reiches Westeuropa
gegenüber am erfolgreichsten verteidigen konnten. Der innige Kontakt
zwischen so verschieden gearteten Völkerschaften, wie die Türken und
Slaven, musste einen Verschmelzungprozess hervorrufen. Es fällt nicht
leicht, einen klaren Einblick darein zu gewinnen, weil es noch an
einschlägigen Vorarbeiten sehr gebricht.

Zur Zeit als die ersten türkischen Kriegerscharen die kleinasiatischen
Besitzungen des oströmischen Kaiserreiches zu bedrängen anfingen, war
der bulgarische Staat innerlich zerfallen, das serbische Reich stand
erschöpft und geschwächt da, das bosnische lag, durch
jahrhundertelange heftige Religionkriege aufgerieben, förmlich in den
letzten Zügen, das halbmythische chrowotische endlich war schon
längst zum Anhängsel Ungarns geworden.

Unter dem Drucke einer unproduktiven, geistertötenden
spätgriechischen Kultur, hart bedrängt von der
griechisch-orientalischen und von der römischen Kirche, hatte sich der
südslavische Grund- und Lehenadel zumeist zum Bogomilentum
geflüchtet. Es scheint, als ob die Lehre Bogomils ihren Anhängern die
meisten persönlichen Freiheiten gewährt habe. Die Ursprünge dieser
Sekte dürften im Arianismus zu suchen sein. Sehr häufig standen in
Religionstreitigkeiten und Angelegenheiten Adel und König in einander
entgegengesetzten Lagern. Das Bogomilentum hatte die jungen
südslavischen Staatenbildungen in ihren Grundvesten zerfugt, indem es
die breite Menge des Volkes in wahnwitzvolle Religionhetzen
hineingetrieben. Delirant reges, plectuntur Achivi. Kriege mit
auswärtigen Feinden haben fast immer zur kräftigeren Ausbildung der
Individualität des obsiegenden Volkes beigetragen; mitunter haben
selbst erlittene Niederlagen ein Volk zur höchsten Ausnützung und
Betätigung der in ihm schlummernden Kräfte genötigt; die Flamme von
Bürgerkriegen aber, zumal derjenigen, die religiöser Fanatismus
auflodern lässt, die zehrt Mark und Bein des Volkes auf. Der grösste
Sieg bleibt stets ein Pyrrhussieg.

Solcher düsterer Siege hatte das vortürkische Südslaventum an allen
Ecken und Enden, am meisten in Bosnien, aufzuweisen. So mochte den
Bošnjaken der Türke als ein ersehnter Befreier und Erlöser aus
unleidlichen gesellschaftlichen Verhältnissen erscheinen. Auf eine
andere Weise kann man sich füglich die eine Tatsache nicht erklären,
wie die Türken mit verschwindend geringen Opfern an Blut, nahezu ohne
Schwertstreich, über Bosnien Herren geworden. Fast der ganze Adel und
ein grosser Teil des Volkes hatte sich vom König losgesagt und
freiwillig zum Islam geschworen. Feigheit war gewiss nicht der
Beweggrund, und die Habsucht, um die ererbten Güter weiter im Besitz
zu behalten, wohl auch nicht, helle Verzweiflung war es, die den
stolzen Adel zu diesem Schritt getrieben.

Der Übertritt zum Islam dürfte den Bošnjaken nicht besonders schwer
gefallen sein, denn Adel und Volk hatten im Religionwechseln schon
förmlich eine Übung erlangt. Von den Türken aus wurde in dieser
Hinsicht auf die Bošnjaken kaum ein besonderer Zwang ausgeübt. Das
muss wohl auch der erbittertste Türkenhasser den Türken
wahrheitgemäss zu ihrem Lobe nachsagen: sie waren in Europa weder in
religiöser noch in nationaler Beziehung Proselytenmacher. Der Türke
blickte mit viel zu viel Geringschätzung auf den Slaven herab, als
dass er es für wünschenswert gehalten hätte, ihn zum Islam zu
bekehren. Tatsächlich hatte sich der bosnische Adel durch seinen
Übertritt nicht viel genützt. In den ersten zwei Jahrhunderten der
Okkupation durch die Türken spielt der moslimische Slave eine
durchwegs höchst untergeordnete Rolle im politischen Leben; und die
moslimischen Slaven, die sich später als Helden hohen Ruhm erwarben,
die Mujo Hrnjica, Siv sokol Alile, Ćejvan aga dedo, dedo Varićak,
Pandžić Huso, Tale Orašjanin, Džanan sarajlija und so viele andere
waren ausnahmlos homines novi, Männer aus der Schichte der Ackerbauer,
die ihre Stellung und ihre Macht lediglich ihrer persönlichen
Tapferkeit und ihrem Mute zu verdanken hatten.

Immer wieder muss sich der südslavische Ethnograph, angesichts solcher
mächtigen Wandlungen im Volkleben, die Frage zu beantworten suchen,
wie war es denn mit dem südslavischen Volktum in den Zeiten vor der
türkischen Invasion beschaffen?

Über die ethnographischen und kulturellen Verhältnisse der Südslaven
in den der türkischen Herrschaft vorausgegangenen Jahrhunderten sind
wir leider äusserst mangelhaft unterrichtet. Was uns von der
altsüdslavischen Literatur überkommen, sind trümmerhafte Petrefakte
einer slavisierten spätbyzantinischen Literaturströmung. Einige
magere, gedankenarme Chroniken über kriegerische Ereignisse,
zweifelhafte Geschichten von Duodezkönigen, einige Bändchen
königlich oder »kaiserlich« serbischer Gesetze und diplomatischer
Korrespondenzen sind, abgesehen von zahlreichen sachlich und sprachlich
minderwertigen Evangelien-Übersetzungen, Homilien und ungemein naiven
Heiligenlegenden, fast die einzigen, freilich sehr dürftigen
literarischen Quellen unseres Wissens vom Kulturleben der Südslaven in
vortürkischen Zeiten. Man hat zwar ein Sammelwerk aller südslavischen
Steininschriften in Angriff genommen. Den Hauptvorteil dürfte aus
dieser Sammlung vorzugweise der Philolog als Grammatiker ziehen; wie
denn im allgemeinen die altslavischen Texte, die dem Süden entstammen,
immer die sorgfältigste Beachtung der Linguisten verdienen.

In die verknöcherte byzantinische Schablone, die den Südslaven
aufgenötigt wurde, liess sich unter den damals obwaltenden
Verhältnissen unmöglich originelles, individuelles Wesen einfügen.
Der byzantinische Geist musste, wie er schon einmal war, entweder
vollinhaltlich aufgenommen oder zurückgewiesen werden. Den Südslaven
ist der Byzantinismus hauptsächlich durch die griechisch-orientalische
Kirche vermittelt worden, die keine Kompromisse zuliess. Die
illiteraten Südslaven hatten wohl damals, in der Periode ihrer ersten
Staatenbildungen, keine eigene, widerstandfähige Kultur der
eindringenden byzantinischen als Wehr entgegenzustellen. Auch
wetteiferten die Fürstenhöfe und der Adel in der Nachahmung
byzantinischer Vorbilder. Byzanz war der erste und bedeutendste
Lehrmeister der Balkan-Slaven. Andererseits drang zu den Südslaven vom
Südwesten italienische, vom Nordwesten deutsche Kultur ein.

Den weitaus überlegenen Kulturen ihrer sprachstammverwandten Brüder,
den Griechen, Italienern und Deutschen gegenüber, konnten sich die
Südslaven doch nur stets aufnehmend verhalten. Es ist nicht leicht
annehmbar, das südslavische Volktum hätte unter diesem Einstürmen
dem slavischen Vorstellungkreise durchaus nicht abartiger Elemente noch
Raum zu einer freien und gedeihlichen Entwicklung gefunden. Das
echtslavische, aus den nördlichen Heimatstätten mitgebrachte Volktum
blieb jedoch fast ausserhalb der Berührung mit der Literatur und
Kultur, die von Mönchen und Adeligen aus dem Auslande mitgebracht
wurde. Man sah mit Gleichmut, wo nicht mit Verachtung auf das
ungebildete Volk herab und bekümmerte sich um sein inneres Leben und
Weben so gut wie gar nicht. Wie lässt es sich denn anders erklären,
dass uns die gesamte altsüdslavische Literatur nicht einmal die
blossen Namen der altsüdslavischen vorchristlichen Gottheiten oder
ihrer Kultusstätten, geschweige erst Nachrichten über Sitten und
Gebräuche oder zum mindesten ein einziges episches oder vielleicht
lyrisches Lied aufbewahrt hat? Die alten slavischen religiösen und
gesellschaftlichen Anschauungen bildeten eben keinen Faktor, mit dem
die Missionare des östlichen und westlichen Christentums hätten
rechnen müssen.

Bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts bedrohte die Südslaven
Gräzisierung im Osten, Romanisierung und Germanisierung im Westen. Als
aber die Türken Glied für Glied dem byzantinischen Reiche in Asien
ausrissen, behob sich auch rasch das politische Alpdrücken der
Balkan-Slaven; da streckte und reckte sich das Serbenreich, von Byzanz
frei geworden, gar mächtig aus, östlich fast über ganz Bulgarien und
südlich bis tief nach Griechenland hinab. Es gewann für einen
Augenblick den Anschein, als sollte sich unter dem Szepter der
serbischen Eroberer ein grosses Reich bilden, das alle Südslaven vom
Schwarzen Meer und der Donau-Mündung angefangen bis zu den blauen
Fluten der Adria zu einem Staate vereinigen wird.

Der Bošnjak verlegt das goldene Zeitalter seines bosnischen Stammes
unter die Regierung des halbmythischen bosnischen Fürsten Kulinban,
noch mehr feiert der Serbe seinen Car Dušan. Der eine wie der andere
hatten es verstanden, die Präponderanz der Pleme-Oberhäupter zu
Gunsten der Krone bedeutend zu schwächen und die kleinen Spaltungen
unter den Phylen (plemena) und Phratrien (bractva) auszugleichen.
Beider Politik rüttelte das Volkbewusstsein auf. Das eigentliche
Erwachen zur Erkenntnis ihrer Volkkraft verdanken die Südslaven im
allgemeinen, insbesondere aber die Serben, mittelbar dem Ansturm der
Türken gegen das byzantinische Reich. Die serbischen, Byzanz
tributären Herrscher wurden zu Bundgenossen Byzanz’ gegen die
Türken. Damals mochte der poetisch veranlagte serbische Streiter,
heimgekehrt aus siegreichem Kampfe in weiter Ferne, an langen
Winterabenden seinen um das Herdfeuer lagernden Plemegenossen in
rhythmischem Singsang, begeistert von den Erinnerungen, Kunde tun von
Kampfmühen und herber Not, von kühnen, abenteuerlichen Zügen durchs
schauerliche Dunkel der Urwaldbestände des Balkans, von reissenden
Gebirgströmen und von endlos weiten weizenspendenden Gefilden, von
gleissenden Gewaffen und stahlbepanzerten fremden Kriegerscharen, von
der stolzen Pracht und Herrlichkeit der Tempel und Paläste in Kaiser
Konstantins weissen Stadt am Meere. Und gerne flocht er mit das Lob der
holdseligen, liebreichen Frauengestalten am Hofe der Komnênen ein.

Begierig lauschte Jung und Alt solchen seltsamen Mären. Eine ungeahnte
Welt voll verlockender Zauberdinge hielt ihren Einzug in das
bäuerliche Gemüt des Serben. Unter dem bezwingenden Eindruck solcher
Schilderungen regte sich im Bauer ritterlicher Sinn, Tatendrang und die
Lust an waghalsigen Abenteuern. Das war wie nach langem Winterschlafe
ein sonniges Frühlingauferstehen der südslavischen Volksdichtung.

Noch gegenwärtig, volle fünf Jahrhunderte nach jenen Ereignissen,
weiss der illiterate serbische Guslar in Bosnien und dem Herzogtum
davon zu singen und zu sagen. Und selbst wenn er ein Geschehnis
späterer Zeit, aus der Epoche der Türkenherrschaft besingt, so
schmückt er seine Darstellung mit dem überkommenen Vorrat von
stereotypen Wendungen und Gleichnissen aus jener ersten grossen Periode
der epischen Volksdichtung aus.

In der Schlacht am Leitenfelde (Kosovo polje), am 13. Juni 1389,
unterlagen die vereinigten serbischen Kriegscharen der türkischen
Übermacht. Einige Jahrzehnte nachher kam auch Bosnien und bald darauf
das Herzogtum unter türkische Botmässigkeit.

Die Türken hatten den Balkan nur politisch, nicht auch sozial erobert.
Ein beträchtlicher Teil der Südslaven serbischen Stammes flüchtete
nach Dalmatien, ins Küstenland, nach Chrowotien und Istrien und auf
die Inselwelt der Adria. So wuchs allmählich ein Damm an gegen die
Romanisierung Dalmatiens und gegen die Germanisierung Chrowotiens.
Selbst die Slovenen in Krain und Kärnten wurden durch die neuen
Zuzüge aus dem Süden, besonders aus Bosnien, gegen die Verdeutschung
widerstandfähiger. Andererseits begann nach und nach die chrowotische
Mundart in der lebenskräftigeren, volltönenderen serbischen
aufzugehen und ist schliesslich in ihr so gut wie ganz aufgegangen.
Wenn man heutigen Tages von einer chrowotisch-serbischen oder
serbisch-chrowotischen Sprache und Literatur spricht, so ist darunter
die slavische Mundart des Serbenstammes und das in dieser Mundart
verfasste Schrifttum zu verstehen.

Vom Gesichtpunkte des Ethnographen aus betrachtet, sind die Chrowoten
und Serben trotz ihrer nahen Verwandtschaft doch zwei selbständige
eigenartige Typen der slavischen Völkerfamilie. Genaue, rein sachliche
Untersuchungen wären aufzustellen, um klarzulegen, wie viel die Serben
und Chrowoten einander in ethnographischer Hinsicht zu verdanken haben.
Die serbischen Flüchtlinge verpflanzten unter die Chrowoten die Epen,
die von der Leitenfelder Schlacht, vom Car Lazar, von den Helden
Obilić Miloš, Relja Krilatica, Starina Novak, dijete Grujica, von den
beiden Kosančić und vielen anderen, am meisten verhältnismässig vom
Prinzen Marko erzählen. Die Jahrhunderte hindurch gebräuchlichen
kleinen Raub- und Plünderzüge der Magyaren, Chrowoten [1] und Serben
ins türkische, und der Türken oder der moslimischen Slaven ins
ungarische und venezische Gebiet wanden immer neue Episoden in das
schier endlose Epengeranke der Südslaven ein.

Einen neuen mächtigen Impuls, den zweitkräftigsten, seitdem der
serbische Volkstamm in der Geschichte aufgetreten, erhielt die epische
Volkdichtung in den letzten Dezennien vor der Verdrängung der Türken
aus Ungarn. Die ritterlichen moslimisch-slavischen Grenzwächter
(serhatlije od ćenara), die beiläufig dreissigtausend [2] Mann
auserlesener Truppen ins Feld stellen konnten, hatten einen gar
schweren Stand, die weithin ausgedehnten Marken des türkischen Reiches
im Westen gegen die fortwährenden Anstürme venezischer, deutscher und
magyarisch-chrowotischer Kriegscharen zu verteidigen. Die gewaltigen
Kriegzüge gegen Österreich boten den Moslimen serbischer Zunge und
serbischen Stammes weitaus reichere und für sie erfreulichere Motive
für eine epische Volkdichtung dar, als solche in der älteren
Überlieferung vorhanden waren. Meine grossen Sammlungen
moslimisch-slavischer Epen [3] legen ein glänzendes Zeugnis dafür ab,
dass das südslavische Volktum in diesen Schöpfungen seinen höchsten
und künstlerisch vollendetsten Ausdruck gefunden. Nur die
altgriechischen Epen Homers sind den moslimisch-slavischen ebenbürtig,
sonst hat kein Volk unter den sog. Indogermanen so gediegenen Reichtum
an Volkepen »aus tiefen Furchen seiner Brust« gezogen.

In der Crnagora, in Bosnien, im eigentlichen Serbien und in Bulgarien
entfaltete sich vom 15. Jahrhundert ab unter den slavischen
Nichtmoslimen eine Hajduken-Epik, die stofflich und in der Ausführung
auf ein Haar den neugriechischen und den albanesischen Klephten-Epen
gleicht. Die dicht bewaldeten Höhenzüge der Balkan-Gebirge und die
höhlenreichen Karstgebiete sind die wahren Heimstätten der Hajduken
gewesen, von denen der Guslar singt:


    mač i puška i otac i majka
    dvije male bratac i sekuna
    oštra ćorda vijernica ljuba
    tvrda st’jena mekano uzglavje
    kabanica kuća do vijeka.


    Seine Flinte heisst er »Mutter!« und sein Schwert »lieb
                                                     Väterchen!«
    Zwei Pistolen in dem Gürtel »Brüderchen und Schwesterchen:«
    An dem Gurt ein scharf Gewaffen ist sein »trautes Ehgemahl!«
    Und der harte Felsen dient ihm nachts als weiches Polsterpfühl;
    Und sein Heim, das ist sein Mantel bis zur letzten Lebensstund.


Merkwürdig ist die Erscheinung, dass bei den Bulgaren sowohl die
epischen Lieder aus der älteren Periode als die Hajduken-Epen
vorwiegend auf Anlehnung an serbische Originale oder auf unmittelbare
Entlehnung aus dem Serbischen hindeuten. Dafür haben die Bulgaren die
Sagen, Märchen und Legenden mehr ausgebildet. Die Stoffe sind vielfach
orientalischen Ursprungs. Bulgarien hatte es unter türkischer
Herrschaft verhältnismässig weitaus besser als die Bewohner der
übrigen Provinzen. Bei den Bulgaren entwickelte sich frühzeitig ein
beträchtlicher Gewerbefleiss, dessen Erzeugnissen leicht alle Märkte
des Orients zugänglich waren. Der regere Handelverkehr und der
aufsteigende Volkwohlstand beanspruchten den Bulgaren derart, dass er
den Sinn und das politische Verständnis für seine Volkindividualität
verloren zu haben schien und bis zum Anfang dieses Jahrhunderts gar
keine grösseren Anstrengungen machte, die Türkenherrschaft
abzuschütteln. Fanden sich ja erst vor zweihundert Jahren die
Rhodopebulgaren sogar bewogen, samt und sonders den Islam anzunehmen.
[4]

Im allgemeinen hat sich der Islam als nicht geeignet erwiesen, die
Abendländer für seine Prinzipien zu gewinnen. Die Serben und die
Bulgaren, sowie ein Teil der Balkan-Zigeuner, machten in dieser
Hinsicht die alleinige Ausnahme unter den Völkern Europas. Dagegen
bewährte sich der Islam unter den turanischen und semitischen
Völkerschaften in Asien und unter den Negern in Afrika als höchst
wirksames Förderung- und Bindemittel der Kultur.

Die oft aufgetischten Redensarten von den barbarischen, wilden
Türkenhorden haben nur bedingt eine Berechtigung. Länder und Völker
werden nicht erobert und nicht bezwungen durch zierlich gedrechselte
Komplimente von Salonhelden ebenso wenig, als durch gelahrte
Doktordissertationen. Der Krieg rast dahin auf ehernem Wagen. Den Weg,
den er gewandelt, bezeichnen geknickte Menschenblüten, bleichendes
Gebein und zu Trümmerhaufen umgewandelte Behausungen der Menschen. Ein
grosser Krieg kommt seinen Folgen nach einem schrecklichen
Naturereignis gleich, etwa einem Erdbeben, wie das von Krakataua, oder
einer verheerenden Sintflut. Nach der Katastrophe erblüht auf Ruinen
wieder neues Leben.

In weiteren Kreisen, besonders unter den Südslaven, hat sich wie ein
verrotteter Aberglaube eine grosse Geringschätzung, wo nicht
Verachtung, der orientalischen Kultur eingewurzelt, soweit letztere
durch die Türken repräsentiert wird. Wenngleich die Türken auch
keine grosse selbständige Kultur geschaffen, so war ihnen doch als den
Erben arabischer und persischer und mittelbar selbst altägyptischer
Kultur eine höchst wichtige Maklerrolle zwischen Orient und Okzident
zugefallen.

Das Türkentum hat also auf die Südslaven in zwei Beziehungen einen
segenreichen Einfluss ausgeübt, indem es einmal die Südslaven zu
einem besonderen Kampf ums Dasein nötigte, das andere Mal dadurch,
dass es ihnen die Bekanntschaft mit arabischer und persischer Industrie
und Kunstfertigkeit vermittelt hat. Sowohl durch diese Reibungen und
Konkurrenzen, als infolge der mannigfaltigen Kreuzungen, steigerte sich
die durchschnittliche Intelligenz der Südslaven um ein
Beträchtliches, die Art wurde verbessert und veredelt. Soweit ich
Angehörige der verschiedenen slavischen Völker im persönlichen
Umgang kennen gelernt, sind mir die Südslaven, namentlich die Serben
und Bulgaren, als die schönsten an Wuchs und Gestalt erschienen. Ich
will noch hinzufügen, dass sie geistig ausgezeichnet veranlagt sind
und in dieser Hinsicht weder den Polen noch den Čechen im geringsten
nachstehen, nur fehlt ihnen im Durchschnitt jene rastlose
Beharrlichkeit und Schaffensfreude, die man getrost als
charakteristische Merkmale der Čechen im Verhältnis zu den übrigen
Slaven betrachten darf.

Die Südslaven lernten von ihren Herren, den Türken, die Fabrikation
von Tüchern und Teppichen, von Sattelzeug und Waffen, von
Hausgerätschaften und von noch unzähligen kleinen und grossen Dingen.
[5] In der Baukunst ragten die türkischen Meister besonders durch
kunstvolle Brücken und Festungbauten hervor.

Die Zähmung der Falken zur Jagd und auch zur Briefpost gehörte zur
Türkenzeit bei den bosnisch-herzögischen Edelleuten zu den
gewöhnlichen Beschäftigungen. Den Gebrauch der Jagdfalken finden wir
öfter in Guslarenliedern besprochen, aber meines Wissens nur dreimal
den Falken als Briefboten. Brieftauben scheint man nicht benutzt zu
haben, zum mindesten nicht bei Moslimen. In einem Guslarenliede wird
erzählt, wie Muškić Stjepan (Stefan der Moskauer) seinen Brief nach
Udbina bestellt:


    er rief darauf herbei den grauen Falken
    und band ihm um den Hals das Briefchen fest,
    und gab auf griechisch ihm sodann die Weisung:
    — »Verweil mir nirgends und an keinem Orte
    eh’ du zur Burg des Burgherrn hingekommen,—
    dann lass dich ihm aufs Fenstergitter nieder:«

    Der Falke flog zum Himmel unter Wolken
    und liess im türk’schen Udbina sich nieder
    auf Osmanagas weissgetünchter Warte
    und von der Warte schoss er hin ans Fenster.

    Als ihn ersah der Burgherr Osmanaga,
    da sprach er wohl auf griechisch an den Falken:
    — »Komm her zu mir graugrüner Vogel Falke!«
    Der Falke fiel ihm auf den weissen Schoss,
    da löst’ er ihm den Brief vom Halse los
    und legte sich den Brief auf seine Kniee
    und brach das Siegel von dem Schreiben auf.


Bei den Türken stand die Falkenbeize seit jeher in grösstem Ansehen.
(»Falknerklee«, drei ungedruckte türkische Werke über die
Falknerei, eines der ältesten Denkmäler der türkischen Literatur,
übersetzte Josef von Hammer. Pesth 1840.) Die türkischen Sultane
waren fast ausnahmlos Freunde der Falkenjagd. Am meisten widmeten sich
ihr Bajesid, der Wetterstrahl, und Mohammed IV. Nach der Schlacht bei
Nikopolis (28. September 1396) gab S. Bajesid den ausgelösten
deutschen, ungarischen und französischen Kriegern eine Falkenjagd zum
besten und setzte sie durch die Pracht seines Jagdstaates, der aus
7000 Falkenjägern und 6000 Hundewärtern bestand, in Erstaunen. Die
Falkeniere bildeten die Masse der sultanischen Jägerei, welche aus den
vier Klassen der Falkenjäger, der Weihejäger, der Geierjäger und der
Sperberjäger bestand, während die Hundewärter, in der Folge den
Janitscharen einverleibt, 33 Regimenter bildeten. Ihre höheren
Offiziere wurden durch Benennungen der Jagd nach den ältesten
Begriffen des Morgenlandes geadelt, weil die Lebensmittel der Nerv des
Krieges und die Jagd dessen edelstes Vorspiel ist. [6]

In dieser Schule lernten auch die bosnisch-herzögischen Spahis und
Zaimbege die Falknerei kennen und verpflanzten sie von dort in ihre
Heimat, wo sie sich hie und da bis auf den heutigen Tag noch behauptet
hat. Der verdienstvolle und sehr strebsame Herausgeber des »Glasnik«
in Sarajevo, Herr K. Hörmann, liess durch den Maler Ewald Arndt aus
Deutschland darüber in Bosnien Ermittelungen anstellen und
veröffentlichte in seinem Organe die mit Hülfe des Bezirkvorstandes
Jordan und des Oberförsters Elleder gewonnenen Nachrichten. [7]

Noch vor 15 bis 20 Jahren jagten allgemein die Begen in Nordbosnien
(Krajina) und im Savelande mit Falken, gegenwärtig aber ist die
Falkenjagd nur noch üblich in den Edelsippen Uzeirbegović in Maglaj
und den Širbegović und Smailbegović in Tešanj. Die Begen erklären
bestimmt, die Falknerei sei nach der Unterwerfung des Landes durch die
Osmanen eingeführt worden. Einen Jagdfalken zu überwintern, verstehen
die Begen nicht mehr, wahrscheinlich, weil sie die zweckmässige
Fütterung des Vogels verlernt haben, früher richtete man den
Wanderfalken (falco peregrinus) ab, in unserer Zeit dagegen so gut wie
ausnahmlos nur jene Art, die man »atmadža« nennt (atmadža oder
akmadža bedeutet aber türkisch einen Sperber!). Zuweilen nimmt man
auch einen gewöhnlichen Sperber, doch hat man von ihm nur geringen
Vorteil.

Den Falken fängt man mit Netzen. Zwei beiläufig zwei Meter hohe und
ebenso breite Netze werden sehr schwach in einem spitzen Winkel an
Stangen befestigt. Von der Aussenseite verdeckt man die Netze mit
dünnem Gezweige und grünen Dornen. In der Mitte zwischen den
Netzflügeln bindet man eine lebendige Dohle an, worauf sich der Jäger
in einem Gebüsch in der Nähe verbirgt. Um sich zu befreien, fängt
die Dohle zu flattern und zu krächzen an, worauf sich leicht ein
einjähriger noch unerfahrener Falke auf die Beute stürzt. Es
entspinnt sich ein heftiger Kampf, bei dem das Netz über den Kämpfern
zusammenfällt. Zur Abrichtung wählt man lieber ein Weibchen als das
schwächere und kleiner gebaute Männchen. Die Freunde der Falkenjagd
wissen genau, aus welchen Nestern sie die tauglichsten Falken erhalten
können; alle Falken sind nämlich nicht gleich gelehrig. Im
Ozren-Walde zählt man 20 Falkenhorste, doch nur an drei Stellen findet
man die verwendbaren Falken.

Die Falkenbeize erheischt viele Mühen. Vorerst muss man den Falken
daran gewöhnen, geduldig den Riemen am Bein zu tragen. Der Sitz des
Falken muss stets in schaukelnder Bewegung erhalten bleiben und von
Zeit zu Zeit hat man den Falken mit Wasser zu bespritzen, damit er
nicht einschlafe. Auch muss er lernen, ruhig auf des Jägers Hand zu
sitzen, die mit dicken aus Schaffell angefertigten Handschuhen
bekleidet ist. Diese Abrichtung währt 15 bis 20 Tage. Mit dem
gefügigen Falken auf der Hand begibt sich der Jäger in Begleitung
seines Jagdhundes aufs Feld. Sobald der Hund eine Wachtel
aufgestöbert, wirft der Jäger den Falken in der Flugrichtung der
Wachtel auf, und der Falke schiesst auf seine Beute mit Blitzschnelle
los. Ein gut geschulter Falke in Händen eines tüchtigen Jägers kann
des Tags 10 bis 15 Wachteln fangen. Im Herbste, wenn die Wachteln nach
dem Süden wandern, kann ein flinker Falke 60 bis 80, ja sogar 100
Wachteln einfangen oder erbeuten. Der Gebrauch eines Federspiels oder
Luders bei der Falkenbeize scheint den bosnischen Waidmännern
unbekannt zu sein.

Fast alle Musikinstrumente, die vielgedachten Guslen, das Symbol des
Südslaventums, die auf asiatischen Ursprung hindeuten, haben die
Südslaven den Türken zu danken. Mit der Šargija, der Bugarija, den
Čemane und der Tamburica, Instrumenten von der Art der Mandoline, die
gleichfalls dem Oriente entstammt, brachte der asiatische Osten dem
Südslaven eine phantasievolle, blumenreiche, herzinnig-zarte, sinnige
Lyrik von auserlesenstem Reichtum an Motiven und geistvoll zugespitzten
Pointen. Nicht leicht hat mehr eines slavischen Knaben Wunderhorn
solche Diademe und kostbare Perlenschnüre, wie das südslavische
Schatzkästlein der Volklyrik, aufzuweisen. Nur dem Spanier war es
beschieden, in ähnlicher Weise aus dem unversieglichen Jungbrunnen
orientalischer Dichtung liebetrunken zu nippen.

Das lyrische Volklied der Südslaven verleugnet im allgemeinen auch
äusserlich seinen orientalischen Charakter nicht. Die köstlichsten
Stücke rühren aber in der Lyrik nicht minder als in der Epik von den
moslimischen Slaven her. In dieser Lyrik kommt stürmische Glut
gesunder Sinnlichkeit, gelangt der Liebe Lust und Leid voll und
farbenprächtig zum Ausdruck, während die Liebelieder der
südslavischen Nichtmoslimen besonders in jenen Gegenden, wo die
Türken nie festen Fuss gefasst hatten, vielfach das Gepräge
schrankenloser Sinnlichkeit und dabei oft eine nicht leicht näher zu
bestimmende Nüchternheit, die zuweilen an Plattheit grenzt, aufweisen.

Der rege Verkehr zwischen den Slaven und Türken übte auf den
beiderseitigen Sprachschatz eine nachhaltige Wirkung aus. Die
gegenwärtige türkische Sprache hat eine Menge slavischer Elemente in
sich aufgenommen, die serbische und bulgarische aber noch weit mehr
türkische oder turzisierte arabische und persische Ausdrücke. Es lag
ja in der Natur des gesellschaftlichen Verhältnisses, dass die Slaven
mehr nehmen mussten, als sie zu geben hatten.

Die serbische und bulgarische Sprache hat zusammen wohl über
zehntausend dem türkischen Wortvorrat entlehnter Wörter noch zur Zeit
in allen den verschiedenen Gegenden im Gebrauche behalten. Vor allem
tragen 70 Prozent der gewerblichen und landwirtschaftlichen Geräte
und Werkzeuge und Verrichtungen, die Kleidungstücke und mannigfache
Verhältnisse des Lebens lauter Fremdnamen. Eine recht fleissig
ausgearbeitete, für die praktischen Bedürfnisse des Alltaglebens
berechnete lexikalische Zusammenstellung türkischer und anderer
orientalischer Worte in der serbischen Sprache hat im Jahre 1884 der
Serbe Gjorgje Popović in Belgrad veröffentlicht. (»Turske i druge
istočanske reči u našem jeziku. Gragja za veliki srpski rečnik.«
gr. 8o. p. 275.) Auf Vollständigkeit erhebt Popovićs Arbeit noch
lange keinen Anspruch. [8]

Es ist klar, dass dort, wo die Berührung zwischen Türken und Slaven
am intensivsten stattfand, die Volksprache davon ausreichendes Zeugnis
ablegt. Das ist der Fall in denjenigen bosnischen und herzogländischen
Bezirken, die vorwiegend von Moslimen bewohnt werden. In den sonnigen
Lehnen der Treskavica planina liegen z. B. lauter moslimische
Ortschaften, wo die serbische Mundart nahezu schon den Charakter einer
türkisch-slavischen Mischsprache erlangt hat. Dort habe ich viele
tausende Verse epischer Lieder aufgezeichnet, von denen mancher Vers
lauter Fremdworte enthält, z. B.:


    Vlasi Muje bastisali kulu.


    Die Christen zerstörten Mustapha’s Burg,


oder zum mindesten unter vier Worten drei fremde, z. B.:


    eto aga dženliva hajvana!
    Poljeće bakrena džemija
    pro deniza i kara limana.


    hier ist, o Herr, das rasende Geschöpf!
    Es flog dahin die kupferne Galeere
    übers Meer und über die schwarze Buchtung.


Ein Epos von der Eroberung Ofens hebt also an:


      Razbolje se sultan Sulejmane
    u Stambolu gradu bijelome
    na svom tâchtu u svome devletu
    treći danak šechli ramazana.


      Es erkrankte Sultan Sulejman
    in Stambol, der weissen Stadt,
    auf seinem Throne in seinem Reiche,
    am dritten Tag des Monats Ramaddăn.


Von den zwölf Substantiven und Adjektiven dieser vier Zeilen sind
sieben Fremdwörter. Das ist eine Probe der allergewöhnlichsten
Volksprache. Natürlich sind in den Erzeugnissen der
moslimisch-slavischen Kunstdichtung die Fremdwörter noch stärker
vertreten, denn die Verfasser setzten bei ihren Lesern eine höhere
Kenntnis des Türkischen voraus.

Eine Sprache ändert ihren Charakter durch Aufnahme von Fremdwörtern
solange nicht, als sie die Eindringlinge durch Vor- und Nachsilben der
neuen Umgebung vollkommen anzupassen vermag. So verfügt unsere liebe
deutsche Sprache, wie dies aus Heyse’s grossem Fremdwörterbuch
ersichtlich ist, über die hübsche Kleinigkeit von 70 000
Fremdwörtern; hat demnach siebenmal mehr als die Südslaven geborgt,
ohne sich mit dem fremden Gemengsel den Magen zu verderben. Diese
Fremdworte bergen in sich ein grosses Stück der Geschichte von der
geistigen Entwicklung des deutschen Volkes. Ich meine, der Deutsche hat
sich seiner Fremdwörter nicht nur nicht zu schämen, sondern mag sich
ihrer getrost berühmen, sofern sie für ihn zeugen, dass er sich in
der ganzen Welt umgetan hat, um überall das Beste zu lernen.

Freilich gehören sieben Zehntel der Fremdwörter im Deutschen nur der
konventionellen Ausdruckweise verschiedener Stände und Berufklassen
an, während bei den Südslaven alle 10 000 Fremdworte im illiteraten
Volke selbst gebräuchlich sind. Selbstverständlich kennen die
Bewohner eines Dorfes nur einen winzigen Bruchteil der Fremdworte, wie
sie ja auch nicht den gesamten Sprachschatz beherrschen. Den hat kein
Einzelner, und mag es der gelehrteste seines Volkes sein, jemals ganz
inne.

Eine Mischsprache beginnt sich erst dann zu entwickeln, wenn die eine
Sprache durch eine andere auch in der Flexion und der Satzfügung
wesentliche Änderungen erleidet, nachdem sie sich schon einen schweren
Bruchteil an Fremdworten einverleibt hat. Das Bulgarische hat die
Kasusendungen bis auf schwache, vereinzelt erhaltene stereotype
Ausnahmen und den Infinitiv verloren, hat sehr viel Wörter aus dem
Türkischen herübergenommen, aber noch immer nicht genug, um als
Mischsprache zu gelten. Die Satzfügung ist trotz aller Veränderungen,
die die bulgarische Sprache im Laufe der letzten fünf Jahrhunderte
erlitten, im Grunde genommen slavisch geblieben.

Obwohl die serbische Mundart der moslimischen Slaven von Herzeg-Bosna
die Kasusendungen und den Infinitiv noch besitzt, scheint es mir doch,
dass sie wenigstens in den Erzeugnissen ihrer Kunstliteratur eher das
Bild einer Mischsprache darbietet als das bulgarische, und zwar darum,
weil sie in syntaktischer Beziehung eine bedeutende Beeinflussung durch
das türkische Zeitwort etmek (itdim perf. sing.), d. h. tun, machen,
erfahren hat. Das Zeitwort selbst ist nicht mit eingedrungen in die
slavische Sprache, sondern nur die im Türkischen mit diesem Zeitwort
übliche Konstruktionweise; für verabsäumen (zanemariti) wird z. B.
terk (arabisches Wort) činiti (machen, slavisches Wort), d. h.
»Verabsäumung machen«, gesagt, für erwähnen (spominjati) sikri
činiti (Erwähnung machen; Erwähnung tun), für sich bedanken oder
dankbar sein (zahvaliti se, zahvalan biti) Dankbarkeit machen: šućur
činiti. Der Bulgare setzt für das etmek am häufigsten činim (ich
mache), aber nicht selten pravim (ich fertige an) oder storim (ich
schaffe) ein. In der Regel verrät sich die entlehnte Konstruktion
schon dadurch, dass das Substantivum fremd ist, indessen hat das
Serbische, dem natürlichen der Sprache innewohnenden Abstossungdrange
folgend, sehr häufig die fremden Substantive durch gut slavische
ersetzt, so z. B. (bei Bogoljub Petranović: Srpske narodne pjesme iz
Bosne, Sarajevo 1867):


    Kakav li je grijeh učinio? (S. 27. Nr. 25.)
    grijeh učiniti für zgriješiti,


    Was hat er für Sünde begangen (getan);
    Korrekt slavisch müsste man fragen: kako li je oder u čem li je
    zgriješio.


    veliku radost učiniše (S. 37. Nr. 30),
    radost učiniti für obradovati se,


    sie machten eine grosse Freude,
    korrekt wäre: veoma se obradovaše.


Bei L. Marjanović (Hrvatske, d. h. bosnische nar. pj. Agram 1867)
liest man auf S. 57. V. 15:


    na Udbinu zatrke čineći.
    zatrke činiti ist für zatrkivati se;


    Ins Udbinaer Gebiet Einfälle machend,
    korrekt wäre: zatrkivajući se.


Im Bulgarischen bei Miladinovci S. 116, Nr. 84 (Bolgarski narodni
pesni, Agram 1861): svadba činit, für svatuet (er feiert Hochzeit);
S. 452, Nr. 488: mome se pišman storilo (das Mädchen hat Reue
gemacht, d. h. sie hat ihr Jawort zurückgenommen), wofür der Serbe
sagen würde: moma se pišman učinila oder popišmanila se; pišman
ist persisch pešiman. Gut slavisch wäre: moma riječ svoju pokajala
(sie hat ihr Wort bereut) oder, wie die Bauern in Slavonien sagen, cura
se predomislila (das Mädchen hat sich eines anderen besonnen). Bei
Vladimir Kačanovskij (im Sbornik bolgarski pesen, St. Petersb. 1882),
liest man auf S. 502, Nr. 200, V. 322: nemu se poklon napravil (er
hat sich vor ihm verbeugt), der Serbe sagt dafür poklon činiti, so
z. B. bei Petranović a. a. O. S. 38, Nr. 30: poklon čini
prečistoj gospoži (er verbeugt sich vor der erlauchtesten Frau).

Diese Hinweise mögen hier genügen. Ich habe solcher Beispiele bei
sechshundert bisher vorgemerkt und gedenke einmal, bis meine Sammlungen
südslavischer Volküberlieferungen gedruckt sein werden, diese und
noch eine Reihe verwandter Erscheinungen der südslavischen
Sprachentwicklung eingehend zu behandeln.

Ich wiederhole es, dass nach meinem Dafürhalten die serbische Mundart
der bosnisch-herzogländischen moslimischen Schriftdenkmäler bei
weitem mehr den Charakter einer Mischsprache als das Bulgarische an
sich trägt. Sie ist nicht zufällig entstanden, sondern durch die
Bedürfnisse im Laufe der Zeiten geschaffen worden. So musste die
Hülle sich umarten, in der die türkische Auffassung zu dem Südslaven
sprechen konnte. Es ist gleichsam das Lallen und Stammeln des Kindes,
das mit dem Ausdruck ringt, um seinen Wahrnehmungen und Beobachtungen
Geltung zu verschaffen. Das Kind empfängt viel zu viel auf einmal und
vermag sich nicht aus dem Gewirre herauszuhelfen. Der wirkliche
Kunstdichter unter den slavischen Moslimen befand sich in einer
ähnlichen Lage. Auf ihn drängte seine slavische Muttersprache und
zugleich die türkische ein. Er bediente sich beider, um seine Gedanken
am klarsten auszudrücken. Er borgte der fremden nur das ab, was ihm in
der seinigen nicht genug bestimmt gefasst zu werden möglich schien.

Unstreitig zeichnet sich eine derartige Mischsprache durch einen
Reichtum von Wendungen aus und kann in hohem Grade ausgebildet werden.
Ich gedenke beispielweise der deutsch-slavisch-hebräischen Mundart der
polnischen Juden, die um ihrer Sprache willen nur zu oft
ungerechtfertigten Angriffen ausgesetzt sind. Die polnischen Juden sind
von alterher grösstenteils deutsche Einwanderer; darnach ist der
Grundzug ihrer Mundart formell deutsch geblieben, die Syntax aber eine
slavische geworden und der Sprachschatz hat sich durch unzählige
hebräische Worte aus der Bibel und dem Talmud und durch eine
stattliche Anzahl romanischer Elemente aus den von französischen,
italienischen und spanischen Juden verfassten Kommentaren zum Talmud
bereichert. In dieser Mischsprache, die in Südrussland, Polen, in
Galizien, in Ungarn und Nordamerika von 8 000 000 Menschen verstanden
und gesprochen wird, halten Talmudgelehrte geistreiche und verzwickte
Vorträge und Streitereien ab über die spitzfindigsten Glaubenssätze
des Judentums und über Thesen der alexandrinischen Philosophenschule,
ja in New York besteht sogar ein grösseres Theater, in welchem
klassische Dramen, wie z. B. Shakespeares »Hamlet« in dieser
Mischsprache von der Bühne herab vorgetragen werden.

Nicht minder ausbildungfähig scheint mir die Mundart der slavischen
Moslimen zu sein. Selbstverständlich sprechen die gegenwärtigen
politischen Verhältnisse gegen die Wahrscheinlichkeit, dass die
Mischsprache der slavischen Moslimen je eine Stufe der Vollendung wie
das sogenannte Jüdisch-Deutsch erlangen werde. Es wäre im Interesse
der Südslaven auch gar nicht wünschenswert, wenn ihrer jungen
serbischen Literatur daheim eine so überflüssige und die allgemeine
Literaturentwicklung hemmende Konkurrenz grossgezogen würde. [9]

Die Volkepik und Volklyrik mit den übrigen mündlichen
Überlieferungen reichten bei der illiteraten Menge vollkommen aus, die
Bedürfnisse nach anregender Unterhaltung und Belehrung über die
Vergangenheit zu befriedigen. Die Kunstliteratur der moslimischen
Slaven in Herceg-Bosna verfolgt aber, mit geringer Ausnahme, der
Hauptsache nach paraenetisch-didaktische Zwecke. Ein grosser Teil
dieser Literatur besteht aus Wörterbüchern und Sammlungen von
Redensarten behufs Erlernung der arabischen und türkischen Sprache.

Die Kunstschriftsteller der moslimischen Slaven scheinen gar keine
Kenntnis weder von der älteren noch von der gleichzeitigen
südslavischen Literatur gehabt zu haben, sonst hätte der erste
bekannte Vertreter dieser Richtung Potur Uskufî (der ungenannte
Renegat aus Dolnje Skoplje) in dem Einleitungpoem zu seiner
Liedersammlung im Jahre 1630 die unrichtige Behauptung wohl nicht
ausgesprochen:


    Zwar schrieb schon mancher manches schöne Wort
    Gleich Edelsteinen alle, schmuckster Sorte;
    Allein auf Bosnisch ward noch nichts geschrieben;
    Prosa wie Dichtung sind da Null geblieben.


Derselbe hat einige scherzhafte poetische Episteln, mehrere Liebelieder
und viele Sprüche in Vierzeilen verfasst. Unter den moslimischen
Slaven in Bosnien ist sprichwörtlich sein Ausspruch:


    Uči piši, radi vrlo, da ne budeš ĭzločest. [10]


    Lerne, schreib’ und arbeit’ emsig, sonst wirst du ein
                                                        Taugenichts.


Dr. Otto Blau, in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
preussischer Konsul zu Sarajevo, hat die Lieder Uskufîs und noch
einiger anderer Dichter dieser Art, mit Übersetzung und sprachlichen
Erläuterungen einbegleitet, im V. Band der Abhandlungen für die
Kunde des Morgenlandes (herausgegeben von der morgenländischen
Gesellschaft) publiziert. In der Wertschätzung dieser Erzeugnisse
scheint mir Blau viel zu hoch ausgeholt zu haben. Die eigentlich
schönen Lieder sind direkt türkisch und nur durch slavische Zeilen
versetzt; sie sind auch nicht in der Mischsprache verfasst. Ähnliche
Gemengsel von Versen in verschiedenen Sprachen, z. B. der deutschen
und der lateinischen, der polnischen und lateinischen oder der
polnischen und deutschen, sind auch bei uns wohl bekannt. Oskar Kolberg
bietet in seinem monumental-klassischen Sammelwerke polnischer
Volküberlieferungen eine stattliche Reihe derartiger Dichtungen [11]
dar.

Recht hübsch ist wohl die Liebeklage El-Abd-Mustafas, des Bošnjaken,
die in Blaus Nachdichtung also lautet:


    Wo bist du geblieben, mein trautestes Lieb?
    Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht!
    Bei Gott, du bist mehr als das Leben mir lieb!
        Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht!

    Lang schmacht’ ich, o Herz, dich einmal zu umfahn,
    Ich seufze, seit dich meine Augen nicht sahn;
    Mein Herz sehnt nach dir sich, o glaube daran!
        Lang schon ist’s her, und ich küsste dich nicht!

    Ich sag’s dir: o du meine Seele und Wonne,
    Du bist wie ein Sträusslein von Rosen so schön.
    O fleuch nicht vor mir, meine strahlende Sonne!
        Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht!

    Dem Blatte gleich, welk’ ich, mein Herzblatt, um dich.
    Mein Auge weint Ströme von Zähren um dich.
    O Herrin, vor Kummer verzehre ich mich!
        Lang schon ist’s her, und ich herzte dich nicht!

    Die Wange dein blüht wie ein Waldröslein rot.
    Schwarzdrossel zum Schmuck ihren Frohsinn dir bot.
    Wer dich liebt, dem tät eine Schlinge wohl not.
        Lang schon ist’s her, und ich umschlang dich nicht.

    Verbirg dich vor mir nicht, o komm doch heraus!
    Sonst hauch’ ich mein Leben noch ohne dich aus:
    Wo bist du, mein Schatz! sprich, wo hältst du jetzt Haus?
        Lang schon ist’s her, und ich küsste dich nicht.

    Du merkst nicht, o Freundin, die Tränen so schwer,
    Wenn trauernd ob Deiner ich irre umher
    Und klage Weh, wenn ich dich sehe nicht mehr.
        Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht.

    Bei Gott! ich bin dein, wie’s ein Waisenkind ist!
    Verdirb es, verwirb es, wie Dir es erspriesst!
    Schlag, Nachtigall, schlage, wo immer du bist!
        Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht.


Solcher Liedchen enthält Blaus Sammlung mehrere; das sind aber auch
die besten Stücke des moslimisch-slavischen Kunstschrifttums, soweit
ich es kennen gelernt habe. Auf meiner ethnographischen Forschungreise
in Bosnien und dem Herzogtum habe ich dieser Literatur nebenbei einige
Aufmerksamkeit gewidmet und an 24 Handschriften gesammelt, die zu
dieser Literatur gehören. Alle sind mit arabischen Buchstaben
geschrieben. Mit solchen Schriftzeichen sind vor 45 Jahren zu
Konstantinopel zwei Broschüren für die moslimischen Slaven
Herceg-Bosnas gedruckt worden. [12]

Uskufî ist der bekannteste von den Kunstdichtern unter seinen
Glaubensgenossen. Man zeigte mir zu Skoplje an dem Vrbasflüsschen sein
ehemaliges Heim und auf der Ruine von Prusac sein Lieblingplätzchen,
von wo aus man einen herrlichen Ausblick auf das tiefe und breite Tal
und auf die Höhen der Čardak Planina geniesst.

Am meisten verbreitet sind im Volke die sogenannten Avdijen, das sind
Ratschläge eines Vaters an seinen Sohn Avdija. Darnach nennt der
slavische Moslim solche Gedichte kurzweg Avdije, ohne Rücksicht
darauf, ob sie den Namen Avdija enthalten. Es unterliegt keinem
Zweifel, dass die Avdijen als blosse Übersetzungen, vielleicht
Umarbeitungen türkischer oder vielmehr arabischer Vorlagen sind. [13]

Jeder Moslim lernt in Bosnien und im Herzogtum vom Gemeindelehrer, vom
Chodscha (hodža) türkisch lesen und schreiben und die unumgänglich
notwendigen Suren des Koran; überdies muss er eine Avdija auswendig
kennen. Auch Mädchen haben die Avdija inne. Ein kleines,
fünfjähriges Töchterchen eines Beg (Edelmannes) in Maglaj an der
Bosna sang mir in näselndem Tone eine Avdija vor. Sie hatte sich mit
kreuzweis unterschlagenen Beinen auf dem Boden niedergekauert und
wiegte rhythmisch den Oberkörper nach rechts und links.

Erwachsene näseln gleichfalls recht monoton die Avdija herab, nur
ist’s Gebeutel krampfhafter; dabei rollt der Rezitator mit den Augen
hin und her und schneidet Grimassen, als handelte es sich um Sein oder
Nichtsein. Der Orientale kennt überhaupt das ruhige Erzählen nicht
wie wir, er singelt immer nach gewissen Rhythmen und hält viel auf
Pathos. Jeder Blick und jedes absichtliche, wenn auch noch so leise
Zucken mit den Brauen oder dem Munde, alles hat seinen besonderen
tiefen Sinn und Wert. In die geringfügigste Kleinigkeit weiss der
Orientale etwas hineinzugeheimnissen. Seine Mimik dient zur plastischen
Hervorhebung seiner Rede. Er spricht nicht bloss, um zu sprechen, er
will den Zuhörer auch gleich durchdringend überzeugen. Er spricht
nicht bloss mit dem Munde, er spricht zugleich mit dem ganzen Körper.
Die Mimik wird zum Kommentar der Worte.

Aus diesem Grunde ist eine Avdija für den slavischen Moslim von
weitaus höherer Bedeutung, als sie uns erscheinen mag, die wir leicht
geneigt sind, eine Avdija als eine Reihe zusammenhangloser, zum Teil
recht einfältiger Aussprüche zu betrachten. Lehrsätze dieser Art
kennt übrigens auch der nichtmoslimische Slave in Herceg-Bosna. Er
legt sie den Waldfräulein, den Vilen, in den Mund. Jede Sentenz hebt
also an:


    Govorila vila sa zelene st’jene.

    Es sprach die Vila von der grünen Felswand herab.


Ein Spruch lautet z. B.:


    ne prelazi na četir noge mosta.

    Auf vier Füssen überschreite keine Brücke.


d. h. der Reiter soll vom Pferde absteigen und das Pferd am Zügel
führend über die Brücke gehen. Die Brücke kann ja morsch sein.
Darum ist Vorsicht notwendig. Unter anderen lehrt einmal die Vila
gleich der Pseudosybille: μὴ προβάδην ἰὼν οὐρήσῃς. Auch vom Sattel
herab soll man es nicht tun.

Das zweite Stück, das wir hier mitteilen, hat einen gewissen Edhem
ćatib (Schreiber) oder Imam (Vorbeter in der Moschee), wie er dies am
Schluss des Gedichtes selber anführt, zum Verfasser. Wann und wo er
gelebt, darüber habe ich nichts in Erfahrung bringen können. Sein
Aufenthaltsort dürfte wenigstens zeitweilig zu Zenica in Bosnien
gewesen sein, da er sein Gedicht an die Edelfrauen von Zenica richtet.
Wohl hat er das Lied in einer Zeit geschrieben, als sich die
moslimischen Edelleute von Zenica durch bedeutenderen Reichtum
auszeichneten, so dass sich ihre Frauen der Putzsucht ergeben konnten.

Sowohl die Avdijen als Edhems Gedicht haben durch die Randbemerkungen,
die von Abschreibern in den Text aufgenommen wurden, stark gelitten.
Öfters sind auch die Verse kunterbunt durcheinandergemengt.
Konjekturalkritik an diesen Texten zu üben, ist kaum statthaft; man
muss sie eben hinnehmen wie sie sind.

Mit der Verskunst der moslimisch-slavischen Kunstdichter ist es nicht
weit her. Die Maasse sind der arabischen und türkischen Verstechnik
entlehnt. In unseren Proben herrscht der achtsilbige trochäische Vers
vor. Je drei Verse enden auf gleichen Reim. Übrigens sind ein
gleichmässig durchgeführtes Metrum, reiner Reim, Korrespondenz der
Strophen und dergleichen Forderungen der Metrik unseren Dichtern
ziemlich Nebensache. Vielleicht fällt ein Teil der Schuld auch auf die
Abschreiber. Potur Uskufî hat wohl am meisten gute Verse aufzuweisen.
In der Prosa befleissigten sich unsere Moslimen der Nachbildung
arabischer Makamen, ohne aber die Vorbilder auch nur annähernd zu
erreichen. Es sind eben schüchterne Versuche.

Dr. Blau hat seinen Uskufî und die anderen Dichter in versifizierter
deutscher Übersetzung wiedergegeben, freilich auf Unkosten der
Genauigkeit. Wir übersetzten Edhem des Imams Ermahnungen an die Frauen
von Zenica gleichfalls in Versen und teilen hier die ersten drei
Strophen als Probe mit:


        Horcht, ich werd’ euch etwas sagen,
    Werde keine Lügen sagen.
    Lasst euch jetzt von mir beraten,
    Ich erzähl’ von euren Taten.

        Achtet auf des Gatten Rede,
    (Seid ihr wahrhaft Edelfraun)
    Stellt euch Frauen niemals blöde,
    Tut zur Unzeit niemals spröde,
    (Gott und eurem Mann ergeben)
    So gewinnt ihr ’s Himmelreich.

        Jede Frau hat’s Ohr verpicht
    Folgt sie ihrem Manne nicht,
    Satan spuckt ihr ins Gesicht.
    Merkt euch’s wohl, o Edelfraun!


Wir wollen unsere Vorlagen doch lieber in guter Prosa darbieten, schon
um der getreueren Verdeutschung willen. Es widerstrebt auch unserem
Formgefühl, so schlechte deutsche Verse, wie es die slavischen der
Originale sind, zu machen. Bessere darf ja füglich der Übersetzer
nicht substituieren, denn das wäre in gewissem Sinne auch eine
Entstellung des ursprünglichen Bildes. Sollten die Diktion und die
Wendungen der Originale in der Übertragung ganz getreu sich
abspiegeln, so müssten für die slavischen Fremdworte auch im
Deutschen fremde, beispielsweise französische, Ausdrücke eingesetzt
werden. Das wäre aber zu viel des Guten.

Wir beschränken uns hier auf die Wiedergabe zweier sowohl sprachlich,
als inhaltlich für die ganze moslimisch-slavische paraenetische
Literatur besonders charakteristischer Texte, die sich auch durch
Kürze auszeichnen: auf das Gedicht Edhems und die Avdija: oh drvišu
otvor oči.

Die Avdija ist für den südslavischen Ethnographen eigentlich
belanglos. Es ist ein moslimisches Lehrgedicht in überwiegend
slavischen Worten, weiter nichts. Die darin enthaltenen religiösen
Vorschriften sind freilich zum grossen Teil allgemeiner Natur, sofern
als sie Grundzüge der Moral enthalten, die den Ariern und den Semiten,
den Arabern nämlich, gemeinsam sind.

Weitaus bedeutsamer ist Edhems Gedicht, das einen Zuchtspiegel der
Frauen vorstellen soll. Ich habe die soziale Stellung des Weibes bei
den Südslaven schon öfters beleuchtet, z. B. in meinem Buche »Sitte
und Brauch der Südslaven«, Wien 1885, S. 482—529, dieses
hochwichtige Kapitel ist aber noch lange nicht zu Ende geschrieben.
Sowohl bei den Südslaven als bei den Orientalen (den Türken und
Arabern) hat das Weib seit den ältesten Zeiten einen sehr
untergeordneten Rang eingenommen. Die orientalischen Anschauungen
klangen in dieser Beziehung dem Serben gar nicht besonders fremdartig.
Sie sagten ihm beinahe noch mehr zu wegen ihrer grösseren Strenge und
Rücksichtslosigkeit. Wenn bei den Serben, dem Bauernvolke in Serbien,
Bosnien, im Herzogtum, in Slavonien und teilweise selbst in Chrowotien
die Frauen mit den Männern gemeinschaftlich an einem Tische nicht
essen, wenn sich die Frauen vor Fremden nicht zeigen dürfen, wenn sie
des Mannes geringe Dienerinnen und Lastträgerinnen sind, so mögen die
Südslaven in dieser sozialen Einrichtung von den Türken nur noch
bestärkt worden sein. Manche Härte im Brauche der Südslaven mag das
Türkentum und Arabertum verschuldet haben. Den stattgefundenen
Einfluss können wir derzeit noch nicht genauer bestimmen. Uns liegt es
vorderhand ob, die Erscheinungen und Tatsachen aufs gewissenhafteste zu
fixieren. Soviel aber darf man getrost sagen, dass die nüchternen
Strafreden und Zurechtweisungen, die Edhem an Frauen, und noch dazu an
Edelfrauen (Kadune) richtet, in dieser rohen, witzlosen Art kein
Seitenstück weder in der christlich- noch moslim-slavischen
Volksliteratur des Serbenstammes finden. Edhem verrät sich als das
pedantische Schulmeisterlein mit der Schmitzrute als dem unfehlbaren
Attribut; nur lässt er diesmal seine gestrenge Gesinnung zur
Abwechslung einmal die hochgestellten Frauen fühlen. Er hat das
Bedürfnis, als Sittenverbesserer sich recht bemerkbar zu machen. Um
auf jeden Fall sicher zu gehen, borgt er seine Weisheit
türkisch-arabischen Autoritäten ab. In der Meinung, dass er etwas
besonders Gediegenes zu stande gebracht, fordert er zum Schluss seiner
Ermahnungen die Frauen noch auf, sie möchten seiner, des
»liebwerten« Edhem, gedenken.

Vergleicht man die Erzeugnisse der Kunstliteratur der moslimischen
Slaven mit ihrer Volkliteratur, so muss man wohl eingestehen, dass die
erstere mit der letzteren gar keinen Vergleich verträgt.

Die Avdija lautet im Texte (die Fremdworte sind hier kursiv gedruckt):


        Oh drvišu otvor oči,
    batiluka ti ne uči
    tefhit srcom pravo uči;
    sevap hoćeš, nefsa muči.

O Derwisch, öffne die Augen, lehre keine Schlechtigkeiten, lehre vom
Herzen recht die Einheit Gottes. Wenn du Belohnung willst, quäle die
Seele.

    Krivo nikom ti ne čini,
    haka na hak ti ne čini,
    hair što je ono čini,
    dunjaluka mejl ne čini,
    zićir boga puno čini.

Tue niemandem Unrecht an, tue kein Unrecht (unter dem Scheine von
Recht). Was Segen bringt, das sollst du tun. Hege keine Neigung für
weltliche Dinge. Ruf oft Gott an.

    Allah, allah aškila jahu.
    Rizaluka puno čini
    i za zićir misô podaj,
    selameta duši gledaj, allah (etc.).

Übe viele gottgefällige Werke aus und richte deine Gedanken auf die
Anrufung Gottes, sei besorgt für dein Seelenheil.

      šučur čini kad je kolaj,
    sabur čini kad je belaj
    zalaleta ti ne gledaj,
    tahret nefsu dobro podaj,
    zulum nefsa dizgin ne daj,
    amel čini, sunet gledaj,
    gaflet digni ter pogledaj.
    Fars štogod je ono čini,
    kazajeta sve naklanjaj.

Erweis dich dankbar, so oft es nur möglich ist; drückt dich die Not,
sei geduldig. Geh nicht auf Irrwege, verleihe wohl der Seele Reinheit,
lass der herrschsüchtigen (ungerechten) Seele die Zügel nicht
schiessen (amet čini?), beobachte die Überlieferung. Behebe die
Sorglosigkeit und öffne die Augen; halt das Zeremoniell ein; neig dich
immer der Gerechtigkeit zu; halt dich an die gute Sinnart und hüte
dich stets vor gemeiner Gesinnung.

      Ti se drži l’jepe huje,
    sve se čuvaj murdar huje.
    Nehi što je ono bježi,
    već se prava puta drži.
    Laf ne čini i ne laži
    jer sirrija laži ne će.
    U elifu sirra traži, allah (etc.).

Fliehe vor dem Verbotenen, vielmehr halt dich stets an den geraden Weg.
Schwätz kein leer Gewäsch und lüge nicht, denn Sirrija verabscheut
(mag nicht) die Lügen. Im Genossen suche Sirrija usw.

      U pamet se ti obuj,
    terk učini alčak huju,
    dragom bogu ti robuj.

      Ti nikoga ne muči,
    svoje srce poturči
    hevhit srcem sve uči.
    Sve nek ti je ašk’ ullah
    a na srcu fićr’ ullah
    na jeziku zićr’ ullah, allah (etc.).

Hüll dich in Verstand ein, und gib auf die tölpelhafte Sinnart. Diene
dem lieben Gott. Du sollst niemand quälen. Dein Herz bekehre zum
Türkentum. Lehre fortwährend mit dem Herzen die Einheit Gottes. Immer
sei dir Allah lieb; auf dem Herzen soll dir der Gedanken an Gott, auf
der Zunge der Name Gottes liegen.

      U gafletu ne budi
    brez avdesta ne hodi
    srcu jezik ugodi.
    Nemoj biti bi nemaz,
    vaktom hajde na nemaz,
    bogu ćini sve niaz.

Gib dich der Sorglosigkeit nicht hin; geh nicht ohne Waschung einher,
passe die Zunge dem Herzen an; sei nicht ohne Gebet (ohne gebetet zu
haben), geh pünktlich zum Gebet und bezeuge Gott immerfort Verehrung.

      Ovi svijet kilu kal,
    ašk ne čini ti na mal
    već nauči ilmi hal, allah (etc.).

Diese Welt ist ein leeres Gewäsch. Hege keine Liebe zu weltlichen
Gütern, sondern lerne den Katechismus (die Glaubenssatzungen)
auswendig usw.

Gr’jehovâ se pokajati,
šerijata sve gledati
od insana u kraj bježati.

Die Sünden sollst du bereuen und immerdar das göttliche Gesetz
beachten, (und) den Menschen aus dem Wege gehen.

      šućur ćini daima
    i za muke lastima
    srce nek ti je daima, allah (etc.).

Sei immer dankbar und besonders hege dein Herz für die Mühen
Dankbarkeit. Allah usw.

      Ako hoćeš mumin biti
    valja srce očistiti
    boga zićir učiniti,
    grihovâ se pohajati
    šerijata sve gledati
    na grijeh se ne varati
    dragom bogu robovati.

Willst du ein Gläubiger sein, so musst du dein Herz reinigen und
Gottes gedenken; die Sünden bereuen, das göttliche Gesetz beobachten,
auf die Sünde sich nicht betrügen (sich durch die Sünde nicht
verführen lassen) und dem lieben Gott dienstergeben sein.

      Vi slušajte amr’ ullah
    a na srcu sve činite zićir allah.

    Ovi svijet sve će proć
    po dušu će meleć doć
    već je nama do pomoć, allah (etc.).

Ihr sollt dem Befehl Gottes gehorchen und im Herzen allezeit den
Gedanken an Allah hegen. Diese Welt wird samt und sonders vergehen, der
Engel wird kommen um die Seele (abzuholen); wir stehen auf Hilfe an,
Allah usw.

    Nut pogledaj sirrije
    sve turčine miluje,
    i dan i noć kazuje allah (etc.). [14]

Nun schau dir an den Sirrija, der tut fortwährend den Türken schön
und spricht so bei Tag als bei Nacht: Allah, Allah aškila jahu.


»Edhems Ermahnungen.« Sie sind in einem von Fremdwörtern reineren
Slavisch als die Avdija gehalten und für die Frauen leichter
verständlich, während die Avdija manchen Ausdruck darbietet, den der
Lehrer in der Schule erst erklären muss. Vom V. 27–29 ist der Text
verderbt. V. 28 muss wohl lauten: slušajte vi svoje majke. V. 29: o
kadune na vijeke (Befolgt o Edelfrauen die Ratschläge eurer Mütter
bis in Ewigkeit).


      Slušajte što ću vam ja kazat,
    ne ću vam laži ja kazat;
    nasihet vi uzmite od mene
    pa ćete mlogo čut od sebe.

Hört, was ich Euch sagen werde. Ich werde Euch keine Lügen sagen.
Nehmt Rat an von mir, und Ihr werdet viel von Euch zu hören bekommen.

       Muža dobro slušajte;
    ako ste vi kadune ikolko
    a vi lude ne bu(d’)te
    mužu ugodne bu(d’)te,
    bogu robinje i svom mužu
    ter u dženet uho(d’)te.

Hört wohl auf des Mannes (Gatten) Wort. Seid Ihr auch nur ein wenig
Edelfrauen (= habt Ihr etwas vom Adel in Euch) so seid nicht närrisch;
seid dem Gatten angenehm, Dienerinnen Gott und Eurem Manne: und
fürwahr, Ihr kommt ins Paradies.

      Svaka žena zagluša
    koja čojka ne sluša,
    šejtan njome brukuša
    neka znate kadune.

Jedes Weib ist törisch (= schwerhörig), welche ihrem Mann nicht Folge
leistet. Der Satan treibt sein (frevelhaft) Spiel mit ihr; wissen sollt
Ihr’s Edelfrauen!

      što muž reče ne radite
    već se š njime inadite
    mužu hator sve kvarite,
    ružno po vas kadune.

Was der Mann sagt, das mögt Ihr nicht tun, vielmehr zankt (hadert) Ihr
mit ihm; Ihr verderbt dem Manne jede Lust. Das ist schimpflich für
Euch, o Edelfrauen!

      Mužu hizmet činite,
    l’jepo š njime živite;
    dobroga se bojite
    ružnom smrti ne mrite.

Seid dem Manne dienstbar (bedient ihn), lebt gut mit ihm. Fürchtet
Euch vor dem Guten, (damit) Ihr nicht eines garstigen Todes sterbet.

      Koja muža imade
    hak muževlji ne znade
    u džehennem ona ide,
    odveće je udavana.

Die einen Mann besitzt und von Mannesrechten nichts wissen will, die
geht zur Hölle, die ist zum Überfluss verheiratet (= besser wäre es,
sie wäre nicht verheiratet).

      Ako će biti i mati
    kad vas na zlo navrati
    ne valja poslušati
    neka znate kadune.

Und wäre es selbst die Mutter, wenn sie Euch zum Bösen lenkt, sollt
Ihr nicht folgen. Ihr sollt es wissen, o Edelfrauen!

      Kogod ima pameti
    (p) a ako će bit za vratim
    valja njega slušati,
    neka znate kadune!

Wer immer Verstand hat (den Verständigen), und mag er selbst hinter
der Türe (wie ein Bettler) stehen, so muss man seinem (Rate) Folge
leisten. Ihr sollt es wissen, o Edelfrauen!

      Pamet berte u glavu
    ter vi ho(d)te u pravu
    ter ne ho(d)te tamo amo
    â moje l’jepe kadune!

Verstand sammelt in den Kopf und geht den geraden Weg: und lungert
nicht hin und her herum, o meine schönen (braven) Edelfrauen!

      U džennet igjite za rana
    poslušajte korana
    čuvajte vi imana
    moje drage kadune!

In den Himmel geht Ihr frühzeitig ein, (wenn Ihr) den Koran befolgt;
den Glauben bewahrt, meine lieben Edelfrauen!

      čuvajte dobro mene vi,
    u dobro se zabavi,
    ne ljutite muža vi
    oj Zeničke kadune!

Achtet wohl (gut) auf mich; beschäftigt Euch mit Gutem, ärgert den
Mann nicht, o Ihr Edelfrauen von Zenica!

      Brez izuna kad hodi
    lanet na nju dohodi
    u džehennem odhodi.

Wenn sie ohne Erlaubnis ausgeht, kommt der Fluch auf sie, und sie
fährt in die Hölle hinab.

      Ona žena nesretna
    koja čojka namuči
    vrag je na zlo nauči,
    doće joj šejtan na oči
    kadno stane mrijeti.

Jenes Weib ist unglücklich, welches den Mann satt quält, der Teufel
lehrt sie Böses (tun) an. Es wird ihr in der Todstunde der Teufel vor
die Augen treten.

      Koja čojka rasipa
    nije ona žena lipa
    ona gora nego slipa
    ružna puno do vika.

Die ihres Mannes (Habe) verschwendet, das Weib kann nimmer schön sein,
sie ist ärger (unglückseliger), als wäre sie blind; sie ist viel
garstig bis an ihr Ende.

      Koja čojka ne će obuć
    u srcu joj pukla žuć
    tako dila kano lugj. [15]

Die ihren Mann nicht ankleiden [16] will, der soll im Herzen die Galle
zerplatzen, sie handelt wie ein Verrückter.

      Lajk je žena kaduna!
    kad se gizdaš dukatim
    zakat valja davati
    od onijeh dukati
    sve od groša po paru.

Es ziemt sich (ist ihrer würdig) für eine Edelfrau, wann Du Dich mit
Dukaten schmückst, musst Du auch Almosen spenden, von jedem Dukaten,
auf jeden Piaster eine Para.

      Sve zine uiše
    i vlah krstu uiše
    i azap doiše
    bojte se boga kadune!

Alles liebt Kostbarkeiten, und auch der Christ liebt das Kreuz (als
Schmuck zu tragen), fürchtet Gott o Edelfrauen!

      Ne spavajte po svu noć
    bu(d)te mužu od pomoć
    uč’te buni u ponoć
    Umisli se ti u dragog Edhem ćatib’ jal imama.

Schlaft nicht die ganze Nacht. Seid dem Manne eine Hilfe. Lernet dieses
um Mitternacht. Vertief dich in Gedanken an den liebwerten »Edhem den
Schreiber oder Imam«.


Es erübrigt noch, einige sachliche Bemerkungen über das
Sprachmaterial dieser eigenartigen Literatur zu bieten, was um so eher
gerechtfertigt erscheint, als der bosnisch-türkische Dialekt bisher
nur in zwei oder drei Abhandlungen wissenschaftlich erörtert wurde.
Dem grossen Kreise der Gebildeten blieb er aber sozusagen unbekannt.
Und doch könnte niemand in Abrede stellen, dass eine eingehende
Bearbeitung dieses Sprachmaterials in zweifacher Hinsicht nutzbringend
ausfallen müsste. Denn wir haben es hier mit der seltenen Erscheinung
zu tun, dass zwei ganz fremde Elemente — Zweige des indogermanischen
und des turanischen Sprachstammes nämlich — zusammentreffen,
teilweise ineinander verschmelzen und übergehen. Man hat daher
Gelegenheit, die Gesetze der Lautwandlungen an einem ursprünglichen
Beispiele beobachten zu können. Weiters aber wird sich ein
unmittelbarer praktischer Nutzen für die türkische Lexikographie
herausstellen, wie auch manche in anderen slavischen Sprachen
anzutreffenden Ausdrücke, über deren Provenienz bisher gewagte
Hypothesen aufgestellt wurden, nunmehr in anderem Lichte erscheinen
müssen. Besonders der mit Rücksicht auf die noch unfertige türkische
Lexikographie zu erwartende Fortschritt kann bedeutend werden, indem
nicht nur eine mässige Bereicherung des türkischen Wortschatzes zu
erhoffen ist, sondern auch eine Richtigstellung der vorhandenen
Wörterbücher. Es ist in der Tat auffallend, dass Bianchi, Jenker
u. a. Verfasser türkischer Wörterbücher für Ausdrücke
unzweifelhafter slavischer Abstammung das Polnische als Quelle
annehmen, während es doch notorisch ist, dass die Osmanen niemals in
dauernder intimer Berührung mit dem Polenreiche standen. Schon Blau
hat auf diesen Umstand hingewiesen, der sicherlich Beachtung verdient;
und eine aufmerksame Vergleichung der gangbaren Lexika mit dem bisher
gesammelten bosnisch-türkischen Wortschatze wird zu dankenswerten
Korrekturen Anlass geben.

Die Anführung der aus der Beobachtung des Übergangs türkischer
Ausdrücke oder Stämme auf slavischen Sprachboden gewonnenen Regeln
und Gesetze gehört schon aus dem Grunde nicht hieher, weil sie bei dem
Leser die Kenntnis beider Sprachen voraussetzt. Ebensowenig können wir
hier eine Bereicherung des Wortschatzes anstreben, da eine solche
Arbeit nur dann wissenschaftliche Berechtigung beanspruchen könnte,
wenn sie in möglichster Vollständigkeit geboten würde.

Die bosnischen Moslimen, die sich nur durch den verschiedenen Glauben
von ihren christlichen Landsleuten unterscheiden, bedienen sich — wie
schon früher bemerkt — bei ihren Aufzeichnungen der arabischen
Schriftzeichen. Einerseits mag die aus dem Koranstudium sich ergebende
Notwendigkeit, das arabische Alphabet zu kennen, und anderseits der
Wunsch, sich vor ihren geringgeschätzten andersgläubigen Mitbürgern
in jeder Hinsicht auszuzeichnen, diesen Brauch gezeitigt haben, der als
eine der Hauptursachen für die Entstehung der bosnisch-türkischen
Mischsprache angesehen werden kann. Denn es ist unzweifelhaft, dass
hier mehr oder weniger bewusste Absichtlichkeit vorliegt. Es galt vor
allem, die Sittenlehren des Islam unter den neuen Gläubigen zu
verbreiten, und hiezu musste eine Form zweckmässig erscheinen, die —
indem sie die schwer übersetzbaren, wichtigen Ausdrücke in ihrer
ursprünglichen türkischen oder arabischen Form übernahm, — sie
doch kommentierend dem Alltagverstand zugänglich machte. Wir sehen
auch, dass nahezu alle auf Religion, Moral, Seelenleben bezüglichen
Ausdrücke dieses Dialektes türkisch sind. Um aber zu verhüten, dass
die ursprüngliche Bedeutung der wichtigen Ausdrücke in der
Übersetzung verloren gehe, hat man das ihnen eigene arabische Gewand
beibehalten, und so war die Grundlage gegeben, auf der sich diese
Literatur in orientalischem Gewande entwickeln konnte.

Nun ist aber zu bedenken, dass die arabische Schrift der türkischen
Sprache selbst durchaus fremd ist und dass sie sich nur widerwillig dem
ihr auferlegten Zwange fügt. Bekanntlich reicht das arabische
Schriftsystem zur Vokalbezeichnung nicht aus, und gerade die türkische
Sprache mit ihrer hoch entwickelten Euphonie und ihren vielen
Vokallauten bedarf einer genauen Unterscheidung. Eine Folge dieses
Umstandes ist die sehr mangelhafte türkische Orthographie, für die
gangbare feste Regeln aufzustellen viele Männer — aber leider!
bisher vergeblich — sich abmühten. Auch die Araber fühlen das
Unzulängliche ihrer Schriftmethode, und in neuerer Zeit sind
Bestrebungen zu verzeichnen, die unter Beibehaltung des arabischen
Alphabets doch eine genauere Orthographie und vor allem bessere
Bezeichnung der Selbstlaute zum Zwecke haben. In diesen mangelhaften,
von vornherein unzulänglichen Apparat wurde nun eine slavische Sprache
hineingezwängt, die bei ihrem grossen Vokalreichtume hiezu ganz und
gar ungeeignet ist. Unmittelbare Folge war eine unbeschreibliche
Verwirrung der Orthographie, die das Lesen und das Verständnis der
Texte erschwert, ja letzteres stellenweise unmöglich macht. In den
vorhandenen sechs Manuskripten des mit »Hajd Avdija ti na vaz«
beginnenden Lehrgedichtes kommen in jedem Vers, in jeder Zeile so viel
orthographische Varianten vor, dass man — um eine Vergleichung zu
ermöglichen — alle sechs Texte vollinhaltlich hersetzen müsste.

Der hier benützte Text ist der deutlichste von allen und beweist durch
eine gewisse Stetigkeit der Orthographie, dass der Schreiber ein
gebildeterer Mann gewesen. Zu erwähnen ist noch, dass die von mir
gesammelten bosnisch-türkischen Handschriften vielleicht alle aus der
zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts stammen und daher in ihrer argen
Unbeholfenheit ein Bild eines halbverflossenen bosnischen Schrifttums
gewähren.

Dass diese bilingue Literatur nie tiefere Wurzeln im Volke zu fassen
vermochte und stets nur ein bestimmten Zwecken dienendes Kunstprodukt
blieb, ist klar. Die nur wenigen verständlichen Texte erschwerten die
Verbreitung der einzelnen Gedichte und waren auch Ursache, dass sie —
mit zunehmender Verbreitung — immer mehr von der ursprünglichen Form
abweichen. So kommt es, dass die vorhandenen Gestaltungen eines und
desselben Gedichtes starke Abweichungen zeigen, indem in einzelnen ganz
neue Verse und Strophen auftauchen, in anderen wieder der Wortlaut
nicht übereinstimmt. Diese Abweichungen sind indes nicht
ausschliesslich auf Rechnung der Kopisten zu setzen, denn auch die nach
unmittelbarer mündlicher Überlieferung niedergeschriebenen Texte
ergeben, dass so viele Rezitatoren, so viele individuelle Varianten
vorkommen. Unter solchen Umständen, wo der stoffliche Inhalt allein
massgebend ist, muss freilich die poetische Form allen Wert verlieren;
jedenfalls kann man nicht erwarten, dass sich eine gesunde Kunstpoesie
auf solchem Boden entwickle.

Fassen wir kurz zusammen. Die bosnisch-türkische Mischsprache weist
zwar schon die Merkmale eines Dialekts auf, ist aber doch nicht so tief
in das Geistesleben des Volkes eingedrungen, dass man sie als die
hervorragend charakteristische Eigenschaft der ganzen bosnischen
Volkindividualität betrachten müsste. Ihre Berechtigung datiert von
dem Augenblicke an, als sich die Bošnjaken aus
Nützlichkeitrücksichten dem türkischen Wesen anzupassen begannen,
und hört mit dem Augenblicke auf, seitdem die türkische Herrschaft
nur noch der Geschichte angehört. Vollends der Gebrauch der arabischen
Schriftzeichen ist schädlich, da er als Hindernis gegen die
Verbreitung der Literatur wirkt. Vom praktisch-zivilisatorischen
Standpunkte aus verdienen daher alle auf Erhaltung und Pflege dieser
eigenartigen Literatur gerichteten Bestrebungen keine Förderung. In
neuerer Zeit nennen sich die bosnischen und herzogländischen Moslimen
unter dem Einfluss der Schulbildung bald Serben, bald Chrowoten und
bedienen sich sowohl der cyrillischen als der lateinischen Schrift. Es
gibt auch unter ihnen schon Kunstdichter, die es mit ihren Brüdern auf
den Agramer und Belgrader Parnassen in der Anstrudelung unerweichlich
grausamer Huldinnen erfolgreich aufnehmen. Nur am übermässigen
Gebrauch türkischer Lehnwörter halten sie noch fest. Das
unterscheidet sie von den anderen, die man auch nicht liest und vom
Guslaren, der in der Volksprache singt und überall dankbare
Zuhörerschaften findet.



I. ABTEILUNG.

HEXEN.


I. Der Name.

Der eigentliche slavische Name für Hexe ist vještica, bulg.
vješčirica, für den Hexenmeister viještac. Die Etymologie des
Wortes ist klar. Es bedeutete ursprünglich die Wissende, der Wissende,
die Kundige und hat in Nebenformen noch in der gegenwärtigen Sprache
diese Bedeutung beibehalten; veda slovenisch: das Wissen; neveda ein
Unwissender; vedavica Kartenaufschlägerin (Russ. vēdma die Hexe);
vedovin fatidicus, vijest Wissen, Nachricht, Bewusstsein; vijestnik der
eine Nachricht bringt, Bote; vještina peritia, Findigkeit; vještak
peritus, ein Kundiger, ein Wissender = viještac, diese Nebenform für
Hexenmeister, sowie viještka und vještica zur Bezeichnung einer Hexe
dient; nago-viještati zu erraten suchen; izvjedjavati in Erfahrung zu
bringen suchen, auskundschaften; vještati zaubern, hexen. Vještica
bezeichnete ursprüngliche eine weise Frau. (Vgl. über diese Benennung
Grimm, D. M. 987.) In vielen Gegenden, namentlich ist dies für
Dalmatien bezeugt, scheut man in Gegenwart von Kindern vještica zu
sagen und gebraucht dafür die Euphemismen krstača oder rogulja (auch
roguša) [17]. Krst bedeutet Kreuz [18] und Krstača (von χριστός)
ist wohl die mit einem Kreuz Gezeichnete, die Hexe [19]. Rogulja nennt
man eine Hexe zweifelohne deshalb, weil man sie sich zuweilen, wohl
anknüpfend an die Vorstellung vom gehörnten Teufel der christlichen
Kirche, gehörnt denkt. In Slavonien hörte ich öfters Kühe, die
recht grosse Hörner hatten, mit dem Namen »Rogulje« rufen. Im
chrowotischen Küstenlande scheint das Wort vještica vollständig von
dem italienischen Lehnworte štriga verdrängt worden zu sein [20].
Unter den Slovenen und den Kaj-Chrowoten hat das deutsche Wort Zauberin
in der verhunzten Form copernica (masc. coprnjak, inf. coprat,
zacoprat, partic. zacopren) volles Bürgerrecht erlangt. Man gebraucht
das Wort auch in Slavonien, doch ganz in dem Sinne wie in Deutschland.
In Bosnien, dem Herzogtum, in Serbien und Bulgarien ist es unbekannt.
Die Ausdrücke coprati, coprija, copernik und coprnica finden sich
schon in den ältesten slovenischen und provinzialchrowotischen
Wörterbüchern und Texten (Bjelostijenec, Jambrešić, bei Glavinić,
vrgl. die Worte bei Daničić srps. ili hrv. riečnik Agr. 1882).
Daraus ergibt sich, dass sie frühzeitig, wohl schon im Mittelalter,
dem Deutschen entlehnt wurden. Im allgemeinen scheuen sich die
Chrowoten und Slovenen coprnica für Hexe zu sagen, sondern gebrauchen
dafür in mildem Tone die Bezeichnung ‘hmana žena’ (gemeines
Weib); hmana ist das deutsche gemein; »Man nimmt Anstand, sich des
Wortes ‘coprnica’ zu bedienen, weil sonst die Hexen darüber so
sehr in Zorn geraten, dass sie den Betreffenden nächtlicherweile
heimsuchen, ihn in vier Stücke reissen, jedes Stück nach einer
anderen Weltgegend schleudern und hierauf alle Zuchtschweine, Kühe und
Pferde aus dem Hause forttragen.« In Dalmatien bis tief noch in
Serbien hinein wendet man häufig an zur Bezeichnung einer Zaubererin
den Ausdruck maćionica, eines Zauberers: maćionik, einer Zauberei:
maćija. Man erkennt auf den ersten Blick das italienische magia, die
Magie. Zlokobnica (etwa: böse Begegnerin) heisst jedes alte Weib, dem
man in aller Frühe, wenn man das Haus verlässt, begegnet, ehe man
einen anderen Menschen noch gesehen. Eine klassische Stelle [21], die
hier im Wortlaute angeführt zu werden verdient, gibt eine nähere
Beschreibung der Hauptmerkmale, an denen man eine vještica, maćionica
und zlokobnica ohne weiteres voneinander unterscheiden kann: »Slušao
sam od starih adžija i kadija, da svaka vlahinja kad pregje 40 godina
preda se nečastivome te postane vještica ili dajbudi zlokobnica ili
maćionica. Prava vještica ima krst pod nos [22], svaka zlokobnica po
nekolko brčnih dlaka [23], a maćionica namrskana čela i krvave
pečate po obrazu.« (Ich habe von alten Hodžen und Kadis öfters
gehört, dass sich jede Walachin, sobald sie das 40. Lebensjahr
überschritten, dem Gottseibeiuns (nečastivomu) überliefert und eine
Hexe (vještica), oder zum mindesten eine zlokobnica oder maćionica
wird. Eine echte Hexe trägt ein Kreuzzeichen unter der Nase, jede
zlokobnica hat einige Barthaare und eine maćionica hat die Stirne voll
finsterer Falten und Blutflecken im Gesichte.)

Die vještica hat auch den Namen »mora« (die Mar oder Trut), je
nachdem sie als solche auftritt. [24]

Für Zaubern ist der Ausdruck čarati am gebräuchlichsten. [25]

Snkrt. kar machen, tun; lit. kėrėti, kirti (zaubern); ahd. karawan,
ags. gearvjan. čarati für hexen und zaubern (incantare, ueneficium
facere) kommt schon in den ältesten südslav. Wörterbüchern vor. Im
Volksprichwort: čarala baba da ne bude mraza a s jutra snijeg do
koljena. (Das alte Mütterchen hexte, damit kein Frost eintrete, in der
Früh aber lag der Schnee knietief.) Načarati verzaubern; začarati
jemand durch Zauberei verblenden. čâr, incantatio; čara strigamento,
Zauberei; pl. čari, Zaubermittel; čarnik Zauberer, čarnica
Zaubererin; čarovnik magus; čarobija magia; čaralija, čarolija
Zauberei als Begriff, čarka Zauberei in einem besonderen Falle, der
vorliegt, etwa Verzauberung (čaratan und čarataonik Zauberer,
čaratanija Hexerei, sind Lehnworte aus dem Italienischen ciarlatano,
frz. charlatan). Nicht minder häufig gebraucht man für zaubern
činiti. Der Grundbegriff ist derselbe wie in čarati, der des Tuns,
Machens, Snskst. či, sammeln. Opčiniti, počiniti, učiniti
bezaubern; učiniti se sich in etwas verzaubern, verwandeln; začiniti
incantare; čîn, počin, Zauberei, Verzauberung, pl. čini. Tun,
machen bedeutete ursprünglich auch vračati (vrgl. griech. Γεργ)
hexen, wahrsagen, heilen, vračiti, medicari, izvračiti herstellen,
gesund machen; vrač Wahrsager, Hexenmeister; noch vor hundert und
fünfzig Jahren allgemein in der Bedeutung medicus; die Neuslovenen
gebrauchen noch gegenwärtig für Arzt den Ausdruck vračar; vračlja,
mulier, quae sanat, im Wtb. bei Stulić; vračilja sanatrix i. W. bei
Habdelič; vračitelj medicus bei Belost. vračnik medicus. Stul.
vračara, vračarica, Wahrsagerin; eine Frau, die Krankheiten zu heilen
versteht. Vračba, vračtvo medicina, Heilmittel; adj. vračan;
vračljiv medicabilis; nevračljiv immedicabilis. Von derselben Wurzel
auch vrag der Teufel, eigentlich der Arbeitende (vrgl. d. Werk). Die
Vorstellung von einem Höllenteufel kam den Südslaven, sowie den
Slaven überhaupt erst durch die christliche Lehre; vražati so viel
als čarati, ueneficia adhibere, magicam artem exercere, vražalac,
vražalica, vraževnik Zauberer, fascinator; vragoduh malo genio
agitatus; vragometan a daemone obsessus.

Für Zaubern gibt es eine ganze Reihe von Ausdrücken; am
gebräuchlichsten ist bajati (Sskst. bha sprechen, griech. φα, vrgl.
φάναι lat. fama); izbajati durch Zauberei bewirken; obajati behexen;
zabajati incantare; bajiti einen Kranken pflegen; bajac, bajač
Zauberer, incantator; basma, Zauberspruch. Daneben basna Zauberspruch,
Fabel, bajka fabella; bahati colere artem magicam; bahalica maga;
bahoriti fascinum depellere; bahoriti se sich heilen, curieren; bahor,
bahorac, bahorica, bahornik, bahornica Beschwörer und Beschwörerin;
bahorija, bahorstvo Beschwörung.

Für Amulet ist der echtslavische Ausdruck zapis, das Verschriebene.
Skst. pis ritzen, kratzen; hamalija, das gleichfalls Amulet bedeutet
und weit gewöhnlicher als das W. zapis gebraucht wird, ist ein
Lehnwort aus dem Italienischen ammaliamento, lat. amuletum, frz.
amulette. Alle in der Sprache vorkommenden Ausdrücke für Zaubern
ergeben, dass ursprünglich diesen Bezeichnungen an und für sich
durchaus keine schlimme, sondern vielmehr eine gute Bedeutung zukam.
Die Wandlung erfolgte erst durch den Einfluss des Abendlandes.



II. Hexen (Vještice) und Waldfrauen (Vile.) [26]

Je tiefere Wurzeln ein geläutertes Christentum und abendländische
Kultur unter den Südslaven schlagen, desto mehr wird der alte
Volksglaube verdrängt, er gerät allmählich in Vergessenheit; die
alten Glaubenvorstellungen verblassen oder es tritt eine Verwirrung
ein, die es dem Forscher zuweilen recht erschwert, die ursprüngliche
Fassung herauszufinden. In unserem Falle ist dies indessen noch nicht
eingetreten. Wir können noch ganz deutlich den Weg verfolgen, auf dem
der alte Glaube an die »Vile«, die südslavischen Waldfrauen, zu
bösen Dämonen umgewandelt wurde. Die Vilen stellt man sich vor, wie
es aus den älteren Volksliedern ersichtlich ist, als den Inbegriff
aller Frauenschönheit und Vollendung. Sie sind die segenspendenden
Huldinnen der Fluren und Berge, sie sind die Genien der Helden, denen
sie mit Rat und Tat jederzeit beistehen, sie lehren die Kleinen
Gottesfurcht und fromme Sitte und sind frei von jeder Arglist und
Tücke. [27] Sie sind aber unversöhnlich, wenn man ein Gelübde, das
man ihnen gelobt hat, nicht erfüllt [28] und wissen diejenigen hart zu
bestrafen, die frech ihren Reigen, den sie in hellen Sommernächten im
Mondenschein aufführen, zu stören wagen, oder die sie belauschen. So
entstand die Redensart:


    »Naišo je na vilinsko kolo«
    Er traf auf einen Vilenreigen,


wodurch man sich die plötzliche Erkrankung eines gesunden Menschen zu
erklären sucht. Gewöhnlich wird solch sträflicher Vorwitz durch
dauernde Brachlegung der Verstandkräfte bestraft, mitunter begnügen
sich aber die Vilen, den Betroffenen gehörig durchzubläuen. Von
dieser Auffassung ist nur ein kleiner Schritt zu der Umwandlung der
Vilen in Plagegeister. Ein Hirte war so unglücklich, eine Vila zur
Unzeit zu überraschen und musste für das unglückselige Ungefähr
jahrelang büssen.

Es war einmal ein Hirte, der verstand so ausgezeichnet auf der
einfachen und doppelten Hirtenflöte zu spielen, wie kein Zweiter nah
und fern. Eines Abends, als es zu dämmern anfing, ging er seiner Herde
voran nach Haus. Er flötete so süss und mild, so hoch und so tief auf
seiner kleinen Flöte, wie ein Schwälblein in der Lenzsonne nur singen
kann. Eben tönte aus dem Dorfe der Glocke Ava Maria-Geläute zu ihm
herüber, doch Stanko betete nicht mit, sondern blies auf seiner Flöte
das Ave Maria-Gebet her. Gerade als er damit fertig geworden, erreichte
er auch den Zaunsteg vor dem Dorfe, und siehe da! Auf dem Zaune sitzt
da ein Frauenzimmer, ganz in Weiss gehüllt, eine Vila. Stanko nähert
sich dem Zaunstege, die Vila stösst einen feinen, markdurchdringenden
Schrei aus, ganz nach Vilenart, und fährt auf in die Höhe. Ein
heisser Windhauch umweht Stanko, er sinkt auf die Erde nieder, das
Trittbrett auf dem Stege springt entzwei. Er rafft sich auf, eilt nach
Hause, die Vila immer hinterdrein, er setzt sich zum Tische, um zu
nachtmahlen, die Vila setzt sich an seine Seite neben seinem Knie
nieder, er ins Bett, die Vila zu ihm ins Bett, er aus dem Bett, sie
gleichfalls, er zur Arbeit, sie folgt ihm auf Schritt und Tritt.

Als nun Stanko merkte, dass die Vila durchaus von ihm nicht weichen
will, beklagte er sich bei seinen Hausleuten und der ganzen Sippe. Man
berief Zauberer und Zaubererinnen, Beschwörerinnen und Wahrsagerinnen
— alle Mühe verloren, die Vila liess von Stanko nicht ab; der war
überdies kein Recke, sondern ein schwächliches Männchen. So währte
dies volle drei Jahre und während dieser Zeit trübte sich allmählich
Stankos Geist, Stanko wurde verrückt. Oft brach er in ein Geschrei und
Gejammer, in ein wüstes Lärmen und Toben aus, als ob ihm jemand die
Haut zu einem Weinschlauche abzöge; er warf sich auf die Erde, als
schleuderte ihn jemand zu Boden, und gleich darauf zeigten sich auf
seinem Körper blaue Striemen, als hätte ihn einer mit einem Stock
durchgebläut. Fragte man ihn: »Was fehlt dir, Stanko?«, so
antwortete er, dass ihn Vilen deshalb prügeln, weil er sich weigere,
mit ihnen durch die Welt zu ziehen. Oft fand man ihn in der Früh
gefesselt, kreuzweis mit Bastwinden gebunden, und wieder erzählte er,
dass es die Vilen getan, weil er sich ihnen nicht füge und ihre Worte
nicht beachten mag. Eines Morgens erblickte man Stanko auf dem Wipfel
einer Weisspappel in der Nähe seines Meierhofes. Keine lebende Seele
vermochte ohne ausserordentliche Zu- und Ausrüstungen auf den hohen
Stamm der Pappel hinaufgelangen. »Wer hat dich, Stanko, auf die Pappel
hinaufgeschafft?« fragte man ihn, und er rief hinab: »Die Vilen«.
Die Leute sahen sich genötigt, lange Nägel in den Stamm
einzuschlagen, und so klommen sie zu Stanko hinauf, der oben an der
Spitze im Geäste mit Lindenbast angebunden war. Mit Müh und Not hat
man ihn losgelöst, denn so fest war er angebunden; dann liess man ihn
mittels eines Seiles hinab.

Mehr als fünfzehn Jahre lang ertrug Stanko derartige Qualen durch die
Vilen, bis man ihn schlieslich eines Morgens in der Nähe der Hütte in
einer Grube fand, in der er im Kote erstickt war. [29]

Nun begreift man leicht den Übergang der Vilen zu vještice oder
copernice.

Die übliche, ziemlich junge Dreiteilung der Vilenarten wird fast ganz
auf die Hexen übertragen.

Es gibt drei Arten von Hexen. Zur ersten Art gehören die Lufthexen
(sonst »zračne vile«). [30] Diese sind von sehr böser Gemütart;
sie sind den Menschen feindlich gesinnt, jagen ihnen Schreck und
Entsetzen ein und stellen ihnen auf Weg und Steg überall nach.
Nächtlicher Weile pflegen sie dem Menschen aufzupassen, und ihn so zu
verwirren, dass er das klare Bewusstsein vollständig verlieren muss.
Zur zweiten Art gehören die Erdhexen (sonst »pozemne vile«). Diese
sind von einschmeichelndem, edlem und zugänglichem Wesen und pflegen
dem Menschen weise Ratschläge zu erteilen, damit er dieses tun und
jenes lassen möge. Am liebsten weiden sie Herden. Die dritte Art
bilden die Wasserhexen (sonst »povodne vile«), die höchst bösartig
sind, doch, wenn sie frei auf dem Lande herumgehen, mit den ihnen
begegnenden Menschen sogar gut verfahren, Wehe und Ach aber demjenigen,
den sie im Wasser oder in der Nähe erreichen; denn sie ziehen und
wirbeln ihn so lange im Wasser herum, oder reiten ihn der Reihe nach so
lange, bis er jämmerlich ertrinken muss. (Aus Vidovec, Chrowotien.)

Nun ist uns auch die Entstehung folgender Redensarten verständlich
geworden, durch die man böse Weiber kurz und treffend zu bezeichnen
sucht: »To je vila« (das ist eine Vila), oder: »To je vila ljutica«
(das ist eine ingrimmige, eine bissige Vila, d. h. ein böses,
heimtückisches und rachsüchtiges Weibsstück), oder man sagt zu einem
Frauenzimmer, das man nicht gerne um sich sieht: »Idi vilo!«
(Troll’ dich, Vila) ganz in der Bedeutung von: arge Hexe.



III. Die Hexe im Sprichwort.


    Ako i je baba, nije vještica.
    Wenn sie auch ein altes Weib ist, so ist sie doch keine Hexe,


sagt wohl ein Mann in launiger Stimmung von seiner Alten,
gewissermassen, um sie wegen ihres Alters, das leicht den Verdacht der
Hexenkunst erwecken könnte, zu entschuldigen, worauf in der Regel das
Weib in demselben Tone entgegnet:


    Svaka baba vještica a djed viještac.
    Jedes alte Mütterchen ist eine Hexe und (jeder) Alte ein
    Hexenmeister.

    Biži ko vištica od biloga luka.
    Sie eilt davon wie eine Hexe vor weissem Lauch.


Mit Knoblauch vertreibt man Hexen.


    Uskostrešila se ko vištica.
    Ihre Haare sind wirr und zerzaust wie bei einer Hexe.

    Izgleda kao da su ga coprnice donijele sa Ivanjščice. [31]
    Er sieht aus, als hätten ihn die Hexen von der Ivanjščica
    hergebracht.

    Svaka vračara s vražje strane.
    Jede Hexe ist von des Teufels Partie,


d. h. sie hat ihre Seele dem Teufel verschrieben und steht mit ihm im
Bunde.


    Kud će vještica do u svoj rod?
    Wohin wendet sich eine Hexe, als zu ihrer Sippschaft?

    Jaše ga vještice.
    Es reiten ihn Hexen.


Das ist die Hexe als Alp. (Er leidet an nächtlichen Samenergüssen.)


    Vračarice, coprnjice, kuko ljeskova!
    Zauberin, Hexe, Haselstockhacken! [32]


Eine Beschimpfung für ein Frauenzimmer, das auf Zauberei und Hexerei
viel hält und sich damit abgibt.

Nebenbei mag noch der Verwünschung »izjele te vještice!« (Hexen
sollen dich ausfressen) Erwähnung geschehen.



IV. Versammlungorte der Hexen.

Regelmässig versammeln sich die Hexen in der St. Johannis- und der St.
Georgnacht [33], Weihnachten und zu Pfingsten auf Pusten (weiten
Ebenen), an Kreuzwegen und brauen dort ihre Zaubertränklein.

In der vorchristlichen Zeit fielen auf die genannten Tage die
Hauptfeste des Volkes. Jung und alt zog zu Georgi, zu Pfingsten und am
Johannistage hinaus in Wald und Flur, brachte bei Tanz und Spiel Opfer
dar und feierte das Fest der erwachenden und blühenden Natur. Wie vor
tausend Jahren, so feiert noch jetzt der südslavische Landbewohner
diese Feste, die nun ein christliches Gepräge erhalten haben, nebenher
geht aber noch eine Unzahl altheidnischer Gebräuche mit. Warum gerade
an diesen Tagen den Hexen eine grosse Rolle zufällt, erklärt sich
einfach daraus, dass man vor Zeiten an diesen Tagen Opferzüge leitete
und mancherlei »Zaubereien«, zum Wohle aller und einzelner
veranstaltete. Bei einem einfachen Volke, wie die Südslaven, das sich
vorzugweise mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigte und noch
beschäftigt, brachte man selbstverständlich die meisten Opfer dar, um
für das liebe Vieh und die Felder den Segen der Geisterwelt zu
erwerben. Zu ihren Ehren schmückte man die Wohnungen der Menschen und
die Nutztiere mit Blumen und Kränzen. Die weisen Frauen, die die
Aufsicht über die Festzüge führten, trugen besondere Zweige in der
Hand, beräucherten Menschen und Tiere und sprachen dazu ihre Segen.
Die neue christliche Lehre musste, um sich behaupten zu können,
teilweise die alten Bräuche zu den ihrigen machen, diejenigen aber,
die sich mit ihrem Geiste nicht vertrugen, als das Gaukelspiel böser
Geister hinstellen. So wurden die alten Priesterinnen, die wohl
mancherlei Kenntnis von heilkräftigen Kräutern besassen, böse Hexen,
die dem lieben Vieh nachstellen und den Menschen nur Schaden bereiten.
Infolge dieser Wandlung in der Volkanschauung fing man an, den nicht
mehr verstandenen Brauch des Bekränzens und Schmückens der Nutztiere
als Abwehrmittel gegen den Einfluss der Hexen auszulegen. Die
Vorstellung von dieser Art von Hexen hat mit jener von den Vilen nichts
gemein als den Namen, so ferne man in manchen Gegenden die
Bezeichnungen vještica (coprnica) und vila nicht mehr
auseinanderhält.

Am Georgtage schmücken im ganzen slavischen Süden die Hirten mit
Blumenkränzen die Hörner der Kühe, um jeden Hexenzauber
fernzuhalten. In den Blumen und Zweigen heimen gütige Baumseelen. Die
unbekränzten Kühe sind den Hexen preisgegeben. Die Kränze befestigt
man abends an der Stalltüre, wo sie das ganze Jahr über hängen
bleiben. Wenn es ein Hirte unterlässt, eine Kuh zu bekränzen, so
erhält er vom Eigentümer der Kuh nicht nur nicht das übliche
Trinkgeld, sondern setzt sich noch der Gefahr aus, durchgebläut zu
werden. Die Zeugnisse für den angeführten Brauch sind sehr zahlreich.
(Vrgl. über diesen Brauch bei a. Völkern. Mannh., Bk. S. 295.)

Am Georgtage früh, wenn der Hirte die Kühe aus dem Stalle lässt,
nimmt die Schaffnerin in die eine Hand Salz, in die andere einen
Scherben mit Feuerbrand. Das Salz reicht sie der Kuh, die nun über die
Glut hinwegschreitet. In dem Feuer brennen allerlei Rosenarten. Dadurch
bricht man die Macht der Hexen über die Kuh. (Aus Warasdin). In der
Umgegend von Karlstadt begnügen sich die Hausfrauen, morgens beim
Austreiben der Kühe bloss ein Kreuz über sie zu schlagen, um die
Hexen fernzuhalten. (V. Lorković, Arkiv, 1863, VII, S. 239.) (Über
die Bedeutung dieser Bräuche vrgl. Mannh. Bk. Kap. VI,
Vegetationgeister, Sonnenzauber S. 497–566.)

Am Vorabend von Georgi, an manchen Orten am Georgtage frühmorgens,
schneiden alte Weiber Distelzweige ab und bringen sie an den Türen des
Gehöftes an; ferner machen sie Kreuze aus Kuhdreck sowohl an den Hof-
als an den Stalltüren, damit die Hexen den Kühen keinen Schaden antun
können. (Aus Warasdin.) Manche schlagen aus demselben Grunde grosse
Nägel in die Stalltüre ein, doch glaubt man, dass diese kein so
zuverlässiges Abwehrmittel gegen Hexenzauber wie Distelzweige bilden.
In Vinica und dessen Umgebung schneidet man vor Sonnenaufgang die
Distelzweige ab. Man legt sie einander auf den Kopf, ferner legt man
solche Zweige auf die Umzäunung des Gehöftes, die Fenster und Türen
des Hauses und ebenso in Kranzform den Kühen um den Nacken, damit die
Hexen dieses Jahr über Mensch, Tier und Haus keine Macht erlangen
können. Gelingt es einer Hexe trotz alledem durchs Hinterhaus über
den Gartenzaun in den Stall zu dringen, so verendet das ganze Vieh in
dem Hause.

Es war einmal ein Mann, der wollte keine Disteln an der Stalltüre
anbringen, ja er verspottete sogar die Leute, die es taten. Dafür
kamen aber das ganze Jahr allabendlich Hexen zu ihm und molken seine
Kühe aus. Er dachte sich: »Ich muss doch aufpassen, wer denn das ist,
der regelmässig meine Kühe ausmilkt.« Er verbarg sich im Heu,
lauschte und hielt scharfe Wache. Auf einmal, es war um die elfte
Stunde, erschien ein Melkkübel und die Kuh fing an ganz von selbst die
Milch in diesen Kübel hineinrinnen zu lassen. Er fährt rasch aus
seinem Versteck hervor, ergreift den Kübel und schlägt ihn mit aller
Kraft zur Erde. Der Kübel aber verwandelt sich in eine grosse Kröte,
und eben diese Kröte macht Miene, auf ihn zu springen. Er hurtig fort
und ins Haus hinein. Das war sein Glück. Eine Woche darauf war Georgi.
Am Vorabende befestigte er an der Stalltüre Distelzweige und die Kuh
gab fortan reichlich Milch. (Aus dem Dörfchen Vidovec bei Warasdin.)

Am Georgtage kann man die Hexen leicht erkennen und ihr Treiben
beobachten, nur muss man folgendes tun: Zeitlich morgens vor
Sonnenaufgang begibt man sich auf die Weideplätze der Kühe, zieht
sich vollständig aus, wendet seine Kleider ganz um und legt sie so an.
Dann muss man ein Stück grünen Rasens herausschneiden und sich auf
den Kopf legen. (Aus Warasdin.) Als Beleg für die Wahrheit erzählt
man sich die Geschichte von den zwei Schmiedelehrjungen und ihrer
Meisterfrau, die nächtlich auf einem der Burschen, nachdem sie ihn in
ein Pferd verwandelt, zur Hexenversammlung reitet. Es wird dies als
eine Strafe für seinen Vorwitz hingestellt. Die Hexe wird schliesslich
auf dem Kapuzinerplatz in Warasdin verbrannt.

Die Hexen kann man ferner am Georgtage beobachten. Man stellt sich in
der Frühe, wann die Kühe ausgetrieben werden, mit einem Rasenstück
auf dem Kopfe hinter die Stalltüre, oder duckt sich daselbst nieder.
Dadurch wird man für die Hexen unsichtbar, denn sie glauben, man
befinde sich unter der Erde. (Aus Warasdin.)

Am Georgtage in aller Früh vor Sonnenaufgang steigen die Hexen in den
Kirchturm hinauf, um Schmierfette [34] von den Glockenarmen und ein
Stück vom Glockenstrick sich zu holen; denn dieser Gegenstände
bedürfen sie zum Hexen.

In der Johannisnacht schleicht die Hexe auf den geflochtenen Zaun
hinauf, der das Gehöft umschliesst und spricht: »Zu mir der Käse, zu
mir das Schmalz, zu mir die Butter, zu mir die Milch, euch aber (geb’
ich) die Kuhhaut.« (K meni sir, k meni maslo, k meni puter, k meni
mleko a vam pak kravsku kožu.) Da wird nämlich die Kuh verenden, das
Fleisch wird man vergraben, die Haut verkaufen müssen. Um solchen
Zauber zu nichte zu machen, geht man zeitlich früh am Johannistage auf
die Wiese, sammelt in einen Mantel Morgentau und trägt ihn heim. Zu
Hause angelangt, bindet man die Melkkuh an den Stützbalken (tram) an
und wäscht die Kuh mit dem eingesammelten Morgentau; sodann stellt man
den Melkkübel unter ihre Euter und melkt die Kuh. Tut man so, so kann
man mindestens vier volle Kübel Milch melken. (Aus St. Elisabeth
[Jalžabeta].)

Zur Abwehr gegen die Entziehung der Milch durch Hexen bedient man sich
auch des Wacholders. Folgende zwei Angaben sind aus Toplice. »Will man
es verhindern, dass Hexen zu den Kühen kommen, so nimmt man in der
Weihnacht einen Wacholderzweig und warte im Stalle, bis die Hexen
kommen, um die Kühe zu melken. Sobald sie zu melken anfangen, tritt
hin zur Kuh und versetz der Hexe drei Streiche. Das musst du schweigend
tun und ebenso schweigend dich sogleich entfernen.« Das zweite Mittel
lautet: »Will man die Hexen von den Kühen vertreiben, so geh’ zu
Weihnachten um die Mitternachtstunde hin, gib Wacholder in einen Topf
(in welchem Glutkohlen liegen) und räuchere damit dreimal deine Kühe,
dann wird das ganze Jahr keine Hexe zu ihnen kommen. Dies musst du aber
an jedem Weihnachtabend tun, wenn du willst, dass niemals Hexen zu dir
kommen sollen und deine Kühe ausmelken. [35]«

Nicht geringe Schwierigkeit bietet die Erklärung des Glaubens an die
Kerstniki (bei den Slovenen), die in der Johannisnacht mit den Hexen
kämpfen. Die Etymologie des Wortes Krstnik ist unzweifelhaft. Es ist
ein altes Lehnwort aus dem Griechischen. Im Bulgarischen und
Slovenischen bedeutet Krstnik so viel als Täufling, der Getaufte
(Kumče, wie man serbisch sagt). Wie lässt sich das Wort in dieser
Bedeutung in unserem Falle rechtfertigen? Sehen wir uns vor allem die
wenigen gedruckten Angaben an, aus welchen man etwas Näheres über die
Kerstniki erfährt. Die älteste Nachricht datiert aus dem Jahre 1854.

»In der Johannisnacht, so glauben die Slovenen um Görz, führen die
Hexen mit den Kerstniki einen heftigen Kampf. Die Kerstniki sind zwölf
Brüder. Wenn sich in einer Familie zwölf Söhne von einem Vater
befinden, so ist der zwölfte unter ihnen ein Kerstnik. In der
Johannisnacht schweben diese Kerstniki in grosser Gefahr, denn sie
werden da von den Hexen mit Überresten von Steckpfählen und Stumpfen
überfallen. Gerade deshalb gräbt man im Herbste die Steckpfähle und
die Stumpfen, die in der Erde zurückbleiben, sorgfältig aus und
schafft sie heim, damit die Hexen keine Waffen haben sollen, um mit den
Kerstniki zu kämpfen. Diejenigen Stücke, die sich nicht leicht
herausziehen lassen, rammt man noch fester in die Erde ein.«

Den Widerspruch, der darin liegt, dass zuerst alle zwölf Brüder
Krstniki genannt werden und dann trotzdem der zwölfte erst Krstnik
sein soll, fand der Erzähler nicht heraus. Man merkt es diesem Bericht
gleich an, dass die mythische Zwölfzahl nur herangezogen wird, um
etwas notdürftig zu erklären, was man nicht mehr versteht.

Nicht viel mehr als den blossen Namen bietet eine andere Erzählung.
»Die Krstnici beschützen zumeist die Welt vor Hexen.« Einen sicheren
Anhaltpunkt zur Deutung der Gestalt des Krstnik gewinnt man erst durch
eine Notiz: »Krstnik, človek kterega vile obljubiju.« »Krstnik ist
ein Mann, den die Vile liebgewonnen.« Diese dritte Nachricht rührt
aus dem Jahre 1860 her (Veglia glasn. II. 8).

Die Klasse von Geistern, zu der man die Vilen zählen muss, liebt es,
wie es die Mythen aller Völker erzählen, mit dem Menschen in die
vertrauteste Verbindung zu treten. Wenngleich die Vila ein
geisterhaftes Wesen ist, sucht sie doch den Umgang des Menschen. In der
Heidenzeit betrachtete man es als eine aussergewöhnliche glückliche
Auszeichnung für einen Sterblichen, wenn er von einer Waldfrau geliebt
wurde, in christlicher Zeit verschoben sich die Anschauungen. Die
Waldfrau erscheint mitunter als ein armes, verlassenes Wesen, das des
ewigen Heils unmittelbar nicht teilhaftig werden kann und wenigstens
mittelbar durch die Berührung mit Getauften Erleichterung erhofft und
findet. Eine Sage (Sdsl. S. u. M. Stück 90, S. 413) erzählt,
dass Vilen an einem Jüngling solches Wohlgefallen fanden, »dass sie
ihn zu sich in die Baumhöhle mitnahmen und drum waren sie in ihn
verliebt, weil sie durch ihn nach der Taufe dufteten« (»da su po
krstu dišale«). Vilen entführen auch Kinder, die schon getauft sind
und ziehen sie gross. [36] Solche Auserwählten darf man im Gegensatze
zu den nichtgetauften Vile, als die Getauften, d. h. Krstniki κατ’
ἐξοχήν benennen. Die Günstlinge der Vilen konnten wohl auch als
Fürsprecher für ihre Mitmenschen gelten; diese Auffassung wird durch
eine ganze Reihe Vilensagen bekräftigt. Die Krstniki erscheinen
demnach im Volksglauben als die Beschützer der Menschen. Man war aber
gewohnt, die Krstniki immer in einem nahen Verhältnisse zu den Vilen
zu denken. Sobald sich nun die Vilen zu coprnice wandelten, musste
notwendigerweise das alte freundliche Verhältnis in ein feindliches
verändern. Die Krstniki beschützen nicht mehr die Welt durch ihre
Fürsprache, sondern durch offenen Kampf, den sie mit den Vilen (=
copernice) auszufechten haben. — Nach dieser Deutung ist die erste
Sage, sehr jungen Ursprungs, und es fragt sich, ob das Ausreissen der
Stoppeln und Stümpfe, die nach der Ernte im Boden zurückgeblieben, in
irgend einen Zusammenhang mit den Krstniki überhaupt gebracht werden
darf, oder ob wir nicht vielmehr einen traditionellen Zug vor uns
haben, der auf einen alten Bodenzauber hinweist. Dies dürfte man aber
nur dann annehmen, wenn die Stoppeln verbrannt würden. Es ist
sonderbar, dass nur die Slovenen um Görz, nicht aber auch die übrigen
Südslaven diesen Brauch üben, auch scheut sich der Südslave zufolge
eines allgemeinen Glaubens, selbst eine abgestorbene Pflanze mit der
Wurzel auszureissen, denn man reisst dadurch, glaubt man, seiner
verstorbenen Mutter oder Grossmutter im Grabe die Haare aus. In
Maisfeldern werden z. B. im Savelande nach der Ernte die Stöcke,
sobald sie vollständig getrocknet sind, unten an der Wurzel
abgeschnitten; (man benützt die trockenen Stangen zur Feuerung.) Wer
den Charakter des südslavischen Bauernvolkes kennt, der weiss auch,
dass der Bauer nur so viel arbeitet, als er muss, um nicht mit den
Seinigen zu verhungern. Zu solchen überflüssigen Arbeiten, wie das
Ausziehen der Stoppeln und Stumpfen, kann ihn nicht einmal die Furcht
vor Hölle und Teufel bewegen.

Ausser bei den erwähnten Gelegenheiten versammeln sich die Hexen noch
regelmässig in hellen Mondnächten auf Kreuzwegen, um dort zu spinnen.
[37] Nie aber ist es ratsam, zur Nachtzeit dort vorüber zu gehen, denn
die Hexen behexen einen und senken über ihn einen tiefen Schlaf. Ihre
Zusammenkünfte finden auf Bäumen, besonders auf Ahorn-, Eschen-, [38]
Nuss- und Lindenbäumen statt, deren Äste folgender Art verwachsen
sind:


    [Illustration]


Aufenthaltorte der Hexen sind nebst dichten Wäldern und Schluchten
noch Düngerhaufen, Lauge- und Ascheablagerungen, Gestrüpp und dichtes
Gehölz. Sobald die Sonne untergegangen ist, versammeln sich die Hexen
in Zwetschkengärten und alten Ruinen; in Sommernächten treiben sie
ihr Unwesen in Scheunen, alten hohlen Bäumen, dunklen Hainen und
unterirdischen Höhlen. (Lonja in Chrowotien.) Die Hexen werden ferner
als wohnhaft gedacht in der Grotte Kleinhäusel (u velki jami pod malim
gradom) bei Postojna in Krain, ferner tanzen sie auf zwei grossen
Felsen in der Nähe der Grotte. Die Hexen haben Affenköpfe mit roten
Mützen darauf. Der Bauer hütet sich sorgfältig, in der Dämmerung an
einem Düngerhaufen vorüberzugehen, oder gar darüber zu schreiten,
namentlich tät er dies nicht barhaupt; denn man ist vollkommen
überzeugt, dass einen die Hexen, die auf dem Düngerhaufen hausen, auf
der Stelle durchbohren würden. Mein Gewährmann erzählte eine
Geschichte, um diesen Glauben zu belegen, und gesteht freimütig ein,
dass er früher wohl an der Existenz von Hexen gezweifelt habe, doch
angesichts der sich so oft wiederholenden Tatsache nicht umhin könne,
seinen Unglauben zu bereuen. »Ich sah«, berichtet er, »einen
Handwerker (der Mann lebte noch 1863), der verliess um Mitternacht das
Wirtshaus, wurde von den Hexen überfallen und dreimal furchtbar im
Dorngestrüpp zu Boden geschleudert. Zuletzt, nachdem sie ihn derart
zugerichtet, versetzten sie ihm einen so wuchtigen Hieb in den
Brustkorb, dass man noch jetzt, also mehrere Jahre nach diesem
Ereignisse, ein faustgrosses Loch an der betreffenden Stelle sehen
kann. Der Ärmste erzählte mir selber, dass er wohl sterben, aber
niemals der alten Bara, seines Nachbars Weibe, verzeihen werde; denn
sie habe er ganz deutlich von Angesicht im Mondlicht erkannt.«

Wenn ein heftiger Wind weht, da lieben es die Hexen, zu tanzen. Vor
Vergnügen drehen sie sich im Wirbel, und lagern an Orten, wo Menschen
gerne verweilen und ruhen, ihren Schweiss vom Tanze ab. Wer an einen
solchen Ort gerät, mit dem ist’s schlimm bestellt; er verliert die
Sprache, oder wird an Hand oder Fuss gelähmt. Man glaubt auch, dass
wenn einer eine Lungenentzündung bekommt, oder es rührt ihn der
Schlag, dass er auf Hexenschweiss getreten sei.

Man muss sich hüten, den Ort zu betreten, wo sich eine Hexe
aufgehalten, denn man verfiele sogleich in Wahnsinn und bliebe daselbst
so lange liegen, bis man vom Hunger heimgetrieben würde. Man erkennt
eine solche Stelle ohne weiters an den Fussabdrücken im Staub oder
Sand. Eine Hexe hat nämlich bloss vier Zehen am Fusse, die wohl nicht
anders aussehen als bei jedem Menschen, nur fehlt die grosse Zehe (der
Daumen). (Aus Warasdin.) Die rätselhaften vier Zehen, deren Eindrücke
im Boden den Gläubigen in Schrecken versetzen, rühren wohl von
Wildgänsen, Schwänen oder Wildenten her. Der Bauer kennt freilich die
Spuren dieser Tiere, doch er glaubt auch, dass Hexen ihre Gestalt
annehmen. Auch die ruhelosen Seelen von Kindern, die vor der Taufe
gestorben, treiben nächtlicher Weile ihren Spuk in Gestalt von Gänsen
auf Weideplätzen. Das sind die Móvje klr. moviči (vor der Wz. mar).

Stösst der Mensch durch Zufall auf eine Hexenversammlung, so muss er
rasch den Kopf bedecken, ein Kreuz schlagen, drei Schritte nach
rückwärts treten, dann einen vierten Schritt nach vorwärts machen,
denn sonst tritt er den Hexen in die Schüssel hinein. Beobachtet er
dies, so können ihm die Hexen gar nichts antun. (Aus Vinica.)

Wenn einer an seinem Gartenzaun irgend etwas wahrnimmt, was ihm eine
Hexe hingelegt hat, so darf er das Ding um keinen Preis in die Hand
nehmen, denn er würde im selben Jahre schwer erkranken, und wenn er
gar mit dem Dinge spielte, so müsste er gewiss sterben. (Aus
Warasdin.)

Hexen halten sich auch in Gewässern auf. In einem solchen Wasser muss
man sich hüten zu baden, denn man ertränke unfehlbar darin. Auch
fänden die Leute niemals den Leichnam des Ertrunkenen. Einen solchen
verdächtigen Ort erkennt man leicht daran, dass auf der Oberfläche
des Wassers ein toter Kater schwimmt. Zuweilen ist an solchen Stellen
das Wasser von einer sehr bedeutenden Tiefe, trotzdem aber von einer
solchen Klarheit und Durchsichtigkeit, dass man bis auf den Grund hinab
sieht. Häufig ist ein Wasser, das zum Aufenthalt der Hexen dient, ein
sehr trübes stehendes Gewässer, dem man nicht näher als bis auf
sieben Schritte kommen darf, weil der Mensch schon am blossen Dunst
ersticken müsste.

Drei Sagen zur weiteren Erläuterung. Die erste ist aus Bednje, die
zweite aus Biškupec, die dritte aus Warasdin in Chrowotien.



I.

Es war einmal ein junger Mann, der sich in ein Mädchen verliebte, das
eine Hexe war. Es fiel ihm öfters auf, dass sich das Mädchen immer zu
gewisser Zeit zu entfernen pflegte, ohne jemand mitzuteilen, wohin;
darum befragte er sie, wohin sie gehe, und sie gab ihm zur Antwort:
»Mein Liebster, ich gehe auf einen gar schönen Ort; komm Du auch mit,
Du wirst die Freude in vollen Zügen geniessen.« — Er willigte ein
und sie führte ihn auf einem ihm bis dahin unbekanntem Wege, bis sie
an einen Kreuzweg gelangten, wo sie zu mehreren solcher Mädchen und
Frauen stiessen. Mit diesen zusammen traten sie sodann in eine
wunderherrliche Burg, die sie urplötzlich herhexten, darin glänzte
aber alles in lauterem Golde und eine grosse Tafel war mit köstlichen
Speisen vollbedeckt. Man fing an, die mannigfaltigsten Speisen zu
essen, wie ihrer der Jüngling nicht einmal im Traume je welche
gesehen. Wie es überall zu sein pflegt, so geschah es auch hier; der
Wein erhitzte die Gemüter der Gäste und der Jüngling ergriff
lusterfüllt seinen Pokal und brachte einen Trunk zu Ehren des heiligen
Geistes aus. Da schien es ihm auf einmal dunkel um die Augen zu werden,
und er ergriff, als wenn er untersänke, schnell etwas über sich. Wie
er die Augen öffnete, sah er sich auf einem Lindenbaume und mit der
Hand hielt er sich an einem Aste fest.



II.

Es war einmal eine Hexe, die ging zum Dorfpfarrer zur Beichte; der
Pfarrer aber wusste, dass er eine Hexe vor sich habe und bat sie, sie
möge ihm den Ort ihrer Zusammenkünfte zeigen. Die Hexe erwiderte:
»Ich will Ihren Wunsch, Herr Pfarrer, erfüllen und Ihnen den Ort
zeigen. Kommen Sie mit mir auf den Düngerhaufen.« — Als sie auf den
Düngerhaufen kamen, hiess die Hexe den Pfarrer ihr auf den Fuss
treten. Kaum trat er ihr auf den Fuss, flogen beide hoch in die Luft
und gelangten in einen wundervoll schönen Palast, wo Hexenmeister mit
Hexen im vollsten Sinnentaumel herumtanzten und sich mit Speise und
Trank ergötzten. Auf einmal erschien in ihrer Mitte der Teufel selber
in Gestalt eines Kalbes, das Feuer aus dem Maule spie. Nun gingen die
Hexen der Reihe nach dem Kalbe den Hintern küssen, und so kam die
Reihe auch an den Pfarrer, der ohne weiteres das Beispiel der Hexen
nachahmen wollte, doch der Teufel herrschte ihn an: »Was hast Du
Stinktier vor? — Willst Du in unsere Genossenschaft aufgenommen
werden, so musst Du Deinen Namen mit eigenem Blute in dieses schwarze
Buch einschreiben!« — Der Pfarrer forderte ihn auf, ihm das Buch
vorzulegen, er sei bereit, sich zu unterzeichnen. Der Teufel reicht ihm
das Buch und der Pfarrer schreibt ein den süssen Jesunamen. Im selben
Augenblicke erdröhnte der Palast und zerfiel in Trümmer, Teufel und
Hexen verschwanden und der Pfarrer sah sich auf dem Gipfel der uralten
Linde vor der Kirche und zitterte vor Entsetzen am ganzen Leibe. Als in
der Früh der Messner läuten kam, rief ihm der Pfarrer von der Linde
herab zu: »Heda, nimm mich herab!« und der Messner entgegnete
kopfschüttelnd: »Der Teufel selbst muss Sie da hinauf gesetzt
haben«, stieg auf den Baum, holte den Pfarrer herab und trug ihn in
den Pfarrhof zurück.



III.

Ein Bauer ging mit einem Sacke Frucht in die Mühle und der Weg führte
ihn an einem grossen Baume vorüber, wo er schon früher zu hundert
Malen vorübergegangen war. In der Mühle sah er sich genötigt bis zur
Dämmerung zu warten, ehe an ihn die Reihe kam, und als die Frucht
gemahlen war, trat er den Heimweg an. Wie erstaunte er aber, als er an
der Stelle, wo der Baum stand, einen grossartig schönen, drei
Stockwerke hohen Palast erblickte, aus dem ihm ein Jubel
entgegenscholl, als wenn hundert Paare daselbst Hochzeit feierten.
Verwundert legte er den Sack ab, setzte sich darauf und sann nach, wo
er sich befände und wieso er hieher gelangt sei. Auf einmal traten aus
diesem Palaste über goldene Stufen zwei schöne Frauen heraus, fassten
ihn jede an einer Hand und führten ihn in den Palast hinauf. Oben traf
er Leute aller Art, unter denen eine unaussprechlich grosse Lustbarkeit
herrschte. Man bot ihm sogleich Speise und Trank an und schliesslich
tanzte er in bester Stimmung mit ihnen mit. Als er sich endlich
verabschiedete, um zu den Seinen zurückzukehren, reichte ihm die eine
ein grosses Stück Braten und die andere ein herrliches Kopftuch mit
den Worten: »Dein Weib wird es mit grossem Vergnügen tragen.« — Er
sprach ihnen seinen Dank dafür aus, worauf sie ihn wieder an der Hand
hinabgeleiteten. Unten angelangt, lud er wiederum seinen Sack auf den
Rücken auf und schlug den Heimweg ein. Zu Hause rief er vor Freude
seinem Weibe zu: »Errat’ mal Weib, was ich Dir Neues und Schönes
mitbringe?« — Noch etwas benebelt und in vergnügtester Laune griff
er in seine Ledertasche nach dem Fleische und zog heraus — einen
Pferdehuf. »Ich habe noch etwas, für Dich, Du«, sagte er, griff in
die Tasche nach dem Kopftuch und brachte einen — schmierigen
Abwaschfetzen zum Vorschein. Beide gerieten darüber in Verwunderung,
und der Bauer suchte schnurstracks den Pfarrer auf und teilte ihm das
sonderbare Abenteuer mit, aber der Pfarrer lachte ihn nur aus. Nun kam
bald wiederum der Zeitpunkt, wo die Hexen ihre Versammlung abzuhalten
und der Freude sich hinzugeben pflegten, und da schickten sie zum
Pfarrer, der eben an diesem Tage zwei Paare traute, eine vergoldete
Kutsche mit vier Rossen, einem Kutscher und zwei Herren mit der
ergebenen Einladung, er möge sie beim Festmahl mit seiner Gegenwart
beehren. Der Pfarrer nahm wirklich die Einladung an, stieg in die
Kutsche und schnell wie der Donner ging es zu jenem Palaste hin. Die
ganze lustige Gesellschaft kam ihm unter Musikbegleitung entgegen und
führte ihn über die goldenen Stufen hinauf in den Saal. Sogleich
räumte man ihm den Ehrenplatz oben an der Tafel ein. Doch die Freude
war von kurzer Dauer, wenngleich sie sehr gross war; alles trank der
Reihe nach und zuletzt kam der Pfarrer dran, der in Gottes Namen den
Pokal ansetzte; kaum war aber dieses Wort über seine Lippen gekommen,
verschwand alle Herrlichkeit um ihn herum und er sah sich auf einem
schwachen Aste auf dem Gipfel jenes Baumes sitzen, von dem ich zuvor
gesprochen. Die ganze Nacht bis zum hellichten Tag sass er da oben auf
der schwachen Rute und getraute sich nicht, sich zu mucksen, vor
Furcht, hinabzufallen und sich das Genick zu brechen, bis ihn endlich
vorüberziehende Leute aus seiner peinlichen Lage befreiten. Diesen
Streich spielten ihm die Hexen nur deshalb, weil er an sie nicht
glaubte.

Als Hauptversammlungort der Hexen von Syrmien wird ein alter Nussbaum
[39] bei dem Dorfe Molovina bezeichnet. Auch in einem sicilianischen
Zauberspruch (vrgl. Ausland 1875, St. 3) ist von den Geistern des
Nussbaumes die Rede. Sie heissen diavuli di nuci. »Die
neapolitanischen streghe versammeln sich unter einem Nussbaum bei
Benevent: das Volk nennt es die Beneventsche Hochzeit; gerade an diesem
Ort stand ein heiliger Baum der Longobarden.« (Grimm. D. M.
S. 1005.) Die älteste Nachricht über diesen Glauben bei den
Südslaven findet sich bei dem Ragusäer Dichter I. Gundulić
(1588–1638). Im II. Gesange seines Epos »Osman« (zuerst erschienen
1621) sucht der Vezir Dilaver den jungen türkischen Kaiser Osman zu
überreden, er soll die Mutter seines vom Throne gestürzten
Vorgängers, eine gefährliche alte Hexe, die ihm, Osman, nach dem
Leben trachtet, baldigst aus dem Wege räumen. Der Dichter schildert
das Treiben der Hexe nicht getreu nach dem südslavischen Volkglauben,
denn aus Strophe 36 und 37 geht hervor, dass er mit dem
abendländischen, oder genauer italienischen Hexenglauben wohl vertraut
ist. In der ersteren Strophe ist der Zug, dass die Hexe nachts auf
einem Bock durch die Lüfte reitet, dem südslavischen Volkglauben ganz
und gar fremd. Die Stelle lautet (Strophe 38 und 39, »Osman«,
II. Aufl. Agr. 1854, S. 20 f.):


    »Glas je, da ona od djetinje
    Mlječne puti pomas kuha,
    I na ovnu prjeko sinje
    Noći leti vragoduha,

»Man sagt sich, dass sie eine Salbe aus zartem (wörtlich: milchigem)
Kinderfleisch koche und vom Teufel besessen auf einem Bocke durch die
schwarze Nacht dahinfliege.«

    Na kom leti svegj bez straha
    K planinskomu vilozmaju,
    Gdje vještice podno oraha
    Na gozbe se strašne staju.«

»Auf welchem (nämlich Bocke) sie ohne Scheu allezeit zum vilenartigen
Drachen der Hochalpe reitet, wo sich Hexen unterhalb eines Nussbaumes
zu grausigen Mahlzeiten ein Stelldichein geben.«


Weitere Belege aus Dalmatien im Arkiv za pov. jugosl. V. S. 332. Der
Zauberspruch der Hexen, die im Begriff fortzufliegen sind, lautet:
»Nach Neapel unter die Nussbäume« (u Pulju pod oraje).

In einer Sage (Arkiv, VII, S. 218) zerreissen Hexen ein Mädchen unter
einem Nussbaume und sieden es in Öl ab.

Dagegen finden sich die Hexen von Chrowotien auf dem Berge Klek bei
Ogulin zusammen. (Vuk, a. a. O.) M. Kombola, Pfarrer in Selac im
Küstenlande, berichtet über diesen Volkglauben im Arkiv des
Kukuljević VII, 328. Zweifelohne war auf dem Klek eine vorchristliche
Kultstätte. Kombola ergänzt seine Nachricht mit der Bemerkung:
»Wüsste der hl. Elias, wann sein Tag sei, er würde sie (die Hexen)
alle vernichten und umbringen.« Unser Gewährmann nimmt auf eine
allgemein verbreitete Sage Bezug, die an den Heiligen anknüpft. Wie
wir in der Anmerkung hervorheben, ist der hl. Elias an Stelle des
Donnergottes der vorchristlichen Zeit getreten, der sich in einem
gewissen Sinne mit der neuen Ordnung abfand, doch immer noch hofft,
dass er wieder einmal die Herrschaft erlangen werde. Dieser Zeitpunkt
ist herangenaht, sobald sein alter Kult wieder vollkommen hergestellt
sein wird, oder, wie es in der Sage heisst, sobald er erfährt, wann
man sein Fest feiert. Es wird aber alljährlich begangen, nur weiss er
den Tag nie bestimmt. Fragt er Gott, so erhält er immer zur Antwort,
der Tag sei schon vorüber, oder er werde erst kommen. Der hl. Elias
verschläft nämlich immer sein Fest. Wenn er aber einmal wachbleiben
wird, dann geht die ganze Welt zu Grunde. (Das erzählte mir ein Bauer
aus Kamensko bei Požega in Slavonien. Die Vorfahren des Erzählers
sind Einwanderer aus dem Herzogtum. Eine Variante dazu in einer der
ersten Nummern des Ragusäer Slovinac.)

Die Hexen reiten auf Menschen, die sie mittels einer Zauberhalfter in
Pferde verwandeln. Auf ihrem Versammlungorte wird herumgetanzt. Die
heiteren Festtänze beim alten Opferkult, die frohe Sitte, die sich
noch bis in die Gegenwart erhalten hat, dass sich das Volk an Festtagen
vor der Kirche versammelt und Tänze aufführt, wurden mit der Zeit
durch den Einfluss der Geistlichkeit zu greulichen Hexentänzen
gestempelt, die unter Aufsicht des Teufels ausgeführt werden. Der
Teufel wird übrigens höchst selten in unmittelbarer Verbindung mit
Hexen gedacht. Seine Gestalt ist dem südslavischen Volkglauben
ursprünglich ganz fremd. Weist doch auch schon der Umstand darauf hin,
dass die Sprache keine besondere Bezeichnung für Teufel aufweist
(gjavol [diabolus], sotona [Satan] sind Fremdworte, vrag bedeutet den
Verderber überhaupt). An ihren Versammlungorten vergnügen sich die
Hexen nicht bloss mit Tanz, sondern auch mit Mahlzeiten. Ihre Gefässe
sind Pferdehufe und Eierschalen. Pferde brachte man beim alten Kult
gewöhnlich als Opfer dar. Noch heutigen Tags befestigt so mancher
südslavische Bauer am First seines Hauses einen Pferdekopf zur Abwehr
von Zauber. Eier als Sinnbilder des Werdens in der Natur opferte man
gleichfalls den Geistern. Wie es bei Hexenmahlen zugeht, darüber geben
uns die Sagen vielfachen Aufschluss. Hier mögen vor allem zwei
angeführt werden. Die erstere ist aus Kreuz in Chrowotien, die
letztere, eine Variante zur ersteren, aus Slovenisch-Feistritz.



I.

Am Abhange des Klek lebte ein reicher Wirt mit seiner Frau, der Wirtin.
Der Wirt war hager und mager, die Wirtin aber gut genährt, wie ein
Mastschwein. Kam eine Zigeunerin zum Wirt, um ihm wahrzusagen.
»Hör’ mal, Du gutmütiger Tropf« (more), sprach die Zigeunerin,
»weisst Du, weshalb Dein Weib so dick und Du so abgezehrt bist?« —
»Weiss es nicht!« — »Mein guter Freund, Dein Weib ist eine Hexe.
An jedem Freitag im Neumond (mladi petak) reitet sie auf Dir auf den
Klek hinauf zum Teufelreigen« (Vražje kolo). — »Wie denn das?!«
— »Ganz einfach. Sobald Du einschläfst, schleicht sie zu Dir hin,
wirft Dir eine Zauberhalfter über den Kopf, Du verwandelst Dich
augenblicklich in ein Pferd und sie reitet dann auf Dir fort. Geh, gib
mal ein bisschen acht am nächsten Neumondfreitag.«

Am nächsten Freitag abend tat der Wirt, als schliefe er. Näherte sich
ihm die Wirtin mit den Halftern in der Hand. Sprang der Wirt vom Lager
auf und warf ihr die Halfter über den Kopf. Sie stand im selben
Augenblicke vor ihm als Stute, er bestieg sie und im Nu befanden sie
sich oben auf dem Klek. Dort band er (der Wirt) die Stute an einen Baum
und schaute dem Teufelreigen zu. Zuerst tanzten die Hexen alle zusammen
im Reigen, dann jede allein um ihren Topf herum. Diese Töpfe aber
waren nichts anderes als Eierschalen. Kam zum Wirt herangeflogen eine
alte Hexe, diese war seine alte Godin. »Was suchst Du da?« — »Ich
habe diese meine Stute bestiegen und sie trug mich hieher auf den
Klek.« — »Weh, flieh von hier, so schnell Du kannst. Wenn Deiner
die Hexen gewahr werden, dann ist’s um Dich geschehen. Wisse, dass
wir noch auf eine warten (auf sein Weib nämlich), ohne die wir
eigentlich gar nichts anfangen können.« Da hat sich freilich der Wirt
aus dem Staub gemacht, kam nach Haus, stellte die Stute im Stalle ein
und legte sich schlafen. Fragten ihn die Diener in der Frühe: »Was
ist das für eine Stute?« »Mir gehört sie«, antwortete der Wirt,
liess dann einen Schmied kommen und die Stute an allen vier Hufen
beschlagen. Hierauf ging er fort, um eine gerichtliche Kommission zu
holen. Diese kam, er erzählte den Herren ganz genau, was er gesehen,
nahm dann von der Stute die Zügel ab und sie verwandelte sich wieder
in das Weib von ehedem zurück; doch war sie an Händen und Füssen
beschlagen. Fing sie an zu jammern. Die Richter verstanden aber keinen
Spass. Sie liessen sie in eine Grube voll ungelöschten Kalks werfen
und dort musste sie elendiglich verbrennen. (Aus Chrowotien.)

Seit dieser Zeit zerbröckelt das Volk immer die Eierschalen, damit die
Hexen daraus keine Töpfe verfertigen können.

In Slavonien begnügt man sich mit dem Zerbröckeln der Eierschalen
allein nicht, sondern man wirft sie, ebenso wie Nägelabschnitzel und
ausgekämmtes Haar, sogleich ins Feuer, um jede Hexerei mit diesen
Dingen unmöglich zu machen. Wenn die Hexen übers Meer fahren,
benützen sie Eierschalen als Fahrzeuge. Derselbe Volkglaube findet
sich noch gegenwärtig in Deutschland. A. Wuttke berichtet darüber:
»Wenn man gekochte Eier gegessen hat, muss man die Schalen zerdrücken
oder verbrennen, sonst legen die Hühner nicht mehr, oder sonst kommen
die Hexen über sie«. [40] Genau stimmt mit dem Zuge in der
mitgeteilten Sage die Nachricht überein, die sich bei J. W. Wolf in
den »Niederländischen Sagen« (Leipz. 1843) St. 248, 515 und 572
findet: »Wenn man Eier gegessen, muss man die Schalen zerbrechen,
damit sie von den Hexen nicht als Böte gebraucht werden.« Nach Choice
(Notes from Notes and Queries. London 1859, S. 7) herrscht in Holland
der Glaube, dass die Hexen in Eierschalen nach England zu fahren
pflegen. Der berührte Volkglaube ist auch auf der Pyrenäischen
Halbinsel heimisch. Darüber findet sich nebst den angeführten eine
weitere Nachricht bei Felix Liebrecht (Zur Volkskunde. Heilbronn 1879,
S. 375), der aus Leitão Garret’s Schrift »Donna Branca ou a
Conquista do Algarve (Paris, 1826) folgendes entnimmt: »Auf dem Lande
ist es ein gewöhnlicher Aberglaube, die Schalen der genossenen Eier zu
zerdrücken, aus Furcht, dass die Hexen sich ihrer bedienen möchten,
um darin durch die Luft nach Indien oder andern fernen Ländern zu
schiffen, woselbst sie das Blut ungetaufter Kinder auszusaugen oder
einen andern ihrer gewöhnlichen Streiche auszuführen pflegen. Jedoch
ist es unerlässlich, dass sie rasch und vor dem Krähen des schwarzen
Hahnes (d. h. vor Mitternacht) nach Hause zurückkehren; zu dieser
Stunde nämlich geht ihre Zauberkraft zu Ende und daher sind schon
viele in jenen Meeren ertrunken.«

Sagen über Hexenfahrten übers Meer können sich selbstverständlich
bei Völkern, die an Meerküsten wohnen und besonders Handel und
Schiffahrt betreiben, reich entwickeln. »Wenn die Hexen übers Meer
fahren wollen«, sagt P. Kadčić Peke (Arkiv B. V. S. 333), »so
lösen sie das erstbeste Schiff vom Anker und schiffen sich ein. Mit
jedem Stoss legen sie ihre hundert Meilen zurück.« Es ist die
Windbraut, die in rasender Wut dahinstürmende Bora, wenn sie das Meer
von unterst zu oberst aufwühlt, Schiffe vom Anker federleicht
losreisst und sie mit Blitzschnelle in die weite See, weiter als das
Auge reicht, hinausschleudert, die der verzagende Mensch als die Hexe
auf der Meerfahrt betrachtet. [41]



II.

Es war einmal ein Schmied, dessen Weib eine Hexe war. Er hatte auch
zwei Lehrjungen, von denen der eine sehr dick, der andere aber
zaundürr war. Einmal fragte der Dicke den Mageren: »Wie kommt’s
denn, dass Du so mager bist? — Beide verrichten wir dieselbe Arbeit
und einer bekommt so viel zu essen, als der andere.« — Darauf
entgegnete ihm der Magere: »Leg Du Dich ’mal auf mein Bett eine
Nacht schlafen und Du wirst es schon selber erfahren, warum ich so
mager bin.« — Wirklich schlief der Dicke eine Nacht in des Anderen
Bett, und in der Früh fragte ihn der Magere: »Na, wie ist’s Dir
ergangen?« — »’S ist gar nichts vorgefallen.« — »Ich bitt’
dich, schlaf’ noch eine Nacht auf meinem Bette.« — »Warum
nicht?« — In dieser Nacht aber trat die Hexe ans Bett heran, gab mit
dem Zaume dem Jungen einen Streich, und im selben Augenblicke
verwandelte er sich in ein Pferd. Sie ritt es bis zum Morgengrauen die
ganze Nacht hindurch, und als sie nach Haus geritten kam, nahm sie den
Zaum ab und sofort stand er wieder in menschlicher Gestalt da. In der
Früh fragte ihn der andere, wie es ihm ergangen und erhielt zur
Antwort: »Schlimm genug. Ist die Hexe ans Bett getreten, hat mich in
ein Pferd verwandelt und ist die ganze liebe Nacht auf mir
herumgeritten.« — »Nun weisst Du, warum ich so ausgemergelt
ausschau.« — »Weisst Du was«, versetzte der Dicke, »lass mich
noch einmal in Deinem Bette schlafen, ich glaube, ich werde ihr das
Handwerk legen, denn ich weiss, sie hat nichts anderes getan, als mir
bloss mit dem Zaume einen Streich versetzt, worauf ich mich im selben
Augenblicke in ein Pferd verwandelte. Ich will schauen, irgendwie den
Zaum abzustreifen und ihr einen Schlag zu versetzen, damit sie sich in
eine Stute verwandle.«

Gesagt, getan. Er schlief also die dritte Nacht in des Kameraden Bett;
die Hexe stellte sich wiederum ein, versetzte ihm mit dem Zaume einen
Schlag und im selben Augenblicke verwandelte er sich in ein Pferd. Eine
Weile ritt sie auf ihm herum, dann band sie ihn an einen Baum an und
entfernte sich irgendwohin. Diesen Augenblick benützte er, um den Zaum
von sich abzustreifen, dann liess er ihn lose an einem Ohr hängen und
wartete auf ihre Rückkehr. Kaum war sie zur Stelle, so streifte er
vollends den Zaum ab, verwandelte sich wieder in einen Menschen und gab
ihr einen Streich mit dem Zaume, worauf sie sogleich die Gestalt einer
weissen Stute annahm. Er bestieg sie und ritt nach Hause. Zu Hause
angelangt, band er sie an einen Pflock und weckte seinen Kameraden auf,
er solle hurtig aufstehen, eine Stute müsse beschlagen werden. Der
Magere liess sich dies nicht zweimal sagen, sprang vom Lager auf und im
Handumdrehen war die Stute beschlagen. Hierauf nahmen sie ihr den Zaum
ab, sie verwandelte sich in ihre vorige Gestalt und wankte in ihr
Zimmer hinein, wo sie sich aufs Bett legte. In der Früh kam der
Schmied, ihr Mann, sie zu wecken, damit sie das Frühmahl zubereite.
Sie entschuldigte sich, sie könne nicht aufstehen, weil sie sich durch
und durch krank fühle. — »Was fehlt Dir denn?« fragte er, und sie
antwortete: »Ich bin beschlagen worden.« — »Was? Wer hat Dich
beschlagen?« — »Wer anderes als deine zwei Lehrjungen." —
Sogleich ging er zu den zwei Burschen und fragte sie, wie sie sich
unterstanden, die Frau zu beschlagen. Sie stellten sich darüber ganz
erstaunt und meinten, sie hätten niemand anderen als nur einer weissen
Stute Hufeisen angenagelt. Da erkannte der Meister sofort, sein Weib
sei eine Hexe, drum liess er Dornen auf einen Haufen zusammentragen,
legte sein Weib darauf und sie musste elendiglich verbrennen. [42]

Hexen zu sehen, wann sie zu ihrem Reigen ausziehen, gilt als sehr
schwer. Fährt eine Hexe zum Hexenreigen, so erhebt sich ein Sturm und
ein arger Wirbelwind. [43] Besonders wirbeln dann Federn im Wirbel und
man muss sich wohl in Obacht nehmen, dass man nicht in einen solchen
Wirbel hineingerät. Will man sich wirklich überzeugen, dass Hexen im
Wirbel dahinfahren, so braucht man nur ein langes und scharfes Messer
in den Wirbel hineinzuwerfen. [44] Die Hexen können dies nicht leiden,
sie geraten in Streit um den Besitz des Messers, und schneiden sich. So
wird das Messer ganz und gar blutig.

