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Title: Anna Karenina, 2. Band
Author: Tolstoi, Leo N.
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Anna Karenina, 2. Band" ***

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                             Anna Karenina.


                        Roman aus dem Russischen

                                  des

                         Grafen Leo N. Tolstoi.



                  Nach der siebenten Auflage übersetzt

                                  von

                              Hans Moser.


                             Zweiter Band.



                                Leipzig

                Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

                   *       *       *       *       *



                             Fünfter Teil.

                                   1.


Die Fürstin Schtscherbazkaja fand, daß es unmöglich sei, die Hochzeit
vor den Fasten, bis zu denen noch fünf Wochen waren, zu feiern, da die
eine Hälfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war;
doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklären,
daß es nach den Fasten wieder viel zu spät werden würde, da eine alte
Tante des Fürsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben
konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzögert
haben würde. Die Fürstin erklärte sich infolge dessen, nachdem sie die
Mitgift in zwei Partieen -- eine große und eine kleine geteilt hatte,
damit einverstanden, daß die Hochzeit zu den Fasten gefeiert würde. Sie
beschloß den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen,
während der größere später folgen würde, und war sehr erbost über
Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte,
ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war
um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf
das Land gingen, wo die große Mitgift gar nicht erforderlich war.

Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzücktheit, in
welchem es ihm schien, als ob er und sein Glück den hauptsächlichsten
und einzigen Zweck alles Seienden bildete, daß er jetzt an nichts
denken, für nichts sorgen dürfe, daß vielmehr alles für ihn von anderen
gemacht wurde oder gemacht werden würde. Er hatte durchaus keine Pläne
oder Ziele für sein zukünftiges Leben, sondern gab die Entscheidung
hierüber anderen anheim in der Überzeugung, es werde schon alles gut
gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die
Fürstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollständig
einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld
für ihn auf, die Fürstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen,
Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen.
Er war mit allem einverstanden. »Thut was Ihr wollt, wenn es Euch
Vergnügen macht. Ich bin glücklich, und mein Glück kann nicht größer
sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun möget,« dachte er.

Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine
Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, daß sie
damit nicht einverstanden war, sondern bezüglich des beiderseitigen
künftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie
wußte, daß Lewin seine Beschäftigung auf dem Lande hatte, die er
liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern
wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies
nicht, jene Beschäftigung für sehr wichtig zu halten. Sie wußte ferner,
daß ihr Haus in einem Dorfe stand, und wünschte nun eben, nicht ins
Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben würde, sondern dorthin, wo
ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprägte Entschluß setzte Lewin
in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgültig war, bat er sogleich
Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wäre, auf das
Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstünde, mit
jenem Geschmack, den er in so reichem Maße besäße.

»Höre einmal,« sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin,
-- vom Dorfe zurückgekommen, woselbst er alles für die Ankunft des
jungen Paares eingerichtet hatte -- »hast du denn ein Zeugnis, daß du
gebeichtet hast?«

»Nein. Warum?«

»Ohne dies wirst du nicht getraut!«

»O, o, o,« rief Lewin aus; »ich habe ja schon seit neun Jahren keine
Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!«

»Du bist mir Einer,« lachte Stefan Arkadjewitsch, »und mich willst
du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht -- du mußt
fasten.«

»Wann denn? Es sind noch vier Tage übrig.«

Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten.
Für ihn, als einen Häretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer
achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen
Ceremonien sehr lästig. Jetzt, in seiner allen gegenüber gefühlvollen,
weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu
heucheln, Lewin nicht nur lästig, er schien ihm vielmehr vollständig
undurchführbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blüte sollte
er entweder lügen oder spotten! Er fühlte sich nicht in der Lage, eines
von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen
mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten könne, ohne gefastet zu haben,
Stefan Arkadjewitsch erklärte, dies sei unmöglich.

»Und was kann es dir darauf ankommen -- zwei Tage? Er ist ein so
lieber, verständiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen,
daß du es gar nicht gewahr wirst.«

In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen
an seine Jünglingszeit und jene mächtigen religiösen Gefühlsregungen
wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten
Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald überzeugte er sich, daß ihm dies
vollständig unmöglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken,
wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besaß, und
Ähnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, daß
er auch dies durchaus nicht über sich gewann. Lewin befand sich der
Religion gegenüber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem
vollständig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber
bei alledem doch nicht fest überzeugt davon, daß alles Glauben unwahr
sei, und so empfand er denn -- weder imstande, an die Bedeutsamkeit
dessen zu glauben, was er that, noch fähig, gleichgültig darauf zu
schauen, wie auf eine leere Formalität -- während der ganzen Zeit
dieser Fasten ein Gefühl von Unbehagen und Scham, indem er that, was
er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte,
gewissermaßen irrig und nicht gut war.

Während der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemühte sich,
ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht
in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, daß er nichts
verstehen könne und sie verwerfen müsse, die Gebete nicht zu hören und
beschäftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen,
die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit während dieses müßigen Stehens
in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen.

Er hörte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als
sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben,
um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frühgebete und die
Beichte zu hören.

In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und
die Kirchendiener.

Ein junger Diakonus, dessen langer Rücken sich in zwei Hälften
scharf unter dem dünnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann
sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen.
An der Art seines Lesens, besonders an der häufigen und schnell
aufeinanderfolgenden Wiederholung der nämlichen Worte »Herr erbarme
dich unser«, die von der Hast völlig entstellt klangen, fühlte Lewin,
wie ihr Sinn für diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fühlte
aber auch, daß es sich nicht zieme, jetzt daran zu rühren, da hieraus
nur eine Verwickelung entstehen konnte -- und so fuhr er fort, hinter
dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hören oder sich in ihn zu
versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken.

»Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand,« dachte er, sich
vergegenwärtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten.
Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets
während dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend,
diese geöffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre
Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand geküßt und dann die
ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handfläche betrachtet hatte.

»Wieder das entstellte >Herr erbarm dich<,« dachte Lewin, sich
bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rückens
des sich beugenden Diakonus schauend. »Sie nahm darauf meine Hand und
betrachtete die Linien; >du hast eine schöne Hand<, hatte sie gesagt«
und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. »Ja,
nun ist es bald zu Ende,« dachte er, »nein, es scheint wieder von vorn
anzufangen,« dachte er, den Gebeten lauschend; »doch, es ist zu Ende,
da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der
Fall.«

Diskret mit der Hand unter dem Plüschaufschlag ein Dreirubelpapier
in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren
und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend über die
Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute
schaute er von dort wieder zurück und winkte Lewin. Der Gedanke,
welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt
wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu
weisen.

»Es wird sich schon machen,« dachte er und schritt zu dem Altar.
Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den
Geistlichen. Der greise Priester mit spärlichem, halbergrautem Bart und
mattem gutmütigem Blick stand und blätterte in der Agende. Nachdem er
Lewin leicht gegrüßt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich
die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur
Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin.

»Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,«
sprach er, auf das Kruzifix deutend. »Glaubet Ihr an alles, was uns
die heilige apostolische Kirche lehrt?« fuhr der Geistliche fort, die
Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion
legend.

»Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem,« sagte Lewin mit einer
Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann.

Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas
Weiteres sagen würde, und sprach dann, die Augen schließend, in
schnellem wladimirschen o-Dialekt:

»Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir müssen
beten, auf daß der barmherzige Gott uns stärke. Was für besondere
Sünden habt Ihr auf Eurem Gewissen?« fügte er hinzu, ohne die geringste
Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit
verlieren.

»Meine vornehmste Sünde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich
befinde mich größtenteils nur in Zweifeln.«

»Der Zweifel ist der menschlichen Schwäche eigen,« wiederholte
der Geistliche mit den nämlichen Worten, »aber woran zweifelt Ihr
vornehmlich?«

»An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein,« antwortete
Lewin unwillkürlich, und erschrak über das Unziemliche dessen, was er
gesprochen hatte.

Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins
keinen Eindruck.

»Welche Zweifel können wohl über Gottes Dasein walten?« sagte er
schnell und mit kaum merklichem Lächeln.

Lewin schwieg.

»Welchen Zweifel könnt Ihr an dem Weltenschöpfer haben, wenn Ihr seine
Werke schaut?« fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmäßiger
Sprache fort. »Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmückt? Wer hat
die Welt in ihrer Schönheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schöpfer
möglich gewesen sein?« sprach er, fragend auf Lewin schauend.

Dieser fühlte, daß es unschicklich gewesen wäre, einen philosophischen
Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort
nur, was sich auf die Frage selbst bezog.

»Ich weiß es nicht.«

»Ihr wißt es nicht? Aber wie könnt Ihr dann daran zweifeln, daß Gott
alles geschaffen hat?« versetzte heiter-bedenklich der Geistliche.

»Ich begreife nichts,« antwortete Lewin errötend, und im Gefühl, daß
seine Worte thöricht waren und in dieser Situation thöricht sein mußten.

»Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenväter haben gezweifelt
und Gott gebeten um Stärkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar große
Macht und wir dürfen uns ihm nicht überliefern. Betet zu Gott und
bittet ihn. Betet zu Gott,« -- wiederholte der Geistliche und schwieg
hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. »Wie ich
vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter
meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Fürsten Schtscherbazkiy zu
treten?« frug er lächelnd, »das ist eine herrliche Jungfrau!«

»Ja,« antwortete Lewin, über den Geistlichen errötend; »wozu brauchte
derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen?« dachte er bei sich.

Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er
zu Lewin: »Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu
treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so?
Welche Erziehung könnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr
selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der
Euch zum Unglauben verleitet?« frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf.
»Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht
nur Reichtum, Überfluß und Würden Eurem Kinde wünschen; Ihr werdet
auch sein Heil wünschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht
der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das
unschuldige Kindlein Euch frägt, Vater, wer hat das alles geschaffen,
das mich in dieser Welt so sehr ergötzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen
und Gräser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich weiß es nicht?
Ihr müßt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch
geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch früge >was erwartet
mich im ewigen Leben?< Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts
wißt? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz
der Welt und des Teufels zeigen? Das wäre nicht gut,« sagte er und
hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften
Augen anschauend.

Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in
einen Streit mit dem Geistlichen hätte kommen mögen, sondern, weil ihm
noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal
Nachkommen sie ihm stellen würden, noch Zeit genug hatte, darüber
nachzudenken, was er dann antworten wollte.

»Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens,« fuhr der Geistliche
fort, »da es nötig ist, einen Weg zu wählen und sich auf demselben zu
halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Güte Euch helfe und sich
Eurer erbarme,« schloß er. »Unser Herr und Gott Jesus Christus in
seiner göttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe
dir mein Sohn!« und das Sühnegebet beendend, segnete ihn der Priester
und entließ ihn.

Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges
Gefühl darüber, daß diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte,
so erreicht, daß er nicht hatte zur Lüge greifen müssen. Daneben aber
war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurückgeblieben, daß das,
was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so
dumm gewesen war, als es ihm anfänglich geschienen, und daß es etwas
hierbei gebe, was der Aufklärung bedürfe.

»Natürlich nicht jetzt,« dachte Lewin, »aber später einmal.« Lewin
fühlte jetzt mehr, als früher, daß in seiner Seele etwas unklar und
unrein sei, und daß er sich in Bezug auf die Religion in der nämlichen
Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern
gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwürfe
gemacht.

Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend
heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der gährenden
Gemütsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, daß er sich
wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt
habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgeführt hat, was
von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzücken auf
Tische und Fenster springt.


                                   2.

Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte -- auf
der Beobachtung aller Gebräuche beharrten die Fürstin und Darja
Aleksandrowna streng -- seine Braut nicht zu sehen und speiste im
Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig
gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund
und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der
Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein
Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd.

Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in
aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs
Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität
geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und
Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren
und gutmütigen Art.

»Da haben wir es ja,« sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder
angenommenen Art, die Worte zu dehnen, »welch ein tüchtiger Bursch
unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden
natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die
Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte
er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner
Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere -- um
diesen Betrug zu rechtfertigen.«

»Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch
nicht gesehen,« sagte Sergey Iwanowitsch.

»O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der
Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen
können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen -- müssen zu
deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für
die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von
Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.«

»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch
verliebt hättet,« sagte Lewin, »ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!«

»Ich bin schon verliebt.«

»Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,« wandte sich
Lewin an seinen Bruder, »daß Michail Ssemionowitsch ein Werk über
Ernährung schreibt und« --

»Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es
handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben
soll.«

»Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.«

»Er nicht, aber das Weib hindert.«

»Inwiefern denn.«

»Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd --
paßt nur auf!«

»Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno
wären, und zwei Bären,« sagte jetzt Tschirikoff.

»Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.«

»Ganz richtig,« sagte Sergey Iwanowitsch, »empfehle dich nur gleich
von vornherein der Bärenjagd -- deine Frau wird dich nicht mehr
fortlassen.«

Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur
Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem
Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen.

»Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt
werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war
eine wunderbare Jagd,« sagte Tschirikoff.

Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die
Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht.

»Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom
Junggesellenleben eingebürgert,« sagte Sergey Iwanowitsch, »wie
glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene
Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche
Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.«

»Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,« sagte
Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus.

»Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach
Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir
mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,« meinte Tschirikoff
lächelnd.

»Nun, bei Gott,« antwortete Lewin lächelnd, »ich kann in meinem Innern
dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.«

»Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr
überhaupt nichts darin finden könnt,« sagte Katawasoff, »wartet nur,
wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet,
dann werdet Ihr es schon finden.«

»Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,«
-- von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, »noch ein Glück
gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren -- aber im
Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!«

»Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!« sagte Katawasoff, »nun, trinken
wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein
Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück
werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.«

Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur
Hochzeitsfeier Toilette zu machen.

Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze
vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich
dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der
Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage.
»Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man
liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt,
ohne jede Freiheit -- dies ist das Glück! -- Aber kenne ich denn ihre
Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?« flüsterte ihm plötzlich eine
Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank
in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt,
es überkam ihn Furcht und Zweifel -- ein Zweifel an allem. -- »Wie,
wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen
heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht
wüßte, was sie thut?« frug er sich. »Sie kann zur Erkenntnis kommen
und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht
lieben kann?« Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen
ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie
ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy
gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm
nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. »Nein, so geht es
nicht!« sprach er voll Verzweiflung zu sich. »Ich werde zu ihr gehen,
sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es
nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges
Unglück, als Schande und Untreue!« Verzweiflung im Herzen und voll Zorn
gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und
fuhr zu ihr.

Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit
einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider
durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem
Fußboden ausgebreitet lagen.

»Ah!« rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude.
»Wie kommst du -- wie kommt Ihr« -- bis zu diesem letzten Tage hatte
sie bald »du«, bald »Ihr« zu ihm gesagt -- »das habe ich nicht
erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine
oder Andere« --

»Ach, sehr gut!« antwortete er düster, auf die Zofe blickend.

»Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen,« sagte Kity. »Was
ist dir?« frug sie, ihn unbedenklich mit »du« ansprechend, sobald das
Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches
aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie.

»Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,« sprach er,
Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr
beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen,
treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde,
was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das
Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. »Ich bin
gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder
aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.«

»Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?«

»Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß;
das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen,
mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen.
Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn -- sage lieber«
-- sprach er, ohne sie anzublicken. »Ich werde unglücklich sein. Mögen
alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist
besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist« --

»Ich verstehe nicht,« antwortete sie erschreckt, »das heißt, du willst
alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?« --

»Ja, wenn du mich nicht liebst.«

»Du bist von Sinnen!« rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein
Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und
sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. »Was
denkst du eigentlich; sage mir alles!«

»Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich
denn lieben können?«

»Mein Gott, was soll ich anfangen?« sagte sie und brach in Thränen aus.

»O, was habe ich gethan!« rief er jetzt und begann, vor ihr auf die
Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen.

Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die
beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert,
daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend,
weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum.

Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil
sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets
gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die
Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer
und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid,
welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der
Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses
Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue
schenken.

»Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher
nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.«

Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie
halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach
Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da
Charles sogleich kommen würde.

»Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist
magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr
aus der Fassung,« sagte sie zu ihm; »mach daß du fortkommst nach Hause,
nach Hause mein Lieber.«

Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel
zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle
in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem
Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren.

Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren
pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild
mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer
gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte,
wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte
Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr
gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war.

Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan
Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine
Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem
befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem
gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das
Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte,
abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen
vertiefte.

»Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn
abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte,
vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.«

»Gewiß, sehr gern.«

»Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?«
frug Stefan Arkadjewitsch.

»Sie sind es,« versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu
bringen.


                                   3.

Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur
Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die
Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster
unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter.

Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße
entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte
nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich
kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in
Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi
oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst
waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden
Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten
Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das
Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens
mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen
des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die
Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf
der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und
weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und
Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern
und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes
Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald
das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das
Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den
eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür
hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein
verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach
rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den
Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich
nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten
hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen.

Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem
Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei
Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen,
und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann
wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste
gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam
dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien.

Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung
des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern
klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann
das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte
fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort,
ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in
seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger
und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams.

Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend »das ist aber doch
seltsam« und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut
ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren
fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity
stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier
und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester
vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und
blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich
die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in
der Kirche erwartend.

Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste
und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür
hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor
jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll
Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und
wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch.

»Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und
albernen Lage befunden?« sagte er.

»Ja, es ist dumm,« bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd,
»doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.«

»Nein, sicherlich,« sagte Lewin mit verhaltener Wut, »und diese
albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!« sagte er mit einem Blick
auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. »Und wie, wenn die
Sachen schon zur Bahn wären?« rief er voll Verzweiflung.

»Dann ziehst du ein Hemd von mir an!«

»Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!«

»Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es
wird sich machen.«

Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte
Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte.

»Und das Hemd?« rief Lewin.

»Das habt Ihr ja schon an,« versetzte Kusma mit stoischem Lächeln.

Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und
nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den
Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend
abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar
Fräcken.

Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich
unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den
Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein
Geschäft.

Der Diener kam zurück: »Alles war geschlossen -- es ist Sonntag
heute.« -- Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam,
aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den
Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in
der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes
Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen
und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese
jetzt denken mochte.

Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit
dem Hemd in das Zimmer herein.

»Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem
Fuhrwerk,« sagte er.

Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine
Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang.

»Damit kannst du nicht mehr viel helfen,« sagte Stefan Arkadjewitsch
lächelnd, ihm hastig nachstrebend. »Es wird sich schon machen, es wird
sich schon machen -- sage ich dir!«


                                   4.

»Er ist da! -- Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung?
Und sie -- ja -- mehr tot als lebendig!« -- klang es in der Menge
durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt
begrüßt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat.

Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzögerung
mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lächelnd untereinander.
Lewin sah und hörte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine
Braut.

Alle sagten, daß sie in den letzten Tagen sehr abgenommen hätte, und im
Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewöhnlich, aber Lewin fand
dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weißen Schleier
und den weißen Blüten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der
eigenartig jungfräulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken
Hals bedeckte und auf die überraschend enge Taille, und ihm schien,
daß sie so schöner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese
Blüten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer
Schönheit noch etwas hätte hinzufügen können, sondern, weil trotz der
künstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens,
ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nämliche bei ihr geblieben war
mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit.

»Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen,« sagte sie lächelnd zu
ihm.

»Es war so thöricht, was sich mit mir zugetragen hat, daß ich es gar
nicht erzählen kann,« antwortete er, errötend, mußte sich aber jetzt zu
seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden.

»Nicht übel, die Geschichte mit deinem Hemd,« sagte Sergey Iwanowitsch,
lächelnd den Kopf schüttelnd.

»Ja, ja,« versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach.

»Nun, mein Konstantin, jetzt müssen wir,« sagte Stefan Arkadjewitsch
mit scheinbar erschrecktem Gesicht, »eine wichtige Frage entscheiden.
Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu
ermessen. Man frägt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden
sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel
aus,« fügte er hinzu, die Lippen zu einem Lächeln kräuselnd, »ich habe
entschieden, fürchte jedoch, daß du mir deine Einwilligung nicht geben
wirst.«

Lewin erkannte, daß dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte
nicht zu lächeln.

»Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.«

»Nun, nicht gebrannte.«

»Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden,« sagte Stefan
Arkadjewitsch lächelnd. »Aber wie thöricht doch die Menschen in einer
solchen Situation werden,« fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort,
nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut
getreten war.

»Paß auf, Kity, du mußt also zuerst auf den Teppich treten,« sagte die
Gräfin Nordstone herzukommend. »Wie stattlich Ihr ausseht,« wandte sie
sich an Lewin.

»Dir ist doch nicht ängstlich?« frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante.

»Ist dir nicht wohl? Du bist blaß. Halt, beuge dich ein wenig,« sagte
die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schönen Arme krümmend und
lächelnd ihr die Blüten auf dem Haupte ordnend.

Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts
herausbringen und begann zu weinen und unnatürlich zu lachen.

Kity schaute alle mit den nämlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin.
Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck
angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar,
welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an
Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der
Priester gesagt hatte.

»Nehmt Eure Braut an der Hand und führt sie,« sagte der Brautherr zu
ihm.

Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man
besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben --
weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen
Arm nahm -- als er endlich erkannte, daß er mit der rechten Hand ohne
seine eigene Stellung zu verändern, sie ebenfalls bei der rechten Hand
zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehörigen Weise
bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor
und blieb auf der Altarerhöhung stehen. Die Schar der Verwandten und
Bekannten in summendem Gespräch und unter dem Rauschen der Schleppen
folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe
der Braut. In der Kirche wurde es so still, daß man das Fallen der
Wachstropfen vernahm.

Der alte Priester im Scheitelkäppchen mit seinen schimmernden,
silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten
geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hände aus dem schweren
silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken geschmückten
Gewand hervor und blätterte noch ein wenig auf dem Altar.

Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flüsterte ihm,
nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurückkehrte.

Der Geistliche zündete zwei mit Blumen geschmückte Kerzen an, indem er
sie mit der linken Hand schräg hielt, sodaß das Wachs langsam von ihnen
herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermählten. Der Geistliche
war der nämliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit
mattem, traurigen Blick auf Bräutigam und Braut, seufzte und segnete
mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den
Bräutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein hütender
Zärtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte
hierauf beiden die Kerzen und verließ sie langsam, das Räucherfaß
nehmend.

»Ist es denn wahr?« dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von
oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren
Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, daß sie seinen Blick
empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rüschenkragen
bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er
sah, daß ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte,
welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit
dem Hemd, der Verspätung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und
Verwandten, deren Mißvergnügen, seine komische Situation -- alles das
war plötzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich
zu Mut.

Der schöne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd
und den nach seitwärts in gewundenen Locken gekämmten Haaren trat
schnell vor und blieb, in der üblichen Geste mit zwei Fingern die Stola
hebend, dem Geistlichen gegenüber stehen.

»Segne, Herr!« ertönten langsam einer nach dem anderen, feierliche
Klänge, die Luft in Schwingungen versetzend.

»Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und fürderhin in alle Ewigkeit,«
antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer
auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfüllend von den
Fenstern an bis zu den Kreuzbögen, erhob sich, harmonisch und getragen,
ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen
Augenblick und erstarb dann.

Man betete, wie üblich, für den himmlischen Frieden und das Seelenheil,
für die Synode und für Gott, es wurde gebetet auch für den Knecht
Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten.

»Daß ihnen sende hernieder eine völlige friedsame Liebe, daß ihnen
helfe Gott, das bitten wir,« atmete gleichsam die ganze Kirche von der
Stimme des Protodiakonus.

Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. »Wie konnte man
vermuten, daß Hilfe not that, gerade Hilfe?« dachte er, sich alle seine
kürzlichen Befürchtungen und Zweifel wieder zurückrufend. »Was weiß
ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings,
Hilfe thut mir jetzt not.«

Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester
mit seinem Buche zu den Verlobten: »Ewiger Gott, der du das Getrennte
vereinet hast,« las er mit weicher, singender Stimme, »der das Band
der Liebe unauflöslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat,
dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie
selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen
Segen wünsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe
bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen
Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« Wiederum ertönte in
der Höhe der unsichtbare Chor.

»Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie
gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in
diesem Augenblick empfindet,« dachte Lewin. »Ob sie wohl das Nämliche
fühlt wie ich?«

Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schloß,
daß sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht
der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie
verstanden, ja, diese während der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie
war nicht fähig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mächtig war jenes
eine Gefühl, welches ihr die Seele füllte und mehr und mehr zunahm.
Dieses Gefühl war das der Freude über die endgültige Vollendung dessen,
was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war
und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrückt
hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nämlichen Tage, als sie in dem
zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu
ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde
ein völliger Bruch mit ihrem früheren Leben vollzogen; sie hatte
ein vollständig anderes, neues, ihr noch völlig unbekanntes Leben
begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt.
Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch
qualvollste Zeit für sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wünsche und
Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht
verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch
weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald
näherungslustiges, bald abstoßendes Gefühl; bei alledem aber fuhr sie
fort, in den Verhältnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben.
In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden über sich
selbst, über ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgültigkeit ihrer
gesamten Vergangenheit gegenüber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten,
den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die
über diese Gleichgültigkeit erbost war, und ihrem guten, früher über
alles in der Welt geliebten, zärtlichen Vater gegenüber. Bald erschrak
sie über diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude über das, was sie
dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wünschen
als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht
eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen.
Es war nur ein Erwarten -- Furcht und Freude über etwas Neues und
noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und
die Unkenntnis, die Reue über den Verzicht auf ihr vorheriges Leben
vorüber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht
furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar
oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in
ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich
lange vorher schon in derselben vollzogen hatte.

Wieder auf den Altar zurückgekehrt, nahm der Geistliche mit Mühe den
sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen
lassend, an dessen erstes Fingerglied. »Es wird verbunden der Knecht
Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina.« Nachdem er den
großen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwächlichkeit Mitleid
erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das
Nämliche.

Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun müßten,
irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flüsternder
Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er
die Ringe gesegnet hatte, übergab er nochmals Kity den großen und
Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung,
und wechselten zweimal den Ring, ohne daß das zu stande kam, was
erforderlich war.

Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu
verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lächeln entstand, aber der
feierlich stille Ausdruck auf den Zügen des Brautpaares änderte sich
nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Händen geirrt hatten,
schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lächeln,
mit welchem Stefan Arkadjewitsch flüsterte, daß jetzt jedes seinen
eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkürlich auf dessen
Lippen. Er fühlte, daß jedes Lächeln sie nur kränken könne.

»Denn du hast von Anfang an das männliche Geschlecht geschaffen und
das weibliche,« las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, »und von
dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung
des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die
Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und für deinen Bund, für deine
Knechte, unsere heiligen Väter, deine Auserwählten; schaue auf deinen
Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und bestätige ihren Bund im
Glauben und in der Einmütigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.«

Lewin empfand mehr und mehr, daß alle seine Ideen über das Heiraten,
seine Gedanken darüber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen,
kindlich gewesen waren, und daß hier etwas vor sich ging, was er
bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger
verstehe, obwohl es sich über ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben
sich höher und höher innere Schauer, und zudringliche Thränen traten
ihm in die Augen.


                                   5.

In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten.
Während der Ceremonie der Trauung, in der glänzend erleuchteten
Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mädchen, der Herren
in weißen Krawatten, in Fräcken und Uniformen war ununterbrochen eine
leise Konversation geführt worden, die namentlich die Herren anregten,
während die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets
ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren.

In dem Kreise der der Braut zunächst Stehenden befanden sich deren
beide Schwestern, Dolly und die ältere, ruhige und schöne Lwowa, die
aus dem Auslande gekommen war.

»Was ist das für ein Mary-Kostüm in Veilchenblau; gerade als wäre es
schwarz -- zu einer Hochzeit« -- sprach die Korsunskaja.

»Die einzige Rettung für ihren Teint,« antwortete die Trubezkaja.
»Mich wundert, daß man die Trauung abends ausgeführt hat -- das ist so
kaufmännisch« --

-- »Aber schöner. Auch ich bin abends getraut worden,« antwortete die
Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schön sie an jenem
Tage, wie lächerlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und
wie jetzt so alles ganz anders geworden sei.

»Man sagt, daß jemand der mehr als zehnmal Brautführer gewesen ist,
nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in
Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt,« sprach Graf Sinjawin
zu der hübschen jungen Fürstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte.

Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Sie blickte auf
Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin
an Kitys Stelle sein würde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen
Scherz erinnern wollte.

Schtscherbazkiy sagte dem alten Fräulein Nikolajewa, daß er den Kranz
auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glücklich werde.

»Es ist gar nicht nötig einen Chignon aufzusetzen,« antwortete die
Nikolajewa, die schon längst entschlossen war, daß, wenn sie der alte
Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die
allereinfachste sein sollte. »Ich liebe dieses >fast< nicht.«

Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend
versichernd, daß die Sitte, nach der Vermählung abzureisen, deswegen so
verbreitet sei, weil Neuvermählte stets kein gutes Gewissen hätten.

»Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schön sie ist. Ich
glaube, Ihr beneidet ihn?«

»Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna,« antwortete er und
sein Gesicht nahm unerwartet einen trüben und ernsten Ausdruck an.

Stefan Arkadjewitsch erzählte nun seiner Schwägerin einen schlechten
Witz über eine Ehescheidung.

»Man muß den Kranz zurechtrücken,« antwortete diese, ohne ihn zu hören.

»Wie schade, daß sie so angegriffen aussieht,« sagte die Gräfin
Nordstone zu der Lwowa. »Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger
nicht auf. Nichtwahr?«

»O, mir gefällt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein
künftiger =beau frère= ist,« antwortete die Lwowa, »und wie schön er
sich hält! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu
halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht
steif, er ist offenbar ergriffen.«

»Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?«

»Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.«

»Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich
habe es Kity geraten.«

»Gleichviel,« antwortete die Lwowa, »wir sind doch alle die
untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.«

»Ich bin aber doch vorsätzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und
Ihr Dolly?«

Dolly stand neben ihnen, sie hörte wohl, antwortete aber nicht;
sie war tief gerührt. Die Thränen standen ihr in den Augen und sie
hätte kein Wort reden können, ohne in Thränen auszubrechen. Sie
freute sich über Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen
Trauung zurückkehrend, blickte sie nach dem wonneglänzenden Stefan
Arkadjewitsch, vergaß alles Gegenwärtige und dachte nur ihrer ersten
unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch
an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich
ihrer in jener einzigen, für sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso
wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und
Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine
geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Bräute, die
ihr ins Gedächtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, über deren
vermutliche Trennung sie unlängst die Einzelheiten gehört hatte. Auch
sie hatte rein in den Pomeranzenblüten und dem Schleier da gestanden.
Und jetzt? »Furchtbar seltsam« -- sagte sie.

Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen
Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch
die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung,
mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren
zu können, den Ausdruck der Mienen des Bräutigams und der Braut, und
antworteten ärgerlich den gleichgültigen Reden der gleichgültigen
Männer gar nicht, oder überhörten sie oft sogar, wenn dieselben
scherzhafte oder nebensächliche Bemerkungen fallen ließen.

»Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?«

»Was, gezwungen einem so schönen Manne! Ist er nicht ein Fürst?«

»Das ist wohl seine Schwester dort im weißen Atlaskleid? Höre nur, wie
der Diakonus plärrt >und sie soll ihren Mann fürchten<.«

»Sind sie denn fremd?«

»Nein, es sind synodale.«

»Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, daß der Bräutigam die Braut
sogleich mit sich auf sein Gut nehmen würde. Er soll unendlich reich
sein, heißt es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.«

»Nicht doch, das Paar ist so schön.«

»Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, daß die
Kanarienvögel wegflögen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein,
wie gewählt« --

»Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lämmchen. Was Ihr
auch sagen mögt; es ist doch schade um sie.«

So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es
gelungen war, durch die Thüren der Kirche hereinzuschlüpfen.


                                   6.

Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der
Küster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes,
seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen
Psalm an, in welchem Tenor und Baß sich antworteten und der Priester,
sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene
Stück Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehört hatten, daß, wer
zuerst auf den Teppich träte, das Regiment in der Familie führen würde,
vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie
die wenigen Schritte zurücklegten. Sie hörten weder die vernehmbaren
Bemerkungen und Auseinandersetzungen, daß nach der Beobachtung der
Einen er, nach der Meinung der Anderen -- beide zugleich darauf
getreten wären.

Nach den üblichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schließen,
ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben hätten, auf die ihre
Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue
Ceremonie.

Kity hörte die Worte des Gebetes und bemühte sich, deren Sinn zu
verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefühl des Stolzes
und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nähernden Feier
mehr und mehr ihre Seele zu erfüllen, und machte es ihr unmöglich,
aufmerksam zu sein. Man betete: »Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht
zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Söhne und
Töchter;« es wurde erwähnt, daß Gott das Weib aus einer Rippe Adams
geschaffen habe, und »deswegen wird der Mensch Vater und Mutter
verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,«
und »dieses Geheimnis ein großes« sei; man betete, daß Gott ihnen
Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und
Mose, und daß sie die Söhne ihrer Söhne noch sehen möchten. »Alles
das ist schön,« dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, »alles das
kann auch gar nicht anders sein« und ein Lächeln der Freude, das sich
unwillkürlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glänzte auf
ihrem hellgewordenen Antlitz auf.

»Setzt ihn nur ordentlich auf!« vernahm man zuredende Stimmen, als
der Geistliche ihnen die Kränze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit
zitternder Hand, im dreiknöpfigen Handschuh, den Kranz hoch über Kitys
Kopf hielt.

»Setzt ihn auf,« flüsterte diese lächelnd.

Lewin blickte sie an und war überrascht von dem freudestrahlenden
Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich
auch ihm unwillkürlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und
heiter zu Mut, wie ihr.

Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und
dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das
von dem zuschauenden Publikum mit großer Ungeduld erwartet worden war.
Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein,
mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als
der Geistliche, das Meßgewand zurückwerfend, ihrer beider Hände in
die seine nahm und sie unter dem Dröhnen der Bässe, welche das »Jesu
freue dich« ausführten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy
und Tschirikoff, welche die Kränze hielten, verwickelten sich in die
Schleppe der Braut, lächelten gleichfalls und waren heiter, bald
stehen bleibend, bald nach vorn anstoßend an die Jungvermählten,
sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Götterfunke
der Freude, der in Kity entzündet war, schien sich allen mitzuteilen,
die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dünkte es, als wenn auch
der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lächeln
neigten.

Der Geistliche nahm die Kränze von ihren Häuptern, las das letzte
Gebet und beglückwünschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity
und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem
ungewohnten Schimmer von Glück, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin
wollte zu ihr sprechen, aber er wußte nicht, ob die Feier zu Ende sei.
Der Geistliche entriß ihn seinen Bedenken, er lächelte ihm gutmütig zu
und sagte leise, »küßt Euer Weib, und Ihr, küßt Euren Mann« und nahm
ihnen die Lichter aus den Händen.

Lewin küßte taktvoll ihre lächelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und
verließ im Gefühl der Nähe eines neuen, seltsam berührenden Etwas die
Kirche.

Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, daß es Wahrheit sei. Erst
als ihn verwunderte und schüchterne Blicke trafen, glaubte er daran,
weil er fühlte, daß sie schon Eins waren.

Nach dem Souper, noch in der nämlichen Nacht, fuhren die jungen Leute
nach dem Dorfe ab.


                                   7.

Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa.
Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer
kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich für einige Zeit
niederzulassen gedachten.

Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im
dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weißer Battistbrust
im Oberhemd, auch einem Bündel Berloques auf dem gerundeten Bäuchlein,
antwortete gerade, die Hände in den Taschen und geringschätzig mit
den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn.
Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die
Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den
russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet
hatte, respektvoll die Hände aus den Taschen und erklärte mit einer
Verbeugung, daß der Kurier da wäre, und die Angelegenheit mit dem
Mieten eines Palazzo im Gange sei.

»Ach, das freut mich sehr,« sagte Wronskiy, »ist die gnädige Frau
daheim oder nicht?«

»Gnädige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurückgekehrt,«
antwortete der Kellner.

Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete
mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und die halb über den
Ohren hängenden Haare, welche zurückgekämmt waren und die kahle Stelle
auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden
und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorübergehen.

»Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen,« berichtete der Oberkellner.

Mit einem Gefühl, in dem sich Verlegenheit und der Verdruß mischten,
daß man nirgends seinen Bekannten entgehen könne, aber im Wunsche,
doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einförmigkeit seines Lebens zu
finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden
Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen
auf.

»Golenischtscheff!«

»Wronskiy!«

In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys
vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehörte im Pagencorps der
freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit bürgerlichem Range
aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit
dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in
späterer Zeit nur einmal wiedergesehen.

Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, daß Golenischtscheff eine
hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge
dessen die Thätigkeit und den Beruf Wronskiys gering schätzte, und so
kam es, daß dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene
kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenüber anzunehmen
verstand, und deren Gedanke der war: »Mag Euch meine Lebensart
anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgültig; Ihr müßt mich aber
achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.«

Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenüber
mit geringschätzigem Gleichmut. Es dürfte nun scheinen, als ob jene
Begegnung sie noch mehr voneinander hätte trennen müssen, jetzt aber
erglänzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie
einander erkannten.

Wronskiy hätte nie erwartet, daß er sich über Golenischtscheff so
freuen könne, aber wahrscheinlich wußte er nur selbst nicht, wie er
sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten
Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden
mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck
von Freude veränderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht
Golenischtscheffs.

»Wie freue ich mich, dich zu treffen!« sagte Wronskiy, freundschaftlich
lächelnd seine festen weißen Zähne zeigend.

»Ich habe gehört, ein Wronskiy ist hier; wußte aber nicht, welcher. Ich
freue mich ganz außerordentlich!« --

»Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?«

»Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.«

»Ach so,« versetzte Wronskiy voll Teilnahme, »also komme mit herein.«

Nach der Gewohnheit der Russen begann er französisch, anstatt gerade
russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte.

»Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. -- Ich gehe zu
ihr,« -- fuhr er auf französisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins
Gesicht blickend.

»Ah, ich wüßte nicht,« antwortete Golenischtscheff ruhig -- der
recht wohl das Verhältnis kannte -- »bist du schon seit lange hier
angekommen?« fügte er hinzu.

»Ich? Seit vier Tagen,« antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das
Gesicht des Schulkameraden musternd.

»Ja wohl, er ist ein vernünftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie
sichs gehört,« sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des
Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung
verstehend; »man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhält
sich ganz so, wie es sich gehört.«

Wronskiy hatte sich während der drei Monate, die er im Auslande mit
Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die
Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine
Beziehungen zu Anna betrachte, und größtenteils begegnete er bei den
Männern der Auffassung »wie es sich gehörte«. Wenn man ihn aber frug,
oder diejenigen frug, welche verstanden, was das »wie es sich gehört«,
eigentlich bedeute, so wäre wohl er selbst ebenso wie jene in großer
Verlegenheit gewesen.

In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung
das »wie es sich gehört« kannten, dieses nicht im geringsten, sondern
verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich
in allen verwickelten und unlösbaren Fragen zu verhalten pflegen,
die das Leben von allen Seiten umgeben -- sie verhielten sich
zurückhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie
gaben sich den Anschein, als ob sie vollständig Bedeutung und Sinn
der Situation erfaßt hätten, sie erkannten dieselbe an und hießen sie
sogar gut, hielten es aber für unangebracht und überflüssig, das alles
auszusprechen.

Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, daß Golenischtscheff einer
von diesen Leuten wäre, und er war daher doppelt erfreut über ihn.
In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenüber,
nachdem er bei derselben eingeführt worden war, so, wie Wronskiy es nur
immer wünschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten
Schwierigkeiten alle Gespräche, die zu einer peinlichen Situation
hätten führen können.

Er hatte Anna früher nicht gekannt und war überrascht von ihrer
Schönheit, noch mehr aber von der Naivetät, mit welcher sie ihre Lage
auffaßte. Sie errötete, als Wronskiy Golenischtscheff einführte, und
dieses kindliche Erröten, das ihr offenes schönes Gesicht überzog,
gefiel ihm außerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, daß sie
sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines
Fremden möglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach »Aleksey« nannte
und erzählte, daß sie mit ihm in ein neugemietetes Haus übersiedeln
werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und
naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff.
Angesichts dieser gutmütig heitern energischen Art und Weise Annas und
seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien
es ihm, als ob er sie vollständig verstände. Es schien ihm als ob er
erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nämlich das, daß sie
sich, das Unglück eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren
Sohn verließ und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter
und glücklich fühlen konnte.

»Er liegt dort drüben,« sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend,
den Wronskiy gemietet hatte. »Es befindet sich ein schöner Tintoretto
dort, aus der letzten Epoche des Künstlers.«

»Wißt Ihr was? Das Wetter ist schön, begeben wir uns einmal hin und
besichtigen wir ihn nochmals,« sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend.

»Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut
aufsetzen, Ihr sagt, es ist heiß?« sprach sie, an der Thür stehen
bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine
helle Röte ihr Gesicht.

Wronskiy erkannte an ihrem Blick, daß sie nicht wisse, in welchen
Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei,
ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewünscht haben möchte.

Er schaute sie mit einem zärtlichen langen Blicke an.

»Nein, nicht so sehr,« versetzte er.

Ihr schien, daß sie damit alles verstanden hatte, namentlich, daß er
zufrieden mit ihr sei, und ihm zulächelnd ging sie schnellen Schrittes
zur Thür hinaus.

Die Freunde blickten einander an und in den Zügen beider erschien
Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich
bezaubert von ihr, etwas über sie zu sagen wünschte, aber nicht fände
was, während Wronskiy das Nämliche wünschte und es doch zugleich
fürchtete.

»So ist es also« -- begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung
anzuknüpfen, »du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer
deine alte Beschäftigung?« fuhr er fort, sich erinnernd, daß man ihm
gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas.

»Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner >Zwei Gesetze<,« antwortete
dieser, vor Vergnügen über diese Frage ins Feuer geratend, »das heißt,
um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor,
ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher
werden und fast sämtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Rußland
nicht begreifen, daß wir die Erben von Byzanz sind,« begann er eine
lange eifrige Auseinandersetzung.

Wronskiy war es anfangs peinlich, daß er die erste Abhandlung über
die »Zwei Gesetze«, über welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie
etwas ganz Bekanntes wäre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff
seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte,
hörte ihn der Letztere, auch ohne die »Zwei Gesetze« zu kennen, mit
Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die
verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff über den ihn
beschäftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mißstimmung. Je
länger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr
beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so
unruhiger und trüber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem
er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmütigen
Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war,
in die Erinnerung zurückrief, nicht imstande, einen Grund für diese
Gereiztheit zu finden, und schüttelte den Kopf über ihn. Insbesondere
wollte ihm nicht gefallen, daß Golenischtscheff als ein Mann aus der
guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte,
die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache
wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, daß Golenischtscheff
unglücklich war, und fühlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast
Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zügen
sichtbar, während er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend,
fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu äußern.

Als Anna in Hut und Überwurf, mit ihrer schönen Hand in schnellen
Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb,
riß sich dieser mit einem Gefühl der Erleichterung von den starr
auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und
schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Fülle von
Lebenskraft und Freude.

Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb
anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich
gegen jedermann gestimmt -- wie sie überhaupt während dieser Zeit
war -- bald wieder durch die Natürlichkeit und Heiterkeit ihres
Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie
das Gespräch auf die Malerei, über die er sehr gut sprach und hörte
ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fuße nach dem gemieteten Haus und
besichtigten es.

»Über Eines freue ich mich sehr,« sagte Anna zu Golenischtscheff, als
sie bereits auf dem Rückwege waren. »Aleksey wird ein gutes Atelier
haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen,« sagte sie zu
Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte,
daß Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten würde,
und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche.

»Malst du denn?« sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend.

»Ja, ich habe mich lange damit beschäftigt und jetzt wieder ein wenig
angefangen,« versetzte Wronskiy errötend.

»Er hat ein bedeutendes Talent,« antwortete Anna mit freudigem Lächeln,
»ich bin natürlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es
auch gesagt.«


                                   8.

Anna fühlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen
Genesung in einer Weise glücklich und voll Lebensfreude, die nicht zu
vergeben war. Die Erinnerung an das Unglück ihres Gatten vergällte ihr
ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar,
als daß sie daran hätte denken mögen, andrerseits verlieh ihr das
Unglück des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als daß sie Reue über
dasselbe hätte empfinden können. Die Erinnerung an alles, was sich mit
ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Aussöhnung mit dem Gatten,
der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen
erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das
Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne --
alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein
mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung -- das Böse, das
sie ihrem Gatten zugefügt hatte, erweckte in ihr ein Gefühl, welches
dem Ekel und dem Gefühl ähnlich war, welches ein Mensch empfindet, der
ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an
ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natürlich war
das keine schöne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that
daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken.

Ein Schluß der sie über ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals,
in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze
Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. »Ich habe
unwiderleglich das Verhängnis dieses Mannes herbeigeführt,« dachte sie,
»aber ich will aus diesem Unglück keinen Vorteil ziehen; auch ich leide
und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich über alles schätzte,
-- des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht
gehandelt, und will daher kein Glück, keine Ehescheidung; ich werde
leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.«

Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre
Schmach war für sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie
beide so viel besaßen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen
mieden, nie in eine falsche Situation und überall trafen sie Leute,
die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser
verständen, als sie selbst sie auffaßten. Selbst die Trennung von ihrem
Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich.
Ihr Töchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so für sich
eingenommen, seit ihr das Mädchen allein verblieben war, daß sie nur
selten noch des Sohnes gedachte.

Ihr Bedürfnis zu leben, mit der Genesung erhöht, war so stark, und ihre
Lebensverhältnisse waren so ungewohnte und angenehme, daß Anna sich
unverzeihlich glücklich fühlte.

Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte
ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe für sie. Ihre
vollständige Herrschaft über ihn war ihr eine fortwährende Freude.
Seine Nähe war ihr stets willkommen. Alle Züge seines Charakters,
den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich.
Sein Äußeres, das sich im Civilanzug verändert hatte, war für sie so
anziehend, wie für eine liebende junge Frau. In allem was er sprach,
dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr
Entzücken über ihn erschreckte sie selbst sogar häufig. Sie suchte
nichts Unschönes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es
nicht, das Bewußtsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu
lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wüßte, schneller
aufhören könne, sie zu lieben. Jetzt aber fürchtete sie nichts so sehr
-- obwohl sie nicht den geringsten Anlaß hierzu hatte -- als, seine
Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein für
sein Verhältnis zu ihr und mußte ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe
schätzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprägten Beruf für
die Staatscarriere besaß, in der er einmal eine bedeutende Rolle
spielen mußte -- er hatte seinen Ehrgeiz für sie geopfert, ohne je auch
nur das geringste Bedauern darüber zu zeigen.

Er war mehr noch als früher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie
geworden und der Gedanke, sie möchte sich des Peinlichen ihrer Lage
niemals bewußt werden, verließ ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein
Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal
seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschäftigt, auf
welche Weise er ihren Wünschen zuvorkommen könne. Und sie konnte
nicht umhin, dies hochzuschätzen, obwohl sie das Übermaß seiner
Aufmerksamkeit für sie, diese Atmosphäre liebevoller Sorgfalt mit der
er sie umgab, bisweilen bedrückte.

Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollständigen Verwirklichung
dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glücklich.
Er fühlte bald, daß die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein
Körnlein von jenem Berg von Glück gewährt hatte, den er erwartete.
Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen
begehen, indem sie sich das Glück als Verwirklichung eines Wunsches
denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und
den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im
allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der
Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fühlte er, daß
sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte -- die Langeweile.
-- Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorüberhuschende
Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfaßte. Sechzehn Stunden
des Tages mußte man sich beschäftigen, obwohl man im Ausland in
vollkommener Freiheit lebte, außerhalb jenes Kreises von Anforderungen
des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg für sich
in Anspruch nahm.

An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei früheren
Reisen ins Ausland beschäftigt hatten, war nicht mehr zu denken,
da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem
verspäteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trübsinn
in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch
den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhältnisse
ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten
hatte, abgesehen davon, daß sie alles schon gesehen hatten, für ihn
als einen Russen, und verständigen Menschen, nicht jene unerklärbare
Bedeutung, wie sie die Engländer diesem Punkte beimessen.

Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt,
in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch
Wronskiy vollständig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen
Büchern, bald nach der Malerei.

Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht
wußte, wofür er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln
begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich
mit ihr zu beschäftigen und jenen brachliegenden Wust von Wünschen,
welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern.

Er besaß die Fähigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit
Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, daß er dasselbe
besäße, was der Künstler brauche, und befaßte sich, nachdem er einige
Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwählen solle: das
religiöse, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich
auf jedes Genre und konnte sich für dieses, wie für jenes begeistern,
aber er vermochte sich nicht vorzustellen, daß es auch möglich sei,
ganz und gar nichts zu wissen, was es für Richtungen in der Malerei
gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in
der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem
bestimmten Genre in der Kunst gehörte. Da er dies nicht kannte, und
sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen ließ, sondern mittelbar,
vom Leben wie es durch die Kunst schon verkörpert war, so begeisterte
er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und
leicht, daß das, was er malte, demjenigen Genre sehr ähnlich wurde,
welches er nachzuahmen wünschte.

Vor allem gefiel ihm die französische Schule, die graziöse und
effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem
Kostüm zu malen. Das Porträt erschien ihm und jedermann, der es sah,
als sehr gelungen.


                                   9.

Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und
Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an
den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten
Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren --
dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in
seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach,
die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt
sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er
selbst -- ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt
hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz -- für ein geliebtes
Weib.

Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt
hatte, gelang vollständig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit
einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die
Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen
Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit
dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben
Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen,
daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der
mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand.

»Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,« sagte eines Tages
Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. »Hast du
das Gemälde Michailoffs gesehen?« Er reichte die am Morgen soeben
erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen
russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde
ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das
schon im voraus angekauft worden war.

In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht,
daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung
entbehre.

»Ich habe das Bild gesehen,« antwortete Golenischtscheff, »natürlich
ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte
Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan,
Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.«

»Was stellt das Gemälde dar?« frug Anna.

»Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus
der neuen Schule dargestellt« -- durch die Frage nach dem Inhalt
des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann
Golenischtscheff zu erklären.

»Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann.
Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst
der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern
einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der
Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday -- aber nur nicht
Christus. -- Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für
die Kunst nicht nehmen soll, und dann« --

»Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut
befindet?« frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen,
ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem
Künstler helfen könne.

»Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt
der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts
malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich
wirklich in Not befindet. Ich sage, daß? --

»Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu
malen?« sagte Wronskiy.

»Weshalb meines?« fiel Anna ein, »außer dem deinigen möchte ich kein
anderes haben. Oder noch besser wäre Any« -- so nannte sie ihr kleines
Mädchen -- »da ist sie gerade,« fügte sie hinzu, durch das Fenster auf
eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten
trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend.

Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert
hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte
sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und
Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf
diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe
ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn
derselben.

Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die
Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff
und sagte:

»Kennst du diesen Michailoff?«

»Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede
Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man
jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche =d'emblée=,
in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus
aufgezogen sind. Früher,« fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken,
oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten,
»früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion,
Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe
zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der
selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon
gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß
Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen
des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist
er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei
Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und
sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das
Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm
als Quelle der Bildung erschien -- zu den Journalen. Man bedenke nur,
in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen
wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen,
Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige
Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist
er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich
schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht
-- und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur
die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen
Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben,
daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs
einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal
mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, >das
ist nichts mehr, =évolution=, Kampf ums Dasein!< Ich habe in meiner
Abhandlung« --

»Wißt Ihr was,« sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit
Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des
Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte,
ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: »Wißt Ihr was?« unterbrach
sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, »wir wollen zu
ihm gehen!«

Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch
der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen
Wagen zu nehmen.

Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff
saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen
hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen
Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des
Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier
wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die
wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten
mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen.


                                  10.

Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die
Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs überbrachte. Er hatte
diesen Morgen in seinem Atelier an einem großen Gemälde gearbeitet.
Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich über seine Frau
geärgert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die
Geld verlangte.

»Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, laß dich nicht in Erklärungen
ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch
etwas erklären, dann wirst du noch dreimal dümmer,« sagte er zu ihr
nach langem Gezänk.

»Sei lieber nicht so nachlässig! Ich kann doch nicht dafür. Wenn ich
Geld hätte« --

»Laß mich in Ruhe, um Gottes willen!« rief Michailoff, Thränen in der
Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter
die Zwischenwand, und schloß die Thür hinter sich. »Einfältige,« sprach
er zu sich selbst, ließ sich an seinem Tische nieder, klappte den
Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon
begonnene Zeichnung.

Niemals arbeitete er mit so großem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm
im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau
gezankt hatte.

»Könnte man nur sonstwohin durchbrennen!« dachte er bei seiner Arbeit.
Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im
Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber
er war mit derselben nicht zufrieden. »Nein, die andere war besser;
wo ist sie denn nur?« Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und
ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wäre, welches er ihnen
gegeben hätte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand
sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm
er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem
er mit den Augen blinzelnd zurückgetreten war, sie zu betrachten.
Plötzlich lächelte er und schwenkte freudig mit den Armen. »So ist
es, so!« sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell
zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung
verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und plötzlich fiel ihm das
energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein,
bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn
gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war plötzlich
aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die
man nicht mehr verändern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich
und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung
ändern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl
selbst die Füße anders stellen, die Haltung des linken Armes gänzlich
ändern, die Haare zurücklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen
an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die
Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hüllen von ihr ab,
wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte
die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer
Kraft, die ihm plötzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein
schien. Sorgfältig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten
brachte.

»Sogleich, sogleich!«

Er eilt zu seiner Frau.

»Laß es gut sein, Sascha, sei nicht mehr böse!« sagte er zu ihr,
schüchtern und zärtlich lächelnd, »du warst schuld und ich war
schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen.« Nachdem er sich mit
seiner Frau ausgesöhnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit
Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem
Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es
erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens
dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren.

Über sein Gemälde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand,
hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil -- dies, daß ein
ähnliches Gemälde bisher noch niemand gemalt habe. Er wähnte nicht,
daß sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wußte nur, daß das,
was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben
hatte. Dies wußte er genau und er wußte es schon lange, seit jener
Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen
hatten für ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure
Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf.
Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, daß seine
Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in
diesem Gemälde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele
auf.

Seinen Kritikern maß er stets größere Tiefe an Verständnis bei, als wie
er selbst besaß, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst
noch nicht in seinem Gemälde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie
ihm schien, in den Urteilen der Beschauer.

Schnellen Schrittes näherte er sich der Thür seines Ateliers; und trotz
seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der
Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig
ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhörte, zu gleicher
Zeit aber auch offenbar wünschte, den herankommenden Künstler zu sehen.

Er selbst war sich dessen gar nicht bewußt geworden, daß er an sie
herantretend, diesen Eindruck erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte,
ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte,
und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen
würde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch
Golenischtscheffs Erzählung über den Künstler ernüchtert, wurden dies
noch mehr durch dessen äußere Erscheinung.

Von mittlerer Größe, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte
Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrünen Paletot und
den engen Beinkleidern -- man trug zu dieser Zeit längst schon weite
-- insbesondere aber durch das Gewöhnliche seines breiten Gesichts und
einen Ausdruck, in welchem sich Schüchternheit mit dem Wunsche, seine
Würde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck.

»Bitte ergebenst,« sagte er, sich bemühend, gleichmütig zu erscheinen,
und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlüssel aus der Tasche um die
Thür zu öffnen.


                                  11.

Beim Eintritt in das Atelier musterte der Künstler Michailoff
noch einmal seinen Besuch und prägte seinem Gedächtnis noch den
Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen.

Wenn auch sein künstlerisches Empfinden fortwährend thätig war, indem
es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung
darüber empfand, daß die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte,
so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen
Anzeichen eine Vorstellung über diese drei Personen gebildet.

Der Eine da -- Golenischtscheff -- war ein hiesiger Russe. Michailoff
entsann sich weder seiner Familie, noch wußte er mehr, wo er ihm
begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich
nur noch seines Gesichts, wie er sich überhaupt aller Gesichter
entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch,
daß dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in
die höchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen
einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn
verliehen dem Gesicht äußere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig,
kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich über der schmalen Nasenwurzel
konzentrierte, zeigte.

Wronskiy und die Karenina mußten nach der Vorstellung, die sich
Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die
nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber
als Liebhaber und Verehrer derselben gebärdeten.

»Sie haben gewiß schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen
jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und
die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der
Vervollständigung der Umschau halber,« dachte er.

Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau -- je klüger diese
erschienen, um so schlimmer war es -- welche die Ateliers der
zeitgenössischen Künstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, daß sie
das Recht hätten sagen zu können, die Kunst sei im Niedergang begriffen
und daß sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen
lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien.

Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern,
in dieser gleichmütigen Nachlässigkeit, mit der sie unter sich
sprachen und auf die Büsten blickten und sich ungezwungen bewegten,
in der Erwartung, daß er ihnen das Gemälde zeigen würde. Aber
nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblättern seiner Skizzen und als
er die Vorhänge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung;
umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und
beschränkt nach seinen Begriffen sein mußten, Wronskiy sowohl wie
besonders Anna, gefielen.

»So, ist es gefällig?« sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite
tretend und nach dem Bilde weisend. »Es ist die Mahnung des Pilatus.
Matthäi Kap. =XXVII=« -- sagte er, im Gefühl, daß seine Lippen vor
Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie.

Während der wenigen Sekunden, während deren die Besucher schweigend
das Gemälde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er
schaute mit gleichgültigem, interesselosem Blick darauf. Während dieser
wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon überzeugt, daß das
höchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden würde,
gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering
geschätzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er über sein Bild vorher
gedacht hatte während der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward;
er vergaß alle Vorzüge desselben, die für ihn zweifellos vorhanden
waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und
frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im
Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz
Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und
das Gesicht Johannis, die Vorgänge beobachtend. Jedes Gesicht, unter
so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen
Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel
Mühe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgeändert unter der
Rücksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nüancen des
Kolorits und der Töne, die er mit soviel Mühe erzielt hatte, alles
dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher
beobachtete, als Trivialität, die schon tausendmal wiederholt worden
war.

Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als
Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er
es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren für ihn, als
er auf sein Gemälde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut --
und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mängeln
wahrnahm -- gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder
Tizians, Rafaels, Rubens', und der nämlichen Söldner des Pilatus.
Alles war trivial, dürftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt --
bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des
Künstlers verstellte höfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und
verspotten, sobald sie unter sich sind.

Das Schweigen wurde ihm allzu drückend, obwohl es nicht länger als eine
Minute gewährt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, daß er nicht aus
seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte,
an Golenischtscheff.

»Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergnügen« -- sagte er zu
demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht
einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren -- »Ihnen
schon begegnet zu sein?« --

»Gewiß! -- Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends,
als jene italienische Dame vortrug,« begann Golenischtscheff frei, und
ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemälde ab und zum Maler
wendend.

Als er indessen bemerkte, daß Michailoff ein Urteil über sein Gemälde
erwarte, sagte er: »Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich
es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, überrascht mich auch
jetzt die Figur des Pilatus. So muß man diesen Mann auffassen, als gut
und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht
weiß, was er anrichtet. Mir scheint indessen« --

Michailoffs bewegliches Gesicht erglänzte plötzlich über und über,
seine Augen leuchteten auf.

Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und
stellte sich nun, als müsse er husten. So niedrig wie er auch
die Fähigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug,
so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben über die
Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so
zurücksetzend für ihn die Äußerung einer so unbedeutenden Bemerkung
erscheinen konnte, die zuerst kam, während über das Hauptsächlichste
nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in
Entzücken über dieselbe. Er selbst dachte über die Figur des Pilatus
das Nämliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand,
daß dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie
Michailoff sicher wußte, alle richtig gewesen sein würden, verminderte
für ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff
für diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit
plötzlich in die des Entzückens. Sofort lebte sein ganzes Gemälde
vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles
Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, daß er sich
den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur
widerspenstig und er konnte sich nicht äußern. Wronskiy und Anna sagten
gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewöhnlich
-- teils um den Künstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine
Dummheit zu sagen, die man so leicht äußern kann, wenn man über Kunst
spricht -- in Gemäldeausstellungen konversiert.

Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht
hätte. Er trat zu ihnen hin.

»Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus!« sagte Anna. Vor allem,
was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fühlte,
daß dies der Mittelpunkt des Gemäldes war und deshalb ein solches Lob
dem Künstler angenehm sein würde.

»Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!«

Dies war wiederum eins aus der Million richtiger Urteile, die man an
seinem Bilde und an der Figur des Christus finden konnte.

Sie hatte gesagt, daß es ihm leid thue um Pilatus. In dem Ausdruck
des Christus mußte ja auch der von Mitleid liegen, da in ihm der
der Liebe lag, einer überirdischen Ruhe und Todesbereitschaft, des
Bewußtseins einer bevorstehenden Rechenschaft über seine Worte. Gewiß
lag der Ausdruck des dienstthuenden Beamten in dem Pilatus, der des
Mitleids mit diesem in dem Christus, da der Eine die Verkörperung des
fleischlichen, der Andere die des geistigen Lebens ist. Alles das
und noch vieles andere ging Michailoff durch den Kopf, und abermals
leuchtete sein Auge auf vor Entzücken.

»Und wie diese Figur gearbeitet ist, wie viel Luft; man kann um ihn
herumgehen,« sagte Golenischtscheff, offenbar um mit dieser Bemerkung
anzudeuten, daß er den Gedanken und Sinn der Figur nicht billige.

»Ja, ein wunderbares Meisterstück. Wie jene Figuren in dem
Hintergrunde sich abheben! Das ist Technik!« sagte Wronskiy, sich
zu Golenischtscheff wendend, und damit auf ein zwischen ihnen
stattgehabtes Gespräch darüber, daß Wronskiy an der Erwerbung dieser
Technik verzweifelte, anspielend.

»Ja, ja, wunderbar,« bestätigten Golenischtscheff und Anna.

Trotz des aufgeregten Zustandes, in welchem sich Michailoff befand,
griff diesen doch die Bemerkung über die Technik schmerzlich ans Herz
und grollend auf Wronskiy blickend, verfinsterte er sich plötzlich. Oft
schon hatte er das Wort Technik gehört und durchaus nicht begriffen,
was man eigentlich darunter verstände. Er wußte, daß man mit diesem
Worte die mechanische Fertigkeit des Malens und Zeichnens meine, die
vollständig unabhängig war von dem Inhaltlichen. Oft schon hatte er
bemerkt -- auch bei der gegenwärtigen Lobesspende -- daß man die
Technik dem inneren Werte gegenüberstelle, gerade als ob es möglich
wäre, das gut zu malen, was schlecht sei. Er wußte wohl, daß viel
Aufmerksamkeit und Vorsicht erforderlich sei, um ein Gemälde nicht
zu schädigen, wenn man von ihm die Hüllen abnahm, aber eine Kunst
des Malens -- eine Technik -- die gab es dabei nicht. Hätte sich
einem kleinen Kinde, oder seiner Köchin das ebenfalls geoffenbart,
was er sah, dann würden diese gleichfalls das herauszuschälen
verstanden haben, was sie sahen. Aber selbst der erfahrenste und
auch geschickteste Beherrscher der Maltechnik wäre allein mit der
mechanischen Fertigkeit nicht imstande gewesen, etwas zu malen, wenn
sich ihm nicht vorher die Grenzen des Inhaltlichen offenbarten. Dann
aber wußte er auch, daß wenn man nun einmal von einer Technik sprach,
er ihretwegen nicht gerühmt werden konnte. In allem was er malte und
schon gemalt hatte, erkannte er ihm in die Augen fallende Mängel, die
aus der Unvorsichtigkeit hervorgegangen waren, mit der er die Hüllen
entfernt hatte, und die er nun nicht mehr verbessern konnte, ohne die
ganze Schöpfung zu verderben. Fast auf allen Figuren und Gesichtern
sah er noch die Mängel nicht vollständig abgenommener Hüllen, die sein
Gemälde verdarben.

»Eines, wenn Ihr mir gestattet, diese Bemerkung zu machen, ließe sich
sagen,« äußerte Golenischtscheff.

»Ah, sehr erfreut, ich bitte Euch,« antwortete Michailoff mit
gekünsteltem Lächeln.

»Es ist dies, daß dieser Christus da bei Euch ein Menschgott, aber kein
Gottmensch geworden ist. Indessen, ich weiß ja, daß Ihr es eben so
gewollt habt.«

»Ich konnte den Christus nicht malen, der nicht in meiner Seele ist,«
versetzte der Maler mürrisch.

»Ja, aber in diesem Falle -- wenn Ihr mir gestattet meine Idee
auszusprechen -- Euer Gemälde ist so gut, daß meine Bemerkung ihm nicht
schaden kann, und dann ist dies ja auch nur meine persönliche Meinung.
Bei Euch ist das etwas Anderes; selbst das Motiv ist ein anderes. Aber
nehmen wir etwa den Iwanoff. -- Ich glaube, daß wenn Christus mit der
Norm eines historischen Gesichts zusammengebracht wird, es für Iwanoff
besser wäre, ein anderes historisches Thema zu wählen, ein neues, noch
nicht angeschlagenes.«

»Wie aber, wenn dies das erhabenste Thema wäre, welches sich der Kunst
bietet« --

»Wenn man nur suchen will, so wird man auch andere finden. Es handelt
sich nur darum, daß die Kunst keinen Streit, und keine Düfteleien
duldet. Vor einem Gemälde Iwanoffs ersteht für den Gläubigen wie für
den Nichtgläubigen die Frage: Ist das Gott oder ist es nicht Gott? und
diese stört die Einheit des Eindrucks.«

»Warum? Mir scheint, daß für gebildete Menschen,« sagte Michailoff,
»ein Streit nicht mehr bestehen kann.«

Golenischtscheff war hiermit nicht einverstanden und fertigte
Michailoff mit seinem ersten Gedanken über die Einheit des Eindrucks
ab, die in der Kunst notwendig sei.

Michailoff geriet in Erregung, wußte aber nichts zur Verteidigung
seines Gedankens zu sagen.


                                  12.

Anna und Wronskiy hatten schon längere Zeit Blicke miteinander
gewechselt im Bedauern über die scharfsinnige Redefertigkeit ihres
Freundes; endlich schritt Wronskiy, ohne auf den Hausherrn zu warten,
zu einem anderen, einem kleinen Gemälde.

»Ah, wie reizend, wie reizend! Wundersam! Wie reizend!« riefen beide
mit einer Stimme.

»Was hat ihnen so gefallen?« dachte Michailoff. Er hatte das vor drei
Jahren gemalte Bild vergessen; vergessen alle die Leiden und Freuden,
welche er mit diesem Bilde durchlebt hatte, indem es ihn mehrere Monate
hindurch ausschließlich, und ohne daß er sich davon hätte trennen
können, Tag und Nacht beschäftigte, es vergessen, wie er überhaupt
stets seine vollendeten Bilder vergaß. Er liebte nicht einmal, es
anzuschauen, und stellte es nur deshalb aus, weil er einen Engländer
erwartete, der es zu kaufen wünschte.

»Ah; eine alte Studie,« sagte er.

»Wie hübsch,« rief Golenischtscheff, gleichfalls augenscheinlich
aufrichtig von dem Reiz des Bildes gefesselt.

Zwei Knaben im Schatten einer Bachweide angelten Fische. Der Eine,
ältere, hatte soeben die Angel ausgeworfen und führte aufmerksam
die Angelspule aus einem Gestrüpp heraus, ganz versunken in diese
Beschäftigung; der Andere, jüngere lag im Grase, den wirren Blondkopf
auf die Ellbogen gestützt, und schaute mit den blauen Augen
nachdenklich auf das Wasser.

Woran mochte er denken?

Das Entzücken über dieses sein Bild rief in Michailoff die frühere
Erregung hervor, doch scheute er sich vor diesem unangenehmen müßigen
Interesse für ältere Arbeiten, und so suchte er, obwohl ihm dieses Lob
angenehm war, die Besucher zu dem dritten Bilde hinzuziehen.

Doch Wronskiy frug, ob er dieses Gemälde verkaufe. Michailoff, von dem
Besuch erregt, war diese Frage über Geldgeschäfte jetzt sehr unangenehm.

»Es ist zum Verkauf ausgestellt,« versetzte er, sich verfinsternd.

Nachdem die Besucher gegangen waren, setzte sich Michailoff vor
seinem Bilde »Pilatus und Christus« nieder und wiederholte sich in
Gedanken alles, was gesprochen worden, oder, wenn nicht ausgesprochen,
so doch von den Besuchern angedeutet worden war. Und seltsam, was
so hohe Bedeutung für ihn gehabt hatte, während sie hier waren und
er sich in Gedanken auf ihren Standpunkt versetzte, hatte jetzt
plötzlich für ihn allen Wert verloren. Er schaute jetzt auf sein
Gemälde mit seinem vollen künstlerischen Blick, und kam zu demjenigen
Standpunkte der Überzeugung von seiner Vollkommenheit und darnach auch
Bedeutung, welcher ihm notwendig war zu der alle anderen Interessen
ausschließenden Spannkraft, mit welcher allein er nur zu arbeiten
vermochte.

Der eine Fuß des Christus war allerdings nicht recht befriedigend.
Er nahm die Palette und machte sich an die Arbeit. Indem er den Fuß
besserte, blickte er fortwährend auf die Gestalt des Johannes im
Hintergrund, welche die Besucher gar nicht bemerkt hatten, und die
gleichwohl -- er wußte es -- noch über der Vollkommenheit selbst stand.
Nachdem er mit dem Fuß fertig war, wollte er sich an diese Figur
begeben, aber er fühlte sich allzu erregt dazu. Nichtsdestoweniger
konnte er aber auch nicht arbeiten, wenn er ganz kühl, sowie wenn er
zu weich gestimmt war und alles zu sehr sah. Es gab nur eine Stimmung
in dem Übergang von der Kühle bis zur Begeisterung, in welcher ihm die
Arbeit möglich war. Jetzt befand er sich in allzugroßer Aufregung. Er
wollte das Gemälde verhüllen, hielt aber inne, mit der Hand den Vorhang
haltend, und schaute lange, beglückt lächelnd, auf die Gestalt des
Johannes. Endlich, gleichsam mit Schmerz sich losreißend, ließ er den
Vorhang fallen und begab sich ermüdet, aber beglückt heim.

Wronskiy, Anna und Golenischtscheff waren, heimgekehrt, in ausnehmend
angeregter und heiterer Stimmung. Man sprach von Michailoff und seinen
Bildern. Das Wort »Talent«, unter welchem sie eine angeborene, fast
physische Fähigkeit, unabhängig von Verstand und Herz verstanden,
und als das sie alles bezeichneten, was von dem Künstler durchlebt
wird, tauchte besonders häufig in ihrer Unterhaltung auf, da es ihnen
unentbehrlich dazu war, das zu bezeichnen, wofür sie kein Verständnis
besaßen, und worüber sie doch sprechen wollten. Sie sagten, man könne
ihm das Talent nicht absprechen, infolge der mangelnden Bildung aber
vermöge sich dieses nicht zu entwickeln. -- Dies sei das Unglück aller
russischen Künstler! -- Aber das Bild mit den beiden Knaben war doch in
ihrer Erinnerung haften geblieben und immer wieder kehrten sie zu ihm
zurück. Wie reizend! Wie schön war es ihm gelungen! Und wie einfach!
Er selbst weiß gar nicht, wie schön es ist. »Ja, das darf man nicht
fortlassen, das muß man kaufen,« sagte Wronskiy.


                                  13.

Michailoff verkaufte Wronskiy das Bild und willigte auch ein, Annas
Porträt zu malen. Am festgesetzten Tage kam er und begann seine Arbeit.

Von der fünften Sitzung an setzte das Porträt jedermann in Erstaunen,
besonders Wronskiy, nicht nur durch die Ähnlichkeit, sondern
vornehmlich durch seine Schönheit. Es war seltsam, wie Michailoff jene
nur ihr eigene Schönheit hatte treffen können. »Man muß sie kennen und
lieben, wie ich sie geliebt habe, um diesen eigenen, lieblichen und
seelischen Ausdruck bei ihr zu entdecken,« dachte Wronskiy, obwohl nur
er in diesem Gemälde den lieblichen, seelischen Ausdruck erkannte.
Derselbe war aber so getreu, daß es ihm und anderen schien, als ob
sie ihn schon längst gekannt hätten. »Wie lange habe ich mich nun
schon geplagt, und nichts fertig gebracht,« sprach er bezüglich seines
eigenen Porträts, »und er hat sie nur angeschaut und gemalt! Das ist
die Technik.«

»Es wird noch kommen,« tröstete ihn Golenischtscheff, nach dessen
Auffassung Wronskiy Talent besaß und, was die Hauptsache war, auch
die Bildung, die einen erhabneren Blick auf die Kunst verlieh. Die
Überzeugung Golenischtscheffs von Wronskiys Talent wurde noch dadurch
gestützt, daß Golenischtscheff Wronskiys Teilnahme und Lob für seine
Arbeiten und seine Ideen brauchte, und so fühlte er, daß Lob und
Unterstützung hier auf Gegenseitigkeit beruhten.

In einem fremden Hause, und insbesondere in dem Palazzo bei Wronskiy
war Michailoff ein abweisend anderer Mensch, als in seinem Atelier.
Er war abstoßend höflich, gerade als fürchte er die Annäherung an
Menschen, die er nicht achte. Er nannte Wronskiy Ew. Erlaucht und blieb
niemals, ungeachtet der Einladungen Annas und Wronskiys, zum Essen da,
kam auch nicht zu anderen Zeiten, als zu den Sitzungen. Anna war gegen
ihn freundlicher, als gegen andere, und ihm dankbar für das Porträt.
Wronskiy war mehr als nur höflich gegen ihn, und interessierte sich
augenscheinlich für das Urteil des Künstlers über sein eigenes Gemälde.
Golenischtscheff ließ keine Gelegenheit vorüber, Michailoff die wahren
Begriffe über Kunst beizubringen, allein Michailoff blieb sich immer
gleich in seiner Zurückhaltung gegen alle. Anna fühlte an seinem Blick,
daß er sie gern betrachtete, doch er mied Gespräche mit ihr. Zu den
Gesprächen Wronskiys über dessen Malerei schwieg er beharrlich, und er
schwieg ebenso beharrlich, als man ihm das Bild Wronskiys zeigte; er
fühlte sich auch offenbar belästigt von den Reden Golenischtscheffs und
erwiderte diesem nichts.

Im allgemeinen gefiel ihnen daher Michailoff mit seinem zurückhaltenden
und unangenehmen, gleichsam feindseligen Verhalten sehr wenig, nachdem
man ihn näher kennen gelernt hatte, und man war deshalb froh, daß
als die Sitzungen beendet waren, in ihren Händen ein schönes Porträt
zurückblieb, während er selbst sein Kommen einstellte.

Golenischtscheff war es zuerst, der den Gedanken aussprach, den alle
hatten, nämlich, daß Michailoff auf Wronskiy einfach neidisch sei.

»Gesetzt, er beneidete ihn nicht, weil er Talent besitzt, ist es ihm
doch verdrießlich, daß ein Hofmann und reicher Mann, noch dazu ein
Graf, was schon alle beneiden, ohne besondere Mühe das Nämliche, wenn
nicht noch Besseres, leistet, als er, der sein ganzes Leben dem geweiht
hat. Die Hauptsache bleibt doch die Bildung, die jener nicht hat.«

Wronskiy verteidigte Michailoff, doch auf dem Grunde seines Herzens
glaubte er hieran, weil nach seiner Auffassung ein Mensch aus jener
anderen, niedrigeren Welt Neid hegen mußte.

Das Porträt Annas, ebenfalls in derselben Weise nach der Natur gemalt
von ihm wie von Michailoff, hätte Wronskiy den Unterschied zeigen
müssen, welcher zwischen ihm und jenem bestand, aber er gewahrte
denselben nicht. Er hörte nach der Arbeit Michailoffs nur auf, sein
Porträt von Anna weiter zu malen, indem er meinte, dies sei nunmehr
überflüssig geworden. Sein Gemälde aus dem mittelalterlichen Leben
hingegen setzte er fort, und er selbst, wie auch Golenischtscheff und
namentlich Anna fanden, daß es sehr schön sei, weil es den berühmten
Bildern viel ähnlicher werde, als das Bild Michailoffs.

Dieser nun war, ungeachtet dessen, daß ihn die Porträtierung Annas sehr
angezogen hatte, seinerseits noch froher als jene, als die Sitzungen
zu Ende waren und er nicht mehr das Geschwätz Golenischtscheffs über
Kunst anzuhören brauchte, und die Malerei Wronskiys vergessen durfte.
Er wußte, daß es unmöglich war, Wronskiy zu verbieten, mit der Malerei
Mutwillen zu treiben; er wußte, daß dieser ebenso wie alle anderen
Dilettanten das volle Recht besaß, zu malen was ihm anstand -- aber
ihm war dies unangenehm. Es war eben unmöglich, einem Menschen zu
untersagen, sich eine große Puppe aus Wachs zu machen und sie zu
küssen. Aber wenn nun gar dieser Mensch mit der Puppe kam, und sich
vor einem Verliebten hinsetzte und beginnen wollte, seine Puppe zu
liebkosen, wie ein Verliebter die, welche er liebt, so mußte das
dem Verliebten widerlich sein. Und dieses widerliche Gefühl empfand
Michailoff beim Anblick der Malerei Wronskiys; es wurde ihm dabei
komisch und ärgerlich, kläglich und grimmig zugleich zu Mut.

Die Passion Wronskiys für die Malerei und das Mittelalter hielt nicht
lange an. Wronskiy besaß doch soviel Geschmack für Malerei, daß er sein
Bild nicht zu beenden vermochte und es blieb liegen. Voll Bestürzung
war er inne geworden, daß die Mängel des Bildes, im Anfang weniger
bemerkbar, überraschend wirkten, wenn er es fortsetzte. Es ging ihm,
wie Golenischtscheff, der fühlte, daß es ihm auf das Reden nicht
ankomme und sich beständig damit selbst täuschte, daß nur seine Idee
noch nicht ausgereift sei, daß er sie erst austragen und Material
sammeln wolle. Aber Golenischtscheff hatte dies verbittert gemacht
und es marterte ihn; Wronskiy hingegen vermochte sich weder selbst
zu täuschen noch zu peinigen oder gar über sich selbst verbittert zu
werden; mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit hörte er eben auf, ohne
eine Erklärung oder Rechtfertigung, zu malen.

Ohne diese Beschäftigung indessen erschien ihnen -- sowohl ihm wie
Anna, die sich über seine Ernüchterung verwunderte -- das Leben nun
so langweilig in der italienischen Stadt, wurde der Palazzo plötzlich
so sichtlich alt und schmutzig, schauten die Flecken auf den Gardinen
so unangenehm hervor, die Ritzen auf den Fußböden, die abgefallene
Stuccatur an den Karnisen, wurde ihnen auch der ewige Golenischtscheff,
der italienische Professor und ein deutscher Reisender nach und nach
so langweilig, daß man dieses Leben ändern mußte. Man beschloß, nach
Rußland auf das Land zu gehen. In Petersburg gedachte Wronskiy mit
seinem Bruder eine Vermögensteilung vorzunehmen, während Anna ihren
Sohn wiedersehen wollte. Den Sommer beabsichtigten sie auf dem großen
Erbbesitz Wronskiys zu verleben.


                                  14.

Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glücklich, aber nicht
ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der
Enttäuschung in früheren Träumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen.
Er war glücklich, sah aber, nachdem er ins Familienleben getreten war,
auf jedem Schritte, daß dieses durchaus nicht so war, wie er es sich
vorgestellt hatte. Auf jedem Schritte erfuhr er an sich, was ein Mensch
fühlen mag, der sich an der glatten glücklichen Fahrt eines Nachens
auf dem See ergötzt, nachdem er sich etwa selbst hineingesetzt hat.
Er sah, daß er, indem er schon ruhig sitzen mußte und nicht schaukeln
durfte, sich auch noch dessen bewußt sein mußte -- ohne nur eine
Minute zu vergessen, wohin er fahren wollte -- daß unter seinen Füßen
Wasser war und er rudern mußte, und daß dies den nicht daran gewohnten
Händen mühsam wurde. Die Sache sah wohl sehr leicht aus, aber sie zu
vollbringen -- wenn es auch mit viel Freude verbunden war -- blieb
doch sehr schwierig.

Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen
Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschätzig in
seinem Innern gelächelt. In seinem künftigen Eheleben konnte nach
seiner Überzeugung nicht nur nichts Ähnliches existieren, es sollten
sogar alle äußerlichen Formen desselben, wie ihm dünkte, dem Leben
der anderen in allem vollständig unähnlich sein. Plötzlich aber
hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht
nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade
aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er
vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen,
eine ungewöhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten. Lewin
erkannte auch, daß die Regelung aller dieser Kleinigkeiten durchaus
nicht so leicht war, als ihm früher geschienen hatte. Ungeachtet
dessen, daß Lewin glaubte, die richtigsten Begriffe vom Eheleben
zu besitzen, stellte er sich, wie alle Männer, das Familienleben
unwillkürlich nur als eine Befriedigung seiner Liebe vor, der kein
Hindernis mehr in den Weg treten durfte, und von welcher ihn keine
kleinlichen Sorgen abziehen sollten. Er sollte nach seiner Auffassung
seine Arbeit verrichten und von derselben ausruhen im Glück der Liebe.
Sie sollte daher auch nur geliebt werden; allein er hatte dabei, wie
alle Männer, vergessen, daß auch sie arbeiten müsse. Er wunderte sich,
wie sie, die poetische, reizende Kity, nicht in den ersten Wochen,
nein, schon in den ersten Tagen des Ehelebens bereits, denken, sich
erinnern, sich sorgen konnte um Tischtücher, Möbel, Matratzen für die
anreisenden Besuche, das Geschirr, den Koch, das Essen und dergleichen.
Schon als Bräutigam war er in Erstaunen gesetzt worden von der
Bestimmtheit, mit welcher sie auf eine Reise ins Ausland verzichtete
und sich dafür entschieden hatte, auf das Dorf zu gehen, gerade als ob
sie schon wüßte, was not thue, und daß sie außer an ihre Liebe, auch
noch an Nebensächliches denken könne. Dies hatte ihn damals verstimmt,
und auch jetzt verstimmten ihn mehrmals ihre kleinen Mühen und Sorgen.
Doch er sah, daß ihr dies ein Bedürfnis war, und da er sie liebte, so
konnte er nicht umhin, sich über diese Sorgsamkeit zu freuen, wenn er
auch nicht wußte weshalb, und wenn er auch darüber spöttelte.

Er lächelte darüber, wie sie die Möbel stellte, welche aus Moskau
gebracht worden waren, wie sie ihr Zimmer und seines neu ausschmückte,
Gardinen aufsteckte, über die künftige Unterbringung der Besuche
verfügte, wie die Dollys; ferner wie sie ihre neue Zofe unterbrachte,
wie sie dem alten Koch das Menü vorschrieb und mit Agathe Michailowna
in Widerspruch geriet und diese der Verwaltung der Speisekammer enthob.
Er sah, daß der alte Koch lächelte und damit zufrieden war, sah, daß
Agathe Michailowna bedenklich, aber freundlich den Kopf schüttelte
über die neuen Verfügungen der jungen Herrin in der Vorratskammer; er
sah, wie Kity ungewöhnlich lieblich war, wenn sie lachend und weinend
zugleich, zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, daß die Magd Mascha gewöhnt
sei, Agathe als Herrin zu betrachten, und daß deshalb niemand auf sie
höre. Ihm erschien dies lieblich, aber auch seltsam, und er dachte es
würde wohl besser sein, wenn dies nicht wäre.

Er kannte jenes Gefühl der Veränderung nicht, welches sie nun kennen
gelernt, nachdem sie daheim wohl bisweilen einmal nach Kohl mit Kwas
oder Konfekt verlangt hatte, ohne daß dies oder jenes zu haben gewesen
wäre, während sie jetzt befehlen durfte, was sie wollte, ganze Haufen
von Konfekt kaufen, Geld soviel sie wollte ausgeben, oder Backwerk
bestellen konnte nach Herzenslust.

Mit Freude dachte sie jetzt auch der Ankunft Dollys und der
Kinder, besonders deswegen, weil sie für jedes der Kinder dessen
Lieblingsgebäck hatte backen lassen, und Dolly ihre ganze neue
Einrichtung abschätzen lassen wollte. Sie wußte zwar selbst nicht,
warum und zu welchem Zwecke, aber das Hauswesen zog sie unwiderstehlich
an. Instinktiv fühlte sie das Nahen des Frühlings und wohl wissend, daß
es auch für sie schwere Stunden geben werde, baute sie sich, wie sie es
verstand, ihr Nest, und mühte sich zu gleicher Zeit zu lernen, wie man
bauen müsse.

Diese pedantische Sorglichkeit Kitys, dem Ideal Lewins von einem
erhabenen Glück der ersten Zeit so sehr entgegengesetzt, war eine der
Enttäuschungen. Diese liebliche Fürsorge, deren Sinn er nicht begriff,
die er aber lieben mußte, war die erste der neuen Enttäuschungen.

Eine zweite Ernüchterung, zugleich aber auch einen Reiz bildeten die
Zwiste. Lewin hatte sich nie vorstellen können, daß zwischen ihm und
seinem Weibe andere Beziehungen, als zärtliche, achtungsvolle und
liebevolle bestehen könnten, und plötzlich, gleich von den ersten Tagen
an, gerieten sie einmal so in Zwist, daß sie zu ihm sagte, er liebe sie
gar nicht, liebe nur sich selbst und nun zu weinen begann, und die Arme
hochhob.

Dieser erste Streit kam davon her, daß Lewin nach einer neuen Meierei
gefahren und eine halbe Stunde länger geblieben war, weil er auf einem
kürzeren Wege hatte heimfahren wollen, in welchem er sich jedoch
geirrt hatte. Er fuhr heim, nur in Gedanken an sie, an ihre Liebe
und sein Glück, und je näher er kam, um so heißer wallte in ihm die
Zärtlichkeit für sie. Er eilte nach ihrem Zimmer noch mit der nämlichen
Empfindung -- ja einer noch stärkeren -- als die gewesen, mit der er
sich dem Hause der Schtscherbazkiy genähert hatte, um seine Werbung
anzubringen. Da aber begegnete ihm plötzlich ein finsterer, noch nie an
ihr gesehener Ausdruck; er will sie küssen, sie stößt ihn von sich.

»Was hast du?«

»Du hast ja recht gute Laune,« begann sie, sich bemühend, ruhig und
sarkastisch zu erscheinen.

Kaum aber hat sie den Mund geöffnet, als der Redestrom der Vorwürfe
einer sinnlosen Eifersucht sich ihr entrang, alles dessen, was sie
in dieser halben Stunde gemartert hatte, die von ihr, indem sie
unbeweglich am Fenster saß verbracht worden war. Da erkannte er zum
erstenmal klar, was er noch nicht gewußt, als er sie nach der Trauung
aus der Kirche geführt hatte. Er erkannte, daß sie ihm nicht nur nahe
stehe, sondern daß er jetzt nicht einmal mehr wisse, wo sie aufhöre
und wo er anfange. Er empfand dies an jenem quälenden Gefühl der
Zweiheit, welches er in dieser Minute hatte. Im ersten Augenblick war
er verletzt, ebenso schnell aber wurde er auch inne, daß er von ihr
nicht verletzt werden könne, daß sie ja er selbst sei. Er empfand in
diesem ersten Augenblick ein Gefühl, ähnlich dem, welches ein Mensch
hat, wenn er, plötzlich einen starken Schlag von hinten erhaltend,
sich gereizt und mit dem Wunsch nach Rache umwendet, den Schuldigen
zu entdecken, sich aber dabei überzeugt, daß er sich unvermutet selbst
geschlagen hat, und daher niemandem zürnen dürfe, sondern seinen
Schmerz überwinden und beschwichtigen müsse.

Niemals hatte er dies mit solcher Macht in der Folge wieder empfunden,
aber jenes erste Mal konnte er sich lange Zeit darüber selbst nicht
wieder finden. Ein natürliches Gefühl erheischte von ihm, daß er sich
rechtfertigte und ihr ihre Schuld vorhalte; dies aber thun, hieß
sie nur noch mehr reizen und den Bruch noch größer machen, der die
Ursache des ganzen Leides bildete. Die eine, gewöhnlich vorhandene
Empfindung zog ihn, die Schuld von sich ab und auf sie zu wälzen, eine
andere, noch viel stärkere aber, schnell -- so schnell als möglich
-- den stattfindenden Gefühlsausbruch, zu besänftigen und ihn nicht
stärker werden zu lassen. Es war qualvoll, unter einer ungerechten
Beschuldigung zu leiden, allein sich zu rechtfertigen und ihr wehe
zu thun, war noch schlimmer. Wie ein Mensch im Halbschlaf, der von
einem Schmerz gequält ist, so wollte er jetzt die schmerzende Stelle
losreißen, von sich werfen und fühlte, als er zur Besinnung kam, daß
diese schmerzende Stelle -- er selbst war. -- Man konnte sich somit
nur bemühen, der kranken Stelle behilflich zu sein, zu dulden, und er
bemühte sich denn, dies zu thun.

Beide söhnten sich aus; sie, indem sie ihre Schuld einsah, ohne sie
jedoch einzugestehen, wurde wieder zärtlich gegen ihn, und beide
verspürten ein neues verdoppeltes Glück in ihrer Liebe. Dies hinderte
indessen nicht, daß sich diese Zusammenstöße nicht wiederholten, ja
sogar ziemlich häufig, und bei den unerwartetsten und geringfügigsten
Anlässen. Diese Zusammenstöße entstanden oft daraus, daß sie noch
nicht wußten, was das Eine für das Andere bedeutete, daraus, daß sie
in dieser ganzen ersten Zeit beide häufig in schlechter Laune waren.
Befand sich der eine Teil in guter, der andere in übler Stimmung,
so wurde der Frieden nicht gestört, wenn sich aber beide gerade in
Mißstimmmung befanden, so entstanden Zwiste aus Ursachen, die ihrer
Nichtigkeit halber so unbegreiflich waren, daß beide sich nachher
durchaus nicht mehr zu entsinnen vermochten, worüber sie sich entzweit
hatten. Allerdings verdoppelte sich hingegen das Glück ihres Lebens,
wenn sie beide bei guter Stimmung waren. Nichtsdestoweniger war aber
doch diese erste Zeit eine schwere für sie.

Während dieser ganzen Zeit hatte sich eine lebhafte Spannung, gleich
einem Zerren nach den beiden Enden einer Kette, durch die sie verbunden
waren, fühlbar gemacht.

Überhaupt war jener Honigmonat, das heißt der Monat nach der Hochzeit,
von dem sich Lewin, der Überlieferung nach, so viel versprochen hatte,
nicht nur nicht süß, sondern bildete vielmehr in der Erinnerung beider
gerade die schwerste und niederdrückendste Periode ihres Lebens.
Indessen bemühten sie sich beide für ihr späteres Leben alle die
häßlichen und beschämenden Umstände dieser ungesunden Zeit, in der sie
doch beide selten in normalem Seelenzustand, selten sie selbst gewesen
waren, aus ihrem Gedächtnis zu verwischen.

Erst im dritten Monat ihres Ehestandes, nach der Rückkehr von Moskau,
wohin sie sich für einen Monat begeben hatten, gestaltete sich ihr
Leben geebneter.


                                  15.

Sie waren kaum von Moskau wieder zurückgekommen und freuten sich nun
ihrer Einsamkeit. Er saß im Kabinett am Schreibtisch und schrieb;
sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen
ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das
besonders denkwürdig und teuer für ihn war, saß auf dem Diwan, dem
nämlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Großvater und
Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine =broderie
anglaise=. Er sann und schrieb, fortwährend in dem angenehmen
Gefühl ihrer Gegenwart. Seine Beschäftigung, sowohl die mit der
Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen
Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben
worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und
geringfügig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das
ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig
und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glückes
überfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort,
empfand aber jetzt, daß der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf
etwas Anderes übergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und
klarer auf die Sache blickte. Vordem war für ihn diese Beschäftigung
sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, daß ohne dieselbe
sein Dasein allzu düster sein würde; jetzt aber waren ihm diese
Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einförmig erhellt
sein möchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet
hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das
Werk sei es wert, daß er sich mit ihm befaßte. Viele der früheren
Ideen zeigten sich ihm zwar überflüssig oder übertrieben, aber vieles
noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen
Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel über
die Gründe der ungünstigen Lage des Ackerbaues in Rußland. Er legte
dar, daß die Armut Rußlands nicht nur von der unregelmäßigen Verteilung
des Grundbesitzes und falscher Methode herrühre, sondern auch in der
letzten Zeit die in Rußland in nicht normaler Weise zur Entwickelung
gelangte äußerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere
durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung
in den Städten mit sich gebracht hätten, die Entwickelung des Luxus,
und in der Folge hiervon, zum Schaden für die Landwirtschaft, die
Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten --
des Börsenspiels. --

Ihm schien, daß bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im
Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die
Landwirtschaft schon bedeutende Mühe verwendet hätte und dieselbe
in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhältnisse getreten
sei; daß der Reichtum einer Gegend in gleichmäßigem Wachstum stehen
müsse, und insbesondere in der Weise, daß andere Schößlinge der
Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen dürften, daß
im Einklang mit notorisch bekannten Verhältnissen der Landwirtschaft
auch dementsprechende Verkehrswege dafür vorhanden sein müßten; und
daß bei der gegenwärtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die
Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem
politischen Bedürfnis entsprängen, verfrüht wären, und, anstatt zu der
Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte
beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der
Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies,
daß weil nun die einseitige und verfrühte Entwickelung eines einzelnen
Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch
der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Rußland,
die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thätigkeit, die in
Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden
seien, in Rußland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage
der Organisierung des Ackerbaues verdrängten.

Während er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie
unnatürlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Fürsten Tscharskiy
gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour
gemacht hatte.

»Er ist offenbar eifersüchtig,« dachte sie; »mein Gott, wie gut und
befangen er ist! Er ist eifersüchtig auf mich! Wenn er wüßte, daß alle
für mich soviel sind, wie Peter der Koch.« Und mit einer ihr selbst
wunderlichen Empfindung von Selbstgefühl blickte sie auf seinen Nacken
und den rotschimmernden Hals. »Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit
zu entreißen -- er macht Fortschritte -- so muß ich doch sein Gesicht
sehen; ob er wohl fühlt, daß ich nach ihm schaue? Ich will, daß er
sich umwendet! Ich will es, nun!« und sie öffnete die Augen weiter, im
Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstärken.

»Ja, sie saugen alle Säfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,«
murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er
fühlte, daß sie auf ihn schaue, und lächelte.

»Was ist?« frug er noch lächelnd, und erhob sich.

»Er hat sich umgeblickt,« dachte sie.

»Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,« versetzte sie, ihn
anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei
oder nicht, daß sie ihn gestört habe.

»Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,« sagte
er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend.

»Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich
nicht nach Moskau.«

»Woran dachtest du denn eigentlich?«

»Ich? Ich habe gedacht -- nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich
nicht,« sprach sie, die Lippen kräuselnd, »ich muß jetzt diese kleinen
Löcher hier ausschneiden, siehst du?« --

Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden.

»Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du?« sagte er, sich zu ihr
setzend und der kreisförmigen Bewegung der kleinen Schere folgend.

»O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.«

»O, warum mir solch ein Glück? Es ist übernatürlich. Das ist zu schön,«
sagte er, ihr die Hand küssend.

»Mir ist es im Gegenteil um so schöner, je natürlicher es ist.«

»Du hast da ein Zöpfchen,« sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. »Ein
Zöpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!«

Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie
schuldbewußt auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, daß der Thee
serviert sei.

»Ist aus der Stadt Etwas angekommen?« frug Lewin Kusma.

»Soeben. Es wird ausgepackt.«

»Komm sobald als möglich,« sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend,
»sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen
auch vierhändig spielen.«

Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte
Portefeuille und wusch sich alsdann die Hände in dem neuen Waschbecken
und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten
Zubehör. Lewin lächelte über seine Gedanken und schüttelte mißbilligend
den Kopf darüber; eine Empfindung, die der Reue ähnlich war, quälte
ihn. Etwas Beschämendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich
selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise.

»Es ist nicht gut, so zu leben,« dachte er bei sich. »Bald sind es nun
schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich
beinahe zum erstenmal wieder ernstlich an eine Arbeit gemacht, und was
geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen.
Selbst meine gewöhnlichen Übungen, selbst die habe ich fast aufgegeben.
Die Ökonomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch
nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu müssen, bald
sehe ich, daß sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, daß bis zur
Heirat das Leben an und für sich nicht gerechnet werden kann, daß es
erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier
drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so müßig und so nutzlos
hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man muß anfangen.
Natürlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung
Vorwürfe machen. Ich selbst hätte fester sein und meine männliche
Unabhängigkeit wahren müssen. Indessen ist es ja möglich, sich selbst
wieder daran zu gewöhnen und auch sie darin zu unterrichten; natürlich
ist ihr keinerlei Schuld beizumessen,« sprach er zu sich selbst.

Es ist indessen schwer für einen unzufriedenen Menschen, einem anderen,
und zwar gerade dem, der ihm am nächsten steht, in Bezug auf das,
worüber er unzufrieden ist, nicht Vorwürfe zu machen. Auch Lewin war es
dunkel in den Kopf gekommen, daß -- nicht, daß sie selbst schuld daran
gewesen wäre -- sie konnte an nichts Schuld tragen -- ihre Erziehung
wohl schuld sei, die allzu oberflächlich und frivol gewesen war --
(dieser Narr Tscharskiy; sie, das weiß ich, wollte ihn wohl von sich
abweisen, aber sie verstand es nicht). Außer dem Interesse für das Haus
-- das heißt ihre Familie -- außer ihrer Toilette und der =broderie
anglaise= hat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse
für ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht
für die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch für Lektüre.
Sie thut nichts und ist doch vollständig zufrieden.

Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, daß sie
sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die für sie
erscheinen mußte, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres
Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nähren und zu erziehen
haben würde. Er erkannte nicht, daß sie dies durch ihre Ahnung schon
wußte und sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mühe über die
Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglückes, die sie jetzt noch
genoß, keine Vorwürfe machte, sondern heiter ihr künftiges Nest sich
baute.


                                  16.

Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar
hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe
Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine
Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in
beständigem und lebhaftem Briefwechsel standen.

»Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle
auch mit bei ihr sitzen,« begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig
zulächelnd.

In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines
Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity
abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der
Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die
ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie
gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben.

»Da habe ich einen Brief an dich gelesen,« sagte Kity, ihm einen
fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. »Hier ist einer von jenem
Weibe deines Bruders, wie es scheint,« sagte sie, »ich habe ihn nicht
gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly
hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja
hatte dabei eine Marquise gemacht.«

Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von
Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es
zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr.
Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, daß sein Bruder sich ihrer
entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und
mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder
im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur
der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner
schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder
gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten
Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit
ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt
gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit
seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau
zurückgekehrt, »und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß
er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,« schrieb sie; »er hat
fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.«

»Lies, da schreibt Dolly von dir,« begann Kity lächelnd, hielt aber
plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte.

»Was hast du? Was ist da?«

»Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß
zu ihm.«

Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als
Marquise, an Dolly, alles war verschwunden.

»Wann wirst du fahren?« sagte sie.

»Morgen.«

»Und ich gehe mit dir, darf ich!« fuhr sie fort.

»Kity! Was soll das?« frug er vorwurfsvoll.

»Was das soll?« erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien
ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. »Weshalb soll ich
nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich« --

»Ich reise, weil mein Bruder stirbt,« antwortete Lewin. »Weshalb sollst
du da« --

»Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest« --

»In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich
allein könnte langweilen,« dachte Lewin, und die Auslegung in der so
ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. »Es ist aber unmöglich,« sagte
er in strengem Tone.

Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte
leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht
bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen
hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem
nicht glaubte, was sie sagte.

»Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisen werde;
unbedingt mit reisen werde,« fügte sie eifernd und zürnend hinzu.
»Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?«

»Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen
Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich
sein,« sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben.

»Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich
auch sein!«

»Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib
befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst« --

»Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß
nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm
geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um« --

»Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß
es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer
Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun,
wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.«

»Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken
zu,« fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes.
»Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es
meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du
aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht
verstehen.«

»Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!« rief
Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch
länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er
sich selbst traf.

»Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben!
Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!« fuhr sie fort, sprang
auf und eilte in den Salon.

Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr
zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht
überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn
nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr,
und ergriff ihre abwehrende Hand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das
Haar und küßte wiederum ihre Hand -- sie schwieg beharrlich. -- Als er
sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und »Kity« sagte, da kam sie
plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt.

Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu
seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm
nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei
dem Bruder nichts Anstößiges habe -- reiste aber nichtsdestoweniger,
auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst.

Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen
können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam
ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem
nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne,
sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte!
-- Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht
durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit
einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder
lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle
Berührungen, welche stattfinden konnten.

Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem
Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen.


                                  17.

Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank
lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen,
vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den
vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst
Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit
außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem
Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch
schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser.

Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in
schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und
das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere
und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und
der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen,
welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall,
und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast,
riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein
beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der
scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem
vereinbarte, was beide darin erwartete.

Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu
welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten,
nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes
Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem
Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom
Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am
Abend noch ein zweites freizumachen versprach.

Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und
namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von
Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen
möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen
zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer.

»Geh, geh,« sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußtem Blick
anschauend.

Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna
zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte,
bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau
gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das
nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige
Gesicht.

»Wie geht es? Was macht er? Wie?«

»Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon
erwartet. Er -- Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?«

Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit
setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf.

»Ich will gehen -- nach der Küche,« sagte sie; »der Herr wird sich
freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich
ihrer noch vom Auslande her.«

Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht,
was er ihr antworten sollte.

»Kommt, kommt!« sagte er.

Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür
seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham
und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige
Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr.
Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die
Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in
ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte.

Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem
Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche
Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick.

»Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?« wandte sie sich an ihren
Gatten und an jene. »Was macht er?« wandte sie sich an ihren Mann und
dann an sie.

»Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!« sagte Lewin sich
voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes,
als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging.

»Nun, so kommt doch herein,« sagte Kity, zu der sich emporrichtenden
Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht
ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, »oder geht, geht, und schickt
nach mir,« und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück.

Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er
bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen
Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher -- er hatte dies gehört
-- bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des
Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte
erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter
zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte
sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst
wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten
Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er
damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst
darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes.

In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den
Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch
vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft
lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter
menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke,
und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf
unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte
gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf
dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den
Schläfen und über der Stirn.

»Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay
ist,« dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein
Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung
dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den
Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes
unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die
furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender
Bruder war.

Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den
eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine
lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den
Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes
Glück.

Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war
schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge
Ausdruck seiner Augen nicht.

»Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,« brachte er mit
Anstrengung hervor.

»Ja -- nein« -- sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend.
»Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner
Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.«

Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte
doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht
antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn
eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß
auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen
darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu
erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und
begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und
Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur
über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen
berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer
Hoffnung hegte.

Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im
Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst
zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen.

»Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist
schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,«
sagte der Kranke mit Anstrengung, »und wenn du aufgeräumt hast, kannst
du hinausgehen,« fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder
richtend.

Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er
stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber,
als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden
hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden,
daß sie nicht zu dem Kranken gehe. »Wozu sie peinigen, wie ich mich
peinige?« dachte er.

»Nun? Was ist? Wie steht es?« frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht.

»Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur
mitgekommen?« sagte Lewin.

Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann
blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an
seinen Ellbogen.

»Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter
werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,« sagte sie,
»begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen
und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden
können. Bitte gestatte es!« beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück
ihres Lebens hiervon abhinge.

Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt
hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu
seinem Bruder.

Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie
ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer
des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos
die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager
des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen
brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre
frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den
Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu
sprechen.

»Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt
gewesen,« sagte sie, »Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure
Schwester werden würde.«

»Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?« frug er mit dem
Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete.

»Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns
von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin
nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.«

Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte
noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der
strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem
Lebenden erschien.

»Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,« sagte
sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau
haltend. »Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,« sagte sie
zu ihrem Manne, »schon, damit wir näher sind.«


                                  18.

Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und
ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken
eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft
unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des
Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah
die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen,
und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal
in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in
dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser
Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser
Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas
zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich
gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an
alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß
hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des
Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein,
sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm
schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es
infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des
Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer.
Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus,
da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben.

Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem
Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer
Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des
Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern
lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten
seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr
nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten
müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und
begab sich sofort ans Werk.

Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in
Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf
sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit
ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu
wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte
Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus
dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst
begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren
zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden
hervor und brachte sie herbei.

Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure
auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf
ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da
sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man
sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles
durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen
für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke
könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich,
wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht
in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte
sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte
zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die
Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung
seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den
großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen
und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener
waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den
langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig
die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite
geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu
ihm hin.

»Schneller,« befahl sie.

»Ihr geht ja nicht,« sagte der Kranke gereizt, »ich will selber« --

»Was sagt Ihr?« frug Marja Nikolajewna dazwischen.

Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und
unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein.

»Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!« sagte sie daher, den Arm
richtend, »Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in
Ordnung,« fügte sie hinzu. -- »Geh doch -- bitte -- in meinem kleinen
Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,« wandte sie sich an ihren
Mann, »du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man
hier noch vollends Ordnung macht.«

Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken
bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig
verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von
Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen
und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von
Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich.
Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die
nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in =broderie anglaise= von Kity. Auf
einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und
Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen
Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen
Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck
von Hoffnung unverwandt auf Kity.

Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war
nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit
welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor
und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei,
und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu
nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl
rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch
von bestimmter Temperatur.

Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder,
allein Lewin vernahm nur die letzten Worte »deine Katja«; an dem Blicke
jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt
worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte.

»Mir ist schon bei weitem besser,« sagte er, »bei Euch wäre ich
freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!« Er
ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der
Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die
Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren
beiden Händen und drückte sie. »Jetzt legt mich auf die linke Seite und
geht schlafen,« fuhr er fort.

Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie
hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was
er wünschen möchte.

»Auf die andere Seite,« sagte sie zu ihrem Manne, »er schläft stets
auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu
rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?« wandte sie
sich an Marja Nikolajewna.

»Ich fürchte mich,« versetzte diese.

So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper
mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke
zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem
Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses
schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme
vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere
dieser ausgemergelten Glieder überrascht.

Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme
umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und
schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete
ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte.

Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß
er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog;
erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen
und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht
fähig zu reden, das Gemach.


                                  19.

»Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren
entdeckt.« So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend
mit ihr sprach.

Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er
selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise,
wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und
als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes
gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch,
daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen
hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib
und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden
Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie
sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie
einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich
war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten,
oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so
zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und
betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich,
sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der
Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie,
ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden
umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen
wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich
nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu
thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit
seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch
größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein,
irgendwie zu handeln.

Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte.
Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging
nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht;
schweigen -- gleichfalls nicht. -- Blickte er den Kranken an, so konnte
dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so
konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den
Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll
auf, so schickte sich das nicht.

Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht
die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas
Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte
ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn
bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen
gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie
etwas wußte.

Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe
Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag
darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der
Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch
etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein
Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe
Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt:
»Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott,
daß ein jeder so sterbe!« Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge
für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken
bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß
er kommuniziere.

Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer
zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken
lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle.

Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen,
oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu
thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer
war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich;
sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen,
packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß
nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine
Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor
einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten
zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert
zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen
ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten.

Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als
alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise,
daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die
Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und
Servietten übergebreitet.

Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst
zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht
schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber
alles so, daß nichts Verletzendes darin lag.

Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch
keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen.

»Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu
kommunizieren,« sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire
sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar
strählend, »ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir
gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.«

»Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?« sagte Lewin,
nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten
dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend.

»Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch
drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl
sehr froh, daß ich ihn überredet habe,« sagte sie, unter ihrem Haar
hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. »Es ist alles möglich,«
fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck,
der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach.

Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam
und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder
angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs,
des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so
erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils
war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer
Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine
seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die
=broderie anglaise= sagte: »Möchten doch die guten Leute lieber die
Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten« und
Ähnliches.

»Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles
das einzurichten,« sagte Lewin, »und -- ich muß es eingestehen, daß
ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine
Reinheit, daß« -- er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht -- das
Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend
-- sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre
aufleuchtenden Augen blickend.

»Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,« sagte sie, wand
die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen
deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest.
»Nein,« sprach sie, »das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich
viel in Soden gelernt.«

»Waren denn dort derartige Kranke?«

»Noch schlimmere sogar.«

»Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in
der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen
ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.«

»Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut
mit ihm gewesen sein würden,« sagte sie, erschrak aber sogleich über
das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen
traten ihr in die Augen.

»Ja -- gewesen sein würden« -- sagte er traurig, »das ist eben einer
jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.«

»Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns
niederlegen,« sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend.


                                  20.

                                Der Tod.

Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung.
Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen
großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem
mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich
ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin
entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese
leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das
er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen
Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht
davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben,
sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen
Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und
weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische
war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen
hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in
der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity
diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen
von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war
ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese
abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das
Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden
Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die
alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches
der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem
Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend:
»Mache, wenn du bist, daß dieser Mensch gesunde,« und wiederholte dies
mehrere Male, »und du wirst ihn und mich erretten.«

Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er
hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte,
küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl
sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre.
Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um
ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es
bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich
und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen
Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde.

»Ist er besser? -- Ja, bei weitem. -- Wunderbar. -- Nichts Wunderbares.
-- Er ist doch besser,« so sprachen sie flüsternd und einander
zulächelnd.

Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief
ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und
plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst
geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen
von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der
Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken
selbst.

Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch
geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu
erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches
von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte
ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung,
mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder,
von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die
Einatmung von Jod Wunder thue.

»Wie, ist Kity nicht hier?« raunte er umherblickend, nachdem ihm
Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte.
»Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie
durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig
nicht mehr täuschen. Hieran glaube ich,« sprach er, die Flasche mit
seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen.

Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem
Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie
war bleich und ihre Lippen bebten.

»Er stirbt!« flüsterte sie; »ich fürchte, er stirbt sogleich!«

Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme
auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief
herniederhängendem Kopfe.

»Wie fühlst du dich?« frug Lewin flüsternd nach einer Pause.

»Ich fühle, daß ich scheide,« sprach Nikolay mit Anstrengung, aber
die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich
herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge
nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. »Katja,
geh' hinaus,« fuhr er fort.

Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern
hinauszugehen.

»Ich scheide,« sagte er wiederum.

»Weshalb denkst du das?« antwortete Lewin, um etwas zu sagen.

»Deshalb, weil ich scheide,« wiederholte Nikolay, sich gleichsam in
diesem Ausdruck gefallend. »Es ist zu Ende.«

Marja Nikolajewna trat zu ihm.

»Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,« sprach sie.

»Bald werde ich liegen,« versetzte er leise, »als ein Toter,« er sprach
höhnisch, erbittert, »nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.«

Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und
blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht.

Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn
bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief
und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das,
was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller
geistigen Anstrengungen mit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem
Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den
Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart
ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb.

»Ja, ja, so,« brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor.
»Bleibt.« Er schwieg wieder. »So,« sagte er dann gedehnt und
befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. »O Gott!«
begann er dann nochmals und seufzte schwer.

Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, »sie werden kalt«, flüsterte
sie.

Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich.
Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war
bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er
trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes »so«
bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden.
Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen,
aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu
thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu
lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich
dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust,
und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für
seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens,
welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte.

Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende
kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um
sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte
er, daß der Sterbende sich regte.

»Geh nicht fort,« sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab
ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen.

Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine
ganze Stunde und noch eine Stunde.

Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was
Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besaß
der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf,
behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren
kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen
wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte:
»Geh' nicht fort« -- -- --

Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer
derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden
zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er
erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die
er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen
sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und
zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er
hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer
und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch
Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt,
sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine
Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau
herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden
richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf »ich
leide furchtbar, unerträglich!«

Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen
Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut
über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich
darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity
bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu
beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst
körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand.
Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom
Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war
verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen
kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle
wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber
sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die
Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und
sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche,
verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl
der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden
mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich.

Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode
noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey
Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken
das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht
kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung.

Der Kranke erwiderte nichts.

»Was soll ich ihm nun schreiben?« frug Lewin. »Ich hoffe, daß du ihm
nicht mehr gram bist?«

»Nein, keineswegs!« antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage.
»Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!«

Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich
immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben,
hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie
der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja
Nikolajewna, wie Lewin und Kity.

Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte
im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr
fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den
gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die
ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf
bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele
ruhte: »O, wenn doch ein Ende käme«, oder »wann wird das vorüber sein«.

Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn
zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht
gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich
selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers,
welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die
Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten
in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst.
Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen
Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung
empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe
weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen.
Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des
Wunsches, hiervon erlöst zu sein.

Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf
den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück
blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche,
hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit,
Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung
gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz
keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung
rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem
einen zusammen -- dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und
von der Quelle derselben -- dem Körper.

Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte,
und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner
Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt
werden konnten.

»Legt mich auf die andere Seite,« sagte er und verlangte gleich darauf,
daß man ihn wieder lege, wie vorher. »Gebt mir Bouillon! Schafft
sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!« Sobald man
aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte
Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus.

Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es
stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte
den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen.

Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung
herrühre und empfahl geistige Ruhe.

Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit
einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat
und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem
Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich.

»Wie fühlt Ihr Euch?« frug sie ihn.

»Schlechter,« brachte er mit Mühe heraus, »es schmerzt so.«

»Wo schmerzt es?«

»Überall.«

»Heute geht es zu Ende, paßt auf,« sagte Marja Nikolajewna; zwar
flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin
bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte
sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte
brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der
nämliche vorwurfsvolle und gespannte.

»Warum denkt Ihr das?« frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor
hinaus folgte.

»Er hat angefangen, sich abzunehmen,« sagte Marja Nikolajewna.

»Was ist denn das?«

»Nun dies,« antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide
aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen
Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja
Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr
bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den
Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst
wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen
konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das
Sterbegebet sprechen zu lassen.

Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von
sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna
standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende
gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen
schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz
auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück,
und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die
erkaltete, blutlose große Hand.

»Er hat vollendet,« sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich
plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der
Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte
vernehmbar:

»Nicht ganz -- aber bald.« --

Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln
trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun
bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden.

Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der
Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und
zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem
Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war.

Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als
früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen,
und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben
vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines
Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die
Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn
von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den
Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war.

Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen
vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso
unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben.

Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr
Unwohlsein bestand in Schwangerschaft.


                                  21.

Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den
Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte,
daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen,
indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein
Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen
selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was
er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich
mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf
alles nur billigende Antworten gab.

Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin
sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag
speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine
Lage und erschrak über sie.

Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise
seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und
Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich
mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus
derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits
wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm
verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer
Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert,
unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für
ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er
sich jetzt fühlte.

Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben,
seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem
fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was
er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt,
beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet.

In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey
Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins
Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne
sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle
Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja
selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten.

Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der
Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er
die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein
eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht
unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der
Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte
seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung
zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die
Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen
vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey
Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen.

»Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz
befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz
wohl, deren Adresse mitzuteilen.«

Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis
schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den
Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung,
einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend.

Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein
ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder
allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der
Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn
wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch
nicht zur Mittagstafel.

Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und
Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys
und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war,
offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die
Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil
diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war -- in
diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres
zu erscheinen -- sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich
unglücklich war.

Er wußte, daß man deswegen -- eben deswegen, weil sein Herz zerrissen
war -- mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn
vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt,
noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die
war -- seine Wunden vor ihnen zu verbergen -- und er hatte dies zwei
Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei
Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen.

Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er
vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg
besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen
können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten
Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte,
sondern einfach den leidenden Menschen -- nein, nirgends hatte er einen
solchen Menschen.

Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer
zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr
besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn
Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher
Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die
beiden.

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit
Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die
dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich
dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der
Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit
irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder
war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte
derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war
stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey
Aleksandrowitschs hier gestorben.

Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas,
eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl
aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in
eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder
die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es
gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben,
und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen
Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante
Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen
geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und
die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen.
Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl,
dessen er fähig war.

Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele
auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher
Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen
Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man
Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel
einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten
konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig
über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle
äußern konnte -- aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in
einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus
dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund,
welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über
sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad
war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen,
welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die
denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt.

Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter
und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch
eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche
Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische
Beziehungen aufgerichtet.

Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend,
schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte
mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz
vorbereitet »habt ihr von meinem Unglück gehört?« Aber er vollendete
damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, »macht mir das also fertig,« womit
er ihn entließ.

Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich
gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem
ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften
überhäuft wären, und sich beeilen müßten.

An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die
Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht.
Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich.


                                  22.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergessen,
diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung
und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein
Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte,
den Kopf auf beide Arme gestützt.

»=J'ai forcé la consigne=,« sagte sie, indem sie mit schnellen
Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung
eintrat. »Ich habe alles gehört! Aleksey Aleksandrowitsch! -- Mein
Freund!« -- fuhr sie fort, mit beiden Händen fest die seine drückend
und ihm mit ihren schönen, sinnigen Augen ins Auge blickend.

Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und
schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu.

»Nicht gefällig, Gräfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin,« sagte
er und seine Lippen bebten.

