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Title: Der Kunstreiter, 1. Band
Author: Gerstäcker, Friedrich
Language: German
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  Gerstäcker

  Der Kunstreiter


  1. Band

  Bosse & Co., Hamburg
  1914



1.


Auf der Hauptpromenade der Residenzstadt *** herrschte heute, bei dem
außerordentlich freundlichen und warmen Wetter, reges Leben. Dieser
Platz lag am entferntesten von dem Meßtreiben, das gerade jetzt die
übrige Stadt erfüllte, und zahlreiche Equipagen fuhren auf und ab,
während das schattige Laub der Parkanlagen selbst eine Menge Fußgänger
angelockt hatte. Da kam plötzlich eine ganz ungewohnte Bewegung in die
vor wenigen Minuten noch so ruhig Promenierenden. Ein großer Volkshaufe
wälzte sich von oben die breite Hauptstraße herab, und die Equipagen
drehten um und fuhren aus dem Wege, während die meisten der Fußgänger
dem Schwarme ebenfalls auszuweichen suchten.

Zwei junge Damen, von einem Kürassieroffizier begleitet, blieben
unschlüssig stehen und sahen den Weg hinauf.

»Wenn wir zurückgehen,« sagte die ältere von ihnen, »so verfehlen wir
jedenfalls Papa, der gerade in dieser Stunde aus dem Ministerium kommt,
und wir haben versprochen, ihm bis hierher entgegen zu gehen. Was kann
das nur sein?«

»Jedenfalls irgend ein Meßzug,« erwiderte der Offizier, »wenn wir einen
Augenblick in der Veranda jenes Cafés Schutz suchen, wird sich die Menge
vorüberwälzen und verlaufen.«

Unter der mit allen möglichen Blumen und Pflanzen der Tropenwelt
geschmückten Veranda fand sich so nach und nach in gleicher Absicht eine
zahlreiche Gesellschaft von Herren und Damen ein, und wie sich dort
eine Menge Bekannte trafen, sammelten sich plaudernd und lachend kleine
Gruppen.

Unter einem in vollen Blüten prangenden Granatbaume hatte sich die
junge, reizende Komtesse Melanie, die Tochter des Kriegsministers von
Ralphen, mit ihrer jüngeren Schwester auf ein paar leichte Rohrfauteuils
niedergelassen. Der Menschenschwarm stockte oben in der Straße, und es
dauerte eine Zeitlang, bis er sich wieder in Bewegung setzte. Die
junge Komtesse hielt einen Becher mit Erdbeer-Gefrorenem in den zarten
Fingern, nur langsam dann und wann daran kostend, und neben ihr, beide
Hände auf den zwischen seinen Knieen stehenden Pallasch gestützt, saß
Graf Wolf von Geyerstein, Rittmeister eines Kürassier-Regiments
in ***schen Diensten. Graf Geyerstein stammte aus einer alten,
norddeutschen Familie und war ein deutscher Edelmann im schönsten Sinne
des Wortes. Von ernstem, für seine Jahre vielleicht zu ernstem Wesen,
mischte er sich dabei selten oder nie in die leichtfertigen Vergnügungen
der Kameraden, und wenn ihn auch manche für stolz und kalt hielten,
schlug doch ein für alles Gute warmes Herz in seiner Brust.

In diesem Augenblicke hatte aber die reizende Plauderin an seiner Seite
den Ernst aus den edlen Zügen gebannt. Das offene, dunkle Auge hing
lächelnd an den Lippen der schönen Nachbarin und lauschte, weniger dem
Sinn, als dem Klange der Worte, die wie das Rauschen eines murmelnden
Waldquells zu ihm drangen.

»Aber nun sagen Sie mir um Gottes willen, an was Sie jetzt gedacht
haben!« unterbrach sich da Melanie, indem sie ihren kleinen Teller
senkte und sich halb gegen ihren Nachbar wandte.

»Ich, Komtesse?« rief der Graf, halb erschreckt wie aus einem Traume
auffahrend, und er fühlte dabei, daß er errötete, »wahrhaftig nur an
Sie.«

»An mich?« sagte die Dame, ungläubig mit dem Kopfe schüttelnd, »und
zweimal habe ich Sie indes gefragt, ob Sie den jungen Grafen Selikoff
schon gesprochen, ohne daß Sie mir auch nur mit einer Silbe geantwortet
hätten.«

»Und doch war ich nur bei Ihnen,« entgegnete mit herzlichem Tone der
junge Mann. »Zürnen Sie mir nicht, daß ich den Sinn der gleichgültigen
Frage dabei überhörte.«

»Gleichgültige Frage?« lachte die Komtesse, »und woher wissen Sie,
Herr Rittmeister, daß mir die Frage oder vielmehr deren Beantwortung
gleichgültig war? -- Aber ich sehe, Sie sind heute wieder in einer
verzweifelten Stimmung. Man muß erstaunliche Geduld mit Ihnen haben.«

»Und nicht wahr, Komtesse, _die_ fehlt Ihnen?« lächelte der Graf.

»Darüber können _Sie_ sich wahrlich nicht beklagen, und ich weiß gar
nicht -- aber was ist das?« unterbrach sich die junge Dame im nächsten
Augenblicke selbst, als jene lärmende, wogende Menschenmenge die Straße
herunter drängte. Einzelne Trompetenstöße wurden dazwischen laut, und
der Graf selber horchte erstaunt auf.

»Ach, das ist herrlich!« rief die Komtesse Rosalie, Melanies jüngere
Schwester, »das muß die Kunstreiter- und Seiltänzergesellschaft sein,
Monsieur Bertrand mit seiner Truppe, der seine Tour durch die Residenz
macht, um sich dem Publikum vorzustellen. Letzte Woche hat er auf
dem hochgespannten Seile getanzt, und diesen Abend wird die erste
Vorstellung in dem erst heute fertig gewordenen Zirkus sein.«

»Du bist ja sehr genau unterrichtet,« lächelte Melanie. »Haben Sie
diesen Monsieur Bertrand schon gesehen, Herr Graf? Er soll in seiner
Kunst ganz Ausgezeichnetes leisten.«

»Noch nicht, Komtesse,« erwiderte der junge Mann. »Ich liebe derartige
Kunststücke nicht, und das Seiltanzen vor allem ist mir das Verhaßteste,
Entwürdigendste für den Menschen.«

»Und weshalb? Gehört nicht ein außergewöhnlicher Mut dazu, um sein Leben
in schwindelnder Höhe auf dem schwanken Seil zu wagen?«

»Es ist das kein Mut mehr, den ich in dem _Manne_ gewiß ehren würde,«
erwiderte der Rittmeister, »sondern nur eine verzweifelte Tollkühnheit,
welche Glieder und Leben um wenige Taler, oft um Groschen preisgibt;
ja nicht selten sogar kaum mehr als feige Furcht, durch _Arbeit_ eine
Existenz erringen zu müssen, die jedenfalls ehrenvoller wäre als solch
ein Dasein.«

»Sie urteilen zu streng.«

»Ich glaube kaum. Es ist wenigstens meine Ueberzeugung.«

»Und doch fühlen sich die Menschen glücklich in ihrem Berufe.«

»Das kann ich mir kaum denken,« erwiderte kopfschüttelnd der Graf.
»Aeußerlich mag es allerdings so scheinen; wer sie aber beobachten
könnte, wenn sie sich unbeachtet wissen, möchte doch wohl ein anderes
Urteil über sie fällen. Aber da kommen sie; ich kann wenigstens die
wallenden Federn des Baretts oder Helms erkennen.«

Hunderte von Menschen drängten indessen lachend und erzählend vorbei,
mit dem Zuge zu gehen und den Marsch mit anzuhören, den das gemietete
Musikkorps blies, während andere wieder stehen blieben, die wunderlich
gekleideten Gestalten an sich vorbei passieren zu lassen. So etwas sahen
sie nicht alle Tage.

Und macht es nicht einen gar eigentümlichen Eindruck auf den Zuschauer,
plötzlich, in dem wirklichen, bestimmt ausgesprochenen Alltagsleben,
das ihn nach allen Seiten umgibt, und in dem ihn das geringste
Außergewöhnliche schon störte, ja selbst im hellen, lichten Sonnenschein
phantastisch aufgeputzten und geschminkten Menschen zu begegnen?
Die unteren Schichten der Bevölkerung, mit den Kindern, freuen sich
allerdings darüber. Sie sehen nur die äußere Hülle, das Flittergold
und die wallenden Federn, die gestickten Wämser und bunten Farben. Den
Gebildeten überkommt bei solchem Anblick aber fast immer ein eigenes
unbehagliches Gefühl -- nicht der Bewunderung etwa, sondern eher des
Mitleids mit den Unglücklichen, die solcher Art, in ihrem glänzenden
Elend, äußerlich stolz und guter Dinge, doch nur -- »an der menschlichen
Gesellschaft vorüber -- den Pranger reiten.«

Weit anders ist es mit der Bühne. Hier wird uns ein abgerundetes und
in sich fest stehendes Kunstwerk von _Künstlern_ vorgeführt, und
die phantastischen Trachten, die durch die Kulissen ihren wahren
Hintergrund, durch die Lichter ihre richtige Beleuchtung erhalten,
stören uns nicht, ja, sind sogar nötig, die Täuschung zu vollenden,
die uns in andere Zeiten, andere Sitten versetzen soll. Ich rede hier
freilich nicht von jener Entweihung der Kunst, dem neu aufgekommenen
Unfug der Sommertheater, die zu den »Kunstreitern« schon den Uebergang
bilden. -- Hier dagegen, wo die Häuser, in denen wir selber wohnen,
den Hintergrund formen und wir in eigener Person, sobald solche
abenteuerliche Gestalten zwischen uns und aus ihrem Rahmen heraustreten,
Mitspieler in dem Drama werden, schaut uns der _Ernst_ des Lebens nur so
viel greller aus solchem Spottgebild entgegen.

Aber ähnliche Gedanken erfüllen schwerlich die Herzen der lärmenden
Schar, die gerade jetzt die Straße heraufgezogen kam, bis dicht am
Café francais vorüber, von wo aus man den bunten Trupp vollkommen gut
übersehen konnte. Wenn auch das Volk -- Arbeiter, Kindermädchen und
Müßiggänger -- einen festen Wall an der Seite bildete, so ragten die
berittenen und phantastisch geschmückten Gestalten doch über die Köpfe
dieser hoch hinaus. Voran ritten dem Zuge zwölf Trompeter in roten,
abgetragenen und verschossenen, mit unechten Borden besetzten Uniformen,
ungeschickte, hohe Tschakos mit roten und weißen Federbüschen auf dem
Kopfe, und bliesen einen schmetternden Marsch. Der Zug wollte _gesehen_
werden, und je mehr Lärm sie deshalb machten, desto besser. Unmittelbar
hinter diesen folgte der Herr der Schar, der berühmte Monsieur Bertrand,
in einem reichbesetzten, schwarzsamtnen Waffenrock, ein schwarzes Barett
auf dem Kopfe mit wallenden schneeweißen Straußenfedern, die von einer
mit jedenfalls unechten Steinen besetzten Agraffe gehalten wurde. Es
war eine hohe, männliche Gestalt, mit edlen Zügen, so weit sich diese
nämlich unter dem nach vorn gerückten Barett und dem vollen Bart
erkennen ließen. Ernst und schweigend blickte der Reiter aber auf den
Kopf seines Rappen nieder, der unter ihm sprang und tanzte; weder nach
rechts noch links schaute er hinüber und schien die ihn umtobende,
jauchzende Menge so wenig zu hören, als ob er allein durch eine Wüste
ritte.

Den Gegensatz zu ihm bildete ein wunderschönes Weib an seiner Seite.
Eine wahrhaft junonische Gestalt, mit Augen voll Glut und Leben und
in feuerfarbene goldgestickte Seide gekleidet, bändigte sie den wilden
Fuchs, den sie ritt, doch mit der kleinen Hand so kräftig und hielt ihn
so fest im Zügel, daß er seinen Platz innehalten mußte, er mochte wollen
oder nicht. Dabei neigte sie sich mit holdem Lächeln bald hier, bald
da hinüber, einem oder dem andern der Grüßenden zu danken, und nichts
entging dem scharfen Blick der kühnen Reiterin.

Die Gesellschaft, die bis dahin in der Veranda des Cafés gesessen,
war aufgestanden, um den Zug besser übersehen zu können, und Komtesse
Melanie sagte jetzt: »Das ist die sogenannte schöne Georgine, die Frau
des Seiltänzers. Sehen Sie nur, Herr Graf, wie sie so keck nach uns
herüberschaut.« Ihr Nachbar erwiderte kein Wort, und als sie sich
erstaunt nach ihm umwandte, hielt er den Blick fest und starr auf die
Gruppe geheftet -- ja, es schien ihr fast, als ob alles Blut seine
Wangen verlassen hätte.

»Ei, ei, Herr Rittmeister!« flüsterte die schöne Komtesse, während
ihr ein Gefühl durch das Herz zuckte, von dem sie sich selber keine
Rechenschaft geben konnte oder wollte, »wie mir scheint, haben sie dort
drüben eine alte Bekanntschaft entdeckt.«

»Ich glaubte es im Anfange, Komtesse, aber ich habe mich geirrt. Es war
nur eine Aehnlichkeit, wie man sie ja so oft im Leben findet.«

Wildes Jauchzen und Geschrei, sowie Lachen und Jubeln der Masse
übertönte in diesem Augenblick seine Worte, denn hinter dem Zuge, der
gerade jetzt vorüber war, kam der Hanswurst der Truppe in buntscheckigem
Anzuge, die weiße spitze Filzmütze auf dem Kopf, das Gesicht auf die
grellste Weise bemalt, auf einem kleinen Pony nachgeritten. Auf diesem
aber führte er die groteskesten Künste aus: bald stand er auf dem Kopf,
bald überschlug er sich, bald war er unten und fuhr mit seiner Pritsche
unter die kreischend zurückdrängende Straßenjugend, während er im
nächsten Augenblick wieder rittlings auf seinem Tiere saß und den
Nachspringenden Gesichter schnitt. Das Volk schrie und jauchzte dabei
vor Vergnügen, und selbst die in dem Gedränge mitgehenden Polizeidiener
vergaßen für kurze Zeit ihren sonstigen Ernst und lächelten.

Mit dem Hanswurst wogte aber auch der Menschenschwarm vorüber, und wie
die Trompeten in weiter Ferne verklangen, nahm die Straße wieder
ihren früheren ruhigen Charakter an. Ein paar Freundinnen der Komtesse
Melanie, die sich ebenfalls vor dem Gedränge hierher geflüchtet hatten,
beschäftigten die junge Dame jetzt vollkommen, da es galt, den Besuch
der heutigen Vorstellung Monsieur Bertrands zu bereden. Außerdem ging
das sehr interessante Gerücht, das die beiden Damen mitbrachten,
der tollkühne Mensch habe sich erboten, zwischen den Türmen der
Katharinenkirche ein Seil zu spannen und dort oben seine Künste zu
zeigen. Der Magistrat hätte es aber bis jetzt noch nicht gestattet, und
man glaubte, er wolle sich deshalb an den Fürsten selber wenden.

Der Kriegminister von Ralphen, der versprochen hatte, seinen Töchtern
hier zu begegnen, kam jetzt ebenfalls die Straße herunter und ging,
als er den Rittmeister von Geyerstein erkannte, auf ihn zu, um ihn zu
begrüßen.

»Ach, Papa,« bat die Komtesse Rosalie, die sich schmeichelnd an seinen
Arm hing, »heut' abend ist die erste Vorstellung Monsieur Bertrands im
Zirkus, und es soll so hübsch werden. Dürfen wir hin?«

»Recht gern, mein liebes Kind,« sagte der alte Herr freundlich, indem er
ihre Stirn streichelte, »und deine Mutter wird euch gewiß begleiten.
Ich selber bin leider durch eine Sitzung verhindert, die meine Zeit
wenigstens bis neun Uhr in Anspruch nimmt, und doch möchte ich euch
nicht gern ohne männlichen Schutz an solchem Platze wissen.«

»O, dann begleitet uns Graf Geyerstein!« rief die lebhafte Rosalie, halb
bittend, halb fragend zu dem Rittmeister aufschauend. »Ich habe überdies
ein Vielliebchen von ihm gewonnen, das er noch einlösen muß, und setze
es jetzt zum Pfand.«

»Sie sind zu gnädig, Komtesse,« lächelte mit einer leichten Verbeugung
der junge Mann, »mir eine solche Ehre als Buße aufzuerlegen. Ich stehe
natürlich den Damen mit Vergnügen zu Diensten -- wenn Exzellenz es
gestatten.«

»Ich bin Ihnen dankbar dafür, lieber Geyerstein,« nickte ihm der alte
Herr zu, »und da es gerade mit der Zeit zusammentrifft, so speisen
Sie heute mittag bei uns, und fahren dann mit den Damen nach dem Diner
hinüber in den Zirkus. Das wäre also abgemacht, Kinder, und da sich die
Menge jetzt verlaufen hat, denk' ich, wir gehen nach Hause. Es ist spät
geworden, und eure Mutter wird euch erwarten.«



2.


Mitten auf dem breiten Landgrafenplatz stand eine mächtige runde
bretterne Bude, von deren spitzer Zinne die französische Trikolore
wehte. Das Innere derselben war übrigens geschmackvoll dekoriert und mit
Gas erleuchtet, und an der Kasse für den ersten und zweiten Platz saß
ein bildhübsches junges Mädchen, die Billetts auszugeben. -- Nur etwas
zu hell fiel das Gaslicht auf die leicht geschminkten Wangen und die
nachgemachten, an einigen Stellen schon etwas zerknickten Blumen, die
ihren Kopfschmuck bildeten.

Das Publikum beteiligte sich indessen sehr bedeutend an diesem
ersten Abend, für den auf riesengroßen, farbigen Anschlagzetteln
Außerordentliches versprochen worden. Die dritte Galerie war schon
eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung bis in ihre letzten Räume
gefüllt, während noch umsonst nach Billetts rufende Scharen vor dem
Schiebfenster unter der schmalen, dort hinaufführenden Holztreppe
standen.

Auch die erste und zweite Galerie füllte sich rasch, und manche Equipage
fuhr sogar vor, der Damen in glänzender Toilette entstiegen. Monsieur
Bertrand, über den man sich in der Residenz die abenteuerlichsten Dinge
erzählte, war eben Mode geworden, und da es gerade in dieser Zeit,
besonders in den höheren Kreisen, an Stoff zur Unterhaltung fehlte, so
wollte niemand versäumen, ihn zu sehen.

Oben auf der über dem Eingange für die Pferde angebrachten Tribüne hatte
sich das Musikkorps gesammelt, das heute morgen auch den Umzug durch
die Stadt anführen mußte, und die Leute stimmten ihre Instrumente
und tranken Bier dazu. In der Reitbahn selber, die durch einen
improvisierten Kronleuchter und zahlreiche Flammen an den Seitensäulen
reichlich erhellt wurde, kehrten eben ein paar Stallknechte den Kreis,
und ein Mann in hohen Kanonenstiefeln und einem Reitfrack, eine lange
Peitsche in der Hand, kam herein, um zu sehen, ob alles in Ordnung wäre.

»Ist er _das_?« flüsterte es hier und da, aber die Antwort fiel
verneinend aus. Es war nur einer der Leute, ein Bereiter -- so sah er
wenigstens aus -- irgend jemand aus dem untergeordneten Personal der
Gesellschaft. Die Familie des Kriegsministers von Ralphen erschien
gerade und nahm eben ihre Plätze auf der zweiten Bank ein, als die
dritte Galerie in ein schallendes Gelächter und lauten Jubel
ausbrach. Der Hanswurst sprang nämlich, sich fünf- oder sechsmal dabei
überschlagend, eben in den Zirkus und warf sich dem dort sehr ernsthaft
befehlenden Stallmeister oder Bereiter so geschickt zwischen die Füße,
daß dieser auf ihn zu sitzen kam und durch den Wurf die Balanze verlor.
Er fiel wenigstens hinterrücks in den Sand, und während er unter dem
Gejauchze der Menge wieder aufsprang und den flüchtenden Hanswurst mit
der Peitsche zu treffen suchte, benutzte dieser die anscheinend darüber
sehr entrüsteten Stallknechte, sich hinter ihnen zu verbergen und sie
die nach ihm gezielten Hiebe auffangen zu lassen.

Der Bajazzo hatte jedenfalls die Sympathien der dritten Galerie und der
Kinder für sich; aber auch selbst den Ernstesten entlockte er mit seiner
grotesken Malerei und Gliedergewandheit ein Lächeln. Sein Alter ließ
sich allerdings in den dick mit weißer und roter Farbe bestrichenen
Zügen nicht erkennen, aber seine Figur war schlank und schmächtig,
und die kleinen blitzenden Augen behielten selbst unter den bis zur
Verzerrung gemalten Brauen ihre scharfe Lebendigkeit. Die ganze Szene
hatte übrigens nur dazu dienen sollen, die Aufmerksamkeit des Publikums
kurze Zeit zu beschäftigen, und noch während des Umherspringens und
Ausweichens des Bajazzos flog plötzlich ein kleines weißes Pony in
gestrecktem Galopp über die niedere Eingangsbarriere und mitten in
den Zirkus hinein. Auf seinem Rücken aber saß ein kleines, vielleicht
siebenjähriges, als Elfe gar phantastisch gekleidetes Mädchen.
Stallknechte, Bajazzo und Stallmeister stoben blitzschnell auseinander,
und während das Pony den Zirkus durchflog, war die jugendliche Reiterin
in die Höhe gesprungen und grüßte, auf dem breiten Sattel stehend,
freundlich lächelnd nach allen Seiten hinüber. Sie trug fleischfarbene
Trikots, ein kurzes, leichtes rosa Röckchen von durchsichtigem Stoff,
das Kleidchen dabei tief ausgeschnitten, und an den halbnackten
Schultern ein Paar buntfarbige Flügel, handhabte auch ihr zierliches Roß
vortrefflich und zeigte eine für ihre Jahre außerordentliche Uebung.

Die Frauen waren ganz entzückt von dem kleinen Wesen, das in jeder
seiner Bewegungen -- nur nicht im Körper selber -- erwachsen schien.
Zum äußersten kokett und überlegen, grüßte und winkte sie bald da,
bald dorthin, trieb ihr Pferd mit der kleinen Peitsche an, und hielt
plötzlich, um sich von dem rasch herbeispringenden Stallmeister noch
einmal die Sohlen mit Kreide streichen zu lassen. Dabei lächelte sie
auch dem Bajazzo zu, der um sie her die tollsten Kapriolen machte,
sprang dann durch Reifen und Girlanden, und trieb alle die übrigen
Kunststücke, die Kinder in dem Alter gewöhnlich bei solchen
Gesellschaften treiben. Das Publikum applaudierte zwar lebhaft, aber
es bleibt doch immer ein eigenes, eben nicht angenehmes, oft sogar
unbehagliches Gefühl, ein _Kind_ zu solchen Künsten _abgerichtet_ zu
sehen. -- Was für Erfahrungen hat das Kinderherz nicht schon gesammelt,
das dort mit der affektierten Handbewegung und halben Kußhänden
den Applaus des Publikums erwidert! Wie lange schon mußte es seinen
schönsten Schmuck, die Kindlichkeit, abgeschüttelt haben, jede Bewegung
einer erwachsenen Kokette so täuschend nachzuahmen! Ihr applaudiert und
jubelt der Kleinen zu. Fragt euch einmal, wie euch zu Mute sein würde,
wenn das _euer_ Kind wäre, und dann bedauert das unglückliche Wesen,
das sein böses Geschick in solche Bahn, in solch ein glänzendes Elend
geworfen. Und fühlt es sich selber glücklich in solchem Leben? -- Es
nickt und lächelt da oben mit freudestrahlendem Gesicht und sprengt
lustig -- hinter die Kulissen. -- Was es _dort_ treibt, kümmert das
Publikum nicht.

»Mademoiselle Josefine,« wie die Kleine auf dem Zettel genannt wurde,
hatte mit diesem Ritt die Vorstellung eröffnet, und ihr folgte auf einem
schwarzbraunen Pony Monsieur Charles, »der kleine Herkules«. Monsieur
Charles, ebenfalls in fleischfarbenen Trikots, mit einem kurzen
Löwenfell bekleidet und mit einer Keule in der Hand, war ein Knabe von
etwa vierzehn Jahren, aber für sein Alter von außergewöhnlicher Kraft
und Gewandheit -- ein wahres Talent in seinem Fache. Die schwierigsten
Kunststücke führte er auf dem Rücken des dahinsausenden Pferdes aus, und
mit kaltem ja tollkühnem Mute schien er die Gefahr weit eher zu suchen,
als zu vermeiden. Monsieur Charles wurde hervorgerufen, wie er die Arena
kaum unter stürmischem Applaus verlassen hatte, und zwei Athleten nahmen
jetzt seine Stelle ein, die mit halsbrechender Geschicklichkeit, der
eine eine Stange balanzierte, während der andere daran hinaufkletterte
und oben die gefährlichsten und kühnsten Stellungen ausführte.

Und wie hing das kecke Menschenkind da oben! Das Nachlassen einer
Muskel, ein Krampf in den zum Zerspringen angespannten Sehnen der Hand,
ein Straucheln des Stangenträgers, und er war rettungslos verloren. --
Und das Publikum saß dabei, hielt den Atem in peinlicher Spannung
an, dankte Gott, als der Frevler mit seinen Gliedern den Boden wieder
berührte, und -- applaudierte doch wie rasend, ihn dadurch nur zu neuen
noch tollkühneren Versuchen anfeuernd. Komtesse Melanie hatte sich
schaudernd abgewandt, denn sie fürchtete den Menschen im nächsten
Augenblick zerschmettert vor ihren Füßen zu sehen. Graf Geyerstein,
der an ihrer Seite saß, flüsterte: »Sie haben recht, Komtesse;
ein Nervenkitzel erscheint vielen erwünscht, die Monotonie ihres
alltäglichen Lebens zu unterbrechen. Diese Kunststücke werden aber zur
Nervenqual -- und doch, sehen Sie die freudig staunenden Gesichter
Ihrer Umgebung, die keine Ahnung von dem zu haben scheinen, was schon im
nächsten Moment ihren Genuß unterbrechen könnte.«

»Es sollte verboten werden, solch entsetzliche Kunststücke öffentlich zu
zeigen,« sagte Melanie. Graf Geyerstein zuckte mit den Achseln.

»Ja und nein,« sagte er dabei. »Wir wissen dann nur nicht, wo wir die
Grenzen ziehen sollen, die der Polizei gestatten, in das Privatleben
bürgerlichen Erwerbes einzugreifen. Solange Seiltanzen und Kunstreiterei
erlaubt bleibt, wird es unmöglich sein einen Maßstab anzulegen, welches
von ihnen für den Ausführenden gefährlicher -- für den Zuschauer
peinlicher ist. Das Publikum allein hätte es in seiner Gewalt, sich
solche Schau zu verbitten, aber die große Mehrzahl verlangt derartige
Produktionen, ja läuft gerade dem Unnatürlichsten und Widerlichsten am
meisten nach. Doch, Gott sei Dank, es ist vorüber, und der tollkühnste
Ritt der Gesellschaft wird uns nach dieser Schau wie Spielerei
erscheinen.«

Der Jubel der Zuschauer, als die beiden jungen Athleten den Schauplatz
verlassen hatten, legte sich eben, als jener Stallmeister mit einer
halbkreisförmigen Verbeugung anzeigte: Madame Georgine Bertrand und
Monsieur Bertrand! -- Bajazzo benutzte diesen unbewachten Augenblick,
seine klappernde Pritsche auf den hervorragendsten Teil desselben
niederprasseln zu lassen, und wenn der Scherz auch eben nicht zart
war, wurde er doch von dem Publikum dankbar angenommen. Während der
Stallmeister auf seinen Erzfeind vergebens einfuhr, sprengte das
wunderschöne Weib des Kunstreiters und Seiltänzers in die Arena. Mochte
nun die Beleuchtung und die vielleicht aufgetragene Farbe dem Gesichte
der Frau diese jugendliche Frische geben, aber Georgine war wirklich
schön, und ein lautes unwillkührliches »Ah!« entfloh den Lippen der
Versammlung, als sie leicht geschürzt und in ganz ähnlicher, nur weit
brillanterer Kleidung wie »Mademoiselle Josefine« im Zirkus erschien.

Ein paar junge Kavallerieoffiziere fingen an zu applaudieren, und das
Einstimmen des Publikums war eine Huldigung, die man der lieblichen
Erscheinung brachte. Madame Bertrand zeigte sich auch dankbar dafür.
Ihre Bahn dahinfliegend, hatte sie fast für jeden ein Lächeln, wenn
auch ein noch so flüchtiges, für jeden einen freundlichen Blick, eine
halbversteckte Kußhand, mit der sie die Herzen gleichsam sichelförmig
abschnitt oder mähte -- denn _zwei_ genügten für das ganze Publikum.
Und wie sie dahinflog, siegesgewiß -- siegesgewohnt! Das hochgeschürzte
leichte Kleid im Winde flatternd, die Locken von dem Luftzug gelöst, mit
den zarten Fußspitzen den Sattel kaum berührend, glaubte man wirklich,
sie habe Flügel, und wäre kaum noch erstaunt gewesen, das Pferd unter
ihr davoneilen und sie ihren Rundzug ohne dasselbe fortsetzen zu sehen.

»Eine reizende Erscheinung!« flüsterte Melanie ihrem Nachbar zu, während
Madame Bertrand ihr schnaubendes Tier am Eingange plötzlich parierte,
daß es auf den Hinterbeinen herumflog und Front gegen die Mitte machte;
»wenn sie nur _etwas_ weniger keck und zuversichtlich auftreten wollte!«

Ihr Nachbar antwortete ihr nur durch ein langsames, kaum bewußtes
Kopfnicken, und als sie ihr Auge zu ihm hob, sah sie, daß sein Blick
fest und fast stier auf der Stelle haftete, an der die schöne Reiterin
hielt. Ihre eigene Aufmerksamkeit wurde aber in dem Moment von ihm
abgelenkt.

»Monsieur Bertrand! Monsieur Bertrand!« ging der flüsternde Ruf durch
die Reihen der Zuschauer, und als Melanie den Kopf dorthin wandte,
sah sie, wie an Georginens Seite, in phantastischer, aber höchst
geschmackvoll gewählter Tracht, der Reiter auf milchweißem arabischen
Hengste hielt. Doch auch Graf Geyerstein bog sich jetzt zu ihr nieder
und erwiderte auf die frühere Bemerkung seiner Nachbarin vollkommen
ruhig: »Sie dürfen bei solchen Damen nicht sittsame Schüchternheit
erwarten, Komtesse. Schon das Reiten selber bedingt eine gewisse
Zuversicht, die Reiter oder Reiterin haben _muß_, um das Tier in
der Gewalt zu halten. Wie viel mehr also hier, wo der Ritt für die
Oeffentlichkeit bestimmt ist und die Frau nur zu leicht jede zarte
Weiblichkeit abschüttelt!«

»Sie mögen recht haben,« sagte Melanie nach kurzem Zögern. »Aber gerade
das Außergewöhnliche hat ja auch uns hierher geführt. Wir wollen die
Pferde und Menschen bewundern -- uns wenigstens an ihnen ergötzen. Was
kümmert uns das Uebrige!« Der junge Offizier sah die schöne Gräfin etwas
erstaunt über diese Bemerkung an; Melanies Aufmerksamkeit schien
aber wieder vollständig auf das Paar gerichtet, das jetzt mit
außerordentlicher Geschicklichkeit und wirklich vieler Grazie en Pas
de deux mit den Pferden tanzte. Gleich darauf, und inmitten desselben,
sprengten die beiden Kinder wieder herein -- der Knabe jetzt genau so
gekleidet wie Monsieur Bertrand -- indem sie das Pas de deux in ein Pas
de quatre verwandelten. Die Pferde führten dasselbe auch vortrefflich
durch, und der rauschende Beifall galt diesmal besonders der
Geschicklichkeit und Ausdauer des Mannes, der die Dressur der edlen
Tiere zu solcher Vollkommenheit gebracht. Nach dem Tanze hielten die
beiden Paare wieder ihren Umritt um die Arena, in einer Art Triumphzug
den wohlverdienten Applaus einzuernten, den ihnen diesmal selbst die
Damen nicht versagten. Nur Melanie saß still und regungslos, ihren
Blick fest auf die Reiterin heftend, deren Auge sie bewachte. Es war
ihr nämlich nicht entgangen, daß die Kunstreiterin, wo das nur irgend
geschehen konnte, ihren Nachbar, den Grafen Geyerstein, scharf fixierte.
Der nach allen Seiten hin grüßende Blick haftete in der Sekunde, in
der sie an ihnen vorüberflog, jedesmal fest und forschend auf der edlen
Gestalt des Rittmeisters, und als sie die Arena verlassen und durch
dröhnenden Applaus zurückgerufen wurde, schien derselbe Blick nur ihm
allein zu danken.

Die Szene wechselte jetzt, und der Bajazzo übernahm die Unterhaltung
des Publikums aufs neue durch halsbrechende Kunststücke und
Gliederverrenkungen. Aber das Publikum wollte sich amüsieren; die
übersättigten Bewohner der Residenz verlangten einen neuen Reiz für ihre
abgespannten Nerven -- und diese atemlose Angst um ein Stück wertlosen
Menschenlebens gewährte ihn. Ein Mulatte beschloß die erste Abteilung
durch groteske Sprünge und gymnastische Uebungen, die er mit seinem
Pferde ausführte. Wie eine Schlange wand und schnellte er sich im
vollen Rennen seines Tieres darüber hin. All die verschiedenen und
schwierigsten Piecen führte er aber mit solcher Leichtigkeit aus, und
war dabei in jeder seiner noch so gewagten Bewegungen so sicher, daß
sich das Publikum unmöglich für ihn interessieren konnte. Es sah eben
keine Gefahr dabei und die Szene vorher hatte es verwöhnt.

Eine kurze Pause folgte jetzt, in der selbst die ebenso unermüdlichen
wie erbarmungslosen Musiker ihre gequälten Instrumente für eine
Viertelstunde ruhen ließen. Das Trommelfell der ihnen zunächst sitzenden
Zuschauer vibrierte aber eine ganze Weile fort, als ob sich die
aufgewühlten Schallwellen des hohen Raumes noch nicht beruhigt hätten.
Die Trompeter gossen dabei ihre Instrumente aus und ließen ihre
Bierkrüge füllen, wechselten die Notenblätter, um eine andere _Nummer_
aufzulegen, und nahmen dann ihre Sitze wieder ein, beim ersten gegebenen
Zeichen mit schmetterndem Tusch und lustiger Fanfare bereit zu sein.

Ein Teil des Publikums, besonders alle solche, die den Ausgang leicht
erreichen konnten, ohne die hinter ihnen sitzenden Damen zu sehr zu
inkommodieren, strömte hinaus an das Büffet und fand dort nicht allein
Erfrischungen in Masse, sondern auch -- Buketts, Kränze und Zuckertüten,
für die der vortrefflich spekulierende Restaurateur Sorge getragen.
Die Blumen für die Damen, das Zuckerwerk für die Kinder! Die jungen
Kavaliere kauften in Masse, und das Büfett machte ausgezeichnete
Geschäfte. Unter den zurückgebliebenen Zuschauern entspann sich indessen
eine lebhafte Unterhaltung über das Gesehene, und besonders schien
Monsieur Bertrand auf die Damen einen für ihn nur schmeichelhaften
Eindruck hervorgebracht zu haben. Die jüngeren besonders -- vielleicht
weniger zurückhaltend als die älteren -- schwärmten für ihn, und
Komtesse Rosalie erklärte, daß sie kaum die Zeit erwarten könne, in der
er wieder erscheinen würde.

»Und was halten _Sie_ von Monsieur Bertrand, Herr Rittmeister?« wandte
sich da Melanie an ihren auffallend schweigsamen Nachbar. »Als so
vortrefflicher Reiter werden auch Sie ihm Ihren Beifall kaum versagen
können.«

»Allerdings nicht, Komtesse,« erwiderte der junge Mann, »es ist eine
edle, männliche Gestalt und -- er reitet untadelhaft.«

»Wie ernst er aber aussieht und was für dunkle, seelenvolle Augen er
hat! Ich kann mir kaum denken, daß er wirklich zum Kunstreiter --
und noch schlimmer -- zum Seiltänzer erzogen ist, denn mit seiner
Erscheinung würde er _jeden_ Platz in der menschlichen Gesellschaft
ehrenvoll ausfüllen.«

»Ich glaube auch,« sagte der Rittmeister leise, fast wie mit sich selber
redend. »Wer weiß, welche unglücklichen Verhältnisse ihn gerade in diese
Bahn getrieben!«

»Und doch fühlt er sich vielleicht vollkommen glücklich darin,« warf
Melanie ein. »Wir dürfen andere nicht immer nach uns selber beurteilen.
Eine andere Erziehung gibt dem Menschen doch auch sicher andere
Ansichten über das Leben, und jeder hält die seinigen gewiß immer für
die richtigen.«

»Sein _Ernst_ widerspricht dem,« entgegnete Graf Geyerstein. »Eher
glaub' ich, daß sich die Dame glücklich in ihrem Berufe oder -- ihrer
_Kunst_ fühlt -- wenn wir es so nennen wollen.«

»Es ist seine Frau?« sagte Melanie, leicht hingeworfen.

»Ich glaube wohl -- ich weiß es nicht,« erwiderte der Graf. »Sie trägt,
dem Zettel nach, wenigstens seinen Namen.«

»Vielleicht seine Schwester.«

»Der Zettel sagt _Madame_ Bertrand.«

»Die Kleine kann aber kaum ihre Tochter sein; die Frau sieht dafür zu
jugendlich aus. Wo sind _Sie_ früher schon mit ihnen zusammengetroffen?«

»Ich?« fragte der Rittmeister, »so viel ich mich besinnen kann, habe ich
die Gesellschaft heute zum ersten Male gesehen.«

»Sagten Sie mir nicht heute morgen, daß es eine alte Bekanntschaft sei?«
fragte die Komtesse, und ihr Blick haftete dabei forschend auf den Zügen
ihres Nachbars.