Überrascht man die Hexen bei ihrem Reigen, so schonen sie niemand,
auch nicht ihren nächsten Anverwandten. Auf irgend eine Art muss es
der Lauscher immer büssen. Davon erzählen drei chrowotische Sagen bei
Valjavec in den »Narodne prip.« S. 246:



I.

Es war einmal eine Mutter, die eine Hexe war. Sie hatte einen
erwachsenen Sohn, den sie zu einem Herrn in Dienst gab. Einmal ging der
Bursche auf Fuhrlohn und geriet, als er nachts heimkehrte, in die
Hexenversammlung, in der sich auch seine Mutter und Tante befanden.
Kaum ward die Mutter seiner gewahr, rief sie aus: »Wir müssen ihm die
Zunge herausschneiden, sonst erzählt er der ganzen Welt, wir seien
Hexen.« — Schon traf die Mutter Anstalten, um ihm die Zunge
herauszuschneiden, als sie von der Tante, d. h. ihrer Schwester, daran
verhindert wurde. »Was fällt Dir nicht ein«, rief diese aus, »Du
wirst doch Deinem eigenen Sohne nicht die Zunge herausreissen wollen!«
— Da stand sie ab von ihrem Vorhaben, dafür schlugen die Hexen
insgesamt auf den Burschen los, bis ihn die Kräfte verliessen. Er
hielt sich an den Strängen fest, so dass ihn die Pferde nach Hause
schleiften. Nach Haus gekommen, war er vom überstandenen Schreck so
gelähmt, dass er kein Wörtchen sprechen konnte. Indessen kam sein
Herr sogleich auf den Gedanken, der Bursche müsse unter die Hexen
geraten sein, nahm einen Besen zur Hand und schlug um ihn herum.
Endlich, mit grosser Müh’ und Not gewann der Arme wieder die Sprache
und erzählte dem Herrn, wie er unter die Hexen gekommen und wie arg
sie ihm mitgespielt. Am nächsten Tag in der Früh verfügten sich
beide zu den Nachbarn und erzählten ihnen die ganze Geschichte.
Hierauf versammelten sich alle Männer, gingen zu seiner Mutter und
Tante ins Haus, banden sie fest und verbrannten sie auf einem
Scheiterhaufen.



II.

Es waren einmal zwei Freunde, die reisten als Kaufleute durch die Welt.
Sie reisten lange, lange Zeit mitsammen, bis sie sich einmal trennten
und einer von dem andern nichts mehr erfuhr. Der eine ging und ging und
kam in einen Wald. Dort stand ein verdorrter Baum, wo der Teufel jeden
Samstag die Hexen in Beichte zu nehmen pflegte (de je vrag copernice
svake subote spovedaval). Der Mann wusste nichts davon, sondern stieg
auf den Baum hinauf, um auf ihm zu übernachten, denn die Nacht war
herangebrochen. Als sich der Kaufmann oben bequem gemacht, kam der
Teufel unter den Baum und wartete auf die Hexen. Die Hexen kamen und
der Teufel forschte sie über ihr Tun und Lassen aus. Die eine
erzählte, dass sie vornehmlich Kühen die Milch entzogen, eine zweite
gestand, dass sie Menschen das Herz herausgerissen, die eine erzählte
dies, die andere jenes, jede etwas, nur eine, das war die jüngste,
hielt sich für die verschlagenste und schwieg. Fragte sie der Teufel:
»Na, was hast denn Du inzwischen getrieben?« Antwortete sie: »Ich
habe es der Prinzessin angetan, dass sie zehn Jahre keinen Schritt wird
machen können.« Fragte der Teufel, was es für Gegenmittel für diese
Verzauberung gebe. Sie sprach: »Es müsste ein braver Jüngling zu
Pferde kommen, der Jüngling müsste so lange auf dem Pferde reiten,
bis es ganz von Gischt bedeckt wäre, dann solle er das Pferd mit einem
weissen Mantel bedecken, so dass der Mantel von dem Gischt ganz nass
würde und zuletzt die Prinzessin in diesen Mantel einhüllen.«

Der Mann auf dem Baume hatte dies alles belauscht, und als es tagte,
stieg er vom Baume herab. [45] Er reiste mit seiner Ware weiter durch
die Welt, und es traf sich, dass er gerade in jenen Ort gelangte, wo
die Prinzessin krank lag. Er fragte die Diener, ob sie etwas kaufen
wollen. Sie darauf: »Was und wozu sollten wir was kaufen? Unsere
Prinzessin ist ja krank.« Er: »Könnte ich nicht da helfen?« Sie
ihm: »Ei, was könnten Sie helfen? Das ganze Haus wimmelt von Ärzten
und die vermögen nicht zu helfen, da sollten Sie helfen?« Antwortete
er: »Ich kann helfen.« Sie erwiderten: »Na, also helft, wir geben
Ihnen, was Sie immer verlangen mögen!« Er bat, dass man ihm einen
braven Jüngling zu Rosse zur Verfügung stelle. Diesen Wunsch
erfüllten ihm die Leute. Er kurierte die Prinzessin und bekam sie zur
Frau, denn sie wollte niemand anderen haben, als nur ihn. Und so wurde
er glücklich und Herr des ganzen Königreiches.

Einmal stand er am Fenster und erblickte seinen ehemaligen Genossen mit
einer Warenkrücke des Weges kommen. Er liess ihn rufen und warf ihm
einige Dukaten aus dem Fenster zu. Auch erzählte er ihm, auf welche
Weise er in diese Stellung gelangt sei. Das liess sich der nicht
umsonst gesagt sein, sondern begab sich gleichfalls auf jenen Baum, wo
der andere gelauscht hatte. Als dem Teufel alle gebeichtet hatten, kam
auch an die jüngste die Reihe und er machte ihr den Vorwurf: »Aha,
das bist Du, die Du Dich berühmt hast, dass niemand der Prinzessin
wird Heilung bringen können.« Sie kam gleich auf den Gedanken, dass
sie von jemand belauscht worden sein mochte, schaute auf den Baum
hinauf, gewahrte den Mann oben und machte ihn im Verein mit ihren
Genossinnen zu Staub und Asche. (Arkiv za povj. jugosl. VII,
S. 253 f. von Valjavec.)



III.

Es war einmal eine Hausfrau, die eine Hexe war und einen Diener bei
sich in Diensten hatte. Die Hexe bestrich sich einmal mit ihrem
Zauberfette und murmelte dabei: »Weder an Bäume, noch an Sträuche«.
Der Diener belauschte sie, vernahm die Worte: »Weder an Bäume, noch
an Sträuche« und begab sich nach ihrem Fortgehen in ihre Stube.
Während er sich mit dem Fette einrieb, sprach er irrigerweise die
Formel unrichtig: »An Bäume und an Sträuche«. Als er sich
eingerieben, flog er hinaus, rannte an jeden Baum und jeden Stein an,
so dass er ganz zerschlagen und zerschunden in der Hexenversammlung
anlangte. Dort durfte das Wort »Gott« beileibe nicht ausgesprochen
werden, er aber vergass daran beim Anblick des herrlichen Saales und
rief entzückt aus: »O Gott, wie schön ist’s hier!« — Im Nu
stoben die Hexen auseinander und liessen ihn allein zurück. Drei Tage
lang blieb er dort, bis ihn irgend jemand aus seiner unfreiwilligen
Haft befreite, und drei Jahre lang dauerte es, bis er wieder in seine
Heimat zurückkam. [46]



V. Hexenzauber. Verwandlungen. Wie erfährt man, ob ein Weib eine Hexe
sei. Wodurch macht man Hexenzauber zu nichte.

Im allgemeinen hält man die Hexen für schwarze, kraus- und
weisshaarige, alte, arg zerlumpte Weiber. Ein schmuckes und stattliches
Frauenzimmer sieht man selten für eine Hexe an, doch kommt auch
dergleichen vor. Man stellt sich die Hexen als bösartige alte Weiber
vor, die aus dieser Welt nicht scheiden können, sie hätten denn eher
ihren Nebenmenschen recht viel Leids zugefügt. (Arkiv VII. 1863.
S. 241.) Gewöhnlich glaubt man, dass ein Frauenzimmer, ehe sie zur
Hexe wird, jahrelang als »Mora« (Trut oder Mar) junge Leute
beschläft und ihnen das Blut abzapft.

In jeder Hexe haust ein teuflischer Geist, der sie zur Nachtzeit
verlässt, sich in eine Fliege, einen Schmetterling, eine Henne, einen
Truthahn oder eine Krähe, am liebsten aber in eine Kröte verwandelt.
[47] Will die Hexe jemand einen besonders schweren Schaden antun, so
verwandelt sie sich in ein reissendes Tier, gewöhnlich in einen Wolf.
(Pogled u Bosnu. Zgr. 1842. S. 44.)

Ist der böse Geist aus der Hexe draussen, so liegt ihr Körper völlig
wie leblos da und wenn einer die Lage der Hexe derart veränderte, dass
der Kopf dort zu liegen käme, wo die Füsse liegen, und umgekehrt, so
gelangte die Hexe nimmer zum Bewusstsein, sondern bliebe für ewig tot.
Wenn man abends im Hause einen Schmetterling umherfliegen sieht, so
hält man ihn für eine Hexe, sucht ihn wo möglich zu fangen, brennt
ihn dann ein wenig an der Kerzenflamme oder am Lichte an und lässt ihn
wieder frei mit den Worten: »Komm morgen zu mir, damit ich Dir Salz
gebe!« Fügt es nun der Zufall, dass am nächsten Tage ein Weib aus
der Nachbarschaft in dies Haus kommt und Salz oder sonst irgend etwas
ausborgen will, und wenn sie noch zum Überfluss zufälligerweise am
Körper irgendwo ein Brandmal hat, so ist man vollends der
Überzeugung, dass sie die Hexe von gestern sei.

Hexen können nach Belieben einem Menschen die Besinnung rauben und ihn
auf einen beliebigen Ort schaffen. [48]

Hexen können sich in eine Kröte verwandeln:

Eine Mutter geriet in Streit mit zwei alten Weibern, die als Hexen
berüchtigt waren. Sie schwuren dem Weibe Rache. Es starben ihr in der
Tat alle Kinder, die bei ihr daheim waren, nur ein Mädchen von acht
Jahren blieb am Leben. Aber auch dieses wäre nicht am Leben geblieben,
hätte es sich nicht bei seinem Grossvater in einem anderen Dorfe
aufgehalten. Einmal führte eine Hausgenossin der Mutter das Mädchen
heim. Als sie über eine grosse Wiese hinschritten, sprangen vor sie
zwei grosse Kröten. Jede dieser Kröten hatte bloss zwei Füsse. Die
Kröten überschlugen sich dreimal kopfüber und verwandelten sich in
Weiber, die der Hausgenossin und dem Mädchen wohl bekannt waren. Sie
nahmen ihre Kopftücher ab und steckten sie zwischen die Füsse, als
wären es Pferde. Wirklich verwandeln sich die Tüchel in Pferde, die
Hexen ergreifen das Mädchen, fliegen mit ihm spurlos über Wiese und
Wald fort und machen erst an einem Kreuzwege Halt, wo sie das Mädchen
in Öl kochen liessen. Hier stand ein Nussbaum; unter diesem fand man
des Mädchens Tüchel und eine Schussweite davon entfernt ihr kahles
Gerippe.

Ursprünglich war die Vorstellung, dass in der Kröte ein den Menschen
wohlwollender Geist stecke, die vorherrschende. In den Sagen der
indogermanischen Völker erscheinen häufig Prinzen, Prinzessinnen und
selbst Gottheiten in der Gestalt einer Kröte oder eines Frosches. In
Tirol wird es vom Volke als ein grosses Vergehen betrachtet, eine
Kröte zu töten. [49] In Norwegen schreibt man einer Kröte die Macht
zu, sich an dem zu rächen, der ihr Böses tut, indem sie sich ihm
z. B. nachts auf die Brust legt (vrgl. Fel. Liebrecht. Zur Volkkunde.
S. 333). Dass ehedem auch die Südslaven die Kröte als ein höheres
und zugleich gutes Wesen betrachteten, dafür zeugt folgender Brauch.
Wenn ein Weib in den Wehen liegt, so streicht sie ein Bekannter mit
einem Stocke sachte über den Rücken. Mit diesem Stocke muss er aber
einmal eine Kröte vor den Angriffen einer Viper gerettet haben. Man
glaubt nämlich, dass ein solcher Stock sowohl bei einer Frau als bei
einem weiblichen Tiere die Geburtwehen bedeutend erleichtere. [50] Zu
vergleichen ist damit der schwedische Volkglaube in Wärend, über den
G. O. Hyltén-Cavallius (»Wärend och Wirdarne« Stockh. 1868. I,
S. 332) berichtet: »Scheidet jemand eine Schlange und einen Frosch,
so dass beide leben bleiben, dann gewinnt er die Kraft, dass, wenn er
eine in Kindnöten befindliche Frau umspannt, die rasch entbinden
wird.« Der Glaube, dass der Gegenstand, mit dem man eine Kröte von
der Schlange befreit, eine höhere Zauberkraft erlangt, steht nicht
vereinzelt da. In einer Handschrift aus dem Ende des 16. oder dem
Anfang des 17. Jahrhunderts, die Bartsch in d. Ztschrft. f. d.
Myth. III, S. 318 ff. mitteilt, heisst es auf S. 322: »Wan du
dartzu kömbst das eyne krötte vnd eyne schlange oder natter
mytteynander streitten, so zyhe dein schwerdt aus vnd thue der krötte
eynen beystand, vnd erschlage die natter, vnd dis schwertt behaltt
alsdan. so du dan siehst das ein vnfride ist vnd sich mit bloszen
schwerdtten eynander schlagen wöllen, so gehe hinzu vnd zeuch dein
schwerdt auch aus, vnd gebeutt ihnen den friede, so balden werden vnd
müssen sie friede halten.« (Weitere Nachweise bei Liebrecht
a. a. O.)

In der Gegenwart glaubt hie und da das Volk im slavischen Süden in der
Kröte nur noch eine Hexe zu erblicken, die man, wo es nur angeht,
töten müsse. Folgende Sage, die aus Slavonien stammt, mag diesen
Volkglauben erläutern. So war einmal ein Weib, das Weib fuhr täglich
über die Drau, um ihre Kuh, die auf dem anderen Ufer weidete, zu
melken. Als sie einmal hinüberkam, sah sie eine grosse Kröte an dem
Euter der Kuh saugen. Das Weib hielt gerade eine Ruderstange in der
Hand, durchstach damit den vorderen Fuss der Kröte und warf sie
hinaus. Auf der Rückfahrt, wo sie noch mit anderen Weibern fuhr und
ruderte, sah sie, dass die Hand der Lenkerin am Steuerruder
durchstochen ist; es war dies nämlich eine Hexe.

Eine verwandte Sage aus Schweden teilt Hyltén-Cavallius a. a. O. I.
272 mit.

Eine andere Sage aus Vidovec in Chrowotien hat gleichfalls die
Verwandlung einer Hexe in eine Kröte zum Vorwurf:

Es waren einmal zwei Brüder, der eine war arm, der andere reich. Der
Reiche hatte eine Hexe zur Frau, die Frau des Armen war aber keine Hexe
und eben deshalb blieb er arm. Einmal kam der arme Bruder zum reichen
und sprach zu ihm: »Hör ’mal, lieber Bruder, komm, hilf mir mein
Feld beackern.« Der Reiche willigte von Herzen gern ein, doch seiner
Frau war es nicht recht und sie sagte zu ihm: »Du wirst schon sehen,
wenn Du ackern wirst, so komm ich hintendrein und esse die ganze
Aussaat auf, so dass der Lump gar nichts haben wird.« — Am nächsten
Tage, nachdem die Brüder aufgeackert und die Saat ausgesäet, kam eine
grosse, abscheuliche Kröte und fing an die Körner aufzuessen. Der
Mann wusste schon von früher, sein Weib sei eine Hexe und war darüber
sehr böse, jetzt aber war er ihrer satt, zog einen Zaunpfahl heraus,
spitzte ihn zu und rannte ihn der Kröte durch den Leib. Inzwischen
machte der andere Bruder ein grosses Feuer an, in das sie nun die
Kröte hineinsteckten und so lange schmoren liessen, bis sie ganz
durchgebraten war. Als der reiche Bruder nach Haus kam, fand er sein
Weib in der Mitte des Zimmers liegen und schrecklich wehklagen, denn
sie war ganz gebraten. Da warf er sie ins Feuer, und so verbrannte die
elende Hexe vollends.

Will eine Hexe irgend jemand einen Schaden zufügen, so fliegt sie in
Gestalt einer schwarzen Krähe auf das Dach jenes Hauses, wo der wohnt,
den sie hasst, und krächzt unaufhörlich. Erschiessen kann man sie
nicht, ausser man lädt das Gewehr mit geweihtem Pulver und solchen
Nägeln, die wegfallen, wann der Schmied einem Füllen zum erstenmal
Hufeisen aufnagelt. — Es traf sich einmal, dass ein Schmied im Hofe
Pferde beschlug und sich eine Krähe aufs Dach niederliess und
abscheulich zu krächzen anfing. Der Schmied suchte sie zu
verscheuchen, doch sie wollte nicht fortfliegen, vielmehr machte sie
Miene, ihn anzugreifen. Da nimmt er sein Gewehr, lädt es und schiesst
auf sie, doch konnte er ihr nichts anhaben. Nun ward es ihm klar, das
sei ein Vöglein ganz anderer Art. Rasch entschlossen, lud er das
Gewehr mit geweihtem Pulver und mit den besagten Nägeln, legte los und
die Krähe fiel auf der Stelle vom Dache herab. Er hatte sie nicht
vollständig getötet, denn sie marterte sich noch zwei Tage lang,
eh’ sie verreckte. Im selben Augenblicke, als sie hin wurde, starb im
Dorfe eine alte Hexe, der sich der Schmied dadurch verfeindet, weil er
ihr einmal auf ihr Bitten keine saure Milch geben wollte. Nun war ihm
die ganze Geschichte klar und er wusste, dass er ihr in ihrer
Krähengestalt den Garaus gemacht.

Wenn ein junger Mann eines plötzlichen Todes stirbt, oder ein
allgemeines Sterben der kleinen Kinder von 1–6 Jahren eintritt, so
macht der Volkglaube die Hexen dafür verantwortlich. Die Montenegrer
glauben, dass ein Weib, das zur kinderfressenden Hexe werden will, vor
allem ihr eigenes Kind auffressen muss, ehe sie andern Kindern etwas
anhaben kann. [51] Ferner glaubt man, dass eine Hexe das Kind völlig
fremder Leute nicht fressen darf, sondern bloss solche Kinder, die der
Sippe, aus der sie selbst ist, abstammen. [52] Wenn eine Hexe einen
schlafenden Menschen wo überfällt, so versetzt sie ihm mit ihrem
Zauberrütlein einen Streich über die linke Brustwarze, worauf sich
dessen Brustkorb öffnet. Die Hexe reisst nun sein Herz heraus, frisst
es auf und dann wächst die Brustwunde von selbst wieder zu. Manche so
ausgeweidete Menschen sterben auf der Stelle, andere wieder schleppen
ihr Dasein noch einige Zeit weiter, so viel Lebenfrist ihnen eben die
Hexe nach der Tat noch zu bescheiden für gut befunden; ja, sie
bestimmt ihnen noch die besondere Todart, wie sie sterben sollen. [53]

Wenn es dem Ausgeweideten glückt, seines Herzens wieder habhaft zu
werden, so braucht er es nur aufzuessen und das Herz kehrt ihm wieder
an die alte Stelle zurück. Grimm (D. M. S. 1034 ff.) glaubt darin
einen alten Überrest des Brauches, Menschenfleisch zu essen, erblicken
zu sollen. Er stützt seine Ansicht durch eine ganze Reihe von Belegen
aus alter und neuer Zeit über diesen Brauch und den Glauben, dass man
durch den Genuss von Menschenfleisch eine höhere Macht erlange. Der
Vergleich, den Grimm zwischen der deutschen Bertha (vor allem ist es
noch zweifelhaft, ob dies eine deutsche Gottheit gewesen) und der Hexe,
die Menschen ihr Herz ausreisst, aufstellt, scheint mir auf einer
blossen Zufälligkeit zu beruhen. Abbate Fortis erzählt in seinem
Reisewerke über das dalmatische Küstenland (Kap. 8) eine
einschlägige Sage. Grimm teilt sie im Auszuge (D. M. S. 1034)
gleichfalls mit. Die Sage bei Fortis berichtet dasselbe, was wir aus
der weiter unten folgenden Istrischen erfahren. Bei Fortis ist es ein
Priester, der dem Ausgeweideten sein Herz rettet, indem er ihn das
halbgebratene Herz verschlucken lässt. Die Hexen entkommen der
verdienten Strafe, während sie in der istrischen Fassung angeklagt und
zum Strang verurteilt werden. Letztere Überlieferung lautet:

Es war einmal ein Mann und ein Weib. Nach einiger Zeit starb der Mann.
Sein Weib blieb nach ihm schwanger. Sie war aber eine Hexe (vešća).
Und sie brachte ein allerliebstes Töchterlein zur Welt, doch auch die
Tochter war eine Hexe. Als das Mädchen herangewachsen war, kamen aus
aller Herren Länder Burschen zu ihr auf die Freite. Doch sie wandte
ihre Gunst, oder tat wenigstens so, einem Burschen zu, der aus
demselben Orte, wie sie, war. Eines abends kam der Bursche noch mit
einem Freunde zu ihr auf Besuch. [54] Nachdem sie schon lange Zeit
dagesessen, schlief der Freier ein. Sein Freund lehnte sich an die Wand
und tat so, als ob auch er schliefe. Da fingen das Mädchen und ihre
Mutter, denn diese sass auch da, untereinander zu besprechen an, was
sie dem Freier antun sollen. Schliesslich sagte die Tochter: »Wir
reissen ihm das Herz heraus, braten es und verspeisen es.« Gesagt,
getan. Sie nehmen dem Freier das Herz heraus, schieben es in den Ofen
hinein und sagen: »Holen wir uns inzwischen, bis das Herz gebraten
wird, Brod und Wein, und dann haben wir ein schönes zweites
Nachtmahl.« Bevor sie hinausgingen, sagte noch die Mutter zur Tochter:
»Nun, wenn der sein Herz in drei Bissen wieder aufässe, das Herz
wüchse ihm wieder nach.« Der Freund, der nur so tat, als schliefe er,
hatte die ganze Unterredung mit angehört, und nahm, sobald die zwei
Frauen hinausgegangen waren, das Herz aus dem Ofen und steckte es in
die Tasche. Dann ging er hinaus, nahm einen — ich bitt um
Entschuldigung — Dreck und legte ihn ins Feuer, damit er statt des
Herzens brate. Die Zwei kommen zurück, nehmen das Ding vom Feuer und
fangen zu essen an. »Mir will es aber stark scheinen«, sagte die
Mutter zur Tochter, »als ässen wir Dreck.« »Scheint mir auch so;
dieses Herz ist gar nichts nutz.« Jetzt erwachten die zwei Burschen
und gingen heim. Als sie sich vor dem Hause befanden, sagte der Freier
zu seinem Freunde: »Du hör mal, mir scheint es, als wär ich ohne
Herz. Ich hör gar nichts, als ob etwas da drinnen pochen tät. Halt
mich, ich fall um.« Da nahm der andere ein Stück vom Herzen des
Freiers aus der Tasche, reichte ihm’s und sagte: »Geh, iss davon ein
bisschen, vielleicht fühlst dich drauf etwas leichter.« Der
nimmt’s, isst’s auf und antwortet: »Na, jetzt wird mir schon etwas
leichter; ich hör schon ein wenig mein Herz pumpern.« »Da nimm noch
ein Stück, vielleicht fühlst du dich drauf noch etwas leichter.« Der
isst auch das zweite Stück hinunter und meint: »Jetzt ist’s mir
noch besser.« Der Freund gibt ihm drauf das dritte und letzte Stück.
Nachdem er es aufgegessen, sagte er: »Na, jetzt fühl ich, dass ich
mein Herz ganz habe und dass es wieder wie früher regelmässig
schlägt.« Nun erzählte ihm der Freund haarklein, was er belauscht,
wie die zwei Weiber das Herz herausgerissen, in den Ofen gesteckt und
darauf gesagt hätten, wenn er das Herz auf dreimal aufässe, es tät
ihm wieder nachwachsen und werden, wie es früher gewesen. Am
darauffolgenden Tag begaben sie sich zu Gericht und machten davon die
Anzeige. Als das Gericht die zwei Weiber vorgeladen und ins
Kreuzverhör genommen, da läugneten sie zuerst Stein und Bein alles
ab, nachher aber bekannten sie doch ihre Untat. Und das Gericht liess
Beide aufknüpfen.

Denselben Glauben, dass Hexenspeise — wobei man wohl an
Menschenherzen zu denken hat — einem Ausgeweideten, wenn er davon
etwas zu sich nimmt, sein Herz wieder zurückgibt, erkennt man aus
folgender chrowotischen Sage:

Einem Pferdehirten hatten Hexen das Herz ausgetrunken (ispile), worauf
er von Sinnen kam. Er riss sich das Gewand vom Leibe und die Haare aus
dem Kopfe. Zu seinem Glücke war er der Eidam eines zauberkundigen
Weibes (zet babe vračare). Sie schickte ihm Hexenspeichel (coprnjske
zbljuvke), den man am Sonntag im Neumond im Morgengrauen irgendwo im
Walde oder an Zäunen finden kann, wo eben in dieser Nacht ein
Hexenmahl stattgefunden. Die Alte hatte nun zuvor dies Mittel mit
Weihwasser besprengt und ihre Gebete darüber gesprochen. Er trank dies
in Wasser und genas vollends. Seit dieser Zeit musste er stets
Rautekraut mit sich tragen, damit ihm die Hexen nichts anhaben können.
Die Raute tritt hier an Stelle des Knoblauchs ein. Auch sie, besonders
die Bergraute, [55] hat einen scharfen, durchdringenden Geruch, der sie
wohl als geeignetes Abwehrmittel gegen Hexenzauber erscheinen lässt.

Merkwürdigerweise macht die Sage die nächsten Anverwandten eines
Menschen zu seinen gefährlichsten Feinden, zu Hexen, die ihm das Herz
aus dem Leib reissen. Die Untat wird dargestellt, als wäre sie unter
dem unwiderstehlichen Zwang einer höheren Macht verübt worden. Bei
Tag fühlt die Hexe, zufolge einer Überlieferung gewissermassen Reue
über das Geschehene, ja sie kann sich ihres Verbrechens gar nicht
entsinnen, sondern fragt, was vorgefallen, und ist bereit, dagegen
Heilmittel in Anwendung zu bringen. Ich nehme Bezug auf das Volklied,
das von einer Mutter erzählt, die ihren eigenen Sohn ausgeweidet. Die
kürzeste und unvollständigste Fassung lautet:


    Auf dem Himmel lauter Sternlein,
    Lauter Schäflein in dem Tale.
    Bei den Schäflein wacht kein Hirte,
    Nur das traute Kind Miloje,
    Sanft und süss entschlief Miloje.
    Mara ruft ihn, seine Schwester:
    »Wache auf, o Milko, Bruder!«
    »Mara, Schwester, ich vermag’s nicht,
    Bin von Hexen ausgeweidet,
    Aus dem Leibe riss das Herz mir
    Uns’re Mutter mit den Zähnen,
    Uns’re Muhme leuchtete ihr.«


Den Originaltext dieses Liedchens sang mir mein Freund J. K. aus
Slavonien. Der Mann hatte das Gymnasium zurückgelegt, besuchte eine
Hochschule und hielt aber trotzdem unerschütterlich daran fest, dass
das Lied eine Tatsache berichte. Auffallend ist mir in dieser Fassung
des Liedes, dass die Hexe »mit den Zähnen« das Herz ihrem Opfer
herausreisst. Hier dürfte ein Zug aus dem Vampirglauben vorliegen. In
der serbischen Fassung (bei Karadžić, nar. pjesme I. 237), die mit
der vorangehenden übereinstimmt, spricht der erwachende Bruder (Radoje
wird er hier genannt) einfach:


    »majka mi srce vadila,
    strina joj lučem svetila«

    »Die Mutter nahm mir das Herz heraus,
    die Muhme leuchtete ihr dazu mit der Fackel.«


Dem Liede fehlt in beiden Fassungen der Schluss, er wird uns mehrfach
erzählt, z. B. bei F. Kurelac (Jačke ili narodne pěsme prostoga i
neprostoga puka hrvatskoga po župah šoprunskoj, mošonjskoj i
želěznoj na Ugrih. Zagreb. 1871. S. 296, St. 657), der das Lied um
das Jahr 1850 in Sentalek (Stegersbach) aufgezeichnet hat.


    — »Sinko Janko: kadî s konje pasal?
    — Mila majko, za lugom zelenim.
    — Sinko Janko, jesi l koga vidil?
    — Mila majko, jes tri bîle žene.
    — Sinko Janko, ča su ti činile?
    — Prva mi je srdačce vadila,
       Druga mi je tanjirac držala,
       Treta mi je na kraju plakala.
    — Jesi li mi, sinko, kû poznaval?
    — Prva si ti moja majka, bila,
       Druga mi je moja teta bila,
       Treta e bila premila sestrica.
    — Sinko Janko, ča im ti naručaš?
    — Mojoj majki tri prežarke ognje:
    Da bi va njih živa izgorila;
       Mojoj teti njoj tri konjske repe:
       Da bi me se na njih raztrzala;
       Sestri miloj njoj tri bele grade:
       Da bi mi se po njih sprehajala.«


    — Söhnchen Janko (Johannes), wo hast Du die Pferde geweidet?
    — Lieb Mütterchen, hinter dem grünen Hain.
    — Söhnchen Janko, hast Du jemand gesehen?
    — Lieb Mütterchen, ich habe drei weisse Frauen (scl. gesehen).
    — Söhnchen Janko, was haben sie Dir angetan?
    — Die erste hat mir das Herzchen herausgenommen,
       Die zweite mir das Tellerchen gehalten,
       Die dritte (stand) abseits und weinte.
    — Hast Du mir, Söhnchen, welche (von ihnen) erkannt?
    — Die erste bist Du, Mütterchen, gewesen,
       Die zweite ist meine Muhme gewesen,
       Die dritte ist meine über alles mir teuere Schwester gewesen.
    — Söhnchen Janko, was wünschst Du ihnen?
    — Meinem Mütterchen drei glühend heisse Feuer,
       Damit sie lebendig darin verbrenne;
    Meiner Muhme drei Pferdeschweife,
    Damit sie auf ihnen zerrissen werde;
    Der teueren Schwester, ihr drei weisse Burgen,
    Damit sie in ihnen lustwandeln kann.«


Ich vermute, dass dieses Lied aus Anlass eines Hexenprozesses in Krain
aufgekommen ist. Dort hat man, wie in Chrowotien, bis tief ins XVIII.
Jahrhundert hinein Hexen zum Scheiterhaufen geführt. Von dort aus
verbreiteten sich solche Prozesse weiter nach dem slavischen Süden.
Nur die Bulgaren scheinen von dieser Plage verschont geblieben zu sein.

Der ungenannte Verfasser des Schriftchens »Pogled u Bosnu ili kratak
put u onu krajinu« (Agram 1842) erzählt, wie er sich im Jänner 1840
in dunkler Nacht in ein türkisches Dörfchen bei Zvornik verirrt habe,
in ein türkisches Gehöfte eingetreten sei und von dem Eigentümer
beinahe erschossen worden wäre, weil ihn dieser für eine Hexe hielt,
die sein, des Türken, Kind auszufressen gekommen. Bruder und
Schwägerin des Türken retteten noch rechtzeitig den gefährdeten
Reisenden. Als sich der Irrtum herausgestellt, lud der Türke den
Wanderer zum Nachtessen ein und erzählte ihm den Grund seiner
Verbitterung: »Siehst du Brüderchen! Dies Haus gehört mir, das
nächste meinem Bruder. Ich habe zwei Kinder — Gott soll mir sie
leben lassen — Milica und Živan, mein Weib aber ist gestorben,
gerade jetzt wird’s ein Monat. Da in der Nachbarschaft lebt ein
Mensch, mit dem ich mich schon seit langem verfeindet habe. Er hat eine
Mutter, die ist eine alte Hexe, die hat mir gedroht, dass sie mir mein
ganzes Gesinde ausfressen wird (da će svu moju čeljad izjesti).«
Diesen Abend sass er bei seinem Bruder und trank Raki, um seinen Kummer
zu übertäuben. Als er heimkehrte, hörte er jemand Fremden im Hause
herumpoltern und die Kinder ängstlich schreien. Da war er fest
überzeugt, die alte Hexe wäre gekommen, um ihre Drohung auszuführen,
und wollte sie dafür bestrafen.

Ein Bannspruch gegen menschenfressende Hexen: Ein altes Weib, Namens
Dona aus Selačka in Serbien, pflegt auf folgende Weise Leute vom
Hexenzauber zu heilen. Sie nimmt einen Federwisch und einen roten Faden
in die Hand, berührt damit Kopf, Hände, die Herzgegend und die Füsse
des Leidenden und spricht dazu: »Heb’ dich von dannen, o weh (?),
ihr Hexen, Vile und Winde; ihr seid gekommen, damit ihr N. Herz und
Kopf ausfresset; doch bei ihm weilt Dona die Beschwörerin, die euch
schickt ins Gebirge, damit ihr (alles) Laub abzählt, ins Meer, damit
ihr den Sand ausmisst, in die Welt, dass ihr (alle) Wege abzählt. Auch
wenn ihr zurückkommt (scil. nachdem diese Aufgaben gelöst wären),
könnt ihr ihm gar nichts anhaben. Dona, die Beschwörerin, hat mit
ihrem Hauch (Seele) weggehaucht, mit der Hand wegbewegt und mit Gras
auseinandergeschoben. Auf N. Leben und Gesundheit.« Diese Worte
spricht sie dreimal nacheinander. Der Text lautet »ustaj, avaj,
veštice, vile i vetrovi, došli ste da N. — u pojedete srce i glavu;
ali je kod njega Dona bajalica, koja vas šilje u goru, list da
prebrojite, u more, pesak da izmerite, u svet, putove da prebrojite. I
kad se vratite, ne možete mu ništa učiniti. Dona bajalica je dušom
oduvala, rukom odmahala i travom rasturila. [56]

Für die Echtheit der Bannformel spricht die verwandte aus Grbalj, die
Vuk im Riečnik S. 367 b. gegen die Mora (die Mar) mitteilt. Die
sachliche Erklärung besonders der letzteren Formel bietet mancherlei
Schwierigkeiten dar. Ich will nur die Stelle daraus anführen, in der
die Aufgaben aufgezählt sind, die von der Mar und den bösen Geistern
überhaupt zuvor bewältigt werden sollen, ehe sie die Schwelle des
Hauses betreten mögen: »Nicht eher, als bist du abgezählt am Himmel
die Sterne, im Gebirge das Laub, am Meere den Sand, an der Hündin die
Haare, an der Ziege die Haarzotteln, an dem Schafe die Wollzotteln und
in den Zotteln die Haare.«

Beachtenswert ist die Wendung am Schlusse der Donaischen Formel, wo der
Hauch, die Handbewegung und das Gras (trava) als Abwehrmittel betont
werden.

Weint nachts ein kleines Kind, so glaubt man, dass es Hexen essen, und
man sucht auf den Feldern ein Kraut, das man vještički izjed [57]
(Hexenausfrass) nennt, streut dies Kraut in die Wiege, auch wird es
abgekocht und der Absud dem Kinde zu trinken verabreicht. Oder man
reibt mit Knoblauch die Wiege und die Fussohlen des Kindes ein, weil
dies ein bewährtes Mittel gegen die Hexen sein soll. [58]

In Serbien legt die Mutter in das Amulet, das sie ihrem Kinde um den
Hals hängt, ein Häuptchen Knoblauch. Dieser Knoblauch wird aber auf
folgende Weise gezogen. Die erste Schlange, die man im Jahre erblickt,
muss man töten, ihren Kopf vom Leibe lostrennen und kleinstossen. In
diese Stücke tut man das Zechel von einem Häuptchen Knoblauch und
pflanzt das ganze im Garten ein. Das Häuptchen, das daraus entsteht,
kommt ins Amulet.

Viele Bauern pflegen sich zu Weihnachten und im Fasching die Brust, die
Fussohlen und die Achselgegend mit Knoblauch einzureiben. In Slavonien
trägt der Bauer, natürlich die Bäuerin auch, immer ein Stück
Knoblauch als Amulet mit sich, um gegen alle Anfechtungen von Hexen
gefeit zu sein.

In einem slavonischen Reigenliedchen flucht die rechtmässige Frau der
Beischläferin ihres Mannes; in ihren Augen ist sie eine
menschenfressende Vila, der vor Knoblauch übel wird und die sich durch
Genuss von altem Unschlitt den Tod zuziehen soll:


    Oj inočo vilo,
    Ne jedi mi tilo!
    Već ti jedi staro salo,
    Ne bi l tebe već ne stalo,
    Pa ti jedi bila luka,
    Nek je tebi veća muka.


    »O Du Nebenweib, Du Vila,
    iss mir meinen Leib nicht ab!
    Sondern iss altes Unschlitt,
    vielleicht verschwindest Du doch endlich einmal;
    ferner iss Knoblauch,
    damit Deine Qual grösser sei!«


In einem anderen Liedchen sagt ein Mädchen:


    Gdi bi meni nahudile vile,
    Kad ja nosim u nedarah čine,
    Slipa miša i od guje repa,
    Bila beza i debela veza.


    »Wie könnten mir die Vilen Schlimmes antun,
    da ich im Busen Amulete trage,
    eine Fledermaus und den Schweif einer Natter,
    weisse Leinwand und dicke Stickerei.«


Die Stickerei, die verschiedene Figuren und Zeichen darstellt,
befremdet hier durchaus nicht.

Ein Märchen aus Krasica im chrowotischen Küstenlande [59] schildert
das Treiben einer menschenhinwürgenden Hexe wie folgt:

»Es war einmal ein Graf, der hatte eine einzige Tochter. Diese Tochter
war ein sehr übermütiges und verwöhntes Kind. Als sie
herangewachsen, schickte man sie in die Schule. Die Lehrerin, zu der
man sie in die Schule schickte, war eine Hexe, von der die Kinder
blutwenig lernten. Sie pflegte kaum in die Schulstube zu kommen, um die
Kinder zu ermahnen, dann ging sie wieder hinaus und kam erst zurück,
wenn es Zeit war, die Kinder zu entlassen. Wenn die Hexe zufällig
draussen eines ihrer Schulkinder erblickte, so schlug und prügelte sie
es wie ein stummes Tier. Als nun des Grafen Töchterlein zum erstenmale
die Schule besuchte, die Lehrerin aber sich gar nicht blicken liess, so
ging das Mädchen hinaus, um doch zu sehen, wo die Lehrerin bleibe. Sie
kommt hinaus, schaut in die Luft und da gewahrt sie ihre Lehrerin oben,
wie sie eben Kinder abwürgt. Wie das Mägdlein aber von der Lehrerin
erblickt wurde, so drohte ihr diese von oben herab. Als die Schule aus
war, kehrte das Mädchen heim und fand den sämtlichen Viehstand zu
Hause verendet. Als sie am nächsten Tage aus der Schule nach Hause
kam, da fand sie die Diener und die Dienerinnen tot. Am dritten Tage
waren Vater und Mutter tot und das ganze Haus nur mehr ein
Trümmerhaufen. Dies alles hatte die Lehrerin-Hexe verbrochen.« — Im
weiteren Verlauf des Märchens spielt die Hexe die bekannte Rolle der
bösen Schwiegermutter, die die Kinder ihres Sohnes und der ihr
missliebigen Schnur immer mit jungen Hunden und Katzen vertauscht und
so bewirkt, dass der Sohn seine Frau einmauern lässt. Schliesslich
stellt sich aber durch Gottes Wunder der wahre Sachverhalt heraus und
die Anstifterin alles Unheils erleidet das Schlimmste. In unserem
Märchen wird sie gleichfalls eingemauert. [60]

Um die Hexen herauszufinden, damit man sie die verdiente Strafe wegen
der angeblichen Kinderhinmordung erleiden lassen könne, befolgte man
und befolgt noch heutigen Tags in Montenegro und im Herzogtum soweit es
vor den Behörden verborgen bleiben kann, folgenden Brauch: Alle
waffenfähigen Männer eines Dorfes versammeln sich und der
Dorfälteste hebt beiläufig so an: »Ihr seht Brüder, dass unser
Stamm ausgewurzelt wird von Hexen und Zauberinnen, Gott möge sie
richten. Morgen in der Frühe soll jeder von euch sein Weib und seine
Mutter, so wie ich es auch selbst tun werde, zur Zisterne (oder zum
Fluss oder zum See) hinbringen, damit wir sie ins Wasser werfen und so
in Erfahrung bringen, welche die Hexen sind, dann wollen wir die
Schuldigen steinigen, oder sie müssen uns zum mindesten hoch und teuer
schwören, dass sie in Zukunft kein Unheil mehr anstiften werden. Wollt
ihr so, Brüder?« Einstimmig rufen alle: »Ja, so wollen wir, wie denn
nicht?« Am nächsten Tage führt jeder Mann sein Weib daher, befestigt
einen Strick unter den Armen um ihren Leib und wirft sie so
angekleidet, wie sie vom Haus kam, ins Wasser hinein. Die Weiber, die
augenblicklich untersinken, zieht man rasch mit dem Seil ans Trockene,
denn ihre Unschuld ist durch das Untersinken erwiesen, hingegen ist der
gegenteilige Beweis hergestellt, wenn eine auf der Oberfläche ein
Weilchen herumzappelt und nicht untergehen mag. [61]

V. Vrčević berichtet, er habe in seiner Kindheit erzählen gehört,
dass die Krivošijaner (in der Gegend von Cattaro) auf diese Weise ihre
Frauen einmal einem solche Ordale unterworfen haben. Demselben
erzählte ein Mann namens Lukas Pištelja aus Trebinje im Herzogtume,
dass die christlichen Einwohner dieses Ortes im Jahre 1857 von den
Türken gezwungen wurden, auf freiem Felde in die an der Stadt
vorbeifliessende Trebišnjica ihre eigenen Frauen hineinzuwerfen. Unter
denen, die untergingen, befanden sich zufälligerweise auch die Mutter
und die noch lebende (es war im Jahre 1874 als dies Vrčević schrieb)
Frau Pišteljas. Sieben Weiber gingen aber nicht unter, und zwar, weil
sie zuviel Kleider anhatten und das Wasser unter die Kleider gedrungen
war, da die Armen perpendikular ins Wasser fielen. Die Türken wollten
durchaus, dass alle sieben Weiber den Steinigungtod erleiden sollten.
[62] Nur mit schwerer Mühe und Not liessen sie sich von den hart
bedrängten Christen dazu bewegen, dass sie von der augenblicklichen
Strafe Absicht nahmen, indem sie sich damit zufrieden gaben, dass die
Beinzichtigten im Kloster Duži einen heiligen Eid ablegen mussten, in
Zukunft nimmermehr Kinder aufzufressen. [63]

Eines anderen Falles gedenkt Medaković. Ein Weib aus Bjelice in
Montenegro wurde ins Wasser gestossen, weil sie im Verdachte stand,
eine Hexe zu sein, doch sie ging nicht unter. Ob man sie deshalb
gesteinigt und was überhaupt mit ihr darauf geschehen, verschweigt
unser Gewährmann. Eine Witwe aus Rajčević wurde gleichfalls der
Hexerei beschuldigt und man wollte sie durchaus dem Ordale unterziehen.
Darüber entspann sich zwischen den Leuten ein Streit, der in einen
bitteren Kampf ausartete, in dem vier Menschen auf der Stelle ihren Tod
fanden.

Viel harmloser ist eine andere, im ganzen Süden bekannte Art und
Weise, nach der man die Hexen eines Ortes kennen zu lernen sucht. Man
kann sie alle bei der Mitternachtmesse in der Christnacht sehen. Zu
diesem Behufe arbeitet man vom Tage der hl. Lucia oder hl. Barbara an
bis zur Fastenzeit vor Weihnachten [64] an einem Schemel, und zwar so,
dass man jeden Tag einmal mit dem Beil in das Holz schlägt, aus
welchem der Schemel verfertigt wird. Mit diesem Schemel begibt man sich
in der Christnacht [65] in die Kirche und stellt sich darauf in dem
Augenblicke, wann der Priester den letzten Segen spricht. Da kehren die
in der Kirche anwesenden Hexen dem Altar den Hintern zu und schauen zur
Türe hin. Der Mann auf dem Schemel muss nun sofort, wie der Priester
das Kreuz schlägt, nach Hause eilen und sich ins Bett legen. Die Hexen
verfolgen ihn bis ins Haus hinein und er vermag sich nur dadurch vor
ihrer Rache zu schützen, dass er den Schemel unter das Bett stellt.
Die Hexen sind wohl jetzt machtlos, doch schärfen sie dem Manne ein,
reinen Mund zu halten über das, was er gesehen, sonst werden sie an
ihm Rache nehmen. (Über den deutschen Glauben vrgl. Grimm D. M.
1033.)

Ein Kürschnergeselle verfertigte auf die angegebene Weise einen
Schemel und beobachtete in der Kirche das Treiben der Hexen. Zu des
Burschen Unglück las der Priester hastig die Schlussgebete ab und der
Bursche konnte nur mit schwerer Müh’ und Not den Hexen entrinnen.
Sie holten ihn auf der Hausschwelle ein. Er flüchtete in die Küche
und warf sich schnell in den Brotofen hinein. Von dort zogen ihn die
Hausleute heraus und schafften ihn, der schon ganz leichenblass aussah,
in die Stube hinein. Er aber eilte zur Türe, warf sich auf die Erde
und rang die ganze Nacht hindurch mit einem unsichtbaren Jemand. Da kam
ein altes Weib aus der Nachbarschaft, beräucherte den Burschen, und
man sagt, es sei ihm darauf leichter geworden. Auf die Dauer half dies
aber doch nichts, bis sich endlich ein Weib seiner erbarmte und ihm den
Rat erteilte, er soll einer lebendigen Henne den Leib aufschneiden und
das Herz, solange es noch warm ist, roh aufessen. Dies tat er und genas
vollständig. Bis dahin hatte er das Reden fast verlernt gehabt und, es
kam häufig vor, dass er nachts bei geschlossenen Türen und Fenstern
plötzlich verschwand. Wahrscheinlich ritten da auf ihm Hexen herum.

Das Herzessen, wie es sich hier im Volkglauben erhalten hat, verrät
eine Auffassung der Dinge, wie sie nur einer alten Heidenzeit
zugeschrieben werden kann. Mit der steigenden Gesittung, als man sich
daran gewöhnt hatte, zubereitetes Fleisch zu essen, erhielt sich der
alte Brauch, nun ungewöhnlich geworden, nur noch bei Opfern. Als man
sie durch das Christentum auszumerzen begann, bezog der Volkglaube den
alten Brauch auf andere Dinge und leitete aus dem Genuss roher Herzen
eine besondere Kraft ab, die dem Betreffenden einmal zum Segen, wie
z. B. in dieser Sage, oder zum Unheil, wie den Hexen, die Kinder
ausweiden, ausschlagen kann.

Will man Hexenbesuch haben, so muss man jeden Morgen mit dem linken
Fusse beim Erwachen aus dem Bett steigen und den linken Fuss vor dem
rechten ankleiden.

Legt man einen Besen über die Schwelle, so kann keine Hexe
darüberschreiten. Ebenso kann man ihr auf offener Strasse den Weg
versperren, wenn man zwei Besen kreuzweis auf den Weg legt.

Wer sonst einer Hexe aufpassen will, muss am Charsamstag abends seiner
Kuh zwischen den Hörnern ein wenig Haare ausschneiden und am
Palmsonntag mit den Haaren in der Tasche in die Kirche gehen. Während
nun der Priester den letzten Segen spricht, nehme man ein wenig von den
Haaren zwischen die Finger, bekreuzige sich so und vergrabe die Haare,
sobald man wieder nach Hause kommt, unter die Schwelle der Stalltüre,
durch welche die Kuh durchgehen muss. Die Hexe bleibt aber an einer
solchen Schwelle wie festgewurzelt stehen. Man kann sie nun leicht
erwischen und mit ihr tun, was man will. In der Folge wird sich sowohl
die betretene als überhaupt jede Hexe wohlweislich hüten, diesen
Grund und Boden je wieder heimzusuchen.

Wann eine Hexe gestorben ist und zu Grabe getragen wird, pflegt es
jedesmal zu donnern und zu hageln, wie man glaubt deshalb, weil sie bei
Lebzeiten Donner und Hagel heraufzubeschwören vermocht hat.

Eine Hexe darf man weder an einem geweihten Orte, noch in einem Garten,
oder auf der Strasse, oder am Wegrain, oder in einem Graben am Wege
vergraben, denn andere Hexen würden sie wieder herausscharren und
beleben. Darum muss man eine Hexe im Walde unter irgend einem sehr
alten, schattigen Baume vergraben, und Gott behüte, ja nicht unter
einem jungen; denn ein junger Baum breitet nicht hinreichenden Schatten
über die Hexe aus, der Schatten aber, den die Erde wirft, mit der das
Grab zugedeckt wird, reicht allein nicht aus. Dieser Schatten ist der
Hexe auch nicht im geringsten zuträglich.

Die Seele der Hexe ist ein Baumgeist, der seinen alterschwachen Wohnort
verliess, um als Hexe weiterzuleben. Stirbt die Hexe, so begräbt man
sie unter einem alte Baume, damit der böse Geist an seinem Ursprungort
verbleiben soll.

Wenn ich den Volkglauben richtig erfasse, so ist der ursprüngliche
Grund, weshalb man eine Hexe unter einen jungen Baum nicht vergraben
will, nicht der unzulängliche Schatten, sondern weil man glauben
mochte, dass der in dem jungen Stamme hausende Geist durch die Hexe
vertrieben würde, weshalb der Baum dann absterben müsse, oder dass
die Hexe als ein Krankheitgeist in den jungen Baum fahren und ihn so
zum Verdorren bringen würde. Im übrigen spricht man den Hexen ein
ungewöhnlich langes Leben zu. Irgendwo auf einem steilen Felsen im
Hochgebirge quillt ein »lebendiges Wasser« hervor, erzählte mir
jener Bauer aus Kamensko, an welchem sich die Hexen immer verjüngen.
Das Wasser des Lebens spielt in den Sagen aller Völker eine grosse
Rolle.

Um die Hexen zu bannen, pflegen die Bäuerinnen am letzten
Faschingsonntag die Kesselketten verkehrt aufzuhängen, andere legen
ein Kuhhorn in die Kohlenglut, weil Hexen diesen Geruch nicht
vertragen.

Man kann eine Hexe auch dadurch vertreiben, dass man sie verflucht. Die
Hexe verliert nämlich im selben Augenblicke all’ ihre Macht, denn
der Mensch trägt das Kreuz der katholischen Kirche, die Hexen aber das
Kreuz des Teufels. Es genügt, dass der Mensch ihr zuruft: »Gemeines
Weib, warum trägst du das Kreuz des Teufels? Du bist ja doch von aller
Welt gemieden (verlassen) und kein Mensch mag dich leiden!« (hmana
žena, zakaj nosiš križ vraži, ipak si od sega sveta ostavlena ter
te ne mre nijeden človek trpeti!) (Aus Warasdin.)

Man ersieht aus diesem Glauben deutlich, wie die alten Anschauungen die
von der neuen Lehre nicht ausgerottet werden konnten, als eine
Nachäfferei des wahrhaft Göttlichen hingestellt sind. Den Hexen und
dem Teufel schreibt man die Gebräuche und Abzeichen der Gotteskirche
zu, doch in karikierter Gestalt; was sie tun, tun sie verkehrt, zum
Spott und Hohn der lichten Gottheit. So wird z. B. in dem
berüchtigten malleus maleficarum mehrmals des Eidschwurs Erwähnung
getan, den die Hexen bei ihrer Aufnahme in den Bund dem Teufel zu
leisten haben. [66]

Wenn man die Unterhosen umwendet und sie so anzieht, ist man gegen
jeden Hexenzauber gefeit. Das südslavische Bauernhaus hat keinen
Anstandort und die Leute sind genötigt, auf dem Düngerhaufen oder
sonst wo auf einem Platze, wohin man den Kehricht wirft, ihre Notdurft
zu verrichten. Solche Orte sind aber nach dem Volkglauben Tummelplätze
der Hexen; darum hält man ein Stück Brot in dem Mund, während man
auf einem solchen Orte weilt; dadurch wird die Macht der Hexen
gebrochen. [67]

Der Mensch kann sich vor einer Hexe nur dann mit Erfolg verteidigen,
wenn er sich mit einem geweihten Stock wehrt. Etwas anhaben kann er ihr
aber auch nur in dem Falle, wenn er sie auf den Kopf oder den Hintern
mit dem Stocke trifft; denn im Kopfe der Hexe sitzt ihr Hass gegen
alles, was geweiht ist, mit dem Hintern dagegen verhöhnt sie alles,
was heilig ist

Wird eine Hexe so ertappt, dass sie nicht mehr entfliehen kann, so
verwandelt sie sich flugs in ein Stück Holz oder einen Stein, je
nachdem an dem Orte mehr Holz oder Steine liegen, so dass der Gegner
irregeführt wird. Gelänge es aber einem, den Gegenstand ausfindig zu
machen, in den sich die Hexe verwandelt hat, so kann er ihr leicht den
Garaus machen, wenn er nur herausbekommt, auf welcher Seite ihr Kopf
liegt. Trifft man die Hexe nicht gerade auf den Kopf, so mag man drei
Tage lang auf den Gegenstand losschlagen und man wird der Hexe dennoch
nicht das Geringste anhaben. Versetzt man ihr aber einen rechten Schlag
auf den Kopf, so bleibt sie für immer tot liegen, und zwar in der
Gestalt, die sie angenommen hat. [68]

Bäuerinnen, die an Hexen glauben, pflegen Schweinedreck in einen
Leinwandlappen einzuwickeln, den Lappen fest zuzubinden und als Amulet
an einer Schnur um den Hals zu tragen. Diese Schnur muss aber eben so
lang sein als das Weib gross ist, das die Schnur braucht, dann kann
kein Teufel und keine Hexe dem Weibe etwas anhaben. (Aus Krapina
Toplice in Chrowotien.)

Um sich vor Hexen zu schützen, trägt man Schlehdornen im Kleid
eingenäht. Mit Schlehdornen bannt man Hexen und Teufel. In Häusern,
wo es kleine Kinder gibt, befestigt man an Türen und Fenstern
Schlehdornen. [69] (Slavonien.)

Wie erwähnt benötigen die Hexen eines Zauberfettes. Wer davon isst,
versteht die Tiersprache. Wie dieses Fett gewonnen wird, erzählt
folgende Sage aus Kreutz in Chrowotien.

Es war einmal eine Hexe, bei der es niemand im Dienste aushalten
konnte. Nun ging einmal ein Junge des Weges, erblickte die Hexe und bot
ihr einen »guten Tag« zum Gruss. Sie winkte ihm freundlich zu, fragte
ihn, wohin er wandere, und er antwortete, er gehe einen Dienst suchen.
Sie sagte ihm gleich, bei ihr wär eben eine Stelle frei und er dürfe
nur eintreten, und so trat der Junge bei ihr in Dienst ein. Sie
schärfte ihm sogleich ein, er müsse sich brav aufführen, bei ihr
habe schon eine Menge Leute gedient, weil sich die aber nicht brav
aufgeführt, deshalb habe sie ihnen allen der Reihe nach den Garaus
gemacht. Der Junge gab ihr das feste Versprechen, sich stets brav
aufzuführen. Abends setzte sie ihm ein gutes Nachtmahl vor und befahl
ihm, er müsse morgen in der Frühe zeitlich aufstehen, um aufs Feld
ackern zu gehen. Der Junge erwachte zeitlich in der Früh und ging
ackern. Um die Mittagstunde setzte er sich zum Essen und liess die
Ochsen lange Rast halten. Als er abends heimkehrte, fragte ihn die
Vettel, wieviel er aufgeackert; und er antwortete »so und soviel«.
— Der Alten schien das wenig zu sein und sie schalt ihn einen trägen
Arbeiter. Hierauf begab er sich zur Ruhe, um am folgenden Tage wieder
seine Arbeit aufzunehmen. In der Früh trug ihm die Alte auf, er müsse
das, was er zuerst aufackere, es mag was immer sein, auf der Stelle
nach Hause bringen. Er begab sich aufs Feld, stemmte die Pflugschar ein
und ackerte eine Kröte heraus. Die nahm er sogleich und trug sie der
Alten heim. Die Alte sprach: »Gut mein Kind, gut«, und der Junge
kehrte wieder aufs Feld zurück. Nun klagte ihm einer der Ochsen, er
sei ganz müde, denn die Alte sei die ganze Nacht auf ihm
herumgeritten; deshalb gönnte der Junge den Ochsen wiederum eine lange
Rast. Er kommt nach Haus und seine Herrin fragt ihn: »Wie viel hast du
aufgeackert?« — »So und so viel.« Hierauf begab sich die Alte in
die Stube, der Junge aber huschte schnell in die Küche, um
nachzusehen, was die Alte koche und sah die Kröte in einer Rein
braten. Schnell ergriff er einen Löffel, schöpfte ihn voll Sahne, in
der die Kröte briet, und schlürfte den Saft hinunter. Sodann schaffte
er die Ochsen in den Stall und ging nachtmahlen, doch bekam er nicht
die Kröte zu essen. Nachdem er sich sattgegessen, begab er sich zur
Ruhe. Am dritten Tage gönnte er wiederum den Ochsen eine lange Rast.
Als er abends heimkehrte, stand er eine Weile mit der Alten im Hofe.
Die Alte besass eine Gluck, die ein hinkendes Küchlein hatte. Da
machte die Gluck dem hinkenden Küchlein Vorwürfe, warum es sich nicht
tummle, es sehe ja, ein Geier schwirre durch die Lüfte. Der Junge
verstand das ganze Gespräch und erzählte es der Alten. Die Alte hiess
ihn näher treten und sagte: »Geh’, komm’, zeig mir mal deine
Zunge!« — Er streckte die Zunge aus, die Alte aber nahm einen
Löffel und schabte das wenige von der Sahne ab, das noch auf seiner
Zunge klebte. Seit diesem Augenblicke verstand er nicht mehr die
Sprache der Tiere.

Das Fett, mit dem sich die Hexen einreiben, um fliegen zu können,
besteht nach einem andern Volkglauben aus Stutenbutter. [70] Ein Bauer
aus Toplice (dem Kurort bei Warasdin) erzählte folgendes Erlebnis:
»Ich habe an diesen Weihnachttagen ein Weib gesehen, das hat drei Tage
hindurch nach Stutenbutter gesucht (iskala konjsku putru, wörtl. sie
verlangte Pferdebutter.) Dann hab’ ich sie gesehn, dass sie welche
gefunden hat, wo die Pferde weiden. Ich bin ihr nun entgegengetreten,
sie hat aber die Butter unter die Schürze versteckt. Ich hab’
gesehen, wie ein bisschen davon hervorschaut und hab’ sie gefragt:
»Was fangen Sie damit an, Gevatterin?« (Kaj bute kuma s tem?) Da
verschwand sie augenblicklich spurlos, ich aber war in Furcht, weil ich
mich ganz allein befand. Ja, wenn ich sie nicht gefragt hätte, sie
hätten gesehen, sogleich hätt’ sie mich zu Staub und Asche
zermalmt. Wenn sie mit dieser Butter zaubern will, da muss sie sie in
der Mitternachtmette mit haben, und beim Segen muss sie auf ihr knieen.
Sobald die Mette aus ist, da muss die Hexe hurtig heim eilen, damit sie
von gar niemand wahrgenommen wird. Diese Zauberei (Hexerei, coprija)
ist zu folgendem gut: Wenn die Hexe alles, wie es sein muss, mit dieser
Butter vollbringt, so kann sie auf ihr (na njoj) wie ein Pfeil
dahinreiten und wird von niemand erblickt. Man sagt auch, dass es
zuweilen nur darum saust (fućka, vom Pfeifen des Wirbelwindes), weil
eine Hexe durch die Luft reitet, andere sagen wohl auch, der Teufel
führe Geld.« In Biškupec in Chrowotien glaubt das Volk, dass die
Hexen zu Pfingsten (na duhovo) um halb zwölf nachts das Fett bereiten,
das sie zum Fliegen befähigt.

Dieses Fett wirkt so kräftig, dass alles und jedes in Bewegung gerät,
was damit bestrichen wird.

Es war einmal eine Hexe, die befahl ihrem Sohne, aus dem Kasten Fett zu
nehmen und den Wagen zu schmieren. Der Junge ging in die Stube und nahm
das Fett heraus, vergriff sich aber und nahm ein Fett, das seine Mutter
brauchte. Er bestreicht das eine Rad und es fängt an sich zu drehen,
er bestreicht das zweite, auch dieses dreht sich, so das dritte und das
vierte, da flog der Wagen auf den grossen Nussbaum, der vor dem Hause
stand. Der Junge lief nun schnell zu seiner Mutter und erhob ein
Geschrei: »Mütterchen, Mütterchen, der Wagen ist mir auf den
Nussbaum hinaufgefahren.« — Sie: »Ja, was hast du angerichtet? —
Hab’ ich dir denn befohlen, mit diesem Fett den Wagen zu
bestreichen?« Hierauf ging sie hinaus und beschwor den Wagen vom Baume
herab, was niemand anderem als nur ihr gelingen konnte.

Besonders gefürchtet sind die Hexen, die Kühe behexen. Wenn einer Kuh
die Milch versiegt, oder wenn, wie man im Volke sagt, eine Kuh
eintrocknet, so schnitzt man einen Keil aus Birkenholz und keilt ihn im
Stalle unter dem Lager der Kuh, gerade unter ihrem Nabel in den Boden
ein. Damit ist der Hexenzauber gebrochen. Wird eine Hexe auf frischer
Tat ertappt, so soll man sie mit einem Birkenrutenbesen schlagen und
sie wird nimmer zaubern können. [71] Will man sein liebes Vieh gesund
erhalten, so schlage man es nur mit Birkenreisern. (Slavonien.) Ein
anderes Rezept aus Čehovci im Murlande lautet:

Um zu verhüten, dass Hexen den Kühen die Milch entziehen, nehme man
die Mistel, [72] die auf Bäumen wuchert und Holz vom
Kornellkirschbaum, füge Schiesspulver hinzu, lasse die Dinge einsegnen
und wickle sie in einen kleinen Leinenlappen, den man der Kuh, bevor
sie noch einmal abkalbt, in ein Horn hineingibt, nachdem man vorher das
Horn oben abgeschnitten. Infolgedessen wird keine Hexe dieser Kuh etwas
anhaben können.

In der Weihnachtnacht muss man den Kühen Heu vorlegen, und zwar muss
man damit rauschen, damit die Kühe nicht hören, wie sie der Reihe
nach von den Hexen angerufen werden und sich ihnen nicht melden. Der
Kuh, die sich auf den Ruf der Hexen meldet, entziehen die Hexen die
Milch.

Am Samstag vor Pfingsten (na soboto pred binkošti. Binkošti ist das
deutsche Wort Pfingsten, das wieder ein Lehnwort aus dem Griechischen
ist: πεντεκοστή, das slavische Wort ist duhovi) werden in Ormuž in
Steiermark von alten Weibern die Kühe angeräuchert, damit ihnen die
Hexen nichts anhaben können.

Will man verhüten, dass eine Hexe das Vieh behext, so pflegen die
chrowotischen Bauern einen Faden um das ganze Gehöfte herum zu ziehen,
den Faden muss man aber eigenhändig am Quatemberfasten gesponnen
haben. [73]

Hexen vermögen eine fremde Kuh auszumelken, wenn sie auch nicht im
Stalle bei der Kuh sind, wie es aus folgender Sage erhellt. Es waren
einmal zwei Nachbarinnen, von denen die eine eine Hexe war. Diese Hexe
pflegte das eine Ende eines langen Seiles über den Zaun in den Stall
ihrer Nachbarin zu werfen, steckte dann das andere Ende des Seiles in
ihren Milchkübel und melkte so die fremde Kuh aus. Sie wusste nur
nicht, dass sie bei diesem bösen Treiben von ihrer beschädigten
Nachbarin beobachtet wurde, und so selbst verriet, dass sie eine Hexe
sei. [74] Von der Strafe, die eine Hexe wegen unbefugten Ausmelkens
fremder Kühe erleiden musste, erzählt folgende Sage aus Chrowotien:

Es war einmal ein reiches und ein armes Weib. Die reiche Frau hatte nur
ein einziges Kind, die arme ihrer sieben. Die Reiche besass sieben
Kühe, die Arme nur eine und die gab keine Milch; denn sie wurde von
der Hexe ausgesaugt. Einmal ging die Arme in den Stall und erblickte
eine Kröte, die an dem Euter der Kuh säugte. Rasch ergriff sie eine
Axt und schlug auf die Kröte los. Diese Kröte war niemand anderer als
die reiche Nachbarin, die gleich am nächsten Tage gegen das arme Weib
beim Pfarrer Beschwerde führte. Der Pfarrer liess auf der Stelle das
arme Weib vor sich laden und fragte sie, wie sie es gewagt, ihre
Nachbarin so schmählich zuzurichten. Das Weib erklärte, sie habe bei
Leibe niemand anderen als nur eine Kröte geschlagen, die an dem Euter
ihrer Kuh gesaugt. Auf diese Weise erfuhr man, dass die reiche Frau
eine Hexe ist und liess sie auf Pferdeschweifen in Stücke reissen.

Die Hexe erlangt über die fremde Kuh durch ein sogenanntes
sympathetisches Mittel Gewalt. Darin liegt aber auch zugleich die
innere Kraft der Hexe. Gelingt es dem Beschädigten, die Stücke in die
Hand zu bekommen, so ist er zugleich Herr der Hexe. Er kann sie dann
nach Belieben vernichten. Darüber belehrt uns ein Märchen aus
Chrowotien.

In Cepirlak lebte ein Weib, das hatte drei Kühe. Die eine Kuh war
weiss, die andere schwarz, die dritte rot. Diese Kühe gaben recht viel
Milch. Das Mütterchen wurde reich und schenkte viel den Armen. Auf
einmal trockneten die Kühe ein, doch nicht plötzlich, sondern so,
dass sie immer weniger und weniger Milch gaben. Das Weib fütterte und
hielt wohl immer besser ihre Kühe, doch alles umsonst, zusehends
wurden die Kühe immer magerer, und darüber weinte das Mütterchen.
Sie wusste sich schon nimmer zu helfen, sondern suchte ein altes
Mütterchen auf und befragte sie um ihren Rat wegen der Kühe. »He«,
sagte das alte Mütterchen zu ihr, »da weiss ich dir wirklich keinen
Rat und keine Hilfe. Ein Weib hat dir die Kühe verhext (edna ti je
žena scoprala krave). Geh nach Haus, vielleicht findest du irgend
etwas.« — Geht das Weib heim, sucht in allen Winkeln herum, kann
aber nirgends etwas finden. Schaut sie da nicht zufällig in den
Rauchfang hinauf und erblickt im Rauchfang einen schwarzen Gegenstand.
Nimmt sie ihn herab, um doch zu sehen, was das sein soll. War das ein
Pack Lumpen. In den Lumpen aber waren drei Nägel und um jeden Nagel
ein Haar gewunden: ein rotes, ein schwarzes und ein weisses, gerade
solches Haar, wie es die Kühe eben hatten. Ging sie nun wieder zu dem
alten Mütterchen mit den Sachen, die sie da gefunden. Schaut das
Mütterchen die Sachen an und spricht zu ihr: »Nimm diese drei Nägel
und schmiede sie zu einem einzigen zusammen, dann nimm um 12 Uhr
nachts diese drei Kuhhaare und leg jedes mit einem Ende ans Feuer, und
zwar so, dass sie nur ein klein winzig anbrennen. So musst du nach und
nach jeden Tag tun, so lange, bis deine Kühe gesund werden.«
Schmiedet sie wirklich die drei Nägel in einen zusammen und fängt an,
die drei Haare zu versengen. Gott soll mich strafen, wenn nicht
wirklich von dem Augenblicke ab die Kühe immer gesunder wurden.
Schlimm aber erging es dem Weibe, das die Kühe verhext hatte. Noch den
Tag vorher war das Weib frisch und gesund. Von dem Augenblick ab, wo
das Weib die Haare zu versengen anfing, wurde die Hexe immer
hinfälliger, und je mehr die Kühe an Gesundheit und Kraft zunahmen,
desto mehr nahm die Hexe ab. Wenn das Weib schlief, kam die Hexe immer
unter ihr Fenster und fing zu jammern und zu winseln an: »Gib mir die
Nägel, gib mir die Haare zurück!« und so kreischte sie fort und
fort, bis der Hahn in der Früh »Kukuriku« krähte. So ging es Nacht
für Nacht, und die Hexe winselte immer mehr und mehr. Einmal winselte
sie so stark, dass ihr das Weib beinahe die Nägel und Haare schon
zurückgeben wollte. Wie sie sich aber erhob, um sie der Hexe
zurückzugeben, fingen die Kühe so jämmerlich zu brüllen und muhuen
an, dass sie sich darüber ganz entsetzte, und so gab sie der Hexe
weder die Nägel noch die Haare zurück. Ging sie wieder zu jenem alten
Mütterchen und erzählte ihr die Sache. »O Weh«, sagte das alte
Mütterchen, »gib es nicht her, um Gotteswillen, nicht! Sie möchte
gesund werden und das ganze Dorf verhexen. Verbrenn du nur noch den
Überrest der Haare, sonst ist’s in Zukunft um dich und um uns
schlimm bestellt.«

Das Weib ging jetzt nach Haus, nahm die Nägel, die in eins geschmiedet
waren, sowie den Rest der Haare und legte sie ins Feuer. Sobald die
Haare verbrannt waren, da züngelte flugs ein mächtiges Feuer durch
den Rauchfang im Hause der Hexe, eine schwarze Gestalt bemächtigte
sich der Hexe und flog mit ihr fort bis zu jenen Bergen. Dies aber war
der leibhaftige Teufel, der die Seele der Hexe mit sich forttrug in die
Hölle, auf dass sie dort ewige Qualen erdulde.

Mehr Märchen als Sagen sind folgende zwei Hexengeschichten, beide aus
der Umgegend von Warasdin.



I.

Es waren einmal eine Mutter mit einem kleinen Kinde, das sie vor kurzem
zur Welt gebracht. Da sie ein armes Weib war, konnte sie keine
Gevatterin finden. Nun begegnete ihr einmal auf dem Wege, als sie auf
Arbeit ging, eine Hexe und sie bat sie ihrem Kinde Gevatterin stehen zu
wollen. Nach der Taufe sagte die Gevatterin zur Mutter, sie möge sie
einmal besuchen, wenn das Kind etwas grösser geworden. Nach geraumer
Zeit machte sich die Frau auf den Weg zur Gevatterin in ihr Schloss.
Vor dem Schlosstore angelangt, fielen ihr zwei Hähne auf, die als
Torwächter auf und abgingen. Sie schritt vorbei, kam in die Küche und
erblickte Schürhaken und Schaufel gegeneinander schlagend und
herumtanzend. Als sie auf den Söller kam, sah sie in dem ersten Zimmer
nur Blutlachen, im zweiten Zimmer nur Fleischstücke, im dritten lauter
Hände und Füsse, und als sie durchs Schlüsselloch ins vierte
hineinlugte, gewahrte sie die Gevatterin, mit einem Pferdekopfe auf dem
Haupte, damit beschäftigt den Pferdekopf zu lausen. Kaum trat sie in
die Stube hinein, schleuderte die Gevatterin den Pferdekopf unter den
Stuhl, und der Besuch fing ihr zu erzählen an, was für
Merkwürdigenkeiten sie im Hinaufgehen gesehen: »Beim Eingang ins
Schloss sah ich zwei Hähne als Torwächter.« — »Das sind«,
erklärte die Alte, »meine Wächter.« — »Im Hinaufgehen sah ich in
der Küche Schürhaken und Schaufel tanzen.« — »Das ist meine
Dienerschaft, sie feiert Hochzeit und erfreut sich am Tanz.« — »Als
ich schon oben am Söller war, sah ich ein Zimmer voll Blutlachen.«
— »Das ist mein Wein.« — »Im zweiten und dritten Zimmer sah ich
lauter Fleischstücke.« — »Das ist mein Braten.« — Hierauf ging
die Hexe hinaus, brachte Blut und Fleisch und bot es der Frau zu essen
und zu trinken an, doch die weigerte sich beharrlich auch nur das
Geringste zu sich zu nehmen. Beim Abschiede gab ihr die Hexe das
Vortuch voll Kohlen und schärfte ihr ein, sie nicht wegzuwerfen,
wofern sie etwas Gutes zu haben wünsche. Auf dem Wege aber fiel der
Frau ein Teil davon aus der Schürze und sie fand es nicht der Mühe
wert, das zu Boden Gefallene mehr aufzulesen. Wie sie nach Haus kam,
warf sie verächtlich die Kohlen auf den Tisch, und siehe da! — es
war lauter blankes Gold. [75] Jetzt tat es ihr freilich leid um das,
was sie weggeworfen, und sie tummelte sich an den Ort zurück, um es
aufzulesen, doch es war keine Spur mehr von den Kohlen, ebensowenig
auch von einem Schlosse zu entdecken. Da ward es der Frau klar, dass
sie es mit einer Hexe zu tun gehabt.



II.

Es war einmal eine Gräfin, die hatte ein kleines Töchterchen. Die
Kleine ging einmal in den Wald und verirrte sich darin. Als sie so hin-
und herirrte und weinte, erblickte sie in weiter Ferne ein kleines
Häuschen, zu dem lenkte sie ihre Schritte. Als sie dort ankam, pochte
sie an der Türe an. Jemand rief von drinnen: »Herein«. — Das
Mädchen öffnete die Türe und trat in die Stube ein und erkannte
gleich beim ersten Blick, dass sie sich in der Behausung einer Hexe
befinde. Die Hexe sprang sogleich auf sie los, stach ihr die Augen aus
und jagte sie so lange um den Tisch herum, bis sich die Kleine ganz
wund schlug; dann aber trieb sie sie ins Bett. Am nächsten Tage ging
die Alte irgend wohin in den Wald und das Mägdlein blieb allein zu
Hause. Das arme Kind war vollkommen blind und sass traurig in einem
Winkel. Auf einmal hörte sie ein Vöglein singen und vernahm deutlich
seine Worte: »Öffne den Kasten, der dort steht, nimm das Fett heraus,
das sich darin befindet und bestreich dir damit die Augen.« — Das
Mägdlein tappte nach dem Kasten, schloss ihn auf, nahm das Fett
heraus, bestrich sich die Augen damit und ward auf der Stelle wieder
sehend. Jetzt schaute sie sich nach dem Vöglein um und entdeckte es in
einem Käfig. Sie trat zum Vöglein hin und sprach ihm ihren Dank aus,
und das Vöglein entgegnete ihr: »Ich habe dir nicht ganz umsonst
geraten, ich fordere einen Gegendienst. Du sollst mir den Kopf
abschlagen; ich bin nämlich so wie du ein verzaubertes Mägdlein und
kann wieder meine ehemalige Menschengestalt erlangen, wenn du mir den
Kopf abschlägst. Ich verstehe mich nicht wenig auf Hexenkünste und
werde leicht Mittel und Wege finden, um uns Beiden aus der Klemme zu
helfen.« — Gut. Das Mägdlein schlug dem Vöglein das Köpfchen ab
und das Vöglein verwandelte sich augenblicklich in eine schöne Maid.
Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, ergriffen die zwei Mädchen
die Flucht durch den Wald. Als inzwischen die Hexe nach Haus kam und
die Mädchen nicht mehr vorfand, sattelte sie rasch eine Wildsau und
setzte den Fliehenden nach. Wie sie ihnen schon, wie man sagt, auf den
Fersen war, merkte das Mädchen, das sich auf Hexenkünste verstand,
dass ihnen die Hexe nachsetzte und sagte zu ihrer Fluchtgenossin:
»Hörst du, wie sie hinter uns einherjagt? — Doch, ich kann ja
hexen: du sollst dich in ein Fischlein verwandeln, ich verwandle mich
in eine Lache.« — Sie hatte noch nicht recht diese Worte
ausgesprochen, so war die Verwandlung auch schon geschehen. Als die
Hexe fort war, verwandelte das kundige Mädchen sich und ihre Genossin
wieder in Menschengestalt und sie setzten ihre Flucht fort. [76] Auf
einmal vernahmen sie hinter sich Pferdegetrappe; das eine Mädchen
hörte die Stimme ihres Vaters und sagte zum anderen: »Hier wollen wir
warten, man sucht mich.« — Kaum hatte sie dies gesprochen, war ihr
Vater auch schon zur Stelle und hob Beide zu sich auf den Wagen, den
Soldaten aber, die er mit sich führte, befahl er, der Hexe
aufzulauern, sie festzunehmen und ins Schloss zu befördern. Die Hexe
wurde wirklich bei ihrer Rückkehr festgenommen, gefesselt und ins
Schloss gebracht. Zur Strafe musste sie eine ganze Woche lang auf der
Sau herumreiten und wurde schliesslich am achten Tage der Sau zum
Frasse vorgeworfen.

Bisher lernten wir die Wandlungen der Vila als Dryade und Nymphe in die
Gestalt der Hexe kennen. Den Namen Vila übertrug man schon frühzeitig
auch auf die Kategorie jener weiblichen Luftgeister, die Regenwolken
sammeln und zerstreuen, milden Tau und ergiebigen Regen den Fluren
spenden, und wenn sie den Menschen grollen, verheerende Wirbelwinde
erregen und die Gefilde mit Hagelwetter verwüsten. Die Vilen sind
demnach auch Wettermacherinnen. Sagen erzählen, wie die Vilen auf
Wolken dahinfahren. Schon durch ihren Blick allein vermag die Vila
Wolken auf dem Himmel zu sammeln. Das Volk drückt treffend die
Feuerglut, die aus den Augen eines schönen Mädchens sprüht, durch
den Vergleich aus, des Mädchens Auge vermöge am Himmel die Wolken zu
trüben. Das tertium comparationis wird als so selbstverständlich
vorausgesetzt, dass man im Vergleiche die Vila gar nicht nennt. So
z. B. in folgendem Liede:


    Mili bože, čuda velikoga!
    Gdje pogibe devet za jednoga!
    Da z bog koga, ne bi ni žalio,
    Neg z bog Soke, lijepe djevojke,
    Koja muti na nebu oblake,
    Kamo l ne bi na zemlji junake!

»Lieber Gott, o grosses Wunder! Wie da neun für Einen umkamen!
Wär’ es noch um jemands Rechten wegen, tät’s mir gar nicht leid,
doch um Sokas, des schönen Mädchens wegen, die am Himmel die Wolken
trübt (verwirrt), wie sollte sie nicht erst der Helden Sinn
verwirren!« [77]


Bei der Wandlung der Wolkenvilen zu Hexen behauptete sich ihre
Beziehung auf die Fruchtbarkeit und den Segen, doch in schlimmer
Bedeutung. Die Wolkenvilen wurden zu Wetterhexen. Über die
Vorstellungen des Volkes in Bezug auf die Wetterhexen haben wir
ziemlich genaue Kunde.

Wenn sich der Himmel verfinstert und alle Anzeichen auf ein nahendes
Hagelwetter schliessen lassen, so muss man mit geweihten Glocken
läuten, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, ferner muss man sein
Gewehr mit Pulver laden und statt der Bleikugeln, wie üblich, soll man
Köpfe von Nägeln, mit denen einem Füllen das Hufeisen angeheftet
gewesen, auf das Pulver geben und damit in die Luft schiessen. Die Hexe
fällt darauf unfehlbar aus den Wolken auf die Erde herab.

Das Schiesspulver muss in der Kirche eingesegnet werden. Ebenso muss
das Gewehr geweiht sein. Man braucht die Hexe gar nicht einmal von
Angesicht zu sehen, es genügt, dass man sie dahinsausen hört.
Schiesst man auch nur blind in die Luft hinein, so muss die Hexe schon
allein vom Dampf des geweihten Pulvers ersticken.

Wenn ein Hagelwetter droht, oder selbst wenn es schon hagelt, legen
alte Weiber geweihtes Öl, Lorbeerblätter und Wermutkraut aufs
Herdfeuer. An manchen Orten nimmt man einen halbzerschlagenen Topf,
füllt ihn mit Glutkohle an, legt darauf eingesegnetes Öl,
Lorbeerblätter und Wermutkraut, zieht damit ums ganze Haus herum und
lässt den Rauch gegen die Wolken aufsteigen. Dieser Rauch stinkt
dermassen schrecklich den Hexen zu, dass sie aus den Wolken
herabfallen. Unser Gewährmann erzählt, dass er als Kind bei
Hagelwetter rasch einen Sessel aus dem Hause unter den freien Himmel
tragen und umstürzen musste, damit sich die Hexen an den aufragenden
Stuhlbeinen das Genick brechen, wenn sie aus der Luft herunterpurzeln.
Das Hinaustragen von Hausgeräten bei Ungewitter ist im ganzen Süden
Brauch. Besonders trägt man, wie ich selbst als Knabe oft mit
angesehen und auch mitgeholfen, alle grösseren Schneide- und
Hackwerkzeuge in den Hof, damit sich der Hagel (oder die Hexen) daran
schneiden.

Wenn Blitze aus einer Wolke in eine andere fahren, so sagt man im
Küstenlande: »Das ist ein Eichhörnchen, sie versammeln sich, sie
versammeln sich« (Ono je viverica, kupe se, kupe). Wenn es zu donnern
und zu hageln anfängt, schiessen die Bauern in die Wolken, um die
Hexen zu verscheuchen und sprechen dazu folgende Bannsprüche:


    Biži, biži irudica,
    mater ti je poganica,
    od boga prokleta,
    krstitelja krvlju sapeta!


    »Fliehe, fliehe, Herodias —
    Deine Mutter ist eine Heidin, —
    von Gott verflucht —
    mit des Gekreuzigten Blute gefesselt.«


Oder man ruft:


    Sveta Bare,
    Razmakni oblake!
    Sveta Luce,
    Ukaži nam sunce!


    »Heilige Barbara,
    schiebe die Wolken auseinander.
    Heilige Lucia,
    zeig’ uns die Sonne!«


Die Schnelligkeit, mit welcher der Blitz aus einer Wolke in die andere
schlägt, scheint der Südslave hier zu vergleichen mit dem
blitzschnellen Forthuschen eines Eichhörnchens, das von Ast zu Ast
schneller als ihm das Auge folgen kann, dahinspringt. Ich wage aber
noch eine andere Vermutung. Das Eichhörnchen, das auf Bäumen haust,
mochte einst dem gläubigen Volke als die in dem Baume hausende Vila
erschienen sein. Es fände in unserem Falle demnach eine Vermengung der
Baum- und Wolkenvilen statt. Mannhardt führt in seinem Werke Baumk. d.
G. S. 508 an, dass man zu Bräunrode am Harz im Osterfeuer, das man
zur Abwehr gegen schwere Gewitter anzündete, ein Eichhörnchen zu
verbrennen pflegte. Auch in Köln herrschte dieselbe Sitte.

Sehr merkwürdig ist die Anrufung der Herodias, des Herodes Tochter,
deren Tanz Johannes des Täufers Enthauptung herbeigeführt. »Im
Mittelalter wähnte man, Herodias sei verwünscht worden, in
Gesellschaft der bösen und teuflischen Geister umzuwandern. Sie wird
an die Spitze des wütenden Heeres oder der nächtlichen Hexenfahrten
gestellt, neben die heidnische Diana, neben Holda und Perahta, oder an
deren Platz.« Grimm, aus dem ich diese Worte anführe, teilt eine
reiche Auswahl von Belegstellen aus mittelalterlichen Dichtern mit.
(D. M. S. 260–265, vrgl. ferner S. 599, 885, 1008 und 1011 und
W. L. Schwartz, Prähist. anthrop. Stud. S. 461–3.) Man ersieht aus
der einfachen Tatsache, dass der Name Herodias bei den Südslaven
Eingang gefunden, wie sich der Glaube an die Vile als Wetterhexen nicht
ganz allein aus sich selbst, sondern auch durch fremden Einfluss, durch
eine Literatur, allmählich entwickelt hat.

Es würde zu weit führen, wollte ich hier den Glauben an die hl.
Barbara unter den Südslaven eingehend erläutern. Ihr Festtag ist dem
Südslaven, besonders den Altgläubigen, der Tag der Zaubereien κατ’
ἐξοχήν. S. M. Ljubiša (Pripovijesti S. 32) lässt eine alte
Bäuerin an ihren Sohn, der sich über ihren Glauben erlustigt,
folgende Zurechtweisung richten: »Morgen ist der Tag der hl.
Märtyrerin Varvara, die ihr Blut für den Glauben vergossen hat, und
es blieb von Alters her der Brauch bestehen, dass wir an diesem Tage
varice kochen (d. h. Feldfrucht zu Brei kochen).« Sie zählt nun auf,
was sie alles aus der gekochten Frucht (dem Brei), sobald sich die
abgekühlt, herausprophezeien kann. Sie leitet das Wort varnice von
Barbara (Varvara) ab. Der Name Varvara lautet in abgekürzter Form
Vara. Der Stamm ist derselbe, welcher in vrelo Quelle, vreti quellen,
kochen begegnet. Varica ist also das, was man mischt, umrührt und
kocht, der Brei.

Warum man die hl. Lucia gerade als diejenige anruft, die der Sonne zum
Siege über die drohenden Wetterwolken verhelfen kann, ergibt sich
schon aus dem Namen. Sie ist ja das Licht selbst. (Über die
Personifikation der hl. Lucia als Wintersonnenwende. Vrgl. Mannhardt,
Wald und Feldkulte, S. 186. Anm.)

Die Hagelwetter verursachen die Hexen nur aus Bosheit und Rachsucht.
Wenn eine Hexe gegen jemand einen Hass trägt und sich an ihm rächen
will, so kommt sie nachts zu ihm ins Haus und setzt sich hinter den
Ofen. Dort rührt sie mit einem Kochlöffel so lange ein Wasser um, das
sie aus einer Quelle von irgend einem grossen Felsen her mitgebracht,
bis es im Hause zu hageln, zu donnern und blitzen anfängt und sich ein
so gewaltiger Nebel entwickelt, dass man es nimmer aushalten kann und
die Fenster zu öffnen gezwungen ist. Dann aber schlägt der Hagel neun
Pfarreien in der Runde alles nieder und verursacht einen unermesslichen
Schaden. Man kann sich in einem solchen Falle nicht anders helfen, als
indem man die Hexe demütigst um Verzeihung bittet. Eine Hexe ist
nämlich allezeit sehr mächtig und stark. (Aus Zagorje.)

Parallelen und ausreichende Erläuterungen vrgl. bei Grimm, D. M.
S. 1040 ff. u. K. Simrock Hdb. d. d. M. III, S. 452.

Schlussbemerkung. Wenn wir einen kurzen Rückblick auf die gegebene
Darstellung des südslavischen Hexenglaubens werfen, so erkennen wir
hier urälteste und allgemein verbreitete Anschauungen der Völker
über Wald- und Feldgeister und Zauberweiber. Mit kleinen, fast
unscheinbaren Variationen begegnet man ja demselben Glauben bei allen
verwandten Völkern, bei dem einen Volke mehr, bei dem anderen weniger
durch andere Vorstellungkreise durchkreuzt und verwischt. Mit dem
Überhandnehmen des Christentums musste notwendigerweise der alte
Glaube an die wohltätigen Schutzgeister der Wälder und Auen, an die
Luftgeister eine wesentlich andere Gestalt annehmen, und sich in böse
Dämonen, im Gegensatze zu der einen Gottheit des Christentums,
umwandeln. Mit dem Hinschwinden des geistigen Glaubens übertrug das
Volk die nun modifizierten Vorstellungen auf eine einzige Kategorie von
Wesen höherer Art, auf die zauberkundigen Frauen, die vještice, denen
man ehedem allgemein grosse Verehrung zollte.

Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den
südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit
dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele
Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den
Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist
dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den
deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr
grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter
Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im
südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den
Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die
Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als
nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen
Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten,
weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus
Fruchtkörnern, die Männer aus dem Flug der Vögel oder aus den
Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten
Tiere. [78] Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs
wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der
Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng
demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der
Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als
uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot
der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse.
Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz
untergeordnete Stellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen
Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man
unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über
den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des
Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In
Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln
gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch
Hexen verbrannt. [79] In den Gesetzbüchern der serbischen Könige
kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die
mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten
Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die
Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen,
kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo
italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien
Gemeinde Poljica (poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts
steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. §
LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali
čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima se fruštati; ako
li se veće nadje ima se sažgati« (edit. Mesić Arkiv V,
S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin
oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten
Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie
verbrennen.) Fruštati ist das italienische frustare peitschen, mit
Ruten hauen. Französisch heisst die Folter poultre, poutre,
ursprünglich poledrus, davon das deutsche Folter. »Es war der
Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl.
Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese
Massregel nie.

Die Mittel, durch welche das Volk die Macht der bösen Frauen zu bannen
sucht, sind zum grössten Teil Überbleibsel aus dem alten Heidentume.
Die Gerte, die ehedem von einem segenspendenden Genius bewohnt zu sein
schien, ward nun der Aufenthalt eines bösen Dämons, mit dessen Hilfe
man die Kraft des Geistes in der Hexe zu bannen glaubte. Schliesslich
verlosch im Volkbewusstsein auch die wahre Bedeutung der Gerte, und man
gebraucht sie nur als ein überkommenes Erbstück aus der Väter Zeit,
ohne sich mehr über die ursprüngliche Vorstellung Rechenschaft
ablegen zu können. So offenbart sich im Hexenglauben ein Stück
Entwicklunggeschichte der Menschheit, ein langwieriger Kampf zwischen
altem und neuem Glauben, ein Kampf, der noch lange nicht ausgekämpft
ist. [80]

Joseph Hansen, [81] Havelock Ellis [82] und Dr. Iwan Bloch [83] wiesen
nach, dass der Hexenglaube seinen Ursprung aus dem Geschlechtleben
ableite und dass der Geschlechttrieb allezeit in irgend einer Form mit
der Zauberei verknüpft ist. Dieser Teil des Glauben entzieht sich
einer Besprechung in diesem Buche, das Leser in den weitesten Kreisen
finden soll, aber er bleibt darum nicht ohne Behandlung. Ein breiter
Raum in den Anthropophyteia [84] ist ihm ständig gewidmet.



Die unheimlichsten Waldfrauen.


Auf ihren wiederholten unheimlichen Wanderungen hat sich die Pest
überall ein trauriges Andenken gesichert. Von der äussersten Spitze
Griechenlands und Spaniens, bis weit oben in Island erzählen sich die
Völker schauerliche Sagen von der Pest. Grimm und Panzer haben über
diesen Sagenkreis der Völker ausführlich gehandelt und dessen viele
verwandte Züge hervorgehoben. Es wird aber durchaus nicht notwendig
sein, eine Entlehnung bei den einzelnen Völkerstämmen anzunehmen,
denn unter gegebenen gleichen Bedingungen mussten notwendigerweise
ähnliche Sagen überall entstehen, womit wir aber keineswegs
bestreiten, dass überhaupt keine Wanderung der einen oder anderen
Anschauung stattgefunden habe, nur hält es unendlich schwer, immer
genau zu bestimmen, wieweit das eine oder andere Volk von seinem
Nachbar beeinflusst worden sein mag. Wir müssen uns mit einer
übersichtlichen Gruppierung des vorhandenen Stoffes und der
Erläuterung des zweifellos Feststehenden begnügen. Nur auf diese
Weise kann es uns mit der Zeit gelingen, eine Grundlage zu gewinnen,
auf der sich dann bei weiterem Zufluss an neuen Belegen historischer
Art leicht weiter bauen lassen wird.

Dass die südslavischen Pestsagen ebensowenig als die nächst
verwandten rumänischen und griechischen in ein hohes Altertum
hinaufreichen, das lehrt uns der erste Blick auf ihren Charakter. Wohl
hat sich mancher Zug aus uraltem Heidenglauben in diesen Sagen bis auf
unsere Zeit vererbt, ihr eigentlicher Kern aber entwickelte sich erst
in den letzten fünf oder sechs Jahrhunderten. Die Pest hatte
nachweislich niemals in Europa ihre eigentliche Heimatstätte; man hat
sie jedesmal aus Asien oder Afrika eingeschmuggelt. Im klassischen
Altertum trat sie nur höchst selten und dies nur sporadisch auf und
verschwand ebenso geräuschlos, wie sie gekommen. Als Epidemie
grassierte sie zum erstenmal unter der Regierung Justinian’s. Im
vierzehnten Jahrhundert ward ganz Europa von der schwarzen Pest
heimgesucht. Damals mögen im Süden die ersten Pestsagen entstanden
sein. Im Jahre 1453 fiel Konstantinopel unter dem Ansturm der Türken.
Hundert Jahre später stand schon die ganze Balkanhalbinsel unter
türkischer Botmässigkeit. Die türkische gesundheitliche
Sorglosigkeit bürgerte die Pest unter den Südslaven ein. In
wehmütigem Tone berichten alte Ragusäer Chroniken von den häufigen
Heimsuchungen, denen das Land ausgesetzt gewesen.

Der eigentliche Name für die Pest ist bei den Südslaven »Kuga«.
[85]

In Bulgarien nennt man sie gewöhnlich wie im kleinrussischen Gebiet
čuma. Morija, die Mordung ist nur ein Beiwort. Die ursprüngliche
Bedeutung des Wortes Kuga ist dunkel. In der Kmetijske in rokodelske
Novice in Laibach versuchte der bekannte slovenische Altertumforscher
Davorin Trstenjak in einem kleinen Aufsatze »Besedi ‘Epidemie’ in
‘Kuga’ pred jezikoslovno sodijo« (Jahrg. 1856, p. 86 u. 91) mit
unberechtigter Willkür eine Erklärung dieses Wortes. Sein Versuch
hatte zwar zur Folge, dass ein ganzer Haufe von Zuschriften über
Pestsagen an den Herausgeber J. Bleiweiss eingesandt wurde. Neues Licht
über die Bedeutung des Wortes lieferten freilich auch diese
Zuschriften nicht, selbst die Sagen sind auch anderweitig bekannt und
man kann daher ruhig von diesen Äusserungen Umgang nehmen. Weitere
Aufsätze über die südslavischen Sagen sind meines Wissens nie
geschrieben, zum mindesten nicht veröffentlicht worden. Was ich im
folgenden biete, schöpfe ich teils aus eignen Ermittelungen, teils aus
verschiedenen Quellen, die ich jedesmal angebe.



I. Die Pest im Sprichwort.


    Kupi kao kuga djecu.
    Ne izbiva kao kuga iz Sarajeva.
    Kud će kuga već u Sarajevo?

    Rafft wie die Pest die Kinder.
    Fehlt nicht (d. h. stellt sich pünktlich jedesmal ein) wie die
    Pest in Sarajevo.
    Wohin wendet sich die Pest als nach Sarajevo.


Aus letzteren zwei Sprichwörtern ersieht man, dass sich das Volk
vollkommen bewusst ist, wer der eigentliche Einschlepper der Pest sei.
Wenn einer besonders entsetzt tut, so pflegt man in Slavonien zu
fragen: »Šta ti je? jesi l tursku kugu vidio?« (Was fehlt Dir? Hast
Du die türkische Pest gesehen?)


    Ne će kuga u buhe,
    Die Pest überfällt die Flöhe nicht,


sagt zuweilen scherzweise der slavonische Bauer für die gewöhnlichere
Redewendung: »ne će grom u koprive« (der Blitz schlägt nicht in
Brennnesseln ein). Unwillkürlich denkt man hierbei an das Horazsche
»Petunt fulmina summa montium«, was vielleicht gleichfalls auf eine
volktümliche Ausdruckweise zurückzuführen sein dürfte.


    Ne bi jih ni kuga pomorila.
    Nicht einmal die Pest könnte sie (alle) hinraffen,


sagt der slavonische Bauer, wenn er ein Übel verwünscht, das er gern
missen möchte, z. B. Heuschrecken, Raupen, Fliegen, die ihm lästig
fallen.


    Ne bi se čovjek ni okužio,
    (Daran) könnte ein Mensch nicht einmal pestkrank werden,


pflegt man einem Gast beispielweise zu sagen, wenn er wenig Speise und
Trank zu sich nimmt und so den gastfreundlichen Hausherrn kränkt. Er
isst nämlich so wenig, dass es ihm nicht einmal in dem Falle schaden
würde, wenn die Speisen verpestet wären. [86]


    Biži Rade, kuga mori!
    Fliehe Rade, die Pest würgt!


Wie mir im Jahre 1869 mein damaliger Lehrer, später Gymnasialdirektor
in Essek, Herr Mato Gršković, erzählte, ist dies im chrowotischen
Küstenlande ein geflügeltes Wort, das man gebraucht, wenn man irgend
eine schlechte und unrichtige Erklärung lächerlich machen will.
Folgende Anekdote liegt ihm zu Grunde. Pera und Rade, zwei tapfere
chrowotische Grenzsoldaten, die kein Wort Italienisch verstanden,
ergingen sich einmal im Jahre 1848 durch die Strassen Mailands. Da kam
ihnen ein Grünzeugverkäufer entgegengerannt, der auf seinem Karren
Hülsenfrüchte, Rettiche und Gurken feilbot und fortwährend aus
voller Kehle schrie: »Bizi, rade, cucomeri!« — »Möchte gerne
wissen, was der Mensch so furchtbar schreit,« sagte Rade, und Pera
entgegnete: »Er spricht ja doch ganz verständlich: »Biži Rade, kuga
mori!«« Da aber rannte Rade.



II. Die Pest in der Sage.

In Serbien spricht man in Zeiten, wo die Pest wütet, nur selten und
mit Scheu ihren Namen »Kuga« aus, sondern nennt sie, gewissermassen
um sie zu besänftigen und ihren Sinn milder zu stimmen »Kuma«,
d. h. Godin oder Gevatterin. Ein anderer Name für die Pest ist
‘morija’, [87] die Mordung, die Mörderin. In Pestzeiten verbietet
der Volkglaube, dass man über Nacht das Geschirr ungewaschen stehen
lasse; denn die Pest kommt nachts ins Haus und sieht nach, ob alles
rein sei; findet sie’s aber nicht rein, so zerkratzt sie die Löffel
und Schüsseln und vergiftet sie. Personifiziert und in einem Druckwerk
tritt uns, meines Wissens, die Pest bei den Südslaven zum erstenmal in
einem Sendschreiben des dalmatischen Dichters Krunoslav Ivičević an
seinen Freund P. G. Vinko Cima entgegen. Ich gebe hier die Stelle im
Urtext und füge eine ziemlich getreue Übersetzung in Versen hinzu.


      Gospodnjimi dojde mačonoša,
    A šnjim žena.... u njoj sreća loša;
      Crna kosa holo zarugjena;
    Mutno čelo, tisno i lakomo;
      Mačije oči, razbludna pogleda;
    Oštar nosić, pun zmijinja jeda.
      Široka joj proždorita usta;
    Žuto lice, nenavidno, suho;
      Od ljenosti podavite ruke,
    Zagalila suvokustne šljuke.
      Razgledav ju, velim sam u sebi:
    »Nu ti žene sedam smrtnih grjeha...!«
      Znatiželjan ja pitam joj druga:
    »Ko je ova?« Odgovara: »Kuga!«...


      Und es naht der Engel mit dem Schwerte,
    Und ein Unglückweib ist sein Gefährte.
      Schwarz das Haar, in wirr zerzausten Zoten
    Finster, schmal die Stirn, sie starrt von Habgier,
      Katzenäugig, Lüsternheit im Blicke,
    Spitz die Nase, voll von Schlangentücke.
      Aufgesperrt der nimmersatte Rachen,
    Gelb das Antlitz, voll von Neid und trocken,
      Träge hängen ihr die Hände nieder
    Ganz entblösst sind ihre dürren Glieder.
      Sie betrachtend, sprach zu mir ich leise:
    »Welch ein Weib! Wie sieben Todessünden!«
      Neubegierig fragt’ ich den Geleiter:
    »Wer ist dies?« — »Die Pest.« — Ich forscht’ nicht weiter.


Das Gesicht der Pest ist vom Krebs ganz zerfressen, drum sucht sie es
auch immer mit einem weissen oder schwarzen Schleier zu verhüllen.
Ihre Gestalt wird stets als übermenschlich gross und mager
geschildert. Ihre Brüste sind ganz schwarz und so lang, dass sie sich
beide über die Schultern wirft, um nicht im Gehen durch sie behindert
zu werden. [88] Grosse lange Brüste gelten dem Serben als Inbegriff
aller Hässlichkeit bei einem Weibe. In Bezug auf das Aussehen ihrer
Füsse gehen die Überlieferungen auseinander. Die einen melden, sie
habe einen Kuhfuss, die andern einen Pferdefuss, in anderen dagegen
heisst es, dass beide Füsse Pferdefüsse seien, wieder andere Zeugen
aber wollen ganz deutlich Bockbeine bei ihr gesehen haben. Die
Bockfüsse, welche die christliche Kirche dem Teufel beigibt, sind wie
bekannt, der altgriechischen Vorstellung von den Satyren entlehnt. Am
Graben in Wien steht eine Pestsäule, auf der der Engel Gabriel mit
flammendem Schwerte auf einem Teufel steht. Ich betrachtete oft die
Gestalt des unterliegenden Satans und es schien mir nicht anders, als
ob die Südslaven so ein Bild vor Augen gehabt hätten, als sie sich
die Pest ausmalten. Und wirklich sah ich in vielen Dorfkirchen im
Süden Darstellungen, die der gedachten Gruppe an der Pestsäule in
Wien vollkommmen entsprechen.

Wenn die Pest ins Land kommt, so kann sie nicht ohne weiteres über die
Menschen herfallen, sondern muss so lange umherirren, bis sie jemand
trifft, der zwanzig Jahre lang eine Todsünde im Herzen verborgen mit
sich herumträgt und es noch immer verschmäht hat, durch Beichte
Absolution zu erlangen. Gelingt es ihr nun, auf einen solchen
verstockten Sünder zu stossen, so reisst sie ihm das Herz heraus
verwandelt es zu Staub, der sofort nach allen Richtungen in die Luft
zerstiebt. Jedermann der von diesem Staube einatmet, wird auf der
Stelle krank und stirbt elendiglich in kürzester Frist. Die Pest
nährt sich von den Herzen ihrer Opfer. Hat sie einmal ihren Hunger
gesättigt, so zieht sie den Rest des Staubes, der sich noch in der
Luft befindet, in sich ein. Infolgedessen muss sie platzen. Aus ihrem
Magen tritt ein Knabe heraus, ganz in Schwarz gehüllt. Dieser Knabe
hält in der Rechten ein blutiges Schwert. Hierauf schliesst sich die
Öffnung im Körper der Pest und sie wandert (aus Furcht vor dem Knaben
mit dem Schwerte?) in eine ganz andere Gegend aus. [89]

Nach einer chrowotischen Sage macht die Pest jedes siebente Jahr eine
Rundreise durch die Welt. Hier ist, sowie in einer später folgenden
Sage das Auftreten der Zahl Sieben bemerkenswert, die ja nicht nur bei
den Südslaven, sondern bei vielen Völkern eine grosse Rolle spielt.

Es gibt nicht bloss eine Pest, sondern mehrere, entweder sind es ihrer
zwei oder drei, oder gar sieben Schwestern, wie mir ein Bauer vor
Jahren erzählte. Dagegen nimmt man in Serbien an, ihre Zahl sei gar
nicht zu bestimmen, denn sonst wären sie schon längst von den Hunden,
ihren Erbfeinden, gänzlich vertilgt worden. Die Pest kommt nämlich
alljährlich ins Land, nach Angabe eines meiner Freunde in Slavonien,
doch, den Hunden sei es gedankt, muss sie sich schleunig wieder aus dem
Staube machen oder sie wird von den Hunden zerrissen. Ja es gibt auch
Menschen, die durch böse Beschwörungen die Pest herbeirufen können.
Man kann sie aber auch gewissermassen sowohl für Menschen als für
Tiere erzeugen. Das Rezept dazu lautet:

»Wer die Pest erzeugen will, muss sich die Milch von zweien Schwestern
zu verschaffen suchen und sich damit in der Johannisnacht um die
zwölfte Stunde auf den Friedhof begeben, die Milch in ein Grab
schütten und dann zuhorchen; da wird ein Jammergeschrei von vielen
Menschenstimmen an sein Ohr dringen. So erzeugt man die Pest für
Menschen; wer aber eine Pest über Kühe, Pferde und andere Haustiere
heraufbeschwören will, nehme Milch von zweien Kühen, die von einer
Mutter stammen, oder von zweien Stuten von einer Mutter, mache es
ebenso wie zuvor gesagt, und er wird ein furchtbares Rindergebrülle
vernehmen.« — (Die Sage stammt aus der Gegend von Warasdin.)

Wie tief dieser Glaube im Volke wurzelt, beweist folgende Erzählung:

Es geht die Sage, dass in der Kapelle des heiligen Rochus in Warasdin
ein Pfarrer namens Vojskec begraben sei, der bei Nacht umgeht und die
Leute in Schrecken versetzt, die an der Kapelle vorbeigehen. Vojskec
war bei Lebzeiten ein hartherziger Mann, der mit ganzer Seele am Mammon
hing. Die Pest war zur Zeit nur schwach. Er betete aber fortwährend um
die Pest, ohne zu bedenken, sie könnte ihn gleichfalls dahinraffen.
Während er einmal wieder darüber nachsann, kam zu ihm ein Weib, das
erst aus dem Wochenbett aufgestanden, und bat ihn um seinen Segen,
damit sie wiederum die Kirche besuchen dürfe. Der Pfarrer, der sich in
seinen Gedanken nur mit der Pest beschäftigte, ersuchte sie, sie möge
ihm von ihrer Milch geben. Das Weib wollte es nicht tun, denn sie
schämte sich und befürchtete, der Pfarrer könnte Gott weiss was für
Ungebührlichkeit damit anfangen, sagte ihm aber zu, sobald sie nach
Hause käme, ihm die Milch zu schicken. Sobald sie nach Hause kam,
schickte sie ihm statt Milch aus ihren Brüsten, Kuhmilch. Vojskec war
höchst vergnügt, dass er im Besitze der Milch war, und befahl seinem
Knechte, der sich von der Art seines Herrn, für ein Gläschen Wein
oder auch um einige Gröschlein jedem Dienste unterzog, er solle sich
um Mitternacht auf den Gottesacker begeben, ein Kreuz von einem Grabe
herausnehmen, in die kleine Öffnung die Milch hineingiessen, das Kreuz
wieder an seinen Ort stecken und eine kleine Weile zuhorchen. [90] Der
Knecht befolgte pünktlichst die Weisung des Pfarrers und horchte zu,
doch statt Gewimmers und Klagen drang ein furchtbares Rindergebrüll an
sein Ohr. Darüber ergriff ihn Entsetzen, und ganz ausser sich geraten
stürzte er nach Hause und erzählte dem Pfarrer, was er gehört. Der
Pfarrer wusste sogleich, das Weib habe ihn hinters Licht geführt und
es werde ein grosses Unheil daraus entstehen. So traf es auch wirklich
ein. In kurzer Zeit brach in der ganzen Stadt eine so verheerende
Seuche aus, dass nicht ein einziges Stück Hornvieh übrig blieb. —
Hingegen gibt es Leute, die da behaupten, auf der Trift draussen seien
dennoch einige Stücke übriggeblieben; sie wollen nämlich ein
schneeweisses Tier, in der Grösse eines kleines Kalbes, zur Nachtzeit
herumlaufen gesehen haben, das war die Pest. Wer nun so vorsichtig war,
auf eine Schaufel Salz zu geben und sie unter die Stallschwelle zu
legen, dem verendete nicht ein einziges Stück Rind. Doch man erfuhr
viel zu spät von diesem Gegenmittel. — Nicht lange darauf starb der
Pfarrer und man bestattete ihn in der Rochus-Kapelle. Wanderer, die zur
Nachtzeit dort vorübergingen, sahen den Pfarrer um die Kirche
herumlaufen und mit einer Peitsche knallen. — Es traf sich, dass ein
Mann aus Warasdin zur Nachtzeit in das nahe Dorf Biškupec ging. Vor
der Kapelle des heiligen Rochus sah er eine Kutsche, vor der vier
Pferde vorgespannt waren. Der Kutscher rief dem Manne zu, er möge
einsteigen, er wolle ihn ein Stück Weges fahren. Der Mann nahm diesen
schönen Antrag von Herzen gern an und stieg ein. Auf dem Wege sprachen
sie kein Wort miteinander; auf dem Kreuzweg aber, wo der Weg nach
Biškupec führt, hielt der Kutscher an, hiess den Mann aussteigen und
fragte ihn, ob er die Pferde kenne. Der Mann entgegnete ihm, er kenne
sie nicht und der Kutscher gab ihm die Namen der Pferde an und nannte
unter ihnen auch den Pfarrer Vojskec. Darüber entsetzte sich der Mann,
blickte dem forteilenden Wagen nach und sah Kutsche und Pferde im
Feuer. Jetzt erst erkannte er, er sei auf einem Teufelgespann gefahren.
Als er nach Hause kam, war er vor Schreck ganz gelähmt und mehr tot
als lebendig.

So reich und gesegnet von Mutter Natur der slavische Süden auch ist,
geschah es dennoch in früheren Zeiten, als der Anbau der Kartoffeln
und des Maises noch nicht allgemein war, dass wütende Hungernot das
Land von seinen Bewohnern lichtete. Die natürliche Folge davon war,
dass sich die Pest einstellte. So einen Fall bezeugt folgende Sage:

In Warasdin wütete einst eine so grosse Hungernot, dass sich arme
Leute gezwungen sahen, Grummet zu kochen und es zu essen. In
folgedessen entstand eine furchtbar verheerende Pest in der ganzen
Gegend und in Agram selbst und schon waren mehr als tausend Menschen
gestorben. Der Gottesacker erwies sich zu klein für die Menge Leichen
und man begrub die Toten um die Kirchen herum und unter anderen auch
bei der Kapelle des heiligen Fabianus, wo man hundert Menschen
bestattete. Lange Zeit nach dieser Pest zeigte sich den Leuten, wenn
sie an der Kapelle des heiligen Fabianus vorübergingen, an
Charfreitagen und Charsamstagen, sowie an allen grösseren Feiertagen,
auf dem Turmfenster ein Kind, das hin und wieder ein Wort ausstiess,
das aber für niemand verständlich war. In später Nachtzeit sahen es
auch die alten Leute, die in der Nähe der Kapelle ihre Rinder
weideten. — Kurze Zeit darauf brach eine schreckliche Rinderpest in
Warasdin aus. Zur Zeit der Seuche schwirrte nächtlicher Weile ein
Vogel durch die Lüfte und liess einen wunderbaren Gesang vernehmen.
Diesen Gesang verstand ein alter Mann und teilte den Leuten mit, der
Vogel verkünde, auf welche Art und Weise man sich von der Heimsuchung
befreien könne. Man müsse nämlich als Gegenmittel jungen Zwiebel
(poriluk) und Pigmentkraut (travu pigmant) in Anwendung bringen.
Gewöhnlich sucht man die Pest durch brennende Wacholderzweige zu
bannen. [91]

Die folgende Sage über die Abstammung der Pest trägt einen christlich
legendenhaften Charakter an sich. Das Geburtland der Pestschwestern hat
das Meer verschlungen und unstät irren die Schwestern gleich drei
Furien von Erdteil zu Erdteil, bis sich ihr Schicksal erfüllt. [92]

Es war einmal ein ausserordentlich reicher König, nur hatte er gar
keine Kinder. Siebenmal verheiratete er sich und mit jeder Frau lebte
er sieben Jahre, doch keine dieser Ehen war mit Nachkommenschaft
gesegnet. Sobald sieben Jahre in der Ehe mit einer Frau verstrichen,
ohne dass sie ein Kind gebar, liess er sie ohne weiteres hinrichten.
Zuletzt gab er jeden Gedanken an eine neue Ehe auf, denn kein
Frauenzimmer mehr mochte ihn zum Manne haben. Nun geschah es, dass er
sich einmal auf der Jagd im Walde verirrte und bei dieser Gelegenheit
ein Frauenzimmer fand. Mit ihr lebte er drei Jahre und zeugte mit ihr
drei Töchter, doch alle drei Töchter kamen mit Bockfüssen zur Welt.
Als die Mädchen erwachsen waren, gestand ihre Mutter dem König, sie
sei der Teufel selbst, gestand’s und verschwand. Als dies der König
nun erfuhr, sperrte er alle seine drei Töchter ins Gefängnis ein, wo
sie die längste Zeit eingesperrt sassen. Da traf es sich, dass sich
ein vorwitziger Mensch (ein Hofmann bei Ilić), im Glauben, die
Mädchen seien wer weiss wie schön, auf irgend eine Art die Schlüssel
zum Gefängnis verschaffte und die Mädchen freiliess. Sie ergriffen
sogleich die Flucht und fingen an, überall die Menschen hinzuraffen.
Es währte nicht lange und es gelangte die Kunde zu des Kaisers Ohren,
die Pest wüte in seinem ganzen Reiche. Er liess sogleich alle Ärzte,
die grössten Gelehrten kommen, damit sie sein Volk von der Plage
befreiten, doch alle Mühe war vergebens, denn die Leute starben
ununterbrochen Tag für Tag hin, so dass zuletzt der König allein am
Leben blieb, und um das Strafgericht vollends über ihn hereinbrechen
zu lassen, versank sein ganzes Reich in die Erde, und wo sich sein
Reich befand, dehnt sich jetzt ein weites Meer aus. Seine drei Töchter
aber begaben sich in drei verschiedene Weltteile, um dort zu morden.
Weil es aber fünf Weltteile gibt, deshalb wechseln die Schwestern im
Besuch der anderen zwei Weltteile ab. Doch sollte es sich durch einen
Zufall fügen, dass diese drei Schwestern zusammenkommen, so wird sich
unter ihnen ein Kampf entspinnen, in dem alle drei umkommen werden.

Dieselbe Sage kehrt in einem Volkliede wieder, das zwar in einem
slavonischen Dörfchen, in Migalovci bei Požega aufgezeichnet wurde,
[93] wie aber aus seinem Inhalte erhellt, aus Bosnien stammt.


    »Sarajevo, o du Horst der Falken!
    Sarajevo, deine Spur verschwinde!
    In dir starben mir drei Herzensgüter.
    Erstes Gut: die alte, teure Mutter,
    Die mich Jungen zärtlich auferzogen,
    Auferzogen, an der Brust gesogen.
    Zweites Gut: der waffentücht’ge Bruder,
    Mit dem ich das Waffenhandwerk lernte,
    Und das dritte: Liebchen Angelika,
    Die mir schön zurecht die Kissen legte.
    Möge Gott und auch die heilge Sonntag,
    Und Sankt Petrus und Johann der Täufer,
    Über dich ein böses Unheil schicken,
    Dass in dir kein Liebchen je heirate,
    Je heirate und kein Bursche freie!
    In dir soll kein Kind geboren werden,
    Noch in Mutterarmen Tränen weinen.
    In dir haust ein Drachentier dreiköpfig,
    Mit drei Köpfen und mit Ziegenfüssen.«
    Doch erwidern ihm die Bulen Saraj’s [94]
    Sie erwidern ihm, dem fremden Kämpen:
    »Steh ein Gott dir bei, o fremder Kämpe!
    Was verfluchst du ’s eb’ne Sarajevo,
    Dass in ihm kein Liebchen je heirate,
    Je heirate und kein Bursche freie,
    Und darin kein Kind geboren werde,
    Noch in Mutterarmen Tränen weine,
    Weil da haust ein Drachentier dreiköpfig,
    Wohl dreiköpfig und mit Ziegenfüssen?
    Dies ist wohl kein Drachentier dreiköpfig,
    Mit drei Köpfen und mit Ziegenfüssen,
    Wohl kein Drache ist’s, o fremder Kämpe!
    Doch die Pest ist’s; ihre Spur verschwinde,
    Und auch Jenes, der sie freigelassen
    Aus des mächt’gen Kaisers Burgverliesse,
    Dass sie Dorf und Stadt uns arg verwüste,
    Und vom Liebchen trenne den Geliebten!«


Wie aus einem anderen Volkliede erhellt, wird die Pest von Gott selbst
ausgesandt. Sie wandert in Frauengestalt von Ort zu Ort und mordet die
Menschen hin. Vor ihr nützt auch die Flucht nichts. Das Volklied
stammt aus dem Herzogtum [95] und lautet:


      Als die Pest [96] ganz Mostar hingemordet,
    Ganz gemordet, kam sie auch nach Travnik.
    Aus den Städten flohen alle Menschen.
    Mit der Mutter flüchtete Mariechen,
    Flüchtete sich auf die Vlašić-Alpe.

      Oft ergeht sich Mara auf dem Vlašić,
    Schaut nach Travnik in das grause Elend,
    Wo man fort und fort die Toten austrägt,
    Wo an Fahnen Fahnen traurig wehen,
    Lauter Helden unter Heeresfahne,
    Junge Frauen mit dem Witwenschleier,
    Lauter Mädchen unter Perlenzweigen.

      Als die Pest nun zu der Alp’ gelangte,
    Traf sie Mara an der kühlen Quelle.
    »Steh dir Gott, Mariechen, bei, du Mädchen!«
    — »Gott gesegn’s meine liebe Muhme!«
    Gab die Pest, von Gott gesandt, zur Antwort:
    »Wohl bin ich dir keine liebe Muhme,
    Sondern bin die Pest, von Gott entsendet;
    Morde hin, so Jugend wie das Alter,
    Und vom Liebchen trenn ich den Geliebten.«

    Da nun hub Mariechen an zu flehen:
    — »Tu mich junges Blut doch nicht ermorden,
    Schon auch meinen Liebsten in der Ferne!«
    Gab die Pest, von Gott gesandt, zur Antwort:
    »Hab den Liebsten dir schon längst gemordet,
    Längst gemordet, d’ran schon fast vergessen.«

      Als Mariechen dies vernahm, das Mädchen,
    Sank sie leblos hin ins kühle Wasser.


Dagegen erfahren wir aus einer anderen Sage, die Pestschwestern
müssten auf das Geheiss ihres Königs die Menschen heimsuchen; es ist
ein unabänderlicher Schicksalbeschluss, dem sie sich fügen. In diesem
Falle erinnern sie lebhaft an die griechischen Erynnien, die unter
Umständen als Eumeniden, sowohl für einzelne, als für einen ganzen
Stamm auftreten. Erfüllt man ihren Wunsch, so schonen sie den, der
sich ihnen fügt, und suchen ihn und die Seinigen vom Verderben zu
bewahren. Nur selten bricht die Pest ihr gegebenes Wort, doch nicht
ungestraft, denn die Strafe folgt ihr auf dem Fusse. Von ihrer grossen
Dankbarkeit erzählt eine Sage. Einst verfolgten Hunde die Pest und sie
verwandelte sich schnell in ein Wiedengebünde, sonst hätten sie die
Hunde zerrissen. Es war aber ein harter Winter und die Wieden froren
fest ein. Nun kam ein Bauer des Weges, der benötigte eben Wieden und
trug den Bund nach Hause. In der warmen Stube am Ofen taute die Pest
auf, nahm ihre ursprüngliche Gestalt an, dankte dem Menschen für
seine Barmherzigkeit, und seit jener Zeit, heisst es, schone sie
gewöhnlich die Menschen und überfalle nur die Haustiere und selbst
diese nicht mehr so häufig, wie ehedem. [97] Nach einer anderen Sage
sind die Pest und die Todgöttin leibliche Schwestern, die einander
ablösen, wenn die eine müde wird. [98]

Auf einer folkloristischen Wanderung im Sommer 1907 erzählte meinem
Schüler Otto Goldstein der Bauer Lazo Tadić zu Gradski Vrhovci in
Slavonien: ‘Bei der Besiedelung von Gradski Vrhovci zogen sich Bruder
und Schwester nackt aus und sie spannten zu stockdunkler Nachtzeit zwei
von einer und derselben Mutterkuh herstammende schwarze Ochsen vor den
Pflug und umackerten das Dorf, damit darin die Pestfrau keine Gewalt
erlangen könne.’ [99] Das war eine Vorbeugungmassnahme für die
Zukunft.

Warum besorgen splitternackte Leute die Umackerung? Es ist zu erinnern,
dass noch in Bulgarien die Erzeugung des reinen Feuers durch
Holzreibung nackten Leuten obliegt und dass alle die schweren
Zaubereien zur Abwehr tückischer Waldgeister ganz nackt zu vollziehen
sind. Was die Nacktheit zu bedeuten hat, lehren die erotischen
Zauberbannsprüche in den Anthropophyteia IV. und Dr. Iwan Blochs
treffliche Darlegungen im Sexualleben unserer Zeit (1908). Es ist nicht
angebracht, hier auf Anschauungen einzugehen, deren nähere Besprechung
nur unter strengstem Ausschluss der Öffentlichkeit kaum noch geduldet
wird, aber ich muss bemerken, dass der Kleidermangel beim Umackern und
der Feuererzeugung nicht allein auf die religiöse Vorstellung
hinweist, sondern auch auf eine Zeit, wo das Volk, klar und klipp
herausgesagt, nur bei festlichen Gelegenheiten Kleider als einen
Schmuck und im Winter zum Schutz gegen Kälte anzulegen pflegte. Sonst
wandelte man sonder Scheu und Scham ohne Gewandung einher und ward sich
seiner Nacktheit nicht bewusst. Weil man in längst vergangenen Tagen
nur im natürlichen Kleide der Unschuld den Brauch vollzog, meinen die
späten Nachfahren, die was anzuziehen haben, die Nacktheit gehöre mit
zur Weihe des Umzuges und der Feuererzeugung. Darin bestärkt sie die
Anschauung, den Bösen dürfe man nicht einen Faden von seinem Leibe
überlassen, damit sie keine Gewalt über einen gewinnen mögen. Beim
Umzug aber tritt man in unmittelbare Berührung mit den Geistern, und
da ist es am rätlichsten, man habe nichts am Leibe, wessen sich die
Namenlosen bemächtigen könnten. Darum eben bewahrt man tiefstes
Schweigen, denn auch ein unbedachtes Wort, das einem über die Lippen
glitte, könnte zu einem Haken werden, an dem einen der tückische
Waldgeist an sich zöge.

Weitere Angaben über die Pest bieten folgende Sagen.

Ein Mann ging spät abends vom Felde nach Hause. In der Nähe des
Dorfes begegnete er zweien merkwürdigen Weibsbildern. Die Weiber waren
von etwas kleiner Gestalt, ohne Nasen und Ohren und hatten kleine
Schlangenaugen, die tief im Spitzkopf drin sassen, die Hände glichen
Katzenpfoten und die ganze Gestalt trugen Bockfüsse. Der Mann
entsetzte sich bei diesem Anblick, ermannte sich aber schnell und
fragte sie, wer sie sind und wohin sie gehen.

Die furchtbaren Weiber gaben ihm zur Antwort: »Wir sind die Pest, zwei
leibliche Schwestern. Eine von uns wird die Leute in diesem Dorfe
hinraffen, während die andere weiterzieht. Wir kommen geradenwegs aus
Sarajevo und stammen aus dem Pestlande. In Sarajevo erhielten wir von
unserem Pestkönig den Befehl, auf eine Zeitlang hieher zu ziehen.«

Bei diesen Worten vermeinte der Mann, er müsse sich auf der Stelle vor
Grauen in einen Baum oder Felsen verwandeln. Doch die Pestschwestern
sprachen ihm Mut zu und suchten ihn zu beruhigen. »Sei ganz getrost,«
munterten sie ihn auf, »Dir und Deinem Gesinde soll kein Haar
gekrümmt werden, wenn Du uns Folge leistest und bereit bist, uns eine
kleine Gefälligkeit zu erweisen.«

Der Mann wäre bereit, mit blossen Händen glühende Kohlen zu
scharren, damit ihn die Pest nur verschone, er fleht sie an und
beschwört das Schwesterpaar bei allem, was ihnen hoch und heilig ist,
Gnade zu üben.

»Es soll Dir nicht das Geringste widerfahren,« beruhigten ihn die
Pestschwestern, »nur musst Du uns auf deinen Rücken nehmen und in
Euer Dorf hineintragen, damit uns die Hunde nicht zusetzen; dann wirst
Du uns dein Haus bezeichnen, damit wir es umgehen können, sobald wir
von Haus zu Haus zu wandern und die Menschen hinzuraffen beginnen.«

»Warum mordet Ihr denn die Menschen hin, die sich ja nie auch das
Geringste gegen Euch zu Schulden kommen liessen?« fragte der Mann.

»Wir gehorchen nur dem Befehle,« entgegneten die Schwestern.

Wiederum hub der Mann an: »Gibt es nicht irgend ein Mittel, durch das
sich der Mensch vor Euch Pestschwestern irgendwie schützen könnte?«

»Freilich,« erwiderten die Pestschwestern, »es gibt gar so manches,
da hast gleich eines: Es müssten zwölf Burschen und zwölf makellose
Jungfrauen von tadelloser Lebensweise am Vorabende des Sonntags nach
dem Neumond in der Geisterstunde einen Pflug nehmen, sich damit hinaus
vor das Dorf begeben, sich splitternackt ausziehen, so wie sie die
Mutter geboren, sich dann ins Joch spannen und das Dorf ringsherum
umackern.« [100]

»Noch eins. Während des Umackerns müssten sie wie ein Marmorstein
das tiefste Schweigen beobachten, keiner dürfte begierig und lüstern
den Blick erheben, geschweige denn den anderen berühren. So müssten
sie siebenmal immer in derselben Furche ackernd ums Dorf ziehen, bis
die Furche zu einem kleinen Graben erweitert ist.«

Während die Pestschwestern, bald die eine, bald die andere,
erzählten, musste sie der Mann fortwährend tragen. Die Augen traten
ihm aus den Höhlen vor der grossen Bürde — so schwer waren sie —,
doch er durfte ja mit keinem Worte Einspruch erheben. Sobald sie in die
nächste Nähe des Dorfes gelangten, erhoben alle Hunde ein Gebell, als
wenn sie jemand loshetzte. Da fragte der Mann die Pestschwestern, wie
sie sich denn, wenn sie allein gehen, der Hunde erwehren. Die
Pestschwestern antworteten: »Trifft es sich, dass uns ein wilder Hund
anfällt, so verwandeln wir uns schnell in eine Wetzkiste oder einen
Korb oder eine Fledermaus.« — »Wie rafft Ihr aber die Menschen
hin?« fragte der Mensch und sie gaben ihm zur Antwort: »Entweder
vergiften wir die Luft und die Brunnen, oder wir gehen von Haus zu
Haus, wenn die Leute beim Nachtmahl sitzen, und jeder, den wir ins Auge
fassen, bekommt eine schwarze Beule, an der er sterben muss. Ein
andermal fangen wir mit Gedärmereissen, Erbrechen, Durchfall und
Krämpfen an.«

Der Mann begab sich in sein Haus, indessen die Pestschwestern von Haus
zu Haus im Dorfe ihren Besuch machten. O, welch ein Morgen! Im ganzen
Dorfe gab es Wehklagen und Jammer ohne Ende, die Menschen sanken wie
Halme hin und hätte man nicht Essig, Wacholder, Kampfer und Branntwein
gebraucht, und hätten Burschen und Mädchen das Dorf in der Runde
nicht umgeackert, alles wäre ausgestorben. [101]

Diese Sage tritt in ihren Grundzügen in mannigfachen Versionen auf,
z. B. in folgender: (Valjavec, Narodne pripoviedke, p. 243 f.)

Ein Bauer kehrte aus der Stadt, wohin er einen Wagen Steine geführt,
abends nach Haus, als er plötzlich ein ganz weiss gekleidetes
Frauenzimmer herannahen sah, das sich ohne Umstände zu ihm auf den
Wagen setzte. Er erschrak darüber gewaltig, denn er dachte, Gott weiss
was dies zu bedeuten habe. Doch das Weib beruhigte ihn: »Du brauchst
nicht die geringste Furcht zu haben, fahre Du mich nur getrost bis zu
Deinem Hauswesen.« — Als sie im Dorf anlangten, war schon vollends
Dunkelheit angebrochen. Da sprach das Weib zu dem Bauer: »Nun gut, Du
hast mich hiehergebracht, doch ich habe kein Geld, um Dich dafür zu
bezahlen, aber ich will Dich ein Bild sehen lassen, komm näher und
tritt mir auf die grosse Zehe.« — Er näherte sich ihr, trat ihr auf
die Zehe und er schaute ein grausiges Bild, ganze Ströme von Blut,
abgeschlagene Köpfe und tote Menschen. Hierauf versetzte das Weib:
»Siehst Du dieses Schauspiel? — So wie es Dir jetzt vorgeführt
wird, so wird es in kürzester Zeit hier aussehen, drum trachte Du mit
allen Deinen Angehörigen aus diesem Dorfe fort auf mindestens drei
Tagereisen weit Dich zu entfernen.« — Und so geschah es. Er wanderte
mit den Seinen aus und die Pest stellte sich nach seinem Abzug ein,
raffte die Menschen hinweg, stachelte sie gegeneinander auf, so dass
sie einander selber hinmordeten. So kam es, dass Blut in Strömen
floss, und es überall abgeschlagener Köpfe und toter Menschen gab.

Etwas vollständiger ist folgende Sage:

Als uns letztesmal die Pest aufsuchte, wohnte sie bei einem alten
Weibe, das weder einen Hund noch eine Katze hatte; vor diesen Tieren
hat nämlich die Pest eine besondere Furcht, ausgenommen, sie wären
von jemand mit einem Besen, einem brennenden Holzscheit oder einem
Schürhaken geschlagen worden. Nach geraumer Zeit liess sich die Pest
durch jemand in ein anderes Dorf tragen, und diese Geschichte trug sich
folgendermassen zu:

Es kam einmal an einem Abend ein Wanderer zu derselben alten Frau, um
bei ihr über Nacht eine Herberge zu nehmen. Die Pest, die schon im
ganzen Dorfe gehörig aufgeräumt hatte, beschloss ihre Reise
fortzusetzen, doch da ihr kein Wagen zur Verfügung stand, um darauf zu
fahren, befahl sie dem Manne, er müsse sie tragen. Er lud sie sich auf
den Rücken und machte sich mit ihr auf den Weg. Nachdem er eine Weile
gegangen, fragte ihn die Pest, ob sie ihm schwer scheine. Er verneinte
es. Doch, sowie er das Wort aussprach, in demselben Augenblicke machte
sie sich schwerer. So richtete sie mehrmals an ihn dieselbe Frage und
machte sich jedesmal schwerer, so dass der Ärmste jeden Augenblick
umsinken zu müssen glaubte. Die Pest merkte, der Mann könne unter
ihrer schweren Last kaum mehr von der Stelle — sie spielte ihm nur
deshalb so arg mit, weil er fortwährend sagte, sie falle ihm nicht
schwer, er getraute sich eben aus Furcht nicht die Wahrheit zu gestehen
— und so forderte sie ihn auf, ein Weilchen Rast zu halten. Kaum war
er wiederum ein wenig zu Atem gekommen, so warf sie sich schon wieder
auf ihn, damit er sie weiter schleppe. Und wieder fragte sie ihn fast
jeden Augenblick, ob sie ihm schwer erscheine. Er verneinte es
neuerdings, worauf sie sich allmählich so leicht machte, dass er schon
vermeinte, er trage sie überhaupt nicht mehr. So kamen sie endlich in
das Dorf, wo ihm die Pest zum Lohn dafür, dass er sie getragen, die
Zusicherung gab, sie werde niemand aus seinem Hause hinraffen. Kurze
Zeit darauf gelang es den Leuten, die Pest aus dem Dorfe zu vertreiben,
sie flüchtete an die Save. Das Wasser war ausgetreten und hatte weit
und breit alles überschwemmt, die Pest aber konnte nicht hinüber. Und
sie bat einen Fährmann, der die Leute auf seinem Kahne über die Save
setzte, er möge sie hinüberfahren, doch wusste sie zu ihrem Leide
nicht, dass der Mann unter seinem Pelze einen Hund habe. Der Mann nahm
sie ohne weiteres in seinen Kahn auf und fing zu rudern an. Als sie
sich nun in der Mitte des Flusses befanden, erwachte der Hund,
erblickte die Pest und griff sie unbarmherzig an. Die Pest flehte den
Mann an, er möge sie schützen, doch alles umsonst; der Hund setzte
ihr so lange zu und zerbiss sie so jämmerlich, bis sie ins Wasser
fiel. Mit grosser Müh und Not gewann sie das jenseitige Ufer und
drohte ihre Wunden zu rächen, bis alle Hunde verenden. Doch, Gott sei
Lob und Dank, das wird nicht so bald geschehen, denn das
Hundegeschlecht vermehrt sich von Tag zu Tag immer mehr.

Verwandt mit dieser ist folgende Sage aus Dalmatien [102]:

Einst verhandelte die Pest mit einem Fährmann, der die Überfuhr
zwischen dem Küstenland und einer Insel vermittelte, er möge sie
allein auf die nahe Insel hinüberfahren, sie werde ihm nicht das
Geringste anhaben, falls er aber kein Vertrauen in ihr Wort setze, so
könne er ja in die Mitte des Schiffleins Dornen und
Wacholdergesträuch legen. Um das Unheil von seinem eigenen Heimwesen
abzuwehren, musste der arme Fährmann notgedrungen auf ihren Vorschlag
eingehen, legte aber zur Vorsorge in die Mitte des Schiffleins Dornen,
Judenstrauch und eine Wacholderstaude. Am Vorderteil liess er die Pest
sich setzen, am Hinterteil sass er selber und fing zu rudern an. Als
sie sich nun auf hoher See befanden, wollte die treulose Pest den
Vertrag brechen, indem sie den Versuch machte, über die Judendornen
hinüberzusetzen und den Schiffer anzustecken. Doch sie stach sich
gewaltig und schrie aus: »Tukadar bukadar, u Primorje nikadar« [103]
und das sollte bedeuten: »Überall einmal, ins Küstenland niemals!«

Von ihrer grossen Erkenntlichkeit meldet eine andere Sage: [104]

Es war einmal ein Bauer, der fuhr einen Juden aus einem Orte in einen
anderen und bedang sich von ihm als Fuhrlohn fünf Gulden aus. Der Jude
gab ihm drei Rheinische Drangeld und der Bauer liess ihn auf den Wagen
steigen. So kamen sie vor die Maut und mussten ein Weilchen dort
anhalten. Der Jude erlegte das Mautgeld. Der Abend war schon
angebrochen und dem Juden kam plötzlich ein Gedanke. Er forderte
nämlich den Bauer auf, ins Mauthaus hineinzugehen und dort um einige
Zündhölzchen zu bitten. Arglos stieg der Bauer vom Wagen herab und
begab sich zu dem Mautner, um einige Zündhölzchen zu holen. In der
Zwischenzeit trieb der Jude die Pferde an und machte sich so mit
Pferden und Wagen aus dem Staube. Zwar rief ihm der Bauer nach, er soll
nicht davongehen, doch der Jude kehrte sich nicht daran und warf des
Bauern Sachen aus dem Wagen heraus. Dieser Bauer war aber mit einer
Pest bekannt. Das traf sich nämlich so: Einst fuhr er die Pest von
einer Brücke bis zu seinem Hause. Als sie dort anlangten, fragte sie
ihn, was er dafür verlange. Nun wusste er nicht, dass dieses
Frauenzimmer die Pest sei, und sagte, er verlange gar nichts. Hierauf
entgegnete die Pest, er möge sich, wenn er irgendwie in eine Notlage
geraten sollte, drei Haare aus dem Kopfe reissen und sie werde gleich
zur Stelle sein und ihm Hilfe leisten. Da dachte der Bauer in seiner
jetzigen Notlage an die Pest und befolgte ihre Weisung. Sogleich
stellte sich die Pest ein, fing den Juden und stellte dem Bauern seine
Pferde und seinen Wagen zurück. Den Juden aber, sowie alle übrigen
Juden, die in dem Dorfe wohnten, wo des Bauers Häuschen stand, raffte
sie schmählich hin.

Man braucht der Pest nicht einmal einen Dienst zu erweisen, um sie
gnädig zu stimmen, es genügt mitunter, wenn man ihrer Einladung Folge
leistet.

In der Nähe von Pavlovac im Walde hauste einst die Pest. Ein Bauer
fuhr auf seinem Wagen allein durch den Wald, da brach die Pest hinter
dem Gesträuch hervor, schlachtete den Mann und die Pferde ab, und warf
den Wagen in den Graben hinab, so dass der Wagen in Stücke zerfiel.
Dann nahm sie die Halfter und die Holzstücke, trug sie zu einem nahen
Baume und machte dort ein grosses Feuer an. Als sie einen Mann des
Weges kommen sah, rief sie ihm zu: »Gevatter, kommen Sie doch her
Fleisch essen. Ich habe eben Mann und Pferde abgeschlachtet, den Wagen
zerschlagen und mit den Holzstücken ein Feuer angemacht. Die Halfter
habe ich mir aufgehoben.« Hierauf trat der Mann zu ihr hin und sie gab
ihm die Halfter. Er wärmte sich nun an ihrer Seite am Feuer, ass mit
ihr von dem Fleische des Menschen, den sie abgeschlachtet und kehrte
dann heim. Nun würgte die Pest im ganzen Pavlovac alles hin, nur im
Hause des letzteren gab es keinen Toten, nicht einmal einen toten Hund
oder eine tote Katze.

Am liebsten hält sich die Pest auf Friedhöfen auf, und Wehe dem, der
sie plötzlich aufscheucht. Sie rafft ihn ohne Erbarmen hin, ja sie
verscharrt ihn sogar sorgfältig, damit sie ihn nicht mehr vor Augen
habe. Darauf bezieht sich eine zweite Sage:

Es traf sich einst, dass zu gleicher Zeit, wo die Pest auf dem
Friedhofe herumging, ein Mann dort etwas zu tun hatte. Die Pest
überfiel den Mann, schlachtete ihn ab und legte ihn ins Grab zu seinen
übrigen Anverwandten. Am anderen Tag ging man ihn suchen, doch alles
Nachforschen war vergebens. Sein Weib war vor Schmerz ganz aufgelöst
und begab sich zuletzt auch auf den Gottesacker ihn suchen. Grab für
Grab öffnete sie unter Beihilfe des Oheims und endlich fanden sie den
Gesuchten in einem Grabe. Ihr Erstaunen war sehr gross: »Was mag ihn
denn hierher geschafft haben?« — Schliesslich sagten sie, es könne
nicht anders sein, als die Pest habe ihn erwürgt und hier verscharrt.

Es ist nicht unmöglich, dass ein Meuchelmord die Veranlassung zur
Entstehung dieser Sage gebildet. Wie denn überhaupt ruchlose Subjekte
zur Zeit einer Pest die Gelegenheit benützen, um zu stehlen und zu
plündern. Niemand wagt es abends die Stube zu verlassen, aus Furcht,
der Gevatterin zu begegnen. Das ist dann die Wonnezeit der Diebe und
Verbrecher. So entstand das Sprichwort: »Er stiehlt wie die Pest.«
[105] Zu Epidemiezeiten öffnen galizische Juden nachts die Türe nur,
wenn der draussen stehende dreimal geklopft hat. Türen und Fenster
hält man nachts geschlossen, öffnet sie aber auch tagsüber wenig.
B. W. Schiffer, Am Urquell IV (1893) S. 272.

Mitunter gefällt es der »Gevatterin«, ihren Besuch anzukündigen.
Doch es hält schwer, oder es ist gar unmöglich, sie um ihre Beute zu
betrügen; davon erzählen folgende zwei Sagen: [106]

Es war einmal ein Messner, der läutete einst am späten Abend »Ave
Maria« und gewahrte ein scheussliches Gespenst, das auf dem Berge auf
einem Karren gegen ihn zufuhr. Das Gespenst hatte einen Totenkopf auf
und ein Kreuz, und ging schnurstracks auf den Mann los. Da ergriff ihn
panischer Schrecken und er rannte wie blind dem Dorfe zu, doch das
Gespenst holte ihn ein, trat vor ihn und sprach: »Steh still! Sei
ausser jeder Furcht, ich bin die Pest, und tu Dir gar nichts an, nur
sollst Du Morgen kund machen, dass Du beim »Ave Maria-Läuten« die
Pest gesehen, und dass ich erklärt habe, innerhalb fünf Wochen
zurückzukehren und dreihundert Seelen dahinzuraffen.« — Mit diesen
Worten liess sie ihn stehen. Am nächstfolgenden Tage erzählte der
Messner alles haarklein, was er gesehen und gehört. Auf das hin
wanderten die Leute aus dem Dorfe aus und kehrten nach Ablauf von fünf
Wochen wieder zurück, die Pest aber stellte sich drei Tage später in
der sechsten Woche im Dorfe ein. Da kamen die Leute der Reihe nach
elendiglich um und im ganzen Dorfe blieben etwa fünf oder sechs Seelen
am Leben.

In einem Dorfe trat eine so verheerende Rinderpest auf, dass kaum einem
oder keinem ein Rind am Leben blieb. Ein Weib aber hatte zwei Kühe und
dachte bei sich: »Am Gescheidtesten ist’s, wenn ich meine Kühe da
verkaufe und den Gelderlös aufhebe. Hört die Seuche auf, so kauf ich
mir andere Kühe. Warum sollt ich durch meine Kühe solchen Schaden
leiden?« Gedacht, getan. Da besuchte sie die Rinderpest in Gestalt
einer Frau und sagte: »Gevatterin, wie ich gehört habe, hast Du Deine
Kühe verkauft.« — »So ist es, ich hab mich vor der Pest
gefürchtet.« Hierauf bemerkte hinterlistigerweise die Pest:
»Freilich hast Du die Kühe verkauft, aber der Mann, dem Du sie
verkauft, hat Dich betrogen.« — »Das ist doch nicht möglich, er
kann mich nicht betrogen haben.« — Doch die Pest behauptete Stein
und Bein: »Er hat Dich ganz gewiss betrogen, wenn Du es nicht glaubst,
lass uns das Geld nachzählen.« — So liess sich das Weib bereden,
das Geld aus dem Kasten herauszunehmen, die Pest überzählte es,
verschlang den Erlös von der einen Kuh und sagte zu dem Weibe: »Die
eine Kuh hätte ich Dir ohnehin fortgerafft, Du hast sie aber verkauft,
dafür habe ich Dir den Erlös verschluckt. Hilf Dir wo du kannst,
suche aber nie, Gottes Willen zu durchkreuzen!«

Charakteristisch ist die Auffassung von der Rinderpest. Schon oben aus
der Sage vom Pfarrer Vojskec und seinem getreuen Knechte geht hervor,
auf welche Weise sie heraufbeschworen werden könne. Zumeist aber sind
es alte Bettler (bogci), die aus Rache, dass man sie abgewiesen, die
Pest herbeirufen. Die Rinderpest erscheint gewöhnlich in der Gestalt
eines Tieres. Tritt die Pest aber z. B. als Schwein oder Ziege auf, so
kommen die Schweine und Ziegen um. Das sicherste Merkmal, woran man sie
erkennt, ist: 1. dass sie ganz buntgefleckt ist, 2. dass sie nur drei
Füsse hat. [107] Ich fand nur zwei Sagen, die davon erzählen. Sie
lauten:

In einem Dorfe wütete einmal furchtbar eine Rinderpest. Der Viehstand
ging zusehends zu Grunde, denn es gab kein Haus, wo nicht über Nacht
ein Stück verendete. Einigen Leuten im Dorfe glückte es, die Pest zu
sehen, und zwar gaben sie an, sie hätte die Gestalt eines Hundes.
Vorzugweise suchte sie Misthaufen auf, ging daselbst herum und muhte
wie eine Kuh. Kam sie in einen Stall, sie suchte eben nur das liebe
Vieh heim, so küsste sie dieses oder jenes Stück Rind, und wenn eines
von ihr geküsst worden, so war es in der Früh gewiss schon verendet.
Die Leute sannen fortwährend nach, wie sie dieses entsetzlichen
Ungemachs los und ledig werden könnten, und so stellten sie der Pest
auf den Düngerhaufen Milch hin, in der Hoffnung, es könnte dies
möglicherweise von Nutzen sein. Und wirklich war das sehr nützlich
und vorteilhaft, denn wo sie Milch fand, in dem Hause richtete sie
keinen Schaden an. [108]

Diese Pest ging regelmässig zu einem Bauer auf die Herberge. Sie
schlief immer auf der Bank am Ofen und sobald ihre Stunde schlug,
entfernte sie sich, ohne den geringsten Schaden in diesem Hause
angerichtet zu haben.

Einst erblickte jemand die Pest, als sie sich in Gestalt eines
Schweines am Ufer eines Flusses gelagert und dort Krebse fing. Sie
starrte den Mann gross an, er entsetzte sich gewaltig, und ergriff
schleunigst die Flucht, indem er alles, was er mit sich trug, gleich
dort von sich wegwarf. Als er nach Haus kam, erzählte er was ihm
begegnet, und alle erklärten einstimmig, das sei die Pest gewesen, und
zwar die Schweinepest, denn sie hatte ganz das Aussehen eines
Schweines. Und wirklich, kurze Zeit darauf gingen plötzlich
scharenweise die Schweine in jener Gegend zu Grunde. [109]

Mehr Mährchen als Sage und wieder mehr Fabel im Stile Äsops und
Babrios ist das merkwürdige Geschichtchen, das der um die
südslavische Volkliteratur unendlich verdiente Vuk Vrčević aus dem
Herzogtum aufgezeichnet hat. [110] Es ist nicht sonderbar, dass in
dieser Erzählung der gewöhnliche Name der Pest »Kuga« nur einmal
vorkommt und dafür fünfmal der fremde »Kolera« eingesetzt ist, denn
es ist eine in Asien und Europa allgemein bekannte und in Pestzeiten
immer neu aufgefrischte Geschichte. Es scheint aber das Fremdwort doch
nicht ganz einheimisch geworden zu sein; denn, wenn die Bauern in der
folgenden Erzählung die Pest ansprechen, so bedienen sie sich doch des
slavischen Wortes.