»Mein Freund!« wiederholte die Gräfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen
von ihm zu verwenden, und plötzlich hoben sich ihre Brauen mit den
inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschönes
gelbes Gesicht wurde noch unschöner; doch Aleksey Aleksandrowitsch
empfand, daß sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn
überkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und küßte
sie. »Mein Freund!« sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme.
»Ihr dürft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist groß, aber
Ihr müßt Trost finden.«

»Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr,« sagte
Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in
ihre von Thränen gefüllten Augen schauend. »Meine Lage ist furchtbar
dadurch, daß ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Stützpunkt
dafür finde.«

»Ihr werdet eine Stütze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich
Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben,« antwortete sie mit einem
Seufzer, »unsere Stütze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben
uns gegeben hat. Eine Bürde in ihm ist leicht,« sagte sie mit jenem
verzückten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, »er wird
Euch halten und Euch beistehen!«

Trotzdem, daß in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen
Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch überflüssig
erscheinende, neue verzückte, erst seit kurzem in Petersburg
verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt
zu vernehmen.

»Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und
fasse jetzt nichts.«

»Mein Freund,« wiederholte Lydia Iwanowna.

»Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht
dies!« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, »ich klage um nichts. Aber
ich muß mich schämen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich
befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.«

»Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgeführt, von der
ich entzückt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem
Herzen wohnt,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt die Augen
hebend, »und daher dürft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schämen.«

Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hände
hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken.

»Man muß eben alle Einzelheiten kennen,« sagte er mit dünner Stimme,
»die Kräfte des Menschen haben ihre Grenze, Gräfin, und ich habe
die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt muß ich
Verfügungen treffen, Verfügungen über das Hauswesen, die sich für
mich ergeben haben« -- er betonte das letztere Wort -- »aus meiner
neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die
Rechnungen -- dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei
Kräften, es zu ertragen. Bei Tische -- ich bin gestern kaum seit der
Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich
mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle,
aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen.
Er fürchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig« -- Aleksey
Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwähnung thun, die man ihm
gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne.
An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hüten und Bändern, konnte
er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken.

»Ich verstehe, mein Freund,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. »Ich
verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber
ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann.
Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mühewaltungen
von Euch nehmen könnte. Ich verstehe, daß hier ein Frauenwort, ein
weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?«

Aleksey Aleksandrowitsch drückte ihr schweigend und dankerfüllt die
Hand.

»Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschäftigen. Ich bin nicht
stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich nützlich machen und
Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir
aus.« --

»Ich muß danken.«

»Aber, mein Freund, überlaßt Euch nicht diesem Gefühl, von welchem Ihr
gesprochen habt -- daß Ihr Euch dessen schämtet, was das höchste Gebot
des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.
Und danken könnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn muß man um Hilfe
bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe,« sagte
sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie
Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte.

Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrücke,
welche ihm früher, wenn nicht unangenehm, so doch überflüssig
erschienen waren, kamen ihm jetzt natürlich und tröstlich vor. Aleksey
Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzückten Geist nicht; er
war ein religiöser Mensch, der sich für Religion hauptsächlich im
politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere
neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem
Streit und der Analyse Thür und Thor öffnete, grundsätzlich unangenehm.
Früher hatte er sich kühl, ja selbst feindselig gegen diese neue
Lehre verhalten, und mit der Gräfin Lydia Iwanowna, die von derselben
eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch
Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal
hörte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich
nicht.

»Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl für Eure Thaten als für Eure
Worte,« sprach er, als sie mit Beten fertig war.

Die Gräfin Lydia Iwanowna drückte ihrem Freunde nochmals beide Hände.

»Jetzt will ich ans Werk gehen,« sagte sie lächelnd, nachdem sie eine
Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thränen aus dem Gesicht
gewischt hatte. »Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im äußersten
Notfall an Euch wenden.« Sie erhob sich und ging hinaus.

Die Gräfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzählte dem
erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thränen bethauend, daß sein
Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei.

Die Gräfin Lydia Iwanowna erfüllte ihr Versprechen. Sie nahm in der
That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey
Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht übertrieben, wenn sie
sagte, daß sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre
Anordnungen mußten abgeändert werden, da sie unausführbar waren,
und sie wurden abgeändert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey
Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne daß dies jemand merkte, das ganze
Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll während des
Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl
aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im höchsten Grade wesentlich:
sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Stütze in der
Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung für ihn, und insbesondere darin,
daß sie ihn, -- es war ihr dies ein tröstlicher Gedanke -- fast zum
Christentum bekehrte, das heißt, aus einem gleichgültig und träg
Religiösgesinnten zum eifrigen und festüberzeugten Parteigänger jener
neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der
jüngsten Zeit in Petersburg verbreitet hatte.

Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre
überzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute,
die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften
Vorstellungskraft, jener geistigen Fähigkeit, dank welcher die
Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja
thatsächlich werden, daß sie mit den anderen Vorstellungen und mit
der Wirklichkeit einen Einklang fordern, völlig beraubt. Er erblickte
nichts Unmögliches und Ungestaltes in der Vorstellung, daß der Tod, für
die Ungläubigen wirklich vorhanden, für ihn aber nicht da sei, und daß,
da er den wahrsten Glauben besitze, über den er selbst Richter wäre,
auch keine Sünde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden
ein volles Seelenheil kennen lerne.

Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser
Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel
fühlbar, und er wußte, daß er, wenn er ohne daran zu denken, daß seine
Verzeihung die Wirkung einer höheren Kraft gewesen war, sich diesem
Gefühl unmittelbar hingab, mehr Glück verspürte, als wenn er, wie
jetzt, jede Minute dachte, daß Christus in seiner Seele sei und er,
wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erfülle. Aleksey
Aleksandrowitsch war es indessen so unumgänglich notwendig, so zu
denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwürdigung eine, wenn
auch nur erklügelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen
sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, daß er sich, wie an
eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte.


                                  23.

Die Gräfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mädchen
an einen reichen, vornehmen, sehr gutmütigen und sehr ausschweifenden
Lebemann verheiratet worden.

Im zweiten Monat schon vernachlässigte sie ihr Gatte und antwortete auf
die exaltierten Versicherungen ihrer zärtlichen Gesinnung für ihn nur
mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das
gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzückten
Lydia wahrnahmen, nicht erklären konnten.

Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch
gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen
sie einen sich stets gleichbleibenden beißenden Sarkasmus zur Schau,
dessen Ursache man nicht begreifen konnte.

Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte schon längst aufgehört, in ihren Mann
verliebt zu sein, hörte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand
sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Männer
wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie
besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen
und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten,
sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen
Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in
Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionär
und in Karenin. Alle diese Liebesverhältnisse, bald sich abschwächend,
bald stärker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der
verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dem Hof und der
Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhängnis, welches
Karenin betroffen, diesen unter ihre Fürsorge genommen hatte, seit
der Zeit, da sie im Hause Karenins waltete, in der Sorge um dessen
Wohlergehen, empfand sie, daß alle die übrigen Liebesverhältnisse keine
echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein
verliebt war.

Das Gefühl, welches sie jetzt für diesen empfand, erschien ihr stärker,
als alle früheren Gefühle, und indem sie dasselbe untersuchte und es
mit diesen verglich, erkannte sie klar, daß sie in Komissaroff nicht
verliebt gewesen sein würde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet
hätte, daß sie in Ristitsch-Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein
würde, wenn es keine slavische Frage gäbe, daß sie aber Karenin um
seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden
Geistes, des milden, für sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren
gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner
weichen weißen Hände mit den aufgetretenen Adern willen.

Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf
seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte.
Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer
ganzen Persönlichkeit. Ihm zu Liebe beschäftigte sie sich jetzt mehr
mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Träumereien,
was wohl geschehen könne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wäre.
Sie errötete vor Vergnügen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein
Lächeln des Entzückens nicht unterdrücken, wenn er ihr etwas Angenehmes
sagte.

Schon mehrere Tage befand sich die Gräfin Lydia Iwanowna in einer
sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, daß Anna und Wronskiy
wieder in Petersburg seien. Man mußte Aleksey Aleksandrowitsch vor dem
Wiedersehen mit ihr bewahren, man mußte ihn bewahren selbst vor der
qualvollen Kenntnisnahme davon, daß dieses furchtbare Weib in ein und
derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen könne.

Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene »widerlichen
Menschen«, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten,
und bemühte sich nun während dieser Tage, alle Bewegungen ihres
Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen könnte.

Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre
Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Gräfin Lydia Iwanowna
eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, daß die beiden ihre
Angelegenheiten ordneten und am nächsten Tage abreisen würden.

Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen
ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte.

Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem,
rindenartigem Papier, war länglich und von gelber Farbe und trug ein
großes Monogramm, während das Schreiben selbst Wohlgerüche ausströmte.

»Wer hat das gebracht?«

»Ein Beauftragter aus dem Hotel.«

Die Gräfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den
Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an
der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes,
französisch abgefaßte Schreiben:

»=Madame la Comtesse=! Die christlichen Gefühle, welche Ihr Herz
erfüllen, verleihen mir die, ich fühle es, unverzeihliche Kühnheit,
Ihnen zu schreiben. Ich bin unglücklich über die Trennung von meinem
Sohne. Ich flehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal
sehen zu dürfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen
mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht
an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen
hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu
leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung für ihn kenne, werden
Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich ins Haus
kommen zu der üblichen, festgesetzten Stunde -- oder würden Sie mich
wissen lassen, wann und wo ich ihn außerhalb des Hauses sehen kann?
Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Großmut dessen
kenne, von dem dies abhängt. Sie können sich die heiße Sehnsucht ihn
zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die
Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen würde.

                                                           Anna.«

Alles in diesem Briefe versetzte die Gräfin Lydia Iwanowna in Zorn;
sowohl der Inhalt im allgemeinen, als der Hinweis auf Großmut und
insbesondere der, wie ihr schien, frivole Ton.

»Sag', es gebe keine Antwort,« sprach die Gräfin Lydia Iwanowna, und
schrieb sogleich an Aleksey Aleksandrowitsch, sie hoffe, ihn um ein Uhr
zur Hofcour zu sehen.

»Ich habe mit Euch über eine wichtige und traurige Angelegenheit zu
sprechen, und dort wollen wir verabreden, wo dies geschehen kann. Am
besten wohl bei mir, wo ich den Thee so wie Ihr ihn ja liebt, bereiten
lassen werde. Es ist unbedingt notwendig. Gott legt uns das Kreuz
auf, aber er giebt uns auch die Kraft,« fügte sie hinzu, um ihn doch
wenigstens in Etwas vorzubereiten.

Die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb gewöhnlich zwei oder drei Briefe
täglich an Aleksey Aleksandrowitsch. Sie liebte diese Verkehrsweise mit
ihm, da sie an sich Eleganz und Diskretion besaß, wie sie sich ihr in
persönlichen Beziehungen nicht bot.


                                  24.

Die Hofcour war vorüber. Die Abfahrenden pflogen bei der Begegnung
noch Gespräche über die letzten Tagesneuigkeiten, über neuempfangene
Auszeichnungen und Versetzungen hoher Beamter.

»Etwa der Gräfin Marja Borisowna das Kriegsportefeuille, und an die
Spitze des Stabes die Fürstin Watkowskaja,« sagte ein alter Herr in
goldgestickter Uniform zu einer hochgewachsenen Schönheit, die sich bei
ihm über die Beförderungen erkundigt hatte.

»Und mich zum Adjutanten,« versetzte das Fräulein lächelnd.

»Ihr habt bereits Eure Bestimmung. Man bestellt Euch in das Ressort für
geistliche Sachen. Und zu Eurem Beistande -- Karenin.«

»Guten Tag, Fürst,« sagte der alte Herr, einem Hinzutretenden die Hand
drückend.

»Was habt Ihr zu Karenin gesagt?« sprach der Fürst.

»Er und Putjakoff haben den Alexander Newskiy erhalten.«

»Ich dachte, er hätte ihn schon.«

»Nein. Seht ihn Euch doch an,« sagte der alte Herr, mit dem
goldgestickten Hute auf den, bei einem einflußreichen Mitglied
des Staatsrats an der Saalthür stehenden Karenin weisend, der in
Galauniform war und das neue rote Band über der Schulter trug.
»Glücklich und zufrieden, wie ein Kupfergroschen,« fügte er hinzu,
stehen bleibend, um einem athletischgebauten, schöngewachsenen
Kammerherrn die Hand zu drücken.

»Er ist gealtert,« sagte der Kammerherr.

»Von Sorgen. Er macht jetzt nur Projekte. Keinen Unglücklichen entläßt
er jetzt, bevor er nicht alles gewissenhaft dargelegt hat.«

»Wie, gealtert? =Il fait des passions=. Ich glaube, die Gräfin Lydia
Iwanowna ist jetzt eifersüchtig auf seine Frau.«

»Was soll das heißen! Über die Gräfin Lydia Iwanowna, bitte, sprecht
nichts Übles!«

»Ist denn das schlecht, wenn sie in Karenin verliebt ist?«

»Ist es denn wahr, daß die Karenina hier ist?«

»Das heißt nicht hier am Hofe, sondern in Petersburg! Ich begegnete
ihr gestern mit Aleksey Wronskiy, =bras dessus, bras dessous=, auf der
Morskaja.«

»=C'est un homme qui n'a pas=« -- -- begann der Kammerherr, hielt aber
inne, indem er grüßend Platz machte vor einer vorüberschreitenden
Persönlichkeit aus der Familie des Zaren.

So sprach man fortwährend von Aleksey Aleksandrowitsch, ihn richtend
und verspottend, während dieser, dem von ihm in Beschlag genommenen
Mitglied des Staatsrates den Weg vertretend, und um keine Minute seine
Ausführungen verkürzend, um ihn nicht fortlassen zu müssen, demselben
Punkt für Punkt einen Finanzplan vorlegte.

Fast zu gleicher Zeit, als Aleksey Aleksandrowitsch von seinem Weibe
verlassen wurde, ereignete sich für diesen das bitterste Ereignis was
einem Beamten passieren kann -- Stillstand in seiner aufwärtsführenden
Carriere. Derselbe war Thatsache geworden, und alle erkannten dies
klar, Aleksey Aleksandrowitsch selbst aber hatte sich noch nicht
eingestanden, daß seine Carriere zu Ende sei. War es der Zusammenstoß
mit Stremoff, war es das Unglück mit seinem Weibe, oder einfach der
Umstand, daß Aleksey Aleksandrowitsch zu der ihm bestimmten Grenze
gelangt war, für jedermann war es im laufenden Jahre klar geworden,
daß es mit seiner amtlichen Laufbahn vorüber war. Er bekleidete noch
einen wichtigen Posten, er war noch Mitglied vieler Kommissionen und
Komitees, aber auch ein Mann, der in Ungnade gefallen, und von welchem
man nichts mehr erwartete. Was er auch reden mochte, was er auch in
Vorschlag brachte, man hörte ihn, als wäre das, was er beantragte,
schon längst bekannt und eben gerade das, was gar nicht notwendig war.

Aber Aleksey Aleksandrowitsch merkte das nicht, im Gegenteil, der
direkten Teilnahme an der Regierungsthätigkeit fernstehend, sah er
jetzt viel klarer, als früher, die Mängel und Fehler in der Thätigkeit
anderer, und hielt es für seine Pflicht, auf die Mittel zu deren
Verbesserung hinzuweisen.

Bald nach seiner Trennung von der Gattin begann er, seine Denkschrift
über die neue Rechtsordnung zu schreiben, die erste aus einer zahllosen
Reihe niemandem nutzbringender Denkschriften über alle Zweige der
Verwaltung, welche er sich vorgenommen hatte, zu schreiben.

Aleksey Aleksandrowitsch erkannte seine hoffnungslose Stellung in der
Beamtenwelt nicht nur nicht, er war auch nicht erbittert hierüber,
sondern eher noch mehr als je zufrieden mit seiner Thätigkeit.

»Ein Beweibter sorgt sich um das Eitle, wie er seinem Weibe gefallen
mag, ein Unbeweibter um das Erhabene, wie er dem Herrn gefallen kann,«
sagt der Apostel Paulus, und Aleksey Aleksandrowitsch, in allen Dingen
jetzt nur noch geleitet von der heiligen Schrift, erinnerte sich oft
dieses Textes. Es schien ihm, daß er seit der Zeit, seit welcher er
ohne seine Frau lebte, gerade mit diesen Projekten dem Herrn mehr
diente, als früher.

Die augenscheinliche Ungeduld des Mitgliedes des Staatsrats, welches
wünschte, von ihm loszukommen, setzte Aleksey Aleksandrowitsch nicht in
Verlegenheit; er hörte nicht eher damit auf, seinen Plan zu entwickeln,
als bis das Ratsmitglied, die Gelegenheit des Vorüberschreitens der
Persönlichkeit aus der Zarenfamilie benutzend, ihm entschlüpft war.

Allein geblieben, ließ Aleksey Aleksandrowitsch den Kopf sinken, indem
er seine Gedanken sammelte, blickte dann zerstreut um sich, und schritt
der Thür zu, an welcher er der Gräfin Lydia Iwanowna zu begegnen hoffte.

»Wie sind sie alle körperlich so stark und gesund,« dachte Aleksey
Aleksandrowitsch, auf den mächtigen Kammerherrn mit seinem frisierten,
wohlriechenden Backenbart blickend, auf den rotschimmernden Hals
des straff in seiner Uniform erscheinenden Fürsten, an denen er
vorbeizuschreiten hatte. »Es ist ganz richtig gesagt, daß alles in der
Welt von Übel ist,« dachte er, nochmals seitwärts nach den Waden des
Kammerherrn blickend.

Langsam seine Beine weiterbewegend, verbeugte er sich mit dem
gewöhnlichen Ausdruck von Ermüdung und Würde vor jenen Herren, welche
von ihm gesprochen hatten, und suchte, nach der Thür blickend, mit
seinen Augen die Gräfin Lydia Iwanowna.

»Ah, Aleksey Aleksandrowitsch!« sagte der alte Herr, mit boshaft
blinzelnden Augen, während Karenin neben ihm hinschritt und mit kalter
Bewegung den Kopf neigte.

»Ich habe Euch noch nicht beglückwünscht,« sagte der alte Herr, auf
sein neuempfangenes Ordensband weisend.

»Ich danke Euch,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, »welch ein
herrlicher Tag ist heute,« fügte er hinzu, nach seiner Gewohnheit
besonders Betonung auf das Wort »herrlich« legend.

Daß man über ihn lachte, wußte er, aber er erwartete von ihnen ja auch
gar nichts anderes als Feindseligkeit; er war schon daran gewöhnt.

Als er die aus dem Korsett emporsteigenden gelben Schultern der Gräfin
Lydia Iwanowna, die in die Thür getreten war, und ihre ihn zu sich
rufenden, schönen sinnigen Augen erblickte, lächelte er, die weißen,
nicht schlecht gewordenen Zähne zeigend, und begab sich zu ihr hin.

Die Toilette Lydia Iwanownas hatte große Mühe gekostet, wie überhaupt
alle ihre Toiletten in der letzten Zeit. Der Zweck derselben war jetzt
ein vollständig umgekehrter im Vergleich zu dem, welchen sie vor
dreißig Jahren damit verfolgt hatte.

Damals hatte sie sich nur mit Etwas putzen wollen, je mehr, um so
besser. Jetzt, im Gegenteil hatte sie so notorisch in einer ihren
Jahren und ihrer Figur nicht entsprechenden Weise an Schönheit
verloren, daß sie nur noch darum bemüht war, den Gegensatz zwischen
diesem Putz und ihrer äußeren Erscheinung nicht gar zu schrecklich
werden zu lassen.

Was Aleksey Aleksandrowitsch anbetraf, so hatte sie dies erreicht, und
erschien diesem anziehend. Sie bildete für ihn die einzige Insel nicht
nur von Zuneigung, sondern auch der Liebe, inmitten des Meeres von
Feindseligkeit und Hohn, das ihn umgab.

Durch die Spießrutengasse von höhnischen Blicken hindurchschreitend,
strebte er naturgemäß ihrem Blick voll Liebe zu, wie die Pflanze dem
Licht.

»Ich gratuliere Euch,« sprach sie zu ihm, mit den Augen auf sein
Ordensband weisend.

Ein Lächeln des Vergnügens unterdrückend, zuckte er nur mit den
Schultern, die Augen schließend, als wollte er sagen, es könne ihn
dies nicht erfreuen. Die Gräfin Lydia Iwanowna wußte recht wohl, daß
dies für ihn eine der höchsten Freuden war, obwohl er es nimmermehr
eingestanden haben würde.

»Was macht unser Engel?« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, an Sergey
denkend.

»Kann nicht gerade sagen, daß ich vollständig zufrieden mit ihm wäre,«
sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend und die
Augen öffnend. »Auch Sitnikoff ist nicht zufrieden mit ihm.« Sitnikoff
war der Pädagog, dem die weltliche Erziehung Sergeys anvertraut war.
»Wie ich Euch schon gesagt habe, besitzt er eine gewisse Kühlheit
gerade denjenigen Hauptfragen gegenüber, die die Seele eines jeden
Menschen, und jedes Kind berühren,« begann er, seine Gedanken über die
einzige, ihn neben seiner amtlichen Thätigkeit interessierende Frage zu
entwickeln -- über die Erziehung seines Sohnes.

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch mit Hilfe Lydia Iwanownas aufs neue
dem Leben und der Thätigkeit wieder geschenkt worden war, fühlte
er auch seine Verpflichtung, sich mit der Erziehung des Kindes zu
befassen, welches in seinen Händen geblieben war. Da er sich vorher
niemals mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt hatte, so opferte
Aleksey Aleksandrowitsch einige Zeit dem theoretischen Studium des
Gegenstandes, und indem er einige anthropologische, pädagogische und
didaktische Bücher durchlas, stellte er einen Erziehungsplan auf,
und ging, den besten Petersburger Schulmann zur Leitung desselben
einladend, ans Werk. Dieses Werk nun beschäftigte ihn beständig.

»Ja, aber das Herz? Ich erkenne in ihm das Herz des Vaters und mit
einem solchen Herzen kann ein Kind nicht schlecht sein,« sagte Lydia
Iwanowna verzückt.

»Ja, mag sein; was mich anbetrifft, so erfülle ich meine Pflicht. Das
ist alles, was ich thun kann.«

»Ihr kommt doch mit zu mir,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, eine
Pause machend, »ich muß über eine traurige Angelegenheit mit Euch
reden. Alles hätte ich darum gegeben, Euch mit gewissen Erinnerungen zu
verschonen, aber die anderen denken ja nicht so. Ich habe ein Schreiben
>von ihr< erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.«

Aleksey Aleksandrowitsch erschrak bei der Gemahnung an sein Weib,
sofort aber stand auch jene totenhafte Unbeweglichkeit auf seinen
Zügen, welche seine vollkommene Hilflosigkeit in dieser Sache
ausdrückte.

»Ich habe das erwartet,« sagte er.

Die Gräfin Lydia Iwanowna blickte ihn verzückt an, und die Thränen des
Enthusiasmus vor seiner Seelengröße traten ihr in die Augen.


                                  25.

Als Aleksey Aleksandrowitsch in das kleine, mit altertümlichem
Porzellan dekorierte und Gemälden behängte anheimelnde Kabinett Lydia
Iwanownas trat, war die Herrin selbst noch nicht anwesend. Sie kleidete
sich um.

Auf einem runden Tische war ein Tafeltuch aufgedeckt, auf welchem ein
chinesisches Service und eine silberne Theemaschine stand. Aleksey
Aleksandrowitsch betrachtete zerstreut die unzähligen, ihm bekannten
Porträts, welche das Kabinett schmückten, und öffnete, nachdem er sich
an dem Tische niedergelassen, das auf demselben liegende Evangelium.

Das Rauschen des seidenen Kleides der Gräfin zog ihn davon ab.

»So, nun wollen wir uns gemächlich setzen,« sagte die Gräfin Lydia
Iwanowna, mit aufgeregtem Lächeln hastig zwischen Tisch und Diwan
durchschreitend, »und bei unserem Thee sprechen.«

Nach einigen Worten der Vorbereitung gab die Gräfin Lydia Iwanowna
schwer atmend und errötend das empfangene Schreiben Aleksey
Aleksandrowitsch in die Hände.

Das Schreiben durchlesend, blieb dieser lange stumm.

»Ich glaube nicht das Recht zu haben, ihr einen abschläglichen Bescheid
geben zu dürfen,« sagte er zaghaft, die Augen erhebend.

»Mein Freund, Ihr seht doch in keinem Menschen das Böse!«

»Im Gegenteil sehe ich, daß alles von Übel ist! Ob es aber richtig ist.«

In seinem Gesicht lag Unentschlossenheit und das Suchen nach Rat, nach
Unterstützung und Leitung in der Sache, die ihm unerfaßbar war.

»Nein« -- unterbrach ihn die Gräfin Lydia Iwanowna, »alles hat seine
Grenze! Ich begreife die Unmoral,« sagte sie -- nicht ganz aufrichtig,
da sie nie begreifen konnte, was Frauen zur Unmoral führt -- »begreife
aber nicht diese Hartherzigkeit. Gegen wen? gegen Euch! Wie kann man in
dieser Stadt verbleiben, in welcher Ihr seid? Nein; man kann hundert
Jahre leben und lernt nicht aus! Ich aber lerne Eure Erhabenheit und
ihre Niedrigkeit erkennen!« --

»Wer will einen Stein auf sie werfen?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
augenscheinlich mit seiner Rolle zufrieden. »Ich habe alles vergeben,
und kann sie daher nicht dessen berauben, was eine Forderung ihrer
Liebe ist, der Liebe zu ihrem Kinde« --

»Aber ist denn das Liebe, mein Freund? Ist das aufrichtig von Euch?
Gesetzt auch, Ihr habt ihr vergeben, Ihr verzeiht ihr -- haben wir
deshalb das Recht, auf die Seele jenes Engels einzuwirken? Er hält sie
für tot. Er betet für sie und bittet Gott, ihr ihre Sünden zu vergeben.
So ist es doch am besten. Sonst aber -- was wird er da denken?« --

»Hieran dachte ich nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch,
augenscheinlich zustimmend.

Die Gräfin Lydia Iwanowna bedeckte das Gesicht mit den Händen und blieb
stumm. Sie betete.

»Wenn Ihr nach meinem Rate fragt,« sagte sie, mit beten fertig und das
Gesicht wieder aufdeckend, »dann empfehle ich Euch, dies nicht zu thun.
Sehe ich denn nicht selbst, wie Ihr leidet, wie dies alle Eure Wunden
wieder geöffnet hat? Aber nehmen wir an, Ihr vergäßet, wie immer, Euch
selbst; wozu könnte das dann führen? Zu neuen Leiden nur Eurerseits, zu
Qualen für das Kind! Wenn in ihr noch etwas Menschliches geblieben ist,
so darf sie dies selbst nicht wünschen. Ich rate, ohne mich dabei
zu bedenken, nicht dazu, und wenn Ihr bestimmt, werde ich ihr
schreiben.« --

Aleksey Aleksandrowitsch willigte darein, und die Gräfin Lydia Iwanowna
schrieb folgendes Billet auf Französisch:

»Geehrte Frau! Die Erinnerung an Euch kann für Euren Sohn zu Fragen
seinerseits führen, auf die es keine Antwort giebt, welche in die Seele
des Kindes nicht den Geist des Tadels dem gegenüber einpflanzen müßte,
was für ihn ein Heiligtum sein soll; demgemäß ersuche ich Euch, den
abschläglichen Bescheid Eures Gatten im Geiste der christlichen Liebe
aufzufassen.

Ich bitte den Höchsten um seine Barmherzigkeit mit Euch.

                                          Gräfin Lydia Iwanowna.«

Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Gräfin Lydia
Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den
Grund der Seele.

Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause
zurückgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen
gewöhnlichen Geschäften zu widmen, und jenen inneren Frieden des
gläubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden
hatte.

Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor
welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Gräfin Lydia
Iwanowna gesagt hatte, hätte ihn nicht beunruhigen dürfen; und doch war
er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er
las, er vermochte die quälenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu
ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er,
wie ihm jetzt schien, ihr gegenüber begangen hatte.

Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rückkehr von den Rennen, das
Geständnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte -- besonders dies,
daß er von ihr nur äußeren Anstand verlangt und nicht zum Duell
herausgefordert hatte -- peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso
folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr
gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas
genützt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein
Herz vor Scham und Reue.

Ganz das nämliche Gefühl der Scham und Reue empfand er auch jetzt,
da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er
sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem
Zaudern, seine Erklärung gemacht hatte.

»Aber woran trage ich eine Schuld?« sprach er zu sich selbst, und diese
Frage rief in ihm stets eine andere hervor -- die, ob die anderen
Menschen wohl anders empfänden, anders liebten, anders heirateten.
Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden,
und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rücksichtslosen
Männern stieg vor ihm auf, die stets, wider seinen Willen und
allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten.

Er wies diese Gedanken von sich, er bemühte sich, sich zu überzeugen,
daß er nicht für das gegenwärtige Leben lebe, sondern für das ewige,
daß sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das,
was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm
schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gäbe es
jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte.

Aber diese Versuchung währte nicht lange, und alsbald erstand wieder
in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank
welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken
wünschte.


                                  26.

»Nun, wie steht's Kapitonitsch?« sagte der kleine Sergey rotwangig
und heiter, von dem Spaziergang am Vorabend seines Geburtstags
zurückkehrend und seine faltige Poddjovka dem hochgewachsenen, aus
seiner ganzen Größe auf den Kleinen herablächelnden alten Portier
reichend.

»War heute jener zurückgesetzte Beamte da? Hat ihn der Papa empfangen?«

»Empfangen. Soeben ist der Direktor gegangen und ich habe ihn
gemeldet,« sagte der Schweizer heiter blinzelnd. »Gestattet mir, daß
ich Euch auskleide.«

»Sergey!« sagte der Erzieher, in der Thüre stehen bleibend, welche nach
den inneren Gemächern führte. »Legt selbst ab!«

Doch Sergey widmete, obwohl er die schwache Stimme des Pädagogen gehört
hatte, diesem nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er stand, sich mit
der Hand an dem Brustgurt des Portiers anhaltend und ihm ins Gesicht
blickend.

»Hat denn Papa auch für ihn gethan, was not thut?«

Der Portier nickte bestätigend mit dem Kopfe.

Ein Beamter, der schon siebenmal bei Aleksey Aleksandrowitsch mit einem
Anliegen vorgesprochen hatte, interessierte Sergey und den Portier.
Sergey hatte denselben auf dem Vorsaal getroffen und gehört, wie
kläglich er den Portier bat, sein Anliegen vorzutragen, und gesagt
hatte, daß er mit seinen Kindern werde untergehen müssen.

Seit dieser Zeit interessierte sich Sergey, der dem Beamten noch ein
zweites Mal auf dem Vorsaal begegnet war, für diesen.

»Hat er sich denn recht gefreut?« frug er.

»Wie sollte er sich nicht gefreut haben? Bald gesprungen wäre er, als
er von hier fortging.«

»Hat man etwas für uns gebracht?« -- frug Sergey nach einer Pause.

»Nein, Herr,« antwortete kopfschüttelnd und flüsternd der Portier, »von
der Gräfin ist etwas da.«

Sergey ersah sofort, daß das, wovon der Schweizer sprach, ein Geschenk
von der Gräfin Lydia Iwanowna zu seinem Geburtstage sein müsse.

»Was sagst du? Wo ist es denn?«

»Korney hat es zu Papa getragen. Es scheint etwas recht Schönes.«

»Wie groß ist es denn? -- So?« -- --

»Kleiner, aber was Hübsches.«

»Ein Buch?«

»Nein, ein Spielzeug. Aber geht, geht, Wasiliy Lukitsch wird gleich
rufen,« sagte der Portier, die nahenden Schritte des Gouverneurs
vernehmend und behutsam das bis zur Hälfte im abgezogenen Handschuh
steckende Händchen, welches ihn noch bei seinem Ledergurt hielt,
losmachend.

»Wasiliy Lukitsch, diese Minute!« antwortete Sergey mit dem nämlichen
heiteren und lieblichen Lächeln, welches den seines Amtes beflissenen
Wasiliy Lukitsch stets besiegte.

Sergey war in viel zu heiterer und glücklicher Stimmung, als daß er
sich mit seinem Freund, dem Portier, nicht erst noch hätte in das
freudige Familienereignis teilen sollen, von dem er auf dem Spaziergang
im Sommergarten durch die Nichte der Gräfin Lydia Iwanowna erfahren
hatte.

Dieses freudige Ereignis erschien ihm besonders wichtig nach dem
Zusammentreffen mit dem Glücksfall des Beamten und seiner eigenen
Freude darüber, daß man ihm ein Spielzeug gebracht hatte. Sergey
schien es, daß heute ein Tag sei, an welchem jedermann glücklich und
heiter sein müsse.

»Weißt du, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?«

»Warum sollte ich das nicht wissen? Man ist ja schon gekommen, um zu
gratulieren.«

»So; freut er sich?«

»Wie sollte man sich über des Zaren Gunst nicht freuen? Das heißt, er
hat ihn ja auch verdient,« sagte der Portier streng und ernst.

Der kleine Sergey wurde nachdenklich, blickte in das von ihm schon
bis in die kleinsten Einzelheiten studierte Gesicht des Portiers,
insbesondere auf das Kinn, welches zwischen den grauen Backenbärten
hing und das niemand außer Sergey je erblickt hatte, da dieser ihn nie
anders als von unten herauf anschaute.

»Deine Tochter ist lange nicht bei dir gewesen?«

Die Tochter des Portiers war Balletttänzerin.

»Wie soll sie an den Wochentagen ausgehen können? Die haben auch zu
lernen. Und auch Ihr müßt nun lernen, Herr, geht.« --

In das Zimmer tretend, erzählte Sergey, anstatt sich zur Lektion
niederzulassen, seinem Lehrer von seinen Vermutungen darüber, ob das
was man für ihn gebracht habe, eine Maschine sein könnte.

»Was meint Ihr dazu?« frug er.

Wasiliy Lukitsch dachte nur daran, daß ein Lehrer lediglich die
Grammatikstunde zu geben habe, welche um zwei Uhr begann.

»Nein, sagt mir nur, Wasiliy Lukitsch,« frug er plötzlich, schon hinter
dem Arbeitstisch sitzend und das Buch in der Hand haltend, »was ist
denn noch mehr, als der Alexander Newskiy? Ihr wißt, daß Papa den
Alexander Newskiy erhalten hat?«

Wasiliy Lukitsch antwortete, daß der Wladimir höher sei als der
Alexander Newskiy.

»Und noch höher?«

»Am höchsten ist der Orden des heiligen Andreas.«

»Und höher noch als der Andreas?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was; selbst Ihr wißt das nicht?« und Sergey versank, sich aufstemmend,
in Nachdenken.

Seine Überlegungen waren sehr verwickelt und mannigfaltig. Er
überlegte, wie sein Vater plötzlich auch den Wladimir und den
Andreasorden erhalten könnte, und wie er infolgedessen heute in der
Lektion bei weitem fleißiger sein wolle, und wie er selbst, wenn er
erst einmal groß wäre, alle Orden, und auch das, was noch höher als der
Andreasorden sei, erhalten wollte. Sobald man einen ausgesonnen hätte,
wollte er ihn verdienen; und dächte man ihn noch höher aus, so wollte
er ihn sofort auch verdienen.

In solchen Überlegungen verstrich die Zeit, bis der Lehrer kam. Die
Lektion über die Umstände der Zeit und des Ortes und den Umstand der
Art und Weise saß nicht, und der Lehrer war nicht nur unzufrieden,
sondern selbst erzürnt. Der Groll des Lehrers rührte Sergey. Er fühlte
sich schuldig, weil er seine Lektion nicht gelernt hatte, aber wie er
sich auch bemühen mochte, er konnte es durchaus nicht ermöglichen; so
lange der Lehrer ihm Etwas erklärte, überzeugte er sich und schien zu
verstehen, doch sobald er allein war, vermochte er sich durchaus nicht
mehr zu entsinnen, und zu begreifen, daß das ziemliche kurze und so
verständliche Wort »plötzlich« ein »Umstand der Art und Weise« sei;
allein dennoch that es ihm leid, daß er den Lehrer kränkte.

Er wählte eine Minute, in welcher der Lehrer schweigend in das Buch
blickte.

»Michail Iwanitsch, wann wird Euer Namenstag sein?« frug er plötzlich.

»Ihr dächtet doch besser an Eure Arbeit; die Namenstage haben keinerlei
Bedeutung für ein vernünftiges Wesen. Es sind Tage wie alle anderen, an
denen man arbeiten muß.«

Der kleine Sergey schaute aufmerksam seinen Lehrer an, dessen
spärlichen Bart und die Brille, welche sich unter die Kerbe, die auf
der Nase war, gesenkt hatte, und versank so tief in Gedanken, daß
er nichts mehr von dem hörte, was der Lehrer ihm erklärte. Er hatte
erkannt, daß dieser nicht so dachte, wie er gesprochen hatte; er fühlte
dies an dem Tone, in welchem es gesagt worden war.

»Aber warum haben sie sich alle verabredet, dies immer in ein und
derselben Weise zu äußern, immer so langweilig und so zwecklos? Warum
stößt er mich von sich, warum liebt er mich nicht?« frug er sich
betrübt und konnte keine Antwort finden.


                                  27.

Nach der Lektion seitens des Lehrers folgte eine Stunde beim Vater.
Bis dieser erschien, hatte sich Sergey an den Tisch gesetzt, mit
seinem Messerchen spielend, und zu grübeln begonnen. Zu der Zahl der
Lieblingsbeschäftigungen Sergeys hatte das Aufsuchen seiner Mutter
während des Spazierganges derselben gehört. Er glaubte nicht an den
Tod überhaupt, und im besonderen nicht an den ihren, soviel ihm auch
Lydia Iwanowna davon gesagt und der Vater es bestätigt hatte, und so
suchte er sie, auch nachdem man ihm mitgeteilt hatte, daß sie tot
sei, noch immer während der Zeit seiner Ausgänge. Jede vollgebaute,
graziöse Dame mit dunklem Haar war seine Mutter. Bei dem Anblick einer
solchen Dame regte sich in seiner Seele ein Gefühl der Zärtlichkeit,
ein Gefühl, daß er tief Atem holte und die Thränen ihm in die Augen
traten, und so wartete er denn, daß sie wieder zu ihm kommen und ihren
Schleier aufheben möchte. Ihr Gesicht würde wieder sichtbar werden, sie
würde wieder lächeln, ihn umarmen, er würde ihren Duft wahrnehmen, die
Zartheit ihrer Hand fühlen und glückselig weinen, wie er schon einmal
des Abends ihr zu Füßen gefallen war und sie ihn gestreichelt hatte; er
aber hatte gelacht und sie in die weiße beringte Hand gebissen. Später,
als er dann zufällig von der Kinderfrau erfuhr, daß die Mutter nicht
gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklärten, sie sei
_für ihn_ tot, weil sie nicht gut gewesen -- was er durchaus nicht zu
glauben vermochte, da sie ihn ja geliebt hatte -- so forschte er noch
immer nach ihr und wartete auf sie.

Heute nun im Sommergarten war eine Dame in einem lila Schleier gewesen,
welcher er mit stockendem Herzen in der Erwartung, sie wäre es, mit den
Blicken gefolgt war, während sie auf dem Wege zu ihnen herankam. Die
Dame aber hatte sie nicht erreicht, sondern war abgebogen.

Heute nun fühlte Sergey stärker als je die Regungen dieser Liebe zu
ihr und völlig sich selbst vergessend in der Erwartung des Vaters,
zerschnitt er den ganzen Rand des Tisches mit dem Messerchen, mit
blitzenden Augen vor sich hinblickend und ihrer gedenkend.

»Papa kommt,« riß ihn Wasiliy Lukitsch aus seiner Träumerei. Sergey
sprang auf, eilte auf seinen Vater zu, küßte ihm die Hand, und blickte
ihn aufmerksam an, nach Kennzeichen der Freude über den Empfang des
Alexander Newskiy-Ordens an ihm suchend.

»Hast du einen hübschen Spaziergang gemacht?« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch, sich in seinen Lehnstuhl setzend, ein Exemplar des
Alten Testamentes heranziehend und es aufschlagend. Ungeachtet dessen,
daß Aleksey Aleksandrowitsch Sergey öfter gesagt hatte, jeder Christ
müsse die biblische Geschichte sicher kennen, hatte er sich doch öfter
mit Hilfe des Buches verbessern müssen, und Sergey hatte dies bemerkt.

»Ja, es war sehr lustig, Papa,« sagte er, sich seitwärts auf den Stuhl
setzend und ihn schaukelnd -- was ihm verboten war.

»Ich habe Nadenka gesehen,« Nadenka war die bei Lydia Iwanowna zur
Erziehung befindliche Nichte, »sie hat mir erzählt, daß man Euch einen
neuen Stern verliehen hätte. Freut Ihr Euch auch?«

»Zuerst -- schaukle nicht, bitte,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
»zweitens eine Belohnung ist nicht kostbar, nur die Arbeit dafür. Ich
möchte du verständest dies. Wenn du arbeitest und lernst, zum Zwecke,
Früchte dafür zu ernten, so wird dir die Arbeit schwer erscheinen; wenn
du aber arbeitest« -- sprach Aleksey Aleksandrowitsch, indem er sich
vergegenwärtigte, wie er sich nur durch sein Pflichtbewußtsein bei der
langweiligen Arbeit des heutigen Morgens, die in dem Unterschreiben
von hundertundachtzehn Papieren bestanden, aufrecht erhalten hatte --
»indem du die Arbeit selbst liebst, so wirst du für dich selbst darin
eine Belohnung finden.«

Die von Zärtlichkeit und Lust glänzenden Augen Sergeys wurden trübe
und senkten sich unter dem Blick des Vaters. Das war der nämliche, ihm
längst bekannte Ton, mit dem ihm sein Vater stets begegnete, und dem
Sergey schon sich anzubequemen gelernt hatte.

Der Vater sprach stets mit ihm -- so fühlte Sergey -- als wende er
sich an einen für ihn nur in der Vorstellung vorhandenen Knaben,
einen Knaben, wie sie nur in Büchern vorkommen, und der dem Sergey
vollständig unähnlich war; und Sergey bemühte sich nun stets, sich vor
dem Vater zu stellen, als sei er ein ebensolcher Bücherknabe.

»Du verstehst das, hoffe ich?« sagte dieser.

»Ja, Papa,« antwortete Sergey, sich stellend, als sei er ein solcher
Phantasieknabe.

Die Lektion bestand in dem Auswendiglernen einiger Verse aus dem
Evangelium, und der Wiederholung des Anfangs des Alten Testaments. Die
Verse des Evangeliums hatte Sergey ordentlich gelernt, aber im selben
Augenblick, als er sie hersagte, schaute er auf des Vaters Stirnbein,
welches sich so scharf an der Schläfe bog, daß er den Faden verlor und
das Ende des einen Verses in einem einzelnen Worte mit dem Anfang des
anderen zusammenbrachte. Aleksey Aleksandrowitsch war es klar, daß
Sergey nicht verstanden hatte, was er hersagte, und dies reizte ihn.

Er wurde finster und begann wieder das Nämliche zu erklären, was Sergey
schon viele Male gehört hatte und nie wieder vergessen konnte, weil er
es schon allzu klar erkannt hatte, in der nämlichen Weise, wie dies,
daß »plötzlich« ein Umstand der Art und Weise sei.

Sergey schaute mit erschrecktem Blick auf den Vater und dachte nur an
das Eine: Will der Vater wiederholen lassen oder nicht, was er gesagt
hatte, wie es doch bisweilen der Fall war? Dieser Gedanke erschreckte
Sergey so sehr, daß er nun gar nichts mehr begriff. Der Vater ließ
ihn indessen nicht wiederholen und ging zu der Lektion aus dem Alten
Testament über. Sergey recitierte die Ereignisse selbst gut, doch
als er Fragen darüber beantworten sollte, was einige der Ereignisse
bedeuten sollten, wußte er nichts, obwohl er schon wegen dieser
Lektion bestraft worden war. Die Stelle, bei welcher er nichts mehr
zu antworten wußte und in Unruhe geriet, in den Tisch schnitt oder
mit dem Stuhle schaukelte, war die, wo er von den vorsündflutlichen
Patriarchen zu sprechen hatte.

Er kannte keinen von ihnen, außer Henoch, der lebendig in den Himmel
aufgenommen worden war. Früher hatte er die Namen gewußt, sie jetzt
aber ganz und gar vergessen, besonders deshalb, weil Henoch seine
Lieblingsgestalt aus dem ganzen Alten Testament war, und sich an dessen
Aufnahme bei Lebzeiten in den Himmel eine ganze, lange Reihe von Ideen
in seinem Kopfe knüpfte, der er sich auch jetzt hingab, mit den Augen
auf der Uhrkette des Vaters und an einem halb zugeknöpften Knopfe der
Weste desselben haften bleibend.

An den Tod, von welchem ihm so oft gesprochen wurde, glaubte Sergey
nicht so ganz. Er glaubte nicht daran, daß die von ihm geliebten Leute
sterben könnten, und insbesondere nicht, daß er selbst sterben würde.
Dies war für ihn vollständig unmöglich und unbegreiflich. Doch man
sagte ihm, daß alle Menschen sterben müßten; er frug nun selbst die
Leute, denen er glaubte, und diese bestätigten es; die Kinderfrau hatte
es ihm auch gesagt, wenn schon ungern. Aber Henoch war doch nicht
gestorben, und so starben vielleicht nicht alle Menschen.

»Weshalb soll denn nicht jeder sich vor Gott ebenso verdient machen
können und lebend in den Himmel aufgenommen werden?« dachte Sergey. Die
Bösen, das heißt, die Menschen, welche Sergey nicht liebte, die konnten
sterben, doch die Guten konnten sämtlich sein wie Henoch.

»Nun, welche sind die Patriarchen?«

»Henoch, Henoch« --

»Aber das hast du ja schon gesagt. Das ist schlecht, Sergey, sehr
schlecht. Wenn du dir nicht Mühe giebst, zu erkennen, was das Nötigste
ist von allem für den Christen« -- sagte der Vater aufstehend -- »was
kann dich denn dann noch interessieren? Ich bin unzufrieden mit dir und
auch Peter Ignatzitsch« -- dies war der Hauptlehrer -- »ist unzufrieden
mit dir. Ich muß dich bestrafen.«

Der Vater und der Lehrer waren beide mit Sergey unzufrieden, und in der
That hatte dieser sehr schlecht gelernt. Damit ließ sich aber durchaus
nicht sagen, daß er ein unbefähigter Knabe gewesen wäre. Im Gegenteil,
er war viel fähiger, als diejenigen Knaben, welche der Pädagog Sergey
als Muster hinstellte. Vom Gesichtspunkte des Vaters aus wollte er
nicht lernen, was jene lernten. In Wirklichkeit aber -- konnte er
es nicht lernen. -- Er konnte es deshalb nicht, weil sein Geist
Bedürfnisse hatte, welche für ihn viel bindender waren, als die, welche
ihm der Vater und der Erzieher auseinandersetzten. Diese Bedürfnisse
bestanden in dem Drang zu widersprechen, und er stritt kühnlich mit
seinen Erziehern. Sergey war neun Jahre alt, noch ein Kind, aber seine
Seele kannte er und sie war ihm teuer, er hütete sie, wie das Augenlid
das Auge schützt, und ohne den Schlüssel der Liebe ließ er niemand in
seine Seele hinein!

Seine Erzieher beklagten sich über ihn, daß er nicht lernen wolle, aber
seine Seele war erfüllt von dem Durst nach Erkenntnis. Und er lernte
bei Kapitonitsch, bei der Kinderfrau, bei Nadenka, bei Wasiliy Lukitsch
-- aber nicht bei seinen Lehrern. -- Das Wasser, welches ihm der Vater
und der Erzieher auf die Räder gaben, war schon längst versiegt und
arbeitete an einem anderen Platze.

Der Vater bestrafte Sergey, indem er ihn nicht zu Nadenka, der Nichte
Lydia Iwanownas ließ, aber diese Bestrafung erschien Sergey sehr
gelegen zu kommen. Wasiliy Lukitsch war bei guter Laune und wies ihm,
wie man Windmühlen baut. Der ganze Abend verging nun über dieser Arbeit
und den Gedanken daran, wie sich eine Windmühle so bauen ließe, daß man
sich selbst auf ihr drehen könne, indem man sie mit den Armen bei den
Flügeln faßte, oder sich daran festband -- und sich drehen ließ. --

An die Mutter dachte er den ganzen Abend nicht, doch als er sich ins
Bett legte, fiel sie ihm plötzlich wieder ein und er betete in seinen
Worten, daß seine Mutter morgen, zu seinem Geburtstage, nicht mehr
länger für ihn verborgen bleiben und zu ihm kommen möchte.

»Wasiliy Lukitsch, wißt Ihr, worum ich noch außer dem Sonstigen gebetet
habe?«

»Damit Ihr besser lernt?«

»Nein.«

»Vom Spielzeug?«

»Nein. Ihr ratet es nicht. Es ist ausgezeichnet, aber ein Geheimnis!
Wenn es sich erfüllt, sage ich es Euch. Habt Ihr es noch nicht heraus?«

»Nein. Ich rate es nicht. Sagt mirs doch,« sprach Wasiliy Lukitsch, und
lächelte, was bei ihm selten der Fall war. »Doch, legt Euch nur, ich
will das Licht auslöschen.«

»Mir ist ohne Licht das, was ich sehe und wovon ich betete, nur noch
sichtbarer. Da -- beinahe hätte ich jetzt mein Geheimnis verraten!« --
sagte Sergey unter heiterem Lachen.

Nachdem man das Licht fortgebracht hatte, hörte und fühlte Sergey seine
Mutter. Sie stand über ihm und koste ihn mit liebevollem Blick, doch da
erschienen die Windmühlen, sein Messerchen, alles ging durcheinander,
und er schlief ein.


                                  28.

In Petersburg angekommen, waren Wronskiy und Anna in einem der
besten Hotels abgestiegen. Wronskiy gesondert, in der unteren Etage,
Anna oben, mit ihrem Kinde, der Amme und der Zofe, in einem großen
Appartement, welches aus vier Zimmern bestand.

Am ersten Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy zu seinem Bruder;
woselbst er seine in Geschäften von Moskau angekommene Mutter traf.
Die Mutter und Schwägerin begegneten ihm, wie sonst, sie frugen über
seine Reise ins Ausland, sprachen von gemeinsamen Bekannten, erwähnten
aber mit keinem Worte sein Verhältnis zu Anna. Sein Bruder aber kam
am anderen Tage früh zu ihm und frug ihn selbst nach ihr und Aleksey
Wronskiy erzählte ihm offen, daß er seinen Bund mit der Karenina gleich
einer Ehe betrachte; daß er hoffe, die Scheidung zu erlangen und sie
dann heiraten werde und daß er sie bis dahin ebenso als sein Weib
achte, wie man jedes andere Weib achte, und bat ihn, dies der Mutter
und seiner Gemahlin so mitzuteilen.

»Wenn die Welt es nicht billigt, so ist mir das gleichgültig,« sagte
Wronskiy, »aber wenn meine Verwandten mit mir in verwandtschaftlichen
Beziehungen stehen wollen, so müssen sie in den nämlichen Beziehungen
auch mit meiner Frau stehen!«

Der ältere Bruder, welcher die Urteile des jüngeren stets geachtet
hatte, wußte nicht recht, ob dies richtig oder falsch sei, so lange
die Welt selbst die Frage entschieden haben würde. Er seinerseits hatte
gar nichts gegen die Sache und ging zusammen mit Aleksey zu Anna.

Wronskiy sagte in Gegenwart seines Bruders, wie in der aller anderen
zu dieser »Ihr«, und verkehrte mit Anna wie mit einer nahen Bekannten,
aber doch herrschte die stillschweigende Voraussetzung dabei, daß der
Bruder ihre Beziehungen kannte und es wurde davon gesprochen, daß Anna
nach dem Gute Wronskiys gehe.

Trotz aller seiner Welterfahrung war Wronskiy nach dem Eintritt in
das neue Verhältnis, in welchem er sich befand, in einem furchtbaren
Irrtum. Wohl hatte es ihm begreiflich erscheinen müssen, daß die Welt
für ihn und Anna verschlossen war, aber jetzt entstanden in seinem
Kopfe gewisse unklare Vorstellungen, daß es nur in der älteren Zeit so
gewesen sei, und jetzt bei dem schnellen Fortschreiten der Zeit -- er
war jetzt, ohne daß er selbst es merkte, ein Anhänger jeder Art von
Fortschritt geworden -- der Blick der Gesellschaft sich verändert habe,
und daß auch die Frage, ob sie in der Gesellschaft wieder angenommen
werden würden, noch nicht entschieden sei. »Natürlich,« dachte er, »die
Hofkreise werden Anna nicht aufnehmen, aber die ihr nahestehenden Leute
können und müssen die Sache auffassen, wie es sich gehört.«

Man kann einige Stunden sitzen, die Füße übereinandergeschlagen, und
in ein und derselben Stellung, wenn man weiß, daß uns nichts hindert,
diese Lage zu verändern; wenn aber ein Mensch weiß, daß er so mit
unterschlagenen Beinen sitzen muß, dann befällt ihn der Krampf, die
Füße werden zittern und sich nach dem Orte hinziehen, an den man sie
bringen möchte.

Dies erfuhr auch Wronskiy an sich bezüglich seiner Stellung zur Welt.
Obwohl er auf dem Grund seiner Seele wußte, daß dieselbe für sie beide
verschlossen sei, so versuchte er es doch, ob sich die Welt jetzt nicht
ändere und sie doch aufnehmen werde. Aber sehr bald wurde er inne,
obwohl die Welt für ihn persönlich offen stand, sie doch für Anna
verschlossen blieb. Wie bei dem Spiele Katze und Maus, senkten sich die
Hände, die vor ihm erhoben wurden, sofort vor Anna.

Eine der ersten Damen der Petersburger Gesellschaft, welche Wronskiy
wiedersah, war seine Cousine Betsy.

»Endlich!« begegnete ihm diese voll Freude. »Und Anna? Wie freue ich
mich. Wo seid Ihr abgestiegen? Ich kann mir denken, wie nach Eurer
reizenden Reise unser Petersburg Euch schrecklich sein muß; ich kann
mir Euren Honigmond in Rom vorstellen. Was wird mit der Scheidung? Habt
Ihr alles besorgt?«

Wronskiy bemerkte, daß der Enthusiasmus Betsys sich verringerte, als
sie erfahren hatte, daß eine Scheidung noch nicht erfolgt sei.

»Auf mich wird man den Stein werfen, ich weiß es,« sagte sie, »aber ich
werde zu Anna kommen; ja, ich komme sicherlich. Ihr bleibt wohl nur
kurze Zeit hier?«

Und in der That, noch am nämlichen Tage kam sie zu Anna gefahren,
doch war ihr Ton schon nicht ganz so der nämliche wie früher. Sie war
offenbar stolz auf ihre Kühnheit und wünschte, daß Anna die Treue ihrer
Freundschaft schätze. Sie blieb nicht länger als zehn Minuten, von den
Stadtneuigkeiten sprechend, und sagte beim Abschied: »Ihr habt mir
nicht gesagt, wenn die Ehescheidung stattfindet? Gesetzt auch, daß ich
meinerseits der Sache durch die Finger sehe, so werden doch die anderen
Euch kalt entgegenkommen, so lange Ihr nicht geheiratet habt. Und das
geht ja jetzt so leicht. =Ça se fait=. Ihr reist also Freitag ab?
Schade, daß wir uns nicht noch einmal wiedersehen können.«

Am Tone Betsys konnte Wronskiy erkennen, was er von der Welt zu
erwarten hatte, er machte aber gleichwohl noch einen Versuch in seiner
Familie. Auf seine Mutter hoffte er dabei freilich nicht. Er wußte,
daß diese, von Anna in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so entzückt
gewesen, ihr gegenüber jetzt unerbittlich hart war, weil sie an der
Vernichtung der Carriere ihres Sohnes Schuld trug. Dieser aber setzte
große Hoffnungen auf Warja, die Frau seines Bruders. Ihm schien, daß
Warja den Stein nicht mit werfen, sondern in ihrer Einfachheit und
Entschlossenheit zu Anna kommen und diese auch empfangen würde.

Am Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy denn auch zu ihr, und teilte
ihr -- er traf sie allein an -- offen seinen Wunsch mit.

»Du weißt, Aleksander,« sprach sie, ihn ruhig zu Ende hörend, »wie
ich dich liebe, und wie bereit ich bin, alles für dich zu thun; doch
ich habe geschwiegen, weil ich wußte, daß ich weder dir, noch Anna
Arkadjewna nützlich sein kann,« sagte sie, den Namen Anna Arkadjewna
mit eigentümlicher Betonung aussprechend. »Denke nicht, daß ich etwa
einen Tadel äußern will, vielleicht hätte ich an ihrer Stelle ganz das
Nämliche gethan. Ich will und kann nicht auf Einzelheiten eingehen,«
fuhr sie fort, zaghaft in sein finsteres Gesicht schauend. »Doch muß
man das Ding beim Namen nennen. Du willst, daß ich sie besuche, sie
auch empfange, und damit in der Gesellschaft rehabilitiere, aber
verstehe wohl, ich _kann_ das ja nicht thun! Meine Töchter wachsen
heran und ich muß in der Welt für meinen Mann leben. Nun komme ich zu
Anna Arkadjewna; diese wird ihrerseits begreifen, daß ich sie nicht
zu mir einladen kann, oder es dann wenigstens so thun müßte, daß sie
nicht Leuten begegnet, die andere Anschauungen haben. Das aber wird sie
verletzen! Ich kann ihr nicht aufhelfen.«

»Ich kann aber nicht glauben, daß sie tiefer gefallen sein sollte, als
Hunderte von Frauen, die Ihr empfangt,« unterbrach sie Wronskiy noch
düsterer, und erhob sich schweigend in der Erkenntnis, daß das Urteil
seiner Schwägerin unabänderlich sei.

»Aleksey! Sei nur nicht bös! Beherzige, bitte, daß ich nicht schuld
bin,« begann Warja wieder, mit schüchternem Lächeln auf ihn blickend.

»Ich zürne dir nicht,« sagte er, noch ebenso finster, »aber mir ist
das doppelt schmerzlich. Mir ist noch schmerzlich, daß dieser Umstand
unsere Freundschaft zerstört, oder wenn nicht zerstört, so doch
schwächt. Du begreifst, daß dies für mich ja auch nicht anders sein
kann.«

Mit diesen Worten verließ er sie.

Wronskiy hatte erkannt, daß weitere Versuche vergeblich sein würden,
und er diese wenigen Tage in Petersburg so zu verleben hätte, wie
in einer fremden Stadt, indem er alle Beziehungen zu der früheren
Gesellschaft mied, um sich nicht Unannehmlichkeiten und Kränkungen
aussetzen zu müssen, die ihm doch so peinlich waren.

Eine der hauptsächlichsten Unannehmlichkeiten seiner Lage in Petersburg
war die, daß Aleksey Aleksandrowitsch und sein Name, wie es schien,
überall zu finden war. Man konnte von nichts zu sprechen anfangen,
ohne daß das Gespräch auf Aleksey Aleksandrowitsch kam, man konnte
nirgendshin fahren, ohne ihm zu begegnen. So schien es wenigstens
Wronskiy, indem er sich wie ein Mensch mit einem schlimmen Finger
vorkam, der, als wäre es absichtlich, gerade mit diesem schlimmen
Finger an alles anstößt.

Der Aufenthalt in Petersburg erschien Wronskiy auch noch dadurch um
so schwerer, als er während dieser ganzen Zeit in Anna gleichsam ein
neues, ihm unverständliches Geschöpf erblickte. Bald war sie wie
verliebt in ihn, bald wurde sie kalt, reizbar und unergründlich. Sie
litt eine Qual und verbarg Etwas vor ihm; bemerkte aber wie es schien,
die Kränkungen nicht, die ihm das Leben vergifteten, und für sie mit
ihrem feinen Wahrnehmungsvermögen, doch nur noch qualvoller sein mußten.


                                  29.

Unter den Zwecken, welche der Reise nach Rußland zu Grunde lagen, war
für Anna auch der des Wiedersehens mit ihrem Sohne. Seit dem Tage, seit
welchem sie Italien verlassen, hatte dieser Gedanke nicht aufgehört,
sie in Aufregung zu erhalten, und je näher sie Petersburg kam, desto
mehr und immer mehr erschien vor ihr das Freudige und Bedeutungsvolle
dieses Wiedersehens. Sie legte sich gar nicht die Frage vor, wie
sie dieses Wiedersehen bewerkstelligen wollte. Es erschien ihr ganz
natürlich und einfach, daß sie ihren Sohn wiedersah, wenn sie mit
demselben in einer und derselben Stadt sich befand; allein nach ihrer
Ankunft in Petersburg, zeigte sich plötzlich ihre jetzige Stellung in
der Gesellschaft klar vor ihr, und sie erkannte, daß es schwierig sei,
das Wiedersehen zu ermöglichen.

Bereits zwei Tage war sie in Petersburg. Der Gedanke an den Sohn
verließ sie nicht eine Minute, und noch hatte sie ihn nicht gesehen.
Geradenwegs in das Haus zu fahren, wo sie mit Aleksey Aleksandrowitsch
zusammentreffen konnte, dazu, sie fühlte es, besaß sie nicht das Recht.
Man konnte sie vielleicht gar nicht einlassen und sie beleidigen. Zu
schreiben und sich mit ihrem Manne in Verbindung zu setzen, war ihr
schon dem Gedanken nach peinlich. Sie vermochte nur dann ruhig zu
bleiben, wenn sie ihres Mannes gar nicht gedachte. Den Sohn auf dem
Spaziergange zu sehen, nachdem sie sich erkundigt hatte, wohin und wann
er ausgehe, war ihr nicht genug; sie hatte sich so sehr auf dieses
Wiedersehen vorbereitet, sie hatte ihm soviel zu sagen, es verlangte
sie so sehr, ihn in ihre Arme zu schließen, ihn zu küssen. Die alte
Amme Sergeys konnte ihr behilflich sein und sie benachrichtigen. Aber
diese befand sich nicht mehr im Hause Aleksey Aleksandrowitschs. In
solcher Ungewißheit und unter Erkundigungen nach der Amme waren die
zwei Tage vergangen.

Nachdem Anna von den nahen Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zur
Gräfin Lydia Iwanowna vernommen hatte, entschloß sie sich am dritten
Tage, dieser einen Brief zu schreiben, der ihr viel Überwindung
kostete, und in welchem sie mit Vorbedacht sagte, daß der Entscheid
darüber, ob sie ihren Sohn sehen könne, von der Großmut ihres Mannes
abhängen müsse. Sie wußte, daß wenn man den Brief ihrem Manne wies,
dieser ihr, seine Rolle des Großmütigen weiterspielend, keinen
abschlägigen Bescheid geben würde.

Der Bote, welcher den Brief hingetragen hatte, überbrachte ihr die so
harte und unerwartete Nachricht, daß es keine Antwort gebe.

Noch nie hatte sie sich so erniedrigt gefühlt, als in dieser Minute,
als sie, den Boten kommen lassend, von diesem die einfache Mitteilung
vernahm, daß er gewartet habe, und man ihm endlich gesagt hätte, es
würde keine Antwort erteilt werden. Anna fühlte sich gedemütigt,
verletzt, aber sie erkannte, daß von ihrem Gesichtspunkt aus die Gräfin
Lydia Iwanowna recht habe. Ihr Schmerz war um so größer, als er ein
vereinsamter war. Sie konnte und wollte ihn nicht mit Wronskiy teilen.
Sie wußte, daß für ihn, obwohl er doch die Hauptursache ihres Unglücks
bildete, die Frage ihres Wiedersehens mit ihrem Kinde von höchst
geringer Bedeutung sei. Sie wußte, daß er niemals fähig sein werde,
ihre Leiden in deren ganzer Tiefe zu verstehen, sie wußte, daß sie ihn
wegen eines kühlen Tones bei Erwähnung der Sache würde hassen müssen.
Dies aber fürchtete sie über alles in der Welt, und so verbarg sie vor
ihm alles, was ihren Sohn betraf.

Den ganzen Tag über zu Haus verweilend, hatte sie die Mittel erwogen,
zu einem Wiedersehen mit ihrem Sohne, und war bei dem Entschluß stehen
geblieben, an ihren Mann zu schreiben. Sie setzte den Brief noch auf,
als ihr das Schreiben Lydia Iwanownas gebracht wurde. Das Schweigen
der Gräfin hatte sie beruhigt und besänftigt, das Schreiben aber, und
alles das, was sie zwischen den Zeilen desselben las, versetzte sie in
solche Erbitterung, erschien ihr, gegenüber ihrer leidenschaftlichen
natürlichen Zärtlichkeit für ihr Kind so aufreizend in seiner
Gehässigkeit, daß sie gegen andere gereizt wurde und aufhörte, sich
selbst anzuklagen.

»Diese Kälte -- diese Gefühlsheuchelei!« sagte sie zu sich selbst.
»Ihnen war es ein Bedürfnis, mich zu beleidigen und das Kind zu
foltern, und ich soll mich vor ihnen demütigen! Um keinen Preis! Sie
ist schlechter, als ich! Ich lüge wenigstens nicht!« --

Und nun entschloß sie sich, morgen, am Geburtstage Sergeys, geradenwegs
in das Haus Aleksey Aleksandrowitschs zu fahren, die Leute zu
bestechen und List anzuwenden, um -- koste es was es wolle -- den
Sohn wiederzusehen und den ungeheuerlichen Trug, mit welchem man das
unglückliche Kind umgeben hatte, zu zerstreuen.

Sie fuhr nach einem Spielwarenladen, kaufte Spielzeug und überlegte
sich ihren Operationsplan. Frühmorgens, um acht Uhr, wenn Aleksey
Aleksandrowitsch, wahrscheinlich, noch nicht aufgestanden war, wollte
sie sich hinbegeben; sie wollte Geld nehmen, es dem Portier und dem
Diener in die Hände drücken, damit man sie einlasse, und wollte, ohne
den Schleier zu lüften, sagen, sie käme von einem Paten Sergeys, um
diesem zu gratulieren, und ihr sei aufgetragen, Spielzeug auf das Bett
des Kindes zu legen. Sie bereitete sich nicht auf die Worte vor, welche
sie zum Sohne sprechen wollte -- soviel sie auch darüber nachdachte,
sie vermochte nichts auszudenken.

Am andern Tage um acht Uhr morgens, stieg Anna allein aus der
Mietkutsche und läutete an der großen Einfahrt ihres ehemaligen Hauses.

»Sieh nach, was man will. Wer die Dame ist,« sagte Kapitonitsch, noch
nicht angekleidet, im Überrock und Kaloschen, indem er durch das
Fenster nach der Dame blickte, die von einem Schleier bedeckt, dicht
vor der Thür stand. Der Gehilfe des Portiers, ein Anna nicht bekannter,
junger Bursch, hatte dieser nicht sobald die Thür geöffnet, als sie
schon in dieselbe hineintrat, ein Dreirubelpapier aus dem Muff nahm und
es ihm in die Hand drückte.

»Sergey -- Sergey Aleksandrowitsch,« sprach sie und wollte
voranschreiten. Der Gehilfe des Portiers besah das Rubelpapier, hielt
sie aber an der zweiten Glasthür fest.

»Was wollt Ihr?« frug er.

Sie hörte weder seine Worte, noch antwortete sie etwas.

Als Kapitonitsch die Verwirrung der Unbekannten bemerkte, kam er selbst
zu ihr, ließ sie in die Thür herein und frug, was ihr gefällig wäre.

»Vom Fürsten Skorodumoff komme ich und will zu Sergey
Aleksandrowitsch,« sprach sie.

»Der junge Herr ist noch nicht aufgestanden,« antwortete der Portier,
sie aufmerksam betrachtend.

Anna hatte durchaus nicht erwartet, daß das vollständig unverändert
gebliebene Äußere des Vorzimmers dieses Hauses, in welchem sie neun
Jahre gelebt hatte, so mächtig auf sie einwirken würde. Eine nach der
anderen, erhoben sich frohe und trübe Erinnerungen in ihrer Seele und
für einen Augenblick hatte sie vergessen, weshalb sie hier war.

»Wollt Ihr gefälligst warten?« sagte Kapitonitsch, ihr den Pelz
abnehmend. Nachdem er den Pelz abgenommen hatte, blickte er ihr ins
Gesicht, erkannte sie und machte schweigend eine tiefe Verbeugung.
»Bitte gefälligst, gnädigste Frau,« sagte er zu ihr.

Sie wollte etwas erwidern, doch versagte ihr die Stimme, so daß sie
keinen Ton hervorzubringen vermochte. Wie schuldbewußt bittend, blickte
sie den Alten an, und stieg dann mit schnellen Schritten die Treppe
hinauf. Ganz vorgebeugt und mit den Kaloschen an den Stufen hängen
bleibend, lief Kapitonitsch ihr nach im Bemühen, ihr zuvorzukommen.

»Der Lehrer ist dort, er ist vielleicht nicht angekleidet. Ich muß erst
melden.«

Anna ging weiter die ihr bekannte Treppe hinauf, ohne zu verstehen, was
der Alte gesprochen hatte.

»Hierher, bitte links. Entschuldigt, daß alles noch unsauber ist.
Der junge Herr ist jetzt im früheren Diwanzimmer,« sagte der Portier
keuchend. »Gestattet, geduldet Euch ein wenig, Excellenz, ich will
nachsehen,« sagte er, öffnete, vor sie tretend, die hohe Thür und
verschwand in derselben. Anna blieb stehen und wartete.

»Er ist soeben erwacht,« sagte der Portier, wieder aus der Thür kommend.

Im nämlichen Augenblick, als der Portier dies sagte, hörte Anna den
Klang eines kindlichen Gähnens. Schon an der Stimme dieses Gähnens
erkannte sie den Sohn und sie sah ihn wie lebendig vor sich.

»Laß mich hinein, laß mich, laß mich!« sprach sie und trat durch die
hohe Thür. Rechts von derselben stand das Bett, und im Bett saß der
Knabe, welcher sich aufgerichtet hatte, im halbgelösten Hemdchen, den
kleinen Körper vorgebeugt, sich streckend und ausgähnend.

Im Augenblick, als seine Lippen sich schlossen, kräuselten sie sich zu
einem glücklichen traumhaften Lächeln, und mit diesem Lächeln legte er
sich langsam und zufrieden wieder zurück.

»Mein Sergey!« flüsterte sie, unhörbar an ihn herantretend.

Während ihrer Trennung von ihm, und unter dem Einfluß der Liebe,
welche sie in dieser ganzen letzten Zeit empfunden, hatte sie sich
ihn als vierjährigen Knaben, so wie sie ihn am liebsten gehabt hatte,
vorgestellt.

Jetzt war er schon nicht einmal mehr so, wie sie ihn verlassen hatte.
Er hatte sich noch weiter entfernt vom Alter des Vierjährigen, war
noch mehr gewachsen und magerer geworden. -- Was war das? -- Wie hager
erschien sein Gesicht, wie kurz war sein Haar? Wie lang seine Hände!
Wie hatte er sich verändert seit jener Zeit, da sie ihn verlassen!
Aber er war es doch, mit dieser Form seines Kopfes, seinen Lippen, dem
geschmeidigen Hals und den breiten kleinen Schultern.

»Sergey!« wiederholte sie dicht über dem Ohr des Kindes.

Dieser erhob sich wiederum auf den Ellbogen, wandte den Kopf verwirrt
nach beiden Seiten, als suche er etwas und öffnete die Augen. Still
und fragend blickte Sergey einige Sekunden auf die unbeweglich vor
ihm stehende Mutter, dann lächelte er plötzlich, glückselig, schloß
wiederum die noch schlaftrunkenen Augen, und warf sich, nicht mehr
zurück, sondern ihr entgegen, in ihre Arme.

»Sergey! Geliebter Knabe!« sprach sie mit erstickter Stimme, mit beiden
Armen den blühenden Körper umfangend.

»Mama!« sagte er, sich regend in ihren Armen, um mit wechselnden
Stellen seines Leibes ihre Arme berühren zu können.

Schlaftrunken lächelnd, noch immer mit geschlossenen Augen, faßte er
mit den runden Ärmchen von der Bettlehne nach ihren Schultern, und
warf sich auf sie, jenen lieblichen Schlafduft, jene Wärme von sich
ausströmend, die nur bei Kindern da ist, und begann dann, sein Gesicht
an ihrem Hals und ihren Schultern zu reiben.

»Ich wußte es,« sagte er, die Augen öffnend. »Heute ist mein
Geburtstag. Ich wußte es, daß du kommen würdest. Sogleich werde ich
aufstehen.«

Mit diesen Worten kam er zu sich.

Voll Sehnsucht betrachtete ihn Anna; sie sah, wie er gewachsen war und
sich in ihrer Abwesenheit verändert hatte. Sie erkannte und erkannte
auch nicht seine nackten Füße, die jetzt so groß geworden waren und
aus der Bettdecke hervorschauten, sie erkannte diese hager gewordenen
Wangen, diese verschnittenen, kurzen Haarlocken im Nacken, auf welchen
sie ihn so oft geküßt hatte. Sie befühlte alles dies und vermochte
nichts zu sprechen; die Thränen erstickten sie.

»Weshalb weinst du denn Mama?« sagte er, vollständig aus dem Schlafe
erwacht. »Mama, weshalb weinst du?« rief er aus mit weinerlicher Stimme.

»Ich weine nicht; ich weine vor Freude; ich habe dich so lange nicht
gesehen. Nein, ich werde nicht, werde nicht weinen,« sagte sie, ihre
Thränen verschluckend und sich abwendend. »Nun, jetzt mußt du dich
aber ankleiden,« fügte sie, sich aufrichtend hinzu, und setzte sich,
ohne seine Hände loszulassen, neben seinem Bett auf einen Stuhl, auf
welchem sein Anzug bereit lag.

»Wie kleidest du dich ohne mich an? Wie« -- wollte sie natürlich und
heiter zu sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht, und wandte
sich abermals ab.

»Ich wasche mich nicht in kaltem Wasser. Papa hat es nicht gestattet.
Aber Wasiliy Lukitsch, den hast du wohl noch nicht gesehen? Er wird
gleich kommen. Du hast dich ja auf mein Kleid gesetzt!«

Sergey lachte auf; sie blickte ihn an und lächelte.

»Mama, mein Herz, meine Taube!« rief er aus, sich wieder ihr
entgegenwerfend und sie umfangend. Es war, als ob er jetzt erst, indem
er ihr Lächeln erblickte, klar erkannt hätte, was vorgefallen sei. »Das
ist nicht nötig,« sagte er, ihr den Hut abnehmend, und gleichsam, als
ob er sie aufs neue ohne den Hut erkännte, warf er sich abermals ihr
entgegen, um sie zu küssen.

»Aber was hast du von mir gedacht? Du hast nicht gemeint, daß ich tot
sei?«

»Niemals habe ich es geglaubt.«

»Du hast es nicht geglaubt, mein Herz?«

»Ich habe gewußt, gewußt!« wiederholte er mit seiner Lieblingsphrase,
und begann, nachdem er ihre Hand ergriffen, die mit seinem Haar
spielte, sie mit der inneren Fläche an seinen Mund zu pressen und zu
küssen.


                                  30.

Wasiliy Lukitsch, welcher anfangs nicht begriff, wer diese Dame da
war, und erst aus dem Gespräch erkannte, dies sei jene selbe Mutter,
welche ihren Gatten verlassen, und die er nicht kannte, da er erst nach
ihrem Scheiden dieses Haus betreten hatte, befand sich in Zweifel, ob
er eintreten oder Aleksey Aleksandrowitsch Mitteilung machen sollte.
Nachdem er aber erwogen hatte, daß seine Verpflichtung nur darin
bestehe, bei Sergey zur bestimmten Stunde zu inspizieren, und er
demgemäß keine Beobachtungen anzustellen habe, wer dort saß, die Mutter
oder jemand anderes, sondern nur seine Pflicht erfüllen müsse, so
kleidete er sich an, trat zur Thür und öffnete sie.

Aber die Liebkosungen zwischen Mutter und Kind, der Klang ihrer Stimmen
und das, was sie sprachen, ließ ihn doch noch seinen Entschluß ändern.
Er schüttelte den Kopf, seufzte und schloß die Thür wieder.

»Ich werde noch zehn Minuten warten,« sagte er zu sich selbst, hustend
und sich Thränen abwischend.

In der Dienerschaft des Hauses war mittlerweile eine mächtige Bewegung
entstanden. Alle hatten erfahren, daß die Herrin angekommen sei,
und Kapitonitsch sie eingelassen habe, daß sie sich jetzt in der
Kinderstube befinde, während sich doch der Herr selbst stets in der
neunten Stunde dorthin begebe; und alle erkannten, daß eine Begegnung
der beiden Gatten unmöglich war, und verhindert werden müsse.

Korney, der Kammerdiener, begab sich in die Portierloge und frug, wer
die Dame eingelassen habe, und wie dies zugegangen sei, und als er
gehört hatte, daß Kapitonitsch sie empfangen und hereingeleitet habe,
machte er dem Alten Vorwürfe. Dieser hörte mit hartnäckigem Schweigen
zu, als ihm aber Korney sagte, daß man ihn deswegen davonjagen müßte,
sprang Kapitonitsch auf ihn zu und sagte, mit den Händen vor Korneys
Gesicht fuchtelnd:

»Ja, du hättest sie freilich nicht eingelassen! Ich habe zehn Jahre
hier gedient und nichts als Liebes gesehen, du aber wärest gekommen und
hättest gesagt >bitte, gefälligst hinaus!< -- Du verstehst die Politik
fein! So ist es! Du scheinst auf deine Weise schon zu verstehen, wie
man einen Herrn für sich einnimmt und den Mantel nach dem Winde hängt!«

»Ein Soldat!« erwiderte Korney verächtlich, und wandte sich zu der
eintretenden Amme: »Urteilt Ihr, Marja Jesimowna: Er hat die Gnädige
eingelassen, ohne jemandem etwas davon zu sagen,« wandte sich Korney zu
ihr.

»Aleksey Aleksandrowitsch wird sogleich erscheinen und nach der
Kinderstube gehen.«

»Was giebt es da für Auseinandersetzungen,« sagte diese, »Ihr Korney
Wasiljewitsch, habt ihn irgendwo ein wenig zurückzuhalten, den Herrn
nämlich, und ich laufe sogleich, um die gnädige Frau irgendwie beiseite
zu bringen. Sind das Auseinandersetzungen!« --

Als die Kinderfrau in die Kinderstube trat, erzählte Sergey der Mutter
gerade, wie er mit Nadenka vom Berge herab, beim Eisfahren gefallen
sei und daß sich dabei beide dreimal umkugelt hätten. Sie lauschte den
Klängen seiner Stimme, sah sein Gesicht und das Spiel seiner Mienen,
sie fühlte seine Hand, aber sie verstand nicht, was er sprach.

»Ich muß fort, und ihn verlassen,« das allein nur dachte und fühlte
sie noch. Sie vernahm wohl die Schritte Wasiliy Lukitschs, der zur
Thür schritt, und hustete, sie vernahm wohl die Schritte der nahenden
Kinderfrau, aber sie saß, wie zu Stein geworden, und nicht bei Kräften
zu sprechen oder aufzustehen.

»Gnädige Frau, meine Liebe!« begann die Amme, sich Anna nähernd, und
ihr Hände und Schultern küssend. »Gott hat unserem Geburtstagskinde
Freude gebracht. Ihr habt Euch doch gar nicht verändert.«

»Ach, Amme, du Gute, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr noch im Hause
seid,« sagte Anna, für eine Minute zur Besinnung kommend.

»Ich wohne nicht hier, sondern bei meiner Tochter, und bin nur
gekommen, um zu gratulieren, Anna Arkadjewna, meine Teure.«

Die Amme brach plötzlich in Thränen aus und küßte von neuem die Hand
der Herrin.

Sergey hielt sich, mit glänzenden Augen lächelnd, mit der einen Hand
an seiner Mutter, mit der anderen an der Amme an und stampfte mit den
wohlgenährten Füßchen auf den Teppich. Die Zärtlichkeit der geliebten
Amme gegen seine Mutter versetzte ihn in Entzücken.

»Mama! Sie kommt oft zu mir, und wenn sie kommt« -- wollte er beginnen,
hielt aber inne, als er bemerkte, daß seine Amme der Mutter etwas
zuflüsterte, und auf deren Gesicht sich Schrecken auspräge, und etwas
wie Scham, was der Mutter so gar nicht zu Gesicht stand.

Diese kam zu ihm.

»Mein Liebling,« sprach sie.

Sie konnte nicht sagen, »lebewohl«, aber der Ausdruck ihres Gesichts
sagte es, und er verstand.

»Mein süßer, lieber Kleiner!« sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem
Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu
rufen pflegte, »wirst du mich auch nicht vergessen? Du« -- doch weiter
vermochte sie nicht zu sprechen.

Soviel Worte sie sich auch später noch ausdachte, die sie ihm hätte
sagen können -- jetzt wußte und vermochte sie nichts zu sagen. --
Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand,
daß sie unglücklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme
flüsternd gesprochen hatte. Hörte er doch die Worte: »Stets in der
neunten Stunde«; und er begriff, daß damit sein Vater gemeint sei, und
die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen dürfe. Dies verstand
er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem
Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig,
und fürchtete ihn doch und empfand Scham über Etwas. Er wollte eine
Frage stellen, die ihm diesen Zweifel hätte aufklären können, wagte es
aber nicht zu thun. Er sah, daß sie litt, und empfand Mitleid mit ihr.
Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flüsternd:

»Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.«

Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke,
wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines
Gesichts, daß er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie
sogar gleichsam frage, wie er wohl über seinen Vater denken solle.

»Sergey, mein Herzblatt,« sagte sie, »liebe ihn, er ist besser und
edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal groß
bist, dann wirst du urteilen können.«

»Bessere Menschen als dich giebt es nicht!« rief er voll Verzweiflung,
durch Thränen hindurch, faßte sie an den Schultern, und begann sie aus
allen Kräften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen.

»Meine Seele, mein liebes Kind!« sagte Anna, und begann, hingerissen,
so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte.

Da öffnete sich die Thür und Wasiliy Lukitsch trat ein.

An der anderen Thür wurden Schritte vernehmbar, und entsetzt flüsterte
ihr die Amme zu »er kommt« und reichte Anna den Hut.

Sergey ließ sich auf sein Bett sinken und begann zu schluchzen, das
Gesicht mit den Händen bedeckend. Anna nahm diese Hände weg, küßte ihm
noch einmal das bethaute Antlitz und ging schnellen Schrittes zur Thür
hinaus.

Aleksey Aleksandrowitsch trat ihr in den Weg. Als er sie erblickt
hatte, blieb er stehen und beugte den Kopf.

Ungeachtet dessen, daß sie soeben erst gesagt hatte, er sei besser und
edler als sie, erfaßten sie bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn
warf, seine ganze Erscheinung mit allen ihren Einzelheiten umfangend,
die Gefühle des Widerwillens gegen ihn; der Wut und des Neides um den
Sohn. Mit schneller Bewegung ließ sie den Schleier fallen, und eilte
fast, ihren Schritt verdoppelnd, aus dem Zimmer.

Sie war nicht dazu gekommen, die Geschenke herauszunehmen, die sie mit
so großer Liebe und so großem Schmerz gestern im Laden gekauft hatte,
und brachte sie wieder mit nach Hause.


                                  31.

So sehr wie Anna auch ein Wiedersehen mit ihrem Sohne gewünscht hatte,
so lange sie auch nur hieran gedacht, sich nur hierauf vorbereitet
hatte, so hatte sie doch keineswegs erwartet, daß dieses Wiedersehen
eine so mächtige Wirkung auf sie ausüben würde.

Zurückgekehrt in ihre einsamen Appartements im Hotel, konnte sie lange
nicht fassen, warum sie eigentlich hier sei.

»Ja; das ist alles vorüber und ich bin wieder allein,« sagte sie zu
sich und setzte sich, ohne den Hut abzulegen, auf einen am Kamin
stehenden Sessel. Mit unbeweglichen Augen auf die Bronzeuhr blickend,
welche auf dem Tische zwischen den Fenstern stand, begann sie zu sinnen.

Die französische Zofe, die mit aus dem Auslande gebracht worden war,
trat ein, um sie anzukleiden. Verwundert blickte sie dieselbe an
und sagte nur »später«. Der Lakai brachte den Kaffee; sie sagte nur
»später«. Die italienische Amme, die das kleine Mädchen geputzt hatte,
trat mit demselben ein und brachte es Anna. Das dicke, wohlgenährte
Kind hob, wie stets, wenn es die Mutter sah, die nackten mit Bändern
umspannten Händchen, die Handflächen nach unten, und begann, mit dem
noch zahnlosen Mündchen lächelnd, wie ein Fisch an der Angel mit den
Händchen zu arbeiten, und mit ihnen an den gesteiften Falten des
gestickten Jäckchens zu scheuern.

Man mußte unwillkürlich lächeln und das Kindchen küssen, man mußte
ihm einen Finger vorhalten, an dem es anfassen konnte, jauchzend und
mit dem ganzen Körper in Bewegung. Man konnte nicht umhin, ihm die
Lippe darzubieten, die es anstatt eines Kusses in das Mündchen nahm.
Und alles das that Anna, und sie nahm das Kind auf ihre Arme und ließ
es hüpfen, und küßte es auf die frische Wange und die entblößten
Ärmchen, aber bei dem Anblick dieses Kindes wurde es ihr nur noch
klarer, daß das Gefühl, welches sie für dasselbe hegte, nicht einmal
Liebe war im Vergleich zu dem, was sie für Sergey fühlte. Alles an
diesem kleinen Mädchen war lieblich, aber alles das fand keinen Eingang
in ihr Herz. Auf ihrem ersten Kinde -- hatte sie es auch gleich von
einem ungeliebten Manne -- ruhte alle Kraft jener Liebe, die keine
Befriedigung gefunden hatte; das Mädchen war unter den schwierigsten
Verhältnissen geboren worden, und auf dasselbe war nicht der hundertste
Teil der Sorgfalt verwendet worden, wie auf das erste Kind; außerdem
war bei diesem Mädchen alles noch Erwartung, Sergey hingegen schon
fast wahrhaft Mensch und ein geliebter Mensch; in ihm kämpften bereits
Gedanken und Gefühle miteinander. Er begriff und liebte, er beurteilte
sie, wie sie meinte, indem sie seiner Worte und Blicke gedachte. Und
doch war sie auf immer nicht nur körperlich, sondern auch geistig von
ihm getrennt, ließ sich nichts mehr besser gestalten.

Sie gab das kleine Mädchen der Amme zurück, entließ diese, und öffnete
ein Medaillon, in welchem ein Porträt Sergeys war, ihn darstellend, als
er noch fast das nämliche Alter hatte, wie das kleine Mädchen jetzt.
Sie stand auf und nahm, ihren Hut ablegend, von einem kleinen Tische
ein Album, in welchem sich Photographieen ihres Sohnes aus anderen
Lebensaltern befanden. Sie wollte diese Photographieen vergleichen,
und begann sie aus dem Album herauszunehmen; sie nahm sie alle heraus,
nur eine einzige, die letzte und beste, war noch übrig. In weißem
Hemd saß er darauf auf einem Stuhle, machte böse Augen und lächelte
mit dem Munde. Dies war ein ganz eigentümlicher Ausdruck, der ihm am
besten stand. Mit den kleinen, flinken Händen, die sich jetzt besonders
angespannt mit ihren weißen, schmalen Fingern bewegten, hatte sie
mehrmals an die Ecke des Bildes geklopft, aber das Bild war losgerissen
und sie konnte es nicht erlangen. Ein Messer befand sich nicht auf dem
Tische, und sie nahm daher eine Photographie, welche daneben stand --
es war ein in Rom gefertigtes Bild Wronskiys, welches ihn in rundem Hut
und langen Haaren darstellte -- und stieß damit das Bild ihres Sohnes
heraus.

»Das ist ja er!« sagte sie, auf das Bild Wronskiys blickend, und sich
plötzlich vergegenwärtigend, wer die Ursache ihres jetzigen Harmes sei.
Sie hatte noch nicht ein einziges Mal während dieses ganzen Morgens
an ihn gedacht. Jetzt aber, als sie dieses männliche, edle, ihr so
vertraute und liebe Gesicht wieder erblickte, empfand sie plötzlich
eine unerwartete Regung der Liebe zu ihm. »Aber wo bleibt er denn? Läßt
er mich allein mit meinem Leiden?« dachte sie mit einem Gefühl des
Vorwurfs, und vergaß dabei, daß sie selbst vor ihm doch alles verborgen
hielt, was ihren Sohn betraf. Sie sandte zu ihm mit der Bitte, doch
sogleich zu ihr zu kommen; mit stockendem Herzen, sich die Worte
vergegenwärtigend, mit denen sie ihm alles sagen wollte, und die Worte
seiner Liebe, mit welchen er sie trösten würde, erwartete sie ihn. Der
Bote kam mit dem Bescheid zurück, der Herr habe Besuch, würde aber
sofort kommen; Wronskiy hatte befohlen, bei ihr anzufragen, ob sie ihn
zusammen mit dem Fürsten Jaschwin, der nach Petersburg gekommen sei,
empfangen könne.

»Er kommt nicht allein, und hat mich doch seit dem gestrigen Mittag
nicht gesehen,« dachte sie, »er kommt nicht allein, daß ich ihm alles
sagen kann, sondern mit Jaschwin.« Und plötzlich tauchte ein seltsamer
Gedanke in ihr auf. »Wie wenn er aufgehört hätte, sie zu lieben?«

Und indem sie die Vorkommnisse der letzten Tage musterte, schien ihr,
als ob sie in allem eine Bestätigung dieses entsetzlichen Gedankens
sehe; schon darin, daß er gestern nicht zu Haus zu Mittag gespeist
hatte, daß er darauf bestanden hatte, sie möchten in Petersburg
getrennt logieren, wie darin, daß er jetzt nicht einmal allein zu ihr
kam, gerade als ob er einem Wiedersehen Auge in Auge mit ihr aus dem
Wege gehen wollte.

»Aber er muß mir dies sagen. Ich muß es wissen; und so bald ich es
weiß, dann weiß ich auch, was ich zu thun habe,« sagte sie zu sich,
ohne Fähigkeit, sich die Lage vorzustellen, in welche sie kommen würde,
wenn sie sich von seiner Gleichgültigkeit überzeugte. Sie glaubte, er
habe aufgehört, sie zu lieben, sie fühlte sich der Verzweiflung nahe,
und infolge dessen besonders reizbar. Sie schellte der Zofe und begab
sich nach dem Ankleidezimmer. Beim Ankleiden beschäftigte sie sich
mehr als während der letztvergangenen Tage mit ihrer Toilette, als ob
Wronskiy sie, wenn er sie nicht mehr lieben sollte, deshalb von neuem
lieben müsse, weil sie diese Robe und jene Frisur, die ihr besser
standen, trug.

Sie hörte die Glocke, noch bevor sie fertig war. Als sie in den Salon
trat, begegnete nicht er, sondern Jaschwin ihrem Blick. Jaschwin
betrachtete die Photographieen ihres Sohnes, die sie auf dem Tische
vergessen hatte, und er beeilte sich nicht eben, den Blick nach ihr zu
wenden.

»Wir sind ja Bekannte,« sagte sie, ihre kleine Hand in die große
Jaschwins legend, der in Verwirrung geraten war -- was sich bei dem
riesigen Wuchs und dem derben Gesicht desselben sonderbar genug
ausnahm. -- »Wir sind Bekannte seit dem vorigen Jahre, von den Rennen.
Gebt doch her,« sagte sie, mit schneller Bewegung die Bilder des
Sohnes, die er ansah, vor Wronskiy wegnehmend, und ihn bedeutungsvoll
mit den blitzenden Augen anschauend. »Waren im gegenwärtigen Jahre die
Rennen gut? Anstatt der unsrigen, habe ich die Rennen auf dem Corso
in Rom gesehen. Ihr liebt übrigens wohl nicht das Leben im Ausland?«
frug sie mit freundlichem Lächeln. »Ich kenne Euch, und kenne alle Eure
Geschmacksrichtungen, obwohl ich Euch wenig begegnet bin.«

»Das thut mir sehr leid, da meine Geschmacksrichtungen immer schlechter
werden,« sagte Jaschwin, sich in seinen linken Schnurrbart beißend.

Nachdem er noch einige Zeit geplaudert und bemerkt hatte, daß
Wronskiy nach der Uhr blickte, frug Jaschwin sie, ob sie noch lange
in Petersburg bleiben werden und griff, seine mächtige Gestalt
einknickend, ans Käppi.

»Wahrscheinlich nicht mehr lange,« sagte sie voll Verwirrung, auf
Wronskiy blickend.

»So sehen wir uns also nicht wieder?« antwortete Jaschwin, aufstehend
und sich an Wronskiy wendend, »wo speisest du?«

»Kommt, mit mir zu dinieren,« sagte Anna entschlossenen Tones,
gleichsam erzürnt über sich selbst wegen ihrer Verlegenheit, aber
errötend, wie dies stets bei ihr der Fall war, wenn sie vor einer ihr
nicht vertrauten Persönlichkeit ihre Meinung äußerte. »Das Essen ist
hier nicht gut, aber Ihr könnt ihn doch wenigstens wiedersehen. Aleksey
liebt von allen seinen Kameraden aus dem Regiment keinen so, wie Euch.«

»Sehr erfreut,« sagte Jaschwin mit einem Lächeln, aus dem Wronskiy
ersah, daß ihm Anna sehr gefiel.

Jaschwin empfahl sich und ging, Wronskiy blieb allein zurück.

»Du gehst auch?« sagte sie.

»Ich habe mich schon verspätet,« antwortete er, »geh! Ich komme dir
sogleich nach!« rief er Jaschwin nach.

Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn, ohne das Auge abzuwenden,
an, in ihren Gedanken suchend, was sie ihm sagen sollte, um ihn
zurückzuhalten.

»Warte, ich habe dir etwas zu sagen,« seine kleine Hand nehmend, preßte
sie dieselbe an ihren Hals, »nicht wahr, es thut nichts, daß ich ihn
zum Essen geladen habe?«

»Das hast du ganz recht gemacht,« sagte er, mit ruhigem Lächeln seine
engstehenden Zähne zeigend und ihre Hand küssend.

»Aleksey, du bist nicht anders geworden gegen mich?« sprach sie, mit
beiden Händen seine Rechte drückend. »Aleksey, ich quäle mich hier ab,
wann reisen wir?«

»Bald, bald. Du kannst nicht glauben, wie auch mir das Leben hier
schwer ist,« sagte er, seine Hand ausstreckend.

»Nun so geh, geh,« sagte sie verletzt und ging schnell von ihm hinweg.


                                  32.

Als Wronskiy heimkehrte, war Anna noch nicht wieder da. Bald nach ihm
war, wie man ihm sagte, eine Dame angekommen und mit dieser zusammen
sei sie weggefahren.

Daß sie weggefahren war, ohne gesagt zu haben wohin, was bei ihr bis
jetzt noch nicht der Fall gewesen war, daß sie noch an diesem Morgen
ausgefahren, ohne ihm etwas davon zu sagen -- alles das, zusammen mit
dem seltsam aufgeregten Ausdruck ihres Gesichts heute früh und mit der
Erinnerung an die feindselige Haltung, mit welcher sie in Gegenwart
Jaschwins die Bilder ihres Sohnes fast seinen Händen entrissen hatte,
stimmte ihn nachdenklich.

Er schloß, daß es notwendig sei, sich mit ihr auszusprechen, und er
erwartete sie nun in ihrem Salon. Anna kehrte indessen nicht allein
zurück, sondern brachte ihre Tante mit sich, eine alte Jungfer, die
Fürstin Oblonskaja. Das war die Dame, welche heute früh angekommen und
mit welcher Anna Einkäufe zu machen ausgefahren war.

Anna schien den besorgten und fragenden Ausdruck der Züge Wronskiys
nicht zu bemerken, und berichtete ihm heiter, was sie heute Morgen
gekauft habe. Er sah, daß in ihr etwas Besonderes vorgehe; denn in
ihren blitzenden Augen lag, wenn sie sich auf ihn im Vorübergleiten
hefteten, eine gespannte Aufmerksamkeit, und in ihrer Rede, in ihren
Bewegungen jene nervöse Schnelligkeit und Grazie, die ihn in der ersten
Zeit ihrer Bekanntschaft so bestrickt hatte, jetzt aber beunruhigte und
erschreckte.

Das Diner wurde für Vier gedeckt. Alle waren bereits versammelt, um
in das kleine Speisezimmer zu gehen, als Tuschkjewitsch mit einem
Auftrag für Anna von der Fürstin Betsy ankam. Die Fürstin Betsy bat
um Entschuldigung, daß sie nicht gekommen sei, um Abschied zu nehmen.
Sie fühle sich unwohl, bat aber Anna, zwischen halb acht und neun Uhr
zu ihr zu kommen. Wronskiy blickte Anna an bei dieser Zeitbestimmung,
welche bewies, daß Maßregeln getroffen waren, sie niemandem begegnen zu
lassen, doch schien dies Anna gar nicht zu bemerken.

»Sehr schade, daß ich gerade zwischen halb acht und neun Uhr nicht
kann,« sagte sie mit leisem Lächeln.

»Die Fürstin wird das sehr bedauern.«

»Auch ich.«

»Ihr wollt wahrscheinlich die Patti hören?« sagte Tuschkjewitsch.

»Die Patti? Ihr gebt mir da einen guten Gedanken ein. Ich würde
hinfahren, wenn es möglich wäre, eine Loge zu erhalten.«

»Ich kann sie erhalten,« brüstete sich Tuschkjewitsch.

»Ach, da würde ich Euch recht sehr dankbar sein,« antwortete Anna,
»aber wollt Ihr nicht mit uns speisen?«

Wronskiy zuckte kaum merklich die Achsel; er verstand absolut nicht,
was Anna that. Weshalb brachte sie diese alte Fürstin mit, weshalb
veranlaßte sie Tuschkjewitsch, mitzuspeisen, und, was am wunderbarsten
war, weshalb schickte sie ihn nach einer Loge? War es denn denkbar, daß
sie in ihrer Lage in das Abonnement der Patti fuhr, wo die gesamte,
ihr bekannte Welt zugegen sein würde? Mit ernstem Blick schaute er
sie an, doch sie antwortete ihm mit jenem herausfordernden, weniger
heiteren, als verzweifelten Blick, dessen Bedeutung er nicht verstehen
konnte. Bei Tische war sie provozierend heiter, sie kokettierte fast
mit Tuschkjewitsch und Jaschwin. Als man vom Tische aufstand und
Tuschkjewitsch wegfuhr, um die Loge zu bestellen, während Jaschwin
ging, um zu rauchen, begab sich Wronskiy mit letzterem zusammen hinweg
in seine Zimmer. Nachdem er einige Zeit hier verweilt hatte, eilte er
wieder nach oben. Anna hatte sich schon in eine hellseidene Toilette
mit Samt geworfen, die für sie in Paris gefertigt worden war, mit
offener Brust und kostbaren weißen Spitzen auf dem Kopfe, die ihr
Gesicht einrahmten, und ihre blendende Schönheit besonders vorteilhaft
hervorhob.

»Ihr fahrt bestimmt zum Theater?« sagte er, sie geflissentlich nicht
ansehend.

»Weshalb fragt Ihr so voll Furcht?« antwortete sie, aufs neue verletzt
davon, daß er sie nicht anblickte, »weshalb sollte ich nicht?« --

Sie schien den Sinn seiner Worte gar nicht zu verstehen.

»Natürlich, nicht die geringste Ursache, warum man es nicht thun
sollte,« antwortete er finster werdend.

»Das sage ich eben auch,« versetzte sie, mit Absicht keine Ironie in
ihren Ton legend, und ruhig den schmalen, duftenden Handschuh umwendend.

»Anna, um Gott! Was ist mit Euch?« frug er, sie zur Besinnung bringend,
ganz ebenso, wie einst ihr Mann zu ihr gesprochen hatte.

»Ich verstehe nicht, wonach Ihr fragt.«

»Ihr wißt, es ist unmöglich ins Theater zu fahren.«

»Warum? Ich fahre ja nicht allein. Die Fürstin Barbara geht, um sich
anzukleiden, sie wird mit mir fahren.«

Er zuckte die Schultern mit dem Ausdruck der Unentschlossenheit und
Verzweiflung.

»Aber wißt Ihr denn nicht« -- begann er.

»Ich will nichts wissen!« schrie sie fast auf. »Ich will nicht! Bereue
ich denn, was ich gethan habe? Nein, nein, und aber nein! Und geschähe
wieder das Nämliche, von Anfang an, so wäre es wieder so. Für uns, für
mich und Euch ist nur Eines von Wichtigkeit: ob wir uns gegenseitig
lieben! -- Andere Erwägungen giebt es nicht! Wozu wohnen wir hier
gesondert und sehen uns nicht? Warum kann ich nicht ins Theater fahren?
Ich liebe dich und mir ist alles gleich,« sprach sie russisch, mit
jenem eigenartigen, unverständlichen Glanz der Augen auf ihn blickend,
»wenn du dich nicht verändert hast. Warum schaust du mich nicht an?«

Er blickte sie an. Er sah die ganze Schönheit ihres Gesichts, dieser
Toilette, die ihr stets so gut zu Gesicht stand. Aber jetzt war gerade
ihre Schönheit und Eleganz das, was ihn betroffen machte.

»Meine Empfindungen können sich nicht ändern; Ihr wißt es, aber ich
bitte Euch, nicht dorthin zu fahren, ich beschwöre Euch,« sprach er,
wieder auf französisch, und mit zärtlicher Bitte in der Stimme, aber
Kälte im Blick.

Sie hörte seine Worte nicht, sondern sah nur die Kälte des Blicks und
antwortete gereizt:

»Ich bitte Euch nur, mir zu erklären, warum ich nicht fahren soll.«

»Weil es Euch Ursache werden könnte zu« -- er blieb stecken.

»Ich verstehe nichts. Jaschwin =n'est pas compromettant= und die
Fürstin Barbara ist in nichts schlechter, als die anderen. -- Da ist
sie ja!« --


                                  33.

Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefühl des Verdrusses, fast des
Zornes über Anna, wegen ihres absichtlichen Mißverstehens ihrer
Situation. Dieses Gefühl verstärkte sich noch dadurch, daß er ihr
die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Hätte er ihr
offen mitgeteilt, was er dachte, dann hätte er ihr gesagt: »In dieser
Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Fürstin
im Theater zu zeigen -- hieß nicht nur die Lage eines gefallenen
Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung
zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich für immer von dieser
lossagen.«

Dies konnte er ihr nicht sagen. »Aber wie kann sie es nicht verstehen,
und was geht in ihr vor?« sagte er zu sich. Er fühlte, wie sich zu
ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, während die
Erkenntnis ihrer Schönheit in ihm wuchs.

Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurück und befahl, sich zu
Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt
hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nämliche zu
bringen.

»Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd,
ich rate dir, es zu kaufen,« sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des
Kameraden musternd. »Er hat zwar ein Hängekreuz -- aber seine Füße und
der Kopf -- etwas besseres kann man nicht verlangen!«

»Ich denke, daß ich ihn kaufen werde,« antwortete Wronskiy.

Das Gespräch über die Pferde beschäftigte ihn zwar, aber er vergaß
nicht eine Minute Annas, unwillkürlich dem Klange der Schritte auf dem
Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend.

»Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, daß sie ins Theater gefahren
ist.«

Jaschwin stürzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand
auf und knöpfte sich zu.

»Nun, fahren wir?« sagte er, fein lächelnd unter dem Schnurrbart, und
mit diesem Lächeln zeigend, daß er den Grund der Mißstimmung Wronskiys
begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse.

»Ich werde nicht mitfahren,« versetzte Wronskiy.

»Ich aber muß; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen.
Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen,« sagte er im
Gehen noch.

»Nein, ich habe Geschäfte.«

»Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser
Weib ist, ist es noch schlimmer,« dachte Jaschwin, das Hotel verlassend.

Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer
auf und abzuschreiten.

»Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau
dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heißt, ganz Petersburg
ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die
Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Fürstin Barbara,« malte
er sich aus, »und ich? Entweder fürchte ich mich, oder ich habe meine
Protektion über sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache
auch betrachten mag -- sie ist dumm, dumm! -- Aber warum bringt sie
mich nur in diese Lage?« sagte er, mit der Hand ausschlagend.

Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das
Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stieß ihn fast um.
Er wollte ihn halten, ließ ihn aber fallen, und voll Verdruß stieß er
ihn mit dem Fuße um. Er schellte.

»Wenn du bei mir dienen willst,« sagte er zu dem eintretenden
Kammerdiener, »so merke dir deinen Dienst. Daß dies nicht wieder
vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.«

Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fühlte, wollte sich
rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er
an dessen Miene, daß er hier nur zu schweigen habe, und ließ sich,
geschäftig zusammengekrümmt, auf den Teppich nieder, auf dem er
die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Gläser und Flaschen
zusammenzulesen anfing.

»Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen,
lege mir meinen Frack bereit!« --

                   *       *       *       *       *

Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem
Gange.

Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab
und begrüßte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit »Eure
Durchlaucht;« schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und
rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand außer dem
Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der
Thüre horchten. Aus einer verschlossenen Thür heraus waren die Klänge
des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in =staccato= hörbar,
sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ
vortrug. Die Thür öffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und
der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thür
schloß sich indessen sofort wieder und Wronskiy hörte das Ende und die
Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem dröhnenden Beifallsklatschen durch
die Thür heraus wahr, daß die Schlußkadenz zu Ende sei.

Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal
trat, dauerte der Lärm noch fort. Auf der Scene stand eine Sängerin,
schimmernd in ihren entblößten Schultern und ihren Brillanten, sich
verbeugend und lächelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der
sie an der Hand führte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen
Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte
der pomadeglänzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem
Gegenstande über die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im
Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und
klatschte.

Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze half bei der Übergabe
des Gegenstandes und ordnete dann seine weiße Krawatte. Wronskiy trat
in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu
halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten,
gewohnten Umgebung, der Bühne, und diesem Lärm, dieser ganzen,
wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten
Theater, die ihn nicht interessierten.

Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder
im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott weiß wer
sie waren, und Uniformen und Röcke, der nämliche schmutzige Haufe
auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem
ersten Rang befanden sich nur einige vierzig »wirkliche« Herren und
Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und
sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten.

Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die
Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der
Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und
mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt
hatte, und ihn mit einem Lächeln zu sich rief.

Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich
nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der
Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich,
suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den
Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glück war derselbe für
diesmal nicht im Theater.

»Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben,« sagte
Serpuchowskoy. »Diplomat, Artist -- das wäre so Etwas für dich.«

»Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an,« sagte Wronskiy
lächelnd, langsam sein Augenglas nehmend.

»Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich
aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege,« sagte er, seine
Epauletten berührend, »dann thut es mir leid um die Freiheit.«

Serpuchowskoy hatte schon längst seine Erwartungen bezüglich einer
dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch
wie früher, und war jetzt besonders liebenswürdig gegen ihn.

»Schade, daß du dich zu dem ersten Akte verspätet hast.«

Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhörte, ließ sein Glas über die
Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban
und einem kahlköpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn
gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy plötzlich
den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schönheit, lächelnd in
der Umrahmung der Spitzen. Sie saß nur zwanzig Schritte von ihm von
vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung
ihres Kopfes auf den schönen breiten Schultern und der verhalten
herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte
ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt
hatte. Jetzt aber empfand er diese Schönheit ganz anders. In seinem
Gefühl für sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar
ihre Schönheit selbst stärker noch als früher an, zugleich damit aber
bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung
nach ihm, aber Wronskiy fühlte, daß Anna ihn schon gesehen hatte.

Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte
er, daß die unverheiratete Fürstin Barbara auffallend rot aussah,
unnatürlich lachte und unaufhörlich nach der Nachbarloge blickte. Anna
hingegen, die den Fächer zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten
Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder
wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem
Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt
hatte. Mürrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in
den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinüber.

In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy
kannte sie, und wußte auch, daß Anna mit ihnen bekannt war. Die
Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und
warf, mit dem Rücken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten
gereichten Überwurf um. Ihr Gesicht sah blaß und böse aus und sie
sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlköpfiger Herr,
schaute Anna fortwährend an und bemühte sich dabei, seine Frau zu
besänftigen. Nachdem diese gegangen war, zögerte er noch lange, suchte
mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar grüßen.
Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich
rückwärts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem
frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne grüßen zu
können, und die Loge stand leer.

Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna
vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes
geschehen war.

Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem
Gesicht Annas, die -- er wußte es -- ihre letzten Kräfte zusammennahm,
um die einmal übernommene Rolle zu Ende zu führen. Diese Rolle, die
äußerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollständig. Wer sie und
ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die Äußerungen des Bedauerns,
des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darüber hörte,
daß sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit
ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit so bemerkbar zu machen, die
bewunderten die Ruhe und Schönheit dieser Frau und ahnten nicht,
daß sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den
Schandpfahl gestellt ist.

In der Gewißheit, daß Etwas vorgefallen sei, aber ohne zu wissen
was, fühlte Wronskiy eine quälende Unruhe und begab sich, in der
Hoffnung, etwas darüber erfahren zu können, nach der Loge seines
Bruders. Absichtlich einen der Loge Annas gegenüberliegenden Gang
im Parterre wählend, stieß er im Hinausgehen mit seinem früheren
Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach, zusammen. Wronskiy
hörte, daß der Name der Karenin genannt wurde, und bemerkte, wie der
Regimentskommandeur sich beeilte, laut den Namen Wronskiys zu nennen,
indem er die Sprechenden anblickte.

»Ah, Wronskiy! Wann kommst du denn einmal zum Regiment? Wir können dich
nicht ohne ein Fest fortlassen. Du bist unser Stammhalter,« sagte der
Regimentskommandeur.

»Es thut mir sehr leid, ein ander Mal,« sagte Wronskiy und eilte die
Treppe hinauf in die Loge seines Bruders.

Die alte Gräfin, die Mutter Wronskiys, mit ihren stahlblauen Haarlocken
befand sich in derselben. Warja und die Fürstin Sorokina begegneten
ihm auf dem Korridor der Bel-Etage.

Nachdem Warja die Fürstin Sorokina zu ihrer Mutter geführt hatte,
reichte sie ihrem Schwager die Hand, und begann dann sogleich mit ihm
über das zu sprechen, was ihn interessierte. Sie war so aufgeregt, wie
er sie nur selten gesehen hatte.

»Ich finde, daß dies niedrig und gemein ist, und Madame Kartasowa dazu
nicht das geringste Recht hatte. Madame Kartasowa« -- begann sie.

»Aber was ist denn? Ich weiß gar nicht« --

»Wie, du hast nicht gehört?«

»Du hörst wohl, daß ich der Letzte bin, der also davon erfährt.«

»Giebt es wohl ein schlechteres Geschöpf, als diese Kartasowa.«

»Aber was hat sie denn gethan?«

»Mir hat es mein Mann erzählt -- sie hat die Karenina beleidigt.
Ihr Mann hatte mit dieser über die Loge hinüber gesprochen, und die
Kartasowa ihm darauf eine Scene gemacht. Sie hat, wie er mir erzählt,
sich laut in kränkender Weise ausgesprochen und ist dann gegangen.«

»Graf, Mama läßt Euch rufen,« sagte die Fürstin Sorokina, aus der Thür
der Loge blickend.

»Ich warte schon lange auf dich,« sprach die Mutter zu ihm, sarkastisch
lächelnd. »Man sieht dich ja gar nicht mehr.«

Der Sohn erkannte, daß sie ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken
konnte.

»Guten Tag, =Maman=; ich kam eben zu Euch,« sagte er kühl.

»Warum gehst du denn nicht, =faire la cour à madame Karènine=?« fügte
sie hinzu, als die Fürstin Sorokina weggetreten war. »=Elle fait
sensation. On oublie la Patti pour elle=.« --

»=Maman=, ich bat Euch, nur nicht hiervon zu sprechen,« antwortete er
sich verfinsternd.

»Ich spreche nur das, was alle sprechen.«

Wronskiy erwiderte nichts, und ging wieder, nachdem er der Fürstin
Sorokina noch einige Worte gesagt hatte. In der Thür begegnete er
seinem Bruder.

»Ah, Aleksey,« sagte dieser. »Welche Niedrigkeit! Diese Närrin --
weiter ist sie nichts! Ich wollte soeben zu ihr gehen. Komm, wir gehen
zusammen.« --

Wronskiy hörte ihn nicht. Mit schnellen Schritten stieg er hinunter; er
empfand, daß er etwas thun müsse, wußte aber nicht, was. Sein Verdruß
über Anna, daß sie sich und ihn in eine so schiefe Lage gebracht hatte,
doch auch das Mitleid mit ihr wegen ihrer Leiden, versetzten ihn in
Aufregung. Er ging hinunter ins Parterre und schritt geradenwegs auf
den Platz Annas zu. Neben diesem stand Stremoff, der sich mit ihr
unterhielt.

»Tenöre giebt es eben nicht mehr. =Le moule en est brisé=!«

Wronskiy verneigte sich vor ihr und blieb stehen, Stremoff begrüßend.

»Ihr scheint spät gekommen zu sein und die besten Arien nicht gehört
zu haben,« sagte Anna zu Wronskiy, ihn spöttisch anblickend, wie ihm
schien.

»Ich bin ein schlechter Kritiker,« antwortete er, streng auf sie
schauend.

»Wie der Fürst Jaschwin,« sagte sie lächelnd, »welcher findet, daß die
Patti zu laut singt. Ich danke Euch,« mit der kleinen Hand im hohen
Handschuh einen von Wronskiy aufgehobenen Theaterzettel nehmend; und
plötzlich, in diesem Augenblick, erbebten ihre schönen Züge. Sie stand
auf und begab sich in die Tiefe der Loge.

Als Wronskiy bemerkt hatte, daß im folgenden Akt ihre Loge leer
war, ging er, während sich in dem bei den Tönen einer Kavatine
stillgewordenen Theater ein Zischeln erhob, aus dem Parterre und fuhr
heim.

Anna war schon zu Haus. Als Wronskiy bei ihr eintrat, befand sie sich
noch in der Toilette, in welcher sie im Theater gewesen war. Sie saß
auf dem nächsten an der Wand stehenden Lehnstuhl und starrte vor sich
hin. Sie blickte ihn an und nahm dann ihre frühere Stellung wieder ein.

»Anna!« sagte er.

»Du, du bist schuld an allem!« rief sie unter Thränen der Verzweiflung
und der Wut in der Stimme, und erhob sich.

»Ich habe dich gebeten, dich beschworen, nicht zu fahren; ich habe
gewußt, daß es dir unangenehm werden würde« --

»Unangenehm!« rief sie, -- »entsetzlich! So lange ich lebe, werde ich
dies nicht vergessen! -- Sie hat gesagt, es sei entehrend, neben mir
sitzen zu müssen!« --

»Die Worte eines thörichten Weibes,« sagte er, »aber wozu mußtest du
dazu herausfordern?«

»Ich hasse deine Ruhe! Du durftest mich nicht so weit bringen. Wenn du
mich geliebt hättest« --

»Anna! Wozu hier eine Frage nach meiner Liebe« --

»Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du dich
martertest, wie ich mich martere« -- sprach sie, mit dem Ausdruck des
Entsetzens auf ihn blickend.

Es that ihm wehe um sie, und dennoch empfand er auch Verdruß. Er
versicherte sie seiner Liebe, weil er sah, daß nur dies allein sie
jetzt beruhigen konnte, und machte ihr keine Vorwürfe mit Worten; wohl
aber tadelte er sie in seinem Innern.

Und jene Versicherungen der Liebe, die ihm so niedrig erschienen, daß
es ihm schwer ankam, sie auszusprechen, sog sie in sich ein und wurde
etwas ruhiger. Am andern Tage fuhren beide, vollständig ausgesöhnt, auf
das Land.



                             Sechster Teil.

                                   1.


Darja Aleksandrowna verbrachte den Sommer mit den Kindern in
Pokrowskoje bei ihrer Schwester Kity Lewina.

Auf ihrem Gute war das Wohnhaus gänzlich in Verfall geraten, und
Lewin mit seiner Gattin hatten ihr zugeredet, den Sommer bei ihnen
zuzubringen.

Stefan Arkadjewitsch billigte dieses Arrangement sehr; er drückte sein
Bedauern darüber aus, daß der Dienst ihn verhindere, den Sommer mit der
Familie zusammen auf dem Dorfe zu verleben, was für ihn das höchste
Glück bilde, und kam, in Moskau bleibend, nur selten für einen Tag oder
für zwei auf das Land.

Außer den Oblonskiys mit all ihren Kindern und der Gouvernante war bei
Lewins während dieses Sommers noch die alte Fürstin, welche es für
ihre Pflicht hielt, ihre unerfahrene Tochter im Auge zu behalten, die
sich in gewissen Umständen befand. Weiterhin hatte auch Warenka, die
Freundin Kitys, von dem Aufenthalt im Auslande her ihr Versprechen
erfüllt, zu Kity zu kommen, wenn diese verheiratet sein würde, und war
jetzt bei ihrer Freundin zu Besuch.

Alles waren Verwandte und Freunde der Frau Lewins, aber obgleich
dieser sie alle lieb hatte, war es ihm doch einigermaßen leid um seine
»Lewinsche Welt« und die Ordnung, welche durch diese Überschwemmung
mit dem »Schtscherbazkischen Element«, verschlungen worden war, wie er
sich selbst sagte. Von Verwandten seiner Linie weilte in diesem Sommer
nur Sergey Iwanowitsch zu Besuch da, und auch dieser war kein Mensch
von Lewins, sondern von Koznyscheffschem Schlag, so daß Lewins geistige
Sphäre vollständig unterdrückt war.