»Ich wüßte nicht, Komtesse,« erwiderte der Graf. »So viel ich mich
entsinne, sprach ich von einer _Aehnlichkeit_, und das begegnet uns ja
oft im Leben, daß uns die Züge eines sonst vollkommen fremden Menschen
irgend eine Erinnerung aus früheren Zeiten wecken, so wenig er
selber auch mit ihnen im Zusammenhange steht. Ist Ihnen das noch nie
vorgekommen?«

»Mir? -- ja, o ja. Ich habe mich dann geirrt. Ich glaubte, Sie sprächen
von einer alten Bekanntschaft. Aber die Vorstellung beginnt wieder. Jene
schrecklichen Menschen da oben in den alten, uniformierten Jacken nehmen
ihre Marterinstrumente wieder zur Hand. Mir wirbelt der Kopf schon
ordentlich von dem furchtbaren Lärm. Ob man _uns_ damit einen Genuß
bereiten will?«

»Täuschen Sie sich darüber nicht, Komtesse,« lächelte der Rittmeister.
»Was jene Leute _Musik_ nennen, ist meist nur ein für die _Pferde_
bestimmter, taktmäßiger Lärm, den sie vollführen. Schwiegen sie still,
so würden auch die Tiere ihre Kunststücke nicht ausführen, zu denen sie
den geräuschvollen Takt notwendig brauchen. Daß die Zuschauer gewöhnlich
glauben, die Musik würde ihretwegen gemacht, ist ihre eigene Schuld.«

»Dann werde ich mich künftig nicht mehr darüber beklagen,« lächelte
Melanie. »Aber da beginnen sie wirklich ihre Pferdemusik schon von
neuem, und jener gräßliche Gliederverrenker scheint seine Künste
ebenfalls wieder produzieren zu wollen. Sehen Sie nur, Herr Graf, was
dieser Bajazzo für ein fataler Mensch ist. Ein frecheres, widerlicheres
Gesicht ist mir im ganzen Leben noch nicht vorgekommen. -- Ob _der_ Mann
auch Familie hat?«

»Und warum nicht?« erwiderte der Rittmeister. »In _seinen_ Kreisen
glänzt er vielleicht sogar.«

»Und glauben Sie wirklich, daß sich ein Mädchen in solch ein -- Geschöpf
verlieben kann?«

»Komtesse,« sagte achselzuckend der Rittmeister, »in _jenen_ Kreisen
kommt es oft auf Liebenswürdigkeit oder _ehrenvolles_ Brot nicht an.
Sobald der Mann nur eben sein Brot _hat_ -- sobald er imstande ist, eine
Frau vor Mangel zu schützen -- denn mehr verlangen solche Leute selten
-- sobald hat er auch Anspruch darauf, als gute Partie betrachtet zu
werden -- betrachtet er sich doch selber dafür. In welcher _Achtung_
er bei seinen Nachbarn oder gar den höheren Schichten der Gesellschaft
steht, was liegt ihm daran! Solange das Publikum, dem er seine Späße
vormacht, darüber lacht, solange ihn sein Brotherr dafür bezahlt,
solange er ein Mann ist, der seinen Platz in der menschlichen
Gesellschaft, gleichviel, wie -- ausfüllt: so lange hat er eben sein
Brot. Hört das einmal auf, bricht er einen Arm oder ein Bein oder wird
er sonst zum Krüppel, vielleicht gar krank -- dann ist er eben verloren.
Dann macht er Kollekten oder schickt die Frau betteln -- aber das alles
liegt für ihn noch in der Zukunft -- liegt weiter als der nächste Tag,
und was sollte er sich jetzt schon deshalb Sorge machen?«

»Ein fürchterliches Leben!« sagte die Komtesse, zusammenschaudernd, »und
doch klingt es, als ob es wahr sein könnte. Wo haben _Sie_ nur einen so
tiefen Blick in diesen Abgrund des Elends getan, Graf?«

»Guter Gott,« sagte der Rittmeister, »ein Soldat verkehrt mit allerlei
Ständen, und ohne daß wir es wollen oder suchen, wendet uns oft das
Leben auch seine dunkeln Seiten zu.«

Wüstes Geschrei und Jauchzen unterbrach ihr Gespräch, denn Bajazzo hatte
die zweite Abteilung auf einem Esel eröffnet, mit dem er in die
Arena sprengte. Auf dem Rücken des Tieres suchte er Monsieur Bertrand
nachzuahmen, und die Galerie war glücklich darüber. Ihm folgten die
beiden Kinder wieder, denen man die erst angekauften Zuckertüten zur
Belohnung zuwarf, und als Bajazzo ein paar davon entwenden wollte und
von dem Stallmeister dabei erwischt und daran verhindert wurde, kannte
der Jubel des Publikums keine Grenzen mehr.

Dem Kinderritt folgte ein imposanteres Schauspiel: ein Turnier, in einer
Art von Pantomime, in der sich zwei Ritter um den Besitz der schönen
Georgine stritten. Monsieur Bertrand war einer von diesen, und in voller
Rüstung, mit geschlossenem Visier und eingelegter Lanze, warf er in
wirklich prachtvollem Rennen seinen Gegner in den Sand. Dann, mit
abgeworfenem Helm, hielt er an der Seite der erbeuteten Schönen seinen
Siegesritt um die Arena, und die Buketts flogen jetzt von allen Seiten
dem lieblichen Ritterfräulein zu. Eins der Buketts hatte die schöne
und kecke Reiterin selber vom Boden aufgehoben, und es hoch in der Hand
haltend, schwang sie sich damit unter dem Beifallsjauchzen der Menge
wieder auf ihr Pferd, während dieses, bei dem Schmettern der Trompeten,
in wilder Flucht die Arena umschnaubte. Der Ritter konnte sich kaum
an ihrer Seite halten, und immer wilder, immer toller hieb er auf das
schäumende Tier ein, es noch zu stärkerem, rasenderem Laufe anzutreiben.
Wieder kam es Melanie da vor, als ob ihr Blick, so oft die tolle Jagd
an ihnen vorüberbrauste, den Nachbar suche und finde. Grüßend neigte
sie sich gegen ihn und jetzt -- als sie ihren Zelter mitten in vollster
Flucht herumriß, die Arena, dem Ausgange zu, quer zu durchfliegen, warf
sie die linke Hand, in der sie die Blumen hielt, empor, und der Strauß
-- ob absichtlich oder zufällig nach dieser Richtung getrieben -- fiel
im nächsten Augenblicke zu den Füßen des jungen Grafen nieder. Fast
in demselben Moment war auch die Schöne, über die Bahn hinweg,
verschwunden, und Melanie sah zu dem Rittmeister empor, dessen Antlitz
Totenblässe bedeckte.

»Wollen Sie den Strauß nicht aufheben?« sagte sie mit vor innerer
Bewegung fast erstickter Stimme.

Der Rittmeister bückte sich, aber er tat es wie in einem Traume, und die
Blumen aufgreifend, hielt er sie fast bewußtlos seiner Nachbarin hin.

»Sie befehlen, Komtesse?«

»Ich danke Ihnen, Herr Graf!« erwiderte jedoch die junge Dame mit so
auffallender Kälte im Tone, daß Graf Geyerstein erstaunt sie ansah. »Die
Blumen sind ohne Zweifel dorthin gelangt, wohin sie bestimmt waren, und
ich möchte Sie derselben nicht berauben -- würde ich überhaupt etwas
annehmen, was einer -- Kunstreiterin zugeworfen ist.«

»Komtesse?«

»Sie haben jetzt Gelegenheit, Ihr Bukett wieder zu verwerten,« sagte
das schöne und, wie es schien, beleidigte Mädchen. In der Tat erschien
Georgine in diesem Augenblick wieder auf den donnernden Hervorruf der
Menge, während ihr aufs neue von allen Seiten Blumen entgegenflogen.
Graf Geyerstein war aber durch die Worte Melanies so überrascht worden,
daß er das Bukett unschlüssig in der Hand behielt, bis die schöne
Reiterin die Arena verlassen hatte.

Wieder sprang jetzt der Bajazzo mit seinen gliederverrenkenden Künsten
in die Arena, nachdem die Bahn vorher von den hineingeworfenen Blumen
gesäubert worden, und zwei andere junge Damen, Mademoiselle Amelie
und Leontine, waren ebenfalls noch in dem Programm angeführt. Komtesse
Melanie hatte durch den Lärm der Trompeten Kopfschmerzen bekommen, und
obgleich sich die jüngere Schwester dem nur ungern fügte, bat doch die
Mutter den Grafen, ihren Wagen vorfahren zu lassen. Zehn Minuten
später verließ die Familie des Kriegsministers von Ralphen, vom
Grafen Geyerstein natürlich begleitet, den Zirkus, um nach Hause
zurückzukehren.



3.


Der nächste Tag war ein Sonntag. Reges, bewegtes Leben herrschte in
der Residenz, wo einesteils die gerade abgehaltene Messe eine Menge von
Landleuten und Fremden in die Stadt gelockt hatte, während zugleich, zur
Geburtstagsfeier des Fürsten, große Parade abgehalten wurde. Equipage um
Equipage fuhr langsam durch das Gedränge der Straßen, dem Landesherrn
zu diesem Tage die Glückwünsche des Hofes und der Beamten, ja des ganzen
Volkes zu bringen. Der Rittmeister von Geyerstein sah sich den Morgen
über durch seinen Dienst teils auf der Parade, teils bei Hofe gefesselt
und kam erst gegen zwei Uhr nach Hause, während er um fünf schon wieder
zur Tafel befohlen worden. Zum nicht geringen Erstaunen seines Burschen
kleidete er sich aber, so wie er zurückkehrte, um und in Zivil, und
während dieser, immer dabei mit dem Kopfe schüttelnd, die verschiedenen
nötigen Gegenstände herbeibrachte, sagte sein Herr: »Hast du mir die
Wohnung gefunden, wie ich dir aufgetragen, Karl?«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister -- die von dem Seiltänzer, meinen Sie
doch?«

»Von Monsieur Bertrand.«

»Sehr wohl. Rosenstraße Nummer 47, zweiter Stock, erste Türe rechts.«

»Rosenstraße? -- wo ist die Rosenstraße? die kenne ich gar nicht.«

»Gleich am Landgrafenplatz, zu Befehl, die kleine Gasse, die hinter der
Bude hineinläuft. Nummer 47 ist das rechte Eckhaus, aber der Eingang in
der Gasse drin. Das Haus selber heißt auch die Rose und war früher
ein Hospital, ist aber jetzt ein Wirtshaus, und die Kunstreiter kehren
gewöhnlich dort ein, weil ihnen die Ställe unten bequem liegen und der
Mann, dem das Haus gehört, auch Futter und Streu zu verkaufen hat.«

»Es ist gut, du -- kannst mir eine Droschke holen.«

»Herr Rittmeister halten zu Gnaden, um fünf Uhr Tafel.«

»Ich weiß es -- bis dahin bin ich wieder zurück. Du gehst mir indessen
nicht fort und hältst alles bereit.«

»Sehr wohl, Herr Rittmeister!«

Wenige Minuten später rasselte die Droschke über das Pflaster und hielt
vor der Türe.

»Wohin?« fragte der Kutscher.

»Landgrafenplatz!« und fort klapperte das Fuhrwerk, der bezeichneten
Richtung zu.

Am Landgrafenplatz angekommen, schaute der Kutscher in das vordere
Fenster hinein, zu erfahren, ob er sich rechts oder links halten müsse.
Eine Handbewegung des Fahrenden wies ihn zurecht, und in der Nähe der
kleinen Straße angekommen, stieg der Rittmeister aus. Er wollte nicht
vor dem Hause mit dem Wagen halten. Den bezeichneten Platz fand er ohne
alle Schwierigkeit. Die Beschreibung des Burschen war genau gewesen, und
er betrat gleich darauf einen dunkeln, schmutzigen Hausflur, in dem sich
nur ein paar Pferdeknechte herumtrieben und mit dem hindurchgehenden
Hausmädchen schäkerten. Einige Schwierigkeit hatte es, die Treppe in
den zahlreichen Einschnitten des alten Gebäudes zu finden, die zu ebenso
vielen Keller- oder Stubentüren, bald mit Stufen abwärts, bald aufwärts,
führten. Endlich fand er aber die schmale, hölzerne Stiege, der er, ohne
weiter jemandem zu begegnen, bis in die zweite Etage folgte. Die ihm von
seinem Burschen bezeichnete erste Türe rechts trug eine daran geheftete
Visitenkarte, und als er näher trat, las er die mit feiner, zierlicher
Schrift gestochenen Worte: »George Bertrand.«

»Georg,« flüsterte der Rittmeister leise vor sich hin, und zögernd,
unschlüssig hob sich seine Hand nach dem Drücker. Sollte er anklopfen?
-- aber die Zeit verging, und im nächsten Augenblicke tönte ihm schon
ein lautes »Herein!« aus dem Zimmer entgegen.

Ohne sich länger zu besinnen, öffnete er die Türe und überraschte hier
eine Dame, die _sehr_ ungeniert und in tiefstem Negligé auf dem Sofa
lag, auch nur langsam den Kopf nach dem Eintretenden umdrehte. Kaum
aber erkannte sie, daß es ein Fremder sei, als sie auch blitzschnell
aufsprang und wie ein Schatten durch die dicht daneben befindliche Türe
huschte. Verlegen, hier so gestört zu haben, sah sich der Rittmeister
im Zimmer um und entdeckte jetzt erst in der anderen Ecke, dicht am
Fenster, noch eine andere Persönlichkeit, einen älteren Mann, der ihn
mit eben nicht freundlichem Blick und etwas vorgebogenem Kopfe über eine
Klemmbrille hinüber betrachtete.

»Suchen Sie jemanden?« fragte er dabei mit heiserer Stimme.

»Herrn Bertrand. Ist er zu Hause?«

»Nein.«

»Wann kann ich ihn treffen?«

»Weiß ich nicht. Was wollen Sie?«

»Ich möchte ihn sprechen.«

»Müssen Sie morgen wiederkommen -- heute hat er keine Zeit,« brummte der
Alte, der, wie der Rittmeister jetzt erst sah, mit einer kurzen
Pfeife im Munde, eine Hanswurstjacke auf den Knieen liegen hatte und
beschäftigt schien, sie mit Nadel und Zwirn auszubessern.

»Ich bitte den Herrn, ein klein wenig zu warten -- ich komme den
Augenblick,« rief da die Stimme der Dame aus dem Nebenzimmer, und der
Alte, als ob damit die Sache für ihn erledigt sei, schob sich seine
Brille zurecht und nahm seine Arbeit wieder auf. Der Fremde mochte sich
indessen selber die Zeit vertreiben.

Dem Rittmeister war es nicht wohl in dieser Umgebung und er überlegte
schon, ob er nicht lieber Monsieur Bertrand zu sich bestellen solle.
Er hatte gehofft, ihn allein zu finden, denn bei dem, was er mit ihm zu
sprechen wünschte, brauchte und wollte er keinen Zeugen. Aber er mochte
nicht unartig gegen die Dame sein; jedenfalls erhielt er von ihr auch
bessere Auskunft, als der mürrische Alte, in dem er jetzt den Hanswurst
von gestern abend zu erkennen glaubte, geben mochte. -- Ganz recht --
er hatte sich nicht getäuscht. An der linken Seite des eben nicht zu
sorgfältig gewaschenen Gesichts ließ sich noch ein schmaler Streifen
der weißen Farbe erkennen, mit der er gestern bemalt gewesen. Aber wie
anders sah der sauertöpfische Gesell heute aus gegen gestern, wie er da,
zusammengekauert, ein Bein über das andere geschlagen, mit hohlen, tief
liegenden Augen und runzeligen Wangen, das stark mit Grau gemischte
Haar wirr und ungekämmt um den Kopf hängend, vor ihm saß und seine
Narrenjacke flickte! Doch in der ganzen Stube sah es ebenso wild
und ungeordnet aus. Auf dem Sofa lagen eine Menge getragener
Kleidungsstücke, die jedenfalls der Dame gehörten -- Unterkleider
und Trikots, _ohne_ den Glanz, den ihnen die abendliche Beleuchtung
verliehen; über einen Stuhl daneben war ein prachtvoller Waffenrock von
kirschfarbenem Samt geworfen. Darunter stand ungeputztes Schuhwerk,
und Schmuck und Tand, mit Schminknäpfchen, Pinseln, Farben und allen
möglichen anderen Utensilien, das Publikum zu täuschen, deckten den
Tisch und die benachbarte Kommode. Das Zimmer war auch noch nicht
ausgekehrt, eine Decke mit einem schon mehrfach gebrauchten Kopfkissen
nahm einen der Stühle ein -- es sah fast aus, als ob jemand die Nacht
auf dem Sofa gelegen hätte, und der Tabaksqualm aus der Pfeife des Alten
hatte den Schlafdunst noch nicht bewältigen können.

Dem Rittmeister benahm es bald den Atem, und draußen lag der helle
Sonnenschein so warm auf den Fensterscheiben. Er hätte Gott weiß was
darum gegeben, ein Fenster aufreißen zu dürfen. Da öffnete sich die
Kammertüre wieder, durch welche die Dame vorhin geflüchtet war, und
Madame Bertrand -- nicht so bezaubernd wie sie gestern abend wohl dem
Publikum erschienen, aber noch immer ein bildschönes Weib -- trat auf
die Schwelle.

»Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten,« sagte sie, während
ihr Blick im Zimmer umherschweifte und sie rasch die jedenfalls ihr
gehörigen und zunächst liegenden Kleidungsstücke aufraffte und hinter
sich in die Kammer warf -- »Sie finden uns aber noch so in Unordnung...«

»Madame,« unterbrach sie der Rittmeister höflich, »wenn jemand hier um
Entschuldigung zu bitten hat, so bin ich es, der ich unangemeldet bei
Ihnen eintrat und Sie unberufen störte.«

Madame Bertrand hatte indessen zu ihm aufgesehen, und ein eigenes
Lächeln belebte plötzlich ihre Züge.

»Ich glaube, ich habe schon gestern das Vergnügen gehabt, Sie bei
unserer Vorstellung zu sehen,« sagte sie, »aber wollen Sie nicht Platz
nehmen? Guter Gott, es sieht wahrhaftig gerade _heute_ zu unordentlich
bei uns aus! Was müssen Sie nur von uns denken!« Sie räumte dabei rasch
und ziemlich rücksichtslos, wohin sie die Sachen aus dem Wege brachte,
das Sofa ab, und sich dann in die eine Ecke lehnend, zeigte sie
mit einer leichten Handbewegung lächelnd auf die andere, sodaß Graf
Geyerstein nicht umhin konnte, neben ihr Platz zu nehmen. Halb verlegen
gehorchte er auch der Einladung, und es entging ihm dabei nicht, daß die
schöne Frau dem Alten einen bezeichnenden Blick zuwarf. Dieser griff,
demselben gehorchend, und wie es schien ziemlich mürrisch, seine Arbeit
auf, sah rechts und links neben sich auf die Erde, ob er nicht etwas
vergessen habe, und verließ dann ohne weiteren Gruß das Zimmer.

»Ich bin Ihnen vor allen Dingen eine Erklärung schuldig, Madame,« nahm
jetzt der Rittmeister das Wort, »daß ich gewagt habe...«

»Ich bitte Sie um Gotteswillen, keine Entschuldigung,« unterbrach ihn
lächelnd die Frau, »Sie sind da, und das genügt mir -- was wollen Sie
mehr? Es soll mich nur freuen, wenn ich Ihnen mit etwas dienen kann.«

Graf Geyerstein geriet dieser Antwort, ja Ermunterung gegenüber in
Verlegenheit und Madame Bertrand schaute ihn so freundlich dabei an, und
sah in dem leichten, seidenen Oberkleide, das ihren vollen Körper nur
locker umschloß, wirklich so reizend aus -- er konnte nur eine dankende
Verbeugung machen.

»Sie sind Soldat, nicht wahr?« nahm da die Dame die Unterhaltung wieder
auf, »Kavallerieoffizier?«

»Allerdings.«

»Ich dachte es mir -- oder vielmehr, ich erinnere mich Ihrer Uniform,«
setzte die Frau, leicht errötend, aber doch auch wieder halb schelmisch
hinzu, »und Sie -- interessieren sich für unsere schönen Pferde?«

»Ich muß gestehen, daß ich entzückt davon bin,« erwiderte der Graf, der
um jeden Preis diese Unterredung abzubrechen wünschte, »aber das ist es
eigentlich nicht, was mich hierher geführt.«

»Sie wollten auch die _Reiter_ kennen lernen,« lächelte Madame Bertrand,
»ein sehr natürlicher Wunsch, der aber leider nur gewöhnlich die
Illusion zerstört, die bis dahin einen eigenen, fremdartigen Zauber um
sich warf.«

»Ich wünschte Monsieur Bertrand zu sprechen.«

»Georg? -- er ist leider nicht zu Hause. Heute, am Meßsonntage, geben
wir zwei Vorstellungen und seine Anwesenheit im Zirkus ist deshalb
unumgänglich nötig, um die erforderlichen Anordnungen dort zu treffen.
Er wird vielleicht vor der Vorstellung nur noch auf einen Augenblick
herüberkommen.« Graf Geyerstein schwieg und sah sinnend vor sich nieder.
»Kann ich vielleicht irgend einen _Auftrag_ ausrichten? Georg wird sich
jedenfalls geehrt fühlen. -- Aber, mein Gott! fehlt Ihnen etwas? --
Sie sehen totenbleich aus.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und sah
besorgt zu ihm auf.

»Nicht das mindeste,« sagte abwehrend der Graf, »ich danke Ihnen,
Madame, aber ich befinde mich vollkommen wohl -- nur die drückende Luft
hier im Zimmer...«

»Sie haben recht!« rief Madame Bertrand, aufspringend und rasch ein
Fenster öffnend, »es ist hier auch entsetzlich heiß, und Vater hat dabei
wieder einmal so gequalmt.«

»_Der Vater!_« flüsterte der Rittmeister leise vor sich hin, und fast
krampfhaft faßte die Linke den Tisch, an dem er sich emporrichtete.

»Sie wollen schon wieder fort?« rief da Georgine, mit einem halb
erstaunten, halb bittenden Blick.

»Ich darf Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.«

»Aber Sie stören mich gar nicht, und wenn Sie Geschäfte mit Georg...«

»Geschäfte nicht, Madame, aber -- ich wünschte ihn zu sprechen,«
unterbrach sie der Graf, »und -- ich sehe auch keinen Grund, weshalb ich
Ihnen die Ursache verschweigen sollte. Eine merkwürdige Aehnlichkeit,
die er mit einem meiner früheren Freunde hat, läßt mich wünschen, ihn
kennen zu lernen -- möglich, daß es nur eben eine Aehnlichkeit ist, aber
ich würde ihm _sehr_ dankbar sein, wenn er mich vielleicht morgen früh
zwischen acht und zehn Uhr besuchen wollte. Meine Karte hier haben Sie
wohl die Güte ihm zu überreichen.«

»Graf Wolf von Geyerstein,« las Georgine, sich leise und lächelnd dabei
gegen den jungen Offizier verneigend, »ich werde nicht ermangeln, Ihren
Auftrag pünktlich auszurichten, Herr Graf. Aber -- wissen Sie wohl, daß
das ein recht eigenes Zusammentreffen ist?«

»Welches, Madame?«

»Daß _Sie_ Georg einer _Aehnlichkeit_ wegen aufsuchen wollen,« sagte die
junge Frau, »während gerade _Sie_, Herr Graf, auch mir einer
Aehnlichkeit wegen von Anfang an aufgefallen sind.«

»Und _wem_ sah ich ähnlich?« flüsterte der Graf, und seine Blicke
hafteten fest und stier auf den Augen des schönen Weibes.

»Keinem so entsetzlichen Wesen, als Sie zu glauben scheinen,« lächelte
schalkhaft Georgine, »nur -- einem früheren Geliebten von mir -- meinem
jetzigen Manne.«

»Georg Bertrand?«

»Demselben -- wenigstens damals, als er noch nicht einen so furchtbaren
Bart trug wie jetzt.«

»Sie sind schon längere Zeit verheiratet, Madame?«

»Leider!« seufzte Georgine mit komischem Bedauern.

»Leider?«

»Ich weiß nicht, ob _Sie_ vermählt sind, Herr Graf, aber -- es ist doch
ein anderes Ding um einen Liebhaber, als um einen Ehemann, und Monsieur
Bertrand ist, besonders in der letzten Zeit, so ernst -- ja, ich möchte
fast sagen, finster geworden, als ob er die ganze Lust an seiner Kunst
verloren hätte.«

»Und wenn dem wirklich so wäre?«

»Wenn dem so wäre?« lachte Georgine. »Sie reden gerade, als ob er
von seinen Renten leben könnte! Er hat weiter nichts gelernt, als die
sogenannte »brotlose Kunst«, die uns aber doch ein ganz hübsches Brot
abwirft, und die Dressur der Pferde, in der er Meister ist. Sollte er
aber jetzt, wo er so viele in seinem Dienste gehabt, selber Dienste
bei einem Herrn nehmen und _Bereiter_ werden? Er hielte es nicht
vierundzwanzig Stunden aus.«

»Und finden Sie selber Freude an diesem Beruf -- an dieser _Kunst_, wenn
Sie wollen?«

»Ich lebe und atme darin!« rief Georgine, und ihre Augen leuchteten,
ihre ganze Gestalt hob sich. »Auf dem Rücken meines Tieres bin ich ein
anderes Wesen, gehöre ich dieser Erde kaum mehr an, und was dem Fisch
das Wasser, der Pflanze das Licht sein mag, ist mir der jauchzende
Beifall der Menge, die buntgeschart mich umgibt. Ich schwimme dann in
einem Meer von Glanz und Licht und Wonne, und -- erwache erst, wenn
_diese_ Wände hier aufs neue mich umgeben -- einschließen.«

»Und das ist doch ein unnatürlich Leben,« sagte der junge Graf, »das
_Haus_ ist eigentlich des Weibes schönster Wirkungskreis.«

»Nicht der meine!« rief Georgine, indem ein trotziges Lächeln ihre
schönen Lippen umspielte. »Das Haus? -- ja, für die Weiber, die nähen
und stricken und Freude an ihrem Wäschschrank finden können. _Mein_
Wirkungskreis liegt draußen in der Bahn; ich _tanze_, _fliege_ durch das
Leben, und so -- so möcht' ich enden, wenn es denn einmal geschieden,
gestorben sein muß. Aber _Sie_ sind Soldat. Sie können sich am besten,
am leichtesten in solche Sehnsucht denken. Und möchten _Sie_, wie Sie
da vor mir stehen, als Mann, das Leben eines Stubenhockers, eines
Aktenmenschen, wählen, der über seinen staubigen Papieren brütet und
Licht und Luft und Sonnenschein da draußen ungesehen, unbeachtet wirken,
schaffen, segnen läßt? Sie nicht, Sie wahrlich nicht, und gerade so
denk' auch ich. Von klein auf zu diesem Beruf herangebildet, hab' ich
mit der Muttermilch schon die Lust an solchem Leben eingesogen, und wem
das nun einmal im Blute liegt, glauben Sie nicht, daß der sich einer
geregelten -- einer festgeschnürten Existenz möcht' ich es nennen, einem
Gang in der Tretmühle des menschlichen Lebens je wieder fügen könne.
Zugvögel, die wir sind, müssen wir auch die Freiheit des Zugvogels
behalten, wenn wir nicht verkümmern, nicht untergehen sollen.«

»Und denkt Ihr Gatte ebenso?«

»Gewiß -- er wäre sonst nicht der, der er ist: Bertrand, der kühnste
aller Reiter und -- mein Mann. Aber ich plaudere und plaudere und denke
nicht daran, daß es _Sie_ wenig kümmern wird, welche Gesinnungen über
ihr Leben eine _Kunstreiterin_ hegt. Von _Ihren_ Sphären sind wir
freilich ausgeschlossen, und doch, -- wer weiß, ob nicht so wackere
Herzen oft unter dem bunten Tand, mit dem wir uns behängen müssen, wie
unter Stern und Ordensbändern schlagen! Doch mein Geschwätz ermüdet
Sie; nehmen Sie wieder Platz, Herr Graf, und -- wenn Sie es wünschen und
etwas Besonderes mit Monsieur Bertrand zu bereden haben, will ich ihn
rufen lassen. Der Zirkus ist nur wenige Schritte von hier entfernt.«

»Ich danke Ihnen, Madame,« unterbrach sie der Rittmeister. »Meine Zeit
ist überdies heute beschränkt, wie die seine wahrscheinlich. Morgen
früh wird ihm eher Raum bleiben, mir eine halbe Stunde zu gönnen. Meine
Wohnung finden Sie auf der Karte angegeben. Ich darf Sie bitten, ihm
meinen Wunsch mitzuteilen?«

»Ihr Auftrag soll pünktlich vollzogen werden,« sagte die Frau, und der
Rittmeister, indem er sich dankend verbeugte, grüßte sie achtungsvoll
und verließ das Zimmer.

Georgine blieb, die Unterlippe mit den kleinen, weißen Zähnen gefaßt,
wohl mehrere Minuten in derselben Stellung am Fenster. Sie hielt die
Karte, die er ihr gegeben, noch in der Hand, und ihre Augen hafteten
darauf.

»Kalt wie Eis,« murmelte sie dann mit einem spöttischen und doch auch
wieder verdrießlichen Lächeln vor sich hin, »aber -- was er nur von
Georg will, denn die Aehnlichkeit war leere Ausrede -- Graf Wolf von
Geyerstein, Rittmeister -- hier -- und Adjutant des Fürsten? -- Sollte
der Fürst -- vielleicht wegen des Turmseiles? aber, bah! was hat der mit
dem _Kunstreiter_ zu schaffen, daß er einen seiner _Adjutanten_ zu ihm
schicken würde? Auch war der Herr Rittmeister nicht in Uniform, sondern
in Zivil; er hat sich vielleicht geschämt, in Uniform bei _uns_ gesehen
zu werden. Aber er wollte Georg sprechen, nicht mich. -- Doch, was
zerbreche ich mir den Kopf?« rief sie plötzlich, die Karte neben sich
auf den Tisch werfend. »Ob Herr Graf Wolf von Geyerstein Ursache hat
den _Kunstreiter_ Bertrand aufzusuchen oder nicht -- was kümmert's mich!
Georg mag das selber untersuchen. Die ganze Sache läuft doch nur zuletzt
auf einen _Pferdekauf_ hinaus.«

»Ist er fort?« sagte in diesem Augenblicke der Alte, der seinen Kopf
wieder zur Türe hereinsteckte.

»Wie du siehst, ja,« erwiderte gleichgültig die Frau, »dort unten geht
er eben über die Straße.«

»War gerade _noch_ so ein Musjö da, der dich sprechen wollte.«

»So? -- Wer?«

»Der geschniegelte und geleckte Bengel mit dem Schnurbart wie ein
Malerpinsel. Silbermann oder Silberfranz -- was weiß ich's, wie er
heißt! Ich habe ihn gleich an der Treppe abgefertigt.«

»Das war recht -- ich mag den faden Menschen überhaupt nicht leiden.«

»Und wer war _der_?«

»Ein Graf.«

»Und wollte?«

»Georg sprechen.«

»_Nur_ Georg?«

»_Nur_ Georg.«

»Pferdehändler!« brummte der Alte und schleppte seine Jacke wieder zum
Fenster, an dem er den alten Platz einnahm, um mürrisch und finster wie
vorher an dem scheckigen, schmutzigen Kleidungsstück weiter zu nähen.
Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt, die jedes mit den
eigenen Gedanken vollständig beschäftigt schienen. Da schallten Schritte
vom Vorsaale herein.

»Georg,« sagte die Frau aufhorchend.

»Wird mich wieder zur Probe haben wollen,« knurrte der Alte, »aber
verdammt will ich sein, wenn ich jetzt hinübergehe. Heute die Rackerei
zweimal ist vollständig genug.«

Die Türe ging auf, und Monsieur Bertrand betrat in der Tat das Zimmer,
ohne die beiden aber nur im Mindesten zu beachten. Selbst ohne Gruß kam
er herein, warf seinen Hut auf einen Stuhl und schritt dann eine Weile,
die Arme fest ineinander geschlagen, in dem kleinen Raume auf und ab.
Der Alte warf einen forschenden Blick nach ihm hin, nahm aber weiter
keine Notiz von ihm, und nur Georgine sagte endlich: »Ist etwas
vorgefallen, daß du so verdrießlich bist?«

»Vorgefallen? -- nein,« erwiderte der Mann, ohne seinen Spaziergang zu
unterbrechen.

»Ist die Erlaubnis zu deinem Turmseil noch nicht gekommen?«

»Nein.«

»Und wär' auch kein Schade, wenn sie ganz ausbliebe!« brummte der Alte.
»Mit dem verwünschten Seiltanzen nimmt es noch einmal ein böses Ende.
Und wenn Ihr's noch nötig hättet! Aber die Reiterei ist weit ehrenvoller
und bringt hundertmal mehr Geld ein, als der halsbrechende Lauf.«

»Aber er macht Aufsehen!« rief Georgine rasch. »Wenn sich die Kunde
verbreitet, daß Georg gewagt hat, was vor ihm noch keiner wagte, strömt
das Volk von nah und fern herzu, um ihn zu sehen.«

»Sie denken gar nicht daran,« sagte der Alte finster, »und _du_ solltest
gerade die letzte sein, die dem Tollkopf auch noch zuredete, sein Leben
an solch einen Quark zu wagen. Was wird aus _dir_, aus uns allen, wenn
er den Hals bricht oder selbst nur zum Krüppel stürzt?«

»Und geht er nicht so sicher auf dem Seil, wie hier auf ebenem Boden?«
rief die Frau.

»Papperlapapp! _mir_ mußt du so etwas nicht sagen,« meinte aber
kopfschüttelnd der Hanswurst. »Mein Bruder, der lange Franz, mit dem ich
meine tollsten Jahre verlebt, war ein so tüchtiger Seiltänzer wie nur
einer, und wie er zuletzt glaubte, er könnt's ganz allein, und höher und
immer höher stieg, passierte ihm doch einmal etwas Menschliches. Ob er
den Krampf bekam, ob er schwindelig wurde -- er hat's keinem Menschen
mehr erzählt, aber ich seh' ihn noch vor mir, wie er da oben haushoch
über die staunende Menschenmenge hinlief, daß wir unten, gegen den
grauen Himmel hin, nicht einmal mehr das Seil erkennen konnten -- ich
sehe ihn noch vor mir, wie er auf einmal schwankte, wie ihm die
Stange aus der Hand fiel, und _ein_ Schrei von den Tausenden -- _ein_
furchtbarer Schrei zu ihm hinaufgellte -- dann kam ein dumpfer Schlag
-- und als ich wieder scheu den Kopf hob, lag ein häßlicher, blutiger
Klumpen vor mir -- der lange Franz. -- Seit dem Tage hab' ich kein Seil
wieder betreten.«

Bertrand war vor dem Alten stehen geblieben, aber sein Blick schweifte
über ihn hin nach seinem Weibe, das halb abgewandt von ihm, die rechte
Hand auf das Fensterbrett gestützt, den Kopf unwillig langsam hin- und
herwiegend, am Fenster lehnte.

»Du hättest etwas Gescheiteres tun können,« sagte sie jetzt, während
der Vater, in der Erinnerung noch zusammenschaudernd, schwieg, »als
ihm gerade heute _die_ Geschichte zu erzählen. Daß etwas derartiges
passieren _kann_, weiß ich auch, aber eben die Möglichkeit desselben
übt den Reiz auf die Zuschauer, gründet den Ruf des kühnen Läufers. Wäre
keine Gefahr dabei, wer würde sich die Mühe geben, auch nur zuzusehen?«

»Du hast gut reden,« sagte der Alte finster.

»Und glaubst du, _ich_ fürchte die Gefahr?« rief rasch und heftig die
Frau, »glaubst du, ich rede ihm zu, wenn ich sie nicht teilen wollte? --
Ich werde ihn begleiten.«

»Du? -- auf dem Turmseil?« lachte kopfschüttelnd ihr Vater. »Du bist
nicht gescheit!«

»Das geht nicht, Georgine,« sagte Bertrand. »Wenn ich mich selber auch
sicher genug da draußen weiß, um nicht das Schicksal des langen Franz zu
befürchten, möchte ich doch nicht die Angst für dich mit hinausnehmen.
Außerdem weißt du selber, daß es viel schwerer ist, zu zweien, als
allein das Seil zu begehen.«

»Bah! wir sind so oft zu zweien darauf gewesen.«

»Allerdings, doch nicht in _solcher_ Höhe.«

»Und welcher Unterschied ist zwischen Haus- und Turmhöhe? Ein Sturz wäre
von der einen genau so verderblich wie von der andern.«

»Gewiß! aber du selber hast ein Seil in _solcher_ Höhe noch nie
betreten; du weißt nicht, wie es dich erregen würde -- doch wir
streiten da um einen ganz nutzlosen Gegenstand. Bis jetzt hat es mir der
Magistrat verboten, und ob mein direkt an den Fürsten gerichtetes Gesuch
einen anderen Erfolg haben wird, weiß ich noch nicht.«

»Ein Adjutant des Fürsten war heute morgen hier,« sagte Georgine, »ich
zweifle aber, ob in _der_ Angelegenheit. Jedenfalls wollte er _dich_
sprechen.«

»Ein Adjutant des Fürsten?« rief Bertrand rasch -- »und weshalb hast du
mich da nicht rufen lassen?«

»Er hatte keine Zeit. Dort liegt seine Karte. Er ersucht dich, ihn
morgen früh zwischen acht und zehn Uhr zu besuchen.«

»Sonderbar!« sagte Bertrand und schritt langsam zu dem Tisch, auf dem
die Karte lag. Georgine hatte sich dem Fenster zugewandt und sah
hinaus, und der Alte nähte den letzten abgerissenen großen weißen und
ballähnlichen Knopf an seine Jacke.

»Nun?« sagte Georgine endlich, als Bertrand noch immer schwieg, indem
sie sich nach ihm umdrehte. »Kennst du den Herrn?« Bertrand antwortete
nicht. Er hielt die Karte zwischen den Fingern; seine Augen hafteten
darauf, aber er sprach kein Wort. Georgine schritt hinüber zu ihm und
sah über seine Schulter auf die Karte nieder; erst als er noch immer
nicht sprach, schaute sie zu ihm auf und erschrak über die plötzliche
Blässe seiner Züge.

»Was fehlt dir, Georg?« rief sie. »Du siehst kreideweiß aus. Was _ist_
mit dem Fremden?«

»Kreideweiß?« lächelte Bertrand, aber ihrem scharfen Blick entging
nicht, welche Gewalt er sich dabei antun mußte, wenn er auch sonst seine
ganze Fassung und Ruhe behielt. -- »Du träumst. Aber wer brachte diese
Karte?«

»Der, dessen Namen sie trägt.«

»Wolf von Geyerstein,« flüsterte Bertrand halblaut vor sich hin, aber
es war, als ob er die Worte mehr zu sich selber spräche, als sie für ein
anderes Ohr bestimmte.

»Du kennst ihn?« fragte die Frau, und ihre Augen hingen erwartend an
denen des Gatten.

»Ich kenne den Namen,« sagte dieser ruhig, »kannte wenigstens _einen_,
der ihn trug -- aber das ist lange Jahre her und war auch an einem
andern Orte -- weit von hier.«

»Und der hieß _Wolf_ von Geyerstein?«

»Nein -- _sein_ Vorname ist mir jetzt entfallen; aber _der_ lebt auch
nicht mehr.«

»Ein Verwandter denn -- ein Bruder vielleicht?«

»Möglich,« sagte Bertrand gleichgültig, »aber wir werden ja sehen. Also
morgen?«

»Morgen früh zwischen acht und zehn. -- Du glaubst also nicht, daß es
auf deine Eingabe Bezug haben könnte?«

»Und warum nicht? -- was sonst hätte _ich_ mit einem Adjutanten des
Fürsten zu tun und zu verkehren? -- Aber mach' dich fertig; die Zeit
vergeht, und es muß drei Uhr vorbei sein. Die Leute drängten sich schon
zur dritten Galerie, als ich vorüberkam.«

»Heute gibt's eine gute Einnahme,« sagte der Alte, der seinen Plunder
aus den verschiedenen Zimmerecken zusammensuchte, »wo zum Teufel ist
jetzt meine Pritsche? Ich habe sie gestern abend dort auf den Stuhl
gelegt.«

Georgine verließ das Zimmer, um noch einiges für ihre Garderobe
zusammenzusuchen, und Georg stand noch immer und starrte still und
schweigend auf die Karte nieder, bis er sich endlich, als er die Frau
zurückkommen hörte, davon losriß und seinen Hut ergriff. Es war in der
Tat Zeit für den Zirkus, und alle anderen Gedanken nahm der Augenblick
vollkommen in Anspruch.



4.


Ueber den Landgrafenplatz wälzte sich eine jubelnde Volksmasse herüber,
als Graf Geyerstein gerade das Haus verlassen wollte. Ein Kamel, mit
einem Affen auf dem Rücken, wurde dort vorbeigeführt, und von allen
Seiten strömte das Meßvolk hinzu, den seltenen Anblick zu genießen.
Eine Equipage, die des Weges kam, sah sich der Menschenmasse plötzlich
gegenüber, und da der Kutscher vielleicht auch fürchten mochte, daß
seine lebhaften Pferde vor dem Kamel sich scheuen könnten, so bog er
rasch nach rechts in die, wenn auch schmale, doch kurze Rosenstraße ein,
um dadurch dem lärmenden Volk aus dem Wege zu kommen.

