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Title: Inferno Legenden
Author: Strindberg, August
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Inferno Legenden" ***

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INFERNO

LEGENDEN


AUGUST STRINDBERG


VERDEUTSCHT VON EMIL SCHERING

FÜNFTE AUFLAGE

MÜNCHEN UND LEIPZIG

BEI GEORG MÜLLER

1914


Die grosse Krisis mit fünfzig Jahren Revolutionen im
Seelenleben, Wüsten-Wandrungen, Verödung, Swedenborgs
Höllen und Himmel.


Deutsche Original-Ausgabe gleichzeitig mit der
schwedischen Ausgabe unter Mitwirkung von Emil
Schering als Übersetzer vom Dichter selbst
veranstaltet.



CORAM POPULO!

DE CREATIONE ET SENTENTIA VERA

MUNDI

MYSTERIUM



Personen:

DER EWIGE, unsichtbar.
GOTT, der böse Geist, der Usurpator, der Fürst dieser Welt.
LUCIFER, der Lichtbringer, entthront.
Erzengel.
Engel.
Adam und Eva.



Erster Akt

DER HIMMEL


Gott und Lucifer, jeder auf seinem Thron. Sie sind von Engeln umgeben.
Gott ist ein Greis, dessen Gesichtsausdruck streng, fast böse ist;
er hat einen langen weissen Bart und kleine Hörner, wie der Moses
Michelangelos.

Lucifer ist jung und schön, hat etwas von Prometheus, Apollo, Christus;
die Farbe des Gesichts ist weiss, leuchtend, die Augen blitzen, die
Zähne glänzen; hat einen Heiligenschein über dem Kopf.

GOTT:

Es sei Bewegung, denn die Ruhe hat uns verdorben! Ich will noch eine
Offenbarung wagen, auf die Gefahr hin, mich zu zerteilen und in der
rohen Menge zu verlieren.

Seht, dort unten zwischen Mars und Venus sind noch einige Myriameter
frei in meinem Sonnensystem. Dort will ich eine neue Welt schaffen: aus
Nichts soll sie geboren werden, und ins Nichts soll sie einst wieder
zurückkehren. Die Geschöpfe, die dort leben werden, sollen sich für
Götter halten wie wir, und unsere Freude soll sein, sie kämpfen und
prahlen zu sehen. Die Welt der Torheit soll sie darum auch heissen.
Was sagt mein Bruder Lucifer, der mit mir die Macht über diese Reiche
südlich der Milchstrasse teilt?

LUCIFER:

Herr und Bruder, dein böser Wille heischt Leid und Verderben; ich liebe
deinen Gedanken nicht.

GOTT:

Was sagen die Engel zu meinem Vorschlag?

DIE ENGEL:

Der Wille des Herrn geschehe!

GOTT:

Es werde, wie ich gesagt! Und wehe denen, welche die Tröpfe in der Welt
der Torheit über ihren Ursprung und ihre Aufgabe aufklären.

LUCIFER:

Wehe denen, die böse gut und gut böse nennen, die aus Finsternis Licht
und aus Licht Finsternis machen, die aus bitter süss und aus süss
bitter machen! Ich lade dich vor das Gericht des Ewigen!

GOTT:

Das warte ich ab! Denn begegnest du dem Ewigen öfter als alle zehn mal
zehntausend Jahre, wenn er diese Gebiete besucht?

LUCIFER:

Ich werde den Menschen die Wahrheit sagen, auf dass deine Anschläge zu
nichte werden.

GOTT:

Verflucht seist du Lucifer! Und dein Platz sei in der Welt der Torheit,
damit du ihre Qualen siehst; und die Toren sollen dich den Bösen nennen!

LUCIFER:

Du wirst siegen, weil du stark bist wie das Böse! Für die Menschen
wirst du Gott sein, Du, der Verleumder, der Satan!

GOTT:

Hinunter mit dem Empörer! Vorwärts, Michael, Raphael, Gabriel, Uriel!
Stosst: Samael, Azarël, Mehazaël! Blast: Oriens, Paymon, Egyn, Amaimon!
(Lucifer wird von einem Wirbelwind erfasst und in die Abgründe
gestürzt.)



Zweiter Akt

AUF ERDEN

Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis. Dann Lucifer in der Gestalt
einer Schlange.

EVA:

Diesen Baum habe ich noch nie gesehen.

ADAM:

Diesen Baum dürfen wir nicht berühren.

EVA:

Wer hat das gesagt?

ADAM:

Gott.

LUCIFER: (erscheint). Welcher Gott? Es gibt mehrere!

ADAM:

Wer spricht da?

LUCIFER:

Ich, Lucifer, der Lichtbringer, der euer Glück wünscht, der unter euren
Leiden leidet. Seht den neuen Morgenstern, der die Rückkehr der Sonne
verkündet! Das ist mein Stern, und darüber befindet sich ein Spiegel,
der das Licht der Wahrheit zurückstrahlt. Wenn die Zeit erfüllt ist,
wird der Stern aus einer Wüste Hirten an eine Krippe führen, in der
mein Sohn geboren werden wird, der Erlöser der Welt.

Sobald ihr von diesem Baum esset, werdet ihr wissen, was gut und was
böse ist. Ihr werdet wissen, dass das Leben ein Übel ist, dass ihr
keine Götter seit, dass der Böse euch mit Blindheit geschlagen hat,
dass euer Dasein sich nur abrollt, um die Götter zum Lachen zu bringen.
Esset davon und ihr werdet die Befreiung von den Schmerzen, die Freude
des Todes, besitzen!

EVA:

Ich möchte wissen und befreit werden! Iss auch, Adam. (Sie essen die
verbotene Frucht.)



Dritter Akt


DER HIMMEL

Gott und Uriel.

URIEL:

Wehe uns, unsere Freude ist aus.

GOTT:

Was ist geschehen?

URIEL:

Lucifer hat den Bewohnern der Erde unsere Handlungsweise enthüllt; sie
wissen alles und sind glücklich.

GOTT:

Glücklich! Wehe uns!

URIEL:

Noch mehr, er hat ihnen das Geschenk der Befreiung gegeben: sie können
also ins Nichts zurückkehren.

GOTT:

Sterben!... Gut! Dann sollen sie sich vermehren, ehe sie sterben. Es
werde die Liebe!



Vierter Akt


IN DER HÖLLE

LUCIFER:

(gebunden). Seit die Liebe in die Welt gekommen ist, ist meine Macht
tot. Abel wurde durch Kain befreit, aber erst, nachdem er sich mit
seiner Schwester fortgepflanzt hatte. Ich will euch alle befreien!
Wasser, Meere, Quellen, Flüsse, ihr wisst die Flamme des Lebens zu
erlöschen, steigt! vernichtet!



Fünfter Akt


DER HIMMEL

Gott und Uriel.

URIEL:

Wehe uns, unsere Freude ist aus.

GOTT:

Was ist geschehen?

URIEL:

Lucifer hat auf das Wasser geblasen: es steigt und befreit die
Sterblichen!

GOTT:

Ich weiss! Aber ich habe ein Paar von den am wenigsten Aufgeklärten
gerettet, das niemals das Wort des Rätsels erfahren wird. Die Arche der
beiden ist schon auf dem Berg zwischen den drei Wassern gelandet, und
sie haben Dankopfer dargebracht.

URIEL:

Aber Lucifer hat ihnen eine Pflanze gegeben, die sie Weinrebe nennen
und deren Säfte die Torheit heilt. Ein Trunk Wein, und sie werden
sehend.

GOTT:

Die Vorwitzigen! Sie wissen nicht, dass ich ihre Pflanze mit seltsamen
Tugenden begabt habe: Wahnsinn, Schlaf, Vergessen. Sie werden nicht
mehr wissen, was ihre Augen gesehen haben.

URIEL:

Wehe uns! Was machen sie dort unten, die törichten Bewohner der Erde?

Sie bauen einen Turm. Sie wollen den Himmel stürmen. Lucifer hat sie
fragen gelehrt. Gut! Ich werde ihre Zungen berühren, dass sie Fragen
fragen, ohne Antwort zu erhalten; und mein Bruder Lucifer verstumme.



Sechster Akt


DER HIMMEL

Gott und Uriel.

URIEL:

Wehe uns, Lucifer hat seinen Sohn gesandt, der den Menschen die
Wahrheit lehrt....

GOTT:

Was sagt er?

URIEL:

Geboren von einer Jungfrau, will dieser Sohn gekommen sein, um die
Menschen zu befreien, und durch seinen eigenen Tod will er den
Schrecken des Todes aufheben.

GOTT:

Was sagen die Menschen?

URIEL:

Die einen sagen, der Sohn sei Gott, die andern, er sein der Teufel.

GOTT:

Was verstehen sie unter dem Teufel?

URIEL:

Lucifer!

GOTT:

(zornig). Mich reut, den Menschen auf Erden geschaffen zu haben; er
ist stärker geworden als ich, und ich weiss nicht mehr, wie ich diese
Menge von Toren und Dummen lenken soll. Amaimon, Egyn, Paymon, Oriens,
nehmt mir diese Last ab; stürzt den Ball in die Abgründe. Fluch auf das
Haupt der Rebellen! Pflanzt auf der Stirn des verwünschten Planeten den
Galgen auf, das Zeichen des Verbrechens, der Züchtigung und des Leidens.

(Egyn und Amaimon erscheinen.)

EGYN:

Herr! Euer grausamer Wille und das ausgesprochene Wort haben ihre
Wirkung getan! Die Erde stürmt auf ihrer Bahn dahin; die Berge stürzen
ein, die Wasser überschwemmen das Land; die Achse zielt nach Norden;
Kälte und Finsternis, Pest und Hunger verheeren die Völker; die Liebe
ist in tödlichen Hass verwandelt, die kindliche Ehrerbietung in
Elternmord. Die Menschen glauben in der Hölle zu sein, und Ihr, Herr,
Ihr seid entthront!

GOTT:

Zu Hilfe! Ich bereue meine Reue!

AMAIMON:

Zu spät! Alles geht seinen Gang, seit Ihr die Kräfte entfesselt habt....

GOTT:

Ich bereue! Ich habe Funken meiner Seele in unreine Geschöpfe gelegt,
deren Hurerei mich erniedrigt, wie die Gattin ihren Gatten besudelt,
wenn sie ihren Körper besudelt.

EGYN (zu Amaimon):

Der Alte redet irre!

GOTT:

Meine Tatkraft erschöpft sich, wenn sie sich von mir entfernen; ihre
Verderbnis ergreift mich; die Torheit meiner Nachkommenschaft steckt
mich an. Was habe ich begangen, Ewiger? Habe Erbarmen mit mir! Weil er
den Fluch geliebt hat, falle der Fluch auf ihn zurück; und weil er kein
Wohlgefallen am Segen gehabt hat, weiche der Segen von ihm.

EGYN:

Welcher Wahnsinn!

GOTT:

(wirft sich nieder). Herr, Ewiger, es gibt unter den Göttern keinen,
der dir ähnlich ist! Deine Werke sind unvergleichlich. Denn du bist
gross und du tust Wunder; und du allein bist Gott, du allein!

AMAIMON:

Wahnsinn!

EGYN:

Das ist der Lauf der Welt: wenn die Götter sich vergnügen, die
Sterblichen sie drum betrügen!...



INFERNO

1894--1897



Motto

Beuge dein Haupt, stolzer Recke
Bete an, was du verbrannt hast;
Verbrenne, was du angebetet hast!

Und will mein Angesicht wider ihn setzen
und ihn mit Schauder schlagen,
dass er zum Zeichen und Sprichwort wird.
                              Hesekiel 14,8.

Unter welchen ist Hymenäus und Alexander,
welche ich habe dem Satan übergeben,
dass sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern.
                            1. Timotheus I,20.



1.

Die Hand des Unsichtbaren.


Mit einem Gefühl wilder Freude kehrte ich vom Nordbahnhof zurück, wo
ich meine liebe Frau verlassen hatte; sie fuhr zu unserm Kind, das in
fernem Land erkrankt war. Vollbracht war also das Opfer meines Herzens!
Die letzten Worte: "Wann sehen wir uns wieder?--Bald!" klangen mir
noch im Ohr, wie Lügen, die man sich nicht eingestehen will; eine
Ahnung sagte mir: "Niemals!" Und wirklich, diese Abschiedsworte, die
wir in November 1894 wechselten, waren unsere letzten, denn bis zu
diesem Augenblick, im Mai 1897, habe ich meine geliebte Gattin nicht
wiedergesehen.

Als ich ins Café de la Régence kam, setzte ich mich an den Tisch,
an dem ich mit meiner Frau zu sitzen pflegte, meiner schönen
Gefangenenwärterin, die Tag und Nacht meine Seele belauerte, meine
geheimen Gedanken ahnte, den Flug meiner Ideen bewachte, auf mein
Forschen im Unbekannten eifersüchtig war....

Durch die wiedergewonnene Freiheit dehnt sich mein Ich aus und ich
werde hinausgehoben über die kleinen Sorgen der grossen Stadt.
Auf diesem Schauplatz geistiger Kämpfe hatte ich eben einen Sieg
davongetragen, der an sich wertlos, für mich aber über die Massen gross
war, da er die Erfüllung meines Jugendtraumes ausmachte, von allen
meinen Landsleuten geträumt, aber allein von mir verwirklicht: auf
einer Pariser Bühne gespielt zu sein. Das Theater stiess mich ab, wie
alles, was man erreicht hat, und die Wissenschaft zog mich an. Zwischen
Liebe und Wissen wählen müssend, hatte ich mich dafür entschieden,
nach der höchsten Erkenntnis zu streben; und da ich selber meine Liebe
opferte, vergass ich das unschuldige Opfer, das ich meinem Ehrgeiz oder
meinem Beruf brachte.


Sobald ich in mein schlechtes Studentenzimmer im lateinischen Viertel
zurückkehre, durchsuche ich meinen Koffer und ziehe aus ihrem Versteck
sechs Tiegel aus feinem Porzellan hervor; die habe ich längst gekauft,
obwohl sie mir für meine Verhältnisse zu teuer waren. Eine Zange und
ein Paket reinen Schwefels vollenden die Einrichtung des Laboratoriums.

Ein Schmelzofenfeuer ist im Kamin angezündet, die Tür geschlossen und
die Vorhänge heruntergelassen; denn drei Monate nach der Hinrichtung
Caserios ist es nicht klug, in Paris chemische Werkzeuge in die Hand zu
nehmen.

Die Nacht sinkt herab, der Schwefel brennt wie höllische Flammen,
und gegen Morgen habe ich Kohlenstoff in diesem für ein Element
gehaltenen Körper festgestellt. Damit glaube ich das grosse Problem
gelöst, die herrschende Chemie gestürzt und die Sterblichen vergönnte
Unsterblichkeit erworben zu haben.

Aber die Haut meiner Hände, die von dem starken Feuer fast gebraten
ist, schält sich in Schuppen ab, und der Schmerz, den ich beim
Auskleiden an den Händen leide, zeigt mir, welchen Preis ich für meinen
Sieg gezahlt habe. Doch als ich allein im Bette liege, das noch nach
der Frau duftet, fühle ich mich selig. Ein Gefühl seelischer Reinheit,
männlicher Jungfräulichkeit empfindet das vergangene Eheleben als etwas
Unreines; und ich bedaure nur, niemand zu haben, dem ich für meine
Befreiung aus seinen schmutzigen, nun ohne viel Worte zerrissenen
Fesseln danken könnte. Ich bin nämlich im Lauf der Jahre Atheist
geworden, da die unbekannten Mächte die Welt sich selber überlassen
haben, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Jemand, dem ich danken könnte! Es ist niemand da, und meine mir
aufgedrängte Undankbarkeit bedrückt mich!


Auf meine Entdeckung eifersüchtig, tue ich keine Schritte, um sie
bekannt zu machen. In meiner Schüchternheit wende ich mich weder
an Autoritäten noch an Akademien. Während ich meine Experimente
fortsetze, verschlimmern sich meine aufgesprungenen Hände, die
Schrunden brechen auf und füllen sich mit Kohlenstaub; das Blut sickert
hervor und die Schmerzen werden so unerträglich, dass ich nichts mehr
anfassen kann. Diese Qualen, die mich rasend machen, möchte ich den
unbekannten Mächten zuschreiben, die mich seit Jahren verfolgen und
meine Anstrengungen vereiteln. Ich meide die Menschen, versäume die
Gesellschaften, lehne Einladungen ab, entfremde mich den Freunden.
Schweigen und Einsamkeit breiten sich um mich. Es ist die feierliche
und furchtbare Stille der Wüste, in der ich aus Trotz den Unbekannte
herausfordere, um mit ihm zu ringen Leib an Leib, Seele an Seele.

Dass der Schwefel Kohlenstoff enthält, habe ich nachgewiesen; jetzt
will ich Wasserstoff und Sauerstoff entdecken, denn die müssen
ebenfalls darin vorhanden sein. Doch meine Apparate reichen dazu nicht,
mir fehlt Geld, meine Hände sind schwarz und blutend, schwarz wie das
Elend, blutig wie mein Herz. Denn während dieser Zeit stand ich im
Briefwechsel mit meiner Frau. Ich erzählte ihr von meinen Erfolgen in
der Chemie; sie antwortet mit Berichten über die Krankheit unseres
Kindes, in die sie hier und dort einstreut, dass meine Wissenschaft
eitel sei, und dass es töricht sei, dafür Geld fortzuwerfen.

In einer Anwandlung gerechten Stolzes, in dem leidenschaftliches
Verlangen, mir selber ein Leid anzutun, begehe ich den Selbstmord, in
einem nichtswürdigen, unverzeihlichen Briefe Weib und Kind von mir zu
stossen, indem ich zu verstehen gebe, dass ein neues Liebesverhältnis
meine Gedanken beschäftige.

Der Hieb sitzt. Meine Frau antwortet mit einer Klage auf Scheidung.

Allein, des Selbstmordes und Meuchelmordes schuldig, vergesse ich das
Verbrechen über den Kummer und die Sorgen. Niemand besucht mich, und
ich kann niemand sehen, da ich alle gekränkt habe.

Über die Fläche eines Meeres treibe ich allein dahin; den Anker habe
ich gelichtet, doch ich habe keine Segel.

Aber die Not, in der Form einer unbezahlten Rechnung, unterbricht meine
wissenschaftlichen Arbeiten und meine metaphysischen Spekulationen und
ruft mich auf die Erde zurück.

Weihnachten nähert sich. Die Einladung einer skandinavischen Familie,
deren Atmosphäre mir wegen ihrer peinlichen Unregelmässigkeiten
missfällt, habe ich schroff abgelehnt. Als aber der Abend da ist und
ich allein bin, reut es mich und ich gehe doch hin.

Man setzt sich zu Tisch, und das Nachtmahl beginnt mit grossem Lärm und
ausgelassener Freude, denn die jungen Künstler fühlen sich hier wie zu
Hause. Eine mich abstossende Vertraulichkeit der Gebärden und Mienen,
ein Ton, der nicht nach Familie klingt, drückt mich in einer Weise
nieder, wie ich sie nicht beschreiben kann. Mitten in den Saturnalien
lässt meine Traurigkeit vor meinem Innern das friedliche Haus meiner
Frau erscheinen. Der Salon ruft eine plötzliche Vision in mir hervor:
der Weihnachtsbaum, die Mistel, mein Töchterchen, ihre verlassene
Mutter.... Gewissensqual packt mich; ich stehe auf, schütze ein
Unwohlsein vor und gehe.

Ich gehe die schreckliche Rue de la Gaieté hinunter, auf der die
gekünstelte Fröhlichkeit der Menge mich verletzt; dann die düstere und
stille Rue Delambre, die mehr als eine andere Strasse des Viertels
einen zur Verzweiflung bringen kann. Ich biege in den Boulevard
Montparnasse ein und lasse mich auf der Terrasse der Brasserie de Lilas
auf einen Stuhl fallen.

Ein guter Absinth tröstet mich einige Minuten lang. Dann überfällt
mich eine Bande Kokotten und Studenten, die mich mit Ruten ins Gesicht
schlagen. Wie von Furien gejagt, lasse ich meinen Absinth stehen und
beeile mich einen andern zu suchen, im Café François Premier, auf dem
Boulevard Saint-Michel.

Von der Asche ins Feuer! Ein zweiter Trupp schreit mich an: Heda,
der Einsiedler! Von den Eumeniden gepeitscht, fliehe ich nach Haus,
geleitet von den entnervenden Fanfaren der Zwiebelflöten.


Der Gedanke, dass es eine Züchtigung sein könne, die Folge eines
Verbrechens, kommt mir nicht. Vor mir selber fühle ich mich unschuldig,
halte mich für den Gegenstand einer ungerechten Verfolgung.
Die unbekannten Mächte haben mich gehindert, mein grosses Werk
fortzusetzen; die Hindernisse mussten durchbrochen werden, ehe ich die
Krone des Siegers davontragen konnte.

Ich habe unrecht gehabt, und zugleich habe ich recht und werde recht
behalten!

Diese Weihnacht schlief ich schlecht. Ein kalter Luftzug schnitt
mehrere Male mein Gesicht, und von Zeit zu Zeit weckte mich der Ton
einer Maultrommel.


Eine zunehmende Hinfälligkeit kommt über mich. Meine schwarzen und
blutenden Hände hindern mich daran mich anzukleiden und mein Äusseres
zu pflegen. Die Furcht vor der Hotelrechnung lässt mir keine Ruhe mehr,
und ich gehe in meinem Zimmer hin und her, wie ein wildes Tier in
seinem Käfig.

Ich esse nicht mehr, und der Wirt rät mir, ins Krankenhaus zu gehen.
Damit ist mir nicht geholfen, denn es ist teuer, auch muss man vorher
bezahlen.

Da macht sich eine Anschwellung der Armadern bemerkbar, das ist das
Zeichen für eine Blutvergiftung. Das ist der Gnadenstoss.

Die Neuigkeit verbreitet sich unter meinen Landsleuten und eines Abends
kommt die barmherzige Frau, von deren Weihnachtsessen ich so brüsk
aufgebrochen, die mir antipathisch war, die ich beinahe verachtete,
sucht mich auf, erkundigt sich nach meinem Befinden, erfährt mein Elend
und bezeichnet mir unter Tränen das Krankenhaus als einzige Rettung.

Man wird begreifen, wie hilflos und zerknirscht ich dastehe, als
mein beredtes Schweigen ihr klar macht, dass ich ohne Mittel bin.
Als sie mich so gefallen sieht, wird sie von Mitleid erfasst. Selber
arm und von der Sorge ums tägliche Leben bedrückt, will sie in der
skandinavischen Kolonie Almosen sammeln und zum Geistlichen der
Gemeinde gehen.

Die sündige Frau hat Erbarmen mit dem Mann, der eben sein rechtmässiges
Weib verlassen hat.

Noch einmal Bettler, durch die Vermittlung einer Frau um Barmherzigkeit
bittend, beginne ich zu ahnen, dass es eine unsichtbare Hand gibt,
welche die unwiderstehliche Logik der Ereignisse lenkt. Ich beuge mich
unter dem Sturm, entschlossen, mich bei der ersten Gelegenheit wieder
zu erheben.


Der Wagen bringt mich nach dem Krankenhaus des heiligen Ludwig.
Unterwegs, in der Rue de Rennes, steige ich aus, um zwei weisse Hemden
zu kaufen.

--Das Totenhemd für die letzte Stunde.

Ich denke wirklich an den nahen Tod, ohne dass ich sagen kann, warum.

Im Krankenhaus wird mir verboten, ohne Erlaubnis auszugehen; dazu sind
meine Hände so umwickelt, dass mir jede Beschäftigung unmöglich wird;
ich fühle mich daher als Gefangener.


Mein Zimmer ist abstrakt, nackt, enthält nur das Nötigste, zeigt keine
Spur von Schönheit; es liegt neben dem Gesellschaftssaal, wo man vom
Morgen bis zum Abend raucht und Karten spielt.

Es läutet zum Frühstück. Als ich mich zu Tisch setze, finde ich mich in
einer furchtbaren Gesellschaft. Köpfe von Toten und Sterbenden: hier
fehlt die Nase, dort ein Auge; dort hängt die Lippe herab, hier ist
die Wange angefault. Zwei sehen nicht krank aus, zeigen dafür aber in
ihrem Gesicht Gram und Verzweiflung. Das sind grosse Diebe der feinen
Gesellschaft, die infolge mächtiger Verbindungen als "Kranke" dem
Gefängnis entronnen sind.

Ein widerwärtiger Geruch nach Jodoform nimmt mir den Appetit. Und da
meine Hände gebunden sind, muss ich beim Brotschneiden und Einschenken
die Hilfe meiner Nachbarn in Anspruch nehmen. Um dieses Gastmahl der
Verbrecher und zum Tode Verurteilten geht die grosse Mutter, die
Vorsteherin, mit ihrer ernsten Tracht in schwarz und weiss und gibt
einem jeden von uns seine giftige Arznei. Mit einem Arsenikbecher
trinke ich einem Totenkopf zu, der mir mit Digitalin nachkommt. Das ist
grausig, und dabei muss man noch dankbar sein: das macht mich rasend!
Für etwas so Geringes und Unangenehmes auch noch dankbar sein zu müssen!

Man kleidet mich an, man kleidet mich aus, man pflegt mich wie ein
Kind, die barmherzige Schwester fasst Zuneigung zu mir, behandelt mich
wie ein Baby, nennt mich "mein Kind", während ich "meine Mutter" zu ihr
sage.

Wie wohl tut es, dieses Wort Mutter aussprechen zu können, das seit
dreissig Jahren nicht mehr über meine Lippen gekommen ist! Die Alte,
eine Augustinerin, die das Kleid der Toten trägt, weil sie nie das
Leben gelebt hat, ist sanft wie die Resignation und lehrt uns, über
unsere Leiden wie über ebenso viele Freuden lächeln, denn sie kennt die
Wohltaten des Schmerzes. Nicht ein Wort des Vorwurfs, weder Ermahnungen
noch Predigten.

Sie kennt die Bestimmungen der weltlich gemachten Krankenhäuser so
gut, dass sie den Kranken, nicht sich selber, kleine Freiheiten
gewähren kann. So erlaubt sie mir, in meinem Zimmer zu rauchen, und
erbietet sich, selber mir Zigaretten zu drehen; das lehne ich jedoch
ab. Sie verschafft mir die Erlaubnis, ausser den gewöhnlichen Stunden
auszugehen. Als sie entdeckt, dass ich mich mit Chemie beschäftige,
führt sie mich bei dem gelehrten Apotheker des Krankenhauses ein.
Der leiht mir Bücher und fordert mich, als ich ihm meine Lehre von
der Zusammensetzung der einfachen Körper darlege, auf, in seinem
Laboratorium zu arbeiten. Diese Nonne hat eine Rolle in meinem Leben
gespielt. Ich fange an, mich mit meinem Los wieder auszusöhnen und
preise das gute Unglück, das mich unter dieses gesegnete Dach geführt
hat.

Das erste Buch, das ich mir aus der Bibliothek des Apothekers hole,
öffnet sich von selbst, und mein Blick schiesst wie ein Falke auf eine
Zeile des Kapitels: Phosphor.

In zwei Worten erzählt der Autor, der Chemiker Lockyer habe durch die
Spektralanalyse gezeigt, dass der Phosphor kein einfacher Körper ist;
Lockyers Bericht über seine Versuche sei der Pariser Akademie der
Wissenschaften vorgelegt worden, die den Tatbestand nicht habe leugnen
können.

Durch diesen unerwarteten Beistand gestärkt, nehme ich meine Tiegel mit
den Rückstanden des nicht völlig verbrannten Schwefels und übergebe
sie einem Bureau für chemische Analysen, das mir den Schein für den
nächsten Morgen verspricht.

Es war mein Geburtstag. Als ich ins Krankenhaus zurückkehre, finde ich
einen Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Unglück, will sich wieder
mit mir vereinigen, mich pflegen, mich lieben.

Das Glück, trotz allem geliebt zu sein, erzeugt in mir das Bedürfnis zu
danken. Aber wem! Dem Unbekannten, der sich so viele Jahre verborgen
hatte?

Das Herz schlägt mir, ich bekenne die nichtswürdige Lüge über meine
angebliche Untreue, ich bitte um Verzeihung, und ehe ich mich dessen
versehe, schreibe ich wieder einen Liebesbrief an meine Ehegattin.
Doch verschiebe ich unsere Wiedervereinigung auf einen günstigeren
Zeitpunkt.


Am nächsten Morgen eile ich zu meinem Chemiker nach dem Boulevard
Magenta.

Im geschlossenen Umschlag bringe ich den Schein der Analyse ins
Krankenhaus. Als ich auf dem innern Hof am Standbild des heiligen
Ludwig vorbeigehe, erinnere ich mich an die drei Werke des Heiligen:
die Blindenanstalt, die Universität, die Kapelle; die kann man
übersetzen: "Vom Leiden durch Wissen zur Busse."

In meinem Zimmer eingeschlossen, öffne ich den Umschlag, der meine
Zukunft entscheiden soll. Ich lese:

"Das uns zur Untersuchung übergebene Pulver zeigt diese Eigenschaften.
Farbe: grauschwarz; hinterlässt Spuren auf Papier. Dichtigkeit: sehr
gross, grösser als die mittlere Dichtigkeit des Graphit; es scheint ein
harter Graphit zu sein. Chemische Untersuchung: dieses Pulver brennt
leicht und entwickelt dabei Kohlenoxyd und Kohlensäure; es enthält also
Kohle."

Reiner Schwefel enthält Kohle!

Ich bin gerettet. Ich kann in Zukunft meinen Freunden und Verwandten
beweisen, dass ich kein Tor bin. Bestätigt sind die Lehren, die
ich in meiner Arbeit "Antibarbarus" aussprach. Als ich die vor
einem Jahr veröffentlichte, behandelte die Presse sie wie das Werk
eines Charlatans oder Toren, und meine Familie jagte mich davon als
Taugenichts, als ein Cagliostro.

Jetzt, meine Gegner, seid ihr zu Boden geschlagen! Mein Ich schwillt
von gerechtem Stolz, ich will das Krankenhaus verlassen, auf den
Strassen schreien, vor dem Institut brüllen, die Universität
niederreissen ... aber meine Hände sind mir gebunden, und als ich auf
den Hof hinauskomme, rät mir die hohe Einfriedung: Geduld.

Als ich dem Apotheker das Ergebnis der Analyse mitteile, schlägt er mir
vor, eine Kommission zusammenzubringen, vor der ich meine Behauptung
durch versuche beweise.

Da ich aber nicht warten will und meine Scheu vor öffentlichen
Auftritten kenne, schreibe ich einen Aufsatz über den Gegenstand und
schicke den an die Temps.

Nach zwei Tagen erscheint der Artikel.

Die Losung ist gegeben. Man antwortet mir von verschiedenen Seiten,
ohne die Tatsache zu leugnen. Ich habe Anhänger gefunden, ich bin
Mitarbeiter einer chemischen Zeitschrift geworden, beginne einen
Briefwechsel, der meine weiteren Untersuchungen fördert.

An einem Sonntag, dem letzten, den ich im Fegefeuer des heiligen Ludwig
verbringe, sitze ich am Fenster und beobachte, was auf dem Hof vorgeht.
Die beiden Diebe gehen mit ihren Frauen und ihren Kindern spazieren,
küssen sie von Zeit zu Zeit und sehen glücklich aus, wie sie sich an
der Liebe wärmen, die das Unglück schürt.

Meine Einsamkeit bedrückt mich, und ich verwünsche mein Schicksal, das
ich ungerecht finde, indem ich vergesse, dass mein Verbrechen ihre an
Nichtswürdigkeit übertrifft.

Der Briefträger bringt einen Brief von meiner Frau. Der Brief ist von
eisiger Kälte. Mein Erfolg hat sie verletzt, und sie gibt vor, ihr
Zweifel stütze sich auf die Ansicht eines Chemikers von Fach. Dann fügt
sie hinzu, Illusionen seien gefährlich und könnten zu Gehirnkrisen
führen. Übrigens, was erreichte ich mit all dem? Könnte ich mit der
Chemie eine Familie ernähren?...

Noch einmal die Alternative: Liebe oder Wissenschaft! Ohne zu zögern,
schlage ich sie mit einem letzten Abschiedsbrief zu Boden, mit mir
zufrieden, wie ein Mörder, der seinen Anschlag ausgeführt hat.

Am Abend gehe ich in dem düsteren Viertel spazieren. Ich überschreite
den St. Martins-Kanal, der schwarz wie ein Grab ist und eigens dazu
gemacht zu sein scheint, damit man sich darin ertränkt. Ich bleibe
an der Ecke der Rue Alibert stehen. Warum Alibert? Wer ist das?
Hiess nicht der Graphit, den der Chemiker in meinem Schwefel fand,
Alibert-Graphit? Was folgt daraus? Es ist eine Grille, aber der
Eindruck von etwas unerklärlichem bleibt mir. Dann Rue Dieu. Warum
Gott, wenn er von der Republik abgeschafft ist? Hat sie doch das
Pantheon seiner ursprünglichen Bestimmung entzogen!--Rue Beaurepaire.
Ein "schöner Aufenthalt" für Missetäter ... Rue de Bondy. Führt mich
der Dämon? ... Ich lese die Strassennamen nicht mehr, gehe irre, kehre
um auf meinen Spuren, ohne jedoch den Weg wiederzufinden. Ich fahre vor
einem ungeheuren Schuppen zurück, der nach rohem Fleisch und verfaultem
Gemüse, besonders nach Sauerkraut, stinkt.... Verdächtige Gestalten
streifen an mir vorbei und lassen grobe Worte fallen.... Ich habe
Furcht vor dem Unbekannten; wende mich rechts, dann links und gerate in
eine schmutzige Sackgasse, wo Unrat, Laster und Verbrechen zu hausen
scheinen. Dirnen versperren mir den Weg, Strassenjungen lachen mich
aus.... Die Szene der Weihnacht wiederholt sich: Vae soli!

Wer legt mir diesen Hinterhalt, sobald ich mich von der Welt und
Menschen trenne? Irgendjemand hat mich in diese Falle gehen lassen! Wo
ist er? Dass ich mit ihm kämpfe!...

Ein mit schmutzigem Schnee gemischter Regen fällt, gerade wie ich zu
laufen anfange.... Im Hintergrund einer kleinen Strasse zeichnet sich
vom Himmelsgewölbe in Russschwarz ein ungeheures Tor ab, ein Werk von
Cyklopen, ein Tor ohne Palast dahinter, das sich auf ein Meer von Licht
öffnet....

Ich frage einen Polizisten, wo ich bin.

--Am St. Martins-Tor, mein Herr.

Zwei Schritte führen mich auf die grossen Boulevards, die ich
hinuntergehe. Die Uhr des Theaters zeigt sechs ein Viertel. Es
ist gerade die Absinthstunde, und meine Freunde erwarten mich aus
Gewohnheit im Café Napolitain. Ich gehe eilig weiter und vergesse
Krankenhaus, Kummer und Armut. Als ich aber am Café du Cardinal
vorbeikomme stosse ich an einen Tisch, hinter dem ein Herr sitzt. Ich
kenne ihn nur dem Namen nach, aber er kennt mich, und in einer Sekunde
sagen mir seine Augen:

--Sie hier? Sie sind also nicht im Krankenhaus? Schwindel das
Liebeswerk!

Ich fühle, dass dieser Mann einer meiner unbekannten Wohltäter ist,
dass er mir Almosen gegeben hat, dass ich für ihn ein Bettler bin, der
nicht das Recht hat, ins Café zu gehen.

Bettler! Das ist das rechte Wort, das mir in den Ohren klingt und mir
die brennende Röte der Scham, der Demütigung, der Wut in die Wangen
treibt.

Vor sechs Wochen sass ich hier; mein Theaterdirektor liess sich von
mir einladen und nannte mich "lieber Meister", die Journalisten baten
mich um Interviews; der Photograph bat mich um die Ehre, meine Bilder
verkaufen zu dürfen.... Und jetzt: Bettler, gebrandmarkt, aus der
Gesellschaft verbannt!

Gestäupt, gehetzt, zum äussersten getrieben, streife ich den
Boulevard hinunter wie ein Nachtschwärmer und ziehe mich zurück in
meinen Zufluchtsort bei den Pestkranken. Dort, im meinem Zimmer
eingeschlossen, bin ich zu Hause.

Wenn ich über mein Schicksal nachdenke, erkenne ich wieder die
unsichtbare Hand, die mich straft und mich auf ein Ziel hintreibt, das
ich noch nicht ahne. Sie gibt mir den Ruhm, während sie mir zugleich
die Ehren der Welt verweigert; sie demütigt mich, indem sie mich
erhöht; sie erniedrigt mich, um mich zu erheben.

Wieder kommt mir der Gedanke, die Vorsehung habe mich zu einer Mission
bestimmt, und dies sei der Anfang meiner Erziehung.

Im Februar verlasse ich das Krankenhaus, nicht geheilt, aber genesen
von den Versuchungen dieser Welt. Als ich ging, habe ich die Hand der
guten Mutter, die mir, ohne zu predigen, den Weg des Kreuzes gezeigt
hat, küssen wollen, aber ein Gefühl der Ehrfurcht, wie vor etwas
Heiligem hat mich zurückgehalten.

Möge sie nun im Geist diese Danksagung eines verirrten Fremdlings
empfangen, der sich jetzt in einem fernen Lande verborgen hat.



2.

Der heilige Ludwig führt mich bei dem seligen Herrn Orfila ein.


In einem bescheidenen möblierten Zimmer, das ich mir gemietet habe,
setze ich den ganzen Winter hindurch meine chemischen Arbeiten fort.
Bis gegen Abend bleibe ich zu Hause, dann gehe ich aus, um in einer
Cremerie, wo Künstler aus verschiedenen Länder einen Kreis gebildet
haben, zu Mittag zu essen. Nach dem Essen besuche ich die Familie, die
ich in einem Augenblick der Sittenstrenge verlassen hatte. Die ganze
Gesellschaft von anarchistischen Künstlern ist dort, und ich bin zu
ertragen verurteilt, was ich hatte vermeiden wollen: leichte Sitten,
lockere Moral, absichtliche Gottlosigkeit. Aber sie haben viel Talent
und sehr viel Geist; ein einziger hat Genie, ein wildes Genie, das sich
einen Namen gemacht hat.

Jedenfalls ist es eine Familie, in der man mich liebt, und ich bin
ihnen Dank schuldig; daher mache ich mich blind und taub gegen alles,
was zu ihren kleinen Angelegenheiten gehört und mich nichts angeht.

Wenn ich diese Leute aus einem nicht gerechtfertigten Stolz geflohen
hätte, so wäre die Strafe logisch gewesen; da aber der Grund meiner
Flucht die Sehnsucht war, meine Persönlichkeit zu läutern und meine
Seele zu bebauen, indem ich mich in der Einsamkeit sammelte, begreife
ich in diesem Fall die Methode der Vorsehung nicht; ich bin nämlich von
so weichem Charakter, dass ich mich aus reiner Umgänglichkeit und aus
Furcht, undankbar zu sein, der Umgebung anpasse.

Durch meine klägliche und anstössige Armut aus der Gesellschaft
verbannt, war ich glücklich, für die langen Winterabende eine Zuflucht
zu finden, wenn ich auch unter der schlüpfrigen Unterhaltung sehr litt.


Nachdem ich entdeckt habe, dass die unsichtbare Hand meine Schritte auf
dem holperigen Wege lenkt, fühle ich mich nicht mehr einsam, und ich
beobachte mich streng in Handlungen und Worten, wenn es mir auch nicht
immer gelingt. Sobald ich aber gesündigt habe, ertappt mich jemand
auf frischer Tat, und die Strafe stellt sich mit einer Pünktlichkeit
und einer Spitzfindigkeit ein, die keine Zweifel lassen, dass hier
eine Macht eingreift, die verbessern will. Der Unbekannte ist mir eine
persönliche Bekanntschaft geworden: ich spreche zu ihm, ich danke ihm,
ich frage ihn um Rat. Manchmal stelle ich mir ihn als meinen Diener
vor, dem Daimon des Sokrates ähnlich, und das Bewusstsein, durch den
Unbekannten unterstützt zu werden, gibt mir eine Energie und eine
Sicherheit, dass ich eine Kraft zeige, die ich mir nie zugetraut hätte.

Mit den Menschen zerfallen, werde ich in einer anderen Welt
wiedergeboren, in die mir niemand folgen kann. Nichtssagende
Geschehnisse ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich; die Träume der Nacht
kleiden sich in die Form von Vorahnungen; ich denke, ich bin gestorben
und mein Leben verläuft in einer anderen Sphäre.


Nachdem ich nachgewiesen habe, dass Schwefel Kohlenstoff enthält, habe
ich noch Wasserstoff und Sauerstoff zu entdecken, auf die aus Analogie
geschlossen werden kann.

Zwei Monate vergehen unter Berechnungen und Grübeleien, aber ich
habe nicht die nötigen Werkzeuge, um Versuche zu machen. Ein Freund
rät mir, in das Laboratorium der Sorbonne zu gehen, das auch Fremden
offen steht. Da ich scheu bin und die Menge fürchte, wage ich nicht,
mich dazu zu entschliessen. So stehen meine Arbeiten still, und ein
Augenblick der Abspannung tritt ein.

An einem schönen Frühlingsmorgen erhebe ich mich bei guter Laune,
gehe die Rue de la Grande Chaumière hinunter und komme in die Rue de
Fleurus, die sich auf den Luxemburg-Garten öffnet. Die hübsche kleine
Strasse ist ruhig, die grosse Kastanienallee ist grün, leuchtend,
breit und gerade wie eine Rennbahn, und ganz im Hintergrund erhebt
sich wie ein Grenzstein die David-Säule, und in der Ferne, über allem,
die Kuppel des Pantheon, dessen goldenes Kreuz sich fast in den Wolken
verliert.

Über das symbolische Schauspiel entzückt, bleibe ich stehen. Als
ich aber die Augen abwende, bemerke ich zu meiner Rechten in der
Fleurusstrasse das Schild eines Färbers. Ah! eine Vision von
unleugbarer Wirklichkeit. Auf das Schaufenster des Ladens sind die
Anfangsbuchstaben meines Namens gemalt: A. S. Sie schweben auf einer
silberweissen Wolke, und über ihnen wölbt sich ein Regenbogen.

Ich nehme das Omen an, indem ich mich an die Genesis erinnere: "Meinen
Bogen habe ich in die Wolke gesetzt, und er soll das Zeichen sein des
Bundes zwischen mir und er Erde."

Ich berühre den Boden nicht mehr, mit beflügeltem Schritt trete ich in
den Garen ein, in dem sich niemand aufhält. Zu dieser frühen Stunde
gehört der Park mir, gehört mir der Rosengarten, und ich besuche alle
meine Blumen auf den langen, schmalen Beeten, die Chrysanthemen, die
Verbenen, die Begonien.

Ich komme über die Rennbahn, erreiche den Grenzstein, gehe durch
das Gittertor der Rue Soufflot und wende mich nach dem Boulevard
Saint-Michel. Vor der Auslage der Buchhandlung von Blanchard bleibe ich
stehen, nehme, ohne erst zu überlegen, einen alten Band der Chemie von
Orfila in die Hand, öffne ihn auf gut Glück und lese: "Den Schwefel
hat man unter die einfachen Körper eingereiht. Die scharfsinnigen
Untersuchungen von H. Davy und dem jüngeren Berthollet gehen jedoch
darauf aus zu beweisen, dass er Wasserstoff, Sauerstoff und eine
besondere Base enthält, deren Ausscheidung bisher nicht möglich gewesen
ist."

Man wird sich meine, ich möchte sagen religiöse, Ekstase vorstellen,
als mir diese an ein Wunder grenzende Offenbarung wird. Davy
und Berthollet hatten Wasserstoff und Sauerstoff nachgewiesen,
ich Kohlenstoff. Mir kommt es also zu, die Formel des Schwefels
aufzustellen.

Zwei Tage später liess ich mich in die naturwissenschaftliche Fakultät
der Sorbonne (des heiligen Ludwig!) einschreiben, mit dem Recht, im
Laboratorium Untersuchungen anzustellen.


Der Morgen, an dem ich mich nach der Sorbonne begab, war für mich
ein feierliches Fest. Wenn ich mir auch keine Illusion machte, die
Professoren, die mich mit der kalten Höflichkeit, die man dem Fremden,
dem Eindringling zeigt, empfangen hatten, überzeugen zu können, so gab
mir doch eine milde und ruhige Freude den Mut des Märtyrers, der eine
Schar von Feinden angreift. Denn für mich ist bei meinem Alter die
Jugend der natürliche Feind.

Als ich auf den Platz komme, wo die kleine Kirche der Sorbonne liegt,
finde ich die Tür offen und trete ein, ohne eigentlich zu wissen,
warum. Die jungfräuliche Mutter und das Kind grüssen mich mit einem
milden Lächeln; der Gekreuzigte lässt mich kalt, erscheint mir wie
immer unbegreiflich. Der heilige Ludwig, meine neue Bekanntschaft,
der Freund der Elenden und Aussätzigen, lässt sich junge Theologen
vorstellen. Ist der heilige Ludwig mein Schutzheiliger, mein guter
Engel, der mich ins Krankenhaus getrieben, damit ich das Feuer der
höchsten Not durchmache, bevor ich den Ruhm wiedererlange, der zu
Unehre und Verachtung führt? Hat er mich nach der Buchhandlung von
Blanchard geschickt? Hat er mich hierher gezogen?

Vom Atheismus bin ich in den vollständigen Aberglauben gefallen.

Als ich die Votivbilder betrachte, die vom glücklichen Ausgang der
Prüfungen Zeugnis ablegen, tue ich das Gelübde, niemals die weltlichen
Zeichen des Verdienstes anzunehmen, falls ich Erfolg habe.

Die Stunde hat geschlagen. Ich laufe Spiessruten durch die
unbarmherzige Jugend; sie weiss, welche chimärische Aufgabe ich mir
gestellt habe, und verhöhnt mich.

Als zwei Wochen vergangen sind, habe ich unbestreitbare Beweise
erhalten, dass der Schwefel eine dreistoffige Verbindung von
Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff ist.

Ich danke dem Leiter des Laboratorium, der sich stellt, als
interessiere er sich nicht für meine Angelegenheiten, und verlasse
dieses neue Fegefeuer mit einer unsagbaren inneren Freude.

Ich gehe morgens auf dem Friedhof Montparnasse spazieren, wenn ich
nicht den Luxemburggarten besuche. Einige Tage nach meinem Auszug aus
der Sorbonne entdecke ich bei dem Stern des Friedhofs eine Grabdenkmal
von klassischer Schönheit. Ein Medaillon aus weissem Marmor zeigt die
edlen Züge eines alten Weisen, den die Inschrift des Sockels mir als
den Chemiker und Toxikologen Orfila verstellt. Es ist mein Freund
und Beschützer, der mich später so manchesmal durch das Labyrinth
chemischer Versuche geführt hat.

Eine Woche später, als ich die Rue d'Assas hinuntergehe, mache ich vor
einem Haus von klösterlichem Aussehen Halt. Ein grosses Schild klärt
mich über die Bestimmung des Gebäudes auf: Hotel Orfila.

Immer Orfila!

In den folgenden Kapiteln werde ich alles erzählen, was sich in diesem
alten Haus zugetragen hat; in das mich die unsichtbare Hand getrieben,
damit ich dort gezüchtigt, belehrt und, warum nicht, erleuchtet werde!



3.

Die Versuchungen des Teufels.


Der Scheidungsprozess wickelt sich sehr langsam ab, wurde von Zeit
zu Zeit durch einen Liebesbrief, einen Aufschrei der Sehnsucht,
Versprechungen der Versöhnung unterbrochen. Und schliesslich ein
schroffes Lebewohl auf immer.

Ich liebe sie, sie liebt mich, und wir hassen einander mit dem wilden
Hass der Liebe, die sich durch die Trennung steigert.

Um das unglückliche Band zu zerreissen, suche ich nach einer
Gelegenheit, diese Leidenschaft durch eine andere zu ersetzen, und bald
werden meine unredlichen Wünsche erhört.

Beim Mittagessen der Cremerie erscheint eine englische Dame, die sich
der Bildhauerkunst widmet. Sie redet mich zuerst and und gefällt mir
auf der Stelle. Sie ist schön, reizend, vornehm, gut gekleidet, und
verführt durch eine künstlerische Ungezwungenheit. Mit einem Wort, eine
Luxusausgabe meiner Frau, deren Bild sie verfeinert und vergrössert
wiedergibt.

Um sich mir angenehm zu machen, ladet der angesehene Künstler, der
Doyen der Cremerie, diese Dame zu den Donnerstagabenden ein, die er auf
seinem Atelier gibt. Ich gehe hin, halte mich aber abseits, weil ich
nur widerwillig einem Publikum, das sich über einen lustig macht, meine
Gefühle zeige.

Gegen elf Uhr erhebt sich die Dame und gibt mir ein Zeichen geheimen
Einverständnisses. Ziemlich linkisch stehe ich auf, verabschiede mich,
biete dem jungen Weibe meine Begleitung an und führe sie hinaus,
während die schamlosen jungen Leute lachen.

Vor einander lächerlich gemacht, gehen wir davon, ohne ein Wort sagen
zu können; wir verachten uns, als hätten wir uns vor der spottenden
Menge nackt ausgezogen.

Nun müssen wir auch noch durch die Rue de la Gaieté, wo Zuhälter und
Dirnen uns mit ihren gemeinen Schimpfworten ohrfeigen, als seien wir
Eindringlinge in ihr Gewerbe.

Man ist nicht liebeswürdig, wenn man ingrimmig am Pranger steht; und
unter Geisselschlägen gebeugt, kann ich mich nicht wieder aufrichten.
Als wir den Boulevard de Raspail erreichen, werden wir von einem feinem
Regen überfallen, der uns wie mit Ruten peitscht. Da wir keinen Schirm
haben, ist es das Verständigste, in einem warmen und erleuchteten Café
Schutz zu suchen; mir der Gebärde eines Grandseigneurs zeige ich auf
das reichste Restaurant von allen. Leichten Fusses überschreiten wir
den Boulevard ... pardauz, pardauz! Der Gedanke, dass ich keinen Sou
bei mir habe, trifft mich wie ein Hammerschlag vor den Schädel.

Ich habe vergessen, wie ich mich aus der Verlegenheit gezogen, aber
ich werde niemals die Empfindungen vergessen, die mich diese Nacht
überfielen, als ich die Dame an ihrer Haustür verliess.

Diese Strafe, obwohl streng und unmittelbar, und erteilt von einer
geschickten Hand, die ich nicht verkennen konnte, genügte mir noch
nicht. Ein Bettler, der die Verpflichtungen gegen seine Familie nicht
erfüllt, hatte eine Verbindung knüpfen wollen, die ein anständiges
Mädchen blossstellen musste. Das war ganz einfach ein Verbrechen,
und ich legte mir die regelrechte Busse auf. Ich verzichte auf die
Gesellschaft der Cremerie, ich faste, ich vermeide alles, was die
verhängnisvolle Leidenschaft hervorrufen kann.

Aber der Versucher wacht. An einem Atelierabend finde ich die Schöne
wieder, und zwar in einer morgenländischen Tracht, die ihre Schönheit
so hebt, dass sie mich betört. Ihr gegenüber aber weiss ich nichts zu
sagen, benehme mich linkisch; obwohl ich entdecke, dass dieses Weib nur
eine ehrliche und aufrichtige Erklärung verdient: "ich begehre Sie,"
gehe ich meiner Wege, bis auf die Knochen von einer unreinen Flamme
verzehrt.

Am nächsten Tage komme ich wieder in die Cremerie. Sie sitzt da, ist
reizend, liebkost mich mit ihrer einschmeichelnden Stimme, kitzelt mich
mit ihren Katzenaugen. Das Gespräch kommt in Gang, alles geht aufs
beste, als im kritischen Augenblick die junge Minna lärmend eintritt.
Das war ein Künstlerkind, halb Modell, halb Geliebte, das sich für die
Literatur interessierte, eine gutes Wesen hatte und überall willkommen
war. Ich kannte sie auch, und eines Abends waren wir gute Freunde
geworden, jedoch ohne die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten.
Genug, sie tritt ein, wirft sich mir in die Arme, denn sie war etwas
berauscht, küsst mich auf die Wangen, duzt mich.

Die englische Dame erhebt sich, bezahlt und geht.

Damit ist es aus. Sie ist nicht wiedergekommen! Dank sei Minna, die
mich übrigens vor dieser Dame gewarnt hatte, aus Gründen, die ich auf
sich beruhen lasse.

Keine Liebe mehr! das ist die Losung, welche die Mächte mir gegeben
haben, und ich bescheide mich, in der Gewissheit, dass ein höherer
Zweck sich auch dahinter verbirgt.


Durch den Erfolg, den ich mit Schwefel gehabt habe, ermutigt, mache
ich die Fortsetzung mit Jod. Nachdem ich im Temps einen Aufsatz über
eine der Synthesen des Jod habe erscheinen lassen, sucht mich ein
unbekannter Herr im Hotel auf. Er stellt sich als Vertreter aller
europäischen Jodfabriken vor und sagt mir, er habe soeben meinen
Artikel gelesen; in dem Augenblick, in dem die Sache sich bestätige,
könnten wir einen Börsenkrach herbeiführen, der uns Millionen
einbringen würde, falls wir nur ein Patent in Händen hätten.

Ich antworte ihm, ich hätte keine industrielle Erfindung gemacht,
sondern eine wissenschaftliche Entdeckung, die noch nicht einmal reif
sei; und die geschäftliche Seite interessiere mich nicht genug, um sie
weiter zu verfolgen.

Er ging. Die Wirtin des Hotels, die einmal mit dem unbekannten Herrn in
Verbindung gestanden hatte, erfuhr von ihm die grosse Neuigkeit, und
zwei Tage lang wurde ich für einen zukünftigen Millionär gehalten.

Der Kaufmann kam wieder, diese Mal noch mehr begeistert. Er hatte
Erkundigungen eingezogen und, überzeugt, dass mit der Entdeckung etwas
zu verdienen sei, lud er mich ein, unverzüglich mit ihm nach Berlin zu
fahren, um die nötigen Schritte zu tun.

Ich dankte ihm und riet ihm, erst die notwendigen Analysen vornehmen zu
lassen, ehe er sich weiter engagiere.

Er bot mir hunderttausend Francs, vor Abend zahlbar, wenn ich ihm
folgen wolle....

Ich hiess ihn gehen, da ich irgendeinen Schwindler witterte.

Bei der Wirtin unten nannte er mich einen Toren.

Die nächsten Tage waren ruhig, und ich hatte Zeit, um nachzudenken.
Drohende Not, unbezahlte Schulden, eine unsichere Zukunft auf der
einen Seite; auf der andern Unabhängigkeit, Freiheit, meine Studien
fortzusetzen, ein sorgenfreies Leben. Und ausserdem, eine gute Idee ist
ihren Preis wert.

Reue ergriff mich, aber ich hatte nicht den Mut, die Verbindung wieder
anzuknüpfen. Da teilte mir eine Depesche des Kaufmanns mit, das ein
Chemiker, Assistent an der Ecole de médicine, und ein Abgeordneter, der
damals schon bekannt war und jetzt nur zu bekannt ist, sich für das
Jodproblem interessierten.


Ich beginne also eine Reihe regelmässiger Versuche, die alle dasselbe
Ergebnis haben: zu beweisen, dass Jod von Benzin abgeleitet werden kann.

Mittlerweile habe ich eine Unterredung mit dem Chemiker, und ein Tag
wird bestimmt für eine Zusammenkunft, bei der die entscheidenden
Versuche gemacht werden sollen.

An dem Morgen, der diese Sache entscheiden soll, nehme ich einen Wagen
und bringe meine Retorten und Reagentien zu dem Kaufmann, der im
Quartier du Marais wohnt. Der gute Mann war da; aber der Chemiker, der
entdeckt hatte, dass es ein Feiertag war, hatte sich entschuldigt und
die Sitzung auf den folgenden Tag verschoben.

Es war Pfingsten, was ich nicht gewusst hatte. Das schmutzige Kontor,
das auf die finstere und unsaubere Strasse sah, bedrückte mir das Herz.
Erinnerungen an die Kindheit erwachten: Pfingsten, das selige Fest,
an dem die kleine Kirche mit grünen Zweigen, mit Tulpen, Lilien und
Maiblumen geschmückt, sich für die Abendmahlskinder auftat; die jungen
Mädchen weissgekleidet wie die Engel ... die Orgel ... die Glocken....

Ein Gefühl der Scham bemächtigte sich meiner Seele, und ich kehrte
tief bewegt nach Hause zurück, fest entschlossen, jeder Versuchung,
aus meiner Wissenschaft ein Geschäft zu machen, zu widerstehen. Ich
säuberte mein Zimmer von den herumstehenden Apparaten und Reagentien;
ich kehrte es aus; staubte ab, räumte auf; ich liess Blumen holen,
besonders Narzissen. Nachdem ich dann ein Bad genommen und das Hemd
gewechselt hatte, glaubte ich von dem Schmutz gereinigt zu sein. Darauf
ging ich aus, um auf dem Kirchhof Montparnasse spazieren zu gehen; dort
führte eine Heiterkeit der Seele mich zu milden Gedanken und einer
ungewöhnlichen Zerknirschung.

O crux ave spes unica: so weissagten die Grabhügel mir mein Schicksal.
Nichts mehr von Liebe! Nichts mehr von Geld! Nichts mehr von Ehre! Der
Weg des Kreuzes, der einzige, der zur Weisheit führt.



4.

Das wiedergewonnene Paradies.


Den Sommer und den Herbst des Jahres 1895 zähle ich, trotz allem, zu
den glücklichsten Etappen meines so bewegten Lebens. Alles, was ich
angreife, gelingt mir; unbekannte Freunde bringen mir die Nahrung
wie die Raben dem Elias; Geld fliegt mir zu: ich kann Bücher kaufen,
naturwissenschaftliche Gegenstände, darunter ein Mikroskop, das mir die
Geheimnisse des Lebens entschleiert.

Tot für die Welt, da ich auf die eitlen Freuden von Paris verzichte,
bleibe ich in meinem Viertel, wo ich jeden Morgen die Toten des
Kirchhofs Montparnasse besuche, um dann in den Luxemburggarten
hinabzusteigen und meine Blumen zu begrüssen. Zuweilen besucht mich ein
durchreitender Landsmann, um mich einzuladen, auf der andern Seite des
Wassers zu frühstücken und ins Theater zu gehen. Ich versage es mir,
weil das rechte Ufer mir verboten ist: das ist die sogenannte "Welt",
die Welt der Lebenden und der Eitelkeit.

Obwohl ich sie nicht formulieren kann, hat sich eine Art Religion in
mir gebildet. Eher ein Zustand der Seele als eine auf Lehren gegründete
Ansicht; ein Wirrwarr von Empfindungen, die sich mehr oder weniger zu
Gedanken verdichten.

Ich habe mir ein römisches Gebetbuch gekauft und lese es mit Sammlung;
das Alte Testament tröstet und züchtigt mich in einer etwas dunklen
Weise, während das Neue mich kalt lässt. Das hindert mich nicht, dass
ein buddhistisches Buch auf mich einen stärkeren Einfluss als alle
andern heiligen Bücher übt, weil es das positive Leiden über die
Enthaltsamkeit stellt. Buddha zeigt den Mut, im vollen Besitz seiner
Lebenskraft und im Genuss seines ehelichen Glücks auf Weib und Kind
zu verzichten, während Christus jede Gemeinschaft mit den erlaubten
Freunde dieser Welt vermeidet.

Übrigens grüble ich nicht über die Empfindungen, die in mir auftauchen;
ich halte mich indifferent, lasse sie gewähren, indem ich mir dieselbe
Freiheit bewillige, die ich andern schulde.

Das grosse Ereignis der Pariser Saison war Brunetières Feldgeschrei
über den Bankerott der Wissenschaft. Seit meiner Kindheit in die
Naturwissenschaften eingeweiht, später Anhänger Darwins, hatte ich
entdeckt, wie ungenügend diese wissenschaftliche Methode ist, die den
Mechanismus des Weltalls bekennt, ohne einen Mechanismus anzunehmen.
Die Schwäche des Systems zeigte sich in einer allgemeinen Entartung
der Wissenschaft: die hatte eine Grenze abgesteckt, über die man
nicht hinausgehen sollte. Wir haben alle Probleme gelöst: die Welt
hat keine Rätsel mehr. Diese dünkelhafte Lüge hatte mich schon um
1880 gereizt, und während der folgenden fünfzehn Jahre hatte ich
eine Revision der Naturwissenschaften vorgenommen. So hatte ich
1884 die Zusammensetzung der Atmosphäre in Zweifel gezogen: der
Stickstoff der Luft ist nicht identisch mit dem Stickstoff, der
durch Zerlegung eines stickstoffhaltigen Salzes gewonnen wird. 1891
besuchte ich das physikalische Institut in Lund, um die Spektren dieser
beiden Stickstoffarten, deren Verschiedenheit ich entdeckt hatte,
zu vergleichen. Brauche ich den Empfang zu schildern, den mir die
gelehrten Mechanisten bereiteten?

Nun, in diesem Jahr 1895 hat die Entdeckung des Argon frühere
Vermutungen bestätigt und meinen durch eine unbesonnene Heirat
unterbrochenen Untersuchungen einen neuen Aufschwung gegeben.


Nicht die Wissenschaft hat Bankerott gemacht, sondern nur die
veraltete, entartete Wissenschaft, und Brunetière hatte recht, obwohl
er unrecht hatte.

Während alle die Einheit der Materie anerkannten und sich Monisten
nannten, ohne es zu sein, ging ich weiter und zog die letzten
Konsequenzen der Lehre, indem ich die Grenzen aufhob, die Materie und
sogenannten Geist zu trennen. So hatte ich 1894 im "Antibarbarus" die
Psychologie des Schwefels behandelt, indem ich sie durch die Ontologie,
das heisst die embryonale Entwicklung des Schwefels, erklärte.

Wer sich dafür interessiert, sei auf meine im Sommer und Herbst 1895
niedergeschriebene Arbeit "Sylva Sylvarum" verwiesen, in der ich im
stolzen Gefühl hellseherischer Kraft die Geheimnisse der Schöpfung
besonders im Pflanzen- und Tierreich durchschaut zu haben glaubte;
ferner auf meine "Kirchhofstudien", die zeigen, wie ich in Einsamkeit
und Leiden zu einem schwankenden Begriff von Gott und Unsterblichkeit
zurückgeführt wurde.



5.

Der Fall und das verlorene Paradies.


In diese neue Welt eingeführt, in die niemand mir folgen kann, fasse
ich einen Widerwillen gegen die andern und habe einen unbesiegbaren
Wunsch, mich von meiner Umgebung freizumachen. Ich benachrichtige
also meine Freunde, dass ich nach Meudon gehen wolle, um ein Buch zu
schreiben, das Einsamkeit und Stille verlange.

Zur selben Zeit führten unbedeutende Zwistigkeiten zu einem Bruch
mit dem Kreis der Cremerie, so dass ich mich eines Tages recht rauh
vereinsamt fand. Die erste Folge war eine unerhörte Ausdehnung meiner
inneren Sinne: eine seelische Kraft, die sich zu betätigen verlangte.
Ich glaubte mich im Besitz grenzenloser Kräfte, und der Hochmut flösste
mir die tolle Idee ein, zu versuchen, ob ich ein Wunder tun könne.

In einer früheren Epoche, in der grossen Krisis meines Lebens, hatte
ich bemerkt, dass ich eine Fernwirkung auf abwesende Freunde auszuüben
vermochte. In den Volkssagen hat man sich mit der Frage der Telepathie
und der Behexung beschäftigt. Ich möchte mir nun weder unrecht tun,
noch mich von einer verbrecherischen Handlung ganz weiss waschen, aber
ich glaube zu wissen, dass mein böser Wille nicht so böse war wie
der Rückschlag, den ich davon empfing. Eine ungesunde Neugier, ein
Ausbruch verkehrter Liebe, veranlasst durch die furchtbare Einsamkeit,
flösst mir eine übermässige Sehnsucht ein, wieder mit meiner Frau
und meinem Kind anzuknüpfen, da ich sie alle beide liebte. Aber wie,
da der Scheidungsprozess schon im Gang war? Ein ausserordentliches
Ereignis, ein gemeinsames Unglück, ein Blitzschlag, eine Feuersbrunst,
eine Überschwemmung ... kurz eine Katastrophe, die zwei Herzen wieder
vereinigt, wie sich in den Romanen feindliche Hände am Bette eines
Kranken treffen. Da habe ich es! Eines Kranken! Die Kinder sind immer
etwas krank; die Empfindlichkeit einer Mutter übertreibt die Gefahr;
ein Telegramm, und alles ist gesagt.

Ich kannte nicht die einfachsten Begriffe der Magie, aber ein
unheilvoller Instinkt flüsterte mir ins Ohr, was ich mit dem Porträt
meines geliebten Töchterchens vornehmen müsse, meines geliebten
Töchterchens, das später mein einziger Trost in einem verfluchten
Dasein werden sollte.

Ich werde die Folgen einer Handlung erzählen; wie die böse Absicht
durch die Vermittlung des symbolischen Verfahrens zu wirken schien.

Indessen liessen die Konsequenzen auf sie warten, und ich setzte meine
Arbeiten fort, hatte aber das Gefühl eines unerklärlichen Unbehagens,
das von der Ahnung neuen Unglücks begleitet war.


Als ich abends allein vor dem Mikroskop sass, begegnete mir ein
Zwischenfall, den ich damals nicht verstand, der aber doch einen
starken Eindruck auf mich machte.

Ich hatte seit vier Tagen eine Walnuss keimen lassen und löste jetzt
den Keim der, herzförmig und nicht grösser als ein Birnenkern,
zwischen zwei Samenblättchen eingepflanzt ist, deren Aussehen an das
menschliche Gehirn erinnert. Man stelle sich meine Erregung vor, als
ich auf der Platte des Mikroskops zwei Händchen erblickte, weiss wie
Alabaster, erhoben und gefaltet wie zum Gebet. Ist es eine Vision? eine
Halluzination? Oh nein! Eine niederschmetternde Wirklichkeit, die mir
Schrecken einflösst! Unbeweglich sind sie gegen mich wie in Beschwörung
ausgestreckt, ich kann ihr fünf Finger zählen, der Daumen ist kürzer,
richtige Frauen- oder Kinderhände.

Ein Freund, der mich vor diesem mich bestürzenden Schauspiel
überraschte, wurde aufgefordert, die Erscheinung zu bestätigen; und er
brauchte kein Hellseher zu sein, um zwei gefaltete Hände zu sehen, die
den Beobachter um Barmherzigkeit anrufen.

Was war das? Die beiden ersten unausgebildeten Blätter eines
Walnussbaumes, der Juglans regia, der Eichel des Jupiter. Weiter
nichts! Und dennoch die unleugbare Tatsache, dass sich zehn Finger von
menschlicher Form zu einer Gebärde des Flehens falteten: de profundis
clamavi ad te!

Noch zu kleingläubig und durch eine empirische Erziehung verdummt, gehe
ich darüber hinweg.


Der Fall ist getan! Ich fühle die Ungnade der unbekannten Mächte schwer
auf mir ruhen. Die Hand des Unsichtbaren ist erhoben, und die Schläge
fallen dicht auf mein Haupt.

Zuerst zieht sich mein anonymer Freund, der mich bisher unterstützt
hat, zurück, von einem anmassenden Brief verletzt; und ich stehe ohne
Hilfsmittel da.

Und als ich die Korrekturbogen von "Sylva Sylvarum" erhalte, entdecke
ich, dass der Text wie ein gut gemischtes Spiel Karten umgebrochen ist.
Nicht nur die Seiten sind umgestellt und falsch numeriert, auch die
verschiedenen Abteilungen sind so durcheinandergeworfen, dass sie auf
ironische Weise die Lehre von der "grossen Unordnung", die in der Natur
herrscht, symbolisieren.

Nach endlosen Verzögerungen und Verschiebungen ist die Broschüre
gedruckt; da aber präsentiert mir der Drucker eine Rechnung, deren
Belauf die vereinbarte Summe ums Doppelte übersteigt. Mit Bedauern
trage ich mein Mikroskop, den schwarzen Anzug und die wenigen
Kostbarkeiten, die mir geblieben sind, zum Leihamt, aber ich bin
schliesslich gedruckt, und zum erstenmal in meinem Leben bin ich
sicher, etwas Neues, Grosses und Schönes gesagt zu haben.

Der Übermut, mit dem ich die Exemplare zur Post trage, ist leicht zu
verstehen. Mit einer höhnisch-stolzen Gebärde werfe ich die Drucksachen
in den Kasten, und trotzig gegen die feindlichen Mächte denke ich:

--Hörst du, Sphinx, ich habe dein Rätsel gelöst, und ich fordere dich
heraus!

Als ich ins Hotel zurückkehre, wurde ich von der Rechnung überfallen,
die von einem Brief begleitet war.

Gereizt von diesem Schlag, der mir unerwartet kam, weil ich seit einem
Jahr der Gast des Hauses war, achte ich von jetzt an auf Kleinigkeiten,
die ich bisher übersehen habe. So werden in den benachbarten Zimmern
drei Klaviere auf einmal gespielt.

Ich sage mir, das ist ein Komplott dieser skandinavischen Damen, von
deren Verkehr ich mich zurückgezogen habe.

Drei Klaviere! Und ich kann das Hotel nicht wechseln, weil ich kein
Geld habe.

Ich schlafe ein, zornig auf diese Damen und das Schicksal, den Himmel
verwünschend.

Am nächsten Morgen werde ich durch einen unerwarteten Lärm geweckt.
Man hämmert im Nebenzimmer einen Nagel ein, gerade dort, wo mein Bett
steht. Dann hämmert es auf der andern Seite.

Eine Kabale, ebenso dumm wie diese Künstlerinnen; ich lasse sie
vorübergehen, ohne mich daran zu kehren.

Als ich mir aber nach dem Essen wie gewöhnlich ein Schläfchen auf
meinem Bett leisten will, ist ein solcher Lärm über meinem Alkoven zu
hören, dass mir der Gips der Decke auf den Kopf fällt.

Ich gehe zur Wirtin hinunter und beklage mich über das Betragen der
Gäste. Sie behauptet, übrigens sehr höflich, nichts gehört zu haben,
und verspricht mir, jeden, der es wagen würde, mich zu beunruhigen,
fortzujagen. Es lag ihr nämlich viel daran, mich in ihrem Hotel, das
nicht besonders ging, zu behalten.

Ohne den Worten einer Frau ganz zu glauben, verliess ich mich doch auf
ihr Interesse, das sie zwang, mich gut zu behandeln.

Doch hört der Lärm nicht auf, und ich verstehe, dass diese Damen mich
glauben machen wollen, es seien Klopfgeister. Wie einfältig!

Gleichzeitig ändern auch die Kameraden der Cremerie ihr Benehmen gegen
mich, und eine geheime Feindseligkeit äussert sich in versteckten
Blicken und tückischen Worten.

Des Haders müde, verlasse ich Hotel und Cremerie, ausgeplündert, Bücher
und Bibelots zurücklassend, nackt wie ein kleiner Johannes. Und ziehe
am 21. Februar 1896 ins Hotel Orfila ein.



6.

Das Fegefeuer.


Hotel Orfila, das wie ein Kloster aussieht, ist ein Pensionat für die
Studierenden der katholischen Gesellschaft. Ein liebenswürdiger und
milder Abbe hat die Aufsicht. Ruhe, Ordnung und gute Sitten herrschen
hier. Was mich aber besonders nach so vielen Verdriesslichkeiten
tröstet, ist, dass Frauen hier nicht zugelassen werden.

Das Haus ist alt; die Zimmer niedrig, die Korridore dunkel, und die
hölzernen Treppen schlängeln sich wie in einem Labyrinth. In diesem
Gebäude ist eine Atmosphäre von Mystik, die mich lange angezogen hat.
Mein Zimmer geht auf eine Sackgasse hinaus; von der Mitte aus sieht man
nur eine moosbewachsene Mauer mit zwei runden Fensterchen; sitze ich
aber an meinem Tisch vorm Fenster, so blicke ich auf eine entzückende
Landschaft, die ich nicht erwartet hätte.

Hinter einer Ringmauer, die mit Efeu bedeckt ist, liegt der Hof eines
Klosters für junge Mädchen unter Platanen, Paulownien, Robinien. Eine
köstliche Kapelle im Spitzbogenstil. Etwas weiter sind hohe Mauern
mit unzähligen vergitterten Fensterchen zu sehen, die mich an ein
Kloster denken lassen; dahinter im Tal ein Wald von Schornsteinen, die
halbverborgene alte Häuser krönen; und in der Ferne der Turm der Kirche
Notre-Dame-des-Champs, mit dem Kreuz und, ganz oben, dem Hahn.

In meinem Zimmer hängt ein Kupferstich mit dem heiligen Vincenz de
Paul, ein zweiter, mit Sankt Peter, hängt im Alkoven über dem Bett. Der
Pförtner des Himmels! Welche beissende Ironie für mich, der vor einigen
Jahren den Apostel in einem phantastischen Drama lächerlich gemacht hat.

Mit meinem Zimmer sehr zufrieden, schlafe ich die erste Nacht gut.

Am nächsten Morgen entdecke ich, dass der Abtritt in dem Gässchen unter
meinem Fenster liegt, und zwar so nahe, dass man das Auf- und Zuklappen
des eisernen Deckels hört. Weiter erfahre ich, dass die beiden runden
Fensterchen gegenüber ebenfalls zu Abtritten gehören. Schliesslich
vergewissere ich mich, dass die hundert Fensterchen im Hintergrund des
Tals zu ebenso viel Abtritten gehören, die auf der Hofseite einer Reihe
Häuser liegen.

Ich wüte zuerst, da ich aber nicht die Mittel habe, mich zu rühren,
beruhige ich mich, indem ich das Schicksal verwünsche.

Gegen ein Uhr bringt mir der Diener das Frühstück, und da ich meinen
Arbeitstisch nicht in Unordnung bringen will, stellt er das Tablett auf
den Nachttisch, in dem das Nachtgeschirr steht.

Ich machte ihn darauf aufmerksam, und der Diener entschuldigte sich
damit, dass er keinen andern Tisch zur Verfügung habe. Er sah ehrlich
und nicht boshaft aus, so dass ich ihm verzieh; und das Nachtgeschirr
wurde fortgenommen.

Wenn ich zu dieser Zeit schon Swedenborg gekannt hätte, würde ich
begriffen haben, dass ich von den Mächten zur Kothölle verurteilt
sei. Jetzt aber tobte ich gegen das fortwährende Unglück, das mich
seit so vielen Jahren verfolgte; dann beruhigte ich mich mit düsterer
Resignation, die sich vor dem Schicksal beugt. Ich erbaute mich,
indem ich das Buch Hiob las, überzeugt, der Ewige habe mich dem Satan
überliefert, um mich zu prüfen. Dieser Gedanke tröstete mich, und
das Leiden erfreute mich als Zeichen des Vertrauens von seiten des
Allmächtigen.

Nun beginnt eine Reihe von Offenbarungen, die ich nicht erklären kann,
ohne die Mitwirkung der unbekannten Mächte anzunehmen; und von diesem
Augenblick an mache ich Aufzeichnungen, die sich allmählich anhäufen
und ein Tagebuch bilden, aus dem ich hier Auszüge gebe.


Eine unangenehme Stille hat sich um meine chemische Untersuchungen
gelegt. Um mich wieder aufzurichten und einen entscheidenden Schlag
zu führen, nehme ich das Problem Gold zu machen, vor. Ich ging von
der Frage aus: warum fällt schwefelsaures Eisen in einer Lösung von
Goldsalz metallisches Gold? Antwort: weil Eisen und Schwefel in
der Konstitution des Goldes auftreten. In der Tat enthalten alle
Schwefeleisen der Natur mehr oder weniger Gold. Ich begann also mit
Lösungen von schwefelsaurem Eisen zu bearbeiten.

Eines Morgens erwachte ich mit der unbestimmten Lust, einen Ausflug
aufs Land zu machen, obwohl das gegen meinen Geschmack und meine
Gewohnheiten war. Ohne dahin zu wollen, kam ich nach dem Bahnhof
Montparnasse und bestieg den Zug nach Meudon. Ich gehe ins Dorf
hinunter, das ich zum ersten Mal besuche. Gehe die grosse Strasse
hinauf und biege rechts ab in eine Gasse, die zwischen zwei Mauern
läuft. Zwanzig Schritte vor mir, zur Hälfte in der Erde vergraben,
erhebt sich ein römischer Ritter in eisengrauer Rüstung aus dem Boden.
Obwohl recht sauber modelliert, wenn auch im kleinen, täuscht mich die
Figur nicht darüber, dass sie nur aus rohem Stein ist. Tritt man näher,
sieht man, dass es eine Augentäuschung ist, und ich bleibe stehen, mir
geflissentlich die Illusion erhaltend, die mir Vergnügen macht. Der
Ritter betrachtet die nahe Mauer, ich folge seinen Augen und bemerke
auf dem Kalk eine Kohlenschrift. Die verschlungenen Buchstaben F und
S lassen mich an die Initialen des Namens meiner Frau denken. Sie
liebt mich noch immer!--In der nächsten Sekunde erscheinen mir, die
chemischen Zeichen des Eisens und Schwefels, Fe und S, die sich trennen
und meinen Augen das Geheimnis des Goldes zeigen.

Ich untersuche den Boden und finde zwei Bleistempel, die durch
Bindfaden vereinigt sind. Der eine trägt die Buchstaben V. P., der
andere eine Königskrone.

Ohne dieses Abenteuer näher deuten zu wollen, kehre ich nach Paris
zurück, unter dem lebhaften Eindruck, etwas Wunderbares erlebt zu haben.


In meinem Kamin brenne ich Kohlen, die man wegen ihrer runden und
gleichartigen Form Spatzenköpfe nennt. Als eines Tages das Feuer
erlosch, ehe es ausgebrannt war, nehme ich ein Kohlenkonglomerat
heraus, das die Züge einer phantastischen Gestalt zeigt. Ein Hahnenkopf
mit prächtigem Kamm, der Rumpf eher menschlich und die Glieder
gewunden. Man hätte sagen können, es sei ein Teufel, wie man sie auf
den Hexensabbathen des Mittelalters darstellte.

Am andern Tage nehme ich wieder eine prächtige Gruppe zweier berauchter
Gnomen oder Kobolde heraus, die sich umarmen, während die Kleider
flattern. Es ist ein Meisterwerk primitiver Skulptur.

Am dritten Tag ist es eine Madonna mit dem Kinde, in byzantinischem
Stil, von einer unvergleichlichen Linie.

Ich lasse alle drei auf meinem Tisch liegen, nachdem ich sie mit
schwarzer Kreide abgezeichnet habe.

Ein befreundeter Maler besucht mich; er betrachtet die drei Statuetten
mit wachsender Neugier und fragt mich:

--Wer hat das gemacht?

--Gemacht?

Um ihn auf die Probe zu stellen, nenne ich den Namen eines norwegischen
Bildhauers.

--Wirklich? Ich hätte sie Kittelsen, dem berühmten Illustrator der
skandinavischen Sagen, zugeschrieben.

Ich glaube nicht an die Existenz von Teufeln, aber ich bin begierig,
zu sehen, welchen Eindruck meine Statuetten auf die Spatzen machen,
die gewohnt sind, vor meinem Fenster Brot zu bekommen; ich stelle die
Figuren also aufs Dach.

Die Spatzen erschrecken und halten sich fern. Es ist also eine
Ähnlichkeit vorhanden, welche selbst die Tiere wahrnehmen können; es
liegt eine Wirklichkeit hinter diesem Spiel der trägen Materie und des
Feuers.

Die Sonne wärmt meine Figuren so, dass der Teufel mit dem Hahnenkamm
platzt; das erinnert mich an die Volkssage, dass die Kobolde sterben,
wenn sie warten, bis die Sonne aufgeht.


Es geschehen Dinge im Hotel, die mich beunruhigen.

Am Tage nach meiner Ankunft finde ich an der Tafel im Flur, an der
die Zimmerschlüssel hängen, einen Brief, der an einen Herrn X., einen
Studenten adressiert ist, der denselben Namen wie die Familie meiner
Frau trägt. Der Poststempel ist Dornach, der Name des österreichischen
Dorfes, wo meine Frau und mein Kind wohnen. Da ich aber sicher bin,
dass es kein Postamt in Dornach gibt, bleibt die Sache rätselhaft.

Diesem Brief, der in so herausfordernder Art dahin gelegt ist, als habe
man die Absicht, ihn zu zeigen, folgen andere.

Der zweite ist an Herrn Dr. Bitter adressiert und Wien abgestempelt;
ein dritter trägt das polnische Pseudonym Schmulachowsky.

Jetzt mischt sich der Teufel ein. Denn dieser Name ist verstellt, und
ich verstehe, an wen er erinnern will: es ist ein Todfeind von mir, der
in Berlin wohnt.

Ein anderes Mal ist es ein schwedischer Name, der mich an einen Feind
in meiner Heimat erinnert.

Schliesslich trägt ein in Wien abgestempelter Brief den Aufdruck:
Bureau für Chemische Analyse von Dr. Eder. Das heisst, man spioniert
nach meiner Goldsynthese.

Kein Zweifel mehr, hier wird eine Intrige gesponnen; aber der Teufel
hat diesen Falschspielern die Karten gemischt. Meinen Argwohn nach vier
Richtungen der Welt irren zu lassen, das ist zu erfinderisch für die
einfältigen Sterblichen.

Als ich mich beim Diener nach diesem Herrn X. erkundige, gibt er mir
die dumme Antwort, es sei ein Elsässer. Das ist alles.

Als ich eines Morgens von meinem Spaziergang zurückkehre, finde ich
eine Postkarte in dem Fach neben meinem Schlüssel. Einen Augenblick
ergreift mich die Versuchung, das Rätsel durch einen Blick auf die
Karte zu lösen, aber mein Schutzengel lähmte meine Hand gerade in der
Sekunde, in welcher der junge Mann aus seinem Versteck hinter der Tür
hervortritt.

Ich sehe ihm ins Gesicht: er gleicht meiner Frau. Schweigend grüssen
wir uns, und jeder geht seines Weges.

Ich habe die Intrige niemals erklären können, deren Personen ich noch
nicht kenne, da meine Frau weder einen Bruder noch einen Vetter hat.

Die Ungewissheit, die beständige Drohung einer Rache waren mir sechs
Monate lang genügende Tortur. Ich ertrug sie wie das andere als eine
Strafe für bekannte und unbekannte Sünden.


Mit dem neuen Jahr gesellte sich ein neuer Mann dem Kreis der Cremerie.
Maler und Amerikaner, kam er zur rechten Zeit, um unsere schläfrige
Gesellschaft zu beleben. Ein lebhafter Geist, ein Kosmopolit, ein
kühner Mensch, guter Kamerad, flösste er mir doch ein unbestimmtes
Misstrauen ein. Trotz seinem sichern Auftreten witterte ich, dass seine
Lage durchaus nicht gesichert sei.

Der Krach brach schneller aus, als man erwartet hätte. Eines Abends
trat der Unglückliche in mein Zimmer und bat um die Erlaubnis, einen
Augenblick bleiben zu dürfen. Er sah aus wie ein verlorener Mann, und
er war es.

Der Hauswirt hatte ihn aus seinem Atelier gejagt, seine Geliebte
hatte ihn verlassen, seine Gläubiger bedrängten ihn; auf der Strasse
beschimpften ihn die Zuhälter seiner nicht bezahlten Modelle; was
ihn aber vollständig vernichtete, war die Grausamkeit des Hauswirts,
sein für die Ausstellung bestimmtes Gemälde mit Beschlag zu belegen;
er hatte nämlich auf einen Erfolg gerechnet, weil er das Sujet für
originell und stark hielt. Es war eine schwangere Emanzipierte, die von
der Menge ans Kreuz geschlagen und ausgepfiffen wird.

Da er auch in der Cremerie überschuldet war, stand er mit leerem Magen
auf der Strasse.

Nach der ersten Beichte vervollständigte er seine Aussage, indem er
eingestand, er habe eine doppelte Dosis Morphium genommen, aber der Tod
wolle ihn noch nicht.

Nachdem wir ernst und reiflich überlegt hatten, kamen wir schliesslich
dahin, dass er das Viertel verlassen müsse. Ich wollte mit ihm in einer
andern unbekannten Garküche zu Mittag essen, damit nicht der Mangel
an Freunden ihm den Mut nähme, ein anderes Bild für den Salon der
Unabhängigen fertig zu machen.


Das Unglück dieses Mannes, der mein einziger Kamerad geworden ist,
vergrössert mein Leiden, weil ich auch noch seine Pein auf mich nehme.
Es ist eine Herausforderung von mir, die mir eine Erfahrung von
grossem Wert einbringt. Er enthüllt mir seine ganze Vergangenheit:
Deutscher von Geburt, hat er sieben Jahre in Amerika gelebt, infolge
eines Unglücks, das über seine Familie hereinbrach, und wegen eines
Jugendstreiches: er hatte eine gottlose Schmähschrift herausgegeben,
die von der Polizei beschlagnahme wurde.

Ich entdecke eine ungewöhnliche Intelligenz, ein melancholisches
Temperament, eine zügellose Sinnlichkeit. Aber hinter dieser
menschlichen Maske, die durch eine kosmopolitische Erziehung erweitert
ist, ahne ich ein Geheimnis, das mich neugierig macht und das ich eines
Tages aufdecken werde.

Ich warte zwei Monate, während deren ich mein Dasein mit dem dieses
Freundes vereinige. All das Elend eines Künstlers, der nicht
durchgedrungen ist, mache ich durch, indem ich vergesse, dass ich meine
Laufbahn schon hinter mir habe, dass mein Name etwas im Tout-Paris und
in der Gesellschaft der Dramatiker zu bedeuten hat, wenn das mich als
Chemiker auch nicht mehr interessiert. Übrigens liebt mich mein Kamerad
nur, solange ich meine wirklichen Erfolge verberge; muss ich sie aber
im Vorübergehen erwähnen, ist er verletzt, macht sich so unglücklich,
so unbedeutend, dass ich aus Barmherzigkeit mich selber wie einen alten
Lumpen behandele. Dadurch erniedrige ich mich allmählich, während er,
der seine Zukunft noch vor sich hat, sich auf meine Kosten erhebt.
Ich mache mich zu einem Leichnam, der an den Wurzeln eines Baumes
begraben ist, während der Baum, der seine Nahrung aus dem in Zersetzung
begriffenen Leben zieht, hoch in die Luft wächst.

Da ich zu dieser Zeit buddhistische Bücher studiere, bewundere ich die
Verleugnung, mit der ich mich für einen andern opfere. Einer guten Tat
wird ihr Lohn, und dies gewann ich dabei.

Eines Tages liefert mir die Revue des Revues ein Bildnis des
amerikanischen Propheten und Arztes Francis Schlatter, der 1895
fünftausend Kranke heilte und dann für immer von dieser Erde verschwand.

Nun, die Züge dieses Mannes glichen in wunderbarer Weise denen meines
Kameraden. Um die Probe zu machen, nehme ich die Zeitschrift ins Café
de Versailles, wo mich ein schwedischer Bildhauer erwartete. Er bemerkt
die Ähnlichkeit und erinnert mich an ein seltsames Zusammentreffen:
dass alle beide von deutscher Herkunft waren und in Amerika wirkten.
Noch mehr, Schlatter verschwand zur selben Zeit, als unser Freund
in Paris auftauchte. Da ich jetzt schon etwas in den Ausdrücken des
Okkultismus bewandert bin, äussere ich die Ansicht, dieser Francis
Schlatter sei der "Doppelgänger" unseres Mannes, der, ohne es zu
wissen, ein unabhängiges Dasein führe.

Als ich das Wort Doppelgänger aussprach, machte mein Bildhauer grosse
Augen und lenkte meine Aufmerksamkeit darauf, dass unser Mann immer
zwei Wohnungen habe, die eine auf dem rechten Ufer, die andere auf
dem linken. Ausserdem erfahre ich, dass mein geheimnisvoller Freund
ein doppeltes Dasein in dem Sinn führt, dass er den Abend mit mir in
philosophischen und religiösen Betrachtungen verbringt, während man ihn
in der Nacht immer noch auf dem Ball Bullier trifft.

Es gab ein sicheres Mittel, die Identität dieser beiden Doppelgänger zu
bewiesen, da Francis Schlatter letzter Brief im Faksimile von der Revue
gedruckt war.

--Kommen Sie heute abend zum Essen, schlug ich vor; ich werde ihm
Schlatters Brief diktieren. Wenn sich die beiden Handschriften, und
besonders die Unterschriften, gleichen, ist das ein Beweis.

Des Abends beim Essen bestätigt sich alles: die Handschrift ist
dieselbe, die Unterschrift, der Schnörkel, alles ist da. Etwas
überrascht, unterwirft sich der Maler unserm Examen; schliesslich fragt
er:

--Und was wollen Sie damit?

--Kennen Sie Francis Schlatter?

--Ich habe nie von ihm sprechen hören.

--Erinnern Sie sich nicht an jenen Arzt in Amerika, voriges Jahr?

--Ach ja, der Scharlatan!