In Lewins so lange verödet gewesenem Hause befanden sich jetzt so
viel Menschen, daß fast alle Räume besetzt waren, und fast jeden Tag
kam es vor, daß die alte Fürstin, wenn sie bei Tische sitzend alles
überzählte, den dreizehnten, Enkel oder Enkelin, an einen besonderen
kleinen Tisch setzen mußte. Auch für Kity, die sich sorgsam mit der
Hauswirtschaft befaßte, gab es nicht wenig Sorge um die Beschaffung der
Hühner, Kapaunen und Enten, welche bei dem Sommerappetit der Gäste und
der Kinder zahlreich verbraucht wurden.

Die ganze Familie saß bei Tische. Die Kinder Dollys machten mit der
Gouvernante und Warenka Pläne, wohin sie Pilze suchen gehen wollten.
Sergey Iwanowitsch, welcher im Kreise sämtlicher Gäste einen Respekt
vor seinem Geist und seiner Gelehrsamkeit genoß, der fast bis zur
Verehrung ging, sah alles in die Unterhaltung von den Pilzen vertieft.

»Aber mich nehmt Ihr doch auch mit Euch. Ich gehe sehr gern Pilze
suchen,« sagte er, Warenka anblickend, »und finde, daß das ein sehr
hübscher Zeitvertreib ist.«

»Nun, wir werden uns sehr freuen,« antwortete Warenka errötend. Kity
wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Dolly. Der Vorschlag des
gelehrten und geistreichen Sergey Iwanowitsch, mit Warenka Pilze
suchen zu wollen, stützte gewisse Vermutungen in Kity, welche diese in
jüngster Zeit lebhaft beschäftigt hatten. Schnell begann sie mit ihrer
Mutter zu sprechen, damit ihr Blick nicht bemerkt werden möchte.

Nach Tisch setzte sich Sergey Iwanowitsch mit seiner Tasse Mokka an das
Fenster im Salon, ein mit dem Bruder begonnenes Gespräch fortsetzend
und dabei nach der Thür blickend, zu welcher die Kinder hinausgehen
mußten, die sich fertig machten, in die Pilze zu gehen.

Lewin saß auf dem Fenster bei seinem Bruder, Kity stand neben ihrem
Manne, sichtlich auf das Ende des für sie nicht interessanten Gesprächs
wartend, um ihm etwas mitzuteilen.

»Du hast dich sehr verändert, seit du verheiratet bist, und zwar
zu deinem Vorteil,« sagte Sergey Iwanowitsch, Kity zulächelnd und
augenscheinlich von der Unterhaltung wenig interessiert, »aber du bist
deiner Leidenschaft, die paradoxesten Themen zu verteidigen, getreu
geblieben.«

»Katja, es ist für dich nicht gut, zu stehen,« sagte der Gatte zu ihr,
einen Stuhl heranschiebend und sie bedeutungsvoll anschauend.

»Ah; ich habe übrigens gar keine Zeit mehr,« fügte Sergey Iwanowitsch
hinzu, die hinauseilenden Kinder erblickend.

Allen voran, von seitwärts im Galopp mit den drallsitzenden
Strümpfchen, ein Körbchen und den Hut Sergey Iwanowitschs schwingend,
kam Tanja gerade auf letzteren zugeeilt. Frohmutig auf ihn zueilend mit
leuchtenden Augen, die in ihrer Schönheit denen des Vaters so ähnlich
waren, reichte sie Sergey Iwanowitsch den Hut und that, als wolle
sie ihm denselben aufsetzen, mit schüchternem, sanftem Lächeln ihre
Ungebundenheit zügelnd.

»Warenka wartet schon,« sagte sie, ihm den Hut behutsam aufsetzend,
nachdem sie an dem Lächeln Sergey Iwanowitschs erkannt hatte, daß sie
dies dürfe.

Warenka stand in der Thür, in einem gelben Kattunkleid, um den Kopf ein
weißes Tuch geschlungen.

»Ich komme schon, ich komme, Barbara Andrejewna,« sagte Sergey
Iwanowitsch, seine Tasse Mokka leerend und ein Schnupftuch nebst dem
Cigarrenetuis in seinen Taschen verteilend.

»Wie reizend ist doch meine Warenka, nicht wahr?« sagte Kity zu ihrem
Manne, sobald Sergey Iwanowitsch aufgestanden war. Sie sagte dies so,
daß Sergey Iwanowitsch sie vernehmen konnte, woran ihr offenbar gelegen
war. »Und wie schön sie ist, wie edel schön! Warenka!« rief Kity. »Ihr
werdet wohl im Mühlenholz sein? Wir kommen zu Euch hin!«

»Du vergißt doch entschieden deinen Zustand Kity,« bemerkte die alte
Fürstin, schnell zur Thür herauskommend, »du darfst nicht so schreien.«

Warenka, welche die Stimme Kitys sowie die Äußerung der Mutter
vernommen hatte, kam leichten Schrittes zu Kity geeilt. Die
Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Farbe, welche ihr munteres
Gesicht bedeckte -- alles das bewies, daß in ihr etwas Ungewöhnliches
vorging. Kity wußte, was dieses Ungewöhnliche war, und beobachtete
sie aufmerksam. Sie hatte jetzt Warenka nur gerufen, um ihr für ein
wichtiges Ereignis, welches sich nach ihrer Erwägung heute, nach Tische
im Walde vollziehen mußte, innerlich Segen zu wünschen.

»Warenka, ich würde sehr glücklich, wenn sich etwas ereignen sollte,«
sagte Kity flüsternd und sie küssend.

»Ihr werdet aber mit uns kommen?« sagte Warenka in Verwirrung geratend,
zu Lewin, und gab sich den Anschein, als habe sie gar nicht gehört, was
zu ihr gesagt worden war.

»Ich werde kommen, doch nur bis zur Tenne, und dort werde ich bleiben.«

»Was hast du denn vor?« sagte Kity.

»Ich muß die neuen Fuhren inspizieren und nachzählen,« antwortete
Lewin, »doch wo wirst du bleiben?«

»Auf der Terrasse.«


                                   2.

Auf der Terrasse hatte sich die ganze weibliche Gesellschaft
versammelt. Die Damen liebten es, überhaupt dort nach Tische zu sitzen,
aber heute gab es da sogar etwas zu thun. Außer dem Nähen und Sticken,
womit sich alle beschäftigten, wurde heute Eingemachtes nach einer
für Agathe Michailowna ganz neuen Methode -- ohne Zuguß von Wasser --
zubereitet.

Kity hatte diese neue Methode, welche bei ihr zu Haus in Gebrauch
war, eingeführt. Agathe Michailowna, welcher früher dieses Geschäft
anvertraut gewesen war, hatte in der Ansicht, daß das, was im Haus
der Lewin gemacht wurde, doch nicht schlecht sein könne, gleichwohl
ihr Wasser über die Wald- und Gartenerdbeeren mit der Versicherung
gegossen, daß es unmöglich anders sein könne, aber sie wurde in ihrer
Meinung überführt, und jetzt brodelte vor aller Augen die Himbeere, und
Agathe Michailowna mußte sich überzeugt sehen, daß auch ohne Wasser das
Eingemachte gut werde.

Agathe Michailowna mit erhitztem, erbittertem Gesicht, wirren Haaren,
und bis an den Ellbogen entblößten, hageren Armen schwenkte die
Schüssel im Kreise über dem Feuerbecken und blickte grollend auf die
Beeren, aus Seelengrunde wünschend, sie möchten nicht gar werden.

Die Fürstin, welche merkte, daß auf sie, als die hauptsächlichste
Ratgeberin bei der Zubereitung der Beeren, der Zorn Agathe Michailownas
gerichtet sein müsse, bemühte sich, den Anschein zu wahren, als sei sie
mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und interessiere sich gar nicht
für die Himbeeren; sie sprach von Nebensächlichem, schaute aber immer
dabei seitwärts nach dem Kohlenbecken.

»Ich kaufe den Mädchen stets Kleider,« sagte die Fürstin, ein
begonnenes Gespräch fortsetzend -- »wollen wir jetzt nicht den Schaum
abnehmen, Liebe?« -- fügte sie aber hinzu, sich an Agathe Michailowna
wendend. »Das brauchst du durchaus nicht selbst zu thun, es ist heiß,«
hielt Kity diese dabei zurück.

»Ich werde es thun,« sagte Dolly, stand auf und begann behutsam den
Löffel über den schäumenden Zucker zu führen; bisweilen damit, um
von ihm das daran haften Gebliebene zu entfernen, auf einen Teller
klopfend, der bereits von mischfarbigem, gelbrotem Schaum und flüssigem
blutrotem Syrup bedeckt war. »Wie sie das schlecken werden zum Thee,«
gedachte sie dabei ihrer Kinder und rief sich ins Gedächtnis zurück,
wie sie selbst, als sie noch ein Kind gewesen, sich schon immer
verwundert hatte, daß die Erwachsenen nicht gerade das Beste äßen --
nämlich den Schaum -- »Stefan sagt, es sei bei weitem besser, Geld
zu geben,« sagte Dolly dabei, das begonnene, interessante Gespräch
darüber, wie man die Dienstleute beschenken solle, fortsetzend,
»allein« --

»So viel es möglich ist, Geld,« sagten wie mit einer Stimme die Fürstin
und Kity. »Sie schätzen das.«

»Nun, ich habe beispielsweise im vergangenen Jahre unserer Matrjona
Ssemjonowna ein Kleid gekauft,« sprach die Fürstin.

»Ich besinne mich, zu Eurem Geburtstage ging sie darin.«

»Ein reizendes Muster -- so einfach und fein. Ich hätte es mir selbst
machen lassen, wenn es nicht ihr gehört hätte; -- so, wie das von
Warenka war es. So hübsch und billig.«

»Jetzt scheint es fertig zu sein,« sagte Dolly, den Syrup vom Löffel
laufen lassend.

»Wenn Kringel werden, ist es gut. Kocht noch weiter, Agathe
Michailowna.«

»Diese Fliegen,« antwortete Agathe Michailowna gereizt.

»O, wie niedlich, verjagt ihn nicht!« sprach Kity plötzlich, auf einen
Spatz blickend, der sich auf dem Geländer niedergesetzt hatte und das
Mark einer Himbeere zu picken begann.

»Ja, aber du mußt etwas weiter vom Kohlenbecken weg,« sprach die Mutter.

»=A propos de Warenka=,« begann Kity französisch, wie sie stets
sprachen, damit Agathe Michailowna sie nicht verstehe. »Ihr wißt,
=maman=, daß ich heute aus gewissen Gründen eine Entscheidung erwarte.
Ihr versteht wohl, welche. Wie schön wäre das!«

»Ah, welch meisterhafte Freibewerberin du bist,« sprach Dolly, »wie sie
behutsam und geschickt die Leute zusammenführt.«

»Nun, =maman=, sagt doch, was Ihr dazu meint!«

»Was soll ich meinen? Er« -- unter dem Er verstand man Sergey
Iwanowitsch -- »konnte stets die erste Partie in Rußland machen, er ist
zwar jetzt nicht mehr so jung, aber gleichwohl, ich weiß es, würden ihn
auch jetzt noch viele Frauen nehmen. Sie ist sehr gut, aber er könnte
doch« --

»Nein, seht nur erst ein, =maman=, warum etwas Besseres für ihn, wie
für sie nicht zu denken ist. Erstens -- sie ist eine Schönheit!« sprach
Kity, einen Finger ausstreckend.

»Sie gefällt ihm sehr, das ist wahr,« bestätigte Dolly.

»Dann nimmt er eine solche Stellung in der Welt ein, daß ihm ein
Vermögen, ein Stand in der Welt für seine Frau ganz und gar nicht
erforderlich ist. Ihm ist Eins nur nötig -- ein gutes, liebevolles
ruhiges Weib.«

»Jawohl, und mit ihr kann man ruhig leben,« bestätigte Dolly.

»Drittens; sie muß ihn lieben! So ist es ja auch -- und soweit wäre
alles ganz gut. Ich erwarte, daß sie aus dem Walde kommen und alles
entschieden ist. Ich werde es sogleich an ihren Augen erkennen; und
würde mich so sehr freuen! Wie denkst du darüber, Dolly?«

»Rege dich nur nicht auf. Du darfst dich durchaus nicht erregen,« sagte
die Mutter.

»Aber ich rege mich ja gar nicht auf, =maman=; mir scheint nur, daß er
heute seinen Antrag machen wird.«

»Ach; es ist so seltsam, wenn ein Mann eine Liebeserklärung macht. Erst
ist so eine Scheidewand vorhanden, und plötzlich ist sie durchbrochen,«
sagte Dolly, gedankenvoll lächelnd und sich an die Vergangenheit mit
Stefan Arkadjewitsch erinnernd.

»Mama, wie hat Euch denn Papa seine Liebeserklärung gemacht?« frug Kity
plötzlich.

»Es war nichts Außergewöhnliches dabei, sehr einfach,« antwortete die
Fürstin, aber ihr ganzes Gesicht erglänzte bei dieser Erinnerung.

»Nun, wie denn? Ihr habt ihn doch geliebt, bevor Euch noch erlaubt war,
mit ihm zu sprechen.«

Kity fand einen eigenen Reiz darin, mit ihrer Mutter jetzt wie mit
einer Gleichgestellten über diese höchsten Fragen des Frauenlebens
sprechen zu können.

»Versteht sich, liebte er mich! Er kam zu uns auf das Land.«

»Aber wie entschied es sich? Mama?«

»Du denkst wahrscheinlich, daß ihr beide euch etwas Neues ausgedacht
hättet? Es war ganz dieselbe Geschichte; mit Blicken und Lächeln« --

»Wie Ihr das so schön ausgesprochen habt, =maman=! Ja, die Augen, das
Lächeln,« bestätigte Dolly.

»Aber welche Worte sprach er denn?«

»Was für Worte hat dir dein Konstantin gesagt?«

»Er schrieb sie mit Kreide. Es war wunderbar. Wie weit scheint mir dies
schon dahinten zu liegen,« antwortete Kity.

Die drei Frauen sannen jetzt über ein und dasselbe nach. Kity brach
zuerst wieder das Schweigen. Der ganze letzte Winter vor ihrer
Verheiratung, ihre Leidenschaft für Wronskiy kam ihr wieder ins
Gedächtnis.

»Aber noch Eins -- jene frühere Leidenschaft Warenkas,« sagte sie,
in einem natürlichen Gedankengang sich dessen erinnernd. »Ich wollte
Sergey Iwanowitsch schon irgendwie Mitteilung machen, ihn vorbereiten.
Sie sind ja alle Männer,« fügte sie hinzu, »und entsetzlich
eifersüchtig auf unsere Vergangenheit.«

»Nicht alle,« antwortete Dolly, »du urteilst so nach deinem Manne; der
martert sich noch jetzt ab in der Erinnerung an Wronskiy. Nicht wahr?
Habe ich nicht recht?«

»Du hast recht,« antwortete Kity, gedankenvoll mit den Augen lächelnd.

»Ich weiß nun nicht,« fuhr die Fürstin fort, ihre mütterliche Obhut
für die Tochter wieder übernehmend, »was eigentlich in deiner
Vergangenheit ihn stören könnte? Daß Wronskiy dir den Hof machte? Das
passiert jedem jungen Mädchen.«

»Ach, sprechen wir nicht davon,« sagte Kity errötend.

»Nein, gestatte,« fuhr die Mutter fort, »du selbst wolltest mir ja
nicht gestatten, mit Wronskiy Rücksprache zu nehmen. Weißt du noch?«

»Ach, Mama!« sagte Kity mit einem Ausdruck von Leiden.

»Deine Beziehungen zu ihm konnten ja nicht weitergehen als sie durften;
ich selbst würde ihn noch ermutigt haben. Doch im übrigen, liebe Seele,
taugt es nicht für dich, wenn du dich erregst. Denke, bitte, hieran,
und beruhige dich.«

»Ich bin vollkommen ruhig, =maman=.«

»Wie war es doch zum Glück damals für Kity, daß Anna kam,« sagte
Dolly, »und wie verhängnisvoll wurde das für sie selbst. Da haben wir
es gerade umgekehrt,« fügte sie hinzu, betroffen über ihren eigenen
Gedanken. »Damals war Anna so glücklich und Kity hielt sich für
unglücklich. Welch ein völliger Umschlag! Ich denke oft an sie.«

»Das wäre das Weib, an welches man denken dürfte! Ein häßliches,
ausschweifendes Weib ohne Herz,« sprach die Mutter, welche nicht
vergessen konnte, daß Kity nicht einen Wronskiy, sondern einen Lewin
geheiratet hatte.

»Was ist es für ein Vergnügen, hiervon zu sprechen,« fuhr Kity voll
Verdruß fort, »ich denke nicht daran und will nicht daran denken. Ich
will nicht daran denken,« sprach sie, dabei dem wohlbekannten Klang der
Schritte ihres Mannes auf den Stufen zur Terrasse lauschend.

»Wovon ist denn die Rede >ich will nicht daran denken?<« frug Lewin,
die Terrasse betretend.

Niemand antwortete ihm, und er wiederholte seine Frage nicht.

»Ich bedaure, euer Frauenreich gestört zu haben,« sprach er,
mißvergnügt alle anblickend und wohl gewahrend, daß man über etwas
gesprochen hatte, wovon man in seiner Gegenwart nicht geredet haben
würde.

Einen Augenblick empfand er, daß er die Gefühle Agathe Michailownas
teile, die Unzufriedenheit darüber, daß man die Himbeeren ohne Wasser
einkoche, und über den fremdartigen Einfluß der Schtscherbazkiy. Er
lächelte aber doch und trat zu Kity.

»Nun, wie befindest du dich?« frug er sie, mit dem gleichen Ausdruck
auf sie blickend, mit welchem sich ihr jetzt alle zuwandten.

»Oh; ich befinde mich recht wohl,« sagte Kity lächelnd, »und wie geht
es bei dir?«

»Man fährt dreimal mehr, als der Wagen aushält. Aber wollen wir zu den
Kindern hinausfahren? Ich habe anspannen lassen.«

»Wie, willst du Kity im Wagen ausfahren?« frug die Mutter vorwurfsvoll.

»Wir fahren natürlich Schritt, Fürstin.«

Lewin nannte die Fürstin nie =maman=, wie das sonst Schwiegersöhne
thun, und dies war der Fürstin unangenehm, aber wenn er die Fürstin
auch sehr lieb hatte und achtete, konnte er sie doch nicht so nennen,
ohne die Empfindungen für seine dahingeschiedene Mutter zu entweihen.

»Fahret mit uns, =maman=,« sagte Kity.

»Ich will diese Unüberlegtheit nicht mit ansehen.«

»Dann gehe ich zu Fuß. Ich befinde mich ja ganz wohl.« Kity erhob sich,
trat zu ihrem Gatten und nahm dessen Arm.

»Ganz wohl, aber alles mit Maßen« -- bemerkte die Fürstin.

»Nun, Agathe Michailowna, ist das Eingemachte fertig?« sagte Lewin
lächelnd zu Agathe Michailowna, mit dem Wunsche sie heiter zu stimmen.
»Geht es gut nach der neuen Mode?«

»Muß wohl; es geht gut. Nach meiner Meinung ist es fertig.«

»Es ist besser so, Agathe Michailowna; das Eingemachte wird nicht sauer
und bei uns ist das Eis jetzt ohnehin schon gethaut, so daß es keinen
Platz zum Aufbewahren giebt,« sagte Kity, sogleich die Absicht ihres
Mannes durchschauend und sich in der nämlichen Absicht an die Alte
wendend. »Übrigens ist Euer Pökel so gut, daß Mama behauptet, ihn noch
nirgends so gegessen zu haben,« fügte sie hinzu, sich lächelnd einen
Zopf ordnend.

Agathe Michailowna blickte grollend Kity an.

»Ihr braucht mich nicht zu trösten, Herrin; ich beurteile Euch, wie er,
und befinde mich wohl dabei« -- sprach sie; der rauhe Ausdruck »er«
statt »der Herr« verletzte Kity.

»Wir wollen zusammen nach Pilzen gehen, Ihr könnt uns die Plätze
zeigen.« Agathe Michailowna lächelte kopfschüttelnd, als wollte sie
sagen »wenn ich Euch auch gern gram sein möchte, so kann ich es doch
nicht.«

»Handelt, bitte, nach meinem Rate,« sprach die alte Fürstin, »über das
Eingemachte legt Ihr ein Papier und feuchtet es mit Rum an; auch ohne
Eis wird alsdann niemals ein Kahm darauf kommen.«


                                   3.

Kity war herzlich froh über die Gelegenheit, mit ihrem Gatten einmal
Auge in Auge allein sein zu können, da sie bemerkt hatte, wie ein
Schatten der Verstimmung über sein Alles so lebhaft ausdrückendes
Gesicht huschte, im Augenblicke da er die Terrasse betreten und man
ihm, als er gefragt hatte, wovon man spreche, nicht antwortete.

Als sie zu Fuß den anderen vorausgingen und außer Sehweite des Hauses
den ausgefahrenen, staubigen und mit Kornähren und Körnern überstreuten
Weg hinausschritten, stützte sie sich fester auf seinen Arm und preßte
denselben an sich.

Er hatte jenen momentanen, unangenehmen Eindruck bereits vergessen,
und empfand, in der Einsamkeit mit ihr, jetzt, da ihn der Gedanke an
ihre Schwangerschaft keinen Augenblick verließ, jene ihm noch neue,
freudige, vollkommen von Sinnenlust freie Befriedigung in der Nähe des
geliebten Weibes.

Zu sprechen war nichts, aber ihn verlangte es, den Ton ihrer Stimme zu
hören, die sich ebenso wie ihr Blick, jetzt in ihrer Schwangerschaft
verändert hatte. In ihrer Stimme wie in ihrem Blicke war eine
Weichheit, ein Ernst, ähnlich jener, die bei Leuten vorhanden zu sein
pflegt, die beständig auf ein einzelnes geliebtes Werk konzentriert
sind.

»Du wirst doch nicht müde werden? Stütze dich fester,« sagte er.

»Nein, ich bin so froh über die Gelegenheit, mit dir einmal allein zu
sein, und gestehe dir, daß mir, so wohl mir auch in ihrer Gesellschaft
ist, doch unsere Winterabende zu Zweien recht leid thun.«

»Es war schön, doch dies ist noch besser. Wir beide sind besser daran,«
sagte er, ihren Arm drückend.

»Du weißt, wovon wir sprachen, als du eintratest?«

»Von dem Eingemachten?«

»Ja, auch von dem Eingemachten, dann aber davon, wie man einen
Heiratsantrag macht.«

»Ah,« sagte Lewin, mehr den Klang ihrer Stimme hörend, als die Worte
die sie sprach, und fortwährend auf den Weg Bedacht nehmend, der jetzt
im Walde hinführte und diejenigen Stellen vermeidend, die sie nicht
sicher hätte betreten können.

»Auch von Sergey Iwanowitsch und Warenka. Du hast wohl bemerkt? -- Ich
wünschte es sehr,« fuhr sie fort, »wie denkst du darüber?« Sie blickte
ihm ins Gesicht.

»Ich weiß nicht, was man da denken muß,« antwortete Lewin und lächelte.
»Sergey erscheint mir in dieser Beziehung sehr seltsam. Ich habe dir
wohl erzählt« --

»Daß er jenes Mädchen, welches gestorben ist, geliebt hatte« --

»Das war der Fall, als ich noch ein Kind war. Ich kenne dies nur aus
der Überlieferung, kann mich aber noch auf ihn damals besinnen. Er war
wunderbar liebenswert. Seit jener Zeit beobachte ich ihn im Umgang mit
den Frauen; er ist liebenswürdig, manche gefallen ihm auch, aber man
fühlt, daß sie für ihn einfach nur Menschen sind, keine Weiber.«

»Ja, aber jetzt mit Warenka. Es scheint, daß doch etwas« --

»Kann sein, daß dem so ist -- doch muß man ihn eben erst kennen lernen;
er ist ein absonderlicher und wunderlicher Mensch. Er lebt nur ein
geistiges Leben und ist ein Mensch von allzu reinem und erhabenem
Gemüt.«

»Wie? Sollte ihn denn etwa ein solches Verhältnis erniedrigen?«

»Nein; aber er ist so daran gewöhnt, ein einsames Geistesleben zu
führen, daß er sich mit der Wirklichkeit nicht vertragen kann, und
Warenka ist doch immerhin eine Wirklichkeit.«

Lewin war jetzt schon gewohnt, seine Gedanken frei auszusprechen, ohne
sich zu bemühen, dieselben dabei in präcise Worte zu kleiden, er wußte,
daß sein Weib in den Minuten der Liebe, sowie auch jetzt schon aus der
Andeutung verstehen würde, was er sagen wollte, und Kity verstand ihn
auch.

»Ja; aber in ihr ist doch nicht diese Wirklichkeit, wie in mir; ich
verstehe; daß er mich wohl niemals hätte liebgewinnen können; sie
hingegen ist ganz Gemüt.«

»O nein; er liebt dich sehr, und mir ist es stets so angenehm, wenn die
Meinigen dich lieb haben.«

»Ja; er ist gut gegen mich, aber« --

»-- nicht so, wie mit dem verstorbenen Nikolay; ihr habt einander
liebgewonnen,« vollendete Lewin. »Weshalb sollte ich das nicht sagen?«
fügte er hinzu, »ich mache mir manchmal Vorwürfe, und das hört erst
damit auf, daß man vergißt. O, welch ein furchterweckender, und doch
reizvoller Mensch war er! Doch wovon sprachen wir?« sagte Lewin,
nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.

»Du denkst, daß er nicht zu lieben vermag,« sagte Kity, in ihre Sprache
übersetzend.

»Nicht, daß er nicht lieben könnte,« antwortete Lewin lächelnd, »aber
er besitzt nicht die Schwäche, die dazu nötig ist -- ich habe ihn stets
beneidet und selbst jetzt, wo ich doch so glücklich bin, beneide ich
ihn noch darum.«

»Du beneidest ihn, weil er nicht lieben kann?«

»Ich beneide ihn darum, daß er besser ist, als ich,« antwortete Lewin
lächelnd. »Er lebt nicht für sich; sein ganzes Leben ist der Pflicht
geweiht, und infolge dessen kann er ruhig und zufrieden sein.«

»Und du?« frug Kity mit schelmischem, liebevollem Lächeln.

Sie konnte nicht im entferntesten den Gedankengang ausdrücken, der sie
lächeln machte; aber das letzte Resultat desselben war dies, daß ihr
Gatte, von seinem Bruder entzückt, und sich vor demselben herabsetzend,
nicht mehr aufrichtig blieb.

Kity wußte, daß diese Heuchelei seinerseits von der Liebe zu dem Bruder
herrührte, von dem Gefühl seiner Besorgtheit darüber, daß er allzu
glücklich sei, und insbesondere seinem Wunsche, der ihn nie verließ,
besser zu sein. Sie liebte dies an ihm und lächelte daher.

»Und du? Womit bist du unzufrieden?« frug sie mit dem nämlichen Lächeln.

Ihr Mißtrauen seiner Unzufriedenheit mit sich selbst gegenüber,
erfreute ihn und ohne Besinnen forderte er sie heraus, ihm die Ursachen
ihres Mißtrauens mitzuteilen.

»Ich bin glücklich, aber mit mir nicht zufrieden,« sprach er.

»So kannst du also unzufrieden sein, wenn du glücklich bist?«

»Wie soll ich sagen. Ich wünsche in meinem Herzen nichts, als daß du
nicht strauchelst; so darf man natürlich nicht springen!« brach er das
Gespräch ab, mit einem Vorwurf, weil sie eine zu schnelle Bewegung
gemacht hatte, indem sie über einen auf dem Fußwege liegenden Ast
weggestiegen war, »wenn ich über mich Betrachtungen anstelle und mich
mit anderen vergleiche, besonders mit meinem Bruder, dann fühle ich,
daß ich ein Nichts bin.«

»Aber inwiefern denn?« fuhr Kity noch mit dem nämlichen Lächeln fort,
»wirkst du etwa nicht auch für andere? Und deine Meiereien, deine
Ökonomie, dein Buch?«

»Nein; ich fühle es namentlich jetzt -- und du bist schuld daran,«
sagte er, ihr den Arm pressend, »daß dem eben nicht so ist. Ich arbeite
nur so leichthin. Wenn ich all dieses Wirken lieben könnte, wie ich
dich liebe -- aber so habe ich die ganze letzte Zeit gearbeitet, wie
nach einer mir aufgegebenen Lektion.«

»Und was würdest du da über Papa sagen,« frug Kity; »er ist jedenfalls
auch nichts wert, weil er nichts für das Allgemeine gewirkt hat.«

»Er? Nein. Aber man muß jene Natürlichkeit, Klarheit, Güte besitzen,
wie dein Vater. Habe ich die etwa? Ich arbeite nicht, ich quäle mich
nur, und alles das hast du mir zugefügt! Wärest du nicht gewesen, so
wäre auch das da noch nicht,« sagte er, mit einem Blick auf ihren
Körper, den sie verstand, »so würde ich alle meine Kräfte auf die
Arbeit verwenden; jetzt aber kann ich dies nicht, und darüber ist mir
das Herz schwer; ich arbeite wie man eine aufgegebene Lektion lernt,
ich heuchle« --

»Nun, dann würdest du dich sogleich mit Sergey Iwanowitsch
ausgewechselt wünschen,« sagte Kity. »Würdest wünschen, jene
gemeinnützige Thätigkeit betreiben, und jene aufgegebene Lektion lieben
zu können, wie er sie liebt, und weiter nichts?«

»Natürlich nicht,« antwortete Lewin. »Im übrigen bin ich ja so
glücklich, daß ich nichts weiter begreife. Du denkst also, daß er ihr
heute schon seinen Antrag machen wird?« fügte er nach einer Pause hinzu.

»Ich denke, vielleicht aber wird er's auch nicht. Jedenfalls wünsche
ich es aufs Sehnlichste. Da, halt« -- sie beugte sich nieder und
pflückte am Rande des Weges eine wilde Kamille ab. »Nun zähle: Entweder
erklärt er sich heute, oder er erklärt sich nicht,« sprach sie und
reichte ihm die Blume.

»Er thut es, er thut es nicht,« sagte Lewin, die weißen, schmalen
langen Blätter abreißend.

»Nein, nein!« hemmte ihn Kity jetzt, seine Hand erfassend, nachdem sie
seinen Fingern voll Erregung gefolgt war. »Du hast zwei abgerissen!«

»Nun, dafür kommt dann dieses kleine hier nicht mit in Anrechnung,«
antwortete Lewin, ein kurzes, noch nicht entwickeltes Blättchen
abpflückend, »doch da hat uns der Wagen erreicht.«

»Bist du nicht ermüdet Kity!« rief die Fürstin.

»Nicht im geringsten!«

»So setze dich doch in den Wagen, wenn die Pferde ruhig sind, und fahrt
Schritt.«

Doch in den Wagen zu steigen, hätte keinen Zweck mehr gehabt; man war
schon dem Ziel nahe und alles ging zu Fuß weiter.


                                   4.

Warenka mit ihrem weißen Tuch auf dem schwarzen Haar, von den Kindern
umringt, und gutherzig und heiter mit ihnen beschäftigt, erschien,
augenscheinlich aufgeregt durch die Möglichkeit einer Erklärung mit dem
Manne, welcher ihr gefallen hatte, sehr anziehend.

Sergey Iwanowitsch schritt neben ihr hin und ließ nicht nach, ihr
Aufmerksamkeiten zu erweisen. Sie anblickend, rief er sich alle die
freundlichen Worte ins Gedächtnis zurück, die er von ihr vernommen
hatte, alles, was er von ihr Gutes wußte, und erkannte dabei immer mehr
und mehr, daß das Gefühl, welches er für sie empfand, ein gewisses
besonderes war, das er schon lange vorher nur einmal gehegt hatte in
seiner ersten Jugend. Das Gefühl der Freude über ihre Nähe wurde immer
stärker, und ging so weit, daß er, als er ihr einen von ihm gefundenen
Birkenschwamm auf dünnem Stengel in ihren Korb gab, und die Röte der
freudigen und zugleich ängstlichen Aufregung gewahrte, die ihr Gesicht
überdeckte, selbst in Verwirrung geriet, und ihr schweigend zulächelte,
in einer Weise, die nur zu sprechend war.

»Wenn dem so ist,« sagte er zu sich, »muß ich erwägen und mich
entscheiden, aber mich nicht wie ein Knabe der Verleitung des
Augenblickes hingeben. Ich werde jetzt abgesondert von allen, Pilze
suchen gehen, da sonst meine Ausbeute nicht bemerkenswert ausfallen
wird,« sprach er und ging allein vom Rande des Waldes, an welchem
sie auf dem seidenartigen, niedrigen Grase zwischen vereinzelten
alten Birken hingeschritten waren, nach der Mitte des Waldes zu, wo
zwischen den weißen Birkenstämmen graue Eschen und dunkle Nußbüsche
schimmerten. Nachdem er vierzig Schritt abseits gegangen war und einen
in voller Blüte rosenrot prangenden Busch erreicht hatte, blieb Sergey
Iwanowitsch stehen, da er wußte, daß man ihn nicht mehr sehen könne.

Rings um ihn herrschte vollkommene Stille. Nur im Wipfel der Birken,
unter welchen er stand, summten gleich einem Bienenschwarm, ohne zu
verstummen, die Fliegen, und vereinzelt klangen auch die Stimmen
der Kinder bis zu ihm. Plötzlich, unweit des Waldrandes, erklang
die Altstimme Warenkas, die Grischa rief, und ein freudiges Lächeln
trat auf die Züge Sergey Iwanowitschs. Seines Lächelns inne werdend,
schüttelte er mißbilligend den Kopf über seinen Zustand, holte das
Cigarrenetuis hervor und begann zu rauchen. Lange gelang es ihm
nicht, das Zündholz an einem Fichtenstamm in Brand zu setzen. Eine
feine Schicht der weißen Rinde haftete auf dem Phosphor und das Feuer
erlosch. Endlich brannte eines der Zündhölzer und der duftige Rauch
der Cigarre verbreitete sich wie ein hin und her wallendes, breites
Tischtuch scharfbegrenzt vor- und rückwärts über dem Busch unter den
herniederhängenden Zweigen der Birke. Mit den Augen den Streifen des
Rauches folgend, ging Sergey Iwanowitsch leisen Schrittes weiter, über
seine seelische Verfassung nachdenkend.

»Warum sollte ich nicht?« dachte er. »Wäre es ein Strohfeuer oder
ein leidenschaftlicher Rausch, fühlte ich nur diese Neigung, diese
wechselseitige Neigung -- ich kann sagen >wechselseitige< -- und fühlte
ich dabei, daß sie im Widerspruch mit meiner ganzen Art zu leben --
fühlte ich, daß ich in der Hingabe an diese Neigung meinen Beruf, meine
Pflicht verletzte, -- aber dies ist nicht der Fall! Das Einzige, was
ich dagegen sagen kann, ist dies, daß ich, als ich Maria verlor, mir
sagte, ich wollte ihrem Angedenken getreu bleiben. Dies Eine nur kann
ich gegen mein Gefühl einwenden; >und das ist wichtig,<« sagte Sergey
Iwanowitsch zu sich, zugleich dabei empfindend, daß dieser Gedanke
für ihn persönlich keine Bedeutung weiter habe, als die, daß er etwa
in den Augen anderer Leute seine poetische Rolle verdarb. »Abgesehen
hiervon, werde ich, soviel ich auch suchen mag, nichts finden, was ich
gegen meine Empfindung einzuwenden hätte. Hätte ich allein mit meinem
Verstande gewählt, ich könnte nichts Besseres finden.«

So viele Frauen und Mädchen aus seiner Bekanntschaft er sich auch
vergegenwärtigen mochte, er konnte sich keiner Jungfrau erinnern, die
bis zu solchem Grade alle, gerade alle diejenigen Eigenschaften in sich
vereinigte, welche er bei kühler Beurteilung einmal in seinem Weibe zu
sehen gewünscht hätte.

Sie besaß den ganzen Reiz und die Frische der Jugend, war aber kein
Kind mehr, und wenn sie ihn liebte, liebte sie ihn mit Bewußtsein, so
wie ein Weib lieben muß. Dies war das Eine.

Ein Zweites lag darin, daß sie nicht nur der Weltlichkeit fern stand,
sondern offenbar einen Ekel vor der Welt empfand, sie zugleich aber
doch kannte, und alle die Manieren der Frau aus der guten Gesellschaft
besaß, ohne welche für Sergey Iwanowitsch eine Lebensgefährtin
undenkbar war.

Ein Drittes bestand darin, daß sie religiös war; doch nicht wie ein
Kind, religiös, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und gut wie
beispielsweise Kity; sondern ihr Leben war auf religiösen Überzeugungen
begründet. Selbst bis auf Kleinigkeiten fand Sergey Iwanowitsch in ihr
alles, was er von einer Frau wünschte; sie war arm und stand allein; so
daß sie keinen Haufen von Verwandten und deren Einfluß mit in das Haus
des Mannes schleppte, so, wie er das bei Kity sah; sie mußte vielmehr
ihrem Gatten in allem verpflichtet sein, was er auch immer für sein
künftiges Familienleben gewünscht hätte.

Und dieses Mädchen nun, welches alle jene Eigenschaften in sich
vereinte, liebte ihn. Er war bescheiden, mußte dies aber doch
wahrnehmen -- und liebte sie wieder. -- Den einzigen Gegengrund
bildeten seine Jahre. Doch seine Konstitution war dauerhaft, er hatte
noch kein einziges graues Haar, niemand maß ihm vierzig Jahre bei und
er entsann sich, daß Warenka gesagt hatte, nur in Rußland hielten sich
die Leute von fünfzig Jahren für Greise, während sich in Frankreich
der fünfzigjährige Mann »=dans la force de l'âge=« erachte, ja, der
vierzigjährige als »=un jeune homme=«.

Aber was bedeutete die Altersrechnung, da er sich jung an Geist fühlte,
so wie er es vor zwanzig Jahren gewesen? War denn nicht Jugend das
Gefühl, welches er jetzt empfand, da er, auf der anderen Seite wieder
zu dem Rande des Waldes hinaustretend, im hellen Glanz der schrägen
Sonnenstrahlen die graziöse Gestalt Warenkas im gelben Kleid und
mit dem Körbchen, leichten Schrittes an dem Stamm einer alten Birke
vorüberschreitend erblickte, und der Eindruck dieser Erscheinung
Warenkas in Eins zusammenfloß mit dem ihn durch seine Schönheit
frappierenden Anblick des von den schrägen Lichtstrahlen übergossenen,
gelbschimmernden Haferfeldes und des alten fernen Waldes hinter dem
Felde, der, mit Gelb ins Bunte spielend, in blauer Ferne verschwamm?

Sein Herz zog sich zusammen vor Lust, ein Gefühl des Friedens überkam
ihn, und er empfand, daß er einen Entschluß gefaßt hatte.

Warenka, welche sich soeben niedergelassen hatte, um einen Pilz
aufzunehmen, erhob sich mit schneller Bewegung und schaute sich um.
Die Cigarre wegwerfend, begab sich Sergey Iwanowitsch mit schnellen
Schritten auf sie zu.


                                   5.

»Barbara Andrejewna, als ich noch sehr jung war, hatte ich mir ein
Ideal vom Weib gebildet, wie ich es einmal lieben wollte und welches
mein Weib nennen zu können, ich glücklich sein würde. Ich habe nun ein
langes Leben gelebt und begegne jetzt zum erstenmal dem, was ich suche,
in Euch. Ich liebe Euch und trage Euch meine Hand an.« --

Sergey Iwanowitsch hatte dies zu sich selbst gesagt, während er noch
zehn Schritte von Warenka entfernt war. Auf den Knieen liegend, und mit
den Händen einen Pilz vor Grischa schützend, rief sie die kleine Mascha.

»Hierher, hierher; ihr Kleinen! Hier sind viel!« rief sie mit ihrer
milden Bruststimme.

Als sie den Sergey Iwanowitsch herankommen sah, erhob sie sich nicht,
veränderte auch ihre Stellung nicht; alles aber sagte ihm, daß sie sein
Kommen fühle und sich dessen freue.

»Habt Ihr denn etwas gefunden?« frug sie unter ihrem weißen Tuch
hervor, ihm das schöne, ruhig lächelnde Antlitz zukehrend.

»Nicht einen einzigen,« sagte Sergey Iwanowitsch, »und Ihr?«

Sie antwortete ihm nicht, mit den Kindern beschäftigt, die sie
umringten.

»Noch diesen, neben dem Zweige da,« wies sie der kleinen Mascha einen
kleinen eßbaren Erdschwamm, dessen elastischer roter Hut quer von einem
trockenen Grase durchschnitten war, unter dem er sich hervorgemacht
hatte.

Warenka erhob sich, als Mascha den Pilz, den sie in zwei Hälften
zerbrochen hatte, aufgenommen hatte.

»Dies ruft mir meine eigene Kindheit ins Gedächtnis,« fügte sie hinzu,
an der Seite Sergey Iwanowitschs von den Kindern hinwegschreitend.

Sie gingen schweigend einige Schritte. Warenka sah, daß er sprechen
wollte; sie vermutete auch, was, und erstarrte fast in freudiger
Erregung und Angst. Beide waren so weit hinweg geschritten, daß sie
niemand mehr vernehmen konnte, aber noch begann er nicht zu sprechen.
Für Warenka wäre es besser gewesen, zu schweigen. Nach einigem
Stillschweigen war es leichter, das zu sagen, was sie sagen wollte,
als nach den Worten über die Pilze, aber gegen ihren Willen, gleichsam
wider Erwarten, sprach sie:

»So habt Ihr also nichts gefunden? Inmitten des Waldes giebt es
allerdings stets weniger.«

Sergey Iwanowitsch seufzte und erwiderte nichts. Es war ihm
verdrießlich, daß sie wieder von den Pilzen anfing. Hatte er sie doch
auf ihre ersten Worte, die sie über ihre Kindheit gesagt hatte, führen
wollen. Gleichsam wider seinen Willen, äußerte er nun, nachdem er
einige Zeit geschwiegen, eine Bemerkung zu ihren letzten Worten.

»Ich habe nur gehört, daß die weißen vorzugsweise am Rande stehen,
obwohl ich den weißen nicht zu unterscheiden verstehe.«

Wieder vergingen einige Minuten; sie gingen noch weiter von den Kindern
hinweg und waren jetzt vollständig allein. Das Herz Warenkas pochte so
stark, daß sie seine Schläge vernahm, und empfand, daß sie errötete,
blaß wurde und wieder errötete.

Die Frau eines Mannes wie Koznyscheff zu sein, nach ihrer Stellung
bei Madame Stahl, erschien ihr als Gipfel des Glücks. Dann aber war
sie auch fest überzeugt, daß sie ihn liebe; und dies sollte nun bald
entschieden werden. Ihr war furchtbar zu Mut; furchtbar, daß er
sprechen würde, furchtbar, daß er nicht sprach.

Jetzt oder nie mußte man sich erklären; und dies empfand auch Sergey
Iwanowitsch. Alles, im Blick, in der Röte ihres Gesichts, in den
niedergeschlagenen Augen Warenkas, zeigte ihm ihre schmerzliche
Erwartung. Sergey Iwanowitsch sah es und empfand Mitleid mit ihr. Er
fühlte sogar, daß es sie bedeutend verletzt haben würde, wenn er jetzt
nicht sprach. Er wiederholte nun schnell im Geiste die Gründe, die
für seinen Entschluß sprachen, er wiederholte die Worte, mit welchen
er seinen Antrag ausdrücken wollte; anstatt dieser Worte aber frug er
infolge einer ihn unerwartet überkommenden Idee plötzlich:

»Welcher Unterschied ist denn zwischen einem weißen Pilz und einem
Birkenschwamm?«

Die Lippen Warenkas bebten vor Erregung, als sie antwortete: »In den
Köpfen ist fast gar kein Unterschied, nur im Stengel.«

Und kaum waren diese Worte gesagt, so hatte er wie sie erkannt, daß
alles vorüber war; daß das, was hätte gesagt werden müssen, nun nicht
gesagt werden würde, und die gemeinsame Erregung, die auf den höchsten
Grad gestiegen war, begann sich zu legen.

»Der Birkenpilz -- sein Stengel -- erinnert an einen seit zwei Tagen
nicht rasierten Bart eines Brünetten,« sagte Sergey Iwanowitsch, schon
ruhig geworden.

»Ja, es ist wahr,« antwortete Warenka lächelnd; unwillkürlich hatte
sich die Richtung ihrer Promenade verändert. Sie begannen sich den
Kindern wieder zu nähern. Warenka war es schmerzlich zu Mute, und
sie empfand Scham, zugleich aber auch verspürte sie ein Gefühl der
Erleichterung.

Als Sergey Iwanowitsch heimgekehrt war und alle seine Beweisgründe
wiederum durchmusterte, fand er, daß er falsch spekuliert hatte. Er
konnte an dem Gedächtnis Marias nicht Verrat üben.

»Stiller, Kinder, seid stiller!« rief Lewin fast zornig den Kindern zu,
vor seinem Weibe stehend, um es zu schützen, als der Haufe der Kinder
mit Freudengeschrei ihnen entgegenflog.

Nach den Kindern war auch Sergey Iwanowitsch mit Warenka aus dem Walde
gekommen. Kity brauchte Warenka nicht zu fragen; an dem ruhigen und
etwas kühlen Ausdruck auf beider Gesichtern erkannte sie, daß sich ihre
Pläne nicht verwirklicht hatten.

»Nun, wie steht es?« frug ihr Gatte sie, als sie wieder nach Hause
zurückgekehrt waren.

»Er nimmt sie nicht,« sagte Kity, in Lächeln und Sprachweise an den
Vater gemahnend, was Lewin häufig mit Vergnügen an ihr wahrnahm.

»Warum sollte er nicht?« --

»So steht es,« sprach sie, die Hand des Gatten ergreifend, sie an ihren
Mund führend und mit geschlossenen Lippen berührend; »so wie man die
Hand des Priesters küßt.«

»Wer aber mag denn wohl nicht?« sagte er lachend.

»Beide. -- Sie müßten so hier« --

»Es kommen Bauern vorüber« --

»Sie haben nichts gesehen.« --


                                   6.

Während die Kinder den Thee erhielten, saßen die Erwachsenen auf dem
Balkon und unterhielten sich, als sei nichts vorgefallen, obwohl doch
alle und insbesondere Sergey Iwanowitsch und Warenka, recht gut wußten,
daß sich ein wenn auch negativer, so doch sehr wichtiger Umstand
ereignet hatte.

Sie empfanden beide das nämliche Gefühl, ähnlich dem, welches wohl
ein Schüler haben mag, der nach einem mißglückten Examen in der alten
Klasse zurückgeblieben, oder für immer aus der Anstalt ausgewiesen
worden ist. Alle Anwesenden, gleichfalls empfindend, daß etwas
geschehen sei, sprachen lebhaft von Nebendingen.

Lewin und Kity fühlten sich besonders glücklich und liebeerfüllt an
diesem Abend. Daß sie glücklich waren in ihrer Liebe, das schloß
freilich einen unangenehmen Wink für diejenigen in sich, welche es
ebenfalls sein wollten und nicht konnten -- und hieraus machten sie
sich ein Gewissen.

»Denkt an mein Wort, =Alexandre= wird nicht kommen,« sagte die alte
Fürstin.

Am heutigen Abend erwartete man Stefan Arkadjewitsch von der Bahn, und
auch der alte Fürst hatte geschrieben, daß er vielleicht gleichfalls
kommen werde.

»Ich weiß, woher es kommt,« fuhr die Fürstin fort, »er sagt, man müsse
junge Leute in der ersten Zeit allein lassen.«

»So hat Papa auch uns gelassen. Wir haben ihn noch nicht
wiedergesehen,« sagte Kity, »und was wären wir denn für junge Eheleute?
Wir sind doch schon so alt!«

»Nun, wenn er nicht kommt, muß ich euch verlassen, Kinder,« sprach die
Fürstin, bekümmert seufzend.

»Was ist dir, Mama?« fielen ihr beide Töchter ins Wort. »Bedenke doch,
sein Befinden -- wir sind doch jetzt« --

-- Die Stimme der alten Fürstin begann plötzlich und unverhofft zu
schwanken. Die Töchter verstummten und blickten sich gegenseitig an.
»=Maman= findet stets eine rührende Seite für sich,« sagten sie mit
diesem Blick. Sie wußten nicht, daß, so wohl sich auch die Fürstin
bei ihrer Tochter befand, so notwendig sie sich für diese auch hier
fühlte, es ihr gleichwohl qualvoll traurig zu Mute war, ihr, wie ihrem
Gatten, seit der Zeit, seit welcher sie ihre letzte geliebte Tochter
verheiratet hatten, und das elterliche Heim verödet war.

»Was ist Euch, Agathe Michailowna?« frug Kity plötzlich die mit
geheimnisvoller Miene und bedeutungsvollem Gesicht stehen gebliebene
Agathe Michailowna.

»Die Bestimmung für das Abendessen.«

»Schön so,« sagte Dolly, »gehe du, um deine Verfügungen zu treffen, ich
will mit Grischa dessen Lektion wiederholen; er hat ohnehin heute noch
nichts gethan.«

»Laß mich doch diese Lektion geben! Nein, Dolly, ich will gehen« --
sagte Lewin aufspringend.

Grischa, welcher bereits das Gymnasium besuchte, mußte im Sommer
seine Lektionen repetieren. Darja Aleksandrowna, welche schon in
Moskau mit ihrem Sohne zugleich die lateinische Sprache gelernt hatte,
hatte es sich, nachdem sie zu Lewin gekommen war, zum Gesetz gemacht,
mit ersterem die schwierigsten Lektionen im Lateinischen und der
Arithmetik, wenigstens einmal täglich, zu repetieren.

Lewin hatte sich erboten, sie abzulösen, aber die Mutter, welche einmal
den Unterricht Lewins mit angehört, und bemerkt hatte, daß derselbe
nicht so erteilt würde, wie der Lehrer in Moskau repetierte, so
erklärte sie ihm, verlegen und sich bemühend, Lewin nicht zu verletzen,
bestimmt, daß man nach dem Buche so vorgehen müsse, wie der Lehrer, und
daß sie dies am liebsten wohl selbst wieder thun möchte.

Lewin ereiferte sich über Stefan Arkadjewitsch, weil dieser in seiner
Sorglosigkeit sich nicht selbst mit der Überwachung des Unterrichts
befaßte, sondern die Mutter, welche doch nichts davon verstand,
und ferner auch über die Lehrer, weil sie die Kinder so schlecht
unterrichteten; seiner Schwägerin aber gab er das Versprechen, daß er
den Unterricht so geben wolle, wie sie es wünschte. Er ging daher mit
Grischa nicht mehr nach seiner Methode weiter, sondern nach dem Buche,
und daher mit Widerwillen und häufig die Lehrzeit vergessend.

So war es auch heute.

»Nein, ich gehe, Dolly, bleib du sitzen,« sagte er; »wir werden schon
alles machen, wie es der Ordnung gemäß ist, nach dem Buche. Sobald
Stefan gekommen ist, wollen wir zur Jagd gehen; wir werden uns dann
schon die Zeit vertreiben.«

Lewin begab sich zu Grischa.

Das Nämliche sagte Warenka zu Kity. Warenka hatte es verstanden, sich
in dem glücklichen, wohlbestellten Haus der Lewin nützlich zu machen.

»Ich will das Abendessen bestellen, Ihr aber bleibt nur sitzen,« sagte
sie und erhob sich, um zu Agathe Michailowna zu gehen.

»Man hat wohl keine jungen Hühner gefunden. Denn« -- sagte Kity.

»Ich werde schon mit Agathe Michailowna überlegen« -- und Warenka
verschwand mit dieser.

»Welch ein liebes Mädchen,« sagte die Fürstin.

»Nicht lieb, =Maman=, reizend, wie es keines weiter giebt.«

»So erwartet Ihr also heute Stefan Arkadjewitsch?« sprach Sergey
Iwanowitsch, der augenscheinlich das Gespräch über Warenka nicht
fortzusetzen wünschte. »Es dürfte schwer sein, zwei Schwager zu finden,
die einander weniger ähnlich wären,« sagte er mit feinem Lächeln. »Der
Eine beweglich, nur in der Gesellschaft lebend wie ein Fisch im Wasser;
der Andere, unser Konstantin, lebhaft, schnell, empfänglich für alles;
aber sobald er in der Gesellschaft ist, erstirbt er, oder schlägt sich
sinnlos wie ein Fisch auf dem Lande.«

»Ja, er ist sehr unüberlegt,« sagte die Fürstin, sich zu Sergey
Iwanowitsch wendend, »ich wollte Euch eben bitten, ihm zu sagen,
daß sie,« sie wies auf Kity, »unmöglich hier bleiben kann, sondern
jedenfalls nach Moskau kommen muß. Er sagt, er würde einen Arzt
verschreiben« --

»=Maman=, er thut alles und ist mit allem einverstanden,« antwortete
Kity, voll Verdruß über die Mutter, weil sie in dieser Angelegenheit
Sergey Iwanowitsch zum Richter berief.

Mitten in ihrer Unterhaltung wurde in der Allee das Schnauben von
Pferden und das Geräusch von Rädern auf dem Schotter vernehmbar.

Dolly hatte sich noch nicht erhoben, um ihrem Mann entgegenzugehen,
als Lewin aus dem Fenster des Zimmers, in welchem Grischa lernte,
hinabsprang und Grischa heruntersetzte.

»Es ist Stefan!« rief Lewin unter dem Balkon hinauf, »wir sind fertig
Dolly; fürchte nichts!« fügte er hinzu, und begann wie ein Knabe, der
Equipage entgegenzurennen.

»=Is, ea id, eius eius eius=,« schrie Grischa, auf der Allee
hinspringend.

»Und noch jemand ist mit! Wahrscheinlich der Papa!« rief Lewin, am
Eingang der Allee stehen bleibend. »Kity geh nicht zu der steilen
Treppe herunter!«

Lewin irrte indes, wenn er den, der noch im Wagen saß, für den alten
Fürsten gehalten hatte. Als er dem Wagen näher kam, erkannte er neben
Stefan Arkadjewitsch nicht den Fürsten, sondern einen rot aussehenden,
wohlbeleibten, jungen Mann in schottischer Mütze mit langen
Bandstreifen hinten hinunter.

Dies war Wasjenka Wjeslowskij, ein Vetter im dritten Gliede von den
Schtscherbazkiy, und ein in Petersburg und Moskau glänzender junger
Mann, »ein ausgezeichneter Mensch und leidenschaftlicher Jäger«, wie
ihn Stefan Arkadjewitsch vorstellte.

Durchaus nicht verlegen über die Enttäuschung, die er hervorrief,
indem er mit seiner Person die des alten Fürsten vertrat, begrüßte
Wjeslowskij Lewin heiter, an die alte Bekanntschaft erinnernd, und
Grischa in den Wagen hebend, setzte er denselben an des Pointeurs
Stelle, den Stefan Arkadjewitsch mitgebracht hatte, weiterfahrend.

Lewin setzte sich nicht mit in den Wagen, sondern ging hinterdrein.
Er war verdrießlich, daß der alte Fürst nicht mitgekommen war, den
er umsomehr liebte, je mehr er ihn kennen lernte, sowie darüber, daß
dieser Wasjenka Wjeslowskij, ein vollständig fremder und überflüssiger
Mensch erschienen war. Derselbe kam ihm um so fremder und überflüssiger
vor, als er, indem Lewin zur Freitreppe schritt, auf welcher sich der
ganze lebhafte Trupp der Erwachsenen und Kinder versammelt hatte,
bemerkte, wie Wasjenka Wjeslowskij mit besonderer Zärtlichkeit und
galanter Miene Kity die Hand küßte.

»Aha, wir sind ja Cousins mit Eurer Frau und alte Bekannte,« sagte
Wasjenka Wjeslowskiy, die Hand Lewins wiederholt außerordentlich stark
drückend.

»Nun, giebt es viel Wild hier?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an
Lewin, der kaum mit der Begrüßung eines jeden fertig wurde. »Ich und
der da, wir haben die ernstesten Absichten. Nun =maman=, seit dem
letzten Male nicht wieder in Moskau gewesen! Tanja, für dich habe ich
Etwas! Hole dir's, im Wagen, hinten,« so sprach er nach allen Seiten.
»Wie du dich erholt hast, Dollchen,« sagte er zu seiner Frau, ihr
nochmals die Hand küssend, indem er dieselbe in der seinen hielt und
sie von oben mit der andern sanft pätschelte.

Lewin, eine Minute zuvor noch in der heitersten Stimmung gewesen,
blickte jetzt finster auf alle; es gefiel ihm jetzt nichts mehr.

»Wen mag er gestern mit diesen Lippen da geküßt haben?« dachte er, die
Zärtlichkeit Stefan Arkadjewitschs für seine Gattin sehend. Er schaute
Dolly an, und auch sie gefiel ihm nicht. »Sie glaubt doch nicht an
seine Liebe. Weshalb ist sie denn so erfreut? -- Widerlich,« dachte
Lewin.

Er schaute auf die Fürstin, die einen Augenblick zuvor noch so
liebenswürdig mit ihm gewesen war, und es gefiel ihm die Art und Weise
nicht, mit welcher sie diesen Wasjenka mit seinen Bändern bewillkommte,
als lüde sie ihn in ihr eigenes Haus.

Selbst Sergey Iwanowitsch, der gleichfalls auf die Freitreppe
herausgetreten war, erschien ihm unangenehm mit jener geheuchelten
Freundlichkeit, mit der er Stefan Arkadjewitsch begegnete, obwohl doch
Lewin wußte, daß sein Bruder Oblonskiy weder liebte noch achtete.

Selbst Warenka -- selbst diese war ihm zuwider, dadurch, daß sie sich
mit ihrem Ausdruck =sainte nitouche= mit diesem Herrn da bekannt
gemacht hatte, obwohl sie doch nur daran dachte, wie sie wohl einen
Mann bekommen könne. Am allerverhaßtesten aber war ihm Kity, da sie
sich dem nämlichen Tone der Heiterkeit hingab, mit welchem dieser
Herr, wie an einem Festtag, für sich und alle, seine Ankunft auf dem
Dorfe betrachtete, und sie war ihm ganz besonders unangenehm durch das
eigenartige Lächeln, mit welchem sie dem seinigen antwortete.

In geräuschvoller Unterhaltung gingen alle in das Haus; man hatte sich
aber kaum niedergelassen, als Lewin sich wandte und hinausging.

Kity sah, daß in ihrem Manne etwas vor sich ging. Sie wollte eine
Minute erhaschen, um mit ihm allein zu sprechen, er aber beeilte sich,
vor ihr fortzukommen, indem er sagte, er müsse nach dem Comptoir.

Seit langem waren ihm die Wirtschaftsangelegenheiten nicht so wichtig
erschienen, als jetzt. »Sie haben hier immer Feiertag,« dachte er,
»hier aber giebt es Arbeiten, die nicht müßiger Natur sind, welche
nicht warten, und ohne die man nicht existieren kann.«


                                   7.

Lewin kehrte erst nach Hause zurück, als man ihn zum Abendessen hatte
rufen lassen. Auf der Treppe stand Kity und Agathe Michailowna in der
Beratung über die Weine für das Abendessen.

»Aber wozu solchen Aufwand machen? Setzt doch vor, was es gewöhnlich
giebt.«

»Nein; Stefan trinkt nicht -- aber Konstantin, so warte doch, was ist
denn mit dir?« rief Kity, ihm nacheilend; er aber ging unbarmherzig,
ohne auf sie zu warten, mit großen Schritten nach dem Salon und mischte
sich sofort in das allgemeine, lebhafte Gespräch, das hier Wasjenka
Wjeslowskij und Stefan Arkadjewitsch unterhielten.

»Nun, fahren wir morgen zur Jagd?« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Bitte, fahren wir,« sagte Wjeslowskij, sich seitwärts auf einen
anderen Stuhl setzend und das fette Bein unterschlagend.

»Freut mich sehr, wir werden fahren. Habt Ihr schon gejagt dieses
Jahr?« sagte Lewin zu Wjeslowskij, aufmerksam dessen Fuß betrachtend,
aber mit erheuchelter Freundlichkeit, die Kity so gut an ihm kannte,
und die ihm so wenig stand. »Ob wir Wachteln finden werden, weiß ich
nicht, doch Bekassinen sind viel vorhanden; nur muß man zeitig fahren.
Ihr seid doch nicht müde? Bist du nicht ermattet, Stefan?«

»Ich ermattet? Ich bin noch nie matt gewesen. Wir wollen die ganze
Nacht nicht schlafen! Fahren wir spazieren!«

»In der That; wir wollen einmal nicht schlafen! Ausgezeichnet!« stimmte
Wjeslowskij bei.

»O, wir sind davon überzeugt, daß du nicht zu schlafen vermagst, und
andere nicht schlafen lassen kannst,« sagte Dolly zu ihrem Gatten mit
jener kaum bemerkbaren Ironie, mit welcher sie sich jetzt fast stets
an ihn wandte. »Aber nach meiner Ansicht ist es jetzt schon Zeit -- ich
will gehen, ich werde nicht zu Abend essen.« --

»Nein, du bleibst sitzen, Dollchen,« rief Stefan Arkadjewitsch, auf
ihre Seite am großen Tische hinübergehend, an welchem zu Abend gegessen
wurde. »Ich habe dir noch soviel zu erzählen.«

»In Wahrheit aber nichts.«

»Weißt du, Wjeslowskij war bei Anna; und er wird wieder zu den beiden
fahren. Sie sind freilich einige siebzig Werst weit von euch entfernt.
Auch ich werde zweifellos einmal hinfahren. Wjeslowskij, komm doch
hierher!«

Wasjenka war zu den Damen gegangen, und hatte sich neben Kity
niedergelassen.

»Ach bitte erzählt uns doch, bitte, Ihr waret also bei ihr? Wie geht es
ihr?« wandte sich Darja Aleksandrowna an ihn.

Lewin war auf der anderen Seite des Tisches geblieben und sah, ohne in
dem Gespräch mit der Fürstin und Warenka innezuhalten, daß zwischen
Stefan Arkadjewitsch, Dolly, Kity und Wjeslowskij ein lebhaftes und
geheimnisvolles Gespräch geführt wurde. Obwohl das Gespräch leise
geführt wurde, gewahrte Lewin doch auf dem Gesicht seiner Frau den
Ausdruck einer ernsten Empfindung, als sie unverwandt in das rote
Gesicht Wasjenkas blickte, der lebhaft erzählte.

»Es geht ihnen sehr gut,« berichtete Wasjenka von Wronskiy und Anna.

»Ich natürlich möchte es nicht auf mich nehmen, zu urteilen, aber in
ihrem Hause befindet man sich wie in der Familie.«

»Was beabsichtigen sie denn zu thun?«

»Wie es scheint, wollen sie für den Winter nach Moskau.«

»Wie schön wäre es, wenn wir zusammen zu ihnen reisen könnten. Wann
wirst du fahren?« frug Stefan Arkadjewitsch Wasjenka.

»Ich werde den Juli bei ihnen zubringen.«

»Und auch du wirst doch mitfahren?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an
seine Frau.

»Ich habe schon lange hingewollt und werde sicher fahren,« sagte
Dolly. »Sie thut mir leid, und ich kenne sie. Sie ist ein schönes
Weib. Ich werde allein reisen, wenn du weggehst, und niemand dadurch
belästigen. Es ist sogar besser, wenn du nicht da bist.«

»Auch gut,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »und Kity?«

»Ich? Weshalb sollte ich hinreisen?« antwortete Kity, in mächtige
Aufregung geratend, und schaute nach ihrem Gatten.

»Aber Ihr seid doch mit Anna Arkadjewna bekannt?« frug sie Wjeslowskij,
»sie ist ein sehr anziehendes Weib.«

»Ja,« antwortete sie Wjeslowskij, noch tiefer errötend, erhob sich, und
ging zu ihrem Manne.

»Du willst also morgen auf die Jagd fahren?« sagte sie.

Seine Eifersucht in diesen wenigen Augenblicken war, besonders
angesichts dieser Röte, die ihre Wangen bedeckte, als sie mit
Wjeslowskij sprach, schon hoch gestiegen. Jetzt faßte er, indem er ihre
Worte vernahm, diese nach seiner Weise auf. So seltsam es ihm auch
erschien, wenn er späterhin hieran zurückdachte, jetzt schien es ihm
klar zu sein, daß sie, wenn sie ihn frug, ob er auf die Jagd fahre, nur
interessierte, zu erfahren, ob er Wasjenka Wjeslowskij das Vergnügen
machen wolle, ihm, in den sie nach seiner Auffassung schon verliebt war.

»Ja, ich werde fahren,« antwortete er mit unnatürlicher, ihm selbst
abstoßend erscheinender Stimme.

»Aber Ihr verbrächtet doch besser den Tag morgen hier; Dolly hat ja
sonst ihren Mann gar nicht gesehen; übermorgen könntet Ihr fahren,«
sagte Kity.

Der Sinn dieser Worte Kitys war von Lewin bereits so gewandelt: »Trenne
mich nicht von ihm. Daß du fährst, ist mir ganz gleichgültig, doch laß
mich die Gesellschaft dieses reizenden jungen Mannes genießen.«

»Ach, wenn du willst, so werden wir morgen zu Haus bleiben,« antwortete
Lewin mit eigentümlicher Zuvorkommenheit.

Wasjenka mittlerweile, der nicht im geringsten das Leid ahnte, welches
seine Anwesenheit verursacht hatte, war mittlerweile nach Kity vom
Tische aufgestanden und ihr, sie mit freundlichem lächelnden Blick
verfolgend, nachgegangen.

Lewin sah diesen Blick. Er erblich und vermochte eine Minute nicht,
Atem zu schöpfen. »Wie kann man sich erlauben, so auf mein Weib zu
schauen,« schäumte es in ihm.

»Also morgen? Fahren wir also,« sagte Wasjenka, sich auf den
Stuhl niederlassend und wiederum nach seiner Gewohnheit den Fuß
unterschlagend.

Die Eifersucht Lewins stieg noch höher. Er sah sich schon als
betrogenen Gatten, den die Frau und ihr Liebhaber nur dazu brauchen,
ihnen die Annehmlichkeiten des Lebens und Vergnügungen zu gewähren.
Aber nichtsdestoweniger frug er Wasjenka liebenswürdig und
gastfreundlich nach seinen Jagdzügen, seinem Gewehr, den Stiefeln und
war einverstanden damit, morgen zu fahren.

Zum Glück für Lewin kürzte die alte Fürstin seine Leiden dadurch, daß
sie sich erhob und Kity anriet, schlafen zu gehen. Aber auch hierbei
ging es nicht ohne einen neuen Schmerz für Lewin ab. Als sich Wasjenka
von der Frau des Hauses verabschiedete, wollte er wiederum ihre Hand
küssen, allein Kity sagte errötend, und mit einer naiven Herbheit,
wegen der ihr später die alte Fürstin Vorwürfe machte, indem sie ihm
ihre Hand entzog: »Das ist bei uns nicht üblich!«

In den Augen Lewins war sie dadurch schuldig, daß sie solche
Beziehungen überhaupt zugelassen hatte, und noch schuldiger, weil sie
so ungeschickt bewiesen hatte, daß dieselben ihr nicht gefielen.

»Was ist das für ein Vergnügen zu schlafen!« sprach Stefan
Arkadjewitsch, nachdem er beim Abendessen einige Gläser Wein geleert
hatte und in seine gemütliche und poetische Stimmung geraten war.
»Sieh Kity,« sagte er, auf den hinter den Linden heraufsteigenden
Mond weisend, »wie reizend! Wjeslowskij, das wäre etwas, wenn du eine
Serenade singen willst. Weißt du, er hat nämlich eine großartige
Stimme, wir haben zusammen unterwegs gesungen. Er hat schöne Romanzen
mit, zwei neue; die könnte man mit Barbara Andrejewna singen!«

                   *       *       *       *       *

Als sich alles schon zurückgezogen hatte, ging Stefan Arkadjewitsch mit
Wjeslowskij noch in der Allee spazieren, und man hörte ihre Stimmen in
der neuen Romanze.

Lewin saß, den Stimmen lauschend, finster in dem Lehnstuhl im
Schlafgemach seiner Frau und schwieg hartnäckig auf deren Fragen, was
er denn habe; doch als sie endlich selbst schüchtern lächelnd frug:
»hat dir etwa irgend etwas mit Wjeslowskij nicht gefallen?« da brach
es hervor aus ihm, und er sagte alles. Das, was er aber hervorbrachte,
kränkte ihn, und erzürnte ihn nur so noch mehr.

Er stand vor ihr mit furchtbar unter den finsterzusammengezogenen
Brauen blitzenden Augen, und preßte die starken Hände auf die Brust,
als biete er alle seine Kräfte auf, an sich zu halten. Der Ausdruck
seines Gesichtes wäre rauh und selbst hart gewesen, wenn nicht zugleich
auch der Schmerz sich darauf ausgeprägt hätte, was sie rührte. Seine
Kinnbacken knirschten und seine Stimme brach ab.

»Verstehe wohl, daß ich nicht etwa eifersüchtig bin; dies ist ein
häßliches Wort! Ich kann nicht eifersüchtig sein und glauben, daß --
ich kann nicht sagen, was ich fühle, doch dies ist furchtbar! Ich bin
nicht eifersüchtig, aber beleidigt, erniedrigt, dadurch, daß jemand
wagt, zu denken -- wagt, mit solchen Augen auf dich zu blicken!« -- --

»Aber mit was für Augen?« sagte Kity, sich bemühend, so gewissenhaft
als möglich sich alle ihre Reden und Bewegungen vom heutigen Abend,
sowie alle Schattierungen derselben ins Gedächtnis zurückzurufen.

Auf dem Grund ihrer Seele fand sie, daß in jener Minute, als er ihr
nach dem andern Ende des Tisches gefolgt war, in der That etwas
gelegen hatte, aber sie wagte dies nicht einmal auch nur sich selbst
einzugestehen, und entschloß sich daher um so weniger, es ihm zu sagen
und dadurch seinen Schmerz noch zu vergrößern.

»Was soll nur Anziehendes sein an mir, wie ich jetzt bin« --

»Ach!« rief er, sich an den Kopf greifend; »hättest du nicht so
gesprochen -- das heißt also, wenn du anziehend gewesen wärest« --

»Mein Konstantin, halt ein, höre doch!« -- sprach sie, ihn mit
leidendem und mitleidvollem Ausdruck anblickend. »Was denkst du nur? Wo
es für mich doch keinen Menschen giebt, keinen, keinen! Willst du, daß
ich niemand hier sehen soll?«

In der ersten Minute war seine Eifersucht beleidigend für sie gewesen;
es war ihr verdrießlich gewesen, daß ihr auch die kleinste Zerstreuung,
selbst die unschuldigste, untersagt wurde; jetzt aber hätte sie sich
gern, nicht in solchen Kleinigkeiten, sondern in allem für seine Ruhe
geopfert, um ihn von dem Schmerz zu befreien, den er litt.

»Begreife doch nur das Entsetzliche und das Komische meiner Lage,«
fuhr er in verzweifeltem Flüsterton fort, »daß er in meinem Hause
ist, daß er nichts Unanständiges begangen hat, abgesehen von jener
Ungezwungenheit und dem Übereinanderschlagen seiner Füße. Er hält dies
für den besten Ton, und demzufolge muß ich noch mit ihm liebenswürdig
sein!«

»Aber, liebster Konstantin, du übertreibst ja,« sagte Kity, in der
Tiefe ihres Herzens erfreut über die Kraft seiner Liebe zu ihr, die
sich jetzt in seiner Eifersucht ausdrückte.

»Am Entsetzlichsten von allem ist, daß du -- jetzt so wie du es stets
gewesen, ein Heiligtum für mich -- daß wir so glücklich gewesen sind,
so selten glücklich -- und plötzlich konnte dieser Wicht -- nicht
Wicht; weshalb sollte ich ihn schimpfen? -- Ich habe mit ihm nichts zu
schaffen! Aber weshalb soll mein Glück, dein Glück« -- --

»Weißt du, ich begreife, woher dies alles gekommen ist,« begann Kity.

»Woher? Woher?«

»Ich habe gesehen, wie du blicktest, als wir beim Abendessen sprachen.«

»Nun ja, nun ja!« sagte Lewin erschreckt.

Sie erzählte ihm, wovon man gesprochen hatte, und als sie es erzählte,
kam sie vor Erregung außer Atem. Lewin verstummte, betrachtete ihr
bleiches, angstvolles Gesicht und griff sich plötzlich an den Kopf.

»Katja, ich habe dich gemartert! Mein Täubchen, verzeihe mir! Dieser
Wahnsinn! Katja, ich bin unendlich schuldig! Kann man nur durch solche
Thorheit sich quälen!«

»Nein, du nur thust mir leid.«

»Ich? Ich? Was für ein Wahnwitziger ich bin! Weshalb thue ich dir leid?
Es ist mir entsetzlich zu denken, daß jeder fremde Mensch unser Glück
zerstören kann.«

»Natürlich! das ist eben das Kränkende« --

»Nein; so werde ich ihn mit Absicht den ganzen Sommer bei uns behalten
und mich in Liebenswürdigkeiten gegen ihn überbieten,« sprach Lewin,
ihr die Hand küssend. »Du wirst sehen. Morgen. Ja, es ist wahr, morgen
wollen wir fahren.«


                                   8.

Am andern Tage hatten sich die Damen noch nicht erhoben, als die
Jagdwagen schon vor der Einfahrt standen und Laska, der bereits am
Morgen gemerkt hatte, daß es zur Jagd gehe, sich heulend und nachdem er
sich satt getummelt hatte, in den einen der Wagen neben dem Kutscher
setzte, welcher ärgerlich und mißlaunig über die Verspätung nach der
Thür blickte, aus welcher die Jäger noch immer nicht herauskommen
wollten.

Zuerst erschien Wasjenka Wjeslowskij, in großen neuen Jagdstiefeln,
welche bis zur Hälfte der dicken Schenkel gingen; in grüner Bluse,
mit einer neuen, nach Juchten duftenden Patronentasche gegürtet und
in seiner Bändermütze und dem neuen englischen Gewehr. Laska sprang
ihm entgegen, begrüßte ihn, sprang an ihm empor und frug ihn auf seine
Weise, ob bald noch die anderen herauskommen würden, kehrte aber dann,
da er keine Antwort von ihm erhielt, auf seinen Warteposten zurück, um
hier wieder still zu werden, den Kopf auf die Seite gewendet und das
eine Ohr spitzend.

Endlich öffnete sich kreischend die Thür, und heraus flog, sich
wirbelnd und in der Luft drehend, Krak, der hellgescheckte Pointeur
Stefan Arkadjewitschs, worauf dieser selbst heraustrat, die Flinte in
den Händen und die Cigarre im Munde. Freundlich rief er seinem Hunde
zu, der ihm die Pfoten auf Leib und Brust setzte und sich mit denselben
in der Jagdtasche verwickelte.

Stefan Arkadjewitsch war mit ledernen Schnürstücken mit untergelegten
Strumpflappen an den Füßen, einem zerrissenen Beinkleid und einem
kurzen Rock bekleidet. Auf dem Kopfe saß die Ruine eines Hutes, das
Gewehr aber, nach modernstem System, war ein wahres Spielzeug und
die Jagdtasche und Patrontasche, obwohl abgetragen, von vorzüglicher
Qualität.

Wasjenka Wjeslowskij hatte früher diese echte Jägerkoketterie
nicht begriffen, in Lumpen zu gehen, und dabei ein Jagdgerät von
vorzüglichster Güte zu führen. Er begriff sie aber jetzt, als er Stefan
Arkadjewitsch mit diesen Lumpen, in all seiner eleganten, wohlgenährten
und behaglich gestimmten Herrenerscheinung erblickte, und faßte den
Entschluß, sich bei der nächsten Jagd unfehlbar ebenso zu equipieren.

»Nun, und was macht unser Wirt?« frug er.

»Ein junges Weib,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.

»Und noch dazu ein reizendes.«

»Er war bereits angekleidet, aber wahrscheinlich ist er nochmals zu ihr
gelaufen.«

Stefan Arkadjewitsch hatte es erraten. Lewin war mehrmals zu seiner
Gattin geeilt, um sie noch einmal zu fragen, ob sie ihm seine gestrige
Dummheit vergeben habe, und dann, um sie zu bitten, doch um Christi
willen vorsichtiger zu sein. Hauptsächlich -- sich vor den Kindern
ferner zu halten -- sie konnten sie leicht einmal stoßen. Dann mußte er
von ihr nochmals die Versicherung erhalten, daß sie ihm nicht gram sei
darüber, daß er auf zwei Tage fortfuhr, und sie bitten, ihm unbedingt
morgen früh, mit dem ersten Zug, ein Billet zu schicken, und ihm
wenigstens zwei Worte zu schreiben, damit er nur wußte, daß sie sich
wohl befinde.

Kity war es wie stets schmerzlich, sich auf zwei Tage von ihrem
Gatten trennen zu sollen; allein als sie seine lebhafte Erscheinung,
die besonders groß und kraftvoll in den Jagdstiefeln und der weißen
Bluse erschien, und einen gewissen, ihr unverständlichen Schimmer der
Jagdfreude wahrgenommen hatte, vergaß sie, um ihm seine Freude zu
lassen, ihren Schmerz, und verabschiedete sich heiter von ihm.

»Entschuldigung, meine Herren!« sagte er, auf die Freitreppe
herauskommend. »Hat man das Frühstück eingepackt? Warum ist der Fuchs
rechts gespannt? Nun gleichviel! Laska -- leg' dich! -- Laß sie in die
ledige Herde,« wandte er sich an den Viehwärter, der an der Treppe mit
einer Frage über die Wallachen wartete.

Lewin sprang vom Wagen, auf dem er sich schon setzen wollte, zu einem
Zimmermann hin, der mit einem Ellenmaß zur Treppe gekommen war.

»Gestern ist er nicht ins Comptoir gekommen und heute hält er mich nun
ab. Was ist denn?«

»Wir müssen noch drei Stufen hinzunehmen; dann paßt es; sie wird dann
bequemer liegen.«

»Hättest du mir gehorcht,« antwortete Lewin ärgerlich. »Ich habe
gesagt, du sollst zuerst die Treppenlager, und die Stufen zuletzt
machen! Jetzt kommst du nun nicht aus. Thu wie ich dir befohlen habe,
und mache ein neues Lager.«

Es handelte sich darum, daß in einem im Bau befindlichen Flügel der
Zimmermann die Treppe verpfuscht hatte, indem er sie selbständig, ohne
die Höhe zu berechnen, gefertigt hatte, sodaß nun alle Stufen schräg
hingen, als man die Treppe an ihrem Platz aufstellte. Der Zimmermann
wollte nun, die Treppe lassend wie sie war, nur noch drei Stufen
hinzufügen.

»Es wird so viel besser werden.«

»Aber wohin willst du denn kommen mit den drei Stufen!«

»Gestattet,« antwortete der Zimmermann mit geringschätzigem Lächeln;
»da sie sich von unten erhebt,« er sprach dies mit überzeugender
Gebärde, »muß es gehen, sie muß passen!«

»Aber drei Stufen gehen doch noch in die Länge? Wohin soll sie denn da
kommen?«

»Da sie von unten auf geht, so muß sie passen,« beharrte der Zimmermann.

»Bis unter die Decke und an die Wand kommt sie.«

»Aber, mit Verlaub, sie kommt doch von unten, da wird sie passen.«

Lewin ergriff seinen Ladestock und begann ihm im Staube die Treppe zu
zeichnen.

»Siehst du nun?«

»Wie Ihr befehlt,« sagte der Zimmermann, plötzlich mit den Augen hell
aufblickend und endlich offenbar die Sache begreifend. »Es ist klar, es
muß eine neue Treppe gezimmert werden.«

»Nun also, thue nun, wie dir geheißen ist,« rief Lewin und setzte sich
wieder in den Wagen. »Fahr zu! -- Halt die Hunde, Philipp!«

Lewin empfand jetzt, nachdem er alle Sorgen des Hauses und der
Wirtschaft hinter sich gelassen hatte, ein so mächtiges Gefühl von
Lebensfreude und Erwartung, daß er keine Lust verspürte, zu sprechen.
Er hatte auch das Gefühl der konzentrierten Aufregung, welche jeder
Jäger verspürt, wenn er sich seinem Revier nähert. Wenn ihn jetzt
überhaupt etwas beschäftigte, so waren es nur die Fragen, ob man im
Kolpenskischen Moor etwas finden werde, wie sich Laska im Vergleich zu
Krak zeigen, und wie ihm selbst heute das Jagdglück lächeln würde.

Daß man sich vor einem fremden Jäger keine Blöße gab; daß Oblonskiy ihn
nicht überschießen möchte, auch dies kam ihm in den Kopf.

Oblonskiy hatte ein ganz ähnliches Gefühl, und war gleichfalls
wortkarg. Nur Wasjenka Wjeslowskij schwatzte lustig und unaufhörlich
weiter.

Als Lewin ihn jetzt hörte, fühlte er sich beschämt, wenn er daran
dachte, wie ungerecht er gestern gegen ihn gewesen sei.

Wasjenka war in der That ein vorzüglicher, naiver, gutmütiger
und sehr heiterer Mensch. Wäre Lewin noch unverheiratet mit ihm
zusammengekommen, so würde er sich ihm genähert haben. Nur war ihm ein
wenig unangenehmer seine müßige Stellung zum Leben, und eine gewisse
Ungezwungenheit bei aller Eleganz. Er schien sich gewissermaßen selbst
eine hohe unzweifelhafte Bedeutung beizumessen, daß er lange Nägel
und eine kleine Mütze trug und alles übrige dementsprechend, doch
konnte man dies bei seiner Gutherzigkeit und Solidität entschuldigen.
Er gefiel Lewin wegen seiner guten Erziehung, einer ausgezeichneten
Aussprache des Französischen und Englischen, und dann deshalb, weil er
ein Mensch seiner eignen Welt war.

Wasjenka gefiel das donische Steppenpferd am linken Strang
außerordentlich. Er war fortwährend exaltiert davon, »wie schön muß es
sich auf einem Steppenpferd durch die Steppe jagen lassen! Ha? Nicht
so?« sprach er. Er stellte sich in dem Ritt auf einem Steppenroß etwas
wundersames poetisches vor, woraus sich zwar nichts ergab, aber seine
Naivetät, besonders im Verein mit seiner Schönheit, seinem freundlichen
Lächeln und der Grazie seiner Bewegungen war sehr anziehend. Kam es
nun davon her, daß seine Natur Lewin sympathisch war, oder davon, daß
Lewin sich bemühte, zur Sühne für seinen gestrigen Fehltritt alles an
ihm gut zu finden, genug, Lewin fühlte sich angenehm von ihm berührt.

Nachdem man drei Werst gefahren war, tastete Wjeslowskij plötzlich nach
seinen Cigarren und der Brieftasche, und wußte nicht, ob er beides
verloren oder auf dem Tische liegen gelassen hatte.

In der Brieftasche waren dreihundertsiebzig Rubel, und daher durfte man
sie nicht im Stich lassen.

»Wißt Ihr was, Lewin, ich werde auf diesem donischen Beipferd nach
Hause reiten. Das wäre ausgezeichnet. Nicht?« sagte er, schon bereit,
aufzusitzen.

»Nein; warum das?« antwortete Lewin, der schon berechnet hatte, daß
Wasjenka nicht weniger als sechs Pud Gewicht haben müsse. »Ich werde
den Kutscher schicken.«

Der Kutscher ritt auf dem Beipferd ab, und Lewin lenkte nun selbst die
beiden übrigen Pferde.


                                   9.

»Was haben wir denn für eine Marschroute? Erzähle doch gefälligst ein
wenig,« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Der Plan ist folgender: Jetzt werden wir bis Gwozdjowo fahren. In
Gwozdjowo befindet sich diesseits eine Niederung mit Schnepfen,
hinter Gwozdjowo aber ziehen sich wunderbare Bekassinensümpfe hin,
und Schnepfen sind auch da. Es ist jetzt heiß; wir werden gegen Abend
-- es sind noch zwanzig Werst -- ankommen, ein Abendfeld nehmen, dann
übernachten, und morgen schon in die großen Sümpfe gehen.«

»Aber giebt es denn unterwegs nichts?«

»O doch, aber wir würden uns da nur aufhalten und es ist heiß. Es giebt
zwei ausgezeichnete Plätze, aber schwerlich wird es da etwas geben.«

Lewin hatte selbst Lust, nach jenen Plätzen zu gehen, aber dieselben
lagen seiner Wohnung zu nahe und er konnte sie stets erreichen; die
Plätze waren auch klein -- drei konnten nicht auf ihnen schießen.
Infolge dessen schlug er im Geiste einen Haken, und sagte, es dürfte
kaum etwas dort zu finden sein. Als sie an dem kleinen Sumpfe
angekommen waren, wollte Lewin vorüberfahren, doch der erfahrene
Jägerblick Stefan Arkadjewitschs unterschied sogleich die vom Wege her
sichtbare Feuchtigkeit.

»Wollen wir nicht hinfahren?« sagte er, auf den Sumpf weisend.

»Lewin bitte; wie reizend!« begann Wasjenka Wjeslowskij zu bitten, und
Lewin mußte einwilligen.

Sie hatten noch nicht Halt gemacht, als schon die Hunde, sich
gegenseitig jagend, dem Sumpf zuflogen.

»Krak! Laska!«

Die Hunde kehrten zurück.

»Zu Dreien wird es uns zu eng werden. Ich werde hier bleiben,« sagte
Lewin, in der Hoffnung, daß sie nichts finden möchten als Kibitze, die
sich vor den Hunden erhoben und sich im Fluge überschlagend, kläglich
über dem Sumpfe schrieen.

»Nein! -- Kommt! Wir wollen zusammen gehen, Lewin!« rief Wjeslowskij.

»Richtig ist das; es wird zu eng! -- Laska, zurück; -- Laska! --
Braucht Ihr dann nicht einmal einen anderen Hund?«

Lewin blieb bei dem Wagen und schaute voll Mißgunst auf die Jäger.
Diese durchwanderten den ganzen Sumpf, aber außer einer Henne und
Kibitzen, von denen Wjeslowskij einen erlegte, war nichts darin.

»Nun da seht Ihr, daß ich den Sumpf nicht bedauerte,« sagte Lewin,
»wohl aber den Zeitverlust.«

»Ach nein; es war immerhin ganz hübsch! Habt Ihr es gesehen?« sprach
Wasjenka Wjeslowskij, unbehilflich auf den Wagen kletternd, die Flinte
und den Kibitz in den Händen. »Wie ich den gut getroffen habe, nicht
wahr? Nun, werden wir denn bald an den richtigen Ort kommen?«

Plötzlich rissen die Pferde in das Geschirr, Lewin schlug mit dem
Kopf an den Lauf eines der Gewehre, und ein Schuß ging los. Der Schuß
an sich ertönte schon früher, aber es schien Lewin nur so. Wasjenka
Wjeslowskij hatte, die Hähne in Ruhe setzend, den einen Drücker
berührt, während er den andern Hahn gehalten hatte.

Die Ladung ging in die Luft, ohne jemand Schaden zuzufügen. Stefan
Arkadjewitsch schüttelte den Kopf und lächelte Wjeslowskij
vorwurfsvoll zu, Lewin aber war nicht in der Stimmung, ihm einen
Vorwurf zu machen; erstens wäre jeder Vorwurf nur durch die
vorübergegangene Gefahr und die Beule, welche auf der Stirn Lewins
auftrat, hervorgerufen erschienen, zweitens aber war Wjeslowskij
anfangs so naiv ärgerlich, und fing dann so gutmütig und ansteckend an
über die allgemeine Aufregung zu lachen, daß es unmöglich war, nicht
mit zu lachen.

Als sie an den zweiten Sumpf gelangten, welcher ziemlich groß war, und
daher viel Zeit in Anspruch nehmen mußte, suchte Lewin dahin zu wirken,
daß man nicht hineinging. Doch Wjeslowskij besiegte ihn wieder durch
sein Bitten, und wiederum blieb Lewin, als gastfreundlicher Wirt, bei
dem Wagen zurück.

Sogleich bei der Ankunft witterte Krak nach den Maulwurfshügeln.
Wasjenka Wjeslowskij lief als der Erste hinter dem Hunde her und
Stefan Arkadjewitsch war noch nicht herangekommen, als schon ein Vogel
aufging. Wjeslowskij schoß fehl und der Vogel ließ sich in einer
ungemähten Wiese wieder nieder. Wjeslowskij aber war diese Beute
bestimmt. Krak fand sie wieder auf, stellte sie und er schoß sie und
kehrte dann zu dem Wagen zurück.

»Jetzt geht Ihr, und ich will bei den Pferden bleiben,« sprach er.

Lewin begann der Jagdneid zu ergreifen. Er übergab Wjeslowskij die
Zügel und begab sich in den Sumpf.

Laska, der schon lange kläglich gewinselt und sich über die
Ungerechtigkeit beklagt hatte, eilte vorauf direkt nach einem
verheißungsvollen, Lewin bekannten Gebiet, in welches Krak noch nicht
gekommen war.

»Weshalb hältst du ihn denn nicht zurück?« rief Stefan Arkadjewitsch.

»Er wird dich nicht schrecken,« antwortete Lewin, voll Freude über
seinen Hund, und ihm eilig folgend.

Auf der Suche Laskas wuchs, je näher dieser den bekannten Hügeln
kam, mehr und mehr der Ernst der Situation. Ein kleiner Sumpfvogel
zerstreute diesen nur auf einen Augenblick. Er beschrieb einen Kreis
vor den Hügeln, begann einen zweiten, erschrak dann plötzlich und
verschwand.

»Geh, geh Stefan!« rief Lewin, welcher fühlte, wie ihm das Herz höher
zu schlagen begann, und wie plötzlich, gleich als ob sich ein Riegel in
seiner seelischen Spannung zurückbewege, alle Geräusche, den Maßstab
ihrer Entfernung verlierend, ihn ungeregelt, aber scharf zu treffen
begannen. Er vernahm die Schritte Stefan Arkadjewitschs, sie für das
ferne Stampfen der Pferde haltend, er vernahm das spröde Geräusch
der mit den Wurzeln sich loslösenden Ecke eines Maulwurfhaufens, auf
welchen er getreten war, indem er dasselbe für den Flug eines Vogels
hielt. Er vernahm auch im Rücken in nicht großer Entfernung ein
Klatschen auf dem Wasser, von welchem er sich nicht Rechenschaft zu
geben vermochte.

Indem er sich einen Standort für die Füße suchte, bewegte er sich auf
seinen Hund zu.

Eine Bekassine machte sich vor dem Hunde auf. Lewin legte das Gewehr
an, aber in dem Augenblicke, als er zielte, verstärkte sich jenes
Geräusch von Klatschen auf dem Wasser; es kam näher, und mit ihm
vereinigte sich die Stimme Wjeslowskijs, der in sonderbarer Weise laut
rief.

Lewin sah, daß er mit der Flinte die Bekassine von hinten treffen
werde, schoß aber gleichwohl.

Überzeugt, daß er einen Fehlschuß gethan, blickte er um sich und
gewahrte, daß die Pferde mit dem einen Jagdwagen gar nicht mehr auf dem
Wege, sondern im Sumpfe waren.

Wjeslowskij, welcher das Schießen hatte sehen wollen, war in den Sumpf
gefahren und hatte die Pferde in eine Untiefe geführt.

»Hol' ihn der Teufel,« sagte Lewin zu sich selbst, zu der
feststeckenden Equipage zurückkehrend. »Weshalb seid Ihr denn
fortgefahren,« sagte er mit dürren Worten zu ihm, und machte sich,
nachdem er den Kutscher herbeigerufen hatte, daran die Pferde
loszubringen.

Lewin war verdrießlich geworden, daß man ihn im Schießen gestört und
die Pferde in den Sumpf geführt hatte, hauptsächlich aber auch, daß
bei dem Ausspannen der Pferde, was erforderlich war um sie wieder
freizumachen, weder Stefan Arkadjewitsch, noch Wjeslowskij ihm und
dem Kutscher Hilfe leisteten, weil weder dieser noch jener auch nur
den geringsten Begriff davon hatte, worin eigentlich das Anschirren
bestehe. Ohne Wjeslowskij ein Wort auf dessen Versicherung, es sei
hier ganz trocken, zu antworten, arbeitete Lewin schweigend mit dem
Kutscher daran, die Pferde zu befreien.

Als er indessen bei der Arbeit warm geworden war und sah, wie beflissen
und eifrig Wjeslowskij den Wagen an der Deichselstange zog, sodaß er
diese sogar abbrach, machte er sich selbst Vorwürfe darüber, daß er
unter dem Einfluß der gestrigen Empfindung allzu kalt gegen Wjeslowskij
gewesen war, und bemühte sich mit besonderer Liebenswürdigkeit seine
Barschheit wieder gutzumachen.

Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, und die Wagen sich wieder
auf dem Wege befanden, ließ Lewin das Frühstück bringen.

»=Bon appétit -- bonne conscience! Ce poulet va tomber jusqu'au fond
de mes bottes=,« sagte Wjeslowskij, wieder lustig geworden, mit einem
französischen Sprichwort, ein zweites Hühnchen verspeisend. »Jetzt sind
unsere Leiden zu Ende und alles wird nun glücklich gehen. Nur will ich
wegen meines Vergehens dazu gezwungen sein, auf dem Bocke zu sitzen.
Ist es nicht recht so? Nein, ich bin Automedon! Paßt auf, wie ich Euch
fahren werde!« versetzte er, ohne die Zügel loszugeben, als ihn Lewin
bat, den Kutscher fahren zu lassen. »Nein; ich muß mein Vergehen wieder
gut machen, und befinde mich ganz wohl auf dem Bocke,« und er fuhr.

Lewin fürchtete ein wenig, er möchte die Pferde malträtieren, besonders
das Handpferd, einen Fuchs, den er nicht zu lenken verstand; doch
unwillkürlich fügte er sich seiner Heiterkeit, lauschte er den
Romanzen, welche Wjeslowskij, auf dem Bocke sitzend, den ganzen Weg
entlang sang, oder seinen Erzählungen und Vorführungen, wie man auf
englische Manier =four in hand= fahre -- und alle fuhren nach dem
Frühstück in der heitersten Stimmung nach dem Sumpfe von Gwozdjowo.


                                  10.

Wasjenka trieb die Pferde so schnell, daß sie zu früh bei dem Sumpfe
ankamen, und es noch immer heiß war.

Als sie bei der Niederung angelangt waren, dem Hauptziele der Fahrt,
dachte Lewin unwillkürlich, wie er Wasjenka los werden und ohne eine
Störung jagen könnte. Stefan Arkadjewitsch wünschte augenscheinlich
das Nämliche, und auf seinem Gesicht sah Lewin den Ausdruck einer
Besorgnis, welche bei dem echten Jäger stets vor Beginn der Jagd
da zu sein pflegt, sowie den einer gewissen ihm eigenen gutmütigen
Verschlagenheit.

»Wie wollen wir fahren? Der Sumpf ist ausgezeichnet, ich sehe es; auch
Habichte sind da,« sagte Stefan Arkadjewitsch auf zwei über dem Ried
kreisende, große Vögel weisend. »Wo Habichte sind, ist sicher auch
Wild.«

»Nun, seht ihr Herren,« sagte Lewin, mit etwas mürrischem Ausdruck
seine Stiefel hochziehend und die Pistons auf dem Gewehr nachsehend;
»seht ihr diesen Ried?« Er wies auf eine kleine, dunkel in Schwarzgrün
schimmernde Insel, in einem weiten, sich auf dem rechten Ufer des
Flusses ausdehnenden, bis zur Hälfte gemähten nassen Wiesengrund.
»Der Sumpf beginnt hier, gerade vor uns, seht ihr -- wo das Grün ist.
Von da geht er rechts, wo die Pferde sind; -- hier befinden sich
auch Maulwurfshaufen und Bekassinen -- dann rund um diese Wiese bis
zu jenem Erlenwald und dicht bis zu der Mühle, dort wo man die Bucht
sieht. Das ist ein ausgezeichneter Platz; ich habe einmal siebzehn
Bekassinen hier geschossen; wir wollen uns nun mit den beiden Hunden
nach den verschiedenen Seiten trennen, und dort bei der Mühle wieder
zusammenkommen.«

»Aber wer geht rechts; wer links?« frug Stefan Arkadjewitsch. »Rechts
ist es weiter; geht dort zu Zweien, ich will links gehen,« sagte er, so
harmlos, wie er nur konnte.

»Schön; wir wollen ihn überschießen; also gehen wir, gehen wir,«
drängte Wasjenka.

Lewin konnte damit nur einverstanden sein, und so trennten sie sich.
Kaum waren sie in den Sumpf gelangt, als beide Hunde gleichzeitig zu
suchen begannen und nach dem Schlamme witterten. Lewin kannte dieses
Suchen Laskas, vorsichtig und zurückhaltend; er kannte auch den Platz,
und erwartete den Schwarm der Schnepfen.

»Wjeslowskij, geht nebenher, nebenher!« sagte er mit leiser
Stimme, zu dem im Wasser hinterher plätschernden Gefährten, dessen
Gewehrlaufrichtung Lewin nach dem unvorhergesehenen Schuß am
Kolpenskischen Sumpfe unwillkürlich interessierte.

»Ach nein, ich will Euch nicht im Wege sein, denkt nur nicht an mich!«

Lewin dachte aber unwillkürlich an ihn, und rief sich die Worte Kitys
ins Gedächtnis, mit denen diese ihn von sich gelassen: »Paßt auf, und
schießt einander nicht!« -- Näher und näher kamen die Hunde, einer am
anderen vorüber und jeder seine Spur verfolgend; die Erwartung war so
mächtig, daß Lewin das Schmatzen seines aus dem Schlamme emporgehobenen
Stiefelabsatzes als Schrei einer Schnepfe erschien, sodaß er den Kolben
des Gewehres packte und preßte.

»Puff, puff,« klang es ihm in die Ohren. Wasjenka hatte in eine Schar
Enten geschossen, welche über dem Sumpfe schwebten und jetzt bei weitem
noch nicht für Jäger in Schußweite gekommen waren. Lewin hatte sich
kaum umgeschaut, als eine Schnepfe schmatzte; eine zweite, eine dritte
-- noch acht dazu erhoben sich -- eine nach der anderen.

Stefan Arkadjewitsch erlegte eine gerade im Augenblick, als sie ihre
Zickzacklinien zu beschreiben begann, und die Schnepfe fiel wie ein
Klumpen in den Moorgrund. Oblonskiy legte hastig auf eine zweite an,
die noch niedrig flog, und auch diese fiel, zugleich mit dem Fall des
Schusses, und es war deutlich zu erkennen, wie sie von dem gemähten
Grunde aufsprang, mit dem heilgebliebenen weißen Flügel schlagend.

Lewin war nicht so glücklich; er hatte auf die erste Schnepfe zu nahe
geschossen und gefehlt; er hatte auf sie angelegt, indem sie sich noch
erhob, aber zur gleichen Zeit flog noch eine weitere dicht vor seinen
Füßen auf, lenkte ihn ab, und er that einen zweiten Fehlschuß.

Während sie die Gewehre wieder luden, erhob sich eine weitere Bekassine
und Wjeslowskij, der soeben zum zweitenmale geladen hatte, sandte
ihr über das Wasser noch zwei Ladungen feinen Schrot nach. Stefan
Arkadjewitsch sammelte seine Schnepfen und schaute mit glänzenden Augen
auf Lewin.

»Nun, jetzt wollen wir uns trennen,« sprach er, und schritt, auf dem
linken Fuße hinkend, die Flinte in Bereitschaft haltend und dem Hunde
pfeifend, nach der einen Seite.

Lewin mit Wjeslowskij gingen nach der anderen.

Lewin ging es stets so, daß er, wenn die ersten Schüsse unglücklich
waren, in Wallung geriet, ärgerlich wurde und den ganzen Tag schlecht
schoß. So war es auch jetzt.

Bekassinen zeigten sich eine Menge; dicht vor den Hunden, vor den Füßen
der Jäger gingen sie unaufhörlich auf, und Lewin hätte sein Mißgeschick
wieder gut machen können, aber je mehr er schoß, umsomehr blamierte er
sich vor Wjeslowskij, der wohlgemut darauf losplatzte, ohne etwas zu
erlegen, dadurch aber nicht im geringsten aus der Fassung kam.

Lewin geriet in Unruhe, und mehr und mehr in Hitze, so daß er beim
Schießen schon fast nicht mehr hoffte, noch etwas zu erlegen. Auch
Laska schien dies zu verstehen; er begann, träger zu suchen, und
schaute wie zweifelnd und vorwurfsvoll auf die Jäger. Schuß auf Schuß
fiel. Pulverdampf lagerte sich um die Jäger, aber in dem großen Netze
der Jagdtasche befanden sich nur drei leichte kleine Bekassinen, von
denen eine noch durch Wjeslowskij, eine von beiden gemeinsam erlegt
war. Währenddem vernahm man auf der andern Seite des Sumpfes zwar nicht
häufige, wohl aber, wie Lewin schien, bedeutungsvolle Schüsse von
Stefan Arkadjewitsch, bei denen fast nach einem jeden ein: »Krak, Krak,
apport!« hörbar wurde.

Dies regte Lewin noch mehr auf; die Bekassinen kreisten ohne
Aufhören in der Luft über der Niederung. Ihr Schmatzen am Boden und
das Schnarren in der Höhe war ohne Unterbrechung von allen Seiten
vernehmbar; die vorher aufgestiegenen, und in der Luft kreisenden Vögel
ließen sich vor den Jägern nieder und anstatt zweier Habichte schwebten
jetzt deren zehn pfeifend über dem Sumpfe.

Nachdem sie die größere Hälfte des Sumpfes durchschritten hatten,
gelangten Lewin und Wjeslowskij zu einer Stelle, auf welcher mit langen
Streifen eine Bauernwiese abgeteilt war, durch eingetretene Streifen,
und durch einen gemähten Schwaden angemerkt. Die Hälfte dieser Wiese
war schon gemäht.

Obwohl nun wenig Hoffnung war, auf dem nichtgemähten Teil ebensoviel
zu finden, wie auf dem gemähten, so hatte Lewin Stefan Arkadjewitsch
doch einmal versprochen, mit diesem wieder zusammentreffen zu wollen,
und schritt er daher mit seinem Gefährten weiter durch die gemähten und
ungemähten Streifen hindurch.

»He da, ihr Jäger!« -- rief ihnen aus einem Trupp Bauern, welche bei
einem ausgespannten Wagen saßen, einer zu, »kommt her, eßt mit uns
Mittag! Hier giebt es auch Branntwein zu trinken!« --

Lewin schaute sich um.

»Komm nur her!« rief ein heiterer bärtiger Landmann mit rotem Gesicht,
die weißen Zähne lächelnd zeigend, und die grünliche, in der Sonne
blitzende Flasche hochhaltend.

»=Qu'est ce qu'ils disent=?« frug Wjeslowskij.

»Sie laden uns ein zum Branntweintrinken. Wahrscheinlich haben sie die
Wiesen geteilt. Ich möchte schon einmal trinken,« sagte Lewin nicht
ohne Hintergedanken, in der Hoffnung, Wjeslowskij möchte sich vom
Branntwein verführen lassen und mit zu ihnen hingehen.

»Weshalb laden sie uns ein?« --

»Nun; sie sind guter Laune. Geht doch einmal hin zu ihnen. Es wird Euch
interessieren.«

»=Allons, c'est curieux=.«

»Geht, geht, Ihr werdet den Weg zur Mühle schon finden!« rief Lewin,
schaute sich um, und bemerkte mit Vergnügen, daß Wjeslowskij, stolpernd
und mit müden Beinen, das Gewehr in dem gestreckten Arm haltend, sich
aus dem Ried zu den Bauern herausarbeitete.

»Komm du doch auch!« rief der Bauer Lewin zu. »Alle Wetter, es giebt
Pasteten zu essen!«

Lewin gelüstete es stark, einmal Branntwein zu trinken, und ein Stück
Brot zu essen. Er war müde geworden und fühlte, daß er nur noch mit
Mühe die einsinkenden Füße aus dem Morast zog; und einen Moment
schwankte er. Doch sein Hund hatte gestellt, und sofort war alle
Müdigkeit verschwunden; leicht schritt er über das Moor hin seinem
Hunde zu. Unter seinen Füßen flog eine Bekassine auf, er feuerte und
erlegte sie -- der Hund stand noch immer. »Los!« vor dem Hunde erhob
sich eine zweite. Lewin schoß; allein der Tag war nicht glücklich; er
fehlte, und als er die erlegte Schnepfe suchen wollte, fand er sie
nicht einmal. Er suchte den ganzen Ried ab, aber Laska wollte nicht
glauben, daß er eine Schnepfe erlegt habe, und als Lewin ihm befahl, zu
suchen, that er, als ob er suche, suchte aber nicht.

Auch ohne Wasjenka, welchem Lewin sein Unglück beimaß, wurde also die
Sache nicht besser. Bekassinen waren auch hier viel, aber Lewin that
Fehlschuß auf Fehlschuß.

Die schrägfallenden Strahlen der Sonne waren noch heiß, die Kleider,
von Schweiß durch und durch naß, klebten ihm am Leibe, der linke
Stiefel, voller Wasser, war schwer und schmatzte; über das vom
Pulverschmand besudelte Gesicht rann der Schweiß in Tropfen, im Munde
machte sich ein bitterer Geschmack fühlbar, in der Nase Pulvergeruch
und Schlammduft, und in den Ohren klang das unausgesetzte Schnarren
der Schnepfen; die Flintenläufe durfte er nicht anrühren, so erhitzt
waren sie, das Herz pochte ihm schnell und kurz, die Hände zitterten
vor Erregung und die mattgewordenen Beine stolperten und blieben in den
Maulwurfhaufen und im Morast stecken; aber er ging weiter und schoß.
Endlich, nachdem er wiederum einen schmählichen Fehlschuß gethan, warf
er das Gewehr und die Mütze zu Boden.

»Nein; erst muß ich zur Besinnung kommen!« sagte er zu sich selbst.
Flinte und Mütze wieder aufhebend, rief er Laska zu seinen Füßen,
und verließ den Ried. Als er auf das Trockene gekommen war, setzte
er sich auf einen Erdhaufen, zog sich aus, goß die Stiefel aus, ging
dann zum Sumpfe zurück und trank Etwas von dem Wasser mit schlammigem
Beigeschmack, feuchtete die glühenden Läufe an und wusch sich Gesicht
und Hände. Nachdem er sich so erfrischt hatte, begab er sich wieder
nach dem Platze, auf dem sich eine Bekassine niedergesetzt hatte, mit
dem festen Vorsatz, nicht in Aufregung zu geraten.

Er wollte ruhig sein, aber es blieb beim Alten. Sein Finger berührte
den Drücker früher, als er den Vogel aufs Korn genommen hatte; es ging
schlechter und schlechter.

Er hatte nur fünf Stück in seiner Jagdtasche, als er aus dem Ried
heraus zu dem Erlenwalde kam, wo er mit Stefan Arkadjewitsch
zusammentreffen sollte.

Bevor er diesen jedoch selbst erblickte, gewahrte er seinen Hund.
Hinter der Wurzel einer Erle hervor sprang Krak, ganz schwarz von
übelriechendem Moorschlamm, und beschnüffelte Laska mit dem Ausdruck
des Siegers. Hinter Krak erschien im Schatten der Erlen nun auch die
stattliche Gestalt Stefan Arkadjewitschs, der ihm, rot aussehend,
schweißbedeckt mit aufgeknöpftem Kragen, noch immer hinkend,
entgegenkam.

»Nun, wie steht es? Ihr habt viel geschossen!« sagte er heiter lächelnd.

»Und du?« frug Lewin. Das Fragen war indes nicht nötig, weil er schon
die gefüllte Jagdtasche erblickt hatte.

»O, nichts von Bedeutung.«

Er hatte vierzehn Stück.

»Ein famoser Sumpf! Dich, scheint es, hat Wjeslowskij gestört. Zwei mit
einem Hunde, das ist allerdings unbequem,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
seine Siegesfreude bezwingend.


                                  11.

Als Lewin und Stefan Arkadjewitsch in der Hütte des Bauern ankamen,
bei welchem Ersterer stets rastete, war Wjeslowskij bereits da.
Er saß mitten in der Hütte, sich mit beiden Händen an einer Bank
anhaltend, vor welcher ihn ein Soldat, der Bruder der Bauersfrau, an
den schlammbedeckten Stiefeln herunterzerrte, und lachte mit seinem
ansteckend lustigen Lachen.

»Ich bin soeben angekommen. =Ils ont été charmants=. Stellt Euch
vor, sie haben mich getränkt und gefüttert! Welch ein Brot, das
war wunderbar! =Delicieux=! Und ein Branntwein! Ich habe noch nie
schmackhafteren getrunken! Und sie wollten um keinen Preis Geld nehmen!
Sie sagten nur immer »=Nje obsudisj=!« --

»Warum sollten sie Geld nehmen? Haben sie denn den Branntwein zum
Verkauf?« sagte der Soldat, der endlich den durchnäßten Stiefel mit dem
schwarzgewordenen Strumpfe heruntergezogen hatte.

Trotz der Unsauberkeit der Hütte, welche von den Stiefeln der Jäger und
den schmutzigen, sich leckenden Hunden noch erhöht wurde, trotz des
Geruches nach Schlamm und Pulver, von welchem dieselbe erfüllt war,
und des Fehlens von Messern und Gabeln, tranken die Jäger ihren Thee,
nahmen sie ihre Abendmahlzeit mit solchem Appetit, wie man eben nur auf
der Jagd ißt. Nachdem sie sich gewaschen und gereinigt hatten, gingen
sie nach dem sauber gefegten Heuschuppen, wo die Kutscher den Herren
ein Lager zurecht gemacht hatten.

Doch obwohl es bereits dunkelte, hatte keiner der Jäger Lust, zu
schlafen.

Hin- und herschweifend zwischen den Erinnerungen und Erzählungen über
das Schießen, die Hunde und frühere Jagden -- war die Unterhaltung
auf das alle interessierende Thema gekommen. Angesichts der bereits
mehrmals wiederholten Äußerungen des Entzückens Wasjenkas über den
Reiz dieses Nachtlagers, den Duft des Heues, das Anziehende eines
zerbrochenen Wagens -- der Wagen schien ihm zerbrochen, weil er von den
Vorderrädern genommen worden war -- über die Gutmütigkeit der Bauern,
die ihn mit Branntwein gefüttert hatten, über die Hunde, die beide zu
Füßen ihrer Herren lagen, berichtete Oblonskiy über die Reize einer
Jagd bei Maltus, wo er im vergangenen Jahre gewesen war.

Maltus war ein bekannter Eisenbahnkrösus. Stefan Arkadjewitsch
erzählte, was für Jagdgründe dieser Maltus im Gouvernement von Twer
aufgekauft habe, und wie dieselben gepflegt würden, und weiter, was für
Equipagen die Jäger geführt hätten und was für ein Zelt zum Frühstück
an der Jagdniederung aufgestellt worden sei.

»Ich begreife dich nicht,« sagte Lewin, sich auf seinem Heulager
aufrichtend, »daß dir diese Leute nicht widerlich sind? Ich begreife,
daß ein Frühstück mit Lafitte sehr angenehm ist, aber sollte dir
gerade dieser Luxus nicht zuwider sein? Alle diese Leute, unsere
einstigen Spekulanten, gewinnen ihr Geld so, daß sie mit ihrem Gewinste
nur die Verachtung der Menschen verdienen; aber sie verachten diese
Geringschätzung, und kaufen sich mit dem ehrlos Erworbenen von ihrer
früheren Verachtung los.«

»Vollkommen richtig!« bemerkte Wasjenka Wjeslowskij, »vollkommen;
natürlich thut dies Oblonskiy nur aus Bonhomie, wie die anderen sagen;
Oblonskiy fährt nicht zu ihnen« --

»Keineswegs,« -- Lewin fühlte, wie Oblonskiy lächelte, als er dies
sprach, »ich halte ihn einfach nicht für unehrlicher, als sonst einen
der reichen Kaufleute und Adligen. Sowohl diese, wie jene sind reich
geworden durch ihre Arbeit und ihre Intelligenz.«

»Ja, aber durch was für Arbeit? Ist das etwa Arbeit, daß sie
Konzessionen erbeuten und diese weiter verkaufen?«

»Natürlich eine Arbeit. Eine Arbeit in dem Sinne, daß wenn es diese
Leute oder ihnen ähnliche nicht gäbe, auch keine Eisenbahnen da wären.«

»Aber diese Arbeit ist doch nicht eine solche, wie die eines Bauern,
oder des Gelehrten.«

»Nehmen wir so an; aber es ist eine Arbeit in dem Sinne, daß diese
Thätigkeit ein Resultat ergiebt -- die Eisenbahnen! Du freilich findest
wohl, daß die Eisenbahnen ohne Nutzen sind.«

»Nein; das ist eine andere Frage; ich bin bereit anzuerkennen daß sie
nützlich sind, aber jeder Erwerb, welcher der für ihn aufgewandten Mühe
nicht entspricht, ist ehrlos.«

»Wer bestimmt aber dieses Verhältnis?«

»Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List,« sagte Lewin,
im Gefühl, daß er die Grenze zwischen ehrlich und unehrlich nicht
klar zu bestimmen wußte, »ebenso wie der Erwerb der Bankbureaus,«
fuhr er fort, »sind von Übel; sie bestehen in der mühelosen Erwerbung
ungeheurer Summen, wie dies der Fall war bei den Aufkäufen; nur die
Form hat sich verändert. =Le roi est mort, vive le roi=! Kaum hatte
man die Bodenspekulation vernichtet, da erschienen die Eisenbahnen und
Banken; gleichfalls ein Erwerbsbetrieb ohne Müheaufwand.«

»Ja, das kann alles recht wahr und scharfsinnig sein -- leg' dich Krak«
-- rief Stefan Arkadjewitsch seinem Hunde zu, der sich kratzte und das
Heu durchwühlte -- augenscheinlich von der Richtigkeit seiner Meinung
überzeugt und daher ruhig und ohne Übereilung.

»Aber du unterscheidest nicht die Grenzen zwischen ehrlicher und
unehrlicher Arbeit. Daß ich an Gehalt mehr bekomme, als mein
Kanzleivorsteher, obwohl der die Sache besser versteht als ich, ist das
ehrlos?«

»Ich weiß nicht.«

»Nun, so will ich dir sagen: Daß du für deinen Müheaufwand in der
Landwirtschaft, sagen wir, fünftausend Rubel einnimmst, während unser
Wirt hier, der Bauer, so viel er auch arbeiten mag, nicht mehr als
fünfhundert hat, ist ganz ebenso ehrlos, wie, daß ich mehr als mein
Kanzleivorsteher erhalte, und daß Maltus mehr als ein Eisenbahnmeister
einnimmt. Im Gegenteil, ich erblicke ein gewisses, durch nichts
begründetes, feindseliges Verhalten der Gesellschaft diesen Leuten
gegenüber, und es scheint mir, daß hier der Neid« --

»Nein; das wäre ungerecht,« sagte Wjeslowskij, »Neid kann es hier nicht
geben, aber etwas Unsauberes liegt in diesem Geschäft.«

»Gestatte;« fuhr Lewin fort. »Du sagst, es sei ungerecht, daß ich
fünftausend Rubel habe, und der Bauer fünfhundert; das ist wahr. Es ist
ungerecht, und ich fühle es, doch« --

»Es ist so in der That. Weshalb essen wir, trinken wir, jagen wir,
faulenzen wir, während er ewig, ewig bei der Arbeit ist?« sagte
Wasjenka Wjeslowskij, augenscheinlich zum erstenmal im Leben klar
hierüber nachdenkend, und infolge dessen auch vollständig aufrichtig.

»Ja; du fühlst es wohl, würdest ihm aber dein Vermögen doch nicht
geben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, gleichsam mit Absicht Lewin
zusetzend.

In letzter Zeit war zwischen den beiden Schwagern eine Art von
verborgenem, feindseligem Verhältnis eingetreten; seit der Zeit, seit
welcher sie mit den Schwestern verheiratet waren, hatte sich zwischen
ihnen gleichsam ein Rivalentum darin entwickelt, wer sein Leben besser
fundiert hätte, und jetzt kam diese Gegnerschaft in einem Gespräch zum
Ausdruck, welches einen persönlichen Charakter anzunehmen begann.

»Ich werde es ihm deshalb nicht geben, weil es niemand von mir fordert,
und wenn ich selbst wollte, würde ich es nicht können,« versetzte
Lewin, »wie überhaupt niemand.«

»Gieb es nur dem Bauer hier; er wird dir nicht abschläglich antworten.«

»Ja; aber wie soll ich es ihm geben? Soll ich mit ihm hinfahren und ihm
einen Kaufbrief ausstellen?«

»Ich weiß nicht; doch wenn du überzeugt bist, daß du nicht das Recht
hast« --

»Ich bin durchaus nicht überzeugt hiervon; im Gegenteil fühle ich, daß
ich nicht das Recht habe, zu verschenken, daß ich Verbindlichkeiten
meinem Boden, wie meiner Familie gegenüber habe.«

»Nein doch; gestatte; wenn du urteilst, daß diese Ungleichheit eine
ungerechte sei, weshalb handelst du dann nicht so?«

»Ich handle ja so; nur aber negativ; in dem Sinne, daß ich mich nicht
bemühen will, jenen Unterschied der Lage, welcher zwischen mir und
jenem besteht, noch zu vergrößern.«

»Nein, entschuldige, aber das ist paradox!« --

»Ja, das ist eine etwas sophistische Erklärung,« bestätigte
Wjeslowskij. »Ah, da kommt ja unser Wirt,« sprach er zu dem Bauer,
welcher, mit der Thür kreischend, in den Schuppen trat.