Der Graf von Geyerstein hörte wohl das Rasseln der Räder, das jauchzende
Toben der sich heranwälzenden Schar, aber er sah nicht, was um ihn
her vorging. Den Hut fest in die Augen gedrückt, die Blicke am Boden,
schritt er aus dem Hause, und wollte eben links nach dem Platze zu
einbiegen, als eine lachende Mädchenstimme seinen Namen rief.
Fast unwillkürlich schaute er empor und sah sich der Equipage des
Kriegsministers von Ralphen gegenüber, der mit seiner Tochter Melanie
im Fond, mit Rosalie und ihrer Gouvernante auf dem Rücksitz, von einem
Besuch oder einer Spazierfahrt nach Hause zurückkehrte. Rosalie nickte
ihm freundlich zu, und während ihn auch die Exzellenz grüßte, bemerkte
er nicht, wie Melanie den erstaunten Blick auf ihm haften und dann nach
dem Hause hinaufschweifen ließ. Da erkannte sie oben am Fenster
die Gestalt Georginens, und als sie mit kalter Verbeugung seinen
überraschten Gruß erwiderte, war der Wagen im nächsten Augenblick die
Straße hinab verschwunden. Der Rittmeister aber, ohne ihnen auch nur
nachzuschauen, fand sich gleich darauf in dem das Kamel umtobenden,
lachenden, kreischenden Schwarme von Menschen, durch den hindrängend er
seinen Weg heimwärts suchte.

Seinen Burschen Karl fand er dort übrigens schon in Verzweiflung seiner
harrend, denn eine Ordonnanz hatte einen Befehl des Fürsten gebracht,
der ihn eine Stunde vor Tafel ins Schloß berief, und bis er Toilette
machen konnte, war _die_ Zeit verstrichen. Karl schüttelte auch, während
er seinem Herrn dabei half, sehr bedenklich mit dem Kopfe, denn der
Rittmeister sprach, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, kein Wort.
Nur als er fertig war, begehrte er einen Wagen und fuhr ins Schloß.
Dienstsachen hielten ihn dort bis zur Stunde des Diners beschäftigt, und
das Diner selber verlief dann, wie alle derartigen steifen Festtafeln
gewöhnlich verlaufen.

Es waren ungefähr fünfzig Personen geladen worden, und die Säle
schwärmten dazu im wahren Sinne des Wortes von geschäftigen und müßigen
Lakaien in höchster Gala und in höchster Eile, die herüber und hinüber
stürzten, _das_ zu besorgen und auszuführen, wozu beim dritten Teil von
ihnen die Hälfte überflüssig gewesen wäre. Der Haushofmeister prüfte
noch mit scharfer Brille die Etiketten und Siegel der verschiedenen
Flaschen, und befahl, welche Sorten in Eis zu bleiben hatten,
welche nicht, und der an der Suppe stationierte Beamte warf schon
verzweiflungsvolle Blicke nach den beiden an den Flügeltüren postierten
Lakaien hinüber, denn seit einer vollen Viertelstunde war Seiner
Königlichen Hoheit angezeigt, daß die Tafel serviert wäre, und trotzdem
kamen die Herrschaften nicht. Noch einmal zu erinnern, ging auch nicht
an -- aber der Magen des gnädigsten Herrn half ihnen endlich aus der
Not. Er gab das Zeichen, die Flügeltüren schossen auseinander, und
der ganze Zug der Herrschaften und Gäste bewegte sich unter der
geheimnisvollen Leitung des Hofmarschalls in den Saal. Im Nu war jedem
hier sein Platz bezeichnet -- nicht nach geselliger Wahl, sondern nach
strengem Standesunterschied und Rang, und wie die Zähne eines trefflich
ineinander greifenden Räderwerkes schoben sich jetzt die Teller, von
weißen Handschuhen lautlos dirigiert, zwischen die Sitzenden. -- Und
Gänge und Weine wechselten wie das Gespräch, das jetzt, lebendiger
werdend, hin und wieder flog und dem nur einzelne, mit Liebe den
Getränken zusprechende alte Herren hartnäckig widerstanden.

Und wie süß die Damen lächelten, und wie rücksichtsvoll die Herren
sprachen, und wie heimlich, aber deshalb nicht weniger gut gemeint, der
Haushofmeister einem oder dem andern der unaufmerksam gewesenen Lakaien
einen Knuff versetzte und ihn blitzschnell bald da-, bald dorthinüber
sandte!

Da klirrte ein Teller auf den getäfelten, spiegelglatten Boden
nieder und zerbrach in tausend Scherben -- der Haushofmeister wurde
totenbleich. Der arme Sünder, der das Verbrechen verübt, stand wie
vernichtet -- aber keiner der Herrschaften oder Gäste wandte den Kopf.
Nur ein paar nervenschwache Damen zuckten zusammen -- sonst hatte
niemand es gehört, und die übrigen Lakaien, hier und da einen lächelnden
Blick miteinander wechselnd, flogen eifriger, geschäftiger umher als je.

Der Fürst legte endlich seine Serviette auf den Teller und richtete sich
empor. Die Tafel war aufgehoben, und in den zunächst liegenden Gemächern
wurde der Kaffee umhergereicht. Dort sammelten sich die Gäste zu
verschiedenen Gruppen, während Seine Königliche Hoheit von einer zur
anderen ging, ein paar freundliche Worte bald an den, bald an jenen
richtend. Graf Geyerstein hatte sich indes umsonst bemüht, in die Nähe
der ebenfalls anwesenden Komtesse Melanie zu gelangen. Zuerst war die
Komtesse von der Fürstin selber in Anspruch genommen, und dann fand er
sie zwischen zwei alte, verwitwete Staatsdamen so hineingezwängt, daß
ihr von keiner Seite beizukommen war. Auch schien sie das gar nicht zu
wünschen, denn sie unterhielt sich auf das lebhafteste mit den
beiden von Bändern und Schmuck bedeckten Ueberresten eines vergangenen
Jahrhunderts und hatte für weiter niemanden im Saale Augen.

An einem der Fenster fand er endlich den Kabinettssekretär des Fürsten
in lebhaftem Gespräch mit zwei jungen Damen wie ein paar anderen Herren,
und der Name des Kunstreiters Bertrand fesselte hier zuerst seine
Aufmerksamkeit. Er trat näher und traf die kleine Gruppe in lebendiger
Debatte, weniger über die Leistungen des Mannes und seiner Gesellschaft,
-- als seine Familienverhältnisse. In der Stadt hatte sich nämlich
das Gerücht verbreitet, Madame Georgine stamme aus einer altadeligen
französischen Familie und sei von dem kühnen Reiter und Seiltänzer unter
den abenteuerlichsten Verhältnissen aus einem Kloster entführt und
zum Kunstritt erzogen worden. Ueber die Sache selber schien man auch
vollständig einig, nur über den früheren Namen der Dame schwankten
die Meinungen, und alles wandte sich in vollem Eifer gegen den jungen
Grafen, als dieser das ganze Gerücht bezweifeln wollte. War er doch im
Begriff, sich an der ganzen Gesellschaft zu versündigen, indem er ihr
den pikantesten Stoff zur Konversation damit zu rauben gedachte. Wie
die Debatte gerade am lebendigsten war, näherte sich der Fürst mit einem
jungen Fremden, der sich seit einigen Tagen in *** aufhielt, der Gruppe,
die sich augenblicklich gegen ihn öffnete.

»Ah, lieber Geyerstein,« wandte er sich zugleich gegen den Rittmeister,
»was für einen Kampf führen Sie denn hier? Aber ich weiß nicht einmal,
ob sich die Herren schon kennen? -- Rittmeister Graf von Geyerstein --
Graf Selikoff aus St. Petersburg. -- Doch um was handelte Ihr Streit,
wenn man fragen darf?«

Die beiden jungen Leute verbeugten sich gegeneinander, und Fräulein von
Zahbern, die eine der Damen, antwortete: »Um kein Geheimnis, Königliche
Hoheit, und doch auch wieder ein Geheimnis, nämlich um die Abstammung
der Frau des Kunstreiters.«

»Ah, apropos, Lerchenstein, wie steht denn die Sache mit jenem Monsieur
Bertrand?« wandte sich der Fürst an seinen Geheimsekretär. »Haben Sie
mir nicht gestern morgen etwas darüber vorgelegt?«

»Allerdings, Königliche Hoheit. Es betraf die verweigerte Erlaubnis des
Magistrats, daß der etwas tollkühne Mensch zwischen den beiden Türmen
der Katharinenkirche ein Seil aufspanne, um darauf seine Künste zu
zeigen.«

»Ganz recht. Jetzt erinnere ich mich. Ja, was soll man da tun? Der
Magistrat wird wohl seine Gründe gehabt haben, es ihm zu verbieten, wenn
ihm auch eigentlich kein Mensch verwehren kann, seinen Hals zu wagen.
Meinen Sie nicht, Geyerstein?«

»Ich meine, Königliche Hoheit, daß es ein wohltätiges Verbot war.
Es heißt an Gott gefrevelt, seine Glieder in solcher Weise der fast
gewissen Gefahr preiszugeben.«

»Das nehmen Sie aber doch wohl zu ernst, lieber Geyerstein,« sagte der
Fürst, »denn wenn Sie so weit gehen wollten, dürfte ich das Seiltanzen
überhaupt nicht gestatten. Ich meinesteils täte das auch mit dem größten
Vergnügen, aber wo die Grenze nachher ziehen zwischen gefährlichen und
weniger gefährlichen Künsten?«

Der Rittmeister schwieg, denn er erinnerte sich, daß er fast dieselben
Einwendungen mit beinahe den nämlichen Worten vor ganz kurzer Zeit der
Komtesse Melanie gemacht. Fräulein von Zahbern aber rief: »Der Herr
Rittmeister ist ein durchaus grausamer Mensch, er will uns _jede_
Unterhaltung rauben.«

»Und würden Sie, mein gnädiges Fräulein, wirklich eine Unterhaltung
darin finden,« entgegnete der Rittmeister, »einen Menschen zwischen zwei
Türmen auf einem dünnen Seile spazieren gehen zu sehen? Würden Sie
sich an einem Schauspiel ergötzen können, bei dem Sie jeden Augenblick
fürchten müßten, daß es damit endete, Ihnen den zerschmetterten Leichnam
vor die Füße zu senden?«

»Sie gebrauchen gräßliche Ausdrücke, Herr Graf!« rief das gnädige
Fräulein, ihren Fächer in Schauder vor die Augen hebend, »aber Monsieur
Bertrand fällt auch nicht herunter, er ist ja ein Seiltänzer.«

Graf Geyerstein zuckte die Achseln. Selikoff aber sagte: »Ich glaube,
das gnädige Fräulein hat im Grunde recht. Der Broterwerb fast aller
dieser sogenannten Meßkünstler ist lebensgefährlich, seien das nun
Kunstreiter, Seiltänzer, Tierbändiger, Feueresser oder was immer, und
wollte man die Leute aus übertriebener Humanität daran verhindern,
sich _möglicherweise_ den Hals zu brechen, so gäbe man sie sicher dem
Verhungern preis oder zwänge sie wenigstens, ihr Brot, das sie nun
einmal haben müssen, sich auf irgend eine andere ungesetzliche Art und
Weise zu erwerben.«

»Das ist schön von Ihnen, Herr Graf,« rief das Fräulein von Zahbern,
fröhlich in die Hände schlagend, »daß Sie uns das Wort reden, dem sehr
gestrengen Herrn Rittmeister gegenüber.«

»Aber, mein gnädiges Fräulein...«

»Ich lasse gar keine Entschuldigung gelten,« rief die junge Dame, »denn
gerade _Sie_ sollten der letzte sein, der sich halsbrechenden Künsten
widersetzt.«

»Und warum ich?«

»Weil Sie fortwährend die wildesten, unbändigsten Pferde ganz
unnötigerweise selber reiten, und wenn Sie den Seiltanz verboten haben
wollen, trage ich bei Seiner Königlichen Hoheit wahrhaftig darauf an,
daß er Ihnen auch verbietet, _Ihr_ Leben so mutwillig dem Eigensinne des
ersten besten Pferdes preiszugeben.«

»Ich glaube selber, Sie sind da zu strenge, mein guter Geyerstein,«
sagte jetzt auch der Fürst. »Es ist einmal Messe, und wenn ich dem
Seiltänzer verbieten will, sein Seil so hoch zu spannen, wie es ihm
beliebt, muß ich auch dem Menageriebesitzer -- wie heißt er gleich? --
untersagen, mit den Hyänen zu frühstücken und seinen Kopf in des Tigers
Rachen zu stecken.«

»Also befehlen Königliche Hoheit?« fragte der Sekretär.

»Lassen Sie den Magistrat ersuchen, dem Manne kein Hindernis in den Weg
zu legen,« sagte der Fürst.

»Zu Befehl, Königliche Hoheit.«

»Und -- was ich noch gleich sagen wollte,« fuhr der Fürst fort, »wo
steckt denn eigentlich unsere kleine Ralphen? Ich habe mich in der
letzten Viertelstunde vergebens nach ihr umgesehen.«

»Dort drüben, mein gnädigster Herr,« erwiderte der Rittmeister, mit
einer leichten Verbeugung nach der Richtung hinüberdeutend, in der er
die junge Dame wußte. »Komtesse Melanie hat sich den beiden Staatsdamen
angeschlossen.«

»Ah -- danke -- kommen Sie, Selikoff, ich sehe unsere schöne Komtesse
schon; also auf Wiedersehen!« Und mit freundlichem Nicken verließ er die
sich tief verbeugende Gruppe.

Natürlich hatte das Gespräch dadurch augenblicklich eine andere Wendung
genommen. Der Kunstreiter, dessen Sache man überdies als erledigt
betrachtete, war vergessen, und die Unterhaltung drehte sich
ausschließlich um den jungen, fremden Grafen Selikoff, den einige mit
einer geheimen politischen Mission am hiesigen Hofe betraut wissen
wollten. Er sollte dabei steinreich und, einer der ersten russischen
Familien angehörend, sogar der Liebling des Zaren sein; so wenigstens
behauptete Fräulein von Zahbern, die einen wahren Schatz von Kenntnissen
in dieser Angelegenheit entwickelte. Graf Geyerstein hatte sich
indessen schon lange von der Gruppe zurückgezogen und verfolgte fast
unwillkürlich mit den Blicken den jungen Russen, mit dem der Fürst
gerade jetzt zur Komtesse von Ralphen trat. Ihm war es fast, als ob
Melanies Auge über die Schulter des Fremden _ihn_ gesucht habe -- aber
er hatte sich doch wohl geirrt, oder die neue Bekanntschaft nahm sie so
in Anspruch, daß sie des alten Freundes nicht weiter gedachte. Wie
süß und lieb sie den jungen Fremden anlächelte, und wie leichtherzig
tändelnd das schöne Mädchen, als der Fürst sie sich selber überlassen
hatte, mit ihm den Salon hinunterschritt.

»Cher comte! Sie schneiden ein ganz verzweifelt finsteres und
festwidriges Gesicht,« lächelte in diesem Augenblicke ein kleiner,
schmächtiger, mit Goldstickereien und Orden fast bedeckter Herr, der,
den dreieckigen Hut unter den Ellbogen gedrückt, seinen Arm vertraulich
in den des Grafen schob.

Es war eine eigentümliche, und, einmal gesehen, kaum wieder zu
vergessende Persönlichkeit, dieser Herr von Zühbig, dessen Gesicht mit
dem tief hinabgedrehten, schwarzen Schnurrbart, wie den hinaufgezogenen,
etwas starken Augenbrauen den unverkennbaren Ausdruck trug, als ob
er permanent über irgend einen Gegenstand sein äußerstes, aber auch
untertänigstes Bedenken ausdrücken wolle. Der Mann _sprach_ auch
eigentlich nie, er lispelte nur, und lispelte dabei so süß, so lieb, so
herzlich, recht aus tiefster Seele, daß man ihm zuletzt den Schnurrbart
gar nicht mehr glaubte.

»Habe ich wirklich so ein finsteres Gesicht gemacht, Herr Intendant?«
sagte Geyerstein, sich zu ihm wendend.

»Entsetzlich!« rief der Höfliche, und die Augenbrauen berührten fast das
wohlgelockte und geölte Haar.

»Dann denunzieren Sie diesen Verstoß gegen die Etikette um Gotteswillen
nicht dem Zeremonienmeister. Uebrigens gebe ich Ihnen die Versicherung,
daß es nur ganz in Gedanken geschehen sein kann, ohne den geringsten
Grund, denn ich dachte wirklich eben nur an ganz gleichgültige,
unbedeutende Sachen.«

»Apropos, Herr Graf, haben Sie die neue Robe unserer Allergnädigsten
schon bewundert? Sie ist wirklich magnifique.«

»Ich muß Ihnen meine Unaufmerksamkeit gestehen; ich habe es in der Tat
noch _nicht_ getan.«

»Dann versäumen Sie keinen Augenblick länger, cher comte. Die
Herrschaften werden sich überdies bald wieder zurückziehen. Unser
gnädigster Herr war so unendlich huldreich heute. -- Sie hatten vorher
eine längere Audienz bei Seiner Königlichen Hoheit, nicht wahr? Wohl
Dienstsachen?«

»Allerdings.«

»Königliche Hoheit haben nichts über die gestrige Vorstellung erwähnt?«

»Nicht, daß ich mich erinnere.«

»Herr Generalintendant,« flüsterte in diesem Augenblicke ein Kammerherr
an seiner Seite, »Königliche Hoheit wünschen...«

»Zu Befehl!« rief der Geschmeidige, indem er in dem Moment auch fast
um wenigstens sechs Zoll kleiner wurde, und den Arm des Kammerherrn
ergreifend, schritt er mit diesem, nach einem huldreichen,
überglücklichen Lächeln gegen den Grafen, der Richtung zu, in der sich
der Fürst befand, unterwegs indessen die ihm übersandten Befehle des
Herrn entgegennehmend.

Noch stand der Rittmeister auf seiner Stelle, wo ihn von Zühbig
verlassen hatte, als ein Herr, ein großer, stattlicher Mann mit
militärischem Anstand, aber glatt rasiertem Gesicht, mehr jedoch noch
durch seinen einfachen schwarzen Frack, an dem nicht ein einziger
Orden prangte, gegen die übrige gestickte, geschmückte und uniformierte
Gesellschaft abstechend, zu ihm trat. Es war der amerikanische Gesandte,
Oberst Pollard, erst seit kurzer Zeit in ***.

»Mein Herr Graf,« redete er den jungen Mann an, den er schon früher
kennen gelernt und lieb gewonnen hatte, »ich muß Sie um eine Auskunft
bitten.«

Der Graf verbeugte sich leicht.

»Wer war der Herr, der Sie eben verlassen hat?« fragte der Oberst. »Es
soll ein französischer General bei Tafel gewesen sein. -- War jener Herr
vielleicht?...«

»Da tun Sie ihm Unrecht,« lächelte der Rittmeister. »Herr von Zühbig ist
der harmloseste und am wenigsten blutdürstige Mann seines Jahrhunderts,
obgleich allwöchentlich zahlreiche Personen unter seiner Leitung teils
erstochen werden, teils an gebrochenem Herzen sterben.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Es ist der Generalintendant unseres Hoftheaters.«

»Und trägt einen wahren Panzer von Orden?« sagte der Amerikaner
erstaunt.

»Mr. Pollard,« lachte der Graf, »Sie sind erst zu kurze Zeit in
Deutschland, um sich hier an unsere Sitten und Gebräuche schon hinlängst
gewöhnt zu haben. Aber -- erinnern Sie sich wohl, daß Sie mir neulich
einmal von Ihren Indianern erzählten, die gewisse Kerbhölzer haben
sollen, an denen sie ihre verschiedenen Zeitabschnitte sowohl, wie
außergewöhnliche Begebenheiten ihres Lebens anzeichnen?«

»Allerdings.«

»Nun gut! -- unsere Höflinge -- das Wort jedoch in der freundlichsten
Weise gebraucht -- sind ebenso die Kerbhölzer der Fürsten, an denen
sich dieselben für alle Geburtsanzeigen befreundeter Höfe, für Besuche
auswärtiger Potentaten, überhaupt für festliche und außergewöhnliche
Gelegenheiten -- ein Zeichen machen. Für ein so zierliches Kerbholz
gehört aber auch, wie sie mir zugestehen werden, ein zierlicher Schmuck,
und -- voila.«

Oberst Pollard lächelte still vor sich hin, als plötzlich eine
allgemeine Bewegung in den Salons entstand. Die Herrschaften zogen sich
zurück, und die Gruppen der Gäste neigten sich tief und ehrfurchtsvoll
vor dem Herrscherpaare. Und jetzt auf einmal kam reges, _natürliches_
Leben in die bis dahin noch so steife, förmliche Menschenmenge. Alles
brach auf, und wie der Fürst mit der Fürstin den Saal verlassen hatte,
zogen sich die Gäste ebenfalls den Türen zu. Der Amerikaner war von dem
jungen Grafen durch einige dazwischen tretende Herren vom Hofe getrennt
worden, als sich Graf Geyerstein wieder angeredet sah.

Es war diesmal durch eine ihm nicht eben angenehme Persönlichkeit, mit
der er bis jetzt auch noch keinen Verkehr gehalten hatte: ein noch
sehr junger, ungemein geschniegelter, nach Parfüm duftender Herr, mit
kleinem, stark gewichstem, pechschwarzem Schnurrbart, gebogener Nase
und sehr lebendigen, rasch umherschweifenden schwarzen Augen, zwei große
ausländische Ordenskreuze auf der Brust, mit einem Worte, der Sohn eines
erst vor kurzer Zeit baronisierten, sehr reichen Bankiers, dessen Vater
mit dem Hofe in fortwährender Verbindung stand.

»Herr Graf,« sagte der junge Mann, sich selbstgefällig dem Rittmeister
vorstellend, »Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit
nehme, mich selber bei Ihnen einzuführen. Ich bin Baron Hugo von
Silberglanz und habe schon lange nach dem Vergnügen und der Ehre
getrachtet, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.«

»Herr Baron,« sagte der Graf, »es war mir sehr angenehm, Ihre
Bekanntschaft gemacht zu haben,« und sich leicht und kalthöflich vor ihm
neigend, schritt er an ihm vorüber den Saal entlang.

Baron Hugo von Silberglanz blieb, etwas verdutzt über diesen Empfang,
noch einige Sekunden an derselben Stelle stehen, als er den Blick des
Staatsrats von Zädnitz mit innigem und boshaftem Vergnügen auf sich
haften sah. Er fühlte, wie er rot wurde, und sich rasch und mit einem
vollständig gleichgültigen Blick emporraffend, warf er den Kopf zurück
und schritt einem der Seitengemächer zu. Graf Geyerstein indessen,
der schon gar nicht mehr an den faden Menschen dachte, suchte noch der
Komtesse Melanie zu nahen, denn bis jetzt war er nicht imstande gewesen,
ein einziges Wort mit ihr zu wechseln -- aber es gelang ihm nicht.
Einmal glaubte er allerdings, daß ihr im Saale umherschweifendes Auge
ihn wenigstens streife -- doch konnte sie ihn nicht gesehen haben, denn
schon im nächsten Moment wandte sie sich ihrem jetzigen Begleiter, dem
jungen Grafen Selikoff, zu, an dessen linker Seite Fräulein von Zahbern
dahinschritt und sehr angelegentlich auf ihn einsprach.

»Sehen Sie nur, wie sich die Zahbern an den Selikoff drückt, und wie
bezaubernd sie zu ihm hinüberlächelt,« flüsterte nicht weit von ihm der
Kabinettssekretär einem neben ihm gehenden Kammerherrn des Fürsten zu.

»Das hilft ihr doch nichts,« erwiderte dieser, »er scheint nur Auge und
Ohr für die kleine Ralphen zu haben.«

»Die arme Zahbern,« lächelte der Sekretär, »und sie gibt sich so viel
Mühe!«

»Und hat schon so viel bittere Erfahrungen gemacht!« sagte der
Kammerherr.

Die beiden Herren schlenderten langsam der Tür zu, ließen sich draußen
von den Lakaien ihre Paletots überhängen und stiegen die Treppe
hinunter, um ihren Wagen dort zu erwarten. Auch Graf Geyerstein folgte
ihnen und sah eben noch, wie der junge Russe mit dem Kriegsminister
von Ralphen und Melanie in deren Equipage stieg und in die Stadt hinein
fuhr.

»Aber, Herr Graf, Sie antworten mir ja gar nicht,« sagte in diesem
Augenblick eine vorwurfsvolle Stimme an seiner Seite, und Fräulein von
Zahbern schaute mit einem freundlich verweisenden Blick zu ihm auf.

»Mein gnädiges Fräulein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung -- das
Rasseln der Wagen -- Sie befehlen?«

»Gar nichts, lieber Graf; ich meinte nur, daß der junge Graf Selikoff
ein höchst liebenswürdiger Mensch ist -- er war so artig; die alte
Exzellenz weiß auch wohl, was sie tut.«

»Wer? -- Herr von Ralphen?«

Fräulein von Zahbern nickte.

»Der junge Graf ist steinreich, ein Wort, das man ganz vorzüglich
von den Russen gebrauchen kann, denn sie wühlen in Diamanten, und bei
Ralphens sollen die Vermögensverhältnisse -- Sie wissen, man munkelt da
Verschiedenes.«

»In Kaffeegesellschaften?«

»Nur nicht boshaft, wenn ich bitten darf!«

»Aber mein gnädiges Fräulein...«

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollten -- auf uns arme Frauen wird
von diesen sogenannten Herren der Schöpfung am liebsten gleich alles
gewälzt. _Das_ habe ich übrigens aus ganz sicherer Quelle und nicht aus
einer Kaffeegesellschaft.«

»Daß die sogenannten Herren der Schöpfung...?«

»Da nicht sehen wollen, wo sie _selber_ blind sind,« sagte die junge
Dame mit sehr scharfer Betonung des Selber.

»Und sind sie da nicht vollkommen entschuldigt?« lächelte der Graf.

»Der Kriegsminister wird _alles_ daran wenden, um den Russen hier zu
fesseln,« fuhr die junge Dame fort.

»Glauben Sie?«

»Was die Augen sehen, glaubt das Herz.«

»Und wenn wir den Satz umdrehen?«

»Sie sind unausstehlich heute, Graf!« rief die Dame, »für meine
freundliche Warnung hätte ich andern Dank verdient.«

»Für Ihre Warnung, mein gnädiges Fräulein?« sagte Graf Geyerstein
erstaunt.

»Tun Sie nur nicht so unschuldig,« rief die junge Dame, »und trauen Sie
der Residenz nicht zu, daß sie blind ist, wenn Sie blind sein wollen.
Sie kennen doch die Fabel vom Strauß?«

»Mit dem Kieselstein-Verschlucken?«

Fräulein von Zahbern wollte etwas darauf erwidern, aber sie biß sich auf
die Lippen. »Wem nicht zu raten ist, lieber Graf,« sagte sie endlich,
indem sie sich gegen ihn verneigte, »dem ist auch nicht zu helfen -- ich
sehe, da ist mein Wagen -- au revoir!«

»Mein gnädiges Fräulein...«

»Apropos -- werden Sie heut abend den Zirkus besuchen?«

»Es ist Meßsonntag.«

»Leider Gottes, und ich ginge so gern! Madame Bertrand soll eine
reizende Frau sein. Graf, Graf, nehmen Sie sich in acht!«

Fräulein von Zahbern drohte ihm dabei, als er ihr gerade den Arm bot, um
sie in den Wagen zu heben, lächelnd mit dem Finger.

»Wieder eine Warnung, mein gnädiges Fräulein?« fragte der Rittmeister.

»Ich will weiter nichts gesagt haben,« erwiderte die Dame, und die
weitere Unterhaltung wurde durch das Anziehen der Pferde abgebrochen.

Der Rittmeister schritt langsam seiner eigenen Wohnung zu.



5.


Am nächsten Morgen war Graf Geyerstein früh aufgestanden und hatte
einige Briefe geschrieben. Nach dem Frühstück ging er unruhig in seinem
Zimmer auf und ab, und sah wohl hundertmal nach der Uhr, deren Zeiger
ihm nie so langsam fortgeschlichen waren, wie gerade heute. Endlich
schlug es acht. Sein Bursche Karl trat herein und fragte nach den
Briefen, die ihm der Herr Rittmeister befohlen hätte auf die Post zu
schaffen.

»Warte noch einen Augenblick, ich bin noch nicht fertig,« lautete die
Antwort. »Hat noch niemand nach mir gefragt?«

»Noch nicht, Herr Rittmeister.«

»Ich werde dich rufen, wenn ich dich brauche.«

Der Bursche schloß die Tür wieder, und der Rittmeister setzte mit
untergeschlagenen Armen seinen unruhigen Spaziergang fort. Es schlug
halb neun, da klingelte draußen die Vorsaaltür, und der Rittmeister
zuckte zusammen. Er blieb stehen und horchte; draußen wurden Stimmen
laut, und gleich darauf trat Karl ein und überreichte ihm eine Karte,
die den einfachen, außerordentlich fein darauf gestochenen Namen trug
»Georg Bertrand.«

»Es ist gut,« sagte der Rittmeister, »laß -- laß den Herrn eintreten --
aber warte. Hier, nimm das gleich mit fort: diese beiden Briefe auf die
Post -- diese Bücher hier kommen zum Buchbinder, und hier die Koppel
trägst du zum Sattler und läßt dir eine andere Schnalle für die
gebrochene ansetzen. Du magst gleich darauf warten.«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«

»Also bitte den Fremden, einzutreten, und halte dich nicht länger auf,
als nötig ist.«

Der Bursche verschwand wieder, gleich darauf öffnete sich aufs neue die
Tür und schloß sich hinter dem eingetretenen Fremden, der mit leiser,
aber fester Stimme und leichter Verneigung sagte: »Sie haben gewünscht,
mich zu sprechen, Herr Graf.«

Graf Geyerstein stand der hohen, männlichen Gestalt des Kunstreiters
Bertrand gegenüber, aber er antwortete keine Silbe. Totenbleich sah
er dabei aus; jeder Tropfen Blut hatte seine Wangen verlassen, und nur
seine Blicke hafteten fest, ja stier auf den Zügen Bertrands.

»Sie haben gewünscht, mich zu sprechen, Herr Graf,« wiederholte der
Kunstreiter endlich -- aber noch leiser als vorher.

Da streckte der Graf die Arme nach ihm aus.

»Georg,« sagte er mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme --
»Bruder Georg!«

Monsieur Bertrand rührte sich nicht. Er hatte die Zähne aufeinander
gebissen und sah fest und ernst in die Züge des Grafen, aber es war
nur ein Moment, im nächsten warf er sich an seine Brust, und die beiden
Männer hielten sich stumm und schweigend Herz an Herz in eiserner
Umarmung fest umschlossen.

»Ich hatte keine Ahnung, dich hier in ***schen Diensten zu finden,«
flüsterte endlich Georg, als er sich langsam, die Augen von Tränen
gefüllt, wieder emporrichtete.

»Ich erkannte dich auf den ersten Blick, wie ich dich die Straße
niederreiten sah,« erwiderte der Rittmeister, »aber, Georg, um Gottes,
um unserer Ehre willen, welchen Lebensweg hast du gewählt? Was konnte
dich in _diese_ Bahn schleudern?«

»Wir sind allein?« sagte Georg, während er einen Blick nach der Türe
warf.

»Vollkommen und ungestört. Mein Bursche ist fort; außerdem weiß er, daß
er nicht horchen darf. Setze dich hierher zu mir.«

Georg zögerte einen Augenblick, dann legte er seinen Hut ab und ließ
sich still neben dem Bruder nieder, der seine Hand ergriff und bittend
sagte: »Jetzt sprich, Georg -- gestehe mir alles -- alles, was geschehen
ist, schütte dein ganzes Herz in meine Brust aus, und laß mich dann
Mittel und Wege finden, dir zu helfen, dich zu retten.«

»_Mich_ zu retten?« lächelte aber Georg bitter vor sich hin, »das ist
vorbei -- zu spät, und ich glaubte auch die Vergangenheit schon fest
und sicher abgebrochen, glaubte mit der Welt und meinem früheren Namen
abgeschlossen zu haben, als deine Karte gestern all' diese Hoffnungen
und Pläne mit einem Schlage über den Haufen warf.«

»Und so lange bist du schon nach Deutschland zurückgekehrt, ohne selbst
_mir_ ein Lebenszeichen zu geben!« sagte Wolf vorwurfsvoll.

»Ich wagte es nicht,« flüsterte Georg, finster das Antlitz zur Seite
wendend. »Ich vermied sogar, die heimischen Grenzen zu betreten, denn
ich fürchtete, erkannt zu werden, fürchtete mich selber zu verraten,
und -- mochte den Spott derer nicht ertragen, die ich früher -- als
meinesgleichen wußte.«

»Georg,« sagte der Bruder tief bewegt, »nicht um dir Vorwürfe über
Vergangenes zu machen, hab' ich dich aufgesucht, hab' ich dich gebeten,
zu mir zu kommen. Deine eigenen Worte jetzt gestehen mir alles, was
ich dir darüber zum Herzen reden könnte; denn du, der sich seinen
Lebensberuf darin gewählt hat, dem Tod in seiner häßlichsten Form
zu trotzen, schämst dich jetzt, denen unter die Augen zu treten, die
_früher_ deinesgleichen waren und aus deren Kreisen du fort -- _hinab_
gestiegen bist. Daß du das aber fühlst, bürgt mir auch für die Erfüllung
meiner Hoffnung, dich diesem Leben wieder zu entreißen.«

»Es ist zu spät,« sagte düster der Kunstreiter, »ich -- kann nicht mehr
zurück.«

»Der Mensch kann alles, was er ernstlich will, und deine _Seele_ hast
du nicht verpfändet,« entgegnete ernst der Graf, »ja, wenn du es
deinethalben selbst nicht tun wolltest, müßtest du es meinethalben --
müßtest du es der Mutter wegen tun.«

Georg barg das Antlitz in den Händen, und Wolf, seine Hand freundlich
auf des Bruders Schulter legend, fuhr leise fort: »Sieh, Georg, so
gut wie ich dich, selbst unter dem dichten Barte und dem Flittertande
erkannt, mit dem du dich umgeben, so gut kann einer deiner früheren
Kameraden dich ebenfalls erkennen, und daß es bis jetzt noch nicht
geschehen, begreife ich sogar nicht einmal. Das Tagesgespräch
beschäftigt sich sogar fast ausschließlich mit dir und -- deiner Frau,
und wunderliche Gerüchte über euch durchlaufen schon die Stadt, wenn sie
die rechte Fährte auch noch nicht gefunden haben.«

»Und gerade diese tollen Gerüchte sichern mir vielleicht meine
Verborgenheit.«

»Vielleicht -- aber auf wie lange? Und glaubst du nicht, daß du das Herz
der Mutter brechen würdest, wenn ihr die furchtbare Wahrheit je zu
Ohren käme? Sie hat dich als einen Toten beweint; o, laß sie nicht den
Lebenden noch mehr beklagen, als den Toten!«

Georg war aufgesprungen und mit unruhigen Schritten maß er das Zimmer
auf und ab, bis er endlich wieder neben dem ihm mit mitleidigen Blicken
folgenden Bruder Platz nahm und sagte: »Du weißt, Wolf, wie mein
ungezügeltes Leben in früheren Jahren langsam, aber sicher das Netz über
mich zusammenzog, in dem ich endlich unterging, -- dem ich erlag. Dem
Trunk gab ich mich hin, und _in_ dem Trunk dem Spiel, und _mit_ dem
Spiel verlor ich alles, was ich mein nannte -- verlor mich selbst. Ich
mußte flüchten, mein ganzes mir zukommendes Vermögen reichte nicht hin,
die hinterlassenen Schulden zu decken -- unterbrich mich nicht -- ich
weiß, daß du, Wolf, über deine Kräfte beigesprungen bist, wenigstens
die Ehre unseres Namens zu retten, wenn du mich auch nicht mehr retten
konntest. Da, als ich das hörte, erfaßte mich die Verzweiflung; ich floh
nach Frankreich, und mein böser Stern warf mich in die Arme einer dort
umherziehenden Kunstreitertruppe. Du weißt, daß ich von jeher ein guter,
vielleicht zu tollkühner Reiter gewesen; die kleinen Kunstgriffe jener
Truppe lernte ich deshalb bald und fühlte dadurch einen gewissen Stolz,
mein Leben, meine Existenz dem Schicksal selber abringen zu können. Der
Chef unserer Truppe war zugleich ein Seiltänzer, und wie mein in eine
falsche Bahn geworfener Stolz nicht ertragen konnte und wollte, daß
irgend jemand es mir in dem Berufe, den ich mir jetzt gewählt, zuvortun
sollte, warf ich mich mit tollem Eifer dieser neuen Kunst in die Arme.
Vollkommen schwindelfrei, denn der Leidenschaft des Trunkes, wie dem
Spiel hatte ich lange entsagt, machte ich rasend schnelle Fortschritte,
und mein wertloses Dasein doch nicht achtend und keck bei jeder
Gelegenheit in die Schanze schlagend, übertraf ich bald meinen Meister.«

»Und hast du nie dabei an _uns_ gedacht?«

»Ja,« flüsterte Georg, »nur zu oft; aber gerade der Gedanke an euch, der
mir beim Ritt die Kraft, beim Seiltanz Mut und Geistesgegenwart raubte,
wurde mein schlimmster Feind -- wenigstens hielt ich ihn dafür.«

»Es war dein guter Engel, der dich zurück in unsere Arme führen wollte.«

»Möglich,« sagte Georg, scheu den Kopf abgewandt, »aber -- ich hielt ihn
für meinen Teufel und suchte mich für immer von ihm zu befreien.«

»Aber das war nicht möglich.«

»Doch,« hauchte Georg, »der Menschengeist ist erfinderisch, und -- ich
fand ein Mittel. Ich lernte damals Georginen kennen, das schönste Weib,
das ich je gesehen, und -- heiratete sie.«

»Es geht hier ein Gerücht in der Stadt,« sagte der Graf, »daß Georgine
die Tochter eines französischen Edelmannes sei, die du aus einem Kloster
auf abenteuerliche Weise entführt haben solltest. Ist das begründet?«

»Eines französischen Edelmannes?« erwiderte mit finster
zusammengezogenen Brauen und bitterem Lächeln der Kunstreiter. »Du
hast ihren Vater gesehen -- er ist Hanswurst bei unserer Truppe, dem
niedrigsten Pöbel entsprungen, in dem er schwelgt.«

»Also doch!« seufzte Wolf aus tiefster Brust.

»Du siehst, daß es mir gelungen ist, mir den Rückweg für alle Zeiten
abzuschneiden,« fuhr sein Bruder fort. »Ich _wußte_, daß ich mit dieser
Heirat mich für immer von allem, was mich noch im alten Vaterlande
hielt, was mich dahin zurückzog, losriß, und einmal _den_ Schritt getan,
und ich war _frei_. Von dem Augenblicke an war ich Kunstreiter, war ich
Seiltänzer mit ganzer Seele. Toller und rücksichtsloser aber trieb ich
es als bisher; meine Keckheit wurde zum Sprichwort, die Leute kamen
meilenweit, meine halsbrechenden Künste zu sehen und anzustaunen, und --
der Ehrgeiz, der Stolz des Edelmannes versank in dem des Luftspringers.
-- Da hast du meine Geschichte, kurz und einfach bis zur heutigen
Stunde, und nun laß mich fort. Daß Du mich erkannt, ist mir ein Beweis
der Gefahr, der ich mich hier in Deutschland aussetze, wieder einmal
einem der früheren Kameraden zu begegnen. Der Gefahr will ich nicht
preisgegeben sein, und weniger meinet-, als eurethalben. Ich kehre
nach Frankreich zurück, um Deutschland nicht wieder zu betreten. --
Vielleicht gehe ich nach Amerika mit meiner Truppe, denn dort bin ich
ganz sicher. _Eine_ Frage nur beantworte mir noch, Wolf, und glaube mir,
daß dein Wiedersehen dabei, du treues Herz, den einzigen Lichtblick auf
meinen dunkeln Lebenspfad geworfen, an dem ich viele, viele Jahre zehren
werde -- wie geht es -- der Mutter?«

Er hatte sich abgewandt und die letzten Silben so leise gesprochen, daß
sie kaum zu dem Ohr des Bruders drangen.