In irgend einer Stadt erfuhr man, dass sich die Pest zu ihnen auf den
Weg gemacht, um die Bevölkerung der Stadt hinzuwürgen. Da rüsteten
sich alle waffenfähigen Männer in der Stadt und erwarteten die Pest
in einem engen Passe, durch den sie, die Pest notwendigerweise durch
musste. Da naht ein hühnengrosses Weib, ganz in Schwarz gekleidet; in
der rechten Hand trägt sie einen Speer, in der linken eine Sense. Das
Volk stellte an sie die Frage: »Was bist Du so zeitlich aufgebrochen,
wohin lenkst Du deine Schritte und was gedenkst Du zu tun?« — »Ich
will«, entgegnete die Pest, »in Euerer Stadt einige ihrer Bewohner
hinwürgen!« — »Zurück!« donnerten sie alle wie aus einer Kehle,
spannten die Gewehre und legten auf sie an. Kaltblütig versetzte die
Pest: »Wenn ihr mich tötet, so ist’s um Euch und Euere Stadt getan.
Ich mach Euch allen den Garaus. Lasst ihr mich aber in Frieden meinen
Einzug halten, so schwöre ich Euch bei Gottes Treu, dass ich nicht
mehr als fünf von hundert hinraffe.« Das Volk überlegte sich diesen
Vorschlag und sagte nach erfolgter Verabredung zur Pest: »Wenn dem so
ist, zieh denn ein, doch hüte Dich anders zu tun!« Innerhalb zehn
Tagen starben aber schon von je hundert Einwohnern zehn, worauf das
Volk die Pest einfing, um sie zu töten. Man sprach zu ihr: »Was hast
Du aus uns gemacht? Du verfluchte Menschenpest! Wie mochtest du dein
bei Gott gegebenes Treuwort mit Füssen treten! Gott und sein Treuwort
mögen deinen Sinn verwirren!« Hierauf erwiderte ihnen die Pest: »Ich
habe mein Wort gehalten und ich kann Euch jeden namentlich anführen,
den ich bisher hingewürgt!« »Wie denn das? Du ehrloses Geschöpf!«
rief das Volk aus, »nach unserer Abmachung hättest Du im schlimmsten
Falle ihrer hundert hinmähen dürfen, es sind aber ihrer mehr als
zweihundert gestorben!« Da lachte die Pest und entgegnete: »Ich habe
wohl auch nicht mehr als ihrer hundert hingewürgt, das andere hundert
Menschen, die vor Schrecken gestorben sind, habe ich doch nicht zu
verantworten, denn wisst, es sterben mehr an der Furcht vor mir, als an
mir.«

Schlusswort: Überblicken wir zum Schlusse noch einmal die hier
mitgeteilten Pestsagen, so fallen uns zwei Hauptmomente vorzüglich in
die Augen. Einerseits begegnen wir, wie einem roten Faden, der sich
durch alle Sagen hindurchzieht, der Vorstellung von der Krankheit als
einer Person, als einem Krankheitdämon, der dem Baum oder Wald
entstammt, andererseits finden wir in den verschiedenen Arten und
Weisen, wie man diesen Dämon abzuwehren sucht, mannigfache
Erinnerungen sowohl an uralte heidnische Agrarkulte, als auch an
Geisterbeschwörungen, in genau erkennbarer Gestalt erhalten. Durch das
Ganze wieder machen sich überall rein christliche Vorstellungen von
bösen Geistern, dem Teufel und seiner Sippe bemerkbar. Ferner konnten
wir die Erscheinung beobachten, wie fremde Namen für einheimische
allmählich in Gebrauch kommen, ohne dass dadurch die ursprünglichen
Volkvorstellungen eine auffällige Schwächung erlitten. Hieraus lernen
wir zugleich, dass religiöse Vorstellungen auf viel festerer Grundlage
als die Sprache im Volkgemüte fussen, die viel leichter als jene
fremden Einflüssen weicht. Die eigentliche geistige Anschauung eines
ganzen Volkes geht nur sehr langsam unter. Um einen vollständigen
Umschwung hervorzubringen, dazu bedarf es eines jahrtausendelangen
Zersetzungvorganges.



Rückkehrende Seelen.

Den Teufel (vrag, sotona, gjavo), seine Grossmutter (vražja baba) und
seine höllische Sippschaft (vražji, paklenski duhovi) als
Poltergeister oder als Quälgeister der Menschen muss ich in dieser
Darstellung übergehen, weil sie ein fremdes, verhältnismässig sehr
junges, den Südslaven von auswärts mit dem Christentum beigebrachtes
Glaubengut sind. Meine Aufgabe ist es, über den Volkglauben an die
Geister verstorbener Menschen zu sprechen, die in unsichtbarer oder
sichtbarer Gestalt unter lebenden Menschen zuweilen erscheinen.
Letztere Vorstellungen mag man auch bei den Südslaven als
ursprünglich ansehen; denn sie reichen im allgemeinen in die
urältesten Zeiten der geschichtlichen und unzweifelhaft auch der
vorgeschichtlichen Menschheit zurück und sind als solche keineswegs
ausschliessliches Eigentum eines Volkes. Die vielfach vorgetragene und
sehr verbreitete Ansicht, dass die katholische Kirche mit ihren Dogmen
den Geisterglauben erst geschaffen habe, hält vor einer unbefangenen
wissenschaftlichen Forschung nicht im geringsten stand. [111]

Das Volk unterscheidet zwischen sichtbaren, jedoch unschädlichen,
harmlosen Geistererscheinungen, Schreckgespenstern, die es
Einbildungwesen (utvora, sablast) nennt, und wirklichen Geistern, den
wiederkehrenden Verstorbenen. Diese erscheinen z. B. als bösartige
Poltergeister, um eine vermeintliche Sühne von den Lebenden zu
heischen, oder um sich an Übeltätern zu rächen, oder um selber bei
Lebzeiten begangene Schuld abzubüssen, oder aus Liebe zu den lebenden
Angehörigen, oder als äusserst schlimme Plagegeister, um sich mit
frischem Menschenblut zu nähren, oder um anderweitig noch ärgeres
Unheil zu stiften.

»Träume und Visionen mögen den Glauben an ein derartiges
Wiederkehren der Toten zuerst veranlasst haben; Seuchen, durch welche
die Angehörigen eines unlängst verstorbenen diesem rasch nachfolgen,
mochten ihn steigern, und als er zuletzt herrschend geworden war,
blendete er die Sinne der Menschen in solchem Grade, dass sie Dinge
wahrzunehmen glaubten, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden waren«,
bemerkt C. Meyer. Seine Erklärung trifft vollkommen auch auf den
einschlägigen südslavischen Volkglauben zu. Im Traumleben wurzeln
hauptsächlich alle Vorstellungen von der Rückkehr der Verstorbenen.
Unter den Serben in der Gegend von Kikinda genügt es z. B., dass
einer aussagt, er habe diesen oder jenen Toten als einen Vampir im
Traume gesehen, und schon beeilt man sich, dem Verstorbenen einen
Weissdornpfahl in den Bauch zu rammen. Eine der erschütterndsten
serbischen Dorfgeschichten Milutin Trbićs behandelt das schreckliche
Ende der »Baba Toda«, die aus Entsetzen vor der Traumerscheinung,
einem Vampir, qualvoll stirbt. Die Furcht vor Traumerscheinungen dieser
Art ist sehr gross im Volke. Bei den slavischen Moslimen pflegen die
Leute, die den Leichnam gewaschen, sich und die Verwandten des Toten
mit dem übriggebliebenen Leichenwasser zu waschen, damit ihnen der
Tote im Traum nicht erscheinen soll (Bosnien).

Allgemein ist der Glaube, dass die Seele eines Verstorbenen die erste
Zeit nach erfolgtem Begräbnis aus Anhänglichkeit an die alte
Wohnstätte heimkomme. Daher der Brauch, für die heimkehrenden Toten
besondere Trank- und Speiseopfer gewöhnlich auf die Fenster nächtlich
hinzustellen.

Die Moslimen glauben, dass ein jeder Tote am Abend seines
Begräbnistages in sein altes Haus auf Besuch heimkehre. Zu seiner
Bewirtung giesst man in ein Glas frisches Wasser, deckt es mit einem
reinen Handtüchlein zu und stellt es auf denselben Platz hin, auf dem
der Verstorbene ausgeatmet hatte. Dazu gibt man noch ein Näpfchen mit
Mehl und steckt mehrere Unschlittkerzen ins Zimmergebälke. Ist der
Tote durstig, so trinkt er von dem Wasser. Oft soll es sich ereignet
haben, dass in der Frühe in dem Glase viel weniger Wasser gewesen, als
man hineingegossen. Das sei als ein Beweis für die erfolgte Rückkehr
des Toten und seinen Durst anzusehen. Am nächsten Tage wird das Wasser
aus dem Glase aufs freie Feld geschüttet, das Näpfchen mit Mehl
schenkt man irgend einem Armen, die Kerzen aber zündet man an, damit
das Haus die ganze Nacht beleuchtet sei.

Überdies glauben die Moslimen, dass die Toten jeden siebenten Tag,
einmal vor dem Ramazân und zweimal während des Ramazâns zur
Nachtzeit, wenn auf den Minareten die Lichter angezündet werden, und
an jeden Freitagabend in ihr Haus heimkommen, um zu sehen, ob ihre
Verwandten in Frieden und im Wohlstande leben. Am selben Abend müssen
die Häuser ganz ausnehmend rein sein. Man zündet entweder im Hause
drei Kerzen an oder schickt welche in die Moschee. Zur Feier des
Empfanges bewirtet man einander mit süssen Kuchen: baklava, gurabija,
pita mit Sahne, muhalebija, sutlija, halva, in Fett geschmorter pita,
mit Honig und Zwetschken-Leckware; sind die Leute aber sehr arm, so
lösen sie in Genügsamkeit ein Stückchen weissen Zuckers in Wasser
auf und erquicken sich an Zuckerwasser. Das Hausgesinde muss
aussergewöhnlichen Frohsinn zur Schau tragen; das Haus ist die ganze
Nacht hindurch hell beleuchtet und von Weile zu Weile wird es mit
Weihrauch ausgeräuchert. Kommen nun die Toten heim, und finden Freude
und Zufriedenheit im Hause vor, so kehren sie singend und jubelnd ins
Grab zurück, sind aber die Hausleute niedergeschlagen und traurig, so
verlassen auch die Toten traurig und weinend das Haus. Am selben Abend
wird weder der Mann sein Weib, noch das Weib den Mann, noch der
Hausvorstand irgend ein Mitglied des Hauses schief ansehen und
anrempeln (nabreknuti), damit die heimgekehrten Toten nicht unwillig
werden. An den betreffenden Tagen teilt man milde Gaben »auf das
Seelenheil der Toten« (mrtvim na dušu) an Arme aus und schenkt Kerzen
für die Moschee.

In solchem Totenkultus zeigt sich am deutlichsten die enge
Zusammengehörigkeit der slavischen Moslimen mit ihren offiziell
andersgläubigen südslavischen Volkgenossen. Es ist nur ein
scheinbarer Widerspruch, wenn im Kriege die moslimischen Helden die
Bestattung ihrer Gefallenen völlig vernachlässigen. Doch abgesehn von
den Ausnahmzuständen während eines Feldzuges, kommen auch sonst bei
den Südslaven einzelne eigentümliche Abweichungen von der Regel vor.
Darauf einzugehen, wäre verfrüht wegen des Mangels an vielseitigen,
gründlichen Erhebungen in allen Gegenden des Südens.

Gegen unerwünschte Rückkehr der Toten wendet man mancherlei
Massnahmen an. Der Grundgedanke der meisten besteht darin, dass man dem
Toten die Rückkehr verleide, indem man z. B. gewisse, dem Lebenden
einst werte Gegenstände beseitigt oder umstellt, oder ihm durch
sympathetische Mittel den Anlass zur Rückkehr benimmt. Wo ein Toter
liegt, müssen die Spiegel verhüllt werden; denn wenn jemand den Toten
im Spiegel erblickte, würde der Tote an allen Neumonden (na mlade
dane) heimkommen, um zu poltern, und dies so lange treiben, bis man
nicht sieben Messen für ihn abhielte (slovenisch, chrowotisch). Lässt
man den Toten mit den Stiefeln oder Schuhen, die er als lebender
Mensch, in den letzten Zügen liegend, anhatte, so wird er dreimal aus
dem Grabe heimkehren (Chrowotien). Im chrowotischen Gebirglande stürzt
man den Tisch, auf dem die Leiche aufgebahrt gewesen, gleich um, sobald
der Tote hinausgeschafft ist; denn sonst kommt, glaubt man, die Seele
des Verstorbenen alle Nacht wieder heim, um zu rumoren und den Leuten
den Schlaf zu stören. Einer meiner Freunde erzählte mir: »Ich
vertrat im Dorfe Boka unweit Sissek den Messner beim
Leichenbegängnisse eines alten Weibes. Eben setzten wir uns in
Bewegung, um das Gehöft zu verlassen, als die Leute plötzlich hurtig
auf die Seite sprangen. Einer von den Hausleuten stand auf der
Türschwelle und schleuderte uns einen grossen Stein nach, der im
Krautfass als Beschwerer gelegen. Der Mann glaubte nämlich, die
Verstorbene, die er für eine Zauberin hielt, werde nun nicht mehr
zurückkehren und niemandem im Hause einen Schaden zufügen können.«
Im chrowotischen Gebirglande, doch auch sonst im Süden glaubt man,
dass ein Toter häufig zu Besuch heimkommen werde, wenn einer seiner
Verwandten, der als Letzter im Leichenzuge mitgeht, heftig weint und so
weinend öfters nach rückwärts schaut. Allgemein ist der Glaube, dass
die Seele eines vielbeweinten Toten keinen Einlass ins Paradies findet,
sondern die längste Zeit in nassem Totenkleide umherirren muss. In
Chrowotien und Slavonien ist unter den Katholiken der Glaube allgemein,
dass Tote allnächtlich zu ihren Verwandten heimkehren und sich durch
Rumoren im Hause oder eigenartiges Tischklopfen bemerkbar machen,
häufig aber könne man sich von solchen Heimsuchungen durch den
Haushund befreien, wenn man ihn nachts im Zimmer behält. Hunde und
Katzen sind nämlich gleich gewissen, besonders veranlagten Menschen
geistersichtig (vidovit) und hören bald das Herannahen des Toten. Der
Hund stürzt aufs oder zum Fenster und bellt so sehr, dass der Tote
verschüchtert abziehen muss. Nachts dürfe man, glauben die Slovenen
und die Chrowoten im Zagorje, auf niemand einen Hund hetzen, denn es
erscheine ein Toter vor dem Hetzer in Gestalt eines guten Genossen,
rufe ihn zu sich und sage ihm: »Trage mich ins Grab!« (nosi me u
grob!), und der Aufgeforderte müsse den Toten tragen. Desgleichen ist
es verpönt, nächtlicherweile zu pfeifen, als ob man einen Hund
lockte, denn sonst kommt ein Toter und trägt einen fort. Gegen
Grabschänder, die sich Totenfetische besorgen, um Böses zu stiften,
sind die Toten unerbittlich rachsüchtig. Nimmt z. B. einer auf dem
Friedhofe einen Sargnagel an sich, so sucht allnächtlich den Räuber
jene Seele heim, von deren Sarg er den Nagel entwendet hat, und raubt
ihm so lange den Schlaf, bis der Nagel zurückgestellt wird.

Man darf es nicht übersehen, dass auch die christliche Kirche dem
alteinheimischen Geisterglauben Vorschub geleistet, ohne es unmittelbar
zu beabsichtigen. Belege dafür lassen sich schon aus der
südslavischen Literatur der jüngsten drei Jahrhunderte beibringen.
Sehr häufig sind uralte Vorstellungen mit neuen derart verwachsen,
dass wir mit unsern geringen Mitteln ausser stande sind, Altes vom
Neuen zu scheiden. Bezeichnend ist in solchen Geschichten gewöhnlich
als Schuld der Rückkehr oder der ewigen Verdammnis auf Erden
herumzuirren, die Schändung oder Entweihung einer zu kirchlichen
Zwecken bestimmten Sache. Die Erlösung erfolgt meist durch
Seelenmessen, während sonst Geister durch Verfluchungen und
Verwünschungen in ihr Grab zurückgebannt werden können. Es gibt
Leute im Volke, die sich berufmässig mit Geisterbannen beschäftigen.
Dem hochbetagten Geisterbanner Imro Koprivčević in Pleternica
genügte dieser Erwerb für seinen und seiner Familie Unterhalt. Sein
Handwerk, die Opankenflickerei, hatte er schon vor vielen Jahren
aufgegeben, weil sich ihm das Geisterbannen allein genug lohnte. Er
erzählte mir gar oft von seinen Leistungen auf diesem Gebiete, und als
mir seine Erzählungen nach Jahren von Wichtigkeit für die Volkkunde
zu sein schienen, liess ich ihrer eine grosse Anzahl wörtlich nach
seinem Vortrag niederschreiben, und zwar unter Aufsicht meiner seither
verewigten Mutter, damit keine Irrtümer mit unterlaufen sollen.

Die Seelen der Grenzmarksteinverrücker müssen allnächtlich mit einer
Kerze in der Hand an den verschobenen Grenzen irrwandeln, bis jemand
die Grenzsteine richtig auf den alten Platz zurückstellt. Solche
Geister nennt man Steinträger. So büssen auch gewisse Bienenzüchter.
Es gibt nämlich Bienenzüchter, die am Allerheiligentage das heilige
Brot, das sie beim heiligen Abendmahle empfangen, im Munde behalten und
es zu Hause ins Bienenhaus legen, damit die Bienen nicht absterben oder
auswandern, sondern vielmehr besser schwärmen mögen. Zur Strafe für
diesen Frevel müssen solche Leute nach ihrem Ableben ohne Kopf, mit
einer brennenden Kerze in der Hand nächtlicherweile umgehen. Diese
Geister heisst man Kerzenträger. [112]

Die entweihte Hostie hat zu vielen Spukgeschichten Anlass gegeben, nur
zu einer bei den Südslaven nicht, zur Judenverfolgung wie in
Deutschland im Mittelalter schmachvollen Andenkens. Koprivčević
erzählt: Im Dorfe Bilač (bei Ruševo) verstarb ein Mann, der einer
Stute die heilige Hostie (svetu pričest) zu essen gegeben. Nach seinem
Ableben kehrte er häufig nachts wieder und striegelte die Stute. Es
war im Herbste. Die Hausleute rüppelten im Hofe Kukuruzkolben und
liessen über Nacht den Kukuruz im Freien. Nachts trug der
zurückgekehrte Tote alle abgerüppelten Kolben in die Stube hinein und
gab der Hausvorsteherin einen solchen Hieb aufs Bein, dass ihr ganzer
Fuss blau ward. Auch kletterte er auf den Boden hinauf und löste alle
Rauchfangziegel los. Als wir uns in der Stube versammelt hatten,
setzten wir uns alle obenan zum Tisch, vor uns aber standen vier Wiegen
mit Kindern. Im Ofenwinkel lagen sechs Spindeln. Der Mond schien so
schön hell in die Stube hinein. Als der Geist erschien, schleuderte er
vorerst alle Sachen hinter die Türe, bewarf uns der Reihe nach mit
Erde, gab einem einen Hieb auf den Kopf, dem andern auf die Füsse und
warf die Spindeln auf die Wiegen. Wir dachten nicht anders, als er
werde die Kinder töten. Als wir aber Licht machten, lagen die Spindeln
zwischen den Wiegen, keine auf einer Wiege. Wer eine Mütze aufhatte,
dem riss er sie vom Kopf herab und warf sie weg. Als ich ihn zu
beschwören anfing (kad sam ga počeo zaklinjat), flog er hinaus und
kehrte nimmer wieder. — Die ausschliesslich kirchlichen Sagen, die
»Küsterlegenden« von der Rückkehr Verstorbener sind
verhältnismässig selten und noch seltener an einen bestimmten Ort
gebunden. Eine Erzählung aus dem Volkmunde mag hier als Beispiel
folgen:

An einer kleinen katholischen Pfarrkirche bei Samobor wirkte viele
Jahre hindurch ein alter Exekutor (crkovnjak), der jedesmal beim
Nachfüllen der ewigen Lampe auch für seinen eigenen Gebrauch vom
heiligen Öl zu nehmen pflegte, um es daheim zu brennen. Als er
verstarb, begrub man ihn im nahen Kirchenfriedhof. Sein Amtnachfolger
machte die Wahrnehmung, dass jedesmal bis zum Morgen das Öl aus der
lux aeterna bis auf den letzten Tropfen verschwand. Da auch der Pfarrer
keine Lösung dieses Rätsels wusste, beschloss der Kirchendiener,
einmal dem Diebe aufzulauern. Er setzte sich aufs Chor, nahm das
Glockenseil in die Hand und schaute bald auf das Lämpchen, bald durchs
Fenster auf den Friedhof hinaus. Um 11½ Uhr nachts öffnete sich das
Grab des alten Sünders, des Kirchendieners, und husch, ist er aus dem
Grabe draussen. Der Alte hüllte sich in sein Leichentuch ein, zog die
Socken aus und klomm durchs Kirchenfenster in die Kirche hinein, sprang
auf die Lampe zu und fing an, daraus das Öl wegzutrinken. Da schlich
sich leise der Kirchendiener von der Wacht vom Chor weg aufs Grab und
stahl eine Socke. Kaum, dass er zurück auf seinen Platz gelangt war
und das Seil wieder erfasst hatte, war der Verstorbene wieder zum Grabe
zurück. Just schlug es Mitternacht. Schnell zog er die eine Socke an,
fand aber die zweite nicht, und so zog er rasch die eine aus und zog
sie auf den andern Fuss an, dann zog er sie wieder aus und auf den
andern an. Der Lauscher auf dem Chor fand dieses Tun gar possierlich
und schlug darüber eine gellende Lache auf. Im Nu war der Geist
zurück, der Mann erschrak und fiel vom Chor herab. Da er sich am Seil
festhielt, fing die Glocke an zu läuten, der Geist aber rumpelte
nieder und sprach schwer aufächzend: »Hab Dank, dass du mich von der
Pein und Qual erlöst.« In der Früh fand man den Kirchendiener auf
dem Chor, zwar am Leben, doch waren ihm alle Kopfhaare ausgefallen.
Seit jener Nacht blieb das Öl in der Lampe unangetastet. (Chrowotien).

Unschuldig ums Leben gebrachte Menschen rächen sich als Geister an
ihren Mördern. Es ist nicht notwendig, dass ein wirklicher Totschlag
erfolgt sei, auch ein Tod, den man durch Zaubermittel verursacht,
schreit nach Rache. Koprivčević erzählte z. B. folgendes Erlebnis:
Im Dorfe Orjevci (bei Pleternica) lebte ein Weib, das konnte ihren Mann
nicht ausstehen und sie sann und sann, um ihn zu verderben. Während
der heiligen Mitternachtmesse zu Weihnachten (o ponoćki) mass sie ihn
mit einem Faden der Länge nach aus. Ein Ausgemessener lebt aber das
Jahr nicht aus, gerade so wie einer, der sich abwägen lässt. Bis zu
den nächsten Weihnachten war der Mann gestorben. Darauf kehrte er
allnächtlich zu seinem Weibe zurück, setzte sich aufs Bett zu ihr und
halste sie mit seinen kalten Händen ab. Sie jammerte (jaukala) und
lief jedesmal aus dem Hause fort. Einmal kamen zwei fremde Wanderer zu
ihr und baten sie um eine Nachtherberge. Im Hofe stand ein Wagen voll
Heu. Sie sagte: »Dort habt ihr ein Geläger. Legt euch nieder!« Ihr
verstorbener Mann kehrte aber wie sonst zurück und fuhr die Leute die
ganze Nacht hindurch im Hofe auf und ab. Der Wagen raste mit solcher
Schnelligkeit dahin, dass die beiden Männer garnicht herabspringen
konnten. Der eine von ihnen ist vor Schrecken ganz ausser sich geraten,
der andere verfiel aber in ein Fieber und starb drei Wochen nachher.
Erst als ich späterhin den zurückkehrenden Toten beschworen
(zaklinjo), ist er nimmer wieder heimgekommen.

Ein tatsächlich Ermordeter benimmt sich noch ungleich boshafter. Er
straft den Mörder und das ganze Dorf.

Zu Bjeleševci bei Pleternica hat es sich vor einigen Jahren
zugetragen, dass Savo und Andrija miteinander in Streit gerieten und
Andrija den Savo totschlug (na mrtvo ubije). Als man Andrija in den
Arrest abführte, bestattete man eben Savo. Nach Ablauf von acht Tagen
sah man Savo nächtlicherweile umgehen (po noći di oda) und hörte ihn
wehklagen (jauče a joj! a joj!). Als Andrija in der gerichtlichen
Untersuchung war, pflegte ihn Savo allnächtlich zu würgen. Andrija
hatte einen Schwager, einen Müller. Zu diesem kam Savo gerade am
Charfreitag nachts in die Mühle und walkte den Schwager so arg durch
(izgnjeo), dass ihn die Leute, die in der Frühe die Mühle betraten,
kaum noch lebend antrafen. Nach und nach erholte sich der Müller
wieder und erzählte, was sich nachts zugetragen. In der Nacht auf den
Tag, wo man Andrija in den Kerker forttrieb, erschien der Geist wieder
beim Müller und knetete ihn fürchterlich durch und marterte ihn halb
tot. Sodann stellte er sich regelmässig jede Nacht unters Fenster und
wehklagte, worauf in kurzer Zeit das ganze Dorf bis auf zwei Häuser
ausstarb. Eines Nachts kehrte er in den Stall eines Nachbars ein, und
begann sich mit dem Vieh herumzustechen (začeo se s njegovom marvom
bosti). Als nach zweijähriger Kerkerhaft Andrija heimkam, musste er
Haus und Grundstücke an einen Čechen (pemca) verkaufen, weil er vor
dem Geist keine Ruhe fand. Und auch der Käufer hatte im Hause keinen
Frieden. Aus Verzweiflung gingen die Leute auf den Boden hinauf
schlafen, doch der Geist suchte sie auch auf dem Boden heim. Darauf
ging der Čeche zwei, drei Nächte hindurch auf den Friedhof, um das
Grab des Ermordeten zu beobachten. Siehe da, es kroch aus jenem Grabe
ein Wesen gleich einem Tiger [113] heraus (ko tigar nešto izlazi). Am
nächsten Morgen ging man nachsehen und fand ein grosses Loch, das
jener als Ausgang benützte. Hierauf hat sich jener Kerkersträfling in
Koprivnica Haus und Grund gekauft, und seitdem hat der Spuk im Dorfe
aufgehört (onda se je smirilo u selu). »Das alles hat mir wörtlich
so sein Weib erzählt«, bemerkte meine Mutter am Schlusse dieser
Aufzeichnung (Slavonien).

Geistern im Freien zu begegnen, ist nicht ratsam, denn man kann sich
ihnen unversehens vermessen. Es genügt ihnen, dass einer zufällig
ihre Wege kreuzt, und schon hat er ihren Zorn auf sich geladen.
Mitunter ist ein Geist nicht fassbar, und der angegriffene Mensch ist
schutzlos Misshandlungen preisgegeben; zuweilen ist aber der Geist so
körperlich, dass man mit ihm ringen und ihn auch durchbläuen kann.
Dann kehrt der Geist gewitzigt ins Grab zurück. Eine ausführliche
Geschichte dieser Art, die sich vor 30 Jahren in Pleternica zugetragen
haben soll, erzählt Koprivčević. Der angefallene Bauer rang den
zurückgekehrten Toten im Graben nieder, strich ihm drei saftige Hiebe
mit dem Pfeifenröhrl über den Kopf, worauf der Tote ein Wutgeheul
ausstiess, sich vom Bauer losmachte und wieder ins Grab zurückkehrte.
Der Bauer aber lag die längste Zeit krank darnieder und kam nie wieder
recht zu sich. »Es ist keine Lüge, sondern lautere Wahrheit« (laž
nije, već prava istina), bemerkte K. zum Schlusse seines Berichtes.

In der Regel sterben von Geistern angefallene Leute sehr bald nach und
kommen selber spuken.

Im Dorfe Malin bei Pleternica lebte ein alter Mann, der ging einmal
nachts ins Dorf Orjovac. Da trat vor ihn ein Knabe und fragte ihn,
wohin er gehe? Der Bauer mochte keine Antwort geben, worauf ihn der
Knabe zu zerren anfing (stane ga grabusat). Der Bauer schrie und schrie
und fluchte, der Knabe trieb es aber um so schlimmer. Nun verlegte sich
der Bauer aufs Bitten und der Knabe fragte wiederum: »Wohin des
Weges?« Der Bauer wollte es nicht sagen, und der Knabe setzte ihm
wieder arg zu. Endlich wurde es dem Bauer lästig und er sagte, wohin
er gehe. Kaum hatte er es gesagt, so erwiderte der Knabe: »Das also
hast du mir nicht gleich sagen können? Hättest du es, ich hätte dich
in Frieden gelassen.« Darauf verschwand er. Als der Bauer heim kam,
lag er zwei Tage krank darnieder, am dritten aber starb er. Fünf
Nächte hindurch kehrte er wieder aus dem Grabe heim, fragte sein Weib:
»Wie ist es dir auf dem Herzen?« und ass alles auf, was sein Weib zu
Nacht übrig gelassen, und so wie er die fünfte Nacht fort ging,
kehrte er nimmer wieder zurück.

Im Dorfe Mačkovac bei Pleternica ging ein Hirte nachts nach Hause und
pfiff (fićuko), worauf ihn Hunde anfielen; er begann aber zu fluchen.
Als er jedoch auf den Kreuzweg (krstopuće) kam, fiel ihn ein kleiner
Hund (mali ćuko) an, der Bursche aber fing wieder zu fluchen an und je
mehr er fluchte, desto heftiger griff ihn der Hund an und geleitete ihn
bis nach Haus. Dieser Hund bellte jedoch nicht, sondern murrte (mrko)
bloss und zerrte den Burschen. Dieser stieg auf den Stallboden hinauf,
um zu schlafen, der Hund aber klomm ihm nach. Der Bursche fluchte
wiederum, zuletzt aber starb er vor grossem Grauen und Entsetzen. In
der Früh kam der Hausherr auf den Stallboden hinauf und weckte den
Burschen, doch dieser erhob sich nicht mehr. Darauf begrub ihn der
Hausherr. In der vierten Nacht kehrte der Diener zurück, warf in der
Stube Staub herum und fluchte dem Hausvorstand, dessen Gesinde und der
Frist, wo er zu diesen Leuten in Dienst getreten. Der Hausvorstand aber
verfluchte (prokune) ihn, und so kehrte der Tote nimmer wieder zurück.

Häufig beschränken sich die Geister darauf, den Leuten die Köpfe
einzuschlagen oder gar nur Schrecken einzujagen. Diese Kunststücke
sind in neuerer Zeit durch die Spiritisten oder Medien auch bei uns
salonfähig geworden. Es ist immer der alte Schwindel.

Mato Nikolčić in Pleternica erzählte meiner Mutter am 27. Dezember
1886 folgende Geschichte, die er miterlebt haben will. »Im Herbste des
Jahres 1873 starb in Suljkovac (bei Pleternica) ein altes Weib, das am
zweiten Abend nach ihrer Bestattung heimkehrte und Unfug (neprilika)
trieb. Sie warf Steine gegen die Tür, schleuderte Staub herum, tobte
und schreckte heillos die Leute. Der arme Hausvorstand war mit seinem
Weibe und seinen Kindern so entsetzt darüber, dass er sich mit ihnen
allein nicht mehr in der Stube zu schlafen getraute und so musste der
Ärmste jede Nacht acht bis zehn Männer zu sich bitten, dass sie bei
ihm nächtigten. Was hat er nur für Beleuchtung während der Zeit
ausgeben müssen! Genützt hat es aber gar nichts. Das Gespenst warf
mit Steinen herum, schlug dem einen Manne den Schädel ein, dem andern
verletzte es arg die Hand, und so dauerte der Spuk beiläufig zehn
Nächte lang. Jetzt ist nichts mehr davon zu hören« (Slavonien).

Koprivčević erzählte: »Im Dorfe Suljkovci (bei Pleternica) verstarb
ein altes Weib. Schon am nächsten Tage kehrte sie zurück, obwohl die
Sonne noch glänzend schien. Sofort warf die Tote mit Steinen. Darauf
kletterte sie auf den Boden hinauf und bewarf durch die
Dachbodenbretter die Hausleute mit Kukuruz und Bohnen. Sie hatte einen
Eidam und eine Tochter. Die Leute überredeten ihre Tochter, sie möge
ihre Mutter fragen, was sie suche. Als dann die Tochter die Frage
stellte, zitterte sie am ganzen Leibe und wurde von der Mutter arg
beworfen. Nur den Eidam liess die Tote vollständig in Ruhe. Einer von
den Leuten schimpfte ihr unflätig Gott (jebem ti boga!). Da riss die
Tote einen Stein aus der Mauer heraus und schlug dem Schmäher den
Schädel ein und gleich begann ihm Blut aus dem Kopfe zu rinnen. Obwohl
die Küchentür verriegelt war, warf die Tote lauter heisse Ziegel in
die Stube hinein. Als ich anfing, sie zu beschwören (zaklinjat),
schleuderte sie noch einen Stein gegen die Tür und kehrte nimmer
wieder zurück.«

Derselbe erzählt: »Im Dorfe Komorica starb ein alter Mann, der kehrte
allnächtlich wieder heim, und so oft er kam, warf er mit Bohnen und
Erdäpfeln im Zimmer herum und schreckte die Leute und haute besonders
den, der darüber zu fluchen anfing. Der Hausvorstand liess Messen
lesen, berief den Pfarrer und den Kaplan, damit sie den Geist
beschwören, doch blieb alles vergeblich, erst als ich den Geist
beschwor (zaklinjo), ist er verschwunden und nimmer wiedergekommen.«
Im Dorfe Suljkovci starb der Binder, kehrte aber nach der dritten Nacht
wieder zurück und warf von da ab allnächtlich in der Küche alles
durcheinander. Das gab jedesmal ein grosses Gepolter. In der Früh war
trotzdem alles auf seiner Stelle und unversehrt. Erst als ich dort war
und zu Gott betete, ist der Spuk verschwunden. In Pleternica ging
einmal nachts ein Mann über den Bach, da plötzlich platzte und
würgte »Es« ihn, folgte ihm nach Haus, »Es« kletterte auf den
Boden hinauf und verursachte ein furchtbares Gepolter. Dann fiel es in
die Stube wie ein Fässchen hinab, klomm auf den Tisch hinauf und
zerschlug alle Gläser und Teller. Als man ein Licht anzündete, waren
alle Gefässe auf dem Tische unversehrt. So ging es Nacht für Nacht.
Als ich den Geist beschwor (zaklinjo), sprang er durchs Fenster,
klopfte dreimal mit dem Schnällchen und ein schwarzer Kater (crni
mačak) wimmerte (drečo), und nie erschien der Geist wieder.

Namenlose Sehnsucht Lebender nach geliebten Verstorbenen vermag auch
die letzteren aus ihrer ewigen Ruhe für eine kurze Frist
heraufzubeschwören, doch genügt die Sehnsucht ohne Zaubereien kaum
oder gar nicht. Man formt das Bild oder die Gestalt des Toten aus Wachs
oder einem andern Stoffe, bekleidet und benamt sie und setzt ihr unter
Koseworten Speise und Trank vor. Solchem Rufe muss der Tote Folge
leisten. Hierher gehört die auch unter den Südslaven allbekannte
Leonorensage, von welcher ich hier eine noch nicht veröffentlichte
Fassung, die wahrscheinlich aus einem ursprünglicheren Liede in
ungebundene Rede aufgelöst wurde, mitteilen will. Im übrigen ist just
diese Sage oft genug besprochen worden. [114]

Ein Bursche führte mit einem Mädchen eine Liebschaft und sie
gedachten einander zu heiraten. Da starb plötzlich der Jüngling und
wurde zum Werwolf (povukodlači se). Eines Nachts kam er zum Mädchen
und sprach: »Komm mit mir, ich werde dich heiraten.« Und sie folgte
ihm, eingedenk ihrer Abmachung mit ihm. Er schwang sich aufs Pferd und
pflanzte sie hinter sich auf. Als er im Gebirge war, hub er an zu
singen: »Der Mondschein scheint, ein Toter reitet ein Ross, o
Mädchen, hast du eine Furcht?« (mjesečina sja, mrtvac konja jaha,
jà djevojko, je li tebe strah?). So gelangten sie zum Grabe. Der Tote
stieg vom Pferde ab und sagte zum Mädchen: »Tritt ein ins Haus!«
Darauf das Mädchen: »Geh du voraus, dann folge ich, bis ich das eine
und das andre geordnet habe.« Er legte sich ins Grab, sie aber hatte
mehrere Knäuel Zwirn bei sich und reichte ihm ein Ende zum Abwickeln
hinab. Er zog und zog, und so hielt sie ihn bis zum Morgengrauen hin
und blieb am Leben (Bosnien, Drinagebiet).

Es lässt sich trotz der Monographie Šišmanovs nicht entscheiden, ob
diese Sage nicht etwa eine Wandersage sei und vielleicht dem slavischen
Boden gar nicht entstamme. War sie ursprünglich fremd, so fand sie
doch unter den Südslaven einen gut vorbereiteten Boden vor, d. h.
einen eng verwandten Glauben- und Sagenkreis, in den sie vollkommen
hineinpasste. Man glaubt z. B., dass man im stande sei, nicht bloss
einen Toten zurückzurufen, sondern auch einen Geist in eine Puppe
hineinzubannen, und auf diese Weise aus der Puppe einen Menschen zu
schaffen. So ist der Heilige Pantelija (Panteleimon) von zwei
Schwestern, die keinen Bruder besassen, ins Dasein gezaubert worden.
Der Heilige ist in die äusserst merkwürdige Lage zweifellos durch
eine jüngere Umdichtung hineingeraten. Eines endgültigen Urteils muss
ich mich hierin vorläufig enthalten. Nahe berührt sich mit dieser
Sage jene von der einzigen Schwester, die, in weiter Fremde weilend,
ihren Bruder zu sich auf Besuch herbeizaubert. Um Mariechens Hand
warben Freier aus allen vier Weltgegenden. Die alte Mutter möchte ihr
Kind an Elias aus dem Künstenlande vergeben, doch ihre neun Brüder
und ihre neun Geschwisterkinder sind damit nicht einverstanden, sie
reden dem Mädchen ab, um sie irgendwo hin in die weite Welt hinaus zu
verschachern. Sie umschmeicheln sie und versprechen ihr ewige treue
Freundschaft:


    Und wenn du gehst nach unserm Belieben,
    so werden wir gar häufig dich besuchen,
    so oft als ab im Jahr die Monde wechseln,
    in jedem Monat jede liebe Woche;
    doch wenn du gehst nach deiner Mutter Willen,
    wird nie von uns dich einer je besuchen.


Mariechen überlegte es sich, wem sie folgen solle, und weil sie sich
sagte, das Mütterchen sei schon hochbetagt und werde zu ihr nie auf
Besuch kommen können, so gab sie dem Drängen ihrer neun
Geschwisterkinder und der Brüder nach. Es verstrich ein Jahr in der
Fremde, keine Seele kam zu Mariechen auf Besuch:


    Da sprach ein rügend Wort die alte Schwieger:
    Dich töte Gott, o Söhnerin, du Liebste!
    Wie, stehst du so in Lieb’ bei deiner Sippe,
    dass kein Verwandter zum Besuch sich einstellt?

    Mariechen perlen Tränen aus den Augen.


Als auch im zweiten Jahre niemand zu Besuch erschien, erhob den
gleichen Vorwurf der Schwiegervater, doch


    Mariechen schweigt, sie spricht kein Sterbenswörtchen,
    von ihren Wangen nur die Tränen perlen.


Im dritten Jahre fangen die Schwäger, im vierten die Schwägerinnen
(die Frauen der Schwäger) und im fünften Jahre gar die jungen
Schwestern der Schwäger über Mariechen loszuziehen an:


    O Söhnerin, dich beisse eine Natter!
    Was kommt nicht einer von den neun Gebrüdern?
    Da wimmert sie wie eine wilde Natter:
    — O wehe bis zum lieben Gott im Himmel!
    ich mag mich gegen Gott versündigt haben,
    dass niemand lebend oder tot mich heimsucht!
    Drauf ging sie in die warme Kemenate
    hinab, verfertigte der Puppen neun
    und gab den Puppen ihrer Brüder Namen;
    und wieder fertigte sie neun Gebilde,
    benannte sie nach den Geschwisterkindern
    und stellte vor sie hin die Speisetafel
    und auf die Tafel Speisen und Getränke
    und reichte Wein der Reihe nach den Puppen.

      Doch Gott empfand darob ein gross’ Erbarmen,
    (die Brüder waren ja schon lang verstorben),
    zur Erde sandt’ hinab er seinen Engel
    hinab aufs Grab des ältern Bruders Jovo.

      Der Engel schlug aufs Grab mit seinem Stabe,
    von selber schloss sich auf das Hügelgrab,
    Der Engel baut ein Ross aus Sarg und Brettern
    und schneidet aus dem Leichentuche Kleidung,
    und weckt dann wieder auf den toten Jovo:
    — Auf, Jovo, geh dein Schwesterlein besuchen!
    Bis Samstag magst beim Schwesterlein verweilen,
    am Sonntag kehr zurück hier untern Rasen!

      Und Jovo ging, um Gottes Wort zu leisten.

      Von weiter Fern’ erschaute ihn die Schwester,
    frohlockend rief sie allen zu im Hause:
    — Juchhei! da naht mein allerältster Bruder!

      Sobald die Hausleut’ dieses Wort vernommen,
    so liefen sie ihm weit voraus entgegen
    und führten gastlich ihn in ihr Gehöfte
    und boten an ihm jeder Art Erlabung
    und neunerlei verschiedner Arten Weine.

      Der tote Leib verschmäht Getränk’ und Speisen;
    der Tote spricht, er fühle sich zu leidend.
    Als letzt der Samstagmorgen angebrochen,
    so rüstete sich Jovo wohl zur Heimkehr.

      Es wollten alle ihn zurückbehalten,
    doch Jovo lässt von niemand sich beirren,
    am Sonntag muss er wieder untern Rasen.

      Ihm gab das Schwesterlein das Weggeleite.
    Doch leise sprach zum Schwesterlein der Bruder:
    — O Schwester, das ist eine grosse Schande,
    dass du mich ohne Schwager hier geleitest!

      Doch ist darob die Schwester unbekümmert,
    sie geht in einem fort mit ihrem Bruder.

      Als sie durchs grüne Hochgebirge zogen,
    erhoben einen Sang die Amselvögel:
    »O, lieber Gott, gedankt sei jede Gabe,
    da wandelt auf der Erde hin ein Toter.«

      Bemerkte Schmuck-Mariechen zu dem Bruder:
    — O horch, mein Bruder, was die Vögel zwitschern!
    — Du bist ein Närrchen, meine liebe Schwester,
    sie zwitschern halt, wie’s ihnen Gott befohlen!

      Als sie in Sicht des Hausgehöftes kamen,
    da war mit Moos das weiss’ Gehöft bewachsen.

      Erschrocken spricht das Schwesterlein zum Bruder:
    — Was sind da unsre Höfe so verdüstert?

      Dem Schwesterlein das Brüderlein entgegnet:
    — Bist du ein Närrchen, meine liebste Schwester!
    Als wir, die ältsten Brüder uns beweibten,
    sind vom verfluchten Blei und Pulverrauche
    verschwärzt geworden unsre weissen Höfe.

      Als sie zum grünen Friedhof hingelangten,
    sprach Jovo: »Wart, ich habe Durst bekommen,
    ich geh’, o Schwesterlein, zum kühlen Bronnen.«

      Kaum sagte er’s, schon fing er an zu laufen
    und lief behende hin zu seinem Grabe,
    und flog hinein in seine tiefe Grube.
    Es schloss sich über ihm das Hügelgrab.

      Mariechen sah, o wehe ihrer Mutter;
    Mariechen sah die Gräber frisch geschaufelt,
    wohl achtzehn Gräber, eines an dem andern.
    Sie rannte jammerklagend hin zum Hofe
    und klopfte mit dem Pfortenring ans Tor an.

      Von innen ruft die Mutter aus dem Hofraum:
    — O troll dich fort von hinnen, Pest und Krankheit,
    du hast mir meinen Nachwuchs hingemordet,
    hast mich allein im Leid zurückgelassen!

      Am Tore ruft Mariechen ihr zur Antwort:
    — Ich bin ja nicht die Pestfrau, nicht die Krankheit,
    ich bin dein Kind Mariechen, grambeladen!

      Kaum hat die Mutter dieses Wort vernommen,
    so sprang sie auf und öffnete das Pförtlein.

      So wie sie sich in Leid und Weh umarmten,
    so sanken beide tot zur Erde nieder.



Der Vampir.


»An die Daseinwirklichkeit von Vampiren glauben Christen gleich
Moslimen ebenso fest oder wenigstens nicht minder als an einen Gott im
Himmel (vjeruju — ko da ima Bog na nebu)«, schreibt mir einer meiner
Berichterstatter aus Bosnien. Diese Behauptung ist durchaus nicht
übertrieben, sie entspricht vielmehr den tatsächlichen
Glaubenverhältnissen und gilt im allgemeinen für alle Südslaven,
insbesondere für die Serben und Bulgaren, aber auch die übrigen
slavischen Völker hegen denselben Glauben, wenn auch vielleicht in
einer klein wenig verschiedenen und abgeschwächten Äusserung im
Volkleben. Andree gibt der Meinung Ausdruck, der Vampirglaube habe
»sein Zentrum, seinen Focus bei slavischen Völkern, wenn er auch
weiter sich nachweisen lasse und in verwandten Formen oder anklingend
über die ganze Erde vorkomme«. Das bedarf einer geringen, doch
wesentlichen Berichtigung, etwa in der Weise: Der Vampirglaube ist bei
allen Völkern heimisch, doch die uns bekannteste Form, weil am
häufigsten besprochene, ist die slavische, die einige
Eigentümlichkeiten gegenüber dem analogen Glauben anderer Völker
aufweist. Von einschneidender Bedeutung sind aber diese
Eigenartigkeiten mit nichten. [115]

Dass der Name Vukodlak (Werwolf) auf den Vampir übertragen wurde, ohne
dass eine Begriffverwirrung im Volkglauben stattgefunden, bespreche ich
im nächsten Aufsatz. Der Name Vukodlak ist seltener als Vampir, wie
das Wort bei den Slovenen und Chrowoten lautet. Die Bulgaren sagen
vampir, häufiger vapir, vepir, vupir, die Serben: vampir, lampir,
lapir, upir, und upirina. Letztere zwei Ausdrücke vernahm ich meist
aus dem Munde von Popen. In und um Spalato in Dalmatien ist der mir
seiner Bedeutung nach dunkle Name Kozlak gewöhnlicher als Vukodlak und
Vampir. Vampirhafte Wesen (Kozlaštvo iliti vukodlaštvo) gilt als
erblich (nasljedno, ereditario). War der Vater ein Kozlak, so wird auch
der Sohn einer werden. Ganz identisch mit einem Vampir ist der Kozlak
denn doch nicht. Der Kozlak kann bei Lebzeiten als Mensch zukünftiges
Wetter voraussagen und leichter und schneller als andere Leute gehen.
Das Volk glaubt, die Kozlaki besässen gewisse besondere Bücher, aus
denen sie nur allein zu lesen verständen und woraus sie die Kunst
erführen, Wunder zu verrichten. Der Mann im Volke hütet sich, einem
Menschen sich zu vermessen, den er für einen Kozlak hält. Zu streiten
wagt er es schon lange nicht mit ihm. Auf einigen dalmatischen Inseln,
auf denen eine slavisierte italienische Bevölkerung wohnt, heisst man
den Vampir auch Orko (Orcus). In Montenegro und im südlichen Teil des
Herzögischen sagt man für Vampir: tenac oder tenjac (wohl für
tenarac; tenar = Gruft; vom griech. thénar) und für: sich in einen
Vampir verwandeln: potenčiti se. Einem bösen Menschen flucht man
z. B. so: »Gäbe es Gott, dass du zu einem Tenac werden sollst, wie
du einer auch werden wirst, so Gott will!« (da Bog da, potenčio se,
kao što i hoćeš ako Bog da!). Ein einziges Mal hörte ich eine
beschönigendere Bezeichnung für Vampir: mrtva nesreća (das tote
Unglück oder Unheil); den blossen Namen glattwegs auszusprechen, ist
nicht geheuer. Ist die Rede von einem Vampir, so pflegt man jedesmal
dazu den Fluch hinzuzusetzen: na putu mu broč i glogovo trnje! (Auf
seinem Wege mögen Färberrötel und Weissdorndickicht gelegen sein!)
Auf blutfarbigem (rötlichem) Gestein gedeiht nämlich Weissdorn am
besten.

Bemerkenswert ist die Definition eines serbischen Bauers von »vukodlak
ili vampir«. Er sagte: »Wir nennen so verstorbene Menschen, in die 40
Tage nach ihrem Tode ein höllischer Geist fährt und sie belebt. Der
Vampir verlässt nächtlich sein Grab, würgt die Menschen in den
Häusern und trinkt ihr Blut.« Ein anderer Bauer verbesserte den
Sprecher: »Nein, du hast es gefehlt. Die verfluchte Seele findet weder
in den Himmel noch in die Hölle Eingang. Der Vampir ist den Tieren
(dem lieben Vieh) noch weit gefährlicher als getauften Seelen«
(Menschen).

Vampire erscheinen zumeist zur Winterzeit in der Zeit zwischen
Weihnachten und Christi Himmelfahrt. Man glaubt, wenn eine Hungernot
ausbricht, streifen Vampire um Wassermühlen, Fruchtscheuern und
Maisvorratkammern herum. Schon einer meiner Gewährmänner erwähnt,
dass sich Fruchtdiebe in Hungerjahren den Glauben des Volkes zunutze zu
machen wissen.

Das Volk glaubt, zu einem Vampir werde nur ein ruchloser Bösewicht
oder sonst ein Verfluchter, ein rechtschaffener Mensch könne sich aber
in keinen Vampir verwandeln, ausser es fliegt über den aufgebahrten
Leichnam ein unreiner Vogel hinweg, oder es springt ein unreiner
Vierfüssler hinüber, oder es schreitet ein Mensch oder auch nur der
Schatten eines Menschen über den Toten. Vor solchen Zufälligkeiten
wird der Tote aufs ängstlichste beschützt und bewacht. Als unreine
Vögel betrachtet man die Elster (svraka) und die Henne (kokoš), nicht
aber einen Hahn, als unreine Vierfüssler eine Hündin (vaška) und die
Katze (mačka). Dass die Katze einen bösen Angang bedeute und zu
Wahrsagungen herangezogen wurde, lehrt uns L. Hopf; [116] der Südslave
hält jedoch die Katze für ein Unglückgeschöpf bösester Art. In
Bosnien lässt man z. B. keine Katze über den aufgelegten Webeaufzug
schreiten, weil man glaubt, dass derjenige, der in einem aus solchem
Leinen angefertigten Hemde stirbt, unfehlbar ein Vampir werden müsse.
Schliesst sich eine Katze an einen Kranken an, oder legt sie sich gar
zu ihm aufs Bett, so glaubt man, der Kranke werde in zwei, drei Tagen
das Zeitliche segnen. Läuft eine Katze gern zu einem Toten, so glaubt
man, der Tote sei noch vom neunten Gliede an verflucht oder verdammt.
Die südungarischen Serben glauben wieder, dass, wenn ein Hund oder
eine Katze, besonders letzteres Tier, unter dem Tisch durchläuft, auf
welchem ein Leichnam aufgebahrt liegt, der Tote als Vampir
wiedererstehen müsse. Besorgt der Bauer im Savelande, dass trotz aller
Wachsamkeit doch irgend ein unreines Tier über den Toten schreiten
könnte, so legt man ihm auf die Brust einen Kloss Erde (grumen zemlje)
oder sticht ihm unter die Zunge ins Fleisch eine Weissdornnadel (glogov
trn) und hofft dadurch eine sonst allenfalls mögliche Verwandlung des
Toten in einen Vampir zu vereiteln. Im Drinagebiete sticht man nur
ausnahmweise dem Toten besagten Dorn unter die Zunge, wenn es bekannt
ist, dass einmal in der Verwandtschaft des Verstorbenen ein Vampir
vorgekommen. Dagegen ist es bei den slavischen Moslimen durchgehends
gebräuchlich, sobald einer verstirbt, dem Toten auf die Brust und
unter das Haupt je ein Knöllchen Erde zu legen, und ihn, so lange er
im Hause bleibt (nie länger als 24 Stunden), aufs allersorgfältigste
vor den gedachten unreinen Tieren und vor dem Schatten eines Menschen
zu bewachen. Besonders gefürchtet wird der menschliche Schatten,
gleichsam als ob der Schatten als ein Sonderwesen in den toten Leib
hineinfahren und ihn zu neuem Scheinleben befähigen würde. Ähnlich
ist der Glaube, dass ein totes Frauenzimmer zum Vampir werden müsse,
falls sich ein Mann mit ihrem Leichnam vergisst. Ich habe eine hierher
gehörige Sage aufgezeichnet. [117]

Die Lebenden ergreifen mannigfache Massnahmen zu ihrem eigenen Schutze,
damit eine Vampirverwandlung von vornherein hintertrieben werde. In
Serbien und Bulgarien steckt man dem Toten einen Weissdorn in den Nabel
hinein. Man glaubt allgemein, dass sich, wer im Alter unter zwanzig
Jahren verstirbt, überhaupt in keinen Vampir verwandeln könne, doch
sind mir genug Ausnahmefälle bekannt geworden. Nur die
Wahrscheinlichkeit für eine Verwandlung ist eine geringere zufolge der
unschuldigen Jugendlichkeit. Danach richtet man sich. Stirbt einer im
Alter über zwanzig Jahre, so pflegen die Serben alle behaarten Stellen
am Leib des Toten, den Kopf ausgenommen, mit Werg zu bedecken und den
Werg mit der Sterbekerze anzuzünden, damit die Haare niederbrennen, um
so für jeden Fall die Verwandlung des Toten in einen Vampir unmöglich
zu machen. Einem toten Mörder, oder einem Meineidigen, oder überhaupt
einem verruchten Kerl (Frauen ungemein selten), von dem man glaubt, er
könnte noch als Vampir den Überlebenden schaden, verstümmelt man den
Leichnam, indem man ihm entweder die Fussohle durchschneidet, oder eine
Zehe abhackt, oder ihm einen grossen Nagel in das Hinterhaupt
eintreibt, »damit sich die Haut nicht aufblähen könne, sollte der
Teufel sie aufzublasen versuchen, um den Toten in einen Vampir zu
verwandeln.«

Die Unschädlichmachung eines Toten erfolgt auch durch eine Art
symbolischer Leichenverbrennung. Die Symbolik für ein Überlebsel
eines uralten südslavischen Brauches der Leichenverbrennung anzusehen,
verbietet uns der sonstige an die Toten sich anknüpfende Volkglaube,
über den ich mir auf Grund meiner besonderen, ausnehmend reichhaltigen
Sammlung ein sicheres Urteil bilden konnte. Um zu verhindern, dass sich
ein Toter in einen Vampir verwandele, begeben sich an manchen Orten in
Serbien die alten Weiber am Abend des Begräbnistages ans Grab des
Verdächtigten, bedecken es im Kreise mit Lein- und Hanfwerg, streuen
darauf Schwefel oder Pulver und zünden letzteres an. Nachdem das Werg
niedergebrannt ist, stecken sie fünf alte Messer oder vier
Weissdornspitzen ins Grab: das Messer in die Brust und je zwei Spitzen
in die Füsse und in die Hände des Toten, damit er sich an den Messern
und Dornen anspiesse, sollte er, zum Vampir geworden, dem Grabe
entsteigen wollen.

Gegen einen Vampirbesuch schützt man seinen Leib und die Behausung auf
mancherlei Art. Im bosnischen Savelande pflegen die Bäuerinnen, wenn
sie nach Brauch auf einen Totenbesuch gehen, alte abgenutzte Opanken an
die Füsse anzulegen und sich ein wenig Weissdorn (glogovine) hinters
Kopftuch (šamija) zu stecken. Auf dem Rückwege nach dem Besuch werfen
sie auf der Strasse die Opanken und die Weissdornen weit weg von sich
(zuweilen unter Verwünschungen) und kehren barfüssig heim. Man glaubt
nämlich, sollte der Verstorbene zum Vampir werden, so werde er zum
mindesten die Weiber, die ihm die Ehre eines letzten Besuches erwiesen,
nicht heimsuchen können, sondern die weggeworfenen Opanken und
Weissdornen aufzulesen haben. Damit ein Vampir den Lebenden und ihrer
Habe nichts antun können soll, nehmen die Serben reinen Teer her,
sprechen darüber Beschwörungen aus (obajaju ga) und bestreichen damit
kreuzweise (krstošu) die Türen und Eingänge ihrer Häuser, Hütten
und Scheuern. Türen und Fenster noch so eng zu verschliessen, nützt
vor Vampiren ebensowenig als vor Hexen oder Moren, denn Vampire sind
infolge ihrer Verwandlungfähigkeit in verschiedenste Gestalten im
stande, selbst durch die kleinste Ritze ins Zimmer hineinzudringen.

Darüber ist man einig, dass ein Vampir in der Regel menschliche
Gestalt habe, doch mit Vorliebe in Tiergestalt auftrete, als Mensch mit
einem Leichentuche bekleidet und blutig rot sei. Crven kao vampir (rot
wie ein V.), sagt man z. B. sprichwörtlich von einem versoffenen,
aufgedunsenen Kerl, weil man eben glaubt, ein Vampir wäre von dem
Blute der Menschen, die er ausgesogen, ganz rot und aufgebläht. Die
Moslimen glauben, der Vampir behalte zwar das Aussehen des Verstorbenen
bei, doch habe er nur dessen Haut an, die aber mit dem Blute der
angezapften, ausgesogenen und hingewürgten Leute vollgefüllt sei. Im
übrigen könne der Vampir doch nur nächtlicher Weile die Gestalt der
verschiedenartigsten Geschöpfe annehmen und auch nur sieben Jahre
hindurch sein verheerendes Unwesen treiben. Wenn er kein anderes Opfer
finde, so mache er sich sogar über seine eigenen hinterbliebenen
Verwandten her.

Eigentümlich ist der Glaube an die Verwandlung verstorbener Moslimen
in Schweine, die vorzugweise unter den Haustieren Tod und Verderben
verbreiten. Der Glaube ist sowohl unter den Serben als Bulgaren aller
drei Bekenntnisse einheimisch und besonders unter den moslimischen
Pomaken im Rhodopegebirge eingewurzelt. [118] Man nennt den als Schwein
wiedergekehrten Toten talasum oder tilisum (vom arab. tilisin, tilsem,
Mehrz. talisim = Zauberwerk) und den Vorgang der Verwandlung posvinjiti
se (in ein Schwein sich verwandeln). Wuchert, lügt und betrügt ein
Moslim, übrigens ein höchst seltener Fall, so sagen seine
Glaubengenossen, er werde sich nach seinem Ableben in ein Schwein
verwandeln müssen, um seine Schandtaten abzubüssen. Eine bosnische
Sage erzählt von einem Beg, der sich in ein Schwein verwandelt hatte.
Man habe ihn lange unter den Schweinen gesucht, bis man ihn zuletzt an
dem Ringe, den er an der Vorderfussklaue trug, erkannte. Im
Rhodopegebirge ereignet sich zuweilen, dass ganze Familien für
längere Zeit in ein fremdes Dorf auswandern, um einem angeblich
umgehenden Talasum zu entfliehen. Die Talasume besuchen alle Orte, wo
sie einst als Menschen geweilt, und fügen den Leuten viel Ungemach zu.
Den Glauben an solche zu Schwein gewordene Tote lassen sich die
Bulgaren um nichts in der Welt ausreden.

Der Vampir vermag sich ferner z. B. in einen Schmetterling, eine
Schlange oder gar in einen Heuschober zu verwandeln. Die Bäuerin
Margita Josipović erzählte am 17. Juli 1888 meiner verewigten Mutter
folgendes »Erlebnis« (aus Pleternica): »Als vierzehnjähriges
Mädchen besuchte ich einmal mit meiner Mutter eine
Spinnstubenunterhaltung (prelo). Wir sassen bis Mitternacht in
Gesellschaft und dann gingen wir, von einigen Weibern aus dem
betreffenden Hause begleitet, heim. Als wir an das Hintertürchen
kamen, bemerkte ich auf der Strasse ein Heuschöberchen, das sich von
selber vorwärts bewegte. Ich sagte zu meinem Mütterlein: »Schau
Mütterchen, da bewegt sich ein kleiner Heuschober. Weder sieht man
einen Wagen noch Pferde, er zieht aber doch vor uns daher, als ob ihn
etwas führte.« Wir bleiben stehen, der Heuschober bleibt stehen. Wir
schauen hin, uns wird bänglich zu Mute und wir laufen ins Haus zurück
und wecken den Hausvorstand auf. Der sagt uns, wir dürfen diese Nacht
nicht heim gehen, denn der Heuschober könnte uns den Weg verrammeln.
Das sei ein Werwolf (vukodlak) und wir könnten in grosses Unheil
geraten. Das sei ein solcher Toter, über welchen, als er aufgebahrt in
der Stube gelegen, ein Hund oder eine Katze gesprungen. Ein solcher
muss sich ja in einen Werwolf verwandeln.« Die Frau meinte einen
Vampir.

Ein zuverlässiges Schutzmittel gegen Vampirbesuche gäbe es nicht,
sagt das Volk, und man glaubt, es sei am tunlichsten, ihn durch gute
Bewirtung milde und versöhnlich zu stimmen. Ist sein Hunger gestillt,
so greift er keinen Menschen an. In Chrowotien glaubt man, dass, wenn
ein Toter einmal zum Vampir geworden, er allnächtlich um Mitternacht
nach Hause komme, und die ehemaligen Hausgenossen lassen ihm jeden
Abend seinen Anteil vom Nachtessen stehen, um sich von ihm loszukaufen.
Er isst aber auch alles bei Putz und Stengel auf. Weiter südlich
herrscht eine andere Auffassung vor.

Die Moslimen glauben, der Vampir kehre gleich in der ersten Nacht nach
dem Begräbnis in sein Haus zurück, zeige sich, falls er beweibt
gewesen, zuerst seiner Frau und frage sie, ob sie für ihn etwas zu
essen bereit habe. Sagt sie ja, und gibt sie ihm zu essen, dann wird
es, glaubt man, ihr und dem ganzen Dorfe sehr schlimm ergehen; denn der
Vampir werde sie nun allnächtlich heimsuchen, das Volk im Dorfe
würgen und ihm das Blut aussaugen. Ein kluges und verständiges Weib
wird aber gleich in der ersten Nacht ihrem Manne, dem Vampir,
antworten, sie habe gar nichts für ihn bereit, und da er nicht
ablässt, in sie zu dringen, so wird sie ihn heissen, er soll ins Meer
gehen, um Fische zu essen, oder er soll im Dorfe die Hunde oder im
Gebirge wilde Tiere fressen. Er müsse ihr hierin wie in allen übrigen
Stücken, die sie ihm gebietet, unbedingt Folge leisten.

Darum sagt das Volk sprichwörtlich: »Ein gescheidtes Weib kann es
verhindern, dass der Vampir sie besucht und die Leute hinmorde«
(pametna žena more zaprečiti, da vampir k njoj ne dolazi i da svijeta
ne tare).

Es hat sich der Fall schon sehr oft ereignet, dass bei einem grösseren
Sterben im Dorfe das Weib eines kürzlich verstorbenen Mannes von den
Dorfbewohnern misshandelt wurde, bis sie eingestand, dass ihr Mann sie
besuche und sie das Versprechen gab, sie werde ihn bestimmen, die Leute
nicht zu morden.

Christen und Moslimen glauben steif und fest daran, dass ein Vampir mit
einer ihn überlebenden Ehegattin regelmässig nächtlichen Beischlaf
ausüben könne und dass ein solches Weib auch öfters, von einem
Vampir geschwängert, Kinder zur Welt gebracht habe, nur hätten solche
Kinder gar keine Knochen im Leibe, sondern wären aus lauter Fleisch
gebaut. Solchen Kindern ist nur ein kurzes Leben beschieden.

Sobald sich in einem Dorfe die Todfälle jählings mehren, fängt man
an, davon zu sprechen, im Friedhofe müsse ein Vampir hausen. Bald
finden sich Gläubige, die behaupten, sie hätten einen nachts mit dem
Leichentuche umgehen gesehen. Nun rät man hin und her, wer sich wohl
von den Verstorbenen zum Vampir verwandelt haben dürfte. Die
Herzogländer bestreuen die verdächtigten Gräber ringsum mit Asche
und schauen in der Früh nach, ob in der Asche Fussspuren zu entdecken
seien und ob auf dem Grabe irgend ein Gewandstück liege. In einer
serbischen Schulfibel (bukvar) aus dem Anfange des XIX. Jahrhunderts
(Druckort Ofen) steht die Belehrung: »Ist ein Grab eingesunken, hat
das Kreuz eine schiefe Stellung eingenommen, und noch dergleichen
Merkmale weisen darauf hin, dass sich der Tote in einen Vampir
verwandelt habe.« An manchen Orten in Serbien und Bulgarien wählt man
ein fleckenloses Füllen, führt es auf den Friedhof hinaus und
geleitet es über die Gräber hin, in denen man einen Vampir vermutet.
Man glaubt nämlich, dass sich das Füllen um keinen Preis über das
Grab eines Vampirs zu schreiten getraue und es auch nicht dürfe. Man
versteht dieses Vorgehen aus der uralten Anschauung aller europäischen
Völker, nicht zum geringsten der slavischen, die auf Pferdeorakel als
auf die wichtigste Kundgebung göttlichen Willens einen hohen Wert
gelegt haben. »Bei den alten Germanen hielt man das Pferd als
mitwissenden Vertrauten der Götter« (L. Hopf). Die Südslaven glauben
aber noch gegenwärtig, dass Pferde nächtlich Geister erschauen und
Gastmählern der Vilen ausweichen.

Geben die Orakel keine befriedigende Auskunft, so öffnet man der Reihe
nach die Gräber der jüngst Verstorbenen. Im Jahre 1732 entstand im
Dorfe Medvegja in dem damals zu Österreich gehörenden Serbien eine
Seuche. Das Volk schrie über Vampirplage, und die deutsche Regierung
sah sich veranlasst, das Volk belehren zu lassen. Über den Fall
erschienen in Deutschland in den nächsten Jahren nicht weniger als
zwölf Schriften und vier Dissertationen, die die Art der Vampire
erörterten. Es verlohnt sich, das »Visum et Repertum« des
Feldscherers Johann Flückinger vom 29. Februar 1732 im Wortlaut zu
wiederholen:

»Bericht von der Dorffschaft Metwett an der Morava, welche sich
beklagten, eines sterbes, darauf Ich alss Physicus Contumaciae
Caesareae zu Parakin dahin gegangen, selbiges Dorff von hauss zu hauss
wohl und genau durchsuchte und examinirete den 12. Decembris. 731.
Allein darinnen keine einzige ansteckende Krankheiten oder Contagiose
Zustände gefunden, alss tertian und quartan Fieber, seithenstechen und
Brust-beschwährungen, welche alle von gehabten Depouchen vor ihrer
Räzischen Fasten herrühren. Da Ich aber weithers inquirirete,
warumben sie sich dann also beschwähren, dass durch 6 Wochen
13 Persohnen gestorben seyen, und in was Sie sich beklagten, bevor Sie
seynd abgeschieden, meldeten Sie ingleichen, das seithenstechen und
brust-beschwährnussen auch lang gehabten Fiebern und glieder-reissen,
von welchen zuständen aber Sie vermeinen, die all zu geschwinde
begräbnussen nach ein ander nicht möglich seyn kann, herzurühren:
wohl aber weill die genannten Vambires oder Bluth Seiger vorhanden
seynd, darauf Ich alss auch ihre eigene officiers nach aller
möglichkeit ihnen es auss dem Sünn zu bringen in beyseyn des Führers
von Kragolaz alss Corporalen von Stallada redeten, und explicireten,
allein nicht möglich ihre opinion zu benehmen ware, und sageten ehe
Sie sich lassen dergestalten umbringen, wollen Sie sich lieber auf ein
anderes orth sezen. Wie auch 2, 3 Häuser nächtlicher Zeit zusamben
gehen, theils schlaffen, die andere wachen, es werde auch nicht ehender
aufhören zu sterben, biss nicht von einer Löblichen obrigkeit nach
selbst eigener resolution eine execution denen benannten Vampires
angeschaffet und angethan werde, dann bey lebs zeiten waren in dem
Dorff zwey weiber, welche sich haben vervampiret und nach ihrem todt
werden Sie ingleichen Vampires, die Sie wiederumb andere werden
vervampiren, gesprochen, solche also seynd vor 7. wochen gestorben und
pertinaciter die leuth darauf verharren, absonderlich auf jenes altes
weib, dannenhero habe ich 10 gräber eröffnen lassen, umb gründliche
warheit zu berichten und zwar erstlichen jenes altes Weib, auf welches
Sie sich steiffen, den anfang gemacht zu haben, mit nahmen Miliza.

Vampier alt 50 Jahr, liegt 7 Wochen, ist vor 6 Jahren von
türckischer seithen herübergekommen und hat sich zu Metwett gesezet,
allezeit nachbahrlich gelebet niehmals wissend, ob Sie etwas habe
Diabolisches geglaubet oder gekünstlet, dür hägerichter
Constitution, währender lebszeit aber gegen denen Nachbahren erzehlet,
Sie habe 2 Schaff gegessen in dem Türckischen, welche die Vampires
umbgebracht, dannenhero, wann sie sterben werde, ingleichen ein Vampir
seyn wird, auf welche reden der gemeine Pevel ihre opinion vestiglich
gründet, solche Persohn Ich auch würcklichen gesehen und weillen
selbe solte vorhin einer dürhägrichten Constitution des leibs seyn
gewesen, alt von Jahren 7 wochen lang gelegen, in keiner truchen,
sondern blossen seichten Erden wäre nothwendig halbs schon verwesen zu
seyn; allein Sie ware annoch vollkommen das Maul offen habend, das
helle frische bluth auss Nasen und Maul heraussgeflossen, der leib hoch
aufgeblasen und mit bluth unterloffen, welches mir selbst suspect
vorkommet und denen Leuthen nicht unrecht geben kann, nach entgegen
eröffnung einiger gräber, welche waren Jünger von Jahren, fetter
Constitution bey lebenszeit, kurz von ausgestandenen krankheits zeit
und zwar geringer krankheit, alss solche alte, seynd also verweesen,
wie siches auf einen rechtmässigen Leichnamb gehöret, das andere weib
alss.

Vampir mit Nahmen Stanno ein weib in gebähren gestorben, das Kind auf
die welt gebracht, aber auch gleich gestorben, ware alt 20 Jahr, liegt
begrabener 1 Monath, bekennete und erzehlete, gegen denen Nachbahrn
bey lebens zeit, dass Sie, da Sie noch in dem Türckischen ware, allwo
die Vampires auch sehr starckh regiereten, umb Sie vor solche zu
beschüzen, schmürete Sie sich einstens mit eines Vampires bluth, wo
Sie auch nach ihren todt ein Vampir wird werden, gesprochen, welche
also beschaffen ware, wie die erstere, ingleichen das unmündige Kind
und weillen dieses Kind die Tauff noch nicht hat empfangen, haben Sie
es nicht in den Freydhoff geleget, sondern hinter einen Zauhn, allwo
die Mutter hat gewohnet, welches ich auch gesehen habe. Ingleichen
waren die andere also beschaffen und kurz nach einander darauf
gestorben, welche sich mit vervampiret haben, nach denen leuthen ihrer
opinion. Alss Vampir: Milloi ein Kerl von 14 Jahren, liegt 5 wochen.
Joachim ein Kerl von 15 Jahren, liegt 5 Wochen, seyn 1 tag von
einander gestorben, alss vorgehabter depouchen ihrer fasten bei einen
Nahmenstag eines dorff Heyduckhen seynd in gleichen wie die andern also
beschaffen.

Ruschiza ein Weib von 40 Jahren, liegt 15 tag, ist halbs suspect.

Peter ein Künd von 15 tag alt, liegt 5 wochen, ist sehr suspect.

Nunmehro weillen jezige von jüngeren Jahren waren, kürzer von
krankheits affliction und zwar sehr schlechterer auch kürzerer zeit in
grab liegen, gänzlich, wie sich es gehöret, verwesen sein, sagen die
Metweger, warumb dise und die andere nicht, da Sie viel stärcker
corpulenter Jünger und frischer waren, alss die anderen, dannoch schon
gänzlich verwesen seyn, welche raison nicht uneben scheinet und seyn
jenige, alss

Milosowa von Heyduckhen seine Frau ware alt 30 Jahr, liegt 3 wochen,
ist vor dise zeit zimblich verwesen, wie sich es gehört, auch jenige,
wie folgen.

Radi ein Kerl von 24 Jahren, liegt 3 wochen. Wuschiza ein Jung von
9 Jahren, liegt 1 Monath. Dannenhero bitten Sie unterthänig, es
möchte doch von einer Löblichen Obrigkeit eine execution nach
guttachten dises malum abzuwenden ergehen, woselbst ich vor gut halte,
umb selbe unterthanen zu befridigen, dieweillen es ein zimbliches
grosses dorf ist, dann in re ipsa befindet es sich also.«



Über die Art und Weise der völligen Vernichtung eines Vampirs haben
einige Gelehrte unklare Ansichten geäussert, während gar kein Anhalt
zu einer Meinungverschiedenheit vorhanden ist. Der Vampir ist ein
Toter, der zu Nachtzeiten lebendig wird, also vernichtet man ihn, wie
man ein lebendes Wesen der völligen Auflösung nur zuführen kann:
durch Tötung, in diesem Falle gewöhnlich entweder durch
Durchpfählung oder durch Verbrennung des Leichnams. Der körperlose
Geist wird ledig oder verflüchtet sich und vermag nicht mehr jemandem
zu schaden.

Gesteht ein Weib, dass ihr verstorbener Gatte als Vampir sie besuche,
oder sprechen andere Anzeichen dafür, z. B. nächtliches Rumoren im
Hause, herumfliegendes Kochgeschirr, ein jähes Sterben im Dorfe oder
gar unmittelbare Begegnungen mit dem Vampir auf Kreuzwegen zur
Nachtzeit, so versammeln sich die ernstesten und reifsten Männer des
Dorfes zur Beratung, um im Einverständnis mit den Angehörigen des
Vampirs, das Grab aufzudecken, um sich erst zu vergewissern, ob der
Verdächtige wirklich zum Vampir geworden ist. Die Moslimen sagen, der
Leib eines solchen Vampirs, mag er auch längere Zeit gelegen sein, sei
unverwest geblieben, nur die Augen seien gross wie die eines Ochsen und
blutunterlaufen. Darauf macht man im Grab ein Feuer an, spitzt einen
Weissdornpfahl zu und durchsticht damit den Leib. Oft sei es
vorgekommen, dass sich der Vampir während der Durchstechung ganz
gekrümmt habe und dass ihm viel Blut aus dem Leibe gespritzt sei.
Während die einen den Vampir behandeln, passen die übrigen ängstlich
auf, ob nicht ein Falter (oder Schmetterling) aus dem Grabe
davonfliegt. Fliegt einer heraus, so laufen ihm alle nach, um ihn
einzufangen, und fangen sie ihn ein, so werfen sie ihn auf einen
Brandhaufen, damit er umkomme. Dann erst ist dem Vampir der Garaus
gemacht. Entwischt jedoch der Falter, dann ach und wehe dem Dorfe, denn
der Vampir rächt sich fürchterlich, bis nicht endlich seine sieben
Jahre ablaufen. In der oberen Krajina glauben die Moslimen und
Christen, der Vampir könne durch nichts anderes getötet werden, als
wenn man ihm einen Weissdornpfahl (glogovi kolac) durch den Leib
treibe. Einige behaupteten in meiner Gegenwart, man dürfe den Vampir
auch mit einem Messer durchstechen, mit dem man noch nie ein Brot
geschnitten. Die Herzogländer orthodoxer Konfession durchstossen den
Vampir durch eine getrocknete Haut eines jungen Stieres, weil sie
glauben (gleich den Serben in der Morava und den Bulgaren in Rumelien),
dass sich jeder, den das Blut des Vampirs bespritzen würde, auch
selber in einen Vampir verwandeln, und dass er bald darauf sterben
müsste. Die Orthodoxen in dem Herzögischen verbrennen den Vampir
nicht, ebensowenig die Katholiken in Slavonien. Im oberen bosnischen
Drinagebiete an der serbischen Grenze begibt sich der Pope mit den
Bauern auf den Friedhof, sie scharren das Grab des Verstorbenen auf,
stopfen das Grab mit einem Wagen Stroh voll an, durchspiessen durch das
Stroh hindurch den Leichnam mit einem Weissdornpfahl und zünden das
Stroh an. Das Feuer wird so lange genährt, bis der Leib des Vampirs
gänzlich zu Asche geworden. Damit erst glauben sie jede weitere
Wiederkehr des Vampirs zu verhindern.

Der Bauer Lako Petrović in Zabrgje erzählt: »Vor etwa 150 Jahren
lebte im Dorfe Čengić, im Bezirke Zvornik eine Popenfrau (popadija),
nach deren Ableben ein grosses Sterben im Hause einriss. Damals starben
auch dem Grossvater meiner Mutter, dem Bauer Pero, alle Hausleute bis
auf drei Knaben ab und er verlegte sich darauf, nachts aufzupassen. Er
zündete in der Küche (dem eigentlichen Hause) ein grosses Feuer an
und wartete. Plötzlich um Mitternacht erscheint die Popadija im Hause,
Pero aber springt auf, ergreift ein Weissdornbrandscheit vom Feuer weg,
fängt an auf die Popadija dreinzuschlagen und jagt sie hinaus. Sie
bleibt jedoch vor dem Hause und ruft: »Komm mal hier heraus, greiser
Pero, schlag mich nur ein wenig und ich werde gleich krepieren!«
(izigji sijedi Pero amo pa me se samo malo vati, ja ću odma crći!).
Pero entgegnete: »Hinaus gehe ich nicht und ins Haus herein lasse ich
dich nicht!« (izić ne ću a u kuću ti ne dam!). Darauf sie: »Na
wart nur, greiser Pero, es wird dir kein einziger Sohn bleiben, bei dem
du dich verschwören könntest!« (neka te sijedi Pero! ne ćeš se
nijednim sinom zakleti!). Als am Morgen der Tag graute, begab sich Pero
mit dem Dorfschulzen und einem Bauern zum Popen und meldete ihm, die
Popadija sei auferstanden und raffe die Leute hin. Der Pope sagte: »Es
ist nicht wahr!« Pero jedoch ging vor Gericht nach Zvornik und sagte,
die Popadija habe sich in einen Vampir verwandelt (povukodlačila se)
und er habe ihr in vergangener Nacht im Hause (der Küche) die
Leichendecke berusst, als er sie geschlagen. Das Gericht gestattete
ihm, das Grab aufzugraben. Im Verein mit den angesehensten Männern im
Dorfe grub er das Grab auf. Da fanden sie die Popadija wie einen
Bottich aufgeschwollen, und sie nahmen einen zugespitzten
Weissdornpfahl, pflanzten ihn der Popadija auf den Bauch und schlugen
ihr mit einem Hammer den Pfahl in den Leib hinein. Darauf machten sie
ein grosses Feuer an und verbrannten sie zu Asche und Kohle. Ja
richtig, als sie das Grab aufzuscharren anfingen, kroch eine Natter
heraus, Pero aber erschlug die Natter auf der Stelle. Von da ab hatten
sie Ruhe im Dorfe und das jähe Sterben hörte auf.« [119]

Manda Šuperina in Pleternica erzählte meiner Mutter: Im Dorfe
Mihaljevci, nördlich von Požega, fiel ein Mann vom Wagen herab, sein
Kopf geriet unter die Räder und wurde zerquetscht. So starb er. Acht
Tage nach der Bestattung fing er an zurückzukehren und der Frau des
Nachbars beizuschlafen. Und richtig wurde sie von ihm schwanger.
Hierauf machte sie dem Pfarrer eine Anzeige und klagte den Weibern, was
ihr zugestossen. Da riet ihr ein Weib, sie soll Hanf nehmen, einen
grossen Knäuel Gespunst ausspinnen und, wenn der Tote wieder zu ihr
kommt, ihm den Faden an seine grosse Zehe befestigen, so werde sie
sehen, woher er komme. Auch soll sie einen grossen Weissdornkeil
anfertigen lassen. Als am Tage der Pfarrer und die Dorfleute das Grab
öffneten, fanden sie den Toten bäuchlings liegend. Sie schlugen ihm
jenen Weissdornkeil in den Kopf ein, aus dem Kopfe fuhr ein Feuer
heraus und der Schädel krachte laut wie eine Kanone. Der Pfarrer gab
dem Toten zuletzt den Segen und der Tote kehrte nimmer wieder, das Weib
aber genas eines Kindes. Das Kind starb bald hernach, doch die Frau
lebt noch gegenwärtig. Die Erzählerin ist eine Katholikin, und
seltsam genug berief sie sich auf den katholischen Pfarrer von Velika.
Sonst spielen katholische Priester in den Vampirsagen der Slavonier
keine Rolle. In Dalmatien, wo der Franziskanermönch sehr volktümlich
und beliebt ist, hat das Volk mehr Zutrauen, in solchen Dingen an den
Priester sich zu wenden und der Mönch ist leicht nachgiebiger gegen
die Forderungen seiner Gemeinde, in welcher er Pfarrer ist. Stirbt ein
Kozlak, so treffen die alten Weiber im Dorfe, aber auch die
Familienmitglieder des Verstorbenen verschiedene Anstalten gegen die
voraussichtlich bevorstehende Rückkehr des Kozlak. An manchen Orten
ist es Brauch, das Sterbezimmer einige Tage hindurch nicht auszukehren.
Das soll aber selten etwas nützen; den der Vukodlak oder Kozlak stellt
sich zu bestimmter Nachtstunde trotz alledem ein, um die Hausruhe der
Leute zu stören und die Schlafenden zu quälen. Besonders liebt es der
Kozlak, mit den Tellern (tanjuri, piatti) zu scheppern, auch macht es
ihm ein Vergnügen, den Wagen, falls einer vorhanden ist, im Gehöfte
herumzuziehen. In solcher Not wendet sich der Bauer an seine Priester,
namentlich an die Franziskaner, die mit geschriebenen Amuletten
(zapisi) handeln. Der Priester muss Gebete verrichten und sich
ausserdem persönlich auf den Gottesacker (grobište) gerade zu dem
Grabe begeben, in welchem der Kozlak ruht, ihn hervorrufen, sein
Erscheinen abwarten und ihn mit einem Dorn (drača, spina)
durchstechen, der im Hochgebirge an einer Stelle gewachsen, von wo aus
der Dornstrauch das Meer nicht hat sehen können. Nur in diesem Falle,
so glaubt man, wirkt das Verfahren, und der Kozlak lässt die Leute in
Frieden.

Es ist kein Zufall, dass der Dorn bei der Durchpfählung gebraucht
wird. Der Dorn ist eine natürliche, man kann sagen die
ursprünglichste Stichwaffe des Menschen, und es begreift sich bald,
dass man seine uralte Verwendung zu Kultuszwecken — als eine solche
ist in einem beschränkten Umfange auch die Vampirtötung aufzufassen
— bis in die Gegenwart beibehalten hat. In Kulthandlungen vieler
Völker kommt der Dorn vor, doch scheint mir Liebrecht vom richtigen
Wege sehr abzuirren, wenn er sich gelegentlich des Nachweises, dass
sich die alten Deutschen des Dornes zum Leichenbrande bedienten, die
weitere Schlussfolgerung erlaubt: »Das erklärt endlich auch,
beiläufig bemerkt, warum in den serbischen Sagen den Vampiren ein
Pfahl aus Hagedorn oder Dornholz durch den Leib gestossen wurde; es war
eine symbolische Verbrennung derselben.« Zum Beweis zitiert er den
böhmischen »Lügenchronisten« Hajek (vom Jahre 1337). Ein Vampir
habe nicht aufgehört, die Leute zu würgen, »selbst als man ihm einen
Pfahl durch den Leib gerannt; erst als er verbrannt wurde, gab er
Ruhe.« Für uns unterliegt es keinem Zweifel, dass die Čechen damals
das Verbrennen als eine schärfere Vertilgungart in Anwendung gebracht
haben, um völlig sicher zu sein. Wo steckt hier auch nur der Schatten
einer Symbolik? wo ein Grund für eine symbolische Auslegung der
Brauches?

Zum Schluss muss noch eines Glauben gedacht werden, der den Brauch der
Blutrache mächtig entwickelt hat. Die Seele eines Ermordeten, glaubt
das Volk, könne eher keine Ruhe finden, als bis man an dem Mörder
Rache genommen. Darum lag den nächsten Blutanverwandten eines
Getöteten die Blutrache als heiligste Pflicht ob. Darauf bezieht sich
das alte Glaubens- und Rechtsprichwort: Ko se ne osveti, taj se ne
posveti (wer nicht gerächt wird, der kehrt nicht in die ewige Ruhe
ein). [120] Dass aber die Blutrache auch auf vermögenrechtlicher
Grundlage beruht, soll hierbei durchaus nicht verkannt werden.



Der Werwolf.

Selbst einer der neuesten slavischen Mythologen, der sich in
Anmerkungen unterm Texte abschreckend gelehrt gebährdet, zählt den
»Vlŭkodlakŭ« zum »Vampirismus«, oder genauer noch, er erklärt
den »Vampir« für einen Vukodlak. Das ist durchaus unrichtig. Der
Irrtum des Gelehrten entstand wohl dadurch, dass der Volkmund den
Vampir fälschlich auch Vukodlak nennt, bloss nennt; denn in Wahrheit
unterscheidet das Volk ganz unzweideutig zwischen Werwolf und Vampir.
Der Werwolf (serb. vukodlak, chrowot. und sloven. volkodlak, bulg.
vlkodlak = Wolfhaar, Wolfpelz) ist ein menschliches Wesen männlichen
oder weiblichen Geschlechts, das sich zeitweilig in einen Wolf
verwandelt, um nach Wolfart Herdenvieh anzufallen und aufzufressen.
Nicht mit dem Vampir, viel eher mit der Mora ist der Vukodlak verwandt,
woferne man den Vukodlak überhaupt »mythisch« aufzufassen berechtigt
ist. Das eben erscheint mir als eine strittige Frage, die leider auch
durch die nachfolgenden Mitteilungen ihrer Lösung kaum um vieles
näher gebracht wird.

Die geistige Krankheit Lykanthropie vermag ich bei den Südslaven nicht
nachzuweisen, obgleich sie, wie es den Anschein hat, einmal
international gewesen ist und noch gegenwärtig, wie dies im J. 1888
die Budapester Revue de l’Orient besprochen hat, z. B. in Ägypten,
häufig vorkommt. »Als eine Krankheit, eine Art Wahnsinn,« bemerkt R.
Andree, »tritt die Lykanthropie bereits im ersten Jahrhundert auf und
dauert bis ins späte Mittelalter fort. Sie zeigen sich besonders im
Monat Februar; dann verliessen die Kranken nachts ihre Wohnungen und
schweiften auf den Begräbnisplätzen umher, wobei sie sich
einbildeten, sie seien Wölfe oder auch Hunde (Kynanthropie). Blässe
und eingefallenes Gesicht, hohle, tränende Augen, trockene Zunge und
brennender Durst, sowie Verminderung der Sehkraft deuteten auf ein
tiefes körperliches Leiden. Die Unterschenkel dieser Kranken waren
beständig mit Wunden und Geschwüren bedeckt, wegen des Strauchelns
und der Anfälle der Hunde, deren sie sich nicht erwehren konnten. Die
Wölfe und Hunde nachahmend, strichen sie bellend und brüllend
umher.... Im Mittelalter erreichte dieser Wahnsinn seinen höchsten
Grad und wurde vorzüglich dadurch furchtbar, dass die Kranken in ihrer
Wut Kinder und Erwachsene töteten, wovon man im Altertum nichts
wusste.« Andree hat es durch seine Zusammenstellungen dargetan, »dass
derselbe Glaube an die Tierverwandlung, meist in identischen Formen,
überall wiederkehrt, dass hier ein Gemeingut aller Völker vorliegt,
kein abgeschlossenes Besitztum irgend einer Rasse oder einer Familie,
dass somit eine Erklärung des Werwolfes aus den Anschauungen eines
Volkes heraus unzulässig ist, sondern hiebei allgemeine Gesichtpunkte
angenommen werden müssen«.

Wenn man den Ansichten eines Mannhardt, C. Meyer u. a. beipflichten
mag, so ist wohl der Werwolfglaube bei den Südslaven das Überbleibsel
eines uralten, in die vorchristliche Zeit hineingehörigen
Kultgebrauches. Ihr Erklärungversuch spricht durchaus an, zumal auch
der südslavische Volkglaube zur weiteren Bekräftigung der folgenden
Annahme angeführt werden darf. »Gerade da, wo unsere Quellen
verhältnismässig am reinsten fliessen, erscheint die Verwandlung als
eine periodisch wiederkehrende,« hebt C. Meyer hervor, »z. B. bei
den Neurern (Herodot IV, 105) und ebenso auch in Preussen, Livonien
und Litauen, wo es nach Olaus Magnus die Weihnachtzeit ist, in der
unzählige Menschen als Wölfe herumlaufen. Hieraus ergibt sich, dass
wir es mit einer uralten, verschiedenen Völkern gemeinsamen
Kultushandlung zu tun haben, nach welcher entweder das gesamte Volk
oder nur einzelne, dem Sündenbock der Hebräer vergleichbar,
vielleicht um irgend eine verderbliche Gottheit zu sühnen, in
Wolfpelzen umherirren mussten. Darum heisst wohl auch bei den Germanen
der Geächtete und von der Gemeinschaft der übrigen Ausgeschlossene
warch, d. h. Wolf. Nun erklärt es sich auch, warum das Ganze nach
Einführung des Christentums einen so düsteren Anstrich erhielt; es
teilte in dieser Beziehung einfach das Schicksal der meisten aus dem
Heidentum stammenden Gebräuche und Anschauungen. Wo es etwa noch eine
Zeitlang fortdauerte, mussten sich die Beteiligten in dunklen Stunden
und abgelegenen Gegenden treffen, weil ihr Beginnen das Brandmal des
Teuflischen trug. Und endlich aus ihren historischen Bedingungen
herausgerissen, hielt sich die Lykanthropie auch nicht mehr
ausschliesslich an ihre ursprüngliche, durch den Kultus bedingte
Jahrzeit, sondern sie trat nur vereinzelt und zu jeder Zeit des Jahres
auf.«

Nach einem besonderen Volkglauben, den ich nur für die Chrowoten
nachzuweisen imstande bin, vermag der heilige Georg (sveti Juraj), der
Schutzherr der Waldtiere, namentlich der Wölfe, zuweilen einen
Menschen in einen Werwolf zu verwandeln, indem er über den
Betreffenden eine Wolfhaut wirft. Ein Bauer aus dem oberen
chrowotischen Saveland behauptete steif und fest, er sei neun Jahre
lang Werwolf gewesen, bis er endlich dadurch Erlösung gefunden habe,
dass er zu Ostern sein Weib, als sie mit den Weihsachen aus der Kirche
nach Hause ging, überfallen und ihr die geweihten Kerzen aus dem Korbe
weggegessen habe. Da sei ihm die Wolfhaut vom Leibe abgefallen, und er
wieder zu den Seinigen als Mensch heimgekehrt.

Im bosnischen Gebirglande lässt man niemand im Hause von dem Wasser
trinken, das spät abends von der Quelle gebracht wird, wenn man nicht
vorher wenigstens einen Tropfen von selbem Wasser auf das Herdfeuer
spritzte oder schüttete; denn sonst könnte leicht der Trinker zu
einem Vukodlak werden. Man glaubt nämlich, dass nächtlicherweile
allerlei Unholde, Vilen, Hexen, Moren und Werwölfe in freien Quellen
und Brunnen baden. Neigt sich jemand über eine Quelle, um bäuchlings
liegend unmittelbar mit dem Munde aus der Quelle zu trinken, so
fürchtet man, es könnte den Trinker plötzlich ein tückischer Geist
hinabzerren. Darum rät man, man solle das Wasser lieber mit den hohlen
Händen oder mit der Mütze einschöpfen und, bevor man trinkt, zur
Entsühnung vom bösen Zauber einige Tropfen auf ein Feuer oder auf die
Erde giessen.

Bezeichnend ist, dass bei den Südslaven, anders als bei anderen
Völkern, vorzugweise Frauen Wolfgestalt annehmen können. Durch welche
Mittel sich Frauen die Verwandlunggabe verschaffen, brachte ich nicht
in Erfahrung. Die augenblickliche jeweilige Verzauberung und
Entzauberung soll durch je drei Purzelbäume (Böcke) geschehen. Von
der Verwandlung einer Frau in einen Wolf erzählte der Bauer Toma
Milinković in Pleternica im Herbste 1888 meiner Mutter folgende
Geschichte, für deren Wahrheit er sich verbürgt, zumal er die
handelnden Personen Aug’ in Aug’ gut zu kennen vorgab: »Zu
Trapari, unweit Pleternica, lebt ein sehr reicher Mann, der eine grosse
Herde Schafe besitzt, über die zwei Hirten und sechs Hunde wachen.
Jeden Tag erschien urplötzlich ein Wolf, frass einige Stück Schafe
bei Butz und Stengel auf und verschwand wieder, ohne dass ihn je einer
hätte sehen können. Der Hausvorstand wetterte immer, weil die Schafe
abgingen; denn schon waren drei Vierteile von der Herde dahin. Endlich
wurde der Hausvorstand ganz zornig. Jemand aber sagte ihm, das wäre
kein wirklicher Wolf (da to nije pravi kurjak). Der Hausvorstand solle
mal zeitig morgens aufstehen und die ganze Bekleidung, von den Opanken
bis zur Mütze, verkehrt (umgewendet) anziehen, dann die Schafe zum
Bach hinabtreiben, damit sie weiden, selber aber auf einen Baum
hinaufsteigen und abwarten; also werde er in Erfahrung bringen, wer
denn eigentlich dieser Wolf sei. Der Hausvorstand befolgte den Rat. Als
es um die Mittagstunde war, kam dir da ein altes Weib aus der
Nachbarschaft mit einem Kübel auf dem Kopfe hergestiegen und schöpfte
Wasser ein. Darauf legte sie sich auf den Rasen hin, schlug kopfüber
drei Purzelbäume, verwandelte sich in einen Wolf, packte den feisten
Leithammel, der schon vier Jahre alt war, und frass ihn samt der Wolle,
den Gedärmen und den Klauen auf. Der Mann wollte vom Baume herab die
Alte zusammenschiessen, besann sich jedoch eines besseren; denn als er
das Weib erkannte, fand er es für rätlicher, sie in ihrem Hause
durchzubläuen. Nachdem der Wolf den Hammel aufgefressen hatte, schlug
er wieder drei Purzelbäume und verwandelte sich in das alte Weib
zurück. Sie nahm den Kübel auf den Kopf und kehrte heim. Nun stieg
der Mann vom Baume herab, ging dem Weibe nach und begann sie furchtbar
zu beschimpfen und wollte sie gar in ihrem eigenen Hause mit dem Gewehr
erschiessen. Als die Söhne des alten Weibes erfuhren, was ihre Mutter
treibe, prügelten sie sie schrecklich durch, dass sie sich kaum mehr
rühren konnte; und von der Zeit ab liess es sich die Alte nimmer
beifallen, sich in einen Wolf zu verwandeln und fremde Schafe
aufzufressen.«

Wie so oft tritt uns auch hier eine ältere Überlieferung in
Verjüngung an einen bestimmten Ort gebunden wieder entgegen. In
solchen Fällen ist sich der Erzähler seiner Lüge gar nicht mehr
bewusst, denn er erzählt in bestem Glauben und in unbedingter
Vertrauenseligkeit auf die Zuverlässigkeit seiner Gewährmänner oder
Gewährweiber.

Der Werwolfglaube ist bei den Südslaven entschieden schon vor hundert
oder zweihundert Jahren stark verblasst gewesen, sonst wäre die
Vermengung oder Gleichstellung der Namen Vukodlak und Vampir kaum
erklärlich. Der alte Glaube hat sich im Grunde genommen doch nur in
Sagen erhalten, und selbst die Sagen haben ihnen ursprünglich
fremdartige Bestandteile in sich aufgenommen. So ist z. B. das Motiv
von der Schwanenjungfrau, das wir sowohl beim Vilen- als beim
Morenglauben wiederfinden, auch mit einer Wolfsage verschmolzen. Die
Einleitung ist zudem einem anderen Motiv entlehnt, und das Ganze hat
eine neuzeitige Fassung erhalten:

»Es war einmal ein Graf, der besass eine Mühle, in der sich niemand
zu übernachten getraute; denn allnächtlich suchte ein Wolf die Mühle
heim und frass jeden auf, den er dort antraf. Es kam so weit, dass der
Graf bekannt machen liess, wer einmal in der Mühle übernachte, dessen
Eigentum solle sie werden. Nun fand sich ein Jüngling, der den Plan
fasste, in dieser Mühle zu übernachten. Er begab sich zum Grafen und
erklärte sich bereit, das Wagnis zu unternehmen. Hierauf ging er in
die Mühle, nahm einige Bretter und legte sie auf das Durchzuggebälke.
Sodann fachte er ein Feuer an und wärmte sich. Als er das Herannahen
des Wolfes merkte, rückte er rasch die Hobelbank an das Feuer und
stieg so rasch als nur möglich auf die Bretter hinauf. Im Augenblick
war auch der Wolf schon da, durchsuchte die ganze Mühle, ohne irgend
jemand zu finden. Zuletzt trat er ans Feuer, legte seinen Pelz ab, und
siehe da! der Wolf verwandelte sich in ein reizend schönes Mädchen.
Allmählich wurde sie schläfrig und schlummerte ein. Der Jüngling war
unbemerkt geblieben und verliess leise seinen Standplatz, schlich sich
heran, nahm das Fell und nagelte es mit drei Nägeln unter der Mühle
an. Mit Vergnügen nahm er wahr, dass er es mit keinem Wolfe, sondern
mit einem hübschen Mädchen zu tun habe, fürchtete sich nicht im
mindesten vor ihr und weckte sie auf. Sobald sie munter ward, wollte
sie nach ihrem Pelz greifen; da sie ihn aber nicht sah, ergriff sie den
Jüngling bei der Hand und machte Miene, ihn zu schlagen. Als er ihre
Absicht erkannte, rief er aus: ‘So ein Weibsbild hat Gott noch nie
erschaffen, von dem ich mich hauen liesse!’ Hierauf verlegte sie sich
aufs Bitten, er möge ihr den Pelz zurückgeben, doch alle ihre Reden
prallten an ihm fruchtlos ab. Sie drohte, es werde ihm schlimm ergehen,
sollte sie wieder einmal den Pelz auffinden. Von da ab verliess sie die
Mühle nicht mehr. Beide blieben also da und verheirateten sich
schliesslich miteinander. Sie lebten lange Zeit in glücklichster Ehe,
der ein Kind entspross. Einmal aber fand sie in Abwesenheit ihres
Mannes ihren Pelz unter der Mühle und zog ihn an. Sie verwandelte sich
nun wieder in eine Wölfin und suchte das Weite.

»Der Mann kehrte bald nach Hause zurück, fand das Kind weinend vor
und fragte es, warum es weine. Da antwortete das Kind, die Mutter habe
das Haus verlassen. Der Mann ging sogleich unter die Mühle
nachschauen, sah den Pelz nicht mehr und wusste, wieviel es geschlagen
hatte. Da nahm er sein Gewehr zur Hand und zog aus auf die Suche nach
der Wölfin. Tief betrübt kam er auf einen Kreuzweg und begegnete dort
einem fremden Manne, der ihn teilnahmvoll um den Grund seiner
Niedergeschlagenheit befragte, weshalb er komme und was er hier suche.
Der Müller teilte ihm sein Leid mit, und der Fremde versetzte: ‘Ich
bin der Wolfhirte, ich will dir helfen; ich entbiete alle Wölfe
hieher, und wenn du deine Frau nicht aus der Menge herausfindest, so
ist es um dich geschehen!’ — ‘Das soll meine Sorge sein!’ Da
bliess jener in sein Horn, und es erschienen alle Wölfe. ‘Nun,
welcher ist deine Frau? Ist sie mit darunter?’ — ‘Freilich, der
letzte Wolf dort ist meine Frau.’ Hierauf nahm der Wolfhirte der
Wölfin den Pelz ab, und der Mann führte seine Frau nach Haus, und sie
lebten von da ab noch viele Jahre in Glück und Frieden.«

Vučji pastir, der Wolfhirte, wird in den Erzählungen der Jäger und
Viehzüchter sehr oft genannt. Man glaubt, Wölfe, Hasen und Füchse
haben ihren Hirten, der sie befehligt und ihnen Beute zuweist. Wenn ihr
Hirte mit ihnen auszieht, so sind die Tiere unsichtbar, und der Jäger
mag hart an dem Wolf vorübergehen, er sieht ihn nicht, es mögen ihn
selbst hundert Hunde begleiten. Einmal im Jahre zur Winterzeit, nach
einer Sage zu Weihnachten, um die Mitternachtmette, versammelt der
Wolfhirte irgendwo auf öder Heide oder im wilden Walde alle seine
Getreuen und bestimmt jedem Beute und Schicksal für das kommende Jahr.
Einst ging ein Weidmann just am Weihnachtabend in den Wald, um Wild zu
jagen. Er stieg auf einen Baum und wartete auf dem Anstand. Gegen
Mitternacht erschien gerade unter jenem Baume der Wolfhirte in
Menschengestalt, knallte mit seiner Peitsche und stiess ins Horn.
Alsbald versammelten sich um ihn herum die Wölfe des Waldes, und jeder
empfing sein Los zugeteilt und lief dann seines Weges fort. Zuletzt
blieb nur noch ein hinkender Wolf zurück. Der fragte den Hirten: »Was
für Beute bestimmst du aber mir?« — »Den da oben, der auf dem
Baume hockt.« Der Wolfhirte verschwand, und der Wolf blieb allein
unter dem Baume. Dem Jäger wurde es grausig zu Mute. Er getraute sich
nicht zu mucksen, bis endlich in der Frühe Leute des Weges kamen und
ihn heimtrugen. Er lag darauf lange Zeit krank darnieder.

Dem Südslaven erscheint der Wolf, gleich dem Fuchs und Hasen, zumal
wenn Wölfe in grossen Rudeln auftreten und in die Dörfer einbrechen,
als ein geisterhaftes, unheimliches Wesen, auf dem durch einen Fluch
ein böser Zauber lastet.

Die Wölfe werden wieder gelenkt und getrieben von einem zauberkundigen
Wesen, einem Menschen, den man sich unzweifelhaft als einen Werwolf
vorzustellen hat, wenngleich dies in den gegenwärtig im Umlauf
befindlichen Sagen nicht ausdrücklich bemerkt wird. Der Schluss ist
aber nicht nur statthaft mit Hinsicht auf den angedeuteten
Werwolfglauben anderer Völker aus älteren Zeiten. Die
Wolfhirtenschaft ist wie eine Todsünde eine missliche Gabe, die dem
Inhaber geringen Segen schafft und die letzten Stunden des Lebens
bitter erschwert. Der Wolfhirte muss vor seinem Hinscheiden sein Amt
und die Abzeichen rechtzeitig an einen Nachfolger abtreten.

Eine Sage aus Chrowotien erzählt: Es war einmal ein Wolfhirte, der
schon alterschwach und krank war, und die Wölfe hatten nichts zu essen
und weilten stets an seinem Hofe. (Die Sache verhält sich nämlich so:
geht ihr Hirte nicht mit ihnen, so kann sie jeder Mensch sehen und ohne
weiteres töten). Ein Bursche stellte damals ein Fangeisen auf und
bestieg einen Baum in der Nähe, damit niemand das Eisen stehle. Da kam
eine Wölfin und geriet in die Falle. Der Bursche stieg vom Baume
herab, warf eine Kotze über die Wölfin und trug sie nach Hause. Er
trat in die Stube ein, wo sein Schwiegervater krank im Bette
darniederlag, und sprach zu ihm: »Sehen Sie, ich habe doch eine
Wölfin eingefangen; Sie aber haben immer gesagt, so lange als Sie
leben, werde es mir nie glücken, eines Wolfes habhaft zu werden.«
Hierauf entgegnete ihm der Schwiegervater: »Geh’ setz’ mal die
Wölfin nieder und gib mir die Peitsche her, die zu meinen Füssen
liegt.« Der Bursche reichte dem Alten die Peitsche hin, dieser liess
sie einmal durch die Luft sausen, und die Wölfin war spurlos
verschwunden. Verwundert fragte der Bursche den alten Mann, wohin denn
die Wölfin plötzlich gekommen sei. Doch der Alte verweigerte
beharrlich jede Auskunft, litt schwere Todpein und konnte keine
Erlösung von seinen Qualen finden. Endlich sagte er zu seinem
Schwiegersohne: »Nimm die Peitsche, geh in den Hof hinaus und lass sie
einmal knallen, du wirst einen herrlichen Anblick geniessen.« Der tat
so, wie er es ihn geheissen hatte. Auf einmal kam er in die grosse
Stube hereingerannt mit dem Ausruf: »Kommt heraus, Leute, die Menge
Wölfe anzuschauen!« Die Leute liefen hinaus, doch keiner ausser ihm
allein sah die Wölfe. Nun ging er zu seinem Schwiegervater und
erzählte ihm, niemand sähe die Wölfe ausser er allein. Hierauf
antwortete ihm der Kranke: »Wenn dir einer auf den rechten Fuss tritt,
so wird er ebenfalls die Wölfe sehen können.« Seit diesem
Augenblicke war dieser Bursche Wolfhirte. Einmal kam er zu meinem
Schwager auf Feldarbeit und sagte im Vertrauen zum Ispan
(herrschaftlichen Aufseher), er wolle ihm etwas Besonderes zeigen, wenn
er nicht schrecksamer Natur sei. Darauf sprach er zu ihm: »Treten sie
mir auf den rechten Fuss.« Er trat ihm auf den Fuss und sah sich
ringsum von unzähligen Wölfen umgeben. Derselbe Hirte erzählte mir
und beteuerte es bei Gott und Seligkeit, er habe zwei Steierer gesehen,
die dort im Walde meines Schwiegervaters so viele Hasen und Füchse vor
sich hertrieben, dass sich die Tiere drängten und stiessen; mir aber
sagte er, ich solle ihn im Gebirge besuchen, er werde mir alle Wölfe
zeigen, ich müsste ihm bloss auf den rechten Fuss treten. Jener alte
Wolfhirte ist vor zwei Jahren gestorben, bemerkte der Bauer, von
welchem der Bericht stammt. (Aufgezeichnet um das Jahr 1862.)

Seltsam genug wird dem Wolfhirten auch eine Art Obsorge für Hirten im
allgemeinen nachgerühmt. Offenbar denkt man, er sei für die Hirten
darum bedacht, weil sie gleichsam für seine Wölfe Herden hüten. Der
Wolfhirte verstehe es auch, diejenigen Bauern empfindlich zu bestrafen,
die sich gegen seine Beschlüsse auflehnen, so er da durch Wölfe
ausführen lässt. Darum dürfe man nie einen Hirten prügeln, wenn
irgend etwas im Hause zu Grunde geht, am allerwenigsten aber, wenn ein
Stück der ihm anvertrauten Herde umkommt, weil sich der Schaden nur
vergrössern würde. Es traf sich einmal, dass ein Wolf einem Hirten
ein kleines Ferkel raubte. Als der Hirte heimkam, wurde er weidlich
durchgeprügelt; er aber entgegnete nichts auf die Vorwürfe, sondern
weinte bitterlich. Während er weinte, trat der Wolfhirte an ihn heran
und tröstete ihn: »Hab’ keine Furcht deshalb und sei unbesorgt;
lass du dich nur morgen um nichts in der Welt bewegen, die Herde
auszutreiben. Der soll gehen, der dich durchgeprügelt hat.« Der Junge
tat so, wie ihm geraten worden, und so ging der Herr selber mit den
Schweinen auf das Feld hinaus. Dort zündete er ein Feuer an.
Inzwischen schlichen sich zwei Wölfe heran und trugen ihm jeder je ein
Schwein fort. Als der Herr abends nach Hause kam, schwiegen alle still,
keiner getraute sich über den Vorfall zu sprechen. Nun beschloss der
Herr, alle seine fetten Schweine, eines nach dem anderen, abzustechen.
Als er nach einigen Tagen wieder ein Schwein abgestochen hatte, stellte
sich der Wolfhirte ein und bat den Herrn um ein Stück Fleisch; doch
der Herr fuhr ihn barsch an: »Mir haben heuer die Wölfe genug Fleisch
aufgefressen; soll ich noch den Rest an die Leute verteilen? Das fehlt
mir noch zum Ganzen!« Ohne darauf ein Wort zu erwidern, wandte ihm der
Wolfhirte den Rücken zu, ging in den Hof hinaus, blies in sein Horn,
und im Nu waren so viele Wölfe da, als es Blätter im Walde und Halme
in der Aue gibt. Die frassen alle Schweine auf und überdies auch das
schon zerlegte Fleisch, das der Herr im Hause hatte. Hierauf gab der
Wolfhirte jenem Hirten eine Peitsche mit der dieser nur zu knallen
brauchte, um so viel Wölfe vor sich zu haben, als es Blätter und
Gräser auf der Welt gibt. Mit der Peitsche in der Hand zog der Hirte
fort in die Welt hinaus.

Falls der Wolfhirte dieser Sagen wirklich noch aus dem vorchristlichen
Volkglauben der Südslaven herstammt, so ist St. Georg als Wolfhirte
nur eine moderne Einkleidung des alten Glaubens. [121]



Die Mar.


Blutwallungen, denen sich Krämpfe zugesellen, Anschwellungen der
Blutdrüsen mit Milch- oder Blutfluss, schmerzhaftes Herzklopfen mit
Atembeklemmungen und dergleichen krankhafte Zustände, die die
nächtliche Ruhe zur nächtlichen Pein umwandeln können, führt der
Volkglaube, einen Grund für solche Wirkungen suchend, auf
Bedrückungen nächtlicher Quälgeister, auf die Maren zurück.
Heutigentags ist man über die Erscheinung und die Volkauffassung
völlig im klaren. Viele gelehrte Erklärungversuche vertragen kaum
mehr eine Erörterung, wie z. B. jene A. Hennes: »Die Nachtgespenster
sind abergläubige Entstellungen der Gestirne, deren Strahlen überall
hindringen und den stärksten Einfluss auf die Nachtruhe der Menschen
üben, indem ihre Helligkeit dieselbe oft stört oder vereitelt. In den
wandernden und irrenden Nachtmaren .... erkennt man ohnehin (?!) die in
Tiergestalt gedachten, ruhelos hinziehenden Sterne.« Henne verkennt
und überschätzt den Einfluss der Sternenwelt auf die Nachtruhe des
Menschen. Der Mondsüchtige oder der Nachtwandler ist mit dem
Margeplagten nicht zu verwechseln. Die Mar verhindert eben die
Beweglichkeit, sie legt den Leib des Schlafenden lahm, die Sterne aber
und der Mond beeinflussen in einer anderen, entgegengesetzten Weise den
Schläfer.

In neuester Zeit wird wieder von einigen Gelehrten die uralte Ansicht
eifrig verfochten, die Gestalt der Nachtmar verdanke dem Traumleben
ihre Entstehung und ihr Dasein. [122] Diese Auffassung ist zum Teil
richtig; der nächtliche Quälgeist ist aber auch bei den meisten
Völkern mit den Waldgeistern oder vielleicht eigentlich mit den
Windgeistern innig verwandt, doch erscheint nebenher, zumal bei den
Slaven, die Mar auch als der Geist eines Verstorbenen, der eine neue
Geburt durchgemacht hat d. h. aus der unbekannten Geisterwelt oder,
wie die modernen Spiritisten behaupten, aus der vierten Dimension, in
einen lebenden menschlichen Leib hineingefahren sei und den Besessenen
zu unheimlichen Taten dränge. »Bezeichnend ist hierbei die
Vorstellung«, sagt mit Bezug darauf F. Liebrecht, »dass die auf
ungewöhnlichem Wege auf Erden Anlangenden (oder Zurückkehrenden)
nicht nach ihrer Heimat gefragt sein wollen, als ob sie die Erinnerung
daran mieden, indem durch eine derartige Frage eine unwiderstehliche
Sehnsucht nach derselben erweckt und sie so zur Heimkehr veranlasst
werden könnten«. Einen Beleg dafür lernen wir beim Vilenglauben
kennen, [123] einen weiteren erhalten wir gleich bezüglich der Mora.

Wenn irgend ein Glaube allen Völkern der Erde zu allen Zeiten und
unter allen Zonen gemeinsam war und ist, so ist es der Marglaube. Der
südslavische weist unbedeutende Eigentümlichkeiten auf, es wäre denn
eine, dass er besonders tief im Volkgemüte noch gegenwärtig
eingewurzelt ist.

Die Mar (nach anderer Schreibung: Mahr) heisst bei den Serben in
Serbien, Montenegro, Dalmatien, bei den Bulgaren und Slovenen allgemein
mora, daneben unter den Chrowoten mura und in Slavonien und in Bosnien
tmora. Falls das ‘t’ in tmora nicht als parasitisch, sondern als
thematisch angenommen werden sollte, so würde uns gerade diese Form
eine erwünschte Aufklärung des rätselhaften Wortes geben. Es würde
von tema (tmica, tama = Dunkelheit) abzuleiten und mit ‘die im
Dunkeln wandelnde’ zu übersetzen sein. In Südbulgarien nennt man
die Mora auch lamia. Der Name ist dem Griechischen entlehnt. Die
Montenegrer sagen lieber vještica (Hexe) als Mora. Ausnahmweise nennt
das Volk die Mora auch Vila, doch ist diese Bezeichnung dann nur als
Schimpfwort aufzufassen, nicht aber als ein eigentlicher Name. Das Wort
Mora ist dem Bauer schrecklich auszusprechen, darum umschreibt er es
gewöhnlich mit noćnica (Nachtfahre, Nachtfrau, domina nocturna). Wenn
sich bei einem Manne die Brustwarzen verhärten und ihm dies Schmerzen
bereitet, so glaubt man, Noćnice saugen an seinen Brüsten nächtlich
(Serbien, Slavonien). Verschiedene Namen für ein Wesen bilden sich im
Volkglauben mit der Zeit zu neuen, verschiedenen Wesen aus. So
unterscheidet man im Savelande unter den Serben schon zwischen Mora und
Noćnica. Die Mora sauge die kleinen Kinder aus, die Noćnica schlage
sie, so dass der Oberleib eines geplagten Kindes gleichsam mit blauen
Striemen bedeckt erscheine.

Die Slovenen in Steiermark kennen neben der Mora noch einen männlichen
Quälgeist: vedomec, der, wie ich nach den einschlägigen Mitteilungen
und Erhebungen schliessen muss, dem deutschen Volkglauben entlehnt ist
und unserem Alp in allen Stücken entspricht. Nur der Name ist
slavisch. Im übrigen sind die Moren bei den Südslaven nur wirkliche
menschliche Wesen, und zwar ausschliesslich weiblichen Geschlechts.
(Nach südslavischem Sprachgebrauche zählen Frauenzimmer freilich
nicht zu den Menschen.)

Die Mora bei den Südslaven beschränkt sich nicht, wie die Mar bei den
Deutschen, aufs Milchtrinken, sondern saugt regelmässig dem Menschen
Blut aus.

Ohne eigenes Zutun wird das Menschenkind zur Mora. Der verderbliche
Geist nimmt vom Menschen Besitz und zwingt zu seinen Diensten den
besessenen Leib, der schliesslich oft für den fremden Geist zu büssen
hat. In Bosnien und im Herzogtum sagt man: ‘Eine Mora kann nur ein
Mädchen sein, und zwar eines, dessen Mutter schlimm gewesen, z. B.
die den Teufel anrief (vragala), wenn sie im Hause ihre Kinder
züchtigte, die sich falsch zu verschwören pflegte und schamlos war,
zu Gott nicht betete und in der Kirche keine Beichte ablegte.’ [124]
In einer Dorfgeschichte des Dalmaters Vuletić, »Die Mädchenhöhle«,
erzählt ein Mädchen: »Ich hatte eine Tante namens Ännchen, die war
als Mora zur Welt gekommen, das heisst, in einem blutigroten Hemdchen.
Zu ihrem Unglück hatte sich damals niemand gefunden, der von der
Spitze des Daches in die Welt hinausgeschrien hätte: ‘Es ist eine
kleine, rote Hindin in einem roten Hemdchen geboren worden’ (rodila
se crvena košutica u crvenoj košuljici). Dies wäre ihre Erlösung
gewesen. Während ihrer Mädchenzeit wurde sie im ganzen Dorfe
verfolgt; die Dorfleute waren fahl und blass, als ob das Fieber alle
plagte, und oft sah man morgens das Mädchen zerkratzt in die Häuser
kommen mit der Bitte: ‘Gevatter, gib mir ein Körnchen Salz!’« —
Allgemein gilt es, dass Kinder weiblichen Geschlechts, die mit einem
sogen. Glückhäubchen, in der Lika sagt man »in einem Bettchen«
(posteljica) oder einem blauen Hemdchen (modra košuljica) geboren
werden, als Moren die Menschen quälen müssen. Solche Mädchen sähen
bei Nacht ebenso gut wie Katzen.

Der Volkglaube setzt die Moren in engere Beziehung zu den Hexen, doch
gehen die Meinungen in Einzelheiten stark auseinander. Die Beziehungen
sind jüngeren Ursprungs. Manche glauben, die Mora sei eine Hexe
(vještica), die ihr Tun bereut und das Gelübde getan habe, keinen
Menschen mehr auszufressen, sondern die Leute bloss nächtlich im
Schlaf zu bedrücken und ihnen den Atem zu benehmen. Andere wieder
glauben, die Mora sei ein heiratfähiges Mädchen, das nach der
Verheiratung eine Hexe werden soll. Im Herzögischen glaubt man ferner,
Moren wären von Hexen geborene Mädchen, die diesen ihr ganzes Treiben
ablernen, doch während ihrer Mädchenzeit das Zauberwerk nicht
ausüben können und vor ihrer Verheiratung niemandem das Herz
ausweiden dürfen. In dem Augenblicke aber, wo bei der Trauung der Mora
der Kranz aufgesetzt wird, verwandle sich die Mora zu einer Hexe. Auf
Curzola und den übrigen Inseln behauptet man dagegen, die Mora sei
keine unverheiratete Hexe, vielmehr gebe es sowohl verheiratete als
unverheiratete Moren, auch könne nie eine Mora zu einer Hexe werden.
Im allgemeinen seien die Moren an dem zerkratzten Gesichte, die Hexen
aber an den Hitzbläschen und Wimmerln im Gesichte erkennbar (Insel
Brazza).

Moren vermögen gleich dem Teufel und den Hexen jede mögliche Gestalt
anzunehmen, nur nicht die eines Schafes oder einer Biene. Dank ihrer
Verwandlungfähigkeit kann die Mora durch die allerkleinsten Ritzen
hindurchschlüpfen. Die Mora steht nicht leicht ab von ihrem
auserkorenen Opfer. Sie pflegt es z. B. in der Gestalt eines Pferdes
oder eines Hundes zu begleiten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass der
Volkglaube sie ein Pferd von weisser Farbe sein lässt. Auch die Pest
in Pferdegestalt ist von weisser Farbe.

Nächtlich bedrückt eine Mora den Schläfer meist in Menschengestalt,
oder als Henne, oder als ein Hund, oder als eine Schlange, oder als
eine Schlinge, oder als ein Zwirnfaden, den man nicht erfassen kann.
Die Mora wirft über den Menschen vorerst einen tiefen Schlaf, doch
raubt sie ihm das Bewusstsein nicht. Hat einmal eine Mora bei einem
Menschen süsses Blut entdeckt, so verliebt sie sich in ihn und weicht
nicht mehr von ihm. Mag er im Schlafe noch so ächzen und stöhnen, die
Mora wehrt ihm das Erwachen.

In Chrowotien glaubt man, die Mora habe Füsse von dieser Form
[Pentagram]. Um sich vor den Heimsuchungen der Mora zu schützen,
zeichnet man sich auf die Brustwarzen (sise) ihre »Pratzen« (šape)
auf, dann lässt sie einen in Ruhe. Ich vermag diesen Zug bei den
übrigen Südslaven nicht nachzuweisen und wage die Vermutung, er sei
dem Volkglauben der eingewanderten Schwaben entlehnt (Drudenfuss).
Die Mora wälzt sich einem auf die Brust und benimmt einem den Atem.
Es sei erwähnt, dass der südslavische Bauer mit Vorliebe auf dem
Rücken liegend schläft und die Hände unters Haupt, gleichsam als ein
Kissen, legt. Auch bei den deutschen Bauern beobachtete ich vorwiegend
diese Lage, während der bürgerliche Deutsche die Seitenlage bevorzugt
und wohl daher auch seltener über Alpdrücken zu klagen hat.

Hauptsächlich wird die Mora als Quälerin der Wiegenkinder
gefürchtet. Dass ein Kind von einer Mora ausgesaugt wird, erkennt man
an den angeschwollenen Brüsten, die Feuchtigkeit absondern. Die
Ausscheidungen wäscht man weg und reibt die Geschwulst mit Knoblauch
ein; denn die Moren vertragen gleich den Hexen keinen Knoblauch. In
Bosnien legt die Mutter ihr säugendes Kind nicht eher in die Wiege,
als bis sie es mit einer Schere dreimal bekreuzigt hat. Die Schere
verbirgt sie unters Kopfpölsterchen, sonst schadet dem Kinde eine
Hexe, oder es wird von einer Mora erwürgt (da ga ne bi umorila tmora).
Um Kinder vor der Mora und sonst vor Krankheitgeistern zu bewahren,
räuchert man abends die Bettchen mit einem alten Stück Schuhleder
aus, das man auf glühende Kohlen legt; denn man glaubt, dass Unholde
solchen Gestank scheuen. Gewiss ist es, dass Motten und Gelsen ferne
bleiben (Serbien, Bulgarien).

Die Flüche und Beschwörungen, die man gegen Krankheitgeister sonst
ausstösst, wendet man in kürzeren Fassungen auch gegen die Moren an.
[125] Im Vergleich zu den vielen Bannformeln in meinem Buche über
Volkglauben lehren uns die speziellen Moraverfluchungen kaum etwas
Neues, bis auf einige wenige belanglose Wendungen.

Als besonders wirksame Abwehr gegen die Mora gilt in Bosnien und dem
Herzogtum folgender Zaubersegen (basna) den man vor dem Schlafengehen
dreimal singend aufzusagen hat (iskantati):


    Mora, lezi doma!
    doma su ti puti,
    zemlja ti je uzda,
    Bog te prokleo!
    Sveti Jovan sapeo,
    sveti Videlare,
    koji po moru hogjaše
    i brodove vozaše:
    sveži mori moći,
    sveži tatu ruke,
    sveži vuku zube,
    da vuk ne ujede,
    da tat ne ukrade!
      Okani se mora i vještica,
    pogani gjavolica!
      Ne ću ih se okaniti,
    dok ih ne doćeram
    na dubove grane,
    na granama reske,
    na reskama kaplje,
    na volu dlake,
    na pijevcu repušina!
                      Amin!


    Mora, leg dich daheim nieder!
    daheim sind dir die Wege
    die Erde ist dir ein Zaum,
    Gott möge dich verfluchen!
    der hl. Johannes in Fesseln schlagen,
    der hl. Videlar,
    so da auf dem Meer einherschritt
    und die Schiffe geleitete:
      Bind der Mar die Gewalten,
    bind dem Dieb die Hände,
    bind dem Wolf die Zähne,
    auf dass der Wolf nicht beisse,
    auf dass der Dieb nicht bestehle!
      Lass ab von Maren und Hexen,
    von den unreinen Teufelinnen!
      Nicht eher lasse ich von ihnen ab,
    als bis ich sie dahin gejagt
    auf der Eiche Äste,
    auf den Ästen die Blütenbüschel,
    auf den Büscheln die Tautropfen,
    auf dem Ochsen das Haar,
    auf dem Hahn ein grosser Schweif!
                                  Amen!


Man bannt so die Mar in einen Baum der Wildnis, denn als eine böse
Baumseele gehört sie dahin, woher sie gekommen.

Ein weiteres Beispiel mag ausreichen. Wer von einer Mora geplagt wird,
pflegt vor dem Schlafengehen folgendes Gebet aufzusagen:


    Mora bora, ne prelazi
    prek ovoga bjela dvora,
    e su na njem tvrdi ključi
    od našega Siodora
    Siodora i Todora
    i Marije i Matije
    i sestrice Levantije,
    koja nema pristupišta,
    prek ovoga bjela dvora,
    ni kamena kamenica,
    ni vjetrušna vjetruština,
    ni nametna nametnica
    ni udova udovica
    ni maćiona maćionica;
    dokle ne bi pribrojila
    na nebu zvijezde,
    na gori listove
    na moru pijesak
    na kućki dlake,
    na kozi runje
    na ovci vune
    na vuni dlake.

      A kad bi to prebrojila,
    vratilom se opasala,
    zaštikalom poštapila,
    ušla u jajsku ljusku,
    utopila se u morsku pućinu,
    trinka joj trakuli,
    vragu joj glava,
    sve joj koze vrag odnio,
    mleko joj se ne sirilo,
    nego rekla: jaoh!
    jaoh joj dala Lena plena
    i Marija Magdalena! Amin!


    Mora (bora) überschreit’ nicht
    dieses weissen Hofes Schwelle;
    denn an ihm sind feste Schlüssel
    von unserem Siodorus,
    Siodorus, Theodorus
    und Maria und Matthias
    und der Schwester Levantija,
    der allda kein Eintritt zusteht
    über dieses Hofes Schwelle;
    keiner Steinhex, sie versteiner’,
    keiner Windhex, sie verwehe,
    keiner Plaghex, sei geplagt sie,
    keiner Witwe, zweimal Witwe,
    keiner magischen Magierin,
    eh sie nicht zu End gezählt hätt:
    am Himmel alle Sterne,
    im Hochgebirg die Blätter,
    die Sandkörner im Meer,
    auf der Hindin das Haar,
    auf der Ziege die Zoten,
    auf dem Schaf die Wolle,
    auf der Wolle die Haare.

      Und sollt’ sie dies zu Ende zählen,
    gürt’ sie sich mit einem Webbaum,
    Webstuhlnagel sei ihr Stecken,
    sie fahre in eine Eierschale hinein,
    sie soll in der Meerflut ersaufen;
    ihr Eingeweide dem Bandwurm,
    ihr Kopf falle dem Teufel zu,
    der Teufel hol’ ihr alle Ziegen;
    ihre Milch soll sich nicht verkäsen;
    sie soll vielmehr schreien: o weh!
    o weh! bescher’ ihr Lena plena
    und Maria Magdalena! Amen!

    (Aus Grbalj in Dalmatien.)


Das Wort ‘bora’ im 1. Vers mag vielleicht den Wind Bora
bezeichnen, doch ist es möglicherweise hier nur ein bedeutungloses
Füllsel. Die Namen in Vers 4–7 beziehen sich wahrscheinlich auf die
Heiligenbilder, die an den Wänden der Stube hängen. Lena plena in
Vers 33 ist wohl von der lateinischen Unterschrift eines Bildes
entnommen: Sa. Helena plena (amoris Christi). Katholische Bilder sind
bei Altgläubigen in Dalmatien nichts Ungewöhnliches.

Der Glaube an die gute Wirkung solcher Bannsprüche und Gebete ist
nicht gross, denn man nimmt noch zu mancherlei anderen Abwehrmitteln
seine Zuflucht. Als bestes, doch schwer durchführbares Mittel gilt,
die Mora gründlich durchzubläuen oder gar zu verbrennen. Manches als
Mora verdächtigte Frauenzimmer wurde von erbitterten Leuten auf
Kohlenglut gesetzt, so dass sie böse Brandwunden davontrug. Man glaubt
nämlich, dass die einmal angebrannte Mora nie wiederkommen werde.
Mitunter genügt es, dass man irgend ein Kleidungstück der Mora vom
Leib reisst und als Pfand zurückbehält. Um es zurückzubekommen, muss
sie sich zu jeder Bedingung bequemen. In Montenegro pflegen die Leute,
die von einer Mora gedrückt und gewürgt werden, vor dem Schlafengehen
einen gewebten Leibgürtel der Länge nach über die Decke
auszubreiten. Wenn die Mora zur Heimsuchung erscheint, so zieht sie
sich vor dem hegenden Band wieder zurück oder glaubt, eine andere Mora
sei ihr zuvorgekommen und habe sich als Band über den Schläfer
gemacht. Im »Bergkranz« spricht Serdar Janko zu Wolf Mićanović, der
sich berühmt, ihn habe noch niemals eine Mora gedrückt (pritisla):
»Mir aber ist sie zur Last geworden. Stets trage ich Kren bei mir und
Dornenstacheln im Kleidersaume eingenäht; doch gibt es kein
zuverlässigeres Gegenmittel gegen sie (die Mora) als das, wenn man
sich zu Bette begibt, über die Kleider einen Gürtel der Länge nach
zu legen« (pas pružit ozgo svrh haljina).

Wen die Mora drückt, der braucht nur vor dem Schlafengehen hinter die
Türe einen Birkenrutenbesen mit dem Stil nach unten zu stellen, und er
wird vor der Mora Ruhe haben. Es lebte im Jahre 1866 zu Požega in
Slavonien ein Kürschnergeselle, ein starker Fresser, dem aber das
Vielessen schlecht bekam, denn ihn plagte die Mora. Sobald er nachts
das Licht ausgelöscht hatte und sich niederlegte, kam die Mora durch
die nicht verschliessbare Türe ins Zimmer hinein und sprang auf den
Gesellen hinauf. Vor Entsetzen getraute er sich nicht sich zu rühren.
Deutlich hörte er die Mora atmen und sich räuspern, doch sonst tat
sie ihm nichts zu Leide an. Alle Zaubermittel halfen nichts gegen das
Übel. Da riet ihm jemand, er solle ein Freitagkind, das vor Moren
gefeit sei, bitten, dass es mit ihm in einem Bette übernachte und die
Mora mit einer Schere durchschneide. Die Wahl fiel auf mich. Wir waren
in der Florianigasse benachbart. Ich war völlig furchtlos, weil man
mir frühzeitig eingeredet hatte, ich könnte weder je Geister sehen,
noch vermöchten Unholde mir auch nur das Geringste anzuhaben. So sass
ich denn mit der schweren Kürschnerschere in beiden Händen auf dem
Bette an der Wand, während der Geselle ausgestreckt im Bette neben mir
lag. Auf einmal hörten wir den Besen umfallen und die Tür aufgehen.
Ein Satz, und die Mora lag auf dem Gesellen. Er fing zu ächzen an und
bat mich himmelhoch in die Mora hineinzuschneiden. Die Schere war aber
für meine Knabenhände zu schwer, und so gab ich der Mora nur einen
Stich in den Leib. Sie sprang im Nu mit einem fürchterlichen Geheul
auf und verkroch sich unterm Bette. Nun kamen die Leute herbeigerannt,
machten Licht und fanden einen grossen Hund aus der Nachbarschaft vor.
Der Geselle schlug ihn halbtot. Am nächsten Tag gab es einen
furchtbaren Auftritt zwischen dem Eigentümer des Hundes und dem
Gesellen, worauf letzterer sein Ränzlein schnürte und nach Miholjac
wanderte.

In Dalmatien sagt man, es sei angezeigt, falls einen nachts eine Mora
drücke, mit dem Fingernagel in die Wand oder ins Bettgestelle zu
kratzen; denn danach werde man am nächsten Morgen die Mora an ihrem
zerkratzten Gesichte (ogrančana) erkennen. Ein moslimisches Mädchen
in einem Dorfe bei Derventa in Bosnien, das eine Hexe war, liebte einen
jungen Mann, ohne Gegenliebe zu finden. Um sich an ihm zu rächen, kam
sie in der Nacht als Mora zu ihm. Er jedoch schlief nicht und erfasste
sie bei ihren roten Haaren. Alle ihre Bitten, er möge darüber
schweigen, nützten ihr nichts, denn er verriet es dem ganzen Orte. Das
Mädchen konnte sich an ihm nicht rächen, da er ihr Haar in Händen
gehabt und ihr gedroht hatte, ihr das Haar bei nächster Gelegenheit
abzuschneiden. Sie heiratete später einen anderen, blieb kinderlos und
soll noch jetzt leben. — Wenn es dem Geplagten glückt, der auf ihm
lastenden Mora das Hemd vom Leibe herunterzureissen, so werfe er es
hinter die Türe mit den Worten: »Komm morgen, ich werde dir Brot und
Salz geben!« Die Mora muss sich am nächsten Tag in ihrer wahren
Menschengestalt einstellen und um Brot und Salz bitten. Es hat sich
dadurch schon öfters ereignet, dass Weiber, die arglos in der
Nachbarschaft Brot und Salz ausborgen wollten, tüchtige Schläge
davontrugen, weil man sie für Moren oder Hexen gehalten hat. Der
Herzogländler glaubt, gegen die Mora sei das beste Mittel, man binde
sich vor dem Schlafengehen einen Faden um die grosse Zehe; denn da
erwache man, sobald sich die Mora auf einen wälzt. Man sage ihr:
»Komm morgen und verlang ein Salz von mir!« Am nächsten Morgen haue
man die Mora windelweich durch, und man wird zeitlebens vor ihr Ruhe
haben.

Die Mora-Sagen erzählen ferner immer mit unwesentlichen Abweichungen
dieselbe Geschichte von der wunderbaren Errettung eines Geplagten, der
sich nicht einmal durch Flucht zu helfen vermochte, wenn ihm nicht ein
Zufall Erlösung brachte. Als typisch darf aber nachfolgende Fassung
angesehen werden:

Es war einmal ein Mann, den plagte derart die Mora (morila mora), dass
er schliesslich gar nicht mehr einschlafen konnte. Das Leben daheim
ward ihm zu Leid, und er bestieg sein weisses Ross und ritt davon in
die Welt hinaus ganz ohne Plan und ohne Ziel. Seine Flucht blieb aber
vergeblich, denn wo immer er sich auf der Reise zur Ruhe begab, fiel
auch schon gleich die Mora über ihn her. So immer weiter durch die
Welt wandernd, kehrte er einmal zu Nacht bei einem Schneider ein. Als
nach dem Nachtessen der Schneider seine Arbeit wieder vornahm und zu
nähen anfing, klagte ihm der Gast sein Leid, wie ihn die Mora
heimsuche und plage. »Weisst du was«, sagte er, »während du hier
nähst, will ich mich mal auf ein Weilchen niederlegen und zu schlafen
versuchen«, deckte sich mit seinem Lodenrock zu und streckte sich aus.
Kaum hatte er zum Schlafe die Augen geschlossen, fing ihn die Mora zu
drücken an, und er hub zu schreien und sich zu wehren an. Als der
Schneider dies hörte, hob er die Kerze, um zu sehen, wie sich sein
Gast abplage; als er jedoch hinschaute, erblickte er, wie sich ein
weisses Haar mit der Schnelligkeit einer Schlange über den Lodenrock
hinbewegte, mit welchem sich der Schläfer zugedeckt hatte. Zufällig
hielt der Schneider seine schwere Tuchschere in der Hand, fuhr damit
auf den Rock zu und schnitt jenes Haar durch. Sobald sich das Haar zu
bewegen aufgehört, beruhigte sich der Schläfer und schlief ruhig bis
zum nächsten Tag, als die Sonne schon hoch aufgestiegen war. Als er
erwachte, dankte er Gott für den gesunden Schlaf und die gegönnte
Erholung und lief gleich in den Stall zum Ross, um es abzuwarten. Da
hatte man es! Liegt nicht das Ross im Stall tot ausgestreckt? Als ihm
nun der Schneider erzählte, wie er das Haar auf dem Lodenrock
durchgeschnitten habe, ersahen beide, dass die Mora, die den Wanderer
so gequält hatte, niemand andres als das Ross gewesen sei.

Man würde irren, wollte man annehmen, das sei nur eine Schauersage,
ersonnen zur Unterhaltung. Das Volk glaubt unverbrüchlich fest an die
Wahrheit der Erscheinung und an den Wert der Gegenmittel. Noch in der
unmittelbarsten Gegenwart betrachtet der südslavische Bauer die Mora
als seinen bitteren Feind, den er bekämpfen müsse; an die Säuberung
seiner ungesunden Wohnstätte, an die Beschaffung zuträglicher
Nahrung, an Mässigkeit und zweckdienliche Bekleidung denkt er weitaus
weniger. Zwei gutbezeugte Fälle aus der jüngsten Vergangenheit sollen
zur Beleuchtung des Volkglaubens an die Mora dienen. Die Belege liessen
sich leicht vermehren.

Manda Lučić in Ramanovci erzählte meiner Mutter (im J. 1887): »Vor
vier Jahren erkrankte mein Kind. Ich beklagte mich bei den Weibern,
dass es fortwährend kränkle, grosse Brüste bekomme, und wie ihm
Milch aus den Brüsten fliesse. Die Weiber sagten mir: ‘Dein Kind
wird von einer Tmora ausgesaugt. Nimm du einen Wälger (eine längliche
Walze aus Holz zum Auswalgen von Mehlspeisteig, oklagija) und pass
nachts auf; sobald das Kind zu ächzen anfängt, spring du zur Wiege
hin und drück das Wälgerholz darüber. So wirst du die Mora auf dem
Kinde erwischen.’ Mein Lukas setzt sich abends in den Ofenwinkel und
wartet ab. Auf einmal gegen Mitternacht bemerkt er, wie sich etwas
durchs geschlossene Fenster ins Zimmer einschleicht und zur Wiege
hinzieht. Als er merkte, dass es schon auf der Wiege liege, sprang er
aus dem Ofenwinkel hervor und drückte mit dem Wälger auf die Wiege
nieder und fing just jenes Weib ein, das er in Verdacht hatte. Nun
schlug er sie mit dem Wälgerholz braun und blau, bis sie ihn zu bitten
anfing: ‘Liebster Gevatter, schlag mich nicht tot, ich werde das
nimmermehr tun!’ (Kume dragi nemoj me ubiti, ne ću to više nikada
raditi!) Dann schlug er sie nicht weiter, und unser Kind wurde frisch
und gesund. Jetzt ist es fünf Jahre alt, im sechsten.«

Manda Šuperina in Suljkovci erzählte meiner Mutter: »In unserem
Dorfe lebten ein Mann und ein Weib, die hatten ein einziges Kind, zu
dem allnächtlich eine Mora (tmora) kam, die das Kind aussaugte. Er
klagte sein Herzeleid einem Weibe, das Kind könnte ihm sterben, da es
von der Mora ausgesaugt werde. Riet ihm das Weib: ‘Nimm einen Sack,
wend ihn auf die Kehrseite um, leg dich nachts deinem Weib zu Füssen,
deck dich mit dem umgewendeten Sack zu und hüt dich einzuschlafen.
Wenn du nachts das Kind wirst ächzen hören, springst du hurtig auf
und packst fest den Gegenstand an, selbst wenn es ein lebendes
Geschöpf sein sollte, und lässt es um keinen Preis aus.’ Der Mann
tat so und fing eine Glucke auf dem Kinde ein. Er hub an, sein Weib zu
wecken, sie hin und her zu drehen, aber er konnte sie durchaus nicht
erwecken, weil die Vila einen Schlaf auf sie geworfen hatte. Nun nahm
er ein Zündhölzchen und wollte die Kerze anzünden, doch die Henne
blies das Hölzchen aus. So ging er denn zu seinem Bruder ins
Schlafkämmerchen (kiljer) hinaus, weckte ihn auf und hiess ihn ein
Licht anstecken, damit sie sähen, was er für eine Henne gefangen. Da
sahen sie richtig eine Henne, versengten ihr alle Federn auf dem Kopfe
und schleuderten sie mit aller Wucht in den Türwinkel. Die Henne
präuchte wie ein leeres Fass. Als sie merkten, sie habe genug
bekommen, packten sie sie und warfen sie auf einen Steinhaufen vors
Haus. In der Frühe hörten sie, Baba Marga (die alte Margarete) in der
Nachbarschaft liege im Sterben, gestern sei sie noch frisch und gesund
gewesen. Der Mann ging zu ihr, sah, dass ihr Kopf wie gebraten und ihr
Leib zerschlagen sei, und sprach zu ihr: ‘Gelt, du wirst nimmer mein
Kind aussaugen kommen!’ (jel de da ne ćeš moje dite više sisati!)
Das Weib starb noch am selben Tage, das Kind des Mannes genas aber
vollkommen.«



Menschenfleischessen.


I. In den letzten zehn Jahren sind mehrere wichtige Sonderarbeiten
über den unter den Völkern der Erde vorkommenden Genuss von
Menschenfleisch erschienen. [126] Jede in ihrer Art ist trefflich, und
sie ergänzen einander in erwünschter Weise. Gemeinsam aber ist allen
ein Mangel an Angaben bezüglich des europäischen Völkergebietes. So
gelangt Europa zu einer Ausnahmestellung, die sich jedoch bei einer
halbwegs emsigen Durchsicht der europäischen Folklore als scheinbar
erweisen dürfte.

Das Menschenfleischessen bei den westlichen Slaven der s. g. alten
Zeit wird uns gut bezeugt: Über den wendischen Gebrauch in Wagrien hat
Zeiler, Epist. 529 folgende nähere Stelle: »Es ist ein ehrlicher
Brauch im Wagerlande gleichwie in anderen Wendlanden gewesen, dass die
Kinder ihre altbetagten Eltern, Blutfreunde und andere Verwandten, auch
die so nicht mehr zum Kriege oder Arbeit dienstlich, ertöteten,
darnach gekocht und gegessen.... Dieser Brauch ist lange Zeit bei
etlichen Wenden geblieben, in Sonderheit im Lüneburger Lande.« —
Ein weitaus älteres Zeugnis gibt Notker, Cap. 105: »Aber Weletabi,
die in Germania sizzent, tie wir Wilze heizen, die ne scament sih nicht
ze chedenne, daz sie iro parentes mit mêren rehte ezen sulîn, danne
die wurme.« [127]

Nicht viel will besagen die Mitteilung eines bulgarischen Folkloristen:
»Man erzählt, dass in alter Zeit alte und arbeitunfähige Leute
abgeschlachtet wurden.« [128] Hier ist nur von einer sagenhaften,
sonst nirgendwie bei den Südslaven nachweislichen Altentötung die
Rede, ohne Bezug auf die Verspeisung Getöteter. Dagegen kann man ruhig
behaupten, dass sowohl bei den Südslaven als bei den Neugriechen das
Menschenfleischessen aus religiösen Motiven fast noch in unseren Tagen
vorgekommen sein muss.

Der Kopf getöteter Feinde diente zuweilen zur Zauberverspeisung, durch
die man die Erwerbung der Eigenschaften des Verstorbenen für sich und
durch weitere Vererbung für seine Nachkommen erhoffte. Das häufige
Vorkommen dieser Erscheinung in Nord- und Südamerika bestätigen die
fleissig erbrachten Belege bei Steinmetz. Ich stimme mit ihm darin
überein, dass die Zauberverspeisung ein späteres Entwicklungstadium
darstellt, das eine vorangehende, allgemein übliche Anaesthesie gegen
Menschenfleisch zur bestimmten Voraussetzung hat. Der Mensch auf einer
Urstufe verzehrte ebenso gern die Leichen seiner Genossen, wie die
seiner Feinde.

Mekić Arslanaga von Kolašin erschoss aus seiner Langflinte den
montenegrischen Fähnrich Vučelić Colo, einen berühmten Kämpen aus
Rovče, pa mu rusu glavu posijeka und hieb ihm ab sein dunkelharig
Haupt. Vezier Mahmut liess es am Burgwall von Nikšić, das jetzt zu
Montenegro gehört aufspiessen. Die Geschichte trug sich um das Jahr
1820 zu.


    Pak Nikšićke bule i kadune
    dovijaju s junake ragjati,
    ukradoše i Colevu glavu
    prvo veče z bedena od grada;
    zaludu je pred vezirom stâla,
    skuhaše je kano i govegju,
    sve se od nje juhe nasrkaše
    ne bi l Cola kojagogj začela
    a u turskom dinu i narodu;
    ma im ne do koji nebom sjaje
    i kojino Rovčane ostale
    otle spase i u Rovca snese. [129]


    Die Weiber und die Edelfrauen von Nikšić
    um’s Leben gern gebären möchten Helden,
    und darum stahlen sie des Colo Haupt
    herab vom Wall der Burg am ersten Abend,
    (vergeblich tat sie vor dem Vezier prangen)
    sie sotten ab sie, wie ein Rindviehhaupt,
    sie schlürften satt sich an mit dessen Brühe,
    leicht könnt’ empfahen eine einen Colo
    im Türkenglauben wohl und Türkenvolke;
    doch gäb’s nicht ihnen, der am Himmel leuchtet,
    derselbe, so die übrigen Rovčanen
    herausgerettet und gebracht nach Rovac.