»Nun, schläfst du denn noch nicht?«

»Nein; wie soll man schlafen! Ich denke immer, unsere Herren schlafen,
da höre ich sie reden,« fügte er hinzu, behutsam mit den nackten Füßen
auftretend.

»Wo schläfst du denn?«

»Wir gehen auf die Nachtwache.«

»Ach, welche Nacht!« sagte Wjeslowskij, auf die beim schwachen Scheine
der Abendröte in dem großen Rahmen der jetzt offenen Thür sichtbar
werdenden Umrisse der Hütte und des ausgeschirrten Wagens schauend.

»Hört nur, da singen Weiberstimmen, und wahrhaftig, nicht schlecht. Wer
singt denn da, Herr Wirt!«

»Ach, das sind die Mägde, vom Hof.«

»Laßt uns hingehen; wir wollen spazieren gehen! Wir werden doch nicht
schlafen; Oblonskiy, kommt mit!«

»Das wäre; ich liege, geht nur,« antwortete Oblonskiy sich reckend, »es
liegt sich ausgezeichnet hier.«

»Nun, dann gehe ich allein,« sagte Wjeslowskij, lebhaft aufstehend und
kleidete sich an. »Auf Wiedersehen denn, ihr Herren. Wenn es hübsch
werden sollte, werde ich euch rufen; ihr habt mich mit Wild regaliert,
und ich werde eurer nicht vergessen.«

»Nicht wahr, ein vortrefflicher Bursch?« sprach Oblonskiy, nachdem
Wjeslowskij gegangen war und der Bauer hinter ihm die Thür geschlossen
hatte.

»Ja, vortrefflich,« erwiderte Lewin, weiter über das Thema des soeben
stattgehabten Gesprächs nachdenkend. Ihm schien es, als habe er, soweit
er es verstand, seine Ideen und Empfindungen klar ausgesprochen, und
doch hatten diese beiden, zwei nicht eben beschränkte, und aufrichtige
Männer, einstimmig gesagt, daß er sich mit Sophismen tröste. Dies
machte ihn ratlos.

»So, so ist es, mein Freund. Eins von beiden ist nötig; entweder
zugestehen, daß die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft gerecht
ist, und dann deine Rechte behaupten, oder zugestehen, daß du
unrechtmäßiger Vorzüge teilhaft bist --, wie ich dies thue -- und von
diesen mit Vergnügen Gebrauch machen.«

»Nein. Wenn das ungerecht wäre, so könntest du diese Güter nicht mit
Vergnügen genießen -- ich wenigstens könnte es nicht. -- Mir ist die
Hauptsache -- ich muß fühlen, daß ich keine Schuld trage.«

»Aber wollen wir nicht doch ein wenig mitgehen?« sagte Stefan
Arkadjewitsch, augenscheinlich abgespannt von dieser Anstrengung seines
Geistes. »Wir können ja doch nicht schlafen. Es ist wahr; gehen wir!«

Lewin antwortete nicht. Das im Laufe des Gesprächs geäußerte Wort, daß
er, wenn auch nur im negativen Sinne, gerecht handle, beschäftigte ihn.

»Sollte man nicht auch in negativem Sinne gerecht sein können?« frug er
sich selbst.

»Wie stark doch auch das frische Heu duftet!« sprach Stefan
Arkadjewitsch, sich erhebend. »Ich kann um keinen Preis schlafen!
Wasjenka hat wohl schon etwas angestiftet da drüben. Hörst du das
Gelächter und seine Stimme? Wollen wir nicht hingehen? Komm!«

»Nein; ich gehe nicht mit!« antwortete Lewin.

»Wirklich nicht? Thust du dies auch nur aus Prinzip nicht?« sagte
lächelnd Stefan Arkadjewitsch, in der Finsternis nach seiner Mütze
suchend.

»Nicht aus Prinzip, aber wozu sollte ich mitkommen?«

»Weißt du, du machst dir selbst das Leben schwer,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, der die Mütze gefunden hatte, aufstehend.

»Inwiefern?«

»Sah ich denn nicht, wie du dich mit deinem Weibe gestellt hast? Ich
habe gehört, wie es bei euch eine Frage der höchsten Wichtigkeit war,
ob du für zwei Tage auf die Jagd fahren solltest oder nicht! Alles
das ist ja ganz gut, wie ein Idyll, aber für das ganze Leben reicht es
nicht zu. Der Mann muß unabhängig sein; er hat seine Mannesinteressen!«

»Der Mann muß männlich sein,« sprach Oblonskiy, die Thür öffnend.

»Was heißt das? Etwa den Mägden die Cour schneiden?« frug Lewin.

»Weshalb sollte man nicht einmal hingehen, wenn es dort lustig zugeht?
=Ça ne tire pas à conséquence=. Meine Frau wird sich davon nicht
schlechter und ich werde mich wohl befinden. Die Hauptsache ist aber
die, daß man das Heiligtum des Hauses wahrt; damit im Hause nichts
vorfällt; doch die Hände braucht man sich deshalb noch nicht zu binden!«

»Mag sein,« versetzte Lewin trocken und wandte sich auf die Seite.
»Morgen müssen wir früh aufbrechen und ich werde niemand wecken,
sondern mit dem Zwielicht aufgehen.«

»=Messieurs, venez vite=!« wurde die Stimme Wjeslowskijs vernehmbar,
der zurückkam. »=Charmante=! Das habe ich entdeckt. =Charmante=,
ein vollständiges Gretchen, und ich bin schon mit ihr bekannt
geworden! Wahrhaftig reizend!« -- erzählte er mit so billigendem
Gesichtsausdruck, als sei sie eigens für ihn selbst so hübsch
geschaffen worden, und als sei er zufrieden mit demjenigen, der dies
für ihn arrangiert hatte.

Lewin stellte sich schlafend; Oblonskiy, die Pantoffeln anziehend und
eine Cigarre ansteckend, verließ den Schuppen, und bald waren beider
Stimmen verklungen.

Lewin konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er lauschte, wie seine
Pferde das Heu kauten, dann wie sein Wirt mit dem ältesten Sohne sich
fertig machte und zur Nachtwache abging; dann hörte er, wie der Soldat
sich mit einem Neffen, dem kleinen Sohne des Hausherrn, auf der andern
Seite des Schuppens schlafen legte, wie der Knabe mit seinem dünnen
Stimmchen dem Onkel seine Eindrücke über die Hunde mitteilte, die
ihm furchtbar und ungeheuer erschienen, ferner, wie der Knabe frug,
wen diese Hunde fangen wollten, und wie der Soldat mit heiserer und
schläfriger Stimme ihm sagte, daß die Jäger morgen in den Sumpf wollten
und aus ihren Flinten schießen würden, und wie er schließlich, um die
Fragen des Knaben los zu sein, sagte: »Schlaf, Waska, schlaf, oder«
-- Bald schnarchte er selbst, und alles war still geworden; nur das
Wiehern der Pferde und das Schnarren einer Schnepfe war hörbar.

»Sollte es wirklich nur negativ sein?« wiederholte er sich, »aber was;
-- ich bin doch nicht schuld daran.« -- Und er begann hierauf, sich
den nächsten Tag zu überlegen. »Morgen will ich früh aufbrechen und
werde mir vornehmen, nicht in Aufregung zu kommen. Bekassinen giebt es
eine Unmenge. Und werde ich hierher heimkehren, so wird ein Brief von
Kity da sein. Ja, Stefan, hast du denn recht? Ich bin nicht männlich
gegen sie, ich bin verweichlicht. Aber was thun -- es ist wieder etwas
Negatives.«

In sein Träumen hinein vernahm er das Lachen und das heitere Geschwätz
Wjeslowskijs und Stefan Arkadjewitschs. Für einen Augenblick öffnete er
die Augen; der Mond war aufgegangen und durch die geöffnete Thür, hell
von dem Mondlicht beleuchtet, sah er sie stehen und plaudern.

Stefan Arkadjewitsch hatte etwas über die Frische der Mädchen
gesagt und sie mit einer eben von der Schale befreiten frischen
Nuß verglichen, und Wjeslowskij mit seinem ansteckenden Gelächter,
wiederholte wahrscheinlich die ihm von dem Bauer gesagten Worte: »Mach
dich soviel als möglich an dein Mädchen heran!«

Lewin murmelte im Schlafe:

»Ihr Herren, morgen mit Tagesanbruch!« und entschlummerte.


                                  12.

Als Lewin mit dem frühen Morgenrot erwacht war, versuchte er es, die
Gefährten zu wecken. Wasjenka, auf dem Bauche liegend und den einen Fuß
noch mit dem Strumpfe von sich streckend, schlief so fest, daß keine
Antwort von ihm zu erhalten war.

Oblonskiy weigerte sich im Schlafe, so früh aufzubrechen und selbst
Laska, verschlafen und im Kreis zusammengeringelt, am Rande des
Schuppens liegend, erhob sich nur ungern und streckte träge, eins nach
dem andern, die Hinterbeine von sich.

Nachdem Lewin sich angekleidet hatte, ergriff er das Gewehr, öffnete
sachte die kreischende Thür des Schuppens, und trat auf die Gasse
hinaus. Die Kutscher schliefen bei den Wagen, die Pferde träumten;
nur eines fraß faul seinen Hafer, ihn mit seinem Schnauben auf der
Holzkrippe auseinanderblasend.

Auf dem Hofe war alles noch grau.

»So früh schon auf, Herr?« wandte sich, freundlich, wie zu einem alten
guten Bekannten, die alte Hausmutter, welche aus dem Bauernhause kam,
an ihn.

»Ja, es soll zur Jagd gehen, Mütterchen! Komme ich dort nach dem
Sumpfe?«

»Gerade durch die Gärten, unsere Tennen, lieber Mann, und die
Hanffelder; dort geht der Weg.«

Behutsam mit den nackten, gebräunten Füßen auftretend, führte die Alte
Lewin und öffnete ihm den Verschlag bei der Tenne.

»Geradeaus so und du kommst in den Sumpf; unsere Kinder haben dort
Nachtweide gehabt.«

Laska lief lustig voraus auf dem Fußsteig; Lewin folgte ihm mit
schnellem, leichtem Schritt, fortwährend nach dem Himmel schauend. Er
wünschte, die Sonne möchte nicht früher aufgehen, als bis er zum Ried
gekommen wäre, doch die Sonne säumte nicht. Der Mond, welcher noch
schien, als er herausgetreten war, glänzte jetzt nur noch wie ein Stück
Quecksilber. Das Morgenrot, welches man vorher deutlich sehen mußte,
war jetzt zu suchen, und vorher unbestimmt gewesene Flecken im fernen
Felde waren jetzt klar sichtbar; es waren Kornfeime. Der ohne das
Sonnenlicht noch nicht sichtbar gewesene Thau in dem duftenden, hohen
Hanf durchnäßte die Füße und die Bluse Lewins bis über den Gürtel. In
der klaren Ruhe des Morgens waren die leisesten Geräusche vernehmlich.
Eine Biene flog mit dem Sausen der Kugel an Lewins Ohr vorüber. Er
schaute auf und sah eine zweite, eine dritte. Sie alle kamen hinter
dem Zaune des Bienengartens hervorgeflogen und verschwanden über dem
Hanf in der Richtung nach dem Ried. Der Fußsteig führte gerade aus in
den Sumpf, und diesen selbst konnte man schon an den Dünsten erkennen,
welche sich aus ihm erhoben, hier dichter, dort weniger dicht, so daß
die Wiese und Gebüsche wie kleine Inseln in dem Nebel flimmerten.

Am Rande der Niederung und des Weges lagen Knaben und Bauern, welche
die Nacht beim Vieh gewacht hatten und im Morgenrot alle unter ihren
Kaftanen schliefen. Unweit von ihnen gingen drei gefesselte Pferde;
eines derselben klirrte in seinen Ketten. Laska ging neben seinem
Herrn, nach vorwärts strebend und sich umblickend.

Nachdem Lewin bei den schlafenden Bauern vorübergegangen und an die
erste Wasserstelle gelangt war, besichtigte er die Pistons und ließ den
Hund los. Eines der Pferde, ein gutgefütterter, brauner Dreijähriger,
erschrak, als er den Hund erblickte, hob den Schweif und schnob. Die
übrigen Pferde gerieten gleichfalls in Schrecken, und eilten mit den
gefesselten Beinen im Wasser plätschernd, und mit den aus dem dichten
Lehm gezogenen Hufen einen Lärm verursachend, welcher dem Klopfen
ähnlich war, aus dem Sumpfe.

Laska war stehen geblieben, schaute spöttisch auf die Pferde und
fragend auf Lewin. Dieser streichelte den Hund, und pfiff, zum Zeichen,
daß er nun beginnen könne.

Munter und vorsichtig eilte Laska über das unter ihm schwankende Moor.

Als er in den Sumpf geeilt war, witterte er unter den ihm vertrauten
Gerüchen und Sumpfgräsern, des Schlammes und des hier nicht
hergehörigen Duftes von Pferdemist, der in diesem ganzen Revier
verbreitet war, den Geruch eines Vogels, des Vogels, der ihn mehr als
alle anderen Witterungen in Aufregung versetzte.

An manchen Stellen im Moos und bei Sumpfpflanzen war dieser Geruch sehr
stark, aber es ließ sich nicht entscheiden, nach welcher Seite hin er
zunahm oder schwächer wurde.

Um die Richtung zu finden, war es nötig, weiter unter den Wind zu
gehen. Ohne die Bewegung seiner Füße zu fühlen, eilte Laska in scharfem
Galopp, doch derart, daß er bei jedem Sprung Halt machen konnte, wenn
es nötig werden sollte, nach rechts, hinweg von dem von Osten her
wehenden leichten Morgenwind, und wandte sich dann gegen denselben.
Mit offener Nase die Luft in sich einziehend, witterte er sogleich,
daß nicht nur die Spuren von ihnen, sondern sie selbst da waren, in
seiner Nähe, und nicht vereinzelt, sondern viele. Laska verminderte die
Schnelligkeit seines Laufes. Sie waren da, aber wo, vermochte er noch
nicht zu bestimmen.

Um den Ort nun zu finden, begann er bereits einen Kreislauf, als ihn
die Stimme seines Herrn davon abzog. »Laska, dort,« sagte er, ihn auf
die andere Seite weisend. Der Hund stand, und frug ihn, ob es nicht
besser wäre, zu thun, wie er begonnen hätte. Doch der Herr wiederholte
mit strenger Stimme seinen Befehl, auf einen mit Wasser überdeckten
Fleck zeigend, wo nichts sein konnte.

Er gehorchte ihm, sich stellend als suche er, um ihm Vergnügen zu
machen, durchstreifte den Fleck und kehrte dann zu seinem alten Platz
zurück, und sofort witterte er die Vögel wieder. Jetzt, da sein Herr
ihn nicht mehr störte, erkannte er, was zu thun sei, und begann, ohne
auf seine Füße acht zu haben und ärgerlich über die hohen Erdhügel
strauchelnd, oder ins Wasser fallend, aber mit flinken starken Füßen
seinen Kreislauf, welcher ihm alles klarmachen mußte.

Der Geruch der Vögel wurde stärker und stärker, er drang immer
bestimmter und bestimmter auf ihn ein, und plötzlich war es ihm
vollkommen klar, daß einer derselben dort, hinter jenem Erdhügel sei,
fünf Schritte vor ihm; und er blieb stehen, blieb unbeweglich mit dem
ganzen Körper.

Auf seinen niederen Beinen konnte er vor sich nichts sehen, an der
Witterung aber erkannte er, daß der Vogel nicht weiter als fünf Schritt
entfernt von ihm saß. Er stand, mehr und mehr des Wildes Nähe fühlend
und sich in der Erwartung freuend. Die steife Rute war hochgestreckt
und bebte nur ganz am Ende. Sein Maul war leicht geöffnet, die Ohren
waren gespitzt. Das eine Ohr hatte sich noch während des Laufs
zurückgelegt, und er atmete schwer, aber vorsichtig, und schaute sich
noch vorsichtiger nach seinem Herrn um, mehr mit den Augen, als mit
dem Kopfe. -- Dieser, mit seinem gewohnten Gesicht, aber den ihm stets
furchtbaren Augen, kam, über die Erdhaufen strauchelnd, ungewöhnlich
gemächlich, wie ihm schien, und doch lief er.

Als Lewin das seltsame Suchen Laskas bemerkt hatte, wie sich dieser
ganz zur Erde drückte, mit großen Schritten der Hinterfüße gleichsam
rudernd, das Maul leicht geöffnet, erkannte er, daß Laska einer
Schnepfe nachspüre und eilte, im Geiste Gott bittend, daß er ihm
Erfolg, besonders für den ersten Vogel verleihe, zu dem Hunde.

Als er nahe an diesen herangekommen war, hielt er in seiner Größe vor
sich Umschau und erblickte mit den Augen, was sein Hund mit der Nase
erkannt hatte. In einem Schlupfwinkel zwischen zwei Erdhügeln, in der
Entfernung von einem Faden, war eine Bekassine sichtbar. Den Kopf
gewendet, lauschte sie; dann plötzlich die Flügel leise reckend und sie
wieder zusammenlegend, schüttelte sie das Hinterteil und verbarg sich
hinter einer Ecke.

»Stell, stell!« rief Lewin, Laska in den Rücken stoßend.

»Ich kann ja nicht,« dachte Laska, »wohin soll ich gehen? Von dorther
wittere ich die Vögel, aber wenn ich mich vorwärts bewege, werde ich
nicht erfahren, wo sie sind.« Doch er stieß den Hund mit dem Knie und
sprach in aufgeregtem Flüsterton, »stell, mein Laska, stell!«

»Nun, wenn er es denn will, werde ich es thun, doch ich bin jetzt für
nichts mehr verantwortlich,« dachte Laska, und drang in vollem Laufe
vorwärts zwischen den Erdhügeln. Er hatte bis jetzt noch nichts gemerkt
und nur geschaut und gelauscht, ohne etwas zu erfassen.

Zehn Schritte von seinem vorigen Platze erhob sich mit breitem
Schnarchen und dem den Schnepfen eigenen vollen Ton des Flügelschlags
eine Schnepfe, stürzte aber sofort auf den Schuß schwer platschend mit
der weißen Brust auf den nassen Moor herab. Eine zweite ließ nicht auf
sich warten und stieg hinter Lewin ohne Hund auf.

Als Lewin sich nach ihr umwandte, war sie schon weit entfernt, aber
sein Schuß erreichte sie. Nachdem sie zwanzig Schritt geflogen war,
stürzte sie, sich steil im Kreise erhebend und überschlagend, wie ein
geworfener Ball schwer auf einen trockenen Platz herab.

»So hat das Ding Sinn!« dachte Lewin, die noch warmen, fetten Vögel in
seiner Jagdtasche bergend, »nicht so, Laskchen, das wird etwas werden?«

Als Lewin, nachdem er das Gewehr wieder geladen hatte, sich weiter
bewegte, war die Sonne, obwohl hinter den Wolken noch nicht sichtbar,
bereits aufgegangen. Der Mond, seines Schimmers ganz verlustig
gegangen, stand bleich wie eine Wolke am Himmel, und von den Sternen
war kein einziger mehr sichtbar. Der Morast sah wie Bernstein aus;
die Bläue der Gräser ging über in gelbes Grün. Die kleinen Sumpfvögel
tummelten sich auf den von Thau schimmernden, lange Schatten am Bache
werfenden Büschen. Ein Habicht war erwacht und saß auf einem Schober,
den Kopf von einer Seite auf die andere wendend und grießgrämig auf den
Sumpf blickend. Dohlen flogen auf das Feld, und ein barfüßiger Junge
trieb schon die Pferde zu dem sich unter seinem Kaftan aufrichtenden,
und sich kratzenden Alten. Der Rauch der Schüsse lag weiß wie Milch auf
dem Grün des Grases.

Einer der Knaben kam zu Lewin gelaufen.

»Herr, gestern waren da Enten!« rief er ihm zu und folgte ihm aus der
Ferne.

Lewin gewährte es doppeltes Vergnügen, vor den Augen des Knaben,
welcher seine Freude darüber ausdrückte, noch Schlag auf Schlag drei
Bekassinen erlegen zu können.


                                  13.

Die alte Jägererfahrung, daß wenn das erste Wild, der erste Vogel,
nicht gefehlt worden ist, das Revier günstig bleibt, erwies sich als
richtig.

Müde und hungrig, aber beglückt, kehrte Lewin um zehn Uhr morgens,
dreißig Werst hinter sich, mit neunzehn Stück schönen Wildprets und
einer Ente, die er an den Gürtel gebunden hatte, da sie schon nicht
mehr in die Jagdtasche ging, in sein Quartier zurück. Seine Gefährten
hatten schon längst ausgeschlafen, hatten Hunger empfunden und
gefrühstückt.

»Halt, halt, ich weiß doch, daß es neunzehn sind,« sagte Lewin, zum
zweitenmal die Schnepfen durchzählend, welche jetzt nicht mehr den
charakteristischen Anblick zeigten, den sie boten, wie sie aufflogen;
zusammengekrümmt und eingeschrumpft, mit dem geronnenen Blute und
seitwärts herniederhängenden Köpfchen.

Die Rechnung stimmte und der Neid Stefan Arkadjewitschs kitzelte Lewin.
Noch angenehmer aber war ihm, daß er, als er in das Quartier zurückkam,
schon einen Boten mit einem Brief von Kity antraf.

»Ich bin gesund und munter. Wenn du Besorgnis um mich hegst, so
kannst du wohl noch ruhiger sein, als zuvor. Ich habe jetzt einen
neuen Leibhüter, Marja Wlasjewna,« dies war die Wehfrau, eine neue und
wichtige Persönlichkeit im Familienleben Lewins. »Sie ist gekommen, um
sich nach mir zu erkundigen, und hat mich vollständig gesund befunden;
wir haben sie bis zu deiner Rückkunft dabehalten. Alles ist gesund und
munter, aber, bitte, übereile dich nicht, und bleibe, wenn die Jagd gut
ist, noch einen Tag.«

Diese beiden freudigen Ereignisse, die glückliche Jagd und der
Brief seiner Gattin, waren so schwerwiegend, daß zwei kleine
Unannehmlichkeiten nach der Jagd von Lewin leicht verwunden wurden. Die
eine bestand darin, daß das braune Handpferd, welches gestern offenbar
zu viel geleistet hatte, nicht fraß und den Kopf hängen ließ. Der
Kutscher sagte, es sei kreuzlahm.

»Ihr habt es gestern übertrieben, Konstantin Dmitritsch,« sagte er;
»zehn Werst sind wir gar nicht auf dem Weg gefahren.«

Die andere Unannehmlichkeit, die im ersten Augenblick seine gute Laune
verdarb, über die er indessen später viel lachte, bestand darin, daß
von dem ganzen Vorrat an Lebensmitteln, der von Kity in solcher Fülle
mitgegeben worden war, daß es schien, als könne er in einer Woche nicht
aufgezehrt werden, nichts mehr übrig war.

Müde und hungrig von der Jagd heimkehrend, hatte Lewin so lebhaft von
den Pasteten geträumt, daß er, dem Quartier näher kommend, schon den
Duft und den Geschmack derselben im Munde witterte, wie Laska das Wild,
und sogleich Philipp befahl, sie ihm zu bringen. Da aber stellte sich
heraus, daß nicht nur keine Pasteten, sondern auch keine jungen Hühner
mehr da waren.

»Es gab schon Appetit,« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, auf
Wasjenka Wjeslowskij weisend; »ich leide doch nicht gerade Mangel an
Appetit, aber dies war bewundernswert« --

»Nun, aber was jetzt thun!« sagte Lewin, mürrisch auf Wjeslowskij
blickend; »Philipp, so gieb mir Rindfleisch!«

»Das Rindfleisch haben wir gegessen und die Knochen den Hunden
gegeben,« antwortete Philipp.

Lewin ärgerte sich hierüber so, daß er voll Verdruß sagte: »Hätten sie
mir auch nur wenigstens etwas übrig gelassen!« und das Weinen stand ihm
nahe.

»So weide denn ein Stück Wildbret aus,« sagte er mit bebender Stimme zu
Philipp, es vermeidend, Wasjenka anzublicken, »und lege Nesseln dazu.
Laß dir wenigstens etwas Milch für mich geben.«

Bald darauf indessen, nachdem er die Milch getrunken hatte, that es
ihm leid, daß er seinen Verdruß einem fremden Menschen gegenüber
ausgesprochen hatte, und er begann über seinen hungrigen Zorn zu lachen.

Am Abend machten sie noch einen Streifzug, in welchem auch Wasjenka
mehrere Stück erlegte und kehrten nachts heim.

Die Heimfahrt war ebenso vergnügt, wie die Herfahrt. Wjeslowskij sang
bald, bald gedachte er mit Wonne seiner Erlebnisse bei den Bauern, die
ihn mit Branntwein bewirtet und ihm gesagt hatten, er solle sich nicht
besinnen; bald seiner nächtlichen Abenteuer mit den Nüssen und der
Magd und dem Bauer, der ihn gefragt hatte, ob er verheiratet sei, und
nachdem er erfahren, es wäre nicht der Fall, ihm gesagt hatte, er solle
sich nicht um die Frauen anderer kümmern, sondern möglichst bald selber
heiraten. Diese Worte hatten Wjeslowskij ganz besonders heiter gestimmt.

»Im allgemeinen bin ich außerordentlich zufrieden mit unserer Fahrt.
Und Ihr, Lewin?«

»Ich bin auch sehr zufrieden,« antwortete dieser, dem es recht froh
zu Mut war, aufrichtig. Er empfand nicht nur keine Feindseligkeit
mehr, wie er sie in dem Hause gegen Wasjenka Wjeslowskij gehegt hatte,
sondern, im Gegenteil, die freundschaftlichste Gesinnung für denselben.


                                  14.

Am andern Tag um zehn Uhr klopfte Lewin, der schon die Ökonomie
inspiziert hatte, an das Zimmer, in welchem Wasjenka übernachtete.

»=Entrez=!« rief ihm dieser entgegen. »Ihr entschuldigt mich wohl, ich
bin soeben erst mit meinen =ablutions= fertig,« sagte er lächelnd, im
bloßen Hemde vor ihm stehend.

»Laßt Euch nicht stören, bitte,« sagte Lewin und setzte sich ans
Fenster. »Habt Ihr gut geschlafen?«

»Wie ein Toter. Was für ein Tag doch heute zur Jagd wäre!«

»Trinkt Ihr Thee oder Kaffee?«

»Weder dies, noch das: ich frühstücke. Mir liegt übrigens etwas auf
dem Herzen. Haben sich die Damen bereits erhoben? Jetzt läßt sichs
vortrefflich einen Rundgang machen. Zeigt mir doch einmal Eure Pferde!«

Nachdem Lewin mit durch den Garten gegangen und im Pferdestall eine
Weile gewesen, selbst einige gymnastische Übungen mit ihm am Barren
gemacht hatte, wandte er sich mit seinem Gaste dem Hause wieder zu und
trat mit ihm in den Salon.

»Wir haben vortrefflich gejagt, und wieviele Eindrücke empfangen,«
sagte Wjeslowskij, zu Kity gehend, welche hinter dem Ssamowar saß. »Wie
schade, daß die Damen dieser Vergnügungen beraubt sind.«

»Nun, er muß doch mit der Frau des Hauses sprechen,« dachte Lewin
bei sich; es zeigte sich ihm wiederum Etwas in dem Lächeln in jenem
triumphierenden Ausdruck, mit dem sich der Besucher an Kity wandte.

Die Fürstin, jenseits des Tisches mit Marja Wlasjewna und Stefan
Arkadjewitsch sitzend, rief Lewin zu sich und begann mit ihm ein
Gespräch über die Umsiedelung nach Moskau wegen der Niederkunft Kitys
und der Anstalt zur Bestimmung eines Quartiers.

Wie für Lewin schon alle Vorbereitungen bei der Hochzeit unangenehm
gewesen waren, die mit ihrer Niedrigkeit die Erhabenheit dessen,
was sich vollzog, beeinträchtigten, so erschienen ihm die Anstalten
für die bevorstehende Niederkunft, deren Zeit gleichsam an den
Fingern abgezählt wurde, noch verletzender. Er suchte geflissentlich
während dieser ganzen Zeit, die Gespräche über die Art der Windelung
des zu erwartenden Kindes zu überhören; er bemühte sich, gewisse
geheimnisvolle endlose gestrickte Streifen, gewisse dreieckige
Stückchen Leinwand, denen namentlich Dolly eine besondere Wichtigkeit
beimaß, und andere Dinge von sich zu weisen und nicht zu sehen.

Das Ereignis der Geburt eines Sohnes -- er war überzeugt, es werde
ein Sohn sein -- das man ihm in Aussicht gestellt hatte, an welches er
aber gleichwohl nicht zu glauben vermochte, so ungewöhnlich dünkte es
ihm -- erschien ihm einerseits als ein so ungeheuerliches und daher
unmögliches Glück, anderseits als ein so geheimnisvoller Vorgang
-- daß diese vermeintliche Kenntnis dessen, was kommen würde, und
demnach die Vorbereitung dazu als zu etwas Gewöhnlichem, von Menschen
herbeigeführtem, ihm ärgerlich und herabwürdigend vorkam.

Aber die Fürstin verstand seine Empfindungen nicht; sie erklärte
seine Unlust, darüber zu denken, zu sprechen, als Leichtsinn und
Gleichgültigkeit; und ließ ihn infolge dessen nicht in Ruhe. Sie
übertrug es Stefan Arkadjewitsch, eine Wohnung zu besichtigen, und rief
nun Lewin zu sich.

»Ich weiß nichts, Fürstin. Thut, was Ihr wollt,« sagte dieser.

»Es muß aber ein Entschluß gefaßt werden, wann Ihr übersiedelt.«

»Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, daß Kinder zu Millionen auch
ohne Moskau geboren werden, und ohne Ärzte -- wozu das« --

»Aber wenn es so steht« --

»Nun; wie Kity will« --

»Mit Kity läßt sich hierüber nicht reden. Wie; willst du, daß ich sie
erschrecken soll? In diesem Frühling ist die Nataly Galizina gestorben
durch die Schuld eines Geburtsfehlers.«

»Wie Ihr sagt, werde ich thun,« sagte er finster.

Die Fürstin begann nun mit ihm weiter zu sprechen, aber er hörte sie
gar nicht. Obwohl ihn das Gespräch mit der Fürstin verstimmte, wurde er
nicht infolge desselben mißlaunig, sondern durch das, was er bei dem
Ssamowar sah.

»Nein; es ist unmöglich,« dachte er, bisweilen nach Wasjenka blickend,
der zu Kity herniedergebeugt, dieser mit seinem hübschen Lächeln
etwas erzählte, und sie anblickte, die errötete und erregt war. Es
lag etwas Indecentes in der Stellung Wasjenkas, in seinem Blick, und
seinem Lächeln. Lewin sah sogar etwas Indecentes auch in der Haltung
und im Blick Kitys. Und wiederum verfinsterte sich die Welt vor
seinen Augen. Wiederum, wie gestern, plötzlich, ohne den geringsten
Übergang, fühlte er sich von der Höhe seines Glückes, seiner Ruhe und
Würde herabgeschleudert, in einen Abgrund der Verzweiflung, Wut und
Erniedrigung. Wiederum wurde ihm jedermann und alles widerlich.

»Macht was Ihr wollt, Fürstin,« sagte er nochmals, sich umblickend.

»Es ist gar schwer, alles allein thun zu sollen,« sagte Stefan
Arkadjewitsch scherzweise zu ihm, offenbar nicht nur auf das Gespräch
mit der Fürstin deutend, sondern auch auf die Ursache der Aufregung
Lewins, welche er bemerkt hatte. »Wie kommst du heute so spät, Dolly!«

Alles erhob sich, um Darja Alexandrowna zu begrüßen. Wasjenka stand nur
für eine Minute auf, und verbeugte sich kaum, mit dem den neumodischen
jungen Herrn eigenem Mangel an Höflichkeit gegen die Damen, worauf er
seine Unterhaltung wieder fortsetzte, über irgend etwas in Gelächter
ausbrechend.

»Mich hat Mascha gepeinigt. Sie schlief schlecht und ist heute
entsetzlich launisch gewesen,« sagte Dolly.

Das Gespräch, welches Wasjenka und Kity pflogen, drehte sich wiederum
um das gestrige Thema, um Anna und die Frage, ob die Liebe höher stehen
könne als die Gesetze der Welt.

Kity war das Gespräch unangenehm geworden; es regte sie schon durch
seinen Inhalt auf, sowie durch den Ton, in welchem es geführt wurde,
namentlich aber dadurch, daß sie schon inne geworden war, wie es auf
ihren Mann wirke. Sie war indessen zu naiv und zu unschuldig, um es zu
verstehen, das Gespräch abzubrechen, etwa schon um deswillen, jenes
äußere Behagen, welches ihr die sichtliche Aufmerksamkeit dieses jungen
Mannes verursachte, zu verbergen.

Sie wollte das Gespräch abbrechen, wußte aber nicht, was sie da zu thun
habe. Was sie auch alles thun mochte, sie wußte, es wurde von ihrem
Gatten bemerkt, und alles werde auch nach der üblen Seite ausgelegt
werden.

Und in der That, als sie Dolly frug, was mit Mascha sei, und Wasjenka
wartete, bis dieses für ihn langweilige Gespräch vorüber sein werde,
und er sich einstweilen damit beschäftigte, Dolly gleichgültig
anzuschauen, so erschien Lewin diese Frage unnatürlich und anwidernd in
ihrer Verschmitztheit.

»Nun; werden wir denn heute in die Pilze gehen?« frug Dolly.

»Laß uns gehen, bitte; auch ich komme mit!« sagte Kity und errötete.
Sie wollte Wasjenka aus Höflichkeit fragen, ob er mitkäme, frug aber
nicht. »Wohin willst du, Konstantin?« frug sie mit schuldbewußtem
Ausdruck ihren Gatten, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr
vorüberging. Dieser schuldbewußte Ausdruck bestätigte alle seine
Zweifel.

»In meiner Abwesenheit ist ein Maschinist angekommen, ich habe ihn
noch nicht gesehen,« sagte er, ohne sie anzublicken. Er ging hinab,
hatte aber das Kabinett noch nicht verlassen, als er die wohlbekannten
Schritte seiner Frau vernahm, die ihm unvorsichtig schnell nachkam.
»Was willst du?« sagte er lakonisch zu ihr. »Ich bin beschäftigt.«

»Entschuldigt,« wandte sie sich an den deutschen Maschinisten, »ich
habe einige Worte mit meinem Manne zu sprechen.«

Der Deutsche wollte gehen, doch Lewin sagte zu ihm:

»Laßt Euch nicht stören.«

»Den Dreiuhrzug?« frug der Deutsche, »sollte man sich nicht verspätigen
können?«

Lewin antwortete ihm nicht, sondern ging mit seiner Frau hinaus.

»Nun, was habt Ihr mir zu sagen?« sprach er auf französisch.

Er blickte nicht in ihr Gesicht, wollte nicht sehen, daß sie, in
ihrem Gesundheitszustand im ganzen Gesicht bebte und einen kläglichen
beschämten Ausdruck zeigte.

»Ich -- ich will sagen, daß man so nicht leben kann, daß das eine
Marter ist,« fuhr sie fort.

»Es sind Leute dort im Büffett,« sprach er zornig, »macht keine Scene!«

»Nun; gehen wir hierher!«

Sie standen in einem Zwischenzimmer. Kity wollte in das Nebenzimmer
treten, doch dort unterrichtete die Engländerin Tanja.

»So wollen wir in den Garten gehen.«

Im Garten stießen sie auf einen Mann, welcher den Weg säuberte. Aber
ohne daran zu denken, daß der Mann ihr verweintes Gesicht sehe und
Lewins erregte Züge, ohne daran zu denken, daß sie den Anblick von
Menschen boten, welche vor einem Unglück fliehen, gingen sie mit
schnellen Schritten vorwärts im Gefühl, daß sie sich aussprechen und
gegenseitig überzeugen müßten; von einer und derselben Qual eingenommen
oder befreit werden müßten, die sie beide empfanden.

»So läßt sich nicht leben! Das ist eine Qual! Ich leide, du leidest!
Und weshalb?« sagte sie, als beide endlich zu einer abgelegenen Bank in
der Ecke einer Lindenallee gekommen waren.

»Sage mir nur das Eine: War in seinem Tone etwas Unehrerbietiges,
Unlauteres, Erniedrigendes?« sprach er, vor sie wieder in der nämlichen
Stellung tretend, die Fäuste auf der Brust, wie er in jener Nacht vor
ihr gestanden.

»Es lag etwas darin,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Aber, mein
Konstantin, siehst du denn nicht, daß ich gar nicht schuldig bin? Seit
dem Morgen schon wollte ich einen Ton annehmen -- aber diese Menschen
-- warum ist er nur gekommen? Wie glücklich waren wir!« sprach sie,
tiefatmend vor Schluchzen, welches ihren sich allmählich füllenden
Körper hob.

Der Gärtner sah mit Verwunderung -- trotzdem, daß sie nichts verfolgte
und sie nichts zu fliehen hatten, daß auch auf der Bank nichts
besonderes Erfreuliches zu finden sein konnte -- daß sie an ihm vorüber
nach dem Hause zurückkehrten, mit beruhigten, freudeschimmernden
Gesichtern.


                                  15.

Nachdem Lewin sein Weib hinausbegleitet hatte, begab er sich in die
Gemächer Dollys. Darja Aleksandrowna ihrerseits war den ganzen Tag in
großer Erbitterung gewesen. Sie ging im Zimmer auf und ab und sprach
zornig zu ihrem in der Ecke stehenden weinenden kleinen Töchterchen.

»Den ganzen Tag wirst du in der Ecke stehen und allein zu Mittag essen;
du sollst nicht eine einzige Puppe mehr zu sehen bekommen und auch kein
neues Kleid laß ich dir machen,« sprach sie, gar nicht mehr wissend,
womit sie sie noch weiter strafen sollte. »Nein, ist das ein häßliches
Kind!« wandte sie sich zu Lewin. »Woher kommen bei ihr diese schlimmen
Neigungen?«

»Was hat sie denn begangen?« sagte ziemlich gleichgültig Lewin, der
sich über seine eigene Angelegenheit Rats zu erholen gewünscht hatte,
und dem es daher verdrießlich war, daß er zur unrechten Zeit kam.

»Sie sind mit Grischa nach den Himbeeren gegangen und dort -- ich
kann dir gar nicht sagen, was sie gethan hat! Tausendmal bedauere ich
Miß Elliot. Die jetzige Gouvernante übt um keinen Preis Aufsicht.
Sie ist eine Maschine. =Figurez vous, que la petite=« -- und Darja
Aleksandrowna erzählte das Vergehen Maschas.

»Dies beweist noch gar nichts; dies sind durchaus keine häßlichen
Neigungen, es ist einfach Mitleid,« beruhigte sie Lewin.

»Aber du bist wie mißgestimmt? Weshalb kamst du?« frug Dolly, »wie geht
es drüben?«

An dem Tone dieser Frage hörte Lewin, daß es ihm leicht sein würde, zu
sagen, was er zu sagen beabsichtigte.

»Ich war nicht drüben, ich war mit Kity allein im Garten. Wir haben uns
ein zweites Mal gezankt, seit -- Stefan gekommen ist.« --

Dolly blickte ihn mit klugen, verständnisvollen Augen an.

»Nun, sag' mir, Hand aufs Herz, wäre etwa nicht -- nicht bei Kity,
sondern bei jenem Herrn ein Ton, welcher unangenehm werden kann, nicht
nur unangenehm, sondern furchtbar, verletzend für einen Gatten?«

»Das heißt -- wie soll ich sagen -- du bleibst stehen, in der Ecke!«
-- wandte sie sich zu Mascha, welche, ein kaum bemerkbares Lächeln auf
dem Gesicht der Mutter gewahrend, sich umgedreht hatte; »die Meinung
der Welt wäre die, daß er sich benimmt, wie sich alle jungen Männer
benehmen. =Il fait la cour à une jeune et jolie femme=, ein Mann von
Welt aber darf nur geschmeichelt sein hiervon.«

»Ja, ja,« versetzte Lewin düster, »aber hast du es bemerkt?«

»Nicht nur ich, auch Stefan hat es bemerkt. Er hat mir nach dem Thee
offen gesagt, =je crois, que Weslowskij fait un petit brin de cour à
Kity=.«

»Schön; jetzt bin ich beruhigt. Ich werde ihn davonjagen,« sagte Lewin.

»Was willst du, hast du den Verstand verloren?« rief Dolly mit
Schrecken. »Was thust du, Konstantin, komme zur Besinnung!« sagte sie
dann lachend -- »jetzt kannst du zu Fanny gehen« -- wandte sie sich zu
Mascha. -- »Nein; wenn du schon willst, so werde ich es Stefan sagen;
er mag ihn mit fortnehmen. Man kann ja sagen, du erwartetest Gäste.
Überhaupt gehört er ja nicht zu unserem Hause.«

»Nein; das sage ich auch.«

»Aber du wirst Händel suchen?«

»Keineswegs. Mir wird es so ganz lieb sein,« sagte Lewin, in der That
mit heiter glänzenden Augen. »Nun aber vergieb ihr, Dolly; sie wird
es nicht wieder thun,« sagte er zu der kleinen Sünderin, die nicht
zu Fanny ging und unentschlossen vor der Mutter stand von unten her
schielend und wartend, und ihren Blick suchend.

Die Mutter schaute sie an. Das Kind begann zu schluchzen und vergrub
das Gesicht zwischen die Kniee der Mutter, Dolly aber legte ihre
hagere, zarte Hand auf des Kindes Haupt.

»Was ist denn Gemeinsames zwischen uns und ihm?« dachte Lewin, und
ging, um Wjeslowskij aufzusuchen.

Als er durch das Vorzimmer ging, befahl er anzuspannen, um auf die
Station fahren zu können.

»Es ist gestern die Feder gebrochen,« antwortete der Diener.

»Dann nehmt den Tarantaß, aber schnell! Wo ist der Besuch?«

Sie gingen nach seinem Zimmer.

Lewin traf Wasjenka gerade, als dieser, der seine Sachen aus dem Koffer
ausgepackt und neue Romanzen aufgeschlagen hatte, Gamaschen zum Reiten
anprobierte.

Lag nun im Gesicht Lewins etwas Besonderes, oder empfand Wasjenka
selbst, daß =ce petit brin de cour=, den er angestiftet, in dieser
Familie unstatthaft wäre; genug, er wurde ein wenig -- soviel dies eben
ein Weltmann werden kann -- verlegen beim Eintritt Lewins.

»Ihr wollt in Gamaschen reiten?«

»Ja; das ist bei weitem sauberer,« sagte Wasjenka, den feisten Fuß auf
einen Stuhl stellend, und die unterste Schnalle zumachend, wobei er
heiter lächelte.

Er war unzweifelhaft ein ganz guter Mensch und that Lewin leid. Dieser
kämpfte mit sich selbst, als Herr des Hauses, als er die Schüchternheit
im Blick Wasjenkas wahrnahm.

Am dem Tische lag ein Stück eines Stockes, den sie am Morgen beim
Turnen zusammen zerbrochen hatten, indem sie probierten, den Barren
zu heben. Lewin nahm den Trümmer in die Hand und begann, da er nicht
wußte, wie er anfangen sollte, das zersplitterte Ende rund herum
abzubrechen.

»Ich wollte --« er verstummte, sagte aber dann plötzlich, Kitys
gedenkend und alles dessen, was geschehen war, und ihm entschlossen in
die Augen blickend, »ich habe befohlen, für Euch anspannen zu lassen.«

»Was heißt das?« begann Wasjenka voll Verwunderung, »wohin soll es
gehen?«

»Ihr sollt zur Bahn fahren,« sagte Lewin finster, die Spitze des
Stockes abzupfend.

»Verreist Ihr, oder ist etwas vorgefallen?«

»Es ist das vorgefallen, daß ich Besuch erwarte,« sprach Lewin,
schneller und schneller mit den starken Fingern die Zacken des
zersplitterten Stockes abbrechend. »Oder vielmehr ich erwarte nicht
Besuch, und es ist nichts vorgefallen, aber ich ersuche Euch,
abzureisen. Ihr mögt Euch meine Unhöflichkeit erklären, wie Ihr wollt.«

Wasjenka richtete sich auf.

»Ich bitte Euch, mir zu erklären,« sprach er mit Würde, endlich
begreifend.

»Ich kann Euch nicht erklären,« fuhr Lewin, gedämpften Tones
und langsam sprechend fort, sich bemühend, das Beben seiner
Kinnbackenmuskeln zu verbergen, »und es ist auch besser für Euch, nicht
zu fragen.«

Da sämtliche zersplitterte Enden bereits abgebrochen waren, machte sich
Lewin mit den Fingern an die dicken Enden, riß den Stock auseinander
und hob das hingefallene Stück sorgsam auf.

Wahrscheinlich mochte der Anblick dieser straffangestrengten Hände,
dieser Muskeln da, welche er heute früh beim Turnen befühlt hatte, der
blitzenden Augen, der gedämpften Stimme und der bebenden Kinnbacken
Wasjenka mehr als Worte überzeugen; er verbeugte sich, nachdem er die
Achseln gezuckt und verächtlich gelächelt hatte.

»Kann ich nicht Oblonskiy sehen?«

Das Achselzucken und Lächeln brachten Lewin nicht auf, »was bleibt ihm
weiter übrig?« dachte dieser.

»Ich werde ihn sofort zu Euch schicken.«

»Was ist das für ein Unsinn,« sagte Stefan Arkadjewitsch der von dem
Freunde erfahren hatte, daß man ihn aus dem Hause jage, zu Lewin, als
er diesen im Garten fand, wo er, die Abfahrt des Gastes erwartend,
spazieren ging.

»=Mais c'est ridicule=! Was für eine Fliege hat dich denn gestochen.
=Mais c'est du dernier ridicule=! Was ist dir darin erschienen, daß ein
junger Mann« --

Die Stelle, an welcher Lewin die Fliege gestochen hatte, schmerzte
aber offenbar noch, da derselbe abermals bleich wurde, als Stefan
Arkadjewitsch ihm die Ursache klarmachen wollte, und diesen hastig
unterbrach.

»Bitte, erkläre mir keine Ursache! Ich kann nicht anders! Es thut mir
sehr leid um deinet- und seinetwillen, aber ihm, glaube ich, verursacht
es kein großes Herzeleid, abreisen zu müssen, während mir und meiner
Frau seine Gegenwart unangenehm ist.«

»Es ist dies aber eine Beleidigung für ihn! =Et puis c'est ridicule=!«

»Auch für mich ist es beleidigend und peinlich! Und doch bin ich an
nichts schuld, und habe keinen Grund, leiden zu sollen!«

»Das hätte ich nicht von dir erwartet! =On peut être jaloux, mais à ce
point, c'est du dernier ridicule=!«

Lewin wandte sich schnell um und ging von ihm hinweg in die Tiefe der
Allee, wo er seinen Spaziergang allein auf und abwärts fortsetzte. Bald
vernahm er das Rollen des Tarantaß und sah hinter den Bäumen hervor,
wie Wasjenka, auf Heu sitzend, denn leider gab es keine Sitzbank in dem
Tarantaß, mit seiner schottischen Mütze, von den Stößen in die Höhe
schnellend, durch die Allee fuhr.

»Was giebt es denn noch?« dachte Lewin, als ein Diener, der aus dem
Hause eilte, den Tarantaß halten ließ. Es war der Maschinist, den
Lewin gänzlich vergessen hatte. Nachdem derselbe gegrüßt hatte, sprach
er etwas mit Wasjenka, stieg darnach auf den Tarantaß und sie fuhren
zusammen ab.

Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin waren verstimmt von der
Handlungsweise Lewins. Auch dieser selbst fühlte sich nicht nur im
höchsten Grade »=ridicule=«, sondern auch schuldig und beschimpft; als
er sich aber vergegenwärtigte, was er und sein Weib gelitten hatten,
gab er sich, indem er sich selbst frug, wie er ein zweites Mal handeln
würde, die Antwort, daß er es ganz wieder so gemacht hätte.

Trotz alledem war zu Ende dieses Tages jedermann, mit Ausnahme
der Fürstin, welche Lewin sein Verfahren nicht verzeihen konnte,
außergewöhnlich lebhaft und heiter, gleichwie Kinder nach einer
Bestrafung oder Erwachsene nach einem wichtigen offiziösen Empfang, so
daß abends in der Abwesenheit der Fürstin von der Entfernung Wasjenkas
gesprochen wurde, wie von einem längst geschehenen Vorfall.

Auch Dolly, welche von ihrem Vater die Gabe besaß, humoristisch zu
erzählen, brachte Warenka zu dem herzlichsten Lachen, als sie zum
dritten oder vierten Mal, mit immer neuen humoristischen Zuthaten
berichtete, wie sie gerade dabei gewesen sei, ihre neuen Halbstiefeln
des Gastes halber anzulegen und schon in den Salon gegangen sei, als
sie plötzlich das Kreischen einer alten Karrete vernommen hätte. Und
wer hätte darin gesessen? Wasjenka, mit der schottischen Mütze und den
Romanzen, mit den Reitgamaschen, auf dem Heu.

»Hätte er nur wenigstens den Wagen anspannen lassen! Aber nein! und
dann hörte ich »halt!« -- Nun, denke ich, man hat Mitleid mit ihm
bekommen! Ich sehe nach; da setzt man noch den dicken Deutschen zu
ihm und fährt ihn weiter. Aus war es mit meinen hübschen schottischen
Bändern.«


                                  16.

Darja Aleksandrowna führte ihre Absicht aus und reiste zu Anna.

Es that ihr sehr leid, die Schwester erbittern und etwas thun zu
müssen, was deren Gatten unangenehm war; sie begriff, wie sehr recht
die Lewin hatten, mit dem Wunsche, keine Beziehungen mit den Wronskiy
zu pflegen, allein sie erachtete es für ihre Pflicht, zu Anna zu
kommen, und ihr zu zeigen, daß ihre Gefühle sich nicht verändern
könnten trotz der Veränderung ihrer Lage.

Um bei dieser Reise nicht von den Lewin abhängen zu müssen, sandte
Darja Aleksandrowna nach ihrem Dorfe, um Pferde mieten zu lassen; doch
Lewin, der hiervon erfahren hatte, kam, um ihr Vorwürfe zu machen.

»Warum denkst du, daß mir deine Reise unangenehm sei? Ja, und selbst
wenn sie mir unangenehm wäre, so wäre sie es mir dadurch noch mehr,
daß du nicht meine Pferde nimmst,« sagte er. »Du hast mir nicht ein
einziges Mal gesagt, daß du entschieden fahren wolltest. Und nun auf
dem Dorfe Pferde zu mieten, ist erstens unangenehm für mich, und dann,
was die Hauptsache ist, man mietet sie, aber sie bringen dich nicht
hin. Ich habe doch Pferde; und wenn du mich nicht böse machen willst,
so nimmst du sie.«

Darja Aleksandrowna mußte einwilligen, und am festgesetzten Tag hatte
Lewin für seine Schwägerin ein Viergespann von Pferden und einen
Vorspann aus Zug- und Reitpferden gewählt, bereit gemacht, der nicht
sehr schön, aber doch imstande war, Darja Aleksandrowna in einem Tage
an ihr Ziel zu bringen.

Jetzt, wo Pferde sowohl für die Fürstin, welche abreiste, wie für
die Wehfrau gebraucht wurden, war das eine schwierige Aufgabe für
Lewin gewesen, doch konnte derselbe der Pflicht der Gastfreundschaft
Folge leistend, nicht zugeben, daß Darja Aleksandrowna von seinem
Hause aus Pferde mietete, und außerdem wußte er auch, daß die zwanzig
Rubel, welche man von Darja Aleksandrowna für die Fahrt verlangte,
für dieselbe von großer Bedeutung waren; die Finanzverhältnisse Darja
Aleksandrownas, welche sich in sehr schlechtem Zustande befanden,
wurden von den Lewin empfunden, als wären es ihre eigenen.

Darja Aleksandrowna fuhr nach dem Rate Lewins noch vor der Morgenröte
ab. Der Weg war gut, der Wagen ging ruhig, die Pferde liefen munter und
auf dem Bocke saß noch außer dem Kutscher, an Stelle eines Dieners,
der Comptoirschreiber, der von Lewin der Sicherheit halber mitgesandt
worden war. Darja Aleksandrowna träumte und erwachte erst, als sie
schon zu der Poststation gekommen war, wo die Pferde gewechselt werden
mußten.

Nachdem sie den Thee bei jenem nämlichen begüterten Großbauern,
bei welchem Lewin auf seiner Fahrt zu Swijashskiy gerastet hatte,
eingenommen, und sich mit den Weibern über die Kinder, mit dem Alten
über den Grafen Wronskiy unterhalten hatte, den jener sehr lobte, fuhr
Darja Aleksandrowna um zehn Uhr weiter. Zu Hause hatte sie, vor Sorgen
um ihre Kinder, nie Zeit zu denken. Dafür aber häuften sich jetzt erst,
auf dieser vierstündigen Fahrt, alle die vorher unterdrückt gewesenen
Gedanken plötzlich in ihrem Kopfe, und sie überdachte ihr ganzes Leben,
wie sie es noch nie zuvor gethan, und von den verschiedensten Seiten
aus. Ihr selbst kamen ihre eigenen Gedanken seltsam vor.

Im Anfang dachte sie ihrer Kinder, um die sie sich, obwohl ihr die
Fürstin, wie besonders Kity -- auf diese verließ sie sich vielmehr --
versprochen hatten, nach ihnen zu sehen, gleichwohl beunruhigte.

»Wie wenn Mascha wiederum dumme Streiche machte, wenn den Grischa ein
Pferd schlüge und der Magen Lilys noch mehr verdorben würde.«

Dann aber begannen die Fragen der Gegenwart sich mit denen der nächsten
Zukunft abzulösen. Sie dachte jetzt daran, daß man in Moskau für diesen
Winter eine neue Wohnung mieten, die Möbel im Salon umtauschen und der
ältesten Tochter einen Pelz fertigen lassen müsse. Darnach tauchten die
Fragen der entfernten Zukunft vor ihr auf; wie sie ihre Kinder in die
Welt einführen würde, »mit den Mädchen ist es noch nichts«, dachte sie,
»aber mit den Knaben?«

»Gut; ich beschäftige mich jetzt mit Grischa, aber ich kann es doch
nur deshalb, weil ich selbst jetzt kein Kind unter dem Herzen trage.
Auf Stefan läßt sich natürlich nicht rechnen. Jedoch mit Hilfe guter
Menschen werde ich sie schon erziehen; und wenn wieder einmal eine
Geburt« -- ihr kam der Gedanke, wie ungerecht der Ausspruch sei, daß
der Fluch auf dem Weibe liege, daß sie in Schmerzen Kinder gebäre.
»Die Geburt selbst hat nichts zu sagen, aber das Austragen -- das ist
das Qualvolle,« dachte sie, sich ihrer letzten Schwangerschaft und des
Todes dieses letzten Kindes erinnernd. Es fiel ihr auch das Gespräch
mit der jungen Frau auf dem Posthof wieder ein. Auf ihre Frage, ob sie
Kinder habe, hatte dieselbe ganz heiter geantwortet: »Ich hatte ein
Mädchen, aber Gott hat es erlöst, ich habe es zu den Fasten begraben.«

»Hast du es sehr betrauert?« hatte Darja Aleksandrowna weiter gefragt.

»Wozu betrauern? Der Alte hat Enkel, und zwar viel. Man hat doch nur
Sorge dabei, und kann weder arbeiten noch sonst etwas thun, sondern ist
nur gebunden.«

Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoßend erschienen, ungeachtet
des gutmütigen Äußeren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwärtigte sie
sich unwillkürlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in
diesen cynischen Äußerungen.

»Und im allgemeinen,« dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben
während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe zurückblickend, »Schwangerschaft,
Übelkeiten, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit für alles, und hauptsächlich
Ruin der Schönheit. Kity, die junge, hübsche Kity, auch sie war häßlich
geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich weiß
es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute
-- hierauf aber die Ernährung, alle die schlaflosen Nächte, diese
furchtbaren Schmerzen« --

Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz
einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt
hatte. »Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die
Gedanken wegen schlimmer Neigungen« -- sie dachte an das Vergehen der
kleinen Mascha in den Himbeeren -- »der Unterricht, das Latein, alles
das so unverständlich und schwierig. Und außer dem allen noch die
Möglichkeit des Todes eben dieser Kinder!«

Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz
drückende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der
noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie
dachte an sein Begräbnis, die allgemeinherrschende Gleichgültigkeit
für jenes kleine rosengeschmückte Grab, an ihren herzzerreißenden,
vereinsamten Schmerz über der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen
Schläfen, über dem geöffneten, verwundert scheinenden Mündchen, welches
aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel
und einem Kreuz bedeckte.

»Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Daß ich, ohne einen
Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umständen, bald ein
Kind nährend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere
folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglückliche,
schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen?

»Und jetzt -- wäre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wüßte nicht,
wie wir ihn verleben sollen. -- Natürlich sind Konstantin und Kity so
zartfühlend, daß sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch
nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr
unterstützen können; sind sie doch schon jetzt in Bedrängnis. Und was
kann Papa, der für sich fast nichts mehr übrig behalten hat, noch
helfen? Die Verhältnisse liegen so, daß ich die Kinder nicht allein
erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und
nehmen wir selbst den glücklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr
sterben und sollte ich sie erziehen können, so werden sie im besten
Falle doch nur höchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles,
was ich wünschen kann. Und dafür so viele Qualen, so viele Mühen! Ein
ganzes, verlorenes Leben!« --

Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum
war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mußte sie doch
zugeben, daß in jenen Worten ein Stück rauher Wahrheit lag.

»Ist es denn noch weit, Michail?« frug Darja Aleksandrowna den
Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu
entreißen.

»Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!«

Der Wagen fuhr in der Dorfgasse über eine kleine Brücke. Über die
Brücke ging geräuschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter
Weiber. Die Weiber blieben auf der Brücke stehen, neugierig den
Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja
Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch für sie in ihrer Lebenslust.

»Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens,« fuhr Darja
Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern
vorüberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter,
angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, »ich
aber, wie aus einem Gefängnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich
mit ihren Sorgen ertötet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur
Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly,
Warenka, Anna, zu der ich fahre, -- nur ich lebe nicht! --

Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar
wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wäre es nicht so, wie wollte ich
lieben, aber ich liebe ja ihn; während Anna den ihren nicht geliebt
hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das
in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl möglich, daß ich das Nämliche
gethan hätte. Und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich wohl daran
that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir
nach Moskau kam. Damals hätte ich meinen Gatten verlassen und ein
neues Leben beginnen müssen. Ich hätte lieben können und wahr geliebt
werden können! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn
nicht! Ich brauche ihn aber,« dachte sie ihres Gatten, »und so dulde
ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte
ich noch meine Schönheit,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen,
und sie hätte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack
befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen,
doch indem sie auf die Rücken des Kutschers und des schaukelnden
Comptoirdieners blickte, fühlte sie, daß es ihr fatal sein müßte, wenn
einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor.

Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es
jetzt noch nicht zu spät; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der
besonders liebenswürdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den
guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber
gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann
war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte,
sie sei schöner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten
und unmöglichsten Romane tauchten vor Darja Aleksandrowna auf. »Anna
hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf
mehr machen. Sie ist glücklich, begründet das Glück eines andern
Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie
sie immer war, frisch, verständig und empfänglich für alles,« dachte
Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lächeln kräuselte ihre Lippen,
namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich ähnlich dazu für
sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem
erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna,
gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestürzung
Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lächeln.

In solchen Träumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der
Landstraße ab nach Wosdwishenskoje führte.


                                  17.

Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf
ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen.
Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und
rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der
leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt,
als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden,
schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen
herübertönende Geräusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern
erhob sich und kam zum Wagen.

»He, bist wohl vertrocknet!« rief der Comptoirdiener gereizt dem
langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit
den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, »so lauf doch!«

Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit
von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen
Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an
die Seite des Wagens.

»Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?«
wiederholte er, »dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann
gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum
Herrn selbst?«

»Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund?« frug Darja Aleksandrowna
ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenüber, nach
Anna fragen sollte.

»Er ist wohl daheim,« sagte der Bauer einen Schritt vortretend und
dabei mit den nackten Füßen im Staube eine deutliche Spur seiner
Fußsohle mit den fünf Zehen hinterlassend. »Er wird wohl zu Haus sein,«
wiederholte er, augenscheinlich mit großer Lust, ein Gespräch zu
beginnen. »Gestern sind erst Gäste gekommen. Gäste -- es war eine Menge
-- Was willst du!« -- wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm
vom Wagen her etwas zuschrie. »Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier
vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden
sie wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?«

»Wir sind von weiter weg,« sagte der Kutscher, auf den Bock steigend,
»also es ist nicht weit?«

»Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt« -- sagte er, mit der Hand nach
der Seite des Wagens deutend.

Ein junger, gesunder und stämmiger Bursche kam auch heran.

»Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte?« frug derselbe.

»Weiß nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hältst, kommst
du gerade drauf,« sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die
Reisenden fortließ und mit ihnen schwatzen wollte.

Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der
Bauer rief: »Halt! He, Freund! Halt an!« Eine zweite Stimme rief
ebenso. Der Kutscher hielt an.

»Da kommen sie selbst. Dort sind sie!« rief der Bauer. »Dort sind
sie!« fügte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen
weisend, welche den Weg daherkamen.

Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskij und Anna zu Pferde, die
Fürstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten,
und wollten die Arbeit der neu eingeführten Erntemaschinen besichtigen.

Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt
Anna neben Wjeslowskij. Sie ritt in ruhigem Schritt eine kleine
englische Vollblutstute mit gestrählter Mähne und gestutztem Schweif.
Annas schönes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden
schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der
schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziöser Sitz frappierten Dolly.

Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, daß Anna ritt. Mit der
Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja
Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie,
die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als
sie diese in der Nähe sah, söhnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus,
denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und
würdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, daß
nichts natürlicher erscheinen konnte.

Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die
starken Füße hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt
Wasjenka Wjeslowskij in seiner schottischen Mütze mit den wehenden
Bändern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lächeln nicht
verbeißen, als sie ihn erkannte.

Hinter ihnen ritt Wronskiy; er saß auf einem dunkelbraunen Vollblut,
welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete
er mit den Zügeln.

Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostüm. Swijashskiy mit der
Fürstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber
gezogen wurde, folgten den Reitern.

Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke
geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglänzte von freudigem Lächeln.
Sie stieß einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in
Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und
eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen.

»Ich dachte es wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du
vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen,« sagte sie, sich bald mit
dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie küssend, bald sich entfernend
und sie mit einem Lächeln betrachtend. »Das ist eine Freude, Aleksey!«
sprach sie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen
war und zu ihnen herankam.

Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly.

»Ihr könnt nicht glauben, wie erfreut wir über Eure Ankunft sind,«
sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lächelnd
dabei seine festen weißen Zähne zeigend.

Wasjenka Wjeslowskij nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mütze ab
und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bänder über seinem Kopfe
schwingend.

»Dies ist die Fürstin Barbara,« antwortete Anna auf den fragenden Blick
Dollys, als der Wagen herangekommen war.

»Ah,« sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drückte unwillkürlich
Mißvergnügen aus.

Die Fürstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie
lange, achtete sie aber nicht. Wußte sie doch, daß die Fürstin Barbara
ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte.
Daß sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies
verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den
Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errötete, ließ ihre
Amazone aus den Händen gleiten und stolperte über dieselbe.

Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und
begrüßte kühl die Fürstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls
bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen
Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die
nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten
Seiten, vor, in der Equipage zu fahren.

»Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren,« sagte er, »das Pferd ist
sanft und die Fürstin fährt ausgezeichnet.«

»Nein, bleibt, wie Ihr waret,« sagte Anna herzutretend, »aber wir
wollen in diesem Wagen fahren,« und Dolly bei der Hand nehmend, führte
sie dieselbe mit sich.

Darja Aleksandrownas Augen schweiften über die elegante, von ihr noch
nicht gesehene Equipage, die schönen Pferde, die vornehmen, glänzenden
Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die
Veränderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor
sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen
wäre, und Anna früher nicht gekannt hätte, insbesondere nicht die
Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen
hatte, würde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben.

Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schönheit,
die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen
pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren
Gesicht, die Schärfe der Grübchen in Wangen und Kinn, die Lage der
Lippen, das Lächeln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der
Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die
Fülle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie
ernst-freundlich Wjeslowskij antwortete, der sie um die Erlaubnis bat,
sich auf ihre Stute setzen zu dürfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz
lehren zu können -- alles das war eigentümlich anziehend und sie selbst
schien dies zu wissen und darüber Freude zu empfinden.

Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, überkam sie
beide eine plötzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen
des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly,
weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys über das Vehikel, ihrer
schmutzigen alten Kalesche schämte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt
hatte.

Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nämliche Gefühl.
Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen,
den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, während Philipp, der
Kutscher, mürrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser
äußeren Überlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lächelnd blickte er
auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefällt,
daß dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur »Promenade« und nicht vierzig
Werst weit scharf und ohne Ausspann laufen könne.

Die Bauern hatten sich sämtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten
neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu
machend.

»Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen,« sagte der kraushaarige Alte
mit dem Lindenbast.

»Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst müßte die Garben
hereinbringen; das ginge lebhaft!«

»Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer?« sagte
Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskij zeigend.

»Über den Bauer! Wie geschickt er anspielt!«

»Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschläfchen halten?«

»Ach was, jetzt gar Schlaf!« sagte der Alte, gebückt nach der Sonne
schauend. »Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los!« --


                                  18.

Anna blickte in Dollys hageres, übermüdetes Gesicht mit den Runzeln,
die vom Staube bedeckt waren; sie wollte sagen, was sie dachte, nämlich
daß Dolly recht abgemagert sei, aber indem sie sich vergegenwärtigte,
daß sie schöner geworden, und der Blick Dollys ihr dies sagte, seufzte
sie, und begann, von sich zu sprechen.

»Du blickst mich an,« sagte sie, »und denkst, kann sie glücklich
sein in ihrer Lage. Nun, was soll ich sagen! Es ist schmachvoll, es
einzugestehen; aber ich -- ich bin unverzeihlich glücklich! -- Mir
ist etwas Zauberhaftes, Etwas wie ein Traum vor sich gegangen, in dem
es uns furchtbar, seltsam wird, aus dem man plötzlich erwacht, um zu
fühlen, daß alle diese Schrecken gar nicht da sind. Ich bin erwacht.
Ich habe Qualvolles, Furchtbares durchlebt, und es ist jetzt schon
geraume Zeit, besonders seit wir hier sind, daß ich so glücklich bin,«
sprach sie mit schüchternem, fragendem Lächeln Dolly ins Auge sehend.

»Wie freue ich mich,« sagte Dolly lächelnd, aber unwillkürlich kühler,
als sie wollte. »Ich freue mich sehr über dich. Weshalb hast du mir
nicht geschrieben?«

»Weshalb? Deshalb, weil ich es nicht wagte -- du vergißt meine Lage.«

»Gegen mich? Gegen mich hast du es nicht gewagt? Wenn du wüßtest, wie
ich -- ich glaube« --

Darja Aleksandrowna wollte ihre Gedanken vom heutigen Morgen
aussprechen, aber aus irgend einem Grunde erschien ihr dies jetzt nicht
am Platze.

»Doch davon später. Was ist das, alle diese Gebäude?« frug sie, im
Wunsche das Thema zu wechseln, auf die roten und grünen Dächer zeigend,
welche hinter dem Grün lebender Akazienzäune sichtbar wurden. Es sah
dies alles aus wie ein Städtchen.

Anna antwortete ihr nicht.

»Nein, nein; wie urteilst du über meine Lage, wie denkst du darüber;
wie?« frug sie.

»Ich vermute,« wollte Darja Aleksandrowna beginnen, doch in diesem
Augenblick sprengte Wasjenka Wjeslowskij, der die Stute in Galopp mit
Rechtseinsatz gebracht hatte, schwerfällig in seinem kurzen Jaquet auf
dem sämischen Leder des Damensattels auf und niedergeworfen, an ihnen
vorüber.

»Sie geht, Anna Arkadjewna!« schrie er.

Anna schaute ihn indessen nicht einmal an, und Darja Aleksandrowna
schien es wiederum, daß es unpassend sei, in der Kalesche dieses
langatmige Thema anzuschlagen, und sie brach daher in der Äußerung
ihres Gedankens ab.

»Ich urteile gar nicht darüber,« sagte sie, »ich habe dich stets
geliebt, und wenn man liebt, liebt man den ganzen Menschen so, wie er
ist, nicht so, wie man will, daß er sei.«

Anna versank in Nachdenken, indem sie die Augen vom Gesicht der
Freundin wegwendete und blinzelte -- eine neue Gewohnheit, die Dolly
noch nicht an ihr gekannt hatte -- sie wünschte die Bedeutung dieser
Worte ganz zu erfassen. Nachdem sie sie augenscheinlich so, wie sie es
wünschte, aufgefaßt hatte, schaute sie Dolly an.

»Wenn du Sünden haben solltest,« sprach sie, »so möchten sie dir alle
vergeben sein für dein Kommen und für diese Worte.«

Dolly sah, daß ihr die Thränen in die Augen getreten waren. Schweigend
drückte sie Annas Hand.

»Also was sind das für Gebäude? -- Wie viel es doch sind!« Sie
wiederholte nach einer Minute des Schweigens ihre Frage.

»Dies sind die Gebäude des Personals, der Fabriken, die Ställe,«
antwortete Anna. »Dort beginnt der Park; alles das war verwildert,
aber Aleksey hat es wieder neu hergerichtet. Er liebt dieses
Besitztum sehr und fühlt sich, was ich nimmermehr erwartet hätte,
leidenschaftlich zur Landwirtschaft hingezogen. Er hat überhaupt eine
so reich beanlagte Natur! Was er auch anfassen mag, alles vollführt er
ausgezeichnet. Und er langweilt sich nicht nur nicht dabei, sondern
beschäftigt sich mit leidenschaftlichem Eifer. So wie ich ihn kenne,
ist er ein haushälterischer, vorzüglicher Hausherr geworden, sogar
geizig in der Wirtschaft ist er; aber auch nur in der Wirtschaft! Da,
wo es sich um Zehntausende handelt, rechnet er nicht,« sprach sie mit
jenem freudig schlauen Lächeln, mit welchem Frauen oft über geheime,
ihnen allein bekannte Eigenschaften eines geliebten Mannes sprechen.

»Siehst du dieses große Gebäude da? Das ist das neue Krankenhaus.
Ich glaube, daß es mehr als hunderttausend Rubel kosten wird. Und
weißt du, woher das Geld gekommen ist? Die Bauern hatten ihn gebeten,
ihnen die Wiesen billiger abzulassen, er aber hatte sie abschläglich
beschieden, und ich machte ihm Vorwürfe wegen seines Geizes. Natürlich
nicht deswegen nun, aber alles in allem erwägend, begann er da dieses
Krankenhaus zu bauen, um zu zeigen, verstehst du, daß er nicht geizig
sei. Wenn du willst, =c'est une petitesse=, aber ich liebe ihn dafür
umsomehr. Doch du wirst sogleich das Wohnhaus erblicken. Es ist noch
vom Großvater her und an der Außenseite in nichts verändert worden.«

»Wie schön,« sagte Dolly, mit unwillkürlichem Erstaunen, auf ein
schönes Haus mit Säulengängen blickend, welches aus dem bunten Grün der
alten Bäume des Gartens hervortrat.

»Nicht wahr, das ist schön? Und vom Hause aus, von oben herab, ist die
Aussicht wunderbar.«

Sie fuhren auf einen mit Schotter bedeckten und von Blumenbeeten
geschmückten Hof, auf welchem zwei Arbeiter ein Blumenbosquet mit
unbehauenen porösen Steinen garnierten, und hielten in der gedeckten
Einfahrt.

»Ah, sie sind schon angekommen,« sagte Anna, auf die Reitpferde
blickend, die soeben von der Freitreppe hinweggeführt wurden. »Nicht
wahr, dieses Pferd ist schön? Es ist eine Stute, mein Liebling.
Führe es hierher und bringt Zucker. Wo ist der Graf?« frug sie
zwei herauseilende Paradelakaien. »Ah, dort ist er,« sagte sie, den
heraustretenden und ihr mit Wjeslowskij entgegenkommenden Wronskiy
erblickend.

»Wo habt Ihr die Gräfin untergebracht?« sagte Wronskiy auf Französisch,
zu Anna gewendet, begrüßte dann nochmals, ohne eine Antwort abzuwarten,
Darja Aleksandrowna und küßte ihr jetzt die Hand: »Ich denke, wir
bringen unsern Besuch im großen Balkonzimmer unter? --«

»O nein; das ist zu abgelegen! Besser im Eckzimmer, wir können uns
da mehr sehen. Gehen wir,« sagte Anna, den ihr von einem Lakaien
präsentierten Zucker dem Lieblingspferde reichend.

»=Et vous oubliez votre devoir=,« sagte sie zu Wjeslowskij, welcher
gleichfalls auf der Freitreppe erschienen war.

»=Pardon, j'en ai tout plein les poches=,« antwortete dieser lächelnd,
die Finger in die Westentasche steckend.

»=Mais vous venez trop tard=,« sagte sie, mit dem Taschentuch die Hand
abwischend, welche ihr das Pferd feucht gemacht hatte, indem es den
Zucker nahm.

Anna wandte sich zu Dolly:

»Du bleibst doch für längere Zeit hier? Nur auf einen Tag? Das ist
unmöglich!«

»Ich habe so versprochen, die Kinder --« sagte Dolly, mit einem Gefühl
der Verlegenheit, daß sie den Reisesack aus der Kalesche nehmen mußte,
sowie weil sie wußte, daß ihr Gesicht sehr mit Staub bedeckt sein müsse.

»Nein, Dolly, Herzchen; doch wir werden ja sehen. Komm, komm!« Anna
führte Dolly in ihr Zimmer.

Dieses Zimmer war nicht das Paradezimmer, welches Wronskiy
vorgeschlagen hatte, sondern das, von welchem Anna sagte, Dolly
möchte es entschuldigen. Jedoch auch dieses Gemach, für welches eine
Entschuldigung erforderlich gewesen war, war voll von einem Luxus, in
welchem Dolly niemals gelebt hatte, und der ihr die besten Salons des
Auslandes in die Erinnerung zurückrief.

»Ach, Herzchen, wie bin ich glücklich!« sprach Anna, für eine Minute
in ihrer Amazone neben Dolly Platz nehmend, »erzähle mir doch von den
Deinen. Stefan habe ich flüchtig gesehen, doch von Kindern kann er
nicht reden. Was macht mein Liebling, die Tanja? Es ist ein großes
Mädchen geworden, glaube ich?«

»Ja, sehr groß,« antwortete Darja Aleksandrowna kurz, selbst
verwundert, daß sie so kühl über ihre Kinder Bescheid gab. »Wir
befinden uns recht wohl bei den Lewin,« fügte sie hinzu.

»Ach, hätte ich gewußt,« antwortete Anna, »daß du mich nicht
verachtest. Ihr hättet alle zu uns kommen müssen. Stefan ist doch ein
alter und intimer Freund Alekseys,« fügte sie hinzu, und errötete
plötzlich.

»Wir befinden uns so ganz wohl,« versetzte Dolly verlegen.

»Da habe ich übrigens aus Freude Dummheiten gesagt. Noch einmal,
Herzchen, wie freue ich mich über dich,« sagte Anna, sie wiederum
küssend, »aber du hast mir noch nicht gesagt, wie und was du über mich
denkst, und ich will alles wissen. Und ich freue mich darüber, daß du
mich durchschaust, wie ich bin. Es liegt mir nichts daran, vor allem,
daß man denke, ich wollte in irgend etwas demonstrieren. Ich will
nicht demonstrieren, sondern einfach nur leben; niemandem Übles thun,
außer mir selbst. Dieses Recht habe ich, nicht wahr? Doch das ist eine
langatmige Unterhaltung und wir werden schon noch über alles sprechen.
Ich gehe jetzt, mich umzukleiden und werde dir ein Mädchen schicken.«


                                  19.

Allein geblieben, schaute sich Darja Aleksandrowna mit dem Blick der
Hausfrau in dem Zimmer um. Alles was sie vor dem Haus vorfand, und
durch dasselbe schreitend, sowie jetzt in ihrem Zimmer, erblickte,
verursachte ihr den Eindruck des Überflusses und der Koketterie, jenes
modernen, europäischen Luxus, von dem sie nur in englischen Romanen
gelesen, den sie aber noch nie in Rußland und auf dem Lande erblickt
hatte. Alles war neu, von den modernen französischen Tapeten an bis
zum Teppich, von welchem das ganze Zimmer bedeckt war. Das Bett war
mit Sprungfedermatratze versehen, hatte ein besonderes Kopfkissen und
Canevasüberzüge auf den kleinen Kissen. Das marmorne Waschbecken, die
Toilette, die Tische, die Bronceuhr auf dem Kamin, die Gardinen und
Portieren, alles das war teuer und neu.

Die kokette Kammerzofe, welche herbeikam, um ihre Dienste anzubieten,
und eine Frisur und Robe trug, die noch moderner war, als diejenige
Dollys, sah eben so neu und kostspielig aus, wie das ganze Zimmer.

Darja Aleksandrowna war ihre Höflichkeit, Sauberkeit und
Dienstwilligkeit sehr angenehm, doch fühlte sie sich nicht
behaglich in ihrer Gegenwart; sie schämte sich vor ihr wegen
ihres, unglücklicherweise infolge eines Irrtums von ihr gepackten,
ausgebesserten Corsets; sie schämte sich gerade jener Flicken und
gestopften Stellen, auf die sie daheim so stolz war. Zu Hause war es
ihr klar, daß zu sechs Leibchen vierundzwanzig Arschin Stoff gehörten,
zu je fünfundsechzig Kopeken, was mehr als fünfzehn Rubel ausmachte,
außer der Arbeit; und diese fünfzehn Rubel waren so herausgeschlagen.
Vor der Zofe aber empfand sie weniger Scham, als vielmehr Unbehagen.

Darja Aleksandrowna verspürte große Erleichterung, als die ihr seit
alters bekannte Annuschka in das Zimmer trat. Die kokette Zofe war von
der Herrin verlangt worden und Annuschka blieb bei Darja Aleksandrowna
zurück.

Annuschka war augenscheinlich sehr erfreut über die Ankunft der Dame
und schwatzte ohne Unterlaß. Dolly bemerkte, daß sie gern ihre Meinung
bezüglich der Lage ihrer Herrin ausgesprochen hätte, insbesondere
bezüglich der Liebe und Ergebenheit des Grafen für Anna Arkadjewna,
doch Dolly verhinderte sie geflissentlich daran, sobald sie davon zu
sprechen begann.

»Ich bin mit Anna Arkadjewna herangewachsen, die Herrin geht mir über
alles! Doch wir haben über nichts zu richten, und, wie es scheint, so
zu lieben --«

»Gieb mir doch gefälligst Waschwasser, wenn es geht,« unterbrach sie
Darja Aleksandrowna.

»Zu Diensten. Bei uns sind zum Waschen allein zwei Frauen besonders
angestellt und die Wäsche wird nur mit Maschine gereinigt. Der Graf
führt alles ein. Das ist ein Mann --«

Dolly war froh, als Anna bei ihr eintrat, und mit ihrem Kommen das
Geschwätz Annuschkas abschnitt.

Anna hatte sich in eine sehr einfache Battistrobe geworfen und Dolly
betrachtete aufmerksam dieses einfache Kleid. Sie erkannte, daß dies
zu bedeuten habe, auch solch eine Einfachheit sei nur für Summen zu
erringen.

»Eine alte Bekannte,« sagte Anna im Hinweis auf Annuschka.

Anna war jetzt nicht mehr in Verlegenheit; sie erschien vollständig
ungezwungen und ruhig. Dolly erkannte, daß sich Anna jetzt wieder
vollständig von dem Eindruck ermannt hatte, welchen ihre Ankunft bei
dieser hervorgerufen, und daß sie jetzt wieder jenen hochfahrenden,
gleichmütigen Ton angenommen habe, mit welchem gleichsam die Thür zu
derjenigen Abteilung in ihr, in welcher sich ihre Gefühle und innersten
Gedanken befanden, verschlossen war.

»Nun, was macht dein kleines Mädchen, Anna?« frug Dolly.

»Die Any?« -- so nannte sie ihre Tochter Anna -- »sie befindet sich
wohl. Sie hat sich sehr entwickelt, willst du sie einmal sehen? Komm,
ich zeige sie dir! Es hat da unendlich viel Sorgen gegeben,« begann sie
zu erzählen, »mit den Ammen. Wir hatten als Amme eine Italienerin, sie
war gut, aber dumm! Wir wollten sie fortschicken, doch das Kind war so
gewöhnt an sie, daß wir sie noch immer haben.«

»Und wie seid Ihr übereingekommen?« wollte Dolly fragen, welchen Namen
das Mädchen tragen sollte. Als sie indessen das finstergewordene
Gesicht Annas bemerkte, veränderte sie den Sinn ihrer Frage. »Und wie
seid Ihr übereingekommen? Habt Ihr es schon entwöhnt?« --

Doch Anna hatte verstanden.

»Du wolltest nicht hiernach fragen? Du wolltest nach seinem Namen
fragen? Nicht wahr? Dies eben quält Aleksey! Sie hat keinen Namen.
Das heißt, sie ist -- eine Karenina« -- sagte Anna, die Augen soweit
zusammenkneifend, daß nur die zusammentreffenden Wimpern noch sichtbar
waren. »Übrigens,« fuhr sie mit plötzlich hellwerdendem Gesicht fort,
»von dem allen können wir ja später noch reden. Komm, ich will sie dir
zeigen! =Elle est très= -- =gentile= -- und kriecht schon fort.«

In der Kinderstube überraschte Darja Alexandrowna der nämliche Luxus,
welcher sie im ganzen Hause schon frappiert hatte, noch mehr. Hier
gab es kleine Wagen, die aus England verschrieben waren, sowie
Gerätschaften für das Gehenlernen; einen eigens konstruierten Diwan
nach Art eines Billards zum Kriechen; Wiegen; eigenartige, neue Wannen.
Alles war von englischer Arbeit, dauerhaft und gediegen und offenbar
teuer. Das Zimmer war groß, sehr hoch und hell.

Als sie eintraten, saß das kleine Mädchen nur im Hemdchen in einem
Stühlchen am Tisch und nahm Bouillon zu sich, mit welcher sie sich die
ganze kleine Brust begossen hatte. Ein russisches Mädchen, welches
in der Kinderstube diente, fütterte das Kind, und aß augenscheinlich
selbst mit diesem zugleich dabei. Weder die Amme, noch die Kinderfrau
war zugegen; sie befanden sich im Nebenzimmer und man vernahm von
dorther ihr Gespräch in seltsamem Französisch, in welchem sie sich
einander nur verständlich machen konnten.

Die Stimme Annas vernehmend, trat eine hohe Engländerin mit
unangenehmem Gesicht und gemeinem Ausdruck, hastig ihre blonden Locken
schüttelnd in die Thür, und begann sich sogleich zu entschuldigen,
obwohl ihr Anna noch gar kein Vergehen beigemessen hatte. Auf jedes
Wort Annas antwortete die Engländerin schnell mit einem mehrmaligen
»=yes, mylady=!«

Das kleine Mädchen mit seinen schwarzen Brauen und Haaren, den roten
Wangen, der festen straffen Haut und dem schönen Körperchen gefiel
Darja Aleksandrowna ungeachtet des mürrischen Ausdrucks, mit welchem
es auf das fremde Gesicht blickte, sehr; diese beneidete es sogar um
seines gesunden Aussehens willen. Auch wie das kleine Mädchen kroch,
gefiel ihr sehr; keines ihrer Kinder hatte so gekrochen. Dieses
Kindchen war, nachdem man es auf einen Teppich gesetzt, und ein Kleid
dahinter gestopft hatte, wunderbar lieblich. Wie ein Tierchen schaute
es mit seinen großen glänzenden schwarzen Augen um sich, offenbar
erfreut darüber, daß man sich freundlich mit ihm abgebe, stützte sich
lächelnd, und die Füßchen seitwärts haltend, energisch auf die Hände
und hob schnell das ganze Hinterteilchen empor, worauf es mit den
Händchen nach vorwärts faßte.

Der allgemeine Charakter der Kinderstube jedoch, und namentlich die
Engländerin, gefiel Darja Aleksandrowna durchaus nicht. Nur damit,
daß in eine so illegitime Familie wie es diejenige Annas war, wohl
kein gutes Mädchen gehen mochte, erklärte sich Darja Aleksandrowna
selbst, daß Anna mit ihrer Menschenkenntnis für ihr Kind eine so
unsympathische, gar nicht respektable Engländerin hatte nehmen können.
Außerdem aber erkannte sie auch sogleich an einigen Worten, daß Anna,
die Amme, die Kinderfrau und das Kind sich nicht zusammengelebt hatten,
und der Besuch der Mutter ein ungewöhnliches Ereignis bildete. Anna
wollte dem Kinde ein Spielzeug geben und konnte es nicht einmal finden.

Am wundersamsten aber von allem war, daß Anna auf die Frage, wie viel
Zähne das Kind habe, irrte und von den zwei letzten Zähnen noch gar
nichts wußte.

»Es ist mir bisweilen schwer ums Herz, daß ich hier förmlich
überflüssig bin,« sagte sie beim Verlassen der Kinderstube, und nahm
ihre Schleppe auf, um an den bei der Thür stehenden Spielgeräten
vorüberzukommen. »So war es nicht bei meinem ersten Manne.«

»Ich dachte, im Gegenteil,« sagte Darja Aleksandrowna schüchtern.

»O nein; du weißt doch wohl, ich habe ihn gesehen -- meinen Sergey,«
sprach Anna, die Augen zusammenkneifend, als schaue sie nach etwas
weit Entferntem. »Doch davon können wir ja später sprechen. Du glaubst
nicht, ich bin wie eine Hungernde, der man plötzlich ein üppiges Mahl
vorgesetzt hat, ohne daß sie weiß, wonach sie langen soll. Das üppige
Mahl -- bist du und die mir bevorstehenden Gespräche mit dir, die ich
mit niemandem sonst führen konnte; ich weiß nun nicht, an welches Thema
ich zuerst gehen soll. =Mais je ne vous ferai grâce de rien= -- ich
muß mich ganz aussprechen. Ich muß dir ein Bild von der Gesellschaft
machen, die du bei uns findest,« begann sie, »und beginne mit den
Damen. Da ist die Fürstin Barbara. Du kennst sie und ich kenne deine
Meinung und diejenige Stefans über sie. Stefan sagt, der ganze Zweck
ihres Daseins bestehe darin, ihren Vorzug vor ihrer Tante Katharina
Pawlowna zu beweisen. Das ist ganz richtig, aber sie ist gut und ich
bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es für mich einen Moment, in
welchem mir =un chaperon= notwendig war; da war sie bei mir; sie ist
wahrhaftig gut, und hat mir meine Lage sehr erleichtert. Ich sehe
wohl, daß du die ganze Schwierigkeit derselben nicht begreifst -- wie
sie dort, in Petersburg war,« fügte sie hinzu. »Hier lebe ich nun
vollkommen ruhig und glücklich; doch davon später, erst muß aufgezählt
werden. Zweitens kommt Swijashskiy; er ist Präsident und ein sehr
solider Mann, doch braucht er Aleksey in Manchem. Du verstehst jetzt,
nachdem wir uns auf dem Lande niedergelassen haben, kann Aleksey mit
seinen Verhältnissen großen Einfluß ausüben. Dann Tuschkjewitsch -- du
hast ihn ja gesehen; er war bei Betsy. Man hat ihn jetzt fallen lassen
und er ist nun zu uns gekommen. Wie Aleksey sagt, ist er einer von
denjenigen Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie so nimmt,
wie sie scheinen wollen -- =et puis, il est comme il faut= -- wie die
Fürstin Barbara sagt. Ferner Wjeslowskij -- den kennst du ja. -- Er
ist ein sehr lieber Mensch,« sagte sie, mit schelmischem Lächeln die
Lippen kräuselnd. »Was ist denn das für eine seltsame Geschichte mit
Lewin gewesen? Wjeslowskij hat sie Aleksey erzählt und wir können sie
gar nicht glauben. =Il est très gentil et naif=« sagte sie, wieder mit
dem nämlichen Lächeln. »Die Männer bedürfen der Zerstreuung und Aleksey
braucht Menschen um sich; daher schätze ich diese ganze Gesellschaft.
Bei uns muß es lebhaft und heiter zugehen, damit sich Aleksey nichts
Neues wünscht. Dann wirst du auch den Direktor sehen. Er ist ein
Deutscher, ein sehr hübscher Mann, der auch seine Sache versteht;
Aleksey schätzt ihn sehr hoch. Ferner ist da der Arzt, ein noch junger
Mann; nicht gerade ein vollkommener Nihilist, aber, weißt du, >er ißt
mit dem Messer< -- sonst ist er ein sehr guter Arzt. Endlich ist noch
der Architekt da. -- =Une petite cour=.« --


                                  20.

»Hier bringe ich Euch Dolly, Fürstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,«
sagte Anna, mit Darja Aleksandrowna die große Steinterrasse betretend,
auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Fürstin Barbara
saß, die einen Sessel für den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte.
»Sie sagt zwar, daß sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag,
befehlt aber immerhin das Frühstück, während ich mittlerweile gehe,
Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.«

Die Fürstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gönnermiene und
begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, daß sie deshalb bei Anna
wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina
Pawlowna, gethan, die Anna erzogen hätte, und daß sie es jetzt, nachdem
alle Anna verlassen hätten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in
diesem Übergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten.

»Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe
ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich nützlich sein und
werde ich meine Pflicht erfüllen, so schwer es mir auch werden mag
-- ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schön
hast du gehandelt, daß du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die
besten Ehegatten und Gott wird über sie richten, nicht wir dürfen es!
Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa,
und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch
endeten die Fälle so, daß sie sich alle heirateten. Dann aber, =c'est
un intérieur si joli, si comme il faut. Tout-à-fait à l'anglaise. On
se réunit le matin au breakfast et puis on se sépare=. Jeder thut,
was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr.
Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er müßte sich an
sie halten. Du weißt ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brüder
alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von
seinem Krankenhaus erzählt? =Ce sera admirable= -- und alles aus Paris.«

Ihr Gespräch wurde durch Anna unterbrochen, welche die Gesellschaft
der Herren beim Billardspiel gefunden hatte und nun zusammen mit ihnen
zur Terrasse zurückkehrte. Bis zur Mittagstafel war noch lange Zeit,
das Wetter sehr schön und so wurden verschiedenartige Hilfsmittel,
die noch übrigen zwei Stunden auszufüllen in Vorschlag gebracht. Der
Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, gab es sehr viele in
Wosdwishenskoje, und es waren alle nicht die, wie sie in Pokrowskoje
angewendet wurden.

»=Une partie de Lawn tennis=,« schlug mit seinem hübschen Lächeln
Wjeslowskij vor, »ich spiele wieder mit Euch, Anna Arkadjewna!«

»Ach nein; es ist zu heiß dazu; besser, wir gehen in den Park und
fahren auf dem Kahn, um Darja Aleksandrowna die Ufer zu zeigen,« schlug
Wronskiy vor.

»Ich bin mit allem einverstanden,« meinte Swijashskiy.

»Ich denke, daß es Dolly am angenehmsten sein wird, sich erst ein wenig
zu ergehen; nicht so? Und dann erst Kahn zu fahren,« sagte Anna.

So wurde denn auch bestimmt. Wjeslowskij und Tuschkjewitsch begaben
sich ins Bad und versprachen, dort das Boot bereit machen und warten zu
wollen.

Sie gingen in zwei Paaren auf dem Wege; Anna mit Swijashskiy und Dolly
mit Wronskiy. Dolly war ein wenig verwirrt und ängstlich in dieser ihr
vollständig neuen Umgebung, in der sie sich befand. Begeistert und
voll Theorien, rechtfertigte sie nicht nur, nein, billigte sie sogar
Annas Verfahren. Wie im allgemeinen nicht selten untadelhaft moralische
Frauen ermüdet von der Einförmigkeit des sittenstrengen Lebens thun, so
entschuldigte sie aus ihrer Ferne nicht nur die verbrecherische Liebe,
sie beneidete dieselbe sogar.

Außerdem liebte sie Anna auch von Herzen, aber gleichwohl war es ihr
in der Wirklichkeit, nachdem sie diese inmitten aller dieser ihr
fremden Leute gesehen hatte, in dem für Darja Aleksandrowna neuen,
sogenanntem guten Tone, unbehaglich zu Mut. Besonders unangenehm war es
ihr, die Fürstin Barbara zu sehen, welche ihnen alles verzieh für die
Annehmlichkeiten, die sie dafür genoß.

Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas,
aber denjenigen sehen zu müssen, für welchen jenes Verbrechen begangen
worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr überhaupt nie
gefallen. Sie hielt ihn für sehr stolz, sah aber in ihm nichts von
alledem, worauf er hätte stolz sein können -- es wäre denn sein
Reichtum gewesen. --

Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause
noch mehr als früher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen
benehmen. Empfand sie doch ihm gegenüber ein Gefühl, das ähnlich dem
war, welches sie über ihr Leibchen vor der Zofe empfunden hatte.
So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen
der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm
fortwährend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut über das eigene
Ich.

Dolly fühlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung.
Wiewohl sie urteilte, daß ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses
und Parkes unangenehm sein müsse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern
Gegenstand der Unterhaltung findend, daß ihr sein Haus sehr gefallen
habe.

»Ja; es ist ein sehr schönes Gebäude und nach gutem alten Stil,« sagte
er.

»Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon
so?«

»O nein!« antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung.
»Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frühling gesehen hättet!«

Und er begann nun anfangs zurückhaltend, dann aber sich freier
und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen
Einzelheiten der Verschönerung in Haus und Garten hinzulenken. Es
war ersichtlich, daß Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mühe zur
Verbesserung und Verschönerung seines Landsitzes das Bedürfnis empfand,
sich desselben vor einer fremden Person zu rühmen, und sich über das
Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute.

»Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermüdet
seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt,« sagte er, ihr ins
Gesicht blickend, um sich zu überzeugen, daß sie sich ja nicht etwa
langweile.

»Kommst du mit, Anna?« wandte sie sich an diese.

»Wir werden mit kommen; nicht wahr?« wandte sie sich an Swijashskiy.

»=Mais il ne faut pas laisser le pauvre Weslowskij et Tuschkjewitsch se
morfondre là dans le bateau=. Man muß es ihnen sagen lassen.«

»Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet,« sprach Anna,
sich zu Dolly wendend, mit dem nämlichen, wissenden und verschlagenen
Lächeln, mit welchem sie früher über das Krankenhaus gesprochen hatte.

»O, ein Kapitalwerk,« rief Swijashskiy, fügte aber sogleich, um nicht
als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung
hinzu. »Ich wundere mich nur, Graf,« sprach er, »daß Ihr, der Ihr
in sanitärer Beziehung so viel für das Volk thut, Euch den Schulen
gegenüber so gleichgültig verhaltet.«

»=C'est devenu tellement commun les écoles=,« sagte Wronskiy, »Ihr
seht doch, daß ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin.
-- Hierhin geht es nach dem Krankenhaus,« wandte er sich dann zu Darja
Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend.

Die Damen öffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg.
Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pförtchen
hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf
einem erhöhten Terrain ein großes, rotes, fast vollendetes Gebäude
von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach
strahlte blendend in der heißen Sonne. Neben dem fertigen Gebäude war
ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gerüsten
legten Ziegel, übergossen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie
mit Richtmaßen.

»Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwärts geht!« sagte Swijashskiy,
»als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.«

»Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits
ausgeputzt,« sagte Anna.

»Und was ist das Neues dort?«

»Es ist ein Gebäude für den Arzt und die Apotheke,« antwortete
Wronskiy, den in kurzem Überrock auf ihn zukommenden Architekten
erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem
entgegen.

Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb
er beim Architekten stehen und begann eifrig zu sprechen.

»Das Fronton liegt immer noch zu niedrig,« antwortete er Anna, welche
gefragt hatte, wovon die Rede sei.

»Ich hatte gesagt, man müsse das Fundament erhöhen,« sagte Anna.

»Ja, natürlich, das wäre besser, Anna Arkadjewna,« sagte der Architekt,
»es ist außer Acht gelassen worden.«

»Ja, ich interessiere mich sehr hierfür,« antwortete Anna Swijashskiy,
welcher sein Erstaunen über ihre Kenntnisse in der Architektur
ausgedrückt hatte. »Das neue Gebäude muß dem Krankenhaus entsprechend
sein, ist aber erst später geplant und ohne Riß begonnen worden.«

Nachdem die Rücksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich
Wronskiy wieder zu den Damen und führte dieselben in das Innere des
Krankenhauses.

Obwohl man außen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen
Etage tünchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten,
gußeisernen Treppe den Treppenabsatz überschreitend, betrat man das
erste große Zimmer. Die Wände waren mit Stuck, der sich wie Marmor
ausnahm, geziert, die großen Fenster waren schon eingesetzt, nur
der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein
emporgenommenes Quadrat hobelten, ließen die Arbeit liegen, um, ihre
schmalen Stirnbänder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die
Herrschaft zu begrüßen.

»Das ist das Empfangszimmer,« sagte Wronskiy, »es wird hier nur ein
Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.«

»Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster,« sagte
Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. »Aleksey, die
Farbe ist schon trocken,« fügte sie hinzu.

Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy
eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen
und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensäle,
einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer für die Wäsche,
dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein
Geräusch machen sollten und die solche Gegenstände, die gebraucht
wurden beförderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles,
als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war
geradezu erstaunt über diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht
gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach
allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergnügen machte.

»Ich glaube, dies wird das einzige, vollständig rationell
eingerichtete Krankenhaus in Rußland werden,« sagte Swijashskiy.

»Werdet Ihr auch eine Abteilung für Wöchnerinnen haben,« frug Dolly.
»Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe häufig« --

Bei aller seiner Höflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort.

»Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und für alle
Krankheiten bestimmt außer den ansteckenden,« sagte er. »Aber hier seht
einmal das,« er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel
zu Darja Aleksandrowna, welcher für Genesende bestimmt war. »Paßt auf,«
er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. »Wenn Einer
nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fußleidend, aber Luft
schöpfen muß, so fährt er, rollt er sich« --

Darja Aleksandrowna interessierte sich für alles; alles gefiel ihr
sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natürlichen, naiven
Begeisterung.

»Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann,« dachte sie, ohne ihn
zu hören, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken,
während sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so
wohl in seiner Lebhaftigkeit, daß sie begriff, wie Anna sich in ihn
hatte verlieben können.


                                  21.

»Nein, ich glaube die Fürstin ist müde und die Pferde interessieren
sie nicht mehr,« sagte Wronskiy zu Anna, welche vorgeschlagen hatte,
zum Marstall zu gehen, wo Swijashskiy den neuen Hengst zu besichtigen
wünschte. »Geht Ihr dahin, während ich die Fürstin ins Haus begleite,
und wir wollen ein wenig plaudern, wenn es Euch angenehm ist?« sagte
er, zu derselben gewendet.

»Von Pferden verstehe ich gar nichts; und es ist mir so recht
angenehm,« sagte Darja Aleksandrowna etwas verwundert.

Sie sah im Gesicht Wronskiys, daß er etwas von ihr wünschte, und sie
irrte nicht. Kaum waren sie wiederum durch das Pförtchen in den Garten
gelangt, als er nach der Seite schaute, nach welcher Anna gegangen war,
und, nachdem er sich überzeugt hatte, daß diese ihn weder hören noch
sehen könne, begann:

»Ihr habt erraten, daß ich mit Euch zu sprechen wünschte,« sagte er,
sie mit lachenden Augen anblickend, »ich irre nicht darin, daß Ihr
eine Freundin Annas seid.« Er nahm den Hut ab, zog ein Tuch hervor und
trocknete sich damit seinen Kopf mit dem spärlichen Haar.

Darja Aleksandrowna antwortete nicht, sondern blickte ihn nur
erschrocken an. Nachdem sie mit ihm so allein geblieben, wurde es ihr
plötzlich ängstlich zu Mut; die lachenden Augen und der ernste Ausdruck
seines Gesichts erschreckten sie.

Die verschiedenartigsten Vermutungen, worüber er wohl mit ihr könnte
sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. »Er wird mich einladen, mit
den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschläglich
antworten müssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis für Anna
schaffen, oder will er über Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen
zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, daß er sich
schuldig fühlt?« Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er
mit ihr mochte reden wollen.

»Ihr habt so großen Einfluß auf Anna, sie liebt Euch so,« sagte er,
»helft mir doch!«

Darja Aleksandrowna schaute fragend und schüchtern auf sein energisches
Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne
trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten
wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen
würde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend,
schweigend neben ihr hin.

»Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den
früheren Freundinnen Annas -- die Fürstin Barbara rechne ich nicht --
so verstehe ich darin, daß Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa
unser Verhältnis für ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze
Schwierigkeit dieses Verhältnisses begreifend, sie noch immer ebenso
liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefaßt?« frug
er, sie anschauend.

»O ja,« antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schließend,
»doch« --

-- »Nein,« unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkürlich, und
vergessend, daß er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche
Situation versetzte, indem diese genötigt war, gleichfalls stehen
zu bleiben. »Niemand empfindet mehr und stärker als ich die ganze
Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir
die Ehre erweist, mich für einen Menschen zu halten, der Herz besitzt,
>ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fühle ich sie.<«

»Ich verstehe,« sagte Darja Aleksandrowna, unwillkürlich freundlich
werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, »aber eben
deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fühlt, übertreibt Ihr, wie ich
fürchte,« sagte sie, »Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich
verstehe wohl.«

»In der Welt ist sie eine Hölle,« fuhr er hastig fort, das Gesicht in
finstre Falten legend, »man kann sich keine schlimmeren moralischen
Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in
Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.«

»Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedürfnis nach
der Welt empfindet« --

»Die Welt« -- sagte er voll Verachtung, »welches Bedürfnis kann ich
nach der Welt empfinden?«

»Bis jetzt -- und vielleicht bleibt das immer so -- seid Ihr glücklich
und ruhig. Ich sehe an Anna, daß sie glücklich ist, vollkommen
glücklich, sie hat es mir kaum erst geäußert« -- sagte Darja
Aleksandrowna lächelnd; doch unwillkürlich stiegen ihr, während sie
dies sprach, Zweifel auf, ob Anna wirklich glücklich war.

Wronskiy hingegen schien hieran nicht zu zweifeln.

»Ja, ja,« sagte er, »ich weiß, daß sie aufgelebt ist nach allen ihren
Leiden; sie ist glücklich. Sie ist wahrhaft glücklich. Aber ich? Ich
fürchte das, was uns erwartet. Doch entschuldigt, Ihr wollt gewiß
gehen?«

»Nein, ganz gleich.«

»Gut, setzen wir uns dann hierher!«

Darja Aleksandrowna ließ sich auf einer Gartenbank in einer Ecke der
Allee nieder. Er blieb vor ihr stehen.

»Ich sehe, daß sie glücklich ist,« wiederholte er und der Zweifel
daran, ob sie glücklich sei, beschlich Darja Aleksandrowna noch mehr.
»Aber kann dies so fortgehen? Mögen wir gut oder schlecht gehandelt
haben, das bleibt eine andre Frage, aber der Würfel ist gefallen,«
sagte er, aus der russischen in die französische Sprache übergehend,
»und wir sind für das ganze Leben miteinander verbunden; wir sind
vereint durch die heiligsten Bande der Liebe. Wir haben ein Kind,
wir können noch mehr Kinder haben. Aber das Gesetz und alle Umstände
in unserem Verhältnis sind derart, daß sich tausend Verwickelungen
zeigen, welche Anna jetzt, wo sie ihren Geist von all den Leiden und
Prüfungen ausruhen läßt, nicht sieht oder nicht sehen will. Und das ist
begreiflich. Ich aber muß sie sehen. Meine Tochter ist nach dem Gesetz
-- nicht meine Tochter, sondern eine Karenina. Ich will diese Täuschung
nicht,« sagte er, mit einer energischen Geste der Verneinung, und
düster fragend Darja Aleksandrowna anblickend.

Diese antwortete nicht und schaute ihn nur an. Er fuhr fort:

»Morgen kann mir ein Sohn geboren werden, mein Sohn, aber nach dem
Gesetz -- ist er ein Karenin; weder Erbe meines Namens, noch Erbe
meines Vermögens, und so glücklich wir in der Familie sein, soviel
Kinder wir auch bekommen mögen, zwischen mir und ihnen besteht kein
Band. Sie sind Karenin. Begreift nur das Drückende und Entsetzliche
dieser Lage! Ich habe es versucht, mit Anna darüber zu sprechen, aber
sie reizt dies nur. Sie versteht es nicht und ich vermag nicht, ihr
alles zu sagen. Betrachtet indes jetzt die Sache auch noch von einer
anderen Seite! Ich bin glücklich, glücklich durch ihre Liebe, aber ich
muß eine Beschäftigung haben! Diese Beschäftigung habe ich gefunden und
bin stolz auf sie; ich halte sie für edler, als es die Beschäftigung
meiner ehemaligen Kameraden am Hof und im Dienst ist, und ohne Zweifel
würde ich dieses Wirken nicht mit dem ihren vertauschen mögen. Ich
arbeite hier, auf meiner Scholle sitzend, und bin glücklich und
zufrieden, und wir brauchen nichts weiter zum Glück. Ich liebe diese
Thätigkeit. =Cela n'est pas un pis-aller=, im Gegenteil« --

Darja Aleksandrowna bemerkte, daß er an dieser Stelle seiner
Erklärung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht
recht und fühlte, daß er jetzt, nachdem er einmal über seine
Herzensangelegenheiten, über die er mit Anna nicht reden konnte, zu
sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und daß sich die Frage
seiner Beschäftigung auf dem Lande in der nämlichen Abteilung seiner
innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage über seine
Beziehungen zu Anna war.

»Indessen, ich fahre fort,« sagte er, wieder auf den rechten Weg
kommend, »das Wichtigste ist, daß ich beim Arbeiten die Überzeugung
hegen muß -- daß das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, daß
ich Erben haben werde, -- und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt
Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus weiß,
daß seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen
werden, sondern jemandes, der sie haßt und sie gar nicht kennen will.
-- Das ist doch furchtbar!«

Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung.

»Ja, natürlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun?« frug Darja
Aleksandrowna.

»Dies eben führt mich auf den Zweck meiner Aussprache,« sagte er, sich
gewaltsam bezwingend, »Anna kann Etwas thun; es hängt von ihr ab.
Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung
unumgänglich erforderlich. Und diese hängt von Anna ab; ihr Gatte
war mit der Scheidung einverstanden -- Euer Gatte hatte dies damals
vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich weiß es, würde er
sich nicht weigern. Es käme nur darauf an, daß man ihm schriebe. Er
hat damals offen geantwortet, daß er sich, wenn sie diesen Wunsch
aussprechen sollte, nicht weigern würde. Natürlich,« sagte er finster,
»ist dies nur eine jener Pharisäerhärten, deren allein Leute ohne Herz
fähig sind. Er weiß, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet,
und fordert, da er es weiß, von ihr einen Brief. Ich begreife, daß
ihr das qualvoll sein muß, aber die Ursachen sind so wichtig, daß es
heißt =passer par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du
bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants.= Ich spreche nicht
von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird,« sagte er mit dem
Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. »Und
so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Fürstin, wie an einen
Rettungsanker. Helft mir, sie zu überreden, daß sie ihm schreibt und
die Scheidung fordert.«

»Ja, natürlich,« sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten
Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, »ja versteht
sich,« wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna.

»Macht von Eurem Einfluß auf sie Gebrauch und bewirkt, daß sie
schreibt. Ich will und kann nicht darüber mit ihr reden.«

»Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht
hieran denken?« sagte Darja Aleksandrowna, der plötzlich hierbei die
seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte
wieder daran, daß Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres
Lebens, die ihr Herz berührten, kam, mit den Augen zwinkerte. »Gerade
als ob sie über ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen,« dachte
Dolly. »Ohne Zweifel muß ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr
sprechen,« antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin.

Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu.


                                  22.

Als Anna Dolly bereits zurückgekehrt fand, schaute sie ihr aufmerksam
ins Auge, als wolle sie nach dem Gespräch fragen, welches sie mit
Wronskiy gehabt, frug aber nicht mit Worten.

»Es scheint schon Zeit zur Mittagstafel zu sein,« sagte sie. »Wir haben
uns ja noch gar nicht gesehen. Ich rechne auf den Abend; jetzt muß ich
mich umkleiden, und ich denke wohl auch du wirst dies thun? Wir sind
auf dem Bau alle ganz schmutzig geworden.«

Dolly ging nach ihrem Zimmer und war nun in einer komischen Situation.
Es war ihr nicht möglich, sich umzukleiden, denn sie hatte schon ihr
bestes Kleid angelegt; doch, um wenigstens in Etwas ihre Vorbereitung
zur Tafel kenntlich zu machen, bat sie die Zofe, ihr das Kleid zu
reinigen, wechselte die Manschetten und ein Band und legte Spitzen auf
den Kopf.

»Das ist alles, was ich vermag,« sagte sie lächelnd zu Anna, welche in
dem dritten, wiederum einem sehr einfachen Kleide, zu ihr kam.

»Ja, wir sind hier sehr kokett,« sagte Anna, sich gleichsam
entschuldigend wegen ihrer Toilette. »Aleksey ist erfreut über dein
Kommen, wie selten über Etwas. Er ist aufrichtig in dich verliebt,«
fügte sie hinzu. »Aber du bist doch nicht ermüdet?«

Bis zur Tafel war keine Zeit mehr, noch über etwas zu sprechen. Als sie
in den Salon traten, trafen sie dort bereits die Fürstin Barbara und
die Herren in schwarzen Röcken. Der Architekt war im Frack. Wronskiy
stellte dem Besuch den Arzt vor. Den bauleitenden Architekten hatte er
mit Darja Aleksandrowna schon in dem Krankenhause bekannt gemacht.

Der dicke Hausmeister, mit seinem glänzenden, runden rasierten Gesicht
und im steifgeplätteten Band seiner weißen Krawatte meldete, daß
das Essen bereit sei, und die Damen erhoben sich. Wronskiy ersuchte
Swijashskiy, Anna Arkadjewna den Arm zu reichen, während er selbst zu
Dolly trat. Wjeslowskij gab vor Tuschkjewitsch der Fürstin Barbara
seinen Arm, so daß dieser, der Baumeister und der Arzt allein gingen.

Das ganze Essen, der Speisesalon, das Service, der Wein und die Speisen
entsprachen nicht nur dem allgemeinen Charakter des modernen Prunkes
in diesem Hause, sondern alles war wohl noch luxuriöser und moderner.
Darja Aleksandrowna musterte diese ihr neue Pracht und vertiefte sich
als Hausfrau, die ein Hauswesen führte -- obwohl ohne Hoffnung, etwas
von all dem Gesehenen mit ihrem Hauswesen vergleichen zu können, so
hoch stand hier alles an Pracht über ihrer Lebensweise -- unwillkürlich
in alle Einzelheiten und stellte sich dabei die Frage, wer dies alles
gemacht hatte und wie es gemacht war.

Wasjenka Wjeslowskij, ihr Gatte und selbst Swijashskiy und viele Leute,
die sie kannte, hatten nie hierüber nachgedacht, sondern aufs Wort
daran geglaubt, daß jeder rechtschaffene Hausherr seine Gäste merken
zu lassen wünscht, alles, was bei ihm gut in der Einrichtung sei, habe
ihm, dem Hausherrn, nicht die geringste Mühe gekostet, sondern sei von
selbst geworden.

Darja Aleksandrowna aber wußte, daß von selbst nicht einmal der Brei
zum Frühstück für die Kinder werde, und infolge dessen auf eine so
komplizierte und herrliche Einrichtung gewissermaßen verstärkte
Aufmerksamkeit hatte gerichtet werden müssen. Auch an dem Blicke des
Aleksey Kyrillowitsch, mit welchem dieser den Tisch überflog, und
wie er ein Zeichen mit dem Kopfe nach dem Hausmeister hin gab, und
wie er der Darja Aleksandrowna die Auswahl zwischen dem Kwasgericht
und der Suppe vorschlug, erkannte sie, daß alles durch die Fürsorge
des Herrn selbst geschehe und von dieser gehalten sei. Von Anna hing
augenscheinlich dies alles nicht in höherem Grade ab, als etwa von
Wjeslowskij. Sie, Swijashskiy, die Fürstin und Wjeslowskiy waren einzig
und allein die Gäste, welche heiter genossen, was für sie bereitet war.

Anna war Hausfrau nur der Führung des Gesprächs nach, und dieses
Gespräch, sehr schwierig für die Hausherrin bei der nicht großen
Tafel, bei Personen wie dem Baumeister und dem Architekten, Leuten
einer vollständig anderen Welt, die sich bemühten, nicht zu erröten
vor dem ungewohnten Luxus, und nicht lange an dem gemeinsamen Gespräch
teilzunehmen vermochten -- dieses schwierige Gespräch führte Anna mit
ihrem gewohnten Takte, mit Natürlichkeit und selbst mit Vergnügen, wie
Darja Aleksandrowna merkte.

Das Gespräch drehte sich darum, wie Tuschkjewitsch und Wjeslowskiy
allein im Boot gefahren waren; dann begann Tuschkjewitsch von den
letzten Bootwettfahrten in Petersburg im Jachtklub zu erzählen. Doch
Anna, eine Pause abwartend, wandte sich sogleich an den Architekten, um
denselben aus seinem Schweigen zu ziehen.

»Nikolay Iwanitsch war überrascht,« sagte sie zu Swijashskiy, »wie das
neue Gebäude seit der Zeit, seit welcher er das letzte Mal hier war,
gewachsen ist; aber ich bin alltäglich dabei und verwundere mich selbst
alltäglich, wie schnell das geht.«

»Mit Erlaucht arbeitet es sich auch gut,« sagte lächelnd der Architekt
-- er war im Gefühl seines Wertes ein ehrerbietiger und ruhiger Mensch
-- »man hat es hier nicht mit Gouvernementsmachthabern zu thun, bei
denen erst ein Ries Papier vollgeschrieben werden muß; ich mache dem
Grafen Meldung, wir besprechen und mit drei Worten ist die Sache
abgemacht.«

»Amerikanische Manieren,« sagte Swijashskiy lächelnd.

»Ja; dort werden die Gebäude rationell errichtet.«

Das Gespräch kam auf den Mißbrauch der Macht in den Vereinigten
Staaten, doch Anna brachte es sogleich auf ein anderes Thema, um den
Baumeister aus seinem Schweigen zu ziehen.

»Hast du schon einmal Erntemaschinen gesehen?« wandte sie sich an Darja
Aleksandrowna. »Wir waren hinausgeritten, sie anzusehen, als wir dir
begegneten. Ich selbst habe sie zum erstenmale gesehen.«

»Wie arbeiten sie denn?« frug Dolly.

»Genau so wie Scheren. Es ist ein Brett und daran sind viele kleine
Scheren. So hier« --

Anna ergriff mit ihren schönen, weißen, von Ringen bedeckten Händen
ein Messer und eine Gabel und begann zu zeigen. Sie sah offenbar, daß
sich aus ihrer Erklärung nichts erkennen lasse, setzte aber, recht wohl
wissend, daß sie angenehm sprach und daß ihre Hände schön seien, die
Erklärung fort.

»Es sind eigentlich mehr Federmesser,« sagte Wjeslowskij lächelnd, ohne
die Augen von ihr zu verwenden.

Anna lächelte kaum merklich, antwortete ihm aber nicht.

»Nicht wahr, Karl Fjodorowitsch, es sind Scheren?« wandte sie sich an
den Baumeister.

»O ja,« versetzte der Deutsche in deutscher Sprache, »es ist ein ganz
einfaches Ding,« und begann dann die Konstruktion der Maschine zu
erläutern.

»Schade, daß sie nicht strickt. Ich habe auf der Wiener Weltausstellung
eine gesehen, die strickt Draht,« sagte Swijashskiy, »diese wären noch
nützlicher gewesen.«

»Es kommt drauf an; der Preis vom Draht muß ausgerechnet werden,« sagte
der Deutsche in deutscher Sprache und wandte sich, seinem Schweigen
entrissen, an Wronskiy.

»Das läßt sich ausrechnen, Erlaucht.« Der Deutsche hatte bereits in die
Tasche gegriffen, wo er Bleistift und ein Notizbuch trug, in welchem
er alles ausrechnete. Doch besann er sich, daß er bei Tische sitze und
stand, den kühlen Blick Wronskiys bemerkend, von seinem Vorhaben ab.
»Zu kompliziert; macht zuviel Klopot,« schloß er.