Er erinnert sich: ich zeige ihm Bildnis und Faksimile.

Er lächelt skeptisch, ruhig, gleichgültig.


Einige Tage darauf sitzen mein geheimnisvoller Freund und ich auf der
Terrasse des Café de Versailles vor einem Absinth, als ein Mann, der
wie ein Arbeiter gekleidet ist und bösartig aussieht, vor dem Tisch
stehen bleibt und, ohne "Achtung" zu rufen, sich mitten unter den
Gästen wie ein Wahnsinniger gebärdet. Gegen meinen Kameraden gewandt,
schreit er aus vollem Hals:

--Da hab ich Sie doch gefasst, Sie Gauner, der Sie mich geprellt
haben! Was soll denn das bedeuten? Sie bestellen bei mir ein Kreuz
für dreissig Francs, ich bringe es Ihnen, und dann kneifen Sie aus!
Potztausend, glauben Sie etwa, so ein Kreuz macht sich von allein?...

Er fuhr fort, ohne aufzuhören, und als die Kellner ihn entfernen
wollten, drohte er, die Polizei zu holen. Währenddessen sass der arme
Verschuldete stumm und unbeweglich da, vernichtet wie ein Verurteilter,
vor einem Publikum von Künstlern, die ihn mehr oder weniger kannten.

Als der Auftritt vorüber war, frage ich ihn, verwirrt wie von einer
Szene aus der Hölle:

--Das Kreuz? Welches Kreuz für dreissig Francs? Ich begreife diese
Geschichte nicht....

--Es war das Modell des Kreuzes der Jeanne d'Arc, wissen Sie, diese
Maschine für mein Gemälde "Das gekreuzigte Weib".

--Aber das war ja der Teufel selbst, dieser Arbeiter! Und nach einer
Pause des Schweigens fuhr ich fort:

--Seltsam ist es, aber man spielt nicht mit dem Kreuz noch mit der
Jeanne d'Arc.

--Glauben Sie daran?

--Ich weiss nicht! Ich weiss nichts mehr! Aber die dreissig Silberlinge!

--Genug! genug! rief er gekränkt.


Als ich am Stillfreitag in die Garküche kam, fand ich meinen
Leidensgenossen am Tisch eingeschlafen.

In einer Anwandlung von Heiterkeit weckte ich ihn mit dem Anruf:

--Sie hier?

--Wieso?

-Ich glaubte, am Stillfreitag blieben Sie wenigstens bis sechs Uhr am
Kreuz.

--Bis sechs Uhr? Ich habe wirklich den ganzen Tag bis sechs Uhr abends
geschlafen, ohne sagen zu können warum.

--Ich könnte es.

--Natürlich: der Astralleib geht spazieren, nicht wahr, in Amerika ...
und so weiter.

Seit diesem Abend legt sich eine gewisse Kälte zwischen uns. Unser
Verkehr hat jetzt vier schreckliche Monate gedauert. Mein Kamerad hat
seine Erziehung noch einmal durchgemacht und Zeit gehabt, die Methode
der Malerei zu wechseln, so dass er jetzt sein gekreuzigtes Weib als
altes Spiel verwirft. Er hat das Leiden als die einzige Lebensfreude,
die einem frommt, auf sich genommen, und die Resignation ergab sich
daraus. Ein Held im Elend! Ich bewunderte ihn, wenn er an einem
Tage den Weg von Montrouge nach den Hallen hin und zurück ging, mit
abgetretenen Stiefeln, ohne etwas zu sich genommen zu haben. Nachdem
er den Redaktionen illustrierter Blätter siebzehn Besuche gemacht,
hatte er drei Zeichnungen untergebracht, ohne jedoch gleich bar bezahlt
worden zu sein; dann ass er abends für zwei Sous Brot und ging dann zu
Bullier.

Schliesslich lösten wir in stillschweigender Übereinstimmung diese zu
gegenseitiger Hilfe eingegangene Verbindung. Ein eigentümliches Gefühl
sagte uns beiden, es sei genug, unsere Schicksale müssten sich getrennt
erfüllen. Als die Lebewohls gewechselt waren, wusste ich, dass es die
letzten waren.

Ich habe diesen Mann nicht wieder gesehen, auch nichts von seinem
Schicksal erfahren.


Im Frühling, als ich von meinem eigenen widrigen Geschick und dem
meines Kameraden bedrückt wurde, empfing ich von meinen Kindern aus
erster Ehe einen Brief, in dem sie mir erzählten, sie seien so krank
gewesen, dass man sie ins Krankenhaus habe bringen müssen. Als ich den
Zeitpunkt dieses Ereignisses mit dem meines verhängnisvollen Versuchs
verglich, erschrak ich. Leichtfertig hatte ich mit den geheimen Kräften
gespielt, und der schlimme Wille hatte seinen Weg gemacht, um aber, von
der unsichtbaren Hand geleitet, mich selber in die Brust zu treffen.

Ich entschuldige mich nicht, ich bitte nur den Leser, diese Tatsache zu
behalten, falls es ihm einfallen, sollte, Magie auszuüben, besonders
die Wirkung, die Bezauberung oder Behexung in eigentlichem Sinn
heisst und deren Existenz de Rochas in seiner "Extériorisation de la
sensibilité" festgestellt hat.


Ich erwachte an einem Sonntag vor Ostern, gehe in den Luxemburggarten,
durchwandere ihn und überschreite die Strasse. Als ich unter die
Arkaden des Odeon komme, bleibe ich unbeweglich vor den blauen
Balzacbänden stehen, und durch einen Zufall greife ich "Seraphita"
heraus. Warum gerade diesen Band?

Vielleicht eine halbbewusste Erinnerung, welche die Lektüre, der
Zeitschrift "l'Initiation" hinterlassen hat, der Besprechung von "Sylva
Sylvarum" mich einen Landmann Swedenborgs nannte.

Sobald ich nach Hause kam öffnete ich das Buch, das mir beinahe
unbekannt war, so viele Jahre lagen zwischen der ersten Lektüre und
dieser zweiten.

Es war völlig neu für mich, und jetzt, da mein Geist bereitet war,
verschlang ich den Inhalt dieses ausserordentlichen Buches. Ich hatte
noch nie etwas von Swedenborg gelesen, der in seinem und meinem Lande
für einen Scharlatan, einen Narren, für unzüchtig galt, und wurde von
Bewunderung und Entzücken ergriffen, als ich diesen himmlischen Riesen
des vorigen Jahrhunderts durch den Mund des tiefsten der französischen
Geister sprechen hörte.

Indem ich mit religiöser Andacht lese, komme ich zu Seite 16, wo der
29. März als Swedenborgs Todestag angegeben ist. Ich halte inne, denke
nach und schlage den Kalender auf. Heute ist gerade der 29. März, und
ausserdem ist es Palmsonntag.

So offenbarte sich Swedenborg als Zuchtgeist in meinem Leben, in dem er
eine grosse Rolle spielen sollte, und brachte mir am Jahrestage seines
Todes die Palmen des Siegers oder des Märtyrers!

"Seraphita" wird mein Evangelium und bringt mich wieder in so nahe
Verbindung mit dem Jenseits, dass das Leben mich anekelt und ein
unwiderstehliches Heimweh mich zum Himmel zieht. Kein Zweifel, ich
werde für ein höheres Dasein vorbereitet! Ich verachte die Erde, diese
weltliche Welt, diese Menschen und ihre Werke. Ich sehe in mir den
Gerechten ohne Schuld, den der Ewige auf die Probe gestellt hat, und
den das Fegefeuer dieser Welt einer baldigen Erlösung würdig machen
wird.

Dieser Hochmut, den die vertrauliche Stellung zu den Mächten
hervorruft, wächst immer dann, wenn meine wissenschaftlichen
Untersuchungen gut fortschreiten. So gelingt es mir, Gold zu machen,
nach meinen Berechnungen und den Beobachtungen der Metallurgen, und ich
glaube es beweisen zu können. Ich sende Proben an einen befreundeten
Chemiker nach Rouen.

Er beweist mir das Gegenteil meiner Versicherungen, und ich kann eine
Woche nichts darauf antworten. Da blättere ich in der Chemie meines
Schutzpatrons Orfila und finde das Geheimnis der Frage.

Diese alte vergessene und verachtete Chemie von 1830 ist das Orakel
geworden, das mir im kritischen Augenblick Hilfe bringt. Meine Freunde
Orfila und Swedenborg beschützen mich, ermutigen mich, bestrafen mich.
Ich sehe sie nicht, aber ich fühle ihre Gegenwart; sie zeigen sich
nicht meinem Geist, weder durch Visionen noch durch Halluzinationen,
aber die kleinen Ereignisse des Tages, die ich sammle, zeigen, dass sie
in die Wechselfälle meines Daseins eingreifen.

Die Geister sind positivistisch geworden wie die gegenwärtige Epoche
und begnügen sich nicht mit Visionen. Als Beispiel führe ich dieses
Zusammentreffen an, das durch das Wort Koinzidenz nicht zu erklären ist.

Nachdem es mir gelungen war, Goldflecke auf Papier hervorzubringen,
suchte ich das Ergebnis im grossen auf trockenem Wege und durch
das Feuer zu erzielen. Zweihundert Versuche führten zu nichts, und
verzweifelt lege ich das Lötrohr nieder.

Mein Morgenspaziergang führte mich in die Strasse der Sternwarte, wo
ich oft die vier Weltteile bewundere, aus dem heimlichen Grunde, weil
die lieblichste der Carpeauxschen Frauen meiner Frau gleicht. Sie steht
auf der Höhe des Zeichens der Fische unter der Ringkugel, und Sperlinge
haben hinter ihrem Rücken ihr Nest gebaut.

Zu Füssen des Denkmals finde ich zwei oval geschnittene Pappstücke:
das eine trägt die gedruckte Zahl 207, das andere die Nummer 28. Das
bedeutet Blei (Atomgewicht 207) und Silizium (Atomgewicht 28). Ich hebe
den glücklichen Fund auf, um ihn für meine chemischen Aufzeichnungen zu
bewahren.

Zu Hause beginne ich eine Reihe Versuche mit Blei, indem ich Silizium
vorläufig lasse. Da ich aus der Metallurige weiss, dass Blei, in
einem mit Knochenasche gefütterten Tiegel, immer etwas Silber gibt,
und dieses Silber beständig etwas Gold enthält, sage ich mir, dass
der phosphorsaure Kalk, der Hauptbestandteil der Knochenasche, in der
Gewinnung des Goldes aus Blei den wesentlichen Faktor ausmachen müsse.

In der Tat färbte sich das Blei, auf einem Bett von phosphorsaurem Kalk
geschmolzen, immer goldgelb auf seiner unteren Fläche. Aber der böse
Wille der Mächte unterbrach die Vollendung des Versuchs.

Ein Jahr später, als ich zu Lund in Schweden weilte, gab mir ein
Bildhauer, der in feineren Töpferwaren arbeitete, eine aus Blei und
Silizium zusammengesetzte Glasur, mit deren Hilfe ich zum ersten Mal
ein vererztes Gold von vollkommener Schönheit erhalte.

Als ich ihm dankte, zeige ich ihm die beiden Pappstücke mit den Zahlen
207 und 28.

Zufall oder Zusammentreffen in dieser Begebenheit, die sich durch eine
unerschütterliche Logik auszeichnet?


Ich wiederhole, von Visionen wurde ich niemals heimgesucht, wohl aber
erschienen mir wirkliche Gegenstände unter menschlichen Formen und
hatten eine Wirkung, die oft grossartig war.

So fand ich mein Kopfkissen, das durch den Mittagschlaf aus der Form
gekommen war, wie ein Marmorkopf im Stil des Michaelangelo modelliert.

Eines Abends, als ich mit dem Doppelgänger des amerikanischen Arztes
nach Hause komme, entdecke ich im Halbschatten des Alkoven einen
riesenhaften Zeus, der auf meinem Bett ruht. Vor diesem unerwarteten
Schauspiel bleibt mein Kamerad stehen, von einem fast religiösen
Schrecken erfasst. Als Künstler begreift er sofort die Schönheit der
Linien:

--Da ist ja die grosse verschwundene Kunst wiedergeboren! Das ist eine
plastische Darstellung zum Zeichen.

Je mehr man sie betrachtet, desto mehr verkörpert sich die lebendige
und furchtbare Erscheinung.

Es ist entschieden kein Zufall, da an gewissen Tagen das Kopfkissen
hässliche Ungeheuer, gotische Drachen zeigt; eines Nachts, als ich
von einem Gelage heimkehre, begrüsst mich der Dämon, der wahrhafte
Teufel im Stil des Mittelalters, mit dem Bockskopf. Nie ergriff mich
Furcht, es war zu natürlich, aber der Eindruck von etwas Regelwidrigem,
gleichsam Übernatürlichem blieb in meiner Seele haften.

Mein Freund, der Bildhauer, den ich als Zeuge herbeirief, zeigte keine
Überraschung, sondern lud mich ein, in sein Atelier zu kommen. Dort
setzte mich eine Bleistiftzeichnung, die an der Wand hing, durch die
Schönheit ihrer Linien in Erstaunen.

--Wo haben Sie das gefunden? Eine Madonna, nicht wahr?

--Eine Madonna von Versailles, nach den Gewächsen gezeichnet, die dort
im See der Schweizer schwimmen.

Die Offenbarung einer neuen Kunst nach der Natur! Natürliche Hellsicht!
Warum den Naturalismus anspeien, wenn er eine neue Kunst einweiht,
die reich an Jugend und Hoffnung ist? Die Götter kehren zurück, und
der Alarmruf "Zum Pan!", den Schriftsteller und Künstler ausgestossen
haben, hat ein so starkes Echo gefunden, dass die Natur nach einem
Schlaf von mehreren Jahrhunderten erwacht ist! Nichts geschieht hier
auf Erden, ohne dass die Mächte zustimmen: wenn der Naturalismus war,
so sei der Naturalismus und gebäre wieder die Harmonie von Stoff und
Geist.

Mein Bildhauer ist ein Seher. Er erzählt mir, dass er Orpheus und
Christus in einem Felsen der Bretagne zusammen modelliert gesehen habe,
und er fügt hinzu, er beabsichtige dorthin zurückzukehren, um sie als
Modelle zu einer Gruppe für den Salon zu benutzen.

Als ich eines Abends die Rue de Rennes hinunterging, mit demselben
Seher, blieb er vor dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen, in
dem kolorierte Lithographien ausgestellt waren. Es waren eine Reihe
von Szenen, in denen menschliche Figuren eine Rolle spielten, deren
Köpfe durch Stiefmütterchen ersetzt waren. Obwohl Beobachter der
Pflanzenwelt, hatte ich noch nie bemerkt, dass das Stiefmütterchen dem
Gesicht des Menschen ähnlich ist. Mein Kamerad kann sich von seinem
doppelten Erstaunen kaum erholen.

--Stellen Sie sich vor; als ich gestern abend nach Hause komme,
blickten mich die Stiefmütterchen in meinem Fenster auf eine Art an,
die mich entnervte, und plötzlich sah ich ebenso viel menschliche
Gesichter. Ich hielt es für eine Illusion, die von meiner Nervosität
kam. Und heute finde ich dasselbe im Druck auf einem alten Stich
wieder: es ist also keine Illusion, sondern eine Wirklichkeit, da ein
unbekannter Künstler dieselbe Entdeckung vor mir gemacht hat.

Wir machen Fortschritte in unserm Sehen, und nun sehe ich Napoleon und
seine Marschälle auf der Kuppel des Invalidendoms.

Wenn man von Montparnasse in den Boulevard des Invalides kommt,
erscheint über der Rue Oudinot die Kuppel, beim Untergang der Sonne
in ihrem ganzen Glanz, und die Konsolen und andern Ausladungen des
Treppenhauses, der den Dom trägt, nehmen die Form menschlicher Figuren
an, die wechseln, je nachdem der Gesichtspunkt näher oder entfernter
ist. Napoleon ist dort, Bernadotte, Berthier, und mein Freund zeichnet
sie "nach der Natur".

--Wie wollen Sie diese Erscheinung erklären?

--Erklären? Hat man jemals etwas anders erklärt, als indem man eine
Menge Worte durch eine andere Menge Worte umschreibt?

--Sie glauben als nicht, dass der Baumeister nach einer halbbewussten
Leitung seines Geistes gearbeitet hat?

--Hören Sie, lieber Freund: Jules Mansard, der den Dom 1706 baute,
konnte doch unmöglich die Silhouette des Napoleon voraussehen, der 1769
geboren wurde.... Genügt das?


Zuweilen habe ich in der Nacht Träume, die mir die Zukunft voraussagen,
mich gegen Gefahren sichern, mir Geheimnisse enthüllen. So erscheint
mir ein längst verstorbener Freund im Traum und bringt ein Geldstück
von ungewöhnlicher Grösse. Ich frage ihn nach dem Ursprung dieses
ausserordentlichen Geldstücks; er antwortet: Amerika, und verschwindet
mit dem Schatz.

Am nächsten Tage erhalte ich einen Brief mit amerikanischer Marke; er
ist von einem Freund, den ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen habe,
und teilt mir mit, der Auftrag, eine Schrift für die Ausstellung von
Chikago zu verfassen, habe mich vergeblich in ganz Europa gesucht. Es
handelt sich um ein Honorar von 12 000 Francs, eine ungeheure Summe für
meine damalige verzweifelte Lage, das mir entgangen war. Dies 12 000
Francs hätten meine Zukunft gesichert! Aber kein anderer als ich hat
gewusst, dass der Verlust dieses Geldes mir als Züchtigung auferlegt
war für eine schlechte Handlung, die ich im Zorn über die Treulosigkeit
eines literarischen Mitbewerbers begangen hatte.


Ein anderer Traum von weiterer Tragweite liess mich Jonas Lie sehen,
wie er eine Pendeluhr aus vergoldeter Bronze mit ungewöhnlichen
Verziehrungen trägt.

Als ich einige Tage später den Boulevard Saint-Michel hinunterging, zog
das Schaufenster eines Uhrmachers meine Aufmerksamkeit auf sich.

--Da ist die Uhr des Jonas Lie, rief ich aus. Wahrhaftig, es war
dieselbe. Von einer Himmelskugel, an die sich zwei Frauen lehnen,
gekrönt, ruht das Räderwerk auf vier Säulen. In der Kugel war ein
Datumzeiger angebracht, der den dreizehnten August anzeigte.

In einem nächsten Kapitel werde ich erzählen, wie verhängnisvoll dieses
Datum des dreizehnten August für mich wurde.

Diese kleinen Vorfälle und viele andere ereigneten sich während meines
Aufenthaltes im Hotel Orfila zwischen dem 6. Februar und dem 19. Juli
1896.

Parallel mit diesen Vorfällen und mitten in ihnen rollte sich in
Abständen das folgende Abenteuer ab, das auf meine Austreibung aus dem
Hotel hinauslief und eine neue Epoche meines Lebens einleitete.

Der Frühling ist gekommen; das Tal der Tränen, das sich unter meinem
Fenster ausbreitet, grünt und blüht. Der grüne Rasen bedeckt den Boden
und verbirgt den Schmutz: die Gehenna hat sich in das Tal von Saron
verwandelt, wo ausser den Lilien, Flieder, Robinien, Paulownien blühen.

Ich bin betrübt, bis zum Tode, aber das heitere Lachen der jungen
Mädchen, die dort unten unsichtbar unter den Bäumen spielen, trifft
mich ins Herz und erweckt mich wieder zum Leben. Das Leben verrinnt
und das Alter naht: Weib, Kinder, Häuslichkeit, alles verheert; Herbst
innen, Frühling draussen.

Das Buch Hiob und die Klagelieder Jeremiae trösten mich, weil eine
Übereinstimmung zwischen dem Lose Hiobs und meinem vorhanden ist. Bin
ich nicht mit bösen Schwären geschlagen; drückt mich die Armut nicht
zu Boden; haben meine Freunde mich nicht verlassen?

"Ich gehe schwarz einher, und brennet mich doch keine Sonne nicht, ich
bin ein Bruder der Schakale und ein Geselle der Strausse. Meine Haut
über mir ist schwarz geworden, und meine Gebeine sind verdorret vor
Hitze. Meine Harfe ist eine Klage geworden, und meine Flöte ein Weinen."

So Hiob. Und Jeremias drückt in zwei Worten den Abgrund meiner
Traurigkeit aus: "Ich habe fast vergessen, was Glück ist."

In dieser Gemütsverfassung sitze ich an einem drückenden Nachmittag
bei meiner Arbeit, als ich unter meinem Fenster hinter den Laubbäumen
des Tales die Töne eines Klaviers höre. Ich spitze die Ohren, wie das
Streitross beim Klang der Trompete; ich richte mich auf und sammle
mich; ich atme tief. Das ist der "Aufschwung" von Schumann. Und noch
mehr, er spielt! Es ist mein Freund, der Russe, mein Schüler, der mich
"Vater" nannte, weil er alles von mir gelernt hatte; mein Famulus, der
mich Meister nannte und mir die Hände küsste, weil sein Leben begann,
wo das meine endete. Er ist von Berlin nach Paris gekommen, um mich
zu töten, wie er mich in Berlin getötet hat. Und warum?... Weil das
Schicksal gewollt hat, dass seine jetzige Gattin, bevor er sie kennen
lernte, meine Geliebte gewesen ist. War es meine Schuld, dass es sich
so gefügt hatte? Sicher nicht, und dennoch fasste er einen tödlichen
Hass auf mich, verleumdete mich, verhinderte die Annahme meiner Dramen,
zettelte Intrigen an, die mir die für meine Existenz notwendigen
Einkünfte raubten. In einem Anfall von Wut traf ich ihn damals mitten
in die Brust, freilich auf eine so rohe und feige Art, dass ich
darunter litt, als hätte ich einen Meuchelmord begangen. Dass er jetzt
gekommen ist, um mich zu töten, tröstet mich, denn der Tod allein kann
mich von der Gewissenqual befreien.

Es war wohl auch er, der mich durch die falsch adressierten Briefe
beunruhigte, die ich dort unten beim Portier sah. Er schlage zu! Ich
wird mich nicht verteidigen, wie er recht hat und mir das Leben nichts
mehr gilt.

Er spielt immer den "Aufschwung", wie nur er ihn zu spielen versteht,
unsichtbar hinter der Mauer aus Grün. Er sendet die magischen
Harmonien über blühende Firste empor, dass ich sie zu sehen glaube wie
Schmetterlinge, die in der Sonne flattern.

Warum spielt er? Um mir seine Ankunft zu melden, um ich zu erschrecken
und mich in die Flucht zu jagen!

Vielleicht erfahre ich es in der Cremerie, wo die andern Russen schon
lange die Ankunft ihres Landsmannes angekündigt haben. Ich begebe
mich am Abend dorthin, um zu essen, und schon in der Tür zerkratzen
mir feindliche Blicke das Gesicht. Von meinem Streit mit dem Russen
unterrichtet, haben alle Tischgenossen sich gegen mich verbunden. Um
sie zu entwaffnen eröffne ich selbst das Feuer:

--Popoffsky ist in Paris? sage ich fragend.

--Nein, noch nicht! Antwortet mir einer.

--Doch, bestätigt ein andrer, man hat ihn beim Mercure de France
gesehen.

Einer widerspricht dem Andern, und ich bin schliesslich ebenso klug
wie vorher, stelle mich jedoch so, als glaube ich alles, was man mir
erzählt. Die allzu deutliche Feindseligkeit liess mich den Schwur tun,
die Cremerie zu meiden; zu meinem Bedauern, denn einige Menschen waren
mir wirklich sympathisch geworden. Von neuem durch diesen verwünschten
Feind in die Einsamkeit getrieben, werde ich gegen ihn eingenommen und
der Hass setzt mir zu und macht mich böse. Ich verzichte auf den Tod!
Ich will nicht von der Hand des Mannes fallen, der meiner nicht wert
ist: die Demütigung wäre zu tief für mich, die Ehre zu gross für ihn.
Ich will kämpfen, mich verteidigen.

Um mir die Sache vom Herzen zu schaffen, begebe ich mich in die Rue de
la Santé hinter Val-de-Grâce, um einen dänischen Maler, einen intimen
Freund Popoffskys, zu besuchen. Dieser Mann, einst mein Freund, war
vor sechs Wochen nach Paris gekommen und hatte mich, als ich ihn auf
der Strasse traf, wie einen Fremden, fast wie einen Feind begrüsst.
Am nächsten Tage dagegen machte er mir einen Besuch, lud mich in sein
Atelier ein und sagte mir zu viele Artigkeiten, um nicht den Eindruck
eines falschen Freundes auf mich zu machen. Als ich ihn fragte, ob
er etwas Neues von Popoffsky gehört habe, verschanzte er sich hinter
Ausflüchten, bestätigte aber die Neuigkeit, dass er bald nach Paris
kommen werde.

--Um mich zu ermorden! ergänzte ich.

--Gewiss! Nehmen Sie sich in acht!

Als ich eines Morgens die Tür zu dem Hause meines Dänen öffnete, um
seinen Besuch zu erwidern, lag--welcher Zufall!--eine dänische Dogge
von riesiger Grösse und ungeheuerlichem Aussehen auf dem Pflaster
des Hofes und versperrte mir den Weg. Mit einer instinktiven, aber
entschiedenen Bewegung ging ich augenblicklich wieder auf die Strasse
hinaus und kehrte auf meinen Spuren um, den Mächten dankend, dass sie
mich gewarnt hatte; so überzeugt war ich, dass ich einer unbekannten
Gefahr entronnen sei.

Als ich einige Tage später meinen Besuch wiederholen wollte, sass auf
der Schwelle der offenen Tür ein Kind, das eine Spielkarte in der Hand
hatte. Mit hellseherischem Aberglauben warf ich einen Blick auf die
Karte. Es war die Pik zehn!

--Man treib ein hässliches Spiel in diesem Hause. Und ich zog mich
zurück, ohne einzutreten.

Aber heute abend nach der Szene in der Cremerie war ich fest
entschlossen, Cerberus und Pik zu trotzen; doch das Schicksal
widersetzte sich dem: ich traf meinen Mann in der Brasserie des Lilas.
Er war entzückt mich zu sehen, und wir setzten uns auf der Terrasse an
einen Tisch.

Indem er unsere gemeinsame Berliner Erinnerungen durchging, fiel er in
seine alte Rolle des guten Kameraden zurück, begeisterte sich an seinen
eigenen Erzählungen, vergass die kleinen Uneinigkeiten und gestand
Tatsachen ein, die er öffentlich geleugnet hätte.

Plötzlich schien er sich an seine Pflicht oder an gegebene
Versprechungen zu erinnern: er wird stumm, kalt, feindlich, als ärgere
er sich, dass er sich habe aushorchen lassen.

Als ich direkt frage, ob Popoffsky in Paris sei, antwortete er ein so
schroffes Nein, dass die Lüge mir offenbar erschien, und wir trennten
uns.

Hier ist zu beachten, dass dieser Däne vor mir der Geliebte der
Frau Popoffsky gewesen war und mir noch immer grollte, dass seine
Geliebte ihn für mich verlassen hatte. Jetzt spiele er die Rolle eines
Hausfreundes, obwohl Popoffsky genau wusste, in welchen Beziehungen
seine Frau zu dem schönen Heinrich gestanden hatte.


Der "Aufschwung" von Schumann klingt über die dicht belaubten Bäume,
aber der Musiker bleibt unsichtbar, und ich weiss nicht, wo er sich
befindet. Einen ganzen Monat dauert die Musik, jeden Abend von vier bis
fünf Uhr.

Als ich eines Morgens die Rue de Fleurus hinuntergehe, um mich am
Anblick meines Regenbogens beim Färber zu stärken, trete ich in den
Luxemburggarten ein, der jetzt in voller Blüte steht und schön wie ein
Feenmärchen ist, und finde auf der Erde zwei trockene Zweige, die der
Wind abgebrochen hat. Sie bilden zwei griechische Buchstaben P und y.
Ich hob sie auf und die Verbindung P--y, die Abkürzung von Popoffsky,
entstand in meinem Hirn. Er verfolgte mich also, und die Mächte wollten
mich gegen die Gefahr sichern. Unruhe erfasste mich, trotzdem der
Unsichtbar mir dieses günstige Zeichen gab. Ich rufe den Schutz der
Vorsehung an, ich lese die Psalmen Davids gegen seine Feinde; ich hasse
meinen Feind mit dem religiösen Hass des Alten Testaments, habe aber
zugleich nicht mehr den Mut, mich der Mittel der schwarzen Magie zu
bedienen, die ich eben studiert habe.

"Ewiger, mach dich auf, mir zu helfen! Sprich zu meiner Seele: ich
bin deine Hilfe. Es müssen sich schämen und gehöhnet werden, die nach
meiner Seele stehen; es müssen zurückkehren und zu Schanden werden,
die mir übel wollen.... Sie müssen sich schämen und zu Schanden werden
alle, die sich meines Übels freuen."

Dieses Gebet schien mir damals gerecht zu sein, und die Barmherzigkeit
des Neuen Testaments kam mir wie eine Feigheit vor.

Zu welchem Unbekannten nahm meine ruchlose Anrufung ihren Flug? Ich
wüsste es nicht zu sagen; aber der Verlauf dieses Abenteuers wird
wenigstens zeigen, dass der Wunsch erfüllt wurde.



7.

Auszug aus meinem Tagebuch 1896.


13. Mai.--Ein Brief von meiner Frau. Durch die Zeitungen hat sie
erfahren, dass ein Herr S. im Ballon zum Nordpol fahren will: sie
stösst einen Schrei der Angst aus, gesteht mir ihre unveränderliche
Liebe und fleht mich an, auf einen Plan zu verzichten, der Selbstmord
bedeute.

Ich kläre sie über ihren Irrtum auf: es ist der Sohn eines Vetters von
mir, der sein Leben für eine grosse wissenschaftliche Entdeckung wagt.

14. Mai.--In der letzten Nacht habe ich einen Traum gehabt. Ein
abgehauener Kopf war dem Rumpf eines Menschen angepasst, der wie ein
durch Trunksucht heruntergekommener Schauspieler aussah. Der Kopf fing
an zu sprechen: ich hatte Furcht und stiess meinen Bettschirm um, einen
Russen vor mir herschiebend, um mich gegen den Angriff des rasenden
Mannes zu schützen.

In dieser selben Nacht sticht eine Mücke mich, und ich töte sie. Am
Morgen ist die Fläche der rechten Hand mit Blut bespritzt.

Als ich auf dem Boulevard Port-Royal spazieren gehe, sehe ich eine
Blutlache auf dem Trottoir.

Sperlinge haben ihr Nest im Rauchfang gebaut. Sie zwitschern artig, als
bewohnten sie mein Zimmer.

17. Mai und folgende Tage.--Der Absinth um sechs Uhr auf der Terrasse
der Brasserie des Lilas, hinter dem Marschall Ney, ist mein einziges
Laster, meine letzte Freude geworden. Wenn die Arbeit des Tages beendet
ist, wenn Seele und Körper erschöpft sind, erhole ich mich am Busen des
grünen Getränks, mit einer Zigarette, dem Temps und den Debats.

Wie lieblich ist das Leben, wenn der Nebel eines gelinden Rausches
seinen Schleier über das Elend des Daseins zieht. Wahrscheinlich neiden
mir die Mächte diese Stunde eingebildeter Seligkeit zwischen sechs und
sieben Uhr, denn von diesem Abend an wird das Glück von einer Reihe
Verdriesslichkeiten gestört, die ich nicht dem Zufall zuschreiben kann.

Am 17. Mai also ist mein Platz, den ich seit zwei Jahren einnehme,
besetzt; und alle andern ebenfalls. Ich muss in ein anderes Café gehen,
was mich mehr betrübt, als ich sagen kann.

18. Mai.--Meine schöne Ecke in den Lilas ist frei; ich bin zufrieden,
selbst glücklich, unter meiner Kastanie hinter dem Marschall Ney.
Der Absinth ist da, richtig mit Wasser gemischt, die Zigarette ist
angesteckt, der Temps entfaltet....

Da geht ein Betrunkener vorbei, dessen widriges und hässliches Aussehen
mich quält, da er mich mit einem tückischen und verächtlichen Blick
ausforscht. Das Gesicht ist weinrot, die Nase preussischblau, die Augen
boshaft. Ich will meinen Absinth kosten, glücklich, dass ich nicht so
aussehe wie dieser Trinker ... aber, ich weiss noch heute nicht wie,
mein Glas ist umgekehrt und leer. Da ich wenig Geld habe, kann ich
keinen andern bestellen; ich zahle, stehe auf und verlasse das Café,
überzeugt, dass der böse Geist mich behext hat.

19. Mai.--Ich wage es nicht ins Café zu gehen.

20. Mai.--Wie ich das Café umschleiche, finde ich meine Ecke frei.
Man muss gegen den bösen Geist kämpfen, und ich nehme den Kampf auf.
Der Absinth ist bereitet, die Zigarette hat Zug, der Temps berichtet
grosse Neuigkeiten. In diesem Augenblick--glaube mir, Leser, es ist
wahr--bricht im Hause des Cafés, über mir ein Schornsteinbrand aus.
Allgemeine Panik. Ich bleibe sitzen, aber ein Wille, der stärker ist
als ich, lässt eine Wolke Russ fallen und lenkt sie so gut, dass zwei
Flocken sich in mein Glas legen. Aus der Fassung gebracht, gehe ich,
immer aber noch ungläubig und zweifelnd.

1. Juni.--Nach einer langen Enthaltsamkeit werde ich von neuem durch
den Wunsch erfasst, mich unter der Kastanie zu trösten. Mein Tisch
ist besetzt, und ich nehme einen andern, der allein steht und ruhig
ist. Man muss gegen den bösen Geist kämpfen.... Da kommt eine Familie
Kleinbürger und setzt sich an den Nebentisch; die Mitglieder dieser
Familie sind nicht zu zählen, und immer neue Verstärkungen langen
an. Frauen stossen an meinen Stuhl, Kinder verrichten ihre kleinen
Geschäfte vor meinen Augen, junge Leute nehmen mir die Streichhölzchen,
ohne um Entschuldigung zu bitten. Umringt von dieser lärmenden,
unverschämten Menge, will ich doch nicht vom Platze weichen. Da folgt
ein Auftritt, der ohne Zweifel durch geschickte und unsichtbare Hände
in Szene gesetzt ist, denn er gelang zu gut, als dass ich ihn einer
Intrige dieser Leute zuschreiben könnte, die mich gar nicht kennen.

Ein junger Mann legt mit einer Gebärde, die ich nicht begreife, einen
Sou auf meinen Tisch, Fremd und allein unter so vielen Leuten, wage ich
mich nicht zu sträuben. Aber von Zorn geblendet, suche ich mir klar zu
machen, was sich zugetragen hat.

--Er gibt mir einen Sou wie einem Bettler. Bettler! Das ist der Dolch,
den ich mir in die Brust stosse. Bettler! Ja, denn du verdienst nichts
und du....

Der Kellner kommt und bietet mir einen bequemeren Platz an. Den Sou
lasse ich auf dem Tisch liegen. Der Kellner bringt ihn mir nach--welche
Beschimpfung!--und sagt mir höflich, der junge Mann habe ihn unter
meinem Tisch gefunden und glaube, er gehört mir.

Ich schämte mich und um meinen Zorn zu dämpfen, bestelle ich einen
zweiten Absinth.

Der Absinth ist serviert, und alles ist gut, als ein ekelhafter Geruch
nach Schwefelammonium mich erstickt.

Was war das wieder? Etwas ganz Natürliches, durchaus kein Wunder, nicht
die Spur einer bösen Absicht ... die Öffnung einer Kloake klafft am
Rande des Trottoirs, wo mein Stuhl steht.

Jetzt erst fange ich an zu begreifen, dass gute Geister mich von einem
Laster befreien wollen, das mich ins Irrenhaus bringen kann! Gesegnet
sei die Vorsehung, dass sie mich gerettet hat.


25. Mai.--Trotz der Hausordnung des Hotels, die Frauen ausschliesst,
ist eine Familie auf der Seite meines Zimmers eingezogen. Ein Säugling,
der Tag und Nacht schreit, macht mir wirklich Vergnügen, denn er
erinnert mich an die gute alte Zeit, an das blühende Leben zwischen
dreissig und vierzig.

26. Mai.--Die Familie zankt sich! Das Kind heult! Wie sich doch alles
gleich ist! Und wie süss dies--jetzt--für mich ist.

Heute abend habe ich die englische Dame wieder gesehen. Sie war reizend
und lächelte mich mit einem guten mütterlichen Lächeln an. Sie hat eine
Serpentinentänzerin gemalt, die einer Nuss oder einem Gehirn gleicht.
Das Bild hängt, ziemlich versteckt, hinter dem Büffet der Madame
Charlotte in der Cremerie.

29. Mai.--Ein Brief meiner Kinder aus erster Ehe meldet mir, eine
Depesche habe sie eingeladen, nach Stockholm zu kommen, um dort dem
Abschiedsfest beizuwohnen, das mir gegeben werde, bevor ich im Ballon
zum Nordpol aufsteige. Sie können das nicht begreifen, und ich auch
nicht. Welch unseliger Irrtum!

Die Zeitungen berichten das Unglück von Saint-Louis (Saint-Louis!) in
Amerika, wo ein Zyklon tausend Menschen getötet hat.

2. Juni.--In der Strasse der Sternwarte fand ich zwei Kieselsteine,
die genau die Form von Herzen haben. Abends fand ich im Garten eines
russischen Malers den dritten, von derselben Grösse wie die andern und
ihnen ganz gleich.

Der "Aufschwung" von Schumann hat aufgehört, und ich bin wieder ruhig.

7. Juni.--Ich besuche den dänischen Maler in der Rue de la Santé. Der
grosse Hund ist verschwunden, der Eintritt ist frei. Wir speisen auf
einer Terrasse des Boulevard Port-Royal. Mein Freund friert und fühlt
sich nicht wohl; da er seinen Überzieher vergessen hat, lege ich ihm
meinen über die Schultern. Zuerst beruhigt ihn das: er fügt sich mir
und ich beherrsche ihn. Er wagt sich nicht mehr zu empören: wir sind
in allen Punkten einig; er gesteht mir, dass Popoffsky ein Übeltäter
sei, und das ich ihm mein Unglück zu verdanken habe. Auf einmal wird
er nervös, zittert wie ein Medium unter dem Einfluss des Hypnotiseurs:
wird aufgeregt, schüttelt den Überzieher ab; hört auf zu essen, wirft
seine Gabel hin, erhebt sich gibt mir meinen Überzieher wieder und sagt
mir adieu.

Was war das? Das Nessusgewand! Hat sich mein Nervenfluidum in dem
Mantel aufgespeichert und durch seine fremdartige Polarität ihn
unterjocht? Das muss es sein, was Hesekiel Kapitel 13 Vers 18 sagen
will:

"So spricht der Herr, HErr: Weh euch, die ihr Kissen machet den Leuten
unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beide, Jungen und Alten, die
Seelen zu fahen ... ich will die Kissen von euern Armen wegreissen, und
die Seelen, so ihr fahet und vertröstet, losmachen."

Bin ich ein Zauberer geworden, ohne dass ich es weiss?

9. Juni.--Ich besuchte meinen dänischen Freund, um mir seine Bilder
anzusehen. Als ich kam, war er gesund und munter, nach einer halben
Stunde aber bekam er einen solchen Nervenanfall, dass er sich ausziehen
und zu Bett legen musste.

Was hatte er? War es das schlechte Gewissen?

14. Juni. Sonntag.--Ich finde einen vierten Kiesel in Herzform, dieses
Mal im Luxemburggarten, aber von derselben Art wie die früheren. Am
Stein klebt etwas goldgelber Flitter. Ich begreife das Rätsel nicht,
ahne aber eine Voraussage. Ich vergleiche die vier Kiesel vor dem
offenen Fenster, als die Glocken von Saint-Sulpice zu läuten beginnen;
dann kommt der grobe Brummbass von Notre-Dame, und durch dieses
gewöhnliche Läuten dringt ein dumpfes feierliches Rollen, als komme es
aus den Eingeweiden der Erde.

Den Diener, der mir die Post bringt, frage ich, was das bedeutet.

--Das ist die grosse Savoyade von Sacre Coeur de Montmartre.

--Es ist also das Fest des heiligen Herzens?

Und ich betrachte meine vier Herzen aus hartem Stein, ein wenig gepackt
von diesem auffallenden Zusammentreffen.

Ich höre dem Kuckuck aus der Richtung der Kirche Notre-Dame-des-Champs,
und das ist doch unmöglich; meine Ohren müssten denn so überempfindlich
geworden sein, dass sie Töne aus dem Wald von Medon wahrnehmen.

15. Juni.--Ich steige nach Paris hinab, um einen Scheck in Papier und
Gold zu verwandeln. Der Quai Voltaire schwankt unter meinen Füssen;
das setzt mich in Erstaunen, obwohl ich sehr wohl weiss, dass die
Brücke du Caroussel unter dem Gewicht der Wagen erzittert. Aber heute
morgen setzt sich die Bewegung bis in den Hof der Tuilerien und in die
Opernstrasse fort. Eine Stadt zittert wohl immer, um es aber zu fühlen,
muss man geschärfte Nerven haben.

Die andere Seite des Flusses ist für uns andere vom Montparnasse ein
fremdes Land. Ein Jahr fast ist vergangen, seit ich dem Credit Lyonnais
oder dem Café de la Régence meinen letzten Besuch machte. Auf dem
Boulevard des Italiens erfasst mich Heimweh, und ich eile zum andern
Ufer zurück, wo der Anblick der Rue des Saint-Pères mich tröstet.

In der Nähe der Kirche Saint-Germain-des-Pres treffe ich einen
Leichenwagen, dann zwei kolossale Madonnen, die auf einem Wagen
fortgeschafft werden. Die eine von ihnen, die auf den Knien liegt, die
Hände faltet und die Blicke zum Himmel erhebt, macht einen starken
Eindruck auf mich.

16. Juni.--Auf dem Boulevard Saint-Michel kaufe ich einen
Briefbeschwerer aus Marmor; er ist mit einer Glaskugel geschmückt,
welche die Madonna von Lourdes enthält, im Rahmen ihrer berühmten
Grotte; vor ihr liegt eine verschleierte Dame auf den Knien. Ich stelle
das Bild in die Sonne, und die wirft wunderbare Schatten auf die Wand.
Auf der Rückseite der Grotte hat der Gips durch einen Zufall, den der
Künstler nicht vorausgesehen hat, einen Christuskopf geformt.

18. Juni.--Der dänische Freund tritt bestürzt und am ganzen Körper
zitternd in mein Zimmer. Popoffsky ist unter dem Verdacht, eine
Frau und zwei Kinder, seine Geliebte und seine beiden ehelichen
Kinder, ermordet zu haben, in Berlin verhaftet worden. Als die erste
Überraschung vergangen ist und das aufrichtige Mitleid mit einem
Freund, der mir, trotz allem, soviel Eifer erwiesen hat, sich legt,
breitet sich eine tiefe Ruhe über meinen Geist, den seit mehreren
Monaten bevorstehende Drohungen gefoltert haben.

Unfähig, meinen gerechten Egoismus zu verheimlichen, lasse ich meinen
Gefühlen freien Lauf:

--Es ist schrecklich, und doch erleichtert es mich, wenn ich an die
Gefahr denke, der ich eben entgangen bin.

--Was hat ihn zu dem Verbrechen getrieben?

--Vielleicht war die legitime Gattin auf die illegitime Geliebte
eifersüchtig; auch die Kosten, die diese verursachte, können mitgewirkt
haben. Vielleicht auch....

--Was?

--Vielleicht haben seine blutdürstigen Triebe, die neulich hier
in Paris keine Befriedigung fanden, einen andern Ausweg gesucht,
gleichviel welchen.

In mir selber frage ich: ist es möglich, dass meine glühenden Gebete
den Dolch abgelenkt haben, der nun durch meinen Gegenstoss den Mörder
mitten ins Herz getroffen hat?

Ich forsche nicht weiter, sondern schlage, edelmütig wie ein Sieger vor:

--Retten wir unsern Freund wenigstens literarisch. Ich werde einen
Aufsatz über seine schriftstellerischen Verdienste schreiben: Sie
zeichnen ein sympathisches Porträt, und beides bieten wir der "Revue
blanche" an.

Im Atelier des Dänen--der Hund bewacht es nicht mehr!--betrachten
wir ein Porträt Popoffskys, das vor mehr als zwei Jahren gemalt ist.
Es ist nur der Kopf, durch eine Wolke abgeschnitten, und darunter
Totenknochen, wie man sie auf Grabtafeln sieht. Der abgeschnittene Kopf
macht uns schaudern, und mein Traum vom dreizehnten Mai bedrückt mich
wie ein Gespenst.

--Wie sind sie auf den Gedanken dieser Enthauptung gekommen?

--Schwer zu sagen, aber es ruhte ein Verhängnis auf diesem feinen
Geist: er besass Spuren von entschiedenem Genie und trachtete nach dem
höchsten Ruhm, ohne aber den Preis dafür zahlen zu wollen. Das Leben
lässt uns nur die Wahl: entweder der Lorbeer oder die Sinnenlust.

--Sie haben das endlich auch entdeckt?


23. Juni.--Ich habe eine Nadel aus unechtem Gold mit einer falschen
Perle gefunden. Aus dem Bad der Goldsynthese habe ich ein Herz aus Gold
gefischt.

Als ich am Abend durch die Rue du Luxembourg gehe, sehe ich im
Hintergrund der ersten Allee rechts, über den Bäumen, eine Hirschkuh
am Himmel gezeichnet. Ich bewundere sie, so schön ist sie in der Form
wie in der Farbe, und sie gibt mir ein Zeichen mit dem Kopf, in der
Richtung nach Südost (Donau)!

Diese letzten Tage nach der Katastrophe des Russen hat mich eine neue
Unruhe ergriffen. Es kommt mir vor, als beschäftige man sich irgendwo
mit mir, und ich vertraue dem dänischen Maler an, dass der Hass des
gefangenen Russen mich wie unter dem Fluidum einer Elektrisiermaschine
leiden lässt.

Es gibt Augenblicke, in denen ich ahne, dass mein Aufenthalt in Paris
bald ein Ende nehmen wird und eine neue Peripetie mich erwartet.

Der Hahn auf dem Kreuz von Notre-Dame-des-Champs scheint mir mit den
Flügeln zu schlagen, als wolle er in nördlicher Richtung davonfliegen.

Im Vorgefühl meiner bevorstehenden Abreise beeile ich mich meine
Studien im Jardin des Plantes zu vollenden.

Eine Zinkwanne, in der ich Goldsynthesen auf feuchtem Wege vornehme,
zeigt an den innern Seiten eine Landschaft, die durch die verdunsteten
Eisensalze gebildet ist. Ich deute sie als ein Vorzeichen, aber ich
bemühe mich vergeblich zu ahnen wo diese ausserordentliche Landschaft
liegen wird. Mit Nadelbäumen, vor allem mit Fichten, bewaldete Hügel;
zwischen den Höhen Ebenen mit Obstbäumen, Kornfeldern; alles weist
auf die Nachbarschaft eines Flusses. Ein Hügel, mit Abgründen von
schlichtenförmiger Formation, ist mit den Ruinen einer starken Burg
gekrönt.

Ich finde mich noch nicht zurecht, aber ich werde es über ein Kleines
tun.

25. Juni.--Bei dem Haupt des wissenschaftlichen Okkultismus, dem
Herausgeber der "Initiation", eingeladen. Als wir, der Doktor und
ich, in Marcolles en Brie ankommen, werden wir von drei schlechten
Neuigkeiten empfangen. Ein Wiesel hat die Enten getötet, ein
Kindermädchen ist erkrankt, die dritte ist mir entfallen.

Als ich am Abend nach Paris zurückkehre, lese ich in einer Zeitung die
so berühmt gewordene Geschichte von dem Gespensterhaus in Valence en
Brie.

Brie? Sehr argwöhnisch fürchte ich, dass bei den Bewohnern des Hotels
mein Ausflug nach Brie Verdacht erregt; dass man mich beschuldigt,
diesen Schwindel oder besser diese Hexerei durch meine alchemistischen
Kenntnisse vorbereitet zu haben.

Ich habe mir einen Rosenkranz gekauft. Warum? Er ist schön und der
böse Geist fürchtet das Kreuz. Übrigens erkläre ich mir nicht mehr
die Gründe meiner Handlungen. Ich handle, wie es kommt: das Leben ist
lustiger auf diese Weise!

In der Sache Popoffsky zeigt sich ein Umschwung. Sein Freund, der Däne,
beginnt die Wahrscheinlichkeit des Verbrechens zu widerlegen, unter dem
Vorwand, die Untersuchung habe den Verdacht als falsch erwiesen. Auch
unser Artikel ist aufgeschoben, und die alte Kälte tritt wieder ein.
Gleichzeitig erscheint auch das Untier von Hund wieder: ein Wink für
mich, auf meiner Hut zu sein.

Als ich am Nachmittag an meinem Tisch, der vor dem Fenster steht,
schreibe, bricht ein Gewitter aus. Die ersten Regentropfen fallen
auf mein Manuskript und besudeln es so, dass die Buchstaben, die das
Wort "Alp" bilden, auslaufen und einen Tintenklecks zeichnen, der dem
Gesicht eines Riesen gleicht. Ich hebe diese Zeichnung auf; sie ist dem
Donnergott der Japaner ähnlich, wie er in Flammarions "Athmosphäre"
abgebildet ist.

28. Juni.--Ich habe meine Frau im Traum gesehen; es fehlten ihr die
Vorderzähne; sie gab mir eine Guitarre, die den Donaubooten glich.

Derselbe Traum drohte mir mit Gefängnis.

Heute morgen fand ich in der Rue d'Assas ein Stück Papier in den Farben
des Regenbogens.

Heute nachmittag zerrieb ich Quecksilber, Zinn, Schwefel, Chlorammonium
auf einer Pappe. Als ich die Masse ablöste, behielt die Pappe den
Abdruck eines Gesichts, das dem meiner Frau gleich war, wie ich es in
der vergangenen Nacht im Traum gesehen hatte.

1. Juli.--Ich erwarte einen Ausbruch, ein Erdbeben, einen Blitzschlag,
ohne zu wissen, von welcher Seite. Nervös wie ein Pferd beim Nahen der
Wölfe, wittere ich die Gefahr, packe meine Koffer für die Flucht, ohne
mich indessen rühren zu können.

Der Russe ist aus Mangel an Beweisen aus dem Gefängnis entlassen:
sein Freund, der Däne, ist mein Feind geworden. Die Gesellschaft der
Cremerie plagt mich. Das letzte Mittagessen wurde wegen der Hitze
im Hof aufgetragen: der Tisch war zwischen dem Müllkasten und den
Abtritten aufgestellt. Über dem Müllkasten ist das Bild meines alten
Freundes, des Amerikaners, aufgehängt, aus Rache, weil der Künstler
auf und davon gegangen ist, ohne zu bezahlen, was er schuldig war.
Neben dem Tisch haben die Russen eine Statuette aufgestellt: einen
Krieger, der mit der traditionellen Sense bewaffnet ist. Um mir Furcht
zu machen! Ein junger Bursche des Hauses geht hinter meinem Rücken
in der deutlichen Absicht mich zu ärgern, auf den Abtritt. Der Hof,
eng wie ein Schacht, erlaubt der Sonne nicht, die hohen Wände zu
überschreiten. Die fast in allen Etagen wohnenden Kokotten haben ihre
Fenster geöffnet und lassen einen Hagel von Zoten auf unsere Köpfe
niederprasseln; die Hausmädchen kommen mit den Mülleimern und leeren
sie in den Müllkasten.--Das ist die Hölle! Und meine beiden Nachbarn,
notorische Päderasten, unterhalten ein widerwärtiges Gespräch, um mit
mir Händel zu suchen.

Warum bin ich hier? Die Einsamkeit zwingt mich, menschliche Wesen
aufzusuchen, menschliche Stimmen zu hören.

Da, als meine seelischen Qualen den höchsten Grad erreichen, entdecke
ich einige Stiefmütterchen, die auf einer schmalen Rabatte blühen.
Sie schütteln die Köpfchen, als wollten sie mir eine Gefahr anzeigen,
und eins von ihnen, mit einem Kindergesicht mit grossen, tiefen,
leuchtenden Augen, gibt mir ein Zeichen:

--Geh fort!

Ich erhebe mich und zahle; als ich hinausgehe, grüsst mich der Bursche
mit versteckten Beschimpfungen, die mein Herz in Wallung bringen, ohne
meinen Zorn zu erregen.

Ich empfinde Mitleid mit mir selber und schäme mich für die andern.

Ich verzeihe den Schuldigen, indem ich sie als Dämonen betrachte, die
nur ihre Pflicht erfüllen.

Doch ist die Ungnade der Vorsehung gar zu deutlich, und, sobald
ich ins Hotel zurückgekehrt bin, beginne ich mein Kredit und Debet
aufzustellen. Bisher, und das war meine Stärke, habe ich mich nicht
beugen können, den andern recht zu geben, jetzt aber, durch die Hand
des Unsichtbaren zu Boden geschlagen, versuche ich, mir unrecht zu
geben, und wie ich mein Betragen während der letzten Wochen gründlich
untersuche, ergreift mich Furcht. Mein Gewissen sagt mir die Wahrheit,
rückhaltlos und unerbittlich.

Ich habe aus Hochmut, Hybris, gesündigt, dem einzigen Laster, das die
Götter nicht verzeihen. Durch die Freundschaft des Doktor Papus, der
meine Forschungen gelobt hatte, ermutigt, bildete ich mir ein, das
Rätsel der Sphinx gelöst zu haben. Ein Nacheiferer des Orpheus, hielt
ich es für meine Aufgabe, die Natur, die unter den Händen der Gelehrten
gestorben war, wieder zu beleben.

In dem Bewusstsein, dass die Mächte mich beschützen, schmeichelte ich
mir, durch meine Feinde nicht besiegt werden zu können; das ging so
weit, dass ich die einfachsten Begriffe der Bescheidenheit verachtete.


Hier ist der rechte Augenblick, die Geschichte meines geheimnisvollen
Freundes einzuschalten, der eine entscheidende Rolle in meinem Leben
spielte: als Führer, Ratgeber, Tröster, Strafer und ausserdem als
Helfer, der mich in zuweilen eintretenden Zeiten der Not mit neuen
Mitteln versorgte. Schon 1890 schrieb er mir einen Brief auf ein Buch
das ich damals erscheinen liess. Er hatte zwischen meinen Gedanken
und denen der Theosophen Berührungspunkte gefunden und wollte meine
Ansichten über den Okkultismus und über die Priesterin der Isis, Frau
Blawatsky, wissen. Der anmassende Ton seiner Epistel missfiel mir,
und ich verhehlte ihm das in meiner Antwort nicht. Vier Jahre später
veröffentliche ich den "Antibarbarus" und empfange im kritischesten
Augenblick meines Lebens von diesem Unbekannten einen zweiten Brief, in
dem er mir in gehobenem, fast prophetischen Ton, eine schmerzensreiche
und glorreiche Zukunft vorhersagt. In gleicher Weise legt er dar, aus
welchen Gründen er den Briefwechsel wieder aufgenommen habe; ihm habe
dazu eine Ahnung bestimmt, dass ich augenblicklich eine seelische
Krise durchmache und vielleicht ein Wort des Trostes nötig habe.
Schliesslich bietet er mir seine Unterstützung an, die ich jedoch
ablehne, da ich auf meine elende Unabhängigkeit eifersüchtig bin.

Im Herbst 1895 bin ich es, der den Briefwechsel wieder eröffnet, indem
ich ihn bitte, mir bei der Herausgabe meiner naturwissenschaftlichen
Schriften behilflich zu sein. Von diesem Tage an unterhalten wir durch
die Post sehr freundschaftliche, selbst vertrauliche Beziehungen, wenn
ich einen kurzen Bruch ausnehme, den er durch seine verletzende Sprache
verursacht, als er mich über alltägliche Dinge unterrichten will und
mir in hochmütigen Ausdrücken meinen Mangel an Bescheidenheit vorwirft.

Nachdem wir uns jedoch wieder versöhnt hatten, teilte ich ihm alle
meine Beobachtungen mit, lieferte ihm meine Geheimnisse aus; was
vielleicht nicht ganz klug war. Ich beichtete diesem Mann, den ich
nie gesehen hatte, und ich ertrug von seiner Seite die strengsten
Ermahnungen, weil ich ihn eher als eine Idee, denn als eine Person
betrachtete: er war für mich ein Bote der Vorsehung, ein Paraklet.

In zwei Dingen aber waren wir so grundverschiedener Ansicht, dass wir
zu lebhaften Auseinandersetzungen kamen, ohne jedoch in beleidigende
Streitigkeiten zu geraten. Als Theosoph predigte er Karma, das
heisst die abstrakte Summe der menschlichen Schicksale, die einander
ausgleichen, um eine Art Nemesis zu ergeben. Er war also Mechanist
und ein Epigone der sogenannten materialistischen Schule. Ich
dagegen sah in den Mächten eine oder mehrere konkrete, lebendige,
individualistische Personen, die den Lauf der Welt und die Bahnen der
Menschen bewusst lenken; hypostatisch, wie die Theosophen sagen.

Die zweite Meinungsverschiedenheit bezog sich auf die Verleugnung
und Abtötung des Ichs, die mir als eine Torheit erschien und noch
erscheint. Alles, was ich weiss, wenn es auch noch so wenig ist, kommt
vom Ich als dem Mittelpunkt her. Die Kultur, nicht der Kultus, dieses
Ichs erweist sich also als der höchste und letzte Zweck des Daseins.
Meine bestimmte und beständige Antwort auf seine Einwendungen lautete
also: die Abtötung des Ichs ist Selbstmord.

Übrigens, vor wem soll ich mich beugen? Vor den Theosophen? Niemals!
Vor dem Ewigen, den Mächten, der Vorsehung unterdrücke ich meine bösen
Instinkte, stets und ständig, so weit es möglich ist. Kämpfen für die
Erhaltung meines Ichs gegen alle Einflüsse, die der Ehrgeiz einer Sekte
oder einer Partei auf mich ausüben will, das ist meine Pflicht; wie
sie mir das Bewusstsein diktiert, das mir die Gnade meiner göttlichen
Beschützer gegeben hat.

Wenn ich jedoch an die Eigenschaften dieses unsichtbaren Mannes denke,
den ich liebe und bewundere, so dulde ich seine Anmassung, wenn er mich
als inferior behandelt. Ich antworte ihm immer und verhehle ihm nicht,
dass die Theosphie mir widerstrebt.

Schliesslich aber, mitten in dem Abenteuer Popoffsky, spricht er eine
so hochmütige Sprache, wird seine Tyrannei so unerträglich, dass ich
fürchten muss, er hält mich für verrückt. Er nennt mich Simon Magus,
Schwarzmagier und empfiehlt mir Frau Blawatski. Ich antworte sofort,
ich habe Frau B. durchaus nicht nötig und _niemand habe mir etwas zu
lehren_. Und womit droht er mir darauf? Er sagt, erwerde mich mit
Hilfe von Mächten, die stärker als meine seien, auf den rechten Weg
zurückzuführen wissen. Da bitte ich ihn, nicht an mein Schicksal zu
rühren; das sei gut behütet von der Hand der Vorsehung, die mich immer
geleitet habe. Und, um meinen Gedanken durch ein Beispiel zu erläutern,
erzähle ich ihm folgende Geschichte, eine Einzelheit aus meinem an
providentiellen Zwischenfällen so reichen Leben, indem ich jedoch
vorausschicke, dass ich fürchte, durch Auslieferung meines Geheimnisses
mir die Rache der Nemesis selber zuzuziehen.


Es war vor zehn Jahren, mitten in meiner geräuschvollsten literarischen
Epoche, als ich gegen die Frauenbewegung auftrat, die ausser mir jeder
in Skandinavien unterstützte. In der Hitze des Kampfes liess ich mich
hinreissen und überschritt die Grenzen der Schicklichkeit so weit, dass
meine Landsleute mich für verrückt erklärten.

Ich wohnte in Bayern, mit meiner ersten Frau und meinen Kindern, als
ein Jugendfreund mich brieflich einlud, mit meinen Kindern ein Jahr bei
ihm zu verbringen; von meiner Frau war nicht die Rede.

Der Charakter dieses Briefes machte mich misstrauisch: der Stil war
geschraubt, Streichungen und Änderungen zeigten, dass der Schreiber
gezögert hatte, was für Gründe er anführen solle. Ich witterte eine
Falle und lehnte das Anerbieten in unbestimmten und freundlichen
Ausdrücken ab.

Zwei Jahre später, als meine erste Scheidung vollzogen ist, lade ich
mich allein bei meinem Freund ein, der im Stockholmer Inselmeer als
Zollinspektor lebt.

Der Empfang ist herzlich, aber die Luft ist voll von Unwahrheiten
und Doppelsinnigkeiten, die Unterhaltung gleicht einem polizeilichen
Verhör. Nachdem ich eine Nacht über die Sache nachgedacht habe, wird
sie mir klar. Dieser Mann, dessen Eigenliebe ich in einem meiner Romane
verletzt habe, grollt mir, obwohl er Sympathie für mich hat. Ein Despot
ohnegleichen, will er mein Schicksal beeinflussen, meinen Geist zähmen
und seine Überlegenheit zeigen, indem er mich unterwirft.

Nicht sehr gewissenhaft in der Wahl seiner Mittel, peinigt er mich eine
Woche, vergiftet mich mit Verleumdungen, mit eigens erfundenen Fabeln,
benimmt sich aber so ungeschickt, dass ich in meiner Überzeugung
bestärkt werde, die Falle, die er mir früher gestellt hatte, habe
keinen andern Zweck gehabt, als mich als Geisteskranken einzusperren.

Ich lasse ihn gewähren, ohne Widerstand zu leisten, indem ich auf
meinen guten Stern vertraute, um mich zu befreien, wenn die Zeit
gekommen ist.

Meine scheinbare Unterwerfung verschafft mir das Wohlwollen meines
Henkers: mitten im Meer allein hausend, von seinen Nachbarn und
Untergebenen verwünscht, gibt er dem Bedürfnis, sich anzuvertrauen,
nach. Mit einer Naivität, die bei einem Mann von fünfzig Jahren
unbegreiflich ist, erzählt er mir, seine Schwester sei im letzten
Winter verrückt geworden und habe in einen Anfall von Wahnsinn ihre
Ersparnisse verbrannt.

Am nächsten Tag neue vertrauliche Mitteilungen: ich erfahre, dass sein
Bruder als geisteskrank auf dem Lande interniert ist.

Ich frage mich: ist es aus diesem Grunde, um sich am Schicksal zu
rächen, dass er mich einzusperren wünscht?

Ich beklage sein Unglück und gewinne mir seine Zuneigung so
vollständig, dass ich die Insel verlassen kann um mir auf einer
benachbarten Insel, wo ich meine Familie wiederfinde, eine Wohnung zu
mieten.

Einen Monat später ruft mich ein Brief zu meinem "Freund": er ist vor
Schmerz gebrochen, weil sein Bruder sich in einem Anfall von Tobsucht
den Schädel zerschmettert hat. Ich tröste ihn, meinen Henker, und um
das Unglück voll zu machen, vertraut mir seine Frau unter Tränen, sie
befürchte schon lange, dass ihr Gatte das Schicksal der andern teilen
werde.

Ein Jahr vergeht, da berichten die Zeitungen, dass der ältere Bruder
meines Freundes sich unter Umständen, die auf geistige Störung deuten,
getötet hat.

Drei Blitzschläge auf das Haupt dieses Mannes, der mit dem Donner hatte
spielen wollen.

"Welches Zusammentreffen," wird man sagen. Und was noch mehr ist:
welches unglückliche Zusammentreffen, jedes Mal, wenn ich diese
Geschichte erzählt habe, bin ich dafür bestraft worden.


Die grosse Julihitze ist gekommen; das Leben ist unerträglich: alles
stinkt, und die hundert Aborte nicht am wenigsten. Ich erwarte eine
Katastrophe, ohne sagen zu können, was für eine.

Auf einer Strasse finde ich ein Stück Papier auf dem das Wort "Marder"
steht. Auf einer andern Strasse ein ähnliches Stück Papier, das, von
derselben Hand geschrieben, das Wort "Geier" trägt. Popoffsky gleicht
vollkommen einem Marder und seine Frau einem Geier. Sollten sie nach
Paris gekommen sein, um mich zu töten? Er, der Mörder ohne Scham, ist
zu allem fähig, nachdem er Weib und Kind ermordet hat.

Ich lese eine köstliche Arbeit, "Die Freude zu sterben", und der Wunsch
wird in mir wach, diese Welt zu verlassen. Um die Grenze zwischen
Leben und Tod kennen zu lernen, lege ich mich aufs Bett, entkorke das
Fläschchen mit Zyankalium und es verbreitet seinen tödlichen Duft. Er
nähert sich, der Mann mit der Sense: ein mildes Gefühl, eine Wollust
überkommt mich; aber, im letzten Augenblick, tritt immer jemand oder
etwas unvermutet dazwischen: der Diener kommt unter irgendeinem
Vorwand, eine Wespe fliegt zum Fenster herein.

Die Mächte weigern mir die einzige Freude, und ich beuge mich ihrem
Willen.

Anfang Juli gehen die Studenten in die Ferien und lassen das Hotel leer.

Darum erregt ein Fremder, der in das Zimmer neben meinem Arbeitstisch
einzieht, meine Neugier. Der Unbekannte spricht niemals; erscheint sich
hinter der Wand, die uns trennt, mit schreiben zu beschäftigen. Seltsam
ist jedenfalls, dass er seinen Stuhl zurückschiebt, wenn ich meinen
bewege; dass er meine Bewegungen wiederholt, als wolle er mich durch
seine Nachahmung necken.

Das dauert drei Tage. Am vierten mache ich diese Beobachtung: wenn ich
schlafen gehe, legt sich der andere in dem Zimmer neben meinem Zimmer
nieder; bin ich im Bett, so höre ich, wie er sich in das andere Zimmer
begibt und das Bett neben meinem Bett einnimmt. Ich höre ihn, wie er
sich parallel mit mir ausstreckt: er blättert in einem Buch, löscht
dann die Lampe, holt tief Atem, dreht sich auf die Seite und schläft
ein.

Eine vollständige Stille herrscht in dem Zimmer neben meinem Tisch. Er
bewohnt also beide Zimmer. Es ist unangenehm, von zwei Seiten belagert
zu werden.


Allein, ganz allein nehme ich das Mittagessen auf einem Tablett auf
meinem Zimmer ein, und ich esse so wenig, dass der teilnehmende Diener
Mitleid mit mir hat. Seit einer Woche habe ich meine Stimme nicht mehr
gehört, und aus Mangel an Übung beginnt der Laut zu verschwinden. Ich
habe keinen Sou mehr: Tabak und Briefmarken fehlen mir.

Da mache ich eine letzte Anstrengung und sammle meinen Willen. Ich
_will_ Gold machen, auf trocknem Wege durch Feuer. Das Geld findet
sich, Öfen, Tiegel, Löschkohlen, Blasebalg, Zangen.

Die Hitze ist übermässig; nackt bis zum Gürtel wie ein Grobschmied,
schwitze ich vor dem offenen Feuer. Aber die Sperlinge haben ihr Nest
in den Schornstein gebaut, und der Kohlendunst schlägt ins Zimmer.
Nach dem ersten Versuch möchte ich aus der Haut fahren, weil ich
Kopfschmerzen habe und meine Experimente eitel sind, da alles verkehrt
geht. Nachdem ich die Masse drei Male im Schmiedefeuer geschmolzen
habe, betrachte ich das Innere des Tiegels. Der Borax hat einen
Totenkopf gebildet, dessen leuchtende Augen meine Seele wie eine
übernatürliche Ironie durchbohren.

Wieder kein Metallkorn! Und ich verzichte auf einen neuen Versuch.

Im Lehnstuhl sitzend, lese ich in der Bibel, wie der Zufall sie mir
aufschlägt: "Niemand geht in sich und hat weder die Kenntnis noch den
Witz, zu sagen: ich habe die Hälfte hiervon im Feuer verbrannt, und
doch habe ich Brot gebacken auf den Kohlen; ich habe Fleisch geröstet
und davon gegessen; und übrigens sollte ich daraus ein Greuel machen?
sollte ich einen Baumzweig anbeten? Er nährt sich von Asche, und
sein getäuschtes Herz leitet ihn irre; und er wird seine Seele nicht
befreien, und wird nicht sagen, was in meiner rechten Hand ist, ist das
keine Falschheit?... So hat der Ewige, dein Erlöser, gesprochen, der
dich vom Mutterleib bereitet hat, ich bin der Ewige, der alle Dinge
geschaffen hat, der allein die Himmel entworfen, der allein die Erde
geebnet hat; _der die Versicherungen der Lügner zerstreut, der die
Wahrsager zum Unsinn macht, der den Geist der Weisen verkehrt, der ihr
Wissen eine Torheit werden lässt_."

Zum ersten Male zweifle ich an meinen wissenschaftlichen
Untersuchungen! Wenn es eine Torheit ist, ach! dann habe ich das
Glück meines Lebens und das meiner Frau und meiner Kinder für ein
Hirngespinst geopfert!

Wehe mir Toren! Der Abgrund öffnet sich zwischen meiner Familie und
diesem Augenblick! Ein und ein halbes Jahr, so viele Tage und so viele
Nächte, so viele Schmerzen für nichts!

Nein, das kann nicht sein! Das ist nicht so!

Habe ich mich in einem dunklen Walde verirrt? Nein, der Lichtbringer
hat mich auf den rechten Weg geführt, nach der Insel der Seligen, und
es ist der Teufel, der mich versucht! oder mich straft!

Ich sinke auf den Lehnstuhl nieder; eine ungewohnte Schwere bedrückt
meinen Geist, ein magnetisches Fluidum scheint von der Wand
auszuströmen, der Schlaf übermannt meine Glieder. Ich sammle meine
Kräfte und stehe auf, um auszugehen. Als ich durch den Korridor komme,
höre ich Stimmen, die in dem Zimmer neben meinem Tisch flüstern.

Warum flüstern sie? In der Absicht, sich vor mir versteckt zu halten.

Ich gehe die Rue d'Assas hinunter und trete in den Luxemburggarten. Ich
schleppe meine Beine, ich bin von den Hüften bis zu den Füssen gelähmt,
ich sinke hinter dem Adam mit seiner Familie auf eine Bank.

Ich bin vergiftet! Das ist der erste Gedanke, der mir kommt! Und
Popoffsky, der Weib und Kind mit giftigen Gasen getötet hat, ist
hierhergekommen. Er ist es, der nach dem berühmten Experiment von
Pettenkofer einen Gasstrom durch die Wand geleitet hat.

Was ist zu machen? Zur Polizei gehen? Nein! Wenn ich keine Beweise
habe, wird man mich als einen Narren einsperren.

Vae soli! Wehe dem einsamen Menschen, dem Sperling auf dem Dache!
Niemals war das Elend meines Daseins grösser, und ich weine wie ein
verlassenes Kind, das sich im Dunkeln fürchtet.

Abends wage ich aus Furcht vor einem neuen Attentat nicht mehr an
meinem Tisch zu bleiben. Ich lege mich zu Bett, ohne dass ich mich
getraue einzuschlafen. Es ist Nacht, und die Lampe ist angesteckt.
Auf der Mauer, meinem Fenster gegenüber, sehe ich den Schatten einer
menschlichen Gestalt sich abzeichnen. Ob Mann oder Weib, ich wüsste es
nicht zu sagen, aber der Eindruck, der mir geblieben ist, war der eines
Weibes.

Als ich aufstehe, um nachzusehen, wird die Gardine mit einem kurzen
Geräusch herabgelassen. Dann höre ich den Unbekannten in das Zimmer
eintreten, das neben meinem Alkoven liegt, und Stille tritt ein.

Drei Stunden liege ich wach da, ohne den Schlaf zu finden, der sonst
nicht auf sich warten lässt.

Da schleicht sich ein beunruhigendes Gefühl durch meinen Körper: ich
bin das Opfer eines elektrischen Stroms, der zwischen den beiden
benachbarten Zimmern läuft. Die Spannung wächst, und trotzdem ich
Widerstand leiste, verlasse ich das Bett, von diesem Gedanken besessen:

--Man tötet mich! Ich will mich nicht töten lassen!

Ich gehe hinaus, um den Diener in seiner Zelle am Ende des Korridors
zu suchen. Aber, ach, er ist nicht da. Also entfernt, fortgeschickt,
geheimer Mitschuldiger, gekauft.

Ich steige die Treppe hinab und durchschreite den Korridor, um den
Pensionsvorsteher zu wecken.

Mit einer Geistesgegenwart, deren ich mich nicht für fähig gehalten,
schütze ich ein Unwohlsein vor, das von den Ausdünstungen der
Chemikalien komme, und bitte um ein anderes Zimmer für die Nacht.

Infolge eines Zufalls, den die zornige Vorsehung herbeigeführt hat,
liegt das einzige verfügbare Zimmer unter dem meines Feindes.

Sobald ich allein bin, öffne ich das Fenster und atme die frische Luft
einer sternklaren Nacht ein. Über den Dächern der Rue d'Assas und der
Rue Madame leuchten der grosse Bär und der Polarstern.

--Gegen Norden also! Omen accipio!

Als ich die Vorhänge des Alkovens zurückziehe, höre ich über mir
meinen Feind, wie er aus dem Bett steigt und einen schweren Gegenstand
in einen Koffer fallen lässt, dessen Deckel er mit einem Schlüssel
abschliesst.

Er verbirgt also etwas; vielleicht die Elektrisiermaschine.


Am nächsten Tage, es ist ein Sonntag, packe ich meine Sachen unter dem
Vorwand, ich wolle einen Ausflug an die Küste des Meeres machen.

Dem Kutscher rufe ich Bahnhof Saint-Lazare zu. Als ich aber am Odeon
vorbeikomme, lasse ich mich von ihm nach der Rue de la Clef führen, in
die Nähe des Jardin des Plantes. Dort will ich bleiben, inkognito, um
meine Studien zu vollenden, bevor ich nach Schweden reise.



8.

Die Hölle.


Endlich tritt eine Pause in meinen Strafen ein. Auf dem Treppenabsatz
des Gartenhauses in einem Sessel sitzend, verbringe ich Stunden damit,
die Blumen des Gartens zu betrachten und über die Vergangenheit
nachzudenken. Die Ruhe, die nach meiner Flucht eingetreten ist, beweist
mir, dass mich keine Krankheit befallen, sondern dass mich Feinde
verfolgt haben. Am Tage arbeite ich, und in der Nacht schlafe ich ruhig.

Von der Unsauberkeit befreit, fühle ich mich wieder jung werden, wenn
ich die Stockrosen, die Blumen meiner Jugend, betrachte.

Der Jardin des Plantes, dieses den Parisern unbekannte Wunder von
Paris, ist mein Park geworden. Die ganze Schöpfung, in einer Ringmauer
gesammelt, die Arche Noahs, das wiedergefundene Paradies, in dem ich
ohne Gefahr zwischen wilden Tieren lustwandle, es ist zu viel Glück.
Von den Gesteinen ausgehend, komme ich durch das Reich der Pflanzen
und Tiere, um zum Menschen zu gelangen, hinter dem ich den Schöpfer
entdecke. Der Schöpfer, dieser grosse Künstler, der sich entwickelt,
indem er schafft, Skizzen macht, die er wieder verwirft, unreife
Gedanken wieder aufnimmt, einfache Formen vollendet und vervielfacht.
Alles ist das Werk seiner Hand. Oft macht er ungeheuere Fortschritte,
indem er die Arten erfindet, und dann kommt die Wissenschaft, stellt
Lücken, fehlende Glieder fest und bildet sich ein, die Zwischenarten
seien verschwunden.


Da ich nun vor meinen Verfolgern in Sicherheit zu sein glaube, sende
ich meine Adresse ans Hotel Orfila, um wieder in Verbindung mit der
Aussenwelt zu treten, indem ich meine durch die Flucht unterbrochene
Korrespondenz wieder aufnehme.

Kaum aber habe ich mein Inkognito gelüftet, ist der Friede aus. Es
geschehen wieder Dinge, die mich beunruhigen, und das frühere Unbehagen
bedrückt mich. Zunächst werden in dem Zimmer des Erdgeschosses, das
neben meinem liegt und bisher frei war, auch keine Möbel hatte,
Gegenstände aufgestapelt, deren Gebrauch mir unerklärlich bleibt.
Ein alter Herr mit grauen und boshaften Bärenaugen trägt leere
Warenbüchsen, Blechplatten und andere Gegenstände hinein, aus denen man
nicht klug wird.

Zur selben Zeit beginnen wieder die Geräusche von der Rue de la
Grande-Chaumière über meinem Kopfe: man zieht Stricke, schlägt mit
Hämmern, ganz als montiere und aufstelle man eine Höllenmaschine, wie
die Nihilisten sie anwenden.

Dann ändert die Wirtin, die zu Anfang meines Aufenthaltes freundlich
war, ihr Benehmen gegen mich, sucht mich auszukundschaften, grüsst mich
auf herausfordernde Art.

Ferner wechselt die erste Etage über mir den Mieter. Der alte stille
Herr, dessen schwere Schritte mir bekannt waren, ist nicht mehr da. Ein
zurückgezogen lebender Rentier, bewohnt er das Haus seit Jahren, und er
ist nicht verreist sondern hat nur das Zimmer gewechselt. Warum?

Das Mädchen, das mein Zimmer aufräumt und mir die Mahlzeiten bringt,
ist ernst geworden und wirft mir verstohlen mitleidige Blicke zu.

Jetzt ist über mir ein Rad, das sich den ganzen Tag dreht und dreht.

Zum Tode verurteilt! Das ist mein bestimmter Eindruck. Durch wen?
Durch die Russen, die Pietisten, die Katholiken, die Jesuiten, die
Theosophen! Weshalb? Als Zauberer oder Schwarzmagier?

Oder von der Polizei! Als Anarchist? Das ist ja eine sehr gebräuchliche
Anklage, um persönliche Feinde zu beseitigen.

In dem Augenblick, wo ich dieses schreibe, weiss ich nicht, was sich in
jener Julinacht, als sich der Tod auf mich stürzte, ereignet hat, aber
ich weiss wohl und werde nie vergessen, welche Lektion ich für mein
Leben bekam.

Selbst wenn die, welche das Geheimnis kennen, zugeben und eingestehen,
dass es eine Intrige war, die Menschenhände eingefädelt hatten, grolle
ich ihnen nicht, da ich jetzt überzeugt bin, dass eine andere stärkere
Hand ihre in Bewegung setzte, ohne dass sie es wussten, ohne dass sie
es wollten.

Nimmt man andererseits an, es sei keine Intrige gewesen, so hätte
ich selber durch meine Einbildung diese Zuchtgeister geschaffen, um
mich zu strafen. Wir werden im folgenden sehen, wieweit diese Annahme
wahrscheinlich sein mag.


Am Morgen des letzten Tages stehe ich mit einer Resignation auf, die
ich religiös nennen möchte; nichts bindet mich mehr ans Leben. Ich
habe meine Papiere geordnet, die notwendigsten Briefe geschrieben,
verbrannt, was zu vernichten war.

Dann gehe ich in den Jardin des Plantes, um der Schöpfung Lebewohl zu
sagen.

Die schwedischen Magneteisenblöcke, die vor dem mineralogischen Museum
aufgestellt sind, grüssen mich von meinem Vaterland. Die Akazie des
Robin, die Zeder des Libanon, die Denkmäler der grossen Epochen der
noch lebenden Wissenschaft, ich grüsse sie.

Ich kaufe Brot und Kirschen. Mein alter Freund Martin kennt mich
persönlich, weil ich der einzige bin, der ihm beim Aufstehen und
Schlafengehen Kirschen gibt. Das Brot bringe ich dem jungen Elefanten,
der mir ins Gesicht spuckt, nachdem er alles gefressen hat, die
undankbare und treulose Jugend.

Lebt wohl, Geier, Himmelsbewohner, nun in einem schmutzigen Käfig
eingeschlossen; leb wohl, Bison, Behemoth, gefesselter Dämon; leb
wohl, Robbenpärchen, das die eheliche Liebe über den Verlust des
Ozeans und der grossen Horizonte tröstet. Lebt wohl, Steine, Pflanzen,
Blumen, Bäume, Schmetterlinge, Vögel, Schlangen, ihr alle geschaffen
von der Hand eines guten Gottes! Und ihr, grosse Männer, Bernardin
de Saint-Pierre, Linne, Geoffroy, Saint-Hilaire, Haüy, deren Namen
in goldenen Buchstaben am Giebel des Tempels stehen--lebt wohl! oder
vielmehr: auf Wiedersehen!

Ich verlasse das irdische Paradies in dem ich an Seraphites erhabene
Worte denke: "Leb wohl, arme Erde! Leb wohl!"

Als ich den Garten des Hotels wieder betrete, wittere ich die Gegenwart
eines Menschen, der, während ich fort war, gekommen ist. Ich sehe ihn
nicht, aber ich fühle ihn.

Was meine Unruhe noch vermehrt, ist die augenscheinliche Veränderung,
die mit dem benachbarten Zimmer vorgegangen ist. Zunächst ist
eine Decke über einen Strick gehängt, augenscheinlich um etwas zu
verbergen. Auf dem Mantels des Kamins sind in Stapeln Metallplatten
aufgehäuft, die durch Querhölzer voneinander getrennt sind. Auf jedem
Stapel liegt ein Photographiealbum oder irgendein Buch, offenbar, um
diesen Höllenmaschinen, die ich für Akkumulatoren halten möchte, ein
unschuldiges Aussehen zu geben.

Dazu kommt, dass ich auf einem Dach der Rue Censier, gerade dem
Pavillon, in dem ich wohne gegenüber, zwei Arbeiter bemerke. Was sie
dort oben machen, kann ich nicht unterscheiden, aber sie zielen nach
meiner Glastür, während sie mit Gegenständen hantieren, die ich nicht
erkennen kann.

Warum entschliesse ich mich nicht zum Fliehen? Weil ich zu stolz bin
und das Unvermeidbare ertragen muss.

Ich bereite mich also auf die Nacht vor. Ich nehme ein Bad und achte
sorgfältig darauf, dass meine Füsse weiss werden, denn meine Mutter
hatte mir als Kind eingeprägt, dass schwarze Füsse ein Zeichen der
Schande sind. Ich rasiere mich und parfümiere mein Hochzeitshemd,
das ich vor drei Jahren in Wein kaufte.... Die Toilette des zum Tode
Verurteilten.

Ich lese in der Bibel die Psalmen, in denen David die Rache des Ewigen
auf seine Feinde herabruft.

Aber die Busspsalmen? Nein, ich habe nicht das Recht, zu bereuen,
denn nicht ich habe mein Schicksal gelenkt; ich habe niemals das Böse
um des Bösen willen getan, ich habe es nur getan, um meine Person zu
verteidigen. Bereuen, das heisst, die Vorsehung kritisieren, die uns
die Sünde als ein Leiden auferlegt, um uns durch den Ekel, den die
schlechte Handlung einflösst, zu läutern.

Meine Rechnung mit dem Leben schliesst so ab: die Posten heben sich
auf! Wenn ich gesündigt habe, auf mein Wort, ich habe genug Strafe
dafür gelitten; ganz sicher! Die Hölle fürchten? Ich habe, ohne zu
straucheln, hier auf Erden tausend Höllen durchwandert, und das hat den
brennenden Wunsch in mir entfacht, die Eitelkeiten und falschen Freuden
dieser Welt, die ich immer verabscheut habe, zu verlassen. Mit Heimweh
nach dem Himmel geboren, weinte ich schon als Kind über den Schmutz des
Daseins, fühlte mich fremd und heimatlos unter meinen Verwandten und in
der Gesellschaft.

Seit meiner Kindheit habe ich Gott gesucht, und ich habe den Teufel
gefunden. In meiner Kindheit habe ich das Kreuz Christi getragen, und
ich habe einen Gott verleugnet, der sich begnügt, über Sklaven, die
ihren Peinigern dienen, zu herrschen.


Als ich die Vorhänge meiner Glastür niederlasse, bemerkt ich im
Privatsalon eine Gesellschaft von Damen und Herren, die Champagner
trinken. Offenbar Fremde, die heute abend angekommen sind. Aber es ist
keine Lustpartie, denn sie sehen alle ernst aus, diskutieren, machen
Pläne, sprechen mit leiser Stimme wie Verschwörer. Um meine Marter
vollständig zu machen, drehen sie sich auf ihren Stühlen um und zeigen
mit den Fingern nach meinem Zimmer.

Um zehn Uhr ist meine Lampe gelöscht, und ich schlafe ruhig ein,
resigniert wie ein Sterbender.


Ich erwache; eine Uhr schlägt zwei, eine Tür wird zugemacht, und ...
ich bin aus dem Bett wie gehoben durch eine Saugpumpe, die mir das Herz
aussaugt. Als ich auf den Füssen bin, trifft eine elektrische Dusche
meinen Nacken und drückt mich zu Boden.

Ich erhebe mich wieder, fasse meine Kleider und stürze in den Garten
hinaus, ein Raub des furchtbarsten Herzklopfens.

Als ich mich angekleidet habe, ist mein erster klarer Gedanke, die
Polizei zu rufen, um eine Haussuchung vornehmen zu lassen.

Aber die Haustür ist verschlossen, ebenso die Portierloge; ich tappe
mich im Finstern vorwärts, öffne eine Tür rechts und trete in die
Küche, wo ein Nachtlicht brennt. Ich stosse es um und stehe in tiefster
Dunkelheit.

Die Furcht bringt mich wieder zur Besinnung, und von dem Gedanken, wenn
ich mich täusche, bin ich verloren, geleitet, kehre ich in mein Zimmer
zurück.

Ich schleppe einen Sessel in den Garten und, unter dem Sterngewölbe
sitzend, denke ich an das, was sich zugetragen hat.

Eine Krankheit? Unmöglich, da es mir gut ging, bis ich mein Inkognito
lüftete. Ein Attentat! Offenbar, da ich selber die Vorbereitungen
gesehen habe. Übrigens, hier in diesem Garten, ausser Bereich meiner
Feinde, bin ich wieder hergestellt, und mein Herz funktioniert
vollkommen normal.

Während ich diese Überlegungen anstelle, höre ich in dem Zimmer, das an
meines stösst, jemand husten. Kurz darauf antwortet ein leises Husten
im Zimmer, das darüber liegt.

Wahrscheinlich sind es Zeichen, und sie gleichen genau denen, die ich
der letzten Nacht im Hotel Orfila gehört hatte.

Ich mache mich an die Glastür des Zimmers im Erdgeschoss, um das
Schloss aufzubrechen, aber es ist vergebens.

Vom nutzlosen Kampf gegen die Unsichtbaren ermüdet, sinke ich in den
Sessel nieder; der Schlaf erbarmt sich meiner, ich schlummere ein,
unter den Sternen einer schönen Sommernacht, während die Stockrosen
sich im lauen Juliwind wiegen.


Die Sonne weckt mich. Ich danke der Vorsehung, dass sie mich vom Tode
errettet hat, und packe meine wenigen Sachen, um nach Dieppe zu fahren.
Dort werde ich Schutz bei Freunden finden, die ich zwar wie alle
andern vernachlässigt habe, die aber nachsichtig und grossmütig gegen
Unglückliche und Schiffbrüchige sind.

Als ich das Hotel verlasse, schleudere ich einen Fluch auf das Haupt
der Übeltäter und rufe das Feuer des Himmels auf diese Räuberhöhle
herab; ob mit Recht oder Unrecht, wer kann es wissen?


Meine guten Freunde in Dieppe erschrecken als sie mich mit meiner
von Manuskripten beschwerten Reisetasche den kleinen Hügel der
Orchideenstadt hinaufsteigen sehen.

--Woher kommen Sie, Unglücklicher?

--Ich komme vom Tode.

--Ich ahnte es, denn Sie sehen aus wie eine Leiche.

Die gute und reizende Dame des Hauses fasst mich bei der Hand und
führt mich vor einen Spiegel, in dem ich mich betrachten kann. Das
Gesicht von Rauch des Zuges geschwärzt, die Backen hohl, die Haare voll
Schweiss und angegraut, die Augen verstört, die Wäsche schmutzig: es
war ein Anblick zum Erbarmen.

Als die liebenswürdige Dame, die mich wie ein krankes und verlassenes
Kind behandelte, mich vor der Toilette allein liess, musterte ich
mein Gesicht genauer. Es war ein Ausdruck in den Zügen, der mich
erschreckte. Das war weder der Tod, noch das Laster, das war etwas
anderes. Und wenn ich Swedenborg gekannt hätte, hätte ich die vom bösen
Geist hinterlassene Spur mich über den Zustand meiner Seele und die
Begebenheiten der letzten Wochen aufgeklärt.

Jetzt dagegen schämte ich mich und entsetzte ich mich vor mir selber,
und ich bereute es, gegen diese Familie undankbar gewesen zu sein, die
mir einst diesen rettenden Hafen angeboten hatte, mir und so vielen
andern Schiffbrüchigen.