»_Denkst_ du noch an unsere Mutter, Georg?« fragte Wolf, seine Hand
ergreifend und seinen ängstlichen Blick fest auf ihn geheftet.

»Glaubst du, daß ich sie je vergessen könnte?« erwiderte der
Unglückliche, »o, wenn ich sie noch einmal sehen, mein müdes Haupt noch
einmal an ihr treues Herz pressen könnte...«

»Armer, armer Georg!« seufzte Wolf, »und mit dem nagenden Wurm in der
Brust willst du wieder hinaus? -- Bleibe bei uns. _Noch_ ist es möglich,
daß du die Mutter wiedersiehst, ohne ihr das Herz zu brechen. Noch ist
es möglich, daß du dem Leben, der Gesellschaft zurückgegeben würdest --
aber du mußt _wollen_!«

Georg sah staunend zu ihm auf. »_Jetzt_ noch?« sagte er, »jetzt, nachdem
ich dir erzählt, daß der Hanswurst mein Schwiegervater, daß Georgine,
die Kunstreiterin, die nur im Zirkus lebt und atmet, mein Weib ist?«

»Selbst jetzt noch,« erwiderte fest der Bruder, »aber du mußt wollen;
du mußt das alte Leben mit Gewalt von dir abschütteln, mußt die deinen
zwingen, sich dem zu fügen, und glaube mir, nach einem einzigen Jahre
habe ich dich dem bürgerlichen Leben, habe ich dich uns, der Mutter
wiedergewonnen.«

»Aus dem Kunstreiter wolltest du wieder einen Grafen machen, Wolf?«
sagte Georg, traurig dazu mit dem Kopfe schüttelnd; »ins bürgerliche
Leben einzutreten, wäre möglich, was sollte mich daran hindern? denn ich
bin mir keiner schlechten, unehrenhaften Tat weiter bewußt, als der, die
ich im jugendlichen Leichtsinn verübt. Aber meinen früheren Rang habe
ich verscherzt, und selbst der Bürger, der vielleicht mit dem früheren
Monsieur Bertrand gern verkehren möchte, würde er sich nicht scheu
zurückziehen, wenn er den Hanswurst mit in den Kauf nehmen müßte? Nein,
Wolf, nein; es geht nun und nimmermehr. Mit nur zu sicherer Hand habe
ich mich selber ins Leben getroffen, und ich bin und bleibe für euch
verloren. Beantworte mir jetzt noch eine Frage, und dann laß mich
ziehen. Dir selber bleibe ich trotzdem ewig dankbar für die brüderlichen
Worte, die du zu mir gesprochen. Wie geht es unserer Mutter, und hat sie
aufgehört, den toten Georg zu beweinen?«

»Kräftig und wohl ist sie,« erwiderte Wolf, »und in den letzten Jahren
besonders hat sie sich wunderbar wieder erholt. Dein Verlust, Georg,
hatte sie schwer niedergebeugt, und als die wenn auch unbestimmte Kunde
deines Todes zu uns kam, da hat sie jahrelang nicht mehr gelacht,
und ging gebeugt, gebrochen still umher. Du warst von je ihr Liebling
gewesen, und dein Verlust hat sie bitter, bitter geschmerzt. Jetzt
scheint die Zeit jene Wunde in etwas vernarbt zu haben; sie ist wieder
heiter geworden, und nur die Tage, die dein Gedächtnis lebhafter als
andere wecken, wecken auch damit den Schmerz aufs neue.«

»Und wenn sie wüßte, daß ich lebte -- daß ich so lebte -- sie würde mir
fluchen und sterben.«

»Sie würde sterben, Georg,« sagte der Bruder tief bewegt, »aber nie dir
fluchen. Du weißt nicht, wie viel Liebe in einem Mutterherzen Raum hat
-- und wie wenig Haß. Aber denke, Georg, wie glücklich, wie unsagbar
glücklich du sie machen könntest, wenn du zurückkehrtest.«

»Aber wie kann ich, Wolf? -- wie kannst du, der so genau die Sphäre
kennt, in der ihr Leben, in der das deine liegt, nur an die Möglichkeit
eines solchen Rückschrittes glauben?«

»So höre,« sagte Wolf, »was ich mir ausgedacht. Ich habe gestern mit
deiner Frau, mit Georginen gesprochen, wenig nur, doch vielleicht genug,
mich einen Blick in ihren Charakter tun zu lassen, und muß dir gestehen,
daß der mir nicht geeignet schien, meine Pläne zu fördern. Dem festen
Willen des Mannes aber ist alles möglich, und die Frau soll und muß sich
fügen, besonders noch, wenn alles nur zu seinem, zu ihrem Heil selber
führt. Deshalb habe ich den Mut auch nicht verloren, und selbst dem
Vater kann Gelegenheit geboten werden, sein früheres Leben zu vergessen,
ungeschehen zu machen.«

Georg schüttelte seufzend mit dem Kopfe. Wolf aber, von der
Hoffnung hingerissen, den Bruder zu retten, fuhr fort: »Wie unsere
Vermögensverhältnisse stehen, weißt du so gut, wie ich es dir sagen
könnte. Sie sind, wenn auch nicht glänzend, doch vollständig unserer
Stellung im Leben genügend. Deine hinterlassenen Schulden erforderten
allerdings ein nicht unbedeutendes Kapital, und es verstand sich von
selbst, daß das geschafft werden mußte. In den letzten Jahren hat
sich aber der Wert des Grundeigentums durch zahllose industrielle
Unternehmungen bedeutend gesteigert, und die damals erlittenen
Verluste sind schon lange mehr als gedeckt. O, wärest du damals zu uns
zurückgekehrt, alles hätte noch gut und vergessen werden können! Doch
ich will dir keine Vorwürfe mehr machen, sondern zur Sache kommen, die
dich selbst _jetzt_ noch uns erhalten kann. Kunstreiter -- Seiltänzer
darfst du nicht bleiben, das siehst du ein; selbst ich müßte mich dann
von dir lossagen, und wenn mir das Herz auch blutete, aber ich habe eine
andere Bahn für dich. Als ich dich zuerst wiedersah, und rasch dabei die
Möglichkeit überdachte, einen andern Lebensweg für dich zu finden,
kamen mir fremde Kriegsdienste als das Natürlichste vor -- o, hättest du
selber diesen Weg schon früher gewählt! Jetzt, nachdem ich deine _Frau_
gesprochen, nachdem ich erfahren, daß du ein Kind -- eine Tochter hast,
fühle ich, daß das nicht mehr geschehen kann. Georginen kannst und
darfst du nicht _mit deiner Tochter_ allein zurücklassen; sie würden
ohne dich rettungslos zugrunde gehen, und dem zu begegnen, gibt es
noch ein anderes Mittel. Wir haben schon vor längeren Jahren das Gut
Schildheim im Mecklenburgischen, das du ja selber kennst und welches
früher einer alten Großtante gehörte, geerbt. Es ist jetzt der Mutter
Eigentum, ich aber habe die Administration darüber und bis jetzt
einen Pachter darauf gehabt. Dieser tritt nun in nächster Zeit die
Hinterlassenschaft seines gerade verstorbenen Vaters an und übernimmt
damit dessen in Preußen gelegenes Besitztum. Dort nun, in Schildheim,
rückst du indessen vorläufig ein.«

»Als Pachter? ich verstehe nichts von der Oekonomie,« sagte Georg
finster.

»Es ist das keine so schwierige Kunst zu erlernen,« erwiderte aber der
Bruder, »und du behältst den Verwalter, der bis jetzt auf dem Gute war,
bei dir. Da er sich mit dem vorigen Pachter nicht gut vertragen konnte,
wird er nicht mit ihm gehen und hat mich schon gebeten, bei dem nächsten
ein gut Wort für ihn einzulegen, daß er bleiben könne. Es ist ein schon
bejahrter, aber sehr tüchtiger, nur etwas eigener, pedantischer Mann,
dessen Kenntnisse du benutzen, dich auch sicher bald mit ihm befreunden
und von ihm lernen wirst. Fühlst du dann, daß dich das Leben freut,
fühlst du, daß du bei uns dich heimisch machen kannst, dann, Georg,
darfst du getrosten Mutes der Mutter wieder ins Auge schauen, dann
finden sich auch Mittel und Wege, dir wieder, wenn auch nicht gleich in
deiner früheren Heimat selber, eine selbständige, unabhängige Stellung
zu gründen, dann bist du wieder der Unsere, Bruder Georg, und gibst
dafür mehr, als wir dir je im Leben bieten können, du gibst unserer
Mutter mit dem Sohne ihr Glück, ihren Frieden wieder.«

»Wolf, mein treuer, wackerer Wolf,« rief Georg, indem er mit tränenden
Augen gerührt des Bruders Hand ergriff, »habe ich das um dich -- um euch
alle auch verdient?«

»Und du willigst ein?« rief Wolf rasch und erfreut.

»Für mich von Herzen gern,« sagte Georg, in die dargebotene Hand des
Bruders schlagend, »Gott mag dir die brüderliche Liebe lohnen, ich
selber kann es nie, aber -- Georgine! Wird sie sich an das stille
Leben gewöhnen, wird sie sich heimisch fühlen können auf dem einsamen
Landsitz, fern von dem Geräusche der Stadt, das ihr noch nicht einmal
genügt, nach dem aufregenden Leben ihres bisherigen Berufes? Ich
fürchte, Wolf, daß mir da schwere Kämpfe bevorstehen.«

»Du glaubst, daß sie dich liebt?«

»Sie liebt mich als den besten und kühnsten Reiter, den sie kennt.«

»Und ihr Kind?«

»Ihr liebster Gedanke war von je -- eine zweite Georgine aus ihr zu
ziehen. Was ihren Vater anlangt, so glaube ich, daß dieser einem solchen
neuen Leben weniger Schwierigkeiten in den Weg legen würde. Er ist in
den letzten Jahren recht alt und entsetzlich mürrisch geworden, scheint
auch an dem wüsten Treiben und der Schattenseite unseres Berufes, dem
Hanswurst, dem wir des Publikums wegen aber doch nicht entsagen können,
kein besonderes Vergnügen mehr zu finden. Wenn er nur imstande sein
wird, sich an eine geregelte Tätigkeit zu gewöhnen!«

»Er wird es gewiß, wenn er nur sieht, daß eure Zukunft sich dadurch auch
sichert. Was um Gottes willen würde aus euch, wenn ein unglücklicher
Sturz den einen oder den andern zum Krüppel machte? und seid ihr diesem
Schicksal nicht jede Stunde ausgesetzt?«

»Denkt der Soldat an Wunden oder Tod, wenn er dem Feinde
gegenübersteht?«

»Aber der Soldat hat noch ein höheres Ziel als seinen Sold -- er hat die
Ehre, für die er kämpft, sein Vaterland, das er verteidigt.«

»O, wäre ich Soldat geworden!« seufzte Georg.

»Das ist zu spät,« erwiderte Wolf, »aber auch im bürgerlichen Leben
kannst du noch deinen Platz ehrenhaft ausfüllen, kannst dich zu dem
Range wieder hinaufarbeiten, der dir nach Geburt und Recht gehört; und
ist das nicht ein ein schönes Ziel, dem entgegen zu streben? Denk' an
unsere Mutter dabei -- denke, wie unsagbar glücklich sie sich fühlen
würde, wenn ich imstande wäre, den verloren geglaubten Sohn wieder
in ihre Arme zu führen! Du bist ohne den Segen der Mutter vom Hause
geschieden, kannst du ein schöneres Ziel vor Augen haben, als einen
solchen dir zu verdienen?«

Georg warf sich an des Bruders Brust, und lange hielten sich die beiden
fest und schweigend umschlungen. Endlich richtete sich Georg empor und
sagte leise: »Aber wie entgehe ich den übernommenen Verpflichtungen?
Wie trenne ich mich von der Gesellschaft, selbst angenommen, daß sich
Georgine willig jeder meiner Anordnungen fügen würde?«

»Auf wie lange Zeit hast du deine Leute noch engagiert?« fragte Wolf.

»Der Kontrakt der meisten läuft allerdings mit dieser Messe ab. Nur
einigen bin ich länger verbunden, aber auch mit denen ließe sich wohl
ein Abkommen treffen. -- Und meine Pferde?«

»Verkaufst du hier. Du findest kaum einen besseren Markt dafür. Möglich
sogar, daß deine Leute dir einen Teil derselben abkaufen, um ihre
Laufbahn damit fortzusetzen.«

»Dazu fehlt es ihnen an Geld,« sagte Georg. »Es ist ein wildes,
abenteuerliches Leben, das wir führen, und bares Geld hält sich nicht
dabei. Pferde und Garderobe sind auch das einzige, was ich besitze, doch
steckt darin ein nicht unbedeutendes Kapital, das schon imstande wäre,
mich eine Weile über Wasser zu halten. Sauer genug ist es außerdem
verdient.«

»Das Kapital wird dir dann wesentlich den Anfang erleichtern,« sagte
Wolf. »Richte dich aber auch ein, daß du jedenfalls imstande bist,
gleich _nach_ der Messe, also in acht Tagen etwa, deine Maßregeln zu
treffen, dich von deiner bisherigen Gesellschaft loszusagen und den
Umzug anzutreten. Und noch eins -- deine Frau darf nicht wissen, welcher
Rang und welcher Titel dir zusteht!«

»Du fürchtest, daß sie nicht schweigen kann?«

»Das fürchte ich nicht; ich glaube, sie kann ganz gut schweigen, wo es
ihren Zwecken entspricht, aber -- ich fürchte ihren _Stolz_. Sie
würde dich vielleicht quälen, deinen rechten Namen vor der Zeit wieder
anzunehmen, und dir wenigstens, wenn nichts weiter, doch unnötigen
Kummer, nutzlose Sorge bereiten.«

»Aber welchen anderen Grund kann ich ihr nennen, dem sie auch nur im
entferntesten Glauben schenken würde? -- Ja, sollte sie sich weigern,
mir zu folgen, so gäbe sie mir das Kind auf keinen Fall, und von
Josefinen mich zu trennen, wäre ich nicht imstande.«

»Das brauchtest du auch nicht, selbst das Schlimmste angenommen!« rief
sein Bruder. »Die Gesetze schützen dich darin, denn das Kind gehört vom
sechsten oder siebenten Jahre an dem _Vater_, wenn sich beide Gatten
trennen sollten.«

»Und wenn sie mir dann gezwungen folgt, so wird sie sich unglücklich und
elend fühlen.«

»Die erste Zeit vielleicht, doch dürfte sie sich bald in das neue Leben
schicken. Sie wird und muß einsehen lernen, daß des Weibes Beruf nicht
der Oeffentlichkeit, wenigstens nicht in solcher Weise, angehört. Sie
wird dabei ihre Tochter zu einer ehrenvollen, gesicherten Zukunft
heranwachsen sehen und in dem Bewußtsein volle Entschädigung für die
aufgegebenen so unweiblichen Triumphe finden. Sie _muß_ sich dann auch
glücklich fühlen, oder sie wäre nimmer deiner Achtung, -- deiner Liebe
wert.«

»Ich will es versuchen,« sagte Georg, dem Bruder noch einmal die Hand
reichend und fest und herzlich schüttelnd, »hier hast du Handschlag
und Wort, und was in eines Menschen Kräften steht, dem einmal über ihn
hereingebrochenen Schicksal Trotz zu bieten, soll geschehen. Bist du
damit zufrieden?«

»Ich bin's, Georg, und stärke dich Gott auf deiner neuen Bahn, der
dich so sicher schützen wird, wie ich dir treu zur Seite stehen werde.
Beginne denn mit gutem, frischem Mut und wirf dieses Leben, das deiner
unwert ist, von dir, wie ein altes, abgetragenes Kleid.«

»Aber diese Woche kann ich mich ihm noch nicht entziehen. Ich _muß_ ihm
wie bisher folgen, wenn ich nicht gerade dort, wo ich es am wenigsten
möchte, Verdacht erwecken will. Ich hoffe jetzt nur, daß mir der Fürst
meine Bitte abschlägt, den Seiltanz zwischen den Türmen zu wagen.«

»Hoffe das nicht,« sagte der Graf, »ich war gestern zugegen, wie er
dir günstigen Bescheid erteilte, und konnte es nicht hindern. Aber
eine Ausrede findest du leicht, ein verstauchter Fuß, ein plötzliches
Unwohlsein selber kann dich leicht verhindern, von der erhaltenen
Erlaubnis Gebrauch zu machen. Laß selbst die Vorbereitungen dazu
treffen, wenn du willst, nur wage dein Leben nicht weiter in solch
nutzloser, frevelhafter -- ja, du darfst mir den Ausdruck nicht
übelnehmen -- entehrender Kunst.«

»Ich will versuchen, ob es möglich ist,« sagte Georg. »Aber ich sehe
auch ein, daß du recht hast: Georgine darf vorderhand noch nichts weiter
erfahren; ich selber muß dagegen alles vermeiden, ihren Verdacht zu
erwecken. Sie ist einmal mein Weib, die Mutter meines Kindes, und ich
bin mit ihr für dieses Leben verbunden. Sie einen höheren Lebenszweck
kennen zu lehren, sei fortan mein Ziel, und mein Kind mag dir später
danken, was du an ihm -- an uns getan.«

»Georg!«

»Genug, jetzt laß mich fort; ich höre, wie draußen deine Türe geöffnet
wird.«

»Mein Bursche kommt zurück. Ich habe ihm verschiedene Aufträge erteilt,
um ihn für diese Zeit entfernt zu halten.«

»Und wo sehe ich dich wieder?«

»Hier, jeden Morgen bin ich bis zehn Uhr zu Hause. Willst du mich früher
treffen, so laß mich durch ein paar Zeilen wissen, wo wir uns ungestört
begegnen können.«

»Leb wohl!«

»Leb wohl, Georg, und Gott stärke dich in deinem neuen Leben.«



6.


Eine volle Woche war nach der gepflogenen Unterredung der beiden Brüder
verflossen, und der Rittmeister hatte in der ganzen Zeit nichts weiter
von Georg gehört. Nur die Stadt beschäftigte sich indessen mehr und mehr
mit dem beabsichtigten Seiltanz zwischen den beiden Türmen, je mehr
das Ende der Messe heranrückte; wußte man doch, daß die Erlaubnis dazu
erteilt worden, und trotzdem spannte sich kein Seil auf jener Höhe, und
nichts verriet, daß es überhaupt noch beabsichtigt werde. War es nur
Prahlerei von dem Kunstreiter gewesen, das Publikum neugierig zu machen?
Graf Geyerstein kannte den Grund und dankte Gott in seinem Herzen dafür;
aber trotzdem beunruhigte ihn dieses Schweigen, und er hatte schon
beschlossen, den Bruder heute in seiner eigenen Wohnung aufzusuchen, als
sein Bursche ihm meldete, ein junger Herr sei draußen und wünsche ihn
zu sprechen. Zugleich überreichte er dem Rittmeister die nämliche, mit
seiner Adresse beschriebene Karte, die er damals in der Wohnung Monsieur
Bertrands hinterlassen hatte.

»Ein _junger_ Herr?« fragte der Rittmeister erstaunt, die Karte neben
sich auf den Tisch werfend.

»Blutjung,« bestätigte Karl, »sieht auch ein wenig lustig aus, als ob er
mit zu der -- Sie wissen schon -- zu der Reiterbande gehörte.«

»Es ist gut -- laß ihn eintreten. Du störst uns indessen nicht, hörst
du?«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister,« erwiderte mit militärischem Takt der
Bursche und verschwand aus der Türe, um im nächsten Augenblick den
angekündigten Besuch hereinzulassen.

Graf von Geyerstein sah einen jungen, sehr elegant gekleideten Mann
zu sich eintreten, mit vollen, schwarzen Locken und kleinem, leicht
aufgedrehtem Schnurrbart, der erst jetzt, bereits in der Tür, seinen
schwarzen, breiträndigen Filzhut abnahm. Das Gesicht desselben kam ihm
allerdings bekannt vor, er konnte sich aber doch nicht entsinnen, wo er
ihm schon begegnet wäre, und der Fremde machte dabei eine mehr formelle
und tiefe Verbeugung, bis Karl die Türe wieder hinter sich ins Schloß
gedrückt hatte.

»Was steht zu Ihren Diensten?« fragte der Rittmeister gespannt.

»Herr Graf,« erwiderte der Fremde, indem er einen Blick zurück nach der
Türe warf, »ich schätze mich unendlich glücklich, daß Sie mir vergönnt
haben -- wir sind doch einen Augenblick ungestört?«

»Und zu welchem Zwecke, wenn ich fragen darf?«

»Sie kennen mich nicht mehr?« lachte der Fremde, und die Stimme klang
dem Rittmeister jetzt ganz anders -- viel weicher als vorher.

»Ich muß in der Tat gestehen...« sagte dieser.

»Also ist die Verkleidung gelungen?« lachte plötzlich der junge Mann,
und mit einem Griff nach dem Munde stand er _ohne_ Schnurrbart vor dem
dadurch allerdings überraschten Grafen.

»Madame Bertrand!« rief dieser aber auch im nächsten Augenblicke
erstaunt aus.

»Bst -- nicht so laut!« warnte die mutwillige junge Frau, indem sie dem
Grafen lachend mit dem Finger drohte. »Ihr Bursche braucht gerade nicht
mit in das Geheimnis gezogen zu werden.«

»Aber was, um Gotteswillen, hat Sie bewegen können...«

»In Verkleidung zu Ihnen zu kommen?« unterbrach ihn die Schöne. --
»In anderer Weise konnte ich Ihnen keinen Gegenbesuch abstatten, ohne
sämtlichen Kaffeegesellschaften der Residenz auf wenigstens drei Wochen
Stoff zur Unterhaltung zu liefern. Die Verkleidung schlägt aber in
meinen Beruf, und daß ich geschickt darin bin, hab' ich Ihnen, glaub'
ich, bewiesen. Doch Scherz beiseite,« setzte sie plötzlich, ernster
werdend, hinzu, »ich _mußte_ Sie sprechen, und da Sie _uns_ nicht mehr
mit Ihrem Besuche beehrten, so blieb mir keine andere Wahl, als _Sie_
aufzusuchen. Das Resultat sehen Sie vor sich.«

»Und haben Sie nicht bedacht, welchen Mißdeutungen Sie sich durch einen
solchen Schritt aussetzen?« sagte der Graf ernst.

Die junge, schöne Frau warf den Kopf mit einem halb spöttischen, halb
verdrießlichen Lächeln zur Seite.

»Von dem Rittmeister eines Kürassierregiments hatte ich allerdings
einen anderen Empfang erwartet,« lächelte sie dabei, »als eine ernste
Strafpredigt und Ermahnung. Doch wie dem auch sei, mein Herr Graf,
ich bin einmal da, und Sie werden mich hoffentlich nicht wieder
fortschicken, ohne mich wenigstens zu hören.«

Graf von Geyerstein war in peinlicher Verlegenheit, aber allerdings
blieb ihm hier keine andere Wahl, als die Dame eben gewähren zu lassen,
und er bat sie artig, dann wenigstens auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er
selber rückte sich einen Stuhl zum Tisch und wollte sich eben darauf
niederlassen, als Madame Bertrand lachend sagte: »Selbst das kann ich
Ihnen nicht gestatten, -- Sie müssen sich zu mir auf das Sofa setzen,
denn _was_ ich Ihnen zu sagen habe, möchte ich eben nicht laut schreien.
Fürchten Sie sich vor mir?«

Ihr dunkles Auge brannte ihm dabei entgegen, und der Graf sagte artig:
»Ich unterschätze wenigstens die Gefahr nicht -- aber wie Sie
wollen. Und welcher Ursache verdanke ich jetzt die Ehre dieses so --
unverhofften Besuches?«

»Ich danke Ihnen, daß Sie kein härteres Wort dafür gebrauchten,« sagte
die schöne Frau, »aber ein eigentümlicher Grund ist es in der Tat, der
mich zu Ihnen führt, und zwar kein geringerer als -- mein Mann.«

»Monsieur Bertrand?«

»Derselbe. Seit dem Besuch bei Ihnen, Herr Graf, kenne ich ihn nicht
mehr. Er ist vollständig ein anderer Mensch geworden: trüb, ineinander
gebrochen, zurückhaltend, scheu und -- das Schlimmste für ihn und uns
alle -- verzagt. Die Zeit über habe ich es auch ertragen und geglaubt,
er selber würde es mir endlich gestehen, was ihn drückt, denn drücken
_muß_ ihn etwas -- etwas _muß_ ihm auf der Seele liegen, das den sonst
so kräftigen, elastischen Geist mit eiserner Schwere darniederhält; aber
er bleibt stumm, und ich bin fest überzeugt, niemand kann mir darüber
Auskunft geben als Sie.«

»Aber welchen Einfluß könnte _ich_ auf ihn ausgeübt haben?« sagte der
Graf, der nichts weniger wünschte, als mit des Bruders Gattin in diesem
Augenblicke den Seelenzustand desselben zu besprechen.

»Das ist auch mir rätselhaft,« erwiderte die Frau, indem sie ihm fest
und forschend ins Auge sah, »denn ich hatte bis jetzt nicht geglaubt,
daß irgend ein Mensch imstande sei, den tollkühnen, vor nichts
zurückschreckenden Bertrand zu zähmen. Aber zahm ist er geworden, seit
er Sie gesprochen.«

»Wir haben uns allerdings nur über sehr zahme und alltägliche Sachen
unterhalten,« lächelte der Rittmeister. »Ist aber wirklich eine
Verwandlung in seinem Charakter, sich einer ruhigen Richtung zuzuwenden
eingetreten, so mag er die vielleicht schon früher gefaßt haben; warum
soll ich die Schuld deshalb tragen? -- wäre überdies eine Schuld dabei?
Sie selber haben doch gewiß auch schon manchmal an die Zukunft für sich,
für Ihre Tochter gedacht, und können doch nur wünschen, diese gesichert
zu sehen.«

»Allerdings habe ich das!« rief Georgine, und ihre ganze Gestalt hob
sich dabei, ihr Auge blitzte. »Josefine soll und muß die gefeiertste
Reiterin Europas werden.«

»Und Sie selber? -- wenn Sie einmal altern?«

»_Die_ Zeit liegt noch fern,« sagte die junge schöne Frau, indem ein
leichtes trotziges Lächeln ihre Lippen umspielte, »und an eine Zukunft
für mich habe ich noch nie gedacht.«

»Und könnten Sie sich nicht glücklich fühlen, wenn Sie Ihren Gatten in
einem ruhigen Leben glücklich wüßten?« fragte Graf Geyerstein, mit weit
mehr Herzlichkeit im Ton, als er bisher gezeigt.

Georgine lachte laut auf. -- »Der moralische Ton steht Ihnen prächtig,«
rief sie dabei. »Wenn Sie sich nur selber sehen könnten, Herr
Rittmeister -- aber« unterbrach sie sich plötzlich und fuhr fast
erschreckt empor, »liegt Ihren Worten etwa ein tieferer Sinn zugrunde?
-- Wenn ich mir alles zusammenreime, was Georg in den letzten Tagen
gesprochen, auf was er hingedeutet hat -- auch seinen unterlassenen
Seiltanz, zu dem er schon am Montag die Erlaubnis bekam...«

»Ich freue mich recht von Herzen, daß er ihn unterlassen hat,« sagte der
Rittmeister ruhig, »diese halsbrechenden Künste sind so undankbar für
den Exekutierenden, wie peinlich für die Zuschauer, und Sie selber
sollten froh sein, Ihren Gatten von einer Gefahr abstehen zu sehen, der
er doch einmal über kurz oder lang erliegen könnte.«

»Gefahr!« rief das schöne Weib verächtlich, »wär' ich noch Georgine
Bertrand, wenn ich vor einer Gefahr zurückschrecken wollte? und glauben
Sie, daß Georg etwas fürchtet auf der Welt! Nein, das ist es nicht;
eine andere Ursache liegt seinem jetzigen Benehmen zugrunde, und nur bei
Ihnen, Herr Graf, kann ich die Lösung finden.«

»Und wenn Sie sich dennoch darin irren sollten?«

»Sie haben mir von einer Aehnlichkeit gesagt, die Sie zuerst zu uns
geführt!« flüsterte da Georgine, und ihre Augen bohrten sich in die
Augen des Grafen, welcher fühlte, wie ihm das verräterische Blut in die
Schläfe stieg, aber seine Züge blieben kalt und fest, und er erwiderte
ruhig: »Allerdings, Madame, die Aehnlichkeit mit einem Jugendfreunde,
nicht allein im Antlitz, nein, auch selber im Namen; es war aber ein
Irrtum. Schon als ich Herrn Bertrand ganz in der Nähe sah, fand ich
das.«

»Sie täuschen mich nicht, Herr Graf!« rief Georgine, seinen Arm
ergreifend. »Georg ist ein anderer, als er sich mir gegeben, und die
Wahrheit soll jetzt selbst seinem Weibe Geheimnis bleiben.«

»Wenn Herr Bertrand ein Geheimnis vor Ihnen hat, Madame,« sagte der
Rittmeister artig, aber ernst, »so ist es nicht meine Sache, das zu
lüften, selbst wenn ich darum wüßte.«

»So geben Sie mir Ihr Wort als Kavalier --«

»Halt, Madame,« unterbrach der Graf sie kalt, »Sie gehen zu weit. Ich
habe Herrn Bertrand allerdings an jenem Morgen gesehen, aber seit der
Zeit nicht wieder, weiß deshalb auch nicht, was seine Pläne sind. Was
wir damals miteinander gesprochen, deutete wohl darauf hin, daß er
dieses wilden, wüsten Lebens überdrüssig sei; wenn dem aber wirklich so
wäre, würde ich nur mit Freuden die Hand dazu bieten, ihm einen solchen
Plan ausführen zu helfen.«

»Sie?« rief Georgine erstaunt, »und welches Interesse könnten Sie, Graf
von Geyerstein, an dem Kunstreiter nehmen, wenn nicht ein besonderer
Beweggrund Sie dabei leitete? Sie verschweigen mir, was ich als Georgs
Weib erfahren müßte, was ich erfahren will, und gönnen Sie mir nicht
gutwillig oder erzwungen Ihr Vertrauen, so seien Sie fest versichert,
daß ich Ihre Pläne kreuze.«

»Madame Bertrand --«

»Das ist mein offenes Wort,« rief die Frau, »und Krieg oder Friede liegt
jetzt in Ihrer Hand.«

Der Graf schüttelte ernst mit dem Kopfe. »Sie irren sich, schöne Frau,«
sagte er, »und würden selbst in dem Falle, daß Sie recht hätten, einen
schweren, nie wieder gut zu machenden Fehler begehen.«

»Wie so, ich?«

»Daß Sie einen Fremden zum Mittelsmann Ihres häuslichen Friedens machen
wollen.«

»Häuslichen Friedens?« rief aber die kecke Reiterin mit spöttischem
Lachen, »denken Sie sich unser Leben nicht so idyllisch, Herr
Rittmeister. Nicht für die Häuslichkeit sind wir bestimmt oder darauf
angewiesen, und die Gesetze, die bei anderen Frauen vielleicht gelten
mögen, halten deshalb auch bei mir nicht Stich. Mein Mann und ich
haben uns überdies schon lange darüber verständigt, jedes von uns seine
eigene, für sich abgeschlossene Bahn zu gehen. Vereinigen sich diese von
selber, desto besser; tun sie es nicht, so ist jedes selbständig genug,
die eigene zu verfolgen.«

»Und Ihr Kind?«

»Josefine? die allerdings folgt der meinen, wenn ihr Vater derselben
abtrünnig werden sollte,« rief Georgine, und der forschende Blick, mit
dem sie bei diesen Worten den Grafen betrachtete, sagte diesem, daß sie
den Eindruck beobachten wollte, den sie machten. Graf von Geyerstein
verriet aber durch keinen Zug, welchen Anteil er an dem eben Gehörten
nahm. Wohl schien es, als ob er etwas darauf erwidern wollte; er
überlegte sich aber bald, daß ein Drängen von seiner Seite die Frau
nur noch mißtrauischer, ja auch neugieriger machen müßte, und kurz
abbrechend sagte er nur: »Es ist das ein unerquickliches Gespräch für
uns beide, Madame, und kann zu keinem Resultat führen. Ich stehe Ihren
Familienangelegenheiten auch zu fern, um eine Einmischung in solche
zu beanspruchen, selbst wenn sie von dem einen oder dem anderen Teile
angenommen werden sollte. Machen Sie das, falls er nicht Ihrer Meinung
sein sollte, mit Ihrem Gatten ab. Kann ich Ihnen in irgend sonst etwas
dienen, so verfügen Sie frei über mich.«

»Sie sind sehr gnädig, Herr Graf,« lachte die junge Frau, »aber so bald
und so leichten Kaufes werden Sie mich noch nicht los.«

»Ich habe mich selber erboten...«

»Ich weiß es schon und bin Ihnen sehr dankbar dafür -- in allem mir
gefällig zu sein -- nur in dem nicht, was mich hierher geführt.«

»Und das ist?«

»Zu erfahren, in welcher Beziehung Sie zu meinem Gatten stehen, --
den Beweggrund kennen zu lernen, der Sie leiten konnte, sich für den
Kunstreiter zu interessieren und auf ihn einzuwirken.«

Wolf war aufgestanden und trat zum Fenster; er kämpfte augenscheinlich
mit einem Entschluß, und Georgine fühlte es, denn sie unterbrach ihn
nicht. »Madame,« sagte er endlich, zu Georginen zurückkehrend, »ich sehe
eigentlich keinen Grund, Ihnen, da Sie auf diese Weise in mich dringen,
länger zu verheimlichen, daß ich mich allerdings in der Aehnlichkeit mit
Ihrem Gatten _nicht_ getäuscht. Ich habe in ihm einen meiner früheren
Jugendgespielen erkannt, aber das Geheimnis ist nicht mein eigenes, es
gehört seiner Familie, und der gegenüber stehe ich nur als Mittelsmann
zwischen ihr und Herrn Bertrand.«

»Also doch ein Geheimnis,« lachte Georgine bitter vor sich hin, »ein
Geheimnis, Frau und Kind um ihre Existenz zu betrügen.«

»Nennen Sie das um Ihre Existenz betrügen, Madame, wenn man Ihnen
die Aussicht gibt, sich eine unabhängige und ehrenvolle Stellung im
bürgerlichen Leben zu sichern?« sagte der Graf.

»Und ist unsere Stellung nicht unabhängig -- nicht ehrenvoll?« rief
Georgine gereizt.

»Lassen Sie uns abbrechen?« bat Wolf von Geyerstein, dem das Gespräch
schon lange peinlich war. »Das ist eine Sache, die Sie mit Ihrem Gatten
weit besser beraten können als mit mir, die Sie nur allein mit ihm
beraten müssen. Wenn ich Ihnen die Versicherung gäbe, daß ich selber den
wärmsten Anteil an Ihrem Schicksale nehme, glaubten Sie mir vielleicht
das nicht einmal.«

»Nein,« sagte Georgine finster, »nicht eher, als bis Sie mir auch den
_wahren_ Grund dafür sagen würden. Glauben Sie mir, Herr Graf, daß _wir_
da nur zu bittere Erfahrungen mit solcher Teilnahme machen. Aber ich
fühle, daß Ihnen unsere Unterredung nicht länger angenehm ist.«

»Madame Bertrand.«

»Bitte, -- keine Komplimente zwischen uns. Ich bin wahr und offen gegen
Sie gewesen -- ohne dasselbe bei Ihnen erzielt zu haben. Ich will nicht
zudringlich sein. -- Entschuldigen Sie, daß ich Sie gestört habe.«

Sie war aufgestanden und wandte sich zur Tür, als sich diese in dem
nämlichen Augenblick öffnete und ein fremder Bedienter in grauer Livree
den Kopf hereinsteckte.

»Was wollen Sie, und wer hat Ihnen erlaubt, hier einzutreten?« rief ihm
der Graf finster entgegen.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung, Herr Rittmeister,« sagte der
Bursche, den Blick dabei aber auf den Fremden geheftet, »ich habe
zweimal geklopft und konnte Ihren Karl nirgends draußen finden.«

»Warten Sie dann draußen, bis er kommt oder bis ich Zeit habe,« lautete
die eben nicht freundliche Antwort, und der Bursche verschwand mit einer
tiefen Verbeugung, wie er gekommen.

Der Rittmeister hielt den Blick auf die Tür geheftet, aber er hörte
keinen Schritt. Der Bediente stand jedenfalls noch vor der Türe
und horchte. Madame Bertrand hatte aber indessen wieder mit großer
Geschicklichkeit, den benachbarten Spiegel benutzend, den kleinen
Schnurrbart befestigt. Dann sich gegen den jungen Mann tief verneigend,
aber doch wieder mit dem vorigen Spott auf den Lippen, sagte sie laut,
indes mit weit tieferer, als ihrer natürlichen Stimme: »Herr Graf von
Geyerstein, ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen.«

»Bleiben Sie noch,« bat der Graf sie leise, »lassen Sie mich erst
den Horcher entfernen.« Dabei öffnete er rasch die Türe -- der fremde
Bediente stand aber nicht, wie er erwartet hatte, davor, sondern war
verschwunden, und nur die draußen angelehnte und nicht wieder ins Schloß
gedrückte Vorsaaltüre zeigte, daß er sich entfernt hatte.

»Die Bahn ist frei,« sagte Georgine mit ihrer natürlichen Stimme. Sich
leicht gegen den Grafen verneigend, verließ sie rasch und jede weitere
Begleitung zurückweisend, das Zimmer, und gleich darauf das Haus,
warf sich in eine Droschke und fuhr ihrer eigenen Wohnung zu. Graf von
Geyerstein aber schritt mit untergeschlagenen Armen und gesenktem Haupte
rasch in seinem Zimmer auf und ab, ungeduldig dann und wann nach der
Türe horchend, bis draußen die Vorsaaltüre aufs neue geöffnet wurde und
Karl gleich darauf im Zimmer seines Herrn erschien.

»Herr Rittmeister,« berichtete er hier in militärischer, das heißt
sehr steifer Haltung, »ein Bedienter Seiner Exzellenz des Herrn
Kriegsministers von Ralphen wünscht...«

»Wo bist du die Zeit über gewesen?« unterbrach ihn sein Herr.

»Im Stalle unten, zu Befehl, Herr Rittmeister.«

»Laß den Burschen hereinkommen.«

Karl machte rechtsum kehrt, und gleich darauf erschien die graue Livree
wieder auf der Schwelle.

»Herr Graf,« sagte der Diener mit einer tiefen Verbeugung, »Se.
Exzellenz lassen mit besten Empfehlungen morgen abend um acht Uhr um die
Ehre bitten.«

Der Rittmeister antwortete ihm nicht; er sah den Burschen, dessen
Erröten ihm nicht entgehen konnte, forschend an und dann wieder
schweigend vor sich nieder. Endlich sagte er kalt: »Es ist gut --
meine Empfehlung an Seine Exzellenz; ich werde zur bestimmten Zeit
erscheinen.«

»Wer war denn der junge Herr, der vorhin bei deinem Herrn Besuch gemacht
hat?« sagte der mit der grauen Livree, als er neben Karl über den
Vorsaal der Treppe zuschritt.

»Weiß ich nicht,« antwortete, ziemlich kurz angebunden, Karl, »geht mich
auch nichts an.«

»Der kommt wohl oft hierher?« fragte der Graue, dadurch nicht im
mindesten eingeschüchtert.

»Das weiß ich auch nicht und geht _dich_ wieder nichts an,« meinte aber
Karl, »guten Morgen!« und öffnete dem Grauen die Tür.