»Wünscht man Dochots,[A] so hat man auch Klopots,«[B] sagte Wasjenka
Wjeslowskij auf Deutsch, sich über den Deutschen lustig machend.
»=J'adore l'allemand=,« wandte er sich mit dem nämlichen Lächeln zu
Anna.

  [A] =dochód= »Einkünfte«.

  [B] =chlópot= Gen. Plur. von =chlópoty= »Plackereien«.

»=Cessez=!« sagte diese scherzhaft ernst. »Wir dachten Euch auf dem
Felde zu treffen, Wasiliy Ssemjonitsch?« wandte sie sich dann an den
Arzt, einen krankhaften Menschen, »waret Ihr dort?«

»Ich war dort, zog mich aber zurück,« antwortete dieser mit mürrischem
Spott.

»Wahrscheinlich habt Ihr Euch eine gute Motion gemacht?«

»Herrlich!«

»Wie ist denn das Befinden der Alten? Ich hoffe es ist nicht Typhus?«

»Typhus oder nicht Typhus, in der Besserung befindet sie sich nicht
gerade.«

»Wie schade,« sagte Anna, und wandte sich, nachdem sie so der
Höflichkeit ihren Hausgenossen gegenüber den Tribut gezollt hatte,
wieder zu den Ihrigen.

»Es wäre jedenfalls nach Eurer Erzählung schwierig, eine Maschine zu
konstruieren, Anna Arkadjewna,« sagte Swijashskiy scherzend.

»Nun; inwiefern?« versetzte Anna mit einem Lächeln, welches sagte, daß
sie wohl wisse, in ihrer Erklärung von der Maschinenkonstruktion habe
etwas Liebliches gelegen, was von Swijashskiy auch bemerkt worden sei.
Dieser neue Zug jugendlicher Koketterie überraschte Dolly unangenehm.

»Dafür sind die Kenntnisse Anna Arkadjewnas in der Architektur
bewundernswürdige,« sagte Tuschkjewitsch.

»Allerdings; ich hörte es; gestern sprach Anna Arkadjewna davon -- bis
auf die Plinthe ist sie Kennerin« -- sagte Wjeslowskij.

»Es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man so viel sieht und hört,«
antwortete Anna, »Ihr freilich wißt gewiß nicht einmal, wovon man ein
Haus baut.«

Darja Aleksandrowna sah, daß Anna ungehalten über den Ton von Tändelei
war, der zwischen ihr und Wjeslowskij herrschte, und in welchen
unwillkürlich sie selbst geriet.

Wronskiy handelte in diesem Falle durchaus nicht so, wie Lewin. Er maß
dem Geschwätz Wjeslowskijs offenbar nicht die geringste Bedeutung bei,
ja, würzte im Gegenteil noch dessen Scherze.

»Nun sagt doch einmal, Wjeslowskij, womit bindet man denn die Steine!«

»Natürlich mit Cement.«

»Bravo! Aber was ist denn Cement?«

»Nun so etwas wie ein dünner Brei, nein wie Kitt,« sagte Wjeslowskij,
ein allgemeines Gelächter hervorrufend.

Die Konversation unter den Dinierenden mit Ausnahme des in tiefes
Schweigen versunkenen Arztes, des Architekten und des Baumeisters,
verstummte nicht, bald glatt fließend, bald stockend und jemanden
bei einer Schwäche fassend. Einmal wurde auch Darja Aleksandrowna
angegriffen und so aufgeregt davon, daß sie sogar errötete, und sich
besann, ob man ihr nicht etwas Überflüssiges und Unangenehmes gesagt
habe? Swijashskiy hatte über Lewin zu sprechen begonnen, und von seinen
seltsamen Urteilen, daß die Maschinen der russischen Landwirtschaft nur
schädlich seien, erzählt.

»Ich habe nicht das Vergnügen, diesen Herrn Lewin zu kennen,« sagte
Wronskiy lächelnd, »aber wahrscheinlich hat er wohl niemals die
Maschinen gesehen, die er verwirft. Und wenn er eine gesehen und
erprobt hat, so wird sie darnach gewesen sein, nicht eine ausländische,
sondern eine russische. Wie kann man hierbei noch Ansichten haben?«

»Im allgemeinen türkische Ansichten,« sagte Wjeslowskij lächelnd, sich
an Anna wendend.

»Ich kann seine Urteile nicht vertreten,« fuhr Darja Aleksandrowna auf,
»aber ich kann sagen, daß er ein sehr gebildeter Mann ist, und, wenn er
hier wäre, schon wüßte, wie er Euch zu antworten hätte; ich verstehe es
allerdings nicht!«

»Ich liebe ihn sehr und wir sind sehr gute Freunde,« sagte Swijashskiy
gutmütig lächelnd. »=Mais pardon, il est un petit peu toqué=; zum
Beispiel behauptet er, daß sowohl das Semstwo, wie die Schiedsrichter
nicht nötig wären, und beteiligt sich an nichts.«

»Das ist unsere russische Indifferenz,« sagte Wronskiy, Wasser aus
einer Eiskaraffe in ein feines Glas auf langem Fuße gießend, »man
will sich keiner Verpflichtungen bewußt werden, die unsere Rechte uns
auferlegen, und stellt diese Pflichten daher in Abrede.«

»Ich kenne keinen Menschen, der strenger wäre in der Erfüllung seiner
Pflichten,« sagte Darja Aleksandrowna, gereizt von diesem Tone der
Überlegenheit in Wronskiy.

»Ich, im Gegenteil,« fuhr Wronskiy fort, offenbar aus irgend einem
Grunde von diesem Gespräch in einem gewissen Punkte getroffen, »ich im
Gegenteil, so wie Ihr mich seht, bin sehr dankbar für die Ehre, die Ihr
mir erwiesen habt, dank Nikolay Iwanitsch« -- er wies auf Swijashskiy
-- »indem ich zum Ehrenrichter gewählt worden bin. Ich meine, daß für
mich die Pflicht, zu den Zusammenkünften zu reisen, die Klage eines
Bauern über ein Pferd zu begutachten ebenso wichtig ist, wie alles, was
ich überhaupt thun kann. Ich werde es mir zur Ehre anrechnen, wenn man
mich zum stimmenden Richter macht. Nur damit kann ich jene Vorteile
wieder ausgleichen, welche ich als Grundherr besitze. Zum Unglück
versteht man die Bedeutung nicht, welche die Großgrundbesitzer im
Reiche haben müßten.«

Darja Aleksandrowna berührte es seltsam, wie er so ruhig in seiner
Gerechtigkeit dasaß, in seinem Hause hinter seinem Tische. Sie dachte
daran, wie Lewin, von entgegengesetzter Meinung, ebenso entschieden war
in seinem Urteil, in seinem Hause, an seinem Tische. Doch sie liebte
Lewin und war daher auf seiner Seite.

»So können wir also auf Euch rechnen, Graf, für die nächste
Zusammenkunft?« frug Swijashskiy. »Doch wird zeitig zu fahren sein,
damit man um acht Uhr schon dort ist. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen
wolltet, zu mir zu kommen?«

»Auch ich bin ein wenig einverstanden mit deinem =beau frère=,« sagte
Anna, »man darf nur nicht ganz so denken, wie er,« fügte sie lächelnd
hinzu. »Ich fürchte, daß in letzter Zeit für uns zu viel dieser
gesellschaftlichen Pflichten erstanden sind. Wie es früher so viel
Beamte gab, daß für jede Arbeit ein Beamter erforderlich war, so ist
jetzt alles gesellschaftlicher Faktor. Aleksey ist jetzt sechs Monate
hier und schon ist er Mitglied von wohl fünf oder sechs verschiedenen
socialen Institutionen -- als Vormund, Richter, Stimmrichter, Beisitzer
&c. =Du train que cela va=, alle seine Zeit geht darin auf. Ich
fürchte, daß bei der Masse dieser Geschäfte, alles nur Form ist. In wie
viel Orten seid Ihr Ratsmitglied des Gerichtshofs, Nikolay Iwanitsch,«
wandte sie sich an Swijashskiy, »mir scheint in mehr als zwanzig!«

Anna sprach im Scherz, aber in ihrem Tone lag Bitterkeit. Darja
Aleksandrowna, welche Anna und Wronskiy aufmerksam beobachtet hatte,
bemerkte dies sogleich. Sie bemerkte auch, daß das Gesicht Wronskiys
bei diesem Gespräch sofort einen ernsten und eigensinnigen Ausdruck
annahm. Als sie dies bemerkt hatte, sowie auch, daß die Fürstin Barbara
sogleich, um das Thema zu ändern, hastig von Petersburger Bekannten zu
sprechen begann, sich ferner auch daran erinnert hatte, daß Wronskiy im
Garten nicht zur passenden Zeit über seine Thätigkeit gesprochen hatte,
erkannte Dolly, daß mit dieser Frage über die sociale Wirksamkeit ein
gewisser geheimer Zwist zwischen Anna und Wronskiy zusammenhing.

Das Essen, die Weine, die Servierung, alles das war sehr gut, doch auch
ebenso, wie es Darja Aleksandrowna bei offiziellen Essen und Bällen,
von denen sie jetzt freilich ganz entwöhnt war, gesehen hatte, und von
dem nämlichen Charakter des Nichtigen und Gespreizten. Infolge dessen
machte auch alles dies, an dem gewöhnlichen Wochentag und in diesem
kleinen Kreis einen unangenehmen Eindruck auf sie.

Nach dem Essen setzte man sich auf die Terrasse, dann wurde =lawn
tennis= gespielt, indem man sich in zwei Parteien schied, und auf
dem sorgfältig geebneten und abgesteckten =croket-ground=, auf
beiden Seiten des aufgespannten Netzes mit den vergoldeten Stäben
auseinandertrat.

Darja Aleksandrowna versuchte zu spielen, konnte aber lange Zeit das
Spiel nicht begreifen; nachdem sie es aber erfaßt hatte, war sie so
müde geworden, daß sie sich bei der Fürstin Barbara niedersetzte und
den Spielenden nur noch zuschaute. Ihr Partner, Tuschkjewitsch, hatte
ebenfalls aufgehört, die übrigen aber setzten das Spiel noch lange
fort. Swijashskiy und Wronskiy spielten beide sehr gut und mit Ernst.
Sie folgten mit scharfen Blicken dem ihnen zugeworfenen Ball, ohne sich
zu überhasten oder etwas zu versäumen, liefen ihm behend nach, paßten
die Sprünge ab und schleuderten den Ball zielbewußt und richtig über
das Netz hinüber.

Wjeslowskij spielte schlechter als die übrigen. Er war zu aufgeregt,
inspirierte aber dafür mit seiner Heiterkeit die Spieler. Sein
Gelächter und seine Rufe klangen unaufhörlich. Er legte wie alle
übrigen Herren, auf den Beschluß der Damen den Überrock ab, und
seine volle schöne Figur mit den weißen Hemdärmeln, dem roten
schweißbedeckten Gesicht, den hastigen Bewegungen prägte sich förmlich
dem Gedächtnis ein.

Als Darja Aleksandrowna sich in dieser Nacht schlafen legte, sah sie,
als sie kaum die Augen geschlossen hatte, den über den =croket-ground=
huschenden Wasjenka Wjeslowskij.

Während des Spieles war Darja Aleksandrowna nicht heiter gestimmt
gewesen. Ihr mißfiel das auch hierbei fortdauernde, tändelnde
Verhältnis zwischen Wasjenka und Anna, sowie die allgemeine
Gezwungenheit der Erwachsenen, wenn solche allein, ohne daß Kinder
dabei sind, ein Kinderspiel spielen.

Um indessen die übrigen nicht zu stören, und irgendwie die Zeit doch
zu verbringen, gesellte sie sich endlich, nachdem sie sich erholt
hatte, dem Spiele wieder bei und stellte sich heiter. Diesen ganzen
Tag hindurch schien es ihr immer, als spiele sie auf einem Theater,
mit Schauspielern, die besser waren als sie, und als verderbe ihr
schlechtes Spiel die ganze Aufführung.

Sie war mit der Absicht gekommen, zwei Tage hier zu bleiben, falls es
anginge. Aber am Abend während des Spielens, beschloß sie bei sich,
morgen schon abzureisen. Jene quälenden mütterlichen Sorgen, die sie
unterwegs so gehaßt hatte, erschienen ihr jetzt, nach einem Tage den
sie ohne dieselben verbracht hatte, schon in anderem Lichte und lockten
sie an sich.

Als Darja Aleksandrowna nach dem Abendthee und einer Spazierfahrt am
Abend im Boot allein in ihr Zimmer getreten war, ihr Kleid abgelegt und
sich niedergesetzt hatte, um ihr dünnes Haar für die Nacht aufzubinden,
empfand sie große Erleichterung.


                                  23.

Dolly wollte sich bereits niederlegen, als Anna im Nachtkostüm bei ihr
eintrat.

Im Laufe des Tages hatte diese mehrmals Gespräche über
Herzensangelegenheiten begonnen, aber stets, nachdem sie einige Worte
gesprochen, wieder inne gehalten. »Später, allein unter uns, wollen wir
alles besprechen. Ich habe dir soviel zu sagen,« hatte sie geäußert.

Jetzt waren sie allein, doch Anna wußte nicht, wovon sie sprechen
sollte. Sie saß am Fenster, auf Dolly blickend, fand aber, in ihrem
Geiste all den unerschöpflich scheinenden Stoff zu ihren Gesprächen
über Geistiges durchmusternd, nichts.

Es schien ihr in dieser Minute, als ob alles schon gesagt wäre.

»Was macht denn Kity?« sagte sie, schwer aufseufzend und im Gefühl
einer Schuld Dolly anblickend. »Sag' mir die Wahrheit, Dolly, zürnt sie
mir nicht?«

»Sie zürnen? Nein« -- sagte Darja Aleksandrowna lächelnd.

»Aber sie haßt, verachtet mich?«

»O nein; doch du weißt ja, Eines läßt sich nicht vergeben.«

»Ja, ja,« sagte Anna, sich abwendend und durch das geöffnete Fenster
schauend. »Aber ich war nicht schuld! Wer war denn schuld? Was heißt
denn schuldig? Konnte es anders kommen? Wie denkst du darüber? Wäre es
möglich gewesen, daß du nicht die Frau Stefans wurdest?«

»Wahrhaftig; ich weiß nicht. Aber sage du mir doch das?«

»Ja, ja, wir waren indessen noch nicht mit Kity fertig. Ist sie
glücklich? Er ist ein schöner Mann, wie man sagt.«

»Das will wenig sagen, daß er schön ist. Ich kenne aber keinen besseren
Menschen.«

»Ach, wie froh bin ich! Ich bin sehr froh! Es will wenig sagen, daß er
ein schöner Mann ist,« wiederholte sie.

Dolly lächelte.

»Erzähle mir doch etwas von dir selbst! Wir haben uns so viel zu
erzählen. Ich sprach auch mit« -- Dolly wußte nicht, wie sie ihn
nennen sollte; es war ihr peinlich, ihn Graf oder Aleksey Kyrillowitsch
zu nennen.

»Mit Aleksey« -- sagte Anna, »ich weiß, daß Ihr miteinander gesprochen
habt. Aber ich wollte dich offen fragen, was du von mir, über mein
Leben denkst?«

»Wie kann ich das so plötzlich sagen? Ich weiß es wahrhaftig nicht.«

»Nein, nein, du mußt es mir dennoch sagen. Du siehst ja mein Leben.
Doch vergiß nicht, daß du uns im Sommer siehst, wo du gekommen bist,
und wir nicht allein sind. Wir aber kamen zeitig im Frühjahr hierher
und haben vollständig einsam gelebt, und werden auch einsam weiter
leben; etwas Besseres wünsche ich gar nicht. Stelle dir aber auch vor,
daß ich allein lebte, ohne ihn; und dies wird kommen. An allem sehe
ich, daß dies sich oft wiederholen wird, daß er die Hälfte seiner Zeit
außerhalb des Hauses zubringen wird,« sprach sie, aufstehend und sich
näher zu Dolly setzend.

»Natürlich,« unterbrach sie Dolly, welche ihr entgegnen wollte,
»natürlich mit Gewalt werde ich ihn nicht zurückhalten! Ich halte ihn
gar nicht! Jetzt sind die Rennen; seine Pferde laufen; er reitet mit.
Ich freue mich sehr darüber. Aber was denkst du über mich, stelle dir
meine Lage vor. Was soll man dazu sagen?« Sie lächelte. »Wovon hat er
denn mit dir gesprochen?«

»Er sprach über das, wovon ich selbst sprechen will und ich kann leicht
sein Anwalt sein. Er sprach davon, ob keine Möglichkeit vorhanden sei,
und es nicht gehe, daß« -- Darja Aleksandrowna stockte, »man deine Lage
verbessern könnte. Du weißt, wie ich sie betrachte. Aber gleichwohl,
wenn möglich, muß geheiratet werden« --

»Das heißt, eine Ehescheidung!« sagte Anna, »weißt du, daß das einzige
Weib, welches in Petersburg zu mir gekommen ist, Betsy Twerskaja
gewesen ist? Du kennst sie ja? =Au fond c'est la femme la plus dépravée
qui existe=. Sie stand in einem Verhältnis zu Tuschkjewitsch, in der
schmählichsten Weise ihren Mann hintergehend. Diese nun sagte mir,
daß sie mich nicht mehr kennen wollte, so lange mein Verhältnis ein
illegales bleibe. Denke nicht etwa, daß ich Vergleiche anstellte. Ich
kenne dich, mein Herz, doch ich denke unwillkürlich an sie. Was hat
dir denn Aleksey gesagt?« wiederholte sie.

»Er hat mir gesagt, daß er leide, deinetwegen und seinetwegen.
Vielleicht wirst du sagen, das sei Egoismus, aber es ist ein so
begründeter und edler Egoismus! Er wünscht zunächst seine Tochter
legitim zu machen und dein Gatte zu werden; ein Recht auf dich zu
erhalten.«

»Welche Frau, welche Magd kann bis zu solchem Grade Sklavin werden, als
ich es bin in meiner Lage!« unterbrach Anna düster.

»Das Hauptsächlichste was er wünscht -- er will, daß du nicht mehr
leiden sollst.«

»Das ist unmöglich! Und weiter?«

»Nun, und das Loyalste -- er will, daß eure Kinder einen Namen haben.«

»Welche Kinder denn?« sagte Anna, ohne Dolly anzublicken und mit den
Augen zwinkernd.

»Any und die Künftigen« --

»Daraufhin kann er ruhig sein; ich werde keine Kinder mehr bekommen!«

»Wie darfst du sagen, daß dies nicht mehr der Fall sein könnte?«

»Deshalb nicht, weil ich es nicht will!«

Trotz ihrer hohen Erregung lächelte Anna, als sie den naiven Ausdruck
von Neugier, Erstaunen und Schrecken auf Dollys Gesicht bemerkte.

»Der Arzt hat mir nach meiner Krankheit gesagt, daß« -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Nicht möglich!« sagte Dolly, die Augen weit aufreißend. Für sie war
dies eine jener Offenbarungen, deren Folgerungen und Ausführungen so
ungeheuer sind, daß man in der ersten Minute nur fühlt, man könne sich
das Ganze nicht vorstellen, werde aber noch viel darüber nachzudenken
haben.

Diese Eröffnung, welche ihr plötzlich über alle jene früher für sie
unbegreiflich gewesenen Familien, die nur ein oder zwei Kinder hatten,
eine Erklärung gab, rief in ihr soviel Gedanken, Phantasieen und
widerstreitende Empfindungen wach, daß sie nichts zu sagen wußte und
nur mit weit geöffneten Augen erstaunt auf Anna schaute. Das war das
Nämliche, wovon sie wohl schon geträumt hatte; aber jetzt, als sie
kennen gelernt, daß es möglich sei, erschrak sie. Sie fühlte, daß dies
die nur allzu einfache Lösung einer zu verwickelten Frage war.

»=N'est ce pas immoral=!« sagte sie nur nach einigem Schweigen.

»Inwiefern? Bedenke: Ich habe die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder
schwanger zu sein, das heißt krank, oder der Freund und Kamerad meines
Gatten zu sein, ganz wie ein Mann,« sprach Anna in hochfahrendem und
leichtsinnigem Tone.

»Nun ja, nun ja,« sprach Darja Aleksandrowna, die nämlichen Argumente
hörend, die sie selbst für sich beigebracht hatte, in ihnen aber nicht
mehr die alte Beweiskraft findend. »Für dich, für andere,« sagte Anna,
als errate sie Dollys Gedanken, »kann noch ein Zweifel bestehen, für
mich aber -- begreife, ich bin kein angetrautes Weib! Er liebt mich so
lange, als er liebt. Und womit soll ich dann seine Liebe unterhalten?
Doch nur damit!«

Sie streckte die weißen Arme vor ihrem Leibe aus.

Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, wie dies in Momenten der Aufregung
zu sein pflegt, drängten sich Gedanken und Erinnerungen im Kopfe Darja
Aleksandrownas.

»Ich,« dachte sie, »habe meinen Stefan doch nicht an mich fesseln
können. Er ging von mir zu anderen, und die erste, welche er für mich
eintauschte, hat ihn nicht einmal damit festgehalten, daß sie stets
schön und heiter war. Er verließ sie doch und nahm eine andere. Sollte
Anna auch nur damit den Grafen Wronskiy fesseln und halten wollen? Wenn
er das nur sucht, so wird er Toiletten und Manieren finden, die noch
anziehender sind und heiterer. Mögen auch ihre entblößten Arme noch
so weiß, so herrlich sein, ihr Leib in voller Schöne prangen, wie ihr
erhitztes Antlitz aus diesen schwarzen Haaren heraus -- er wird noch
Besseres finden, so wie mein ausschweifender, beklagenswerter und doch
geliebter Mann es sucht und findet.«

Dolly antwortete nicht und seufzte nur. Anna bemerkte dieses Seufzen,
welches ihr Widerspruch bedeutete, und fuhr fort. Sie hatte noch
Beweisgründe vorrätig die so stark waren, daß es auf sie nichts mehr zu
antworten gab.

»Du sagst, daß dies nicht gut sei? Man muß aber nur bedenken,« fuhr
sie fort, »du vergißt meine Lage. Wie könnte ich Kinder wünschen?
Ich spreche nicht von meinen Leiden; ich fürchte sie nicht. Bedenke
aber, was werden meine Kinder sein? Unglückliche Kinder, die einen
fremden Namen tragen. Allein durch ihre Geburt schon sind sie in die
Notwendigkeit versetzt, sich ihrer Mutter zu schämen, ihres Vaters,
sowie ihrer Geburt.«

»Aber deshalb ist ja eben die Ehescheidung erforderlich.«

Anna hörte sie nicht; sie wollte eben die nämlichen Beweisgründe
erschöpfend beibringen, mit welchen sie sich selbst schon so viele Mal
überzeugt hatte.

»Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden
soll, keine Unglücklichen in die Welt zu setzen?« Sie blickte Dolly an,
fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: »Ich würde mich immerdar
vor diesen unglücklichen Kindern schuldig fühlen,« sagte sie. »Wenn sie
nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglücklich, während, wenn sie
unglücklich sind, ich allein daran Schuld trage.«

Es waren dies die nämlichen Beweisgründe, welche Darja Aleksandrowna
auch für sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hörte sie dieselben,
ohne sie zu verstehen. »Wie kann man vor Geschöpfen schuldig sein,
die nicht existieren?« dachte sie bei sich, und plötzlich kam ihr
in den Sinn, ob es wohl unter Umständen für ihren Liebling Grischa
besser gewesen wäre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so
wunderlich, so seltsam, daß sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal
kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen.

»Nein, ich weiß nicht, das ist nicht gut,« sagte sie mit einem Ausdruck
von Ekel auf den Zügen.

»Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin
-- und außerdem,« fügte Anna hinzu, ungeachtet der Fülle ihrer eigenen
Beweisgründe und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend,
daß jenes nicht moralisch sei, »vergiß nicht die Hauptsache, daß ich
mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Für
dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben
wünschst; für mich hingegen, ob ich sie zu haben wünsche. Darin liegt
ein großer Unterschied. Du begreifst, daß ich in meiner Lage dies nicht
wünschen kann.«

Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand plötzlich, daß sie
schon so weit von Anna entfernt stehe, daß es zwischen ihnen Fragen
gab, in welchen sie nie mehr übereinkommen konnten, und von denen nicht
zu sprechen besser war.


                                  24.

»Aber umsomehr wirst du daher deine Verhältnisse ordnen müssen, wenn es
möglich ist,« sagte Dolly.

»Ja, wenn es möglich ist,« versetzte Anna mit plötzlich veränderter,
gedämpfter und trauriger Stimme.

»Ist denn die Ehescheidung unmöglich? Man hat mir gesagt, daß dein Mann
damit einverstanden ist.«

»Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.«

»Nun, dann wollen wir es auch nicht,« beeilte sich Darja Aleksandrowna
zu sagen, indem sie den Ausdruck des Leidens auf Annas Antlitz
bemerkte. »Ich sehe nur, daß du zu schwarz siehst.«

»Ich? Keineswegs! Ich bin sehr heiter und zufrieden. Du hast ja
gesehen; =je fais des passions Wjeslowskij=« --

»Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gefällt mir der Ton Wjeslowskijs
nicht,« sagte Darja Aleksandrowna, im Wunsche, das Thema zu ändern.

»O, keineswegs! Das kitzelt Aleksey, weiter ist es nichts; er aber
ist ein Knabe und ganz in meinen Händen. Du verstehst wohl, ich leite
ihn, wie ich will. Er ist ganz das, was dein Grischa ist. Dolly!« --
änderte sie plötzlich ihre Rede, »du sagst, ich blicke zu schwarz. Das
verstehst du nicht. Es ist zu entsetzlich. Ich suche lieber gar nicht
zu sehen.«

»Aber mir scheint, man muß dies. Man muß alles thun, was möglich ist.«

»Was ist denn möglich? Nichts! Du sagst, ich soll Aleksey heiraten,
und meinst ich dächte nicht daran. Ich soll nicht daran denken!« --
wiederholte sie, und die Farbe trat ihr ins Gesicht. Sie erhob sich,
reckte ihre Brust empor, seufzte tief auf, und begann dann, mit ihrem
leichten Gang im Zimmer auf und abzuschreiten, bisweilen dabei stehen
bleibend. »Ich soll nicht daran denken? keinen Tag, keine Stunde giebt
es, in der ich nicht sänne -- und mir Vorwürfe machte über das was
ich denke -- deshalb, weil die Gedanken hierüber von Sinnen bringen
können. Von Sinnen bringen,« wiederholte sie. »Wenn ich daran denke, so
kann ich ohne Morphium schon nicht mehr schlafen. Doch gut. Wir werden
ruhig sprechen. Man spricht mir von Ehescheidung. Erstens wird er in
diese nicht willigen. Er steht jetzt unter dem Einfluß der Gräfin Lydia
Iwanowna.«

Darja Aleksandrowna folgte, auf dem Stuhl steif emporgerichtet sitzend,
mit dem Ausdruck innigen Mitgefühls auf dem Gesicht und kopfschüttelnd
der hin und wieder wandernden Anna.

»Man muß versuchen,« sprach sie leise.

»Nehmen wir an, man versucht. Was hätte das zu bedeuten?« sagte
sie; augenscheinlich war dies ein Gedanke, den sie wohl tausendmal
überdacht, auswendig gelernt hatte. »Dies bedeutete für mich, die ihn
haßt, sich aber nichtsdestoweniger vor ihm als schuldig bekennt --
ich halte ihn dabei noch für großmütig -- daß ich mich erniedrige,
wenn ich ihm schreibe. Aber gesetzt, ich überwinde mich und thue dies!
Entweder werde ich alsdann eine verletzende Antwort erhalten, oder
die Einwilligung. Gut; ich erhalte die Einwilligung.« -- Anna befand
sich gerade in einer entfernten Ecke des Gemachs und war dort stehen
geblieben, sich an der Gardine des Fensters zu schaffen machend.
»Ich erhalte also die Einwilligung -- aber -- mein _Sohn_? Den wird
man mir ja nicht geben! Er wird wohl heranwachsen, in der Verachtung
gegen mich, im Haus des Vaters, den ich verließ. Wisse, daß ich, wie
mir scheint, gleich stark, aber mehr noch als mich selbst, zwei Wesen
liebe, Sergey und Aleksey.«

Sie trat in die Mitte des Zimmers und blieb vor Dolly stehen, beide
Hände auf ihre Brust pressend. In dem weißen Nachtgewand erschien ihre
Gestalt eigentümlich hoch und voll. Sie senkte den Kopf und schaute mit
feuchtschimmernden Augen von unten her auf die kleine, hagere und in
ihrem geflickten Korsett im Nachthäubchen so kläglich aussehende, am
ganzen Körper vor Aufregung zitternde Dolly.

»Nur diese beiden Wesen liebe ich, und doch schließt eines das andere
aus. Ich kann sie nicht vereinigen und dies allein ist mir doch nur
Bedürfnis. Wenn es nicht angeht, so ist mir alles gleichgültig. Alles,
alles gleichgültig. Irgendwie muß es enden, und daher kann und mag
ich nicht davon sprechen! Mache du mir also keine Vorwürfe und richte
in nichts über mich! Du vermagst in deiner Reinheit nicht alles zu
erfassen, woran ich leide.« Sie trat heran, setzte sich neben Dolly,
blickte dieser mit schuldbewußtem Ausdruck ins Gesicht und nahm sie bei
der Hand. »Was denkst du? Was denkst du über mich? Verachte mich nicht!
Verachtung bin ich nicht wert. Ich bin doch schon unglücklich. Wenn
jemand unglücklich ist, so bin ich es,« sprach sie und brach, sich von
ihr abwendend, in Thränen aus.

Allein geblieben, betete Dolly zu Gott und legte sich in ihr Bett.
Anna hatte ihr von ganzer Seele leid gethan, so lange sie mit ihr
gesprochen; jetzt aber konnte sie sich nicht mehr zum Nachdenken über
sie bringen. Die Erinnerungen an ihr Haus und ihre Kinder tauchten in
einem eigenartigen, ihr neuen Reiz, mit einem gewissen neuen Schimmer
in ihrer Vorstellungskraft auf. Diese ihr eigene Welt erschien ihr
jetzt so teuer und lieb, daß sie um keinen Preis außerhalb derselben
einen überflüssigen Tag hätte zubringen mögen, und sie beschloß,
bestimmt morgen abzureisen.

Anna hatte mittlerweile, nach ihrem Kabinett zurückgekehrt, ein
Glas ergriffen, einige Tropfen Arznei hineingeschüttet, deren
hauptsächlichster Bestandteil Morphium war, und sich, nachdem sie
getrunken, und noch einige Zeit unbeweglich gesessen hatte, in ruhiger
und heiterer Stimmung nach dem Schlafgemach begeben.

Als sie in dasselbe eintrat, blickte Wronskiy sie aufmerksam an.
Er suchte nach den Spuren des Gesprächs, welches sie, wie er wußte
mit Dolly gehabt haben mußte, da sie so lange im Zimmer derselben
geblieben war. Aber in ihrem Ausdruck, der zurückgehaltene Aufregung
und Geheimthuerei verriet, entdeckte er nur die zwar gewohnte, ihn aber
doch immer noch fesselnde Schönheit, ihr Bewußtsein davon, und ihren
Wunsch, sie auf ihn wirken zu lassen. Er wollte Anna nicht fragen, was
sie beide gesprochen hätten, sondern hoffte, sie werde es ihm selbst
sagen. Doch sie sprach nur:

»Ich freue mich, daß Dolly dir gefallen hat. Nicht wahr?«

»Ich kenne sie ja schon lange. Sie ist sehr gut, wie mir scheint, =mais
excessivement terre-à-terre=. Ich habe mich indessen gleichwohl sehr
über sie gefreut.«

Er ergriff Annas Hand und schaute ihr fragend ins Auge. Sie lächelte
ihm zu, den Blick anders auffassend.

Am anderen Morgen rüstete sich Darja Aleksandrowna trotz der Bitten
ihrer Wirte zur Abreise. Der Kutscher Lewins in seinem nicht mehr
gerade neuen Kaftan und dem Postkutscherhut, mit den Pferden von
verschiedener Farbe, ein Wagen mit den ausgebesserten Seiten, fuhr
mürrisch und entschlossen in die geöffnete, mit Sand bestreute Einfahrt.

Der Abschied von der Fürstin Barbara und den Herren war Darja
Aleksandrowna unangenehm. Indem sie nur einen Tag hier geblieben
war, fühlte sie sowohl, wie ihre Wirte, deutlich, daß sie einander
nicht näher getreten waren, und es besser sei, wenn sie nicht mehr
zusammenkämen. Nur Anna empfand Schmerz hierüber. Sie wußte, daß jetzt,
mit Dollys Fortgehen, niemand mehr die Gefühle in ihrer Seele wachrufen
werde, die sich bei diesem Wiedersehen in ihr geregt hatten. Diese
Empfindungen wachzurufen, war ihr schmerzlich gewesen, aber gleichwohl
wußte sie doch, daß sie gerade den besten Teil ihrer Seele bildeten,
und daß dieser Teil ihrer Seele schnell überwuchert sein werde in dem
Leben, welches sie führte.

Als sie auf das Feld hinausgekommen war, empfand Darja Aleksandrowna
ein angenehmes Gefühl der Erleichterung, und sie wollte soeben ihre
Leute fragen, wie es ihnen bei Wronskiy gefallen habe, als plötzlich
Philipp der Kutscher selbst anfing:

»Sind die reich, so reich, und doch haben sie im ganzen nur drei Maß
Hafer gegeben. Bis die Hähne schrieen, hatten sie es rein aufgefressen.
Was sind denn drei Maß? Gerade zum Hineinbeißen. Jetzt kostet der Hafer
bei den Hofleuten fünfundvierzig Kopeken; während bei uns den Reisenden
soviel gegeben wird, als gefressen wird.«

»Ein geiziger Herr,« bestätigte der Comptoirdiener.

»Nun, aber seine Pferde haben dir gefallen?« frug Dolly.

»Seine Pferde, das ist richtig. Das Essen ist ja auch gut. Aber mir
schien es so langweilig, Darja Aleksandrowna, ich weiß nicht, wie
es Euch gegangen ist,« sagte er, ihr sein rotes, gutmütiges Gesicht
zuwendend.

»Mir ging es auch so. Werden wir denn bis zum Abend ankommen?«

»Wir müssen.«

Nachdem Darja Aleksandrowna heimgekommen war, und alles vollkommen
wohlbehalten und besonders herzlich gefunden hatte, erzählte sie mit
großer Lebhaftigkeit von ihrer Reise, wie man sie so gut aufgenommen
habe, von der Pracht und dem guten Geschmack der Lebensweise der
Wronskiy, sowie von ihren Zerstreuungen, und ließ niemand über sie zu
Worte kommen.

»Man muß Anna und Wronskiy kennen -- ich habe ihn jetzt besser kennen
gelernt -- um erkennen zu können, wie liebenswürdig sie sind,« sprach
sie, jetzt vollkommen aufrichtig, nachdem sie das dunkle Gefühl von
Unzufriedenheit und Mißbehagen vergessen hatte, welches sie dort
empfunden.


                                  25.

Wronskiy und Anna verlebten, in unveränderten Verhältnissen, und ohne
Maßregeln für die Ehescheidung zu ergreifen, den ganzen Sommer und
einen Teil des Herbstes auf dem Lande. Sie waren unter sich einig
geworden, nicht von hier weggehen zu wollen, fühlten beide aber, je
länger sie einsam waren, besonders im Herbste und wenn kein Besuch da
war, daß sie diese Lebensweise nicht würden ertragen können und ändern
müßten.

Ihr Leben war so, wie man es besser nicht wünschen konnte; reicher
Überfluß, Gesundheit, ein Kind war da und beide hatten ihre
Beschäftigung. Anna beschäftigte sich, wenn kein Besuch da war,
mit sich selbst und sehr viel mit Lektüre von Romanen und ernsten
Büchern, welche in der Mode waren. Sie verschrieb alle Bücher, von
denen sie sich entsann, Günstiges in den ausländischen Zeitungen und
Journalen die sie erhielt, gelesen zu haben, und las dieselben mit
jener Aufmerksamkeit für das Gelesene, welche nur in der Einsamkeit
vorhanden zu sein pflegt. Außerdem aber studierte sie alles, womit sich
Wronskiy befaßte, nach Büchern oder Fachjournalen, sodaß er sich oft
mit landwirtschaftlichen, architektonischen, ja selbst bisweilen mit
sportsmännischen und Pferdezucht betreffenden Fragen an sie wandte. Er
erstaunte über ihr Wissen, ihr Gedächtnis, und wünschte anfänglich,
noch zweifelnd, Bestätigungen; sie fand dann auch in den Büchern das,
wonach er gefragt und zeigte es ihm.

Die Einrichtung des Hospitals beschäftigte sie gleichfalls. Sie
leistete nicht nur Beistand, sondern richtete vieles selbst ein, oder
sann es aus. Ihre Hauptsorge aber bildete -- sie selbst; insofern sie
Wronskiy teuer war, insofern sie ihm alles ersetzte, was er aufgegeben
hatte. Wronskiy schätzte diesen zum einzigen Ziel ihres Lebens
gewordenen Wunsch -- den, ihm nicht nur zu gefallen, sondern ihm auch
zu dienen, aber zugleich dabei fühlte er sich doch bedrückt von den
Liebesbanden mit denen sie sich bemühte, ihn zu umstricken.

Je mehr Zeit verging, wünschte er weniger sich von ihnen zu befreien
und herauszukommen, als zu versuchen und zu prüfen, ob sie seine
Freiheit wirklich einschränkten. Wäre nicht dieser immer stärker
werdende Wunsch, frei zu sein, der, nicht jedesmal eine Scene zu haben,
wenn er zu einer Gerichtssitzung, zu einem Rennen in die Stadt fahren
mußte, gewesen, so würde Wronskiy mit seinem Dasein völlig zufrieden
gewesen sein.

Die Rolle, welche er sich erwählt hatte, die Rolle des reichen
Grundbesitzers, aus denen der Kern der russischen Aristokratie bestehen
müsse, war ihm nicht nur völlig nach Geschmack, sie machte ihm sogar
jetzt, nachdem er ein halbes Jahr darin gelebt hatte, ein mehr und
mehr wachsendes Vergnügen. Auch sein Werk, welches ihn mehr und mehr
beschäftigte und anzog, gedieh vortrefflich. Trotz der ungeheuren
Summen, welche ihn das Krankenhaus, die Maschinen, die aus der Schweiz
verschriebenen Kühe und vieles andere kosteten, war er sicher, daß
er sein Vermögen nicht zerrüttete, sondern vielmehr vergrößerte.
Wo es sich um Einkünfte, Waldverkäufe, Getreidelieferungen, Wolle,
Landverpachtung handelte, war Wronskiy hart wie ein Kieselstein,
und verstand es, auf den Preis zu halten. In Sachen seiner großen
Landwirtschaft befolgte er, sowohl auf diesem, wie auf seinen übrigen
Gütern, die einfachsten, die gefahrlosesten Methoden, und war höchst
sparsam und haushälterisch in den wirtschaftlichen Kleinigkeiten. Bei
aller Schlauheit und Gewandtheit seines Deutschen, der ihn in Ankäufe
zu verwickeln suchte und jede Berechnung so aufstellte, daß anfangs
bei weitem mehr nötig war, dann aber erwog, daß es möglich sei, das
Nämliche auch billiger machen, und dabei noch einen Gewinn erzielen zu
können, gab Wronskiy diesem in nichts nach.

Er hörte seinen Verwalter an, frug ihn aus und stimmte ihm nur
dann bei, wenn das zu Verschreibende oder neu Einzurichtende das
allerneueste, in Rußland noch unbekannt, und imstande war, Bewunderung
zu erwecken. Im übrigen verstand er sich zu einer großen Ausgabe nur
dann, wenn flüssiges Geld vorhanden war, und kümmerte sich, indem er
die Ausgabe machte, um alle Einzelheiten, bestand auch darauf, nur
das Allerbeste für sein Geld zu erhalten; sodaß er, demzufolge sein
Vermögen offenbar nicht zerrüttete, sondern vergrößerte.

Im Monat Oktober waren die Adelswahlen im Gouvernement von Kaschin,
in welchem sich die Güter Wronskiys, Swijashskiys, Koznyscheffs,
Oblonskiys und ein kleiner Teil von denen Lewins befanden.

Diese Wahlen zogen infolge mannigfacher Umstände und in Anbetracht
der Persönlichkeiten, welche daran teilnahmen, die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich. Man sprach viel von ihnen und bereitete sich
darauf vor. Die Bewohner von Moskau, Petersburg, Fremde, die noch nicht
bei den Wahlen gewesen waren, kamen zu denselben.

Wronskiy hatte Swijashskiy schon längst versprochen, dazu kommen zu
wollen. Noch vorher fuhr Swijashskiy, welcher Wosdwishenskoje häufig
besuchte zu Wronskiy.

Am Vorabend des nämlichen Tages war zwischen Wronskiy und Anna fast
ein Streit wegen der geplanten Reise entstanden. Es war gerade die
langweiligste, schwerste Zeit auf dem Dorfe, die Herbstzeit, und, auf
den Kampf vorbereitet, machte Wronskiy mit einem ernsten und kühlen
Ausdruck, mit welchem er vorher noch nie zu Anna gesprochen hatte,
derselben Mitteilung von seiner Abreise.

Zu seiner Verwunderung nahm Anna indessen diese Nachricht sehr ruhig
auf, und frug nur, wann er zurückkehren werde. Aufmerksam betrachtete
er sie, da er diese Ruhe nicht begriff. Sie lächelte zu seinem Blick.
Er kannte ihre Fähigkeit, sich in sich selbst zurückzuziehen, und
wußte, daß dies nur dann der Fall war, wenn sie bei sich selbst etwas
beschlossen hatte, ohne ihm von ihren Plänen Kenntnis zu geben. Er
fürchtete dies, doch wünschte er so sehr, eine Scene zu vermeiden, daß
er sich den Anschein gab zu glauben -- und teilweise glaubte er es auch
aufrichtig -- was er ja wünschte -- sie sei einsichtsvoll.

»Ich hoffe, du wirst dich nicht langweilen.«

»Ich hoffe es,« sagte Anna, »gestern habe ich eine Kiste Bücher von
Gautier erhalten. Nein, ich werde mich nicht langweilen.«

»Sie wünscht diesen Ton festzuhalten; um so besser,« dachte er, »es
wäre ja doch sonst immer ein und dasselbe,« und fuhr, ohne sie zu einer
aufrichtigen Erklärung aufgefordert zu haben, zu den Wahlen.

Es war dies zum erstenmal seit Beginn ihres Verhältnisses, daß er sich
von ihr trennte, ohne sich völlig mit ihr ausgesprochen zu haben.

Einerseits beunruhigte ihn dies, andererseits fand er, daß es so
besser sei. »Es wird ihr dies im Anfang, wie jetzt, etwas Unklares,
Geheimnisvolles sein, aber später wird sie sich daran gewöhnen.
Jedenfalls kann ich ihr alles bieten, nur nicht meine männliche
Unabhängigkeit,« dachte er.


                                  26.

Im September war Lewin wegen der Niederkunft Kitys nach Moskau
gefahren. Er hatte schon einen ganzen Monat müßig in Moskau verweilt,
als Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gut im Gouvernement Kaschin
besaß und großes Interesse für die Fragen der bevorstehenden Wahlen
hegte, sich fertig machte, zu diesen zu fahren. Er nahm dazu auch den
Bruder mit sich, der im Sjeleznewskischen Kreis ansässig war. Lewin
hatte überdies in Kaschin ein sehr notwendiges Geschäft für seine
Schwester, die im Ausland lebte, in Vormundschaftssachen und wegen der
Empfangnahme von Geldern für einen Kauf zu erledigen.

Lewin war noch immer unentschlossen, aber Kity, welche gewahrte, daß
er sich in Moskau langweile, hatte ihm angeraten, zu fahren und ihm
obendrein noch hinter seinem Rücken eine Adelsuniform, welche achtzig
Rubel kostete, bestellt. Diese achtzig Rubel, welche für die Uniform
bezahlt worden waren, bildeten den Hauptgrund, der Lewin bewog, zu
reisen, und so fuhr er nach Kaschin.

Er war bereits den sechsten Tag daselbst, besuchte täglich die
Sobranje und befaßte sich mit der Angelegenheit seiner Schwester,
die noch nicht in Ordnung war. Die Oberrichter waren sämtlich von
den Wahlen in Anspruch genommen und man kam daher nicht bis zu einer
so einfachen Angelegenheit, die von der Vormundschaft abhing. Die
andere Angelegenheit, die Erhebung der Gelder, begegnete den gleichen
Schwierigkeiten. Nach langen Mühen um die Beseitigung der Hindernisse
lag das Geld endlich bereit zur Aushändigung, aber der Notar, ein sehr
dienstfertiger Mann, konnte den Talon nicht herausgeben, weil die
Unterschrift des Präsidenten dazu erforderlich war, dieser selbst aber
sich in der Session befand. Alle diese Plagen, das Umherlaufen von
Ort zu Ort, die Auseinandersetzungen mit den sehr guten freundlichen
Leuten, welche alle die Unannehmlichkeit der Lage des Petenten
vollkommen begriffen, diesem aber nicht helfen konnten, diese ganze
Anstrengung die keine Resultate ergab, erzeugte in Lewin ein peinliches
Gefühl, ähnlich jener ärgerlichen Ohnmacht, welche man im Schlafe
empfindet, wenn man physische Kraft anwenden will. Er empfand dies oft,
wenn er sich mit seinem sehr gutmütigen Pächter unterhielt. Dieser
Pächter that, wie es schien, alles Mögliche, und strengte alle seine
Kräfte an, um Lewin der Mühewaltung des Probierens zu entheben; nicht
nur einmal hatte er gesagt, dieser solle da oder dorthin fahren, indem
er einen ganzen Plan machte, wie er das Geschick umgehen könne, das
alles hinderte. Gleichwohl aber hatte er hinzugefügt, »man wird sich
freilich weiter sperren, doch probiert nur«. Und Lewin versuchte und
ging und fuhr. Jedermann war gut und liebenswürdig, aber es zeigte
sich, daß das bereits gangbar Gemachte am Ende wieder überwachsen war
und von neuem den Weg verlegte. Besonders unangenehm war es, daß Lewin
in keiner Weise erkennen konnte, mit wem er kämpfe, wer einen Vorteil
davon habe, daß die Angelegenheit nicht zur Erledigung gelangte.
Dies schien niemand zu wissen; auch der Pächter wußte es nicht. Hätte
Lewin es erfahren können, wie er wußte, weshalb man zur Kasse auf
der Eisenbahn nicht anders als in der Reihe Zutritt hat, so würde es
ihm nicht beleidigend und ärgerlich erschienen sein, aber bei den
Hindernissen, auf welche er in der Angelegenheit stieß, konnte ihm
niemand erklären, weshalb sie vorhanden wären.

Lewin hatte sich indessen seit der Zeit seiner Verheiratung vielfach
geändert; er war duldsam geworden, und wenn er nicht gleich verstand,
wozu Etwas in einer bestimmten Weise eingerichtet sei, sagte er zu sich
selbst, daß er, wenn er nicht alles wisse, auch nicht urteilen könne;
daß es wahrscheinlich so sein müsse, und bemühte sich alsdann, nicht in
Aufregung zu geraten.

Jetzt, bei den Wahlen gegenwärtig und an ihnen teilnehmend, bestrebte
er sich ebenfalls, nicht zu urteilen und zu hadern, sondern soviel als
möglich die Sache zu ergründen, mit der sich ehrenhafte und wackere
Männer, die er achtete, mit solchem Ernst und solcher Hingebung
beschäftigten. Seit er geheiratet hatte, eröffneten sich Lewin so viele
neue ernste Seiten, die ihm vordem, infolge einer oberflächlichen
Stellungnahme dazu, zu unbedeutend erschienen waren, daß er auch in den
Wahlen eine ernstere Bedeutung vermutete und suchte.

Sergey Iwanowitsch erklärte ihm den Sinn und die Bedeutung der bei
diesen vorgeschlagenen Veränderungen. Der Gouvernementschef, in
dessen Händen nach dem Gesetz soviel wichtige sociale Aufgaben lagen
-- wie das Vormundschaftswesen, das nämliche, an welchem Lewin jetzt
laborierte, die ungeheuren Summen des Adelsvermögens, die Gymnasien,
das für Mädchen, das für Knaben und ein Kadettenhaus, die Volksbildung
nach den neuen Verhältnissen und endlich, das Semstwo -- dieser
Gouvernementschef Sjnetkoff war ein Herr von altem, adligen Schlag, der
ein ungeheures Vermögen besaß, ein guter Mensch, ehrenhaft in seiner
Weise war, aber nicht vollkommen die Anforderungen der Neuzeit erfaßte.
Er hielt in allem stets die Partei des Adels, wirkte schnurstracks
der Verbreitung der Volksbildung entgegen, und verlieh dem Semstwo,
welches doch so außerordentlich große Bedeutung haben sollte, den
Charakter einer Gesellschaft. Es war daher notwendig, an seinen Platz
einen frischen, in der Zeit stehenden, vernünftigen und vollkommen
neuen Mann einzustellen und die Sache so anzufassen, daß aus all den
Rechten, die dem Adel nicht als Adel, sondern als einem Element des
Semstwo verliehen waren, die Vorteile der Selbstverwaltung gezogen
würden, soviel ihrer zu ziehen waren. In dem reichen Gouvernement
von Kaschin, welches in allem stets den anderen vorangegangen war,
hatten sich jetzt so tüchtige Kräfte angesammelt, daß die Sache,
wenn sie hier so geleitet wurde, wie es nötig war, als Muster für
alle übrigen Gouvernements, ja für ganz Rußland, dienen konnte.
Infolgedessen hatte sie denn eine hohe Bedeutung. Als Gouvernementschef
an Stelle Sjnetkoffs hatte man entweder Swijashskiy oder noch besser
Njewjedowskiy, einen früheren Professor und außerordentlich klugen
Mann, den intimen Freund Sergey Iwanowitschs, in Vorschlag gebracht.

Die Sobranje eröffnete der Gouverneur selbst, der den Edelleuten eine
Rede hielt, daß sie die Amtspersonen nicht nach dem Ansehen der Person,
sondern nach ihren Verdiensten und zum Wohle des Vaterlandes wählen
möchten, und daß er hoffe, der hohe Kaschinskische Adel werde, wie bei
den früheren Wahlen, seine Pflicht pietätvoll erfüllen, und das hohe
Vertrauen des Monarchen rechtfertigen.

Nachdem der Gouverneur diese Rede geendet hatte, verließ er den Saal,
und die Adligen folgten ihm geräuschvoll und lebhaft, einige sogar voll
Enthusiasmus, und umgaben ihn, während er sich den Pelz anlegte und
mit dem Gouvernementsvorsteher freundschaftlich sprach. Lewin, welcher
alles erfahren und nichts unbeachtet lassen wollte, stand mit im Haufen
und hörte, wie der Gouverneur sagte: »teilt Marja Iwanowna gefälligst
mit, mein Weib bedaure sehr, daß sie ins Kloster geht.« Nach ihm
suchten sich die Adligen heiter ihre Pelze und begaben sich sämtlich in
den Gottesdienst.

In der Kathedrale schwor Lewin, zusammen mit den übrigen die Hand
erhebend, und die Worte des Protopopen wiederholend, mit den ernstesten
Eiden, alles zu erfüllen, was der Gouverneur von ihnen erhoffe.

Der Gottesdienst übte auf Lewin stets einen Einfluß, und als die Worte
gesprochen wurden: »Ich küsse das Kreuz« und er auf die Schar dieser
jungen und alten Männer blickte, welche alle das Gleiche wiederholten,
fühlte er sich bewegt.

Am zweiten und dritten Tag wurden die Angelegenheiten der Adelsgelder
und des Mädchengymnasiums erörtert, die, wie Sergey Iwanowitsch erklärt
hatte, keine Wichtigkeit besaßen, und Lewin, von seinen Geschäftsgängen
in Anspruch genommen, verfolgte dieselben nicht.

Am vierten Tage erfolgte am Gouverneurstisch die Prüfung der
Gouvernementsgelder, und hier gab es zum erstenmale einen Zusammenstoß
der neuen Partei mit der alten. Die Kommission, welcher die Prüfung
dieser Summe anvertraut war, legte der Sobranje dar, daß die Gelder
sämtlich unversehrt seien. Der Gouvernementsvorsteher erhob sich,
dankte dem Adel für sein Vertrauen und zerdrückte eine Thräne. Die
Adligen begrüßten ihn laut und drückten ihm die Hand. Aber zur selben
Zeit sagte ein Adliger aus der Partei Sergey Iwanowitschs, er habe
gehört, daß die Kommission die Gelder gar nicht geprüft habe, indem
sie die Revision als eine Kränkung des Gouverneurs betrachte. Eines
der Kommissionsmitglieder bestätigte dies auch unvorsichtigerweise.
Da begann ein ziemlich kleiner, sehr jung aussehender, aber sehr
scharfzüngiger Herr zu sprechen, daß es dem Gouvernementsvorsteher
wahrscheinlich angenehm sein würde, Rechenschaft über die Summen
ablegen zu können, und daß nur das überflüssige Taktgefühl der
Kommissionsmitglieder ihn dieser moralischen Genugthuung beraubt habe.
Die Kommissionsmitglieder sagten sich hierauf von ihrer Erklärung
los und Sergey Iwanowitsch begann ihnen logisch zu beweisen, daß sie
entweder anerkennen müßten, die Gelder seien von ihnen für richtig
befunden worden, oder nicht, und nahm dieses Dilemma gründlich durch.
Sergey Iwanowitsch beantwortete hierauf ein Sprecher der gegnerischen
Partei. Dann sprach Swijashskiy und darauf wieder der bissige Herr. Die
Debatten zogen sich in die Länge und verliefen ohne Resultat. Lewin war
erstaunt, daß man hierüber so lange streiten konnte, namentlich aber
darüber, daß Sergey Iwanowitsch, als er ihn frug, ob er vermute, daß
die Gelder verloren seien, antwortete:

»O nein! Er ist ein ehrenhafter Mann, aber jene alte Sitte der
vaterländischen, familiären Verwaltung der Adelsgeschäfte mußte
erschüttert werden.«

Am fünften Tage waren die Wahlen der Kreisvorsteher. Dieser Tag war
ziemlich stürmisch bei mehreren Kreisen. Im Kreise Sjelesnewo wurde
Swijashskiy einstimmig ohne Ballotage gewählt und bei ihm fand an
diesem Tage ein Essen statt.


                                  27.

Am sechsten Tage waren die Gouvernementswahlen. Die großen und kleinen
Säle waren gefüllt von den Adligen in ihren verschiedenen Uniformen.
Viele kamen nur für diesen Tag. Bekannte, die sich lange nicht
gesehen hatten, der eine aus der Krim, der andere aus Petersburg,
ein dritter vom Auslande kommend, begegneten sich in den Sälen. Am
Gouverneurstisch, unter dem Bild des Zaren, fanden die Wahlkämpfe statt.

Die Adligen, im großen, wie im kleinen Saale, gruppierten sich in Lager
und an der Feindseligkeit und dem Mißtrauen der Blicke, an dem bei der
Annäherung fremder Personen verstummenden Gespräch, daran, daß mehrere
flüsternd selbst in den abgelegenen Korridor gingen, war ersichtlich,
daß eine jede Partei Geheimnisse vor der anderen hatte.

Dem äußeren Anschein nach hatten sich die Adligen scharf in zwei
Parteien geteilt, in die Alten und die Jungen. Die Alten waren
größtenteils in adligen altertümlichen, zugeknöpften Uniformen, mit
Degen und Hut, oder in ihren eigenen Kavallerie-, Infanterie- oder
Amtsuniformen. Die Uniformen der Alten waren in altertümlicher Weise
gestickt, mit Epaulettes auf den Schultern; sie erschienen klein, kurz
in den Taillen und so knapp, als hätten ihre Träger sie verwachsen.

Die Jungen hingegen waren in Adelsuniformen mit niedrigen Taillen und
breiten Schultern, mit weißen Westen, oder in Uniformen mit schwarzen
Kragen und Lorbeer, der Stickerei des Justizministeriums. Zu den Jungen
gehörten auch die Hofuniformen, die hier und da die Menge zierten.

Aber die Teilung in Junge und Alte fiel nicht mit der Teilung in die
Parteien zusammen; einige der Jungen gehörten nach den Beobachtungen
Lewins zur Partei der Alten, und im Gegensatz hierzu zischelten einige
sehr alte Edelleute mit Swijashskiy, und waren augenscheinlich eifrige
Anhänger der neuen Richtung.

Lewin stand in dem kleinen Saale, in welchem man rauchte und aß, neben
einer Gruppe der Seinen, und lauschte auf das, was man sprach, indem
er seine Geisteskräfte geflissentlich anstrengte um zu verstehen,
was gesprochen wurde. Sergey Iwanowitsch bildete den Mittelpunkt, um
welchen sich die Übrigen gesellten. Er hörte jetzt Swijashskiy und
Chljustoff an, den Vorsteher eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei
gehörte.

Chljustoff stimmte mit seinem Kreis nicht dafür, Sjnetkoff um Ballotage
zu bitten, und Swijashskiy überredete ihn nun, es doch zu thun, während
Sergey Iwanowitsch diesen Plan guthieß. Lewin begriff nicht, weshalb
man die gegnerische Partei um Ballotage gerade bezüglich desjenigen
Vorstehers bitten wollte, den man ausballotieren wollte.

Stefan Arkadjewitsch, der soeben gegessen und getrunken hatte, trat,
sich den Mund mit dem duftenden, eingefaßten Battisttaschentuch
wischend, in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen.

»Wir nehmen die Position,« sagte er, sich die Hälften seines
Backenbartes streichend, »Sergey Iwanowitsch!« Und aufmerksam dem
Gespräch Gehör schenkend, unterstützte er die Meinung Swijashskiys.
»Es ist genug mit einem Kreis, aber Swijashskiy ist augenscheinlich
schon Opposition,« sagte er, mit Worten, die allen, nur nicht Lewin,
verständlich waren. »Wie, Konstantin; es scheint, auch du kommst
hinter den Geschmack?« fügte er hinzu, sich an Lewin wendend und faßte
diesen unter dem Arme. Lewin wäre recht froh gewesen, hinter den
Geschmack gekommen zu sein, aber er konnte nicht verstehen, worum es
sich handle, und drückte, einige Schritte von den Redenden wegtretend,
Stefan Arkadjewitsch seine Unkenntnis darin aus, weshalb man den
Gouvernementsvorsteher bitten wollte.

»=O sancta simplicitas=,« sagte Stefan Arkadjewitsch und erklärte Lewin
kurz und klar, um was es sich handle.

»Wenn alle Kreise, wie in den früheren Wahlen, den
Gouvernementsvorsteher bitten würden, so wählte man ihn mit allen
weißen Kugeln. Jetzt ist man in acht Kreisen einverstanden, ihn darum
zu ersuchen; wenn nun zwei es verweigern, mit darum anzuhalten, so kann
Sjnetkoff die Ballotage verweigern, und dann wird die Partei der Alten
einen anderen von den Ihrigen wählen, sodaß unser ganzer Plan verloren
ist. Wenn aber nur der eine Kreis Swijashskiys nicht mit bittet, so
wird Sjnetkoff ballotieren. Man wird ihn dann selbst wählen und ihm
absichtlich das Amt wieder übertragen, sodaß sich die gegnerische
Partei verrechnet, und wenn sie einen Kandidaten von den Unseren
aufstellen, diesem das Amt überträgt.«

Lewin verstand, aber nicht vollständig, und wollte soeben noch einige
Fragen stellen, als plötzlich alle durcheinander zu sprechen begannen,
lärmten und sich nach dem großen Saale in Bewegung setzten.

»Was ist das? Wie? Wen wird man wählen? Vertrauen? Zu wem? Was ist?
Verwirft man? Es giebt kein Vertrauen! Man läßt Phleroff nicht zu. Was;
unter Anklage! So läßt man niemand zu! Das ist niedrig! Das Gesetz!«
hörte Lewin von verschiedenen Seiten rufen, und begab sich zusammen
mit der Menge, die sich drängte, und zu fürchten schien, daß sie etwas
versäumte, in den großen Saal. Er näherte sich in dem Gedränge der
Adligen dem Gouverneurstisch, an welchem der Gouvernementsvorsteher,
Swijashskiy und andere Wortführer eifrig miteinander debattierten.


                                  28.

Lewin stand ziemlich entfernt. Ein schwer und heiser atmend neben ihm
stehender Adliger und ein zweiter mit knarrenden, dicken Stiefelsohlen,
störten ihn, deutlich zu hören. Aus der Ferne vernahm er nur die
weiche Stimme des Gouvernementsvorstehers, darauf das pfeifende Organ
des scharfzüngigen Adligen und dann die Stimme Swijashskiys. Sie
stritten, soviel er zu verstehen imstande war, über die Bedeutung
eines Paragraphen des Gesetzes und den Sinn der Worte, »wer sich unter
gerichtlicher Untersuchung befindet«.

Der Haufe teilte sich, um dem zum Tisch herantretenden Sergey
Iwanowitsch Raum zu geben. Sergey Iwanowitsch sagte, nachdem er die
Beendigung der Rede des scharfzüngigen Adligen abgewartet hatte, ihm
scheine, daß es am richtigsten sei, sich nach dem Paragraphen des
Gesetzes zu richten und bat den Sekretär, den Paragraphen aufzusuchen.
In demselben war gesagt, daß man im Falle der Meinungsverschiedenheit
zu ballotieren habe.

Sergey Iwanowitsch verlas den Paragraphen, und begann den Sinn
desselben zu erörtern, aber da unterbrach ihn ein großer, dicker und
krummer Gutsherr mit roten Ohren, in enger Uniform mit im Nacken hinten
hochstehendem Kragen. Er trat an den Tisch und rief laut, mit einem
Finger darauf schlagend:

»Ballotieren! Zu den Kugeln greifen! Weg da mit dem Geschwätz! Zu den
Kugeln!«

Mehrere Stimmen erhoben sich jetzt plötzlich zusammen, und der große
Adlige mit seinem Finger, mehr und mehr in Zorn geratend, schrie
lauter und lauter. Es ließ sich jedoch nicht unterscheiden, was er
sagte. Er sagte das Nämliche, was Sergey Iwanowitsch vorschlug,
aber offenbar haßte er diesen und dessen ganze Partei, und dieses
Gefühl des Hasses teilte sich nun der ganzen Partei mit und rief den
Widerstand einer gleichen, wenn auch gemäßigteren Erbitterung auf der
anderen Seite hervor. Rufe erschallten und eine Minute lang wogte
alles durcheinander, sodaß der Gouvernementsvorsteher genötigt war, um
Ordnung zu bitten.

»Ballotieren! Ballotieren! Wer ein Edelmann ist, der sieht das ein!
Wir vergießen unser Blut! Das Vertrauen des Monarchen! Nicht den
Gouvernementsvorsteher achten; er ist kein Amtmann! Darum handelt es
sich nicht! Bitte, zu den Kugeln! Es ist eine Schande!« vernahm man
zornige, sinnlose Schreie von allen Seiten.

Die Blicke und Gesichter wurden immer zorniger und die Reden immer
ungebärdiger. Sie drückten einen unversöhnlichen Haß aus. Lewin begriff
nicht im geringsten, worum es sich handle, und war erstaunt über die
Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Frage, ob man über Phleroff
ballotieren solle oder nicht, behandelt wurde. Er hatte, wie ihm
später Sergey Iwanowitsch erklärte, jenen Syllogismus vergessen, daß
im Interesse des allgemeinen Wohls der Gouvernementsvorsteher entfernt
werden müsse; zu der Entfernung desselben aber war eine Majorität der
Kugeln erforderlich; zur Erlangung dieser Majorität weiterhin mußte man
Phleroff Stimmrecht erteilen, und zur Anerkennung Phleroffs als eines
Stimmberechtigten mußte man erklären, wie der Paragraph des Gesetzes
aufzufassen sei.

»Also eine Stimme kann die ganze Angelegenheit entscheiden, und man muß
daher ernst und konsequent sein, wenn man der gemeinsamen Sache dienen
will,« schloß Sergey Iwanowitsch.

Lewin hatte dies jedoch vergessen, und es wurde ihm schwer ums Herz,
diese von ihm geachteten braven Männer in einer so unangenehmen
schlimmen Erregung sehen zu müssen.

Um sich von diesem beklemmenden Gefühl frei zu machen, ging er, ohne
das Ende des Streites abzuwarten, in den Saal, in welchem sich niemand
befand, als einige Lakaien beim Buffet. Als er die mit dem Abwischen
von Geschirr, dann Aufstellen von Tellern und Gläsern beschäftigten
Diener, ihre ruhigen, aber lebhaften Gesichter sah, empfand Lewin ein
unerwartetes Gefühl der Erleichterung, als sei er aus einem Zimmer
voll widrigen Geruchs in die reine Luft hinausgetreten. Er begann
auf und abzuschreiten, mit Befriedigung auf die Diener blickend. Es
gefiel ihm sehr, als einer derselben, ein Mann mit grauem Backenbart,
den jüngeren, die diesen zum besten hatten, voll Geringschätzung
lehrte, wie man Servietten falten müsse. Lewin hatte sich gerade mit
dem alten Diener in ein Gespräch eingelassen, als der Sekretär der
Adelsvormundschaft, ein alter Herr, der die spezielle Eigenschaft
besaß, alle Adligen des Gouvernements dem Namen und der Herkunft nach
zu kennen, ihn davon abzog.

»Bitte gefälligst, Konstantin Dmitritsch,« sagte er zu ihm, »Euer
Bruder sucht Euch. Es wird ballotiert.«

Lewin trat in den Saal, erhielt eine weiße Kugel und begab sich hinter
seinem Bruder Sergey Iwanowitsch zum Tische, an welchem mit wichtiger,
ironischer Miene Swijashskiy stand, der seinen Bart in die volle Hand
genommen hatte und daran roch.

Sergey Iwanowitsch steckte die Hand in den Kasten, legte seine Kugel
hinein und blieb, Lewin Platz machend, am Orte stehen. Lewin trat
heran, wandte sich aber, da er vollständig vergessen hatte, um was es
sich handle und in Verlegenheit geraten war, an Sergey Iwanowitsch mit
der Frage, wohin er die Kugel legen solle? Er frug leise, während man
in seiner Nähe sprach, sodaß er hoffen konnte, es habe niemand seine
Frage vernommen. Aber die Sprechenden verstummten und seine unziemliche
Frage wurde gehört. Sergey Iwanowitsch runzelte die Stirn.

»Das ist Sache der Überzeugung für einen jeden,« sagte er gemessen.
Einige lächelten. Lewin errötete, streckte hastig die Hand unter das
Tuch und legte die Kugel nach rechts, da sie sich gerade in seiner
rechten Hand befand. Nachdem er dies gethan hatte, besann er sich, daß
er auch die linke Hand hineinstecken müsse und steckte sie hinein, doch
schon zu spät, und zog sich dann, noch mehr in Verlegenheit geraten,
schnell in die hintersten Reihen zurück.

»Einhundertsechsundzwanzig dafür! Achtundneunzig dagegen!« klang die
Stimme des Sekretärs, welcher den Buchstaben r nicht aussprechen
konnte. Gelächter erschallte: ein Knopf und zwei Nüsse waren in dem
Kasten gefunden worden. Der Adlige war zugelassen und die Jungpartei
hatte gesiegt. Aber die Partei der Alten hielt sich noch nicht für
besiegt. Lewin vernahm, daß man Sjnetkoff bat, zu ballotieren, und
gewahrte, daß ein Trupp der Edelleute den Gouvernementsvorsteher
umringte, welcher sprach. Lewin trat näher. Sjnetkoff sprach, indem er
den Edelleuten antwortete, vom Vertrauen des Adels, von dessen Liebe zu
ihm, deren er nicht würdig sei, da sein ganzes Verdienst nur in seiner
Ergebenheit für den Adel bestehe, dem er zwölf Jahre des Dienstes
geweiht hätte. Mehrmals wiederholte er die Worte »ich habe gedient,
soviel es meine Kräfte gestatteten, im Glauben und in der Wahrheit; ich
schätze euch hoch und danke euch!« und plötzlich hielt er, von Rührung
überwältigt, inne und verließ den Saal.

Mochten nun diese Thränen von dem Gefühl einer Ungerechtigkeit gegen
ihn, von der Liebe zum Adel, oder von der Gespanntheit der Situation
herrühren, in welcher er sich befand, indem er sich von Gegnern umgeben
fühlte -- genug, die Erregung teilte sich weiter mit, die Majorität des
Adels war gerührt und auch Lewin empfand ein Gefühl von Zärtlichkeit
für Sjnetkoff.

In der Thür stieß der Gouvernementsvorsteher mit Lewin zusammen.

»Entschuldigt, bitte, entschuldigt,« sagte er wie zu einem Unbekannten,
lächelte aber, als er Lewin erkannt, und diesem schien es, als ob er
etwas hätte sagen wollen, aber vor Erregung nicht sprechen könne.

Der Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Gestalt in der Uniform,
mit den Ordenskreuzen und den weißen galonnierten Beinkleidern,
erinnerte Lewin, als er so hastig dahinschritt, an ein gemästetes
Schlachtvieh, welches sieht, daß es mit seiner Sache übel bestellt ist.

Der Gesichtsausdruck des Mannes hatte etwas eigentümlich Rührendes für
Lewin, welcher erst am Tage vorher in Vormundschaftsangelegenheiten
in seinem Hause gewesen war und ihn in der ganzen Größe eines guten
und geselligen Menschen kennen gelernt hatte. Das große Haus mit den
altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegelten oder unsauberen,
sondern ehrerbietige alte Diener, offenbar noch aus der Zeit der
ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert
hatten; eine wohlbeleibte, gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen
und einem türkischen Spitzenshawl, welche ihr liebes Enkelchen, die
Tochter ihrer Tochter liebkoste; ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast
der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den
Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küßte; die ermahnenden,
freundlichen Reden und Gebärden des Hausherrn; alles dies hatte
in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt.
Jetzt erschien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er
wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen.

»Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden,« sprach er.

»Kaum,« versetzte jener, erschreckt aufblickend, »ich bin abgespannt,
schon alt; es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun
dienen,« und der Vorsteher verschwand durch eine Seitenthür.

Es trat nun der feierlichste Augenblick ein; man mußte zur Wahl
schreiten. Die Wortführer der einen und der anderen Partei zählten an
den Fingern die weißen und die schwarzen Kugeln nach.

Die Debatten wegen Phleroff hatten der Jungpartei nicht nur die eine
Kugel Phleroffs mehr verschafft, sondern auch einen Gewinn an Zeit
herbeigeführt, sodaß noch drei Adlige herbeigeholt werden konnten,
welchen es durch Intriguen der Alten unmöglich gemacht worden war, an
den Wahlen teilzunehmen. Zwei der Adligen, die eine Schwäche für den
Wein besaßen, hatte man durch Kumpane Sjnetkoffs trunken gemacht, dem
dritten die Uniform entwendet.

Als die Jungpartei dies erfahren hatte, sandte sie sogleich, während
der Debatten über Phleroff, in einer Mietkutsche Freunde fort, um den
Einen uniformieren zu lassen, und Einen der beiden Berauschten zur
Sobranje zu bringen.

»Den Einen habe ich gebracht, ich habe ihn mit Wasser begossen,« sagte
der nach ihm gesandte Gutsherr, zu Swijashskiy tretend, »doch es ist
nicht gefährlich, er taugt schon noch dazu.«

»Ist also nicht zu sehr berauscht, daß er nicht etwa umfällt?« sagte
Swijashskiy kopfschüttelnd.

»Nein; er ist ganz munter; doch hatten sie ihn bald völlig
niedergetrunken. Ich habe dem Buffetier gesagt, er soll ihm auf keinen
Fall Wein geben.«


                                  29.

Der enge Saal, in welchem man rauchte und aß, war gefüllt von den
Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war
die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortführer in Aufregung,
da sie alle Einzelverhältnisse und die Berechnung aller Kugeln
kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die Übrigen
suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem
vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend
oder sitzend einen Imbiß; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in
dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht
gesehenen Freunden.

Lewin verspürte keine Eßlust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit
Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen
gehen, wollte er nicht, da bei ihnen in lebhaftem Gespräch Wronskiy in
Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen
erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wünschte ihm zu
begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen
blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde.

Es bedrückte ihn namentlich, daß alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt
und geschäftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen
Greis in Marineuniform, der neben ihm saß, ohne Interesse und ohne
Beschäftigung war.

»Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, daß es nicht so ist. Gewiß.
Er konnte auf drei Jahre nicht wählen,« sprach energisch ein etwas
verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die
auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Absätzen
seiner offenbar für die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend,
und wandte sich dann, einen mißvergnügten Blick auf Lewin werfend, kurz
ab.

»Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag,« fuhr ein kleiner
Gutsherr mit dünner Stimme fort.

Hinter ihnen näherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn,
einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen
Platz, wo sie so sprechen konnten, daß man sie nicht hörte.

»Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich hätte ihm die Beinkleider
entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den
Teufel aus ihm und seinem Fürstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu
äußern. Eine Schweinerei ist es!«

»Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen,« sprach
man in einer anderen Gruppe, »die Frau muß als Adlige eingetragen
werden!«

»Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist!
Darauf stützen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!«

»Wollen Ew. Excellenz mitkommen, =fine champagne=.«

Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies
Einer der drei Berauschten.

»Ich habe der Marja Ssemionowna stets geraten zu verpachten, weil
sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht,« sagte ein graubärtiger
Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten
Generalstabs. Es war dies der nämliche Herr, welchem Lewin bei
Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr
schaute nach Lewin, und sie begrüßten sich.

»Sehr angenehm. Gewiß, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns
im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.«

»Nun, wie steht es mit Eurer Ökonomie?« frug Lewin.

»Man arbeitet stets mit Schaden,« antwortete der Gutsherr mit höflichem
Lächeln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der Überzeugtheit,
daß es so sein müsse, neben Lewin stehen bleibend; »aber wie kommt
Ihr denn in unser Gouvernement?« frug er dann. »Ihr seid wohl
gekommen, um an unserem =coup d'état= teilzunehmen?« sagte er,
sicher, aber schlecht die französischen Worte aussprechend. »Ganz
Rußland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe
selbst die Minister.« Er wies auf die repräsentierende Gestalt Stefan
Arkadjewitschs in den weißen Pantalons und der Kammerherrenuniform,
welcher mit einem General ging.

»Ich muß Euch gestehen, daß ich die Bedeutung der Adelswahlen recht
wenig verstehe,« sprach Lewin.

Der Gutsherr schaute ihn an.

»Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar
nicht. Es ist das eine hinfällige Institution, welche ihr Fortleben nur
dem Trägheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch
das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden
Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.«

»Aber weshalb seid Ihr denn gekommen?« frug Lewin.

»Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht
zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser
Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem
eigenen Interesse. Mein Schwager wünscht als Mitglied gewählt zu
werden; die Familie ist arm und man muß sie vorwärts bringen. Weshalb
sind wohl diese Herren gekommen?« sagte er, auf den bissigen Adligen
zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach.

»Das ist ein neues Adelsgeschlecht.«

»Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, während wir
Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.«

»Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?«

»Abgelebt hin, abgelebt her; man müßte sich aber doch pietätvoller
zu ihr stellen. Wäre wenigstens Sjnetkoff -- -- mögen wir gut oder
schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wißt
Ihr, es kann einmal vorkommen, daß man vor seinem Hause einen Garten
anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein
hundertjähriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, für die
Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so
anlegen, daß sie den Baum umfangen;« sagte er vorsichtig, und änderte
darauf das Thema. »Wie geht es denn mit Eurer Ökonomie?« frug er.

»Auch nicht gut. Fünf Prozent wirft sie ab.«

»Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas
wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Während der Zeit, in der
ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel
gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr,
meine fünf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch
umsonst.«

»Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?«

»Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man
weiß, daß man so muß. Ich will Euch weiter sagen,« und der Gutsbesitzer
stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, »mein
Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein
Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortführen, und doch
arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.«

»Ja, ja,« sagte Lewin, »das ist völlig richtig. Ich fühle stets, daß in
meiner Ökonomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber -- man
fühlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenüber.«

»Da will ich Euch noch etwas sagen,« fuhr der Gutsbesitzer fort. »Mein
Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den
Garten. >Nein,< sagte er da, >Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles
in Ordnung, aber der Garten ist vernachlässigt.< Dabei befindet er sich
aber in vollständiger Ordnung. >Nach meiner Ansicht, würde ich diese
Linden anhauen. Man muß nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer
tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.<«

»Für den Erlös daraus müßte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern
pachtweise verteilen,« ergänzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als
einmal mit ähnlichen Überschlägen zu thun gehabt hatte. »Und er wird
sich ein Vermögen begründen, während wir, Ihr und ich, wenn Gott es
giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen
streben müssen.«

»Ihr seid verheiratet, wie ich hörte?« sagte der Gutsbesitzer.

»Ja,« antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. »Es ist aber etwas
Seltsames,« fuhr er fort, »wir leben zusammen gerade wie die alten
Vestalinnen, und hüten unser Herdfeuer.«

Der Gutsbesitzer lächelte unter seinem weißen Bart.

»So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch,
oder jetzt Graf Wronskiy seßhaft gemacht, die eine agronomische
Industrie einführen wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu
Kapitalverlust geführt.«

»Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fällen
wir nicht die Bäume im Garten der Rinde halber?« sagte Lewin, auf den
Gedanken zurückgreifend, der ihn frappiert hatte.

»Nun, wie Ihr sagtet, man hütet sein Feuer. Dieses wäre ja auch nicht
ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thätigkeit vollzieht sich nicht
hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen
Standesinstinkt bezüglich dessen, was man soll und was man nicht
soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht
er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein
mag, er pflügt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem
Schaden.«

»Wie wir« -- sagte Lewin. »Es ist nur außerordentlich angenehm, Euch zu
treffen,« fügte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah.

»Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch
war,« begrüßte ihn der Gutsbesitzer, »wir haben uns auch verschworen.«

»Wie, schmäht Ihr neue Einrichtungen?« frug Swijashskiy lächelnd.

»Ein wenig.«

»Man hat uns den Mut benommen.«


                                  30.

Swijashskiy nahm Lewin unter den Arm und ging mit ihm zu seinen
Freunden.

Jetzt konnte Lewin Wronskiy nicht mehr vermeiden, welcher bei Stefan
Arkadjewitsch und Sergey Iwanowitsch stand und offen dem herankommenden
Lewin entgegenblickte.

»Sehr erfreut. Mir scheint, als hätte ich einmal das Vergnügen gehabt,
Euch begegnet zu sein -- bei der Fürstin Schtscherbazkaja,« sagte er,
Lewin die Hand reichend.

»Ja; ich entsinne mich Eurer Begegnung recht wohl,« sagte Lewin,
purpurrot werdend, und wandte sich sogleich, um mit seinem Bruder zu
sprechen.

Mit feinem Lächeln unterhielt sich Wronskiy mit Swijashskiy weiter,
offenbar ohne den geringsten Wunsch, in ein Gespräch mit Lewin zu
geraten; dieser hingegen blickte, mit dem Bruder redend, unverwandt
Wronskiy an und überlegte, wovon er wohl mit demselben sprechen könnte,
um seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen.

»Was verhandelt man jetzt?« frug Lewin, Swijashskiy und Wronskiy
anblickend.

»Sjnetkoff. Er muß abschläglich antworten oder beistimmen,« antwortete
Swijashskiy.

»Nun, hat er denn beigestimmt oder nicht?«

»Darum handelt es sich ja eben; weder dies noch das ist der Fall,«
sagte Wronskiy.

»Und wenn er es verweigert, wer wird dann ballotieren?« frug Lewin,
Wronskiy anschauend.

»Wer da will,« sagte Swijashskiy.

»Werdet Ihr es thun?« frug Lewin.

»Nur ich nicht,« sagte Swijashskiy, in Verlegenheit geratend und einen
erschreckten Blick auf den neben ihm mit Sergey Iwanowitsch stehenden,
bissigen Herrn werfend.

»Nun wer denn; Njewjedowskiy?« frug Lewin, im Gefühl, daß er sich
verwickelte.

»Dies wäre aber noch schlimmer. Njewjedowskiy und Swijashskiy waren ja
die zwei Kandidaten.«

»Ich werde es in keinem Falle thun,« antwortete der sarkastische Herr.
Es war Njewjedowskiy selbst. Swijashskiy machte Lewin mit demselben
bekannt.

»Hat es auch deine Achillesferse getroffen?« sagte Stefan
Arkadjewitsch, Wronskiy zublinzelnd, »das ist etwas nach Art der
Wettrennen. Man kann da eine Wette machen.«

»Ja; das berührt Einen bei der schwachen Seite,« sagte Wronskiy. »Und
hat man sich einmal mit der Sache abgegeben, so will man sie auch
ausführen. Es ist ein Kampf!« sagte er, stirnrunzelnd und die starken
Kinnbacken zusammenbeißend.

»Was für ein Kenner der Swijashskiy ist. Wie klar bei ihm alles ist!«

»Ach ja,« versetzte Wronskiy zerstreut.

Ein Stillschweigen trat ein, während dessen Wronskiy so wie man eben
auf etwas Zufälliges blickt, auf Lewin, auf dessen Füße, Uniform und
Gesicht, schaute. Nachdem er die finster auf sich gerichteten Augen
bemerkt hatte, äußerte er, um doch wenigstens etwas zu sagen:

»Wie kommt es denn -- Ihr seid doch ständiger Dorfbewohner, nicht
aber Friedensrichter? Ihr seid ja nicht in der Uniform eines
Friedensrichters?«

»Das kommt daher, daß ich glaube, das Friedensgericht repräsentiert
eine thörichte Institution,« antwortete Lewin finster, der schon längst
darauf gewartet hatte, mit Wronskiy ins Gespräch zu kommen, um seine
Taktlosigkeit bei Gelegenheit wieder auszugleichen.

»Ich glaube dies nicht; im Gegenteil,« sagte Wronskiy ruhig, aber mit
Verwunderung.

»Es ist doch nur eine Spielerei,« unterbrach ihn Lewin. »Die
Friedensrichter sind uns nicht notwendig. Ich habe innerhalb acht
Jahren nicht eine einzige Klage gehabt, und was ich gehabt habe, das
wurde durch Ersatzleistung ausgeglichen. Der Friedensrichter wohnt in
einer Entfernung von vierzig Werst von mir. In einer Sache, in welcher
es sich um zwei Rubel handelt, muß ich dann einen Vertrauensmann,
welcher mich fünfzehn kostet, schicken.«

Er erzählte nun, wie ein Bauer einem Müller Mehl gestohlen habe,
und der Bauer, als der Müller es ihm mitgeteilt, gegen diesen
Verleumdungsklage eingereicht hätte. Alles das paßte nicht hierher und
war dumm; und Lewin fühlte dies auch, während er sprach.

»O, über dieses Original!« sagte Stefan Arkadjewitsch mit seinem
mandelsüßesten Lächeln, »indessen gehen wir; man scheint zu
ballotieren.«

Sie gingen auseinander.

»Ich begreife nicht,« sagte Sergey Iwanowitsch, den ungeschickten
Gang seines Bruders bemerkend, zu diesem, »ich begreife nicht, wie
es möglich ist, bis zu solchem Grade jeglichen politischen Taktes
bar zu sein. Das ist es eben, was wir Russen nicht haben. Der
Gouvernementsvorsteher ist unser Gegner, und du bist mit ihm =ami
cochon= und bittest ihn, zu ballotieren. Graf Wronskiy -- ich mache
ihn mir ja auch nicht zum Freunde -- hat mich zum Essen eingeladen.
Ich werde nicht zu ihm fahren, aber er ist auf unserer Seite, weshalb
soll ich uns deshalb einen Feind aus ihm machen? Dann frägst du
Njewjedowskiy, ob er ballotieren würde. Das geht doch nicht an.«

»Ach, ich verstehe nichts davon! Alles das ist doch fades Zeug,«
antwortete Lewin mürrisch.

»Du sagst da, daß dies alles fades Zeug sei, befassest du dich aber
damit, so verwickelst du dich dennoch.«

Lewin blieb stumm und sie betraten zusammen den großen Saal.

Der Gouvernementsvorsteher hatte sich, obwohl er den ihm bereiteten
Verrat in der Luft liegen fühlte, und nicht alle ihn darum gebeten
hatten, gleichwohl entschlossen, zu ballotieren. Im Saal wurde alles
still, der Sekretär verkündete mit lauter Stimme, daß Rittmeister der
Garde, Michail Ljepanowitsch Snjetkoff zum Gouvernementsvorsteher
gewählt werden solle.

Die Kreisvorsteher kamen mit Tellern, auf welchen die Kugeln lagen, von
ihren Tischen zu dem Gouvernementstisch, und die Wahlen begannen.

»Wirf rechts,« flüsterte Stefan Arkadjewitsch Lewin zu, als er zusammen
mit dessen Bruder hinter dem Vorsteher zu dem Tische schritt.

Lewin hatte indessen jetzt jenes Kalkul vergessen, das man ihm erklärt
hatte, und fürchtete, Stefan Arkadjewitsch möchte sich geirrt haben,
indem er sagte »rechts«. Sujetkoff war doch offenbar der Gegner. Als
er daher zum Kasten gekommen war, hielt er die Kugel in der Rechten,
überlegte sich jedoch, daß er irre, und nahm, dicht vor dem Kasten, die
Kugel in die linke Hand, um sie dann offenbar links zu legen.

Ein Kenner der Sache, welcher an dem Kasten stand, und an der bloßen
Bewegung des Ellbogens erkannte, wohin jeder warf, runzelte unwillig
die Stirn. Er hatte keine Lust, seinen Scharfsinn anzustrengen.

Alles war still geworden und man vernahm nur das Zählen der Kugeln.
Darauf rief eine einzelne Stimme die Zahl der Wähler und der
Nichtwählenden aus.

Der Vorsteher war mit beträchtlicher Majorität wieder gewählt worden.
Es erhob sich ein allgemeiner Lärm und man drängte nach der Thür.
Snjetkoff trat ein, und der Adel umringte ihn, unter Beglückwünschungen.

»Nun, jetzt ist es wohl zu Ende?« frug Lewin Sergey Iwanowitsch.

»Es fängt eben erst an,« versetzte für Sergey Iwanowitsch lächelnd
Swijashskiy; »der Kandidat des Vorstehers kann mehr Kugeln erhalten.«

Lewin hatte dies vollkommen vergessen. Er entsann sich erst jetzt, daß
hier eine gewisse Feinheit verborgen lag, doch wurde es ihm zuviel,
sich darauf besinnen zu sollen, worin sie bestand. Niedergeschlagenheit
überkam ihn und er sehnte sich darnach, von diesem Haufen wegzukommen.

Da ihn niemand beachtete, und er wie es schien, von niemand vermißt
wurde, begab er sich leise nach dem kleinen Saal, wo man speiste, und
fühlte große Erleichterung, als er die Diener wiederum erblickte. Der
alte Diener legte ihm die Speisenkarte vor, und Lewin willigte ein.
Nachdem er ein Kotelett mit Fasolen gegessen und sich mit dem Diener
über dessen frühere Herrschaft unterhalten hatte, begab sich Lewin,
der den Saal nicht wieder zu betreten wünschte, in welchem es ihm so
unangenehm war, auf die Tribünen.

Diese waren angefüllt von geputzten Damen, die sich über das Geländer
beugten, im Bemühen, nicht ein einziges Wort von dem zu verlieren, was
unten gesprochen wurde. Um die Damen herum saßen und standen elegante
Advokaten, Gymnasialschüler mit Augengläsern, und Offiziere. Überall
wurde von den Wahlen gesprochen, und davon, wie der Vorsteher erschöpft
sei, und wie vortrefflich die Debatten gegangen wären; in der einen
Gruppe vernahm Lewin das Lob seines Bruders. Eine Dame sagte zu einem
Advokaten:

»Wie freue ich mich, daß ich Koznyscheff gehört habe! Da ist es schon
der Mühe wert, ein wenig zu hungern. Es war reizend! Wie klar und
verständlich alles! Bei uns im Gericht spricht niemand so. Nur Maydel,
und selbst der ist noch bei weitem nicht so redegewandt.«

Als Lewin einen freien Platz an dem Geländer gefunden hatte, beugte er
sich darüber und begann Umschau zu halten und zu lauschen.

Alle Adligen saßen in Spalieren, in ihren Kreisabteilungen. In der
Mitte des Saales stand ein Mann in Uniform, welcher mit klingender
lauter Stimme rief:

»Es wird ballotiert für die Kandidaten des Gouvernementsvorstehers des
Adels, Stabrittmeisters Evgeniy Iwanowitsch Apuchtin!«

Totenstille trat ein, und man vernahm eine schwache Greisenstimme:

»Ich verzichte!«

»Es wird ballotiert der Hofrat Peter Petrowitsch Bolj,« begann wiederum
die Stimme.

»Ich verzichte!« ertönte eine jugendliche pfeifende Stimme.

Nochmals ertönte das Gleiche und wieder erschallte das »ich verzichte«;
und so ging es eine Stunde lang fort. Auf das Geländer gestemmt,
schaute und lauschte Lewin. Anfangs wunderte er sich und suchte zu
erfassen, was dies alles bedeute; dann aber, nachdem er sich überzeugt
hatte, er könne nichts verstehen, fing er an, sich zu langweilen. Als
er sich hierauf all die Aufregung und Erbitterung, die er auf den
Gesichtern aller wahrgenommen, vergegenwärtigte, wurde es ihm schwer
ums Herz; er beschloß abzureisen, und ging hinab.

Als er durch die Vorhalle der Tribünen schritt, begegnete er einem
auf- und niederschreitenden, bedrückt aussehenden Gymnasiasten mit
thränenschwimmenden Augen. Auf der Treppe begegnete ihm ein Paar. Eine
Dame, welche eilig auf den Absätzen lief, war es und der gewandte
Genosse des Prokurators.

»Ich habe Euch gesagt, daß Ihr nicht zu spät kommt,« sagte
der Prokurator, gerade, als Lewin zur Seite trat, um die Dame
vorüberzulassen.

Lewin war schon auf der Ausgangstreppe und zog soeben aus der
Westentasche die Nummer seines Pelzes hervor, als ihn der Sekretär
abfing.

»Gestattet, Konstantin Dmitritsch, man ballotiert!«

Zum Kandidaten war Njewjedowskiy, der sich so entschieden geweigert
hatte, gewählt worden.

Lewin schritt zur Saalthür; sie war verschlossen. Der Sekretär pochte,
die Thür öffnete sich und er befand sich zwei Gutsbesitzern mit
geröteten Gesichtern gegenüber.

»In meiner Macht liegt es nicht,« sagte der eine rotaussehende
Gutsbesitzer.

Hinter den beiden hob sich das Gesicht des Gouvernementsvorstehers
hervor. Dieses Gesicht erschien furchterweckend mit seinem Ausdruck von
Erschöpfung und Angst.

»Ich habe dir befohlen, niemand hinauszulassen!« schrie er den
Thürhüter an.

»Ich habe nur eingelassen, Ew. Excellenz!«

»Mein Gott!« schwer seufzend ging der Gouvernementsvorsteher, müde in
seinen weißen Pantalons, den Kopf gesenkt, dahinschreitend, durch die
Mitte des Saales nach dem großen Tische.

Man hatte das Amt Njewjedowskiy übertragen, wie es auch vorher geplant
worden war, und dieser war jetzt Gouvernementsvorsteher. Viele befanden
sich in heiterer Stimmung, viele waren zufrieden und glücklich, viele
entzückt, viele unzufrieden und unglücklich. Der Gouvernementsvorsteher
war in einer Verzweiflung, die er nicht verbergen konnte. Als
Njewjedowskiy den Saal verließ, umringte ihn die Menge, und folgte ihm
begeistert nach, so, wie sie am ersten Tage dem Gouvernementsvorsteher
gefolgt war, als derselbe die Wahlen eröffnet hatte, so, wie sie
Snjetkoff gefolgt war, als dieser gewählt wurde.


                                  31.

Der neugewählte Gouvernementsvorsteher und viele aus der
triumphierenden Partei der Jungen, speisten an diesem Tage bei Wronskiy.

Wronskiy war einmal deshalb zu den Wahlen gekommen, weil es ihm auf
dem Dorfe langweilig geworden war, und er seine Rechte auf Freiheit
vor Anna geltend machen mußte, als auch zum Zwecke, Swijashskiy mit
seiner Unterstützung bei den Wahlen für alle Bemühungen um Wronskiy bei
den Semstwowahlen zu lohnen, und vor allem deshalb, streng alle jene
Pflichten der Stellung eines Adligen und Gutsherrn zu erfüllen, die er
sich auserwählt hatte.

Aber er hatte durchaus nicht erwartet, daß ihn diese Wahlen so sehr
interessieren, ihn so bei seinen Neigungen fassen würden, und daß er
der Sache so gewachsen sei. Er war in dem Kreise der Adligen eine
vollkommen neue Erscheinung, hatte aber offenbar Erfolg und irrte nicht
mit der Annahme, daß er bereits Einfluß unter denselben gewonnen habe.

Zur Erringung dieses Einflusses unterstützte ihn sein Reichtum, und
sein vornehmer Rang, ein schönes Besitztum in der Stadt, welches
ihm ein alter Bekannter, Schirkoff abgetreten hatte, der sich mit
Finanzgeschäften befaßte und eine blühende Bank in Kaschin besaß;
ferner sein ausgezeichneter Koch, der vom Dorfe mit hereingebracht
worden war, dann seine Freundschaft mit dem Gouverneur, der sein
Kamerad, und zwar ein protegierter Kamerad Wronskiys gewesen -- vor
allem aber sein einfaches, allen gegenüber sich gleich bleibendes
Wesen, welches sehr bald die Mehrzahl der Edelleute veranlaßte, ihr
Urteil über seinen vermeintlichen Stolz zu ändern.

Er fühlte selbst, daß, mit Ausnahme jenes sonderlichen Herrn, welcher
an die Kity Schtscherbazkaja verheiratet war, und der ihm, =à propos
de bottes=, mit wahnsinniger Wut einen Haufen ungereimter Dummheiten
nachsagte, jeder Edelmann, mit welchem er sich bekannt gemacht hatte,
sein Anhänger wurde.

Er erkannte klar, und auch andere sahen dies ein, daß er zu dem Erfolg
Njewjedowskiys sehr viel beigetragen habe, und jetzt, an seiner Tafel,
verspürte er bei der Feier der Wahl Njewjedowskiys, die angenehme
Empfindung eines Triumphes über den Gewählten.

Die Wahlen selbst hatten ihn derart gefesselt, daß er, falls er im Lauf
der nächsten drei Jahre verheiratet sein würde, selbst daran denken
wollte, ballotiert zu werden -- ganz so, wie man nach dem Gewinn einer
Prämie durch den Jockey Lust verspürt, selbst mit zu reiten.

Jetzt wurde der Triumph des Jockeys gefeiert. Wronskiy saß an der
Spitze der Tafel, ihm zur Rechten der junge Gouverneur, als General
=en suite=. Für jedermann war er der Herr des Gouvernements, der
die Wahlen feierlich eröffnet, der eine Rede hielt, Aufmerksamkeit,
Hochachtung und Dienstwilligkeit bei vielen erweckte, wie Wronskiy sah
-- für Wronskiy aber war er Masloff Katka »der Sündenbock« -- dies war
sein Spitzname im Pagencorps gewesen -- der vor ihm in Verlegenheit
geriet, und den Wronskiy sich bemühte, =mettre à son aise=. Diesem zur
Linken saß Njewjedowskiy mit seinem jugendlichen, unerschütterlich
sarkastischen Gesichte; Wronskiy behandelte ihn einfach und
achtungsvoll.

Swijashskiy ertrug seine Schlappe heiter. Es war ja nicht einmal
eine Schlappe für ihn, wie er selbst sagte, sich mit dem Pokal an
Njewjedowskiy wendend; ein besserer Führer jener neuen Richtung,
welcher der Adel folgen sollte, ließ sich nicht finden. Und so stand
denn, wie er sagte, die volle Rechtschaffenheit auf der Seite des
heutigen Erfolges und feierte denselben.

Stefan Arkadjewitsch war gleichfalls bei guter Laune darüber, daß er
die Zeit vergnügt verbrachte, und alle zufrieden waren. Swijashskiy
ahmte humoristisch die weinerliche Rede des Vorstehers nach und
bemerkte, sich an Njewjedowskiy wendend, daß Excellenz wohl eine
andere, weit verwickeltere Revisionsweise der Gelder werde wählen
müssen, als Thränen.

Ein anderer Spaßvogel unter den Edelleuten erzählte, wie zum
Gouverneurballe Lakaien in Kniestrümpfen verschrieben worden seien, und
man dieselben jetzt wieder fortschicken müsse, wenn nicht etwa der neue
Gouverneur den Ball mit den Lakaien in Kniestrümpfen geben sollte.

Ununterbrochen während des Essens sagte man, wenn man sich zu
Njewjedowskiy wandte, »unser Gouverneursoberhaupt«, oder »Ew.
Excellenz«.

Man sprach dies mit dem nämlichen Vergnügen, mit welchem man eine junge
Frau »Madame« nennt, mit dem Namen ihres Mannes dazu.

Njewjedowskiy gab sich den Anschein, als lasse ihn das nicht nur
gleichgültig, sondern als schätze er diese Titulatur sogar gering,
aber es war augenscheinlich, daß er sich glücklich fühlte und sich
beherrschen müsse, sein Entzücken nicht auszudrücken, welches zu dieser
ungewohnten ungezwungenen Gesellschaft, in der sich alle befanden,
nicht gestimmt hätte.

Nach der Tafel wurden mehrere Telegramme an Leute, welche sich
für den Verlauf der Wahlen interessierten, abgesandt. Auch Stefan
Arkadjewitsch, der sich in heiterster Stimmung befand, sandte an Darja
Aleksandrowna ein Telegramm folgenden Inhalts: »Njewjedowskiy mit
zwanzig Kugeln gewählt. Ich gratuliere ihm soeben. Teile es weiter
mit.« Er diktierte dasselbe laut und bemerkte dazu: »Man muß ihnen eine
Freude machen.«

Als Darja Aleksandrowna die Depesche erhalten hatte, seufzte sie nur
über den Rubel, den es gekostet, und erkannte, daß die Sache jetzt wohl
bis zum Schluß der Tafel gediehen sein mußte. Sie wußte ja, daß Stefan
die Schwäche besaß, am Ende von Banketts »=faire jouer le télégraphe=«.

Alles war, im Verein mit dem ausgezeichneten Essen und Weinen die
nicht von russischen Weinhändlern, sondern direkt von auswärts
stammten, sehr vornehm, ungekünstelt und fröhlich gewesen. Ein
kleiner Kreis von einigen zwanzig Herren, war von Swijashskiy aus der
Mitte der gleichgesinnten, freidenkenden, und zugleich geistreichen
und ordnungsliebenden Führer der Jungpartei, ausgewählt worden.
Man brachte Toaste aus, auch halbscherzhafte, sowohl auf den neuen
Gouvernementsvorsteher, als auf den Gouverneur, auf den Bankdirektor,
wie auf »unseren liebenswürdigen Wirt!« --

Wronskiy war zufrieden. Er hatte nimmermehr einen so angenehmen Ton in
der Provinz erwartet.

Gegen das Ende des Essens wurde die Stimmung noch heiterer. Der
Gouverneur bat Wronskiy, in das Konzert zu Gunsten der »Brüderschaft«
zu fahren, welches seine Frau veranstaltet habe, die mit ihm bekannt zu
werden wünschte.

»Es wird Ball dort sein und man sieht da unsere Schönheiten; in der
That bemerkenswert.«

»=Not in my line=,« antwortete Wronskiy, der diesen Ausdruck liebte,
lächelte aber, und versprach doch zu kommen.

Noch vor dem Aufstehen von der Tafel, als alles eben zu rauchen anfing,
trat der Kammerdiener Wronskiys zu diesem heran mit einen Briefe auf
der Präsentierschale.

»Aus Wosdwishenskoje per Expressen,« meldete er mit bedeutungsvoller
Miene.

»Wunderbar, wie ähnlich er unserem Kameraden, dem Prokurator Swentizkiy
sieht,« sagte einer der Gäste auf französisch, den Kammerdiener
meinend, während Wronskiy, sich verfinsternd, das Schreiben las.

Der Brief war von Anna; schon bevor er ihn gelesen hatte, kannte er
seinen Inhalt. In der Annahme, daß die Wahlen in fünf Tagen vorüber
sein würden, hatte er versprochen, Freitag zurückkehren zu wollen.
Heute war Sonnabend, und er wußte, daß der Inhalt des Briefes aus
Vorwürfen bestehen würde, weil er nicht rechtzeitig zurückgekehrt
sei. Der Brief, welchen er gestern Abend abgeschickt hatte, war
wahrscheinlich noch nicht angekommen.

Der Inhalt des Briefes war der erwartete, aber seine Form eine
unerwartete und ihm höchst unangenehme.

»Any ist sehr krank; der Arzt sagt, es könne eine Entzündung eintreten.
Ich verliere in meiner Einsamkeit den Kopf. Die Fürstin Barbara ist
keine Hilfe, sondern ein Hindernis. Ich erwartete dich vorgestern,
gestern, und schicke jetzt, um zu erfahren, wo du eigentlich bist und
was du machst. Ich wollte selbst fahren, habe aber davon abgesehen,
da ich wußte, daß dir dies unangenehm gewesen sein würde. Gieb mir
Antwort, damit ich weiß, was ich anfangen soll.«

»Das Kind ist krank und sie hat selbst reisen wollen! -- Unsere Tochter
ist krank und dieser feindselige Ton!« --

Diese harmlose Zerstreuung bei den Wahlen und jene düstere, lastende
Liebe, zu welcher er zurückkehren mußte, trafen Wronskiy durch ihren
Gegensatz. Aber man mußte abreisen und er fuhr mit dem ersten Zuge in
der Nacht nach Hause.


                                  32.

Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwägung,
daß jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen
wiederholten, nur eine Erkältung herbeiführen, aber nicht fesseln
könnten, den Entschluß gefaßt, alle nur möglichen Anstrengungen über
sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen.
Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte,
als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie
verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon
vernichtet war.

In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals über jenen Blick nach, welcher
sein Recht auf Freiheit ausdrückte, und sie gelangte, wie stets, zu dem
Einen -- zu dem Bewußtsein ihrer Erniedrigung. --

»Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu
reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar
keine! Aber, wenn er dies auch weiß, darf er doch nicht so handeln.
Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem
ernstem Ausdruck. Dies ist natürlich etwas Unbestimmbares, nicht
Greifbares, aber es war früher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,«
dachte sie, »dieser Blick beweist, daß die Abkühlung eintritt!«

Obwohl sie sich überzeugt hatte, daß die Abkühlung eintrete, war es
ihr dennoch nicht möglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu
ihm zu verändern. Nur allein so wie früher, allein mit Liebe und
Anhänglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie früher durch
Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren
Gedanken darüber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben
einmal aufhören würde.

Allerdings, es gab da noch ein Mittel -- nicht ihn zu halten; denn
dafür wollte sie nichts anderes, als seine Liebe haben, wohl aber,
sich ihm zu nähern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie
nicht entfernen könnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die
Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wünschen und
entschloß sich, zum erstenmal, darein zu willigen, sobald er oder
Stefan zu ihr davon sprechen würden.

In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fünf Tage, die nämlichen,
während deren er abwesend sein mußte.

Die Spaziergänge und Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara, die
Besuche des Krankenhauses, und hauptsächlich die Lektüre eines Buches
nach dem andern, füllten ihre Zeit aus.

Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurückkehrte,
fühlte sie, daß sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken über
ihn und darüber, was er dort wohl thun möchte, zu unterdrücken.

In dieser Zeit erkrankte ihr Töchterchen. Anna befaßte sich mit seiner
Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die
Krankheit nicht gefährlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses
Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht.
Gegen Abend dieses Tages fühlte Anna, allein, eine solche Bangnis
für Wronskiy, daß sie beschloß, nach der Stadt zu fahren; nachdem
sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes
widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne
es nochmals durchzulesen, mit einem expressen Boten ab.

Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige.
Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes,
den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie
nun erfahren hatte, daß das kleine Mädchen nicht gefährlich krank sei.
Aber gleichwohl war sie froh darüber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt
gestand sich Anna selbst bereits ein, daß er von ihr belästigt werde,
daß er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurückzukehren
-- war aber nichtsdestoweniger froh, daß er kam. Mochte er von ihr
belästigt werden -- wenn er nur hier war, damit sie ihn sähe, und jede
seiner Bewegungen kannte.

Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und
las, dem Geräusch des Windes draußen lauschend und jede Minute die
Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das
Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht
nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch
in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience
gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob
sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher
zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber
am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde.
Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den
Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit
zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über
das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden
war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier
sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und
alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen.

»Was macht Any?« sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die
auf ihn zueilte.

Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen
Stiefel aus.

»Es ist nichts; ihr ist besser.«

»Und du?« sagte er, sich schüttelnd.

Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre
Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden.

»Es freut mich sehr,« sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr
Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte.

All das gefiel ihm -- aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und
jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm,
blieb auf seinem Antlitz.

»Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?« sagte er, mit dem
Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend.

»Dies ist ja gleichgültig,« dachte sie, »wenn er nur hier ist, und wenn
er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu
lieben.«

Der Abend verging voll Glück und Heiterkeit mit der Fürstin Barbara,
welche gegen Wronskiy klagte, daß Anna in seiner Abwesenheit Morphium
genommen habe.

»Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten
mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; -- fast nie.« --

Er erzählte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit
ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen
Erfolg. Sie erzählte ihm von allem, was ihn daheim interessieren
konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten.

Spät am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wünschte Anna, welche
sah, daß sie ihn wieder vollständig beherrschte, den lastenden Eindruck
seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet
hatte, zu verwischen.

»Gestehe, dir war es verdrießlich, das Schreiben zu empfangen und du
hast mir nicht geglaubt?«

Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, daß ihr
Wronskiy, so liebevoll für sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht
vergeben habe.

»Ja,« antwortete er. »Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank,
bald wolltest du selbst kommen.«

»Es war alles wahr.«

»Daran zweifle ich auch gar nicht.«

»Doch; du zweifelst. Du bist mißgestimmt; ich sehe es.«

»Keinen Augenblick. Ich bin nur darüber ungehalten; -- es ist ja
wahr -- du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gäbe Pflichten« --

-- »Ins Konzert zu fahren« --

-- »Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte er.

»Warum sollen wir nicht davon sprechen?« antwortete sie.

»Ich will nur sagen, daß man unumgänglich notwendige Geschäfte
haben kann. So muß ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer
Angelegenheit meines Hauses. -- Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar?
Weißt du denn nicht, daß ich ohne dich nicht leben kann?«

»Wenn es so steht,« sprach Anna, plötzlich den Ton verändernd, »daß
dieses Leben dir lästig wird -- ja, du kommst auf einen Tag und fährst
wieder fort -- so machen es« --

-- »Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben« --

Doch sie hörte ihn nicht.

»Wenn du nach Moskau fährst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier.
Entweder wir müssen uns trennen, oder miteinander leben!« --

»Aber du weißt doch, daß dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch
hierzu« --

-- »Ist die Ehescheidung nötig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, daß
ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.«

»Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wünsche doch nichts
weniger, als mich von dir zu trennen,« sagte Wronskiy lächelnd.

Nicht nur der kalte, böse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird
und verstockt ist, glänzte in seinen Augen auf, als er diese zärtlichen
Worte sprach.

Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung.

»Wenn es so steht, so ist es ein Unglück!« sprach dieser Blick. Es war
dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr
vergessen können.

Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die
Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Fürstin
Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mußte, zusammen mit
Wronskiy nach Moskau. Täglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch
erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie
Eheleute zusammen einquartiert.



                            Siebenter Teil.

                                   1.


Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon längst
war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der
Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mußte;
aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, daß die Zeit
jetzt näher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen.

Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin,
vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen
Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fühlte sich vollkommen
ruhig und glücklich.

Sie fühlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung
von Liebe zu dem künftigen, für sie zum Teil schon vorhandenen Kinde,
und lauschte mit Wonne diesem Gefühl. Das Kind war jetzt nicht mehr
völlig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein
eigenes, von ihr unabhängiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft,
aber gleichzeitig hätte sie auch darüber lachen mögen in seltsamer,
ungekannter Freude.

Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr,
bemühten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so völlig nur eine
große Annehmlichkeit, daß sie sich, wenn sie nicht gewußt und gefühlt
hätte, daß dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben
gewünscht haben würde.

Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, daß ihr
Gatte nicht mehr der nämliche war, als der er sie vorher geliebt hatte,
und der er auf dem Dorfe gewesen war.

Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommenden Ton auf
dem Lande. In der Stadt hingegen schien er beständig in Unruhe und auf
der Hut zu sein, als fürchte er, es möchte ihn, oder hauptsächlich sie
jemand beleidigen.

Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, daß er dort an seinem
Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier
aber, in der Stadt, war er beständig in geschäftiger Eile, als wolle er
Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun.

Sie hatte Mitleid mit ihm; daß er den anderen nicht bemitleidenswert
erschien, wußte sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn
blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im
Bemühen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck
in sich selbst bestimmen zu können, welchen derselbe auf die anderen
macht, sah sie zum Schrecken für ihre Eifersucht, daß er nicht nur
nicht kläglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertümelnden
Rechtschaffenheit, seiner ängstlichen Höflichkeit gegen die Frauen, mit
seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien
ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von außen,
sondern von innen nach außen; sie sah, daß er hier nicht wahrhaftig
war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklären.

Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwürfe darüber, daß er nicht
verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen räumte sie sich ein, daß es
ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, daß er
damit zufrieden sein konnte.

Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er
nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemännern nach Art Oblonskiys
umzugehen -- was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt
-- bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer weiß wohin zu fahren.
Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen
Fällen die Herren sich begeben möchten. Sollte er in Gesellschaft
gehen? Sie wußte doch, daß man hierzu Vergnügen in der Annäherung an
junge Damen finden müsse, und konnte es daher nicht wünschen. Sollte
er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So
angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gespräche -- der
alte Fürst nannte sie »Alina-Nadina« unter den Schwestern -- waren,
so wußte sie doch, daß ihm das langweilig werden müsse. Was blieb ihm
nun zu thun übrig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er
hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben,
um sich mit Excerpten und Korrekturen für sein Werk zu beschäftigen,
je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger
blieb ihm Zeit übrig. Außerdem aber beklagte er sich bei ihr, daß er
hier allzuviel über sein Buch gesprochen habe, daß sich infolge dessen
alle Ideen über dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran
verloren habe.

Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, daß es hier unter ihnen
nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, daß die Bedingungen des
Stadtlebens andere waren, oder davon, daß sie beide vorsichtiger und
verständiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab
es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefürchtet hatten, als sie
nach der Stadt übersiedelten.

In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein für sie beide sehr
wichtiges Vorkommnis -- die Begegnung Kitys mit Wronskiy. -- Eine alte
Fürstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb
gehabt hatte, wünschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem
Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten
alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy.

Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen,
daß ihr für einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst
so bekannt gewesenen Züge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut
zum Herzen geströmt war, und eine brennende Röte -- sie fühlte dies --
auf ihr Antlitz trat. Doch dies währte nur einige Sekunden. Ihr Vater
hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gespräch noch
nicht geendet, als sie sich schon völlig vorbereitet fühlte, Wronskiy
anschauen zu können, und mit ihm, wenn es nötig werden sollte, ganz
so zu sprechen, wie sie mit der Fürstin Marja Borisowna sprach: und
zwar in einer Weise, daß alles bis auf den geringsten Accent, das
geringste Lächeln, von ihrem Gatten gutgeheißen werden konnte, dessen
unsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam über sich fühlte.

Sie sprach mit ihm einige Worte, lächelte sogar ruhig bei seinem Scherz
über die Wahlen, die er »unser Parlament« nannte. -- Man mußte hier
lächeln, um zu beweisen, daß sie den Scherz verstanden hatte. -- Doch
sofort wandte sie sich wieder zur Fürstin Marja Borisowna und blickte
nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu
verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber
nur deshalb, weil es unhöflich war, einen Menschen nicht anzusehen,
wenn er grüßt.

Sie war ihrem Vater dankbar dafür, daß er nichts von der Begegnung
mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit
nach der Visite, während des üblichen Spazierganges, daß er mit ihr
zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie
hatte keinesfalls erwartet, daß sich in ihr soviel Kraft finden
würde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frühere
Empfindung für Wronskiy zu unterdrücken, und diesem gegenüber nicht
nur vollständig gleichmütig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch
wirklich zu sein.

Lewin errötete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzählte, daß
sie Wronskiy bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam
ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, über die
Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu müssen, da er sie
nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte.

»Es thut mir sehr leid, daß du nicht dabei warst,« sagte sie, »nicht,
weil du nicht im Zimmer warst -- ich würde nicht so natürlich geblieben
sein in deiner Gegenwart -- aber ich erröte jetzt weit mehr, weit, weit
mehr,« sagte sie, sich bis zu Thränen verfärbend, »ach, daß du nicht
durch einen Spalt schauen konntest.«

Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, daß sie mit sich zufrieden gewesen
war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errötet war, und
begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wünschte. Nachdem
er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, daß sie nur
in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu erröten, sowie,
daß ihr dann so frei und leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten
besten Begegnenden gegenüber, wurde Lewin wieder vollständig heiter und
sagte, daß er sich sehr darüber freue, und jetzt nicht mehr so thöricht
handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemühen, bei der ersten
Begegnung mit Wronskiy so liebenswürdig als möglich zu sein.

»Es ist so peinlich, denken zu müssen, daß man einen Menschen als Feind
besitzt, mit dem zusammentreffen zu müssen, uns schwer wird,« sagte
Lewin. »Ich bin sehr, sehr froh darüber.«


                                   2.

»So fahre also zu den Bolj,« sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um
elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. »Ich weiß, daß du im
Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber
den Vormittag?«

»Ich will nur zu Katawasoff,« antwortete Lewin.

»Weshalb so früh?«

»Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will
mit diesem über mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in
Petersburg,« sagte Lewin.

»Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann?« sagte
Kity.

»Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.«

»Und ins Konzert?« frug sie.

»Was soll ich allein dorthin!«

»Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitäten. Sie interessierten dich
doch so. Ich würde sicher hinfahren.«

»Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus,« sagte er, nach der
Uhr blickend.

»Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Gräfin Bolj
fahren kannst.«

»Ist denn das so unbedingt notwendig?«

»Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fährst
hin, setzest dich, sprichst fünf Minuten über das Wetter, stehst wieder
auf und fährst fort.«

»Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwöhnt, daß mir selbst dies
schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu
ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund länger sitzen, stört die
Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder!« --

Kity lachte.

»Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht?« sagte sie.

»Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich
so davon entwöhnt, daß ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen
will, als diese Visite machen. So schwer fällt sie mir. Mir scheint
stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: >Weshalb bist du denn
eigentlich ohne Grund hierhergekommen?<« --

»O nein; man fühlt sich nicht verletzt. Dafür bürge ich dir schon,«
sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, »nun
leb' wohl -- fahre hin, ich bitte dich.« Er wollte schon gehen, nachdem
er ihre Hand geküßt hatte, als sie ihn zurückhielt. »Mein Kostja, du
weißt wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?«

»Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel
brauchst du denn?« sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von
Mißvergnügen.

»Nein doch; warte.« Sie hielt ihn an der Hand zurück. »Sprechen
wir darüber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts
Überflüssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen
Etwas nicht richtig.«

»Keineswegs,« sagte er, sich räuspernd und von unten her auf sie
blickend. Dieses Räuspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher
Unzufriedenheit bei ihm, nicht über sie, sondern über sich selbst.
Er war in der That unzufrieden, doch nicht darüber, daß viel Geld
gebraucht wurde, sondern daß man ihn an das erinnerte, was er in der
Erkenntnis, daß Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wünschte. »Ich
habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld für die
Mühle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.«

»Ja, aber ich fürchte, daß überhaupt viel« --

»Keineswegs, keineswegs,« wiederholte er -- »doch leb' wohl jetzt,
Herzchen.«

»Nicht doch; ich beklage es bisweilen, daß ich auf Mama gehört habe.
Wie hübsch wäre es auf dem Dorfe gewesen! Und überdies quäle ich euch
alle noch und wir verschwenden Geld« --

»Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal,
seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, daß ich gesagt hätte, es
wäre anders besser, als so, wie es eben ist« --

»Ist das wahr?« sagte sie, ihm in die Augen blickend.

Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu
beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, daß diese ehrlichen,
lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das
Nämliche aus ganzer Seele. »Ich vergesse sie in der That,« dachte er,
und rief sich in das Gedächtnis zurück, was sie beide so bald erwartete.

»Wird es denn bald? Wie fühlst du dich?« flüsterte er, sie bei beiden
Händen nehmend.

»Ich habe schon sovielmal daran gedacht, daß ich jetzt nichts mehr
denke und nichts weiß.«

»Hast du nicht Angst?«

Sie lächelte geringschätzig.

»Nicht die Idee,« sagte sie.

»Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.«

»Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde
mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen
erwarte ich dich. -- Ach ja! Du weißt wohl, daß die Lage Dollys
entschieden unhaltbar wird? Sie ist über und über verschuldet, und Geld
hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy,« -- so nannte
sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa -- »gesprochen, und wir haben
beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden
nicht mehr möglich. Mit Papa läßt sich darüber nicht sprechen, doch
wenn ihr beide« --

»Aber was können wir thun?« frug Lewin.

»Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir
sagen, was wir beschlossen haben.«

»Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde
also zu ihm fahren. Sollten sie gerade ins Konzert gehen, so werde ich
auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.«

Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener
Kusma zurück, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete.

»Der Krasavtschik,« dies war das Handpferd, welches mit vom Lande
hereingebracht worden war, »ist beschlagen worden, er hinkt aber immer
noch,« berichtete er, »was befehlt ihr nun?«

In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land
mit hereingebrachten Pferde beschäftigt; er hatte sich auf diesem
Gebiet so gut und billig wie möglich einrichten wollen, allein es
stellte sich heraus, daß ihm seine Pferde teurer wurden, als die der
Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein.

»Laß ihn zum Roßarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.«

»Nun, und für den Wagen Katharina Aleksandrownas?« frug Kusma.

Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie während der ersten Zeit
seines Lebens in Moskau, daß zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den
Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten
gespannt werden müssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel
Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und daß er dafür
fünf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natürlich.

»Laß den Mietkutscher ein Paar Pferde für unseren Wagen bringen,« sagte
er.

»Zu Diensten.«

Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhältnissen der Stadt,
einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem
Lande soviel überflüssige Mühe und Aufmerksamkeit erfordert hätte, ging
er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in
den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr
an Geld, sondern überlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten,
der sich mit Socialwissenschaft beschäftigte, bekannt machen und mit
ihm über sein Buch sprechen wollte.

Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem
Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichen
Geldausgaben überrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden.
Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewöhnt. Es ging ihm in dieser
Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging
schwer, das zweite leichter -- nach dem dritten aber ging es wie im
Vogelschwarm.

Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines
Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkürlich
vor, daß diese Livreen, die niemand etwas nützten, doch unumgänglich
erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Fürstin und
Kity verwunderten bei der Andeutung, man könne auch ohne Livree
auskommen -- daß diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heißt,
einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten
kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen
bis zum späten Abend war -- und dieses Hundertrubelpapier ging ihm
noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von
Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn
auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung
daran wachrief, daß achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer
waren, welcher unter Schweiß und Stöhnen gemäht, gebunden, gedroschen,
geworfelt, wieder ausgesät oder aufgeschüttet wurde, schon leichter
fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr
derartige Erwägungen hervor, sondern flogen wie kleine Vögel davon.
Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden
war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte,
wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen.
Die wirtschaftliche Erwägung, daß es einen bestimmten Preis giebt,
unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls
vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte,
wurde für fünfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man
einen Monat vorher dafür gegeben hatte. Selbst die Erwägung, daß man
bei derartigen Ausgaben unmöglich ein ganzes Jahr leben könne, ohne
Schulden zu machen, selbst diese Erwägung hatte keine Bedeutung mehr
für ihn. Nur Eines war nötig; man mußte Geld auf der Bank haben, ohne
daß gefragt wurde, woher es kam, sodaß man stets wußte, wofür man den
nächsten Tag das Rindfleisch kaufen könnte.

Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm
Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und
er wußte nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte
ihn, als Kity mit ihm über das Geld sprach, einen Augenblick in
Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darüber nachzudenken.

Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit
Metroff denkend.


                                   3.

Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen
Universitätsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den
er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte.

Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner
Weltanschauung. Lewin glaubte, daß die Klarheit dieser Weltanschauung
Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei,
Katawasoff hingegen meinte, daß die Inkonsequenz in der Denkweise
Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe;
aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der Überfluß
der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen
sich gern und debattierten dann.

Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie
gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen
hatte, hatte er zu ihm gesagt, daß der bekannte Metroff, dessen
Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und
sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff über die Arbeit
Lewins mitgeteilt hatte, daß Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und
sehr erfreut sein würde, mit ihm bekannt zu werden.

»Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht
einem Freude, Euch zu sehen,« sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon
entgegentretend. »Ich hörte die Glocke und dachte, nicht möglich, daß
er zur rechten Zeit käme -- nun, wie steht es mit den Tschernagorzen?
Nach der Art des Krieges« --

»Nun?« frug Lewin.

Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und
machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten
Manne von sehr angenehmem Äußern bekannt. Dies war Metroff.

Das Gespräch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in
den höchsten Sphären Petersburgs die jüngsten Ereignisse betrachte.

Metroff teilte ihm aus zuverlässiger Quelle bekannte Worte mit, die bei
dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geäußert worden
sein sollten.

Katawasoff hatte auch als verbürgt erfahren, daß der Zar etwas
ganz anderes gesagt habe. Lewin bemühte sich, eine Situation
herauszuklügeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein
konnten, und das Gespräch über den Gegenstand wurde abgebrochen.

»Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben über die
natürlichen Verhältnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden,« sagte
Katawasoff, »ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als
Naturwissenschaftler gefallen, daß er die Menschheit nicht als etwas
außerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffaßt, sondern im
Gegenteil die Abhängigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in
dieser Abhängigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.«

»Das ist sehr interessant,« sagte Metroff.

»Ich habe eigentlich nur ein Buch über die Landwirtschaft zu schreiben
begonnen, bin aber unwillkürlich, indem ich mich mit dem wichtigsten
Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschäftigte,« sagte Lewin
errötend, »zu vollständig unerwarteten Resultaten gekommen.«

Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine
Anschauung darzulegen.

Er wußte, daß Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende
politisch-ökonomische Wissenschaft geschrieben hatte, wußte aber nicht,
bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme für seine neuen
Anschauungen bei ihm zu stoßen, und konnte dies auch nicht an dem
klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten.

»Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften des russischen
Arbeiters?« sagte Metroff, »in seinen zoologischen Eigenschaften,
sozusagen, oder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet?«

Lewin sah, daß in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit
welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu
entwickeln, welche darin bestand, daß der russische Arbeiter einen im
Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Völker vollkommen eigenartigen
Blick für sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung
zu stützen, hinzuzufügen, daß nach seiner Meinung, dieser Blick des
russischen Volkes herrühre aus dem Bewußtsein seines Berufes, die
ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevölkern zu müssen.

»Es ist leicht möglich, in einen Irrtum zu verfallen, wenn man einen
Schluß auf die allgemeine Bestimmung eines Volkes macht,« sagte
Metroff, Lewin unterbrechend. »Die Lage des Arbeiters wird stets von
dessen Beziehungen zu Boden und Kapital abhängen.«

Ohne Lewin noch zu gestatten, seine Idee ganz auszusprechen, begann
nun Metroff, ihm die Eigenart seiner Lehre zu erklären. Worin die
Eigenart dieser Lehre bestand, begriff Lewin nicht, weil er sich gar
nicht bemühte, sie zu begreifen; er sah, daß Metroff, ebenso wie die
anderen, trotz seiner Abhandlung, in welcher die Wissenschaft der
Nationalökonomen gestürzt wurde, auf die Situation des russischen
Arbeiters doch nur vom Gesichtspunkt des Kapitals des Arbeiterlohnes
und der Rente blickte.

Obwohl er nun zugestehen mußte, daß in dem östlichen, dem größten
Teile Rußlands, die Rente noch gleich Null war, daß der Arbeitslohn
für neun Zehntel der achtzig Millionen Einwohner nur die Ernährung in
sich selbst ausdrückte, und ein Kapital noch nicht anders vorhanden
sei, als in Gestalt von primitivsten Hilfsmitteln, so blickte er doch
lediglich von diesem Standpunkte aus auf die gesamten Arbeiter, obwohl
er in vielem gleichwohl nicht mit den Nationalökonomen übereinstimmte,
und hielt seine neue Theorie vom Arbeitslohn aufrecht, welche er Lewin
entwickelte.

Dieser hörte nur ungern zu und opponierte anfangs. Er wollte Metroff
unterbrechen, um ihm seine Idee zu äußern, die nach seiner Meinung
eine weitere Erklärung überflüssig machte, aber nachdem er sich
überzeugt hatte, daß sie beide in so verschiedenem Grade die Sache
betrachteten, daß niemals Einer den Anderen verstehen würde, opponierte
er nicht mehr, und hörte nur noch zu.

Ungeachtet dessen, das für ihn jetzt schon gar nicht mehr interessant
war, was Metroff sprach, verspürte er doch ein gewisses Vergnügen,
indem er ihm zuhörte. Seiner Eigenliebe wurde dadurch geschmeichelt,
daß ihm ein so gelehrter Mann so gern, mit so großer Aufmerksamkeit
und solchem Zutrauen zu seiner Kenntnis über den Gegenstand, bisweilen
mit einem einzigen Wink auf eine ganze Seite der Sache deutend, seine
Gedanken aussprach.

Er schrieb dies seiner Würde zu, ohne zu wissen, daß Metroff in der
Unterhaltung mit allen seinen Bekannten besonders gern von jenem
Gegenstande mit jedem Menschen, der ihm neu bekannt wurde, sprach; daß
er überhaupt gern mit jedermann über eine Sache, die ihn beschäftigte
und ihm selbst noch unklar war, redete.

»Doch ich werde mich verspätigen,« sagte Katawasoff, nach der Uhr
blickend, nachdem Metroff seine Darlegung soeben beendet hatte. »Ja, es
ist heute Sitzung in der Gesellschaft der Freunde zum Gedächtnis des
fünfzigjährigen Jubiläums Swintitschs,« antwortete er auf Lewins Frage.
»Ich habe mich an Peter Iwanowitsch gemacht, und habe versprochen, über
seine Arbeiten in der Zoologie zu lesen. Kommt mit mir, es ist sehr
interessant.«

»In der That, es ist Zeit,« sagte Metroff. »Kommt mit uns, und, wenn
Ihr wollt, von da aus, mit zu mir. Ich wünschte sehr, von Eurer Arbeit
weiter zu hören.«

»Nein; das wird nicht gehen; sie ist noch unvollendet. Aber in die
Sitzung komme ich sehr gern mit.«

»Wie, Verehrtester, habt Ihr gehört? Er gab eine ganz eigene Meinung
zum besten,« sagte Katawasoff, im Nebenzimmer den Frack anlegend.

Es begann ein Gespräch über die Universitätsfrage. Die
Universitätsfrage bildete einen sehr wichtigen Gegenstand während
dieses Winters in Moskau. Drei alte Professoren im Senat hatten die
Meinungen jüngerer nicht acceptiert; und diese vertraten nun eine
eigene Ansicht.

Diese Ansicht war entsetzlich nach dem Urteile der Einen, sie war sehr
einfach und richtig nach dem der Anderen, und die Professoren hatten
sich in zwei Lager gespalten.

Die Einen, zu denen Katawasoff gehörte, sahen auf der gegnerischen
Seite niedrige Verleumdung und Betrug; die Anderen Kinderei und
Mißachtung der Autorität.

Lewin hatte, obwohl er dem Universitätsverband nicht angehörte, schon
mehrmals während seines Aufenthalts in Moskau von dieser Angelegenheit
gehört und darüber gesprochen, und sich in dieser Beziehung seine
eigene Meinung gebildet. Er nahm Teil an dem Gespräch, welches noch auf
der Straße fortgesetzt wurde, als alle drei nach dem Gebäude der alten
Universität gingen.

Die Sitzung hatte schon begonnen. An einem Tische, welcher mit Tuch
gedeckt war und hinter dem sich Katawasoff und Metroff niederließen,
saßen sechs Herren, und einer von ihnen, der sich dicht über eine
Handschrift beugte, las etwas.

Lewin setzte sich auf einen der leeren Stühle, welche um den Tisch
herum standen, und frug flüsternd einen dort sitzenden Studenten, was
man lese.

Mit einem mißvergnügten Blick auf Lewin antwortete dieser:

»Eine Biographie ist es.«

Obwohl sich nun Lewin für die Biographie eines Gelehrten gerade nicht
interessierte, hörte er doch unwillkürlich zu und erfuhr so manches
Interessante und Neue über das Leben des berühmten Gelehrten.

Als der Lektor geendet hatte, dankte ihm der Vorsitzende und las die
ihm für das Jubiläum eingesandten Verse des Dichters Ment vor, nebst
einigen Worten des Dankes für diesen.

Darauf las Katawasoff mit seiner lauten, schreienden Stimme seine
Schrift über die Gelehrtenthätigkeit des Jubilars.

Nachdem Katawasoff geendet hatte, blickte Lewin auf die Uhr und
gewahrte, daß es schon zwei Uhr sei; er überlegte, daß er bis zum
Konzert Metroff sein Werk nicht werde vorlesen können, und verspürte
dazu auch gar keine Lust.

Während der Zeit des Lesens hatte er nur an die stattgehabte
Unterredung gedacht, und es war ihm jetzt klar, daß, obwohl vielleicht
auch die Ideen Metroffs ihre Bedeutung hatten, seine Ideen doch
ebenfalls eine solche besaßen, und aufklären und zu Etwas führen
könnten, wofern nur ein jeder für sich auf dem auserwählten Wege
arbeite, während aus einer Veränderung dieser beiden Ideen nichts
hervorgehen könne.

Nachdem sich Lewin entschlossen hatte, die Einladung Metroffs
abzulehnen, begab er sich beim Schluß der Sitzung zu diesem hin.
Metroff machte Lewin mit dem Präsidenten bekannt, mit welchem er über
politische Neuigkeiten sprach. Hierbei erzählte Metroff dem Präsidenten
das Nämliche, was er Lewin erzählt hatte, während Lewin die gleichen
Bemerkungen machte, die er schon heute Vormittag geäußert hatte; zur
Abwechslung indessen sprach er auch seine eigene Meinung mit aus, die
ihm gerade einfiel. Hierauf begann wiederum das Gespräch über die
Universitätsfrage. Da Lewin indessen alles das schon gehört hatte,
beeilte er sich, Metroff zu sagen, er bedaure, von seiner Einladung
nicht Gebrauch machen zu können, empfahl sich und fuhr zu Lwoff.


                                   4.

Lwoff, der mit Nataly, der Schwester Kitys verheiratet war, hatte sein
ganzes Leben in den Residenzen und im Auslande zugebracht, wo er auch
erzogen worden war und als Diplomat gedient hatte.

Im vergangenen Jahre hatte er die diplomatische Carriere aufgegeben,
nicht infolge einer Unannehmlichkeit -- er hatte niemals mit jemand
Unannehmlichkeiten gehabt -- und war in das Hofgericht nach Moskau
übergetreten, um seinen beiden Söhnen eine bessere Erziehung angedeihen
zu lassen.

Trotz des schärfsten Gegensatzes in den Gewohnheiten und Anschauungen,
sowie darin, daß Lwoff auch älter als Lewin war, waren beide in
diesem Winter in engen Verkehr miteinander getreten und hatten sich
gegenseitig liebgewonnen.

Lwoff befand sich daheim, und Lewin trat ohne Anmeldung bei ihm ein.
Lwoff war im Hausrock mit Gürtel, und saß in Halbschuhen von sämischem
Leder in einem Lehnstuhl, durch das Pincenez mit blauen Gläsern ein
Buch lesend, welches auf einem Lesepult lag, während er, auf der Hut
vor der abfallenden Asche, mit der schönen Hand eine bis zur Hälfte
aufgerauchte Cigarre hielt.

Sein schönes, feines und jugendliches Gesicht, welchem die lockigen,
glänzenden silbernen Haare noch mehr den Ausdruck angestammten Adels
verliehen, erglänzte von einem Lächeln, als er Lewin erblickte.

»Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Euch schicken! Nun, was macht Kity!
Setzt Euch hierher, da ist es behaglicher,« er stand auf und bewegte
einen Rollstuhl herbei.

»Habt Ihr schon das letzte Cirkular im >Journal de St. Petersbourg<
gelesen? Ich finde es vortrefflich,« sagte er mit etwas französischem
Accent.

Lewin teilte ihm mit, was er von Katawasoff vernommen hatte, und was
man in Petersburg spräche, und berichtete, nachdem er über die Politik
gesprochen hatte, von seiner Bekanntschaft mit Metroff und seiner
Exkursion in die Sitzung. Lwoff interessierte dies sehr.

»Ich beneide Euch, daß Ihr Zutritt zu dieser interessanten
Gelehrtenwelt habt,« sagte er, und ging dann, wie gewöhnlich sogleich
zu der ihm bequemeren französischen Sprache über. »Ich habe allerdings
leider auch keine Zeit; denn mein Dienst sowohl, als die Beschäftigung
mit meinen Kindern beraubt mich derselben; dann aber scheue ich mich
nicht, zu bekennen, daß meine Bildung allzu mangelhaft ist.«

»Das glaube ich nicht,« antwortete Lewin lächelnd, und, wie gewöhnlich,
voll Erbarmen mit dieser niedrigen Meinung von sich selbst, die
durchaus nicht dem Wunsche, bescheiden zu erscheinen oder zu sein,
entsprang, sondern vollständig aufrichtig war.

»Ach, gewiß doch! Ich fühle es jetzt, wie wenig gebildet ich bin.
Selbst zur Erziehung der Kinder muß ich viel wieder an meinem
Gedächtnis auffrischen, ja geradezu lernen! Denn trotzdem, daß Lehrer
da sind, muß auch ein Aufseher da sein, sowie in Eurer Ökonomie
Arbeiter nötig sind nebst einem Inspektor. Da lese ich eben« -- er
zeigte auf die Grammatik Buslajeffs, welche auf dem Lesepult lag, »das
fordert man von Mischa, und es ist doch so schwierig -- erklärt mir
dies. Hier sagt er« --

Lewin wollte ihm erklären, daß man dies nicht verstehen könne, sondern
lernen müsse, doch Lwoff stimmte dem nicht bei.

»Ihr lacht darüber!« sagte er.

»Im Gegenteil, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich, im Hinblick
auf Euch, stets studiere, was mir auch bevorsteht, die Erziehung von
Kindern!«

»Nun, aber das Lernen taugt doch nichts,« sagte Lwoff.

»Ich kann nur sagen,« antwortete Lewin, »daß ich nie besser erzogene
Kinder gesehen habe, als die Euren, und keine besseren Kinder wünschte,
als die Euren sind.«

Lwoff hielt augenscheinlich an sich, seine Freude zu zeigen, aber er
erglänzte doch von einem Lächeln.

»Wenn sie nur besser werden als ich, das ist alles, was ich wünsche.
Ihr kennt noch nicht die ganze Mühe,« begann er, »mit den Knaben,
welche, wie die meinen, in diesem Leben im Auslande verwildert waren.«

»Ihr holt alles ein. Es sind ja so befähigte Kinder, und was die
Hauptsache ist -- sie haben eine moralische Erziehung. Das ist es, was
ich studiere, wenn ich Eure Kinder anblicke.«

»Ihr sagt, eine moralische Erziehung. Man kann sich nicht vorstellen,
wie schwer diese ist! Kaum habt Ihr die eine Seite bekämpft, so wachsen
andere hervor und es beginnt ein neuer Kampf. Hätte man nicht die
Stützen in der Religion -- wißt Ihr noch, wir haben zusammen darüber
gesprochen -- so würde kein Vater mit seinen Kräften allein, ohne diese
Hilfe, erziehen können.«

Dieses Lewin stets interessierende Gespräch wurde durch den Eintritt
der zur Ausfahrt angekleideten, schönen Nataly Aleksandrowna,
unterbrochen.

»Ah, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr hier seid,« sagte sie,
augenscheinlich nicht mit Bedauern, sondern vielmehr erfreut, daß sie
dieses, ihr schon längst bekannte, langweilige Gespräch unterbrochen
hatte. »Was macht Kity? Ich esse heute bei Euch. Weißt du Arseny,«
wandte sie sich an ihren Gatten, »du nimmst den Wagen.«

Unter den beiden Gatten begann nun ein Gespräch, wie sie den Tag
verleben wollten. Da der Gatte mit jemand im Amte zusammenkommen,
die Gattin aber in das Konzert und in die öffentliche Sitzung des
südöstlichen Komitees fahren mußte, so war viel zu beschließen und zu
überlegen.

Lewin, als unabhängiger Mann, mußte Teil an diesen Plänen nehmen,
und es ward beschlossen, daß er mit Nataly in das Konzert und in die
öffentliche Sitzung fuhr, von da aus den Wagen nach dem Comptoir zu
Arseniy sende und dieser Nataly abholen und mit zu Kity nehmen solle --
oder, wenn er mit seinen Geschäften noch nicht fertig wäre, den Wagen
zurückschicke und Lewin mit ihr fahre.

»Er beschämt mich ganz,« sagte Lwoff zu seiner Frau, »er versichert
mir, daß unsere Kinder vorzüglich sind, während ich doch weiß, daß sie
soviel Fehler haben.«

»Arseniy geht bis ins Extrem, ich sage es immer,« bemerkte seine
Gattin. »Wenn man Vollkommenheiten suchen will, so wird man nie
zufrieden werden, und Papa sagt die Wahrheit damit, daß es, als man
uns noch erzog, nur ein einziges Mittel gab -- man steckte uns ins
Entresol; während die Eltern in der Bel-Etage wohnten; jetzt hingegen
möchten die Eltern in die Rumpelkammer und die Kinder in die Bel-Etage!
Die Eltern möchten jetzt schon gar nicht mehr selbst leben, sondern nur
noch für ihre Kinder.«

»Aber wie, wenn dies das Angenehmere wäre?« sagte Lwoff, mit seinem
schönen Lächeln, ihren Arm berührend. »Wer dich nicht kennt, wird
glauben, du seist keine Mutter, sondern eine Stiefmutter.«

»Nein; das Extrem ist nie gut,« sagte Nataly ruhig, sein Papiermesser
auf den Tisch an den dafür bestimmten Platz legend.

»Nun kommt einmal her, ihr Musterkinder,« sagte Lwoff zu seinen
eintretenden hübschen Knaben, welche, Lewin begrüßend, zu ihrem Vater
traten, offenbar in dem Wunsche, ihn nach etwas zu fragen.

Lewin wollte mit ihnen reden und hören, was sie dem Vater zu sagen
hätten, aber Nataly begann mit ihm zu sprechen und soeben trat auch
ein Kollege Lwoffs im Amte, Machotin, in Hofuniform ein, um mit Lwoff
zusammen jemand zu treffen; es begann ein eifriges Gespräch über die
Herzogowina, die Fürstin Korzynska, die Duma und den plötzlichen Tod
der Apraksina.

Lewin hatte den ihm gegebenen Auftrag ganz vergessen. Er erinnerte sich
desselben erst beim Verlassen des Vorzimmers.

»Ach, Kity hat mir ja anvertraut, ich möchte Etwas mit Euch betreffs
Oblonskiys besprechen,« sagte er, als Lwoff auf der Treppe stehen
blieb, indem er sein Weib und ihn hinausbegleitete.

»Ja, ja, =maman= wünscht, daß wir, =les beaux-frères=, ihn vornehmen,«
sagte er errötend, »aber weshalb wohl ich dabei sein soll?« --

»So werde ich ihn vornehmen,« sagte die Lwowa lächelnd, das Ende des
Gesprächs abwartend; »doch jetzt kommt!«


                                   5.

In der Matinee führte man zwei sehr interessante Novitäten vor. Die
eine war eine Phantasie »König Lear in der Steppe«, die andere ein
Quartett, dem Andenken Bachs gewidmet. Beide Stücke waren neu und von
originellem Geiste und Lewin wünschte sich eine Meinung über sie zu
bilden. Nachdem er seine Schwägerin nach deren Stuhl begleitet hatte,
trat er an eine Säule und nahm sich vor, so aufmerksam und gewissenhaft
als möglich zuzuhören. Er bemühte sich, nicht abzuschweifen und den
Eindruck in sich zu beinträchtigen, indem er auf die Armbewegungen
des Kapellmeisters in der weißen Halsbinde blickte, die stets die
musikalische Aufmerksamkeit so unangenehm ablenkten, oder auf die
Damen in ihren Hüten, welche sich geflissentlich für das Konzert die
Ohren mit Bändern zugebunden hatten, oder auf alle jene Personen,
die entweder mit nichts beschäftigt, oder von den verschiedensten
Interessen, nur nicht dem für Musik, eingenommen waren.

Er bemühte sich, den Begegnungen mit Musikkennern und Schwätzern aus
dem Wege zu gehen, und stand nur vor sich niederblickend und lauschte.
Doch je mehr er von der Phantasie König Lear hörte, um so ferner fühlte
er sich der Möglichkeit gerückt, sich selbst eine bestimmte Meinung zu
bilden.

Unaufhörlich begann es, als bereite sich der Ausdruck einer
musikalischen Empfindung vor, sogleich aber fiel derselbe in Trümmer
von neuen Ansätzen zu musikalischen Phrasen auseinander, bisweilen
sogar einfach in durch nichts als die Laune des Komponisten verbundene,
aber außerordentlich komplizierte Klänge.

Aber gerade die Unterbrechungen dieser musikalischen Phrasen, die
bisweilen gut waren, zeigten sich als unangenehm, weil sie vollständig
unerwartet und durch nichts vorbereitet erschienen. Frohsinn und
Trauer, Verzweiflung und Zartheit oder Triumph erschienen ohne jede
innere Berechtigung, gleichsam wie die Gefühle eines Wahnsinnigen; und
ebenso wie bei einem Wahnsinnigen, vergingen sie auch wieder unerwartet.

Lewin hatte während der ganzen Zeit der Aufführung das Gefühl
eines Tauben, welcher auf Tanzende schaut. Er war in vollständiger
Ungewißheit, nachdem das Stück geendet hatte, und fühlte große Ermüdung
von der gespannten, durch nichts gelohnten Aufmerksamkeit. Von allen
Seiten wurde lautes Händeklatschen vernehmbar. Alles erhob sich und
begann herumzulaufen um sich zu unterhalten.

Im Wunsche, nach dem Eindruck anderer seinen Zweifel aufzuklären,
begann auch Lewin zu gehen, um Kenner zu suchen, und war erfreut,
als er einen namhaften Musikkenner im Gespräch mit dem ihm bekannten
Peszoff erblickte.

»Wunderbar!« sagte der tiefe Baß Peszoffs.

»Guten Tag, Konstantin Dmitritsch. Ganz besonders formgerecht und
monumental, sozusagen; und wie reich an Farben ist jene Stelle, in
welcher man die Annäherung Cordelias fühlt, wo die Frau, >das ewig
Weibliche< wie der Deutsche sagt, in den Kampf mit dem Schicksal tritt.
Nicht wahr?«

»Nun, inwiefern war denn da gerade Cordelia?« frug Lewin schüchtern; er
hatte vollständig vergessen, daß die Phantasie König Lear in der Steppe
ausdrücken solle.

»Es zeigt sich Cordelia -- hier!« sagte Peszoff, mit den Fingern auf
den atlasglänzenden Zettel schlagend, den er in der Hand hielt und
Lewin nun hinreichte.

Jetzt erst erinnerte sich Lewin des Titels der Phantasie und beeilte
sich nun, die Verse Shakespeares in der russischen Übersetzung zu
lesen, welche auf der Rückseite des Programms gedruckt standen.

»Ohne dies kann man freilich nicht folgen,« sagte Peszoff, sich zu
Lewin wendend, da der Herr mit welchem er sich unterhalten hatte,
gegangen war, und er mit niemand mehr zu sprechen hatte.

Im Zwischenakt entspann sich zwischen Lewin und Peszoff ein Streit über
die Vorzüge und Mängel der Wagnerschen Musikrichtung. Lewin wies nach,
daß der Irrtum Wagners und aller seiner Nachfolger darin bestehe, daß
hier die Musik in das Gebiet einer fremdartigen Kunst übergehen wolle,
daß auch die Poesie irre, wenn sie die Züge eines Gesichts beschreibe,
was die Malerei zu thun hätte, und führte als Beispiel eines solchen
Irrtums jenen Bildhauer an, welcher die Schatten der poetischen
Gestalten, die rings um die Figur des Dichters auf dem Piedestal
aufragten, in Marmor zu bilden gedachte.

»Diese Schatten werden ebensowenig Schatten für den Bildhauer sein, daß
sie sich sogar an der Leiter anhalten können,« sagte Lewin. Der Satz
gefiel ihm, doch er konnte sich nicht entsinnen, ob er ihn nicht schon
früher einmal ausgesprochen hatte, gerade gegen Peszoff, und geriet
daher, nachdem er ihn geäußert, in Verlegenheit.

Peszoff hingegen wies nach, daß die Kunst einheitlich sei und ihre
höchsten Offenbarungen nur in der Vereinigung aller ihrer Arten
erreichen könne.

Die zweite Nummer des Konzerts konnte Lewin nicht mehr hören. Peszoff,
der neben ihm stehen geblieben war, hatte fast die ganze Zeit mit
ihm gesprochen, indem er dieses Stück wegen seiner übermäßigen
geschmackswidrigen, unvermittelten Einfachheit den Praeraphaeliten in
der Malerei verglich.

Beim Hinausgehen begegnete Lewin noch vielen Bekannten, mit welchen er
über Politik, über Musik und gemeinsame Bekannte sprach, unter anderen
traf er auch den Grafen Bolj, dessen Besuch er gänzlich vergessen hatte.

»Nun, so fahrt nur gleich hin,« sagte die Lwowa zu ihm, der er dies
mitgeteilt hatte, »vielleicht empfängt man Euch nicht und Ihr kommt
dann zu mir in die Sitzung. Ihr werdet mich da schon noch treffen.«


                                   6.

»Man empfängt wohl nicht?« sagte Lewin, in den Flur des Hauses der
Gräfin Bolj tretend.

»Man empfängt, bitte,« antwortete der Portier, ihm resolut den Pelz
abnehmend.

»Ist das unangenehm,« dachte Lewin, mit einem Seufzer den einen
Handschuh abstreifend und seinen Hut glättend. »Weshalb komme ich denn
eigentlich? Was soll ich denn mit ihnen reden?«

Durch den ersten Salon schreitend, traf Lewin in der Thür die Gräfin
Bolj, welche mit geschäftigem und ernstem Ausdruck dem Diener einen
Befehl erteilte.

Als sie Lewin erblickte, lächelte sie und nötigte ihn in den folgenden,
kleinen Salon, aus welchem Stimmen vernehmbar waren. In diesem Salon
saßen auf Lehnstühlen die beiden Töchter der Gräfin und ein, Lewin
bekannter, Moskauer Oberst. Lewin näherte sich ihnen, grüßte, und ließ
sich neben dem Diwan nieder, den Hut auf dem Knie haltend.

»Wie ist das Befinden Eurer Frau? Waret Ihr im Konzert? Wir konnten
nicht! Mama mußte bei einer Totenmesse gegenwärtig sein.«

»Ja, ich habe gehört -- welch ein plötzlicher Todesfall,« sagte Lewin.

Die Gräfin kam, setzte sich auf den Diwan und frug gleichfalls nach
seiner Frau und dem Konzert.

Lewin antwortete und wiederholte die Frage nach dem plötzlichen Tode
der Apraksina.

»Sie war überhaupt stets von schwacher Gesundheit.«

»Waret Ihr gestern in der Oper?«

»Ja, ich war da.«

»Die Lucca war sehr gut.«

»Ja, sehr gut,« sagte er und begann, da es ihm ganz gleichgültig war,
was man von ihm denken mochte, zu wiederholen, was er hundertmal schon
über die Eigentümlichkeit des Talentes der Sängerin gehört hatte.
Die Gräfin Bolj stellte sich, als höre sie zu. Als er dann genug
geredet hatte, und nun schwieg, begann der Oberst, welcher bis jetzt
geschwiegen hatte.

Der Oberst fing gleichfalls an, über die Oper und die Beleuchtung
zu sprechen und als er endlich noch von einem vorgeschlagenen
=folle journée= bei Tjurin berichtet hatte, brach er in Gelächter
aus, verursachte ein Geräusch, erhob sich und ging. Auch Lewin war
aufgestanden, bemerkte aber an dem Gesicht der Gräfin, daß für ihn
die Zeit des Gehens noch nicht da sei; noch zwei Minuten fehlten,
und so setzte er sich denn wieder. Da er indessen noch immer darüber
nachdachte, wie thöricht das alles sei, so fand er auch keinen Stoff zu
einem Gespräch und blieb stumm.

»Fahrt Ihr nicht in die öffentliche Sitzung? Man sagt, sie sei sehr
interessant,« begann die Gräfin.

»Nein, ich habe nur meiner =belle soeur= versprochen, sie dort
abzuholen,« sagte Lewin.

Ein Schweigen trat ein. Die Mutter wechselte nochmals einen Blick mit
der Tochter.

»Jetzt scheint es Zeit zu sein,« dachte Lewin und stand auf. Die
Damen drückten ihm die Hand und baten, seiner Gattin =mille choses=
ausrichten zu wollen.

Der Portier frug ihn, als er ihm den Pelz reichte, »wo beliebt Ihr zu
stehen?« und trug ihn sogleich in ein großes, hübsch gebundenes Buch
ein.

»Mir ist das natürlich doch ganz gleichgültig, aber dennoch bleibt das
lästig und entsetzlich thöricht,« dachte Lewin, sich damit tröstend,
daß alle es ja so machten, und fuhr nach der öffentlichen Sitzung des
Komitees, wo er seine Schwägerin treffen sollte, um mit derselben
zusammen nach Haus zu fahren.

In der öffentlichen Sitzung des Komitees war viel Volk und fast die
gesamte Gesellschaft zugegen. Lewin trat gerade ein, als das Protokoll
verlesen wurde, welches wie jedermann sagte, sehr interessant war. Als
die Lektüre des Protokolls beendet war, mischte sich die Gesellschaft
untereinander und Lewin traf auch Swijashskiy, der ihn für den Abend
dringend in die Gesellschaft für Landwirtschaft einlud, wo ein
berühmter Vortrag gelesen werden würde, ferner Stefan Arkadjewitsch,
der soeben von den Rennen gekommen war, und noch viele andere
Bekannte, und Lewin äußerte und vernahm verschiedene Urteile über
die Sitzung, über das neue Musikstück und einen Prozeß. Doch mochte
er, wohl infolge der Ermüdung seiner geistigen Spannkraft, die er zu
empfinden begann, irren, indem er von dem Prozeß sprach, und dieser
Irrtum kam ihm in der Folge mehrmals noch zu seinem Verdruß wieder
in die Erinnerung. Indem er von der bevorstehenden Bestrafung eines
Ausländers sprach, der in Rußland abgeurteilt wurde, sowie davon, daß
es ungesetzmäßig wäre, ihn mit Verbannung ins Ausland zu bestrafen,
wiederholte Lewin, was er gestern in einem Gespräch von einem Bekannten
vernommen hatte. »Ich denke, daß seine Ausweisung ebensoviel wert wäre,
als wenn man einen Hecht damit bestrafen wollte, daß man ihn ins Wasser
setzt,« meinte Lewin. Erst später dachte er wieder daran, daß dieser
scheinbar von ihm geäußerte Gedanke, den er von einem Bekannten gehört
hatte, aus einer Fabel Kryloffs stammte, der Bekannte aber diesen
Gedanken aus dem Feuilleton eines Journals wiederholt hatte.

Nachdem Lewin mit seiner Schwägerin nach Haus gefahren war und Kity
heiter und wohl gefunden hatte, fuhr er nach dem Klub.


                                   7.

Er kam erst zu vorgerückter Zeit in den Klub. Gleichzeitig mit ihm
kamen Gäste und Mitglieder vorgefahren. Er war sehr lange nicht hier
gewesen; seit der Zeit nicht, als er noch nach dem Verlassen der
Universität in Moskau gewohnt und die Gesellschaft besucht hatte. Er
entsann sich wohl noch des Klubs, und der äußeren Einzelheiten seiner
Einrichtung, hatte aber den Eindruck gänzlich vergessen, den er in
früherer Zeit davon erhalten hatte.

Kaum jedoch hatte er, nachdem er auf den geräumigen halbrunden Hof
gefahren und aus dem Mietgeschirr gestiegen war, die Treppe betreten,
während ihm der Portier in seinem Brustgurt geräuschlos die Thür
öffnete und sich verbeugte; kaum hatte er in der Portierloge die
Kaloschen und Pelze von Mitgliedern wieder erblickt, welche erwogen
hatten, daß es weniger Mühe verursachte, die Kaloschen gleich unten
abzulegen, als sie mit nach oben zu nehmen; kaum hatte er den
geheimnisvollen, ihm vorauseilenden Glockenton vernommen, und die
schräge, mit Teppichen belegte Treppe betretend, auf dem Treppenabsatz
die Statue erblickt, und in den oberen Thüren den dritten,
altgewordenen, ihm wohlbekannten Portier in der Klublivree, der weder
zu schnell noch zu langsam die Thür öffnete und den Gast anblickte --
da überkam Lewin wieder das alte Klubgefühl, ein Gefühl von Erholung,
Vergnügen und Noblesse.

»Bitte, den Hut,« sagte der Portier zu Lewin, welcher die Klubregel,
den Hut in der Portierloge zu lassen, vergessen hatte. »Ihr seid lange
nicht hier gewesen. Der Fürst hat Euch noch gestern eingeschrieben.
Fürst Stefan Arkadjewitsch ist noch nicht anwesend.«

Der Portier kannte nicht nur Lewin, sondern auch dessen sämtliche
Verbindungen und Verwandtschaft und that sofort der ihm nahestehenden
Männer Erwähnung.

Den ersten Vorsaal mit den Ofenschirmen, und dann ein rechts
abgetrenntes Zimmer, in welchem der Obstverkäufer saß, durchschreitend,
überholte Lewin einen langsam gehenden Herrn und trat in das vom Lärm
versammelter Menschen erfüllte Speisezimmer.

Er schritt längs der fast schon besetzten Tische hin, die Gäste
musternd. Hier und da fielen ihm die verschiedensten Personen, alte
und junge, aber kaum bekannte oder nahestehende ins Auge. Hier gab
es kein einziges gereiztes oder sorgenvolles Gesicht. Alle, wie
es schien, hatten in der Portierloge mit ihren Hüten auch ihre
Bedrängnisse und Sorgen zurückgelassen und sich vorgenommen, mit Muße
die materiellen Annehmlichkeiten des Lebens hier zu genießen. Hier war
auch Swijashskiy, Schtscherbazkiy, Njewjedowskiy, der alte Fürst, sowie
Wronskiy und Sergey Iwanowitsch.

»Ah, hast du dich verspätet?« sagte der Fürst lächelnd, ihm mit der
Hand auf die Schulter schlagend. »Was macht Kity?« fügte er hinzu,
die Serviette ordnend, die er sich zwischen einem Knopf der Weste
eingeklemmt hatte.

»Befindet sich ganz wohl; die Damen speisen zu Dreien zu Haus.«

»Aha, Alina -- Nadina; nun, bei uns hier ist freilich kein Platz mehr.
Aber geh zu jenem Tisch und nimm möglichst schnell einen Platz ein,«
sagte der Fürst und ergriff, sich umwendend, behutsam einen Teller mit
Quappensuppe.

»Lewin, hierher!« rief etwas weiterhin eine freundliche Stimme. Es war
Turowzyn. Er saß bei einem jungen Offizier und zwischen ihnen standen
zwei umgewendete Stühle. Lewin schritt erfreut auf sie zu. Er hatte den
gutmütigen Zecher Turowzyn stets lieb gehabt; mit ihm vereinigte sich
seine Erinnerung an die Liebeserklärung gegen Kity; heute aber, nach
all den angestrengten geistigen Unterhaltungen war ihm die gutmütige
Erscheinung Turowzyns besonders willkommen.

»Diese Stühle sind für Euch und Oblonskiy. Er wird auch sogleich da
sein!«

Der Offizier, welcher sich sehr gerade hielt, mit heiteren, ewig
lachenden Augen war ein Petersburger, namens Gagin. Turowzyn machte
beide miteinander bekannt.

»Oblonskiy kommt doch ewig zu spät.«

»Da ist er ja!«

»Bist du soeben gekommen?« sagte Oblonskiy, schnell zu ihnen
herkommend. »Geht es gut? Hast du schon einen Liqueur genommen? Komm!«

Lewin erhob sich und ging mit ihm nach dem großen Tisch, der mit
Liqueuren und den mannigfaltigsten Leckerbissen besetzt war. Man
konnte wohl aus zwanzig verschiedenen Dingen auswählen, was nach dem
Geschmack war, aber Stefan Arkadjewitsch forderte einen ganz besonderen
Liqueur, und einer der dastehenden Diener in Livree brachte sofort das
Gewünschte. Sie tranken jeder ein Glas und kehrten dann zum Tische
zurück.

Sogleich, noch bei der Suppe, brachte man Gagin Champagner und dieser
ließ vier Gläser füllen. Lewin wies den angebotenen Wein nicht zurück
und bestellte eine zweite Flasche. Er war hungrig, speiste und trank
mit großem Appetit und nahm mit noch größerem Vergnügen an den heiteren
und leichten Gesprächen seiner Gesellschafter teil. Gagin, der die
Stimme hatte sinken lassen, erzählte eine neue Petersburger Anekdote,
die, obwohl indecent und ungereimt, doch lustig genug war, sodaß Lewin
so laut lachte, daß die Nachbarn ihn anblickten.

»Das ist etwas von der Art, wie >dies gerade kann ich gar nicht
vertragen!< -- Weißt du?« -- frug Stefan Arkadjewitsch. »Ach, das ist
reizend! Noch eine Flasche,« sagte er zu dem Diener, und begann zu
erzählen.

»Peter Iljitsch Winowskiy lassen bitten,« unterbrach ein alter Diener
Stefan Arkadjewitsch, zwei feine Gläser perlenden Champagners bringend
und sich an Stefan Arkadjewitsch und Lewin wendend.

Stefan Arkadjewitsch ergriff das Glas und nickte lächelnd nach der
anderen Seite des Tisches, mit einem kahlköpfigen, rothaarigen und
bärtigen Herrn einen Blick tauschend, mit dem Kopfe.

»Wer ist dies?« frug Lewin.

»Du bist ihm schon einmal bei mir begegnet, besinnst du dich? Er ist
ein vortrefflicher Mensch.«

Lewin that, was Stefan Arkadjewitsch that und nahm das Glas.

Die Anekdote Stefan Arkadjewitschs war gleichfalls sehr ergötzlich.
Lewin erzählte nun seine Anekdote, welche auch gefiel, dann kam das
Gespräch auf Pferde, auf die Rennen des heutigen Tages und darauf, wie
schlau der Atlasny Wronskiys den ersten Preis gewonnen habe. Lewin
bemerkte gar nicht, wie die Zeit beim Essen verging.

»Ah, da ist er ja selbst!« sagte gegen das Ende des Essens Stefan
Arkadjewitsch, sich über die Lehne des Stuhles beugend und dem in
Begleitung eines hohen Gardeobersten auf ihn zukommenden Wronskiy, die
Hand entgegenstreckend. In dem Gesicht Wronskiys leuchtete gleichfalls
die allgemeine heitere Klubgemütlichkeit. Frohgelaunt stützte er sich
auf die Schulter Stefan Arkadjewitschs, indem er demselben etwas
zuflüsterte, und streckte Lewin mit dem nämlichen heiteren Lächeln die
Hand entgegen.

»Sehr erfreut, Euch hier zu treffen,« sagte er. »Ich hatte Euch
damals nach den Wahlen gesucht, man sagte mir aber, Ihr wäret schon
weggefahren.«

»Ja; ich bin noch denselben Tag fortgefahren; wir hatten übrigens
soeben von Eurem Pferde gesprochen. Ich gratuliere Euch,« sagte Lewin,
»das war ein sehr schneller Ritt!«

»Ihr habt doch wohl auch Pferde?«

»Nein; mein Vater hatte welche; doch ich besinne mich noch und kenne
das.«

»Wo hast du gespeist?« frug Stefan Arkadjewitsch.

»Wir sitzen am zweiten Tisch; hinter den Säulen.«

»Man hat ihm gratuliert,« sagte der hochgewachsene Oberst.

»Es war der zweite Kaiserpreis; wenn ich doch solches Glück in den
Karten hätte, wie er mit den Pferden.«

»Aber, wozu die goldene Zeit verlieren! Ich gehe in das Infernalische,«
sagte der Oberst und verließ den Tisch.

»Das war Jaschwin,« sagte Wronskiy zu Turowzyn und setzte sich auf den
neben ihnen freigewordenen Platz. Nachdem er den ihm vorgesetzten Pokal
geleert hatte, bestellte er eine Bouteille. Mochte nun der Einfluß der
Klublaune oder der des genossenen Weines schuld sein, genug, Lewin
unterhielt sich mit Wronskiy über die beste Viehrasse, und es war ihm
sehr lieb, daß er keine Feindseligkeit mehr gegen diesen Mann empfand.
Er sagte demselben sogar unter anderem, er habe von seiner Frau gehört,
sie sei ihm bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet.

»Ach, die Fürstin Marja Borisowna; die ist reizend!« sagte Stefan
Arkadjewitsch, und erzählte nun eine Anekdote von ihr, welche alle zu
lachen machte. Besonders Wronskiy lachte so herzlich, daß Lewin sich
vollständig mit ihm ausgesöhnt fühlte.

»Nun, seid Ihr fertig?« frug Stefan Arkadjewitsch aufstehend, und
lächelte. »Gehen wir!«


                                   8.

Vom Tische aufstehend, ging Lewin, in dem Gefühl, daß ihm beim Gehen
die Hände eigentümlich sicher und leicht in der Bewegung waren, mit
Gagin durch die hohen Zimmer nach dem Billardsaal. Als er durch den
großen Saal schritt, traf er seinen Schwiegervater.

»Nun, was sagst du? Wie gefällt dir unser Tempel der Muße?« sagte der
Fürst, ihn am Arme nehmend. »Komm, gehen wir weiter!«

»Auch ich wollte gehen und ein wenig zuschauen. Es ist interessant.«

»Ja, für dich. Doch für mich ist das Interesse schon ein anderes, als
für dich. Du schaust freilich auf diesen Alten da,« sprach er, auf ein
gebücktes Mitglied des Klubs mit herabhängender Lippe zeigend, welches,
nur mit Mühe die Füße in den weiten Stiefeln weiterschiebend, ihnen
entgegenkam, »und denkst dabei, daß sie schon als solche alte Ruinen
geboren worden sind.«

»Was ist das, Ruinen?«

»Du kennst diese Benennung wohl noch nicht. Es ist das unser
Klubausdruck. Weißt du: wenn Einer Jahr aus Jahr ein in den Klub kommt,
so wird endlich eine Ruine aus ihm. Ja, du lachst darüber, aber unser
einer muß schon aufpassen, wenn er selbst unter die Ruinen kommt. Du
kennst doch den Fürsten Tschetschenskiy?« frug der Fürst und Lewin sah
an seinem Gesicht, daß er im Begriff sei, etwas Witziges zu sagen.

»Nein, ich kenne ihn nicht.«

»Nun, gewiß doch; der Fürst Tschetschenskiy ist ja bekannt. Doch
gleichviel! -- Der spielt also ewig Billard. Vor drei Jahren war er
noch nicht unter den Ruinen und noch rüstig. Ja, er selbst nannte
andere Ruinen. Doch da kommt er einstmals an, und unser Portier, du
kennst ihn doch, den Wasiliy? Nun, der Dicke! Der ist groß in Bonmots!
Den frägt der Fürst Tschetschenskiy, >he, Wasiliy, wer ist denn alles
gekommen? Sind Ruinen mit dabei?< Wasiliy antwortet ihm: >Ihr seid die
dritte darunter.< -- Ja, Bruder; so ist es.« --

Unter Gespräch und Begrüßungen mit begegnenden Bekannten ging Lewin
mit dem Fürsten durch alle Zimmer; durch das große, in welchem bereits
die Tische standen und die an nicht hohes Spiel gewöhnten Partner
spielten, dann in das Diwanzimmer, wo man Schach spielte, und wo
Sergey Iwanowitsch im Gespräch mit jemand saß -- hierauf durch das
Billardzimmer, wo in einer Zimmernische bei dem Diwan eine lustige
Champagnergesellschaft, an welcher Gagin teilnahm, sich etabliert
hatte. Sie warfen auch einen Blick in das »infernalische Zimmer«, wo
sich um einen Tisch, hinter welchem Jaschwin bereits Platz genommen
hatte, viele Setzende drängten.

Sich bemühend, Geräusch zu vermeiden, begaben sie sich auch nach dem
dämmrigen Lesezimmer, wo unter den Lampen einsam ein junger Mann mit
galligem Gesicht saß, der ein Journal nach dem andern ergriff, und ein
kahlköpfiger General, der in seine Lektüre vertieft war. Sie gingen
auch nach dem Zimmer, welches der Fürst »das verständige« nannte. In
diesem Raume sprachen drei Herren eifrig über die letzte politische
Neuigkeit.

»Fürst, wenn es gefällig ist; alles bereit,« sagte einer seiner
Partner, ihn hier findend, und der Fürst ging. Lewin blieb sitzen,
hörte zu, aber plötzlich wurde es ihm, indem er sich des heutigen
Morgens erinnerte, entsetzlich langweilig zu Mute. Er erhob sich hastig
und ging, um Oblonskiy und Turowzyn zu suchen, in deren Gesellschaft es
heiter zuging.

Turowzyn saß mit einem Kruge auf einem hohen Diwan im Billardzimmer,
und Stefan Arkadjewitsch und Wronskiy unterhielten sich an der Thür in
einer entfernten Ecke des Zimmers.

»Nicht, daß sie sich langweilte, aber diese Unbestimmtheit, die
Unentschiedenheit in ihrer Lage,« hörte Lewin und wollte sich eiligst
zurückziehen, doch Stefan Arkadjewitsch rief ihn herbei.

»Lewin!« sagte Stefan Arkadjewitsch, und Lewin bemerkte in seinen Augen
zwar nicht Thränen, wohl aber eine gewisse Feuchtigkeit, wie dies stets
der Fall bei ihm war, wenn er entweder getrunken hatte, oder in Gefühl
zerfloß. Jetzt war bei ihm beides der Fall.

»Lewin geh' nicht fort,« sprach er und drückte seinen Arm fest mit
seiner Hand, augenscheinlich mit dem Wunsche, ihn um keinen Preis von
sich zu lassen.

»Dies ist mein aufrichtigster, vielleicht mein bester Freund,« sagte er
zu Wronskiy, »du bist mir gleichfalls mehr vertraut und teuer, und ich
will und weiß, daß ihr Freunde und Vertraute werden müßt, da ihr beide
gute Menschen seid.«

»Nun, dann bleibt uns nur übrig, den Bruderkuß zu tauschen,« sagte
Wronskiy, gutmütig scherzend und Lewin die Hand reichend.

Dieser nahm schnell die dargebotene Hand und drückte sie fest.

»Es freut mich sehr, sehr,« sagte Lewin, seine Hand drückend.

»Kellner, eine Flasche Champagner,« befahl Stefan Arkadjewitsch.

»Auch ich freue mich herzlich,« äußerte Wronskiy.

Trotz des Wunsches Stefan Arkadjewitschs, und ihrer beiderseitigen
Absicht, wußten sie doch nichts weiteres zu sagen, und beide fühlten
dies.

»Du weißt, daß er mit Anna nicht bekannt ist?« sagte Stefan
Arkadjewitsch zu Wronskiy, »ich will ihn aber unbedingt mit ihr in
Verbindung bringen. Komm Lewin!«

»Solltet Ihr!« sagte Wronskiy, »sie wird sich sehr freuen! Ich würde
sogleich nach Haus fahren,« fügte er hinzu, »doch Jaschwin beunruhigt
mich und ich will hier bleiben, bis er aufhört.«

»Nun, steht es schlecht mit ihm?«

»Er verliert fortwährend, und ich allein nur kann ihn abhalten.«

»Wie wäre es mit einer Pyramide? Lewin spielst du? Schön!« sagte Stefan
Arkadjewitsch, »stelle eine Pyramide,« wandte er sich zu dem Marqueur.

»Schon längst fertig,« erwiderte dieser, der bereits die Bälle in das
Dreieck gesetzt hatte und zum Zeitvertreib den roten roulieren ließ.

»Stoßt!«

Nach der Partie ließen sich Wronskiy und Lewin an dem Tische Gagins
nieder, und Lewin begann, dem Vorschlage Stefan Arkadjewitschs folgend,
auf die Asse zu setzen. Wronskiy saß bald am Tische, fortwährend
umgeben von zu ihm kommenden Bekannten, bald begab er sich in das
»Infernalische«, um nach Jaschwin zu sehen. Lewin verspürte eine
angenehme Erholung von der geistigen Abgespanntheit am Vormittag. Ihn
erfreute die Beilegung der Feindschaft mit Wronskiy, und ein Gefühl von
Beruhigung, Standeswürde und Frohsinn verließ ihn nicht mehr.

Als die Partie zu Ende war, nahm Stefan Arkadjewitsch Lewin unter dem
Arm.

»Gehen wir also zu Anna! Sogleich? Ja? Sie ist zu Haus. Ich habe ihr
schon seit Langem versprochen, dich einmal mit zu ihr zu bringen. Wohin
willst du für den Abend gehen?«

»Ich habe nichts Besonderes vor. Swijashskiy hatte ich versprochen, in
die Gesellschaft für Landwirtschaft zu kommen. Fahren wir hin, wenn du
willst,« sagte Lewin.

»Ausgezeichnet! Fahren wir! Frage doch, ob mein Wagen gekommen ist!«
wandte sich Stefan Arkadjewitsch an einen Lakaien.

Lewin trat zum Tische, bezahlte vierzig Rubel, die von ihm auf die
Asse verspielt worden waren, sowie mit einer gewissen geheimnisvollen
Manier die Ausgaben für den Klub, die dem alten Lakaien, welcher an
der Schwelle stand, bekannt waren, und schritt dann mit eigentümlichen
Armbewegungen durch sämtliche Säle dem Ausgang zu.


                                   9.

»Oblonskiys Wagen!« rief mit starkem Baß der Portier.

Der Wagen fuhr vor und beide nahmen Platz. Nur während der ersten
Zeit, so lange der Wagen aus dem Thor des Klubhauses fuhr, hatte
Lewin noch das Gefühl der Klubbehaglichkeit, zufriedener Stimmung und
der unzweifelhaften Noblesse der Umgebung, kaum aber war der Wagen
auf die Straße hinausgefahren, kaum fühlte er das Rollen des Wagens
auf der unebenen Straße, hatte er den heftigen Ruf eines begegnenden
Mietkutschers vernommen, und bei der mangelhaften Beleuchtung das rote
Schild einer Schenke und eines Kaufladens wieder erblickt, da war
dieser Eindruck vernichtet, und er begann abermals seine Handlungsweise
zu überlegen und sich zu fragen, ob er gut daran thue, zu Anna zu
fahren. Was würde Kity sagen?

Stefan Arkadjewitsch ließ ihn indessen nicht zum Nachdenken kommen,
und, als ob er seine Zweifel erriete, zerstreute er sie.

»Wie freue ich mich,« sprach er, »daß du sie kennen lernen wirst. Du
weißt, Dolly hat dies längst gewünscht. Auch Lwoff war bei ihr und
kommt noch zu ihr. Obwohl sie meine Schwester ist,« fuhr er fort, »kann
ich doch rückhaltslos sagen, daß sie ein merkwürdiges Weib ist. Du
wirst ja sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, besonders jetzt.«

»Weshalb denn besonders jetzt?«

»Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne über die Ehescheidung. Er
ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezüglich ihres
Sohnes, und die Sache, welche schon längst erledigt sein müßte, zieht
sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden
haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thöricht ist doch jene alte
Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und
welche dem Glück der Leute im Wege steht!« sagte Stefan Arkadjewitsch.
»Nun, dann aber wird ihr Glück ein gesichertes sein, so wie das meine,
das deine.«

»Worin beruht aber die Schwierigkeit?« frug Lewin.

»Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist
so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem
sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate
hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht
keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß
man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara,
hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält.
Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib
keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie
sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie
ist. -- Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche« -- rief
Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend.
»O, welche Hitze!« sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit
seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand.

»Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich
mit dieser?« sagte Lewin.

»Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, =une
couveuse=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Wenn eine Frau beschäftigt
ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind
ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie
ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du
lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und
sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe
das Manuskript Workujeff gegeben -- du weißt, der Verleger -- er ist ja
selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und
sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst
gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist
vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie
eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch
genommen ist.«

»Also etwas Menschenfreundliches?«

»Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts
philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten -- ich meine
Wronskiy -- einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache,
aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken --
=delirium tremens= -- und die Familie war verlassen. Da erblickte sie
die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze
Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab
gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für
das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst
dieses ja sehen.«

Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an
der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand.

Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich
Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in
Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle.

In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er
überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte
Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her.

Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen
niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur
Antwort »Herr Workujeff«.

»Wo ist man?«

»Im Kabinett.«

Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden,
traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches
nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine
andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in
Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich
seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von
Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch
hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche
gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches
in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte
sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und
verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem
wunderbaren Bild.

Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit
schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und
sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten
geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren
verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als
sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte.

»Sehr erfreut,« vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich
augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches
er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte.

Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin
gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts,
in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung,
nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener
Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden
war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in
der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war.


                                  10.

Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen.
In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand
entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein
rothaariges, hübsches kleines Mädchen zeigte, welches hier bei einer
Arbeit saß, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin
bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der großen Welt, die stets
ruhig und natürlich sind.

»Es ist mir sehr, sehr angenehm,« wiederholte sie, und in ihrem Munde
erhielten diese einfachen Worte für Lewin aus unbekanntem Grunde
eine eigentümliche Bedeutung. »Ich kenne und liebe Euch lange schon
wegen Eurer Freundschaft für Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe
dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer
reizenden Blüte hinterlassen, ja, einer Blüte! Sie wird also bald
Mutter werden?«

Anna sprach ungezwungen und ohne Hast, bisweilen ihren Blick von Lewin
auf ihren Bruder richtend. Ersterer empfand, daß der Eindruck, den er
hervorbrachte, ein guter sein mußte, und sogleich wurde es ihm nun in
ihrer Gesellschaft so leicht, so frei und behaglich zu Mut, als hätte
er sie von Kindheit an gekannt.

»Ich habe mit Iwan Petrowitsch im Kabinett Alekseys Platz genommen,«
sagte sie, Stefan Arkadjewitsch auf dessen Frage, ob man rauchen
dürfe, -- antwortend »damit er eben rauchen könne,« und nahm, auf
Lewin blickend, anstatt zu fragen ob er rauche, ein Cigarrenetuis von
Schildkrot, aus welchem sie eine Cigarette zog.

»Wie steht es jetzt mit deiner Gesundheit?« frug sie ihr Bruder.

»Wie soll es gehen; die Nerven sind stets dieselben.«

»Nicht wahr, ziemlich gut?« sagte Stefan Arkadjewitsch, bemerkend, daß
Lewin das Porträt betrachtete.

»Ich habe noch nie ein besseres Porträt gesehen.«

»Und ziemlich ähnlich, nicht wahr?« sagte Workujeff.

Lewin schaute vom Porträt auf das Original. Ein eigentümlicher Glanz
erleuchtete das Antlitz Annas, während sie seinen Blick auf sich ruhen
fühlte. Lewin errötete, und wollte, um seine Verlegenheit zu verbergen,
fragen, ob es schon längere Zeit her sei, daß sie Darja Aleksandrowna
gesehen habe, doch im selben Augenblick begann Anna:

»Ich habe mit Iwan Petrowitsch soeben von den letzten Gemälden
Waschtschenkoffs gesprochen. Habt Ihr sie gesehen?«

»Ja, ich habe sie gesehen,« antwortete Lewin.

»Doch entschuldigt, ich habe Euch unterbrochen, Ihr wolltet sagen« --

Lewin frug, ob sie vor längerer Zeit Dolly gesehen hätte.

»Gestern war sie bei mir; sie ist wegen Grischa sehr schlecht auf das
Gymnasium zu sprechen. Der Lehrer im Lateinischen scheint es, ist
ungerecht gewesen gegen ihn.«

»Ich habe die Bilder gesehen; sie haben mir sehr gefallen,« wandte sich
Lewin zu dem von ihr begonnenen Gespräch zurück.

Lewin sprach jetzt ganz und gar nicht mehr von jener handwerksmäßigen
Stellung zum Gegenstande, aus der er am Morgen gesprochen hatte. Jedes
Wort der Unterhaltung mit ihr erhielt eine eigentümliche Bedeutung.
Schon mit ihr reden war ihm angenehm, noch angenehmer aber, ihr
zuzuhören.

Anna sprach nicht nur natürlich, und klug, sondern auch klug und ohne
Zwang, ohne ihren Gedanken Wert beizulegen, während sie den Ideen des
anderen großes Gewicht beilegte.

Das Gespräch drehte sich um die neue Richtung in der Kunst, um die neue
Illustration der Bibel durch einen französischen Künstler. Workujeff
zieh den Künstler eines Realismus, der bis zur Derbheit ging. Lewin
sagte, daß die Franzosen das Abstrakte in der Kunst entwickelt hätten
wie niemand, und sie daher ein besonderes Verdienst in der Rückkehr zum
Realismus erblickten. Schon darin, daß sie nicht mehr lögen, sähen sie
Poesie.

Noch nie hatte Lewin etwas Vernünftiges, was er je einmal gesagt
haben mochte, so viel Vergnügen gemacht, als dies. Das Gesicht Annas
erglänzte plötzlich über und über, als sie diesen Gedanken momentan
abwog. Sie begann zu lächeln.

»Ich lache,« sagte sie, »wie man lacht, wenn man ein sehr ähnliches
Porträt sieht. Das, was Ihr sagtet, charakterisiert jetzt vollkommen
die französische Kunst, wie sie jetzt ist, die Malerei, und selbst die
Litteratur; Zola, Daudet. Doch ist es vielleicht stets so, daß man
seine =conceptions= aus erdachten, abstrakten Gestalten konstruiert,
dann aber, nachdem alle =combinaisons= ausgeführt sind, die von
erdachten Gestalten langweilen und man beginnt, natürlichere wahrhafte
Gestalten auszusinnen.«

»Das ist vollkommen richtig,« sagte Workujeff.

»Ihr waret wohl im Klub?« wandte sie sich zu ihrem Bruder.

»Ja, das ist ein Weib!« dachte Lewin, sich ganz vergessend und
unverwandt in ihr schönes, bewegliches Gesicht blickend, welches sich
jetzt plötzlich vollkommen verändert hatte. Lewin hörte nicht, wovon
sie sprach, indem sie sich zu ihrem Bruder gewandt hatte, er war
betroffen von der Veränderung ihres Ausdrucks. Vorher so herrlich in
seiner Ruhe, drückte ihr Gesicht plötzlich eine seltsame Neugier, Zorn
und Stolz aus. Doch dies währte nur eine Minute. Dann blinzelte sie,
als denke sie an Etwas.

»Nun ja, dies ist aber doch für niemand von Interesse,« sagte sie und
wandte sich zu der kleinen Engländerin.

»=Please, order the tea in the drawing-room=.«

Das kleine Mädchen erhob sich und ging hinaus.

»Nun; hat sie das Examen bestanden?« frug Stefan Arkadjewitsch.

»Vorzüglich. Es ist ein sehr beanlagtes Mädchen und ein liebenswerter
Charakter.«

»Und die Sache wird damit enden, daß du sie mehr liebst, als dein
eigenes Kind.«

»So spricht ein Mann. In der Liebe giebt es kein mehr oder weniger;
ich liebe meine Tochter mit einer bestimmten, dieses Mädchen mit einer
anderen Liebe.«

»Ich sage eben zu Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, »daß sie, wenn sie
auch nur ein Hundertstel der Energie, welche sie für diese Engländerin
einsetzt, auf das gemeinsame Werk der russischen Kindererziehung
verwendete, eine große, nützliche That vollbrächte.«

»Ja, das was Ihr da wollt, konnte ich nicht. Graf Aleksey Kyrillowitsch
hat mich lebhaft ermuntert« -- indem sie die Worte »Graf Aleksey
Kyrillowitsch« aussprach, schaute sie schüchtern fragend Lewin an,
welcher ihr unwillkürlich mit einem ehrerbietigen und bestätigenden
Blicke antwortete, »mich mit dem Dorfschulwesen zu befassen. Ich
kümmerte mich mehrmals darum; die Schulen sind mir sehr wert, aber ich
vermochte es nicht, mich der Sache zu widmen. Ihr sprecht von Energie?
Die Energie beruht auf der Liebe, und die Liebe läßt sich nicht irgend
woher nehmen, nicht anbefehlen. So habe ich dieses Mädchen da lieb
gewonnen, ohne selbst zu wissen, weshalb.«

Sie blickte wiederum Lewin an; ihr Lächeln, ihr Blick, alles sagte ihm,
daß sie an ihn nur ihre Worte richte, seine Meinung würdige, und dabei
im voraus wisse, daß sie sich gegenseitig verstanden.

»Ich begreife das vollkommen,« antwortete Lewin, »für die Schule
und überhaupt für ähnliche Einrichtungen läßt sich nicht das Herz
einsetzen, und ich glaube, daß eben infolge dessen diese humanistischen
Einrichtungen stets so geringe Resultate erzielen.«

Anna schwieg eine Weile, dann lächelte sie. »Ja, ja,« bestätigte sie,
»ich habe das nie vermocht. =Je n'ai pas le coeur assez large=, um ein
ganzes Bewahrungshaus voller häßlicher kleiner Mädchen lieb haben zu
können. =Cela ne m'a jamais réussi=. Es giebt jedoch so viele Frauen,
welche sich hieraus eine =position sociale= begründet haben. Und
jetzt,« sprach sie mit trauerndem, zutraulichem Ausdruck, äußerlich zu
ihrem Bruder gewendet, augenscheinlich aber nur zu Lewin: »jetzt, wo
mir eine Beschäftigung so nötig ist, kann ich es um so weniger.«

Plötzlich finster werdend -- Lewin nahm wahr, daß sie es über sich
selbst wurde, weil sie über sich gesprochen hatte -- veränderte sie
aber das Thema.

»Ich weiß von Euch,« sagte sie zu Lewin, »daß Ihr ein schlechter Bürger
seid, und ich habe Euch doch verteidigt, so gut ich es verstand.«

»Wie habt Ihr mich denn verteidigt?«

»Bezüglich gewisser Angriffe. Indessen, ist nicht ein wenig Thee
gefällig?« Sie erhob sich und nahm ein in Saffian gebundenes Buch zur
Hand.

»Gebt mir dasselbe, Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, auf das Buch
zeigend, »es ist recht wohl wert.«

»O nein; es ist noch so ungefeilt.«

»Ich habe ihm davon gesagt,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine
Schwester, auf Lewin deutend.

»Das hast du unnötigerweise gethan. Meine Schrift ist so nach Art jener
Körbchen und Schnitzereien, die mir die Lisa Marzalowa aus den Ostrogs
bisweilen verkaufte. Sie besuchte in seiner Gesellschaft die Ostrogs.
Die Unglücklichen haben da Wunder an Geduldsproben geleistet.«

Lewin entdeckte einen neuen Zug an diesem Weibe, das ihm so
außerordentlich gefiel. Außer Verstand, Grazie und Schönheit besaß
sie auch Treuherzigkeit. Sie wollte vor ihm all das Drückende ihrer
Lage gar nicht verheimlichen; und als sie dies gesagt hatte, seufzte
sie, und ihr Gesicht, welches plötzlich einen strengen Ausdruck
annahm, hatte sich gleichsam versteinert. Mit diesem Ausdruck auf
den Zügen aber war sie noch schöner als vorher, doch derselbe war ein
fremdartiger; er stand außerhalb dieses von Glück schimmernden, Glück
erzeugenden Kreises von Ausdrücken, wie sie von dem Künstler auf dem
Porträt aufgefangen worden waren. Lewin blickte noch einmal auf das
Bild und auf ihre Gestalt, wie sie, den Arm des Bruders nehmend, mit
diesem durch die hohe Thür schritt, und er empfand eine Zärtlichkeit
und ein Mitleid mit ihr, das ihn selbst in Erstaunen versetzte.

Sie hatte Lewin und Workujeff gebeten, in den Salon zu treten, während
sie selbst zurückgeblieben war, um mit dem Bruder über Etwas zu
sprechen.

»Spricht sie von ihrer Ehescheidung, von Wronskiy, oder darüber, was er
im Klub macht, oder von mir?« dachte Lewin, und die Frage, was sie mit
Stefan Arkadjewitsch besprechen möchte, versetzte ihn so in Aufregung,
daß er fast gar nicht vernahm, was ihm Workujeff über die Vorzüge des
von Anna Arkadjewna geschriebenen Kinderromans erzählte.

Beim Thee wurde das nämliche, so angenehme, gehaltvolle Gespräch
fortgesetzt. Es gab nicht nur keine einzige Minute, während welcher man
nach einem Stoff für die Unterhaltung hätte suchen müssen, sondern im
Gegenteil war fühlbar, daß man nur aussprach, was man sagen wollte, um
sogleich bereitwillig innezuhalten und zu hören, was der andere sagte.
Alles aber, was man auch sprechen mochte, sagte sie es nun selbst, oder
Workujeff, oder Stefan Arkadjewitsch, alles erhielt wie Lewin schien,
dank ihrer Aufmerksamkeit und ihren Bemerkungen, ein eigenartiges
Gewicht.

Das interessante Gespräch verfolgend, versenkte sich Lewin während der
ganzen Zeit in ihren Anblick und in ihre Schönheit, ihren Geist, ihre
Bildung, und zugleich in ihre Natürlichkeit und Innerlichkeit. Mochte
er zuhören oder reden, fortwährend dachte er an sie, an ihr inneres
Leben, und bemühte sich, ihre Empfindungen zu erraten.

Er, der sie früher so streng verurteilt hatte, er rechtfertigte sie
jetzt nach einem seltsamen Gedankengang, bemitleidete sie zugleich, und
fürchtete, daß Wronskiy sie nicht vollkommen verstehen möchte. In der
elften Stunde, als Stefan Arkadjewitsch sich erhob, um vorzufahren --
Workujeff war schon zeitiger aufgebrochen -- schien es Lewin, als sei
er soeben erst angekommen. Nur ungern stand er gleichfalls auf.

»Lebt wohl,« sagte sie, seine Hand festhaltend und ihm mit anziehendem
Blick ins Auge schauend; »ich freue mich recht sehr, =que la glace est
rompue=.« Sie ließ seine Hand los und blinzelte mit den Augen. »Teilt
Eurer Gattin mit, daß ich sie noch so lieb habe wie früher, und daß
ich, wenn sie mir meine Situation nicht vergeben kann, wünsche, sie
möge mir niemals verzeihen. Um vergeben zu können, muß man durchleben,
was ich durchlebt habe, und davor behüte sie der Himmel.«

»Ich werde es sicher ausrichten,« sagte Lewin errötend.


                                  11.

»Welch ein bewundernswertes, liebenswertes und beklagenswertes Weib,«
dachte er, als er mit Stefan Arkadjewitsch in die kalte Luft hinaustrat.

»Nun, was sagst du? Ich hatte dir schon gesagt,« begann Stefan
Arkadjewitsch, welcher sah, daß Lewin vollständig besiegt war.

»Ja,« versetzte dieser gedankenvoll, »ein ungewöhnliches Weib! Nicht
nur, daß sie Verstand besitzt, sie ist auch wunderbar innig. Mir thut
sie außerordentlich leid.«

»Jetzt wird ja wohl, so Gott will, bald alles in Ordnung sein. Man muß
nur nicht zu früh richten,« sagte Stefan Arkadjewitsch, die Wagenthür
öffnend; »entschuldige, wir haben doch nicht einen Weg.«

Fortwährend an Anna denkend, an alle die so einfachen Gespräche, welche
mit ihr gepflogen worden waren, und sich dabei alle Einzelheiten ihres
Gesichtsausdrucks ins Gedächtnis zurückrufend, mehr und mehr in ihre
Lage eindringend und Mitleid mit ihr empfindend, fuhr Lewin nach Hause.

                   *       *       *       *       *

Daheim berichtete ihm Kusma, daß Katharina Aleksandrowna sich wohl
befinde, sowie, daß die Schwestern nicht lange erst weggefahren wären,
und überreichte zwei Briefe.

Lewin las dieselben gleich an Ort und Stelle, im Vorzimmer, um sich
später nicht davon ablenken lassen zu müssen. Der eine Brief war von
Sokoloff, seinem Verwalter. Sokoloff schrieb, daß der Weizen nicht
verkauft werden könne, da man nur fünf und einen halben Rubel gebe,
und ein höheres Gebot nirgends zu erlangen sei. Der andere Brief war
von seiner Schwester. Dieselbe machte ihm Vorwürfe darüber, daß ihre
Angelegenheit noch immer nicht erledigt sei.

»Nun; so werden wir für fünfeinhalb verkaufen, wenn man nicht
mehr geben will,« entschied Lewin sofort mit einer ungewöhnlichen
Leichtfertigkeit die erste Frage, die ihm früher so schwierig
erschienen war. »Wunderbar, wie hier die Zeit stets in Anspruch
genommen ist,« dachte er bei dem zweiten Briefe. Er fühlte sich
schuldig der Schwester gegenüber, weil er bis jetzt nicht erledigt
hatte, worum sie ihn gebeten. »Ich bin heute wieder nicht aufs
Gericht gekommen, aber es war heute auch, als hätte man nicht die
geringste Zeit.« Nachdem er beschlossen hatte, es morgen entschieden
zur Ausführung zu bringen, begab er sich zu seiner Gattin. Auf dem
Wege zu ihr ging er noch einmal schnell in der Erinnerung den ganzen
Tag durch, so wie er ihn verbracht hatte. Alle Erlebnisse des Tages
bestanden in Gesprächen -- Gesprächen, welche er angehört und an denen
er teilgenommen hatte.

Alle Gespräche hatten von Dingen gehandelt, mit denen er sich, hätte
er allein und auf dem Lande gelebt, nie würde beschäftigt haben, die
aber hier sehr interessant waren. Alle diese Gespräche waren auch gut
gewesen; nur in zwei Punkten nicht so ganz. Der eine betraf das, was er
von dem Hechte gesagt hatte, der andere, daß ihm Etwas »nicht richtig«
vorkam in dem zarten Mitgefühl, welches er für Anna empfand.

Lewin fand sein Weib verstimmt und gelangweilt. Die Tafel der drei
Schwestern hatte sich ganz heiter gestaltet, dann aber hatte man
auf ihn gewartet und gewartet, alles begann sich zu langweilen, die
Schwestern fuhren von dannen und sie war allein zurückgeblieben.

»Nun, was hast du denn gemacht?« frug sie, ihm in die Augen blickend,
welche ein wenig verdächtig glänzten. Um ihn nicht zu hindern, alles zu
erzählen, verbarg sie jedoch ihre Wahrnehmung und hörte mit billigendem
Lächeln seiner Erzählung zu, wie er den Abend verlebt hatte.

»Nun, ich freute mich sehr, daß ich Wronskiy begegnet bin. Ich habe
mich recht wohl und unbefangen in seiner Gesellschaft gefühlt. Du
begreifst, daß ich mich jetzt bemühen werde, ihn nie wieder zu sehen;
aber diese peinliche Situation mußte doch ihr Ende erreichen,« sprach
er, dachte daran, daß er »sich bemühend, ihn nie wieder zu sehen«,
sogleich darauf zu Anna gefahren war, und errötete. »Da reden wir, daß
das Volk trinkt; ich weiß nicht, wer mehr trinkt, das Volk oder unsere
Gesellschaft; das Volk thut es wenigstens nur an Feiertagen, aber« --

Kity interessierte indessen die Betrachtung, wie das Volk trinke,
nicht. Sie hatte gesehen, daß er rot geworden war, und wünschte zu
wissen, warum.

»Nun, und wo warest du dann?«

»Stefan bat mich aufs Dringendste, mit zu Anna Arkadjewna zu fahren.«

Lewin hatte dies kaum gesagt, als er noch mehr errötete, und seine
Zweifel darüber, ob er gut oder übel daran gethan habe, zu Anna zu
fahren, waren endgültig entschieden. Er wußte jetzt, daß es nicht
gerade nötig gewesen war, dies zu thun.

Die Augen Kitys öffneten sich eigentümlich weit und blitzten auf
bei dem Namen Annas, doch sich selbst bezwingend, verbarg Kity ihre
Aufregung und täuschte ihn.

»Ah,« sagte sie nur.

»Du wirst wohl nicht ungehalten sein, daß ich dahin gefahren bin.
Stefan bat mich und Dolly wünschte es,« fuhr Lewin fort.

»O nein,« sagte sie, doch in ihren Augen las er ihre Anstrengung über
sich selbst, die ihm nichts Gutes verhieß.

»Sie ist sehr liebenswürdig, sehr, sehr beklagenswert, ein gutes Weib,«
sagte er, von Anna erzählend, von ihren Beschäftigungen und von dem,
was sie ihm auszurichten befohlen hatte.

»Ja, natürlich, sie ist sehr beklagenswert,« sagte Kity, nachdem er
geendet hatte. »Von wem hast du einen Brief erhalten?«

Er gab ihr Bescheid, und ging, der Ruhe in ihrem Tone vertrauend, sich
auszukleiden.

Als er zurückkehrte, fand er Kity noch in demselben Sessel sitzend.
Nachdem er zu ihr hingetreten war, blickte sie ihn an und brach in
Thränen aus.

»Was ist? Was ist denn?« frug er, schon vorher den Grund kennend.

»Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich
bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden?
Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr
gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!«

Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er
sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, daß er eingestand, daß
das Gefühl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe,
und daß er dem hinterlistigen Einfluß Annas unterlegen sei, diese aber
fortan meiden werde.

Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, daß er,
so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen
und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei.

So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie
sich so weit versöhnt, daß sie Schlaf fanden.


                                  12.

Nachdem Anna ihre Gäste hinausgeleitet hatte, begann sie, ohne wieder
Platz zu nehmen, im Gemach auf und abzuschreiten. Obwohl sie unbewußt
-- wie sie in letzter Zeit in ihrem Verhalten jungen Männern gegenüber
stets gethan -- den ganzen Abend alles Mögliche versucht hatte, in
Lewin die Empfindung der Liebe für sie zu erwecken, obwohl sie wußte,
daß sie dies auch erreicht habe, so weit es eben in ihrem Verhältnis
einem ehrenhaften verheirateten Manne gegenüber und für einen einzigen
Abend möglich gewesen war -- obwohl auch er selbst ihr sehr gefallen
hatte (trotz des scharfen Kontrastes, welcher vom Gesichtspunkt des
Mannes aus zwischen Wronskiy und Lewin bestand, sah sie als Weib in
beiden ganz ebenso das Gemeinsame, wodurch Kity Wronskiy wie Lewin
liebgewonnen hatte), dachte sie nicht mehr seiner, sobald er das Zimmer
verlassen hatte.

Einundderselbe Gedanke verfolgte sie unablässig in verschiedenen
Gestalten: »Wenn ich so auf andere wirke, auf diesen häuslichen,
liebenden Mann, wie kommt es da, daß er so kalt ist gegen mich? Oder
vielmehr, nicht daß er kalt wäre, er liebt mich, ich weiß es; aber
etwas Fremdartiges trennt uns jetzt! Wie kommt es, daß er den ganzen
Abend nicht hier ist? Er hat mir durch Stefan sagen lassen, daß er
Jaschwin nicht verlassen könne und dessen Spiel verfolgen müsse. Was
für ein Kind ist dieser Jaschwin? Aber gesetzt, es wäre wirklich so
-- er spricht ja nie die Unwahrheit -- so liegt in dieser Wahrheit
doch etwas anderes! Er freut sich über die Gelegenheit, mir zeigen zu
können, daß er auch noch andere Verpflichtungen hat. Ich weiß das, und
bin damit einverstanden. Aber weshalb muß er mir dies zeigen? Er will
mir beweisen, daß seine Liebe zu mir nicht seine Freiheit hemmen darf!
Aber ich brauche keine Beweise, sondern Liebe! Er hätte wohl all das
Drückende dieses meines Lebens in Moskau begreifen müssen; lebe ich
denn? Ich lebe nicht, ich erwarte eine Lösung, die sich mehr und mehr
hinauszieht. Wieder keine Antwort! Stefan sagt, er könne sich nicht zu
Aleksey Aleksandrowitsch begeben. Ich kann aber doch nicht nochmals
schreiben. Ich kann nichts thun, nichts anfangen, nichts ändern; ich
halte mich ruhig zurück, warte ab, indem ich mir Zeitvertreib ersinne
-- wie die Familie des Engländers, die Schriftstellerei und Lektüre --
und doch ist das alles nur eine Täuschung, alles das ist das nämliche
Morphium! Er müßte mich beklagen,« sprach sie und fühlte, wie ihr die
Thränen des Jammers über sich selbst in die Augen traten.

Da vernahm sie das jähe Läuten Wronskiys und wischte eilig diese
Thränen ab. Sie wischte nicht nur ihre Thränen weg, sie setzte sich
noch zur Lampe und schlug ein Buch auf, sich den Anschein der Ruhe
gebend. Galt es doch, ihm zu zeigen, daß sie mißgestimmt sei, weil er
nicht zurückgekehrt war, wie er versprochen hatte -- nur mißgestimmt;
aber nimmermehr wollte sie ihm ihren Schmerz zeigen, oder gar etwa ihr
Mitleid mit sich selbst.

Sie durfte wohl Mitleid haben mit sich selbst, nicht aber er mit ihr.
Sie wollte keinen Hader, sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er zu
streiten wünschte, und doch geriet sie unwillkürlich in streitlustige
Stimmung.

»Du hast dich doch nicht gelangweilt?« sagte er, lebhaft und heiter zu
ihr kommend. »Welch eine furchtbare Leidenschaft -- das Spiel.« --

»Nein; ich habe mich nicht gelangweilt und habe schon seit langem
gelernt, mich nicht zu langweilen. Stefan und Lewin waren hier.«

»Ja wohl; sie wollten zu dir fahren. Nun, wie hat dir Lewin gefallen?«
sprach er, sich neben ihr niederlassend.

»Sehr gut. Sie sind nicht lange erst weggefahren. Was hat Jaschwin
gemacht?«

»Er war im Gewinnen; siebzehntausend Rubel. Ich rief ihn zu mir, er war
vollkommen einverstanden, schon aufzubrechen, kehrte aber wieder um und
verspielt jetzt.«

»Weshalb bist du denn dann geblieben?« frug sie, plötzlich die Augen
zu ihm erhebend. Der Ausdruck ihres Gesichts war kalt und feindselig,
»du hast Stefan gesagt, du wolltest bleiben, um Jaschwin mit zu dir zu
nehmen, und hast ihn doch verlassen.«

Der nämliche Ausdruck kalter Kampfbereitschaft drückte sich auch auf
seinem Antlitz aus.

»Erstens habe ich ihn in keiner Weise gebeten, dich von etwas zu
benachrichtigen, zweitens spreche ich nie die Unwahrheit. Die
Hauptsache ist, ich wollte bleiben und bin geblieben,« sagte er,
finster sprechend. »Anna, warum, warum nur das?« sprach er nach einer
Minute des Schweigens, sich zu ihr beugend und die Hand öffnend in der
Hoffnung, daß sie die ihre in sie legen werde.

Sie freute sich über diese Aufforderung, zärtlich zu sein, aber eine
gewisse, seltsame Macht des Bösen gestattete ihr nicht, sich ihrem
Zuge zu ihm hinzugeben, gleich als ob die Ursachen zum Hader es nicht
zuließen, daß sie sich selbst überwinde.

»Natürlich; du wolltest bleiben und bist geblieben. Du thust eben, was
du willst! Aber warum sagst du mir das? Zu welchem Zweck?« sagte sie,
immer mehr in Erregung geratend. »Macht dir denn jemand deine Rechte
streitig? Du willst in deinem Rechte sein; sei es.«

Seine Hand schloß sich, er wandte sich ab und sein Gesicht nahm noch
mehr als vorher einen Ausdruck von Trotz an.

»Für dich ist dies nur eine Frage des Eigensinnes,« sagte sie, ihn
unverwandt anblickend, indem sie plötzlich den Namen fand für diesen
sie in Wallung versetzenden Ausdruck seines Gesichts, »einfach des
Trotzes! Für dich giebt es nur die Frage, wirst du Sieger bleiben gegen
mich. Für mich aber« -- wieder empfand sie Mitleid mit sich selbst und
sie wäre beinahe in Thränen ausgebrochen. »Wüßtest du, um was es sich
für mich handelt! Wenn ich, so wie jetzt, fühle, daß du dich feindselig
gegen mich verhältst, thatsächlich feindselig, wüßtest du, was das für
mich bedeutet! Wenn du wüßtest, wie nahe ich in diesen Augenblicken dem
Unglück bin, wie ich mich selbst fürchte!« -- Sie wandte sich ab, ihr
Schluchzen unterdrückend.

»Wovon sprichst du da?« sagte er, erschreckt vor dem Ausdruck ihrer
Verzweiflung, und sich wiederum zu ihr neigend, ihre Hand ergreifend
und sie küssend. »Meide ich etwa nicht den Umgang mit den Weibern?«

»Das wäre auch noch!« sagte sie.

»Nun sag', was ich thun soll, damit du beruhigt bist? Ich bin bereit,
alles zu thun, daß du glücklich sein möchtest,« sprach er, gerührt von
ihrer Verzweiflung, »was thue ich nicht, um dich von einem Schmerz zu
befreien, wie er dich jetzt erfüllt, Anna,« sagte er.

»Nicht doch, nicht doch,« sprach sie, »ich weiß selbst nicht; ist
es das einsame Leben, sind es die Nerven -- nun, wir wollen nicht
weiter davon sprechen! Wie war es mit dem Rennen? Du hast mir nicht
davon erzählt?« frug sie, sich bemühend, den Triumph über den Sieg zu
verbergen, welcher nun doch auf ihrer Seite geblieben war.

Er befahl das Abendessen und begann ihr Einzelheiten über die Rennen zu
erzählen, aber an seinem Tone, seinen Blicken, die kühler und kühler
wurden, erkannte sie, daß er ihr ihren Sieg nicht vergeben hatte, daß
jenes Gefühl des Trotzes, gegen welchen sie gekämpft hatte, wieder in
ihm erstanden war. Er war kühler gegen sie, als vorher, gleichsam als
bereute er es, sich unterworfen zu haben, während sie, an die Worte
denkend, welche ihr den Sieg verliehen hatten »ich bin nahe einem
furchtbaren Unglück und fürchte mich selbst«, erkannt hatte, daß diese
Waffe eine gefährliche war, und sie dieselbe nicht ein zweites Mal
anwenden könne.

Sie fühlte aber auch, daß neben der Liebe, die sie beide vereinte,
zwischen ihnen der böse Geist einer Kampflust getreten war, den sie
weder aus seinem Herzen, noch viel weniger aber aus dem ihren zu
vertreiben vermochte.


                                  13.

Es giebt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen
könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso
leben.

Lewin hätte vor drei Monaten nicht geglaubt, daß er unter den
Verhältnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen
könne; nie gedacht, daß er, indem er ein zweckloses, gehaltloses
Leben führte, welches noch dazu über seine Mittel ging, nach seinem
Rausche, -- denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub
gab -- nach Anknüpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen
zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war,
und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als
gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus für diese
Frau und der Erbitterung der Gattin -- unter solchen Verhältnissen
ruhig einschlafen könne. Allein unter dem Einfluß der Ermüdung, einer
schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er
sanft und selig.

Um fünf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geöffneten Thür. Er fuhr auf
und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter
der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte.

»Was giebt es, was giebt es?« sprach er, aus dem Schlafe auffahrend,
»Kity, was ist?«

»Nichts,« antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der
Zwischenwand hervortretend. »Es war mir unwohl geworden,« sagte sie,
mit eigentümlich weichem ausdrucksvollen Lächeln.

»Was ist? Fängt es an, fängt es an?« fuhr er erschreckt fort, »da muß
geschickt werden,« und hastig wollte er sich ankleiden.

»Nein, nein,« sagte sie, lächelnd, und ihn mit der Hand zurückhaltend.
»Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig
unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorüber.«

Zu ihrem Bett gehend, löschte sie wieder das Licht, legte sich nieder
und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen
Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit
und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand
hervortretend, das »nichts« zu ihm gesagt hatte, verdächtig erschien,
verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, daß er sofort wieder
einschlummerte. Erst später gedachte er dieses stillen Atmens, verstand
er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen
war, als sie, ohne sich zu rühren, in der Erwartung des wichtigsten
Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte.

Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berührte,
sowie ein leises Flüstern. Sie kämpfte gleichsam noch zwischen dem
Bedauern, ihn wecken zu müssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen.

»Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber nur scheint --
wir müssen nach der Lisabetha Petrowna schicken« --

Das Licht wurde wieder angezündet. Sie setzte sich im Bett und hielt
ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen
beschäftigt hatte.

»Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,«
sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drückte seine Hand
an ihren Busen und dann an ihre Lippen.

Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge
von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch
immer anblickend. Er mußte gehen, konnte sich aber nicht losreißen
von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen
kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen!
Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem
er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer
Lage jetzt! Ihr gerötetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem
Nachthäubchen hervordrängenden, weichen Haar, schimmerte von Freude
und Entschlossenheit. So wenig Unnatürliches und Gekünsteltes auch im
allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von
dem, was sich vor ihm jetzt enthüllte, als plötzlich alle die Schleier
abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen
leuchtete.

In dieser Einfachheit und Hüllenlosigkeit wurde sie, die, welche er
liebte, noch klarer sichtbar für ihn. Lächelnd schaute sie auf ihn,
doch plötzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu
ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn,
und umgab ihn mit ihrem heißen Odem. Sie litt und es war, als beklage
sie sich bei ihm über ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick
nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag
eine Zärtlichkeit, welche sagte, daß sie ihm nicht nur keinen Vorwurf
mache, sondern ihn für diese Leiden liebe. »Wenn ich es nicht bin --
wer trüge dann die Schuld hieran?« dachte er unwillkürlich, den Urheber
aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein
Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich über diese
Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer
Seele etwas Schönes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht
erfassen. Es stand über seinem Erkenntnisvermögen.

»Ich habe zu Mama geschickt, fahre du möglichst schnell nach der
Lisabetha Petrowna -- mein Konstantin -- es ist nichts; schon vorüber«
-- Sie verließ ihn und schellte. »Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir
fehlt nichts.«

Mit Verwunderung sah Lewin, daß sie die Strickerei ergriff, die sie am
Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann.

Während Lewin durch die eine Thür hinausging, hörte er noch, wie das
Mädchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thür stehen und
vernahm, wie Kity der Zofe ausführliche Anweisungen erteilte, und mit
ihr selbst das Bett zu rücken begann.

Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben
würde -- ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben -- wieder nach dem
Schlafzimmer, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln wie ihm
schien.

Zwei Mädchen räumten geschäftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging
umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei
treffend.

»Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist
man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas nötig?
Soll ich zu Dolly?«

Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hören, was er sprach.

»Ja, ja. Geh,« sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der
Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als plötzlich ein
klägliches, sogleich wieder verstummendes Stöhnen aus dem Schlafzimmer
ertönte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen.

»Ja; das war sie,« sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem
Kopfe greifend, hinab. »Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh' mir
bei!« stammelte er mit Worten, die gleichsam plötzlich und unerwartet
ihm über die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese
Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte
er, daß nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmöglichkeit,
aus Verstandesgründen zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen
hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles
das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte
er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Händen er sich fühlte,
seine Seele und seine Liebe?

Das Pferd war noch nicht fertig, und so eilte er im Gefühl
einer eigentümlichen Spannung seiner physischen Kräfte und
Wahrnehmungsfähigkeit für das, was er zu thun hatte, damit nicht eine
Minute verloren ging -- ohne auf das Pferd zu warten -- zu Fuß hinweg
und befahl Kusma, ihm nachzukommen. An der Ecke traf er auf eine
daherjagende Nachtdroschke. In einem kleinen Schlitten, mit kurzem
Sammetpelzmantel und in ein Umschlagtuch gewickelt, saß Lisabetha
Petrowna.

»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« sagte er, mit Entzücken sie und ihr
kleines blondes Gesicht, welches jetzt einen eigentümlich ernsten,
sogar strengen Ausdruck hatte, erkennend. Ohne dem Kutscher zu
befehlen, anzuhalten, rannte er neben ihr wieder mit zurück.

»Also seit zwei Stunden? Nicht wahr?« frug sie, »Ihr werdet Peter
Dmitrjewitsch schon treffen, aber drängt ihn nur nicht! Nehmt auch
Opium aus der Apotheke mit.«

»So denkt Ihr also, daß es glücklich geht? Gott erbarme sich und steh'
mir bei!« sagte Lewin, welcher jetzt sein aus dem Thor herauskommendes
Geschirr erblickte. Zu Kusma in den Schlitten springend, befahl er
diesem, zum Arzt zu fahren.


                                  14.

Der Arzt war noch nicht aufgestanden und der Diener sagte, er sei spät
zu Bett gegangen und habe nicht befohlen, ihn zu wecken, doch stehe er
bald auf.

Der Diener putzte Lampengläser und schien davon sehr in Anspruch
genommen zu sein. Diese Aufmerksamkeit des Dieners für seine Gläser
und der Gleichmut gegenüber dem, was sich bei Lewin vollzog, setzte
diesen anfangs außer Fassung, doch erkannte er, zur Überlegung kommend
sogleich, daß ja niemand seine Empfindungen kenne, und kennen müsse,
und es daher um so notwendiger sei, ruhig zu handeln, wohlüberlegt und
entschlossen, um diese Mauer der Indifferenz zu durchbrechen und seinen
Zweck zu erreichen.

»Eile mit Weile,« sagte Lewin zu sich selbst, mehr und mehr eine
Zunahme seiner physischen Kräfte, sowie seiner Wahrnehmungsfähigkeit
für alles das, was er zu thun hatte, verspürend.

Nachdem er gehört, daß der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb
Lewin innerhalb der verschiedenen Pläne, die in ihm erstanden, bei
dem, daß Kusma mit einem Billet zu einem andern Arzte fuhr, während
er selbst in die Apotheke nach Opium eilte; sollte aber, wenn er
zurückkäme, der Doktor noch nicht aufgestanden sein, so wollte er den
Diener bestechen oder wenn derselbe nicht einwilligte, den Arzt mit
Gewalt wecken, koste es, was es wolle.

In der Apotheke verschloß ein dürrer Provisor mit ganz dem nämlichen
Gleichmut, mit welchem der Lakai die Gläser geputzt hatte, vermittelst
einer Oblate Pulver für einen wartenden Kutscher, und verweigerte das
Opium. Im Bestreben, nichts zu überhasten und nicht in Aufregung zu
geraten, begann Lewin, nachdem er den Namen des Arztes und der Hebamme
genannt, und erklärt hatte, wozu das Opium nötig sei, den Provisor
zu überreden. Derselbe frug in deutscher Sprache um Rat, ob er es
geben könne, und holte, nachdem er hinter einer Zwischenwand heraus
Zustimmung erhalten hatte, ein Gläschen und einen Trichter herbei,
worauf er langsam aus einem großen Gefäß in ein kleines Fläschchen goß,
einen weißen Papierstreif anklebte und siegelte. Ungeachtet der Bitte
Lewins, es nicht zu thun, wollte er das Fläschchen nochmals einwickeln.
Das konnte aber Lewin nicht mehr aushalten; entschlossen riß er dem
Manne das Fläschchen aus den Händen und stürzte zu der großen Glasthür
hinaus.

Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener, jetzt mit dem
Aufbreiten eines Teppichs beschäftigt, weigerte sich, ihn zu wecken.
Lewin zog ohne Überstürzung ein Zehnrubelpapier hervor, gab es ihm, mit
einigen langsam gesprochenen Worten, aber ohne Zeit zu verlieren, und
erklärte, daß Peter Dmitrjewitsch -- wie erhaben und bedeutungsvoll
erschien Lewin jetzt der vorher so unbedeutend gewesene Peter
Dmitrjewitsch -- versprochen habe, zu jeder Zeit da sein zu wollen,
und sicherlich nicht ungehalten sein werde selbst darüber, daß er ihn
sogleich wecke.

Der Diener gehorchte, ging nach oben und lud Lewin ein, in das
Empfangszimmer zu treten.

Lewin vermochte hinter der Thür zu hören, wie der Arzt hustete,
umherging, sich wusch und Etwas sagte. Es vergingen drei Minuten; Lewin
schien es, als wäre mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er konnte
nicht länger warten.

»Peter Dmitrjewitsch, Peter Dmitrjewitsch,« rief er mit beschwörender
Stimme in die geöffnete Thür hinein; »um Gottes willen, verzeiht mir,
nehmt mich heute, wie ich bin; es hat schon seit mehr als zwei Stunden
begonnen!«

»Sofort, sofort!« antwortete eine Stimme und Lewin hörte mit Erstaunen,
daß der Arzt dies lächelnd sagte.

»Auf eine Minute!«

»Sogleich.«

Es vergingen noch zwei Minuten, während deren der Arzt die Stiefel
anzog, zwei weitere, während er das Tuch umwarf und sich den Kopf
bürstete.

»Peter Dmitrjewitsch,« begann Lewin abermals mit kläglicher Stimme,
doch gerade erschien der Arzt, angekleidet und gekämmt. »Diese Leute
haben kein Gewissen,« dachte Lewin, »sich zu kämmen, während wir
verderben!«

»Guten Morgen!« sagte der Arzt zu ihm, die Hand hinreichend, als wollte
er ihn mit seiner Ruhe necken. »Beunruhigt Euch nicht, wie steht es?«

Sich bemühend, so ausführlich wie möglich zu sein, begann Lewin alle
unnötigen Einzelheiten über den Zustand seiner Frau zu erzählen, seinen
Bericht unaufhörlich mit Bitten, der Arzt möchte sogleich mit ihm
kommen, unterbrechend.

»Habt keine Angst; Ihr kennt das wohl noch nicht. Ich bin gewiß gar
nicht notwendig, habe es aber versprochen und werde kommen. Aber
Eile hat es keine. Setzt Euch doch gefälligst; ist nicht ein Kaffee
gefällig?«

Lewin schaute ihn an, mit dem Blick fragend, ob sich der Arzt über ihn
lustig machen wolle. Doch dieser dachte gar nicht daran, zu scherzen.

»Ich weiß schon, weiß schon,« sprach er lächelnd, »auch ich bin
Familienvater, aber wir, die Männer, sind in diesen Augenblicken doch
die beklagenswertesten Menschen. Ich habe da eine Patientin, deren Mann
in solchen Momenten stets in den Pferdestall läuft.«

»Aber wie meint Ihr, Peter Dmitrjewitsch? Glaubt Ihr, daß alles
glücklich gehen kann?«

»Alle Bedingungen für einen günstigen Ausgang sind vorhanden.«

»Ihr kommt also sofort?« sagte Lewin, zornig auf den Diener blickend,
der den Kaffee brachte.

»In einem Stündchen.«

»Ach, nein doch, um Gottes willen!«

»Aber dann laßt mich doch wenigstens meinen Kaffee trinken.«

Der Arzt widmete sich dem Kaffee. Beide schwiegen.

»Man wird die Türken doch entschieden schlagen. Habt Ihr die gestrige
Depesche gelesen?« sagte der Doktor semmelkauend.

»Nein; ich kann nicht mehr,« rief Lewin aufspringend, »Ihr werdet also
nach Verlauf einer Viertelstunde kommen?«

»In einer halben Stunde.«

»Auf Ehrenwort?«

Als Lewin wieder nach Hause kam, traf er mit der Fürstin zusammen,
und beide begaben sich zur Thür des Schlafzimmers. Die Fürstin hatte
Thränen in den Augen und ihre Hände zitterten; als sie Lewin erblickte,
umarmte sie ihn und brach in Thränen aus.

»Nun, liebe Lisabetha Petrowna,« sagte sie, die ihnen mit hellem,
sorglichen Gesicht daraus entgegentretende Lisabetha Petrowna an der
Hand fassend.

»Es geht gut,« sagte sie, »überredet sie nur, sich niederzulegen. Es
wird ihr dann leichter sein.«

Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es
sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwägungen und
Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefühle in sich
verschließend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend,
sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut stützend -- zu
ertragen, was ihm bevorstand.

Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen würde, und wie
das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr
sich derartige Ereignisse gewöhnlich in die Länge zögen, urteilend,
hatte sich Lewin innerlich gefaßt gemacht, zu dulden, fünf Stunden
lang, und es hatte ihm das auch möglich geschienen.

Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden
sah, begann er öfter und öfter zu wiederholen »Gott vergieb mir und
steh' mir bei!« und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu
befürchten, daß er dies nicht aushalten, sondern in Thränen ausbrechen,
oder davonlaufen würde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich,
und doch war erst eine Stunde vergangen.

Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fünf
Stunden vergingen, die er sich als höchste Frist seiner Geduldsprobe
gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt
noch immer, weil sich weiter nichts thun ließ als leiden, jede Minute
denkend, er sei bis an die äußersten Grenzen der Geduld gekommen, und
das Herz müsse ihm nun von Mitleid zerrissen werden.

Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die
Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch höher
gespannt.

Alle jene gewöhnlichen Verhältnisse im Leben, ohne die man sich
gewöhnlich nichts vorstellen kann, waren für Lewin nicht mehr
vorhanden. Er hatte das Zeitbewußtsein verloren. Jene Minuten -- jene
Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte, mit
außergewöhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoßende
Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten.
Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem
Schirm anzuzünden und als er wahrnahm, daß es bereits fünf Uhr abends
war.

Hätte man ihm gesagt, daß es jetzt erst zehn Uhr morgens wäre, er
würde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er während dieser
Zeit war, wußte er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr
glühendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lächelndes und ihn
beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Fürstin, rot im Gesicht,
aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in
Thränen, die sie mühsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er
sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha
Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den
alten Fürsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt.
Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren -- er wußte es
nicht.

Die Fürstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett,
wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war
da. Dann erinnerte sich Lewin, daß man ihn fortgeschickt hatte; einmal
hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er
hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei für sie nötig,
und erst dann erkannt, daß er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet
hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas
frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der
Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur
Fürstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand
zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Fürstin auf
einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die
Kammerfrau der Fürstin beruhigte ihn über seine Frau und über die
Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Häupten Kitys,
es sorgfältig hinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum
alles das war, wußte er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die
Fürstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat,
sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus
dem Zimmer führte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll
anschaute und ihm einen stärkenden Tropfen empfahl.

Er wußte und fühlte nur, daß das, was sich jetzt vollzog, dem ähnlich
war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf
dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte.

Jenes aber war ein Schmerz gewesen -- dies war eine Freude! -- Doch
sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt außerhalb aller
gewohnten Verhältnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewöhnlichen
Leben gleichsam Öffnungen, durch welche etwas Höheres erschien. In ganz
gleicher Weise unergründlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung
dieses Höchsten auf eine Höhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin
der Verstand nicht mehr reichte.

»Gott vergieb mir und steh' mir bei,« stammelte er ohne Unterlaß,
ungeachtet der so langjährigen und ihm vollkommen erschienenen
Entfremdung, in dem Gefühl, daß er sich ganz so vertrauensselig und
naiv wieder zu Gott wende, wie in den Zeiten seiner Kindheit und ersten
Jugend.

Während dieser ganzen Zeit herrschten in ihm zwei in sich gesonderte
Stimmungen. Die eine war vorhanden, wenn er sich nicht in der Gegenwart
seiner Frau befand; sie gruppierte sich um den Arzt, welcher eine
seiner dicken Zigaretten nach der anderen rauchte und sie dann an dem
Rande des gefüllten Aschenbechers löschte, um Dolly und den Fürsten,
von denen ein Gespräch über das Essen, über die Politik und die
Krankheit Marja Petrownas gepflogen wurde, und wo Lewin plötzlich
auf einen Moment völlig vergaß, was vorging, sich gleichsam erwacht
fühlte -- die andere herrschte in ihm, wenn er in ihrer Gegenwart war;
an ihrem Kopfkissen stand, und es ihm das Herz zerreißen wollte vor
Mitleid und doch nicht zerriß, und wo er ohne Aufhören zu Gott flehte.

Jedesmal, wenn ihn ein aus dem Schlafzimmer zu ihm dringender Schrei
einer Minute des Vergessens wieder entriß, geriet er in den nämlichen
seltsamen Irrtum, dem er in der ersten Minute verfallen war. Jedesmal,
sobald er einen Schrei vernahm, sprang er auf und eilte, um sich zu
entschuldigen, besann sich aber unterwegs, daß er ja nicht schuld sei;
er wollte schützen, helfen. Erblickte er sie aber dann, sah er von
neuem, daß es unmöglich sei zu helfen, so geriet er in Schrecken und
sprach »Gott vergieb mir und steh mir bei.«

Je weiter die Zeit vorrückte, um so stärker wurden diese beiden
Stimmungen; um so ruhiger wurde er, indem er seine Frau völlig vergaß,
in der Abwesenheit von ihr, um so qualvoller wurden ihm aber auch ihre
Leiden und das Gefühl der Hilflosigkeit, diesen gegenüber. Er sprang
empor, wollte fort, und lief zu ihr.

Bisweilen, wenn sie ihn immer und immer wieder rief, machte er ihr
Vorwürfe, doch wenn er ihr ergebenes, lächelndes Antlitz gesehen,
ihre Worte gehört hatte: »Ich martere dich,« machte er Gott Vorwürfe,
gedachte er aber Gottes, so flehte er sogleich um Vergebung und
Erbarmen.


                                  15.

Er wußte nicht, ob es spät oder früh war. Die Kerzen waren schon
sämtlich niedergebrannt. Dolly war soeben im Kabinett gewesen und hatte
dem Arzte vorgeschlagen, sich niederzulegen.

Lewin saß, den Erzählungen des Doktors über den Charlatanismus eines
Magnetiseurs zuhörend, und schaute auf die Asche seiner Cigarette. Es
war eine Ruhepause eingetreten und er hatte sich in Gedanken verloren.
Er hatte vollständig vergessen, was jetzt vorging, hörte der Erzählung
des Arztes zu und verstand sie. Plötzlich ertönte ein mit nichts mehr
zu vergleichender Schrei. Der Schrei war so furchtbar, daß Lewin nicht
einmal aufsprang, sondern mit stockendem Atem, erschrocken fragend
den Arzt anblickte. Dieser neigte lauschend den Kopf seitwärts, und
lächelte befriedigt. Alles war so außergewöhnlich gewesen, daß Lewin
schon nichts mehr in Erstaunen versetzte. »Es muß wahrscheinlich so
sein,« dachte er und blieb sitzen. Von wem rührte der Schrei her?
Er sprang auf und eilte auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer; er
eilte an Lisabetha Petrowna und der Fürstin vorüber und trat auf
seinen Platz zu Häupten. Der Schrei war verstummt, aber es ging jetzt
eine Veränderung vor sich. Was es war -- das sah und erkannte er
nicht, wollte er auch weder sehen, noch erkennen. Aber er nahm diese
Veränderung wahr an dem Gesicht Lisabetha Petrownas, welches streng und
bleich, noch immer so energisch war, obwohl ihre Kinnbacken bisweilen
leise bebten und ihre Augen unverwandt auf Kity gerichtet waren.

Das glühende, erschöpfte Antlitz Kitys mit dem am schweißbedeckten
Gesicht klebenden Haargewirr war ihm zugewendet und suchte seinen
Blick. Ihre erhobenen Arme verlangten nach den seinen, und mit ihren
schweißbedeckten Händen die seinen, welche kalt waren, fassend, drückte
sie dieselben an ihr Gesicht.

»Geh' nicht von mir, geh' nicht von mir! Ich habe keine Angst, ich habe
keine Angst!« sprach sie rasch. »Mama, nehmt mir die Ohrringe weg,
sie stören mich. Hast du auch keine Angst? -- Bald, bald, Lisabetha
Petrowna!« --

Sie sprach schnell, schnell, und wollte lächeln, aber plötzlich
verzerrte sich ihr Gesicht und sie stieß ihn von sich.

»Nein, das ist furchtbar! Ich sterbe, sterbe! Komm her, komm her!«
schrie sie auf, und wieder ertönte der nämliche, mit nichts zu
vergleichende Schrei.

Lewin griff sich nach dem Kopfe und stürzte aus dem Zimmer hinaus.

»Es ist nichts, nichts; alles geht gut!« rief Dolly ihm nach.

Doch was man auch sagen mochte, er wußte, daß jetzt alles verloren
war. Den Kopf gegen die Oberschwelle der Thür gelehnt, stand er im
Nebenzimmer und vernahm ein von ihm noch nie gehörtes Wimmern und
Schreien; er erkannte, das jetzt ein Wesen schrie, welches früher Kity
gewesen war. Ein Kind hatte er nicht gewünscht. Er haßte jetzt dieses
Kind, ja wünschte jetzt nicht einmal dessen Leben, sondern nur die
Abkürzung dieser entsetzlichen Leiden.

»Doktor! Was ist das! Was ist das; mein Gott!« sagte er, den
eintretenden Arzt am Arme packend.

»Es geht zu Ende,« sagte der Arzt; sein Gesicht war so ernst, als er
dies sagte, daß Lewin dieses »es geht zu Ende« in dem Sinne auffaßte,
als ob sie stürbe.

Nicht mehr bei Sinnen, rannte er in das Schlafzimmer. Das erste, was
er hier erblickte, war das Gesicht Lisabetha Petrownas. Es war noch
finstrer und ernstrer geworden. Das Gesicht Kitys war nicht da. An
der Stelle, wo es vorher gewesen, lag etwas Entsetzenerregendes, nach
dem Ausdruck von Anstrengung und den Tönen die von dorther kamen, zu
urteilen. Er fiel mit dem Kopfe auf die Bettstelle, und fühlte, wie es
ihm das Herz zerriß. Das furchtbare Schreien verstummte nicht mehr,
es wurde noch furchtbarer und, als wäre es bis zur höchsten Grenze
des Entsetzlichen gelangt -- verstummte es plötzlich. Lewin traute
seinen Ohren nicht, aber es war nicht zu bezweifeln; das Schreien war
verstummt und man hörte jetzt ein leises Geräusch und schnelles Atmen,
sowie ihre sich losringende, lebhafte, milde und glückselige Stimme die
ein leises »vorbei« hervorbrachte.

Er hob den Kopf. Kraftlos die Hand auf die Bettdecke sinken lassend,
schaute sie ihn, seltsam schön und still, wortlos an; sie wollte
lächeln, vermochte es aber nicht, und plötzlich fühlte sich Lewin
aus jener geheimnisvollen und furchtbaren, überirdischen Welt, in
der er die letzten zweiundzwanzig Stunden gelebt hatte, in die
frühere, gewohnte zurückversetzt, die ihm jetzt jedoch in solch neuem
Glanze von Glück erschien, daß er ihn nicht ertragen konnte. Die
gespannt gewesenen Saiten waren sämtlich gerissen. Schluchzen und
Freudenthränen, die er nimmermehr vorausgesehen hätte, stiegen in ihm
mit solcher Gewalt, seinen ganzen Körper erschütternd, auf, daß sie ihn
lange Zeit am Sprechen verhinderten.

Auf die Kniee niederfallend vor dem Bett, hielt er die Hand seines
Weibes an seine Lippen und küßte sie, und diese Hand antwortete seinen
Küssen mit einer schwachen Bewegung der Finger. Währenddem aber
bewegte sich unten, zu Füßen des Bettes, in den gewandten Händen der
Lisabetha Petrowna, wie ein Flämmchen aus dem Leuchter, ein lebendiges
menschliches Wesen hin und her, welches früher nie gewesen war, nun
aber mit dem gleichen Rechte, mit der nämlichen Bedeutung für sich
selbst, leben sollte und seinesgleichen zeugen.

»Es lebt, es lebt! Und noch dazu ein Junge! Fürchtet nichts!« hörte
Lewin die Stimme der Lisabetha Petrowna, die mit der zitternden Hand
klatschend den Rücken des Kindes schlug.

»Mama, ist es wahr?« sagte die Stimme Kitys.

Nur das Schluchzen der Fürstin antwortete ihr.

Inmitten des Schweigens aber ertönte, wie eine unbegreifbare Antwort
auf die Frage an die Mutter, eine Stimme, die vollkommen verschieden
war von den Stimmen, welche verhalten im Zimmer sprachen. Es war der
kecke, dreiste, unbekümmerte Schrei eines neuen menschlichen Wesens,
das auf unbegreiflichem Wege erschienen ist.

Hätte man Lewin früher gesagt, daß Kity einmal sterben werde und er
mit ihr zusammen, und daß ihre Kinder Engel würden und Gott dann bei
ihnen sein werde -- er hätte sich über nichts gewundert; jetzt aber,
in die Welt der Wirklichkeit zurückversetzt, machte er die größten
Anstrengungen im Denken, um zu begreifen, daß sie noch lebte, gesund
sei, und daß jenes verzweifelt wimmernde Wesen sein Sohn sei.

Kity lebte, ihre Leiden waren vorüber, und er war unsagbar glücklich.
Das erkannte er, und er war vollkommen glücklich darüber. Aber das
Kind? Woher kam es, warum war es und was war es? Er vermochte sich
durchaus nicht an diesen Gedanken zu gewöhnen; es erschien ihm aber
auch durch irgend einen Umstand, an den er sich nicht gewöhnen konnte,
überflüssig, überzählig.


                                  16.

In der zehnten Stunde saßen der alte Fürst, Sergey Iwanowitsch und
Stefan Arkadjewitsch bei Lewin. Nachdem man über die Wöchnerin
gesprochen hatte, unterhielt man sich auch über nebensächliche Dinge.

Lewin hörte ihnen zu und dachte unwillkürlich bei diesen Gesprächen
der Vergangenheit, dessen, was bis zum heutigen Morgen geschehen war;
er vergegenwärtigte sich auch, wie er sich noch gestern dazu gestellt
hatte. Es war ihm, als seien seit dieser Zeit hundert Jahre vergangen.
Er fühlte sich auf einer gewissen unzugänglichen Höhe, von welcher
er sich vorsorglich herabließ, um diejenigen nicht zu verletzen, mit
denen er sprach. Er sprach, und dachte dabei fortwährend seines
Weibes, der Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und seines Sohnes,
und suchte sich an den Gedanken seines Vorhandenseins zu gewöhnen. Die
ganze Welt des Weiblichen, welche für ihn eine neue, ihm unbekannt
gewesene Bedeutung erlangt hatte, seitdem er verheiratet war, erhob
sich jetzt in seinem Begriffsvermögen so hoch, daß er sie mit seiner
Vorstellungskraft nicht mehr zu umfassen vermochte. Er hörte auf das
Gespräch über ein Essen am gestrigen Tag im Klub und dachte dabei »wie
mag es jetzt mit ihr stehen, ob sie eingeschlafen ist? Wie mag sie sich
befinden? Was mag sie denken? Schreit der kleine Dmitry?« Und mitten in
der Unterhaltung sprang er auf und verließ das Zimmer.

»Man hat mir gemeldet, man kann zu ihr,« sagte der Fürst. »Gut;
sogleich« -- antwortete Lewin, und ging ohne Verzug zu ihr.

Sie schlief nicht und sprach leise mit ihrer Mutter, Pläne über die
bevorstehende Taufe entwerfend.

Geputzt, frisiert und in einem zierlichen Häubchen mit blauem Band,
die Hände auf der Bettdecke ausgestreckt, lag sie auf dem Rücken, und
winkte ihn mit dem Blick zu sich, indem sie dem seinigen begegnete.
Ihr Blick, schon ohnehin hell, wurde noch lichter im Maße, als er sich
ihr näherte. Auf ihrem Gesicht lag jene Wandlung vom Irdischen zum
Überirdischen, welche auf dem Gesicht Verstorbener zu liegen pflegt.
Dort aber liegt Vergebung darauf; hier ein Wunsch nach Begegnung.
Wiederum trat ihm jene Wallung, ähnlich derjenigen, die er in den
Augenblicken der Niederkunft empfunden hatte, ans Herz. Sie nahm ihn
bei der Hand und frug, ob er geschlafen habe. Er konnte nicht antworten
und wandte sich ab, von seiner Schwäche übermannt.

»Ich habe mich vergessen, mein Konstantin,« sagte sie zu ihm, »doch
jetzt befinde ich mich recht wohl.« Sie schaute ihn an, doch plötzlich
veränderte sich ihr Ausdruck. »Gebt ihn mir her,« sprach sie, das
Wimmern des Kindes vernehmend. »Gebt ihn her, Lisabetha Petrowna, er
soll ihn sehen.«

»Hier, der Papa muß ihn sehen,« sagte Lisabetha Petrowna, ein rotes,
seltsames, sich bewegendes Etwas emporhebend und herbeibringend; »doch
halt, wir wollen ihn erst putzen,« und Lisabetha Petrowna legte dieses
sich bewegende, rote Ding auf das Bett, wickelte das Kind auf, und
wickelte es wieder zu, nachdem sie es mit einem Finger aufgehoben,
umgewendet, und es mit irgend etwas bestreut hatte.

Lewin machte, indem er dieses einzige, klägliche Wesen ansah,
vergebliche Anstrengungen, in seiner Seele einige Kennzeichen
von Vatergefühl für dasselbe zu entdecken. Er empfand nur Ekel
vor ihm. Nachdem es jedoch der Hüllen entledigt war, die zarten
Ärmchen, Füßchen, die wie Saffran aussahen, sichtbar wurden, mit den
kleinen Fingerchen, selbst mit dem Daumen, der sich vor den anderen
auszeichnete, und als er wahrnahm, wie Lisabetha Petrowna -- als wären
es weiche Sprungfedern -- die gespreizten Ärmchen andrückte, indem sie
sie in ein leinenes Jüpchen steckte, überkam ihn ein solches Mitleid
mit diesem Wesen, und eine solche Angst, sie könne demselben schaden,
daß er sie an der Hand festhielt.