Zur Busse bin ich von den Furien hierher gejagt worden. Es ist ein
schönes Künstlerheim, ein guter Haushalt, eheliches Glück, reizende
Kinder, Luxus und Sauberkeit, eine Gastfreundschaft ohne Grenzen,
Hochherzigkeit im Urteil, eine Atmosphäre der Schönheit und Güte,
die mir in die Seele brennt. Und unter all diesem fühle ich mich
nicht glücklich, wie im Paradies ein Verdammter. Hier beginne ich zu
entdecken, dass ich verdammt bin.

Vor meinen Augen breitete sich alles aus, was das Leben an Glück bieten
kann, alles, was ich verloren habe.

Ich bewohne eine Dachstube, von der ich den Gipfel des Hügels sehe, wo
ein Hospiz für alte Leute liegt. Am Abend entdecke ich zwei Männer,
die sich gegen die Ringmauer lehnen, nach unserer Villa spähen und mit
Gebärden die Stelle meines Fensters bezeichnen. Die Idee, durch Feinde,
die Elektriker sind, verfolgt zu sein, nimmt mich von neuem in Besitz.

Es ist die Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1896. Meine Freunde habe
ihr Möglichstes getan, um mich zu beruhigen; wir haben zusammen
alle Dachkammern, die neben meinem Zimmer liegen, sogar den Boden
untersucht, damit ich sicher sei, dass sich niemand in strafbarer
Absicht dort versteckt habe. Als man aber die Tür einer Rumpelkammer
öffnet, macht ein an sich gleichgültiger Gegenstand einen entmutigenden
Eindruck auf mich. Es ist ein Eisbär, der als Teppich dient; aber der
gähnende Rachen, die drohenden Eckzähne, die funkelnden Augen reizen
mich. Warum muss dieses Tier gerade in diesem Augenblick dort liegen?

Ohne mich auszuziehen, lege ich mich aufs Bett, entschlossen, den
verhängnisvollen Glockenschlag der zweiten Stunde abzuwarten.

Ich warte bis Mitternacht, mit Lesen beschäftigt.

Ein Uhr ist vorbei, und das ganze Haus schläft ruhig.

Endlich schlägt es zwei Uhr! Nichts geschieht! Da, in einem Anfall von
Anmassung, und um die Unsichtbaren herauszufordern, vielleicht auch in
der Absicht, ein physikalisches Experiment zu machen, stehe ich auf,
öffne die beiden Fenster, stecke zwei Kerzen an. Ich setze mich an den
Tisch hinter die Leuchter und biete mich mit unbedeckter Brust als
Zielscheibe dar und fordere die Unbekannten heraus.

--Hier bin ich, ihr Einfältigen!

Da macht sich ein Fluidum, wie ein elektrisches, fühlbar, zuerst
schwach. Ich blicke auf meine Magnetnadel, die ich als Zeuge
aufgestellt habe; aber keine Spur der Abweichung: also keine
Elektrizität.

Aber die Spannung nimmt zu, mein Herz schlägt kräftig; ich wiederstehe,
aber schnell wie ein Blitz erfüllt ein Fluidum meinen Körper, erstickt
mich und saugt an meinem Herzen....

Ich stürze die Treppe hinunter, um den Salon im Erdgeschoss zu
erreichen, wo man mir, für den Fall der Not ein provisorisches Bett
bereitet hat. Da liege ich fünf Minuten und denke nach. Ist es
strahlende Elektrizität? Nein, da die Magnetnadel nichts angezeigt hat.
Eine Krankheit, veranlasst durch die Furcht vor der zweiten Stunde?
Auch nicht, da mir nicht der Mut fehlt, den Angriffen zu trotzen. Warum
musste ich denn die Kerzen anstecken, die das unbekannte Fluidum,
dessen Opfer ich war, anzogen?

Ohne Antwort zu erhalten, in einem endlosen Labyrinth verirrt, zwinge
ich mich, einzuschlafen; da aber greift mich eine neue Entladung an,
die Jagd beginnt wieder. Ich ducke mich hinter der Wand, ich lege mich
unter das Gesims der Türen, vor die Kamine. Überall, überall finden
mich die Furien. Die Seelenangst nimmt überhand, der panische Schrecken
vor allem und nichts ergreift mich so, dass ich von Zimmer zu Zimmer
fliehe; schliesslich flüchte ich mich auf den Balkon, wo ich mich
zusammenkauere.

Der Morgen ist graugelb, und die sepiafarbigen Wolken zeigen seltsame,
ungeheuerliche Formen, die meine Verzweiflung vermehren. Ich suche das
Atelier meines Freundes, des Malers, auf, lege mich auf den Teppich und
schliesse die Augen. Fünf Minuten später werde ich von einem störenden
Geräusch geweckt. Eine Maus äugt nach mir, mit der deutlichen Absicht,
sich zu nähern. Ich verjage sie: sie kommt mit einer zweiten zurück.
Mein Gott, habe ich das Delirium? Ich habe doch diese letzten drei
Jahre den Wein nicht missbraucht! (Am nächsten Tag überzeugte ich mich,
dass es wirklich Mäuse im Atelier gab, aber durch wen vorbereitet, und
zu welchem Zweck?)

Ich wechsle den Platz und lege mich auf den Teppich des Flurs. Der
barmherzige Schlaf senkt sich auf meinen gefolterten Geist, und ich
verliere das Bewusstsein des Schmerzes, vielleicht eine halbe Stunde
lang.

Ein deutlich artikulierter Schrei "Alp!" lässt mich plötzlich auffahren.

Alp! das ist der deutsche Name für einen quälenden, bedrückenden Traum.
Alp! das ist das Wort, das die Tropfen des Gewitterregens im Hotel
Orfila auf mein Papier zeichneten.

Wer hat es ausgerufen? Niemand, da alle Bewohner des Hauses schlafen.
Ein Spiel von Dämonen. Ein poetisches Bild, das vielleicht die ganze
Wahrheit enthält.

Ich steige die Treppe hinauf und trete in meine Dachstube: die Lichter
sind niedergebrannt, tiefes Schweigen herrscht.

Da läutet das Angelus: es ist der Tag des Herrn.

Ich nehme das römische Gebetbuch und ich lese: De profundis clamavi ad
te, Domine! Getröstet, sinke ich auf das Bett wie ein Toter.

Sonntag, den 26. Juli 1896. Ein Zyklon verwüstet den Jardin des
Plantes. Die Zeitungen bringen die Einzelheiten, die mich seltsam
interessieren; warum, kann ich nicht sagen. Heute soll Andrées
Ballon zu seiner Nordpolfahrt aufsteigen; aber die Vorzeichen
verkünden Unheil. Der Zyklon hat mehrere Ballons, die an verschiedenen
Stellen aufgestiegen sind, zu Boden geschleudert, und mehrere
Luftschiffer sind dabei umgekommen. Elisée Reclus hat sich das Bein
gebrochen. Gleichzeitig hat sich in Berlin ein Mann namens Pieska auf
ungewöhnliche Weise getötet; er schlitzte sich nach Art der Japaner den
Bauch auf. Ein blutiges Drama.

Am nächsten Morgen verlasse ich Dieppe. Dieses Mal segne ich das Haus,
dessen berechtigte Freuden ich durch meine Qualen verdüstert habe.

Da ich den Gedanken, dass übersinnliche Mächte in mein Schicksal
eingreifen, noch immer zurückweise, bilde ich mir ein, eine
Nervenkrankheit zu haben. Darum will ich nach Schweden fahren, um einen
befreundeten Arzt aufzusuchen.

Als Andenken an Dieppe nehme ich einen Stein mit, der eine Art Eisenerz
ist, die Form eines Dreiblatts hat, einem Spitzbogenfenster gleich, und
das Zeichen des Malteserkreuzes trägt. Ich habe den Stein von einem
Kind erhalten, das ihn am Strande gefunden hat. Es erzählte mir auch,
diese Art Steine fielen vom Himmel, und würden dann von den Wellen ans
Land geworfen.

Ich möchte gern an seine Deutung glauben und behalte das Geschenk als
einen Talisman, dessen Bedeutung mir noch verborgen ist.

(An der Küste der Bretagne sammeln die Strandbewohner nach einem Sturme
Steine in der Form eines Kreuzes, die wie Gold aussehen. Das ist ein
Erz, das Staurolith heisst.)


Ganz im Süden Schwedens, an der Küste des Meeres, liegt die kleine
Stadt: ein altes Seeräuber- und Schmugglernest, in dem Weltumsegler
exotische Spuren aus vier Weltteilen hinterlassen haben.

So sieht die Wohnung meines Arztes wie ein buddhistisches Kloster aus.
Die vier Flügel des einstöckigen Gebäudes schliessen einen viereckigen
Hof ein, in dessen Mitte ein kuppelförmiger Bau an das Grabmal des
Tamerlan zu Samarkand erinnert. Die Struktur und die Bekleidung des
Dachstuhls mit chinesischen Ziegeln erinnern an den äussersten Orient.
Eine apathische Schildkröte kriecht über das Pflaster und versinkt
mitten im Gras in ein Nirvana der Betrachtung, das sich bis in
Unendlichkeit ausdehnt.

Ein dichtes Gesträuch bengalischer Rosen schmückt die äussere Mauer des
westlichen Flügels, wo ich allein wohne. Zwischen diesem Hof und den
beiden Gärten liegt ein Wirtschaftshof, auf dem eine Kastanie steht und
schwarze Hühner zanken; es ist eine Art Gang, dunkel und feucht.

Im Lustgarten steht ein Pavillon im Stil der Pagode, von Pfeifenstrauch
überwachsen.

Dieses Kloster, das unzählige Zimmer hat, wird von einem einzigen
Menschen bewohnt, dem Leiter des Kreiskrankenhauses. Witwer,
Einsiedler, unabhängig, hat er die harte Schule des Lebens und der
Menschen durchgemacht und verachtet die Menschen mit dieser starken und
edlen Verachtung, die zur tiefen Erkenntnis der relativen Nichtigkeit
aller Dinge führt, das eigene Ich einbegriffen.

Dieser Mann trat so unerwartet auf die Bühne meines Lebens, dass ich
sein Auftreten zu den Theatercoups ex machina zählen möchte.

Als ich jetzt, von Dieppe kommend, im gegenüberstehe, sieht er mich
fest und prüfend an und ruft aus:

--Was fehlt dir? Nervenkrank! Gut! Aber da ist auch noch etwas anderes.
Du hast böse Augen, und das habe ich noch nicht bei dir gesehen.
Was hast du gemacht? Ausschweifungen, Laser, verlorenen Illusionen,
Religion? Erzähle mir, alter Junge!

Aber ich erzähle nichts, da der erste Gedanke, der meinem argwöhnischen
Geist kommt, der ist, dass er gegen mich voreingenommen sei, dass er
Erkundigungen eingezogen habe, dass ich interniert bin.

Ich schütze Nervosität, Schlaflosigkeit, Alpdrücken vor, und dann
sprechen wir von anderen Dingen.

Als ich mich in meiner kleinen Wohnung einrichte, bemerke ich alsbald
das amerikanische eiserne Bett, dessen vier in Messingkugeln endende
Pfeiler den Leitern einer Elektrisiermaschine gleichen. Fügt man dazu
die elastische Matratze, deren kupferne Sprungfedern wie die Spiralen
der Rühmkorffschen Induktionsrolle aussehen, so kann man sich denken,
wie wütend ich über diesen teuflischen Zufall bin. Unmöglich kann ich
bitten, das Bett zu wechseln, weil dann der Verdacht aufkommen könnte,
ich sei wahnsinnig.

Ich will mich vergewissern, dass nichts über meinem Bett verborgen
ist, und steige auf den Boden hinauf. Um das Unglück voll zu machen,
liegt dort oben nur ein einziger Gegenstand, und zwar ein ungeheures,
zusammengerolltes Netz aus Eisendraht, gerade über meinem Bett. Das ist
ein Akkumulator, sage ich mir. Wenn ein Gewitter, das hier sehr häufig
ist, ausbricht, wird das Eisennetz den Blitz anziehen, und ich werde
auf dem Konduktor liegen. Aber ich wage nichts zu sagen.

Zugleich beunruhigt mich der Lärm, den eine Maschine macht. Ein
Ohrensausen verfolgt mich, seit ich das Hotel Orfila verlassen habe,
wie das Stampfen eines Wasserrades. Da ich zweifle, ob dieses Geräusch
tatsächlich vorhanden ist, frage ich, was es ist.

--Die Presse der Druckerei nebenan.

Alles erklärt sich wunderschön und doch macht mich diese Einfachheit
der Mittel verrückt, erschreckt mich.

Die gefürchtete Nacht kommt. Der Himmel ist bedeckt, die Luft ist
schwer; man erwartet ein Gewitter. Ich wage nicht, zu Bett zu gehen,
und bringe zwei Stunden damit zu, dass ich Briefe schreibe. Von
Müdigkeit überwältigt, entkleide ich mich und schlüpfe zwischen die
Laken. Ein furchtbares Schweigen herrscht im Haus, als ich die Lampe
lösche. Ich fühle, dass jemand im Dunkeln auf mich lauert, mich
berührt, nach meinem Herzen tastet, saugt.

Ohne zu warten, springe ich aus dem Bett, öffne das Fenster uns
stürze mich auf den Hof; aber die Rosensträucher stehen dort, und
mein Hemd schützt mich nicht im geringsten gegen das Geisseln der
Dornen. Zerrissen, blutend überschreite ich den Hof. Meine nackten
Füsse werden von Kieselsteinen geschunden, von Disteln zerstochen, von
Nesseln verbrannt; über unbekannt Gegenstände strauchelnd, erreiche
ich die Küchentür, die zur Wohnung des Arztes führt. Ich klopfe. Keine
Antwort!--Da erst entdecke ich, dass es regnet. Oh, Elend über Elend!
Was habe ich getan, um diese Qualen zu verdienen? Sicher ist das die
Hölle! Miserere! Miserere!

Ich klopfe immerzu!

Es ist seltsam, dass nie jemand da ist, wenn man mich angreift. Immer
diese Alibis: es ist also ein Komplott, an dem alle teilnehmen! Endlich
die Stimme des Arztes:

--Wer da?

--Ich bin es! Ich bin krank! Öffne, oder ich sterbe! Er öffnet.

--Was ist dir geschehen?

Ich beginne meine Erzählung mit dem Attentat in der Rue de la Clef, das
ich feindlichen Elektrikern zuschreibe....

--Schweig, Unglücklicher! Du leidest an einer Geisteskrankheit.

--Verflucht! Untersuche doch meinen Verstand; lies, was ich täglich
schreibe und was man druckt....

--Schweig! Kein Wort zu irgendwem! Die Bücher der Irrenhäuser kennen
diese elektrischen Geschichten aus dem Grunde.

--Das wäre noch schöner! Ich kehre mich so wenig an eure
Irrenhausbücher, dass ich, um mir Klarheit zu verschaffen, morgen nach
Lund fahren werde, um mich im dortigen Irrenhaus untersuchen zu lassen!


--Dann bist du verloren! Kein Wort mehr davon, und leg dich hier im
Nebenzimmer schlafen!

Ich gebe nicht nach und verlange, dass er mich anhört. Er lehnt es ab
und will nichts hören.

Wieder allein, frage ich mich: ist es möglich, dass ein Freund,
ein Ehrenmann, der sich von schmutzigen Händeln rein erhalten hat,
seine ehrenwerte Laufbahn damit beschliesst, dass er der Versuchung
unterliegt? Wessen Versuchung? Die Antwort fehlt mir; aber die
Vermutungen fliessen über.

Every man his price, jeder Mann hat seinen Preis! Hier war allerdings
eine bedeutende Summe notwendig, im Verhältnis zu seiner Tugend.--Aber
zu welchem Zweck? Eine gewöhnliche Rache bezahlt man nicht übermässig!
Es muss sich um ein ausserordentliches Interesse handeln! Halt, ich
habe es! Ich habe Gold gemacht, der Doktor hat es halb erkannt, aber
heute hat er es abgeleugnet, dass er meine Versuche, die ich ihm
brieflich mitgeteilt hatte, wiederholt habe. Er hat es abgeleugnet, und
doch habe ich heute abend Proben von seiner Hand gefunden; sie lagen
auf dem Pflaster des Hofes. Also hat er gelogen!

Übrigens hat er sich am selben Abend darüber ausgesprochen, was für
traurige Folgen es für die Menschheit haben würde, wenn die Herstellung
des Goldes sich bestätigte. Allgemeiner Zusammenbruch, überall
Verwirrung, Anarchie, Ende der Welt.

Man müsste den Erfinder töten! das war sein letztes Wort.

Ferner, als wir über die wirtschaftliche Lage meines Freundes sprechen,
die recht bescheiden ist, war ich erstaunt, ihn sagen zu hören, dass er
den Hof, den er bewohnt, demnächst kaufen werde. Er hat Schulden, ist
beinahe in Verlegenheit, und träumt davon Grundbesitzer zu werden.

Alles vereinigt sich, um mir meinen guten Freund verdächtig zu machen.

Verfolgungswahn! Mag sein; aber der Künstler, der die Glieder dieser
höllischen Syllogismen schmiedet, wo ist er?

--Man müsste ihn töten! Das ist der letzte Gedanke, den ich in meiner
Qual festhalten kann, bevor ich gegen Sonnenaufgang einschlafe.


Wir haben eine Kaltwasserkur begonnen, und ich habe das Zimmer für die
Nächte gewechselt, die jetzt ziemlich ruhig sind, wenn auch einige
Rückfälle eintreten.

Eines Abends bemerkt der Doktor das Gebetbuch auf meinem Nachttisch und
gebärdet sich wie ein Rasender.

--Immer noch diese Religion! Das ist ein Symptom begreifst du das?

--Oder ein Bedürfnis wie andere!

--Ich bin kein Atheist; aber ich denke, dass der Allmächtige die
frühere Vertraulichkeit nicht mehr will. Man macht dem Ewigen nicht
mehr den Hof, damit ist es aus! Ich halte mich an den Grundsatz des
Mohammedaners, der um nichts als Gelassenheit bittet, damit er die Last
des Daseins ertragen kann.

Grosse Worte, aus denen ich mir eigene Goldkörner heraushole. Er nimmt
mir Gebetbuch und Bibel fort.

--Lies gleichgültige Sachen, von sekundärem Interesse, Weltgeschichte,
Mythologie, und lass die Grübeleien. Vor allem: hüte dich vor dem
Okkultismus, dieser Pseudowissenschaft. Es ist uns verboten, die
Geheimnisse des Schöpfers zu erspähen, und wehe denen, die sie sich
erlisten.

Als ich einwende, dass sich in Paris eine ganze Schule von Okkultisten
gebildet habe, heult er:

--Wehe ihnen!

Am Abend bringt er mir Viktor Rydbergs "Germanische Mythologie", und
zwar ohne Hintergedanken; ich bin wenigstens davon überzeugt.

--Hier sind Geschichten, bei denen man im Stehen einschlafen kann. Das
wirkt besser als Sulfonal.

Wenn mein guter Freund gewusst hätte, welchen Zündfaden er da
anzündete, er hätte lieber....

Die Mythologie in zwei Bänden, von zusammen tausend Seiten, öffnet sich
unter meinen Händen wie von selber und meine Blicke heften sich alsbald
auf diese Reihen, die sich meinem Gedächtnis in Feuerschrift einprägen:

"Nach der Legende blähte sich der durch seinen Vater unterrichtete
Bhrigu vor Hochmut und bildete sich ein, seinen Meister zu übertreffen.
Der sandte ihn in die Unterwelt, wo er zu seiner Demütigung tausend
Schrecken beiwohnen muss, von denen er nie etwas geahnt hatte."

Das hiess also: der Hochmut, die Anmassung, die Hybris, bestraft durch
meinen Vater und Meister. Und ich befand mich in der Hölle, von den
Mächten dahingejagt. Wer war denn mein Meister? Swedenborg?

Ich blätterte in dem wunderbaren Buch weiter.

?Man vergleiche mit dieser Fabel die germanische Mythe von den
_Dornenfeldern_, welche die Füsse der Ungerechten _geisseln_....

Genug! Genug! Die Dornen auch! Das ist zu viel!

Kein Zweifel, ich bin in der Hölle! Und wirklich bestätigt die
Wirklichkeit diese Phantasie in einer so plausiblen Weise, dass ich ihr
schliesslich glauben muss.

Der Docktor scheint zwischen den verschiedensten Gefühlen zu schwanken.
Bald ist er gegen mich eingenommen, sieht mich über die Achsel an,
behandelt mich mit einer demütigenden Brutalität; bald ist er selbst
ganz unglücklich und pflegt und tröstet mich wie ein krankes Kind. Ein
anderes Mal freut er sich, einen Mann von Verdienst, den er früher
geschätzt hat, unter die Füsse treten zu können. Dann macht er den
Henker und predigt mir vor.

--Man muss arbeiten, man muss einen übertriebenen Ehrgeiz unterdrücken,
man muss seine Pflicht gegen Vaterland und Familie erfüllen. Lass
die Chemie; es ist eine Chimäre, es gibt so viel Spezialisten, die
Autoritäten sind, Gelehrte von Beruf, die ihre Sache verstehen....

Eines Tages schlägt er mir vor, für die letzte Stockholmer Zeitung zu
schreiben.

--Die zahlt!

Ich antworte ihm, ich habe es nicht nötig, Artikel für die letzte
Stockholmer Zeitung zu schreiben, da das erste Blatt von Paris und der
Welt mein Manuskript angenommen habe.

Da stellt er sich zweifelnd und behandelt mich als Aufschneider, obwohl
er meine Artikel im Figaro gelesen und meinen Leitartikel im Gil Blas
selbst übersetzt hat.

Ich bin ihm nicht böse: er spielt nur die Rolle, die ihm die Vorsehung
auferlegt hat.

Ich tue mir Gewalt an, den Hass, der gegen diesen unvermuteten Dämon
wächst, zu unterdrücken, und ich verwünsche das Schicksal, das
meine Gefühle der Dankbarkeit gegen einen hochherzigen Freund in
Undankbarkeit zu kehren sucht.


Kleinigkeiten erneuern unaufhörlich den Argwohn, den ich über die
böswilligen Absichten des Doktors hege.

Heute hat er auf der Veranda, die auf den Garten hinaus geht, Äxte,
Sägen, Hämmer gelegt, ganz neue, die zu nichts dienen. Zwei Gewehre und
ein Revolver in seinem Schlafzimmer, und in einem Korridor noch eine
Sammlung Äxte, die zu gross sind, um im Haushalt verwendet zu werden.
Welcher teuflische Zufall, dass dieser Folterapparat meinen Blicken
ausgesetzt ist! Der beunruhigt mich, weil er keinen Zweck hat und
ungewöhnlich ist.

Die Nächte sind ziemlich ruhig für mich geworden, während der Doktor
beunruhigende Wanderungen zu machen beginnt. So werde ich mitten in der
dunkelsten Nacht durch einen Flintenschuss geweckt. Taktvoll, tue ich,
als habe ich nichts gehört. Am Morgen erklärt er mir die Sache: ein
Volk Elstern sei in den Garten gekommen und habe seinen Schlaf gestört.


In einer anderen Nacht stösst die Haushälterin um zwei Uhr morgens
heisere Schreie aus.

In einer dritten Nacht seufzt der Doktor, indem er den "Herrn Zebaoth"
anruft.

Bin ich in einem Spukhaus, und wer hat mich hierher geschickt?

Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn ich beobachte, wie der
Alp, der mich besessen hat, sich meiner Gefangenenwächter bemächtigt.
Aber die ruchlose Freude wird bald bestraft. Ein furchtbarer Anfall
überrascht mich; ich erwache davon, dass mein Herzschlag stockt, und
höre Worte, die ich in meinem Tagebuch notiert habe. Eine unbekannte
Stimme ruft: "Drogist Luthardt"!

Drogist! Vergiftet man mich langsam mit Alkaloiden, die Wahnsinn
hervorrufen, wie Bilsenkraut, Haschisch, Digitalin, Stechapfel?

Ich weiss es nicht; aber seitdem verdoppelt sich mein Argwohn.

Man wagt mich nicht zu töten, man will mich nur verrückt machen, durch
List, um mich dann in einem Irrenhaus verschwinden zu lassen. Der
Schein spricht mehr und mehr gegen den Doktor. Ich entdecke, dass er
meine Goldsynthese entwickelt hat, so entwickelt hat, dass er weiter
gekommen ist als ich. Übrigens alles, was er sagt, widerspricht sich im
nächsten Augenblick, und seine Lügen gegenüber nimmt meine Phantasie
den Zaum zwischen die Zähne und fliegt über die Grenzen der Vernunft.

Am 8. August mache ich meinen Morgenspaziergang vor der Stadt. An der
Chaussée singt eine Telegraphenstange; ich trete näher, lege mein Ohr
daran und lausche wie bezaubert. Am Fuss der Stange liegt zufällig ein
Hufeisen. Ich hebe es auf als ein gutes Zeichen und nehme es mit nach
Haus.

10 August.--Am Abend wünsche ich dem Doktor, dessen Benehmen mich in
den letzten Tagen mehr als je beunruhigt hat, eine gute Nacht. In
geheimnisvoller Weise hat er mit sich selbst gekämpft; sein Gesicht ist
fahl geworden, seine Augen sind erloschen. Den ganzen Tag über singt
oder pfeift er; ein Brief, den er empfing, hat einen starken Eindruck
auf ihn gemacht.

Am Nachmittag kommt er von einer Operation nach Haus, seine Hände sind
mit Blut befleckt, er bringt einen zwei Monate alten Fötus mit. Er sah
wie ein Schlächter aus und sprach in einer unangenehmen Weise über die
Befreiung der Mutter.

--Die Schwachen töten und die Starken beschützen! Fort mit dem Mitleid,
es bringt die Menschheit herunter!

Ein Schrecken hat mich vor ihm erfasst. Nachdem wir uns an der Tür, die
unsere beiden Zimmer trennt, gute Nacht gesagt haben, spähe ich nach
ihm. Zuerst geht er in den Garten, ohne dass ich hören kann, was er
dort macht. Dann tritt er in die Veranda, die neben meinem Schlafzimmer
liegt, und bleibt dort. Er hantiert mit einem ziemlich schweren
Gegenstand und zieht eine Feder auf, die nicht zu einer Uhr gehört.
Alles geht leise vor sich, was auf Geheimniskrämerei oder verdächtige
Arbeit deutet.

Halb entkleidet, erwarte ich stehend und unbeweglich, meinen Atem
anhaltend, die Wirkung dieser geheimnisvollen Vorbereitungen.

Da, durch die Wand, die mein Bett berührt, strahlt das gewöhnliche und
wohlbekannte Fluidum, betastet meine Brust und sucht das Herz. Die
Spannung wächst ... ich nehme meine Kleider, schlüpfe durchs Fenster
und kleide mich erst an, als ich die Pforte hinter mir habe.

Wiederum auf der Strasse, auf dem Pflaster, die letzte Zuflucht, den
einzigen Freund verlassend. Ich gehe und gehe, ohne ein Ziel zu haben.
Als ich zu mir komme, gehe ich geradeswegs zum Arzt der Stadt. Ich muss
läuten, ich muss warten, und ich bereite mich auf meine Aussage vor, da
ich meinen Freund nicht anklagen will.

Endlich erscheint der Doktor. Ich entschuldige mich wegen meines
nächtlichen Besuches: aber Schlaflosigkeit und Herzklopfen bei einem
Kranken, der das Vertrauen zu seinem Arzt verloren hat usw.... Mein
guter Freund, dessen Gastfreundschaft ich angenommen habe, behandle
mich als eingebildet Kranken und wolle mich nicht anhören.

Als habe er meinen Besuch erwartet, ladet der Doktor mich ein, auf
einem Stuhl Platz zu nehmen, und bietet mir eine Zigarette und ein Glas
Wein an.

Es ist eine Befreiung für mich, wie ein wohlerzogener Mensch empfangen
zu werden, nachdem man mich wie einen elenden Idioten behandelt hat.
Wir plaudern zwei Stunden, und der Arzt enthüllt sich als Theosoph, dem
ich alles mitteilen kann, ohne mich blosszustellen.

Schliesslich, etwas nach Mitternacht, erhebe ich mich, um ein Hotel
aufzusuchen. Der Doktor rät mir, nach Haus zurückzukehren.

--Niemals! Er wäre fähig, mich zu töten!

--Wenn ich Sie begleite?

--Dann haben wir zusammen das Feuer des Feindes auszuhalten. Aber er
wird mir nie verzeihen.

--Gehen wir jedenfalls!

So kehre ich auf meinen Spuren zurück. Da ich die Tür geschlossen
finde, klopfe ich.

Als nach einer Minute mein Freund öffnet, da, bin ich es, der
von Mitleid ergriffen wird. Er, der Chirurg, gewohnt, Leiden zu
verursachen, ohne Mitleid zu empfinden, der Verkünder des überlegten
Mordes, er sieht kläglich aus, ist blass wie eine Leiche; er zittert
und stammelt; als er den Doktor, der hinter mir steht, erblickt, sinkt
er zusammen, von einem Schrecken ergriffen, der mich mehr entsetzt, als
alle vorhergehenden Schauder.

Ist es möglich, dass dieser Mann einen Mord beabsichtigt hat und dass
er die Entdeckung fürchtete? Nein, das ist unmöglich, ich weise diesen
Gedanken zurück: er ist ruchlos.

Nachdem wir nichtssagende Worte ausgetauscht haben, die von meiner
Seite fast läppisch sind, trennen wir uns, um schlafen zu gehen.

Es gibt im Leben so schreckliche Zwischenfälle, dass die Seele sich in
dem Augenblick weigert, die Spur zu bewahren; aber der Eindruck bleibt
und tritt bald mit unwiderstehlicher Kraft wieder zum Vorschein.

So kommt mir, als ich nach Hause zurückkehre, plötzlich eine Szene
wieder, die sich im Salon des Doktors zutrug, als ich ihn in der Nacht
aufsuchte.

Der Doktor verlässt mich um Wein zu holen; allein im Zimmer, betrachte
ich einen Schrank mit Füllungen, deren Getäfel aus Nussbaum oder Erle
gearbeitet ist, ich weiss es nicht mehr genau. Wie gewöhnlich bilden
die Holzfasern Figuren. Hier zeigt sich ein Bockskopf in meisterhafter
Ausführung. Ich kehre ihm gleich den Rücken. Pan selbst, nach den
Überlieferungen der Alten; Pan, den das Mittelalter später in Satan
verwandelte: der war es wohl!

Ich beschränke mich hier darauf, die Tatsache zu erzählen; der Arzt,
der Besitzer des Schrankes, würde der Geheimwissenschaft einen Dienst
leisten, wenn er die Füllung photographieren liesse. Dr. Mac Haven
hat sich in der "Initiation" (November 1896) mit diesen Erscheinungen
beschäftigt, die in allen Naturreichen so gewöhnlich sind. Ich empfehle
dem Leser, das Gesicht, das auf dem Rückenschild der Krabbe gezeichnet
ist, genau zu betrachten.


Nach diesem Abenteuer zeigt sich eine offenbare Feindseligkeit zwischen
meinem Freund und mir. Er gibt mir zu verstehen, dass ich faulenze und
dass meine Anwesenheit überflüssig sei. Ich antworte ihm, dass ich
bereit sei, in ein Hotel zu gehen, um wichtige Briefe abzuwarten. Da
spielt er den Beleidigten.

In Wirklichkeit kann ich mich vor Geldmangel nicht rühren. Übrigens
ahne ich, dass in meinem Schicksal eine Änderung bevorsteht.

Meine Gesundheit ist wiederhergestellt: ich schlafe nachts ruhig und
arbeite am Tage.

Der Zorn der Vorsehung scheint vertagt zu sein, und meine Versuche
gelingen in allem. Wenn ich zufällig ein Buch aus der Bibliothek des
Doktors hole, enthält es immer die gesuchte Erklärung. So finde ich in
einer alten Chemie das Geheimnis meiner Art, Gold zu machen; nun kann
ich durch die Metallurgie, mit Berechnungen und Analogien, beweisen,
dass ich Gold gemacht habe, und das man immer Gold gemacht hat, wenn
man es aus Erzen zu gewinnen geglaubt hat. man es aus Erzen zu gewinnen
geglaubt hat.

Ein Aufsatz, den ich über das Thema ausgearbeitet habe, wird an eine
französische Zeitschrift gesandt, die ihn sofort druckt. Ich beeile
mich, den Artikel dem Doktor zu zeigen; er kann die Tatsache nicht
leugnen, ist aber gegen mich eingenommen.

Da muss ich mir sagen, dass er nicht mehr mein Freund ist, da meine
Erfolge ihm unangenehm sind.


12. August.--Ich kaufe beim Buchhändler ein Album. Es ist eine Art
Notizbuch, in bearbeitetes und vergoldetes Leder prächtig gebunden.
Die Zeichnung erregt meine Aufmerksamkeit und--seltsam!--bildet ein
Vorzeichen, dessen Deutung in der Folge gegeben werden wird. Die
künstlerisch ausgeführte Komposition stellt dar: links den zunehmenden
Mond im ersten Viertel, von einem blühenden Zweig umgeben; drei
Pferdeköpfe (trijugum) gehen vom Monde aus; darüber ein Lorbeerzweig;
unten drei Streifen (drei mal drei); rechts eine Glocke, aus der Blumen
hervorquellen, ein Rad in der Form einer Sonne usw....

13. August.--Der Tag, den die Uhr auf dem Boulevard Saint-Michel
angekündigt hat, ist da. Ich erwarte irgendein Ergebnis, aber
vergebens. Doch bin ich sicher, dass irgendwo etwas geschehen ist,
dessen Ergebnisse mir binnen kurzem mitgeteilt werden.

14. August.--Auf der Strasse finde ich ein Blatt, das aus einem alten
Kontorkalender gerissen ist; es trägt in grossen Buchstaben: 13.
August. (Das Datum der Uhr.) Darunter in kleinen Buchstaben: "Tue
niemals heimlich, was du nicht öffentlich tun würdest." (Die schwarze
Magie!)

15. August.--Ein Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Schicksal; sie
liebt mich noch immer und sie hofft unseres Kindes wegen, dass sich
die Verhältnisse bessern werden. Ihre Eltern, die mich früher gehasst
haben, sind nicht gefühllos gegen meine Leiden: ich bin eingeladen,
mein Töchterchen, diesen Engel, der auf dem Lande bei den Grosseltern
wohnt, zu sehen.

Das ruft mich ins Leben zurück! Mein Kind, meine Tochter nimmt für mich
die erste Stelle ein, selbst vor der Gattin. Das arme unschuldige Kind,
dem ich Böses habe tun wollen, umarmen, es um Verzeihung bitten, ihm
das Dasein durch die kleinen Aufmerksamkeiten des Vaters erheitern,
der seine seit Jahren aufgesparte Zärtlichkeit verschwenden möchte!
Ich fange wieder an zu leben, ich erwache endlich aus einem bösen
Traum, und ich begreife den wohlwollenden Willen des gestrengen Herrn,
der mich mit harter und weiser Hand bestraft hat. Jetzt begreife ich
die dunkeln und erhabenen Worte Hiobs: "Glücklich der Mann, den Gott
züchtigt!"

Glücklich; denn um die "andern" kümmert er sich nicht.

Ich weiss nicht, ob ich dort unten an der Donau meine Frau treffen
werde; das ist mir beinahe gleichgültig geworden, weil unsere
Charaktere sich doch nicht vertragen. Ich rüste mich zu meiner
Pilgerfahrt, denn ich weiss wohl, dass es eine Büsserreise ist und dass
mir neue Golgathas bestimmt sind.


Dreissig Tage der Marter, dann öffnen sich die Türen der Folterkammer.
Ich scheide ohne Bitterkeit von meinem Freund und meinem Henker. Er ist
nur die Geissel der Vorsehung für mich gewesen.

Glücklich der Mensch, den Gott züchtigt!...



9.

Beatrice.


In Berlin bringt mich eine Droschke vom Stettiner zum Anhalter Bahnhof.
Auf der halbstündigen Durchfahrt ist es mir, als führe ich durch eine
Dornenhecke, soviel leibhaftige Erinnerungen bedrängen mein Herz.
Zuerst fahre ich durch die Strasse, in der mein Freund Popoffsky mit
seiner ersten Frau wohnte, unbekannt oder vielmehr verkannt, mit dem
Elend und den Leidenschaften kämpfend. Jetzt ist die Frau tot, sein
Kind ist tot, in diesem Haus linkst war es; und unsere Freundschaft hat
sich in wilden Hass verwandelt.

Hier rechts die Bierstube der Künstler und Schriftsteller, der
Schauplatz so vieler Geistes-und Liebesorgien.

Dort die Cantina Italiana, wo ich vor drei Jahren meine damalige Braut
zu treffen pflegte; dort haben wir das erste Honorar, das ich aus
Italien erhielt, in Chianti verwandelt.

Dort der Schiffbauerdamm mit der Pension Fulda, wo wir als junges
Ehepaar wohnten. Hier mein Theater, mein Buchhändler, mein Schneider,
mein Apotheker.

Welch unseliger Instinkt treibt den Kutscher mich durch diese via
dolorosa, die mit begrabenen Erinnerungen gepflastert ist, zu fahren?
Zu dieser nächtlichen Stunde werden die Erinnerungen wieder lebendig
wie Gespenster. Ich kann nicht erklären, warum er gerade diese Gasse
fährt, in der unsere Weinstube "Das schwarze Ferkel" liegt, einst
berühmt als Lieblingslokal von Heine und E. T. A. Hoffmann. Der Wirt
steht selber auf der Treppe unter dem Ungetüm, das als Firmenschild in
der Luft hängt. Er sieht mich ohne mich zu erkennen! Eine Sekunde lang
wirft der Kronleuchter von drinnen seine durch die hundert Flaschen der
Auslage gefärbten Strahlen und lässt mich ein Jahr meines Lebens, das
reichste an Kummer und Freude, Freundschaft und Liebe, wieder erleben.
Zugleich aber fühle ich lebhaft, dass dies alles zu Ende ist und
begraben bleiben muss, um Neuem Platz zu machen.


Ich schlafe diese Nacht in Berlin. Als ich am nächsten Tag erwache,
grüsst mich über den Dächern vom östlichen Himmel ein rosiger,
hochrosenroter Schein. Da erinnere ich mich, diese Rosenfarbe in Malmö,
am Abend meiner Abreise gesehen zu haben. Ich verlasse dieses Berlin,
das meine zweite Heimat geworden ist, wo ich meine seconda primavera
und zugleich den letzten Frühling erlebt habe. Auf dem Anhalter Bahnhuf
lasse ich mit diesen Erinnerungen jede Hoffnung auf einen neuen
Frühling und eine neue Liebe, die niemals, niemals wiederkehren werden.


Nachdem ich eine Nacht in Tabor, wohin mir der rosige Schein gefolgt
ist, verbracht habe, steige ich durch den Böhmerwald nach der Donau
hinab. Dort hört die Bahn auf, und im Wagen dringe ich in diese
Tiefebene ein, welche die Donau bis nach Grein begleitet; zwischen
Apfel- und Birnbäumen, Getreidefeldern und grünen Wiesen fahre ich
dahin. DA entdecke ich in der Ferne, auf einem Hügel jenseits des
Flusses, die kleine Kirche, die ich nie besucht habe, die aber den
höchsten Punkt der Landschaft bildet; diese Landschaft breitet sich
vor dem Häuschen aus, in dem mein Töchterchen geboren wurde, in jenem
unvergesslichen Mai vor zwei Jahren.

Ich fahre durch Dörfer, komme durch Marktflecken und Klöster. Den
Weg begleiten unzählige Sühnkapellen, Kalvarienberge, Weihbilder;
Denksteine über Unglücksfälle, Blitzschläge, plötzlichen Tod. Und
am Ende dieser Pilgerfahrt, dort unten in der Ferne, erwarten mich
sicherlich die zwölf Stationen von Golgatha.

Der Gekreuzigte mit der Dornenkrone grüsst mich jede hundert Schritte,
ermutigt mich und fordert mich auf, Kreuz und Leiden auf mich zu nehmen.

Jetzt töte ich mein Fleisch ab, indem ich mir von vornherein sage, dass
sie, wie ich schon wusste nicht da sein wird.

Da meine Frau das Familiengewitter nicht mehr abwendet, muss ich mir
von den alten Eltern, die ich tief verletzt habe, weil ich nicht einmal
Abschied von ihnen hatte nehmen wollen, Gleiches mit Gleichem vergelten
lassen. Ich lange also an, in dem ich mich darein finde, dass ich
bestraft werde, um Frieden zu gewinnen; als ich das letzte Dorf und das
letzte Kruzifix hinter mir gelassen habe, ahne ich die Todesqualen es
Verurteilten.


Einen Säugling von sechs Wochen hatte ich verlassen, und ein
kleines Mädchen von zweieinhalb Jahren finde ich wieder. Bei der
ersten Begegnung prüft sie mich bis auf den Grund der Seele, mit
einer ernsten, aber nicht strengen Miene, deutlich um zu sehen, ob
ich ihretwegen oder um ihre Mutter gekommen sei. Nachdem sie sich
vergewissert hat, lässt sie sich küssen und schlingt ihre Ärmchen um
meinen Hals.

Das ist Fausts Erwachen zum irdischen Leben, aber lieblicher und
reiner: ich nehme die Kleine immer wieder in meine Arme und fühle ihr
Herzchen gegen meines schlagen. Ein Kind lieben, heisst für den Mann
zum Weibe werden, das Männliche ablegen, die geschlechtslose Liebe der
Himmlischen empfinden, wie Swedenborg sie nennt. Dadurch beginnt meine
Erziehung für den Himmel. Aber zuerst die Sühne!

Die Situation ist in wenigen Worten diese: meine Frau wohnt bei ihrer
verheirateten Schwester, weil die Grossmutter, die im Besitz der
Erbschaft ist, geschworen hat, unsere Ehe auflösen zu lassen; so hasst
sie mich wegen meiner Undankbarkeit und noch anderer Dinge. Ich bin
willkommen bei dem Kinde, das niemals aufhören wird, mein zu sein,
und ich bin der Gast meiner Schweigermutter für unbestimmte Zeit. Ich
nehme die Situation hin, wie sie ist, und zwar mit Vergnügen. Meine
Schwiegermutter hat mir mit dem versöhnlichen und ergebenen Geist einer
tief religiösen Frau alles verziehen.


1. September 1896.--Ich bewohne das Zimmer, in dem meine Frau diese
beiden Jahre der Trennung zugebracht hat. Hier hat sie gelitten,
während ich meine Qualen in Paris durchmachte. Arme, arme Frau! Ist es
die Strafe für das Verbrechen, das wir begingen, als wir mit der Liebe
spielten?

Am Abend fällt beim Essen dies vor. Um meinem Töchterchen, das sich
nicht ganz allein bedienen kann, zu helfen, nehme ich ihre Hand, ganz
sanft und in der freundlichsten Absicht. Sie stösst einen Schrei aus,
zieht ihre Hand zurück und wirft mir einen Blick voll Schrecken zu. Als
die Grossmutter fragt, was sie hat, antwortet sie:

--Er tut mir weh!

Ich bin bestürzt und kann kein Wort hervorbringen. Wie oft habe ich mit
Willen weg getan: sollte ich jetzt weh tun, ohne es zu wollen?

In der Nacht träume ich von einem Adler, der mir die Hand zerreisst,
zur Züchtigung für ein unbekanntes Vergehen.

Am Morgen besucht mich mein Töchterchen; sie ist zärtlich, liebevoll,
freundlich. Sie nimmt den Kaffee mit mir und macht es sich an meinem
Schreibtisch bequem, wo ich ihr Bilderbücher zeige.

Wir sind schon gute Freunde, und meine Schwiegermutter ist entzückt,
dass ihr jemand die Kleine erziehen hilft.

Am Abend muss ich dem Schlafengehen meines Engels beiwohnen und ihm
seine Gebete sprechen hören. Sie ist katholisch, und wenn sie mich
auffordert, zu beten und das Zeichen des Kreuzes zu machen, kann ich
nicht antworten, denn ich bin Protestant.

2. September.--Allgemeine Aufregung. Die Mutter meiner Schwiegermutter,
die einige Kilometer weit am Ufer des Flusses wohnt, will einen
Ausweisungsbefehl gegen mich erlassen. Sie verlangt, dass ich sofort
abreise, und droht ihre Tochter zu enterben, falls ich nicht gehorche.
Die Schwester meiner Schwiegermutter, eine gute Frau, die auch getrennt
von ihrem Manne lebt, ladet mich ein, bei ihr im benachbarten Dorf zu
wohnen, bis der Sturm sich gelegt habe. Zu diesem Zweck kommt sie, um
mich abzuholen.

Wir steigen auf einen zwei Kilometer langen Hügel; als wir auf dem
Gipfel angekommen sind, entdecken wir unten einen runden Talkessel,
aus dem sich unzählige mit Fichten bestandene Hügel wie Krater eines
Vulkans erheben. In der Mitte dieses Trichters liegt das Dorf mit
seiner Kirche, und auf der Höhe des steilen Berges das Schloss mit dem
Stiel einer mittelalterlichen Burg; eingeschlossen sind hier und dort
Felder und Wiesen, und ein Bach bewässert sie, der sich unterhalb der
Burg in eine Schlucht stürzt.

Der Anblick dieser seltsamen, einzigartigen Landschaft überrascht mich,
und der Gedanke kommt mir: ich habe sie schon gesehen; aber wo? wo?

Auf der Zinkschale im Hotel Orfila! In Eisenoxid gezeichnet. Es ist
dieselbe Landschaft, ohne Zweifel!

Meine Tante steigt mit mir ins Dorf hinunter, wo sie über eine
Wohnung von drei Zimmer verfügt, in einem grossen Gebäude, das eine
Bäckerei, eine Schlächterei, eine Schenke enthält. Das Haus ist mit
einem Blitzableiter versehen, weil der Blitz vor einem Jahr den Boden
eingeäschert hat.

Als meine gute Tante, die ebenso aufrichtig fromm wie ihre Schwester
ist, mich in das für mich bestimmte Zimmer führt, bleibe ich, wie
von einer Vision erregt, auf der Schwelle stehen. Die Wände sind
rosa gestrichen, rosa wie die Morgenröte, die mich auf meiner Reise
nicht verliess. Die Vorhänge sind rosa, und die mit Blumen besetzten
Fenster lassen das Tageslicht gefärbt ins Zimmer fallen. Eine peinliche
Sauberkeit waltet hier, und das altertümliche Bett mit seinem von
vier Säulen getragenen Himmel ist das Lager einer Jungfrau. Das ganze
Zimmer, mit der Art seiner Einrichtung, ist ein Gedicht, die Eingebung
einer Seele, die nur halb auf dieser Erde lebt. Das Kruzifix ist nicht
da; aber die Jungfrau Maria; und der Weihkessel behütet den Eingang
gegen die bösen Geister.

Ein Gefühl von Scham erfasst mich, ich fürchte diese Phantasie eines
reinen Herzens zu besudeln, das diesen Tempel der jungfräulichen Mutter
auf dem Grabe ihrer einzigen, seit mehr als zehn Jahren begrabenen
Liebe errichtet hat. Und ich versuche in schlecht gesetzten Worten das
hochherzige Angebot abzulehnen.

Aber die gute Alte gibt nicht nach:

--Es wird dir gut tun, deine irdische Liebe der Liebe zu Gott zu
opfern und der Zärtlichkeit, die du für dein Kind hegst. Glaube meinem
Wort: diese Liebe ohne Dornen wird dir den Frieden des Herzens, die
Heiterkeit des Gemüts wiedergeben, und unter dem Schutz der Jungfrau
wirst du nachts ruhig schlafen.

Ich küsse ihr die Hand, zum Zeichen der Dankbarkeit für das Opfer, das
sie mir bringt, und mit einer Zerknirschung, der ich mich nicht für
fähig gehalten hätte, nehme ich im Ernst an. Ich bin überzeugt, dass
ich von den Mächten begnadigt werde, da sie die zu meiner Bestrafung
bestimmten Züchtigungen eingestellt haben.

Doch unter irgendeinem Vorwand behalte ich mir das Recht vor, eine
letzte Nacht in Saxen zu schlafen und die Übersiedlung auf den nächsten
Tag zu verschieben. Ich kehre also, von meiner Tante begleitet,
zu meinem Kinde zurück. Auf der Dorfstrasse bemerke ich, dass der
Blitzableiter und sein Leitungsdraht gerade über meinem Bett befestigt
sind.

Welcher teuflische Zufall, der wie persönliche Verfolgung auf mich
wirkt!

Zugleich bemerke ich, dass die Aussicht, die sich vor meinen Fenstern
ausbreitet, keine andere ist als das Armenhaus mit seiner Bevölkerung
alter entlassener Verbrecher, Kranker, Sterbender. Eine traurige
Gesellschaft, eine düstere Zukunft habe ich da vor Augen.


Wieder in Saxen angelangt, sammle ich meine Sachen für die Abreise.
Mit Bedauern verlasse ich den Wohnsitz meines Kindes, das mir so teuer
geworden ist. Die Grausamkeit der alten Dame, mich von Weib und Kind zu
trennen, erregt meinen ungerechten Unwillen; in einem Anfall von Zorn
erhebe ich die Hand gegen ihr in Öl gemaltes Porträt, das über meinem
Bett hängt. Eine dumpfe Verwünschung begleitet die Gebärde.

Zwei Stunden später bricht ein furchtbares Gewitter über dem Dorf aus;
die Blitze kreuzen einander, der Regen giesst in Strömen, der Himmel
ist schwarz.

Als ich am nächsten Morgen in Klam anlange, wo das rosa Zimmer mich
erwartet, sehe ich eine Wolke in Drachenform über dem Haus meiner
Tante schweben. Dann erzählt man mir, der Blitz habe ein nahes Dorf in
Brand gesteckt und der Platzregen habe unsere Gemeinde verwüstet, die
Heuschober verheert, die Brücken fortgeführt.

Am 10. September hat ein Zyklon Paris verwüstet, und unter welch
seltsamen Umständen! Zuerst, bei völliger Stille, beginnt er hinter
Saint-Sulpice im Luxemburggarten, besucht das Theater du Châtelet und
die Polizeipräfektur und löst sich beim St. Ludwigs-Krankenhaus auf,
nachdem er fünfzig Meter Eisengitter niedergebrochen hat.

Wegen des Zyklons und des früheren im Jardin des Plantes fragt mich
mein Freund der Theosoph:

--Was ist ein Zyklon? Wallungen des Hasses, Schwingungen einer
Leidenschaft, Ausströmungen eines Geistes?

Dann fügt er hinzu:

-Sind die um Papus sich ihrer Offenbarungen bewusst?

Ein Zufall, der mehr ist als ein Zufall: in einem Brief, der den meines
Freundes kreuzt, richte ich an ihn, der in die Mysterien der Hindus
eingeweiht ist, die direkte und bestimmte Frage:

--Können die weisen Hindus _Zyklone hervorrufen_?

Damals fing ich an, die in der Magie Eingeweihten in Verdacht zu haben,
dass sie mich verfolgten, entweder weil ich Gold machen wollte, oder
weil ich mich hartnäckig weigerte, mit unter irgend einer Form ihren
Gesellschaften anzuschliessen. Die Lektüre von Rydbergs germanischer
Mythologie und Hylten-Cavallius' "Wärend und Wirdarne" hatte mich
belehrt, dass die Hexen in einem Sturme oder in einem kurzen und
heftigen Windstoss zu erscheinen liebten.

Ich erwähne dies, um meinen Seelenzustand zu beleuchten, wie er zu
dieser Zeit war, als ich noch nicht die Lehren Swedenborgs kennen
gelernt hatte.



Das Heiligtum bereitet, weiss und rosa, und der Heilige wird bei seinem
Schüler hausen, der es seinem Landsmann schuldig ist, die Erinnerung
an den begabtesten Mann wiederzubeleben, der in der Neuzeit vom Weibe
geboren ist.

Frankreich hat Ansgar ausgesandt, um Schweden zu taufen; tausend Jahre
später hat Schweden Swedenborg gesandt, um Frankreich durch Vermittlung
St. Martins, seines Schülers, wieder zu taufen. Der Martinistenorden,
der seine Rolle bei der Gründung des neuen Frankreichs kennt, wird die
Tragweite dieser Worte nicht verkennen, noch weniger die Bedeutung
dieses Jahrtausends herabsetzen.



10.

Swedenborg.


Meine Schwiegermutter und meine Tante sind zwei Zwillingsschwestern
von vollkommener Ähnlichkeit; sie haben denselben Charakter, denselben
Geschmack, dieselben Abneigungen; das geht so weit, dass die eine
wie die Doppelgängerin der anderen aussieht. Wenn ich zu der einen
in Abwesenheit der andern spreche, ist die Abwesende bald auf dem
Laufenden; ich kann meine vertraulichen Mitteilungen gegen eine von
beiden fortsetzen, ohne eine Einleitung nötig zu haben. Darum werfe ich
sie in dieser Erzählung zusammen, die kein Roman ist mit stilistischen
Ansprüchen und literarischer Komposition.

Am ersten Abend erzähle ich ihnen aufrichtig meine unerklärlichen
Abenteuer, meine Zweifel, meine Qualen. Da rufen sie, mit einer
gewissen Genugtuung in den Zügen, wie mit einem Mund aus:

--Du bist an einem Punkt angelangt, den wir schon passiert haben.

Von derselben Gleichgültigkeit gegen die Religion ausgehend, hatten sie
den Okkultismus studiert. Von diesem Augenblick an schlaflose Nächte,
geheimnisvolle, von Todesängsten begleitete Vorfälle, schliesslich
nächtliche Krisen, Wahnsinnsanfälle. Die unsichtbaren Furien verfolgen
die Jagd bis zum rettenden Hafen: das ist die Religion. Ehe sie aber so
weit kommen, offenbart sich der Schutzengel, und das ist niemand anders
als Swedenborg. Man nimmt mit Unrecht an, dass ich meinen Landsmann
gründlich kenne; und, überrascht von meiner Unkenntnis, geben mir die
guten Damen, jedoch nicht ohne Zögern, ein altes deutsches Buch.

--Nimm, lies und fürchte dich nicht!

--Fürchten? Was?

Als ich in meinem rosa Zimmer allein bin, öffne ich den alten Band aufs
Geradewohl und lese. Ich überlasse es dem Leser, sich meine Gefühle
vorzustellen, als meine Blicke auf eine Beschreibung der Hölle fallen,
in der ich die Landschaft von Klam, die Landschaft meiner Zinkschale,
wie nach der Natur gezeichnet, wiederfinde. Das kesselförmige Tal, die
mit Fichten bestandenen Hügel, die düsteren Wälder, die Schlucht mit
dem Bach, das Dorf, die Kirche, das Armenhaus, der Düngerhaufen, die
Mistjauche, der Schweinestall, alles ist da.

Die Hölle? Aber ich bin in der tiefsten Verachtung gegen die Hölle
erzogen; ich habe sie als eine Phantasie betrachten gelernt, die man
wie andere Vorurteile verworfen hat. Und doch kann ich die Tatsache
nicht leugnen, nur mit dem Unterschied, und das ist das Neue in der
Auslegung der sogenannten ewigen Strafen: wir sind schon in der Hölle.
Die Erde, das ist die Hölle, das von einer höheren Vernunft gebaute
Gefängnis. Ich kann ja nicht einen Schritt gehen ohne das Glück der
andern zu verletzen; und die andern können nicht glücklich bleiben,
ohne mir Leiden zuzufügen.

So malt Swedenborg, vielleicht ohne es zu wissen, das irdische Leben,
indem er die Hölle darstellen will.

Das Feuer der Hölle, das ist der Wunsch emporzukommen; die Mächte
erwecken den Wunsch und erlauben den Verdammten, das zu erreichen, nach
dem sie trachten. Sobald aber das Ziel erreicht und die Wünsche erfüllt
sind erscheint alles wertlos, und der Sieg ist nichtig! Eitelkeit der
Eitelkeiten, alles ist nur Eitelkeit. Nach der ersten Enttäuschung
blasen die Mächte das Feuer der Begierde und des Ehrgeizes an, und
nicht der ungestillte Hunger foltert am meisten, die gesättigte Begier
flösst den Ekel an allem ein. So erleidet der Dämon eine endlose
Strafe, weil er augenblicklich alles, was er wünscht, erhält, also sich
nicht mehr darüber freuen kann.

Wenn ich Swedenborgs Beschreibung der Hölle mit den Qualen der
germanischen Mythologie vergleiche, so finde ich eine augenscheinliche
Übereinstimmung; aber für mich persönlich bildet allein die Tatsache,
dass die beiden Bücher mich im selben Augenblick in Beschlag nehmen,
das Wesentliche. Ich bin in der Hölle, und die Verdammnis lastet auf
mir. Wenn ich meine Vergangenheit untersuche, sehe ich, dass schon
meine Kindheit als Gefängnis und Folterkammer eingerichtet war. Und
um die Martern zu erklären, die einem unschuldigen Kind auferlegt
wurden, bleibt einem nichts anderes übrig, als ein früheres Dasein
anzunehmen, aus dem wir wieder auf die Erde geworfen sind, um die
Folgen vergessener Sünden zu sühnen.

Infolge einer Geschmeidigkeit des Geistes, die bei mir nur allzu häufig
ist, dränge ich die Eindrücke, welche die Lektüre Swedenborgs in mir
hervorgerufen hat, in die Tiefen meiner Seele zurück. Aber die Mächte
geben mir keine Frist mehr.

Bei einem Spaziergang, den ich in die Umgebung des Dorfes mache, führt
mich der Bach zu dem Hohlweg, der zwischen den beiden Bergen läuft und
"Schluchtweg" heisst. Der Eingang, dem eingestürzte Felsen ein wahrhaft
erhabenes Aussehen geben, zieht mich in ganz seltsamer Weise an. Der
Berg, der die verlassene Burg trägt, stürzt senkrecht herab, um das
Tor der Schlucht zu bilden, in dem der Bach in den Mühlfall übergeht.
Durch ein Spiel der Natur hat der Felsen die Form eines Türkenkopfes
angenommen; niemand der Bevölkerung bestreitet die Ähnlichkeit.

Weiter unten lehnt sich der Schuppen des Müllers an die Felswand des
Berges. Am Türschloss hängt ein Bockshorn, das Wagenschmiere enthält:
dicht daneben lehnt der Besen.

Obwohl dies alles natürlich und gewöhnlich ist, frage ich mich, welcher
Teufel diese beiden Attribute der Hexen gerade dorthin gestellt hat und
gerade diesen Morgen auf meinen Weg.

Niedergeschlagen gehe ich weiter auf dem feuchten und finstern Wege.
Ein Holzhaus hält mich durch sein ungewöhnliches Aussehen auf. Es ist
ein langer, niedriger Kasten mit sechs Ofentüren; Ofentüren!

--Um Gotteswillen, wo bin ich denn?

Das Bild der Danteschen Hölle spukt vor mir, mit den Särgen, in denen
die Sünder rot geglüht werden ... und die sechs Ofentüren!!

Ein Alp? Nein, niedrige Wirklichkeit, die sich durch einen furchtbaren
Gestank, einen Strom von Kot, einen Chor grunzender Schweine verrät.

Der Weg verengert sich, wird zu einem Gang zusammengedrängt, zwischen
dem Berg und dem Haus des Müllers, gerade unter dem Türkenkopf.

Ich gehe weiter, aber im Hintergrund sehe ich eine mächtige dänische
Dogge mit dem Fell eines Wolfes liegen, ganz ähnlich jenem Ungeheuer,
welches das Atelier in der Rue de la Sante zu Paris bewachte.

Ich weiche zwei Schritte zurück; erinnere mich aber an den Wahlspruch
des Jacques Coeur, "Einem tapferen Herzen ist nichts unmöglich",
und dringe in die Schlucht ein. Der Cerberus tut, als sehe er mich
nicht, und ich gehe weiter, jetzt zwischen zwei Reihen niedriger und
düsterer Häuser. Da ist ein schwarzes Huhn ohne Schwanz und mit einem
Hahnenkamm; dann eine Frau, die von weitem schön zu sein scheint und
auf der Stirn einen blutroten Halbmond trägt; aus der Nähe gesehen, hat
sie keine Zähne mehr und ist hässlich.

Wasserfall und Mühle machen einen Lärm, der dem Ohrensausen gleicht,
das mich seit den ersten Pariser Unruhen verfolgt. Die Müllergesellen,
weiss wie falsche Engel, bedienen das Räderwerk der Maschine wie
Henker, und das grosse Schaufelrad tut seine Sisyphusarbeit, indem es
das Wasser rinnen und rinnen lässt.

Dann kommt die Schmiede mit ihren nackten und schwarzen Schmieden, die
mit Zangen, Haken, Kluppen, Hämmern bewaffnet sind, unter Feuer und
Funken, glühendem Eisen und geschmolzenem Blei arbeiten: es ist ein
Lärm, der das Gehirn in seinem Schädel erschüttert und das Herz im
Brustkasten springen lässt.

Dann das Sägewerk und die grosse Säge, die mit den Zähnen knirscht,
wenn sie auf der Folgerbank die riesigen Baumstämme martert, deren
durchsichtiges Blut auf den klebrigen Boden rinnt.

Der Hohlweg läuft weiter am Bach entlang, durch den Wolkenbruch
und Wirbelsturm verwüsten; die Überschwemmung hat die scharfen
Kieselsteine, auf denen die Füsse ausgleiten, mit einer Schicht
graugrünen Schlammes überzogen. Ich möchte das Wasser überschreiten,
aber der Steg ist fortgerissen, und ich bleibe unter einem Abhang
stehen; der überhängende Fels bedroht mit seinem Fall eine Jungfrau
Maria, die mit ihren schwachen und göttlichen Schultern allein den
unterwaschenen Berg hält.

Ich kehre auf meinen Spuren um, in tiefem Nachdenken über diese
Verbindung von Zufällen, die zusammen ein grosses Ganzes bilden, das
wunderbar ist, ohne übernatürlich zu sein.


Acht Tage und acht Nächte verlaufen ruhig in der Rosenkammer. Der
Friede des Herzens kehrt wieder bei dem täglichen Besuch meines
Töchterchens, das mich liebt, das geliebt wird und liebenswürdig ist;
und meine Verwandten pflegen mich wie ein armes, verlorenes Kind.

Die Lektüre Swedenborgs beschäftigt mich am Tage. Der Realismus seiner
Schilderungen zermalmt mich. Alles findet sich darin wieder, alle meine
Beobachtungen, meine Eindrücke, meine Gedanken; seine Visionen scheinen
mir erlebt zu sein, wie wahrhafte menschliche Dokumente. Es handelt
sich nicht darum, blind zu glauben, es genügt, das Gelesene mit seinen
eigenen erlebten Erfahrungen zu vergleichen.

Doch der Band, über den ich verfüge, enthält nur einen Auszug, und die
Haupträtsel des geistigen Lebens werden mir erst später gelöst, als das
Werk selber, "Arcana Coelestia", mir in die Hände fällt.

Während der Gewissenszweifel, die durch die Überzeugung, dass es
einen Gott und Strafen gibt, erwacht sind, trösten mich einige Zeilen
Swedenborgs, und alsbald bin ich bereit, mich zu entschuldigen und
wieder hochmütig zu werden.

Am Abend also, als ich meiner Schwiegermutter beichte, sage ich zu ihr:

--Du hältst mich für einen Verdammten?

--Nein, obgleich ich noch nie ein Menschenschicksal wie deines gesehen
habe. Aber du hast noch nicht den rechten Weg gefunden, der dich zum
Herrn führen wird.

--Erinnerst du dich Swedenborgs und seiner Grundsätze des Himmels?
Zuerst: die Herrschsucht, mit einem höheren Ziel. Das ist mein
Herrschergeist, der nie nach weltlichen Ehren noch nach einer
von der Gesellschaft verliehenen Macht getrachtet hat. Dann: die
Liebe zu Glücksgütern und Geld, um das allgemeine Wohl fördern zu
können. Du weisst, dass ich den Erwerb vernachlässigt und das Geld
verachtet habe. Wenn ich Gold mache oder es machen sollte, so habe
ich den Mächten geschworen, dass der Gewinn, wenn sich einer ergibt,
menschenfreundlichen, wissenschaftlichen, religiösen Zwecken dienen
wird. Schliesslich: eheliche Liebe. Muss ich noch sagen, dass sich
seit meiner Jugend meine Gefühle für das Wie um die Idee der Ehe,
der Gattin, der Familie gedreht haben? Dass das Leben mir das Los
vorbehalten hat, die Witwe eines lebenden Mannes zu heiraten, ist
eine Ironie, die ich nicht erklären kann; den Unregelmässigkeiten des
Junggesellenlebens gegenüber kommt es nicht in Frage.

Nachdem sie einen Augenblick überlegt hatte, sagte die Alte:

--Was du sagst, kann ich nicht in Abrede stellen, und die Lektüre
deiner Schriften hat mir einen Geist von hohem Streben gezeigt, der
immer trotz seiner Anstrengung gescheitert ist. Sicher sühnst du
Sünden, die vor deiner Geburt in einer andern Welt begangen sind. Du
musst in einem früheren Leben ein grosser Menschentöter gewesen sein;
darum wirst du tausend Male die Angst des Todes leiden, ohne jedoch zu
sterben, bevor die Sühne vollendet ist. Jetzt bist du fromm, also ans
Werk!

--Du meinst, ich soll die katholische Religion annehmen?

--Ohne Zweifel!

--Swedenborg sagt, es sei nicht erlaubt, die Religion seiner Väter zu
verlassen, weil jeder zu dem geistigen Gebiet seines Volkes gehöre.

--Die katholische Religion ist eine höhere Gnade, die jedem, der sie
sucht, bewilligt wird.

--Ich bin mit einem niedrigeren Grade zufrieden, und im schlimmsten
Fall stelle ich mich vor den Thron hinter Juden und Mohammedaner, die
auch zugelassen sind. Ich bleibe bescheiden!

--Die Gnade wird dir angeboten, und du ziehst das Linsengericht dem
Erstgeburtsrecht vor!

--Die Erstgeburt für den Sohn der Magd? Das ist zu viel! viel zu viel!


Durch Swedenborg wieder aufgerichtet, bilde ich mir noch einmal ein,
Hiob zu sein, der rechtschaffende und sittenreine Mann, der von dem
Ewigen auf die Probe gestellt wird, um den Bösen zu zeigen, wie der
redliche Mensch die unbilligen Leiden ertragen kann.

Dieser Gedanke erfüllt meinen Geist so, dass er sich von frommer
Eitelkeit bläht. Ich rühme mich meiner widrigen Geschicke, die zu Ende
gehen, und höre nicht auf, zu wiederholen: Seht, wie ich gelitten
habe! Und ich beklage mich über den Wohlstand, den ich hier bei meinen
Verwandten finde; die Rosenkammer ist ein bitterer Spott. Man macht
sich lustig über meine aufrichtige Reue, indem man mich mit Wohltaten
und kleinen Genüssen des Lebens überhäuft. In Summa: ich bin ein
Auserwählter, Swedenborg hat es gesagt, und des Schutzes des Ewigen
sicher, fordere ich die Dämonen heraus....


Acht Tage bin ich in dem rosa Zimmer, als die Nachricht ankommt, die
Grossmutter, die am Ufer der Donau wohnt, sei krank geworden. Ein
Leberleiden hat sie befallen, das von Erbrechen, Schlaflosigkeit
und nächtlichen Herzkrisen begleitet ist. Meine Tante, deren Gast
ich bin, wird zu ihr gerufen, und ich werde eingeladen, zu meiner
Schwiegermutter nach Saxen zurückzukehren.

Ich wende ein, die Alte habe es verboten: aber sie scheint ihren
Ausweisungsbefehl zurückgezogen zu haben, und es steht mir frei, zu
weilen, wo ich will.

Dass die Grollende ihren Entschluss so plötzlich ändert, setzt mich
in Erstaunen, und ich wage diesen glücklichen Umschwung nicht der ihr
zugestossenen Krankheit zuzuschreiben.

Am nächsten Tag erzählt man, der Zustand der Kranken habe sich
verschlimmert. Meine Schwiegermutter bringt mir als Zeichen der
Versöhnung einen Blumenstrauss von ihrer Mutter, und sie vertraut mir
an, die Alte bilde sich ein, eine Schlange im Magen zu tragen, habe
auch andere Phantasien ähnlicher Art.

Dann erzählt man, der Kranken seien zweitausend Kronen gestohlen
worden, und sie habe ihre vertraute Dienerin in Verdacht. Die ist
entrüstet über den ungerechten Verdacht und will ihre Herrin wegen
Verleumdung verklagen. Der häusliche Friede herrscht nicht mehr in dem
Haus einer gebrechlichen Frau, die sich von der Welt zurückgezogen hat,
um in Frieden zu sterben.

Jeder Bote bringt uns entweder Blumen oder Früchte oder Wildbret,
Fasanen, Kücken, Hechte.

Ist es die göttliche Gerechtigkeit, die straft, und hat die Kranke eine
Vorstellung davon? Erinnert sie sich, dass sie mich einmal auf die
Landstrasse gestossen hat, die mich ins Krankenhaus führte?

Oder ist sie abergläubisch? Hält sie mich für fähig, sie behext zu
haben? Sollten die angebotenen Geschenke nur Opfer sein, um den
Rachedurst des Zauberers zu stillen?

Unglücklicherweise kommt gerade in diesem Augenblick ein Buch über
Magie von Paris und gibt mir Auskunft über die Kunstgriffe, die man
Behexung nennt. Der Autor rät dem Leser, sich nicht für unschuldig zu
halten, weil er die magischen Kunstgriffe, die darauf hinauslaufen,
jemand zu schaden, meide; man muss auch den bösen Willen überwachen,
denn der genügt, um auf einen Menschen, auch wenn er abwesend ist,
einen Einfluss auszuüben.

Diese Lehre hat für mich eine doppelte Folge: zuerst empfinde ich
Gewissensskrupel, da ich in einer zornigen Regung die Hand gegen das
Bild der Alten erhoben und eine Verwünschung ausgestossen hatte; dann
erwacht wieder mein alter Argwohn, ich könnte selber der Gegenstand
geheimer Freveltaten sein, nämlich von seiten der Okkultisten oder
Theosophen.

Gewissensqual auf der einen Seite, Furcht auf der andern, und die
beiden Mühlsteine beginnen mich feinzumahlen.


So schildert Swedenborg die Hölle. Der Verdammte bewohnt einen
entzückenden Palast, findet das Leben lieblich und glaubt zu den
Auserwählten zu gehören. Nach und nach lösen sich die Herrlichkeiten
in nichts auf und verschwinden, und der Unglückliche bemerkt, dass er
in einer elenden Baracke eingeschlossen ist, die Exkremente umgeben.
(Siehe das Folgende.)

Dem rosa Zimmer habe ich Lebewohl gesagt, und als ich in ein grosses
Zimmer einziehe, das neben dem meiner Schwiegermutter liegt, ahne ich,
dass der Aufenthalt nicht von langer Dauer sein wird.

Tausend Kleinigkeiten, die das Leben unerträglich machen, vereinigen
sich in der Tat, um mir die für meine Arbeit notwendige Ruhe zu rauben.

Die Bretter des Fussbodens schwanken unter meinen Schritten, der Tisch
steht nicht fest, der Stuhl zittert, die Toilette wackelt, das Bett
knarrt, und die andern Möbel bewegen sich, wenn ich durchs Zimmer gehe.

Die Lampe raucht, das Tintenfass ist so eng, dass der Federhalter
sich beschmutzt. Es ist ein Landhaus, das Dünger, Jauche,
Schwefelwasserstoffammoniak, Schwefelkohlenstoff ausdünstet. Den ganzen
Tag hört man Kühe, Schweine, Kälber, Hühner, Puter, Tauben. Fliegen und
Wespen stören mich am Tage, und nachts sind es die Mücken.

Beim Kaufmann des Dorfes ist fast nichts zu bekommen. Da ich keine
bessere habe, muss ich ihre Tinte nehmen, die hochrosenrot ist!
Seltsam: ein Päckchen Zigarettenpapier enthält zwischen hundert weissen
Blättern ein rosenrotes Blatt (rosenrotes!).

Es ist die Hölle bei kleinem Feuer; gewohnt, die grossen Leiden zu
ertragen, leide ich sehr unter diesen kleinlichen Stichen, um so mehr
als meine Schwiegermutter mich trotz ihrer sorgsamen Pflege unzufrieden
glaubt.


17. September.--Ich erwache in der Nacht davon, dass ich die Dorfkirche
dreizehn Male schlagen höre. Sofort fühle ich die elektrische
Einwirkung, und auf dem Boden über meinem Kopfe wird ein Geräusch
hervorgebracht.

19. September.--Als ich den Boden durchsuche, entdecke ich ein Dutzend
Spinnrocken, deren Räder mich an Elektrisiermaschinen erinnern. Ich
öffne einen grossen Koffer: er ist beinahe leer und enthält nur fünf
schwarz gestrichene Stäbe, deren Gebrauch mir unbekannt ist; in der
Form eines Pentagramms liegen sie auf dem Boden. Wer hat mir diesen
Streich gespielt, und was hat das zu bedeuten? Ich wage nicht danach zu
fragen, und die Sache bleibt rätselhaft.

In der Nacht wütet ein furchtbares Gewitter zwischen Mitternacht und
zwei Uhr. Gewöhnlich erschöpft sich ein Gewitter in kurzer Zeit und
zieht davon; dieses bleibt zwei Stunden über dem Dorfe stehen. Ich
empfinde das wie einen persönlichen Angriff: jeder Blitz zielt auf
mich, ohne mich zu treffen.

An den Abenden erzählt mir meine Schwiegermutter die gegenwärtige
Chronik der Gegend. Welche ungeheure Sammlung Tragödien, häuslicher
und anderer! Ehebruch, Scheidung, Familienprozesse, Mord, Diebstahl,
Vergewaltigung, Blutschande, Verleumdung. Die Schlösser, die Villen,
die Hütten bergen Unglückliche aller Art, und ich kann nicht auf
den Strassen spazieren gehen, ohne an die Hölle Swedenborgs zu
denken. Bettler, Irre, Kranke, Krüppel halten die Gräben der grossen
Landstrasse besetzt, zu Füssen eines Gekreuzigten, einer Madonna, eines
Märtyrers kniend.

In der Nacht irren diese Unglücklichen, die unter Schlaflosigkeit
und Alpdrücken leiden, auf den Wiesen und in den Wäldern umher, um
die Müdigkeit zu finden, die ihnen Schlaf geben wird. Unter diesen
Heimgesuchten sind Leute aus der guten Gesellschaft, wohlerzogene
Damen, sogar ein Pfarrer.

Ganz in unserer Nähe liegt ein Kloster, das als Strafanstalt für
gefallene Mädchen dient. Es ist ein wahres Gefängnis und hat die
strengste Zucht. Im Winter, bei zwanzig Grad Kälte, müssen die
Büsserinnen in ihren Zellen auf den eisigen Steinfliesen schlafen;
und da das Heizen verboten ist, haben sich ihre Füsse und Hände mit
aufgesprungenen Frostbeulen bedeckt.

Unter andern ist dort eine Frau, die mit einem Mönch gesündigt hat, und
das ist eine Todsünde. Von Gewissensqual gepeinigt, zur Verzweiflung
getrieben, läuft sie zum Beichtvater; der verweigert ihr aber die
Beichte und Abendmahl. Für ihre Todsünde sei sie verdammt! Da verliert
die Unglückliche den Verstand, bildet sich ein tot zu sein, irrt von
Dorf zu Dorf, das Mitleid der Geistlichen anrufend, um in geweihter
Erde bestattet zu werden. Verbannt, verjagt, geht und kommt sie, wie
ein wildes Tier heulend; und das Volk das ihr begegnet, ruft: "Da ist
die Verdammte!" Niemand zweifelt, dass ihre Seele schon im ewigen Feuer
ist, während ihr Schatten hier umherstreift, eine wandernde Leiche, um
als abschreckendes Beispiel zu dienen.

Man erzählt mir auch, dass ein Mann derart vom Teufel besessen war,
dass der Unglückliche seine Persönlichkeit änderte: er war durch den
bösen Geist gezwungen, Gotteslästerungen auszustossen, trotzdem ihm das
den grössten Widerwillen einflösste. Nachdem man lange einen Beschwörer
gesucht hat, entdeckt man einen jungen Franziskaner, jungfräulich und
von anerkannter Herzensreinheit. Dieser bereitet sich durch Fasten
und Bussübungen vor. Als der grosse Tag gekommen ist, führt man den
Besessenen in die Kirche, und er beichtet vor allem Volk, coram populo.
Dann macht sich der junge Mönch ans Werk. Indem er vom Morgen bis zum
Abend betet und beschwört, gelingt es ihm, den Teufel auszutreiben.
Unter welchen Umständen der Teufel geflohen ist, haben die entsetzten
Zuschauer nicht zu erzählen gewagt. Ein Jahr darauf starb der
Franziskaner.

Solche und noch schlimmere Geschichten bestärken mich in meiner
Überzeugung, dass diese Gegend ein zum Büssen vorherbestimmter Ort ist,
und dass es eine geheimnisvolle Beziehung zwischen diesem Lande und den
Stätten gibt, die Swedenborg als Hölle malt. Hat er diesen Teil von
Niederösterreich besucht und, gleichwie Dante die Gegend südlich von
Neapel schildert, seine Hölle nach der Natur gezeichnet?

Nachdem ich vierzehn Tage gearbeitet und studiert habe werde ich noch
einmal aus meinem Lager aufgestört. Da der Herbst sich nähert, wollen
meine Tante und meine Schwiegermutter in Klam zusammenziehen. Wir
brechen das Lager also ab. Um meine Unabhängigkeit zu wahren, miete ich
ein Häuschen, das aus zwei Zimmern nebst einer Küche besteht, ganz in
der Nähe meines Töchterchens.

Am ersten Abend, nachdem ich meine Wohnung in Besitz genommen habe,
empfinde ich eine Angst, als sei die Luft vergiftet. Ich gehe zu meiner
Mutter hinunter.

--Wenn ich dort oben schlafen gehe, werdet ihr mich morgen tot im Bett
finden. Beherberge einen Obdachlosen für die Nacht, gute Mutter!

Sogleich wird mir das rosa Zimmer zur Verfügung gestellt; aber
wie hat es sich seit der Abreise meiner Tante verändert! Schwarze
Möbel; ein Büchergestell mit leeren Fächern, die mich wie ebensoviel
Rachen angähnen; aus den Fenstern sind die Blumen verschwunden; ein
gusseisener Ofen, hoch, dürr, schwarz wie ein Gespenst, mit den
Ornamenten einer hässlichen Phantasie, Salamandern und Drachen. Es ist
eine Disharmonie, die mich krank macht.

Übrigens fällt mir alles auf die Nerven, weil ich ein Mann von
geregelten Gewohnheiten bin, der alles zu seiner Stunde tut. Trotzdem
ich mir alle Mühe gebe, meinen Verdruss zu verbergen, weiss meine
Mutter meine Geheimnisse zu lesen:

--Immer unzufrieden, mein Kind!

Sie tut ihr Möglichstes und mehr, um mich zufrieden zu stellen,
aber die Geister der Zwietracht mengen sich ein, und nichts hilft.
Sie erinnert sich meiner kleinen Liebhabereien, aber immer geht es
verkehrt. So gibt es wenige Gerichte, die mir so zuwider sind, wie
Bregen in brauner Butter.

-Heute habe ich etwas Gutes, besonders für dich, sagt sie.

Und sie legt mir Bregen in brauner Butter vor. Ich verstehe, dass
es ein Missverständnis ist, und ich esse, aber mit einem schlecht
verborgenem Widerwillen und einem erkünstelten Appetit.

--Du isst ja nichts!

Und sie füllt meinen Teller noch einmal ...

Das ist zu viel! Früher schrieb ich alle diese Plagen der weiblichen
Bosheit zu; jetzt erkenne ich ihre Unschuld an und sage mir: es ist der
Teufel!


Seit meiner Jugend widme ich meinen Morgenspaziergang Betrachtungen,
mit denen ich mich auf die Arbeit des Tages vorbereite. Ich habe
niemals jemand erlaubt, mich zu begleiten, nicht einmal meiner Frau.

Tatsächlich erfreut sich mein Geist des Morgens einer Harmonie und
einer Expansion, die an Ekstase streift. Ich gehe nicht, ich fliege;
der Körper hat alle Schwere verloren, alle Traurigkeit ist verdunstet:
ich bin ganz Seele. Das ist meine Sammlung, meine Gebetstunde, mein
Gottesdienst.

Jetzt, da ich alles opfern, mich selbst und meine billigsten Neigungen
verleugnen muss, zwingen die Mächte mich, auf dieses Vergnügen, das
letzte und höchste von allen, zu verzichten.

Es ist mein Töchterchen, das den Wunsch ausdrückt, mich zu begleiten.
Ich lehne ihr Anerbieten ab, indem ich sie sehr zärtlich küsse, aber
sie begreift nicht, warum ich mit meinen Gedanken allein sein möchte.
Sie weint. Da kann ich ihr nicht mehr widerstehen und nehme sie mit
auf den Spaziergang, aber entschlossen, diesen Missbrauch ihrer Rechte
nicht wieder zu erlauben.

Ein Kind ist reizend, entzückend durch seine Ursprünglichkeit, seine
Mutwilligkeit, seine Dankbarkeit für ein Nichts, wohl verstanden,
wenn man nichts anderes zu tun hat. Wenn man aber mit seinen Gedanken
beschäftigt ist, wenn man geistesabwesend ist, wie kann das kleine Ding
uns mit seinen endlosen Fragen, seinen unvermuteten Launen die Seele
zerreissen. Mein Töchterchen ist wie eine Geliebte auf meine Gedanken
eifersüchtig; sie passt den Augenblick ab, da ihr Geplauder ein gut
gesponnenes Gedankennetz zerreissen kann.... Doch nein, das ist nicht
ihre Absicht, aber man unterliegt der Illusion, ein Raub der überlegten
Anschläge einer armen unschuldigen Kleinen zu sein.

Ich gehe mit langsamen Schritten, ich fliege nicht mehr; meine Seele
ist gefangen, mein Gehirn leer, wie ich mich anstrengen muss, um mich
auf das Niveau des Kindes herabzulassen.

Was mich bis zur Marter leiden lässt, das sind die tiefen,
vorwurfsvollen Blicke, die sie mir zuwirft, wenn sie sich einbildet,
mir zur Last zu fallen und meine Abneigung zu erregen. Dann verfinstert
sich das offene, freimütige, strahlende Gesichtchen, ihre Blicke ziehen
sich zurück, ihr Herz schliesst sich, und ich fühle mich des Lichts
beraubt, das dieses Kind in meine düstere Seele wirft. Ich küsse sie,
ich trage sie auf meinen Armen, ich suche ihr Blumen und Kiesel; ich
schneide eine Rute ab und spiele die Kuh, die sie auf die Weide treiben
soll.

Sie ist glücklich, zufrieden, und das Leben lächelt mir. Ich habe meine
Stunde der Sammlung geopfert! So sühne ich das Böse, das ich in einem
wahnsinnigen Augenblick auf das Haupt dieses Engels herabziehen wollte.

Geliebt werden: die Sühne für ein Verbrechen! Wahrhaftig, die Mächte
sind nicht so grausam wie wir!



11.

Auszüge aus dem Tagebuch eines Verdammten.


Oktober, November 1896. Der Brahmane erfüllt seine Pflicht gegen das
Leben, indem er ein Kind erzeugt. Dann geht er in die Wüste, um sich
der Einsamkeit und der Entsagung zu weihen.

MEINE MUTTER.--was hast du, Unglücklicher, in deiner früheren
Inkarnation getan, dass das Schicksal dich so schlecht behandelt?

ICH.--Rate! Erinnere dich eines Mannes, der zuerst mit der Frau eines
andern verheiratet war, wie ich es gewesen bin; der sich dann von ihr
trennt, um eine Österreicherin zu heiraten, wie ich es getan habe!
Und dann entreisst man ihm seine liebe Österreicherin, wie man mir
die meine geraubt hat, und beider einziges Kind wird am Abhang des
Böhmerwaldes gefangen gehalten, wie mein Kind es wird. Erinnerst du
dich an den Helden meines Romans "Am offenen Meer", der auf einer Insel
mitten im Meer elend umkommt....

MEINE MUTTER.--Genug! Genug!

ICH.--Du weisst nicht, dass die Mutter meines Vaters Neipperg hiess....

MEINE MUTTER.--Schweig, Unglücklicher!

ICH.--... und dass meine kleine Christine dem grössten
Menschenschlächter des Jahrhunderts auf ein Haar gleicht; sieh sie
nur an, die Despotin, die mit ihren zweieinhalb Jahren schon Männer
bändigt....

MEINE MUTTER.--Du bist toll!

ICH.--Ja! Und ihr Frauen, wie habt ihr früher gesündigt, da euer Los
noch grausamer ist als unseres? Wie recht ich hatte, das Weib unsern
bösen Dämon zu nennen. Jedem nach seinem Verdienst!

MEINE MUTTER.--Ja, es ist doppelte Hölle, Weib sein!

ICH.--Und doppelter Dämon ist das Weib. Übrigens ist die Reinkarnation
eine christliche Lehre, die nur von der Geistlichkeit beiseite
geschoben ist. Jesus Christus behauptet, Johannes der Täufer sei eine
Reinkarnation von Elias. Ist das eine Autorität oder nicht?

MEINE MUTTER.--Allerdings; aber die römische Kirche verbietet das
Forschen in dem Verborgenen!

ICH.--Und der Okkultismus erlaubt es, da die Wissenschaften erlaubt
sind!


Die Geister der Zwietracht wüten. Trotzdem wir ihr Spiel genau kennen
und von unserer gegenseitigen Unschuld überzeugt sind, hinterlassen die
sich wiederholenden Missverständnisse einen bitteren Nachgeschmack.

Obendrein argwöhnen die beiden Schwestern, bei der Krankheit ihrer
Mutter sei mein böser Wille im Spiel; weil ich kein Interesse daran
habe, dass das Hindernis, das mich von meiner Frau trennt, fortgeräumt
wird, können sie den ganz natürlichen Gedanken nicht unterdrücken, der
Tod der Alten würde mir Freude machen. Dass dieser Wunsch überhaupt
vorhanden ist, macht mich verhasst, und ich wage mich nicht mehr nach
der Grossmutter zu erkundigen, aus Furcht, als Heuchler behandelt zu
werden.

Die Situation ist gespannt, und meine alten Freundinnen erschöpfen sich
in endlosen Erörterungen über meine Person, meinen Charakter, meine
Gefühle, darüber, ob meine Liebe zu meinem Kind aufrichtig ist.

An einem Tage hält man mich für einen Heiligen, und die Narben in
meinen Händen sind Wundmale. Tatsächlich gleichen die Zeichen in der
Handfläche Löchern grober Nägel. Um aber jeden Anspruch auf Heiligkeit
zurückzuweisen, sage ich, ich sei der gute Schächer, der vom Kreuz
gestiegen sei und sich auf der Wallfahrt befinde, um das Paradies zu
erringen.

An einem anderen Tage hat man über das Rätsel, das ich bin, gegrübelt
und hält mich für Robert den Teufel. Ein Vorfall flösst mir die
Furcht ein, die Bevölkerung werde mich steinigen. Hier der einfache
Sachverhalt:

Meine kleine Christine hat eine übertriebene Furcht vor dem
Schornsteinfeger. Eines Abends beginnt sie beim Essen plötzlich zu
weinen, zeigt mit dem Finger auf einen Unsichtbaren hinter meinem Stuhl
und schreit:

--Der Schornsteinfeger!

Meine Mutter, die an das Hellsehen von Kindern und Tieren glaubt, wird
bleich; und ich, ich habe Furcht, besonders da ich bemerke, dass meine
Mutter das Zeichen des Kreuzes über dem Haupt des Kindes macht.

Ein Todesschweigen folgt auf diesen Vorfall, der mir das Herz bedrückt.

Der Herbst mit seinem Sturm, Regen und Dunkel ist gekommen. Im Dorf und
im Armenhaus verdoppeln sich die Kranken, die Sterbenden und die Toten.
In der Nacht hört man das Glöckchen des Chorknaben, welcher der Hostie
vorangeht. Am Tage läuten die Glocken der Kirche die Toten ein, und die
Leichenzüge folgen dicht aufeinander. Zum Sterben traurig und düster
ist das Leben. Und meine nächtlichen Anfälle beginnen wieder.

Man spricht Gebete für mich, man betet den Rosenkranz, und in meinem
Schlafzimmer ist der Weihkessel mit Weihwasser gefüllt, das der Pfarrer
gesegnet hat.

--Die Hand des Herrn ruht schwer auf dir!

Es ist meine Mutter, die mich mit dieser Anrede zermalmt.

Ich beuge mich, und ich richte mich wieder auf. Kraft einer
eingewurzelten Zweifelsucht und eines geschmeidigen Geistes befreie
ich meine Seele von diesen düsteren Vorstellungen. Nachdem ich
gewisse okkultistische Schriften gelesen habe, bilde ich mir ein, von
Elementargeistern, von Inkuben, Lamien verfolgt zu sein, die mich
verhindern wollen, mein grosses alchimistisches Werk zu vollenden.
Durch die Eingeweihten unterrichtet, verschaffe ich mir einen Dolch aus
Dalmatien, und glaube nun gegen die bösen Geister gut bewaffnet zu sein.