»Grobian!« murmelte dieser, als er langsam die Treppe hinunterstieg, um
die übrigen Einladungen auszuführen.



7.


Die Salons Seiner Exzellenz des Kriegsministers von Ralphen waren
festlich erleuchtet, und eine kleine, aber ausgewählte Gesellschaft
wurde erwartet. Es war dreiviertel auf Acht, und die Wirtin revidierte,
schon in voller Toilette, noch einmal selber die befohlenen Anordnungen,
während geschäftige Diener hin und wieder flogen, neu bestimmte
auszuführen. Auf den beiden Spieltischen hatte man noch die Whistmarken
vergessen, und der eine Bediente war hinauf zu Seiner Exzellenz gesandt
worden, sie von dessen Kammerdiener herbeizuschaffen. Aber er hielt sich
länger unterwegs auf, als eigentlich nötig gewesen wäre, denn er traf
auf der Treppe Annette, Komtesse Melanies Zofe -- allerdings in eben
solcher Eile wie er selber.

»Lassen Sie mich los, Herr Franz,« sagte das junge Mädchen, indem
sie einen, wenn auch schwachen Versuch machte, die Hände des galanten
Lakaien von ihrer Taille zu entfernen, »das gnädige Fräulein wartet auf
mich, und wenn ich so lange ausbleibe...«

»Nur einen einzigen Kuß, teuerste Annette!« bat Herr Franz in
jugendlicher Kühnheit, und, vom Augenblick außerdem gedrängt, gleich zur
Sache kommend.

»Sie sind nicht gescheit,« sagte Annette erzürnt, »und hier, auf der
Treppe!«

»Nur einen einzigen!«

»Lassen Sie mich los -- ich will nicht -- wahrhaftig, ich schreie!«

»Und wenn ich nun eine höchst merkwürdige und interessante Neuigkeit für
Sie hätte?« sagte Herr Franz, in dem Gefühl, daß ein Dienst des anderen
wert sei, ohne jedoch ihrer Drohung nachzugeben.

»Ja -- _Ihre_ Neuigkeiten kenn' ich!« rief die Schöne, »sie hat
wahrscheinlich schon in der Zeitung gestanden -- lassen Sie mich los!«

»Selbst erlebt -- gestern morgen -- bei Graf Geyerstein,« beharrte Herr
Franz. »Wenn sie nicht _zehn_ Küsse wert ist, sollen Sie mich nie wieder
ansehen.«

»Und die wäre?« fragte neugierig gemacht, die Kammerzofe, »hat er seinen
Karl fortgeschickt? Mein Himmel, da klingelt die Komtesse schon --
lassen Sie mich los!«

»Erst den Kuß!«

»Sie sind ein unverschämter Mensch -- und Ihre Neuigkeit -- so lassen
Sie mich doch nur los!«

»Und bekomme ich dann den Kuß -- einen jetzt und einen anderen
später...«

»Gleich zwei? -- ich schreie wahrhaftig -- ich _kann_ nicht länger
warten!«

»Schön -- Graf von Geyerstein hat gestern morgen verkleideten
Damenbesuch gehabt -- ist das zwei Küsse wert?«

»Nicht einen halben, wenn ich nicht weiß, wen!«

»Madame Bertrand.«

»Die Kunstreiterin?« rief Annette schnell; »es ist nicht wahr.«

»Auf meine Ehre -- in Männerkleidung. -- Oben im Zimmer hatte sie
ihr glattes Gesicht, und als sie unten aus dem Hause trat, einen
Schnurrbart. Sie kam mir gleich bekannt vor, aber ich konnte mich doch
nicht recht besinnen, wo ich das hübsche Gesicht schon gesehen hatte,
merkte mir aber die Nummer der Droschke, in die sie stieg, und als ich
heute nachmittag dieselbe Droschke wiederfand, nannte mir der Kutscher
auf meine Frage ohne weiteres das Haus, wohin er den jungen Herrn
gefahren.«

»Und das war?«

»Die Rose, wo die Kunstreiter wohnen.«

»Meine Güte! die Komtesse reißt die Klingelschnur ab!« rief in diesem
Augenblick Annette, erschreckt zusammenfahrend. Unten klingelte es
in der Tat heftig, und sie wollte sich von Franz freimachen. Ohne den
versprochenen Lohn kam sie aber nicht davon, Herr Franz nahm sie im
Nu beim Kopf, und: »Sie böser Mensch!« sagte die Schöne, als sie sich
endlich glücklich von ihm befreit, und, ihre Frisur wieder in Ordnung
bringend, die Treppe, so rasch sie konnte, hinabeilte. Herr Franz aber
blieb noch eine Weile dort, wo sie ihn verlassen, stehen und schaute
ihr, sich vergnügt dabei die Hände reibend, nach, bis sie im Gange
unten verschwunden war. Dann stieg er selber, langsam und behaglich,
die Stufen hinauf, den ihm gegebenen Auftrag nach seiner Bequemlichkeit
auszuführen.

Es schlug acht; einzelne Equipagen fuhren vor; die Familie des
Kriegsministers war unten im Salon versammelt, die nach und nach
eintreffenden Gäste zu empfangen, und die Dienerschaft kam herbei, um
den Tee, den die alte Exzellenz eigenhändig bereitete, herumzureichen.
Komtesse Melanie stand neben ihrer Mutter und unterhielt sich mit dem
eben eingetretenen Grafen Selikoff; aber sie sah bleich und angegriffen
aus, und nur einmal färbte ein leichtes Rot ihre Wangen, als ihr
Blick, neben dem jungen Manne hinstreifend, auf den eintretenden Grafen
Geyerstein traf. Aber es schwand, so rasch wie es gekommen, und kalt
und förmlich dankte sie der Verbeugung des sonst so willkommenen, ja oft
heimlich ersehnten Gastes.

Dem jungen Grafen konnte diese Veränderung in dem Benehmen des ganzen
Wesen Melanies nicht entgehen, aber die Gesellschaft selber gestattete
ihm auch nicht, sie darum zu befragen. Der alte, freundliche Herr von
Ralphen, der dem gern gesehenen jungen Manne so herzlich entgegentrat
wie früher, nahm ihn vor allen Dingen in Beschlag, um ihn mit einigen
anderen fremden Offizieren bekannt zu machen, und er kam nicht eher
wieder von ihm los, als bis der alte Herr seine Aufmerksamkeit auf
die zu arrangierenden Spieltische wenden mußte. Graf Geyerstein selber
spielte nicht und hatte dadurch die beste Entschuldigung, sich von
ihm zurückzuziehen. Ehe er aber seinen Vorsatz, Melanie unter jeder
Bedingung anzureden, zur Ausführung bringen konnte, lief er Ihrer
Exzellenz, der Frau von Ralphen, in den Weg, die freundlich ihre
ringbedeckte Hand auf seinen Arm legte.

»Aber, lieber Geyerstein, wo in aller Welt haben Sie nur die ganze Woche
gesteckt? Man sieht Sie ja gar nicht mehr und muß Sie ordentlich mit
Gewalt herbeiziehen, wenn man Sie wirklich einmal haben will.«

»Exzellenz sind zu gnädig, mich glauben zu machen, daß Sie mich vermißt
haben,« sagte der junge Mann leicht errötend. »Sie mögen aber selber
beurteilen, wie streng in dieser Woche unser Dienst gewesen sein muß, da
ich genötigt war, die liebsten Menschen zu meiden.«

»Aber abends hätten Sie doch gewiß einmal Zeit gehabt. Sogar aus der
gewöhnlichen Vorlesung sind Sie uns neulich weggeblieben, und Graf
Selikoff hat an Ihrer Stelle lesen müssen, denn unsere Racine durften
wir doch nicht im Stiche lassen.«

»Es würde mir unendlich leid tun, wenn ich die Ursache einer Störung
gewesen wäre.«

»Das ist das wenigste -- darüber beruhigen Sie sich. Rosalie hat Sie
aber am meisten vermißt, denn sie brennt vor Begierde, Ihnen ihre neuen
Zeichnungen vorzulegen.«

»Darf ich sie holen, Mama?« flüsterte ihr die junge Komtesse, die neben
sie getreten war, rasch ins Ohr.

»Jetzt nicht, mein Kind,« lächelte die Exzellenz, »der Herr Graf hat
jetzt mehr zu tun, als sich mit deinen Kunstprodukten abzugeben -- aber,
Fräulein,« unterbrach sie sich plötzlich, mit einem strengen Blick nach
einer jungen Dame hinübersehend, die unfern von ihnen, den Blick fest
auf die Gruppe geheftet, stand, »Sie vergessen Ihr Amt -- dürfte ich
Sie bitten darauf zu achten, daß die Herrschaften Tee bekommen?« Und
mit einer heimlichen, nicht ganz leidenschaftslosen Bewegung deutete sie
dabei auf den Rittmeister, der sich indes zu Rosalien gewandt hatte
und mit freundlichem Gruß zu dem jungen Mädchen sagte: »Lassen Sie sich
nicht abschrecken, Komtesse, bringen Sie mir getrost ihre Studien. Die
Gesellschaft soll mich nicht abhalten, mich recht herzlich über Ihre
Fortschritte zu freuen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, lieber Graf,« sagte das junge
Mädchen, dessen Antlitz hohes Rot überflog und ihre lebendigen Augen
noch viel lieblicher erhellte, »ich werde Sie auch nicht lange plagen,
ich habe mich aber so darauf gefreut,« und mit leichten Schritten
huschte sie durch den Salon, dem nächsten Ausgange zu, um die Blätter
selber schnell herbeizuholen.

Die Exzellenz hörte diese kleine Unterredung nicht, denn ihr Blick
haftete noch, und zwar lange nicht mit der Freundlichkeit, mit der sie
vorher den Rittmeister angeredet, auf der jungen Dame, die schon bei
ihren ersten mahnenden Worten tief errötend zusammengefahren war und
sich rasch abgewandt hatte, ihre für den Augenblick versäumte Pflicht zu
erfüllen.

Luise von Mechern, aus einem altadligen Geschlecht stammend, war durch
die Empfehlung des ***schen Gesandten nach *** und in das Ralphensche
Haus gekommen, wo sie die Stelle einer Gouvernante bei Rosalien und
ihrer jüngsten, erst siebenjährigen Schwester ausfüllte und zugleich
mit musterhafter Ordnung die Wirtschaft der nichts weniger als
wirtschaftlichen Exzellenz führte. Luise von Mechern war ein liebes,
bescheidenes und dabei höchst geistreiches, gebildetes Wesen, das jede
Stellung im Leben vollkommen ausgefüllt haben würde. Aber ihr
Körper hatte mit ihrem Geiste nicht Schritt gehalten, und einer
Unvorsichtigkeit der Wärterin in frühesten Jugendjahren verdankte sie
ein Uebel, das sie jetzt durch das ganze Leben tragen mußte. Ihr Gesicht
war bildschön, ein wahrhaft griechisches Profil mit großen, sprechenden
blauen Augen, dunklem vollen Haar und feinen, edlen Zügen, aber -- ihre
rechte Schulter war verwachsen und dadurch dem übrigen Körper nicht die
nötige freie Entwicklung geworden. Wie bald vergaß man aber, sobald
man näher mit ihr bekannt wurde, diesen körperlichen Fehler in all den
geistigen Vorzügen, die ihr eigen waren, und welchen wohltätigen Einfluß
übte sie dabei auf die Erziehung der ihr anvertrauten Kinder, ja durch
ihren Umgang selbst auf Melanie aus! Die Töchter des Kriegsministers
hingen auch mit treuer Liebe an dem jungen Mädchen, und Melanie
besonders fühlte, welch ein wohltätiger Geist der Ordnung in ihr ganzes
Haus gekommen sei, seit Luise von Mechern mit ihrem stillen, einfachen
Wesen die Leitung desselben übernommen hatte. Nur Frau von Ralphen
schien das nicht zu bemerken oder wenn sie es bemerkte, dies für
der Ordnung gemäß zu halten. Daß die angenommene Gouvernante und
Wirtschafterin ihre Pflicht tat, verstand sich von selbst; eine weitere
Anerkennung blieb deshalb überflüssig. Frau von Ralphen war nicht etwa
eine böse oder übermäßig strenge Frau -- ihren Kindern gegenüber hätte
sie sogar noch bedeutend strenger sein dürfen. Aber sie fühlte, daß sie
in der Residenz eine sehr bedeutende Rolle spiele; sie wußte und war
überzeugt, daß sie zu den »ersten Damen« des Landes gehöre, und dadurch
stolz, rücksichtslos stolz gegen alle geworden, die unter ihr standen.
Das gerade gab denn auch oft ihrem Betragen und ganzen Wesen eine
Härte und Schroffheit, die unter anderen Umständen ihrem sonst wirklich
weichen und guten Herzen fern geblieben wären.

Luise ertrug das aber mit einer wahren Engelsgeduld. Still und
freundlich, mit der ihr eigentümlichen sanften und immer guten Laune,
vermied sie jede Klippe, die zwischen ihr und der Exzellenz hätte zu
einem Wortwechsel führen können, fügte sich ihren kleinen Eigenheiten,
ohne sich selber je das geringste dabei zu vergeben, und
erwiderte zugleich von ganzer Seele die Liebe, die ihr die Kinder
entgegenbrachten. Nur in Gesellschaft, selbst bei einem einzelnen
Besuche, fühlte sie sich gedrückt. Sie wußte, wie sehr sie mit ihrem
Körper, dem raschen, oberflächlichen Urteil der Welt gegenüber im
Nachteil war, und suchte es soviel als möglich zu vermeiden, dem zu
begegnen. Darin unterstützte indessen die Exzellenz sie nicht; denn ob
sie nun Luisen wirklich nicht entbehren konnte oder gar heimlich fühlte,
daß durch die Gegenwart der unscheinbaren Gouvernante die Erscheinung
ihrer eigenen Töchter gehoben würde -- wer vermag im Innern eines
menschlichen Herzens zu lesen? -- aber Luise mußte stets und in
jeder Gesellschaft erscheinen, und nur die dringendste Abhaltung oder
wirkliches Unwohlsein konnte sie entschuldigen. Von den gewöhnlichen
Gästen wurde sie aber selten oder nie beachtet. Die Damen besonders
nahmen nie Notiz von ihr -- es war ja nur die Gouvernante, wenn auch aus
einer edlen, vielleicht edleren Familie, als sie selber, entsprossen.
Nur Graf Geyerstein hatte sich gern und viel mit ihr unterhalten,
in früheren Zeiten sogar manche Partie Schach, das sie meisterhaft
spielte, mit ihr gezogen, und an Melanies Seite stundenlang ihrem
seelenvollen Vortrage auf dem Piano gelauscht. Das alles nahm sie still
und dankbar hin, zog sich nach solchen Abenden aber immer um so viel
scheuer in sich selbst zurück. Dergleichen Abende waren aber auch in
der letzten Zeit viel seltener geworden, ja hatten sogar in der letzten
Woche ganz aufgehört, und vielleicht dachte Luise, als ihr Auge vorhin
so ernst und fast traurig auf dem Grafen ruhte, _jener_ Zeit -- war er
ihr doch indessen fast fremd geworden.

Und Graf Geyerstein? -- er kam sich selber hier fast wie ein Fremder
vor. -- War es Melanies verändertes Betragen, über das er sich nicht
täuschen konnte? -- war es des Bruders Schicksal, das in der letzten
Zeit seine Seele so erfüllt, ihn fast die ganze übrige Welt darüber
vergessen zu lassen? -- war es der fremde junge Russe, der, kaum hier
eingeführt, sich mit einer Zuversicht und Sicherheit in diesen Räumen
bewegte, als ob er selber schon seit Jahren des Hauses intimster Freund
gewesen? -- Er wußte es nicht -- nur wie ein dunkler, unheimlicher
Schatten lag es auf seinem Herzen, und die hell erleuchteten,
menschenbelebten Gemächer kamen ihm tot, öde und einsam vor, als ob
er hier allein gestanden hätte. Da tönte plötzlich ein helles, reines
Lachen an sein Ohr. -- Das war Melanies Stimme; unter Tausenden hätte
er sie ja herausgekannt. Er wandte rasch den Kopf dorthin -- der fremde
Graf mußte ihr gerade etwas unendlich Komisches erzählt haben, denn ihr
Antlitz strahlte vor Laune und Uebermut.

»Herr Graf,« flüsterte in diesem Augenblick eine leise Stimme an seiner
Seite, und Luise von Mechern suchte ihn durch die Anrede auf den Lakaien
aufmerksam zu machen, der mit dem Teeservice auf dem silbernen Teller
bis jetzt vergebens bemüht gewesen war, dem Rittmeister die Erfrischung
zu präsentieren. Der Graf sah aber nichts weiter als Melanies halb von
ihm abgedrehtes glückliches Gesicht. Nur einen flüchtigen Blick warf
er herum, der Anrede zu, und wandte sich, ohne das junge Mädchen, das
schüchtern neben ihm stand, auch nur zu bemerken, mit einem einfachen
»Ich danke« wieder ab.

Der Lakai balanzierte seinen Präsentierteller nicht ohne
Geschicklichkeit weiter, zwischen den verschiedenen beweglichen Gruppen
durch, und Luise selber schrak schüchtern zurück. Rosalie aber kam jetzt
mit ihrer Mappe herbeigehüpft, und den Grafen am Arm nehmend, der
sich ihr nicht entziehen durfte, führte sie ihn in ein kleines, etwas
abgesondertes Seitenkabinett, dort ungestört seinen Beifall über die
wirklich mit vielem Talent und fast nur unter der Leitung Luisens
ausgeführten Skizzen einzuernten. Hier sollten sie aber nicht lange
ungestört bleiben, denn Fräulein von Zahbern hatte den Grafen schon
vorher nicht aus den Augen verloren und folgte ihnen bald, sich
anscheinend den ausgebreiteten Zeichnungen Rosaliens mit größtem
Interesse widmend. In der Tat aber suchte sie nur die Durchsicht
derselben zu beschleunigen, und als die Komtesse, von der Anwesenheit
der jungen Dame eben nicht erfreut, ihre Arbeiten wieder zusammenlegte
und forttrug, ergriff Fräulein von Zahbern des Grafen Arm und flüsterte:
»Aber sagen Sie mir nur um Gottes willen, Herr Graf, wollen Sie denn den
Kampf ganz ohne Schwertstreich aufgeben?«

»Den Kampf, mein gnädiges Fräulein?«

»Ah, stellen Sie sich nicht, als ob Sie nicht verständen, was ich
meine,« rief die Dame rasch, »wir haben hier auch keine Zeit durch
Aufklärungen zu versäumen. Sie _müssen_ doch sehen, daß jener Russe
Sturm auf Melanies Herz läuft.«

»Und glauben Sie nicht, daß die Festung stark genug sein wird, sich
zu halten?« sagte der Rittmeister lächelnd, während aber doch ein ganz
eigenes Weh sein Herz durchzuckte.

»Nein!« rief das Fräulein rasch und entschieden, wenn auch noch immer
mit unterdrückter Stimme. »Sie sind entweder erschrecklich leichtsinnig
oder erschrecklich -- zuversichtlich, wenn Sie die Gefahr nicht sehen
_wollen_, die Ihnen droht.«

»Aber woher auf einmal diese Teilnahme für mich, mein gnädiges
Fräulein?« sagte der junge Mann mit viel größerer Ruhe, als Fräulein von
Zahbern wohl erwartet haben mochte.

»Aus Patriotismus. Ich _hasse_ die Russen, und _diesen_ Russen...«

»Vor allen anderen?«

»Nein -- ärgern Sie mich nicht -- _diesen_ Russen gönne ich eben Melanie
nicht. Die ganze Stadt weiß ja doch, daß _Sie_ für sie schwärmen.«

»Die ganze Stadt weiß oft mehr von uns, als wir selber wissen,« sagte
der Graf trocken.

»Mehr wenigstens, als uns oft lieb ist,« ergänzte das gnädige Fräulein
mit einem bezeichnenden Blick auf den Rittmeister selber, der jedoch an
diesem machtlos abglitt. »Sie aber, Herr Graf,« setzte sie dann, als sie
es bemerkte, hinzu, »sind mir ein vollkommenes Rätsel und entweder der
-- durchtriebenste oder der unschuldigste Mann, dem ich in meinem ganzen
Leben begegnet bin.«

»Lassen Sie uns das letztere hoffen, mein gnädiges Fräulein,« sagte der
Rittmeister, dem das Gespräch unangenehm zu werden anfing. »Wir sollen
von unseren Mitmenschen immer nur das Beste denken.«

»Also muß ich denken, daß Sie jede Bewerbung um Melanie aufgegeben
haben?« sagte Fräulein von Zahbern mit kaum verheimlichtem Aerger.

»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte der Rittmeister, durch die unzarte
Frage verletzt, »meine Ansichten und Wünsche können hier nicht gut in
solcher Weise von uns beiden verhandelt werden. Komtesse Melanie ist
jedenfalls ihre eigene Gebieterin, und vollständig fähig und berechtigt,
solche Bewerbungen, die ihr nicht anstehen, zurückzuweisen. Bewirbt sich
Graf Selikoff wirklich um sie, so wird sie auch entscheiden, ob sie das
günstig oder ungünstig aufzunehmen hat. Ein drittes dabei wäre, meiner
Meinung nach -- überflüssig.«

»Und wenn der Graf _ältere_ Verpflichtungen hätte?« sagte die Dame
gereizt.

»Graf Selikoff ist, soweit ich bis jetzt über ihn urteilen kann,«
erwiderte kalt der Rittmeister, »ein Ehrenmann und deshalb einer
unedlen Tat unfähig. Wie dem aber auch sei, meine Gnädige, die _älteren_
Ansprüche würden in dem Falle nichts weiter zu tun haben, als -- sich
geltend zu machen.« Fast unwillkürlich hatte er sich bei diesen Worten
dem Eingange des Kabinetts zugewandt, an dem gerade zwei alte Geheimräte
eine fast leidenschaftliche Debatte über Schnupftabak führten. Andere
Gruppen auf und ab wandelnder Gäste waren ebenfalls in die Nähe
gekommen, und Graf Geyerstein glaubte zu hören, daß sein eigener Name
genannt würde. Er drehte sich danach um und sah unfern von sich den
alten General von Schoden mit seiner Tochter Euphrosyne und Melanie, die
mit dem Grafen Selikoff in ein eifriges Gespräch verwickelt schienen.

»Ich kann Ihnen nicht helfen, Komtesse,« lachte der alte General, »aber
die Sache ist so, wie ich sage: Monsieur Bertrand gibt seine Truppe auf
oder verkauft wenigstens seine Pferde, denn ich weiß aus ganz sicherer
Quelle, daß er den Falben mit dem weißen Hinterfuß und den Fuchs mit der
schwarzen Mähne, die beiden Prachtpferde, dem General Beuter zum Verkauf
angeboten hat.«

»Und ich berufe mich nochmals auf Graf Geyerstein,« erwiderte Melanie,
jetzt kaum zwei Schritt von dem Rittmeister entfernt. »Der Graf ist
_sehr_ genau mit der Truppe bekannt und hätte uns doch, wenn sich die
Sache wirklich so verhielte, gewiß schon ein Wort davon gesagt, da er
weiß, wie großen Anteil wir daran nehmen.«

»Es tut mir leid, Komtesse, in diesem Streite nicht auf Ihrer Seite
kämpfen zu können,« fiel hier Graf Selikoff mit etwas gebrochenem
Deutsch ein, »aber der General hat recht, den Falben wie den einen
weißen arabischen Hengst habe ich sogar selber gekauft, um beide nach
Petersburg zu schicken.«

Melanie schien im Anfang die Worte gar nicht zu hören, denn ihr Blick
hing fest und forschend an den Zügen des Rittmeisters; aber diesen
Moment des Selbstvergessens bezwang sie rasch und zu dem Russen gewandt,
sagte sie: »In der Tat? -- das hätte ich nicht geglaubt. -- Was mag den
Mann dazu bewogen haben? Herr Rittmeister, wissen _Sie_ vielleicht
etwas Näheres über diesen überraschenden Verkauf? Will sich vielleicht
Monsieur Bertrand ganz dem Seiltanz widmen?«

»Ich bedauere unendlich, Komtesse,« erwiderte ruhig Graf Geyerstein,
»Ihnen nichts Näheres darüber mitteilen zu können. Es ist sogar dies
das erste Wort, das ich von dem Verkauf höre, ich muß also doch nicht so
genau davon unterrichtet sein.«

Komtesse Melanie schwieg und eine fliegende Röte färbte ihr für einen
Augenblick Wangen und Nacken, um gleich darauf wieder, so rasch wie sie
gekommen, zu verschwinden. Fräulein von Zahbern aber, mit dem Interesse,
das sie an _jeder_ Stadtneuigkeit nahm, rief erstaunt: »Ist es denn
möglich, Monsieur Bertrand will sein Geschäft aufgeben? Aber das kann ja
gar nicht sein, oder er hat sich genug verdient, um den Kunstreiter an
den Nagel zu hängen und den Rentier zu spielen. Da freue ich mich nur,
daß _wir_ ihn noch zu guter Letzt gehabt und gesehen haben. Und seine
Frau reitet nun also auch nicht mehr?«

»Nur Vermutungen von unserer Seite, meine Gnädige,« sagte der alte
General von Schoden. »Wir wissen selber darüber nicht mehr als Sie.«

»Ich finde es auch so erstaunlich unweiblich, zu reiten,« bemerkte
Fräulein Euphrosyne von Schoden, »ich muß gestehen, ich hätte die
Vorstellungen um keinen Preis wieder besucht.«

»Larifari!« lachte der alte General, »wegen der kurzen Röcke? -- mit
langen Reifröcken können sie auf keinem Pferd herumtanzen.«

»Aber, Papa, ich bitte dich um Gottes willen...«

»Ich fragte Monsieur Bertrand,« fiel hier Graf Selikoff ein, »ob er
die Absicht habe, seine Reitkunst aufzugeben, erhielt von ihm aber nur
ausweichende Antworten. Die Sache kann übrigens kein Geheimnis bleiben,
denn seine Truppe wird uns bald darüber aufklären, wenn er es selber
nicht für nötig finden sollte.«

»In der Stadt erzählt man,« nahm hier der hinzutretende Intendant
das Wort, »daß sich Monsieur Bertrand schon wegen des unterlassenen
Seiltanzes zwischen den beiden Türmen sehr heftig mit seiner Frau
gezankt habe, und die beiden sich wollten scheiden lassen.«

»In der Tat?« rief Melanie schnell, und ihr Blick streifte fast
unwillkürlich den Rittmeister.

»Ja, meine Gnädigste,« versicherte Herr von Zühbig mit wichtiger Miene,
indem sich seine Stirn in dichte Falten zog, »Madame Bertrand scheint
etwas heftiger, selbständiger Natur zu sein, wie alle diese Art Damen,
und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie das Geschäft _ohne_ Herrn
Bertrand allein fortsetzen würde.«

»Ohne Pferde?« fragte der General.

»Ohne Pferde? -- Pardon! nein.«

»Aber ihr Mann verkauft sie alle.«

»Ha, dann dressiert sie vielleicht andere! Es ist ein pompöses Weib,
diese Madame Bertrand, ein kleiner Teufel -- wie ich mir habe sagen
lassen.«

»Es kann ja auch sein,« nahm hier Melanie das Wort, »daß sie sich selber
nach Ruhe sehnt, und vielleicht in stiller Zurückgezogenheit ihr Leben
nach so vielen Gefahren und -- Aufregungen zu genießen gedenkt.«

»_Sehr_ leicht möglich, meine Gnädigste, _sehr_ leicht möglich!« rief
Herr von Zühbig mit einem lüsternen Lächeln um die Lippen. »Man munkelt
sogar in der Stadt von einer Liaison, die verlockend genug sein sollte,
selbst den schönen Monsieur Bertrand aufzugeben.«

»Sie sind boshaft, Baron,« sagte Melanie, indem sie fühlte, daß ihr
das Herzblut selbst zu Eis gerann. Aber sie wagte nicht in diesem
Augenblicke, zu dem Rittmeister aufzuschauen.

»Die Stadt wird nie müde,« sagte da Graf Geyersteins ruhige, klangvolle
Stimme, »dergleichen Erzählungen zu erfinden, und es gibt auch stets
gefällige und geschäftige Menschen, die sie weiter tragen.«

»Ich sage nur nach, was mir erzählt worden ist!« rief von Zühbig rasch.

»Natürlich, Herr Intendant,« lachte Fräulein von Zahbern, »mehr tun wir
alle nicht. Wenn wir alle so finster und schweigsam wären, wie der Herr
Rittmeister, so hörte jede Unterhaltung auf, und man säße in stiller
Selbstbeschauung nebeneinander, eine Tasse Tee mit Würde zu trinken.
Hahahaha -- eine solche Damengesellschaft möchte ich einmal sehen!«

»Haben Sie keine Furcht, mein gnädiges Fräulein,« lachte der alte
General, »hier in *** passiert Ihnen das nicht, ihr Weiber müßt einmal
klatschen, das ist euer Erbfehler...«

»Aber, bester Papa...«

»Und du, Euphrosyne, bist nicht um ein Haar besser als die andern!« rief
der alte Haudegen.

»Aber du gebrauchst solche incroyable Ausdrücke, Papa!«

»Larifari! Ich nenne das Kind beim rechten Namen.«

»Komtesse, ich habe den ganzen Abend bis zu diesem Augenblicke vergebens
eine Gelegenheit gesucht, Sie begrüßen zu können,« wandte sich
Graf Geyerstein an Melanie -- diesen Augenblick benutzend, wo die
Aufmerksamkeit der übrigen auf den General und seine Tochter gerichtet
war.

»Ich bin sehr erfreut, Sie nach so langer Zeit wieder einmal bei uns
zu sehen,« erwiderte die junge Gräfin mit einer artigen, aber kalten
Bewegung des Hauptes.

»Wenn Sie wüßten...«

»Wie beschäftigt Sie die letzte Zeit gewesen?« unterbrach ihn Melanie,
und fast unwillkürlich suchte ihr scharfer, forschender Blick sein
Auge. Ruhig jedoch, nur mit einem leisen, fast schmerzlichen Ausdruck
begegnete es dem ihrigen. Sie wandte sich rasch ab und fuhr fort: »Ich
kann es mir denken, und Sie sind vollkommen entschuldigt. -- Aber kommen
Sie, Herr Graf,« redete sie in demselben Augenblicke den jungen Russen
an, »ich versprach Ihnen vorhin die russische Volkshymne -- Luise soll
sie uns spielen -- es ist ein Genuß, sie zu hören.«

»Es ist auch eine der schönsten Melodien, die es gibt,« sagte der Graf,
die letzten Worte falsch verstehend, »und Sie machen mich unendlich
glücklich, Komtesse, daß Sie ein solches Interesse an unserer
Nationalhymne nehmen.«

Melanie verneigte sich leicht gegen den Grafen Geyerstein, legte dann
ihre Hand in den ihr gebotenen Arm des jungen Russen und schritt an
seiner Seite dem anderen Salon zu, in dem der Flügel aufgeschlagen
stand.

»Und hatte ich unrecht?« flüsterte Fräulein von Zahbern in des
Rittmeisters Ohr, indem ihr Blick mit einer ihr sonst nicht unschönes
Gesicht fast entstellenden Mischung von Zorn und Eifersucht das Paar
verfolgte.

»Lassen Sie uns die Nationalhymne mit anhören, mein gnädiges Fräulein,«
sagte Graf Geyerstein statt aller Antwort, indem er ihr den Arm bot
und die erbitterte Schöne, ohne ihr Zeit zu einer weiteren Bemerkung zu
geben, den Vorangegangenen nachführte.



8.


An demselben Abend, an welchem beim Kriegsminister von Ralphen die
Soiree gehalten wurde, und während dort in den hell erleuchteten
und wohlig durchwärmten, von Blumen duftenden, von sanften Melodien
durchströmten Räumen fröhliche Menschen gesellig beieinander saßen,
bereitete sich eine andere, von dieser sehr weit verschiedene Szene in
der zweiten Etage der Rosengasse vor.

Die Vorstellung im Zirkus war beendet, und mit ihr die letzte, der
Gesellschaft für diese Messe gestattete. Draußen auf dem Platze, als
die letzten Menschen das hohe, runde Bretterhaus kaum verlassen hatten,
arbeiteten, hämmerten und pochten schon wetterbraune Gestalten in
Hemdsärmeln und Schurzfellen, um die Bude wieder abzuschlagen und sie
so rasch als möglich von dem Platze, den sie mit ihrer bretternen Masse
entstellte, zu entfernen.

Auch oben in dem Zimmer Georg Bertrands sah es aus, als ob der
Eigentümer des Gemaches im Begriff sei, abzureisen, denn wild und
unordentlich lagen alle möglichen Kostümstücke bunt zerstreut über
Stuhl- und Sofalehnen, ja selbst über den Boden hin. Handschuhe, Hüte,
Reitpeitschen, ja selbst andere Teile einer Damengarderobe bedeckten
zum Teil den großen, runden Tisch, der in der Mitte der Stube stand,
und waren nur zur Hälfte zurück- und zusammengeschoben, um dem durch die
Hausmagd heraufgebrachten Abendbrot für drei Personen notdürftigen
Raum zu geben. Die Luft in dem ziemlich geräumigen, aber sehr niederen
Gemache war dabei schwül und dumpfig, und kaltgewordener Tabaksqualm,
wie der warme Fettgeruch verschiedener Fleischspeisen diente nicht dazu,
sie zu verbessern. Auf dem Sofa lag Demoiselle Josefine, Georginens
siebenjährige Tochter. Das Kind war von der für seine Jahre übermäßigen
Anstrengung erschöpft eingeschlafen, und der Schein der Lampe fiel, ohne
die Schläferin zu stören, grell auf das bleiche, aber stark geschminkte,
abgespannte Gesicht des Kindes.

Georg Bertrand war noch nicht nach Hause gekommen. Er mußte darauf
sehen, daß vor allen Dingen seine Pferde gut gewartet, abgerieben und
gefüttert wurden, ehe er selber an seine eigene Verpflegung denken
konnte. Fremden Menschen, und noch dazu solch leichtsinnigem Volke,
wie seinen Künstlern, durfte er das, wie er recht gut wußte, nicht
überlassen. Georgine dagegen hatte eben das Zimmer betreten, aber ihr
leichtes, luftiges Kostüm, mit dem sie in der letzten Piece als Elfe
die Zuschauer entzückt, noch nicht abgelegt. Nur ein langer, leichter,
grauer Mantel, den sie beim Nachhausegehen darüber geworfen, schützte
sie gegen die kalte Nachtluft, und selbst hier, in dem fast schwülen
Zimmer, hatte sie ihn noch nicht abgelegt, denn ihre Seele beschäftigte
anderes, als die Veränderung ihrer Toilette. Unruhig und rasch schritt
sie in dem breiten, niederen Gemache auf und ab. Die nackten Arme fest
auf der unruhig wogenden Brust verschränkt, das Haupt gesenkt, auf dem
die noch nicht abgelegten Blumen und Federn herüber und hinüber wehten,
maß sie den engen Raum wieder und wieder und unterbrach ihre Schritte
nicht einmal, als ihr Vater endlich, ebenfalls noch in seinem
Hanswurstkostüm, ins Zimmer trat.

»Ist Georg noch nicht zu Hause?« fragte der Alte, indem er seine Kappe
auf dem Kopfe rückte und sich mit der Hand durch die langen, schon
dünnen und ergrauenden Haare fuhr.

»Nein,« lautete die kurze Antwort, und die Frau schritt, ohne nur zu ihm
aufzusehen, an ihm vorüber.

Der Alte betrachtete sie eine Weile kopfschüttelnd, dann ging er zu dem
Sofa, auf dem Josefine lag, und blieb davor stehen. »Hm,« sagte er
hier, indem er einen alten, auf der Sofalehne hangenden Rock über die
halbentblößten Glieder der Kleinen zerrte, »das Kind wird sich erkälten.
Hat sie denn schon zu Nacht gegessen?«

»Ja, sie war früher fertig als wir.«

»Wo hockt denn die Christel, daß sie gewaschen und zu Bett gebracht
wird?«

»Rufe sie -- die faule Dirne ist nie da, wenn sie gebraucht werden
soll.«

Der Alte ging kopfschüttelnd wieder hinaus und kam bald mit einer Art
von Dienstmädchen zurück, das den Tag über auch noch dazu verwandt
wurde, die verschiedenen Kostüme in Ordnung zu halten. Das Mädchen
schien selber irgendwo eingeschlafen und eben geweckt zu sein, denn sie
konnte noch nicht in das Licht sehen. Ohne viele Umstände ergriff sie
das schlafende Kind mit dem darüber gedeckten Rock, warf es sich halb
über die Schulter, ohne daß es dadurch erwacht wäre, und trug es in sein
Schlafzimmer nebenan.