Lisabetha Petrowna lachte.

»Habt keine Angst; habt keine Angst!«

Nachdem das Kind angezogen und zu einer drallen Puppe umgewandelt
worden war, wälzte es Lisabetha Petrowna, als sei sie stolz auf ihr
Werk, und trat dann zurück, damit Lewin den Sohn in seiner ganzen
Schönheit sehen könne.

Kity schaute unverwandt gleichfalls nach ihm hin.

»Reicht ihn her, reicht ihn her!« sagte sie und wollte sich sogar
erheben.

»Was macht Ihr, Katharina Aleksandrowna, solche Bewegungen dürft Ihr
nicht machen! Wartet nur, ich werde ihn Euch schon geben. Jetzt wollen
wir uns aber erst Papa zeigen, wie hübsch wir sind.«

Und Lisabetha Petrowna erhob auf dem einen Arme -- der andere stützte
nur mit den Fingern das noch haltlose Genick -- dieses seltsame,
zappelnde, seinen Kopf unter dem Saum der Windel verbergende rote
Wesen. Doch es hatte auch eine Nase, schielende Augen und schmatzende
Lippen.

»Ein schönes Kind!« sagte Lisabetha Petrowna.

Lewin seufzte voll Ingrimm. Dieses schöne Kind flößte ihm nur das
Gefühl des Abscheues und des Mitleids ein. Das war durchaus nicht das
Gefühl, welches er erwartet hatte.

Er wandte sich ab, während Lisabetha Petrowna das Kind an die noch
nicht gewohnte Brust zu legen suchte.

Ein Lachen ließ ihn plötzlich den Kopf heben. Kity hatte gelacht. Das
Kind hatte sich an ihre Brust gemacht.

»Genug, genug nun!« sagte Lisabetha Petrowna, doch Kity ließ es nicht
von sich. Es schlief in ihren Armen ein.

»Sieh jetzt her,« sprach Kity, ihm das Kind so zuwendend, daß er
es sehen konnte. Das ältlich aussehende Gesichtchen runzelte sich
plötzlich noch mehr; das Kind nieste.

Lächelnd und mit Mühe die Thränen zurückhaltend, küßte Lewin sein Weib
und verließ das verdunkelte Gemach.

Was er für dieses kleine Geschöpf empfand, war durchaus nicht das, was
er erwartet hatte. Nichts Heiteres und Freudiges lag in diesem Gefühl;
im Gegenteil, es verursachte ihm eine ungewohnte, peinliche Angst;
die Erkenntnis eines neuen Gebietes, auf dem er verwundbar war. Diese
Erkenntnis war ihm in der ersten Zeit so peinlich, die Angst davor, daß
dieses hilflose Wesen nicht litte, war so stark, daß infolge derselben
die Empfindung einer ungemessenen Freude, selbst des Stolzes, die er
hatte, als das Kind nieste, gar nicht bemerkbar wurde.


                                  17.

Die Verhältnisse Stefan Arkadjewitschs hatten sich sehr verschlechtert.
Die Gelder für zwei Drittel des Waldes waren bereits verlebt, und
das dritte Drittel hatte er unter einem Zinsenabzug von zehn Prozent
bei dem Kaufmann schon im voraus fast ganz erhoben. Der Kaufmann gab
kein Geld mehr her, umsoweniger, als sich in diesem Winter Darja
Aleksandrowna, zum erstenmale rückhaltlos ihre Rechte auf ihr Vermögen
geltend machend, geweigert hatte, einen Kontrakt über den Empfang des
Betrages für das letzte Drittel des Waldes zu unterschreiben.

Der ganze Gehalt ging für die häuslichen Ausgaben, sowie für die
Begleichung der kleinen Forderungen auf, die sich nicht aufschieben
ließen. An Geld war vollständige Ebbe eingetreten.

Das war unangenehm, peinlich, und konnte nach der Meinung Stefan
Arkadjewitschs nicht so fortgehen. Die Ursache lag nach seiner
Auffassung darin, daß er einen zu geringen Gehalt bezog. Das Amt,
welches er bekleidete, war offenbar sehr gut gewesen vor fünf Jahren,
jetzt aber war dem nicht mehr so. Petroff, der Bankdirektor, hatte
zwölftausend Rubel; Swentizkiy, ein Mitglied der Gesellschaft, hatte
siebzehntausend, und Mitin, der die Bank gegründet hatte, bezog
fünfzigtausend Rubel. »Offenbar habe ich geschlafen und man hat mich
vergessen,« dachte Stefan Arkadjewitsch bei sich, und fing nun an,
das Ohr zu spitzen, und um sich zu schauen, und gegen das Ende des
Winters hin hatte er eine sehr gute Stelle erspäht, auf welche er nun
eine Attacke machte; zuerst von Moskau aus, mit Hilfe seiner Tanten,
Onkel und Freunde, dann aber, nachdem die Sache reif geworden, fuhr
er mit dem Frühling selbst nach Petersburg. Es war eines jener Ämter,
deren jetzt, mit Einkünften von ein bis zu fünfzigtausend Rubel
jährlich Gehalt, mehr geworden sind, als früher vorhanden waren,
behagliche, sportelfette Ämter. Es war die Stellung eines Mitglieds
in der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der
südlichen Eisenbahnen und Bankinstitute. Dieses Amt forderte, wie alle
derartigen Stellungen, so ungeheure Kenntnisse, solche Thätigkeit, daß
es schwer war, es in einem einzelnen Menschen zu vereinigen.

Da nun ein solcher Mann, der diese Eigenschaften in sich vereinigte,
nicht vorhanden war, war es immer noch das beste, wenn das Amt
ein ehrenhafter Mann bekleidete, als ein unehrenhafter. Stefan
Arkadjewitsch aber war nicht nur ein Ehrenmann -- ohne Betonung --
sondern er war ein ehrlicher Mensch -- mit Betonung -- in jenem
eigentümlichen Sinne, den dieses Wort in Moskau besitzt, wenn man sagt:
Ein ehrlicher Beamter, Schriftsteller, ein ehrliches Journal, eine
solide Unternehmung, ehrliche Richtung; und welcher nicht nur andeutet,
daß ein Mensch oder eine Institution nicht unehrenhaft ist, sondern
auch, daß dieselben fähig sind, bei Gelegenheit der Regierung einen
Stich zu versetzen.

Stefan Arkadjewitsch verkehrte in Moskau in denjenigen Kreisen, in
denen dieses Wort eingeführt war, in denen er als ehrenhafter Mann
angesehen wurde und demgemäß mehr Anrechte auf diese Stellung hatte,
als andere.

Das Amt warf jährlich von sieben bis zu zehntausend Rubel ab und
Oblonskiy konnte es bekleiden, ohne dabei seinen Regierungsposten
aufzugeben. Es hing von zwei Ministerien ab, von einer Dame und zwei
Juden, und alle diese Leute mußte Stefan Arkadjewitsch -- obwohl sie
schon vorbereitet waren -- in Petersburg besuchen. Außerdem hatte er
seiner Schwester Anna versprochen, von Karenin eine bestimmte Antwort
betreffs der Ehescheidung zu erlangen.

Nachdem er sich von Dolly fünfzig Rubel erbeten hatte, fuhr er nach
Petersburg.

In dem Kabinett Karenins sitzend, und dessen Projekt betreffs des
schlechten Zustandes der russischen Finanzen anhörend, wartete Stefan
Arkadjewitsch nur auf die Minute, wo Karenin enden würde, um von seiner
Angelegenheit und von Anna zu beginnen.

»Ja, das ist sehr wichtig,« sagte er, als Aleksey Aleksandrowitsch sein
Pincenez abnahm, ohne welches er jetzt nicht mehr lesen konnte, und
fragend seinen ehemaligen Schwager anschaute, »das ist sehr richtig in
den Einzelheiten, aber bei alledem ist doch das Prinzip unserer Zeit --
die Freiheit.«

»Ich stelle aber eben ein anderes Prinzip auf, welches das Prinzip
der Freiheit mit einschließt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, das
Wort »einschließt« betonend und das Pincenez wieder aufsetzend, um
noch einmal seinem Zuhörer die Stelle vorzulesen, in welcher eben dies
gesagt war.

Das schöngeschriebene Manuskript mit den großen weißen Rändern
durchblätternd, las Aleksey Aleksandrowitsch aufs neue die überzeugende
Stelle.

»Ich will kein Protektionssystem, keines im Interesse einzelner
Privatpersonen, sondern eines im Interesse des allgemeinen Wohls -- für
die niedrigsten ebenso wie für die höchsten Klassen« -- sagte er, über
dem Pincenez hinweg nach Oblonskiy blickend. »Aber die oben können das
nicht begreifen, die sind nur von persönlichen Interessen eingenommen
und von Phrasen begeistert.«

Stefan Arkadjewitsch wußte, daß Karenin, wenn er davon zu sprechen
begann, was _die oben_ thäten und dächten, die Nämlichen, welche seine
Projekte nicht annehmen wollten und die die Ursache aller Übelstände in
Rußland waren, dem Schluß schon ziemlich nahe war, und entsagte daher
jetzt gern der Verteidigung seines Princips der Freiheit und stimmte
vollständig ein. Aleksey Aleksandrowitsch verstummte, nachdenklich
seine Schrift durchblätternd.

»Ach, bei dieser Gelegenheit« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, »wollte
ich dich bitten, wenn du Pomorskiy sehen solltest, ihm doch ein paar
Worte davon zu sagen, daß ich recht sehr die offene Stellung als
Mitglied der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz
der südlichen Eisenbahnen zu haben wünschte.« Stefan Arkadjewitsch
war der Titel dieses Amtes, das ihm so sehr am Herzen lag, bereits
gewohnt geworden und er sprach ihn schnell herunter, ohne sich dabei zu
versehen.

Aleksey Aleksandrowitsch erkundigte sich, worin die Thätigkeit dieser
neuen Kommission bestände und überlegte. Er erwog, ob in der Thätigkeit
dieser Kommission nicht etwas seinen Plänen Feindliches liegen könne.
Doch da die Thätigkeit dieses neuen Instituts eine sehr komplizierte
war, und seine Pläne ein sehr großes Gebiet umfaßten, so vermochte er
sich dies nicht sofort klarzumachen und sagte, das Pincenez abnehmend:

»Ohne Zweifel kann ich mit ihm davon sprechen; aber warum wünschest du
gerade dieses Amt zu übernehmen?«

»Der Gehalt ist gut, gegen neuntausend Rubel, und meine Mittel« --

»Neuntausend,« wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch und verfinsterte
sich. Die Höhe dieses Gehaltes erinnerte ihn daran, daß nach dieser
Seite eine vorausgesetzte Thätigkeit Stefan Arkadjewitschs dem
Hauptgedanken seiner Projekte entgegen sein würde, welche stets für die
Sparsamkeit waren.

»Ich finde, und habe auch darüber eine Denkschrift geschrieben, daß in
unserer Zeit diese ungeheuren Gehälter die Kennzeichen einer falschen
ökonomischen =assiette= unserer Regierung sind.«

»Was willst du?« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Nehmen wir an, ein
Bankdirektor erhält zehntausend Rubel, so ist er diese doch wohl wert.
Oder ein Ingenieur erhält zwanzigtausend.«

»Ich meine, daß der Gehalt eine Bezahlung für Ware ist, und dem Gesetz
der Nachfrage und des Angebotes entsprechen muß. Wenn die Normierung
eines Gehaltes von diesem Gesetz abweicht, wie zum Beispiel, wenn
ich sehe, daß aus einem Institut zwei Ingenieure hervorgehen, gleich
kenntnisreich und befähigt, und der eine vierzigtausend Rubel Gehalt
erhält, während sich der andere mit zweitausend begnügt; oder wenn
man zu Direktoren einer Bank mit ungeheuren Gehältern Rechtsgelehrte
einsetzt, die kein bestimmtes Spezialwissen besitzen -- so schließe
ich daraus, daß der Gehalt nicht nach dem Gesetz von Nachfrage und
Angebot bestimmt ist, sondern geradezu nach dem Ansehen der Person.
Hierin aber liegt ein Mißbrauch, der sich, wichtig an und für sich, als
schadenbringend im Staatsdienst erweist. Ich glaube« --

Stefan Arkadjewitsch beeilte sich, seinen Schwager zu unterbrechen.

»Ja, aber du giebst doch zu, daß sich da eine neue, unzweifelhaft
nutzbringende Institution eröffnet; ein lebensfähiges Unternehmen,
wenn du willst. Man schätzt es namentlich insofern hoch, als es auf
ehrenhafte Weise geleitet werden soll,« sagte Stefan Arkadjewitsch
gewichtig.

Die Moskauer Bedeutung des Wortes »ehrenhaft« war jedoch für Aleksey
Aleksandrowitsch unverständlich.

»Ehrenhaftigkeit ist nur eine negative Eigenschaft,« sagte er.

»Aber du würdest mir gleichwohl einen großen Gefallen erweisen,« sagte
Stefan Arkadjewitsch, »wenn du ein Wort für mich bei Pomorskiy einlegen
wolltest,« das Wörtchen »Pomorskiy« unterdrückend, »so im Gespräch.«

»Das hängt aber doch mehr von Bolgarinoff ab, wie mir scheint,« sagte
Aleksey Aleksandrowitsch.

»Bolgarinoff seinerseits ist völlig einverstanden,« sagte Stefan
Arkadjewitsch errötend. Er errötete bei der Erwähnung dieses Namens,
weil er erst am nämlichen Tage früh bei dem Juden Bolgarinoff gewesen
war und dieser Besuch einen unangenehmen Eindruck in ihm hinterlassen
hatte.

Stefan Arkadjewitsch wußte genau, daß das Unternehmen, dem er seine
Kräfte weihen wollte, neu, lebensfähig und solid war, aber am heutigen
Morgen, als Bolgarinoff ihn offenbar mit Absicht zwei Stunden mit
anderen Bittstellern im Empfangszimmer hatte warten lassen, da war
es ihm dennoch plötzlich peinlich zu Mute geworden. Ob nun deswegen,
daß er, ein Nachkomme Rjuriks, ein Fürst Oblonskiy, zwei Stunden in
dem Empfangszimmer eines Juden wartete, oder weil er zum erstenmal
im Leben das Beispiel der Vorfahren, der Regierung zu dienen, nicht
befolgt hatte und eine neue Laufbahn betrat; jedenfalls war ihm höchst
unbehaglich zu Mute gewesen.

Während der zwei Stunden seines Wartens bei Bolgarinoff hatte Stefan
Arkadjewitsch, schnell im Empfangssalon auf und abgehend, sich den
Lockenbart streichend, mit anderen Bittstellern Gespräche anknüpfend,
und über einen Kalauer nachdenkend, den er darüber zum besten geben
wollte, wie er bei dem Juden gewartet habe, geflissentlich vor den
anderen, ja selbst vor sich, das Gefühl, welches er empfand, verborgen.
Er war während dieser ganzen Zeit in unbehaglicher und verdrießlicher
Stimmung gewesen, ohne daß er wußte, wie dies kam; ob vielleicht daher,
daß aus dem Kalauer, in dem er sich versuchte, nichts wurde -- er
lautete: »ich hatt' es zu thun mit Juden und dafür mußt' ich bluten«[C]
-- oder aus einem anderen Grunde.

  [C] Der Originaltext lautet: »=bylo djelo do [.z]yda, i ja
      do[.z]idalsja=«, »es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich
      mußte tüchtig warten«.

Nachdem ihn nun endlich Bolgarinoff mit außerordentlicher Höflichkeit
empfangen, augenscheinlich im Triumph über seine Erniedrigung, und ihm
einen fast abschläglichen Bescheid erteilt hatte, suchte er dies so
schnell als möglich zu vergessen. Jetzt indessen, als er sich hieran
erinnerte, errötete er.


                                  18.

»Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weißt ja welches. Es betrifft
Anna,« sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen,
und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschüttelt hatte.

Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so veränderte sich
das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollständig; anstatt der früheren
Lebhaftigkeit drückte es Ermüdung und etwas Totenhaftes aus.

»Was wollt Ihr denn gerade von mir?« sagte er, sich im Sessel wendend
und sein Pincenez zusammenklemmend.

»Einen Entschluß, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich
wende mich jetzt zu dir -- nicht zu dem beleidigten Gatten« -- wollte
Stefan Arkadjewitsch sagen, veränderte jedoch diese Worte in der
Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, »nicht als zu
dem Staatsmann (was übrigens auch nicht recht angebracht war), sondern
einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen.
Du mußt Mitleid mit ihr haben,« sprach er.

»Das heißt, inwiefern denn eigentlich?« sagte Karenin leise.

»Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie sähest, wie ich sie gesehen
habe -- ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht -- du würdest
Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich
entsetzlich.«

»Mir schien,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dünnerer,
fast pfeifender Stimme, »als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das,
was sie selbst gewollt hat.«

»Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen!
Was vorbei ist, ist vorbei, und du weißt, was sie wünscht und ersehnt
-- die Ehescheidung.«

»Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung
nicht einwilligen für den Fall, daß ich die Bedingung, mir den Sohn zu
lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, daß diese
Angelegenheit abgethan wäre. Ich erachte sie für abgethan,« sprach
Aleksey Aleksandrowitsch mit tönender Stimme.

»Um Gott, ereifere dich nicht,« sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee
seines Schwagers berührend, »die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn
du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch
trenntet, warest du großmütig, wie man nur großmütig sein kann; du hast
ihr alles bewilligt -- die Freiheit, sogar die Trennung! Sie weiß das
zu schätzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschätzt;
bis zu einem Grade, daß sie während jener ersten Minuten im Gefühl
ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles überdachte oder überdenken
konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit,
haben ihr gezeigt, daß ihre Lage qualvoll und unmöglich ist.«

»Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren,« unterbrach
ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend.

»Gestatte mir, dies zu bezweifeln,« entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch
geschmeidig, »ihre Lage ist peinlich für sie, und unersprießlich für
jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das
weiß sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus,
daß sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle,
alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwören dich. Warum soll
sie sich quälen? Wem würde besser dadurch?«

»Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines
Angeklagten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, abermals seine Hände berührend, als wäre er überzeugt,
daß diese Berührung den Schwager erweichen würde; »ich sage nur
das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden
durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde für dich alles
so arrangieren, daß du es nicht merkst. Du hattest mir es doch
versprochen.«

»Das Versprechen ist früher gegeben worden. Ich habe geglaubt, daß die
Frage über den Sohn die Angelegenheit entschieden hätte. Außerdem habe
ich gehofft, daß Anna Arkadjewna Großmut genug haben werde« -- Aleksey
Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und
mit bebenden Lippen.

»Sie stellt alles deiner Großmut anheim und bittet, fleht nur um das
Eine -- sie dieser unmöglichen Lage zu entheben, in der sie sich
befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch,
du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage.
Die Frage der Ehescheidung ist für sie in ihrer Situation, eine Frage
über Leben und Tod. Hättest du nicht früher das Versprechen gegeben,
so würde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande
bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist
nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich
ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine
Entscheidung erwartend. Das ist doch wohl ganz das Nämliche, als wenn
man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den
Hals hält, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als möglich in
Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf
mich nehmen die Sache zu ordnen! -- =Vos scrupules=« --

»Ich spreche nicht davon, nicht davon,« unterbrach ihn Aleksey
Aleksandrowitsch mit Widerwillen, »ich hatte da vielleicht etwas
versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.«

»So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?«

»Ich habe mich nie bei der Erfüllung einer Möglichkeit geweigert,
wünsche aber Zeit zu haben, um überlegen zu können, inwieweit das
Versprochene erfüllbar ist.«

»Nein, Aleksey Aleksandrowitsch!« begann Oblonskiy aufspringend, »daran
will ich nicht glauben! Sie ist so unglücklich, wie nur ein Weib
unglücklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche« --

-- »Soweit mein Versprechen erfüllbar ist. =Vous professez d'être
un libre penseur=, ich aber, als Rechtgläubiger, kann in einer so
wichtigen Angelegenheit nicht wider das christliche Gebot handeln.«

»Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel
ich weiß, die Ehescheidung zulässig,« sagte Stefan Arkadjewitsch; »die
Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulässig und wir sehen« --

-- »Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.«

»Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder,« sagte
Oblonskiy flehend, »hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht
hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen
Gefühl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch
den Rock hingeben wenn man das Hemd nähme, und jetzt« --

»Ich bitte dich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich auf die
Füße springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme,
»ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen -- dieses Gespräch« --

»O nein doch! Verzeihe mir, verzeih', wenn ich dich gekränkt habe,«
beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lächelnd und die Hand
hinstreckend, »ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag
übermittelt.«

Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken.

»Ich muß überlegen und mich nach Weisungen umsehen. Übermorgen
werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben,« sagte er nach einigem
Nachdenken.


                                  19.

Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der
Meldung:

»Sergey Aleksejewitsch!«

»Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch?« wollte Stefan Arkadjewitsch
anfangen, besann sich aber sogleich. »Ach, der kleine Sergey,« sagte
er, »Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements
wäre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen,« erinnerte er sich,
und rief sich jenen schüchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder
ins Gedächtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entließ, gesagt
hatte, »du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm
ist. Und mein Stefan -- wenn es möglich wäre; es wird doch möglich
sein?« Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses »wenn es möglich wäre«
bedeutete. Wenn es möglich wäre, die Scheidung so zu stande zu bringen,
daß er ihr den Sohn überließ! Jetzt sah er indessen, daß hieran nicht
zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen.

Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam,
daß man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher
ersuche, kein Wort von derselben zu erwähnen.

»Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner
Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch. »Wir fürchteten sogar für sein Leben. Aber eine
verständige Pflege und Seebäder im Sommer haben seine Gesundheit
wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die
Schule gegeben. In der That hat auch der Einfluß der Kameraden auf ihn
eine günstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt
gut.«

»Was für ein hübscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der
kleine Sergey Aleksejewitsch!« lächelte Stefan Arkadjewitsch, auf den
hurtig und ungezwungen eintretenden hübschen, breitschulterigen Knaben
in blauer Kutte und langen Beinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund
und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden,
doch, als er ihn erkannt hatte, errötete er und wandte sich, als sei
er von Etwas beleidigt und erzürnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging
zu seinem Vater und gab ihm ein Billet über Censuren, welche er in der
Schule erhalten hatte.

»Nun, recht so,« sagte der Vater, »du kannst gehen.«

»Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehört, ein Kind zu
sein und ist ein großer Knabe geworden; das liebe ich,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, »besinnst du dich noch auf mich?«

Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater.

»Ich besinne mich, =mon oncle=,« antwortete er, auf den Oheim blickend
und wiederum in Verwirrung geratend.

Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand.

»Nun, wie geht es denn?« sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl
er nicht recht wußte, was er sagen sollte.

Der Knabe zog errötend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus
der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte,
eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem
fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach.

Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum
letztenmale gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von
ihr gehört. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden
und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und
Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr
krank gemacht hatten, beschäftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn
überkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie für
schimpflich und nur den Mädchen angemessen hielt aber nicht für einen
Knaben und Schulkameraden. Er wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein
Zwist bestand, der beide trennte; er wußte, daß es ihm beschieden war,
bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu
gewöhnen.

Daß er den Onkel, welcher seiner Mutter ähnlich war, wiedersah, war
ihm unangenehm, weil dies eben wieder jene Erinnerungen, die er für
schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer,
als er, nach einigen Worten, die er gehört hatte, indem er an der
Thür des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck
des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, daß zwischen beiden die
Rede von seiner Mutter gewesen sein mußte, und um nun diesen Vater,
bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen,
hauptsächlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er
für so verächtlich hielt, bemühte sich der kleine Sergey, diesen Onkel
gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stören, und
nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedächtnis zurückrief.

Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen,
und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und
frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe,
unterhielt sich Sergey, außer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm.

»Jetzt machen wir Eisenbahn,« sagte er, auf die Frage antwortend. »Und
wißt Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere.
Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie
nun mit den Händen oder auch an den Gürteln ziehen und so geht es durch
alle Säle. Die Thüren werden schon vorher geöffnet. Nun ist es schwer
dabei den Kondukteur zu machen.«

»Das ist der, welcher steht?« frug Stefan Arkadjewitsch lächelnd.

»Ja; da ist Kühnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie
schnell stehen bleiben oder wenn einer fällt.«

»Ja, das ist kein Spaß,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in
diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt
nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und
obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu
sprechen, hielt er es doch nicht aus.

»Denkst du denn noch deiner Mama?« frug er plötzlich.

»Nein; ich denke nicht mehr an sie,« antwortete Sergey, schnell und
schlug, purpurrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun
nichts mehr aus ihm herausbringen.

Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zögling auf
der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zürne
oder weine.

»Ihr habt Euch wohl gestoßen, als Ihr fielet?« sagte der Erzieher. »Ich
habe doch immer gesagt, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Das wird
wohl dem Direktor gesagt werden müssen.«

»Wenn ich mich gestoßen hätte, so hätte dies ja doch niemand bemerkt.
Das ist doch sicher wahr!«

»Nun was aber ist Euch denn dann?«

»Laßt mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum
soll ich daran denken? Laßt mich in Ruhe!« wandte er sich schon nicht
mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt.


                                  20.

Stefan Arkadjewitsch hatte, wie stets, die Zeit in Petersburg nicht
müßig zugebracht. In Petersburg hatte er an Geschäften außer der
Scheidung der Schwester und der Angelegenheit mit dem Amte wie immer,
noch eine Erholung von nöten nach dem Moskauer Stumpfsinn, wie er sagte.

Moskau war ungeachtet seiner Caféchantants und Omnibusse doch für ihn
nur ein stehender Sumpf. Dies fühlte Stefan Arkadjewitsch stets, und
wenn er in Moskau besonders bei seiner Familie gelebt hatte, fühlte
er, daß sein Lebensmut sank. Wenn er lange Zeit, ohne fortzukommen in
Moskau zugebracht hatte, kam er soweit, daß er anfing, sich über die
schlechte Laune und die Vorwürfe seines Weibes Gedanken zu machen, über
die Gesundheit und Erziehung der Kinder, und die kleinen Interessen
seines Dienstes; selbst der Umstand, daß er Schulden hatte, beunruhigte
ihn.

Es war indessen nur nötig, daß er nach Petersburg kam und sich dort
aufhielt, in dem Kreise, in welchem er verkehrte, und in welchem man
lebte, ja wirklich lebte, und nicht erfror wie in Moskau, um sogleich
alle diese Gedanken verschwinden und schmelzen zu lassen, wie Wachs vor
dem Scheine des Feuers.

Und sein Weib? -- Erst heute hatte er mit dem Fürsten Tschetschenskiy
gesprochen. Der Fürst Tschetschenskiy hatte Frau und Kinder -- die
erwachsenen Kinder waren Pagen -- und doch auch eine zweite, illegitime
Familie, in welcher gleichfalls Kinder vorhanden waren. Obwohl nun die
erste Familie auch gut war, fühlte sich der Fürst doch glücklicher
in der zweiten; er brachte seinen ältesten Sohn mit in seine zweite
Familie und erzählte Stefan Arkadjewitsch, er fände, dies sei ihm
nützlich und förderlich.

Was hätte man hierzu in Moskau gesagt?

Seine Kinder? -- In Petersburg hinderten die Kinder die Väter nicht
daran, zu leben. Die Kinder wurden in Instituten erzogen, und es gab
hier nicht jene in Moskau -- bei Lwoff zum Beispiel -- verbreitete,
seltsame Auffassung, daß den Kindern aller Luxus des Lebens, den Eltern
allein Mühe und Sorgen zukämen. Hier hatte man erkannt, daß der Mensch
verpflichtet sei, für sich selbst zu leben, wie ein gebildeter Mensch
eben leben müsse.

Sein Dienst? -- Der Dienst war hier gleichfalls nicht eine so strenge
hoffnungslose Fessel, wie die, welche man in Moskau trug; hier war
ein Interesse am Dienst vorhanden. Eine Begegnung, ein Verdienst, ein
treffendes Wort, die Fähigkeit, sich in den Personen nur verschiedene
Gegenstände vorzustellen, war alles, um jemand plötzlich Carriere
machen zu lassen, wie Bojanzeff, dem Stefan Arkadjewitsch gestern
begegnet und der jetzt einer der ersten Beamten war, sie gemacht hatte.
Dieser Dienst gewährte Interesse.

Insbesondere wirkten aber die Petersburger Anschauungen in
finanziellen Dingen beruhigend auf Stefan Arkadjewitsch. Bartejanskij,
welcher mindestens fünfzigtausend Rubel in dem =train=, welchen er
gerade verfolgte, verbrauchte, hatte ihm erst gestern darüber ein
bemerkenswertes Wort fallen lassen.

Vor dem Essen hatte Stefan Arkadjewitsch in der Unterhaltung zu
Bartejanskij gesagt:

»Du scheinst dem Mordwinskij nahe zu stehen und könntest mir daher
einen Dienst erweisen, wenn du bei ihm für mich ein gutes Wort einlegen
wolltest. Es ist da ein Amt vorhanden, welches ich haben möchte, als
Mitglied der Agentur« --

»Nun, ich erinnere mich nicht so ganz -- aber was hast du für eine
Sehnsucht nach diesen Eisenbahngeschäften mit Juden? Doch wie du
willst; aber es ist doch etwas Widerwärtiges dabei« --

Stefan Arkadjewitsch sagte ihm nicht, daß es sich um ein lebensfähiges
Unternehmen handle: Bartejanskij hätte dies nicht verstanden.

»Ich brauche Geld; habe nichts mehr zu leben.«

»Aber du lebst doch?«

»Ich lebe wohl, habe aber viel Schulden.«

»Was willst du? Hast du viel?« sagte Bartejanskij mitleidig.

»Sehr viel, zwanzigtausend Rubel.«

Bartejanskij lachte lustig auf.

»O glücklicher Mensch!« sagte er, »ich habe anderthalb Million und
besitze gar nichts, aber, wie du siehst, kann man doch noch dabei
leben!«

Stefan Arkadjewitsch fand nicht sowohl in den Worten allein, als in der
Sache selbst die Richtigkeit des Gesagten.

Schivachoff hatte dreihunderttausend Rubel Schulden und nicht eine
Kopeke im Vermögen und er lebte doch, und noch dazu auf welche
Weise! Den Grafen Krivzoff hatten alle schon totgesungen und er
unterhielt doch noch zwei Maitressen. Petrowskiy hatte fünf Millionen
durchgebracht und lebte noch immer auf demselben Fuße, verwaltete sogar
noch immer Finanzen und bezog zwanzigtausend Rubel Gehalt.

Außer alledem aber wirkte Petersburg auch physisch angenehm auf Stefan
Arkadjewitsch ein. Es verjüngte ihn.

In Moskau schaute er zuweilen nach einem grauen Haar, schlief nach
dem Essen, reckte sich, stieg im Schritt, schwer atmend die Treppen,
langweilte sich mit jungen Weibern und tanzte nicht auf den Bällen. In
Petersburg hingegen fühlte er sich stets um zehn Jahre jünger.

Er empfand in Petersburg das, was ihm gestern erst der sechzigjährige
Graf Oblonskiy, Peter, der soeben aus dem Ausland zurückgekommen war,
gesagt hatte.

»Wir verstehen hier nicht zu leben,« hatte Peter Oblonskiy gesagt,
»glaubst du es wohl -- ich habe den Sommer in Baden verlebt, aber,
wahrhaftig, mich ganz wie ein junger Mensch gefühlt. Kaum sah ich ein
junges Frauenzimmer, so gingen die Gedanken -- man aß und trank so
leichthin -- Kraft und Mut war vorhanden. Da aber bin ich nun nach
Rußland gekommen -- ich mußte zu meiner Frau und auf das Dorf -- ja;
du wirst es nicht glauben; vierzehn Tage hindurch hatte ich meinen
Hausrock angezogen und aufgehört, zur Tafel Toilette zu machen. An die
jungen Frauenzimmer denke ich nicht mehr, ich bin ein vollständiger
Greis geworden. Nur das Seelenheil zu retten, bleibt mir noch. Dann
aber fuhr ich nach Paris -- da kam ich wieder in Ordnung.«

Stefan Arkadjewitsch empfand ganz den nämlichen Unterschied, wie Peter
Oblonskiy. In Moskau hatte er so nachgelassen, daß er in der That, wenn
er lange noch so hätte fortleben müssen, dazu gekommen wäre -- was
übrigens ganz gut gewesen sein würde -- für das Heil seiner Seele zu
sorgen. In Petersburg aber fühlte er sich wieder als wahrer Mensch.

Zwischen der Fürstin Betsy Twerskaja und Stefan Arkadjewitsch bestanden
alte, sehr seltsame Beziehungen. Stefan Arkadjewitsch machte ihr stets
launig den Hof und sagte ihr, immer im Scherz, die indecentesten Dinge,
wobei er recht wohl wußte, daß ihr dies ganz besonders gefiel. Am Tage
nach seinem Gespräch mit Karenin begab sich Stefan Arkadjewitsch zu
ihr. Er fühlte sich so jung, daß er in dieser scherzhaften Cour und
seichten Plauderei unvermutet so weit kam, daß er nicht mehr wußte, wie
er sich wieder heraushelfen sollte, obwohl sie ihm leider nicht nur
nicht gefiel, sondern sogar widerlich war. Dieser Ton herrschte nun
deswegen, weil er ihr sehr gefiel, und so kam es, daß er recht froh
über die Ankunft der Fürstin Mjagkaja war, welche diesem Alleinsein zu
Zweien ein Ende machte.

»Ah, Ihr hier,« sagte sie, ihn erblickend, »nun, wie befindet sich Eure
arme Schwester? Haltet mich nicht für neugierig,« fügte sie hinzu,
»seit alle sie verlassen haben, alle die, die tausendmal schlechter
sind, als sie, finde ich, daß sie schön gehandelt hat. Ich kann es
Wronskiy nicht verzeihen, daß er es mich nicht hat wissen lassen,
als sie in Petersburg war. Ich wäre zu ihr, und mit ihr überall
hingefahren. Übermittelt ihr doch gefälligst den Ausdruck meiner Liebe
für sie, und erzählt mir nun von ihr.«

»Ja, ihre Lage ist schwer,« begann Stefan Arkadjewitsch zu erzählen,
in der Einfalt seines Herzens die Worte der Fürstin Mjagkaja, für
bare Münze nehmend, doch diese unterbrach ihn sogleich, nach ihrer
Gewohnheit, und begann selbst zu erzählen.

»Sie hat gethan, was alle außer mir auch thun, jedoch verheimlichen.
Sie aber hat nicht täuschen wollen, sondern schön gehandelt, und noch
schöner gehandelt, weil sie diesen halben Narren, Euren Schwager,
verließ. Ihr entschuldigt mich wohl; alle haben gesagt, daß er klug
sei, klug -- nur ich allein habe gesagt, daß er ein Thor ist. Jetzt,
nachdem er sich mit der Lydia Iwanowna verbunden hat, und mit dem
Landau, sagt jedermann, daß er halbverrückt ist. Ich wäre froh, wenn
ich nicht mit jedermann einzustimmen brauchte, aber diesmal kann ich
doch nicht anders!«

»Erklärt mir doch gefälligst,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »was das
eigentlich bedeutet? Gestern war ich bei ihm in der Angelegenheit
meiner Schwester und ersuchte ihn um einen bestimmten Bescheid. Er gab
mir keine Antwort und sagte, er wolle sich bedenken, heute morgen aber
erhielt ich anstatt der Antwort eine Einladung für diesen Abend zu der
Gräfin Lydia Iwanowna.«

»So, so,« sagte die Fürstin Mjagkaja voll Vergnügen. »Sie werden Landau
befragen, was der sagen wird.«

»Wie, Landau? Warum? Wer ist das, Landau?« --

»Wie, Ihr kennt nicht =Jules Landau le fameux, Jules Landau le
clairvoyant=? Der ist auch halbverrückt, und doch, von ihm hängt das
Schicksal Eurer Schwester ab. Aber das kommt eben vom Leben in der
Provinz -- Ihr wißt von nichts! -- Landau, seht Ihr, war ein Kommis
in einem Pariser Magazin und kam einmal zu einem Arzte. Beim Arzt
schlief er im Empfangszimmer ein und begann im Schlaf allen Kranken
Rat zu erteilen, wunderbare Ratschläge! Hierauf hörte die Frau des
Juriy Meledinskiy -- Ihr wißt, des Kranken -- von diesem Landau und
nahm ihn mit zu ihrem Manne. Er kurierte nun ihren Gatten, doch hat
er ihm noch keinerlei Nutzen gebracht, nach meiner Meinung, da dieser
noch immer so gelähmt ist; allein man glaubt an ihn und giebt sich mit
ihm ab. Sie haben ihn mit nach Rußland gebracht, hier hat sich alles
auf ihn gestürzt und er hat sie alle zu kurieren begonnen. Die Gräfin
Bessubowa hat er geheilt und sie hat ihn so lieb gewonnen, daß sie ihn
zu ihrem Sohne gemacht hat.«

»Wie, zu ihrem Sohne?«

»Jawohl, adoptiert. Er ist jetzt kein Landau mehr, sondern ein Graf
Bessuboff. Doch darum handelt es sich nicht; Lydia jedoch -- ich liebe
sie sehr, aber sie hat den Kopf nicht auf dem rechten Flecke -- hat
sich natürlich jetzt diesem Landau in die Arme geworfen und ohne ihn
wird weder bei ihr, noch bei Aleksey Aleksandrowitsch ein Beschluß
gefaßt, weshalb das Schicksal Eurer Schwester jetzt in den Händen
dieses Landau, alias Grafen Bessuboff, liegt.«


                                  21.

Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen
Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan
Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin
Lydia Iwanowna.

»Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?« frug er den Schweizer,
indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und
einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte.

»Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,« antwortete der
Portier gemessen.

»Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,« dachte Stefan
Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. »Seltsam; es wäre aber
doch wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren
Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir's
gewiß.«

Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin
Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon
die Lampen.

An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey
Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer
Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr
bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf
dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers,
die Wand mit den Porträts betrachtend.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey
Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach
dem unbekannten Manne.

»Monsieur Landau,« wandte sich die Gräfin an denselben mit einer
Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die
beiden miteinander bekannt.

Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte
lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine
unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg
und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch
wechselten einen ausdrucksvollen Blick.

»Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,« sagte die
Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin
anweisend.

»Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,« sprach
sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey
Aleksandrowitsch anblickend, »doch eigentlich ist er Graf Bessuboff,
wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.«

»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »man
sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.«

»Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,« wandte sich die Gräfin
an Aleksey Aleksandrowitsch. »Diese Trennung ist für sie entsetzlich.
Es ist ein solcher Schlag für sie.«

»Reist er denn bestimmt ab?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.

»Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört,« sagte die
Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend.

»Ah, die Stimme,« wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so
vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in
welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte,
zu dem er noch keinen Schlüssel besaß.

Ein minutenlanges Schweigen trat ein, worauf die Gräfin Lydia Iwanowna,
gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit feinem
Lächeln zu Oblonskiy sagte:

»Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen
zu lernen. =Les amis de nos amis sont nos amis=, aber um ein Freund
zu sein, muß man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes
hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf
Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,«
sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend.

»Zum Teil, Gräfin, verstehe ich, daß die Lage Aleksey
Aleksandrowitschs« -- sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum
es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten.

»Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,« sagte die
Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich
erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend,
»sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden,
und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung
hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.«

»Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon
vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt« -- sagte Stefan
Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin
antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher
stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er
sie anzugehen hätte.

»Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine
Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese
Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht
mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?« sagte sie, mit den Augen auf
den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte.

»Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück« --

»Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz
ein neues ward, von ihm erfüllt,« sagte sie, voll Liebe auf Aleksey
Aleksandrowitsch schauend.

»Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu
sprechen,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »O gewiß, Gräfin,« sagte
er, »doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur,
daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon
spricht.«

»Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.«

»Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied
in den Überzeugungen und dabei« -- sagte Oblonskiy mit geschmeidigem
Lächeln.

»Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.«

»Ja, ja, gewiß, doch« -- und in Verlegenheit geratend, verstummte
Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion
handelte.

»Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna
herantrat.

Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die
Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem
Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf
und lächelte kindlich-naiv.

»Beobachtet ihn nicht,« sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung
ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, »ich habe bemerkt« --
begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia
Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie
um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas
nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische.
»Ich habe bemerkt,« fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, »daß die
Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der
Religion gegenüber sind.«

»O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die
glaubenstreuesten Menschen zu sein,« antwortete Stefan Arkadjewitsch.

»Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der
Gleichgültigen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem
Lächeln an ihn wendend.

»Wie kann man nur gleichgültig sein!« sagte Lydia Iwanowna.

»Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur
harre,« antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln,
»ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen
könnte.«

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick.

»Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,«
sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. »Wir dürfen nicht denken, ob
wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von
menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen,
welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul
traf.«

»Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,« sagte Lydia Iwanowna, die
währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war.

Landau erhob sich und trat zu ihnen.

»Gestattet Ihr mir, zuzuhören?« frug er.

»O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,« sagte Lydia Iwanowna ihn
zärtlich anblickend, »setzt Euch zu uns.«

»Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt
zu sein,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl
von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!« sagte die Gräfin Lydia
Iwanowna, verzückt lächelnd.

»Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser
Höhe zu erheben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er
einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich
aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor
einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu
Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte.

»Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?« sagte
Lydia Iwanowna. »Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde
für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. -- Pardon,« fügte
sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden
Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: »Morgen sind
wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine
Sünde,« setzte sie das Gespräch fort.

»Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und
nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend.

»So ist es; das ist aus dem Brief des Apostel Jakobus,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet,
wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal
gesprochen hätten.

»Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet!
Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; >ich habe
keine Werke, also auch keinen Glauben< und doch ist dies nirgends
gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.«

»In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele
zu retten,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher
Geringschätzung, »das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche.
Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und
leichter,« fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden
Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der
ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte.

»Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind
erlöst im Glauben,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit
seinem Blick billigend.

»=Vous comprenez l'anglais=?« frug Lydia Iwanowna und erhob sich,
nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen
Bücherbrett in den Büchern zu suchen.

»Soll ich >=Safe and Happy=< oder >=Under the Wing=< lesen?« sprach
sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch
gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.

Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf
welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist,
als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige
kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. »Da seht Ihr.«
Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.

»Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! -- Ja,« sprach sie, die Stelle
in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren
nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. »So wirkt der wahre
Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor
ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand
diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist
das Glück, welches der Glaube verleiht!«

»Ja, ja, das ist viel« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit,
daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur
Überlegung zu kommen. »Es ist doch offenbar am besten heute nicht um
etwas zu bitten,« dachte er, »könnte man nur, ohne etwas zu verderben,
von hier fortkommen.«

»Es wird Euch langweilig werden,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich
an Landau wendend, »Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.«

»O, ich verstehe schon,« sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und
schloß die Augen.

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll
an und die Lektüre begann.


                                  22.

Stefan Arkadjewitsch fühlte sich vollkommen verblüfft von den neuen,
ihm fremdartigen Gesprächen, die er vernahm. Das Getriebe des
Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem
es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er
liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und
bekannten Kreisen -- in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er
verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Gräfin Lydia
Iwanowna zuhörte, und die auf ihn gerichteten schönen, naiven oder
verschlagenen Augen Landaus -- er wußte es selbst nicht -- sah, begann
Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu
empfinden.

Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander.
Mary Sanina freut sich, daß ihr Kind gestorben ist -- es wäre recht
angenehm, könnte man jetzt ein wenig rauchen -- um sein Seelenheil zu
retten, ist nur nötig, daß man glaubt, und die Mönche wissen nicht, wie
man das machen muß, wohl aber die Gräfin Lydia Iwanowna kennt das --
woher nur das schwere Gefühl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon,
daß das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt
nichts Anstößiges begangen zu haben; und doch kann ich sie nicht mehr
bitten. Man sagt, sie veranlaßt einen zum Beten; als ob sie mich nicht
dazu veranlaßt hätten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn
sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau -- Bessuboff -- weshalb
heißt er Bessuboff? Plötzlich fühlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine
Kinnlade unwiderstehlich sich zum Gähnen auszurenken begann. Er strich
sich seinen Backenbart, indem er das Gähnen verbarg und schüttelte
sich, fühlte aber dann, daß er bereits schlafe und schon zu schnarchen
anfange. Er erwachte in dem nämlichen Moment, als die Stimme der Gräfin
Lydia Iwanowna sprach »er schläft«.

Stefan Arkadjewitsch kam erschrocken zur Besinnung, er fühlte sich
schuldbewußt und überführt, tröstete sich aber sogleich, nachdem er
wahrgenommen hatte, die Worte »er schläft« sich nicht auf ihn bezogen,
sondern auf Landau.

Der Franzose war ebenso eingeschlafen, wie Stefan Arkadjewitsch. Aber
während sein Schlaf sie, wie er meinte, verletzt haben würde -- doch
selbst hieran dachte er nicht einmal, so seltsam schien ihm alles --
erfreute sie der Schlaf Landaus, besonders die Gräfin Lydia Iwanowna,
außerordentlich.

»=Mon ami=,« sagte Lydia Iwanowna, vorsichtig, um nicht Geräusch zu
verursachen, die Falten ihres seidenen Kleides streichend und in ihrer
Aufregung Karenin schon nicht mehr Aleksey Aleksandrowitsch nennend,
sondern »=mon ami -- donnez lui la main. Vous voyez=? St!« -- lispelte
sie dem abermals eintretenden Diener zu: »Niemand wird empfangen.«

Der Franzose schlief, oder stellte sich schlafend, den Kopf nach der
Rücklehne des Sessels geneigt und mit der schwitzenden Hand, die auf
dem Knie lag, schwache Bewegungen machend, als ob er etwas fangen
wollte. Aleksey Aleksandrowitsch erhob sich, ging vorsichtig, sich an
dem Tische anhaltend herzu und legte seine Hand in die des Franzosen.
Stefan Arkadjewitsch stand gleichfalls auf, die Augen weit öffnend,
im Wunsche, völlig wach zu werden, falls er etwa noch schliefe, und
blickte bald auf dieses, bald auf jenes. Alles war Wirklichkeit. Stefan
Arkadjewitsch fühlte, daß es ihm im Kopfe immer unbehaglicher wurde.

»=Que la personne qui est arrivée la dernière, celle qui demande,
qu'elle sorte! -- Qu'elle sorte=!« -- sprach der Franzose, ohne die
Augen zu öffnen.

»=Vous m'excuserez, mais vous voyez -- revenez vers dix heurs, encore
mieux demain=.«

»=Qu'elle sorte=!« wiederholte der Franzose ungeduldig.

»=C'est moi, n'est ce pas=?« Mit der bestätigenden Antwort ging Stefan
Arkadjewitsch. Er vergaß, um was er Lydia Iwanowna hatte bitten
wollen; er vergaß die Sache seiner Schwester, auf den Fußspitzen ging
er hinaus, nur in dem einzigen Wunsche, möglichst schnell von hier
fortzukommen, wie aus einer Lasterhöhle. Er eilte auf die Straße
hinaus und unterhielt sich geraume Zeit scherzend mit dem Kutscher, um
möglichst bald wieder zu Verstande zu kommen.

Im französischen Theater, welches er noch für den letzten Akt besuchte,
und darauf bei den Tataren beim Champagner, in der ihm eigenen Sphäre,
erholte sich Stefan Arkadjewitsch ein wenig, aber gleichwohl war es ihm
an diesem Abend gar nicht recht nach Wunsch.

Als er nach Haus zu Peter Oblonskiy gekommen war, bei dem er in
Petersburg wohnte, fand er ein Billet von Betsy vor. Dieselbe schrieb
ihm, sie wünsche sehr die begonnene Unterhaltung zu beendigen und
bitte ihn, morgen zu ihr zu kommen. Er hatte dieses Schreiben kaum
durchgelesen, und eine finstere Miene dazu gemacht, als unten die
wuchtigen Schritte von Leuten vernehmbar wurden, welche etwas Schweres
trugen.

Stefan Arkadjewitsch ging hinaus, um nachzusehen; es war der wieder
junggewordene Peter Oblonskiy, welcher so berauscht war, daß er nicht
die Treppe heraufgehen konnte. Gleichwohl aber befahl er selbst,
ihn auf die Füße zu stellen, als er Stefan Arkadjewitschs ansichtig
geworden, und ging mit diesem, an ihn angehängt, in dessen Zimmer,
wo er ihm zu erzählen anfing, wie er den Abend verbracht habe. Hier
schlief er dann auch ein.

Stefan Arkadjewitsch hatte die Laune verloren, was sich bei ihm selten
ereignete, und konnte lange Zeit den Schlaf nicht finden. Alles woran
er auch denken mochte, war widerwärtig, aber als das Widerwärtigste,
als etwas gewissermaßen Beschämendes, rief er sich den Abend bei der
Gräfin Lydia Iwanowna ins Gedächtnis zurück.

Am andern Tage erhielt er von Aleksey Aleksandrowitsch eine bestimmte
Verweigerung der Scheidung Annas, und erkannte nun, daß dieser
Entschluß auf dem fußte, was der Franzose gestern in seinem wirklichen
oder verstellten Schlafe gesagt haben mochte.


                                  23.

Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu
entweder eines vollständigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer
liebevollen Übereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten
unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden.

Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden
Gatten gleichgültig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein
völliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverständnis vorhanden ist.

Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze,
seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frühling, sondern wie
im Sommer schien, alle Bäume auf den Boulevards längst schon belaubt
standen und die Blätter schon von Staub bedeckt waren -- unerträglich
geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie
schon längst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau
weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverständnis mehr
bestand.

Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine äußerliche Ursache, und
alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht,
sondern vergrößerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung,
welche für Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, für
Wronskiy in der Reue darüber, daß er sich ihretwegen in eine schwierige
Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern,
nur noch drückender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden
äußerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig
für ungerecht, und bemühten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander
zu zeigen.

Für sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Gewohnheiten,
Gedanken, Wünschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen
Beanlagung nur Eins -- die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mußte nach
ihrem Gefühl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich
jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil
derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib übertragen müssen
-- und so war sie eifersüchtig geworden. Sie war nicht wegen eines
anderen Weibes eifersüchtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner
Liebe. Sie besaß noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht
erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und übertrug bei dem
geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den
anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewöhnlichen
Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so
leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit
denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein
nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mädchen, welches er, indem er sein
Verhältnis mit ihr löste, lieben könnte.

Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten,
insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer
offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig,
daß sie sich erlaubt hätte, ihn zur Heirat mit der jungen Fürstin
Sorokina zu überreden.

In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Gründe
zum Grollen. In allem, was es Drückendes gab in ihrer Lage, klagte
sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau
-- zwischen Himmel und Erde -- durchlebte, die Langsamkeit und
Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung --
alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, würde er all das
Drückende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben;
daran, daß sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur
er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub,
so wie sie es wünschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er
hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit
er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, daß sie
auf ewig von ihrem Sohne getrennt war.

Selbst die seltenen Minuten der Zärtlichkeit, die für beide kamen,
beruhigten sie nicht; in seiner Zärtlichkeit fand sie jetzt einen
Anflug von Ruhe und Zuversicht; was früher nicht gewesen war und sie
reizte.

Die Dämmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine
Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er
gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem
das Geräusch vom Trottoir weniger vernehmlich war -- und überdachte
nochmals die Ausdrücke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen
waren, in allen Einzelheiten.

Indem sie immer weiter rückwärts ging von den ihr erinnerlichen,
kränkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung
dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der
Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, daß
der Streit aus einem Gespräch entstanden war, welches völlig harmlos,
und für keines der beiden von höherem Werte gewesen war. Es war
wirklich so. Alles war daher gekommen, daß er über die Mädchengymnasien
gespöttelt hatte, indem er sie für unnütz hielt, während sie für
dieselben eingetreten war.

Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenüber
respektlos verhalten und gesagt, daß Hanna, die von Anna protegierte
Engländerin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik nötig habe.

Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschätzige Hindeutung
auf ihre eigenen Beschäftigungen, und ersann und äußerte nun einen
Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte.

»Ich erwarte nicht, daß Ihr an mich und meine Empfindungen dächtet, wie
dies nur ein liebender Mann kann, ich hätte aber nur einfach Taktgefühl
erwartet,« sagte sie.

Und in der That, er errötete vor Verdruß und antwortete etwas
Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich
darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun,
geantwortet:

»Eure Leidenschaft für dieses Mädchen interessiert mich nicht, weil ich
sehe, daß sie nicht natürlich ist.«

Diese Härte seinerseits, mit welcher er eine Welt stürzte, die sie
sich mit soviel Mühe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu
können, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der
Unnatürlichkeit zieh, empörte sie.

»Ich beklage sehr, daß allein das Rohe und Materielle Euch verständlich
und natürlich erscheint,« sprach sie und verließ das Zimmer.

Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen
Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefühlt, daß derselbe wohl
beigelegt aber nicht vorüber war.

Heute war er nun den ganzen Tag über nicht zu Haus gewesen und sie
fühlte sich so vereinsamt und bedrückt in dem Gefühl, mit ihm uneinig
zu sein, daß sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm aussöhnen und
sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte.

»Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eifersüchtig. Ich
werde mich mit ihm aussöhnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort
werde ich ruhiger werden,« sprach sie zu sich selbst.

»Unnatürlich«, kam ihr plötzlich nicht so sehr das Wort, welches sie
vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedächtnis, als vielmehr eine
Absicht, ihr wehe zu thun. »Ich weiß, was er sagen wollte; er wollte
sagen, es sei unnatürlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl
aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von
meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war
so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann
nicht anders sein,« und indem sie gewahrte, daß sie, im Wunsche,
ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen
Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurückgekehrt war,
erschrak sie über sich selbst.

»Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich
nehmen können?« sprach sie zu sich selbst und begann abermals von
Anfang an. »Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn,
bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der
Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt,
sobald er kommt, werde ich ihm sagen, daß ich die Schuldige gewesen
bin, obwohl ich es nicht war -- und wir wollen dann abreisen,« und um
nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Groll überlassen zu müssen,
schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen für die
Reise aufs Dorf herbeizubringen.

Um zehn Uhr kam Wronskiy an.


                                  24.

»Nun; ging es recht vergnügt zu?« frug sie mit schuldbewußtem und
sanftem Ausdruck in den Zügen, ihm entgegentretend.

»Wie gewöhnlich,« versetzte er, sogleich mit einem einzigen Blick auf
sie erkennend, daß sie in einer ihrer besten Stimmungen sei. Er war an
diese Übergänge schon gewöhnt und heute ganz besonders erfreut davon,
weil er selbst sich gleichfalls in bester Laune befand.

»Was sehe ich! So ist's recht!« sagte er, auf die Koffer im Vorzimmer
weisend.

»Ja, wir müssen abreisen, und es ist ganz gut, daß wir auf das Dorf
wollen. Dich hält doch wohl nichts zurück?«

»Nur eines wünschte ich. Ich komme sogleich wieder, wir wollen dann
sprechen, ich möchte mich nur umkleiden. Laß den Thee geben.«

Er begab sich in sein Kabinett.

Es hatte etwas Verletzendes darin gelegen, als er sagte, »so ist's
recht«; wie man zu einem Kinde spricht, wenn dieses aufgehört hat
launisch zu sein; und noch verletzender war der Gegensatz zwischen dem
schuldbewußten Tone bei ihr und dem selbstbewußten bei ihm; auf einen
Augenblick empfand sie in sich den aufsteigenden Wunsch nach Kampf;
allein indem sie sich selbst bezwang, erstickte sie denselben und
begegnete Wronskiy noch immer so heiter.

Nachdem dieser wieder zu ihr gekommen war, erzählte sie ihm, teilweise
die zurechtgelegten Worte wiederholend, davon, wie sie den Tag
zugebracht hatte, sowie von ihren Plänen zur Abreise.

»Weißt du, es ist über mich fast wie eine Begeisterung gekommen,«
sprach sie, »weshalb sollen wir hier auf die Scheidung warten? Geht das
nicht ganz ebenso auf dem Dorfe? Ich kann nicht mehr länger warten,
ich will nicht hoffen, nichts hören von der Scheidung. Ich habe
beschlossen, daß dies keinen Einfluß mehr auf mein Leben ausüben soll.
Bist du auch einverstanden?«

»O ja;« sagte er, ihr beunruhigt in das erregte Gesicht blickend.

»Was habt Ihr denn dort angegeben? Wer war dabei?« sagte sie.

Wronskiy nannte die Gäste. Es war ein vorzügliches Essen gegeben
worden, eine Bootwettfahrt dazu und alles das war ganz hübsch
ausgefallen, aber in Moskau thut man es nicht ohne ein =ridicule=. Es
war auch eine Dame, eine Schwimmlehrerin der Königin von Schweden dabei
aufgetreten und hatte ihre Kunst gezeigt.

»Wie? Sie schwamm?« frug Anna, sich verfinsternd.

»In einem roten =costume de natation=; sie war alt und häßlich. Aber
wann reisen wir?«

»Welch thörichte Phantasie! Schwimmt sie denn in einer ganz besonderen
Weise?« sagte Anna, ohne hierauf zu antworten.

»Durchaus nichts Besonderes war dabei; ich muß sogar sagen, es war ein
furchtbarer Unsinn. Aber wann also denkst du zu reisen?«

Anna schüttelte den Kopf, als wünsche sie, einen unangenehmen Gedanken
zu verscheuchen.

»Wann wir reisen? Nun, je früher, um so besser. Morgen werden wir noch
nicht fertig sein; aber übermorgen.«

»Ja -- doch nein, halt. Übermorgen ist Sonntag, da muß ich zu =maman=,«
sagte Wronskiy, in Verlegenheit geratend, weil er, sofort nachdem er
den Namen der Mutter ausgesprochen hatte, ihren starr und argwöhnisch
auf sich gerichteten Blick fühlte. Seine Verwirrung bestätigte ihr
ihren Verdacht. Sie geriet in Wallung und entfernte sich von ihm. Jetzt
war es nicht mehr die Lehrerin der Königin von Schweden, sondern die
junge Fürstin Sorokina, welche mit der Gräfin Wronskaja zusammen auf
einem Dorfe bei Moskau lebte, die vor Anna auftauchte.

»Du kannst doch morgen zu ihr fahren?« sprach sie.

»Nein, nein! In der Angelegenheit, in welcher ich zu ihr will -- läßt
sich ein Kreditschein und das Geld morgen nicht erhalten,« antwortete
er.

»Wenn dem so ist, so werden wir gar nicht reisen.«

»Warum das?«

»Ich werde nicht später abreisen. Entweder Montag oder gar nicht.«

»Aber warum?« sagte Wronskiy, wie mit Erstaunen. »Das hat doch gar
keinen Sinn.«

»Für dich hat es keinen Sinn, weil du mit mir nichts zu thun hast.
Du willst mein Leben nicht begreifen. Das einzige, was mich hier
interessiert hat -- war Hanna. Du sagst, dies sei eine Heuchelei.
Du hast erst gestern gesagt -- daß ich meine Tochter nicht liebte,
sondern mich stellte, als ob ich diese Engländerin liebte -- dies wäre
unnatürlich. Ich möchte nun wissen, welches Leben hier für mich ein
natürliches sein könnte!«

Einen Augenblick kam sie zur Besinnung und erschrak darüber, daß sie
ihrem Vorsatz untreu geworden war. Aber obwohl sie wußte, daß sie
sich damit verderbe, vermochte sie nicht mehr an sich zu halten; sie
mußte ihm zeigen, wie ungerecht er war, sie konnte sich ihm nicht mehr
unterordnen.

»Ich habe dies niemals gesagt; ich habe gesagt, daß ich dieser so
plötzlichen Liebe nicht nachfühlen könnte.«

»Warum sprichst du, der mit seiner Offenheit prahlt, nicht die
Wahrheit?«

»Ich prahle nie und spreche nie die Unwahrheit,« sprach er ruhig, den
in ihm aufsteigenden Groll niederhaltend, »es ist sehr bedauerlich,
wenn du mich nicht achtest« --

»Die Achtung hat man erdacht, um eine leere Stelle damit zu verdecken,
auf welcher die Liebe sein müßte. Aber wenn du mich nicht mehr liebst,
so ist es besser und ehrenhafter, dies auszusprechen.«

»Nein, das wird unerträglich!« rief Wronskiy, vom Stuhle aufstehend.
Vor ihr stehen bleibend, sprach er dann langsam: »Weshalb stellst
du meine Geduld auf die Probe?« Er sprach dies mit einem Ausdruck,
als könnte er noch mehr sagen, halte aber an sich; »es giebt gewisse
Grenzen!«

»Was wollt Ihr damit sagen?« rief sie, mit Schrecken auf den offenen
Ausdruck von Haß schauend, der in seinem ganzen Gesicht, und besonders
in den harten, drohenden Augen lag.

»Ich will sagen,« begann er, stockte aber, »ich muß fragen, was Ihr von
mir wollt?«

»Was könnte ich wollen? Ich könnte nur wollen, daß Ihr mich nicht
vernachlässigt, wie Ihr es beabsichtigt« -- sagte sie, vollkommen
verstehend, was er nicht vollendet hatte, »aber das will ich nicht; das
kommt erst in zweiter Reihe. Ich will Liebe, und diese giebt es nicht
mehr. Vielleicht, daß alles schon vorbei ist.«

Sie schritt der Thür zu.

»Bleib -- bleibe!« sagte Wronskiy, ohne seine finster zusammengezogenen
Brauen zu glätten, und ergriff sie bei der Hand. »Was ist denn
eigentlich? Ich habe gesagt, daß die Abreise auf drei Tage verschoben
werden muß, du hast mir darauf geantwortet, ich lüge und sei ein
ehrloser Mensch!«

»Ja, und ich wiederhole, daß ein Mensch, der mir vorwirft, alles für
mich geopfert zu haben« -- sprach sie in der Erinnerung an die Worte
eines anderen, früheren Streites -- »daß er schlimmer ist, ein Mensch
ohne Herz, als ein ehrloser Mensch!«

»Nein; es giebt aber doch eine Grenze für die Geduld!« rief er aus,
ihre Hand schnell loslassend.

»Er haßt mich, das ist klar,« dachte sie, und verließ schweigend,
ohne sich umzublicken, mit unsicheren Schritten das Gemach. »Er liebt
eine andere; das ist noch klarer,« sprach sie zu sich, in ihr Zimmer
tretend, »ich will Liebe, aber die ist nicht mehr da. Vielleicht ist
alles vorüber,« wiederholte sie mit den von ihr schon geäußerten
Worten, »und wir müssen ein Ende machen. Aber wie?« frug sie sich und
setzte sich in einem Sessel vor dem Spiegel. Gedanken daran, wohin
sie jetzt fahren könnte -- zu der Tante vielleicht, bei welcher sie
erzogen worden war, zu Dolly, oder einfach ins Ausland, ferner daran,
was er jetzt, allein in seinem Kabinett thun möge; ob dieser Streit ein
entscheidender gewesen oder eine Aussöhnung noch möglich sei, sowie,
was jetzt alle ihre früheren Petersburger Bekannten von ihr sagen
würden, wie Aleksey Aleksandrowitsch die Sache betrachten würde; viele
andere Ideen, was jetzt werden solle nach dem Bruch, kamen ihr in den
Kopf, aber sie gab sich ihnen nicht mit ganzer Seele hin.

In ihrer Seele lebte ein unklarer Gedanke, der sie ausschließlich
interessierte, doch konnte sie sich nicht klar darüber werden. Indem
sie aber nochmals an Aleksey Aleksandrowitsch dachte, rief sie sich
zugleich auch die Zeit ihrer Krankheit nach ihrer Niederkunft und jenes
Gefühl wieder ins Gedächtnis zurück, welches sie damals nicht verlassen
hatte »warum bin ich nicht gestorben?« und erkannte nun plötzlich das
Gefühl, welches in ihrer Seele lebte. Ja; er war es, der Gedanke, der
allein alles entschied, »sie mußte sterben.«

»Die Schmach und Schande Aleksey Aleksandrowitschs, Sergeys, und meine
eigene furchtbare Schmach -- das alles wird durch den Tod gesühnt. Sie
wollte -- sterben, er aber sollte bereuen, er muß Mitleid empfinden,
Liebe, und soll meinethalben leiden!«

Mit beständigem Lächeln des Mitleids mit sich selbst saß sie in dem
Lehnstuhl, die Ringe ihrer linken Hand abziehend und wieder aufsetzend,
und sich lebhaft seine Gefühle nach ihrem Tode, von den verschiedenen
Seiten aus, vorstellend.

Sich nähernde Schritte, es waren seine Schritte, zogen sie ab. Als wäre
sie mit dem Weglegen ihrer Ringe beschäftigt wandte sie sich nicht
einmal nach ihm um.

Er trat zu ihr und ihre Hand ergreifend, sagte er leise:

»Anna, wir wollen übermorgen fahren, wenn du willst. Ich bin mit allem
einverstanden.«

Sie schwieg.

»Nun?« frug er.

»Du weißt ja selbst,« sagte sie und brach sogleich, unfähig, noch
länger an sich zu halten, in Schluchzen aus. »Verlaß mich, verlaß
mich!« sprach sie unter Schluchzen, »ich werde morgen fortgehen -- ich
werde noch mehr thun! Wer bin ich noch? Ein lasterhaftes Weib, ein
Stein auf deinem Wege. Ich will dich nicht quälen, ich will nicht, und
werde dich befreien. Du liebst nicht, liebst eine andere!«

Wronskiy beschwor sie, sich zu beruhigen und beteuerte, daß es doch gar
keinen Anlaß zur Eifersucht für sie gäbe, daß er niemals aufgehört habe
oder aufhören werde, sie zu lieben, und sie noch mehr liebe, als je
zuvor.

»Anna, wozu sollen wir uns beide so quälen?« sagte er, ihr die Hände
küssend. In seinen Zügen malte sich jetzt Zärtlichkeit und ihr schien
es, als vernehme sie mit ihrem Ohr einen Klang von Thränen in seiner
Stimme, als verspüre sie das Feuchte dieser Thränen auf ihrer Hand, und
augenblicklich ging die verzweiflungsvolle Eifersucht Annas in eine
verzweiflungsvolle, leidenschaftliche Zärtlichkeit über. Sie umfing ihn
und bedeckte ihm Kopf, Hals und Hände mit Küssen.


                                  25.

In dem Gefühl, daß die Aussöhnung eine vollständige war, beschäftigte
sich Anna vom andern Morgen ab munter mit den Anstalten zur Abreise.

Obwohl noch gar nicht beschlossen war, ob man Montag oder Dienstag
reisen würde, da beide sich gestern gegenseitig Konzessionen gemacht
hatten, bereitete sich Anna eifrig auf die Abreise vor, jetzt
vollkommen gleichgültig dem gegenüber, ob man früh oder spät am Tage
abreiste. Sie stand eben in ihrem Zimmer vor einem geöffneten Schranke,
und nahm Sachen heraus, als er bereits angekleidet, früher als
gewöhnlich, bei ihr eintrat.

»Ich muß sofort zu =maman= fahren; sie kann mir das Geld durch Jegoroff
übersenden. Morgen bin ich dann bereit zu reisen,« sagte er.

Mochte sie nun auch noch so gut gelaunt sein, die Erwähnung der Abreise
auf den Landsitz schnitt ihr ins Herz.

»O, auch ich beeile mich nicht,« sagte sie, dachte aber sogleich:
vielleicht ist es doch noch möglich, es so einzurichten, daß man
thut wie ich wünschte. -- »Nein, thu' wie du willst! Geh' in den
Speisesalon, ich werde sogleich auch kommen und will nur noch diese
überflüssigen Sachen herauslegen,« sprach sie, noch etwas auf
Annuschkas Arme packend, auf welchen bereits ein Berg Leinen ruhte.

Wronskiy verzehrte gerade sein Beefsteak, als sie in den Speisesalon
trat.

»Du glaubst nicht, wie kalt mich diese Gemächer lassen,« sagte
sie, sich neben ihm zu ihrem Kaffee setzend. »Es giebt doch nichts
Schrecklicheres als diese =chambres garnies=. Es liegt kein Ausdruck,
keine Seele in ihnen. Diese Uhren, Gardinen, und namentlich diese
Tapeten -- sind wie ein Alp. Ich gedenke Wosdwishenskojes, wie des
gelobten Landes. Du hast noch keine Pferde hergeschickt?«

»Nein; sie werden kommen wenn wir fort sind. Fährst du noch einmal aus?«

»Ich wollte noch zur Wilson; ich muß ihr Kleider bringen. Also
morgen ist es gewiß?« sprach sie mit heiterer Stimme; doch plötzlich
veränderte sich ihr Antlitz.

Der Kammerdiener Wronskiys kam, um sich die Unterschrift für ein
Telegramm aus Petersburg auszubitten.

Es war nichts Besonderes in der Empfangnahme einer Depesche seitens
Wronskiys, aber gleichwohl sagte dieser, als wünschte er etwas vor ihr
zu verheimlichen, er wolle im Kabinett unterschreiben, und wandte sich
dann hastig zu ihr.

»Gewiß werde ich morgen mit allem in Ordnung sein.«

»Von wem war die Depesche?« frug sie, ohne ihn zu hören.

»Von Stefan,« antwortete er gezwungen.

»Warum hast du mir sie nicht gezeigt? Welches Geheimnis kann es
zwischen Stefan und mir geben?«

Wronskiy rief den Kammerdiener zurück und befahl, die Depesche zu
bringen.

»Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu
telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?«

»Über die Scheidung?«

»Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen können. Kürzlich
versprach er einen endgültigen Bescheid. Da lies.«

Mit bebenden Händen ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das,
was Wronskiy gesagt hatte. Am Schluß war noch hinzugefügt »es ist wenig
Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mögliche und Unmögliche thun.«

»Ich habe gestern gesagt, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wann
ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte,« sprach
sie errötend. »Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir Etwas zu
verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen
verheimlichen, und er verheimlicht sie auch,« dachte sie dabei.

»Jaschwin wollte heute früh mit Woytoff herkommen,« sagte Wronskiy, »es
scheint, daß er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr,
als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.«

»Nein,« versetzte sie, erzürnt darüber, daß er mit diesem Wechsel des
Themas so augenfällig zu verstehen gab, daß sie gereizt sei, »weshalb
glaubst du, daß diese Nachricht mich so interessiert, daß man sie sogar
zu verbergen hätte? Ich habe gesagt, daß ich nicht daran denken mag,
und wünschte, du möchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie
ich.«

»Ich interessiere mich nur deshalb dafür, weil ich Klarheit liebe,«
sagte er.

»Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe,« sagte sie,
mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte,
sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. »Weshalb
wünschest du Klarheit?«

»Mein Gott! Wieder die Liebe!« dachte er, finster werdend. »Du weißt
doch, wozu? Für dich, und für die Kinder, welche kommen werden,« sagte
er.

»Kinder wird es nicht geben.«

»Das ist sehr bedauerlich,« sagte er.

»Dir ist sie erforderlich für die Kinder, aber an mich denkst du
nicht,« sprach sie, vollständig vergessend und überhörend, daß er
gesagt hatte »für dich und für die Kinder«. --

Die Frage nach der Möglichkeit, ob sie noch Kinder haben würden, hatte
für sie seit Langem eine Streitfrage gebildet, die sie erbitterte.
Seinen Wunsch, Kinder zu haben, legte sie sich dahin aus, daß er ihre
Schönheit nicht schätze.

»O, ich sagte doch für dich! Vor allem für dich,« wiederholte er, sich
wie unter einem Schmerzgefühl verfinsternd, »weil ich überzeugt bin,
daß ein großer Teil deiner _Gereiztheit_ von der Unbestimmtheit unserer
Lage herrührt.«

»Ja, jetzt hat er aufgehört, sich zu verstellen und alle seine kalte
Gehässigkeit gegen mich ist nun sichtbar,« dachte sie, seine Worte
nicht vernehmend, aber mit Schrecken auf den kalten, harten Richter
blickend, der, mit ihr Spott treibend, aus seinen Augen herausschaute.
»Dies ist nicht der Grund,« sagte sie, »ich begreife selbst nicht, daß
der Grund meiner _Gereiztheit_ -- wie du es nennst, der sein kann, mich
vollständig in deiner Gewalt zu befinden. Was für eine Unbestimmtheit
der Lage giebt es hierbei? Im Gegenteil.«

»Es ist sehr bedauerlich, daß du nicht verstehen willst,« unterbrach
er sie, beharrlich in dem Wunsche, seinen Gedanken auszusprechen, »die
Unbestimmtheit liegt darin, daß dir scheint, als wäre ich frei.«

»Diesbezüglich kannst du ganz ruhig sein,« sagte sie, und begann, indem
sie sich von ihm abwandte, ihren Kaffee zu trinken.

Sie hob die Tasse, und führte sie, den kleinen Finger von sich
streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie
ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, daß ihm ihre
Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Geräusch, welches sie mit den
Lippen verursacht hatte.

»Mir ist alles vollständig gleichgültig, was deine Mutter denkt, und
wie sie dich verheiraten will,« sagte sie, mit zitternder Hand die
Tasse niedersetzend.

»Davon sprechen wir ja aber gar nicht.«

»O, eben davon; und glaube mir, daß für mich ein Weib ohne Herz -- sei
es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde -- ohne Interesse
ist, und ich es nicht kennen mag!«

»Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.«

»Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glück
und die Ehre des Sohnes beruht -- hat kein Herz.«

»Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu
sprechen, die ich achte,« sagte er, seine Stimme hebend und sie streng
anblickend.

Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine
Hände; sie rief sich die gestrige Versöhnungsscene mit allen ihren
Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, sowie seine leidenschaftlichen
Liebkosungen. »Ganz die nämlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber
verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun,« dachte sie.

»Du liebst deine Mutter nicht. -- Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!«
-- sprach sie, ihn haßerfüllt anblickend.

»Wenn es so allerdings steht, dann heißt es« --

-- »Zu einem Entschluß kommen; und ich bin entschlossen;« sagte sie
und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrüßte
ihn und blieb.

Warum sie, während in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fühlte, daß
sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen
haben könne -- warum sie sich während dieser Minute vor einem fremden
Menschen verstellen mußte, der früher oder später ja doch alles
erfahren würde, -- sie wußte es nicht, sondern ließ sich, den Sturm
in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu
konversieren.

»Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine
Schuldverschreibung erhalten?« frug sie Jaschwin.

»Nicht der Rede wert. Mir scheint, daß ich nicht alles erhalten werde,
ich muß Mittwoch verreisen. Wann reist Ihr?« antwortete dieser, mit den
Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, daß
ein Zwist obgewaltet hatte.

»Übermorgen wahrscheinlich,« sagte Wronskiy.

»Ihr bereitet Euch übrigens schon seit Langem darauf vor.«

»Jetzt ist es jedoch beschlossen,« sprach Anna, Wronskiy gerade ins
Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr
an die Möglichkeit einer Aussöhnung denken. »Thut Euch denn dieser
unglückliche Pjevzoff nicht leid?« setzte sie dann ihr Gespräch mit
Jaschwin fort.

»Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid
thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermögen« -- er wies auf seine
Seitentasche -- »und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in
den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich
doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd
ausplündern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kämpfen eben miteinander
-- und darin liegt das Vergnügen.«

»Aber wenn Ihr nun verheiratet wäret,« sagte Anna, »was würde da aus
Eurer Frau.«

Jaschwin brach in Gelächter aus.

»Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals
vorgenommen!«

»Und Helsingfors?« frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und
Anna, welche lächelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das
Antlitz Annas plötzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte
sie ihm sagen, »es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.«

»Aber Ihr seid doch gewiß einmal verliebt gewesen?« wandte sie sich zu
Jaschwin.

»O Gott, wie oft. Aber -- merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel
setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous
kommt -- ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschäftigen, doch immer
nur so, daß ich abends die Partie nicht versäume. So halte ich es.«

»Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt
handelt;« sie wollte sagen »Helsingfors,« das Wort aber nicht
aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war.

Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich
und verließ das Zimmer.

Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte
sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber,
von ihrer Heuchelei beschämt, offen und mit kühlem Blick ins Antlitz.

»Was wollt Ihr?« frug sie ihn auf französisch.

»Das Attestat über den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft,« sprach
er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrückte, »ich habe mich
durchaus nicht zu erklären und es würde dies auch zu nichts führen.
Ich trage doch keine Schuld ihr gegenüber,« dachte er, »wenn sie
sich selbst bestrafen will, =tant pis pour elle=!« Im Hinausgehen
aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich
plötzlich in Mitleid für sie.

»Was ist, Anna?« frug er.

»Ich sagte nichts,« antwortete sie immer noch so kalt und ruhig.

»Ah, nichts dann -- =tant pis=,« dachte er, wieder kühl werdend, wandte
sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr
Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben
und ihr ein tröstendes Wort sagen, doch seine Füße trugen ihn aus dem
Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte.

Diesen ganzen Tag brachte er außerhalb des Hauses zu; als er spät
Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, daß Anna Arkadjewna Kopfweh habe
und bitten lasse, sie nicht zu besuchen.


                                  26.

Noch nie war ein Tag im Hader vorübergegangen. Es war dies das erstemal
gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige
Eingeständnis einer vollständigen Erkaltung. Konnte man sie denn
so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in
das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, daß ihr Herz
zerrissen war von Verzweiflung, und schweigend weiterzugehen mit diesem
gleichgültigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, daß er kühl gegen sie
geworden war; haßte er sie auch, weil er eine andere liebte -- das war
klar. -- Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen
hatte, ins Gedächtnis zurückrief, überdachte sie nochmals diejenigen,
die er offenbar ihr zu sagen gewünscht hatte oder ihr sagen konnte, und
mehr und mehr geriet sie in Erbitterung.

»Ich halte Euch nicht,« konnte er sagen, »Ihr könnt gehen, wohin Ihr
wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen,
wahrscheinlich, um zu ihm zurückzukehren. Kehrt zurück! Wenn Ihr Geld
braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?«

Die allerhärtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er
sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben
nicht, als hätte er sie ihr wirklich gesagt.

»Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der
gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male
grundlos in Verzweiflung gewesen?« sprach sie hierauf zu sich selbst.

Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson,
die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewißheit darüber, ob alles
vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Versöhnung vorhanden wäre, ob sie
sogleich fort müsse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete
auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als
sie sich in ihr Zimmer zurückzog, befohlen hatte mitzuteilen, daß
sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so
bedeutet dies, daß er noch liebt, wenn nicht, daß alles zu Ende ist,
und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe.« --

Am Abend vernahm sie das Geräusch seines Wagens, sein Läuten, seine
Schritte und sein Gespräch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt
hatte, wollte nichts Weiteres hören und begab sich in seine Räume. Es
war also wohl alles vorüber.

Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu
erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe,
den der in ihrem Herzen heimisch gewordene böse Geist mit ihm führte,
erschien klar und lebendig vor ihr.

Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht,
erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht -- es war nichts
mehr nötig. Nötig war nur Eines noch -- ihn zu strafen! --

Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingoß, und daran dachte, daß man
nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr
dies so leicht und einfach, daß sie abermals mit Genugthuung daran zu
denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung
lieben würde, wenn es schon zu spät wäre.

Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen,
niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem
Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte,
und stellte sich lebendig vor, was er empfinden würde, wenn sie erst
nicht mehr wäre, wenn sie für ihn nur noch eine Erinnerung bildete.

»Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen,« würde er sprechen,
»wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen?
Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort« --

Da bewegte sich plötzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das
ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite
stürzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon,
bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin
und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel.

»Der Tod?« dachte sie, und ein Schrecken überkam sie, daß sie lange
nicht wußte, wo sie war, und lange mit den bebenden Händen kein
Zündholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche
herabgebrannt und erloschen war, anzuzünden.

»Nein -- aber doch -- nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja
mich! Dies ist geschehen und wird vorübergehen!« sprach sie im Gefühl,
daß ihr die Thränen der Freude ob ihrer Rückkehr zum Leben über die
Wangen flossen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich
hastig nach seinem Kabinett.

Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran,
und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend.
Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, daß sie bei seinem
Anblick die Thränen der Zärtlichkeit nicht zurückzuhalten vermochte;
aber sie wußte, daß er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der
sich seines Rechtes bewußt ist, anschauen würde, und sie ihm, bevor
sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen müsse, daß er vor ihr der
Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurück, und schlief nach
einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer,
währenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermögen behielt.

Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren
Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhältnisses mit Wronskiy
wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem
wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverständliche,
französische Worte sprechend, während sie -- wie stets unter diesem
Alpdrücken -- empfand, was den eigentlichen Schrecken für sie bildete,
daß dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete,
sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete -- über ihr. --

Sie erwachte in kaltem Schweiß liegend. Als sie sich erhob, erinnerte
sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel.

»Es hatte Streit gegeben, das Nämliche, was schon mehrmals
stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, daß ich Kopfschmerzen hätte,
und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich muß ihn
sehen und mich zur Abreise vorbereiten,« sagte sie zu sich selbst, und
begab sich, nachdem sie gehört hatte, daß er sich in seinem Kabinett
befände, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hörte sie, daß vor
der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend,
einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mädchen in lilafarbenem Hut
herausbeugte, das ihrem Diener, welcher läutete einen Befehl erteilte.

Nach einem Zwiegespräch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem
Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen
Schritten die Treppe hinabeilte.

Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe
und ging zum Wagen. Das junge Mädchen im lilafarbigen Hut übergab ihm
ein Paket. Wronskiy sagte ihr lächelnd etwas und der Wagen fuhr wieder
fort. Er eilte schnell wieder zurück die Treppe herauf.

Der Nebel, welcher sich über ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute
sich plötzlich. Die Empfindungen von gestern preßten mit neuem Weh ihr
krankes Herz.

Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, daß sie sich soweit hatte
erniedrigen können, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu
bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihn von ihrem Entschluß in
Kenntnis zu setzen.

»Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und
Papiere von =maman= gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie
steht es mit deinem Kopf; besser?« sprach er ruhig, ohne den düsteren
und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen.

Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers
stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und
fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam
nach der Thür. Er hätte sie noch zurückrufen können, aber sie war bis
an die Thür gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines
gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar.

»Also,« begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thür stand,
»morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?«

»Ihr, nicht ich,« sprach sie, sich zu ihm wendend.

»Anna; es ist unmöglich, so zu leben« --

»Ihr, nicht ich,« wiederholte sie.

»Das wird unerträglich!«

»Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden,« sprach sie und ging hinaus.

Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte
gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen,
doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde
finster, indem er die Zähne fest aufeinanderbiß.

Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt.

»Ich habe alles versucht,« dachte er, »es bleibt nur noch Eins übrig --
sie nicht mehr zu beachten« -- und machte sich fertig, in die Stadt zu
fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift für die
Vollmacht haben mußte.

Sie vernahm das Geräusch seiner Schritte im Kabinett und durch den
Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu
ihr, sondern erteilte nur Befehl, daß man in seiner Abwesenheit den
Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen
brachte, die Thür sich öffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er
kehrte nochmals in den Flur zurück und es kam jemand nach oben geeilt.
Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das
Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit
der Hand den Rücken des Kutschers berührte und demselben etwas sagte.
Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten
Pose in den Wagen, legte die Füße übereinander und drückte sich, einen
Handschuh anstreifend, in die Ecke.


                                  27.

»Er ist fort. Es ist zu Ende!« sprach Anna zu sich selbst, am Fenster
stehend und zur Antwort auf diese Worte erfüllten jene Eindrücke in
der Finsternis nach dem Erlöschen des Lichtes, und des furchtbaren
Traumbildes in Eins zusammengeflossen, ihr Herz mit kaltem Entsetzen.
»Nein, es kann nicht sein!« schrie sie auf und schellte heftig, durch
das Zimmer eilend. Ihr war es jetzt so bange, allein zu bleiben, daß
sie, ohne das Erscheinen des Dieners abzuwarten, diesem entgegenkam.

»Erkundigt Euch, wohin der Graf gefahren ist,« sagte sie.

Der Diener versetzte, der Graf sei nach den Marställen gefahren.

»Der Herr haben befohlen zu melden, daß der Wagen sogleich zurückkehren
würde, falls es Euch gefällig wäre, auszufahren.«

»Gut. Bleibt. Ich werde sogleich ein Billet schreiben. Schickt Michail
mit dem Billet nach den Marställen, so schnell als möglich.«

Sie setzte sich und begann zu schreiben:

»Ich bin schuld. Kehre heim, wir müssen ins Klare kommen. Um Gott,
komm, mir ist furchtbar.«

Sie siegelte und übergab dem Diener das Billet.

Jetzt fürchtete sie sich allein zu bleiben und begab sich, nachdem der
Diener gegangen war, aus dem Zimmer nach der Kinderstube.

»Was ist das? Das ist er nicht! Das ist nicht Er! Wo sind seine blauen
Augen, wo ist sein mildes, sanftes Lächeln?« war ihr erster Gedanke,
als sie ihr dralles, rotbäckiges kleines Mädchen mit den schwarzen
krausen Haaren anstatt Sergeys, den sie in einer Verwirrung ihrer
Gedanken in der Kinderstube zu sehen erwartet hatte, erblickte.

Das Kind saß am Tische, hartnäckig und geräuschvoll mit einem
Korkpfropfen auf den Tisch pochend, und schaute mit seinen zwei
schwarzen Augen verständnislos die Mutter an.

Nachdem Anna der Engländerin geantwortet hatte, daß sie sich völlig
wohl befinde und morgen aufs Land gehen werde, setzte sie sich zu
ihrem Kinde und begann vor demselben den Pfropfen von einer Karaffe zu
drehen. Das laute, tönende Lachen des Kindes und die Bewegung, welche
dasselbe mit den Brauen machte, brachten ihr aber Wronskiy so lebhaft
in die Erinnerung, daß sie, ein Aufschluchzen unterdrückend, hastig
aufstand und hinausging.

»Ist denn wirklich alles zu Ende? Nein, es kann nicht sein,« dachte
sie. »Er wird zurückkehren! Aber wie soll er mir jenes Lächeln
erklären, seine Lebhaftigkeit, nachdem er mit ihr gesprochen hatte?
Indessen auch wenn er mir es nicht erklärt, will ich ihm glauben.
Glaube ich ihm nicht, dann bleibt mir noch Eins -- aber ich will
nicht.« --

Sie sah nach der Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen.

»Jetzt hat er mein Billet bereits erhalten und kehrt zurück. Nicht
lange mehr, noch zehn Minuten -- aber wie, wenn er nicht zurückkehrt?
Doch nein, das kann nicht sein! Er darf mich indessen nicht mit
verweinten Augen sehen. Ich will gehen und mich waschen. Bin ich denn
frisiert oder nicht?« frug sie sich, ohne sich erinnern zu können.
Sie fühlte sich nach dem Kopfe, »ja, ich bin frisiert, aber wann es
geschah, weiß ich wirklich nicht mehr.« Sie glaubte nicht einmal der
eigenen Hand und ging zu dem Trumeau, um nachzusehen, ob sie in der
That frisiert sei oder nicht. Sie war frisiert und konnte sich dennoch
nicht erinnern, wann sie es gethan hatte. »Wer ist das?« dachte sie, in
den Spiegel blickend, und ein fieberhaft glühendes Antlitz mit seltsam
blitzenden Augen, die sie erschreckt ansahen, gewahrend. »Das bin ich
doch,« erkannte sie plötzlich und ihre ganze Erscheinung musternd,
fühlte sie plötzlich seine Küsse auf sich und zuckte zusammenschauernd
mit den Schultern. Dann hob sie die Hand zu den Lippen und küßte sie.
»Was ist das; ich bin von Sinnen,« sprach sie und begab sich in das
Schlafzimmer, wo Annuschka aufräumte. »Annuschka,« sagte sie, vor der
Zofe stehen bleibend und sie anschauend, ohne zu wissen, was sie ihr
eigentlich sagen wollte.

»Ihr wolltet zu Darja Aleksandrowna fahren,« antwortete die Zofe, als
ob sie verstanden hätte.

»Zu Darja Aleksandrowna? Ja, ich werde fahren.«

»Fünfzehn Minuten hin, fünfzehn Minuten zurück! Er wird schon kommen,
er kommt sogleich.« Sie zog die Uhr hervor und sah darnach. »Wie konnte
er nur wegfahren, und mich in einer solchen Lage zurücklassen? Wie kann
er leben, ohne mit mir ausgesöhnt zu sein?« Sie trat ans Fenster und
schaute auf die Straße hinab. Der Zeit nach hätte er schon zurücksein
können. Aber ihre Berechnung konnte nicht richtig sein und sie begann
aufs neue, sich zu vergegenwärtigen, wann er weggefahren war, und die
Minuten zu berechnen. Gerade als sie nach einer größeren Uhr ging, um
die ihrige darnach zu vergleichen, kam jemand angefahren. Durch das
Fenster blickend, gewahrte sie seinen Wagen. Es kam jedoch niemand zur
Treppe herauf, während unten Stimmen vernehmbar wurden. Der Bote war
es, welcher im Wagen zurückkehrte. Sie ging zu ihm hinunter.

Der Graf war nicht zu treffen gewesen, er war auf der Chaussee von
Nishegorod weggefahren.

»Was bringst du? Was« -- wandte sie sich zu dem rotbäckigen, fröhlichen
Michail, der ihr das Billet wieder zurückgab. »Er hat es ja gar nicht
erhalten,« sagte sie sich. »Fahre mit diesem Billet auf das Dorf zur
Gräfin Wronskaja, verstehst du? Und bringe sofort Antwort,« sagte sie
zu dem Boten. »Aber was soll ich selbst thun?« dachte sie, »nun, ich
werde zu Dolly fahren, oder, wahrhaftig, ich verliere den Verstand. Ich
kann ja auch noch telegraphieren.« Sie schrieb sogleich eine Depesche
nieder.

»Ich muß dich sprechen, komm sogleich.«

Nachdem sie das Telegramm abgeschickt hatte, ging sie sich anzukleiden.
Bereits angekleidet und im Hut blickte sie nochmals der etwas beleibt
gewordenen, ruhigen Annuschka in die Augen. Offenes Mitleid war in
diesen kleinen, gutmütigen, grauen Augen sichtbar.

»Liebe Annuschka, was soll ich thun?« sagte Anna weinend, sich hilflos
in einem Lehnsessel sinken lassend.

»Wozu sich so beunruhigen, Anna Arkadjewna! So geht es eben! Fahrt nur
und zerstreut Euch,« antwortete die Zofe.

»Ja, ich werde fahren,« sagte Anna, sich ermannend und aufstehend.
»Wenn in meiner Abwesenheit ein Telegramm einlaufen sollte, so soll es
zu Darja Aleksandrowna geschickt werden -- oder nein; ich werde selbst
zurückkommen!« --

»Ja, man muß nicht grübeln, sondern etwas thun, ausfahren, und
hauptsächlich dieses Haus verlassen,« sprach sie, mit Entsetzen die
furchtbare Wallung wahrnehmend, welche in ihrem Herzen entstand, ging
hastig hinaus und setzte sich in den Wagen.

»Wohin befehlt Ihr?« frug Peter, bevor er sich auf den Bock setzte.
»Nach Znamenka, zu den Oblonskiy!«


                                  28.

Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen
gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die
eisernen Dächer, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Räder, das
Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glänzte hell in der
Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straßen am
lebhaftesten ist.

In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen
Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte,
ließ Anna unter dem eintönigen Rasseln der Räder, den schnell
wechselnden Eindrücken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse
der letzten Tage an sich vorüberziehen und sie erkannte ihre Lage
als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt
erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und
deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich.
Jetzt machte sie sich Vorwürfe über die Niedergeschlagenheit, bis zu
welcher sie sich hatte führen lassen.

»Ich werde ihn beschwören mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm
untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne
ihn nicht leben?«

Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben könnte, zu
antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. »Comptoir und
Niederlage. -- Zahnarzt -- ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt
Wronskiy nicht. Für mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber
ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate
folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten,
mich zu erziehen. -- Philippoff, Kalatschenkauf. -- Man soll den Teig
auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die
Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen« -- und sie erinnerte sich, wie
sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zählte, mit
der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn
das wirklich, ich mit den schönen Händen? Wie vieles von dem, was mir
damals so schön und unerreichbar erschien, ist dahin, während mir das,
was ich damals besaß, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist.

Hätte ich damals geglaubt, daß ich bis zu einem solchen Grade von
Erniedrigung gelangen könnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein,
wenn er mein Billet empfängt! Aber ich werde ihm zeigen. -- Wie
übel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur
fortwährend? -- »Moden- und Putzwaaren« -- las sie weiter. Ein Mann
grüßte sie; es war der Gatte Annuschkas; »unsere Parasiten,« dachte
sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. »Unsere? Warum unsere? Es ist
entsetzlich, daß man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreißen
kann! Man kann sie nicht ausreißen, aber die Erinnerung daran bedecken.
Und ich will sie verhüllen.«

Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey
Aleksandrowitsch, daran, daß sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht
hatte. »Dolly wird denken, daß ich nun den zweiten Mann verlasse, und
daher gewiß im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann
es nicht,« fuhr sie fort und die Thränen stiegen in ihr auf. Doch sie
begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mädchen dort
so lächelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie
traurig, wie niedrig das ist!

Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen
da und spielen Pferd. -- Mein Sergey! -- Alles verliere ich und ihn
kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht
zurückkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug verspätet und ist jetzt
schon zurück. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen?« frug sie
sich selbst, »nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin
unglücklich, ich habe es verdient und bin schuldig -- immer aber doch
unglücklich -- hilf mir! -- Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich
komme ich mir selbst in diesem Wagen vor -- alles ist ja sein; doch ich
werde nichts mehr davon sehen.« --

Indem sie sich die Worte überlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen
wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreißend, betrat Anna die Treppe.

»Ist man daheim?« frug sie im Vorzimmer.

»Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen,« antwortete der Diener.

»Kity! Die nämliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,«
dachte Anna, »die nämliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie
nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Haß und er beklagt
es, sich mit mir vereint zu haben.«

Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung
betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein
hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr
Gespräch störte.

»Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen« --
sagte sie, »heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!«

»Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,« antwortete Anna, sich
umschauend, um Kity zu sehen.

»Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch
eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.«

»Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?«

»Ja, Kity ist da,« sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, »sie ist in
der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.«

»Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?«

»Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen
Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,« sagte Dolly, in der Thür stehen
bleibend.

»Ich hoffe und wünsche auch nichts,« antwortete Anna. »Was heißt das,
hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?« dachte Anna,
während sie allein war. »Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber
nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir
es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in
meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von
jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn!
O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit
mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!«

Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden
Schwestern. »Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit
machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen?
Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr
zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen
und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles
gleichgültig ist.«

Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend
zurück.

»Das habe ich alles gewußt,« sagte sie, »und es interessierte mich
nicht im geringsten.«

»Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung,« sagte Dolly, Anna
neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen
Zustande von Erbitterung gesehen, »wann fährst du?« frug sie.

Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht.

»Versteckt sich Kity vor mir?« sprach sie nach der Thür blickend und
rot werdend.

»O, was das für Thorheiten sind! Sie läßt das Kind trinken, aber es
glückt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten -- sie ist vielmehr sehr
erfreut, und wird sogleich kommen,« sagte Dolly etwas unsicher, da sie
nicht zu lügen verstand. »Da ist sie ja!« --

Nachdem Kity erfahren hatte, daß Anna gekommen sei, wollte sie nicht
erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte,
kam sie nun und trat errötend näher, Anna die Hand reichend.

»Ich freue mich sehr,« sprach sie mit zitternder Stimme.

Kity war verwirrt gewesen über den Kampf, der in ihr vor sich ging,
und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem
Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald
sie das schöne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle
Feindseligkeit sogleich verschwunden.

»Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wünschtet, mir zu
begegnen. Ich bin an alles gewöhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings,
Ihr habt Euch verändert,« sprach Anna.

Kity empfand, daß Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklärte sich
diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die
früher eine Protektorschaft über sie geübt hatte, vor ihr fühlte.

Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von
alledem interessierte Anna.

»Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden,« sagte sie aufstehend.

»Wann fahrt Ihr?«

Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity.

»Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben,« sprach sie lächelnd.
»Ich habe über Euch von allen Seiten gehört, selbst von Eurem Gatten.
Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen,« fügte sie,
augenscheinlich in übler Absicht hinzu. »Wo ist er denn?«

»Er ist aufs Dorf gefahren,« antwortete Kity errötend.

»Grüßt ihn von mir, grüßt ihn ja von mir!«

»Gewiß,« wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen
blickend.

»Also leb' wohl, Dolly?« Nachdem Anna Dolly geküßt und Kity die Hand
gedrückt hatte, ging Anna eilig fort.

»Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,« sagte
Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, »aber es liegt
etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!«

»Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,« sagte Dolly, »als ich sie
hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.«


                                  29.

Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie
es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen
gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches
sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte.

»Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?« frug Peter.

»Ja, nach Hause,« sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin
sie fuhr.

»Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares,
Unbegreifliches und Neugier Erregendes. Wovon mag der da wohl mit
solchem Eifer dem andern erzählen,« dachte sie, auf zwei Fußgänger
blickend. -- »Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet?
Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt
habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar
verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude
darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche
sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben.
Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren
Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig
auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren
Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu
mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. -- Wenn ich
gewollt hätte. -- Ich habe auch gewollt! -- Der dort ist zufrieden mit
sich selbst« -- dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden
Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt,
und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber
überzeugte, daß er geirrt habe.

»Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich
überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht.
Ich kenne nur seine =appetits=, wie die Franzosen sagen. -- Die da
möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,« dachte sie, auf zwei Knaben
blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber
vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte
Gesicht abtrocknete. »Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei.
Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch
mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie
beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig.
Ich Kity -- Kity mich! Das ist die Wahrheit. -- >Tjutkin, Coiffeur. --
=Je me fais coiffer par Tjutkin=.< Dies werde ich ihm sagen, wenn er
kommt,« dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte
sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes
zu sagen; »es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei,
alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser
Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu
diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen,
daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die
sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis
aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist
Gerechtigkeit!« --

In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst
über ihre Lage nachzudenken aufgehört hatte, fand sie sich, als der
Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr
entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie
ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte.

»Ist Antwort da?« frug sie.

»Ich werde sogleich nachsehen,« versetzte der Portier, schaute in das
kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dünnes
Couvert mit einem Telegramm. »Ich kann nicht früher als um zehn Uhr
kommen. Wronskiy.« -- las sie.

»Der Bote ist nicht zurückgekehrt?«

»Nein,« antwortete der Portier.

»Wenn es so steht, weiß ich, was ich zu thun habe,« sagte sie und eilte
in dem Gefühl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des
Verlangens nach Rache hinauf. »Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor
ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen
Menschen so gehaßt, wie diesen Mann!« dachte sie. Als sie seinen Hut am
Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen.

Sie bedachte nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige
bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte
sich ihn jetzt vor in ruhigem Gespräch mit seiner Mutter und der
Sorokina, voll Freude über ihre Leiden. »Ja, ich muß möglichst bald
fahren,« sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte
sie, möglichst schnell den Empfindungen entgehen zu können, welche sie
in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wände, die
Gegenstände in diesem Hause -- alles forderte in ihr Widerwillen und
Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere.

»Ich muß auf die Eisenbahnstation fahren, und ist er nicht dort, zu ihm
selbst und ihn überführen!«

Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplänen der Züge. Es ging abends
acht Uhr zwei Minuten ein Zug. »Ja, da will ich eilen.«

Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken
von Sachen in eine Reisetasche, die ihr für einige Tage erforderlich
waren. Sie wußte, daß sie nicht wieder hierher zurückkehren werde. In
ihrer Aufregung entschloß sie sich unter den Plänen die ihr in den Kopf
kamen, je nach den Vorgängen auf der Station oder auf dem Gute der
Gräfin, auf der Strecke Nishegorod bis zur nächsten Stadt zu fahren und
dort zu bleiben.

Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Käse
und befahl, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles
Eßbaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie
hinausging.

Das Haus warf seinen Schatten bereits über die ganze Straße; es war ein
klarer, noch warmer und sonniger Abend.

Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher
dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich
schlechte Laune hatte -- alle waren ihr widerlich und reizten sie mit
ihren Worten und Bewegungen.

»Ich brauche dich nicht, Peter!«

»Aber das Billet?«

»Nun, wie du willst, mir ist alles gleich,« sprach sie verdrießlich.

Peter stieg hinten auf und befahl, die Hände in die Seite gestützt,
nach dem Bahnhof zu fahren.


                                  30.

»Da ist es wieder! Wieder erfasse ich alles,« sprach Anna zu sich,
sobald der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, schütternd über das
Pflaster fuhr, und die Eindrücke sich wiederum, einer nach dem andern,
abwechselten. »Was dachte ich denn zuletzt so Angenehmes,« suchte sie
in ihrer Erinnerung. »>Tjutkin, Coiffeur?< -- Nein, das war es nicht.
Ach ja, wovon Jaschwin gesprochen: Der Kampf ums Dasein und der Haß,
sie sind das Eine, was die Menschheit zusammenhält. O, Ihr fahrt
umsonst,« wandte sie sich in Gedanken zu einer Gesellschaft, die in
einer Tschetwernja dahinfuhr, wohl um sich außerhalb der Stadt zu
vergnügen. »Auch der Hund, den Ihr da mit Euch führt, wird Euch nichts
helfen; Ihr werdet Euch nicht voneinander verlieren.« Indem sie den
Blick nach der Seite richtete, nach der sich Peter wandte, erblickte
sie einen fast bis zur Besinnungslosigkeit berauschten Fabrikarbeiter
mit wackelndem Kopfe, den ein Polizist führte.

»Da der -- das geht schon eher;« dachte sie, »dieses Vergnügen habe
ich mit dem Grafen Wronskiy noch nicht genossen, obwohl ich viel
von ihm erwartet hatte.« Zum erstenmale ließ Anna jetzt die scharfe
Beleuchtung, unter der sie alles erblickte, auf ihre Beziehungen zu ihm
fallen, über die sie nachzudenken vorher vermieden hatte.

»Was hat er in mir gesucht? Liebe doch nicht so sehr, als mehr eine
Befriedigung seiner Eitelkeit.«

Sie erinnerte sich seiner Worte, des Ausdrucks seiner Züge, die in der
ersten Zeit ihres Verhältnisses den Eindruck eines ergebenen Jagdhundes
auf sie gemacht hatten. Alles bestätigte dies jetzt. »Ja, in ihm lebte
der Triumph über einen Erfolg seines Ehrgeizes. Natürlich war ja auch
Liebe dabei gewesen, aber den Hauptteil bildete doch der Stolz auf
seinen Erfolg. Er hat sich mit mir gebrüstet! Jetzt ist das vorüber.
Er soll nun auf nichts mehr stolz sein. Es giebt jetzt keinen Stolz
mehr für ihn, sondern nur noch Schande. Er hat mir alles genommen,
was er nehmen konnte, jetzt braucht er mich nicht mehr. Er ist meiner
überdrüssig, und will nicht mehr mir gegenüber ehrlos sein. Er hat
sich gestern versprochen -- er will die Scheidung und die Heirat nur,
um die Schiffe hinter sich abzubrennen. Er liebt mich -- aber wie? --
=The zest is gone=. -- Der da will alle in Erstaunen setzen und ist
ja sehr zufrieden mit sich selbst,« dachte sie, auf einen rotbäckigen
Handlungsdiener blickend, welcher ein Manegepferd ritt. »Ja, der alte
Geschmack an mir ist nicht mehr bei ihm vorhanden. Wenn ich von ihm
gehe, wird er herzlich froh sein.«

Dies war keine Vermutung -- sie sah es klar in jenem durchdringenden
Lichte, welches ihr jetzt den Sinn des Lebens und der menschlichen
Verhältnisse offenbarte.

»Meine Liebe wird immer leidenschaftlicher und egoistischer, die seine
aber erlischt mehr und mehr, und deshalb trennen wir uns,« fuhr sie
fort zu grübeln. »Und Hilfe ist hierbei unmöglich. Für mich liegt alles
in ihm allein und ich fordere, daß er immer mehr und mehr sich mir
hingebe. Er aber immer will mehr und mehr von mir entweichen. Wir sind
bis zum Bunde miteinander zusammengekommen, gehen aber nun unaufhaltsam
nach verschiedenen Richtungen wieder auseinander. Und dies läßt sich
auch nicht ändern. Er sagt mir, ich sei sinnlos eifersüchtig, und ich
selbst habe mir gesagt, ich bin sinnlos eifersüchtig -- aber das ist
unwahr. Ich bin nicht eifersüchtig, sondern unzufrieden! Doch« -- sie
öffnete den Mund und veränderte den Sitz im Wagen vor der Erregung,
die in ihr durch einen plötzlich auftauchenden Gedanken hervorgerufen
wurde. »Wenn ich noch etwas Anderes sein könnte, als seine Geliebte,
die leidenschaftlich nur seine Liebkosungen liebt; aber ich kann und
will gar nichts Anderes sein. Mit diesem Wunsche aber erwecke ich in
ihm Widerwillen, er in mir Wut; das kann nicht anders sein! Weiß ich
etwa nicht, daß er nicht schon anfinge mich zu hintergehen? Daß er
nicht Absichten auf die Sorokina hätte, daß er Kity geliebt hat und
mich verrät? Alles dies weiß ich, und mir wird davon nicht leichter.
Wenn er, ohne mich zu lieben, nur _aus Pflicht_ gut und zärtlich gegen
mich ist, nicht aber das sein will, was ich wünsche; so wäre es noch
tausendmal schlimmer, als Haß! Das wäre -- die Hölle! Und so ist es
auch! Er liebt mich schon lange nicht mehr, und wo die Liebe aufhört,
da fängt der Haß an. Diese Straßen kenne ich doch gar nicht. Berge,
und Häuser auf Häuser, in den Häusern aber Menschen, nur Menschen. Wie
viele Menschen giebt es da, kein Ende ist abzusehen, und alle hassen
einander. Aber ich will mir doch einmal ausdenken, was ich eigentlich
will, um glücklich zu sein? Nun, gesetzt, ich erhalte die Ehescheidung,
Aleksey Aleksandrowitsch giebt mir Sergey und ich heirate Wronskiy.«

Indem sie Aleksey Aleksandrowitschs gedachte, stellte sie sich ihn
sogleich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit vor, als ob er lebendig vor
ihr stände, mit seinen sanften, leblosen, erloschenen Augen, den blauen
Adern auf den weißen Händen, seinen Betonungen und dem Knacken seiner
Finger, und indem sie sich des Gefühls erinnerte, welches zwischen
ihnen bestanden und auch Liebe geheißen hatte, erschauerte sie vor Ekel.

»Nun, ich werde die Scheidung erhalten und Wronskiys Weib werden. Wird
aber Kity dann aufhören, so auf mich zu schauen, wie sie es heute
gethan hat? Nein. Wird dann Sergey aufhören, nach meinen zwei Männern
zu fragen oder über sie nachzudenken? Und welches neue Gefühl soll
ich mir für Wronskiy und mich ausdenken? Ist ein Etwas möglich, das
nicht mehr Glück, und doch auch nicht eine Qual wäre? -- Nein und aber
nein!« -- antwortete sie sich selbst, jetzt ohne das geringste Zaudern.
»Es ist unmöglich! Wir werden durch das Leben getrennt; ich bin sein
Unglück, er ist das meine, und es ist unmöglich, ihn oder mich zu
rehabilitieren. Alle Versuche sind gemacht worden, die Schraube ist
abgelaufen. -- Da, eine Bettlerin mit ihrem Kinde! -- Sie glaubt, man
habe Mitleid mit ihr. Sind wir denn nicht alle nur dazu in die Welt
geworfen worden, um einander zu hassen, und uns und die anderen deshalb
zu martern? -- Da kommen Gymnasiasten. -- Sie lachen! Ist Sergey
darunter?« -- dachte sie. »Ich habe auch geglaubt, daß ich ihn liebte,
und war gerührt von seiner Zärtlichkeit. Und doch habe ich auch ohne
ihn gelebt, habe ich ihn um eine andere Liebe vertauscht und diesen
Tausch nicht beklagt, so lange ich in dieser Liebe Genüge fand.«

Mit Widerwillen erinnerte sie sich dessen, was sie mit dieser Liebe
bezeichnete. Die Klarheit, mit welcher sie jetzt ihr Leben und
dasjenige aller Menschen schaute, verursachte ihr Freude. »So mache ich
es, wie Peter, oder der Kutscher Fjodor, oder dieser Kaufmann da, und
alle anderen Leute, die dort längs der Wolga wohnen, und es ist überall
und immer so,« dachte sie, als sie bei dem niedrigen Stationsgebäude
der Nishegoroder Bahn angekommen war und die Artjelschtschiks ihr
entgegeneilten.

»Befehlt Ihr nach Obiralovka?« frug Peter.

Sie hatte vollkommen vergessen, wohin und weshalb sie reisen wollte und
vermochte nur mit größter Anstrengung die Frage zu erfassen.

»Ja,« sagte sie zu ihm, ihr Geldtäschchen hinreichend und stieg, die
kleine rote Tasche in die Hand nehmend, aus dem Wagen.

Durch das Gedränge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend,
rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die
Entscheidungen ins Gedächtnis zurück, zwischen denen sie schwankte.

Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken
Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens
wieder aufzureißen. In der Erwartung des Zuges auf dem sternförmigen
Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden
und Gehenden gerichtet -- sie alle waren ihr widerlich -- bald
daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben
wolle, und was sie ihm schreiben würde; bald daran, wie er sich bei
seiner Mutter -- die ja Leiden gar nicht verstand -- über seine Lage
beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie
zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darüber nach, wie ihr Leben noch
glücklich werden könnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und
wie entsetzlich ihr Herz schlage.


                                  31.

Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich,
und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten,
beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal
in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen
Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu
begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie
an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem
andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe
Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig
gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf
dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem
Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum
Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu
und klinkte sie ein.

Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre -- Anna entkleidete sie in
Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit -- und ein junges Mädchen,
welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei.

»Bei Katharina Andrejewna -- alles bei ihr -- =ma tante=!« rief das
junge Mädchen.

»Selbst dieses Mädchen ist ungestaltet und heuchelt,« dachte Anna.
Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das
gegenüberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger,
ungeschlachter Mensch in einer Mütze, unter welcher das Haar wirr
hervorstarrte, ging an dem Fenster vorüber, sich zu den Rädern des
Waggons niederbeugend. »Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem
unförmigen Menschen da,« dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd,
trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenüberliegenden Thür. Der
Kondukteur öffnete die Thür und ließ einen Mann mit seiner Frau herein.

»Wollt Ihr vielleicht hinaus?«

Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten
unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zügen nicht. Sie wandte sich
nach ihrer Ecke und setzte sich.

Das Ehepaar nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, aufmerksam,
aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen
Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen,
offenbar nicht, daß er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine
Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte,
begann er mit seiner Frau auf französisch über Etwas zu reden, was er
noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich
verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, daß sie es
hörte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten
und einander haßten. Man konnte auch nicht anders, als solche
kläglichen Ausgeburten hassen.

Das zweite Läuten wurde hörbar und gleich darauf folgte der Transport
des Gepäckes, unter Lärm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, daß
niemand Ursache hatte, sich zu freuen, daß dieses Lachen sie bis zur
Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schließen wollte, um es
nicht hören zu müssen.

Endlich erklang das dritte Läuten, ein Pfiff und das heulende Signal
des Dampfkessels ertönte, eine Kette riß und der Ehemann bekreuzigte
sich.

»Es wäre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei
wohl denkt,« dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der
Dame vorüber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam
rückwärts zu wälzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend,
dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmäßig sich wiederholenden
Erschütterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich
der Waggon, in welchem Anna saß, an dem Bahnsteig, einer steinernen
Mauer, und anderen Waggons vorüber. Die Räder rasselten flüchtiger
und geschmeidiger mit leichtem Geräusch auf den Schienen, das Fenster
erglänzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit
dem Vorhang.

Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an,
bei dem leichten Rollen während der Fahrt, die frische Luft in sich
einzuatmen und wieder zu grübeln:

»Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, daß ich mir keine Lage
ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wäre;
dabei, daß wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir
alle dies wissen und alle nur Mittel ausklügeln, um uns gewissermaßen
darüber hinwegzutäuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was
soll man da thun?«

»Dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich von dem befreit, was
ihn quält,« sagte die Dame auf französisch, offenbar sehr befriedigt
von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend.

Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas.

»Daß er sich befreit von dem, was ihn quält,« wiederholte Anna, und
begriff mit einem Blick auf den rotbäckigen Mann und die hagere
Frau, daß hier ein krankes Weib sich selbst für unverstanden halte,
und ihr Gatte, diese Meinung über sich selbst in ihr unterstütze.
Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle
versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie übertrug,
aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren
Gedankengang weiter.

»Ja, er quält mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, daß
er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum
soll man nicht das Licht verlöschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat,
wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb läuft doch jener
Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem
Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr,
alles Lug, alles Trug, alles böse« -- --

Nachdem der Zug in die Station eingelaufen war, stieg Anna mit der
Menge der anderen Passagiere aus, blieb aber dann, sich vor ihnen wie
vor Verfehmten fernhaltend, auf dem Bahnsteig zurück, und suchte sich
ins Gedächtnis zurückzurufen, warum sie denn hierhergefahren sei und
was sie hatte thun wollen.

Alles, was ihr vorher als möglich erschienen war, wurde ihrer
Vorstellungskraft jetzt so schwer, namentlich vor dem lärmenden Haufen
aller dieser ungeschlachten Menschen, die ihr keine Ruhe ließen. Bald
kamen Artjeljschtschiks zu ihr gelaufen, die ihre Dienste anboten,
bald blickten sie junge Leute an, die mit den Stiefelabsätzen auf den
Bohlen des Bahnsteigs stampften und laut miteinander sprachen, bald
wichen ihr Begegnende nicht aus. Nachdem sie sich besonnen hatte, daß
sie weiter fahren wollte, falls keine Antwort da wäre, hielt sie einen
Artjeljschtschik an und frug, ob nicht ein Kutscher mit einem Briefe
für den Grafen Wronskiy hier sei.

»Graf Wronskiy? Von dem war soeben jemand hier. Man hat die Fürstin
Sorokina nebst Tochter abgeholt. Aber wie sieht denn der Kutscher aus?«

Während sie noch mit dem Artjeljschtschik sprach, trat der Kutscher
Michail, rotbäckig und heiter in seiner blauen flotten Poddjevka
und Uhrkette, offenbar stolz darauf, daß er seinen Auftrag so gut
ausgeführt hatte, zu ihr heran und überreichte ein Billet.

Sie erbrach es; ihr Herz zog sich zusammen, noch bevor sie es gelesen
hatte.

»Ich bedaure sehr, daß mich das Billet nicht angetroffen hat; um zehn
Uhr werde ich kommen,« hatte Wronskiy mit flüchtiger Hand geschrieben.

»So. Das hatte ich erwartet,« sprach sie mit unglückverheißendem
Lächeln. »Gut! Fahr' heim!« fuhr sie dann, zu Michail gewendet, leise
fort. Sie sprach leise, weil die Schnelligkeit ihres Herzschlags sie am
Atmen behinderte.

»Nein, ich werde dir nicht mehr Gelegenheit geben, mich zu martern,«
dachte sie, sich in ihrer Drohung weder an ihn, noch an sich selbst
wendend, sondern an den, welcher sie veranlaßt hatte, sich selbst
zu foltern, und schritt auf dem Bahnsteig dahin, am Stationsgebäude
vorüber.

Zwei Zofen, welche auf der Plattform hingingen, drehten die Köpfe
rückwärts, indem sie nach ihr blickten, und mit vernehmlicher Stimme
über ihre Toilette Betrachtungen anstellten. »Das sind echte«, sagten
sie über die Spitzen, die sie trug. Die jungen Männer ließen sie auch
nicht in Ruhe. Sie schauten ihr wieder ins Gesicht und gingen lachend,
mit unnatürlicher Stimme rufend, an ihr vorbei.

Der Stationsvorsteher trat heran und frug sie, ob sie fahren wolle?
Ein Knabe, welcher Kwas verkaufte, ließ sie nicht aus den Augen. »Mein
Gott, wohin soll ich flüchten?« dachte sie, sich weiter und weiter von
dem Bahnsteig entfernend.

Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen
bebrillten Herrn begrüßten und laut lachten und sprachen, verstummten
bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte
ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des
Bahnsteigs hin. Ein Güterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr
schien es, als ob sie wieder fahre. Plötzlich aber, indem ihr die
Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy
einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten
Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen führten
und blieb neben dem dicht an ihr vorüberfahrenden Train stehen. Sie
schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die
großen, gußeisernen Räder des langsam rollenden, ersten Waggons und
suchte mit dem Augenmaß den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und
Hinterrädern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser
Mittelpunkt vor ihr befinden würde.

»Dahin!« -- sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons
auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt
war, schauend, »dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin
von allem erlöst; wie von mir selbst.« -- --

Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt
neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die
sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spät. Der
Mittelpunkt war an ihr vorüber. Sie mußte also den folgenden Waggon
erwarten. Ein Gefühl, ähnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie
sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie
an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in
ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mädchen- und
Kinderzeit herauf, und plötzlich zerriß die Finsternis, die alles vor
ihr verdeckt hatte, und das Leben trat für einen Moment vor sie hin,
mit all seinen lichten, vergangenen Freuden.