Der Guslar gibt zutreffend den animistischen Beweggrund für den
Kannibalismus hier an, doch beutet er ihn aus, um Mosliminnen
verächtlich zu machen. Nun sind es aber keine Türkinnen, sondern
echte Serbinnen, gleich den christlichen Montenegrinnen. Haben es die
Frauen wirklich getan, fragt es sich, wie so hat der Guslar zu Rovci
davon Kunde erhalten? Die Sache klärt sich einfach auf; der Guslar
übertrug auf die Gegnerinnen den ihm aus seiner engeren Heimat
vertrauten Kannibalismus, an dessen Wirksamkeit er bestimmt glaubt,
sonst würde er nicht Gott um Erfolglosigkeit für die verhassten
Mosliminnen anflehen.

Menschenfleisch, wenn es von einem Helden stammt, namentlich von dessen
Kopfe, macht überaus stark und kräftig; das lehrt auch der
griechische Volkglaube. In einem Klephtenliede [130] erzählt der Olymp
einem anderen Berge:


    Auf meinem höchsten Gipfel, da ist ein Aar gesessen,
    und in den Klauen hält er fest das Haupt von einem Helden.
    — O Haupt, was hast du doch getan, was hast du doch gesündigt?
    — Iss, Vogel, meine Jugend auf, iss auf meine tapfere Stärke,
    dass ellendick dein Flügel werd und spannendick die Klaue!
    In Luros und Xeromeros war ich ein Armatole,
    in Chasia und auf diesem Berg zwölf Jahre lang ein Klephte.


Vom eigentlichen Kannibalismus, dem Genuss von Menschenfleisch zur
Befriedigung des Hungers, berichtet meines Wissens, nur eine einzige
Stelle in einem Guslarenliede. Es ist unzweifelhaft freie, dichterische
Erfindung, die ein Greis vorbringt, um eine wegen des Unglücks ihres
Sohnes trostlose Mutter durch die Schilderung seines unvergleichlich
grässlicheren Jammers zu beruhigen:


    Ja sam imo do osam sinova,
    sve sam osam starac oženio
    i osmero imo unučadi;
    pak su došli pasoglavi turci
    pak pojeli do osam sinova
    i pojeli do osam snašica
    i osmero jošter unučadi. [131]


    Besessen hab ich wohl an Söhnen acht,
    ich greiser Mann hatt alle acht beweibt,
    und Enkel ich besass auch ihrer acht;
    da brachen hundeköpfige Türken ein
    und frassen auf wohl alle Söhne acht,
    und frassen auf acht meiner Schwiegertöchter
    und überdies acht meiner Enkelkinder.


Die Hundeköpfe sind in der slovenischen und chrowotischen
Überlieferung sehr häufig, doch sehr selten in der serbischen und
bulgarischen. Dieser Sagenstoff ist wohl aus der Fremde.

Ein bosnisches Guslarenlied, in dem sich der Heiland als
menschenfleischlüstern ankündigt, halte ich lediglich für eine
Umdichtung der Sage von der Opferung Isaaks. Zu Todor am Meere fiel ein
Himmelbrief hernieder, darin geschrieben stand, Christus lade sich zu
Gaste ein, und wünsche Johannes, den Sohn Todors gebraten zum Mahle zu
verzehren. Angjelija, die Mutter, lockt durch eine Finte ihren Sohn aus
dem Gebirge von den Schafen nach Haus und zeigt ihm den Brief, worin zu
lesen, »Christus verlange, dass Todor den einzigen Sohn schächte,
gleichwie ein blödes Lamm, ihn brate, gleichwie ein blödes Lamm, denn
Christus wolle den Sohn zu Nacht verspeisen.« Der Sohn fügt sich
bereitwilligst dem höchsten Wunsche, der Vater fesselt ihm Hände und
Füsse, verbindet ihm die Augen, schächtet ihn, brät ihn am Spiesse
und setzt ihn gar dem inzwischen eingetroffenen Gaste vor. Christus
fand daran grosses Vergnügen, schlug ein schallend Gelächter auf,
nahm Rotwein, wusch den Braten, und siehe da, Johannes sprang frisch
und fröhlich auf die Beine auf. Alsdann sprach der HERR: »Du warst
der Hirt Johannes bis jetzunder, — von itzt du sei der heilige
Johannes, — verbleibst bei mir von nun in Ewigkeit!« [132]

Dem gleichen Vorstellungkreis gehört auch die Opferung des einzigen
Sohnes zu Heilzwecken an. Ein Vater tötete den einzigen Spross, um mit
dessen Blute neun blinden Hausgenossen die Augen zu waschen und sie
sehend zu machen. Indessen glaubt er bloss, dass er den Sohn
umgebracht, da es sich nachträglich nach der Vollbringung der
Wunderheilung herausstellt, dass der vermeintliche Sohn nur ein
Lämmchen gewesen sei. [133]

Ein abstruses Märlein ersann B. Petranović, ein serbischer
Veckenstedt [134] (dem er zwar an Begabung und Bildung nachsteht), um
in einem Zuge seinem Deutschen- und Katholikenhass Befriedigung zu
verschaffen. Er lässt den Wiener Kaiser für seine serbischen
Hochzeitgäste, die für den Kämpen Jakšić die deutsche Prinzessin
heimzuführen kamen, ein thyestisches Mahl aus den tückisch ermordeten
zwei serbischen Brautführern bereiten. Die Gäste tun sich an dem
Braten, den sie für einen Schafbraten halten, recht gütlich, bis
Prinz Marko auf den Geschmack kommt, sich erbricht und den Herrschaften
zuruft, das Fleisch dufte nach Branntwein und Tabak, also sei es
Heldenfleisch. Zur Strafe steckt er an eiserne Spiesse des Kaisers
beide Prinzen an, brät sie und stopft Stück für Stück vom Braten
mit dem Schlachtkolben dem Kaiser in den Mund hinein. P. mochte
schwanen, dass ihm wohl nicht leicht einer diese Geschichte als
Erzeugnis der Volkpoesie hinnehmen dürfte und erfand zur grösseren
Beglaubigung noch zwei Varianten dazu. [135] Auch die sind nicht minder
wunderschön und einzig und gereichen dem Erfinder zur Ehre.

Einen in der gesamten südslavischen Volküberlieferung unerhörten
Schwur leistete Held Ljutica Bogdan bei demselben Korallenfabrikanten.
[136] Bogdan hatte um Geld, fabelt P., seiner Gevatterin bei der Taufe
für ein Knäblein ein Mägdlein unterschoben. Als die Frau auf den
Betrug kam, stellte sie den God zur Rede. Er aber leistet den Meineid:


    Nisam kumo, života mi moga,
    nijesam ti čedo promjenio;
    ako mi se tome ne vjeruješ —,
    ja ne imam ot srca evlada
    već Božura u bešici sina,
    ja pečena izio Božura
    treći danak na vaskrsenije,
    ako sam ti čedo promjenio!


    Ich tat’s nicht, Gödin, nein, bei meinem Leben,
    ich habe dir das Kind nicht ausgewechselt;
    wenn du mir also auch nicht glauben willst —
    mir ist kein Spross vom Herzen mehr beschieden,
    als in der Wiege Božur bloss der Sohn: —
    auffressen soll ich Božur gar gebraten
    am dritten Tag des Auferstehungfestes,
    wofern dein Kind ich ausgewechselt habe!


II. »Ein starker Grad von Menschenfrass ist, wenn einer das Blut eines
abgeschlachteten oder getöteten Menschen trinkt, ein geringerer, wenn
er das Blut eines anderen, lebenden Menschen, aus was immer für Grunde
geniesst, der schwächste aber, falls einer sein eigenes Blut
schlürft, nachdem ihm vor fremdem eckelt, oder es ihm vom Gesetz
verboten wird.«

»Für die erste Art gibt es auch bei uns Beispiele. Tötet im Masurer
Bezirke ein Wegelagerer jemand, kostet er ein wenig von dessen Blute,
im Glauben, es werde ihn darnach das Blut des Gemorden nicht ereilen
(ne će stići krv). Die Montenegrer übten einen ähnlichen Brauch.
Wenn sie beim Ansturm einem Türken oder Arnauten das Haupt absäbeln,
lecken sie das Blut vom Jatagan ab, in der Meinung, das Blut werde
ihnen sodann nicht in die Füsse herabsteigen (ne će krv sići u
noge), d. h. sie werden die Geistesgegenwart nicht verlieren. Es graut
ihnen nicht im mindesten vor moslimischem Blute; denn sie sagen, das
Blut Ungetaufter sei so viel, wie das von Böcken; auch haben sie den
Brauch, neben den umgekommenen Moslim, ein Stückchen Brot oder ein
bischen Salz und ein Messer hinzulegen, »des Friedens wegen« (radi
mira) [137]. Von diesen menschenfresserischen Gebräuchen stammen wohl
in der serbischen Sprache die Ausdrücke her: krvolok, krvoločnik
(Blutschlürfer), krvopija und krvopilac (Bluttrinker).«

»Im selben Masurer Bezirke ist ein hochinteressanter Brauch des
Trinkens fremdes Blutes in Übung, doch möchte ich ihn nicht
unmittelbar als eine Spur von Anthropophagie bezeichnen, sondern bloss
als Fingerzeig, dass sie noch nicht vor dem Genuss fremden Blutes
zurückscheuen, also, dass sie es eo ipso einstmal aus anderen
Gründen, nicht nur der Wahlbruderschaftschliessung halber gesucht
haben, wie dies der Mörderbrauch dieses Bezirkes bezeugt. Wollen sich
zwei Leute in diesem Bezirke verbrüdern, lassen sie einander am Finger
Blut und saugen es sich gegenseitig aus. Das tun sie, um blutverwandt
zu werden (da se krvno srode), denn von der Zeit an, betrachten sie
einander als leibliche Brüder. [138] Das hat auch der Surduler Lehrer,
Herr Mladen Nikolić getan. So schilderte er mir die Handlung: »Ein
bruderloses Frauenzimmer gab den Wunsch kund, mit mir eine
Wahlverschwisterung einzugehen. Mein Vater und meine Mutter willigten
darauf ein, und eines Abends bereitete sie ein Nachtmahl und jene fand
sich mit einem Verwandten ein. Vor dem Mahl vollzogen wir die Zeremonie
der Wahlverwandtschaftschliessung, assen darauf und ergetzten uns bis
Mitternacht«. Für die dritte Art gibt es noch heutigentags im Dorfe
Odžaci bei Trstenik Beispiele. Gegen Keuchhusten, den man dort
Eselhusten (magareći kašalj, magaretnjak) oder Kikiriki (Kukurekavac)
nennt, trinkt der Leidende sein eigenes Blut. Man schneidet ihm mit
einem Rasiermesser die Hand am Finger auf, damit Blut fliesse und der
Kranke leckt es auf. Das ist seine Medizin« [139].



III. Etwa 200 Werst von der Universitätstadt Kasan, d. h. nicht ganz
dreissig deutsche Meilen entfernt, liegt das Dorf Stary-Multan, dessen
Bewohner sich zur orthodoxen Kirche bekennen, eine Kirche und einen
Priester besitzen. Im Jahre 1892 hatte dieses Dorf wie so viele andere
Orte derselben Gegend eine schlimme Zeit. Die Missernte hatte eine
furchtbare Hungernot geschaffen, in den Hütten der Bauern war der
Typhus zu Gast, und dazu drohte noch das Schreckgespenst der Cholera.
In dieser allgemeinen Not verwirrten sich die Sinne der Leute; der
Gott, zu dem sie beteten, schien taub geworden gegen ihr Flehen, und es
wuchs in ihnen der Zweifel empor, ob das überirdische Wesen, das sie
mit ihren Priestern bekennen, auch die wahre Gottheit sei. Dunkle
Vorstellungen von den alten Göttern, die in den weiten Kasanischen
Steppen noch ein reelleres Leben führen, wurden wieder wach, und die
orthodoxen Christen von Stary-Multan begannen den Heidengöttern Opfer
zu bringen, zuerst Tieropfer. Als aber auch dies nicht half, da erhielt
ein Weiser des Dorfes eine Offenbarung: der Gott verlange ein
»zweibeiniges« Opfer (kurban) — ein Menschenopfer also. Dem
Verlangen des Gottes musste natürlich willfahrt werden. In dem Dorfe
lebte ein armer Bauer, der aus einem benachbarten Kreise stammte, im
Orte also weder Freunde noch Anverwandte besass. Dieser Arme schien
gewissermassen im Vorhinein bestimmt, zum Wohle des Dorfes geopfert zu
werden. Der Unglückliche wurde — es geschah dies am 4. Mai 1892 —
in das Gemeindehaus geschleppt, dort entkleidet, mit den Füssen an der
Decke aufgehängt, und nun begannen fünfzehn Personen mit Messern auf
den nackten Körper einzustechen; das den Wunden entströmende Blut
wurde sorgfältig aufgefangen, gekocht und dann von den Opfernden zu
Ehren des Gottes ausgetrunken. Lungen und Herz des Opfers hat man,
nachdem es seinen Qualen erlegen war, ausgeschnitten und ebenfalls
verzehrt; dann hackte man der Leiche den Kopf ab und warf den Rumpf auf
die Strasse. An der Opferung beteiligten sich der Schulze des Dorfes,
der bäuerliche Polizeidiener und der Kirchenälteste. Die Leute waren
so sehr von der Rechtmässigkeit ihrer Handlung überzeugt, dass sie
sich nicht im Geringsten bemühten, den Mord zu verheimlichen. Er
gelangte somit bald zur Kenntnis der Behörden, und die Schuldigen
kamen in das Untersuchunggefängnis. Nach dritthalb Jahren gelangte
dieser Tage der Prozess endlich zum Abschluss, und die Teilnehmer am
Ritualmorde wurden zu langjähriger Zwangarbeit verurteilt.



IV. Von der Opferung der eigenen Kinder, um einem Freunde das Leben
wiederzugeben berichtet die mittelalterliche Sage von den treuen
Freunden, dem Amicus und Amelius und das Märchen »Der treue
Johannes« in der Sammlung der Brüder Grimm Nr. 6. Über andere
Fassungen berichtet W. Grimm in den Anmerkungen. S. 16 ff. [140]



V. Mooneys Buch über den indianischen Geistertanz [141] ist für die
Erforschung der Entwicklung und des Verlaufes geistiger Epidemien
ausserordentlich wertvoll, aber bei allen Anerkennungen seiner Leistung
haben wir es nicht notwendig, ihn um sein Material zu beneiden; denn,
wenn wir unseren anerzogenen Rassen- und Bildungdünkel ablegen wollen
und unbefangen unsere europäische Umgebung, wie Mooney die Indianer,
beobachten, können wir mitten in unserem Kulturleben den indianischen
gleichwertige Erscheinungen feststellen. Ein Blick auf den
Chrowotismus, der jetzt mit Schrecken und Entsetzen zu verkrachen
beginnt, beweist es uns. Der Chrowotismus ist ursprünglich eine
politisch organisierte und zur Herrschaft gelangte Maffia, durch die
nun das chrowotische Bauernvolk, wie die Rothäute durch die weissen
Einwanderer, zur äussersten Verzweiflung getrieben wird.  Durch die
bäuerliche Bevölkerung geht ein Schrei: ‘Los vom Chrowotismus!’
Vor allem trachten sich die Arbeiter durch Vereingründungen zu helfen.
Das missfiel, und man veranstaltete ein Kesseltreiben der
Verdächtigen. Im August 1897 fand zu Essegg eine langwierige
Gerichtverhandlung gegen eine grosse Anzahl Bauern wegen
»sozialistischer Umtriebe« statt, gegen Leute, die das ominöse Wort
nicht einmal verstanden.  Die meisten erhielten ungeheuerliche
Kerkerstrafen zuerkannt. Die einzige, nachweisbare Schuld bestand, nach
der Meinung der Kenner chrowotischer Verhältnisse, darin, dass sich
die Angeklagten wider den Chrowotismus aufgelehnt hatten [142]. Anfangs
Septembers 1897 sammelten sich zu Agram weitere 1200 »Sozialisten«
an, die unter Ausstossung des Rufes: ‘Pereat Hrvacka!’ die Strassen
durchzogen, jedoch mit Waffengewalt besänftigt worden sind. Am
20. September scharten sich zu Sjeničak in Chrowotien bei 4000 Bauern
zusammen, um gegen den Chrowotismus zu demonstrieren. Zur
Beschwichtigung der Bauern wurden drei Beamte ausgesandt: Der
Bezirkvorsteher Brozović (ich kannte ihn vom Gymnasium her) und die
Adjunkten Djaković und Cvijanović. »Die Bauern fielen mit Mistgabeln
über sie her und stachen sie zu Tod. Die Leichen fand man verstümmelt
vor; einzelne Körperteile waren ihnen mit den Zähnen abgebissen
worden.« Die mir vorliegenden Berichte sind leider nicht
ausführlicher gehalten, so dass ich nicht angeben kann, was denn den
Leichen abgebissen wurde. Vor allem darf man annehmen, dass sich die
Mörder in ihrer viehischen Wut an dem Blute der drei Unglücklichen
gütlich taten, wie dies nach dem Zeugnis von Guslarenliedern und ganz
junger Ereignisse bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt. Die
grässliche Leichenverstümmlung findet ihren Erklärunggrund in dem
allgemeinen Volkglauben an die Zauberkraft der Körperteile von
Verbrechern. Nach der, selbstverständlich vollkommen unbegründeten,
Auffassung der Bauern, ist jeder Beamte ein privilegierter Verbrecher.
Darum also die Begier, sich in den Besitz von Teilen durch das
»Volkurteil« (narodni sud) hingerichteter »Verbrecher« zu setzen
[143].

Im Handumdrehen machten die chrowotischen Blätter aus der überwiegend
erzchrowotischen Landbevölkerung »fanatisierte Serben«, um die an
der antichrowotischen Volkbewegung vielleicht nur nebenbei oder gar
nicht beteiligten serbischen Stammbrüder zu verunglimpfen. Auch
versuchen dieselben Blätter, die Juden und Magyaren für das Elend des
Volkes verantwortlich zu machen; bisher freilich ohne Erfolg; denn
gerade die Gegend Chrowotiens, in der der Aufstand losbrach, ist ganz
und gar, wie man im Antisemitenargot sagen würde, juden- und
magyarenrein. Das ist der Humor bei der Tragödie des Volkjammers, zu
der gleich das Gewehrgeknatter dreier Regimenter Soldaten Musik
aufspielte. Bei der ersten Bewegung wurde ein Bauernweib (eine
Schwangere) erschossen und sieben Bauern empfingen schwere
Verwundungen. »Dreissig »Rädelsführer« glückte es ehebald
einzukerkern, die anderen flohen in die Wälder.« Vom Frühjahr 1897
bis zum 23. September 1897 erforderte der chrowotische Ghost-Dance 53
Tote, 137 Schwerverwundete und netto 70 zu mehrjähriger Kerkerstrafe
verurteilte »Sozialisten«. (Nach Berichten aus Agram). Bis zum
3. Oktober hatten die Behörden bereits 200 Bauern eingekerkert.

Mich schmerzeten diese Kunden unsäglich. Weiland Brozović war einer
meiner letzten Jugendgespielen, mit dem ich mich gut vertragen. Mein
wissenschaftliches Sondergebiet sind die Südslaven; mein Leben und
meine Liebe dient auch ihnen. Wie vielen von den unglückseligen Bauern
mag ich mehr als einmal auf meinen Reisen freundschaftlich die Hand
gedrückt haben! Das Los der chrowotischen Bauern ist das der Indianer:
Aussterben!



Liebezauber.


In meinem Buche »Sitte und Brauch der Südslaven« widmete ich dem
Liebezauber einen eigenen Abschnitt. Seitdem habe ich selber auf Reisen
viel neues Material aufgebracht und noch mehr von Mitarbeitern
erhalten. Stoff liegt für ein Buch vor. [144] Solche Zaubereien sind
nicht allein für die Erforschung der Volkseele wichtig, es wohnt ihnen
auch jener Reiz inne, den Liebe überhaupt ausstrahlt.

Nachfolgende Mitteilungen verdanke ich einer weissfarbigen Zigeunerin
in Derventa. Über die serbische Sprache der s. g. weissen Zigeuner
veröffentlichte ich einen kleinen Aufsatz im »Ausland« 1886. Es
unterliegt für mich keinem Zweifel, dass die Sprache der dort
ansässig gewordenen Zigeuner nur als eine verdorbene serbische
Sprache, nicht aber als eine besondere Mundart aufzufassen sei. Für
den Lautphysiologen mag es nicht ohne Wert sein, an derartigen Fällen
die Einbusse zu betrachten, die das serbische Wort im Munde des die
eigene (indische) Sprache vergessenden Zigeuners erfährt, für uns
Volkforscher ist dies hier ohne Belang. Ich halte mich nicht für
verpflichtet, die Sprachfehler der Zigeunerin, obgleich ich jene
möglichst getreu aufgezeichnet, auch im Druck zu wiederholen, zumal
man die gleichen Formeln von Nichtzigeunern sprachlich ganz tadellos zu
hören bekommen kann. Was mir die Zigeunerin vorsagte, ist weder
sprachlich noch inhaltlich ihr und ihres Volkes besonderes Eigentum.
Sprachlich vermittelte sie mir schlecht, inhaltlich vorzüglich die
überlieferten Zauberformeln, die sie zu ihrem Lebensunterhalte als
Erwerbmittel benötigt, und darum möglichst treu in übernommener
Fassung festhält. Das Weib war, als ich ihre Bekanntschaft machte,
vielleicht dreissig, vielleicht fünfundfünfzig Jahre alt,
herabgekommen und elend sah sie genug aus. Bekleidet war sie mit einem
dunklen Kopftüchlein, einem bis zum Knie herabreichenden schmierigen
Hemde und einem wollenen Fürtuch. Während sie sich von Verliebten
ihre Unterweisungen bezahlen lässt, weigerte sie sich, von mir ein
Geschenk für ihre Angaben anzunehmen, weil sie sich etwas zu gute tat,
dass ein Herr mit ihr freundlich sprach und ihre Reden, für die sie
sonst Hohn und Spott eingeheimst, gar niederschrieb. Ihre Mittel sind
diese:

1. Um Gegenliebe zu erwecken: Der (oder die) Verliebte nehme zwei
Stecknadeln, stelle sie in der Abenddämmerung gegen die Zimmerwand und
spreche: mrak mrači, nebo zveči, zemlja ječi, streha streči. Nit
mrak mrači, nit nebo zveči, nit zemlja ječi, nit streha streči već
moj dragi (moja draga) za potokom kreči. On crko, on puko, dok mene ne
vidio, bijelu, rumenitu, tanku i visoku. (Die Dunkelheit dunkelt, der
Himmel tönt, die Erde ächzt, der Dachstuhl knarrt. Weder dunkelt die
Dunkelheit, noch tönt der Himmel, noch ächzt die Erde, noch knarrt
der Dachstuhl, sondern mein Liebster (-e -e) krächzt hinterm Bache. Er
verrecke, er berste, sofern er mich nicht gesehen, mich weisse, rosige,
schlanke und hochgebaute Maid). Hierauf stecke man die Stecknadeln
nebeneinander in den Dachvorsprung (streha), wasche sich die Hände und
wische sie am Ofen ab.

2. Das Mädchen rufe abends den Namen des zu bezaubernden Mannes
dreimal in den Rauchfang hinauf.

3. Wirksam sei folgender Spruch, so man ihn nachts hersagt, wenn man
sich zur Ruhe niederlegt: Ja legoh na devet i devet kreveta pa legoh na
devet i devet jastuka, pa se pokrih sa devet i devet jorgana. Pa lego,
drago, na devet i devet uši, pa lego, drago, na devet i devet mravi,
pa lego, drago na devet i devet buha, pa lego, drago, na devet i devet
stinica. Buhe kolju ga, meni ga gone; mravi kolju ga, meni ga gone;
uši kolju ga, meni ga gone; stinice kolju ga, meni ga gone. On puko,
on crko, dok meni ne došo, dok mene ne vidio tanku, visoku, bijelu i
rumenitu! (Ich legte mich auf neun und neun Betten und legte mich auf
neun und neun Pölster und deckte mich zu mit neun und neun Decken.
Doch mein Liebster soll sich auf neun und neun Läuse legen, und soll
sich mein Liebster auf neun und neun Ameisen legen, und soll sich mein
Liebster auf neun und neun Flöhe legen, und soll sich mein Liebster
auf neun und neun Wanzen legen! Die Flöhe beissen ihn, sie treiben ihn
zu mir; die Ameisen beissen ihn, sie treiben ihn zu mir; die Läuse
beissen ihn, sie treiben ihn zu mir; die Wanzen beissen ihn, sie
treiben ihn zu mir. Er soll bersten, er soll verrecken, sofern er nicht
zu mir kommt, sofern er mich nicht schaut, mich schlankes, hohes,
weisses und rosiges Mägdelein!)

4. Man nehme die bul trava (papaver rhoeas), breche sie in der Mitte
ab, bestreiche das eine Stück mit ungekochtem Honig, das andere mit
nicht aufgelassener Butter, lege auf die rechte und linke Seite der
Türschwelle je ein Stück hin, und sobald die betreffende geliebte
Person dazwischen hindurch gegangen ist, lege man wieder beide Stücke
zusammen, grabe sie unter der Dachtraufe ein und spreche dazu niti
kapljica brez rupice niti drago bilo bez mene. (Sowenig als ein
Regentröpflein ohne Löchlein, so wenig soll mein Liebster ohne mich
denkbar sein).

5. Nimm zwei ausgereifte Sonnenblumen, eine mit weissen Samenkörnern,
die als weiblich, und eine mit schwarzen Samenkörnern, die als
männlich gelten, und entferne aus beiden Blumen die Körner; dann
schneide den Blumenboden des weiblichen Teiles ringförmig aus und
umwickle ihn mit Goldfäden, den männlichen aber schneide entsprechend
flach aus.  Den einen Teil bestreiche mit ungekochter Butter, den
anderen mit nicht abgekochtem Honig (nevarenim medom); während dieser
Verrichtung musst du fortwährend Gebete hersagen. Erblickt das
Mädchen den geliebten Mann, so dass er ihr sein Gesicht zuwendet,
schaue sie ihn durch den ringförmigen Ausschnitt an und spreche dazu
dreimal die Beschwörung: ja tebe ne gledam ... [145] ti mene gledaš u
moje srce i u srčene zile, u rumenine i bijeline. Ja sam tebi zlatna,
zlatna i blagna; ti drugi ne vidiš, već ti mene gledaš, drugi nikad
ne vidiš osim mene. Ti crko, ti puko, dok mene ne vidiš, tanku,
visoku, glasovitu, bijelu i rumenitu! (Ich schaue dich nicht an ... du
schaust mich an, schaust mir in mein Herz, in meine Herzfasern hinein,
meine roten Wangen, meine weise Haut. Ich bin in deinen Augen goldig,
goldig und mit Gütern gesegnet; du siehst andere nicht, sondern
schaust nur mich, du siehst nie andere ausser mir. Du sollst verrecken,
sollst zerplatzen, wofern du mich nicht erschaust, mich schlankes,
hohes, klarstimmiges, weisses und rosiges Mädchen!) Darauf lege sie
beide Stücke in ein Tüchlein und trage sie an einer Schnur am Halse;
aber es nützt noch mehr, wenn sie die Sachen unter der Achselhöhle
mit sich herumträgt.

6. Das Mädchen soll dem geliebten Manne von jenem Wasser geben, wovon
ein aufgezäumtes Pferd getrunken hat.

7. Das Mädchen nehme schwarze Wickenkörner, die von selber aus der
Blüte zu Boden gefallen (kukolj), Sonnenblumensamen und Rheinfarn
(vratična trava, tanacetum crispum), vermenge sie mit Mehl, das am
Mühlstein kleben geblieben, und rühre mit einer neuen, noch
ungebrauchten Spindel ungekochten Honig und nicht aufgelassene Butter
darunter, bis ein Teig daraus fertig wird. Aus dem Teig bilde sie einen
Ring und lasse ihn an der Sonne trocknen; denn man darf ihn nicht ins
Haus hineinbringen. Will sie nun jemandes Liebe erzwingen, so schaue
sie ihn durch den Ring an, und sage dabei: ja tebe ne gledam, već ti
mene gledaš u moje srce i srčene žile. Ti puko, ti crko, dok mene ne
vidiš, dok meni ne dogješ, dok mene ne vidiš bijelu i rumenitu,
tanku i visoku! (Ich schaue dich nicht an, du schaust mich an, schaust
mir in mein Herz und in meine Herzfasern, sollst zerspringen, sollst
verrecken, sofern du mich nicht siehst, sofern du nicht zu mir kommst,
sofern du mich nicht siehst, mich weisses und rosiges, schlankes und
hohes Mädchen!) Hierauf lege sie den Ring in ein Säckchen und trage
es mit sich in der rechten Achselhöhle.

8. Das Mädchen nehme ein Stück Zuckers oder sonst etwas süsses in
den Mund und sage dazu: ćufur ćuti, lehom leti; ni ćufur ćuti, ni
lehom leti, već moj dragi za mnom leti. On puko, on crko, dok meni ne
leti, dok mene ne vidi, bijelu, rumenitu, tanku, visoku! (Die Lachtaube
schweigt, sie fliegt durch den Wald; weder schweigt die Lachtaube, noch
fliegt sie durch den Wald, sondern mein Geliebter fliegt mir nach. Er
zerplatzte, er verrecke, sofern er nicht zu mir fliegt, sofern er mich
nicht sieht, mich weisses, rosiges, schlankes und hohes Mädchen!)

9. Das Mädchen schaue durch ein mit ungekochtem Honig und
unaufgelassener Butter bestrichenes und mit Fäden behangenes
Weberschiffchen (kolocep) [146] und sage den Spruch wie unter Nr. 7
angegeben her.

10. Das Mädchen stelle sich mit dem linken Fusse auf eine Fusstapfe
oder Spur des geliebten Mannes, drehe sich auf der Ferse um und spreche
dazu: ja se ne okrećem na tvojoj stopi, već okrećem tvoju pamet za
svojom pameti. Ti puko, ti crko, dok mene ne vidiš! (Ich drehe mich
nicht auf deiner Fusspur, sondern ich drehe deinen Sinn nach meinem
Sinne zu. Du sollst zerplatzen, sollst verrecken, sofern du mich nicht
siehst!) Hierauf nehme sie von der Erde, wo sie sich gedreht hat,
vermenge sie mit ungekochtem Honig und unaufgelassener Butter, rühre
dies mit einer neuen Spindel zu einem Teig an, mache daraus einen
runden Kuchen und lasse ihn an der Sonne trocknen.

11. Will ein Mann ein Mädchen bezaubern, so fülle er einen Gewehrlauf
mit Pulver an, löse den Kolben vom Gewehre los, lege den Kolben auf
die eine und den Lauf auf die andere Seite und lasse das geliebte
Frauenzimmer, ohne dass sie vom Zauber eine Ahnung bekommt, zwischen
durchgehen. Sonach stelle er das Gewehr wieder zusammen, schiesse das
Pulver ab und spreche dazu die Beschwörung: Kako god ova puška pukne,
neka ona za mnom pukne! Srce joj puklo i srčene žile, dok meni nije
došla! (So wie dieses Gewehr springt [laut losgeht], so soll sie nach
mir springen! Ihr Herz und ihre Herzadern sollen zerspringen, sofern
sie nicht zu mir kommt!)

Ein skeptischer Volkforscher könnte auf die Vermutung geraten, die von
der Zigeunerin herrührenden Zaubersprüche wären ursprünglich echt
zigeunerische Formeln, die nur in slavische Worte umgesetzt seien. Eine
Unterstützung fände diese Annahme in der Ähnlichkeit zigeunerischer
mit serbischen Zaubereien. Nun aber erstreckt sich eine solche
Ähnlichkeit überhaupt auf derartiges Gut gar vieler, wo nicht der
meisten Völker dieser Erde. Im übrigen erweist sich eine solche
Vermutung ganz unbegründet mit Hinblick auf den Liebezauber, der unter
katholischen und altgläubigen Serben in Bosnien üblich ist, deren
Slaventum man füglich nach den gewöhnlichen Voraussetzungen kaum in
Zweifel ziehen dürfte. Zum Vergleiche will ich einige Liebezaubereien
anführen, die ich durch meinen Freund Herrn Dragičević von der
altgläubigen Bäuerin Jela Ristina aus dem Dorfe Puškovac am Fusse
des Majevicagebirges, eine gute Tagereise von Derventa entfernt,
erlangt habe. In diesem Dörfchen wohnen nur Altgläubige. Zwei Stunden
davon entfernt liegt das Dörfchen Mačkovac mit einem Kirchlein, das
einem Guslarenliede meiner Sammlung zufolge im 13. Jahrhundert von
einem serbischen Fürsten aus dem Hause Nemanjći gestiftet worden sein
soll. So viel ist gewiss, dass man dort meilenweit im Umkreise auf
keinen Katholiken stösst. Hier sind die Altgläubigen ganz unter sich.
Nun die Zauberformeln:

12. Wenn ein Bursche ein Mädchen, oder ein Mädchen einen Burschen
lieb gewinnt, ohne Gegenliebe zu finden, so nimmt der oder die
Verliebte Haken und Öse (bei uns in Österreich sagt man »a Mandl und
a Waibl«), steckt sie in den Mund zwischen die Zähne und sucht bei
Gelegenheit, etwa beim Polstertanz, einer Art Pfänderspiel, den
Gegenstand der Liebe zu küssen. Hierauf nimmt er Haken und Öse
heraus, hakt sie ineinander ein, schlägt sie so fest zusammen, dass
sie unlöslich erscheinen, und spricht den Bann: Kat se ove dve kopče
rastale, onda se i nas dvoje rastalo! (Wenn sich diese zwei Hafteln
voneinander trennen, dann sollen auch wir zwei uns trennen!) und wirft
zuletzt die Hafteln in fliessendes Wasser.

13. Man suche (und finde) zu Pfingsten ein vierblättriges Kleeblatt
(na četiri pera), flechte es in einen Kranz ein, lasse darüber den
Zug der Pfingstprozession hinwegschreiten, lege den Kranz hierauf auf
oder unter den Tisch, auf den der Priester das Kreuz beim Segen
hinstellt, und schaue zum Schluss den Geliebten durch den Kranz an. Er
muss dann zur Zauberin in Liebe entbrennen oder er wird verrückt.

14. Will ein Mädchen erfahren, wie ihr Liebster oder derjenige unter
ihren Bewerbern heisst, dem sie als Gattin zufallen wird, so erhebt sie
sich am Georgtage vor Sonnenaufgang vom Lager, begibt sich zu irgend
einem Zaun, hängt sich mit beiden Händen an ihn an und spricht dabei:
ja drmam ovim plotom, plot morem, more mojim sugjenim; neka dogje i ime
mi kaže! (Ich rüttle diesen Zaun, der Zaun das Meer, das Meer meinen
Liebsten; er komme herbei und sage mir seinen Namen an.) Darauf
vernimmt sie wohl die Stimme eines Unsichtbaren, z. B. »Ja sam tvoj
sugjeni N.« (Ich bin dein dir vom Schicksal bestimmter N.!)

15. Oder sie nimmt für einen Denar Pfefferminze, Feldahornblüten und
Gaisklee (dinar para, praklječa i trave zanovjeti), bindet dies alles
in ein Tüchlein ein, legt das Tüchlein vor dem Schlafengehen unters
Kopfpolster, spricht dreimal: zanovjeti veti, koga ćeš mi reti?
(Gaisklee, wen wirst du mir nennen?) und erträumt dadurch ihren
Zukünftigen. Die Münzen im Tüchlein sind das Wahrzeichen des
Kaufgeldes, und der Feldahorn das der Fahne im Hochzeitzug.

16. Will ein Bursche in sich ein Mädchen verliebt machen, so nimmt er
etwas Salz und Brot, geht damit um das Mädchen herum und spricht dazu:
Kako ja mogo biti bez soli i hljeba, nako i ova djevojka mogla biti bez
mene! (Sowenig als ich ohne Salz und Brot, ebensowenig soll dieses
Mädchen ohne mich sein können!)

17. Oder der verliebte Jüngling löst, um bei einem Mädchen
Gegenliebe zu erwecken, von zwei Stangenwagen die Stangen und die
Äpfel [147] los, legt die eine Stange auf die eine, die andere auf die
andere Seite des Weges, wo das Mädchen vorbei muss, und spricht,
sobald sie über jene Stelle hinweggeschritten: Kako ovi kantarovi bez
ovi jajca mogli vagati, nako i ta djevojka mogla biti bez mene! (So
wenig wie diese Wagstangen ohne diese Äpfel wägen, ebensowenig soll
auch dieses Mädchen ohne mich sein können!) Die Gewichtstücke halte
er stets bei sich.

18. Sehr gebräuchlich sind Liebetränklein und Liebespeisen. Es ist
etwas alltägliches, dass man von verliebten Mädchen mancherlei sonst
wenig einladende Sachen mit zu essen und zu trinken bekommt, z. B.
Menstruationblut und dergleichen. Wer einen gesunden Magen hat, dem
schaden auch spanische Fliegen und Schwaben nicht, doch hinterher, wenn
man just erfährt, was man zu sich genommen, pflegen sich Gefühle
einzustellen, die eben nicht von der Liebe eingegeben sind. Ein
unschuldiges und ziemlich gebräuchliches Mittelchen, wenn ein Mädchen
einen Jungen in Liebe entbrennen, eigentlich vor Liebe toll machen
(obengjijati = Schlaftrunk eingeben) will, ist, dass sie ihm einen
schwarzen Kaffee braut, durch einen Fingerring ihn in die Trinkschale
eingiesst und durch den Ring etwas gepulverte Nelken und vom Herzchen
eines Taubers und einer Taube dazugibt. Dadurch bezaubert sie ihn
dermassen, dass er wie von Sinnen ist, wenn er ihre Gegenwart entbehren
muss. Tako se vole, moj sokole, do vijeka! (So lieben sie einander, o
mein Falke, bis an ihr Lebensende!) — Damit schloss die Bäuerin
ihren Bericht.



Wenn alle Leute im Volke so hübsch zu erzählen verstünden, wie die
vorigen Erzählerinnen, dann hätten wir Sammler ein gar leichtes Spiel
und das Übersetzen wäre auch keine nennenswerte Kunst. Die wenigsten
Leute im Volke können aber gut erzählen; nicht einmal ein
gegliedertes, logisches Denken oder ein logisches Anordnen der Gedanken
ist gewöhnlich bei dem ungebildeten Volke anzutreffen. Bei Sagen und
Märchen und verwandten Überlieferungen, die man mehr oder minder
genau samt der überlieferten Form festhält, geht das Aufzeichnen noch
leicht an, doch soll der Bauer aus seinem eigenen Leben etwas
erzählen, ja, da happert’s in der Regel, wie man in Österreich
sagt. Genau genommen spricht der südslavische Bauer zwei Sprachen
zugleich, eine Wort- und eine Geberdensprache, wobei nicht selten die
erstere nur als Hilfmittel der letzteren erscheint. Wir Schriftsteller
als Volktumerforscher müssen aber beide Sprachen genau auffassen und
sie durch die eine Schrift wiedergeben. Unsere Kunst besteht in diesem
Falle darin, nicht mehr und nicht weniger zu sagen, als man uns
mitteilt.

Ich will hier noch einmal eine Bäuerin zu Wort kommen lassen. Die
Aufzeichnung ist so genau, dass sie gar nicht mehr übertroffen werden
kann. Das Weib hat nämlich selber die Niederschrift besorgt und meiner
verewigten Mutter für mich übergeben. Die Geschichte ist einfach und
herzergreifend. Keine Idylle, wie sie unsere stubenluftschluckenden
Dorfgeschichtenverfertiger als Lesefutter für Salondämchen erzeugen,
sondern die wahre Geschichte eines verpfuschten Lebens, ein dankbarer
Stoff für Meistererzähler von der Art weiland Auerbachs, oder eines
Eduard Kulke.

Den Namen der Bäuerin will ich aus Mitleid verschweigen. Im Jahre 1876
war sie als 12jähriges Mädchen mit ihren Eltern aus Bosnien nach
Slavonien geflohen. Damals waren, wie bekannt, anarchische Zustände in
Herceg-Bosna eingerissen. Niemand war seines Lebens sicher. Unsere
bosnische Familie fand in einem slavonischen Dorfe bei Bauerleuten
Aufnahme. Die alten Leute starben bald und die Waise blieb bei den
Gastfreunden im Hause. Sie besuchte drei Jahre lang die Dorfschule und
lernte lesen und schreiben. Mit 18 Jahren heiratete sie einen armen
Burschen im Dorfe. Da sie eigentlich niemandes Eigentum war, brauchte
man sie niemandem abzukaufen. Sie war also eine gute, jedenfalls eine
billige Partie. Weil sie aber niemandem angehörte, durfte es sich ihr
zärtlicher Ehegespons erlauben, sie aufs jammervollste zu misshandeln.
Sie hat ihn dafür zwar kirre gemacht, wie, mag sie selber erzählen:


Žene su mi kazale pak sam mačiće i ćšeniće [148] palila pak sam
čovjeku davala od nužde; jer me je na dan pet [puta] tuko; od nužde
i nevolje; pušku je na me okrenijo da me ubije. Onda sam morala ići
na sud. Dok smo raspravili, jedno sedam do osam puta sam od njega
bižala. Dok me žene nisu na to naputile nije ništa bila asna. Onda
me više nikada ni dodijo. J još su me to žene napućivale pak is tri
mlina puva, omaje i masti onda kolačiće pekla pa sam mu davala jesti,
da je mojemu ditetu bolji. Tijo je na dvi poklupke žege pak je tijo
popaliti, a drugog je tijo megju svinje baciti, da ga svinje potrgaju.
To je bilo uprav na svetog Mikolu [149]. Kat su mi to žene kazale onda
je me bio dobar, al na kratko je živ bio pak je umro. I to ne bi bio
radio, al se je sa rogjenom jetrvom držo pak ga je ona na to
nagovarala. Onda priko toga svega sam tila sebe i obadvoje dice u
Orljavu[da] [150] utopim al su me žene odgovarale: nemoj, nego probaj,
[151] što sam eto i radila. Onda sam i dva miseca i luda bila, što su
njegove švaljerke [152] napravile. Onda sam odala po vračarama; dok
sam opet ozdravila izdala sam sve što sam sirotinje imala.

Die Weiber haben (sind) mir gesagt und ich habe (bin) Kätzchen und
Hündchen geröstet (gebrannt) und habe (bin) dem Gatten eingegeben vor
(von) Not; denn mich hat (ist) er auf den Tag fünf (mal) geschlagen;
vor Not und Ungemach. Das Gewehr hat (ist) er auf mich gewendet
(gerichtet) damit er mich töte. Dann habe ich (bin) müssen gehen aufs
Gericht. Bis wir uns ausgeglichen, einige sieben bis acht mal bin ich
von ihm davongelaufen. Bis mich die Weiber nicht haben (sind) auf das
(an)gewiesen, nicht ist nichts gewesen (ein) Nutzen. Dann mich mehr
niemals nicht (einmal) berührt. Und noch haben (sind) mich dies die
Weiber unterrichtet und aus drei Mühlen Staubmehl, Sprühwasser und
Fetten, dann kleine Kuchen gebacken und habe (bin) ihm eingegeben [zu]
essen, damit [er] sei meinem Kinde besser. Sollen hat [ist] auf zwei
Stürze [legen] Glutkohlen und hat (ist) wollen verbrennen, aber den
anderen hat (ist) er wollen unter die Schweine werfen, damit ihn die
Schweine zerreissen. Dies ist gewesen gerade am heiligen Nikolaus. Als
haben [sind] mir dies die Weiber gesagt dann ist [er] mir gewesen gut,
doch auf kurze [Zeit] ist [er] lebend gewesen und ist gestorben. Und
dies nicht hätte gewesen getan, doch sich hat (ist) mit geborenen
Schwägerin gehalten und ihm hat (ist) sie auf dies angeredet. Dann
über dieses alles habe (bin) wollen mich (sich) und beide Kinder in
der Orljava ersäufen, doch haben (sind) mich die Weiber abgeredet
lass, das, sondern versuch, was habe (bin) da siehe auch getan. Dann
bin [ich] sogar zwei Monate selbst verrückt gewesen, was haben (sind)
seine Buhlinnen gemacht.



Dann bin [ich] gegangen zu Kräutlerinnen; bis ich bin wiederum gesund
geworden, ausgegeben habe (bin) ich alles was ich habe (bin) [an] Armut
besessen.



Freie Übersetzung.

Ich lebte mit meinem Manne in Unfrieden. Manchen Tag schlug er mich
fünf mal. In meiner schweren Not gab ich meinem Manne auf Anraten der
Weiber Kätzchen und Hündchen ein, die ich vorher durch Rösten
zubereitete. [153] Im Zorn legte er (einmal) auch sein Gewehr gegen
mich an, um mich zu töten. Ich sah mich genötigt, ihn bei Gericht
anzuzeigen. Während die Klage anhängig war, behandelte er mich so
schlecht, dass ich einige sieben bis achtmal seinetwegen aus dem Hause
flüchten musste. Alles Zureden und Bitten blieb vergeblich, bis ich
nicht wieder auf Anraten der Weiber mein Heil bei Gericht suchte. Von
da ab rührte er mich nicht ein einzigmal mehr an. Ferner haben mich
die Weiber auch mit einem Zauber bekannt gemacht, den ich in Anwendung
brachte. Ich holte nämlich von drei Mühlen Mehl, welches als Staub in
der Malkammer zu Boden fällt, Sprühwasser von den Mühlrädern und
Fette, mit welcher die Mühlradachsen eingefettet werden, verbuk diese
Sachen in Kuchen und gab sie meinem Manne zu essen, damit er meinen
Kindern günstiger geneigt sein möge.2 Die Kinder konnte er eben nicht
ausstehen. So legte er einmal auf zwei irdene Backstürze Glutkohlen,
um zwischen den Stürzen das eine Kind zu verbrennen, das andere Kind
aber wollte er unter die Schweine in den Saustall werfen, damit es die
Schweine zerreissen. Dieser Vorfall trug sich gerade am St. Niklastage
zu. Das angegebene Mittel, welches mir die Weiber anzuwenden angeraten,
half wirklich und mein Mann wurde mir und meinen Kindern wohlgesinnt,
nur lebte er leider nur noch kurze Zeit. Bald darauf starb er.
Eigentlich war er von Natur kein gar so bös gearteter Mensch, doch er
unterhielt mit seiner leiblichen Schwägerin [154] ein ehebrecherisches
Verhältnis, und sie war es, die ihn zu den Gewalttätigkeiten
aufstachelte. Als ich auch seinem ehebrecherischem Leben auf die Spur
kam, wollte ich aus Verzweiflung mich und meine beiden Kinder im
Orljava-Flusse [155] ersäufen, doch redeten mir die Weiber
nachdrücklichst davon ab, indem sie mir besagtes Mittel zu versuchen
anrieten. »Lass die Selbstmordgedanken, [156] versuch eher die Wirkung
unseres Mittels,« sagten sie, und wie bemerkt, befolgte ich ihren Rat.
Nach dem Ableben meines Mannes war ich noch zwei Monate wie
geistgestört. Das haben mir seine Buhlinnen mit ihren Zaubereien
angetan. Ich zog von einer heilkundigen Kräutlerin [157] zur andern,
um Heilung zu finden. Als ich endlich wieder zur Gesundheit gekommen,
waren aber auch schon alle meine ärmlichen Habseligkeiten
draufgegangen.



II. ABTEILUNG.

GUSLARENLIEDER.


Zur Einführung.

Indem ich daran gehe, Guslarenlieder meiner Sammlung mitzuteilen, muss
ich zunächst einige Bemerkungen zur allgemeinen Einführung
vorausschicken. Guslarenlieder behandeln grösstenteils geschichtliche
Ereignisse, kriegerische Verwicklungen, entsprechende Sagenstoffe, zum
kleineren Teil Legenden, Märchen und sonst unblutige Begebenheiten aus
dem Leben und Streben hervorragender Gestalten der Überlieferung.
Verwandlungen (Metamorphosen), scherzhafte und witzige Erzählungen
sind dieser gehobenen, epischen Gattung abartig. Die Guslarenlieder
sind ihrer Entstehung, der äusseren Form nach Gebilde ziemlich jungen
Ursprungs. Die ältesten besungenen, geschichtlichen Vorkommnisse
reichen vielleicht ins XIII. und XIV. Jahrhundert zurück. Der
eigentlich so zu sagen pragmatisch-historische Teil der Überlieferung
bekümmert uns Folkloristen und Ethnologen selten oder gar nicht. Wert
haben jedoch die darin besprochenen Sitten, Bräuche, Gewohnheitrechte
und religiösen Vorstellungen, die sich oft aus einer weit hinter jeder
slavischen Staatenbildung liegenden Zeit von Geschlecht auf Geschlecht
vererbten und vererben mussten, weil sie einer eigentümlichen sozialen
Gliederung entsprossen und mit Rechtgewohnheiten innig verknüpft
waren. Daher kommt es häufig, dass uns die Fabel eines Liedes kalt
lässt, der eine und andere Brauch oder Glaubenszug — die eingewobene
Episode — aber als ein untrügliches Zeugnis für eine uralte
(primitive) Anschauung und Rechtübung nachhaltig zu fesseln vermag.

Man soll mich nicht einer übertriebenen Bewertung der Guslarenlieder
als eines Borns des ältesten und verbürgtesten slavischen Glaubens
und Rechtes zeihen. Ich bin weder der erste noch der einzige, der zur
Überzeugung gelangt ist, dass das Slaventum keine ehrwürdigeren,
wichtigeren und ergiebigeren Fundstätten für eine Erkenntnis seines
Volktums aufzuweisen hat, als es die epischen Überlieferungen, die
Guslarenlieder der Serben und Bulgaren sind. Das war auch Maciejowskis
Ansicht, eines Mannes, der wie wenige vor ihm, neben ihm und nach ihm
in den Geist des Slaventums eingedrungen war. Er kannte freilich nur
erst einen geringen Teil dieser Literaturgattung — dies Wort sei mir
erlaubt, — und die Bylinen der Russen, wie die Dumen der Kleinrussen
berücksichtigt er auch zu wenig, aber zu urteilen war er berechtigt,
wenn sonst einer. Er nennt die serbische Guslarenepik eine
unvergleichliche Quelle, wie sich einer solchen kein anderes slavisches
Volk berühmen könne. [158] Dabei lagen ihm erst nur vier Sammlungen
vor, von denen er bei der Beschaffenheit seiner Sonderstudien nur einen
bescheidenen Gebrauch machen konnte. Nach einer fünfzigjährigen,
rastlosen Durchforschung aller erreichbaren altslavischen,
geschriebenen Urkunden, gesteht er gepressten Gemütes die
Unzulänglichkeit seiner Arbeiten ein und setzt seine Hoffnung für
eine gedeihliche Weiterführung und Vertiefung seiner Untersuchungen
auf die Tätigkeit seiner Nachfolger, die Sitten und Bräuche der
Slaven erforschen werden. [159] Meine zwar auch nicht vollständige
Handbibliothek gedruckter serbischer und bulgarischer
Guslarenliedersammlungen zählt sechzig Bände, und auf jeden kommen
durchschnittlich 5400 Verse. In verschiedenen Zeitschriften,
Jahrbüchern und Bauernkalendern finden sich auch noch gehäuft 40 000
Verse vor. Ausserdem besitze ich meine eigenen, bis nun ungedruckten
Sammlungen (172 000 Zeilen), die ich aus kritischen Erwägungen als
belangreicher für die Wissenschaft erachte, denn alles, was
anderweitig bis zur Zeit von dieser Art dargeboten worden ist. Es sind
mir für meine speziellen Monographien in runder Zahl an
Guslarenliedern 500 000 Zeilen zu Handen, so dass ich mir für eine
Menge bedeutender und unbedeutender Fragen hinsichtlich des slavischen
Volktums zuverlässige Belehrung aus überquellendem Füllhorn holen
kann.

Ich glaube durch meine bisherigen Veröffentlichungen den Nachweis
erbracht zu haben, dass die Guslarenlieder nicht bloss ein spezifisch
slavisches Publikum interessieren mögen, sondern geeignet sind, auch
die Aufmerksamkeit aller nichtslavischen Volk- und Völkerkundigen in
hohem Masse auf sich zu ziehen. Kein geringerer als Friedrich von
Hellwald, ein gewiss stimmbefugter und unverdächtiger Beurteiler,
schrieb einmal mit Bezug auf mein Buch ‘Sitte und Brauch der
Südslaven’ (Wien 1885): »Bei den Slaven zeigt sich das Patriarchat
lange noch nicht so fortgeschritten, wie bei den Griechen und Römern.
Eben deshalb geziemt es, jene östlichen Völker vor diesen zu
studieren. Es wird sich dabei herausstellen, wie haltlos die Annahme
jener ist, welche die im klassischen Altertum vorgefundenen
Familienzustände, ohne alle Rücksicht auf die vergleichende
Völkerkunde, als die ursprüngliche darzustellen lieben«. [160] Nicht
minder beziehungreich äusserte sich ein Post [161]: »Die neuerdings
von Krauss (Sitte und Brauch der Südslaven 1885) gesammelten
südslavischen Gewohnheitrechte sind universalrechtgeschichtlich von
höchstem Interesse. Sie repräsentieren eine Stufe in der
Rechtentwicklung, welche wir sonst nur bei ganz tiefstehenden Völkern
antreffen. Wir finden fast alle Erscheinungen des reinen
Geschlechterrechtes, eine vollständige Geschlechterverfassung
gestützt auf Hausgemeinschaften« usw. usw.

Gerade für alle diese wichtigen ethnologischen Grundprobleme sind die
Guslarenlieder die lauterste Quelle. Aber ebenso muss ihnen auch in
ausschliesslich folkloristischen Dingen jeder unbefangene Forscher
einen gleich weitgehenden Vorrang im Verhältnis zu den homerischen
Gesängen (schon des Umfanges halber), zu den Bylinen, Dumen, den
finnischen, turkotatarischen und malaischen Epen zugestehen. Eine
Slavistik des zwanzigsten Jahrhunderts dürfte hauptsächlich auf der
Unterlage der Guslarenlieder fussen, sofern es ihr gelingen sollte, die
Fesseln einer überkommenen unfruchtbaren, aprioristischen Methode
abzustreifen, und das Studium meiner gesammelten Aufzeichnungen wird
voraussichtlich einmal zu einer unabweislichen Beschäftigung der
Volkforscher gehören.

Es wäre verkehrt zu glauben, dass alle Südslaven oder auch nur ein
namhafter Bruchteil des Serben- und Bulgarenvolkes mit den
Guslarenliedern halbwegs vertraut sei. Das ist durchaus nicht der Fall.
Die mit Schulbildung erzogene Schichte der Bevölkerung, die einer
intimen Kenntnis der Mundarten in ihren Verästelungen ermangelt,
versteht auch nur zum kleineren Teil solche Texte, mitunter, wenn es
gut geht, bloss in groben Umrissen das Geschehnis der Fabel. Sind doch
sogar die wenigsten Guslaren immer in der Lage, einzelne Worte und
Wendungen ihrer von alterher übernommenen Gesänge oder vollends
eingestreute Survivals von Sitten und Gebräuchen zu deuten und
ansprechend auszulegen. Der Liedervorrat des einzelnen Guslaren ist ja
gewöhnlich nicht allzugross, und der Guslar ist kein Forscher. Dem
südslavischen Durchschnittleser ergeht es mit Guslarenliedern nicht um
vieles besser als einem deutschen Spiessbürger, dem man die
Interpretierung der Epen eines Hartmanns von Aue, Wolframs von
Eschenbach und Gottfrieds von Strassburg zumutete.

Die grenzenlose Begeisterung für und die stimmungvolle, heilige Weihe
bei Anhörung von Guslarenliedern, die mancher Sammler in der Vorrede
seiner Ausgabe als beim Volke vorhanden angibt, ist lediglich
einfältiger Selbsttrug. Der Ackerbauer und Viehzüchter, der
Handwerker und Hausierkrämer, der Holzfäller und der Flösser und
vollends der Städter gehen (sachte, sachte) ihrem Erwerb und Beruf
nach, ohne sich um Heldentaten zu bekümmern. Sind sie einmal gut oder
nicht zu schlecht aufgelegt, singen sie zu eigenem oder anderer Leute
Zeitvertreib lyrische Lieder oder lügen einander sonst was vor. Die
meisten Dichter der Guslarenlieder älterer Zeit sind in der
Gefolgschaft der abenteuernden Rottenhäuptlinge und Burgherren zu
suchen, in den Kreisen ritterlicher Herrschaften und der Vertreter der
Volkmiliz; in einer also nicht unbestimmbaren Schichte des Volkes ist
die Heimat des Guslarenliedes. Leute von kriegerischen und
dichterischen Neigungen lernen am liebsten diese Art alter
Überlieferungen und verbreiten sie wieder. Bei geselligen
Zusammenkünften hört einem Guslaren zuweilen ein Dutzend Männlein
und Weiblein, armes Bauernvolk mit den halbwüchsigen Kindern, nicht
ungerne zu, um sich zu zerstreuen, doch bei alledem ist der Guslar in
gemischter Gesellschaft so gut wie nie die Hauptperson. Sozial nimmt
der Guslar vermöge seiner Kunst der Rezitation keinerlei
ausgezeichnete Stellung ein; er galt doch nur in der kriegerischen
Rotte etwas, die sich mit ihrem Häuptling im Andenken nachfolgender
Geschlechter verewigt wissen mochte. Um solchen Anspruch auf Nachruhm
zu erlangen, begingen die Helden mancherlei Schauertaten; das erklären
mit dürren Worten nicht wenige Kämpen selber in Guslarenliedern.

Guslen, das Fiedelwerkzeug, nicht aber ein professioneller Guslar —
von Beruf Guslar ist nur ein Landstreicher — gehörten jedenfalls zur
Ausrüstung einer auf Abenteuer ausziehenden Rottschaft, wie nicht
minder zum Hausgerät in einer Hausgemeinschaft. Das Faullenzen und
Tagvergeuden muss man, um des behaglichen Tunichtsgefühles bewusst
froh zu werden, durch die Erweckung entgegengesetzter Vorstellungen von
Kämpfen und Plagen, von Not und Lebensgefahren wohltätig zu
unterbrechen wissen. Das Spiel zu den Guslen und der Vortrag erfordern
weder eine nennenswerte musikalische noch eine dichterische Begabung.
Wer nicht halb taub ist, kann leicht den Guslarentakt — einen Takt
für einen ganzen Vers in ständig gleicher Wiederkehr — fiedeln und
zum Vortrag braucht er nebst gesunden, kräftigen Lungen nur ein
Gedächtnis für die Lieder zu haben, die er einmal oder mehrmal mit
angehört; zu Neudichtungen schliesslich bloss eine gewisse
Beherrschung eines allgemein feststehenden Vorrates an epischen Phrasen
und sich häufig wiederholender Schilderungen von Situationen und
Örtlichkeiten, Schmuck und Gewaffen. So kann einer mit Anwendung der
üblichen Technik leicht irgend eine neue Begebenheit in gewohnter
epischer Darstellung und Einkleidung wiedergeben.

Diese Tätigkeit war in der Regel zu wenig auffällig und künstlerisch
bedeutsam, als dass der Guslar daraufhin einen besonderen Rang, sei es
in der Rotte oder einer Familiengenossenschaft, für sich hätte in
Anspruch nehmen dürfen. Kurzum, Guslen waren vorhanden und zu deren
Gewinsel durfte, wer dazu Lust und Liebe empfand, ein Lied vorheulen
und vorquieken, und mochte es auch nur ein Besucher sein. Goljan kam
aus Nikšići zu seinem Vetter, dem Häuptling Matelja ins Gebirge,
beklagte sich bei ihm über die hohen Steuern, die der Paša vom Volke
eintreibe pa uzeše gusli javorove, und nahm zur Hand aus Ahornholz die
Guslen, sta uz gusle Goljan popijevat: und zu den Guslen hub er an zu
singen: A gje ste mi sokolovi sivi? usw. Wo seid, Ihr grauen Falken,
mir geblieben? usw.

Eine Aufstellung bestimmter Gruppen von Guslarenliedern vermeide ich
aus formellen und stofflichen Rücksichten. Für unseren Bedarf reicht
der Terminus Guslarenlied aus. Fauriel verzeichnet für die Neugriechen
den Ausdruck κλεφτικὰ τραγοῦδια, den Müller unpassend mit
‘Räuberlieder’ verdeutscht. [162] Im Serbischen und Bulgarischen
entspräche dem griechischen volktümlich nicht etwa hajdučke, sondern
junačke pjesni: Lieder, die von Helden handeln, doch ist diese
Bezeichnung nur in der serbischen Literatur, nicht in der Volksprache
gewöhnlich. Das Volk sagt guslarske pjesni, Guslarenlieder, ohne die
zu Guslen vorgetragenen Stücke ihrem Inhalte nach irgendwie genauer
auseinanderzuhalten. Eine Einteilung der epischen Erzählungen in
besondere Gruppen entsprach keinem Bedürfnisse und wäre ohne viele
Worte und Beispielsammlungen kaum durchzuführen gewesen. Die
einschlägigen, durchweg schablonenmässigen Versuche halb-, viertel-
und ganz eingebildeter Sammler und Literaturgeschichtenerzeuger
vertragen keine ernsthafte Erörterung.

Es ist nicht viel mehr als ein leidiges Vorurteil, das manche unserer
Fachgenossen gegen die Lektüre dieser Lieder einnimmt. Ich räume ein,
dass der ästhetische Genuss, den sie einem gewähren, oft fragwürdig
sein mag und dass die sprachliche Erfassung des Sinnes mancher Stellen
im Original bei dem Mangel guter Wörterbücher hie und da
beträchtliche Schwierigkeiten bereitet. Nun ist aber eine
sprachwissenschaftliche von unserer folkloristischen Bemühung
unzertrennlich, ob es sich um dieses oder jenes Volk handelt, und jeder
Folklorist muss auch bestrebt sein, jedem gerichtlich beeideten
Draguman ein Paroli biegen zu können, indem er seine jeweiligen, dem
Verständnis der Fachgenossen minder leicht zugänglichen Texte in eine
ausgebreitete und gut bekannte Schriftsprache übersetzt. Eine
gediegene Übertragung wiegt in der Regel für den Sachverständigen
einen halben Kommentar auf. Nachdem durch solche Art von Darbietungen
einer grösseren Zahl von Mitstrebenden die Beschäftigung mit den
aufgefundenen Stoffen erleichtert wird, nimmt ein weiterer Kreis von
Denkern an der Forschung Anteil und es mehren sich die
wissenschaftlichen Ergebnisse. Unbedingt entrückt man hiedurch
Beiträge zur Volk- und Völkerkunde der widerwärtigen nationalen,
patriotischen und kirchturmpolitischen Ausschrotung und macht sie auf
allein würdige Weise für die Wissenschaft vom Menschen nutzbar, die
keinerlei willkürliche und Zufallgrenzen anerkennt.



Vom wunderbaren Guslarengedächtnis.


Es gibt nicht wenige Leute, namentlich unter den Südslaven, die den
Guslaren ob seiner Gedächtnisstärke als ein masslos Wunder anstaunen
und aus nationaler Eitelkeit gar den Glauben hegen und verbreiten, dass
dies Wunder eine südslavische Eigentümlichkeit sei. Da erzählt man
von einem Guslaren, der 30, von jenem, der 70 und von einem dritten,
der 100 000 und mehr noch Verse in den Speichern seines Gedächtnisses
verwahrt mir nichts dir nichts mit sich herumträgt und jederzeit
bereit ist, sich hören zu lassen. An der Zuverlässigkeit der Angaben,
an deren Feststellung ich als einer der ersten beteiligt bin, ist nicht
zu rütteln; um so mehr fühle ich mich verpflichtet, das vermeintlich
Mystische der Erscheinung ins klare Licht zu setzen. Wunder muss man
von der Ferne betrachten und an sie glauben. Der Wunderglaube ist das
Kokaïn der Forschung. Eine kleine Einspritzung davon beeinträchtigt
schon die geistigen Verrichtungen derart, dass ein gesundes,
wissenschaftlich gerechtfertigtes Urteilfassen fast völlig erlahmt.
Solches Glauben ist ein Zustand, eine Erscheinungform individuell
verminderter Zurechnungfähigkeit. Dem nüchternen Forscher liegt es
ob, die Dinge in der nächsten Nähe zu prüfen und sie in ihre
kleinsten Bestandteile zu zerlegen, um ihr wahres Wesen zu ergründen.

Mir flösst ein noch so tüchtiges Gedächtnis geringe Ehrfurcht ein,
weil ich mich selber mit dem meinigen zufrieden geben darf und, soweit
ich zurückdenke, immer dazu geschaut habe, um es mir zu bewahren. Mich
reizte es, herauszukriegen, wie es die Guslaren machen, um so zahllose
Verse im Kopfe zu behalten. Vor allem besah ich mir genau den Vorrat
eines Guslaren an Stoffen und die Mittel seiner Darstellung. Zunächst
fand ich heraus, dass die Zahl der Stoffe durchgehends bescheiden ist,
indem sie bei einem Manne zwischen acht bis dreissig schwankt und dass
diese wieder untereinander verwandt sind oder auch, dass sich der
Guslar wiederholt. Andererseits zeigte es sich, dass der Guslar auch
mit stereotypen Beschreibungen und Schilderungen wirtschaftet, wodurch
sein eigentlicher Besitz an Darstellungmitteln beträchtlich
zusammenschrumpft. Gäbe sich einer Mühe, könnte er am Ende sogar
eine gewisse Gesetzmässigkeit feststellen, nach der sich die
stereotypen Klichés ablösen müssen, um im Sinne des Guslaren ein
ganzes Lied hervorzubringen.

Der Guslar erfindet nichts mehr von Belang, nachdem durch die
Jahrhunderte alte Überlieferung die stehenden Formeln, von denen er
weder abweichen kann noch will, in Fülle für seinen Gebrauch
vorhanden sind. Um ein neues Lied, d. h. ein ihm bis dahin nur
stofflich unbekanntes in sein geistiges Eigentum aufzunehmen, braucht
ein geübter Guslar, der die Klichés so ziemlich inne hat, nur genau
aufzuhorchen, in welcher Reihenfolge die Klichés und in welchen
kürzeren oder längeren Fassungen, oder, in welchen Verbindungen sie
in dem neuen Stücke vorkommen. Wenn er gewissenhaft ist, nimmt er auch
vom Vorsänger sprachliche Eigentümlichkeiten mit in den Kauf.

Probieren geht übers Studieren. Am 18. März 1885 notierte ich vom
Guslaren Ilija Krstić Jukić ein Lied von 78 Zeilen und am 4. Oktober
1885 liess ich mir es wieder von meinem Reisebegleiter, dem Guslaren
Milovan vordiktieren, der es sich 7½ Monate vorher auf mein Geheiss zu
merken hatte. Beide Fassungen decken sich, wie man sich aus meiner
Abhandlung über das Bauopfer bei den Südslaven (Wien 1887), wo sie
abgedruckt stehen, überzeugen kann. Ein andermal notierte ich nach
einem Zeitraume von neun Monaten von Milovan dasselbe Lied (von 458
Versen) zum zweitenmale. Die Variation ist so unbedeutend, dass sie der
Rede nicht wert erscheint; man vergleiche die beiden Texte in meiner
Schrift: Das Burgfräulein von Pressburg. Budapest 1889. (Ethn. Mitt.
aus Ungarn). Ich darf nicht unerwähnt lassen, dass gerade dies Lied
ein Hauptstück seines Repertoires ist, das er im Laufe von 30 oder 35
Jahren gewiss an zweihundertmal vorgetragen hat.

Ich habe 127 Guslaren näher kennen gelernt. Nur ein einziger unter
ihnen war mit zeitlichen Gütern gesegnet [163] sonst waren es durchweg
arme Burschen, viele sogar bettelarm, auch wenn es ihnen weder an
Gesundheit noch an Rüstigkeit zur Arbeit fehlte. Guslaren sind aber
keine Arbeiter, sondern lieben das dolce far niente, das Träumen und
Nachsinnen, das Fabulieren und Musizieren (sit venia verbo!), um ihre
Lieder immer und immer wieder zu wiederholen, damit sie sie nicht
vergessen [164].

Im Grund genommen, macht es der Guslar nicht anders als unsereiner von
der Feder, wenn wir etwas unserem Gedächtnisse fest einprägen wollen:
wir memorieren oder studentisch: wir büffeln es uns ein. Genau
betrachtet, ist das Wissen und Können selbst des trefflichsten
Guslaren eine Kleinigkeit dem gegenüber, was sich alles unsereiner
merken muss, um den umstrittenen Titel eines Gelehrten zu behaupten.

Ich machte auch die Wahrnehmung, dass fast jeder Guslar sein spezielles
Genre hat, der eine pflegt den Prinzen Marko und dessen Zeitgenossen,
der andere Mujos und Aliles Taten, der dritte fühlt sich auf
ungarischem Boden heimisch, der vierte verherrlicht vorwiegend
Hajduken, der fünfte schätzt über alles Heiligenlegenden und
Wunderbegebenheiten, ein sechster liebt die Helden der Neuzeit des
Serbentums usw. Gerade durch solche Spezialisierung wird jedem die
Beherrschung seiner Stoffe bedeutend erleichtert. Sang mir ein Guslar
fünf oder sechs seiner »besten« Lieder, wusste ich schon beiläufig,
woran er ist und woran ich bin. Trug er mir Lieder vor, die ich schon
aus gedruckten Sammlungen kannte, liess ich ihn gehen, oder, wenn ich
von einem mehrere Stücke schon aufgezeichnet hatte und er ein neues
mit breiten Wiederholungen aus früheren ausstattete, stellte ich das
Schreiben ein, ausser die Fabel bot mir irgend einen ethnologisch
bemerkenswerten Zug dar, den ich als Beleg für eine Sitte oder einen
Brauch einmal verwenden zu können glaubte.

Eine Frage bleibt noch offen: wie behält der Guslar sein Wissen an
Liedern in Evidenz? Wie kommt es, dass einer eine oder zwei Wochen lang
Tag für Tag ohne merklich darüber nachzudenken ein Lied nach dem
andern vortragen kann, ohne dasselbe Lied wieder von neuem anzustimmen?
Wie helfen wir Schriftsteller uns in einer ähnlichen Lage? Wir legen
uns zu unserer Bequemlichkeit einen geschriebenen Katalog an. Der
Guslar, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, schreibt natürlich
keinen Katalog, doch verfasst er sich gerade so wie wir einen und, was
wir wieder nicht tun, er lernt seinen auswendig. An der Hand dieses
mnemotechnischen Behelfes kann er über seinen Liederschatz hübsch in
Ordnung verfügen.

Ein derartiges Verzeichnis will ich hier bekannt geben.
Selbstverständlich ist es poetisch wertlos, obgleich es sich in der
Form eines Liedes gibt, aber man muss es als Lied gelten lassen, wenn
man es mit der Mehrzahl der Erzeugnisse montenegrischer Guslarendichter
zusammenstellt, die ja im Grossen und Ganzen auch nichts anders sind,
als dürre Aufzählungen, denen Poesie, Witz und Humor als unbekannte
Elemente fremd geblieben sind.

Ich behaupte nicht, dass jeder Guslar seine Lieder in einen Katalog
einsetzt, der für sich so zu sagen ein Lied gibt. Andere unterstützen
ihr Gedächtnis mit etwas anderen Mitteln. Gewöhnlich greifen sie den
Namen des Haupthelden des Liedes heraus und bringen ihn in einen Vers.
Dieser Vers dient ihnen meist auch als Titel zum Liede; es ist das
Schlagwort unter dem sie das betreffende Lied führen. Andere wieder,
bei denen geographische Vorstellungen vorherrschen, müssen sich an
Örtlichkeiten erinnern, um ein Stück hersagen zu können. Gar selten
sind Guslaren, die unter allen Umständen in jeder Laune und Stimmung
vorzutragen vermögen. Jeder muss sich erst besinnen. Sehr wenige
Guslaren schauen während ihres Vortrages den Zuhörern ins Gesicht;
vielmehr wenden sie ihre Augen entweder abwärts oder aufwärts und
schneiden dazu, mitunter ergötzliche Grimassen. Das Augenbrauenfurchen
und Stirnrunzeln, das bei dem Gesange aus dem Gesicht nicht weicht,
zeugt schon für eine erhöhte Gedankentätigkeit. Eines hat man sich
auch noch gegenwärtig zu halten, dass die Guslaren ihre Lieder nicht
erst in reifen Mannjahren lernen, sondern sie sich schon von früher
Kindheit an, zu einer Zeit, wo man Eindrücke leicht aufnimmt und sie
noch leichter festhält, anzueignen pflegen [165]. Der Guslar arbeitet
also sein Lebelang ausschliesslich an der Behauptung und zum Teil
Ausgestaltung seines in den Jugendjahren erworbenen geistigen Besitzes.
Es ist daher nichts wunderbares daran, dass er ihn bis ins späte Alter
hinein behält. Mein Milovan kennt 30–40 000 Verse, ist aber
trotzdem kein Gedächtniskünstler. Ich hatte ihn nach Wien mitgenommen
und vier Monate lang bei einer deutschen Familie verpflegen lassen. In
der Zeit hatte sich der Mensch keine zwanzig deutschen Worte gemerkt,
dagegen konnten sich die zwei Töchterlein seiner Wirtleute mit ihm
schon leidlich serbisch verständigen.

Am 19. Jänner 1885 verhörte ich den Guslaren Ljuboje Milovanović
aus Bogutovo selo, einen griechisch-orientalischen (oder altgläubigen,
wie die Schwaben in Slavonien sagen) Christen. Seine Spezialität
bildet der Vortrag von Legenden, die von serbischen Heiligen und
Kirchenbauten oder Stiftungen handeln. Einen grossen Teil dieser Lieder
findet man schon in älteren Sammlungen gedruckt vor. Da sich dabei
für meine Studien wenig gewinnen liess, zeichnete ich nur zum
Zeitvertreib mehrere Stücke Ljubojes auf, und als er mich fragte,
welches er mir noch vorsingen solle, sagte ich gleichgültig: ‘Sing
mir, was du glaubst, dass mir nötig sein wird.’ Mir gewährt auch
die mechanische Arbeit des Schreibens Vergnügen, wenn die Feder rasch
über glattes Papier gleitend Buchstaben für Buchstaben hinsetzt und
Reden festhält. Man hat dabei blutwenig zu denken, erholt sich und ist
doch nicht ganz müssig. Ljuboje sang die nachfolgenden 31 Zeilen und
machte Halt, so dass ich aus meiner Träumerei beim Schreiben
aufwachte. ‘Nun, warum singst du nicht weiter?’ — ‘Es ist zu
Ende. So habe ich es von meinem Vater übernommen. Weiter geht es
nicht.’ — ‘Ja, Liebster, das ist ja gar kein Lied, sondern nur
eine Aufzählung’ (naklapanje). — ‘Ich weiss nicht mehr. Darin
habe ich aufgezählt, von welchen Stiftungen ich Lieder vortragen kann.
Jetzt magst du aussuchen, welches dir nötig sein wird.’ Im Verlauf
der weiteren Unterhaltung stellte es sich heraus, dass er auch
ausserhalb seines Kataloges mehrere Lieder von den Taten des Prinzen
Marko und den Umtrieben der Vilen inne habe. Die zeichnete ich auf.

Sein Katalog, wie er sich ihn gemerkt hat, scheint übrigens durch den
Ausfall mehrerer Verse in Unordnung geraten zu sein. Die ursprüngliche
Fassung dürfte aus lauter dreizeiligen Strophen bestanden haben. Die
beiden vierzeiligen Schlusstrophen enthalten je eine Zeile zu viel. Vom
16–24 V. fehlt die Gliederung.


    Njemanićâ blago zadužbine.

      Zbor zborila gospoda riśćanâ,
    kut se ždjede Njemanićâ blago?
    Tu se trepi Njemanićâ Savo:
      — Braćo moja, gospoda riśćanâ,
    ne čudte se moja braćo draga,
    kut se ždjelo Njemanićâ blago.
      Gradili su mloge zadužbine.
    Najnaprijed jesu načinili,
    načinili tri Gjurgjeva stupa.
      Pa iza tog jesu načinili,
    načinili visoke Dečane,
    ja Dečane od dvanajs kubeta.
      Pa iza tog jesu načinili,
    načinili bjela namastira,
    namastira blizu Tävne vode,
      Filendara kod Novog Pazara,
    Miloševku na Hercegovini,
    ja Dovolju na krajini ljutoj
    Ozren crkvu sred sredi Ozrena,
    Jalovnicu u dnu Birča donjeg,
    ja Papraču u sred Birča gornjeg;
    na pošljetku dvije mirske crkve
    na Mačkovcu i na Dragaljevcu.
      Pa iza tog, što je ostanulo,
    ostanulo nebrojena blaga,
    gradili su po kalu ćuprije,
    po vodama i po kalovima.
      Pa iza tog, što je ostanulo,
    ostanulo nebrojena blaga,
    dijelili kljastu i sakatu,
    dijelili nijemu i sirotnu.


    Die Stiftungen aus dem Schatz der Njemanić.

    Berieten Rat des Christenvolks Gebieter,
    wohin der Schatz der Njemanić geraten?
    Hier traf sich Sabbas Njemanić zugegen:
      O Brüder mein, des Christenvolks Gebieter!
    Seid nicht verwundert meine teueren Brüder,
    wohin der Schatz der Njemanić geraten.
      So manche fromme Stiftung auf sie führten,
    vor allem andern haben sie erbaut,
    erbauten sie die drei Georgensäulen.
      Nachdem sie dies errichtet, dann erbauten,
    erbauten sie die Dečani hochragend,
    die Dečani mit Kreuzgewölben zwölf.
      Nachdem sie dies errichtet, dann erbauten,
    erbauten sie das weissgetünchte Münster,
    das Münster in des Tavna-Flusses Nähe,
    das Kloster Filendar beim neuen Pazar,
    die Miloševka in dem Herzogtume,
    auch Dovolja im grimmigen Grenzgebiete,
    die Ozren-Kirche in dem Herz von Ozren,
    am Grund von Unter-Birač Jalovnica,
    die Paprača in Mitten Ober-Birač’s,
    zu allerletzt noch zwei Gemeinde-Kirchen:
    zu Mačkovac und zu Dragaljevac.
      Was übrig blieb, nachdem sie dies errichtet,
    was übrig blieb an ungezählten Schätzen,
    dafür sie Brücken bauten über Sümpfen,
    sie überbrückten Flüsse wohl und Sümpfe,
      Was übrig blieb nachdem sie dies errichtet,
    was übrig blieb an ungezählten Schätzen,
    verteilten sie dem Lahmen und dem Krüppel,
    verteilten sie dem Stummen und Verwaistem.


Der Titel vom Guslaren. In Njemanić liegt eine Volketymologie vor,
indem der Guslar den Namen von nijem (stumm) ableitet. Die richtige
Form ist Nemanja. Stefan N. (1159–1195) serb. König war Stifter der
nach ihm benannten Herrschersippe (1159–1367). Sein Sohn Sava
(Sabbas) ward vom Patriarchen zum serb. Erzbischof eingesetzt. S.
richtete in Serbien zwölf Bistümer ein. Zur Ehrung seines Andenkens
ist seit der Mitte dieses Jahrhunderts unter den serbischen Städtern
der Brauch eingeführt worden, den Gedenktag mit einer
nationalpatriotischen Festversammlung unter Veranstaltung von
Festvorträgen alljährlich feierlich zu begehen (Svetosavska besjeda).
Was alles bei diesen Anlässen dem heiligen Sabbas nachgerühmt wird,
hat ebenso grossen Anspruch auf geschichtlichen Wert, wie die Angaben
des Guslaren über die Stiftungen. Die Nemanjić sind durch einen
gleichen volkpsychologischen Prozess, wie Prinz Marko zum grössten
Helden und Befreier, zu Wohltätern des Serbenvolk hinaufgefabelt
worden.

Zu V. 1. Riśćani sind die altgläubigen, Krśćani die katholischen
Christen. Zur Zeit der Entstehung dieser Art Guslarenlieder war das
Nationalitätprinzip und was drum und dran hängt, noch nicht erfunden.
Das Bauernvolk hält sich noch an die alte, konfessionelle Scheidung,
und Konfession deckt sich bei ihm begrifflich so ziemlich mit Nation.

Zu V. 9. Gemeint sind wahrscheinlich die »Georgsäulen« bei Novi
Pazar; eine Klosterkirche, nach einem Guslarenliede eine Stiftung Simon
Nemanjićs.

Zu V. 11. Dečani, eine Klosterkirche, Stiftung König Stefan
Uroš III (1330) in der Metohija, im südöstlichen Serbien gelegen.
»Hohe D.«, weil die Kirche auf einer Anhöhe, das gleichnamige Dorf
aber unten im Tale lag.

Zu V. 15. Tavna, ein Flüsschen zwischen Tuzla und Koraj. Das Kloster
heisst trojica (Dreieinigkeit). Bei einem Chrowoten las ich einmal, der
Name Tavna wäre uraltillyrisch. Warum, mögen die Götter wissen. Das
Wasser hat ja wirklich durch den Boden und die grünen Hänge eine
dunkle Färbung, so dass die Bezeichnung tavna voda (dunkles Wasser) im
serb. gerechtfertigt ist.

Zu V. 16. Filendar; gewöhnlicher ist die Namensform Hilandar (f für
h, wie Foča statt Hoča), gr. Χελαντάριον, ein Kloster auf Athos.
Seiner gedenkt schon eine serb. Urkunde aus d. J. 1198.

Zu V. 17. Gewöhnlichere Namenform Miloševa, Milješevka.

Zu V. 18. Dovolja, Kloster am rechten Ufer der Tara, Bosnien, erbaut
1707.

Zu V. 19. Ozren, Klosterkirche, 5 Stunden Weges von Maglaj a. d.
Bosna entfernt. Ist nach der österr. Okkupation wieder hergestellt
worden. Gegründet im 14. oder 17. Jahrh.

Zu V. 20. Jalovnica, nur noch eine kleine Dorfkirche im Birač-Kessel
oberhalb Zvorniks.

Zu V. 21. Auch Papraća und Papratnja geheissen. Liegt in Trümmern.

Zu V. 22. Mirski, vom türk.-arab. mîrî, Staatgut.

Zu V. 23. Zu Mačkovac und dem ihm benachbarten Dörfchen Dragaljevac
sah ich recht kleine Kirchlein. Zum Popen in M., der mir seine Kirche
als ein Altertum zeigte, sagte ich: »Mir scheint, der Erbauer war kein
Baumeister, vielmehr ein Töpfer. Der Bau kann doch nicht alt sein!«
— »Ja, den Bau haben wir noch unter türkischen Drangsalen und
Bedrohungen vor dreissig Jahren aufgeführt, doch fanden sich an
derselben Stelle Fundamente vor, die einer Kirche angehört haben
müssen, weil ja hier ein alter Friedhof herum ist.« — Es fielen mir
auf dem Bestattungorte 7 oder 8 freistehende, mannhohe Balkengerüste
auf, die oben flach mit Brettern bedeckt waren. Ich wusste nicht, wozu
sie dienen. Der Pope erklärte mir, seine Pfarrkinder hätten seit
jeher den Brauch, nach einem Begräbnisse auf diesen Gerüsten den
Leichenschmaus abzuhalten. Er tadelte daran nur, dass sich die
Trauergäste dabei bis zur Bewusstlosigkeit mit Branntwein zu
berauschen pflegen. Anderweitig traf ich nirgends im Lande auf
Friedhöfen derartige Gerüste an.



Džanüms Heerzug.


Haben Guslarenlieder einen geschichtlichen Wert? Ja oder nein? Wenn wir
uns über den Begriff Geschichte einigen, werden wir den
geschichtlichen Wert solcher Texte hoch veranschlagen. Darauf allein
kommt es an, was wir aus der Geschichte schöpfen wollen. Suchen wir
grosse Namen, Jahrzahlen, diplomatische Verhandlungen,
historisch-politische, statistische und ökonomische Daten, dann
können wir Guslarenlieder bei Seite lassen. Wir suchen etwas ganz
anderes. Wir suchen nicht einmal nach grammatischen Regeln, unser Ziel
und Zweck ist anders geartet. Schon vor mehr denn 70 Jahren würdigte
J. von Hammer-Purgstall [166] dichterische Quellen von einem höheren,
dem unseren verwandten Gesichtpunkte aus, indem er die Worte
niederschrieb: »Die Dichterwerke eines Volkes sind nicht bloss für
zergliedernde Prosaiker da, welche den Leib des Osiris zerstücken,
oder für silbenmessende Prosodiker, welche virgilianisches Los nur in
Silben stechen, sie sind nicht bloss als anatomische Leichname dem
Skalpell haarspaltender Grammatiker und versespaltender
Variantensammler Preis gegeben; die Poesie eines Volkes ist der
treueste Spiegel seines Geistes, Gemütes, Genius und Charakters, sie
ist die Flamme des heiligen Feuers der Bildung, Gesittung und Religion,
welche von dem Altare der Menschheit zum Himmel auflodert.«

Diesen geschichtlichen Spiegel suchen wir. Ist er aber auch so, dass er
uns echte und zuverlässige Bilder zeigt? Unsere Forschungweise spricht
dafür. Zum Überfluss bekräftigt uns in unserer Auffassung ein
wahrer, grosser Dichter, dem man in dieser Frage ein berechtigtes
Urteil kaum absprechen dürfte. Es ist dies Heinrich Heine: »Die
Geschichte wird nicht von den Dichtern verfälscht. Sie geben den Sinn
ganz treu, und sei es auch durch selbst erfundene Gestalten und
Umstände. Es gibt Völker, denen nur auf diese Dichterart ihre
Geschichte überliefert worden, z. B. die Inder. Dennoch geben
Gesänge, wie der Mahabharata den Sinn indischer Geschichte viel
richtiger als irgend ein Kompendiumschreiber mit all seinen
Jahrzahlen.« [167]

Damit ist auch der Hauptgrund festgestellt, warum wir uns im grossen
und ganzen um die Chronologie der pragmatischen Geschichtschreiber
wenig zu bekümmern brauchen. Uns ist die historische Persönlichkeit
zumeist gleichgültig, wie gewöhnlich auch den grossen Dichtern, wobei
man keinen tiefgehenden Unterschied zwischen Volkdichtern und
Kunstdichtern zu machen hat. Ich betone dies, weil ich mich mit den
Bemerkungen Eugen Monseurs, in seiner Besprechung [168] einer meiner
Schriften nicht in allem einverstanden erklären kann. Er sagt
nämlich: »[ce texte] fait admirablement comprendre, que le point de
départ de tout développement épique est la chanson populaire
contemporaine des événements. Comme les Kablyles d’aujourd’hui,
comme les Grecs du temps passé, les Bosniaques du 17e siecle ont
chanté les prouesses des héros au fur et à mesure qu’elles
s’accomplissaient. Il y a là une loi du genre. Toute épopée a une
base historique; nous connaissons la date de la mort de Roland et si
nous ignorons celle de la mort de Patrocle, c’est peut-être
simplement parce que l’époque homérique ne nous a laissé ni
chronique, ni inscription.«

Von den Guslarenliedern hat manches eine historische Grundlage, die
Mehrzahl dagegen geht ihrem Kerne nach auf freie Erfindung zurück, die
dem literarisch ungebildeten Dichter, nicht minder als dem
hochgeschulten Kunstdichter zu eigen ist. Was liegt uns endlich an der
Kenntnis des Sterbetages eines Patroklos?! Das nachfolgende
Guslarenlied beruht z. B. wohl auf einem geschichtlichen Ereignis, auf
der Eroberung Siebenbürgens durch die Türken, doch von dem im Liede
gefeierten Haupthelden weiss die Buchgeschichte rein nichts zu sagen,
und sogar der Guslar kennt nicht einmal seinen Namen! Džanan
(Arab.-türk. džanym, mein Liebster, meine Seele, von Arab. džan,
Seele, Atem, Hauch) ist bloss ein Kosewort! Ja, man kann sogar die
Schilderung des Heldenstreiches Džanüms für eine Mythe betrachten.
Es spricht sehr vieles dafür, dass wir in dieser Episode nur eine Sage
in slavisierter Dichtung vor uns haben. Die Persönlichkeit solcher
Helden ist meist nicht anders denn als die Verkörperung des Ideals vom
Heldentum zu begreifen.

Wir wären nicht besser daran, hätte uns der Guslar statt Džanüm
irgend einen möglichen und wirklichen Namen geboten. Besagt uns
vielleicht ein Michabo der Algonkins, ein Ioskeha der Irokesen, ein
Tamoi der Kariben, ein Itzamna der Mayas etwas von geschichtlichem
Belang? D. G. Brintons bezüglich Betrachtung [169] gilt mutatis
mutandis auch für die Helden der Guslarenlieder: »It is not always
easy to pronounce upon these heroes, whether they belong to history or
mythology, their nations poetry or its prose. In arriving at a
conclusion we must remember that a fiction built on an idea is
infinitely more tenacious of life than a story founded on fact.
Further, that if a striking similarity in the legends of two such
heroes be discovered under circumstances which forbid the thought that
one was derived from the other, then both are probably mythical. If
this is the case in not two but in half a dozen instances, then the
probability amounts to a certainty, and the only task remaining is to
explain such narratives on consistent mythological principles.«

So ganz unanfechtbar erscheint mir der Grundsatz doch nicht; denn eine
lokalisierte Erzählung kann durchaus mythisch sein, während ihr
Vorbild ein wirkliches Ereignis war. Das Lied erzählt uns, dass
Rákóczys gesamte Heermacht beim Ansturm der unbedeutenden
bosnischtürkischen Truppenabteilung vom panischen Schreck ergriffen in
heller Flucht zerstiebt und ganz Siebenbürgen kläglich unterlegen
sei. Die Berichte zeitgenössischer Chronisten, sowohl christlicher als
türkischer wissen dagegen von einem ziemlich hartnäckigen Widerstande
der Magyaren und Deutschen zu berichten. Der Schilderung des Guslaren
entspräche eher die Mut- und Kopflosigkeit der 20,000 Griechen, die
von heilloser Angst befallen nach Larissa und von Larissa samt der
unkriegerischen Bevölkerung bei Nacht nach Pharsalos und Volo
flüchteten. Nun, einen fast gleichen Fall verzeichnet auch die ältere
türkische Geschichte, und wir dürfen in unserem Guslarenliede eine
Auffrischung der alten Erzählung annehmen. Als im Jahre 1363 das
serbische 20,000 Mann starke Heer zwei Tagereisen von Adrianopel an der
Marica lagerte, wagte Hadži Ilbeki mit nur 10,000 Mann Osmanen einen
nächtlichen Überfall auf das in Sorglosigkeit und Trunkenheit
versunkene feindliche Lager. Das Getöse der türkischen Trommeln und
Pfeifen, das Schlachtgeschrei ‘Allah! Allah!’ erfüllte die Luft
und die Herzen der Christen mit Schrecken; ihn vermehrte die Finsternis
der Nacht: »Die Feinde ergriffen, wie wilde Tiere aus ihrem Nachtlager
aufgeschreckt, eiligst die Flucht, strömten gegen die Marica hin,
schnell wie der Wind hergeht vor der Glut und sanken unter in der
Flut,« berichtet der Geschichtschreiber Saeddin. [170]

Ist man bereit, meine Vermutung als begründet gelten zu lassen, so
hätte freilich damit Monseurs ‘Gesetz’: ‘toute épopée a une
base historique’ einen Beleg mehr für seine Richtigkeit gewonnen.

Es geht nicht gut an, ein historisches Guslarenlied, das von
Ereignissen handelt, die ausserhalb Ungarns wenig bekannt sind, einem
internationalen Leserkreis vorzulegen, ohne zumindest in knappen
Umrissen die politischen Zustände und Verhältnisse des Gebietes
anzudeuten, auf dem sich die folgenschwere Handlung abgewickelt.
Folgenschwer, weil ein dazumal durchaus von sächsischen Deutschen
bewohntes Land gräulich verwüstet und zum Besiedlunggebiet
rumänischer, magyarischer und slavischer Einwandererzüge gemacht
ward, so, dass der Fortbestand deutschen Volktums in Siebenbürgen bis
auf unsere Tage gefährdet erscheint. Ausführliche Belehrung mag man
sich aus der Fachliteratur holen, die den Fall Siebenbürgens unter
türkische Herrschaft zum Vorwurf hat. [171]

Georg Rákóczy I. starb am 23. Oktober 1648. Es folgte ihm auf dem
Fürstenthrone sein schon vor sechs Jahren zum Nachfolger erwählter
Sohn Georg Rákóczy II., den der Sultan bestätigte, als er den
rückständigen Tribut gezahlt. Rákóczy war siebenundzwanzig Jahre
alt und voll des brennendsten Ehrgeizes, der sich durch Kriege gegen
die Walachei und Moldau Luft machte und zuletzt im tollkühnen Kampf
gegen Polen ihn und das Land ins Verderben stürzte. Wie an Kriegen
nach aussen, so ist seine neunjährige Regierung an innerem Hader reich
und das sächsische Leben insbesondere hat Menschenalter lang daran zu
leiden gehabt.

Am 15. Januar 1653 begann zu Weissenburg auf Betreiben Rákóczys ein
Landtag, der nichts anderes zu bezwecken schien, als unter dem Vorwande
einer Regelung der Privilegien, die protestantischen Sachsen rechtlos
zu machen oder sie wenigstens materiell zu vernichten. Die Abgeordneten
der Sachsen wehrten sich ihrer Haut so gut sie konnten. »Geldarm,«
sprachen sie, »sind wir durch die teueren Jahre worden und volkarm,
wegen der vielen unzähligen Erpressungen, so von Tag zu Tag wachsen,
wie auch wegen der Pest, so vor sechs Jahren sehr unter uns gehauset.«
Bei einer anderen Gelegenheit sagte Rákóczy (am 11. März 1653) zu
den Sachsen, die sich auf ihr Privilegium beriefen: »Und wenn Ihr
gleich ein Privilegium hättet, wie diese Stube so gross, so werdet Ihr
das nicht erhalten, dass die Artikel, so vorwar gemacht sind, sollten
aufgehoben werden.« Schon vier Jahre später entschuldigte sich
Rákóczy geradezu, freilich als er in schweren Nöten war und die
Sachsen gern für sich gewinnen wollte, dass er jenen Beschlüssen
beigestimmt.

In leichtsinnigem Ehrgeiz hatte nämlich der Fürst 1653 die Moldau, im
folgenden Jahr die Walachei mit Krieg überzogen. Noch übermütiger
durch das Glück seiner Waffen, verband er sich mit dem König von
Schweden gegen Polen, dessen Krone sein lockendes Ziel war. Wider den
Willen der Pforte begann er im Januar 1657 den Krieg; nach sechs
Monaten lag fast die Hälfte seiner Truppen auf den Schlachtfeldern und
mehr als 20 000 waren in die Gefangenschaft geraten. Sechshundert
adelige Frauen, in Trauergewänder gekleidet, traten im August vor den
Landtag und forderten ihre Gatten, Väter, Brüder. Auch der
Tatarenchan war da mit einem langen Verzeichnis der Gefangenen. Die
Stände mussten eine Steuer aufschlagen, wollten sie jene nicht im
Elend lassen, zwanzig Gulden auf die Pforte, auf jeden ungarischen und
walachischen Pfarrer zwei Taler, auf die sächsische Geistlichkeit
einen Jahrzins. Es ist daher erklärlich, wie den Fürsten bei seiner
Rückkehr der Unwille des Landes empfing.

Noch mehr wurde Rákóczys Stellung durch den Zorn des Sultans [172]
gefährdet. Wenige Wochen später schickte er Gesandte nach
Siebenbürgen mit einem Schreiben nicht an den Fürsten, sondern an die
drei Völker des Landes lautend. Böses ahnend rief sie Rákóczy auf
den 25. Oktober 1657 nach Weissenburg zusammen. Da las denn der
Landtag den Befehl des Sultans, dass Rákóczy, den er, der Sultan, in
Siebenbürgen, dem ihm durch Waffengewalt eigenen Lande, zum Fürsten
eingesetzt, dieser Würde verlustig sei, weil er treulos und
verräterisch geworden und wider der Pforte Willen ihre Erblande und
Polen mit Krieg heimgesucht. Darum solle das Land sofort und ohne
Aufschub einen neuen Fürsten wählen, dieweil der Pascha von Ofen
bereits im Felde sei, um jeden Abfall und Ungehorsam zu strafen. Die
türkischen Abgeordneten, »feine Leute«, setzten hinzu, falls die
Wahl nicht sogleich vorgenommen würde, werde der Sultan »das Land zu
Asche und Staub machen und den Winden heimbefehlen.«

Am 2. November wurde Franz Rhedei zum Fürsten gewählt.

Das Menschenalter, das nach Rákóczys II. erzwungener Abdankung blutig
vorüberrauschte, gehört zu den jammervollsten der vaterländischen
Geschichte, bemerkt mit Recht Teutsch, der ausgezeichnete
Geschichtschreiber Siebenbürgens, dessen Werke wir auch nachstehende
treffliche Angaben verdanken; nicht nur, dass es ȟberreich an
Unfällen, voll verderblicher Schlachten, voll Zwiespalt und Aufruhr,
selbst im Frieden entsetzlich« — auch zu anderen Zeiten hat den
Boden Siebenbürgens das Blut seiner Söhne getränkt und das Recht
unter dem Fusstritt der Gewalt geseufzt: das ist das Erdrückende in
jenen Jahrzehnten, dass sie nicht einen wahrhaft grossen Mann besitzen,
nicht ein wahrhaft grosser Gedanke in ihnen lebt, dass nur
Mittelmässigkeit und Willenlosigkeit darin das Leben erfüllt, und
selbst die Keime späterer, besserer Gestaltung der Landzustände ihren
Ursprung nicht der schöpferischen Geistkraft jener, die an der Spitze
standen, verdanken, sondern der zwingenden Gewalt der Notwendigkeit.

Der türkische Einfluss hatte in Siebenbürgen seinen Höhepunkt
erreicht. Der Sultan sprach es offen aus, es sei sein Erbland; ebenso
unverhohlen erklärten die Stände, dass es nächst Gott von der
Bewerbung um die Gunst der Türken abhänge.

Als die siebenbürgischen Stände nach Franz Rhedeis Wahl den Hof in
Konstantinopel baten, er möge Rákóczyn wieder seine Gunst zuwenden,
sah das Köprülü für Treulosigkeit an und forderte die Grenzfestung
Jenö. Rákóczy ergriff die Gelegenheit mit Freuden, erklärte sich
zum Verteidiger des Landes und für den rechtmässigen Fürsten und
forderte die Ungarn, Szekler und Sachsen zum Kampf gegen die Türken
auf. Rhedei rief hierauf einen Landtag nach Mediasch zusammen; an der
Spitze von schnell aufgestandenen Szeklerhaufen kam unerwartet auch
Rákóczy hin (25. Januar 1658); »ich will Fürst sein oder hier
vergehen und mein Leben lassen«, hatte er hingeschrieben; unter
drohender Waffengewalt und täglichen Gelagen, die die Betäubung der
Sinne bis in die Landtagversammlungen verlängerten, wurde Rákóczy
wieder als Fürst anerkannt. Rhedei kehrte auf seine Güter nach Ungarn
zurück. Da entbrannte der Zorn der Pforte, der bisher nur Rákóczyn
gegolten, auch über das arme Land. Der Grossvezier brach mit
hunderttausend Mann auf und lagerte vor Jenö, der Tatarenchan, der
Pascha von Silistria, die Vojvoden der Moldau und Walachei fielen
anfangs August mit zahllosen Heerhaufen ins Burzenland ein; der Brand
von Zaizon und die Plünderung der Siebendörfer verkündeten ihre
Ankunft. Silberne Giesskannen und 1 600 Reichtaler wandten im ersten
Augenblick den Zorn der feindlichen Häupter von Kronstadt; nachts
darauf kaufte der Richter Michael Hermann mit 20 000 Talern die Stadt
von Mord und Brand frei. Tartlau, Honigberg, Petersberg wurden
verbrannt. Am 11. August brannten die Tataren am hellen Mittag Neustatt
und Weidenbach, tags darauf Zeiden und Rosenau nieder; allerorts wurden
die Einwohner gefangen, gebunden, misshandelt; wer durch die Schärfe
des Schwertes fiel, konnte noch glücklich gepriesen werden. Bei der
steinernen Brücke vor Blumenau war Menschenmarkt; um zehn Taler
verkauften sie Ältere, um vier Hufeisen war eines Kindes Leben feil;
was nicht aufging, wurde in die Sklaverei geschleppt oder in Stücke
gehauen. Über den weiteren Verlauf dieser Plünderungen spricht sich
Teutsch im gedachten Werke II. 223 ff. aus.

Den Hauptschlag gegen Siebenbürgen führten die Türken im September
1659 aus. Kurz vorher hatte der Vezier von Ofen dem Lande geschrieben:
»Gott sei eueren Unternehmungen günstig! Wenn Ihr jedoch auf die
truglistigen Worte Rákóczys abfällt, so wird keiner von Euch
entkommen; samt Weib und Kind werdet Ihr mit eisernen Ketten an die
Sklaverei geschmiedet und alle Eure Güter der Plünderung preisgegeben
werden, das glaubet mir sicherlich. Ihr wisst, was im vergangenen Jahr
in Siebenbürgen geschehen ist und wisst auch, was der strenge Zorn des
mächtigen Kaisers und die Schärfe seines glanzvollen Schwertes
bedeutet. So lasset Euch durch die Worte der Teufelsöhne nicht zum
Abfall bringen und werdet nicht Urheber der Verwüstung Eures Landes.
Unser Segen und Gruss sei mit Euch.«

Im November 1659 wurde Rákóczy bei Déva von Sari Husein, dem Bruder
Ziawušpaschas, dem Sandžak von Erlau, und von Sidi Ahmed, dem
Statthalter von Ofen, geschlagen, hatte sich nach Szászváros (Broos)
geflüchtet, dreitausendsiebenhundert der Seinigen auf dem Kampfplatze,
sechzig Fahnen und sieben Feldstücke in der Sieger Hände gelassen. Im
folgenden Frühjahre (16. April 1660) wurde Seid Ali zu Adrianopel
feierlich als Serdar wider Siebenbürgen eingekleidet, und nach Belgrad
mit der Weisung, dort die weiteren Befehle zu erwarten, gesandt, der
Zagardžibaschi und fünfzehn Regimenter Janičaren unter seine Befehle
gestellt. Rákóczy hatte auf die Nachricht von Sidi Achmeds Anzuge die
Belagerung von Hermannstadt aufgehoben und mit Aufgebot aller
Waffenfähigen Klausenburg erreicht, wo er zwischen Kapus und Gyalu
lagerte. Am rechten Ufer der Szamos, zwischen Klausenburg und
Szamosfalva, kam es zur Schlacht, in welcher Rákóczy geschlagen und
schwer verwundet, am achtzehnten Tage darnach auf der Burg von
Grosswardein starb. Viertausend von Rákóczys Niederlage eingesandter
Köpfe wurden zu Adrianopel von Griechen und Armeniern auf Spiessen im
Triumphe einhergetragen, vor die Füsse des Grossveziers geworfen, der
darüber ritt, und dann den Hunden zum Frass geboten.



Das Lied sang mir am 9. Mai 1885 der Guslar Halil Marić im Dörfchen
Ravčići bei Mostar, dem ich auch die erste Fassung des »Fräuleins
von Kanizsa« (in Anton Herrmanns Ethnolog. Mitt. aus Ungarn B. IV u.
V abgedruckt) verdanke. Dort gab ich auch eine Lebenbeschreibung dieses
ausgezeichnet tüchtigen Guslaren. Beim Vortrag rast und tobt er, wie
ein Besessener. Er sitzt dabei auf flacher Erde, die Guslen zwischen
den Beinen, und rutscht allmählich von der Wand bis zur Zimmermitte
vor. Er lebt in solcher Verzückung das Lied förmlich seelisch mit
durch. Er kann aber auch ohne solche mimische und
Gesangungeheuerlichkeit vortragen. Ich bestellte ihn später nach
Mostar, wo ich im Hotel an einem Tische nach unserer Art bequem sitzend
ruhige Rezitationen aus seinem Munde aufnahm. Er passt dabei freilich
wie ein Haftelmacher auf, um keine Zeile zu überspringen. Džanüms
Heerzug erlernte er noch als Knabe (etwa in den Jahren 1830–35) von
einem Guslaren, dessen er sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte.
Er wusste nur soviel noch, dass jener ein Frächter (kiridžija) aus
dem Nikšićer Džemat (Bezirk) gewesen, der Erwerbes halber mit seinen
Pferden Güter aus Sarajevo nach dem Herzogtume zu befördern pflegte.
Ich erzählte Halilen von seinem Kunstgenossen Alija Cigo
(Zigeunerlein), einem slavisierten Tataren in Pazarići, der mir das
Lied von Köprülüs Vezierschaft gesungen. Er sagte darauf: ‘Ich
kenne ihn und kenne das Lied, aber ich wüsste dir noch ein besseres zu
singen.’ Er meinte das vorliegende, das ich sodann aufzeichnete.
Wahrscheinlich führt auch Halil Alija Cigos Lied im eigenen Vorrat;
denn in beiden Stücken decken sich gewisse Redewendungen und Zeilen
derart, dass man ohne bestimmte Kenntnis des Sachverhaltes annehmen
müsste, dass beide von ein und demselben Guslaren herrühren. Möglich
ist’s, dass sowohl Alija der Tatar als Halil Marić den gleichen
Guslaren zum »Lehrer« gehabt.

Für Halilen war die Hauptsache in der ganzen Geschichte die
aussergewöhnlich grosse Beute und unerhörte Karrière Džanüms.
Darnach führt das Lied bei ihm nachfolgenden Titel:


    Buljubaša Džano primi pô muhura carskog.

      Tekla Drina ispod Varadina
    a Dunava ispod Biograda,
    ladna Sava ispot Temišvara.
      Tu veziri zimovali zimu
    Avdipaša i š njim Seidija.
      Kat proleće pramaleće dojgje,
    sva procmilje od Erdelja raja
    už koljeno dva vezira mlada.
    Teško raja od Erdelja cvili:
      — »Dva vezira, careva većila!
    što durasmo veće ne moremo
    od zuluma Rakocije kralja!
    siće momke a vodi divojke.
      Vet zuluma trpit ne moremo,
    vet nam kakvog adaleta tražte
    od devleta i cara našega!
      Ako l nama adaleta nejma
    od našega cara čestitoga,
    hoćemo se i mi odmetnuti,
    ne davati danka ni harača!«

      A vele im dva vezira mlada:
      — »Hajte doma od Erdelja rajo!
    pisaćemo Rakociji kralju,
    nek s ostaje Erdelja i raje.«
      Ode jadna od Erdelja raja.«
      Dva vezira nakitiše nâmu:
    »O ču li nas Rakocija kralju!
    ostaj nam se Erdelja i raje!
    Ako je se ostanuti ne ćeš
    zadrmaće carevina listom
    pa ću tebi udariti spravno,
    sa stolice tebe pomjestiti;
    goniću te do Kraljova ravna,
    gje no leži do sedam bajloza,
    gje kuveta ot sve sedam kralja.
    Svije ću vas sedam pomjestiti!
    Goniću vas sa Kraljova ravna,
    sa Kraljova do majdana zlatna,
    što je majdan svije sedam kralja.
    Svije ću vas sedam ufatiti,
    caru vas pekšeš učiniti!«
      Taku paše nâmu učiniše,
    spremiše je Rakociju kralju.
      A kad nâma Rakociju sijgje,
    nâmu štije a na nju se smije,
    Odma drugu sitnu nakitio:
    »O čujete dva mlada vezira!
    Eto vama čarovite nâme!
    Raje vam se ostanuti ne ću;
    zadrmaću svije sedam kralja,
    udariću vami na Mišvara,
    prifatiću grada Temišvara,
    ufatiti oba dva vezira
    obje paše kâtal učiniti.
      »Otolen ću vojsku okrenuti
    niza zemlju niz Anadoliju,
    vas Anadol prifatiti listom,
    ufatiti dvanajes vezira
    i mladije deve deribega.
    Sve ću paše katal učiniti
    i mladije deve deribega.
      »Otolen ću zemlji Tatarhanu,
    Tatarhan ću prifatiti listom,
    tatarskoga cara ufatiti.
      »Otolen ću okrenuti vojsku,
    pot Stambol ću isturiti vojsku,
    pot Stambola na Silistru carsku,
      »Pâ ću nâmu sitnu načiniti,
    pa je caru u Stambolu spremit,
    nek car prtlja is Stambola grada,
    neka prtlja Šamu i Medini,
    gje no je caru djedovina,
      »A, Stambol je naša postojbina
    a našega cara Kostadina;
    jer je Kosta Stambol načinio.
      »Ako l care isprtljati ne će,
    na Stambol ću caru udariti,
    a s tachta ću cara pomjestiti
    a Stambol ću njemu prihititi!«
      Taku sitnu nakitio nâmu.
    A kad nama Temišvaru sijgje
    a na ruke dva mlada vezira
    Avdipaše i š njim Seidije,
    dvije paše preučiše nâmu,
    svojijem se rukam podbočiše,
    od očiju suzam oboriše:
      — »Jadne ti smo ot sat do vijeka!
    Kako svoje poharčismo glave!
    Evo rata su sve sedam kralja!
    Kako će se do Stambola pisat?
    Ko će caru dževap učiniti?
    Car će nami glave isijeći!«
      U jadu im na um pripanulo
    te su sitnu nâmu načinili,
    spremiše je ka Stambolu gradu.
      A kad nâma do Stambola sijgje,
    namjera je i sreća nanijela
    te najprije zapala u ruke
    a turčinu Ćuprilić veziru,
    a Ćuprilić caru na muhuru!
      Vezir vidje šta mu nâma piše,
    dade nâmu caru na divanu.
      Car čestiti preučio nâmu,
    Ćupriliću veli na divanu:
    — Moja lalo Ćuprilić veziru!
    Evo nâme od moga Mišvara,
    od moja oba dva vezira
    Avdipaše i ot Seidije.
    Evo rata su sve sedam kralja!
    Sat što ćemo od života svoga?
      Kako ćemo pisat dušmaninu?
    Ali ćemo Stambol ohaliti
    ali ćemo s vlahom zaratiti?«
      A veli mu Ćuprilić vezire:
    — »Sultan care, mjesta ti svečeva!
    Zemlja tvoja a uprava tvoja,
    piši care kako tebi drago!«
      — »Ćupriliću moja lalo prva,
    jesi danas na muchuru mome,
    radi lalo kako tebi drago!
    što ti rečeš, car ti poreć ne će!«
      Kat to čuo Ćuprilić vezire,
    tad veziru suze poljećeše,
    pola bjele a pola krvave:
    — »Fala Bogu, care ot Stambola,
    kat smo ovog vakta dočekali,
    kad je rata su sve sedam kralja,
    tebi care hizmet učiniti,
    dušmanina kàherm učiniti!
    Ne daj grada prez mrtvije glava
    nit topova prez grdnije rana!
    Hala u tebe ima kachrimana,
    što će stati poret sedam kralja,
    kraljevima dževap učiniti!« —
    Šjede vezir pisati fermana.
    Šta Ćuprilić kiti u fermanu?
    »O čujete oba dva vezira
    ot prostrana carskog Temišvara!
    eto vami careva fermana
    a eto vam carski hazan blaga!
    Vi čuvajte dobro Temišvara!
      »Ne pustite vi careva grada;
    ak pustite grada Temišvara,
    ja ću vaše ubojiti brade.
    crnom krvi iz vaši vratova!
      »A eto vam jedne vojske brže,
    silne vojske od Urumenlije
    i prid vojskom Halilpaše gazi,
    za njim vojske ko na gori lista!
      »A ta hoće pod Otoku vojska,
    pod Otoku u polje Mišvarsko.
    Ongje će se kupit carevina
    poret sedam vlaškije kraljeva.
    Vi čuvajte dobro Temišvara!
      »Eto vami i još jedne vojske,
    silne vojske od Anadolije
    i pred vojskom dvanajes vezira
    i mladije deve deribega.
    I ta hoće pod Otoku vojska.
    Vi čuvajte dobro Temišvara.
      »Eto šaha vam ot Tatarhana
    i za njime listom šahovina.
    Vi čuvajte dobro Temišvara!
      »Eto vojske ot stojna Misira
    i prid vojskom Fazli paše gazi;
    za njim nije kalabaluk vojske,
    jer je Misir kraju na ćenaru,
    vazda se u njem muhafeza čuva.
      »Vi čuvajte dobro Temišvara!
      »Eto vami i još vojske brže,
    silne vojske od Bosne ponosne
    i prid vojskom buljubaše Džane.
      »I ta hoće pod Otoku vojska
    poret sedam vlaškije kraljeva.
    Vi čuvajte dobro Temišvara!
      »Et i mene do malo zemana,
    eto mene z butun carevinom
    pod Otoku u polje mišvarsko,
    poret sedam vlaškije kraljeva.
    Vi čuvajte dobro Temišvara!«
      Taki vezir ferman nakitio.
    Ferman spremi gradu Temišvaru
    i uz ferman carske hazne blaga.
      A kad ferman sijgje Temišvaru,
    ferman uče dva vezira mlada,
    ferman uče, grohotom se smiju
    ot šenluka i od rahatluka.
      Bir se sitan ferman proučio,
    dvije paše šenluk učiniše,
    šenluk čine a topove pale
    od dne do dne za nedjelu dana.
      Sve Ćuprilić kitaše fermane;
    car čestiti tùre pritiskiva.
      Sve rasturi turajli fermane
    po butun evlećetu carskom.
      Rèda dojgje da on ferman sprema
    u ponosnu Bosnu kalovitu.
      Šta Ćuprilić kiti u fermanu?
    »O Džanane bosanska gazijo!
    Eto tebi careva fermana.
    Piši Džano od Bosne Bošnjakâ
    dvanajs hiljad od Bosne Bošnjakâ
    po izboru konja i junaka.
    Nemoj Džano jedinka u majke,
    da nas stare ne proklinju majke!
      »Vodi vojsku pod Otoku Džano!
    Ongje će se kùpit carevina
    porèt sedam vlaškije kraljeva.«
      Taki vezir ferman nakitio
    još mu car čestiti turu udario.
      Tad mu veli Ćuprilić vezire:
      — »Sultan care, iza gore sunce!
    da spremimo jednu haznu blaga
    u ponosnu Bosnu kalovitu
    megju naše junake Bošnjake;
    jer je zudžut Bosna na ćenaru,
    jer joj šalješ murtate vezire;
    sve uzeto do gola života!«
      A veli mu care na divanu:
    — Ćupriliću muhur sahibija!
    Eto hazan a eto ti blaga,
    moje carstvo a tvoja uprava!
    Spremaj lalo štagod tebi drago!«
      Vezir spremi u Bosnu fermana
    a uz ferman carske hazne blaga.
      Ode tatar ot Stambola grada,
    ot Stambola niz Urumenliju.
    Kudgogj igje na Kosovo sijgje:
    sve Kosovo nogam pogazio.
    Tatar sijgje šeher Vučitrnu,
    otolena šeher Mitroviću
    a u Banjsku tatar udario
    i Banjsku je nogam pogazio:
      Otolena niz Rogozu ravnu.
    Tatar sijgje do novog Pazara.
      Otolena niz Bosnu ponosnu;
    svu je Bosnu nogam pregazio.
    Ne hće tatar ka Travniku gradu
    vet okrenu šeher Sarajevu.
    A kat tatar Sarajevu dojgje
    pred veliku carevu džamiju —
    istom tatar pred džamiju dojgje,
    taj je danak petak dnèvi bilo,
    navrvlješe u džamiju turci —
    dok eto ti buljubaše Džane!
    Na Džananu zelena libada
    a bijela priko pasa brada.
      Kad ga tatar očima vidio,
    isprid njega na noge skočio,
    iz džuzdana ferman izvadio.
      A kad Džanun ferman opazio,
    sedam puta zemlju poljubio,
    a dok ferman u ruke jamio.
      Pa rasklopi careva fermana;
    śjede učit ferman avazile.
    Svak sluša, šta im ferman kaže.
      Kat se sitan ferman preučio,
    svako očim suze oborio,
    a svak Bogu dovu učinio:
    — »Fala Bogu po hiljadu puta
    kat smo ovog vakta dočekali
    te kat car za nas u Stambolu znade,
    te nam sitni dolaze fermani!
      Kad je rata su sve sedam kralja
    pa hoćemo na carevu vojsku,
    caru našem hizmet učiniti,
    dušmanina kàher učiniti!«
      Bir izišli iz džamije turci
    odma turci šenluk učiniše.
    Šenluk čine za nedjelu dana.
      Bir izišla nedjelica dana,
    śjede Džanun pisati Bošnjake
    po svoj Bosni i Hercegovini.
      Digod koga bjesnijeg znadijaše
    na nâmu konja i junaka,
    svakog Džanun na vojsku upisa.
      On ne piše jedinka u majke,
    da je stare ne proklinju majke.
      Kako koju knjigu opremaše,
    svakoj Džanun spominjaše,
    da se kupi silovna krajina
    na hiseta niže Sarajeva.
      Šjedoše se kupiti Bošnjaci.
    Kupiše se dese, dvanajs dana,
    kad rekoše da se okupiše.
      Jednom Džanum uzjaha alata
    pa eto ga na hiseta sijgje,
    na hiseta u bosansku vojsku
    pa na saju izvede Bošnjake.
    Šjede brojit od Bosne Bošnjake
    po tamanu dvanajes hiljada.
      Ondak jami punu haznu blaga;
    śjede blago po Bošnjacim d’jelit,
    najboljeme ko i najgoreme,
    najgoreme kako bratu svome.
      Onda puśća u vojsku telala;
    telal mu po ordiji viče:
      — »Nek su hazur konji i junaci!
    svak na noge oput i opanke
    a prekivaj debele paripe!
      Jer kad bude noći po akšamu
    hoće sìlna polaziti vojska;
    Džanan dnèvi kros Sarajvo ne će,
    dnevi proći ni provesti vojsku.
    Jer kad dnevno prolazi ordija,
    hašikovat momci i djevojke
    hoće njima sevdah ostajati!
      Od sevdaha gorjeg jada nejma,
    ni tu bachta u ordiji nejma!«
    Hazure se konji i junaci,
    sve na noge obuše opanke,
    prekuvaše debele paripe.
      A kad noći po akšamu bilo,
    dok pukoše dva topa velika.
    Tada Džanan uzjaha alata,
    razvi mu se do sedam bajraka
    a povede do sedam jedeka.
      Eto Džane na hiseta sijgje,
    na hiseta u bosansku vojsku.
    Zakleptaše čugljenovi zlatni,
    zalajaše sitni daulbazi,
    zavikaše čaušovi mladi,
    digoše se u nebo bajraci.
      Stade pùka alajli bajraka,
    stade škripa sitni čelenaka,
    stade zvèka rata i sehrata,
    stade cika bistra venedika!
      Stoji vriska átâ i paripâ,
    pjevljavina od Bosne Bošnjaka,
    na Sarajvu drmaju topovi,
    podbriskuju od Bosne Bošnjaci!
      Ode Džanan i odvede vojsku.
    Kudgogj igje na Glasince sijgje.
      Tu ga žarko ogranulo sunce.
    On pogleda po svojoj družini,
    nešto mu se društvo porušilo
    a prida se oči oborilo.
      To Džananu vrlo čudno bilo
    pa zavika Ibru bajraktara:
    — »Bajraktare moje dete drago,
    de zapjevaj tanko glasovito,
    deder naše razgovori društvo,
    zašto nam se porušilo pusto!«
      Tad zapjeva Ibro bajraktare:
    — »Ostaj z Bogom zemljo Bosno ravna
    i u tebe šeher Sarajevo,
    u Sarajvu naše tanke kule
    i u kulam ostarjele majke
    i naše milosnice seke
    i naše vijernice ljube!
      Mi odosmo na carevu vojsku
    preko Une, preko vode Save
    mimo trides i četiri grada,
    sedamdese i sedam konaka
    dok se sijgje niže Temešvara;
    mi odosmo pram sve sedam kralja!
      Naše majke ne nadajte nam se!
    mile seke ne veselte nam se!
    v’jerne ljube vi se udajite!
    mi ćemo [se] izženiti amo
    crnom zemljom i zelenom travom!
      Sretnijeg će kuća pričekati,
    nesretnjega niggje vigjet ne će!«
      Istom im se iskahari društvo.
    To Džananu vrlo dèspet bilo.
    Odma njemu bajrak izmaknuo
    pa ga dade krajèm sebe drugu,
    svomu drugu Hasan odobaši.
      Onom Džanan ćèhru udario:
    — »Šta uradi božji nesretniče!
    a šta naše okahari društvo!
    Hajde doma božji nesretniče
    pa ti ljubi na dušeku ljubu!«
      Vjera i Bog Sarajvu ga vrati!
    Tad tapjeva buljubaša Džanan:
      — »Ostaj z Bogom zemlja Bosno ravna
    i u tebi šeher Sarajevo
    i po njemu naše tanke kule
    iz okala plotom opletene
    a ozgara slamom pokrivene,
    i u kulam vijernice ljube!
      One nose do koljena sukno,
    jednu kravu niza kule muze
    a što hrani bijesna junaka,
    â junaka za vakoga dana
      Ovnovi se hrane za kurbana,
    dobri konji za duga mejdana
    a junaci za vakije danâ!
      Mi odosmo na carevu vojsku
    mimo trides i četeri grada
    sedamdese i sedam konaka
    dok se sijgje niže Temišvara.
    Mi odosmo pram sve sedam kralja!
      Ako nami Bog i sreća dade,
    te mi vlahu sablju udarimo,
    barem ćemo dobro śićariti
    kàzam màta kaurskoga posta!
    Pa mi Bosni kalovitoj sići,
    pa mi tanke kule pograditi,
    našim ljubam skrojit anterije!
      Ako l nami vakt i sahat dojgje
    te pomremo niže Temišvara,
    svakako je jednom umrijeti.
      Ja, šta junak ne žaliti ne ću?
    Ostala mi u Sarajvu kula;
    tri su joj se oborile ćoše
    a četvrta sohom podaprta.
      Oko kule niggje ništa nejma,
    koza bara i ćorava gara,
    seka Ajka i starica majka,
    kvočka kokoš i troje pilićâ.
      Bog ubijo iz planine orla!
    odnese mi kvočku ot pilića,
    ostade mi troje siročadi!
    Toga jedan žalim u Sarajvu!«
      Kad to čula Džanina družina,
    sve vrisnulo, puške zapalilo,
    sve dva i dva zapjevaše zajdno:
      — »Baš je nako kako Džanun
    kaže!«
    Ode Džanun i odvede vojsku
    mimo trides i četiri grada!
    sedamdese učini konaka.
      Sijgje Džanun niže Temišvara
    na Koviju zelenu planinu;
    otalen se vidi pod Otoku.
      Kad vidješe od Bosne Bošnjaci
    u polju silovitu vojsku,
    tad vrisnuše, puške zapališe.
      Začula ji careva ordija;
    svak se tomu čudu začudijo,
    kakav je ono adet u Bošnjakâ.
      Odma sokak kroz ordiju grade
    kraj čadora paša i vezirâ
    kut će proći od Bosne Bošnjaci.
    Kad u polje sijgjoše Bošnjaci,
      Džanan viče svojim Bošnjacim:
      — »Djeco moja od Bosne Bošnjaci!
    kad udremo kroz ordiju carsku,
    svaki dobru ćèru izgubite
    a preda se oči oborite;
    Ovaki ćemo adet zametnuti!«
      Kad udriše kroz ordiju carsku,
    svaki dobru ćèru izgubio.
      Svak se tomu čudu začudio
    kakav je ovo adet u Bošnjaka?
      Kad najaha buljubaša Džano,
    selam pašam dade i vezirim
    a s pašam se zagrljaše, ljubi.
      Tu ga paše suval učiniše:
    — »O Džanane bosanska gazijo!
    kakav je ono adet u Bošnjaka?
    Kad vi biste na Kovij planinu
    što vrisnuste, puške zapaliste?
    Kakav je ono adet u Bošnjaka?«
    — »Onaki je adet u Bošnjakâ;
    kad vide silovitu vojsku
    i u polju čadore popete
    i alajli bajrake razvite,
    srcu svome odoljet ne mogu,
    nego vrisnu a puške zapale!«
      — »O Džanane bosanska gazijo!
    Ongje bjehte šèno i veselo;
    kad udriste kroz ordiju carsku
    što si naku ćehru izgubili?«
    — »Vjera j [i] Bog paše i veziri!
    kad u polje sijgjoše Bošnjaci,
    ugledaše silovitu vojsku,
    odjevene konje i junake
    i svilene čadore popete,
    zacviliše od Bosne Bošnjaci:
        »Vidi klete careve ordije,
        odjevena konja i junaka!
        Kako ćemo jadni vojevati?
        Sedamdese i sedam konaka,
        dok smo došli niže Temišvara!
        Nijedan nejma pare ni dinara,
        da potkuje pot sobom paripa!
        Kako ćemo jadni vojevati,
        jer je zudžut Bosna na ćenaru!«
    Kat to čùše paše i veziri,
    darovaše od Bosne Bošnjake:
    svakom drugu po devet cekina
    a Džananu nebrojeno blago.
      Još mu vele paše i veziri:
    — »Hajde Džano bosanska gazijo,
    gledaj mjesta niže Temišvara
    gje ćeš svoju oturisat vojsku!«
      Džanan dobra uzjaha alata,
    brže stiže od Bosne Bošnjake
    pa provede od Bosne Bošnjake
    mimo butun carevu ordiju
    na kraj ravna polja mišvarskoga
    na menzila halkali topovâ
    ubojita ljutoga Madžara.
    Ongje Džanan oturisa vojsku.
      Čudi mu se sìla i ordija:
      — »Bošnjačine čudne mahnitine!
    gje ono malo provede ordije!
    noćas će ji’ Madžar pozobati,
    pozobati noćas is topovâ!«
      Tuka Džanan nojcu prenoćio.
      Kat s u jutro osvanulo bilo,
    žarko ogranulo sunce,
    stade u crnoj zemlji tutnjavina
    a u vedru nebu pucljavina,
    sve na gori zaigralo lište.
      Bože mili, šta bi ono bilo?
    ali trže muhur sahibija
    i za njime ide carevina.
    Bir Ćuprilić pod Otoku dojgje,
    odma vezir divan sastavio,
    a stale mu paše na divanu.
      Ćuprilić je suval učinio:
      — »O čujete paše i veziri!
    Evo danas niže Temišvara,
    evo leži butun carevina
    poret sedam butun kraljevina.
    Daj mi sada tertib tertibite,
    kako će se njima udariti?«
    Sve mu paše šute na divanu.
    Ope, viče muhur sahibija.
      — »Jà mi sada tertib učinite
    kako će se njima udariti,
    jà ću vaše glave isijeći!«
    Sve mu paše na divanu cvile:
      — »Ćupriliću muhur sahibija,
    daj nam muchlet za tri dana bila,
    jà ćemo ti tertib učiniti,
    jà je rèda zdravo umrijeti!«
    Muchlet dade za tri bjela dana.
      Eto pašâ do svoji’ čadorâ;
    svaki paša dobavlja telala.
      Paše daju nebrojeno blago,
    konje daju a ratove daju,
    ne bi li se junak nalazio,
    Ćupriliću tertib učinio,
    kako će se njima udariti.
      Sve telali po ordiji viču
    za dva bila pres promine dana
    i dvi mrkle noći strahovite,
    a junak se naći ne mogaše!
      Dok eto ti jednoga telala
    preko polja u bosansku vojsku.
      Šjede telal po ordiji vikat;
    sve ga sluša pot čadorom Džano,
    sve ga sluša grohotom se smije:
      — »Mili Bože čuda golemoga!
    Evo u polju leži carevina
    a pred njima muhur sahibija!
    Evo imadu tri bijela dana
    kako telali po ordiji viču,
    ne bi li se junak nalazio,
    Ćupriliću tertib učinio,
    kako će se udariti vojsci,
    a junak se naći ne mogaše!
      Evo u mene mojije’ Bošnjaká
    â Bošnjaka dvanajes hiljada,
    svaki mi je danas za tertiba;
    svaki bi mu tertib učinio
    kako će se njima udariti!«
      To začuše od Bosne Bošnjaci:
      — »Naš Džanane, naša mila majko!
    Ti uzjaši široka alata
    pa ti hajde u ordiju carsku
    Ćupriliću učinit tertiba;
    a ne pušti gotovoga blaga,
    što ga paše i veziri daju!
    Nosi blago svojim Bošnjacim
    pa ćeš moći š njima vojevati!«
    Ode Džanan u ordiju carsku
    do čadora Ćuprilić vezira.
      Kad veziru pot čadora dojgje
    Ćupriliću etek poljubio.
      Śjede vezir krajem sebe Džanu,
    pa mu veli Ćuprilić vezire:
      — »O Džanane bosanska gazijo!
    bi l umijo tertib tertibiti?
    kako će se vojsci udariti?«
      — »Ćupriliću muhur sahibija!
    ako mene pitaš za tertiba,
    ja ću tebi tertib učiniti.
      Evo u mene mojije’ Bošnjaka,
    Bošnjaka dvanajes hiljada.
    Ja ću udriti na ljuta Màdžara,
    na šes stotin halkali topova
    pa što meni Bog i sreća dade!
      Sve ostale paše i veziri
    nek udare Rakociju kralju!
      Ti veziru na Kraljevo ravno
    gje kuhvetu ot sve sedam kralja.
    I jes’ vazda muluć na muluća.
      Eto sam ti tertib učinio!«
      Vezir Džanu po plećima rukom:
      — »Haj aferim bosanska gazijo!«
    I zlatan mu hilet prigrnuo.
      Ope Džano govori veziru:
      — »Evo jesmo tertib učinili,
    kolko ćemo muchlet ostaviti?
    a kat ćemo vojsci udariti?«
    A rekoše do tri dana bila,
    dok počinu konji i junaci,
    dok na noge naopute opanke
    a prekuju debele paripe.
      Eto Džane do alata svoga
    i čadora pašâ i vezirâ.
    Paše daju nebrojeno blago,
    konje daju a ratove daju.
      Džanun konjâ ni ratova ne će
    te prihfaća gotove cekine,
    pa eto ga u bosansku vojsku.
    Pade Džanun pot čadora svoga.
      K njem dolaze gazije Bošnjaci:
      — »Naš Džanane, naša mila majko!
    učini li tertib Ćupriliću?
    kako će se vojsci udariti?«
      — »Ja učini’ tertib Ćupriliću
    kako će se vojsci udariti.«
      — »Kog si sebi odredio Džano?
    kome ćeš udarit z Bošnjaci?«
    — »Moja djeco, na ljuta Madžara,
    na šes stotin halkali topova,
    pa što nami Bog i sreća dade!
      Sve ostale paše i veziri,
    da udare Rakociju kralju
    a Ćuprilić na Kraljevo ravno
    gje kuhveta ot sve sedam kralja.
    I jes’ vazda muluć na muluća.«
      — »O naš Džano, naša mila majko!
    kat si tako tertib učinio,
    koliko ste muchlet ostavili
    a kat će se vojsci udariti?«
      — »Djeco moja, do tri dana bila,
    dok počinu konji i junaci,
    dok na noge naopute opanke
    a prekuju debele paripe!«
      A veli mu Hasan bajraktare:
      — »Kat si nami odredio Džano,
    odredio ljutoga Madžara,
    hazur su nam konji i opanci.
    Da mi njemu noćas udarimo,
    pa što nami Bog i sreća dade!«
      Njega Džanun po plećima tuče:
      — »Haj aferim Hasan bajraktare,
    baš si meder kršan za tertiba!«
    Reče Džanan da će udariti.
    Birden reče da će udariti,
    a Bošnjaci šenluk učiniše;
    svi vrisnuše, puške zapališe
    a dva i dva zapjevaše zajdno.
    Bir Bošnjaci šenluk učiniše,
    odma krvav pilav nastaviše,
    večeraše krvava pilava.
      Sve se zajdno iźljubilo bilo,
    iźljubilo pa se halalilo;
    sve je dobre konje uzjahalo,
    sve s terćbirom nis polje mišvarsko,
    pravo zdravo do logora tvrda,
    do logora ljutoga Madžara.
      Kat su gligi i logoru bili,
    šarku feleć rukam izlomiše
    a po jednu pušku zapališe
    a za oštro gvoždže prihfatiše
    pa na silnu gligu udariše,
    udariše, po jednu pušku zapališe
    a za oštro gvoždže prihitiše,
    bir udriše pa je prolomiše.
      Tu ji’ mrve loša sreća bila!
    Vlah upali šes stotin topova,
    tu im pade šes hiljad šehita,
    šes hiljada ostade im živi’.
      Udariše odma na topove.
    Bog im dao, sreća donijela,
    topovima vatru uzaptiše.
      Zahalaka buljubaša Džano,
    zahalaka, zapali is pušaka.
      I jes’ mrkla nojca osvojila
    a crna je tama pritisnula.
      Prohesabi njemadija ljuta,
    da udari muhur sahibija
    i za njime listom carevina.
      Pleći dali, pobjegoše listom,
    ostaviše kuhvet i topove
    i svu haznu i donalmuk kraljski!
      A za njima udario Džano
    su šes hiljad od Bosne Bošnjaka,
    śćera vlaha Rakociju kralju.
      A dočeka Rakocija kralju
    na topove i na vatru živu.
      Mili Bože, nemila sastanka!
    Sjeva liva a krv se proliva!
      Nut Džanana bosanske gazije
    gje okoli Rakociju kralja
    su šes hiljad od Bosne Bošnjaka!
      Zahalaka, zapali is pušaka.
    Prohesabi Rakocija kralje,
    da udari muhur sahibija
    i za njime listom carevina!
      Pleći dade a pobježe kralje,
    sve ostavi kuhvet i topove
    i svu haznu i donalmuk kraljski!
      Oćera ga buljubaša Džano
    su šes hiljad od Bosne Bošnjaka
    sve ji’ stjera nis Kraljevo ravno!
      A dočeka do sedam bajloza
    na topove i na vatru živu.
      Mili Bože, nemila sastanka!
    Sjeva liva a krv se proliva,
    reko bi, se zemlja prolomila!
      Nut Džanana bosanske gazije
    gje okoli na Kraljevo ravno,
    on okoli sve sedam bajloza
    su šes hiljad od Bosne Bošnjaka.
      Zahalaka, zapali is pušaka.
      Prohesabi do sedam bajloza,
    da udari muhur sahibija
    i za njime listom carevina.
      Sve pobježe sa Kraljeva ravna,
    sa Kraljeva do majdana zlatna,
    ostaviše kuhvet i topove.
    Oćera ji buljubaša Džano
    su šes hiljad od Bosne Bošnjaka
    sa Kraljeva do majdana zlatna!
      Kat s u jutro osvanulo bilo
    a Ćuprilić divan učinio,
    sve mu paše stale na divanu;
    a pita ji’ Ćuprilić vezire:
      — »O Boga vam paše i veziri,
    kakva ono jeka dolazaše?
    naka pusta jeka ot topova?
    et ozdala od majdana zlatna?
    kakav je ono šenluk u kaura?«
      Sve mu paše na divanu šute,
    a veli mu Halilpaša gazi:
      — Ćupriliću muhur sahibija!
    kad no jučer buljubaša Džano,
    kad no ti je tertib učinio
    kako će se vlahu udariti,
    i sebi je Džano odredio,
    odredio ljutoga Madžara,
    da će udarit sa svojim Bošnjacim
    na šes stotin halkali topova;
    kad je došo u bosansku vojsku,
    kajil njemu ne bili Bošnjaci.
      Kad no jučer puške ispucaše
    a Bošnjaci pogubiše Džanu.
    Noćas su ti pobjegli Bošnjaci!
    Šenluk čine svi kraljevi redom,
    šenluk čine a topove pale!«
      Stade vikat Ćuprilić vezire:
    — »Hej davorte od Bosne Bošnjaci!
    Ako budu pobjegli Bošnjaci
    njihove ću osijecat glave
    pa puniti halkali topove
    pa se biti su sve sedam kralja!«
    Dok pokliknu vila iz oblaka,
    po imenu Ćuprilića viče:
      — »Ćupriliću muhur sahibija!
    nije tako ko ti paša kaže!
    nisu tvoji pobjegli Bošnjaci.
    Udrio je buljubaša Džano,
    udrio je na ljuta Madžara;
    dao je Džano šes hiljad šehita,
    razbio je sve sedam kraljeva,
    sve je stjero do majdana zlatnog,
    pa se bijo su sve sedam kralja,
    su šes hiljad gazija Bošnjaka!
      Vet što hinlu učini Bošnjacim,
    car će tebi posijeći glavu!«
      Kat to čuo Ćuprilić veziru,
    svojom rukom izvadio ćordu,
    svojom rukom pašu posiječe.
      Vezir viče a suze prolj’eva:
      — »Hej Džanane moje rane ljute!
    A Bog znade i Ćuprilić znade,
    ja ti hinlu učinio nisam,
    ve’ murtati paše i veziri!«
      Pa pukoše topi haberdari,
    što mu haber po ordiji daju
    a povrvlji muhur sahibija
    a za njime butun carevina
    pravo zdravo do logora tvrda,
    do logora ljutoga Madžara.
      Kad onuda trava povaljana,
    sva je crnom krvi popljevana,
    sve je lješom pritisnuto kleto.
    Kuhvet najgje a topove najgje,
    najgje Džane šes hiljad šehita,
    što je palo od Bosne Bošnjaka.
      On pokopa šes hiljad šehita.
    Onda puśća u vojsku telala
    a telal mu po ordiji viče:
      — »Nemoj niko ništa prihititi,
    rusu ću mu glavu posijeći!
    Junaštvo je od Bosne Bošnjaka!«
    Tuda projgje i provede vojsku.
    Dojgje vezir do logora tvrda,
    do logora Rakocija kralja.
      I tuda je trava povaljana;
    sva je crnom krvi popljevana;
    i tu kuhvet i topove najgje
    i svu haznu i donalmu kraljsku.
      I tu pušta u vojsku telale,
    telali mu po ordiji viču:
      — »Nemoj niko ništa prihićati,
    rusu ću mu glavu posijeći!
    Junaštvo je od Bosne Bošnjaka!«
      I tud projgje i provede vojsku.
    Sijgje vezir na Kraljevo ravno.
    Kolko dugo i široko kleto,
    očima se pregledat ne more!
    Drva na njem ni kamena nejma,
    sve je kleto krvi poškrapano,
    još plahije lešom zavaljano.
      Kuhvet najgje ot sve sedam kralja,
    veće vezir dilje ne zna puta.
    Na Kraljevu oturisa vojsku.
      Sve Ćuprilić po Kraljevu hoda
    a sve sluša jeku ot topova
    et ozdala od majdana zlatna
    a što topovi na majdanu ječe.
      A sve hoda a suze prolj’eva,
    a jamio srčali durbina;
    gleda vezir nis Kraljevo ravno
    pravo sentu i majdanu zlatnu.
    Dok s u polju zametnula tama,
    tuda tama nije nigda sama,
    vet is tame junak udario
    na gravranu konju od mejdana.
      U gavrana grive ni perčina
    u junaka brka ni obrva,
    pocrnio kako čavka crna,
    krvavije ruku’ do lakata
    i krvave do balčaka ćorde.
      Kad ga vezir očima vidio
    sam u sebi misô pomislio:
      »Nije l Bog do, od Bosne gazija!«
      Kad gazija na gavranu dojgje,
    Ćuprilića na Kraljevu najgje.
      On veziru božji selam viče,
    s vezirom se zagrljaše, ljubi.
      Pita njega Ćuprilić vezire:
      — »O moj brate od Bosne gazija!
    kamo nami buljubaša Džano?
    je l nam Džano na životu hala?«
    — »A nami je u životu Džano.
    Eno Džane u majdanu zlatnom
    su šes hiljad gazija Bošnjaka,
    gje se bije su sve sedam kralja.
      Vet je tebi selâm učinio,
    da zakolješ šes hiljad kurbanâ
    za njegovi šes hiljad Bošnjaka;
    i da spremiš šes hiljad araba
    sa Kraljeva do majdana zlatna,
    da ti blago na arabam spremi!«
    Kat to čuo Ćuprilić vezire
    svojom rukom dèvu oborio,
    a zavika što ga grlo daje:
      — »Ovi kurban buljubaše Džane!«
    Što bi majka zadojila sina
    šes hiljada obori se deva,
    šes hiljada zakla se kurbana.
      Vezir spremi šes hiljad araba
    sa Kraljeva do majdana zlatna.
    Za toga za malo zemana,
    dok eto ti od majdana Džane
    su šes hiljad gazija Bošnjaka.
      Goni Džanan na arabam blago
    i on vodi sve sedam kraljeva,
    nosi krunu Nuširejvanovu.
    A kad Džano na Kraljevo dojgje,
    preda nj vezir šenluk učinio,
    upalio halkali topove,
    s Ćuprilićem zagrli se, ljubi.
      A veli mu Ćuprilić vezire:
    — »Džano brate, bosanska gazijo,
    nemoj mene caru opanjkati,
    car će meni glavu posijeći!
      A Bog znade i Ćuprilić znade,
    ja ti hinlu učinio nisam,
    ve’ murtati paše i veziri!
    Išti, Džano štogod tebi drago!«
      — »Ćupriliću muhur sahibija!
    imam mala da nejmam hesaba;
    vet daleko Bosna na ćenaru,
    na čem blago pusto gonit nejmam!
      A za sve Ćuprilić vezire,
    u dugu vaktu i zemanu
    gotovo se poharčiće blago!
      Vet u mene mojije’ Bošnjaka
    a Bošnjaka dvanajes hiljada,
    šes hiljada na Kraljevu živi’,
    šes hiljada što je šehit bilo,
    što je šehit na Madžaru bilo,
    daćeš meni Ćuprilić vezire
    dvanajs hiljad timarli berata
    sve na mrtva ko i živa druga!«
      A veli mu Ćuprilić vezire:
      — »Išti Džano a ne maskari se,
    tute tebi ništa ne imade!«
    Ope veli buljubaša Džano:
      — »Šta ću tebi iskat Ćupriliću!
    Ti si danas na mjestu carevu,
    što ti rečeš, car die poreć ne će.
      Daleko nam Bosna na ćenaru,
    daleko nam do Stambola sići,
    u Stambolu viditi tapiju.
      Vet daj meni po muhura carskog
    u ponosnu Bosnu kalovitu!«
      Bogami mu milo ne bijaše
    al mu inach biti ne mogaše.
      Dade Džani po muhura carskog
    u ponosnu Bosnu kalovitu.
      Džano njemu sviju’ sedam kralja,
    vezir Džani hair dovu carsku
    na ponosnu Bosnu kalovitu!


Wie Buljukbascha Džano die Hälfte des Kaisersiegels erlangte.