»Das Fleisch wird ganz kalt,« sagte indes der Alte, der sich nicht
weiter um das übrige bekümmerte. »Wo nur Georg wieder bleibt -- setz'
dich mit her, man muß jetzt das bischen Fressen so nur immer in aller
Hast hineinhetzen.«

»Iß nur,« erwiderte die Frau, »ich habe keinen Hunger.«

»Keinen Hunger? Und nach der Anstrengung?« brummte der Alte. »Dabei kann
man doch wahrhaftig nicht von der Luft leben! -- Meinetwegen aber,
wenn du nicht willst -- ich habe Hunger!« Und damit warf er seine alte
Filzkappe in die Ecke, holte sich einen großen Krug Bier und vom Fenster
eine Flasche Branntwein, langte dann aus den vor ihm stehenden, mit
guten, nahrhaften Speisen gefüllten Schüsseln wacker zu, und schien sich
bald nach Umständen vollständig behaglich zu fühlen. Nur das unruhige
Wesen der Frau störte ihn; er sah ihr ein paarmal auf ihrem Gange
kopfschüttelnd nach, und dann wieder nach der alten Schwarzwälder Uhr,
die im Zimmer hing, hinüber, rückte ungeduldig eine Weile auf seinem
Stuhle hin und her und sagte endlich: »Was hast du denn nur heut' abend,
Gine, daß du wie toll im Zimmer auf und ab rennst? Weshalb hast du dich
noch nicht ausgezogen? Zum Donnerwetter, setz' dich einmal, man wird
ganz wirr im Kopf.«

Die Frau antwortete weder, noch unterbrach sie ihren Gang, und nur
manchmal blieb sie einen Moment plötzlich stehen, um nach der Tür
hinüber zu horchen. Der Alte sah ihr kopfschüttelnd zu, dann aß er ruhig
weiter, bis er satt war, schob jetzt den Teller zurück, schenkte sich
ein Bierglas halb voll Branntwein, das er auf einen Zug und ohne eine
Miene zu verziehen, leerte, und nahm dann das Gespräch noch einmal auf:
»Dir geht Georgs neuer Plan im Kopfe herum -- er paßt dir nicht, ich
weiß es -- er paßt auch mir eigentlich nicht recht, aber -- bei Lichte
besehen, hat er doch am Ende nicht so ganz unrecht. Wir werden alt,
und ich für meinen Teil hätte nichts dagegen, wenn ich mich einmal --
wenigstens eine Zeitlang -- ausruhen könnte, ohne gerade am Hungertuche
zu nagen.«

Georgine schleuderte ihm einen finsteren Blick zu, erwiderte aber noch
immer keine Silbe, und der Alte, noch einmal zu der Flasche greifend,
aus der er sich langsam einschenkte, fuhr, eigentlich mehr zu sich
selbst als zur Tochter redend, fort: »Und es ist doch eigentlich nur
ein Hundeleben, das wir führen, Faxen und Narrenspossen machen, daß das
Lumpenvolk sich für seine paar Groschen darüber ausschütten kann und
besser danach verdaut -- Kanaillen, verdammte, die uns nachher auf der
Straße über die Achsel ansehen oder hinter uns drein feixen -- und wegen
solcher Bande riskiert man seine Gliedmaßen, bis man einmal zum Krüppel
wird! Nachher kann man betteln gehen, mit Krücke oder Stelzfuß und
ihretwegen auch verhungern -- was kümmert das sie!«

Der alte Mann hatte den Ellbogen auf den Tisch gestützt und schaute mit
den kleinen, tiefliegenden Augen finster und verdrossen in die dicht vor
ihm flackernde Lampe hinein. Aber wo war jetzt der tolle Humor in diesen
Zügen, der noch vor wenigen Viertelstunden das Volk da draußen hatte
aufjauchzen und jubeln machen? Wo war die Laune geblieben, mit der er
sich dem Stallmeister zwischen die Füße warf und seinen Körper verrenkte
und durcheinanderwand, nur um dem süßen Pöbel zu gefallen? Nichts
von alledem ließ sich mehr in dem finstern, verdrossenen und doch so
entsetzlich bemalten Angesicht erkennen, auf das die Lampe jetzt ihr
volles, grelles Licht warf. Scharf und verzerrt schnitten dabei die
weißgemalten Streifen desselben ein, während das Zinnoberrot ordentlich
leuchtete und die beiden Augen unter den tief herabgezogenen buschigen
Brauen wie ein paar Stücke rotheißen Eisens funkelten. Fest hatte sich
dabei die magere, sehnige Hand in das lange, dünne Haar gekrallt, das
zwischen den Fingern in spärlichen Locken herausquoll, und ein
eigener Ausdruck von Trotz, Grimm und Ekel lag in den tiefgefurchten,
farbebestrichenen Zügen. Georgine war neben ihm stehen geblieben, und
den weißen, vollen Arm auf den Tisch stützend, sagte sie mit leiser, wie
höhnisch klingender Stimme: »Und willst du ein Bauer werden?«

»Warum nicht?« erwiderte der Mann, ohne seine Stellung auch nur um
ein Haar breit zu verändern, »immer noch besser ein Bauer als ein --
Hanswurst.«

»So zieht ihr beiden allein zwischen eure Schafe und Kühe!« rief das
junge, schöne Weib, in wildem Zorn emporfahrend, »ich selber weiß, was
ich mir und Josefinen schuldig bin, und den will ich sehen, der mich
zwingen will, draußen zwischen Kraut- und Kartoffelfeldern mein Leben zu
beschließen!«

»Niemand Georgine, niemand!« sagte in diesem Augenblicke die tiefe,
klangvolle Stimme Georg Bertrands, der unbemerkt von den beiden in die
Tür getreten und auf der Schwelle stehen geblieben war. »Wenn du es
übers Herz bringen kannst, deinen Gatten allein ziehen zu lassen, allein
deinen Weg dir in der Welt zu bahnen, in Gottes Namen dann, ich kann und
werde dich nicht daran hindern.«

»Nicht?« rief die Frau erstaunt, ja überrascht nach ihm herumfahrend,
»du würdest dich von mir und Josefinen trennen wollen?«

»Von Josefinen? -- nein,« sagte der Mann ruhig, indem er seinen Hut auf
den Stuhl neben der Türe legte und langsam jetzt ins Zimmer trat.

»Von Josefinen nicht?« rief in schnell wieder aufloderndem Zorne die
Frau, »welche Macht der Erde wird das Kind von der Mutter trennen?«

»Das Gesetz,« erwiderte mit dem vorigen Gleichmut ihr Gatte, »das Gesetz
spricht nach dem siebenten Jahre das Kind dem Vater zu.«

»Du darfst mir Josefinen nicht nehmen,« zischte da Georgine zwischen den
zusammengebissenen Zähnen durch, »du weißt, daß ich ohne das Kind nicht
leben kann, daß ich mit mehr als Mutterliebe an ihm hange, daß sie mein
ein und mein alles ist auf dieser Welt -- du kannst und darfst mich
nicht töten -- und mir das Kind nehmen, hieße mehr als mich morden.«

»Und will ich das?« erwiderte Georg, jetzt vor sie tretend und ihre Hand
ergreifend, »habe ich nicht Bitten auf Bitten an dich verschwendet, mir
und dem Kinde das Opfer zu bringen, diesem unseligen Leben zu entsagen?
Hat nicht Josefine selber dich gebeten, mich nicht zu verlassen und
draußen in der freundlichen Natur zu vergessen, was dich hier berauscht
-- den Beifall der Menge! -- Georgine, kann dir denn nicht ein
häusliches Familienglück, das du noch gar nicht kennst und das nur
zu bald seinen Zauber um dich breiten wird, das Jauchzen und
Beifallklatschen fremder, gleichgültiger Menschen ersetzen? Lebst du
denn nur für diese Masse, die dir nichts, gar nichts entgegenbringt,
als nur das Verlangen, auf angenehme Weise amüsiert zu werden, und
die gleichgültig selbst an deinem Sarge vorübergehen würde, wenn ein
unglücklicher Fall dich in der nächsten Stunde vielleicht abriefe?«

»Nach meinem Tode? Nicht so viel kümmere ich mich darum!« rief das
schöne Weib verächtlich. »Ob sie mich lieben werden oder hassen, was
liegt daran! Nur dieses Leben ist mein, nur dem Leben gehöre ich an. Was
schert mich die Liebe oder der Haß des Volkes nach dem Tode!«

»Und ich? -- und dein Kind?« sagte Georg mit weicher Stimme.

»Wenn ihr mich liebtet, quältet ihr mich nicht so,« rief die Frau
zurück. »Du weißt, daß ich so wenig für das Land passe, wie dein Araber
zum Karrenziehen und Ackern; die Hand möchte ich sehen, die uns beide
dazu zwingen kann.«

»Du weißt,« sagte Georg ruhig, »daß ich den Araber zu allem zwang, wozu
ich ihn haben wollte.«

»Aber mich nicht, Georg, mich bei Gott nicht!« rief die Frau, wieder
zu voller Heftigkeit ausbrechend. »Versuch' es nicht, du möchtest es
bereuen.«

»Es ist zu spät, darüber noch zu reden,« sagte fest entschlossen Georg,
»Heut' abend nach der Vorstellung habe ich den Handel über mein letztes
Pferd abgeschlossen, die wenigen ausgenommen, die ich mit mir zu nehmen
gedenke, und morgen schon verlassen wir ***, um keine weitere Messe mehr
zu besuchen. Die Gesellschaft ist aufgelöst, die Leute werden morgen
ausgezahlt, und ich und Josefine ziehen hinauf nach Mecklenburg, ein
neues Leben von heute an zu beginnen.«

»Und glaubst du, daß ich das Kind dir gutwillig lassen werde?« fragte
Georgine, und ihre ganze Gestalt zitterte in der furchtbaren Bewegung,
die sich ihrer bemächtigt hatte.

»Du mußt, Georgine,« lautete die feste Antwort, »die Gesetze schützen
mich darin -- wenn ich deren Schutz anrufen müßte. Ich habe mich genau
danach erkundigt, Josefine ist über sieben Jahre alt, und das Gesetz
spricht in diesem Falle dem Vater des Kindes, falls sich die Eltern
trennen sollten, das Recht zu, über seine Zukunft zu wachen und zu
bestimmen.«

»Und wer hat dich mit den Gesetzen so genau bekannt gemacht? -- glaubst
du nicht, daß ich deinen Helfershelfer errate?«

»Wenn du den Mann meinen Helfershelfer nennst, der mir wie einem
Ertrinkenden die Hand bietet, mich aus einem Leben zu erretten, das mich
die letzten Jahre nur zwischen Verzweiflung und Selbstmord schwanken
ließ, so hast du recht,« sagte Georg düster.

»Zwischen Verzweiflung und Selbstmord, du?« rief erstaunt die Frau,
»du, der nur Lust und Stolz in der Ausübung seiner Kunst fand, dem an
Kühnheit und Geschicklichkeit keiner gleichkam?«

»Es ist gut,« erwiderte der Mann, ernst mit der Hand abwehrend, »die
Zeiten sind, Gott sei Dank, vorbei, denn du kennst mein früheres Leben
nicht, weißt nicht, kannst nicht wissen, was ich gelitten und geduldet
habe, um es zu vergessen. Jetzt endlich ist mir Rettung geboten; jetzt
streckt sich mir eine Hand entgegen, mich zurück zu Sicherheit und Ruhe
zu führen, und, beim ewigen Gott! ich will sie nicht undankbar von mir
stoßen. -- Du kennst mich, du weißt, daß ich durchführe, wozu ich einmal
fest entschlossen bin; glaube also nicht, mich durch zornige Worte oder
machtlose Drohungen schwanken zu machen. Auch dir bietet sich die Hand,
auch für dich ist die Hilfe gemeint. Folge deshalb meinem Rat, -- folge
deinem Gatten -- deinem Kinde, und stürze dich nicht wieder einem Leben
entgegen, an dem du jetzt vielleicht Freude findest, in dem du aber doch
mit der Zeit rettungslos untergehen müßtest.«

»Er hat recht, Gine,« sagte auch der Alte, der, ohne bis jetzt seine
Stellung zu verändern, aufmerksam den Worten Bertrands gelauscht und
nur manchmal langsam dazu mit dem Kopfe genickt hatte. »Wir alle werden
nicht jünger, und ein solcher Schlupfwinkel für's Alter bietet sich
nicht einem jeden von uns. Der rote Kaspar war zu meiner Zeit, wie ich
noch in Bundhosen herumlief, ein so toller Hanswurst, wie es je
einen gegeben hat: die Banden zahlten ihm damals schon sechs- bis
siebenhundert Taler jährlich mit Kußhand, und er brauchte sich noch
nicht einmal bei ihnen zu bedanken. Auf der Messe jetzt habe ich ihn
mit einem abgeschnittenen Beine und einer Drehorgel und Mordgeschichten
getroffen, und ich mußte ihm ein paar Groschen geben, daß er nur endlich
einmal wieder, wie er meinte, etwas Warmes in den Leib bekäme. Ich
selber habe nicht die geringste Lust, in meinen alten Tagen mit einer
Drehorgel oder mit Fleckseife im Lande herumzureisen, Winter und Sommer
draußen auf den Straßen zu liegen und den Bauernlümmeln die alten,
schmierigen Rockkragen abzuseifen oder schreckliche Blutgeschichten
vorzuleiern, in denen zuletzt immer die Polizei gelobt wird. Ich und der
Karl, wir gehen mit. Der Karl soll auch Oekonom werden, daß er mir nicht
den Hals bricht, wie sein Vater, was ihm der lahme Jörgen schon vor vier
Jahren prophezeit hat.«

»Geh mit uns, Georgine,« bat da auch Bertrand, mit weit mehr
Herzlichkeit, als er bisher zu ihr gesprochen. -- »Versuche es nur
einmal ein Jahr mit uns, und du wirst sehen, daß du gar rasch und
freudig dich in den neuen Zustand findest. -- Du kennst das stille,
bürgerliche Leben ja noch gar nicht; weißt nicht, ahnst noch nicht
einmal, welche Reize und Genüsse es bietet. Bleibe bei uns, bleibe bei
deinem Kinde, dem doch kein Fremder je die Mutter wird ersetzen können.«

»Soll ich Komödie in deinem Familienkreise spielen?« fragte das schöne
Weib höhnisch, in dem sie mit untergeschlagenen Armen vor dem Gatten
stehen blieb.

»Nenne es die erste Zeit, wie du willst,« sagte Bertrand ruhig, »nur zu
bald wirst du doch einsehen lernen, daß du nie mehr dein eigener Herr
gewesen, als gerade in jenem einfach natürlichen Leben auf dem Lande!«

»Und glaubst du wirklich, daß du mich je zur Bäuerin machen
könntest,« lachte Georgine, indem sie in Verachtung und Zorn die schön
geschnittenen Lippen emporwarf, »ich hätte gedacht, daß du mich besser
kennen solltest.«

»Und du willst mir wenigstens gestatten, den Versuch zu machen?«

»Nein -- dreimal und tausendmal nein!« rief Georgine mit wieder
aufloderndem Zorn, »bis ich nicht sicher weiß, daß die Gesetze dir
wirklich erlauben, mir mein Kind zu stehlen. Ich zweifle nicht an der
Möglichkeit, denn ihr Männer habt die Gesetze gemacht, und was gilt euch
das Herz einer Mutter? Aber selber erfragen will ich erst die Schmach,
und ist das sicher -- gut -- dann gehe ich mit euch. Von Josefinen kann,
will ich mich nicht trennen, und über sie wachen werde ich dort, wie die
Löwin über ihr Junges. Versucht es dann, sie mir abtrünnig zu machen.«

»Bah!« sagte der Alte, unwillig seinen Kopf schüttelnd, »schwatze keinen
Unsinn; es will sie dir niemand stehlen, und Georg ist am kleinen Finger
vernünftiger, als du am ganzen Leibe. Beschlafe die Geschichte; morgen
wirst du vernünftiger darüber denken. Morgen halte ich dann auch Auktion
mit dem Plunder hier oder werfe ihn am liebsten auf die Straße hinaus.
Ich wäre doch wirklich neugierig, zu sehen, ob es noch solch einen
Narren hier im Neste gäbe, der ihn aufhöbe. Jetzt macht, daß ihr zu Bett
kommt. Es ist ein Uhr vorbei und mir sind alle Knochen im Leibe schon
wie zerschlagen.«

Mit diesen Worten zündete er sich einen Stummel Talglicht an, der auf
der Kommode stand, nahm seine Mütze wieder aus der Ecke hervor und
verließ langsam, ohne eine »Gute Nacht« weiter für nötig zu halten, das
Zimmer.



9.


Am nächsten Morgen saß Komtesse Melanie allein in ihrem Boudoir. Rosalie
war mit Luisen ausgefahren -- sie selber hatte sie nicht begleiten
können oder wollen -- und Kopfschmerzen, Unwohlsein vorgeschützt. Sie
war in der Tat nicht wohl, wenigstens ganz ungewöhnlich aufgeregt und
unruhig, und nahm bald ein Buch zur Hand, ein paar Seiten desselben zu
durchblättern, bald begann sie an einer angefangenen Zeichnung, bald an
einer Stickerei und schob nach wenigen Minuten alles wieder beiseite, um
sich auf das Sofa zu werfen und ihren eigenen Gedanken nachzuhangen. So
war es zwölf Uhr geworden, als es leise an die Türe klopfte und auf ihr
Herein ein Diener eintrat, welcher meldete: der Herr Rittmeister von
Geyerstein lasse anfragen, ob er der gnädigen Komtesse seine Aufwartung
machen dürfe.

»Graf Geyerstein?« rief Melanie, fast erschreckt von dem Sofa
emporfahrend. Die Ueberraschung dauerte aber nur wenige Momente, denn
schon im nächsten Augenblicke wieder vollständig gesammelt, sagte sie
ruhig: »Es wird mir sehr angenehm sein, führen Sie den Grafen herein!«

Wenige Minuten später hörte sie draußen den festen, klirrenden Schritt
des Offiziers, und der Graf stand in ihrem Zimmer, ehe sie selber sich
genug gefaßt hatte, ihn ruhig begrüßen zu können.

»Komtesse,« sagte der Rittmeister, sich förmlicher vor ihr verneigend,
als er sonst als alter, gern gesehener Freund des Hauses getan, »Ihr
Herr Vater trägt die Schuld einer Störung, wenn ich Ihnen eine solche
verursacht habe, denn mein Dienst rief mich zu ihm, und da er für den
Augenblick noch beschäftigt ist, war er so gütig, mich indes zu Ihnen
herüberzuweisen -- ich wäre sonst nicht so früh bei Ihnen erschienen.«

Eine rasche, freundliche Entgegnung lag schon auf Melanies Lippen, aber
sie zwang sie zurück und sagte artig, aber lange nicht mit der gewohnten
Zärtlichkeit im Ton und Ausdruck: »Mein Vater weiß recht gut, daß Sie
uns immer willkommen sind, auch ohne die Entschuldigung, Herr Graf.«

»Aber auch ohne die Veranlassung hätte ich Sie heute noch aufgesucht,
Komtesse,« nahm der Graf nach einer leisen Verbeugung wieder das Wort,
indem er sich, einer einladenden Handbewegung Melanies folgend, auf
einen Stuhl ihr gegenüber niederließ, »denn ich wollte mich auf einige
Zeit von Ihnen verabschieden.«

»Sie wollen fort von hier?« rief Melanie schneller und mit weit mehr
Teilnahme, als sie vielleicht zu verraten willens war.

»Nur auf kurze Zeit; auf eine, vielleicht auf einige Wochen; und zwar
in Angelegenheiten, die meine Anwesenheit auf einer meiner Besitzungen
dringend nötig machen. Ich habe dazu den Urlaub vom Fürsten erbeten und
erhalten.«

Melanie sah zu ihm auf und vermochte keine Silbe als Antwort zu finden.
Allerlei wunderliche, wirre Gedanken kreuzten ihr Hirn. Jetzt gerade
wollte er fort? -- jetzt, wo -- sie durfte dem nicht weiter folgen --
und so kalt, so förmlich nahm er jetzt Abschied, er mußte bemerkt haben,
wie sie Graf Selikoff bevorzugte. -- Und weshalb nicht? War sie nicht
frei, zu tun, zu lassen, was sie wollte, war sie nicht von ihm, der
so kalt und eisern vor ihr saß, schändlich, schmählich betrogen und
verraten worden? -- und wenn nicht? -- -- Auch der Graf schwieg; das
Herz war ihm voll und schwer, und dem kalten, förmlichen Empfang des
Wesens gegenüber, das er mehr als sein eigenes Leben liebte, hatte er
sich bezwungen, hatte er ebenso kalt und ruhig von ihr scheiden wollen
-- scheiden vielleicht für ein ganzes Leben, indem sie sich von nun
an nur als Fremde wieder begegnen sollten. Als er aber die Bewegung
in Melanies Zügen sah, als ihm nicht verborgen bleiben konnte, daß die
Jungfrau, so kalt und abgemessen sie sich auch gezeigt, doch vielleicht
mehr, ja innigeren Anteil an ihm nehme, da raffte er sich selber auch
empor, und mit bewegter Stimme sagte er: »Komtesse -- Melanie -- es ist
in letzter Zeit etwas zwischen uns gewesen -- was, weiß nur Gott -- was
aber nicht sein sollte.«

»Zwischen uns, Herr Graf?« unterbrach ihn, wie erstaunt, Melanie, die
durch die Worte rasch zu sich selbst gerufen wurde.

»Stoßen Sie mich nicht so ungehört zurück,« fuhr der Rittmeister, der
jetzt einmal das Eis gebrochen hatte, fort. »Womit ich Sie beleidigt
oder gekränkt haben mag, ich weiß es nicht -- wissentlich nicht, beim
ewigen Gott, und nur ein Mißverständnis kann es deshalb sein, was Sie
in diesen Tagen mir entfremdet hat. Sehen Sie mich nicht so stolz an,
Melanie, Sie waren sonst so offen, so ehrlich gegen mich -- o, lassen
Sie die Zeit, die liebe, liebe Zeit, nicht so mit einem Schlage
abgebrochen sein. Sagen Sie mir, was ich getan, was ich verbrochen habe,
gestatten Sie mir dann, daß ich mich verteidige.«

»Was Sie getan, Herr Graf,« erwiderte Melanie, der bei der Erinnerung
alles dessen, über das sie Ursache zu haben glaubte -- gerechte Ursache
-- zu zürnen, das Blut mit voller Macht in Wange und Schläfe strömte,
»ich glaube nicht, daß es mir zusteht, Sie über irgend etwas, was
Sie getan haben könnten, zur Rede zu stellen. Hätten Sie es für gut
gefunden, mich irgend eines Schrittes wegen, den Sie zu tun gedachten,
um Rat zu fragen, wäre es vielleicht etwas anderes, doch so...«

»O, weichen Sie mir nicht aus,« bat Geyerstein in herzlichem Tone und
von der Gewalt des Augenblicks hingerissen, »Melanie Sie müssen wissen,
wie mein Herz...«

»Herr Graf -- nicht weiter, wenn ich bitten darf,« unterbrach ihn
plötzlich mit ernstem, strengem Tone die junge Gräfin, indem sie sich zu
ihrer vollen Höhe stolz, ja fast zürnend emporrichtete. -- »Ersparen
Sie sich und mir ein Thema, das nur für beide Teile -- schmerzlich enden
kann.«

»Melanie!« rief Geyerstein entsetzt, »was, um aller Heiligen willen...«

»Sie vergaßen wohl in dem Augenblick,« fuhr die Komtesse fort, und ihre
Züge glichen jetzt denen einer Marmorbüste, »das Verhältnis, in dem Sie
zu der Seiltänzergruppe jenes Bertrand stehen? -- Sie vergaßen...«

»Großer Gott!« stöhnte der Rittmeister, und bleich, wie das ihm
gegenüberstehende schöne Weib, fuhr er von seinem Sitz empor.

»Wie das Geheimnis zu meinen Ohren kam,« fuhr Melanie kalt und ruhig
fort, »bleibt sich gleich, Sie selber bestätigen alles durch Ihr
Schweigen. -- Jetzt aber werden Sie doch auch wohl fühlen, daß zwischen
uns nicht mehr von den Empfindungen des Herzens die Rede sein kann. Die
Tochter des Grafen von Ralphen dünkt sich zu gut...«

»Halten Sie ein, Komtesse!« rief der Graf mit ausgestreckter Hand
und fast tonloser Stimme, »sagen Sie nichts weiter! Es ist genug --
übergenug -- und das wenige selbst -- hätte sich vielleicht auf weniger
harter Weise sagen lassen -- aber es ist geschehen. Sie haben nicht zu
fürchten, daß ich Ihnen je wieder mit Wort oder Blick nur nahen werde --
dennoch bitte ich Sie, in den Augen der Welt...«

»Fürchten Sie nicht, daß ich Ihr Geheimnis mißbrauchen werde,«
unterbrach ihn Melanie, »wie immer die Welt auch wohl dergleichen
beurteilen möchte. Was ich gesprochen, sprach ich nur für mich, und wie
ich glaube, war ich das mir und meiner Stellung in der Welt schuldig.
Aber ich höre meinen Vater -- er wird kommen, um Sie abzurufen.«

Der Graf neigte sich ehrerbietig, aber kalt vor ihr, er hatte seine
ganze Fassung und Männlichkeit wiedergewonnen, und in demselben
Augenblick auch fast öffnete sich die Tür, in welcher der
Kriegsminister, schon in Uniform, um gleich nachher zum Fürsten zu
fahren, erschien.

»So, mein lieber Geyerstein,« sagte er freundlich, als er dem jungen
Manne die Hand entgegenstreckte, »jetzt bin ich mit allem fertig
und stehe Ihnen noch auf eine halbe Stunde zu Diensten. Er will uns
davonlaufen, Melanie, will hinauf nach Mecklenburg und Hirsche
schießen, Güter einrichten, und Gott weiß was alles. Wir werden Sie hier
vermissen, Geyerstein, und Rosalie besonders wird untröstlich darüber
sein. Wo steckt denn das Mädchen überhaupt heute morgen -- wohl wieder
ausgefahren? Aber du siehst so blaß heute aus, Melanie; fehlt dir was,
mein Kind?«

»Nichts, lieber Vater -- nur ein wenig Kopfschmerz hatte ich heute, und
habe deshalb Rosalie auch nicht begleitet. Es wird bald vorübergehen.«

»Exzellenz gestatten mir dann vielleicht, Ihnen oben in Ihrem Zimmer die
Papiere vorzulegen,« sagte Graf Geyerstein.

»Schön; wenn Sie alles bei der Hand haben, desto besser. -- Apropos, Sie
sind auf heute mittag schon versagt? Ich möchte Sie gern noch so lange
als möglich bei uns haben.«

»Ich muß unendlich bedauern...«

»Machen Sie um Gottes willen keine Umstände; Sie sollen nicht im
mindesten geniert sein. Also kommen Sie. -- Adieu, mein liebes Kind;
lies nicht zu viel, das nimmt dir den Kopf nur noch mehr ein.«

Graf Geyerstein verabschiedete sich bei der Komtesse mit einer tiefen
Verbeugung, und ebenso förmlich dankte ihm die Dame. Der alte Herr
bemerkte das aber nicht; er übersah schon flüchtig die Papiere, die ihm
der Rittmeister eben übergeben hatte, und mit freundlichem Kopfnicken
nur von seiner Tochter Abschied nehmend, verließ er gleich darauf, von
dem Grafen gefolgt, das Zimmer.

Melanie blieb, als die beiden Männer die Tür hinter sich geschlossen
hatten, noch eine ganze Weile stumm und regungslos stehen. Hatte aber
auch ihr stolzer Geist in dem entscheidenden Moment den Sieg über das
nur zu schwache Herz davongetragen, jetzt -- jetzt vermochte sie nicht
mehr. Ein leises Frösteln flog über ihren Körper, sie schwankte zum
Sofa, barg das bleiche Antlitz in den Händen und weinte -- weinte, als
ob ihr Herz vor unendlichem Weh zerbrechen müsse in der Brust.



10.


Oben, inmitten des schönen Mecklenburger Landes, an einem der kleinen
reizenden Seen, lag das nicht unbeträchtliche Rittergut Schildheim, seit
undenklichen Zeiten schon einem alten Mecklenburger Geschlecht erb- und
eigentümlich. Der letzte desselben heiratete eine Komtesse Geyerstein
aus einer Nebenlinie im nordöstlichen Preußen, und um sie die Heimat
nicht so sehr vermissen zu lassen, wurde damals das alte, durchaus neu
restaurierte Gut ganz nach preußischer Art eingerichtet; ja sogar einen
preußischen Verwalter und eine Wirtschafterin brachte die junge Frau
mit dorthin, sowie Leute von ihren eigenen Gütern, und Schildheim hieß
demnach und von der Zeit an in der Umgegend nur »das preußische
Gut«. Der Besitzer starb, aber seine Witwe, eine Großtante Wolfs von
Geyerstein, überlebte ihn noch viele Jahre, und als auch sie in der
Familiengruft beigesetzt wurde, ging das Gut durch Erbschaft an Wolfs
Mutter über.

Mit den Jahren hatte sich jetzt dort vieles verändert. Die
Wirtschafterin war gestorben und eine andere aus dem Lande selber
angenommen worden. Dann hatte ein Pächter das Ganze übernommen, und die
preußischen, dazu gehörigen Familien verdingten sich teils auf anderen
Gütern, teils hatten sie sich selber etwas erspart und einen eigenen
kleinen Grundbesitz gekauft. Nur die Gebäude waren noch die alten und
der Name »das preußische Gut« ebenfalls auf dem alten Herrensitze haften
geblieben. Die Leute in der Nachbarschaft kannten es fast unter keiner
andern Benennung, und doch verdiente sie das Gut schon lange nicht mehr.
Von den eigentlichen, dort hinübergezogenen Preußen lebte in der Tat nur
noch einer, der alte Verwalter, ein Mann hoch in die Sechzig aber mit
noch rüstigen Kräften, der samt den Dienstleuten der seligen Besitzerin,
und zwar als Ochsenjunge, herübergekommen war und sich durch Fleiß und
ehrliches Betragen zu solchem Ehrenposten aufgeschwungen hatte. Das
eigentliche Inventar aus ältester Zeit blieb aber eine andere, höchst
eigentümliche Persönlichkeit, und das war der alte Forstwart, wie er
dort überall hieß. Dieser, ein origineller Kauz, aber ein durchaus
braver und rechtlicher Mann, hatte seine Karriere auf dem preußischen
Gute von der Pike auf gemacht, das heißt vom Holzdieb bis zum Forstwart,
wo er halten blieb, und jetzt, in seinem hohen Alter, eigentlich mehr
das Gnadenbrot aß, als noch wirklichen Nutzen leistete. Dabei hing er
an dem alten Platz, besonders an seinem Walde -- denn um die Menschen
bekümmerte er sich wenig oder gar nicht -- mit einer Zuneigung, die man
in dem sonst so abgeschlossenen und selbst scheuen Gesellen gar nicht
gesucht haben würde.

Der Förster war allerdings sein Vorgesetzter, aber bekümmerte sich wenig
um ihn und tat seine Pflicht, ohne ihn viel damit zu belästigen. Jener
war auch gern damit zufrieden, wenn er nur den Holzfrevlern ein wenig
auf die Finger sah und im Winter dem Raubzeug Fallen stellte, und zu
beiden Beschäftigungen ließ sich niemand besser verwenden als der alte,
für seine Jahre aber noch außerordentlich rüstige Forstwart Barthold.
Die Frevler fürchteten nämlich den alten Mann weit mehr und gingen ihm
weit sorgfältiger aus dem Wege, als wenn er der jüngste und kräftigste
Forstgehilfe gewesen wäre, denn sie glaubten: er könne mehr als Brot
essen, das heißt, er stände mit verschiedenen über- und unterirdischen
Mächten im Bunde, was sich mit dem Seelenheil eines gewöhnlichen
Christen nicht vertrug. Ging er doch auch in keine Kirche, und man
erzählte sich von ihm im Dorfe die tollsten und abenteuerlichsten
Geschichten -- und doch gab es kaum ein harmloseres Wesen in der weiten
Umgegend, als eben diesen braven alten Forstwart. Nur dem Raubzeug im
Walde, den Füchsen, Mardern, Wieseln, Iltissen und wilden Katzen war
er ein grimmer und schlauer Feind, weil sie Sicherheit und Leben seiner
lieben Waldsänger, der Vögel, bedrohten.

Etwa zehn Minuten Weges -- oder eine halbe Pfeife Tabak, wie die Bauern
manchmal ihre Wege messen -- von dem Rittergut Schildheim entfernt
und dicht am Ufer des kleinen schilfbewachsenen Sees, lag ein sehr
freundliches Dorf gleichen Namens mit einigen wohlhabenden Bauern, wie
auch von den Arbeitern bewohnt, die auf dem Gute ihre Nahrung fanden.
Dort war eben Kirchweih abgehalten worden, und die Bauern und Insassen
feierten jetzt noch -- gewissermaßen zur Erholung von den überstandenen
Festlichkeiten -- die Nachkirchweihe in einer Art von verlängertem
blauen Montag. Die Köpfe wüst von vielem Tanzen und Trinken und den
verschiedenen durchschwärmten Nächten, hatten sie noch keine rechte
Lust, wieder zu ihrer regelmäßigen, steten Arbeit zurückzukehren und
glaubten die Zeit denn natürlich nicht besser anwenden zu können, als
wenn sie das früher begonnene Zechen ein klein wenig länger fortsetzten.
Der arbeitsame Bauer ist schwer aus seiner altgewohnten, täglichen
Beschäftigung herauszubringen; wenn aber einmal draußen, bekommt er
sich selber auch nur äußerst schwer wieder hinein. -- Er weiß das selber
recht gut und läßt sich deshalb eben Zeit dazu.

Im Dorfe war ein ziemlich großes Wirtshaus: Zum Stern; denn die Chaussee
führte um den See herum und wurde besonders stark von Fuhrleuten
befahren, welche die Landesprodukte früher bis an die See nach Wismar,
seit Einrichtung der Eisenbahn aber, mit noch viel lebendigerem Verkehr,
nach der nächsten, etwa sechs Meilen entfernten Eisenbahnstation
schafften. Der Stern bildete denn auch jetzt den Mittelpunkt, in
welchem die Honoratioren des Ortes zusammenkamen, bei Wein oder Bier die
Nachwehen der überstandenen frohen Tage zu vertreiben, und selbst der
alte Verwalter vom Schloß, eigentlich kein Wirtshausgänger, war heute
unter ihnen und saß mit einem Glase Wein vor sich am runden Tisch in der
unteren Stube, denn kaltes, unfreundliches Wetter hatte die Gäste in
das Innere des Hauses getrieben. Der alte Verwalter war aber eigentlich
nicht bloß um zu trinken hergekommen, sondern er brauchte Leute aus dem
Dorfe zur Arbeit, und wußte, wie schwer es hielt, sie selbst von der
Nachkirchweihe fortzulocken. So willig sie sich auch sonst finden
ließen, heute wichen sie ihm aus, und der alte Mann, der nicht hinter
ihnen herlaufen konnte, hatte sich deshalb wie die Spinne hier mitten
in das Netz gesetzt, wo sie ihm, wie er recht gut wußte, doch zuletzt
anlaufen mußten. Neben ihm, ineinandergedrückt und schläfrig, saß ein
anderer alter Gesell, der faule Tobias, wie sie ihn im Dorfe nannten.
Er sah fast wie ein Müller aus, mit seinem hellblauen, weiß bestaubten
Rock, war auch früher ein Müller, und noch dazu ein ganz tüchtiger,
gewesen, und wohnte in der unteren Mühle, aber nur zum Auszug. Er hatte
vor längeren Jahren Mühle wie Anwesen an seinen Schwiegersohn verkauft
und sich nur, wie das häufig Sitte ist, seinen Auszug, das heißt Wohnung
und Verpflegung bis zum Tode, vorbehalten, dann das Geld genommen und
lustig damit gelebt, und jetzt hieß es allgemein, daß er wohl bald mit
der erhaltenen Summe fertig sein müsse. Das aber kümmerte ihn gar wenig.
Ohne die geringste Beschäftigung, war er den Vor- wie Nachmittag sicher
im Stern zu treffen. Nur an warmen Tagen ging er manchmal mit der Angel
an den Bach, aber er war selbst zu faul, Würmer zu suchen, besteckte
seine Angel deshalb nur, legte sie ins Wasser und sich daneben in den
Schatten irgend eines Baumes, und schlief so lange, bis er durstig
wurde. Dann stand er auf, packte sein Angelzeug zusammen und ging wieder
in den Stern, und die Leute im Dorfe nannten ihn so mit Recht den faulen
Tobias.

Daß der Bursche nicht zum Arbeiten zu bringen war, selbst wenn er noch
hätte arbeiten können, wußte der Verwalter recht gut, richtete deshalb
auch kein Wort an ihn, und die beiden saßen eine Weile schweigend neben
einander, wobei Tobias manchmal mit den rotgeränderten und feuchten
Augen nach ihm hinüberblickte, und sich nur bewegte, wenn er sein Glas
hob oder es von frischem füllen ließ.

»Na,« nahm da endlich Tobias das Gespräch auf, denn es verdroß ihn,
daß ihn der Verwalter keines Wortes würdigte, »wird ja jetzt bald ein
anderes Leben in dem alten Schlosse werden, he? -- Kommt heute ein neuer
Pachter hinein, der wahrscheinlich einmal ein bischen reine Bahn macht.«

»Möglich,« sagte Schönle, der Verwalter, trocken. »Euch wird er aber
doch wohl nicht ändern können.«

»Mich? -- ne -- wäre auch schade,« lachte Tobias stillvergnügt vor sich
hin, denn er wußte jetzt, daß er den Verwalter geärgert hatte, »bin so
hübsch genug und muß nun auch so bis an mein Ende -- das Gott der
Herr mir und meinem Schwiegersohn zuliebe wohl noch ein paar Jährchen
hinausschieben wird, -- aufgebraucht werden; hehehe!«

Der Verwalter antwortete ihm nichts darauf, trank einen Schluck aus
seinem Glas und sah ungeduldig nach der Tür. Die Gesellschaft gefiel ihm
nicht, und er wäre gern aufgestanden, hätte er nur irgendwo anders einen
passenden Platz gehabt. Der Alte merkte dies recht wohl, aber noch viel
zudringlicher fuhr er fort: »Es hieß ja einmal eine Weile im Ort, der
Herr Verwalter würden den Pacht selber übernehmen, he? Der gnädige Herr
da draußen hat aber wohl nichts davon wissen wollen? Ja -- ist eine alte
Geschichte: der Prophet gilt nichts im eigenen Lande, hehehe!«

Damit hatte er übrigens, wie er recht gut wußte, des Verwalters
wundesten Fleck getroffen; der alte Mann stand auch auf, trank sein Glas
aus und sagte: »Ihr seid ein unverbesserlicher Schwätzer, Tobias, und
ein so nutzloses Subjekt, wie je auf zwei Beinen herumgetaumelt ist.
Wenn Ihr einmal nüchtern seid, will ich weiter mit Euch reden.« Und
damit wollte er sich von dem höhnisch zu ihm aufschauenden Alten
abdrehen, als die Türe aufgerissen wurde, und einer der Gutsknechte
atemlos hereingestürzt kam.

»Sie sind da -- sie sind da!« schrie der Bursche, ohne nur zu grüßen,
den Verwalter an, »eben fahren sie die Allee hinauf -- zwei Wagen
hintereinander.«

»Alle Wetter!« rief der Verwalter erschreckt, »und ich sitze hier und
verschwatze die Zeit mit dem -- Lump da!« Und ohne weiter einen
Blick zurückzuwerfen, fuhr er aus der Türe, sprang auf sein draußen
angebundenes Pferd, das der Knecht rasch von dem eisernen Ringe löste,
und sprengte, was dieses laufen konnte, den breiten Fahrweg hin, der
nach dem Schlosse hinaufführte. Der alte Tobias sah ihm tückisch nach.

»Lump?« brummte er leise und grimmig vor sich hin, »na, warte, Alter,
den Lump werde ich Dir gedenken, preußischer Dickkopf, der sich
immer aus was besserem gemacht denkt! -- Verwalterhacke, auf eine
Ochsenjungenpeitsche gepfropft -- wenn ich die Zeit nur noch erlebe,
daß sie dich vom Hofe jagen. -- Lump! -- selber einer!« -- und mit den
giftig hervorgestoßenen Worten goß er den letzten Rest seines Kruges
hinunter.

Oben im Schlosse ging es indessen lebhaft zu, denn mit Blitzesschnelle
hatte sich die Nachricht von dem Eintreffen des Gutsherrn, wie des neuen
Pachters, die eigentlich erst auf morgen angesagt waren, verbreitet.
Die Leute sammelten sich rasch im Schloßhofe, und als die Wagen über die
etwas morsche Brücke des sogenannten Teichgrabens rasselten, sprengte
auch schon der Verwalter von der anderen Seite vor das Herrenhaus und
behielt gerade noch Zeit, sein Pferd einem der Knechte zu übergeben und
sich selber dem Pachter anzuschließen, um die Herrschaft zu empfangen.
Die Wirtschafterin war allein nicht fertig geworden und in ihre Kammer
hinaufgesprungen, wo sie in aller Hast und Eile den Schlüssel suchte,
den sie schon von Anfang an in der Hand hielt, um eine reine Schürze
vorzubinden und eine frische Haube aufzusetzen.

Die beiden Wagen hielten jetzt vor dem Herrenhause, der alte Verwalter
sah aber kaum die beiden Herren und die elegant gekleidete Dame, die aus
dem ersten stiegen und von dem Pachter auf das ehrfurchtsvollste begrüßt
wurden. Sein Auge hing vielmehr an dem zweiten, in dem ein ältlicher
Mann mit zwei Kindern saß. Hatte der neue Pachter sich seinen Verwalter
gleich mitgebracht, und konnte er jetzt gehen, um sich auf seine alten
Tage sein Brot wo anders in der Welt zu suchen? Den alten Mann überlief
es siedendheiß; ein eigenes Zittern überkam ihn, und die fremden
Gestalten flimmerten und zuckten ihm vor den Augen, daß er kaum imstande
war, sie voneinander zu unterscheiden. Nur einen von ihnen allen kannte
er schon, den Herrn Rittmeister von Geyerstein, der zuerst aus dem Wagen
gesprungen war und der Dame jetzt die Hand bot, um ihr beim Aussteigen
behilflich zu sein. Wie behend aber gerade die Dame von dem ziemlich
hohen Wagentritt, nur leise die ihr gebotene Hand berührend,
niedersprang! Der Pachter kam dadurch mit der Anrede ganz aus seinem
Konzept, und der Rittmeister hatte seine Hand genommen und geschüttelt,
ehe er imstande gewesen war, ihn zu begrüßen.