Ein Schuhmacher des Dorfes, Atheist, Gotteslästerer, ist eben
gestorben. Eine Dohle, die er besass, ist sich jetzt selbst überlassen
und haust auf dem Dach eines Nachbarn. Während der Totenwache entdeckt
man die Dohle im Zimmer, ohne dass die Anwesenden ihre Gegenwart
erklären können. Am Tage der Beerdigung begleitet der schwarze
Vogel den Leichenzug und auf dem Kirchhof setzt er sich während der
Totenfeier auf den Deckel des Sarges.

Morgen folgt mir dieses Tier längs der Wege, was mich beunruhigt,
da die Bevölkerung, abergläubisch ist. Eines Tages--es war ihr
letzter--begleitet mich die Dohle durch die Strassen des Dorfes,
indem sie hässliche Schreie ausstösst; dann und wann wirft sie grobe
Worte dazwischen, die ihr der Gotteslästerer beigebracht hat. Da
erscheinen zwei kleine Vögel, ein Rotkehlchen und eine Bachstelze, und
verfolgen die Dohle von Dach zu Dach. Die Dohle rettet sich aus dem
Dorf hinaus und flüchtet sich auf einen Schornstein einer Hütte. Im
selben Augenblick springt ein schwarzes Kaninchen vor dem Hause auf und
verschwindet im Grase.


Einige Tage später stellt man fest, dass die Dohle tot ist. Sie ist von
den Gassenjungen getötet worden, die sie nicht leiden konnten, weil sie
diebisch war.


Den ganzen Tag arbeite ich in meinem Häuschen, aber es scheint, dass
die Mächte mir seit einiger Zeit ihre Gunst entzogen haben. Oft wenn
ich eintrete, finde ich die Luft dick, wie vergiftet, und dann muss
ich bei offener Tür und offenen Fenstern arbeiten. Mit einem warmen
Mantel und einer Pelzmütze bekleidet, sitze ich am Tisch und schreibe,
indem ich gegen die sogenannten elektrischen Anfälle kämpfe, die mir
die Brust zusammendrücken und mir in den Rücken stechen. Oft ist mir,
als stehe jemand hinter meinem Stuhl. Dann richte ich Dolchstösse nach
hinten, indem ich mir einbilde, einen Feind zu bekämpfen. Das dauert
bis fünf Uhr abends. Wenn ich über diese Stunde sitzen bleibe, wird
der Kampf furchtbar; meine Kräfte sind erschöpft, und ich zünde meine
Laterne an und steige zu meiner Mutter und meinem Kind hinunter.

Ein einziges Mal verlängere ich den Kampf bis sechs Uhr, um einen
Artikel über Chemie zu vollenden, während ich wegen der dicken und
erstickenden Luft meines Zimmers im Zuge sitze. Ein Marienkäfer,
schwarz mit gelben Flecken, klettert auf einem Blumenstrauss herum,
tastet, sucht einen Ausweg. Schliesslich lässt er sich auf mein
Papier fallen und schlägt mit den Flügeln, ganz wie der Hahn, der auf
der Kirche Notre-Dame-des-Camps in Paris steht. Dann kriecht er das
Manuskript entlang, entert meine rechte Hand und klettert hinauf. Er
blickt mich an und fliegt dann dem Fenster zu. An dem Kompass, der auf
dem Tisch steht, sehe ich, dass er nach Norden fliegt.

--Gut sage ich mir, nach Norden also! Aber wenn ich will und wann es
mir gefällt. Bist zu einer neuen Aufforderung bleibe ich, wo ich bin.

Als es sechs Uhr wird, ist es mir nicht mehr möglich, in diesem
Spukhaus zu bleiben. Unbekannte Kräfte heben mich vom Stuhl, und ich
muss das Haus räumen.


Es ist Allerseelen, gegen drei Uhr nachmittags; die Sonne scheint, die
Luft ist ruhig. Die Prozession der Einwohner, voran die Geistlichkeit,
die Fahnen und die Musik, bewegt sich nach dem Friedhof, um die Toten
zu begrüssen. Die Glocken der Kirche fangen an zu läuten. Da bricht,
ohne Vorzeichen, ohne dass sich eine Wolke an dem blassblauen Himmel
gezeigt hätte, ein Sturm los. Das Fahnentuch klatscht gegen die
Stangen, die Gewänder der in der Prozession gehenden Männer und Frauen
sind ein Spiel des Windes, Staubwolken erheben sich in Wirbeln, die
Bäume biegen sich....

Es ist ein wahres Wunder.


Ich fürchte mich vor der nächsten Nacht, und meine Mutter ist
vorbereitet. Sie hat mir ein Amulett gegeben, damit ich es um den Hals
trage. Es ist eine Madonna und ein Kreuz aus heiligem Holz, das zu dem
Balken einer mehr als tausendjährigen Kirche gehört hat. Ich nehme es
als ein kostbares Geschenk an, das aus gutem Herzen angeboten ist, aber
ein Rest der Religion meiner Väter verbietet es mir, es um meinen Hals
zu hängen.

Beim Abendessen, es ist gegen acht Uhr und die Lampe ist angesteckt,
herrscht eine unglücksverheissende Stille in unserem kleinen Kreise.
Draussen ist es dunkel, die Bäume schweigen. Ruhe überall.

Da dringt ein Windstoss, ein einziger, durch die Ritzen der Fenster und
stösst ein Gebrüll aus, das dem Laut der Maultrommel ähnlich ist. Dann
ist es zu Ende.

Meine Mutter wirft mir einen entsetzten Blick zu und drückt das Kind in
ihre Arme.

In einer Sekunde begreife ich, was dieser Blick mir sagt: Weiche von
uns, Verdammter, und ziehe nicht die rächenden Dämonen auf Unschuldige
herab.

Alles stürzt ein; das einzige Glück, das mir geblieben ist, bei
meinem Töchterchen zu weilen, wird mir genommen, und in dem traurigen
Schweigen nehme ich in Gedanken Abschied vom Leben.


Nach dem Abendessen ziehe ich mich in das rosa Zimmer zurück, das jetzt
schwarz ist, und bereite mich auf einen nächtlichen Kampf vor, denn ich
fühle mich bedroht Durch wen? Ich weiss es nicht; aber ich fordere den
Unsichtbaren heraus, wer es auch sei, der Teufel oder der Ewige, und
ich werde mir ihm ringen, wie Jakob mit Gott.

Man klopft an die Tür: das ist meine Mutter, die eine schlechte Nacht
für mich ahnt und mich einlädt, auf dem Sofa im Salon zu schlafen.

--Des Kindes Gegenwart wird dich retten!

Ich danke ihr, versichere aber, dass keine Gefahr ist und dass nichts
mir Furcht einflösst, da mein Gewissen rein ist. Mit einem Lächeln
wünscht sie mir eine gute Nacht.

Ich kleide mich wieder in Schlachtmantel, Mütze und Stiefel, fest
entschlossen, in Kleidern zu schlafen, bereit, als tapferer Krieger,
der dem Tod trotzt, nachdem er das Leben verachtet hat, zu sterben.

Gegen elf Uhr beginnt die Luft im Zimmer dick zu werden, und eine
tödliche Angst bemächtigt sich meines Mutes. Ich öffne das Fenster: ein
Luftzug droht die Lampe auszulöschen; ich schliesse es wieder.

Die Lampe beginnt zu singen, zu seufzen, zu wimmern. Dann Schweigen.

Da stösst ein Dorfhund klagende Laute aus; das bedeutet nach dem
Volksglauben eine Totenklage.

Ich sehe zum Fenster hinaus: der grosse Bär ist allein sichtbar. Unten
im Armenhaus brennt ein Licht, und eine alte Frau wartet, über ihre
Handarbeit gebückt, auf die Befreiung; vielleicht fürchtet sie den
Schlaf und die Träume.

Da ich müde bin, lege ich mich wieder auf mein Bett und versuche
einzuschlafen. Bald wiederholt sich das alte Spiel. Ein elektrischer
Strom sucht mein Herz, die Lungen hören auf zu arbeiten, ich muss
aufstehen, wenn ich dem Tode entgehen will. Ich setze mich auf einen
Stuhl, bin aber zu erschöpft, um lesen zu können; so sitze ich eine
halbe Stunde starr da.

Dann entschliesse ich mich, bis der Morgen anbricht, spazieren zu
gehen. Ich gehe hinunter. Die Nacht ist dunkel und das Dorf schläft;
aber die Hunde schlafen nicht, und als einer von ihnen anschlägt,
umringt mich die ganze Bande; ihre gähnenden Rachen und ihre funkelnden
Augen zwingen mich zum Rückzug.

Als ich wieder die Tür meines Zimmers öffne, ist es mir, als sei die
Stube von lebendigen und feindlichen Wesen bewohnt. Das Zimmer ist
davon erfüllt, und ich glaube durch eine Menge zu dringen, als ich mein
Bett zu erreichen suche; resigniert und zum Sterben entschlossen, falle
ich darauf nieder.

Aber im letzten Augenblick, wenn der unsichtbare Geier mich unter
seinen Schwingen ersticken will, reisst mich jemand vom Bett, und
die Jagd der Furien beginnt wieder. Besiegt, zu Boden geschlagen, in
Unordnung gebracht, verlasse ich das Schlachtfeld und weiche in dem
ungleichen Kampf gegen die Unsichtbaren.

Ich klopfe an die Tür des Salons, der auf der anderen Seite des Flurs
liegt. Meine Mutter, die noch auf ist und betet, kommt und öffnet.

Der Ausdruck, den ihr Gesicht annimmt, als sie mich bemerkt, flösst mir
vor mir selbst ein tiefes Entsetzen ein.

--Du wünscht, mein Kind?

--Ich wünsche zu sterben, und dann verbrannt zu werden; oder vielmehr,
verbrennt mich lebendig!

Kein Wort! Sie hat mich verstanden, sie bekämpft ihr Entsetzen: Mitleid
und Barmherzigkeit der religiösen Frau tragen den Sieg davon, und mit
eigener Hand macht sie das Sofa zurecht; dann zieht sie sich in ihr
Zimmer zurück, wo sie mit dem Kinde schläft.

Zufällig--immer dieser teuflische Zufall!--steht das Sofa dem Fenster
gegenüber, und derselbe Zufall hat es gewollt, dass keine Vorhänge da
sind, dass also die schwarze Fensteröffnung, die in die Dunkelheit
der Nacht hinausgeht, mich angähnt; und ausserdem ist es gerade dieses
Fenster, durch das der Windstoss heute abend während des Essens geheult
hat.

Am Ende meiner Kräfte angelangt, sinke ich auf mein Lager nieder, indem
ich diesen allgegenwärtigen und unvermeidlichen Zufall verwünsche,
der mich in der offenbaren Absicht verfolgt, den Verfolgungswahn
hervorzurufen.

Ich ruhe mich fünf Minuten aus, indem ich die Augen auf das schwarze
Viereck hefte, da gleitet das unsichtbare Gespenst über meinen Leib,
und ich erhebe mich. Mitten im Zimmer bleibe ich stehen wie eine
Statue, ich weiss nicht wie lange; in einen Säulenheiligen verwandelt,
schlafe ich auf absonderliche Art.

Wer verleiht mir Kräfte, um mich leiden zu lassen? Wer versagt mir den
Tod, um mich meinen Folterqualen auszuliefern?

Ist er es, der Herr über Leben und Tod, den ich beleidigt habe, als ich
nach der Lektüre der "Freude zu sterben" Selbstmordversuche machte, da
ich mich schon reif für das ewige Leben hielt?

Bin ich Phlegyas, der für seinen Hochmut zur Todesstrafe der Angst
im Tartarus verurteilt wurde? Oder Prometheus, der durch den Geier
bestraft ward, weil er den Sterblichen das Geheimnis der Mächte
enthüllt hatte?

(Indem ich dies schreibe, denke ich an die Szene in der Passion
Christi; die Soldaten speien ihm ins Gesicht; die einen geben ihm
Backenstreiche, die andern schlagen ihn mit Ruten, indem sie sagen:
Christus, weissage uns, wer hat dich getroffen!--Mögen sich meine
Jugendgenossen an die Stockholmer Orgie erinnern, auf welcher der
Schreiber dieses Buches die Rolle des Soldaten spielte....)

Wer hat ihn getroffen? Die Frage ohne Antwort, der Zweifel, die
Ungewissheit, das Geheimnis: das ist meine Hölle.

Möge er sich enthüllen, auf das ich mit ihm kämpfe, ihm Trotz biete!

Aber gerade davor hütet er sich, um mich mit Wahnsinn zu schlagen,
mich mit dem schlechten Gewissen, das mich überall Feinde suchen
lässt, zu geisseln. Feinde, das sind die, welche durch meinen bösen
Willen verletzt worden sind. Und jedesmal, wenn ich einen neuen Feind
aufspüre, wird mein Gewissen getroffen.


Als mich am andern Morgen, nachdem ich einige Stunden geschlafen habe,
das Geplauder meiner kleinen Christine weckt, ist alles vergessen, und
ich widme mich meinen gewöhnlichen Arbeiten, die auf dem rechten Wege
sind. Alles, was ich schreibe, wird alsbald gedruckt; das beruhigt mich
über meinen gesunden Menschenverstand und meine Intelligenz.

Die Zeitungen verbreiten das Gerücht, dass ein amerikanischer Gelehrter
eine Methode, Silber in Gold zu verwandeln, gefunden habe. Das befreit
mich von dem Verdacht, ein Schwarzkünstler, ein Verrückter, ein
Scharlatan zu sein.

In diesem Augenblick bietet mir mein Freund, der Theosoph, der mich
bisher unterstützt hat, die Hand, um mich für seine Sekte zu gewinne.

Er schickt mir die "Geheimlehre" der Frau Blawatsky, indem er schlecht
seine Unruhe verbirgt, dass er meine Ansicht kennen lernen möchte; auch
ich bin unruhig, weil ich argwöhne, dass unsere freundschaftlichen
Beziehungen von meiner Antwort abhängen.

Diese "Geheimlehre", ein Sammelsurium aller sogenannten okkulten
Lehren, ein Ragout aller wissenschaftlichen Ketzereien neuer und alter
Zeit, nichtig und wertlos, wenn die Dame ihre eigenen Ansichten, die
albern sind, vorbringt, ist interessant durch die Zitate aus wenig
bekannten Schriftstellern und verabscheuungswert durch die bewussten
oder unbewussten Betrügereien und durch die Fabeln über die Existenz
der Mahatmas. Es ist die Arbeit eines Mannweibes, das den Rekord des
Mannes hat schlagen wollen und sich einbildet, Wissenschaft, Religion,
Philosophie gestürzt und eine Isispriesterin auf den Altar des
Gekreuzigten erhoben zu haben.

Mit aller Zurückhaltung und Schonung, die man einem Freunde schuldig
ist, teile ich ihm meine Meinung mit. Ich erkläre ihm, dass der
Kollektivgott Karma mir missfällt, dass ich aus diesem Grunde
nicht einer Sekte beitreten könne, die den persönlichen Gott,
der allein meine religiösen Bedürfnisse befriedigt, leugnet. Ein
Glaubensbekenntnis verlangt man von mir, und obgleich ich überzeugt
bin, dass mein Wort einen Bruch veranlassen und damit die Unterstützung
aufheben wird, spreche ich aus, was ich denke.

Da verwandelt sich der aufrichtige, hochherzige Freund in einen
Rachegeist, schleudert den Bannstahl gegen mich, droht mir mit okkulten
Mächten, schüchtert mich durch Andeutung einer Strafe ein, weissagt wie
ein heidnischer Opferpriester. Er schliesst damit, dass er mich vor
ein okkultistisches Gericht ladet und mir schwört, dass ich den 13.
November nicht vergessen werde.

Meine Lage ist schlimm: ich habe einen Freund verloren, und ich bin
in Not gebracht. Durch einen teuflischen Zufall ereignet sich während
unseres brieflichen Krieges noch dies:

Die Zeitung "Initiation" veröffentlicht einen Aufsatz von mir, in dem
ich das heutige astronomische System kritisiere. Einige Tage darauf
stirbt Tisserand, der Direktor der Pariser Sternwarte. In einer
Anwandlung von Ausgelassenheit stelle ich diese beiden Tatsachen
zusammen und erinnere daran, dass Pasteur am Tage nach dem Erscheinen
von "Sylva Sylvarum" starb. Mein Freund, der Theosoph, versteht keinen
Scherz; leichtgläubig wie kein anderer, vielleicht auch mehr als ich
in die Schwarzkunst eingeweiht, hat er mich im Verdacht, dass ich die
Künste des Verhexens übe.

Man stelle sich meinen Schreck vor, als nach dem letzten Schreiben
unseres Briefwechsels der berühmteste Astronom Schwedens am
Schlaganfall stirbt. Ich werde ängstlich, und mit gutem Recht. Der
Ausübung von Zauberkünsten verdächtig zu sein, ist eine schlimme Sache,
und "wenn der Zauberer selbst dabei stirbt, so ist es nicht schade um
ihn."

Um das Unglück voll zu machen, verscheiden im Lauf des Monats
nacheinander fünf mehr oder weniger bekannte Astronomen.

Ich fürchte einen Fanatiker, dem ich die Grausamkeit eines Druiden und
der hindostanischen Zauberer angebliche Macht, aus der Ferne zu töten,
zuschreibe.

Eine neue Hölle von Ängsten! Und von diesem Tag vergesse ich die
Dämonen und richte alle meine Gedanken auf die unheilvollen Anschläge
der Theosophen und ihrer mit unerhörten Kräften begabten Magier, die
für Hindus ausgegeben werden.

Ich fühle mich zum Tode verurteilt; für den Fall eines plötzlichen
Todes schreibe ich die Namen meiner Mörder auf und versiegle das
Papier. Dann warte ich ab.


Zehn Kilometer weiter östlich, an der Donau, liegt das Städtchen Grein,
der Hauptort des Kreises. Dort soll sich, wie man mir erzählt, jetzt
gegen Ende November, mitten im Winter, ein Fremder aus Zanzibar als
Tourist aufhalten. Das genügt um alle Zweifel und schwarzen Gedanken
eines Kranken zu wecken. Ich lasse Erkundigungen über diesen Fremden
einziehen, um zu erfahren, ob er wirklich Afrikaner ist, was er für
Pläne hat, woher er kommt.

Man erfährt nichts, und ein geheimnisvoller Schleier umhüllt den
Unbekannten, der Tag und Nacht vor mir spukt. In meiner tiefsten Not
rufe ich, immer im Geist des Alten Testaments, des Ewigen Schutz und
Rache gegen meine Feinde an.

Die Psalmen Davids drücken am besten mein Trachten und Sehnen aus, und
der alte Javeh ist mein Gott. Der 86. Psalm besonders prägt sich meinem
Geist ein, und ich zögere nicht, ihn zu wiederholen:

"Gott, es setzen sich die Stolzen wider mich, und der Haufe der
Gewalttätigen stehet mir nach meiner Seele, und haben dich nicht vor
Augen....

"Tu ein Zeichen an mir, das mirs wohlergehe, dass es sehen, die mich
hassen, und sich schämen müssen, dass du mir beistehest, Herr, und
tröstest mich."

Nach einem Zeichen rufe ich, und man wird sehen, wie bald mein Gebet
erhört werden wird.



12.

Der Ewige hat gesprochen.


Der Winter mit seinem graugelben Himmel ist gekommen; die Sonne
hat seit mehreren Wochen nicht geschienen; die schmutzigen Wege
widersetzten sich den Spaziergängen; die Blätter der Bäume modern, die
ganze Natur löst sich unter pestartiger Fäulnis auf.

Das Schlachten des Winters hat angefangen; den ganzen Tag über erheben
sich die Klagen der Opfer gegen das dunkle Himmelsgewölbe; man tritt in
Blut und unter Leichen.

Es ist zum Sterben traurig, und meine Traurigkeit teilt sich den
beiden guten barmherzigen Schwestern mit, die mich wie ihr krankes
Kind pflegen. Was mich vollends niederdrückt, ist die Armut, die ich
verbergen muss, und die vergeblichen Versuche, das nahende Elend
abzuwenden.

Man wünscht übrigens, dass ich abreise, weil dieses einsame Leben für
einen Mann zu nichts führe; auch sind sie einig, dass ich einen Arzt
nötig habe.

Vergebens erwarte ich aus meiner Heimat das nötige Geld, und ich gehe
auf die grosse Landstrasse hinaus, um eine Flucht zu Fuss vorzubereiten.

"Ich bin gleich dem Pelikane in der Wüste geworden; ich bin wie die
Eule in ihrem Zufluchtsort."

Meine Anwesenheit peinigt meine Verwandten; man hätte mich schon
fortgejagt, wenn sie das Kind nicht geliebt hätten. Jetzt, da Schmutz
oder Schnee das Spazierengehen unmöglich machen, trage ich die Kleine
auf meinen Armen weite Wege, erklimme Hügel, entere die Felsen. Da
sagen die beiden Alten:

--Du schwächst deine Gesundheit, du wirst schwindsüchtig werden, du
wirst dich töten!

--Das wäre ein schöner Tod!


Wir sind beim Mittagessen, es ist er 20. November, ein grauer, trüber,
hässlicher Tag. Durch eine ruhelose Nacht, in der ich fortwährend mit
den Unsichtbaren gekämpft habe, bis zur Fieberglut erhitzt, verwünsche
ich das Leben und beklage mich, dass die Sonne fort ist.

Meine Mutter hat mir vorhergesagt, dass ich vor der Lichtmess, wenn die
Sonne wiederkehrt, geheilt werden würde.

--Das ist mein einziger Sonnenstrahl, sage ich zu ihr, indem ich mit
dem Finger auf meine kleine Christine zeige, die mir gegenübersitzt.

Im selben Augenblick spalten sich die seit Wochen angehäuften Wolken,
und ein Lichtbündel dringt in den Saal, erleuchtet mein Gesicht, das
Tischtuch, das Geschirr....

--Da ist die Sonne! Papa, da ist die Sonne! ruft das Kind und
faltet seine Händchen. Verwirrt erhebe ich mich, ein Raub der
verschiedenartigsten Gefühle. Ein Zufall? Nein, sage ich mir.

Das Wunder, das Zeichen? Aber das ist zu viel für einen, der wie ich
in Ungnade gefallen ist! Der Ewige mischt sich nicht in die kleinen
Angelegenheiten der Erdenwürmer!

Und doch bleibt mir dieser Sonnenstrahl im Herzen wie ein grosses
Lächeln, mit dem ich Unzufriedener angelächelt bin....

Während der zwei Minuten, die ich brauche, um mein Häuschen zu
erreichen, häufen sich die Wolken zu Gruppen, welche die seltsamsten
Formen annehmen; und im Osten, wo sich der Schleier gehoben hat, ist
der Himmel grün, wie ein Smaragd, eine Wiese mitten im Sommer.

Ich bleibe in meinem Zimmer stehen und erwarte etwas, das ich nicht
erklären kann, in einer stillen Zerknirschung versunken, die frei von
Furcht ist.

Da rollt, ohne dass ein Blitz ihm vorangegangen wäre, ein Donner, ein
einziger, über meinem Kopfe.

Zuerst empfinde ich Furcht, und ich erwarte den Regen und das Gewitter,
wie es natürlich ist. Aber nichts geschieht; eine vollständige Ruhe
herrscht und alles ist zu Ende.

Warum, frage ich mich, bin ich nicht vor der Stimme des Ewigen demütig
in den Staub gesunken?

Wenn der Allmächtige mit einer majestätischen Inszenierung zu einem
Insekt zu sprechen geruht, fühlt sich das Insekt von einer solchen Ehre
erhoben und aufgebläht, und der Hochmut flüstert ihm zu, dass es ein
besonders würdiges Wesen sein müsse. In aller Freimütigkeit: ich fühle
mich mit dem Herrn auf gleichem Niveau, als ein Bestandteil seiner
Persönlichkeit, als eine Ausströmung seines Wesens, als ein Organ
seines Organismus. Er brauchte mich, um sich zu offenbaren, sonst hätte
er mich auf der Stelle durch seinen Blitz erschlagen.

Woher dieser ungeheuere Hochmut eines Sterblichen? Stamme ich vom
Beginn der Jahrhunderte her, als sich die aufständischen Engel in
Empörung gegen einen Herrn vereinigten, der zufrieden war, über ein
Volk von Sklaven zu herrschen? Ist darum meine Wallfahrt über die Erde
zu einem Spiessrutenlaufen geworden, bei dem die Letzten der Letzten
sich die Freude gemacht haben, mich zu schlagen, zu beleidigen, zu
besudeln?

Keine denkbare Demütigung, die ich nicht zu ertragen gehabt hätte;
und doch wächst mein Hochmut immer im selben Masse, wie sich meine
Erniedrigung vertieft! Was ist das? Jakob, der mit dem Ewigen ringt
und, zwar etwas gelähmt, aber mit Ehren aus dem Kampf hervorgeht?
Hiob, der auf die Probe gestellt wird und darauf besteht, sich Strafen
gegenüber, die ihm mit Unrecht auferlegt sind, zu rechtfertigen?

Von so viel unzusammenhängenden Gedanken bestürmt, zwingt mich die
Müdigkeit, den Griff loszulassen; und mein aufgeblasenes Ich fällt
zusammen, wird so klein, dass sich das, was sich eben zugetragen hat,
auf ein Nichts reduziert: ein Donnerschlag Ende November!

Das Rollen des Donners hallt von neuem wider und, noch einmal von
Ekstase ergriffen, öffne ich die Bibel, indem ich den Herrn bitte,
lauter zu sprechen, damit ich ihn verstehe.

Meine Blicke fallen alsbald auf diesen Vers Hiobs:

"Willst du meinen Urteilsspruch aufheben? Willst du mich verdammen,
um dich zu rechtfertigen? Hast du einen Arm wie der mächtige Gott?
Donnerst du mit der Stimme wie er?"

Kein Zweifel mehr: der Ewige hat gesprochen!

--Ewiger, was willst du von mir? Sprich dein Diener hört. Keine Antwort?

--Gut, ich demütige mich vor dem Ewigen, der geruht hat, sich vor
seinem Diener zu demütigen. Aber die Kniee vor Volk und Mächtigen
beugen? Niemals!


Am Abend empfängt mich meine gute Mutter auf eine Weise, die ich noch
nicht begreife. Sie betrachtet mich mit einem prüfenden Blick von
der Seite, als wolle sie sehen, welchen Eindruck das majestätische
Schauspiel auf mich gemacht habe.

--Du hast es gehört?

--Ja, es ist eigentümlich, ein Donnerschlag im Winter.

Wenigstens hält sie mich nicht mehr für einen Verdammten.



13.

Die entfesselte Hölle.


Um die richtigen Ideen über die Natur der geheimnisvollen Krankheit,
die mich betroffen hat, zu verwirren, verbreitet eine Nummer des
"Evenement" diese Nachricht:

"Der unglückliche Strindberg, der mit seinem Frauenhass nach Paris kam,
war bald zur Flucht gezwungen. Und seitdem schweigen seinesgleichen
vor dem Banner der Weiblichkeit. Sie möchten nicht das Los des Orpheus
erleiden, dem die thracischen Bacchantinnen den Kopf abrissen...."

Es war also wahr, dass man mir in der Rue de la Clef eine Falle
gestellt hatte! Es war also wahr, dieser Mordversuch, der die
Kränklichkeit zur Folge gehabt hat, deren Symptome sich noch zeigen! Oh
diese Frauen! Jedenfalls wegen meines Aufsatzes über die feministischen
Bilder meines dänischen Freundes, des Frauenverehrers.

Endlich eine Tatsache, eine greifbare Wirklichkeit, die mich von den
furchtbaren Zweifeln, ich könnte geisteskrank sein, befreit.

Ich eile mit der guten Nachricht zu meiner Mutter.

--Da sieh, dass ich nicht verrückt bin.

--Nein, du bist nicht verrückt, du bist nur krank, und der Arzt rät dir
körperliche Übungen an, zum Beispiel Holz hacken....

--Ist das auch gut gegen die Frauen oder nicht?

Diese unüberlegte Antwort trennt uns. Ich habe vergessen, dass eine
Heilige doch immer eine Frau bleibt, das heisst die Feindin des Mannes.


Alles ist vergessen, die Russen, die Rotschilde, die Schwarzkünstler,
die Theosophen, selbst der Ewige. Ich bin das Opfer, Hiob ohne
Schuld, und die Frauen haben Orpheus, den Autor von "Sylva Sylvarum",
den Erwecker der toten Naturwissenschaften, töten wollen. In
Unschlüssigkeit aller Art befangen, schiebe ich den neugeborenen
Gedanken, dass die Mächte zu höherem Zweck in übernatürlicher Weise
eingreifen, beiseite und vergesse, die einfache Kenntnis, die ich von
einem Attentat habe, dadurch zu vervollständigen, dass ich nach dem
suche, der es angestiftet hat.

Brennend vor Begierde, mich zu rächen, setze ich einen Brief auf, in
dem ich der Pariser Polizeipräfektur Anzeige erstatte; dann einen
zweiten, den ich an die Pariser Zeitungen richte; da macht ein
gutgeführter Umschwung diesem langweiligen Drama, das in eine Farce
auszulaufen drohte, eine Ende.


An einem graugelben Tage, gegen ein Uhr nach dem Mittagessen, äussert
meine kleine Christine den dringenden Wunsch, mich in das Häuschen zu
begleiten, wo ich mein Mittagsschläfchen zu halten pflege.

Es ist unmöglich, ihr zu widerstehen, und ich gebe ihren Bitten nach.

Als wir oben sind, befiehlt meine Christine Federn und Papier. Dann
will sie illustrierte Bücher haben. Und ich muss dabei sein, muss
erklären, muss zeichnen.

--Nicht schlafen, Papa!

Müde, erschöpft, begreife ich nicht, warum ich diesem Kinde gehorche;
aber in ihrer Stimme ist ein Tonfall, dem ich nicht widerstehen kann.

Da beginnt draussen vor der Tür ein Drehorgelspieler einen Walzer. Ich
schlage der Kleinen vor, mit dem Kindermädchen, das sie begleitet hat,
zu tanzen.

Durch die Musik angelockt, kommen die Kinder des Nachbarn herbei; in
meinem Flur wird ein Ball improvisiert, nachdem man den Spielmann in
die Küche hat kommen lassen.

Das dauert eine Stunde, und meine Traurigkeit schwindet.

Um mich zu zerstreuen und meine Schlaflust zu besänftigen, greife ich
zur Bibel, die mir als Orakel dient, und öffne sie aufs Geradewohl; und
ich lese:

"Der Geist aber des Herrn wich von Saul, und ein böser Geist vom Herrn
machte ihn sehr unruhig. Da sprachen die Knechte Sauls zu ihm: Siehe,
ein böser Geist von Gott macht dich sehr unruhig; unser Herr sage
seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der
auf der Harfe wohl spielen könne, auf dass, wenn der böse Geist Gottes
über dich kommt, er mit seiner Hand spiele, das es besser mit dir
werde."

Der böse Geist, das ist es eben, was ich argwöhnte.

Während die Kinder sich so belustigen, kommt meine Mutter, um die
Kleine zu suchen; als sie den Ball sieht, bleibt sie erstaunt stehen.

Sie erzählt mir, dass gerade zu dieser Stunde unten im Dorfe eine Dame
aus bester Familie einen Anfall von Wahnsinn gehabt hat.

--Was ist ihr denn?

--Sie tanzt, diese alte Frau, sie tanzt, ohne zu ermüden im Brautkleid,
und sie bildet sich ein, Bürgers Leonore zu sein.

--Sie tanzt? Und dann?

--Weint sie, aus Furcht vor dem Tod, der sie holen will.

Was die Sache noch furchtbarer macht, ist, dass die Dame das Häuschen,
in dem ich jetzt hause, bewohnt hat und dass ihr Gatte dort gestorben
ist, wo der Ball der Kinder vor sich geht.

Erklärt mir das Mediziner, Psychiater, Psychologen, oder räumt ein,
dass die Wissenschaft bankrott ist!

Mein Töchterchen hat den Bösen beschworen, und der von der Unschuld in
die Flucht gejagte Geist ist über die alte Frau hergefallen, die sich
rühmte, eine Freidenkerin zu sein.

Der Totentanz dauert die ganze Nacht, und die Dame wird von Freundinnen
gehütet, die sie gegen die Angriffe des Todes schützen. Sie nennt es
Tod, weil sie das Dasein von Dämonen leugnet. Zuweilen behauptet sie,
ihr verstorbener Mann quäle sie.


Meine Abreise ist aufgeschoben; um aber nach so vielen schlaflosen
Nächten wieder zu Kräften zu kommen, gehe ich zum Schlafen in die
Wohnung meiner Tante, die auf der andern Seite der Strasse liegt.

Ich verlasse also das rosa Zimmer. (Welches eigentümliche
Zusammentreffen, dass die Marterkammer in Stockholm in der guten alten
Zeit auch "Rosenkammer" hiess.)

Die erste Nacht vergeht in einem ruhigen Zimmer, dessen weissgekalkte
Wände voll Heiligenbilder hängen. Über meinem Bett ist ein Kruzifix.

Aber in der zweiten Nacht beginnen die Geister ihr Spiel wieder.
Ich zünde die Kerzen an, um die Zeit mit Lesen hinzubringen. Ein
unheilvolles Schweigen herrscht, und ich höre mein Herz klopfen. Da
trifft mich ein schwaches Geräusch wie ein elektrischer Funke.

Was ist das?

Ein grosses Stück Stearin ist von der Kerze auf die Erde gefallen.
Weiter nichts; aber das verkündet bei uns den Tod! Meinetwegen denn der
Tod!

Nachdem ich eine Viertelstunde gelesen habe, will ich nach meinem
Taschentuch greifen, das ich unter das Kopfkissen gesteckt habe. Es ist
nicht da, und, als ich es suche, finde ich es auf dem Fussboden. Ich
bücke mich, um es aufzuheben. Dabei fällt mir etwas auf den Kopf, und
als ich mit den Fingern durch die Haare fahre, finde ich ein zweites
Stück Stearin.

Statt zu erschrecken, kann ich ein Lächeln nicht unterdrücken, so
spasshaft kommt mir das Abenteuer vor.

Lächeln beim Tode! Wie wäre das möglich, wenn das Leben nicht an und
für sich lächerlich wäre? So viel Lärm um so wenig! Vielleicht verbirgt
sich sogar auf dem Grunde der Seele ein unbestimmter Argwohn, dass
alles hier unten nur Verstellung, Heuchelei, Trugbild ist, und dass
sich die Götter über unsere Leiden lustig machen.


Hoch über den Gipfel des Berges, auf dem das Schloss gebaut ist, erhebt
sich ein zweiter Berg, der alle andern beherrscht: von dem kann man
die ganze Höllenlandschaft übersehen. Man gelangt dahin durch einen
Hain von vielleicht tausendjährigen Eichen, der einst ein Druidenhain
gewesen sein soll, weil die Mistel in der Gegend viel auf Linden und
Apfelbäumen vorkommt. Oberhalb dieses Waldes steigt der Weg steil durch
niedrige Fichten empor.

Mehrere Male habe ich bis zum Gipfel zu kommen versucht, immer aber
trieben mich unvorhergesehene Dinge zurück. Bald war es ein Rehbock,
der die Stille durch einen unerwarteten Sprung unterbrach; bald ein
Hase, der ungewöhnlich aussah; bald ein Häher mit seinem entnervenden
Geschrei.

Am letzten Morgen, dem Tag vor meiner Abreise, trotzte ich allen
Hindernissen, drang durch den dunklen, grausigen Fichtenwald und
kletterte bis zum Gipfel hinauf. Von dort hatte ich eine prachtvolle
Aussicht über das Donautal und die steirischen Alpen. Ich habe die
düsteren Trichter dort unten verlassen und ich atme zum erstenmal auf.
Die Sonne erleuchtet die Gegend unter unendlichen Aussichten, und die
weissen Kämme der Alpen vereinigen sich mit den Wolken. Es ist schön
wie der Himmel!

Umfasst die Erde den Himmel und die Hölle? Gibt es keine anderen
Stätten für Strafe und Belohnung?

Vielleicht! Und sicher ist, wenn ich mich an die schönsten Augenblicke
meines Lebens erinnere, erscheinen sie mir himmlisch, ebenso wie mir
die schlimmsten als höllisch vorkommen.

Behält mir die Zukunft noch Stunden oder Minuten dieses Glückes vor,
das sich nur durch Sorgen und ein ziemlich reines Gewissen erkaufen
lässt?

Ich bleibe hier oben, da ich es nicht eilig habe, wieder in das Tal
der Schmerzen hinabzusteigen, und gehe auf dem Plateau spazieren,
um die Schönheit der Erde zu bewundern. Da bemerke ich, dass der
abgesonderte Felsen, der die eigentliche Spitze bildet, durch die Natur
wie eine ägyptische Sphinx geformt ist. Auf dem Riesenkopfe liegt ein
Steinhaufen, aus dem ein kleiner Stock mit einer Fahne aus weisser
Leinwand aufragt.

Ich ergründe nicht, was diese Zurüstung zu bedeuten hat, aber ein
einziger Gedanke packt mich so, dass ich nicht widerstehen kann: die
Fahne entführen!

Ich achte der Gefahr nicht, erstürme den steilen Abhang und raube
die Fahne. Da ertönt, ganz unerwartet, vom Ufer der Donau ein
Hochzeitsmarsch, der von Triumphgesängen begleitet wird. Es ist
ein Hochzeitszug, den ich nicht sehen kann, aber an den üblichen
Flintenschüssen erkenne.

Kind genug und genügend unglücklich, um aus den alltäglichsten und
natürlichsten Vorfällen die Poesie zu ziehen, nehme ich dies als ein
günstige Vorbedeutung an.

Und mit Bedauern, langsamen Schrittes, steige ich wieder in das Tal der
Schmerzen und des Todes, der Schlaflosigkeit und der Dämonen hinab;
denn meine kleine Beatrice erwartet mich dort unten, und ich bringe
ihr die Mistel, die ich ihr versprochen habe, den Zweig, der im Schnee
grünt, den man mit einer goldenen Sichel pflücken müsste.


Schon lange hatte die Grossmutter den Wunsch ausgedrückt, mich zu
sehen, sei es, um eine Versöhnung herbeizuführen, sei es aus Gründen,
die vielleicht okkult sind, denn sie ist eine  Hellseherin und
eine Visionärin. Unter verschiedenen Vorwänden hatte ich den Besuch
aufgeschoben, da aber meine Abreise entschieden ist, nötigt mich
meine Mutter, die Grossmutter zu besuchen und ihr Lebewohl zu sagen,
wahrscheinlich zum letzten Mal diesseits des Grabes.

Am 26. November einem kalten und klaren Tagen, machen meine Mutter, das
Kind und ich uns auf den Weg nach der Donau, an welcher der Stammsitz
der Familie liegt.

Wir steigen im Gasthaus ab, und meine Mutter begibt sich zur
Grossmutter, um meinen Besuch anzumelden. Während ich auf ihrer
Rückkehr warte, durchwandere ich die Wiesen und Wälder, die ich seit
zwei Jahren nicht gesehen habe. Die Erinnerungen überwältigen mich,
und das Bild meiner Frau taucht überall auf. Alles ist verwüstet durch
den Frost des Winters; keine Blume blüht mehr, keine Grashalm grünt
mehr, wo wir beide alle Blumen des Frühlings, des Sommers, des Herbstes
gepflückt haben.

Am Nachmittag werde ich zu der Grossmutter geführt, die den Pavillon
der Villa bewohnt, das Häuschen, in dem mein Kind geboren ist. Die
Begegnung ist konventionell und kalt; man scheint eine Wiederholung des
Szene vom verlorenen Sohn zu erwarten, aber derartiges ist mir zuwider.

Ich begnüge mich damit, die Erinnerungen an ein verlorenes Paradies
wieder lebendig zu machen. Meine Frau und ich haben das Getäfel der
Türen und Fenster gestrichen, um die Geburt der kleinen Christine zu
feiern. Die Rosen und die Clematis, welche die Fassade zieren, sind von
meiner Hand gepflanzt. Der Gang, der den Garten durchläuft, ist von mir
geharkt worden. Aber der Nussbaum, den ich am Morgen nach der Geburt
Christinens gepflanzt habe, ist verschwunden. "Der Baum des Lebens",
wie er genannt wurde, ist tot.

Zwei Jahre, zwei Ewigkeiten, sind vergangen, seit die Abschiedsworte
zwischen uns gewechselt wurden. Sie war am Ufer, und ich stand auf dem
Dampfer, der mich auf meinen Weg nach Paris bis Linz bringen sollte.

Wer hat den Bruch durchführt! Ich, ich habe meine Liebe und ihre
getötet. Ade, weisses Haus von Dornach, Flur der Dornen und Rosen!
Ade, Donau! Ich tröste mich, indem ich denke: ihr waret nur ein Traum,
kurz wie der Sommer und lieblicher als die Wirklichkeit, die ich nicht
vermisse.


Die Nacht verbringe ich im Gasthaus, wo auch meine Mutter und mein Kind
auf meine Bitte schlafen, um mich gegen die Schrecken des Todes zu
schützen, die ich ahne, dank meinem sechsten Sinn, der sich unter dem
Einfluss sechsmonatiger Marter entwickelt hat.

Um zehn Uhr abends beginnt ein Windstoss meine Tür, die sich auf den
Flur öffnet, zu rütteln. Ich befestige sie mit hölzernen Keilen. Es
hilft nichts: sie zittert weiter.

Dann klirren die Fenster, der Ofen heult wie ein Hund, das ganze Haus
schwankt wie ein Schiff.

Ich kann nicht schlafen. Bald seufzt meine Mutter, bald weint mein Kind.

Am andern Morgen ist meine Mutter durch Schlaflosigkeit und andere
Dinge, die sie mir verbirgt, erschöpft und sagt zu mir:

--Reise, mein Kind! Ich habe genug von diesem Höllengeruch!

Und ich reise gen Norden, um auf meiner Pilgerfahrt das feindliche
Feuer einer andern Sühnestation zu empfangen.



14.

Wallfahrt und Sühne.


Es gibt neunzig Städte in Schweden, und zu der, die ich am meisten
verabscheue, haben die Mächte mich verdammt.

Ich beginne damit, dass ich die Ärzte besuche.

Der erste nennt es Nervenschwäche, der zweite Brustklemme, der dritte
Verrücktheit, der vierte Luftgeschwulst.... Das genügt mir, um sicher
zu sein, dass man mich nicht in ein Irrenhaus sperrt.

Um mich zu versorgen, bin ich gezwungen, für eine Zeitung Artikel zu
schreiben. Aber jedes Mal, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, wird
die Hölle losgelassen. Jetzt hat man etwas Neues erfunden, um mich
verrückt zu machen. Sobald ich in ein Hotel eingezogen bin, bricht
ein Lärm los, ähnlich dem in der Rue de la Grande-Chaumière in Paris:
Schritte schleppen und Möbel werden gerückt. Ich wechsle das Zimmer,
ich wechsle das Hotel: der Lärm ist da, über meinem Kopfe. Ich gehe
in die Restaurants: sobald ich mich im Speisesaal an den Tisch setze
beginnt das Gepolter.

Wohlgemerkt: ich frage die Anwesenden ob sie dasselbe Geräusch höre,
und man bejaht es stets und gibt dieselbe Beschreibung. Also ist es
keine Halluzination des Gehörs, sondern einer Intrige, sage ich mir.

Als ich aber eines Tages unversehens in einen Schuhmacherladen trete,
beginnt im selben Augenblick der Lärm. Also doch keine Intrige. Es ist
der Teufel!

Von Hotel zu Hotel gejagt, überall von elektrischen Drähten belästigt,
die bis an den Rand des Bettes laufen; überall von Strömen angegriffen,
die mich vom Stuhl oder aus dem Bett reissen, bereite ich in aller Form
den Selbstmord vor.

Es ist das schlechteste Wetter, und ich suche mich in meiner
Traurigkeit zu zerstreuen, indem ich mit Freunden zeche.

An einem Tage der Verzweiflung, am Morgen nach einem Gelage, beende ich
auf meinem Zimmer mein erstes Frühstück. Das Brett mit dem Geschirr
bleibt auf dem Tisch stehen, und ich drehe den Resten des Mahles den
Rücken. Ein Geräusch erregt meine Aufmerksamkeit, und ich bemerke,
dass das Messer zu Boden gefallen ist. Ich hebe es auf und lege es
vorsichtig so hin, dass der Fall sich nicht wiederholen kann. Das
Messer erhebt sich und fällt.

Also Elektrizität!

Am selben Morgen schreibe ich einen Brief an meine Mutter, indem ich
mich über das schlechte Wetter und über das Leben im allgemeinen
beklage. Bei diesem Satz: "Die Erde ist schmutzig, das Meer ist
schmutzig, und der Himmel lässt Dreck regnen...." fällt zu meiner
grossen Überraschung ein Tropfen klaren Wassers auf das Papier!

Keine Elektrizität! Ein Wunder!

Am Abend, als ich noch am Tisch sitze, erschreckt mich ein Geräusch,
das von der Waschtoilette zu hören ist. Ich sehe hin und merke dass
ein Wachstuch, das ich bei meinen morgendlichen Waschungen benutze,
herabgefallen ist. Um die Sache nachzuprüfen, hänge ich das Wachstuch
so auf, dass es nicht fallen kann.

Es fällt noch einmal!

Was ist das?

Jetzt richten sich meine Gedanken wieder auf die Okkultisten und ihre
geheime Macht.

Ich setze eine Anzeige auf und verlasse mit diesem Brief die Stadt, um
mich nach Lund zu begeben, wo alte Freunde wohnen, Ärzte, Psychiater,
Theosophen selbst, auf deren Hilfe ich für mein zeitliches Heil rechne.


Warum und wie werde ich dazu getrieben, mich in dieser kleinen
Universitätsstadt niederzulassen, diesem Verbannungs- und Bussort für
die Studenten von Upsala, wenn sie zu toll auf Kosten ihres Beutels und
ihrer Gesundheit gelebt haben?

Ist es ein Canossa, wo ich meine übertriebenen Ansichten abschwören
muss, vor derselben Jugend, die mich einst zwischen 1880 und 1890 zu
ihrem Bannerträger ernannten? Ich kenne die Lage sehr gut, und ich
weiss wohl, dass ich von der Mehrzahl der Professoren als Verführer der
Jugend in den Bann getan bin, und dass die Eltern mich wie den Bösen
selbst fürchten.

Obendrein habe ich mir noch persönliche Feinde hier zugezogen; ich habe
hier unter Umständen Schulden gemacht, die ein schlechtes Licht auf
meinen Charakter werfen; hier wohnt die Schwägerin Popoffskys mit ihrem
Gatten und beide sind durch die Stellung, die sie in der Gesellschaft
einnehmen, imstande, mir grosse Schwierigkeiten zu bereiten. Hier
legen sogar Verwandte, die mich verleugnet; Freunde, die mich im
Stich gelassen haben, um ebenso viele Feinde zu werden. Kurz, es ist
der schlechtestgewählte Platz für einen ruhigen Aufenthalt, es ist
die Hölle, aber mit meisterhafter Logik, mit göttlichem Scharfsinn
ausgesucht. Hier muss ich den Kelch leeren, hier muss ich die Jugend
mit den erzürnten Mächten wieder vereinigen.

Durch einen übrigens sehr pittoresken Zufall habe ich eben einen
modernen Mantel mit Pelerine und Kapuze gekauft, von flohbrauner Farbe,
der Kutte der Franziskaner ähnlich. In Büssertracht also kehre ich nach
Schweden zurück, nachdem ich sechs Jahre verbannt gewesen bin.

Gegen 1885 bildete sich in Lund eine Studentenverbindung, "Die alten
Jungen" genannt, deren literarische, wissenschaftliche und soziale
Tendenzen sich mit der Losung "Radikalismus" übersetzen liessen.
Ihr Programm, das sich den modernen Ideen anschloss, war zuerst
sozialistisch, dann nihilistisch, um auf ein Ideal allgemeiner
Auflösung und des fin de siècle mit einem Anstrich von Satanismus und
Dekadenz hinauszulaufen.

Das Haupt der Partei, der Tapferste der Paladine, der seit mehreren
Jahren mein Freund ist und den ich seit drei Jahren nicht gesehen habe,
besucht mich.

Wie ich in eine Kutte gekleidet, aber in eine graue Franziskanerkutte,
gealtert, abgemagert, von kläglichem Aussehen erzählt er mir seine
Geschichte allein durch seinen Gesichtsausdruck.

--Du auch?

--Ja, es ist aus!

Als ich ihm ein Glas Wein anbiete, lehnt er ab, da er so mässig
geworden ist, dass er keinen Wein mehr trinkt!

--Und die alten Jungen?

--Gestorben, zusammengebrochen, Spiessbürger, aufgenommen in die
verwünschte Gesellschaft.

--Canossa?

--Canossa auf der ganzen Linie!

--Dann hat die Vorsehung mich hierher geführt!

--Vorsehung! Das ist das rechte Wort.

--Werden die Mächte in Lund wieder anerkannt?

--Die Mächte bereiten ihre Rückkehr vor.

--Schläft man nachts in Schonen?

--Nicht viel! Alle Menschen klagen über Alpdrücken, Brustbeklemmungen,
Herzbeschwerden.

--Wie bin ich da am Platze, denn das ist gerade mein Fall!

Wir haben einige Stunden über die Wunderdinge gesprochen, die sich
jetzt ereignen, und mein Freund hat mir ausserordentliche Tatsachen
erzählt, die hier und dort vorgekommen sind. Zum Schluss drückt er die
Ansicht der heutigen Jugend aus, die etwas Neues erwartet.

Man wünscht eine Religion, eine Versöhnung mit den Mächten (das
ist das Wort), eine Wiederannäherung an die unsichtbare Welt. Die
naturalistische Epoche, die kräftig und fruchtbar war, hat ihre
Zeit gehabt. Man braucht sie nicht zu tadeln und nicht zu bedauern:
die Mächte haben gewollt, dass wir sie durchmachen. Es war eine
experimentelle Epoche, deren Versuche durch ihre negativen Ergebnisse
gezeigt haben, wie eitel gewisse Lehren sind. Ein Gott, bis auf
weiteres unbekannt, entwickelt sich und wächst, offenbart sich mit
Zwischenräumen, in denen er die Welt sich selber zu überlassen scheint,
wie der Bauer Unkraut und Weizen wachsen lässt, bis die Ernte kommt.
Jedesmal, wenn er sich enthüllt, hat er seine Gedanken geändert und
beginnt seine Regierung wieder, indem er Verbesserungen einführt, die
er aus der Praxis gewonnen hat.

Die Religion wird also wiederkehren, aber unter andern Formen, und ein
Kompromiss mit den alten Religionen erscheint unmöglich. Nicht eine
Epoche der Reaktion erwartet uns, nicht eine Rückkehr zu dem, was sich
ausgelebt hat, sondern ein Fortschritt zu etwas Neuem.

Was für Neues? Warten wir ab!

Als unser Gespräch zu Ende ist, werfe ich eine Frage auf, wie man einen
Pfeil gegen die Wolken schiesst.

--Kennst du Swedenborg?

--Nein, aber meine Mutter besitzt seine Werke, und es sind ihr sogar
wunderbare Dinge begegnet.

Vom Atheismus zu Swedenborg ist nur ein Schritt!

Ich bitte meinen Freund, mir Swedenborgs Werke zu leihen. Und der Saul
der jungen Propheten bringt mir die "Arcana coelestia".

Zur selben Zeit stellt er mir einen jungen Mann vor, der von den
Mächten begnadet ist, ein verlorener Sohn. Der erzählt mir ein
Abenteuer seines Lebens, das den meinen ganz ähnlich ist; und als wir
unsere Leiden vergleichen, wird es hell in uns und wir werden mit
Swedenborgs Hilfe befreit.

Ich danke der Vorsehung, die mich in die kleine verachtete Stadt
gesandt hat, um dort Busse zu tun und mein Heil zu finden.



15.

Der Erlöser.


Als Balzac mir in seiner "Seraphita" meinen erhabenen Landsmann Emanuel
Swedenborg, den "Buddha des Nordens", vorstellte, hat er mich die
evangelische Seite des Propheten kennen gelehrt. Jetzt ist es das
Gesetz, das mich trifft, zermalmt und befreit.

Durch ein Wort, ein einziges, wird es Licht in meiner Seele, und
verschwunden sind die Zweifel, die fruchtlosen Grübeleien über
eingebildete Feinde, Elektriker, Schwarzmagier. Dieses kleine Wort
ist: devastatio (ödeläggelse, Verödung). Alles, was mir geschehen ist,
finde ich bei Swedenborg wieder: die Angstgefühle (angor pectoris),
die Brustbeklemmung, das Herzklopfen, der Gürtel, den ich elektrisch
nannte, alles ist da; und die Summe dieser Erscheinungen bildet die
geistige Reinigung, die schon dem Apostel Paulus bekannt war und von
ihm in den Briefen an die Korinther und an Timotheus erwähnt wird: "Ich
habe beschlossen, über den, der solches getan hat, ihn zu übergeben
dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf dass der Geist selig werde
am Tage des Herrn Jesu".--"Unter welchen ist Hymenäus und Alexander,
welche ich habe dem Satan übergeben, dass sie gezüchtigt werden, nicht
mehr zu lästern."

Als ich Swedenborgs Träume von 1744 lese, dem Jahr, das seinen
Verbindungen mit der unsichtbaren Welt vorausgeht, entdecke ich, dass
der Prophet dieselben nächtlichen Martern wie ich erduldet hat. Was
mich aber besonders packt: die Symptome gleichen einander so, dass ich
über die Natur meiner Krankheit nicht mehr im Zweifel bin.

In "Arcana coelestia" erklären sich die Rätsel der beiden letzten
Jahre mit einer so überwältigenden Genauigkeit, dass ich, das Kind des
berühmten neunzehnten Jahrhunderts, die unerschütterliche Überzeugung
bekomme, dass es die Hölle gibt, aber hier, auf der Erde, und dass ich
sie eben durchgemacht habe.

Swedenborg erklärt mir, warum ich im Krankenhaus des heiligen Ludwig
geweilt habe: Die Alchemisten werden vom Aussatz befallen und reissen
sich den Schorf ab, der Fischschuppen gleicht. Es ist eine unheilbare
Krankheit der Haut.

Swedenborg sagt mir, was die hundert Abtritte des Hotel Orfila
bedeuten: Das ist die Kothölle. Der Schornsteinfeger, den mein
Töchterchen in Österreich gesehen hat, findet sich auch wieder: "Unter
den Geistern gibt es solche, die man unter dem Namen Schornsteinfeger
kennt, weil ihr Gesicht wirklich von Rauch geschwärzt ist und sie
in einem Gewand von brauner Russfarbe erscheinen.... Einer dieser
Schornsteinfegermeister kam zu mir und ersuchte mich dringend, darum
zu beten, dass er in den Himmel aufgenommen werde. Ich glaube nicht,
sagte er, etwas begangen zu haben, was mich davon ausschliessen könnte;
ich habe die Bewohner der Erde zurechtgewiesen, aber ich habe immer dem
Verweis und der Züchtigung die Belehrung folgen lassen....

"Die richtenden, bessernden und belehrenden Geister des Menschen heften
sich an seine linke Seite, indem sie sich gegen den Rücken neigen und
das Buch seines Gedächtnisses nachschlagen und seine Handlungen, ja
sogar seine Gedanken darin lesen; denn wenn ein Geist beim Menschen
eindringt, bemächtigt er sich des Gedächtnisses. Wenn sie eine
schlechte Handlung oder die Absicht, Böses zu tun, sehen, strafen
sie ihn durch einen Schmerz im Fuss, in der Hand (!) oder um die
Magengegend; und sie tun das mit einer beispiellosen Fertigkeit. Ein
Beben kündigt ihr Kommen an.

"Ausser dem Schmerz der Glieder wenden sie noch einen schmerzhaften
Druck um den Nabel an, als drücke einem ein stachliger Gürtel; von Zeit
zu Zeit Zusammenschnüren der Brust, das bist zur Angst getrieben wird;
Ekel vor jeder Nahrung, ausser Brot, und zwar Tage lang.

"Andere Geister bemühen sich vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was
die belehrenden Geister gesagt haben. Die Geister des Widerspruchs
sind auf der Erde aus der Gesellschaft der Menschen wegen ihrer
Ruchlosigkeit verbannt gewesen. Man erkennt ihr Nahen an einem
fliegenden Feuer, das vor dem Gesicht sich herabzulassen scheint; sie
stellen sich unter den Rücken des Menschen, von wo sie sich nach den
Teilen bemerkbar machen".

(Diese fliegenden Feuer oder Funken habe ich zweimal gesehen, und immer
in Augenblicken der Empörung, als ich alle Vorstellungen als leere
Träume verwarf.)

"Sie predigen, dem, was die belehrenden Geister den Engeln
nachsprechen, keinen Glauben zu schenken, seinen Wandeln nicht den
Lehren anzupassen, die man von ihnen empfangen hat, sondern in aller
Freiheit und Ausgelassenheit zu leben. Gewöhnlich kommen sie, sobald
die andern sich entfernt haben. Die Menschen kennen sie und beunruhigen
sich kaum über sie; aber sie lernen dadurch, was gut und was böse ist.
Denn man lernt die Eigenschaft des Guten durch sein Gegenteil kennen;
jeder Begriff von einer Sache bildet sich, indem man überlegt, wie sie
sich von ihrem Gegenteil unterscheidet, und zwar von verschiedenen
Gesichtspunkten aus und auf verschiedene Arten".

Der Leser erinnert sich an die antiken Marmorskulpturen ähnlichen
menschlichen Gesichter, die sich aus dem weissen Bezug meines
Kopfkissens im Hotel Orfila formten. Darüber sagt Swedenborg:

"Zwei Zeichen lassen erkennen, dass sie (die Geister) bei einem
Menschen sind; das eine ist ein alter Mann mit weissem Gesicht;
dieses Zeichen verkündet ihnen, dass sie immer die Wahrheit sagen
und nur gerecht handeln sollen.... Ich habe selber ein greisenhaftes
menschliches Gesicht dieser Art gesehen.... Gesichter von grosser
Weisse und grosser Schönheit, aus denen zugleich Aufrichtigkeit und
Bescheidenheit leuchten".

(Um den Leser nicht zu erschrecken, habe ich mit Absicht verschwiegen,
dass sich alles, was ich hier oben zitiert habe, auf die Bewohner des
Jupiters bezieht. Man denke sich nun meine Überraschung, als man mir
eines Tages im Frühling eine Revue bringt, die Swedenborgs Haus auf
dem Planeten Jupiter, von Viktorien Sardou gezeichnet, wiedergibt.
Zunächst, warum Jupiter? Welche seltsame Zusammentreffen! Und hat der
Meister der französischen Komödie beachtet, dass die linke Fassade, aus
genügender Entfernung betrachtet, ein greisenhaftes Menschengesicht
bildet? Dieses Antlitz gleicht dem meines Kopfkissens! Aber in der
Zeichnung Sardous gibt es noch mehr solche menschlichen Silhouetten,
die durch die Umrisse geschaffen werden. Ist die Hand des Meisters von
einer andern Hand geführt worden, so dass er mehr gegeben hat, als er
wusste?)


Wo hat Swedenborg diese Höllen und Himmel gesehen? Sind es Visionen,
Intuitionen, Inspirationen? Ich wüsste es nicht zu sagen, aber die
Ähnlichkeit, die seine Hölle mit der Dantes und der griechischen,
römischen, germanischen Mythologie hat, lässt mich glauben, dass die
Mächte sich immer fast der gleichen Mittel bedient haben, um ihre Pläne
zu verwirklichen.

Und diese Pläne? Den menschlichen Typs zu vervollkommnen, den höheren
Menschen zu erzeugen, den "Übermenschen", wie ihn Nietzsche, die vor
der Zeit verbrauchte und ins Feuer geworfene Zuchtrute, verkündigte.

So erscheint das Problem des Bösen wieder, und die sittliche
Gleichgültigkeit Taines fällt vor neuen Forderungen zu Boden. Die
Dämonen sind eine notwendige Konsequenz.

Was sind Dämonen? Sobald wir die Unsterblichkeit der Seele zugeben,
sind die Toten nichts anderes als Überlebende, die ihre Beziehungen
zu den Lebenden fortsetzen. Die bösen Geister sind also nicht böse,
weil ihr Zweck ein guter ist, und man müsste sich eher des Wortes
Swedenborgs bedienen, Zuchtgeister, um den Menschen Furcht und
Verzweiflung zu nehmen.

Den Teufel als selbständige, Gott gleiche Macht braucht es nicht zu
geben, und des Bösen unleugbare Erscheinungen unter der traditionellen
Form brauchen nur ein Schreckbild zu sein, das die einzige und gute
Vorsehung hervorgerufen hat. Diese Vorsehung, die mittels einer aus den
Verstorbenen zusammengesetzten ungeheuren Verwaltung herrscht.

Tröstet euch also und seit stolz auf die Gnade, die euch allen
bewilligt ist, die ihr von Schlaflosigkeit, Alpdrücken, Erscheinungen,
Angstzuständen, Herzklopfen heimgesucht und gemartert werdet! Numen
adest. Gott verlangt nach euch!



16.

Trübsal.


In der kleinen Musenstadt eingeschlossen, ohne eine Hoffnung,
herauszukommen, liefere ich die furchtbare Schlacht gegen den Feind,
mich selbst.

Jeden Morgen, wenn ich auf dem von Platanen beschatteten Wall spazieren
gehe, erinnert mich das grosse rote Irrenhaus an die Gefahr, der ich
entgangen bin, und an die Zukunft, falls ich einen Rückfall erleide.
Swedenborg hat mich, indem er mich über die Natur der Schrecken
aufgeklärt, die ich während des letzten Jahres durchgemacht habe,
von den Elektrikern, Schwarzkünstlern, Zauberern, den Neidern des
Goldmachers, dem Wahnsinn befreit. Er hat mir den einzigen Weg gezeigt,
der zum Heil führt: die Dämonen in ihrem Zufluchtsort, in mir selber,
aufzusuchen und sie zu töten durch.... Reue. Balzac, der Adjutant des
Propheten, hat mir in "Seraphita" gezeigt, dass "Gewissensqual eine
Ohnmacht dessen ist, der seinen Fehltritt wiederholen wird. Die Reue
allein ist eine Stärke und beendigt alles".

Also die Reue! Aber heisst das nicht die Vorsehung missbilligen, die
mich zu ihrer Geissel ausgewählt hat? Heisst das nicht den Mächten
sagen: ihr habt mein Schicksal schlecht geleitet; ihr habt mich geboren
werden lassen mit dem Beruf zu strafen, die Götzenbilder zu stürzen,
mich zu empören, und dann zieht ihr euren Schutz zurück und liefert
mich einem lächerlichen Widerruf aus? Zu Kreuze kriechen und Busse tun!

Seltsamer Circulus vitiosus, den ich mit zwanzig Jahren voraussah,
als ich mein Drama "Meister Olof" dichtete, das die Tragödie meines
Lebens geworden ist. Wozu dreissig Jahre lang ein elendes Leben
führen, um durch Erahnung das zu erreichen, was man vorausgeahnt hat?
Jung, war ich aufrichtig fromm, und ihr habt einen Freidenker aus mir
gemacht. Aus dem Freidenker habt ihr einen Atheisten gemacht, aus dem
Atheisten einen Religiösen. Für die Menschheit begeistert, habe ich
den Sozialismus verkündet: fünf Jahre später habt ihr mir gezeigt, wie
sinnlos der Sozialismus ist. Alles, was mich begeistert hat, habt ihr
für nichtig erklärt. Und wenn ich mich der Religion weihe, so bin ich
sicher, in zehn Jahren werdet ihr sie widerlegen.

Sieht es nicht so aus, als trieben die Götter ihren Scherz mit uns
Sterblichen? Und darum können wir bewussten Spötter in den schlimmsten
Augenblicken unseres Lebens lachen!

Wie könnt ihr verlangen, dass man ernst nimmt, was sich als ein
ungeheurer Scherz erweist?


Jesus Christus, der Erlöser, wen hat er erlöst? Seht die christlichen
aller Christen, unsere skandinavischen Frommen, diese blassen, elenden,
eingeschüchterten Menschen, die nicht lächeln können: sie haben das
Aussehen von Besessenen! Sie scheinen den Dämon in ihrem Herzen zu
tragen. Und beachtet, wie alle ihre Führer als Missetäter im Gefängnis
geendet haben. Warum hat ihr Herr sie dem Feind überliefert?

Ist die Religion eine Züchtigung und Christus ein Rachegeist?

Alle alten Götter werden in der folgenden Epoche Dämonen: Die Bewohner
des Olymp sind Dämonen geworden; Odin, Thor, der Teufel in Person.
Prometheus-Lucifer, zum Satan entartet. Ist etwa--Gott verzeihe
mir!--Christus auch in einen Dämon verwandelt? Er tötet ja Vernunft,
Fleisch, Schönheit, Freude, die reinsten Leidenschaften der Menschheit.
Tötet die Tugenden: Freimut, Tapferkeit, Ruhm; Liebe, Barmherzigkeit!


Die Sonne scheint, das tägliche Leben geht seinen Gang, der Lärm der
Arbeit ermuntert die Lebensgeister. Da bäumt sich der Mut der Empörung
auf, da schleudert man seine Zweifel herausfordernd gegen den Himmel.

Dann aber sinken Nacht, Stille, Einsamkeit herab, und der Hochmut
vergeht, das Herz klopft, die Brust zieht sich zusammen! Dann springt
man zum Fenster hinaus, kniet in der Dornenhecke nieder, sucht den Arzt
auf und bittet einen Kameraden, im selben Zimmer zu schlafen!

Tretet nachts wieder in euer Zimmer, und ihr werdet dort jemand finden;
ihr seht ihn nicht, aber ihr fühlt deutlich dessen Anwesenheit.
Geht in die Irrenanstalt und fragt den Irrenarzt, und er wird von
Nervenschwäche, Verrücktheit, Brustbeklemmung und dergleichen sprechen,
aber er wird euch niemals heilen!

Wohin könnt ihr also gehen, ihr alle, die ihr an Schlaflosigkeit leidet
und die Strassen durchwandert, bis die Sonne wieder aufgeht?

Weltmühle, Gottes Mühle sind sprüchwörtlich geworden. Habt ihr dieses
Sausen in den Ohren gehört, das dem Geräusch einer Wassermühle
gleicht? Habt ihr in der Einsamkeit, bei Nacht oder selbst am hellen
Tage, beobachtet, wie die Erinnerungen des vergangenen Lebens wieder
auferstehen, eine nach der andern? Alle Verstösse, alle Vergehen, alle
Dummheiten treiben euch das Blut bis in die Ohren, pressen euch den
Schweiss bis in die Haare, jagen euch den Schauder bis in den Rücken.
Ihr lebt das gelebte Leben noch einmal, von der Geburt bist auf den
heutigen Tag, ihr leidet noch einmal alle erlittenen Leiden, ihr leert
noch einmal all die bitteren Kelche, die ihr so oft geleert habt;
ihr kreuzigt euer Skelett, weil kein Fleisch mehr zu töten ist; ihr
verbrennt die Seele, weil euer Herz schon verbraucht ist.

Ihr kennt das!

Das ist die Mühle des Herrn, die langsam mahlt, aber fein und schwarz.
Ihr seid in Staub aufgelöst, und ihr glaubt, es sei aus mit euch.
Aber nein, es beginnt von neuem und ihr müsst die Mühe noch einmal
durchgehen! Das ist die Hölle hier auf Erden; die ist von Luther
erkannt worden, der es als eine besondere Gnade schätzt, auf dieser
Seite der Feuerhimmel zermahlen zu werden.

Seid glücklich und dankbar!


Was ist zu machen? Sich demütigen?

Aber wenn ihr euch vor den Menschen demütigt, so weckt ihr deren
Hochmut, weil sie glauben werden, sie seien besser als ihr, wie gross
auch ihre Ruchlosigkeit ist.

Also vor Gott sich demütigen! Aber es ist eine Beleidigung, den
Höchsten zu einem Plantagenbesitzer zu erniedrigen, der über Sklaven
herrscht!


Beten! Wie? Sich das Recht anmassen, Wille und Urteil des Ewigen durch
Schmeichelei und Kriecherei zu beeinflussen!

Gott suchen und den Teufel finden! Das ist mir geschehen.

Ich habe Busse getan, ich habe mich gebessert, und sobald ich meine
Seele wieder besohlen will, muss ich einen neuen Rüster haben; setz
neue Hacken an, und das Oberleder platzt. Zu Ende kommt man nicht.

Ich höre auf zu trinken und komme gegen neun Uhr abends nüchtern nach
Haus, um ein Glas Milch zu nehmen. Das Zimmer ist von Dämonen erfüllt,
die mich aus dem Bett reissen und unter der Decke ersticken. Wenn ich
aber gegen Mitternacht berauscht nach Haus komme, schlafe ich ein
wie ein Engel und erwache stark wie ein junger Gott, bereit wie ein
Galeerensträfling zu arbeiten.

Ich meide Frauen, und ungesunde Träume beunruhigen meine Nächte.

Ich gewöhne mich, nur Gutes von meinen Freunden zu denken, ich vertraue
ihnen meine Geheimnisse und mein Geld an: Alsbald werde ich verraten.
Lehne ich mich gegen eine Treulosigkeit auf, so bin ich es immer, der
bestraft wird.

Ich versuche die Menschen im allgemeinen zu lieben; ich mache mich
blind gegen ihre Fehler, und mit einer Langmut ohne Grenzen lasse ich
ihre Gemeinheiten und Verleumdungen durchgehen; eines Tages finde ich,
dass ich ihr Mitschuldiger werde. Wenn ich mich von einer Gesellschaft,
die ich für schlecht halte, zurückziehe werde ich alsbald von den
Dämonen der Einsamkeit angefallen, und suche ich bessere Freunde, finde
ich die schlimmsten.

Wenn ich die bösen Leidenschaften besiegt habe und durch Enthaltsamkeit
zu einem gewissen Frieden des Herzens gelangt bin, empfinde ich eine
Selbstzufriedenheit, die mich über meinen Nächsten erhebt; und das ist
eine Todsünde, die Eigenliebe, die auf der Stelle bestraft wird.

Wie die Tatsache erklären, dass jede Lehrzeit in der Tugend ein neues
Laster zur Folge hat.

Swedenborg löst die Frage, indem er sagt die Laster seien Strafen, die
den Menschen für Sünden höherer Art auferlegt werden. So werden zum
Beispiel die Ehrgeizigen zur sodomitischen Hölle verdammt. Geben wir
zu, dass diese Lehre die Wahrheit enthält, so müssen wir unsere Laster
ertragen und uns über die Gewissensqual, die sie begleitet, freuen, als
bezahlten wir unsere Schulden am Schalter der grossen Kasse. Die Tugend
suchen, bedeutet also, aus dem Gefängnis der Strafen zu entrinnen
suchen.

Das hat Luther im Artikel 39 seiner Schrift gegen die römische Bulle
sagen wollen, in dem er verkündigt: "Die Seelen des Fegefeuers sündigen
unaufhörlich, weil sie den Frieden suchen und den Qualen ausweichen."

Ebenso in Artikel 34: "Die Türken bekämpfen, ist nichts anderes, als
sich gegen Gott, der uns durch die Türken für unsere Sünden züchtigt,
auflehnen."

Es ist also klar, dass "alle unsere guten Werke Todsünden sind", und
dass "die Welt vor Gott schuldig sein muss, und dass niemand gerecht
werden kann ohne die Gnade".

Leiden wir also, meine Brüder, ohne von dem Leben eine einzige
wirkliche Freude zu erhoffen, denn wir sind in der Hölle.

Und klagen wir nicht den Herrn an, wenn wir die kleinen unschuldigen
Kinder leiden sehen. Niemand wird wissen, warum sie leiden, aber die
göttliche Gerechtigkeit lässt uns ahnen, dass sie Verbrechen sühnen,
die begangen sind, bevor sie zur Welt kamen.

Freuen wir uns über die Qualen, die ebenso viele bezahlte Schulden
sind, und glauben wir, dass wir aus Barmherzigkeit nicht erfahren,
welche Ursachen ursprünglich unsere Strafen haben.



17.

Wohin gehen wir?


Sechs Monate sind vergangen, und ich gehe noch immer auf dem Stadtwall
spazieren, von wo ich meine Blicke nach dem Irrenhaus schweifen lasse
und nach dem blauen Streifen des fernen Meeres spähe. Von dort wird die
neue Zeit, die neue Religion kommen, von der die Welt träumt.

Der düstere Winter ist begraben, die Felder grünen, die Bäume blühen,
die Nachtigall schlägt im Garten der Sternwarte; aber die Traurigkeit
des Winters lastet auf unseren Seelen, denn so viel unheilvolle
Ereignisse, so viel unerklärliche Vorfälle haben wir erlebt, dass
selbst die Ungläubigsten unruhig geworden sind. Die Schlaflosigkeit
nimmt zu, die Nervenkrisen vermehren sich, die Visionen sind häufig
geworden, wahre Wunder erfüllen sich. Man erwartet etwas.

Ein junger Mensch besucht mich.

--Was muss man tun, um nachts ruhig zu schlafen?

--Was ist geschehen?

--Ich weiss es wahrhaftig nicht zu sagen, aber ich habe einen Schrecken
vor meinem Schlafzimmer bekommen, und ich ziehe morgen aus.

--Junger Mann, Atheist und Realist, was ist geschehen?

--Als ich heute Nacht die Tür öffnete, um einzutreten, fasste mich
jemand beim Arm und schüttelte mich.

--Es ist also jemand in Ihrem Zimmer?

--Aber nein! Ich habe die Kerzen angezündet und ich habe niemand
gesehen.

--Junger Mann, es gibt jemand, den man bei Kerzenlicht nicht sieht.

--Wer ist das?

--Das ist der Unsichtbare, junger Mann. Haben sie Sulfonal, Bromkalium,
Morphium, Chloral genommen?

--Ich habe alles versucht!

--Und der Unsichtbare räumt nicht das Feld. Sie wollen nachts ruhig
schlafen und Sie verlangen von mir das Mittel. Hören Sie, junger Mann,
ich bin weder ein Arzt noch ein Prophet; ich bin ein alter Sünder, der
Busse tut. Verlangen Sie weder Predigten noch Prophezeiungen von einem
Schächer, der kaum Zeit genug hat, sich selber zu predigen. Ich habe an
Schlaflosigkeit und Niedergeschlagenheit gelitten, ich habe Körper an
Körper mit dem Unsichtbaren gerungen, und ich habe endlich Schlaf und
Gesundheit wiedergewonnen. Wissen Sie, wie? Raten Sie!

Der junge Mann errät mich und schlägt die Augen nieder.

--Sie erraten es! Dann gehen Sie in Frieden und schlafen Sie gut!

Ich muss schweigen und mich erraten lassen, denn in dem Augenblick, in
dem ich mir einfallen liesse, den Prediger zu spielen, würde man sich
von mir wenden.

Ein Freund fragt mich:

--Wohin gehen wir?

--Ich wüsste es nicht zu sagen; mich persönlich scheint der Weg des
Kreuzes zum _Glauben meiner Väter_ zurückzuführen.

--Zum Katholizismus?

--Es scheint mir so! Der Okkultismus hat seine Rolle gespielt, indem
er die Wunder und die Dämonologie wissenschaftlich erklärte. Die
Theosophie, die der Religion den Weg bahnte, hat ausgelebt, nachdem
sie die Weltordnung, die straft und belohnt, wiederhergestellt hat.
Karma wird sich in Gott verwandeln, und die Mahatmas werden sich als
die neugeborenen Mächte, als Zuchtgeister (Dämonen) und als Lehrgeister
(Eingeber) enthüllen. Der Buddhismus, den das junge Frankreich pries,
hat die Resignation und den Kultus des Leidens eingeführt, die geraden
Weges nach Golgatha leiten.

Was das Heimweh betrifft, das ich nach der Mutterkirche empfinde, so
ist das eine lange Geschichte, die ich in Kürze erzählen möchte.

Als Swedenborg mich lehrte, dass es verboten sei, die Religion seiner
Väter zu verlassen, hat er dem Protestantismus, der ein Verrat an der
Mutterkirche ist, das Urteil gesprochen.

Vielmehr, der Protestantismus ist eine den Barbaren des Nordens
auferlegte Strafe; der Protestantismus, das ist das Exil, die
babylonische Gefangenschaft. Aber die Rückkehr in das gelobte Land
scheint nahe zu sein. Die grossen Fortschritte, die der Katholizismus
in Amerika, England, Skandinavien macht, verkünden die allgemeine
Versöhnung: zur selben Zeit hat die griechische Kirche dem Abendland
die Hand gereicht.

Das ist der Traum der Sozialisten, die Vereinigten Staaten des
Abendlandes wiederherzustellen, aber in geistigem Sinn verbessert. Doch
bitte ich euch, nicht zu glauben, dass politische Überlegungen mich
zur römischen Kirche zurückführen. Nicht ich habe den Katholizismus
gesucht, er hat sich mir aufgedrängt, nachdem er mich jahrelang
verfolgt hat. Mein Kind, das gegen meinen Willen katholisch wurde,
hat mich die Schönheit eines Kultes gelehrt, der sich seit seinem
Ursprung unberührt erhalten hat, und ich habe immer das Original der
Kopie vorgezogen. Der lange Aufenthalt im Lande meines Töchterchens
liess mich die hohe Aufrichtigkeit des religiösen Lebens bewundern.
Von ähnlicher Wirkung war mein Aufenthalt im Krankenhaus des heiligen
Ludwig und schliesslich meine Abenteuer der letzten Monate.

Nachdem ich mein Leben, das mich wie gewisse Verdammte in Dantes Hölle
dem Wirbelwind überlieferte, untersucht und dabei erkannt hatte,
dass mein Dasein im ganzen keinen anderen Zweck gehabt habe, als
mich zu demütigen und zu besudeln, entschloss ich mit, den Henkern
zuvorzukommen und selbst die Folterungen an mir zu vollziehen. Ich
wollte mitten in den Leiden, Unsauberkeiten und Todesängsten leben und
bereitete mich vor, eine Stelle als Krankenpfleger zu suchen und zwar
im Hospital der Frères Saint-Jean-de-Dieu zu Paris. Dieser Gedanke kam
mir am Morgen des 29. April, nachdem ich einer alten Frau mit einem
Totenkopf begegnet war. Als ich nach Hause kam, fand ich auf meinen
Tisch "Seraphita" aufgeschlagen; auf der rechten Seite zeigte ein
Holzsplitter auf diesen Satz:

"Tut für Gott, was ihr für eure ehrgeizigen Pläne tun würdet; was ihr
tut, wenn ihr euch einer Kunst widmet; was ihr getan habt, als ihr ein
Wesen mehr als ihn liebtet; oder als ihr ein Geheimnis der menschlichen
Wissenschaften verfolgtet! Ist Gott nicht die Wissenschaft selbst...."

Am Nachmittag erhielt ich die Zeitung "L'Eclair", und--welcher
Zufall!--das Hospital der Frères Saint-Jean-de-Dieu wird zweimal im
Text genannt.


Am 1. Mai las ich zum erstenmal in meinem Leben, "Wie man Magier wird"
von Peladan.

Peladan, mir bis heute ein Unbekannter, erscheint wie ein Gewitter,
eine Offenbarung des höheren Menschen, des Nietzscheschen Übermenschen,
und mit ihm hält der Katholizismus seinen feierlichen und sieghaften
Einzug in mein Leben.

Ist "der da kommen soll", in der Person Peladans gekommen? Der
Dichter-Denker-Seher, ist er es, oder sollen wir noch eines andern
warten?

Ich weiss es nicht; aber nachdem ich diese Vorhallen zu einem neuen
Leben überschritten habe, beginne ich am 3. Mai dieses Buch zu
schreiben.

Am 5. Mai besucht mich ein katholischer Priester, ein Konvertit.

Am 9. Mai sehe ich Gustav Adolf in der Asche des Kamins.

Am 14. Mai las ich in Peladan: "An Zaubereien zu glauben, war gut
gegen das Jahr tausend; beim Nahen des Jahres zweitausend stellt ein
Beobachter fest, das mancher Mensch die verhängnisvolle Eigenschaft
besitzt, dem, der ihn verletzt, Unglück zu bringen. Du verweigerst ihm
eine Bitte, und deine Geliebte betrügt dich; du machst ihn schlecht,
und du musst das Bett hüten; alles Böse, was du ihm antun willst,
wendet sich in verstärktem Masse gegen dich.--Tut nichts, der Zufall
wird dieses unerklärliche Zusammentreffen erklären; der Zufall genügt
dem Determinismus des Modernen".

17. Mai.--Ich las von dem Dänen Jörgensen, der sich zum Katholizismus
bekehrt hat, eine Schrift über das Kloster Beuron.

18. Mai.--Ein Freund, den ich seit sechs Jahren nicht gesehen habe,
ist soeben nach Lund gekommen und zieht in das Haus, in dem ich wohne.
Man denke sich meine Bewegung, als ich erfahre, dass er sich soeben
zum Katholizismus bekehrt hat. Er leiht mir das römische Gebetbuch,
da ich meins vor einem Jahr verloren habe; als ich die lateinischen
Kirchenlieder wieder lese, fühle ich mich zu Hause.

27. Mai.--Nachdem wir mehrere Male über die Mutterkirche gesprochen
haben, hat mein Freund an das belgische Kloster, in dem er getauft
worden ist, einen Brief geschrieben und um einen Ruhesitz für den
Verfasser dieses Buches gebeten.

28. Mai.--Ein Gerücht läuft um, Annie Besant sei katholisch geworden;
aber es wird nicht bestätigt.


Ich warte noch auf die Antwort des belgischen Klosters.

Wenn dieses Buch gedruckt sein wird, werde ich die Antwort empfangen
haben. Und dann? Darauf?--Ein neuer Spass der Götter, die laut
auflachen, wenn wir heisse Tränen weinen?

Lund, 3. Mai bis 25. Juni 1897



Epilog.


Ich hatte dieses Buch zuerst mit dem Ausruf beendet: "Welcher
Schwindel, welcher traurige Schwindel ist das Leben!"

Nachdem ich aber etwas nachgedacht hatte, fand ich den Satz unwürdig
und strich ihn.

Aber die Unschlüssigkeit hörte nicht auf, und ich nahm meine Zuflucht
zur Bibel, um die ersehnte Aufklärung zu erhalten.

Dies hat es mir geantwortet, das heilige Buch, das mehr als jedes
andere mit wunderbaren prophetischen Eigenschaften ausgestattet ist:

"Ich will mein Angesicht wider ihn setzen, dass er zum Zeichen und
Sprichwort werden soll, und ich will ihn aus meinem Volk roden, dass
ihr erfahren sollt, Ich sei der Herr.

"Wo aber ein Prophet sich betören lässt, etwas zu reden, den habe Ich,
der Herr, betörtet, und will meine Hand über ihn ausstrecken, und ihn
aus meinem Volk Israel roden." (Hesekiel 14, 8/9.)

Das also ist die Gleichung meines Lebens: ein Zeichen, ein Beispiel, um
andern zur Besserung zu dienen; ein Sprichwort, um zu zeigen, wie eitel
Ruhm und Ehre sind; ein Sprichwort, um die Jugend aufzuklären, wie man
nicht leben darf, ein Sprichwort, ich, der ein Prophet zu sein glaubte,
und sich als Betrüger entlarvt sieht.

Nun, der Ewige hat diesen Betrüger-Propheten verleitet, aufzutreten und
zu sprechen, und der falsche Prophet fühlt sich unverantwortlich, da er
die Rolle gespielt hat, die ihm auferlegt wurde.

Hier ist, meine Brüder, ein Menschenschicksal unter so vielen andern;
gebt zu, dass das Leben eines Menschen ein Schwindel scheinen kann!


Warum ist der Verfasser dieses Buches auf eine so ausserordentliche Art
bestraft worden? Man lese das Mysterium, das dem Text vorangeht. Es ist
vor dreissig Jahren geschrieben worden, bevor der Verfasser etwas von
den Ketzern, die "Stedinger" heissen, wusste. Papst Gregor IX. tat sie
1232 in den Bann, wegen ihrer satanistischen Lehre: "Lucifer, der gute
Gott, von "dem andern" verjagt und abgesetzt, wird zurückkehren, wenn
sich der Usurpator, Gott genannt, durch seine elende Regierung, seine
Grausamkeit und Ungerechtigkeit bei den Menschen verächtlich gemacht
und von seiner eigenen Unfähigkeit überzeugt haben wird".

Der Fürst dieser Welt, der die Sterblichen zu Lastern verurteilt
und die Tugend durch das Kreuz und den Scheiterhaufen, durch
Schlaflosigkeit und Alpdrücken züchtigt, wer ist er? Der Henker, dem
wir überliefert sind, für unbekannte oder vergessene Verbrechen, die
wir in einer andern Welt begangen haben!

Und die Zuchtgeister Swedenborgs? Schutzengel, die uns vor geistigen
Übeln bewahren!

Welche babylonische Verwirrung!

Augustinus hat es für unklug erklärt, am Dasein von Dämonen zu zweifeln.

Thomas von Aquino hat verkündet, Dämonen riefen Gewitter und
Blitzschläge hervor, und diese Geister könnten ihre Macht den Händen
der Sterblichen anvertrauen.

Papst Johannes XXII. Beklagt sich über unerlaubte Kunstgriffe
seiner Feinde: die quälten ihn, indem sie seine Porträts mit Nadeln
zerstachen. (Behexung.)

Luther ist der Ansicht, dass alle Unfälle, Knochenbrüche, Einstürze,
Feuersbrünste, die meisten Krankheiten von Teufeln herrühren, die ihr
Spiel treiben.

Luther geht noch weiter und spricht die Ansicht aus, gewisse Menschen
hätten ihre Hölle schon in diesem Leben gefunden.

Habe ich also mit gutem Vorbedacht mein Buch "Inferno" getauft?

Wenn der Leser meine Ansicht als zu pessimistisch in Zweifel zieht,
lese er meine Lebensgeschichte: "Der Sohn einer Magd, Die Entwicklung
einer Seele, Die Beichte eines Toren".

Wer dieses Buch für eine Dichtung halten sollte, möge mein Tagebuch
vergleichen, das ich seit 1895 Tag für Tag geführt habe und von dem
dieses Buch nur eine ausgeführte und geordnete Bearbeitung ist.



Legenden 1897--1898



eigne ich dieses Buch zu, indem ich mir zu gleicher Zeit ihre Nachsicht
für die Sünden der Indiskretion erbitte, die ich darin aus ehrlicher
Absicht und zu lobenswertem Zweck begangen habe. Es wird ihre Sache
sein, mich freizusprechen oder zu verurteilen, und mir kommt nur zu,
sie um Verzeihung zu bitten, falls ich wehgetan habe.

Der Verfasser. #/



Erster Teil



1.

Der besessene Teufelsbeschwörer.


Gejagt von den Erinnyen, wurde ich schliesslich im Dezember 1896 in
der kleinen Universitätsstadt Lund in Schweden festgehalten. Eine
Anhäufung kleinbürgerlicher Häuser um eine Domkirche, ein palastartiges
Universitätsgebäude und eine Bibliothek, bildet die Stadt eine
Zivilisations-Oase in der grossen südschwedischen Ebene.

Ich muss den raffinierten Scharfsinn bewundern der mir diesen Ort zum
Gefängnis ausersehen hat. Von den "Eingeborenen" in Schonen wird die
Universität Lund sehr geschätzt, aber für einen Mann vom Norden, wie
ich es bin, ist der Umstand, dass man hier lebt, ein Zeichen, dass man
heruntergekommen ist.

Ferner für mich, der ich hoch in den Vierzigern stehen, zwanzig Jahre
lang verheiratet gewesen bin, mich an ein regelmässiges Familienleben
gewöhnt habe, ist es eine Demütigung, eine Relegation, auf den
Umgang mit Studenten angewiesen zu sein; Junggesellen, die einem
ausschweifenden Kneipenleben ergeben und wegen ihrer oppositionellen
Denkart bei den väterlichen Autoritäten der Akademie mehr oder weniger
schlecht angeschrieben sind.

Gleichaltrig und einst Kamerad der Professoren, die mich jetzt nicht
mehr kennen, werde ich gezwungen, meine Gesellschaft bei den Studenten
zu suchen, also die Rolle eines Feindes der Alten und der angesehenen
Gesellschaftskreise zu übernehmen.

Heruntergekommen, das ist das rechte Wort. Und warum? Weil ich es
verschmähte, mich den Gesetzen des Gesellschaftslebens und der
Familiensklaverei zu unterwerfen. Aus eine heilige Pflicht habe ich den
Kampf für die Aufrechterhaltung meiner Persönlichkeit betrachtet, ob
diese nun gut oder schlecht sein mag.

In Acht erklärt, scheel angesehen, von Vätern und Müttern als ein
Verführer der Jugend verflucht, bin ich in eine Lage versetzt, die an
die der Schlange im Ameisenhaufen erinnert, um so mehr als ich infolge
von Geldverlegenheit die Stadt nicht verlassen kann.