      Es floss die Drina unterhalb Wardeins
    und unter Belgrad floss der Donaustrom,
    die kühle Save unter Temesvar.
      Hier hielten Rast im Winter die Veziere,
    Herr Avdipascha und Herr Seïdi.
      Als sich der Lenz, der Frühlinganfang zeigte,
    da drang ein Weh von Siebenbürgens Raja
    wohl vor die Knie der jungen zwei Veziere.
    Es klagt die Raja schwer von Siebenbürgen:
      — »O zwei Veziere, Kaiserstellvertreter!
    was wir ertrugen, nimmer zu ertragen,
    an Räuberstreichen König Rákóczys!
    Er mordet Burschen und entführt die Mädchen.
      Schon sind wir satt der Vergewaltigungen;
    so sucht uns endlich irgend einen Rechtschutz
    von unserm Kaiser und der Reichverwaltung!
      Wofern jedoch uns Rechtschutz nicht zu teil wird
    von unsrem Kaiser, mög’ ihn Glück betreuen,
    so sehn auch wir gedrängt uns hin zum Abfall
    und zahlen weder Auflag noch die Steuer!«
      Zur Antwort drauf die jungen zwei Veziere:
      — »Zeuch heim in Frieden Siebenbürgens Raja!
    wir schreiben schon dem König Rákóczy,
    er geb der Raja Ruh und Siebenbürgen.«
      Heim zog beleidet Siebenbürgens Raja.
      Die zwei Veziere schrieben nun ein Schreiben:
    »O hörst du uns, o König Rákóczy!
    gib Frieden Siebenbürgen und der Raja!
    Magst du sie nicht in Ruh und Fried belassen,
    wird auf das ganze Kaiserreich sich rütteln;
    ich werd bereit auf dich den Angriff machen,
    von deinem Throne dich hinunterschleudern
    und hin dich jagen bis zur eb’nen Karlsburg
    allwo den Hof die sieben Fürsten halten,
    wo aller sieben Herrscher Macht versammelt.
    Euch alle sieben stürz ich von den Sitzen
    und werd euch jagen von der ebenen Karlsburg,
    von Karlsburg weiter bis zum Goldgewerke,
    zum Goldgewerk von allen sieben Herrschern.
    Ich werd euch alle sieben fangen lassen
    und unserm Kaiser zum Geschenk euch weihen!«
      Die Paschas schrieben solcher Art das Schreiben
    und sandten’s ab an König Rákóczy.
      Als Rákóczy den Schreibebrief empfangen —
    las er den Brief und lachte drüber herzlich —
    schrieb er sofort ein ander feines Briefchen:
    »O hört Ihr wohl, o junge zwei Veziere!
    Da habt auch Ihr ein buntbeschrieben Schreiben!
    Ich lass euch nicht die Raja mehr in Frieden;
    aufrütteln werd ich alle sieben Herrscher
    und werd euch euer Temesvar berennen,
    und dann die Burg von Temesvar erobern,
    gefangen machen alle zwei Veziere,
    und beide Paschas lass ich letzt erdrosseln.
      »Von dorten werd ich meine Heermacht wenden
    entlang durchs Land, entlang durch Anatolien,
    mit Sack und Pack erobern Anatolien
    und zwölf Veziere zu Gefangenen machen
    neun junge Deribegen auch dazu.
    Erdrosseln lassen will ich alle Paschas,
    neun junge Deribegen obendrauf!
      »Dann zieh ins Land ich des Tatarenchans
    und nehm’s Tatarenland in Bausch und Bogen
    und fang mir ein den Kaiser der Tataren.
      »Von dorten werd ich meine Heermacht wenden
    und will das Heer gen Stambol rücken lassen,
    gen Stambol, auf das kaiserlich Silístra.
      »Sodann verfass ich noch ein zierlich Briefchen
    und schick es an den Kaiser in Istambol,
    der Kaiser troll sich aus der Stambolstadt,
    er troll sich nach Damaskus und Medina,
    allwo gehaust des Kaisers Ahnen einst.
      »Doch unsrer Heimat Wiege heisst Istambol,
    der Stammsitz unsres Kaisers Konstantin,
    denn Konstantin hat Stambol auferbaut.
      »Doch mag sich nicht hinweg der Kaiser trollen,
    so greif ich an den Kaiser in Istambol
    und stürze von dem Thron herab den Kaiser,
    Istambol aber werd ich ihm entreissen!«
      Er schrieb ein zierlich Briefchen solcher Art.
    Als nun der Brief nach Temesvar gelangte
    zu Handen jener jungen zwei Veziere,
    des Avdipascha und des Seïdi,
    da lasen beide Paschas durch das Schreiben
    und stützten in die Hüften ihre Arme,
    und Tränen ihren Augen nun entstürzten:
      — »Wir sind von jetzt in Ewigkeit in Jammer!
    Wie haben unsre Köpfe wir verloren!
    Der Krieg ist da mit allen sieben Herrschern!
    Wie lässt sich dies denn nach Istambol melden?
    Wer wird dem Kaiser den Bericht erstatten?
    Der Kaiser wird die Köpf uns niedersäbeln!«
      In ihrem Leide sie den Einfall hatten,
    ein zierlich feines Briefchen zu verfassen
    und es nach Stambol in die Stadt zu senden.
      Und als der Brief gekommen war nach Stambol,
    so hat es das Geschick und Glück gewollt,
    dass er zu allererst gelangt zu Handen
    des echten Türken Köprülü des Veziers;
    und Köprülü ist Kaisers Siegelhüter!
      Der Vezier sah, was in dem Brief geschrieben
    und legt im Divan vor den Brief dem Kaiser.
      Der wackre Kaiser nahm den Brief zur Kenntnis
    und sprach im Divan so zu Köprülü:
      »Mein Vezier Köprülü, getreuer Lala!
    hier dieser Brief aus meinem Temesvar
    ist ausgestellt von meinen zwei Vezieren
    von Avdipascha und von Seïdi.
    Nun gibt es Krieg mit allen sieben Herrschern!
    Was fangen jetzt wir an mit unsrem Leben?
      Wie sollen wir dem Erbfeind Antwort schreiben?
    Wie, sollen Stambol wir vielleicht verlassen?
    Wie, gar den Krieg beginnen mit dem Christen?«
      Doch spricht zu ihm der Vezier Köprülü:
      — »O Sultan, Herr, beim Sitze des Propheten!
    Das Land ist dein und dein ist die Verwaltung,
    so schreib denn Kaiser, wie’s dir lieb und recht ist!
      — »O Köprülü, zuoberst du mein Lala!
    heut hältst mir du mein Siegel in Bewahrung,
    drum, Lala, tu nach deiner Lust und Liebe!
    Was auch du sagst, der Kaiser dir’s versagt nicht!«
      Als dies der Vezier Köprülü vernommen,
    entrannen dem Veziere heftig Tränen,
    die Hälfte hell, die andre Hälfte blutig:
      — »O Gott sei Dank, o Kaiser von Istambol,
    dass diese Zeit wir durften noch erleben,
    die Zeit des Kriegs mit allen sieben Königen,
    um dir, o Kaiser, einen Dienst zu leisten
    und unsre Feinde gänzlich zu zertrümmern!
      Gib nicht die Festung ohne tote Schädel,
    noch die Kanonen ohne grause Wunden!
    Du hast ja Überfluss an solchen Helden,
    die’s gen die sieben Herrscher nehmen auf,
    und Red und Antwort stehn den Herrschern werden!«
      Gleich fing der Vezier einen Ferman an.
    Wie schmückt die Reden Köprülü im Ferman?
    »O hört Ihr wohl, Ihr beiden zwei Veziere
    vom breiten, kaiserlichen Temesvar!
    da habt Ihr einen kaiserlichen Ferman,
    da nehmt auch hin des Kaisers Kammerschatz!
    Behütet mir aufs beste Temesvar!
      »Nur gebt nicht preis die kaiserliche Festung;
    wofern Ihr Temesvar die Festung preis gebt,
    so werd ich euch zum Lohn die Bärte färben
    mit eurem schwarzen Blut aus euren Hälsen!
      »Schon rückt ein Heer zu euch in Doppelmärschen,
    ein gar gewaltig Heer von Urumélien,
    und Halilpascha Glaubenhort befehligt
    das Heer, so zahllos, wie das Laub im Hochwald!
      »Dies Heer wird unter Szigetvár sich lagern
    um Szigetvár im Temesvargefilde.
    Allda wird sich die Kaisermacht versammeln
    den sieben Christenherrschern gegenüber.
    Behütet mir aufs beste Temesvar!
      »Schon naht euch auch ein ander Heer zu Hilfe,
    ein gar gewaltig Heer von Anatolien
    und an des Heeres Spitze zwölf Veziere,
    neun junge Deribegen noch dazu.
    Um Szigetvár auch dieses Heer sich lagert.
    Behütet mir aufs beste Temesvar!
      »Schon naht der Schāh euch vom Tatarenlande,
    ihm folgt im vollen Lauf das Volk des Schāhs.
    Behütet mir aufs beste Temesvar!
      »Schon naht das Heer vom Ruhmesland Mizraim,
    voran der Glaubenstreiter Fazli Pascha;
    nicht allzugross ist wohl sein Heergefolge,
    denn an des Reiches Grenzen liegt Mizraim,
    drum stehn im Lande stets Besatzungheere.
      »Behütet mir aufs beste Temesvar!
      »Schon naht euch schneller noch ein ander Heer,
    ein mächtig Heer vom stolzen Bosnaland
    und vor dem Heere Buljukbascha Džano.
      »Auch dieses Heer vor Szigetvár wird lagern
    den sieben Christenherrschern gegenüber.
    Behütet mir aufs beste Temesvar!
      »Nach kurzer Weile bin auch ich zur Stelle
    herangerückt mit ganzer Kaisermacht
    ins Temesvargefild bei Szigetvár
    den sieben Christenherrschern gegenüber.
    Behütet mir aufs beste Temesvar!«
      Der Vezier schmückte solcher Art den Ferman
    und sandt ihn nach der Festung Temesvar
    und nebst dem Ferman auch des Kaisers Kriegschatz.
      Sobald der Ferman Temesvar erreichte, —
    die jungen zwei Veziere schaun den Ferman,
    sie schaun den Ferman, müssen schallend lachen
    vor Freudgefühl und eitel Wohlbehagen.
      Kaum dass die beiden Paschas durchgelesen
    den Ferman fein, so gaben sie ein Fest;
    Kanonen donnern und es währt die Feier
    von Tag zu Tag durch einer Woche Tage.
      Fermane auf Fermane schmückt der Vezier,
    der Kaiser drückt nur seinen Namen drauf.
      Verschickt sind alle Namenzugfermane
    durchs ganze kaiserliche Machtgebiet.
      Die Reihe kam, den Ferman abzusenden
    ins Bosnaland, an Stolz und Kot so reich.
      Wie schmückt die Reden Köprülü im Ferman:
        »O Džanan, Glaubenhort des Bosnalands!
        Da hast du einen kaiserlichen Ferman.
        Biet, Džano, auf von Bosna die Bošnjaken
        zwölf tausend Mann vom Bosnaland Bošnjaken,
        zu Fuss und Ross nur auserwählte Mannen.
        Nur, Džano, nicht den einzigen Sohn der Mutter,
        damit nicht alte Mütter uns verfluchen!
          »Das Heer, o Džano, führ nach Szigetvár.
        Es wird sich dort die Kaisermacht versammeln
        den sieben Christenherrschern gegenüber.«
          Der Vezier schmückte solcher Art der Ferman,
    den Namen drückte drauf der wackre Kaiser.
      Nun sprach zu ihm der Vezier Köprülü:
      — »O Sultan Kaiser, Sonne von den Bergen!
    lass eine Kammer Schätze uns entsenden
    ins Bosnaland, an Stolz und Kot so reich,
    zur Hilf für unsre Helden, die Bošnjaken;
    denn Notstand ist daheim im Bosnagrenzland;
    stets schickst du hin Verräter als Veziere,
    die rauben alles aus bis auf die Scham!«
      Darauf zu ihm der Kaiser spricht im Divan:
      — »O Köprülü, Bewahrer meines Siegels!
    da steht die Kammer und da sind dir Schätze,
    das Reich ist mein, doch die Verwaltung dein!
    Schick ab, mein Lala, was dir lieb und recht ist!«
      Der Vezier schickt ins Bosnaland den Ferman,
    des Kaisers Kammerschätze nebst dem Ferman.
      Der Feldtatar verliess die Stadt Istambol,
    von Stambol zog er durch das Land Rumelien.
    Sein Weg, wie immer, führt nach Leitengeben,
    das ganze Leitengeben er durchmass.
      Der Feldtatar, der kam nach Vučitrn,
    von dorten wandt’ er sich nach Mitrovica,
    dann lenkte der Tatar ins Banjskafeld
    und quer durchmass er auch das Banjskafeld.
      Und weiter zog er durch das Schilfgefilde;
    dann kam der Feldtatar nach Novi Pazar.
      Von dorten zog er durch das stolze Bosnien;
    ganz Bosnaland durchmass er in die Quere.
    Nicht mochte der Tatar zur Burg von Travnik,
    er wandte sich vielmehr zur Stadt Sarajvo.
      Als da in Sarajevo der Tatare
    gekommen vor die Grossmoschee des Kaisers —
    just kam der Feldtatar vor die Moschee, —
    es war um Mittagzeit an einem Freitag,
    es wimmelten die Türken zur Moschee —
    kam auch des Weges Buljukbascha Džano!
    Ein grüner Rock umhüllt den Leib des Džano,
    es wallt ihm über’n Gurt der weisse Bart.
      Sobald als ihn der Feldtatar erschaute,
    erhob er ehrerbietig sich vor ihm
    und zog heraus den Ferman aus der Tasche.
      Kaum hatte Džanan hier erschaut den Ferman,
    so küsste wohl die Erd’ er siebenmal,
    bevor er in die Hand den Ferman nahm.
      Entfaltet drauf den kaiserlichen Ferman
    und liest mit lauter Stimme vor den Ferman.
    Ein jeder lauscht, was wohl der Ferman kündet.
      Nachdem der feine Ferman ward verlesen,
    entflossen jedem Tränen aus den Augen,
    entrang sich jedem ein Gebet zu Gott:
      — »Gott sei gedankt gar viele tausendmal,
    dass diese Zeit wir durften noch erleben,
    dass von uns weiss der Kaiser in Istambol,
    dass uns beehren zierliche Fermane!
      Nun kommt ’s zum Krieg mit allen sieben Herschern,
    wir sind bereit ins Kaiserheer zu zieh’n
    und unserm Kaiser einen Dienst zu leisten,
    den Feind des Reichs zu Stücken zu zertrümmern!«
      Sobald die Türken die Moschee verlassen,
    begingen sie sogleich ein Freudenfest,
    begingen ’s festlich eine volle Woche.
      Kaum war das hohe Wochenfest verflossen,
    hub Džanan an die Bosner aufzubieten
    im ganzen Bosna- und im Herzogland.
      Wo einen wilden Wehrmann er nur wusste,
    berühmt zu Ross, berühmt zu Fuss als Kämpen,
    jedweden bot Herr Džanan auf zum Heer.
      Er bot nicht auf der Mutter einzig Söhnchen,
    damit dem Heer nicht alte Mütter fluchen.
      In jedem Brief, den er ins Land versandte,
    hob Džanan jedesmal hervor mit Nachdruck,
    dass sich die mächtige Grenze sammeln möge
    in Rottenteilen unterhalb Sarajvo.
      Es huben an die Bosner sich zu scharen,
    in zehn, zwölf Tagen waren sie versammelt
    und standen da zur festgesetzten Frist.
      Einmal bestieg Herr Džano seinen Goldfuchs
    und ritt hernieder zu den Rottenteilen
    ins Bosnaheer, dort zu den Rottenteilen
    und stellte die Bošnjaken auf in Reih’n.
      Hub an vom Bosnaland die Wehr zu zählen,
    zwölftausend Mannen waren ’s wohlgezählt.
      Dann nahm er her den vollen Kammerschatz,
    hub an im Bosnavolk den Schatz zu teilen,
    beteilte gleich den besten wie den letzten,
    den letzten Mann, als wär ’s sein eigener Bruder.
      Befahl dann einen Herold in das Heer;
    es ruft der Herold durch die Heereshorden:
      — »Auf, marschbereit die Reiter und die Schreiter!
    und an die Füsse Riemen und Opanken
    und an die feisten Klepper Hufbeschlag!
      »Den Abends nach dem vierten Abendbeten,
    da bricht das mächtige Heer zur Wander auf.
    Bei Tage mag Herr Džanan nicht durch Saraj,
    durchzieh’n bei Tag und nicht das Heer durchführen.
      »Denn brechen auf bei Tagelicht die Horden,
    erfacht sich Lieb’ bei Jünglingen und Mädchen
    und Liebeleid verbleibt in ihren Herzen!
      »Kein Leid befällt so schlimm wie Liebeleiden,
    und wo das weilt, da weilt kein Glück im Lager!«
      Es rüsten sich die Reiter und die Schreiter,
    sie stecken an die Füsse sich Opanken
    und ihre feisten Rosse sie beschlagen.
      Im Abendwallen war’s, nach dem Akšām
    als zwei Kartaunen grossen Schlags erdröhnten.
      Auf seinen Goldfuchs sich Herr Džanan schwang,
    aufrollten sich um ihn an sieben Fahnen
    und sieben edle Zelter nahm er mit.
      Da naht schon Džano zu den Rottenteilen,
    wohl zu den Rotten in das Bosnavolk.
      Hei! klapperten die goldnen Hammerkolben,
    da bellten jach die schrillen Mohrentrommeln,
    da scholl Gelärme junger Lagerrufer,
    da flatterten zum Himmel auf die Fahnen!
      Hei! welch Geschwirre von Gefolgschaftfahnen,
    und welch Geknirsche schlanker Turbanbüsche,
    und welch Geklirr von Rossgezeug und Reitern
    und welch Geknatter heller Gurtgewehre!
      Hei! schallt Gewieher hell von Tross und Rossen,
    es hallt Gesang und Klang vom Bosnavolk,
    dort dröhnt Kartaunendonner auf Sarajvo,
    drauf tönt Gejauchz empor vom Bosnavolk!
      So zog Herr Džanan ab mit seinem Heere;
    sie zogen fort und kamen auf Glasince.
      Da war die heisse Sonne aufgestiegen.
    Er liess den Blick aufs Heergefolge schweifen,
    es schien ein wenig das Gefolg verstimmt;
    denn jeder schlug betrübt die Augen nieder.
      Das tät den Džanan stark und viel verdriessen,
    drum rief er seinen Bannerträger Ibro:
      — »O Bannerträger, o mein liebstes Kind,
    o sing einmal hellschmetternd uns ein Lied,
    erheitre fröhlich unsre Krieggefolgschaft;
    denn hier ist trübe Stimmung eingerissen.«
      Nun sang ein Lied der Bannerträger Ibro:
      — »O bleib mit Gott, du eben Land der Bosna!
    mit Gott in dir die Sarajevostadt!
    in Sarajevo unsre schlanken Warten,
    und in den Warten unsre alten Mütter!
    mit Gott! auch unsre herzgeliebten Schwestern!
    mit Gott! auch unsre treuen Ehefraun!
      Wir ziehen fort ins kaiserliche Heer,
    die Una überschreiten wir und Save,
    wir ziehn vorbei an dreiundvierzig Burgen
    und halten siebundsiebzig Lagerrasten,
    und dann erst kommen wir vor Temesvar!
    Wir ziehen fort gen alle sieben Herrscher!
      Erhofft nicht, Mütter, unsre Wiederkehr!
    O liebste Schwestern, freut euch nicht auf uns!
    Ihr treuen Fraun sucht neuen Ehebund!
    Wohl werden wir uns hierzuland beweiben
    mit grünem Rasen und mit schwarzem Erdreich!
      Wer glücklich fährt, den wird sein Heim erwarten,
    den Ohneglück erschaut es nimmer wieder!«
      Da wurde sein Gefolg erst völlig traurig,
    und Džanan ganz und gar darob ergrimmt.
    Sofort entriss er ihm die Heeresfahne
    und übergab dem Freund sie an der Seite,
    wohl seinem Krieggenossen Hauptmann Hasan.
      Doch jenem schlug ums Maul er eine Schelle:
      — »Was tatst du da, du Gottes Unglückmensch!
    was machtest du betrübt uns die Gefolgschaft!
    So troll dich heim, du Gottes Unglückmensch
    und kos mit deinem Liebchen auf dem Kissen!«
      Bei Gott und Treu, er jagt ihn heim nach Saraj!
    Nun sang ein Liedchen Buljukbascha Džanan:
      — »O bleib mit Gott du eben Bosnaland!
    mit Gott! in dir die Sarajevostadt,
    darinnen unsre schlanken Warten stehn,
    die rund umflochten sind mit Zaungeflecht
    und obenauf mit Stroh sind überdacht,
    und in den Warten unsre treuen Fraun!
      Sie tragen bis zum Knie herab ein Tuch,
    sie melken vor den Warten eine Kuh,
    die pappelt einen wilden Helden auf,
    den Helden wohl für einen solchen Tag!
      Man füttert Widder für den Opfertisch,
    die guten Renner für die lange Bahn,
    die edlen Helden nur für solche Tage!
      Wir zogen fort zum kaiserlichen Heer
    an vierunddreissig Burgen wohl vorbei
    und halten Rast an siebnundsiebnzigmal
    bevor wir langen an vor Temesvar.
    Gen alle sieben Herrscher ziehn wir los!
      Wenn uns gewogen Gott ist und das Glück
    und wir die Christen kleben an das Schwert,
    so machen wir doch gute Beute noch,
    beim Kafirfasten Baszam atta ja!
      Dann kehren wir ins kotige Bosna heim
    und bauen unsre schlanken Warten auf,
    und schneiden unsren Frauen Mäntel zu!
      Und wenn uns einst das letzte Stündchen naht,
    und wir versterben unter Temesvar, —
    nun, sterben muss man jedenfalls einmal!
      Muss ich, ein Held, beklagen gar kein Leid?
      Die Warte blieb in Saraj mir zurück;
    drei Ecken erst sind wohl ihr eingestürzt,
    doch ist die vierte mit Gebälk gestützt!
      Rund um die Warte nirgend nichts zu sehn:
    die Gais Mekmék, dazu ein blind Blöckblöck,
    die Schwester Puter und betagt die Mutter,
    drei junge Küchlein und die Gluck Gluckglúck!
      O töte Gott den Aar vom Hochgebirg!
    er trug mir von den Küchlein fort die Gluck
    drei arme Waislein blieben mir zurück!
      Ach! dies allein beklag’ ich in Sarajvo!«
      Als Džanans Heergefolge dies vernommen,
    aufjauchzten alle, knallten aus den Flinten
    und sangen je zu zwei und zwei zusammen:
      — »So, traun, ist’s wahr, wie Džanan singt
    und sagt!«
      So zog Herr Džanan ab mit seinem Heere,
    er zog vorbei an vierunddreissig Burgen
    und hielt an siebnundsiebzig Lagerrasten.
      Es kam Herr Džanan unter Temesvar
    auf Kóvija, das grüne Hochgebirge,
    von wo der Ausblick bis gen Szigetvár.
      Als die Bošnjaken von dem Bosnaland
    im Felde dort das mächtige Heer erblickten,
    da jauchzten sie und knallten aus den Flinten.
      Wie dies die kaiserlichen Horden hörten,
    bass tat ein jeder sich darob verwundern,
    was dies für neuer Brauch im Bosnavolk?
      Sie bauen gleich durchs Lager eine Gasse,
    knapp am Gezelt der Paschas und Veziere,
    wo’s Bosnavolk zu defilieren hat.
      Als ins Gefild das Bosnavolk gestiegen,
    beriet Herr Džanan seine Bosnamannen:
      — »O meine Kinder, Bosner von der Bosna!
    wann wir durchs kaiserliche Heer marschieren,
    verlier’ ein jeder seine gute Laune
    und schlag als wär’s im Trotz die Augen nieder.
    Lasst uns mit solchem neuen Brauch beginnen!«
      Als sie durchs kaiserliche Heer marschierten,
    verlor ein jeder seine gute Laune.
      Darüber tat sich alles bass verwundern,
    was dies für neuer Brauch im Bosnavolk?
      Als Buljukbascha Džano kam geritten
    begrüsst’ er wohl die Paschas und Veziere,
    die Paschas aber küsst er noch umhalsend.
      Nun stellten ihm die Paschas eine Frage:
      — »O Džanan, Glaubenshort vom Bosnaland!
    was ist das für ein Brauch im Bosnavolk?
    Als Ihr auf Kovij dem Gebirge waret,
    was jauchztet Ihr und knalltet aus den Flinten?
    Was ist das für ein Brauch im Bosnavolk?«
      — »Das ist schon so ein Brauch im Bosnavolk;
    wann sie ein so gewaltig Heer erschauen
    und im Gefild die aufgeschlag’nen Zelte
    und aufgerollte Rottenfahnen flattern,
    da überwältigt sie ihr jubelnd Herz,
    sie jauchzen auf und knallen aus den Flinten!«
      — »O Džanan, Glaubenshort vom Bosnaland!
    Dort wart Ihr wohlgemut und guter Dinge;
    doch auf dem Durchzug durch das Heer des Kaisers
    verlort Ihr ganz und gar die gute Stimmung?!«
      — »Bei Gott und Treu’, Ihr Paschas und Veziere!
    als ins Gefild die Bosner niederstiegen,
    erblickten sie das mächtig grosse Heer,
    die Renner und die Helden ausgerüstet,
    dazu die aufgeschlag’nen seidnen Zelte, —
    da brachen aus in Weh’ die Bosnamannen:
        »Schau das verfluchte kaiserliche Heer an,
        die Renner und die Helden wohl gerüstet!
        Wie sollen wir, die Ärmsten, in den Krieg?
        Wir hielten siebnundsiebzig Lagerrasten
        eh’ wir ins Feld von Temesvar gelangten.
        Wir haben keiner einen baren Heller
        auf Hufbeschlag fürs Ross, auf dem wir reiten!
        Wie sollen wir, die Ärmsten, in den Krieg,
        denn blutig arm ist an der Grenze Bosnien!«
      Als dies die Paschas und Veziere hörten,
    beschenkten sie die Bosner von der Bosna:
    je neun Dukaten jedem Krieggenossen,
    Herrn Džanan aber ungezählte Schätze.
      Noch sagen ihm die Paschas und Veziere:
      — »Geh’ Džanan, Glaubenshort vom Bosnaland,
    such einen Lagerplatz bei Temesvar,
    wo lagern du mit deinen Truppen kannst!«
      Es schwang sich Džanan auf den braven Goldfuchs,
    erreichte flugs die Bosner von der Bosna
    und führte durch die Bosner von der Bosna
    hindurch durchs ganze kaiserliche Heer
    ans End’ vom eb’nen Temesvargefilde
    grad in den Schussbereich der Feldkartätschen
    der grimmigen magyárischen Todverbreiter.
      Hier schlug Herr Džanan auf sein Truppenlager.
    Drob wundert sich die ganze Macht des Heeres:
      — »Sind doch die Bosnarecken tolle Kerle!
    wohin er seine handvoll Leut’ geführt!
    Es frisst sie der Magyar zu Nacht mit Himbeern,
    er frisst sie nachts mit Himbeern aus Kartätschen!«
      Herr Džanan blieb zu Nacht an diesem Ort.
      Am Morgen als der Morgen angetagt
    und aufgestiegen war die heisse Sonne
    vernahm man aus der schwarzen Erd’ Getöse
    und von dem klaren Himmelblau Geknatter,
    aufrauschte spielend alles Laub des Hochwalds.
      Du lieber Gott, was mag das wohl besagen?
    Ei, plötzlich rückt herbei der Siegelhüter,
    es folgt ihm auf dem Fuss die Kaisermacht.
      Kaum kam vor Szigetvár Herr Köprülü
    berief er schon als Vezier ein den Divan;
    es stellten sich die Paschas ein zum Divan.
      Herr Köprülü, der legte vor die Frage:
      — »Vernehmt nun wohl Ihr Paschas und Veziere!
    Am heutigen Tag und unter Temesvar
    hat sich gelagert das gesamte Reich
    genüber all den sieben Königreichen!
    Entwerft mir nun den Plan für Schlacht und Krieg,
    wie sollen wir gen sie den Angriff wagen?«
      Es schweigen alle Paschas still im Divan,
    Und wieder schreit der Siegelhüter auf:
      — »Entweder macht ihr jetzt den Schlachtenplan,
    wie wir auf sie den Angriff wagen sollen,
    wo nicht, so säbl’ ich Eure Köpf herunter!«
      Es klagen ihm im Divan alle Paschas:
      — »O Köprülü, Bewahrer von dem Siegel!
    Drei weisse Tage bloss gewähr Bedenkzeit,
    entweder schaffen wir bis dann den Kriegplan,
    wo nicht, so gilt’s gesunderheit versterben!«
      Drei weisse Tage liess er zu Bedenkzeit.
      Die Paschas eilten schnell zu ihren Zelten;
    ein jeder Pascha holt herbei den Herold.
      Die Paschas bieten ungezählte Schätze,
    sie bieten Rosse, bieten Rossgezeuge,
    ob wohl ein Held im Heere sich erfände,
    für Köprülü den Schlachtenplan zu machen,
    wie gen den Feind der Angriff wär zu wagen.
      Es schallt das Heroldrufen durch die Horden
    zwei volle weisse Tag ohn Unterlass,
    zwei dunkle, schreckenbange Nächt hindurch,
    doch wollt der weise Held sich nimmer finden!
      Letzt kommt dir auch ein Herold hingestiegen
    weit übers Blachgefild ins Bosnavolk.
      Es schallt der Ruf des Herolds durch die Horde,
    es hört ihn auch Herr Džanan unterm Zelte,
    so fort und fort, und lacht darüber schallend!
      — »O lieber Gott, welch ein gewaltig Wunder!
    Da liegt im Feld die ganze Kaisermacht,
    dazu als Feldmarschall der Siegelhüter!
      Drei weisse Tage sind nun hingeflossen,
    dass durch die Horden Heroldrufe hallen,
    ob wohl ein Held im Heere sich erfände,
    für Köprülü den Schlachtenplan zu machen,
    wie gen den Feind der Angriff wär zu wagen
    doch wollte sich ein solcher Held nicht finden!
      Da hab ich mein getreues Volk der Bosna,
    zwölf tausend auserwählte Bosnamannen,
    heut gilt mir jeder einen Schlachtenplan,
    ein jeder könnt ihm einen Plan entwerfen,
    wie gen den Feind der Angriff wär zu wagen!«
      Dies hörten auch die Bosner von der Bosna:
      — »O unser Džanan, unsre liebste Mutter!
    Du schwing hinauf dich auf den breiten Goldfuchs
    und geh du in die kaiserliche Horde,
    dem Köprülü den Schlachtenplan entwerfen;
    lass nur den Barschatz nimmer uns entweichen,
    das Angebot der Paschas und Veziere!
    Schlepp her die Schätze für dein Bosnavolk,
    dann kannst mit jenen leicht den Krieg du führen!«
      Ins kaiserliche Heer begab sich Džanan
    zum Zelte hin des Vezier Köprülü.
      Als er zum Vezier unters Zelt gekommen,
    so küsst den Kleidersaum er Köprülü.
      Der Vezier setzte Džano sich zur Seite;
    dann sprach zu ihm der Vezier Köprülü:
      — »O Džanan, Glaubenhort vom Bosnaland!
    wärst du im Stand den Kriegplan zu entwerfen?
    wie auf den Feind der Angriff wär zu wagen?«
      — »O Köprülü, Bewahrer von dem Siegel!
    befragst du mich um einen Schlachtenplan,
    so will ich einen Plan dir auch entwerfen.
      Da hab ich mein getreues Volk der Bosna,
    zwölf tausend auserwählte Bosnamannen.
    Ich greif dir an den grimmigen Magyaren,
    sechshundert Feldkartätschen greif ich an,
    und was mir Gott und was das Glück beschert!
      Doch all die andern Paschas und Veziere
    losstürmen lass gen König Rákóczy!
      Du Vezier selber gen die ebne Karlsburg,
    allwo die Macht von allen sieben Königen;
    denn immer galt’s ‘der König gen den König’!
      Nun hab ich dir den Schlachtenplan entworfen!«
      Der Vezier klappt Herrn Džanan auf die Schultern:
      — »Ei wacker! Glaubenhort vom Bosnaland!«
    Und hüllt ihm um den goldenen Überwurf.
      Und wiedrum spricht Herr Džano zum Vezieren:
      — »Nun hätten wir den Schlachtenplan entworfen.
    Wie lange lassen wir noch Rastezeit?
    wann soll der Angriff auf das Heer erfolgen?«
      Da gaben sie drei weisse Tage Raum
    zur Rast und Ruh der Rosse und der Kämpfer,
    bis an die Füsse sie Opanken legen
    und ihrer feisten Rosse Huf beschlagen.
      Da ist schon Džanan auch bei seinem Goldfuchs
    und beim Gezelt der Paschas und Veziere.
    Die Paschas schenken ungezählte Schätze,
    sie schenken Rosse, schenken Rossgezeuge.
      Nicht Rosse mag Herr Džanan noch Gezeuge,
    er greift nur nach den baren Golddukaten,
    und flugs zurück zu seinem Bosnavolk.
      Nun trat Herr Džanan unter sein Gezelt.
      Es kommen hin zu ihm die Bosnakämpfer:
      — »O unser Džanan, unsre liebste Mutter!
    hast du dem Köprülü den Plan entworfen?
    wie soll man gen den Feind den Angriff machen?«
      — »Dem Köprülü entwarf ich einen Schlachtplan
    wie auf den Feind man soll den Angriff machen!«
      — »Wen, Džano, hast für dich du vorbehalten?
    Gen wen wirst du mit den Bošnjaken stürmen?«
      — »O Kinder, gen den grimmigen Magyaren,
    sechshundert Feldkartätschen anzugreifen,
    und, was uns Gott und was das Glück beschert!
      Doch all die andern Paschas und Veziere,
    sie stürmen los gen König Rákóczy,
    und Köprülü, der soll zur ebnen Karlsburg,
    allwo die Macht von allen sieben Königen;
    denn immer galt’s: ‘der König gen den König’!«
      — »O unser Džano, unsre liebste Mutter!
    nachdem du solchen Schlachtenplan entworfen,
    wie lange habt Ihr Rastezeit gelassen?
    wann soll der Angriff auf das Heer erfolgen?«
      — »Drei weisse Tage, meine lieben Kinder,
    zur Rast und Ruh der Rosse und der Kämpfer,
    bis an die Füsse sie Opanken legen
    und ihrer feisten Rosse Huf beschlagen!«
      Da spricht zu ihm ein Wort der Fähnrich Hasan:
      — »Weil, Džano, du für uns hast vorbehalten,
    den grimmigen Magyaren vorbehalten,
    sind auch bereit schon Renner und Opanken.
    Lass uns noch heute Nacht den Angriff wagen,
    und, was uns Gott und was das Glück gewährt!«
      Herr Džanan klappt ihm fröhlich auf die Schultern:
      — »Ein wacker Wort gesprochen, Fähnrich Hasan,
    wohl bist du unbedingt ein Schlachtendenker!«
      Und Džanan sprach: ‘der Angriff wird erfolgen!’
    Kaum war’s gesagt, der Angriff werd’ erfolgen,
    da brachen schon die Bosner aus in Jubel;
    aufjauchzten alle, schossen aus den Büchsen
    und stimmten an zu zwei und zwei ein Lied.
      Kaum brachen die Bošnjaken aus in Jubel,
    schon stellten sie ein blutig Mus ans Feuer
    und assen wohl ein blutig Mus zum Nachtmahl.
      Es tauschten alle miteinander Küsse,
    sie küssten sich und nahmen letzten Abschied,
    und jeder schwang sich auf sein gutes Rösslein
    und mit verhängtem Zügel stürmten alle
    durchs Temesvargefild gen’s feste Lager,
    gen’s Lager stracks des grimmigen Magyaren.
      Als sie beim Glied und Feindelager waren,
    zerbrachen mit den Händen sie das Radschloss
    und jeder schoss je eine Büchse ab,
    und jeder griff nach seinem scharfen Schwert;
    dann stürmten alle gen die Reih und Glieder,
    im Sturme schoss ein jeder aus der Büchse,
    dann griffen alle nach den scharfen Schwertern,
    im ersten Sturm durchbrachen sie die Glieder.
      Traun! ihnen war da schlimmes Glück beschieden!
    Es blitzten auf sechshundert Feldkartätschen,
    sechstausend Leichen fielen hier zu Boden,
    sechstausend Mannen blieben noch am Leben.
      Sie stürmten augenblicklich die Kartätschen.
    Und Gott verlieh’s, das Glück beschied es ihnen,
    sie stellten den Kartätschen ein das Feuer.
      »Allâh!« so schrie Herr Buljukbascha Džano,
    »Allâh! Allâh!«, es schossen die Gewehre.
      Die dunkle Nacht bemächtigt sich des Kampfes
    und schwarze Finsternis bedrückt die Wahlstatt.
      Nun glaubte wohl das grimmige Volk der Deutschen,
    es stürme los die Macht des Siegelwahrers
    und hintennach mit Wucht das Kaiserreich.
      Sie wandten sich zur Flucht, entflohen heillos,
    im Stich sie liessen Hort und Kriegkanonen
    und allen Schatz und königlichen Schmuck!
      Doch Džano, der verfolgt sogleich die Christen
    mit ihm sechs tausend Bosner von der Bosna,
    und jagt sie hin zu König Rákóczy.
      Doch ihn empfing nun Rákóczy der König
    mit Feldkartätschen und lebendig Feuer.
      O guter Gott, welch wenig gut Begegnen!
    Es blitzt, es schiesst, es fliesst das Blut in Strömen!
      Sieh Džanan an, den Bosna-Glaubenhort!
    wie er den König Rákóczy umrungen
    mit wohl sechs tausend Bosnern von der Bosna!
      »Allâh! Allâh!«, es schossen die Gewehre!
      Nun war im Glauben Rákóczy der König,
    es stürme los die Macht des Siegelwahrers
    und hintennach mit Wucht das Kaiserreich!
      Er wandte sich zur Flucht, es floh der König
    und liess im Stich den Hort und die Kanonen
    und allen Schatz und königlichen Schmuck!
      Hui! jagt ihn weiter Buljukbascha Džano,
    mit ihm sechs tausend Bosner von der Bosna,
    und treibt die Flüchtigen hin zur ebnen Karlsburg!
      Allhier empfingen ihn an sieben Fürsten
    mit Feldkartätschen und lebendig Feuer.
      O guter Gott, welch wenig gut Begegnen!
    Es blitzt, es schiesst, es fliesst das Blut in Strömen,
    du meintest schier, die Erde sei geborsten!
      Sieh Džanan an, den Bosna-Glaubenhort,
    wie auf der ebnen Karlsburg er umrungen,
    umrungen wie er all die sieben Fürsten
    mit nur sechs tausend Bosnern von der Bosna!
      »Allâh! Allâh!« es schossen los die Büchsen.
      Die sieben Fürsten waren nun im Glauben,
    es stürme los die Macht des Siegelwahrers
    und hintennach mit Wucht das Kaiserreich.
      Sie flohen alle von der ebnen Karlsburg,
    von Karlsburg weiter bis zum Goldgewerke;
    im Stich sie liessen Hort und Kriegkanonen.
      Es jagt sie weiter Buljukbascha Džano,
    mit ihm sechstausend Bosner von der Bosna,
    von Karlsburg weiter bis zum Goldgewerke!
      Am Morgen als der Morgen angetagt, —
    Herr Köprülü versammelte den Divan;
    es trafen alle Paschas ein zum Divan,
    und Köprülü der Vezier fragt sie also:
      — »So helf’ euch Gott, Ihr Paschas und Veziere,
    was drang da für Getöse her zu uns?
    ein dumpfes, wüst Getöse von Kanonen?
    von unten da herauf vom Goldgewerke?
    was ist das für ein Fest im Kafirvolke?«
      Es schweigen ihm im Divan alle Paschen,
    da spricht Herr Halipascha Glaubenshort:
      — »O Köprülü, Bewahrer von dem Siegel!
    als dir da gestern Buljukbascha Džano,
    als er den Schlachtenplan dir tat entwerfen,
    auf welche Art der Christ sei anzugreifen,
    da hat für sich Herr Džano vorbehalten,
    den grimmigen Magyaren vorbehalten,
    mit seinen Bosnamannen anzugreifen,
    sechs hundert Feldkartätschen gleich zu nehmen;
    doch als er drauf ins Bosnavolk gekommen,
    missbilligten die Bosner seinen Plan.
      Als sie zum Abend aus Gewehren schossen,
    da brachten die Bošnjaken um den Džano.
    Heut Nacht sind die Bošnjaken ausgerissen!
    Der Reih’ nach jubilieren all die Herrscher,
    sie jubeln und sie schiessen aus Kanonen!«
      Da schreit und kreischt der Vezier Köprülü:
      — »Ei wart nur wart, du Bosnavolk von Bosnien!
    Sind wirklich die Bošnjaken ausgerissen,
    so lass ich ihnen ab die Köpfe säbeln
    und lass damit die Feldkartätschen füllen
    und schick’ sie allen sieben Herrschern zu!«
      Da trillert auf aus Wolkenhöhn die Vila
    und ruft beim vollen Namen Köprülü:
      — »O Köprülü, Bewahrer von dem Siegel!
    so steht es nicht, allwie’s der Pascha sagt!
    mit nichten ist dein Bosnavolk entwichen,
    vielmehr hat Bascha Džano angegriffen
    den grimmigen Magyaren angegriffen;
    sechs tausend Leichen liess Herr Džanan liegen,
    zerschlug das Heer von allen sieben Herrschern
    und trieb sie alle bis zum Goldgewerke,
    und schlug sich wohl mit allen sieben Herrschern
    mit nur sechstausend Bosna-Glaubenstreitern!
      Doch weil du dich am Bosnavolk vergangen,
    das kostet dir beim Kaiser deinen Kopf!«
      Als dies der Vezier Köprülü vernommen,
    da zog er eigenhändig blank das Schwert
    und hieb den Pascha eigenhändig nieder.
      Der Vezier klagt, es strömen ihm die Zähren:
      — »O Džanan, Džanan, meine wilden Wunden!
    es weiss es Gott, es weiss es Köprülü,
    ich hab’ an dir mich nicht mit List vergangen,
    nur Paschas und Veziere, die Verräter!«
      Darauf erdröhnten die Alarmkanonen,
    die ihm im Feld die Horden alarmieren,
    und ungesäumt enteilt der Siegelwahrer
    und hinterdrein das ganze Kaiserreich
    geradenwegs mit Heil zum festen Lager,
    zum Lagerplatz des grimmigen Magyaren.
      Sieh! überall ist dort das Gras zertreten
    und ganz und gar mit schwarzem Blut besudelt,
    verflucht, mit Leichen alles überdeckt!
    Er fand das Krieggepäck, er fand Kanonen,
    auch fand er Džanans all’ sechs tausend Leichen,
    so da gefallen Bosner von der Bosna.
      Sechstausend Leichen barg er nun in Gräber.
      Befahl dann in die Heermacht einen Herold;
    und durch die Horden ruft ihm aus der Herold:
      — »Es rühre niemand irgend etwas an,
    sonst hau’ ich ihm das braune Haupt herab!
    Es ist ein Heldenstreich vom Bosnavolk!«
      Nun zog er weiter fort mit seinem Heere.
    Der Vezier kam sodann zum festen Lager,
    zur Lagerstätte Rákóczy des Königs.
      Auch hier ist überall das Gras zertreten
    und ganz und gar mit schwarzem Blut besudelt;
    er fand auch hier Gepäck, er fand Kanonen,
    den ganzen Schatz und königlichen Schmuck.
      Auch hier befahl ins Heer er einen Herold:
    und durch die Horden ruft ihm aus der Herold:
      — »Es taste niemand irgend etwas an,
    sonst hau’ ich ihm das braune Haupt herab!
    Es ist ein Heldenstreich vom Bosnavolk!«
      Er zog auch hier mit seinem Heere weiter.
    Der Vezier stieg zur ebnen Karlsburg nieder.
    So lang und breit ist die verfluchte Fläche,
    man kann sie mit dem Aug’ nicht überschauen!
    Da ist kein Baum, kein Fels ist da zu sehen,
    die ganze Fläche eine Lache Blut
    zudem mit Leichen arg noch mehr verrammelt.
      Er fand die Güter aller sieben Herrscher,
    doch weiter wusst’ den Weg nicht mehr der Vezier,
    er liess das Heer im Feld von Karlsburg rasten.
      Auf Karlsburg wandelt unstät Köprülü
    und horcht und horcht auf das Kanonenecho,
    wie’s gellt von unten her vom Goldgewerke,
    denn vom Gewerke schallen die Kanonen.
      Er wandelt ruhlos, ihm entfliessen Zähren
    und nimmt zur Hand das glasbewehrte Fernrohr;
    der Vezier überschaut die Karlsburg-Eb’ne
    und schaut zur Grenze hin, zum Goldgewerke.
      Indess entsteht im Feld ein Wolkendunkel,
    hier pflegt ein Dunkel nie allein zu weilen,
    weil aus dem Dunkel brach hervor ein Kämpe
    auf einem Rappen, einem Schlachtenrenner.
      Der Rapp’ ist ohne Mähn’ und ohne Zöpfe,
    ohn’ Augenbrau’n und Schnurrbart ist der Kämpe,
    er ist verrusst, wie eine schwarze Dohle,
    die Hände blutig bis zum Ellenbogen,
    und blutig bis zum Griff hinauf das Schwert.
      Als ihn mit eig’nen Augen sah der Vezier,
    da hegt’ im Herzen er den frommen Wunsch:
      — »O wollt es Gott, es wär’ der Bosnastreiter!«
      Wie nun der Sieger auf den Rappen ankam,
    so fand er Köprülü im Feld von Karlsburg.
      Er rief dem Vezier ‘Gott zum Grusse!’ zu,
    umarmten sich und küssten hier einander.
      Sodann befragt ihn Köprülü der Vezier:
      — »O Bruder mein, du Glaubenhort von Bosna!
    wie steht’s mit unserm Buljukbascha Džano?
    ist uns der Drache Džano noch am Leben?«
      — »Fürwahr, es ist uns Džano noch am Leben.
    Dort haust im gold’nen Berggewerke Džano
    mit wohl sechs tausend Bosna-Glaubenstreitern
    und kämpft den Kampf mit allen sieben Königen.
      Er liess jedoch dir einen Gruss entbieten;
    sechs tausend Opfertiere sollst du schlachten
    für seine Schar sechs tausend Mann Bošnjaken,
    auch sollst du ihm sechs tausend Karren senden
    von Karlsburg aus zum gold’nen Berggewerke,
    damit er dir den Schatz auf Karren schicke!«
      Als Köprülü, der Vezier, dies vernommen,
    so schlug er selber ein Kameltier nieder
    und schrie mit starker Stimm’ aus voller Kehle:
      — »Dies Opfertier für Buljukbascha Džano!«
      Nicht schneller kann ihr Kind die Mutter stillen,
    als hier sechs tausend Stück Kamele fielen,
    sechs tausend Opfertiere sind geschlachtet.
      Letzt schickt der Vezier ab sechs tausend Karren
    von Karlsburg aus zum gold’nen Berggewerke.
      Drauf war nur eine kleine Weil verflogen,
    kam Džano angerückt vom Berggewerke
    mit wohl sechs tausend Bosna-Glaubenstreitern.
      Herr Džanan schleppt die Schätze auf den Wagen,
    er führt mit sich auch alle sieben Könige
    und trägt mit sich die Krone Nuschirwâns.
      Als Džanan auf das Karlsburgfeld gelangte,
    ward ihm vom Vezier festlicher Empfang,
    es gaben Feuer alle Feldkanonen,
    Herr Köprülü umhalst’ und küsste Džano.
      Dann sprach zu ihm der Vezier Köprülü:
      — »O Bruder Džano, Bosna-Glaubenstreiter,
    verschimpf’ mich nicht mit übler Red’ beim Kaiser,
    sonst kostet’s mich beim Kaiser meinen Kopf!
      Es weiss es Gott, es weiss es Köprülü,
    ich hab’ an dir mich nicht mit List vergangen,
    nur Paschas und Veziere, die Verräter!
    O Džano, heisch, was immer dir behagt!«
      — »O Köprülü, Bewahrer von dem Siegel!
    Vermögen hab’ ich ohne Mass und Ende,
    doch weit entfernt ist Bosna an der Grenze,
    wie sollt’ den wüsten Schatz ich hinbefördern?
      Und überdies, o Vezier Köprülü;
    im langen Lauf der Weilen und der Zeiten
    wird leicht auch aufgebraucht der bare Schatz!
      Doch hätt’ ich hier mein treues Bosnavolk,
    zwölf tausend Mannen von dem Bosnavolk,
    sechs tausend auf dem Karlsburgfeld am Leben,
    sechs tausend sind als Leichen hingefallen,
    als Leichen wohl im Kampfe mit Magyaren;
    drum wirst du, Vezier Köprülü, mir geben
    zwölf tausend lauter Grundbelehnungbriefe,
    dem toten Mann so wie dem Lebenden!«
      Darauf bemerkt der Vezier Köprülü:
      — »So heisch doch Džano und verstell’ dich nicht,
    es schaut sich nichts dabei für dich heraus!«
      Und wiedrum spricht Herr Buljukbascha Džano:
      — »Was soll ich, Köprülü, von dir verlangen!
    Du bist ja heut des Kaisers Stellvertretung,
    und was du sagst, dir’s nicht versagt der Kaiser.
      Gar weit entfernt liegt an der Grenze Bosnien,
    es zieht sich uns ein weiter Weg nach Stambol
    zur Einsichtnehmung in die Grundverschreibung.
      Gib lieber mir das halbe Kaisersiegel
    wohl mit ins stolze, kotige Bosnaland!«
      Bei Gott, er war ihm wenig lieb und recht,
    er konnte sich jedoch nicht anders helfen.
      Das halbe Kaisersiegel gab er Džano
    wohl mit ins stolze, kotige Bosnaland.
      Ihm weiht Herr Džano alle sieben Herrscher,
    der Vezier ihm des Kaisers heiligen Segen,
    wohl mit ins lehmige Land der stolzen Bosna!


Zu Vers 1–4.


    Die Stadt Paris der Isarstrom umrauscht,
    den Burgwall von Berlin umtost die Spree
    und brandend bricht an Strassburg sich die Elbe.
    Hier war entbrannt der siebenjährige Krieg!


Mit solcher umständlichen Genauigkeit und Zuverlässigkeit bestimmt
auch unser Guslar die geographische Lage des Schauplatzes der
kriegerischen Handlungen, denen sein Lied gewidmet ist. Dass seine
Angaben (V. 1 u. 3) vollständig unrichtig und die Skizze ganz
wertlos ist, merkt weder er, noch fällt es seinen Zuhörern auf. Zwei
Jahrhunderte lang hatten herzögische Moslimen bei Wardein und Temesvar
nichts mehr zu suchen und zu holen, so dass die Erinnerung an die
wirkliche Lage der Orte verblasste und sich bloss noch leere Namen im
Gedächtnis der Sänger durch die Überlieferung behaupteten. Der erste
Dichter und Guslar des Liedes dürfte wohl eine richtigere
topographische Beschreibung geliefert haben.

V. 5. Von den zwei Paschen schweigt die türkischungarische
Geschichte. Vielleicht hat man in diesen zwei Herren die Statthalter
Sidi Ahmet von Bosnien und Fazlipascha von Albanien oder auch Ali
Čengizade vom Herzogtum zu erkennen, die i. J. 1657, während
Köprülü an den Dardanellen für den Seekrieg rüstete, unter den
Mauern von Zara, Spalato und Cattaro Waffentaten verrichteten. In der
Überlieferung verflüchtigen sich Personen zu Schattenbildern, die in
Gruppen wirken. Man hatte sich gewöhnt, zwei Pašen gemeinsam
operieren zu sehen und übertrug dann ein solches Verhältnis auch auf
eine andere Situation, wo es unbegreiflich wäre. — Seid, ein
Verwandter oder Abkömmling des Propheten, eine Würde des Gesetzes
(Hammer II. 423, IV. 179), hier bloss ein Name, wie jeder andere.

V. 10. Vekil türk. Verwalter, Vorsteher, Stellvertreter.

V. 15. adalet arab. Gerechtigkeit.

V. 33. Kraljevo = Gyula Fehérvàr (Julia Alba), später Karlsburg
genannt, daher der slavische Name. War Gábor Bethlens Hauptstadt, die
er mit grossartigen, fürstlichen Palästen schmückte. — Der Brief
droht die Vernichtung des gesamten östlichen Teiles Ungarns an,
worunter man nicht nur das eigentliche Siebenbürgen, den Teil jenseits
des Königsteiges (eines Gebirgzuges zwischen Ungarn und Siebenbürgen)
zu verstehen hat. Schon im XVI. Jahrh. gehörte das diesseits des
Königsteiges liegende Grosswardein samt dem Biharer Komitat dazu.

V. 35. Die sieben Könige (muluki tavaif, Könige der Völker) spuken
auch sonst in der türkischen Geschichtschreibung herum und sind auch
in die südslavische Überlieferung eingedrungen. Vrgl. Krauss,
Orlović der Burggraf von Raab, Freiburg i. Br. 1889, S. 92 f. —
Der Kaimakam von Konstantinopel schreibt i. J. 1667 mit Hinblick auf
das zwischen Russland und Polen geschlossene Bündnis: »Wisst, dass an
euerer Einigkeit nichts gelegen ist. Die sieben und die neun Könige,
die wider die Pforte zu Felde gezogen, haben ihr mit Gottes und des
Propheten Gnade kein Haar entreissen können« etc.

V. 38. do majdana zlatna. Welche Goldgrube gemeint ist, kann man nicht
bestimmen. Wohl meint der Guslar: ‘bis an den äussersten Rand der
Karpathen, wo Gold geschürft wird.’ Ein Abbau findet noch
heutigentags statt, nur lohnt er wenig.

V. 51. Mišvar f. Temesvar, eine Volketymologie, als ob die Stadt
‘Mäusestadt’ hiesse.

V. 54. Katal učiniti ‘Mord machen’ (Katl türk. Mord), erklärte
mir Halil mit posjeći = niedersäbeln.

V. 50–72. Solche Drohungen waren tatsächlich in diplomatischen
Aktenstücken jener Zeit hüben und drüben üblich.

V. 59. Deribeg, Pfortenobrist. Das Tor war bei den Türken nicht nur
das Bild der Regierung im allgemeinen (als hohe Pforte), sondern auch
im besonderen für die Kriegmacht, deren einzelne Waffengattungen man
Tore nannte. Aus zweimal sieben solchen Toren bestand die Heermacht.
— Der Harem heisst das Haus oder das Tor der Glückseligkeit (dari
oder deri zeadet), während die Pforte der Regierung die hohe Pforte
des Reiches oder des Glückes (babi devlet) genannt wird.

V. 71. Šam, Damaskus. Im J. 633 eroberte Kalif Omer die Stadt, durch
welche seit damals bis auf die Gegenwart alle Pilgerkarawanen
europäischer Moslimen nach Mekka ziehen. Medina ist des Sultans als
Prophetensprösslings Urheimat. Der Guslar unterstellt unbewusst
Rákóczy die Aspirationen »römischer Kaiser deutscher Nation« auf
die Rechtnachfolge byzantinischer Kaiser, indem er ihn behaupten
lässt, dass Konstantin »unser Kaiser« gewesen sei.

V. 85. Sie stemmen zum Zeichen ihrer Ratlosigkeit die Arme oder besser
die Hände in die Hüften, wie bei uns Naschmarktweiber im Zorne, wenn
sie einander »die Wahrheit« sagen.

V. 99. Ćuprilić, türk. Köprülü, der Brückner, serb. mostar.
Gemeint ist Mohammed K. — Er war Enkel eines nach Kleinasien
ausgewanderten Albanesen, und hatte seinen Zunamen von seinem
Geburtorte der Stadt Köprü (Brücke), die sechs Stunden von Mersifun,
zwölf von Amasia, an dem Gebirge Tašan zwischen zwei Flüsschen
liegt, die sich in den Halys ergiessen. Die über eines der Flüsschen
führende Holzbrücke (Steinbrücken, besonders gewölbte, sind
Londžen) hat den alten Namen der Stadt Karakede (Schwarzgaden) erst in
den der ‘Brücke’ und seit der Blüte der Veziere Köprülü, in
den von Vezier Köprü umgewandelt, zum Unterschiede von einem auf
derselben Strasse gelegenen Flecken Tašköprü (Steinbrücke), Vrgl.
Hammer, V. 465.

V. 108–121. Die Schilderung entspricht so ziemlich der wirklich
bestandenen Machtstellung des Sigelbewahrers im osmanischen Reiche. Der
Kanun des Sigels (nach der Kanun-name Sultan Mohammed II. gest. 2. V.
1481) überträgt dem Grossvezier dessen Obhut, als das Symbol der
höchsten Vollmacht. In der Überreichung des Sigels liegt auch die
Verleihung der höchsten Würde des Reiches. Der Grossvezier darf sich
(abgesehen von der Versiglung der Schatzkammer, die nur in Gegenwart
der Defterdare geöffnet werden kann) dieses Sigels nur zur Besiglung
der Verträge bedienen; und da alle Verträge durch die Hand des
Grossveziers gehen müssen und niemand als er das Recht hat, an den
Sultan schriftlich zu berichten, so sieht der Sultan kein anderes Sigel
als sein eigenes oder etwa das der fremden Monarchen, wenn deren
Gesandte ihre Beglaubigungschreiben in feierlicher Audienz
überreichen.

V. 129. türk. kahr etmek, Gewalttätigkeit verüben, vergewaltigen.

V. 140. Der Name der Schatzkammer des Sultans war chassineh, und
solche Besitzungen, deren Einkünfte in diese flossen, wurden chass
genannt. Ausführlich über die Staatseinkünfte speziell in Ungarn,
vrgl. Salomon, S. 211 ff. Im V. 213 begründet der Vezier die
Notwendigkeit der Geldsendungen. So war es jedesmal üblich bei
Aushebungen angesichts eines Krieges. So z. B. bemerkt der
Franziskaner Nikolaus von der Lašva in seiner Chronik zum J. 1729:
miseca veljače dojde u Travnik tri konja zlatnih jasprih, da se pišu
sejmeni. I otvoriše se bajraci na početku lačka i svakome sejmenu
dadoše plaće po dvadeset i dva groša i to brez zahire za tri miseca.
(Im Monate Februar langten in Travnik drei Pferdelasten mit goldenen
Jaspren an, damit man Söldner [segban, t. Wächter] anwerbe. Und man
pflanzte [Werbe-]Fahnen am Eingang des Lašvagefildes auf und sie gaben
jedem Söldner zu 22 Groschen Bezahlung, und zwar ohne Proviant für
drei Monate [im voraus sclc.]).

V. 148. Der Sultan erhielt, nachdem Edhem Paša den Melunapass
genommen, den Titel Ghazi, der Sieger, Kämpfer im heiligen Glauben. Um
diese Ehrennamen bemühte sich noch jeder Sultan und Feldherr. Als
i. J. 1758 der Araberscheich Hesa beschworen, in Zukunft die Karawanen
nach Empfang der gewöhnlichen Geschenke ungehindert und ungeplündert
ziehen zu lassen, war darüber die Freude zu Mekka so gross, dass die
vier Muftis der vier rechtgläubigen Kirchendienste vier Fetvas
erliessen, vermög deren künftig im Kanzelgebete des Freitags dem
Namen des Sultans der Ehrentitel Ghazi, Sieger im heiligen Kampfe,
beigefügt werden soll. Die Guslaren in Bosnien und dem Herzogtum waren
mit der Verleihung dieses Titels an ihre Helden noch freigebiger. Jeder
ergraute, langbärtige Massenmörder erhielt ihn.

V. 150. Den Namen Otoka würde man vergeblich auf der ungarischen
Landkarte des Banates und der Bačka suchen. Ein Ort war es gewiss und
dazu ein wohlbefestigter, denke ich, und eine Erdichtung ist gar nicht
anzunehmen. Das slav. Wort bedeutet eine Insel, eine Insel heisst aber
magyarisch sziget. Somit hätten wir die durch Zriny weltbekannte
Festung Szigetvár herausgefunden, die damals türkisch war.

V. 164. Misir, hebr. Mizraim, Egypter. Stojni (lat. capitalis) zur
Hauptstadt gehörig, ist ein Beinamen, der auf die geographische
Unwissenheit des Guslaren zurückgeht. Er hält nämlich Mizraim für
eine Hauptstadt. Vgl. V. 167. Um eine lächerliche Wirkung zu
vermeiden, ging ich in der Verdeutschung auf den Fehler des Guslaren
nicht ein.

V. 171. Buluk, Rotte der Janičaren, Hammer II. 428. Bulukbaši
Rottenmeister. Hammer VII. 351. Oberst. IV.  80.
Rottenmeister VII. 274, VIII. 67. — Wie bei uns für den Gefreiten
der Korporal oder gar der Wachtmeister und vollends der Leutnant, so
ist für den Guslaren schon der Rottenhauptmann, wie man zu sagen
pflegt, ein grosses Tier. Die Ordre des Grossveziers ging jedenfalls an
den Vali (Gouverneur) von Bosnien ab.

V. 193 ff. turajli fermane. Weil Sultan Murad (gest. 1389) des
Schreibens unkundig war und seinen Namen nicht zu schreiben verstand,
tauchte er die Hand in die Tinte und drückte sie in der Höhe der
Urkunde statt Unterschrift und Sigel ab (Hammer I.2 S. 152). Ich
meine, er wird es bei dem Daumenabdruck haben bewenden lassen, wie dies
noch heutigen Tages bei Rechtverträgen schreibunkundiger Herzogländer
und Montenegrer und überhaupt auch noch in Asien gebräuchlich ist.
Hammer sagt aber weiter: ‘Dieser Abdruck des Handballens und der
fünf Finger, deren mittlere drei gerade nebeneinander lagen, der
kleine Finger aber und der Daumen weit auseinander gesperrt waren,
wurde für kommende Zeiten und bis auf heutigen Tag als das Tughra oder
des Sultans Unterschrift geheiligt, in welche Schreiber erst die
Bedeutung verschlungener Buchstaben und des verzogenen Namens legten.
Den rohen Abdruck der Hand, den der Umriss des Tughra noch heute
nachahmt, bildeten sie in den Namen des Sultan-Chans und seines Vaters
mit dem Beisatze: ‘Immer siegreich!’ aus, und der Schreiber, der
diesen verschlungenen Zug den Fermanen und Diplomen im Namen des
Sultans vorsetzte, bekleidete in der Folge als Nišandžibaši, d. i.
als Staatsekretär für den Namenzug des Sultans, eine der ersten
Würden des Staates.‘ — Unser Guslar hält jedoch an dem Survival
fest, dass der Sultan sein eigenes Handzeichen auf jeden Militärbefehl
aufdrücke.

V. 195. evlećet, türk. evlek die Erdfurche; Das Reichgebiet. —
V. 214 und 479. züdžürt, t., arm.

V. 204 f. und 277 ff. Der Vezier ordnet eine allgemeine Aushebung,
selbstverständlich nur unter Moslimen an. Die Warnung betreffs des
einzigen war nicht überflüssig. Sie kehrt immer wieder in gleichen
Fällen. Ein bulgar. Lied erzählt von den üblichen Grausamkeiten und
Härten der Aushebung (Miladinov, Blgrk. nar. p. Nr. 572, I.1
S. 485): Nasilili sje turci janičari | oni si šetat jeničarstvo
pišat | kôde dvaica edinot go pišat | kôde je jeden sam negô
pišat | kôde sè troica dvaicata gi pišat | edinot ostavat kôšta
da si gledat. (Die türkischen Janičaren heben Janičarenmannschaft
aus: von zwei Brüdern, nehmen sie einen, wo einer da ist, nehmen sie
den einen; wo ihrer drei sind, schreiben sie davon zwei auf, den
dritten aber lassen sie, damit er das Haus betreue).

V. 223. lala t. Erzieher, Hofmeister, Hofdiener, Minister (bei Hofe).

V. 287 f. Hiseta, Hissa t. Lehenanteil (vrgl. Hammer III. 477.
V. 687). Unter dem Herniedersteigen zu den Hiseta hat man demnach zu
verstehen, dass sich die Truppen nach den Lehenanteilen gegliedert und
gelagert hatten; »nebst der besoldeten Reiterei der Spahis und der
Janičaren gab es im osmanischen Heere eine belehnte Truppe zu Pferd,
die der belehnten zu Fuss entsprach. Man nannte sie Mosselliman, d. i.
die (von Auflagen) befreiten und sie waren von Offizieren befehligt,
die Subaši (wenn über 100), Binbaši (wenn über 1000 gesetzt) und
Sandžakbegen, d. i. Fahnenfürsten hiessen. Dieselbe Stufenordnung
des Kriegdienstes blieb bei der in der Folge weit mehr ausgebildeten
Reiterei der Besitzer der kleinen und grossen Lehen timare und ziamet«
(Hammer I.2 99 f.). Darnach ergab sich die Anordnung des Heeres, das
natürlich auf der Ebene lagerte vor der Schlucht, in die Sarajevo
hineingebaut ist.

V. 320–330. Anfang Dezembers 1885 ersuchte mich mein seither
verstorbene Freund, unser grosse Fachgenosse Isidor Kopernicki in
Krakau um Zusendung einiger schöner Guslarenlieder zur Lektüre für
die Weihnachttage. Mit herzlichem Vergnügen willfahrte ich dem Wunsche
und stach 40 oder 50 der schönsten Stücke aus meiner Sammlung für
ihn heraus. Nach sechs Wochen bekam ich wieder meine Manuskripte mit
einem Brief zurück, den ich nicht veröffentlichen mag, weil er neben
den Ausdrücken des Entzückens über die Lieder meine folkloristische
Sammlertätigkeit ausserordentlich herausstreicht. Auf eigenen Listen
merkte Kopernicki an, was ihm an Worten und Sachen unverständlich war
und was ich ihm oder bei Herausgabe der Texte allen Lesern erklären
soll. Zum Überfluss versah er die Lieder noch mit Randbemerkungen, die
vorzugweise seiner Bewunderung über die Schönheit einzelner Partien
Ausdruck verleihen. So z. B. bemerkte er zu dieser Stelle: Arcydzielo!
nigdzie podobnego obrazu wojennego nie spotkałem (Ein Meisterwerk!
nirgends stiess ich noch auf ein ähnliches kriegerisches Bild). Bei
unserem Halil Marić ist dies Bild ein Klischee, und es findet sich
auch sonst, wenn auch minder voll bei anderen moslimischen Guslaren.
Vielleicht steckt darin ein orientalischer Einschlag. Es ist darum
nicht auffällig, dass eine ähnliche Schilderung auch in einem
moslimisch malayischen Volkepos vorkommt. Das Beispiel bei R.
Brandstetter, Charakterisierung der Epik der Malayen, Luzern 1891.
S. 35:


    Baginda bertitah pada segala manteri
    hendaq-lah berlańkap kira-nja diri
    himpunkan rajah gadjah dan kuda
    bintań pun belom padam tjahaja-nja
    goń peńaruh pula akan dipalu-nja
    bertalu-talu kunun bunji-nja
    bańun-lah raja deńan suka-nja
    meńenakan ketopoń gilań-gemilań
    shamshir terhunus sinar tjermelań
    meńirińkan baginda radja didjulań
    tuńgul pandji-pandji berdjalan dehulu
    masiń-masiń deńan peńhulu
    tumbah dan perisei bertimbalan
    rupa-nja saperti kota berdjalan
    hampir-lah suram tjahaja-nja bulan
    gegap gempita tijada terperi
    berdjalan-lah lalu ka-luwar nageri


    Der König sprach zu den Grossen des Hofs:
    »Es sei alles bereit, vergesst mir nichts —
    Elefanten und Rosse, die tapfern Mannen!«
    Der Sterne Glanz war noch nicht erloschen,
    Da wurden wieder geschlagen die Gong;
    Sie erklangen laut im Wechselton,
    Die Mannen erhoben sich frohen Mutes.
    Sie setzten sich auf die schimmernden Helme;
    Sie hielten entblösst die blinkenden Schwerter;
    So umritten sie ihren hohen Gebieter.
    Die Fahnen flatterten an der Spitze,
    Es trug sie die Hand der tapfern Führer,
    Lanzen und Schilde wurden geschwungen,
    Es war wie eine wandelnde Veste;
    Sie verdunkelten fast den Glanz des Mondes;
    Es lärmte, es toste, wer will’s beschreiben!
    So zogen sie aus durch die Tore der Stadt.


V. 354 f. Mitteleuropäische Truppen können den Weg von Sarajevo bis
Temesvar mit Eilmärschen in 8 bis in 11 Tagen zurücklegen, und dazu
noch zu Fuss. Das unsterblich gewordene Heldenheer der Griechen von
Larissa und Pharsalus hätte in bewährten Rückzugmärschen
wahrscheinlich nur vier Tage dazu benötigt. Die abendländischen
Zeitungschreiber und Politiker wundern sich nicht wenig, dass die
Türken die Verfolgung der flüchtenden Griechen nicht betrieben und
ihre leichten Siege nicht ausnützten. Die Erklärung hierfür bietet
der türkische Arméebrauch dar. Die Märsche der Türken sind und
waren im allgemeinen nicht gross, ein Umstand, den die Stärke ihrer
Heere, besonders aber der unendliche Tross und das endlose Gepäck
genugsam erläutern. In grösserer Entfernung vom Feinde marschierten
die Türken in mehreren Staffeln nach Bequemlichkeit, in der Nähe des
Feindes aber gedrängt mit einer starken Avantgarde, über die hinaus
noch die Tataren und Bošnjaken — im Kriege gegen die Griechen
unserer Tage, die Albanesen — vorgingen. — Darum jammert Fähnrich
Ibro hier über die 77 Tagereisen, oder, wie man bei uns sagt, über
den Weg, der eine halbe Ewigkeit dauert.

V. 368. Odobaša, Hauptmann. Vrgl. Hammer III. 394, V. 469, VII. 351,
VIII. 67.

V. 379. ćehra ist die schimpfliche »Dalke« über den Schädel, dass
dem Empfänger die Kopfbedeckung herabfliegt. Eine ordentliche
‘Watschen’ über die Wange heisst dem Türken sille; šamar ist die
Flasche übers ganze Gesicht, latmet und tokat die gewöhnliche
Ohrfeige. Eine Ohrfeige entehrt den Mann und er muss sie durch Tötung
des Beschimpfers rächen.

V. 376–415. Dazu bemerkt Kopernicki am Rande: Śliczna pieśú
wojenna! Nieznana w calej literaturze ludowej serbskiej! — (Ein
wunderbar schönes Krieglied! Unerhört in der gesamten serbischen
Volkliteratur!) Bis einmal meine Sammlung von 300 Epen vorliegt, wird
man sich überzeugen, dass ähnliche und noch schwungvollere Episoden
bei den moslimischen Guslaren nur zu deren poetischem Kleingeld
gehören. — Wer nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hat, kann
leicht singen, selbst in schlimmer Lage: cantabit vacuus coram latrone
viator. Das Lied klingt wahrhaftig wundersam anheimelnd, wie in der
Stille der Nacht aus Džungeln das Gebrüll beutewitternder Panther.
Die Begeisterung für fremdes Eigentum (der Chrowotismus) ist mir unter
allen Umständen ein Greuel.

V. 397. Kazam mata kaurskoga posta! Da liegt einer der schnurrigsten
Deutungfehler vor, die mir je untergekommen. Der Magyare pflegt bei
jeder passenden und unpassenden Gelegenheit sein baszsam atta
anzubringen, das dem französischen je foudre und dem serbischen jebem
ti wörtlich entspricht. Der slavische Moslim, der gewohnt ist, ebenso
schnell zu schwören, ‘dina mi i anama’ (beim Gesetz und Glauben!)
oder ‘posta mi ramazana!’ (bei meinem Fasten Ramazân) missdeutete
die magyarische lästerliche Redensart und hielt sie für das grosse
Fasten der Ungläubigen, bei dessen Heiligkeit sie schwören.

V. 499 f. Die Bošnjaken lagerten vor dem Heere als äusserster
Posten als »verlorene Schar«.

V. 512 f. Džanum gehört nicht dem Generalstabe an und sitzt darum
nicht im Kriegrate.

V. 611. Džanun kein Druckfehler. Der Guslar gebraucht rein
willkürlich die verschiedenen Formen desselben Namens.

V. 651 f. ‘Sie setzten sofort das blutige Reisfleisch an, sie assen
zu Nacht blutiges Reisfleisch’. Kopernicki frägt an dieser Stelle:
Co to? jakieś czary wojenne? (Was ist das? Was sind dies für
kriegerische Zaubereien?) In der Fassung der Frage zeigt sich schon der
kundige Volkforscher. Die Leute setzten gar kein blutiges Reisfleisch
zu und noch weniger verstanden sie sich dazu, Blut zu essen. Das
Fleisch der geschächteten Tiere muss zuerst entblutet werden, um
koscher zu sein. Angesichts des Todes liesse sich ein Moslim schon gar
nicht herbei, trefo zu sich zu nehmen. Eine Stelle in einem
Guslarenliede, die wegen ihrer Länge hier ausfällt, gibt Aufschluss.
Die Krieger bestrichen sich die Hände und das Antlitz mit Blut, bevor
sie auf Leben und Tod in den Kampf stürmten. Ihr Aussehen war dann
wohl darnach, den Feind mit Furcht und Entsetzen zu erfüllen.

V. 660. Vorangehen muss unbedingt der V. 661, doch der Guslar
versteht nicht, was šarka feleć bedeutet. Der gleiche Vers in meinem
Smailagić Meho (Ragusa 1885, Vers 1816). Čarch, pers. Kreis, Rad,
felek Himmel, Himmelgewölbe. Ich befragte während meiner Reise wohl
zehn Edelleute und türkische Schriftgelehrte, was č. f. bedeute; sie
wussten es nicht. Hauptmann Carl Gröber (weiland), der unter dem Titel
‘Mehmeds Brautfahrt’ (Wien 1890) eine Verdeutschung meines
Werkchens veröffentlichte, übersetzte die Zeile (S. 106) kühnlich
mit: ‘Mit den Händen brechen sie die Barrikaden’. Von solch einer
übermenschlichen Kraftleistung kann hier gar keine Rede sein. — Die
beiden Worte fehlen noch in dem südslav. Wörterbuch. — Dass unter
čarak das Schloss an der Büchse zu verstehen ist, lehren Stellen bei
Vrčević (Nar. prip. i presude, S. 211 und 285): napinji ja njegovoj
pušci čarak a on mojoj. Ne znam ni sam, kako mi se omače vuk z
gornjega zuba te puška upali. In der Anm. erklärt Vrčević: gornja
strana ot čarka, gje je krem ot puške, koji stoji nat prašnikom te
se napinje i spuštava. Er hat demnach ein Steinschlossgewehr vor
Augen, das ist aber in unserem Liede nicht gemeint. Näher bringt uns
zur Auffindung der wahren Bedeutung eine Stelle in den bulgar. Liedern
der Sammlung des Kačanovskij (S. 502, Nr. 200, V. 210): go bie s
mahmuz čarklija. K. erklärt č.: ‘kolka v šporah’. Also sind die
kreisrunden Sporen, mit denen der Reiter sein Ross in die Weichen
sticht. Die Rundung weist auf eine Feder hin, also auf das Radschloss,
das deutsche Schloss, eine Nürnberger Erfindung aus dem J. 1515 oder
1517. Gute Abbildungen sind allgemein zugänglich durch Pierers und
Meyers bekannte Konversationlexika (unter den Schlagworten). Die
Zündung war beim Radschloss sicherer als bei den anderen Büchsen
damaliger Zeit, aber das Schloss komplizierter, bei Verlust des
Schlüssels war die Waffe unbrauchbar, und sie gewann daher nur Eingang
bei der Kavallerie und für die 1545 erfundenen Pistolen, mit denen die
Pikeniere des zweiten Gliedes in den gevierten Reihen des 16. Jahrh.
bewaffnet wurden. Die türkische Reiterei war gewohnt nach Abfeuerung
ihrer Büchsen die Säbel zu ergreifen und damit dem Feinde
entgegenzustürmen. Im Handgemenge wären ihnen die schweren Büchsen
hinderlich gewesen, darum warfen sie sie nach Abfeuerung des Schusses
weg, doch nicht, ohne vorher die Feder des Radschlosses mit einem
festen Handgriff zu zerbrechen und dadurch die Waffe unbrauchbar bis
zur Wiederherstellung der Feder zu machen.

V. 674. Unter den eintönigen Rufen Allah! Allah! rücken auch jetzt
die Türken in den Kampf vor. Die übliche, stereotype Anfeuerung der
Moslimen zum Sturm lautet:


    juriš braćo, moja družbo draga!
    dženetu se otvoriše vrata.
    Blago onom svakome junaku,
    koj pogine danas na mejdanu!
    Poljeteše nis polje hurije,
    one lete jagmiti šehite!


    Auf! Brüder, stürmt, o meine teuere Rottschaft!
    Aufschliessen sich des Paradieses Pforten.
    Jewedem Helden Heil und Preis zu Teil,
    der heut sein Leben auf der Wahlstatt lässt!
    Dahin die Huris übers Schlachtfeld fliegen,
    dahin sie fliegen, Leichen aufzufangen!


V. 690. ‘Es blitzt, es giesst, und Blut wird vergossen’. ‘Es
giesst’, was denn?! Es ist sinnlos, wenn auch die Zeile stereotyp
geworden ist. Der Assonanz zu Liebe erlaubt sich der Guslar
dergleichen. Korrekt muss die Zeile lauten: grmi, sjèva etc. ‘es
donnert, es blitzt’, wie sie sich z. B. im Uzdarje S. 85, V. 211
erhalten hat.

V. 754. Die Vila ist natürlich die Wahlschwester des grossen Helden
Köprülü, die ihn sorgsam vor einem übereilten dummen Streiche
warnen muss.

V. 778. Zu povrvlji setzte Kopernicki ein Fragezeichen. Mit Unrecht.
Ein einzelner Mann kann freilich nicht dahergewimmelt kommen, doch der
Guslar sieht den Köprülü im Gewimmel vom Gefolge dahereilen. Er
erblickt nur die Hauptperson im wimmelnden Gedränge, für ihn
»wimmelt« also der eine daher.

V. 849 ff. Dank- und Ersatzopfer für das glückliche Gelingen der
Unternehmung und die Errettung der von den feindlichen Kugeln und
Hieben verschont gebliebenen Helden. Wegen der Menge des verfügbaren
Stoffes muss ich hier von einer Darlegung der moslimischen
Opfergebräuche zu Kriegzeiten Abstand nehmen.

V. 868. Nuširvan; Chósroës Nuširvân (der Gerechte) der Grosse,
persischer König aus dem Sassanidengeschlechte, regierte 531–579,
führte Kriege gegen Byzanz seit 540 und dehnte in einem in Kolchis
549–561 geführten Kriege seine Herrschaft bis ans schwarze Meer aus.
Sultan Ibrahim zeigte den Vezieren und Beglerbegen die erbeutete
ungarische Krone als die Nuširvâns vor. Suleiman I. stellte sie
gleichfalls so aus, übergab sie Peter Pereny und sandte sie an Zapolja
ab. Nach der Meinung osmanischer Geschichtschreiber und Diplomaten
vererbt sich diese Sassanidenkrone in der römischen Kaiserlinie.
(Vrgl. Hammer VIII. 320). Selbst der Guslar weiss von dieser Mähr zu
singen und zu sagen.

V. 894. timarli berat, Verleihungdiplome für Reiter, f. Lehengüter.
Die Pašen konnten Lehen weder vergeben noch einem eines entziehen.
Dies behielt sich die Pforte vor. (Vrgl. Hammer, III. 476, XI. 29 und
Salomon an mehreren Stellen).

V. 909. inah für inak (inako). Die moslimischen Slaven sprechen, wohl
beeinflusst durch arabisch-türkische Spracheindringlinge, das k im
Auslaute häufig wie ein tiefgutturales ch aus.

Keine Druckfehler sind: V. 78 tachta, 85, 103, 357 preučiše, 86
suzam, 118 muchur, 132 kachriman, 231 Mitroviću, 249 isprid, 294
najboljeme, najgoreme, 312 prekuvaše, 379 okala, 380 ozgara, 404 ne
žaliti, 464 si, 527, 530, 598, 630 muchlet; 590 kuhvetu, 664 meder.



Rákóczy’s Fall.


Es ist dies bloss eine andere Fassung des Liedes von ‘Džanüms
Heerzug’, mit besonderer Überschrift der Unterscheidung halber. Der
‘Fall’ erfordert einen Abdruck, weil er uns einen wichtigen Anhalt
für einen einzunehmenden Gesichtpunkt bei Beurteilung von Varianten
epischer Lieder an die Hand gibt und zugleich einen Einblick mehr in
deren Entwicklunggang vermitteln kann. Vor dem Heerzug hat er vor allem
eine grössere geschichtliche Treue voraus, steht ihm dagegen an
dichterischer Gestaltung und Ausschmückung der Handlung, an Schwung
der Darstellung und sprachlicher Formenschönheit im einzelnen nach.

Eine Vergleichung beider Stücke nach ihrem Aufbau zeigt trotz nicht
unerheblicher Verschiedenheit des Berichtes an mehreren Stellen,
offenkundig, dass ihnen ursprünglich nur eine einzige Dichtung eines
Guslaren zu Grunde gelegen sein muss. Die Abweichungen sind das
Ergebnis der voneinander unabhängig erfolgten Verzweigung in der
Überlieferung, die in zwei wohl benachbarten, doch voneinander
immerhin etwas verschiedenen Gebieten schon zwei Jahrhunderte bis zu
einer endlichen und zufälligen Niederschrift überdauert hat.

Wir wissen genau, dass sich die kriegerische Entscheidung, die dem Lied
zum Vorwurf dient, im Monate April 1660 abgewickelt hat. Im selben
Jahre ist unzweifelhaft unter dem lebhaften Eindruck der Ereignisse
auch die Erzählung des Teilnehmers, des ersten Guslaren-Dichters
entstanden, die er nach seiner Heimkehr den Volkgenossen zum besten
gab. Wie uns die Guslarenlieder lehren, gehören die Sänger
vollbrachter Heldentaten gewöhnlich dem Leibgefolge des Anführers an,
dessen Ruhm und Ehre der Mit- und Nachwelt verkündet werden musste.
Džanüm war ein Bosnier aus Sarajevo und der Guslar dürfte auch ein
Bosnier gewesen sein. Stammte er aus dem Herzogtume, würde er es
gewiss nicht unterlassen haben, irgend einen herzögischen
Rottenhauptmann und dessen Bann im Liede mit zu verherrlichen. Für
unseren verschollenen Guslaren gibt es aber kaum dem Namen nach ein
Herzogtum!

Zwischen den Bosniern und Herzogländern kommt sogar in der epischen
Poesie die freundnachbarliche Unverträglichkeit (der blason populaire)
ab und zu zum Ausdruck. Im Alltagleben sagt der eine dem andern alles
Böse und Lächerliche gerne nach, und im Liede spinnt der Dichter die
anerzogene Gehässigkeit durch Verschweigen der Leistungen des
geographischen Anrainers weiter fort, wenn er ihn schon in Ehren nicht
nennen mag.

Den »Heerzug« griff ich im Herzogtum vom Guslaren Halil Marić auf,
dessen Lehrmeister in Nikšić daheim war in einer Gegend, die jetzt zu
Montenegro gehört, der »Fall« rührt aber von einem Guslaren namens
Ibrahim Dervišević her, einem Bosnier aus dem Dörfchen Koraj im
Savelande (unweit Brčka). Räumlich sind Halil und Ibrahim mehr als
tausend Kilometer von einander entfernt und sie standen auch nie
miteinander in irgend einem Verkehre. Nicht diese zwei unwissenden
Menschen, sondern allein die Lieder können uns einen Aufschluss über
die Überlieferung gewähren. Wir haben zwei Fassungen vor uns, von
denen jede »gut« ist, wie Guslaren sagen würden. Jede unterlag
naturgemäss Veränderungen im Zeitenlaufe, doch die einschneidende
Veränderung ging da und dort nicht allein von einem Manne, sondern
allmählich von den vielen aus, die Erhalter der Lieder waren. Die
Erfahrung lehrte mich erkennen, dass der Empfänger eines Liedes erst
mit Kleinigkeiten zu ändern beginnt und sich zumindest selten mit
ausgesprochener Absicht Umgestaltungen herausnimmt. Er hat hierin sogar
die Kontrolle aus der Mitte der Zuhörerschaft zu beachten.
Willkürlich springt er mit dem Stoffe keineswegs um, solange als es
Leute in seiner Umgebung gibt, die ihn durch eine Richtigstellung vor
den Zuhörern beschämen könnten.

Die zweite Fassung (der Fall), die sich der ‘historischen’ Wahrheit
mehr nähert, steht auch der ursprünglichen Dichtung näher. Sie ist
zwar breit, doch poetisch nicht tief, sie gibt einzelne Beobachtungen
richtig wieder, die man im ‘Heerzug’ nicht mehr vorfindet, aber sie
erhebt sich in ihrer Ganzheit nicht über die durchschnittliche,
handwerkmässige Darstellungweise des moslimischen Guslaren. Der
Bosnier, der die im Lande bestehenden politischen Verhältnisse besser
als ein Herzogländer inne haben musste, schildert sie dem entsprechend
auch besser, wahrheitgemässer. Er weiss wohl, dass der Vali
(Gouverneur) zu Travnik sitzt und die erste Persönlichkeit im Lande
ist und dass der Stadthauptmann von Sarajevo unbedingt zu dessen
Untergebenen zählt. Die Mobilisierungorder kann vom Grossvezier nur an
den Vali gelangen, und der allein erteilt im Lande weitere Weisungen
aus. Das Bosna-Aufgebot sammelt sich nicht zu Sarajevo, sondern zu
Travnik, und nicht Džanan, der Rottenhauptmann, sondern der türkische
Oberbefehlhaber ist Herr und Gebieter. So erscheint das Lied letztlich
nur als eine mit etwas »orientalischer Phantasie« ausgeschmückte
Schilderung eines kühnen, und für die Unternehmer pyrrhisch siegreich
abgelaufenen, Handstreiches der bosnischen Avantgarde. Diesem Guslaren
stehen die surroundings zu nahe, als dass er sie in volle poetische
Beleuchtung stellen und nach Belieben abändern könnte, ohne Anstoss
zu erregen. Man darf daraus die Norm ableiten, dass je näher ein
Guslarenlied den Ereignissen und dem Ursprungorte steht, desto geringer
seine freie poetische Gestaltung sein muss, und nicht nur dies allein,
sondern auch desto geringeren Gewinn bietet es uns für die
Volkforschung dar. Sobald die historischen Ereignisse zu verblassen und
sich zu verflüchtigen anfangen, beginnt erst recht die eigentliche
schöpferische Tätigkeit des Volkdichters, tauchen die
Nebenerscheinungen des allgemeinen sozialen Milieus kräftiger empor;
das Geranke überwuchert den Stamm; der Dichter verherrlicht dann nicht
so sehr den historischen Helden als sich und seine Umgebung, das
Empfinden, Denken und die Lebensweise des Volkes, für das er singt.
Und das Volk findet an dem derart umgestalteten Berichte ein höheres
ethisches Genügen, als an einer Erzählung von Heldentaten, deren
einstigen Zusammenhang mit politischen Vorkommnissen und deren
geschichtliche Folgen es unmöglich ohne langwierigen, schwer
beibringlichen Kommentar begreifen könnte.

Der Held als historische Person geht in dieser Entwicklung fast unter,
er lebt aber mit seinem Namen im Heldentum fort. Er steigt auf zur
dichterischen Verleiblichung aller Eigenschaften im guten und schlimmen
Sinne, er wird zum Träger der Rechtanschauungen des Volkes, dem er
entsprossen, oder genauer, zum Dolmetsch der Gefühle jener
gesellschaftlichen Schicht erhoben, die in seiner Gestalt einen so
verfeinerten Ahnenkult hegt und an ihm ein der Nacheiferung würdiges
Vorbild haben will.

Der Guslar wird damit zum Sprecher des Volkes, wenn er sowohl durch die
poetisch sinnfällige Schilderung der Ereignisse als auch durch
vollständige Beherrschung der überkommenen Darstellungkunst die
höchsten Erwartungen seiner Zuhörer zu befriedigen vermag, ohne dabei
mit seiner Individualität störend in den Vordergrund der Erzählung
zu rücken. Der Unterschied zwischen ihm und einem abendländisch,
literarisch gebildeten Ependichter gipfelt weniger in den Formen der
Darstellung als darin, dass er in unmittelbarer und ständiger Fühlung
mit dem Kreise steht, für den er dichtet, der andere aber erst durch
das Buch oder im günstigsten Falle durch Vorträge in eigens hierzu
einberufenen Versammlungen, auf unbekannte, ihm fernstehende Leute
einen Eindruck gewinnen muss. Der eine singt und sagt aus der
lebendigen Überlieferung und dem Gedankenkreise seiner Umgebung
heraus, der andere sucht erst einen Kreis für sein persönliches,
durch eigenes dichterisches Schauen geschaffene Erzeugnis zu erlangen.
Das Lied des Guslaren wirkt ohne jede Staffage allein durch das
lebendige Wort auf die Zuhörer unvermittelt ein, wie im Theater auf
die Zuschauer ein gutes Volkstück ohne besondere Vorbereitungen,
während ein Kunstepos von Wilhelm Jordan oder Julius Wolff gleich
D. G. Brintons historischem Drama ‘Maria Candelaria’, dem
vortrefflichen Werke eines Gelehrten und gewissenhaft abwägenden
Dichters, keine Zuhörermenge, sondern einzelne, einsam weilende,
wissenschaftlich gebildete Leser voraussetzt, die es mit Musse und
reifer Würdigung der literarischen Leistung geistig durchgeniessen
sollen. Der Guslar-Dichter ist an hergebrachte, allgemein bekannte
Stoffe gebunden, er »verdichtet« das Vorhandene in feststehende
poetische Formen, der Kunstdichter dagegen erkiest und erkürt nach
eigenem Ermessen und nach freier Wahl seine Themen und hofft sie erst
bekannt und dem Volke der Leser vertraut zu machen. Der Guslar ist in
seine Welt gebannt, dem Kunstdichter steht eine Welt offen.



Anfangs Dezembers 1884 pries mir zu Tutnjevci mein Freund, der
montenegrische Guslar Ilija Milošević, der mir das Lied vom »Ende
König Boneparta’s« gesungen, den moslimischen Guslaren Ibrahim
Dervišević an. Der arbeite zur Zeit bei Salibegović zu Koraj als
Holzfäller. Noch am selben Nachmittag ritt ich im Nebelreissen nach
Koraj und suchte den Beg auf, der gerade im Kaffeehause mit
seinesgleichen hinbrütete. Unter Kavhana versteht man zu Koraj eine
enge, schmierige, lehmverpichte, fensterlose Bude mit einer einzigen,
niedrigen Wandbank als Mobiliar, und vor dem Gebäu rinnt breit im
trägen Lauf die faulende Jauche aus den auf die Strasse mündenden
Aborten und Stallungen dahin. Als die Edelleute mein Anliegen
vernahmen, sahen sie einander bedeutungvoll an und wollten mich als
einen Unzurechnungfähigen behandeln. Den Beg bestimmte ich dennoch,
dass er ohne Verzug Ibrahim aus dem Walde holen liess, im übrigen
mochte mir niemand eine Unterkunft gewähren. Ich erbettelte mir aber
eine beim jungen serbischen Lehrer im neugebauten Gemeindehaus, die gar
nicht schlecht gewesen wäre, hätte ich nur die Ausdünstung der
feuchten Wände vertragen. Ich hielt es anderthalb Tage, zudem bei
schmaler Kost aus, indess genug lange, um mich mit Ibro gut zu
befreunden. Er war damals etwa dreissig Jahre alt, hatte starkes,
schwarzes Haar, buschige Augenbrauen und dichten Schnurrbart und war
ein Mann in Mittelgrösse. Sein Wesen war offen und sein Benehmen
artig, auch begriff er vollkommen, dass es sich verlohne, die Lieder
den »Schwaben« bekannt zu machen. Seine Lieder lernte er noch als
Knabe in Gastwirtschaften Guslaren zuhörend. Ich empfahl ihn aufs
nachdrücklichste meinem Freunde und Jünger Herrn Thomas Dragičević,
der ihn später nach Zabrgje bestellte und von ihm am 12. November
1887 das nachfolgende Lied aufzeichnete und diesem nachstehenden Titel
gab:


    Ćuprilić vezir i Rakocija ban ubici kot Temišvara.

      Prva riječ: »Bože pomozi nam!«
    eto druga: »Hoće ako Bog da!«
      Na dobro nam večer omrknula
    i na bolje jutro osvanulo!
    Po jutru nam ogrijalo sunce,
    svaku sreću nama donijelo:
    mir i zdravlje, od Boga veselje!
      Što od zdravlja ništa bolje nejma,
    od veselja ništa ljepše nejma!
    Dijelilo po družini redom,
    svakom drugu jedan do drugoga,
    da ne žali jedan na drugoga!
      Sad velimo da pjesmu pjevamo!
    malu pjesmu ot stara zemana,
    ako bi nas grlo poslušalo!
      Čini mi se, poslušat me ne će;
    gusle tanke a grlo debelo,
    to se dvoje sudarati ne će!
      Nepriliko ne prijanjaj za me!
    Sat hoćemo veće zapjevati!
      Paše dvije zimu zimovaše
    na Otoci niže Temišvara.
    Oba ću vam po imen’ kazati,
    kako su se po imenu zvali:
    Fazli paša, drugo Seidija.
      Kat su paše zimu prezimili,
    ledena ih zima ostavila
    a toplo ih ljeto prifatilo,
    stadoše im stigivat mazari.
    Njima dogje pet stotin mazara
    od žalosne od Erdelja raje;
    a što plaču, jest im za nevolju:
    »Dvije paše, dva oka careva!
    il ne ćete ili ne vidite,
    nama nužda ljuta dodijala!
    »Što durasmo više ne moremo
    od onoga Rakocije bana!
      »U narod nam zulum postavijo.
    Često slazi niz zemlju Erdelja
    i dovodi plaćene soldate;
    plijeni nam prebijele ovce
    a ostavlja janjce od ovaca.
      »Pothranimo vola za vezanja,
    sve odgoni Rakocija bane!
    I to bi se s jadom predurali!
    Pothranimo momka za ženidbe,
    ne da nami momka oženiti,
    vet ga vodi u svoje soldate!
      »I to bi se s mukom boravili!
    Kad nam cura buda za udaje,
    odvede je Rakocija bane
    pa on ženi plaćene soldate!
      »Aman paše sirotinjske majke!
    Jà nam derman, jà nas sijecite
    jà nas žive u Dunav bacite!«
      Kad vidiše dvije paše carske,
    gje je zulum njima dodijao,
    što govori Fazli paša carski?
      — »Sehidijo dragi pobratime,
    de nam piši sitnu buruntiju
    a na ruke Rakociju banu,
    nek se progje od Erdelja raje!
    Kunem mu se pa mu vjeru dajem,
    ja ću skupit silovitu vojsku,
    ja ću skupit stotina hiljada
    sultanove regulane vojske
    i sa vojskom halkali topove,
    na Rakoca njemu udariti,
    zemlju ću mu s vojskom pregaziti,
    živom mu je vatrom popaliti
    i stola mu tadaj raskopati!
      Ako ćede nama pobjegnuti
    goniću ga kroz zemlju Rusiju
    do zlatnoga Praga doćerati,
    tuje ću ga uvatiti živa
    i njegovoj dokundisat glavi!«
      Kat to paša začu Seidija
    on napisa sitnu buruntiju.
    Obje paše muhur udariše,
    na nju udriše četiri pečeta.
      Dovikaše lahka tatarina
    dadoše mu sitnu buruntiju.
      Što govori Fazli paša carski?
      — »Tatarine, konjski dušmanine!
    jaši konja, ajde u Rakoca,
    nosi knjigu Rakociji banu!«
      Kad je tatar knjigu prifatijo
    na gotova konja napanuo
    pa s omanu z glavom po svijetu
    kajno ljeti čela po cvijetu.
      Temišvarski sandžak prebrodijo,
    on nastupi u zemlju Erdelja;
    Erdeljiju zemlju pregazijo
    na Rakocku zemlju nastupijo.
    Stade gazit zemlju Rakociju.
      Kade gradu i Rakocu dogje
    i banu je knjigu dofatijo.
      Kad je bane knjigu prifatijo
    na njoj slomi četiri pečeta.
    Kad vidijo što mu knjiga piše,
    knjigu uči, smije se na nju.
      Pa pobaci sitnu buruntiju
    a svoje je pero dofatijo,
    pašama je knjigu načinijo:
      »Slušajte me dvije paše carske!
    ne recite da je prijevara!
    Vidijo sam što ste upisali.
    Ja se raje prolaziti ne ću.
    Već vidite što vam knjiga piše.
    Vi čujete dvije paše carske!
    Ja ću skupit silovitu vojsku,
    uzet vojske ot sve sedam cara,
    i sa mnom će gospoja kraljica!
      »Silnu ćemo podignuti vojsku,
    doći ćemo Temišvaru gradu,
    sprema gradu polju Vučijaku.
    Na grad ću vam tope nasloniti,
    srušiti vam grada Temišvara,
    najdonji mu kamen prevrnuti!
      »Ako bi mi otlen pobjegnuli,
    goniću vas prô zemlje turčije,
    doćerat vas stolu i Stambolu.
      »Već vi kažte vašemu sultanu,
    trijebte mi stola i Stambola!
    Ni tuj vama postojbine nejma,
    već bježite ćabi i Medini,
    gje no vam je djedovina stara!
      »A Stambol je moja djedovina!«
      Kad im knjigu taku načinijo,
    tatar mu je knjigu prifatijo,
    i tatar se natrag povratijo.
      Kud je išo Temišvaru došo.
    Kat pašama divan učinijo
    poteže im knjigu i jaziju.
    Seidija knjigu prifatijo.
    Kad na knjizi salomi pečete
    te vidijo što mu knjiga piše
    pa se udari rukom po koljenu,
    Fazli paši knjigu dofatijo.
    Kad vidijo Fazli paša carski,
    kad vidijo što mu knjiga piše,
    stade suze ronit od očiju,
    Sehidij’ je riječ govorijo:
      — »Satšto ćemo od života svoga?
    Nu kurvice Rakocije bana!
    Indat uzo ot sve sedam kralja
    i sa njime gospoja kraljica,
    što je jača od njihe sve sedam!
    Ko će njihe sadem dočekati?
    Temišvar će nama prifatiti.
    mi ne bismo njega ni žalili;
    otalen će naske okupiti,
    doćerat nas stolu i Stambolu
    i našega stola prifatiti,
    prećerat nas ćabi i Medini,
    gje no nam je djedovina stara,
    a Stambol je njima djedovina!«
      A veli mu paša Sehidija:
      — »Pobratime Fazli paša carski!
    da pišemo sitnu buruntiju,
    da pišemo našemu sultanu.
    Il će nama pridavati vojske,
    da čekamo Rakocije bana
    i da š njima kavgu učinimo,
    ili ćemo Stambol trijebiti.
    Nek otkaže šta je njemu drago!
      Što rekoše to se poslušaše,
    načiniše sitnu buruntiju
    a na ruke caru čestitome;
    otkazuju šta se amo radi;
    i muhure svoje udariše,
    i da tuje prijevare nejma.
    A viknuše lahka tatarina,
    dadoše mu sitnu buruntiju.
    Kad je tatar knjigu prifatijo
    pa je sebi u džepove baci.
    Sleće tatar u podrume mračne,
    na gotova zajaha vrančića,
    pa se maši glavom po svijetu,
    stade gonit i danom i noćom.
      Kad on gradu Carigradu sigje,
    kad dopade caru u sarahe,
    sultan caru divan učinijo:
    sagiba se do zemljice crne,
    pret sultanom zemlju poljubio
    i pod njime zelenu serdžadu,
    na serdžadi knjigu ostavio.
      Kad je sultan knjigu prifatijo,
    stade učit knjigu i jaziju.
    Kad vidijo što mu knjiga kaže,
    i to njemu milo ne bijaše;
    stade care divan sastavljati;
    divan kupi za nedelju dana.
      Kad je care divan sastavijo,
    sve mu lale stale na divanu,
    stajaše mu tri bijela dana
    al divanu ne daje dževaba;
    još mu nema Ćuprilić vezira.
      Kat četvrto jutro osvanulo,
    u tom dogje Ćuprilić vezire;
    sagiba se do zemljice crne
    pa pret carom crnu zemlju ljubi,
    bijeloj mu poletijo ruci:
      — »Sultan care od istoka sunce!
    jesi l velik divan sastavijo;
    sve ti lale stale na divanu
    al divanu ne daješ dževaba.
    Po rašta si lale sastavijo?
    ali dževap al nas isijeci!«
    Ondar reče sultan lakrdiju:
      — »Moje lale i moji ridžali!« —
    Prouči im knjigu i jaziju.
    Proučiše knjigu avazile.
      Što govori sultan lakrdiju:
    — »Sat što ćemo od života svoga?
    al ćemo mi sakupiti vojsku,
    da spremimo Temišvaru gradu,
    dočekamo Rakociju bana
    i sa njime sedam kraljevina?
    moremo l se š njima udariti
    a i rata š njima ratovati
    il Stambola našeg trijebiti
    pa bježati ćabi i Medini,
    gjeno nam je gjedovina stara!«
    Sve rekoše lale i ridžali:
      — »Sultan care od istoka sunce!
    bolje ti je Stambol trijebiti
    neg se biti su [sve] sedam kralja!
    Trijebiti stola i Stambola!
    Ne moremo s’ s vlasim iznijeti!
      A sve šuti Ćuprilić vezire.
      Govori mu sultan lakrdiju:
      — »Lalo prva Ćuprilić vezire,
    šta mi šutiš a ništa ne veliš?
    A veli mu Ćuprilić vezire:
      — »Sultan care iza brda sunce!
    ako bi me tijo poslušati,
    da mi dadeš stotinu hiljada,
    sto hiljada ubojite vojske;
    da mi dadeš stotinu topova
    i kumbara čim gradove pališ;
    da mi hranu i džebanu dadeš!
    ja ću ići gradu Temišvaru,
    dočekati Rakociju bana,
    pa što nami Bog i sreća dade!«
      Kat to sultan razumi beśjedu,
    od očiju mu suze polećeše,
    svog vezira megju oči ljubi
    i gjeno se sokolovi ljube:
    — »Aj aferim moja vjerna lalo!
    evo tebi trista hiljad vojske,
    i evo ti hrana i džebana
    i evo ti beljemez topovi
    i kumbare što gradove palim!
    Evo ti velike gjemije!
    I daću ti muhur sahibiju,
    i ja ću ti hair dovu spremit!«
      Kad mu dade turali fermana,
    da mu niko preporeći nejma,
    a stade mu okupljati vojsku.
      Kad mu strašnu okupijo vojsku
    i svoje mu hazne nakupijo,
    i dade mu velike gjemije,
    omaši se Ćuprilić vezire
    i topove u gjemiju vući
    a i svoju uvoditi vojsku.
      Kad je svoju okupijo vojsku,
    i tadaj je pokrenujo vojsku,
    i sultan mu hair dove sprema
    i sultan mu šenluk učinijo,
    a izbaci stotinu topova,
    kad mu pogje Ćuprilić vezire.
      I pogjoše lagje po denjizu,
    ode vezir Temišvaru gradu.
    Kade vezir Temišvaru dogje
    u lijepo doba dolazijo
    po akšamu megju jacijama,
    pa izbaci iz gjemija vojsku
    a na vojsku srklet učinijo.
    Vezir kopa učkat meterize,
    pot topove oplete košove
    u košove zemlju navalijo.
    On navali zemlju i kamena,
    na koševe navali topove
    i okrenu velike topove,
    okrenu ih polju Vučijaku
    na banovu silovitu vojsku.
      Do sabaha uhazura vojsku.
      Kade svanu i ogranu sunce,
    što govori Ćuprilić vezire?
      On govori muhur sehibiji:
      — »Haj hajdemo gradu na bedema!«
      Uzeše se po bijele ruke,
    izigjoše na tabiju gornju.
    Ond’ da vidiš muhur sehibije!
    gje izvadi srčali durbina,
    stade sehirit Rakocinu vojsku.
      Kade vojsku vigje ubojitu
    on s udara rukam po koljenma
    a govori Ćuprilić veziru:
      — »Lalo carska Ćuprilić vezire!
    mi nemamo sprama njihe vojske,
    ne meremo bojem ratovati!
    Da pišemo našemu sultanu,
    da nam spremi još poviše vojske!«
      Ćupriliću milo ne bijaše,
    al mu druga biti ne mogaše.
      Pa sigjoše polju Temišvarskom
    pa śjedoše pot čadora svoga,
    stadoše se o tom razgovarat.
      Što govori Ćuprilić vezire?
      — »Lalo carska muhur sehibija!
    sramota je javljati sultanu
    da nam višu navaljuje vojsku;
    nijesmo se jošte ni pobili!
      Deder piši sitnu buruntiju,
    da spremimo Bosni ponositoj
    mome bratu hodži Ćupriliću:
    nek nam skupi dvanaest hiljada
    dvanajst hiljad ubojna Bošnjaka.
    Nek pošalje gradu Temišvaru!
    Bošnjaci su ubojni junaci,
    a da š njima tamo udarimo!«
      To rekoše pa se poslušaše,
    načiniše turali fermana
    i carev su muhur pritisnuli
    i na njega pečat udariše,
    dadoše ga lahku tatarinu.
    Ode tatar zemljom po svijetu.
    Kade Bosni i Travniku dogje,
    ondar tatar divan učinijo.
      Kad je hodža ferman prifatijo
    i vidijo šta mu ferman piše,
    odma vezir ferman pobacijo,
    stade gradit sitne bujruntije,
    da je šalje šeher Sarajevu
    na koljeno Džanan buljibaše.
      Kako mu je knjigu napisao?
      »E Džanane prvi buljibaša!
    eto knjige vidi i jazije.
    Pokupi mi šest hiljada,
    sve Bošnjaka ubojna junaka.
      »Po izboru pokupi junake!
    Nemoj kupit staro i nejako,
    nemoj kupit skoro oženjeno,
    nemoj kupit jedinjka u majke!
    Žalosne su suze materine,
    da ne plače za jednijem sinom.
      »Šest hiljada ja ću sakupiti
    pa ćeš ’s naći sa mnom u Travniku.
    Tuje ćemo sastaviti vojsku
    pa otalen gradu Temišvaru!«
      Bujruntiju dade tatarinu:
      — »Nosi knjigu šeher Sarajevu!«
    Kad je tatar knjigu prifatijo
    na gotova napade paripa,
    pravo šeher ode Sarajevu.
      Kade tatar Sarajevu dogje
    tankoj kuli Džane buljubaše
    i Džananu preda bujruntiju.
      Kad rasklopi Džanan bujruntiju,
    Džanan vidje što mu knjiga kaže.
    To je Džani vrlo milo bilo
    pa od zemlje na noge skočijo.
    On prifati dvije puške male
    a dovati halajli barjaka
    pa izigje Džano u čaršiju
    pred džamiju ali pred begovu.
      Pobi barjak pred džamijom tuje, —
    tu se uvjek okupljaše vojska, —
    a povadi dvije puške male,
    okrenu ih nebu pod oblake,
    puškama je vatru dofatijo.
    Haber daje po bijelu gradu.
    I Džano se natrag povratijo.
    Stade Džano sebe opremati,
    opremati sebe i paripa.
    Oprema se tri bijela dana
    ko što valja na carevu vojsku.
    Kat četvrto jutro osvanulo
    on sigura sebe i paripa
    pa izigje Džano pred džamiju.
      Kade mu se vojska sastanula,
    skupili se Bošnjaci junaci
    samo nejma Fazlagića mlada
    što mu barjak nosi pred ordijom.
      Malo vreme al za dugo nije
    pomoli se Fazlagiću Ibro
    na doratu sav u čistu zlatu.
    Kako dogje njima selam viknu,
    Bošnjaci mu selam prifatiše.
      Prokrivi se Džanan buljubaša:
      — »Fazlagiću prifaćaj barjaka,
    da mi našu pokrenemo vojsku!«
    Junak mu se na to nasmijao!
    pa odjaha od dorata svoga
    pa prifati turski avdes na se.
    Dva ričata klanja u džamiji.
      Ondar momak do barjaka pade
    i barjaku dohu proučijo,
    tri puta mu sačak poljubijo
    pa ga jami u bijele ruke,
    »Jala!« reče, pade na dorata
    a zavika Džanan buljubašu:
    — »Hajde Džano za mnom na doratu!«
      Mili Bože čuda velikoga!
    Nekom plače ostarela majka
    a nekomu premilosna seka
    a nekome vjerenika ljuba!
    Kad pogjoše Sarajlije mlade
    na atmejdan prvi udariše,
    dok povika Džanan buljubaša:
      — »De pjevajte Sarajlije mlade,
    sve pjevajte i puške mećite!«
    Al zaludu, fajde ne imade,
    nit ko pjeva niti puške meće.
      Opet viknu Džano buljubaša:
      — »Fazlagiću haran barjaktare!
    je li gajret jednom zapjevati.
    Veseli mi Bošnjake junake!«
      Kat to začu Fazlagiću Ibro
    on izdiže tanko glasovito.
    Kako pjeva, kako pjesmu kaže?
      — »Ostaj z Bogom Bosno kalovita
    i u Bosni naše tanke kule!
    Naše majke i vi ne plačite,
    ne plačite, naske zaboravte!
    Naše ljube, vi se udajite,
    udajite, naske ne čekajte!
    Naše seke, vi se udajite!
      Mi ćemo se amo iženiti
    u bijelu Temišvaru gradu
    crnom zemljom i zelenom travom!«
      Kad Fazlagić tako zapjevao,
    ondar viknu Džano buljubaša:
      — »Fazlagiću, od Boga ti teško!
    šta uradi, ako Boga znadeš!
    Jer mi kachriš Bošnjake junake?«
      Kat se Džano vidje na nevolji
    on zapjeva tanko glasovito:
      — »Z Bogom ostaj Bosno ponosita
    i u Bosni naše tanke kule,
    na kulama ostarele majke!
      Naše majke, za nam ne plačite!
    Naše seke, vi se udajite,
    udajite pa se udomite!
      Naše ljube, vi se ne udajte!
    Mi ćemo se natrag povratiti,
    zadobiti ćara i šićara.
    Voma su nam opanule kule,
    da mi naše prekrijemo kule!«
      Kad zapjeva Džano buljubaša,
    razveseli Bošnjake junake
    a stadoše pjevati Bošnjaci,
    pjevati i puške bacati.
    I odoše poljem širokijem;
    sarajevsko polje pogaziše,
    primiše se brda i planina.
      Kad dogjoše bijelu Travniku,
    dočeka ih travnički vezire,
    a Džanana za ruku jamijo
    i za njime Fazlagića mlada.
    Odvede ih sebi na konake.
    I tuje im vojsku namjestijo.
    Kad noćiše i lijepo im bilo.
      Kade svanu i ogrija sunce
    ondar viknu travnički vezire:
      — »Lalo carska, Džanan buljibaša!
    Doveo si šest hiljada vojske,
    šest hiljada ja sam sastavijo.
    Predajem ti sve dvanest hiljada!«
      — pa dade mu tain i džabanu —
      — »Njihe vodi Temišvaru gradu
    mome bratu Ćuprilić veziru!«
    Predade mu sitnu bujruntiju,
    u njoj piše dvanes hiljad vojske.
    Sve zdravije Džani teslimijo.
      Kade Džano uze bujruntiju,
    ondar gjipi Džanan buljibaša
    a za njime Fazlagiću Ibro.
      Što govori Džano buljibaša?
      — »Fazlagiću prifaćaj bajraka,
    nosi bajrak pred dvanest hiljada!«
      Kad Fazlagić bajrak prifatijo,
    seizi im konje dovatiše,
    z dobrijem se konjma sastaviše.
      Najprvi je Džanan buljibaša
    a za njime Fazlagiću Ibro;
    pokrenuše sitnijem sokakom.
    Fazlagića bajrak poklopijo
    s obje strane do zelene trave
    a jamaka kite od bajraka.
      Gledaju ih travničke djevojke,
    sve gledaju Bošnjake junake,
    ponajviše Fazlagića mlada.
      Fazlagić je junak na junačstvu
    i momak je pristo na očima.
      A stadoše cure dovikivat,
    dovikivat svaka svoje majke:
    — »Vidi majko Fazlagića mlada!
    Blago majci, koja ga j rodila!
    Lijep ti je, vesela mu majka!«
      A stare im govorahu majke:
      — »Šut’te ćeri, zamuknule mukom!
    Fazlagić je soja od uroka,
    urećete Fazlagića mlada!
    Nema majka već njega jednoga;
    ostaće mu samohrana majka!«
      Izidoše is Travnika grada,
    osehiri jih mlado i veliko.
    Travničko su polje pregazili,
    primiše se brda i planina.
      Brdima su stali putovati,
    dan po danak, konak po konak,
    najpošljedni konak učiniše
    u planini na vrh Vučijaka.
      Kad Bošnjaci noćcu zanoćiše,
    tavne noći tri sahata bilo
    dok im stiže laki tatarine
    i Džananu dade bujruntiju.
      Kad je Džano knjigu prifatijo,
    knjigu uči i smije se na nju.
    Piso mu je Ćuprilić vezire:
      »Carska lalo Džanan buljubaša!
    Kad mi sutra Temišvaru dogješ,
    tembi podaj brate Bošnjacima.
    Kad budete spram čadora moga
    nek nagoni jedan na drugoga,
    nek nagone na te i dorata,
    tebi suju i oca i majku.
    A mi ćemo gledat is čadora.
    Valjaće ti brate za pošljetka!«
      Kad je Džano knjigu pregledao
    ondar svanu i ogranu sunce.
    Ope Džano podignuo vojsku,
    Bošnjacima tembi učinijo:
      — »Saćemo mi Temišvaru sići
    sprem čadora Ćuprilić vezira
    i njegova muhur sehibije.
    Uźljutite pot sobom paripe,
    nagonite jedan na drugoga
    a sve sujte i oca i majku
    pa i na me konje nagonite,
    sujte mene i oca i majku!«
    Pa to reče, otište paripa,
    za njim igju Bošnjaci junaci.
      Kad dogjoše gradu Temišvaru
    us široko polje temišvarsko
    upaziše vojsku sultanovu,
    Bošnjaci se ljuto pomamiše
    a pot sobom konje razigraše,
    potegoše oštre alamanke.
      Sve nagoni jedan na drugoga,
    sve se ljuti jedan na drugoga,
    i na Džanu konje nagonjahu
    a i oštre sablje potezahu,
    njemu suju i oca i majku.
      Džano šuti, ništa ne govori.
    Sve to gleda muhur sehibija
    i sa njime Ćuprilić vezire.
    Što govori muhur sehibija?
      — »Eno tvoji Bošnjaci junaci!
    Junačstva ga ni vidjeli nisu,
    već ono su ćesedžije teške!«
    Džano svoju ustavijo vojsku,
    eto njega muhur sehibiji
    i sa njime Ćuprilić veziru;
    sa Džanom je Fazlagiću Ibro.
      Kako došli, turski selam vikli.
    Ondar reče muhur sehibija:
      — »O Džanane, haran barjaktare!
    kake si ti doveo Bošnjake?
    Nisu ono Bošnjaci junaci
    već su ono teške ćesedžije!«
    Govori mu Džanan buljibaša:
      — »Carska lalo muhur sehibija!
    Bošnjaci su veliki junaci!
    Kat su pošli na carevu vojsku,
    svaki prodo niže kule luke
    pa bacili u džepove blaga.
      Dok bijaše blaga u džepovma,
    bjehu rahat Bošnjaci junaci.
    Kako ne sta u džepovma blaga
    Još ti ne znaš hadet Bošnjacima.
    Stog se ljuti jedan na drugoga,
    a nagoni jedan na drugoga!«
      Kat to začu muhur sehibija
    dade njemu thain i džabanu,
    u polju mu namjesti čadore
    a dade mu tri tovara blaga:
      — »Nosi Džano, podijeli vojsci!«
      Kad im Džano blago izdijeli
    sve dva a dva Bošnjaci pjevaju.
      Ode Džano pot čadora svoga
    te gospocku večer večerao.
      Kade noći dva sahata bilo
    onda usta Džanan buljubaša.
      Eto njega Ćuprilić veziru
    i sa njime muhur sahibiji.
    Kako dogje turski selam viknu,
    i oni mu selam prifatiše,
    kot sebe mu mjesto načiniše,
    bojali mu čibuk zapališe,
    kachvedžije kachvu dovatiše.
    Ondar reče muhur sehibija:
      — »Carska lalo Džanan buljubaša!
    Kako ćemo njima udariti?
    mlogo vlaha a malo turaka!
    Sat što ćemo od života svoga?«
    Onda reče Džano buljubaša:
      — »Ne ludujte dva vezira carska!
    sutra petak, presutra subota,
    rok nedjelja, mejdan ponedjeljnik,
    u utornik da kukaju majke.
    Šta ste meni odma kidisali?
    dok odmorim silovitu vojsku!«
      Pa to reče, na noge gjipijo.
    Ode Džano pot čadora svoga,
    dočeka ga Fazlagiću Ibro.
    Ovako je Džani govorijo:
      — »Šta si tamo brate učinijo?
    Hoćemo li vlasim udariti?«
      A veli mu Džano buljubaša:
      — »Luda glavo Fazlagiću Ibro!
    ja sam vako vezirima kazo:
    ’sutra petak, presutra subota,
    rok nedjelja, mejdan ponedjeljak,
    u utorak da kukaju majke!’
      Što govori Fazlagiću Ibro?
    — »A jà bome Džano buljubaša,
    tuje nema nikakva dobitka,
    pametan se pogodijo nisi!
      Zar ti ne znaš proklete Bošnjake?
    kad predane tri bijela dana
    nikakav ti pare ne valjade,
    nit ćemo mi moći zadobiti!
      Vet ako ćeš mene poslušati,
    turski će nam petak osvanuti,
    džematile svi sabah klanjati,
    klanjati i Bogu se moliti.
    Podne ćemo klanjat džematile
    a ot podne čekat ićindije,
    ićindiju klanjat džematile
    pa s avdestom čekati akšama,
    pa i akšam klanjat džematile,
    od akšama klanjati jaciju,
    po noći se na noge dignuti.
    Nek ne znaju dva vezira carska!
      Pa ćemo se onda halaliti,
    halatiti pa se iźljubiti,
    za grijehe svoje oprostiti,
    Rakociji noći udariti
    i sa naše dvanajst hiljad vojske.
    Ne treba nam sultanova vojska!«
    To rekoše pa se poslušaše,
    u subotu da kukaju majke!
      I tuj tavnu noćcu boraviše.
      Kade svanu i ogrija sunce,
    petak im je danak osvanuo.
    Džematile sabah su klanjali
    i podne su džematile klanjali.
      Iza toga ićindija dogje,
    džematile ićindiju klanjaše,
    i u tome akšam pričekaše,
    džematile akšam su klanjali.
      Dva sahata noći prolazila,
    vet je vakat jaciju klanjati.
    Džematile klanjaše jaciju
    pa otalen na noge gjipiše.
    Svi se oni izgrliše tuje,
    izgrliše pa se iźljubiše,
    za grijehe svoje oprostiše.
    Dobrije se dofatiše konja,
    svi Bošnjaci konje pojahaše.
    Jà što reče Džano buljubaša?
      — »Fazlagiću, vesela ti majka!
    deder uzmi alajli bajraka
    pa mi prvi hajde pred Bošnjacim,
    za tobom će Džano buljubaša.
    Gje pogine jedan — obojica,
    gje dobije jedan — obojica!«
      Okrenu se Džano buljubaša:
      — »Vi Bošnjaci, na glasu junaci!
    ne gledajte jedan na drugoga!
    ne krijte se jedan za drugoga!
    ne ostajte jedan od drugoga!
      Mi po jednu pušku izbaciti,
    halaknuti, Boga spomenuti,
    za oštre se sablje privatiti,
    na Rakoca juriš učiniti!
      Zavičite iz grla bijela:
      ’Ala, ala, Bogu milom hfala!
    dženecka se otvoriše vrata!’
      Ko pogine, kuća će mu znati,
    ko ostane, čestit do vijeka!«
      To rekoše, konje otiskoše.
    Najprvi je Fazlagiću Ibro
    a za njime Džano buljibaša.
      Lahko, lahko Vučijaku došli.
    Kad dogjoše polju Vučijaku
    prokrivi se Fazlagiću Ibro:
      — »Gje si bolan Rakocija bane?
    udriše ti Bošnjaci junaci,
    udariše su četiri strane!«
    Pa to reče, puške izbacijo
    a pripuče dvanajest hiljada,
    dadoše mu strahost u ordiju.
      A Rakoc ih dobro dočekao,
    na živu ih vatru navalijo!
    Tuje im je loša sreća bila,
    tuj mrtvije Džani ostanulo,
    šest hiljada mrtvije ostaviše,
    šest hiljada pogibe Bošnjaka!
      Šest hiljada pogje u naprijed.
    Halaknuše, Boga spomenuše,
    potiskoše Rakociju bana,
    potiskoše njega u naprijed!
      Kad ranjena udarila vojska,
    tavna noćca karamlušna voma
    a stadoše vikati soldati:
      — »Veliko nas opkoliše turci!«
    i megju se kavgu zametnuše!
      A Bošnjaci ljuti pritužiše
    pa megju se sile zavadiše
    a oštre se sablje potegoše!
      Noćca tamna karamlučna voma,
    tama pada od neba do tala,
    niko nikog poznati ne mere
    do sabaha i zorice rane!
    Kad pogleda muhur sehibija
    pâ govori Ćuprilić veziru:
      — »Eto tvoji Bošnjaci junaci!
    nigdi nikog pot čadorim nema!
    Nakupiše blaga sultanova,
    pobjegoše natrag us planinu!«
      Kat to začu Ćuprilić vezire,
    Bogami mu milo ne bijaše!
      Gjipi vezir od zemlje na noge
    a zajaha hata gjogatasta
    a sa njime četiri tatara.
      Eto njihe na vrh Vučijaka,
    pretražuju traga us planinu,
    da s nijesu vratili Bošnjaci.
    Nemajde im traga us planinu,
    nijesu se vratili Bošnjaci.
      Kat pogleda Ćuprilić vezire
    kat pogleda polju Vučijaku,
    gje je bijo Rakocija bane,
    nikog tuje živa ne imade.
    Pa se vrati Ćuprilić vezire
    pa govori muhur sajibiji:
      — »Lalo carska, muhur sajibija!
    nijesu nam pobigli Bošnjaci
    već po noći njima udarili!
    Ja sam gleda polju Vučijaku.
    nigje živa nikog ne imade.
    Gje je vojska Rakocina bila,
    ima leša, esaba mu nejma.
    Ljuto nam je izginula vojska!
    Bošnjacima da hrahmet predamo!
    Junaci su pa i izginuli,
    Sat hoćemo njike pokajati!«
      Pa pokrenu polju Vučijaku
    a za njime vojska silovita.
    Kade vezir na poljanu dogje,
    gje je bijo Rakocija bane,
    gje no mu je Džano udarijo,
    tuj mrtvije palo od Bošnjaka,
    šest hiljada ostavijo tuje
    a su šest je njike pokrenijo.
      Vezir hoda a suze proliva
    a prevrće leše od Bošnjaka.
    On ne žali šest hiljad Bošnjaka
    nego Džane žali buljubaše
    i sa njime Fazlagića mlada.
    Sve prevrće a njihe tražaše.
      Kada vidje, da ih tuje nejma
    a za njima pokrenijo vojsku.
      Kut prolazi Ćuprilić vezire,
    kut prolazi kroz zemlju rusinsku,
    tu zelena ne poniče trava.
      Mjesec dana kroz zemlju igjoše,
    za Bošnjacim igje nazorice.
      Kad izigje polju Orlovome
    u kraj polja ustavijo vojsku.
    Stadoše se vraćati Bošnjaci
    i stade se iskupljati vojska.
      Neki vodi savezana živa,
    neki nosi pośječenu glavu.
    Šest hiljada iskupi Bošnjaka.
      Dok evo ti Džane buljubaše!
    ufatijo sedam kapetana.
    Njemu vezir stade na salamu,
    junačko mu čelo poljubijo.
    Još im nejma Fazlagića mlada.
      Stade Džano ispitivat vojsku:
      — »Jeste l vidil’, da je poginuo?«
      — »Nismo vidil’, da je poginuo
    nit smo vidil’, da je ostanuo!«
    Tražiše ga tri bijela dana.
    Svi mu oni hramet predadoše.
    Džano pišti kajno ljuta guja:
      — »Žalosna nam do vijeka majka!
    gje izgubi Fazlagića svoga,
    što onakog junaka nejmade!«
      U riječi koju govorahu
    pomoli se Fazlagiću Ibro
    na doratu konju kosnatome.
      I dobar je šićar zadobijo:
    ufatijo Rakociju bana
    i sa njime gospoju kraljicu.
      Kad ga vidje Džano buljubaša,
    ja kakav je žalosna mu majka!
    na njem kada ni haljinke nejma,
    vatra mu je živa opalila.
      Njega srete Džano buljubaša
    i sa njime Ćuprilić vezire,
    junačko mu čelo poljubiše.
      Govori mu Ćuprilić vezire:
    — »Sretan bijo, veleki dobitak,
    dva si dila dobra ufatijo.
    Ti ćeš čestit ostat do vijeka!«
      Oni strašno odmoriše vojsku,
    odmoriše dva bijela dana,
    treće jutro podigoše vojsku,
    pokrenuše gradu Temišvaru.
      Kat su došli Temišvaru gradu
    i u polje temišvarsko ravno,
    dočeka ih muhur sajibija
    pa im stade turčin na selamu
    pa junake megju oči ljubi.
      Što govori muhur sajibija?
      — »Pobratime Ćuprilić vezire!
    Doša nam je sultan Temišvaru,
    sve da daje što za koga bude.
      Deder vodi Bošnjake junake,
    neka iśće šta je kome drago!«
      Ondar da viš Ćuprilić vezira,
    gje on uze Bošnjake junake!
    Povede mu Džanan buljubašu
    i sa njime Fazlagića Ibru.
      Dovedoše Rakociju bana,
    dovedoše gospoju kraljicu.
      Kat sultanu divan učiniše
    i carev su saček poljubili,
    pokloni mu Ćuprilić vezire,
    dva je roba caru poklonijo.
      Ondar sultan suze prolijeva:
      — »Moj veziru, moja draga lalo!
    dobar ste mi pekšeš zadobili
    i stolicu moju očuvali!
    Hvala Bogu, lalo, i Bošnjacim!«
      Stade vikat Džanan buljubašu:
      »Meni Džano od Bosne junače!«
    Kade Džanan pret sultana dogje
    i sa sobom vodi Fazlagića,
    što im sultan veli lakrdiju?
      — »Išti Džano što je tebi drago!«
      A veli mu Džanan buljubaša:
    — »Sultan care, od istoka sunce!
    ja ti ništa zaiskati ne ću,
    evo moga Fazlagića Ibre,
    neka iśće šta je njemu drago!«
      Fazlagić mu veli lakrdiju:
    — »Sultan care, iza brda sunce!
    hoćeš dati što ću zaiskati?«
      — »Hoću lalo, očinjeg mi vida!«
      — »Doveli smo dvanajest hiljada,
    dvanajst hiljad ubojna Bošnjaka.
    Ja ti care ništa više ne ću,
    da mrtvijem dadeš ko živijem.
      Šest hiljada jesmo ostavili,
    u svakog je tamo ostanulo
    nekog ćerca, nekog mila seka;
    da berate sirotinji dadeš,
    dvanajst hiljad u Bosnu berata!«
      Dade sultan, ne reče ni riječi,
    Fazlagiću timar zijameti,
    i dade mu beratliju sablju
    i dade mu od zlata čelenke.
    Tako dade Džani buljubaši:
      — »Eto vama od Bosne junaci!
    nek ste ichja do vijeka svoga
    a i djeca nakon vaske!«
    Pa povika Ćuprilić vezira:
      — »Dijeli im sedam mazgi blaga,
    neka harče do Bosne ponosne!«
      Kad Bošnjaci blaga nakupiše,
    dobrije se konjâ dofatiše,
    i Bošnjaci konje okrenuše.
      Sultan im je ferman načinijo:
      — »Da ste serbes Bosni ponositoj!
    dobićete mnoge spahiluke,
    al vam valja djeco vojevati
    bes promjene po sedam godina
    kad zatreba vašemu sultanu
    o svom grošu i hašluku svome!«
      Oni su mu tako kabulili
    i na tomu muhure pritisli,
    i otalen Bosni polaziše.
    Sultan ode u Stambula svoga
    a Bošnjaci u Bosnu ponosnu.
      Kade Džanan Sarajevu dogje
    pa zapjeva nis sitne sokake:
    — »Naše ljube čekate li naske?
    naše majke naske pogledajte!
    Dosti u nas ćara i šićara.
    Mi moremo objeliti kule
    i paripe ječmom nahraniti;
    koj neženjen more se ženiti!
      Samo nas se pola iženilo
    kod bijela grada Temišvara
    na široku polju Vučijaku
    crnom zemljom i zelenom travom!«
    I tuje se veće rastadoše,
    halališe pa se iźljubiše,
    i odoše svaki svojoj kuli;
    ko poginu, da mu kuća znade,
    ko ostade, čestit do vijeka!
    To od naske, sreća vam od Boga!
    nit smo bili niti smo vidjeli,
    već smo i mi čuli ot starije,
    a i mi smo vama kazivali.
      Da nam Bog da svakom po djevojku,
    meni dvije, da mi krivo nije,
    jednu kljastu a drugu slijepu,
    da mi prose pa kući donose,
    da me hrane i oda zla brane!

    Sufur.


    Von Köprülü dem Vezier und dem Fürsten Rákóczy in der
    Schlacht bei Temesvar.