Auch die Insassen des zweiten Wagens stiegen jetzt aus, und das
kleine Mädchen hatte zum Entsetzen der Mägde ebenfalls von oben
herunterspringen wollen, aber der ältliche Mann, der bei ihnen saß,
verhinderte sie daran, ließ erst den Wagenschlag öffnen und stieg dann
langsam mit den Kindern aus.

»Da sind wir denn an Ort und Stelle,« sagte jetzt Graf Geyerstein, sich
freundlich zu seinem Begleiter wendend, »und ich hoffe, daß es Ihnen
hier recht gut gefallen wird. Die Gegend ist fruchtbar und nicht ohne
landschaftliche Reize, der hier wohnende Menschenstamm einfach und
bieder, und einzelne der Nachbarn sind vortreffliche Leute, so daß es
sich hier im Notfalle schon leben läßt. Unser alter Pachter hat sich
hier, so viel ich weiß, ganz wohl befunden.«

»Und würde den Platz im Leben nicht verlassen haben, Herr Graf,« sagte
der Mann, »wenn nicht außergewöhnliche Umstände, wie Sie recht gut
wissen, mich dazu genötigt hätten. Ich habe hier eine frohe und
glückliche Zeit verlebt und viel Gutes genossen, und müßte ein
schmählich undankbarer Mensch sein, wenn ich das leugnen oder auch nur
verheimlichen wollte.«

»Der Platz sieht nicht übel und das Gut reinlich und freundlich aus,«
bemerkte jetzt die Dame, die ein dunkles Reisekleid trug, »nur die
Nachbarn scheinen mir ein etwas weitläufiger Begriff.«

»Wir haben es vorderhand auch nicht mit den Nachbarn, sondern mit uns
selber zu tun,« bemerkte rasch der Fremde, »und werden Fleiß darauf zu
wenden haben, uns tüchtig einzuarbeiten.«

»Und darin wird Sie hoffentlich mein alter Verwalter hier nach Kräften
unterstützen. Wie geht's, Schönle?« mit diesen Worten wandte sich der
Graf plötzlich an den alten Mann und reichte ihm die Hand. »Noch immer
frisch und kräftig bei der Arbeit? Ich bringe Euch hier den neuen
Pachter vom Gute, und bitte Euch, nachher einmal auf mein Zimmer
zu kommen. Ich habe manches mit Euch über die neue Einrichtung zu
besprechen.«

»Gnädigster Herr Graf, Erlaucht --« stammelte der alte Mann, und die
freundliche Anrede hatte ihm eine Zentnerlast von der Brust gewälzt,
»Sie können gar nicht glauben -- schon lange darauf gefreut --
heidenglücklich.«

»Schon gut, Alter, schon gut,« nickte ihm der Rittmeister freundlich
zu, und fuhr dann, zu seinem Begleiter gewandt, fort: »Das ist ein altes
Inventar des Gutes, das wir in Ehren halten müssen. Der Mann kennt jeden
Stein und Baum umher, versteht seine Sache und ist brav und ehrlich.
Ich hoffe, ihr sollt gute Freunde mitsammen werden. Gott grüß' euch, ihr
Leute, ich denke, wir gehen hinauf. Die gnädige Frau wird sich
umziehen wollen, um zum Diner bereit zu sein. Schönle, führen Sie die
Herrschaften in die für sie bestimmten Zimmer. Es ist doch alles in
Ordnung gebracht?«

»Alles, Herr Graf,« versicherte der Pachter, »obgleich wir Sie
eigentlich auf morgen erwarteten. -- Vogt, sorgt Ihr dafür, daß die
Sachen augenblicklich hinaufgebracht werden.«

Die Leute hatten sich bei dem an sie gerichteten freundlichen Gruße des
Herrn herzugedrängt und warfen sich jetzt in einem wahren Feuereifer
auf die verschiedenen Koffer und Hutschachteln, da jedes von ihnen
wenigstens einen Teil des Gepäckes tragen und sich dabei diensteifrig
beweisen wollte. War doch ihr junger Herr von allen recht von Herzen
geliebt, und der Tag immer ein Freudenfest, wo er einmal -- was freilich
selten genug geschah -- unter ihnen erschien. Wie die Fremden aber im
Schlosse verschwanden, und das Gepäck an Ort und Stelle abgeliefert war,
blieben sie auch den Blicken der Dienstleute für diesen Tag entzogen,
und die Knechte und Mägde hatten nun Raum, abends in der Gesindestube
ihre Ansichten über den neuen Pachter und seine Begleitung
auszutauschen. Das geschah denn auch ohne Rückhalt, und der gemeine Mann
hat da oft, was das erste Urteil über eine neue Erscheinung betrifft,
einen weit schärferen Blick und gesünderen Takt, als man ihm gewöhnlich
zutraut.

Selbst der Vogt, eine Art Unterverwalter auf dem Gute, eigentlich aber
nur der erste Knecht mit dem Titel Vogt, schien heute das Bedürfnis
gefühlt zu haben, dem übrigen Gesinde, von dem er sich sonst gern
etwas abgesondert hielt, seine Meinung über die neue Pachterfamilie
mitzuteilen. Er stand an dem Ofen, neben dem die Milchmagd eben einige
ausgewaschene Gefäße zum Trocknen aufgestellt hatte, indem er an
seiner Pfeife arbeitete, um sie wieder in Gang zu bringen. Er wartete
augenscheinlich, von den übrigen als Autorität zuerst angeredet zu
werden, und hatte sich darin denn auch nicht getäuscht.

»Na, Vogt,« sagte der erste Schafknecht oder Schäfer, der oben am
Tische saß und, während die Mägde die abgegessenen Schüsseln wieder
hinaustrugen, sein Rauchzeug ebenfalls hervorholte, »da haben wir ja den
neuen Pachter warm aus der Stadt heraus. Wie gefällt er Euch?«

»Gut,« sagte der Vogt, einen langen Spanfidibus an die kurze Pfeife
haltend, »er hat etwas Respektierliches im Aussehen; beinahe so, wie
unser gnädiger Herr selber, wenn er auch mit dem großen Bart ein bischen
wild drein schaut.«

»Uns auch,« meinte der andere Knecht, »und Donnerwetter, wie die Madame,
die neue Pachterin, springen konnte! Die möcht' ich einmal auf dem
Tanzboden sehen; die muß nicht schlecht fliegen können.«

»Wer war nur der Alte, der in dem zweiten Wagen bei den Kindern saß?«
meinte der Schäfer, »das ist ein wunderlicher Kauz. Ueber das Gesicht
zuckt es ihm immer, wie tausend Falten, als ob's ihn an der Nase juckte
und er sich nicht kratzen dürfte.«

»Hm,« meinte der Vogt, »ich denke mir, das wird wohl der Lehrer von den
beiden Kindern sein, den sie sich mitgebracht haben. Erst hielt ich ihn
für einen neuen Verwalter, aber wie ein Oekonom sieht er mir doch nicht
aus, und der Alte bleibt ja auch, das hat ihm der gnädige Herr gleich
versichert.«

»Aber der gnädige Herr sieht recht bleich und abgemagert aus,« sagte
die Großmagd, »er muß gewiß krank gewesen sein. Er war auch so ernst und
still; gar nicht so fröhlich, wie das letzte Mal, wo er hier war.«

»Das macht die Stadtluft,« meinte der Vogt, »in dem vielen
Steinkohlenqualm und Dampf können die Menschen natürlich nicht so gesund
sein, wie hier draußen bei uns in der frischen Luft. Wo soll's denn
herkommen?«

»Ach was!« sagte die Magd, »das ist kein Steinkohlendampf, was dem
gnädigen Herrn auf dem Gesichte liegt, das ist was anderes, viel
schwereres, und ich will ihm zu Gott wünschen, daß er kein geheimes
Herzeleid zu tragen hat.«

»Herzeleid,« lachte der Pferdejunge, der sich hinter den Ofen auf die
Bank gedrückt hatte, und erst vor ein paar Monaten hier angezogen
war, überhaupt ein etwas naseweiser Gesell, »wo soll derlei Herzeleid
herkriegen! Das hat Geld genug, und mit dem Geld kauf' ich dem Teufel
sein Ohr ab in der Welt.«

»Du Gelbschnabel, weißt wohl auch schon, wie es in der Welt aussieht,«
sagte die Großmagd, ihn verächtlich über die Achsel ansehend, »daß
solche -- Nasen, die noch nicht einmal hinter den Ohren trocken sind,
auch schon mitreden wollen!«

»Nun, nu,« sagte der Pferdejunge, »beiß mich nur nicht, Kathrine!« Das
Mädchen aber antwortete ihm gar nicht mehr, und der Vogt meinte: »Die
kleine Deren ist ein fixes Ding, drall und nett, und hält sich wie ein
Grenadier -- der Junge scheint mir's aber hinter den Ohren zu haben. Wie
er den Jahn mit seinen weiten Hosen sah, stieß er heimlich den Alten an,
und der, wenn er auch keine Miene verzog, sah doch aus, als ob er sich
innerlich ausschüttete -- der Junge aber lachte laut heraus.«

»Na, ich möchte wissen, was sie an mir zu lachen fänden,« brummte Jahn,
der Schafknecht.

»Die Madame sieht aber nicht aus, als ob sie Butter und Käse machen
könnte,« meinte die Mittelmagd, ein junges, dralles Ding, »sie trug auch
so neumodische Handschuhe an den Händen, und mit der weißen Haut wird
sie wohl noch keine Garben mit gebunden haben. Das scheinen vornehme
Leut' zu sein, die neuen Pachters.«

»Ja,« meinte der Vogt, »jetzt wird alles in den Schulen und Instituten
aus lauter Büchern gelehrt: das Melken und Käsemachen, und das Ackern
und Eggen, mit dem Pferdeputzen in den Kauf, und das haben sie denn
alles da drin mit Bildern hübsch aufgezeichnet und können es nur so am
Schnürchen hersagen. Den Mist lassen sie ja sogar aus Amerika kommen.
Wie's aber nachher um die Wirtschaft aussieht, das ist eine andere
Sache, und da verexperimentieren sie denn gewöhnlich die ganze Blase,
und unsereiner muß nachher mit den Fäusten wieder dreinspringen und gut
machen, was die klugen Leute alles verdorben haben.«

»Wo war denn der Schafmeister heute, als die Herrschaft kam?« fragte
jetzt der eine Knecht, »der fehlt doch sonst gewöhnlich nicht bei
solcher Gelegenheit.«

»Ich weiß nicht,« meinte der Schafknecht, »drunten im Ort vielleicht...«

»Der wird wieder schön um die neue Herrschaft herumscherwenzeln,« meinte
der Vogt, »aber ich passe ihm diesmal auf die Finger, darauf kann er
sich verlassen.«

»Wenn Ihr nur immer was auf den Schafmeister zu hacken habt,« brummte
Jahn, »der ist lange gut.«

»Aber wozu?« fragte der Vogt, und die anderen lachten. »Wo es was zu
horchen und zu spionieren gibt, ja,« fuhr der Vogt fort, »irgend was der
Herrschaft zu rapportieren, oder anderen Menschen...«

»Jahn,« sagte in dem Augenblick der Schafmeister, der seinen Kopf zur
Türe hereinsteckte, »sieh nach den Schafen, ehe es dunkel wird -- und
Ihr, Vogt, habt wohl auch weiter nichts zu tun, als hier zu schwatzen?«
Und damit schloß sich die Türe wieder, hinter welcher der Schafmeister
wie eine Erscheinung verschwand.

Im ersten Moment herrschte in der Gesindestube Totenstille, nur der
Pferdejunge hinter dem Ofen kicherte leise vor sich hin, dann aber fuhr
der in seiner Würde gekränkte Vogt empor und rief, aber doch noch immer
mit etwas gedämpfter Stimme: »So? -- ich denke wohl, ich werde selber
wissen, was ich zu tun habe, ohne daß ich einen Schafmeister brauche,
der es mir erzählt. Gewisse Leute mögen überhaupt nur denken, daß ihre
Herrschaft jetzt aus und vorbei ist, und die Kriecherei jetzt nichts
mehr hilft, wie vormalen.« Damit aber, als ob er jetzt alles getan
hätte, um die Achtung vor seiner Stellung aufrecht zu erhalten, schob
er seine Pfeife in die Brusttasche, griff seinen Hut auf, und sich zum
Gehen wendend, fuhr er noch einmal die Knechte an: »Und Ihr braucht
auch nicht hier bei hellem, lichtem Tage schon dazusitzen und Maulaffen
feilzuhalten. Der Verwalter wird gleich wieder unten sein, und wer dann
die ewigen Nasen kriegt, das bin ich!« Und mit den Worten fuhr er zur
Türe hinaus, um seinen Aerger womöglich draußen an den Dreschern und
Tagelöhnern auszulassen.



11.


An diesem Abend ließ sich die Herrschaft nicht mehr blicken; das Diner
wurde oben gemeinschaftlich genommen, und dann hatte Graf Geyerstein den
ganzen Abend mit seinem Pachter zu rechnen und zu revidieren, um nur die
nötigsten Vorarbeiten für die auf die nächsten Tage festgesetzte
Uebergabe des Inventars usw. zu beseitigen. Es war zwölf Uhr vorbei, ehe
die beiden Männer zu Bett kamen.

Am nächsten Morgen, früh um acht Uhr, standen schon zwei Pferde
gesattelt vor dem Schlosse, und Graf Geyerstein ritt gleich darauf mit
dem neuen Pachter über die Brücke hinüber und schlug den Weg nach dem
Walde ein. Die Mägde, die draußen Runkelrüben ausmachten, richteten
sich auf und schauten ihnen nach, so weit sie konnten; die beiden Männer
saßen gar zu fest und herrlich im Sattel, und die Tiere schienen zu
wissen, was für tüchtige Reiter sie trugen, denn sie wieherten fröhlich
der frischen Morgenluft entgegen und flogen mit den kräftigen Gliedern
nur so hin über den weichen Rasen. Die Reiter hatten in der Tat ihren
Pferden im Anfang die Zügel gelassen, daß sie nach Gefallen eine Strecke
ausholen konnten. Aber vom Gute weiter entfernt, und als sie jetzt vom
See ab, dem etwa eine Viertelstunde entfernten Holze zu bogen, zügelte
Graf Geyerstein zuerst sein Tier ein, ritt dann dicht bis an die
Holzung, deren mächtige Eichen ihre Riesenarme über sie ausspannten,
und wandte hier den Kopf seines Pferdes der Richtung zu, von der sie
hergekommen waren. Einen besseren Fleck zu einem Ueberblick der ganzen
Nachbarschaft hätte er auch nicht wählen können, und ein reizendes,
landschaftliches Bild lag vor ihnen ausgebreitet. Rechts hob sich,
von einer Masse Fruchtbäume dicht umdrängt, und von einer Reihe hoher,
italienischer Pappeln überragt, das Gut empor, dessen rote Dächer gar
freundlich aus dem dunkeln Grün der Bäume hervorschauten. Gerade voraus
spannte sich die in der Morgensonne blitzende und funkelnde Fläche des
Sees, und zur Linken, längs dem schilfigen Ufer desselben hingebaut, lag
das kleine, freundliche Dörfchen Schildheim, von gelben Stoppelfeldern
und braunen Sturzäckern dicht und reich umgeben. Berge konnte das
Land freilich nicht aufweisen, einzelne wellenförmige Erhöhungen und
Hügelketten ausgenommen, aber heute hatten die Wolken einen Hintergrund
geliefert, und im Südosten hoben sich, wie kühne Alpenjoche, hohe,
milchweiße Massen jach empor, die ganze Landschaft wie in einen Rahmen
schließend.

»Siehst du, Georg,« sagte der Rittmeister, seine Hand hinüber auf des
Bruders Arm legend, »es ist ein schönes, freundliches Land, in das ich
dich geführt, und geht deine Erinnerung weit genug zurück, so mußt du
sogar in dieser noch einen Anhalt finden. Als Kinder haben wir die alte
Großtante hier einmal besucht, bald nachher, als der Onkel gestorben
war, und sind auf dem See dort gefahren, wie wir durch den Wald hier mit
demselben alten Forstwart gezogen, der selbst jetzt noch am Leben ist,
und den wir wahrscheinlich heute morgen sehen werden.«

»Und wie soll ich dir je danken, Wolf, daß du mich eben hierher
geführt?« rief Georg, während eine Träne in seinem männlichen Auge
zitterte, »wie soll ich je...«

»Laß das, Georg,« unterbrach ihn freundlich der Bruder, »glaube mir,
dieser Augenblick wiegt -- alles andere auf, was mich je betroffen haben
könnte, so glücklich, so selig macht er mich selber. Ich weiß dich
aus einem Leben gerettet, das deiner unwürdig war, in dem du hättest
untergehen müssen; ich sehe für unsere Mutter einen unverhofften und
deshalb so viel reicheren Segen an Glück herniedertauen, ich weiß dich
froh und für deine Zukunft gesichert, und wenn das wenige, was ich
getan, wirklich einen Lohn verdient, so finde ich ihn tausendfach in
diesem Gefühl.«

»Mein guter, braver Wolf!« sagte Georg, des Bruders Hand fassend und
herzlich drückend.

»Komm jetzt,« rief Wolf fröhlich, »laß uns absteigen und zu Fuß in den
Wald gehen. Dort drüben sehe ich einen der Holzmacher, dem wir unsere
Tiere übergeben können. Ich selber gehe dann mit dir den Fußpfad durch
das Holz.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, sprengte er auch, von dem Bruder gefolgt,
am Holzrande hin, auf einen einzelnen, dort mit Anzeichnen von Bäumen
beschäftigten Arbeiter zu. Diesem wurden die Pferde mit dem Befehl
übergeben, sie zum Försterhause zu führen, und die beiden Brüder
verschwanden gleich darauf in dem Schatten des wunderschönen Waldes.

Kaum aber im Dickicht drin, als Wolf auch den Arm des Bruders in den
seinen zog und mit herzlicher Stimme sagte: »O, Georg, wie habe ich mich
nach diesem Augenblicke gesehnt, wieder so einmal Arm in Arm mit dir
durch den Wald zu ziehen, wieder einmal der alten Zeiten gedenken zu
können, und Mensch -- Kind zu sein! Ach, es war doch eine schöne, liebe
Zeit, da wir noch als Knaben hier zusammen spielten, den alten Forstwart
neckten und in die Bäume hinaufkletterten, um dem Sperber ins Nest zu
schauen!«

»Und sehnst auch du dich nach der alten Zeit zurück, Wolf?« fragte der
Bruder. »Du könntest doch jetzt glücklich sein; aber mir selber ist es
schon so vorgekommen, als ob ein geheimer Schmerz an deiner Seele nage.
Darf ich ihn wissen? -- kann ich vielleicht mit meinem Rat dir helfen?
denn wenn weiter nichts in der Welt, Erfahrung habe ich in reichem,
vollem Maße gesammelt. -- Oder drückt nur die Sorge um mich dich so
schwer zu Boden? Dann sei guten Mutes, ich werde dir beweisen, was der
feste Wille eines Mannes vermag.«

»Wirst du das in der Tat, Georg?« rief Wolf bewegt, »dann machst du mich
wirklich glücklich -- und dich zugleich mit. Wie es scheint, hast du
aber harte Kämpfe mit deiner Frau gehabt. Wir waren noch nicht einmal
imstande, darüber zu sprechen.«

»Allerdings,« seufzte Georg, »und eigentlich bewog ich sie nur dadurch,
mir zu folgen, daß ich darauf bestand, wie du mir geraten, mein Recht
auf das Kind geltend zu machen. Sie wollte sich nicht von Josefinen
trennen. Ich fürchte auch, es wird sehr schwer halten, sie hier heimisch
zu machen.«

»Glaube das nicht,« sagte Wolf, »die Hauptsache war, sie jenem
aufregenden, wilden Reiterleben erst einmal zu entrücken, und aus dessen
Bereich, wird sie es bald vergessen lernen.«

»Ich fürchte, das wird nicht der Fall sein.«

»Georgine ist eine durchaus gescheite Frau,« sagte der Rittmeister, »und
ich zweifle gar nicht, daß sie bald selber begreifen und einsehen wird,
wie ihre Stellung im gesellschaftlichen Leben doch hier eine ganz
andere ist, als früher, da sie sich für Geld im Zirkus zeigte. Schon der
genauere Umgang mit der besseren Gesellschaft, von dem sie ja bis jetzt
ausgeschlossen war, wird sie erst über ihre frühere Stellung im Leben
aufklären, und einmal das gewonnen, kann sie nicht daran denken, je zu
einem solchen Dasein zurückzukehren.«

»Aber das Kind, auf das sie ihre ganze Hoffnung, ihren ganzen Stolz
setzt!«

»Gerade das Kind wird zuletzt das Band werden,« versicherte der Bruder,
»das sie zuletzt nur fester und inniger an das neue Leben kettet. Sie
wird einsehen lernen, daß sie für ihre Tochter ein glücklicheres Los
erwarten darf, als sie bis dahin für möglich hielt, und gerade ihr jetzt
in eine falsche Bahn geworfener Stolz wird und muß sie dem richtigen
Wege entgegenlenken. Das aber, mein Georg, überlasse der Zeit, die wird
dabei das meiste wirken, und arbeite du selber dich nur wacker in den
neuen Stand hinein. Die Frau macht mir, da wir sie einmal so weit haben,
keine Sorgen mehr. Eins nur, was mich eher beunruhigt, ist, wie sich
der Vater deiner Frau und -- der Knabe in dieses geregelte, ja steif
bürgerliche Leben finden werden. Die beiden mußt du streng überwachen
und darfst sie nicht aus den Augen lassen.«

»Für den Alten ist nichts zu besorgen,« sagte Georg, »er hat sogar der
Tochter von Anfang an zugeredet, sich meinem Wunsche zu fügen, und,
ziemlich bei Jahren schon, fühlt er sich sehr zufrieden und glücklich,
seine Zukunft gesichert zu sehen. Das Beispiel, das er an vielen seines
Standes im Alter vor Augen gehabt, mag ihn gewitzigt haben, und ich kann
mich, wie ich glaube, fest auf ihn verlassen. Nicht so sicher ist mir
der junge Bursche, der Sohn seines einst verunglückten Bruders, von dem
er sich aber unter keiner Bedingung trennen wollte. Es ist das der
einzige weiche Zug in seinem sonst ziemlich schroffen Charakter: die
Anhänglichkeit an den Knaben, und wenn ich selber im Anfang auch dagegen
war, daß er uns begleiten sollte, sah ich mich endlich doch genötigt,
nachzugeben. Außerdem hat der Alte mir fest versprochen, ihn im Zaume
zu halten, und einmal mit dem früheren Leben gebrochen, wollte ich die,
welche doch nun einmal meine Verwandten sind, auch nicht länger dabei
wissen. Ich selber hätte sonst nie Ruhe gehabt und immer fürchten
müssen, daß sie mir -- selbst in späterer Zeit -- noch einmal Schimpf
und Schande gebracht.«

»Du hast recht,« sagte Wolf, »es ist besser, viel besser so, und für
den Knaben wird sich, wenn er etwas Ordentliches gelernt hat, auch wohl
schon eine Stellung finden lassen. Wir müssen aber vorsichtig mit ihm
zu Werke gehen, daß er das alte Leben erst vergißt und selber Freude am
Lernen findet. In Schildheim ist übrigens ein tüchtiger Lehrer, und es
wird deine Sorge sein, ihn nach und nach heranzubilden und zu ziehen,
damit das wilde Leben nicht wieder zum Ausbruch kommt, das doch wohl
noch in ihm steckt. -- Aber dort liegt das Forsthaus, Georg; erinnerst
du dich noch des alten, mit Hirschgeweihen reich geschmückten Hauses,
mit seinem spitzen Giebel und den Sprüchen über der Tür?«

»Jetzt, da es vor mir liegt,« sagte Georg, »taucht es, wie aus alten
Zeiten, vor meiner innern Seele auf, und mir ist, als ob mich ein Mann
mit einem krausen Bart und einem grünen Rocke dort über den Plan trüge
und mich auf seinem Rücken unter jene Linde reiten ließe.«

»Das war der Forstwart!« rief Wolf, »derselbe Bursche, der dort
mit eisgrauem Haare jetzt, unter dem nämlichen Baume sitzt und den
Schwanenhals scheuert, im Winter Füchse oder anderes Raubzeug damit zu
fangen. Der Alte wird dich aber nicht mehr wiedererkennen, und das ist
auch ganz gut so, denn unter deinem rechten Namen darfst und willst du
ja noch nicht erscheinen. Betrachte ihn für jetzt deshalb nur als eine
Reliquie aus der Jugendzeit, denn nur als solche ist er noch auf dem
Posten, dem er, seines Alters und seiner wunderlichen Grillen wegen,
kaum mehr vorstehen kann. Auch der alte Verwalter stammt noch aus
unserer Zeit -- alle anderen sind neu, der Förster ist sogar erst seit
drei Jahren auf dem Gute, so viel ich aber von dem Pachter gehört
habe, ein treuer und zuverlässiger Mann. Dich, Georg, verweise ich nun
hauptsächlich an den alten Verwalter. Der Mann hat vielleicht manche
kleine Eigenheiten und hängt ein wenig an seinem altpreußischen
System, -- ein Hauptgrund, weshalb er mit dem letzten Pachter nicht
sympathisieren konnte -- sonst aber ist er treu wie Gold und aufrichtig
und ehrlich, ohne sich je vorzudrängen. Den halte dir warm; er ist dabei
ein durchaus praktischer Oekonom, der den Boden und seine Behandlungsart
hier aus dem Grunde kennt, und du kannst dich also in jeder Hinsicht auf
ihn verlassen. Aber wir sind gemeldet, die Hunde schlagen an, ich werde
dich dem Förster als den neuen Pachter, Herrn von Geyfeln, vorstellen.«
Und seinen Arm aus dem des Bruders nehmend, schritt er mit ihm dem
Försterhause zu.

Förster Alwart war eben vom Revier hereingekommen, und als die Hunde
laut wurden, trat er, seine Büchse noch in der Hand, in die Tür, um zu
sehen, was es gäbe. Als er die Herren erkannte, kam er ihnen, die Mütze
abziehend, entgegen, und auch der alte Forstwart hatte seine Arbeit
ruhen lassen, ohne jedoch von seinem Sitze aufzustehen. Erst als sich
die Männer der Stelle, wo er sich befand, näherten, erhob er sich
langsam, um seinen jungen Herrn zu begrüßen.

»Nun, lieber Förster,« sagte indessen der Graf zu dem Weidmann, »hier
bringe ich Ihnen den neuen Pachter, Baron von Geyfeln, der das Gut
übernehmen wird, und ich hoffe, daß Sie gut mitsammen auskommen werden.
Der Baron versteht übrigens noch nicht viel von der Forstwirtschaft, wie
er mir selbst gesagt hat, und bittet Sie durch mich, ihm da mit Rat und
Tat an die Hand zu gehen, um das Nötige kennen zu lernen. Ich glaube,
daß ich mich dabei auf Sie verlassen kann.«

»Herr Graf,« sagte der Jäger, »es wird mir eine Ehre sein, dem Herrn
Baron in allem Auskunft zu geben, was ich selber weiß, und daß ich mein
Bestes tun werde...«

»Davon bin ich überzeugt -- ah, unser alter Forstwart! -- Nun, Barthold,
wie geht's? Noch immer munter und rüstig, seit wir uns nicht gesehen?«

»Zu Befehl, Herr Graf,« erwiderte der Forstwart, der aufgestanden war
und seine Mütze abgenommen hatte, jetzt aber, während er mit dem Grafen
sprach, den Blick fest auf seinem Begleiter haften ließ und nur manchmal
von ihm hinüber zu dem Grafen sah, »es geht noch immer, so wie's eben
geht. Besser natürlich nicht, mit den Jahren, und man muß nur Gott
danken, wenn's eben nicht schlechter wird. Nur der Wald bleibt jung --
ich kenn' ihn seit meiner Jugendzeit, und er ist seitdem wohl fester und
stämmiger geworden, aber älter -- beileibe nicht.«

»Ja, ja, mein guter, alter Barthold,« sagte der Graf, »jünger werden wir
alle nicht -- wie alt seid Ihr?«

»Fünfundsiebzig, im letzten Wonnemond.«

»Ein schönes Alter.«

»Halten zu Gnaden, Herr Graf, ein hohes Alter ist's wohl, aber kein
schönes. Fünfundzwanzig, denk' ich, war doch mein schönstes, vielleicht
ist's noch länger her, aber ich habe die Zeit nun auch bald vergessen.«

»Und wie steht's mit den Wilderern und Holzfrevlern, Barthold?«

»I nun, Herr Graf,« lächelte der Alte schlau vor sich hin, »so viel ich
weiß, befinden die sich wohl.«

»So?« lachte der Rittmeister, »also es geht ihnen gut hier?«

»Das wollte ich doch nicht damit sagen,« meinte der Alte, und aus seinen
kleinen grauen Augen blitzte ein eigenes Feuer. »Wir haben auch lange
nichts von ihnen gesehen, aber auf den Nachbargütern kehren sie manchmal
ein, und ist mir nie zu Ohren gekommen, daß dort einem ein Schaden
geschehen wäre. Den Holzlesern tun wir natürlich nichts. Die armen Leute
brauchen im Winter auch das bißchen Holz, und draußen verfault's doch.«

»Das ist auch nicht mein Wille,« sagte freundlich der Graf. »Und wie
ist's mit dem Wildstand, Förster, schreien die Hirsche noch?«

»Brav,« erwiderte der Weidmann, »da wir wußten, daß der Herr Graf selber
herkäme, ist auch noch keiner das Jahr geschossen worden.«

»Vortrefflich; wenn wir Zeit haben, werden wir da nächstens einmal
hinausgehen. Geyfeln, Sie sind doch Jäger?«

»Leidenschaftlich, aber ein besserer Jäger wohl als Schütze.«

»Das lernt sich alles, und das vielleicht am leichtesten; unsere Jagd
ist hier nicht schlecht. Aber da seh' ich unsere Pferde. Adieu, Förster,
adieu, Barthold; ich werde es euch sagen lassen, wenn wir herauskommen;
aber noch besser, kommt morgen einmal hinauf auf's Schloß -- ich habe so
noch manches mit euch zu bereden.«

Und mit den Worten grüßte er die beiden Forstleute, und wieder zu
Pferde, sprengten die Reiter auf das Gut zurück.

Der Forstwart war neben dem Förster stehen geblieben und sah ihnen nach,
solange er sie zwischen den stattlichen Eichenstämmen mit den Augen
verfolgen konnte. Erst als sie hinter den Büschen des Unterholzes
verschwunden waren, wandte er sich kopfschüttelnd ab und wollte eben
wieder an seine vorher verlassene Arbeit gehen.

»Nun, Forstwart, Ihr schüttelt mit dem Kopfe,« meinte da der Förster,
»gefällt Euch der fremde Pachter nicht?«

»Doch, Förster,« erwiderte der Alte, »sehr gefällt er mir, aber es kommt
mir fast so vor, als ob es kein ganz Fremder wäre.«

»Nicht? -- Kennt Ihr ihn von früher her?«

»Nein, Förster -- ich habe sein Gesicht wohl nie gesehen, und doch kommt
es mir so wunderbar bekannt und freundlich vor. Wenn ich nicht wüßte,
daß...«

»Was?«

»O, nichts -- ist so eine alte Idee von mir. Man bekommt auch so viele
Leute im Leben zu sehen, bis einem die verschiedenen Gesichter zuletzt
im Gedächtnis durcheinander laufen. Nachher kann man sie nicht wieder
auseinander herausfinden. Ich werde schon recht alt, Förster.«

»Na, Ihr könnt noch immer eine Weile mit herumlaufen,« lachte der
Förster gutmütig. »Mein Vater ist neunzig alt und noch so frisch auf den
Beinen, als ob er kaum sechzig zählte.«

»Wie Gott will,« seufzte der alte Mann, ging zu seinem Sitz unter der
Linde und nahm den Schwanenhals wieder auf, an dem er fortscheuerte, um
das Eisen blank und rostfrei zu bekommen. Leise vor sich hin summte er
dazu ein altes Lied, und manchmal sprach er auch mit sich selber, aber
immer nur halblaut, daß es kein anderer verstehen konnte, und dazu
nickte er zuweilen mit dem Kopfe.

Endlich war er fertig, ging in ein kleines Seitengebäude, in dem sein
Zimmer lag, hing dort sein Schwanenhals auf, nahm dafür seine alte
einfache Flinte von der Wand, und schlenderte dann langsam, ohne sich um
das für ihn bereitgehaltene Frühstück zu bekümmern, in den Wald hinein.



12.


Auf Schloß Schildheim wurde jetzt ein Doppelleben geführt. Aeußerlich
schien es, als ob nicht das geringste Außergewöhnliche vorginge. Was
an Feldfrüchten noch draußen war, wurde nach und nach eingefahren.
Die Knechte ritten morgens zum Ackern hinaus und kamen zum Mittagessen
wieder heim -- auf zwei Tennen wurde sogar schon gedroschen, um das
junge Korn, das heuer noch einen guten Preis hatte, bald auf den Markt
zu bringen. Wie die Welt draußen keinen Stillstand kennt, welchem
Wechsel auch ihre einzelnen Teile unterworfen sein mögen, so ging
das Wesen hier auch ruhig und ununterbrochen fort, welche wichtige
Veränderung auch in der innern Verwaltung vorgehen mochte.

Das Dienstpersonal berührte das alles nicht; das schaffte und arbeitete
unverdrossen weiter, denn der Lohn ging fort, die Arbeit mußte getan
werden, unter wessen Leitung das Ganze auch stand, wer auch die Zügel
in die Hände nahm. »Der König ist tot! es lebe der König!« Das alte
Machtwort, wie dort im großen, so hier im kleinen, übte seine alte Kraft
und Eigenschaft, und als am Abend des zweiten Tages der frühere Pachter
sich in seinen Wagen setzte, die Leute grüßte und zum Tor hinausfuhr,
hörten die Drescher einen Augenblick mit Dreschen auf und sahen ihm
nach; als aber der Wagen um die Biegung verschwand, fielen die Flegel
wieder klappernd im Takt ein, und der ganze Epilog, der ihm auf der
Tenne gehalten wurde, war: »Glückliche Reise, Herr Pachter -- bin jetzt
nur neugierig, wie der neue einschlägt.«

Die ersten Tage vergingen so in dem Einrichten des neuen Pachters, und
selbst Frau von Geyfeln -- wie sich Georgine gar nicht ungern nennen
hörte, war es doch nur eine neue Rolle, die sie spielte -- fand
Unterhaltung darin, sich von der alten Wirtschafterin, die gar
geschäftig in den weitläufigen Gebäuden hin und her fuhr, in die
Geheimnisse einer ländlichen Haushaltung einweihen zu lassen. Sie war
dabei klug genug, der Frau zu verheimlichen, daß sie noch gar nichts von
solchem Wirtschaftswesen verstand, und bei ihr vollkommen fremden Sachen
fragte sie erst auf weiten Umwegen vorsichtig herum, bis sie zum Ziele
kam und erfuhr, was sie eben wissen wollte. Frau Sibylle fühlte sich
dabei außerordentlich geschmeichelt über das herablassende Benehmen der
gnädigen Frau, die sich natürlich nur informieren wollte, wie die Sachen
hier in ihrer Gegend gemacht und vorgenommen würden; denn jedenfalls
hatten sie es bei ihr zu Hause ganz anders, nur lange nicht so gut
und zweckmäßig betrieben. Die Wirtschafterin wollte sie auch überhaupt
sehen, die so gute Käse machte wie sie, die solch fette Butter lieferte,
deren Kühe so fette Milch gäben, und was das Trocknen von Obst, das
Räuchern von Fleisch, das Einmachen von Kraut und Gurken betraf, da
suchte sie ihren Meister. -- Und wie vornehm sah die neue Frau Pachterin
dabei aus! was für feine Hände hatte sie, und wie lief sie mit den
blankgewichsten, papierdünnen Schuhchen so keck mit durch alle Ställe
und in Milch- und Käsekammern, auf Rauch- und Trockenböden! Und kannte
sie nicht schon am ersten Abend fast alle Kühe beim Namen nach der
Reihe her? Selbst in dem Pferdestall, obgleich sie da eigentlich nicht
hingehörte, war sie gleich am ersten Morgen gegangen und hatte gefragt,
wie die Tiere behandelt würden und wie viel Futter sie bekämen -- und
vor den Pferden fürchtete sie sich nicht so viel! Georg indessen, der,
wenn auch mit stiller, doch inniger Freude dem wirtschaftlichen Leben
seiner Frau aus der Ferne zusah, hatte selber alle Hände voll zu tun, um
die kurze Zeit zu benutzen, die sein Bruder noch bei ihnen auf dem Gute
zubringen konnte, um soviel wie möglich von dem Verwaltungswesen eines
solchen Gutes zu lernen. Die Zeit war doch so kurz und gar so mancherlei
dabei zu erfragen, was sich durch Erfahrung gewöhnlich nur mit Schaden
lernen läßt. Aber er hatte den festen, männlichen Willen, sich in dieses
neue Leben einzuarbeiten, und Wolf war unermüdlich, ihm, was er selber
wußte, darüber mitzuteilen.

Der einzige, der, wenn auch nicht teilnahmlos, doch vollkommen
untätig dem ganzen Treiben und Schaffen zusah und alles ruhig an sich
vorübergleiten ließ, war der Alte, Georginens Vater, der unter
seinem wirklichen Namen Mühler eingeführt war, und auch keine weitere
Auszeichnung beanspruchte, als daß man ihn eben zufrieden ließ. Er glich
dabei einem Manne der nach harter Anstrengung und Arbeit längere Ferien
angetreten und vorderhand auch weiter keinen Zweck hatte, als sich recht
ordentlich und gründlich auszuruhen. Er schlief gewöhnlich bis morgens
acht oder neun Uhr, frühstückte dann mit den Kindern auf seinem Zimmer,
machte einen Spaziergang mit ihnen nach dem Walde zu, kam mittags wieder
nach Hause, aß sehr stark und verträumte dann seinen Nachmittag in
ähnlicher Weise, wie er den Vormittag durchgebracht hatte. Georg sah nun
wohl ein, daß dieses Nichtstun auf die Länge der Zeit nicht ausführbar
sein würde und einer, wenn auch geringen, doch festen Tätigkeit weichen
müsse. Für jetzt ließ er den Alten aber gewähren, einesteils, weil er
zu viel zu tun hatte, um sich mit ihm abzugeben, andernteils, weil er
hoffte, daß sein Schwiegervater endlich selber zu ihm kommen würde, ihn
um irgend eine Beschäftigung zu bitten. Selber an Tätigkeit gewöhnt,
hielt er es nicht für möglich, daß sich irgend ein Mensch an einem
solchen Leben lange freuen könne.

Die Kinder befanden sich jedenfalls am wohlsten; denn ganz ungewohnt, so
wie hier in der freien, schönen Natur zu schwelgen, mit dem grünen Rasen
unter, den breitästigen Bäumen über sich, sangen und hüpften sie mit
den Vögeln draußen um die Wette und schienen am raschesten das früher
geführte Leben vergessen zu wollen. Nur die eine Angst hatte Georg,
daß sie auch am leichtesten und unbefangensten ihren frühern Stand
ausplaudern würden, und obgleich ihnen, selbst von der Mutter, auf das
strengste eingeschärft war, mit niemandem, wer es auch sei, darüber zu
sprechen, erhielt der alte Mühler noch besonders den Auftrag, darüber
zu wachen, daß dieses Verbot nicht übertreten würde -- und daß es ein
notwendiges sei, wußte er am besten.