Geldverlegenheit! Das ist nun mein Schicksal seit drei Jahren, und ich
kann es nicht erklären, wie es kommt, dass alle Quellen versiegt sind,
nachdem aller Vorrat erschöpft war. Vierundzwanzig Theaterstücke von
meiner Hand, jetzt aufgelegt im Winkel, und kein einziges wird mehr
gespielt; ebenso viele Romane und Erzählungen und kein Band ist in
neuer Auflage herausgekommen. Alle Versuche, eine Anleihe aufzunehmen,
sind gescheitert und scheitern noch immer. Nachdem ich alles verkauft
hatte, was ich besass, zwang die Not mich schliesslich, die Briefe zu
verkaufen, die ich Laufe der Jahre empfangen habe, das heisst fremdes
Eigentum!

Diese unveränderliche Armut scheint mir so deutlich auf einer
besonderen Absicht zu beruhen, dass ich sie schliesslich gutwillig
hinnehme, als einen Bestandteil meiner Sündenbusse, und nicht mehr
Widerstand zu leisten suche.

Was mich selbst betrifft, für mich als freien Schriftsteller hat die
Mittellosigkeit nichts zu bedeuten, aber nicht für den Unterhalt meiner
Kinder sorgen zu können, das ist die reine Schande.

Nur zu denn mit der Schande! Nur zu mit der Schmach! Nur zu mit dieser
Hölle! Ich gebe der Versuchung nicht nach, die falsche Ehre mit meinem
Leben zu bezahlen!

Gefasst auf alles, leere ich entschlossen bis auf den Grund die
äusserste der ausserordentlichen Demütigungen; und man gebe acht, wie
meine Sühneleiden anfangen.

Wohlerzogene Jünglinge aus wohlhabenden Familien bringen mir eines
Nachts eine Katzenmusik im Korridor. Ich nehme sie entgegen wie etwas
Wohlverdientes und ohne mich zu rühren.

Ich will eine möblierte Wohnung mieten. Die Vermieter sagen nein unter
durchsichtigen Vorwänden, und die abschlägige Antwort wird mir ins
Gesicht geworfen. Ich mache Besuche und werde nicht angenommen. Nur
Kleinigkeiten!

Was dagegen meine Seele geisselt, ist die erhabene Ironie, die sich
in dem unbewussten Benehmen meiner jungen Freunde offenbart, wenn sie
mir Mut einflössen wollen, indem sie Lobreden auf meine literarische
Laufbahn halten: "so fruchtbar an befreienden Ideen" usw.! Und ich
habe eben diese sogenannten Ideen auf den Kehrrichthaufen geworfen;
die Träger dieser Ansichten sind also meine Gegner geworden! Ich führe
Krieg mit meinem alten Ich; indem ich meine Freunde und meine früheren
Gesinnungsgenossen bekämpfe, schlage ich mich selbst zu Boden.

Das ist gut arrangiert; und als Dramatiker muss ich die prächtige
Komposition in dieser Tragikomödie bewundern. Wahrhaftig, eine gut
gemachte Szene.

Da sich aber die alten und neuen Ansichten während dieser Epoche des
Übergangs so kreuzen, dass sie sich verstricken, nimmt man es nicht so
genau mit einem Alten, wie ich es bin, lauscht nicht so ernsthaft auf
meine Argumente, sondern fragt mich lieber nach Neuigkeiten in der Welt
der Ideen.

Ich schliesse ihnen den Vorhof zum Isistempel auf und sage voraus, dass
der Okkultismus im Anzuge ist. Da tobt man und säbelt mich nieder,
indem man die Waffen benutzt, die ich selbst während zwanzig Jahre
gegen Aberglauben und Mystizismus geschmiedet habe.

Da diese Debatte immer in Kneipen bei unmässigem Verbrauch vom Saft
der Traube gehalten werden, vermeidet man in heftigen Wortwechsel
zu geraten, und ich gewöhne mich daran, nur Tatsachen und wirkliche
Fälle zu erzählen, indem ich die Maske eines aufgeklärten Skeptikers
anlege. Es kann gewiss nicht gesagt werden, dass man Widerwillen gegen
alles Neue hat, im Gegenteil; aber man ist konservativ geworden, das
es das Ideal gilt, das man sich durch Streit erkämpft hat; man ist
nicht geneigt zu desertieren, noch weniger einen Glauben abzuschwören,
der durch Bluttaufe teuer bezahlt worden ist. Es kommt also mir zu,
zwischen dem Naturalismus und dem Supernaturalismus eine Brücke zu
schlagen, indem ich verkündige, dass der letzte nur eine Entwicklung
des ersten ist.

Zu diesem Zweck stelle ich das Problem auf, eine, wie eben angedeutet,
natürliche und wissenschaftliche Lösung für alle unerklärlichen
Erscheinungen zu geben, die uns auf den Leib gerückt sind. Ich
zerspalte meine Persönlichkeit und zeige der Welt den naturalistischen
Okkultisten, erhalte aber aufrecht in meinem Innern und pflege den Keim
zu einer konfessionslosen Religion. Oft gewinnt die exoterische Rolle
die Oberhand; ich mische meine beiden Naturen so durcheinander, dass
ich über meinen neuerworbenen Glauben lachen kann; das trägt dazu bei,
dass meine Theorien sich bei den widerspenstigen Gemütern einschleichen
können.

Der Dezember vergeht träge und furchtbar düster unter einem
dunkelgrauen rauchigen Himmel. Obgleich ich bei Swedenborg Aufklärung
über die Art meiner Leiden gewonnen habe, kann ich mich nicht dazu
bringen, mich auf einmal unter die Hand der Mächte zu beugen. Mein
Hang, Einwendungen zu machen, erhebt sich, und ich will immer noch die
eigentliche Ursache nach aussen verlegen und sie in der Bosheit der
Menschen suchen. Tag und Nacht von "elektrischen Strömen" angegriffen,
welche die Brust zusammenklemmen und ins Herz stechen, verzichte ich
auf meine Folterkammer und besuche das Wirtshaus, wo ich Freunde
treffe. Aus Furcht, nüchtern zu werden, trinke ich; das ist das einzige
Mittel, um nachts schlafen zu können. Aber Ekel und Schamgefühl, im
Verein mit der friedlosen Unruhe, nötigen mich damit aufzuhören, und
einige Abende gehe ich in das Café der Temperänzler, das den Namen
"Das blaue Band" trägt. Doch, ich werde ängstlich vor der Gesellschaft,
die man dort trifft. Bläulichblasse und abgequälte Gesichter,
unheimliche und böse Augen, und ein Schweigen, das nicht der Friede von
Gott ist.

Wenn alles zusammen kommt, ist der Wein eine Wohltat und die
Enthaltsamkeit eine Züchtigung. Und ich kehre nach dem halbnüchternen
Wirtshaus zurück, ohne dort die Grenzen zu überschreiten, nachdem ich
mich selbst mit Teeabenden gestraft habe.

Weihnachten steht vor der Tür und ich sehe dem Fest der Kinder
mit einer kühlen Bitterkeit entgegen, die ich kaum mit dem Namen
Resignation ehren will. Seit sechs Jahren habe ich alles leiden müssen
und bin nun gefasst auf alles.

Einsam und in einem Hotel! Nun, das ist ja lange mein Alp gewesen,
und ich habe mich daran gewöhnt. Es sieht aus, als ob alles, was ich
verabscheue, mir vorbehalten wäre.

Inzwischen ist die Vertraulichkeit zwischen mir und dem Freundeskreise
so gross geworden, dass man anfängt mir sein Herz auszuschütten.
Die Sache ist die: Während der letzten Monaten sind so manche Dinge
geschehen.... So?

So manche ungewöhnliche, unerwartete Dinge....

--Lass hören!

Man erzählt mir: das Haupt des revoltierenden Jugendschwarms, der
freieste Freidenker, der neulich aus einer Kuranstalt für Alkoholisten
gekommen ist und das Gelübde der Nüchternheit abgelegt hat, sei jetzt
bekehrt worden, so dass er geradezu....

--Nun, was?

--Busspsalmen singt.

--Unglaublich!

In der Tat hatte der junge Mann, der mit einer nicht gewöhnlichen
Intelligenz ausgerüstet war, gegenwärtig seine Aussichten dadurch
verdorben, dass er die an der Universität herrschenden Ansichten heftig
angegriffen hatte, eingeschlossen den Missbrauch starker Getränke. Bei
meiner Ankunft hielt er sich etwas abseits auf Grund seiner Mässigkeit,
doch war er es, der mir Swedenborgs "Arcana coelestia" lieh, die er aus
der Bücherei seines Elternhauses nahm. Und ich erinnere mich jetzt:
nachdem ich angefangen hatte die Arbeit zu lesen, setzte ich ihm
Swedenborgs Theorien auseinander und schlug ihm vor, den Propheten zu
lesen, um Licht zu erhalten; er aber unterbrach mich mit einer Gebärde
des Entsetzens.

--Nein! Ich will nicht! Nicht jetzt! Später!

--Ist dir bange?

--Ja, für den Augenblick!

--Aber nur als literarische Kuriosität?

--Nein!

Ich glaubte anfangs, er scherze, später aber wurde mir klar, dass es
voller Ernst gewesen war.

Also scheint es eine allgemeine Erweckung zu sein, die durch die Welt
geht, und ich brauche nicht zu verbergen, wie es mir geht.

--Sag mir, alter Junge, kannst du nachts schlafen?

-Nicht gerade viel! Siehst du, wenn ich wach liege, kommt mein ganzes
verflossenes Leben und passiert Revue; alle Dummheiten, die ich
begangen habe, alle Leiden und alles Unglück zieht vorbei, aber vor
allem die Dummheiten. Und wenn die Reihe zu Ende ist, beginnt sie
wieder von neuem!

--Auch du also!

--Auch?

--Ja! Das ist die Krankheit der Zeit! Man nennt das Gottes Mühle!

Bei dem Worte Gott grinst er und erwidert:

--Ja, es ist eine komische Zeit, in der wir leben; die verkehrte Welt.

--Oder der Wiedereintritt der Mächte!


Die Weihnachtstage sind zu Ende. Meine Tischgesellschaft hat sich
infolge der Ferien in die Umgebung von Lund zerstreut. Da kommt eines
Morgens mein Freund, der Arzt, mein Psychiater, und zeigt mir ein
Schreiben, in dem uns unser Freund der Dichter in sein Elternhaus, ein
Gut wenige Meilen von der Stadt, einladet.

Ich weigere mich mit hinauszufahren, da ich Reisen verabscheue.

--Aber er fühlt sich unglücklich.

--Was ist ihm denn?

--Schlaflosigkeit; du weisst, er hat wieder gekneipt....

Ich schütze eine dringende Arbeit vor, und die Frage bleibt
unentschieden. Am Nachmittag berichtet ein neues Schreiben, dass der
Dichter krank ist und um den ärztlichen Rat seines Freundes bittet.

--Wie ist es jetzt mit ihm?

--Er ist nervös, Neurastheniker, und glaubt sich verfolgt....

--Von Dämonen?

--Nicht gerade, aber jedenfalls....

In einem Anfall von Galgenhumor, hervorgerufen, durch das Gefühl,
Genossen im Unglück zu haben, lasse ich mich bestimmen, mitzufahren.

--Nun, dann machen wir uns auf den Weg; du besorgst die Medizin und ich
treibe den Teufel aus.

Übrigens denke ich diese Lustfahrt mit meinen Ausflügen zu kombinieren,
die ich mache, um Schonen zu studieren.

Als die Sache abgemacht ist, packe ich meine Reisetasche; wie ich
die Hoteltreppe hinuntergehe, werde ich unvermutet von einer Frau
angesprochen.

--Verzeihen Sie, sind Sie Doktor Norberg?

--Nein, das bin ich nicht, antworte ich nicht gerade zu höflich, da ich
glaubte es mit einer Dirne zu tun zu haben.

--Können Sie mir sagen, wieviel die Uhr ist? Fuhr sie fort.

--Nein!

Und ich räume das Feld.

Wie wenig merkwürdig diese Szene auch war, die hinterliess doch einen
beunruhigenden Eindruck bei mir.

Am Abend bleiben wir in einem Dorf, um dort die Nacht zuzubringen. Ich
war gerade in mein Zimmer gekommen, eine Treppe hoch, und hatte mich
etwas säubern können, als das gewöhnliche Geräusch sich über mir hören
liess; man schleppt Möbel und macht Tanzschritte.

Dieses Mal begnüge ich mich nicht mit Verdacht, sondern klettre in
Gesellschaft meines Kameraden die Bodentreppe hinaus, um mir Gewissheit
zu verschaffen. Aber dort oben ist nichts Verdächtiges zu finden, da
niemand über meinem Zimmer unter den Dachpfannen wohnt.

Nachdem wir die Nacht schlecht geschlafen haben, setzen wir die Fahrt
fort und befinden uns einige Stunden später im Elternhaus des Dichters,
der hier beinahe als ein verlorener Sohn religiöser Eltern, guter und
redlicher Mensch, erscheint. Der Tag vergeht unter Spaziergängen in
einer schönen Landschaft und unschuldigen Gesprächen. Der Abend senkt
sich herab und bringt einen unbeschreiblichen Frieden in eine häusliche
Umgebung, in der der Arzt und ich uns gänzlich verloren vorkommen, er
noch mehr als ich, da er Atheist ist.

Spät am Abend ziehen wir uns in das Zimmer zurück, das dem Doktor und
mir angewiesen ist. Als ich etwas zu lesen suche, bekomme ich die
"Magie des Mittelalters" von Viktor Rydberg in die Hand. Immer dieser
Schriftsteller, dem ich ausgewichen bin, so lange er lebte, und der
mich nach seinem Tod verfolgt!

Ich blättere in dem Buche, und der Blick heftet sich auf die Stelle
über Incubi und Succubi. Der Verfasser glaubt an so etwas nicht und
zieht den Teufelsglauben ins Lächerliche.

Aber ich kann nicht lachen; die Lektüre erregt bei mir Anstoss, und ich
beruhige mich bei dem Gedanken, das der Verfasser jetzt seine Ansicht
geändert haben dürfte!

Indessen ist das Lesen solcher unheimlichen und magischen Dinge nicht
geeignet, Schlaf hervorzurufen, und eine gewisse Unruhe in den Nerven
macht sich vernehmbar. Deshalb wird der Vorschlag, zusammen nach
dem Bequemlichkeitshäuschen zu gehen, angenommen als eine heilsame
Zerstreuung und eine hygienische Einleitung für die Nacht, vor der ich
Furcht habe.

Mit einer Laterne versehen, streben wir über den Hof, wo bei einem
wolkigen Himmel die Skelette der bereiften Bäume unter der neckischen
und launenhaften Windsbraut krachen.

--Ich glaube, ihr fürchtet euch vor eurem eigenen Schatten, lacht der
Arzt verächtlich.

Keiner antwortet, denn die Windstösse versuchen uns auf eine ganz
persönliche Weise umzuwerfen, stellen uns ein Bein, reissen uns am
Haar, heben den Rockschoss auf.

Angekommen an Ort und Stelle, die neben dem Stall und unter dem
Heuboden lag, werden wir von einem Lärm über unsern Köpfen begrüsst
und--seltsam--es ist genau das Geräusch, das mich seit einem halben
Jahr verfolgt.

--Horch! Hört ihr etwas?

--Ja, es sind Leute oben, die dem Vieh Futter geben! antwortet der
Dichter.

Ich will die Tatsache nicht leugnen, warum aber gerade in dem
Augenblick, da ich eintrete? Und wie kommt es, dass das Unwesen überall
dieselben akustischen Formen annimmt? Es muss unbedingt jemand sein,
ein Unsichtbarer, der diese Katzenmusik für mich anstellt; es ist keine
Gehörshalluzination, da die anderen dieselbe physische Wahrnehmung
haben wie ich.

Als wir ins Schlafzimmer zurückgekommen sind, wird dennoch nichts aus
der Ruhe. Der Dichter, der sich den ganzen Tag ruhig verhalten hat, dem
die Eltern ein Bodenzimmer zum Schlafen angewiesen haben, macht den
Anfang damit, unruhig auszusehen, und gesteht schliesslich ein, dass er
sich nicht getraut allein zu schlafen, weil der Alp ihn reite.

Ich trete ihm mein Lager ab und darf statt dessen über einen grossen
Saal nebenan verfügen, der mit einem ungeheuren Bett versehen ist.

Der ungeheizte Saal, ohne Rouleaux und fast unmöbliert, lastet auf
meinem Gemüt mit einem Unbehagen, das beständig durch die Feuchtkühle
vermehrt wird.

Um mich zu zerstreuen, suche ich nach Büchern und finde auf einem
kleinen Tisch die Bibel mit Gustae Dores Illustrationen sowie eine
Sammlung Andachtsbücher. Da erinnere ich mich, dass ich in ein
religiöses Haus eingedrungen bin, dass ich der Freund des verlorenen
Sohnes und ein Verführer der Jugend bin. Welche demütigende Rolle für
einen achtundvierzigjährigen Mann. Wie erniedrigend!

Und ich verstehe das Leiden des jungen Mannes, der zwischen tugendhafte
und fromme Menschen eingesperrt ist. Das muss dieselbe Pein sein wie
für den Teufel, die Messe zu besuchen. Und um den Dämon mit dem Dämon
zu vertreiben, bin ich hierher eingeladen; ich bin gekommen, um durch
Befleckung diese reine Luft zum Einatmen möglich zu machen, da der
junge Mann sie nicht ertragen kann.

Unter derartigen Gedanken bin ich zu Bett gegangen. Der heilige Schlaf
war früher meine letzte und treueste Zuflucht, deren Erbarmen mir
niemals mangelte. Jetzt hat der Tröster in der Nacht mich im Stich
gelassen und das Dunkel erschreckt mich.

Die Lampe ist angezündet, und Stille herrscht nach dem Sturm. Da weckt
ein unbekannter surrender Laut meine Aufmerksamkeit und reisst mich
aus dem Halbschlaf. Und ich werde gewahr, wie oben im Saale ein Insekt
hin und her fliegt. Was mich aber wundert, ist, dass ich die Art
nicht kenne, obgleich ich in der Insektenkunde zu Hause bin und mir
schmeichle, alle Zweiflügler in Schweden auswendig zu können. Und dies
ist kein Schmetterling, kein Seidenspinner und auch keine Motte, es ist
eine Fliege, schwarz, länglich, aber mit einem Tonfall ausgerüstet,
der dem einer Gallwespe oder eines Nachtfalters gleicht. Ich stehe auf,
um Jagd darauf zu machen; Fliegenjagd zu Ende Dezember! Sie macht sich
unsichtbar.

Ich will wieder unters Laken kriechen und mich in meine Betrachtungen
versenken.

Aber das fliegt das verdammte Tier unter dem Kopfkissenbezug hervor;
nachdem es nun meinen Bett Ruhe und Wärme entlehnt hat, lenkt es seinen
Flug kreuz und quer. Ich lasse das Geschöpf gewähren, sicher, dass ich
es bald an der Lampe fange, wohin die Flamme es schon locken wird.

Dieser Augenblick lässt nicht auf sich warten, und sobald die Fliege
innerhalb des Lampenschirmes gekommen ist, versengt ein Streichholz
ihre Flügel so, dass der Friedensstörer seinen Totentanz aufführt und
sich leblos auf den Rücken legt. Durch den Augenschein überzeuge ich
mich davon, dass es ein unbekanntes zweiflügliges Insekt ist, keine
zwei Zentimeter lang, schwarz mit zwei feuerroten Punkten auf den
Flügeln.

Was war das? Ich weiss es nicht, aber am nächsten Tage gebe ich den
andern Gelegenheit das Dasein der toten Fliege zu bestätigen.

-Eine Hexe! Wirft der Doktor hin.

-Die lebendig verbrannt worden ist!

Indessen, nach bewerkstelligtem Autodafé schlafe ich ein.

Mitten in der Nacht werde ich von Wimmern und Zähneklappern geweckt,
das aus dem Zimmer nebenan tönt. Ich zünde ein Licht an und gehe
hinein. Mein Freund, der Arzt, hat sich mit dem halben Körper aus dem
Bett geworfen und windet sich, ein Raub schrecklicher Konvulsionen, den
Mund weit geöffnet; er zeigt mit einem Wort alle Symptome der grossen
Hysterie, wie sie in Charcots Abhandlung beschrieben sind, und zwar in
einem Grade, dass er ein Bild von dem Stadium gibt, das Besessenheit
genannt wird. Und er, ein Mann von hervorragender Intelligenz und gutem
Herzen, nicht lasterhafter als andere, gut gewachsen, mit regelmässigen
und angenehmen Gesichtszügen, ist nun so entstellt, dass er dem Bilde
eines Teufels des Mittelalters gleicht.

Entsetzt wecke ich ihn auf.

--Hast du geträumt, alter Junge?

--Nein! Es war nur ein Anfall von Alpdrücken!

--Incubus!

--Ja, wahrhaftig! Es war jemand, der drückte mir die Lungen zusammen.
Etwas im selben Stil wie ... "angina pectoris".

Ich reiche ihm ein Glas Milch; er zündet eine Zigarre an, und ich gehe
in meinen Saal zurück.

Aber nun ist es für mich mit dem Schlafen vorbei. Was ich gesehen
hatte, war zu furchtbar, und bis zum Morgen setzen meine Kameraden
ihren Strauss mit dem Unsichtbaren fort.

Man trifft sich beim Frühstück, und die Geschehnisse der Nacht werden
ins Lächerliche gezogen. Aber unser Wirt lacht nicht; welchen Umstand
ich der religiösen Denkart zuschreibe, die ihm Achtung vor den
verborgenen Mächten lehrt.

Die schiefe Stellung, in der ich mich befinde, zwischen den Alten, die
ich billige, und den Jungen, die zu tadeln ich kein Recht habe, lässt
mich auf die Abreise dringen.

Als wir vom Tisch aufstehen, bittet der Herr des Hauses, den Arzt um
eine besondere Konsultation, und sie ziehen sich für eine halbe Stunde
zurück.

--Was fehlt dem Alten?

--Er kann nicht schlafen! Nächtliche Herzaffektionen....

--Also er auch! Der gerechte und fromme Mann! Das ist also eine
Epidemie, die keinen verschont.

Ich will nicht verhehlen, dass dieser Umstand mich aufrichtete, und
gleich nahmen der Aufruhrgeist und die Zweifelsucht meine Seele wieder
in Besitz. Die Dämonen herausfordern, den Unsichtbaren trotzen und
zuletzt unterjochen! Das war die Losung, die ich mir gab, als ich diese
gastfreie Familie verliess, um meine beabsichtigten Ausflüge in Schonen
zu machen.


Am selben Abend in der Stadt Höganäs angelangt, nehme ich mein
Abendessen im grossen Speisesaal des Hotels ein; dabei habe ich einen
Zeitungsmann zur Gesellschaft. Sowie wir uns zu Tisch gesetzt haben,
lässt sich das übliche Poltern über meinem Kopfe hören; und um mich
gegen die Mangelhaftigkeit meiner eigenen Wahrnehmung zu sichern, lasse
ich die Erscheinung von dem Zeitungsmann beschreiben; der bezeugt deren
Wirklichkeit.

Als wir nach beendeter Mahlzeit hinausgingen, stand die unbekannte
Frau, die mich vor der Abreise von Lund angesprochen hatte, ganz
unbeweglich draussen vor dem Portal und liess mich und meinen Begleiter
vorbeidefilieren.

Da vergesse ich die Dämonen und die Unsichtbaren und verfalle von
neuem auf die Vermutung, dass ich von sichtbaren Feinden verfolgt
bin. Aber im nächsten Augenblick widerlege ich diese Annahme, indem
ich mich an meinen unvorhergesehenen Besuch beim Schuhmacher in Malmö
erinnere; auch in jener Nacht, als wir nach dem Stallgebäude gingen,
war unmöglich eine überlegte Intrige anzunehmen.

Die schrecklichen Zweifel sitzen fest und höhlen mir das Gehirn aus,
erhitzen mein Blut und flössen mir Ekel vor dem Leben ein.

Doch die Nacht hat mir eine Überraschung vorbehalten, die mich mehr
erschreckt als die letzten Tage zusammengenommen.

Ermüdet von der Reise gehe ich um elf Uhr zu Bett. Alles ist still im
Hotel und kein Poltern vernehmbar. Mein Mut wächst, und ich falle in
einen tiefen Schlaf, um nach einer halben Stunde von einem Lärm und
Gepolter, das im Zimmer über dem meinen ist, geweckt zu werden. Es
scheint mindestens eine Stiege junger Leute zu sein, die singen, auf
den Boden stampfen, Stühle hin und her schieben.

Dies wilde Leben währt bis zum Morgen!

Warum ich nicht beim Wirt Klage führe? Weil es mir im Laufe meines
Lebens nie gelungen ist, recht zu bekommen. Dazu geboren und
vorherbestimmt, unrecht zu bekommen, habe ich aufgehört, mich zu
beklagen.

Am Morgen setze ich meine Reise fort, um die Steinkohlegruben, bei
Höganäs zu besehen. Im selben Augenblick, wie ich ins Wirtshaus
eintrete, um ein Fuhrwerk zu bestellen, beginnt der gewöhnliche
Hexensabbath oben. Unter einem Vorwand, ich erinnere mich jetzt nicht,
welcher, steige ich eine Treppe hinauf. Ein grosser Saal, der leer ist,
ist alles, was ich dort finde.

Da die Gruben nicht vor zwölf Uhr besehen werden dürfen, lasse ich
mich nach einem Fischerort einige Meilen nördlich fahren, von wo die
Aussicht über den Sund sehr berühmt ist.

Als der Wagen durch den Schlagbaum vor dem Dorfe fährt, fühle ich
auf einmal meinen Brustkorb von hinten zusammengeklemmt, ganz als ob
jemand mir seine Knie in den Rücken stemme, und die Illusion ist so
vollständig, dass ich mich umwende, um den Feind, der hinten aufsitzt,
in Augenschein zu nehmen.

Da erhebt ein Schock Krähen ein entsetzliches Geschrei und fliegt
über den Kopf des Pferdes; das scheut, bäumt sich, spitzt die Ohren
und schwitzt grosse Tropfen. Es kaut am Zaum, und der Fuhrmann muss
abspringen, um das Tier zu beruhigen.

Ich frage, warum das Pferd so unvernünftig bange würde, aber die
Antwort steht in dem Blick zu lesen, den der Fuhrmann auf die Krähen
richtet, die gleich einer Wolke uns noch einige Minuten folgen. Es ist
eine ganz natürliche Begebenheit, aber von schlimmer Art und nach dem
Volksglauben ein schlechter Vorbote!

Nach zwei Stunden Wegs ohne Nutzen für meine Studien, weil ein Nebel
die Aussicht über den Sund verschliesst, fahren wir in das Dorf Mölle
hinein. Entschlossen, die Bergspitze von Kullen zu Fuss zu besteigen,
verabschiede ich den Kutscher und lasse ihn im Wirtshaus meine Rückkehr
abwarten.

Als ich die Bergwanderung beendigt habe, komme ich in das Dorf zurück
und lenke meine Schritte nach der Gastwirtschaft. Aber mir fehlt die
Ortskenntnis und ich suchen einen Einwohner, um mich hin zu fragen.
Nicht ein lebendes Wesen ist zu sehen, weder auf den Strassen noch
anderswo. Ich klopfe an die Türen; keine Antwort. Am Vormittag um elf
Uhr in einem Dorf von zweihundert Einwohnern nicht ein Mann, nicht
eine Frau, nicht ein Kind, nicht einmal ein Hund! Und der Kutscher,
das Pferd, der Wagen wie weggeblasen. Ich irre in den Gassen umher
und finde nach einer halben Stunde die Gastwirtschaft. Sicher, meinen
Fuhrmann dort zu haben, bestelle ich Frühstück; nachdem ich gegessen
habe, bitte ich es dem Kutscher anzusagen.

--Welchem Kutscher?

--Meinem!

--Ich habe keinen gesehen!

--Haben Sie nicht einen Wagen bemerkt, von einem rotbraunen Pferde
gezogen und von einem dunklen Kutscher gefahren?

--Nein, das habe ich nicht.

--Und ich habe ihn doch hierher ins Wirtshaus bestellt.

--Dann sitzt er wohl im Ausspann nebenan.

Das Mädchen bezeichnet den Weg, und ich setze mich in Gang.

Doch, ich bin nicht imstande, den Krug zu finden, und ich gehe irre,
so dass ich nicht wieder zurück nach meinem Wirtshaus finde. Und kein
Mensch zu sehen! Da werde ich bange! Bange am hellen Tage! Dieses Dorf
ist verhext!

Ich vermag mich nicht mehr zu rühren, sondern stehe, wo ich stehe, wie
festgekettet. Was nützt das Suchen, da der Teufel einen Finger im Spiel
hat?

Nach sieben Sorgen und acht Betrübnissen kommt endlich der Kutscher,
und ich schäme mich, ihm meine Verdriesslichkeiten zu offenbaren oder
ihm Erklärungen abzufordern, die nichts erklären.

Wir sind nach Högandäs zurückgefahren. Vor der Hoteltreppe fällt das
Pferd plötzlich zur Erde, als habe jemand vor der Tür gestanden und es
erschreckt.

Jetzt lasse ich mich über den Weg nach den Steinkohlengruben
unterrichten; dieses Mal gewiss, mein Ziel nicht zu verfehlen, gehe ich
zu Fuss die fünf Minuten Wegs, die man mir angewiesen hat. Ich gehe und
gehe zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, geradeaus
aufs ebene Land, ohne eine Spur von Gebäuden oder Schornsteinen zu
erblicken, die auf eine Grube hinweisen können. Die angebaute Ebene
streckt sich in Unendlichkeit aus; nicht eine Hütte, niemand zum Fragen.

Das ist der Böse, der mir diesen boshaften Schabernack spielt! Und ich
bleibe stehen wie festgeleimt, erblindet, ohne einen Schritt vorwärts
oder rückwärts machen zu können.

Schliesslich kehre ich ins Dorf zurück, nehme ein Zimmer und ruhe mich
auf einem Sofa aus.

Nach einer Viertelstunde werde ich aus meinen traurigen Gedanken
durch ein Unwesen geweckt. Diesmal klopft man mit einem Hammer Nägel
ein. Kleingläubig, was die Klopfgeister anbetrifft, schreibe ich
die Erscheinung auf Rechnung böswilliger Leute oder eines mehr als
gewöhnlich grossen Pechs. Ich klingele, bezahle was ich schuldig bin
und begebe mich auf den Bahnhof.

Drei Stunden warten! Das ist viel, wenn man ungeduldig ist, aber es
gibt keine Wahl. Als ich zwei Stunden auf einer Bank hingebracht habe,
geht eine gutgekleidete und hübsche Frauensperson an mir vorbei, um in
den Wartesaal erster Klasse einzutreten. In der Art dieser Dame sich zu
bewegen und in ihrem ganzen Wesen lag etwas, das bei mir unbestimmte
Erinnerungen weckte; neugierig, wie sie von vorn aussieht, bewache
ich die Tür, um mir die Dame anzusehen, wenn sie wieder vorbeikommt.
Nachdem ich lange gewartet habe, gehe ich in den Wartesaal hinein.

Niemand ist drinnen zu sehen; und keine andere Tür ist da; kein
Toilettenzimmer. Und Doppelfenster setzen der Möglichkeit, auf andere
Weise zu entkommen, ihr Halt entgegen.

Bin ich geblendet? Gibt es Menschen, die mit der Fähigkeit ausgerüstet
sind, einem das Gesicht zu verkehren? Kann man sich unsichtbar machen?
Das sind ungelöste Fragen, die mich zur Verzweiflung bringen. Bin ich
verrückt? Nein, die Ärzte sagen, es sei nicht der Fall. Da kann man an
Wunder glauben. Ich bin ein Verdammter, ich befinde mich in der Hölle,
wenn man Swedenborg glauben darf, und die Mächte strafen mich, rastlos,
unbarmherzig. Die Geister, die ich heraufbeschwöre, haben keine Lust,
wieder in die Flasche zu kriechen, von der ich das Insiegel genommen
habe.

Der Abend desselben Tages, in einem guten Hotel erster Klasse der
Stadt Malmö. Ich gehe um zehn Uhr zu Bett. Um halb elf fängt man an
im Korridor Holz zu spleissen, ohne dass jemand seine Unzufriedenheit
darüber äussert; und zwar in einem kontinentalen Hotel voller
Reisender. Danach wird getanzt! Später dreht man an einer Maschine mit
Räderwerk ... Ich stehe auf, bezahle die Rechnung und beschliesse meine
Reise die ganze Nacht fortzusetzen.

Mutterseelenallein draussen in der kalten Januarnacht, gehe ich
und schleppe meine Reisetasche, ermüdet und erschöpft, unter einem
pechschwarzen Himmel. Einen Augenblick halte ich es für das Beste, mich
in den Schnee zu legen und zu sterben. Aber im nächsten Moment sammle
ich meine Kräfte und biege in eine öde Hinterstrasse ein, wo ich ein
anspruchsloses Hotel antreffe. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass
niemand mich auskundschaftet, schleiche ich durch das Tor hinein.

Ohne mich auszukleiden, strecke ich mich auf dem Bett aus, fest
entschlossen, mich lieber töten als zum Aufstehen bringen zu lassen.

Totenstille herrscht im Hause und der liebliche Schlaf nähert sich. Da
höre ich plötzlich, wie eine unsichtbare Tatze an der Papierbekleidung
der Decke gerade über meinem Kopfe kratzt. Es kann keine Maus sein, da
das lose gespannte Papier sich nicht bewegt; und übrigens ist es eine
ziemlich grosse Tatze, wie von einem Hasen, einem Hund!

Bis zum Tagesgrauen erwarte ich, in Schweiss gebadet, die Klauen in
meiner Haut zu fühlen, aber vergebens, denn selbst die Angst ist
quälender als der Tod.

Warum ich nicht krank werde nach solchen Peinigungen?

Weil ich das Leiden bis auf die Hefe leeren muss, um das Gleichgewicht
zwischen den begangenen Missetaten und der auferlegten Strafe wieder
herzustellen. Und es ist wirklich merkwürdig, wie ich die Qualen
auszuhalten vermag; ich verschlinge sie mit grimmiger Freude, um
endlich ein Ende mit ihnen zu machen.



2.

Die Trostlosigkeit breitet sich aus.


Als Neujahr und die unzähligen Feiertage überstanden sind, finde ich
mich eines Tages allein. Es ist, als ob ein Orkan dahergezogen wäre:
alle sind zerstreut, fortgeblasen, schiffbrüchig. Mein Freund der
Arzt ist als krank ins Lazarett aufgenommen. Tatsächlich hat er, von
Trunksucht geschwächt, von Geldmangel bedrängt, von Schlaflosigkeit
aufgerieben, schliesslich "Neurasthenie" bekommen. Das ist
herzzerreissend; und statt ins Wirtshaus zu gehen, lenke ich nun meine
Schritte ins Lazarett, um für eine Stunde Zwiegespräch und Gesellschaft
zu suchen.

Im Café bin ich der einzige, der ein Glas trinkt, da drei von den
Kameraden das Gelübde der Nüchternheit abgelegt haben. Der Dichter
ist fortgereist. Der junge Ästhetiker, der Sohn des Professors der
Ethik, ist ins Ausland geschickt, um von dem schlechten Umgang mit dem
Verführer der Jugend (das bin ich!) loszukommen.

Ein Doktor der Philosophie hat sich das Bein gebrochen und liegt zu
Bett. Gleichzeitig wird der junge Chemiker, der Bannerträger der
Fortschrittsmänner, krank und muss auf Neurasthenie behandelt werden.
Es ist Schlaflosigkeit, ein Anfall von Alpdrücken und Schwindel gewesen.

Alle diesen traurigen Umstände und andere haspeln sich im Laufe von
anderthalb Monaten ab. Und was meine Lage unerträglich macht, ist, dass
man mehr oder weniger direkt die Schuld auf mich schiebt. Ich bin der
Böse selbst, ich habe den bösen Blick! Es ist nur gut, dass man über
die Macht des bösen Willens und die heimlichen Finten des Okkultismus
nichts weiss und den Gedanken daran verwirft, denn sonst würde man mich
totschlagen.

Eine flache und trübe Stille hat sich über das geistige Leben an
der Universität gebreitet. Nicht eine neue zeugungskräftige Idee,
keine Gärung und Bewegung! Die Naturwissenschaften haben die
transformistische Methode, die Fortschritt versprach, abgenutzt, und
sie drohen nun an allgemeiner Schwäche zu sterben. Man diskutiert
nicht mehr, weil man einig ist, dass die reformatorischen Bestrebungen
eitel sind. Man hat so viele Illusionen stürzen sehen, und die grosse
Befreiungsaktion ist jetzt in eine allgemeine Auflösung oder vielmehr
Zersetzung übergegangen.

Die Jugend wartet auf etwas Neues, ohne sich noch klar gemacht zu
haben, was sie ersehnt. Neues um jeden Preis, ausgenommen Abbitte
und Rückzug. Vorwärts zu dem Unbekannten, was es auch sei, wenn es
nur nicht etwas Altes ist. Man will freilich eine Versöhnung mit
den Göttern, aber es sollen umgeschaffene sein, besser entwickelte
Götter, die auf gleicher Höhe mit der Gegenwart stehen, Götter von
weitherziger Auffassung, frei von kleinlichen Vorurteilen, berauscht
von Lebensglück. Leider aber sind die Unsichtbaren krittlig geworden,
neidisch auf die Freiheiten, welche die Sterblichen sich erworben
haben. Der Wein ist vergiftet worden und verursacht wilde Verrücktheit,
statt liebliche Visionen hervorzurufen. Die durch Gesellschaftsbande
geregelte Liebe erweist sich als ein Zweikampf auf Leben und Tod; die
freie Liebe führt im Schlepptau unnennbare und endlose Krankheiten,
bringt Elend über die Heimstätten, stösst ihre Opfer schimpfbeladen vom
Verkehr aus.

Die Epoche eines Experimentiergeistes ist abgelaufen und die
Experimente haben lauter negative Resultate ergeben. Um so besser für
die Menschen der Zukunft: die werden Nutzen ziehen aus den heilsamen
Lehren, die sie aus der Niederlage der Vorhut holen können, welche in
der Wüste irre gegangen und in einem hoffnungslosen Kampf gegen die
Übermacht gefallen ist.

Einsam, wie ich bin, schiffbrüchig, ein Wrack, das auf eine Schäre
im Ozean geworfen worden ist, habe ich Augenblicke, in denen ich von
Schwindel vor dem blauenden Nichts ergriffen werde. Ist es der Himmel,
der einen Widerschein von dem ausgebreiteten Tuche des Meeres trägt,
oder das Meer, das den Himmel spiegelt?

Ich habe die Menschen geflohen, und die Menschen fliehen mich.
In meiner ersehnten Einsamkeit werde ich von einer ganzen Schar
Dämonen heimgesucht, und wenn alles zusammen kommt, fange ich doch
an den geringsten unter den Sterblichen den interessantesten Schemen
vorzuziehen. Aber wenn ich einen Menschen suche, während der langen
Abende, durch die ganze Stadt, treffe ich keinen, weder bei sich zu
Hause noch in den Cafés.

Da, mitten in meiner schicksalbestimmten, unvermeidlichen Armut sendet
die Vorsehung einen Mann auf meinen Weg, ja einen Mann, dessen Vater
ich früher missachtet hatte, sowohl wegen seiner mangelhaften Erziehung
wie wegen seiner radikalen Ansichten, die ihn von den besseren
Gesellschaftskreisen ausschlossen .... Jetzt kam die Vergeltung: ich
hatte den Vater geschmäht, trotzdem er ein reicher Mann war, und ich
werde geradezu gezwungen, mit dem Sohn fürlieb zu nehmen. Hier muss
hinzugefügt werden, dass der junge Mann in der Stadt ebenso schlecht
angeschrieben ist, wie ich, ebenso isoliert, weil er die Rolle eines
Verführers der Jugend spielt. Und das Unglück bringt uns dazu, eine
wahrhaftige Freundschaft zu knüpfen.

Er ladet mich ein, bei sich zu wohnen, er streckt mir Existenzmittel
vor, er wacht über mich wie über einen Kranken; und in der Tat hat
die Verfolgung mich verleitet, in einem Hotel Skandal zu erregen: ich
wollte in ein Zimmer neben dem meinen eindringen, überzeugt, dort
Feinde zu finden, die mich beunruhigten. Wenn ich noch einen Tag in
diesem Hotel gewohnt hätte, würde die Polizei sich eingemischt haben,
und eine Zukunft im Irrenhause wäre mir sicher gewesen.

Zur selben Zeit bringt das Auftreten eines andern jungen Mannes mich zu
der Überzeugung, dass die Götter nicht unversöhnlichen Groll gegen mich
nähren.

Ein richtiges Wunderkind, geboren mit frühreifer Einsicht in alle
Zweige des menschlichen Wissens, wohl erzogen von einem gelehrten und
sittlich hoch stehenden Vater, wurde der junge Mann vor zwei Jahren von
einer ganz geheimnisvollen Krankheit ergriffen, deren Einzelheiten er
mir zu dem Zweck offenbarte, meine Meinung zu erfahren oder vielmehr
die Bestätigung seines eigenen Argwohns zu hören.

Genug, der junge Mann, der ein reines Jünglingsleben gelebt und
die strengsten Grundsätze eingesogen hat, tritt unter günstigen
Verhältnissen hinaus ins Leben, von seinen Altersgenossen beschützt
und beliebt wohin er kommt. Aber eines Tages begeht er eine Handlung,
die ihm sein Gewissen bestimmt verbietet. Nichts ist seitdem imstande
ihn zu beruhigen. Nach langer Zeit geistiger Tortur unterliegt
auch sein Körper. Gleichzeitig erreicht seine Seelenkrise eine
erschreckende Höhe. Jeden Tag konstatiert er einen neuen Fortschritt
eines eingebildeten Übels, und schliesslich macht er die Qual
der Agonie durch. Darauf glaubt er tot zu sein; er hört in allen
Wohnungen des Hauses Särge zunageln. Wenn er die Zeitung liest--sein
Verstand ist nämlich dauernd klar--erwartet er die Anzeige seines
eigenen Begräbnisses zu sehen. Gleichzeitig erleidet sein Körper eine
Scheinauflösung mit Leichengeruch, der seine Umgebung von seinem Bett
schreckt und ihn selbst zum Schaudern bringt. Eine Veränderung in
der Persönlichkeit selbst scheint vor sich gegangen zu sein, da der
junge Mann, der auf seine Weise religiös gesinnt war, nun von Zweifeln
angefochten wird.


Eine Wahrnehmung, die er im Gedächtnis behielt, war, dass seine
Umgebung stets wachsbleiche oder blaue Gesichter hatte. Und wenn er
aufgestanden war, um die Leute auf der Strasse zu betrachten, schienen
ihm alle Passanten blau im Gesicht zu sein. Was ihm ferner Entsetzen
einflösste, war, dass sich unten auf der Strasse eine unendliche Reihe
von Bettlern, zerlumpten Kerlen, gebrechlichen beinlosen Krüppeln
auf Krücken an seinem Fenster vorbei schleppten, als seien sie
zusammengerufen worden, um Revue zu passieren. Während der ganzen Zeit
behielt der Kranke den Eindruck, dass die Wirklichkeit von dem, was er
sah, über jeden Zweifel erhaben war; daneben aber wurde er gezwungen,
eine symbolische Bedeutung hineinzulegen. Jedes Buch, das er öffnete,
enthielt direkte Mahnungen an ihn.

Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, frage er, was ich von der
Sache denke.

--Etwas Halbwirkliches, eine Reihe Visionen, von jemand
heraufbeschworen, zu bewusstem Zweck. Eine lebende Scharade, aus der
die Nutzanwendung zu ziehen Ihnen zukommt. Nun, wie wurden Sie geheilt?

--Es ist recht lächerlich, aber ich will es Ihnen gestehen. Früher
hatte ich immer in Opposition zu meinen Eltern gestanden, die mich mit
unermüdlicher Fürsorge für Leib und Seele umgaben; jetzt aber beuge ich
schliesslich den Nacken unter das Joch, das mir lieblich und wohltuend
geworden, da es von ungeheuchelter Liebe abgemessen war. So wurde ich
geheilt.

--Und haben Sie nie einen Rückfall gehabt?

--Doch! Ein einziges Mal! Aber von der gelindesten Art. Eine Zeitlang
unbedeutende Nervosität und Schlaflosigkeit, die vor den einfachsten
medizinischen Verhaltensmassregeln wich. Aber dieses Mal hatte ich mir
auch nichts vorzuwerfen.

--Und was hat Ihnen der Arzt verordnet?

-Ordentlich zu leben, nachts zu schlafen und Ausschweifungen zu
vermeiden.

--Das ist ja ganz der Weg des Kreuzes!


Nun bin ich also nicht mehr einsam und verlassen; der junge Gelehrte
scheint mir als ein Bote von den Mächten gekommen zu sein, ich kann ihm
alles anvertrauen; und indem wir vergleichen, was wir erlebt haben,
stützen wir einander gegenseitig auf dem schmalen Pfad im Tal der
Schmerzen.

Auch er getroffen in jungen Jahren!

Alle Menschen gewaltsam aus dem Schlaf gerissen!

Es ist also eine allgemeine Erweckung, und was bezweckt sie?



3.

Erziehung.


Swedenborg, mein Wegweiser in der Finsternis, hat sich nur als
Bestrafer offenbart. Die "Arcana Coelestia" sprechen nur von der
Hölle und von Strafen, die vollzogen werden von bösen Geistern, das
heisst Teufeln. Nicht ein Wort des Trostes, keine Gnade. Und doch
ward ja der Teufel in meiner Jugend abgeschafft, alle lachten über
ihn; und durch die Ironie des Zufalls bereitet man sich gerade jetzt
dazu, das Jubiläum des Philosophen Boström zu begehen, der die Hölle
niederriss und den Teufel vernichtete. Zu diesem Denker sah man in
meiner Jugend wie zu einem Reformator auf, und jetzt rüstet sich
der Teufel zu einer Renaissance für sich. Er ist in die Erzeugnisse
der sogenannten satanischen Literatur geschlüpft, in die schönen
Künste an die Seite von Christus, ja sogar in die Industrie. Letzte
Weihnacht habe ich bemerkt, dass die Geschenke meist kleine Teufel und
Gespenster vorstellten, sowohl die Spielsachen der Kinder wie komische
Gegenstände, welche die älteren für einander kaufen, Zuckerwerk,
Kontorkalender. Gibt es ihn noch, oder ist er nur ein halb wirkliches
Schreckbild, das von den Unsichtbaren projiziert wird, um einen starken
Eindruck auf uns zu machen? Uns zum Kreuze hinzustossen? Eine Antwort
darauf zu finden, war mir noch nicht gelungen, als man mich an einem
trüben Abend zu einem Bildhauer führt, der Freidenker und Atheist ist,
wie die theosophische Gesellschaft, deren Anhänger er ist. Bei ihm kann
man eine Privatsammlung von Gegenständen in Ton sehen, die für die
Stockholmer Ausstellung bestimmt sind.

Mit abstossendem Realismus und Cynismus ist da der Teufel in
verschiedenen Situationen dargestellt, immer in Verbindung mit einem
Priester, dem vor ihm bange ist.

Das ist ein Lachen! Aber ich, ich kann nicht lachen und denke: warte,
wir werden sehen!

Nach Verlauf von vier Monaten begegne ich dem Bildhauer auf der Strasse.

Er sieht betrübt aus, als sei ihm etwas Unangenehmes widerfahren.

--Können Sie sich solch ein verdammtes Pech denken: man hat drei meiner
besten Figuren zerschlagen, als man sie auf der Ausstellung auspackte.

Das ist etwas, was mich ausserordentlich interessiert, und in demselben
Augenblick, in dem ich das Unglück beklage, frage ich mit einer fast
schmählichen Neugier:

--Und welche von Ihren Statuetten waren es?

--Die drei mit dem Teufel, so viel ich weiss. Ich lache nicht, aber
antworte lächelnd:

--Da sehen Sie, Lucifer kann Karikaturen nicht leiden!

Einige Wochen später hat der Bildhauer ein neues Schreiben erhalten,
in dem man ihm mitteilt, dass die anderen Figuren von ihrem Sockel
gefallen und in Stücke zerschlagen sind, ohne dass die Verwaltung
erklären kann, wie es zugegangen ist. Mithin hat der arme Künstler ein
Jahr verloren, die Herstellungskosten nicht gerechnet, und er sieht
sich aus dem Verzeichnis der Aussteller gestrichen.

In seiner Untröstlichkeit tröstet er sich mit dem Zufall, der nichts
besagt; zugleich rettet der jedoch den menschlichen Stolz, welcher vor
dem blinden Ungefähr die Knie beugt. Man senkt den Kopf vor dem Stein,
der von der Schleuder geflogen kommt: aber der Schleuderer selbst?
Einen solchen hat man nicht gesehen.


Inzwischen bekomme ich nach und nach Swedenborgs Arbeiten in die
Hände, eine nach der anderen, und immer in einem günstigen Augenblick.
So treffe ich in seinen "Träumen" alle Symptome der "Krankheit" an,
die mich heimsucht, die nächtlichen Anfälle, die Atemnot. Und die
Tatsachen, die in diesen seinen Aufzeichnungen erzählt werden, gehören
in die Zeit vor den Offenbarungen. Das war für Swedenborg die Periode
der "Verwüstung", als er dem Satan überliefert wurde, damit das Fleisch
getötet werde.

Das gibt mir Klarheit über die wohlwollenden Absichten des
Unsichtbaren, ohne mir jedoch Trost bringen zu können. Erst nachdem ich
"Himmel und Hölle" gelesen habe, fange ich an mich erbaut zu fühlen.
Es gibt einen Zweck in diesen unerklärlichen Leiden: die Verbesserung
und Entwicklung meines Ichs zu etwas Grösserem, Nietzsches erträumtem
Ideal, wiewohl anders aufgefasst.

Den Teufel gibt es nicht als ein selbständiges Wesen, das Gott gleich
und sein Widersacher ist. Der Unsichtbare, der uns plagt, ist der
Zuchtgeist. Viel ist schon gewonnen mit der Einsicht, dass das Böse
um des Bösen willen nicht existiert; und von neuem wird die Hoffnung
geboren, dass man durch Reue und gewissenhafte Überwachung der eigenen
Gedanken und Handlungen zum Frieden des Herzens kommen kann.

Und da ich beobachte, was sich im täglichen Leben zuträgt, wird eine
neue Erziehung wirksam, und ich lerne nach und nach die konventionellen
Zeichen deuten, die von den Unsichtbaren benutzt werden. Doch sind die
Schwierigkeiten gross infolge meines Alters und der eingewurzelten
schlechten Gewohnheiten; auch bin ich durch eine gewisse Nachgiebigkeit
zu sehr geneigt, mich meiner Umgebung anzupassen. Es hält so schwer,
zuerst von einem fröhlichen Gelage aufzubrechen; ich bin ein
"schlechter Kamerad", wenn ich meinen Willen Freunden, denen ich
verpflichtet bin, aufzwingen will. Aber man muss auf dieser Welt alles
lernen.

So hatte ich mir angewöhnt, nach dem Mittagessen, das ich um zwei
einnehme, beim Kaffee sitzen zu bleiben; und eines Tages Anfang Februar
sitze ich da, mit dem Rücken gegen die Aussenwand. Man hat begonnen,
die Frage zu erörtern: sollen wir uns eine halbe Flasche Punsch leisten?

Im selben Augenblick kommt eine unmittelbare Antwort in Form eines
Lärms, der hinter meinem Rücken so stark ausbricht, dass die
Kaffeetassen auf dem Tablett hüpfen.

Man kann sich denken, was ich für ein Gesicht machte! Einer von den
Freunden steht auf, um nachzusehen, was los ist. Es ist etwas ganz
Einfaches: ein Arbeiter bessert den Mauerputz draussen aus.

Wir setzen uns in ein besonderes Zimmer. Sofort bricht ein neues
Poltern über meinem Kopfe aus, oben auf dem Boden. Ich erhebe mich und
fliehe vom Schlachtfeld. Von dieser Stunde bleibe ich niemals nach dem
Mittagessen beim Kaffee sitzen, ausgenommen an Feiertagen.

Am Abend dagegen kann ich ein Glas mit den Freunden trinken, da es sich
nicht so sehr ums Trinken handelt, als um Gedanken austauschen mit
kenntnisreichen Leuten, die alle Zweige der Wissenschaft vertreten.
Aber manchmal geschieht es, dass die reine Trunksucht überhand nimmt
und eine zügellose Fröhlichkeit sowie Vorschläge in cynischer Richtung
zur Folge hat; dann bricht die schlimmere Natur in einem durch, die
brutalen Instinkte nehmen sich freien Spielraum. Es ist so bequem, eine
Weile Tier zu sein, und übrigens ist das Leben nicht immer lustig ...
und so weiter im selben Sinne.

Eines Tages, nachdem ich einige Zeit an stürmischen Trinkgelagen
teilgenommen habe, bin ich auf dem Wege zu meinem Mittagstisch. Ich
gehe an einem Beerdigungsinstitut vorbei, wo ein Sarg ausgestellt ist.
Die Strasse ist mit Fichtenzweigen bestreut und die grosse Glocke des
Doms läutet Totengeläut. Als ich ins Restaurant komme, finde ich meinen
Tischkameraden in Betrübnis: er ist gerade vom Krankenhaus gekommen,
wo er von einem Sterbenden Abschied genommen hat.

Als ich nach dem Mittagessen durch Hinterstrassen, in denen ich noch
nicht gewesen bin, nach Hause gehe, begegne ich zwei Leichenzügen.

Wie alles heute nach Tod riecht! Und der Kirchturm fängt wieder an mit
Totengeläut.

Als ich am Abend durch den Torweg in die Kneipe zu gehen beabsichtige,
sehe ich einen alten Mann an der Mauer stehen, der sichtlich betrunken
und krank ist. Um nicht mit ihm zusammenzustossen, mache ich einen
Umweg und begebe mich in den Speisesaal. Mein Katzenjammer von gestern
und die Begräbniseindrücke im Laufe des Tages flössen mir eine
heimliche Furcht vor Spirituosen ein, so dass ich Milch zum Abendessen
bestelle.

Während der Mahlzeit erschallt im Hause ein Lärm, der mit ängstlichen
Rufen gemischt ist, und nach einer kleinen Weile trägt man den Alten
vom Torweg in Prozession herein, der Sohn des Verschiedenen an der
Spitze. Der Vater ist gestorben. Ein gib acht für den Trinker!

In der folgenden Nacht bekam ich einen schrecklichen Anfall von
Alpdrücken. Jemand klammerte sich fest an meinem Rücken an und
schüttelte mich an den Schultern.

Dies genügte mir, um mich im nächtlichen Trinken vorsichtig zu machen,
ohne dass ich jedoch ganz davon abstand.

Ende Januar bin ich in eine Privatwohnung umgezogen und sehe immer
meinem Geschick ins Auge, ohne meine Zuflucht zu der Zerstreuung
nehmen zu können, die in der Gegenwart eines Freundes liegt. Es ist
ein Zweikampf, und zu entschlüpfen ist nicht möglich! Wenn ich abends
nach Haus komme, erfahre ich sofort, wie es um mein Gewissen steht.
Eine erstickende Atmosphäre auch wenn die Fenster aufgemacht werden,
verkündet eine schwere Nacht. Es gibt Abende, da ich überzeugt bin,
dass ich jemand in meinem Zimmer befindet. Dann bekomme ich infolge der
furchtbaren Angst Fieber mit kaltem Schweiss und wenn ich mein Gewissen
untersuche, finde ich augenblicklich, wo der Schuh drückt. Aber ich
fliehe nicht mehr, weil es nichts nützt.


Unter den Lektionen, welche die Zuchtgeister mir geben, wage ich eine
nicht zu vergessen, nämlich das Verbot, in verborgenen Dingen zu
forschen; denn diese sollen verborgen bleiben.

So hatte ich auf meinen Ausflügen in Schonen eine Art an
verschiedenen Stellen befindlicher Steine von eigentümlicher und sehr
charakteristischer Form bemerkt. Sie gaben nämlich entweder Tiertypen
wieder, besonders Vögel, oder Hüte, Helme. Es fanden sich auch andere,
mit Rillen, welche die Widmannstättenschen Figuren auf Meteorsteinen
nachahmten.

Ohne mir ganz klar darüber zu sein, woher deren Ursprung herzuleiten
wäre, erhielt ich den Eindruck, dass es nicht "ein Spiel der
Natur" sei. Ihre Gestalt gab an, dass sie Kunsterzeugnisse seien,
hervorgegangen und bearbeitet von Menschenhand.

Zwei Jahre lang setzte ich die Jagd nach ihnen fort; nachdem ich einen
Freund für die Sache interessiert habe, sage ich ihm einen Fundort,
damit er einen Photographen dorthin schickt.

Die Expedition missglückte, und ein Jahr später entdeckte ich, dass die
Adresse unrichtig war.

Jedesmal, wenn ich seitdem eigensinnig diese Untersuchung fortsetzen
will, stellen sich Hindernisse ein, die zu merkwürdig sind, als dass
ich sie dem Zufall auf Rechnung setzen könnte.

So, um nur ein Beispiel anzuführen, habe ich eines Morgens beschlossen,
mit einem Altertumsforscher einen Ausflug zu machen, um die Frage mit
einem einzigen lange vorbereiteten Schlag zu entscheiden. Da passiert
es mir, dass auf der Strasse vor meiner Tür eine Zwecke in meinem
Stiefel losgeht und mich in den Fuss sticht. Anfangs kümmere ich mich
nicht darum, als ich aber an die Wohnung des Begleiters gekommen bin,
wird der Schmerz so heftig, dass ich stehen bleiben muss. Unmöglich,
weiter zu gehen; kein Ausweg, umzukehren! Wütend ziehe ich in meinem
Verdruss den Stiefel aus und mache die Zwecke mit einem Messer
glatt. Eine dunkle Erinnerung an meine Swedenborg-Lektüre ruft mir
in einem Augenblick folgende Stelle zurück: "Wenn die Zuchtgeister
eine schlechte Handlung sehen oder _die Absicht, etwas Unrechtes zu
tun, so strafen sie durch einen Schmerz im Fuss_, in der Hand oder
in der Gegend des Zwerchfells." Aber aufgestachelt wie ich war von
Wissbegierde, die ich für zulässig und lobenswert hielt, setzte ich den
unterbrochenen Weg fort und schloss mich alsbald meinem Kameraden an.

Die Exkursion soll in einer Grotte, die im Park liegt, anfangen. Aber
der Eingang ist durch Schmutzhafen scheusslichster Art versperrt;
auf eine so herausfordernde oder vielmehr ironische Weise sind sie
dahingelegt, dass ich lächeln muss.

Die andere Fundstelle, die ich gut kenne, ist in einem Garten, wo
Steinblöcke um einen Baum gruppiert sind, an die man leicht heran gehen
kann. Aber diesen Morgen hat der Gärtner den Baum und die Altertümer
durch einen Ring von Blumentöpfen so abgesperrt, dass ich meinem
gelehrten Begleiter nichts zeigen kann. Ein schönes Fiasko!

Doch durch die Hindernisse gereizt, schleppe ich meinen Mann, der
anfängt, sich zweifelnd zu stellen, quer durch die Stadt nach einem
Hof, wo ein ganzes Museum zusammengebracht ist. Dort wird wohl der
Ausschlag gegeben werden, und ich erwarte ein Resultat, das geeignet
ist, verblüfft zu machen. Wir werden sogleich von einem der schlimmsten
Köter begrüsst; als wir ihn anschnauzen, werden die Einwohner des
Hauses auf den Hof gelockt; wir müssen unser Anliegen hervorbrüllen, um
den bellenden Hofhund überschreien zu können. Es ist ein geschlossenes
Gitter rings herum angebracht, und man kann den Schlüssel nicht finden!

--Gibt es noch mehr Stellen? Fragt mich der Altertumsforscher, der mich
bereits verachtet.

--Ja, die gibt es, aber ausserhalb der Stadt!

Ich will den Leser nicht mit Lappereien ermüden; genug, nach mehr oder
minder ärgerlichen Irrfahrten kommen wir endlich zu einem solchen
Haufen Steine. Aber welche Hexerei: ich konnte dem gelehrten Manne
nichts zeigen, weil er nichts sah; auch ich selbst, wie mit Verblendung
geschlagen, vermochte nicht mehr in ihrer Gestalt etwas wie Abbildung
organischer Wesen zu unterscheiden.

Am folgenden Tage dagegen, als ich mich wieder an die Stelle begeben
hatte, dieses Mal allein, sah ich eine ganze Menagerie.

Die Erzählung dieses Abenteuers mag geschlossen werden, indem ich
auf die Beschaffenheit dieser Überreste einer präadamitischen
Skulptur hinweise. Die Okkultisten leiten nämlich deren Ursprung vom
Menschengeschlecht der Atlaszeiten ab und stellen sie auf dieselbe
Linie wie die Kolossalsteinbilder der Osterinseln und der Wüste Gobi.
Olaus Magnus erwähnt sie auch und hat sie in grosser Menge an der
Küste von Broviken in Ostergötland gefunden. Swedenborg legt ihnen
eine symbolische Bedeutung unter und hält sie für Kunsterzeugnisse
des Geschlechts des silbernen Zeitalters. (Vergleiche "Delitiae
sapientiae".)


Nach dem zu urteilen, was sich in dem begrenzten Kreise, in dem ich
lebe, zeigt, erlauben die Mächte mir nicht, meine Bekanntschaften zu
wählen; noch weniger, jemand zu verschmähen, wer es auch sein mag. Wie
alle anderen werde ich von Sympathien und Vorliebe für gewisse Arten
von Naturen beherrscht. Gegenwärtig suche ich ernst angelegte Menschen,
denen ich meine Gedanken mitteilen kann, ohne mich unpassendem und
verletzendem Scherz auszusetzen. Die Vorsehung hat mir einen Freund
geschickt, den ich wegen seiner reinen Atmosphäre hochachte. Gleich
einem verzogenen Kind fange ich an die andern, ungekünstelte Seelen
ohne Schwung, die zuweilen Vergnügen an Grobkörnigkeiten finden, zu
missachten.

Aber im selben Augenblick, da ich mich zurückziehe, ist mein Freund
aus der Stadt gereist; die andern kann ich nirgends treffen, und in
meiner Isolierung werde ich genötigt, mich so zu demütigen, dass ich
die Gesellschaft von unbedeutenden Menschen erbettle, mit denen mein
gewöhnlicher Freundeskreis nicht verkehrt. Doch nachdem ich einige
Erfahrungen in dieser Richtung gemacht habe, erneuert sich schliesslich
meine alte Entdeckung, dass der Unterschied zwischen Mensch und Mensch
nicht so gross ist, wie man sich vorgestellt hat; tatsächlich habe ich
unter dem niederen Volk wirkliche Gentlemen getroffen, und wie manchen
Heiligen und Helden habe ich nicht ahnend in der Schar der Verachteten
unterschieden?

Andererseits behauptet man ja: "Schlechte Gesellschaft verdirbt gute
Sitten". Wo gibt es denn die schlechte Gesellschaft? Und wo wäre die
gute?

Angenommen, wie ich getan habe, eine Mission sei mir auferlegt worden,
als ich mich in einer fremden Stadt niederliess, ohne selbst zu wissen
warum, was habe ich hier zu tun? Gute Sitten zu predigen? Mein Gewissen
antwortet mir: durch dein Vorbild. Aber nun nimmt mich niemand zum
Vorbild! Und was würde es nützen, suchte ich junge Männer, die nicht so
viel gesündigt haben wie ich, zu moralisieren?

Übrigens scheint das Zeitalter der Propheten zu Ende zu sein; die
Mächte wollen nichts mehr von Priestern wissen, sonder haben selber die
Regierung über die Seelen wieder aufgenommen; man braucht nicht lange
zu suchen, um Beispiele dafür zu finden.

Einer unserer Dichter ist neulich vor Gericht beschieden worden infolge
einer Sammlung Gedichte, in der man unsittliche Stellen gefunden hat.
Von der Jury freigesprochen, findet er doch keine Ruhe.

In einem der Gedichte hat er den Ewigen zum Ringkampf herausgefordert,
auch wenn der Streit in der Hölle abgemacht werden müsse. Es sieht aus,
als sei die Herausforderung angenommen worden und der junge Mann wie
ein gebrochenes Rohr gezwungen, um Gnade zu bitten.

Eines Abends, als er in der fröhlichen Gesellschaft der Freunde sitzt,
geschieht es, dass eine den exakten Wissenschaften unbekannte Kraft ihm
die Zigarre entreisst, so dass sie zu Boden fällt.

Ein wenig überrascht, nimmt er die Zigarre wieder auf und tut so, als
begreife er nichts. Aber derselbe Streich wiederholte sich drei Male
hintereinander. Da wird der Kleingläubige bleich wie der Tod; ohne
ein Wort zu sagen, räumt er das Feld, während seine Freunde verblüfft
dasitzen.

Bei der Heimkunft wurde der Verwegene von einer neuen Überraschung
erwartet. Ohne sichtbare Ursache begannen seine beiden Hände auf
Art des Masseurs den ganzen Körper, der durch zu fleissiges Trinken
wirklich unnötig beleibt worden war, zu reiben oder richtiger zu
kneten. Diese unfreiwillige Massage wurde ohne Unterbrechung ganze
vierzehn Tage fortgesetzt.

Doch nach Verlauf dieser Zeit hält sich der Ringer für vollständig
erstarkt, um wieder auf der Arena aufzutreten. Er mietet ein Hotel
und ladet seine Freunde zu einem Balthasarfest ein, das drei ganze
Tage dauern soll. Er will nämlich der Welt zeigen, wie der Übermensch
(Nietzsche!) die Dämonen des Weines bezwingen kann. Man hat den ganzen
ersten Tag getrunken, und die Nacht fällt herab, und mit ihr fällt
der Kämpe. Aber ehe er es verloren gibt, nehmen die Dämonen des Weins
diese überlegene Seele in Besitz und flössen ihm eine solch unbändige
Tollheit ein, dass er seine Gäste durch Türen und Fenster hinauswirft.
So endigt das Fest. Worauf der Wirt nach einer Pflegeanstalt gebracht
wird!

So hat man mir das Abenteuer erzählt, und es tut mir leid, es
wiedergegeben zu haben ohne die Tränen, die man dem Unglück schuldig
ist.

Doch der Angeklagte hat einen Verteidiger für seine Sache gewonnen,
einen jungen Doktor, der ihm seinen Beistand im Kampf gegen den Ewigen
anbietet.

Ist es vermessen diese beiden Tatsachen zusammenzuwerfen: der Doktor
plädiert für den Lästerer, und der Doktor bricht sich ein Bein. Hat
der Zufall sein Pferd erschreckt, dass es scheu wurde und den Wagen
umwarf? Ich frage nur. Und wie ging es zu, dass der Doktor, nachdem
er mehrere Monate zu Bett gelegen hatte, "mit zerrissener Hüftsehne"
wieder aufstand; dass sein vorher klarer und fester Blick einen wilden
und sonderbaren Ausdruck angenommen hatte, wie bei einem Menschen, der
seiner selbst nicht mehr mächtig ist?

Brauche ich darauf zu antworten? Wenn man mit einem Ja antwortet, werde
ich die Erzählung bis zum Ende fortsetzen.

Dieser Doktor, ein guter Kerl, einsichtig und ehrlich, kam eines
Tages gegen Ende des Sommers und vertraute mir an, er werde von
Schlaflosigkeit geplagt, und ein seltsames Kitzeln wecke ihn des Nachts
und lasse ihm nicht eher Ruhe, bis er aufstehe. Wenn er eigensinnig
liegen bleibe, stelle sich Herzklopfen ein.

--Nun? Schloss er und erwartete meine Antwort mit einer allzu
deutlichen Unruhe.

--Ganz ebenso war es mit mir! Erwiderte ich.

--Und wie haben Sie Heilung gefunden?

War es Feigheit, oder gehorchte ich einer Stimme in meinem Innern, als
ich antwortete:

--Ich nahm Sufonal.

Sein Gesicht bekam einen Ausdruck der Enttäuschung, aber ich konnte
nichts bei der Sache tun.



4.

Wunder.


Nach drei Monaten sehr strengen Winters machen sich die ersten
Frühlingszeichen bemerkbar. Die erstarrten Menschensinne tauen auf, und
die ausgesäten Samen unter dem Schnee beginnen zu keimen. Es ist so
vieles geschehen, und, statt die unleugbaren Tatsachen als Zufälle und
zufälliges Zusammentreffen von sich zu schieben, beobachtet man sie,
sammelt sie und zieht daraus seine Reflexionen. Anfangs tat man es, um
über seinen eigenen Aberglauben lachen zu können, später erlischt das
Lächeln, und man weiss nicht mehr, was man glauben soll. Es geschehen
Wunder, und zwar alle Tage, aber man tut nicht Wunder nach Belieben.

Eines Tages zur Mittagsstunde gehe ich über den Markt, der für den
Augenblick geräumt ist. Seit langen an Platzfurcht leidend, fürchte ich
mich vor leeren Räumen, und mit einer schlecht verhehlten Ängstlichkeit
gehe ich über offene Plätze. Dieses Mal, da ich müde von der Arbeit
und äusserst nervös bin, macht der Anblick des öden Marktes einen so
quälenden Eindruck auf mich, dass ich eine Verlangen empfinde, "mich
unsichtbar zu machen", um mich neugierigen Augen zu entziehen; ich
senke den Kopf, hefte den Blick auf das Steinpflaster und habe ein
Gefühl, als ob ich mich in mich selbst zusammenrolle, die äusseren
Sinne zuschliesse und die Berührung mit der Aussenwelt abschneide; als
ob ich aufhöre, den Einfluss des umgebenden Milieus zu vernehmen. Und
ohne davon zu wissen, bin ich über den Markt gekommen.

Im nächsten Augenblick werde ich aus einer Gasse hinter mir von zwei
bekannten Stimmen angerufen. Ich bleibe stehen.

--Welchen Weg kamst du?

--Über den Markt!

--Nein! Wie wäre das zugegangen? Wir standen hier ja Posten, um dich zu
treffen und zusammen Mittag zu essen!

--Ich versichere euch....

--Dann hast du dich unsichtbar gemacht?

--Nichts ist unmöglich!

--Für dich wenigstens nicht. Und man erzählt die unglaublichsten
Sachen, die mit dir geschehen sein sollen.

--Ich argwöhne so etwas, da man mich an der Donau gesehen hat, als ich
in Paris war.

Das war wirklich der Fall, aber zu dieser Zeit glaubte ich, es gebe
Visionen ohne eine wirkliche Grundlage.

Und ich warf die Äusserung mehr als einen lustigen Einfall hin.

Am selben Tage nahm ich mein Abendessen allein im kleinen Speisesaal
der Kneipe ein. Ein Mann, den ich nicht kannte, trat herein,
augenscheinlich, um jemand zu suchen. Er bemerkt mich nicht, obgleich
er an allen Tischen nachguckt; und überzeugt, dass er allein im Zimmer
ist, fängt er laut an zu fluchen und laut mit sich selbst zu sprechen.
Um ihn auf die Gegenwart eines Gastes aufmerksam zu machen, klopfe ich
mit der Gabel an ein Glas. Der Fremde macht sofort eine Bewegung und
ist überrascht, jemand im Zimmer zu sehen; er schweigt plötzlich und
hat Eile, sich fort zu begeben.

Von Stund an beginne ich, über die Frage der Dematerialisation zu
grübeln, welche die Okkultisten anerkennen. Und die Beweise folgen
Schlag auf Schlag.

Eine Woche später wird meine Aufmerksamkeit von einem neuen,
sonderbaren Ereignis geweckt. Es war ein Mittwoch, wo der Speisesaal
infolge des Wochenmarktes mit Landleuten vollgepfropft ist. Um dem
Gedränge und der Unbehaglichkeit auszuweichen, hat mein gewöhnlicher
Tischkamerad ein besonderes Zimmer bestellt; da er früher als ich
gekommen ist, erwartet er mich im Vestibül und bittet mich hinauf zu
gehen. Um aber Zeit zu gewinnen, kommen wir überein, den allgemeinen
Butterbrottisch im Saale in Anspruch zu nehmen. Widerwillig marschiere
ich hinter meinem Freund hinein, weil ich die betrunkenen Bauern und
deren Verunglimpfungen scheue. Wir kamen durch den Haufen an den
Butterbrottisch heran, wo sich nur ein, übrigens sehr friedliches,
Individuum befand.

Nachdem wir dort etwas zu uns genommen hatten, wobei ich kein Wort mit
meinem Freunde wechselte, zogen wir uns in unser Zimmer zurück, ich
hinter ihm. An der Tür zeigt sich mein Freund sehr erstaunt, mich zu
sehen.

--Was? Wo kommst du her?

--Vom Butterbrottisch natürlich.

--Ich habe dich dort nicht gesehen; darum glaubte ich, du seist hier
geblieben!

--Hast du mich nicht gesehen? Wir haben ja die Hände über den Schüsseln
gekreuzt.... Kann ich mich denn unsichtbar machen?

--Komisch ist es jedenfalls!

Wenn ich in meiner Erinnerung grabe, bringe ich jetzt geheime Fonds an
den Tag, die bisher ohne Wert für einen Zweifler waren, dessen Gemüt
unter der Beschäftigung mit den exakten Wissenschaften steril geworden
ist. So erinnere ich mich des Morgens meines ersten Hochzeitstages.
Es war ein Wintersonntag, eigentümlich still und unangenehm feierlich
für mich, der sich bereitete, das unreine Junggesellenleben zu
verlassen und sich mit der Frau, die ich liebte, am ehelichen Herd
niederzulassen. Ich fühlte eine Lust, mein Frühstück, das letzte in
meinem Junggesellenleben, ganz allein einzunehmen; zu diesem Zweck ging
ich in ein unterirdisches Café, das in einer unansehnlichen Gasse lag.
Es war ein Kellerraum, mit Gas erleuchtet. Als ich Kaffee-Frühstück
bestellt habe, bemerke ich, dass ich den Blicken einer Gesellschaft
Männer ausgesetzt bin, die augenscheinlich seit dem Abend um die
Flaschen sitzen, gespensterhaft bleich, unmanierlich, nachlässig
gekleidet, heiser und garstig, wie sie nach einer in Ausschweifungen
zugebrachten Nacht sind. Unter der Gesellschaft erkannte ich zwei
Jugendfreunde wieder, die so heruntergekommen waren, dass sie jetzt
weder Haus noch Heim noch eine Beschäftigung besassen, notorische
Taugenichtse, die vielleicht sogar ans Verbrechen streiften.

Es war nicht Hochmut, der mir Ekel davor einflösste, die Bekanntschaft
wieder anzuknüpfen; es war die Furcht, in den Schmutz zurückzufallen;
ich wollte mich nicht in meine Vergangenheit versetzen lassen, denn
ich hatte in ähnliches Stadium durchgemacht. Schliesslich, als der
verhältnismässig Nüchternste von ihnen, zum Abgesandten erwählt,
aufstand, um sich meinem Tisch zu nähern, wurde ich von Entsetzen
ergriffen; fest entschlossen, meine Identität zu verleugnen, wenn es
nötig wäre, messe ich meinen Angreifer mit den Augen; ohne dass ich
weiss, wie es zuging, bleibt er ein kleines Stück vor meinem Tisch
stehen; mit einem albernen Gesichtsausdruck, den ich nie vergessen
kann, bittet er um Entschuldigung und zieht sich auf seinen Platz
zurück. Er würde sicher darauf geschworen haben, dass ich es war, und
doch erkannte er mich nicht wieder.

Dann fängt man an mein Alibi zu erörtern:

--Er ist es, ganz sicher!

--Nein, hol mich der Teufel, er ist es!

Ich räume das Feld, voll Scham über mich selbst, voll Mitleid mit den
Unglücksvögeln, aber in der Tiefe meines Herzens glücklich, einem solch
abscheulichen Dasein entronnen zu sein. Entronnen?!

Abgesehen von der moralischen Seite der Sache bleibt noch das
Wunderbare bestehen, dass man seinen Gesichtsausdruck so verändern
kann, dass man für einen alten Bekannte unerkenntlich wird, dem man das
Jahr über auf der Strasse begegnet und zunickt.


Vor fünf Jahren hatte mir in Berlin ein junges Mädchen aus guter
Familie das Versprechen abgenommen, ihr eines Abends im Theater
Gesellschaft zu leisten. Der Vorschlag gefiel mir nicht, weil ich
vermeiden wollte, die junge Dame zu kompromittieren, und ausserdem
lange Theaterabende mich ermüden. Da es indessen nicht möglich
war, davon loszukommen, begab ich mich zur Zusammenkunft auf ein
verabredetes Trottoir. Ich muss jedoch gestehen, dass ich die hundert
Schritte hin und zurück auf der anderen Seite der Strasse ging, die
indessen ganz schmal war. Ich ging dort eine halbe Stunde, ohne jemand
anzusehen, und fest entschlossen, die Begegnung zu verfehlen. Der
Streich gelang, und ich schlich mich davon.

Am Tage darauf war ich es, der einen Brief mit Vorwürfen absandte. Das
Fräulein antwortete mir verwundert und beteuerte, es sei gekommen und
habe gewartet. Die Sache wurde nicht aufgeklärt.


Früher pflegte ich oft allein auf Jagd zu gehen, ohne einen Hund
mitzunehmen und oft ohne Flinte. Ich wanderte aufs Geradewohl dahin,
es war in Dänemark; als ich auf einer Waldblösse stehen bleibe, taucht
ein Fuchs ganz nah bei mir auf. Er sieht mir ins Gesicht, bei klarem
Sonnenschein, auf zwanzig Schritt Entfernung. Ich stehe unbeweglich
und der Fuchs fährt fort den Boden zu durchschnüffeln, auf Jagd nach
Mäusen. Ich bücke mich, um einen Stein aufzunehmen. Da ist er an der
Reihe, sich unsichtbar zu machen, denn im Nu, ist er verschwunden, ohne
so zu verschwinden, dass ich es sah. Als ich den Boden untersuche,
fand ich keine Spur eines Schlupfloches, auch keinen Busch, der ihn
verbergen konnte. Er war verschwunden, ohne die Läufe zu Hilfe zu
nehmen!

Hier und dort auf den sumpfigen Wiesengründen am Ufer der Donau bauen
oft Reiher ihre Nester, und die Reiher sind äusserst scheue Vögel.
Trotzdem geschah es oft, dass ich sie überraschen konnte, ohne mich
zu verstecken. Und so lange ich mich unbeweglich verhielt, konnte
ich dastehen und sie ansehen. Es kam sogar vor, dass sie über meinen
Kopf flogen. Niemand wollte mir glauben, wenn ich dies erzählte, am
allerwenigsten die Jäger. Daraus schloss ich, dass die Sache ein wenig
übernatürlich sei.

Als ich schliesslich diese Abenteuer meinem Freund, dem Theosophen in
Lund, erzählte, erinnerte er sich einer Begebenheit, zu der er nie den
Schlüssel finden konnte. Ein Arbeiter, den er kannte, besucht ihn und
behauptet, ein antiker Kunstgegenstand sei irgendwo zu verkaufen, und
bittet um einen Vorschuss von fünf Kronen. Nachdem der Mann den Betrag
bekommen hat, ist er wie verschwunden und lässt sich während dreier
Monate nicht wieder treffen.

Eines Sonntagabends ging der Theosoph mit seiner Frau durch eine
Hinterstrasse, als er den Mann ein Stück vor sich auf demselben
Trottoir erblickte. Da habe ich den Burschen endlich!

Der Theosoph lässt den Arm seiner Frau los und beeilt seine Schritte,
als plötzlich der andere verschwunden, verdunstet ist. Da war keine
Tür, kein Fenster, keine Kellerluke, um hineinzuschlüpfen und sich
zu verbergen. Wie gewöhnlich, glaubte der Theosoph das Opfer einer
Hallucination gewesen zu sein, zumal sich keine lebende Seele auf der
Strasse befand; ein Irrtum der Person war also ausgeschlossen.

Dies ist die nackte Tatsache. Eine Erklärung für das Unerklärliche zu
verlangen, ist ein Widerspruch. Wenn man bei einem lebenden Wesen die
Fähigkeit anerkennt, die sichtbaren Lichtstrahlen dazu zu bringen, von
ihrer Richtung abzuweichen, das heisst, die Amplitude der Refraktion
zu verändern, ist etwa in diesem Haufen Worte eine Lösung des Problems
zu finden, dessen Hauptpunkt sich in einem Warum und einem Wie verbirgt?

Bleibt nur übrig, dass es ein Wunder war! Mag es denn für ein Wunder
gelten, bis man besseren Bescheid erhält; und während wir warten, lasst
uns Tatsachen sammeln, ohne sie zu widerlegen zu suchen.



5.

Meines kleingläubigen Freundes Drangsale.


Grosse Verlegenheit empfinde ich, da ich daran soll, meines Freundes
Abenteuer darzustellen, aber ich habe ihn im voraus um Verzeihung
gebeten, und er weiss, wie uneigennützig meine Zwecke sind. Übrigens,
da er selbst seine Verdriesslichkeiten jedem, der sie hören wollte,
erzählt hat, ohne sie als ein Geheimnis unter Siegel zu legen, habe ich
nur den unparteiischen Chronisten zu spielen; wenn man mich deshalb
scheel ansieht, so bin ich es, der darunter zu leiden hat.

Mein Freund ist Atheist und Materialist, aber liebt das Leben, das er
verachtet, und ist bange vor dem Tode, den er nicht kennt.

Er ist toll nach Frauen, und als Freischütze nimmt er sein Wildbret
sowohl auf verbotenen Jagdgründen wie auf Gemeindeland.

Im Anfang unserer Bekanntschaft, als er mir eine Zuflucht in seiner
Wohnung anbot, behandelte er mich mit brüderlicher Freundschaft und
pflegte mich wie einen Kranken, das heisst, mit dem rücksichtsvollen
Mitleid eines seelenfrischen Freidenkers, der sich auf die
Gemütskrankheiten versteht und die Nachsicht übt, die sie fordern.

Nun kann aber auch ein Freidenker seine dunklen Stunden der Traurigkeit
haben, für die er keine Ursache weiss, und eines Abend, ganz spät, als
die Dämmerung sich im Zimmer ausgebreitet hatte und die angezündeten
Lampen nicht genügten, um die Ecken zu erhellen, wo die Schatten ihr
Spiel treiben, anvertraute mir mein Freund, zur Antwort auf meinen
Dank, dass die Verpflichtung ganz auf seiner Seite sei. Er habe nämlich
ganz kürzlich ein Leid erlebt, da ihm sein bester Freund vom Tod
entrissen sei. Seitdem werde er von unruhigen Träumen verfolgt, in die
sich stets sein abgeschiedener Freund mische.

--Auch du?

--Auch?--Du verstehst doch, dass ich von Träumen spreche, die man
nachts träumt....

--Ja, gewiss!

--Schlaflosigkeit, Alpdrücken und so etwas.... Du weisst wie es ist,
vom Alp geritten zu werden; das kommt ja von deiner Affektion der
Brust, die eine durch Exzesse gestörte Verdauung verursacht. Hast du
nie Alpdrücken gehabt?

--Ja, gewiss! Man isst Krebse am Abend, und dann ist es fertig! Hast du
es mit Sulfonal versucht?

--Ja, freilich! Aber sich auf die Ärzte verlassen. Du weisst vielleicht
selbst....

--Ich kenne sie aus dem Grunde.... Aber lass uns mehr von deinem
Kameraden sprechen, der gestorben ist. Offenbart er sich also auf eine
beunruhigende Weise, ich meine im Traum?

--Er ist es nicht, der vor mir spukt, das brauche ich dir wohl nicht
erst zu sagen. Es ist seine Leiche, und es betrübt mich, sagen zu
müssen, dass er unter aufregenden Umständen starb. Denke dir, ein
junger talentvoller Mann, der ein vielversprechendes Debut in der
Literatur gemacht hat, muss an einer Krankheit sterben, die sehr wenig
bekannt ist, Tuberkulosis miliaris; durch die sein Körper eine solche
Auflösung durchmachte, dass nichts anderes von ihm übrig bleibt, als
ein Hirsesack.

--Und nun spukt seine Leiche vor dir?

--Du willst nicht begreifen, was ich meine; lassen wir die Sache----


Mit schwankender Gesundheit und einer Natur, die ebenso launenhaft
wie das Aprilwetter ist, scheint mein Freund an weitvorgeschrittener
Nervosität zu leiden; und als ich im Februar von ihm wegziehe, will er
nach Sonnenuntergang niemals allein nach Haus gehen.

Da trifft ihn ein Missgeschick von wesentlich ökonomischer Art; ein
Prozess soll angestrengt werden, und wir fürchten, dass er sich das
Leben nehmen wird, nach gewissen Äusserungen zu urteilen, die er von
Zeit zu Zeit fallen lässt!

Neuverlobt, wie er ist, sieht er der Zukunft mit recht düsteren
Aussichten entgegen. Aber satt gegen die Widerwärtigkeiten zu
reagieren, unternimmt er eine Erholungsreise, um die Sorgen zu
betäuben; und nach seiner Rückkehr versammelt er die Kameraden um sich
und gibt Festessen. Mitten im Feiern gerät sein Körper in Unordnung,
ihm wird verordnet, sich zu Bett zu legen, und er kann nicht darin
bleiben infolge einer Diarrhöe, die zwei ganze Tage dauert.

Erst am zweiten Tag davon unterrichtet, begebe ich mich zu ihm. Ein
Leichengeruch erfüllt das Haus; der Kranke ist schwarz im Gesicht
geworden, so dass man ihn kaum wiedererkennt. Er liegt ausgestreckt auf
dem Bett und wird von einem Freund und einer Krankenwärterin gepflegt,
deren Hände er nicht einen Augenblick los lässt. Er ist aufgeschreckt,
da er von den anhaltenden Plagen geschwächt ist.

Später, als er wieder gesund war, erzählte er mir, er habe eine Vision
gehabt von fünf Teufeln in Gestalt roter Affen mit schwarzen Augen,
die aufgekrochen auf dem Bettrand sassen und den Schwanz auf und ab
bewegten.

Als er seine Kräfte wiedergewonnen hat und es ihm gelungen ist, die
Geldsachen zu ordnen, erzählt er seinen Traum jedem, der ihn anhören
will, und man amüsiert sich sehr darüber!

Von Zeit zu Zeit drückt er seine Verwunderung darüber aus, dass
das Schicksal, das ihn bisher begünstigt hat, nun anfängt, ihn zu
verfolgen: nichts will mehr gelingen, alles geht schief.

Mitten in diesen Betrachtungen, die von fröhlichem Leben unterbrochen
werden, bekommt der Unglückliche, der bei den Mächten in Ungunst
geraten zu sein scheint, einen neuen Stoss, der zu fühlen ist. Ein
Kaufmann, der zu seinem Kreis gehört, hat sich ertränkt, Schulden
hinterlassend; mein Freund hat für ihn auf eine ansehnliche Summe
gebürgt und ist in grosser Verlegenheit.

Die Verdriesslichkeiten beginnen nun, und zwar gehörig. Der Körper
des Toten spukt in der Küche meines Freundes, und dieser beredet
einen jungen Doktor, die Nächte in seiner Wohnung zuzubringen, um das
Gespenst zu verscheuchen. Aber die Unsichtbaren nehmen auf nichts
Rücksicht, und eines Nachts erwacht mein Freund, um das ganze Zimmer
voller Mäuse zu sehen. Von deren Wirklichkeit überzeugt, nimmt er einen
Stock und schlägt nach ihnen, bis sie verschwinden.

Das war ein Anfall von Fieberphantasie, aber einer zu zweien, denn am
nächsten Morgen erzählt der Kamerad, der im Zimmer nebenan lag, er habe
in dem Zimmer, wo der andere schlief, Mäuse piepen _gehört_.

Wie soll man eine Hallucination erklären, die der eine durch den
Gesichtssinn und der andere mit dem Gehör wahrgenommen hat?

Als man indessen am hellen Tage und bei Sonnenschein dieses Abenteuer
erzählt, wird es in Lächeln gewendet. Und darauf unterfängt sich mein
Freund, die Erscheinung, die er von dem Kaufmann, dem Selbstmörder,
gehabt hat, im einzelnen zu erläutern, und er begleitet seine
Darstellung mir ausgesucht cynischen Bemerkungen.

--Könnt ihr euch denken, er war ganz schwarz und die weissen Maden
wimmelten aus dem Rumpfe hervor.... Als Augenzeuge kann ich berichten,
dass er im selben Augenblick, als er diese Worte ausgesprochen hatte,
erbleichte, vom Tisch aufstand und mit einer Gebärde des Ekels auf
etwas deutete, das auf seinem Teller lag. Es war eine weisse Made, die
an einer Sardine entlang kroch!


Am folgenden Tage wird mein Freund genötigt, seine Abendmahlzeit
abzubrechen, weil er weisse Maden an einem Stück Küken findet.

Er vermag nichts zu essen, obgleich er sehr hungrig ist, und wird
ängstlich, aber nur für einen Augenblick.

--Was bedeutet das? Was bedeutet das?

--Man soll nicht schlecht von den Toten sprechen. Denn sie rächen sich.

--Die Toten? Aber die sind ja tot!