      Das erste Wort: »O Gott, gewähr uns Hilfe!«
    das zweite drauf: »Er wird, so Gott will, helfen!«
      Zum Guten sei der Abend angedunkelt,
    zum Bessern tag’ uns an das Morgengrauen.
    Und nach dem Grau’n erwärm’ uns noch die Sonne;
    o brächte Glück sie uns von jeder Art:
    Gesundheit, Ruh’ und heitern Sinn von Gott!
      Weil nichts doch köstlicher als wie Gesundheit
    und schöner nichts als heitrer Sinn und Mut!
    Beteiligt sei ein jeder in dem Kreise,
    ein jeder Freund, der eine wie der andre,
    es soll nicht gram der eine sein dem andern!
      Nun sagen wir, ein Lied wir wollen singen!
    ein kleines Lied von alter Zeiten Läuften,
    o wollt’ uns unsre Kehle nur gehorchen!
      Schier scheint es mir, sie wird mir nicht gehorchen;
    die Guslen tönen fein, die Kehle rauh,
    die zwei, die wollen nicht zusammenklingen!
      O Ungemach, o mach dich nicht an mich an!
      Nun wollen wir das Lied erklingen lassen!
      Zwei Paschen überwinterten zum Winter
    zu Sziget tieferwärts von Temesvar.
    Ich will euch beide mit dem Namen nennen,
    wie sie mit Namen zubenannt gewesen:
    Herr Fazlipascha und Herr Seïdi.
      Den Winter als die Paschen überwintert,
    und als der eisige Winter sie verlassen
    und warme Sommerzeit sich eingefunden,
    anhuben Klageschriften einzulaufen.
      Es langten an fünfhundert Klageschriften
    von Siebenbürgens Raja leidbeladen,
    und weil sie weint, so weint sie nur vor Wehe:
        »Zwei Paschas, Ihr des Kaisers Augenpaar!
        entweder wollt Ihr nicht, noch mögt Ihr sehen,
        wie uns das wilde Leid zu Last gefallen!
        Was wir ertrugen, nimmer zu ertragen
        von Seiten jenes Fürsten Rákóczy!
          »Er setzt in’s Volk als Satzung ein Erpressung.
        Oft streift er durch das Land von Siebenbürgen
        und führt mit sich durch Sold erkaufte Söldner;
        er raubt uns unsre schneeigweissen Schafe
        und lässt die Lämmchen ohne Mutterschafe.
          »Und ziehn wir gross uns einen Ackerochsen,
        auch den entreisst uns Rákóczy, der Fürst!
        Selbst dies ertrügen wir mit Ach und Weh!
        Doch ziehn wir gross den Burschen uns zur Heirat,
        so lässt er uns den Burschen nicht beweiben,
        vielmehr, er schleppt ihn fort in seine Soldschar!
          »Auch dies verschmerzten wir mit bittrem Wehe!
        Doch reift heran ein Mädchen uns zur Ehe,
        flugs, schleppt sie fort uns Rákóczy der Fürst
        und er beweibt mit Lohn erkaufte Söldner!
          »Erbarmen, Paschas, o Ihr Waisenmütter!
        entweder helft uns oder merzt uns aus
        und werft uns lieber lebend in die Donau!«
      Als nun des Kaisers Paschas zwei erfuhren,
    wie jenen übern Kopf die Not gewachsen,
    was sprach für Wort des Kaisers Fazlipascha?
      — »O Seïdi, mein liebster Herzensbruder,
    verfass uns wohl ein fein Verhaltungschreiben
    gerad zu Handen Rákóczy des Fürsten,
    er lass in Frieden Siebenbürgens Raja.
      Ich schwör’s ihm und mein Ehrenwort zum Pfand,
    ich werd’ ein mächtig grosses Heer versammeln,
    ich werde hunderttausend Mann versammeln
    an kaiserlichen regulären Truppen
    und mit dem Truppen all die Ringkanonen,
    und werde seine Rákóczburg berennen,
    sein ganz Gebiet mit Truppen überschwemmen,
    mit Feuer und mit Flammen es verheeren
    und seine Residenz vom Grund zerstören!
      Sofern er meint, er werd’ uns doch entrinnen,
    so werd’ ich ihn durchs Russenland verfolgen
    und bis zum gold’nen Prag zu Paaren treiben
    und werd’ ihn dort lebendig fangen ein
    und werd’ um einen Kopf ihn kürzer machen!«
      Als dies der Pascha Seïdi vernahm,
    verfasst’ er wohl ein fein Verhaltungschreiben.
    Die beiden Paschas drückten drauf ihr Siegel
    und gaben auf den Brief ein vierfach Petschaft.
      Sie riefen einen leichten Feldtataren
    und reichten ihm das fein Verhaltungschreiben.
      Was spricht zu ihm des Kaisers Fazlipascha?
      — »O Feldtatar, du Feind von allen Rossen,
    aufs Ross dich schwing’ und eil’ nach Rákóczburg,
    und bring den Brief dem Fürsten Rákóczy!«
      Sobald den Brief der Feldtatar empfangen,
    so warf er sich aufs Ross, das seiner wartet
    und zog mit seinem Kopfe durch die Welt,
    gleichwie die Bien’ im Sommer über Blumen.
      Er querte durch den Sandžak Temesvar,
    betrat hierauf das Land von Siebenbürgen,
    durchschritt das Landgebiet von Siebenbürgen,
    betrat sodann das Land von Rákóczy.
      Nun zog er weiter in dem Rákóczyschen.
      Als er zur Burg und Rákóczy gelangte,
    da stellt’ er wohl den Brief dem Fürsten zu.
      Sobald der Fürst das Schreiben übernommen,
    so brach er auf ihm auf das vierfach Siegel.
      Als er ersehen, was der Brief ihm meldet,
    so überlas er ihn und lachte herzlich.
      Dann warf er weg das fein Verhaltungschreiben
    und holte mit der Hand sich seine Feder
    und schrieb den Paschen einen Antwortbrief:
        »O hört mich, Ihr zwei kaiserliche Paschas!
        Sagt später nicht, Betrug wär’ unterlaufen!
        Wohl hab’ ich eure Kritzeleien gelesen.
        Ich werd’ die Raja nicht in Ruhe lassen.
        Vielmehr erfahret, was der Brief euch kündet.
        Vernehmt nun, Ihr zwei kaiserliche Paschas!
        Ich werd’ ein mächtig grosses Heer versammeln,
        ein Heer von allen sieben Kaisern borgen,
        mit mir wird auch die Königin die Frau!
          »Wir werden ein gewaltig Heer erheben
        anrücken gegen Temesvar die Festung
        ins Vučijak-Gefilde gen die Festung.
          »Die Mörser werd’ ich gen die Festung kehren,
        zerstören eure Festung Temesvar,
        werd’ ihr den tiefsten Stein nach oberst stürzen!
          »Sofern von dorten ihr entrinnen solltet,
        so werd ich euch durchs Türkenland verfolgen
        und bis zur Hauptstadt und Istambol jagen.
          »Macht lieber eurem Sultan solche Meldung,
        Ihr sollt die Hauptstadt und Istambol säubern!
        Dort gibt’s für euch kein Hausen und kein Heimen,
        nur flüchtet gleich zur Kaaba und Medina,
        wo eurer Väter altes Heimatland!
        Doch meiner Ahnen Stammsitz ist Istambol!«
      Nachdem er solch ein Schreiben ausgefertigt,
    da übernahm den Brief der Hoftatare,
    und heimwärts kehrte wieder der Tatar.
      Sein Weg ihn führte grad nach Temesvar.
    Als er zum Divan vor die Paschas hintrat,
    da nahm er ’s Schreiben und die Schrift heraus.
      Das Schreiben übernahm Herr Seïdi.
    Als er des Briefes Siegellack erbrochen
    und wohl erfahren, was der Brief ihm bringt,
    da schlug er mit der Hand sich auf das Knie
    und gab den Brief an Fazli Pascha weiter.
      Als Fazli, kaiserlicher Pascha, merkte,
    als er nun merkte, was der Brief ihm meldet,
    entstürzten strömend seinen Augen Zähren;
    dann sprach er solches Wort zu Seïdi:
      — »Was fangen wir nun an mit unsrem Leben?
    Na, so ein Hürle, Fürstel Rákóczy!
    da borgt’ er Hilf’ von allen sieben Herrschern,
    mit ihm ist auch die Königin, die Fraue,
    die stärker ist denn alle jene sieben!
    Wer dürft’ es wagen, sie nun zu erwarten?
      Sie werden leicht uns Temesvar entwinden,
    doch würden den Verlust wir noch verwinden;
    nur wird von hier man weiter uns bedrängen,
    uns bis zur Hauptstadt und Istambol jagen
    und unsre Hauptstadt auch uns noch entwinden
    und uns zur Kaaba und Medina jagen,
    wo unsrer Väter altes Heimatland,
    doch ihrer Ahnen Stammsitz ist Istambol!«
      Darauf bemerkt ihm Pascha Seïdi:
      — »Wahlbruder Fazli, kaiserlicher Pascha!
    lass uns ein feines Meldungbriefchen schreiben,
    lass schreiben uns zu Handen unsres Sultans:
    entweder anvertraut er uns ein Heer,
    um Rákóczy den Fürsten zu empfangen,
    dass einen Tanz mit jenen auf wir führen,
    wo nicht, so müssen wir Istambol säubern.
    Er soll verfügen, was ihm mag behagen!
      Was sie besprochen, führten sie auch aus,
    verfertigten ein feines Meldungschreiben
    zu eignen Handen wohl des hehren Kaisers,
    und meldeten, was hierzuland geschieht;
    auch drückten ihre Siegel sie aufs Schreiben
    als zum Beweis, dass kein Betrug dabei.
    Dann riefen sie den flinken Feldtataren
    und übergaben ihm das feine Schreiben.
      Als der Tatar das Schreiben übernommen,
    da barg er’s wohl in seiner Botentasche
    und flog hinunter in die dunklen Keller;
    er schwang sich auf das vorgerüstet Bräunchen
    und zog mit seinem Haupte durch die Welt,
    und ritt ohn’ Unterlass bei Tag und Nacht.
      Als er zur Stadt Istambol hingelangt
    und vor den Kaiser kam in den Serail
    so machte vor dem Sultan er den Divan:
    er beugte sich hinab zur schwarzen Erde
    und küsste da die Erde vor dem Sultan,
    dazu den grünen Teppich unterm Sitz,
    und liess das Schreiben auf dem Teppich liegen.
      Als nun den Brief zur Hand der Sultan nahm,
    so fing er an den Schreibebrief zu lesen.
      Als er ersehn, was ihm der Brief verkündet,
    da fühlt er sich darüber unbehaglich;
    der Kaiser hub den Divan an zu sammeln,
    berief den Divan ein die ganze Woche.
      Nachdem er so den Divan einberufen,
    da standen alle Lalen ihm im Divan,
    sie standen hier drei volle weisse Tage,
    doch gab er keinerlei Bescheid dem Divan,
    es fehlte noch der Vezier Köprülü.
      Als dann der vierte Morgen angebrochen
    erschien inzwischen Vezier Köprülü,
    er beugte bis zur schwarzen Erde sich
    und küsst’ die schwarze Erde vor dem Kaiser,
    und flog hinzu, die weisse Hand zu küssen:
      — »O Sultan, Kaiser, Sonne aus dem Osten!
    hast einen grossen Divan einberufen;
    erschienen sind zum Divan alle Lalen,
    doch gibst du keinerlei Bescheid dem Divan.
    Wozu hast du die Lalen einberufen?
    Gewähr Bescheid, wo nicht, so hau uns nieder!«
      Darauf erwidert kurz der Sultan so:
      — »O meine Lalen und Ridžalen mein!«
    und nun verlas den Meldungbrief er ihnen.
    Drauf lasen sie mit lauter Stimm’ das Schreiben.
      Was hält für Red’ der Sultan jetzt zu ihnen?
      — »Was fangen wir nun an mit unsrem Leben?
    Wie? sollen wir versammeln eine Heermacht
    um sie zur Festung Temesvar zu senden,
    um Rákóczy den Fürsten zu empfangen
    und seine Bündner, sieben Königreiche?
    sind wir im Stand vor ihnen zu bestehen
    und einen Krieg mit ihnen durchzukämpfen?
    Wie? sollen wir gar unser Stambol räumen
    und fort zur Kaaba und Medina flüchten,
    wo unsrer Väter altes Heimatland?«
      Da sprachen alle Lalen und Ridžalen:
      — »O Sultan, Kaiser, Sonne aus dem Osten!
    es ist dir wohler, Stambol ganz zu räumen
    als Krieg zu führ’n mit all den sieben Königen!
    Jetzt gilt’s die Hauptstadt und Istambol räumen!
    Wir können mit den Christen uns nicht messen!«
      Fortwährend schweigt der Vezier Köprülü.
      Der Sultan wandte fragend sich an ihn:
      — »Mein erster Lala, Vezier Köprülü,
    was hüllst du dich in Schweigen, sprichst kein Wörtchen?«
      Darauf zu ihm der Vezier Köprülü:
      — »O Sultan, Kaiser, Sonne hinter Bergen!
    o tätst du lieber meinen Rat befolgen
    und gäbst du mir ein hunderttausend Mannen,
    ein hunderttausend kampfgewohnter Krieger,
    und gäbst du mir ein hundert Stück Kanonen
    dazu Bombarden für die Festungbrände;
    o gäbst du Proviant und Munition,
    so zög’ ich gern zur Festung Temesvar,
    um Rákóczy den Fürsten zu empfangen,
    und wie’s uns Gott gibt und das Glück gewährt!«
      Als solches Wort der Sultan tat vernehmen,
    entströmten seinen Augen hell die Tränen;
    er küsste seinen Vezier in die Augen,
    wo sich zu küssen pflegen Falken, Helden:
      — »Vortrefflich, o du mein getreuer Lala!
    da hast du dreimal hunderttausend Mannen,
    da hast auch Proviant und Munition,
    da hast du gleich auch die Granatkartätschen
    und die Bombarden für die Festungbrände.
    Da stehn bereit dir grosse Meergaleeren!
    Ich gebe dir auch mit den Siegelwahrer,
    mein heil’ger Segen wird dich auch begleiten!«
      Nun gab er ihm den Ferman mit dem Namen,
    dass niemand ihm zuwider reden dürfe,
    und hub dann an das Heer für ihn zu sammeln.
      Nachdem er ihm ein furchtbar Heer versammelt
    und seinen Kammerschatz für ihn gehäuft
    und grosse Meergaleeren ihm gegeben,
    da macht sich auf der Vezier Köprülü,
    und lässt auf die Galeer Kanonen schleppen,
    befiehlt auch seinem Heer sich einzuschiffen.
      Nachdem er so ein Heer versammelt hatte,
    da setzt’ er wohl die Heermacht in Bewegung,
    der Sultan schenkt’ ihm seinen heil’gen Segen,
    zu Ehren ihm beging ein Fest der Sultan;
    er liess aus hundert Stück Kanonen donnern
    als fort ihm zog der Vezier Köprülü.
      Die Schiffe stachen in die See hinaus,
    Der Vezier zog zur Festung Temesvar.
      Es kam der Vezier an vor Temesvar
    und langte dorten an zur schönsten Stunde
    inmitten der Jat-sú’s, nach dem Akšām,
    und aus den Schiffen aus das Heer er schiffte
    und gab dem Heer Befehl fürs Lagerschlagen.
      Aufwerfen liess der Vezier Wälle dreifach,
    unter Kanonen Rutenkörbe flechten,
    die Körbe voll mit Schutt und Erde schütten.
    Darauf aufschütten liess er Erd’ und Steine,
    Kanonen grosskalibrig auf die Körbe
    er richtete die grossen Feldkarthaunen,
    er kehrte sie gen’s Vučijak-Gefilde
    wohl gen’s gewaltig grosse Heer des Fürsten.
      Ums Morgengrauen war das Heer geordnet.
      Beim Tagesanbruch und beim Sonnenaufgang,
    was sprach für Wort der Vezier Köprülü?
      Er sprach zum Siegelwahrer diese Worte:
      — »Lass wohl uns auf die Festungwälle wallen!«
      Sie fassten an der weissen Hand einander
    und stiegen auf die ob’re Bastion.
      Nun solltest du den Siegelwahrer sehen!
    wie er das Fernrohr mit dem Glas hervorzieht
    und wie er ’s Heer vom Rákóczy betrachtet.
      Als er die kampfgewohnte Heermacht sah,
    schlug mit den Händen sich er auf die Kniee
    und sprach das Wort zu Vezier Köprülü:
      — »O Kaiserlala, Vezier Köprülü!
    wir haben jenem kein entsprechend Heer,
    wir können uns in offner Schlacht nicht messen!
    O lass uns lieber unserm Sultan schreiben,
    er mög’ uns etwas mehr noch Truppen schicken!«
      Wohl war das Köprülü nicht angenehm,
    doch fand sich sonst in diesem Fall kein Ausweg.
      Dann stiegen sie ins Temesvargefilde
    und setzten unter ihrem Zelt sich nieder
    und huben an darüber Rat zu halten.
      Was spricht für Worte Köprülü, der Vezier?
      — »O kaiserlicher Lala, Siegelwahrer!
    es wäre Schand, dem Sultan es zu melden,
    er hätt’ ein grösser Heer uns aufzuladen,
    zumal wir noch nicht eine Schlacht geschlagen!
      Geh’, schreib uns eine zierlich feine Meldung,
    damit wir sie ins stolze Bosna senden
    an meinen Bruder Hodža Köprülü.
    Aufbieten soll er uns zwölf tausend Mannen
    zwölf tausend kampfbewährter Bosnamannen.
    Er schick’ sie her zur Festung Temesvar!
    denn Schlachtenkämpfer sind die Bosnahelden;
    mit ihnen wollen wir den Angriff wagen!«
      Das sagten sie und folgten solchem Ratschluss,
    verfassten einen Ferman mit dem Namen
    und drückten drauf das kaiserliche Siegel
    und pressten auf den Brief das Siegelpetschaft,
    und gaben ihn dem flinken Feldtataren.
      Fort lief der Feldtatar ins weite Land.
    Als er nach Bosna kam und hin nach Travnik,
    erschien er vor dem Landesvogt im Divan.
      Sobald der Hodža diesen Brief erhalten
    und auch ersehen, was der Ferman kündet,
    so warf er gleich zur Seite weg den Ferman,
    fing zierlich an zu schreiben Aufgebote,
    um sie zur Stadt von Saraj auszusenden
    wohl auf das Knie des Buljukbascha Džanan.
      Wie hat er sich im Schreiben ausgesprochen?
          »O Džanan, Obrist aller Buljukbaschen
        da nimm den Brief und schau dir an die Schrift.
        Sechs tausend Mann an Truppen biet mir auf,
        nur lauter Bosner, kampfbewährter Helden.
          »Versammle lauter auserwählte Helden!
        Nur heb’ nicht alte Leut’ und Bürschlein aus,
        heb auch den jüngst beweibten Mann nicht aus,
        heb nicht der Mutter einzigen Sohn mir aus!
        Gar traurig sind die Tränen einer Mutter;
        es weine keine um den einzigen Sohn.
          »Sechs tausend Mannen will ich selber sammeln,
        dann wirst zu mir du stossen her nach Travnik.
        Wir werden unsre Heermacht hier vereinen,
        von hier zur Festung Temesvar marschieren!«
      Er gab den Meldungbrief dem Feldtataren:
      — »Geh, trag den Brief zur Stadt von Sarajevo!«
      Sobald als der Tatar den Brief erhalten,
    schon warf er sich aufs ausgerüstet Ross
    und zog gerad zur Stadt von Sarajevo.
      Als der Tatar in Sarajevo ankam
    vor Džanan Buljukbašas schlanker Warte
    da übergab er’s Meldungschreiben Džanan.
      Als Džanan nun den Meldungbrief entfaltet,
    ersah er, was der Brief für Kunde bringt.
    Das war Herrn Džanan äusserst lieb zu wissen
    und hurtig sprang er auf die Füss vom Boden.
    Nach kleinen zwei Gewehren griff er gleich
    und nahm zu Handen die Gefolgschaftfahne.
    Darauf begab sich Džano auf den Markt,
    vor die Moschee, genannt die Begmoschee.
      Vor die Moschee da pflanzt er auf die Fahne —
    hier pflegte sich seit je das Heer zu scharen —
    und zog hervor die kleinen zwei Gewehre
    und kehrte sie gen Himmel wolkenwärts
    und legte Feuer auf die Pulverpfannen.
    So gab er durch die weisse Stadt die Kunde.
      Und Džano kehrte wieder heim zurück.
    Es hub Herr Džano an sich auszurüsten,
    sich selben auszurüsten und den Renner.
    Er rüstete sich aus drei weisse Tage
    wie’s sich geziemt fürs kaiserliche Heer.
      Sobald der vierte Morgen angetagt,
    so machte sich er fertig und den Renner,
    dann ging Herr Džano hin vor die Moschee.
      Da waren alle Truppen schon versammelt,
    versammelt hatten sich die Bosnarecken,
    nur einer fehlt, der junge Fazlagić,
    der ihm die Fahne trägt dem Heer voran.
      Nach kurzer Weil, es währte gar nicht lange,
    da taucht hervor auch Ibro Fazlagić
    auf braunem Renner, ganz in lautrem Golde.
    Sobald er kam, so rief ‘Selām!’ er aus,
    das Bosnavolk entbot ‘Selām!’ entgegen.
      Es bog sich vor Herr Džanan Buljukbaša:
      — »O Fazlagić, empfange hier die Fahne,
    damit wir unser Heer in Marsch versetzen!«
      Darüber lachte satt sich an der Kämpe
    und stieg von seinem braunen Renner ab,
    vollzog vorerst nach Türkenbrauch die Waschung,
    tat zwei Gebet’ in der Moschee verrichten.
      Dann holte sich der Fähnrich erst die Fahne
    und lass herab den Segen für die Fahne,
    er küsste dreimal ihre Zottelborten,
    dann nahm er sie in seine weissen Hände,
    er sprach: »Allâh!« und schwang sich auf den Braunen
    und rief dem Džanan Buljukbascha zu:
      — »O Džano, folg mir auf dem braunen Renner!«
      O liebster Gott, o welch ein Wunder mächtig!
    Um manchen weint die hochbetagte Mutter
    um manchen weint die herzgeliebte Schwester,
    um manchen weint das treue Eh’gemahl!
      So zogen fort die jungen Sarajmannen
    und schlugen ein zum ersten Atmejdân,
    als Džanan Buljukbaschas Ruf erscholl:
      — »Ei singt ein Lied, Ihr jungen Sarajmannen,
    singt fort und fort, entladet die Gewehre!«
      Er ruft umsonst, es will ihm gar nicht frommen,
    denn weder singt noch schiesst aus Flinten einer.
      Und wiedrum rief Herr Džanan Buljukbascha:
      — »O Fazlagić, mein trauter Bannerträger!
    Hast du nicht Lust, ein Liedchen anzustimmen?
    erweck mir frohen Mut im Bosnavolk!«
      Sobald dies Ibro Fazlagić vernommen,
    so liess er seine Stimme hoch ertönen.
    Was singt er nun und wie erklingt sein Lied?
      — »O bleib mit Gott du kotig Bosnaland
    und unsre schlanken Warten rings im Land!
    O unsre Mütter, sparet eure Tränen,
    o spart die Tränen, sucht uns zu vergessen!
    O unsre Frauen, sucht euch andre Gatten,
    wohl andre Gatten, harret unsrer nicht!
    O unsre Schwesterchen, geht Ehen ein!
      Wir aber werden uns schon dort beweiben
    in jener weissen Festung Temesvar
    mit schwarzem Erdreich und mit grünem Rasen!«
      Als Fazlagić ein solches Lied gesungen,
    da rief Herr Džanan Buljukbascha aus:
      — »O Fazlagić, so soll dich Gott beschweren!
    was tatst du da, so Gott dir helfen mag!
    warum betrübst du meine Bosna-Helden?«
      Als Džano hier sich in Bedrängnis sah,
    so fing er hell und schmetternd an zu singen:
      — »O bleib mit Gott du stolzes Bosnaland,
    im Bosnaland auch unsre schlanken Warten
    und auf den Warten unsre alten Mütter!
    O Mütter, unsretwegen spart die Tränen!
    O unsre Schwestern, sucht euch selber Gatten,
    sucht selber Gatten euch, versorgt euch selber!
      Doch unsre Frau’n, Ihr braucht nicht andre Männer!
    Wir werden wieder in die Heimat kehren,
    erringen reichen Raub und grosse Beute.
      Es sind uns unsre Warten stark verfallen,
    wir wollen unsre Warten überdachen!«
      Als Džanan Buljukbaschas Lied erklungen
    war froher Mut ins Bosnavolk gedrungen;
    die Bosnahelden fingen an zu singen,
    zu singen und die Flinten zu entladen.
    Und übers weite Feld sie weiter zogen;
    sie überschritten das Gefild von Saraj
    und drangen in die Berge vor und Alpen.
      Als sie ins weisse Travnik hingelangt,
    empfing sie hier der Travnikaër Vezier;
    er fasste Džanan an der weissen Hand an
    und gleich nach ihm den jungen Fazlagić.
    Er führte sie zu sich ins Staatsgebäu,
    auch unterbracht’ er dort noch ihre Truppen.
    Hier war die Herberg und sie hatten’s herrlich.
      Ums Morgengrauen, als die Sonne aufstieg,
    da rief der Travnikaër Vezier aus:
      — »O Kaiserlala, Džanan Buljukbascha!
    sechs tausend Mannen brachtest du herbei,
    sechs tausend hab’ ich selber aufgesammelt.
    Zwölf volle tausend übergeb’ ich dir!«
      — und gab ihm Proviant und Munition —
      — »geleit sie hin zur Festung Temesvar,
    zu meinem Bruder Vezier Köprülü!«
      Er gab ihm einen feinen Meldungbrief,
    vermerkte drin zwölf tausend Mann an Truppen
    und übergab die strammen Mannen Džanan.
      Nachdem die Meldung Džanan übernommen,
    hei, sprang Herr Džanan Buljukbascha auf
    und gleich nach ihm auch Ibro Fazlagić.
      Was spricht für Wort Herr Džanan Buljukbascha?
      — »O Fazlagić, du nimm zur Hand das Banner
    und trag das Banner vor dem Heer voran!«
      Als Fazlagić den Bannerstock ergriffen,
    die Wärter führten ihnen zu die Renner,
    sie schwangen sich auf ihre guten Renner.
      Voran zuoberst Džanan Buljukbascha,
    und gleich nach ihm folgt Ibro Fazlagić,
    den Weg sie nahmen durch die schmale Zeile.
      Das Banner, das bedeckte Fazlagić
    von beiden Seiten bis zum grünen Rasen,
    auf Fahnenpagen ruh’n die Fahnenquasten.
      Nachschauen ihnen Travnikaër Mädchen,
    sie schaun in einem fort die Bosnahelden,
    am allermeisten Fazlagić, den Jüngling.
      Ein Held an Heldentum ist Fazlagić,
    ein Jüngling wohlgefällig anzuschauen.
      Herbeizurufen huben an die Mädchen,
    herbeizurufen jede ihre Mutter:
      — »Schau, Mutter, schau, den jungen Fazlagić!
    O Heil der Mutter, welche ihn geboren!
    Wie schön er ist, die Mutter mag sich freuen!«
      Doch sagten ihnen drauf die alten Mütter:
      — »O Töchter schweigt, Ihr mögt verstummen wortlos!
    die Fazlagićen leiden an Beschreiung,
    beschreit uns nicht den jungen Fazlagić!
    Die Mutter hat nur ihn, den einzigen Sohn,
    es könnt’ die Mutter ganz vereinsamt bleiben!«
      Also verliessen sie die Festung Travnik
    vom Alter und der Jugend viel bewundert.
    Sie überschritten das Gefild von Travnik
    und drangen in die Berge vor und Alpen.
      Sie huben durchs Gebirgland an zu wandern,
    ein Lager nach dem andern, Tag für Tag,
    und hielten allerletzte Lagerrast
    im Hochwald oben auf der Vučjak-Höhe.
      Die Bosner schlugen auf ihr nächtlich Lager,
    es war der dunklen Nacht die dritte Stunde,
    da traf dort ein ein flinker Feldtatar
    und brachte Džanan einen Meldungbrief.
      Als Džanan dieses Schreiben übernommen, —
    er liest den Brief und freut sich ob des Inhalts.
    Es schrieb ihm nämlich Vezier Köprülü:
          »O Kaiserlala, Džanan Buljukbascha!
        Wann morgen du nach Temesvar mir kommst,
        erteil dem Bosnavolk die Weisung, Bruder:
        Wann Ihr zu meinem Lagerzelte hinkommt,
        da möge Mann an Mann sich drängend stossen,
        sie mögen dich bedrängen und den Braunen
        und dir den Vater und die Mutter lästern.
        Wir aber werden aus Gezelten schauen.
        Das wird dir, Bruder, für die Folge frommen!«
      Als Džanan dieses Schreiben durchgeschaut,
    da graute ’s und die Sonne war im Aufgang.
      Und wiedrum ordnet er zum Marsch das Heer,
    und gab den Bosnamannen solche Weisung:
      — »Wir steigen jetzt zu Temesvar hinab,
    beim Zelt des Vezier Köprülü vorbei
    und auch vorbei an seinem Siegelwahrer.
      Macht wild und wütig unter euch die Renner,
    spornt einer gen den andern an die Renner
    und flucht drauf los den Vater und die Mutter
    und spornt auch gegen mich die Renner an
    und flucht auch mir den Vater und die Mutter!«
      Er sprach’s und jagte mit dem Ross voran,
    ihm folgen hintennach die Bosnahelden.
      Als sie zur Festung Temesvar gelangt,
    entlang dem weiten Temesvargefilde
    erblickten sie des Sultans Heer gelagert.
      In wilde Wut gerieten nun die Bosner
    und liessen unter sich die Rosse tummeln
    und zogen blank die scharfen deutschen Schwerter.
      Es jagt der eine gen den andern los
    es tut ergrimmt der eine gen den andern,
    auch spornten sie gen Džanan an die Rosse
    und schwangen drohend ihre scharfen Säbel,
    sie fluchten ihm den Vater und die Mutter.
      Doch Džanan schweigt und spricht kein Sterbenswörtchen.
    Dies Treiben schaut mit an der Siegelwahrer
    und auch mit ihm der Vezier Köprülü.
    Was macht der Siegelwahrer für Bemerkung?
      — »So schauen deine Bosna-Helden aus!?
    Die haben Heldentum gar nicht gesehen,
    das sind vielmehr nur schwere Beutelschneider!«
      Herr Džanan liess sein Heer das Lager schlagen,
    er selber eilte hin zum Siegelwahrer
    zur Audienz mit Vezier Köprülü;
    mit Džanan geht auch Ibro Fazlagić.
      Beim Eintritt sagten sie Selām zu türkisch.
      Sodann ergriff das Wort der Siegelwahrer:
      — »O Džanan, vielgeschätzter Bannerträger!
    Was hast du für ein Bosnavolk gebracht?
    Das sind ja keine Helden, diese Bosner,
    sind schier vielmehr nur schwere Beutelschneider!«
      Zur Antwort gibt Herr Džanan Buljukbascha:
      — »O kaiserlicher Lala, Siegelwahrer!
    Das Bosnavolk besteht aus grossen Helden!
    Bevor sie in des Kaisers Heer gezogen,
    verkauften sie die Triften bei den Warten
    und bargen in die Taschen wohl das Bargeld.
      Solang als in den Taschen Bargeld klang,
    da waren wohlgemut die Bosna-Helden.
    Doch kaum verschwand das Bargeld aus den Taschen
    Noch kennst du nicht den Brauch des Bosnavolkes.
    Drum ist erbost der eine auf den andern,
    drum jagt der eine gen den andern los!«
      Als dies der Siegelwahrer tat vernehmen,
    gab Proviant er ihm und Munition,
    schlug auf für ihn Gezelte im Gefilde
    und schenkte Schätzeladungen ihm drei:
      — »Da nimm, o Džano, teil’ sie unters Heer!«
      Nachdem Herr Džano diesen Schatz verteilt,
    da sang das Bosnavolk zu zwei und zwei.
      Nun ging Herr Džano unter sein Gezelt
    und ass zu Nacht ein Nachtmahl herrschaftlich.
      Als nachts es um die zweite Stunde war,
    vom Pfühl erhob sich Džanan Buljukbascha.
      Schon ist er dort bei Vezier Köprülü
    und dessen Flügelmann, dem Siegelwahrer.
      Beim Eintritt rief ‘Selām!’ er türkisch zu,
    worauf ihm jene Gegengruss entboten
    und einen Platz an ihrer Seite machten,
    auch einen farbigen Tschibuk ihm verehrten,
    die Sieder reichten ihm Kaffeegebräu.
      Darauf ergriff das Wort der Siegelwahrer:
      — »O Kaiserlala, Džanan Buljukbascha!
    Wie haben wir den Gegner anzugreifen?
    der Christen Unzahl, Minderzahl der Türken!
    Was fangen wir nun an mit unserm Leben?«
      Darauf entgegnet Džanan Buljukbascha:
      — »Nur keinen Wahnwitz, o Ihr zwei Veziere!
    am morgen Freitag, übermorgen Samstag,
    am Sonntag Frist, die Schlacht erfolgt am Montag,
    am Dienstag mögen Mütter weheklagen.
    Was habt Ihr mich sogleich schon überfallen?
    lasst eher rasten mein gewaltig Heer!«
      Sprach dies und hurtig sprang er auf die Beine.
    Nun ging Herr Džano unter sein Gezelt,
    und dort empfing ihn Ibro Fazlagić:
      Er wandte sich an Džano mit der Frage:
      — »Was hast du, Bruder, dorten ausgerichtet?
    wie? haben wir den Christen anzugreifen?«
      Und ihm erwidert Džano Buljukbascha:
      — »Mein liebes Närrchen, Ibro Fazlagić!
    So hab’ ich’s den Vezieren dargelegt:
    ’Am morgen Freitag, übermorgen Samstag,
    am Sonntag Frist, die Schlacht erfolgt am Montag,
    am Dienstag mögen Mütter weheklagen!’«
      Was spricht dagegen Ibro Fazlagić?
      — »So Gott mir helfe, Džano Buljukbascha,
    da gibt es keinerlei Gewinn noch Vorteil,
    gar weit ist ’s nicht mit deiner Weisheit her!
      Ja, kennst du nicht die Bosner gottverflucht!
    Drei weisse Tage brauchen sie zu rasten,
    dann taugt dir keiner einen Pfifferling,
    und unsre Siegeshoffnung fällt ins Wasser!
      Doch so du meinen Ratschlag magst befolgen —
    es bricht uns Morgen an der türk’sche Freitag,
    die Morgenbeugung machen wir zusammen,
    die Beugung und verrichten unser Beten;
    die Mittagbeugung machen wir zusammen,
    vom Mittag warten wir bis Nachmittag
    und beten ’s Nachmittaggebet zusammen
    und warten den Akšām ab mit der Waschung;
    die Abendbeugung machen wir zusammen
    und auf die Beugung folgt das Nachtgebet;
    wir wollen uns in dunkler Nacht erheben.
    Das bleib’ den zwei Vezieren unbekannt!
      Dann werden wir uns noch einmal versöhnen,
    zuletzt versöhnen und einander küssen,
    einander unsre Sünden wohl vergeben
    und nachts gen Rákóczy den Angriff wagen;
    zwölftausend Mannen Bosnavolk genügen.
    Wir können auf des Sultans Heer verzichten!«
      Dies sprachen sie und folgten ihrem Ratschlag,
    die Mütter mögen schon am Samstag wimmern!
      Und hier verbrachten sie die dunkle Nacht.
      Ums Morgengrauen und beim Sonnenaufgang,
    da brach der liebe Freitag ihnen an.
    Die Morgenbeugung machten sie zusammen
    und beteten zu Mittag auch zusammen.
      Dann kam die Zeit zum Nachmittaggebet,
    sie beteten gemeinsam nachmittags,
    indessen nahte schon das Abendbeten,
    das Abendbeten machten sie gemeinsam.
      Zwei Stunden von der Nacht entwichen waren,
    schon war die Zeit zum Nachtgebet gekommen.
    Gemeinsam beugten sie das Nachtgebet,
    dann hüpften hurtig auf sie auf die Beine.
      Da taten alle sich nun hier umhalsen,
    umhalsen und einander Küsse geben,
    einander ihre Sünden wohl vergeben.
    Herbei sie holten ihre guten Renner
    und all das Bosnavolk bestieg die Pferde.
      Was sagte nun Herr Džano Buljukbascha?
      — »O Fazlagić, es freu’ sich deine Mutter!
    geh nimm zu Handen die Gefolgschaftfahne,
    als erster zieh dem Bosnavolk voran,
    es wird dir folgen Džano Buljukbascha.
    Wo einer fällt, dort fallen alle beide,
    wo einer siegt, dort siegen alle beide!«
      Zum Heer sich wandte Džano Buljukbascha:
      — »O Heldenvolk von Bosna weit berühmt!
    es scheer der eine sich nicht um den andern!
    es deck’ sich nicht der eine hinterm andern!
    zurück nicht bleib’ der eine hinterm andern!
      Je einen Schuss hat jeder abzuschiessen,
    »Allah« zu rufen, Gottes zu gedenken,
    und jeder greif nach seinem scharfen Säbel
    und stürme gradenwegs gen Rákóczy!
      Aus euren weissen Kehlen tön das Rufen:
      ’Allâh, Allâh, gedankt der liebe Gott!
    eröffnet stehn die Pforten von Gan Eden!’
      Wer fallen wird, dess Heim erhält Entlohnung,
    wer leben bleibt, der bleibt beglückt fürs Leben!«
      Das sprachen sie und spornten an die Rosse.
    Herr Ibro Fazlagić als allererster,
    ihm folgte nach Herr Džano Buljukbascha.
      Gemach, gemach zum Vučijak sie kamen.
    Als sie ins Vučijak-Gefilde kamen,
    da bog sich vor Herr Ibro Fazlagić:
      — »Wo weilst du ärmster Fürst, o Rákóczy?
    es griffen dich die Bosna-Helden an,
    sie griffen dich von all’ den Seiten an!«
      Er sprach’s und schoss die Flintenladung ab,
    zwölftausend Flinten knallten noch darauf,
    und jagten Schrecken ein dem Fürstenheer.
      Doch Rákóczy empfing sie vorbereitet,
    und überwarf sie mit lebendig Feuer!
      Ein schlimmes Glück war ihnen hier beschieden,
    hier blieben Džanan Leichen auf dem Plane,
    sechs tausend toter Leiber liess er liegen,
    sechs tausend Mann vom Bosnavolke fielen!
      Sechstausend aber drangen mutig vorwärts.
    ’Allâh!’ sie riefen und gedachten Gottes
    und drängten Fürsten Rákóczy nach vorwärts,
    ja, drängten und bedrängten ihn nach vorwärts!
      Als da das Heer verwundet angegriffen,
    die Nacht war schwarz, in Finsternis versunken,
    da huben die Soldaten an zu schreien:
      — »Die Türkenmacht uns mächtig hat umrungen!«
    und fingen miteinander an zu kämpfen!
      Die grimmen Bosner setzten heftig zu
    und gegenseitig war der Kampf entsponnen,
    die scharfen Säbel beiderseits geschwungen!
      Die Nacht so schwarz, in Finsternis versunken,
    vom Himmel bis zur Erde lagert Dunkel,
    es kann da keiner keinen mehr erkennen
    bis früh zum Morgengraun und Frührotleuchten!
      Es warf den Blick ins Feld der Siegelwahrer
    und sprach das Wort zu Vezier Köprülü:
      — »So schaun dir deine Bosna-Helden aus!
    nicht eine einz’ge Seel’ ist bei den Zelten!
    Sie pfropften mit des Sultans Schatz sich voll,
    entflohen dann zurück die Alpen aufwärts!«
      Als dies der Vezier Köprülü vernommen,
    bei Gott, es war ihm gar nicht angenehm!
      Der Vezier sprang vom Boden auf die Beine
    und schwang sich auf sein schimmelfarben Rösslein;
    es zogen mit ihm mit noch vier Tataren.
      Schon sind sie auf der Höh des Vučijak
    und suchen nach der Spur die Alpen aufwärts,
    ob sich die Bosner nicht nach Heim gewendet.
    Im Hochgebirg ist keine Spur von ihnen;
    wohl ist das Bosnavolk nicht heimgezogen.
      Von ungefähr blickt Vezier Köprülü,
    von ungefähr ins Vučijak-Gefilde,
    wo Rákóczy der Fürst gelagert hatte,
    doch keine Sterbenseel’ ist dort zu sehen.
      Dann kehrt zurück der Vezier Köprülü
    und sagt dem Siegelwahrer seine Meinung:
      — »O kaiserlicher Lala, Siegelwahrer!
    Mit nichten sind die Bosner uns entflohen,
    den Feind sie haben nächtlich überfallen.
      Ich sah hinab aufs Vučijak-Gefilde
    nicht eine Sterbenseele war zu sehen.
    Allwo das Heer des Rákóczy gelagert,
    dort liegen Leichen ohne Zahl und Ende.
    Gar viel von unserm Heer ist umgekommen!
    Lasst für der Bosner Seelenheil uns beten!
    Wohl waren ’s Helden und sind umgekommen,
    Nun werden wir für sie Vergeltung üben!«
      Er wandte sich gens Vučijak-Gefilde,
    es folgt ihm nach das mächtig starke Heer.
      Als hin der Vezier ins Gefilde kam,
    wo Rákóczy der Fürst gelagert hatte,
    wo Džanos Angriff gegen ihn erfolgt,
    da waren von dem Bosnavolk gefallen,
    sechstausend Mann hat hier er liegen lassen,
    mit andern sechs war er dem Feind im Nacken.
      Der Vezier geht umher, ihm perlen Tränen,
    und wendet um die Leichen der Bošnjaken.
    Er weint nicht um sechstausend Bosner willen,
    er weint vielmehr um Džano Buljukbascha,
    beweint mit ihm den jungen Fazlagić.
    Nach ihnen forschend, wandt’ er um die Leichen.
      Als er nun sah, dass hier sie nicht zu finden,
    so zog er mit der Heermacht ihnen nach.
      Wo Vezier Köprülü vorüberzieht,
    wo er vorüberzieht durch russisch Land,
    dort spriesst kein grüner Rasen mehr empor.
      Sie zogen einen Monat durch das Land
    in Augen stets das Bosnavolk behaltend.
      Als er ins Feld von Orlovo gelangte,
    So liess am Felderrand das Heer er rasten.
    Die Bosner huben an zurückzukehren,
    es huben an die Truppen sich zu sammeln.
      So mancher führt gefesselt den Gefang’nen,
    und mancher bringt ein abgesäbelt Haupt.
    Sechstausend Bosnamannen sich versammeln.
      O sieh! es naht auch Džanan Buljukbascha,
    hat eingefangen sieben Kapitäne!
    Ihm stand zum Gruss der Vezier auf vom Sitze,
    gab einen Kuss ihm auf die Heldenstirne.
      Noch fehlt allein der junge Fazlagić.
      Im Heer fing an Herr Džano umzufragen:
      — »Hat’s wer gesehen, dass er umgekommen?«
      — »Wir sahen’s keiner, dass er umgekommen,
    auch sahen wir ihn nicht im Felde liegen!«
      Sie suchten ihn drei volle weisse Tage
    und taten für sein Seelenheil schon beten.
    Wie eine grimme Natter wimmert Džano:
      — »O weh der Mutter bis ans Lebensende!
    dass ihren Fazlagić sie musst’ verlieren,
    den Helden kühn, der ohne gleichen galt!«
      Doch während sie noch solche Reden führten,
    erschien im Feld Herr Ibro Fazlagić
    auf seinem langbemähnten braunen Läufer.
      Hat keine schlechte Beute sich errungen:
    gefangen gar den Fürsten Rákózy,
    mit ihm zugleich die Königin die Fraue!
      Als Džano Buljukbascha ihn erschaute,
    wie sah er aus, o wehe seiner Mutter!
    Kein Faden vom Gewand auf seinem Leibe,
    versengt hat alles ihm lebendig Feuer.
      Entgegen geht ihm Džano Buljukbascha,
    zugleich mit ihm der Vezier Köprülü;
    sie küssten ihn auf seine Heldenstirne.
      Es spricht zu ihm der Vezier Köprülü:
      — »Sollst glücklich sein, hast grosses Ding gewonnen,
    du hast zwei wack’re Kämpen eingefangen.
    Du wirst beglückt dein Lebelang verbleiben!«
      Sie gaben Rast dem furchtbar müden Heer,
    sie hielten Rast zwei volle weisse Tage,
    und rückten mit dem Heer am dritten Morgen,
    sie rückten vor die Festung Temesvar.
      Als sie vor Temesvar, die Festung, kamen
    und in das eb’ne Temesvar-Gefilde,
    empfing sie feierlich der Siegelwahrer,
    als echter Türk »Selām« entbot er ihnen
    und küsst die Helden zwischen Augenbrauen.
      Was hat der Siegelwahrer mitzuteilen?
      — »O Herzensbruder Vezier Köprülü!
    Der Sultan ist nach Temesvar gekommen,
    um jeden nach Verdiensten zu belohnen.
      Geh führ’ ihm vor das Bosnavolk, die Helden,
    es heisch’ ein jeder, was ihm mag behagen!«
      O sähst du nun den Vezier Köprülü,
    wie er die Bosna-Helden hingeleitet!
    Er führte hin Herrn Džanan Buljukbascha,
    mit ihm zugleich Herrn Ibro Fazlagić.
      Sie brachten mit den Fürsten Rákóczy,
    sie brachten mit die Königin, die Fraue.
      Als vor dem Sultan sie im Divan waren
    und auch des Kaisers Kleidersaum geküsst,
    da weihte wohl Herr Vezier Köprülü,
    zwei Sklaven er dem Kaiser weihen tat.
      Drauf spricht zu ihm der Sultan unter Tränen:
      — »O Vezier mein, o du mein liebster Lala!
    Ihr habt mir wohl ein gut Geschenk errungen
    und habt mir meine Residenz errettet!
    O Lala, Dank sei Gott und Dank den Bosnern!«
      Der [Vezier Köprülü] hub an zu rufen:
      — »Zu mir, o Džanan, Held vom Bosnaland!«
      Als vor dem Sultan Džanan nun erschienen
    mit seinem Flügelmanne Fazlagić,
    was lässt der Sultan für Bemerkung fallen?
      — »O heische Džano, was dir mag behagen!«
      Darauf entgegnet Džanan Buljukbascha:
      — »O Sultan, Kaiser, Sonne von dem Osten!
    ich werde keinerlei Begehren äussern,
    da steht vor dir mein Ibro Fazlagić,
    er mög verlangen, was sein Herz begehrt!«
      Da spricht Herr Fazlagić das Wort zum Sultan:
      — »O Sultan, Kaiser, Sonne hinterm Berge!
    wirst du gewähren, was ich heischen werde?«
      — »O Lala, ja, bei meiner Augen Lichte!«
      — »Zwölf tausend Mannen brachten wir hieher,
    zwölf tausend kampferprobter Bosnamannen.
    O Kaiser, einzig und allein ich wünschte,
    belohn’ die Toten gleich den Lebenden.
      Sechs tausend Leichen liessen wir im Felde,
    und jeder Mann hat wen daheim gelassen,
    so mancher Töchter, mancher liebste Schwestern;
    verleih’ den Waisen Lehengrunddiplome,
    zwölf tausend in das Bosnaland Diplome!«
      Ohn’ Wörtchen Widerspruch verlieh der Sultan
    Herrn Fazlagić erbetne Reiterlehen
    und gab ihm einen Säbel mit dem Siegel
    und gab ihm goldne Turbanfedernbüsche.
    Und gleiches gab er Džanan Buljukbascha:
      — »Da nehmt es, Helden aus dem Bosnaland!
    sollt euer Lebelang zu zehren haben
    davon und eure Kinder noch nach euch!«
      Dann rief er zu dem Vezier Köprülü:
      — »Beteilig sie mit sieben Schätzelasten,
    sie mögen prassen bis ins stolze Bosna!
      Als so die Bosner Reichtum angesammelt,
    da schwangen sie sich auf die guten Rosse
    und lenkten froh zur Heimkehr ihre Rosse.
      Der Sultan fertigt an noch einen Ferman:
      — »O zieht nun frei ins stolze Bosnaland!
    Ihr werdet viele Reiterlehen kriegen,
    doch Kinder, müsst dafür Ihr Kriegdienst leisten
    ohn’ Unterbrechung volle sieben Jahre
    für euer Geld und ganz auf eigne Kosten,
    so oft als euer Sultan euch benötigt!«
      Sie willigten in die Bedingung ein
    und drückten ihre Siegel auf den Ferman;
    dann zogen sie von hier nach Bosna heim.
    Der Sultan machte sich nach Stambol auf,
    die Bosner in das stolze Bosnaland.
      Als Džanan heim nach Sarajevo kam
    da sang er durch die schmalen Gassen ziehend:
      — »O unsre Frauen, harrt Ihr unsrer noch?
    o unsre Mütter, schaut doch jetzt auf uns!
    Wir sind mit Raub und Beute reich beladen,
    Wir können unsre Warten weissen lassen
    und unsre Klepper satt mit Gerste füttern;
    der Ohneweib, der kann sich nun beweiben!«
      Die Halbscheit hat sich nur von uns beweibt
    dort bei der weissen Festung Temesvar,
    dort auf dem breiten Vučijakgefilde
    mit schwarzem Erdreich und mit grünem Rasen!«
      Hier trennten sich die Helden voneinander,
    verzieh’n einander, tauschten Küsse aus
    und jeder kehrte heim zu seiner Warte;
    es mag das Heim gedenken des Gefall’nen,
    wer leben blieb, der blieb beglückt fürs Leben!
      Von uns das Lied, von Gott gewährt das Glück!
    Wir waren nicht dabei, noch sahen wir’s,
    auch wir vernahmen’s bloss von ältern Leuten;
    wir sangen und wir sagten euch’s nur weiter!
      O gäbe jedem Gott ein Magedein,
    mir zwei, dass besser ich befriedigt sei;
    die eine lahm mir sei und blind die andre,
    sie sollen betteln geh’n, mein Haus verseh’n
    und mich ernähren und des Leids erwehren!

    Ende.


V. 1–20 ist ein Begrüssung- und V. 920–928 ein Abschlussgesang
des Guslaren zur Ehrung der Zuhörer. Man vergl. in meinen ‘Bajuwaren
im Guslarenliede’ (Forschungen zur Kultur- und Literaturgeschichte
Bayerns, hrsg. von K. v. Reinhardstöttner, Ansbach 1896) die
ähnlichen Liedchen S. 103, 129 und 145. Über derartige Einleitung-
und Schlusslieder ausführlich in meinem Smailagić Meho (Ragusa 1885),
S. 69–78 und 153–161. Zum ‘Heerzug’ sang mir Halil keinen Vor-
und Nachgesang, weil wir doch allein waren und es keinen Sinn gehabt
hätte, mich anzustrudeln. Übrigens habe ich es nicht unterlassen, bei
anderen Liedern seine Begrüssungformeln niederzuschreiben.

Die V. 920–928 könnte einer möglicherweise als den Ausdruck
verworfener und frechhabsüchtiger Gesinnung des Guslaren auffassen und
ihn darum verachten. Dagegen muss ich meinen Freund Ibrahim, den Sohn
eines Dervišen, in Schutz nehmen. Wer, wie er, bei einem Korajer Beg
als Waldbauerknecht freiwillig frohnen mag, ist gegen jeden Verdacht
unlauteren Wettbewerbes und gewissenlosen Strebens, auf
Regimentunkosten ein sorgenfreies Dasein zu führen, unbedingt gefeit.
Die Verse sind gerade wegen des Gegensatzes der auf die allergeringsten
Bedürfnisse herabgeminderten Lebensweise des Guslaren und seines den
Zuhörern bekannten, einwandfreien ehrlichen Erwerbes gut humoristische
Selbstbespöttlung und reizen darum die Kenner zum
zwerchfellerschütternden Gelächter. Ein Beispiel soll das besser
verdeutschen. Ein Schauspieler wird an seinem Benefizabende zum Schluss
stürmisch hervorgerufen. Er verbeugt sich nach Brauch aufs tiefste und
ergreift unter lautloser Stille der Zuhörerschaft das Wort:
‘Hochwohledelgeborene, hochgeborene, hochwohlgeborene und
wohlgeborene Gönner und Gönnerinnen! Dero huldreicher Beifall
erquickt, entzückt und beglückt mein Gemüt. Um das Mass meiner
Zufriedenheit überquellen zu machen, hege ich bloss noch den Wunsch,
es mögen die ehrsamen und löblichen Gilden der G’sibelfelberer
[173] von London und Paris die Früchte ihrer literarischen
Betriebsamkeit der nächsten fünf Jahre in Anerkennung meiner
künstlerischen Tätigkeit gütigst als kleine Zubusse zur Aufbesserung
meiner Bezüge mir zuzuwenden belieben!’ Es gibt wohl Leute, denen
solche Reden würdelos erscheinen. Aber freilich, die Würde ist die
Narrenkappe des Humors, mit und ohne Schellen.

V. 74. Das goldene Prag ist die Hauptstadt des Russenreiches, allwo
die Königin die Frau mächtig thront. Vergl. die Bajuwaren im
Guslarenlied, wo auch die Königin von Prag als Retterin Wiens die
Hauptrolle inne hat.

V. 81. Wer einen deutschen Rock und Hut trägt, gilt dem Bošnjaken
als ‘Schwabe’ und wer immer die Stelle eines Feldpostboten
bekleidet, der heisst bei ihm Tatare. Einen Pferdefeind nennt der Paša
den Tataren, weil dieser schonunglos die Postpferde zu Tode reitet. In
Ungarn waren die Gemeinden verpflichtet, den »Tataren« unentgeltlich
die Pferde beizustellen.

V. 121. pro (preo, preko) zemlje turčije über die Länder der
Türkei.

V. 122. ‘Zur Hauptstadt und Istambol’ ist ein Hendiadys. Ich
behalte hier und überall sonst die poetische Figur bei, wenn es nur
irgendwie der deutsche Sprachgebrauch zulässt.

V. 211. Ridžalen sind die hohen Würdenträger, die Granden am türk.
Hofe.

V. 273. Das schwere Geschütz zog man zu Schiff Donauaufwärts nach
Ungarn, das Gros des Heeres schlug aber, wie immer den Landweg ein.
Übrigens nahm Köprülü I. persönlich an dem ungarischen Feldzuge
nicht Teil.

V. 318. Der Guslar irrt; denn unter den bosnischen Valis kommt erst in
der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrh. ein Köprülü vor (Urenkel
K. I.), der aber bekleidete die Stelle zweimal und hinterliess beim
Volke ein gesegnetes Andenken. Er war gleich seinem grossen Ahnherrn
ein wahrer und uneigennütziger Freund und Beschützer der Juden.

V. 356 und 372. Die Angabe entspricht zutreffend der Machtbefugnis und
dem Amtbereiche eines Stadthauptmannes. Ein militärischer
Bezirkhauptmann alarmiert das Land durch Kanonenschüsse. Die Heerfahne
steckt man bei einer solchen Gelegenheit im freien Felde auf; denn das
Militär darf sich der Frauen und der Zucht wegen nicht innerhalb einer
bewohnten Ortschaft sammeln. Türkische Truppen kennen auch die
Marketenderinnen-Wirtschaft nicht. Fazlagić schliesst als gläubiger
Moslim vor dem Auszug in den Krieg seine Rechnung mit Gott ab. Vor
Beginn einer Schlacht pflegen Hodžen ein Gebet zum Segen der Kämpfer
zu sagen. Džanan und die Mehrzahl der Bošnjaken mochten aber im
Stillen der Ansicht sein, die Tale der Narr offen (im Smailagić Meho)
gegenüber dem Hodža ausspricht: ‘Raspel rascher, du Hodža, deinen
Segen ab! Das Schwert, nicht dein Segen säbelt den Feind nieder!’

V. 424–430. Stereotyp. Diese Rede entspricht mehr dem allgemeinen
Gefühle des bosnischen Volkes als Džanans Lied. Aus den
Guslarenliedern allein gewänne man einen unwahren Eindruck
hinsichtlich der vorwiegenden Volkstimmung. In Wahrheit ist der
Bosnier, nicht minder als der Serbe in Serbien und der Bulgare und
Grieche im grossen und ganzen allen kriegerischen Unternehmungen
gründlichst abgeneigt. Heutigentags pressen die Kleinstaaten jeden
waffenfähigen Mann zum Militär und wenn es dann zum Treffen kommen
soll, erweisen sich die Soldaten als stramme Anhänger der Baronin
Bertha von Suttner und legen »die Waffen nieder«, um ihr kostbares
Leben der Menschheit zu erhalten.

V. 505. Der Glaube ist allgemein, dass die Bewunderung schöner
Mädchen einen Kämpen töten könne. Wer, wie z. B. Tale der Narr,
der Beschreiung leicht unterliegt, geht mit zerfetzten Knieen und
löcheriger Kopfbedeckung einher, auch hilft Knoblauch und eine
Wolfschnauze im Busenlatz getragen. An Abwehrmitteln, besonders an
Besprechungen des bösen Blickes und der Bewunderung ist die
südslavische Folklore-Literatur überaus reich. Der Glaube ist
international, wie die zahllosen Belege der endlosen Abhandlungen
Julius Tuchmanns über ‘Fascination’ in der Mélusine dartun.

V. 518. Nach unserer Stundenzählung um 10 Uhr nachts.

V. 530. Der Guslar legt sich die Episode ungeschlacht zurecht; denn
kein Moslim lässt sich, auch nicht im Scherze, Vater und Mutter
ungestraft beschimpfen. Der Guslar suchte nach einer Entschuldigung
für das unschickliche Schnorrmanöver Džanans und ersann nichts
Besseres als die Ausflucht, dass es auf Geheiss Köprülüs geschehen
sei.

V. 564 und 573 f. Diesen Ausspruch, der in der Guslarenepik nicht
vereinzelt dasteht, darf man getrost als das Urteil des Ackerbauers
über die Helden und Heldentaten bezeichnen.

V. 583. Die auf den Vers folgende Lücke statt des lebhaften
Geberdenspiels des Guslaren, das ich sonst nicht recht andeuten kann.

V. 595. Was ein Guslar unter einem herrschaftlichen Nachtmahl
versteht, muss ich eigens bemerken, um etwaigen übertriebenen
Vorstellungen vorzubeugen. Zu einem herrschaftlichen Nachtmahl gehört
vor allem frischgebackenes weisses Weizenbrot, Hammelbraten, fett, dass
einem der Schmer über den Bart herabrinnt und hartgesottene Eier nebst
Obst (Dunstobst), Branntwein und Wein nebst Kaffee, alles im
Überfluss, damit man sich bis zum Erbrechen vollstopfen kann.

V. 879 ff. Diese Art Ehrensäbel tragen in Goldbuchstaben die
ständige Inschrift: »Im Namen des allbarmherzigen Gottes, der die
Siege verteilt. Dieser Säbel, welcher für die Otomanen das
glänzendste Emblem des Sieges und der Auszeichnung bildet, und auf
Kinder und Kindeskinder übergehen kann, ist von S. Majestät dem
Sultan dem Ghazi ...... Pascha verliehen worden, als Zeichen der
Wertschätzung des Mutes und der Treue, von welchen er während des
siegreichen Krieges gegen ...... Beweise geliefert hat, und mit dem
Wunsche, dass dieses verherrlichende Andenken zu neuen und zahlreichen
Siegen zu führen vermöge.« Der Ehrensäbel ist nicht zu verwechseln
mit »pot muhurom ćorda« (Säbel unter Sigel), der den Besitzer zum
Raub im Grenzlande berechtigte.

Der Ausruf ‘sufur!’ (Schluss) ist vom Sänger. Damit legt er die
Guslen weg, nimmt eine Erfrischung zu sich und stopft sich sein
Pfeifchen an, um zu rauchen. Nach kurzer Erholung, hebt er ein neues
Lied an, wenn er nur Zuhörer findet, denen die Geduld nicht ausgeht.
Ein rechter Guslar setzt einen Stolz darein, als unermüdlich und
unerschöpflich zu gelten.



Wie Mohammed Köprülü Vezier geworden.


Unter den Guslarenliedern meiner noch ungedruckten Sammlung besitze ich
auch sechs grössere im Umfange von mehr als 6000 Versen, die die
Eroberung des Ungarlandes bis hart an Niederösterreich durch die
Türken zum Vorwurf der Behandlung haben und ausschliesslich die
Kämpfe und Heldentaten des Reorganisators der damals dem Zerfall nahen
Türkei, Mohammed Köprülüs schildern.

Bosnier und Herzogländer haben unter der Fahne des Islams an der
Niederwerfung Ungarns teilgenommen. Die Blüte der slavischen Jugend
war in den Reihen der Janičaren vertreten. Vor dreihundert Jahren
mochte es eine Zeitlang scheinen, dass halb Westeuropa bis vor die Tore
von Wien der Serbisierung unterliegen werde. Wären jene kriegerischen
Bewegungen während zweier Jahrhunderte von einer intensiveren
kulturellen Strömung des Slaventums begleitet gewesen, wie dies nicht
der Fall war, so hätte wahrscheinlich ein Teil Europas politisch ein
ganz anders Aussehen gewonnen.

Eingeleitet ward die Bewegung von einem der bedeutendsten türkischen
Staatsmänner aller Zeiten, von dem greisen Mohammed Köprülü. Sein
Auftreten war für Jahrhunderte folgenschwer, und es ist kein Wunder,
dass die Nachkommen jener Krieger, die unter seiner Führung gekämpft,
von jenen für sie glücklichen Tagen noch immer singen und sagen.

Es ist bewunderungwürdig, mit welcher Treue das Gedächtnis des Volkes
ohne schriftliche Behelfe den Gang der Ereignisse jener Zeiten im
Grossen und Ganzen zutreffend festgehalten hat. Zum Vergleiche gebe ich
im Kommentar die zuverlässigen Berichte zeitgenössischer osmanischer
und abendländisch-christlicher Historiographen nach Hammer-Purgstall,
Salamon und dem Siebenbürger Kraus.

Lehrreich ist unser Lied als ein Beispiel, wie sich grosse Ereignisse
in der Vorstellung des Volkes widerspiegeln und als authentisches
Zeugnis für volktümliche Sitten und Gebräuche, Meinungen und
Anschauungen. Unserem Liede wohnt zum Überflusse auch ein nicht
geringer poetischer Gehalt inne.


    Ćupriliću travnički valija.

      Razbolje se sultan Sulejmane
    u Stambolu gradu bijelome
    na svome tachtu u svome devletu
    treći danak šechli ramazana
    na krilu Ibrâhimu sinu.
      Bolovao svega ramazana.
    Kad je bilo u oči bajrama
    onda mu veli sultan Ibrâhime:
      — »Â moj babo sultan Sulejmane!
    bolovao si svega ramazana,
    a večeras u oči bajrama,
    što ti se čini, hoćeš preboliti?
    al ti se čini da ćeš umrijeti?«
      A kaže mu sultan Sulejmane:
    — »Â moj sine sultan Ibrâhime!
    a Boga mi ti ja preboljeti ne ću;
    sada ću ti odma umrijeti!«
      A veli mu sultan Ibrahime:
      — »Â mili babo sultan Sulejmane!
    a što ti žališ što ćeš umrijeti?
    žališ li ovog mjesta čestitoga
    ali svoje butum carevine?
    ali žališ lala i ridžala?
    ali vezira što su ti većili?
    ali svojije devet sultanija?
    ali mene prenejaka sina?«
      A veli mu sultan Sulejmane:
      — »Â moj sine sultan Ibrahime!
    ja ne žalim mjesta čestitoga,
    niti ja žalim svoje carevine,
    niti ja žalim lala i ridžala,
    niti vezira svojije većila
    ni svojije devet sultanija,
    a ni tebe prenejaka, sine. —
    Vam je meni najžalije, sine,
    ostaše mi tri najbolja grada
    a u kaura a u mene n’jesu:
    jedno je Egra a drugo Budime
    a i Semendra niže Biograda. —
    I još žalim hodže Ćuprilića!
    Ono mi je stara lala bila;
    murtati su ga kod mene oplanjkali
    pa sam njega surgun učinio
    preko mora stotinu konaka,
    a i evo ima dvanajs godin dana,
    â po tome ću ti rano umrijeti!
      Vam čuješ li Ibrâhime sine!
    kad ja umrem tu na tvome krilu,
    a doći će hodže a doći će hadžije
    a doći će mule, skupit se kadije,
    opremiće me, Ibrahime sine,
    odnijet me do turbeta, sine,
    do turbeta hazreti Alina,
    do terike hazreti Fatime,
    a ondi će me ukopati, sine.
    a i na me će turbet načiniti.
      Ti pobjegni ot turbeta moga! —
    Kada tachtu i devletu dojgješ,
    zatvori se u tvird kahvaz, sine!
    Doći će hodže, doći će i hadžije,
    vikaće tebe, — nemoj otvoriti.
    Doći će onda mule i kadije,
    vikaće tebe, — nemoj otvorati.
    Doći će onda lale i ridžali,
    vikaće tebe, — nemoj otvorati.
    Doće će onda svi veziri, sine,
    što su mi bili u Stambolu ovgje,
    vikaće tebe, — nemoj otvorati.
      Pa će doći baše jenjičari,
    vikaće onda baše jenjičari:
    »Sultane Ibro, svečevo koljeno!
    oćeš li nama otvoriti vrata?«
    A ti otvori ot kafaza vrata;
    uzeti će te baše jenjičari,
    svečevu će ti hrku zagrnuti
    ustaklut ti tadžu pozlaćenu,
    na moje te mjesto posaditi,
    ej! novijem te carom načiniti!
      Sve će ti izić lale i ridžali
    i veziri i carevi većili
    i pred njima muhur sahibija
    i kod njega paša Seidija.
      To će stâti tri bijela dana,
    sve se čudit lale i ridžale,
    šta će novi care postaviti
    a kakav li će bidat udariti.
      Zacviliće muhur sahibija:
      — »Aman care svečevo koljeno!
    ej, što nas držiš tri bijela dana!
    Podaj dževap kakav hoćeš ovde!«
    Onda care tiho progovara[j]
    »Koje mi je Ćuprilić vezire?«
    Rijet će ti, sine, muhur sahibija:
    »Ovdi ti nejma Ćuprilić vezira;
    a vezir ti je plaho ostario
    a vam ti je vezir kod vandoma svoga!«
      A ti reci muhur sahibiji:
      »Ja mi vezira, ja ću ti posić glavu!«
    A prepast će se muhur sahibija
    a ne će ti umjet ništa pagovoriti
    a rijet će ti paša Seidija;
      »Aman care, svečevo koljeno!
    â tvoj ga je babo surgun učinio
    â preko mora stotinu konaka,
    a evo ima dvanajs godin dana.
    Vam daj nama turali fermana
    i daj nam vade za četeres dana
    a mi ćemo ti dobavit vezira!«
      Podaj sine turali fermana,
    oni će ti hodžu dobaviti.
      A kada ti dojgje Ćuprilić vezire,
    a ti ćeš mu reći sine Ibrâhime:
    »Stara lalo, mila babe moga!
    moj je babo svijet promjenio
    a u mene je tebi selām ostavio.
    Ali to je moja butum carevina
    a uprava tvoja Ćupriliću!
    E da uzmemo Egru i Budima
    a i Semendru niže Biograda,
    da momu babu hator napravimo!«
      I po tom je rano svijet promjenio.
    Hej! to reče sultan Sulejmane;
    hej! umrije na sinovu krilu,
    a procvilje sultan Ibrâhime.
    E, skupiše se hodže i hadžije
    a dojgjoše mule i kadije,
    opremiše cara čestitoga
    i do turbeta cara odnesoše,
    ej, do turbeta hazreti Alina,
    ej, do ferike hazreti Fatime.
    Ej, ukopaše sultan Sulejmana,
    ej, na njega turbet napraviše.
      A pobježe sultan Ibrâhime,
    ali se u tvird kafaz zatvorio.
    Ej dojgjoše hodže i hadžije
    i to ga viču, da otvori vrata,
    al im on vrata otvoriti ne će.
    Pa ga viču mule i kadije,
    on vratâ, otvoriti ne će.
    Pa ga viču lale i ridžale,
    a on ni njima otvoriti ne će.
      Pa veziri, što su u cara većili,
    al im on vrata otvoriti ne će.
      Pa ga viču baše jenjičari:
    — »Sultan Ibro, svečevo koljeno!
    hoćeš li nama otvoriti vrata?«
      Ja otvori se sultan Ibrâhime,
    a uzeše ga baše jenjičari,
    svečevu mu horku zagrnuše,
    ustakoše tadžu pozlaćenu,
    odnesoše ga tachtu i devletu
    i posadiše us ćemliju carsku.
      Ej, teke ga novoga cara načiniše!
    Stale mu lale po divanu i ridžale
    i veziri i što su mu većili
    a i pred njima muhur sahibija
    a i kod njega paša Seidija.
      Već tako ostaše tri bijela dana;
    ej, sve se misle čudom velikijem,
    ’a šta će nam novi care postaviti?
    ej, kakav će bidat nama udariti?’
      Ej, dok procvilje muhur sahibija,
      — »Ej, daj nam dževap care Stambolija!«
    Ondar veli sultan, Ibrahime:
    — »Koje mi je ovdi Ćuprilić vezire?«
    Ondar mu kaže muhur sahibija
    veli: »Baš ti je vrlo vezir ostario,
    eh kot svoga je doma velikoga!«
      Ondar mu veli sultan Ibrahime:
    — »Ja mi daj vezira, ja ću ti pośjeć glavu!«
    Ali se poplaši muhur sahibija
    pa sve šuti, ništa ne govori.
      Ali progovori paša Seidija:
      — »Aman care, svečevo koljeno!
    Tvoj ga je babo surgun učinio
    ej, preko mora stotinu konaka,
    a evo ima dvanajs godin dana.
      Evo daj nama turali fermana
    a i daj nam muchlet četerese dana,
    ali mi ćemo ti dobavit vezira,
    pa eto tebe pa eto ti vezira!«
      E pa im care dade turali fermana,
    ej muchleta četerese dana.
      Fermana uze paša Seidija
    a divan prśće na četiri strane.
      E bržje tirče paša Seidija,
    e dok dotrka u tatare carske
    pa Idriza tatarina traži,
    što ga bržjega u cara ne imade.
    E pa mu daje turali fermana
    a grli ga s obadvije strane:
      — »A Idrizine moj po Bogu brate,
    bržje tirči, Ćuprilića traži,
    a dovedi ga caru čestitome.
    Muchlet ti je, sine, četerese dana!«
      Idriz na se džuzdan udario
    a u džuzdan ferman namjestio;
    ali je brza konja uzjašio.
      Ej brže tirče tatarine carski,
    e, dok dotrka moru debelome,
    e, pokraj mora konja odjašio.
      A brza ga dočeka gjemija.
    U nju śjede tatarine carski
    pa rukama tuče gjemidžiju mlada:
    — »Ej, bržje me vozi, pośjeć ću ti glavu!«
      Ej, brzo igje po moru gjemija.
    E dok debelo more ostavio
    a suhe se zemlje dobavio
    e na gotova konja uzjašio,
    pa poteče pokraj mora hladna.
      Ej, rano bijaše, još sunašca ne bješe,
    e dok mu se mrke oči otkidoše
    i dok vigje pokraj mora hladna
    a jednoga stara ichtijara
    bijele brade a sivaste glave,
    a na njemu zelene libáde;
    zasukuje uz ruke rukave
    e da prihfati turski avdes na se.
      A tatar mu turski selam viknu,
    a njemu dedo selam prihfatio
    pa niz bradu mu suze udariše
    kajno kiša niz jelovo granje.
      Začudi se tatarine carski
    pa zastavi brza konja svoga:
    — »Ichtijaru, obadva ti sv’jeta
    što toliko grozne suze truniš?«
      A cvileć mu dedo govorio:
      — »Ej, kako ih ja patrunit ne ću,
    kad imade dvanajs godin dana
    a ne vidio carskog tatarina
    ni na njemu carskoga fermana?
      A i ja sam ih mlogo načinio
    kot cara sultan Sulejmana!
    Ej, doklem si se zamučio sine,
    te ferman nosiš, brze konje gonjaš?«
      A on mu kaže: »Ćuprilića tražim.«
      Onda dedo tiho progovara:
      — »Ja sam glavom Ćuprilić vezire!«
      Carski tatar konja odjašio
    a izvadi careva fermana
    pa ga dade Ćuprilić veziru,
    a vezir ga poljubio triput
    pa ga je śpuśćo na zelenu travu
    pa uze turski avdes na se.
    Pa rasklopi careva fermana
    pa ga uči a suze prol’jeva,
    jera mu piše turali fermane:
        »Ćupriliću, carev kachrimane,
        bržje hajde do Stambola grada!«
    Odmah vezir na noge skočio,
    s tatarom do gjemije sijgje,
    śjedoše na gjemiju brzu.
      Gjemidžija poćera gjemiju.
    Ej, debelo more zdravo prebrodiše,
    ali se suhe zemlje dobaviše
    a debele konje pojašiše.
      E, bržje tirče tatarine carski,
    za njim tirče Ćuprilić vezire,
    a sve tirče a tatara viče:
    — »Lahko, lahko Idriz tatarine!
    ali su moje kosti poharane
    a moja je džogda izderana
    a moje su poizdale ruke
    i obadvije mi noge opadoše;
    ne mogu se dajanisati, sine!«
      A veli mu tatarine carski:
      — »Gajret hodža, ako Boga znadeš!
    ako projgje četerese dana
    a ti ne dojgješ do Stambola grada
    a sa mene će moja odletjeti glava!«
      A kaže mu Ćuprilić vezire:
      — »Bre ne boj se Idriz tatarine,
    dok je sa tobom Ćuprilić vezire,
    bre tebe bolan, car pośjeći ne će;
    a mlad tatar rad hatora moga,
    da ostaneš i stotinu dana!«
      To beśjede, jašu na paripe
    dok dojgjoše do Stambola grada.
      Birdan vezir pret cara izijgje
    te je caru poletio skutu
    a car njega uhfati za ruku:
      — »Stani dera, moja lalo pravo,
    ne prihodi blizu skuta moga!
    Te moj babo svijet promjenuo
    a u mene tebi selâm ostanuo.
    Butum je moja carevina
    a uprava tvoja u Stambolu!
    A da uzmemo Egru i Budima
    i Semendru niže Biograda!
    Aman, hodža, do tri carska grada
    a ostadoše sva tri u kaura!
    Po tom je rano svijet promjenuo.
      Da uzmemo do tri grada carska,
    da mu mrtvu hator napravimo!«
    Pa izvadi carev muhur care,
    muhur daje Ćuprilić veziru,
    e da mu bude muhur sahibija.
      E ne će mu ga hodža Ćuprilija,
    jer je triput carev muhur pokučio,
    triput vezir muhur povratio.
      — »Stani dera, padišahu dragi!
    nije lahko ni pogledat u te
    a kamo li s tobom govoriti.
    ali danas valja govoriti!
    Padišahu, muhura ti ne ću,
    a ništa ti ni upravljat ne ću,
    a ti ako mene poslušati ne ćeš
    e što ću tebe care govoriti!«
      Ondar veli sultan Ibrâhime:
    — »E de govori Ćuprilić vezire,
    e de govori, štogod tebi drago!«
      Ondar veli Ćuprilić vezire:
      — »Oćeš li mi izun dati ovgje,
    što mi rečeš, da poreći ne ćeš?«
    — »Bogme ne ću, Ćuprilić vezire,
    što car rekne, — nije slagat carsko.«
      Ondar vezir śjede beśjediti:
      — »Daj mi muchlet četerese dana,
    štogod radim, da prikratit ne ćeš!«
    Dadne mu muchlet četerese dana,
    neka radi štogod njemu drago.



      Al se vrati Ćuprilić vezire
    i povika pašu Seidiju:
      — »Â dovedi mi četiri telala!«
    A dojgjoše mu četiri telala.
    Onda hodža Ćupriliću viknu:
      — »Čujete li četiri telala,
    vi vičite po Stambolu gradu:
    »štogod ima u Stambolu lalâ,
    ima lalâ i ima ridžalâ
    i vezirâ, carskije većilâ
    i pred njima Achmedaga stari,
    što je prvi ot svije vezira,
    što je starji ot svije ridžalâ,
    što je višji ot svije lalâ:
    ima u cara i džamija stara,
    e sve neka igju u džamiju staru!
    Car je tako teftil načinio,
    jera će car njekud vojevati;
    valja im tudje pare dijeliti!«
    Potekoše četiri telala;
    vikaše tri bijela dana,
    dojgjoše Ćuprilić veziru:
      — »Ćupriliću, stara carska lalo!
    sve smo zbili u džamiju staru!«
      Ondar skoči Ćuprilić vezire,
    ondar sabra trideset dželata
    i pred njima dželadbaša Ibru;
      Pa mu kaza Ćuprilić vezire:
    — »Dželadbaša ot trides dželatâ,
    ajd da igjemo pred džamiju staru!
    Stanut ćemo pred džamijom starom.
    Kogod bude u džamiji staroj,
    pa izijgje iz džamije, Ibro,
    a odnese na ramenu glavu,
    onda će se tvoja pośjeć Ibro.
    E, vam ničje nemoj ostaviti!«
      E pa sijgjoše pred džamiju staru.
    Pa postade tridese dželata
    i pred njima dželadbaša Ibro
    i kod njega Ćuprilić vezire.
      A spremiše na vrata telala;
    a telal viknu pred džamijom starom:
      — »Ishodite iz džamije stare!
    Car vas zove na rosnu jaliju!«
      Navališe lale i ridžale
    i veziri, carevi većili.
    Koj izijgje iz džamije stare,
    svoje glave na ramenu nejma.
    Sve izijgje iz džamije stare,
    ali nejma lale Achmedage,
    što je lala ot svije ridžala,
    što je starji ot svije vezira.
      Onda viknu Ćuprilić vezire:
    — »Unijgji der dželadbaša Ibro,
    unijgji der u džamiju staru,
    izvedi mi Achmedagu lalu!«
      Dok zacvilje Achmedaga lala:
      — »Dželadbaša, moj po Bogu sine!
    ne uzmi mi sa ramena glavu,
    a eto me pred džamiju staru!«
      A veli mu dželadbaša Ibro:
      — »Hajd slobodno Achmedaga stari!«
      Pomoli se Achmeda stari
    bjele brade a sivaste glave,
    u glavi mu zuba ne imade,
    na glavi mu achmedija stara.
      Sabljom mahnu dželadbaša Ibro,
    sabljom mahnu, ośječe mu glavu;
    glava mu pade u zelenu travu,
    a z glave mu pade achmedija.
      Kad na glavi križi i maiži
    i na glavi krsti četvertaki!
      A zaplaka Ćuprilić vezire
    a prihvati od Achmeta glavu:
      — »Hvala Bogu i današnjem danu,
    vigjoh glavu Achmedage starog!
    Evo mi je mene surgun učinio
    a ot cara sultan Sulejmana,
    e preko mora stotinu konaka,
    evo ima dvanajs godin dana!
      Sultan Suljo svijet promjenio
    a osto mu sultan Ibrahime.
    Sultan Ibro mene dobavio,
    ja ću mu babi hizmet učiniti,
    ja ću mu mrtvu hator napraviti!«
      Pa poteče caru čestitome,
    mrtvu glavu nosi u rukama
    pa je baci sultan Ibrahimu;
    blizu pade kot koljena carskog:
      — »Eto care murtatina tvoga!
    eto care dušmanina moga!
    On ti ne da Egre ni Budima
    ni Semendre nižje Biograda!
    On je mene surgun učinio.
    Bog dade, on izgubi glavu!
      Sada ću ti tertib učiniti,
    babi ću ti hator napraviti.
    Gradi care turali fermana!«
    Car načini turali fermana.
    I još mu veli Ćuprilić vezire:
      — »Šalji ga Bosni kalovitoj,
    bijelu Sarajevu gradu
    na ruke gazi Rustanbegu,
    nek digne butum Bosnu listom.
    I piši mu u fermanu svome,
    nek ne piše u majke jedinka,
    nek ne diže u cara na vojsku.
    I koji se skoro oženio,
    i onoga neka śjedi s mirom;
    jer će ostat majke kukajući
    a kadune mlade plakajući;
    klet će tebe sultan Ibrahime
    i onoga ko je naredio.
    Ti spremio a ja naredio.
    Hrgjava nam more dova doći!
      Nek ti digne butun Bosnu ravnu,
    sve ot sela po dva sejmenina
    a ot kasabe po sedam sejmena.
    Pa nek igje silovita vojska,
    sultan care, niže Temišvara,
    gje utiče u Dunavo Sava
    a pod Budim bijeloga grada.
    Najpre ćemo Budim uzimati.
    Sada gradi drugoga fermana,
    proturi ga na Hercegovinu
    pa na ruke begu Ljuboviću.
      Nek podigne svu Hercegovinu,
    nek ne piše u majke jedinka,
    ni koji se skoro oženio;
    jer će stare zakukati majke
    a kadune zaplakati mlade,
    tebe kleti care ot Stambola
    i onoga ko je naredio.
    Ti si spremo a ja naregjivo
    pa nam more zla dova dooći!
      Kada digne svu Hercegovinu
    sve ot sela po dva sejmenina
    a ot kasabe po sedam sejmena.«
    Tada care ferman načinio.
    Onda veli Ćuprilić vezire:
      — »Sabur malo sultan Ibrâhime!
    ej dok spremim dva fermana carska,
    jedan pravo Bosni kalovitoj
    a Sarajvu gradu bijelome,
    ali drugi na Hercegovinu.«
      Od’ vezire u tatare carske
    i on diže dva tatara mlada
    i opremi dva fermana carska.
    Kad odoše dva fermana berza,
    jedan sijgje šeher Sarajevu
    na ruke gazi Rustanbega.
      Śjede pisat Bosnu kalovitu,
    al ne piše ko što ferman kaže,
    da ot sela po dva sejmenina,
    a ot kasabe po sedam sejmena,
    veće piše kako je njemu drago:
    sve ot sela po sedam sejmena
    a ot kasabe po sedam bajraka.
    I on piše u majke jedinka
    i koji se skoro oženio.
      Drugi sijgje na Hercegovinu.
      Piše vojsku beže Ljuboviću.
    I on piše kako je njemu drago,
    a ne piše kako ferman kaže;
    vet ot sela po sedam sejmena
    a ot Kasabe po sedam bajraka.
      Pa popisa od majke jedinka
    koji se je skoro oženio.
    Ondar veli Ćuprilić vezire:
    — »Čuješ care, čuješ padišahu,
    Bosna ti je ohrdana stara
    a Bošnjaci potrebni junaci.
      A da me care hoćeš poslušati
    da spremiš za hašluka parâ,
    neka ti more svak na vojsku pojti!«
      I car spremi gotovoga mala,
    na kature natovari, pobro,
    a opremi šeher Sarajevu
    pravo gazi Rustanbegu,
    da dijeli svakome junaku,
    neka more svako na vojsku pojti.
      Odoše is Stambola grada,
    sve kature šeher Sarajevu.
    Pa se bio petak pregodio,
    gazi Rustan u džamiji bio,
    iz džamije tamam ishodio
    kat katura k’ džamiji dojde.
    O njoj sitna visi bujruntija;
    šta mu sitna bujruntija piše?
    Sve katura u katuru puše.
    Teke prva pred džamiju sijgje,
    stražnja na dno Čemaluše bila.
      Okrenu je gazi Rustanbeže,
    na goricu otovari mala,
    na goricu pare dijelio,
    najgoremu kako najboljemu,
    svakome pravo kako bratu svome.
      Ondar veli Ćuprilić vezire:
    — »Da spremamo ot Stambola vojsku!«
    Ode vojska ot Stambola grada,
    pravo sijgje niže Temišvara,
    gje utiče u Dunavo Sava.
      Ej, pod Budima bijeloga grada
    e, leža vojska dva mjeseca ravna.
    Kada dojgje gazi Rustanbeže
    i dovede butum Bosnu pustu.
      I čekaše jedan mjesec dana
    dok beže Ljuboviću sijgje
    i dovede svu Hercegovinu.
      Opletoše od boja koševe,
    a izdigoše halkali topove,
    okrenuše bijelu Budimu.
      Preko Save i preko Dunava
    biše Budim četiri mjeseca
    a ne mogu mu ništa učiniti.
    Ne odbiše kreča ni kamena,
    kamo li će beden odlomiti;
    al ne znadu otklem su mu vrata.
    Onda gazi Rustanbeže kaže:
      — »E, da se malo zastavimo ovgje,
    e, da spremimo jednu bujruntiju
    do Stambola grada bijeloga,
    do careva mjesta čestitoga
    a na ruke sultan Ibrâhimu
    i njegovu Ćuprilić veziru!«
      Poslušaju gazi Rustambega,
    ustaviše od boja topove.
      Beže tanku bujruntiju piše,
    pod nju brza tatarina viče:
      — »Jaši konja, naj ti bujruntiju
    nosi do Stambola grada,
    i carevu mjestu čestitome!
      Pa se nemoj bolan prevariti
    pa je kome drugom pokloniti;
    podaj je pravo caru stambolskome
    ja njegovu Ćuprilić veziru;
    a vidjet ćeš šta im sitna piše!«
      Hitar tatar konja uzjašio
    a prifati sitnu bujruntiju
    pa pobježe ispot Temišvara.
      Goni dobro konja od mejdana,
    doćera ga do Stambola grada,
    do carskoga mjesta čestitoga.
    Konja sjaše, uze bujruntiju,
    pravo tachtu i devletu tarče,
    gje no sultan śjedi Ibrâhime.
      Opazi ga Ćuprilić vezire,
    jer se cara prigodio blizu;
    tamo vezir na noge skočio
    pa dočeka tatarina carskog:
      — »Stan tatare, izgubio glavu,
    dok upitam cara čestitoga,
    je l ti izun pred njega izići!
    Jazuk ti je poginuti mladu!«
      Ustavi se carski tatarine.
    Još mu veli Ćuprilić vezire:
      — »Otklem igješ, ot koga si grada?«
    A tatar mu dževap učinio:
    — »Od daleka, ispot Temišvara,
    gje no utiče u Dunavo Sava,
    gje no carska na okupu vojska
    i pred njima gazi Rustanbeže.
    Jednu nosim tanku bujruntiju.«
    Ondar veli Ćuprilić vezire:
      — »Daj tatare tanku bujruntiju!«
    A veli mu tanak tatarine:
      — »Odmakni se ihtijaru carski!
    tebi ne dam tanke bujruntije,
    samo caru u njegove ruke,
    ja nekakvu Ćuprilić veziru!«
      Nasmija se Ćuprilić vezire,
    pa tatara za bijelu ruku,
    uvede ga caru čestitome.
    Ondar tatar jami bujruntiju
    pa je sultan Ibrahimu daje
    pa pobježe hodaji na vrata.
      Ondar veli sultan Ibrahime:
      — »Ćupriliću moja lalo stara!
    prekiti mi tanku bujruntiju!«
      Al je gleda Ćuprilić vezire
    spored njega care Ibrahime.
      — »Gradio je gazi Rustambeže,
    spremio je u cara na ruke.
    Eto care tanka bujrintija!
    »Nikad ne ćeš uzeti Budima.
    ne moremo ništa učiniti,
    niti znamo otklem su mu vrata
    preko Save i preko Dunava.« —
    Ondar veli Ćuprilić vezire:
      — »Čuješ mene care ot Stambola
    sad i meni valja putovati
    i ti care Stambol ostaviti!
      Valja ići niže Temišvara,
    da vidimo što nam čini vojska,
    moremo li išta učiniti.
      Valja care uzeti Budima,
    valja care hator napraviti
    tvome babi sultan Sulejmanu!«
    A veli mu sultan Ibrahime:
      — »Vezire, kako tebi drago!
    Jesam li ti govorio davno,
    da je, bolan, moja carevina
    a uprava Ćuprilić vezira!
    da uzmemo Egru i Budima
    i Semendru niže Biograda!«
      Ondar vezir na noge skočio
    i opremi se kot Stambola grada.
    Kod njega sultan Ibrahime.
    Ostaviše pašu Seidiju
    na većinstvu cara čestitoga
    pa odoše ot Stambola grada.
      Kudgogj išo Ćuprilić vezire
    spored njime sultan Ibrahime.
    Pa sijgjoše niže Temišvara
    gje no utiče u Dunavo Sava,
    gje no carska na okupu vojska
    i pred njima gazi Rustanbeže
    ot Sarajva bijeloga grada.
    Za njim beže Ljuboviću,
    što je pravo ot Hercegovine.
      Gleda vojsku care ot Stambola,
    rastavljalo na četiri strane.
      Ondar veli sultan Ibrahime:
    — »Ćupriliću moju lalo prava,
    oklem ti je koja vojska ovde?«
    Kazuje mu Ćuprilić vezire.
    Govori mu sultan Ibrahime:
      — »Oklem ti je ona silna vojska
    što no ljude srma pritisnula?
    što no konje srma pritisnula?«
      Ondar veli Ćuprilić vezire:
      — »Ono ti je butum Bosna ravna,
    ondar su ti sve Bošnjaci sami.
    Ondar sultan Ibrahime kaže:
      — »Ćupriliću moja lalo prava,
    megjer nije ni ko što mi ti kažeš!«
      Veli mu Ćuprilić vezire:
      — »Kako care, ako Boga znadeš!«
    — »Ta ti kažeš Bosnu kalovitu,
    da Bošnjaci potrebni junaci;
    vidi, njika srma pritisnula!
    a vid konje srma pritisnula!«
      Ondar vezir Ćupriliću kaže:
    — »Čuješ care što ću beśjediti?
    naki je adet u Bošnjaka.
    Prodadoše gjegod šta imadoše,
    odma srmu na se udariše
    i poda se konja nabaviše,
    kadno pojgju u tebe na vojsku
    ondak se tebi u jardumu najgju,
    kat ti care do obraza dojgje.
      Kada sijgješ butum Bosni ravnoj,
    gje su svoje ostavili majke,
    neki majku, neki sestru mladu,
    neki care, vijernicu ljubu, —
    a, kakve su im kuće načinjene!
      Naokolo plotom opletene
    a ozgar malo slamom pokrivene
    a bakreno ni derveno nejma,
    veće jede iz zemljana suda!«
      Ondar kaže sultan Ibrahime:
      — »Sat što ćemo od života svoga?
    Kako ćemo Budin prehfaćati?«
    Ondar veli Ćuprilić vezire:
      — »Čekaj  malo  care ot Stambola!«
      Pa on najgje dva telala mlada,
    pa viknuše na četiri strane:
      — »Ko će se ovde junak nahoditi,
    da prepliva Dunavo i Savu,
    pa da dojgje do Budima grada
    i da vidi oklem su mu vrata?«
      Viknuše dva telala mlada,
    povikaše dva sahata ravna,
    niko dževap učiniti ne će.
      Progovori beže Ljuboviću,
    što se kaže ot Hercegovine:
      — »Ćupriliću dragi gospodaru!
      ja ću plivat Savu i Dunavo,
    našemu caru hizmet učiniti
    e da se nikad i povratiti ne ću!«
      Pa skida sa sebe haljina,
    na debelu nagazio Savu,
    prepliva Savu i pliva Dunavu.
    Tamâm Savi na srijedu dojgje,
    dok na jedno čudo udario:
    na Savi curu opazio
    a niza Savu nogu opružila,
    na nogama gjergjep namjestila,
    na njemu razapela platno.
      Ugledala bega Ljubovića,
    ugledala pa je govorila:
      — »Doklem hoćeš beže Ljuboviću?
    Zar te care spremio Budimu?
    vet da mu vrata tražiš od Budima?
    Ja vrati se glavu izgubio!
    ti ne moreš Save preplivati
    plahe Save, široko Dunavo!
      Vam se vrati caru čestitome
    kod njeg ima Ćuprilić vezire.
    Selam ćeš mi Ćuprilić veziru,
    vi u polju nojcu prenoćite
    a u jutru rano uranite.
      Pa ti reci Ćuprilić veziru,
    neka digne butun vojsku carsku,
    neka svako uzme turski avdes na se
    i pred njima sultan Ibrahime,
    za njime Ćuprilić vezire;
    pa klanjajte sabah na uranku.
    Kad klanjate, dovu učinite,
    pogledajte bijelu Budimu,
    vidjet ćete vrata od Budima,
    uzet ćete bijela Budima!«
      U nju gleda beže Ljuboviću,
    zlatne u cure do lakata ruke
    a niz legja zlatne kose kaže.
    I ne stade lijepe djevojke!
      To se beže čudom začudio,
    na kakvo je čudo nagazio
    pa se vrati preo Save ravne.
      Kad izijgje niže Temišvara,
    što mu kaže Ćuprilić vezire?
      — »Jesi l išo beže Ljuboviću?
    jesi l došo preo Save brže?«
    A šjede mu kazivati beže
    na kakvo je čudo udario.
      Pa je tude silna prenoćila vojska;
    pa u jutru rano podranili.
      Odma skoči Ćuprilić vezire.
    Turska vojska avdes prepatila
    a pred njima sultan Ibrahime,
    za njime Ćuprilić vezire,
    pa klanjaše sabah na uranku.
      Kat su dovu učinili bili
    pa pogleda Ćuprilić vezire,
    ugleda vrata od Budima,
    otvorena obadva kanata!
      Ondar veli Ćuprilić vezire:
      — »Eno care vrata od Budima!«
    Pa udrila silovita vojska.
    Odma Budim prepatiše carski.
      Otalem pokrenuše vojsku
    ravnoj Egri dvanajes sahata.
      Tu na Egru udariše turci,
    bogami je vlasi dočekaše.
      Tu se bila zametnula kavga!
    Dženak bio za sedam sahata.
    Sve kleptala ćemerlija kriva,
    doline se krvi natočile!
    Dok i Egru prepatiše turci
    i šehita dosti ostaviše!
      Otale se podignula vojska
    pa sijgjoše niže Biograda.
      Na Semendru udariše staru,
    najposlije su je vlasi prihfatili
    prije Egre i prije Budima
    pa najbolji beden načinili.
    Pa se brane sa četiri strane
    tope pale ot Semendre ravne.
    Tu se malo poharala vojska.
    Dženak bio i četiri dana.
    Tu se rani beže Ljuboviću.
    Pokopaše sve turske šehite
    i Semendru pripatiše turci.
    Otalem se pokrenula vojska.
    Pred njima sultan Ibrahime,
    za njime Ćuprilić vezire,
    za njime gazi Rustam beže,
    spored njime beže Ljuboviću.
    Pa sijgjoše do Stambola ravna
    do careva tachta i devleta.
      Tude bješe jedan mjesec dana,
    tursku svakut raspustiše vojsku,
    mrtvu caru hator napraviše,
    mrtvu caru sultan Sulejmanu.
      Ondar veli sultan Ibrahime:
      — »Ljuboviću ot Hercegovine!
    eto tebi sva Hercegovina,
    da ti ništa uzimati ne ću,
    malo vakta, dvanajs godin dana,
    ni bijele pare ni dinara!«
      Onda veli gazi Rustambegu:
      — »A gazijo ot Sarajva ravnog!
    Hajde jadan šeher Sarajevu,
    džamiju si novu načinio
    a ja ću platit a ti si poharčio.
      A što džamija ima u Sarajvu
    a svakoj ćeš biti nadzordžija
    od vakufa u šeher Sarajvu,
    da ti ništa uzimati nejma
    Stambul gradu bijelome
    doklegod je turska Bosna ravna!«
      A beśjedi Ćuprilić veziru:
      — »A veziru moja lalo prava,
    što ću tebi pekšeš učiniti?«
      Ondar veli Ćuprilić vezire:
      — »Što ti hoćeš dragi sultan Ibrahime?«
    Ondar veli sultan Ibrahime:
      — »Hajde pravo Bosni kalovitoj
    i Travniku gradu bijelome,
    ondi budi na Bosni valija!«
      Ode vezir bijelu Travniku
    a gazija šeher Sarajevu
    a Ljubović na Hercegovinu,
    osta care na devletu svome.



    Von Köprülü, dem Vali in Travnik.

      In Krankheit fiel der Sultan Suleimân
    in seiner weissen Herrscherstadt Istambol
    auf seinem Throne wohl in seinem Reiche
    am dritten Tag des Monats Rāmazân,
    wohl auf dem Schosse Ibrahîms des Sohnes.
      Er kränkelte den ganzen Rāmazân.
    Am Abend vor des Bajramfestes Anbruch,
    da sprach zu ihm der Sultan Ibrahîm:
      — »O hör’, mein Vater Sultan Suleimân!
    du kränkelst nun den ganzen Rāmazân;
    heut abends vor des Bajramfestes Anbruch,
    was meinst du nun, wirst du die Krankheit meistern?
    wie? oder meinst du, dass der Tod dir naht?«
      Darauf bemerkt ihm Sultan Suleimân:
      — »Mein lieber Sohn, o Sultan Ibrahîm!
    bei Gott, die Krankheit übersteh’ ich nimmer,
    im Augenblicke werd’ ich dir versterben!«
      Da spricht zu ihm der Sultan Ibrahîm:
      — »O liebster Vater, Sultan Suleiman!
    was schafft dir soviel Leid in deinem Sterben?
    hat Leid dein Herz um diesen Ort des Heiles?
    tut leid dir deine ganze Kaiserherrschaft?
    tut leid dir um die Lalen und Ridžalen,
    um deine Stellvertreter, die Veziere?
    leicht um die neun erwählten Sultaninnen?
    leicht gar um mich den Sohn, den zarten Jüngling?«
      Da sagt zu ihm der Sultan Suleimân:
      — »O du mein Sohn, o Sultan Ibrahîm!
    ich trag kein Leid um diesen Ort des Heiles,
    und kenn’ kein Leid um meine Kaiserherrschaft
    und hab’ kein Leid um Lalen und Ridžalen,
    noch um Veziere, meine Stellvertreter,
    noch um die neun erwählten Sultaninnen,
    auch nicht um dich, mein Sohn, den zarten Jüngling!
      Doch mir, o Sohn, am meisten liegt am Herzen:
    drei beste Städte sind zurückgeblieben
    in Kafirhänden, aber nicht in meinen;
    die eine Erlau und die and’re Ofen,
    dazu Seméndra tieferwärts von Belgrad. —
    Auch tut’s mir leid um Köprülü den Edlen!
    Das war ein alter Diener seines Herrn!
    Verräter hatten ihn bei mir verleumdet,
    ich hab’ ihn dann geschickt in die Verbannung
    weit übers Meer an hundert Lagerrasten;
    zwölf Jahre sind seit damals schon verflossen,
    und darum werd’ ich nun zu früh versterben!
      Doch horch der Rede, Ibrahîm, mein Sohn!
    Sobald ich hier auf deinem Schoss’ entschlumm’re,
    erscheinen hier die Hodžen und die Hadži,
    die Mollah auch, es sammeln sich die Kadi;
    ausstatten wird man mich, o Söhnchen Ibro,
    forttragen wird man mich, o Sohn, zum Grabmal,
    zum Denkmal auf dem Grab des heiligen Ali,
    zum Inschriftstein der heiligen Fatîm,
    und dort, mein Sohn, dort wird man mich begraben,
    und auch ein Grabmal wird man auf mich setzen.
      Du aber flieh davon von meinem Grabmal! —
    Und wie du kommst zum Thron und Reichpalaste
    verschliess dich in den festen Käfig, Sohn!
    Bald kommen nach die Hodžen und die Hadži
    und rufen dich, — du öffne ihnen nicht!
    Dann kommen nach die Mollah und die Kadi
    und rufen dich, — du öffne ihnen nicht!
    Dann kommen nach die Lalen und Ridžalen
    und rufen dich, — du öffne ihnen nicht!
    Dann, Sohn, dann kommen alle die Veziere,
    die hier mir Dienst geleistet in Istambol,
    und rufen dich, — du öffne ihnen nicht!
      Letzt kommen auch die Janičarenbaschen;
    und rufen dich die Janičarenbaschen:
    »O Sultan Ibrahîm, Prophetensprössling!
    Magst du selbst uns die Türe nicht eröffnen?«
    Dann endlich riegle auf des Käfigs Türe;
    dich nehmen drauf die Janičarenbaschen
    und hüllen dich in des Propheten Mantel,
    und stülpen dir aufs Haupt die goldene Mütze
    und setzen dich auf meinen Platz hinauf!
    Traun! sie erheben dich zum neuen Kaiser!
      Es werden alle Lalen und Ridžalen
    und die Veziere und die Stellvertreter,
    geführt vom Siegelhüter, hier erscheinen,
    an seiner Seite Pascha Seïdi.
      Das wird wohl gut drei weisse Tage währen,
    und Wunder nimmt’s die Lalen und Ridžalen,
    was wohl der neue Kaiser wird verordnen,
    was für Erlässe er nun wird verkünden.
      Aufjammernd wird der Siegelhüter fragen:
      — »O Gnade, Kaiser, o Prophetensprössling!
    was spannst du uns drei weisse Tag’ auf Folter!
    gewähr uns hier Bescheid nach Lust und Liebe!«
    Dann, Kaiser, sprich mit leiser Stimme also:
    »Wer unter Euch ist Köprülü der Vezier?«
    Zur Antwort gibt dir wohl der Siegelhüter:
    »Hier weilt dir nicht Herr Köprülü der Vezier;
    der Vezier ist schon hochbetagt bei Jahren,
    der Vezier weilt auf seinem Meierhofe.«
      Darauf entgegne du dem Siegelhüter:
      »Den Vezier her, sonst hau’ ich dir das Haupt ab!«
    Der Siegelhüter wird darob erschrecken,
    er wird betroffen, fassunglos verstummen;
    nun wird dir sagen Pascha Seïdi:
      — »O Gnade, Kaiser, o Prophetensprössling!
    o weh, dein Vater selbst hat ihn verbannt,
    ach! über’s Meer an hundert Lagerrasten;
    zwölf Jahre sind seitdem schon hingeflossen.
    Gewähr uns einen Ferman mit dem Namen,
    gewähr uns auch die Frist von vierzig Tagen,
    wir schaffen dir den Vezier her zur Stelle!«
      O Sohn, erteil den Ferman mit dem Namen,
    sie werden dir den Hodža her verschaffen.
      Und wann dir anlangt Köprülü der Vezier,
    sprich so zu ihm, mein Söhnchen Ibrahim:
    »O alter Lala meines teuren Vaters!
    mein Vater tauschte diese Welt mit jener,
    doch liess bei mir er einen Gruss für dich.
    Gehört mir auch das ganze Kaiserreich,
    ist die Verwaltung, Köprülü, doch dein!
    Lass Erlau uns erobern und auch Ofen,
    dazu Seméndra tieferwärts von Belgrad!
    erfüllen wir des Vaters Wunsch und Willen!«
      Da tauschte früh er diese Welt mit jener.
    O weh! so sprach der Sultan Suleimân;
    o weh! er starb auf seines Sohnes Schosse,
    und jammernd schluchzte Sultan Ibrahim.
      Es sammeln sich sie Hodžen und die Hadži,
    es kommen an die Mollah und die Kadi,
    sie statten aus den wackersten der Kaiser
    und tragen fort den Kaiser hin zum Grabmal,
    ja wohl, zum Grabmal hin des heiligen Ali,
    zum Säulenstein der heiligen Fatim.
    Sie bargen Sultan Suleimân ins Grab
    und stellten über ihm ein Grabmal auf.
      Da floh davon der Sultan Ibrahim
    und schloss sich ein in seinem festen Käfig.
    Nun kommen her die Hodžen und die Hadži,
    und rufen ihn, er soll die Tür eröffnen,
    doch mag er ihnen nicht die Tür eröffnen.
      Dann rufen ihn die Mollah und die Kadi,
    eröffnen mag er ihnen nicht die Tür.
      Drauf rufen ihn die Lalen und Ridžalen,
    selbst ihnen riegelt er nicht auf die Tür.
      Es nah’n die Stellvertreter, die Veziere,
    eröffnen mag er ihnen nicht die Tür.
      Letzt rufen ihn die Janičarenbaschen:
      — »O Sultan Ibrahim, Prophetensprössling!
    magst du selbst uns die Türe nicht eröffnen?«
      Nun schloss sich auf der Sultan Ibrahim;
    es nahmen ihn die Janičarenbaschen,
    und hüllten ihn in des Propheten Mantel
    und stülpten auf sein Haupt die gold’ne Mütze
    und trugen ihn zum Thron und Reichpalaste
    und setzten ihn wohl auf den Kaiserstuhl,
    und, traun, erhoben ihn zum neuen Kaiser!
      Zum Divan nah’n die Lalen und Ridžalen
    und die Veziere, seine Stellvertreter,
    an ihrer Spitze steht der Siegelhüter,
    an seiner Seite Pascha Seïdi.
      So harrten sie vor ihm drei weisse Tage,
    und bald geraten sie in mächtig Wundern:
    »Was wird der neue Kaiser uns verordnen!
    was für Erlässe wird er uns verkünden?«
      Aufjammernd sprach zuletzt der Siegelhüter:
      — »O gib Bescheid uns, Kaiser von Istambol!«
    Nun sprach das Wort der Sultan Ibrahim:
      — »Wer ist mir hier Herr Köprülü der Vezier?«
    Darauf entgegnet ihm der Siegelhüter:
      — »Fürwahr, der Vezier ist schon sehr gealtert,
    er weilt auf seinem grossen Meierhofe!«
      Darauf zu ihm der Sultan Ibrahîm:
      — »Den Vezier her, sonst hau’ ich dir das Haupt ab!«
    Vor Furcht erbebend steht der Siegelhüter
    und schweigt beklommen, spricht kein einzig Wörtchen.
      Da nahm das Wort der Pascha Seïdi:
      — »O Gnade, Kaiser, o Prophetensprössling!
    Dein Vater schickte fort ihn in Verbannung,
    weit übers Meer an hundert Lagerrasten,
    zwölf Jahre sind seitdem schon hingeflossen.
      Gewähr uns einen Ferman mit dem Namen,
    gewähr uns eine Frist von vierzig Tagen,
    wir schaffen dir den Vezier her zur Stelle;
    dann sitzst du da, dein Vezier steht vor dir!«
      Der Kaiser gab den Ferman mit dem Namen
    und liess auch eine Frist von vierzig Tagen.
      Es nahm der Pascha Seïdi den Ferman,
    nach allerwärts zerstiebt sodann der Divan.
      Schnellfüssig rennt der Pascha Seïdi,
    er rennt in das Tatarenheim des Kaisers
    und fragt nach Idris, nach dem Hof-Tataren,
    dem allerflinksten Hofkurier des Kaisers.
    Drauf gibt er ihm den Ferman mit dem Namen,
    und küsst und herzt ihn ab auf beide Wangen:
      — »O Idris, sei durch Gott mir wahlverbrüdert!
    renn schleunigst, such mir auf den Köprülü
    und führ ihn vor den Kaiser, Heil mit ihm!
    Du hast, o Sohn, die Frist von vierzig Tagen!«
      Da hing sich Idris um die Reisetasche,
    verbarg den Ferman wohl in seiner Tasche
    und schwang im Nu sich auf das schnelle Ross.
      Ei, rennt da hurtig der Tatar des Kaisers
    und kommt gerannt zur dicken Flut des Meeres,
    am Meergestade steigt er ab vom Rosse.
      Ein schnelles Ruderschiff empfing ihn allda,
    drin liess sich der Tatar des Kaisers nieder
    und schlug mit Händen auf den jungen Schiffer:
      — »Fahr rascher zu, sonst hau’ ich dir das Haupt ab!«
      Ei, schnell durchfurcht das Schiff des Meeres Wellen!
    Sobald als er das dicke Meer verlassen
    und auf der trocknen Erde Fuss gefasst,
    so schwang er sich aufs vorbereitet Rösslein
    und jagte hin dem kalten Meer entlang.
      Frühzeitig war’s, noch vor der lieben Sonne,
    als seine dunklen Augen dort erschauten,
    als sie am Strand des kühlen Meers gewahrten
    wohl einen hochbetagten, alten Herrn;
    der Bart so weiss und silbergrau das Haupt
    und seinen Körper schmückt ein grüner Rock;
    er schürzt auf seinen Armen auf die Ärmel,
    um just die türkische Waschung vorzunehmen.
      Da rief ihm der Tatar den türkischen Gruss zu.
    Der Greis bedankte sich mit Gegengruss
    und Tränen perlten über seinen Bart,
    so wie von Tannenzweigen Regentropfen.
      Darob sich wundert der Tatar des Kaisers
    und hält im Lauf sein schnelles Rösslein an:
      — »Ehrwürdiger Greis, so lieb dir beide Welten,
    warum soviel vergiesst du grause Tränen?«
      Aufjammernd gab zur Antwort ihm der Greis:
      — »Ach weh! wie sollt’ ich keine denn vergiessen!
    zwölf Jahre sind schon wohl dahingeflossen,
    dass keinen Sultanboten ich erschaut,
    noch einen Sultanferman an dem Boten!
      Wie viele hab’ ich selber ausgefertigt
    am Hof des Kaisers Sultan Suleimâns!
    Doch sprich, wie weit bemühst du dich, mein Sohn,
    und trägst den Ferman, jagst die schnellen Pferde?«
      Da spricht der Mann: »Ich such’ den Köprülü!«
    Darauf bemerkt der Greis mit leiser Stimme:
      — »Der Vezier Köprülü, der bin ich selber!«
      Vom Rosse schwang sich der Tatar des Kaisers
    und zog heraus den kaiserlichen Ferman
    und übergab ihn Vezier Köprülü.
    Der Vezier küsste gleich dreimal den Ferman
    und liess ihn nieder auf den grünen Rasen.
    Dann nahm er vor mit sich die türkische Waschung.
    Sonach entfaltet er des Kaisers Ferman
    und liest ihn und vergiesst darüber Tränen.
    Der Ferman mit dem Namen sagt ihm nämlich:
        »O Köprülü, du kaiserlicher Kämpe,
        komm schnellstens nach Istambol in die Stadt!«
      Es sprang sofort der Vezier auf die Beine
    und ging zum Schiff hinab mit dem Tataren;
    sie setzten sich ins schnelle Schiff hinein.
      Der Schiffer gab dem Schiff den schnellsten Lauf.
    Sie schifften glücklich übers dicke Meer,
    und als sie auf das trockne Land gelangten,
    so schwangen sie sich auf die feisten Pferde.
      Es rennt viel schneller der Tatar des Kaisers,
    es rennt ihm nach der Vezier Köprülü,
    er rennt und rennt und schreit auf den Tataren:
      — »Gemach, gemach, o Idris Hof-Tatare!
    o meine Knochen sind im Leib zerbrochen,
    und meine Kleidung ist mir auch zerschlissen,
    den Dienst versagen mir auch meine Hände,
    und beide Füsse sind mir abgefallen,
    ich kann mich nicht behaupten mehr, o Sohn!«
      Darauf entgegnet der Tatar des Kaisers:
      — »Ach tummle dich, o Herr, so Gott dir lieb ist!
    wofern mir vierzig Tage Frist verstreichen
    und du in Stambol in der Stadt nicht anlangst,
    so fliegt von meinem Leib das Haupt herab!«
      Drauf sagt zu ihm der Vezier Köprülü:
      — »Sei ohne Furcht, o Idris Hof-Tatare,
    solange mit dir der Vezier Köprülü:
    o Tropf, dich säbelt nicht der Kaiser nieder,
    o junger Freund Tatar, schon mir zu Liebe,
    und bliebst du aus auch volle hundert Tage!«
      So sprachen sie und ritten ihre Rosse,
    bis sie nach Stambol in die Stadt gelangten.
      Sobald der Vezier vor den Kaiser hinkam,
    so flog er zu des Kaisers Rockschoss hin,
    der Kaiser aber fing ihn bei der Hand:
      — »Halt ein, steh aufrecht, mein getreuer Diener,
    du brauchst dich meinem Kleide nicht zu nahen!
    Mein Vater, als er diese Welt vertauschte,
    da liess er einen Gruss bei mir für dich.
    Wohl mein ist insgesamt das Kaiserreich,
    doch dein ist die Verwaltung in Istambol!
    Erobern müssen Erlau wir und Ofen,
    dazu Seméndra tieferwärts von Belgrad!
      »O Jammer, Herr, drei kaiserliche Städte,
    und alle drei in Kafirhand verblieben!
      Drauf tauschte früh er diese Welt mit jener.
    Lass uns des Kaisers Städte drei erobern,
    erfüllen wir’s aus Liebe für den Toten!«
      Der Kaiser zieht heraus das Kaisersiegel,
    reicht dar das Siegel Köprülü dem Vezier,
    dass ihm der Vezier Siegelhüter sei.
      Es schlägt das Siegel aus Herr Köprülü;
    denn schon dreimal besass er’s Kaisersiegel,
    und hatt’ es auch dreimal zurückgestellt.
      — »Halt ein, halt ein, o liebster Padischah!
    es hält nicht leicht den Blick auf dich zu werfen,
    geschweige denn mit dir zu unterreden,
    doch heute gilt’s ein männlich Wort zu reden.
      O Padischah! dein Siegel nehm’ ich nimmer,
    und nimmer mag ich etwas dir verwalten,
    wofern du meinen Willen nicht erfüllst,
    den ich, o Kaiser, dir nun sagen werde!«
      Darauf zu ihm der Sultan Ibrahîm:
      — »O sag’s heraus, mein Vezier Köprülü,
    nur frisch heraus, was dir am Herzen liegt!«
      Da spricht zu ihm Herr Köprülü der Vezier:
      — »Willst du Genehmigung mir hier gewähren,
    und was du sagst, auch nimmer widerrufen?«
      — »So sei’s, bei Gott, o Vezier Köprülü,
    der Kaiser spricht’s, — dem Kaiser ziemt nicht Lüge!«
      Da hub der Vezier also an zu sprechen:
      — »Gewähr mir freie Hand auf vierzig Tage,
    was ich auch tu, dass du’s mir nicht verkürzest!«
      Er gab ihm freie Hand auf vierzig Tage,
    er möge tun, was immer ihm behage.
      Nun kehrt zurück der Vezier Köprülü
    und ruft herbei den Pascha Seïdi:
      — »Wohlan, so führ’ mir her der Rufer vier!«
    Es kamen hin sogleich der Rufer vier.
    Da sagte laut Herr Köprülü zu ihnen:
      — »Vier Herolde, so horcht auf meine Worte:
    zieht aus und ruft durch Stambol durch die Stadt:
        »Soviel es immer gibt zu Stambol Lalen,
        soviel als Lalen und soviel Ridžalen,
        dazu Veziere Kaiserstellvertreter,
        vor allen doch der alte Achmedaga,
        das Oberhaupt von allen den Vezieren,
        das Alterhaupt von allen den Ridžalen,
        der höher steht denn alle andren Lalen, —
        in die Moschee des Kaisers, in die alte,
        in die Moschee, die alte, sollt Ihr kommen!
        Es traf der Kaiser solcher Art Verfügung;
        denn einen Kriegzug will der Kaiser führen,
        hier muss er Gold verteilen unter Euch!«
    Vier Herolde nun liefen fort behende,
    drei weisse Tage lang erscholl ihr Rufen,
    sie kamen dann zum Vezier Köprülü:
      — »O Köprülü, du alter Kaiserdiener,
    in der Moschee, der alten, sind sie alle!«
      Da sprang er auf, der Vezier Köprülü,
    und rief zusammen dreissig Henkerknechte
    und obenan den Henkerpascha Ibro.
      Zu ihm nun sprach der Vezier Köprülü:
      — »O Henkeroberhaupt von dreissig Henkern,
    so lass uns gehn zu der Moschee, der alten;
    wir bleiben stehn vor der Moschee, der alten;
    wer auch drin weilt in der Moschee, der alten;
    und heil aus der Moschee herauskommt, Ibro,
    und heil sein Haupt auf seinen Schultern fortträgt,
    dann wird dein Haupt dir abgesäbelt, Ibro!
    Drum übergeh in Schonung niemands Haupt!«
      Sie steigen zur Moschee, zur alten, nieder.
    Aufstellung nahmen dort die dreissig Henker,
    an ihrer Spitze Henkerbascha Ibro,
    und ihm zur Seite Vezier Köprülü.
      Zur Türe sandten sie nun einen Herold,
    der Herold rief vor der Moschee, der alten:
      — »O kommt heraus aus der Moschee, der alten!
    Der Kaiser ruft euch aufs Gestade tauig!«
      Es drängten sich die Lalen und Ridžalen
    und die Veziere, Kaiserstellvertreter;
    Trat wer heraus aus der Moschee, der alten,
    flugs stand nicht mehr sein Haupt auf seinen Schultern.
      Verlassen hatten alle die Moschee,
    nur einer fehlt, der Lala Achmedaga,
    der Obristlala aller der Ridžalen,
    das Alterhaupt von allen den Vezieren.
      Da schrie laut auf der Vezier Köprülü:
      — »So geh hinein denn, Henkerbascha Ibro,
    geh mal hinein in die Moschee, die alte,
    heraus mir führ den Lala Achmedaga!«
      Man hört den Lala Achmedaga wimmern:
      — »O Henkerhauptmann, sei durch Gott mein Sohn!
    o raub mir von den Schultern nicht das Haupt,
    dann geh ich schon vor die Moschee, die alte!«
      Darauf entgegnet Henkerhauptmann Ibro:
      — »Geh frohen Muts, o alter Achmedaga!«
      Es schlich heraus der alte Achmedaga,
    sein Bart ist weiss und silbergrau sein Haupt,
    kein Zahn ist mehr in seinem Mund vorhanden,
    auf seinem Kopf ein alter weisser Turban.
      Den Säbel schwang der Henkerbascha Ibro,
    er schwang den Säbel, schlug ihm ab das Haupt;
    es fiel sein Haupt ins grüne Gras hinab
    und von dem Haupte fiel herab der Turban.
      Am Haupte sieh! die Kreuze und Marien,
      Dazu am Haupte Kreuze in Gevierten!
      Dem Vezier Köprülü entstürzten Tränen
    und Achmeds Haupt vom Boden hob er auf:
      — »Gedankt sei Gott, der heutige Tag gepriesen,
    ich sah das Haupt des alten Achmedaga!
    Der da, der hat gemacht mich zum Verbannten,
    durch Ränke bei dem Sultan Suleimân, —
    weit übers Meer an hundert Lagerrasten, —
    zwölf Jahre sind seitdem schon hingeflossen!
      Der Sultan Suleimân, der ist verschieden,
    und hinterblieben Sultan Ibrahîm.
    Der Sultan Ibrahîm, der liess mich kommen;
    ich werde seinem Vater Dienste leisten,
    dem Toten werd’ ich eine Lieb’ erweisen!«
      Dann lief er hin zum wackersten der Kaiser,
    das tote Haupt, das trug er in den Händen
    und warf es hin vor Sultan Ibrahîm;
    es kollerte ganz nah zum Knie des Kaisers:
      — »Hier, Kaiser, schau dir deinen Erzverräter!
    das, Kaiser, ist dir mein geschworner Feind!
    Der wehrt dich ab von Erlau und von Ofen
    und von Seméndra tieferwärts von Belgrad!
    Er war’s, der mich geschickt in die Verbannung.
    So wollt’ es Gott, er musst’ sein Haupt verlieren!
      Nun werd’ ich dir mit meinem Rate dienen
    und deinem Vater eine Lieb’ erweisen.
    Schreib, Kaiser, einen Ferman mit dem Namen!«
      Da schrieb der Kaiser einen Namenferman.
    Noch spricht zu ihm der Vezier Köprülü:
      — »O send ihn ab ins lehmige Land der Bosna
    nach Sarajevo in die weisse Stadt,
    zu Handen Rustanbegs des Glaubenstreiters,
    ausheb er Mann und Ross im Bosnaland!
    Und leg’s in deinem Ferman ihm ans Herz,
    den einzigen Sohn der Mutter nicht zu nehmen,
    ins kaiserliche Heer ihn nicht zu pressen;
    auch jenen, der sich kürzlich erst beweibt,
    er soll auch solchen Mann in Ruh’ belassen;
    denn jammerklagend weinen sonst die Mütter,
    und junge Edelfraun verbleiben weinend
    und fluchen dir, o Sultan Ibrahîm
    und jenem Mann, der solches angeordnet;
    du hast’s befohlen, angeordnet ich.
    Ein schlimmer Segen könnte heim uns suchen!
      Er soll das ganze Bosnaland erheben,
    von jedem Dorf je zwei bewehrte Mannen,
    von jedem Markt je sieben reisige Kämpen.
    Dann soll das machtgewaltige Heer, o Kaiser,
    ausziehn, o Sultan, unter Temešvar,
    dort wo die Save in die Donau mündet
    und unterhalb der weissen Stadt von Ofen;
    vor allem wollen Ofen wir erobern.
    Jetzt aber schreib noch einen andren Ferman,
    und lass ihn abgehn in das Land des Herzogs
    zu Handen Ljubovićs des edlen Begs.
      Er soll das ganze Herzogland erheben,
    nur nehm er nicht den einzigen Sohn der Mutter,
    noch jenen, der sich kürzlich erst beweibt;
    sonst jammern alte Mütter ach und wehe,
    und junge Frauen brechen aus in Tränen
    und fluchen dir, dem Kaiser von Istambol,
    und jenem Mann, der solches angeordnet;
    von dir ist der Befehl, von mir die Weisung;
    ein schlimmer Segen könnte heim uns suchen!
      Wann er das ganze Herzogland erhebt,
    von jedem Dorfe nehm er je zwei Mannen,
    von jedem Markt je sieben reisige Kämpen.«
      Der Kaiser machte nun den Ferman fertig.
    Da nahm das Wort der Vezier Köprülü!
      — »Geduld ein wenig, Sultan Ibrahim!
    bis ich die zwei Fermane abgesendet,
    den einen gradenwegs ins lehmige Bosna
    nach Sarajevo in die weisse Stadt,
    den andren aber in das Herzogland.«
      Es eilt in das Tatarenheim des Kaisers
    der Vezier, rüstet junge zwei Tataren
    und sendet ab des Kaisers zwei Fermane.
      Es zogen fort die schnellen zwei Fermane.
    Der eine stieg hinab nach Stadt Sarajvo
    zu Handen Rustanbegs des Glaubenstreiters.
      Er schreibt das Aufgebot ins Bosna-Kotland,
    doch heischt er nicht nach dem Geheiss des Fermans
    von jedem Dorf nur je zwei reisige Mannen,
    von jedem Markt je sieben reisige Kämpen;
    er heischt vielmehr nach eigenem Behagen,
    von jedem Dorf je sieben reisige Mannen,
    dazu von jedem Markt je sieben Fähnlein.
    Auch bot er auf den einzigen Sohn der Mutter
    und auch den Mann, der jüngst sich erst beweibt.
      Der zweite stieg hinab ins Land des Herzogs.
    Es bietet auf das Heer Beg Ljubović
    und hält sich auch nicht ans Geheiss des Fermans;
    er schreibt vielmehr nach eigenem Belieben
    und heischt vom Dorf je sieben reisige Mannen,
    dazu von jedem Markt je sieben Fähnlein.
      So bot er auf den einzigen Sohn der Mutter
    und auch den Mann, der kürzlich sich beweibt.
      Dann sprach das Wort der Vezier Köprülü:
    — »O hör mich, Kaiser, hör mich Padischah, an!
    im Bosnaland, ist immerdar ein Notstand
    und die Bošnjaken sind bedürftige Helden.
      Ach, tätst du, Kaiser, meinen Rat befolgen,
    entsenden Geld für sie zur Reisezehrung,
    dass jeder folgen könnt im Heereszuge!«
      Gleich macht der Kaiser bares Geld bereit,
    Maultiere lässt er, Freund, damit beladen
    und schickt sie in die Stadt nach Sarajevo
    gerad zu Rustanbeg, dem Glaubenstreiter,
    dass jeden Helden er damit beteile,
    damit ein jeder folgen kann dem Heerbann.
      Es zogen fort aus Stambol aus der Stadt
    nach Sarajevo all’ die Maultierlasten.
      An einem Freitag war’s. Der Glaubenstreiter
    Beg Rustan war in der Moschee und eben
    verliess nach dem Gebet er die Moschee,
    als zur Moschee die Maultierlasten kamen.
    Am ersten hängt die Meldung, fein geschrieben.
    Was mag ihm wohl die feine Meldung sagen?
    Ein Maultier schnaubt das andre Maultier an;
    wie’s erste vor die Hauptmoschee gelangte,
    am End der Čemaluša stand das letzte.
      Es trieb sie fort der Glaubenstreiter Rustan;
    dort auf dem Abhang lud er ab die Schätze
    und teilte auf dem Abhang aus die Schätze,
    beteiligte den letzten gleich dem besten,
    doch jeden recht, als wie den eig’nen Bruder.
      Dann sprach das Wort der Vezier Köprülü:
    — »So lass das Heer uns aus Istambol schicken!«
    Fort zog das Heer aus Stambol aus der Stadt
    und liess sich nieder unter Temešvar,
    dort wo die Save in die Donau mündet.
      Wohl unterhalb der weissen Stadt von Ofen,
    dort lagerte das Heer zwei volle Monde.
    Bald kam auch Rustanbeg der Glaubenstreiter
    und brachte mit das ganze wüste Bosna.
      Dann harrten sie wohl einen vollen Monat,
    bis Ljubović der Beg hinzugestossen
    und hingebracht das ganze Herzogland.
      Sie flochten für den Kampf die Schutzgeflechte
    und pflanzten auf die Räder Feldkartaunen
    und schlugen ein das Ziel zum weissen Ofen.
      Vier Monde lang sie Ofen bombardierten
    über die Save und den Donaustrom
    und waren nicht im Stand, der Stadt zu schaden,
    nicht Kalk, nicht Stein der Mauer abzuschlagen,
    geschweige denn den Mauerwall zu brechen,
    und wissen gar nicht, wo das Festungtor.
      Da sprach Herr Rustanbeg, der Glaubenstreiter:
      — »So lasst uns eine Weile hier verweilen
    und lasst uns einen Meldungbrief entsenden
    nach Stambol in die weissgetünchte Stadt
    zu unsres Kaisers glückumstrahlten Throne,
    zu Handen unsres Sultans Ibrahîm
    und seines Grossveziers, des Köprülü!«
      Sie folgten Rustanbeg, dem Glaubenstreiter,
    und stellten ein der Kriegkanonen Donnern.
    Der Beg verfasst den feinen Meldungbrief
    und ruft herbei den flinksten der Tataren:
      — »Aufs Pferd hinauf, da nimm den Meldungbrief
    und trag ihn fort nach Stambol in die Stadt
    zum glückumstrahlten kaiserlichen Throne!
      Und irr’ dich etwa nicht, mein guter Junge,
    und überreich’ ihn keinem andren Manne
    als nur allein dem Kaiser in Istambol,
    falls nicht zur Hand der Vezier Köprülü;
    du wirst schon sehen, was das Briefchen sagt.«
      Aufs Ross sich schwang der schnelle Feldtatar
    und nahm den feinen Meldungbrief entgegen
    und floh davon aus Temešvars Gemarkung.
      Er jagt den Schlachtenzelter wild und wütig
    und jagt mit ihm nach Stambol in die Stadt
    zum glückumstrahlten kaiserlichen Throne.
      Er steigt vom Pferd herab und nimmt den Brief,
    rennt grad zum Throne hin und Reichpalaste,
    wo Sultan Ibrahîm im Glanze thront.
      Bemerkt hat ihn der Vezier Köprülü,
    der eben in des Kaisers Nähe weilte;
    der Vezier sprang vom Polster auf die Beine
    und hielt des Kaisers Feldtataren auf:
      — »So wart, Tatar, du sollst den Kopf verlieren,
    bis ich den wackren Kaiser erst befragt,
    ob’s dir gestattet wird, vor ihn zu treten!
    Es wär’ doch schad, du stürbst so jung an Jahren!«
      Da blieb der Feldtatar des Kaisers stehen.
    Dann fragt ihn noch Herr Köprülü der Vezier:
      — »Woher des Wegs? aus welchem Orte bist du?«
    Und der Tatar der stand ihm Red’ und Antwort:
      — »Aus weiter Ferne, unter Temešvar,
    allwo die Save in die Donau mündet,
    allwo des Kaisers ganzes Heer gelagert
    und obenan der Glaubenstreiter Rustan.
    Ich bring da einen feinen Meldungbrief.«
      Drauf sprach das Wort Herr Köprülü der Vezier:
      — »Gib her den feinen Meldungbrief, Tatare!«
    Doch spricht zu ihm der schlanke Feldtatare:
      — »Mir aus dem Weg, du kaiserlicher Schranze!
    dir geb ich nicht den feinen Meldungbrief,
    dem Kaiser nur allein zu eignen Handen;
    wo nicht, nur einem sichern Köprülü!«
      Es lachte satt sich Vezier Köprülü,
    nahm an der weissen Hand den Feldtataren
    und führt’ ihn vor den wackren Kaiser hin.
      Da nimmt den Meldungbrief der Feldtatare
    und überreicht ihn Sultan Ibrahîm
    und rennt im Saal zurück zur Eingangtüre.
      Darauf hub an der Sultan Ibrahîm:
      — »O Köprülü, o du mein alter Lala!
    so liess mir vor den feinen Meldungbrief!«
    Der Vezier Köprülü den Brief betrachtet,
    an seiner Seite Kaiser Ibrahîm.
      — »Die Unterschrift: ,Beg Rustan Glaubenstreiter’,
    er sandte diesen Brief zur Hand des Kaisers.
    Das, Kaiser, ist ein feiner Meldungbrief!
        »Du wirst die Stadt von Ofen nie erobern.
        Gar nichts vermögen wir der Stadt zu schaden,
        auch wissen wir nicht wo das Stadttor ist,
        das gen die Save führt und gen die Donau.« —
      Darauf bemerkt der Vezier Köprülü:
      — »O hör mich an, du Kaiser von Istambol!
    nun muss auch ich mich auf die Wander machen,
    auch du mein Kaiser, musst nun Stambol lassen.
      Wir müssen wandern hin nach Temešvar
    damit wir sehn was unser Heer verrichtet,
    ob wir im stande sind, was auszurichten.
      Wir müssen, Kaiser, Ofen uns erobern,
    und, Kaiser, einen Liebedienst erweisen,
    wohl deinem Vater Sultan Suleimân!«
      Darauf bemerkt der Sultan Ibrahîm:
      — »Wie’s immer dir beliebt so handle, Vezier!
    hab’ ich’s dir nicht schon lang vordem gesagt:
    das Kaiserreich ist mein, o guter Freund,
    doch die Verwaltung Vezier Köprülüs!
    dass Erlau wir erobern und auch Ofen,
    dazu Seméndra tieferwärts von Belgrad!«
      Da sprang der Vezier hurtig auf die Beine
    und rüstete sich in der Stadt Istambol,
    an seiner Seite Sultan Ibrahîm.
      Sie hinterliessen Seïdi, den Pascha,
    als Stellvertreter eines wackren Kaisers,
    und zogen fort von Stambol aus der Stadt.
      So zog des Wegs der Vezier Köprülü
    und neben ihm der Sultan Ibrahîm.
      Sie stiegen nieder unter Temešvar,
    allwo die Save in die Donau mündet,
    allwo das türkische Heer im Lager stand,
    an seiner Spitze Rustan, Glaubenstreiter,
    aus Sarajevo aus der weissen Stadt,
    als Unterfeldherr Ljubović der Beg,
    der mitten aus dem Herzoglande stammt.
      Und Heerschau hält der Kaiser von Istambol;
    vier Lager bildete die ganze Heermacht.
    Da stellt die Frage Sultan Ibrahîm:
      — »O Köprülü, du mein getreuer Diener,
    aus welchem Land ist jedes einzeln Heer?«
    Bescheid erteit ihm Köprülü der Vezier.
    Es spricht zu ihm der Sultan Ibrahîm:
      — »Aus welchem Land ist jenes mächtige Heer,
    dess Volk mit Silber und mit Gold beladen,
    dess Rosse reich mit Goldgeschmeid beladen?«
    Darauf bemerkt der Vezier Köprülü:
      — »Das ist das Aufgebot des ebnen Bosna,
    dort sind allein dir alle die Bošnjaken.«
      Da sagt ein Wort der Sultan Ibrahîm:
      — »O Köprülü, du mein getreuer Lala,
    wohl steht nicht alles so, wie du mir’s darstellst!«
      Darauf betroffen Köprülü der Vezier:
      — »Was meinst du Kaiser, sprich, so lieb dir Gott ist!«
      — »Du schilderst mir das Bosnaland als lehmig
    und die Bošnjaken als bedürftige Helden;
    nun schau, die sind mit Goldgeschmeid beladen,
    und schau die Rosse, silberreich beladen!«
      Darauf bemerkt der Vezier Köprülü:
      — »O hör mich, Kaiser, an, was ich nun sage!
    das ist ein leidiger Brauch im Bosnavolk.
    Wo einer was besass, er hat’s verschachert
    und gleich mit Gold und Silber sich behangen
    und unterm Leib ein Ross sich angeschafft,
    damit er, wann es gilt, ins Heer zu rücken,
    wenn’s not tut deine Ehre hoch zu halten,
    gleich ausgerüstet seinen Mann dir stelle.
      Stiegst du hinab ins ebne Bosnaland,
    wo ihre Mütter sie zurückgelassen,
    der seine Mutter, der die junge Schwester,
    und mancher, Kaiser, sein getreues Eh’lieb;
    da sähst du erst wie ihre Häuser ausschaun!
      Mit Zaunwerk sind sie ringsherum umflochten
    und obenauf mit Stroh bedeckt ein wenig;
    da fehlt’s an Kupfer- und an Holzgeschirr,
    man isst vielmehr aus irdenen Gefässen!«
      Darauf bemerkt der Sultan Ibrahîm:
      — »Was fangen wir nun an mit unsrem Leben?
    wie werden wir die Ofner Stadt erstürmen?«
      Darauf erwidert Köprülü der Vezier:
      — »So wart ein wenig, Kaiser von Istambol!
      Nun sucht er auf zwei junge Heeresrufer,
    sie rufen aus nach allen Himmelstrichen:
      — »Wer wird als Held im Heere sich bewähren,
    wer kann die Donau und die Sau durchschwimmen,
    um bis zur Ofner Festung hinzukommen,
    und wo der Festung Tor ist, zu erkunden?«
      So riefen aus die beiden jungen Rufer;
    ihr Rufen hallte zwei geschlagne Stunden,
    doch mochte niemand zum Bescheid sich melden.
      Da sprach ein Wort Herr Ljubović der Beg,
    der nach dem Herzoglande sich benennt:
      — »O Köprülü, o teuerster Gebieter!
    ich will die Donau und die Sau durchschwimmen
    und unserm Kaiser einen Dienst erweisen,
    und kehrt ich nun und nimmermehr zurück!«
      Schon wirft er ab von seinem Leib die Kleidung.
    Er stürzt sich in den dicken Savestrom,
    durchschwimmt die Save, lenkt zur Donau ein.
      Just war er in des Savestromes Mitte,
    als ihm ein Ding gar wundersam begegnet:
    ein seltsam Mädchen sass im Savewasser,
    die Save abwärts streckt sie ihre Beine,
    sie hält auf ihrem Schoss ein Stickgestelle,
    darüber hat sie aufgespannt ein Linnen.
      Und sie erschaute Ljubović den Beg
    erschaut ihn wohl und sprach zu ihm das Wort:
      — »Wohin des Weges, Ljubović, o Beg?
    hat dich der Kaiser gar geschickt nach Ofen,
    wohl um das Ofner Burgtor auszukunden?
    So kehr’ nur um, du sollst den Kopf verlieren!
    den Savestrom, den kannst du nicht durchschwimmen,
    den raschen Savestrom, die breite Donau!
      Kehr ruhig wieder um zum wackren Kaiser,
    bei ihm verweilt der Vezier Köprülü.
    Bring meinen Gruss dem Vezier Köprülü;
    verbringt die liebe Nacht auf freiem Felde
    und seid gerüstet früh beim Morgenanbruch.
      Darauf berate Köprülü den Vezier,
    er soll’s gesamte Kaiserheer erheben,
    ein jeder nehm’ die türkische Waschung vor,
    vor allen andern Sultan Ibrahîm
    und gleich nach ihm der Vezier Köprülü;
    verrichtet morgens früh die Morgenbeugung.
      Und nach dem Frühgebet der Morgenbeugung
    aufs weisse Ofen richtet euren Blick,
    da werdet Ihr das Ofner Tor erschauen
    und leichter Müh’ die Ofner Stadt erobern!«
      Beg Ljubović, der schaut die Maid verwundert,
    aus Gold die Hände bis zum Ellenbogen,
    und goldig wallt das Haar herab den Nacken.
    Im Nu verschwand auch schon das holde Mädchen!
      Der Beg geriet gar mächtig in Verwundrung,
    auf was für Wunder er da aufgestossen,
    und machte Umkehr auf der ebnen Save.
      Als er herauskam unter Temešvar,
    was spricht zu ihm der Vezier Köprülü?
      — »Schon dort gewesen, Ljubović, o Beg?
    hast gar so schnell die Save durchgeschwommen?«
      Da nun erzählt der Beg sein Abenteuer,
    welch wundersam Gebild er angetroffen.
      So blieb denn hier zu Nacht das Heer gewaltig
    und war schon auf den Beinen früh am Morgen.
    Sogleich erhob sich Vezier Köprülü.
      Das türkische Heer, das nahm die Waschung vor,
    Allen voran der Sultan Ibrahîm,
    und gleich nach ihm der Vezier Köprülü,
    und alle beugten sich zur Morgenandacht.
      Nachdem die Beugung sie verrichtet hatten,
    da schaut hinüber Vezier Köprülü
    und er erschaut das Tor der Ofner Festung,
    die beiden Flügel angelweit geöffnet!
      Da ruft nun aus der Vezier Köprülü:
      — »Dort, Kaiser, schau dir an die Ofner Tore!«
      Losstürmte nun das allgewaltige Heer
    und nahm sofort die Ofnerstadt des Kaisers.
      Drauf setzten sie die Heermacht in Bewegung,
    zwölf Stunden führt der Weg zum ebnen Erlau.
      Die Türken stürmten los nunmehr auf Erlau.
    Bei Gott, das Christenheer empfing sie warm!
      Allhier entspann sich bald ein blutig Ringen,
    und sieben Stunden währt das Schlachtgemetzel.
    Es klang in einem fort der krumme Säbel,
    die langen Täler füllten sich mit Blut!
      Als letzt die Türken Erlau eingenommen,
    da hatten sie auch Leichen viel gelassen!
      Von hier erhob sich dann das Heer der Türken
    und stieg hernieder tieferwärts von Belgrad.
      Sie griffen an die alte Stadt Seméndra,
      — die Christen hatten sie zuletzt erobert,
    bevor sie Erlau und auch Ofen hatten,
    und sie mit bestem Mauerwall umgeben. —
    Sie wehrten sich von vier bewehrten Seiten,
    und von Seméndra dröhnen die Kanonen.
      Daselbst erfuhr das Heer ein wenig Schaden;
    vier Tage lang auch dauerte das Kämpfen.
    Hier ward verwundet Ljubović der Beg,
    Man trug zu Grabe alle Türkenleichen,
    und auch Seméndra nahmen ein die Türken.
      Von hier erhob sich dann das Heer der Türken,
    voraus als Führer Sultan Ibrahîm
    und hinter ihm der Vezier Köprülü,
    ihm folgt Herr Rustanbeg der Glaubenstreiter,
    in gleicher Reih’ mit ihm Beg Ljubović.
      So stiegen sie hinab zum ebnen Stambol,
    zum Thron des Kaisers und zum Reichpalast.
      Daselbst verweilten sie wohl einen Monat,
    entliessen allwärts hin das Heer der Türken,
    bezeigten ihre Lieb dem toten Kaiser,
    dem toten Kaiser Sultan Suleimân.
      Dann spricht das Wort der Sultan Ibrahîm:
      — »O Ljubović aus meinem Herzoglande!
    da nimm das ganze Herzogland entgegen;
    ich werde nichts von dir an Steuer nehmen,
    nicht einen weissen Heller noch Denar,
    nur kurze Zeit hindurch, zwölf volle Jahr!«
      Darauf zu Rustanbeg, dem Glaubenstreiter:
      — »O Glaubenhort vom ebnen Sarajevo!
    zieh’ heimwärts, Ärmster, in die Stadt Sarajvo;
    du hast ein neues Gotteshaus erbaut,
    doch ich bezahle, was du ausgegeben.
      Soviel als in Sarajevo Gotteshäuser,
    dir sei die Oberaufsicht über jedes,
    vom Kirchengut der Stadt von Sarajevo,
    dass keine Steuern du entrichten magst
    wohl nach Istambol in die weisse Stadt,
    so lang in Türkenhand das Bosnaland!«
      Und spricht zu Vezier Köprülü gewendet:
      — »Ja, Vezier, o du mein getreuer Lala,
    mit was für Gabe soll ich dich bedenken?«
      Darauf erwiedert Vezier Köprülü:
      — »Was willst du, liebster Sultan Ibrahîm?«
    Darauf entgegnet Sultan Ibrahîm:
      — »Zieh graden Wegs ins lehmige Bosnaland
    und in die weissgetünchte Stadt von Travnik,
    dort sei im Bosnaland mein Landesvogt!«
      Zum weissen Travnik wandert hin der Vezier,
    der Glaubenstreiter in die Stadt Sarajevo
    und heim ins Herzogland Beg Ljubović;
    in seinem Reichpalast der Kaiser blieb.



Erläuterungen.

Dieses Lied sang mir am 26. April 1885 der serbisierte tatarische
Zigeuner Alija Cigo in Pazarići in Bosnien vor.

Zu V. 1. Die Volküberlieferung knüpft auch hier, wie sonst öfter,
an den ruhmreichen Namen Suleimân II. an (1520–1566), unter dessen
Regierung die türkische Machtentwicklung ihren Höhepunkt erreicht
hatte. Sultan Ibrahîms Vorgänger auf dem Throne war Murad IV. und
Nachfolger Mohammed IV.

V. 23. Lalen und Ridžalen. — Lala türk. Diener. Als Lehnwort auch
bei den Bulgaren, Polen und Russen. Im serbischen nur für
»Kaiserlicher Diener,« so z. B. (der Sultan spricht):


    lalo moja, muhur sahibija,
    što mi zemlje i gradove čuvaš!

    O du mein Diener, du mein Siegelwahrer,
    der du mir Städte und die Länder hütest!


oder:


    Divan čini care u Stambolu
    za tri petka i tri ponediljka;
    svu gospodu sebi pokupio,
    okupio paše i vezire:
      — Lale moje, paše i veziri!

    Divân beruft der Kaiser ein in Stambol
    dreimal je Freitags und dreimal je Montags;
    berief zu sich die Herren allzumal,
    berief die Paschen und Vezieren ein:
      — O meine Lalen, Paschen und Veziere!


Ridžal arab. türk. Reisiger, übertragen: hoher Würdenträger zum
redžal; albanesisch: ridžal, Advokat, griech. rhitzali. Vergl.
S. 249 zu V. 211.

V. 25 u. 33. Neun erwählte Frauen. — »Von den Frauen des Sultans
Ibrahîm führten sieben den Titel Chasseki, d. i. der innigsten
Günstlinginnen, bis zuletzt die achte, die berühmte Telli, d. i. die
Drahtige, ihm gar als Gemahlin vor allen angetraut ward. Eine andere
hiess Ssadschbaghli, d. i. die mit den aufgebundenen Haaren. Jede
dieser sieben innigsten Günstlinginnen hatte ihren Hofstaat, ihre
Kiaja, die Einkünfte eines Sandschaks als Pantoffelgeld, jede hatte
einen vergoldeten mit Edelsteinen besetzten Wagen, Nachen und Reitzeug.
Ausser den Sultaninnen Günstlinginnen hatte er Sklavinnen
Günstlinginnen, derer zwei berühmteste die Schekerpara, d. i.
Zuckerstück und Schekerbuli, d. i. Zuckerbulle hiess; jene ward
verheiratet, diese aber stand zu hoch in der Gunst, um je verheiratet
zu werden. Die Sultaninnen Günstlinginnen erhielten
Statthalterschaften zu ihrem Pantoffelgeld, die Schützlinginnen
Sklavinnen hatten sich die höchsten Staatämter vorbehalten.« J. von
Hammer-Purgstall, Geschichte des Osmanischen Reiches, Pressburg, 1835,
V, S. 255 f.

Zu V. 37. Kafirhänden. Im Text: u kaurina, türk. gjaur, gjavir, aus
dem arab. ci Kafir, pers. gebr, der Ungläubige.

V. 38–39. Die Nennung dieser drei Städtenamen, sowie späterhin
Temešvars, hier eine dichterische Freiheit. Die Eroberung von Erlau
(Egra) und Kanísza bilden Glanzpunkte der Regierung Mohammed III.
(verstorben 22. Dezember 1603). Über Erlau vergl. Franz Salamon,
Ungarn im Zeitalter der Türkenherrschaft (deutsch v. Gustav Turány),
Leipzig, 1887, S. 125 f. u. besonders S. 138 ff. — Die Einnahme
Ofens erfolgte im J. 1541. Soliman, der 1526 Ofen nicht besetzen
wollte, nimmt es 1541 endgültig in seine Hand. Im J. 1543 setzte er
seine Eroberungen fort. Der Sultan nahm zuerst die Burgen Valpó,
Siklós und Fünfkirchen, darauf Stuhlweissenburg und Gran. Bis 1547
gehörte den Türken Peterwardein, Požega, Valpó, Essegg,
Fünfkirchen, Siklós, Szegszárd, Ofen, Pest, Stuhlweissenburg,
Simontornya, Višegrad, Gran, Waitzen, Neograd und Hatvan; jenseits der
Teiss nur das einzige Szegedin, das sich im Winter 1542 freiwillig
ergeben und als türkischer Besitz isoliert dastand. — Semendria
(Szendrö) versuchten die Türken im J. 1437 einzunehmen, um sich den
wichtigen an der Donau gelegenen Schlüssel des Morava-Tales zu
sichern, aber das ungarische Heer unter Pongraz Szentmiklósi errang
einen glänzenden Sieg über sie. Als sich 1459 die Festung Semendria
an Mohammed II. ergab, gelangten zugleich zahlreichere kleinere
Festungen in seine Gewalt. Serbien wurde zum Sandžak, und der Türke
siedelte an Stelle der massenhaft in die Sklaverei geschleppten
Einwohner, Osmanen in die Städte und führte daselbst seine Verwaltung
ein. 1466 als König Mathias beschäftigt war in Oberungarn einige
Aufrührer zur Ruhe zu bringen, lässt ein türkischer Pascha seine
Truppen in Serbien einrücken und nimmt durch Überrumpelung die
Festung Semendria. Vergl. Dr. Wilhelm Fraknói, Mathias Corvinus,
König von Ungarn, Freib. i. Br., 1891, S. 70 ff.

Zu V. 59. »Verschliess dich in den festen Käfig.« — »Als nach
Murads Verscheiden der Hofbedienten Schar mit Freudengeschrei an die
Türe des Käfigs, d. i. des Prinzengemaches drang, um den neuen Herrn
glückwünschend auf den Thron zu ziehen, verrammelte Ibrahîm die
Tür, aus Furcht, dass dies nur List des noch atmenden Tyrannen Murad
sei, um ihn, den einzigen überlebenden Bruder so sicher ins Grab
voraus zu schicken. Mit ehrfurchtvoller Gewalt wurde die Tür
erbrochen, und noch immer weigerte sich Ibrahîm der Freudenkunde
Glauben beizumessen, bis die Sultanin-Mutter Kösem (eine Griechin)
selber ihn von des Sultans Tod versicherte und ihre Versicherung durch
den vor die Tür des Käfigs gebrachten Leichnam bestätigte. Da begab
sich erst Ibrahîm aus dem Käfig in den Thronsaal, empfing die
Huldigung der Veziere, Reichsäulen, Ulema und Aga, trug dann mit den
Vezieren des Bruders Leiche selbst bis ans Tor des Serai und ward
hierauf nach altem Herkommen osmanischer Thronbesitznahme zu Ejub
feierlich umgürtet.« Bei J. v. Hammer, a. a. O., V, S. 215 f.,
unter Berufung auf Rycauts Continuation of Knolles II, p. 50. Die neu
eröffnete otomanische Pforte t. 458.

Zu V. 75 ff. Am neunten Tage nach der Thronbesteigung fand die
Umgürtung des Säbels in der Moschee Ejub in den durch das Gesetzbuch
des Zeremoniels vorgeschriebenen Formen des Aufzuges und der
Feierlichkeiten statt. Mit Sonnenaufgang versammelten sich alle Klassen
der Staatbeamten im ersten Hofe des Serai. Die ausführliche
Schilderung siehe bei Hammer, a. a. O., IV2, S. 499–550.

Zu V. 76. »Goldne Mütze.« — Im Texte tadža. Sultan Bajezid I.
(gestorb. 1403) trug als Turban weder die Goldhaube (uskuf) der ersten
sechs Sultane, noch den vom siebenten angenommenen runden Kopfbund der
Ulema (urf) sondern nahm den hohen, zylinderförmigen, mit Musselin
umwundenen an, der sofort unter dem Namen Mudževese (tadža) der Hof-
und Staatturban geblieben.

Zu V. 80 f. Die ersten Säulen des Reiches und Stützen des Divans
sind die Veziere, d. h. die Lastträger. Es gab ihrer unter Ibrahîm
schon vier. Die Vierzahl gibt als eine dem Morgenländer beliebte und
heilige Grundzahl den Teilunggrund der ersten Staatämter ab. Vier
Säulen stützen das Zelt, vier Engel sind nach dem Koran die Träger
des Thrones, vier Winde regieren die Regionen der Luft nach den vier
Kardinalpunkten des Himmels usw. Aus diesem Grunde setzte Sultan
Mohammed der Eroberer, vier Säulen oder Stützen des Reiches (erkiani
devlet) fest in den Vezieren, in den Kadiaskeren, in den Defterdaren
und in den Nišandži, die zugleich die vier Säulen des Divans, d. h.
des Staatrates sind. Anfangs war nur ein Vezier, dann zwei, dann drei
unter den ersten Sultanen; der Eroberer erhob ihre Zahl auf vier, deren
erster und allen übrigen an Macht und Rang bei weitem vorhergehende,
der Grossvezier wurde, der unumschränkte Bevollmächtigte, das
sichtbare Ebenbild des Sultans, sein vollgewaltiger Stellvertreter, der
oberste Vorsteher aller Zweige der Staatverwaltung, der Mittelpunkt und
der Hebel der ganzen Regierung.

Zu V. 81. »Siegelhüter« (muhur sahibija). — Der Kanun des Siegels
(nach Sultan Mohammed II.) überträgt dem Grossvezier darüber die
Obhut, als das Symbol der höchsten Vollmacht; in der Überreichung des
Siegels liegt auch die Verleihung der höchsten Würde des Reiches. Der
Grossvezir darf sich (abgesehen von der Versiegelung der Schatzkammer,
die, beiläufig bemerkt, nur in Gegenwart der Defterdare geöffnet
werden kann) dieses Siegels nur zur Besieglung der Vorträge bedienen,
und da alle Vorträge durch die Hand des Grossveziers gehen müssen,
und niemand als er das Recht hat, an den Sultan schriftlich zu
berichten, so sieht der letztere kein anderes Siegel als sein eigenes
oder etwas das der fremden Monarchen, wenn deren Gesandte ihre
Beglaubigungschreiben in feierlicher Audienz überreichen.

Zu V. 82. »Pascha Seidi.« — Über Achmed Sidi, Köprülüs
Schwager, die Geissel Siebenbürgens, Pascha von Neuhäusel, vergl.
Hammer, a. a. O., VI, S. 272. Ein Seid wird in den Epen moslimischer
Guslaren häufig auch als Heiliger genannt und gerühmt. In einem
Guslarenliede heisst es:


    efendija muhur sahibija
    sa svojijem pašom Seidijom,
    što je paša na četeres paša.

    [Erschienen war] Efendi Siegelhüter
    zugleich mit ihm sein Pascha Seïdi,
    der Obrist Pascha über vierzig Paschen.


Zu V. 93 ff. Im J. 1656 war Mohammed mit dem wunden Halse
Grossvezier.

»Am 10. September 1656 fand ein Divan statt. Der Sultan sagte zum
Grossvezier: ‘Ich will selbst in den Krieg ziehen, du musst durchaus
für die nötige Rüstung sorgen!’ Der hilflose Greis faltete die
Hände, als ob er die ganze Versammlung um Hilfe anflehte und sagte:
‘Glorreichster, gnädigster Padischah, Gott gebe euch langes Leben
und lange Regierung! bei der herrschenden Verwirrung und dem Mangel an
Kriegzucht ist es schwer, Krieg zu führen; zur Möglichkeit der
nötigen Rüstungen ist von Seite des Reichschatzes eine Hilfe von
zwanzigtausend Beuteln notwendig!’ Der Sultan schwieg zornig und hob
die Versammlung auf.« Hammer, V, 461.

»Schon bei der ersten Unzufriedenheit nach der Einnahme von Tenedos
und Lemnos hatten sich der Chasnedar der Valide, Solak Mohammed, der
Lehrer des Serai, Mohammed Efendi, der vorige Reis Efendi Schamisade
und der Baumeister Kasim, welcher schon ein paarmal den alten
Köprülü zum Grossvezier in Vorschlag gebracht, insgeheim verbündet,
diesem das Reichsiegel zu verschaffen. Der Grossvezier hatte ihn auf
seiner Reise von Syrien nach Konstantinopel zu Eskischehr wohl
empfangen und nach Konstantinopel mitgenommen, wo er sich dermalen
ruhig verhielt; sobald er aber durch den Silihdar des Sultans Wind von
dem Vorschlage erhalten, ernannte er Köprülü zum Pascha von
Tripolis, und befahl ihm sogleich aufzubrechen. Der Kiaja, ins
Vertrauen der Freunde Köprülüs gezogen, suchte vergebens den
Reisebefehl zu verzögern. Da die Sache noch nicht reif zum Schlag war,
brachten die Freunde Köprülüs durch die Valide sehr geschickt die
Ernennung des Silihdars zum Statthalter von Damaskus und die
Einberufung des dortigen Veziers Chasseki Mohammed zuwegen, wodurch das
allgemeine Gerede entstand, dass dieser zum Grossvezier bestimmt sei
und die Aufmerksamkeit des Grossveziers von Köprülü abgelenkt ward.
Der Silihdar, der Patron des Grossveziers beim Sultan war entfernt,
aber noch stand den Freunden Köprülüs ein anderer mächtiger Feind,
der Janičarenaga im Wege. Sobald dieser abgesetzt und an seine Stelle
der Stallmeister Sohrab, ein Freund der Freunde Köprülüs ernannt
war, erklärte sich dieser gegen ihn, dass er einige Punkte der Valide
vorzutragen, nach deren Zusage er die Last der Regierung auf seine
Schultern zu nehmen bereit sei. Noch am selben Nachmittage wurde
Köprülü heimlich vom Kislaraga zur Valide eingeführt, und
antwortete auf ihre Frage, ob er sich den ihm bestimmten Dienst als
Grossvezier zu versehen nicht fürchte, mit dem Begehren folgender vier
Punkte: erstens, dass jeder seiner Vorschläge genehmigt werde;
zweitens, dass er in der Verleihung der Ämter freie Hand und auf die
Fürbitte von niemand zu achten habe: die Schwächen entständen aus
Fürsprachen; drittens, dass kein Vezier und kein Grosser, kein
Vertrauter, sei es durch Einfluss von Geldmacht oder geschenktem
Vertrauen, seinem Ansehen eingreife; viertens, dass keine
Verschwärzung seiner Person angehört werde; würden diese vier Punkte
zugesagt, werde er mit Gottes Hilfe und dem Segen der Valide die
Vezirschaft übernehmen. Die Valide war zufrieden und beschwur ihre
Zusage dreimal mit: ‘Bei Gott dem Allerhöchsten!’ Am folgenden
Tage (15. September 1656), zwei Stunden vor dem Freitaggebete, wurden
der Grossvezier und Köprülü ins Serai geladen. Dem Grossvezier wurde
nach einigen Vorwürfen über den Mangel seiner Verwaltung das Siegel
abgenommen und er dem Bostandžibaschi zur Haft überlassen, dann
Köprülü in den Thronsaal berufen. Der Sultan wiederholte die vier
versprochenen Punkte, einen nach dem andern und sagte: ‘Unter diesen
Bedingnissen mache ich dich zu meinem unumschränkten Vezier; ich werde
sehen, wie du dienst; meine besten Wünsche sind mit dir!’ Köprülü
küsste die Erde und dankte; grosse Tränen rollten den Silberbart
herunter; der Hofastronom hatte als den glücklichsten Zeitpunkt der
Verleihung das Mittaggebet vom Freitage bestimmt, eben ertönte von den
Minareten der Ausruf: ‘Gott ist gross!’ Hammer, a. a. O., V,
S. 462, 2. Aufl.

Zu V. 170. Dem abgesetzten Grossvezier Mohammed mit dem wunden Halse,
dem neunzigjährigen Greise, wurde nach Einziehung seiner Güter, das
nach dem Ausspruche des Sultans verwirkte Leben auf Köprülüs
Fürbitte geschenkt und ihm zur Fristung des schwachen Restes seines
Lebens die Statthalterschaft von Kanisza verliehen. Hammer, V, S. 467.

Zu V. 360 ff. Ganz erfunden ist diese Episode nicht. Hammer berichtet
Bd. V, S. 467 ff.:

»Acht Tage, nachdem Köprülü das Reichsiegel erhalten, Freitag den
22. September 1656, versammelten sich in der Moschee S. Mohammeds die
fanatischen Anhänger Kasisades, die strengen Orthodoxen, welche unter
dem alten Köprülü, den sie für einen ohnmächtigen Greis hielten,
ihrer Verfolgungwut wider die Soffi und Derwische, Walzer- und
Flötenspieler, um so freieren Lauf zu geben hofften. Sie
beratschlagten in der Moschee und fassten den Entschluss, alle Klöster
der Derwische mit fliegenden Haaren und kronenförmigen Kopfbinden von
Grund aus zu zerstören, sie zur Erneuerung des Glaubenbekenntnisses zu
zwingen, die sich dess weigerten zu töten usw. In der Nacht war die
ganze Stadt in Bewegung; die Studenten der verschiedenen Kollegien,
welchen orthodoxe Rektoren und Professoren vorstanden, bewaffneten sich
mit Prügeln und Messern und fingen schon an die Gegner zu bedrohen.
Sobald der Grossvezier hiervon Kunde erhalten, sandte er an die
Prediger Scheiche, welche die Anstifter der Unruhen zur Ruhe bewegen
sollten; da aber dies nicht fruchtete, erstattete er Vortrag an den
Sultan über die Notwendigkeit ihrer Vernichtung. Die sogleich dem
Vortrag gemässe allerhöchste Entschliessung des Todurteils wurde von
Köprülü in Verbannung gemildert.«

Zu V. 371. »Der alte Achmedaga.« — In der türkischen Geschichte
heisst er Achmedpascha Heberpascha, d. h. der in tausend Stücke
Zerrissene (Hammer, III, S. 930). Nach Hammer, Bd. III, S. 930, fiel
tatsächlich ein Grossvezier des Namens Achmedpascha durch Henkerhand
am Vorabende der Thronstürzung Sultan Ibrahîms. Es war am Abend des
7. August 1648. Kaum hatte der abgesetzte Grossvezier Achmedpascha
einzuschlafen versucht, als er mit der Botschaft geweckt ward, er möge
sich aufmachen, die aufrührerischen Truppen verlangten ihn und er, der
Grossvezier möge als Mittler versöhnend dazwischen treten. Als er die
Stiege hinuntergekommen, griff ihm jemand unter die Arme. Er sah sich
um, wer es sei und sah vor sich Kara Ali, den Henker, den er so oft
gebraucht. »Ei, ungläubiger Hurensohn!« redete er ihn an. »Ei,
gnädiger Herr!« erwiderte der Henker, ihm lächelnd die Brust
küssend; unter die Linke Achmedpaschas griff Hamal Ali, des Henkers
Gehilfe. Sie führten ihn zum Stadttor, dort zog der Henker seine rote
Haube vom Kopfe und steckte sie in seinen Gürtel, nahm Achmedpascha
seinen Kopfbund ab, warf ihm den Strick um den Hals und zog ihn mit
seinem Gehilfen zusammen, ohne dass der Unglückliche etwas anderes
als: »Ei, du Hurensohn!« vorbringen konnte. Der ausgezogene Leichnam
wurde auf ein Pferd geladen und auf des neuen Grossveziers Sofi
Mohammed Befehl hin auf den Hippodrom geworfen.

Zu V. 392. »Kreuze und Marien.« — Kreuzchen und Marienmedaillen,
wie Christen solche zu jener Zeit im Haare trugen. Eine anschauliche
Beschreibung gibt uns eine Stelle in einem noch ungedruckten
Guslarenliede meiner Sammlung. Halil, der Falke, ist entschlossen, an
einem Wettrennen im christlichen Gebiete teilzunehmen, um den
ausgesetzten Preis, ein Mädchen von gefeierter Schönheit,
davonzutragen. Seine Schwägerin, Mustapha Hasenschartes Gemahlin,
hilft ihm bei der Verkleidung zu einem christlichen Ritter, wie folgt:


    ondar mu je sa glave fesić oborila
    i rasturi mu turu ot perčina
    i prepati češalj od fildiša
    te mu raščešlja turu ot perčina
    a oplete sedam pletenica
    a uplete mu sedam medunjica
    a uplete mu križe i maiže
    a uplete mu krste četvrtake
    a šavku mu podiže na glavu
    a pokovata grošom i tal’jerom
    a potkićena zolotom bijelom.


    Vom Haupte sie warf ihm das Fezlein herab
    und löste den Bund des Zopfes ihm auf
    und griff nach dem Kamm aus Elfenbein
    und kämmte den Bund des Zopfes ihm auf
    und flocht ihm in sieben Flechten das Haar
    und flocht ihm sieben Medaillen hinein
    Und flocht ihm Kreuze hinein und Marien
    und flocht ihm hinein quadratige Kreuze
    und stülpte den Helm ihm auf das Haupt,
    der beschlagen mit Groschen und Talerstücken,
    der geschmückt mit weissen Münzen war.


So wie hier Halil als Christ auftritt, so ist der als Moslim verkappte
Christ eine stehende Figur des Guslarenliedes. Christ und Moslim sind
in der angenommenen Rolle einander wert und würdig. — In der von der
chrowotischen Akademie in Agram herausgegebenen ‘Religion der
Chrowoten und Serben’ figurieren die edlen Raubmörder Gebrüder
Mustapha und Alil als Minos und Rhadamanthys der Urchrowoten. Wie
glücklich sind doch diese unsterblichen Akademiker des
Chrowotenvölkleins zu preisen, die in Zeiten naturwissenschaftlicher
Forschungen und gewaltigster technischer Fortschritte keine anderen
Sorgen haben als unerhörte Götter zu erfinden und eine neue Religion
zu stiften!

Zu V. 477. Ljubović, der berühmteste moslimische Held des
Herzogtums, eine stehende Figur der Guslarenlieder beider Konfessionen.
Mustapha Hasenscharte schreibt einmal ein Aufgebot aus. Der Brief zu
Händen des Freundes Šarić:


    O turčine Šarić Mahmudaga!
    Eto tebi knjige našarane!
    Pokupi mi od Mostara turke,
    ne ostavi bega Ljubovića
    sa široka polja Nevesinja,
    jer brež njega vojevanja nejma.


    O [Bruder] Türke Šarić Mahmudaga!
    Da kommt zu dir ein Schreiben zierlich fein!
    Von Mostar biet mir auf die Türkenmannen,
    lass nicht zurück den Beg, den Ljubović,
    vom weitgestreckten Nevesinjgefilde;
    denn ohne seiner gibt es keinen Feldzug.


Als Jüngling meldete sich Beg Ljubović einmal bei Sil Osmanbeg, dem
Pascha von Essegg, als freiwilliger Kundschafter, um durchs feindliche
Belagerungheer durchzudringen und dem Pascha von Ofen Nachricht von der
Bedrängnis der Stadt Essegg zu überbringen. Sil Osmanbeg umarmt und
küsst ihn und schlägt ihm mit der flachen Hand auf die Schulter:


    Haj aferim beže Ljuboviću!
    vuk od vuka, hajduk od hajduka
    a vazda je soko ot sokola;
    vazda su se sokolovi legli
    u odžaku bega Ljubovića!


    Hei traun, fürwahr, mein Beg, du Ljubović!
    Vom Wolf ein Wolf, vom Räuber stammt ein Räuber,
    doch stets entspross ein Falke nur dem Falken;
    und immer fand sich vor die Falkenbrut
    am heimischen Herd der Begen Ljubović!