Wolf von Geyerstein, mit dem Charakter von Georgs Frau jetzt genau
bekannt, fühlte daß ihr, besonders in der ersten Zeit, in diesem
einförmigen Leben auch etwas geboten werden mußte, um sie zu
unterhalten, und beschloß, ehe er wieder in die Residenz zurückkehrte,
sie bei einigen der Nachbarn, mit denen er selber befreundet war,
einzuführen. Daß sie diesen gefallen würde, daran zweifelte er keinen
Augenblick, und einmal in bessere Gesellschaft gebracht, als sie
bisher gekannt hatte, ließ es sich auch denken, daß ihr Stolz darin
Befriedigung und sie sich selber, wenn auch nicht glücklich, doch
zufrieden fühlen würde. Damit verging wieder eine Woche, und Georg und
Georgine wurden überall, schon in Rücksicht auf den allgemein
beliebten Grafen, mit offenen Armen empfangen, ja für den Winter die
verschiedensten Pläne entworfen, wie man häufiger zusammenkommen,
geselliger leben wolle. Graf von Geyerstein fühlte damit eine große Last
von seiner Seele genommen, denn er hatte jetzt die feste Hoffnung, daß
der Bruder von seiten seiner Frau keinen so harten Widerstand mehr würde
zu bekämpfen haben -- und erst einmal ein halbes Jahr nur hinter sich,
und das Schwierigste war überwunden. Ein besonders drückendes Gefühl
blieb es ihm nur in dieser ganzen Zeit, und zwar weniger in Gegenwart
von Fremden als der Georginens, gegen den Bruder kälter zu scheinen, als
sein Herz sprach, ja, ihn als einen Fremden zu behandeln. Der durch ihr
Mißtrauen scharfsichtigen Frau war dabei der Zwang nicht entgangen, den
er sich augenscheinlich antat. Vergebens hatte sie aber bis jetzt durch
Anspielungen versucht, ihn zum Reden zu bringen. Sie fühlte, daß die
beiden Männer ein Geheimnis vor ihr hatten, und tat, wenn auch ohne
Erfolg, ihr möglichstes, dieses zu lüften.

Graf Geyerstein mußte nach Schwerin, um die Papiere des jetzigen Barons
von Geyfeln, die er durch seinen Einfluß in *** erhalten hatte, dort
vorzulegen. Dadurch entzog er ihn allen weiteren Umständen und beugte
möglicherweise daraus entstehenden Schwierigkeiten vor. Es gibt nun
einmal in unserm gar künstlich eingerichteten Staate eine Menge von
Formalitäten, die beachtet sein wollen, die sich aber, wo ihnen irgend
ein Einfluß entgegentritt, auch immer sehr leicht als bloße Formalitäten
behandeln lassen -- man muß nur eben wissen, wie man es anzugreifen
hat. Graf Geyerstein war auch dazu der richtige Mann; er hatte in der
Residenz Verbindungen genug, um sich das zu erleichtern, und wußte,
daß nur eben seine Gegenwart dort nötig war, die Sache rasch und mit
günstigem Erfolg zu beseitigen. Er kannte aber auch den Zeitverlust, der
bei allen mit den Gerichten zu verhandelnden Gegenständen unausbleiblich
war, und durfte deshalb nicht zu lange säumen, um seinen Urlaub nicht
zu überschreiten. Von Schwerin aus wollte er dann direkt nach Hause
zurückkehren.

Es war der letzte Abend, den er bei ihnen in der breiten, geräumigen
Stube saß, in deren Ofen schon, der vorgerückten Jahreszeit wegen,
ein lustiges Feuer knisterte. Das Wetter draußen hatte sich kalt und
unfreundlich gestaltet, der Regen schlug an die Fenster, und der Wind
heulte draußen durch die Wipfel der alten Linden und warf die schwanken
Pappeln in einem tollen Spiele herüber und hinüber. An dem heutigen Tage
war eine von dem Grafen verschriebene Erzieherin -- eine junge
Französin aus guter Familie -- eingetroffen, die von jetzt an Josefinens
Ausbildung übernehmen sollte. Georgine hatte vorher nichts davon gewußt
und war damit, aber nicht unangenehm, überrascht worden, denn an dem
Kinde hing ihr ganzes Herz. Klug genug, dabei einzusehen, daß Josefine
nicht zu viel lernen könne, fürchtete sie aber doch auch wieder, daß
dies am Ende ein neues Band werden könne, sie an dieses ruhige Leben zu
fesseln und ihren eigenen Hoffnungen und Plänen zu entziehen. Aber ein
Kind des Augenblicks, wie sie es ihr ganzes Leben gewesen, tröstete sie
sich auch hierin mit der Gegenwart. Sie selber wollte erst sehen und
prüfen, und das andere fand sich von selber früh genug. Josefine war mit
ihrer neuen Erzieherin in das ihnen angewiesene Zimmer, der alte Mühler
mit dem Knaben auf seine Stube gegangen, doch hatte der Rittmeister auch
für diesen schon gesorgt und mit seinem Bruder Rücksprache genommen, daß
er in nächster Zeit der ausschließlichen und für ihn nicht wohltätigen
Gesellschaft des alten Mannes entzogen werden solle. Nur allmählich
durfte das geschehen, um Georginen in ihrem Vater nicht zu sehr zu
kränken.

Das Essen war abgeräumt, die beiden Männer arbeiteten noch mit dem
Verwalter zusammen, das Nötigste für die nächste Zeit zu besprechen
und festzustellen, und Georgine lehnte auf dem Sofa und las -- hatte
wenigstens ein Buch in der Hand, denn ihre Augen flogen immer und immer
wieder nach der Gestalt des Grafen hinüber, der in einem einfach grauen,
aber militärisch zugeschnittenen Rocke neben ihrem Gatten saß und mit
ihm die Wirtschaftsbücher durchging. Endlich war alles besorgt, der
Verwalter empfahl sich, die Bücher wurden weggelegt -- es mußte schon
elf Uhr sein -- und Graf Geyerstein erhob sich ebenfalls, um sein Lager
aufzusuchen.

»Unser trockenes Gespräch und Geschäft wird Sie gelangweilt haben,«
sagte er, als er zu Georginen trat, ihr gute Nacht zu bieten, »aber
morgen sind Sie dessen enthoben, und Ihr Gatte wird schon alles tun,
was in seinen Kräften steht, Ihnen das Leben hier angenehm und lieb zu
machen.«

»Herr Graf,« sagte das schöne Weib, indem sie aufstand und ihm
entgegentrat, »ich bin schon einmal von Ihnen mit einer Bitte abgewiesen
worden, aber jetzt weichen Sie mir nicht mehr aus. Fremde Ohren hören
uns nicht, also beantworten Sie mir wahr und offen nur die eine Frage:
wem verdanken wir den Anteil, den Sie uns gezeigt?«

»Madame...«

»Halten Sie es nicht für leere Neugierde,« fuhr die Frau fast bewegt
fort, »es ist mehr als das. Sie haben sich uns mit einer Aufopferung
gewidmet, die für einen Fremden unerklärlich ist. Sie sorgen für unser
Wohl, wie kaum ein Bruder für uns sorgen könnte -- Sie denken auf das
Kleinste wie auf das Größte, Sie müssen sogar Bertrand mit Geldmitteln
unterstützt haben, er wäre sonst nicht imstande, trotz dem, was uns noch
von dem Verkauf der Pferde geblieben, und was ich genau taxieren kann,
ein solches Anwesen, wie dieses, auf dem wir uns jetzt befinden, zu
übernehmen, und so dabei zu leben, wie Sie es für uns in Absicht zu
haben scheinen. Daß dem allen ein Geheimnis zugrunde liegt, haben Sie
mir schon dadurch gestanden -- daß Georg ein anderer ist, als er sich
mir gezeigt. Sie mußten mir so viel eingestehen, denn Sie fühlten, daß
es zu unwahrscheinlich bleiben würde, den Grafen als einfachen Freund
und Protektor des Kunstreiters hinzustellen -- auch unser Namenswechsel
zeigt das an. Aber selbst dieser ist noch darauf berechnet, mich irre
zu führen. Vollenden Sie deshalb -- behandeln Sie mich nicht länger
als eine Fremde -- lassen Sie mich wissen, wem wir diese Aufopferung
verdanken -- welches der wahre Name und Rang meines Mannes ist, und ich
werde dann alles, was in meinen Kräften steht, tun, Sie zu unterstützen.
Verweigern Sie mir aber meine Bitte -- wollen Sie mich als eine Fremde
betrachtet wissen, so -- könnte ich mich an nichts gebunden halten.«

»Georgine,« sagte Georg mit leisem Vorwurf im Ton, »ist es recht, daß du
in den Mann, den du selber unsern Wohltäter nennst, mit solchen Fragen
dringst?«

»Wohltäter?« rief das schöne Weib, sich stolz emporrichtend, »den Namen
leugne ich. Der Wohltaten waren wir nie bedürftig, sind es noch nicht,
denn frei wie der Vogel in der Luft zogen wir unsere Straße, erwarben,
was wir gebrauchten, ja, mehr als das, und durften niemandem dafür
danken, als unserer eigenen Kraft. Das auch ist es allein, was mir jetzt
am Leben zehrt, daß ich nicht mehr mein eigen Brot verdienen soll, daß
ich dem Manne -- daß ich einem Fremden dafür danken muß.«

»Nicht doch, gnädige Frau,« sagte der Graf ernst, »so viel wie je
werden Sie jetzt dazu beitragen müssen, Ihr Brot, wie Sie es nennen, zu
verdienen. Bei einer solchen Wirtschaft ist nicht allein der Mann, der
draußen die Felder baut, der Ernährer und Erhalter, sondern ebensoviel
die Frau, die daheim den Viehstand überwacht, das ganze innere Hauswesen
besorgt und in Ordnung hält. Glauben Sie mir, daß bei einem solchen Gute
fast mehr von der Tüchtigkeit der Frau als von der des Mannes abhängt,
und haben Sie auch noch in diesem Augenblick nicht alle dazu nötigen
Kenntnisse, so wird es Ihnen, mit nur einigem guten Willen, nicht schwer
fallen, sich die anzueignen.«

»Und weshalb nennen Sie mich gnädige Frau? Wir sind hier unter uns, und
Sie wissen, daß mir der Titel nicht gebührt.«

Graf Geyerstein hatte mit sich geschwankt. Auf die erste, fast herzliche
Anrede der Frau war er -- uneinig mit sich, ob es zum Guten oder Bösen
führen könne -- schon fast geneigt gewesen, Georginen, gegen seine
frühere Absicht, in sein Geheimnis einzuweihen. Ihre letzte, halb
versteckte Drohung, ihr zorniges Auffahren jedoch zerstörte den guten
Eindruck wieder, den ihre ersten Worte gemacht. Wer bürgte ihm dafür,
daß die Frau nicht doch über kurz oder lang -- und wenn sie wußte, wer
ihr Gatte war -- zu dem alten liebgewonnenen Leben zurückkehren könne,
und dann war ihrem leichtfertigen Gutdünken das Geheimnis eines edlen
Hauses unwiderruflich anvertraut. So viel aber fühlte er, etwas mußte
ihr jetzt geboten werden, sie wenigstens vorderhand zufrieden zu
stellen, denn sie durfte nicht gereizt und zum Aeußersten getrieben
werden. Mit ruhiger Stimme sagte er deshalb: »Im Gegenteil, gnädige
Frau, ich weiß, daß er Ihnen gebührt, Sie haben recht; ich kenne Ihren
Gatten von früheren Zeiten her. Wir waren, wie ich Ihnen schon gesagt,
Jugendfreunde, ich kenne seine Familie und weiß, wie unglücklich sich
diese fühlen würde, ihn in eine Laufbahn geworfen zu sehen, die --
Sie mögen dafür noch so sehr eingenommen sein -- seinem Stande nicht
entspricht. Ich selber versichere Ihnen aber jetzt, ich handle in dem,
was ich scheinbar für Sie tue, nicht in meinem Namen allein, sondern in
dem seiner Familie, in die Sie selber einst aufgenommen werden können --
wenn Sie Ihr früheres Leben eben vergessen wollen. Denken Sie dabei an
Ihr Kind -- denken Sie, welchen verschiedenen Rang Josefine einst im
Leben einnehmen wird, als Baronesse und als Kunstreiterin. Denken Sie
daran, daß Sie jetzt noch imstande sind, durch Fleiß und Sparsamkeit ihr
auch die Mittel dazu zu verschaffen, und ich bin überzeugt, Sie werden
Ihre neuen Verhältnisse im Leben nicht allein mit anderen Augen ansehen,
sondern Ihrem Gatten auch danken, der Mut und Selbstbeherrschung genug
hatte, einem augenblicklichen und doch nur sehr zweifelhaften Ruhme
zu entsagen, um in stiller Zurückgezogenheit für Sie und sein Kind zu
wirken, und sich später mit seiner Familie wieder auszusöhnen.«

»Und seine Familie heißt in der Tat Geyfeln?« fragte Georgine gespannt.

»Ihr Gatte heißt Georg von Geyfeln,« erwiderte ernst der Graf, »und ich
bin fest überzeugt, daß es Ihnen genügen wird, wenn Sie wissen, daß er
Titel und Namen mit Recht führt.«

»Und wenn es mir nicht genügte?« sagte Georgine.

»Es wird dir genügen,« erwiderte hier, an des Grafen Stelle, Georg mit
finsterem Blick. »Herr Graf, verzeihen Sie der tollen Neugierde einer
Frau, die bis jetzt nur zu sehr gewohnt war, ihren eigenen Launen und
Neigungen zu folgen. Aber ihr Herz ist gut und ihr Verstand klar; sie
wird in kurzer Zeit einsehen lernen, wie töricht sie gehandelt hat, auf
so kindische Weise in Sie zu dringen. Es ist spät, lassen Sie uns zur
Ruhe gehen, denn Sie müssen morgen früh aufbrechen, um den Ort Ihrer
Bestimmung zu erreichen. Daß ich Ihnen dann bald recht gute und
erfreuliche Nachrichten über uns alle geben kann, ist mein heißer
Wunsch, meine feste Hoffnung.«

»Und hoffen Sie das auch, gnädige Frau?«

»Ja,« sagte Georgine, ihre Rechte in die dargebotene Hand des Grafen
legend, es war das erste Mal, daß er sie ihr bot, »ich will sehen,
ob ich mich, wie mein Mann hofft, bessern kann; sonst verspreche ich
vorderhand noch nichts.«

»Auf gute Besserung denn!« lächelte der Graf, hob die Hand Georginens
leise an seine Lippen und verließ, nach einem herzlichen Händedruck
Georgs, rasch das Zimmer.



13.


Es waren nicht ganz drei Monate seit dem Einzuge der neuen Pachtersleute
auf Schildheim vergangen, und dieser Zeit hatte es auch bedurft, um
die volle Einrichtung der Uebersiedelten, das volle Eingewöhnen in
ihr neues, ihnen vollkommen fremdes Leben zu regeln und festzustellen
-- und vieles hatte sich in der Zeit geändert. Georg arbeitete in der
Zeit mit dem alten Verwalter aus allen Kräften, sich die für ihn
unumgänglich nötigen Kenntnisse zu erwerben, und da sich der Platz als
vollkommen geeignet dazu erwies, legte er sogar den Grund zu einer
Rassenverbesserung der Pferde und Stuterei -- und besser verstand
niemand mit Pferden umzugehen als er. Für Karl waren zu gleicher Zeit
die nötigen Einrichtungen getroffen, daß er die Schule in Schildheim
regelmäßig besuchte und zugleich Privatstunden bekam; denn der große
Bursche war in allem, was Lernen betraf, noch hinter den kleinsten
Knaben weit zurück! Ein junger Mann wurde dazu, trotzdem daß sich
Georgine im Anfange dagegen sträubte, ins Haus genommen und ihm die
Aufsicht über den Knaben besonders übergeben. Die Erzieherin, die Wolf
von Geyerstein für Josefine besorgte, erwies sich ebenfalls
vortrefflich, und in einigen Jahren hoffte Georg die Kinder so weit
gebracht zu haben, daß sie sich, ihren Altersgenossen gegenüber, nicht
mehr zu schämen brauchten.

Selbst Georgine schien sich in das neue Leben zu finden, und besonders
waren es in der ersten Zeit die neuen Bekanntschaften, die sie
fesselten. Auf zwei Nachbargütern in der Nähe lebten nämlich zwei sehr
liebe Familien, ein ganz jung verheiratetes Paar aus dem Preußischen,
und ein alter mecklenburgischer Major, der hier sehr bedeutende
Besitzungen mit besonders herrlichen Waldungen liegen hatte. Dieser
brachte den größten Teil des Jahres auf seinem Gute zu, sah sehr viel
Besuch bei sich und machte ein großes Haus, in dem die landesübliche
Gastfreundschaft im reichsten Maße herrschte -- daß ihm die lebendige,
bildschöne Nachbarin dabei nur willkommen war, läßt sich denken.
Natürlich wurde sie dort bald von einer Schar müßiger junger Herren
umschwärmt, und so gleichgültig Georg das in früherer Zeit und unter
anderen Verhältnissen liegend, geduldet hatte, so überkam ihn jetzt
dabei ein unbehagliches, demütigendes Gefühl -- ein Mittelding
zwischen erwachendem Stolz und Eifersucht, das er nicht niederzukämpfen
vermochte. Er machte Georginen deshalb freundliche, indes leere
Vorstellungen, denn sie lachte ihn aus und fragte ihn, ob er glaube,
daß sie hier zwischen den Bauern ebenfalls verbauern solle. Daß sie sich
amüsiere, wo ihr die Gelegenheit dazu überhaupt nur so spärlich geboten
werde, dürfe er ihr nicht verdenken, und außerdem sei sie es sich selber
und »ihrem Rang« schuldig, den Ton, der nun einmal in der vornehmen Welt
herrsche, anzunehmen.

Eine andere Sorge machte dem Manne der Alte, der, jetzt mit gar keiner
Beschäftigung, da er sich durchaus nicht zu einer geregelten Arbeit
entschließen wollte, der Flasche zusprach, wo er dazu gelangen konnte --
und leider fand er dafür nur zu häufig Gelegenheit. Allerdings hielt er
sich dabei stets auf seinem Zimmer, aber Georg fürchtete mit Recht, daß
er sich einmal wirklich betrinken und dann den Dienstleuten nicht allein
ein Aergernis geben, sondern auch verraten könne, zu welcher Klasse des
Volkes er eigentlich gehöre. War es ihm doch nicht entgangen, daß der
alte Verwalter, wenn er sich unbemerkt glaubte, schon manchmal heimlich
den Kopf über das etwas wunderliche und rohe Benehmen des Mannes
geschüttelt hatte, und welches Licht mußte eine solche Entdeckung dann
auf seine Frau, auf ihn selber zurückwerfen! Die einzige Beschäftigung,
zu der sich Mühler verstehen wollte, war die, daß er sich einen aus
dem Dorfe gehalten Spitz abrichtete, und stundenlang saß er mit diesem
zusammen eingeschlossen, ihm allerlei tolle Kunststücke beizubringen.
Den Hund nannte er Hanswurst, und er kam nicht mehr von seiner Seite.

Georg sah das alles, ohne irgend eine Aenderung herbeiführen zu können,
und fühlte jetzt erst in seiner ganzen Schwere den Fluch seines früheren
tollen Lebens, das ihn, den Edelmann, unter die Hefe des Volkes geworfen
hatte. Jetzt verdammte es ihn dazu, nicht allein mit solch rohem
Menschen, wie dieser Mühler, zusammen zu leben und auszuhalten, nein, es
zwang ihn sogar, ihn als Verwandten anzuerkennen und in seiner eigenen
Familie zu halten. Das war freilich nicht mehr zu ändern -- es mußte
ertragen werden und erforderte nur all seine Klugheit und Wachsamkeit,
um den fatalen Folgen, die es möglicherweise für seine und der Seinigen
Zukunft haben könne, vorzubeugen.

Allerdings sprach er offen mit seiner Frau darüber, und machte ihr
einmal sogar den Vorschlag, dem Alten irgend eine Heimat entfernt von
ihnen zu gründen, und ihm -- wenn auch mit großen Opfern -- dasselbe,
was er früher als Gehalt bezogen, als Pension zu sichern. Aber Georgine
wollte nichts davon hören -- fürchtete sie vielleicht, daß sie durch
ein Fortschicken des Vaters die Partei schwächen könne, mit der sie noch
immer dem Gatten gegenüberstand?

Der alte Mühler unterstützte sie allerdings nicht in ihren noch
schlummernden Plänen: dem müßigen Leben wieder zu entsagen und zu ihrer
»Kunst« zurückzukehren; denn er selber hatte von dieser Kunst nur eine
sehr geringe Meinung und fühlte sich keineswegs geneigt, das ruhige
Schlaraffenleben, das er jetzt führte, mit der alten unbequemen
Narrenjacke so bald wieder zu vertauschen. Aber er war doch da -- und
bildete dadurch den Anknüpfungspunkt, durch den sie an ihre frühere
fröhliche Zeit zurückdenken, sich wieder hineinversetzen konnte, und
sie mochte sich deshalb nicht von ihm trennen. Nicht kindliche Liebe
fesselte sie an den alten Mann, sondern die Erinnerung ihrer Triumphe,
und die konnte und wollte sie nicht vergessen.

Und wenn sie dann so manchmal allein in ihrer Stube saß, wenn die
gefährliche Dämmerstunde kam und sie im Geiste nun wieder an den mit
Menschen gefüllten Zirkus dachte, der in Ungeduld sie, ihr Erscheinen
erwartete -- wenn sie sich dann wieder und wieder sagte, jetzt --
jetzt galt das Zeichen dir, da draußen im Lichterglanz, von Tausenden
umjubelt, auf flüchtigem Rosse dahinzufliegen -- wenn sie den
Beifall, das Jauchzen der Menge hörte, und dann plötzlich, zu düsterer
Wirklichkeit erwachend, die trübe Lampe neben sich brennen, die kalten,
engen Räume um sich sah, da ballte sich die kleine, weiße Faust oft
ungeduldig zusammen, der zarte Fuß stampfte den Boden, und ihr trotziger
Sinn grübelte und sann, wie er sich dem unwillig getragenen Zwange
entziehen sollte.

Und was machten sie hier aus ihrem Kinde -- aus ihrer Josefine?
eine Modedame vielleicht, mit leerem Titel, ohne Vermögen -- eine
Pachterstochter auf dem Lande, die sich in Sieg und Jubel ihre Bahn im
Leben selbst erkämpfen konnte. Und sie mußte es dulden, mußte zusehen,
wie hier Tag für Tag in tatenloser Ruhe langsam, zäh verstrich -- es war
zum Verzweifeln -- aber niemand kümmerte sich mehr um ihren Schmerz, um
ihre Ungeduld. Wo sie vergöttert war, wurde sie jetzt schon vergessen,
und wenige Jahre nur vielleicht, und die Leute draußen, das schwankende,
Veränderung liebende Publikum kannte sie nicht einmal mehr, und doch nur
dieses schwankenden, nach Veränderung haschenden Publikums wegen sehnte
sie sich fort aus ihrer stillen Häuslichkeit, die Millionen anderer
Frauen gesegnet und gehegt haben würden als ihr teuerstes Kleinod.

Georg hatte in dieser Zeit viel auf dem Felde und im Walde zu tun, und
fand dabei auch in der Jagd eine angenehme und seinem Körper zusagende,
seinem Geist entsprechende Erholung -- Georgine dagegen war viel allein
und deshalb launischer als je, so daß ihr selbst ihr Vater aus dem Wege
ging. Da sich übrigens im Schlosse niemand um ihn kümmerte, und Karl,
sehr gegen seine Wünsche, den ganzen Tag mit Lernen beschäftigt
gehalten wurde, schlenderte der alte Mühler einmal in solcher Zeit zur
Abwechselung nach Schildheim hinaus, weniger freilich, um die Gegend
kennen zu lernen, als im Stern einzukehren und ein Glas zu trinken.

Hier fand er den unvermeidlichen Stammgast, den »faulen Tobias«,
der behaglich hinter dem Ofen kauerte, an einem alten, entsetzlich
schmutzigen und verbrannten Maserkopf sog, und seinen Krug Bier neben
sich auf der Bank stehen hatte.

»Holla!« sagte Tobias, als der Alte zur Tür hereinkam und sich unfern
von ihm, nach kurzem Gruß, an einen der um diese Zeit leeren Tische
setzte, »ich dächte gar, das wäre der Schwiegervater vom preußischen
Gute oben. Schön willkommen, das ist gescheit, daß Ihr auch einmal zu
unsereinem heruntersteigt« -- und er hielt ihm sein Glas zum Anstoßen
hin.

»Ist ein verdammt langweiliges Leben da oben,« brummte der Alte, indem
er mit ihm anstieß, »muß doch auch einmal heraus und frische Luft
schöpfen.«

»Gescheit,« lachte Tobias stillvergnügt, Gesellschaft gefunden zu haben,
»und das kann man meiner Meinung nach am allerbesten im Wirtshause.
Nirgends ist man so ungestört und daheim, wie an so einem Orte, und wenn
ich mein Glas Bier bezahle, gehört die ganze Bescherung mir.«

»Hört einmal, Kamerad,« sagte der Alte zutraulich, »Ihr seid der erste
vernünftige Mensch, den ich hier im ganzen Neste finde, und ich denke,
ich werde öfter hier herunterkommen. Hol' die da oben der Henker! denn
mein Bier will ich im Frieden trinken und mich nicht damit verstecken.«

»Verstecken? oho! halten sie Euch so knapp?« lachte Tobias.

»Knapp? -- verdamm' es,« murmelte der Alte, »ich bin alt genug, mich
selber zu halten, wie ich es gerade für nötig finde.«

»Na, nichts für ungut -- meinte nur so,« entschuldigte sich Tobias, der
mit dem »Schwiegervater«, wie der Alte, ohne daß er es wußte, in der
Nachbarschaft hieß, keinen Wortwechsel haben wollte.

»Ihr seid ein Müller, wie?« fragte Mühler nach einer kleinen Pause, in
der er sein Bier ausgetrunken und jetzt mit dem Deckel klappte, sich den
Krug wieder füllen zu lassen. Er sah dabei den faulen Tobias von oben
bis unten an.

»Gewesen,« meinte Tobias, »habe das Geschäft aber aufgegeben und es den
Kindern überlassen -- lebe so behaglicher. Was ist Euer Geschäft, wenn
man fragen darf?«

»Meins?« wiederholte der Alte, durch die Frage doch in Verlegenheit
gebracht, »hm, ich -- revidiere die Rechnungen und -- und besorge die
Schreibereien.«

»Aber Ihr seht mir nicht aus wie ein Oekonom.«

»Nicht?« lachte jener verschmitzt vor sich hin, »bin auch mein ganzes
Leben nichts weniger als das gewesen. Habe studiert, in meinen jungen
Jahren versteht sich -- sage Euch, habe ein verteufeltes Studium
durchgemacht und könnte manchem Professor was zu raten aufgeben, aber --
wenn man alt wird, versteht Ihr, macht man eben nicht mehr viel Gebrauch
davon.«

»So? -- studiert?« sagte Tobias, nur mit einem unbestimmten Begriff von
der Bedeutung des Wortes, »des Schulmeisters Fritze hat auch studiert,
ist aber nie was Rechtes aus ihm geworden. -- Konnte das Sitzen nicht
vertragen, wie er meinte. -- Muß nicht hübsch sein, das Studieren!«

»Und was treibt Ihr nun so hier das ganze Leben durch?«

»Wir? verteufelt wenig. -- So lange man jung ist und das Leben genießen
könnte, hat man Plackerei und Schinderei genug -- und wird man alt --
ja, dann ist's eben vorbei, und man kann weiter nichts tun, als sich
ausruhen -- und das gönnen sie einem nicht einmal.«

»Guten Tag mitsammen,« sagte in dem Augenblick eine tiefe Stimme, und
der alte Forstwart Barthold trat in die Stube.

»Guten Tag, alter Waldläufer,« lachte Tobias, während sich Mühler nach
dem neu Eintretenden umschaute, »na, wo hast du wieder gesteckt?«

»Ich habe ein paar Eisen für Fischottern gelegt,« sagte der Forstwart,
»nimm dich in acht, Tobias, wenn du unter dem Wehr etwa herumkriechen
solltest -- in der Mühle hab' ich es auch schon gesagt -- du könntest
sonst einmal einen von deinen alten Hinterläufen unversehens in einen
Schwanenhals hinein bekommen, und die Dinger spaßen eben nicht.«

»Ich habe nichts unten am Wehr zu suchen,« sagte Tobias, »die Fischerei
ist vorbei, und bei dem Wetter gehe ich außerdem nicht raus. Du wirst
aber auch was Rechtes fangen. Daß du's nur nicht satt kriegst, die Eisen
aufzustellen und in dem kalten Wasser herumzupatschen; es geht dir doch
keine Otter hinein.«

»Kann man nicht wissen,« meinte der Forstwart, »und gearbeitet muß doch
sein. So bequem wie du können wir's nicht alle haben. Herr Wirt, einen
Bittern!«

»Hol's der Teufel, mir auch einen!« sagte Mühler, »mit dem kalten Bier
verschwemmt man sich nur den Magen.«

»Ich habe auch nichts dagegen,« stimmte Tobias ein, »bei der Kälte
draußen kann man schon was Warmes im Leibe vertragen. Ich begreife nur
nicht, wie du Winter und Sommer Freude daran finden kannst, draußen im
Walde herumzukriechen. Aus den Wasserstiefeln kommst du im Leben nicht
heraus -- ich glaube, du schläfst drin.«

»Manchmal nachmittags, ja,« lächelte der alte Mann, »aber ich will dir
etwas sagen, Tobias: wem's nicht gegeben ist, der kann auch im Walde
keine Freude finden, so wie du und deinesgleichen, die eben nur Büsche
und Bäume drin sehen.«

»Na, siehst du was anderes drin?« lachte Tobias.

»Allerdings tu' ich das,« erwiderte der alte Mann und wurde auf einmal
dabei ganz ernst, ja, fast feierlich, »und wenn ich dir auch das jetzt
sage, Tobias, wirst du mich doch nicht verstehen. Aber das schadet
auch nichts -- gute Lehren und Wahrheiten werden oft weggeworfen, aber
manchmal bleibt doch ein Korn davon hängen und fällt auf guten Boden,
wie der Baum auch seinen Samen über das dürrste Land hinstreut. Irgend
ein Körnchen wurzelt doch vielleicht und treibt dann wieder einen jungen
Baum.«


Ende des ersten Bandes.



[ Hinweise zur Transkription


Gegenüber der Erstausgabe aus dem Jahr 1861 wurde die vorliegende
Ausgabe im Jahr 1914 überarbeitet, ohne dem Werk gerecht zu werden:
Modernisierung der Rechtschreibung, großenteils Verzicht auf
Texthervorhebungen in gesperrter Schrift, Verzicht auf Textmarkierungen
in Antiqua-Schrift, teilweise Zusammenlegen von Absätzen, teilweise
Änderung von Textpassagen, Neuaufteilung der drei Bände des Buches.

       *       *       *       *       *

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext
beibehalten. Änderungen in der Schreibweise sind in der nachstehenden
Liste ausgewiesen, Änderungen in der Zeichensetzung nicht.


Änderungen:

  Seitenangabe
  originaler Text
  geänderter Text

  Seite 5
  [Satz an das Ende der Seite 6 verschoben]
  »Und nicht wahr, Komtesse, die fehlt Ihnen?« lächelte der Graf.

  Seite 7
  rief die Komtesse Rosalie, Meladies jüngere Schwecher
  rief die Komtesse Rosalie, Melanies jüngere Schwester

  Seite 9
  in dem ihm das geringste Außergewöhnliche schon störte
  in dem ihn das geringste Außergewöhnliche schon störte

  Er soll in seiner Kust ganz Ausgezeichnetes leisten
  Er soll in seiner Kunst ganz Ausgezeichnetes leisten

  Seite 11
  Barett auf dem Kopfe mit wallenden schneeweißen Staußenfedern
  Barett auf dem Kopfe mit wallenden schneeweißen Straußenfedern

  Seite 13
  das Gesichcht auf die grellste Weise bemalt
  das Gesicht auf die grellste Weise bemalt

  Seite 15
  Zeit wenigstens bis nuen Uhr in Anspruch nimmt
  Zeit wenigstens bis neun Uhr in Anspruch nimmt

  Seite 16
  zu Diensten -- wenn Exellenz es gestatten
  zu Diensten -- wenn Exzellenz es gestatten

  [Zeile 23 verschoben nach Seite 17, Zeile 10]
  riesengroßen, farbigen Anschlagzetteln Außer-

  Seite 18
  In der Reitbhn selber, die durch einen
  In der Reitbahn selber, die durch einen

  sich fünf- oder sechmal dabei überschlagend
  sich fünf- oder sechsmal dabei überschlagend

  Seite 20
  dem kleinen Wesen, das in jeder seiner Bewegung
  dem kleinen Wesen, das in jeder seiner Bewegungen

  Seite 25
  sprengte das wundeschöne Weib des Kunstreiters
  sprengte das wunderschöne Weib des Kunstreiters

  Seite 32
  zum Seilltänzer erzogen ist, denn mit seiner Erscheinung
  zum Seiltänzer erzogen ist, denn mit seiner Erscheinung

  Seite 39
  der Bajazzo mit seinen gliederverenkenden Künsten
  der Bajazzo mit seinen gliederverrenkenden Künsten

  Seite 43
  die mit feiner, zierlicher Schrift gestochenenen Worte
  die mit feiner, zierlicher Schrift gestochenen Worte

  tönte ihm schon ein lauets »Herein!«
  tönte ihm schon ein lautes »Herein!«

  Seite 53
  Sie sind schon längere Zeit versheiratet, Madame?
  Sie sind schon längere Zeit verheiratet, Madame?

  Seite 59
  ohne die beiden aber nur im mindesten zu beachten
  ohne die beiden aber nur im Mindesten zu beachten

  Seite 60
  die den Tollkopf auch noch zuredete
  die dem Tollkopf auch noch zuredete

  Seite 67
  Ueber den Landgrafenplatz welzte sich
  Ueber den Landgrafenplatz wälzte sich

  Seite 70
  heimlich, aber deshlab nicht weniger gut gemeint
  heimlich, aber deshalb nicht weniger gut gemeint

  Seite 77
  Also befehlen Königlliche Hoheit?
  Also befehlen Königliche Hoheit?

  Seite 81
  werden sich überdies bald wieder zurückziehn
  werden sich überdies bald wieder zurückziehen

  Seite 87
  sagte in diesem Augenblick eine vorwurfvolle Stimme
  sagte in diesem Augenblick eine vorwurfsvolle Stimme

  Seite 88
  die alte Exellenz weiß auch wohl
  die alte Exzellenz weiß auch wohl

  Seite 89
  Sie sind unausstehlig heute, Graf!
  Sie sind unausstehlich heute, Graf!

  Frälein von Zahbern wollte etwas darauf erwidern
  Fräulein von Zahbern wollte etwas darauf erwidern

  Seite 101
  jetzt, dachdem ich dir erzählt, daß der Hanswurst
  jetzt, nachdem ich dir erzählt, daß der Hanswurst

  Seite 105
  Doch ich will der keine Vorwürfe mehr machen
  Doch ich will dir keine Vorwürfe mehr machen

  Jetzt, nachdem ich deine Frau gegesprochen
  Jetzt, nachdem ich deine Frau gesprochen

  Seite 106
  und du behälst den Verwalter, der bis jetzt
  und du behältst den Verwalter, der bis jetzt

  Seite 107
  fühlst du, dast du bei uns dich heimisch machen
  fühlst du, daß du bei uns dich heimisch machen

  Seite 108
  Sie liebt mich als den besten und kühsten Reiter
  Sie liebt mich als den besten und kühnsten Reiter

  Seite 109
  und seit ihr diesem Schicksal nicht jede Stunde ausgesetzt?
  und seid ihr diesem Schicksal nicht jede Stunde ausgesetzt?

  Denkt der Soldat an Wunden oder Tod, wenne er dem Feinde
  Denkt der Soldat an Wunden oder Tod, wenn er dem Feinde

  Seite 126
  tun sie es nicht, so ist jedes selstständig genug
  tun sie es nicht, so ist jedes selbständig genug

  Seite 137
  [Zeile 8 gelöscht weil doppelt]
  Frisur wieder in Ordnung bringend, die Treppe,

  Komtesse Melnaie stand neben ihrer Mutter
  Komtesse Melanie stand neben ihrer Mutter

  Seite 139
  wo in aller Welt haben Sie nur den ganze Woche
  wo in aller Welt haben Sie nur die ganze Woche

  sagte sagte der junge Mann leicht errötend
  sagte der junge Mann leicht errötend

  Seite 140
  Gesellschaft soll mich nicht abhaltten, mich recht
  Gesellschaft soll mich nicht abhalten, mich recht

  Seite 141
  Luise von Merchern, aus einem altadligen Geschlecht stammend
  Luise von Mechern, aus einem altadligen Geschlecht stammend

  Seite 142
  an dem jungen Mädchen, und Meanie besonders fühlte
  an dem jungen Mädchen, und Melanie besonders fühlte

  Seite 146
  auf dem silbernen Teller bis jetzt vergebenst bemüht
  auf dem silbernen Teller bis jetzt vergebens bemüht

  Seite 147
  folgte ihnen bald, sie anscheinend den ausgebreiteten
  folgte ihnen bald, sich anscheinend den ausgebreiteten

  Seite 151
  sah unfern von sich den alten General von von Schoden
  sah unfern von sich den alten General von Schoden

  Seite 156
  eine solche Damengegesellschaft möchte ich einmal sehen
  eine solche Damengesellschaft möchte ich einmal sehen

  Seite 158
  Es ist auch eine der schönsten Melodieen
  Es ist auch eine der schönsten Melodien

  in des Rittmeisters Ohr, Zindem ihr Blick mit einer
  in des Rittmeisters Ohr, indem ihr Blick mit einer

  Seite 162
  die verschiedenen Kostüms in Ordnung zu halten
  die verschiedenen Kostüme in Ordnung zu halten

  Seite 169
  Was schiert mich die Liebe oder der Haß
  Was schert mich die Liebe oder der Haß

  Seite 174
  Versuche es nur einmal ein Jahre mit uns
  Versuche es nur einmal ein Jahr mit uns

  Seite 175
  wirklich erlauben, mir mein Kind zu zu stehlen
  wirklich erlauben, mir mein Kind zu stehlen

  Seite 189
  zur Erholung von den überstandenen Festliten
  zur Erholung von den überstandenen Festlichkeiten

  Seite 198
  eine frohe und glückliche Zeit Zeit verlebt
  eine frohe und glückliche Zeit verlebt

  Seite 199
  immer frisch und und kräftig bei der Arbeit
  immer frisch und kräftig bei der Arbeit

  Seite 204
  Wie er den Jan mit seinen weiten Hosen sah
  Wie er den Jahn mit seinen weiten Hosen sah

  Seite 210
  hohe, milchweise Massen jach empor
  hohe, milchweiße Massen jach empor

  Seite 214
  da sie sich für Geld im Zirkuns zeigte
  da sie sich für Geld im Zirkus zeigte

  Seite 215
  mir fest versprochen, ihn im Zaune zu halten
  mir fest versprochen, ihn im Zaume zu halten

  Seite 218
  noch in der Hand, in die die Tür, um zu sehen
  noch in der Hand, in die Tür, um zu sehen

  Seite 220
  Gott danken, wenn's eber nicht schlechter wird
  Gott danken, wenn's eben nicht schlechter wird

  vielleicht ist'n noch länger her, aber ich habe
  vielleicht ist's noch länger her, aber ich habe

  Seite 231
  nach Schwerin, um die Papieren des jetzigen Barons
  nach Schwerin, um die Papiere des jetzigen Barons

  Seite 247
  Nicht kinderliche Liebe fesselte sie an den alten Mann
  Nicht kindliche Liebe fesselte sie an den alten Mann

  Seite 249
  entsetzlich schmutzigen und verbrannten Masekopf sog
  entsetzlich schmutzigen und verbrannten Maserkopf sog

  »Hallo!« sagte Tobias, als der Alte zur Tür hereinkam
  »Holla!« sagte Tobias, als der Alte zur Tür hereinkam]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Kunstreiter, 1. Band" ***

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