--Gerade deshalb sind sie lebendiger als die Lebendigen.

Mein Freund hat sich wirklich angewöhnt, offen von den Schwächen des
Verstorbenen zu sprechen, der ihm trotz allem ein guter Freund gewesen
war.

Einige Tage später, als wir auf der Gartenveranda des Restaurants bei
Tische sitzen, ruft einer von den Tischgästen aus:

--Seht, die Maus, so eine grosse Maus!

Keiner hat sie gesehen, und man macht sich lustig über den Visionär.

--Wartet nur, ihr werdet sie schon sehen, sie ist dort unter den
Brettern! Eine Minute vergeht und eine Katze kommt unter den Brettern
hervor.

--Ich glaube, wir haben bald genug von Mäusen! ruft mein Freund aus,
augenscheinlich peinlich berührt.


Nach Verlauf einiger Zeit kommt eines Abends jemand und klopft an meine
Tür, nachdem ich zu Bett gegangen bin. Ich öffne und befinde mich von
Angesicht zu Angesicht mit meinem Freunde, der entstellt aussieht und
erregt ist. Er bittet, bei mir auf einem Sofa bleiben zu dürfen, weil
... eine Frau die ganze Nacht hindurch schreit in dem Hause, wo er
wohnt.

--Ist es eine richtige Frau oder ein Gespenst?

--Oh, es ist eine Frau, die den Krebs hat und nichts besseres verlangt,
als sterben zu dürfen.--Man kann verrückt werden von dem all dem! Und
wenn ich meine Tage nicht im Irrenhaus beschliesse, wäre es wunderbar!

Es ist nur ein sehr kurzes Sofa da, und als ich den hochgewachsenen
Mann auf einem solchen Ding und zwei daneben gestellten Stühlen
ausgestreckt sehe, ist mir, als sähe ich einen Galeerensträfling auf
der Folterbank.

Aus seiner hübschen Wohnung und seinem bequemen Bett verjagt, des
einfachen Genusses, sich auskleiden zu dürfen, beraubt, flösst er mir
Mitleid ein, und ich biete ihm als Zeichen meiner Dankbarkeit mein Bett
an. Aber er sagt nein dazu.

Die Lampe muss angezündet sein, er will es, und der Schein fällt dem
Unglücklichen gerade ins Angesicht. Ihm ist bange vor dem Dunkel, und
ich verspreche ihm, als Nachtwache aufzubleiben.

--Es leidet keinen Zweifel! Es ist eine kranke Frau, aber merkwürdig
ist es jedenfalls.

So liegt er und murmelt, bis der Schlaf sich seiner erbarmt!


Ganze zwei Wochen lang musste er nachts auf fremden Sofas Ruhe suchen.

--Das ist ja die Hölle selbst! ruft er aus.

--Ganz mein Gedanke! gebe ich zur Antwort.

Und ein anderes Mal, als sich die "weisse Frau" in der Nacht gezeigt
hat, stellt er selbst die Möglichkeit auf, es könne eine Strafe sein.
Meiner Rolle getreu, beschränke ich mich auf ein skeptisches Schweigen.
Ich will übergehen die Begebenheiten mit dem schreienden Mädchen, die
Dazwischenkunft des Polizeiagenten, der als alter Mitschuldiger in
einer berüchtigten Sache erkannt wurde; ich verweile auch nicht bei
dem Auftreten des Butterhändlers und seiner Tochter, sondern setze
ein mit der Erzählung von der Madonna und der Vision, die man auf
telepatischem Wege von einer Person in dem Augenblick hatte, als sie
starb. Sie ist ganz kurz.

Bei einem Ausflug ins Grüne befindet mein Freund sich in einer kleinen
Gesellschaft, die am Ufer eines Sees versammelt ist. In einem Ausbruch
guter Laune vergisst er die angstvollen Stunden, die er auszustehen
gehabt hat, und wirft folgenden Einfall hin:

--Hier müsste man eine Offenbarung der heiligen Jungfrau in Szene
setzen! Es würde ein gutes Geschäft sein, einen Wallfahrtsort anzulegen.

Im selben Augenblick erbleichte er, und zur grossen Verwunderung seiner
Begleiter rief er fast in Ekstase aus:

--Jetzt starb er!

--Wer?

--Leutnant X. Ich sah ihn im Todeskampf liegen, das Zimmer, die
Anwesenden darin, alles!

Man amüsierte sich!

Als man aber in die Stadt zurückkehrt, begegnet man der Nachricht von
Leutnant X's Hinscheiden. Und der Tod war plötzlich eingetroffen,
genau um halb acht Uhr, im selben Augenblick, als der Visionär davon
Botschaft bekam.

Die Spottvögel wurden von dem Eindruck überwältigt, so dass sie
unwillkürlich Tränen vergossen, nicht aus Trauer, da der Tode ihnen
ganz gleichgültig war, sondern aus Gemütsbewegung über das Wunder.

Die Zeitungen machen ein Wesen aus dem Geschehnis; die ehrlichen unter
ihnen leugnen die Tatsache nicht, die unehrlichen lassen durchblicken,
die Zeugen seien Betrüger. Die Folge ist ein Protest meines Freundes,
des Ketzers, der den Sachverhalt anerkennt, ihn aber als zufälliges
Zusammentreffen auslegt.


Ich gebe zu, dass sich eine gewisse Bescheidenheit in dieser Art
verrät, der Mächte Eingreifen in unsere kleinlichen Angelegenheit
auszuscheiden, aber dahinter verbirgt sich auch "der Unbussfertigen
Verhinderung"; was aus folgender Stelle bei Claude de Saint-Martin
hervorgeht:

"Vielleicht hat diese unrichtige Ideenverbindung (dass die Erde nur
ein Punkt im Weltall ist) den Menschen zu der noch unrichtigeren
Vorstellung geführt, dass er der Blicke seines Schöpfers nicht würdig
sei; er hat geglaubt, nur den Mahnungen der Demut zu gehorchen, wenn er
sich zuzugeben weigert, dass diese Erde und alles, was das Universum
enthält, nur seinetwegen entstanden sei; er hat sich gestellt,
als fürchte er zu sehr seinem Hochmut zu gehorchen, wenn er sich
diesem Gedanken hingäbe. Aber er hat nicht die Trägheit und Feigheit
gefürchtet, die von dieser erheuchelten Bescheidenheit unvermeidlich
erzeugt werden; und wenn der Mensch sich heute nicht mehr für den
König des Universums halten will, ist die Ursache die, dass er nicht
den Mut hat zu arbeiten, um sich _die rechtmässigen Ansprüche_ darauf
zu erwerben; dass die Pflichten dabei ihm zu mühsam erscheinen, dass
er nicht so sehr fürchtet, auf seine Stellung und alle ihre Rechte
verzichten, als sich daran machen zu müssen, um sie in ihrer geltenden
Kraft wiederherzustellen."

Zwischen den beiden blinden Klippen, Hochmut und falscher Demut, wer
kann wohl das Kanoe finden, das zum Hafen führt?

Indessen habe ich alle Schwächen meines Freundes so vollständig
kennen gelernt, dass ich seine nächtlichen oder täglichen Drangsale
voraussagen kann, indem ich nur sein Betragen beobachte; was mich
zu dem Schlusssatz geneigt macht, dass alle Krankheiten, die ihn
treffen, von der Moral herrühren. Aber Moral ist ein Wort, das jetzt
herabgesetzt und in den Bann getan ist, und ich bin nicht der rechte
Mann, es auszusprechen.

Bei einer einzigen Gelegenheit, als der Unglückliche gar zu sehr
bedrückt war, äusserte ich zu ihm, aus Mitleid und um einen Wegweiser
aufzustellen:

--Wenn du vor deinem letzten nächtlichen Anfall Swedenborg gelesen
hättest, würdest du in die Heilsarmee gegangen oder Krankenpfleger
geworden sein!

--Wieso? Was sagt denn dieser Swedenborg?

--Er sagt so viel, und er ist es, der mich davor gerettet hat, verrückt
zu werden. Er hat mir den Schlaf wieder geschenkt durch einen einzigen
Satz in vier Worten!

--Sag den, ich bitte dich darum!

Der Mut entsank mir, und er hat mir jedes Mal gefehlt, wenn der
Besessene mich gebeten hat, diese Losung mitzuteilen.

Hier schreibe ich die vier Worte nieder, die gegen alle Verordnungen
der Ärzte aufgekommen sind:

"Tue dieses nicht mehr!"

Es steht einem jeden frei, nach bestem Wissen und Gewissen das kleine
Wort dieses auszulegen.

Ich Unterzeichneter erkläre hiermit, dass ich durch Befolgung des
obigen Rezeptes Gesundheit und ruhigen Schlaf wiedergewonnen habe.

                                  Der Verfasser.

Das ist ein Bekenntnis! Keine Ermahnung!



6.

Allerlei.


Keiner ist vom Schicksal so geprüft worden, wie der Doktor, von dem
ich im ersten Kapitel als dem Haupt des revoltierenden Jugendschwarmes
gesprochen habe. Nachdem er unzählige Male umgesattelt hat, ist er
Freund der Mässigkeit geworden, mit fast religiösen Grillen. Er gibt
zu, vollständig bankerott zu sein, glaubt an nichts und misstraut den
Menschen, entblösst wie er ist von den Sinnen, die uns in Stand setzen
zu geniessen und zu leiden, gleichgültig gegen alles. Denn er begann
damit, dass er sich für die Freiheit des Individuums, für die Befreiung
des Volkes und der Frau begeisterte; und er hat die Konsequenzen davon
gesehen, die seine Illusionen vollständig zu Fall gebracht haben. Er,
der besonders das Ideal vom freien Weibe verwirklichen wollte, hat
seine Braut, die er selbst hochachtete, als literarische Mätresse eines
jeden Mannes enden sehen, als eine Art prostituierten Bohême-Weibes.

Er ist nun dreissig Jahre alt. Während seines jahrelangen Aufenthaltes
im Ausland hat er alle Leiden eines Einsiedlers durchgemacht: Armut,
Hunger und Kälte, schäbige Kleider; die Verdriesslichkeiten, die ein
schuldenbeladener Mann auszustehen hat. Er hat nachts in Wäldern und
offenen Parks geschlafen, aus Mangel an fester Wohnstätte; er hat sich
mit Stärke und Gelatine ernährt, die dazu bestimmt waren, in dem Labor
gebraucht zu werden, an dem er angestellt war.

Der Hunger aber hat mangelnde Widerstandskraft gegen Alkohol zur Folge,
und obwohl nicht Alkoholiker, erlag er den Wirkungen der geringen Menge
starker Getränke, die er in der Lage war sich zu verschaffen.

Von seinen Verwandten Wind und Wellen überlassen, kann er sich in einer
Heilanstalt für Nervenkrankheiten in Pension geben, dank einem Manne,
der ihm so gut wie unbekannt ist und welcher der Swedenborgischen Sekte
angehört. (!)

Nach einigen Monaten wurde er als geheilt entlassen und kehrte nach
der Universität in Schweden zurück, jedoch weiter zu Enthaltsamkeit
verurteilt.

Er war es, der mir Swedenborgs "Arcana Coelestia" lieh, und später
"Apocalypsis revelata", Arbeiten, die er selbst nicht kannte, die sich
aber in der Büchersammlung seiner Mutter befanden; sie war nämlich
Swedenborgianerin. (!)

Noch etwas ist überraschend für mich, der ich bis zu meinem
achtundvierzigsten Jahr nie auf Arbeiten von Swedenborg gestossen bin,
für die man in den gebildeten Klassen Schwedens offene Verachtung
zeigt--dass er jetzt überall auftaucht: in Paris, an der Donau, in
Schweden, und zwar im Laufe nur eines halben Jahres.

Mein desillusionierter Freund verhält sich indessen indifferent, trotz
den Streichen, die ihm das Schicksal zu wiederholten Malen spielt.
Er kann sich nicht beugen und glaubt, es sein eines Mannes unwürdig,
vor unbekannten Mächten zu knien; die könnten sich eines Tages als
Versucher enthüllen, deren Versuchungen nur Prüfungen sind, denen man
bis zum äussersten widerstehen muss.

Ich verberge ihm nicht meine neuen religiösen Ansichten, jedoch ohne
auf ihn einwirken zu wollen.

--Siehst du, die Religion ist etwas, das man auf sich selbst anwenden
muss; die ist nichts zum Predigen!

Oft lauscht er meinen Worten mit scheinbarer Aufmerksamkeit, und oft
lächelt er. Zwei Wochen lässt er sich nicht sehen, als sei er geärgert
worden, dann aber kommt er wieder und sieht aus, als habe er über einen
Gedanken gebrütet.

In der Absicht, ihm zu Hilfe zu kommen, werfe ich von ungefähr ein Wort
hin mit einem Fragezeichen dahinter:

--Es geschieht sicher etwas?

--Ich weiss nicht; aber es ist wirklich zu ungereimt, um mit rechten
Dingen zugehen zu können.

--Was ist es denn?

--Jeden einzigen Morgen, wenn ich ins Laboratorium komme, sind meine
Sachen in Unordnung gebracht--du kannst nicht glauben, wie es da
aussieht!--und der Tisch ist besudelt. Und zwar obgleich ich auf das
sorgfältigste dort Sauberkeit zu halten suche.

--Ein Übelgesinnter?

--Unmöglich; denn ich bin der letzte, der den Saal verlässt und der
Schuldige würde sogleich entdeckt werden.

--Dann ist es?

--Ja, wer?

--Die Unsichtbaren!

--Nicht dass ich es behaupten will, aber jetzt in letzter Zeit scheint
es, als ob mich jemand überwache und meine geheimsten Gedanken zu lesen
verstehe. Und im selben Augenblick, wenn ich auf irgend eine Weise über
die Stränge geschlagen habe, fasst man mich auf frischer Tat.

--Bist du jemals früher Vorfällen von ungewöhnlicher Beschaffenheit
ausgesetzt gewesen?

--Nicht ich, aber meine Mutter und meine Schwester, die Swedenborgianer
sind.--Doch warte, ich auch, ein Mal in Berlin vor genau zwei Jahren.

--Erzähle!

--Es war so: ich ging eines Abends in der Nähe von Linden in eine
Bedürfnisanstalt; da erblickte ich an meiner Seite einen barhäuptigen
Mann von unbestimmten und sonderbarem Aussehen; er hatte einen
Knoten hinten im Nacken, und zu meiner Verwunderung jodelte er wie
ein Tiroler. Den unangenehmen Eindruck, den dieser Mensch mit seiner
Leichenbitterphysiognomie auf mich machte, konnte ich nicht loswerden;
um ihn von mir abzuschütteln, verlängerte ich meinen Spaziergang
und ging aus der Stadt heraus; schliesslich befand ich mich auf
dem Lande. Müde und hungrig trat ich in ein Wirtshaus, wo ich am
Ladentisch ein Frankfurter Würstchen und ein Seidel Bier bestellte.
"Ein Frankfurterwürstchen und ein Seidel Bier", wiederholt jemand an
meiner Seite; und als ich mich umwende, erblicke ich den Mann mit dem
Nackenknoten. Vollständig verwirrt, und unfähig zu sagen, warum, ging
ich meines Weges, ohne auf das zu warten, was ich bestellt hatte. Ich
habe nie näher an diesen bedeutungslosen Vorfall gedacht, aber ich
besitze noch einen lebendigen Eindruck davon, und er kommt gerade jetzt
in meine Erinnerung zurück.

Als er geendet hatte, bedeckte er die Augen mit beiden Händen, als
wolle er das Bild auswischen, indem er den Augapfel rieb, der noch das
Porträt der Gestalt festhielt.


An dieser Stelle, während der Leser sich noch des oben Erzählten im
Detail erinnert, will ich ein anderes Abendteuer einschalten, das
dadurch, dass es mit dem Vorhergehenden in Verbindung gesetzt wird, uns
vielleicht dem guten Hafen einen Schritt näher führen wird.

Am ersten Mai ging ich recht zeitig nach dem Park, um zu Mittag zu
essen, zusammen mit einem Gymnasiallehrer. Als wir uns an einem Tisch
niedergelassen hatten, auf dem grossen offenen Balkon, wo kein Mensch
war, empfand ich plötzlich ein Gefühl des Unbehagens, und als ich mich
auf dem Stuhle umdrehte, bemerkte ich einen Mann von recht unbestimmten
Aussehen, der einen unstäten, unschlüssigen Ausdruck im Blick hatte.

--Wer ist das? Fragte mich mein Begleiter, der alter Lundenser war und
die ganze Bevölkerung kannte.

--Ein Fremder, ganz sicher!

Der Fremde, barhäuptig und schweigsam, kam näher, indem er gerade vor
mir stehen blieb, betrachtete er mich auf eine so durchdringende Art,
dass ich einen brennenden Schmerz in der Brust fühlte.

Wir nahmen einen andern Platz ein. Der Mann folgte uns, ohne
sein Schweigen zu brechen. Seine Blicke waren weder böse noch
scharf, vielmehr äusserst wehmütig, und ausdruckslos wie die eines
Nachtwandlers. Da wurde ich von einer Erinnerung ergriffen, die allzu
entfernt war, um bewusst zu sein, und stellte an meinen Tischkameraden
die Frage:

--Der Mann gleicht einem unserer Freunde, aber welchem?

--Ja, wahrhaftig es ist ganz offenbar unser Freund Martin mit
fünfundvierzig Jahren.

In diesem Augenblick taucht aus dem Chaos meines Innern: die Gestalt
von der Bedürfnisanstalt in Berlin und Freund Martin (so hiess der
unglückliche Doktor, der mir Swedenborgs Arbeiten geliehen hatte)
verfolgt von einem Unbekannten.

Nun hatte der Mann neben uns Platz genommen, aber so, dass er uns den
Rücken zukehrte.

Wie gross war meine Verwunderung, als ich einen Knoten im Nacken dieses
Menschen bemerkte. Um aber ganz sicher zu sein, fragte ich meinen
Kameraden:

--Kannst du den Auswuchs am Hinterkopf dieses Mannes sehen?

--Ganz recht! Ich sehe ihn deutlich. Nun und?

Ich antwortete nicht, weil die Erzählung zu lang geworden wäre, auch
war der Lehrer ein erbitterter Gegner des Okkultismus.

Am selben Abend erblicket ich Freund Martin mitten in einem Schwarm
Studenten. Ohne Umschweife stellte ich diese Frage an ihn:

--Wo hast du dich mittags zwischen eins und halb zwei aufgehalten?

--Wieso? Warum fragst du das?

Und er sieht verlegen aus, als er das sagt.

--Antworte nur auf die Frage!

--Ich lag und schlief! Und das pflege ich sonst nicht mitten am Tage zu
tun, deswegen bin ich verlegen.

--Und du gehst während des Schlafes fort?

--Das sieht so aus, da ich vor einigen Tagen, während ich schlief, das
Feuer sah, das im Museum ausgebrochen war. Das ist die reine Wahrheit!

Nach diesem Bekenntnis schilderte ich ihm die Erscheinung im Park und
verglich sie mit der Offenbarung in Berlin.

Aber er war zu aufgeräumt, und obwohl dieser Knoten im Nacken ihm
schaudern machte, rief er aus:

--Es stimmt, er ist mein Doppelgänger!

Das war ein Gelächter!


Ich halte mich hier einen Augenblick auf, um die üblichen Theorien
darzulegen von der Erscheinung, die unter der Benennung _Doppelgänger_
bekannt ist.

Die Theosophen nehmen sie als eine Tatsache an, indem sie zugeben,
dass die Seele, oder der Astralleib, das Vermögen besitzt, den Körper
zu verlassen und sich in eine quasi-materielle Gestalt zu kleiden, die
unter günstigen Umständen für manche sichtbar wird. Alle sogenannten
telepathischen Erscheinungen werden dadurch erklärt. Die Schöpfungen
der Einbildungskraft haben keine Realität, aber die Visionen, die
Hallucinationen besitzen eine Art Materialität. In derselben Weise
unterscheidet man in der Optik zwischen virtuellen und wirklichen
Bildern, von denen die letzten auf einen Schirm projiziert oder auf
einer empfindlichen photographischen Platte fixiert werden können.

Angenommen, ein Abwesender erinnert sich meiner, indem er sich meine
Persönlichkeit in seinem Gedächtnis hervorruft: dem Hervorrufenden
gelingt es nur, ein virtuelles Bild von mir zustande zu bringen, und
zwar durch eine freiwillige und bewusste Anstrengung. Angenommen, eine
alte Tante von mir im fremden Lande sitzt am Piano, ohne an mich zu
denken, und sieht mich dann persönlich hinter dem Instrument stehen:
die Alte hat ein virtuelles Bild von mir _gesehen_. Und dies hat
sich tatsächlich zugetragen, im Herbst 1895. Ich erinnere mich, dass
ich damals in der französischen Hauptstadt eine furchtbare Krisis
durchmachte, als meine Sehnsucht, im Schosse meiner Familie zu sein,
bis zu dem Grad acht über mich bekam, dass ich das Innere des Hauses
sah und für einen Augenblick meine Umgebung vergass, indem ich das
Bewusstsein, wo ich mich befand verlor. Ich war dort, hinter dem
Pianino, in welcher Gestalt es nun geschah, und die Einbildung der
alten Frau spielte keine Rolle dabei.

Da sie übrigens in diese Art Erscheinung eingeweiht war und deren
Tragweite kannte, sah sie darin einen Vorboten des Todes und schrieb,
um zu erfahren, ob ich krank geworden sei!

Um dieses Problem besser zu beleuchten, will ich hier einen Aufsatz von
mir einrücken, der 1896 in der "Initiation" stand und Berührungspunkte
mit oben angeführten Vorfall hat.



Strahlung und Ausdehnung der Seele.

Beobachtungen nach der Natur.


"Ausser sich sein" und "sich sammeln" sind zwei allgemein übliche
Wendungen, die gut die Fähigkeit der Seele ausdrücken, sich auszudehnen
und sich wieder zurückzuziehen.

Die Seele schrumpft zusammen vor Furcht und schwillt auf vor Freude,
Glück, Erfolg.

Steig allein in einen vollbesetzten Eisenbahnwagen. Keiner kennt den
andern, alle sitzen still da. Alle empfinden je nach dem Grad ihrer
Empfindlichkeit ein grosses Unbehagen. Da geht ein mannigfaltige
Kreuzung verschiedener Bestrahlungen vor sich, die allgemeine
Beklemmung erzeugt. Es ist nicht warm, aber man glaubt zu ersticken:
die Geister, die zum Übermass mit magnetischen Fluida geladen sind,
fühlen ein Bedürfnis zu explodieren; die Intensität der Ströme,
verstärkt die _Influenz_ und _Condensation_, vielleicht sogar von
_Induktion_, hat ihr Maximum, erreicht.

Da nimmt einer das Wort: Die Entladung hat stattgefunden, und die
Neutralisation ist eingetreten, wenn sich alle in ein Gespräch ohne
Inhalt eingelassen haben, um ein kurz gesagt physisches Bedürfnis zu
befriedigen.

Der Einsiedler zieht sich in seine Ecke zurück, schliesse sein inneres
Auge und Ohr und vertieft sich in sich selbst, um sich gegen eine neue
_Influenz_ zu wehren.

Oder er betrachtet auch die Landschaft durch das Fenster und lässt
seine Gedanken _umher irren_, indem er _heraustritt_ aus dem magischen
Kreis für ihn gleichgültiger Menschen, die mit ihm eingeschlossen sind.


Das Geheimnis des grossen Schauspielers liegt in der angeborenen
Eigenschaft, seine Seele ausstrahlen zu lassen; dadurch tritt er in
Verbindung mit dem Publikum.

Es leuchtet, strahlt um den geistigen Redner in grossen Augenblicken,
und sein Antlitz verbreitet einen Schein, der sogar für die sichtbar
ist, die nicht gläubig sind.

Der Schauspieler von träumerischer Natur, der eine tiefe Intelligenz
besitzt, der viel studiert, aber nicht die Fähigkeit hat, aus sich
selbst herauszugehen, wird sich niemals auf der Bühne geltend machen
können. In sich selbst verschlossen, wird sein Geist nicht in die
Gemüter der Zuschauer eindringen.

Bei den grossen Krisen im Leben, wenn das Dasein selbst bedroht ist,
erwirbt die Seele übersinnliche Eigenschaften. Es scheint, als ob
die Furcht vor dem Elend die gemarterte Seele treibt, zu entfliehen,
um anderswo ein Leben zu suchen, das leichter zu leben ist. Nicht
umsonst übt der Selbstmord seine Anziehung auf den Unglücklichen, da er
verspricht, die Pforten des Gefängnisses zu öffnen.

Folgendes ist mir passiert vor einigen Jahren.

Ich sass eines Herbstmorgens an meinem Schreibtisch vor dem Fenster,
das auf die düstere Strasse einer kleinen Industriestadt Mährens
blickte.

Im angrenzenden Zimmer, zu dem die Tür angelehnt war, ruhte meine Frau
in kränklichem Zustande, ihr Erstgeborenes erwartend.

Indem ich schrieb, träumte ich mich fort in eine Landschaft, die mehr
als tausend Kilometer nördlich lag und die ich wohl kannte.

Während es Herbst war, und hier beinahe Winter, befand ich mich
mitten im Sommer unter einer grünen Eiche, von der Sonne beschienen;
der kleine Garten, den ich in meiner Jugend selbst bebaut hatte, war
dort; die Rosen--ich konnte sie beim Namen nennen--die Syringen, die
Jasmine atmeten wahrnehmbar ihre besonderen Düfte aus; ich las Raupen
von meinen Kirschbäumen ab, ich beschnitt die Johannisbeerbüsche....
Plötzlich höre ich einen heiseren Schrei, ich finde mich auf dem
Fussboden stehen, ein Krampf dreht schraubenförmig mein Rückgrad um,
und bewusstlos falle ich auf einen Stuhl nieder, einen unerträglichen
Schmerz im Rücken.

Ich erwache zum Bewusstsein und es wird mir klar, dass meine Frau von
hinten gekommen war, um mir guten Morgen zu sagen, und ganz leise ihre
Hand auf meine Achsel gelegt hatte.

--Wo bin ich?

Das war meine erste Frage, und ich sprach sie aus in der Sprache meiner
Heimat, die meine Frau als Ausländerin nicht verstand.

Der Eindruck, den ich von diesem Vorfall bewahrte, war der, dass
sich mein Geist ausgedehnt und den Körper verlassen hatte, ohne die
Verbindung der unsichtbaren Fäden abzubrechen; ich bedurfte einer
gewissen, wenn auch noch so kurzen Zeit, um mich einigermassen zu
erinnern, dass ich mich bewusst und unversehrt in dem Zimmer aufhielt,
wo ich soeben sass und arbeitete.

Wenn nach den alten Erklärungen meine Seele in sich selbst versunken
gewesen, noch in den Grenzen des Körpers geblieben wäre, hätte sie sich
mit grösster Leichtigkeit und Schnelligkeit wieder entfalten können,
und dies Gefühl der Überraschung während meiner Abwesenheit hätte mich
nicht in so hohem Grade gequält.

Nein, ich war _abwesend_, und die Rückkehr meiner Seele ging auf so
plötzliche Weise vor sich, dass ich darunter litt. Aber die Schmerzen
waren in der Rückengegend zu merken und durchaus nicht in den
Gehirnhalbkugeln: das erinnert mich an die überwiegende Rolle, die man
dem plexus solaris zulegte, als ich in meiner Jugend Medizin studierte.


Ein anderes Abenteuer, das mir vor drei Jahren in Berlin passierte, ist
für mich ein Beweis, dass die Exteriorisation oder Auswanderung der
Seele unter aussergewöhnlichen Umständen stattfinden kann.

Nach erschütternden Krisen, Sorgen und unregelmässigem Leben sitze
ich eines Nachts zwischen eins und halb zwei bei einem Weinhändler an
einem Tisch, der jederzeit für meinen Kreis bereit stand. Man hatte
seit sechs Uhr gegessen und getrunken und ich hatte die ganze Zeit so
gut wie allein das Gespräch führen müssen. Es handelte sich für mich
darum, einen jungen Offizier, der im Begriff stand, die militärische
Laufbahn gegen die des Künstlers zu vertauschen, einen verständigen Rat
zu geben. Da er sich zu gleicher Zeit in ein junges Mädchen verliebt
hatte, befand er sich in einem äusserst überspannten Zustand; und
nachdem er im Lauf des Tages von seinem Vater einen Brief mit Vorwürfen
erhalten hatte, war er geradezu ausser sich. Ich vergass meine eignen
Wunden, während ich die eines andern pflegte. Es war eine schwere
Arbeit, bei der mein Geist sich infolge einer Reflexbewegung erhitzte.
Nach endlosen Beweisführungen und Berufungen wollte ich ihn an ein
vergangenes Begebnis erinnern, das auf seinen Entschluss einwirken
konnte.

Er hatte den fraglichen Auftritt vergessen, und, um sein Gedächtnis zu
unterstützen, fange ich an, ihn zu schildern.

--Sie erinnern sich doch jenes Abends im Augustiner-Bräu....

Und ich fahre fort, in dem ich den Tisch bezeichne, wo wir unser Kuvert
verzehrt hatten; beschreibe den Schenktisch, die Tür, durch die man
herein kam, die Möbel, die Bilder....

Auf einmal schwieg ich ... hatte halb das Bewusstsein verloren,
ohne ohnmächtig zu sein, und sass noch auf dem Stuhle. Ich war im
Augustiner-Bräu und hatte vergessen, zu wem ich sprach, als ich so
wieder anfing:

--Warten Sie! Ich bin im Augustiner, aber ich weiss sehr wohl, dass ich
an einem andern Ort bin; sagen Sie nichts ... ich erkenne Sie nicht,
aber ich weiss, dass ich Sie kenne. Wo bin ich?--Sagen Sie nichts, das
ist äusserst interessant....

Ich mache eine Anstrengung, um die Augen zu erheben--weiss nicht, ob
sie geschlossen waren--und ich sah einen Nebel, einen Hintergrund von
unbestimmtem Farbenton, und oben an der Decke herab senkte es sich wie
ein Theatervorhang: das war die Scheidewand, besetzt von Regalen und
Flaschen.

--So! äusserte ich erleichtert, wie nach einem überstandenen Schmerz,
ich bin ja bei Herrn F. (so hiess der Weinhändler).

Das Gesicht des Offiziers hatte sich vor Schreck zusammengezogen und er
weinte.

--Was, Sie weinen? sagte ich zu ihm.

--Das war unheimlich, antwortete er.

--Was denn?...

Wenn ich diese Geschichte andern Personen erzählt habe, hat man
eingewendet, es sei eine Ohnmacht oder ein Rausch gewesen, zwei Worte,
die nicht viel sagen und nichts erklären.

Erstens und vor allem wird eine Ohnmacht von dem Verlust des
Bewusstseins begleitet, ebenso der Rausch; zweitens von einer
Muskellähmung; was hier nicht der Fall war, da ich auf meinem Stuhl
sitzen blieb und bewusst über meine partielle Unbewusstheit sprach.

Zu diesem Zeitpunkt kannte ich weder die Erscheinung noch den
Ausdruck: Exteriorisation des Empfindungsvermögens. (A. de Rochas,
l'Extériorisation de la sensibilité. Paris, Chamuel.) Jetzt da ich
sie kenne, bin ich überzeugt, dass die Seele die Fähigkeit besitzt,
sich auszudehnen; dass sie sich während des gewöhnlichen Schlafes sehr
ausdehnt, um zum Schluss, im Tode, den Körper zu verlassen, keineswegs
ausgelöscht zu werden.

Vor einigen Tagen, als ich ein Trottoir hinunterging, sah ich, wie ein
Gastwirt vor seiner Tür mit einem Scherenschleifer, der auf der Strasse
hielt, laute und böse Worte wechselte. Es war mir unangenehm, die Linie
zu durchschneiden, die diese beiden Individuen verband, aber es war
nicht zu vermeiden; und ich versichere, dass ich ein starkes Unbehagen
empfand, als ich den Raum zwischen den beiden zankenden Männern
überschritt. Es war, als zerrisse ich ein zwischen ihnen ausgespanntes
Seil, oder vielmehr ginge über eine Strasse, die man von beiden Seiten
mit Wasser bespritzt.

Das _Band_, das Freunde, Verwandte und in höchstem Grad Gatten
aneinander bindet, ist ein wirkliches Band, und zwar von einer
greifbaren Wirklichkeit.

Wir beginnen ein Weib zu lieben, indem wir bei ihr Stück für Stück
unserer Seele niederlegen. Wir verdoppeln unsere Persönlichkeit, und
die Geliebte, die bisher gleichgültig, neutral war, beginnt sich in
unser anderes Ich zu kleiden, und sie wird unser Doppelgänger. Wenn es
ihr einfällt, mit unserer Seele fortzugehen, ist der Schmerz darüber
vielleicht der heftigste, den es gibt, nur vergleichbar mit dem der
Mutter, die ihr Kind verloren hat. Ein leerer Raum entsteht, und wehe
dem Mann, der nicht über die Kraft verfügt, seine Zweiteilung wieder zu
beginnen und ein anderes Gefäss zum Füllen zu finden.

Die Liebe ist ein Akt, durch den der Mann sich selbst befruchtet, weil
es der Mann ist, der liebt; es ist eine süsse Illusion, das er von
seiner Frau geliebt wird, seinem zweiten Ich, seiner eigenen Schöpfung.

Zwischen liebenden Gatten offenbart sich oft das unsichtbare Band auf
eine mediumartige Weise: man kann einander aus der Ferne rufen, die
Gedanken des andern lesen, Suggestion auf einander ausüben. Man fühlt
nicht mehr das Bedürfnis, mit einander zu sprechen; man freut sich
über die blosse Gegenwart des geliebten Wesens; man wärmt sich an der
Strahlung, die von der Seele des andern ausgeht. Wenn man getrennt
ist, dehnt sich das Band: das Vermissen, die Sehnsucht wächst mit der
Entfernung, kann das Band zerreissen und damit den Tod bringen.


Seit mehreren Jahren habe ich Aufzeichnungen über alle meine Träume
gemacht, und ich bin zu der Überzeugung gekommen: dass der Mensch
ein doppeltes Leben lebt, dass die Einbildungen, die Phantasien, die
Träume eine Wirklichkeit besitzen. Wir sind alle geistige Schlafwandler
und begehen im Traume Handlungen, die uns im wachen Zustande je nach
ihrer Natur mit dem Gefühl der Befriedigung, dem bösen Gewissen, der
Furcht vor den Folgen erfüllen. Und aus Gründen, die ich ein ander Mal
darlegen will, glaube ich dass die sogenannte Verfolgungsmanie oft
einen guten Grund hat, nämlich in der Gewissensqual nach schlechten
Handlungen, die man im "Schlaf" begangen hat und von denen neblige
Erinnerungen bei uns spuken.

Die Phantasien des Dichters, die beschränkte Seelen so verachten, sind
Wirklichkeiten.

Und der Tod? fragt ihr.

Dem Mutigen, der nicht zu grossen Wert auf das Leben legt, hätte ich
früher folgendes Experiment empfohlen, das ich mehrere Male wiederholt
habe, nicht ohne unangenehme, aber jedenfalls ohne schwer heilbare
Folgen.

Nachdem Türen, Fenster und Ofenklappen geschlossen sind, stelle ich
eine geöffnete Flasche mit Cyankalium auf den Nachttisch und lege mich
aufs Bett.

Die Kohlensäure der Luft macht in kurzem die Blausäure frei, und die
bekannten physiologischen Erscheinungen geben sich zu erkennen. Ein
gelindes Zusammenschnüren der Kehle, ein unbeschreiblicher Geschmack,
den ich aus Analogie "blau" nennen möchte, Lähmung der Armmuskeln,
Schmerzen im Magen.

Die tödliche Wirkung der Blausäure ist noch immer ein Geheimnis.
Verschiedene Autoritäten geben verschiedene Wirkungsarten dieses Giftes
an. Einer sagt: Gehirnlähmung; ein anderer: Herzlähmung; ein dritter:
Erstickung als sekundäre Wirkung davon, dass das verlängerte Mark
angegriffen wird, usw.

Da sich indessen die Wirkung augenblicklich zeigen kann, ehe ein
Verzehren stattgefunden hat, muss sie vielmehr als ... seelisch
betrachtet werden; wird doch die Blausäure in der Medizin als
beruhigendes Mittel in _sogenannten_ nervösen Krankheiten gebraucht.

Alles, was ich von dem Seelenzustand, der sich nun zeigt, sagen möchte,
ist dies:

Es ist nicht ein langsames Erlöschen, es ist vielmehr eine Auflösung,
in der das Angenehme die unbedeutenden Schmerzen überwiegt.

Der innere Sinn gewinnt an Klarheit, im Gegensatz zum Herannahen des
Schlafes, der Wille herrscht, und ich kann das Experiment abbrechen,
indem ich den Kork in die Flasche stecke, das Fenster öffne, Chlor oder
Ammoniak einatme.

Nicht dass ich darauf bestehe, wenn aber der temporäre Todeszustand der
Fakire durch einen Beweis bestätigt werden soll, würde das Experiment
ohne Gefahr fortgesetzt werden können. Und im Fall eines Unglücks
müsste man die verschiedenen Arten versuchen, mit denen man einen
Scheintoten zum Leben zurückruft. Die Fakire wenden warme Umschläge auf
den Gehirnhalbkugeln an; die Chinesen wärmen die Magengrube und rufen
ein Niesen hervor. In seinem ausgezeichneten Buche "Le Positif et le
Négatif" (Paris, Lemerre, 1890) erzählt Vial nach Trousseau und Pidoux:
"Carrero erstickte und ertränkte 1825 eine grosse Anzahl Tiere, die er
nachher ins Leben zurückrief, _sogar lange nach ihrem Tode_, indem er
ihnen ganz einfach Nadeln ins Herz steckte." (Akupunktur.)

A. E. Badaire zitiert in "La Joie de mourir" (Paris, Chamuel. 194)
mehrere bekannte Todesfälle, wie den des berühmten Richet, 1892,
und den Hallers, bei welchen der Augenblick vor Eintritt des Todes
unmöglich zu bestimmen war.

Chisac; ein Arzt in Montpellier, verdoppelt sich vor dem Tode,
betrachtet sich als einen andern, stellt sich die Diagnose, fühlt sich
den Puls und gibt Befehle. Darauf schliesst er die Augen, "um sie nicht
mehr zu öffnen".


In "Inferno" habe ich von meinem Unglücksbruder, dem
deutsch-amerikanischen Maler, erzählt, dessen Doppelgänger, der
deutsch-amerikanische Arzt Francis Schlatter sein sollte. Jetzt
ist der Augenblick gekommen, da ich genötigt bin, meinen Freund
blosszustellen, in der einzigen Absicht, zur Erforschung des wahren
Sachverhalts beizutragen.

Mein Freund hiess H.; gleichviel ob es sein wirklicher Name war oder ob
er den angenommen hatte.

Nachdem ich im August 1897 nach Paris zurückgekehrt war, blätterte ich
eines Tages in der Revue spirite von 1859. Da stiess ich auf einen
Aufsatz mit der Überschrift: Mein Freund H.

Unter demselben Titel hatte ein Herr H. Lugner im Feuilleton
des Journal des Debats vom 26. November 1858 eine Geschichte
veröffentlicht, die er als tatsächlich hinstellt und der er selbst
persönlich beigewohnt haben will, da er, wie er äussert, dem Helden
dieses Abenteuers in Freundschaft verbunden war. Der Held war ein
fünfundzwanzigjähriger junger Mann von untadeligen Sitten und
unerschütterlicher Herzensgüte.

H. konnte nicht wach bleiben, sobald die Sonne untergegangen war. Eine
unüberwindliche Mattigkeit beschlich ihn und er sank allmählich in
einen festen Schlaf, den nichts abwenden konnte.

Kurz: H. lebte ein doppeltes Dasein; nachts war er in Melbourne als
Verbrecher unter dem Namen William Parker tätig, der auch seiner Zeit
hingerichtet wurde. Gleichzeitig fand man H. in Deutschland tot in
seinem Bett.

Mag sie nun wahr oder nur eine Ausgeburt der Einbildung sein, diese
Geschichte interessiert mich, weil der Name H. darin vorkommt und die
Umstände auf eine offenbare Weise zusammenfallen.

Die Literatur der Gegenwart hat sich bereits mit der Erscheinung des
Doppelgängers befasst: in dem bekannten Roman "Trilby" und in einem
Stück von Pauls Lindau. Es wäre interessant zu wissen, ob die Verfasser
nach der Natur gearbeitet haben oder nicht.


Wir kehren zu unserm Freund Martin zurück.

Nach einem langen Winter näherte sich der Frühling mit fehlgeschlagenen
Hoffnungen. Der arme Doktor, der sich auf das Versprechen seiner
Vorgesetzten verliess, das man ihn zum Dozenten berufen werde, erhielt
einen schweren Stoss, als die Ernennung aufgeschoben wurde. Er musste
bis zum Herbst warten, obwohl er wissenschaftliche Verdienste genug
besass. Das war eine Schmach die ihn zur Verzweiflung brachte; indem er
sein Pech verfluchte, stürzte er sich in Ausschweifungen, ohne jedoch
sein Nüchternheitsgelübde zu brechen.

Genug, er ist Junggeselle, und eines Abends sucht er ein Mädchen, das
einen Burschen sucht. Und er verlässt sie. Die Dirne war ihm unbekannt
und wohnte in einem zweideutigen Viertel am Aussenrand der Stadt. Die
Sache war durchaus nicht verwickelt, und er erwartete keine weiteren
Folgen davon.

In der Dämmerung des nächsten Abends ist er in seinem Elternhaus
mit seinen Arbeiten beschäftigt, als ein Lärm von draussen seine
Aufmerksamkeit erregt.

Er öffnet das Fenster und gewahrt unten in seinem Garten eine Stiege
Jungen zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren. Da nichts zum Stehlen da
ist, kann er sich die Anwesenheit einer Menge Leute in diesem Ort und
zu so ungeeigneter Stunde nicht erklären. Die Schlingel trampeln dort
unten herum, ohne dass die Veranlassung zu erkennen wäre. Er glaubt
einem Blendwerk ausgesetzt zu sein, aber da ruft ihn seine Mutter. Als
er herunterkommt, wird er von seiner Mutter gebeten, hinauszugehen und
sich nach den Absichten der Eindringlinge zu erkundigen.

Als er auf den Hof tritt, erblickt er ein junges Weib, das wie ein
Spalier an der Wand steht. Er geht näher, um den Zusammenhang zu
ermitteln, der nach der schlimmen Seite zu neigen scheint. Vor dem
Weibe angelangt, erkennt er das Mädchen von gestern; da er das Opfer
eines Erpressungsversuchs zu sein glaubt, ruft er wütend:

--Was haben Sie hier zu tun? Gehen sie Ihrer Wege!

Ohne ein Wort zu sagen, begibt sich das Mädchen zur Pforte, und ohne
irgendwie zu zeigen, dass sie den erkannt hat, der mit ihr gesprochen
hat. Sie war offenbar nicht gekommen, um ihn zu schikanieren.

Aber im selben Augenblick und in Gegenwart seiner Mutter stürzen
die zwanzig Strassenjungen aus dem hinteren Teile des Hofes hervor,
umringen den Doktor und das Mädchen und zeigen mit den Fingern auf
die beiden Unglücklichen, überhäufen sie mit groben Schimpfworten und
lassen verstehen, dass sie die beiden in einer gewissen Situation
überrascht haben.

Der Doktor, vernichtet vor Scham, sich in Gegenwart seiner Mutter
skandalisiert zu sehen, beteuert ihr, dass er unschuldig sie, obgleich
er auf frischer Tat ergriffen zu sein scheint.

Welche peinliche Szene für einen Sohn!

Als er mir dies Abenteuer erzählte, das mir wie ein böser Traum vorkam,
unwahrscheinlich in seiner ungerechten Grausamkeit, sah der arme Doktor
erbärmlich aus.

--Das ist ja der Teufel selbst, nicht wahr! Unschuldig an einer Sache
sein, die übrigens keinen etwas angeht, und dann öffentlich auf diese
Weise hingerichtet werden!

--Ja, der Vorfall erscheint mir dunkel. Das ist ja unglaublich! Zwanzig
Jungen, die auf einen Hof kommen, ein liederliches Weib, dem nichts
an der Ehre gelegen sein kann und das sich nicht zu rächen sucht!
Was bedeutet das? Eine Lektion! Es ist deutlich, dass die Mächte in
der Sittlichkeit strenger werden. Und wie modern sie geworden sind!
Keine Träume, keine Geschichte, da die Leute sich an so etwas nicht
mehr kehren. Nein, statt dessen ganze Inszenierungen von vollendeten
Realismus, Dinge zum Anschauen ausgebreitet, bei denen man mit
Räsonnement nicht weit kommt.

--Du glaubst also, dass es ein Verweis war. Aber, wenn ich dir sage,
dass ich ohne Schuld war, wirklich unschuldig.

--Unschuldig gestern, ja, aber nicht am Tage vorher!

--Jedenfalls war es kein Komplott, da das Mädchen mich ja nicht
erkannte. Ein teuflischer Zufall....

--Ja, aber ein Zufall, dessen Fäden von einer Meisterhand geflochten
waren!


Um sich etwas Zerstreuung zu verschaffen, unternahm mein Freund Martin
eine Rundreise nach Norrland und Norwegen; er erwartete davon ein
wirkliches Gefühl von Freiheit und viel Vergnügen.

Nach einigen Wochen begegnete ich Freund Martin auf einer Strasse in
Lund.

--Hast du eine schöne Reise gehabt?

--Eine teuflische Reise! Jetzt weiss ich nicht mehr, was man glauben
soll. Es gibt ganz gewiss jemand, der mich herausfordert, und der
Streit ist ungleich. Höre nur! Ich kam nach Stockholm, um mich auf der
grossen Ausstellung zu amüsieren, und obgleich ich in der Stadt fast
hundert Freunde habe, traf ich nicht einen einzigen. Alle waren auf dem
Lande! Allein!--Ich wohne einen Tag in meinem Zimmer und werde dann von
einem andern hinausgeworfen, dem mein Bruder aus Versehen ein älteres
Versprechen gegeben hat. Das Pech macht mich so stumpfsinnig, dass
ich nicht in die Ausstellung gehe, und als ich mich--auf den Strassen
herumtreibe, schliesse ich mich einem Mädchen an. In diesem Augenblick
fällt eine schwere Hand auf meine Schulter nieder, und ein Onkel, sehr
ernst angelegt, den ich nicht mehr als zweimal in meinem Leben gesehen
habe, dem ich zuletzt von allen hätte begegnen mögen, ladet mich ein,
den ganzen Abend mit ihm--und seiner Frau zusammen zu sein!

Alles, vor dem mir ekelt, muss ich schlucken! Das ist verhext!--Weiter,
tausend Kilometer--allein!--in einem Eisenbahnwagen durch eine tödlich
langweilige Landschaft.

Am Oreskutan, dem hauptsächlichen Ziel meiner Exkursion, gab es nur ein
einziges Hotel, und in diesem Hotel hatten alle meine Antipathien sich
zusammengefunden. Der Chef der Freikirchlichen weidete die Herde, und
man sang Psalmen morgens, mittags und abends. Man hätte wütend werden
können, aber es ging ganz natürlich zu. Nur eine Sache erscheint mir
immer noch etwas wunderbar--hm! okkult! Nämlich dass man in diesem
ruhigen und geordneten Hotel des Nachts Warenkisten zunagelte!

--Über deinem Kopf?

--Ja! Und sonderbar war, dass dieses Nageln mich nach Norwegen
verfolgte. Wenn ich eine Erklärung vom Hotelwirt verlangte, behauptete
er nichts gehört zu haben.

--Das ist ja ganz wie mit mir!

--Ja, es ist wie mit dir! Was mir aber in Christiania passierte,
übertrifft alles, was meine schlimmsten Feinde hätten ausfindig machen
können. Ich kenne viele Leute in Christiania, sie waren noch in der
Stadt und ich konnte doch nicht einen einzigen treffen! Allein, immer
allein!

Wie ich im Café des Grand Hotel so allein sitze, werde ich von einem
jungen Mann angesprochen, der an einem Nebentisch sitzt. Glücklich,
eine Gelegenheit zu finden, meine eigene Stimme wieder hören zu
können, antworte ich, gegen meine Gewohnheit in solchen Fällen. Da er
wohlerzogen aussah und es sich mit ihm sprechen liess, lud ich ihn
schliesslich ein, mir Gesellschaft zu leisten.

Wir bringen den Abend zusammen zu. Ich muss zugeben, dass mir der junge
Mann nach einigen Stunden den unbestimmten Argwohn einflösste, er sei
nicht der, für den er sich ausgab. Er widersprach sich selbst und
redete ohne Zusammenhang, und ich wusste nicht, wo ich ihn unterbringen
sollte.

Schliesslich gegen Nacht, blieb ein norwegischer Freund, den ich drei
Jahre nicht gesehen hatte, vor unserm Tisch stehen; er begrüsst mich
mit einer pfiffigen Miene, die diesem ernsten Charakter ganz fremd war,
und schielt nach meinem Begleiter. Darauf lacht er und schleudert mir
eine Beschimpfung ins Gesicht, indem er sich stellt, als glaube er,
mein Kamerad stehe in einem Verhältnis unnatürlicher Intimität zu mir.
Auf meine Proteste antwortet er nur, indem er wiederholt:

--Genieren Sie sich nicht! genieren Sie sich nicht! Hier ist man wie
bei sich zu Hause und braucht sich nicht zu genieren.

Was sollte ich sagen? Was sollte ich tun?

Der junge Mann wurde nicht böse, und da warf der norwegische Freund,
der wohl ein Glas zu viel im Kopfe hatte, folgenden Einfall hin,
vielleicht ganz ohne Hintergedanken:

--Übrigens ist nichts Böses dabei; das ist ein verkleidetes Weib.

Da steht der junge Mann auf und macht, mitten im Café, das
vollgepfropft von Leuten war, eine Gebärde, wie um das Gegenteil zu
beweisen.

--Das geht über alle Grenzen!

--Es ist ungeheuerlich, und es ist Wahrheit! Und niemand erhebt dagegen
Protest; man lacht nur! Aber es ist noch nicht zu Ende! Im selben
Augenblick, wie ich aufbrechen will, bittet der unbekannte Jüngling
mich, ihm Geld zu leihen. Beschimpft, kochend vor Entrüstung, kann ich
jedoch nicht nein sagen, da ich aber kein Wechselgeld habe, gehe ich
ans Büffet, von dem Fremden begleitet. Stelle dir die Szene vor, wie
ich diesem verdächtigen Schlingel, der aussieht, als bekomme er seine
Bezahlung, Geld gebe. Ein alter Lehrer aus Lund, der hinter uns beiden
stehen geblieben ist, fixiert mich mit einem Blick, der Gewissheit über
den abscheulichen Argwohn ausdrückt. Das ist schön!

--Weisst du was: Ich muss bei dem, was du eben erzählt hast, an gewisse
Märchen von Hoffmann denken. Und als ich neulich wieder einmal die
"Elixiere des Teufels" las, kam es mir vor, als beruhten die Phantasien
des deutschen Dichters auf erlebten Begebenheiten.

--Bald kann man alles Mögliche glauben!--Aber nun die moralische Seite
der Sache? Ist eine Vernunft darin, mich vor einem Freund, vor einem
ganzen Publikum in falsches Licht zu stellen! Was sollte denn bestraft
werden?

--Man darf nicht auf die Mächte böse werden, weil sie sich solcher
Massregeln bedienen. Glaubst du, ich tat Schritte, die falschen
Gerüchten zu dementieren, die von einem deutschen Schriftsteller
verbreitet wurden, als er mich unnatürlicher Instinkte beschuldigte:
Nein! Ich verfluchte ihn damals, aber seitdem überwache ich meine
Sinnlichkeit. Übrigens hat Swedenborg mich gelehrt, dass solche
Bestrafungen, die ohne Unterschied zugefügt werden zu dem Zweck
auferlegt werden, uns die Märtyrerschaft schmecken zu lassen, die
wir selbst unschuldigen Menschen durch schändliche Verleumdungen und
leichtsinnige Äusserungen verursacht haben.

--Mag sein, aber ich werde in den Gedanken meines Freundes immer mit
dem Stempel des Lasters gezeichnet sein, und ich werde niemals diese
seine Ansicht ausroden können.

--Das ist unangenehm, aber es ist nun einmal so!


Diese banalen und an sich widerwärtigen Geschichten hätte ich
wahrhaftig nicht erzählt, wenn sie nicht durch ihre Ungereimtheit den
Gedanken auf das Dasein einer Realität leiteten, die nicht reell ist
und nicht Vision, sondern eine Phantasmagorie, hervorgerufen von den
Unsichtbaren in dem bestimmten Zweck, zu warnen, zu lehren, zu strafen.

Dieser Zustand, von den Theosophen die Astralebene genannt, wird von
Swedenborg, Arcana, letzter Teil, also geschildert:

"Visiones und Visa."

"Es gibt zwei Arten Gesichte, die ausserordentlich sind, in welche ich
versetzt worden bin, bloss um zu wissen, wie es sich mit ihnen verhält,
und was darunter zu verstehen ist, was man im WORT liest: dass sie vom
Körper entzückt wurden und dass sie vom Geist fortgeführt wurden nach
einem anderen Ort.

1. Der Mensch wird in einen Zustand versetzt, der mitten zwischen
Schlaf und Wachen ist; und wenn er in diesem Zustand ist, kann er nicht
anders wissen, als dass er vollkommen wach sei. Das ist der Zustand,
von dem gesagt wird: entzückt werden vom Körper, und in dem man nicht
weiss, ob man im Körper ist oder ausserhalb des Körpers.

2. Durch die Strassen einer Stadt und über Feld wandernd, auch da in
Gespräch mit Geistern, wusste ich nicht anders, als dass ich so wach
und sehend war, wie bei andern Gelegenheiten; so wanderte ich, ohne
vom Wege abzuweichen, und inzwischen war ich in einem Gesicht und sah
Haine, Flüsse und Paläste, Häuser, Menschen und anderes; nachdem ich
aber so einige Stunden gewandert, war ich plötzlich in dem Gesicht
des Körpers, und wurde gewahr, dass ich mich höchlich wunderte, und
ich merkte, dass ich in einem solchen Zustand gewesen war wie die,
von denen gesagt wird, dass sie vom Geist fortgeführt wurden an einen
andern Ort."


Freund Martin wohnt nach der Rückkehr von seiner Vergnügungsreise
allein im Elternhaus, weil die Familie sich nach verschiedenen Seiten
zur Sommerfrische zerstreut hat. Ich will nicht behaupten, dass er
ängstlich ist, aber er fühlt sich unbehaglich. Zuweilen hört er
Schritte und andere Laute von dem Zimmer seiner abwesenden Schwester,
bisweilen Niesen.

Vor einigen Tagen hörte er mitten in der Nacht einen knirschenden Laut,
wie von einer Sense, die geschärft wird.

--Alles in allem, schloss er, es gehen sonderbare Dinge vor, aber im
selben Augenblick, in dem ich mich mit den Mächten in Unterhandlungen
einlassen würde, wäre ich verloren.

Das war sein letztes Wort, und da näherte sich der Herbst mit grossen
Schritten.



8.

Studien in Swedenborg.


Während sich dieses im täglichen Leben zutrug, setzte ich meine
Schwedenborgstudien fort. Seine Arbeiten, deren schwer habhaft zu
werden ist, fielen mir in die Hände, eine nach der andern, in recht
grossen Zwischenräumen.

In den "Arcana Coelestia" ist es die Hölle für ewige Zeit, ohne
Hoffnung auf ein Ende, von jedem Wort des Trostes entblösst.
"Apocalypsis revelata" führt die Bussordnung aus, und zwar mit der
Wirkung, dass ich bis zum Frühling unter ihrem Banne lebte. Bisweilen
schüttelte ich ihn ab, indem ich mir eine Hoffnung einrede, dass
der Prophet sich in den Einzelheiten getäuscht hat, und dass der
Herr des Lebens und des Todes sich barmherziger erweisen wird. Was
sich aber nicht verhehlen lässt, ist die in die Augen fallende
Übereinstimmung zwischen Swedenborgs Visionen und allen grossen oder
kleinen Begebenheiten, die mich und meine Freunde während dieses
Schreckensjahres betroffen haben.

Erst im März finde ich bei einem Antiquar die "Wunder des Himmels und
der Hölle" und nachher "Von der ehelichen Liebe". Erst dann werde
ich von dem Alp befreit, der mich seit der ersten Offenbarung der
Unsichtbaren heimgesucht hat.

Gott ist die Liebe; er regiert nicht über Sklaven, und deshalb hat er
die Sterblichen sich eines freien Willens erfreuen lassen. Es gibt
keine Mächte der Bosheit, sondern ein Diener des Guten versieht das Amt
eines Zuchtgeistes. Die Strafen sind nicht ewige, es steht einem jeden
frei, geduldig zu sühnen, was er verbrochen hat.

Die Leiden, die uns auferlegt werden, haben die Besserung des Ichs zum
Zweck.

Die Verfahren, welche die Vorbereitung zu einem geistlichen Leben
bilden, beginnen mit Verwüstung (vestatio) und bestehen aus
Brustbeklemmungen, Atemnot, Erstickungssymptomen, Herzstörungen,
Angstanfällen, Schlaflosigkeit, Alpdrücken. Diese Prozedur, der
Swedenborg in den Jahren 1744 und 45 ausgesetzt war, wird in den
"Träumen" geschildert.

Und die Diagnose dieses Krankheitszustandes entspricht in jedem Punkt
den jetzt üblichen Affektionen, so dass ich nicht vor dem Schlusssatz
zurückschrecke: wir befinden uns vor einer neuen Ära, in der "die
Geister erwachen und es eine Lust ist zu leben". Diese angina pectoris,
der Fall der Schlaflosigkeit, all die nächtlichen Schauder, die den
Gemütern Schrecken einjagen und welche die Ärzte gern als Epidemien
bezeichnen wollen, sind weiter nichts als die Arbeit der Unsichtbaren.
Wie kann man das für eine epidemische Krankheit erklären wollen, dass
gesunde Menschen systematisch von unvorhergesehenen, sonderbaren
Begebenheiten, von Unruhe und Verdriesslichkeiten verfolgt werden? Eine
Epidemie zusammentreffender Umstände? Das ist ja ein Unsinn!

Swedenborg ist mein Vergil geworden, der mich durch die Hölle geleitet,
und ich folge ihm blind. Wohl ist er ein furchtbarer Strafer, aber er
versteht auch ebenso gut zu trösten, und er kommt mir weniger streng
vor als die protestantischen Pietisten.

"Ein Mann kann Reichtümer häufen, wenn er es nur auf ehrliche Weise
tut und ebensolchen Gebrauch von ihnen macht; er kann sich kleiden
und wohnen nach seinen Verhältnissen; mit Leuten von gleicher
gesellschaftlicher Stellung verkehren, des Lebens unschuldige Freuden
geniessen, froh und zufrieden aussehen und nicht wie ein mürrischer
Mensch mit blassem Gesicht; er kann mit einem Wort leben und auftreten
wie ein reicher Mann in dieser Welt und nach seinem Tode gerade hinein
in den Himmel gehen, wenn er nur in seinem Innern Glauben an Gott und
Liebe zu ihm besitzt und sich seinem Nächsten gegenüber so benimmt, wie
es seine Pflicht ist."

"Ich habe mich mit mehreren von denen unterhalten, die, ehe sie
starben, der Welt entsagt und sich in die Einsamkeit zurückgezogen
hatten, um dort ein Leben zu leben, das der Betrachtung der himmlischen
Dinge gewidmet war, und so sich einen sicheren Weg zum Himmel zu
bahnen; beinahe alle hatten ein düsteres und schwermütiges Aussehen,
schienen verdriesslich darüber zu sein, dass die anderen ihnen nicht
glichen und dass sie selbst nicht mit grösserer Ehre und einem
glücklicheren Los belohnt worden waren; sie wohnen an verborgenen Orten
und leben dort als Einsiedler beinahe auf gleiche Weise, wie sie in
unserer Welt gelebt hatten. Der Mensch ist geschaffen, in Geselligkeit
zu leben; in der Gemeinschaft und nicht in der Einsamkeit findet er
zahlreiche Gelegenheiten, Christenmilde gegen den Nächsten zu üben...."

"Im einsamen Leben sieht man nur sich selbst, man vergisst alle
anderen; daher kommt es, dass man bloss an sich selbst denkt, an die
Welt nur, um sie zu fliehen oder sie zu vermissen, was das Gegenteil
von christlicher Liebe ist."

Was die sogenannten ewigen Strafen betrifft, so tritt der Seher im
letzten Augenblick als Erlöser auf, indem er uns einen Strahl von
Hoffnung aufschimmern lässt.

"Die unter ihnen, für die man auf Erlösung hoffen kann, werden an
verwüsteten Stellen ausgesetzt, die nur ein Bild von Trostlosigkeit
bieten; und man lässt sie dort zurückbleiben, bis ihre Trauer darüber,
sich dort zu befinden, sie auf die Höhe der Verzweiflung gebracht
hat, weil das die einzige Art ein dürfte, das Böse und Falsche, das
sie beherrscht, zu meistern. So weit gelangt, schreien sie, dass sie
nicht besser sind als Tiere, dass sie voll sind von Hass und allerhand
Greuel und dass sie Verdammte sind; man verzeiht ihnen das als Schreie
der Verzweiflung, und Gott mildert ihren Sinn, damit sie sich nicht
in Vorwürfen und Schmähungen ergiessen über die Grenzen hinaus, die
festgestellt sind. Wenn sie alles gelitten haben, was gelitten werden
kann, so dass ihr Körper gleichsam tot ist, bekümmern sie sich nicht
darum, und man bereitet sie zur Erlösung. Ich habe einige von ihnen zum
Himmel fortführen sehen, nachdem sie mit all den Leiden, von denen ich
gesprochen habe, geprüft worden waren. Als sie dort eingelassen wurden,
legten sie eine grosse Freude an den Tag, dass ich davon bis zu Tränen
gerührt wurde."

Was die Katholiken conscientia scrupulosa, Gewissenszartheit, nennen,
leitet seine Herkunft von böswilligen Geistern her, welche die
Gewissensqual um nichts und wieder nichts erwecken. Es macht ihnen
Freude, so eine Last auf das Gewissen zu legen, und dieses Verhalten
hat nichts mit der Besserung des Sünders zu tun.

Ebenso gibt es ungesunde Versuchungen. Böswillige Geister rufen in
der Tiefe der Seele all das Böse hervor, das sie seit der Kindheit
begangen hat, und zwar so, dass es nach der schlimmen Seite verdreht
wird. Aber die Engel entschleiern, was sich von Gutem und Wahrem bei
dem Gemarterten findet. Das ist der Streit, der sich unter dem Namen
Gewissensqual offenbart.

Ich bleibe hier stehen, weil ich meinem Meister unrecht tun würde, wenn
ich das zerrisse, was er so gut zusammengewebt hat, und die Fetzen als
Probestücke vorzeigte.

Swedenborgs Werk ist unermesslich umfassend, und er hat mir auf alle
meine Fragen geantwortet, wie pochend sie auch gewesen sein mögen.

Unruherfüllte Seele, leidendes Herz, nimm und lies!



9.

Canossa.


Von den geheimnisvollen Verfolgungen ermattet, habe ich schon längst
eine sorgfältige Prüfung meines Gewissens vorgenommen; getreu meinem
neuen Programm, mir selbst dem Nächsten gegenüber unrecht zu geben,
finde ich mein verflossenes Leben abscheulich, und Ekel erfasst mich
vor meiner eigenen Persönlichkeit. "Es ist Wahrheit, dass ich die
Jugend in Harnisch gebracht habe gegen das Bestehende, gegen Religion,
Gesetze, Obrigkeit, Sittlichkeit. Es ist meine Gottlosigkeit, die jetzt
bestraft worden ist, und ich nehme zurück."

Nach einer Pause im Gedankengang kehre ich dann die Frage um, indem
ich das Gegenteil aufstelle, und ich frage: "Und die anderen, die
Gegner meiner umstürzenden Ansichten, die frommen Verteidiger der
Sittlichkeit, des Staates, der Religion, können die denn nachts
schlafen, haben die Mächte denn ihnen Erfolg in ihren weltlichen
Angelegenheiten geschenkt?"

Wenn ich einer Musterung der Stützen der Gesellschaft und ihrer
Geschicke anstelle, bin ich genötigt zu antworten: nein!

Der tapfere Vorkämpfer für das Ideale in Poesie und Leben, ein Dichter
für die zuverlässigen und guten Mitbürger, er kann des Nachts nicht
schlafen, weil er von der grossen Hysterie betroffen ist; die weckt ihn
mit Anfällen, die man Clownssprung und Schwibbogen nennt und in der
Salpétrière bekannt sind. Auch liess ihn sein Schutzgeist im Stich,
und der Dichter geriet in Schwierigkeiten, als er sich vor einigen
Jahren auf geschäftliche Spekulationen einliess; die hätten ihn beinahe
in eine entblösste Lage gebracht. Es ist mir keine Freude, daran zu
erinnern, denn es vergrössert nur meinen Kummer, wenn ich sehe, wie die
erhabenen Bestrebungen nur um Zusammenbruch führen.

Und meine Gegner in der Religion? Der mich einmal ins Gefängnis
bringen wollte für Lästerungen, ist selbst in Haft genommen wegen
betrügerischen Bankerotts. Glaube nun nicht, mein Leser, dass ich meine
Lästerungen mit seinem Verbrechen entschuldige! Ich bin betrübt, nicht
mehr an die reinigende Aufgabe des Christentums glauben zu können,
angesichts eines so niederschlagenden Beispiels.

Und dann diese Frau, welche die Sittlichkeit unter den Schatten ihrer
Flügel nahm, die Freundin der unterdrückten Frauen, die Prophetin, die
in feurigen und aufrichtigen Vorträgen den jungen Männern das Cölibat
predigte?

Wo ist sie geblieben? Niemand weiss es, aber auf ihrem Haupte lastet
eine Anklage, die auf schauderhafte Dinge hinausläuft. Erbaulich, nicht
wahr?

Was die anderen Stützen der moralischen und religiösen Ordnung
betrifft, so übergehe ich sie, sei es, dass sie sich eine Kugel vor die
Stirn geschossen oder aus Furcht vor unglücksbringendem Verhör das Feld
geräumt haben.

Kurz, das Gericht scheint die Gerechten wie die Ungerechten zu treffen,
ohne Unterschied, und der eine mag ebenso gut sein wie der andere!

Was ist es denn, was sich heute in der Welt zuträgt?

Ist es das Gericht, das unerbittlich über Sodom ausgesprochen wurde?

Müssen alle vergehen: gibt es keinen Gerechten? Nicht einen!

Mögen wir dann Freunde sein und gemeinsam leiden, als Mitschuldige und
ohne uns über einander zu erheben.


Ich habe Abbitte getan für meine tadelnswerten Handlungen, und
ich verleugne meine Vergangenheit. Lasst mich nun ein Wort zur
Selbstverteidigung sagen.

Die Jugend ist zu jeder Zeit aufrührerisch, leichtfertig, ausschweifend
gewesen; bin ich es da, der die Empörung, das Laster erfunden hat?
Vorher war ich der Junge, der Verführte, das Kind meiner Zeit, der
Schüler meiner Lehrmeister, das Opfer der Verführungen. Wer hat die
Schuld, und warum hat man mich zum Sündenbock gemacht? Angenommen, es
war eine Lüge, und ich bin nicht der, für den die Menschen mich halten.

Da legt die schwarze Magie sich in die Wagschale!

Aber es geschah aus Unwissenheit, dass ich sie versuchte.

Dann aber die Erhebung gegen die Unsichtbaren?

Jawohl, die Erhebung! Doch die andern, die ihr Leben auf den Knien
zubrachten, unter Anbetung und Selbstverleugnung, und die alle
desavouiert worden sind!

Geben wir zu, dass die Lage verzweifelt ist! Und dass wir alle dem
Weltfürsten überliefert sind, um in den Staub gebeugt und erniedrigt
zu werden, auf dass wir uns vor uns selber ekeln, auf dass wir Heimweh
nach dem Himmel empfinden! Selbstverachtung, Entsetzen vor der eigenen
Persönlichkeit, gewonnen durch die vergeblichen Anstrengungen, sich zu
bessern: das ist der Weg zu einem höheren Dasein.

Und behalte noch eine Sache im Gedächtnis: der Weg nach Rom, der
Kaiserweg, führte durch Canossa!



10.

Der Geist des Widerspruchs.


Trotz aller Marter, die ich ausgestanden habe, hält sich der Geist des
Aufruhrs aufrecht und redet mir Zweifel ein, ob die Absichten meines
unsichtbaren Wegführers wohlwollend sind.

Ein Zufall (?) hat mir die "Zauberflöte", Schikaneders Operntext, in
die Hand gegeben. Die Prüfungen und Versuchungen des jungen Paares
flössen mir den Gedanken ein, dass ich mich von den verleitenden
Stimmen habe täuschen lassen; da ich die Mühen und Leiden nicht habe
aushalten können, habe ich mich gekrümmt und sei unterlegen.

Sogleich erinnere ich mich an Prometheus, der immer die Götter
anspeit, während der Geier seine Leber zerfleischt. Und zuletzt wird
der Aufrührer, ohne öffentliche Abbitte zu leisten, in den Kreis der
Olympischen aufgenommen.

Das Feuer ist jetzt angezündet, und sogleich tragen die bösen Geister
Nahrung herbei.

Eine okkultistische Zeitschrift, die mit der Post gekommen ist, muntert
meinen kleinmütigen Sinn auf, indem sie mir nur Umsturz-Lehren wie
diese vorlegt.

"Wie man weiss, wird in den alten Vedabüchern die Schöpfung als eine
einzige grosse Opferhandlung betrachtet, wo Gott, Priester und Opfer,
sich selbst opfert, indem er sich teilt."

(Da haben wir ja meine Idee, die ich in dem Mysterium ausgedrückt habe,
das ich "Inferno" voranstellte.)

"Alle Elemente, die zusammen das Weltall bilden, sind nichts anders als
gefallene Gottheitspersonen, die durch das Stein-, Pflanzen-, Tier-,
Menschen- und Engelreich wieder zu den Himmeln aufsteigen, um aufs neue
herabzufallen."

Diese Idee, welche der berühmte Alexander von Humboldt wie der
Historiker Cantü als erhaben bezeichneten....

(Ja, sie ist erhaben!)

"Wie man weiss, waren die Götter von Griechenland und Rom Menschen
gewesen. Jupiter selbst, der grösste von allen, war auf Kreta geboren,
wo er von der Ziege Amalthea gesäugt wurde. Er stiess seinen Vater vom
Thron und traf alle Vorsichtsmassregeln, um nicht selbst entthront
zu werden. Beim Angriff der Giganten, als die meisten der Götter
ihn feige im Stich liessen und sich in Ägypten verbargen, indem
sie Pflanzengestalten annahmen, hatte er das Glück, mit Hilfe der
Tapfersten Sieger zu bleiben. Aber es war auch mit genauer Not."

"Bei Homer kämpfen die Götter gegen die Menschen und werden bisweilen
verwundet. Unsere gallischen Vorväter stritten auch gegen den Himmel
und schossen Pfeile gegen ihn ab, wenn sie sich von dort bedroht
glaubten."

"Die Juden wurden von denselben Gefühlen belebt wie die Heiden. Wie sie
ihren Jehova (Gott) hatten, so hatten sie auch Elohim (die Götter). Die
Bibel beginnt also:

"Und er der ist, der war und der sein wird
              Die Götter Die
          Einheit in der Mehrzahl."

"Als Adam diese ewig gesegnete Sünde begangen hatte, die, weit entfernt
ein Fall zu sein, ein erhabener Schritt nach der Höhe war, wie die
Schlange vorausgesagt hatte, sagte Gott: "Siehe Adam ist geworden
wie _einer von uns_ und weiss, was gut und böse ist." Und er fügte
sogleich hinzu: "Nun aber, auf dass er nicht seine Hand ausstrecke und
nehme desgleichen vom Baum des Lebens, und esse, und lebe ewiglich...."

"Die Alten sahen also in den Göttern Menschen, die sich zu höchsten
Machthabern aufgeschwungen hatten und durch einen Staatsstreich den
Besitz der Macht zu behalten suchten, indem sie andere hinderten,
sich ihrerseits aufzuschwingen. Daher kam der Streit von seiten der
Menschen, um die Usurpatoren fortzujagen, und deren Widerstand, um sich
die unrechtmässig angeeignete Macht zu bewahren."

Und da haben wir die Schleuse geöffnet.

--Denkt, wir sind Götter!

"Und die Söhne der Götter stiegen zur Erde nieder und ehelichten
die Töchter der Sterblichen, und die gebaren Kinder. Und aus dieser
Mischung stammten die Riesen her und alle berühmten Männer, Krieger,
Staatsmänner, Schriftsteller, Künstler."

Das war eine gute Aussaat in ein aufsässiges Gemüt, und das Ich bläst
sich von neuem auf: denkt, wir sind Götter.

Am selben Abend, als die Stimmung im Wirtshaus hoch ging, bildet man
einen Kreis um einen Doktor der Musik.

Mein Freund, der Philosoph, dem ich die Entdeckung unserer
Verwandtschaft mit den Göttern mitgeteilt habe, bittet Mozarts "Don
Juan" hören zu dürfen, vor allem das Finale des letzten Aktes.

--Wovon handelt das? fragt einer, der nicht im klassischen Repertoire
zu Hause ist.

--Der Teufel kommt und holt den Wüstling!

Und die höllischen Qualen, die Mozart so gut schildert, da er
Gewissensbisse dieser Art gekannt haben dürfte, denn der Mann einer
Frau, die er verführt hatte, beging seinetwegen Selbstmord,--die
höllischen Qualen werden aufgerollt in jammererfüllten Tonfolgen wie
eine schneidende Neuralgie. Das Lachen verstummt, die Spötteleien hören
auf, und als das Stück zu Ende ist, herrscht ein ängstliches Schweigen.

--Nein, Prosit!

Man stösst an! Aber die Munterkeit ist fort, die olympische Stimmung
ist erloschen, denn die Nacht ist im Anzuge, und die grauenhaften
chromatischen Tonfolgen hallen wider gleich unermesslichen Wogen, die
steigen und fallen

    la--la--la--la--la--la--la--la
la--la--la--la--la--la--la--la--la--la
           -la--la--la--la-

und das Menschenwrack hinauf in die Luft schleudern, um es im nächsten
Augenblick zu ertränken.

Während die Abkömmlinge der Götter vergebliche Anstrengungen machen,
eine ihrer hohen Geburt entsprechende Art anzunehmen, ist die Nacht
hereingebrochen und das Restaurant wird geschlossen. Man muss
aufbrechen und gehen ein jeder nach seinem einsamen Bett. Als man an
der Domkirche vorbeiging, die in die Schatten der Nacht eingehüllt war,
brach ein Blitz hervor und warf einen weissen Schein au die Fassade, wo
Heilige und Verdammte vor dem Throne des Lammes knien.

--Was war das?

Denn es war kein Gewitter!

Man schauerte zusammen und blieb stehen.

Es war der Momentphotograph, der in seinem Laden bei Magnesiumblitzen
arbeitete.

Man wird ärgerlich über seine Furchtsamkeit, und ich für meinen Teil
kann eine Erinnerung an die Theaterblitze bei der Fortführung Don Juans
nicht unterdrücken.

Als ich in mein Zimmer trat, bekam eine zugleich eisige und erhitzende
Angst Macht über mich. Und als ich den Überrock ausgezogen habe, höre
ich, wie sich die Garderobentür von selbst öffnet.

--Ist jemand da?

Keine Antwort! Der Mut sinkt mir, und einen Augenblick fühle ich Lust,
wieder hinaus zu gehen und die Nacht auf den schmutzigen dunklen
Strassen zuzubringen. Aber Müdigkeit und Verzweiflung drücken mich
nieder, und ich ziehe vor, in einem schönen Bett zu sterben.

Während des Auskleidens sehe ich einer schweren Nacht entgegen, und
glücklich im Bett, nehme ich ein Buch, um mich zu zerstreuen.

Da fällt meine Zahnbürste vom Waschtisch auf den Boden herab! Ohne
sichtbare Ursache. Weiter und unmittelbar danach hebt sich der Deckel
von meinem Eimer und fällt mit einem Knall wieder zu. Und zwar vor
meinen Augen, ohne dass eine Erschütterung stattgefunden haben könnte,
so vollkommen still war die Nacht.

Das Weltall hat keine Geheimnisse mehr für Riesen und Genies, und doch
kommt die Vernunft zu kurz vor einem Deckel, der den Gesetzen der
Schwerkraft trotzt.

Und die Furcht vor dem Unbekannten lässt einen Mann zittern, der das
Rätsel der Sphinx gelöst zu haben glaubte!

Ich war bange, schrecklich bange, aber ich wollte den Walplatz nicht
verlassen, sondern fuhr fort zu lesen. Da fällt ein Funke oder ein
kleines Irrlicht wie eine Schneeflocke von der Decke herab und erlischt
über meinem Buch.

Und ich wurde nicht toll, Leser!

Der Schlaf, der heilige Schlaft, nimmt die Form des Hinterhalts an, in
dem Mörder sich verbergen.

Ich wage nicht mehr zu schlafen und habe keine Kraft übrig, mich wach
zu halten. Das _ist_ ja die Hölle! Als ich die Schlummerbetäubung mich
überschleichen lasse, trifft mich ein galvanischer Stoss gleich einem
Donnerschlag, ohne mich jedoch zu töten.

Schleudere deine Pfeile, stolzer Gallier, gegen den Himmel, der Himmel
ruht nie!


Da aller Widerstand vergeblich ist, strecke ich die Waffen, jedoch nach
Rückfällen in die Widersetzlichkeit. Während dieses letzten ungleichen
Kampfes geschieht es oft, dass ich Irrlichter sogar am hellen Tage
sehe, aber ich schreibe die Erscheinung einer Augenkrankheit zu.

Da erhalte ich von Swedenborg eine Aufklärung über die Bedeutung dieser
Flackerflammen, die ich seitdem nie mehr gesehen habe.

"Andere Geister suchen mir das Gegenteil von dem einzureden, was
die Lehrgeister mit gesagt haben. Diese _Widerspruchsgeister_ sind
auf Erden Menschen gewesen, die infolge ihrer Frevelhaftigkeit aus
der Gesellschaft verwiesen sind. Man erkennt ihr Nahen an einer
_flackernden Flamme_, die sich einem vor das Gesicht zu senken scheint;
sie nehmen auf dem Rücken des Menschen Platz, von wo sie sich bis in
die Glieder vernehmen lassen. Sie predigen, man solle nicht glauben,
was die Lehrgeister in Übereinstimmung mit den Engeln gesagt haben;
man solle seinen Wandel nicht der Unterweisung anpassen, die man von
ihnen genossen hat, sondern in Ungebundenheit und Freiheit leben, nach
eigenem Behagen. Gewöhnlich finden sie sich ein, wenn die anderen
verschwunden sind; die Menschen wissen, was sie gelten, und kümmern
sich wenig um sie; lernen aber doch durch sie, was gut und böse ist,
denn man erwirbt Kenntnis von der Beschaffenheit des Guten durch dessen
Gegenteil."



11.

Auszug aus meinem Tagebuch.


1897.

7. Februar.

Ein Schlagregen von Steinen gegen die Fenster in meiner neuen Wohnung
die ganze erste Nacht. Am nächsten Tage klärt man mich darüber auf,
dass es Eissplitter gewesen sind.

12. Februar.

Aus dem Bett gezerrt, nachdem ich eine Frauenstimme gehört habe. Der
heilige Chrysostomus, der Weiberhasse, gibt mir zu verstehen:

"Was ist das Weib? Der Feind der Freundschaft, die unvermeidliche
Strafe, das notwendige Übel, die natürliche Versuchung, das ersehnte
Unglück, die Quelle unversieglicher Tränen, das schlechte Meisterstück
der Schöpfung in blendend weisser Ausstattung."

"Da schon das erste Weib einen Vertrag mit dem Teufel einging, warum
sollten seine Töchter es nicht genau so machen? Geschaffen wie es ward
aus einer krummen Rippe, ist seine ganze Sinnesrichtung krumm und
schief geworden, geneigt nach dem Bösen!"

Gut gesagt, Sankt Chrysostomus, Goldmund!

28. Februar.

Der Buchfink zwitschert, der blaue Streifen des Meeres in der Ferne
lockt und zieht mich an, aber sobald ich nach der Reisetasche greife,
werde ich von den Unsichtbaren angefallen. In der Tat ist die Flucht
für mich abgeschnitten; ich bin hier interniert.

Um mich zu zerstreuen, will ich anfangen an dem Buch "Inferno" zu
schreiben; aber das wird mir nicht gestattet. So wie ich die Feder
anfasse, ist das Gedächtnis wie ausgelöscht, und ich kann mich an
nichts mehr erinnern; oder alles erscheint als Begebenheiten ohne eine
Spur von Bedeutung.

2. April.

Ein deutscher Schriftsteller bittet mich um meine Meinung über Fürst
Bismarck, für Rechnung einer Zeitschrift, in welcher der Kanzler
allgemeiner Abstimmung unterzogen wird.

"Ich muss einen Mann bewundern, der es verstanden hat, seine
Zeitgenossen so anzuführen wie Bismarck. Sein Werk soll die Einheit
Deutschlands sein, und doch hat er das grosse Reich in zwei geteilt,
mit einem Kaiser in Berlin und einem in Wien."

Am Abend verbreitet sich ein Duft von Jasminblüten in meinem Zimmer,
ein lieblicher Friede bemächtigt sich meines Gemüts, und ich schlafe
ruhig diese Nacht. (Swedenborg sagt, dass die Gegenwart eines guten
Geistes, eines Engels, sich durch balsamischen Duft verrät. Die
Theosophen behaupten dasselbe, aber übersetzen Engel mit Mahatma.)

5. April.

Man erzählt mir, dass ein grosses Skulpturwerk von Ebbe, ein
gekreuzigtes Weib darstellend, während des Transportes nach der
Stockholmer Ausstellung zerschlagen worden ist. Ein Gegenstück: meines
Freundes H. Gemälde mit dem gekreuzigten Weib, das für Schulden in
Beschlag genommen und in einem Hof über dem Kehrrichtkasten aufgehängt
wurde. (Siehe "Inferno".)

10. April

Las allerlei. Chateaubriands "Mémoires d'outretombe". Las Cases'
Tagebuch von St. Helena. Wer war Napoleon? Von wem war er eine
Reïnkarnation?

Geboren in Ajaccio, einer griechischen Kolonie, die ihren Namen von
Ajax herleitet. 1. Ajax, Telamons Sohn, wurde von Odysseus besiegt;
wahnsinnig vor Gram, machte er die Viehherden der Griechen nieder, im
Glauben, Tod unter den Feinden zu verbreiten. Eines Tages, als einer
von Trojas Schutzgöttern beide Heere in eine Wolke gehüllt hatte, um
die Flucht der Trojaner zu begünstigen, rief er: Hoher Gott, schenk uns
das Tageslicht wieder und kämpfe gegen uns. 2. Ajax, Sohn des Oïleus,
litt Schiffbruch auf der Heimfahrt von der Belagerung Trojas, rettete
sich auf eine Klippe, wo er trotzig gegen die Götter schalt; zur Strafe
wurde er in die Tiefe des Meeres versenkt. Ajax, den Göttern trotzend,
ist eine feststehende Wendung geworden.

Napoleon kam unvermutet zur Welt auf einem Teppich, der mit
Darstellungen aus der Ilias geschmückt war.

Paola a Porta sagte eines Tages zu dem jungen Napoleon: Es ist nichts
von neuer Zeit bei dir; du bist ein Mann aus Plutarch.

Rousseau hatte vor Napoleons Geburt sich mit Korsika beschäftigt,
dessen Einwohner ihn zum Gesetzgeber haben wollten. "Es gibt noch ein
Land in Europa, in dem es möglich ist, Gesetze zu geben: das ist die
Insel Korsika ... Ich habe ein Vorgefühl davon, dass einmal _diese
kleine Insel Europa mit Verwunderung schlagen wird_."

Nordille Bonaparte hatte 1266 seine Ehre zum Pfande gesetzt für
Konradin von Schwaben, den Karl von Anjou hinrichten liess.

Der Zweig Franchini Bonaparte trug in seinem Wappen drei goldene Lilien
wie die Bourbonen.

Napoleon war verwandt mit Orsini. Orsini war der Name des Mörders, der
ein Attentat gegen das Leben Napoleons III. unternahm. Auf drei Inseln
hatte Napoleon seine schweren Tage: Korsika, Elba und St. Helena. In
einer Geographie, die er in seiner Jugend niederschrieb, erwähnt er die
letzte mit den beiden Worten: "kleine Insel!" (Allzu klein, leider!)
Während des Krieges mit den Engländern sandte er ohne ersichtliche
Veranlassung einen Kreuzer in das Fahrwasser von St. Helena.

Napoleons Tod gibt der Einbildungskraft eines Okkultisten reichen Stoff.

"Es war ein schreckliches Wetter, der Regen fiel ununterbrochen,
und der Wind drohte alles wegzufegen. Der Weidenbaum, unter dem
Napoleon frische Luft zu holen pflegte, war umgebrochen worden; unsere
Baumpflanzungen waren mit den Wurzeln ausgerissen, umhergestreut; ein
einziger Gummibaum hielt noch stand, als ein Wirbelwind ihn ergriff,
ihn aufhob und in den Schmutz legte. Nichts von dem, was der Kaiser
liebte, durfte ihn überleben."

Der Kranke konnte das Licht nicht vertragen; man musste ihn in einem
dunklen Zimmer pflegen. Er sprang, schon sterbend, aus dem Bett, um in
den Garten zu gehen.

"Krampfhafte Zuckungen über dem Nabel und im Bauche, tiefe Seufzer,
Klageschreie, konvulsivische Bewegungen, die beim Todeskampfe in ein
lautes und schmerzvolles Schluchzen endigen."

Noverrez, der krank geworden war, fiel in Fieberphantasie: "Er bildet
sich ein, dass der Kaiser bedroht sei, und ruft nach Hilfe."

Nachdem Napoleon den Geist aufgegeben hat, breitet sich ein friedvolles
Lächeln um seine Lippen, und die Leiche behält noch nach neunzehn
Jahren in der Gruft diesen Ausdruck der Ruhe bei. Als man im Jahre 1840
das Grab öffnete, war der Körper vollständig erhalten. Die Fusssohlen
waren weiss. (Weisse plantae pedis bedeuten nach Swedenborg: Deine
Sünden sind vergeben.)

Gut erhalten waren die Hände (die linke jedoch nicht weiss), waren
weich geblieben und hatten ihre schöne Form bewahrt. Der ganze Körper
mattweiss: "als sähe man ihn durch einen dichten Tüll." Im Oberkiefer
fanden sich bloss drei Zähne. (Ein merkwürdiges Zusammentreffen: der
Herzog von Enghien hatte nur noch drei Zähne, als er füsiliert worden
war. Und in Parenthese sei hinzugefügt: der Herzog von Enghien kam zur
Welt nach 48stündigen Wehen. Er war _schwarzblau_ und ohne ein Zeichen
von Leben. In eine spiritusgetränkte Binde gewickelt, wird er zu nahe
an ein brennendes Licht gehalten und fängt Feuer. Da erst beginnt er zu
leben!)

Napoleon war im Sarge in seine grüne Uniform gekleidet. (Zauberer
kennzeichnen sich durch ihre grüngefärbten Kleider.)

Chateaubriand schreibt: Napoleons Kapitänsvollmacht ist unterzeichnet
von Ludwig XVI. am 30. August 1792, und der König entsagte der Krone am
10. August.

"Erkläre das wer kann. Welcher Beschützer förderte die Unternehmungen
dieses Korsikaners? Dieser Beschützer war der Herr der Ewigkeit."

18. April. Ostertag.

Auf einem Feuerbrand im Kachelofen sah ich die Buchstaben J. N. R. J.
(Jesus Nazarenus Rex Judaeorum.)

2. Mai.

Ich sah den Neumond und wurde froh davon.

3. Mai.

Mithin fange ich an "Inferno" zu schreiben.

Man erzählt mir, dass eine sehr bekannter Zeitungsmann plötzlich
attackiert worden ist durch nächtliche Anfälle des jetzt üblichen
Schlages. Und die Okkultisten setzen das in Zusammenhang mit einem
rücksichtslosen Nachruf über einen verdienten Mann, der neulich
verstorben ist.

Als ich Wagners "Rheingold" lese, entdecke ich einen grossen
Dichter und begreife nun, warum ich das Grosse an diesem Musiker
nicht verstanden habe: dessen Musik ist allein Begleitung zu seinen
Textworten. Übrigens ist "Rheingold" für meine Rechnung geschrieben:

         Wellgunde.
Weisst du denn nicht,
Wem nur allein
Das Gold zu schmieden vergönnt?

         Woglinde.
Nur wer der Minne
Macht versagt.
Nur wer der Liebe
Lust verjagt,
Nur der erzielt sich den Zauber
Zum Reif zu zwingen das Gold.

         Wellgunde.
Wohl sicher sind wir
Und sorgenfrei:
Denn was nur lebt will lieben,
Meiden will keiner die Minne.