Zu V. 678. Die Schilderung naturgetreu. Auf meinen Reisen zog ich es
mitunter vor, in eine Rossdecke eingehüllt unterm freien Himmel selbst
zu Winterzeit zu übernachten, als im Schmutz und Ungeziefer und
Gestank einer bosnischen Bauernhütte. Auch meine Aufzeichnungen machte
ich meist im Freien im Hofraume oder an der Strasse sitzend. Ich fragte
den Bauer Mujo Šeferović aus Šepak, einen recht tüchtigen Guslaren,
ob er wohl ein eigenes Heim besitze. Darauf er: imam nešto malo kuće,
krovnjak (ich besitze ein klein Stückchen Haus, eine Bedachung).
Neugierig, wie ich schon bin, ging ich zu ihm ins Gebirge hinauf, um
mir seine Behausung anzuschauen, eigentlich in der Hoffnung, bei ihm
meinen Hunger zu stillen. Ein hohes, mit verfaultem Stroh bedecktes
Dach, und statt der Wände aus Stein oder Ziegeln ein mit Lehm
beschmiertes Reisergeflechte! Brot und Fleisch fehlte im lieblichen
Heime. Durch meinen Besuch fühlte er sich und seine Familie aufs
äusserste geehrt und geschmeichelt. Die Hausfrau, die nicht zum
Vorschein kam, sandte mir mit ihrem Söhnchen einen Bohnenkäse und
eingesäuerte Paprika heraus. Als Getränk Kaffeeabsud und Honigwasser.

Zu V. 707 ff. Das seltsame Mädchen ist als die Sreća, d. h.
fortuna Köprülüs aufzufassen. Vergl. meine Studie, Sreća. Glück
und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien, 1887.

Zu V. 821. Zwei Köprülü waren Veziere (Vali) zu Bosnien:
Köprülüzade Numan, der Sohn des Grossveziers 1126 (1714) und
Köprülüzade Hadži Mehmed 1161 (1748); zum zweitenmal derselbe 1179
(1765). Der erste Köprülü war natürlich nie bosnischer Gouverneur,
nur der Guslar erhebt ihn zu dieser nach seinen bäuerlichen Begriffen
ausserordentlichen Ehren- und Würdenstellung.



Die Russen vor Wien.


Die Belagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1683 hat auch die
serbischen und bulgarischen Dichter im Volke, die ihre Lieder mit
Gefiedel auf Guslen begleiten, zur dichterischen Schilderung des
weltgeschichtlichen Ereignisses begeistert. Die älteren gedruckten
Sammlungen Guslarenlieder bieten so manches Stück dar, das jene
Niederlage der Türken vor Wien bald kürzer bald ausführlicher, mehr
oder minder in treuer Anlehnung an den tatsächlichen Verlauf des
grossen Geschehnisses darstellt. Eine eigentlich dichterische
Auffassung der Tragweite des für das gesamte Abendland unendlich
bedeutsamen und folgenreichen Sieges des Christentums über den
Halbmond fehlt den Guslaren und den Liedern. Selbst der nach
volktümlicher Weise dichtende dalmatische Franziskaner Andrija Kačić
Miošić ist in seiner Besingung (im Jahre 1756) des grossen
Völkerkampfes im Grunde genommen aus seiner Schablone des
versifizierten prosaischen Berichtes nicht herausgetreten. Der Sieg der
vereinigten christlichen Mächte hat eben beim Südslaven mehr den
Verstand als das Herz und das Gemüt, diese wahren Quellen der
Begeisterung, ergriffen. Der Südslave, namentlich der christliche
Serbe in Bosnien, im Herzogland und weiter südlich, war in diesem
entscheidenden Kampfe zwischen Orient und Okzident mehr ein müssiger
Zuschauer gewesen, dem der Sieg nicht unmittelbar zu Trost und Schutz
verholfen. Der moslimische Guslar aber schweigt über diesen Kriegzug
der Türken. Sollte er etwa die Erinnerung an die furchtbare
Niederschmetterung seiner Glaubengenossen frisch im Gedächtnis der
Nachwelt erhalten wollen? Sein Mund verstummte angesichts des über den
Sultan »die Sonne des Ostens« hereingebrochenen unheilschwangeren
Unsals. Der christliche Guslar in Bosnien und dem Herzögischen musste
wieder dagegen bedachtsam seine Schadenfreude vor den Herren des
Landes, den Moslimen, verbergen. Das Ereignis wurde immer seltener und
seltener besungen, bis die Nachrichten darüber schon nach
hundertundfünfzig Jahren in eine märchenhafte Sage ausklangen, die
nur noch die Hauptsache, den Entsatz von Wien und die gänzliche
Niederwerfung der Türkenherrschaft im Ungarlande festhält, fast alles
Beiwerk aber der Dichtung entnimmt. Die geschichtliche Wahrheit tritt
zurück, überwuchert vom üppig aufgeschossenen Lianengeranke
ungebundener Phantasie.

Von dieser Art ist unser Guslarenlied.

Man erfährt daraus an geschichtlichen Tatsachen bloss, dass einmal die
Stadt Wien an der Donau von einer gewaltigen Türkenmacht belagert und
fast eingenommen worden sei und dass sich der ‘Kaiser von Wien’,
sein Name wird nicht genannt, durch auswärtige Hilfe, einem aus Norden
kommenden Heere, aus der Not befreit hat und dass die Türken eine
gründliche Niederlage erfahren. Vom Grafen Rüdiger von Starhemberg,
vom Polenkönig Johann Sobieski, vom Herzog Karl von Lothringen, vom
Fürsten von Waldeck und den Kurfürsten von Bayern und Sachsen, die
alle am Befreiungkampfe rühmlichst Anteil genommen, von allen diesen
weiss der Guslar nichts. Dafür erzählt er uns ein Märchen, das in
einzelnen Zügen eine auffällige Verwandtschaft mit der Fabel des
Liedes vom Ende König Bonapartes [174] aufweist.

Gleich dem ‘König Alexius-Nikolaus’ von Russland in jenem Liede,
verlegt sich in diesem der ‘Wiener Kaiser’, voll Ergebung in die
Schicksalfügung, aufs Weinen. Dem einen wie dem anderen muss der Eidam
Hilfe bringen. Des Russenkönigs Eidam ist der Tataren Chan, der seine
100 000 Mann gegen Bonaparte stellt, des Wiener Kaisers Schwiegersohn
ist der greise Vater des Russenkaisers Michael, Johannes Moskauer
(Mojsković Jovan), der mit 948 000 Mann zum Entsatz Wiens
heranrückt. Davon sind, genau betrachtet, nur 900 000 Mann Russen,
der Rest Hilftruppen sagenhafter Lehenfürsten oder Bundgenossen, der
‘schwarzen Königin’ (einer der serbischen Sagenwelt auch sonst
vertrauten Gestalt), des Königs Lender (vielleicht steckt dahinter
ursprünglich der Name Lorraine?) und des Königs Španjur, des
Spaniers. Trotz dieser ungeheueren Heermacht vermag ‘Kaiser
Michael’ ebensowenig als ‘König Nikolaus’ gegen den Feind etwas
auszurichten. Beidemal hilft zum Siege das gleiche himmlische Wunder,
ein strömender Regen. König Bonapartes Heer vor Petersburg gerät bis
zum Hals in Wasser und erfriert stehenden Fusses, dem türkischen Heere
vor Wien verdirbt im Regen alle Munition. Es geschieht aber noch ein
grösseres Wunder, dasselbe, das auch die Erscheinung in Macbeth
Akt IV, Sz. I, anzeigt:


      »Macbeth geht nicht unter, bis der Wald
    von Birnam zu Dunsinans Höhen wallt
    und dich bekämpft.«


In unserem Liede bedient sich Kaiser Michael auf den Rat seines Vaters
hin einer noch durchdachteren Krieglist, indem er sein Heer auch mit
Leinwandwänden umgibt; darauf rufen die Türken beim Anblick des
wandelnden Kahlenberges und der weissen Wände verzweifelt aus:


    ’da dringen vor aus dem verfluchten Russland,
    da dringen gen uns Berge vor und Burgen!’


Wie in die hundert anderer Märchenmotive ist auch dieses vom
wandelnden Wald ein Gemeingut aller Völker und auch den Arabern
geläufig [175]. Es ist leicht möglich, dass gerade dieser Zug durch
Shakespeares Werke allgemeinere Verbreitung gewonnen hat. Shakespeare
ist bekannter als man glauben mag. Speziell sein Kaufmann von Venedig
ist zum internationalen geistigen Eigentum selbst der untersten
Volkschichten geworden. Aus Bosnien und Slavonien haben wir von der
Geschichte schon mehrere gedruckte Varianten. Der Vermittler für die
Bosnier war in erster Reihe, wie sich dies bei einem nahezu
literaturlosen Volke von selbst versteht, die mündliche
Überlieferung. Auf diesem Wege sind die Bosnier auch mit Maistre
Pierre Pathelin bekannt geworden. [176]

Das Guslarenlied, das wir hier mitteilen, singt der betagte Guslar
Marko Rajilić, ein Orthodoxer, im Dorfe Podvidača in Bosnien. Er
sagt, er habe es in dieser Fassung vor beiläufig vierzig Jahren (1845)
von dem nun längst verstorbenen Bauer Tanasija (Athanasius) Trkulja
aus Ovanjska gelernt oder übernommen. Einen Namen oder Titel gab der
Guslar selber dem Liede nicht.



      Vojsku kupi care Tatarine
    tri godine, da ćesar ne znade
    a četiri, da i ćesar znade.
    Vojsku kupi sedam godin dana.
    Kad je care vojsku sakupio
    okreće je Beču bijelome
    u proljeće kat se zopca sije.
      Kada jesu stražnji prolazili,
    tu su zopcu konjma naticali.
    Kolko j, braćo, polje ispod Beća,
    ne more ga gavran pregrktiti
    ja kamo li prekasati vuci.
      Sve to polje pritisnuli Turci;
    konj do konja, Turčin do Turčina,
    sve barjaci kao i oblaci,
    bojna koplja ka i gora crna.
      Pa su Turci na Beč udarili,
    polu Beča jesu osvojili
    do jabuke i do zlatne ruke
    i do svetog groba Stefanova,
    do lijepe Despotove crkve,
    u Ružicu crkvu ulazili.
    Gje su bile crkve i oltari
    ongje jesu džamije munare;
    sa munare turski odža viče
    pa se š njime turadija diče.
      To dotuži u Beču ćesaru
    pa on cvili a suze proljeva.
      Njemu veli sluga Petrenija:
    — Svjetla diko u Beču ćesare,
    što ti cviliš a suze proljevaš?
    Već ti uzmi divit i kalema,
    list artije knjige bez jazije;
    knjigu piši na svome koljenu
    pa je šalji u kletu Rusiju
    a na ruke Mojsković Jovanu.
      Otlen će te mio Bog pomoći,
    žarko će te ogrijati sunce,
    otalen će tebi indat doći!
    Kat to čuo u Beču ćesare,
    on uzima divit i kalema,
    list artije knjige bez jazije
    knjigu piše na svome koljenu
    pa je daje slugi Petreniji:
    — Na ti slugo list knjige bijele
    pa je nosi u kletu Rusiju
    a na ruke Mojsković Jovanu
    a Jovanu mome prijatelju.
    Njesam njemo svoje ćeri dao
    što je Jovan meni mio bio,
    već sam njemu svoju ćerku dao,
    da mi Jovan u muci pomaže.
    Nosi knjigu štogogj brže možeš,
    ti ne žali áta ni dukata.
    Uze djete list knjige bijele
    pa je metnu u džepove svoje
    pa posjede dobra konja svoga
    pa otisnu u kletu Rusiju.
      Dok je djete u Rusiju došlo
    četr’est je promjenilo áta.
    Kad je djete u Rusiju došlo
    knjigu daje Mojsković Jovanu.
      Knjigu štije Mojsković Jovane,
    knjigu štije, grozne suze lije
    niza svoje prebijelo lice
    i nis svoju prebijelu bradu.
      Viš njeg stoji care Mijailo
    pa govori care Mijailo:
      — A moj babo Mojsković Jovane,
    kakva j knjiga, ot koje li zemlje?
    je li knjiga prebijela došla,
    da ne pozna mlagji starijega,
    da s uzima trećeg brata djete
    i da s ljube kume s kumovima?
    Onda veli Mojsković Jovane:
      — A moj sine care Mijailo,
    nije bjela meni knjiga došla,
    da ne pozna mlagji starijega;
    ne uzima s trećeg brata djete,
    ne ljube se kume sa kumovma,
    već je knjiga od Beča bijelog,
    ot ćesara moga prijatelja,
    prijatelja moga, babaluka tvoga.
      Turci su mu vrlo dodijali
    pô mu Beča jesu osvojili
    do jabuke i do zlatne ruke
    i do svetog groba Stefanova
    i do ljepe Despotove crkve.
      Gje su bile crkve i oltari
    ongje jesu džamije munare;
    sa munare turski odža viče
    i š njime se turadija diče.
      Ćesar nam je knjigu opravio,
    da mi njemu indat učinimo.
    Ja sam sine vrlo ostario,
    ni konja se držati ne mogu,
    ja kamo li da vojujem Beču!
      Onda veli care Mijailo:
      — A moj babo Mojsković Jovane,
    daj ti meni proštenje, blagoslov,
    da pokupim po Rusiji vojsku;
    ja ć vojevat Beču bijelome,
    babaluku indat učiniti!
      Onda veli Mojsković Jovane!
    — Ajde sine u sto dobri časâ!
    Uzmi sine čokan ti u ruke
    pa izagji gore na Kijevo
    pa ti uzmi ključe ot Kijeva
    pa otključaj aznu i topove
    i probudi mlade čarkadžije;
    pa opalte do trista lubardi,
    po tri puta po trista lubardi,
    nek se skuplja na lubarde vojska;
    pa izigji na visoku kulu
    pa opali tri topa velika
    što no s čuju po našoj Rusiji.
    Nek ustaju na noge rtnjici,
    nek se dižu mladi konjanici,
    jer su turci na obraz junaci!
    Kat to čuo care Mijailo,
    on uzima čokana u ruke
    pa izagje gore na Kijevo
    pa uzima ključe ot Kijeva
    pa otključa aznu i topove
    i probudi mlade čarkadžije.
      Opališe do trista lubardi
    pa izagje na visoku kulu
    pa opali tri topa velika
    što se čuju baš po svoj Rusiji.
    Te ustaše na noge rtnjici
    podigoše s mladi konjanici.
      Malo vrjeme, za dugo ne bilo
    car Mijajlo vojsku pokupio.
      Njemu veli Mojsković Jovane:
    — Uzmi sine svu na kalem vojsku,
    da ja vigjam kolko imaš vojske,
    moš vojevat Beču bijelome,
    babaluku indat učiniti!
      Uze djete svu na kalem vojsku
    pa on kaže svome babi dragom:
      — Imam babo ja za dosta vojske
    po tri puta po trista iljada.
      Onda veli Mojsković Jovane:
      — Ajde sine u sto dobri časâ,
    Bog ti dao i Bog ti pomogo!
    Navrati se na crnu kraljicu,
    dužna mi je dvanajst iljad vojske.
    Svrati se sine pa povedi vojsku
    pa s navrati na Lendera kralja,
    dužan mi je šestnajst iljad vojske.
    Svrati se sine pa povedi vojsku
    pa s navrati na Španjura kralja,
    dužan mi je dvajest iljad vojske.
    Svrati se sine pa povedi vojsku
    a kad dogješ na tijo Dunavo
    tu kuriši moste na Dunavu
    pa po suvu svu prevedi vojsku.
    Kraj Dunava ti vojsku zastavi
    pa ti sine svu vojsku pričesti.
    Kom nedoteče vina crljenoga,
    ima dosta studenog Dumava.
      Kada pogješ kroz goru pram Beču,
    zapovjedi ti po vojsci sine:
      »Svak za glavu po jelovu granu!«
    Kad izagješ ti u polje pod Beč,
    svoju vojsku svu platnom ogradi.
    Kad vigjaju to od Beča Turci,
    reće tada oda Beča Turci:
      »Eto na nas gora i gradova!«
    lakše ćeš ti Turke predobiti.
      Car Mijajlo vojsku podignuo,
    navrati se na crnu kraljicu
    pa mu dade dvanajst iljad vojske,
    pa s navrati na Lendera kralja
    pa mu dade šesnajst iljad vojske,
    pa s navrati na Španjura kralja
    pa mu dade dvajest iljad vojske.
      Pa kad dogje na tijo Dunavo
    a kurisa mostov na Dunavu,
    svu po suvu on prevede vojsku.
      Kraj Dunava vojsku ustavio,
    svu dijete vojsku pričestio.
      Kom nemade vina crljenoga
    doteče mu studenog Dunava.
    Leže djete sanak boraviti
    pot šatorom kraj Dunava ladna.
    Dovikuje g angjel iz oblaka:
      — Čekaj care dana ponegjelka,
    u ponegjlak kiša udariće,
    tursku hoće aznu potopiti.
    Prelako ćeš Turke ti dobiti!
      Djete čeka dana ponegjelka.
    U ponegjlak kiša udarila,
    tursku ona aznu potopila.
    Car Mijajlo vojsku podignuo
    i vojsci je zapovijedio:
      — Svak za glavu po jelovu granu!
      Kat s izašli na polje zeleno,
    svu je vojsku platnom ogradio.
    Kad videše to od Beča Turci,
    prokleti su Turci govorili:
      — Eto na nas ot klete Rusije,
    eto na nas gore i gradova!
      Malo vrjeme, za dugo ne bilo,
    ispod Beča sva zemlja poječa,
    i potisnu katana Tatara,
    naćera ga na studenu vodu.
      Tude roblje jeftino bijaše:
    dva Turčina za lulu duvana,
    dvije bule za rešeto šljiva.
      I danas se još znadu točila
    kud je vojska careva skočila.


      Der Zar Tatar der sammelt eine Heermacht
    drei Jahre lang, nichts weiss davon der Kaiser,
    vier Jahre lang, es weiss davon der Kaiser;
    wohl sammelt er ein Heer durch sieben Jahre.
      Nachdem der Zar das grosse Heer gesammelt,
    da lässt er’s gegen’s weisse Wien marschieren
    im Lenze, wann der Landmann Hafer aussät.
      Der letzte Zug vom langen Zug des Heeres
    der konnt’ mit reifer Frucht die Pferde füttern.
      O Brüder, das Gefild vor Wien ist mächtig,
    kein Rabe kann das Marchfeld überkrächzen,
    geschweige Wölf’ ohn Rasten übertraben.
      Dies ganze Feld bedeckten Türkenhorden;
    hier Ross an Ross, hier Türk gedrängt an Türken;
    wie Wolkenflocken flattern zahllos Fahnen.
      Von Kriegerspeeren starrt es wie ein Urwald.
      Da griffen Wien die Türkenscharen an.
      Halb Wien ist schon vom Türkentum erobert
    bis zu dem Apfel und dem goldnen Arme
    und bis zur heiligen Stefangrabesstelle
    und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.
      Sie brachen ein auch in die Rosenkirche.
    Wo ehdem Kirchen stunden und Altäre,
    dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten.
      Es schreit vom Minaret der türkische Hodža;
    sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.
      Letzt ward des Leids zuviel in Wien dem Kaiser,
    er brach in Tränen aus und jammerklagte.
    Da sprach zu ihm der Diener Petrenija:
      — O heller Stolz und Glanz, du Wiener Kaiser!
    was soll das Flennen, was das Zährenfliessen?
    ergreif vielmehr die Tinte und das Schreibrohr,
    ein Blatt Papier noch rein und unbeschrieben,
    und schreib ein Schreiben wohl auf deinem Knie
    und schick es ab in das verfluchte Russland
    zu Handen jenes Mojsković Johannes.
      Von dorten wird der liebe Gott dir helfen,
    wird dich die heisse Sonne mild erwärmen,
    von dorten wird zu Teil dir Hilfe werden.
      Als dies der Kaiser wohl zu Wien vernommen,
    so griff er nach der Tinte und dem Schreibrohr
    und einem Blatt Papier noch unbeschrieben;
    er schrieb den Schreibebrief auf seinem Knie
    und gab ihn hin dem Diener Petrenija:
      — Da nimm o Diener hin das weisse Schreiben
    und trag es fort in das verfluchte Russland
    zu Handen jenes Mojsković Johannes,
    ja, Herrn Johannes, meines nächsten Freundes.
      Drum gab ich ihm die Tochter mein nicht hin,
    weil mir das Herrchen zu Gesicht gestanden,
    nur darum gab ich ihm mein Töchterlein,
    damit er Hilf’ in schwerer Not mir biete.
      So trag den Brief so rasch als Füsse tragen,
    schon’ deinen Zelter nicht noch Goldzechine!
      Es nahm das Kind an sich das weisse Schreiben
    und tauchte’s tief hinab in seine Taschen
    und setzte sich auf seinen guten Zelter
    und schob dann ab in das verfluchte Russland.
      Es wechselte an vierzigmal die Zelter
    das Kind, bevor’s in Russland angekommen.
    Sobald das Kind in Russland angekommen,
    so gab’s den Brief an Mojsković Johannes.
      Es liest den Brief Herr Mojsković Johannes,
    er liest den Brief, zerfliesst in grause Tränen,
    die Tränen fliessen übers weisse Antlitz
    und übern schneeig weissen Bart hernieder.
      Zu Häupten steht ihm Kaiser Mihajilo;
    da nimmt das Wort der Kaiser Mihajilo:
      — Mein trauter Vater Mojsković Johannes!
    was ist das für ein Brief, aus welchem Lande?
    was bringt der schneeig weisse Brief für Kunde?
    ehrt etwan nicht den ältren Mann der jüngre?
    herrscht Blutschand unter Gliedgeschwisterkindern?
    ist leicht die Patin ihres Täuflings Buhlin?
      Darauf entgegnet Mojsković Johannes:
      — O lieber Sohn, du Kaiser Mihajilo!
    Der weisse Brief, der bringt mir keine Kunde,
    dass nicht den ältren Mann der jüngre ehre,
    dass unter Gliedgeschwistern Schande herrsche,
    die Patin ist nicht ihres Täuflings Buhlin;
    vielmehr vom weissen Wien ist dieses Schreiben,
    es ist von meinem Freund in Wien, vom Kaiser,
    von deinem Grosspapa und meinem Freunde.
      Zu Last ist ihm die Türkennot geworden,
    sie haben halb sein weisses Wien erobert
    bis zu dem Apfel und dem goldnen Arme
    und bis zur heiligen Stefangrabesstelle
    und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.
      Wo ehdem Kirchen stunden und Altäre
    dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten;
    es schreit vom Minaret der türkische Hodža,
    sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.
      Der Kaiser hat uns einen Brief gesendet,
    wir mögen ihm mit Macht zu Hilfe kommen.
    Ich bin, mein Sohn, ich bin schon hoch bei Jahren,
    ich kann zu Ross mich nimmer aufrecht halten,
    wie wagt’ ich’s in den Krieg nach Wien zu ziehen?
      Drauf spricht zu ihm der Kaiser Mihajilo:
      — Mein lieber Vater Mojsković Johannes!
    so gib du mir zum Abschied deinen Segen,
    damit ich mir ein Heer in Russland sammle;
    ich zieh gen’s weisse Wien auf einen Kriegzug
    und bringe meinem Grosspapa die Hilfe.
      Zur Antwort gibt ihm Mojsković Johannes:
      — Zu guter Stund’, sei hundertmal gesegnet!
    so nimm mein Sohn das Szepter in die Hände,
    begib hinauf dich auf die Burg Kijevo
    und nimm die Schlüssel von der Burg Kijevo,
    schliess auf die Kammern und die Kriegkanonen,
    weck auf die jungen Radschlossflintenplänkler,
    und schiesset los dreihundert Bombenpöller;
    je dreimal voll dreihundert Bombenpöller;
    es soll das allarmierte Heer sich sammeln.
      Sodann begib dich auf die hohe Warte
    und brenne los drei grosse Kriegkanonen,
    dass sie in unsrem Russland widerhallen.
    Die schnellen Plänkler sollen sich erheben,
    es sollen sich die jungen Reiter rüsten;
    denn musterhafte Helden sind die Türken!
      Als dies der Kaiser Michael vernommen,
    so nahm er gleich das Szepter in die Hände,
    begab hinauf sich auf die Burg Kijevo,
    und nahm die Schlüssel von der Burg Kijevo,
    schloss auf die Kammern und die Kriegkanonen
    und weckte auf die jungen Radschlossplänkler.
      Sie schossen los dreihundert Bombenpöller.
    Drauf stieg hinauf er auf die hohe Warte
    und brannte los drei grosse Kriegkanonen;
    es hallt der Schall im ganzen Russland wieder.
      Da sprangen auf die Beine auf die Plänkler,
    behende fuhren auf die jungen Reiter.
      In kurzer Frist, es währte gar nicht lange,
    hat Kaiser Michael sein Heer beisammen.
      Da spricht zu ihm Herr Mojsković Johannes:
      — Mein Kind, verzeichne mir die ganze Heermacht,
    damit ich seh’, wie viel dein Heer betrage,
    ob du für’s weisse Wien bist wohl gerüstet,
    um deinem Grosspapa zu Hilf zu kommen.
      Das Kind verzeichnete die ganze Heermacht
    und sprach darauf zu seinem teuren Vater:
      — Vollkommen reicht das Heer mir aus, mein Vater,
    von dreimal je dreihunderttausend Kriegern!
      Darauf entgegnet Mojsković Johannes:
      — Zeuch hin, o Sohn, zu hundert guten Stunden,
    beglück dich Gottes Huld und Gottes Hilfe!
    Kehr ein zur schwarzen Königin am Wege,
    zwölftausend Krieger ist die Frau mir schuldig;
    kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht
    und halt mir Einkehr auch beim König Lender,
    er ist mir sechszehntausend Krieger schuldig;
    kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht
    und halt mir Einkehr auch beim König Španjur,
    er ist mir zwanzigtausend Krieger schuldig;
    kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht
    und wann du an der stillen Donau anlangst
    so schlag dort Brücken überm Donaustrome
    und führ das Heer hinüber trocknen Fusses.
    Lass Halt das Heer am Donaustrande machen,
    gewähr’ dem ganzen Heer, mein Sohn, die Ölung.
    Sollt’s einem letzt an rotem Weine fehlen,
    so fehlt’s ja nicht an kühlem Donaubronnen.
      Wann du gen Wien gelangst durchs Waldgebirge,
    so gib, mein Sohn, Befehl dem ganzen Heere:
    »Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«
      Sobald du in die Wiener March gestiegen,
    umbau dein ganzes Heer mit einer Leinwand.
      Wenn dies von Wien die Türken dann erblicken,
    so werden drauf von Wien die Türken sagen:
      »Da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«
    du wirst die Türken leichter so besiegen.
      Der Kaiser setzt die Heermacht in Bewegung,
    kehrt ein zur schwarzen Königin am Wege,
    die Frau, die gibt ihm mit zwölftausend Krieger;
    drauf hält er Einkehr auch beim König Lender
    und dieser gibt ihm sechszehntausend Krieger;
    dann hält er Einkehr auch beim König Španjur,
    und dieser gibt ihm zwanzigtausend Krieger.
      Als er zum stillen Donaustrom gelangte,
    so schlug er überm Donaustrome Brücken
    und führt’ das Heer hinüber trocknen Fusses.
      Er liess das Heer am Donaustrome halten
    und gab dem ganzen Heer die letzte Ölung.
      Gebrach’s bei einem just an rotem Weine,
    behalf er sich mit kaltem Donaubronnen.
      Am kalten Donaustrome unterm Zelte
    dort legte sich das Kind zum Schläfchen nieder,
    da scholl des Engels Stimme aus der Wolke:
      — O harre, Kaiser, bis zum nächsten Montag,
    am Montag wird ein Regen niederströmen,
    die Munition der Türken überschwemmen.
    Du wirst die Türken spielend leicht besiegen!
      Es harrt das Kind geduldig bis zum Montag.
    Am Montag fing ein Regen an zu strömen,
    die Munition der Türken kam ins Wasser.
      Der Kaiser setzt die Heermacht in Bewegung
    und lässt dem ganzen Heere gleich gebieten:
      — »Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«
      Als sie dann in die grüne March gelangten,
    umbaute er das ganze Heer mit Leinwand.
      Sobald die Wiener Türken dies erblickten,
    da sprachen die verfluchten Türkenkerle:
      — »Da dringen vor aus dem verfluchten Russland,
    da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«
      In kurzer Frist, es währte gar nicht lange,
    erdröhnte unter Wien herum die Erde.
      Er machte flüchtig den Tatarenreiter
    und trieb den Flüchtling in die kühlen Fluten.
      Nun wurden Sklaven billig feilgeboten:
    zwei Türken wohl um eine Pfeife Knaster,
    zwei Türkinnen um einen Reuter Zwetschken.
      Die Türkenschanzen sind noch zu erkennen,
    die musst’ im Lauf das Kaiserheer berennen.



Erläuterungen.

Zu Vers 1. Die Bezeichnung ‘Tatarin’ für den Sultan, ‘sunce od
istoka’ (Sonne des Ostens), ‘den Nachkommen des Heiligen’, d. h.
des Propheten (svečevo kolino) ist eine arge Unrichtigkeit. Sonst wird
in den Guslarenliedern der Christen genauer, in den Liedern der
Moslimen immer genau unterschieden zwischen dem Sultan und dem
Tatar—chan (oder Tataran). Der Sultan wird immer Car (Kaiser), der
Kaiser von Österreich meist ćesar, seltener car genannt. Auffällig
ist Car für den Herrscher Russlands. Gewöhnlich heisst er in
Guslarenliedern kralj moskovski (Moskauer König), kralj od Rusije
(Kaiser von Russland), rusinski kralj (russischer Kaiser). Dass
zwischen kralj und car ein Rangunterschied bestehe, dessen ist sich der
Guslar nicht bewusst.

Zu Vers 10 ff. Ich halte mich an den Text und übersetze: Marchfeld.
In Wirklichkeit lagerten aber die Türken 200 000 Mann an der Zahl auf
dem welligen Hochplateau von Währing (wo noch eine Örtlichkeit den
Namen ‘Türkenschanze’ trägt) angefangen in langer Linie bis zu
den Wieden. Die Mechitaristenkirche im VII. Bezirk, Neustiftgasse 4,
ist gerade an der Stelle erbaut, wo Kara Mustaphas Befehlhaber-Zelt im
Jahre 1683 gestanden.

Zu Vers 19. ‘Bis zum Apfel und der goldenen Hand.’ Gemeint ist die
innere Stadt Wien, jetzt der erste Bezirk. Apfel ist der eiserne Buckel
am Tore, Hand bedeutet die Torklinke.

Vers 21. Despot, in Erinnerung an den serbischen Despoten Branković.
Wenn dieser und der darauffolgende Vers, in welchem einer Rosenkirche
(Rosalienkirche) gedacht wird, nicht blosse stereotype Zeilen der
Guslarenlieder wären, könnte man an die Burgkapelle denken. Dass die
Türken keine Zeit gehabt haben, um Wien herum Moscheen zu erbauen und
Minarete zu errichten, braucht nicht erst bewiesen zu werden.

Vers 28. Nach der Auffassung des Südslaven, gleichwie des Griechen in
der Entstehungzeit der Homerischen Lieder ist das laute Weinen für den
Helden keineswegs schimpflich. Überdies ist der Südslave ein
wehleidiger Geselle, der sowohl für körperliche als geistige
Schmerzen eine geringe Widerstandkraft besitzt. Die grössten Helden,
Prinzlein Marko, Mustapha Hasenscharte, fangen oft bei geringfügigen
Anlässen zu plärren an, und gerät einer vollends in eines Feindes
Kerker hinein, so jammert er so laut, dass es selbst das Burgfräulein
im obersten Stock der Warte nicht mehr aushält und nervös wird, wie
ein Wiener Schriftsteller, unter dessen Fenster ein Werkelmann
ausdauernd leiert. Kaiser Leopold hat beim Ansturm der Türken nicht
geweint, vielmehr als ein abendländischer Held trockenen Auges alle
Anstalten getroffen, um den Feind zu vernichten.

Vers 31. Der Guslar überträgt die Art und Weise des Orientalen beim
Schreiben auf den Deutschen. Über Briefe und Briefschreiben bei dem
Südslaven vgl. Krauss im ‘Smailagić Meho Ragusa’ 1885. S. 86 zu
Vers 129 und S. 142 zu Vers 1584.

Vers 35. Kleta R., ‘verflucht’ nennt Petrenija Russland, weil sein
Herrscher die Not der bedrängten Christen nicht beachtet.

Vers 50 ff. Der Guslar mutet dem Kaiser die Gesinnung eines
serbischen Bauern zu, der seine Tochter am liebsten in eine reiche
Sippe hinein verkauft, um durch eine solche Verschwägerung sich selber
zu sichern. Vgl. Krauss in ‘Sitte und Brauch der Südslaven’, Wien
1885, S. 373.

Vers 72 ff. Ehrfurcht vor dem Alter ist bei den Südslaven ein
allgemeines sittliches Gebot, s. ‘Krauss, Sitte und Brauch’
S. 603. Über Blutschande vgl. a. a. O. S. 221 ff. Unter den
südslavischen Sippen ist die Exogamie seit uralten Zeiten
vorherrschend. Als schrecklichste aller Sünden wird Buhlschaft unter
Paten betrachtet, vrgl. a. a. O. S. 616 ff.

Vers 105. ‘In hundert guten Augenblicken.’ Vrgl. Krauss: Sreća.
Glück und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien 1886,
S. 144 ff.

Vers 106. čokan vom italienischen ciocco, Klotz, Keule, Stock,
Feldherrnstab, Szepter.

Vers 107. Unser Guslar hält Kijevo (Kiew) für den Namen der
russischen Kaiserburg, der Guslar des Liedes vom König Bonaparte für
den Namen einer Ebene. Die Kenntnisse des südslavischen Bauern über
Russland sind eben sehr gering und immer verworren, märchenhaft.

Vers 110. čarkadžija der Plänkler, wie in Vers 117 slavisch rtnik;
vom türkischen čarka; nach Daničić’s Vermutung stammt das
türkische Wort aus dem italienischen schermugio, französisch
escarmouche, das Scharmützel.

Vers 146. Als ‘schwarze Königin’ werden in serbischen Sagen
serbische und bosnische Königinnen-Witwen (Jerina) bezeichnet, die das
Volk durch Härte und Grausamkeit zur Verzweiflung trieben. Mijat, der
Hajduk, erzählt, die Verbrechen der schwarzen Königin hätten ihn von
Haus und Hof vertrieben. Auch die nordslavischen Volksagen kennen die
blutgetränkte Gestalt einer wunderholden, männersüchtigen, schwarzen
Königin. Sacher-Masoch hat die bekannte slavische Sage den Deutschen
in Novellenform mitgeteilt.

Vers 152. Španjur, sonst španjug für ‘Spanier’. Spanier
kämpften um das Jahr 1570 im dalmatischen Küstenlande gegen die
Türken. Nicht viel mehr als der blosse Name erhielt sich im Volke bis
in die Gegenwart. Vrgl. das Guslarenlied bei Krauss in: ‘Das
Mundschaftrecht des Mannes über die Ehefrau bei den Südslaven’,
Wien 1886.

Vers 156. Kuriši, vom türkischen kurmak, einrichten, aufstellen.

Vers 179. Mostov für mostove, doch ist gerade bei most die Mehrzahl
mosti die üblichere.

Vers 187. Der Engel statt der Vila, die in Wolken fährt. Vrgl. Krauss
in: Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien, Wien 1889,
S. 123 ff. Denselben Guslar, der sonst in solchen Fällen immer Vilen
auftreten lässt, an die er ja glaubt, leitet unbewusst das richtige
Gefühl, es sei unstatthaft, eine südslavische Vila einem Ausländer
aus weiter Fremde und noch dazu im Auslande erscheinen zu lassen.

Vers 188. Der gläubige Christ soll durch einen blutigen Kampf den
Sonntag nicht entheiligen.

Vers 209. Eine Pfeife Tabak verehrt man selbst dem erstbesten
Unbekannten auf dem Wege, wenn er einen darum anspricht. Tabak gedeiht
in Bosnien in Überfülle und war vor Einführung des staatlichen
Monopols spottwohlfeil zu haben. In Bosnien gedeihen aber auch
Zwetschken überreichlich, und daher hatte ein Reuter voll dieses
Obstes vor den Zeiten des Eisenbahnverkehrs und ehe sich jüdische
Händler einfanden, einen sehr geringen Wert beim Bauer auf dem
Gehöfte. Der Guslar will also sagen: Man bekam Sklaven so gut wie
geschenkt zu kaufen.

Vers 211 f. Seit Jahren ist die letzte Spur der Türkenschanzen
weggeräumt worden. Jetzt entstand dort eine der herrlichsten
Parkanlagen Wiens. Nur der Name ‘Türkenschanze’ ist der Anlage
geblieben.



Die Mutter der Jugović.


Im Pašalyk Prizren in Altserbien siedelte im Jahre 1891 in aller
Stille die osmanische Regierung einige tausend Juden an, die aus dem
strenggläubigen, heiligen Russland zur Auswanderung gedrängt worden
waren. Wie lange werden die Neusiedler und deren Nachkommen dort in
Frieden leben dürfen? Wer weiss es? Schon schielen manche Diplomaten
mit ländergierigen Augen nach jenem wunderbar gesegneten Landstrich
hin, der zwar noch immer Altserbien genannt, doch derzeit vorwiegend
von Albanesen und Bulgaren bewohnt wird. Die Serben namentlich erheben
historische Rechtansprüche auf den Besitz des Kosovo polje, des
schiefen Feldes oder der Leiten, wie man gut deutsch so ein Gebiet
nennt, einer überaus fruchtbaren Hochebene von 70 km Länge und
30 km Breite. Mit Unrecht heisst man das Feld Amselfeld, als ob der
slavische Name Kos polje lautete. Nicht durch Amselgesang erlangte jene
Hochebene grosse Berühmtheit, sondern durch Abschlachtungen, die sehr
gläubige Moslimen und sehr gläubige Christen untereinander auf dem
breiten Plane veranstalteten. Berühmt ist der 15. Juni 1389, denn an
jenem Tage zertrat Murad I. und sein Sohn Bajazit auf den Leiten die
gesamte Serbenmacht und das Serbenreich. Und am 17. bis zum
19. Oktober 1448 zermalmte Murat II. zwischen Priština und Vučitrn
das Heer Johann Hunyadis.

Mit unauslöschlichen Zügen prägte sich die Erinnerung an diese zwei
Massenniedermetzelungen dem Gedächtnisse der Serben und Bulgaren ein.
Noch jetzt zehrt der Patriotismus und Chauvinismus der serbischen
Politiker von jenen Niederlagen und er wird sich schwerlich eher
beruhigen, als bis eine noch grössere Fremdeninvasion diese alte
Geschichte gegenstandlos machen wird. Dem Bauernvolke darf man
keinerlei politische Auslegungen seiner Erinnerungen an jene Vorfälle
unterschieben; denn ihm sind die Berichte der Guslaren nichts mehr und
nichts weniger als hübsche Sagen, die man zum Zeitvertreib anhört.
Selbst der Volkforscher kann die einschlägigen Guslarenlieder nur als
Sagen auffassen und muss ihnen so gut wie jede pragmatisch historische
Bedeutung absprechen. Sie sind ihm nicht viel anderes als ein Ausdruck
geistiger Gestaltungkraft der Volkseele, deren Dolmetsche namenlose,
weil vergessene Dichter aus dem Volke und Bewahrer der Rede Guslaren
sind.

Eine alte Sage (man muss sie sich erst aus Bruchstücken neu
zusammensetzen) erzählt von den Bewohnern der Burg Zvečan bei
Mitrovica in Altserbien. Dort hauste in der zweiten Hälfte des
XIV. Jahrhunderts der serbische Ritter Jug Bogdan (Süd Theodor) mit
seiner würdigen Gattin, einem Töchterlein und neun Söhnen, die nach
ihm Südsöhne (Jugovići) hiessen. Er war ein mächtiger Streiter,
wohlgeübt und erfahren in Mordtaten jeglicher Art, und seine Söhne
gerieten ihm nach. Die Tochter Milica verheiratete er an den
Landfürsten Lazar und seinen Söhnen verschaffte er Genossinnen in die
Hausgemeinschaft. Er war daher zu Hofe und im Reiche gar geehrt und
angesehen. Kurz vor der Schlacht auf den Leiten feiert Lazar der
Serbenfürst sein Sippenfest [177]:


    Die Herren setzt er an die Tafelrunde,
    die Herren und die Ritter allzumal;
    zur rechten Hand den greisen Jug Bogdan,
    neun Jugović, die Söhne neben ihm.
    — — — — — — — — — —
    Den goldnen Becher Wein ergreift der Kaiser
    und spricht zur Ritterschaft von Serbien:
    — Auf wessen Wohl bring dieses Glas ich aus?
    Bring ich’s der Alterschaft zu Ehren aus,
    dann trink ich zu dem greisen Jug Bogdan.


In der Nacht vor dem Auszug der Serben in den Kampf träumt die
Fürstin Milica einen garstigen Traum vom Untergang des Heeres, von
Schmach und bitterer Qual. Mit angstgepresstem Gemüte wendet sie sich
an ihren gekrönten Ehgemahl [178]:


    — O könnt ich nur, Gebieter mein, von dir mir eins erflehen,
    dass du mir von den Jugović zurück doch einen liessest!
    Wenn schlimmer Zufall irgendwie auf den Leiten walten sollte,
    dass ich den Stamm der Jugović für immer nicht verlöre!
    Da sprach zur Fürstin Milica also zur Antwort Lazar:
    — Ich kann dir von den Jugović zurück nicht einen lassen.
    In Treuen sie gelobten es vom Ungarland dem König,
    selbst sänke wohl der Himmel nieder auf die schwarze Heldenerde,
    sie täten fangen auf ihn kühn auf ihre Schlachtenspeere.


Nach der Niederlage auf den Leiten zerstoben die Überreste der Armee.
Das Guslarenlied erzählt [179], Kaiserin Milica sei mit ihren zwei
Prinzesschen von Ahnungen geängstigt vom Schloss herabgeeilt, um Kunde
über den Ausgang der Entscheidungschlacht zu erlangen. Herzog Vladeta
kommt flüchtend hoch auf braunem Renner ihr entgegen. Sie befragt ihn
unter anderem:


    — So künd mir noch, o du des Fürsten Herzog,
    da auf den ebnen Leiten du gewesen,
    sahst du nicht wo neun Jugovićen dort,
    als zehnten auch den greisen Jug Bogdan?
    Da spricht zu ihr Herr Vladeta, der Herzog:
    — Wohl zog ich quer durchs ebne Leitenfeld
    und sah die Jugovićen alle neun
    und auch den zehnten, Jug Bogdan den Greis.
    Sie kämpften mitten in dem Leitenfelde,
    die Arme bis zur Schulter ihnen blutig,
    die Schwerter bis zum Griffe blutgebadet;
    doch sanken schon ermattet ihre Hände
    die Türken auf den Leiten niedermetzelnd.


Kaiserin Milicas Traum war doch in Erfüllung gegangen. Nachstehendes
Lied, das ich am 8. Januar 1885 zu Mačkovac in Bosnien nach der
Rezitation des Guslaren Gjoko Popović, eines eingewanderten
Montenegrers, aufgezeichnet, schildert die Schlussszene der Tragödie.
Ein Dichter, ein wahrhaft begnadeter Mensch, hat diese tiefergreifende
Episode ausgedacht zur Verklärung unendlichen Mutterstolzes und
rätselhafter Mutterliebe. Die Mutter findet ihre Söhne tot auf dem
Leichenfelde, und ohne Klagen kehrt sie heim, um ihre Schwiegertöchter
und Enkel nicht mit der Trauerbotschaft in Jammer zu versetzen. Ihren
eigenen Schmerz ringt sie nieder. Erst als sie die rechte Hand ihres
jüngsten Sohnes mit dem Trauring am Finger auf dem Schosse hält,
macht sich ihr Schmerz in Worten Luft.


      Boga moli Jugovića majka,
    da joj Bog da oči sokolove
    i bijela krila labudova,
    da otide na Kosovo ravno
    i da vidi devet Jugovića.
      Što molila Boga domolila.
    Bog joj dade oči sokolove
    i bijela krila labudova;
    ona ide na Kosovo ravno.
    Mrtvih nagje devet Jugovića
    i više njih devet bojnih kopja,
    za kopljima devet dobrih konja,
    na kopljima devet sokolova
    i više njih devet ljutih lava.
    Tad zanjišta devet dobrih konja
    i zaklika devet sokolova
    i zalaja devet ljutih lava.
      I tu majka tvrda srca bila,
    da ot srca suze ne pustila;
    već uzima devet dobrih konja
    i uzima devet sokolova
    i uzima devet ljutih lava
    pa ih vodi svome bjelu dvoru.
      Daleko je snaje ugledale
    a dilje su prid nju išetale.
      Zakukalo devet udovica,
    zaplakalo devet sirotica.
      I tu majka tvrda srca bila,
    da ot srca suze ne pustila.
    Kad je bilo noći u ponoći
    tad zavrišta Damjanov zelenko.
      Viče majka ljubu Damjanovu:
      — Snavo moja ljubo Damjanova,
    što nam vrišti Damjanov zelenko?
    Il je gladan šenice bjelice
    il je žedan vode sa Zvečana?
      Progovara ljuba Damjanova:
      — Svekrvice majka Damjanova!
    nit je gladan šenice bjelice,
    nit je žedan vode sa Zvečana,
    već je njega Damjan naučio
    do po noći sitnu zob zobati,
    ot po noći na drum putovati.
      Kad u jutro jutro osvanulo,
    osvanulo i sunce granulo,
    ali lete dva vrana gavrana,
    krvava im krila do ramena,
    na kljunove bjela pjena trgla;
    oni nose ruku od junaka,
    na ruci je burma pozlaćena,
    bacaju je u krioce majci.
      Uze majka ruku od junaka
    pa dozivlje ljubu Damjanovu:
      — Snaho moja ljubo Damjanova!
    bi l poznala čija j ovo ruka?
      Al govori ljuba Damjanova:
      — Svekrvice majko Damjanova!
    ovo ruka našega Damjana,
    jer ja ruku po burmi poznajem,
    sa mnom burma na vjenčanju bila.
      Uze majka ruku Damjanovu
    pa je ruci tijo beśjedila:
      — Ruko moja zelena jabuko!
    Gdi si rasla, gdi si ustrgnuta?
    Ti si rasla na kriocu mome,
    ustrgnuta na polju Kosovu!


      Der Jugovićen Mutter fleht zu Gott,
    es mög ihr Falkenaugen Gott verleihen
    und weisse Schwanenfittiche gewähren,
    auf dass sie auf die ebnen Leiten ziehe
    und dort erschau neun Brüder Jugović.
      Um was zu Gott sie flehte, sie erfleht’ es.
    Es tat ihr Falkenaugen Gott verleihen
    und weisse Schwanenfittiche gewähren;
    sie zog dahin aufs ebne Leitengeben.
      Neun tote Jugovićen fand sie vor,
    neun Schlachtenspeere ober ihren Häupten,
    neun gute Rosse hinter all den Speeren,
    neun Falken auf den Speeren oben sitzend,
    neun Löwen grimmig ober ihnen noch.
      Neun gute Rosse huben an zu wiehern,
    neun Falken stiessen wilde Rufe aus,
    neun Löwen grimmig fingen an zu bellen.
      Auch da verharrt der Mutter Herze hart,
    dass ihr vom Herzen keine Zähre kam;
    sie nahm mit sich neun gute Rosse mit
    und nahm mit sich neun Falkenvögel mit
    und nahm mit sich neun Löwen grimmig mit
    und holt sie heim zu ihrem weissen Hofe.
      Von weitem schon erschauten sie die Schnuren
    und eilten zum Empfang ihr weit entgegen.
      Neun Witwen schrieen: ‘Weh zu leidigen Tagen!’
    neun Waisenkindlein weinten Jammerklagen.
      Auch da verharrt der Mutter Herze hart,
    dass ihr vom Herzen keine Zähre kam.
      Als Nacht es ward um Mitternacht herum,
    schrie wehvoll auf der Apfelschimmel Damjans.
      Die Mutter ruft des Damjans Ehelieb:
      — O meine Schnur, o Damjans Eheliebste,
    was schreit so leidig Damjans Apfelschimmel?
    quält Hunger ihn nach weisser Weizenfrucht?
    leicht lechzt er durstig nach dem Zvečanquell?
      Zur Antwort gibt des Damjans Eheliebste:
      — Lieb Schwiegermütterlein, du Mutter Damjans!
    es quält kein Hunger ihn nach weissem Weizen,
    er lechzt nicht durstig nach dem Zvečanquell,
    vielmehr, es hatt’ ihn Damjan angewöhnt
    bis Mitternacht an feine Haferatzung,
    von Mitternacht zu reisen auf der Strasse.
      Als morgens früh der Morgen angekommen,
    gekommen und der Sonne Licht erglommen,
    zwei schwarze Raben kamen hergeflogen,
    die Flügel bis zum Leibe blutgerötet
    und ihren Schnäbeln weisser Schaum entquoll;
    sie trugen eines Helden Hand daher,
    ein Trauungring vergoldet an der Hand;
    sie warfen sie der Mutter in den Schoss.
      Des Helden Hand die Mutter nahm entgegen
    und rief herbei des Damjans Ehelieb;
      — O meine Schnur, o Damjans Ehelieb!
    wess Hand dies ist, vermöchtest du’s zu sagen?
      Doch spricht zu ihr des Damjans Ehelieb:
      — O Schwiegermütterlein, o Mutter Damjans!
    die Hand dahier gehört ja unserm Damjan,
    denn ich erkenn am Trauungring die Hand,
    der Trauring war mit mir bei meiner Trauung.
      Des Damjans Hand die Mutter wieder nahm
    und führte leise Rede mit der Hand:
      — O meine Hand, o du mein grüner Apfel!
    wo wuchsest du? wo hat man dich gepflückt?
      Du bist auf meinem weichen Schoss gewachsen,
    man hat gepflückt dich auf dem Leitenfeld!



Anmerkungen.

Siebenzig oder fünfundsiebzig Jahre vor mir zeichnete Vuk St.
Karadžić das Liede in einer Variante in Chrowotien auf. (In der
offiz. Ausg. Nr. 48. S. 310 B. 12). Bei ihm zählt das Stück 85
Verse und führt den Titel: Der Tod der Mutter Jugović. Es ist
merkwürdig, doch nicht auffällig für Volkforscher, dass diesmal die
von mir um so viel Jahrzehnte später aufgezeichnete Fassung
ursprünglicher und vollendeter ist als die ältere Niederschrift. Das
Lied ist unzweifelhaft durch einen serbischen Auswanderer nach
Chrowotien gebracht worden. Die Zusätze verraten den Stümper. Die
ersten vier Verse, die für einen serbischen Bauer von Überfluss sind,
setzte er vor zur Einführung für den chrowotischen Hörer. Sie
lauten: Du lieber Gott, welch mächtig grosses Wunder! — Als sich auf
Leiten tät das Heer versammeln, — befanden sich im Heer neun
Jugović — als zehnter noch der greise Jug Bogdan. Nach V. 5 hat
Vuk: Als zehnten noch den greisen Jug Bogdan. (Ich halte die Zählung
unserer Fassung bei.) V. 9. Bei Vuk: ona leti (sie fliegt). Nach
V. 10: und als zehnten usw. V. 12, 13: na kopljima — oko koplja —
a porednji. V. 16 zaklikta. V. 23 (bei Vuk V. 30) pak se vrati
svome. V. 25 (32): malo bliže. Nach V. 27 (34) bei Vuk wiederholt
V. 15–17. V. 31: al zavr. V. 32: pita m. Nach V. 43 (53): pak on
žali svoga gospodara — što ga nije na sebi donijo (und nun er klagt
um seinen Herrn Gebieter — weil er ihn nicht auf sich nach heim
gebracht). Darauf wieder V. 18–19. V. 44. — danak osvanuo. V. 45
fehlt. V. 52 (65): Jugovića majka. Nach 52 (V. 66): okretala,
prevrtala s njome (sie drehte sie her und drehte sie hin). V. 56 (70):
progovara. Nach 61 (75) wieder der V. 66 der Fassung Vuks: okretala
usw. Der Schluss V. 82–85 ist eine dem Liede aufgepfropfte
Geschmacklosigkeit, die ihresgleichen sucht: Es blähte sich auf die
Mutter der Jugović, — sie blähte sich auf und zerplatzte — [aus
Gram] nach ihren neun Jugović und dem zehnten den greisen Jug Bogdan.

V. 2–5 und 6–8 stereotype Einleitungformeln bei Verwandlungen
eines Menschen in einen Vogel. Auch der neugriechischen Volkpoesie
nicht fremd. V. 14: Der Guslar hat keine Ahnung, wie Löwen
ausschauen. Er vermutet, dass sie eine Unterart von Jagdfalken wären.
V. 46: Raben als Unglückboten. V. 48: Der weisse Schaum vor
Anstrengung, die ihm das Fortschaffen der schweren Hand verursacht.
V. 50: Ein vergoldeter Silberring, wie ihn Bäuerinnen tragen. Ein
glatter Trauring. V. 63: Der grüne Apfel, nicht ausgereifte Frucht,
getäuschte Hoffnung; eine beliebte Wendung im Sprachschatz der
Guslaren.

Die Neunzahl von Brüdern und die zehnte, die Schwester, spuken öfters
in den Sagen der Südslaven. So erzählt z. B. ein Guslarenlied vom
Prinzen Marko, der als Held auch ein Don Juan gewesen, er habe sich
gerühmt, dass er auch die einzige Schwester der neun Brüder zu Fall
bringen werde. Die Brüder erbauen einen festen Turm für die
Schwester. Sie erkrankt und Marko schwindelt in der Verkleidung eines
Arztes der alten Mutter den Turmschlüssel ab. Darauf hatte das
Fräulein nur gepasst. Nach vollbrachter Arbeit zieht Marko seine
Heldentat besingend durchs Land. (Das Stück im Vienac uzdarja
narodnoga O. A. Kačić-Miošiću. Zara 1861. S. 9.) In der
serbischen Fassung der Lenorensage macht das Frauenzimmer den
unheimlichen Ritt zu ihren neun Brüdern (siehe oben S. 120–122).
Neun spielt eine Rolle beim Abzählen nach rückwärts; zu Zauber
braucht man neunerlei Kräuter und soviel verschiedene Quellwässer. Zu
vergleichen ist A. Kaegi: Die Neunzahl bei den Ostariern, Zürich 1891.
(Vergl. E. Monseur im Bulletin de Folk-Lore 1892, S. 259 f.).



Novak der Heldengreis.


Für »Oberhaupt« oder »Befehlhaber« hat die serbische und
bulgarische Sprache das Wort starešina. Es bezeichnet einen Alten oder
im allgemeinen einen älteren Mann von gesetzten Jahren. Ehrfurcht,
Achtung, Ehrerbietung dem Alter gegenüber sind anerzogene,
aufgezwungene Begriffe. Bei den Südslaven erklären sie sich einfach
und klar aus der altüberkommenen Stammorganisation und den
geschlechterrechtlichen, gesellschaftlichen Verhältnissen. Es wäre
vom Überfluss dies hier des Näheren zu erörtern. Übereilt wäre
jedoch die Annahme, dass der Südslave dem Alter an und für sich
grosse Verehrung zolle. Nur den Alten ehrt und schätzt man, der als
Mann in der besten Lebenskraft seinen Mann gestellt und noch als Greis
Achtung verdient. Die Erfahrungen eines langen Daseins erscheinen den
Jüngeren als ein wertvoller Besitz, als ein köstlicher Ersatz für
dahingeschwundene leibliche Rüstigkeit und Stärke. Wenn nun
ausnahmweise trotz der Betagtheit Geist und Leib männliche Frische
bewahrt haben, beugt sich der südslavische Bauer vor dem Begnadeten
wie vor einem Wunder, wie vor einem auserlesenen Wesen. Solche Greise
besingt das Volk und feiert sie noch nach Jahrhunderten.

Brez starca nema udarca, »Ohn Alten gibt es keinen Angriff«, sagt das
Sprichwort, das unzweifelhaft mit Hinblick auf greise, in
Guslarenliedern verherrlichte Helden entstanden sein dürfte. Es gab
solcher Helden oder richtiger, die mythenbildende Volkphantasie schuf
sich welche, um einem bestimmten Empfinden und Gefühl der poetischen
Eingebung gerecht zu werden. Jug Bogdan, der altehrwürdige Greis, der
Schwiegervater des Kaisers Lazar, zieht mit allen seinen neun Söhnen
in die Schlacht auf Leitengeben (Kosovo) und findet mit den Seinigen im
Schlachtgewühl den Tod. Mehr und anderes weiss das Guslarenlied von
ihm nicht zu künden. Von einem anderen alten Herrn, dem Stari
Stipurile (der alte Steffel) erzählt ein Lied meiner Sammlung. [180]
Stipuriles feste Burg stand irgendwo im dalmatischen Küstengebiet.
Einmal traf es sich, dass seine Söhne und Eidame mit ihren Reisigen
auf Abenteuer über den Karst ins Türkische ziehen sollten, um
Vergeltung zu üben. Ohne den Alten mochten sie nicht aufbrechen.
Gerüstet und kampfbereit, wie sie waren, eilten sie in die Weinberge
zum Alten und trafen ihn, dem edlen Waidwerk ergeben:


    gje on buve po košulji ganja
    »wie er im Hemd herum die Flöhe hatzt.«


Unverweilt unterbricht der Greis seine kurzweilige, kleinliche
Beschäftigung, legt sich die schwere Rüstung und die Gewaffen an, und
führt seine Mannen und Knappen zum Sieg ins feindliche Land.

Ein vielgerühmter greiser Held der moslimisch-slavischen
Guslarenlieder ist Ćejvan aga dedo (Ćejvan der greise Herr). Er
zählt 80 oder gar 130 Jahre:


    es klappern ihm des Kinnes leere Laden,
    zum Teufel ist sein letzter Zahn geflogen,


doch der Alte ist noch immer der erste und wackerste Held. Mustapha der
Schmerbauch unternimmt mit seinem Bruder Halil dem Falken, mit Suša
von Posušje und mit Tale dem Schalknarren, samt Gefolgschaft einen
Raubzug ins Dalmatische. Der greise Ćejvan muss mit, denn brez starca
nema udarca. Im Hochwald lagern sich die Ritter und die Rotten unter
Tannen zur Rast. Man tat sich gütlich an Wein und Braten — im
Quorân steht ja nicht, dass bosnische Moslimen keinen Wein trinken
dürfen —, bis sich behagliche Stimmung einfand. Sprach nicht Halil,
der Jüngling, jetzt wäre es am schönsten, hätte jeder Held ein
holdes Mädchen zum Kosen unterm Tann auf weichem Rasen. Und Ćejvan
hub an die Wunder der Welt zu preisen, und schloss wie ein verliebter
Schäfer seine weisen Betrachtungen über das Weltall mit den Worten:
»das allerschönste bleibt und ist ein schönes Mägdlein!« Die
gesamte Zuhörerschaft lachte vergnügt dazu, nur Mustapha fing an zu
höhnen: »Was soll einem Greis ein Mädchen frommen? Alte Knochen,
schwache Arme. Weh dem Mädchen in des Greisen Armen!« Darob ergrimmte
Ćejvan, und Halil fuhr auch wild auf. Sie kündigten auf der Stelle
Mustapha die Freundschaft, und ihnen schlossen sich die besten Kämpen
an. Sie stiegen hinab ins Küstenland und führten einen blutigen Kampf
gegen Šimun Breulja und Smiljanić Ilija. Die Gelegenheit machte sich
Mustapha zu Nutze und plünderte inzwischen ungestört Šimuns Warte
und raubte dessen Ehegemahlin [181].

Ohne Ćejvan unternahmen die Moslimen keinen Raubzug. Er war überall
dabei und flösste den Gegnern Schrecken ein. Zuweilen schmähten und
schalten ihn die Kampfgenossen, indem sie ihm seine Um- und Vorsicht
für Feigheit auslegten, aber er wusste besser Bescheid und guten Rat.
Held sein ist ein lebengefährlicher Beruf.

Der vornehmste und anerkannteste Heldengreis ist jedoch Novak und mit
ihm Grujica, sein Sohn, beide so unter den Südslaven, als auch unter
den Rumänen unbestrittene Grössen.

Wer einmal in den Ruf eines Helden oder eines Heiligen gelangt, wird
bei steigender Beliebtheit zum Hauptträger so mancher alten Sagen und
Legenden. So tritt uns z. B. auch Novak in der Volküberlieferung in
den mannigfachsten Rollen und Situationen entgegen, sowohl in der eines
Drachentöters als letzlich auch in der eines bosnischen oder
rumänischen Buschkleppers. In der epischen Volkpoesie stört solch
geschichtwidriges Neben- und Durcheinander nicht.

Novak ist kein Bosnier, nicht einmal ein Serbe, vielmehr gleich dem
Prinzen Marko und Relja vom Pazar ein Bulgare; wohlgemerkt, gab es
natürlich am Ausgange des 14. Jahrhunderts, in der Blütezeit jener
Herren, noch keine nationale Frage, und daher erscheint die
Nachforschung nach der nationalen Zugehörigkeit unserer Helden als
ausserhalb einer wissenschaftlichen Erörterung und völlig
unstatthaft.

Novak (novus, der Neue) war des Helden Vorname, sein Beiname (nach
bulgarischer epischer Überlieferung) Herr von der Burg Klisura
(irgendwo bei Vakarel Ichtiman); sein Spitzname Debeljak (Dickwanst).
Sein Bruder hiess nach den serbischen Guslarenliedern Radivoj und der
Sohn Grujo (Georg). Klisura, griechisch Litharisa ist ein im
bulgarischen Gebiet häufig vorkommender Namen auf Felsen erbauter
Burgen, für den Serben dagegen ist klisura nur eine studena stijena,
der kalte Felsen. Wenn nun Novak in einem kalten Felsen haust, befindet
sich wohl im Gestein eine Höhle. Also erniedrigte erst die serbische
Sprache und Sage den alten, greisen Novak zum Höhlenbewohner. Eine
Sage gebiert die andere. Was mag den fürtrefflichsten aller Kämpen
zur Flucht in die Einöde bewogen haben? Die Sage macht dafür
schlankweg »die verfluchte Königin Jerina« (prokleta Jerina)
verantwortlich. Diese, im übrigen recht harmlose Dame, hauste in
Zvornik oder auf der Veste von Srebrnica in Bosnien. Statt der Zugtiere
liess sie Menschen vor den Pflug spannen und heischte vom Volke hohe
Steuern. Das Steuerzahlen war aber bei den Serben nicht einmal in der
epischen Epoche ein beliebter Sport. Bei den Chrowoten und Serben
verspricht fast jeder Parlamentkandidat in seiner Programmrede den
versammelten Wählern gänzliche Aufhebung aller Grundsteuern und
Abgaben, oder zum Mindesten deren Abwälzung auf die Juden [182]. Das
packt. Auch Novak entschloss sich, sein Volk zu befreien, und:


    odmetnu se Novak u hajduke
    »ins Räuberleben schlug sich Novak fort«.


Dort in der Felswand lässt ihn mit seinem Sohne und dem Gefolge das
Volk hausen und von Zeit zu Zeit auf Abenteuer ausgehen. Wenn irgend
etwas Grosses in der Welt vorfällt, laden die übrigen Helden gern den
alten, achtzigjährigen Haudegen zur Teilnahme am Zuge ein. Im
Guslarenlied ist der greise Novak immer volle achtzig Jahre alt. Was
Wunder, wenn sich Novak auch einmal in der ehrwürdigen Rolle des
Perseus zeigt, der Andromeda aus des Drachen Gewalt befreit. Davon
handelt unser Lied.

Unsere Andromeda ist namenlos, ihr Vater ist nicht mehr König Kepheus
sondern der Bulgarenfürst Michaël. Bulgarien ist für den bosnischen
Guslaren ein weit entferntes Land, über dessen Lage und Bevölkerung
er und seine Zuhörer fabelhafte Vorstellungen hegen. Das ist kein
rechter Held ersten Ranges vor den Guslaren, der nicht schon den
Drachen einmal getötet und die holde Maid erlöst hat. Prinz Marko und
Relja, Mustapha von Kladuša und Orlović der Burggraf von Raab haben
den Kampf glanzvoll bestanden, also auch Novak musste drankommen; denn:


    nema kiše brez mutna oblaka
    ni junaka brez starca Novaka!

    »ohn trübe Wolke gibt es keinen Regen
    und ohn den alten Novak keinen Degen!«


In einem anderen Guslarenliede besiegt Prinz Marko unter Mithilfe
Reljas mit den Flügeln, einem Rufe der hartbedrängten Bevölkerung
von Janina folgend, den Drachen vom See (Pambotis) und tötet bei der
Gelegenheit den albanesischen Helden Musa kesedžija (Mustapha den
Beutelschneider, Strauchritter) und dessen Gesellen Gjemo Brgjanin
(Gjemo den Älpler). Der Drache (blôr, blavor) war eine 12 Ellen lange
Schlange, die sich mit jungen Mädchen und Burschen zum Futter
begnügte. In ihrem aufgesperrten Rachen konnte bequem ein fetter
Mastochs Unterschlupf finden. Marko erwischt den fliehenden Musa just
vor den Toren Litharisas und macht ihm und Gjemo den Garaus.

Das ist die Örtlichkeit unseres Guslarenliedes. Die Fabel klingt nur
etwas anders, etwas modernisiert. Der Gebieter (Ban) der Burg von
Janina (Janok) freit um die Prinzessin von Bulgarien. Der Fürst kann
sie ihm nicht ohne weiteres überlassen; denn er weiss, was er seinem
Drachen schuldig ist. Der Ban von Janok holt sich dann unter Beistand
Novaks und anderer Helden die Braut ab, nachdem Novak das Ungeheuer
glücklich getötet. Die Fabel erscheint hier ins Serbisch-ritterliche
übersetzt und der märchenhaft grellen Szenerie einigermassen
entkleidet. Der Drache hat menschliche Gestalt angenommen und sitzt als
schwarzer Araber hoch auf einem brüllenden Beduinenrappen. Sonst
erfreut sich der Schwarzaraber des Besitzes dreier Köpfe, wie z. B.
der, mit dem mein Orlović einen Strauss ausgefochten [183]; von
rechtswegen müsste er als Drache siebenköpfig sein. In unserem Liede
ist der Araber bloss einköpfig, doch sieben Bräutigame und deren
Gefolgschaften hatte er ums Leben gebracht. Ein bulgarisches
Guslarenlied erzählt uns des näheren vom Aussehen des Arabers und es
empfiehlt sich die kurze Schilderung hier zu wiederholen, um unser Lied
damit erläuternd zu ergänzen, auf dass man begreife, was für
wackerer Degen sein Besieger, Novak der Heldengreis, gewesen.

Ein Brautgeleite zog mit der Braut durchs Hochgebirge, da plötzlich:


      Ostreka i edna strašna beda,
    strašna beda hala-haletina,
    haletina cŏrna Arapina!
      Dolna usta na gŏrde mu bie,
    gorna usta v čelo go udara;
    glava mu kolku dva tŏpana,
    oči ima kolku dve panici;
    usta ima kolku mala vrata,
    zŏbi ima četiri dikani,
    nodze ima Solunski direci.
    Koga klapat taja pusta usta,
    dur ot usta ogin isfŏrljuva,
    dur na gora listovi obliva.


      ein furchtbar Ungetüm begegnet ihnen,
    ein furchtbar Ungetüm, ein grauser Drache,
    der Drache war ein schwarzer Araber!
      Die Unterkiefer schlägt ihm auf die Brust,
    die Oberkiefer stösst ihm an die Stirne;
    an Umfang gleich sein Haupt ist zweien Trommeln,
    gleich zweien Tellern gross sind ihm die Augen;
    sein Mund so gross wie eine kleine Haustür,
    vier Pfähle dienen ihm im Mund als Zähne,
    als Füsse wohl aus Salonichi Balken.
      So oft er aufreisst diesen wüsten Rachen,
    speit Feuerflammen aus dem Rachen er,
    bedeckt mit Geifer er das Laub vom Hochwald.


Es ist allgemein bekannt, dass die Perseus-Andromeda-Sage als
christliche Legende vom hl. Georg, dem Drachentöter, eine Verjüngung
und Verklärung erfahren hat. Sie ist in der besonderen christlichen
Fassung auch bei den Südslaven einheimisch. Ein solches Stück
veröffentlichte ich in Pitrés Archivio per le tradizioni popolari
Vol. IX, Palermo 1890, unter dem Titel: Le afflizioni di Trojano. Canto
dei guslar della Bosnia (223 Verse nebst Einleitung und
Randbemerkungen). Schön hat A. Chachanov diesen Sagenstoff mit
Hinblick auf die grusinische Überlieferung besprochen [184].

Unser Guslarenlied von Novak dem Heldengreis hat auch eine
historisch-pragmatische Bedeutung wegen der darin genau angegebenen
Zeit, wann sich die Begebenheit zugetragen. Die chrowotischen
Geschichtforscher jener Art, deren ich in den Böhmischen Korallen aus
der Götterwelt gedacht, wären überglücklich, wenn sie so sichere
Angaben über den Tag und das Jahr der Geburt und des Ablebens des
unendlich gepriesenen nationalen Königs Zvonimir, des grossen
Unbekannten, überliefert bekommen hätten. Novak besiegte nämlich den
Schwarzaraber in jenem Jahre als am 24. April, d. h. am Georgitage,
ein solcher Schnee einfiel, dass die Kinder auf den Strassen Schneeball
spielten. Im Jahre 1894 am 7. Juni morgens erlebten wir Wiener
ähnlich ein märchenhaftes Hagelwetter. In den breitesten Strassen
blieben stundenlang schwere Lastwagen im Eise stecken. Wer es nicht mit
angesehen, glaubt es nicht. Der Guslar mag immerzu scherzend erzählen,
dass sich seine Geschichte damals ereignet habe, als zu St. Georgi ein
Schneefall eintrat, ich will zum Trotz gerade dies Geschehnis für wahr
und das übrige nur für eine slavische Variante der
Perseus-Andromeda-Sage halten, die zu Ehren des achtzigjährigen Novak
erfunden und erdichtet ward.


      Kat se ženi od Janoka bane
    na daleko čuo za djevojku,
    čuo bane u zemlji bugarskoj
    u onoga bugarskoga kneza,
    gji je prose mloge mušterije
    a nitko je odvodit ne mere.
      On opremi sebe i gjogata;
    ode bane u zemlju bugarsku
    bjelu dvoru bugarskoga kneza.
    Dobro ga je kneže dočekavo
    a iznio pivo i jidivo
    pa śjedoše ladno piti vino.
      Odma bane zaprosi djevojke.
    Kneže šuti, ništa ne bješjedi,
    nit je daje nit mu je ne daje.
      Ražljuti se od Janoka bane
    pa on snijgje do gjogata svoga
    pa uzjaši debela gjogata;
    ode bane kroz zemlju bugarsku
    u Janoka bijeloga grada.
      Sve dan po dan godinica dana.
      Kada bješe o Jurjevu danu,
    snijeg pade o Jurjevu danu,
    grudaju se djeca po sokacim,
    jedno drugog grudom udarilo,
    zajmiše se djeca nis sokake:
      — Stani kurvo, njesi pobjegnulo
    na sramotu ko banu djevojka!
      To dočuo od Janoka bane
    pa svu sebi djecu pokupio
    pa dobro je djecu darovao,
    svakom djetu po žut dukat dade.
      Pa opremi debela gjogata;
    ode bane u zemlju bugarsku
    bjelu dvoru bugarskoga kneza.
      Na avliju natjera gjogata,
    na avliji zatvorena vrata.
      Bane trže pernu topuzinu,
    stade lupat na avliji vrata
    a on kneza po imenu vikat:
      — Kurvo jedna, Mijoile kneže!
    izlaz kurvo na megdan junački
    ja izvodi glavitu djevojku!
      Kada kneže poznavao bana
    ondar sletje vratma i avliji
    pa otvori na avliji vrata:
      — Aman bane mili gospodare!
    odjaš bane debela gjogata,
    ajde sa mnom u bijele dvore!
    Ja ću tebi curu pokloniti,
    ja rodio, tebi poklonio.
      Ban odjaši debela gjogata.
    Vjerne sluge konja odvedoše,
    kneže bana u bijele dvore;
    za punu ga sopru posadio
    pa śjedoše ladno piti vino.
      Tri bijela pridaniše dana.
    Kat četvrti danak osvanuo
    ondar bane zaprosi djevojke:
    — Ak neš bane poklonit djevojku!
     
      Ondar bane bjeśjedio knezu:
      — Kaću kneže sa svatovma dojći?
    koliko ću dovesti svatova?
      — Povedi mi iljadu svatova,
    sve knezova, prvije kmetova
    i povedi svate varošane.
    Ajde bane u drugu nedilju!
      Pojgje bane od Janoka grada.
    Kad istjera konja na avliju,
    na avliji banova djevojka,
    ona banu tio bjeśjedila:
      — Gospodine od Janoka bane,
    šta no tebi babo bjeśjedaše?
      — Bjeśjedaše Mijoile kneže
    da povedem svate varošane
    i knezove i prve kmetove.
      — Šta će babi svati varošani?!
      Ne će babo boje prodavati!
    I knezovi i prvi kmetovi?!
    Ne će babo zemlje dijeliti!
      A zâr ne znaš od Janoka bane,
    sedam sam se isprosila puta,
    sve sedam sam povogjena puta;
    a moj babo, da od Boga najgje!
    sve sedmere svate oglobio,
    pogubio sedam gjuvegija,
    mlogo pusto nasipao blago.
      I tebe će bane pogubiti
    a i tvoje svate oglobiti
    a i tvoje blago ustaviti.
      Ako misliš mene odvoditi
    dera kupi pod izbor junake.
      Pa se čuvaj kroz zemlju bugarsku,
    Bugari su stare varadžije,
    dokle sada na gjogatu projgješ
    da te koji džidom ne opali!
      Ode bane kroz zemlju bugarsku.
    Kada dogje u Janoka grada,
    ondar śjede, sitru knjigu piše
    pa je šalje Kraljeviću Marku:
        »Eto knjiga dragi pobratime!
        Hajde meni Marko u svatove.
        Nemoj vodit svata nijednoga.
        Ja sam brate curu isprosio,
        isprosio u zemlji bugarskoj.
        Bugari su stare varadžije«.
      Drugu piše Miloš Obiliću:
        »Ajd Milošu meni u svatove!
        Nemoj vodit svata nijednoga.
        Ja sam brate curu isprosio,
        isprosio u zemlji bugarskoj.
        Bugari su stare varadžije«.
      Treću piše Relji ot Pazara:
        »Ajde Relja meni u svatove.
        Nemoj vodit svata nijednoga.
        Ja sam brate curu isprosio,
        isprosio u zemlji bugarskoj.
        Bugari su stare varadžije«.
      Kada bješe u oči nedilje
    al eto ti Kraljevića Marka
    a za Markom Miloš Obilića,
    za Milošem Relje ot Pazara.
      Dobro ji je dočekao bane;
    konje vodi u tople podrume
    a junake u bijele dvore;
    za punu ji sopru posadio
    pa śjedoše ladno piti vino.
      Kad u jutru jutro osvanulo,
    dobre svoje konje opremiše
    pa pojgjoše od Janoka grada.
      Putovaše i dva i tri dana.
      Kada biše kroz goru zelenu
    kraj stijene starine Novaka,
    ondar reče Kraljeviću Marko:
    — Gospodare od Janoka bane,
    da s vratimo starini Novaku,
    da zovnemo njega u svatove;
    nek povede svog sina Grujicu,
    jer brež njega pouzdanja nejma!
    Pa s vratiše studenoj stijeni.
    Bane starog zove u svatove.
      Bjeśjedi mu starina Novače:
      — Gospodine od Janoka bane!
    Ja ne mogu u svatove pojći,
    jêr ja groša ni dinara nejmam
    pa s ne mogu spremit u svatove;
    jêr znaš bane mili gospodare,
    da ja nejmam kuće ni kućišta,
    kuća mi je studena stijena.
    Kada bane čuo lakrdiju,
    dade bane stotinu dukata,
    dade Marko stotinu dukata,
    dade Miloš stotinu dukata,
    dade Relja stotinu dukata.
    Opremiše starinu Novaka
    i njegova sina Gruajana
    pa odoše u zemlju bugarsku.
      Kad dojgjoše u zemlju bugarsku,
    sve zeleno polje prikriveno;
    knez skupio silovitu vojsku.
      Al eto ti crne Arapine
    i on jaši vranu bedeviju.
      Arap ciči, bedevija riče,
    pod njima se crna zemlja trese:
    — Kojo vam je od Janoka bane?
    nek izijgje na megdan junački,
    jă izijgje jă izmjenu najgje!
      Pojgje bane na megdan izijći.
    Ne dade mu Miloš Obiliću:
    — Stani bane mili gospodare!
    tvoj je megdan, moje zaodivo;
    ja ć Arapu na megdan izijći.
      Pa istjera debela alata.
    Natjeraše jedan na drugoga.
    Arap trže pernu topuzinu
    pa ošinu Miloš Obilića;
    obori ga u zelenu travu,
    saveza mu na plećima ruke,
    otjera ga u zemlju bugarsku
    u tavnicu Mijoila kneza.
      Malo vrime zu dugo ne bilo
    al eto ti crne Arapine;
    Arap ciči, bedevija riče:
      — Kojo vam je od Janoka bane?
    nek izijgje na megdan junački,
    ja izijgje, ja izmjenu najgje!
      Pojgje bane na megdan izijći,
    ne dade mu Relja ot Pazara:
      — Stani bane, mili gospodare!
    tvoj je megdan, moje zaodivo!
      Pa istjera debela putalja.
    Natjeraše jedan na drugoga.
    Arap trže pernu topuzinu
    pa udari Relju ot Pazara,
    obori ga u zelenu travu,
    saveza mu na plećima ruke,
    otjera ga u zemlju bugarsku
    u tavnicu Mijoila kneza.
      Malo vrime za dugo ne bilo
    al eto ti crne Arapine,
    Arap ciči, bedevija riče:
      — Kojo vam je od Janoka bane?
    nek izijgje na megdan junački,
    ja izijgje ja izmjenu najgje!
    Pojgje bane na megdan izijći,
    ne dade mu Kraljeviću Marko:
      — Stani bane, mili gospodare!
    tvoj je megdan, moje zaodivo!
    Dok mu Marko na megdan izijgje!
    Pa on zajmi debela šarina;
    natjeraše jedan na drugoga.
    Marko trže pernu topuzinu
    pa ošinu crnu Arapinu.
      Kako ga je lako udario
    pot sobom je šarca oborio,
    na njega se šarac pribacio
    pa pritiśće Kraljevića Marka.
      Arap sjaši šafku bedeviju
    pa saveza Kraljevića Marka;
    otjera ga u zemlju bugarsku
    u tavnicu Mijoila kneza.
      Malo vrime za dugo ne bilo
    al eto ti crne Arapine.
    Arap ciči, bedevija riče,
    pod njima se crna zemlja trese.
      — Kojo vam je od Janoka bane?
    nek izijgje ja izmjenu najgje!
      Pojgje bane na megdan izijći,
    ne dade mu starina Navače:
    Stani bane, mili gospodare;
    dok mu stari na megdan izijgje!
      Bjeśjedi mu dijete Grujica:
      — Â moj babo starina Novače!
    da mi svoje sablje razmjenimo!
    tvoja sablja od devet pedalja
    a moja je ot četiri pedlja.
      — A moj sine dijete Grujica!
    ako meni do nevolje dojgje
    lasno ćemo sablje razmijenit!
    Natjeraše jedan na drugoga,
    potegoše sablje ot pojasa
    (ne tje stari perne topuzine)
    pa ošinu crnu Arapinu;
    poviš pasa malo natfatio;
    kako ga je lako udario
    dvije pole u travu padoše.
      Opet Arap is travice viče:
      — Mol se Boga, starina Novače!
    Marko mi je rebra polomio
    a ne bi me lako pogubio!
      Pa odoše u zemlju bugarsku
    bjelu dvoru Mijoila kneza.
      Kako dojgje starina Novače
    odma razbi na tamnici vrata
    pa ispuśća sve tri pobratima.
      Svu kneževu rastjeraše vojsku,
    bijele mu dvore porobiše,
    pokupiše gotovinu blago,
    pogubiše dva njegova sina,
    od zla roda nek nije poroda.
      Oni kneza živa oguliše,
    povedoše glavitu djevojku
    pa odoše kroz zemlju bugarsku.
      Igje Marko, pjeva prit svatovma:
    — Nejmakiše brez mutna oblaka
    ni junaka brez starca Novaka!
      Da ne bješe starina Novače
    mi ostasmo sužnji u Bugarskoj!
      Da b u koga ne bi ni žalio
    već u onog kneza bugarskoga!
      Pa odoše u Janoka grada.
    Pilav čine tri nedilje dana.


      Der Ban von Janok ging auf Freierfüssen;
    vernahm von einer Maid in weiter Fremde,
    der Ban vernahm, im Lande der Bulgaren,
    die Tochter wär es vom Bulgarenfürsten;
    um ihre Hand dass viele Freier freien,
    doch keiner wär im Stand sie heimzuführen.
      Da rüstet er sich selbst und seinen Falben,
    und fort ins Land Bulgarien zog der Ban
    zum weissen Hof des Fürsten von Bulgarien.
      Fürtrefflich ihn der Fürst empfangen tat,
    er liess herbei Getränk und Speisen schaffen,
    dann setzten sie sich kalten Wein zu trinken.
      Der Ban hält unverweilt ums Fräulein an.
    Der Fürst, der schweigt, er spricht kein einzig Wörtchen,
    er sagt nicht zu und sagt ihm auch nicht ab.
      Darob geriet in Zorn der Ban von Janok
    und stieg hinab zu seinem falben Läufer
    und schwang hinauf sich auf den feisten Falben;
    dahin durchs Land Bulgarien zog der Ban,
    dahin zu seiner weissen Burg von Janok.
      So Tag an Tag ergab ein Jahr an Tagen.
    Als um die Zeit des Sankt Georgitages
    ein Schneefall eintrat am Georgitage,
    Schneebälle warfen Kinder auf den Gassen,
    das eine traf das andre mit dem Schneeball,
    entlang den Gassen jagten sich die Kinder:
      — Na, wart du Dirn, du Ding wirst nicht entwischen
    zu Schimpf und Schande wie dem Ban das Bräutchen!
      Der Ban von Janok das Geschrei vernahm,
    berief zu sich die Kinder allesamt
    und tat die Kinder gar beschenken reichlich,
    jedwedes Kind mit einem Golddukaten.
      Drauf rüstet er den feisten Falben aus;
    ins Land Bulgarien zog der Ban von dannen
    zum weissen Hof des Fürsten von Bulgarien.
      Er trieb den Falben nach dem Burghof hin,
    doch war vom Hofe wohl das Tor verschlossen.
      Den nägelreichen Kolben schwang der Ban,
    hub an damit aufs Hoftor loszuhämmern
    und rufen auch beim Namen an den Fürsten:
      — Du eine Metze, Michaël, du Fürst,
    zum Heldenzweikampf komm heraus, du Metze,
    wo nicht, so führ heraus das stattlich Mädchen!
      Sobald als da der Fürst den Ban erkannte,
    flog er behend zum Tor und Hof hinab
    und öffnete das Einlasstor des Hofes:
      — Verzeihung Ban, mein teuerster Gebieter!
    steig ab, o Ban, von deinem feisten Falben,
    komm in den weissen Hof mit mir hinauf;
    ich werde zum Geschenk die Maid dir machen,
    so wahr ich sie gezeugt, ich schenk sie dir!
      Da stieg der Ban vom feisten Falben ab.
    Die treuen Diener führten fort den Renner,
    der Fürst den Ban in weisse Burggemächer;
    er pflanzt’ ihn hin zur reichbesetzten Tafel;
    sie huben an, dem Kühlwein zuzusprechen.
      Drei weisse Tage tagten sie selbander.
    Als dann des vierten Tages Morgen graute,
    bewarb der Ban sich um des Mädchens Hand:
    »Wenn du mir, Fürst, die Maid nicht schenken magst!«

    (Er schwingt den Streitkolben gegen den Fürsten, der zu Tod
    erschrocken und sprachlos mit Hand und Kopf zustimmend, seine
    Schenkfreudigkeit äussert.)

    Dann weiter sprach der Ban zum Fürsten noch:
      — Wann darf ich, Fürst, mit dem Geleit erscheinen?
    Wie viel Geleitgefolge soll ich führen?
      — Bring mir eintausend Hochgezeiter mit,
    nur lauter Schulzen, reiche Lehenbauern
    und bring zu Hochgezeitern Städter mit.
    Erscheine, Ban, mir in der zweiten Woche!
      Der Ban von Janok brach nun auf zur Heimkehr.
    Als hoch zu Ross er in den Hof gejagt,
    befand sich in dem Hof des Fürsten Fräulein,
    sie sprach mit leisen Lauten so zum Ban:
      — Mein edler Herr und Ban von Burg zu Janok
    was hat mein Vater wohl zu dir gesprochen?
      — Fürst Michaël, der hat zu mir gesprochen:
    zu Hochgezeitern soll ich Städter bringen
    nur lauter Schulzen, reiche Lehenbauern.
      — Was sollen Städter-Hochzeitleut dem Vater?!
    er will doch keine Hofgelass’ verkaufen!
    dann, lauter Schulzen, reiche Lehenbauern?!
    will denn der Vater Länderei’n verteilen?
      Ja, blieb dir unbekannt es, Ban von Janok,
    dass siebenmal als Braut ich ward erworben
    und siebenmal als Braut die Reise machte?
    Jedoch mein Vater, mög es Gott ihm lohnen,
    brandschatzte all die sieben Brautgefolge,
    er bracht ums Leben sieben Bräutigame
    und häufte viel an eitlen Schätzen auf.
      Er wird auch dich, o Ban, ums Leben bringen,
    brandschatzen wohl auch deine Hochgezeiter,
    auch deine Schätze sich zurückbehalten.
      Wofern du heimzuführen mich vermeinst,
    traun, sammle lauter auserwählte Helden!
    Und nimm in Obacht dich durchs Land Bulgarien,
    Bulgaren sind ja altverschlagne Schelme,
    dass dich, indes du hoch zu Falben durchziehst,
    nicht einer mit dem Wurfspiess arg versenge!
      Durchs Land Bulgarien zog nach heim der Ban.
    Als heim er in die Burg von Janok kam,
    da schrieb er ohn Verzug ein zierlich Schreiben
    und übersandt es an den Prinzen Marko:
        »Allhier ein Schreiben, teuerer Herzensbruder!
        Erschein zu meinem Brautgeleite, Marko,
        bring keinen Hochgezeiter weiter mit;
        ich hab mir, Bruder, eine Braut erworben,
        erworben bass im Lande der Bulgaren.
        Bulgaren sind ja altverschlagne Schelme.«
      An Miloš Obilić ein zweites Schreiben:
        »Erschein zu meinem Brautgeleite, Miloš!
        bring keinen Hochgezeiter weiter mit;
        ich hab mir, Bruder, eine Braut erworben,
        erworben bass im Lande der Bulgaren.
        Bulgaren sind ja altverschlagne Schelme.«
      An Relja vom Pazar ein drittes Schreiben:
        »Erschein zu meinem Brautgeleite, Relja!
        bring keinen Hochgezeiter weiter mit;
        ich hab mir, Bruder, eine Braut erworben,
        erworben bass im Lande der Bulgaren.
        Bulgaren sind ja altverschlagne Schelme.«
      Als es gerad vor Sonntag Abend war,
    der Königsprosse Marko kam daher
    und gleich nach Marko Miloš Obilić,
    nach Miloš folgte Relja vom Pazar.
      Fürtrefflich sie der Ban empfangen tat,
    die Rosse führt er in die warmen Keller,
    die Ritter in die weissen Burggemächer
    und pflanzte sie an reichbesetzte Tafel.
      Sie huben an am Kühlwein sich zu laben.
    Am Morgen als der Morgen angebrochen,
    da rüsteten sie ihre guten Renner
    und zogen fürbass aus der Burg von Janok.
      Am zweiten oder dritten Reisetage
    als sie im grünen Hochwald sich befanden
    dem Felsen nah des Heldengreises Novak,
    da sprach das Wort der Königsprosse Marko:
      — O mein Gebieter, Ban von Janok-Burg,
    zum greisen Novak lass uns Einkehr halten,
    damit wir ihn zur Hochzeit laden ein,
    er führe mit Georgchen seinen Sohn;
    denn sonder ihn ist kein Verlass aufs Glück!
      Sie hielten Einkehr in die kalte Höhle.
    Zur Hochzeit lud der Ban den Alten ein.
      Zur Antwort ihm der greise Novak gab:
    — O mein Gebieter, Ban von Janok-Burg!
    Zur Hochzeit kann unmöglich mit ich ziehen,
    denn keinen Groschen noch Denar besitz ich,
    und kann mich nicht zur Hochzeit rüsten aus
    Du weisst ja, Ban, o teuerster Gebieter,
    dass weder Haus ich noch Gehöfte habe;
    fürs Heim mir hilft die kalte Felsenhöhle.
      Sobald der Ban die Worte tat vernehmen
    da gab der Ban ein hundert Golddukaten
    und Marko gab ein hundert Golddukaten
    und Miloš gab ein hundert Golddukaten
    und Relja gab ein hundert Golddukaten.
      Sie rüsteten den greisen Novak aus,
    zu gleicher Zeit Georgchen seinen Sohn
    und zogen fürbass in das Land Bulgarien.
      Als sie im Land Bulgarien angekommen,
    belagert lag das grüne Grasgefilde
    vom Heere mächtig, das der Fürst gesammelt.
      Doch sieh! da naht ein schwarzer Araber,
    beritten wohl auf Beduinenrappen.
      Der Ărăbĕr gröhlt, der Wüstenrappe brüllt,
    die Schwarzerd unter dem Getrapp erdröhnt:
      — Wer ist euch hier der Ban von Janok-Burg?
    er mög heraus zum Heldenzweikampf rücken
    entweder selber oder sein Ersatzmann!
      Schon wollt heraus der Ban zum Zweikampf rücken,
    doch hielt zurück ihn Miloš Obilić:
      — Halt ein, o Ban, mein teuerster Gebieter.
    Der Kampf ist dein, doch mein die Kampfvertretung!
    ich will dem Araber im Plan erscheinen.
      Und jagte hoch auf feistem Fuchs hinaus;
    sie drangen einer auf den andern ein.
    Es schwang der Araber die Nagelkeule
    und schlug drauf los auf Miloš Obilić,
    er warf ihn nieder auf den grünen Rasen,
    er band ihm auf die Schultern fest die Hände,
    er trieb ihn vor sich her ins Land Bulgarien
    fort ins Verliess des Fürsten Michaël.
      Nach kleiner Weile, wohl nicht allzulanger,
    der Schwarzaraber wieder war erschienen.
      Der Araber gröhlt, der Wüstenrappe brüllt:
      — Wer ist von euch der Ban von Janok-Burg?
    Er mög heraus zum Heldenzweikampf rücken
    entweder selber oder sein Ersatzmann!
      Schon wollt heraus der Ban zum Zweikampf rücken,
    doch hielt zurück ihn Relja vom Pazar:
      — Halt ein, o Ban, mein teuerster Gebieter!
    der Kampf ist dein, doch mein die Kampfvertretung!
      Und stürmt’ hinaus auf seinem feisten Mustang;
    sie drangen einer auf den andern ein.
    Es schwang der Araber die Nagelkeule
    und schlug drauf los auf Relja vom Pazar,
    er warf ihn nieder auf den grünen Rasen,
    er band ihm auf die Schultern fest die Hände,
    er trieb ihn vor sich her ins Land Bulgarien
    fort ins Verliess des Fürsten Michael.
      Nach kleiner Weile, wohl nicht allzulanger,
    der Schwarzaraber wieder war zur Stelle.
      Der Araber gröhlt, der Wüstenrappe brüllt;
      — Wer ist von euch der Ban von Janok-Burg?
    Er mög heraus zum Heldenzweikampf rücken
    entweder selber oder sein Ersatzmann!
      Schon wollt ihm auf dem Plan der Ban erscheinen,
    doch wehrt’ es ihm der Königsprosse Marko:
      — Halt ein, o Ban, mein teuerster Gebieter!
    der Kampf ist dein, doch mein die Kampfvertretung!
    Na, bis ihm Marko auf dem Plan erscheint!
      Und tollte fort auf seinem feisten Schecken.
    Sie drangen einer auf den andern ein.
    Herr Marko liess die Nagelkeule schwirren
    und niedersausen auf den Schwarzaraber.
      Wie gar so leichten Schlag er ihm versetzte,
    dass ihm der Schecken unterm Leibe stürzte,
    der Schecke warf sich über seinen Reiter
    und drückt’ zur Erd’ den Prinzen Marko nieder.
      Der Araber stieg vom wilden Rappen ab
    und fesselte den Königsprossen Marko;
    er trieb ihn vor sich her ins Land Bulgarien
    fort ins Verliess des Fürsten Michael.
      Nach kleiner Weile, wohl nicht allzulanger,
    der Schwarzaraber wieder war zur Stelle.
      Der Araber gröhlt, der Wüstenrappe brüllt,
    die Schwarzerd unter ihrem Trab erdröhnt:
      — Wer ist euch hier der Ban von Janok-Burg?
    er mög erscheinen oder sein Ersatzmann!
      Schon wollt ihm auf den Plan der Ban erscheinen,
    doch wehrt’ ihm Novak ab, der Heldengreis:
      — Halt ein, o Ban, mein teuerster Gebieter,
    zuerst erschein’ ihm auf dem Plan der Alte!
      Da sprach zu ihm das Wort sein Kind Georgchen:
      — O du mein Vater Novak, Heldengreis,
    o lass uns wechseln unsre Säbel aus;
    neun Spannen misst dein Säbel in der Breite,
    vier Spannen bloss ist breit der Säbel mein.
      — Lass gut es sein, mein Sohn, du Jung-Georgchen!
    Sollt ich in Leid und schlimme Lage fallen,
    leicht wechseln wir noch unsre Säbel aus.
      Sie drangen einer auf den andern ein,
    sie zogen blank die Klingen aus dem Gürtel,
    (der Alte wollte nicht die Nagelkeule)
    er traf mit einem Hieb den Schwarzaraber,
    erfasst’ ihn nur ein wenig oberm Gürtel;
    so fein und leicht tat diesen Streich er führen,
    dass gleich zwei Hälften in den Rasen fielen.
      Und dennoch schreit vom Rasen der Araber:
      — O preis nur Gott, du Heldengreis, o Novak!
    Die Rippen hat Herr Marko mir zerbrochen,
    sonst hättest du mich nicht so leicht zerstochen!
      Nun zogen fort sie in das Land Bulgarien
    zum weissen Hofe Michaëls, des Fürsten.
      Kaum kam Herr Novak hin, der Heldengreis
    sofort zerbrach die Pfort er am Verliesse
    und machte frei der Wahlgebrüder drei.
      Des Fürsten Heer sie trieben auseinander
    und plünderten ihm aus die weisse Hofburg;
    sie rafften all den baren Schatz zusammen,
    sie töteten ihm seine beiden Söhne,
    von frevler Zucht, dass keine Frucht verbleibe.
      Den Fürsten schunden sie lebendig ab.
    Sie führten mit sich weg das stattlich Mädchen
    und zogen durch das Land Bulgarien heim.
      Herr Marko singt voran dem Hochzeitzuge:
    — Ohn trübe Wolke gibt es keinen Regen
    und ohn den alten Novak keinen Degen!
      Hätt Novak uns gefehlt, der Heldengreis,
    wir blieben Kerkerhäftling in Bulgarien!
      Wär’s noch bei wem, es tät nicht weh der Seele,
    doch grad bei dem, beim Fürsten von Bulgarien!
      Nun zogen sie zur Janok-Burg zu Haus.
    Drei Wochen währte wohl der Hochzeitschmaus.



Erläuterungen.

Das Lied sang mir am 24. Oktober 1885 mein Diener und Reisebegleiter
Milovan Ilija Crljić Martinović aus Gornji Rgovi in Bosnien vor. Von
wem er das Lied »übernommen«, war ihm nicht mehr im Gedächtnisse.
Er hatte es schon als Sauhirtlein gekannt, also ums Jahr 1850. In
seinem Repertoir führt das Lied die Bezeichnung: Od Janoka ban u
Bugarskoj i svat mu starina Novak (Der Ban von Janina in Bulgarien und
dessen Brautbegleiter Novak der Heldengreis). Milovan war ums Jahr 1860
Leibpferdewächter Osman Pašas als dieser die Montenegrer bekriegte.
Als dem Paša die Pferde »gestohlen« wurden, entzog sich Milovan samt
Genossen durch Flucht einer Untersuchung des Falles. Er hielt sich bis
zum Ableben Osman Pašas im Gebirge auf. Damals habe er, erzählte er
mir, mehrmals in der Romanija planina in Novaks Höhle vor den Zaptijen
(Schergen) Schutz gefunden. Er wollte auch mich hinführen, aber ich
mochte nicht hin, weil mein vagabundenmässiges Gewand und Schuhwerk
diese Tour durchs Walddickicht über Stock und Stein kaum bestanden
hätten. Eine Novak-Höhle zeigte mir der greise Archimandrit von Banja
an der Drina im Gebirge jenseits des Klosters in einem Grabsteinbruche.
Das ist aber keine alte Räuberhöhle, vielmehr ein ganz gemeines,
unhistorisches Loch im Sandstein, das die Steinmetzen ausgehöhlt
hatten, um sich darin bei Regen und Unwetter zu bergen.

Greise Haudegen, gleichgültig ob in der Epik oder in der Wirklichkeit,
von Nestor an bis zum alten Flöhefeind Stipurile, waren keine
Dauerredner. Wer die frische, verwegene Tat zu vollbringen liebt,
pflegt vielen Worten abhold zu sein. Berühmtheit ist jedoch mitunter
im Leben, und öfter nach dem Tode ein Unsegen für den, der sie einmal
erlangt hat und ihrer nicht mehr ledig werden kann. Wer sollte es für
möglich halten, dass sich ein Serbe finden wird, der unterm Deckmantel
des nationalen Patriotismus unseren Novak, den Heldengreis zum
furchtbarsten, langweiligsten Schwätzer und Lügenbold, zu einem
umgestülpten Gargantua umdichtern werde? Das Buch hat den Titel:
Starine od starine Novaka ili Tolkovanje Narodnjeg Pjevanja i
Pripovjedanja. Napisao Joksim Nović Otočanin. Izdala »Matica
Srpska«. Neusatz 1867. S. 356. 8o. (Denkwürdigkeiten vom Heldengreis
Novak [erzählt] oder Verdolmetschung der Volklieder und
Volkerzählungen. Geschrieben von Joksim Nović aus Otočac [in der
Lika, Chrowotien]. Das Buch erklärt man für ein klassisches Erzeugnis
serbischer Erzählungkunst. Es ist gut möglich, dass sich Nović
consueto more solcher serbischer und chrowotischer Literätlein selber
die Reklame besorgt hat. Von einer Verdolmetschung oder Erläuterung
der Volktradition ist in dem Buche nicht einmal eine Spur, Nović
lässt den alten Novak bei Gelegenheit eines Taufschmauses und einer
Verlobung im Hause eines Freundes bei Visoko in Bosnien seine
Memorabilien aus dem Leben selig entschlafener Helden auskramen.
Planlos und ziellos reiht Novak aus Guslarenliedern dürftige
prosaische Berichte aneinander, entkleidet sie jeder poetischen Zutat
und dichtet den Helden ungeheuerliche Schandtaten und himmelschreienden
Frevel an, kurzum, nach der Darstellung Nović-Novaks müsse man die
Serben für den Ausbund aller irdischen Niedertracht und Schlechtigkeit
erachten. Eine blutrünstige Phantasie hat Nović gewiss, aber sie hat
das eine mit den meisten Dampfluftschiffen gemein, dass sie sich über
die Gipfel einer glatten Ebene nicht erheben kann. Seine Diktion ist
zerhackt und gibt wohl ein Bild der bäuerlichen Ausdruckweise des
Bosniers unserer Zeit. Von den sozialen und kulturellen Zuständen der
Südslaven des XIV. Jahrhunderts besitzt Nović keinen blauen Dunst.
Und das Bad muss Novak, der Heldengreis ausgiessen!

Zu V. 5. gji mundartlich für gdi (gdje). Zu V. 6 mere für može,
V. 99 sitru f. sitnu eine Spracheigentümlichkeit der Dorfbewohner vor
Gornji Rgovi. Im V. 55 sagt Milovan sopru für sofru; denn ihm fällt
die Aussprache von f. schwer.

Zu V. 51. ich habe sie geboren, dir hab ich sie geschenkt. Kraft
seines väterlichen Mundschaftrechtes steht ihm unumschränkte
Verfügung über die Tochter frei. Mein seliger Landsmann der Heilige
Hieronymus Sophronius Eusebius (aus dem vierten Jahrhunderte) erzählt
treuherzig in griechischer Sprache, er persönlich habe zu Alexandrien
einen Pathicum gekannt, der schwanger geworden und einen unförmlichen
Klumpen statt eines Kindes geboren. Das glaubt ihm kein serbischer
Bauer, obgleich er, wie uns auch der V. 51 lehrt, ohne weiters einen
Vater sagen lässt, dass er sein Kind geboren. Er will damit natürlich
den gewöhnlichen Hergang des Geborenwerdens von einer Mutter nicht
abläugnen, sondern lediglich das Vaterrecht hervorheben, demzufolge
der Vater alles, die Mutter nichts gilt. Unsere Helden töten zum
Schluss die beiden Söhne des Fürsten Michaël, um dessen Geschlecht
mit Stumpf und Stil auszurotten, aber es fällt ihnen nicht im Traume
ein, dass aus der Ehe des Bans von Janok mit der geraubten
Fürstentochter dem geschundenen Fürsten Enkel entspriessen könnten.
Die Prinzessin scheidet mit dem Eintritt in des Bans Stamm gänzlich
aus dem väterlichen Geschlechterverbande und ihre Kinder gebiert der
Ban, ihr Herr und Gebieter über Leben und Tod. Das Recht des
Stärkeren hat eine zwingende Logik, es tut auch der Sprache Gewalt an.
Ich durfte hier der Spur des Serben nicht folgen, weil man meine
Verdeutschung ohne Kommentar nicht verstanden haben würde; darum
erlaube ich mir etwas anderes einzusetzen, um den Leser nicht
aufzuhalten.

Zu V. 60 irrtümlich bane für kneže und im V. 70 banova statt
kneževa. Sprechversehen sind nicht selten in Guslarenliedern.
Quandoque et bonus dormitat Guslarus. Ich ändere selbst Derartiges
nicht in meinen Texten. Die interpolierten 2 Zeilen Gedankenstriche im
Texte nach V. 60 und die Einschaltung in der Verdeutschung sind von
mir. Ohne die gedachte raubritterliche Pantomime wäre die Szene kaum
verständlich.

Zu V. 63. Die Frage ist am Platze; denn der Bräutigam kann von
vornherein nicht wissen, wie viel Leute der Fürst in der Lage sei,
gastlich frei zu halten. Der Fürst wünscht sich Städter,
friedliebende Leute, zu Gästen, die auch bei Geld sind und sich selber
etwas kaufen, anstatt den Gastgeber auszusacken und arm zu fressen. Die
Braut freilich gibt dem Wunsche eine davon verschiedene Deutung.

Zu V. 62. in der zweiten Woche, d. h. nach 15 (14 + 1) Tagen. Trifft
der Bräutigam bis dahin um die Braut nicht ein, wird der Handel, die
Verlobung von selbst rückgängig.

Zu V. 71. Halblaut sprechen ist nach osmanischen Anstandbegriffen die
Art feingebildeter Leute. Das Fräulein redet hier aber auch aus
Vorsicht leise.

Zu V. 78. Bŏje, d. i. Stockwerke der Häuser. Holzbauten kann man
auseinanderlegen und an einem anderen passenden Orte aufstellen. Der
Unterbau aus Stein ist unverkäuflich.

Zu V. 94. In serbischen Guslarenliedern öfters: bugari su stare
varalice, d. h. Bulgaren haben es faustdick hinter den Ohren. Statt
Bugari sonst Latini Lateiner (Venezianer). Solche Schmeicheleien sagen
einander Nachbarvölker gern nach. Man lese darüber das treffliche
Werk: Blason populaire de la France par H. Gaidoz et Paul Sébillot.
Paris 1884. XV, 382 und dazu Sébillots Nachtrag: Blason populaire de
la Haute-Bretagne 38 S. Tragisch sind solche Aussprüche nicht zu
nehmen.

Zu V. 100. Die Besorgnis ist unbegründet, dass uns der Guslar etwa
tausendmal denselben Brief zum Besten gegeben hätte, wenn der Ban 1000
Gäste eingeladen. Selbst bei grossartigen Einladungen nennt der
Sänger nur die ersten Würdenträger und Führer namentlich, doch
meist um deren Aufzug späterhin beschreiben zu können.

Zu V. 100 ff. Über den Prinzen Marko gibt es sowohl in der
serbischen als der deutschen und russischen Sprache schon eine
stattliche Literatur. Heil dem Manne, der sie nicht zu lesen braucht.
Hübsche Charakteristiken der bulgarischen Überlieferung gab G. Popov
im Sbornik za narodni umotvorenija, Sofija 1890. (Blgarskite junaški
pesni) Bd. III1, S. 247 ff.

Zu V. 139. Das Lob bezieht sich ausschliesslich auf den Alten. Er
zieht als »stari svat« als der Oberordner des Hochzeitzuges und
Proviantmeister mit, seinen Weisungen muss jedermann gehorchen, selbst
Braut und Bräutigam und deren Eltern.

Zu V. 145. Kojo für koje je ovo (welches ist allda, hier), kojvo.

Zu V. 171. Zaodivo, Gang für einen anderen. Das Wort noch in keinem
Wörterbuch.

Zu V. 218 šăfku in der Verdeutschung nicht wiedergegeben. Bei
Milovan öfters, kommt noch in den Wtb. nicht vor. Ich vermute ein
ursprüngliches türk. čapkun, ein Pferd, dessen Gangart der Galopp
ist. Das bosnische Bauernpferd ist an den langsamen Passgang gewöhnt.
Milovan kannte die Bedeutung des Wortes nicht. E tako sam primio (ja,
so hab ich’s überkommen), pflegt er in solchen Fällen zu sagen.

Zu V. 235 ff. Solche riesige Aufschneidereien sind in Guslarenliedern
nicht spärlich. Man denke sich die kolossale Länge zu einem neun
Spannen breiten Schwerte! Grujo meint, der Säbel dürfte dem alten
Vater doch etwas schwer fallen und darum bietet er ihm seine leichte
Klinge an. Die ist bloss vier Spannen breit und wahrscheinlich nur
zwanzig Ellen lang. Solche Einschaltungen gehören zum dichterischen
Aufputz der Guslarenlieder.

Zu V. 242. Der Alte wollte die Nagelkeule nicht beschmutzen. Es
verlohnt sich ihm gar nicht, gegen einen so geringen Gegner mit einer
so wuchtigen Waffe auszuholen. Nach einem Guslarenliede wog der Apfel
von Novaks Schlachtkeule 120 Litren Eisen.

Zu V. 261. Unter oguliti (schinden) ist hier lediglich die Amputation
der Ohren, der Nase, der Finger, Zehen und des Zumptes zu verstehen.
Über altsüdslavische Strafen vrgl. meinen Kommentar zu König Mathias
und Peter Géréb in den Ethnolog. Mitl. aus Ungarn, Bd. III. In
unserem Sonderfalle nahmen die Helden, wie nach Kriegbrauch, wohl die
abgeschnittenen Leibteile als Siegzeichen mit, um sie daheim
vorzuzeigen.

Zu V. 272. Die Hochzeitfestlichkeiten dauern sonst nur zwei Wochen,
diesmal vergönnten sich die Herrschaften noch eine dritte gute Woche.
In Slavonien darf nach behördlicher Verfügung kein Hochzeitschmaus
länger als 2 Tage währen; denn das Bauernvolk richtete sich durch den
üblichen Aufwand bei Hochzeiten wirtschaftlich zu Grunde.



Die Milchbrüder.


Die geschlechtgenossenschaftliche Rechtgemeinschaft (bratstvo, pleme,
gr. Phratrie, Phylē) geschlechterrechtlicher Verbände führte zur
territorialgenossenschaftlichen Organisation über. Diese bildete bei
Slaven und Germanen gleichermassen die Grundlage für die darauf sich
erhebenden herrschaftlichen Verbände, denen sich nach Umständen das
Häuptling- und Königtum der daneben einhergehenden kriegerischen
Organisation aufnötigte [185]. Die geschlechterrechtliche Gemeinschaft
braucht zu ihrer gedeihlichen Entwicklung und zu ihrem dauernden
Bestande ungestörten Frieden, die herrschaftliche dagegen erheischt
unablässig Krieg mit den Nachbarn. Fehlt ein solcher, dann macht sie
sich innerhalb ihres heimischen Gebietes der Bevölkerung fühlbar und
unterdrückt sie. Es erfolgt ein Gegendruck und es entstehen Reibungen,
bei denen mitunter die eine der Organisationformen auch völlig in die
Brüche geht.

In Bosnien und dem Herzogtum lastete auf den geschlechterrechtlichen
Genossenschaften, die sozial das arbeitende Volk darstellten, neben der
Wucht der kriegerischen Organisation (Königtum und Adel) noch die
kirchliche, eine unproduktiver als die andere, eine mehr als die andere
vom Marke des Volkes zehrend, zum Überfluss beide noch miteinander im
aufreibenden Kampfe um die Herrschaft und die unumschränkte
Volkknechtung. Nach der jedenfalls auf gründlichem, historischem
Material fussenden Ermittlung des bosnischen Franziskanerfraters
Bōžić gab es zur Zeit der Eroberung Bosniens durch die Türken in
dem Gebirgländchen zweihundert und dreiundsiebzig (273)
Franziskanerklöster, ungerechnet die Zweiganstalten und sonstige
Ordenklöster! Man darf annehmen, dass das einrückende türkische Heer
mit ausgelassenem Jubel als ein Befreierheer vom Volke begrüsst worden
sei. Dafür zeugt mittelbar die Tatsache, dass die Besitzergreifung
oder Unterwerfung des Landes buchstäblich ohne Blutvergiessen
innerhalb dreier Tage erfolgte und an einem einzigen Tage siebzig der
wohlbefestigten Burgen ihre Tore den Türken gastlich aufschlossen.
Bosnisch-slavisches Königtum mit seiner Adelherrschaft verschwand fast
spurlos von der Bildfläche, von den Mönchklöstern blieben ihrer nur
sechs oder acht von der Volkwut verschont und behaupteten sich bis auf
unsere Tage. Alle übrigen hat das Volk gründlich zerstört. Um mit
der Vergangenheit völlig zu brechen, nahm der grössere Teil der
bäuerlichen Bevölkerung freiwillig den Islam an.

Nicht umsonst; denn unter dieser neuen Decke konnte sich die nationale
geschlechterrechtliche Organisation weiter behaupten, ja auch sogar die
altursprüngliche slavische kriegerische Organisation, die Volkmiliz,
die zur Sicherung der geschlechterrechtlichen diente, ohne
Eroberungzwecke (Gebieterweiterungen) anzustreben, wie wir sie im
Hajdukentume erkennen, lebte neu auf. Fast auf zwei Jahrhunderte hinaus
ward dadurch dem Lande ein Frieden erworben, der einen noch gar nicht
ausreichend gewürdigten Aufschwung der in den orientalischen
Kulturkreis miteinbezogenen Bosnier und Herzogländer hervorrief.

Dieses Völklein betrachtete sich als des Padišāh getreueste
Gefolgschaft. Eine Änderung in dieser eingewurzelten Überzeugung
bahnten erst allmählich einzelne grossherrliche Statthalter (Vali),
Paša’s und sonstige Beamten an, die als Hofgünstlinge von Stambol
her in das Land zur Belohnung verschiedener geheimer Tugenden versetzt
worden waren. Solche Leute verstanden nicht oder wollten den
vorhandenen gesellschaftlichen Zustand nicht verstehen, stellten sich
in einen schroffen Gegensatz zu ihm und machten sowohl sich als des
Sultans väterliche Herrschaft verhasst.

Das ist der soziale Hintergrund, auf dem sich die Hauptbegebenheiten
unseres nachfolgenden Guslarenliedes abwickeln. Sie geben uns ein, wenn
auch dichterisch verklärtes, doch immerhin überaus lehrreiches
Beispiel, wie sich dieser Kampf zweier Organisationformen im einzelnen
zuweilen abspielt. Beg Ljubović von Nevesinje war in Handelgeschäften
— die Begriffe Edelmann und Grosshändler decken sich gewöhnlich auf
der genossenschaftrechtlichen Stufe — in das venezisch-dalmatische
Gebiet gereist und hatte einen Abstecher nach Zara gemacht. Der
Provveditore gibt den Auftrag ihn zu blenden. Der Beg tötet aus
Notwehr den Angreifer und rettet sich durch die Flucht. Darauf setzt
sich der Provveditore mit dem Paša von Banjaluka wegen Ermordung
Ljubović’s ins Einvernehmen. Das Vorgehen des Italieners widersprach
ganz und gar der vertragmässig zwischen der Republik Venedig und der
Hohen Pforte zu Kraft bestehenden Abmachung, war aber trotzdem dazumal
gang und gäbe. Dieses Staatswesen ging klipp und klar seiner
dalmatischen Besitzungen vorzüglich dank seiner hochadeligen
militärischen Beamten verlustig, die mit sinnloser Willkür und
Gewaltherrschaft das slavische Volk im Lande und in der
Grenznachbarschaft ständig in Aufruhr erhielten [186].

Der gleichfalls namentlich nicht genannte Paša von Banjaluka war des
Provveditore’s würdiges Seitenstück. Beide, Vertreter zügelloser
Eigenmächtigkeit, fanden sich trotz religiöser und nationaler
Verschiedenheit leicht zusammen in ihren Zwecken und Zielen. Ljubović
und das Gebiet von Nevesinje unterstanden dem Paša durchaus nicht. Das
beengte ihn aber wenig. Er sandte gemütlich eine Mörderschar zur
Vollstreckung der Untat ab. Die Leute verübten in Abwesenheit des Begs
Greuel und büssten sie bald darauf. Den Streit zwischen Ljubović und
dem Paša, auf einmal dem Wahrer des Rechtes und des staatlichen
Ansehens, löst im Liede — ein Wunder.

Ljubović’s Milchbruder Stefan Majković besteht für den Sultan
gegen einen Araber einen Zweikampf, rettet dem Sultan das Leben, rettet
den Staat, rettet damit den Beg und erwirbt zugleich das Recht, über
den Paša abzuurteilen. Der Araber! Das ist ein guter, alter Bekannte.
Der muss ebenso in der serbischen als der bulgarischen Guslarenepik den
Ruhm der heimischen Helden begründen helfen. Im Kampfe mit Orlović
ist er noch dreiköpfig [187], in älteren Zeiten und bei älteren
Völkern war er gewöhnlich mehrköpfiger, und eigentlich war er von
Ursprung ein menschenfressender Drache.

Vielleicht trug zur Behauptung dieser Sage im poetischen
Volkbewusstsein auch der im XIV. und XV. Jahrhundert in der Türkei
übliche Brauch militärischer Bravourduelle bei. »In damaliger
Zeit,« so schildert der Biograph Skanderbegs die Verhältnisse, »wo
die persönliche Kraft des Einzelnen noch häufig massgebend für den
Sieg war, herrschte auch in Friedenzeiten der Brauch, dass einzelne,
besonders kampfgeübte Streiter von Stadt zu Stadt zogen, um die
Tapfersten zum Zweikampf herauszufordern« [188].

Möglicherweise liegt unserer Liedschlussepisode ein solches Ereignis
zu Grunde, nur ist die Sache keineswegs wahrscheinlich. Ljubović und
Majković übergeben sich ohne Wehr und Waffen dem Abgesandten des
Sultans, der mit einem Heere ihre Burg umlagert: denn gegen den Kaiser
gibt es keinen Kampf. Der Guslar sagt es selber, und es entspricht dem
Gewohnheitrecht der Völker. Nicht einmal den Häuptling einer
Hajdukenrotte darf einer der Pfadgenossen zum Zweikampf herausfordern,
um wieviel weniger einer aus dem Volke den mit Göttlichkeitmacht
ausgestatteten Sultan! Das Rechtsprichwort drückt dies so aus: muluć
samo na muluća! (Der Herrscher kämpft wieder nur mit einem
Herrscher). Dies gilt schon zu Recht bei der primitiven kriegerischen
Genossenschaft. Geraten zwei derartige Verbindungen in Streit, so
kämpfen die Häuptlinge einen Zweikampf aus, während die
beiderseitigen Rotten müssig zuschauen. Gewöhnlich schliesst sich
dann die Rotte des unterlegenen, der Rotte des obsiegenden Häuptlings
friedlich an. Erst die spätere Entwicklung der Organisation, wenn
einmal die Rottenhäuptlinge zu Landgebietern von geheiligter und
unantastbarer Gestalt geworden, brachte es zu Wegen, dass die
Hauptinteressenten, selber in gesicherter Ferne, mit Hilfe ihrer
Getreuen einander bekriegten; dass sich also die Untertanen gegenseitig
hinschlachteten, um ihre kindische Neugier zu befriedigen, für welchen
der zwei Gebieter die Hinterbliebenen in Zukunft zu roboten und zu
darben haben werden.

Der Bericht leidet auch darunter, dass ein so unmittelbares Eingreifen
des Sultans in eine verhältnismässig geringe Provinzialangelegenheit
unglaublich, weil unnötig erscheint. Ljubović konnte sein Recht beim
Vali suchen, der es schwerlich geduldet haben würde, dass ihm der
armselige Paša von Banjaluka ins Handwerk pfusche. War aber der Paša
beim Vali Liebkind, so gab es wirksamere Mittel als einen Zweikampf, um
ihn umzustimmen. Zu einem Vali pflegt man mit grossem Nachdruck (von so
und so viel Beuteln Goldes) zu reden. Ist die strittige Angelegenheit
auf diese nicht ungewöhnliche Weise ins Reine gebracht worden, so lag
es gewiss zunächst im Vorteil Ljubović’s, seinen Hof- und
Burgguslaren darüber nicht aufzuklären, sondern es vielmehr dessen
dichterischer Begabung anheimzustellen, eine minder prosaische Lösung
zur Aufklärung des Volkes über das Geschehnis zu erfinden.

Der Christ Majković als Milchbruder des Moslims Ljubović und dessen
Hausgenosse ist nicht als eine Ausnahmerscheinung zu betrachten [189].
Die heimischen Moslimen waren auf demselben Baum, auf dem ihre
christlichen Volkgenossen gewachsen. Sprache, Sitte und Brauch,
Rechtanschauung und Religion waren ihnen gemeinsam. Man muss
ausdrücklich sagen: Religion; denn sowenig dem einen der Islam, war
dem anderen das Christentum vertraut; gottlob, es ist bis auf den
heutigen Tag nicht um vieles hierin anderes geworden, sonst wäre es
mir nicht möglich gewesen, mein Buch über Volkglauben und religiösen
Brauch der Südslaven, so wie es voll Heidentum geraten ist, zu
verfassen und die Anthropophyteia herauszugeben. Es steckt ebensoviel
Bosheit und Tücke als Unverstand in der Behauptung eines mir
aufsässigen Kritikers, wenn er berichtet (und so mancher schreibt es
ihm ohne Überprüfung nach), dass die moslimischen Guslarenlieder
meiner Sammlung christenfeindlich gehalten wären [190].  Die
Haltlosigkeit dieser Ausstreuung fällt jedermann in die Augen, der
sich nicht scheut, das eine und das andere Lied durchzulesen. Die
Helden moslimischer Guslarenlieder fühlten sich nicht als Streiter
für den Fanatismus irgendwelcher Derviše berufen, auch führten sie
keinen Krieg gegen Weiber, Kinder und christliche Geistliche und
Kirchen. Das galt als unritterlich. Die Anfachung des wildgrimmigen
Religionhasses geschah und geschieht leider noch immer von Vertretern
der Nächstenliebe, der Milde, Versöhnlichkeit und Güte, von Leuten,
die das Gelübde der Armut und Keuschheit ablegen, aber dem Reichtum
nachjagen und in Polygynie schwelgen, dann von Politikern und von
chrowotischen Lügenhistoriographen, die ihre Unfähigkeit, die
Wahrheit zu begreifen und zu ergründen, mit erheucheltem Patriotismus
und gleichwertiger Treuversicherung für ihren Glauben zu bemänteln
suchen.

Der Liedtitel, wie folgt, vom Guslaren.


    Majkoviću Ljubovića pobro.

      Gjelep kupi beže Ljuboviću
    po Neretvi, okolo Neretve,
    po Srijemu, okolo Srijema.
      Silan bezi gjelep pokupili:
    pet stotina krava jalovica,
    pet stotina volov debelijeh;
    naturiše Zadru bijelome.
      Kada bili niz Neretvu ravnu,
    izletješe Neretljani mladi,
    Neretljani i Nevesiljani:
      — Ne gon beže volov u kaure!
    Car i ćesar kavgu načinili,
    da ne igje turčin u kaure!
    Oćeš beže izgubiti glavu,
    ja li ćeš se beže osužnjiti!
      Al to beže aje pa ne aje;
    gjelep stjera Zadru bijelome.
      Š njime ima dvanajes gončila
    i pobro mu Majković Stjepane.
    Na rudinam gjelep zastavio;
    ižljeteše njemački trgovci
    pa kupuju krave i volove,
    begu daju mekane rušpije.
      Kada beže gjelep priprodavo
    on beśjedi Majković Stjepanu:
      — O Stjepane dragi pobratime!
    Čuvaj nama konja na rudinam
    sa našijeh dvanajes gončila,
    dok ja odem u vlaškoga Zadra,
    da im vidim Zadra i čaršije
    i u Zadra otkle su mu vrata,
    da im vidim tablja i topova.
      Onda Stjepan begu beśjedio:
      — Nejgji beže u vlaškoga Zadra!
    Car i ćesar kavgu načinili,
    da ne igje turčin u kaure.
      Oće li te vlasi poznavati,
    oćeš ludo izgubiti glavu,
    ja li ćeš se beže osužnjiti!
    Al to beže haje i ne haje,
    vić on ode u vlaškoga Zadra.
    A u Zadra otvorena vrata.
    Stade beže po čaršiji odat.
      Beže gleda Zadra i čaršije
    pa on śjede na jednom dućanu,
    stade piti kavu na dućanu.
      Opazi ga Zadranine bane.
    Kad on vidje bega Ljubovića,
    oko bana pet stotin katana,
    us koljeno Sekula sestrić mu.
      Bane viknu grlom debelijem:
      — Nut turčina u našemu Zadru!
    Šta će ture u našemu Zadru?
    šta uvodi po našemu gradu?
    zār on gleda grada i čaršije?
    Bel ne gleda otklem su mu vrata,
    turčin gleda tablja i topova,
    oće li nam na grad udariti!
      Nije l majka rodila junaka,
    tko b turetu snišo na čaršiju,
    ośjeko mu u ramenu ruku,
    obadva mu oka izvadio,
    neka slijep po čaršiji voda!
      Svatko šuti a gleda prida se
    al ne gleda Sekula dijete,
    već daigji beśjedi Sekula:
      — Moj daigja, od Zadarja bane!
    šta junaka po jabani tražiš
    kat sestrića us koljena raniš?
    tko ć turčinu na čaršiju snići,
    ośjeć desnu u ramenu ruku,
    obadva mu oka izvaditi,
    neka slijep po čaršiji oda!
      Oto reče pa na noge skoči,
    gola mača turi pod dolamu
    pa on begu na čaršiju snigje:
      — Šta ćeš ture u našemu Zadru?
    šta uvodiš po našemu Zadru?
    a zār gledaš Zadra i čaršije?
    zār ti gledaš tablja i topova?
    Dera pruži svoju desnu ruku,
    da t ośječem u ramenu ruku!
      Beže šuti, ništa ne beśjedi.
      Opet veli Sekula dijete:
    — Pruži ture svoju desnu ruku,
    da t ośječem u ramenu ruku!
      Beže šuti, ništa ne beśjedi.
      Opet reče Sekula dijete:
      — Pruži ture svoju desnu ruku,
    da t ośječem u ramenu ruku!
    Kunem ti se i vjeru zadajem,
    ośjeću ti na ramenu glavu!
      Raźljuti se beže Ljuboviću
    pa mu pruži svoju desnu ruku.
    Trže djete mača ispot skuta,
    ošinu ga po desnici ruci.
      Kako ga je lako udario
    mača svoga na dvoje pribijo
    a iz ruke vatru prosipavo!
    Skoči beže od zemlje na noge
    pa poteže kratku alamanku
    pa ošinu Sekula dijete —
    poviš pasa malo natfatio —
    dvije pole u travu padoše!
    Kada vidje Zadranine bane,
    gje poginu Sekula dijete,
    zōr učini na svoje katane!
      A katane bega opkoliše;
    brani jih se beže Ljuboviću.
    On prodrije kroz jednu kapiju,
    prodriješe za njijem katane.
      On prodrije kroz drugu kapiju,
    prodriješe za njijem katane.
      On prodrije kros treću kapiju,
    prodriješe za njijem katane!
    Dok do vrata sokak načinio
    al na gradu zatvorena vrata;
    ispuśćali mandal ot čelika.
      Beže trže nadžak ot čelika
    pa on pribi mandal ot čelika.
      Pa iz grada beže izletio,
    on izletje konjma na rudine,
    pobri svome Majković Stjepanu
    i svojijem dvanajes gončila.
    Na rudinam konje pojašiše
    pa pogjoše us polje zeleno
    a za njima dvanajes gončila;
    lako jaše, prida se gledaju.
      Obazrje se Majković Stjepane
    imade li za njima potjera —
    jal to bješe za njima potjera!
      U grada se otvoriše vrata,
    dok izletje junak na alatu,
    na alatu vas u suvu zlatu,
    malo ga se is sedla pomilja.
      Izlijeću za njijem katane,
    sve katane lete na alaje;
    al sve junak bližje te do bližje,
    dok sastiže bega Ljubovića.
    Jer im beže ni bježati ne će.
    Jal to bješe od Zadarja bane!
      Koja fajda, što je sastignuo,
    kad na njija udarit ne smije,
    vić on bega iz daleka viče:
    — Ja, Boga vam, neznane delije!
    otkle jeste, ot koga ste grada?
    ja čijeg ste roda i koljena?
    ja kako se po imenu zoveš?
      A beže mu po istini kaže:
    — Jesam junak od Neretve ravne,
    od Neretve i od Nevesilja
    po imenu beže Ljuboviću!
      Ja bane se natrag povrnuo,
    ja za njime banove katane
    pa on ode u bijela Zadra.
      Kako dogje u bijela Zadra,
    odma śjede, sitnu knjigu piše
    pa je šalje śerin Banjojluci
    na koljeno paši banjolučkom:
          »Eto knjiga, paša banjalučki!
        Pogubi mi bege Ljubovića
        jali žive jali mrtve glave!
          »Mogo su mi kvara počinili,
        počinili kvara i zijana
        ja po mome bijelome Zadru,
        pogubili Sekulu dijete!
          »Evo t pašo tri tovara blaga,
        i evo ti sluga Nikolica,
        nek te dvori za života tvoga,
        i evo ti sestra Angjelija!«
      Kada paši knjiga dolazila,
    knjige gleda, na knjigu se smije
    pa on viknu Erde delibaše:
      — Brže k meni Erdo delibaša!
    Dera jaši svojega putalja,
    der izberi tridese delija,
    sve junaka boljeg od boljega!
      Ajde Erdo Nevesilju ravnom,
    pogubi mi bege Ljubovića
    jali žive jali mrtve glave!
    Ako l oto Erdo ne uradiš,
    daćeš svoju glavu za njegovu!
      Kada Erdo čuo lakrdiju,
    itro Erdo na noge skočio,
    opremio sebe i putalja
    pa uzjaši debela putalja
    a za njime tridese delija.
    Ode Erdo Nevesilju gradu.
      Kad on dogje Ljubovića kuli
    do avlije bega Ljubovića
    a on bega po imenu viče.
      Al mu bega doma ne bijaše,
    jer otišli u lov u planinu,
    da ulove srnu jal košutu,
    i odveli rte i zagare.
      Oziva se begovica mlada:
      — Doma nejma bega Ljubovića!
    Otišo je u lov u planinu.
      Onda Erdo ljubi beśjedio:
    — Ja, gospojo roda gospockoga,
    oće l beže u red dolaziti?
      — Oće tamo po akšamu doći!
    Ona viknu Usubega sina:
      — Usubeže moj jedini sine!
    pogj, Erdina pripati putalja!
      Odma sletje djete Usubeže
    i pod Erdom prifati putalja,
    da izvoda Erdina putalja.
      Beśjedi mu Erdo delibaša:
    — O dijete, nejak Usubeže,
    gji je babo, o beg Ljuboviću?
      — Otišo je u lov u planinu!
      — Oće l t u red babo dolaziti?
      — Oće tamo po akšamu doći!
    Erdo viknu tridese delija;
    savezaše Usubega sina,
    savezata djete otjeraše.
      Za njim prista Ljubovića majka:
      — Vrat mi Erdo Usubega moga!
    Njoj beśjedi Erdo delibaša:
      —Vrat se natrag Ljubovića majko,
    pośjeću ti Usubega tvoga!
      To joj reče, ośjeće mu glavu!
      Za njim prista Ljubovića majka:
    — Vrat mi Erdo od zlata jubuku,
    mog unuka Usubega sina!
      — Vrat se natrag Ljubovića majko,
    vrat se natrag, osiću ti glavu!
      To joj reče, ośjeće joj glavu!
    Ode Erdo sa trides delija
    i odnese obadvije glave:
    jednu glavu Usubega djeta,
    drugu glavu Ljubovića majke.
      Istor Erdo polje prilazio
    al eto ti bega Ljubovića
    i on goni debela gjogata;
    Usubega iz daleka viče:
      — Gje si sine, Usubeže djete?
    zār mi ne ćeš pripatit gjogata?!
    Oziva se begovica mlada,
    ona ciči ko šarena guja:
      — Ja, moj beže mili gospodare!
    ne će t više Usubeže sine
    ja pot tobom pripatit gjogata.
    Usubeg je izgubio glavu!
      — Sašta, ljubo, ako Boga znadeš?
      — Ovde dogje Erdo delibaša
    a ja posla Usubega sina,
    da pod Erdom pripati putalja;
    saveza ga Erdo delibaša,
    savezana niz avliju zajmi.
    Za njim stara pristajala majka,
    jal da vrati Usubega moga.
    Njoj beśjedi Erdo delibaša:
    »vrat se natrag Ljubovića majko,
        vrati s natrag, osiću ti glavu!«
    To joj reče, ośječe joj glavu.
    ode Erdo sa trides delija
    i odnese obadvije glave!
    Kada čuo beže Ljuboviću:
      — O gospojo roda gospockoga,
    je li Erdo davno odlazio?
    je li dosad goru prilazio?
      — Nije Erdo davno odlazio
    a još nije gore prilazio.
      — Ja čuješ me moja virna ljubo!
    Ako dogje Majković Stjepane
    nek ne igje poljem zelenijem,
    već nek igje poljem u prijeko
    pa nek igje gorom poprijeko;
    a ja odoh okolo planine,
    da zavrnem Erdu u planini!
      Oto reče, okrenu gjogata
    pa okrenu poljem zelenijem.
    Istor beže poljem zamaknuo,
    malo vrime za dugo ne bilo,
    jal eto ti Majković Stjepana,
    jal on goni debela dorata,
    Usubega iz daleka viče:
    — Gje si bolan Usubeže mali?
    zār mi ne ćeš pripatit dorata?!
      Progovara begovica mlada:
      — Gospodare, Majković Stjepane!
    ne će t više Usubeže sine
    ja pot tobom pripatit dorata!
      — Sašta, bolna, begovica mlada?!
      Ona ciči ko šarena guja:
      — Ovde dogje tridese delija
    i prid njima Erdo delibaša;
    za vas pita Erdo delibaša,
    a ja posla Usubega sina,
    da pod Erdom pripata putalja.
      K njemu snigje Usubeže djete
    i pod njime pripati putalja;
    saveza ga Erdo delibaša,
    savezana niz avliju zajmi.
      Za njim prista naša stara majka,
    da mi vrati Usubega sina
    a na nju se izadrije Erdo:
    »Vrat se natrag Ljubovića majko,
      pośjeć ću ti Usubega tvoga!«
    To joj reče, ośječe mu glavu!
      Za njim prista ostarjela majka:
    — »Vrat mi Erdo zlaćenu jabuku,
    ja jabuku Usubega moga!« —
    — »Vrat se natrag Ljubovića majko,
      pośjeću ti sa ramena glavu!«
      To joj reče, ośječe joj glavu!
      Ode Erdo sa trides delija
    i odnese obadvije glave!
      Ciknu Stjepan ko šarena guja:
      — Je li došo beže Ljuboviću?
      — A jest došo, mili gospodare!
    Otišo je poljem zelenijem,
    da obleti okolo planine,
    ne bi l Erdu živa sastignuo.
      A tebi je beže beśjedio,
    reko ti je beže Ljuboviću,
    ja da igješ poljem poprijeko,
    da priśječeš gorom poprijeko,
    ne bi l Erdu živa sastignuli.
      Nama Stjepan okrenu dorata;
    ode Stjepan poljem u prijeko
    pa maši se gore i planine
    pa priśječe gorom poprijeko.
      Itro beže goru obletio
    i zavrnu u planini Erdu.
      U ta doba Majković Stjepane.
    Kat se dvije pobre sastaviše,
    izśjekoše tridese delija.
      Oni Erdu živa ujitiše;
    oguliše Erdi delibaši
    obadvije do ramena ruke,
    obadvije noge do koljena,
    oguliše glavu do očiju;
    digoše ga na konja putalja,
    na putalju privezaše Erdu
    pa pod njime puśćaše putalja:
      — Ajde, Erdo, šerin Banjojluci
    pa se pali paši banjolučkom,
    gje si śjeko djecu kod odžaka,
    gje si śjeko ostarjele majke!
      Hode Erdo drumom jadikujuć.
      Kada bio šeru Banjojluci,
    daleko ga paša opazio
    pa prid njega paša izletio.
      Kada vidje Erdu delibašu,
    što je bilo s Erde delibaše,
    jal on Erde iz daleka viče:
    — Šta to, bolan, Erdo delibaša?!
      — Evak, pašo, tebi gore bilo!
    Skidoše ga sa konja putalja.
      Šjede paša, sitnu knjigu piše
    pa je šalje Carigradu gradu
    na koljeno caru čestitome:
        »Sultan care, i otac i majko!
        Pogubi nam bege Ljubovića
        jali žive, jali mrtve glave!
          »Čudan jesu zulum počinili
        po Neretvi i po Nevesilju!
        Nametnuli namet na vilajet:
        śjeroma se oženit ne more,
        śjerota se udati ne more!
        Tko s oženi, po litra je zlata,
        tko s udade po tri litre zlata!
        Ja, koje je śjeromašna majka
        a ćeri im bjele kose pletu!«
      Kada caru taka knjiga dogje,
    kada vidje, šta mu knjiga kaže,
    care viknu silistar Alije:
      — Silistare, prva moja lalo!
    Dera uzmi nješto malo vojske,
    nješto malo, četiri iljade.
      Vodi vojsku u Ercegovinu
    ja Mostaru pa i Nevesilju
    ja bijeloj Ljubovića kuli.
      U ponoći dovodićeš vojsku
    pa okoli Ljubovića kulu.
      Pofataj mi bege Ljubovića
    jali žive jali mrtve glave!
      I ponesi mojega čadora,
    na čadoru od zlata jabuku.
      Kada vide careva čadora,
    sami će se bezi uplašiti;
    jera s carom niko boja nejma!
      A Alija na noge skočio
    i carevu podignuo vojsku
    pa on pogje ot Stambola grada;
    od Alija u Ercegovinu.
    Kada dogje Nevesilju gradu
    u zla doba dovodio vojsku
    u po noći kad vremena nije.
    Okolili Ljubovića kulu,
    razapeli zelene čadore.
    Kad u jutro jutro osvanulo,
    poranila ljuba Ljubovića
    pa se šeće po bijelu dvoru.
      Ja pogleda pod bijelu kulu,
    Ljubovića okoljena kula!
    Konj do konja, čador do čadora.
      Jedan čador po najandal stao,
    ja na njemu od zlata jabuka
    i tri puta žicom omotavan.
      Ja, se vrati u bijele dvore
    pa ne smije bega probuditi.
    Ona viknu Majković Stjepana:
      — Ustan, bolan, Majković Stjepane!
    odi vidi čuda golemoga,
    bijela vam okoljena kula!
    Kada skoči Majković Stjepane,
    kad on vidje silovitu vojsku,
    Stjepan budi bega Ljubovića:
      — Ustan, beže, mili gospodare!
    Bijela nam okoljena kula!
    Kad ustade beže Ljuboviću
    pa vidješe sa bijele kule,
    odma beže čador poznavao,
    da je čador cara čestitoga.
      Ja, beśjedi beže Ljuboviću:
    — Ja, što ćemo, Majković Stjepane?
    Da b na njija danas udarili —
    s carom brate niko boja nejma!
    Da niza [se] oborimo ruke.
    da igjemo carevu čadoru,
    da vidimo što je i kako je,
    ja ko nas je caru opanjkao?
      Jal beśjedi Ljubovića ljuba:
      — Ja, što ste se bezi uplašili?!
    Ev ja jesam jedna ženska glava,
    ja b na njija udarila sama!
      Beśjedi joj beže Ljuboviću:
      — Ajd, ne ludi, moja vjerna ljubo!
    s carom nitko boja ne imade!
      Pa rekoše pa se poslušaše
    ja niza se oboriše ruke
    a vodoše u carevu vojsku.
      Careva ji propuśćala vojska
    do čadora silistar Alije.
      Kad dogjoše oba prit čadore,
    prid Alijom ruke prilomiše.
    Pa se crnoj zemlji prikloniše.
      Ja, pita ji silistar Alija,
    ja, kakav su zulum počinili?
      Onda beže stade beśjediti:
    ja kako je gjelep sakupio,
    istjero ga bijelome Zadru
    i kako je gjelep priprodavo
    i otišo u bijela Zadra.
      Sve mu kaže, što je i kako je:
    kako došo Erdo delibaša,
    pośjeko mu sina jedinoga,
    pośjeko mu ostarjelu majku.
      Poslo ga je paša banjalučki
    ja, za blago zadranskoga bana
    i njegovu sestru Angjeliju.
      Istor beže stade kazivati,
    dokle stiže pošta knjigonoša
    ot Stambola bijeloga grada;
    knjigu nosi cara čestitoga,
    knjigu dade silistar Aliji:
      — Eto knjiga, silistar Alija!
    nije l majka rodila junaka
    a sekuna brata odgojila,
    ko ć za cara na megdan izići?
    Car mu daje dvore kot svojije,
    kot svojije, bolje ot svojije.
      I daje mu tri bijela grada,
    dva kod mora, [treći] kod Dunava.
      I daje mu ćercu sultaniju,
    mlogo pusto nebrojeno blago!
      Evo ima nediljica dana,
    kak u polju arap odjašio
    pot Stambolom u polju zelenom.
      Pa on cara na megdan zaziva,
    da mu care na megdan izigje,
    ja izigje, ja izmjenu nagje!
      Ako care izići ne smije,
    jal izići, jal izmjenu naći,
    oće caru u Stambol unići
    pomaknuti cara is stolice
    pa on śjesti u carsku stolicu,
    prosuditi u Stambolu gradu!
      Kada čuo beže Ljuboviću
    on beśjedi silistar Aliji:
    — Evo majka rodila junaka,
    tko ć za cara na megdan izići!
      Ne dade mu Majković Stjepane:
      — Ne ćeš, brate, beže Ljuboviću!
    Ja ć za cara na megdan izići,
    jer ja nejmam svoje vjerne ljube,
    ja nit imam oca ni matere.
      Pa se natrag oba povratiše
    i dogjoše Ljubovića kuli.
      Odma Stjepan izvede dorata
    pa opremi sebe i dorata
    pa on begu tijo beśjedio:
      — Alali mi, mili gospodaru,
    što si mene mlada odranio!
      Pa uzjaši debela dorata.
    Ode Stjepan od grada do grada,
    doka snigje do Stambola grada
    pot Stambola u polje zeleno.
      Jal u polju čador razapinjan,
    pot čadorom crna arapina;
    al on pije vino pot čadorom
    a privezo kusu bedeviju.
      K njemu Stjepan dotjera dorata;
    on arapu božju pomoć viknu,
    ja, arap njemu božju pomoć primi:
    — Odjaš konja, carev megdandžija,
    da se ladna napijemo vina
    pa ćem onda mejdan dijeliti!
      — Ajd otale, crna arapino!
    ja ne pijem vina ni rakije,
    već der jaši kusu bedeviju,
    da igjemo mejdan dijeliti!
      Arap skoči od zemlje na noge
    pa uzjaši kusu bedeviju.
    On beśjedi Majković Stjepanu:
    — Ajd zaodi carev megdandžija!
      Onda Stjepan beśjedi arapu:
      — Ajd otale, crna arapino!
    tvoja zovka, tvoja i zaotka!
      Kada vidje crna arapina,
    on Stjepanu oči ufatio
    pa poteže sablju ot pojasa,
    da Stjepanu osiječe glavu.
      Dočeka ga Majković Stjepane,
    udari ga šakom iza vrata;
    kako ga je lako udario,
    arap spade s kuse bedevije.
    crna ga je krvca zaljevala;
    nit se miče, nit on dušom diše.
      Do njeg Stjepan mije dovlačio
    pa arapa vinom zaljevavo,
    dok s arapu malo osvijesti:
      — Stan arape, to je šala bila!
    Dera jaši kusu bedeviju,
    da igjemo mejdan dijeliti!
    Odma arap kusu uzjašio
    pa on ode poljem zelenijem;
    arap koplje nosi u rukama.
      Kada arap do bilješke dogje,
    ostade ga Stjepan čekajući.
    On zažima kopljem i desnicom.
      Kad od ruku koplje poletilo,
    u oko bi zmiju pogodijo,
    bela ne bi u čelo junaka!
      Dobar gjogat bješe pot Stjepanom
    jer se svakom boju naučio;
    gjogat pade na prva koljena,
    priko njija koplje priletilo!
      Pruži ruku Majković Stjepane
    pa on koplje u ruku ujiti,
    prilomi ga na dvoje, na troje
    i komade u travu jitio.
      Dok doletje crna arapina:
      — Kurvo jedna, carev megdandžija!
    šta s doveo bagavu kljusinu
    pa me danas vara na megdanu!
    Stani kurvo, dok se opet zagjem!
      Onda Stjepan beśjedi arapu:
      — Ajd arape, ne jedi govana:
    »jedność ćemo pa i drugość ćemo!«
    Ode Stjepan, otjera dorata;
    ostade ga arap čekajući.
    Dorat igje dok je njemu drago.
      Kat se Stjepan do bilješke vrati,
    ja arapa na bilješci nejma!
    Arap mu se poljem zamaknuo;
    za njim Stjepan naturi dorata
    i otjera crnu arapinu.
      Brži bješe dorat ot kobile,
    jer u žensku pouzdanja nejma,
    i sastiže kusu bedeviju.
      Golu sablju nosi u rukama,
    letećivu ośječe mu glavu!
      Pa odjaši debela dorata
    pa on uze arapovu glavu,
    odnese je caru u Stambola
    pa u dvore caru unosio.
      Sve on caru primicuje glavu,
    ja care se dilje otkučuje,
    dok on cara stjera do duvara.
    Beśjedi mu care ot Stambola:
      — Otkle jesi ser atlijo mlada?
      — Ja sam junak od Ercegovine,
    od Neretve i od Nevesilja.
      — Ja, kako se po imenu zoveš?
    — Po imenu bezi Ljubovića!
      — Nos od mene glavu arapovu!
    Zdrava me je ujtila groznica
    gledajući arapove glave.
    Iśći sine štogod ti je drago!
    — Sultan care, sunce ogrijano!
    Nit ću tebi nebrojena blaga,
    nit ću tebi dvora kot tvojije,
    nit ću tebi tri bijela grada,
    dva kod mora, treći kod Dunova,
    nit ću tvoje ćeri sultanije!
      Vić te molim, mili gospodare!
    daj ti meni izun i testijer
    i daj meni katuli fermana,
    da se vratim šeru Banjojluci,
    da pogubim pašu banjolučkog!
      I daj meni u Ercegovini,
    u Neretvi i u Nevesinju,
    tude meni daćeš spajiluke,
    da ja sudim, da ja razsugjivam!
    To je care jedva dočekao,
    načini mu śićana fermana.
      Ode Stjepan ot Stambola grada.
    Uvrati se Stjepan Banjaluci
    pa on pašu živa ujitijo
    i pašu je živa ogulijo
    pa ga onda na kolac nabijo.
      Dva njegova sina pogubijo,
    od zla roda nek nije poroda!
      Ode Stjepan Nevesilju gradu
    i odnese careva fermana.

    Eto pjesna a od Boga zdravlje!



    Von Majković dem Wahlbruder Ljubović’s.