Sie verwandte während dessen kein Auge von den Rädern des
herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der
Mittelpunkt zwischen den Rädern vor ihr war, schleuderte sie den roten
Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf
die Hände unter dem Waggon, und ließ sich mit einer leichten Bewegung,
als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In
dem nämlichen Augenblick aber erschrak sie über das, was sie gethan
hatte, »wo bin ich, was thue ich, warum?« -- Sie wollte sich wieder
erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß
sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. »Herr Gott vergieb mir
alles!« sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend. Der Mensch
arbeitete im Selbstgespräch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie
das von Mühsal und Lüge, Weh und Übel erfüllte Buch gelesen hatte,
flammte in noch hellerem Glanze empor als je, und erleuchtete alles
vor ihr, was früher für sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte,
verdunkelte sich und erlosch auf ewig.



                              Achter Teil.

                                   1.


Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war
schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt,
Moskau zu verlassen.

Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches
ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer
sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: »Versuch eines Überblickes über die
Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland«, beendet
worden.

Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen
gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung
vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon
nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten.
Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit
seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und,
wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls
mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war
nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur
Versendung an die Buchhändler gelangt.

Ohne nun jemand über das Werk zu befragen, und ungern und mit
erheuchelter Gleichgültigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie
dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhändlern nach
dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit
gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der
Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrächte.

Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der
Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde,
Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlich aus
Höflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine übrigen Bekannten aber,
die sich nicht für ein Werk von gelehrter Richtung interessierten,
sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders
jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte völlige
Gleichgültigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines
Monats gleichfalls kein Wort über das Buch.

Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche
zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein
Monat, ein zweiter unter dem nämlichen Schweigen.

Nur im »Ssjevernyj Shuk«, in einem humoristischen Feuilleton über den
Sänger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei
einige geringschätzige Worte über das Buch Koznyscheffs gefallen.
Dieselben zeigten, daß dieses schon längst allgemein verurteilt, dem
allgemeinen Spott anheimgefallen war.

Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine
kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser
derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet.

Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger
Feuilletonist, höchst gewandt als Schriftsteller, aber außerordentlich
wenig gebildet, und schüchtern in seinen persönlichen Beziehungen.

Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung für den Autor, machte sich
Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektüre der
Abhandlung. Die Kritik war höchst traurig.

Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so
aufgefaßt, wie es unmöglich aufgefaßt werden durfte. Er hatte aber
so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, daß es für
diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten -- und offenbar hatte
es fast niemand gelesen -- vollständig klar wurde, das ganze Werk
sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch
dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren -- wie
die Fragezeichen bewiesen -- und der Verfasser des Buches ein völlig
unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich, daß selbst
Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenüber nicht ablehnend
verhalten konnte -- aber das alles war doch höchst traurig. --

Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey
Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausführungen des Recensenten prüfte,
blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebräuchen
stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich
unwillkürlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein
Gespräch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedächtnis zurückzurufen.

»Habe ich ihn irgendwomit beleidigt?« frug sich Sergey Iwanowitsch, und
indem er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung diesen jungen Mann,
der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert
habe, fand er die Erklärung für die Tendenz der Abhandlung.

Auf diese Kritik folgte ein tödliches Schweigen über das Buch, sowohl
in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß
sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk
erfolglos vorübergegangen war.

Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er
nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie
vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen.

Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun
nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in
den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie
überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit
in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der
Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener
Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie
Zeit und Geisteskraft.

Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines
Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage,
des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der
Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die
vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey
Iwanowitsch, der bereits früher zu denen gehört hatte, welche diese
Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz.

Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach
und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen
Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit
totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle,
Konzerte, Essen, Speeches, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser
-- alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven.

Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb,
war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah,
daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine
die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung
dienen.

Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten
unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte
ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten
allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und
andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der
Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt
worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten
die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne
Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger.
Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und
erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus,
der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man
die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen
und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den
Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und
Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen
Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit
Worten, sondern mit der That.

Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch
erfreuliche Erscheinung -- die Offenbarung der allgemeinen Meinung.
-- Die Gesellschaft äußerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der
Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und
je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender
schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste
Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde.

Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte
dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze
Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn
gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen.

Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch
gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu
seinem Bruder zu gehen.

Er reiste ab, sowohl, um sich für einige Wochen zu erholen, als
um in der ländlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung
des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt
vollständig überzeugt waren. Katawasoff, der schon längst ein Lewin
gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfüllen wollen,
reiste mit ihm zusammen.


                                   2.

Sergey Iwanowitsch und Katawasoff hatten kaum die heute besonders von
Menschen belebte Station der Kursker Eisenbahn erreicht, und sich beim
Verlassen des Wagens nach dem mit dem Gepäck nachkommenden Diener
umgesehen, als in vier Mietkutschen Freiwillige anlangten. Damen mit
Bouquets kamen ihnen entgegen, und sie betraten im Geleite von Scharen
hinter ihnen drein strömender Menschen die Station.

Eine von den Damen, welche die Freiwilligen begrüßten, wandte sich,
indem sie den Saal verließ, an Sergey Iwanowitsch.

»Seid Ihr auch gekommen, ihnen das Geleite zu geben?« frug sie auf
französisch.

»Nein; ich reise für mich, Fürstin, um mich bei meinem Bruder zu
erholen. Ihr gebt wohl fortwährend Geleit?« frug Sergey Iwanowitsch mit
einem kaum merklichen Lächeln.

»Das ginge ja nicht,« antwortete die Fürstin, »aber freilich haben wir
selbst bereits achthundert befördert. Malwinskiy glaubte es mir nicht.«

»Mehr als achthundert! Wenn man diejenigen mitzählt, welche nicht
direkt von Moskau expediert worden sind, so wären es schon mehr als
tausend,« sagte Sergey Iwanowitsch.

»Da haben wir's. Das habe ich ja gesagt!« pflichtete die Dame freudig
bei. »Und nicht wahr, es ist jetzt ungefähr eine Million dafür geopfert
worden?«

»Mehr noch, Fürstin.«

»Was ist denn heute für ein Telegramm gekommen? Wieder die Türken
geschlagen?«

»Ja, ich habe es gelesen,« antwortete Sergey Iwanowitsch. Sie
unterhielten sich nun über die neueste Depesche, welche bestätigte, daß
während dreier aufeinanderfolgender Tage die Türken auf allen Punkten
geschlagen worden seien und sich auf der Flucht befänden, und daß
morgen die Entscheidungsschlacht erwartet werde.

»Da hat sich auch ein junger, hübscher Mann gemeldet. Ich weiß nicht,
weshalb man Schwierigkeiten gemacht hat, und da wollte ich Euch bitten
-- ich kenne ihn -- daß Ihr doch gefälligst ein Billet schriebt. Er ist
von der Gräfin Lydia Iwanowna geschickt.«

Nachdem sich Sergey Iwanowitsch nach den Einzelheiten erkundigt hatte,
welche die Fürstin über den jungen Mann, welcher sich gestellt hatte,
kannte, schrieb er, in die erste Klasse tretend, ein Billet an die
Persönlichkeit, von welcher die Sache abhing und übergab es der Fürstin.

»Ihr wißt wohl, Graf Wronskiy, der bekannte -- fährt auch mit diesem
Zug,« sagte die Fürstin mit triumphierendem und vielsagendem Lächeln,
als er wieder zurückgekommen war und ihr das Schreiben übergab.

»Ich habe wohl gehört, daß er auch fortginge, aber nicht gewußt, wann.
Mit diesem Zuge also fährt er?«

»Ich habe ihn gesehen. Er ist hier. Nur seine Mutter begleitet ihn. Es
war dies doch immer noch das beste, was er thun konnte.«

»Gewiß. Versteht sich.«

Während sie sprachen, strömte der Haufe an ihnen vorüber zur
Mittagstafel. Sie gingen gleichfalls mit und vernahmen dabei die laute
Stimme eines Herrn, welcher, den Pokal in der Hand, eine Rede an die
Freiwilligen hielt. »Für den Glauben dient, für die Menschlichkeit und
unsere Mitbrüder,« sprach der Herr mit erhöhter Stimme, »zum erhabenem
Werke segne euch unsere Matuschka Moskwa! Zhivio!« -- schloß er
dröhnend und mit thränenerstickter Stimme.

Alles rief »Zhivio«! und eine neue Schar, die die Fürstin beinahe über
den Haufen geworfen hätte, wälzte sich in den Saal.

»Ah, Fürstin, wie geht es!« rief freudestrahlend Stefan Arkadjewitsch,
der plötzlich inmitten derselben erschien. »Hat er nicht herrlich,
feurig gesprochen? Bravo! -- Und Sergey Iwanowitsch, Ihr müßtet
gleichfalls sprechen -- einige Worte, Ihr wißt, so eine Anfeuerung.
Ihr versteht dies ja so gut,« fügte er mit mildem, ehrerbietigem und
aufmerksamem Lächeln hinzu, Sergey Iwanowitsch am Arme vorwärtsbewegend.

»Nein, ich fahre sogleich.«

»Wohin denn?«

»Auf das Land zu meinen Bruder,« antwortete Sergey Iwanowitsch.

»Da seht Ihr ja meine Frau. Ich habe ihr geschrieben, aber Ihr werdet
sie schon eher sehen; sagt ihr doch, bitte, daß Ihr mit mir gesprochen
habt und alles =allright= ist. Sie wird es schon verstehen. Habt auch
die Güte, ihr mitzuteilen, daß ich zum Mitglied der Kommission der
vereinigten -- Ihr wißt ja, =les petites misères de la vie humaine=,«
wandte er sich wie zur Entschuldigung an die Fürstin.

»Die Mjachkaja -- nicht Lisa, sondern Bibisch -- schickt tausend
Gewehre und zwölf Schwestern. Ich hatte es Euch wohl gesagt?«

»Ja, ich hörte davon,« antwortete Koznyscheff widerwillig.

»Es ist eigentlich schade, daß Ihr abreist,« fuhr Stefan Arkadjewitsch
fort, »wir geben morgen ein Essen für zwei mit Abgehende -- Dimjor
Bartejanskiy von Petersburg und unseren Wjeslowskiy, Grischa. Sie gehen
beide. Wjeslowskiy hat unlängst geheiratet. Das ist ein braver Bursch.
Nicht so, Fürstin?« wandte er sich zu der Dame.

Die Fürstin blickte ohne zu antworten Koznyscheff an; daß Sergey
Iwanowitsch sowohl wie die Fürstin fast wünschten, von ihm loszukommen,
brachte Stefan Arkadjewitsch nicht im geringsten in Verlegenheit.
Lächelnd blickte er bald auf die Hutfeder der Fürstin, bald seitwärts,
als besinne er sich etwas. Als er eine vorüberschreitende Dame
mit einer Sammelbüchse bemerkte, rief er sie heran und legte ein
Fünfrubelpapier in die Büchse.

»Ich kann diese Sammelbüchsen nicht mit ruhigem Blute sehen, so lange
ich Geld habe,« sagte er. »Was für eine Depesche haben wir denn heute?
Die Tschernogorzen sind doch wackere Kerle!« --

-- »Was Ihr sagt!« rief er aus, als ihm die Fürstin mitteilte, daß
Wronskiy mit diesem Zug abfahre. Für einen Augenblick drückte das
Gesicht Stefan Arkadjewitschs Trauer aus, aber nach Verlauf einer
Minute hatte er, nachdem er leicht mit jedem Fuße einige Male gezuckt,
und sich dann den Backenbart gestrichen hatte, das Zimmer, in welchem
Wronskiy war, betretend, schon völlig sein verzweifeltes Schluchzen
über dem Leichnam der Schwester vergessen, und sah in Wronskiy nur den
Helden und alten Freund.

»Bei all seinen Mängeln kann man nicht anders, als ihm Gerechtigkeit
widerfahren lassen,« sagte die Fürstin zu Sergey Iwanowitsch, sobald
Oblonskiy sie beide verlassen hatte. »Es ist das so eine echt
russische, slavische Natur! Nur fürchte ich, es wird Wronskiy nicht
angenehm sein, ihn zu sehen. Was Ihr auch sagen mögt, mich rührt das
Geschick dieses Mannes. Ihr werdet wohl mit ihm während der Fahrt
sprechen,« sagte die Fürstin.

»Ja vielleicht, wenn sich Gelegenheit bietet.«

»Ich habe ihn nie gern gehabt. Aber dieser Entschluß macht vieles
wieder gut. Er reist nicht nur für sich allein, sondern führt eine
Eskadron auf eigne Rechnung mit.«

»Ja, ich habe davon gehört.«

Die Glocke ertönte; alles drängte sich nach den Thüren.

»Da ist er!« fuhr die Fürstin fort, auf Wronskiy weisend, welcher, im
langen Überrock und schwarzem Hut mit breitem Rande, seine Mutter am
Arm führte. Oblonskiy ging lebhaft sprechend neben ihm.

Wronskiy blickte finster vor sich hin, als höre er nicht, was Stefan
Arkadjewitsch sprach.

Wahrscheinlich auf eine Weisung Oblonskiys hin, schaute er nach der
Seite, auf welcher die Fürstin und Sergey Iwanowitsch standen und
lüftete schweigend den Hut. Sein gealtertes, und Leiden ausdrückendes
Gesicht erschien wie versteinert.

Nachdem Wronskiy über den Bahnsteig gegangen war, stieg er, die Mutter
loslassend, in das Coupé des Waggons.

Auf dem Bahnsteig erschallte es »=Boshe Zarja chrani=!« und »Hurrah«
und »Zhivio!«

Einer der Freiwilligen, ein hochgewachsener, sehr junger Mann, mit
eingefallener Brust, grüßte besonders bemerkbar, indem er seinen
Filzhut und ein Bouquet über dem Kopfe schwang. Hinter ihm schauten,
gleichfalls grüßend, zwei Offiziere und ein älterer Mann mit großem
Barte und in einer fettigen Mütze heraus.


                                   3.

Nachdem sich Sergey Iwanowitsch von der Fürstin verabschiedet hatte,
stieg er mit dem herangetretenen Katawasoff in den zum Brechen
vollgepfropften Waggon, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Auf der Station Tarizyn wurde der Zug von einem schönen Chor junger
Leute, welche das »=Slavsja=« sangen, bewillkommnet. Wieder dankten
die Freiwilligen grüßend, und legten sich heraus, doch schenkte
ihnen Sergey Iwanowitsch keine Beachtung. Er hatte soviel mit den
Freiwilligen zu thun, daß er ihren Durchschnittstypus schon kannte
und ihn dies nicht mehr interessierte. Katawasoff hingegen, der bei
seinen Arbeiten nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen zu
beobachten, wurde sehr von ihnen interessiert, und erkundigte sich bei
Sergey Iwanowitsch über sie.

Sergey Iwanowitsch empfahl ihm, sich doch in die zweite Klasse zu
setzen, und dort selbst einmal mit ihnen zu reden, und auf der
folgenden Station befolgte Katawasoff diesen Rat.

Beim ersten Aufenthalt siedelte er in die zweite Klasse über, und
machte sich mit den Freiwilligen bekannt. Sie saßen in einer Ecke des
Waggons in lautem Gespräch und wußten augenscheinlich recht wohl, daß
die Aufmerksamkeit der Passagiere und des eingetretenen Katawasoff auf
sie gerichtet sei.

Lauter als alle anderen sprach der hochgewachsene Jüngling mit der
flachen Brust. Er war offenbar berauscht und erzählte eine Geschichte,
die sich auf ihrem Transport zugetragen hatte. Ihm gegenüber saß ein
schon nicht mehr junger Offizier im Rocke der österreichischen Garde.
Er hörte lächelnd dem Erzähler zu und hielt ihn in Schranken. Ein
Dritter, in Artillerieuniform, saß auf einem Koffer neben ihnen. Ein
Vierter schlief.

Ein Gespräch mit dem Jüngling anknüpfend, erfuhr Katawasoff bald, daß
dieser ein reicher Moskauer Kaufmann gewesen sei, welcher sein großes
Vermögen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre durchgebracht hatte. Er
gefiel Katawasoff nicht, weil er verweichlicht, verzärtelt, und von
schwacher Gesundheit war; augenscheinlich hatte er die Überzeugung,
namentlich jetzt, im Rausche, daß er eine Heldenthat vollbringen werde,
und flunkerte in unangenehmster Weise.

Ein anderer, ein verabschiedeter Offizier, machte auf Katawasoff
gleichfalls einen unangenehmen Eindruck. Er war, wie man sah, ein
Mensch, der schon alles versucht hatte. Er war an der Eisenbahn
gewesen, dann Geschäftsführer eines Handlungshauses, und hatte Fabriken
angelegt. Er sprach über alles, ohne jede Veranlassung, und wendete
unpassend gelehrte Ausdrücke an.

Ein dritter, ein Artillerist jedoch, gefiel Katawasoff recht
wohl. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, der sich offenbar
vor den Kenntnissen des abgedankten Gardisten und der heroischen
Selbstberäucherung des Kaufmanns beugte, und von sich selbst gar nicht
sprach. Als ihn Katawasoff frug, was ihn veranlaßt hätte, nach Serbien
zu gehen, antwortete er bescheiden:

»Nun, es gehen ja alle hin. Da gilt es, den Serben auch mit zu helfen.
Es thut einem ja leid.«

»Ja; besonders Artilleristen sind ja auch nicht zahlreich dort,« sagte
Katawasoff.

»Ich habe freilich nur kurze Zeit in der Artillerie gedient und es ist
möglich, daß man mich zur Infanterie oder Kavallerie bestimmt.«

»Weshalb denn zum Fußvolk, wenn man vor allem Artilleristen braucht?«
sagte Katawasoff, nach dem Alter des Artilleristen urteilend, daß er
schon eine höhere Charge bekleiden müsse.

»Ich habe nicht lange in der Artillerie gedient, und bin als Junker
entlassen,« sagte er und begann nun auseinanderzusetzen, weshalb er das
Examen nicht bestanden hätte.

Alles das zusammengenommen, machte auf Katawasoff einen unangenehmen
Eindruck, und als die Freiwilligen auf der Station ausstiegen, um
einmal zu trinken, wünschte Katawasoff, in einem Gespräch mit jemand
diese unangenehmen Eindrücke auszutauschen. Ein mitreisender alter
Herr in Uniform hatte die ganze Zeit dem Gespräch Katawasoffs mit den
Freiwilligen zugehört. Nachdem ersterer mit diesem allein geblieben
war, wandte er sich zu ihm.

»Wie groß doch der Unterschied der Verhältnisse aller dieser Leute ist,
die nach dorthin abgehen,« sagte Katawasoff unbestimmt, im Wunsche,
seine Meinung auszusprechen und zugleich dabei diejenige des Alten zu
erforschen. Der Alte war ein Militär, der zwei Feldzüge mitgemacht
hatte. Er wußte was ein Soldat zu bedeuten habe, und hielt diese Leute
nach ihrem Aussehen und Sprechen und nach dem Eifer, mit welchem sie
unterwegs der Flasche zusprachen, für schlechte Soldaten. Er war auch
Bewohner einer Kreisstadt und erzählte, daß aus seiner Vaterstadt einer
unter die Soldaten gegangen sei, der Trunkenbold und Dieb gewesen, und
den niemand mehr als Arbeiter hätte nehmen mögen. Da er indessen aus
Erfahrung wußte, daß es unter der jetzigen Stimmung der Gesellschaft
gefährlich sei, eine Meinung auszusprechen, welche der allgemein
herrschenden entgegenliefe, und insbesondere, die Freiwilligen abfällig
zu beurteilen, sondierte er gleichfalls Katawasoff.

»Ja, dort sind Leute nötig,« sprach er, mit den Augen lachend. Sie
begannen nun, von der letzten Nachricht vom Kriegsschauplatz zu
sprechen, verbargen aber voreinander ihre Unwissenheit darüber, gegen
wen sie morgen die Entscheidungsschlacht erwarteten, nachdem die Türken
der letzten Nachricht gemäß auf allen Punkten geschlagen waren. So
trennten sie sich denn beide, ohne ihre Meinung ausgesprochen zu haben.

Nachdem Katawasoff in seinen Waggon zurückgekehrt war, erzählte er,
Sergey Iwanowitsch unwillkürlich ausweichend, von seinen Beobachtungen
der Freiwilligen, die sich ihm als vorzügliche Burschen erwiesen
hatten.

Auf der großen Station in einer Stadt begrüßte wieder Gesang und Zuruf
die Freiwilligen, wieder erschienen Sammelnde beiderlei Geschlechts
mit Büchsen, die vornehmen Damen des Gouvernements brachten den
Freiwilligen Bouquets und begleiteten sie zum Büffett, doch war alles
das bei weitem matter und in geringerem Maßstabe angelegt als in Moskau.


                                   4.

Während des Aufenthalts in der Gouvernementsstadt ging Sergey
Iwanowitsch nicht ans Büffett, sondern schritt auf dem Bahnsteig auf
und nieder.

Als er zum erstenmal am Coupé Wronskiys vorüberkam, bemerkte er, daß
das Fenster zugezogen war, bei nochmaligem Passieren desselben indessen
erblickte er die alte Gräfin am Fenster, welche Koznyscheff zu sich
rief.

»Ich fahre auch mit und begleite ihn bis Kursk,« sagte sie.

»Ich habe schon gehört,« antwortete Sergey Iwanowitsch, an ihrem
Fenster stehen bleibend und in dasselbe hineinblickend. »Welch schöner
Zug von ihm,« fügte er hinzu, nachdem er bemerkt hatte, daß Wronskiy
nicht im Coupé war.

»Ja, was blieb ihm nach seinem Unglück zu thun übrig?«

»Welch furchtbares Ereignis!« sagte Sergey Iwanowitsch.

»O, was habe ich durchgemacht; aber bitte, tretet doch ein! -- O, was
habe ich durchgemacht!« wiederholte sie, nachdem Sergey Iwanowitsch
eingetreten war und sich neben ihr auf das Polster gesetzt hatte. »Das
vermag sich niemand vorzustellen. Sechs Wochen hat er mit niemand
gesprochen und nur erst dann gegessen, wenn ich ihn darum angefleht.
Nicht eine Minute durfte man ihn allein lassen. Wir haben alles
weggenommen, womit er sich hätte ein Leids anthun können; wir wohnten
in der niederen Etage; es ließ sich eben nichts voraussehen. Ihr wißt
ja, daß er sich schon einmal ihretwegen geschossen hat,« sprach sie,
und die Brauen der alten Frau zogen sich finster zusammen bei dieser
Erinnerung. »Ja; sie hat geendet, wie solch ein Weib enden mußte.
Selbst den Tod hat sie sich gemein und niedrig erwählt!« --

»Wir dürfen nicht richten, Gräfin,« sagte Sergey Iwanowitsch seufzend,
»doch ich begreife, wie schwer dies für Euch gewesen sein muß.«

»O, sprecht nicht davon! Ich wohnte auf meinem Gute, und er war gerade
bei mir. Da bringt man ein Billet. Er schreibt Antwort und sendet sie
ab. Wir ahnten nicht, daß sie schon da auf der Station war. Abends
-- ich hatte mich soeben zurückgezogen -- erzählt mir meine Mary,
daß sich auf der Station eine Dame unter den Eisenbahnzug gestürzt
hätte. Dies traf mich wie ein Donnerschlag! Ich erkannte das müsse sie
gewesen sein, und das erste, was ich sagen konnte war: Nur ihm nichts
mitteilen! -- Doch hatte man es ihm schon gesagt. Sein Kutscher war
dort gewesen und hatte alles gesehen. Als ich auf sein Zimmer kam, war
er nicht mehr bei Sinnen -- er war furchtbar anzusehen. Kein Wort hat
er gesprochen und ist fortgesprengt. Was dort geschehen ist, ich weiß
es nicht, aber sie haben ihn wie einen Toten gebracht. Ich hätte ihn
nicht erkannt. -- >=Prostration complète=!< erklärte der Arzt. Dann
brach fast eine Tobwut aus. Doch, was soll ich da erzählen!« sprach die
Gräfin mit der Hand abwehrend. »Eine entsetzliche Zeit! Nein, was Ihr
auch sagen mögt, es war ein schlechtes Weib! Und was waren das auch
für verzweifelte Leidenschaften! Das mußte auf etwas Absonderliches
hinauslaufen und sie hat es auch bewiesen. Sie hat sich vernichtet und
zwei edle Männer -- ihren Gatten und meinen unglücklichen Sohn!«

»Was sagt denn ihr Gatte dazu?« frug Sergey Iwanowitsch.

»Er hat ihr Kind zu sich genommen. Mein Aleksander war in der ersten
Zeit mit allem einverstanden, doch jetzt quält es ihn furchtbar, daß
er einem fremden Menschen seine Tochter übergeben hat. Sein Wort
zurücknehmen aber kann er nicht. Karenin kam auch zum Begräbnis, doch
bemühten wir uns, ihn nicht Aleksander begegnen zu lassen. Für ihn, den
Ehemann, war es immerhin doch noch leichter zu ertragen. Sie hat ihn ja
erlöst, aber mein armer Sohn hatte sich ihr so ganz dahingegeben. Alles
hatte er für sie aufgegeben, seine Carriere, mich, und dabei hatte sie
noch nicht einmal Mitleid mit ihm, sondern hat ihn mit Berechnung noch
völlig gemordet. Nein, was Ihr auch sagen mögt, selbst ihr Tod -- ist
nur der Tod eines abscheulichen Weibes, das keine Religion besaß! Möge
Gott mir verzeihen, aber ich muß ihr Angedenken hassen, wenn ich auf
den Untergang meines Sohnes schaue.«

»Und wie trägt er es jetzt?«

»Gott hat uns geholfen -- dieser serbische Feldzug ist gekommen.
Ich bin ein greises Weib, und verstehe nichts davon, aber Gott hat
ihm dies gesandt. Mir als Mutter ist es natürlich entsetzlich, und,
was die Hauptsache ist, man sagt =ce n'est pas très= -- =bien vu à
Pétersbourg= -- aber -- was thun! Dies allein nur konnte ihn wieder
aufrichten. Jaschwin -- sein Freund -- hat alles verspielt und sich
nach Serbien begeben; er ist zu ihm gekommen und hat ihn überredet.
Jetzt beschäftigt ihn die Sache doch. Unterhaltet Euch, bitte, mit ihm,
ich will ihn zerstreuen. Er ist so schwermütig. Unglücklicherweise hat
er auch noch Zahnschmerzen bekommen. Über Euch wird er sich recht sehr
freuen. Bitte sprecht mit ihm; dort drüben geht er.«

Sergey Iwanowitsch sagte, es würde ihm Freude machen und begab sich auf
die andere Seite des Zuges.


                                   5.

In dem schrägen Abendschatten von Säcken, welche auf dem Bahnsteig
aufgetürmt lagen, ging Wronskiy in seinem langen Überrock, mit
bedecktem Kopfe und die Hände in den Taschen hin und her, wie ein
wildes Tier im Käfig, sich alle zwanzig Schritte schnell wieder
wendend. Als Sergey Iwanowitsch sich Wronskiy näherte, schien ihm,
als ob ihn dieser sehe, sich jedoch stelle, als bemerke er ihn nicht.
Sergey Iwanowitsch war dies ganz gleichgültig. Er stand außerhalb aller
persönlicher Beziehungen mit Wronskiy.

In dieser Minute war Wronskiy in seinen Augen ein wichtiger Faktor
in dem großen Werke und Koznyscheff hielt es für seine Pflicht, ihn
anzufeuern und aufzumuntern. Er trat zu ihm.

Wronskiy blieb stehen, blickte auf, erkannte Sergey Iwanowitsch und
drückte demselben, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, warm die
Hand.

»Ihr habt vielleicht nicht mit mir sprechen wollen,« sagte Sergey
Iwanowitsch, »aber kann ich Euch nicht nützlich sein?«

»Mit niemand könnte es mir angenehmer sein, zusammenzutreffen, als mit
Euch,« sagte Wronskiy, »entschuldigt mich, aber Erfreuliches giebt es
für mich nicht mehr im Leben.«

»Ich verstehe; ich wollte Euch meine Dienste anbieten,« sagte Sergey
Iwanowitsch, Wronskiy in das sichtlich leidende Gesicht blickend. »Habt
Ihr nicht einen Brief für Ristitsch, oder an Milan nötig?«

»O nein!« antwortete Wronskiy, fast als werde es ihm schwer, zu
verstehen: »Wenn es Euch gleich ist, so spazieren wir ein wenig. In den
Waggons herrscht eine solche Schwüle! Ob ich ein Schreiben brauche?
Nein; ich danke Euch, zum Sterben braucht man keine Empfehlungen. Nur
gegen die Türken« -- sagte er lächelnd, mechanisch. Seine Augen hatten
noch immer ihren Ausdruck von Erregtheit und Leiden.

»Es wird Euch aber leichter werden, mit vorbereiteten Persönlichkeiten
die Beziehungen anzuknüpfen, welche doch jedenfalls erforderlich sind.
Indes, wie Ihr wollt. Ich hatte mich sehr gefreut, von Eurem Entschluß
zu hören. Giebt es doch schon so viele Angriffe auf die Freiwilligen,
daß ein Mann wie Ihr, dieselben in der öffentlichen Meinung nur heben
kann!«

»Ich bin als Mensch,« sagte Wronskiy, »nur insofern brauchbar, als das
Leben mir nichts mehr wert ist. Nur, daß physische Energie genug in mir
ist, ein Carré zu sprengen, und es zu zerschmettern, oder zu fallen
-- das weiß ich! Ich freue mich darüber, daß es etwas giebt, wofür
ich mein Leben opfern darf, das mir nicht allein überflüssig, nein,
interesselos geworden ist. So kommt es doch noch jemand zu nutze.«

Er bewegte ungeduldig die Kinnbacken, infolge des beständigen, nagenden
Zahnschmerzes, der ihn sogar daran hinderte, mit dem Ausdruck zu
sprechen, den er beabsichtigte.

»Ihr werdet wieder genesen, ich prophezeie es Euch,« sagte Sergey
Iwanowitsch, mit einem Gefühl von Rührung. »Die Erlösung unserer
Mitbrüder von einem Joch ist ein Ziel, würdig des Todes wie des Lebens.
Verleihe Gott Euch äußeren Erfolg und inneren Frieden,« fügte er hinzu
und reichte ihm die Hand hin.

Wronskiy drückte warm die dargebotene Hand Sergey Iwanowitschs.

»Ja, als Waffe -- kann ich noch zu etwas taugen. -- Aber als Mensch --
bin ich eine Ruine« -- sprach er in Absätzen.

Der quälende Schmerz des Zahnes, welcher ihm den Mund mit Speichel
füllte, hinderte Wronskiy am Reden. Er schwieg, nach den Rädern eines
langsam und gleichmäßig auf den Schienen hinrollenden Tenders blickend,
und plötzlich ließ ihn eine andere Qual, nicht ein Schmerz, sondern ein
allgemeines, inneres Unbehagen auf einen Augenblick seinen Zahnschmerz
vergessen.

Der Anblick des Tenders und der Schienen, der Einfluß des Gesprächs mit
einem Bekannten, welchen er nach dem Verhängnis, das ihn betroffen,
nicht begegnet war, brachte ihm ihr Angedenken plötzlich wieder in die
Erinnerung, oder vielmehr das, was ihm von ihr noch geblieben war, als
er wie ein Wahnsinniger in den Schuppen der Eisenbahnstation gelaufen
kam: Auf einem Tische in demselben, schmählich von den Händen Fremder
ausgestreckt, ihr blutiger Leib, noch voll von dem kaum entflohenen
Leben; der nach hinten geworfene, unversehrt gebliebene Kopf mit
seinen schweren Flechten und wallenden Locken an den Schläfen, und
auf dem reizvollen Antlitz, mit dem halbgeöffneten roten Munde, der
erstarrte, seltsame, klägliche Ausdruck der Lippen, der furchtbar in
den nichtgeschlossenen Augen lag, und wie mit Worten das furchtbare
Wort aussprach, daß er bereuen solle -- das Wort, welches sie während
ihres Streites zu ihm gesagt hatte.

Und er bemühte sich, sie so in sein Gedächtnis zurückzurufen,
wie sie gewesen, als er ihr zum erstenmale, gleichfalls auf der
Eisenbahnstation, begegnet war, ihr, der Geheimnisvollen, der
Reizenden, der Liebevollen, Glücksuchenden und -spendenden, aber nicht
der hartherzig Quälenden, als die sie ihm aus der letzten Minute ins
Gedächtnis kam.

Er suchte sich der seligsten Minuten mit ihr zu erinnern, doch
diese waren ihm auf ewig vergiftet. Er rief sie sich nur als die
Triumphierende ins Gedächtnis zurück, welche ihre Drohung ausgeführt
hatte, die niemand nützte und durch Reue nicht auszugleichen war.
Den Zahnschmerz fühlte er nicht mehr, aber Schluchzen verzerrte sein
Gesicht.

Nachdem er zweimal wortlos an den Säcken vorübergeschritten war, wandte
er sich, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte,
ruhig an Sergey Iwanowitsch.

»Habt Ihr keine Depesche seit der gestrigen erhalten? Der Feind
ist zwar zum drittenmal geschlagen, aber morgen erwartet man die
Entscheidungsschlacht.«

Nachdem sie noch über die Proklamation des Königs Milan und die
weittragenden Folgen, welche dieselbe haben könne, gesprochen hatten,
trennten sich beide nach dem zweiten Glockensignal und gingen nach
ihren beiderseitigen Waggons.


                                   6.

Da Sergey Iwanowitsch nicht wußte, wann er Moskau würde verlassen
können, hatte er nicht an seinen Bruder telegraphiert, daß man ihn
abhole.

Lewin war nicht daheim, als Katawasoff und Sergey Iwanowitsch in einem
kleinen Tarantaß, der auf der Station gemietet worden war, staubbedeckt
wie Araber um zwölf Uhr mittags vor der Freitreppe des Herrenhauses von
Pokrowskoje vorfuhren.

Kity, welche mit ihrem Vater und der Schwester auf dem Balkon gesessen
hatte, erkannte den Schwager und eilte hinunter, ihn zu bewillkommen.

»Wie unrecht von euch, uns nicht Nachricht zu geben,« sagte sie Sergey
Iwanowitsch die Hand reichend und ihm die Stirn darbietend.

»Wir sind ganz wohlbehalten hierher gelangt und haben euch nicht
erst Umstände gemacht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Ich bin so
voll Staub, daß ich mich fürchte, jemand anzurühren. Ich war auch so
beschäftigt, daß ich nicht einmal wußte, wann ich mich würde losmachen
können. Aber ihr haltet es nach altgewohnter Weise,« lächelte er, »ihr
freut euch eures stillen Glückes fern von Zeitläuften in eurem stillen
Heim. Da hat sich auch mein Freund Fjodor Wasiljewitsch endlich mit
aufgemacht.«

»Ich bin indessen kein Neger, sondern werde mich waschen -- und dann
einem Menschen ähnlich sehen,« sagte Katawasoff mit seinem gewohnten
Humor, einen Händedruck wechselnd und mit seinen schimmernden Zähnen in
dem geschwärzten Gesicht eigentümlich lächelnd.

»Mein Konstantin wird sich sehr freuen. Er ist nach dem Vorwerk hinaus
und muß bald kommen.«

»Er beschäftigt sich nur mit der Landwirtschaft; so macht man es eben
hier,« sagte Katawasoff, »bei uns in der Stadt aber ist außer dem
serbischen Kriege auch nichts weiter zu sehen. Wie geht es denn meinem
Freunde? Was macht er? Ein wenig Sonderling, nicht?« --

»Nun, ja, ein wenig;« antwortete Kity etwas verlegen werdend, mit
einem Blick auf Sergey Iwanowitsch, »doch ich will nach ihm schicken.
Auch Papa ist bei uns auf Besuch. Er ist erst unlängst aus dem Ausland
angekommen.«

Nachdem Kity befohlen hatte, nach Lewin zu schicken, die staubbedeckten
Gäste zur Toilette zu führen, den einen in das Kabinett, den anderen in
Dollys ehemaliges Zimmer, und ein Frühstück für sie zu servieren, eilte
sie, wieder in dem Vollbesitz hurtiger Beweglichkeit, dessen sie in der
Zeit ihrer Schwangerschaft beraubt gewesen war, auf den Balkon hinauf.

»Es ist Sergey Iwanowitsch und Katawasoff, der Professor,« sagte sie.

»O weh,« sagte der Fürst.

»Er ist aber sehr liebenswürdig, Papa, und Konstantin hat ihn sehr
lieb,« sagte Kity lächelnd, ihm gleichsam zuredend, indem sie den
Ausdruck von Ironie auf dem Gesicht des Vaters bemerkte.

»Nun, meinetwegen.«

»Geh doch zu ihnen Herzchen,« wandte sich Kity zu ihrer Schwester, »und
unterhalte sie. Sie haben Stefan auf der Station gesehen, er befindet
sich wohl. Ich aber will zu Mita laufen. Wie unangenehm aber, ich
habe seit dem Thee nicht wieder angelegt. Der Kleine wird jetzt wach
geworden sein und wahrscheinlich schreien,« und mit schnellen Schritten
ging sie, den Andrang der Milch verspürend, nach der Kinderstube.

Sie hatte in der That den Andrang der Milch nicht bloß vermutet -- sie
legte das Kind noch an -- sondern kannte an dem Andrang der Milch bei
ihr die Zeit des Bedürfnisses bei demselben genau.

Sie wußte, daß der Kleine schrie, noch bevor sie zur Kinderstube
gelangt war. Und wirklich schrie er. Sie vernahm seine Stimme und
beschleunigte ihren Schritt, aber je schneller sie ging, um so lauter
schrie das Kind. Seine Stimme war gut, gesund, nur hungrig und
ungeduldig.

»Schreit es schon lange?« frug Kity eilig die Kindermuhme, sich auf
einen Stuhl setzend und zum Anlegen vorbereitend. »Gebt es schnell her.
Ach, Muhme, wie langweilig Ihr doch seid; nun, bindet doch das Häubchen
später!«

Das Kind zappelte schreiend vor Gier.

»Das geht aber nicht, Matuschka,« sagte Agathe Michailowna, die fast
stets in der Kinderstube zugegen war. »Man muß es hübsch ordentlich
putzen;« »Eia, eia«, sang sie über dem Kinde, ohne von der Mutter Notiz
zu nehmen.

Die Kinderfrau trug das Kind zu der Mutter. Agathe Michailowna folgte
ihm mit vor Zärtlichkeit leuchtenden Zügen.

»Er weiß es ja, er weiß es; glaubt mir bei Gott, Matuschka Katharina
Aleksandrowna, er hat mich erkannt!« rief Agathe Michailowna dem Kinde
zu.

Doch Kity hörte ihre Worte nicht. Ihre Ungeduld war ebenso hoch
gestiegen, wie die des Kindes, und vor Ungeduld wollte die Sache lange
nicht von statten gehen. Das Kind faßte nicht, wo es fassen sollte und
wurde ungebärdig.

Endlich aber, nach einem verzweifelten, erstickten Schrei und
hohlklingenden Schmatzen war es gelungen, und Mutter wie Kind fühlten
sich gleichzeitig befriedigt und wurden still.

»Er ist doch ganz in Schweiß gebadet, der arme Kleine,« sprach Kity,
das Kind befühlend. »Weshalb denkt Ihr denn, daß das Kind euch kennt?«
fügte sie hinzu, seitwärts auf die verschmitzt, wie ihr schien, unter
dem emporgerückten Häubchen hervorschauenden Äuglein des Kindes, die
taktmäßig schwellenden Bäckchen und sein Ärmchen mit der roten Hand
blickend, mit dem es kreisende Bewegungen machte. »Kann nicht sein!
Wenn es schon jemand erkännte, so müßte es mich erkennen,« sagte Kity
auf die Versicherung Agathe Michailownas hin und lächelte.

Sie lächelte darüber, daß sie, wenn sie auch sagte, es könne noch
niemand erkennen, in ihrem Herzen wußte, es kenne nicht nur Agathe
Michailowna, sondern wisse und verstehe alles, wisse und verstehe noch
mehr von Dingen, die niemand kenne, und die nur sie, die Mutter selbst,
nur dank dem Kinde kennen lernte und begriff. Für Agathe Michailowna,
die Kinderfrau, den Onkel und selbst ihren Vater war der kleine Mitja
nur ein lebendiges Wesen, welches für sich lediglich materielle Pflege
verlangte, aber für die Mutter war es schon längst ein Geschöpf
mit Charakter, in dem sich bereits eine ganze Geschichte seelischer
Beziehungen abgespielt hatte.

»Er erwacht, gebe Gott, daß Ihr es selbst seht! Wenn ich es so mache,
glänzt er nur so auf, der Liebling. Er glänzt so auf wie der helle
Tag,« sprach Agathe Michailowna.

»Nun gut, gut: wir werden ja dann sehen,« flüsterte Kity, »geht jetzt;
der Kleine schläft ein.«


                                   7.

Agathe Michailowna ging auf den Zehen hinaus, die Kinderfrau ließ
die Gardinen herab, verscheuchte die Fliegen aus dem nesseltuchenen
Wiegenvorhang des Bettchens und eine Bremse, die sich am Fensterrahmen
stieß und setzte sich, mit einem welken Birkenzweig der Mutter und dem
Kinde zufächelnd.

»Die Hitze, die Hitze; wenn doch Gott Regen gäbe,« sprach sie.

»Ja, ja, sch--sch--sch,« antwortete Kity nur, das dralle Ärmchen,
welches Mitja noch immer leise bewegte indem er die Äuglein bald
öffnete, bald schloß, leicht schüttelnd und zärtlich drückend.

Dieses Händchen machte Kity unentschlossen; sie wollte es küssen,
scheute sich aber, es zu thun, um das Kind nicht zu wecken. Das Ärmchen
hörte endlich auf, sich zu bewegen und die Äuglein schlossen sich. Nur
bisweilen erhob das Kind, seine Thätigkeit fortsetzend, die langen
gebogenen Wimpern und blickte die Mutter mit seinen in der Dämmerung
schwarz erscheinenden, feuchtschimmernden Augen an.

Die Kinderfrau hörte auf zu fächeln und begann zu träumen. Von
oben wurde das Lachen der Stimme des alten Fürsten und Katawasoffs
vernehmbar.

»Sie sind auch ohne mich in Unterhaltung gekommen,« dachte Kity, »aber
es ist doch ärgerlich, daß Konstantin nicht da ist. Er wird wohl wieder
nach dem Bienengarten gegangen sein. Obwohl ich beklage, daß er so oft
dort ist, freue ich mich doch auch, denn es zerstreut ihn. Er ist jetzt
viel heiterer und angenehmer geworden, als er im Frühjahr war. War er
doch sonst immer so finster und peinigte sich, daß es mir recht bang
um ihn wurde. Und wie komisch er ist!« flüsterte sie lächelnd.

Sie wußte, was ihren Mann quälte; es war sein Unglaube. Obwohl Kity,
wenn man sie gefragt hätte, ob sie überzeugt sei, daß er, im Falle
seines Unglaubens im ewigen Leben der Vernichtung anheimfallen werde,
hätte einverstanden damit sein müssen, daß er untergehe -- so bildete
sein Unglaube doch kein Unglück in ihren Augen, und sie gedachte,
obwohl sie sich zugestand, daß es für den Ungläubigen kein Seelenheil
geben könne, und die Seele ihres Mannes über alles in der Welt liebend,
mit Lächeln seines Unglaubens, und sagte sich selbst, er sei komisch.

»Wozu studiert er ein ganzes Jahr hindurch nur Philosophie,« dachte
sie. »Wenn dies alles in jenen Büchern geschrieben steht, dann kann
er sie auch verstehen. Wäre Unrichtiges darin, wozu sollte er sie
dann lesen? Er selbst sagt, daß er glauben möchte. Weshalb glaubt er
dann nicht? Gewiß deshalb, weil er zu viel denkt? Aber er denkt zu
viel wegen seiner einsamen Lebensweise. Er ist stets, stets einsam.
Mit uns kann er freilich nicht von allem reden. Ich denke aber, der
Besuch wird ihm willkommen sein, besonders Katawasoff. Er liebt es,
mit ihm zu disputieren,« dachte sie und versetzte sich dann sogleich
in den Gedanken, wo sie gerade Katawasoff am bequemsten zum Schlafen
unterbringen könne -- separat oder zusammen mit Sergey Iwanowitsch?
Und dann kam ihr plötzlich wieder ein Gedanke, der sie vor Aufregung
erzittern ließ und selbst Mitja erschreckte, der sie dafür ernst
anblickte. »Die Wäscherin scheint die Wäsche noch nicht gebracht zu
haben und für die Gastbetten ist noch keine Bettwäsche da. Wenn man
da nicht anordnet, wird Agathe Michailowna dem Sergey Iwanowitsch
gewöhnliche Wäsche geben,« und bei diesem Gedanken stieg Kity das
Blut ins Gesicht. »Ja, ich muß es anordnen,« beschloß sie, und besann
sich dann, wieder zu ihrem vorigen Gedanken zurückkehrend, daß etwas
Wichtiges doch noch nicht bis zum Schluß von ihr überdacht sei. Sie
sann nun nach, was es gewesen war. »Ach ja, Konstantin ist ungläubig!«
sagte sie, abermals lächelnd. »Nun, also ungläubig! Mag er lieber stets
so bleiben, als so werden, wie Madame Stahl war, oder ich im Auslande
einmal werden wollte. Nein er kann nicht mehr heucheln!« Ein Zug von
seiner Güte tauchte aus jüngster Zeit lebendig vor ihr auf.

Vor vierzehn Tagen war ein reuiges Schreiben Stefan Arkadjewitschs an
Dolly angekommen. Stefan beschwor diese darin, seine Ehre zu retten,
und ihr Gut zu verkaufen, damit er seine Schulden bezahlen könne.

Dolly war in Verzweiflung; sie haßte ihren Mann, verachtete und
beklagte ihn, und entschloß sich zur Scheidung, wollte sich von ihm
lossagen, willigte aber schließlich doch in den Verkauf eines Teils
ihres Gutes ein. Und nun vergegenwärtige sich Kity mit unwillkürlichem,
gerührtem Lächeln die Ratlosigkeit ihres Gatten, seine mehrmaligen
unbeholfenen Anläufe in dieser Sache, die ihm am Herzen lag, und wie er
endlich, als einziges Mittel, Dolly zu helfen, ohne sie zu verletzen,
den Ausweg erdacht hatte, Kity vorzuschlagen, sie möchte ihr Teil an
dem Vermögen -- sie selbst hatte vorher gar nicht hieran gedacht --
hingeben.

»Was wäre das für ein Ungläubiger? Mit solchem Herzen, solcher
Besorgnis, einen Menschen zu verletzen, ja nur ein Kind! Alles thut
er für seine Nächsten, nichts für sich! Sergey Iwanowitsch denkt, es
sei Konstantins Pflicht, für ihn den Verwalter zu spielen. Auch seine
Schwester denkt so. Jetzt befindet sich Dolly mit ihren Kindern unter
seiner Vormundschaft. Alle die Bauern, welche täglich zu ihm kommen,
ist er gleichsam verpflichtet zu bedienen. Bleibe du nur so,« fuhr sie
fort, Mitja der Kinderfrau übergebend und des Kindes Wange mit ihren
Lippen berührend.


                                   8.

Seit jener Minute, da Lewin beim Anblick des geliebten sterbenden
Bruders zum erstenmal auf die Frage des Lebens, wie des Todes durch
jene -- wie er sie nannte -- neuen Überzeugungen hindurchblickte, die,
unmerklich für ihn, während der Zeit von seinem zwanzigsten bis zum
vierunddreißigsten Jahre, seine Überzeugungen aus der Kinderzeit wie
die seines Jünglingsalters ausgelöst hatten, erschrak er nicht so sehr
vor dem Tode, als vor einem Leben, über das er nicht die geringste
Kenntnis, woher es stamme, warum es sei und was es sei, besäße.

Der Organismus, die Verrichtungen desselben, die Unerschöpflichkeit
der Materie, das Gesetz der Erhaltung der Kraft, die Entwicklung -- so
lauteten die Begriffe -- die für seinen alten Glauben eingetreten waren.

Diese Worte und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen waren recht gut
für Verstandeszwecke, für das Leben aber ergaben sie nichts und Lewin
fühlte sich plötzlich in der Lage eines Menschen, der einen warmen
Pelz für einen Kattunanzug vertauscht hat, und zum erstenmal in der
Kälte untrüglich, nicht durch logische Erwägungen, sondern in seiner
ganzen Wesenheit davon überzeugt wird, daß er geradezu nackt und einem
unvermeidlichen, qualvollen Untergang verfallen sei.

Seit jener Minute hatte Lewin, ohne sich indessen davon Rechenschaft zu
geben, und indem er sein Leben wie bisher fortsetzte, fortwährend diese
Angst über sein Nichtwissen empfunden.

Außerdem aber empfand er voll Unruhe, daß das, was er seine
Überzeugungen nannte, nicht nur Unwissenheit war, sondern eine Richtung
im Denken, unter welcher ihm die Erkenntnis dessen, was ihm nötig war,
unmöglich wurde.

In der ersten Zeit hatte seine Heirat, sowie ungekannte Freuden und
Pflichten die er dabei kennen lernte, diese Gedanken vollständig in
ihm erstickt, aber seit kurzem, nach der Niederkunft seiner Frau,
während er müßig in Moskau gelebt hatte, war bei Lewin immer häufiger,
und immer nachdrücklicher, diese Frage, eine Entscheidung verlangend,
aufgetaucht. Die Frage bestand für ihn hierin: »Wenn ich jene Antworten
nicht anerkenne, die das Christentum auf die Fragen über mein Leben
erteilt, welche Antworten erkenne ich dann an?« Und in dem gesamten
Arsenal seiner Überzeugungen vermochte er weder die geringste Antwort
zu finden, noch etwas, was einer solchen ähnlich gewesen wäre.

Er befand sich in der Lage eines Menschen, der Nahrung sucht in
Spielzeugmagazinen oder Waffenläden.

Unwillkürlich und ihm selbst unbewußt suchte er jetzt in jedem Buche,
bei jedem Gespräch, in jedem Menschen Beziehungen zu diesen Fragen und
Lösungen derselben.

Am meisten setzte ihn hierbei der Umstand in Zweifel, daß die Mehrzahl
der Menschen seines Kreises und Alters, die doch ebenso wie er,
frühere Überzeugungen mit eben solchen neuen vertauscht hatten, wie
er sie besaß, hierin kein Unglück sehen, sondern vollkommen zufrieden
und ruhig waren, und so kam es, daß Lewin neben der Hauptfrage auch
noch Nebenfragen quälten. Ob diese Menschen aufrichtig waren? Ob
sie sich nicht verstellten? Oder ob sie etwa anders als er, klarer,
die Antworten aufgefaßt hatten, welche die Wissenschaft auf die ihn
beschäftigenden Fragen gab? Geflissentlich studierte er die Meinungen
dieser Menschen und die Bücher, welche diese Antworten gaben.

Eins, was er seit der Zeit, seit der ihn diese Fragen beschäftigt,
gefunden hatte, war dies, daß er sich geirrt habe in jener Annahme, die
noch auf den Erinnerungen aus dem Jünglingskreis auf der Universität
beruhte, die Religion habe sich überlebt und existiere gar nicht mehr.
Sowohl der alte Fürst, wie Lwoff, den er so lieb gewonnen hatte, und
Sergey Iwanowitsch und alle Frauen, auch sein Weib, glaubten so, wie er
in seiner Kindheit geglaubt hatte; neunzig Hundertstel des russischen
Volkes, ja, jenes ganze Volk, dessen Leben ihm die höchste Achtung
einflößte, glaubte.

Ein Zweites war dies, daß er sich nach der Lektüre vieler Bücher
überzeugt hatte, die Menschen, die mit ihm gemeinsame Anschauungen
hatten, könnten sich unter diesen nichts anderes denken, und
verneinten jene Fragen einfach, ohne sie zu erklären, jene Fragen,
ohne deren Beantwortung er -- er fühlte es -- nicht leben könne, und
bemühten sich, ganz andere dafür zu lösen, die seine Fragen gar nicht
interessieren konnten, wie zum Beispiel die über die Entwicklung der
Organismen, über die mechanischen Offenbarungen der Seele u. s. w.

Außerdem hatte sich aber noch während der Niederkunft seiner Frau etwas
für ihn Ungewöhnliches ereignet. Er hatte dabei, ohne Glauben, zu beten
begonnen und während der Minute in der er betete, auch geglaubt. Diese
Minute war indessen vorübergegangen und er vermochte jener Stimmung von
damals in seinem Leben nicht wieder stattzugeben.

Er vermochte nicht zuzugestehen, daß er damals das Rechte erkannt
habe, jetzt aber irre; weil ihm, sobald er ruhig darüber nachzudenken
begann, alles in Trümmer fiel. Er vermochte auch das nicht
zuzugestehen, daß er damals geirrt habe, weil er seine seelische
Stimmung von damals hochschätzte, während, indem er sie für eine Folge
seiner Schwachheit anerkannte, jene Minuten entweiht haben würde.

Er befand sich in einer qualvollen Disharmonie mit sich selbst und
spannte alle Geisteskräfte an, aus derselben herauszukommen.


                                   9.

Diese Gedanken peinigten und quälten ihn bald mehr, bald weniger, nie
aber verließen sie ihn ganz. Er las und dachte, und je mehr er las und
sann, desto weiter entfernt von dem verfolgten Ziele fühlte er sich.

Nachdem er sich in jüngster Zeit in Moskau und auf dem Dorfe überzeugt
hatte, daß er bei den Materialisten keine Antwort finden werde, las er
immer aufs neue wieder Plato und Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und
Schopenhauer, die Philosophen, welche das Leben nicht materialistisch
erklärten. Diese Ideen erschienen ihm fruchtbringend, mochte er nun
lesen, oder selbst Gegengründe gegen die Lehren anderer aussinnen,
insbesondere gegen die materialistischen. Doch kaum hatte er gelesen
und sich selbst eine Antwort auf die Fragen ausgedacht, da wiederholte
sich bei ihm stets ein und dasselbe. Indem er der gegebenen Bestimmung
unklarer Begriffe, wie »Geist, Wille, Freiheit, Substanz« folgte und
absichtlich in die Wörterfalle ging, die ihm die Philosophen oder auch
er selbst sich gestellt hatte, begann er einigermaßen zu begreifen.

Aber er brauchte nur den künstlichen Gedankengang zu vergessen, und
sich zu dem zu wenden, was im Leben befriedigte, wenn er dem gegebenen
Faden folgend, nachdachte -- und plötzlich stürzte der ganze kunstvolle
Bau zusammen wie ein Kartenhaus, und es wurde ihm klar, daß der Bau aus
denselben Worten bestand, die nur umgestellt, und unabhängig waren von
Etwas, das im Leben viel bedeutungsvoller war, als der Verstand.

Bei der Lektüre Schopenhauers setzte er einmal an Stelle des Begriffs
eigner Wille, den der Liebe, und diese neue Philosophie machte ihm zwei
Tage lang, so lange er sich mit ihr beschäftigte, Vergnügen. Sie fiel
aber gleichsam zusammen, als er darauf aus dem Leben heraus auf sie
blickte, und es zeigte sich wieder jenes kattunene Gewand, das nicht
warm hielt.

Sein Bruder Iwanowitsch riet ihm, die theologischen Werke Chomjakoffs
zu lesen. Lewin las den zweiten Band derselben und war, ungeachtet der
ihn anfangs abstoßenden, polemischen, eleganten und scharfsinnigen
Diktion, überrascht von Chomjakoffs Lehrmeinung über die Kirche.
Ihn überraschte anfangs die Idee, daß die Erlangung der göttlichen
Wahrheiten dem Menschen nicht verliehen sei, sondern nur einer
Gemeinschaft von Menschen, vereint in der Liebe -- der Kirche.

Er freute sich bei dem Gedanken, wie viel leichter es wäre, an eine
vorhandene, gegenwärtig lebendige Kirche zu glauben, welche alle
Glaubensbekenntnisse der Menschen in sich begreife, und Gott zum
Haupte habe, infolge dessen aber heilig und unfehlbar sei, und von
ihr nun den Glauben an Gott erst zu empfangen, den an die Schöpfung,
den Sündenfall, und die Erlösung -- als wenn man mit Gott, dem weit
entfernten, geheimnisvollen Gott, der Schöpfung &c. begänne.

Als er nun aber dann die Kirchengeschichte eines katholischen und
die eines rechtgläubigen Schriftstellers las und gewahrte, daß beide
Kirchen, jede unfehlbar in ihrem Wesen, sich gegenseitig negierten, da
verzweifelte er auch an Chomjakoffs Kirchenlehre und das ganze Gebäude
wurde von dem gleichen Staub bedeckt, wie die philosophischen Gebäude.

Während dieses ganzen Frühlings hatte er so mit sich selbst im Kampfe
gelegen und schreckliche Augenblicke durchlebt.

»Ohne zu wissen, was ich bin und warum ich hier bin -- kann man nicht
leben! Erfahren aber kann ich es nicht, folglich kann ich nicht leben,«
sprach Lewin zu sich selbst. »In der Unendlichkeit der Zeit, der
Unendlichkeit des Stoffes, der Unendlichkeit des Raumes bildet sich die
organische Zelle; dieses Bläschen wird eine Zeitlang bestehen und dann
zerplatzen; -- das bin ich.«

Dies bildete das einzige Resultat jahrhundertelanger menschlicher
Denkarbeit nach dieser Richtung.

Es war die letzte Überzeugung, auf welcher sich alle Forschungen des
menschlichen Denkens in fast allen ihren Ausläufern aufbauten. Es war
die herrschende Überzeugung und Lewin machte dieselbe vor allen anderen
Erklärungen als die immer noch klarste, unwillkürlich und ohne zu
wissen wann und wie, zu der seinigen.

Aber dies war nicht nur falsch, sondern vielmehr der hartherzige Hohn
einer bösen Macht, einer so bösen, widrigen, daß er sich ihr nicht
unterordnen konnte.

Man mußte sich befreien von dieser Macht, und die Befreiung lag in
den Händen eines jeden. Es galt, diese Abhängigkeit vom Bösen zu
beseitigen, und dafür gab es nur ein Mittel -- den Tod.

Als glückliches Familienoberhaupt, als ein gesunder Mensch, war Lewin
mehrmals dem Selbstmord so nahe, daß er die Schnur versteckte, damit er
sich nicht an ihr hing, und sich fürchtete, mit der Flinte zu gehen, um
sich nicht zu erschießen.

Doch Lewin erschoß sich weder, noch hing er sich, sondern lebte weiter.


                                  10.

Solange Lewin darüber nachdachte, was er sei und wozu er lebe, fand er
keine Antwort und geriet in Verzweiflung, doch als er aufgehört hatte,
sich selbst darnach zu fragen, erfuhr er gewissermaßen, was er sei und
wozu er lebte, weil er fleißig und zweckmäßig thätig war und lebte.
Gerade in dieser jüngsten Zeit hatte er bei weitem konsequenter und
zweckbewußter, als früher gelebt.

Im Anfang des Juli aufs Dorf zurückgekehrt, widmete er sich wieder
seinen gewöhnlichen Arbeiten. Die Landwirtschaft, die Beziehungen zu
den Bauern und Nachbarn, die Hauswirtschaft, die Angelegenheiten seines
Bruders und der Schwester, die in seinen Händen lagen, sein Verhältnis
zu den Verwandten, zu seinem Weibe, die Sorge um sein Kind, die ihm
neue Bienenjagd, der er sich seit dem heurigen Frühling gewidmet hatte,
alles das nahm seine Zeit in Anspruch.

Diese Beschäftigungen interessierten ihn nicht deshalb, weil er sie
vor sich selbst mit gewissen allgemeinen Anschauungen rechtfertigen
konnte, so wie er dies früher gethan hatte, sondern im Gegenteil
hatte er jetzt, wo er einerseits durch das Mißlingen seiner einstigen
Unternehmungen für das allgemeine Wohl ernüchtert worden, andererseits
von seinen Ideen und der Menge der Geschäfte viel zu sehr in Anspruch
genommen war, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, alle Gedanken
über das allgemeine Wohl fahren lassen, und diese Dinge interessierten
ihn nur, wie ihm schien, deshalb, weil er eben thun _mußte_, was er
that -- weil er nicht anders konnte. Wenn er sich früher bemühte,
etwas zu thun (dies hatte fast von seiner Kindheit auf angefangen und
sich bis zu seiner vollen Mannbarkeit mehr und mehr entwickelt) was
eine Wohlthat für jedermann, für die Menschheit, für Rußland, für das
ganze Dorf gewesen wäre -- so hatte er bemerkt, daß das Nachdenken
darüber ihm angenehm, die Thätigkeit selbst aber stets eine nicht damit
harmonierende gewesen war; es hatte die volle Zuversicht dazu, daß
die Unternehmung wirklich notwendig sei gefehlt, und die Wirksamkeit
selbst, die ihm anfangs so erhaben erschienen war, schwand, immer
mehr und mehr abnehmend, in ein Nichts zusammen. Jetzt hingegen, wo
er verheiratet war und sein Leben für sich selbst mehr und mehr mit
bestimmten Grenzen zu umziehen begonnen hatte, empfand er, obwohl er
keine Freude mehr bei dem Gedanken an seine Thätigkeit fühlte, die
Überzeugung, daß diese Thätigkeit eine notwendige sei, erkannte er,
daß sie weit ersprießlicher, als sie früher war, und größer und größer
werde.

Jetzt drang er, gleichsam wider seinen Willen, immer tiefer und tiefer
in die Erde ein, wie ein Pflug, so daß er gar nicht wieder heraus
konnte, ohne die Furchen aufzureißen.

Seiner Familie zu leben, so wie dies Vater und Mutter gewohnt gewesen
waren, das heißt, unter den nämlichen Grundlagen der Bildung und
Erziehung der Kinder -- war ohne Zweifel die Aufgabe. Dies war ebenso
notwendig, wie das Essen, wenn man Appetit hat, und zu diesem Zwecke
nun war es ebenso notwendig, wie die Bereitung des Essens, das
wirtschaftliche Getriebe in Pokrovskoje so zu leiten, daß Einkünfte
flossen.

Ebenso sicher, wie man eine Schuld zurückzahlen muß, war es
erforderlich, das angestammte Land immer in dem nämlichen Zustande
zu erhalten, damit der Sohn, der das Erbe einmal empfing, dem Vater
ebenso Dank wisse, wie Lewin seinem Vater für das, was derselbe gebaut
und gepflanzt hatte. Hierzu aber war erforderlich, daß kein Boden
mehr verpachtet wurde, sondern man diesen selbst bewirtschaftete, Vieh
züchtete, die Felder düngte und Waldungen anlegte.

Es war ihm unmöglich, die Führung der Geschäfte für Sergey Iwanowitsch
und seine Schwester und alle Bauern, die gewohnt waren, sich Rats bei
ihm zu erholen, aufzugeben, ebensowenig wie man ein Kind fortwerfen
kann, welches man schon auf den Armen hielt. Es galt, für die
Bequemlichkeit der eingeladenen Schwägerin mit ihren Kindern zu sorgen,
des Weibes mit dem eigenen Kinde, und er mußte auch wenigstens einen
kleinen Teil des Tages bei ihnen weilen.

Alles das, zusammen mit der Jagd auf Wild und Bienen, füllte für Lewin
ein Leben aus, welches für ihn selbst keinen Sinn mehr hatte, sobald er
darüber nachdachte.

Wenn aber Lewin recht gut wußte, _was_ er zu thun habe, so wußte
er auch ebenso gut, _wie_ er zu handeln habe und welches von zwei
Geschäften das wichtigere sei. Er wußte, daß er die Arbeiter so billig
als möglich mieten müsse, doch sie auf eine Schuldverschreibung
annehmen, indem er ihnen Vorschuß gab, war noch billiger; wie viel sie
wert waren, brauchte nicht gegeben zu werden, was auch noch vorteilhaft
war. Bei Futtermangel konnte er den Bauern Stroh verkaufen, wenn sie
ihn dabei auch jammerten, der Gasthof und die Branntweinschenke aber
mußten, obwohl sie Einkünfte brachten, beseitigt werden. Gegen das
Holzhauen mußte man so streng wie möglich vorgehen, für vertriebenes
Vieh hingegen sollte keine Strafe erhoben werden. Obwohl dies freilich
die Karaulschtschiks erbitterte und die Furcht verringerte, mußte man
das Vieh laufen lassen.

Dem Peter, welcher an einen Wucherer zehn Prozent monatlich zahlte,
mußte er Geld borgen, um ihn davon zu befreien, aber deshalb brauchte
er den Bauern noch nicht den Obrok zu erlassen oder den säumigen
Zahlern Frist zu bewilligen. Man konnte es dem Verwalter nicht hingehen
lassen, daß eine kleine Wiese nicht gemäht wurde und das Gras darauf
ungenützt verkam, aber man brauchte wieder nicht die achtzig Desjatinen
zu mähen, auf denen junger Wald angepflanzt stand. Man brauchte nicht
dem Arbeiter zu verzeihen, der unter der Arbeit nach Hause gelaufen
war, weil sein Vater starb -- so leid ihm das auch that -- und mußte
ihn dafür billiger für die kostspieligen Monate ansetzen, in denen es
nichts zu thun gab. Aber man mußte gleichwohl den Alten, die zu nichts
mehr zu brauchen waren, einen Monatsauszug geben.

Lewin wußte wohl, daß er bei seiner Rückkehr nach Hause vor allem zu
seiner Frau gehen mußte, wenn diese unwohl war, aber die Bauern, die
schon seit drei Stunden auf ihn gewartet hatten, konnten noch länger
warten. Er wußte auch, daß er bei allem Vergnügen, welches er bei dem
Einfangen eines Bienenschwarms hatte, sich dieses Vergnügens begeben
und es dem Alten überlassen mußte, in seiner Abwesenheit den Schwarm zu
fangen, indem er zu den Bauern ging, die ihn im Bienengarten gefunden
hatten, um sich zu besprechen.

Mochte er damit gut oder schlecht handeln, er wußte es nicht, und würde
jetzt nicht nur nicht den Beweis dafür angetreten, sondern vielmehr
alle Gespräche und Gedanken darüber vermieden haben.

Die Grübeleien versetzten ihn in Zweifel und hinderten ihn, zu sehen,
was er sehen mußte, oder was nicht. Indem er jedoch nicht mehr
dachte, sondern lebte, fühlte er in seiner Seele die stete Gegenwart
eines unfehlbaren Richters, der entschied, welche von zwei möglichen
Handlungen die bessere und welche die schlechtere war, und sobald er
dann nicht so handelte, wie es nötig war, fühlte er dies sogleich.

So lebte er denn ohne die Möglichkeit einer Erkenntnis dessen, zu
sehen, was er sei und wozu er auf der Welt lebe, gequält von dieser
Unkenntnis bis zu einem Grade, daß er den Selbstmord fürchtete und sich
doch zugleich damit fest einen sicheren Weg durch das Leben bahnend.


                                  11.

Gerade an dem Tage, an welchem Sergey Iwanowitsch nach Pokrovskoje
gekommen war, befand sich Lewin in einer seiner peinlichsten Stimmungen.

Es war mitten in der Arbeitszeit, wo alles Volk eine so ungewöhnliche
Anspannung in der Selbstaufopferung bei der Arbeit zeigt, wie sie sonst
unter keinen Bedingungen im Leben erscheint und die hoch geschätzt
werden würde, wenn die Leute, welche diese Eigenschaften zeigen,
sie selbst schätzten, wenn sich nicht ein und dasselbe alljährlich
wiederholte, und die Resultate dieses Kraftaufwands nicht so einfach
wären.

Roggen schneiden und Hafer, und ihn hereinzubringen, Wiesen zu mähen,
Korn ausdreschen und Wintersaat aussäen -- alles das scheint einfach
und gewöhnlich; aber um es mit Erfolg zu thun, ist es nötig, daß alle,
vom Ältesten an bis zum Jüngsten rastlos, dreimal mehr als gewöhnlich,
während drei oder vier Wochen arbeiten, sich nur von Kwas, Zwiebel und
Schwarzbrot nährend, dreschend, des Nachts Feime abfahrend und sich zum
Schlaf nicht mehr als drei Stunden den ganzen Tag gönnend. Alljährlich
ist dies so in ganz Rußland.

Lewin, der einen großen Teil seines Lebens auf dem Dorfe, in nahen
Beziehungen zum Volke gelebt hatte, fühlte stets während der
Arbeitszeit, daß sich diese allgemeine Regsamkeit der Leute auch ihm
mitteile.

Am Morgen fuhr er zum ersten Roggenschnitt oder nach dem Hafer, den
man in Feime gesetzt hatte, und kehrte dann, wenn sein Weib und die
Schwägerin sich erhoben, heim; trank mit ihnen Kaffee und begab
sich dann zu Fuße nach dem Vorwerk, wo man eine neu aufgestellte
Dreschmaschine zur Vorbereitung des Samens in Gang setzte.

Diesen ganzen Tag hatte Lewin im Gespräch mit dem Verwalter und den
Bauern, zu Hause mit seinem Weib, mit Dolly und ihren Kindern, und mit
dem Schwiegervater, immer nur über das Eine nachgedacht, was ihn in
dieser Zeit neben seinen wirtschaftlichen Sorgen beschäftigte, und in
allem nur die Antwort auf seine Frage gesucht: »Was bin ich, wo bin
ich; warum bin ich hier?«

In der Kühle der neugedeckten Trockenscheune stehend, blickte Lewin
bald durch die geöffnete Thür hinaus, in welcher der trockene und
scharfe Staub vom Dreschen wirbelte, auf das von der glänzenden Sonne
beleuchtete Gras der Tenne und das frische Stroh, das soeben erst
aus dem Schuppen geholt worden war -- bald nach den weißhalsigen
Schwalben mit ihren bunten Köpfen, die mit Gezwitscher unter das Dach
flogen und mit schlagenden Flügeln an den Fensteröffnungen der Thüre
hängen blieben, bald auf die Leute, welche in der dunklen, staubigen
Trockenscheune hantierten, und hatte dabei seltsame Gedanken.

»Warum geschieht das alles?« grübelte er. »Warum stehe ich hier und
lasse arbeiten? Weshalb hasten die alle und mühen sich, mir ihren Eifer
zu zeigen? Warum plagt sich die alte Matrjona da, die ich kenne? Ich
habe sie ja kuriert, als bei einer Feuersbrunst der Dachbalken auf sie
gestürzt war,« dachte er, indem er dem hageren Weibe zusah, welches
mit der Schaufel Korn werfend, angestrengt mit den schwarzgebräunten,
nackten Füßen auf den unebenen harten Tennenplatz vortrat.

»Sie ist damals wieder gesund geworden, aber dennoch, zwar nicht
heute, doch vielleicht nach zehn Jahren verscharrt man sie, und nichts
bleibt mehr von ihr; ebensowenig wie von jener Kokette dort im roten
Tuch, die mit so gewandter Bewegung die Spreu von den Ähren sondert.
Auch sie wird man einscharren, wie den gescheckten Wallachen dort
-- und sehr bald sogar,« dachte er, auf das mit geöffneten Nüstern
schnaubende Pferd mit dem schwerhängenden Bauche schauend, welches um
ein liegendes Rad lief, das sich unter ihm bewegte. »Auch das Pferd
wird man verscharren und den Fjodor mit seinem krausen, voll Spreu
hängenden Barte und dem zerrissenen Hemd auf der hellschimmernden
Schulter -- man wird sie begraben! Er wühlt die Garben auseinander und
ordnet an, ruft den Weibern zu und regelt mit schneller Bewegung den
Riemen am Schwungrad. Aber vor allem, nicht nur sie, auch mich wird
man einscharren und nichts wird bleiben. Und wozu?« So sann er und
schaute dabei nach der Uhr, um zu berechnen, wie viel in einer Stunde
gedroschen werde. Er mußte dies wissen, um hiernach das Arbeitspensum
für den Tag geben zu können.

»Schon bald eine Stunde und sie haben erst den dritten Feim
angefangen,« dachte Lewin, trat zu dem Zugeber und sagte zu ihm, das
Geräusch der Maschine überschreiend, er gäbe zu schnell zu.

»Du giebst zu viel hinein, Fjodor -- siehst du, sie bleibt hängen und
geht daher nicht schnell genug! Du mußt das ausgleichen!«

Fjodor, von dem Staube der ihm am schweißbedeckten Gesicht klebte,
schwarz geworden, schrie etwas als Antwort, that aber nicht, wie Lewin
wollte.

Dieser trat daher an den Cylinder, ließ Fjodor beiseite treten und
begann selbst zuzugeben. Nachdem er bis zu der Mittagspause der Bauern
gearbeitet hatte, bis zu welcher nicht mehr viel Zeit war, verließ er
zusammen mit dem Zugeber die Trockenscheune und sprach mit ihm.

Der Zugeber war aus einem entfernter liegenden Dorfe, dem nämlichen,
in welchem Lewin früher Land zur Bildung der Arbeitsgenossenschaft
vergeben hatte. Jetzt war das Land in Pacht gegeben.

Lewin unterhielt sich mit Fjodor über dieses Land und frug ihn, ob
Platon, der reiche und tüchtige Bauer jenes Dorfes, für das nächste
Jahr welches nehmen werde.

»Der Preis ist zu hoch und Ihr solltet an Platon nicht vergeben,« sagte
Fjodor, sich die Ähren von der schweißbedeckten Brust nehmend.

»Aber Kiriloff giebt ihm doch welches?«

»Mitjucha, Konstantin Dmitritsch, warum sollte der es nicht thun! Der
drückt die Menschen und nimmt sich schon das Seine. Den dauert kein
Christenmensch. Onkel Fokanitsch aber,« so nannte er den Bauern Platon,
»zieht der etwa dem Menschen das Fell über die Ohren? Hier giebt er
eine Schuldforderung, dort erläßt er -- oder nimmt selbst gar nichts.
Das ist auch ein Mensch.«

»Aber warum erläßt er Etwas.«

»Nun, die Leute sind eben verschieden. Der eine lebt nur für seinen
Leib, wenigstens Mitjucha; der stopft sich nur den Wanst voll, aber
Fokanitsch -- das ist ein rechtschaffener alter Mann. Er lebt nur für
sein Seelenheil, und denkt an Gott!«

»Wie soll er denn an Gott denken? Wie soll er nur für sein Seelenheil
leben?« schrie Lewin fast.

»Nun, das ist doch bekannt, nach der Gerechtigkeit, in Gott. Die
Menschen sind eben verschieden! Man braucht ja nur Euch anzusehen; Ihr
beleidigt auch keinen Menschen.«

»Nun leb' wohl,« fuhr Lewin fort, vor Erregung tief Atem holend,
ergriff, sich nun umwendend, seinen Stock und schritt eilig dem Hause
zu.

Bei den Worten des Bauern, daß Fokanitsch für sein Seelenheil, nach
der Gerechtigkeit und in Gott lebe, waren ihm unklare, aber wichtige
Ideen in Masse, als hätten sie sich aus einem Gewahrsam freigemacht,
gekommen, und diese alle wirbelten nun, nach einem Ziele strebend, in
seinem Kopfe herum und blendeten ihn mit ihrem Licht.


                                  12.

Lewin ging mit großen Schritten die Landstraße entlang, weniger seinen
Gedanken Gehör gebend -- er vermochte noch nicht, sie zu sichten -- als
mit seinem Seelenzustand beschäftigt, der jetzt so war, wie er ihn noch
nie an sich kennen gelernt hatte.

Die Worte, die ihm von dem Bauern gesagt worden waren, brachten
in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervor,
der plötzlich erscheint, zusammengesetzt aus einer ganzen Schar
gesonderter, unkräftiger Gedanken, die nicht aufhörten, ihn zu
beschäftigen. Diese Gedanken hatten ihn, ohne daß er es merkte, schon
während der Zeit, als er von dem Landverkauf sprach, beschäftigt.

Er fühlte in seiner Seele etwas Neues und empfand dieses Neue mit
Befriedigung, doch ohne zu wissen, was es sei.

»Nicht für meine Notdurft allein soll ich leben, sondern für Gott. Für
welchen Gott? Kann man etwas Unsinnigeres äußern, als das, was Fjodor
sagte? Er sagte, man müsse nicht nur für seine Bedürfnisse leben,
das heißt, für das, was wir verstehen, wozu wir Neigung empfinden,
wonach uns verlangt, sondern für etwas Unbegreifliches, für einen
Gott, den niemand begreifen, oder bezeichnen kann. Und was will ich?
Habe ich die sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Wenn ich sie
verstanden habe, zweifle ich denn an ihrer Richtigkeit? Habe ich sie
thöricht, unklar und ungenau gefunden? Nein, ich habe ihn verstanden,
und vollkommen so, wie er selbst versteht; er hat vollständig, und
klarer verstanden, als ich Etwas im Leben verstehe, und nie im Leben
habe ich daran gezweifelt, werde ich daran zweifeln können. Nicht ich
allein aber, sondern jedermann, die ganze Welt, erkennt dieses Eine
völlig und zweifelt nicht daran und ist damit einverstanden. Aber ich
suchte Wunder, ich habe es beklagt, daß ich kein Wunder sah, welches
mich überzeugte. Ein materielles Wunder hätte mich gelockt. Aber es
giebt ja ein Wunder, das einzig mögliche, immerwährend vorhandene, mich
von allen Seiten umgebende -- und ich habe das nicht bemerkt! Fjodor
sagt, daß Kiriloff nur für seinen Bauch lebt. Dies ist begreiflich und
verständig. Wir alle, als vernünftige Wesen, können nicht anders leben,
als für unseren Leib. Und da sagt nun dieser Fjodor plötzlich, daß es
häßlich sei, nur für den Wanst zu leben; man müsse der Gerechtigkeit,
für Gott leben, und ich verstehe ihn aus diesem Fingerzeig. Ich
sowohl, wie die Millionen von Menschen, welche Jahrhunderte vor uns
gelebt haben und jetzt noch leben, die Bauern, die Bettler am Geist
und die Weisen, die, welche darüber gedacht und geschrieben haben,
in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagend -- wir alle sind in dem
Einen einverstanden: Weshalb man leben muß, und was gut ist! -- Mit
allen Menschen habe ich nur _eine_ feste, unzweifelhafte und klare
Erkenntnis, und diese Erkenntnis kann nicht vom Verstand erläutert
werden, sie liegt außerhalb desselben und hat keine Gründe, kann
auch keine Folgen haben. Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es
schon nicht mehr gut; wenn es eine Folge hat, eine Belohnung, so ist
es gleichfalls nicht gut. Vielleicht liegt das Gute außerhalb der
Kette von Ursache und Wirkung. Und ich kenne das; wir alle kennen
es. Welches Wunder könnte es geben, das größer wäre, als dies? Habe
ich denn wirklich die Lösung des Ganzen gefunden, sollten jetzt alle
meine Leiden vorüber sein?« dachte Lewin, auf dem staubigen Wege
hinschreitend, ohne die Hitze zu merken oder die Ermüdung, aber im
Gefühl einer Abspannung von den langen Leiden.

Dieses Gefühl war ein so freudiges, daß es ihm ganz unwahrscheinlich
vorkam. Er atmete schwer vor Erregung, und bog, ohne die Kraft, noch
weiter zu gehen, vom Wege ab in den Wald und setzte sich in den
Schatten einer Esche auf das nicht gemähte Gras. Er nahm den Hut von
dem nassen Kopfe und legte sich, auf den Arm gestemmt, in das saftige,
schwellende Waldgras.

»Ja, ich muß mir alles klar machen, und verstehen,« dachte er, starr
auf das nicht niedergedrückte Gras blickend, welches vor ihm stand, und
den Bewegungen eines grünen Blattlauskäfers folgend, der sich an dem
Stengel eines Queckengrases erhob, in seinem Aufstieg aber durch ein
Blatt gehindert wurde.

»Was habe ich entdeckt?« frug er sich, das Blatt entfernend, um
das Insekt nicht zu hindern, und ein anderes Gras biegend, daß der
Blattlauskäfer auf dasselbe hinüberlaufen könne. »Was freut mich denn
so? Was habe ich denn entdeckt? Ich habe nichts entdeckt! Ich habe
nur erkannt, was ich weiß. Ich habe jene Kraft erkannt, die nicht
nur in der Vergangenheit liegt, die mir das Leben gegeben hat und
mir auch jetzt das Leben verleiht. Ich habe mich vom Irrtum befreit
und den Herrn erkannt! Früher sagte ich, daß sich in meinem Körper,
in dem Körper dieses Grases und dieses Käfers -- da, er hat nicht
auf das Gras gewollt, die Flügel ausgebreitet und ist fortgeflogen
-- nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein
Stoffwechsel vollzieht. In uns allen aber, gleich wie in jenen Espen,
in den Wolken und den Nebelflecken, vollzieht sich eine Entwicklung.
Woher stammt diese Entwicklung? Auf was geht sie? Es ist eine endlose
Entwicklung, ein Kampf. Ganz ebenso nun kann eine gewisse Richtung,
ein Kampf in dem Unendlichen sein. Und da habe ich mich gewundert,
daß mir trotz der größten geistigen Anstrengungen auf diesem Wege,
dennoch nicht der Gedanke des Lebens geoffenbart worden ist! Jetzt
spreche ich es aus, daß ich den Gedanken meines Daseins kenne: Leben
für Gott und für die Seele! Und dieser Gedanke ist ungeachtet seiner
Klarheit geheimnisvoll und wundersam. So ist auch der Gedanke des
gesamten Seins,« sprach er zu sich selbst, sich auf den Leib wälzend
und Grashalme in Bündel zusammennehmend, wobei er sich hütete, sie zu
zerknicken. In Kürze wiederholte er sich nun selbst den ganzen Gang
seiner Gedanken während der letzten beiden Jahre, dessen Anfang klar
war; der deutliche Gedanke an den Tod bei dem Anblick des geliebten,
hoffnungslos kranken Bruders.

Zum erstenmale, damals klar erkennend, daß es für jeden Menschen, und
auch für ihn, in Zukunft nichts als Leiden, Tod und ewige Vergessenheit
geben werde, entschied er, daß er so nicht weiter leben könne, und sich
sein Leben entweder so abklären müsse, daß es nicht mehr als der böse
Streich eines Satans erscheine -- oder er sich erschießen müsse.

Er that indes weder das Eine noch das Andere, sondern lebte ruhig
weiter und fuhr fort, zu sinnen und zu spüren; hatte sogar gerade
in dieser Zeit geheiratet, erlebte viele Freuden und fühlte sich
glücklich, wenn er nicht an den Zweck seines Daseins dachte.

Was aber bedeutete das? Es bedeutete, daß er rechtschaffen lebte,
aber schlecht dachte. Er lebte -- ohne dies zu erkennen -- von jenen
geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, und
dachte, ohne diese Wahrheiten anzuerkennen, ja, sie geflissentlich
umgehend.

Jetzt wurde es ihm klar, daß er leben konnte nur dank jenen
Überzeugungen, in denen er erzogen war.

»Was würde ich gewesen sein, und wie hätte ich mein Leben verbracht,
hätte ich diese Überzeugungen nicht gehabt, nicht gewußt, daß man
für Gott leben muß und nicht für die eigenen Bedürfnisse? Ich hätte
geraubt, gelogen, gemordet. Nichts von dem, was die höchsten Freuden
meines Lebens ausmacht, würde für mich vorhanden gewesen sein.«

Aber trotz der größten Anstrengungen seiner Vorstellungskraft, konnte
er sich doch nicht jenes tierische Geschöpf vorstellen, welches er
selbst gewesen sein würde, wenn er nicht erfahren hätte, wozu er lebte.

»Ich habe die Antwort auf meine Frage gesucht, aber diese Antwort
kann nicht das Denken geben, welches in unmeßbarem Verhältnis zu der
Frage steht. Die Antwort hat mir das Leben selbst gegeben in meiner
Erkenntnis dessen, was gut und schlecht sei. Aber diese Erkenntnis habe
ich nicht durch Etwas erworben, sondern sie ist mir gegeben gewesen
zugleich mit allem, _gegeben_ deswegen, weil ich sie von nirgendsher
nehmen konnte. Woher habe ich sie genommen? Bin ich durch meinen
Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und ihn
nicht erwürgen darf. Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich
habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was mir schon
in der Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand nicht! Der
Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches
fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche
hindern, beseitigen soll. Dies ist die Lehre des Verstandes, aber die
Nächstenliebe konnte der Verstand nicht lehren, weil das unverständig
gewesen wäre.«


                                  13.

Lewin fiel die kürzlich stattgehabte Scene mit Dolly und ihren Kindern
ein. Die Kinder, allein gelassen, hatten Himbeeren über Kerzen geröstet
und sich die Milch als Fontäne in den Mund gespritzt. Die Mutter,
welche sie auf der That ertappt, hatte ihnen in Lewins Gegenwart zu
Gemüt geführt, welche große Mühe den Erwachsenen das verursache, was
sie da verdorben, und daß diese Arbeit doch für sie geschähe, und sie,
wenn sie die Tassen zerschlügen, nichts haben würden, woraus sie Thee
tränken; wenn sie aber Milch vergössen, so würden sie nichts zu essen
haben und müßten Hungers sterben.

Lewin überraschte die stille Niedergeschlagenheit und der Argwohn,
mit welchem die Kinder diese Worte der Mutter anhörten. Sie waren nur
darüber erbittert, daß ihr unterhaltendes Spiel abgebrochen worden
war, und glaubten kein Wort von dem was die Mutter sagte. Sie konnten
es auch nicht glauben, weil sie sich den ganzen Umfang dessen, was sie
begangen, gar nicht vorstellen, und infolge dessen sich nicht denken
konnten, daß das, was sie verdorben hatten, eben das sei, wovon sie
lebten.

»Das ist alles für sich allein da,« dachten sie, »und etwas
Interessantes oder Wichtiges liegt nicht darin, deswegen weil es stets
war und sein wird und stets ein und dasselbe ist. Wir brauchen daher
gar nicht daran zu denken, denn das ist alles schon da und wir wollen
nur etwas Eigenes und recht Neues dabei ausdenken. So haben wir uns
ausgedacht, in die Tasse Himbeeren zu nehmen und sie über einem Licht
zu rösten, die Milch aber als Fontäne uns gegenseitig in den Mund zu
spritzen. Das ist lustig und neu und in nichts schlechter, als aus den
Tassen zu trinken.«

»Thun wir nun nicht etwa ganz das Nämliche, thue ich es nicht, mit
meinem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte erforschend und den
Gedanken des menschlichen Lebens?« fuhr Lewin fort zu denken. »Und
thun dies nicht alle philosophischen Theorieen, indem sie auf einem
seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg, zu der Erkenntnis
dessen führen, was der Mensch lange schon weiß, so genau weiß, daß
er ohne es gar nicht hätte leben können. Ist es denn nicht aus der
Entwicklung der Theorie eines jeden Philosophen klar ersichtlich, daß
er im voraus unfehlbar ebenso gut, wie der Bauer Fjodor und durchaus
nicht genauer als dieser, den Hauptgedanken des Daseins kennt, und nur
auf dem zweifelhaften Wege des Verstandes zu dem gelangen will, was
allen bekannt ist? Wollte man die Kinder allein auf Erwerb ausgehen
lassen, sollten dieselben Geschirr fertigen, Milch melken &c., würden
sie dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so wollen
wir doch mit unseren Leidenschaften und Gedanken ohne Verständnis
des einigen Gottes und Schöpfers bleiben, oder ohne Verständnis von
dem, was gut ist, ohne Offenbarung des moralisch Schlechten. >Aber
schafft Ihr etwas ohne dieses Verständnis!< >Wir zerstören nur, weil
wir geistig satt sind. Wir sind eben Kinder!< Woher kommt in mir diese
freudige, mir mit dem Bauern gemeinsame Erkenntnis, welche mir allein
die Seelenruhe verleiht? Woher habe ich sie genommen? Erzogen in der
Vorstellung eines Gottes, als Christ, und mein ganzes Leben hindurch
erfüllt von diesen geistigen Gütern, die mir das Christentum verliehen
hat, welches an diesen lebendigen Schätzen überreich ist und in ihnen
lebt, zerstöre ich diese, wie die Kinder, ohne sie zu verstehen, --
das heißt, ich will zerstören -- das, wodurch ich lebe. Sobald jedoch
eine ernste Minute des Lebens naht, gehe ich, wie die Kinder, wenn
sie frieren oder hungrig sind, zu Ihm, und fühle noch weniger als
Kinder, welche die Mutter wegen kindischer Streiche schilt, daß meine
kindlichen Versuche, über die man genugsam schelten könnte, mir nicht
angerechnet werden. Also das, was ich weiß, weiß ich nicht infolge
des Verstandes, sondern es ist mir gegeben, mir geoffenbart, und ich
weiß es durch mein Herz, meinen Glauben an das Höchste, was die Kirche
bekennt.«

»Die Kirche? Die Kirche?« wiederholte Lewin, sich auf die andere Seite
legend und schaute, auf den Ellbogen gestützt, in die Ferne nach einer
jenseits zum Flusse gehenden Herde. »Kann ich dann aber an alles
glauben, was die Kirche lehrt?« dachte er, sich prüfend und alles das
überdenkend, was seine jetzige Ruhe stören konnte. Absichtlich begann
er, sich diejenigen Lehren der Kirche zu vergegenwärtigen, die ihm vor
allen anderen stets befremdlich gewesen waren und ihn verleitet hatten.

»Die Schöpfung? Womit habe ich denn das Sein erklärt? Mit dem Sein?
Mit dem Nichts? -- Teufel und Sünde! -- Womit erkläre ich das Böse? --
Was ist der Erlöser? -- Ich weiß eben nichts, nichts, und kann nichts
wissen, als nur das, was mir und allen anderen gesagt worden ist.« --

Und jetzt schien es ihm, als gäbe es kein einziges unter den
Bekenntnissen der Kirche, welches die Hauptsache, den Glauben an Gott,
an das Gute, als die einzige Bestimmung des Menschen stürzte. Für jedes
Bekenntnis der Kirche konnte das Bekenntnis zum Dienst in der Wahrheit
anstatt in den Lüsten eingesetzt werden. Und jedes derselben warf dies
nicht nur nicht um, sondern war vielmehr erforderlich dazu, daß sich
jenes höchste, beständig auf Erden erscheinende Wunder auch vollzog,
welches darin bestand, daß es jedem möglich werde, gemeinsam mit
Millionen verschiedenartigster Menschen, mit Weisen und Narren, Kindern
und Greisen -- mit allen, mit den Bauern und mit Lwoff, mit Kity, und
mit Bettlern oder Königen untrüglich ein und dasselbe zu erkennen, und
das Leben der Seele hinzuzustellen, für welches allein es schon der
Mühe wert war zu leben, und das allein wir schützen.

Auf dem Rücken liegend, sah er jetzt in den hohen, wolkenlosen Himmel
hinein.

»Weiß ich denn nicht, daß dies ein endloser Raum ist, und kein rundes
Gewölbe? Aber wie ich auch den Blick anstrengen mag, ich kann ihn nicht
anders erblicken als rund und unbegrenzt und ungeachtet meiner Kenntnis
seiner unbegrenzten Weite habe ich unzweifelhaft recht. Wenn ich das
feste blaue Gewölbe ansehe, handle ich richtiger, als wenn ich mich
anstrenge, weiter zu blicken.«

Lewin hörte schon auf zu denken, gleich als ob er geheimnisvollen
Stimmen lauschte, die sich freudig und sorglich unterhielten.

»Sollte dies etwa der Glaube sein?« dachte er, sich scheuend,
seinem Glück zu trauen. »Mein Gott, ich danke dir!« sprach er, ein
aufsteigendes Schluchzen hinunterschluckend und sich mit beiden Händen
die Thränen abwischend, von denen seine Augen voll standen.


                                  14.

Lewin schaute vor sich hin und sah die Herde, dann erblickte er seinen
Wagen mit dem Braunen bespannt, und den Kutscher, welcher zur Herde
heranfahrend, mit dem Hirten sprach. Hierauf vernahm er, bereits in
seiner Nähe, das Geräusch von Rädern und das Schnauben eines satten
Pferdes, doch war er so versunken in seinen Gedanken, daß er gar nicht
daran dachte, weshalb der Kutscher zu ihm gefahren komme.

Es fiel ihm das erst ein, als ihm dieser, bereits ganz nahe bei ihm,
zurief:

»Die Herrin schickt mich. Der Bruder und noch ein Herr sind angekommen.«

Lewin setzte sich auf den Wagen und ergriff die Zügel. Wie aus dem
Schlaf erwacht, konnte er lange Zeit nicht zur klaren Besinnung kommen.
Er betrachtete das satte Pferd, blickte den Kutscher Iwan an, der neben
ihm saß und besann sich nun, daß er den Bruder ja erwartete, daß seine
Frau wahrscheinlich über sein langes Ausbleiben besorgt sein werde;
und er bemühte sich nun, zu raten, wer der Gast sein könne, der mit
dem Bruder gekommen war. Sowohl dieser, wie sein eigenes Weib und der
unbekannte Besuch erschienen ihm jetzt anders, als vorher. Ihm schien,
als ob jetzt seine Beziehungen zu allen Menschen schon andere werden
wollten.

»Dem Bruder gegenüber wird jetzt nicht mehr die Rede von jener
Entfremdung sein, die stets zwischen uns herrschte, es sollten keine
Streitigkeiten mehr herrschen; auch mit Kity sollte es nie mehr Zwist
geben und mit dem Gaste, wer es auch sein mag, werde ich freundlich und
gut sein; auch mit den Leuten, mit Iwan -- alles wird anders werden.«

Straff das vor Ungeduld schnaubende, eine schnellere Gangart
anstrebende, gute Pferd haltend, schaute Lewin den neben ihm sitzenden
Iwan an, der nicht wußte, was er mit seinen zur Unthätigkeit
verurteilten Händen machen sollte, und beständig sein aufgeblähtes Hemd
andrückte und suchte nach einem Thema, um ein Gespräch mit diesem zu
beginnen.

Er wollte sagen, daß Iwan überflüssigerweise den Sattelriemen zu hoch
gezogen habe, doch dies wäre einem Vorwurf ähnlich gewesen und er
wollte jetzt nur freundliche Gespräche führen. Etwas anderes kam ihm
nicht in den Kopf.

»Nehmt doch, bitte rechts, sonst wird der Baumstamm da« -- sagte der
Kutscher, Lewins Zügel dirigierend.

»Laß das gefälligst und belehre mich nicht!« antwortete Lewin,
ungehalten über diese Einmischung des Kutschers.

So wie immer, machte ihn auch jetzt eine Einmischung verstimmt, und er
fühlte sogleich voll Schmerz, wie irrig seine Vermutung gewesen war,
daß seine Seelenstimmung ihn sogleich bis zu einer Anpassung an die
Wirklichkeit hätte wandeln können.

Als er sich seinem Hause bis auf eine viertel Werst genähert hatte,
erblickte er Grischa und Tanja, die ihm entgegeneilten.

»Onkel Konstantin! Mama kommt auch, und der Onkel, und Sergey
Iwanowitsch und noch jemand,« sagten sie auf den Wagen kletternd.

»Wer denn?«

»Außerordentlich seltsam! Er macht es mit den Händen immer so,« sagte
Tanja, sich im Wagen erhebend und Katawasoff nachahmend.

»Ist er alt oder jung?« frug Lewin lachend, die Vorstellung Tanjas
hatte ihn an jemand erinnert. »O, wenn es nur kein unangenehmer Mensch
ist!« dachte er.

Kaum um die Biegung des Weges herum, gewahrte Lewin die
Entgegenkommenden, und erkannte Katawasoff im Strohhut, wie er im Gehen
mit den Armen schwenkte, so wie es Tanja vorgemacht hatte.

Katawasoff sprach sehr gern über Philosophie, obwohl er von ihr nur
einen Begriff aus den Naturwissenschaften besaß, und sich sonst nie
damit beschäftigt hatte. In Moskau hatte Lewin in letzter Zeit viel mit
ihm disputiert. Eines jener Gespräche, in welchem Katawasoff jedenfalls
gehofft hatte Sieger zu bleiben, fiel Lewin sofort wieder ein, nachdem
er Katawasoff erkannt hatte.

»Nein; streiten und in unüberlegter Weise meine Ideen äußern werde ich
um keinen Preis,« dachte er.

Aus dem Wagen steigend und den Bruder nebst Katawasoff begrüßend, frug
Lewin dann nach seiner Frau.

»Sie hat Mitja in das Wäldchen beim Hause getragen. Sie wollte es
dorthin bringen, denn im Hause ist es zu warm,« berichtete Dolly. Lewin
hatte seiner Gattin stets davon abgeraten, das Kind in den Wald zu
tragen, da er dies für gefährlich befand, und die Nachricht war ihm
daher unangenehm.

»Sie schleppt sich mit ihm von Ort zu Ort,« sagte der Fürst lächelnd.
»Ich habe ihr geraten, es in den Eiskeller zu bringen.«

»Sie wollte nach dem Bienengarten gehen, da sie dachte, du würdest dort
sein. Wir gehen soeben hin,« sagte Dolly.

»Nun, was machst du denn?« sagte Sergey Iwanowitsch, von den anderen
weggehend und sich zu dem Bruder gesellend.

»Nichts Besonderes. Wie immer, beschäftige ich mich mit der Ökonomie,«
antwortete Lewin. »Und du? Bleibst du lange hier? Wir haben dich so
lange erwartet.«

Bei diesen Worten begegneten sich die Augen der Brüder und Lewin
fühlte, trotz des steten und jetzt bei ihm besonders lebhaft gewordenen
Wunsches, in freundschaftliche und hauptsächlich klare Beziehungen
zu seinem Bruder zu treten, daß es ihm peinlich war, denselben
anzublicken. Er schlug die Augen nieder und wußte nicht, was er sagen
sollte.

Indem er die Themen durchging, welche Sergey Iwanowitsch willkommen
sein und ihn von dem Gespräch über den serbischen Krieg und die
slawische Frage ablenken konnten, auf die er schon mit einem Hinweis
auf seine Geschäfte in Moskau hingewiesen hatte, begann Lewin von dem
Buche Sergey Iwanowitschs zu sprechen.

»Nun, sind denn Recensionen über dein Buch erschienen?« frug er.

Sergey Iwanowitsch lächelte über das Vorbedachte in der Frage.

»Es hat sich niemand darum gekümmert; ich am allerwenigsten,« sagte er.
»Paßt auf, Darja Aleksandrowna, es wird Regen geben,« fügte er hinzu,
mit dem Schirme auf die über den Wipfeln der Espen erscheinenden weißen
Wolken deutend.

Es waren genug Worte gefallen, die, wenn nicht eine feindselige, so
doch kühle Beziehung zwischen beiden, wie sie Lewin so gern vermieden
hätte, wiederum zwischen den Brüdern eintreten lassen konnten.

Lewin ging zu Katawasoff.

»Wie gut Ihr daran thatet, Euch zu einem Besuch bei uns zu
entschließen,« sagte er zu ihm.

»Ich war schon lange dazu im Begriff gewesen. Nun können wir
disputieren. Laßt doch sehen. Habt Ihr Spencer gelesen?«

»Nun, nicht ganz,« versetzte Lewin, »ich brauche ihn übrigens jetzt
nicht.«

»Was heißt das? Er ist doch so interessant. Warum denn nicht?«

»Ich habe mich endgültig überzeugt, daß ich die Lösungen der Fragen,
welche mich beschäftigen, nicht in ihm und seinesgleichen finde.
Jetzt« --

Der ruhige, heitere Gesichtsausdruck Katawasoffs überraschte ihn
plötzlich, und um seine Stimmung, die er offenbar mit diesem Gespräch
fahren lassen mußte, war es ihm nun so leid, daß er in der Erinnerung
an seinen Vorsatz, innehielt.

»Sprechen wir übrigens später davon,« fügte er hinzu. »Wenn wir nach
dem Bienengarten wollen, so müssen wir hierhin, auf diesem Fußweg,«
wandte er sich an die Gesellschaft.

Als man auf dem engen Fußwege bis zu einer ungemähten Wiese gekommen
war, auf welcher auf der einen Seite dichter heller Kuhweizen stand,
während sich in der Mitte viele dunkelgrüne hohe Büsche von Nießwurz
befanden, ließ Lewin seine Gäste in dem tiefen kühlen Schatten der
jungen Espen auf einer Bank und auf Holzklötzen, die für die Besucher
des Bienengartens, welche sich vor den Bienen fürchteten, eigens
vorgerichtet waren, niedersetzen, und begab sich selbst zu einem
Verhau, um den Kindern und Erwachsenen Brot, Gurken und frischen Honig
zu holen.

Im Bemühen, sich möglichst ruhig zu bewegen, und den immer häufiger und
häufiger an ihm vorüberfliegenden Bienen lauschend, ging er auf dem
Fußweg bis zur Hütte. Dicht vor dem Flur summte eine Biene auf, die
sich in seinem Barte verwickelt hatte, doch er befreite sie behutsam.

Nachdem er in den schattigen Flur getreten war, nahm er von der Wand
sein dort an einem Pflock aufgehängtes Netz herab und ging, sobald
er es angelegt und die Hände in die Taschen gesteckt hatte, in den
umzäunten Bienengarten, in welchem in regelmäßig angelegten Reihen,
mit Bast an Pfähle festgebunden, inmitten eines glattgemähten Platzes
die sämtlichen, ihm so wohlbekannten Bienenkörbe standen -- die jeder
seine eigene Geschichte hatten -- an den Seiten des Zaunes aber
befanden sich die jungen, welche erst im laufenden Jahre eingesetzt
worden waren. Vor den Fluglöchern der Bienenstöcke flimmerten in den
Augen die kreisenden und sich auf einem Punkte zusammendrängenden
Bienen und Drohnen und unter ihnen, immer in der nämlichen Richtung
zum Wald hinüber nach einer blühenden Linde, und zu den Stöcken
zurück flogen die Arbeitsbienen mit ihrer Ladung oder nach derselben.
Man hatte nur das unausgesetzte wechselnde Summen der in Thätigkeit
begriffenen, eilig dahinfliegenden Arbeitsbiene, oder der blasenden,
müßigen Drohne im Ohr, oder das von Erschreckten, die ihre Beute vor
einem Feinde in Sicherheit brachten und im Begriff waren, nun bei
den Wachen des Stockes Beschwerde zu führen. Jenseits der Umzäunung
hobelte ein alter Mann, der Lewin nicht bemerkt. Dieser blieb in der
Mitte des Bienengartens stehen, ohne jenen anzurufen. Er freute sich
über die Gelegenheit, wieder allein zu sein, sich von der Wirklichkeit
wieder erholen zu können, welche ihm bereits seine Stimmung wieder
herabgemindert hatte.

Er erinnerte sich, daß er schon auf Iwan ungehalten gewesen war, seinem
Bruder Kälte gezeigt und mit Katawasoff oberflächlich zu sprechen
angefangen hatte.

»Sollte das doch nur eine zeitweilige Stimmung gewesen sein, welche
vorübergeht, ohne eine Spur zu hinterlassen?« dachte er.

Doch im nämlichen Augenblick, indem er sich seiner Stimmung zuwandte,
empfand er voll Freude, daß etwas Neues und Bedeutsames in ihm vorging.
Die Wirklichkeit hatte nur für einige Zeit jene seelische Ruhe
überdeckt, die er gefunden hatte, diese aber war noch unversehrt in ihm.

Gleichwie die Bienen, welche ihn jetzt umschwirrten, ihm drohten und
ihn weglockten, ihn seiner vollen physischen Ruhe beraubten, ihn
zwangen, sich zu krümmen und ihnen auszuweichen, so hatten ihn die
Sorgen, seit dem Augenblick an ihn herangetreten, da er sich in den
Wagen gesetzt hatte, seiner geistigen Freiheit beraubt; aber dies
währte nur so lange, bis er mitten unter ihnen war.

Wie seine körperliche Kraft unversehrt in ihm lebte, so war auch die
Kraft seines Geistes, deren er sich aufs neue bewußt geworden war, noch
unversehrt in ihm.


                                  15.

»Weißt du, Konstantin, mit wem Sergey Iwanowitsch hierher gefahren
ist?« frug Dolly, unter ihre Kinder Gurken und Honig verteilend, »mit
Wronskiy! Er geht nach Serbien!«

»Und nicht etwa nur allein; er führt eine Eskadron auf seine eigenen
Kosten mit!« sagte Katawasoff.

»Das sieht ihm ähnlich,« sagte Lewin. »Ziehen denn noch immer
Freiwillige hinaus?« fügte er mit einem Blick auf Sergey Iwanowitsch
hinzu.

Dieser nahm, ohne zu antworten, behutsam aus der Tasse, auf welcher
eine weiße Honigscheibe lag, mit dem Taschenmesser eine noch lebende,
in dem flüssigen Honig klebende Biene heraus.

»Und wie viel! Ihr hättet sehen müssen, was gestern noch auf der
Station vorging!« sagte Katawasoff, vernehmlich in die Gurke beißend.

»Wie soll ich das verstehen? Erklärt mir doch um Gottes willen Sergey
Iwanowitsch, wohin alle diese Freiwilligen fahren, und gegen wen sie
kämpfen?« frug der alte Fürst, ein Gespräch fortsetzend, das wohl in
Lewins Abwesenheit begonnen worden war.

»Gegen die Türken,« antwortete Sergey Iwanowitsch mit ruhigem Lächeln,
die sich mit ihren Beinchen hilflos bewegende Biene befreiend, die von
dem Honig schwarz geworden war, und sie von dem Messer auf ein starkes
Espenblatt setzend.

»Und wer hat den Türken den Krieg erklärt? Iwan Iwanitsch Ragozoff, die
Gräfin Lydia Iwanowna und Madame Stahl!«

»Niemand hat den Krieg erklärt, die Leute fühlen nur Mitleid mit ihren
Nächsten und wollen ihnen helfen,« sagte Sergey Iwanowitsch.

»Aber der Fürst spricht nicht von der Hilfe,« sagte Lewin, für seinen
Schwiegervater eintretend, »sondern von dem Kriege. Der Fürst sagt, daß
Privatleute keinen Teil an einem Kriege haben können, wenn nicht die
Regierung eine Entscheidung darüber gegeben hat.«

»Konstantin, sieh, da ist eine Biene! Wahrhaftig sie werden uns noch
stechen!« sagte Dolly, eine Wespe abwehrend.

»Das ist keine Biene, es ist eine Wespe,« sagte Lewin.

»Nun also, wie steht es mit Eurer Theorie?« sagte Katawasoff lächelnd
zu Lewin, diesen offenbar zum Disput auffordernd. »Weshalb haben
Privatleute kein Recht?«

»Meine Theorie ist die: Ein Krieg ist einerseits ein solches Ungeheuer,
etwas so Hartes, Furchtbares, daß kein Mensch -- ich sage noch
gar nicht Christ -- auf seine persönliche Verantwortung hin seine
Anstiftung übernehmen kann. Dies kann nur eine Regierung, welche dazu
berufen ist und zu einem unvermeidlichen Kriege gedrängt wird. Dann
aber verzichten ja auch sowohl nach der sachwissenschaftlichen Seite,
wie nach dem gesunden Menschenverstand die Bürger in Regierungssachen,
insbesondere in Kriegsfragen, auf ihren persönlichen Willen.«

Sergey Iwanowitsch und Katawasoff ergriffen mit ihren schon
bereitgehaltenen Erwiderungen gleichzeitig das Wort.

»Darin liegt aber ja eben der Schwerpunkt, daß es Fälle geben kann, in
denen die Regierung den Willen der Bürger nicht erfüllt; dann zeigt die
Gesellschaft den ihren,« sagte Katawasoff.

Sergey Iwanowitsch stimmte indessen diesem Einwand augenscheinlich
nicht zu. Er zog die Stirn bei den Worten Katawasoffs und sagte etwas
Anderes.

»Du stellst so die Frage unnütz auf. Es handelt sich hier nicht um
eine Kriegserklärung, sondern einfach um den Ausdruck des humanen
christlichen Gefühls. Man mordet unsere Stammesbrüder, die mit uns
des nämlichen Blutes und Glaubens sind. Nun, nehmen wir an, sie wären
selbst nicht unsere Mitbrüder, nicht unsere Glaubensgenossen, sondern
einfach Kinder, Weiber, Greise. Da empört sich doch das Gefühl, und
die Russen eilen zu Hilfe, um diese Schrecken zu verkürzen. Stelle
dir vor, du gingest auf der Straße und sähest, daß Trunkene ein Weib
schlügen oder ein Kind. Ich denke, da würdest du wohl nicht erst
fragen, ob hier jenen Menschen der Krieg erklärt worden sei oder nicht,
sondern darauf zueilen und den Beleidigten verteidigen.«

»Aber den Gegner nicht töten,« sagte Lewin.

»Doch, du würdest ihn töten.«

»Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem
unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich nichts sagen.
Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Südslaven
ist aber nicht vorhanden, kann es auch gar nicht sein.«

»Doch wohl nur für dich nicht! Für die anderen ist es vorhanden,« sagte
Sergey Iwanowitsch mißvergnügt die Stirne runzelnd. »Im Volke sind
die Überlieferungen über Rechtgläubige lebendig, die unter dem Joch
der Gottlosigkeit litten. Das Volk hat von den Leiden der Mitbrüder
vernommen und gesprochen.«

»Kann sein,« sagte Lewin nachgiebig, »aber ich sehe das nicht ein; ich
bin selbst Volk und fühle dies doch nicht.«

»Ich auch nicht,« sagte der Fürst. »Ich habe im Auslande gelebt, die
Zeitungen gelesen und -- ich gestehe es -- selbst was die bulgarischen
Schrecken anbetrifft -- niemals recht begreifen können, weshalb
plötzlich alle Russen ihre slavischen Brüder so zu lieben anfingen,
während ich nicht die geringste Liebe für sie verspürte. Ich ärgerte
mich darüber sehr, dachte, ich sei ein Ungeheuer, oder Karlsbad hätte
auf mich so eingewirkt, aber nachdem ich hierher gekommen, war ich
beruhigt. Ich sehe, daß es auch außer mir noch Leute giebt, die nur für
Rußland Interesse haben, und nicht für die slavischen Brüder -- Leute,
wie Konstantin.« --

»Persönliche Meinungen bedeuten hier nichts,« sagte Sergey Iwanowitsch,
»es kommt nicht auf persönliche Meinungen an, wenn ganz Rußland -- das
Volk -- seinen Willen geäußert hat.«

»Bitte recht sehr, aber das sehe ich nicht. Das Volk weiß was rechtes,«
sagte der Fürst.

»O Papa, warum das? Kommst du Sonntag mit in die Kirche?« frug Dolly,
die dem Gespräch zuhörte. »Gieb mir doch das Handtuch,« wandte sie
sich zu dem alten Herrn, der lächelnd auf ihre Kinder blickte. »Es kann
doch nicht sein, daß alle« --

»Was willst du denn am Sonntag in der Kirche? Man hatte den Geistlichen
ersucht, eine Messe zu lesen. Er las sie. Die Leute aber haben nichts
verstanden, sie seufzten, wie bei jeder Beichte,« fuhr der Fürst fort.
»Dann sagte man ihnen, daß man für den heiligen Zweck in der Kirche
sammle. Nun, da holten sie denn ihre Kopeke hervor und gaben sie, wozu
aber, das haben sie nicht gewußt.«

»Das Volk muß es wissen. Das Bewußtsein seines Geschickes lebt stets
in einem Volke, und in Minuten, wie es die jetzigen sind, wird ihm
dasselbe klar,« sagte Sergey Iwanowitsch voll Überzeugung, nach dem
alten Bienenzüchter schauend.

Ein schöner Greis, mit schwarzem, graumeliertem Bart und dichtem,
silbernem Lockenhaar, stand dieser unbeweglich, eine Schale mit Honig
haltend, freundlich und ruhig da, aus seiner vollen Größe auf die
Herren herniederblickend, offenbar ohne Etwas zu verstehen, noch mit
dem Wunsche darnach.

»So ist es,« sagte er, ausdrucksvoll den Kopf schüttelnd, zu den Worten
Sergey Iwanowitschs.

»Ja, fragt ihn nur! Er weiß nichts und denkt nicht,« sagte Lewin.
»Du hörst wohl, Michailitsch, wir sprechen von dem Krieg?« wandte er
sich an diesen. »Ihr habt das ja in der Kirche gelesen. Wie denkst du
darüber? Müssen wir für die Christen kämpfen?«

»Was haben wir dabei mit zu denken? Aleksander Nikolajewitsch der
Kaiser denkt für uns, er denkt für uns in allen Dingen. Ihm ist alles
klarer. Soll ich nicht noch ein Stück Brot holen?« wandte er sich an
Darja Aleksandrowna, auf Grischa weisend, der soeben mit seiner Rinde
fertig geworden war.

»Ich brauche eigentlich gar nicht zu fragen,« sagte Sergey Iwanowitsch,
»wir haben hunderte und aber hunderte von Menschen gesehen und sehen
sie noch, die alles verlassen, um einer guten Sache zu dienen. Von
allen Enden Rußlands kommen sie herbei, und äußern offen und klar ihre
Gedanken und Absichten. Sie bringen ihr Erspartes mit oder kommen
selbst und sagen rückhaltlos, warum. Was bedeutet dies nun?«

»Es bedeutet, nach meiner Meinung,« sagte Lewin, der warm zu werden
begann, »daß sich in einem Volke von achtzig Millionen immer nicht nur
Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die
ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, von Müßiggängern, die
stets bereit sind, zur Bande Pugatscheffs, nach Khiwa oder nach Serbien
zu gehen.«

»Ich sage dir aber, daß es nicht Hunderte und keine Müßiggänger,
sondern die besten Repräsentanten des Volkes sind,« sagte Sergey
Iwanowitsch mit einer Gereiztheit, als verteidige er seine eigene
Würde. »Und die Opfer? Hier drückt doch das ganze Volk seinen Willen
aus!«

»Das Wort >Volk< ist so unbestimmt,« sagte Lewin. »Die
Bezirksschreiber, Lehrer, und von den Bauern je der Tausendste wissen
wohl, worum es sich handelt. Die Übrigen achtzig Millionen, drücken
nicht nur, wie Michailoff, ihren Willen gar nicht aus, nein, sie haben
nicht einmal auch nur den geringsten Begriff davon, worüber sie ihren
Willen äußern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem
Volkswillen zu sprechen?«


                                  16.

Sergey Iwanowitsch, in der Dialektik bewandert, leitete, ohne hierauf
etwas einzuwenden, das Gespräch sogleich auf ein anderes Gebiet.

»Wenn du den Volksgeist auf arithmetischem Wege erkennen willst, dann
ist dies natürlich sehr schwer zu erreichen. Eine Abstimmung ist bei
uns nicht eingeführt, und kann auch nicht eingeführt werden, weil sie
den Willen des Volkes nicht ausdrückt; doch dafür giebt es andere
Wege. Das liegt in der Luft und wird im Herzen empfunden. Ich spreche
nicht mehr von jenen tieferen Strömungen, welche im stehenden Meere
des Volkes sich bewegen und für jeden nicht von Vorurteilen befangenen
Menschen klar sind. Man schaut nur die Gesellschaft im engsten Sinne
des Wortes an. Alle die verschiedenartigsten Teile in der Welt der
Intelligenz die sich vorher feindlich gegenüberstanden, fließen hier
in Eins zusammen. Jeder Unterschied hört auf, alle gesellschaftlichen
Organe sagen ein und dasselbe, alle empfinden eine elementare Kraft,
die sie ergriffen hat und nun in einer bestimmten Richtung trägt.«

»Die Zeitungen sagen allerdings ein und dasselbe,« meinte der Fürst.
»Es ist damit ganz ebenso, wie bei den Fröschen vor einem Gewitter. Von
ihrem Geschrei hört man nichts weiter.«

»Frösche hin, Frösche her; ich gebe keine Zeitungen heraus und will
sie auch nicht vertreten, sondern spreche nur von der Einmütigkeit im
Denken in der Welt der Intelligenz,« sagte Sergey Iwanowitsch, sich zu
seinem Bruder wendend.

Lewin wollte antworten, doch der alte Fürst fiel ihm ins Wort.

»Über diese Einmütigkeit läßt sich auch noch etwas Anderes sagen,«
begann er, »da habe ich einen Schwiegersohn, Stefan Arkadjewitsch, Ihr
kennt ihn ja. Er hat jetzt ein Amt als Mitglied einer Komiteekommission
und noch etwas, ich weiß nicht mehr genau. Aber er hat da gar nichts
zu thun -- nicht so Dolly, es ist ja kein Geheimnis! -- und bezieht
doch achttausend Rubel Gehalt. Probiert nun und fragt ihn einmal, ob
ihm dieses Amt etwas nützt; er wird Euch beweisen, daß es eines der
notwendigsten ist. So rechtschaffen er auch sein mag, an einen Nutzen
dieser achttausend Rubel wird er mich nicht glauben machen.«

»Ja, er hat mich gebeten, Darja Aleksandrowna von der Erlangung des
Amtes Mitteilung zu machen,« sagte Sergey Iwanowitsch mißvergnügt, in
der Meinung, der Fürst spreche nicht zur Sache.

»So ist es auch mit der Harmonie in der Presse. Man hat mir erklärt,
so bald es Krieg giebt, giebt es verdoppelte Einnahmen. Warum sollen
sie da nicht denken, daß die Geschicke des Volkes und der slavischen
Brüder« --

»Ich liebe viele Zeitungen nicht, doch ist das ungerecht,« sagte Sergey
Iwanowitsch.

»Ich würde nur eine Bedingung stellen,« fuhr der Fürst fort. »Alphonse
Karr schrieb dies recht gut vor dem Kriege mit Preußen. >Ihr meint
doch, daß der Krieg notwendig ist! Schön! -- Ein