         Woglinde.
Am wenigsten er,
Der lüsterne Alp:

       *       *       *       *       *

         Alberich.

(Die Hand nach dem Golde ausstreckend.)

Das Gold entreiss' ich dem Riff,
Schmiede den rächenden Ring:
Denn hör' es die Flut--So
verfluch' ich die Liebe!

12. Mai.

Mit dumpfer Resignation habe ich fünf Monate lang Cichorienkaffee
getrunken, ohne mich zu beklagen. Ich wollte sehen, ob es eine Grenze
gebe für die Kühnheit einer unehrlichen Frau (die meinem Morgenkaffee
kocht). Ganze fünf Monate habe ich gelitten, jetzt will ich mich des
Göttertrankes mit dem berauschenden Duft erfreuen. Zu diesem Zweck
kaufe ich ein Pfund der teuersten Kaffeesorte. Das war zur Mittagszeit.

Am Abend lese ich in Peladan, L'Androgyne, Seite 107: "Er erinnert sich
folgender Anekdote eins alten Missionars. Am Ende seiner Missionsreise,
während einer Anfangspredigt von grosser Wichtigkeit wurde ich von
Unfähigkeit getroffen, sobald ich das Wort "meine Brüder" ausgesprochen
hatte; kein Gedanke in meinem Gehirn, nicht ein Wort, auf meinen
Lippen. Heilige Jungfrau--bat ich in mir--ich habe nur eine Schwäche
beibehalten, meine Tasse Kaffee, ich opfere sie dir; und sofort kam
die Spannkraft meiner Seele wieder, ich übertraf mich selbst und tat
manchen Seelen viel Gutes."

Welche Rolle als Hausfriedensstörer hat nicht der Kaffe in meiner
Familie gespielt! Ich schäme mich daran zu denken, umsomehr da ein
glückliches Resultat nicht vom guten Willen und Geschicklichkeit
abhängt, sondern von unberechenbaren Umständen.

Morgen also der grösste Genuss oder der grösste Schmerz!

13. Mai.

Die Aufwärterin hat den elendesten Kaffee gekocht, den man sich denken
kann.

Ich bringe ihn als Opfer den Mächten dar, und von diesem Tage an trinke
ich Schokolade, ohne zu murren!

26. Mai.

Ausflug nach Buchenwald. Einige hundert Leute haben sich dort
versammelt. Die singen Lieder aus der Zeit, da ich jung war, vor
dreissig Jahren; sie spielen Spiele meiner Jugend und tanzen deren
Tänze.

Die Traurigkeit bekommt Macht über mich, und mit einem Schlag rollt
sich mein vergangenes Leben vor den Augen der Seele auf, ich kann die
durchlaufende Bahn messen und werde wie erblindet. Ja, es ist bald zu
Ende; ich bin alt, und der Weg geht abwärts, dem Grabe zu. Ich kann
meine Tränen nicht zurückhalten--ich bin alt.

1. Juni.

Ein junger Arzt von weicher Natur und so empfindlicher Seelenanlage,
dass er schon dadurch zu leiden scheint, dass er existiert, leistet mir
abends Gesellschaft. Auch er ist bedrängt von Gewissensskrupeln; er
bereut die Vergangenheit, die sich nicht bessern lässt, wenn sie auch
nicht schlimmer ist als die aller anderen. Er legt mir das Mysterium
von Christus aus.

--Man kann nicht ändern, was man einmal getan hat; man kann keine
einzige schlechte Tat streichen: daher unsere Verzweiflung. Dann
offenbart sich Christus. Er allein vermag die Schuld, die nicht bezahlt
werden kann zu tilgen, das Wunder zustande zu bringen und die Last des
Gewissens und der Selbstvorwürfe abzunehmen. Credo quia absurdum, und
ich bin gerettet.

--Aber das kann ich nicht; und ich ziehe vor, meine Schulden selbst
durch Leiden zu bezahlen. Es gibt Augenblicke, da ich mich nach
einem grausamen Tod sehne, auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt
werden möchte, um die Schadenfreude zu empfinden, meinem eigenen
Körper, diesem Gefängnis der Seele, die zu den Höhen strebt, wehe zu
tun. Und das Himmelreich ist für mich, von materiellen Bedürfnissen
befreit zu werden; Feinde wiederzusehen, um ihnen zu verzeihen und
ihre Hände zu drücken. Keine Feinde mehr! Kein Groll! Das ist mein
Himmelreich!--Weist du, was das Leben erträglich für mich macht? Dass
ich mir zuweilen einbilde, es sei nur eine Halbwirklichkeit, ein böser
Traum, der uns als Strafe auferlegt ist; und dass man im Augenblick
des Todes zu der wirklichen Wirklichkeit aufwacht, indem man zum
Bewusstsein kommt, das es bloss ein Traum war; alles Böse, das man
getan hat, nur ein Traum. So werden die Gewissensbisse ausgetilgt in
und mit der Handlung, die nicht begangen worden ist! Das ist Erlösung,
Errettung!

25. Juni.

"Inferno" ist jetzt fertig geschrieben. Ein Marienkäfer hat sich auf
meine Hand gesetzt. Ich warte ein Wahrzeichen ab für die Reise, die ich
vorbereite. Der Marienkäfer fliegt auf und nimmt den Kurs nach Süden!
Südwärts also.


Von diesem Augenblick setzte ich meine Abreise nach Paris fest. Aber
es scheint mir zweifelhaft, ob die Mächte mir ihre Zustimmung geben.
Ein Raub innerer Kämpfe lasse ich den Juli verfliessen, und mit dem
Eintritt des August erwarte ich ein Zeichen, um mich zu bestimmen.
Zuweilen fällt mir ein, dass die Lenker meines Schicksals nicht unter
sich einig sind, und dass ich der Gegenstand einer längeren Erörterung
bin. Einer treibt mich an, und ein anderer hält mich zurück.

Schliesslich am Morgen des 24. August steige ich aus dem Bett, ziehe
die Fenstergardine auf und erblicke eine Krähe, die auf dem Schornstein
eines sehr hohen Hauses sitzt. Sie nimmt sich ganz so aus wie der Hahn
auf dem Turm der Kirche Notre-Dame-des-Champs (siehe "Inferno"), stellt
sich, als fliege sie ihres Weges, mit den Flügeln schlagend und nach
Süden gewandt.

Ich öffne das Fenster. Da erhebt sich der Vogel, laviert, fliegt gerade
auf mich zu und verschwindet.

Ich nehme das Wahrzeichen an und packe meine Sachen.



12.

In Paris.


Noch ein Mal--ob es das letzte ist?--steige ich auf dem Nordbahnhof
aus. Ich frage jetzt nicht: was habe ich hier zu tun, da ich mich
zu Hause fühle in der Hauptstadt Europas. In mir ist allmählich
der Entschluss gereift, nicht ganz klar, das gestehe ich ein, im
Benediktinerkloster zu Solesmes eine Zuflucht zu suchen.

Aber erst gehe ich und besuche die alten Stellen mit ihren
schmerzlichen und doch so lieben Erinnerungen. So sehe ich wieder den
Luxemburg-Garten, Hotel Orfila, den Kirchhof von Montparnasse, den
Jardin des Plantes. In der Rue Censier bleibe ich einen Augenblick
stehen, um einen verstohlenen Blick in das Gärtchen meines Hotels an
der Rue de la Clef zu werfen. Gross ist meine Gemütsbewegung, als ich
den Pavillon mit meinem Zimmer sehe, wo ich dem Tode entging in jener
schrecklichen Nacht, als ich mit dem Unsichtbaren rang, ohne es zu
wissen. Man kann sich meine Gefühle denken, als ich meine Schritte nach
dem Jardin des Plantes lenke und die Spuren der Wasserhose sehe, die
gerade meine Allee verheert hat, die vor den Bären und Bisonochsen.

Auf dem Rückweg die Strasse Saint-Jacques hinuntergehend, entdeckte ich
die Buchhandlung der Spiritisten und kaufe das "Buch der Geister" von
Allan Kardec, das mir bisher unbekannt war.

Ich nehme und lese. Das ist ja Swedenborg und vor allem die Blavatzky,
und als ich überall meinen eigenen "Casus" wiederfinde, kann ich mir
nicht verhehlen, dass ich Spiritist bin. Ich Spiritist! Hätte ich
gewusst, dass ich als Spiritist enden würde, als ich mich über meinen
früheren Chef an der Königl. Bibliothek in Stockholm lustig machte,
weil er Anhänger des Spiritismus war! Man weiss nie, in welchen Hafen
man schliesslich einläuft!


Während ich meine Studien in Allan Kardec fortsetze, bemerke ich ein
stufenweise geschehendes Wiederauftreten der beunruhigenden Symptome
von früher. Das Gepolter über meinem Kopfe beginnt, ich werde von
Beklemmung angefochten, eine Furcht vor allem zeigt sich. Aber
ich lasse mir nicht beikommen und fahre fort, die spiritistischen
Zeitschriften zu lesen, während ich genau meine Gedanken und Handlungen
überwache.

Da werde ich nach ganz unzweideutigen Warnungen eines Nachts genau um
zwei Uhr von einer Herzaffektion geweckt.

Ich habe den Wink verstanden: Es ist verboten, in den Geheimnissen der
Mächte zu forschen. Ich schleudere die unerlaubten Bücher weg, und
sogleich kommt der Friede zurück; ein hinreichender Beweis für mich,
das der höhere Wille befolgt worden ist.

Am folgenden Sonntag gehe ich in Notre-Dame und wohne der Vesper bei.
Von der Ceremonie ergriffen, obwohl ich kein Wort davon verstehe,
zerfliesse ich in Tränen und gehe mit der Überzeugung fort, dass sich
hier in der Mutterkirche der erlösende Hafen befindet.

Doch nein, es war nicht so! Denn am Tage danach lese ich in La Presse,
dass der Abt des Solesmes-Klosters soeben wegen Sittlichkeitsvergehens
abgesetzt ist.

Bin ich denn immer ein Spielball, ein Gelächter für die Unsichtbaren!
rief ich aus, von einem so gut gerichteten Stoss getroffen. Danach
schweige ich und unterdrücke die ungebührliche Kritik, fest
entschlossen, abzuwarten!

Das nächste Buch, das mir zufällig in die Hand fällt, lässt mich die
Absichten meines Lenkers hervorschimmern sehen. Es ist die "Versuchung
des heiligen Antonius" von Flaubert. "Alle diejenigen, die von
Sehnsucht nach Gott gemartert werden, habe ich verschlungen", sagt die
Sphinx.

Dieses Buch macht mich krank, und ich werde bange, wenn ich darin die
Gedanken erkenne, die ich in meinem Mysterienspiel ausgedrückt habe:
das Einsetzen des bösen in die Rechte des guten Gottes. Und ich werfe
es nach dem Durchlesen von mir als eine Versuchung des Teufels, der
es verfasst hat. "Antonius macht das Zeichen des Kreuzes und versinkt
wieder in Gebet." So schliesst der Verfasser sein Buch, und ich folge
seinem Beispiel.

Danach und zu rechter Stunde bekomme ich "En Route" von Huysmans. Warum
ist dieses Bekenntnis eines Okkultisten mir nicht früher in die Hände
gefallen? Weil es notwendig war, dass zwei analoge Geschicke sich
parallel entwickelten, damit das eine mittelst des andern gestärkt
werden könnte.

Ein Neugieriger, der die Sphinx herausfordert und von dieser
verschlungen wird, damit seine Seele am Fusse des Kreuzes erlöst werde.

So, nun mag meinetwegen ein Katholik zu den Trappisten gehen und vor
dem Priester beichten, für mein Teil aber dürfte es genügen, dass ich
mea culpa schriftlich coram populo bekannt habe. Übrigens können die
acht Wochen, die ich in Paris zugebracht habe, während ich dieses Buch
schrieb, gegen den Eintritt in das Kloster und mehr noch aufgehen, weil
ich vollständig wie ein Eremit gelebt habe.

Eine kleine Kammer, nicht grösser als eine Klosterzelle, mit
Gitterfenstern oben unter der Decke, hat mir zu Wohnung gedient. Durch
das Gitter in der Fensteröffnung, die nach einem tiefen Hof zu geht,
kann ich ein Stück vom Himmel sehen und eine graue Wand mit Efeu, der
hinaufklettert dem Lichte zu.

Die Einsamkeit, die an und für sich schrecklich ist, wird noch düsterer
im Restaurant unter einer lärmenden Schar Leute, zwei Male am Tage.
Dazu die Kälte, ein beständiger Zug quer durchs Zimmer, von dem ich
eine fressende Neuralgie bekommen habe; Sorgen, binnen kurzem ohne
Hilfsmittel dazustehen, die Rechnung, die beständig wächst. Möchte
glauben, dass das verschlägt!

Und dann die Gewissensbisse! Früher, als ich mich selbst für
verantwortlich ansah, war es nur die Erinnerung an begangene
Dummheiten, die mich peinigte. Jetzt ist es das Böse selbst, meine
schlechten Handlungen, die meine Geissel ausmachen. Und zum Überfluss
erscheint mir mein vergangenes Leben als ein einziges Gewebe von
Verbrechen, wie ein Gewirr von Gottlosigkeiten, Bosheiten, Missgriffen,
Grobheiten in Wort und Handlung. Ganze Szenen aus meiner Vergangenheit
rollen sich vor meiner Anschauung auf. Ich sehe mich in der einen
und der andern Situation, und immer ist es eine abgeschmackte. Ich
wundere mich, dass jemand mich hat lieben können. Ich klage mich alles
Möglichen an; keine Niedrigkeit, keine widrige Handlung, die nicht
mit schwarzer Kreide auf dem weissen Schleier steht. Ich werde von
Entsetzen vor mir selbst erfüllt und möchte sterben.

Es gibt Augenblicke, da die Schamröte das Blut in meine Wangen jagt,
bis in meine Ohrläppchen. Selbstsucht, Undankbarkeit, Groll, Neid,
Hochmut, all die Todsünden führen ihren Gespenstertanz vor meinem
erwachten Gewissen aus.

Und während mein Gemüt sich martert, verschlechtert sich mein
Gesundheitszustand, vermindern sich die Kräfte, und mit dem
Hinschwinden des Körpers beginnt die Seele ein Vorgefühl von ihrer
Befreiung aus dem Schmutz zu bekommen.

Ich lese gegenwärtig Töpffers "Presbytere" und Dickens'
Weihnachtserzählungen, und die schenken mir eine unsägliche innere
Ruhe und Freude. Ich kehre zu den Idealen meiner besten Jugendzeit
zurück und nehme von neuem die Kapitale, die ich im Spiel des Lebens
verloren habe, in Besitz. Der Glaube kommt zurück, das Vertrauen zu
der natürlichen Güte der Menschen, der Glaube an die Unschuld, die
Uneigennützigkeit, die Tugend!

Die Tugend! dieses Wort ist verschwunden aus den modernen Sprachen, es
ist verworfen worden als durch und durch lügenhaft!

(In diesem Augenblick ersehe ich aus den Zeitungen, dass mein
Schauspiel "Frau Margit" in Kopenhagen aufgeführt worden ist. In diesem
Stück siegen Liebe und Tugend, ganz wie im "Geheimnis der Gilde".
Das Schauspiel hat nicht gefallen, ebenso wenig jetzt wie bei der
ersten Aufführung im Jahre 1882. Warum nicht? Weil man findet, es sei
veraltetes Geschwätz, diese Geschichte von der Tugend!)

Ich habe soeben wieder Maupassants "Horla" gelesen. Das ist ja das
Finale aus dem "Don Juan", nicht wahr? Jemand kommt, unsichtbar, mitten
in der Nacht ins Schlafzimmer hinein. Er trinkt Wasser und Milch und
schliesst damit, Blut aus dem armen Don Juan zu saugen, der, zu Tode
gejagt, gezwungen wird, Hand an sich selbst zu legen.

Dies ist etwas wirklich Erlebtes: ich kenne mich darin wieder, und ich
leugne nicht, dass eine Geistesstörung vorhanden ist, aber ich sehe
jemand dahinter.


Meine Gesundheit verschlechtert sich immer mehr, da Risse in den Wänden
sind, so dass Rauch und Kohlendunst in mein Zimmer eindringen. Als ich
heute auf der Strasse ging, bewegte sich das Pflaster unter den Füssen
gleich einem Schiffsdeck in langen Schwankungen. Nur mit merkbarer
Schwierigkeit kann ich die Höhe zum Luxemburggarten hinaufgehen. Der
Appetit wird immer geringer, und ich esse nur, um die Schmerzen im
Magen zu stillen.

Eine Erscheinung, die sich oft wiederholt nach meiner Ankunft in Paris,
hat mir verschiedenes zu denken gegeben. Im Innern meines Rockes, auf
der linken Seite, gerade da wo das Herz sitzt, hört man nämlich ein
regelmässiges Klopfen; es erinnert an den Tick-tack-Laut, der in Wänden
von dem Käfer hervorgebracht wird, der in Schweden "Zimmermann" genannt
wird, aber auch "Totenuhr"; es soll jemandes Tod ankündigen. Ich glaube
erst, es sei meine Taschenuhr, aber das hielt nicht Stich, da das
Klopfen fortfuhr, nachdem ich die Uhr weggelegt hatte. Es sind auch
nicht die Federn meiner Tragbänder oder das Futter der Weste. Ich nehme
die Deutung der Totenuhr an, weil die mir am meisten behagt.

Vor einigen Nächten hatte ich einen Traum, der aufs neue meine
Sehnsucht weckte, sterben zu dürfen, indem er mir die Hoffnung auf ein
besseres Dasein wiedergab, wo man keine Gefahr läuft, einen Rückfall in
die Qual des Lebens zu tun.

Als ich auf einem Vorsprung, der von einer jähen in Dunkel gehüllten
Tiefe begrenzt wurde, zu weit vorgetreten war, fiel ich mit dem Kopf
voran in einen Abgrund. Aber ich fiel eigentümlicher Weise hinauf statt
hinunter. Und unmittelbar umgeben wurde ich von einem blendendweissen
Lichtschimmer, und ich sah----

Was ich sah, flösste mir zwei gleichzeitige Vorstellungen ein: ich
bin tot, und ich bin erlöst! Und ein Gefühl der höchsten Seeligkeit
umhüllte mich bei dem Bewusstsein, dass das andere nun zu Ende sei.
Licht, Reinheit, Freiheit erfüllten mein Gemüt, und indem ich ausrief:
Gott!, empfand ich die Gewissheit, dass ich Vergebung bekommen habe,
dass die Hölle hinter mir liege, dass sich der Himmel öffne.

Seit dieser Nacht fühle ich mich noch heimatloser als vorher hier in
der Welt, und gleich einem müden, schläfrigen Kinde verlange ich, "heim
gehen" zu dürfen, den schweren Kopf an einen mütterlichen Busen zu
legen, im Schoss einer Mutter zu schlafen, der keuschen Gattin eines
unermesslich grossen Gottes, der sich mein Vater nennt und dem ich
nicht zu nahen wage.

Aber dieser Wunsch verbindet sich mit einem andern: nämlich die Alpen
zu schauen und genauer bestimmt die Dent du Midi im Kanton Wallis. Ich
liebe diesen Berg mehr als die andern Alpen, ohne erklären zu können
weshalb. Vielleicht dass es die Erinnerung an meinen Aufenthalt am
Genfersee ist, wo ich die "Utopien in der Wirklichkeit" (Schweizer
Novellen) schrieb, und an die Landschaft dort, die mich an den Himmel
"erinnerte".

Dort habe ich die schönsten Stunden meines Lebens gelebt, dort habe
ich geliebt! Geliebt Frau, Kinder, die Menschheit, das Weltall, Gott!

"Ich hebe meine Hände auf zu Gottes Berg und Haus!"

Paris, Oktober 1897.



Zweiter Teil


Jakob ringt

(Ein Fragment)


Als ich Ende August 1897 nach Paris zurückkehrte, fand ich mich
plötzlich isoliert. Mein Freund der Philosoph, dessen tägliche
Gesellschaft für mich eine moralische Stütze geworden war, und der
versprochen hatte, mir nach Paris zu folgen, um dort den Winter
zuzubringen, hat sich in Berlin verzögert. Er ist nicht imstande, zu
erklären, was ihn in Berlin zurückhält, da Paris das Ziel seiner Reise
ist und er vor Verlangen brennt, die Lichtstadt zu schauen.

Ich habe nun drei Monate auf ihn gewartet und bekomme den Eindruck,
dass die Vorsehung unter vier Augen mit mir hat sein wollen, um mich
von der Welt los zu machen, mich in die Wüste zu treiben, auf dass
die Zuchtgeister dort meine Seele recht schütteln und sieben könnten.
Und darin hat die Vorsehung recht getan, denn die Einsamkeit hat mich
erzogen, indem sie mich zwang, auf die mässig zugenommenen Freuden
des Verkehrs zu verzichten, und mich jeder Stütze eines Freundes
beraubte. Ich habe mich gewöhnt, zum Herrn zu sprechen, mich nur ihm
anzuvertrauen, und habe so gut wie aufgehört, Bedürfnis nach Menschen
zu empfinden; was mir stets vorgeschwebt hat als das Ideal von
Unabhängigkeit und Freiheit.

Selbst dem Kloster, in dem ich den Schutz der Religion und der
Geselligkeit für mich erwartete, muss ich entsagen. Das Leben des
Eremiten war mir auferlegt, und ich habe es hingenommen als eine
Strafe und eine Erziehung, trotzdem es einem hart ankommt, im Alter
von achtundvierzig Jahren seine eingewurzelten Gewohnheiten gegen neue
vertauschen zu müssen.

Ich wohne in einer kleinen Kamme, eng wie eine Klosterzelle, mit einem
vergitterten Fensterloch oben unter der Decke, das auf einen Hof und
eine Steinwand mit ungeheurem Efeu geht.

Dort sitze ich nach meinem Morgenspaziergang, bis halb sieben Uhr
abends; das Frühstück lasse ich auf einem Tablett herauftragen.

Abends gehe ich aus, um zu Mittag zu speisen, und gehe direkt, ohne mir
erst einen Appetit-Likör zu verschaffen, der mir jetzt zuwider ist.
Warum ich das kleine Restaurant am Boulevard St. Germain ausgewählt
habe, würde mir schwer fallen zu erklären. Vielleicht ist es eine
Erinnerung an die beiden schrecklichen Abende, die ich im vorigen Jahre
mit meinem okkulten Freund, dem Deutsch-Amerikaner, dort verbrachte,
die mich dort fest hext, bis zu dem Grad, dass jeder Versuch, nach
einem andern Ort zu gehen, mit einem Unbehagen schliesst, das ich
tendenziös nennen möchte und das mich zurück nach dieser Kneipe treibt,
die ich verabscheue. Und die Gründe dafür: mein früherer Freund hat
hier Schulden hinterlassen, und man hat mich als seinen Begleiter
erkannt. Aus dieser Ursache und weil man uns hat deutsch sprechen
hören, werde ich als Preusse behandelt, das heisst, sehr schlecht
bedient. Es hilft nicht, dass ich stille Proteste einlege, indem ich
meine Visitenkarte zurücklasse oder mit Absicht Briefumschläge, die
in Schweden abgestempelt sind, vergesse. Ich sehe mich genötigt, für
den Schuldigen zu leiden und zu bezahlen. Kein anderer als ich sieht
die Logik in diesem Sachverhalt ein, dass es eine Sühne ist für ein
Vergehen.... Es ist ganz einfach eine Rechtsübung in untadeliger Form,
und zwei Monate lang kaue ich das entsetzlich schlechte Essen, das nach
der Anatomie riecht.

Die Wirtin, die bleich wie eine Leiche an der Kasse thront, grüsst mich
mit einer triumphierenden Miene, und ich übe mich in mir zu sagen:

Arme Alte, sie hat wohl 1871 während der Belagerung von Paris Ratten
essen müssen!

Aber es scheint, als ob sie Mitleid mit mir empfinde, als sie meine
dumpfe Ergebenheit und meine Ausdauer wahrnimmt. Es gibt Augenblicke,
da sie mir noch bleicher zu werden scheint, wenn sie mich so allein
kommen sieht, immer allein, und immer magerer. Es ist nur die nackte
Wahrheit: als ich mir nach zwei auf diese Weise verlaufenen Monaten
neue Halskragen anschaffte, musste ich an Stelle der Kragen von 47
Zentimeter solche von 43 kaufen, was 4 Zentimeter Unterschied macht.
Die Wangen sind hohl geworden und die Kleider hängen in Falten.

Da zeigt man sich auf einmal bemüht, mir besseres Essen vorzusetzen,
und die Wirtin lächelt mich an. Im selben Augenblick hörte die
Verhexung auf, und ich ging meiner Wege, ohne Groll und wie von einer
Last befreit, mit der Gewissheit, dass die Sündenbusse für meinen Teil
erfüllt sei und vielleicht auch für den meines abwesenden Freundes.
Falls es eine Einbildung von mir war, dass ich schlecht behandelt
worden sei, und falls die Wirtin ohne Schuld daran war, bitte ich sie
um Verzeihung; dann war ich es, der sich selbst gestraft hat, indem er
sich eine wohlverdiente Züchtigung gab.

"Die Zuchtgeister nehmen die Einbildungskraft des Strafwürdigen in
Besitz und wirken durch dieses Mittel zu seiner Besserung von der
Schlechtigkeit, indem sie ihn alles in entstellter Form wahrnehmen
lassen." (Swedenborg.)

Wie oft ist es mir nicht passiert, wenn ich mir eine wirklich feine
Mahlzeit hatte leisten wollen, dass alle Gerichte mir Ekel einflössten,
als ob sie faul wären, während meine Tischkameraden sich einstimmig in
Lobreden über das gute Essen ergossen!

Der "beständig Unzufriedene" ist ein Unglücklicher unter der Geissel
der Unsichtbaren, und mit allem Grund weicht man ihm aus, denn er ist
dazu verurteilt, ein Freudenstörer zu sein, der, zur Einsamkeit und
deren leiden verurteilt, verborgene Versehen sühnt.

So bleibe ich denn mit mir allein, und als ich, nachdem ich ganze
Wochen lang nicht Gelegenheit gehabt habe, meine eigene Stimme zu
hören, jemand aufsuche, überhäufe ich diesen Unglücklichen so mit
meinem Redefluss, dass er sich ermüdet aus dem Spiele zieht und, ohne
es zu wollen, zu verstehen gibt, dass er das Zusammensein nicht zu
erneuern wünscht.

Es gibt andere Augenblicke, wo die Verlockung, ein menschliches Wesen
zu sehen, mich dazu treibt, schlechte Gesellschaft aufzusuchen. Dann
geschieht es, dass mitten im Gespräch ein Gefühl des Unbehagens, das
von Kopfschmerzen begleitet wird, mich ergreift; ich werde stumm, bin
unfähig, ein Wort hervorzubringen. Und ich sehe mich genötigt, den
Kreis zu verlassen, der nie zu zeigen versäumt, wie zufrieden man ist,
eine unerträgliche Figur, die nichts dort zu tun hatte, los zu werden.

Zur Isolierung verurteilt, unter den Menschen in Acht erklärt, nehme
ich meine Zuflucht zu dem Herrn, der für mich ein persönlicher Freund
geworden ist; oft ist er zornig auf mich, und dann leide ich; oft
scheint er abwesend zu sein, von anderer Seite in Anspruch genommen,
und dann ist es noch viel schlimmer. Aber wenn er gnädig ist, wird mir
das Leben süss, besonders in der Einsamkeit.

Ein eigentümlicher Zufall hat es gefügt, dass ich mich in der Rue
Bonaparte, der katholischen Strasse, niedergelassen habe. Ich wohne
gerade der Ecole des beaux-arts gegenüber, und wenn ich ausgehe,
wandre ich durch eine Allee von Schaufenstern, wo Puvis de Chavannes'
Legenden, Botticellis Madonnen, Raffaels Jungfrauen mich zum oberen
Teil der Rue Jacob begleiten; von dort folgen mir die katholischen
Buchhandlungen mit ihren Gebetbüchern und Missalen bis zur Kirche St.
Germain des Pres. Die Läden mit ihren Andachtsgegenständen bilden
von dort ein Spalier von Erlösern, Madonnen, Erzengeln, Engeln,
Dämonen und Heiligen, all den vierzehn Stationen in Christi Leiden,
der Weihnachtskrippe; dies alles zur Rechten; und linker Hand fromme
Bilderbücher, Rosenkränze, Gottesdienstgewänder und Altargefässe, bis
zum Saint-Sulpice-Markt, wo die vier Löwen der Kirche, mit Bossuet an
der Spitze, den göttlichsten Tempel in Paris bewachen.

Nachdem ich dieses Repertorium der Heiligen Geschichte musternd
durchgangen bin, trete ich oft in die Kirche, um mich an Eugène
Delacroix' Gemälde "Jakob ringt mit dem Engel" zu stärken. Die Sache
ist die, dass diese Szene mir stets etwas zu denken gibt, indem
sie gottlose Vorstellungen bei mir weckt, trotz dem Orthodoxen im
Gegenstande. Und wenn ich durch die Knienden wieder hinausgehe, bewahre
ich die Erinnerung an den Ringer, der sich aufrecht hält, obgleich
seine Hüftsehne gelähmt worden ist.

Danach gehe ich am Jesuitenseminar vorbei, einer Art furchtbaren
Vatikan, das unermessliche Fluten seelischer Kraft ausdünstet;
deren Wirkungen machen sich von weitem fühlbar, wenn man den
Theosophen glauben darf. Ich bin nun an meinem Ziel angekommen, dem
Luxemburg-Garten.

Schon seit meinem ersten Besuch in Paris 1876 hat dieser Park eine
geheimnisvolle Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Es war mein Traum, in
seiner Nähe wohnen zu dürfen. Dieser Einfall wurde 1883 Wirklichkeit.
Von der Zeit an, jedoch mit Unterbrechungen, ist dieser Garten meinen
Erinnerungen einverleibt worden, in meine Persönlichkeit übergegangen.
Obgleich in Wirklichkeit nur mässig ausgedehnt, ist er in meiner
Einbildung unermesslich gross. Ganz wie die heilige Stadt im Buch der
Offenbarung hat er zwölf Tore, und, um die Ähnlichkeit voll zu machen,
"nach Osten drei Tore, nach Norden drei Tore, nach Süden drei Tore,
nach Westen drei Tore" (Offenbarung, 21, 13). Und jeder Eingang schenkt
mir einen verschiedenen Eindruck, der auf Anordnung der Pflanzungen,
der Gebäude, der Statuen beruht, oder, auch auf persönlichen
Erinnerungen, die damit verknüpft sind.

So fühle ich mich herzensfroh, wenn ich durch das erste Tor von der
Rue de Luxembourg eintrete, wo man vom Saint-Sulpice kommt: die
efeubewachsene Hütte des Wärters erzählt mir ein nicht herausgegebenes
Idyll mit Ententeich und Paulownien. Weiterhin liegt das Museum für die
Gemälde lebender Künstler in klaren, sonnigen Farben. Der Gedanke, dass
meine Jugendfreunde Carl Larsson, der Bildhauer Ville Vallgren, Fritz
Thaulow dort Stücke ihrer Seele niedergelegt haben, stärkt und verjüngt
mich; ich fühle die Strahlung ihres Geistes durch die Mauern dringen
und mich einladen, Mut zu fassen, da ich Freunde ganz nahe habe.

Weiter hin haben wir Eugène Delacroix, dessen Lorbeeren von Zeit und
Nachwelt in Frage gestellt werden.

Das zweite Tor von denen, die nach der Rue des Fleurus gehen, führt
mich auf die Rennbahn, die breit wie ein Hippodrom ist und mit einer
Blumen-Terrasse endet, wo der Sieg in Marmor als Malpfeiler steht und
von wo in der Ferne das Pantheon mit dem Kreuz zu sehen ist.

Das dritte Tor bildet die Fortsetzung der Rue Vanneau und führt mich
in eine dämmerige Allee, die sich links in eine Art elysäisches Feld
verliert. Dort haben die Kinder ihre Spielplätze und erfreuen sich an
den Holzpferden, die mit Löwen, Elefanten und Kamelen zusammengehen,
ganz wie im Paradies; weiter hin das Ballspiel und das Kindertheater
zwischen Blumenquadraten, das goldene Zeitalter, Noahs Arche: der
Frühling des Lebens begegnet mir dort im Herbste meines Lebenslaufes.

Auf der Südseite, nach der Rue d'Assas, geben mir der Obstgarten und
die Baumschule ein Bild des Hochsommers; die Blütezeit ist aus! Es ist
die Jahreszeit der Früchte; und die Bienenstöcke daneben mit ihren
bürgerlich angelegten Einwohnern, die Goldstaub für den Winter sammeln,
verstärken den Eindruck des reifen Alters.

Das zweite Tor gerade gegenüber dem Lyzeum Louis le Grand tut
eine paradiesische Landschaft auf. Sammetgleiche Grasmatten mit
beständig jungem Grün; hier und dort ein Rosenbusch und ein einziger
Pfirsichbaum; ich werde nie vergessen, wie dieser eines Frühlings, mit
seinen Blüten in der Farbe der Morgenröte geschmückt, mich verlockte,
eine ganze halbe Stunde im Anschauen oder richtiger in Anbetung vor
seiner kleinen schmächtigen, jugendlichen, jungfräulichen Gestalt zu
verweilen.

Die Avenue de l'Observatoire schliesst am Tor des Haupteingangs, das
mit seinen vergoldeten Fasces wirklich königlich ist. Da dieses zu
majestätisch für mich ist, bleibe ich gewöhnlich draussen stehen:
morgens bewundere ich den Palast, abends betrachte ich die Lichtlinien
des Montmartre über den Dachstuben und bei klarem Wetter den Grossen
Bären und den Polarstern; die kreisen über dem grossen Gittertor, das
mir bei meinen astrologischen Betrachtungen zum Mauerquadranten dient.

Die östliche Seite versucht mich nur mit dem Tor von der Rue Soufflot.
Von dort habe ich meinen Garten entdeckt, dieses Meer von Grün mit den
entzückend feinen Linien der Riesenplatanen und in blauender Ferne voll
von Geheimnissen; damals kannte ich die Rue de Fleurus noch nicht, die
mir später als Propyläe zu einem neuen Leben so lieb wurde. Dort pflege
ich einen Rückblick über die zu Ende gelaufene Bahn zu werfen, die vom
Teich unterbrochen wird und auf dieser Seite von dem kleinen David mit
dem zerbrochenen Schwert.

Eines Morgens im vorigen Herbst zeigte die Wasserkunst das Schauspiel
eines Regenbogens. Das brachte mir den Färbereiladen der Rue de Fleurus
wieder in Erinnerung, wo mein Regenbogen ausgespannt war als ein
Zeichen meines Bundes mit dem Herrn der Ewigkeit. (Siehe "Inferno".)
Wenn ich an den Abhang der Terrasse trete, habe ich an der Statuenreihe
von Frauen vorbeizugehen, die mehr oder minder Königinnen oder
Missetäterinnen gewesen sind; und ich bleibe an der grossen Treppe
stehen, die zur Frühlingszeit von blühenden Rotdorn gekrönt ist, einer
Einrahmung zu diesem ausgedehnten Blumenzirkus. Im Herbst bekomme ich
von den Granatbäumen und den Rosenlorbeeren (Nerium), hundertjährigen,
fast historischen Exemplaren, wie den Fächerpalmen, welche die
ungeheuren Chrysanthemum-Rabatten einfassen, um die sich Schmetterlinge
tummeln, Turteltauben girren, Kinder lachen, Illustrationen zu den
Feenmärchen.

Und oben über den Sykomoren und den Spitzen Klein-Luxemburgs die
Zwillingstürme von Saint-Sulpice, die keinen andern gleichen und nicht
einmal sich gegenseitig.

Die Nordseite gibt Zutritt durch drei Tore, aber ich mache nur
von zweien Gebrauch, weil das dritte von einem Soldaten bewacht
wird. Das Tor vom Odeon bildet eine Opernouvertüre: das antike und
einzigdastehende Haus, in dem sich alle Göttinnen des Gesanges unter
den Arkaden zusammengefunden haben, stimmt zu der soliden Freude des
Herzens, das nach Schönheit und Wissen begehrlich ist. Die Ecke der
Jugenddichter Murger und de Banville ladet unmittelbar zu jugendlichen
Schwärmereien ein, den Träumen des zwanzigjährigen Studenten.

Die Medici-Fontaine, ein ovidianisches Gedicht in weissem Marmor,
befindet sich in einer neuen Auflage am Teiche; da bleiben die Raben
stumm stehen angesichts der jungen Liebe, die sich ohne Scham vor den
Augen des schwarzen Zyklopen (er hat zwei) entfaltet, während das
Ganze von jungem Weinlaub umkränzt und von den schönsten Platanen in
Frankreich überschattet ist.

Das ist schön! Das ist ein Fest! Ein heidnisches! Orpheisch! Und
trauervoll zugleich, wehmütig wie die Elegie von einer Liebe, die eine
unglückliche Wendung für Galatea nehmen wird, denn deren Akis wird
durch einen Felsblock, den ein Polyphem schleudert, zermalmt werden.

Das letzte Tor, das beim Museum, behält den gemischten Eindruck
von dem Geier, der ohne sichtbaren Grund auf das Haupt der Sphinx
herabgestossen ist, und von Heros Kuss auf Leanders Stirn, als er
von vorzeitigem Tod geerntet wird, infolge eines Unglücksfalls,
der leicht vorherzusagen gewesen wäre. Danach nehme ich noch ein
wenig Landkennung, indem ich am Museum für zeitgenössische Meister
vorbeistreife, und vertiefe mich in die Rosengartenallee mit ihren
Zehntausenden von Rosen.

Das ist mein Morgenspaziergang; und indem ich das Eingangstor wähle,
stimme ich meinem Gemütszustand nach der Tonweite, die ich wünsche.
Für den Rückweg benutzte ich den Boulevard Saint-Michel und fasse die
Turmspitze der Sainte-Chapelle ins Auge; die leitet mich zwischen
den Blindschären der Eitelkeit hindurch, die in den Ladenfenstern
ausgebreitet und den Trottoiren in Form von Freudenmädchen und Kindern
der Welt ausgestellt ist. Wenn ich am Saint-Michel-Markt ankomme,
fühle ich mich beschützt von dem erhabenen Erzengel, der die Schlange
tötet. Nicht der Eidechsenschwanz macht, dass man in diesem Kunstwerk
den bösen Geist offen zutage hat; auch nicht die Widderhörner oder die
erhobenen Augenbrauen, sondern der Mund, der in den Mundwinkeln nicht
schliesst, während die Lippen vorn zusammengekniffen werden, um die
vier Vorderzähne zu verbergen. Die Eckzähne können nicht versteckt
werden, und das grausame Lächeln, das sich gleichsam abseits Luft
macht, enthüllt das unsterbliche Böse, das mit der Speerspitze im
Herzen noch höhnisch grinst.

Drei Male in meinem Leben bin ich diesem Munde begegnet: bei einem
Schauspieler, einer Malerin und noch einer Frau, und ich habe mich nie
darin betrogen.

Der Augustiner-Quai führt mich, nachdem ich einen Blick auf Notre-Dame
geworfen habe, durch eine Allee von Büchern und Platanen zur Mündung
der Rue Dauphine bei deren Zusammenfluss mit dem Pont-neuf.

Das ist der farbenreichste offene Platz, und er macht mich so froh,
dass ich die Lust fühle, mich auf der Terrasse des Weinhändlers
niederzulassen und dort das Ende meiner Tage zu erwarten. Eine
Landschaftsecke mit den schönsten Platanen; Heinrich IV., diese
Inkarnation von Frankreich; und die Naturalienhändler, die hier
den Platz der Antiquare mit ihren Kästen einnehmen, in denen man
Schmetterlinge, Schnecken, edle oder wenigstens funkelnde Steine sieht;
ferner all diese Schilder in lebhaften Farben, Weinflaschen, Gemüse;
und vor allem der Gedanke, dass dies der Pont-neuf ist, die schönste
Brücke von Europa mit ihren Masken von Waldgöttern, Dryaden, Satyrn,
zaubert mich an diesem Platz fest. Oder vielleicht, weil verschiedene
frohe Begebenheiten in der Zeit, die vergangen ist, diesen Kreuzweg zum
Treffpunkt gewählt haben und weil das Lachen noch in der Luft weht,
abgeprallt vom Boden und den Mauern, die seine Wellenbewegungen bewahrt
haben.

Das Münzhaus, vornehm, feierlich und schweigsam, ein Palast so gut wie
einer, verschlossen, gibt einem keine Ahnung von dem kleinlichen Gold,
das in den Kellern angehäuft liegt.

Das Institut, das die Arme dem Louvre zustreckt, gleicht dem
Sonnenlustschloss eines Riesen, so hoch sind die Fenster. Und der
Palast auf der anderen Seite des Flusses, das ist nicht ein Gebäude,
das ist eine ganze Bergkette, wo ein Riese wohnt, ein Nachkomme der
Atlantiden, der noch im Schlaf versenkt ist, auf dass er seine Kräfte
für den Tag der Auferstehung sammle. Vor einigen Abenden, als ich
am Palais Mazerin vorbeiging, war die Sonne hinter den Höhen von
Passy untergegangen, aber ihre letzten Strahlen spiegelten sich in
den Fensterscheiben des Louvre wieder; und als ich ein Stück weiter
gekommen war, sah ich die Fenster der Tuilerien aufglänzen, eins nach
dem andern, bis zum Pavillon der Flora. Die magische Wirkung liess mich
daran denken, dass Frankreichs Barbarossa erwacht sei, dass Ludwig der
Heilige seinen Krönungstag mit einem Galafeste feiere, zu dem alle
Monarchen der Erde in Büsserkuttte eingeladen seien, kniend bei der
Tafel zu bedienen.

Ich habe nun die mächtige Flutmündung der Rue Bonaparte erreicht.
Dieser Hohlweg bildet einen Abfluss für die Viertel Montparnasse,
Luxembourg und teilweise Faubourg Saint-Germain. Man muss geschickt
manövrieren, um in den Ausfluss hinein zu dringen, versperrt wie er
ist von Fussgängern und Fuhrwerken, wo der feste Boden aus einem
meterbreiten Trottoir besteht. Indessen bin ich vor nichts so bange,
wie vor diesen Omnibussen, die mit drei weissen Pferden bespannt
sind, weil ich sie in Träumen gesehen habe; übrigens erinnern diese
weissen Pferde vielleicht an ein gewisses Pferd, von dem im Buch der
Offenbarung erzählt wird. Besonders abends, wenn sie aufeinander
folgen, je drei mit der roten Laterne darüber, bilde ich mir ein, dass
sie die Köpfe mir zuwenden, mich mit boshaften Augen ansehen und mir
zurufen: Warte nur, wir werden dich schon fassen.

Mit einem Wort, das ist mein Circulus vitiosus, den ich zweimal am
Tage durchlaufe. Mein Leben ist in den Rahmen dieser Umlaufbahn so
vollständig eingefasst, dass, nehme ich mir einmal die Freiheit,
einen andern Weg einzuschlagen, ich in die Irre gerate, als habe ich
Stücke meines Ichs, meine Erinnerungen, meine Gedanken, sogar meine
Ergebenheitsgefühle verloren.


Eines Sonntagnachmittags im November begab ich mich nach dem
Restaurant, um zu essen, allein. Zwei kleine Tische sind auf das
Trottoir am Boulevard St. Germain gestellt, zu ihren Seiten stehen zwei
grüne Töpfe mit Oleandern und zwei Bastmatten, die Schutzwände bilden,
beschatten sie. Die Luft ist weich und still, die angezündeten Laternen
beleuchten das lebensvollste kinematographische Bild, da Omnibusse,
Kaleschen, Droschken von den Waldparks festlich gekleidete lustige
Menschen heimfahren, die singen, Horn blasen und die Fussgänger anrufen.

Als ich mit der Suppe beginne, kommen meine beiden Freunde, zwei
Katzen, und nehmen ihre gewöhnlichen Plätze zu beiden Seiten von mir
ein, auf das Fleischgericht wartend. Da ich meine eigne Stimme mehrere
Wochen lang nicht gehört habe, halte ich eine kleine Rede an sie, ohne
Antwort zu bekommen. Zu dieser stummen und hungrigen Gesellschaft
verurteilt, wie ich schlechter Gesellschaft ausgewichen bin, in der
mein Ohr von gottloser und plumper Rede verletzt wurde, fühle ich eine
Empörung in mir gegen eine solche Ungerechtigkeit. Ich verabscheue
nämlich Tiere, Katzen wie Hunde, wie es mein Recht ist, das Tier in
meinem Innern zu hassen.

Wie kommt es, dass die Vorsehung, die sich Umstände mit meiner
Erziehung macht, mich immer an schlechte Gesellschaft verweist, während
eine gute eher geeignet sein würde, mich durch die Macht des Vorbildes
zu bessern?

Im selben Augenblick kommt ein schwarzer Pudel mit rotem Halsband und
jagt meine Freunde vom Katzengeschlecht fort; nachdem er ihre Bissen
verschlungen hat, zeigt er seine Erkenntlichkeit, indem er meinen
Stuhlfuss nässt; dann nimmt der undankbare Cyniker eine sitzende
Stellung auf dem Asphalt ein und dreht mir den Rücken. Aus der Asche
ins Feuer! Sich zu beklagen, lohnt nicht, denn es könnte ja geschehen,
dass statt dessen Schweine kämen und mir Gesellschaft leisteten, wie
sie mit Robert dem Teufel oder Franz von Assisi taten. Man darf so
wenig vom Leben verlangen. So wenig! Und doch ist es zu viel für mich.

Eine Blumenverkäuferin bietet mir Nelken an. Warum gerade Nelken, die
ich verachte, weil sie rohem Fleisch gleichen und nach der Apotheke
riechen! Schliesslich nehme ich, um ihr zu Willen zu sein, ein Büschel,
das nach Belieben zu bezahlen ist; da ich die Entschädigung reichlich
zumesse, belohnt die Alte mich mit einem: Gott segne den Herrn, der
mir so hübsches Handgeld heute abend gegeben hat! Obwohl ich den Kniff
kenne, klingt der Segen lange und angenehm nach, denn ich habe ein
grosses Bedürfnis danach nach so vielen Flüchen.

Um halb acht machten die Zeitungsverkäufer mit Notrufen La Presse
bekannt, und das ist für mich ein Signal aufzubrechen. Wenn ich sitzen
bleibe, um noch ein Dessert zu schmausen und ein extra Glas Wein zu
trinken, bin ich gewiss, auf die eine oder andere Weise gepeinigt
zu werden, sei es von einem Trupp Kokotten, die sich mir gegenüber
niederlassen, oder von herumstreichenden Strassenjungen, die mich
beschimpfen. Ganz gewiss bin ich auf Diät gesetzt, und wenn ich drei
Gerichte und eine halbe Flasche Wein überschreite, findet sich die
Strafe ein. Nachdem die ersten Versuche, bei den Mahlzeiten unmässig zu
sein, auf diese Weise abgeschnitten sind, wage ich keine Ausschweifung
mehr und befinde mich zuletzt wohl dabei, auf halben Sold gesetzt zu
sein.

Ich stehe also vom Tisch auf, um mich nach der Rue Bonaparte zu begeben
und von dort hinauf nach dem Luxemburg-Garten.

An der Ecke der Rue Gozlin kaufe ich Zigaretten; gehe am Restaurant
"Goldfasan" vorbei. An der Ecke der Rue du Four halte ich mich bei
einem Christusbild von schlagendem Naturalismus auf. Die Kunst
der geistlich Gesinnten hat sich während ihrer Feldzüge gegen die
Zola-Literatur der Geister des Realismus nicht erwehren können, und mit
Hilfe dieses Beelzebub soll der andere aus getrieben werden. Unmöglich,
an diesen Bildern vorbei zu gehen, ohne sie zu betrachten, gemacht wie
sie sind nach lebenden Modellen und versehen mit den schreienden Farben
des Impressionisten.

Der Laden ist geschlossen, in Schatten gehüllt, und der Erlöser steht
da in seiner kaiserlichen Tunika, von den Gaslaternen beleuchtet, sein
blutendes Herz zeigend und die Dornenkrone ums Haupt. Seit mehr als
einem Jahre werde ich von dem Erlöser verfolgt, den ich nicht verstehe
und dessen Hilfe ich überflüssig machen möchte, indem ich mein Kreuz
selber trage, wenn es möglich ist. Das ist der Rest eines männlichen
Stolzes, der etwas Widriges in der Feigheit findet, seine Vergehen auf
die Schultern eines Unschuldigen zu werfen.

Ich habe den Gekreuzigten überall gesehen: in den Spielsachenläden,
bei den Bilderhändlern, in den Buchhandlungen, besonders auf den
Kunstausstellungen, im Theater, in der Literatur. Ich habe ihn auf
meinem Kissenbezug gesehen, auf den Feuerbränden im Kachelofen, im
Schnee oben in Schweden und auf den Klippen an der Küste der Normandie.
Bereitet er seine Wiederkunft vor oder ist er schon angelangt? Was will
er?

Hier im Fenster in der Rue Bonaparte ist er nicht mehr der Gekreuzigte;
er kommt von seinem Himmel als Siegesherr, von Gold und Edelsteinen
glänzend. Ist er Aristokrat geworden wie das niedere Volk? Ist er es,
der "gute Tyrann", den die Jugend sich träumt, ein friedenstiftender,
erleuchteter Heros?

Er hat sein Kreuz weggeworfen und das Zepter wieder genommen; zur
selben Stunde, wie sein Tempel auf dem Mont de Mars (früher Mont des
Martyres genannt) fertig ist, wird er kommen und selbst die Welt
regieren; wird vom Thron stossen den ungetreuen Stellvertreter, der es
zu eng findet in den elftausend Zimmern, die man in "infamia Vaticani
loca" gezählt hat; der sich über seine luxusgefüllte Gefangenschaft
beklagt und die Zeit mit kleinen Ausschweifungen auf das Feld der
Poesie tötet.

Den Erlöser verlassend, wundere ich mich, als ich zum
Saint-Sulpice-Markt komme, dass die Kirche so sehr entfernt zu liegen
scheint. Sie hat sich mindestens ein Kilometer zurückgezogen, und
die Fontäne im Verhältnis dazu. Habe ich den Sinn für Distanzmessen
verloren? An den Mauern des Seminars entlang gehend, meine ich, es
nimmt nie ein Ende, so unermesslich kommt es mir diesen Abend vor. Ich
wende eine halbe Stunde an, um dieses Stückchen der Rue Bonaparte zu
gehen, das sonst nur fünf Minuten erfordert. Und vor mir her schreitet
eine Figur, deren Gang und Art mich an jemand erinnern, den ich kenne.
Ich beschleunige meine Schritte, ich laufe, aber der Unbekannte setzt
seinen Weg mit so genau übereinstimmender Schnelligkeit fort, dass es
mir nicht gelingt, den Abstand, der uns trennt, zu verkürzen.

Schliesslich habe ich das Gittertor des Luxemburg erreicht. Der
Garten, der bei Sonnenuntergang geschlossen wird, liegt in Ruhe und
Einsamkeit, die Bäume sind nackt und die Rabatten von Frost und Stürmen
des Herbstes verwüstet. Aber er riecht gut, er dunstet einen Duft von
trocknen Blättern und frischem Humus aus.

Der Einhegung folgend, gehe ich die Rue de Luxembourg hinauf und sehe
immer vor mir den Unbekannten, der mich zu interessieren beginnt. In
eine Pilgerkutte gekleidet, die meiner gleicht, aber von opalweisser
Farbe, und schlanker und grösser als ich, geht er vorwärts, wenn ich
es tue, bleibt stehen, wenn ich stehen bleibe; er scheint von meinen
Bewegungen abzuhängen, und es sieht aus, als sei ich sein Wegweiser.
Aber ein Umstand zieht ihm ganz besonders meine Aufmerksamkeit zu,
nämlich, dass sein Mantel in einem heftigen Wind flattert, von dem ich
nichts merke. Um darüber ins klare zu kommen, zünde ich eine Zigarette
an; da ich wahrnehme, wie der Rauch gerade aufsteigt, ohne nach der
Seite abzuweichen, wird meine Überzeugung, dass es nicht windig ist,
bestätigt. Übrigens rühren sich die Bäume und Büsche drinnen im Garten
nicht.

Nachdem wir zur Rue Vavin gekommen sind, biege ich rechts ab und im
selben Augenblick finde ich mich vom Trottoir mitten in den Garten
versetzt, ohne zu verstehen, wie es zugegangen ist, da die Pforten
geschlossen waren.

Vor mir, zwanzig Schritte entfernt, steht mein Begleiter, mir
zugewendet, und sein bartloses, blendendweisses Gesicht breitet einen
leuchtenden Dunstkreis in Form einer Ellipse, deren Mittelpunkt von
dem Unbekannten eingenommen wird. Nachdem er mir ein Zeichen gegeben
hat, ihm zu folgen, geht er weiter und führt seinen Strahlenkranz mit
sich, so dass der düstere, kalte und schmutzige Garten hell wird, wo
er geht. Und noch mehr, die Bäume, die Büsche, die Kräuter grünen und
kleiden sich in Blüten, und zwar in einer Ausdehnung, die mit dem
Bereich seiner Strahlenglorie übereinstimmt, erlöschen aber wieder,
wenn er vorbei ist. Ich kenne die grossen Cannagewächse mit Blättern
wie Elefantenohren oberhalb der Statuengruppe Adam und seine Familie
wohl wieder, wie das Beet von Salvia fulgens, der feuerroten Salbei,
den Pfirsichbaum, die Rosen, die Bananenpflanze, die Aloen, alle meine
alten Bekannten und jeder auf seinem Platz. Das einzige ist, dass die
Jahreszeiten durcheinander gemischt zu sein scheinen, so dass die
Frühlingsblumen gleichzeitig sind mit den Herbstblumen.

Was mich aber am allermeisten verwundert, ist, dass nichts von all
dem mich verwundert, sondern dass alles erscheint, als sei es ganz
natürlich und wie es sein soll. So, als ich am Bienengarten vorbeigehe,
schwärmt ein Bienenschwarm um die Stöcke und nimmt die Blumen daneben
in Angriff, aber auf einem so genau abgesteckten Umkreis, dass die
Insekten im selben Augenblick, wie sie in den Schatten hineinfliegen,
verschwinden, und dass der beleuchtete Teil einer Salbei mit Blättern
und Blüten bedeckt ist, während der beschattete Teil welk und vom Reif
schwarzgebrannt bleibt.

Unter den Kastanienbäumen wird das Schauspiel hinreissend schön, als
unter dem Laubwerk ein leeres Waldtaubennest auf einmal von girrenden
Gatten eingenommen ist.

Schliesslich sind wir am Fleurus-Tor angelangt, wo mein Wegweiser mir
ein Zeichen gibt, stehen zu bleiben, und in einer Sekunde ist er an das
andere Ende des Gartens, ans Gay-Lussac-Tor, versetzt; eine Entfernung,
die mir unermesslich erscheint, obgleich sie nur ein halbes Kilometer
umfasst; und trotz der Entfernung kann ich den Unbekannten von seinem
ovalen Lichtrand umgeben sehen. Ohne ein Wort hervorzubringen, befiehlt
er mir mit kleinen Bewegungen der Mundmuskeln, mich zu nähern. Ich
glaube seine Ansicht zu begreifen, in dem ich die endlose Allee
zurücklege, den Hippodrom, den ich seit Jahren wohl kenne; in der Ferne
begrenzt ihn das Kreuz des Pantheon, das sich in blutroter Farbe auf
dem schwarzen Himmel abzeichnet.

Der Weg des Kreuzes, und vielleicht die vierzehn Stationen! wenn ich
nicht irre. Ehe ich beginne mache ich Zeichen, dass ich sprechen,
fragen, Aufklärung erhalten will; und mein Wegweiser antwortet mit
einer Neigung des Hauptes, dass er bereit sei, zu hören, was ich
vorzubringen habe.

Im selben Augenblick ändert der Unbekannte den Platz, ohne die kleinste
Bewegung oder das geringste Rascheln vernehmen zu lassen; das einzige,
was ich merke, ist, dass er, als er mir näher kommt, einen balsamischen
Duft verbreitet, der mein Herz und meine Lungen schwellen lässt und mir
Mut einflösst, den Strauss zu wagen.

Und ich beginne mein Verhör.

--Du bist es, der mich seit zwei Jahren verfolgt; was wünschest du von
mir?

Ohne den Mund zu öffnen, antwortet mir der Unbekannte mit einer Art
Lächeln voll übermenschlicher Güte, Nachsicht und Bildung:

--Warum fragst du mich, da du die Antwort selbst kennst? Und wie in
meinem Innern höre ich eine Stimme widerklingen:

--Ich wünsche dich zu einem höheren Leben zu erheben? Dich aus dem
Schmutz zu ziehen.

--Geboren aus dem Schmutz, geschaffen für das Niedrige, mich vom
Moder nährend, wie soll ich anders von der Grobheit befreit werden
als durch den Tod? Nimm denn mein Leben!--Du willst nicht! Die
auferlegten Strafen sollen also die Mittel zur Erziehung ausmachen.
Aber ich versichere dir, die Demütigungen machen mich hochmütig,
der Verzicht auf die kleinen Genüsse des Lebens erzeugt Verlangen,
Fasten ruft Schwelgerei hervor, was nicht meine Haussünde ist; die
Keuschheit verschärft die Begierde des Fleisches, die aufgezwungene
Einsamkeit erzeugt Liebe zur Welt und ihren ungesunden Vergnügungen,
Armut gebiert Geiz; und die schlechte Gesellschaft, auf die ich
angewiesen bin, flösst mir Menschenverachtung ein und erregt in mir
den Argwohn, dass die Gerechtigkeit schlecht gehandhabt wird. Ja, in
gewissen Augenblicken scheint es, als sei die Vorsehung ungenügend
unterrichtet von ihren Satrapen, denen sie die Regierung über die
Menschenwelt anvertraut hat; dass ihre Präfekten und Unterpräfekten
sich Unterschleife, Fälschungen, unbegründete Anzeigen zu schulden
kommen lassen. So ist es mir geschehen, dass ich bestraft worden
bin, wo andere gesündigt haben; Prozesse gehalten worden sind, bei
denen ich nicht nur unschuldig war, sondern noch dazu Verteidiger der
Billigkeit und Ankläger des Verbrechens; und gleichwohl hat die Strafe
mich getroffen, während der Schuldige triumphierte. Gestatte eine
offene Frage: sind etwa Frauen zu Mitregentinnen angenommen worden?
Die gegenwärtige Regierungsart scheint mir so reizbar, so kleinlich zu
sein, so ungerecht, ja ungerecht! Jedes Mal, wenn ich eine gerechte und
gesetzliche Sache gegen eine Frau geführt habe, ist sie, wie gemein sie
auch gewesen sein mag, freigesprochen und ich bin verurteilt worden!
Du willst nicht antworten! Und da forderst du von mir, dass ich die
Verbrecherischen lieben soll, die Seelenmörder, die das Gemüt vergiften
und die Wahrheit verfälschen, die Meineidigen! Nein, tausendmal nein!
"Ewiger, sollte ich nicht die hassen, die dich hassen? Sollte mir nicht
grauen vor denen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie aus dem
Grunde: ich halte sie für meine Feinde." So spricht der Psalmist, und
ich füge hinzu: ich hasse die Bösen, so wie ich mich selbst hasse!
Und mein Gebet ist dieses: Strafe, o Herr, die mich verfolgen mit
Lügen und Bosheiten, wie du mich gestraft hast, wenn ich boshaft und
lügnerisch gewesen war! Habe ich nun gelästert, habe ich nun den
Ewigen beschimpft, Jesu Christi Vater, den Gott des Alten und Neuen
Testamentes? Ehemals hörte er auf die Einwürfe der Sterblichen und
erlaubte den Angeklagten, sich zu verteidigen. Höre nur, wie Moses
seine Verteidigungsrede vor dem Herrn formte, als die Israeliten Ekel
vor dem Manna bekommen hatten: "Warum bekümmerst du deinen Diener? Und
warum finde ich nicht Gnade vor deinen Augen, dass du so die ganze Last
des Volkes auf mich legst? Habe ich nun alles dieses Volk empfangen und
geboren, dass du zu mir sagst: Trage sie auf deinen Armen, wie eine
Amme einen Säugling trägt, in das Land, das du ihren Väter zugeschworen
hast? Woher soll ich nun Fleisch nehmen, das ich allen diesem Volk
gebe? Denn sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch, dass wir
essen. Ich vermag nicht allein zu tragen alles dieses Volk, denn es ist
mir zu schwer." Ist das nicht Freimütigkeit von einem Sterblichen? Ist
sie ganz gebührlich, diese Rede eines zornigen Dieners? Und sein Herr
erschlägt den Aufrührerischen nicht mit dem Donnerkeil, sondern lässt
sich belehren und nimmt ihm seine Last ab, indem er siebzig Anführer
auswählt, die mit Moses die Bürde des Volkes teilen. Des Ewigen Art,
das Volk zu erhören, da es ihm um Fleisch zum Essen anruft, ist nur
ein bisschen verächtlich, wie die eines gutmütigen Vaters, der sich
den Wünschen seiner unverständigen Kinder fügt: "Darum wird euch der
Herr Fleisch geben, auf dass ihr esset: Nicht einen Tag, nicht zwei,
nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang; sondern einen Monat
lang, bis dass es euch zur Nase ausgehe und euch ein Ekel werde." Das
ist ein Gott nach meinem Ideal, und er ist derselbe, den Hiob anruft:
"O, dass es dem Menschen erlaubt wäre, mit Gott zu rechten, so wie
ein Mann tut mit seinem vertrauten Freund!" Aber ohne diesen Zustand
abzuwarten, nimmt der mit Unglück Geschlagene sich die Freiheit,
Erklärungen von dem Herrn zu verlangen über die schlechte Behandlung,
der er ausgesetzt worden ist. "Ich werde zu Gott sagen: Verdamme mich
nicht; zeige mir, warum du gegen mich ins Gericht gegangen bist. Kann
es dir gefallen, mich niederzudrücken, deiner Hände Werk zu verwerfen
und die Absichten der Boshaften zu fördern?" Das sind doch Vorwürfe
und Beschuldigungen, die der gute Gott ohne Groll hinnimmt, und auf
die er antwortet, ohne sich des Donners zu bedienen. Wo ist er, der
himmlische Vater, der zu den Torheiten der Kinder gutmütig lächeln und
verzeihen konnte, nachdem er gestraft hatte? Wo verbirgt er sich,
der Hausherr, der das Haus in guter Ordnung hielt und die Aufseher
überwachte, um Ungerechtigkeiten zu hindern? Ist er vom Sohn abgesetzt
worden, dem Idealisten, der sich nicht mit weltlichen Dingen befasst?
Oder überlieferte er uns dem Fürsten dieser Welt, der Satan genannt
wird, als er nach dem Fall der ersten Menschen seinen Fluch über die
Erde schleuderte?

Während dieser meiner unzusammenhängenden Verteidigungsrede betrachtete
der Unbekannte mich mit demselben nachsichtigen Lächeln, ohne Ungeduld
zu verraten; als ich aber zu Ende gekommen war, war er verschwunden,
eine erstickende Atmosphäre von Kohlenoxyd um mich zurücklassend,
und ich fand mich einsam stehend auf der düsteren, schmutzigen,
herbstschauerlichen Rue Medicis.

Während ich den Boulevard St. Michel hinunterging, war ich auf mich
selbst ärgerlich, dass ich die Gelegenheit versäumt hatte, alles rund
heraus zu sagen. Ich hatte noch viele Pfeile im Köcher, wenn nur der
Unbekannte geruht hätte, zu antworten oder eine Anklage gegen mich zu
richten.

Aber im selben Augenblick, wie sich jetzt die Menschenmenge um mich
drängt, im starken Schein der Gaslaternen, und alle Realitäten der
ausgestellten Handelswaren mich wieder an das Leben in seiner ganzen
Kleinlichkeit erinnern, erscheint mir die Szene im Garten wie ein
Wunder, und ich eile erschreckt nach meiner Wohnung, wo Meditationen
mich in einen Abgrund von Zweifel und Angst versenken.

Etwas trägt sich zu in der Welt, und die Menschen warten auf etwas
Neues, das sich in Schimmern hat wahrnehmen lassen. Es ist das
Mittelalter, die Zeit des Glaubens und der Glaubenslehre, das in
Frankreich wieder im Anzuge ist, nachdem es durch den Sturz eines
Kaisertums und eines Miniatur-Augustus eingeleitet worden, ganz wie
beim Verfall der Römermacht und den Einfällen der Barbaren; und man hat
Paris-Rom in Flammen stehen und die Goten sich im Kapitol-Versailles
krönen sehen. Die grossen Heiden Taine und Renan sind zur Vernichtung
hinabgestiegen und haben ihren Skeptizismus mit sich genommen; aber
Jeanne d'Arc ist wieder zum Leben erwacht. Die Christen werden
verfolgt, ihre Prozessionen von Gendarmen auseinander getrieben,
während an den Karnevalstagen Saturnalien gefeiert werden und ihre
Schändlichkeiten auf offener Strasse ausbreiten, unter dem Schutz
der Polizei und mit dem Gelde der Regierung, die den Unzufriedenen
zum Trost Circenses bietet, mit oder ohne durch Gladiatoren gefällte
wilde Tiere. Panem et circenses, (teures) Brot und Zirkusspiel! Alles
ist feil für Geld; Ehre, Gewissen, Vaterland, Liebe, Rechtsprechung:
wahrhaftig beweisende und regelrechte Symptome des Auflösungsprozesses
einer Gesellschaft, bei der das Wort und die Sache Tugend seit dreissig
Jahren in den Bann getan ist.

Das ist doch Mittelalter, Tracht und Haar des Primitiv-Weibes. Die
jungen Männer kleiden sich in Mönchskutten, schneiden das Haar mit
Tonsur und träumen von Klosterleben; schreiben Legenden und führen
Mirakelspiele auf, malen Madonnen und schnitzen Christusbilder,
Eingebung aus der Mystik des Magiers holend, der sie mit Tristan und
Isolde, Parcifal und Gral verzaubert hat. Die Kreuzzüge beginnen
von neuem, gegen Türken und gegen Juden; die Antisemiten und
Philhellenen sorgen für die Sache. Die Magie und Alchemie haben
sich schon eingenistet, und man wartet auf den ersten beweisbaren
Fall von Verhexung, um den Scheiterhaufen zu errichten als Folge
der Hexenprozesse. Mittelalter! Die Wallfahrten nach Lourdes,
Tilli-sur-Seine, Rue Jean Goujon! Und selbst der Himmel gibt der dumpf
und stumpf gewordenen Welt Zeichen, sich bereit zu halten; der Herr
spricht durch Wasserhosen, Cyklone, Überschwemmungen, Donnerschläge.

Mittelalter ist der Aussatz, der von neuem auftritt und gegen den die
Ärzte von Paris und Berlin soeben ein Bündnis geschlossen haben.

Das schöne Mittelalter, als die Menschen zu geniessen und zu leiden
verstanden, als die Kraft und die Liebe, die Schönheit in Farbe,
Linienspiel und Harmonie sich zum letzten Mal offenbarten, ehe sie
durch die Renaissance des Heidentums, die man Protestantismus nennt,
ertränkt und niedergesäbelt wurden.


Der Abend ist da, und ich brenne vor Sehnsucht, die Begegnung mit dem
Unbekannten zu erneuern, wohl vorbereitet, wie ich jetzt bin, alles zu
gestehen, und mich zu verteidigen, ehe ich verurteilt werde.

Nachdem ich mein tristes Mittagessen eingenommen habe, gehe ich also
den Calvarienweg die Rue Bonaparte hinauf. Niemals ist mir diese
Strasse so gross vorgekommen, wie jetzt am Abend, und die Ladenfenster
gähnen wie Abgründe, in denen Christus in vielfacher Gestalt auftritt,
bald gemartert, bald triumphierend. Und ich gehe und gehe, während mir
der Schweiss in grossen Tropfen rinnt und die Stiefelsohlen gegen die
Füsse brennen, ohne dass ich doch einen Schritt vorwärts komme. Bin ich
Ahasver, der dem Erlöser einen Trunk Wasser verweigert hat, und bin ich
jetzt, da ich ihm zu folgen und ihm nachzueifern wünsche, unfähig, mich
ihm zu nähern?

Schliesslich und ohne selbst zu wissen wie, befinde ich mich vor dem
Fleurus-Tor und im nächsten Augenblick im Garten, der dunkel, feucht
und still da liegt. Sofort setzt ein Windstoss das Gerippe der Bäume
in Zittern, und der Unbekannte nimmt eher Stellung, als dass er sich
nähert, in seiner Hülle von Licht und Sommer.

Mit demselben Lächeln wie das vorige Mal, ladet er mich mit einem
Zeichen ein, zu sprechen.

Und ich spreche!

--Was verlangst du von mir, und warum plagst du mich mit deinem
Christus? Vor einigen Tagen legtest du mir auf unverkennbare Weise
"Christi Nachfolge" in die Hand, und ich las das Buch wie in meiner
Jugend, als ich die Welt verachten lernte. Wie kann ich recht haben,
des Ewigen Schöpfung und die schöne Erde zu verachten? Und wohin hat
deine Weisheit mich geführt? Dazu meine Angelegenheiten zu versäumen,
dass ich für meine Mitmenschen eine Last geworden bin, dass ich als
Bettler geendet habe. Dieses Buch, das Freundschaft verbietet, das den
Verkehr mit der Welt in den Bann tut, das Einsamkeit und Entsagung
fordert, ist für einen Mönch geschrieben und ich habe nicht das Recht,
Mönch zu werden und mich der Gefahr auszusetzen, dass meine Kinder aus
Mangel umkommen. Sieh, wohin die Liebe zu einsamen Leben mich geführt
hat! Auf der einen Seite befiehlst du ein Eremitenleben, und sobald
ich mich von der Welt zurückziehe, werde ich von den Dämonen der
Verrücktheit angegriffen, meine Angelegenheiten geraten in Unordnung,
und in meiner Isolierung besitze ich keinen Freund mehr, von dem ich
Hilfe begehren könnte. Auf der anderen Seite, sobald ich Menschen
aufsuche, treffe ich die Schlimmsten, die mich mit ihrem Hochmut
quälen, und zwar nach dem Mass meiner Demut; denn ich bin demütig
und behandle alle als gleiche, bis sie mich unter ihre Füsse treten;
dann benehme ich mich wie der Wurm, der den Kopf erhebt aber nicht zu
beissen vermag. Was verlangst du denn von mir? Mich um jeden Preis
martern zu können, ob ich deinen Willen tue oder ihn verachte! Willst
du mich zum Propheten machen? Das ist zu grosse Ehre für mich, und ich
ermangele der Berufung. Übrigens kann ich die Haltung eines solchen
nicht anlegen, weil alle Propheten, die ich gekannt habe, schliesslich
entlarvt worden sind, halb als Charlatane, halb als verrückte Gesellen,
und ihre Prophezeiungen sind nie eingetroffen. Und noch mehr, wenn
du mir eine Berufung vorbehalten hast, müsste ich mit der Gnade der
Auserwählung beschenkt worden ein; müsste befreit sein von allen
verderblichen Leidenschaften, die erniedrigend für einen Prediger
sind; meine Lebensbahn müsste von Anfang an unterstützt worden sein,
statt dass ich jetzt von der Armut beschmutzt worden bin, die den
Charakter verdirbt und einem die Hände bindet. Es ist wohl wahr, und
ich gebe es zu, dass die Weltverachtung mich dazu geführt hat, mich
selbst zu verachten und meinen Ruf durch Geringschätzung der Ehre zu
schädigen; und ich gestehe ein, dass ich mich meiner Person schlecht
angenommen habe, aber das ist infolge der Überlegenheit meines besseren
Ichs geschehen, das sich aus dem unreinen Futteral erhob, in das du
meine unsterbliche Seele gesteckt hast. Schon von den Kinderjahren
an habe ich Reinheit und Tugend geliebt, ja das habe ich. Und doch
hat mein Leben sich durch Unsauberkeit und Laster geschleppt, so dass
ich oft glaube, die Sünden seien als Strafen auferlegt worden, und in
der Absicht, dauernden Ekel vor dem Leben selbst zu erzeugen. Warum
hast du mich zur Undankbarkeit verurteilt, die ich am meisten von
allen Lastern verabscheue? Mir, der von Natur erkenntlich ist, hast
du Schlingen gelegt, um mich zu zwingen, in Verbindlichkeit zu dem
ersten Besten zu geraten. So bin ich in Abhängigkeit und Sklaverei
verwickelt worden. Da die Wohltäter als Entgelt die Gedanken, Wünsche,
Neigungen und Ergebenheitsgefühle verlangen, mit einem Wort die ganze
Seele, bin ich immer gezwungen worden, mich schuldbeladen und undankbar
zurückzuziehen, um meine Persönlichkeit und meine menschliche Würde
zu retten; gezwungen worden, die Bande zu zerreissen, die meine
unsterbliche Seele zu erwürgen drohten. Und zwar mit der Seelenqual und
den Gewissensbissen eines Diebes, der mit fremdem Eigentum seiner Wege
geht.

Und jetzt, da ich anfange meine Seele zu pflegen nach den Geboten in
"Christi Nachfolge", ist es billig, von einem Menschen zu fordern,
dass er sich Gott selbst zum Muster nehmen und sich einbilden soll,
imstande zu sein, sich die Vollkommenheit des Vollkommenen zu
erwerben? Das heisst ihm Grössenwahn einblasen. Aber wenn er nun
durch die Unmöglichkeit, dem Erlöser nachzueifern, zur Einsicht über
das Unsinnige seiner Absichten kommt, versinkt er in Verzweiflung
und endet damit, in der Erfüllung seiner weltlichen Pflichten und in
geistigen Genüssen Trost zu suchen. Wenn die Weisheit dieser Welt der
Verachtung wert ist, warum lässt du uns in Schulden erziehen, in denen
man Prügel bekommt, um die grossen Gelehrten verehren, die Heroen der
Literatur, Künste, Wissenschaft lobpreisen zu lernen? Nein, dem Ewigen
nachzueifern ist gottlos, und wehe dem, der sich die Fähigkeit zutraut.
Da ist es bescheidener Mensch zu bleiben und sich nach den Besten unter
den sündigen Sterblichen zu formen suchen, als davon zu träumen, den
Göttern gleich zu werden. In diesem Fall sündigt man wenigstens nicht
durch Hochmut, der die Todsünde ist. Jesu Christi Nachfolge macht mich
zu einem Heuchler. Indem ich meinen Hass gegen die Bösen unterdrücke,
lerne ich Nachsicht gegen die Bosheit und damit gegen mich selbst,
während ich in der Tiefe meines Herzens meinen gerechten Unwillen
bewahre. Böses mit Gutem vergelten, heisst das Laster, den Hochmut
ermuntern; und die Apostel haben mich gelehrt, dass man gegenseitig die
Fehler berichtigen soll, und ich versichere, dass meine Mitmenschen
mich nie geschont haben.

Genau genommen, habe ich dadurch, dass ich den Königsweg des Kreuzes
wählte, mich in die Dornenhecken der Theologie verstrickt, so dass
Zweifel, schrecklicher als je, sich meines Geistes bemächtigt und
geradezu in mein Ohr geflüstert haben, dass alles Unglück, alle
Ungerechtigkeit, das ganze Erlösungswerk nur eine ungeheure Prüfung
sei, der man tapfer standhalten müsse. In manchen Augenblicken glaube
ich, dass Swedenborg mit seinen grauenhaften Höllen nichts anders
ist als eine Feuer-und Wasserprobe, die man durchmachen muss; und
obgleich ich in einer Dankbarkeitsschuld, die nie bezahlt werden kann,
zu diesem Propheten stehe, der mich vom Wahnsinn gerettet hat, fühle
ich in meinem Herzen immer wieder ein brennendes Verlangen, ihn zu
verwerfen, ihm zu trotzen, als dem Geist einer Bosheit, der darauf
erpicht ist, meine Seele zu verschlingen, um mich zu seinem Sklaven zu
machen, nachdem er mich zu Verzweiflung und Selbstmord getrieben hat.
Ja, er hat sich zwischen mich und meinen Gott geschlichen, dessen Platz
er hat einnehmen wollen. Er ist es, der mich durch die Schrecken der
Nacht bezwingt, und mir mit Wahnsinn droht. Mag sein, dass er sein Amt
vollbracht hat, mich zum Herrn zurückzuführen, auf dass ich mich vor
dem Ewigen beuge! Mag sein, dass seine Höllen nur eine Vogelscheuche
sind, ich nehme sie hin als solche, aber ich glaube nicht mehr an sie,
und ich habe kein Recht, an sie zu glauben, ohne den guten Gott zu
verunglimpfen, der fordert, dass wir vergeben sollen, weil er selbst
vergeben kann. Wenn Unglück und Trübsale, die mich treffen, nicht
Strafen sind, so sind sie Aufnahmeprüfungen. Ich bin geneigt sie auf
diese Weise auszulegen, und Christus mag das Muster sein, da er viel
gelitten hat, obwohl ich nicht begreife, wozu so viel Leiden dient,
wenn es nicht einen Vordergrund bilden soll, um die Wirkung der
zukünftigen Seeligkeit zu erhöhen. Ich habe gesprochen! Gib mir jetzt
Antwort!

Aber der Unbekannte, der mit bewundernswerter Geduld zugehört hatte,
antwortete nur mit einer Miene milden Spottes und verschwand, mich in
einer Atmosphäre zurücklassend, die nach Phenol stank.

Hinaus auf die Strasse versetzt, werde ich nach meiner Gewohnheit
wütend, dass ich meine besten Argumente vergessen habe, die immer
auftauchen, wenn es zu spät ist; und nun rollt sich eine ganze lange
Rede auf, während mir das Herz schwillt und der Mut sich aufs neue
hebt. Der furchtbare und teilnehmende Unbekannte hatte mir ja auf
jeden Fall zugehört, ohne mich zu zermalmen. Er hat also geruht, auf
Gründe zu hören, und er wird jetzt die Ungerechtigkeit erwägen, deren
Opfer ich gewesen bin. Vielleicht ist es mir geradezu gelungen, ihn zu
überzeugen, da er ja stehen blieb und keine Antwort gab.

Und die alte Einbildung, dass ich Hiob sei, schleicht sich in mein
Gemüt. Ich habe ja wirklich mein Eigentum verloren, man hat meine
bewegliche Habe, Bücher, Existenzmittel, Frau und Kinder genommen;
gejagt von einem Lande zum andern, bin ich zu einsamen Leben in der
Wüste verurteilt worden. Habe ich diese Klagelieder geschrieben oder
ist es Hiob? "Meine Nächsten haben mich verlassen, und meine Freunde
haben mich vergessen. Mein Weib stellt sich fremde meinem Geist, und
meine Bitten erreichen nicht die Söhne meiner Mutter. Verachten mich
auch die kleinen Kinder. Er hat mich zum Sprichwort gemacht unter den
Leuten, und ich bin ein Saitenspiel für sie geworden. Ich treffe nur
Verleumder, und mein Auge steht wach die ganze Nacht, während sie meine
Seele stechen. _Meine Haut bricht_ und löst sich auf. Wenn ich sage:
Das Bett soll mir Trost geben und fortnehmen etwas von er Plage, so
erschreckst du mich _mit Träumen_ und _beunruhigst mich mit Gesichten._"

Das trifft entschieden bei mir zu: die Risse in der Haut, die Träume
und die Visionen, alles stimmt. Aber dazu kommt ein Überschuss auf
meine Rechnung: ich habe die äussersten Qualen ertragen, als zwingende
Umstände, die von den Mächten gelenkt wurden, mich nötigten, die
einfachsten Pflichten eines Mannes unerfüllt zu lassen: seine Kinder
zu unterhalten. Hiob zog sich aus dem Spiele mit rein erhaltener Ehre,
für mich ging alles verloren, sogar die Ehre, und doch überwand ich die
Versuchung, mich selbst zu töten: ich besass den Mut, entehrt zu leben.

Alles in allem, ich bin jedoch nicht so verwerflich, und wenn ich
der Gnade nicht würdig bin, kann ich Gutes von der Barmherzigkeit
geniessen. Fünfundzwanzig Jahre lang habe ich Dienst getan als Henker
und mich schliesslich als ein tüchtiger erwiesen, indem ich mich selbst
hinrichtete, öffentlich vor den Menschen, die diesen meinen Akt von
Selbsterkenntnis mit einstimmigen Beifall begrüsst haben.

Wenn ich in den Missgeschicken und Schiffbrüchen, die mich wahllos
getroffen haben, nicht Güte habe finden können, sondern Übelwollen,
bin ich schlechter als der untadelige Diener des Ewigen? Die Liebe,
die Güte zeigt sich bei uns Sterblichen durch ergebene herzenswarme
Handlungen und Worte, und ein guter Vater erzieht seine Kinder mit
Zärtlichkeit und nicht mit den raffiniertesten Grausamkeiten!

Wie unbeholfen ich war, dass ich vergass, das alles dem Unbekannten zu
sagen. Aber das nächste Mal werde ich den Schaden wieder gut machen.


Drei Monate lang suchte ich vergebens persönliche Verbindungen mit
der Swedenborg-Gesellschaft in Paris einzuleiten. Eine ganze Woche
gehe ich jeden Morgen nach dem Pantheon hinauf, um die Rue Thouin zu
erreichen, wo Kapelle und Bibliothek des schwedischen Propheten liegen.
Schliesslich treffe ich jemand, der mir sagt, dass der Bibliothekar
nur nachmittags empfängt, gerade zu der Zeit, wo ich allein mit
meinen Gedanken sein will und zu müde bin, um Spaziergänge zu machen.
Gleichwohl mache ich immer wieder den Versuch, nach der Rue Thouin
zu kommen. Das erste Mal fühle ich mich beim Fortgehen unbehaglich
niedergedrückt, und am Ende der Saint-Michel-Brücke artete dieses
Gefühl zu einer Angst aus, die mich zwang, nach Hause zurückzukehren.
Ein ander Mal ist es Sonntag, und man will Gottesdienst halten. Ich
komme eine Stunde zu früh, und meine Kräfte reichen nicht aus, eine
Stunde auf der Strasse zuzubringen. Das dritte Mal finde ich auf der
Rue Thouin das Pflaster aufgerissen, und Arbeiter versperren den Weg
mit ihren Gestellen und Gerätschaften. Da denke ich, dass es nicht
Swedenborg sein darf, der mich auf den guten Weg führen soll, und unter
dem Eindruck dieser Ahnung kehre ich um. Bei der Heimkehr fällt mir
ein, dass ich mich von Swedenborgs unsichtbaren Feinden habe betrügen
lassen, und dass ich sie bekämpfen muss. Der letzte Versuch wird im
Wagen vorgenommen. Dieses Mal ist die Strasse barrikadiert, wie um
ausdrücklich meine Absichten zu hindern. Ich steige aus dem Wagen,
klettere über Hindernisse; als ich aber an der Tür des Swedenborghauses
anlange, sind Trottoir und Treppe fortgenommen. Trotz allem schlage ich
mich nach dem Eingang durch, ziehe am Glockenstrang und ... erfahre von
einem Unbekannten, dass der Bibliothekar krank ist.

Mit einer Art Linderung in der Seele kehre ich der düsteren und
dürftigen Kapelle mit ihren dunklen Fensterscheiben, die von Regen und
Staub beschmutzt sind, den Rücken. Es hatte mich immer abgestossen,
dieses Haus in strengem, barbarischem, schwermütigem Methodistenstil,
dessen Mangel an Schönheit mich an den Protestantismus des Nordens
erinnerte, und erst nach ernsten Kämpfen gegen meinen Hochmut verstand
ich mich dazu, dort Eintritt zu suchen. Eine Frömmigkeitspflicht gegen
Swedenborg, weiter nichts. Als ich mit leichtem Herzen umkehrte,
gewahre ich auf dem Trottoir ein verzinntes Eisenstückchen, wie
ein Kleeblatt geformt, und aus Aberglauben nehme ich es auf. Und
sogleich wird eine Erinnerung zum Leben erweckt. Als ich nämlich das
Jahr vorher, den 2. November in dem schrecklichen Jahr 1896, eines
Morgens in Klam in Österreich promenierte, ging die Sonne hinter einer
Wolkenwand in Form eines Bogens mit kleeförmigen Aussenlinien auf, der
von blauen und weissen Strahlen umgeben war. Und diese Wolke glich
meinem verzinnten Eisenblech wie zwei Wassertropfen einander gleichen;
mein Tagebuch, in dem noch die Zeichnung zu finden ist, kann diese
Tatsache bestätigen.

Was soll dies bedeuten? Die Dreieinigkeit, das ist klar. Und weiter?--

Ich verlasse die Rue Thouin, froh wie ein Schuljunge, der einer
schweren Aufgabe entronnen ist, weil der Lehrer krank geworden. Und
als ich am Pantheon vorbeigehe, finde ich den Tempel geöffnet, das
grosse Tor sperrweit auf, und zwar auf eine herausfordernde Weise, die
mir zurief: tritt nur ein. Tatsächlich habe ich trotz meinem langen
Aufenthalt in Paris niemals diese Kirche besucht, hauptsächlich weil
man mir über die Wandgemälde Lügen erzählt und versichert hat, sie
behandeln Stoffe aus der Geschichte der Gegenwart, vor der ich Abscheu
empfinde. Man denke sich mein Entzücken, als ich eintrete und eine
Lichtdusche empfange, die vom Mittelgewölbe fällt, und mich mitten
in einer goldenen Legende befinde, Frankreichs heiliger Geschichte,
die unmittelbar vor dem Protestantismus schliesst. Die mehrdeutige
Inschrift draussen "Aux grands hommes" hatte mich also betrogen. Wenig
Könige, noch weniger Generäle und nicht ein Abgeordneter; ich atme
wieder. Dagegen St. Denis, die heilige Genoveva, Ludwig der Heilige,
St. Jeanne (d'Arc). Nie hätte ich geglaubt, dass die Republik in
dem Grad katholisch wäre. Fehlt nur der Altar, das Tabernakel, und
an Stelle des Gekreuzigten und der Himmelsmutter ist das Bild einer
weltlichen Frau hier von Frauenverehrung errichtet; doch ich tröste
mich mit dem Gedanken, dass diese Berühmtheit schliesslich unten in den
Kloaken landen wird, wie so viele andere und ehrenvollere. Es ist schön
und lieblich, in diesem Tempel, welcher der Heiligkeit geweiht ist,
umher zu gehen, aber zugleich betrübt es, wenn man sieht, wie man die
Tugendhaften und Wohltätigen enthauptet.

Muss man sich nicht um der Ehre des guten Gottes willen vorstellen,
dass alle diese Fälle von schlechter Behandlung, die den Gerechten und
Barmherzigen zuteil geworden, nur scheinbare Massregeln sind; und dass,
wie wenig ermunternde sich auch der Weg der Tugend zeigen mag, der doch
zu einem guten Endpunkt führt, der unserer Auffassung verborgen ist?
Sonst müssten die Höllen dieser Schaffots und Scheiterhaufen, die den
Heiligen angesichts triumphierender Henker vorbehalten sind, uns auf
lästerliche Gedanken bringen über die Güte des höchsten Richters, der
die Heiligkeit im Erdenleben zu hassen und zu verfolgen scheint, um sie
in einer höheren Welt zu belohnen: "die mit Tränen säen, werden mit
Freuden ernten."

Indessen werfe ich, als ich aus der Kirche trete, einen Blick nach
der Rue Thouin und wundere mich, dass der Weg zu Swedenborg mich
in den Tempel der heiligen Genoveva geführt hat. Swedenborg, mein
Wegweiser und Prophet, hat mich gehindert nach seiner bescheidenen
Kapelle zu gehen: hat er sich denn selbst verworfen und ist jetzt
besser unterrichtet worden, so dass er sich zum Katholiken bekehrt hat?
Während ich die Arbeiten des schwedischen Sehers studierte, hat es
mich betroffen, wie er sich als Gegner Luther gegenüberstellt, der den
Glauben allein pries; und in der Tat ist Swedenborg katholischer als
er sich den Anschein hat geben wollen, da er den Glauben und die Werke
gepredigt hat, ganz wie die römische Kirche.

Wenn es sich so verhält, dann bekämpft er sich selbst, und ich, sein
Adept, werde zwischen Amboss und Hammer zermahlen werden.


Eines Abends nach einem von Gewissenbissen und Zweifeln erfüllten Tag,
begab ich mich, nachdem ich mein einsames Mittagsmahl eingenommen
hatte, nach dem Garten, der mich an sich lockt wie ein Gethsemane, wo
unbekannte Leiden meiner warten. Ich habe ein Vorgefühl der Qualen und
kann nicht entfliehen. Ich ersehne sie fast, wie der Verwundete sich
einer grausamen Operation zu unterziehen wünscht, die ihm Genesung oder
den Tod bringen wird.

Am Fleurus-Tor angelangt, befinde ich mich sogleich drinnen auf der
Rennbahn, die in der Ferne vom Pantheon und dem Kreuz begrenzt wird.
Vor zwei Jahren bezeichnete dieser Tempel für meinen weltlichen Sinn
die Ehre, die "grossen Männern" gewidmet wird; jetzt lege ich das aus:
den Märtyrern und den Leiden, die sie ausgestanden haben; so hat sich
mein Gesichtspunkt verändert.