      Beg Ljubović treibt Rinderherden auf
    an der Narenta, rund um die Narenta,
    im Syrmium, rundum im Syrmium.
      Die Begen brachten auf gar grossen Auftrieb:
    fünf hundert Kühe, die noch alle gelt,
    fünf hundert Ochsen, alle feist gefüttert,
    und trieben fort sie nach dem weissen Zara.
      Als sie in die Narenta-Ebne kamen,
    herbei die jungen Narentaër liefen,
    die Narentaër und die Nevesinjer:
      — Treib, Beg, die Ochsen nicht ins Kafirland!
    Der Kaiser und der Caesar stehn im Worte,
    es soll kein Türke gehn ins Kafirland!
    Du wirst, o Beg, dabei dein Haupt verlieren,
    wo nicht, o Beg, in Sklaverei verfallen!
      Drauf hört der Beg, und hört auch nicht darauf;
    zum Zara weiss hinab er trieb den Auftrieb.
      Viehtreiber zwölf mit ihm sind im Gefolge
    und Stefan Majković, sein Herzensbruder.
      Auf fetten Fluren hielt er an die Herde.
    Die deutschen Kaufherrn kamen hergerannt
    und kauften auf die Ochsen und die Kühe;
    dem Beg dafür sie reichten weiche Rupien.
      Nachdem der Beg den Auftrieb ausverkauft,
    zu Stefan Majković das Wort er sprach:
      — O Stefan, du mein liebstes Bruderherze!
    behüt uns auf den Fluren wohl die Rosse
    allhier mit zwölf von unsren Rindertreibern,
    dieweilen ich ins christlich Zara wandre,
    will deren Zara sehen und den Marktplatz
    und auch in Zara seiner Tore Lage,
    besehn die Bastionen und Kanonen.
      Hierauf das Wort zum Begen Stefan sprach:
      — Du geh nicht, Beg, dahin ins christlich Zara!
    Der Kaiser und der Caesar stehn im Worte,
    es soll kein Türke gehn ins Kafirland.
      Leicht können da die Christen dich erkennen,
    du wirst nur tollerweis dein Haupt verlieren,
    wo nicht, o Beg, in Sklaverei verfallen!
      Drauf hört der Beg und hört auch nicht darauf,
    begab vielmehr sich in das christlich Zara.
    Von Zara waren offen just die Tore;
    anhub der Beg zu wandeln auf dem Marktplatz.
      Der Beg besichtigt Zara und den Marktplatz
    und setzt sich letzt auf einen Ladenflügel
    und fängt am Laden an Kaffee zu trinken.
      Da tät gewahren ihn der Ban von Zara.
    Als Ljubović den Beg er hier erblickte,
    (beim Ban fünfhundert Reiter Ehrenwache,
    und Sekula sein Schwestersohn zu Füssen)
    ausrief der Ban mit tiefer Kehlenstimme:
      — Schaut mal den Türken an in unsrem Zara!
    Was macht der Türkenkerl in unsrem Zara!
    was schnüffelt der herum in unsrer Festung?
    Beguckt er denn die Burg nur und den Marktplatz?
    Der schaut nicht, traun, wo man das Tor gelassen,
    der schaut die Bastionen und Kanonen,
    ob wohl die Festung er berennen dürfte!
      Gebar denn keine Mutter solchen Kämpen,
    der auf den Markt hinab zum Türken stiege,
    um abzuhaun die Hand ihm in der Schulter
    und beide Augen ihm herauszubohren,
    dass blind er auf dem Markte wandeln möge?
      Ein jeder schweigt und schaut vor sich zu Boden,
    doch schaut nicht drein so Sekula der Page,
    vielmehr spricht Sekula zu seinem Ohme:
      — O Mutterbruder mein, du Ban von Zara,
    was forschst du in der Fremde nach dem Kämpen,
    wenn du zu Füssen deinen Neffen nährst,
    der auf den Markt hinab zum Türken steigt,
    die rechte Hand ihm aus der Schulter haut
    und alle beide Augen ihm herausbohrt,
    damit er auf dem Markt als Blinder wandle!
      Das sprach er und dann sprang er auf die Beine,
    das nackte Schwert er untern Dolman schob
    und stieg zum Beg hinab wohl auf den Marktplatz.
      — Was suchst du Türkenkerl in unsrem Zara?
    Was schnüffelst du herum in unsrem Zara?
    ja, schaust du Zara an und schaust den Marktplatz?
    Schaust du die Bastionen und Kanonen?
    Geh, strecke deine rechte Hand heraus,
    dass ich die Hand dir aus der Schulter aushau!
      Der Beg nur schweigt, entgegnet nicht ein Wörtchen.
      Von neuem Sekula der Page spricht:
      — Streck, Türkenkerl, heraus die rechte Hand,
    dass ich die Hand dir aus der Schulter aushau!
      Der Beg nur schweigt, entgegnet auch kein Wörtchen.
      Von neuem spricht der Page Sekula:
      — Streck deinen rechten Arm, du Türklein, aus,
    dass ich die Hand dir aus der Schulter aushau!
    Ich schwör’ es dir, verpfänd’ mein Ehrenwort,
    Das Haupt ich hau’ herab dir von der Schulter!
      Beg Ljubović geriet in Grimm darob
    und streckte seinen rechten Arm ihm hin.
    Den Säbel unterm Schoss der Page zückte
    und führte auf die rechte Hand den Streich.
      So leichthin war der Schlag ihm nur geraten,
    dass ihm entzweibrach seines Säbels Klinge
    und aus dem Arm hervor die Funken stoben!
      Aufsprang der Beg vom Boden auf die Beine,
    das kurze Alemannenschwert er zückte
    und traf damit den Pagen Sekula,
    ein wenig oberm Gurte sass der Hieb,
    zwei Hälften kollerten ins Gras hernieder.
      Als da der Ban von Zara ward gewahr,
    wie Sekula der Page kam ums Leben,
    zum Sturm befahl er rasend seine Reiter.
      Die Reiter rasch umzingelten den Beg,
    Beg Ljubović sich ihrer weiss zu wehren.
      Kaum drang hindurch er durch das eine Burgtor,
    schon drangen hinterdrein ihm nach die Reiter.
      Kaum drang hindurch er durch das andre Burgtor,
    schon drangen hinterdrein ihm nach die Reiter.
      Kaum drang hindurch er durch das dritte Burgtor,
    schon drangen hinterdrein ihm nach die Reiter,
    bis er gebahnt zum Haupttor eine Gasse;
    doch war das Haupttor von der Burg geschlossen,
    aus Stahl den Riegel hat man vorgeschnellt.
      Den Kolben stahlgetrieben schwang der Beg
    und brach entzwei den stahlgeschweissten Riegel.
      Und aus der Burg entfloh der Beg von dannen,
    entfloh nun zu den Rossen auf den Auen
    zu Stefan Majković, dem Herzensbruder
    und auch zu seinen Rindertreibern zwölf.
      Sie stiegen auf den Auen auf zu Ross
    und zogen aufwärts durch das grün Gefilde,
    zwölf Rindertreiber hinter ihnen nach.
      Gemach sie reiten, schauen vor sich hin;
    nach rückwärts blickte Stefan Majković,
    ob wohl Verfolger hinter ihnen kämen;
    fürwahr, es folgten hinterdrein Verfolger.
      Das Haupttor von der Burg sich tat eröffnen:
    da fuhr hervor ein Held auf einem Fuchse,
    auf einem Fuchse, ganz in lautrem Golde,
    ein wenig schaut von ihm heraus vom Sattel.
      Es fliegen hinterdrein ihm nach die Reiter,
    in hellen Rotten fliegen all die Reiter,
    und immer näher rückt heran der Held.
      Zuletzt ereilt er Ljubović den Beg,
    denn gar nicht ist gewillt der Beg zu flüchten;
    ja, traun, das war der Ban von Zara selber!
      Was frommt es ihm, dass er sie eingeholt,
    dieweilen er’s nicht wagt, sie anzugreifen,
    von weitem ruft vielmehr er zu dem Beg:
      — So Gott euch helfe, unbekannte Kämpen!
    von wannen seid Ihr, wohl von welcher Burg?
    von welchen Sippen und von welchen Magen?
    und wie benamst du dich mit deinem Namen?
      Wahrheitgetreu bescheidet ihn der Beg:
      — Ich Kämpe bin von dem Narentalaufe,
    von der Narenta und von Nevesinje,
    mit Namen heiss’ ich Ljubović der Beg!
      Allda der Ban zurücke wieder kehrte
    und hintennach sein Reitervolkgeleite
    und heim er wieder zog ins weisse Zara.
      Sobald er eintraf in dem weissen Zara,
    gleich setzt er sich und schreibt ein zierlich Schreiben
    und sendet ’s ab zur Stadt von Banjaluka
    wohl auf das Knie des Banjaluker Paša:
          »Empfang den Brief, o Banjaluker Paša!
        Vertilge mir die Begen Ljubović!
        Stell mir sie lebend oder deren Köpfe!
          »Sie haben zugefügt mir grossen Schaden,
        ja, Schaden und Verluste zugefügt
        fürwahr rundum in meinem weissen Zara:
        sie brachten um den Pagen Sekula!
          »Da, Paša, nimm drei Maultierlasten Schätze
        und nimm dazu den Diener Klaus den kleinen,
        er warte dein, solang dein Leben währt,
        und nimm dir auch die Schwester Angelina!«
      Wie nun der Paša diesen Brief empfing,
    den Brief besah, den Brief belacht er fröhlich
    und rief herbei den Delibaša Erdo:
      — Rasch her zu mir, o Delibaša Erdo!
    Ei schwing dich mal auf deinen Fleckenfüsser
    und kühr dir aus an dreissig kühne Kämpen,
    nur lauter auserkorne kühnste Kämpen.
      Hei, Erdo, zeuch zum ebnen Nevesinje,
    vertilge mir die Begen Ljubović,
    stell mir sie lebend oder deren Köpfe!
    Wofern du, Erdo, solches nicht verrichtest,
    wirst du ’s mit deinem Haupt für seines büssen!
      Kaum hatte Erdo den Befehl vernommen,
    aufsprang er auf die Beine gar behende,
    ausrüstete so sich als seinen Fleckfuss
    und schwang hinauf sich auf den feisten Fleckfuss.
    Fortzog zur Burg von Nevesinje Erdo
    und hinterdrein ihm folgten dreissig Kämpen.
      Als er zu Ljubovićens Warte kam
    zum Burggehöft von Ljubović dem Beg,
    da rief er an den Beg beim vollen Namen.
      Jedoch der Beg gerad daheim nicht weilte,
    sie waren auf die Pirsch ins Waldgebirge,
    zu pirschen Rehe oder eine Hindin
    und hatten mit die Rüden und die Bracken.
      Die junge Edelfraue tat sich melden:
      — Daheim nicht weilt Herr Ljubović der Beg,
    er ist ins Waldgebirg zur Pirsch gewandert!
      Darauf zum Ehelieb Herr Erdo sprach:
      — O Edelfrau, vom edlen Stamm entsprossen!
    wird wohl der Beg bei Zeiten wiederkehren?
      — Um den Akšām er heim wohl kehren dürfte!
    (sie rief herbei Beg Huseïn den Sohn):
      — Beg Huseïn, o du mein einziger Sohn,
    abfasse mal des Erdo Fleckenfüsser!
      Gleich lief hinab der Page Husobeg
    und fasste unter Erdo ab den Fleckfuss,
    um auszuführen Erdo’s Fleckenfüsser.
      Da sprach zu ihm Herr Delibaša Erdo:
      — Beg Huseïn, o du unmündiger Knabe!
    wo weilt dein Väterchen Beg Ljubović?
      — Er ist ins Waldgebirg zur Pirsch gewandert.
      — Kehrt wohl dein Väterchen noch heim bei Zeiten?
      — Um den Akšām er heim wohl kehren dürfte.
      Zurief Herr Erdo seinen dreissig Kämpen.
    Sie schlugen Husobeg den Sohn in Bande,
    gebunden jagten sie vor sich den Knaben.
      Anschloss sich ihm die Mutter Ljubović’s:
      — Gib meinen Husobeg zurück mir, Erdo!
      Herr Delibaša Erdo spricht zu ihr:
      — Kehr nur zurück, du Mutter Ljubović’s,
    sonst säble deinen Husobeg ich nieder!
      Er sprach’s zu ihr und hieb ihm ab das Haupt.
      Anschloss sich ihm die Mutter Ljubović’s:
      — Gib, Erdo, mir zurück aus Gold den Apfel
    mein Enkelein, das Söhnlein Husobeg!
      — Kehr nur zurück, du Mutter Ljubović’s,
    kehr nur zurück, sonst hau ich dir das Haupt ab!
      Er sprach’s zu ihr und hieb ihr ab das Haupt.
      Von dannen Erdo zog mit dreissig Kämpen
    und trug mit sich fort allebeide Häupter,
    das eine Haupt des Pagen Husobeg,
    das andre Haupt der Mutter Ljubović’s.
      Noch schritt Herr Erdo hin durchs Blachgefilde,
    ei sieh, es naht schon Ljubović der Beg,
    er jagt einher auf seinem feisten Falben
    und ruft heran von fern schon Husobeg:
      — Wo bleibst du Söhnchen, Page Husobeg?
    magst du nicht ab mir meinen Falben fassen?
      Anmeldet sich die junge Edelfraue,
    sie zischt vor Schmerz, wie eine Natter scheckig:
      — Ach weh, mein Beg, o teuerster Gebieter,
    dein Söhnchen Husobeg wird nun und nimmer
    abfassen unter dir den falben Renner;
    ach, Husobeg hat ja sein Haupt verloren!
      — Von was denn, Ehelieb, wenn du an Gott glaubst!
      — Da kam gezogen Delibaša Erdo,
    hinab ich sandte Husobeg den Sohn,
    den Fleckfuss unter Erdo abzufassen;
    in Bande schlug ihn Delibaša Erdo,
    gebunden jagt er ihn entlang dem Burghof,
    anschloss sich ihm die hochbetagte Mutter,
    rückgeben soll er meinen Husobeg.
    Doch sprach zu ihr Herr Delibaša Ibro:
        »Kehr nur zurücke, Mutter Ljubović’s,
        kehr nur zurück, sonst hau ich dir das Haupt ab!«
    Dies sprach er zu ihr, hieb ihr ab das Haupt.
    Mit dreissig Kämpen Erdo zog von hinnen
    und trug mit sich fort alle beide Häupter!
      Als dies erfuhr Herr Ljubović der Beg:
      — O Edelfrau, von edlem Reis entsprossen,
    ist Erdo lange schon davongezogen?
    hat er den Hochwald jetzt schon überschritten?
      — ’S ist nicht so lang, dass Erdo abgezogen,
    noch hat er nicht den Hochwald überschritten!
      — O hör mich mal, du mein getreues Ehlieb!
    Wenn Stefan Majković da kommen sollte,
    so geh er nicht durchs grüne Blachgefilde,
    vielmehr er nehme querfeldein den Weg
    und soll querwegs ins Hochgebirg sich tummeln,
    ich aber geh ums Hochgebirg herum,
    um Erdo in dem Hochwald festzustellen!
      Dies sprach er, machte mit dem Falben kehrt
    und nahm den Lauf durchs grüne Blachgefilde.
      Kaum war der Beg entschwunden im Gefilde,
    nach kurzer Weile, die nur wenig währte,
    ei sieh, da naht auch Stefan Majković!
    Er jagt daher auf seinem dicken Braunen
    und ruft heran von fern schon Husobeg:
      — Wo steckst du, Stöpsel, Husobeg du kleiner?
    Magst du nicht ab mir meinen Braunen fassen?!
      Es meldet sich die junge Edelfraue:
      — O mein Gebieter, Stefan Majković,
    mein Söhnchen Husobeg wird nun und nimmer
    abfassen unter dir den braunen Renner!
      — Warum, der Tausend, junge Edelfrau?!
      Sie zischt vor Schmerz, wie eine Natter scheckig:
      — Da kamen hergezogen dreissig Kämpen
    und vor der Rotte Delibaša Erdo.
    Um euch befragt mich Delibaša Erdo,
    hinab ich sandte Husobeg den Sohn,
    den Fleckfuss unter Erdo abzufassen.
      Hinab zu ihm stieg Husobeg der Page
    und fasste unter ihm den Fleckfuss ab.
    In Bande schlug ihn Delibaša Ibro,
    gebunden trieb er ihn entlang dem Burghof.
      Ihm schloss sich unsre alte Mutter an,
    dass er den Sohn mir, Husobeg zurückgeb,
    doch Erdo hat sie grimmig angefahren:
      »Kehr nur zurücke, Mutter Ljubović’s,
      sonst hau ich deinen Husobeg zu Stücken!«
    Sprach so zu ihr und hieb ihm ab das Haupt.
      Ihm schloss sich an die hochbetagte Mutter:
    — »Gib Erdo mir zurück den goldnen Apfel,
      ja wohl den Apfel, meinen Husobeg!« —
    — »Kehr nur zurücke, Mutter Ljubović’s
      ich hau dir von den Schultern ab das Haupt!«
      Dies sprach er zu ihr, schlug ihr ab das Haupt!
    Von hinnen Erdo zog mit dreissig Kämpen
    und trug mit sich fort alle beide Häupter.
      Aufzischte Stefan gleich der Natter scheckig:
      — Ist heimgekommen Ljubović der Beg?
      — Gekommen heim, o teuerster Gebieter!
    Er ging dahin durchs grüne Blachgefilde,
    um um das Hochgebirg herumzukommen,
    wo möglich Erdo lebend einzuholen.
      Dir aber hinterliess der Beg die Weisung,
    es hat dich Ljubović der Beg geheissen,
    einschlagen mögst du querfeldein den Weg,
    den Weg durchschneiden quer nur durch den Hochwald
    vielleicht lebendig dass Ihr Erdo einholt!
      Gleich machte mit dem Braunen Stefan kehrt.
    Es zog Herr Stefan querfeldein von dannen,
    bog ein ins Hochgebirg und in den Hochwald
    und schnitt so durch den Hochwald auf dem Querweg.
      Gar flink der Beg den Hochwald war umflogen
    und hatte Erdo festgestellt im Hochland.
      Zur selben Zeit kam Stefan Majković.
    Als sich vereint die beiden Wahlgebrüder,
    zu Stücken hieben sie die dreissig Kämpen.
      Doch Erdo fingen sie lebendig ab,
    sie schunden ab dem Delibaša Erdo
    die beiden Arme bis zum Schulterblatte,
    die beiden Füsse bis hinauf zum Knie,
    bis zu den Augen schunden sie das Haupt,
    auflegten sie ihn auf den Fleckenfüsser
    und banden Erdo an den Fleckfuss fest
    und liessen unter ihm den Fleckfuss laufen:
      — Zeuch, Erdo, hin zur Stadt von Banjaluka
    und prahle vor dem Banjaluker Paša,
    wie an der Herdstatt Kinder du gemordet,
    wie du gemordet hochbetagte Mütter!
      Wehklagend Erdo zog des Weges weiter.
      Als er der Stadt genaht von Banjaluka,
    von weitem ihn der Paša schon gewahrte;
    entgegen kam der Paša ihm geflogen.
      Als er erschaut nun Erdo Delibaša,
    was da geschehn mit Erdo Delibaša,
    rief er schon Erdo zu von weiter Ferne:
      — Was gibt’s, unseliger Erdo Delibaša?!
      — Das gibt’s, o Paša, schlimmer sei dein Teil!
    Man hob ihn ab vom Ross, dem Fleckenfüsser.
      Der Paša setzt sich, schreibt ein zierlich Schreiben,
    und sendet’s nach Istambol ab der Stadt
    wohl auf das Knie des glückbegabten Kaisers:
        »O Sultan, Kaiser, Vater uns und Mutter!
        vertilge uns die Begen Ljubović,
        es sei lebendig oder tot die Häupter!
          »Ein Wunder, was sie an Gewalt verübten
        um die Narenta und um Nevesinje!
        Mit einer Auflag sie das Land belegten:
        Der arme Mann, der kann sich nicht beweiben,
        das Waisenmädchen kann sich nicht vermählen.
        Wer sich beweibt, je eine Litra Goldes,
        die sich vermählt, je drei der Litren Goldes!
        Und wenn die Mütter ganz in Armut leben,
        dann deren Töchter weisse Zöpfe flechten!«
      Als solch ein Brief dem Kaiser kam vor Augen
    und er ersah, was ihm der Brief vermeldet,
    rief er herbei den Waffenwahrer Ali:
      — Gewaffenwahrer, du mein Obristlala,
    Geh raffe mal zusammen etwas Truppen;
    ein wenig bloss, viertausend Mann genügen,
    und führ die Truppen nach dem Herzoglande
    gen Mostar hin und auch nach Nevesinje
    zur weissgetünchten Warte Ljubović’s;
    dahin die Truppen führ um Mitternacht,
    umzingle dann die Warte Ljubović’s.
      Du fang mir ab die Begen Ljubović,
    es sei lebendig oder tot die Häupter.
      Auch nimm du mein Gezelte mit dir mit
    wohl das Gezelte mit dem goldnen Apfel.
      Wann sie das kaiserlich Gezelt erblicken,
    an sich erschrecken werden schon die Begen;
    denn mit dem Kaiser keiner einen Kampf wagt!
      Alile hurtig auf die Beine sprang
    und sammelte die kaiserliche Truppe;
    dann zog von dannen er von Stadt Istambol.
    Es zog Alile fort ins Herzogland.
      Als er gelangt zur Burg von Nevesinje,
    zur schlimmen Frist er schaffte hin die Truppen
    um Mitternacht, wann keine Zeit geheuer;
    umzingelten die Warte Ljubović’s
    und spannten auf die grünen Lagerzelte.
      Als morgens früh der Morgen angetagt,
    erhob sich früh das Ehlieb Ljubović’s
    und tat ergehn sich auf der weissen Wartburg.
      Da fiel ihr Blick hinab die weisse Warte:
    ringsum die Warte Ljubović’s umzingelt!
    hier Ross an Ross, hier Zelt an Zelt gedrängt!
      Vereinzelt stand allein nur ein Gezelte
    und oben drauf ein goldner Apfel blinkt,
    und dreimal war mit Draht das Zelt umwunden.
      Sie wandte sich zurück zur weissen Warte,
    doch wagt mit nichten sie’s den Beg zu wecken;
    wachrief sie lieber Stefan Majković:
      — Erwach, unseliger Stefan Majković!
    Geh hin und schaue ein gewaltig Wunder!
    Umzingelt ward da eure weisse Warte!
      Im Sprung erhob sich Stefan Majković.
    Und als er nun das mächtige Heer erblickte,
    wohl tat er Ljubović den Beg erwecken:
      — Erwach, o Beg, mein teuerster Gebieter!
    umzingelt ward da unsre weisse Warte!
      Vom Lager aufstand Ljubović der Beg,
    und sahen alles von der weissen Warte.
    Sogleich der Beg erkannte das Gezelte,
    als das Gezelt, das Glück mit ihm, des Kaisers,
    und also sprach Herr Ljubović der Beg:
      — Was sollen nun wir, Stefan Majković?
    wenn heute wir den Ausfall gen sie wagten —
    o Bruder, mit dem Kaiser keiner kämpft!
    Lass an die Lende uns die Hände legen,
    lass uns zum kaiserlich Gezelte wandeln,
    lass sehn uns, was da los und wie’s geworden,
    wer wohl uns bei dem Kaiser angeschwärzt.
      Doch spricht das Wort das Ehlieb Ljubović’s:
      — Was seid Ihr denn, Ihr Begen, so erschrocken?!
    da schaut, ich bin ja nur ein Frauenzimmer,
    ich wollt’ allein gen sie den Ausfall wagen!
      Entgegen spricht ihr Ljubović der Beg:
      — Treib keine Tollheit, mein getreues Ehlieb,
    den Kaiser keiner auf zum Kampfe ruft!
      Also sie sprachen, machten ihre Sachen;
    sie legten ihre Hände an die Lende
    und gingen ab ins kaiserliche Heer.
      Durchziehen liess sie frei des Kaiser Heer
    bis zum Gezelt des Waffenwahrers Ali.
      Als beide hingelangt vor das Gezelte,
    verschränkten sie vor Ali ihre Arme
    und beugten sich zur schwarzen Erde nieder.
      Es fragte sie der Waffenwahrer Ali,
    was für Erpressung sie gemacht sich schuldig?
      Anhub der Beg daraufhin zu erzählen,
    wohl, wie er einen Auftrieb aufgesammelt,
    hinausgetrieben ihn zum weissen Zara
    und wie den Auftrieb weiter er verhandelt
    und sich ins weisse Zara hinbegeben.
      Erzählt ihm alles, was und wie’s geschehen,
    wie Erdo Delibaša war erschienen
    und ihm den einzigen Sohn gehaun zu Stücken,
    gehaun zu Stücken seine greise Mutter.
      »Er war gesandt vom Banjaluker Paša
    den Schätzen wohl zu lieb des Bans von Zara
    und dessen Schwester Angelinas wegen.«
      Noch war der Beg begriffen im Berichten
    als ein Kurier mit einem Schreiben eintraf
    daher von Stambol, von der weissen Stadt,
    er bringt des glückbeladnen Kaisers Schreiben
    und übergab’s dem Waffenwahrer Ali:
      — Allhier ein Brief, Gewaffenwahrer Ali!
      Gebar denn keine Mutter einen Kämpen,
    aufzog denn keine Schwester solchen Bruder,
    der für den Kaiser auf die Wahlstatt träte?
      Der Kaiser schenkt ihm eine Burg bei seiner,
    bei seiner Burg doch besser als die seine,
    und gibt ihm zum Geschenk drei weisse Städte,
    am Meere zwei, die dritte an der Donau,
    und schenkt ihm das Prinzesschen Sultanine
    und unermesslich ungezählter Schätze!
      Es sind daher schon einer Woche Tage,
    dass ein Araber abstieg im Gefilde,
    im grünen Blachgefilde unter Stambol
    und der heraus zum Kampf den Kaiser fordert,
    der Kaiser auf der Wahlstatt ihm erscheine,
    erscheine oder stelle den Ersatzmann!
      Getrau sich nicht der Kaiser zu erscheinen,
    erscheinen oder doch Ersatz zu stellen,
    eindringen werd in Stambol er zum Kaiser,
    hinab den Kaiser gar vom Throne schupfen,
    sich selber setzen in des Kaisers Thronsitz
    und die Gerechtsam üben in Istambol!
      Als dies vernahm Herr Ljubović der Beg,
    da sprach er zum Gewaffenwahrer Ali:
      — Allhier gebar die Mutter einen Kämpen,
    der für den Kaiser auf der Wahlstatt auftritt!
      Nicht gab Gewähr ihm Stefan Majković:
      — Du, Bruder, darfst es nicht, Beg Ljubović!
    ich trete für den Kaiser auf die Wahlstatt;
    denn ich besitze kein getreues Ehlieb,
    ich hab’ auch weder Vater, weder Mutter!
      Und beide wiederum zurücke kehrten
    und kamen hin zur Warte Ljubović’s.
      Sofort heraus den Braunen Stefan führte
    und tat sich selber und den Braunen rüsten
    und sprach sodann zum Beg mit leiser Stimme:
      — Sei mir versöhnt, mein teuerster Gebieter,
    der du mich junges Blut hast grossgezogen!
      Und schwang hinauf sich auf den dicken Braunen. —
    Von Burg zu Burg Herr Stefan fürbass zog,
    bis er hinab zur Stambolstadt gelangte
    ins grüne Blachfeld unterhalb Istambol.
      Stand ein Gezelt schon im Gefild geschlagen,
    sass unter dem Gezelt ein Schwarzaraber,
    tat unter dem Gezelt am Wein sich laben,
    sein Wüstenross gestutzt war angebunden.
      Zu ihm den Braunen Stefan nahe jagte.
    Zurief er dem Araber: »Gott zu Hilfe!«
    Ihm der Araber freundlich: »Gott zu Hilfe!«
      — Steig ab vom Rosse, Kaisers Kampfvertreter,
    dass wir uns satt am kalten Weine laben,
    austragen wollen wir hernach den Kampf!
      — Von hinnen pack dich, Schwarzaraberlümmel!
    Ich trinke weder Wein noch trink ich Branntwein!
    Besteig mal dein gestutztes Wüstenross,
    damit den Zweikampf wir zum Austrag bringen!
      Aufsprang vom Boden hurtig der Araber
    und schwang sich aufs gestutzte Wüstenross.
    Zu Stefan Majković das Wort er sprach:
      — Ei, nimm den Anlauf, Kaisers Kampfvertreter!
      Darauf zu dem Araber Stefan sprach:
      — Troll dich von hinnen Schwarzaraberlümmel!
    Dein ist die Fordrung, dein ist auch der Anlauf!
      Als sich durchschaut der Schwarzaraber sah,
    gedacht er Stefan hinters Licht zu führen
    und zog heraus den Säbel aus dem Gürtel,
    um Stefan abzusäbeln flugs das Haupt.
      Gewärtig war Herr Stefan Majković,
    er pflanzt ihm einen Faustschlag in den Nacken.
    So leicht nur war der Schlag, dass der Araber
    flugs vom gestutzten Wüstenross hinabsank;
    ein schwarzer Blutstrom ganz ihn überquoll,
    er rührt sich nicht, noch atmet seine Seele.
      Hinzu zu ihm die Schläuche Stefan schleppte
    und goss den Wein hinein in den Araber
    bis halbwegs von ihm wieder wich die Ohnmacht.
      — Nur auf, Araber, das war bloss Genecke!
    Besteig nur dein gestutztes Wüstenross,
    damit wir doch den Kampf zum Austrag bringen!
      Gleich schwang sich der Araber auf den Stutzling
    und ritt dahin durchs grüne Blachgefilde,
    in Händen trägt die Lanze der Araber.
      Indess zum Standort der Araber kam
    blieb Stefan seiner harrend auf dem Flecke;
    der schwingt die Lanze, schwingt den rechten Arm.
      Wie da geflogen aus der Hand die Lanze,
    er träfe eine Schlange grad ins Auge,
    wie leicht nicht einen Kämpen in die Stirne!
      Das war ein guter Schimmel unter Stefan,
    denn jede Art von Strauss war ihm vertraut;
    der Schimmel sank auf seine Vorderfüsse,
    ob ihren Häuptern flog hinweg die Lanze.
      Die Hand ausstreckte Stefan Majković,
    fing ab die Lanze mit der freien Hand,
    zerbrach sie knacks zu zweien, dreien Stücken
    und schleuderte ins Gras hinweg die Trümmer.
      Inzwischen flog herbei der Schwarzaraber:
      — Du Hure, du des Kaisers Kampfvertreter!
    Was hast du mitgebracht für lahmen Klepper,
    der heute mich beschummelt auf der Wahlstatt!
    Steh still, du Hur’, bis ich von neuem losleg’!
      Darauf zu dem Araber Stefan spricht:
      — Geh, du Araber, kau nicht lauter Unflat:
    »Wir machen’s einmal und zum zweiten Male!«
      Davon auf seinem Braunen jagte Stefan,
    blieb stehen seiner harrend der Araber.
    Der Braune läuft, soweit es ihm beliebt.
      Wie nun zurück zum Standort Stefan kam,
    da war nicht mehr am Flecke der Araber,
    entwichen war durchs Feld ihm der Araber,
    Aneiferte ihm nach den Braunen Stefan
    und jagte weit dahin den Schwarzaraber.
      Der Braune schneller als die Stute war,
    weil wer aufs Weib vertraut, auf Wolken baut,
    und holte ein ’s gestutzte Wüstenross.
      Den nackten Säbel schwang er in den Händen
    und hieb dahin ihm fliegend ab das Haupt!
      Dann schwang er sich herab vom dicken Braunen
    und nahm an sich das Haupt von dem Araber
    und trug es fort zum Kaiser hin nach Stambol,
    trug’s in den Reichpalast hinein zum Kaiser.
      Je näher er das Haupt zum Kaiser rückt,
    um soviel weiter sich der Kaiser drückt,
    bis er den Kaiser an die Wand getrieben.
      Zu ihm der Kaiser von Istambol spricht:
      — Von wannen bist du junger Grenzlandritter?
      — Ich bin ein Kämpe wohl vom Herzoglande
    von der Narenta und von Nevesinje!
      — Und wie benamst du dich mit deinem Namen?
      — Dem Namen nach die Begen Ljubović.
      — Hinweg von mir schaff das Araberhaupt!
    Bei heilem Leib mich Schüttelfrost erfasste,
    indem ich schaute des Arabers Haupt!
    So heisch denn Sohn, was immer dir behagt!
      — O Sultan, Kaiser, Sonnenglanz und Glimmen!
    ich heische weder ungezählte Schätze,
    noch heisch ich Burggehöfte nah den deinen,
    noch heisch ich von dir drei der weissen Städte,
    am Meere zwei, die dritte an der Donau,
    auch heisch ich nicht dein Sultanin-Prinzesschen!
      Vielmehr ich bitt dich, teuerster Gebieter,
    bewillig du mir Freiheit und Gewähren,
    gewähr fürs Hochgericht mir einen Ferman,
    dass ich nach Banjaluka-Stadt zurückkehr
    und töten darf den Banjaluker Paša!
      Annoch gewähr mir in dem Herzoglande,
    in dem Narentaland und Nevesinje,
    allda gewähr mir Reiterlehengüter
    mit voller und mit Schiedgerichtbarkeit!
      Das kam dem Kaiser überaus willkommen,
    und schrieb ihm fertig einen feinen Ferman.
      Von dannen Stefan zog von Stadt Istambol.
    In Banjaluka Stefan Einkehr hielt
    und fing allhier lebendig ein den Paša.
    Dann auch lebendig schund er ab den Paša
    und pflanzte ihn zuletzt auf einen Pfahl.
      Ums Leben bracht er seine beiden Söhne,
    von schlimmer Zucht, dass keine Frucht verbleibe!
      Abzog zur Burg von Nevesinje Stefan
    und nahm mit sich den kaiserlichen Ferman.

    Hier mein Gesang, gesegn’ uns Gott Gesundheit!


Das war um 10½ vormittags des 27. Februars 1885. Frühmorgens war ich
aus der Schlucht von Srebrenica aufgebrochen und ritt gerade durch eine
Lichtung über einen Kammrücken der schneebedeckten Treskavica planina
dahin. Etwa 50 Schritte hinter mir trottete bedächtig zu Ross mein
Diener, der Guslar Milovan Ilija Crljić Martinović nach. Auf der
Wanderung führten wir nie Gespräche, sondern jeder achtete auf sich
und den Weg und hing seinen eigenen Gedanken nach. Im Augenblicke war
ich nur darauf bedacht, meine Nase vor dem Abfrieren zu bewahren, im
übrigen liess ich die Eindrücke der gewaltig mächtigen Gebirgwelt
auf mich einwirken. Ich schwärme weder für kleine Frostbeulen noch
für die riesigen Buckeln im Antlitz der Erde, und doch erfüllte mich
mit hehrer Ehrfurcht die stille Grossartigkeit einer von Menschenwerken
unbeeinträchtigten Winterhochlandschaft. Auf einmal rief mir Milovan
zu: »Wart, Herr, will dich um etwas befragen!« — »Rede!« —
»Der Frater (er meinte den Mönch im Savelande, zu dessen Pfarre er
gehört) riet mir ab, mit dir zu wandern, weil du, sagte er, ein Ketzer
wärst.« — »Hättest auf ihn gehört!« erwiderte ich jäh
aufbrausend, »habe dich zur Gefolgschaft nicht gebeten. Schlossest
dich mir von selber an. Geniessest seit Monaten alles Gute an meiner
Seite ohne Gegenleistung. Wer ledig ist hat keinen Leibbediener! (u
bećara nejma hizmećara). Ich bezahle dir deinen Zeitverlust, du zieh
deines Weges und lass mich in Frieden!« — »Herr, so meine ich’s
nicht; lass mich etwas aussprechen!« — »Wir haben ausgesprochen!«
sagte ich und spornte meinen lendenlahmen Schimmel zum scharfen Trab
an.

In schönen, gefällig abfallenden Schlangenwindungen verlief der Weg
hinab ins Tal. Oben knisterte noch unter den Rosshufen der
einbrechende, eingefrorene Schnee, dann schwand er dahin, der Pfad
zeigte sich schneefrei und trocken. Und als ich gegen 4 Uhr zur tiefen
Mulde und dem Ufer des Drinačaflusses hinabkam, schmolz auch mein Zorn
und weg war er. Ei, geriet ich da mitten im Winter in das Tal des
sinnerquickenden, lauen Frühlings mit duftender Blütenpracht, mit
dunklem Laub und üppigen Wiesen! Zwei Stunden weit und stellenweise
eine halbe Stunde breit ist dieser lieblichste Fleck Bosniens, den
himmelanragende, waldbedeckte Berglehnen vor Wind und Wetter ewig
schützen und das grüne, forellenreiche Wasser der mässig rauschenden
Drinača fürsorglich befruchtet. An einer Wassermühle, wo ein
altrömischer Grabstein halb als Schwelle diente, nahm ich beim
Bachmüller, einem Moslim, gastlich angebotene Herberge an.

Vor allem warf ich meinen vielfach geflickten Pelzrock, dann meine aus
waschechter Baumwolle hergestellte Astrachanmütze usw. ab, streifte
die Wichsleinwand-Gamaschen mit den Schuhen von den Füssen und fing
an, mich im saftigen Rasen herumzuwälzen. Den zwei rotharigen,
blauäugigen Bengelein des Müllers zeigte ich, wie man Purzelbäume
schlägt und versuchte auch, auf dem Kopfe zu stehen. Nein, das
missglückte! Der ältere Junge verstand diese Künste weitaus besser
als ich. Er schoss neunmal den Bock und blieb zum zehntenmal gar noch
auf dem Kopfe stehen, dazu die Arme über der Brust verschränkt! Der
jüngere Range hatte es zwar noch nicht zu so hoher Gewandtheit
gebracht, aber sein Ehrgeiz war schon geweckt. Kurzum, wir vergnügten
uns königlich, herumkollernd und juchhezend, bis der Müller mit der
Meldung erschien, die Milch wäre gar und die Eier gesotten. Inzwischen
hatten sich Leute vom Gelände eingefunden und ich erzählte von Helden
aus alten Zeiten und wie ich ausgezogen, um deren Taten für die
Schwaben aufzuzeichnen.

Manche meiner Fachgenossen in Folklore erachten es für geboten, sich
auf Reisen bei Erhebungen zu »verstellen« und allerlei Künste zu
gebrauchen, um den »Kundigen« ihre Weistümer abzuhorchen und
herauszulocken. Auf derlei verstehe ich mich nicht, und es geht mir
auch wider den Strich. Es ergab sich regelmässig als
zweckentsprechend, dass ich den Leuten in ihrer Ausdruckweise klar und
bündig — viel reden ist nicht meine Art — darlegte, um was es sich
mir handelt. Im Notfall gewann ich die Menschen durch meine heitere
Laune und Freigebigkeit. So geschah es, dass ich 14 Monate lang
herumreiste, ohne auch nur ein einzigesmal irgendwelch erzählenswertes
Abenteuer zu bestehen.

In dunkler Nacht kam Milovan dahergeritten und kehrte gleichfalls in
die Mühle ein. Ich tat, als sähe und hörte ich ihn nicht, obwohl ich
ihm nicht mehr gram war. Er kauerte sich zu mir hin und begann: »Herr,
ich wollte dir bloss sagen, was für ein Mensch der Mönch ist. Die
Nichte meines Gevatters sollte kirchlich getraut werden, er aber
forderte zunächst von der Hausgemeinschaft die Bezahlung alter
Kirchengebühren von 130 Gulden. Da sie kein Geld besassen, mussten
sie es zugeben, dass das Mädchen ohne Hochzeitzug und Segen zum
Bräutigam ins Heim lief, gleich einer, die sich selber dem Manne
aufdrängt. So leben sie auf Borg (i. e. in wilder Ehe). Nun, ihr Kind
musste er doch taufen, ohne Bezahlung, weil es ihm die Herren (die
Behörde) gebieten. Vor dir warnte er mich, als ich dir aus Liebe
folgte. Ich erfuhr mit der Zeit, dass du mir gütiger als ein Vater und
eine Mutter bist, wie das Lied von Ljubović und seinem Milchbruder
Majković erzählt. Der war ein Türke und der ein Christ und sie waren
doch Brüder, als ob eine Mutter sie geboren hätte. Das wollte ich dir
auf der Berghöhe sagen, weil wir allein waren und meine Seele deiner
Wohltaten gedachte. Deinen Glauben hatte ich nicht die Absicht
anzutasten.«

»Milovan, du wähltest zumindest Zeit und Ort für deine Erklärung
sehr schlecht. Merk dir’s wie es im Liede heisst:


    pusta gora nije nikat sama
    jal brez vuka, jali brez hajduka!

    Der wüste Wald weilt niemals so verwaist,
    dass frei von Wolf er wär’ und Wegelagrer!


In Hochwald hat man die Zunge hinter den Zähnen zu zügeln! Man se
vraga ne goni mu traga! Vom Teufel fleuch, verfolg nicht seine Fährte!
Erwähn mir auch nie wieder deinen und meinen Glauben. Du bist Christ
für dich und ich ein Gläubiger für mich. Scher dich um das
Wohlbefinden unserer Gäule, nicht aber um unsere Seelenheile. Jetzt
iss dich an und sing das Lied, auf das du anspieltest.«

»Kann ich singen, wenn du mir nicht sagst, dass du mir wieder gut
bist?«

»Bring mich nicht neuerdings in Harnisch! Dass dich das
Taschenveitel...! Sing! Nimm aus dem Rucksack die Guslen heraus und
erheitre die Gesellschaft, sonst binde ich dich den Rossen an die
Schweife an, dass sie dich zerreissen und ein anderer Guslar von dir zu
singen haben soll!«

Erwähnen will ich, dass sich kein einziger von den Anwesenden (lauter
Moslimen) in das Gespräch einmengte. Bei den bäuerlichen Moslimen
gilt es nämlich für höchst unanständig, sowohl über die Gattin als
über seine Konfession vor Fremden zu reden, indem diese Pluderhösler
noch so roh und kulturfremd sind, zu glauben, dass
Herzensangelegenheiten einer öffentlichen Besprechung nicht unterzogen
werden dürfen.

Das Lied nahmen alle Zuhörer beifällig auf; dann liess ich es mir in
die Feder sagen. Bis zum letzten Buchstaben harrten alle mit aus und
schauten mäuschenstill zu, und als ich gar das Lied Wort für Wort
wieder verlas, waren sie von mir förmlich entzückt und beschenkten
mich. Der Müller nahm für die Bewirtung keine Bezahlung an. Die Ehre,
dass ich bei ihm geweilt, stand ihm höher als Geld.

Das Stück erlernte Milovan um das Jahr 1850 als Sauhirtlein von einem
älteren Guslaren katholischer Konfession, der in Gradačac zu
taglöhnern pflegte. Der Mann hatte sich aus dem Herzogtum in das
Saveland verlaufen. Weiter ist mir über sein Schicksal nichts bekannt.


Zu V. 1. Von den Ljubović erzählt so manches Guslarenlied, was sie
für grosse, verwegene, sultantreue Helden gewesen. Ein riesig langes
Lied meiner Sammlung handelt von einem Ljubović, wie er dem Sultan
Bagdad erobert. Welcher es aus der langen Reihe der Helden dieser Sippe
gewesen, ob gar der unseres Liedes, lässt sich nicht bestimmen. Die
Ljubović waren in allen grossen Kämpfen mit. Mustafaga Dickwanst
schreibt ein Aufgebot aus und sagt im Brief an den Paša von Mostar:


    »O turčine Šarić Mahmudaga!
    Eto tebi knjige našarane:
    Pokupi mi od Mostare turke,
    ne ostavi bega Ljubovića
    sa široka polja Nevesinja;
    jer brež njega vojevanja nejma!

    Vernimm mal, Türke Šarić Mahmudaga!
    Empfange hier ein buntbeschrieben Schreiben:
    biet auf die Türkenmannen mir von Mostar,
    doch lass daheim nicht Ljubović den Beg
    vom breiten Blachgefild von Nevesinje;
    denn ohne ihn kein Feldzug kann gelingen!


Als Zrinyi Essegg belagerte, meldete sich ein Beg Ljubović als
freiwilliger Kundschafter bei Sil Osmanbeg dem Befehlhaber von Essegg,
um durch das Belagerungheer durchzudringen und dem Paša von Ofen
Meldung zu bringen von der Bedrängnis der Festung.


    Osman bega zagrljavši ljubi
    a kuca ga po plećima rukom:
    — Haj aferim beže Ljuboviću!
    Vuk od vuka, hajduk od hajduka
    a vazda je soko ot sokola;
    vazda su se sokolovi legli
    u odžaku bega Ljubovića!

    Herr Osman küsst den Beg umschlungen haltend
    und schlägt ihn auf die Schulter mit der Hand:
    — Traun, wohlgeraten, Ljubović mein Beg!
    Der Wolf vom Wolf, der Hajduk vom Hajduken
    doch allzeit stammt ein Falke nur vom Falken;
    noch allzeit wurden ausgebrütet Falken
    wohl in der Begen Ljubovićen Heimstatt!


Ein Ljubović bewährt sich als Kundschafter auch bei der Einnahme von
Ofen. Vergl. ‘Wie Mohammed Köprülü Vezier geworden’.

V. 3. Nach Syrmien kam er wohl nicht. Das müsste sich auch Milovan
sagen als Grenznachbar der Syrmier, wenn er über die Worte seiner
Lieder nachdächte; er plappert aber hier gedankenlos die erlernten
Verse seines Vorläufers nach, der auch nicht geistreicher als Milovan
war. Wahrscheinlich sang der erste Guslar (der Dichter): po Lijevnu,
okolo Lijevna. (In Delminium und um Delminium herum), denn auf diesem
Hochplateau war die Rinderzucht, mehr als sonstwo im Lande, besonders
gedeihlich entwickelt.

V. 10. Es ist ein Unding, die Leute von Nevesinje erst an der
Narentamündung den Beg von der Reise abmahnen zu lassen. Das konnten
sie doch daheim schon tun; aber die Verstechnik und Poetik erfordert
hier eine Wiederholung des Subjektes des Nachdrucks wegen und dann
einen Reim zur ersten Zeilenhälfte. Ob er den dichterischen Zweck
hingäbe, lieber widerspricht der Dichter der Wahrheit.

V. 12 und 35 a. Kavgu načinili. Kavga, türkisch Lärm, Streit. Man
sagt nicht k. n., sondern k. učiniti einen Lärm machen oder k.
zametnuti einen Streit anzetteln (gewöhnlicher), doch das passt hier
ganz und gar nicht. In einer Novelle bei Bret Harte hat ein Goldgräber
den Spitznamen Eisenpirat, weil er dies Wort für Eisenpyrit
gebrauchte, das ihm weniger geläufig war. So verwechselt auch unser
Guslar das ihm sonst nicht vertraute türkische kavl, Wort, Abmachung,
mit kavga, das er täglich hört und übt. Ich hielt es für
unzulässig, den Fehler im Texte zu berichtigen, doch in der
Verdeutschung vermied ich ihn, weil es keinen Sinn gehabt hätte, ihn
beizubehalten.

V. 12 und 35 b. Car und ćesar sind nur verschiedene slavische
Wortformen von Caesar, doch bedeutet car den Sultan, ćesar den
»Kaiser von Wien«. »Die türkischen Staatsinteressen brachten es mit
sich, dass selbst durch Tributzahlungen kein dauernd friedliches
Verhältnis zu sichern war zwischen dem Sultan und dem ‘König von
Wien’, wie der türkische Sultan in seinen Diplomen die Kaiser
nannte, indem er sie offiziell weder als Könige von Ungarn noch als
Kaiser von gleichem Range anerkennen mochte.« Salomon, Ungarn im
Zeitalter der Türkenherrschaft, deutsch von G. Jurány. Leipzig 1887.
S. 90. »Im Jahre 1606 hörte Ungarn auf, dem Türken den jährlichen
Tribut zu zahlen, statt dessen ‘einmal und nicht wieder’ 200 000
Gulden in Bargeld, Gold und Silbersachen nach Konstantinopel geschickt
wurden. Als internationale Errungenschaft kann auch das erscheinen,
dass der Sultan den deutschen Kaiser nicht mehr ‘König von Wien’,
sondern ‘römischer Kaiser’ nennt.« Salomon l. c.

V. 21. Ich übersetzte nach der üblichen Bedeutung: deutsche
Kaufleute, aber hier waren die Käufer keine Deutschen, sondern gewiss
Italiener, vlasi (siehe V. 29 vlaški Zadar). Njemački wird nun hier
im ursprünglichen Wortsinne angewandt zur Bezeichnung von Leuten, die
der slavischen Sprache unkundig, also gewissermassen stumm, sprachlos
sind. Vielleicht wäre darum die Übersetzung »fremdsprachig« auch in
meiner Verdeutschung anzubringen.

V. 23. Die Rupien sind weich, weil Gold ein weiches Metall ist. Weiche
Rupien sind goldene Rupien. — Mit indischen oder persischen Rupien
zahlte man dazumal in Dalmatien nicht, sondern mit Zechinen oder
Dukaten, aber dem Moslim ist Rupie der Begriff von Goldgeld. Ein
Dukaten galt zehn Rupien.

V. 32. Türk. tabja, Schanze; aber im serb. Bastion, Bastei, wofür
ich einmal in einem Guslarenliede das serbische Wort zaravanak fand.
Auf der Bastei standen die Kanonen aufgepflanzt:


    ajte sužnji gradu po bedenu
    pa udrite puškam od obraza,
    ja ću biti sa tabalj topovma!

    Eilt, Sklaven, auf dem Wall der Burg dahin
    und feuert drein vom Antlitz mit den Büchsen,
    von den Basteien schiess ich aus Kanonen!


V. 34. Vlaški Zadar. Vlah kann hier sowohl den Italiener als den
Christen bezeichnen. In den verschiedenen Gebieten des slavischen
Südens hat das Wort auch gar verschiedene Bedeutung. Der slavonische
Katholik bezeichnet damit verächtlich den Altgläubigen, der Serbe im
Königreich den Rumänen usw.

V. 45. Die Ladenflügel eines türkischen Geschäftladens sind zwei
Klappen; die obere wird gehoben und oben an einem Ringe in der Wand
eingehängt, so dass sie zugleich in ihrer horizontalen Lage als Schirm
gegen die Sonne dient, die untere ersetzt wieder Ladenpult, Sessel und
Tisch. Der Kunde setzt sich gelassen auf den unteren Flügel mit
unterschlagenen Beinen nieder und der Kaufmann lässt ihm vor allem
einen Kaffee reichen. Erst nachdem man sich eine lange Weile
ausgeschwiegen oder ausgesprochen hat, sagt der Kunde so nebenher, was
er braucht. Das Geschäft wickelt sich gewöhnlich glatt ab, denn der
Türke weicht vom festgesetzten Preis nicht ab und denkt sich: ‘Kauft
es der nicht, kauft es ein anderer. Ich kann warten. Die Zeit kostet ja
nichts, und ob die Ware beim Käufer oder bei mir liegt, hält den
Zeitenlauf doch nicht auf. Darum soll sie nur bei mir liegen!’ Kauft
man nichts, ist’s auch gut. Man braucht nicht einmal nach einer Ware
zu fragen. Der Moslim bietet sie von selber keinem an. Wenn es einmal
das Schicksal bestimmt hat, dass die Ware verkauft werden soll, geht
sie schon von selber ab. Also ist das Reden zur Unzeit zweckloses
Bemühen.

V. 56. »Er schaut nicht, wo der Maurer das Loch gelassen hat,«
würde man bei uns sagen.

V. 65. Dijete ist hier Page. Als solcher ist Sekula ohne Waffen. Die
bekäme er erst als Knappe. Nur seine kindliche Unerfahrenheit konnte
ihn zu dem Pagenstreich verleiten, gegen den wohlbewaffneten Moslim
loszugehen. Der straft ihn anfänglich auch nur mit stummer Verachtung;
denn ein Ritter balgt sich mit einem Weib, einem Geistlichen oder einem
Kinde nicht herum.

V. 99. Der Beg war mit einem aus Stahldraht geflochtenen Panzerhemde
bekleidet.

V. 101. Alamanka. Es ist ein alamanischer, allgemein bekannter
Stossdegen gemeint, mit gerader, schmaler, zwei- oder dreischneidiger
Klinge. Ein moslimischer Edelmann trug einen solchen gewöhnlich mit,
um als Ritter kenntlich und nie wehrlos zu sein.

V. 116. Der Kunstgriff des Beg bestand darin, dass er einen Amoklauf
nachahmte. Vor dem Amokläufer, einem Besessenen, läuft alles scheu
davon, während man einen gewöhnlichen Mörder auf der Flucht auch mit
Steinwürfen aus der Ferne unschädlich zu machen sucht. Der Amoklauf
war auch den Serben wohlbekannt. Ich habe in meiner Sammlung ein
Guslarenlied, das den Vorgang sehr klar veranschaulicht.

V. 118. Der Riegel am Burgtor wurde durch einen Federmechanismus
vorgeschoben. Der Beg zerbricht die Feder und kann dann ohne
Anstrengung den Riegel zurückschieben. Ispuśćali (man liess los)
weist darauf hin, dass dem Guslar-Dichter die Einrichtung gewiss auch
genau bekannt war.

V. 135. Die Kleidung des Ban war derart über und über mit Gold
beladen, dass man von ihm zu Ross nur ein wenig heraussah.

V. 150. ‘Das ebene Narentagebiet’, eine poetische Figur. Eben ist
hier ‘wegsam’ im Gegensatz zu dem unwegsamen Hochgebirge.

V. 158. Der Paša hat seinen Sitz im šeher, der (offenen) Stadt.
Warum der Guslar das Adjektiv šerin gebraucht, verstehe ich nicht.

V. 162. jali [žive] bege jali [njihove] m. g. Entweder liefere mir
die Begen lebendig oder deren tote Köpfe ein.

V. 173. Delibaša Zugführer, Feldwaibl.

V. 205. Zum Pagendienst gehörte auch die Obliegenheit, die erhitzten
Pferde der Ritter langsam herumzuführen, damit sie sich abkühlen.
Hatte der Junge in solchen Fertigkeiten eine Übung erlangt, stieg er
auf zum Knappen und ward bewehrt. Als vollwertiger Genosse wurde er vom
Häuptling zum Ritter geküsst, wenn ihm auf einem Abenteuerzuge eine
Mordtat geglückt war. Anders konnte einer in die Mördergemeinschaft
keinen Einlass finden. Das Verbrechen eint die Menschen fester als
Liebe. So ist z. B. zur Aufnahme in die chrowotisch-patriotische
Maffia zumindest die Ablegung eines Meineides vor Gericht
unerlässlich, wenn sich sonst keine andere Gelegenheit zur Verübung
eines Verbrechens darbietet, durch dessen Mitwissenschaft die Häupter
der Maffia über den Anfänger Gewalt erlangen.

V. 225 und 304. Milovan selber erklärte mir beim Verlesen des
V. 304: zlaćenu jabuku mit glavu, das Haupt.

V. 280, 286, 350 und 407: bolan ist ein elliptischer Satz: bolan ne
bio! Sollst nicht krank sein! Der Ausruf, um einer bösen Vorbedeutung
vorzubeugen. Man sagt auch im gleichen Sinne, wenn man wirklich ein
Leiden hat und es erkundigt sich wer darnach, z. B. groznica me,
daleko ot tebe, das Fieber schüttelt mich, fern sei es von dir!
Polnische Juden drücken sich ähnlich aus: ‘nit Ihnen gesōgt!’,
um dem Frager nichts Böses an den Leib zu wünschen. Landau,
seinerzeit in Lemberg ein berühmter Gelehrter und Witzkopf, erreichte
ein sehr hohes Alter und konnte zuletzt die Stube nicht mehr verlassen.
Als er so einmal zu Bette lag, kam ein Lemberger Bürger zu ihm zu
Besuch und fragte ihn: ‘Wos fehlt euch eigentlich, Rebeleben?’ —
Schlagfertig antwortete der Greis: ‘Alterschwäche plōgt mech, nit
euch gesōgt!’ — Da der ursprüngliche Sinn von ‘bolan’
verloren ging und das Wort zu einer Interjektion herabkam, musste ich
es darnach an den einzelnen Stellen verschieden verdeutschen.

V. 320. Das Lebendigschinden als alte Strafe für Treubruch, um den
Ehrlosen für alle Zeiten zu kennzeichnen. Vrgl. J. Grimm, D.
Rechtsaltertümer, 18994, II, S. 291.

V. 341. Odžak, odžaklyk, erbliche Familiengüter für Untertanen.
Vrgl. Hammer, Gesch. d. osm. R. VII. 64.

V. 351. evak erklärte Milovan unbefragt mit: evo ovako (siehe auf
solche Weise).

V. 355. Car čestiti geben die Übersetzer ständig mit ‘wackerer
Kaiser’ wieder. Braucht ein Kaiser gleich einem Bierteutonen ein so
nichtssagendes Lobwörtlein aus dem Munde eines armseligen Bošnjaken?!
Gewiss nicht, und dem Guslaren fällt es auch nicht ein. Čestit ist
nur durch den Verszwang und den abgeschliffenen Sprachgebrauch zum
Beiwort von car geworden, ist aber in Wahrheit, wie oben bolan, nur das
Bruchstück eines elliptischen Satzes. Es geht nicht an, den Namen
‘Kaiser’ auszusprechen, ohne ihm einen Segenspruch anzuhängen, wie
dies sonst bei festlichen Gelegenheiten im Alltagleben üblich ist. Man
bringt einen Trinkspruch aus: Brate Joco! čestit bio! čestita ti na
ramenu glava! čestit bio i ko te je rodio usw. ‘Bruder Joco! Sollst
glücklich sein! glücklich sei dein Haupt auf deinen Schultern!
Glücklich sei auch der, so dich gezeugt hat!’ Ursprünglich lautete
also unsere Formel: car, čestit bio! ‘der Kaiser, er soll glücklich
leben!’ oder kurz, ‘unser Kaiserleben!’ Ob man diese Erklärung
des ‘—leben’ als Anhängsel an Vornahmen im judendeutschen
Sprachgebrauche nur auf ein missverstandenes leve = lieb
zurückzuführen hat, wie Dr. M. Güdemann meint (in der Geschichte des
Erziehungwesens und der Kultur der Juden in Deutschland während des
XIV u. XV Jahrh. Wien 1888, S. 109 f.), wäre vielleicht im
einzelnen näher zu untersuchen.

V. 371. silistar, türk. silihdar, Reisige, vrgl. Hammer I. 95;
Waffenträger, Schwertträger I. 494; II. 234; 472; V. 450; 464.

V. 374. Ercegovina gebe ich ständig mit ‘Herzogtum’ oder
‘Herzogland’ wieder, indem ich das deutsche Wort in seine
ursprüngliche Fassung rückübersetze. Der Einwand, das man nicht
wisse, welches Herzogtum gemeint sei, ist mit Hinblick auf die Umgebung
des Wortes, nichtig. Stefan Vukčić (1435–1466), Sohn Sandalj
Hranić’s, Gründers der selbständigen Herzogdynastie, nahm im
J. 1448 den Titel an: božijom milosti humski herceg (Durch Gottes
Gnade Herzog des Humgebietes). Darnach erhielt das Land den Namen
hercegova zemlja (Herzogland) oder Hercegova, Hercegovina. Vom
Kegelberg (hum) in der Narentamulde in Mostar hatte das Land seinen
älteren Namen Humska, Zahumlje (Hinterhumland).

V. 401. jan türk. Seite, jandal seitwärts, po na jandal ziemlich
abseits.

V. 403. Der Apfel auf der Zeltstange als Zeichen der Reichmacht; die
drei hegenden Drähte um das Zelt herum sollen Neugierige warnen und
wohl auch Pferde abhalten, am Zelt ihr Gebiss zu versuchen.

V. 490. Majković ist unbeweibt. Obgleich ihn die edelgeborene Frau
Ljubović als ihren Schwager ehrt und Gebieter heisst, weiss er doch in
diesem Falle, dass er verwaist ist, also, dass niemand seinen Tod so
wie den Ljubović’s betrauern würde.

V. 501. Er fasst die Reise nach Konstantinopel richtig als eine
Katabasis auf, er hätte sie aber gleich Xenophon in ähnlicher Lage
auch als eine Anabasis bezeichnen können.

V. 506. Der Bosnier stutzt seines Rosses Schweif nicht; wenn er mit
ihm durch einen Morast watet, schlägt er ihm in den Schweif bloss
einen Knoten ein.

V. 514. Die Behauptung ist unwahr; denn der Herzogländer verschmäht
grundsätzlich weder Wein noch Branntwein, letzteren schon gar nicht.
Der Vers hat hier keinen Sinn, ausser man nimmt den Ausfall eines
anderen aus der stereotypen, vollen Phrase an: s kim se bijem s onim ja
ne pijem »mit wem ich mich schlage, mit dem zeche ich nicht«, darauf
folgt die übliche Wiederholung und Ergänzung: »mit dem zeche ich
weder Wein noch Branntwein!« Mit einem Zechbruder rauft man oder balgt
sich herum und dann ist man wieder gut Freund mit ihm, dagegen im Duell
geht es auf Leben und Tod.

V. 520. Das Duell ist ein Gottesurteil. Der Herausforderer fordert
für seine gerechte Sache das Urteil Gottes heraus und setzt sich
dadurch von vornherein ins Unrecht gegenüber demjenigen, der im Namen
Gottes als Partner auftritt. Der schlaue Araber möchte die Sache so
wenden, als ob ihn Majković herausforderte und überlässt ihm daher
den ersten Lanzenwurf, doch lässt sich unser Herzogländer nicht
foppen und auch nicht durch die Gaukelei des Arabers, der ihn
meuchlings töten will, irre führen. Er bestraft ihn auf der Stelle
mit einem Faustschlag, wie man sonst nur ein beim Diebstahl erwischtes
Mensch züchtigt. Als der Araber bewusstlos zu Boden lag, wollte ihn
Majković nicht umbringen, weil Ermordung eines Wehrlosen unritterlich
ist.

V. 534. mije erklärte Milovan den Zuhörern (nicht mir) mit mjehove.

V. 549 u. 551. Stefan reitet durch das ganze Lied den Braunen, hier
infolge eines Verredens des Guslaren auf einmal einen Schimmel.
Quandoque et bonus dormitat Guslarus.

V. 563 f.: »Geh, Araber, iss nicht Dreck: ‘Wir werden einmal und
wir werden zum zweiten Male!’« Über die Wendung vrgl.
Anthropophyteia IV, allwo die wahre Bedeutung nach allen Richtungen hin
klargestellt wird. Natürlich plauschte der Araber dummes Zeug
zusammen, nachdem ihm doch Gott durch den verfehlten Wurf deutlich
Unrecht gegeben. Bemerkenswert sind die veralteten, seit Jahrhunderten
in der Volksprache nicht mehr gebräuchlichen Wortformen jedność und
drugosć. Die Erhaltung der Phrase kann ich mir nicht anders erklären,
als dass sie bei gewissen Ritterspielen des XIV. und XV. Jahrhunderts
üblich gewesen sein muss und der Satz als Wort ganzes sich behauptet
hat. — In einem anderen Liede sagt der Partner zum Araber auf seine
gleiche Zumutung: jedanput me rodila je majka! (Nur einmal hat die
Mutter mich geboren!). Wie Majković hat auch Philipp der Magyare in
einem Kampf mit dem Schwarzaraber das Glück des Verfehltwerdens. Der
Meisterfehlschütze fordert ihn auf, für einen zweiten Wurf stille zu
stehn, doch Philipp erwidert ihm:


    Stani meni arapine moro,
    stani meni kao i ja tebi,
    stani meni piku na biljegu!
    nije mene dvaput porodila majka
    nego jednom jadno i žalosno!

    Stell mir dich auf, du Trottel aus Arabien,
    stell mir dich auf, wie ich mich dir gestellt,
    stell auf dem Zielpunkt auf dich hin für mich!
    Die Mutter hat mich nicht geboren zweimal,
    vielmehr nur einmal unter Wehgekreisse!

    (Diese Stelle bei Osvetnik, Srpske n. pj. S. 71.)


V. 574. Das sang der Guslar nicht etwa als eine Sentenz, sondern als
ein witziges Aperçu, das die Zuhörer als vorzüglich gelungen
belachten. Man glaubt kaum, wie genügsam Leute in einfach ländlichen
Verhältnissen in Bezug auf Witz und Humor sind!

V. 577. letećiv wie spavećiv gebildet. Milovan spottete solange
über diese Wortform (Partizip), bis er sich mit ihr befreundete und
sie selber nachbildete. Bei antisemistischen »Futharkern«, den
sogenannten »Tintenkulis«, die ständig über die judendeutsche
Mundart spotten, kann man es beobachten, dass sie schliesslich weder
judendeutsch noch hochdeutsch schreiben können.

V. 590: »Wir sind die Begen Ljubović«, er ist ja Ljubović’s
Milchbruder.

V. 592: »mich, der ich gesund bin, hat der Schüttelfrost erfasst«
usw.

V. 603. türk. katl Mord, katil Mörder, katl etmek hinrichten. Im
serb. neben katul auch katal und katur:


    moliću se caru čestitome,
    nek mi dade tri katur fermana;
    ja ću djecu z glavom rastaviti
    a ni tvojoj dobro biti ne će.
    Kulu ću ti u begluk krenuti!

    Den Kaiser, Glück mit ihm! den werd’ ich bitten,
    er gebe mir drei Hochgerichtfermane;
    die Kinder werd’ ums Haupt ich kürzer machen,
    und auch dem deinen wird’s nicht gut geraten.
    Die Warte dein dem Staatschatz schlag’ ich zu!


Unter den achterlei offiziellen Fermanen der hohen Pforte fehlt der
katl f., offenbar, weil man mit seiner Ausstellung nicht nach dem
Amtschimmel verfuhr. Die anderen seien hier ein für allemal genannt,
weil uns die Namen öfters in den Liedern begegnen: 1. istilam f.
Berichtabfordernder, 2. Teekid f. urgierender, 3. tahsil f. Steuer
eintreibender, 4. tevdžih f. verleihender, 5. sabt f. in Besitz
setzender, 6. daavet f. einladender, 7. tedžid f. erneuernder und 8.
ibka fermani Bestätigungferman.

Keine Druckfehler sind: 98 pribijo, 182 beže Ljubovića, 161, 179,
357, 379 bege, 210 gji, 228 osić, 234, 275, 456 istor, 266 virna, 276
vrime, 320, 325 priśječe, 399, 409 okoljena, 580 u Stambola, 583
dilje, 601 vić, 599 Dunova. In V. 423 ist [se] und 468 [treći] nach
V. 599 von mir eingeschaltet.



Wolf Feuerdrache.


Tiernamen als Namen von Geschlechter-, Stamm- und Sippenverbänden und
besonders einzelner Familien oder noch häufiger einzelner Personen
wurzeln ihrem Ursprung nach meist in totemistischen Vorstellungen. Das
Tier ist zugleich Totem des nach ihm benannten Individuums oder
Verbandes. Aus einer Urzeit — man fasse dies Wort in Ermanglung eines
zutreffenderen nur als relative Bezeichnung auf — erbt sich der
Totemismus auch unter europäischen Völkerschaften als Überlebsel
noch fort. Wir begegnen ihm zumal dort, wo noch Sippen- und
Geschlechterverbände vorkommen. So auch bei den Südslaven, obgleich
sich die Mehrzahl von ihnen seit einem Jahrtausend zum Christentum und
ein starker Bruchteil zum Islam bekennt. Das »obgleich« ist freilich
nicht ganz passend; denn die von den südslavischen Völkern nach ihrer
Art rezipierte monotheistische Religion steht in ihrer volktümlichen
Fassung dem Totemismus ohnehin nicht ferne. Tiernamen kommen bei den
Südslaven ungemein häufig als Familien- und noch mehr als
Personennamen vor. Am gewöhnlichsten sind vuk (Wolf), zmaj (Schlange,
Drache), selten kuna (Marder). Als Toteme sind diese Tiere
international. Der südslavische Bauer benennt sein Kind mit einem
solchen Namen, um ein frühzeitiges Sterben des Kindes zu verhüten. Er
stellt also sein Kind unter den Schutz des Namens. Das ist genug
bekannt. Es kommt indessen auch eine Kombinierung zweier Totemnamen
vor, so vuk-zmaj, oder vuk-zmaj ognjeni = Wolf-Feuerdrache. Diesen
Namen hatte ein Mitglied des serbischen Fürstenhauses Nemanjić. Er
war ein Held seinerzeit, von dem man noch mancherlei im Volke singt und
sagt, trotzdem etwa 500 Jahre seit dem Ableben des Helden vergangen
sind. Weil es ein Held war, deutet der Volkdichter den Namen anders als
nach dem üblichen Glauben und dichtet eine besondere Wundersage dazu,
um eben für den Namen und die Heldentaten des Kämpen eine Erklärung
geben zu können. Ein Beleg hierfür ist nachfolgendes Guslarenlied aus
Bosnien:


    Rodio se zmaj ognjeni Vuče.

    Dvore gradi slijepac Grgure.
    Kad bijele dvore sagradio,
    malo vrime, za dugo ne bilo,
    viš njeg stoji vijernica ljuba,
    ona roni suze niz obraze;
    otište se suza od obraza
    pa Grguru na bijelo lice.
      Ljuto kune slijepac Grgure,
    ljuto kune svoje bjele dvore:
    — E da Bog da, moji bjeli dvore,
    je da Bog da, ostali mi pusti!
    Skoro sam vas junak prekrivao,
    što mi odmah tako prokisoste!
      Njemu veli vijernica ljuba:
    — Gospodare, slijepac Grgure!
    ti ne kuni svoje bjele dvore;
    tvoji dvori njesu prokisnuli,
    već ja ronim suze niz obraze;
    pa s otište suza niz obraza
    pa na tvoje prebijelo lice!
      Nu šta veli slijepac Grgure?
    — Što je tebi, moja vjerna ljubo?
    Kaka ti je golema nevolja
    te ti roniš suze niz obraze?
    Ili ti je ne stanulo, ljubo,
    ne stanulo nebrojena blaga?
    Ili ti je ne stanulo vinca?
    Ili ti je ne stanulo ljepca?
      Njemu veli vijernica ljuba:
    — Ja Boga mi, mio gospodare!
    tog mi ništa nije ne stanulo,
    već u našem danas bjelom dvoru
    muško nam se čedo nalazilo:
    po glavi mu vučka dlaka raste
    iz usta mu živa vatra sipa,
    iz nosa mu mavi plamen liže,
    crvena mu ruka do ramena.
    Pa sam se ja mlada prepanula!
    S otog ronim suze niz obraze.
    Njoj govori slijepac Grgure:
    — Šut, ne plači, moja vjerna ljubo!
    Rodio se zmaj ognjeni Vuče!
      Već ču li me moja virna ljubo,
    ti sastavi gospodu rišćanâ,
    juzimajte čedo prenejako,
    podajte ga Srijem zemlji ravnoj,
    da ga rane medom i šećerom
    jä do sablje i do konja vrana.
    Bog će dati pa će dobro biti!
    Pa sastavi Grgurova ljuba
    pa sastavi gospodu rišćanâ:
    juzimaju čedo prenejako,
    pa ga daju Srijem zemlji ravnoj.
    Sve ga rane medom i šećerom
    jä do sablje i do konja vrana.
      Kako onda tako i danaske,
    odraniše čedo prenejako,
    djetić bio, sat se spominjao!


    Von der Geburt Wolfs, des Feuerdrachen.

    Ein Burggehöfte baut Georg der Blinde.
    Nachdem er’s weisse Burggehöft erbaut —
    Nach kurzer Frist, es währte nicht zu lange,
    Sein treues Ehlieb ihm zu Häupten steht,
    über die Wangen strömen ihr die Tränen;
    es schnellt sich eine Träne von der Wange
    und fällt aufs weisse Angesicht Georgen.
      In Gift und Gall’ verflucht Georg der Blinde,
    verflucht in Grimm und Gall’ sein weiss Gehöfte:
      — O wollt’ es Gott, dass du mein weiss Gehöfte,
    o wollt’ es Gott, verwüstet lägst und öde!
    Ich Held, ich liess dich jüngst erst neu bedachen,
    was lässt du gar sogleich den Tau durchsickern?
      Es spricht zu ihm hierauf sein treues Ehlieb:
    — O mein Gebieter, Herr Georg der Blinde!
    Halt ein, verfluche nicht dein weiss Gehöfte.
    Das Dach von dem Gehöft ist regensicher,
    mir strömen Tränen übers Angesicht,
    es fiel die Träne mir vom Angesicht
    und sank dir auf dein schneeig weisses Antlitz.
      Nun hör die Antwort drauf Georg des Blinden:
    — Was fehlt dir denn, o meine treue Liebste?
    Welch übergrosses Ungemach bedrückt dich,
    dass Tränen deine Wangen dir benetzen?
    Wie? sollt es dir, o Liebste, gar gebrechen,
    an ungezählten Schätzen dir gebrechen?
    Gebricht es dir an einem guten Tropfen?
    Gebricht es dir an einem schönen Hausbrot?
      Zur Antwort ihm sein Ehgemahl in Treuen:
    — So wahr mir Gott, mein teuerster Gebieter!
    Von alledem gebricht mir ganz und gar nichts,
    doch hat sich heut in unsrem weissen Hofe
    ein seltsam männlich Kindlein vorgefunden:
    auf seinem Haupte wächst ihm Wolfbehaarung,
    aus seinem Munde sprüht lebendig Feuer,
    aus seiner Nase lodert blaue Flamme,
    bis zu den Schultern rot ist ihm der Arm.
    Drum bin ich junge Frau so sehr entsetzt,
    und darum netzen Tränen mir die Wangen.
      Es spricht zu ihr der Herr Georg der Blinde:
    — O schweig und wein’ nicht, meine treue Liebste!
    Geboren ward der Feuerdrache Wolf!
      Doch hörst du mich, mein treues Ehgemahl!
    Beruf du ein zum Rat der Christen Herren
    und nehmt euch an des Kindleins zart und schwach
    und gebt’s nach Sirmium das ebne Land.
    Man soll’s erziehn mit Honig und mit Zucker,
    bis es zum Schwert und braunem Ross gedeiht.
    Gott wird’s gewähren, gut wird alles ausgehn!
      Alsdann berief Georgens Ehgemahl,
    berief zum Rat der Christen Herren ein.
    Sie nehmen sich des zarten Kindleins an
    und geben’s fort nach Sirmium, ins ebne.
    Man nährt es gross mit Honig und mit Zucker,
    bis es zum Schwert und braunem Ross gediehn.
      Wie dazumal so auch am heutigen Tage.
    Sie zogen gross das Kindlein klein und zart.
    War das ein Kerl! man denk auch jetzt noch seiner!


Zu Vers 4. Der Mann liegt auf dem Wanddivan ausgestreckt. — V. 26.
Ungezählte Schätze sind keineswegs zahllose Schätze, vielmehr meint
Georg, er zähle seiner Gattin das Geld nicht zu. Sie dürfe nach
Belieben vom Vorrat nehmen. Geld, Wein und weisses Weizenbrot sind das
Um und Auf der Wünsche des Bauernvolkes. — V. 32. Der Guslar sang
mir vor: ‘već su u našem danas b. d.’ Dazu wäre ein nalazili zu
ergänzen. ‘Man fand das Kind.’ Ich liess das su im Texte des
folgenden Verses halber aus. — V. 34 f. Ständige Merkzeichen
aussergewöhnlicher Wunderkinder und Helden. — V. 37. crven = rot
wie Gold nämlich. In Legenden haben zuweilen Wunderkinder goldene
Arme. — V. 44. gosp. r. die Herren der Christenheit, d. i. den
hohen Adel und die Spitzen der Geistlichkeit. — V. 46. Im
Fruškagebirge Sirmiens gibt es eine stattliche Reihe sehr begüterter
Klöster, wohin wohlhabende Serben ihre Knaben zur Ausbildung zu
schicken pflegten. Der grössere Teil Sirmiens ist freilich eine Ebene.
Vrgl. mein Buch: ‘Die vereinigten Königreiche Kroatien und
Slavonien.’ — V. 49. Das prodigium ‘čudo’ könnte ein Unheil
gleich einem Kometen oder dem Nordlicht oder einem zweiköpfigen Kalbe
oder einem Eier legenden Hahne bedeuten. Er wehrt das Unglück ab,
indem er »das gute Wort« sagt. — V. 56 sollte an letzter Stelle
kommen.

Das Lied sang mir am 19. Januar 1885 der Guslar und Ackerbauer Ljuboje
Milovanović aus Bogutovo selo in Bosnien. Er sagte mir, er habe es 46
Jahre vorher seinem Vater, einem eingewanderten Herzogländler,
abgelernt. Ljuboje ist ein sauberer alter Bošnjak, der sich nicht
wenig darauf einbildete, dass seine Lieder auch den Deutschen bekannt
gemacht werden sollen. Er gewann mich lieb und erteilte mir einige gute
Lehren mit auf die Wanderung, damit ich als Fremder gegen den Anstand
nirgend verstosse. Ich notierte am Rande des Liedes: ako dogje ko u
kuću pa zijeva ondar prostri mu da spava, drijemovan je; ako se
proteže ondar traži ženkare da jebava pa ga valja istjerati a kat
pljuca e podaj mu, gladan je, nek jede (Wenn einer ins Haus kommt und
gähnt, deck ihm das Lager auf, damit er schlafe; denn er ist
schläfrig; wenn er sich reckt und streckt, so sucht er Frauenzimmer,
um seinen Trieb zu befriedigen, da muss man ihn hinausjagen, wenn er
aber öfters spuckt, nun so gib ihm, er ist hungrig, er soll essen).



Der Yoga-Schlaf.


Die zu allen Zeiten und bei allen Völkern, ehedem noch allgemeiner als
gegenwärtig verbreitete Meinung, dass der Mensch nicht Herr seiner
unwillkürlichen Muskeln werden und sein könne, gewährte einzelnen,
besonders veranlagten und listigen Individuen die Möglichkeit, als
Vermittler der Geisterwelt, als Propheten und Zauberer nämlich, die
Einfalt der Mitlebenden auszubeuten. Die Frage, ob ein Mensch auch die
quergestreiften Herzmuskeln, die in der Regel der Willkür des
Individuums nicht unterstehen, durch seinen freien Willen in ihrer
Tätigkeit zeitweilig einstellen, d. h. ob er einen totähnlichen
Zustand bei sich herbeiführen kann, muss als Ausnahmeerscheinung
wissenschaftlich bekräftigt werden. Man hat zuzugeben, dass man im
engeren Sinne des Wortes bei manchen Menschen eine derartige allgemeine
oder nur auf Muskelbündel beschränkte Machtübung beobachtet, die die
Meinung von einer Unwillkürlichkeit vollkommen widerlegt. Anlage und
Schulung bringen es hierin zu einer Bewunderung erweckenden Kunst, und
mit dem Wunder geht auch der Wunderglaube Hand in Hand, und gerade aus
solchen Wundererscheinungen schöpfen die Volkreligionen vielfach die
Kraft über die Gemüter ihrer Gläubigen.

Die moderne Ethnologie und mit ihr auch die junge Disziplin, die sich
unter dem vielverheissenden Titel einer Religionwissenschaft einführt,
leidet nur zu sehr an der unbegründeten Annahme, dass man gewisse
Erscheinungen nur bei den sogenannten primitiven aussereuropäischen
Völkern erheben könne. Die Volkkunde, als die Detailforschung der
Völkerkunde, erfüllt damit einen hohen Zweck, wenn sie Schritt für
Schritt den Nachweis erbringt, wie haltlos die Herstellung der Grenzen
zwischen Kultur- und Unkulturvölkern nach üblicher Rassen- und
Gruppeneinteilung sei. Es gibt Abstufungen in der Bildung und
Bildungfähigkeit unter Individuen, es gibt an Bildung und Besitz
reichere und ärmere Menschengruppen oder Völker, aber die Menschen
als Menschen bleiben sich auf der ganzen Oikumene gleich. Das ist ein
Gesetz, das in Sitte, Brauch und Glauben der Menschheit überall
nachweisbar ist. Einen Beitrag hiezu soll auch diese Betrachtung über
den Yoga-Schlaf liefern.

Ich hatte einen Jugendgespielen — er war lange Zeit königlich
chrowotischer Oberförster — der zwar in der Schule das Muster eines
Stierkopfes war, aber bei alledem die Begeisterung und zum Teil den
Neid seiner Mitschüler durch eine eigene Kunst hervorrief: er war Herr
seiner Ohrenmuskeln. Er konnte die Ohren bewegen trotz einem grauen
Gauch oder einem von Stechfliegen geplagten Ross. Durch sein Ohrenspiel
deutete er seine Empfindungen an. Wir rufen jemand mit einwärts
gekrümmtem Zeigefinger herbei, er besorgt dies mit Ohrenwackeln. Einer
meiner Freunde in Slavonien — er ist praktischer Arzt — gebietet
über seine Augenmuskeln derart, dass er nach Belieben zu jeder Zeit
auf alle denkbare Weise zu schielen und dadurch seinen Gesichtausdruck
merkwürdig zu verändern vermag. In den sechziger Jahren hielten sich
zu Požega in Slavonien abwechselnd im Kriminal zwei Bauern auf, die
Virtuosen in der Beherrschung ihrer Darmmuskeln waren. Als
siebenjähriger Knabe hatte ich das Vergnügen als Gratisblitzer der
Vorstellung des einen von ihnen beizuwohnen [191].

Einer meiner Mitschüler namens Pero Agjić, ein Bauernsohn aus dem
Dörfchen Mihaljevci (er war nachmals katholischer Pfarrer zu
Svisveti), legte einen Stolz darein, bei allen schauerlichen
Misshandlungen, denen ihn unser chrowotische »Lehrer«, ihn, wie jeden
anderen Armerleutesohn zu unterziehen pflegte, keinen Schmerzlaut
auszustossen. Er sagte nach der Marter gewöhnlich zu uns: »Dieser
verfluchte Galgenstrick kann mich töten, aber ich ergebe mich ihm
nicht!«, d. h. er wollte ihm die Freude am Gewinsel und Geheul nicht
bereiten. Mein »Perica« ist für seinen »Heroismus« ebenso sehr
oder wenig anzustaunen, wie die Kitchi-Gami-Jungen, von denen J. G.
Kohl berichtet [192], oder die anderen Indianer, deren Brinton gedenkt.
Der Unterschied besteht nur darin, dass die Indianer aus religiösen
Motiven eine Schmerzunempfindlichkeit heucheln.

Grosse, fast an Verehrung streifende Bewunderung erregen in Europa
Leute, die über ihre Muskel, genannt Magen, scheinbar unumschränkt
gebieten, d. h. lange Zeit der Nahrungzufuhr entraten können. Man
übersieht dabei gänzlich, dass diese Kunst einem ansehnlichen
Bruchteil der Menschheit, in den ältesten Zeiten unbedingt mehr als
heutzutage, von der lieben Not aufgezwungen ward und man sie
gewohnheitmässig ausüben musste. Unter den »Wilden« vermögen daher
nur die tüchtigsten Hungerkünstler zu Bedeutung und in den Geruch der
Heiligkeit zu gelangen. Die Herren Tanner, Succi, Merlatti und tutti
quanti würden sich wahrscheinlich unter James Mooney’s Indianern
oder unter den indischen Fakiren, um die Aufmerksamkeit auf sich zu
lenken, auch noch in den Dienst des Geisterglaubens stellen und
zugleich eine andere Seite ihrer Begabung ausbilden müssen, vor allem
nämlich auch die Muskel Herz bezwingen lernen. Sie müssten sich auch
in den Yoga-Schlaf versetzen können.

Diese, schon etwas kompliziertere Kunst hat mit dem Mesmerismus,
Somnambulismus, Spiritismus, der Autosuggestion u. drgl. unmittelbar
gar nichts zu schaffen. Hier in Wien steigt eine 43jährige, nach
Vradiš in Oberungarn zuständige, arme Frau H. F. herum (ihren vollen
Namen und ihre Adresse kann ich jederzeit bekannt geben [193]), die
sich ohne weiteres tot zu stellen und über ihren Zustand erfahrene
Spitalwärterinnen und alte Ärzte irrezuführen versteht. Ich kannte
einen mit seinem Wägelchen und seiner Familie halb Ungarn
brandschatzenden Landstreicher (sein Winterquartier hatte er jahrelang
im Dorfe Jakšić im Požegaer Komitate), der sich damit durchbrachte,
dass seine Gattin, nebenbei bemerkt, eine gut genährte, lebensfrohe
Person, in jedem Orte plötzlich verstarb und für sie die
Leichenkosten, sowie für die armen Waisen des untröstlichen Witwers
Unterstützungen schleunig aufgebracht werden mussten.

Zur Budapester Milleniumausstellung (1895) verschrieben sich die
Unternehmer, um in Oes-Budavár (Alt-Ofen) besondere Zugkräfte für
die Gafflust zu besitzen, zwei Originalfakire aus Indien, damit die
während der Ausstellungdauer als lebendige Tote öffentlich hungern
und schlafen sollen. Im guten Glauben und Vertrauen, sich unter
anständigen Menschen längere Zeit ausschlafen zu dürfen, legten sich
die Inder auf die Bahren zur Ruhe hin. Indes machten sich einzelne
Besucher den Jux, mit Nadeln die Schläfer zu stechen, mit Zangen zu
kneipen und mit brennenden Streichhölzern zu kitzeln. Bei Tag ertrugen
es die Fakire, doch betrachteten sie diese Behandlung als einen
Vertragbruch und hielten sich demzufolge der Verpflichtung enthoben,
unausgesetzt regunglos dahinzuliegen. Nachts erhoben sie sich, gaben
ihrer Meinung über die europäische Höflichkeit Ausdruck und
beschlossen, sich zumindest mit Speise und Trank regelmässig
allnächtlich zu stärken. Man erwischte sie einmal dabei, und
erklärte sie für Schwindler und Betrüger. Die Yogi waren über diese
ihnen bis dahin ungewohnte Betitelung tief gekränkt und einer von
ihnen, Bherma Sena Pratapa erhob in einem an die Neue freie Presse in
Wien gerichteten Brief (veröffentlicht teilweise in der Nummer vom
8. August 1895) entschiedenen Einspruch gegen die Verunglimpfung und
sagte ganz zutreffend und sachlich: »Der Yoga-Schlaf ist eine
Wissenschaft, wie alle andern, die von Leuten, welche die nötige
Begabung dafür haben, theoretisch und praktisch erlernt werden kann.«
[194]

Hier ist nur der Ausdruck »Wissenschaft« volksprachlich im Sinne von
einer vollendeten Fertigkeit aufzufassen und man muss dem Fakir
beipflichten. Minder einwandfrei ist die daran geknüpfte Erörterung
des Berichterstatters der Zeitung, der dem Inder, weil er sich wegen
Wiederherstellung seiner Geschäftehre nach München an den dazumal
daselbst tagenden Psychologenkongress wandte, unlautere Beweggründe
unterstellt [195]. Der Kongress wies den Fakir ab, vielleicht aus Scheu
vor dem Spotte der sogenannten Öffentlichkeit. Der Fakir hat
wahrscheinlich von uns Europäern eine geringe Meinung gewonnen, aber
ich will ihm nachträglich hier eine gewisse Ehrenrettung verschaffen,
indem ich Beweise beibringe, dass seine Kunst auch bei uns in Europa
ihre würdigen Vertreter in junger und in einer nicht zu lang
entschwundenen Vergangenheit besass und dass man solcher Meister wegen
bedeutender Leistungen noch immer gerne gedenkt.

So erwerbtüchtig, wie der indische Yoga, ist auch unser serbische
Landmann, nur stört ihn im Fortkommen eine der Kunstübung abholde
Behörde. Im Jahre 1845 gleich in den ersten Monaten tauchte im Dorfe
Bare (Sümpfe) im Požarevacer Bezirke der Prophet (prorok) Milija
Krajinac auf, der aus dem Dorfe Popovica in der Krajina gebürtig war
[196]. Durch seine unbeugsame Selbstbeherrschung riss er das
leichtgläubige Volk mit sich und gab damit der Regierungbehörde zu
schaffen. Schliesslich wurde er zum Gegenstand eines ausführlichen
Berichtes, den der damalige Minister für innere Angelegenheiten dem
Fürsten (unterm 15. Sept. 1845, Geschäftzahl 1628) überreichte.

Milija pflegte sich in eine Verzückung (zanos) zu versetzen und in
diesem Zustande 5 bis 6, 8, 12, ja bis zu 17 Tagen zu verharren.
Während dieser Zeit enthielt er sich sowohl der Speise als des
Trankes, als auch jeder sonstigen Befriedigung eines leiblichen
Bedürfnisses. Der im Archiv des königl. serbischen Ministeriums für
innere Angelegenheiten sub »G. Z. 483 ex 1845« erliegende
Befundbericht des Dr. A. Medović über das Verhalten Milija’s
während seines Verzückungzustandes, über die an seinem Leibe
beobachteten Erscheinungen und über die Peinigungen, die er ertragen,
ohne mit der Wimper zu zucken, ist darum für uns äusserst
belangreich, weil er nomine mutato ebenso von einem Fakir handeln
könnte. Als Milija einmal in »Trans« lag, brachte man ihn ins
Bezirkamt, legte ihn in einer Stube auf ein Leilach, und da blieb er
volle sechs Tage lang liegen. Im Laufe dieser Zeit steckte man ihm
unter die Nase die kräftigsten Riechstoffe, sie erweckten ihn nicht;
man heftete ihm Senfpflaster an, er blieb unempfindlich; man riss ihm
einzeln die Haare aus der heikelsten Leibgegend aus, er muckste sich
nicht; man strich ihm auf die Fusssohlen dreissig Rutenhiebe auf, er
zuckte nicht; man legte ihm brennende Glutkohlen auf den Leib, er liess
sie auf seiner Haut ruhig verglimmen, ohne zu zeigen, dass es ihn
juckt. Schliesslich goss man ihm mit Gewalt ein Brech- und
Abführmittel in den Mund, und als es ihn zu quälen anfing, bat er
letzlich um einen Trunk Wasser. Man holte wohl Wasser, verweigerte ihm
jedoch die Labung, bis er nicht die Wahrheit über sich aussage. Da
endlich bequemte er sich zum Geständnis, dass er sich immer bloss
verstellt (pretvarao) habe, um vom gemeinen Volke ein paar Paras
herauszulocken. Hunger und Durst habe er allmählich zu ertragen
gelernt, erzählte er, so dass er zu guterletzt 24–30 Tage sein
konnte, ohne das Geringste zu geniessen, ebenso habe er sich gewöhnt,
den Stuhlgang zurückzuhalten, bis seine Natur an diese Qual angepasst
war; und bezüglich der ihm mit den Glutkohlen zugefügten Schmerzen
sagte er: »Ihr mögt mir das Fleisch vom lebendigen Leib stückweise
abhacken, ich zucke dabei nicht einmal mit der Wimper; so sehr kann ich
Schmerzen ertragen.«

Ein weibliches Seitenstück zu Milija, eine Chrowotin, lernte ich
persönlich kennen. Am ersten Sonntag des Monats August 1877 sagte der
Leibelschneider Mika Gavrić in Pleternica zu mir: »Komm mit mir ins
Gebirge nach Zagragje. Dort ist eine neue Vračara (Zauberin)
erstanden, die den Leuten alles bis aufs Haar richtig voraussagt.« Wir
gingen über Ferkljevci und Kadanovci einen Querpfad und langten erst
in drei Stunden an. Es war eine Witwe, deren Eidam zu ihr ins Haus
eingeheiratet hatte. Ihr Wohnhaus bestand aus zwei Stuben, die durch
einen Küchenraum voneinander geschieden waren. In der grösseren Stube
lag die Bäuerin auf einem hohen, städtischen Bette ausgestreckt. An
den Zimmerbalken hingen mehrere geräucherte Schweineschinken, eine
mächtige Speckseite, an Stangen eine Menge gestickter Handtücher und
auf einem Tischgestelle befanden sich drei grössere, aus Stroh
gewundene Brotkörbe (Simperl), der eine mit Kreuzern, der andere mit
Silbersechserln und der dritte mit grösseren Silbermünzen gefüllt;
lauter Weihegaben frommer Besucher. Die Luft in dem Raume war
unglaublich schlecht. Die Bäuerin selber sah sehr angegriffen aus. Sie
mochte damals fünfzig Jahre zählen. Zufällig war sie zur Zeit nicht
im Dauerschlafe befangen. Sie phantasierte den Leuten auf gestellte
Fragen allerlei wirres Zeug zur Antwort vor. Als sie mich erblickte,
befahl sie den Besuchern hinaus zu gehen und mich mit ihr allein zu
lassen. »Ei, mein lieber Frica«, sagte sie »erweist auch du mir die
Liebe eines Besuches! Schau, so arm war ich, dass ich hungern und
weinen musste und die letzte im Dorfe war. Jetzt hat mir der liebe Gott
und die hl. Mutter Gottes so schön geholfen, dass ich für mein
Hungern und Schlafen Liebegaben im Überfluss bekomme. Mach dich vor
deinen Eltern über mich nicht lustig. Nimm dir von den Geschenken,
welches dir behagt und rühme mich vor den Leuten!« Um sie nicht zu
beleidigen, nahm ich ein Handtuch und sagte dann draussen zu den
Besuchern: »Wahrhaftig, sie hat mir die lautere Wahrheit mitgeteilt!«
(Ein Bericht über diesen Besuch war meine erste literarische Arbeit,
die ich deutsch verfasste, nur lehnten ihn die Zeitungen als
»nichtaktuell« ab.)

Die Gläubigen werden von meinen Nachrichten kaum erbaut sein, vielmehr
mich für einen Spötter betrachten; denn ihnen ist der Glaube an die
dämonische Macht solcher Individuen eine Herzenbedürfnis und sie sind
auch mit der Erklärung bei der Hand, das Medium habe nur infolge des
sozialen Druckes seine wahrhafte Mediumschaft in Abrede gestellt.
Rationalistische Köpfe helfen sich ihrerseits mit dem Schlagworte:
hysterische Zustände und Erscheinungen aus, und damit ist für sie die
Sache abgetan. Wie aber, wenn es Menschen gibt, die die Kunst des
Sichtotstellens trotz jedem Fakir verstehen und dabei weder eine Spur
von Hysterie besitzen, noch im allerentferntesten je aus ihrer
Fertigkeit ein Glaubengeschäft auf Kosten der Verstandschwäche ihrer
Nebenmenschen betreiben? Hoch erhaben über eine derartige Zumutung
stand Radovan, der herrliche Junker, Sohn Ritter Georgs und
Schwestersohn des venezischen Provveditore von Zengg Elias Smiljanić
da, der in der Vollkraft seiner Jünglingjahre bei strotzender
Gesundheit den Todschlaf heucheln konnte. Er machte aus seiner Kunst
kein Hehl und erwarb als Simulant einen gewissen Ruf, so dass man ihm
den Tod auch dann nicht mehr glaubte, als einmal vom Glauben daran sein
Leben abhing.

Radovan lebte vor beiläufig 260 Jahren. Er war eine ebenso historische
Persönlichkeit, wie irgend jemand seiner Zeitgenossen. In der
Überlieferung der Serben führt er die Namen Rade mali (R. der Kleine,
wegen seiner Gestalt), uskok Rade (der Überläufer R., weil er sich zu
den Moslimen geschlagen), Rade konjokradica (R. der Pferdedieb, weil er
in Dalmatien Pferde zu stehlen und sie in Bosnien zu verkaufen pflegte.
Mustapha Schmerbauch’s von Kladuša berühmter Schimmel stammt auch
aus Rade’s Rennstall) und Kaica (aus Missverständnis daraus Kaić):
Stirnschmuck. Rade war als Kind sehr schön, und weil seiner Mutter vor
Beschreiung und bösem Blick bangte, wand sie ihm als kluge Frau um die
Stirne ein Bändchen mit phallischen Amuleten. Darnach bekam er den
Übernamen.

Rade ist mehr noch bei den Moslimen als bei den Christen wegen seiner
an edlen Heldengestalten beliebten Eigenschaften: der Mordlust,
Verlogenheit, Tücke und Gaunerei, hochberühmt [197]. Das nachfolgende
Lied, das von ihm handelt, war ursprünglich moslimisch, gefiel aber
auch Christen, die es sich zurechtlegten, doch nicht so geschickt, dass
die Entlehnung nicht auffällig bliebe.

Das Lied sang mir am 13. Oktober 1885 mein Guslar Milovan Ilija Crljić
Martinović, dessen ich schon wiederholt gedacht habe. Er erlernte es
um das Jahr 1855 von seinem Mutterbruder Marijan aus Dolnji Rgovi.


      Ašikova Kaić Radovane
    sa Ljepunom kaurina bana,
    ašikova godinicu dana;
    nitko njega potpazit ne može.
    Potpazi ga kaurine bane,
    postavio pê stotin katana;
    čekaju ga ot sunca do sunca.
      Sunce prijgje a mljesec izijgje,
    al eto ti Kaić Radovana.
    On Jefune na pendžeru viknu:
      — Janje moje, otvori mi vrata!
      — A moj Rade, da mi te ne bilo!
    Ašikuješ godinicu dana,
    nitko tebe potpazit ne može
    a moj te je babo potpazio,
    postavio pê stotin katana,
    čekaju te ot sunca do sunca;
    oćeš noćas izgubiti glavu!
      — Janje moje, otvori mi vrata!
    noć prolazi, ne ašikujemo,
    pa nek igju banove katane!
      Skoči cura, otvori mi vrata!
    Kada tamo blizu zori bilo
    pojgje Rado iz bijela dvora.
    Dočekaše banove katane,
    okoliše Kaić Radovana,
    okoliše pa ga ujitiše.
      Dokle Radi ruke savezaše,
    četverici prilomio ruke,
    petericu rukam udavio,
    sedmerici oči izvadio.
      Dadoše ga svome gospodaru
    a bane ga u tavnicu baci.
      U tavnici tridese sužanja,
    što sužnjuju deve godin dana.
      Kad zapade Rade u tavnicu,
    stade Rade mislit i primišljat,
    ne bi li se kako izbavio.
      Pa sve misli, dok na jednu smisli
    pâ priminu u tavnici Rade.
    Ni se miče, nit on dušom diše;
    mrtav leži za tri bila dana.
      Zacvililo tridese sužanja:
      — Aman bane mili gospodare!
    ja nas miči, ja nas priprodaji,
    ja nam jamljaj sužnja is tamnice!
    Evo ima tri bijela dana,
    priminuo Rade u tamnici!
      Bane pojgje da izbaci Rade,
    da ga nose u debela luga,
    nek ga jedu tice gavranovi.
      A banica na zlo naskočila:
      — Aman bane mili gospodare!
    bjela brado, budalasta glavo!
    ni mrtvu se ne vjeruj ti Radi!
    Već izbaci is tavnice Radu
    pa mu loži vatru na prsašcu.
    Ako bude u životu Rade
    on će svoje oči rasklopiti,
    ne će dati tilo napatiti.
      Ban mu loži vatru na prsašcu.
    Opet Rade dobar junak bješe,
    ne tje Rade oka rasklopiti.
      Tjede bane da izbaci Rade,
    da ga nose u debela luga,
    da ga jedu tice gavranovi.
      A banica na zlo naskočila:
      — Aman bane mili gospodare!
    bjela brado, budalasta glavo!
    ni mrtvu se ne vjeruj ti Radi!
      Već dovedi dva kovača mlada,
    nek donesu po šaku klinaca,
    nek zagone Radi pod noktašca.
      Ako bude u životu Rade
    on će svoje oči rasklopiti,
    ne će dati tila napatiti.
      Ban dovede dva kovača mlada,
    donesoše po šaku klinaca
    pa zagone Radi pod noktašca.
    Opet Rade dobar junak bješe
    pa ne tjede oka rasklopiti.
      Pojgje bane da izbaci Rade
    a banica na zlo naskočila:
      — Aman bane mili gospodare!
    bjela brado, budalasta glavo!
    ni mrtvu se ne vjeruj ti Radi!
      Već izvedi trides djevojaka
    i izvedi našu Ljefijanu,
    neka kolo oko njega ujte,
    kolo vode a pjesne izvode.
      Nek djevojke gaće poskidaju,
    priskakuju priko mrtva Rade;
    ako bude u životu Rade
    on će svoje oči rasklopiti.
    Ban dovede trides djevojaka
    i izvede Ljefijanu mladu;
    pa ujtiše kolo oko Rade,
    kolo vode a pjesne izvode:
      — A naš Rade, da bi te ne bilo!
    šta si lego, mrtav se otego?
      A to Rade aje pa ne aje.
    Sve djevojke gaće poskidaše
    a to Rade aje pa ne aje.
      Kat priskoči Ljefijana mlada
    oba oka rasklopilo Rade.
      Od djevojak nitko ne vidio;
    ona baci vezenu maramu
    pa mu oba oka poklopila.
      Ondar stade bjeśjediti banu:
    — A moj babo, da bi te ne bilo!
    šta ti od nas sramotu učini!
      Priko mrtva leša priskakasmo,
    upade mi vezena marama.
    Nek uzima, kome god je drago,
    ja je uzet š njega mrtva ne ću!
      Pojgje bane da izbaci Rade,
    da ga nose u debela luga,
    da ga jedu tice gavranovi.
      A banica na zlo naskočila:
    — Aman bane mili gospodare!
    bjela brado, budalasta glavo!
    ni mrtvu se ne vjeruj ti Radi!
      Već istjeraj čekrkli kočije,
    u kočije ti ubaci Radu
    pa pošalji dvije vjerne sluge,
    nek ga gone debelome moru,
    nek iśjeku Rade na komade,
    podijele po moru ribama!
      Pa istjera čekrkli kočije,
    ubaciše u kočije Rade,
    otjeraše banove ga sluge.
      Kada blizu moru dolazili,
    mregju sobom sluge beśjediše:
      — Ništa nije nama učinio,
    šta ćemo ga śjeći na komade?
    Da čitava u more bacimo!
      Pa ić ćemo i slagati banu,
    da sm iśjekli Rade na komade
    i bacili u debelo more.
    Pa čitava u more baciše
    pâ odoše i slagaše banu,
    da s iśjekli Rade na komade
    i bacili u debelo more.
      Radu dalga kraju izbacila
    pâ se Rade suva dofatio;
    Rade leži kraj debela mora.
    Doletiše dva vrana gavrana,
    a da Radi oči iskopaju.
      Al ga viknu posestrima vila:
    — A moj Rade, da bi te ne bilo!
    šta si lego, mrtav se otego?
    tebi tice oči izvadiše!
      — Vilo moja, moja posestrimo!
    jes otišle baanove sluge?
    — Jes otišle i slagale banu,
    da s išjekle tebe na komade
    i bacili po moru ribama!
      Skoči Rade kraj debelog mora
    pa iz ruku čamlje počupao,
    ja iz ruku zubma počupavo
    a iz nogu rukam povadio.
      Ode Rade pobratimu svome,
    pobratimu Janjković Nikoli,
    sve kazuje, što je i kako je,
    na kakve je pate udario:
      — Već te molim, dragi pobratime,
    daj mi svoga debela gjogata
    i daj svoje gjuzel odijelo,
    daj mi svoje svijetlo oružje,
    (skinuli su moje odijelo,
    otpasali svijetlo oružje),
    da ja igjem u zemlju kaursku.
      Ban je metro curu na košiju;
    ne bi l Bog do, gjogat utjecao,
    ne bi li se cure dograbio,
    ne bi l svoju muku pokajao!
      Kada čuo Janjković Nikola,
    on opremi njega i gjogata.
      Ode Rade u zemlju kaursku
    bjeloj kuli kaurskoga bana.
      Kada bješe u polje zeleno
    pod banove pribijele dvore,
    polje bilo pa ga ne stanilo:
    konj do konja, junak do junaka;
    tri sta ata tri sta bedevija,
    paripčadma ni esaba nejma,
    ni jesaba pješice junacim;
    dva alata od Banata bana,
    dva vrančića zadranskoga bana,
    dva gjogata od Legjana bana,
    dva kulaša od Orašja Tala,
    bedevija crne arapine.
      Tude tavnu prinoćiše noćcu.
      Kad u jutro jutro osvanulo,
    vjerne sluge gajtan donesoše,
    vjerne sluge gajtan upraviše,
    zaredaše konje za gajtana.
      Dok na gradu pukoše topovi,
    vjerne sluge gajtan oboriše,
    od gajtana konji poletiše.
      Rade ne će da puśća gjogata;
    pa daleko konji izmakoše,
    ne bi duga puška dovrgnula.
      Ondar viknu sa gjogata svoga:
    — Ne recite, crna njemadijo,
    ne recite, da je inla bila,
    eno kodov ja puśćah gjogata!
    Pa poletje gjogat od gajtana.
    Bože mili, na svemu ti hfala!
    Kad poletje gjogat od gajtana,
    zemlja ječi al u nebu zveči,
    bakračlije crnu zemlju gule,
    oko njija studen vjetar puše,
    is kopita oganj vatra sipa!
    Sve prostiže pješce i konjice
    i sastiže dva konja vrančića,
    oba vranca zadranskoga bana,
    kako dojgje e tako i projgje.
      Pa sastiže dva konja alata,
    dva alata bana od Banata;
    kako stiže tako i prostiže.
      A ne mere dva konja kulaša,
    jer na njima pogano koljeno,
    jer na njima dvoje cigančadi;
    oba konja u krv okupata.
      On prostiže dva konja kulaša,
    al ne more crne arapine.
    Dok sastiže crnu arapinu,
    kako stiže, tako i prostiže.
    Dok opazi čekrkli kočije,
    na njim stala banova djevojka,
    na njeg rukom i maramom maše.
      Dok izletje do kočija Rade
    a djevojka skoči is kočija,
    gjogatu se o vratu obljesi,
    sve gjogata mregju oči ljubi.
      Rade veli glavitoj djevojci:
      — Ljefijana, od očiju vidu!
    dera vodaj debela gjogata,
    dok ja odem puncu i punici,
    da darujem punca i punicu!
      Ode Rade do banova dvora
    pa banici u dvore unijgje:
      — O banice, baš moja punice!
    danas sam ti ćercu zadobio,
    zadobio na oštrom megdanu.
      Moreš znati, kujo materina,
    kada dodi Kaić Radovane,
    ašikova’ s tvojom Ljefijanom?
    Pa je njega potpazio bane,
    postavio pê stotin katana.
      Oni Radu živa ujitiše
    pa ga bane u tamnicu baci.
      Bijaše se potajalo Rade,
    u tavnici mrtav načinio,
    ne bi li me izbacio bane.
      Tjede mene da izbaci bane,
    ti ne dade, kujo materina!
    Ja sam glavom Kaić Radovane!
    Ti si mene ljuto napatila
    i na svake pate udarala,
    reko b, sam ti dvore popalio!
    Ja ću tebe gorje napatiti!
      Pâ banicu za ruke ujiti,
    odreza joj obadvije ruke
    pa joj oblje dojke prorezuje
    pa kroz dojke progonio ruke.
      Starcu banu poklonio glavu.
      Ode Rade do gjogata svoga.
    Kad gjogatu i kočijam dojgje,
    arap oda, bedeviju voda.
    Onda arap Radi bjeśjedio:
      — Kurvo jedna, Kaić Radovane!
    dobro tebe po imenu znadem,
    po redom su konji izletjeli!
      — Hajd otalem, crna arapino!
    do tebe sam odvodo gjogata
    i otišo puncu i punici
    i darovo punca i punicu.
    Ator bješe crnoj arapini
    pa on skida bistrog dževrdana
    pa gjogatu u prse skresavo.
    Gjogat vrisnu pa pade u travu.
      Ciknu Rade ko šarena guja
    pa poteže sablju Nikolinu
    pa arapu osiječe glavu!
      I ujti mu šafku bedeviju,
    bedeviju za kočije sveza
    pa z djevojkom śjede u kočije.
    Ode Rade pobratimu svome
    ka Sibinju bijelome gradu.
      Kade dojgje Janjković Nikoli:
      — Dragi brate, Janjković Nikola,
    jesam ti se brate oženio,
    teb toveo šafku bedeviju,
    gjogat ti je izgubio glavu,
    more l biti šafka za gjogata?
    Iśći prida koliko ti drago.
    Ev banova u kočijam blaga!
    — Bre aferim, dragi pobratime!
    Kat si mi se pobro oženio,
    pa da si mi dvore popalio,
    još na svake muke udario,
    kat si svoje muke pokajavo,
    tebi ne ću groša ni dinara,
    sve ću tebi danas alaliti!


      Ein Buhle traut war Kaić Radovane
    zu Euphemie, zum Kafir-Grafenfräulein;
    ein lieblich Jahr an Tagen pflag er Buhlschaft,
    und keiner ihn dabei gewahren konnte.
      Dennoch der Kafir-Burggraf ihn gewahrte
    und stellte auf fünfhundert reisige Mannen;
    die harren sein von Sonne bis zur Sonne.
      Zur Rüste ging die Sonn’ und auf der Mond,
    ei sieh, da naht dir Kaić Radovane;
    er ruft ans Fenster Euphemie herbei:
      — O Lämmchen mein, eröffne mir das Pförtchen!
      — Ach Rade mein, o wärst du nicht erschaffen!
    Ein lieblich Jahr an Tagen pflagst du Buhlschaft,
    und keiner konnte dich dabei gewahren;
    doch hat dennoch mein Vater dich gewahrt
    und aufgestellt fünfhundert reisige Mannen,
    die harren dein von Sonne bis zur Sonne;
    du wirst dein Haupt zu Nachten heut verlieren.
      — O Lämmchen mein, eröffne mir das Pförtchen!
    Die Nacht entweicht, wir kommen ums Gekose;
    Von mir aus mögen nahn des Burgherrn Reisige!
      Aufsprang das Fräulein, schloss ihm auf das Pförtchen.
    Als dann herum es war ums Morgengrauen,
    aufbrach vom weissen Burggehöfte Rade.
      Des Grafen reisige Mannen ihn empfingen,
    umringten Junker Kaić Radovane,
    umringten ihn und nahmen ihn gefangen.
      Bis sie die Hände Raden festgebunden,
    vier Mannen er entzwei die Hände brach,
    erwürgte noch mit blosser Hand fünf andre
    und riss heraus die Augen sieben Kämpen.
      Ihrem Gebieter sie ihn übergaben.
    In das Verliess hinab ihn warf der Burggraf;
    in dem Verliesse dreissig Mann Gefangener,
    die neun der Jahre schon gefangen schmachten.
      Als Rade ins Verliess hinab verfiel,
    zu sinnen hub er an und nachzusinnen,
    ob irgendwie er sich erlösen könnte.
      Er sinnt und sinnt und fasst auf eins den Sinn —
    und Junker Rade im Verliess verstarb;
    er rührt sich nicht, nicht atmet seine Seele;
    so liegt er tot drei weisse Tage lang.
      Aufjammerten die dreissig Mann Gefangenen:
      — O Gnade, Burggraf, teuerster Gebieter!
      Gib weg uns oder weiter uns verkaufe,
    wo nicht befrei vom Häftling das Verliess!
    Drei weisse Tage sind annun verflogen,
    dass Rade im Verliess sein Leben liess.
      Der Burggraf ging, hinauszuwerfen Raden,
    auf dass man in den dicken Hain ihn trage,
    dahin zur Äsung für die Rabenvögel,
    jedoch die Burgfrau plante lauter Schlimmes:
      — O Gnade, Burggraf, teuerster Gebieter!
    Du weisser Bart, du Haupt voll Kindereinfalt,
    dem toten Rade nicht einmal du traue!
    Erst wirf heraus aus dem Verliesse Raden
    und mach ihm auf dem Busen an ein Feuer;
    wofern in Raden Leben weilen sollte,
    aufschlagen wird er sicherlich die Augen,
    anheim nicht geben seinen Leib den Qualen!
      Anfacht der Burggraf auf der Brust ihm Feuer.
    Doch Rade war bewährt als wackerer Wehrmann,
    aufschliessen mochte Rade nicht die Lider.
      Hinaus der Burggraf wollte Raden werfen,
    dass in den dicken Hain man fort ihn schaffe,
    dahin zur Äsung für die Rabenvögel,
    jedoch die Burgfrau plante lauter Schlimmes:
      — O Gnade, Burggraf, teuerster Gebieter!
    Du weisser Bart, du Haupt voll Kindereinfalt,
    dem toten Rade nicht einmal du traue!
      Führ lieber her zwei junge Eisenschmiede,
    herbring’ ein jeder eine handvoll Nägel,
    sie sollen sie ins Nagelfleisch ihm rammen.
      Wofern in Raden Leben weilen sollte,
    aufschlagen wird er sicherlich die Augen,
    anheim nicht geben seinen Leib den Qualen.
      Der Burggraf führt herbei zwei junge Schmiede,
    die brachten her je eine handvoll Nägel
    und rammten Raden sie ins Nagelfleisch.
      Doch Rade war bewährt als wackerer Wehrmann,
    aufschlagen mochte Rade nicht die Lider.
      Hinaus der Burggraf wollte Raden werfen,
    jedoch die Burgfrau plante lauter Schlimmes:
      — O Gnade, Burggraf, teuerster Gebieter!
    Du weisser Bart, du Haupt voll Kindereinfalt,
    dem toten Rade nicht einmal du traue!
      Heraus du führe lieber dreissig Jungfraun,
    und führ auch unsre Euphemie heraus;
    im Reigen mögen sie um ihn sich fangen,
    im Reigenfang anstimmen Liedersang.
      Die Mädchen mögen ab die Höschen legen,
    hinüber übern toten Rade hüpfen.
    Wofern in Raden Leben weilen sollte,
    aufschlagen wird er sicherlich die Augen.
      Herbei der Burggraf dreissig Jungfraun führte,
    Jung Euphemie dazu heraus er führte,
    sie hingen ein um Raden sich zum Reigen,
    im Reigenfang erklang ihr Liedgesang:
      — O unser Rade, wärst nur nicht erschaffen!
    was liegst gestreckt, als Toter ausgereckt?
      Drauf Rade lost und lost auch nicht darauf;
    und all die Mädchen legten ab die Höschen,
    doch Rade lost und lost auch nicht darauf;
    nur wie Jung Euphemie hinüberhüpfte,
    aufschloss es Raden alle beide Augen.
      Von all den Jungfraun keine wahr es nahm,
    sie warf zu Boden ihr gesticktes Tüchlein,
    und beide Augen sie ihm rasch bedeckte.
      Alsdann zum Burgherrn hub sie an zu reden:
      — O Vater mein, o wärst du nicht erschaffen!
    Mit was für Schande hast du uns geschändet!
    wir hüpften übern toten Leib hinüber;
    mir fiel zu Boden mein gesticktes Tüchlein,
    aufheben mag’s, wem immer es gelüstet,
    ich heb es nimmer auf von diesem Leichnam!
      Dran ging der Burggraf, Raden fortzuschaffen,
    dass in den dicken Hain man fort ihn trage,
    dahin zur Äsung für die Rabenvögel,
    jedoch die Burgfrau plante lauter Schlimmes:
      — O Gnade, Burggraf, teuerster Gebieter!
    Du weisser Bart, du Haupt voll Kindereinfalt,
    dem toten Rade nicht einmal du traue!
      Jag du vielmehr heraus die Federkutsche,
    hinein du in die Kutsche schleudre Raden
    und dann betraue zwei getreue Knechte,
    die mögen ihn zur dicken Meerflut fahren,
    zerhacken sollen Raden sie zu Stücken
    und Fischen ihn im Meer zum Frass verteilen!
      Er jagt heraus die Kutsche, die gefedert,
    hinein sie schmissen in die Kutsche Raden,
    von dannen fuhren ihn des Burgherrn Knechte.
      Als nahe sie ans Meer gekommen waren,
    untereinander sprachen so die Knechte:
      — Der hat ja uns zu Leide nichts getan!
    was sollen wir zu Stücken ihn zerhacken?
    Lasst uns den Ganzen schleudern in die Meerflut,
    dann gehn wir hin und lügen an den Burgherrn,
    dass wir zerhackt zu Stücken hätten Raden
    und ihn ins dicke Meer hinausgeschleudert.
      Und warfen ihn, den Ganzen in die Meerflut
    und zogen heim und logen an den Burgherrn,
    dass Raden sie zerhackt zu lauter Stücken
    und ihn ins dicke Meer hinausgeschleudert.
      Die Wogen Rade warfen ans Gestade,
    und Rade so gewann die trocknen Pfade.
    Da lag nun Rade an dem dicken Meere;
    zwei schwarze Raben kamen bald geflogen
    um Raden hier die Augen auszugraben.
      Doch rief ihn an sein Wahlgeschwister Vila:
      — O Rade mein, o wärst du nicht erschaffen!
    was liegst gestreckt, als Toter ausgereckt?
    schon bohren dir die Vögel aus die Augen!
      — O Vila mein, o du mein Wahlgeschwister!
    sind schon des Burgherrn Knechte abgezogen?
      — Sie zogen heim und logen an den Burgherrn,
    sie hätten dich zu Stücken wohl zerstückelt
    und auf das Meer zum Fischefrass geschmissen.
      Aufsprang am dicken Meere Junker Rade,
    riss aus den Händen sich die Eisennägel,
    ja, riss sie mit den Zähnen aus den Händen
    und zog sie mit den Händen aus den Füssen.
      Begab sich hin zum Herzensbruder Rade,
    zum Bruderherzen Niklas Janjković,
    tat kund ihm alles, was und wie’s gewesen,
    in was für Folterqualen er gefallen:
      — Doch bitt ich dich, mein teueres Bruderherze,
    gewähr’ jetzund mir deinen feisten Schimmel,
    gewähr’ mir auch dein schmuckes Festgewand,
    gewähr’ dazu mir dein Gewaffen gleissend,
    (mir zogen sie vom Leibe mein Gewand,
    entgürteten mich vom Gewaffen gleissend),
    damit ich ins Gebiet der Kafir wandre;
    als Rennpreis setzt der Burggraf aus das Fräulein;
    leicht gibt es Gott, das Ziel erläuft der Schimmel,
    vielleicht erraff’ ich mir den Preis, das Fräulein,
    vielleicht verschaff’ ich Sühne meiner Qual!
      Wie solches Niklas Janjković vernahm,
    ausrüsten tat er ihn und seinen Schimmel.
      Abzog in das Gebiet der Kafir Rade
    zur weissen Wartburg hin des Kafir-Burgherrn.
      Als er im grünen Blachgefilde eintraf
    am Fuss des schneeigweissen Grafenburghofs,
    ein Feld bestand, jedoch es jetzt verschwand,
    hier Ross an Ross, hier Held gedrängt an Helden,
    dreihundert Berber, gleichviel Beduinen,
    Mischlinge sind da sonder Zahl vertreten
    und sonder Zahl zu Fuss der Helden Schar.
    Zwei Füchse des Gebieters vom Banate,
    zwei Rappen klein des Herrn der Burg von Zara,
    zwei Schimmel des Beherrschers von Polonien,
    zwei Falben Junker Tale’s von Orašje,
    das Beduinenross des Schwarzarabers.
      Allhier sie nachteten zur dunklen Nacht.
    Als morgens früh der Morgen angetagt,
    getreue Diener brachten her die Schnur,
    getreue Diener zogen straff die Schnur,
    hinter die Schnur sie reihten auf die Renner.
      Als die Kanonen auf der Burg erdröhnten,
    die Schnur die treuen Diener niederwarfen
    und von der Schnur aus flogen hin die Renner.
      Nicht mochte lassen aus den Schimmel Rade;
    gar weit die Renner waren schon entwichen,
    soweit nicht reicht ein Schuss aus langer Flinte.
      Allda er rief hinab von seinem Schimmel:
      — Nun sagt nicht, Ihr da, tückisch deutsches Pack,
    nun sagt mal nicht, es wäre List gewesen,
    da schaut mal her, jetzt lass’ ich aus den Schimmel!
      Dahin nun von der Schnur der Schimmel flog —
    Du lieber Gott, für alles sei bedankt! —
    Als da der Schimmel von der Schnur dahinflog,
    die Erde stöhnt und hoch der Himmel dröhnt,
    die Bügel schinden ab das schwarze Erdreich,
    um sie herum ein kalter Windstrom saust
    und Feuerflammen sprühen aus den Hufen.
      Er überholt die Läufer all’ und Renner
    und holte ein zwei kleine Rappenrosse,
    die beiden Rappen des Zaraër Burgherrn,
    er holt sie ein, sie sind schon überholt.
      Dann holt er ein zwei Renner noch, die Füchse,
    zwei Füchse des Gebieters vom Banate;
    er holt sie ein, sie sind schon überholt;
    doch holt er nicht zwei falbe Renner ein,
    dieweil auf ihnen ein verwünscht Gezüchte,
    dieweil auf ihnen zwei Zigeunerrangen,
    die beiden Rosse ganz in Blut gebadet.
      Letzt überholt er die zwei fahlen Renner,
    doch holt er nicht den Schwarzaraber ein.
      Letzt holt er ein auch noch den Schwarzaraber,
    er holt ihn ein, hat schon ihn überholt.
      Da endlich er gewahrt die Federkutsche,
    aufrecht auf ihr des Burgherrn Fräulein steht,
    es winkt ihm mit der Hand und mit dem Tüchlein.
      Kaum kam zur Kutsche hingeflogen Rade,
    sprang gleich heraus das Fräulein aus der Kutsche,
    hing stürmisch sich dem Schimmel um den Hals,
    zwischen die Augen küsste sie ihn häufig.
      Zum stattlich schmucken Fräulein Rade spricht:
      — O Euphemie, du meiner Augen Licht!
    Ei, führe mal herum den feisten Schimmel,
    indes ich geh’ zum Schwieger und zur Schwiegrin,
    um zu beschenken Schwieger und die Schwiegrin!
      Begab sich Rade zum Gehöft des Burgherrn
    und kam ins Burggehöft hinein zur Schwiegrin:
      —O Burgfrau, traun, du meine Schwiegermutter!
    dein Töchterlein ich heut am Tag gewann,
    gewann sie wohl auf heiss umstrittner Bahn.
      Magst du’s gedenken, mütterliche Zauchtel,
    wie Kaić Rade herzukommen pflag,
    mit deiner Euphemie geheim zu buhlen,
    und wie der Burggraf ihn allda gewahrte
    und aufgestellt fünf hundert reisige Mannen?
      Die hatten Raden lebend eingefangen;
    und ins Verliess hinab ihn warf der Burggraf.
      Auf seine Heuchelkunst vertraute Rade,
    tat sich als Toter im Verliess verstellen,
    verhoffend, dass der Burggraf mich hinauswirft.
      Hinaus mich werfen wollte schon der Burggraf,
    du wehrtest ihm, du mütterliche Zauchtel!
    Bin’s eigenhäuptig Kaić Radovane!
      Du unterwarfst mich grimmig wilden Qualen
    und unterzogst mich Martern aller Art,
    ich dürft’ die Burg dir angezunden haben!
    Ich will dich schlimmren Qualen unterwerfen!
      Und packte bei den Händen an die Burgfrau
    und schnitt ihr allebeiden Hände weg
    und schnitt ihr durch auch allebeiden Brüste
    und durch die Brüste schob er durch die Hände.
    Dem greisen Burgherrn er das Leben schenkte.
      Zu seinem Schimmel Rade sich begab.
      Als er zum Schimmel und zur Kutsche kam,
    antraf er den Araber und sein Vollblut.
    Alsdann zu Raden der Araber sprach:
      — Du Freudendirne, Kaić Radovane!
    Dich kenn’ ich nur zu gut nach deinem Namen.
    Zugleich das Ziel erreichten unsre Renner!
      — Von hinnen troll dich, Schwarzaraberschuft!
    Bis du hier eintrafst, ruht ich aus den Schimmel,
    war schon indes beim Schwieger und der Schwiegrin,
    und hab’ beschenkt den Schwieger und die Schwiegrin!
      Das nahm der Schwarzaraber übel auf,
    zog flugs herab die Damaszenerbüchse
    und schoss die Ladung in die Brust dem Schimmel.
    Ein schrill Gebrüll, tot rollt das Ross im Rasen!
      Aufzischte Rade gleich ’ner Schlange scheckig
    und zückte blank den Säbel Nikolaus’
    und hieb das Haupt vom Rumpf ab dem Araber.
      Fing ein den schnellen Beduinenrenner,
    band an den Beduinen an die Kutsche
    und setzte mit der Maid sich in die Kutsche.
      Abzog zu seinem Herzensbruder Rade.
      Als er zur weissen Burg von Sibinj kam,
    als er zu Niklas Janjković gelangte:
      — Mein teurer Bruder Niklas Janjković,
    ich, Bruder, habe mir ein Weib genommen,
    doch dir gebracht den schnellen Beduinen.
    Dein Schimmel, leider, ist ums Haupt gekommen.
      Gilt wohl als Tausch das Vollblut für den Schimmel?
    Heisch Draufgab nur, soviel dir mag behagen!
    Des Burgherrn Schätze lagern hier im Wagen.
      — Traun, wohlgetan, mein liebster Herzensbruder,
    dass du, mein Bruderherze, dich beweibt!
    Und brachtest du mein Burggehöft in Brand
    und unterwarfst mich Qualen sonder Zahl,
    nachdem du Sühne schufst für deine Qual,
    begehr’ ich keinen Groschen noch Denar,
    all’ dies ich dir am heutigen Tag verwand!


NB. Es sind keine Druckfehler, sondern dialektische Eigentümlichkeiten
im Texte: V. 8 mljesec, V. 37 primišljat usw. (der Itazismus fast
durchgehends), V. 133, 234 mregju, V. 154 baanove (Verszwang!);
V. 159 ćamlje; V. 173 metro, V.  222 mere, V. 235 obljesi, V. 266
oblje. — Zu V. 163 ursprünglich vielleicht Tanković Osman, der
Wahlbruder Rades. — Zu V. 205. »Schwarzes deutsches Pack.« Ja,
heisst denn njemac einen Deutschen?! Im modernen Sprachgebrauche wohl,
doch nicht hier in der mit Survivals durchsetzten Volksprache. Das
Publikum und die Preisrichter waren diesmal Slaven und Italiener; das
weiss doch auch der Guslar, aber nijemac (der Stumme, der
Sprachunkundige) war dem Bauer jeder Fremde und dann jeder
nichteinheimische Mann, etwa so, wie noch im judendeutschen
Sprachgebrauche goj für jeden Nichtjuden gebraucht wird, ohne
gehässige oder feindselige, konfessionelle oder nationale
Nebenbedeutung. — Zu den V. 210–215 setzte weiland Dr. Isidor
Kopernicki, der nach meiner Forschungreise einen Teil meiner
Niederschriften durchlas, die Randbemerkung hinzu: pyszne! (prächtig).
— Zu V. 287 u. 295. Über das dunkle Wort šafka vergl. meinen
etymologischen Deutungversuch in: »Novak der Heldengreis«, Anm. zu
V. 218. — Zum Schluss sei erwähnt, dass die Begen Pilipović zu
Glamoč in Bosnien Rade als den Stammvater ihres Geschlechtes verehren.



Richard Schmidt und anderen, die vor ihm über Fakire, Dervische und
gleichartige Wundermenschen geschrieben, entging es, dass eine der
beliebtesten Gestalten der deutschen Nationalliteratur ihren Ruf und
Ruhm vor allem Künsten verdankt, die alles überragen, was Fakire je
zu leisten vermocht. Wer sich davon überzeugen will, der lese Das alte
Faustbuch nach, von dem August Holder auf Grund der alten Ausgaben und
anderer Quellen eine vorzügliche neue Bearbeitung geliefert hat
(Leipzig 1907, Deutsche Verlagaktiengesellschaft). Erkennen und kennen
wir vorerst unser eigenes Volktum, so verliert für uns das anderer
Völkergruppen sehr bald vieles von seinen Unverständlichkeiten und
Unbegreiflichkeiten. Auch Rade hat in unserer Gesellschaft
seinesgleichen.



Die Menschwerdung des hl. Panteleimon.


Kirchliche Legenden in den versifizierten Volküberlieferungen der
Südslaven aller drei Konfessionen sind verhältnismässig selten, am
häufigsten jedoch unter den katholischen Bauern anzutreffen. Bis in
die ersten Jahrzehnte des XIX. Jahrhunderts war die breite Menge der
bäuerlichen Bevölkerung des Lesens und Schreibens gänzlich unkundig,
die kirchliche Literatur war aber ausschliesslich das Vorrecht der
Geistlichkeit, die namentlich im Bosnisch-Herzögischen, keineswegs der
Lehrer des Volkes war. Am wenigsten bei den Altgläubigen, bei denen
Predigten in den Kirchen bis in die Neuzeit nicht üblich waren. Nur im
zufälligen Gespräche, z. B. an langen Winterabenden, erfuhr der
Bauer vom Popen manche Legende, wie man sonst Sagen und Märchen,
Schnurren und Rätsel einander zum Besten gibt. Halb verstand der Pope
die Legende nicht, halb begriff sie der Bauer nicht, aus dem Rest legte
sich der Guslar seine eigene Geschichte zurecht, anknüpfend an Motive,
die sowohl ihm als seinen Zuhörern geläufiger waren. So einen
Ursprung dürfte auch nachfolgende Legende haben. Die Nachbildung eines
Menschen behufs Zaubereien beruht auf fetischistischen-animistischen
Anschauungen, die dem südslavischen Volkglauben, gleich dem aller
Völker eigen sind. Die goldenen Hände und silbernen Füsse des
Heiligen sind kein besonderes Merkmal; denn bekanntlich werden
Reliquien solcher Art in Gold und Silber verwahrt. Unsere Legende hat
mit den griechischen und lateinischen Legenden über das Leben des hl.
Pantaleon, der zur Zeit Kaiser Maximinus als Arzt in Nikomedia in
Bithynien wirkte und den Märtyrertod verstarb, nicht einen Zug, soviel
ich sah, gemein [198]. Vielleicht wurzelt unsere Legende anderswo und
das Wunder ist nur durch einen Irrtum des Erzählers auf den, bei den
Altgläubigen sehr volktümlichen Heiligen übertragen.


    Rodio se sveti Pantelija.

      Dvije sestre brata ne imale
    pa po sebi brata ogradili
    ot kovilje i bijele svile:
    živo srce ot šimšira drvce
    a glava mu od zlata jabuka
    a crn perčin tura ibrišima,
    obrvice morske pijavice,
    sitni zubi dizije bisera,
    dva obraza dva knjige tabaka,
    trepavice krila lastavice,
    dvije ruke dvije šipke zlatne,
    dvije noge dva srebrna stupa.
      Donose mu piva i jestiva;
    usta mrtva jesti ne mogahu,
    jezik mrtav govorit ne more.
      To gledala dva božja angela,
    gledajući Bogu odocnili,
    odocnili Bogu na večeru.
      Bog je pito svoje dvije sluge:
   — Što ste meni sluge odocnili?
      — Odocnili čudo gledajući,
    gledajući na zemljici crnoj.
      Dvije sestre brata ne imaše
    pa po sebi brata ogradiše
    ot kovilje i bijele svile:
    živo srce ot šimšira drvce
    a glava mu od zlata jabuka
    a crn perčin tura ibrišima,
    obrvice morske pijavice,
    trepavice krila lastavice,
    dva obraza dva knjige tabaka,
    sitni zubi dizije bisera,
    dvije ruke dvije šipke zlatne,
    dvije noge dva srebrna stupa.
    Donose mu piva i jestiva;
    jezik mrtav govorit ne more,
    usta mrtva jesti ne mogahu.
      Bog govori svôma dvôma slugam:
      — Čujete l me moje dvije sluge
    (dvije sluge dva božja angela)
    pa spanite na zemljicu crnu,
    živijem ga dukom zadahnite,
    lijepo mu ime iźdjedite,
    iźdjedite ime Pantelije;
    neka bratac sestre poudade,
    poudade pa će pohoditi,
    i življeće četr’est godinâ,
    ondare će Bogu dolaziti.
      U mlagjega pogovora nejma;
    spadoše na zemljicu crnu,
    živijem ga dukom zadaknuše
    i lijepo ime izabraše,
    izabraše ime Pantelije.
      Ondar brate sestre poudade.
    poudade pa ih pohodio.
    Živio je četerest godinâ;
    ondar je se prestavio momak
    i samome Bogu odlazio.


    Wie der hl. Panteleimon geboren wurde.

      Zwei Schwestern einst, die hatten keinen Bruder,
    da bauten sie sich selber einen Bruder
    aus Pfriemenweide und aus weisser Seide
    und sein lebendig Herz aus Buchsbaummarke;
    sein Haupt gebaut aus einem goldnen Apfel,
    der schwarze Haarzopf eine Seidenquaste,
    die Augenbrauen Egeln aus dem Meere,
    die kleinen Zähne sind aus Perlenreihen,
    die beiden Wangen aus Papier zwei Bögen,
    die Augenwimpern einer Schwalbe Flügel,
    die beiden Hände, je ein golden Rütchen,
    die beiden Beine, je ein Silberbarren.
      Sie warten auf mit Speisen und Getränken,
    der tote Mund vertrug doch keine Nahrung,
    die tote Zunge ist nicht redekundig.
      Zwei Engel Gottes schauten das Beginnen,
    verspäteten im Schaun zu Gott die Heimkehr
    und kamen spät zu Gott nach heim zum Nachtmahl.
      Und Gott befragte seine beiden Diener:
      — Was habt Ihr euch, o Diener, so verspätet?
      — Im Schauen eines Wunderdings verspätet,
    im Schaun versunken auf der schwarzen Erde.
    Zwei Schwestern wohl, die hatten keinen Bruder,
    da bauten sie sich selber einen Bruder
    aus Pfriemenweide und aus weisser Seide
    und sein lebendig Herz aus Buchsbaummarke;
    sein Haupt gebaut aus einem goldnen Apfel,
    der schwarze Haarzopf eine Seidenquaste,
    die Augenbrauen Egeln aus dem Meere,
    die Augenwimpern einer Schwalbe Flügel,
    die beiden Wangen aus Papier zwei Bögen
    die kleinen Zähne sind aus Perlenreihen,
    die beiden Hände je ein golden Rütchen,
    die beiden Beine je ein Silberbarren;
    Sie warten auf mit Speisen und Getränken,
    die tote Zunge ist nicht redekundig,
    der tote Mund vertrug auch keine Nahrung.
      Da sprach Herr Gott zu seinen beiden Dienern:
      O hört Ihr wohl, Ihr meine beiden Diener
    (die beiden Diener, beide Engel Gottes),
    so lasst euch nieder auf die schwarze Erde,
    behauchet ihn mit wahrem Lebenodem,
    er sei von euch begabt mit schönem Namen,
    begabt ihn mit dem Namen Panteleimon.
    Das Brüderlein die Schwestern soll verheuren,
    verheuren soll er sie und dann besuchen,
    und vierzig Jahre soll sein Leben währen,
    dann wird zu Gott er seine Einkehr halten!
      Wer jünger ist darf nimmer widersprechen;
    sie senkten auf die schwarze Erd’ sich nieder,
    behauchten ihn mit neuem Lebenodem,
    sie wählten für ihn einen schönen Namen,
    sie wählten ihm den Namen Panteleimon.
      Darauf verheurte’s Brüderlein die Schwestern,
    verheurte sie und machte die Besuche.
      Sein Leben währte volle vierzig Jahre;
    dann ist er unbeweibt von hier verschieden
    und hat zum lieben Gotte sich begeben.


Zeile 9 und 31: dva kein Druckfehler. 42 und 51: dukom, richtig.

Mit welch tiefer Weihe diese Legende das Gemüt des Guslaren erfüllte,
merkte ich aus nachfolgender »Würze« (začinka), welche er, ohne
abzusetzen, an das Lied anschloss: spremi mene mati | u drvašca brati
| pa me srete, mati | momče neženjeno; | pa me stade, mati, | po
čelu pipati. | Ja esapljam, mati | dukat će mi dati | a kat stade,
mati, | po grlu pipati | ja esapljam, mati, | gjerdan će mi dati; |
jä, kat stade, mati | po njedrim pipati | ja esapljam, mati | joj
mati, mati | po njedrim pipati, | ja esapljam mati, | jabuku će dati.
| A kat stade, mati | po pasu pipati | ja esapljam, mati | čemer će
mi dati; | a kat stade, mati | noge podizati | ja esapljam, mati |
čizme će mi dati; | a kat stade, mati | na bat nabijati, | ja
esapljam, mati | voda će mi stati. | Ope moga’, mati | grôtom
nasmijati. Die Verdeutschung dazu gab ich in der Schrift: Die Zeugung
in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven, Paris 1899, S. 258. Zur
Legende steht die Würze in einem schroffen Gegensatze. Übrigens ist
sie sowohl inhaltlich als auch ihres eigenartigen, in den
südslavischen Volkliedern fast vereinzelt vorkommenden Reimes wegen,
eine der artigsten und auch anständigsten Würzen, welche ich zu
hören bekommen.

Der Guslar ist ein Altgläubiger namens Mićo Kosović, welcher aus
Gacko im Herzögischen vor etwa 20 Jahren nach Ročević an der Drina
in Bosnien eingewandert ist.



Echte und unechte Vilenkinder.


Mit feinsinnigem, dichterischem Gefühl und Empfinden, aber auch mit
gründlichem, gelehrtem Verständnis zeichnet Höfler Blüte, Verfall
und zeitweiliges Aufleben und Fortleben deutscher Waldgeistersippe im
Bajuwarenlande [199]. Der geschilderte Vorgang ist zwar nichts weniger
als deutsch eigentümlich; er spielte sich ja überall ab, wo noch
Christentum oder Islam, Kongfutse’s Erfahrungweisheit oder Buddhas
Weltanschauungen mit, oder neben, oder durcheinander auf ältere Kult-
und Glaubenschichten die alleinseligmachende Heillehren
hinverpflanzten. Das Alte ward häufig bis in den Boden hinein
zertreten, doch die Wurzeln schlugen wieder kräftige Reisschösslinge
aus und die verwuchsen oft mit dem neuen, öffentlich gepflegten und
geschützten Setzlingen und überwucherten sie zuweilen, so dass
mitunter erst das sorgfältig prüfende Forscherauge was alt, was neu,
zu scheiden vermag.

Aus vormonotheistischer Glaubenzeit behaupteten sich in Europa die
Wald- und Feldkulte und deren Geisterwelt vielleicht am stärksten. Der
geheimnisvolle Zauber des wilden, so des traumverloren stillen als des
stürmisch rauschenden Waldes und des weiten, wogenden Fruchtgefildes,
die so wundersame Sprache des Windes und der Wolken übten ihre
überwältigende Macht trotz himmelragender Kirchen, Moscheen und
düsterer Felsentempel noch ständig auf das nach Lösungen der
Lebenrätsel sich bange sehnende Gemüt der Völker aus. Meist sind sie
gut und liebtraut die Geister des Waldes zur Menschenblüte, die sich
ihnen vertrauenvoll naht. Sie scheuen nicht einmal, Minne mit dem
Menschenkinde zu pflegen; sie sind die unerfahrenen, die arglosen, und
der Mensch, der aberwitzig viel weiss, verscheucht und verfolgt sie mit
grimmiger Wut. Die tapfersten und die reichsten, die weisesten und die
Wasserköpfe führten einst in verschollener Vergangenheit ihren
Ursprung auf Vermischung ihres Stammvaters oder ihrer Stammutter mit
Wald- und Wolkengeistern zurück. Kinder solcher freien Liebe
vollbrachten Wundertaten, von denen manche Sage nachklang, und die
Spätgeborenen berühmten sich ihrer [200].

Eitelkeit und Stolz hielten nicht Stand dem Ansturm der neuen
Religionen und dem himmelhaschenden Verfolgungeifer ihrer Anhänger.
Entsagte einer nicht willig der alten Überzeugung, so zerschnitt gar
sein Nächster mit blutigem Schwert das Liebeband, und heil dem Manne,
dessen Leib verschont noch blieb und nicht auch mit ins Verderben
geriet. Beg Jovo unseres ersten Liedes ist so ein Glückkind. Von
einigen seiner schwedischen Glaubenbrüder berichten Gerichtakten
traurigere Abwicklungen. »So fest haftete der Glaube an Liebschaften
von Menschen mit Waldfrauen, dass z. B. am 22.–23. Dezember 1691
vom Häradgericht ein zweiundzwanzigjähriger Bursch aus dem Markhärad
zum Tode verurteilt wurde wegen unerlaubter Vermischung mit einem
Skogs- oder Bergsrå. Und noch am 5. August 1701 wurde Volontär Måns
Malm angeklagt und vor Gericht gezogen, weil er sollte mit einem
Skoǔgrå zu tun haben [201].«

Eine verwandte, halbverklungene Mär, wobei der alte Glaube zu Fall
kommt, erzählt unser Lied. Eine Vila büsst samt ihrem Wunderkindlein
das Leben ein, und sie war nur unwissend eines Ehemannes getreue
Buhlin. Ihr böser Schwager schafft sie tückisch aus der Welt, um den
Bruder aus unheimlicher Gewalt zu erretten, wie er glaubte.

Ehemals waren Vilen dem Volke vielleicht vorwiegend lautere Urbilder
von Frauenschönheit und Frauenlieblichkeit; und wie man bei
ausserordentlichen Anlässen im Leben, bei Hochzeiten und Sterbefällen
seine teuersten Angehörigen und Freunde mit den Kosenamen Sonne, Mond,
Morgenstern und Frührot bedenkt, [202] so hiess man in freudig
gehobener Stimmung anmutige, gütige, reizvolle und edelhilfbereite
Frauen Vilen. Das ist nicht mehr und nicht weniger als eine
dichterische Steigerung der sonst im Verkehr üblichen
Zärtlichkeitanrufungen Brüderlein, Öhmchen, (baja, brate, ujo, dajo,
amidža) und Schwesterlein, Söhnerin, Tantchen (seko, sejo, snaho,
teto), mit denen man Leute beehrt, die einem in Wahrheit auch nicht im
entferntesten verwandtschaftlich nahe stehen.

Dieser schöne, den Südslaven, wie den Lithauern vollkommen gemeinsame
Sprachgebrauch, den Romantiker unter den Mythenauslegern, gleichsam wie
Traumdeuter, ganz und gar missverstanden, erhielt sich vorzüglich noch
rein in der Sprache des Dichters, oder vielmehr in Liedern die sich von
Geschlecht zu Geschlecht vererbt und behauptet haben. Sonst aber ist in
der gewöhnlichen Alltagrede des verchristlichten und verislamten
Volkes Vila zu einem garstigen Schimpfworte herabgesetzt worden.

Das zweite und das dritte Lied bewahren eben nur die Redeweise der
entschwindenden Glaubenzeit, sonst sind sie gar nicht mythisch. Sie
vermelden nämlich bloss einfache Neckgespräche aus dem Frauenleben
des Volkes. Das zweite nur halb und halb; denn der Vorwurf von den
schweren Aufgaben, deren Erfüllung einer Braut obliegt, ist ein
Gemeingut europäisch-asiatischer Sagenwelt, kann aber bei seiner
Schlichtheit auch ursprünglich slavisch sein; dagegen ist das dritte
Lied auf serbischem Boden, im serbischen Volktum, gleich dem ersten
erstanden und für uns Abendländer erst bei näherer Kenntnis der
gesellschaftlichen Lage der südslavischen Frau klar verständlich.

Ein jungverheiratetes Weib ist im Begriffe bald nach der Flitter-Woche
nach Brauch den ersten Besuch in ihrem Elternheime in einem entfernten
Dorfe abzustatten [203]. Sie will eine junge, ledige Freundin, — sie
schmeicheln einander mit den Koseworten Vila und Schwester —
mitnehmen, wenn sie sich ganz ihr anvertrauen mag, hier, wie es sich
zeigt, in ihre Mundschaft begeben. In der verschleiert bedingten
Einwilligung der Vila-Jungfrau klingt launig das Zwiegespräch aus.

Die drei Lieder reihe ich absichtlich aneinander, um ein Beispiel zu
geben von einem echt mythischen Stoff und von zwei anderen, die man
nach einer, leider noch lange nicht überwundenen Deutungkunst als
ausserordentlich mythologisch interessant auslegen kann [204]. Man soll
hieraus den Unterschied zwischen echten und unechten Vilenkindern
erkennen lernen.


    I.

      Pošetala Jovanbegovica
    po bostanu po svojemu cvjeću,
    ot cvijeta do cvijeta sama
    pa dolazi kaloperu cvjetu;
    kaloperu tiko progovara:
      — Kaloperu jalovo cvijeće
    nit se siješ nit se presagjuješ,
    baš ko i ja nevjestica mlada
    nit se ljubim nit evlada imam!
    Evo danas devet godinica,
    kako sam ja za beg Jovu pošla,
    još ja ne znam gje beg Jovo spava,
    gje li spava gje l se raspasiva.
    Danjom ide u lov u planinu
    a s večeri s konjma na livadu.
      Ona misli, niko je ne čuje,
    al to sluša njen mijo djevere,
    mijo djever Joso čelebija,
    pa svom bratu tijo progovara:
    — A Boga ti, moj brate Jovane,
    ja ću ići s konjma na livadu,
    ti ostani kod bijela dvora!
      To je Jovo brata poslušao.
    Ode Joso s konjma na livadu,
    osta Jovo u bijelu dvoru.
      Kad je bilo večer po akšamu
    razasja se zelena livada.
    Al eto ti nagorkinje vile.
    Ona nosi čedo pot kriocem
    pa ga meće Josi na sadžadu.
      Ovako je čedu govorila:
      — Eto tebi tvoga mila babe!
      Kat to začu Joso čelebija,
    skočijo ga od zemlje na noge
    pa poteže nože okovane
    i posječe nagorkinju vilu.
      A uzima čedo prenejačko
    pa ga baca nebu pod oblake,
    na gole ga nože dočekuje;
    isiječe čedo prenejačko.
      Pa on ode svom bijelom dvoru
    pa govori svojoj nevjestici:
      — Čuješ mene, moja nevjestice,
    posjeko sam tvoga dušmanina!
    Kat do začu Jovo čelebija
    udari se rukom po koljenu:
      — Jaoj meni do Boga miloga!
    pogubi mi moju ljubovnicu
    i mojega sina prenejačka
    zlatni ruku i zlatnog perčina!


    II.

      Vila ženi svog sina jedina
    baš latinkom lijepom gjevojkom;
    poručuje nagorkinja vila:
      — Snako moja, latinko gjevojko,
    meti dvore, da praka nejmade,
    loži vatru, da dima nejmade,
    nosi vodu, da trunja nejmade,
    jer ja nejmam sina nek jednoga.
    Nemo