Die Abwesenheit des Unbekannten macht mich unruhig und ich empfinde
eine Beklemmung der Brust. Einsam und zur Fehde bereit, fühle ich mich
aus Mangel an einem sichtbaren Gegner matt werden. Gegen Schemen,
Schatten zu kämpfen, das ist schlimmer als gegen Drachen und Löwen!
Schrecken ergreift mich, und von dem Mut des Furchtsamen getrieben,
gehe ich auf dem schlüpfrigen Boden zwischen den Platanen mit festen
Schritten weiter. Ein eingeschlossener Geruch von schmutzigem Kabeljau,
mit Teer und Talg gemischt, erstickt mich; ich höre das Schwappen
der Wogen gegen Schiffsrümpfe und einen Kai; ich werde in den Hof
eines gelben Ziegelgebäudes geführt, ich steige Treppen hinauf und
gehe, durch unermesslich grosse Säle und zahllose Galerien, zwischen
Schaukästen und Glasschränken voller ausgestopfter oder in Gefässen
konservierter Tiere. Schliesslich ladet mich eine offene Tür in
einen Saal von seltsamen Aussehen ein; er ist dämmrig und schwach
von Lichtflecken erleuchtet, die von einer Menge in wohlgeordneten
Schaukästen ausgestellter Münzen und Medaillen reflektiert werden.
Ich bleibe vor einem mit Glas bedeckten Kasten in der Nähe eines
Fensters stehen, und unter den Gold-und Silbermedaillen wird mein
Blick von einer aus anderm Metall, das dunkel wie Blei ist angezogen.
Es ist mein Bild, der Typus eines Frevlers und Ehrgeizigen mit
hohlen Wangen, zu Berge stehendem Haar und hasserfülltem Mund. Und
die Kehrseite der Medaille trägt die Devise: "Die Wahrheit ist immer
rücksichtslos." O, die Wahrheit, die den Sterblichen so verborgen ist
und die entschleiert zu haben ich übermütig genug war zu glauben, als
ich das heilige Abendmahl verhöhnte, dessen Wunder ich jetzt bekenne.
Ein gottloses Erinnerungszeichen, zur Unehre der Gottlosigkeit von
lästerlichen Freunden errichtet! Es ist wahr, ich habe mich immer wegen
dieser Verherrlichung der Brutalität geschämt und mich nicht darum
gekümmert, dieses Erinnerungszeichen zu bewahren; ich habe es den
Kindern zum Spielen hingeworfen, und es ist fortgekommen, ohne dass
ich es vermisst hätte. In gleicher Weise wollte ein schicksalsschweres
"Zusammentreffen", dass der Künstler der die Medaille machte, gleich
danach geistesgestört wurde, nachdem er seinen Verleger betrogen und
Fälschungen begangen hatte. O, diese Schmach! die nicht ausgetilgt
werden kann, sondern immer im Gedächtnis bewahrt wird, da das Gesetz
gebietet, dass dieses Anklage-Dokument in den Museen des Staates
verwahrt wird. Da sieht man die Ehre.

Worüber habe ich mich zu beklagen, da die Vorsehung einer schimpflichen
Bitte Erfüllung gewährt hat, die ich in meiner Jugend an sie richtete.
Es war um mein fünfzehntes Jahr; müde der nutzlosen Kämpfe gegen
das junge Fleisch, das auf Befriedigung der Leidenschaften pochte;
erschöpft von den religiösen Konflikten, die meine Seele verheerten,
welche lüstern war, das Rätsel des Daseins zu erfahren; in einer
Umgebung frömmelnder Menschen, die mich unter dem Vorwand peinigten,
meine Seele der Liebe zum Göttlichen zuneigen zu wollen, äusserte ich
unumwunden folgende Worte zu einer alten Freundin, die mich zu Tode
moralisiert hatte: Ich lasse die Moral fallen, wenn ich nur ein grosses
Talent werden kann, das allgemein bewundert wird!--Später wurde ich in
meiner Ansicht von Thomas Henry Buckle bestärkt, der uns lehrte, dass
die Moral ein Nichts sei, das sie sich nicht entwickle, und dass die
Intelligenz alles sei. Und mit zwanzig Jahren lernte ich von Taine,
dass böse und gut zwei indifferente Sachen seien, denen unbewusste
und verantwortungslose Eigenschaften innewohnten, wie die Acidität
der Säure und Alkalität bei einem Alkali. Und diese Phrase, die von
Georg Brandes im Fluge ergriffen und ausgearbeitet wurde, drückt ihr
Gepräge von Immoralität auf die skandinavische Literatur. Ein Sophisma,
das heisst, ein schwacher Vernunftschluss, der fehl geschossen hat,
verführt eine Generation von freidenkenden Menschen! Eine solche
Schwäche! Denn beim Analysieren von Buckels Epigramm: "Die Moral
entwickelt sich nicht, also ist sie indifferent", entdeckt man leicht,
dass der Schlusssatz besser so gezogen werden könnte: Die Moral, die
unerschütterlich dieselbe bleibt, beweiset dadurch ihren göttlichen und
ewigen Ursprung.

Als mein Wunsch endlich erhört wurde, war ich das anerkannte,
bewunderte Talent und der verachtetste aller Menschen, die in diesem
Jahrhundert in meinem Lande geboren sind. In den Bann getan von den
besseren Kreisen, missachtet von dem Geringsten unter den Geringen,
verleugnet von meinen Freunden, den Besuch meiner Bewunderer in der
Nacht oder im geheimen empfangend! Ja, alle beugen sich vor der
Moral, und eine Minderheit verbeugt sich vor dem Talent: das gibt uns
manches zu denken über das Wesen der Moral! Und noch schlimmer ist
die Kehrseite der Medaille! Die Wahrheit! Als ob ich mich nie der
Lüge ergeben hätte, trotzdem ich in dem Ansehen stand wahrhaftiger,
aufrichtiger als andere zu sein. Ich verweile nicht bei den kleinen
Lügen der Kindheit, weil die so wenig bedeuten, hervorgegangen, wie
sie meist waren, aus Furcht oder der Unfähigkeit, die Wirklichkeit
von den Einbildungen zu trennen; und weil sie aufgewogen wurden von
ungerechten Strafen, die auf falsche Anklagen der Kameraden erfolgten.
Aber es sind andere Lügen, ernster wegen der verderblichen Folgen,
die das schlechte Beispiel und das Entschuldigen einer schweren
Versündigung hervorbringen. Es ist die unwahre Darstellung, die meine
Selbstbiographie "Der Sohn einer Magd" über die Krisis der Pubertät
gibt. Als ich dieses Jugendbekenntnis schrieb, scheint mich der
liberalistische Geist der damaligen Zeit verführt zu haben, mit zu
hellen Farben zu malen, in der verzeihlichen Absicht, junge Männer, die
einem frühreifen Laster anheimgefallen sind, von der Furcht zu befreien.

Als ich zum Schluss dieser bitteren Reflexionen gekommen bin, schrumpft
das Münzkabinett zusammen, die Medaille zieht sich in die Ferne zurück
und verkleinert sich zur Grösse eines Bleiknopfes. Und ich sehe mich
in einer Bodenkammer auf dem Lande, am Strande des Mälar, in einem
Pensionat für Knaben bei einem Künstler, im Jahre 1861. Kinder in
ungesetzlichen Verbindungen geboren, Kinder von Eltern, die aus dem
Land geflohen sind, schlecht erzogene Kinder, die in zu zahlreichen
Familien im Wege stehen, leben hier zusammen, in einen Bodenraum
zusammengepfercht, ohne Aufsicht, zu zweien das Bett teilend, einander
tyrannisierend und einander misshandelnd, um sich am Leben zu rächen,
das so grausam ist. Eine hungrige Herde kleiner Missetäter, schlecht
gekleidet und schlecht genährt, ein Schrecken für die Bauern und
besonders für die Gärtner. Genug, der älteste in der Bande spielt die
Rolle des Verführers, und das Laster nistet sich ein in die junge
Schar....

Dem Fall, jawohl dem Fall, folgt unmittelbar die Gewissensqual, und
ich sehe mich bei dem schwachen Schein des grauenden Sommertages im
Nachthemd am Tisch sitzen, das Gebetbuch vor mir. Schamgefühl und
Gewissensqual, trotzdem mir die Natur der Sünde vollständig unbekannt
war. Unschuldig, weil ich unbewusst war, und doch verbrecherisch.
Verführt und nachher Verführer, Reue und Rückfall, Zweifel an der
Wahrhaftigkeit des anklagenden Gewissens! Zweifel, dass ein Gott
gnädig ist, der die schrecklichsten Versuchungen für einen Unwissenden
auslegt. Für ein Kind, das als einen von der Natur herzlich gern
gebotenen Genuss hinnimmt, was das göttliche Gesetz mit dem Tode
bestraft. Ohne Schuld vor sich selbst und doch von Gewissensbedenken
gepeinigt, die den Unglücklichen der Religion zu jagen; die aber
vergibt oder tröstet nicht, sondern verurteilt zu Wahnwitz und
Hölle--den unschuldigen Wicht, das Opfer, dem die Kraft fehlt, im
ungleichen Kampf mit der allmächtigen Natur stand zu halten.

Das höllische Kohlenfeuer ist angezündet, um bis ans Grab zu brennen,
sei es, dass es in der Einsamkeit unter der Asche glüht oder Nahrung
von den brennbaren Stoffen eines Weibes holt. Versucht man dieses Feuer
durch Enthaltsamkeit zu löschen, so wird die Leidenschaft perverse
Wege einschlagen und die Tugend auf unerwartete Weise bestraft werden.
Begiesse den angezündeten Scheiterhaufen mit Petroleum, so bekommst du
eine Vorstellung von der erlaubten Liebe!

Wahrhaftig, kommt ein Knabe und fragt mich jetzt, den Fünfzigjährigen:
was soll man tun? so habe ich nur eine Antwort, nach so vielen
Erfahrungen und so vielen Erörterungen und die ist:

--Ich weiss es nicht!

Und suchte mich ein junger Mann auf, um mich zu fragen, was vorzuziehen
sei, unverheiratet zu bleiben oder die Ehe einzugehen, würde ich
antworten: Das beruht auf Neigung und Geschmack; wenn Sie die Hölle des
Junggesellen vorziehen, so wählen Sie die; gefällt Ihnen die eheliche
Hölle besser, so treten Sie in diese ein. Für meine Person ziehe ich
Gehenna an der Seite einer Gattin vor, weil das ein Paradies zur
Folge hat, das allerdings künstlich ist aber entzückend und in dem es
Erinnerungen an das goldene Zeitalter gibt: nämlich das Kind.

Ich möchte mich als Verführer der Jugend anklagen, aber kann es nicht,
da der Zweck meines Bekenntnisses war, die Jünglinge von der Furcht
zu befreien. Befreiung, das war die Losung für die skandinavische
Literatur die ganzen achtziger Jahre. Ich befreite die Frauen, mit dem
Erfolg, dass die Familienfrauen den Prostituierten gleich wurden und
sich gegen ihren Befreier wandten, um ihn mit ihren zerbrochenen Ketten
zu schlagen. Ich habe die Elenden und die Unterdrückten so befreit,
dass die Gesellschaft von den schlimmsten Unterdrückern regiert wird,
die zur Macht gekommen sind. Ich habe die Jugend von Gewissensqual
und Verkehrtheit befreien wollen, und die Jugend, die in Laster und
Verbrechen versunken ist, klagt mich an, ein Catilina zu sein, und
Väter und Mütter haben mich auf den Index gesetzt! Also soll man das
Befreien lassen, da das Leben ein Gefängnis ist; was ich nicht wusste;
und das entschuldigt mich vor mir selbst, da ich in gutem Glauben und
in guter Absicht gehandelt habe, um dem Vorbild des Erlösers zu folgen,
der die Ehebrecherin und den Räuber frei sprach. Das einzige ist
darin liegt der Hauptpunkt, dass ich die furchtbaren Gewissensqualen
verleugnet habe, die den Fall eines Knaben begleiteten, und das ist mea
culpa; das lässt mich erröten angesichts der Inschrift der Medaille,
die ich nicht selbst besorgt habe.

Zu meinem Sohn möchte ich sagen: Versuch keusch zu bleiben, und auf
alle Fälle weiche schlechten Weibern aus, denn die vergiften dich
für das ganze Leben und sind _besessene_ Unglückswesen, deren böse
Geister auf eine reine Seele übergehen; das ist die Ursache, warum
diese Weiber, denen man zu existieren erlaubt, weil es die tatsächlich
gibt, Versuchungen ausmachen, denen widerstehen zu können sich ein
junger Mann zur Ehre anrechnen muss. Und noch eins, mein Sohn, erliege
nicht den Versuchungen einer verheirateten Frau, wenn sie auch deine
männliche Eitelkeit reizt, indem sie dich Joseph nennt! Die Ehre
gebührt nicht Potiphars Frau, sondern Joseph, dessen Ehrentitel auf den
Mann übergeht, der den Mut hatte, dem Erlöser Pflegevater zu bleiben,
ohne über seine für einen Mann zweideutige Stellung Unwille zu verraten.

Und an meine Töchter ein Wort, ein einziges: der Altar oder das Gelübde
der Keuschheit! Das ist alles! Die freie Liebe und Rechnung der Frau
hat es immer gegeben, und die freien Frauen sind Kokotten und Huren,
und sie werden es bleiben, so lange die Welt steht; wie auch die
ungetreue Gattin ihresgleichen werden wird, oder, richtiger, schlimmer
als sie, weil sie einen Mann mordet und die Zukunft ihrer Kinder trübt.

Ich brenne vor Begierde, mich anzuklagen und mich zugleich zu
verteidigen, aber es gibt kein Gericht, keine Richter, und ich verzehre
mich hier in der Einsamkeit!

Als ich meine Verzweiflung nach allen Himmelsstrichen ausrief, wurde
ich in ein Dunkel gehüllt, und als ich deutlicher zu sehen begann, fand
ich mich mit dem Kopf gegen einen Kastanienbaum in der Fleurus-Allee
lehnend. Es war der dritte Baum vom Eingang gerechnet, und die Allee
hat siebenundvierzig auf jeder Seite und neun Bänke sind zwischen die
Bäume als Haltepunkte gestellt. Bleiben also vierundvierzig Raststellen
für mich, ehe ich die erste Station erreiche.

Einen Augenblick bleibe ich angesichts des ausgedehnten Tränenpfades
ganz niedergeschlagen stehen, als sich unter den entlaubten Bäumen eine
Lichtkugel nähert, die von zwei Vogelflügeln getragen wird.

Sie macht vor mir in gleicher Höhe mit meinen Augen Halt, und in
dem klaren Schein, der sich um die Kugel breitet, sehe ich ein
weisses Blatt Papier, das gleich einer Speisekarte verziert ist.
Oben steht in rauchgefärbten Buchstaben: Iss! Und unten rollt sich
in einer Sekunde mein ganzes verflossenes Leben auf, wie eine
mikrographische Reproduktion auf einem ungeheuer grossen Plakat.
Alles ist da zu finden! Alle Schrecken, die heimlichsten Sünden, die
widerlichsten Szenen, in denen ich die Hauptrolle spiele.... Wehe,
ich möchte vor Scham sterben, als ich im Bilde die Szenen sehe,
die mein vergrösserndes Auge auf einmal auffasst, ohne lesen und
verdolmetschen zu brauchen! Aber ich sterbe nicht, im Gegenteil,
während einer Minute, die so lang ist wie achtundvierzig Jahre, sehe
ich aufs neue mein ganzes Leben von der grünen Kindheit an bis auf
diesen Tag. Mein Gebein verdorrt bis aufs Mark, mein Blut stockt,
und vom Feuer der Gewissensqual verzehrt, falle ich mit dem Ausruf
zu Boden: Gnade! Gnade! Und ich werde davon abstehen, mich vor dem
Ewigen zu rechtfertigen, und ich werde davon abstehen, meinen Nächsten
anzuklagen....

Als das Bewusstsein wiederkam, befand ich mich auf der Rue de
Luxembourg, und bei einem Blick durch das Gittertor sah ich den Garten
grünen, während ein Chor von kleinen lebhaften Spottvögeln mich hinter
Buschen und Bäumen grüsst!


Die Rue Bonaparte hinuntergehend, fühle ich mich gegeisselt, und
die Schmach weckt den Zorn, und die Widerspenstigkeit beginnt sich
zu rühren.--Ich habe gesündigt, zugegeben, und ich bin bestraft
worden. Das müsste doch genug sein, um die Zeichen auf der weissen
Schiefertafel auszukratzen. Ein guter Vater kann verzeihen, nachdem er
gestraft hat, und ich kenne welche, die begnadigen können, ohne Auge
für Auge, Zahn für Zahn zu fordern; ich kenne welche, die nie anders
strafen als durch milde Worte und nicht weiter davon sprechen, nachdem
die Sache einmal ausgetragen ist. Aber ich habe nie einen gesehen, der
über die Fehltritte und Versündigungen seiner Kinder Buch geführt hätte.

Der Geist des Aufruhrs erhebt sich wieder, das Gefühl
menschlich-göttlicher Würde sagt: "Schwacher, du bist gefallen, du hast
dich erniedrigt, als du die Selbstberechtigung deines Ichs gegenüber
der der anderen verleugnet hast. Das ist gerade der Kampf des Lebens,
der Versuchung sich vor den andern zu beugen zu widerstehen, denn im
selben Augenblick, in dem du das tust, hast du dich richtend über
den Herrn deines Schicksals gestellt und kriechend unter die andern".
Wäre ich Herrscher, würde ich den Aufrührer hassen, aber ich müsste
ihm grössere Achtung bezeigen als dem Gehorsamen. Seelenstärke ist
schön, und das Schöne ist göttlich. Vor einem Gott, dem weisesten,
schönsten und gütigsten, werde ich mich beugen, aber vor schlechten
elenden Menschen, die mir gleichen, habe ich nicht das Recht die Knie
zu beugen. Für grosse Geister habe ich immer Verehrung gehegt, und es
ist eine Lüge, das mir die Fähigkeit zu bewundern gefehlt hat, wenn
ich mich auch nicht habe zwingen können, das Kleine zu bewundern.
Offen habe ich meine Verehrung ausgesprochen für Männer wie Linne,
der Gott gesehen hat, für Bernardin de Saint-Pierre, für Balzac, für
Swedenborg, für Nietzsche, dem die Hüftsehne und das Gehirn gelähmt
wurden im Titanenkampf.... Aber ich weiss wohl, dass die Götter
der Zeit mich vor allem Kleinen auf die Knie haben zwingen wollen,
besonders vor allem Minderwertigen, körperlich, sittlich, geistig
Schwachen. Aber ich bin nicht Tyrann gewesen, im Gegenteil, ich war
mit dabei und führte die Sache der Enterbten, ich war mit dabei und
kämpfte im Befreiungskrieg für die Unterdrückten, weil ich nicht
verstand, dass sie sich auf dem Platz befanden, auf den sie von der
Vorsehung gestellt waren. Ob es geschah, um mir die Folgen dieses
Sklavenkrieges zu zeigen, weiss ich nicht, aber immer gab das Schicksal
mich einer Sklavenseele in die Hand, die mein Herr wurde, die mich
unter ihre Holzschuhe oder ihre Knopfstiefel trat; immer musste ich
Stroh und Ziegel tragen für einen rohen ägyptischen Mann, oder für
ein Weib, das von meinem Blute lebte und mir das, was übrig blieb, zu
meiner Nahrung gab. Schliesslich, weise durch die Lehren geworden,
machte ich mich frei aus den Gefängnissen, und da blieb mir nur die
Freiheit der Wüste, wo mir wahrhaftig kein Manna und keine Wachteln
geboten wurden. Zur Einsamkeit wurde ich verurteilt, und jedesmal
wenn ich einen Menschen suchte, um mit ihm zu sprechen, wurde ein
ägyptischer Mann gesandt, um mich anzuspucken; ein Unwissender, um
mich darüber aufzuklären, wie viel kenntnisreicher der Ignorant sei;
ein hoffärtiger Unfähiger, um mir zu sagen, dass ich der Hoffärtigste
sei; ein Liederlicher, um mir Tugend zu predigen!--Wer verfolgt mich,
wer demütigt mich mehr, als die andern gedemütigt werden? Ist es
der Weise, so weiss er, dass ich nicht hochmütig war, und dass ich
im Namen dessen stolz war, dessen Sprachrohr ich zu sein glaubte;
und er kennt wohl die Bosheit der Menschen, die, wie ich mich auch
drehe und wende, bereit sind, etwas gegen mich zu haben. Sage ich,
das ich aus mir selbst spreche, so bin ich des Hochmuts schuldig;
sage ich, dass ich das Meine von Gott habe, so bin ich der Lästerung
schuldig.--Sind alle Menschen gleich, warum hat dann die Vorsehung
Gesellschaftsklassen mit einer Rangordnung eingerichtet, wo der eine
es besser hat als der andere und Untergebenen befehlen darf, die
menschlicher Obrigkeit untertänig sein müssen? Warum werden einige zu
Macht-und Ehrenstellen berufen, während andere verurteilt werden, sich
andächtig, bewundernd, gehorchend unten zu halten? Ist das Gleichheit,
und deutet das darauf, dass alle gleich geschaffen sind? Nein, ich kann
weder in der Ordnung der Natur, wo das Rassepferd Namen und Titel,
Stammbaum und Bedienung hat, aus Marmorkrippen frist und Alpaka trägt,
während der elende Gaul den Strassenkehricht ziehen muss, ein Gesetz
des Gleichgewichts sehen, noch in der Gesellschaftsordnung, wo selbst
der Geselle seinen Lehrjungen zum Hundsfottieren unter sich hat. Und
doch soll ich gezwungen werden, ganz gegen göttliche und menschliche
Ordnung, eine Tatsache anzuerkennen, die jeden Augenblick am Tage
widerlegt wird, eine Tatsache, die überhaupt nicht existiert! Ist Gott
mit sich selbst entzweit oder sind seine Satrapen in Streit geraten?
Ist jede Zeitperiode hier eine Anspielung von dem, was da oben vor
sich geht? Ist dort auch Parteibildung mit Demokraten-Agitoren und
Herrschlüsternen? So will es zuweilen scheinen, denn viele Stimmen
sprechen auf einmal: Der Volksführer hört ein Gottesgebot aus den
Wolken und er führt die Massen mit heiligem Eifer zu Mord und Brand,
und es ist glückt ihm zuweilen, als stehe er unter einem mächtigen
Schutz. Ein andermal führt der Volksvergeuder und-bezwinger seine
geweihten Scharen unter Anrufung des himmlischen Schutzes gegen die
Massen, und sein Vorhaben wird mit Erfolg gekrönt, als ob andere
Mächte ihn zum Sieg geleitet hätten! Wehe den Menschenkindern, wenn
die Herrscher und Gewalten uneinig geworden sind! Da gilt es, fein
zu hören, wenn die Stimmen der Unsichtbaren Gehorsam gebieten, und
den richtigen Weg zu wissen, denn der Sieger hat immer recht. Ist
es Ragnarök, das bevorsteht oder schon da ist? Kämpfen nicht alle
erwachten Göttermächte über den Wolken um die Herrschaft? Pan war ja
eine Zeit oben und schien zu herrschen; Jehova hat ja sein auserwähltes
Volk beschützt, und Christus hat seine Getreuen nicht verlassen; Allah
hat kürzlich die Olympischen bei den Termopylen schlagen können; Buddha
drängt sich vor mit einer Gewalt, die den Nazarener einen Augenblick
ernstlich bedrohte! Wehe den Menschenkindern, wenn die Mächte kämpfen!
Alle rufen sie zu dem Einzigen und Wahren Gott, aber keiner sagt mir,
wer er ist! Ist er es, der mit dem Donner und dem Wirbelwind spielt?
Aber die bewegten Zeus und Tor auch, und die Theosophen schwören,
dass die Unsichtbaren in Hochasien mit diesen Naturmächten zu spielen
verstehen, wie Jehova, Osirispriester und Zauberer es vermocht haben
sollen. Alle verlangen Zeichen und Wunder, und es geschehen Zeichen
und Wunder, aber niemand weiss, wer sie zustande bringt, denn die
schwarzen Mächte sind ebenso zauberkundig wie die weissen. Wer ist der
Herr, der so mächtig zu den Völkern spricht in diesen Zeiten? Oder wer
ist mein Herr? Hat eine Menschenameise nicht das Recht, zu erfahren,
wem sie dienen und gehorchen soll, und wie, ehe sie verworfen wird
als ungehorsam? Wie oft habe ich nicht den Unbekannten angerufen,
deutlicher zu sprechen, und als er schliesslich antwortete, geschah es
mit einem Sonnenstrahl, einem Donnerschlag, einem Wassertropfen. Der
Herr der Naturkräfte! Gut, ich erkenne ihn an, aber er war es nicht,
der mit einen neuen Sinn geben und mich von Begierden, Hass und Hochmut
reinigen sollte....

       *       *       *       *       *

So mahlt und mahlt die ewige Sündenmühle; dieselben Anklagen, dieselben
Verteidigungen. Sisyphus, der seinen Stein rollt, die Danaïden, die mit
ihrem Sieb schöpfen: wahrhaftig, scheinen nicht die Strafen ewige zu
sein!

Als ich in meine Zelle zurückkehre, finde ich, dass die Uhr erst
neun ist, und öffne die Bibel, um Aufklärung und Ruhe zu finden. Als
ich aber in den Psalmen Davids zu den grauenhaften Flüchen komme,
die er mit Gebeten auf seine Feinde herabruft, kann ich nicht länger
dabei sein: ich habe nur einen Feind, das bin ich; die andern, die
mich quälen, haben ein Recht dazu, und es ist immer zu meinem Besten
gewesen, und ich habe eben gelernt, das man seinen Feinden verzeihen
soll: die Theosophen haben mir sogar gesagt, dass das Gebet schwarze
Magie ist, dass Böses über Feinde erbitten envoütment ist d. h.
Verhexungen, die mit dem Scheiterhaufen bestraft wurden! Mein alter
Freund Hiob tröstet mich nicht mehr, denn ich bin teils kein gerechter
Mann, wie bekannt, teils finde ich seine Kritik über des Ewigen
Handlungsweise ebenso gottlos wie meine aufrührerischen Reden und
Gedanken.

Da werfe ich mich auf das Neue Testament und stosse auf Paulus, der
gleich mir ein Saulus gewesen ist und mir deshalb viel zu sagen haben
müsste. Gewisse meiner Fehler finde ich bei ihm wieder, aber nicht
darum habe ich ihn aufgesucht; und ich verstehe noch nicht, wie
man den Mut haben kann, Strafpredigten zu halten und zum Satan zu
verurteilen, wenn man mit beiden Beinen im Sündenpfuhl steht. Sein
Eifer macht ihn kindlich und deshalb momentan sympathisch, so, wenn
er einen Korintherbrief mit dem Bekenntnis beginnt: "Ich, Paul, der
Euch verächtlich scheint, wenn ich Euch nahe bin, aber der voll von
Kühnheit ist, wenn ich weit von Euch bin." Ich kann auf die Worte
dieses Mannes nicht lauschen, als seien sie von Gott gekommen, da er
alle meine Schwächen hat, die ich mit seiner Hilfe fortarbeiten wollte.
Wie soll ich die Demut bewahren, wenn mein Lehrer zwei lange Briefe
voll Prahlerei über sich schreibt. "Ich erachte, dass ich in nichts
den ausgezeichnetsten Aposteln unterlegen gewesen bin." Oder: "Niemand
betrachte mich als einen Törichten; wenn doch, so habe Geduld mit
meinem Unverstand, dass ich mich auch ein wenig rühme." Und dann zählt
er seine Leiden auf (ganz wie ich, obwohl ich schliesslich eingesehen
habe, dass meine Leiden wohl verdient waren). "Ich habe mehr des
Tages Last getragen als die andern, mehr Wunden, mehr Gefängnis. Von
den Juden habe ich fünfmal empfangen vierzig Streiche weniger eins;
gestäupt dreimal; gesteinigt wurde ich einmal usw."

Da finde ich meine Schosssünden wieder und, was schlimmer ist, deren
Verteidigung. "Ich bin töricht gewesen, da ich mich rühmte, aber Ihr
habt mich dazu gezwungen, denn es stand Euch an, Gutes von mir zu
reden, da ich, wie bekannt, in keinem Punkt den höchsten Aposteln
unterlegen gewesen bin, wiewohl ich nichts bin." Die letzten Worte
offenbaren das unsinnig Falsche in dieser gepriesenen Demut, mit
welcher der Hochmut prahlt; und das entzündete in mir von neuem den
Unwillen, den ich schon in meiner Jugend gegen diesen Propheten der
Reiseprediger hegte, dessen Stil sie so gut nachzuahmen verstanden.
Und ich verliess den Schüler, um vom Meister selbst Worte der Weisheit
zu hören. Aber ich weiss nicht, welcher Dämon an diesem Abend, da ich
allein und zerknirscht bin, die Blätter wendet, vielleicht das Gesicht
verkehrt, so dass das Buch, das Antwort auf alles und Heilung für alles
hat, mich nur täuscht und mir ins Angesicht schlägt. Als ich lese,
wie Christus die Ehebrecherin freispricht, fühle ich die bodenlosen
Zweifel wieder aufsteigen von den Toten. Es war 1872, als ich in
meinem Jugenddrama "Meister Olof" den Reformator die Hure, Magdalena,
mit ungefähr denselben Worten freisprechen liess. Was folgte darauf?
Dieser Katarakt von Freisprechungen, und zwar von allen moralischen
Verpflichtungen, der durch die Literatur über die Gesellschaft strömte
und alles aufgelöst hat, Familie, Sitte, Ehre, Glauben. Und diese
Befreiung, die auf edler Humanität fusste und Christi Gebot "richte
nicht" gehorchte, die wird nun von "den Mächten" desavouiert, indem
sie die Befreier mit Schrecken und neuen Plagen schlagen! Christi
Nachfolger! Nein, nicht einmal die Bibel, nicht Christus, nicht
Humanität----nichts.

Ich bin jetzt vollständig bankerott! Des Umgangs mit der Menschen
beraubt, ohne zu wissen, warum; des Interesses für die Wissenschaften
verlustig, die mich früher am Leben hielten durch das Grosse, das
darin liegt, die Rätsel zu erfahren; dem Trost der Religion entzogen,
weil sie Böses und Falsches lehrt, habe ich nur die leere Schale
eines inhaltslosen Ichs vor mir. In meinem Stuhl sitzend, den
Sternenhimmel durch das Gitter meiner Fensterluke betrachtend, denke
ich an nichts, empfinde nichts, träume nichts. Fange schliesslich an
neugierig zu werden, wie meine Stimme klingen wird, wenn ich sie wieder
nach dreiwochenlangem Schweigen hören werde. Verlange so nach der
Gesellschaft eines Menschen, dass ich die antipathischesten aufsuche
könnte, die nur den Mund zu öffnen brauchen, um mich zu verletzen.
Erwäge, ob diese Isolierung den Zweck haben soll, mich zu lehren, dass
alle Menschen einander nötig haben, obwohl ich weiss, dass schlechte
Gesellschaft zu meiden ist und dass manche Menschen eher meiner bedurft
hätten, als ich ihrer. Als ich auf die Uhr sehe, ist es nicht weiter
als halb zehn, und vor zehn wage ich nicht zu Bett zu gehen, weil die
Nacht unruhig wird. Ich, der mein ganzes Leben darauf gewartet habe,
dass das Gewünschte kommen werde, warte jetzt darauf, dass eine halbe
Stunde verfliessen soll. Lesen kann ich nicht, denn wenn ich ein Buch
öffne, glaube ich alles vorher zu wissen. Nichts interessiert mich,
nichts erfreut mich, nichts schmerzt mich. Ich habe mehr als tausend
Francs in der Tasche, aber sie sind ohne Wert, denn ich wünsche nichts.
Früher und immer, wenn mir Geld fehlte, hatte ich vollauf an Wünschen:
Bücher, Instrumente, Bezahlung von Schulden; und dieses Verlangen gab
dem Leben Interesse, richtete den Willen auf die Zukunft, verankerte
ohne zu vertäuen.

Schliesslich wird die Uhr zehn. Nach meiner gewöhnlichen Waschung gehe
ich zu Bett und falle bald in Schlaf, müde bis zum Tod von lauter
Beschäftigungslosigkeit und Langeweile.


Der folgende Tag ist gleich dem vorhergehenden bis sechs Uhr
nachmittags. Da klopft es an meine Tür, und herein tritt der
amerikanische Maler, den ich in meinem Buch "Inferno" mit Francis
Schlatter identisch gemacht habe. Da wir ganz indifferent ohne
Feindschaft oder Freundschaft geschieden sind, ist das Wiedersehen
recht herzlich. Der Mann ist etwas verändert, merke ich. Er scheint
mir körperlich kleiner zu sein, als ich ihn im Gedächtnis hatte; sein
Ausdruck ist ernster, und ich kann ihn nicht dazu bringen, wie früher
über die Plackereien des Lebens und über die ausgestandenen Leiden zu
lächeln, die man so leicht trägt, wenn sie glücklich vorüber sind. Aber
er behandelt mich auch mit einer auffallenden Achtung, die gegen die
frühere Kameradschaftlichkeit absticht. Das Wiedersehen für mich wird
eine Aufrüttelung, denn teils kann ich mit einem Menschen sprechen, der
jedes Wort versteht, das ich sage, teils knüpfe ich an eine Periode
meines Lebens an, in der ich mich auf das stärkste entwickelte,
intensiv lebte, glaubte und wuchs. Ich fühle mich bald zwei Jahre
jünger und bekomme Lust, eine halbe Nacht auf den Trottoiren beim Glas
und gutem Gespräch zuzubringen. Als wir überein gekommen sind, in
Montmartre zu Mittag zu essen, treten wird die Wanderung an. Der Lärm
der Strasse dämpft etwas den Gang des Gespräches, und ich bemerke bei
mir eine ungewöhnliche Schwierigkeit zu hören und aufzufassen.

Am Einlauf in die Avenue de l'Opéra ist der Volksstrom so stark, dass
wir unaufhörlich von Begegnenden getrennt werden. Da trifft es sich
auch, dass ein Mann, der eine Partie Watte trägt, meinen Kameraden
so anstösst, dass er ganz weiss wird. Den Kopf voll von Swedenborgs
Symbolik, suche ich im Gedächtnis, was das "bedeuten" soll, kann mich
aber nur von der Graböffnung auf St. Helena erinnern, dass Napoleon
aussah, als ob sein Körper von weissem Flaum umlaufen sei.

Auf der Rue de la Chaussée d'Antin bin ich schon so müde, dass wir
beschliessen, eine Droschke zu nehmen. Da es Dinerzeit ist, ist die
Strasse äusserst belebt, und als wir einige Minuten gefahren sind,
steht der Wagen plötzlich still. Zugleich bekomme ich einen solchen
Stoss in den Rücken, dass ich mich erhebe, fühle ein warmes feuchtes
Schnaufen über meinem Nacken, und als ich mich umwende, habe ich die
drei weissen Pferdeköpfe, einen Omnibus mit einem schreienden Kutscher
vor mir. Das verstimmt mich, und ich frage mich, ob das eine Warnung
sein soll.

Wir steigen an der Place Pigalle aus und dinieren. Hier finde ich
Erinnerungen an meinen ersten Pariser Aufenthalt wieder, der in den
siebziger Jahren stattfand; aber sie machen mich wehmütig, denn die
Veränderungen sind gross. Mein Hotel an der Rou Douai ist nicht mehr.
Der "Chat noir", der damals entstand, ist geschlossen, und Rudolphe
Salis ist in diesem Jahr begraben. Das Café de l'Ermitage ist bloss
eine Erinnerung, und das "Tambourin" hat Namen und Titel geändert. Die
Freunde von damals sind tot, verheiratet, zerstreut, und die Schweden
sind nach Montparnasse übergesiedelt. Da merke ich, dass ich alt
geworden bin.

Das Diner wird nicht so lebhaft, wie ich erwartet habe. Der Wein ist
von dieser schlechten Sorte, die verstimmt. Da ich nicht mehr daran
gewöhnt bin, zu hören und zu sprechen, wird das Gespräch stockend und
ermüdend. Die Hoffnung, die alte Stimmung beim Kaffee auf dem Trottoir
wieder zu finden, verwirklicht sich nicht, und bald stellt sich dieses
furchtbare Schweigen ein, das verkündet, dass man sich trennen möchte.

Lange kämpfen wir gegen die wachsende Verlegenheit, aber vergebens.
Bereits um neun Uhr brechen wir auf, und meine Gemütsverfassung ahnend,
geht der Kamerad seinen eigenen Weg, in dem er eine Zusammenkunft
vorschützt. Allein, empfinde ich sofort eine unbeschreibliche
Erleichterung; die Unlust hört auf, der Kopfschmerz verschwindet und
es ist, als ob die Windungen im Gehirn und das Flechtwerk der Nerven
mit denen eines andern verwickelt gewesen wären, aber jetzt anfingen
sich zu entwirren. Wahrhaftig, die Einsamkeit hat mein Persönlichkeit
so empfindsam gemacht, dass ich nicht den Kontakt des Fluidums eines
Fremden ertrage. Ruhig, aber mit einer Illusion weniger, kehre ich nach
Hause zurück, froh, wieder in meiner Zelle zu sein; aber glücklich
darin, merke ich, dass das Zimmer sich unähnlich ist, nicht mehr
dasselbe, dass eine Unlust sich dort häuslich niedergelassen hat. Möbel
und Kleinigkeiten haben ihre Plätze behalten, machen aber einen fremden
Eindruck: es ist jemand da gewesen und hat etwas hinterlassen. Ich
fühle mich nicht wohl.

Am nächsten Tage merke ich bereits die Veränderung, und ich muss
hinaus, um Gesellschaft zu suchen, finde aber keine. Am dritten Tage
gehe ich nach Übereinkunft zu meinem Freund, dem Künstler, um seine
Radierungen zu besehen. Er wohnt in Marais. Ich frage den Torhüter, ob
er zu Hause ist. Ja, aber er sitzt unten im Café mit seiner Dame. Da
ich seiner Dame nichts zu sagen hatte, gehe ich wieder.

Am folgenden Tage lenke ich die Schritte wieder nach Marais, und da
der Mann zu Hause ist, beginne ich die sechs Treppen zu steigen.
Als ich drei überwunden habe, die sich eng wie Turmtreppen in einer
Röhre schlängeln, erwacht eine Erinnerung an einen Traum und eine
Wirklichkeit. Der Traum, der oft wiederkehrt, handelt von einer solchen
schraubenden, drängenden Treppe, in der ich krieche, bis ich ersticke,
da sie immer enger wird. Das erste Mal kam mir mein Traum wieder im
Turm zu Putbus, und ich kehrte sogleich nach unten zurück. Jetzt stehe
ich hier, beklommen, keuchend, mit klopfendem Herzen, doch beschliesse
ich zu steigen. Und ich schraube mich hinauf, komme ins Atelier und
treffe den Freund mit seiner Dame. Als ich aber fünf Minuten gesessen
habe, habe ich einen Schmerz tief im Kopfe und sage:

--Mein guter Freund, es sieht aus, als ob ich nicht mit Ihnen verkehren
dürfte, denn Ihre Treppen töten mich. Ich habe jetzt den bestimmten
Eindruck: steige ich noch einmal hier herauf, so sterbe ich.

--Aber Sie sind ja neulich den Montmartre und die Treppen zu
Sacré-Coeur hinaufgestiegen.

--Ja, es ist wunderbar.

--Nun, wandte er ein, dann komme ich zu Ihnen, und wir essen abends
zusammen.

Am Tage darauf essen wir wirklich zusammen und kommen in eine gute
Stimmung, die man bei Tische sucht. Man behandelt einander mit Achtung,
vermeidet es, Unannehmlichkeiten zu sagen, entdeckt Sympathien,
stellt sich auf des andern Standpunkt und hat die Illusion, in allen
Fragen einig zu sein. Nach dem Essen, da der Abend mild ist, setzen
wir das Gespräch fort und ziehen über den Fluss auf die Boulevards,
Trottoir und Tisch wechselnd, bis wir schliesslich die Höhe am Café
du Cardinal erreicht haben. Da ist es Mitternacht, aber wir sind noch
lange nicht müde, und nun beginnen diese wunderbaren Stunden, da die
Seele sich aus ihrer Hülle löst und die Seelenkräfte, die zu Träumen
gewandt werden sollten, in wachen und klaren Konzeptionen, geschärften
Blicken in Vergangenheit und Zukunft verbraucht werden. Während dieser
Nachtstunden ist es, als halte sich mein Geist über und ausserhalb
meines Körpers, der wie ein für mich fremde Person dasitzt. Das Trinken
ist Nebensache und nur dazu da, den Schlaf fern zu halten, vielleicht
die Schleussen des Gedächtnisses zu öffnen, die mein ganzes grosses
Lebensmaterial herauslassen, so dass ich in jedem Augenblick Tatsachen,
Jahreszahlen, Szenen, Rede und Gegenrede daraus schöpfen kann. Das
ist die Freude und das Machtgefühl des Rausches für mich, aber ein
Okkultist, ein religiöser, hat mir auch gesagt, dass es Sünde sei,
denn man nehme einen Vorschuss auf die Seligkeit, die gerade in der
Befreiung der Seele von der Materie bestehe; deshalb werde auch dieser
Übergriff mit den schrecklichen Qualen bestraft, die am andern Tage
folgen und an die Unseligkeit erinnern sollen.

Man fängt an, uns mit Symptomen der Schliessung zu beunruhigen, und da
ich noch nicht schliessen will, nenne ich das Wort Baratte, und mein
Freund ist sofort bereit.

Café Baratte bei den Hallen hat für mich immer eine wunderbare
Anziehungskraft gehabt, ohne dass ich weiss warum. Es kann die Nähe
der Hallen sein, die zieht. Wenn es auf dem Boulevard Nacht ist,
ist es bei den Hallen Morgen, wo es übrigens die ganze Nacht Morgen
ist. Die triste Nacht mit ihrer erzwungenen Beschäftigungslosigkeit
und ihren dunklen Träumen gibt es dort nicht. Der Geist, der sich an
unmateriellen Welten berauscht hat, verlangt nach Essen und Schmutz,
Laster und Lärm hinab. Auf mich wirkt dieser Geruch von Fisch, Fleisch,
Gemüse, in deren Abfall man tritt, als ein herrlicher Kontrast gegen
die hohen Themata, die man soeben behandelt hat. Das ist der Moder,
aus dem wir geschaffen sind und täglich dreimal neugeschaffen werden;
und wenn man von Halbdunkel, Schmutz und schäbigen Gestalten in das
gemütliche Café tritt, wird man von Licht, Wärme, Gesang, Mandolinen
und Gitarren begrüsst. Da sitzen Huren und ihresgleichen, doch zu
dieser Stunde ist jeder Klassenunterschied ausgetilgt. Und hier sitzen
Künstler, Studenten, Schriftsteller durcheinander, kneipen an langen
Tischen und träumen wachend; oder haben sie den traurigen Schlaf
geflohen, der vielleicht aufgehört hat sie zu besuchen? Es ist keine
sprühende Freude, sondern eine stille Narkose ruht über dem ganzen;
und für mich ist es, als trete ich in das Reich der Schatten, wo das
gespensterhafte Leben nur halbe Wirklichkeit hat. Ich kenne einen
Schriftsteller, der nachts dort zu sitzen und zu schreiben pflegte.
Ich habe Fremde dort gesehen, die gekleidet waren, als kämen sie
von einem glänzenden Souper aus dem Parc Monceau. Habe einen Mann
aus dem Publikum mit dem Aussehen eines fremden Gesandten aufstehen
und ein Solo singen sehen. Habe Leute, die verkleideten Prinzen und
Prinzessinnen glichen, Champagner trinken sehen. Ich weiss jetzt nicht
mehr, ob es wirkliche Sterbliche sind, alle diese Schatten, oder ob
es "Astralleiber" Schlafender sind, die sich draussen befinden und
die Schlaftrunkenen, die da sitzen, halluzinieren. Das Merkwürdige
ist, dass kein grober Ton die Gesellschaft beherrscht, die in das enge
Lokal gepfercht ist: die Schwermut der Schlaflosigkeit dämpft und gibt
allem, was geschieht, eine gewisse melancholische Farbe. Die Lieder der
Sänger sind meist sentimental, und die melancholische Gitarre heilt
die Nadelstiche, mit denen die scharfe stahlsaitige Mandoline die
Gehirnmuskeln sticht....

Gerade jetzt erinnere ich mich einer Nacht vor zwei Jahren, als ich mit
demselben Freunde hier im Café war. Wir hatten über die verborgenen
Fähigkeiten der Seele gesprochen, und ich leugnete aus manchen Gründen
die Rolle des Grosshirns als Gedankenmaschine. "Es ist ja ein Darm oder
eine Drüse, das können Sie doch sehen!"--"Glauben Sie das nicht! Kommen
Sie, wir wollen vor die Tür gehen und uns eins kaufen!"--Wir gingen
in die Hallen hinunter und verlangten ein Gehirn. Man wies uns durch
Korridore und Gewölbe in einen Keller. Schliesslich befanden wir uns
in einem Saal, der mit blutigen Körpern und Eingeweiden dekoriert war.
Wir wateten durch Blut und gelangten an den Raum für Gehirne. Blutige
Männer mit blutigen Keulen und Stemmeisen schlugen abgehauene Tierköpfe
so, dass der Schädel brach und das Gehirn herausflog. Wir kauften eins
und gingen hinauf ans Licht, aber die grausige Szenerie folgte uns bis
zum Tisch des Cafés, wo die vermeintliche Gedankenmaschine demonstriert
wurde.

Jetzt in der Nacht, nach meiner langen Einsamkeitskur, fühle ich mich
wohl unter der Menschenmenge, es strömt Wärme und Sympathie von ihr
aus. Zum ersten Mal seit langem werde ich von einem sentimentalen
Mitleid mit diesen unglücklichen Weibern der Nacht er fasst. Und neben
unserm Tisch sitzen ein halbes Dutzend allein, niedergeschlagen, ohne
etwas Bestelltes vor sich zu haben. Sie sind fast alle hässlich,
verschmäht, und wahrscheinlich ausser stande, sich etwas zu bestellen.
Ich schlage meinem Freund, der ebenso uninteressierte Absichten hat wie
ich, vor, zwei einzuladen, von den hässlichsten, die neben uns sitzen.
Angenommen! Und ich lade zwei ein, indem ich frage, ob sie etwas
trinken wollen, und, hinzufüge: aber ohne irgend welche Illusionen
sonst, und vor allem anständig.

Sie scheinen ihre Rolle zu verstehen und bitten zuerst um Essen. Der
Freund und ich setzen unser philosophisches Gespräch auf Deutsch
fort, dann und wann ein Wort an unsere Damen richtend, die nicht
anspruchsvoll sind und mehr auf Essen erpicht scheinen als auf
Aufwartung.

Einen Augenblick trifft mich der Gedanke: Wenn ein Bekannter dich jetzt
sähe? Ja, dann weiss ich, was er sagen würde, und ich weiss auch, was
ich antworten würde.--Ihr habt mich aus der Gesellschaft verstossen,
mich zur Einsamkeit verurteilt, und ich bin genötigt, die Gesellschaft
von Menschen zu kaufen, von Parias, hinausgeworfen wie ich, hungrig wie
ich gewesen bin. Meine einfache Freude ist, diese Verschmähten prahlen
zu sehen mit einer Eroberung, die keine ist, sie essen und trinken zu
sehen, ihre Stimmen zu hören, die doch die von Frauen gewesen sind....
Und die ich in keiner Form bezahlt habe, nicht einmal damit, dass ich
als Zugabe Moral gebe.

Ich empfinde nur ein Wohlbehagen, mit menschlichen Wesen zusammen
zu sitzen und vom Überfluss des Augenblicks geben zu können, des
Augenblicks, denn in einem Monat kann ich so arm sein wie sie....

Es ist Morgen geworden; die Uhr zeigt fünf, und wir gehen; aber da
fordert meine Dame fünfzehn Francs dafür, dass sie mir Gesellschaft
geleistet hat; was ich von ihrem Gesichtspunkt aus erklärlich finde;
denn meine Gesellschaft ist wertlos ebenso wie mein Schutz ihrer
Polizei gegenüber. Dass das meine Selbstachtung erhöhen wird, glaube
ich nicht, eher das Gegenteil.

Doch wandere ich nach Haus mit gutem Gewissen, nach einer
wohlverbrachten Nacht, schlafe bis zehn Uhr, erwache ausgeruht und
verbringe den Tag mit Arbeit und Betrachtungen. Aber die Nacht darauf
bekam ich einen Anfall der schrecklichen Art, wie sie Swedenborg in
seinen "Träumen" schildert. Das war also die Strafe. Wofür? "Dass er
isst und trinkt mit Huren und Zöllnern, während Johannes in die Wüste
ging...." Mit Huren weil er keine andere Gesellschaft findet.... Ich
verstehe nichts mehr; hatte geglaubt, es sei eine neue Lektion in der
Lebensart, ich solle lernen, dass alle Menschen gleich gut seien;
und hatte mir wirklich einen Augenblick eingebildet, meine Rolle im
Nachtcafé sei mehr die des Menschenfreundes als des Ausschweifers
gewesen, mindestens aber moralisch indifferent.

Die folgenden Tage bin ich sehr beklommen, und eines Abends sah ich
einer Schreckensnacht entgegen. Um neun Uhr hatte ich Ciceros "Natura
Deorum" vor mir und wurde so eingenommen von Aristoteles' Ansicht,
die Götter kennten unsere Welt nicht und würden sich verunreinigen,
wenn sie sich mit diesem Schmutz befassten, dass ich sie abzuschreiben
beschloss. Dabei merke ich, dass Blut auf der oberen Seite der rechten
Hand ausgebrochen ist, ohne irgend welche Ursache. Und als ich das Blut
abtrocknete, fand sich kein Zeichen einer Schramme. Doch ich entschlug
mich des Gedankens und ging zu Bett. Um halb eins erwachte ich mit dem
voll ausgebildeten Symptom, das ich den elektrischen Gürtel genannt
habe. Ungeachtet ich dessen Natur und innere Bedeutung kenne, werde
ich sogleich gezwungen, die Ursache ausser mir zu suchen; denke, nun
sind sie hier! Sie! Wer? Nahm mich dann zusammen und zündete die Lampe
an. Da die Bibel daneben lag, beschloss ich sie um Rat zu fragen, und
siehe, sie antwortete:

"Ich werde dich verstehend machen, und ich werde dir den Weg zeigen,
den du gehen musst, und mein Auge wird dir folgen. Sie nicht wie ein
Pferd oder Maultier, das da mit Zaum und Trense gerissen werden muss,
um zu Gehorsam gebracht zu werden!"

Das war Bescheid und ich schlafe wieder, ruhig, dass es nicht böse
Menschen sind, sondern eine wohlwollende Macht, die zu mir spricht,
wenn auch etwas undeutlich.

Nachdem ich mich mit einigen Tagen Einsamkeit beruhigt hatte, ging ich
eines Abends wieder aus, mit dem Amerikaner und einem jungen Franzosen,
der meine Manuskripte berichtigt. Es wurde etwas langwierig, und ich
kam kurz vor Mitternacht nach Haus, mit schlechtem Gewissen, weil
ich, in eine hitzige Konversation hineingezogen, genötigt gewesen
war, von einem Abwesenden Böses zu sagen. Was ich sagte, war eine
Selbstverteidigung gegen einen Lügner und zwar volle Wahrheit. Um zwei
Uhr erwachte ich und hörte einen Menschen im Zimmer über mir poltern;
dann, wie er die Treppen hinunter in das Zimmer, das neben meinem
liegt hineinging. Also dasselbe Manöver wie im Hotel Orfila. Bin ich
denn bewacht? Denn wer besetzt sonst zwei Zimmer in dem Hotel, wo ich
wohne, eins über mir, eins an meiner Seite? Dieselbe Geschichte hatte
sich ja im September hier im Hotel wiederholt, als ich drei Treppen
hoch wohnte. Es kann kein Zufall sein. Wenn nun, was wahrscheinlich
ist, mein unsichtbarer Mentor mich strafen will, wie raffiniert ist es,
mich in Ungewissheit zu halten, ob es Menschen sind, die mich verfolgen
oder nicht. Obwohl ich volle Gewissheit gehabt habe, dass niemand mich
verfolgt, so muss ich gleichwohl in den alten Gedankenkreis, dass es
jemand tut, gepeinigt werden. Und als die Frage, wer ist es, aufsteigt,
beginnt der Reigen von Vermutungen, bis mein Gewissen ihn aufhält.
Das klagt mich an auch da, wo ich nur in reiner Selbstverteidigung
gehandelt habe, indem ich ungerechte Beschuldigungen von mir
abschüttele. Ich glaube mit dem Rücken an einen Pfahl gebunden zu sein,
alle Vorbeigehenden haben das Recht, mich ungestraft anzuspucken,
wenn ich aber wieder sie spucke, werde ich gestäupt, erstickt, von
Furien gejagt. Die ganze Welt, auch der geringste Elende, hat mir
gegenüber recht! Wenn ich nur wüsste warum! Die ganze Taktik erinnert
so an Frauen, dass ich meinen Argwohn nicht lassen kann. Wenn nämlich
eine Frau jahrelang einem Manne Schaden und Unrecht getan hat,
ohne dass er aus angeborenem Edelmut die Hand zur Gegenwehr erhob,
und er schliesslich um sich schlägt, wie man eine Fliege wegjagt,
das macht sie ein Geschrei, ruft die Polizei und lamentiert: "Er
verteidigt sich!" Oder wenn in der Schule ein unvernünftiger Lehrer
einen unschuldig angeklagten Schüler überfällt, und dieser sich aus
gekränktem Rechtsgefühl zu verteidigen sucht, was tut das der Lehrer?
Er geht zur Körperstrafe über, indem er ausruft: "So, du antwortest."

Ich habe geantwortet und darum werde ich gepeinigt! Und die Pein geht
nun acht Tage lang jede Nacht vor sich. Die Folgen davon sind, dass
ich meine gute Laune verliere, und dass der Verkehr mit mir eine Plage
wird. Mein Freund der Amerikaner ermüdet, zieht sich langsam zurück,
und als er einen Haushalt zu Hause etabliert hat, befinde ich mich
wieder allein. Aber es ist nicht ausschliesslich ein gegenseitiger
Überdruss, der uns zum zweiten Mal getrennt hat; wir haben nämlich
beide bemerkt, dass während unsers letzten Zusammenseins wunderliche
Dinge geschehen sind; die können nur dem Einschreiten bewusster Mächte
zugeschrieben werden, welche die Absicht gehabt haben, unsern Überdruss
zu wecken. Dieser Mann, der fast nichts von meinem früheren Leben
weiss, schien das letzte Mal die Absicht gehabt zu haben, mich an allen
empfindlichen Punkten zu verletzen; es war, als habe er die geheimsten
meiner Gedanken und Absichten gekannt, die doch nur ich kenne. Und als
ich ihm diese meine Beobachtung sagte, ging ihm ein Licht auf.

--Ist das nicht der Böse! rief er aus. Ich ahnte, dass es etwas war,
denn Sie konnten an dem Abend nicht den Mund öffnen, ohne mich auf
das tiefste zu kränken, aber ich sah in Ihrem ruhigen Gesicht und dem
freundlichen Ausdruck, dass Sie nichts Böses im Sinn hatten.

Wir versuchten zu trotzen. Aber drei Tage hinter einander ging er den
langen Weg zu mir vergebens. Ich war nicht da, und auch nicht in meinem
gewöhnlichen Restaurant, nirgends!

Und so schliess sich die Einsamkeit wieder um mich wie ein dichtes
Dunkel. Es geht auf Weihnachten und das Entbehren von Heim und Familie
bedrückt mich. Das ganze Leben wird widrig und ich beginne wieder ganz
folgerichtig nach dem zu blicken, was von oben ist. Kaufe "Christi
Nachfolge" und lese.

Es ist nicht das erste Mal, dass dieses wunderbare Buch mich trifft,
aber dieses mal findet es den Boden bereitet. Lebend zu sterben von
der Welt der verächtlichen, langweiligen, schmutzigen, das ist das
Thema. Und der unbekannte Verfasser hat die ungewöhnliche Eigenschaft,
nicht zu predigen oder zu strafen, sondern er spricht freundlich,
überzeugend, logisch bindend und lockend. Er gibt unsern Leiden die
Farbe, als seien sie nicht Strafen, sondern Prüfungen, und damit weckt
er den Ehrgeiz, sie gut bestehen zu können.

Nun habe ich Jesus wieder, dieses Mal nicht Christus, und er schleicht
sich bei mir ein, langsam aber sicher, als ob er auf Sammetsandalen
komme. Und die Weihnachtsausstellungen auf der Rue Bonaparte helfen
dazu. Da ist das Christuskind in der Krippe, das Jesuskind mit
Königsmantel und Krone, das Kind auf dem Arm der Jungfrau, das Kind
spielend, liegend, am Kreuz! Gut das Kind! Das verstehe ich. Der Gott,
der so lange die Klagen der Menschen über das Elend des Erdenlebens
gehört hat, dass er schliesslich beschloss niederzusteigen, sich
geboren werden zu lassen und zu leben, um zu prüfen wie schwer es ist,
sich mit einem Menschenleben zu schleppen. Den begreife ich.

Am Morgen eines Sonnabends ging ich an der Kirche St-Germain
L'Auxerrois vorbei. Dieses Gebäude hat immer eine starke Ausstrahlung
auf mich ausgebt, weil es so intim aussieht; die Vorhalle mit ihren
Malereien ladet ein, und die Masse sind so klein, dass man nicht
erdrückt wird oder verschwindet. In der Tür begegne ich Halbdämmerung
und Orgelspiel, farbigen Bildern und Kerzen. Immer wenn ich in eine
katholische Kirche trete, bleibe ich an der Tür stehen und fühle mich
verlegen, unruhig, ausgestossen. Wenn der riesengrosse Schweizer sich
mit seiner Hellebarde nähert, bekomme ich ein schlechtes Gewissen und
meine, er will mich als Ketzer hinaus treiben. Hier in Saint-Germain
L'Auxerrois fühle ich eine Angst, denn das Gedächtnis sagt mir, dass
es in diesem Turm war, wo in der Bartholomäusnacht die Glocke ohne
bekannte Ursache um zwei Uhr zu läuten anfing. (Um zwei Uhr nachts!)
Heute beunruhigt mich meine Stellung als Hugenotte mehr als sonst, denn
vor einigen Monaten las ich im Osservatore Romano einen Glückwunsch,
den die katholische Priesterschaft an die Judenverfolger in Russland
und Ungarn richtete, und einen hochgestimmten Vergleich mit den grossen
Tagen, die auf die Bartholomäusnacht folgten und die der Verfasser bald
zurückwünschte.

Die Orgel, unsichtbar, spielt Töne, Harmonien, die ich noch nie
gehört habe, die mir aber vorkommen wie Erinnerungen; Erinnerungen an
die Zeiten der Vorfahren oder an noch entferntere Tage. Wo hat der
Komponist die her bekommen? frage ich mich immer, wenn ich grosse
Musik höre. Aus der Natur und dem Leben nicht, denn hier gibt es keine
Vorbilder, wie in den andern Künsten. Da habe ich keinen andern Ausweg,
als mir seine Musik wie eine Erinnerung an einen Zustand zu denken,
nach dem sich jeder Mensch in seinen besten Augenblicken zurücksehnt;
und im Gefühl des Vermissens selbst muss ja ein dunkles Bewusstsein von
etwas Vermissten liegen, das man früher besessen hat.

Sechs Lichter sind am Altar angezündet: der Priester in Weiss, Rot
und Gold spricht nicht, aber seine Hand flattert, mit den graziösen
Bewegungen eines Schmetterlings über einem Buch. Hinten treten zwei
weissgekleidete Kinder vor und beugen die Knie. Es läutet eine kleine
Glocke. Der Priester wäscht sich die Hände und bereitet eine Handlung,
die mir unbekannt ist. Es geschieht etwas Seltsames, Schönes, Hohes
da vorn in der Ferne zwischen Gold, Rauch und Licht ... ich verstehe
nichts, aber fühle eine unerklärliche Ehrfurcht und ein unerklärliches
Beben, und ein Gefühl schlägt in mich nieder; das hast du schon erlebt
und mitgelebt....

Dann aber kommt das Schamgefühl des Heiden, des Ausgestossenen, der
hier nicht zum Hause gehört. Und dann steht die ganze Wahrheit klar
da: der Protestant hat keine Religion, denn der Protestantismus ist
Freidenkertum, Empörung, Sonderung, Dogmatik, Theologie, Ketzerei.
Und der Protestant ist in den Bann getan. Es ist der Bann, der Fluch,
der über uns ruht und uns unbefriedigt, trist, irrend macht. Und in
diesem Augenblick fühle ich den Bann, und ich verstehe warum der Sieger
bei Lützen "in seinem Werke fiel" und warum seine eigene Tochter ihn
dementierte; verstehe warum das protestantische Deutschland verheert
wurde, während Österreich unberührt blieb. Und was wurde für uns
gewonnen? Die Freiheit, ausgestossen zu sein, die Freiheit, uns zu
sondern und abzusondern, um als konfessionslos zu enden.

Wogend bewegt sich die Gemeinde zu den Türen hinaus, und einsam bleibe
ich zurück, indem ich, wie ich glaube, deren missbilligende Blicke
ertrage. Es ist dunkel an der Tür, wo ich stehe, aber ich sehe, wie
alle das Wasser im Weihkessel berühren und sich bekreuzigen, ehe sie
hinausgehen; und da ich gerade davorstehe, sieht es aus, als ob sich
alle vor mir bekreuzigen, und ich weiss, was das bedeutet, seit ich in
Österreich Leute, die mir auf der Landstrasse entgegenkamen, das Kreuz
vor dem Protestanten, der ich war, schlugen.

Als ich schliesslich allein bleibe, nähere ich mich dem
Weihwasserbecken aus Neugier oder einem andern Grunde. Es ist aus
gelbem Marmor in Form einer Muschelschale, und darüber ist ein
Kinderkopf ... mit Flügeln hinten. Und das Gesicht des Kindes ist
lebend, von einem Ausdruck verklärt, den man nur bei guten, schönen,
wohlerzogenen Dreijährigen sieht. Der Mund steht offen, und die
Mundwinkel halten ein Lächeln zurück. Die grossen herrlichen Augen
sind niedergeschlagen, und man sieht, wie sich der kleine Schelm im
Wasser spiegelt, aber unter dem Schutz der Augenlider, als sei er sich
bewusst, etwas Ungesetzliches zu tun, ohne jedoch vor dem Strafer bange
zu sein, den er, wie er weiss, mit einem einzigen Blick entwaffnen
kann. Das ist das Kind, das noch das Gepräge von unserm fernen Ursprung
trägt, einen Schimmer vom Übermenschen, das dem Himmel angehört. Man
kann also im Himmel lächeln, und nicht nur das Kreuz tragen! Wie oft
in den Augenblicken meiner Selbstanklage, wenn die ewigen Strafen wie
objektive Wirklichkeiten vor mir stehen, habe ich nicht diese Frage
aufgestellt, die mancher unehrerbietig finden wird: Kann Gott lächeln?
lächeln zu der Torheit und dem Übermut der Menschenameisen? Kann er
das, dann kann er auch verzeihen.

Das Kindergesicht lächelt mir zu und sieht mich durch das Augenlid an,
und der geöffnete Mund sagt neckend: Versuch es, das Wasser ist nicht
gefährlich!

Und ich berühre mit zwei Fingern das geweihte Wasser, es geht
ein Kräuseln über die Fläche wie--ich glaube, es war im Teiche
Bethseda--und nun führe ich den Finger von der Stirn nach dem Herzen
und dann von links nach rechts, wie ich es meine Tochter habe tun
sehen. Aber im nächsten Augenblick bin ich heraus aus der Kirche--denn
der Kleine lachte, und ich--schämte mich, will ich nicht sagen, aber
ich wünschte am liebsten, niemand hätte es gesehen.

Draussen an der Kirchentür steht ein Anschlag über etwas, und daraus
werde ich belehrt, dass heute Advent ist! Draussen vor der Kirche sitzt
in der schrecklichen Kälte eine Alte und schläft. Ich lege leise eine
Silbermünze in ihren Schoss, ohne dass sie es merkt, und obwohl ich
gern ihr Erwachen gesehen hätte, gehe ich. Welche billige und solide
Freude, die Zwischenhand der Vorsehung bei der Erhöhung einer Bitte zu
spielen, und einmal geben zu dürfen, wenn man so lange empfangen hat.


Jetzt lese ich "L'Imitation" und Chateaubriand, "Le Génie du
Christianisme". Ich habe das Kreuz auf mich genommen und trage eine
Medaille, die ich auf Sacre-Coeur in Montmartre bekommen habe. Aber das
Kreuz für mich ist das Symbol der geduldig ertragenen Leiden, nicht das
Wahrzeichen, dass Christus an meiner Stelle gelitten hat, denn das muss
ich schon selbst besorgen. Ich habe sogar eine Theorie aufgestellt:
da wir Ungläubigen nicht mehr von Christus sprechen hören wollten,
überliess er uns uns selbst, eine satisfactio vicaria hörte auf,
und wir mussten uns allein mit unserm Elend und unserm Schuldgefühl
schleppen. Swedenborg sagt ausdrücklich, dass Christi Leiden am Kreuz
nicht sein Versöhnungswerk war, sondern eine Prüfung, die der Gott sich
auferlegt hatte, weniger die eines Schmerzes als die einer Schmach.

Gleichzeitig mit "Christi Nachfolge" bekomme ich Schwedenborgs "Vera
Religio Christiana" in die Hand, in zwei starken Bänden. Mit seiner
Allmacht, die jedem Widerstand trotzt, schleppt er mich in seine
Riesenmühle und fängt an mich zu mahlen. Zuerst lege ich das Buch fort
und sage: Das ist nicht für mich. Aber ich nehme es wieder, denn es
ist so viel darin, was mit meinen Beobachtungen und Erlebnissen stimmt
und so viel weltliche Weisheit, die mich interessiert. Zum zweiten
Mal werfe ich es weg; bekomme aber keine Ruhe, ehe ich es wieder
vorgenommen habe, und das Schreckliche der Situation ist, wenn ich lese
erhalte ich den bestimmten Eindruck: das ist die Wahrheit, aber ich
kann nie dahin kommen! Nie! denn ich will nicht.--Dann fange ich an,
mich zu empören und sage mir: er hat sich getäuscht, und dies ist der
Geist der Lüge. Dann aber kommt die Furcht, dass ich mich geirrt habe.

Was finde ich denn hier, das das lebendige Wort sein soll? Ich
finde die ganze Ordnung der Gnade und die ewige Hölle: die
Kindheitserinnerungen an die Hölle der Kindheit mit ihrem ewigen
Unfrieden! Aber nun habe ich den Kopf in die Schlinge eingesteckt,
und ich bin gefangen. Den ganzen Tag, die halbe Nacht spielen meine
Gedanken um dieses eine: ich bin verdammt, denn ich kann unter anderm
das Wort Jesu nicht aussprechen, ohne Christus hinzuzufügen, der nach
Swedenborg das Schibboleth sein soll, das die Teufel verrät.

Nun habe ich den ganzen Abgrund in mir, und der milde Christus in
"L'Imitation" ist der Dämon geworden, der Peiniger! Ich fühle lebhaft,
wenn dieses sich weiter entwickelt, werde ich Pietist, aber das will
ich nicht! Will nicht!

Drei Tage sind vergangen, seit ich Swedenborg fortgelegt habe, aber
eines Abends, als ich mich mit Pflanzenphysiologie beschäftige,
erinnere ich mich, etwas besonders Sinnreiches über die Stellung der
Pflanze in der Schöpfungskette gerade in "Vera Religio Christiana"
gesehen zu haben. Vorsichtig beginne ich nach der berühmten Stelle zu
suchen, finde sie aber nicht; dagegen finde ich alles andere: Die
Berufung, die Erleuchtung, die Heiligung, die Bekehrung, und wie ich
die Blätter wende und die Seiten zu überfliegen suche, bleibt das Auge
auf den grausigsten Stellen haften, die stechen und brennen. Zweimal
suche ich die beiden Bände durch, aber das Gesuchte ist verschwunden.
Es ist ein verzaubertes Buch, und ich möchte es verbrennen, wage es
aber nicht, weil die Nacht bevorsteht und die Uhr zwei werden kann....
Ich fühle, wie ich Heuchler werde, und ich habe in mir beschlossen,
morgen, wenn ich nur diese Nacht in Frieden schlafen darf, einen Kampf
gegen diesen Seelenverderber aufzunehmen; ich werde seine eigenen
Schwächen mit dem Mikroskop besichtigen, ich werde seine Stacheln aus
dem Herzen ausreissen, wenn es auch dabei zerrissen werden sollte,
und ich will vergessen, dass er mich von dem einen Irrenhaus gerettet
hat--um mich in das andere zu bringen!


Nachdem ich die Nacht geschlafen habe, obwohl ich erwartet habe,
erschlagen zu werden, ging ich am folgenden Morgen ans Werk, nicht
ohne Skrupel, denn die Waffen zu ergreifen gegen einen Freund, ist
die betrübendste von allen Unternehmungen. Aber es muss geschehen; es
handelt sich um meine unsterbliche Seele, ob sie vernichtet werden soll
oder nicht.

So lange Swedenborg in "Arcana" und der "Apokalypse" sich an
Offenbarungen, Prophezeiungen, Auslegungen hielt, da machte er mich
religiös, aber wenn er in "Vera Religio" anfängt über die Dogmen zu
räsonieren, dann ist er Freidenker, Protestant, und zieht er blank mit
der Vernunft, dann hat er die Waffen selbst gewählt, und schlechte
Waffen. Ich will die Religion haben als eine stille Begleitung zu der
eintönigen Alltagsmelodie des Lebens, aber hier handelt es sich um
Berufsreligion, Kathederdisputation, also um Machtkampf.

Ich hatte schon beim Lesen von "Apokalypsis revelata" eine Stelle
gefunden, die mich abstiess, weil sie eine menschliche Eitelkeit
verriet, die ich bei einem Gottesmann nicht sehen möchte. Aber ich
ging aus Rücksicht daran vorbei, jedoch nicht ohne sie zu notieren. Im
Himmel trifft Swedenborg einen englischen König und beklagt sich ihm
gegenüber, dass englische Zeitschriften es nicht geruht hätten, seine
Schriften anzukündigen. Swedenborg drückte seinen Verdruss besonders
über einige Bischöfe und Lords aus, die seine Schriften angenommen,
aber ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Der König (Georg II.)
war erstaunt und wandte sich zu den Unwürdigen, indem er sagte: "Gehet
eure Wege! Wehe dem, der so gefühllos bleiben kann, wenn er etwas vom
Himmel und dem ewigen Leben hört." Hier will ich als mir unsympathisch
anmerken, dass sowohl Dante wie Swedenborg ihre Feinde und Freunde in
die Hölle schicken, während sie selbst die Höhen besteigen. Darf ich
mir wie Paulus ein kleines Selbstlob erlauben, so ist der Augenblick
gekommen, daran zu erinnern, dass ich mich im Gegensatz zu den hohen
Meistern allein mitten in die Gluthaufen des Inferno gesetzt habe und
die andern wenigstens über mich ins Fegefeuer.

In "Vera Religio" ist die Sache noch unangenehmer, denn dort trifft
man Calvin in einem Bordell, weil er gelehrt hat, dass der Glaube
alles ist und die Werke nichts (vgl. den Räuber am Kreuz!). Luther und
Melanchthon, ungeachtet ihres Protestantismus, sind rohem Hohn und
albernen Possen ausgesetzt.... Nein, es regt mich auf, diese Flecke
in dem Bilde eines erhabenen Geistes aufzusuchen. Und ich hoffe, es
ist Swedenborg in seiner geistigen Entwicklung ergangen, wie es nach
seinen Worten Luther ergangen sein soll: "Als dieser in die Geisterwelt
eintrat, machte er starke Propaganda für seine Dogmen, aber weil diese
nicht im innersten Wesen seines Geistes eingewurzelt, sondern nur von
Kindheit an eingesogen waren, ging ihm bald eine grössere Klarheit auf,
so dass er schliesslich des neuen Himmelsglaubens teilhaftig wurde."

Ist mein Lehrer zornig, dass ich dies geschrieben habe? Ich kann es
nicht glauben; vielleicht teilt er meine Meinungen jetzt, und hat
erfahren, dass dort oben nicht Theologie disputiert wird. So wie er das
Leben in der Geisterwelt geschildert hat, mit Kathedern und Auditorien,
Opponenten und Respondenten, hat er mich zu der lästerlichen Frage
verleitet: Ist Gott Theolog?


Ich hatte nun Swedenborg eingeschlossen, von ihm Abschied genommen,
mit Dankbarkeit, als von dem, der mich, wenn auch mit Schreckbildern,
wie ein Kind zu Gott zurück gescheucht hat. Und siehe, der Schwarze
Christus plagt mich nicht mehr mit Unseligkeit, sondern der Weisse, das
Kind das lächeln und spielen kann, nähert sich mit dem Advent; damit
findet sich ein gewisser froherer Blick aufs Leben ein, so lange ich
nämlich wache über meine Handlungen, Worte und sogar Gedanken, die, wie
es scheint, nicht geheim gehalten werden können vor dem unbekannten
Schutzengel und Strafengel, der mir überall folgt.

Rätselhafte Begebenheiten treffen immer noch ein, aber nicht mehr
so drohend wie früher. Swedenborgs Christentum habe ich verlassen,
wie es hasserfüllt, rachgierig, kleinlich, sklavisch war, aber ich
behalte "L'Imitation" mit gewissen Vorbehalten, und eine stille
Kompromissreligion ist auf diesen unseligen Zustand gefolgt, der das
Suchen nach Jesus begleitet. Ich sitze eines Abends und diniere mit
einem jungen französischen Poeten, der soeben "Inferno" gelesen hat und
vom okkultistischen Gesichtspunkt aus Erklärungen suchen will für die
ausgestandenen Attacken, denen ich ausgesetzt war.

--Haben Sie keinen Talisman? fragte er. Sie müssen einen Talisman haben.

--Ich habe "L'Imitation"! antwortete ich. Er sah mich an, und ich nahm,
etwas verlegen, da ich eben desertiert war meine Uhr hervor, um mich
mit etwas zu beschäftigen zu können. Im selben Augenblick fiel die
Medaille von Sacré-Coeur mit dem Christusbild von der Kette. Ich wurde
noch verlegener, sagte aber nichts.

Wir standen bald auf und gingen nach einem Café beim Châtelet, um ein
Glas Bier zu trinken. Der Saal ist geräumig, und wir nahmen an einem
Tisch, der Tür gegenüber, Platz. Dort sassen wir eine Weile, und das
Gespräch drehte sich um Christus und seine Bedeutung.

--Er hat sicher nicht für uns gelitten, sagte ich, denn hätte er das,
würden sich unsere Leiden ja vermindert haben. Aber das haben sie nicht
getan, sondern sind noch ebenso intensiv.

Jetzt macht ein Kellner Lärm, und mit einem Besen und Sägespänen fängt
er an den Boden zwischen uns und der Tür zu fegen, wo kein Mensch
hingetreten hat, seit wir gekommen sind. Auf dem weissen Parkettboden
sieht man einen Kranz von roten Tropfen; und während der Kellner kehrt,
murmelt er und betrachtet uns mit scheelen Augen als die Schuldigen.
Ich frage meinen Begleiter, was es ist.

--Es ist etwas Rotes.

--Dann haben wir es getan, denn niemand hat den Platz nach uns
betreten, und als wir eintraten, war er rein.

--Nein, antwortete der Kamerad, wir haben es nicht getan, denn es ist
keine Fussspur, sondern als habe jemand geblutet; und wir bluten ja
nicht.

Das war unheimlich, und auch unangenehm, weil unsere Personen sich die
Aufmerksamkeit der andern Gäste auf unangenehme störende Weise zuzogen.

Der Poet las meine Gedanken, doch er hatte nicht das Abenteuer mit der
Medaille gesehen. Deshalb, und um mein Herz zu erleichtern, schloss ich:

--Christus verfolgt mich.

Er antwortete nicht, obwohl er gerne eine natürliche Erklärung gesucht
hätte, die er nicht finden konnte.


Ehe ich meinen Freund, den Amerikaner verlasse, den ich zum Versuch
mit dem Therapeuten Francis Schlatter identifiziert habe, muss ich
einige Züge erzählen, die den Argwohn bestärken, dass dieser Mann einen
"double" hatte.

Als ich die Bekanntschaft mit ihm jetzt wieder anknüpfte, sagte ich
ihm alle meine Meinungen rund heraus, und zeigte ihm das Heft der
Revue Spirite, in dem der Artikel "mein Freund H--" stand. Er schien
unschlüssig, aber mehr skeptisch.

Nach einigen Tagen, als er zum Diner kam, war er ganz verwirrt, und er
erzählte mit einer gewissen Bewegung, seine Geliebte sei verschwunden,
ohne Abschied genommen zu haben und ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

Sie blieb einige Tage fort und kam dann wieder. Als er ein Verhör
anstellte, bekannte sie schliesslich, sie fürchte sich vor ihrem Herrn,
dem sie den Haushalt führte. Nach weiteren Fragen erfuhr er: als sie in
der Nacht aufwachte, während er schlief, war sein Gesicht kalkweiss und
unkennlich; was sie auf unbeschreibliche Weise erschreckte.

Übrigens wagte er sich nie vor Mitternacht zu legen, denn dann wurde er
geplagt, als sei er auf einen Bratspiess aufgespiesst, der ihn drehte
und drehte, bis er das Bett verlassen musste.

Als er "Inferno" gelesen hatte, sagte er:

--Sie haben nicht Verfolgungsmanie gehabt, sondern Sie sind verfolgt
worden, jedoch nicht von Menschen.

Von meinen erzählten Erfahrungen geweckt, begann er in seiner
Erinnerung zu suchen und brachte unerklärliche Begebenheiten aus
seinem Leben der letzten Jahre hervor. So gab es einen gewissen Fleck
auf dem Pont Saint-Michel; auf dem wurde er durch ein Ziehen in einem
Bein zurückgehalten, und das zwang ihn, stehen zu bleiben. Das kehrte
regelmässig wieder, und er hatte die Sache von Freunden bezeugen
lassen. Er hatte auch einige andere Eigentümlichkeiten bemerkt und
hatte "bestraft" zu sagen gelernt.

--Wenn ich raucht, werde ich bestraft, und wenn ich Absinth trinke,
werde ich bestraft. Eines Abends, als wir uns getroffen hatten, aber
die Mittagsstunde noch nicht gekommen war, gingen wir in das Café de la
Fregate an der Rue du Bac. In lebhaftem Gespräch nahmen wir den ersten
besten Platz und verlangten Absinth. Das Gespräch ging weiter, aber
mitten darin stockte mein Kamerad, sah sich um und rief aus:

--Haben Sie eine solche Sammlung Banditen gesehen? Das sind ja alles
Verbrechertypen. Und als ich mich umsah, wurde ich bestürzt, denn
es war nicht das gewöhnliche Publikum des Ortes, sondern eine Schar
zusammengerafften Gesindels, von denen die meisten verkleidet aussahen
und Grimassen schnitten. Aus Mangel an Platz hatte mein Kamerad als
Lehne eine Eisensäule bekommen, die wie aus seinem Rücken aufstieg und
in der Höhe seines Halses einen Wulst wie ein Halsband bildete.

--Und Sie sitzen am Schandpfahl! rief ich aus.

Alle schienen uns jetzt zu betrachten; wir wurden unlustig, beklommen
und standen auf, ohne auszutrinken.

Das war das letzte Mal, dass ich mit dem Kameraden Absinth trank. Doch
ich machte einen späteren Versuch allein, aber ich erneuerte ihn nicht.
Meinen Genossen zum Diner erwartend, setzte ich mich auf das Trottoir
am Boulevard Saint-Germain Cluny gegenüber und bestellte einen Absinth.
Sofort langten drei Figuren an, ich weiss nicht von wo, und stellten
sich vor mich. Zwei Kerle mit zerrissenen Kleidern und mit Schmutz
bespritzt, als ob sie aus den Kloaken gezogen wären, und neben ihnen
ein Weib, barhäuptig mit struppigem Haar, mit Spuren von Schönheit,
berauscht, schmutzig; und alle betrachteten mich mit höhnischen
Blicken, frech, cynisch, als ob sie mich kennten und erwarteten, an
meinen Tisch geladen zu werden. Ich habe nie solche Typen in Paris
oder Berlin gesehen, vielleicht nur an der Mündung von London Bridge,
wo das Publikum wirklich ein okkultes Aussehen hat. Ich denke meine
Zuschauer zu ermüden und zünde Zigaretten an, aber es gelingt nicht. Da
trifft mich der Gedanke: das sind nicht "richtige" Menschen, das sind
Halbvisionen; ich erinnere mich an meine früheren Abenteuer von der
Brasserie des Lilas und stehe auf--seitdem habe ich nicht mehr gewagt
Absinth anzurühren.

Eins scheint mir sicher zu sein unter all meinem Schwanken, und das
ist, dass ein Unsichtbarer Hand an meine Erziehung gelegt hat, denn es
ist nicht die Logik der Begebenheiten, die hier spielt. Es ist nämlich
nicht logisch, dass Schornsteinbrand ausbricht, oder sonst nicht
vorhandene Gestalten vortreten, wen ich Absinth trinke; gewöhnliche
Schicksalslogik wäre ja, dass ich krank würde. Logisch ist auch
nicht, dass ich in der Nacht aus dem Bett genommen werden, wenn ich
am Tage von einem Menschen etwas Böses gesagt habe. Aber es verrät
sich in allen diesen Handlungen eine bewusste, denkende, allwissende
Absicht mit gutem Endzweck, der zu gehorchen mir gleichwohl so schwer
wird, hauptsächlich weil ich so schlechte Erfahrungen über Güte und
Uneigennützigkeit von Absichten gemacht habe. Es hat sich indessen ein
ganzes Signalsystem ausgebildet, das ich zu verstehen anfange, und
dessen Richtigkeit ich geprüft habe.

So habe ich mich sechs Wochen lang nicht mit Chemie beschäftigt, und
das Zimmer war nicht durch Hausrauch belästigt. Eines Morgens nahm
ich zur Probe meine Goldapparate hervor und richtete die Bäder an.
Sofort füllte sich das Zimmer mit Rauch; er stieg vom Boden auf,
hinter dem Kaminspiegel, überall. Als ich den Wirt rief, erklärte er
das unbegreiflich, weil es Steinkohlenrauch sei und man Steinkohlen im
ganzen Hause nicht benutze. Also soll ich mich nicht mit Goldmacherei
beschäftigen!

Die Holzharmonika, die ich oben erwähnt habe, bedeutet Frieden, das
habe ich gemerkt, denn wenn sie fort ist, entsteht Unruhe.

Eine wimmernde Kinderstimme, die man oft im Schornsteinrohr hört, und
die nicht natürlich erklärt werden kann, bedeutet: Du sollst fleissig
sein; und daneben: Du sollst dieses Buch schreiben und dich nicht mit
anderen Dingen beschäftigen.

Wenn ich in Gedanken, Worten oder Schrift aufrührerisch bin oder mich
ungebührlichen Stoffen nähere, höre ich einen groben Basston wie aus
einer Orgel oder aus dem Rüssel eines Elefanten, wenn er trompetet und
böse ist.

Zwei Beweise, dass dieses nicht subjektive Wahrnehmungen bei mir sind,
will ich anführen.

Wir dinierten am Bastilleplatz, der Amerikaner, der französische Poet
und ich. Das Gespräch hatte sich einige Stunden um Kunst und Literatur
gedreht, als beim Dessert der Amerikaner in das Junggesellenbereich
hinüber glitt. Sofort hörte man in der Wand das Trompeten des
Elefanten. Ich tat so, als höre ich nichts, aber meine Begleiter
gaben darauf acht und wechselten unter einer gewissen Verstimmung den
Gesprächsstoff.

Ein anderes Mal frühstückte ich mit einem Schweden, und in einem
ganz andern Lokal. Er sprach gleichfalls gegen Ende des Desserts,
über Huysmans "Là bas" und wollte die schwarze Messe schildern. Im
selben Augenblick trompetet es, aber dieses Mal mitten im Saale, der
menschenleer war.

--Was war das? unterbrach er sich.

Ich antwortete nicht; und er setzte die unheimliche Schilderung fort.

Es trompetet noch einmal, und zwar so heftig, dass der Erzähler stecken
blieb, erst ein Weinglas umgoss und dann die ganze Sahnenkanne über
seine Kleider leerte. Jetzt liess er das Thema fallen, das mich quälte.



Nachschrift.


Wie der Leser wahrscheinlich durchschaut hat, ist diese zweite
Abteilung "Jacob Ringt" ein Versuch, in sinnbildlicher Schilderung
den religiösen Kampf des Verfassers zu zeichnen, und als solcher
misslungen. Deshalb ist er ein Fragment geblieben und hat sich
wie alle religiösen Krisen in ein Chaos aufgelöst. Daraus scheint
hervorzugehen, dass das Forschen in den Geheimnissen der Vorsehung wie
alles Himmelstürmende mit Verwirrung getroffen wird, und dass jeder
Versuch, auf dem Weg des Räsonnements sich der Religion zu nähern,
zu Absurditäten führt. Die Ursache ist wohl, dass die Religion wie
die Wissenschaften mit Axiomen beginnt, welche die Eigenschaft haben,
nicht bewiesen werden zu brauchen, und nicht bewiesen werden _können_;
wenn man doch die selbstverständlichen notwendigen Voraussetzungen zu
beweisen sucht, gerät man ins Sinnlose hinein.

Als der Verfasser 1894 prinzipiell seine Skepsis verliess, die
alles intellektuelle Leben zu verwüsten gedroht hatte, und sich
experimentierend auf den Standpunkt eines Gläubigen zustellen begann,
erschloss sich ihm das neue Seelenleben, das in "Inferno" und diesen
"Legenden" geschildert ist. Im Lauf der Sache, als der Verfasser allen
Widerstand eingestellt hatte, sah er sich von Einflüssen, Kräften
überfallen, die ihn in Stücke zu zerreisen drohten; und auf dem Weg zu
ertrinken, griff er schliesslich nach einigen leichteren Gegenständen,
die ihn schwimmend erhalten konnten; aber auch diese begannen zu
weichen, und es war nur eine Frage der Zeit, wann er zu grunde gehen
würde. In solchen Augenblicken wird der Strohhalm für das Auge des
Erschreckten zu einem Baumstamm, und dann hebt der hervorgezwungene
Glaube den Gesunkenen aus der Woge, so dass er auf dem Wasser gehen
kann. Credo quia absurdum, ich glaube, weil das Ungereimte, das aus dem
Räsonnement hervorgegangen ist, mich aufklärt, dass ich dabei war, eine
Axiom zu beweisen. Und damit ist die Anknüpfung zu dem obigen gemacht.

Ein französischer Schriftsteller schrieb in den 80er Jahren ein Buch
gegen die Jesuiten, und in diesem Buch fand ich neulich diesen Satz:
"Im Jahr 1867 sagte ich in einem Revueartikel "Der providentielle
Atheismus" voraus, dass Gott sich jetzt verbergen werde, um die
Menschen zu zwingen, ihn desto eifriger aufzusuchen."

Im Jahr 1867! Das ist wie zu Haus bei uns, wo um dieses Jahr alle
religiöse Erörterung unter den Gebildeten aufhörte und Gott aus der
Literatur verschwand. Wenn er nun wieder kommt, sind wir nicht sicher,
dass er derselbe ist wie früher, wenn er wie alles andere wächst und
sich entwickelt. Ist er auch strenger geworden, muss er doch den
Agnostikern und den Forschern in dem Verborgenen verzeihen, dass sie
ihn nicht fanden, weil er fort war oder nicht empfing.

_Lund_, 23. April 1898.

_Der Verfasser._



Inferno.

1. Die Hand des Unsichtbaren
2. Der heilige Ludwig
3. Die Versuchungen des Teufels
4. Das wiedergefundene Paradies
5. Der Fall und das verlorene Paradies
6. Das Fegefeuer
7. Auszug aus meinem Tagebuch, 1896
8. Die Hölle
9. Beatrice
10. Swedenborg
11. Tagebuch eines Verdammten
12. Der Ewige hat gesprochen
13. Die entfesselte Hölle
14. Wallfahrt und Sühne
15. Der Erlöser
16. Trübsal
17. Wohin gehen wir?


Legenden.


Erster Teil

1. Der besessene Teufelsbeschwörer
2. Die Trostlosigkeit breitet sich aus
3. Erziehung
4. Wunder
5. Meines kleingläubigen Freundes Drangsale
6. Allerlei
7. Strahlung und Ausdehnung der Seele
8. Studien in Swedenborg
9. Canossa
10. Der Geist des Widerspruchs
11. Auszug aus meinem Tagebuch, 1897
12. In Paris

Zweiter Teil

JAKOB RINGT





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